Werke und Briefe: Briefe 1753-1758 9783110848380, 9783110113617

155 104 10MB

German Pages 419 [428] Year 1988

Report DMCA / Copyright

DOWNLOAD FILE

Polecaj historie

Werke und Briefe: Briefe 1753-1758
 9783110848380, 9783110113617

Table of contents :
Text
1. An Moltke, 18. 2. 1753
2. An Moltke, 6. 3. 1753
3. An Bodmer, 12. 12. 1752, 24. 3. 1753
4. Von Bodmer, 22. oder 23. 4. 1753
5. Von Wieland, um den 22. 4. 1753
6. An Dilthey, 5. 5. 1753
7. An Gleim, 5. 5. 1753
8. An Johann Adolf Schlegel, 5. 5. 1753
9. An Margareta Moller, vor dem 28. 5. 1753
10. An Johanna Catharina Eleonora Giseke, Nicolaus Dietrich Giseke und Carl Christian Gärtner, 11. und zwischen dem 13. und dem 16. 8.1753
11. An Gleim, 14. 8. 1753
12. An 18. 9. 1753
13. Von Margareta Moller, 3. 5. 1754
14. An Hemmerde, 12. 6. 1754
15. An Gleim, 17. 7. 1754
16. An Gleim, 18. 7. 1754
17. An Hemmerde, 24. 8. 1754
18. An Gleim, 6. 9. 1754
19. An Gleim, 7. 9. 1754
20. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, 21. 9. 1754
21. An Johann Adolf Schlegel, 2. 10. 1754
22. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, 14. 1. 1755
23. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, vor dem 13. 3.1755
24. Von Gottlieb Heinrich Klopstock, vor dem 6. 4. 1755
25. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, 5. 7. 1755
26. Von Margareta Klopstock, zwischen Mitte August und Anfang September 1755
27. An Hemmerde, 23. 9. 1755
28. Von Margareta Klopstock, zwischen Juli und November 1755
29. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, vor dem 26. und am 26. oder 28. 12. 1755
30. An Hemmerde, 13. 3. 1756
31. An Hemmerde 4. 5. 1756
32. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, 12., 13., 14., 15., 19. 5. 1756
33. Von Christina von Schulzen, 4. 6. 1756
34. An Formey, 22. 6. 1756
35. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, 20., 24., 29. 6.1756
36. An Johann Andreas Cramer, 8. 7. 1756
37. An Hemmerde, 17. 7. 1756
38. An Hemmerde, 31. 7.•1756
39. An Johann Andreas Cramer, zwischen Ende Mai und Ende August 1756
40. An Anna Maria und Gottlieb Heinrich Klopstock, 3. 9. 1756
41. Von Hohorst, 29. 10. 1756
42. An Gottlieb Heinrich Klopstock, zwischen dem 3. und dem 6.11.1756
43. An Anna Maria Klopstock, 16.11. 1756
44. An Carl Christoph Klopstock, 16.11. 1756
45. AN Anna Maria Klopstock, 25. 12. 1756
46. Von Julius Gustav Alberti, 14. 2. 1757
47. Von Johann Heinrich Schlegel, 18. 6. 1757
48. Von Ebert, zwischen Anfang und Mitte Oktober 1757
49. Von Young, 27. 10. 1757
50. An Giseke, zwischen dem 24. und dem 29. 10. 1757
51. Von Giseke, 2. 11. 1757
52. An Georg Friedrich Meier, 25. 11. 1757
53. Von Funk, 5. 12. 1757
54. Von Young, 30. 12. 1757
55. An Ebert, 19. 10. 1757, 29. 5., 7. 6. 1758
56. An Margareta Klopstock, vor dem 2. 8. 1758
57. Von Margareta Klopstock, vor dem 2. 8. 1758
58. Von Margareta Klopstock, 2. 8. 1758
59. Von Margareta Klopstock, 2. 8. 1758
60. Von Margareta Klopstock, 3. 8. 1758
61. An Margareta Klopstock, 4. 8. 1758
62. Von Margareta Klopstock, 4. 8. 1758
63. Von Margareta Klopstock, 4., 5. 8. 1758
64. An Margareta Klopstock, 6. 8. 1758
65. Von Margareta Klopstock, 7. 8. 1758
66. Von Margareta Klopstock, 10., 11. 8. 1758
67. An Margareta Klopstock, 12. 8. 1758
68. Von Margareta Klopstock, 15. 8. 1758
69. An Margareta Klopstock, 16. 8. 1758
70. An Margareta Klopstock, 22. 8. 1758
71. Von Margareta Klopstock, 24. 8. 1758
72. An Margareta Klopstock, 26. 8. 1758
73. Von Margareta Klopstock, 26. 8. 1758
74. An Margareta Klopstock, 29. 8. 1758
75. Von Margareta Klopstock, 1. 9. 1758
76. An Margareta Klopstock, 2. 9. 1758
77. An Margareta Klopstock, 5. 9. 1758
78. Von Margareta Klopstock, 7. 9. 1758
79. Von Margareta Klopstock, 10. 9. 1758
80. An Margareta Klopstock, 12. 9. 1758
81. Von Margareta Klopstock, 15. 9. 1758
82. An Margareta Klopstock, 16. 9. 1758
83. Von Margareta Klopstock, 18. 9. 1758
84. An Margareta Klopstock, 19. 9. 1758
85. Von Margareta Klopstock, 22. 9. 1758
86. An Margareta Klopstock, 23. 9. 1758
87. An Margareta Klopstock, 26. 9. 1758
88. Von Margareta Klopstock, 26. 9. 1758
89. Von Gleim, 4. 12. 1758
90. Von Carl Christoph Klopstock, 4. 12. 1758
91. An Johann Andreas Cramer, 5. 12. 1758
92. Von Basedow, 5. 12. 1758
93. Von Charitas Emilie Bernstorff, 5. 12. 1758
94. Von Johann Hartwig Ernst Bernstorff (?), 5. 12. 1758
95. Von Johann Andreas Cramer, 5. 12. 1758
96. Von Funk, 5. 12. 1758
97. Von Giseke, 6. 12. 1758
98. Von Stockhausen, 9. 12. 1758
99. Von Christiane Stolberg (?), 9. 12. 1758
100. An Funk, 12. 12. 1758
101. Von Johann Andreas Cramer, 12. 12. 1758
102. Von Johann Hartwig Ernst Bernstorff (?), 16. 12. 1758
103. Von Funk, 18. 12. 1758
104. Von Charitas Emilie Bernstorff, 19. 12. 1758
105. Von Louise von Plessen, 19. 12. 1758
106. An Giseke, 20. 12. 1758
Apparat/Kommentar
Anhang
Vorbemerkung
Abgekürzt zitierte Literatur
Übersicht über die diakritischen Zeichen und Abkürzungen
Briefübersicht/Lebensdaten
Register

Citation preview

Hamburger Klopstock-Ausgabe

FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK WERKE UND BRIEFE H I S T O R I S C H - K R I T I S C H E AUSGABE Begründet von Adolf Beck, Karl Ludwig Schneider und Hermann Tiemann Herausgegeben von Horst Gronemeyer, Elisabeth Höpker-Herberg, Klaus Hurlebusch und Rose-Maria Hurlebusch Verlag Walter de Gruyter in Berlin und New York

Abteilung Briefe: III

Friedrich Gottlieb Klopstock Briefe 1753-1758 Herausgegeben von Helmut Riege und Rainer Schmidt (Nr i - z i ) Walter de Gruyter Berlin, New York 1988

Nr ι

I.

AN

M O L T K E ,

L Y N G B Y ,

l8.

F E B R U A R

i8. Februar

1753

I

1 7 5 3

Monseigneur, Ich habe mich hier fast die ganze Zeit, seit der ich zulezt bey Unserm Besten Könige gewesen bin, auf dem Lande aufgehalten, um mich, völlig ungestört, meiner Freude überlassen zu können. Ich werde es niemals unternehmen, die Entzückung ganz auszudrücken, die ich in dieser

$

glükseligen Stunde empfunden habe. Etwas davon habe ich in beygelegten Versen gesagt, die ich, wie ich glaube, besser, einen Psalm, genannt, als ich sie, eine Ode, würde genannt haben. Ich habe vor, sie bekandt zu machen. Und damit ich ihnen den besten äusserlichen Anstand gebe, will ich sie in Kupfer stechen lassen, wozu ich dießmal lieber lateinische, als deutsche Lettern wählen möchte.

10

Ich arbeite izt an einem

Stücke im Viten Gesänge, das, wie Ew. Excellenz wissen, neulich noch fehlte. Als ich Ihr. Majestät diesen Umstand, im Vorlesen, anzeigte; sagte Unser Liebenswürdige König gleich: Ich sollte es Ihm bringen; sobald ich es gearbeitet hätte. Ich habe mir oft eine sehr angenehme Vorstellung

15

davon gemacht, daß, wenn die alte offenherzige Gewohnheit noch wäre, den Königen Beynahmen zu geben, ich suchen wollte, einer der ersten zu seyn, Unserm Könige den Beynahmen »der Liebenswürdige« zu geben. Ich würde alsdann viel wahrer reden, als die Erfinder des Bien-aimé die ein wenig an Fontenoi hätten denken sollen. Ich will Ew. Excellenz nicht

10

länger abhalten, in diesen Versen einige Empfindungen zu wiederhohlen, welche Dieselben gewiß schon gehabt haben, wenn ich Sie mit einer sehr sichtbaren Freude lächeln sah, so oft Sie gegen mich, von Unserm Besten Könige, redeten. Gott erhalte Ihn, Unsern Theuren, Besten König; u erhalte auch seinen würdigen Freund!

15

Ich bin mit derjenigen Ehrerbietung, mit der ich grosse Verdienste allezeit angesehn habe, Monseigneur, Dero unterthänigster Diener Klopstock Lyngbye den i8ten Feb. 1 7 5 3 .



2

Nrz

6. M ä r z 1 7 5 3

2 . AN M O L T K E ,

L Y N G B Y , 6. M Ä R Z

I753

Monseigneur, Ew. Excellenz finden hierinn einige kleine Prosaische Stücke, die ich, noch gegen das Ende des vorigen Jahrs, gearbeitet habe. Ich habe sie auswärts drucken lassen, weil ich gern unbekannt seyn, u hinter dem Vorhange zuhören wollte. Es weis auch, ausser Seiner Excellenz von Bernstorf Niemand, daß sie von mir sind. Ich werde diese Woche in die Stadt zurückkommen, u dann gleich ein Exemplar für Seine Majestät, Unsern Allerbesten König binden lassen. Ich überlasse Ew. Excellenz, zu beurtheilen, an wen ich am meisten, bey Ausarbeitung des lezten Stücks, gedacht habe? Inliegenden Brief habe ich gestern Abends von Basedow aus Soröe erhalten

Ich werde es allezeit unter die vornehmsten

Glükseligkeiten meines Lebens zählen, mich nennen zu dürfen Monseigneur Dero unterthänigsten Diener Klopstock Lyngbye, den 6ten M ä r z 1 7 5 3 .

3 . AN B O D M E R , K O P E N H A G E N , 1 2 . D E Z E M B E R I 7 5 2 , 2 4 . M Ä R Z

1753

Koppenhagen, den i2ten Dec. 1752. Werthester Herr, u Freund

Ich empfieng Ihr leztes nebst zwey

Gedichten, »dem Frühling« u »Blicken ins Landleben«, als ich eben in Hamburg auf die Post steigen wollte, nach Kopp, zurück zu gehen. Ich hatte vom Ende des Mays an, im Vaterlande, unter meinen Freunden, u also größten theils auf kleinen Reisen, zugebracht, u dieß wird mich bey Ihnen entschuldigen, daß ich bisher nicht geschrieben habe. Jezo will ich Ihnen eine kleine Nachricht von meiner Reise; u dann von meinen Arbeiten geben. Die vornehmste Absicht meiner Reise war, in Hamburg Cidli zu sehen, die ich bey meiner ersten Durchreise, 1 7 5 1 im März, etliche Tage, als eine Freundinn meines alten Freundes, Giseke, gesehen, u seit dem gewöhnlich jede Woche zweymal an Sie geschrieben, u von ihr Briefe bekommen hatte. Diese ganze Sache, geht, wie es Ihnen nach dieser kleinen Vorrede schon scheinen wird, mein Herz sehr nah an. Und ich wünschte, daß ich sie gut ins Kurze ziehn könnte. Denn sie ist so

Nr 3

il.

D e z e m b e r 1 7 5 z , 2.4. M ä r z 1 7 5 3

3

mannichfaltig, u so reich an Gliikseligkeit, u jeder Tag ist so sehr eine Geschichte, daß ich ein grosses Buch, u noch dazu eins, das man lesen würde, davon schreiben könnte. - Wo ist denn Fanny geblieben? werden Sie sagen. Diese Frage hätte ich Ihnen vor dem Sept. 1 7 5 1 , selbst nicht einmal so beantworten können, ob es auch nur m ö g l i c h wäre, daß ich, Fanny zu lieben, aufhören könnte. Ich will Ihnen aber sagen, wie die grosse Begebenheit (für m e i n Herz nämlich) sich begeben hat. Ob mir gleich nach meiner Zurükkunft von Zürch Fanny u ihr Bruder wieder einige Hofnung zu geben s c h i e n e n (ich sage mit Fleiß s c h i e n e n , damit ich ihnen auch nicht das leiseste Unrecht thue) ob gleich Fanny selbst nach Kopp, ein Paar Worte von der Art schrieb; so sah ich doch n u n e n d l i c h , (vorher z i t t e r t e mein Herz nur diese E m p f i n d u n g ) ich sah nun endlich ein, daß mich Fanny nicht liebte; oder mich mindstens, auch bey den besten äusserlichen Glücke, nicht so lieben würde, als ich sie liebte; u daß es also vergebens seyn würde, diese hohe Glükseligkeit der Liebe, darinn ich vielleicht ein bischen, aber ein sehr glüklicher Enthusiast bin, bey Fanny zu suchen. Durch diese wiederhohlte Betrachtung kam ich endlich in eine Art von Gleichgewichte u Ruhe, daß ich m i r s e l b s t wieder zugehörte. Nun f ü h l t ich, daß es möglich wäre, daß ich von n e u e m lieben könnte. Aber, ich weis nicht, ob andre Herzen im gleichen Falle auch so verfahren würden, oder ob es nur meinem natürlich war? ich fühlte, ich fühlte es sehr, daß diejenige, die ich n u n lieben sollte, mir noch liebenswürdiger seyn müßte, als mirs Fanny gewesen war. Und wie sehr war sie es nicht gewesen! Mein Herz betrog mich, in Einem Punkte, ein wenig. Ich hatte, wie ich nun sehe, wirklich schon angefangen, meine Moller (ich habe kein Beywort für sie!) meine Moller von ferne zu lieben. Wie ich d i e s e s v o n f e r n e s t a r k zu merken anfieng, da — -

Hier

geht die Geschichte an; die wircklich zu reich für einen Brief ist. Nun, so beschreiben Sie mir mindstens das Mädchen! werden Sie sagen. Davon will ich wohl ein bischen versuchen. Cramer nennt sie, den weiblichen Klopstock. Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich Sie seyn; u sie würde ich seyn. Das ist so gewiß, als nur irgend die älteste Wahrheit seyn kann. O, in unaussprechlichen Stunden, in Stunden der vollen Glükseligkeit, ist sie: Mein Mädchen; meine Clary; meine Clarissa; meine Freundinn; mein Freund; meine Schwester; meine Braut! alles auf einmal, oder jedes besonders, wie es die Liebe wollte, gewesen. Um nicht mehr in der Sprache der Entzückung zu reden (wiewohl diese, die ich izt gebraucht habe, noch sehr schwach, gegen den Ausdruk derjenigen ist, in welcher

4

Nr 3

1 2 . Dezember 1 7 5 2 , 24. M ä r z

1753

ich mit ihr redete, u noch in Briefen, so viel Briefe davon sagen können, rede!) um in jener Sprache nicht mehr zu reden; so will ich mein schönes Ganzes zergliedern. Niemals soll es der Bischhof dem Homer sorgfältiger gethan haben, als ich mein eigner Scholiast werden will. Sie müssen mir meine Weitläuftigkeit verzeihen. Denn einmal wollte ich Ihnen von Cidli schreiben; da Sie Fanny kannten. Und das konnte unmöglich anders geschehen, als zum wenigsten einigermassen umständlich zu werden. Wenn ich es Ihnen gleichwohl noch zu viel bin, so erinnere ich Sie geschwinde an das Buch, das ich davon schreiben könnte. Nun, das war noch dazu eine ziemlich lange Vorrede. — »Mädchen«

das faßt alle das

Liebenswürdige in sich, was man durch W e i b l i c h k e i t e n ausdrücken könnte, die Sie alle alle hat, ob sie gleich nicht s c h ö n ist. M a n könnte diese Weiblichkeiten auch Gratien nennen; aber so strafte man den alten Homer Lügen, weil ihrer, wie er sagt, nur drey sind. Und dieser süssen Weiblichkeiten sind doch viel mehr, als drey.

» Clary « das will das

alles, u noch vielmehr sagen, was es beym Richardson heißt. Was es heissen würde, wenn der entsezliche Mensch, dessen Namen ich nicht wiederhohlen mag, ein Clarissus gewesen wäre, u seine Clarissa, in den süssen Stunden der Liebe Clary genennt hätte.

»Clarissa«

hier, seh

ich, muß der Herr Scholiast schweigen. Denn er fühlt es wohl, daß hierbey gar zu viel zu denken ist. Das will ich nur anführen. Meine Moller ist lange, oft krank, u oft kränklich gewesen; u hat diese ganze Zeit über dem Tode so entgegen gesehn, daß ich sagen würde, Sie hätte, zu sterben, v e r d i e n t , wenn ich nicht zu sehr bey diesem Gedanken zitterte. Ach, Dank, Dank! Nun ist sie ganz wieder besser. Doch ich will auf diesen ernsten Schauplaz nicht zurükgehn!

»Freundinn«

Wenige

können diesen feinen Unterschied alsdenn noch denken, wenn unsre Geliebte unsre Freundinn ist. Meine Freundinn hat einen angebohrnen, u ausgebildeten Geschmak, der immer viel entscheidend fühlt, u wenig disputirt; aber viel disputiren könnte, so bald er wollte. Sie hat ihn durch die Franzosen, Italiener, u Engelländer gebildet. Sie spricht die beiden ersten Sprachen; u die lezte beynah. Sie kann mir auch noch ein bischen, von ehmals her, folgen, wenn ich ihr den Horaz, oder Orpheus u Eurydice von Virgil erkläre. »Digito male pertinaci« sagte sie mir einst, käme ihr vor, daß das recht auf Römisch gesagt wäre. Allein das arme Kind wurde roth, da ich ihr sagte, wie recht sie hätte. Das arme Kind! Wie grausam ist der Moliere mit den Mädchen umgegangen, daß sie erröthen, wenn sie auch nur ein bischen von der Sprache der Arria verstehn.

Nr 3

»Freund«

Ii.

Dezember 1 7 5 2 , 24. M ä r z 1 7 5 3

5

dieß ist ihr erhabner Geschmak an allem, was moralisch ist,

u zur Religion gehört. Der Mess, ist ihr fast einziges deutsches Buch, u dieß an Einem Abend, da sie ihn das erstemal sähe, geworden. O wie versteht sie ihn. Ich darf ihr eben so wenig, als unserm werthen Herrn Heß trauen, daß sie mir nicht, wie Er, alles erräth, wie es kommen wird. Und ihr Herz! Ihr ganzes schönes Herz! Ihr starkes, ihr zärtliches, ihr menschliches Herz! Einen Stiefvater, der sie lange lange gequält hatte, wählte sie, da sie zwey Jahr früher, als es gewöhnlich ist, u dieß wegen ihres Verstandes, mündig erklärt wurde, zu ihrem Curator. — O, wenn ich Ihnen ihre Briefe zeigen könnte! Doch diese gehören mehr zu Freundinn, u Mädchen, als zu Freund. Die Liebe kann mich zwar partheiisch machen. Doch ich liebe sie so sehr, daß ich mich kaum recht von ihr zu reden getraue. Manchmal denke ich, Sie ist ich, u denn getraue ich mich nicht von ihr zu reden. Nun so partheiisch ich auch s c h e i n e n mag; so kann ich doch von ihren Briefen sagen, u ich wollte dieß vor den größten Richtern sagen, daß Sevigné so nicht würde geschrieben haben, wenn sie auch selbst an einen Geliebten geschrieben hätte. Ich habe solche Briefe noch nicht gesehen, worinn soviel Natur im eigentlichsten Verstände, u zwar soviel g u t e Natur gewesen wäre. Ich fordre Sie auf, mein Werthester Freund, mir Briefe zu nennen, von denen Sie sich vorstellen, daß sie ihren gleich kämen. Es ist eine grosse Aufforderung. Ich fühle ihre ganze Stärke. Aber ich wiederhohle sie. »Schwester« O wie war sie um mich herum, da ich ihr diese neue Aussicht zeigte. Die nächste V e r w a n d t e in der Schöpfung! sagte ich zu ihr. Aber ich kann diese ganze Entzückung nicht ausdrücken. Den 24ten März 1753. Ich kann es auf keine Weise verantworten, daß ich diesen Brief solange habe liegen lassen, eh ich ihn fortseze. Was kann ich aber izt machen? Es ist einmal geschehen! Wenn es dadurch einigermassen wieder eingebracht werden kann, so will ich auf die Ostermesse wieder schreiben. Ich bin in meinen Scholien bey B r a u t stehn geblieben. Aber ich habe nur noch so wenig Raum übrig. Ich will also nur aufhören, ein Scholiast zu seyn. — Ich werde künftige Michaelmesse zween Bände des Mess., jeden 4 Gesänge stark, herausgeben. Ich meine die ersten fünf Gesänge mit. Ich habe in diesen nicht wenig Verändrungen gemacht, die aber nur in kleinen Zügen bestehn, größtentheils das Sylbenmaaß, u manchmal den Ausdruk angehn. Ich werde mich sehr bemühen, diese Ausgabe zu der

6

Nr 3

1 2 . Dezember 1752,, 24. M ä r z

1753

richtigsten selbst unter allen denen zu machen, die künftig herauskommen können. Groß 4 — neue Lettern, u, wenn es möglich ist, nicht Ein einziger Drukfehler. Ich werde fortfahren, wie ich bisher gethan habe, aus Religion gegen den Inhalt, u aus Hochachtung für die Welt, langsam zu arbeiten. Und, in Betrachtung dieser Langsamkeit, habe ich mich, so lange ich am Weltgerichte (wovon ein grosses Stück fertig ist) gearbeitet habe, selbst übertroffen. — Es ist mir eine sehr angenehme Vorstellung, die mir oft wiederkömmt, daß Wiland bey Ihnen ist. Ich habe sie besonders vor einigen Wochen erneuert, da mir Erzählungen gebracht wurden, von denen ich, schon auf den ersten Seiten, glaubte, daß sie von Wiland wären. Ich habe die Erzählungen so lieb gewonnen, daß ich sie ganz u gar für mich u meine Moller zu r e c h t m a c h e n will. Ich rede hier von nichts weniger, als einer strengen Critik. Ich meine nur, daß ich sie so gar den hümeurs meines Geschmaks anmessen will. Und weil ich dieß nur für mich u mein Mädchen thue, so geht das wohl an. Es ist von ungefähr so, als ich wohl manchmal zu meiner Moller sagte: Diese Schleife noch ein bischen anders, u jene Locke so herum! Ob sie sich gleich mit so viel Geschmak u Natürlichkeit kleidet, als sie spricht. Sagen Sie mir doch etwas von Wilands Doris (wiewohl ich kann D o r i s , weil dieß Wort so oft entweiht worden ist, nicht recht leiden; u das ist so etwas, wie ich sagte: Diese Schleife anders!) lieber also von Wilands Mädchen. Oder lassen Sie mirs Ihn selbst sagen, oder thun Sies Beide. Vor allen Dingen sagen Sie mir aber auch etwas von Hr Breitinger u Heß. Ich habe mich sehr gefreut, daß Zürch a n g e f a n g e n hat, seinen Heidegger zu kennen. — Ich habe hier meine Sachen so eingerichtet, daß ich, ob ich gleich in einer Hauptstadt lebe, nur sehr wenigen Umgang habe. Ich bin im Anfange vergangnen Monats über eine Stunde bey unserem besten Könige gewesen, u habe Ihm ein grosses Stück aus dem 6ten Gesänge gelesen. — Ist Kleist noch bey Ihnen? Schreiben Sie mir von ihm. Ich habe vorigen Sommer nicht bis auf Berlin kommen können. Rammler ist noch etwas länger bey Gleim in Halberstadt gewesen, als ich zu gleicher Zeit in Quedl mich aufhielt. Gleim, der zehnjährige Sucher, hat endlich in Blankenburg ein würdiges Mädchen gefunden. Ich bin allezeit Werthester Herr u Freund Ihr ergebenster Klopstock Meine adresse ist: auf der Cramercompagnie.

Nr 4

n . oder 2 3 . April 1 7 5 3

4. V O N B O D M E R , Z Ü R I C H , 2 2 . O D E R 2 3 . A P R I L

7

1753

Konzept Was für einen hohen Begriff muß ich mir von Ihrer Mollern machen, wenn der jenen übersteigen soll, den sie selbst mir von Ihrer Schmidin gemacht hatten; für die ich ehmals aus eben diser Ursache so viel geredet, und so vil geschrieben hatte? Ich muß über die Vorsehung erstaunen, welche sie so weit nach Norden geführt, Sie zu dem Mädchen zu bringen, welches sogar für Ihre individuele person erschaffen, und selbst so individuel an genie und Herz ist. Vormals hätt ich Mühe gehabt zu glauben, daß nur noch Eine Fanny seyn könnte; izt glaube ich noch dazu, daß sie übertroffen werden könne, u. wirklich zum wenigsten zweymal übertroffen sey; einmal von Cidli, das andere mal von /SerenaV Dise leztere kenne ich sehr genau, aus Erzählungen und aus Handlungen. — Sie fodern mich auf, daß ich Briefe nennen solle, welche den Briefen der Cidli beykämen. Ich werde mich hüten, ihr das unrecht zu thun, daß ich glaubte, von den Briefen die mir bekannt sind, könnten einige den ihren beykommen. Denn die rede ist doch hier nicht von den Briefen der Verstorbenen, und alle andern sind auch nur gar zu leicht zu übertreffen. Aber wäre mirs ohne unhöflichkeit erlaubt eine andere probe zu bitten, (und dises nicht einen ungläubigen zu überzeugen, sondern mir etliche entzükende Büke in das schöne Herz ihrer Cidli zu vergönnen:) so wollte ich mir Ihrer Cidli E m p f i n d u n g e n bitten, die sie haben würde, wenn sie sich in den umständen der Asenath sähe, da Jacob und Joseph einander wiederfanden und Joseph, nachdem er s. Vater umarmt hätte, zu ihr sagte, daß s. lange gewünscheter Vater in s. Armen läge. — Wollten sie die gütigkeit haben mir einige stüke von ihren Genie, oder Erzählungen von ihrem Leben mitzutheilen, so könnten sie mir so dise sonderbare person einigermassen /vor m. Gesicht stellen,λ und ich würde dadurch in den stand gesezet, mir eine nicht ganz unrichtige Idee von der glükseligk. zu machen, womit Sie durch den vollkommensten genuß keiner geringem als einer Cidli beseliget sind. Wiel /wird noch lange bey mir bleiben\, und ich zittere vor den Gedanken seiner Heimreise. Er lebt nur denen Bekannten, denen sie in ihrem schreiben die gütigk. haben nachzufragen. Breiting und Heß sind unsere tägliche speise.* Doct. Hirzel und s. Cameraden haben mir ihr Herz gänzlich entzogen. Dieses war ursach, daß ich Hr. von Kleist der beym Doctor einlogirt war, wenigermal sähe, als sonst geschehen

8

Nr 5

Um den 1 2 . A p r i l

1753

wäre. Dennoch hat dieser überaus gefällige Herr vil Liebe für mich bezeiget. Er hatte eben des Doctors Haus verlassen, als ihm hiesige Holländische Officiers verdrißliche Händel macheten, die ihn bewogen, nach schafhausen zu gehn. Die jungen Hrn hatten ihn eben nicht die richtigste Carte vom hiesigen Orte gegeben. — Ich freue mich herzl. wegen des späten Mädchenfindens. Es wird wol etwas zwischen einer Cidli und Doris seyn. — Ich muß beynahe fürchten, daß auch dieser mich verworfen habe. Hr. von Hall ist hier, und wir erwarten Voh/är\. Wir haben Hoffnung daß Br eine Abhandl. vom Erhabn. machen werde. In dieselbe würde viel für die bibl. Epopee kommen. * Kynzli und Waser haben uns besuchet. Wiel. hat ihr ganzes Herz e r w o r b e n o Kynzli ist izo in London; u. im Herbst wird er in Berlin seyn.

