Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte IV: Nachschriften zum Kolleg des Wintersemesters 1830/31 9783787329625, 9783787337316

WINTERSEMESTER 1830/31 NACHSCHRIFT FRIEDRICH WILHELM KARL HEGEL mit Varianten aus den Nachschriften Jan Ackersdijck, Ado

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Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte IV: Nachschriften zum Kolleg des Wintersemesters 1830/31
 9783787329625, 9783787337316

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H E G E L · G E S A M M E LT E W E R K E 2 7, 4

GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL

GE SA MME LTE WE RK E

IN VERBINDUNG MIT DEM

FORSCHUNGSZENTRUM FÜR KLASSISCHE DEUTSCHE PHILOSOPHIE / HEGEL-ARCHIV

H E R AU S G E G E B E N VO N

WA LT E R J A E S C H K E

BA ND 2 7 I N F ÜN F T EILB Ä NDEN

F E L I X M E I N E R V E R L AG H A M BU R G

GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL

VO R L E SU NG E N Ü B ER DIE P HI L O SO PH I E DE R W E LT G ESC H IC H TE

U N T E R M I TA R B E I T V O N

CHRISTOPH JOHANNES BAUER

H E R AU S G E G E B E N VO N

WA LT E R J A E S C H K E

BA ND 2 7 ,4 N ACH SCH RI FT EN Z UM KO LLEG D E S W I NT E RS EM ES T ERS 1 8 30 /31

F E L I X M E I N E R V E R L AG H A M BU R G

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über 〈http://portal.dnb.de〉 abrufbar. ISBN 978-3-7873-2962-5

© Felix Meiner Verlag, Hamburg 2020 Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielf ältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Film, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 URG ausdrücklich gestatten. Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig. Druck: Beltz, Bad Langensalza. Werkdruckpapier: alterungsbeständig nach ANSI-Norm resp. DIN-ISO 9706, hergestellt aus 100 % chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Printed in Germany.

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INHALTSVERZEICHNIS

WINTERSEMESTER 1830/31 NACHSCHRIFT FRIEDRICH WILHELM KARL HEGEL mit Varianten aus den Nachschriften Jan Ackersdijck, Adolf Heimann und Johann Heinrich Wichern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1151 Philosophie der Weltgeschichte nach den Vorlesungen seines Vaters von F. W. K. Hegel (Wintersemester 1830–1831.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1153

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1155 Die Philosophie der Weltgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1203 Afrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1222 Eintheilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1230 Das chinesische Reich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1238 Indien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1264 Das Persische Reich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1290 Die Griechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1330 Die Römer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1383 Das germanische Reich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1451 ANHANG Zeichen, Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1571

WINTERSEMESTER 1830/31 NACHSCHRIFT

FRIEDRICH WILHELM KARL HEGEL MIT VA RIA NTEN AUS DEN NACHSCHRIFTEN

JAN ACKERSDIJCK, ADOLF HEIMANN UND JOHANN HEINRICH WICHERN

Philosophie der Weltgeschichte nach den Vorlesungen seines Vaters

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von F. W. K. Hegel. (Wintersemester 1830–1831.) |

1–6 Philosophie der Weltgeschichte … 1830–1831.)] Wi: Philosophie der Weltgeschichte / Vorlesung von Hegel / in Berlin} Ak: Philosophie der Geschichte. Hn: Die Philosophie der Geschichte / nach Hegel / von / Heimann geschrieben zum Winter 1830/31

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E i n l e i t u n g in die Philosophie der Weltgeschichte.

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Was die Weltgeschichte an und für sich sey, ist uns hinlänglich klar, weniger der Begriff einer P h i l o s o p h i e d e r We l t g e s c h i c h t e : Diese ist die B e t r a c h t u n g der Geschichte. Der Mensch ist denkend und so wie das Empfinden und Wollen, so muß auch das D e n k e n in der Geschichte nothwendig enthalten seyn: Diese allgemeine Berufung könnte etwa nicht hinreichend scheinen, da wir dafür halten, daß das Denken dem Seyenden unterworfen und untergeordnet sey: doch ist dieß eben so falsch, als wenn man der Philosophie eigene Gedanken zuschreibt, ohne Rücksicht auf das, was ist; wenn man behaupten will, sie behandle Alles als ein Material, richte ein und verändere nach ihren Gedanken; kurz sie sey die Geschichte a priori. – Die Geschichte gilt um so wahrer, je mehr sie sich an das Gegebene hält: das Gegebene selbst aber erfordert Forschungen; mit welchem Zweck das Gegebene zu erforschen, das Treiben der Philosophie im Widerspruch zu stehen scheint: über diesen Vorwurf ist es etwa, daß in der Einleitung die Rede seyn soll und in dieser Betrachtung wird sich das Verhältniß des Gedankens und des Geschehnen von selbst geben. Drei Abtheilungen sind in dieser Einleitung zu machen, die uns einzeln beschäftigen werden 1. Der allgemeine Zweck der Philosophie der Weltgeschichte also ein objektiver Zweck, der Zweck des Geschehnen und nicht unser subjectiver Zweck.

20 1 E i n l e i t u n g in … Weltgeschichte.] Hn: | Einleitung.

2–3 Was die … We l t g e s c