5. V O N W I E L A N D , Z Ü R I C H , UM D E N 2 2 . A P R I L 1 7 5 3

Konzept Ich bin sehr erfreut daß ich endlich eine Gelegenheit habe an den Dichter der Messiade zu schreiben, die ich in noch sehr jungen Jahren schon zärtlichst geliebt, bey der ich ehmals so viele süsse Thränen geweint, so viele edle Entschlüsse gefaßt habe; an einen Dichter von dem ich einst die Hofnung wagte, daß er derj. sey, den mein Herz lang umsonst gesucht hatte. Izo da mir unsere allzuweite Entfern, kaum erlaubt hat, Ihnen bekannt zu werden, muß ich mich damit begnügen Sie meiner aufrichtigst. Hochacht, und einer Zärtlichk. zu versichern, für welche ich von Ihnen keine Erwiederung fodern kan, da sie mir mit so vielen würdigern Lesern d. Messiade gemein ist.

Die Nachrichten die ich

von ihrer g l ü k l i c h e n L i e b e habe, können mir nicht gleichgültig seyn. ich erfreue mich, sie nun so glüklich zu wissen, wie ich ehmals herzlich mit Ihnen weinte da Sie in einer Ode an Dafne so rührend und edel trauerten. Dennoch müssen Sie mir erlauben, daß ich in den Gedanken stehe, die liebenswürdigste unter allen Töchtern Eva's könne die Sympathie nicht wegnehmen, die sie mit Fanny verband. Ich kan nicht glauben daß sie sich sollten so lang und so sehr haben selbst hintergehen können oder vielmehr daß die Natur Sie sollte so sehr hintergangen haben, da

Nr 5

Um den 1 1 . A p r i l 1 7 5 3

9

sie Ihnen so ungemeine Empfindungen für Fanny einpflanzte, wie die Ode an Gott ausdriikt, eine Liebe von der man ohne Hyperbole sagen kan, sie sey stark wie Tod. ich sehe mich also genötiget hier etwas unbegreifliches anzunehmen u: zu glauben, daß wenigstens in d. Auferstehung

diese zwoo

Seelen die die Natur

einander

bestimmte,

s. erkennen werden. Zürnen Sie nicht daß ich Ihnen schreibe wie ich denke, ich müste alsdann die Hofnung ihr Freund zu werden, aufgeben, etc.

Weil Sie es verlangen so muß ich ihnen doch etwas von der

vortreflichen Person sagen, die Ihnen unter dem Nahmen Doris villeicht nicht bekannt genug ist, weil Sie vermuthen musten, sie sey mehr ein Werk d. Phantasie als d. Natur. Sie wollen etwas von m e i n e m M ä d c h e n wissen. Mädchen schlechthin klingt mir eben so wie Ihnen Doris. Meine Ungenannte ist eine liebenswürdige Antipode von Gleimischen M ä d c h e n o Die Geschichte mr. Liebe ist zu sonderbar, als daß dieses Blat sie fassen könnte, doch bestehet dieses sonderbare nicht in romanischen Verwicklungen. Ähnliche Neigung zur Tugend, u: gleicher Geschmak etc hat uns so bald verbunden als wir uns kannten etc. Sie hat mehr BonSens als Crebillonischen Wiz, sie bemerkt allemal an den Dingen zuerst das wahre und nüzliche. Ihre ungemeine Zärtlichkeit alles Wahrhaftig schöne und gute zu empfinden u: zu lieben, macht nothwendig auch in Werken des Geistes ihren Geschmak sicher u: fein. Wenn sie schreiben würde so würde sie R o w e oder Lambert seyn. Daß sie über alles dieses noch ungemein schön artig und anmuthsvoll sey, will zwar von ihr ganz was mehrers sagen, als wenn es die verliebte Phantasie eines Poeten von derjenigen sagt, welche so glükl. gewesen, seiner Phant. diesen Schwung zu geben ich kan aber nicht fodern daß Sie mich hierin von der gemeinen Art ausnehmen u: es liegt auch nicht viel daran. Die wahre Unschuld und die übende Tugend ist gewiß schön. Das sehen auch ihre Feinde.

Sie wissen bereits daß ich bey Bodmern bin. Schon Sechs

glükliche Monate sind mir in seinem Hause wie Wochen dahingeflossen, eine gütige Vorseh. machte mich ihm bekannt, gab mir seine Aufmerksamkeit und endl. sein unschäzbares Herz. Das meinige besizt kaum Serena mehr als er. Ich will aber lieber in der Zukunft und durch Thaten lieber als Worte mich der Vorsicht, die ihn mir schenkte u. sr. Zärtlichk. würdig zeigen. Bodm hat mir auch die Liebe sr. vortreflichen Freunde zugewandt. Urtheilen Sie nun wie glükl. ein Herz s. selbst fühlen müsse, das mit dem zärtlichsten Hang zur Freundsch. gebohren, imer Freunde gesucht u: keine gefunden wie es suchte, endl. aber fast auf einmal in

IO

Nr ó

5 . Mai 17 5 3

den freundschaftlichsten Umgang der edelmiithigsten Männer versezt wird, deren einzelne Vorzüge, durch d. Freundsch. vereint, einen Cranz, von allen was am Menschen liebenswürdig ist, ausmachen. Wenn Sie sich eine hieraus entspringende sanfte Zufriedenheit, ein neues Leben der edlen Neigungen d. Seele, einen beständigen Zuwachs an Einsicht, und noch tausend kleinere der Welt unmerkliche nicht brausende aber desto süssere Freuden vorstellen, so haben Sie einige Idee von meinem Auffenthalt bey Bodmern. Daß die Vorsicht ihre weiseste Weihe eben so gütig erfüllt als mir, ist d. aufrichtige Wunsch ihres mit redlicher Hochacht. ergebenen

W.

6. A N D I L T H E Y , K O P E N H A G E N , 5 . M A I 1 7 5 3

Koppenh. den 5ten M a y 1 7 5 3 . Bey dem Leibmedicus von Berger Hochehrwürdiger, Hochgelehrter, Hochgeehrtester Herr Vielleicht schmeichle ich mir nicht zu sehr, wenn ich glaube, daß es Ew. Hochehrwürden nicht ganz unangenehm seyn wird, daß ich Ihnen mit beygelegtem Paquet eine kleine Bemühung mache.

Eigentlich

haben die Buchhändler die Collection. Da aber diese Herrn nicht allzu grosse Freunde von den Subscriptionen sind; so ersuche ich Ew. Hochehrwürd. diese Zettel so in ihren Gegenden an Ihre Freunde zu vertheilen, daß diese sie wieder anderen Freunden zeigen. Dabey Sie die Gütigkeit haben, u mir gleich nach Michael die Z a h l Ihrer Subscribenten melden. In dem Falle, daß E w Hochehrwürden Zeit dazu hätten, u ich Sie noch damit bemühen dürfte, so cassiren Sie auch das Geld ein, u lassen es durch einen Freund in Hamburg an Herrn Bohn Buchhändler daselbst, nach Abzug Ihrer Unkosten, und von ungefähr um die gleiche Zeit, auszahlen. Wofern aber Ew Hochehrwürd. hierzu keine Zeit hätten, so übergeben Sie beygelegte Scheine einem Buchführer ihrer Gegend, der die Commission hat. Es wird auch nötig seyn, daß Sie die Subscriptionsnachricht in ihren Zeitungen abdrucken lassen. Und dieses thun Sie besonders in dem Falle, wenn die dortigen Buchhändler es vergessen hätten.

Wenn unser Freund Herr le Maitre von Zürch zurückge-

kommen seyn sollte, so ersuchen Sie Ihn in meinem Namen, die Gütigkeit zu haben, u an diesem Geschäft, mit Ihnen Antheil zu nehmen.

Νγ7

5 ' M a i 1753

II

Ich wünsche nichts so sehr, als daß mich Ew. Hochehrwürden auf irgend eine Art veranlassen Ihnen durch freundschaftliche Gegendienste zu zeigen, mit welcher Hochachtung ich bin Ew Hochehrwürden Meines Hochgeehrtesten Herrn ergebenster Freund u Diener Klopstock.

7 . A N G L E I M , K O P E N H A G E N , 5. M A I 1 7 5 3

Kopp, den 5ten May 1753. Bey dem Leibmedicus von Berger Mein lieber lieber Gleim. Sie haben mir einen süssen lieben Brief geschrieben. Wie freu ich mich! Wie freu ich mich! Küssen Sie Ihre kleine Frau von mir! Aber ich kann ihn heut unmöglich beantworten. Sie werden es schon aus dem Paquet, das hierbey folgt, merken, warum? Sie wissen, daß die Buchhändler nicht die größten Freunde von Subscription sind. Da haben Sie viel Zettel u auch Scheine. Machen Sie damit, was Sie damit machen können. Es ist eine Sünde, daß ich Sie durch solche Sachen in Ihrer Glükseligkeit störe. Nun vielleicht kann ich Ihnen diesen Sommer noch diese Sünde s e l b s t abbitten. Ich bin Ihr Klopstock. Schicken Sie Rammler oder ein andern unsrer Berliner Freunde Zettel zu.

8. A N J O H A N N A D O L F S C H L E G E L , K O P E N H A G E N , 5 . M A I 1 7 5 3

Koppenh. den 5ten May 1753. Bey dem Leibmedicus von Berger. Mein liebster Schlegel. Ich kann Ihnen nur ein Paar Worte schreiben. Sie sehn ja wohl das grosse Paquet da. Machen Sie damit, was Sie können. Da haben Sie auch so gar Scheine dabey. Sie melden mir die Z a h l der Subscribenten, gleich nach Michael, u in Leipzig lassen Sie, von ungefähr um diese Zeit, das Geld, nach Abzug ihrer Unkosten, an denjenigen

IZ

Nr 9

Vor dem 28. M a i 1 7 5 3

Buchhändler auszahlen, der die Commission hat, u welchen Sie leicht, von einem Nauenburger Buchhändler, erfahren können. Küssen Sie mir Ihr kleines Mädchen fein oft, u iibersezen mir nicht soviel, wenn es möglich ist. Nun warten Sie nur, vielleicht sollen Sie bald nicht mehr iibersezen. S c h l e g e l iibersezen? Ihr Klopstock

9. A N M A R G A R E T A

MOLLER,

KOPENHAGEN

ODER

LYNGBY,

VOR DEM 2.8. MAI I753

Als Auszug überliefert Da es Giseke an gutem Rathe zu fehlen scheint, in welchem Monate er in die Brautlaube gehen soll, so steh ihm doch in dieser großen Noth mit folgendem herzlichen Rathe bey: Im August soll er untersuchen, und auch ausmachen, in welcher Kirche er sich will trauen lassen; im September: ob er eine Runde- oder eine Beutel-Perücke aufsetzen will; im Oktober: was Hannchen für Band auf den Schuhen tragen soll; im November: ob Sie rothen Wein und Rheinwein, oder rothen und Burgunder trinken wollen! Im December: ob das Brautbett rothe oder grüne, oder auch blaue Vorhänge haben soll. Versichere ihn dabey auf mein Wort, wenn er dies nach meinem wohlgemeinten guten Rathe gethan haben wird, daß er dann hoffen darf, daß er mit dem lieben neuen Jahre Muth und Weisheit bekommen wird, einzusehen, daß es besser ist, sich morgen, als übermorgen zu verheirathen.

IO.

AN

JOHANNA

CATHARINA

ELEONORA

GISEKE,

NICOLAUS

DIETRICH GISEKE UND C A R L CHRISTIAN G Ä R T N E R , L Y N G B Y

UND

H A M B U R G , I I . UND Z W I S C H E N DEM I3. UND DEM 16. AUGUST

1753

Gemeinschaftsbrief von Klopstock und Margareta Moller Klopstock: Lingbye den i i t e n August 1 7 5 3 . O wie freu ich mich, wie freu ich mich, daß ihr Beiden süssen Kinder da so mit einander, u zwar in Eurer Kutsche allein, nach Gerdau, zur

Nr io

I i . und z w i s c h e n dem 1 3 . und dem 1 6 . A u g u s t 1 7 5 3

13

Brautlaube, gefahren seyd. Ich weis freylich ein Bischen davon, was das heißt, mit seinem Mädchen allein fahren. Aber du hast unrecht, Brüderchen Ehmann, daß du mir es nicht eher geschrieben hast, daß mein Brief auf den Hochzeitabend ankommen sollte. Ich habe deinen erst gestern bekommen. Gliikseligkeiten, u Glükseligkeitchen, u Elysium rund um Euch her, u noch viel mehr, wozu ich keine Worte habe, wünsch ich Euch. Ja, ja, ich möchte wohl den Abend dabey gewesen, ich möchte wohl izt dabey seyn. Es ist ein süsser Sung! nicht so, Hannchen? Ob er gleich Klas heißt, so ist es doch ein süsser Sung. Wenn nur Kläschen klänge, so wäre doch dieser desperaten Sache einmal für allemal abgeholfen. Sie müssen sich zufrieden geben, mein liebes Hannchen. Der Weise unterwirft sich den Schiksalen, die er nicht ändern kann. Es ist doch eine sonderbare Sache. Ich hab Euch so lieb, ihr süssen Kinder, ich habe Euch so viel zu sagen aber gleichwohl — ja ich muß es nur bekennen! muß ich vorher ein bischen von Meta Friedrikchen Klopstock mit Brüderchen Klas sprechen. Meta ist also recht rund wieder geworden? u lustig? u wild? Brüderchen. Nun du brauchst eben nicht so geschwinde fortzulesen. Du kannst Hannchen immer ein wenig dazwischen küssen. Es müste denn seyn, daß ihr des Lerms ohne dieß schon zu viel machtet — Ganz eine andre Meta als sonst! Rothe Backen u Augen, Brüderchen? Nun so hör doch! hör doch! ich schreie ja, hör doch! Eine ganz andre Meta, sagtest du. Ja, das glaub ich wohl. Denk einmal, sie hat sich neulich gewogen, da wog sie vierzehn Pfund mehr, sage vierzehn Pfund mehr, als vor einem Jahre. Vor einem Jahre wog sie neun u neunzig Pfund u drittehalb Loth. Aber, o ihr Liebesgötter! (du solltest meine klägliche Stimme hören) diese vierzehn Pfund hab ich noch nicht auf meinem Schoosse gehabt! — Doch eben wollte Hannchen ersticken! Ich wette darauf der Erzklas hat mir nicht zugehört. Aber sag mir doch (denn von der Taille wirst du doch mit mir reden wollen, weil ich vielleicht nach u nach auf eine verdorbne kommen könnte) sag mir doch, ob die Taille meiner Meta nichts bey den Vierzehn Pfunden gelitten hat? Denn das die Taille meiner Meta eine r a r e Taille ist, das kannst d gar nicht leugnen. Sie ist gewiß die schönste Taille die jemals die Folge von irgend einer verdorbnen Taille gewesen ist, das ist meiner Meta ihre Taille! Wenn du mir nicht zuhörst, Sung so sag ich kein einziges Wort mehr. Kann ich doch wohl mit Gärtner schwazen. Was Louisen ihre Taille anbetrift, mein lieber Gärtner, so möchten Sie es für eine Schmeicheley halten, wenn ich sagte — — — u sich vielleicht nicht erinnern,

14

Nr i l

1 4 . August 1 7 5 3

daß ich verliebt in Louisen bin (mags doch Meta hören!) u es mir also desto eher erlaubt ist, zu sagen, daß Sie eine süsse, süsse Taille hat, die aber, leider! freylich schon zweymal in der Brautlaube übel angekommen ist. Dazu (doch ich will nichts gesagt haben!) wissens die Liebesgötter am besten, wie es etwa, leider! schon wieder mit ihr stehen mag. — Verrathen Sie mir doch ein bischen, mein lieber Gärtner, sagen Sie mir, wie finden Sie die jungen Ehleute? Mich deucht es ist ein ganz artiges Paar? Wenn Sie mir etwa einige Geschichtchen von dem Hochzeitabend zu erzählen haben, so werde ich sehr dankbar dafür seyn. Unter uns gesagt, mich deucht, es ist alles so recht in der Ordnung. Und es scheint mir, daß Giseke, meine Ermahnungen, Hannchen zu küssen so wenig nötig hat, daß sie es vielmehr vor den Leuten thun. Wenn sie nur der Gemeine kein Ärgerniß geben, so ist alles gut, pfleg ich zu sagen. Nun muß ich auch wohl ein bischen Raum für meine Meta lassen, daß sie noch etwas hierzu schreiben kann. Aber du must mir das vorhergehende nicht lesen, Meta. Es stehn allerhand rare Sachen von Taillen darinn. Und das brauchst du eben nicht zu lesen. Hör, Meta, ein Wort ins Ohr. Ich möchte wohl wissen, ob Giseke u Gärtner so rar küssen könnten, als es dein Sung kann? Nicht so? Dein Sung kann es süß?

Margareta Moller: Daran habe ich schon lange gezweifelt, mein lieber Mann! Wer kann so küssen, wie du!

I I . AN G L E I M , L Y N G B Y , I4. A U G U S T

I753

Lingbye, den i4ten August 1753. meine Adresse in Kopp, ist bey dem Leibmedicus von Berger. Ich habe Ihnen bisher nicht schreiben mögen, mein lieber Gleim, weil ich Sie u mich nicht gern daran erinnern wollte, daß Ihre Liebe, worüber ich mich so gefreut hatte, aufgehört hat. Sie werden aber gleichwohl nicht loskommen, mir künftig einmal umständlich davon schreiben zu müssen. Jezt bitte ich Sie, ob ich es gleich so gern bald wissen mögte, noch nicht darum, weil Ihre Wunde noch so frisch ist. Eins befürchte ich nur, (aber überzeugen Sie mich ja bald, daß ich dieß nicht zu fürchten

Nr

Ii

14.

August

1753

I 5

habe) nämlich: daß Sie auf das künftige zu sehr abgeschreckt seyn mögten. Denn ich muß meinen Lieben Gleim noch durch die Liebe glüklich sehn, das muß ich! Hören Sie, daß leid ich nicht anders. Und wenn ich nach Deutschland komme, u Sie haben keine Frau, so komm ich nicht nach Halberstadt! Merken Sie Sich das! Auf den Gränzen können wir wohl wo zusammen kommen, aber nach Halberstadt komm ich nicht, das ist gewiß. Ich muß doch sehn, ob ich Sie durch eine Commission, die ich Ihnen geben will, ein wenig zerstreuen kann. Aber ich hätts nicht vorhersagen sollen, daß ich es thun wollte. Nun wirds nicht angehn. Nun, vielleicht gliikt es doch. Wenn ich Ihnen sage, daß es izt auf B u c h h ä n d l e r ankömmt, ob ich die neuen Stücke des Mess, früher oder später herausgeben soll, so werden Sie freylich sehr lachen, aber Sie werden Sich auch ein bischen ärgern. Sie haben vergangene Ostermesse Subscriptionsnachrichten von mir bekommen. Das war der einzige Weg, wenn ich hier selbst eine Ausgabe machen wollte. Und ich hatte viel Ursachen, dieses zu thun. Die Buchhändler, denen ich die Commission für 10 procent überließ, scheinen einen allgemeinen Bund gemacht zu haben, nichts für die Sache zu thun. Ich bin izt mit der Entdeckung beschäftigt, wie das recht zugegangen ist. Bohn in Hamburg, der die Hauptcommission hat, ist von Jemanden aus Frankfurt am Mayn, sehr bey mir verklagt worden. Es kömmt izt darauf an, daß ich es durch meine Freunde dahinbringe, daß die Herren Buchhändler sich umsonst bemüht haben. In dieser Absicht bitt ich Sie, mein lieber Gleim, bey Ihnen herum, besonders aber in Berlin, die Nachrichten, so die Buchhändler nicht austheilen, so viel möglich ist, sammeln u bekannt machen zu lassen. Denenjenigen denen Sie u unsre Freunde in Berlin die Commission besonders auftragen, geb ich gleichfalls 10 procent für ihre Bemühung. Da ich aber viel Zeit verloren habe, so muß ich den Subscriptionstermin ein wenig verlängern. Nämlich ich gedenke auf künftige Ostermesse noch mit dem Drucke fertig werden zu können wenn ich, spatsten acht Tage vor Weihnachten, die lezten Nachrichten von der Zahl der Subscribenten bekomme. Vielleicht ist es nötig, daß einige den Umstand wissen, daß das Format noch grösser als die gedrukte Nachricht, u daß keine Zeile gebrochen werden soll. Es wird gut seyn, wenn die Nachricht auch in den Berliner Zeitungen abgedrukt wird. Schreiben Sie mir es bald, mein lieber Gleim, was Sie davon halten, wie dieß gehen werde. Einen Nachdruck (den ich noch dazu erlaubt habe, u den ich wegen derjenigen die mich anklagen möchten, mit dem Mess, etwas gewinnen

i5

20

15

30

35

40

45

l6

Nr i l

i8. September

1753

zu wollen, nothwendig Hemmerden erlauben mußte) diesen Nachdruck muß ich notwendig befürchten. Ich muß daher vorher mindstens einige Gewißheit haben, ob ich die Ausgabe, ohne dabey zu verlieren, machen könne. So viel ich weis , mein lieber Gleim, hab ich Ihnen noch nie einen Brief mit einer solangen Commission geschrieben. Ich weis, Sie lieben mich so sehr, daß Sie mir es dieß mal verzeihn. Meine Moller wird alle Tage ründer. Sie hat so gar Grübchen an den Händen bekommen, u die Taille (ganz unpartheiisch würde ich sagen, daß es die schönste ist, die ich gesehn habe) diese süsse Taille hat nichts bey dem Rundwerden verloren. O es ist kaum auszustehn, daß das süsseste unter den Mädchen noch nicht mein kleines Weibchen ist Merken Sie sich das. Ich wiederhohl es. Sie müssen eins haben, wenn ich zu Ihnen kommen soll Ihr Klopstock.

12.. A N E B E R T ,

KOPENHAGEN,

18. SEPTEMBER

1753

Kopp, den i8ten Sept. 1753. Bey dem Leibmedicus Hr. von Berger. Die Nicht-schreiberey, mein lieber Ebert, sollte doch bisweilen unter uns abkommen. Wir müssen wenigstens einige Versuche machen, ob noch etwas Möglichkeit übrig ist, diesem b ö s e n Ü b e l zu steuern. Wiewohl, wenn ich mich recht erinnre, so bin ich der leztschuldige. Wenn es ist, so mache ich hiermit meine Schuld richtig. Sie sind in Hamburg, Sie sind auf Gisekens Brautlaubenfeste gewesen; u das sollte Ihnen so hingehn, daß Sie mir kein Wort davon schreiben? Sie — doch davon sollen Sie mir nicht schreiben, wenn es Sie noch zu traurig macht. Doch wenn Sie davon schreiben k ö n n e n , so thun Sies. Ich werde Ihnen mit v i e l e r W e i s h e i t ra then. Denn wenn Sie es noch nicht wissen, so sag ichs Ihnen hiermit, daß unsre Freunde in S a c h e n der L i e b e , mich, mit delphischer Andacht, um Rath fragen sollten. Also izt wissen Sies. — Was Sie für ein glüklicher Sterblicher bey dem allen sind. Sie haben meine Clary gesehn. Und, was noch mehr ist, alle die Rundheiten, u Rundheitchen, die ihr die g e s u n d m a c h e n d e Liebe wieder gegeben hat, u die ich noch nicht gesehen habe, die haben Sie gesehen. Young müsse Ihnen unverständlich werden, wenn Sie mir nicht einen Langen, vollen Brief von allen diesen süssen Sachen schreiben. Ach, es ist das geliebteste

Nr 12

i8. September

1753

I7

u das Liebendste Mädchen, das iemals (ja, nun könnte ich hunderttausend Sachen sagen!) das iemals solche Rundheiten, u solche Grübchen zu den Rundheiten, u ein s o l c h e s H e r z zu den Grübchen u Rundheiten gehabt hat. Aber davon muß ich nur aufhören; sonst würd ich unvermerkt nicht mehr an Sie, sondern an Clary schreiben. Etwas anders. Sie wissen, wie es mir mit meiner Subscription geht, u wie sehr lieb mich die Herren Buchhändler haben. Jezo kömt es nur darauf an, daß meine Freunde einige dazu geschikte Leute aussuchen (denen ich 1 0 procent für ihre Bemühung gebe,) welche für die Subscription sorgen. Ich verlängre die Zeit bis auf Weihnachten; u da, wegen der Grösse der Lettern, noch grösser Papier erfordert wird, so nehm ich auch dieß, ob ichs gleich nicht versprochen hatte. Ich bitte Sie, daß Sie mir bald sagen, was Sie hierinn, in Ihrer Gegend, zu thun gedenken. Ich habe vor einiger Zeit einen Brief von Hr Berkenhout erhalten, worinn er mir sagt, daß er den ersten Gesang des Mess, in Miltonische Verse übersezt habe. Ich habe meine Antwort (weil ich B-houts Adresse nicht wußte) an Zachariä geschikt, u die verlangten Verändrungen im ersten Gesänge, beygelegt. Sie urtheilen leicht, wie sehr mich diese Ubersezung interessire, weil Sie wissen, wie sehr wir beyden die Engländer lieben. Ich bitte Sie, für diese Übersezung, als für Ihr eigen Kind, Sorge zu tragen. Hr. Berkenhout wollte auch so viel von meinen Lebensumständen haben, als ich selbst für gut hielte, den Engländern bekannt zu machen. Ich habe ihm hierüber unter anderm gesagt, daß ich glaubte, die Lebensumstände eines Verfassers kämen, vor jeder Schrift, die man das erstemal läse, zu früh. Sie werden von meiner Meinung seyn. Ich wünschte, bald etwas von der Ubersezung zu sehn. Es sind, ausser mir, hier noch einige die dieses wünschten, u die ich nicht gern lange warten lassen wollte. — Die Posten zu Ihrem lieben Mädchen (ich werde es niemals vergessen, daß ich es das erstemal hinter noch etwas ärgern, als einer katholischen Grille, sprach, nur sprach) diese Posten werden doch nicht auch unter dem Gebote Ihrer hochgeehrten Frau Stiefmama stehn? Küssen Sie das süsse Mädchen mit dem Kusse eines Leider! kaltgewordnen Briefs von mir. — Wenn die Gärtnern schon wieder nicht mehr Jungfer ist, so können Sie Gärtner sagen, daß er dergleichen Unfug immer bleiben lassen könnte. D e n n das wäre ja schon das dritte; u ich hätte noch keins. Und über dieß eine so schöne Taille, daß sie der Taille der Meta Klopstocken beynah gleich käme, müste doch auch nicht Tag täglich verdorben werden. Den Herrn Abt u Hr. Zachariä grüsse ich aufs freundschaftlichste, u bin Ihr Klopstock.

l8

Nr 1 3

3. M a i 1 7 5 4

1 3 . V O N M A R G A R E T A M O L L E R , H A M B U R G , 3. M A I

1754

d. 3ten May 1754 Mittags um 1 Uhr. Ach Süsser eben habe ich deinen Brief! Ja ich habe so viel er ley Freude! Hannchen hat schon zwo Nächte bey mir geschlafen. Ich habe sie sehr lieb. Sie gefällt mir noch besser als ich mir vorgestellt. In Cramer habe ich mich nun freylich ein bischen verliebt, das must du mir vergeben. Es ist mir gar nicht recht, denn ich habe ihn noch heute nicht gesehn. — Aber ich will von ihnen allen mit dir s c h w a t z e n . Wer mag itzt schreiben! Also reist du doch erst d. Z5ten? Nun, wenns dann nur gewiß ist. Aber recht genau must du mir sagen, w a n n u w o ich dir entgegen kommen soll, u es nicht so wie die bösen Leute machen, die uns Mittwoch da einen andern Weg führen, u uns, unterdeß daß sie in Hamb, waren, draussen ewig auf sie warten Hessen. Die Hochzeit soll doch noch d. ioten Jun. seyn? Du must wohl nicht so recht Lust dazu haben weil du mirs nicht beantwortet. Schreib mir einmal, daß dus gerne an dem T a g e sähst, auf daß ich deinen Brif zeigen kann, wenn man mir vielleicht Schwierigkeit darüber machte. Mama selbst habe ich lange nicht gesprochen, aber, wie man mir sagt; so geht alles sehr gut. Mama hat auch nichts dagegen, daß die Hochzeit so bald seyn soll, ob sie den Tag aber schon weis, das weis ich nicht. Dimpfels u Schmidt aber wissen den Tag schon. Ich nehme auch ganz ungescheut von einem jeden Glückwünsche an. Papa hat auch schon Geld aufgekündigt, u könftige Woche werden wir recht anfangen Wäsche einzukaufen. Wegen deinen Titel sind deine Freunde sehr uneins. Cramer meynt es wäre besser. Gärtner hat ihn das auch gesagt. Nicht in Betrachtung Hamburgs u Koppenhagens; sondern der Messiade wegen überhaupt. (Ihre Ursachen weis ich nicht) Hohorst aber will durchaus nicht, daß du einen nähmest. Meine Meynung weist du schon: Meine Meynung ist deine (u das ist sie immer). Meine Familie aber wills noch immer gerne. — Cramers u Hannchen reisen Montag früh. Ich kann nicht läugnen, daß es mich ärgert u Hannchen betrübt, daß Rahn nicht schreibt. Was ist denn das für eine Art Liebe! Sie hofte immer auf einen Brif, u nun war vorigen Posttag keiner u heute auch nicht. Sie wollte erst schreiben, aber nun kein Brif kam, nun wollte sie auch nicht. Sieh solche Sachen entstehn daraus, u das schadt immer der Liebe. Hier ist Mama ihre Antwort. (Ich weis wohl daß du mir erlaubst, sie aufzubrechen.) Ich würde mich sehr darüber geärgert haben, wenn ich nicht vorher gewust,

Nri3

3· Mai 1754

daß Papa sie dictirt hätte. Was das A n s t a n d n e h m e n u G e d u l t h a b e n anbetrift, das heisst nichts. Denn es wird ja schon alles eingereicht. Ich habe Mama nur in langer Zeit nicht gesprochen. Dimpfel, welcher sich unsrer Sachen sehr annimmt, wollte ihn übergeben, u ich muß viel solche Sachen geschehen lassen. — Ach du kommst doch gewiß mein Einziger? Laß dich ja durch solche Ausdrücke nicht abhalten. Du krigst mich gewiß, wenn du kömmst. Papa hat seine letzte Kraft nur noch hiermit versuchen wollen. Ich sage dir, daß unsre Sache ganz so tracktirt wird, als wenn gleich nach Pfingsten unsre Hochzeit wäre. D hat auch schon gesagt, daß so bald du angekommen wärst; so wollte er mit dir zu Mama fahren. Es ist nur alles desweged (nach Papas Klugheit) daß sie nicht gewiß ihr Wort gegeben haben, wenn das mit d e i n e r V e r m e h r u n g vielleicht noch nicht so ganz richtig wäre. So bald du ihnen das bedeuten kannst; so ist alles fertig. Und wenns auch nicht richtig wäre, (Glaube aber nicht, daß ich daran zweifle) u sie wollten mich dir nicht geben; so nähme ich dich wider ihren Willen. Das hat alles aber gar keine Not, (das siehst du aus den andern Umständen auch).

Hör rechnest du auch so artig als ich? Alle Morgen, wann

ich aufwache; so sage ich zu Hannch wie viel Tage nun noch zu unsrer Hochzeit sind. Sie wachte diesen Morgen süs auf. »Ob mein Rahn wohl itzt an mich denkt?« sagte sie. Sage nur Rahn, daß sie ihn besser liebt, als er verdient. Daß ich Hannch: gerne küsse, das kannst du denken. Aber das lose Mädchen will immer auf den Mund küssen. Oft kann sie recht deine Mine machen. Aber Augusten sieht sie doch noch mehr gleich. Cr. sagte, H wäre seine Frau, aber ich wiedersprach ihm gleich. Das ist H: Kl. Wie wir uns gefreut haben u noch freuen, das kannst du denken. Ach m e i n l i e b e r C r !

— Aber du

E i n z i g e r ! Heute sinds nun noch 38 Tage bis unsre Hochzeit. Ach mein Kl! Dann bist du mein M a n n . - Nimm mir deine Gesundheit itzt nur recht im Acht. Ich schone mich in den äussersten Kleinigkeiten, denn um 38 Tage (Textverlust) Hannchen lässt Rahn grüssen. — Aergere dich nicht über Mamas Brief, mein Süsser. Ach wenn du wüstest — — doch H. tröstet mich.

2.0

Nri4

12.Juni

1754

14. AN H E M M E R D E , H A M B U R G , 1 2 . JUNI

1754

Hamburg den i2ten Jun. 1754 HochEdler, Hochgeehrter Herr, Ich bin gesonnen, Ihnen die Fortsezung vom Mess, zu lassen, wofern Sie sich entschliessen wollen in Koppenhagen drucken zu lassen! Sie haben den Vortheil dabey, daß ich selbst die Correktur besorge. Und wie mirs scheint thäten Sie dann am besten, wenn Sie in Lübeck oder sonst in der Nähe das Papier nähmen, damit es mit den ersten Schiffe nach Copp. gehen könnte. Die fünf ersten Gesänge werden von neuem, wegen der Verändrungen, gedrukt. Ich merke wohl, daß Sie nicht gern in 4 0 drucken lassen möchten. Könnten wir nicht auf eine Art in 4 0 drucken, daß es auf 8° Art beschnitten werden könnte, wenn es Jemand so haben wollte. Sie müssen mir diesen Brief n o t w e n d i g mit der n ä c h s t e n Post beantworten. Denn auf die Michaelmesse m u ß die Ausgabe fertig seyn Sie können mir zugleich melden, was Sie mir für den Bogen zu geben gedenken. Ich verharre übrigens Ew. HochEdlen ergebener Klopstock Meine adresse ist hier: Bey Hr. Benedikt Schmidt auf der Reichstrasse

15.

AN G L E I M ,

QUEDLINBURG,

17.

JULI

I754

Quedlinbg den i7ten Jul. 1754. Warten Sie nur, Gleim. Sie vergessen Ihre Freunde auch ganz. Ihr armer Klopstock ist nun schon länger als acht Tage krank Wir wollten Sie mit dieser Nachricht nicht betrüben, sonst hätten wir Ihnen dieses schon geschrieben. Nun aber, da sich das Fieber endlich gestern zu einem kalten determinirt hat, u heut mein guter Tag ist, nun schreib ich Ihnen, u bitt Sie, mir die Freude zu machen diesen Nachmittag einen C a f f é mit uns zu trinken. Bringen Sie mir einige neue scherzhafte Bücher mit, die ich etwa noch nicht gelesen habe Ich rechne das Aus der Anmutigen Gelehrsamkeit u s.w. dahin. Oder schiken Sie diese Bücher durch Überbringerinn. Ich bin ganz der Ihrige Klopstock.

N r ι6

16. A N G L E I M , Q U E D L I N B U R G , 18. J U L I I754 Gemeinschaftsbrief von Klopstock und Margareta

18. Juli

1754

2.1

Klopstock

den i8ten 1754 Liebster Gleim, ich befinde mich überhaupt, seit dem mein Fieber sich in ein kaltes verwandelt hat, besser. Und ich denke so gar, daß der Paroxismus diesen Abend merklich gelinder werden soll. Seyn Sie nur ausser Sorge, liebster Gleim. Kommen Sie aber bald, u bringen unsern braven, lieben Suero mit Ihr Klopstock. Margareta

Klopstock:

Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein lieber Herr Gleim daß Sie sich so sorgfältig nach meines Klopstocks Befinden erkundigen. Aber ich bitte Sie um des Himmels willen erneuern Sie nicht immer einen Gedanken bey mir, den ich im Anfange der Krankheit genung gehabt, u der eben itzt anfängt sich zu verlieren Es wird uns allen hier sehr angenehm seyn, Sie bald zu sehen, zu welcher Stunde u auf wie viel Zeit es Ihnen gefällig ist. M. Klopstok Wir danken vielmal für die gestrigen schönen Forellen. Wegen den Medicus werden wir mit Ihnen sprechen.

17. AN HEMMERDE,

Q U E D L I N B U R G , 24. A U G U S T

1754

Quedlinburg, den Z4ten August 1754 Hochedler, Hochgeehrter Herr, Ew Hochedlen habe auf Ihr leztes folgendes zu sagen. 1) Daß ich die kleine Koppenhagner Ausgabe auf meine Kosten mache, u nur soviel Exempl. drucken lasse, als erfordert werden, mir nach deren Verkauf die Kosten zu ersezen. 2) Daß ich diese Ausgabe größtentheils in Dännemark zu verkaufen gedenke, u daß nur wenig Stücke davon nach Deutschland kommen werden, deren Verkauf ich Ihnen überlassen will, wofern Sie ihn übernehmen wollen 3) Daß ich mich, in Betrachtung der Zeit, wenn

2.Z

Νγι8

6. S e p t e m b e r 1 7 5 4

ich sie herausgebe, an die Messe nicht binden kann. 4) Daß ich Ihnen riethe, die veränderten fünf G wegen des Vielleicht zu besorgenden Nachdruks lieber gleich zu drucken 5) Daß ich die Bezahlung vor Übersendung des lezten Bogens erwarte, u Ihnen alsdenn zugleich Anweisung geben werde, an wen Sie zu zahlen haben. 5) Daß ich wegen der Zeit, wenn ich Ihnen die Oden schicken will noch nichts gewisses bestimmen kann, u daß ich Lust habe eine recht gute Ausgabe davon zu machen, wozu unser Preisler in Kopp, die Vignetten stechen würde. Die Oden würden nur eine kleine Sammlung ausmachen, u ich würde sie Ihnen den Bogen zu 1 5 Rthlr. lassen. 6) Daß ich gesonnen bin, Ihnen auch eine kleine Sammlung Prosaischer Stücke zu lassen, die Sie in Duodez aber mit etwas grössern Lettern, als bisher bey unserm Duodez gewöhnlich gewesen ist, drucken sollten. Aber die Zeit, wenn Sie diese Stücke bekämen, kann ich auch noch nicht bestimmen. Ich verharre übrigens Ew HochEdeln ergebenster Diener Klopstock

1 8 . A N G L E I M , Q U E D L I N B U R G , 6. S E P T E M B E R

1754

Liebster Gleim, Ich habe bey dem schlimmen Wetter keinen Boten bekommen können; sonst hätt ich Ihnen einen geschikt, desto eher Antwort von Ihnen zu haben A m Dienstage schrieb ich Herrn Suero wegen eines Piknik, weil ich Sie verreist glaubte; aber Suero ist es vielleicht selbst, weil Er mir nicht geantwortet hat.

Aber können Sie das bey sich selbst

verantworten, Liebster Gleim, daß Sie bisher ordentlich todt für uns gewesen sind! Ich habe bisher wegen des schlimmen Wetters, u vorher wegen Wallungen die ich noch immer, u besonders auch nach der Blankenburgischen Ausfarth bekam, nicht zu Ihnen kommen können. Künftigen Dienstag verreisen wir, u mein Fuhrmann will mich nicht anders als seinen gewöhnlichen, bessern Weg, wie er sagte, über Helmstädt führen. Ich werde es Ihnen als sehr viel Freundschaft anrechnen, wenn Sie morgen oder auf den Sonntag zu uns kommen wollen. Thun Sie das ja liebster Gleim, denn sonst muß ich meine kleine Frau, die

Nr 19

7. September 1 7 5 4

2.3

ohne diß eine für sie weite Reise thun soll, u die erst gestern aufgehört hat, ein wenig krank zu seyn, in dem Wetter zu Ihnen bringen. Kommen Sie ja. Ich bin immer Ihr Klopstock Quedlinburg den 6ten Sept. 1754.

19. AN G L E I M , Q U E D L I N B U R G , 7. S E P T E M B E R

1754

Gemeinschaftsbrief von Margareta Klopstock und Klopstock Margareta Klopstock: Quedl. d. 7ten Sept. 1754 Mein lieber Herr Gleim Wir bedauern, daß wir nicht mehr das Vergnügen haben sollen Sie in Quedlinburg zu sehn. Aber sehen müssen wir Sie noch einmal, ohne das könnten wir nicht wieder nach Hamburg reisen. Wir nehmen also das Anerbieten an, zu Ihnen zu kommen. Wir werden uns dieses Vergnügen am Montage früh machen, u bis Abend bey Ihnen bleiben. Mein Mann freut sich so sehr hierzu, daß er aus grosser Freude selbst nicht schreiben kann. Ich freue mich auch, u daher komme ich mit, u untersuche es nicht gar zu genau, ob Sie meinen Mann lieber allein hätten. Aber o! Sie sollen Klopstock auch so viel haben, als Sie sich es gewiß nicht vorstellen. Und das zwar am ersten aus Freundschaft für Sie. Zweytens aber auch aus einer kleinen Nebenursache; nämlich es soll mein Dank für die schönen Pfirsiche seyn. Wie sehr gelegen sie mir kamen, das können Sie urtheilen, wenn ich Ihnen sage, daß wir eben von Pfirsichen sprachen, u daß ich eben sehr die bedauerte, die itzt in Hamburg gegessen wurden. Sie sollen immer bey Klopstok sitzen, Sie sollen seine beyden Hände haben, Sie sollen ihn küssen so viel Sie wollen. Nun, sind Sie mit diesem Danke zufrieden? Was Sie ein ernsthafter Mann sind! In welchem Ansehn Sie sich bey unserm Geschlecht gesetzt haben! Z u einem andern würde man vielleicht gesagt haben: Es soll Ihnen erlaubt seyn meine Hand zu küssen; u wäre recht stolz dabey gewesen. Aber bey Ihnen — — o da kann nur der Mann danken! — — — Mein Mann hat schon zwanzig mal gesagt, ich sollte doch v e r h a r r e < n . > Heimlich verdriest es ihm doch, daß ich so lange Brife schrei Er hat mir wohl nicht ohne

24

Nr 20

z i . September 1 7 5 4

Ursache ein so kleines Papier gegebe — Nun ich will ihn nicht weiter böse. Verharre also Clärchen Klopsto Herrn Friedrich Klopstocks Secretair Klopstock: Mein lieber Gleim, ich habe Ihnen den 6ten Gesang noch nicht schicken können, weil die Abschrift leider! noch nicht fertig ist.

20. AN ANNA M A R I A UND G O T T L I E B H E I N R I C H LÜNEBURG, 21. SEPTEMBER

KLOPSTOCK,

1754

Als Auszug überliefert Überhaupt befinde ich mich recht wohl. Und ich dencke Ihnen nun bald eben diese Nachricht aus Hamburg geben zu können.

21.

AN J O H A N N A D O L F S C H L E G E L , H A M B U R G ,

2.

OKTOBER

I754

Hamburg, den 2ten Oct. 1754 Liebster Schlegel, Ich kann Ihnen nur ganz kurz schreiben, weil wir mit Einrichtung unsrer Sachen u vielen oft überflissigen Visiten zu thun haben. Ich danke Ihnen noch einmal aufs zärtlichste für Ihren Besuch in Quedlinburg. Warum ich Ihnen izt eigentlich schreibe ist, daß Sie mir mit der nächsten Post antworten: Ob Sie hier an der Cathrinen Kirche Hauptpastor werden möchten? Dieß müssen wir vorher wissen, um Sie auf den so genannten engern Aufsaz bringen zu können. Es ist freylich dann noch nicht gewiß, daß Sie gewählt werden, wenn Sie auf diesem Aufsaze sind; aber es macht Ihnen doch allezeit, im Gewissen Verstände, Ehre, darauf gewesen zu seyn. Ich für mich dächte, Sie entschlössen sich, zu kommen. Sie sind hier auf einem grössren Schauplaze, u können mehr Nuzen schaffen Und dann wären Sie auch unsrer kleinen Coppenhagner Colonie um so viel näher. Freylich würden Sie, in Betrachtung der Collegenschaft, una parva luscinia seyn. — Den Hr Papa von der parva

Nr 22

14. J a n u a r 1 7 5 5

25

luscinia bitte ich Sie bey dieser Sache ja nicht um Rath zu fragen. Er würde zu freundschaftliche Gründe haben, Sie bey sich zu behalten Empfehlen Sie mich Ihm auf das freundschaftlichste, u Mutchen muß auch in meinem Namen mit diesem u jenem Kusse heimgesucht w e r d e n o

10

Meine Meta u alles was hier Metamässiges ist grüsset Sie, u g e b i e t e t Ihnen Sich zum Kommen zu entschliessen. Ich bin der Ihrige Klopstock. Sie können die Antwort nur an Mad. Schmidt née Moller in der grossen Reichstrasse schicken, die den Brief öfnen kann, im Falle wir schon verreist seyn sollten.

2 2 . AN A N N A M A R I A U N D G O T T L I E B H E I N R I C H KOPENHAGEN,

Als Auszug

I4. JANUAR

KLOPSTOCK,

1755

überliefert

Ich befinde mich, Unserm Gott sey es gedancket! recht wohl; ob ich gleich noch eine genaue diaet — — — — — — Eine Ursache, warum ich mit meiner Antwort bißher gesäumet habe, ist gewesen, daß ich dem K. aufwarten sollte. Dieß ist nun geschehen, und ich habe wie sonst, sehr viel Vergnügen über dieser Unterredung gehabt. Aber von der Vermehrung meines Gehalts

Ich bitte Sie, Geliebteste

Eltern, seyn Sie deßfals außer Sorgen, weil ich selbst viel Ursache habe, es zu seyn — — Mein liebster Gleim hat weder Cramer, noch mir geschrieben

2 3 . AN A N N A M A R I A U N D G O T T L I E B H E I N R I C H KOPENHAGEN, VOR DEM I3. MÄRZ

Als Auszug

KLOPSTOCK,

I755

überliefert

Und da ich hierinn gewißer maßen die Wahl habe, so bin ich bey nahe entschloßen, aus einer Neigung, die ich immer gehabt habe, einige Zeit in England zuzubringen, dort GesandtschaftsSecretär zu werden. Ich bitte mir Ihre Meynung u. Rath hierüber aus, Geliebteste Altern. England

¿5

26

5

Nr ζ4

Vor dem 6. April 1 7 5 5

hat sehr viele Reitzungen für mich, und der Umgang verschiedener großen Leute, die ich schon lange zu kennen wünsche, kan mir sehr angenehm und nützlich werden. — Cramer ist itzt bey uns in einer Art Gefangenschaft

2.4. V O N G O T T L I E B H E I N R I C H K L O P S T O C K ,

QUEDLINBURG,

V O R D E M 6. A P R I L I 7 5 5

Als Auszug überliefert Er ist ein Freund von großen Verdiensten für dich (Gel. Sohn) Ihm habe ich so manche mühsame, mich sehr vergnügende Nachricht zu verdancken, von dem, was deinethalben f ü r Gesinnungen sich in der Gelehrten Welt äußern und bekant werden — — — — Er bestätiget die beständigkeit seiner Freundschaft in allen Briefen, deren ich nicht wenige erhalte, mit immer neuen beweisen unermüdeter Wircksamkeit

25. AN A N N A M A R I A UND G O T T L I E B H E I N R I C H LYNGBY

KLOPSTOCK,

( ? ) , 5. J U L I I 7 5 5

Als Auszug überliefert Von der neuen Ausgabe des Meß. erwarte ich alle Stunden den ersten CorrecturBogen. Sie soll in zwey Theilen, zehn Gesänge enthalten. Den neunten Gesang habe ich nun fast zu Ende gebracht; und ich glaube mit dem zehnten, gegen die Zeit, daß er in die Druckerey muß, auch fertig zu werden. Es werden vierhundert Exemplare in 4to und ich habe Hofnung, daß mir

die Kosten gut thun werde.

Edward

Grandison habe ich gelesen, und er hat mir bis auf einige kleine Stellen gut gefallen. Ich wünschte den Verfaßer näher kennen zu lernen. Gleim kan mir vermuthlich diese Nachricht geben, welchen ich aufs freundschaftlichste grüße, und ihn darum bitte. Ich werde ehestens an ihn schreiben.

Nr z6

Z w i s c h e n Mitte August und A n f a n g September 1 7 5 5

26. VON M A R G A R E T A K L O P S T O C K , L Y N G B Y , Z W I S C H E N A U G U S T UND A N F A N G S E P T E M B E R

27

MITTE

1755

Mein süsser Klopstok. Der brave Oertling hat den Correcturbogen mit herausgebracht. Ich schicke ihn dir wieder hinein, wenn du ihn vielleicht dort corrigiren willst, sonst kannst du ihn Jochen wieder mit herausgeben. Cramer sagt ob du die Häckchen ( ) nicht ganz auslassen, u es nur durch die gewöhnlichen Unterscheidungszeichen machen willst; so machte ers. Die halbe nackte Seite hat uns auch allen nicht gefallen. Ich habe (auch durch Oertling) einen sehr süssen Brif von der Schmidten. Olde hat vom alten Schlebusch das Jawort. Diese Nachricht rührte mir so, daß mir die Thränen aus den Augen stürzten u ich nicht weiter lesen konnte. Und da fehltest du mir so sehr, daß du dich nicht mit mir freutest! Aber das sollst du diesen Abend thun; da will ich den Brif in deinen Armen lesen. Deine Meta.

2 7 . AN H E M M E R D E , KO P E N H A G E N , 2 3 . S E P T E M B E R

I755

HochEdler, Hochgeehrtester Herr, In Dero Brief vom 26ten August, verlangen Sie unter andern die Entwürfe für die neuen Gesänge. Ich sehe wohl ein, daß Sie fortfahren müssen, Kupfer zu liefern. Aber was die Kupfer selbst anlangt; so kann ich Ihnen nicht verheelen, daß es mir verdrüßlich genung ist, daß ich voraussehe, daß diese neuen Kupfer wieder so übel gerathen werden, als die ersten. Was die Arbeit des Kupferstechers betrift, so möchten sie noch wohl angehn. Aber es ist ganz u gar keine Zeichnung darinn. Ich weis wohl, daß Sie nichts dafür können. Denn ich kann von Ihnen nicht verlangen, daß Sie so viel daran wenden sollten als man thun muß gute Kupfer zu haben. Sie hätten gleich vom Anfange meinem Rathe folgen, u keine machen lassen sollen. Meine Entwürfe zu den Kupfern sind diese: Z u m V I te η Ges. Die Schaar, die in Gethsemane vor Jesu niederfällt, weil er gesagt hat: Ich bins! Der die Zeichnung macht wird wohl thun, wenn er sich hier ein gutes biblisches Kupfer zu Nuze macht. Ausser diesem kömmt aber noch hierin, daß drey h i n t e r e i n a n d e r , mit grosser Ä n g s t l i c h k e i t entflieheno Der lezte muß darinn von den beiden ersten

2,8

Nr 27

2.3. S e p t e m b e r

1755

unterschieden seyn, daß er nicht allein Ängstlichkeit sondern auch W u t in seinem Gesicht zeigt. Z u m V l l t e n G e s . Die Facade eines a n t i q u e n römischen Palastes Vor demselben das Hochpflaster. Unten herum eine g r o s s e Menge Volks. Pilatus auf dem Richterstuhle, dem ein Slav, aus einem prächtigen a n t i q u e n Wassergefäß Wasser über die Hände gießt Auf der rechten Seite Pilati steht der Mess, mit einer Mine voll e r d u l d e n d e r G r o ß m u t ; auf der linken Seite der Mörder Barrabas, ein wütender Mensch, voll starker Muskeln, mit niedergebükten Kopf, u seitwärts sehenden Augen. Über der Versammlung des Volks schwebt in einer dunklen Wolke mehrentheils verhüllt ein Todesengel mit einem Flammenschwerte. Dieser sieht mit ernster Mine auf das Volk herab. Zum

Vlllten

G e s . Die Kriegsknechte sind beschäftigt, das Kreuz

vollends aufzurichten. Der Messias steht unten am Kreuz, u hält seine rechte Hand über seine Augen u Stirn. Unter den vielen Zuschauern zeigen sich vorzüglich nebst einigen betrübten Jüngern, die frommen Weiber, die Jesu nachgefolgt waren, u die sich izt ihrer Traurigkeit ganz ü b e r l a s s e n o In dieser Gegend wird etwas von Jerusalem u dem Tempel gesehn. Z u m I X t e n G e s . Die Gegend ist wie die vorige aber so dunkel u mit Wolken bedeckt, daß nur sehr wenig von Jerusalem u dem Tempel gesehn wird. Der Mess, am Kreuz zwischen den zween Schachern. Der Zeitpunkt ist der, da er mit dem Haupte ein wenig herunter geneigt, u mit einer ernstvollen Traurigkeit, die doch mit etwas Heiterkeit gemildert ist, zu der Maria u Johannes redete. Dieß Kupfer muß von dem vorigen auch besonders dadurch unterschieden werden, daß die Action der Zuschauer verschieden vorgestellt wird. Z u m X t e n G e s . Die Vorige Gegend a b e r n o c h d u n k l e r , u einige Theile derselben n o c h

mehr

durch die Finsterniß verdeckt. Der Messias ist todt. Maria u Johannes haben ihr Gesicht verhüllt Die Hauptvorstellung der übrigen Z u schauer muß darinn bestehn, daß i) einige wenige derselben einen wehmutsvollen Schmerz zeigen; aber 2) die meisten eine wütende angstvolle Reue zu erkennen geben. — Schicken Sie mir eine Zeichnung von dem Kupfer des Vllten Gesangs. Ich will s i e g l e i c h wieder zurückschikken Ich verharre übrigens EwHochedlen ergebenster Diener Klopstock Kopp, den 23ten Spt. 55

Nr z8

Z w i s c h e n J u l i und November 1 7 5 5

29

28. VON M A R G A R E T A K L O P S T O C K , L Y N G B Y , Z W I S C H E N J U L I UND NOVEMBER

1755

Laß Lillie dich nicht aufhalten, Süsser! D u kannst ja morgen einen besondern Boten herein schicken, den Bogen abzuhohlen. Das kostet dir nicht einmal so viel als der Wagen, u ich habe dich — — u du hast mich (denn das ist dir doch ein Bewegungsgrund?) Ach, Klopstock wie ich dich liebe! Wie ich dich liebte da du wegfuhrst! da du nun wirklich weg

5

warst! itzt! u — — — ja u immer! eh du warst, wenn du wiederkommen wirst, immer! —

Deine Meta

29. AN A N N A M A R I A UND G O T T L I E B H E I N R I C H

KLOPSTOCK,

L Y N G B Y , V O R D E M 2.6. U N D A M 2 6 . O D E R 2 8 . D E Z E M B E R

I755

Gemeinschaftsbrief von Klopstock und Margareta Klopstock Als Auszug überliefert Klopstock: Ich will mit den Meßias anfangen. Der Druck ist jetzt bis den IXten Gesang über die Helffte fertig. Morgen oder überMorgen wird der erste Band, wenn mir anders Wort gehalten wird, zu Schiffe auf Lübek gehen. R a b e wird Ihnen (ich habe Bohnen ordre darzu gegeben) ein Exsemplar mit bringen. Der zweyte Band welcher gleichfalls aus 5 Gesängen beste-

5

het, wird nun nicht eher als künfftige Ostern nach Deütschland kommen. Für meinen lieben Gleim habe ich auch eins mit beygelegt. R a b e hatt sich deßhalb bey meiner Schwägerin der Schmidten in Hamburg zu melden, das Titul Kupffer, das auch nicht fertig ist, werde ich mit der Post Nachschicken. Preisler der einer von grösten heutigen Meistern ist,

10

sticht es. Die Dunciade ist endlich auch hier angekommen, Sie ist starck. Ernst hatt mir geschrieben, das Leßing vor den Verfaßer gehalten würde. Ich glaube es nicht, daß ers ist. Ich habe ein starcke Vermuthung, daß der Verfaßer in der Schweitz ist. Cramer sagt: wenn der Held der Dunciade (ich vermeide so viel ich kan seinen Nahmen zu nennen, nicht aus Z o r n , sondern aus Verachtung) wenn er noch einige Empfindung übrig hätte, der nächste Strick ihm der beste seyn müste. Zachariä beyden Gedichte erwarte ich mit nechstem von Hamburg, es ist verdrießlich, daß wir die neuen Sachen hier so spähte haben.

15

30

Nr 30

13. März 1756

Ich habe Hoffnung dieses Fest, oder doch bald darnach dem König den ersten Theil der neiien Ausgabe des Meßias zu überreicheno Das große Eüropäische Erdbeben, den so kann mann es wohl nennen, hatt hier wie Sie wohl dencken können, auch viel Eindruck. Doch die meisten betrachtens in Absicht auf die schlimmen folgen, die der Handelung daraus entstehen, u. sie sollten es doch vielmehr, als ein überaus merckwiirdiges Gericht des allmächtigen Regirers der Welt ansehen. Da kein Sperling ohne unßers Vaters Willen vom Dache fällt; so - - - Dieser Gedancke hatt mich offt und lange beschäfftiget. Es ist eine fürchterliche Warnung für Eüropa — Unser Cramer hatt eine starcke Predigt darüber gehalten, die mit einer nicht minder starken Predigt über die hiesigen Schwelgerey, auf Befehl des Königes besonders gedruck wird. Im Neünten Gesänge kömbt ein Gleichnis von einer in Erdbeben versamleten Großen Stadt vor. Die Meisten werden dencken, daß mich Lißabon zu dieser Stelle veranlaßet hat. Es ist aber doch ein Paar Monathe früher gemacht. Margareta Klopstock: Heüte sind August u. ich alleine hier, Alles ist in der Stadt, Klopstock um dem König die neue Ausgabe des Meßias zu überreichen. Mit der Fabrick ist es itzt auf einen gewißen Fuß. Der Plan mit den Königl. Magazin ist zu Stande gekommen, daß sie dahin eine gewiße qvantitat Graditure lieffern müßen. Sonst haben August und Rahn sich so verglichen, daß August die Seiden Fabrike gantz vor sich u. Rahn die Mahl Fabrike gantz für sich hat.

30. AN H E M M E R D E , K O P E N H A G E N , 1 3 . M Ä R Z

1J$6

Kopp, den i3ten März 1756. Werthester Herr Hemmerde, Ich überschicke Ihnen hierdurch ein Exemplar vom zweyten Bande. Ich bin durch den Buchdrucker, der mir das Exemplar überschicken sollte, u den zweyten Posttag durch meinen Bedienten, der das Paquet zu spät auf die Post gebracht hatte, aufgehalten worden, es Ihnen so bald, als ich versprochen hatte, zu überschicken. Unter deß glaube ich, daß es

Nr3i

4· Mai 1756

31

noch zur rechten Zeit kommen werde. Die noch fehlenden Bogen sollen Sie so bald sie fertig sind (u der Buchdrucker hat mir versprochen sie in zehn Tagen fertig zu machen) bekommen. Ich verharre EwHochedlen ergebenster Klopstock.

3 1 . AN H E M M E R D E , K O P E N H A G E N , 4. M A I 1 7 5 6

Koppenhagen den 4ten May 1756. Hochedler Herr, Hochgeehrtester Herr, Es ist mir sehr verdrießlich gewesen, daß mein Buchdrucker es mit Überschickung der Bogen versehn hat. Ich hatte ihm doch gesagt, daß er lieber den ganzen zweiten Band schicken sollte, wenn er die Anzahl der Bogen nicht genau wüßte, die er geschikt hätte. Er sagte, er hätts aufgeschrieben, u wüste es also gewiß. Ich will nur wünschen, daß die hierbey folgenden fehlenden Bogen noch zur rechten Zeit ankommeno Ich erhielt gestern Ihren Brief, u ich habe sie also nicht eher, als heut, abschicken können Ich habe Herrn Reich Factor in der Weidemannischen Handlung gebeten, sich das Geld für den zweyten Band von Ihnen auszahlen zu lassen. Sie werden also die Gütigkeit haben, dieß zu thun. Die Exemplare, die Sie von der Octavedition an mich schicken, können Sie nur Herrn Pelt, hiesigen Buchhändler, mitgeben. Sagen Sie Ihm, daß er mindstens ein Paar in seinem Coffer mitnehme, wofern er nicht Raum genung hat, sie alle auf diese Art mitzunehmen. Ich wünsche Ihnen übrigens wohlzuleben, u verharre EwHochedlen ergebenster Diener Klopstock

32

Nr 32

12., 13., 14., 15., 19. M a i 1756

3Z. "AN A N N A M A R I A U N D G O T T L I E B H E I N R I C H K O P E N H A G E N , AUF D E R R E I S E , IZ.,

13., 14., 15., 19.

MAI

KLOPSTOCK,

HAMBURG,

1756

Gemeinschaftsbrief von Klopstock und Margareta

Klopstock

Klopstock: Koppenhagnerrhede. den izten May 1756 Abends halb neun. Geliebteste Altern, Wir sind um sechs Uhr an Bord einer Jagd gegangen, die uns mit Gottes Hülfe, nach Lübek bringen soll. Cramers und Leisching begleiteten uns an Bord. Wir tranken eine Bouteille Wein mit einander, u nahmen, da wir uns nicht mehr erkennen konnten, noch mit den Schnupftüchern von einander Abschied. Rahns sind nicht mit uns gewesen, weil wir Hannchens Brust (die sich, aber langsam, bessert) der Seeluft nicht anvertrauen konnten. Wir liegen noch vor Anker, u erwarten den rechten Wind. Vor uns liegen sieben Kriegsschiffe, u das Wachtschiff. Eben fängt die Musik auf einer ganz nahe liegenden Fregatte wieder an. Vor einer halben Stunde hingen die Mittleren Theile der Mäste noch ganz voll Bootsleuten, welche die Seegel zurechte machten. Wir haben Mondschein, u der Schiffer denkt diese Nacht um zwölfe abzureisen. Vor einer Stunde sahn wir auf die Schwedische u unsre Küste den Regen niederschiessen. Der Schiffer befürchtete einen Gewitterwind, u daher sind wir nicht verreist. Margareta

Klopstock:

d. i3ten Morgens um 9. Wir liegen hier noch, liebste Aeltern. Wir haben sehr enge, aber doch gut geschlafen. Wir haben gut Wetter, nur daß es Windstille ist. Es scheint, so lange wir noch still liegen, werde ich mich gut befinden. Ich spatziere viel auf dem Verdeck herum, sonst sitze ich in der Cajüte, stricke, schreibe, lese, als wenn ich zu Hause wäre. Nur haben viel zu viel Apetit. — Könnten wir doch auch zu Schiffe so zu Ihnen als itzt nach Hamburg, reisen!

Nr 32

12., 13., 14., 15., 19. Mai 1756

33

Klopstock: Mittags um 12. Meine Frau hat unrecht, wenn Sie sagt: wir hätten Windstille. Wir haben einen Wind, mit dem wir nicht gehn können. Es ist recht lebhaft um uns. Alle Augenblicke kommen Chaluppen, die von u zu den Kriegsschiffen gehn. Ich habe mich gestern geirrt, da ich das Schif, das uns am nächsten liegt, eine Fregatte nannte. Es ist ein Kriegsschiff von 50 Kanonen. Es wird vollends aufgetackelt. Nachdem ich diesen ganzen Morgen des Kapitäns Stimme bewundert hatte; so hab ich nun gesehn, daß ich meine Bewundrung an ein Sprachrohr verschwendet hatte. Abends 3A auf sechse Wir sind um 4 Uhr mit einem gelinden Nord-nord-west Winde von der Rhede gegangen. Gott gebe uns ferner eine glükliche Reise! Rahn u August kamen noch eben zu uns an Bord, da wir verreisen wollten. Sie konnten kaum eine Viertelstunde bey uns bleiben. Ich muste über den Bootskerl lachen, der sie zu uns brachte. Er war in Indien gewesen, u nannte unsre Reise, eine Fahrt in der Gosse. Wir haben schön Sonnenwetter. Dreyzehn Schiffe seegein vor uns, davon zwey dicht am Horizonte sind; drey sind hinter uns. Gegen acht Uhr wird der Wind vermutlich stärker werden. Meine Meta befindet sich noch immer gut. Sie will mir unterdeß doch nicht so recht versprechen, wenn der Wind stärker wird, eine solche Heldinn zu bleiben. Ich esse alle drey vier Stunden einmal. Margareta

Klopstock:

% auf sieben Itzt bin ich gleichwohl noch immer eine Heldinn. Ach wenn wir solch Wetter u so gelinden Wind behielten! So wäre es eine schöne Reise. — Eben ruft der Schiffer, es wäre nord-nord-ost Wind also noch d i r e c k t e r Wind als wir hatten. Ist das nicht schön? Klopstock: den 1 3 t e n M a y Früh V* auf acht. Als ich diesen Morgen gegen sieben die Cajütenthüre aufmachte so war mein erster Anblick die weisse Anhöhe von Mön, sie nennen sie den Kreitenberg. Dank sey Gott, der uns bisher eine so gute Reise gegeben hat! . . . Ich bin mit unsern Schiffer sehr wohl zufrieden. Er hat gestern

34

Nr 32

12., 13., 14., 15., 19. Mai

1756

Abend u diesen Morgen, mit Andacht, Bethstunde gehalten... Wir haben diese Nacht einmal etwas stärkefen Wind, u einmal fast windstille gehabt. Jezt haben wir so guten Wind, daß mich das Schwanken des Schiffs ein wenig am Schreiben hindert. Ich habe dieß langsamer schreiben müssen, als ich gewöhnlich schreibe Es ist so schön Wetter. Ich will ein wenig aufs Verdeck gehn... Wir sehn hinter uns noch eine weisse Landkante von Seeland, u weiter herunter die Prästoer Anfurth, die ein wenig erhöhter ist. Wir sind erst neun Meilen gefahren. Es wird bis Lübek 31 Meilen gerechnet. Die Anhöhe von Mön scheint mir izt um 8 Uhr, kaum eine Vierthelmeile entfernt zu seyn, der Schiffer aber sagt, daß es noch eine Meile sey.

Nachmittags % auf drey Wir haben die Spize von der mönschen Anhöhe noch nicht überfahren. Wir haben schwachen Wind, u den Strom fast gegen uns. Dieß verursacht ein starkes Schwanken des Schiffs, dabey man gar nicht merkt, daß man fortkömmt. Meine arme Meta ist seit acht Uhr seekrank. Ich habe auch daran gemußt; aber ich habs kurz gemacht. Ich komme vom Verdeke herein, wo ich dem Schiffsjungen u dem Schiffshunde mit Vergnügen zugesehn habe. Beyde haben viel Ähnlichkeit miteinander kann das Schwanken hier im Engen nicht mehr aushalten

aber ich

% auf f ü n f e . Unser so schwache Wind hat aufgehört. Wir haben Westwind u gehn weiter in die See hinein. Wenn wir weiter hinein müssen, als wir izt noch denken; so werden wir eine etwas längere Reise haben. Ich wollte erst vom Schiffsjungen u seinem Gefährten erzählen. Sie sind beyde untersezt u stark; beyde getreu u aufmerksam gegen ihren Herren; u beyde höflich gegen die Mitreisenden. Der Hund kömmt nicht in die Cajüte, wenn er auch noch so grossen Appetit hat; der junge kömmt allezeit die Müze unterm Arme. Sie sind nur in zwey Sachen von einander unterschieden. Der Hund bellt, wenn ein Schiff vorbeyfährt; der Junge lacht. Ferner: der Hund speist etwas später. Doch bey dieser Gelegenheit werden sie einander wieder sehr gleich. Wenn die Schiffer aus dem Kessel, in dem sie alles kochen, gegessen haben, so kömmt der Junge hinten nach, u macht rein, u wenn der satt ist, so macht der Hund vollends rein.

Nr 31

i l . , 13., 14., 15., 19. Mai 1756

35

den i4ten Mittags halb elf. Heut früh % auf acht sahn wir die Spize von Burg auf Femern. Jezt sind wir gerade gegen über. Wir seegein beym Winde, u so schön, daß ich von heut früh an auf dem Verd. gewesen bin. Das Schiff liegt ganz auf der Seite, der Wind braust, u die Wellen schäumen. Wenn so ein rechter Windzug kömmt, so fliegen wir. Meine arme Meta hat gestern den ganzen Tag nichts gegessen, u heut auch noch nicht. — — Vor uns liegt Holstein, u darauf sehen wir nur den Thurm von Neukirchen. — — Es wird mir schwer zu schreiben wegen der Bewegung des Schiffs Nachmittags um 2. Uhr Dank sey dem Herrn der Wellen u der Winde! wir sind nur noch eine Meile von Travemünde. Der Wind wurde ein Paar Stunden recht ernsthaft. Wir lagen zuweilen mit starken Zuckungen des Windes lange u tief auf der Seite. Die Schiffer Hessen sich endlich von mir bereden, oder entschlossen sich selbst, von fünf Seegein drey herunter zu lassen. Nun gingen wir zwar etwas langsamer; aber auch besser. Jezt haben wir wieder drey Seegel. % auf drey. Die Lootsen kommen uns schon entgegen. Bald sehn wir nur ihre Köpfe, bald sie u das ganze Boot. Es ist ein Steinref hier. Deßwegen kommen die Lootsen. Hamburg den 18t May Ich habe es bis heut aufschieben müssen, meinen Brief fortzuschicken denn die Post geht erst heut. Als ich zu Hause kam, fand ich einen Brief von der lieben Mama. Wie es mich betrübt gemacht hat, daß Sie, liebster Papa, krank gewesen sind, das darf ich nicht erst sagen. Schreiben Sie mir doch ja bald, wie Sie sich izt befinden. Ich habe ohnedieß solange keine Briefe von Ihnen gehabt. Wie sehr wünschte ich, daß mir es möglich wäre, nach Quedlinburg zu kommen. Aber ich habe kein Geld dazu. Ausser, daß uns diese Reise schon viel mehr gekostet hat, als wir Anfangs dachten; so hab ich auch verschiedne Schulden theils an Rahn, theils sonst zu bezahlen gehabt. Ich habe zu dieser Bezahlung meiner Frau Kapital von neuen angreiffen müssen; u es sind mir gleichwohl noch 200 Rthlr. übrig, die ich noch an Rahn zu bezahlen habe. Dasjenige, was ich von Hemmerde bekomme, habe ich zur Bezahlung der Rüdingern

95

100

105

no

n5

no

n5

36

Nr 33

4. Juni 1 7 5 6

bestimmt, u deßwegen an den Factor in der Weidemannischen Handlung ordre gegeben, daß er es in Empfang nehmen, u an die Rüd. auszahlen soll. Ich habe an Carl an Ernst u an Marie Sophie sehr oft gedacht, daß ich jenen etwas zu ihren Studiren, u dieser etwas zu ihrer Ausstattung schicken wollte; aber ich kann ihnen auf keine andre Art etwas geben, als daß ich Sie, Geliebteste Altern bitte, das Goldstük, das ich Ihnen gelassen habe, dazu anzuwenden Ich erwarte nichts sehnlichers als Briefe von Ihrer wiederhergestellten Gesundheit, liebster Papa. Ich hoffe, daß Sie mich Bald damit erfreuen werden. Ihr Fieber scheint mir dem meinigen sehr ähnlich gewesen zu s e y n . . . Wir könnens nicht vermeiden, allerhand überfliessige Visiten anzunehmen, ich muß daher, um mich anzuziehn, abbrechen. Ich grüsse alle meine lieben Geschwister u bin beständig Ihr gehorsamer Sohn Klopstock.

33. VON C H R I S T I N A VON S C H U L Z E N , E B S T O R F , 4. JUNI I 7 5 6

Mein lieber Herr Klopstock ob gleich ihre person mir unbekant, so ist doch dero edler geist, der so Schön so erhaben so rührend denckt, mir schon seit einigen jähren, bekandt und von mir bewundert worden, ich Schäze mich glücklich gelegenheit zu haben, an ihnen zu schreiben und ihnen selbst zu sagen, was ich so öfters an anderen, die würdig waren, von den Klopstockschen gedancken unterhalten zu werden, gerühmet gewis ich habe ihrem messias vieles zu dancken um desto mehr, da ich so glücklich war, gedanken darin anzutreffen, die ob ich sie gleich nie gelesen noch gehört, als von ihnen, dennoch schienen meine eigene zu sein, die nur darauf gewartet mir selbst, durch ihnen, bewust zu werden, wie glücklich sind sie Herr Klopstock, daß sie eine Seele besizen, deren gedancken fähig sind sie über den Staube zu erheben, worin die meisten menschen niederträchtig, ihrer eigenen würde unbewust kriechen sind ihre handlungen, ihrer denckuns arth gemäß, so sind sie einer von den glücklichsten Sterblichen die auf erden anzutreffen, es ist auch unmöglich daß eine Seele die so erhaben denckt, und gleichsahm täglich sich in daß heyligtuhm dringt, einen verdorbnen geschmack haben, oder wenigstens, lange nachhengen könte, in absieht auf den Staube, der so viele verhindert, weiter zu sehn, als diese weit r e i c h e t o so wenig ein abadona ruhe

N r 33

4. J u n i

1756

37

finden kan, da er aus seiner glückSeeligkeit entfallen war, so wenig können auch die Lüste dieser erden, einen geist füllen, und Sättigen, der gewohnt ist, sich mit gedancken zu beschäftigen, wie der messias enthält gesezt er ließe sich durch sie hinreißen, es wird nicht auf immer sein, darum o welch ein glück, so zu dencken wie sie Herr Klopstock, der arme abadona, er wird in diesen gesängen noch nicht glücklich, so erbittert auch viele geistliche auf ihm sind, so gestehe ich doch aufrichtig, daß mir ein herz daß capable ist, ihm die gnade die er wünscht, zu misgönnen, viel Scheuslicher vorkomt, als die fehlers die ein abadona begangen, ob sie gleich Schwer s i n d o ich habe heute, an den geheimten raht Bernstorff meine dancksagung gemacht, vor daß buch, und ihnen mein lieber Herr Klopstock habe ich eine große obligation, vor die ehre ihres brieffes, wie angenehm ich dadurch, surprenirt ward kan ich nicht genug sagen, wie glücklich wolte ich mich Schäzen, wenn ich zuweilen daß vergnügen, von ihren umgang genießen könte, reichtuhm und ehre und hell klingende ungestühme Freuden, haben keine reizungen vor mich, aber der umgang mit würcklich klugen, erhabenen Seelen, die der Unsterblichkeit würdig, sich beweisen, daß sind die Vergnügungen meiner Seele, da fehlt es den auch nicht, daß sich ähnliche wesen, nicht bald in einem Süßen Freundschafts bande, einschließen solten, und ist daß den nicht ein Vorspiel derer Freuden die uns erwarten, aber wie armseelig macht mich nicht öfters diese arth zu dencken, die gegenden worinnen ich lebe, sind nicht sehr fruchtbaar an solchen geistern, wornach ich mich sehne, aber warum klage ich, ich bin meiner Unsterblichkeit gewis, dieses misvergnügen selbst, ist mir ein zeichen, daß diese weit, nicht der orth meiner ewigen bestimmung ist, ich ersuche sie aber hiedurch mein wehrter Herr Klopstock, mich unter die zahl dero freunde und bewunderer aufzunehmen, meine stete beschäftigung ist den herrlichen bilde, unsers göttlichen messias, immer ähnlicher zu werden, so kan ich auch versichert sein daß seine aufrichtiege Verehrer, mir nie ihrer Freundschaft werden unwürdig erklähren, trent uns den hie die vorsieht, dem körpern nach, so kan doch schon hier eine Freundschaft zwischen den Seelen bestehn, die gewis waß Süßes hat, und endlich ewig wird gekrönt werden, ich hoffe sie werden den messias doch noch weiter fortsezen, o theilen sie es mir doch mit, oder wenn sie sonst was vor der weit schreiben wovon sie glauben, daß es meine capacité nicht Übertrift, ich weiß nicht wer dero anschlus an mir geschrieben die hand ist mir

38

Nr 34

2 1 . Juni 1756

unbekandt, daß kan versichren, sie werden es wißen, und bitte ich also diese Zeilen der person zu überlieffern nun ich befehle sie dem höchsten, gott stärcke die kräfte und Segne die arbeit, die sie zu seinem rühm anwenden, ich verbleibe bis in alle ewigkeiten dero aufrichtiege Verehrerin und Freundin C ν Schulzen Ebstorff den 4 Juny 1756

34. AN F O R M E Y , H A M B U R G , 22. JUNI 1 7 5 6

Als Bruchstück überliefert (?) Hamburg, den 22ten Jun. — 56 Mein Herr, Ich habe von Herrn Mallet erfahren, daß Ihnen aufgetragen worden ist, mich zu einer Sammlung von encomiis die in Wien herausgegeben werden soll, einzuladen. Es würde zu lange dauern, eh Sie, über Koppenhagen, Antwort erhielten. Ich nehme mir also die Freyheit Ihnen selbst zu schreiben. Es ist mir sehr angenehm, diesen Anlaß zu haben, Ihnen meine Hochachtung zu bezeigen. Ich ersuche Sie, mein Herr, mich über folgende Punkte näher zu unterrichten: i ° sind mir die Verändrungen, die mit der Wiener Universität vorgegangen sind, u die diese Sammlung veranlassen, nicht bekandt genug. 2 0 weis ich nicht ob der Einlader eben der Herr von Scheyb ist, der die Theresiade gemacht hat. Ich kann nicht leugnen, wenn die Wahl Ihrer Majestäten auf den Verfasser der Theresiade gefallen seyn sollte, daß ich alsdann befürchte, daß Voltäre, Metastasio, u Sie, mein Herr, nicht in der auserlesensten Gesellschaft erscheinen werden. 3 0 vermute ich, daß die Erlaubniß, nicht panegyristisch zu seyn, nicht eben nach dem Wortverstande genommen werden müsse; u da ich gleichwohl, jenes zu thun, sehr geneigt seyn würde, so müste ich befürchten, daß der Aufsaz, den ich etwa einschicken könnte, sehr wenig nach dem Geschmacke derjenigen seyn würde, die die Befehle zu der Sammlung gegeben haben.

Nr 35

2.0., 2 4 . , 29. J u n i 1 7 5 6

35. AN A N N A M A R I A UND G O T T L I E B H E I N R I C H

39

KLOPSTOCK,

H A M B U R G , 2 0 . , 2 4 . , 2.9. J U N I I 7 5 6

Gemeinschaftsbrief von Klopstock und Margareta Klopstock Klopstock: Hamburg, den 20ten Junius 1756. Geliebteste Ältern, Ich will endlich einen Brief an Sie mindstens anfangen. Es haben mich viele, oft angenehme Zerstreuungen bisher davon abgehalten. Aber selbst die angenehmen sind oft durch die Vorstellung unterbrochen worden, daß ich Sie, die ich so sehr liebe, dießmal nicht sehn kann. Mein Leben ist ruhig, u oft gliikselig — allein es ist doch immer n u r d i e s e W e l t , in welcher ich bin. Wie vieles fehlt mir nicht izt, da ich S i e nicht sehn kann. Doch Dank sey unserm Gott, der Sie, mein sehr geliebter, innig geliebter Vater, vorzüglich deßwegen so sehr geliebter Vater, weil Sie Gott fürchten, wieder gesund gemacht hat. E r wolle Ihnen ihre Kräfte völlig wieder geben!

Von Ernsten hab ich durch Bohn u Lessing, die

ihn in Leipzig gesehn haben, viel Gutes gehört. Sie schmeichelten mir nicht. Sie redten von Herzen. Denn ich drang darauf, daß sie dieses thun sollten. — Ich will fortfahren, alles, wie es mir einfällt, durcheinander zu schreiben. — Der König, der von allen aufrichtig geliebt wird, die Ihn sehn, hat bey seinem Hierseyn von neuen erfahren, wie süß es ist, so menschlich zu seyn, als Er ist. Er kam nach Hamburg, um die vornehmsten Gassen der Stadt zu besehn. Die Leute drangen sich so sehr um Ihn, daß Seine Garde meistentheils hundert u mehr Schritte von Ihm entfernt blieb. Die wenigsten von diesen Leuten waren Seine Unterthanen. Gleichwohl konnte Sein Pferd kaum fort. Er muste oft völlig still halten. Sein Läufer der sich unter den Hals des Pferdes retirirte, wurde beynah erstikt. Die Leute faßten das Pferd an, faßten bisweilen so gar die Steigbiegel u die Füsse des Königs an, sahen Ihn unaufhörlich an, riefen Ihm unaufhörlich zu. Vater, König.. vivat hurrah! komm bald wieder, Vater! u tausend andre Sachen wurden unaufhörlich gerufen. Der König, der alles sah, allen dankte, u oft denen verbot, die das Volk zurükhalten wollten, sezte seinen Hut beynah nicht auf, ob gleich ein starkes Gewitter mit Regen kam. — Rahns Bruder, der Lieutenant, der ein braver Mensch ist, u der sein Glük in des Königs Diensten aus gewissen Ursachen nicht machen konnte, hat nun viel Hofnung, unter

40

N r 35

2 0 . , 2 4. y 19.

Juni

1756

das hiesige Regiment zu kommen. Ich hatte mich deßwegen schon bey dem Syndicus Faber bemüht; aber dieser konnte es allein nicht ausführen. Der Herr von B. machte mir darauf die Freude, denen Hamburger Deputirten davon zu sagen. Und diese werden nun gewiß ihr möglichstes thun. Die Sache ist deßwegen ein wenig schwer, weil die Officiers hier gute Bezahlung haben. Margareta

Klopstock:

den 2 4 t e n Ich will die kurze Zeit nehmen, die ich habe, um Ihnen Fr. Mutter, zu sagen daß die Fr: Schwester mir feine Betttücher u Ueberzüge mitgegeben, um an Sie zu schicken. Ich lasse es liegen bis ich Ordre von Ihnen bekomme, mit welcher Gelegenheit ichs schicken soll. — Ich bin hier in Hamb, sehr sehr vergnügt u gesund. Weils aber nicht seyn kann bey meinen Mann u meinen Verwandten zusammen zu seyn; so lasse ich doch lieber diese, u reise sehr gerne wieder mit meinen lieben Mann, denn niemand kann mich doch so glücklich machen als er. Mit unsern Briefen geliebte Aeltern, muß eine Irrung vorgegangen seyn. Wir haben auf einen von Weihnacht noch keine Antwort. Ihr letzter, ausser dem, hier nach Hamburg, war der, wo Sie von einer gewissen Bibliotheck Nachricht geben. Seyn Sie so gut, niemals à Lingbye; sondern nur allezeit schlechtweg (ohne weitre Addresse) à Copp. darauf zu setzen, u wenn Sie sie bey der Schmidten einschliessen; so schreiben Sie nicht fr: Hamb: sondern gar kein franco darauf. Grüssen alle unsre lieben Geschwister, besonders Marie Soph, an deren Heyrath ich allen Theil nehme u viel Glük dazu winsche. Ich winsche daß sie so glücklich wie ich werde! M . Klopstock d. 29ten Jun. Von meiner Schwester Schmidten habe ich Sie sehr zu grüssen Frau Mutter, u zu sagen, daß die Federn hier angekommen. Sie hat sie so, ohne das Faß zu öfnen einer guten Freundinn überlassen, kann also von dem Empfang nichts melden. Sie bittet sich mit ersten die Berechnung der Federn, also auch aller übrigen Unkosten dabey aus, weil die Freundin schon danach gefragt. Da sie diese Federn nicht selbst behalten hat; so hätte sie gerne bald andre, wenn das Sie aber zu sehr beschwert; so bittet sie Madame Giseke um die Besorgung. Sie sind wohl so gut, es derselben zu sagen. Meine Schwester Dimpfel ersuchet auch um einen halben

Nr 36

8. J u l i 1 7 5 6

41

Centner Flachs, den halben Centner zu fünf Reichsthaler in Louisdor. Sie empfehlen sich Ihnen alle. Klopstock: Ich habe bisher auf Rabens Gelegenheit gewartet, den 2ten Theil des Mess, f ü r Sie mitzuschicken. Aber R a b e ist noch nicht hier. Wenn er nicht bald kömmt, so werde ichs mit der Post thun — Sie wollen gern, daß ich an Gleim schreiben soll. Ich sehe nicht, w a r u m er nicht an mich schreibt? Griissen Sie ihn von mir. Das epigramma das er auf den König von Preussen hat in Kupfer stechen lassen, würde mir noch mehr gefallen, wenn die beyden unbeschriebnen Bücher, die beym Antimacchiavel stehn, gar nicht da wären. So würde es noch mehr sagen. — R a h n schreibt mir vor einigen Tagen, daß Hannchens Brust sich nun mehr u mehr zur Beßrung anliesse. Sie hat recht viel davon ausgestanden, u sich sehr gut u gelassen dabey aufgeführt. — Ich habe viel Verlangen Mariesophiehens künftigen M a n n durch Briefe näher kennen zu lernen. Es ginge wohl leicht an, daß ihn M a r i e S. dazu veranlaßte — wenn R a b e etwa bald von Quedlinb. verreisen sollte, so lassen Sie ihm doch sagen, daß er hier anspricht, u daß ich ihm allerhand mitzugeben hätte — — Wir haben hier sehr fruchtbare Wetter; Viel Gewitter u Sonneschein. In den Zeitungen stand, daß das Magdeburgische Hagelwetter bis Quedl. gegangen sey. Ist dieß an dem? — Dieser Brief hat lange gelegen eh er fortgekommen ist. Ich bitte Sie, daß Sie Ihre Antwort nicht solange liegen lassen. Denn mich verlangt sehr, zu wissen, wie weit es, Liebster Papa, mit Ihrer Beßrung gekommen sey — — Wenn Giseke Lust hat, sich mit meiner Frau auszusöhnen; so steht ihm izt noch der Weg dazu offen. Aber wenn noch einige Zeit vorüberseyn wird; so werden z w o Briefe nicht ausrichten können, was, izt noch, Einer thun kann. Ich küsse alle meine lieben Geschwister, u bin Liebste Altern Ihr gehorsamer S. Kl.

36. A N J O H A N N A N D R E A S C R A M E R , H A M B U R G O D E R

BORGESCH,

8. J U L I 1 7 5 6

Als Auszug überliefert Ich muß Ihnen auch etwas E r n s t h a f t e s schreiben Alberti habe ich

42.

N r 37

17. J u l i 1756

sehr lieb, und sehe ihn so oft, als ich kann. Er ist, wie Sie, mich deucht, nur gehört haben, ein Erzähler, der einem das ganze Herz, nebst allen übrigen großen und kleinen Muskeln, zu lachen machen kann. Ueberdieß treffen wir uns sehr oft an, daß wir über Eine Sache gleich gedacht hatten. Ich habe ihn recht sehr lieb. Ich wollte, daß wir ihn bey uns hätten. Einen Hauptfehler hat er an sich. Er denkt über die Frauensleute, wie er sie nennt, so mürrisch streng, daß in dieser Sache gar nicht mit ihm auszukommen ist, und daß ich alle Hände voll zu thun habe, unsre Freundinnen darin mit ihm wieder auszusöhnen. Der böse Mensch hält z. E. eine Freundschaft zwischen zwo Freundinnen für schlechterdings unmöglich, und behauptet, daß die englische Nation schon bloß deßwegen eine von den weisesten Nationen sey, weil sie für »Freundin« kein Wort in ihrer Sprache habe. Ich wüßte nicht, wie es ihn hier in die Länge gegangen seyn würde, wenn er nicht einen solchen Fürsprecher an mir gefunden hätte. Denn Sie sehn leicht, daß die Fürsprache eines Anbeters, wie ich bin, von nicht geringer Bedeutung seyn muß.

37. AN H E M M E R D E , H A M B U R G , I 7 . J U L I 1 7 5 6

Hamburg den i7ten Jul. 1756. Hochedler, Hochgeehrtester Herr, Eben izt wird mir gemeldet, daß Sie sich, wegen der von mir nach Leipzig überschikten Exemplare von der Koppenhagenschen Ausgabe des Mess., über mich beklagt haben. Sie hätten diese Klagen, an mich selbst, u nicht an andre, richten sollen. Ich bin eben so abgeneigt, Ihnen im geringsten Unrecht zu thun, als ich einen herzlichen Eckel an Verlegerstreitigkeiten habe. Ich verlange daher, daß Sie mir die Ursachen ihrer Anklage selbst anzeigen. Ich bitte Sie, daß Sie es bald thun. Denn ich will, daß diese Sache so gleich unter uns abgethan werde. Ich werde noch einige Wochen hier seyn. Meine adresse ist: Bey Hr. Benedikt Schmidt in der grossen Reichenstrasse. Ich bin übrigens Hochedler, Hochgeehrter Herr Ihr ergebener Diener Klopstock.

Nr 38

31. Juli 1756

43

38. AN H E M M E R D E , H A M B U R G , 3 I . J U L I 1 7 5 6

Hamburg den 3iten Jul. 1756. Hochedler, Hochgeehrtester Herr, Eben erhalte ich Ihren Brief vom Z7ten dieses. Vorläufig muß ich Ihnen sagen, daß ich weder einen Brief noch Exemplare von Ihnen erhalten habe. Sie werden vermutlich Exempl. von Ihrer Ausgabe verstehn. Seyn Sie also so gut u zeigen mir an, wem Sie diesen Brief u diese Exempl. mitgegeben haben. — Wer hat Ihnen denn die Nachricht gegeben, daß 800 Exempl. in Koppenh. gedrukt worden sind? Fragen Sie doch künftig erst bey mir an, ob solche Nachrichten, die Sie sich geben lassen, wahr sind, ehe Sie dieselben glauben; Oder erkundigen Sie sich mindstens auf einandermal bey denen, die die Sache wissen können. Rothe, der im Anfange; Pelt, der zulezt die Besorgung des Druks gehabt hat; u Lillie, der die Ausgabe gedrukt hat, werden Ihnen Nachricht geben können, daß nicht mehr als 418 Exempl. gedrukt worden sind. Die 18 sind auf Roialpapier, u zu Geschenken bestimmt. Ich kann nicht begreifen, daß Ihnen Jemand diese Nachricht hat geben können. Es ist unterdeß möglich, daß es Rothe gewesen ist, über den ich zulezt, aus gerechten Ursachen, verdrießlich geworden bin. Sie werden aus dem, was ich Ihnen noch, über den ganzen Zusammenhang unsrer Sache, sagen werde, sehen, wie wenig ich gesonnen sey, Ihnen, auch nur im geringsten, Unrecht zu thun. Aus gewissen Ursachen, entschloß ich mich: zoo Exempl. auf meine Kosten drucken zu lassen. Ich schrieb es Ihnen, u sagte Ihnen dabey, daß ich diese Ausgabe, größtentheils für Dännemark bestimmte. Hierauf wurde mir vom Hof aus befohlen, daß ich 400 Exempl. sollte drucken lassen, u dabey gesagt, daß Sr. Majestät mein Allergnädigster König mir ein Geschenk von dieser Ausgabe machten. Ich schrieb Ihnen auch dieses. Ich weis nicht, (denn ich copire meine Briefe nicht) ob ich noch hinzugesezt habe: daß auch diese 400 Exempl. größtentheils für Dännemark bestimmt wären. So viel weis ich, daß ich bey Ihnen anfragte: Ob Sie den Verkauf derer Exemplare, die ich nach Deutschland schicken würde, übernehmen wollten? Hierauf glaubte ich meinem Bruder, der in der Weidemannischen Buchh. steht, einen Gefallen zu erzeigen, wenn ich die für Deutschland bestimmten Exempl. dieser Buchh. überließ. Ich hielt zugleich nicht dafür, daß meine Anfrage an Sie, ein Contrakt wäre, den ich mit Ihnen wegen der für Deutschi, bestimmten Exempl. gemacht

44

Nr 38

31. Juli 1756

hätte. Und da ich mich eines Ihnen gegebnen Versprechens: die 4 0 0 E x e m p l . g r ö ß t e n t h e i l s in Dännemark zu verkaufen, nicht erinnerte; (u auch izt nicht erinnre,) so übersandte ich 200 Exempl. an die Weidemannsche Buchh. u 40 Exempl. an Hr. Bohn in Hamburg. 100 Exempl. verkaufte ich an Hr. Pelt in Koppenhagen, u überließ es ihm, damit zu machen, was er wollte. So hängt die ganze Sache zusammen. Sie erklären sich: daß unsre Klagen unter uns abgethan wären, ob Sie gleich glauben, daß ich 800 Exempl. hätte drucken lassen. Ich danke Ihnen dafür.

Ich aber will sie nicht eher f ü r abgethan halten, als bis

Sie mir folgende Fragen beantwortet, u wir uns darüber verglichen haben: 1) Sagen Sie mir: O b ich Ihnen, auch wegen der 400 Exempl. geschrieben habe: daß ich sie g r ö ß t e n t h e i l s in Dännemark verkaufen lassen wollte? Wenn ich Ihnen dieses geschrieben habe; so kömmt es darauf an, daß wir uns über die Genugthuung, die Sie dießfalls fordern können, vergleichen. Und damit alles in der Ordnung geschehe, so bitte ich mir dabey aus: daß Hr. Professor Meier, den Auszug aus meinem Briefe mit meinem Briefe zusammen halte, u die Copie unterschreibe. 2.) Beantworten Sie mir: Ob Sie mir eine schriftliche Erklärung geben wollen: Daß Sie sich sehr darinn übereilt hätten, indem Sie von mir geglaubt hätten, daß ich 800 Exempl. anstatt der versprochnen 400 hätte drucken lassen; u ob Sie mir überhaupt in dieser Erklärung versprechen wollen, daß Sie künftig, in so fern als wir mit einander wegen des Mess, zu thun haben, Sachen von der Art von mir nicht eher glauben, noch viel weniger davon sprechen wollen, als bis Sie sich mit Gewißheit überzeugt haben, daß sie w a h r sind? Es ist dieß das wenigste, w a s ich, dieser Beleidigung wegen, von Ihnen fordern kann. Noch eins, das zwar diese Sache nichts angeht, das mir aber doch sehr unangenehm gewesen ist. Warum haben Sie denn meine Entwürfe zu den Kupferstichen, als Erklärungen derselben drucken lassen, ohne vorher deßwegen bey mir anzufragen: ob ich es erlaubte? Sie sehen nicht ein, u ich kann auch von Ihnen nicht fordern, daß Sie es einsehn sollen, wie lächerlich diese Erklärung der Kupfer dadurch wird, da man in den Kupfern so sehr vergebens sucht, was in der Erklärung steht. Über dieß waren meine Entwürfe gar nicht dazu gemacht, jemals gedrukt zu werden. Ich hatte sie in höchster Eile geschrieben, u gar nicht daran gedacht, daß Sie jemals den sonderbaren Einfall haben würden, sie drucken zu lassen.

Nr 39

Z w i s c h e n Ende M a i und Ende August 1 7 5 6

45

Ich ersuche Sie, mir mit nächster Post zu antworten. Denn ich werde mich nicht lange mehr hier aufhalten. Ich verharre übrigens Hochedler, Hochgeehrtester Herr Ihr ergebener Diener Klopstock.

39. AN J O H A N N A N D R E A S C R A M E R , B O R G E S C H , Z W I S C H E N MAI UND ENDE AUGUST

ENDE

1756

Gemeinschaftsbrief von Klopstock und Margareta Klopstock; nur Klopstocks Text als Auszug überliefert Das werden Sie wohl nicht vermuten, dass ich, ausser in meine Frau, in noch zwo andre wirklich verehlichte Frauen und in eine Demoiselle verliebt bin, der ich leider! nicht näher kommen kann, als dass ich sie, so oft es nur möglich ist, am Fenster sehe. Meine Frau sieht das alles mit an und erträgt es, weil es einmal nicht zu ändern ist, mit der grössten Klugheit und Geduld von der Welt. Das bringt mich nun freylich von Zeit zu Zeit zu ihr zurück, aber niemals so lange, dass ich durch die Beständigkeit berüchtigt zu werden befürchten dürfte ( . . . ) .

40. AN A N N A M A R I A U N D G O T T L I E B H E I N R I C H K O P E N H A G E N , 3. S E P T E M B E R

KLOPSTOCK,

I756

Koppenhagen d. 4ten Sept 1756 Geliebteste Ältern Ich habe Ihnen die Zeit meiner Abreise von Hamburg deswegen nicht gemeldet, weil ich Ihnen die Unruhe, uns auf der See zu wißen, nicht machen, und Ihnen lieber unsre Ankunft schreiben wollte. Wir verreisten vergangenen Montag in aller Frühe von Hamburg, hatten zwar das schönste Wetter, das man haben kan; wurden aber auf dem Lübschen Wege, welcher, wie ich glaube, der schlechteste im ganzen Heiligen Römischen Reich ist, sehr gerüttelt und gestoßen, und verlohren auch dadurch einige sehr gut eingepackte Bouteilgen guten Wein. Wir kamen gegen Abend in Lübeck an. Unser Correspondent hatte schon einen Wagen nach Travemünde bestellt, wir packten um und verreisten so

46

N r 40

3. S e p t e m b e r

1756

gleich. Es war schon dunckel, und wir hatten den dumsten Bauer zum Fuhrmann, der einen ehrlichen Mann nur fahren kan. Nachdem wir eine halbe Meile gefahren waren, so hatten wir uns in einem Walde verirrt. Wir hörten in der Nähe Hunde bellen. Wir schickten den Bauer mit seinem Sattelpferde dahin. Er brachte uns eine Frau zurück, die uns sagte, daß wir auf dem rechten Wege wären. Und wir warens auch, und nur zween Canonenschüße von der Trave. Wir freuten uns im Anfang sehr, daß die Fährleute auf unser Rufen so gleich antworteten, allein wir merckten bald, daß es ein sehr schönes Echo war. Nachdem sich mein Diener und der Fuhrmann wechselsweise müde gerufen hatten; so entschloß ich mich, den Bauren mit einem Pferde wieder auszuschicken, irgendwo am Waßer ein Fischerhauß zu suchen. Ich hatte wegen seiner Dummheit fast keine Hoffnung, daß er einen Fischer finden würde. Allein nach zween Stunden brachte er doch einen, der fuhr hinüber, weckte die Fährleute, u. wir kamen hinüber. Wir kamen früh um 3 Uhr (das war die Zeit, die der Schiffer zu seiner Abreise festgesezt hatte) endlich nach Travemündes Ich holte den Schiffer aus seiner Cajüte. Wir luden ins Schiff, und um halb fünf Uhr verreisten wir. Wir hatten guten u. starcken Wind. Meine Meta wurde also gleich krank. Ich hätte Ihnen dismahl wieder ein kleines Journal von unsrer Reise geschrieben; allein wir hatten die Cajüte dißmahl nicht für uns allein bekommen können; und ein gar nicht großer Tisch gehörte Sieben Personen zu. Gegen zwölf Uhr zog sich erstlich (wir hatten Nordwestwind) ein Gewitter auf. Ich zeigte es dem Schiffer an. Er hatte es schon bemerckt. Er wartete noch ein Paar Minuten, und da ließ er die Seegel einziehn. Dis geschah zwar schnell genug aber doch nicht so schnell, daß sie schon völlig eingezogen gewesen wären, da der Sturm kam. Ich erschrack anfangs ein wenig; faste mich aber bald. Nachdem ich mit meiner Meta ein Paar Minuten gesprochen hatte, so gieng ich wieder aufs Verdeck, u. hielt mich oben beym Steuer an ein BesansThau. Denn zu stehen, ohne sich zu halten, war nicht möglich. Die See sah schön und schrecklich aus. Die Wellen giengen viel höher, schäumeten vielmehr, u. schlugen viel stärcker an das Schiff als vorher. Um nicht zu treiben, hatten wir noch zwey Seegel behalten, das, am Besan, und ein kleines Vorderseegel. Wir seegelten also, aber wir durchschnitten die Wellen nicht mehr genug. Das Schiff schwanckete also itzt auf u. nieder. Dann auf der linken oder der rechten Seite. Land sahen wir wohl, aber vom Lande kam der Wind. Gott gab mir die Gnade, daß mir einigemahl Freudenthränen über seine

N r 40

3. S e p t e m b e r 1 7 5 6

47

Allmacht in die Augen kamen. Und ich fand eine besondre Ruhe, und eine recht süße Freude darinn, vor mich die Worte: Herr des Meeres und der Winde! — — dann zu singen; dann wieder ziemlich laut zu beten. Ich fand nun einmahl eine besondere Freude an diesen Worten, und ich wiederholte sie oft. Unterdeß daurte der Sturm fort, ohne jedoch mercklich heftiger zu werden. Der Schiffer steurte, so viel er konte, nach dem Lande. Ich weiß nicht, ob er Ancker werfen, oder nur näher ans Land kommen wollte. Denn näher am Lande gehen die Wellen nicht so hohl. Nach ungefehr drey Viertel Stunden gab Gott, daß sich der Sturm legte. Die Zuckungen des Windes hörten zwar noch nicht völlig auf; aber sie wurden mercklich schwächer. Weil wir immer fortseegelten, und uns unsere Richtung, ohne dis näher an die Inseln brachte, der Wind über diß seine Zuckungen nach u. nach verlor; so seegelten wir nun geschwind u auf die angenehmste Art von der Welt. Denn weil wir näher am Lande waren (etwa eine Meile davon) so waren die Wellen kleiner, u. wir schnitten die See fast ohne Auf und Niederbewegung des Schifs gerade durch. Weil das Schiff, so zu sagen, fest lag, so schäumten u. brausten die Wellen auf der Seite, wo es am tiefsten lag, ordentlich wie ein Wehr. Wenn ich die Augen zumachte, so war es mir, als wenn ich in einer Schauckel, die sich kaum bewegte, an einem Wehre säße. Auf der anderen Seite sprizten die Wellen oft auf das Schiff. Als ich des Nachmittags einmahl voller Danck u. Freude, dicht beym Steuer saß, so wurde ich durch einen Wurf des Waßers einmal so naß, daß ich mich hätte ausziehn mögen. Theils nicht wieder naß zu werden, u. theils mich noch mehr umzusehn, stieg ich übers Verdeck, u. sezte mich unter das Besanseegel; allein auch da blieb ich nicht ganz verschont. Gegen Abend warfen wir oben an der Spitze von Falster oder am Grünen Sunde, wie es die Schiffer nennen, unter dem Schutze einer kleinen Anhöhe, die mit Walde bedeckt war, Ancker. Wir lagen da, wegen conträren Windes bis den anderen Mittag Wir lichteten unser Ancker, u. fuhren etwa eine Viertel Meile. Allein da wurde der Wind von neuen so conträr, daß wir umkehren, und an der vorigen Stelle wieder ankern mußten. Des Nachmittags wurde der Wind u. die Luft gelinder u. wir seegelten wieder. Es wurde so angenehm warm, daß alle aufs Verdeck kamen. Wir seegelten etwas langsamer, u. wir hatten die Anhöhe von Mön, oder den Kreidenberg lange vor uns. Diese Anhöhe ist schön, biß zum mahlen. Sie ist gröstentheils mit Waldungen bedeckt. Eh man die Seite, wo sich die KreidErde am meisten zeigt, ganz zu sehen bekomt, so sieht es an der äusersten

48

Nr 41

29. Oktober 1 7 5 6

Spitze aus, als wenn ein schmaler weißer Strich von einem Walde gerade herunter in die See gienge. Des abends um zehn ankerten wir an einer Anhöhe von Seeland, die nicht weit unter Anmack liegt, nicht wegen wiedrigen Windes, sondern weil unter Anmack Tonnen ausliegen, die man muß sehen können, wenn man dort seegein will. Des Nachts um 2 Uhr reisten wir von dort ab. Nicht weit unter Anmack begegnete uns ein großes englisches Schiff mit allen Seegein, die man beysezen kan. Wir grüßten einander durch ein lautes Zurufen. Nach einen Paar Stunden fuhren wir ein dänisch Kriegesschiff, das von Marocco zurückgekommen war, u. vor Anker lag, vorbey. Wir wurden von den Matrosen u. Soldaten, davon das ganze Verdeck wimmelte, mit ihrer grösten Ehrenbezeugung, die auch eine Prinzeßin von Ihnen anhören muß, begrüßt. Sie besteht darin, daß sie zehn zwanzigmahl: Hura rufen. Wir kamen um zehn Uhr glücklich ans Land. Wir sind bey Hanchen u. ihrem Manne. Auf den Dienstag (wir können unsere Sachen nicht ehe ans Land bekommen) werden wir nach Lingbye reisen, u. so lange dort bleiben, als Bernsdorf auf dem Lande bleibt. Augusten haben wir noch nicht gesehn, aber Cramern, der gestern eben in der Stadt war. Meine Meta schläft noch aus. Ich aber bin schon um 7 Uhr aufgewesen, weil ich auf dem Schiffe, wiewohl auf der Bank u. in Stiffeln sehr gut geschlafen, u. des Tages sechsmahl gegeßen habe. Wir grüßen sie alle herzlich, Klopstock.

4 1 . VON HOHORST, LONDON, 29. OKTOBER

1756

London den 29.ten Octobr. 1756. Liebster Klopstock Da die Briefe von hier so viel Post Geld kosten; so hatte ich mir vorgesezt Ihnen mit den ersten Schiffer zu schreiben. Es währt mir aber zu lange, und mein Beruf ist, (ausser des Vergnügens so es mir macht) zu wichtig, als daß ich länger warten könte. Daß I: Exc: ν Bernstorfs gnädiges Schreiben in welchen Sie mich auf das Großmütigste dem hiesigen Königl. Gesandten empfehlen hier angelangt; daß der Baron v: Rantzow alles für mich zu thun mir versprochen, daß dieser Herr bereits meiner bey dem hiesigen Ober Kriegs Minister zu erwehnen den Anfang gemacht und von selbigen die Antwort erhalten daß Er Alles waß an Ihm lige thun wolte; daß ich izt auf das Ihro Königl. Mayestät eingesandte

Nr4i

Ζ9· Oktober 1756

49

Memorial, dessen Inhalt Ihnen der liebe Leisching bekantgemacht haben wird, Antwort erwarte und daß ich nach solcher sogleich agiren werde; daß sowohl der so venerable als rechtschafne Man der Herr Geh: Legat: Rath: von Schräder mir dessen Gewogenheit und Freundschaft würdigt, und der H: Bar. v: Rantzow mir gleichfals sehr oft zum Essen bittet und viele Höflichkeit erweiset daß ist alles waß ich Ihnen noch bißher von meinen Glücks Umständen schreiben kan. Da ich einen Buchhändler hier angetroffen der es unternehmen will ihren Messias in der Englischen Sprache übersetzen zu lassen; und das Subject welches diese Arbeit verrichten soll ein ziemliches zartes Gefühl vom Erhabnen hat; zugleich beyder sowohl der Englischen als der Teutschen Sprache ziemlich mächtig ist; so hoffe ich daß, nach dem Project daß ich dieserwegen entworfen, und welches ich meines liebsten Klopstocks Beurteilung überlasse; diese Arbeit reuissiren soll. Er übersetzt den Messias nemlich in erhabner Prosa; sobald er einen Bogen fertig bringt Er solchen nach Ridchardson und da dieser ein genauer Freund von Young ist, so übersieht Er entweder allein oder Young und ein andrer Freund mit Ihm, (den ob letzteres geschehen wird solches weiß ich noch nicht gewiß) Denn soll der Bogen oder einige derselben Ihnen zugeschickt werden, und wenn Sie es den gut finden so wird zum Druck geschritten. Damit aber die Übersetzung desto besser von statten gehe und ich bey dem Übersetzer eine edle Nacheiferung errege; so bitte ich gehorsamst; so viel Bogen als Rahn im französischen übersetzt hat und welche völlig Ihre Approbation haben mir unter unten angefügter Addresse sobald als möglich zu übersenden damit ich vor meine Abreise von hier alles Nötige. besorgen Ihnen die Probe der englischen Übersetzung einsenden und Sie mit dem Ubersetzer bekantmachen kan. Itzt will ich Ihnen Ridchardson so gut als ich Ihn aus dem ersten Besuche habe können kennen lernen beschreiben, ich behalte mir aber vor Ihnen in dem Briefe den ich Ihnen durch die Schmidten und zwar mit den ersten Schiffer so von hier geht, zusenden werde, eine umständlichere Nachricht von Ihm und vieleicht auch von Young und Glover, zu erteilen. Ridchardson ist ein M a n von ohngefehr 64 Jahr von ihrer Grösse aber ziemlich stark und gesetzt. Er hat hell braune Haare ein paar grosse blaue feurige schalkhafte geistige Augen; Ist sehr freundlich sanft und angenehm in seinen Wesen, kurz er hat ein recht menschenfreundliches Herz welches ein jeder, wofern er selbst gut ist, erkennen und verehren muß. Ich wolte Ihm recht was gutes sagen und fing also erst von Ihnen

50

Nr4i

29· O k t o b e r

1756

von ihren Messias von Cramern und seinen Bossouet; von Leisching von unsern ganzen Cirkel und von denjenigen den ich nicht ohne Tränen der Dankbarkeit nennen kan von unsern grossen lieben Herrn von Bernstorf. Ich sagte Ihm daß so wie dieser Herr durch sein Exempel Grandissons machte so machte seine Gemahlin und ihre Meta Hariets. Ich erzehlte Ihm wie man seine 3 Werke als Systems der Moral gebrauchte und wie viele tugendhafte Persohnen solche bey uns gemacht hätten. Ich kan Ihnen nicht genug beschreiben die Freude so dieser rechtschafne Man über meine Nachricht blicken lies. Er ging hierauf nach einen Schranck, nahm mich mit, und wieß mir die Nachricht so er wegen ihrem Messias aus Braunschweig und zwar von einen Nahmens Kayser erhalten hätte. Es war der Inhalt der ersten 3 Gesänge den sie vor jeden Gesang haben drucken lassen, übersetzt. Ich gab Ihm hierauf mehrere Nachricht von der Folge des Inhalts, und sagte Ihm wie ich nichts mehr wünschte als daß dieses Gedicht wegen den ganzen Umfang seiner Schönheit, und Nutzens den es stiften müste auch in der englischen Sprache übersetzt würde, und da er solches mit mir wünschte so sagte ich Ihm daß ich bereits einen Buchführer und Übersetzer hätte, daß ich aber voraus einsähe daß solches würde verstümmelt werden wofern Er oder seine Freunde (den er hatte mir schon Young genant) nicht die Censur übernehmen wolten. Er lehnte zwar dieses Anwünschen ab: allein ich will schon meinen Entzweck mit Ihm erreichen. Wie Er nun von dem Schranke weggehn wollte und ich daselbst noch so viele geheftete Manuscripte sähe, so war ich so kühn mich zu erkundigen ob solche vieleicht die Originale von seinen Werken wären. Er antwortete mir indehm er einen Band öfnete daß solches Briefe wären welche Ihm von unterschiedenen englischen Dames wie er an seinen Werken gearbeitet hätte wären zugeschrieben nebst den Antworten Ich durfte Ihn zwar nicht bitten mir einige davon vorzulesen; Ich gab Ihm aber doch deutlich genug meine Neugierde zu verstehn: und Er war auch gleich bereit mir einige davon vorzulesen. Waß waren das für schöne Briefe; und wie unbeschreiblich schön waren die Antworten. Eine Dame hatte einen Styl deßgleichen ich nie lebhafter nie natürlicher und fließender nie geistiger gesehn habe, kurz wen man Babet und Sevigne ihren Styl vereinigte, so würde etwas ähnliches müßen heraus komen.

Nr 41

29. O k t o b e r

1756

5

1

Einer darunter enthielt eine Drohung gegen Ridchardson wofern Er Lovelas in dem sich diese Dame verliebt hatte nicht recht wieder gut und Clarissa mit Ihn glücklich machte. Wie fein dieses Verlangen ausgeführt war und waß für Gründe sie idchardson entgegen setzt kurz wie schön dieser Brief war solches kan ich Ihnen nicht beschreiben. Ich frug ob diese Dame verheirathet, und ob sie glücklich verheirathet; worauf er mir sagte daß ihr Man so ein Lord ist sehr viele Vernunft und Zärtlichkeit hätte und Ihm gesagt wie Er in einer 20jährigen Ehe noch keinen Augenblick ohne höchstvergnügt zu seyn zugebracht hätte. Dr. Young welcher wenn er in der Stadt kömt bey Ridchardson logirt werde ich bey Ihm sprechen. Ridchardson hat mir erlaubt so oft als ich wolte des Mors oder Abends zu Ihm zu kommen; und ich werde gewiß profitiren. Glover der sich immer für sich auf sei Zimern aufhält hab' ich noch nicht ausforschen können. Er hat Unglück gehabt, daß Ihn seine Frau verlassen und mit einen Off fortgegangen ist. Fielding ist auf seiner Reise in Lissabo gestorben. Ich sammle alles waß ich kan um Ihnen etwas neues zu übersenden, von Ridchardson habe ich 2, gedruckte Schreiben worin Er das fernere Schicksahl verschiedener in Grandisson vorkommender Personen entwickelt und einige Fragen und Einwürfe beantwortet; von Glover hab' ich sein Trauerspiel B o i d i t i a . Kurz alles waß ich senden kan und für Sie gut ist werde ich Ihnen zusenden. Ein anderer geschickter Man soll Cramer seinen Bossouet übersetzen, wen er mir künftig antworten will. Einen lustigen Brief hab' ich neulich von Büsching gelesen dessen Geographie hier übersetzt wird, so etwas pedantisch stoltzes können sie sich nicht vorstellen. Der 3te Band von Rabeners Satyren wird auch übersetzt werden. Pomtopidan und Nordens Werke sind auch übersetzt. Grüssen sie meinen lieben Leisching Cramern Rahn, ihre liebe Meta die Rahnen und wen Meta nicht eifersüchtig wird so küssen sie auch die Cramern in meinen Nahmen; bitten Sie Leisching daß Er meinen Wirth versichert daß ich Ihn mit den ersten bezahlen werde, ich bin ewig ihr Eigner Hohorst.

um ihre Antwort und die Abschrift des Bogens bitte ich noch ein Couvert zu machen und hierauf A Möns: Andreas Linde Libraire à London, und hierum noch ein ander Couvert u die Aufschrift A Monsieur Schott

52.

Nr 4 1

Z w i s c h e n dem 3. und dem 6. November 1 7 5 6

Marchand tres renomé à Hambourg. Mein Buchhändler will alles porto bezahlen. Sie vergessen doch nicht mein liebster Freund H. von Bernstorf die Versicherung für mich zu erteilen daß niemand seine Gnade mehr erkennen und zu verdienen trachten wird als ihr Freund, von Leisching hab' ich noch keine Antwort erhalten.

42. AN G O T T L I E B H E I N R I C H K L O P S T O C K ,

KOPENHAGEN,

Z W I S C H E N D E M 3 . U N D D E M 6. N O V E M B E R

1756

Gemeinschaftsbrief

von Klopstock und Margareta

Klopstock

Klopstock: Koppenhagen den (Leerraum) Nov. 1756 Der Zustand Ihrer Gesundheit, Liebster Papa, den ich gestern durch den Brief der Lieben Mama, erfahren habe, hat mich sehr gerührt. Das einzige, was mich dabey einigermaassen aufrichtet, ist, daß eine Blutstürzung in Ihren Jahren, nicht so heftig seyn kann, als sie in jüngern Jahren ist. Unser Gott erhalte Sie mir noch! Denn es geht mir durch die Seele, wenn ich denke, daß ich Sie in dieser Welt nicht wieder sehen sollte. Ich hoffe zu unserm Gott. E r wird es machen, wie es am weisesten am besten für uns seyn wird. Er wird es machen! — Ich habe es immer sehr gefühlt, wie sehr ich Sie liebe, mein sehr sehr theurer Vater; aber w i e habe ichs bey dem lezten Briefe gefühlt! — Ich will mich von dem Gedanken der Gefahr, in der Sie sind, losreissen. Ich will es Gott überlassen! Ach, was wäre dieses Leben, wenn jenes nicht wäre! Er der grosse Angebetete, wird es alles nach seiner Weisheit u nach seiner Liebe machen — Ich will also nichts weiter davon schreiben. (Ich habe Olden bitten lassen Ihnen seine Meinung über Ihren Zustand mit diesem Briefe zu überschicken.) Ich will Ihnen erzählen, womit ich mich izt hauptsächlich beschäftige. Ich habe mein Trauerspiel, Adam, u einige kleine prosaische Stücke, die ich zugleich mit demlben drucken lassen will, von neuen durchgesehen. Ich habe eine Sache, die ich für meinen zweyten Beruf lte, angefangen. Ich habe Lieder für den öffentlichen Gottesdienst gemacht. Ich halte dieß für eine der schwersten Sachen, die man unternehmen kann. Mann

Nr 43

i é . November 1756

53

soll, wo nicht dem gemeinen Haufen, doch den M e i s t e n verständlich seyn; u doch der Religion würdig bleiben. Unterdeß scheint es mir, daß mir Gott die Gnade gegeben, u mir diese Arbeit hat gelingen lassen. Ich habe schon Lieder auf alle hohe Feste (Weihnachten nur noch ausgenommen) in der Melodie: »Herr Gott dich Loben wir« Ich habe noch mehr von unseren besten u am öftesten gesungnen Liedern v e r ä n d e r < t > ; nur verändert; nicht u m g e a r b e i t e t . Ich werde Ihnen bald einige Stücke sowohl von meinen eignen, als den veränderten überschicken. Ich empfehle Sie insgesammt der Vorsehung unsers Gottes Margareta

Klopstock:

Die Nachricht von Ihrer Krankheit, liebster, liebst H. Papa, hat mich gewiß eben so sehr gerührt als I leibliche Kinder. Gott wird Sie uns allen wiede schenken, Sie mein liebster, bester, einziger Vter! (Denn ich habe so lange keinen leiblichen me Gott wird das Gebet, das inbrünstige Gebet u. die aufrichtigen Thränen aller Ihrer Kinder erhöben,> wenn es seiner Liebe u seiner Weisheit g e f ä l l t o Ach ich leide gedoppelt! für den Theil, den ich se daran nehme, u für meinen lieben Mann. S habe ich Klopstock noch nicht gesehn, als nach dem gestrigen Briefe! — Gott stehe auch Ihnen allen n in Ihrer itzigen Betrübniß bey, meine liebe Mu Schwestern Brüdern. M. Klopsto

43. AN ANNA MARIA K L O P S T O C K , 16. NOVEMBER

KOPENHAGEN,

1756

Gemeinschaftsbrief

von Klopstock und Margareta

Klopstock

Klopstock: Koppenhagen den (Leerraum) Nov. 1756 Geliebteste Frau Mama, wie uns die Nachricht von unsers so theuren geliebten sei. Vaters Tode gerührt habe, können Sie sich vorstellen. Wir danken Ihnen, daß Sie sie durch Giseken haben an Cramer schreiben lassen. Es war uns sehr nötig, daß wir sie nicht durch einen schwarzen Brief empfingen. Es war am Sonnabend, daß uns Cramer davon sagte, u am Sonntage bekamen wir Ihren Brief Ich will unsre Wunde nicht

54

N r 43

16. November

1756

weiter aufreissen Unser Gott hat es so gewollt. Sein Name sey gelobt, daß er unserm theuern Vater ein so schönes Ende gegeben hat — Er ist nun viel gliikseliger, als wir! Der Name des Herrn sey gelobt! So bald es Ihnen Ihr Schmerz zuläßt, geliebteste Mama; so schreiben Sie mir noch umständlicher von unsers theuren sei. Vaters Krankheit u Tode. Meine lieben Geschwister die beyden kleinen nicht ausgenommen, sollen dieses auch ein jedes besonders thun. Es ist gut, daß wir uns insgesammt mit diesen Vorstellungen unterhalten. Denn es ist überhaupt nichts heilsamer, als öftere TodesBetrachtung. Wenn ich mir eine umständlichere Nachricht ausbitte; so verstehe ich so gar die kleinsten Umstände, die Ihnen nur einfallen, darunter. Ich will Ihnen einige, kleinere u größre, anzeigen. In welcher Stube oder Kammer ist er gestorben? — Wer war nach Ihnen am Meisten in Seiner Krankheit bey Ihm zugegen? — Wer war bey Seinem Tode zugegen? Glaubte Er vom Anfange des Blutsturzes an, daran zu sterben? Und wenn Er es nicht gleich vom Anfange an glaubte; wenn fing er an, es zu glauben? Er erinnerte sich gewiß seiner abwesenden Kinder, die ihn so sehr geliebt haben, u lieben. Auf welche Art, mit welchen Worten that Er es? - Ich hoffe zu Gott, daß wir so leben werden, daß der Seegen Seines Gebets auf uns ruhen wird. Mein Schmerz ist zwar, durch die Gnade Gottes, ruhig; aber er wird lange dauren. Ich habe Ihn sehr, sehr geliebt. Ich habe viel an meine sei. Großmutter, die mich zuerst in der Religion unterrichtet hat, u an den sei. Johann Christian gedacht. Nun sind diese drey von mir so sehr geliebten in der Ruhe der Ewigkeit bey einander! Doch ich will abbrechen. Carln u Ernsten kann ich heut nicht schreiben. Ich habe Abhaltungen gehabt; aber ich wills gewiß mit künftiger Post thun — So bald Sie ruhig sind, geliebteste Mama; so schreiben Sie mir Ihre Umstände völlig. Sie haben mir oft viel zu wenig davon gesagt, wenn ich Sie darum gebeten habe. Und ich bin oft zu traurig darüber gewesen, weiter deßwegen in Sie zu dringen — Ich sehe nicht, daß die Bibliothek in Quedlinburg mit Vortheil wird verkauft werden können. Und sie auf irgend eine Universität bringen zu lassen, macht zu viel Unkosten. Die geistlichen Bücher, die mein theurer sei. Vater gebraucht, besonders die, worinn er etwas geschrieben hat, solltens auch nur einige Worte seyn, diese u diese allein wünsche ich für mich zu haben. Ferner wünschte ich, daß Sie alle Zettel, worauf er kleine Betrachtungen geschrieben hat, für mich zusammen suchen — Ach, Gott hat es nicht gewollt, daß ich Ihn Wiedersehen sollte! — — Gottes Gedanken sind nicht unsre Gedanken.

N r 44

ié. November

1756

55

Er, der Anbetungswürdige gebe mir, seinem Willen, seinem alleinweisen Willen, mich nicht allein ruhig; sondern auch mit Freudigkeit, zu unterwerfen. Ich grüsse meine lieben Geschwister! Gott gebe uns allen die Gnade, daß wir uns nicht zu sehr betrüben

Wie steht es denn mit

M a r i e Sophiens Heyrath? Sie ist vermutlich izt in Eisleben. Ich glaubte meine Frau sollte hierher noch ein Paar Zeilen schreiben; allein die Visite die sie hat, hält sich so lange auf, u ich muß den Brief notwendig wegschicken. Margareta

Klopstock:

Ich kann Ihnen also nur sagen, daß ich den Verlust eines l e i b l i c h e n Vaters noch einmal fühle — Gott erhalte sie alle. M . Kl.

44. AN C A R L

CHRISTOPH

16. N O V E M B E R

KLOPSTOCK,

KOPENHAGEN,

1756

Als Auszug überliefert (?) Du wirst die Nachricht von unsers theuren Vaters Tode schon haben. Ich glaube, daß du schon im Stande bist, vieles von dem, was ich dir darüber sagen könnte, selbst zu denken. Es ist der allein weise und der allein gnädige Wille unsers Gottes gewesen. Wir haben beyde über Ihn geweint, und wir werden noch mehr über Ihn weinen; aber laß es uns, mein Bruder, auf eine Art thun, die Gott gefällig ist, das ist, mit Gelassenheit und Unterwerfung. D u hast ohnedieß einen Hang zur Traurigkeit. Diesem wirst du dich besonders bisher überlassen haben. Reiß dich davon los. Gott will, daß wir uns in Ihm freuen sollen, das ist: wir sollen uns über seine unaussprechliche Gnade und ihre unzählbaren Folgen freuen. Laß uns vor andern dieß von unserm theuren Vater lernen, daß wir uns in Allem, w a s uns betrübt, mit anhaltendem Gebete zu Gott wenden; so wird der Segen des Gebets unsers theuren Vaters auf uns kommen. Wenn dir die ganze weltliche Geschichte in ihrem Umfange einst bekannt seyn wird; so wirst du keinen so grossen M a n n darin antreffen, als Abraham war. Und w a s w a r die vorzüglichste Grösse dieses erhabnen Mannes? E r t r a u t e G o t t !

Koppenh. den 1 6 N o v . 1 7 5 6 .

56

Nr 45

2 5 . Dezember 1 7 5 6

45. AN A N N A M A R I A 25. D E Z E M B E R

KLOPSTOCK,

KOPENHAGEN,

1756

Koppenh. den ersten Weihnachtstag 1756. Geliebteste Frau Mama. Ich habe noch immer einen stillen Schmerz über den Tod meines sehr, sehr geliebten sei. Vaters empfunden. Gott hat mir zwar auch die Gnade gegeben, daß ich ihm für seinen ruhigen Tod gedanket habe; aber eine sanfte Traurigkeit darüber ist doch bisher noch sehr oft bey mir wiedergekommen. Beydes, so wohl Dankbarkeit gegen Gott als Betrübniß habe ich heut bey wiederhohlter Durchlesung Ihres Briefs, den ich diesen Morgen bekommen habe, empfunden. Ich hoffte immer, Ihn mindstens noch einmal in diesem Leben wiederzusehn, u sehr oft glaubte, daß er recht alt werden würde, ich glaubte dieses besonders wegen seines guten Appetits

Aber Gott hat es anders gewollt. Seine

Gedanken sind nicht unsre Gedanken. Ihre umständlichere Beschreibung hat mich sehr gerührt. Ich weis nicht, ob ich es würde ausgehalten haben, wenn ich bey Seinem Ende zugegen gewesen wäre; allein wenn ich hätte bey Ihm bleiben können; so würde ich dadurch viel gelernt haben — Nun Er ist viel glükseliger, als wir, u wir wollen unserm Gott danken, der ihn zu seinem Frieden, der viel höher als alle Vernunft u viel höher, als dieses Leben ist, aufgenommen hat.

Wenn es irgend möglich

ist, so will ich Ihnen künftigen nächsten Posttag die Vollmacht von uns schicken, u alsdenn meine Gedanken, wie ich glaube, daß Sie Ihre Sachen am besten einrichten zugleich schreiben.

Wie sehr wünschte ich, daß

es mir izt möglich wäre, zur Erziehung meiner Geschwister etwas beyzutragen. Ich bin selbst theils in eingeschränkten Umständen, theils muß ich an Rahn, weil die Drukfabrik aufgehört hat, meine Zürcherschuld nach u nach auszahlen, weil er es izt notwendig braucht. Er wird wohl nicht hier bleiben können. Wir haben seinentwegen vielerley Anschläge gehabt. Der lezte ist, daß nach Amsterdam wegen einer guten Buchhalterstelle geschrieben worden ist. Wir meinen nicht, daß er Buchhalter bleiben soll, unsre Absicht daß er mit der Zeit einen Commissionshandel oder seine Fabrik von neuen anfangen soll.

Mit Christian

habe ich vor, ihn zu unseren Vetter von Winthem nach Hamburg in die Handlung zu thun. Es ist dieß der reiche junge Mensch, von dem wir manchmal gesprochen haben. Es ist in dieser Handl. gewöhnlich, daß man nichts für die Lehrjahre b e z a h l t o Überdieß bekommt man einen guten Heil. Christ, so, daß die Kosten, die in Betrachtung der Kleider u

Nr 46

1 4 . Februar 1 7 5 7

57

der Wäsche auf ihn verwendet werden müssen, auch hierdurch erleichtert werden. Von Winthem wird künftigen Sommer auf Reisen gehn, u wird Leisching der Doctor sein Reisegefährte seyn. - Sie scheinen mir, geliebte M a m a , Koliken unterworfen zu seyn. Ich bitte Sie, daß Sie deßwegen Olden consuliren. Er wird Ihnen gewiß besseren Rath geben, als die Medici in Quedlingburg können. Ich grüsse meine lieben Schwestern u Brüder u bin beständig Ihr gehorsamer Sohn FKlopstock

46. V O N J U L I U S G U S T A V A L B E R T I , H A M B U R G , I 4 . F E B R U A R

I757

H a m b , den 14. Febr. 1 7 5 7 Wenn Sie nicht wüßten, mein allerliebster Klopstock, daß mir der Inhalt Ihres Letztern überaus wichtig sei, so würden Sie es aus der geschwinden Antwort schließen, wozu ich bei meinen überhäuften Arbeiten, und bei einer großen Schwachheit meines Körpers, die ich seit einigen Tagen verspüre, die Minuten stehlen muß. Ich habe Ihren Brief mehr als einmal durchgelesen, und dabei unzählige mal gewünschet, daß ich von der Sache bei Ihrem Hierseyn möchte geredet haben, wie ich mir sehr oft vorgenommen hatte. Sie hat mir allezeit am Herzen gelegen, mir manchen peinl. Kummer gemacht, und mir o f t den Wunsch abgenöthigt, daß der Himmel mich wieder von H a m b , weg rufen möchte, u. noch ist mein Herz so voll davon, daß ich nicht weiß w o ich anfangen oder aufhören soll, da ich Ihnen davon schreiben muß. Ich will hinschreiben, wie es mir einfällt und es Ihnen überlaßen, es in Ordnung zu bringen, u. ich will Ihnen alle meine Gedanken sagen, da ich weiß, daß ich sie Ihnen sagen kann. Es komt viel darauf an, daß Sie wißen, wie i c h m i r die w a h r e n U m s t ä n d e vorstelle, wie die Old. sich jetzo befindet, u. vom A n f a n g e i h r e r H e i r a t h befunden hat. Ihre ganze unangenehme Situation hat außer allem Z w e i f e l ihren Ursprung aus der Mishelligkeit mit der Sch. u. es scheinet, daß Ihnen gänzl. unbekant ist, woraus dieselbe sich entsponnen hat. Ich will davon schreiben, w a s ich mit meinen Augen gesehen, und mit meinen Ohren gehöret. Als ich hier zur Wahlpredigt herüber gereiset war, fand ich Ursache zu glauben, daß diese beiden vom

58

N r 46

14. Februar

1757

Himmel geschenkten Freundinnen, durch das Band der aufrichtigsten freundschaftlichsten Liebe mit einander verbunden wären, u. ich reisete mit einer großen Idee von der weibl. Freundschaft weg, die sich mit meinem Vorurtheile, das ich von jeher dawider gehabt habe, gar nicht wollte vereinigen laßen. Es schien dieselbe bei meinem hiesigen Anzüge eher vermehret, als gemindert zu seyn. Weil ich krank lag, u. sie sich einander alle Tage in meiner Gegenwart sprachen, so bin ich ein Zeuge aller der kleinen Gefälligkeiten gewesen, die sonst eine wahre Freundschaft kenntlich machen. So bald ich wieder hergesteilet war, geschähe der Antrag unsres Freundes, der aller Furcht der beiden Verliebten ungeachtet, welche ein paar Tage vorher in meinem Hause der Old. unzählige Thränen auspreßete, die sie in den Armen der Schelen vergoß, bei dem Vater Gehör fand. Ein par Tage nach dem Besuch, den ich bei dem Alten ablegte, kam die Sache zu völligem Schluß. Alles war voller Freude, u. ich habe besonders die Sch. mehr als einmal vor Freuden weinen sehen, daß Old. in dem Besiz ihrer Freundin bald glücklich werden sollte. Sie können denken, daß sie nicht säumete, ihr alle ihre Empfindungen zu sagen. Allein was denken Sie nun? S e l b s t b e i d i e s e m B e s u c h ward sie mit einer augenscheinl. Kaltsinnigkeit empfangen, sie gieng traurig hinweg, u. erfand sich allerlei Ursachen, woraus sie solches erklären könnte. Aber es war ihr unmögl. etwas anders zu finden, als ein übles Befinden, Kopfschmerzen, u. dergleichen Dinge. Indeßen ward diese Kaltsinnigkeit immer merklicher. Es entstanden darauf Schwierigk e i t e n ^ Der Alte wollte s. Tochter nicht von sich laßen. Olde sollte sich bequemen, in s. Haus zu ziehen. Jederman sagte davon s. Meinungen, die alle dahinaus liefen, daß solches bei der wunderl. Humeur des Schwiegervaters u. Schwiegersohnes schwerlich gut gehen würde, daß doch aber Olde dies Opfer machen und sich in die Gefahr setzen müßte, von tausend kleinen Verdrieslichkeiten täglich beunruhiget zu werden, wenn er s. vornehmsten Wünsche wollte erfüllet sehen. Das war auch die Meinung der Schelen. M a n hörete alle diese Leute, man gestand, daß sie Recht hätten, aber der Sch. machte man ein Verbrechen daraus. Nun war ein Vorwand da, von der Kaltsinnigkeit zur Empfindlichkeit überzugehen, u. der Sch. mit einer sichtbaren Verachtung, u. mit einer fast eben so sichtbaren F e i n d s c h a f t zu begegnen. Ich kann Ihnen, m. theuerster Kl. unmögl. beschreiben, wie sehr ich über diese Erscheinung erstaunte, die mir in der moralischen Welt noch nicht vorgekommen war, u. wie ich meinen ganzen Verstand auf die Folter spannete, sie zu

N r 46

14. Februar 1757

59

erklären. Aber vergeblich. Ich ermahnete indeßen die Sch. zur Geduld, zumal wenn ich die schlechte Begegnung selbst mit angesehen hatte, u. warnete sie ja nicht ihre Empfindlichkeit zur Feindseeligkeit werden zu laßen, u. hatte auch die Freude zu sehen, wie geneigt sie war, auf den geringsten freundlichen Blick ihrer Freundinn alles zu vergeßen, u. alles e. Misverstande zuzuschreiben, der sich nach ihrer Verheirathung gar leicht würde heben laßen. Aber wie sehr betrog sie sich in ihrer Hoffnung! Denn nun erfand man tausend Dinge, sie gänzl. zu entfernen, u. wo möglich, auch denjenigen gegen sie aufzubringen, dem sie sich durch eine Grosmuth, die wenig ihresgleichen hat, verbindlich gemacht hatte. Die Folge davon war, daß die ganze Stadt aufmerksam wurde, daß zumal Leute, die alle Begebenheiten erklären wollen, auf den Argwohn geriethen, es müße die Old. von einem unerlaubten Umgange ihres Mannes mit s. Freundinn nach ihrer Verheirathung mehr erfahren haben, als sie vorher gewußt hätte, ja die sich diesen Argwohn hie und da merken ließen. Eine höchst grausame Beleidigung für die Sch! die zumal nach allem was vorgegangen war, fürchten muste, es sei mit der ganzen Sache dahin a b g e z i e l t gewesen, ihrer Ehre vor dem Publico e. Schandfleck anzuhängen, wenigstens konnte die Old. nach ihrer Kenntniß der Welt, v o r a u s s e h e n , daß dies eine u n f e h l b a r e F o l g e ihres Betragens seyn würde. Nun setzen Sie sich, mein 1. Kl, in die Stelle der Sch. Sollte sie dabei unempfindlich bleiben? Sollte sie ihre ganze Empfindlichkeit unterdrücken? War es nicht natürl., daß sie ihr Leid klagte, u. zwar gegen diejenigen, die schon darum wußten, die ihr guten Rath ertheilen konnten, u. die vielleicht vermögend waren, so verwirrte Dinge auseinander zu setzen? und war es nicht am aller natürlichsten, wenn sie ihr volles Herz gegen denjenigen ausschüttete, der am besten wißen konnte, wie wenig sie eine so grausame Begegnung verdienete, zumal da jene g u t e und s c h l e c h t e Leute zu Vertrauten ihres Widerwillens gegen die Sch. machte? Soll denn das ihr Verbrechen seyn? Ja wenn Olde selbst von allen diesen Dingen nichts gewußt hätte, so möchte man es eher von ihr erwartet haben, daß sie ihm nichts davon gesagt, oder ihre Empfindlichkeit verborgen hätte, ob ich gleich die Möglichkeit nicht einsehe für ein ohnedem empfindliches Herz, dergleichen zu verbergen. Aber so war Olde ja ein Augezeuge von dieser Begegnung, und er konnte und m u ß t e , wenn er nicht ein scheuslicher Unmensch seyn wollte, sich darüber alles sagen, was sie ihm selbst mit aller der Bitterkeit, die sie schmeckte, darüber sagen konnte, welches doch gleichwol nicht geschehn

6o

ΝΓ46

14.Februar

1757

ist. J a ich sage es noch einmal, ich würde meinen Freund als den nichtswürdigsten Schurken verachten, seine Frau mußte es gleichfals thun, wenn ihn diese Begegnung nicht bis in das Innerste der Seele verwundet hätte. Unmöglich kann Ihr Herz, mein theuerster Freund, diese Ausdrücke zu hart finden, wenn sie an die Verbindlichkeiten gedenken, die er der Sch. hat. Er ist nächst Gott durch ihre Großmuth alles geworden, was er ist. Sie hat seine ganze Familie vom Untergange errettet, u er d a r f nicht zweifeln, daß sie mit eben der Großmuth alle seine Schulden bezahlen würde, wenn nicht die pure Unmöglichkeit sie davon abhielte. J a daß ich das noch hinzusetze, sie hat seine Heirath befördert. Sagen Sie nicht, daß solches geschehen sei, um sich für ihre Großmuth bezahlt zu machen. Denn so mußte sie ihm g a n z

andre

Partheien vorschlagen, die v o n d e r S e i t e u n e n d l i c h v o r t h e i l h a f t e r waren, und die man dem D o c t o r (Sie wißen, was das hier in Hamburg zu bedeuten hat) nicht versagt haben würde. J a sie würde es auch gethan haben, da sie wol wußte, und es mir schon das erste mal gesagt hat, der Alte würde seiner Tochter außer der Aussteuer schwerlich etwas mitgeben. Aber sie glaubte, an der Schlebusch durch diese Verbindung eine e w i g e Freundinn zu bekommen, mit der sie allen ihren Kummer theilen könnte, u. Olde hielt sich in dieser Verbindung a u c h desfals höchst glücklich, weil er glaubte, durch das Band der Freundschaft, welches dadurch zwischen ihnen noch fester geknüpft werden würde, die Sch. für alle ihre Güte e i n i g e r n j a a ß e n zu belohnen. Sie können daraus begreifen, was unser Freund leiden muß, da er sich in s. Hoffnung so grausam geirret hat. Ach i c h brauche es nicht zu b e g r e i f e n , was er leiden muß! — — Ich s e h e es, wie ihm diese Sache am Herzen naget, wenn er zuweilen ganze Wochen nicht geschlafen hat, wenn er einer Leiche ähnlich siehet, wenn alle s. Züge lauter Kummer sind, und er mir durch seinen bloßen Anblick heimliche Thränen aus den Augen stiehlet. Was soll er denken? und was denket er wirklich? Soll er glauben, daß s. Frau schon längst entschloßen gewesen, der Sch. so zu begegnen, so bald sie verlobt wäre, und daß sie solches durch den Schein der Freundschaft bedecket hätte. Eine so plötzliche Veränderung ließe auch wol jemand auf diesen Argwohn fallen, der sich sonst mit dem Argwohnen eben nicht zu behelfen weiß. Soll er glauben, daß der Grund davon kein andrer sei, als weil man erfahren, daß der Sch. ihre Umstände nicht mehr so gut wären, und sie sich durch ihre Gutheiten erschöpft hätte? Was soll er von der Aufrichtigkeit ihrer Liebe denken, oder von ihrer

N r 46

14. Februar

1757

6l

Zärtlichkeit, von der ein Mann es wol erwarten kann, daß man denen, die man liebt, und denen man so hoch verbunden ist, wenigstens nicht verächtlich nicht feindseelig begegne. Ich weiß es warhaftig nicht. Mein Verstand stehet dabei stille. Aber das weiß ich, daß Olde s. Frau herzlich liebet, daß er eine zärtliche Hochachtung gegen sie heget, daß er noch immer gegen mich von ihren Treflichkeiten mit dem Feuer eines Bräutigams spricht, und daß er selbst sein wunderliches Wesen ihr zu Liebe ablegen würde, welches freilich oft so wunderlich ist, daß man es kaum an einem ungezognen Kinde ertragen könnte, wenn er nur eine a u f r i c h t i g e Aussöhnung von s. Frau h o f f e n könnte. Aber kann er das hoffen? Ach ich zittre wenn ich Ursache finde, diese Frage zu verneinen. Ich zittre für die Olden, wenn sie in dieser Gesinnung sterben sollte, und für ihre Gemüthsruhe zittre ich eben so sehr, wenn ich bedenke, daß die Sch. die jetzt sehr bedenkliche Zufälle bekömmt, sterben sollte, da ich die Stunden gar wol kenne, die man solche verfluchten Streitigkeiten in einem ganz andern Lichte betrachtet. Was ist bei diesen Umständen zu thun? Ich will Ihnen sagen, wie ich mich bisher dabei verhalten habe. Anfangs ließ ich mein Erstaunen, und hernach mein Misvergnügen blicken, bis ich es für nöthig fand, meine Bekümmerniß zu erkennen zu geben, um vielleicht dadurch den Weg zur Aussöhnung zu bahnen. Ich gieng, w o ich mich nicht sehr in der Zeit irre, etwa ζ Monate nach der Hochzeit an e. Dienstage frühe zu Olden. Als er ausgegangen war, fieng sie selbst an, davon zu reden. Ich bat sie, mir die Ursachen aufrichtig anzuzeigen, warum sie sich von der Sch. in solcher Entfernung hielte, und erstaunete, als ich dieselben s o a r m s e e l i g fand. Nur etwas davon anzuführen. »Die Sch. hätte in einer gar zu genauen Verbindung mit ihrem Manne gelebet, die einen sehr bösen Schein hätte, und ob sie gleich ihrer Seits überzeuget wäre, daß dieselbe gar nichts strafbares gehabt hätte, so müßte sie doch für diesen bösen Schein leiden. Sie wollte also nur sich in einiger Entfernung halten, bis die Leute ihre Aufmerksamkeit auf andre Gegenstände gerichtet hätten. Im Herzen wäre sie ihr sehr gut.«. Aber wie kann das seyn, liebe Olden? Müßen nicht die Leute würklich denken, daß Sie Ursachen dazu haben, die für die Ehre der Sch. nachtheilig sind? Und könnten Sie sie wol grausamer beleidigen, als wenn Sie dazu Anlaß geben. Und was sind es denn für Leute? (Ich mag Sie Ihnen nicht nennen, Sie errathen sie vielleicht) Aber sind diese

62

N r 46

14. Februar

1757

Leute es wol werth, daß Sie Ihnen eine Freundinn aufopfern? und werden sie nicht selbst darüber ihr Hohngelächter haben? Zu geschweigen, daß Sie durch eine Bestärkung dieses Argwohns Ihrer eignen Ehre zu nahe treten. Folgen Sie doch, ich beschwöre Sie, den Empfindungen Ihres eignen Herzens, und nicht den Eingebungen solcher Leute, die Sie ja selbst verachten. Darauf machte ich ihr begreiflich, wie ihr Mann unmöglich mit ihr übereinstimmen könnte, die Sch. zu verfolgen, wie er sich in ihren eignen Augen herunter setzen würde, und daß also ihre Mishelligkeit der Grund eines steten Misvergnügens von ihr u. Olden seyn würde. Kurz ich sagte ihr in der Unterredung, die beinahe 3 Stunden dauerte alles was ich dachte, u. was nur ein redlicher Mann, der sich für eine Sache intereßiret, sagen kann. Die Olden ist auch g e w i ß n o c h von der Redlichkeit meiner damaligen Absichten überzeugt. Sie schien meine Vorstellungen über die maaßen gut aufzunehmen. Die Sch. kam durch einen Zufall den Nachmittag (Denn Sie müßen wißen, daß ich vor Freuden nicht vor Mitternacht aus dem Hause gieng). Alles war gut, und ich froher als ein König, der ein Land erobert hat. Aber leider dauerte es nicht lange. Die Machinen gegen die Sch. wurden nur verändert. Man erklärte sich zuweilen, aber gemeinigl. nach solchen r ü d e n A t t a q u e n , daß die Sch. beinahe das Leben darüber eingebüßet hätte. Der schlechte Erfolg meines Versuchs Frieden zu stiften hat mich nicht abgeschreckt, sie per indirectum gelegentl. an das, was ich ihr damals gesagt hatte, zu erinnern, wie ich denn manchmal in Predigten Gelegenheit genommen, zu zeigen, wie eine feindseelige Gesinnung unmögl. mit e. rechtschaffenen Xstenthum bestehen könnte. Aber ich bin völlig abgeschreckt, einen zweiten Versuch zu machen, da ich weiß, daß die Olden mich für partheiisch hält, und ich also mich nur vergebens bemühen würde. Aber sie mag es immer thun, ich muß mich dabei beruhigen, daß ich es nicht bin. Gott ist mein Zeuge, daß ich nach dem, was ich von der ganzen Sache selbst gesehen habe, nicht a n d e r s u r t h e i l e n k a n n , als daß der Sch. ungemein zu nahe geschehen ist. Man hat es mit ihr gemacht, wie mit e. Kinde, welches ein Vater schlägt, weil er eben nicht gut aufgeräumt ist, und von seinem Weinen hernach Gelegenheit nimmt, es immer härter zu schlagen. Und sie scheinet zu dem Schicksale verurtheilt zu seyn, welches der Großmuth in d i e s e r Welt bestimmt ist. Sie werden, m. 1. Kl., wo Sie nicht glauben, daß ich diese lange Erzählung erdichtet habe, sehen, daß Sie der Sch. gleichfals zu nahe gethan haben, weil Sie von der Sache

N r 46

14. Februar

1757

63

nur einseitigen Bericht erhalten haben. Aber ich versichere Sie, daß der

215

V e r l a u f w i i r k l i c h s o i s t , wie ich geschrieben, und bin bereit denselben in Gegenwart der Olden noch einmal zu thun. Wenigstens hat sie es nicht für gut gefunden, mich eines beßeren zu belehren. Wenn sie mir nur e i n e e i n z i g e Ursache angeben kann, die den Schein der Billigkeit hat, warum sie so u r p l ö t z l i c h mit der Sch. gebrochen, und sie hernach

zzo

so verfolget hat so will ich mein Urtheil zurück nehmen, ohne daran zu denken, was sie aus Klugheit für ihre künftige Ruhe, aus Delicateße für ihren Mann und aus Menschenliebe hätte thun sollen. Vielleicht ist sie gegen Sie, oder Ihre Meta vertrauter gewesen, und vielleicht können S i e mir dies Ratzel erklären, und ich versichere Sie, m. 1. Kl. daß mir nichts

115

lieber seyn soll, als wenn ich die Olden w e n i g e r s c h u l d i g fände. Noch lieber, und unaussprechlich angenehm soll es mir seyn, wenn Sie einen Weg auszufinden wißen, sie, so viel es für ein weibl. Herz möglich ist, mit der Sch. auszusöhnen. Ich glaube warhaftig, daß Sie etwas daran thun können, die Olden hält Sie hoch, und liebet Sie bis zu einem

13°

s u b t i l e n E h e b r u c h . Ich will für die Sch. einstehen, daß sie dazu gerne die erste Hand bieten u. der Olden hinführo auch nicht einmal e. Schatten geben wird, mit ihr misvergnügt zu werden. J a so sehr mich alles auch abgeschreckt hat, will ich gerne noch einmal der Mittler seyn. Erfinden Sie etwas, schreiben Sie mir einen Brief, den ich der Olden geben soll.

235

oder wenn Sie es für rathsam finden, so will ich zu ihr gehen und nichts unversucht laßen, ihr von der Sch. andre Gedanken beizubringen. Gott weiß, wie sehr ich sie in aller Betrachtung, diese einzige Sache ausgenommen, hochachte und liebe, und wie herzlich ich eine Aenderung ihrer Situation wünsche. Wenn sie mit Fleiß etwas hätte erfinden wollen,

140

wodurch sie sich alle Annehmlichkeiten dieses Lebens verbittern könnte, so hätte sie auf keine unglücklichere Erfindung gerathen können, als mit der Sch. zu brechen, und zwar auf die Weise, wie sie es gethan hat. Aber ich bin gewiß, daß sie es uns in Zeit und Ewigkeit danken wird, wenn wir diesen Anstoß aus dem Wege räumen, und ich kann nicht

245

beschreiben, wie sich mein ganzes Herz bewegt, wenn ich mir vorstelle, wie bald sie es erfahren wird, daß sie auf der Welt nichts beßeres hätte thun können. Es ist aber zuvor nöthig, daß Sie mir a l l e s schreiben, was Sie wißen, und zu ihrer Vertheidigung gereichen, oder auch der Sch. bei der Sache zur Last fallen kann, und ich werde Ihnen sodann einen Beweis meiner Unpartheilichkeit geben, womit Sie zufrieden seyn werden. Es kann alsdann auch die Einrichtung gemacht werden, die Sie so sehnlich

250

64

N r 46

14. Februar

1757

wünschen. Ich habe würklich jetzo eine Gelegenheit, eine Friedens Unterhandlung anzufangen. Die Olden hatte die Schelen in etl. Monaten nicht besuchet, ungeachtet sie in der Zeit ihre Wohnung verändert, und eine Krankheit ausgestanden hatte. Neulich ist sie wieder bei ihr gewesen, und zwar mit ihrem Manne. Sie haben sich gegen einander expliciret. Ich weiß aber nicht, ob sie aus eigner Bewegung oder auf Bitte ihres Mannes hingegangen ist, so wenig ich weiß, wie sie sich erkläret haben. Die Olden hat sich nicht das geringste davon gegen mich merken laßen. Es sollte mir lieb seyn, wenn sie beide mit einander zufriedner geworden wären Allein ich habe aus einigen Winken geschloßen, daß diese Unterredung nicht viel mehr gefruchtet hat, als die vorigen Explicationen. Ich kann sie also selber fragen, was dabei vorgegangen ist, und damit die Einleitung machen. Nun muß ich Ihnen auch sagen, wie die Sachen, deren Sie in Ihrem Briefe gedenken, jetzo stehen. Mit dem Alten ist es so gegangen, wie man es vermuthete. Er hat sein Unrecht erkannt, und vorläufig versprochen, s. Schwiegersohne wegen des Aufenthalts in seinem Hause weiter keine Vorwürfe zu machen, ihn auch nicht so, wie bisher, einzuschränken, und endlich die Bedingungen aufzusetzen, unter welchen er s. Kinder gerne noch länger bei sich behalten will. Die Schelen hat zu meiner Frau gesagt, sie verlange weiter nichts von dem Doctor, als daß er die grösten und vornehmsten Posten, die sie ihm geliehen hat, verzinse, und zwar, weil die Nothwendigkeit sie dazu triebe. Sie hat bei Niendorp gewaltig eingebüßet, und wird es noch mehr thun, weil sie zu Pinnenberg auf keine Weise einen rechtlichen Spruch auswirken kann. Oldens Mutter hat von ihr ioooo Mark, und ist jetzt wegen der schlechten Meßen unvermögend, ihr etwas zu geben. Ein andrer Mann, dem sie 6000 Mark geliehen ist zu Rathe eingekommen, wo sie die Zinsen auch wird schwinden laßen. Was sie dem D. sonst zufließen laßen, verlanget sie gar nicht wieder, so wenig als das Capital, außer im Fall der allerhöchsten Noth, und daß er ihr darüber wenigstens eine schriftliche Versicherung geben soll, wenn er etwa sterben sollte, weil sie n i c h t E i n e n B u c h s t a b e n von dem D. in Händen habe. Mich deucht diese Foderungen sind höchst gerecht, u. wenn der D auch ihr einen ansehnl. Theil seines Verdienstes geben sollte, so muß s. Frau bedenken, daß er Ihrentwegen noch dasjenige nicht einmal erhalten hat, was ihm in dem Ehezerter versprochen worden, und womit er sich längst aus allen seinen Schulden hätte setzen können. Die Sch. will aber, daß

N r 47

i8. Juni

1757

65

solches alles mit s. Frauen Wißen geschehe, d a m i t sie n i c h t m e i n e , d a ß er sie e r n ä h r e n m ü ß e . Ein Verdacht, der, wie sie sagt, für sie recht grausam seyn würde! Was Sie von dem Präzent schreiben, das die Olden hat bezahlen müßen, davon weiß ich nichts. Ich erinnere mich aber, daß die Sch. gegen die Hochzeit etwas hat bezahlen wollen, daß aber der D. sich das Geld ausgebeten, weil es mit der Bezahlung noch Zeit hätte, und vielleicht ist es daßelbige. Man muß dergl. Dinge in ihrem ganzen Zusammenhange wißen. Nun deucht mich, m. 1. Kl. habe ich Ihnen alles geschrieben, und Sie in den Stand gesetzt, zu urtheilen. Thun Sie es mit Ihrer mir so schätzbaren Freimüthigkeit. Ich würde Sie beleidigen, wenn ich Sie noch versichern wollte, daß ich bei der ganzen Sache aus der redlichsten Absicht von der Welt verfahren bin, und nach meiner besten Einsicht urtheile. Ich wollte noch ein wenig von allerhand und von allerlei schreiben, aber ich bin müde. Sie schreiben mir ohnedem bald wieder, und dann hoffe ich Sie von angenehmem Dingen zu unterhalten, zumal wenn wir durch eine glückl. Erfindung, die Ihnen der Himmel eingeben wolle! den so sehnlich gewünschten Zweck erreichen. Gott erhalte nur Ihr theures Leben, und schenke Ihnen eine dauerhafte Gesundheit! Empfelen Sie mich Ihrer Meta. Ich küße Sie mit dem Kuße der zärtlichsten Freundschaft. JGAlberti

47. VON JOHANN HEINRICH S C H L E G E L ,

BRAHESBORG,

18. JUNI 1 7 5 7

Liebster Herr Klopstock, Hier haben Sie ein kleines, ein sehr kleines Geschenke, dem nur Ihre Freundschaft einigen Werth geben kann. Sie haben mich selbst aufgemuntert so etwas zu schreiben, und seit dem ich damit umgegangen bin, habe ich meinen Plan mehr als einmal verändert, und dieses Buch zu etwas ganz andern gemacht, als das Manuscript war, das Sie in Lyngby sahen. Fleiß, und einen ziemlichen Vorrath von Belesenheit werden Sie darin finden, wenn Sie ihren edlen Beschäftigungen einige Stunden entziehen wollen, für das übrige aber stehe ich Ihnen nicht, Sie mögen selbst zusehen Ich danke Ihnen recht sehr für Ihren Meßias. Ich habe dasjenige was ich vorhin davon hatte, gelesen, wenn ich den Geist zu stärken suchte,

66

Nr 48

Z w i s c h e n A n f a n g und M i t t e Oktober 1 7 5 7

der bisweilen unter dem steten Getümmel, in dem ich hier lebe, fast erliegen wollte. Wie schätzbar wird es mir nun nicht seyn, da ich dieses vortrefliche Werk von Ihren eignen Händen habe. Andre werden viel feiner zu loben wißen als ich. Andre werden sich auch vielleicht feuriger und geschwinder in die Höhe schwingen können, in die man sich bey der Lesung des Meßias setzen muß. Daß ich aber auch fähig bin, das schöne und erhabne zu fühlen, und daß ich dabey demjenigen, der mich es fühlen läßt, rechtschaffnen Dank dafür weis, und ihn von Grund des Herzens liebe, das können Sie glauben. Ich habe Exemplare von meinem Buche an den Obermarschall, welcher es dem Könige übergeben wird, und an alle Ministres vom Conseil geschickt, und ich verspreche mir bey dieser Gelegenheit einige königliche Gnadenbezeigungen. Wo Sie Gelegenheit finden, mir hierbey nützlich zu seyn, so verspreche ich mir alles von Ihrer Freundschaft. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Liebste und Ihren Freunden. Ich bitte mir zu melden, wie Sie sich befinden. Leben Sie wohl Ich bin stets Ihr ergebenster Diener und Freund Johann Heinrich Schlegel Brahesburg den 18 Jun 1 7 5 7 .

48. VON E B E R T , B R A U N S C H W E I G , Z W I S C H E N A N F A N G UND M I T T E OKTOBER

1757

Mein liebster Klopstock, Ich glaube, Sie müssen es für ein eben solches Wunder halten, daß ich Ihnen schreibe, und so bald darauf wieder schreibe, als wenn ich aus dem Reiche der Todten, (in welchem ich auch beynahe schon gewesen bin,) wieder zurück käme, und Ihnen erschiene; und also werden Sie vielleicht mehr darüber erschrecken, als sich freuen.

Daß ich Ihnen

sonst nicht geschrieben habe, daran ist bloß die grausame Kluft Schuld, die zwischen uns befestigt war; ich meyne den Belt

was sage ich? Es

war nicht einmal an Einem genug. Ganze zwey Belte! über welche ich mir in einem Briefe eben so wenig zu kommen getraute, als wenn ich in Person hinüber fahren sollte. Whole Oceans roll'd between us. Wenn nur noch der k l e i n e Belt wäre. Aber ausser diesem noch ein g r o s s e r Belt! Das muß ja ein Weltmeer seyn; das sieht man wohl aus dem Beyworte, wodurch er dem k l e i n e n entgegengesetzt wird, der doch

N r 48

Z w i s c h e n A n f a n g und M i t t e O k t o b e r 1 7 5 7

67

auch mit unter die Zahl unsrer Meere gerechnet seyn will. Kurz, Copenhagen war von mir so weit, wie America.

O wenn ich Ihnen doch

recht bange machen könnte, daß Sie niemals wieder zurück giengen! Man hat Exempel, mein lieber Klopstock! Es ist mir lieb, daß es zwischen Hamburg u. Braunschweig, keine Belte giebt; weder einen grossen noch einen kleinen. Ich lobe mir alle solche Wasser, die nicht breiter sind, als die Alster und die Ocker; die Elbe fängt in der That bey Hamburg schon an auszuschweifen, trotzig zu werden, und, anstatt in den gehörigen Schranken eines bescheidnen Flusses zu bleiben, sich zu einer stolzen See aufzublähen.

Ich dachte mich in meinem vorigen Briefe ganz

einzupacken; aber ich sehe wohl, ich bin zu groß; ich will mich Ihnen also lieber nach und nach stückweise schicken.

In dem gegenwärtigen

will ich mich nicht etwa meiner Forderung wegen entschuldigen, oder sie Ihnen schenken; nein, mein liebster K. das bilden Sie sich ja nicht ein: Ich will Sie vielmehr von neuem darum mahnen. Ich muß Ihnen aber doch erklären, wie ich zu diesem Grade von Unverschämtheit gekommen bin.

Der Buchhändler hatte von der Messe nicht mehr

als ζ Exemplare von Ihrem Messias für das ganze Braunschweigsche Land mitgebracht. Eins davon ließ ich mir gleich geben, und wollte es, so theuer es auch war, dem Buche und seinem Verfasser zu Ehren, behalten. Das andre hat ein junger geschickter Edelmann, der auf unserm Collegio studirte, genommen. Bald darauf aber wurde hier eine kleine Gesellschaft geschlossen, welche die neuesten deutschen Bücher unter sich herumgehen lassen wollte; und die Wahl derselben wurde mir aufgetragen. Sie können leicht denken, daß ich es für meine Pflicht hielt, vor allen andern den Messias zu wählen. Ich gab also das Exemplar, welches ich für mich hatte behalten wollen, unter die Societät, und hoffte es einmal in der Auction, die von allen diesen Büchern gehalten werden sollte, wohlfeiler zu bekommen, zumal, da ich hörte, daß es in Hamburg neu wohlfeiler zu haben wäre; ich würde es auch gewiß so hoch hinauf getrieben haben, als es dort neu kostet: Aber ich habe es mit keinem Auge wieder gesehen; es ist mit einigen andern Büchern ganz verschwunden, und doch muß die Societät es bezahlen. Das sollen S i e nun entgelten; dafür sollen Sie mich schadlos halten. Und wenn ich den ersten Band habe, so versteht es sich ja, daß ich die folgenden auch haben muß; nicht wahr? Das ist nicht mehr als billig. Wenn also der zweyte Band schon fertig seyn sollte, so schicken Sie ihn nur gleich mit. Wenn er aber ja nicht fertig ist, so lassen Sie mich nicht auf den ersten so lange warten;

68

N r 48

Z w i s c h e n A n f a n g und M i t t e O k t o b e r

1757

ich möchte sonst auch endlich zu zweifeln anfangen, ob auch der erste schon da sey. Ihre Hoheit hat mich oft nach Ihnen und Ihrem Werke gefragt, und mich versichert, daß beyde bey ihr in grossen Gnaden stünden; welches ihr noch mehr Ehre macht, als Ihnen. Aber Sie werden ihr auch, als einer Dame, vergeben, daß Sie manchmal sehr ungeduldig ist, nicht etwa bloß den Verfolg, sondern das Ende desselben zu wissen. Ich bin zuweilen selbst ein solcher Curieux Impertinent gewesen. — Ich danke Ihnen tausendmal für Ihren T o d A d a m s , ob Sie ihn gleich mir n i c h t geschickt haben. Ich werde ihn bald wieder lesen, u. Ihnen alsdann eine oder ein Paar Critiken schicken, die ich nun schon wieder vergessen habe; aber die Schönheiten habe ich nicht vergessen und diese brauche ich Ihnen auch wohl nicht zu zeigen, nicht wahr? Schreiben Sie nur mehr s o l c h e Kleinigkeiten; jene wünschte ich (um mit Stüwen zu reden; doch das sagt er nur vom Messias, nicht vom Adam) ich wünschte sie mit allen ihren Fehlern gemacht zu haben. — Bey Ihrem Adam erinnere ich mich einer neuern Englischen Tragödie, die eben so einfach und groß ist, als Ihre und des S o p h o c l e s seine; näml. der Elfrida des vortrefflichen Mason. Kennen Sie die noch nicht? O ganz gewiß; Sie leben ja nicht in der Barbarey, wenn Sie gleich dem Nordpole so nahe sind. — Und so werden Sie denn auch wissen, daß jene in blank Verse geschrieben, und nach Art des Griechischen Theaters ein mitspielendes Chor hat. Soll ich denn der letzte unter allen Ihren Freunden seyn, der Ihre L i e d e r sieht? Mich verlangt so sehr sie zu sehen, oder wenigstens eine Probe davon, daß ich Ihnen sogar zum Voraus versprechen will, daß sie mir ungemein gefallen sollen; noch mehr, als Gel 1erts Lieder, ob mir gleich diese nicht misfallen. Wollen Sie denn auch mein Project wegen der neuen Ausgabe meiner Nachtgedanken (o wollte Gott, daß ich sie in eigentlichem Verstände m e i n nennen könnte!) in Copenhagen befördern helfen? Mir soll zur Subscription niemand zu hoch oder zu niedrig seyn. Ich werde bey dieser Gelegenheit erfahren, in welchem Ansehn meine Freunde an dem Orte ihres Aufenthalts stehen. Sie haben ja H e y d e n r e i c h e n gekannt, in dessen Hause auf der Petersstrasse Sie eine Zeitlang gewohnt haben; der einmal bey meinem verstorbenen Landsmanne Lastrop Hofmeister war, u. nachher einige Jahre mein Freund gewesen, mit dem ich fast täglichen Umgang gepflogen. Wissen Sie denn schon, daß dieser Mann — (mir schaudert die Haut, wenn ich nur daran denke; und ich werde Zeitlebens daran denken;) daß dieser Mann sich den 8. Januar dieses Jahrs neben seinen

Nr 49

1 7 . Oktober 1 7 5 7

69

Büchern erhenkt hat? — Er muß ohngefährj bis 46 Jahre alt geworden seyn. Er hat seiner Mutter Bruder das Haus, 16000 Rthler Geld, u. eine auserlesene Bibliothek hinterlassen. Mit dem ersten werde ich auch an unsern C r a m e r schreiben; an Sie aber nicht eher, als bis Sie mir antworten; es möchte Ihnen sonst zu schwer werden. Griissen, ja, küssen Sie Ihre liebe Frau von mir, und empfehlen mich aufs beste Ihrer Frau Schwiegerinn und Ihrem Hrn. Schwager. Seyn Sie so gütig, u. lassen beyliegende Briefe bald und richtig bestellen. — Grüssen Sie auch unsern A l b e r t i , u. danken ihm in meinem Namen für seine Mühe wegen der Bücher. Sagen Sie ihm pugleich zur Nachricht, und sagen Sie es sich selbst, daß ich mit meinem Geschmack vollkommen zufrieden sey, und ihm selbst zeigen würde,'· daß ich Ursache habe, es zu seyn, so bald er nur etwas schriebe. — Ich wünsche ihm von Herzen Glück zu dem Werke, welches bald von ihm erscheinen wird; aber ich möchte auch gern, daß er noch Werke von einer andern Art lieferte, auf deren Vollendung das Publicum nicht so lange warten dürfte. Hierinn heg ich noch bessre Hoffnung von Ihnen, mein lieber Klopstock; aber deßwegen brauchen Sie ihm auch nicht jene Art von Verdiensten ganz zu überlassen; sie können beyde bey einander sehr wohl bestehen, wie C r a m e r s Exempel Ihnen beweisen kann. Ich bin Zeitlebens Ihr wahrer Freund, JAEbert Braunschweig, den - October 1757.

49. VON Y O U N G , W E L W Y N , 2 7 . O K T O B E R

1757

Dear Sr What Obligations do I lie under to You for your so Kind, Repeated, and Undeservd Regards to a Stranger? A Stranger to your Person, but not to your Fame, and Merit. Poor Hohorst made me acquainted with That. If by your means He layd hold on the Rock of Ages, what overflowing Thanks is He now paying to his Friend on Earth, amid the Joys of Heaven? His Enemies flew before Him; but their Ally, the Fever would give no Quarter. He seemd possesd of most amiable Qualities; and is He gone in the Flowr of Youth? And am I still Alive? Humanity obliges

"JO

N r 49

27. Oktober

1757

me to say, that I p i t y the D y i n g ; and my Age and Infirmities oblige me to say, that, I e n v y the D e a d . Sr I receivd no Letter from You Before this. And I shall esteem it as an Honour to my Name, and a Cordial to my Decays, to receive any future Instance of your Favour. God Almighty prosper your pious and celebrated Endeavours for promoting his Glory; and then crown You with Blessings that will make You look with contempt on all the Applauses of the World. My Letter had been longer, if my Health had been Better. Favour, therefore, with your Pardon, and your Prayrs Worthy Sr Your much Obligd, Obedient and Affectionate Humble Sevt EYoung Octr 27. 1757. Wellwyn in Hertfordshire. PS. You are so Kind as to desire my Friendship; Dear Sr, You have my Heart; and it be one of the greatest Blessings of my Age, if I could embrace You before I die. Not being willing, to quit so kind a correspondant, I am obliged to borrow anothers hand to go on; which makes it natural for me, to date my Letter from the verge of Eternity; how long it may be, before the great Master of Eternity, and Time, shall bid me launch, is uncertain; but be it sooner, or later, as in Heaven, so on Earth, his blessed will be done I rejoice in being able to write to one, (how rarely to be found) who can relish thoughts, (Textverlust) unseasoned by the domineering interests of th world, that is, who can relish things; a true tast of which, renders Empire, and even Genius; tho' equal to your own, insiped and of little worth. Adieu, worthy Sir, adieu.

Nr 50

Z w i s c h e n dem 24. und dem 29. Oktober 1 7 5 7

71

50. AN G I S E K E , H A M B U R G , Z W I S C H E N D E M 24. UND D E M 29. O K T O B E R

1757

Gemeinschaftsbrief

von Klopstock und Margareta

Klopstock

Hamburg, den (Leerraum) Oct —57. Es ist so lange her, lieber Giseke, daß ich nicht durch dich selbst weis, was du u deine Frau u deine Kinder machen, daß ich wohl endlich einmal dir ungleich werden, u dir schreiben muß. Wir leben hier zwar viel ruhiger, als ihr mitten unter dem Geräusche der Waffen, u der Lagerbälle lebt; allein wir haben bisher auch viel trauriges erlebt. Unsre liebe Olden ist schwer entbunden, u vier Wochen nach der Entbindung wieder sehr krank geworden. Sie ist izt Gott lob! völlig besser. Schmidts Schwager u Compagnon Heidmann ist sehr schleunig am Schlage gestorben; u des ersten Bruder kam gestern von Sinnen. Wir bekamen diese Nachricht, da uns die Doctores eben nur ein wenig Hofnung wegen des Aufkommens unsers Schwiegervaters gemacht hatten, der an der Pleuresie liegt. Jedoch heute hat sichs mit ihm noch mehr gebessert. Albertis Frau ist nach ihrer Gewohnheit sehr glüklich mit einem jungen Sohn entbunden worden Du magst mir wohl nichts von dem schreiben, was dir von Euren Kriegsbegebenheiten am interessantesten scheint, weil du vermutlich so viel davon hast sprechen müssen, daß dir vor der Wiederhohlung derselben ekelt — Ich bin überzeugt, daß du meiner lieben Mutter mit gutem Rathe beystehn wirst. Ich wünsche sehr, daß Sie mir bald schreiben möge Wenn du einmal Zeit u Lust hast, Kritiken zu schreiben; so sage mir deine Meinung über meinen Tod Adams u über meine geistlichen Lieder. Ich habe schon oft gewünscht, daß auch du u Schlegel Lieder schrieben. Du weist doch, daß Cramer zwar nur einige wenige; aber vortrefliche gemacht hat? Ich muß dir eine Commission auftragen, die ich meinem Bruder der vor kurzen aus der Pforte nach Leipzig gegangen ist, zugedacht hatte. Allein ich habe ihm unmöglich rathen können, sich izt nach Quedl. zu wagen. Meine Commission besteht darinn, daß du Gleimen in einer gewissen Sache, die du gleich hören wirst, betrügen sollst. Er hat mein M. S. von dem Anfange einer Satyre in Händen, die an Eberten gerichtet ist. Diese Satyre oder vielmehr dieses Fragment, ist noch so, wie es in der ersten Hize eines schnellen Einfalls geschrieben worden ist. Ich habe es schon lange aus mehr als aus einer Ursache dem Camine bestimmt. Ich erinnre mich ihr nur dunkel; die beurtheilten Personen sind auch nur auf Seiten

72

N r 50

Z w i s c h e n dem 24. und dem 29. O k t o b e r

1757

ihrer Schriften angegriffen; allein vielleicht sind sie zu strenge angegriffen; u ich möchte überhaupt nicht gern eine Satyre geschrieben haben. Sie könnte durch einen Zufall öffentlich bekannt werden. Und das wollt ich durchaus nicht. Du weist, wie Gleim ist. Wenn er so was hat; so giebt ers nicht wieder. Ich habe ihn schon vor langer Zeit darum gebeten Könntest du sie nicht von ihm kriegen? Du wirst das schon zu machen wissen. Die Schuld von allen möglichen Künsten, die du dabey anwenden wirst, soll auf mich fallen. Du siehst wohl, daß ich wünschte, daß du dich meines MS. bemächtigtest, ohne daß Gleim aus irgend einem Argwohne eine Abschrift davon genommen hätte. Ich will deine Wunde wegen der seligen Prinzessinn nicht wieder aufreissen; unterdeß kann ich doch der Begierde nicht widerstehn, die ich habe deine Nachricht von Ihren lezten Stunden zu lesen. Wenn du meine Commission ausführst; u mir diese Nachricht schikst: so will ich dir so gar dein künftiges Nicht-schreiben auf ein Paar Monathe, aber länger doch auch nicht, vergeben. Ob meine Frau eben so großmüthig seyn wird, das wirst du auf der andern Seite zu lesen bekommen; wenn sie anders nicht in ihrer Bosheit gegen dich so weit geht, daß sie dir gar nicht schreiben mag. Daß dieser Brief einen Kuß an dein Hannchen u Ihre Kleinen mitbringt, das wirst du wohl von selbst einsehen Dein Klopstock Nachdem Sie auch meinen letzten Brief haben unbeantwortet lassen können; so habe ich Ihnen weiter nichts zu sagen. M Kl. Klopstock:

Ich habe dir gestern diesen Brief geschrieben; u ich weis leider heute auch nicht, was wir für einen datum haben, u ich habe auch, weil ich aus muß, nicht Zeit, mich danach zu erkundigen Meine Frau hat dir da ziemlich schnipsch geschrieben. Weist du, woher es kömt, daß das Mädchen so schnipsch ist? Sie hat zwo fausses couches gehabt, davon die eine Zwillinge waren Mein Schwiegervater ist nun ausser Gefahr; u Schmidts Bruder ist auch besser. Die Schmidten befindet sich vortreflich.

Nr 51

z.November 1757

5 1 . VON G I S E K E , Q U E D L I N B U R G , Z. N O V E M B E R

73

1757

Mein liebster Klopstock, Du würdest mich nicht kennen (und du kennst mich doch) wenn du aus meinem langen Stillschweigen etwas anders schliessen wolltest, als daß ich unter mancherley Zerstreuungen gelebt habe, und sehr oft nicht aufgeräumt genug gewesen bin, an meine Freunde zu schreiben. An deine liebe Frau, die es nicht dahin bringen wird, daß ich nicht weiß, daß Sie Meta ist, und mich lieb hat, habe ich etwas weniges davon geschrieben. Was hätte es geholfen, zu klagen? Aus deinem Briefe sehe ich, daß auch Ihr, lieben Kinder, nicht ganz frey ausgeht. Ich nehme mit Hannchen an allem Antheil, und freue mich, zu hören, daß ein Theil eurer unangenehmen Fälle überstanden ist. Es kann euch nie mit allen euren Hamburgischen u. dänischen Freunden so gut gehen, daß wir es euch nicht noch besser wünschen. Von unsern Kriegsbegebenheiten kann ich dir wenig wichtiges schreiben. Wir wissen selbst nicht viel. Ein Gerücht wiederlegt das andre. In Halberstadt selbst und den Gegenden um Halberstadt sieht es sehr traurig aus, weil die grosse Armee daselbst steht. Hier ist es noch erträglich, und wir können den Marquis d'Armentieres nicht genug rühmen. Drey Regimenter beziehen heute die Winterquartiere in unsrer Stadt. Wir haben noch bis ietzt zween Capitains, mit denen wir wohl zufrieden sind; doch in der Hoffnung, da es so lange währt, sie nun los zu werden, weil die Häuser der Geistlichen, wie es heißt, verschont werden sollen. Deine Frau M a m a wird wieder zwey einquartiert bekommen, denen Sie aber nichts weiter, als Logis zu geben schuldig seyn wird. Die gegenwärtigen Umstände haben uns verhindert, so oft als sonst zusammen zu kommen, weil ein ieder gern in seinem Hause bleibt. Wo mein Rath Ihr nützlich seyn könnte, da verpflichtet mich selbst die Dankbarkeit gegen alle Ihre Freundschaft und selbst gegen Ihre Dienste, die Sie Hannchen und uns erwiesen hat. Wir freuen uns immer, Sie hier zu haben, und würden ohne Sie hier halb in der Fremde seyn. Dein Tod Adams ist hier, wie das meiste, was gut ist, nur ietzt erst in den Buchläden zu bekommen, und ich habe ihn zuerst diesen Sommer in Gleims Gartenhauß in Gesellschaft deiner M a m a und Schwestern von ihm vorlesen hören, und hernach selbst gelesen. Ich müßte, wenn ich mich über ihn auslassen wollte, dich zu sehr loben, und du weißt, daß ich immer mit dem Lobe deiner Arbeiten der sparsamste gewesen bin.

74

Nr 5i

Z.November

1757

Er ist vortrefflich, und des Verfassers der Messiade würdig. Auf deine Geistlichen Lieder freue ich mich, denn noch habe ich sie nicht gesehen, sondern nur verschrieben. Von Cramern verspreche ich mir auch viel; aber es ist länger, als ein Jahr, daß er einen Brief von mir noch nicht beantwortet hat. Und wenn er es thut, so wird er doch schwerlich sich die Mühe geben, mir einige von seinen Liedern abzuschreiben. Wolltest du mir sie verschaffen: So wollte ich dir mit der Abschrift einiger Briefe von der seel. Prinzessinn ein Gegengeschenk machen. Ich besitze einen ganzen Schatz davon, diejenigen ungerechnet, die Hannchen hat. Bosteln habe ich einige davon vorgelesen, wie ich glaube. Ihm habe ich, da er meinen Aufsatz von den letzten Stunden der Prinzessinn hier für mich abgeschrieben, eine Abschrift von denselben mit der Bedingung, sie meinen Hamburgischen Freunden mitzutheilen, zugesagt. Ich werde sie ihm schicken, und du kannst sie von ihm erhalten. Du kannst aber nicht glauben, wie unvollständig dieser Aufsatz ist. Noch eins. Ich habe von deinem Messias den ersten Theil in 4to (die Hällische Edition) und den andern in 8. Ich wollte gern alle beide in der Quartedition, die in Coppenhagen herausgekommen ist, besitzen. Kann ich sie bey Bohnen bekommen? Oder weißt du sie mir von Coppenhagen aus zu verschaffen? Wenn ich es kann, mein lieber Klopstock, so will ich für dich Gleimen gern dein Fragment entwenden. Ich zweifle aber, ob ich so glücklich seyn werde. Er hat, wie du weißt, seine Bücher und Schriften in einer sehr poetischen Unordnung. Ich werde ihn also nie zu einer solchen Zeit überraschen können, w o er es mir gleich geben kann. U. wenn das nicht ist: So wird ers versprechen, vergessen, und endlich durch meine öftere Nachfrage argwöhnisch gemacht werden. M a n muß indessen sehen. Auf deinen Bruder, der ietzt von der Pforta nach Leipzig gereiset ist, hatte ich mich sehr gefreut. Ich hoffte mit Ihm einen Theil des Sommers zu geniessen. Aber wie viel Hoffnungen hat dieser Sommer nicht zernichtet! Ich habe deiner Frau ein Paar Stellen aus einem angefangenen Gedicht geschickt, das ich schon lange habe machen wollen, dessen Inhalt dir wohl eher gefallen hat, und wozu ich die Versart nach deinem Rath gewählt habe. Den Reim habe ich weggelassen, u. ich wünsche, daß man ihn nicht vermisse. Ich bitte mir deine und deiner Frau Meynung sowohl über das Stück selbst, als über die Versart aus, und ich habe mit Fleiß auch eine Probe aus dem zweyten Gesänge (denn den Liebhaber und den Geliebten werde ich wohl nicht, wie ich ehemals dachte, trennen, sondern beide in den ersten Gesang nehmen) gewählt, der sich mit einer

Nr 52

25. November 1 7 5 7

75

Beschreibung des Hochzeitstags und seiner Folgen anhebt, um von Euch zu hören, ob ich mir die Beschreibung der ersten Nacht wohl erlauben darf, oder sie nur für meine Freunde aufbehalten soll. Ihr seyd die einzigen, die ausser Hannchen bisher diese Versuche gesehen haben. Sonst bin ich ietzt mehr, als iemals, willens Predigten heraus zu geben. Hannchen ist dir nach deinem Tode Adams gedoppelt gut, ob es Ihr gleichviel Thränen und noch mehr Angst und Wehmuth kostet, ihn zu lesen. Sie würde dich küssen, wenn du hier wärst. Carl hört sehr gern Verse, besonders Hexameter, und kennt den Petrus, Jakobus, und Johannes in dem ersten Theil der Messiade. Tudchen fängt auch an, nach den Bildern zu sehen. Beide sind grosse Lieblinge von deinen Brüdern und Schwestern. Und ich bin dein G.

Kirchmann hat vor drey Wochen seine beste Freundinn, ein Mädchen von achtzehn Jahren, ein sehr liebenswürdiges Mädchen verlohren. Er ist ietzt mit dem Hofe in Blankenburg, und dieser Nachbarschaft ungeachtet, haben wir es noch nicht möglich machen können, uns einander zu besuchen.

52.

AN G E O R G F R I E D R I C H M E I E R , H A M B U R G ,

25.

NOVEMBER

I757

Hamburg den 25ten Nov. 1757. Hochedelgebohrner Herr, Werthester Freund, Ich werde diesen Winter hier zubringen, u mir den Umstand, daß ich näher bey meinen Freunden bin, zu Nuze machen. Ich finde, daß man wirklich mehr Neigung zum Schreiben hat, wenn die Briefe längere Zeit unterwegs sind. Ich wünsche Ihnen Glück, daß die Unruhen des Kriegs, die vor kurzem auch bis zu Ihnen kamen, durch die Iezte glükliche Schlacht, aufs neue von Ihnen entfernt worden sind. Da ich an allem, was Ew. Hochedelgeb. angeht, den freundschaftlichsten Antheil nehme; so bitte ich Sie, mir zu schreiben, in wie fern Sie die wiederhohlten Schiessereyen betroffen haben. Ich würde diese Bitte nicht thun, wenn man nicht gerne von überstandnen Unruhen mit seinen Freunden spräche.

76

N r 52.

25. November

1757

Ich weis nicht, ob mein Bruder in Leipzig Ihnen den Tod Adams zugeschikt hat. Ich habe ihm geschrieben, daß er es thun sollte. Er wird Ihnen auch ein Exemplar von meinen Liedern schicken. Wollen Sie wohl die Gütigkeit haben, u Sich von Herrn Hemmerde folgende Fragen beantworten lassen. Sie beziehn sich auf das, was ich u er einander über die Koppenhagner Ausgabe des Mess, geschrieben haben 1) Ob Er nicht den mir angedichteten Umstand, daß ich nämlich 800 Exempl. hätte drucken lassen, so genau untersuchen wolle (es kann ja durch Briefe geschehn) daß Er mir auf eine andre Art, als Er gethan hat, sagen könne, daß er von der Falschheit desselben überzeugt sey? 2) Ob Er dafür halte, daß Ihm Unrecht geschehe, wenn ich den Preis der nach Deutschland geschikten Exempl. nach meinem Gefallen festseze? Und ob er also nur in der Betrachtung mit dem Verkaufe derselben zufrieden sey, da sie, besonders in Leipzig (welches ich izt zulassen muß, da es Anfangs wieder meinen Willen so eingerichtet worden ist) übertrieben hoch verkauft werden? 3) Ob Er mir die noch übrigen Exempl. oder eine gewisse Anzahl davon abzunehmen Neigung habe. Ew. Hochedelgeb. verzeihen mir, daß ich Ihnen diese Bemühung mache. Die Ursache davon ist, daß ich von Hr Hemmerde gerne positive Antworten haben möchte. Die ganze Sache läuft darauf hinaus, daß Er mir den freyen Verkauf eines Geschenks, das mir mein König gemacht hat, zugestehe. Er hat dieses zwar schon gethan; allein ich bin theils mit der Art, mit welcher er es gethan hat, nicht völlig zufrieden; u theils scheint Er es nur deßwegen gethan zu haben, weil er gesehen, daß die hohen Preise den Verkauf hindern werden. Wenn Er nicht glaubt, daß Ihn die Billigkeit verbindet, mir den freyen Verkauf eines Geschenks des Königs zuzugestehen; so erwarte ich seine Forderungen wegen einer einzurichtenden Genugthuung: ob ich ihn gleich dadurch von Seinem mir gegebnen Worte noch nicht frey spreche, nach welchem Er sein vermeintes Recht fahren lassen will. Mich deucht man kann nicht mehr thun als ich wirklich thue, theils um Hr. Hemmerde Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen; u theils eine Verlegerstreitigkeit, (welche ich überhaupt von Grunde der Seele verabscheue,) in der Geburt zu ersticken. Ich weis nicht, ob ich Ihnen schon geschrieben habe, daß mir der König seit meiner Verheurathung eine Zulage von 200 Rthlr. aus Seiner

N r 53

5. D e z e m b e r

1757

77

Chatoulle giebt. Seit kurzem habe ich noch eine von 100 Dukaten erhalten

Da ich den Antheil kenne, den Sie an dem, was mir

begegnet, zu nehmen die Freundschaft haben; so habe ich Ihnen dieses nicht verschweigen wollen; ich habe zugleich auch deßwegen davon erwähnt, weil ich bemerkt habe, daß man auswärtig mein Gehalt nach Belieben grösser oder kleiner macht, als es ist. Ich habe vor kurzem einen Brief von dem verehrungswürdigen Young erhalten. Ich hoffe, daß Er noch einige Jahre leben wird; denn Seine Hand ist nur erst ein wenig zitternd. Ich wünsche von Ew. Hochedelgebohren bald solche Nachrichten zu erhalten, die mir die Sorge die ich mir über meine izt mitten unter Armeen wohnenden Freunden oft mache, einigermassen benehmen. Ich bin mit beständiger Hochachtung Ew. Hochedelgebohren Meines werthesten Freundes ergebenster Freund u Diener Klopstock. Meine Adresse ist: Bey Hr. Dimpfel im Grimm

53. VON

FUNK,

Als Bruchstück

KOPENHAGEN,

5. D E Z E M B E R

1757

überliefert

Da ich zu dem Inhalte des ganzen ersten Bogen keine wichtigere Materie, als mich selbst gewählt habe, so kann ich wohl nunmehr mit Ehren auf etwas anders kommen. Aber ich muß wenigstens den Anfang wieder von mir machen. Acht Tage nach Ihrer Abreise erhielt ich in meinem Koffer einen Brief von dem Herrn Cantor Doles. Damit Sie vollkommen urtheilen mögen, wie sehr er in seiner Idee von der beßten Kirchenmusik mit uns einig ist; will ich Ihnen die ganze Stelle seines Briefes hieher setzen: »Wie glücklich würde ich mich preisen, wenn ich, wie Sie, zuweilen in der Gesellschaft zweener Männer lebte, die ich so sehr verehre. Machen Sie beyden mein beßtes Danksagungscompliment für ihre mir überschickten Poesien, und versichern Sie ihnen, daß wenn ich begeistert werden könnte, so wäre es gewiß durch ihre Werke am meisten. Ich werde den

y8

N r 53

5. D e z e m b e r

1757

höhern Gesang so musikalisch arbeiten, als es nur in meinen Kräften ist, und in so weit es nach den Gedanken des Herrn Klopstock möglich seyn wird. Daß dieser würdige Mann mit unsrer itzigen Kirchenmusik nicht zufrieden ist, das glaube ich gern; denn sie thut freylich nicht, was sie thun soll. So bald die Gemeine mehr Antheil daran wird nehmen können, so bald wird auch mehr durch sie ausgerichtet, und ihr Endzweck besser erreicht werden. Die itzige kann es unter andern deswegen nicht, weil die gewöhnlichen Instrumente, Violinen, Flöten, zumal wenn sie schwach besetzt sind, in großen Kirchen keine Wirkung thun können, wenn vollends die Chöre auch mit Sängern nicht gnug versehen, und auch nicht gut gebaut sind. Ich muß Ihnen, mein lieber Herr Funke, bey dieser Gelegenheit einen Umstand erzählen, der das bekräftigt, was Herr Klopstock von der Kirchenmusik meynt. Sie wissen noch, daß in Freyberg anfangs die Leute, unter der Musik vor der Predigt, meistentheils in Büchern lasen, und nach der Predigt aus der Kirche giengen; so lange bis ich in die Musiken Strophen aus bekannten Chorälen einflochte, da sogleich beydes aufhörte. Hier in Leipzig war es eben so. Ich versuchte eben dieses Mittel, und da hier, wie Sie wissen, die Musik auch unter der Communion eingeführt ist, so musicire ich bey dieser Feyerlichkeit allemal einen Choral mit Zinken, Zugtrompeten und Posaunen, Hautboen, Bassönen und Hörnern, und bald werde ich es auch mit einfallenden Trompeten und Pauken versuchen, wen Gott mich wieder ein Fest erleben läßt. Kaum hatte ich es das erstemal mit der obgleich unbekannten, jedoch nach einer Choralmelodie gesetzten Ode: W i e

mächtig

s p r i c h t in m e i n e S e e l e etc. gethan, so blieb außerordentlich viel Volk da, man las in ihren Mienen eine besondre Aufmerksamkeit, und wenn itzt der Sonnabend kömmt, so ist die Nachfrage häufig: Was wird morgen für ein Lied unter der Communion musicirt? Und die Aufmerksamkeit ist gleich groß, es mag nun ein bekanntes, oder ein unbekanntes seyn. Ich bin lebhaft überzeugt, daß es daher rührt, daß die Gemeine an dieser Art von natürlich harmonischer und andächtiger Musik mehr Antheil nehmen kann, als an einer andern künstlichem; und ich wünsche herzlich daß sich die gewöhnliche nach und nach verlieren, und eine andre ihren Platz einnehmen möge, die die Wirkung thue, welche die bisherige zu thun nicht vermögend gewesen ist. Ich freue mich, daß wir künftige Messe Herr Klopstocks Gesänge erhalten sollen, die zu dieser Absicht vortrefflich seyn werden. Itzt bin ich beschäftigt, Melodien zu den gellertischen Liedern zu machen, die noch keine haben.«

Er

N r 53

5. D e z e m b e r

1757

79

errinnert mich nachher, daß ihm Cramer einmal eine Passion versprochen hat, und macht sich große Hoffnung darauf; aber dieses Jahr wird sie ihm fehlschlageno Er schreibt mir, daß seine Frau schon seit einem halben Jahre an einer auszehrenden Krankheit zu Bette liege; und kurz darauf hat er sie verlohren. Der arme Doles! Das ist das größte Unglück, das ihn hat treffen können. Er muß nothwendig wieder heyrathen, aber woher wird er eine Frau bekommen, die eben die Eigenschaften hat, die sie haben muß, wenn sie beyde glücklich seyn sollen.

Ich muß

hier eine Sache berühren, die mit der vorhergehenden in einiger Verbindung stehet; eine Sache an die ich mit allem möglichem Verdrusse denke. Sie, mein liebster Herr Klopstock, hatten mir aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Ihre Lieder durch einen von meinen Freunden recht gut corrigirt würden. Ich darf Ihnen nicht erst sagen, wie viel mir daran gelegen war, Ihre Hoffnung nicht unerfüllt zu lassen, und ich trug es meinem vertrautesten Freunde auf eine Art auf, daß ich nicht einen Augenblick an seiner beßten Sorgfalt zweifeln durfte. Unglücklicher Weise wird er aus Leipzig gerufen, weil seine M a m a sehr krank geworden ist; er übergiebt indessen die Correktur H. M . Heyern, aber zu gleicher Zeit bekommt man Nachricht, daß der H. P. Geliert der sich damals auf einem Landgute bey Zeitz befunden hat, krank und in Todesgefahr ist, H. M . Heyer thut also mit dem Commissionrath Wagner und D. Heynen eine Reise dahin. Da nun damals ohnedieß die meisten von meinen Freunden der unglücklichen Umstände wegen sich nicht in Leipzig befunden haben, so hat diese Sache freylich nicht besser ausfallen können. Sie haben Ursache zu wünschen, daß Sie mir es nicht aufgetragen haben möchten; und ich wünsche, daß Sie auf mich und meine Freunde nicht unwillig seyn mögen. Ich habe diesen Brief nicht mit aller der Freyheit des Geistes geschrieben, die ich dabey zu haben wünschte; ob ich mir gleich deswegen einen besondern Tag dazu ausgesetzt hatte: Ich habe dennoch zu viele andre Dinge im Sinne; Sie werden es ihm leicht ansehen. Ich denke Ihnen bald einen andern zu schreiben; vielleicht geräth der besser. Sie müssen also diesen nur für einen Prodromus ansehen, wiewohl er Ihnen aus diesem Gesichtspunkte kein großes Verlangen nach meinen künftigen Briefen erwecken kann. Wenn es Frau Klopstock nicht ohnehin gleichgültig ist, ob ich eher oder später geschrieben habe, so bitte ich Sie, ihr zu meiner Entschuldigung zu sagen, daß ich einer Unpäßlichkeit wegen »die M ä u s e « und die andern

8o

Nr 54

30. Dezember 1 7 5 7

r e s p . Tauben, weibliches und männliches Geschlechts nicht hätte besuchen können, und daß ich geglaubt hätte, ein Brief worinnen dieser wichtige Punkt fehlte, müßte mir mehr nachtheilig als vortheilhaft in Ihren Gesinnungen gegen mich seyn. Was ich nachher selbst gesehen habe, und was ich von dem gegenwärtigen Zustande der Sachen in Peristerron aus dem Munde des Chevalier August, Ihres Stadthalters daselbst weis, davon werde ich in einem besondern Blatte allerunterthänigsten Bericht abstatten, um es nicht in den weit unwichtigem Inhalt dieses Briefes einzuweben. Leben Sie wohl, beßter, liebster Herr Klopstock. Mein ganzes Herz fühlt es, daß ich Abschied von Ihnen nehme. Wie wenig hat mein Herz in diesem Briefe gesprochen. Ein andermal will ich ihm mehr Freyheit geben. Noch einmal: Leben Sie mit Ihrer geliebten Metha recht wohl. Ich kann Ihnen alle meine Wünsche eben so wenig ausdrücken, als Ihnen sagen, wie sehr ich bin Ihr ergebenster und gehorsamster Funke. Kopenhagen, den 5ten des Christmonaths. 1757.

54. VON Y O U N G , B A T H , 30. D E Z E M B E R

1757

Dear, Dear Sir I most cordially salute you, and your other amiable Self. Your most obliging Letters found me at the Bath; with a multitude of others, seeking our better Health; and, till all gracious Heaven shall please to restore it to me; I am much incapable of answering your so Affectionate Letters, as I wish, and as I ought to do: Till Then, therefore, favour me with your pardon. And, please to accept the most sincere wishes of my heart, and my fervent prayers to Heaven for your full comfort on this side the Grave, and your perfect Happiness in a far better and Eternal Scene; and measure not my respect; but my Infirmity by the shortness of my Letter, and be most assured that I am, and ever shall be, my dearest, and as far as your Celebrated Name will permit unknown Friends. Your most Affectionately, Devoted Humble Servant EYoung Bath, in Summerset-Shire, 30th Deer 1757.

Nr 55

1 9 . O k t o b e r 1 7 5 7 , 29. M a i , 7. Juni 1 7 5 8

8l

55. AN E B E R T , H A M B U R G , 19. O K T O B E R 1 7 5 7 , 29. M A I , 7. JUNI 1 7 5 8

Hamburg den i9ten Oct. 57 Mein lieber Ebert, Erschrocken bin ich nicht über Ihre zweyte Brieferscheinung; aber erstaunt bin ich nicht wenig darüber. Von E b e r t e n zween lange Briefe in so kurzer Zeit. Ich thue Ihnen hiermit die feyerlichste Ehrenerklärung, daß Sie nicht mehr zu der ehrwürdigen Gesellschaft der Nichtschreiber gehören. Aber wie sich doch alles in der Welt auf eine sonderbare Art fügen muß. Zu einer Zeit, da Sie Ihre lange behauptete Stelle der Nichtschreiberey verlassen, betritt Giseke die höchste Stufe derselben; u ich, der ich, ohne alle Prahlerey, nicht eben der lezte in der Gesellschaft bin, sehe mich von ihm sehr weit zurückgelassen. Proximus at longo proximus intervallo wofern mir Gärtner diese Nähe nicht streitig macht. Denn er hat alle mögliche Eigenschaften dazu, die einen Conpetenten nur unruhig machen können. Es ist ein merkwürdiges Exempl. der Unger, das so gar Sie, bey Ihren izigen ausserordentlichen guten Gesinnungen, ein wenig furchtsam machen könnte! Ich kann Ihren ersten Brief so gleich nicht finden. Ich weis wohl, daß ich viel daraus zu beantworten habe. Eins, mein Herr, hat mich darinn gar sehr piquirt Sie geben einigen von meinen Hexametern eine Riesenlänge Schuld, die ich ihnen gar nicht zu geben willens gewesen bin. Und noch bis auf diese Stunde glaube ich Ihnen nicht eher, als bis Sie mir diese angeklagten Verse zeigen. Dieses erwarte ich ehestens von Ihnen. — — Der junge Shoer hat mir recht wohl gefallen. Er verließ uns zu bald. Ich habe ihm einen Brief an Young mitgegeben. Denn ich muß Ihnen sagen, daß ich die Freude habe Youngen nicht ganz unbekannt zu seyn Er hat einige Fragmente ich weis nicht von welcher Übersezung des Mess, gesehen. Ein Freund von mir, ein braver Mann, der seit kurzen in keiner Schlacht (er war ein Preussischer Officier) sondern in Dresden gestorben ist, war vorigen Winter in England, u that eine Reise zu Youngs Einsiedeley. Dieser hat mir jenen Umstand u auch das geschrieben, daß Young gewünscht hätte, daß ich möchte nach England kommen können. Ich habe seitdem schon immer an ihn schreiben wollen, aber eine Ursach die mich damit zu eilen hätte antreiben sollen, hat mich bis zu Shoers Ankunft zurükgehalten. Ich stellte mir immer vor Young könnte schon todt seyn. Dasjenige was mich am meisten an Hohorstens Beschreibungen gerührt hat, war daß ihn Young beym Abschiednehmen mit einer Art

82

Nr55

ΐ9· Oktober i 7 5 7 > 2 9 - ^ a ' > 7 - J

u n

'

!75&

von ehrwürdigen Feyerlichkeit gesegnet hatte. Ich habe die Elfrida noch nicht gesehen, ob uns gleich die Paar Beltchen ganz u gar nicht zu Barbaren machen; u ob es gleich so gar die Nordsee nicht thut, welche dem Geh. R. Bernstorf immer die neuesten besten englischen Bücher bringt. Sie haben mich sehr begierig gemacht, die Elfrida zu lesen, besonders deßwegen weil ich noch in keiner englischen Tragödie, den S p i e l e r fast durchgehende ausgenommen, die Leidenschaft v ö l l i g e r r e i c h t gefunden habe. Ich halte zwar den v ö l l i g w a h r e n A u s d r u c k der L e i d e n s c h a f t für das schwerste in der Poesie; allein von wem kann ich ihn fordern, wenn ich ihn nicht von den Engländern fordern kann? Gleichwohl ist ihre Leidenschaft so oft mehr Einbildungskraft als Leidenschaft. Bisweilen soll zwar die Leidenschaft die Einbildungskraft zu Hülfe nehmen; aber auch nur bisweilen, u nur bis auf einen gewissen Grad. den 29 M a y 1 7 5 8 Eben finde ich diesen Brief in einem Buche. Ich wüste wohl, daß der Anfang eines Briefs an Sie existirte; allein ich könnt ihn nicht finden. Der i9te Oct. 57. u der 2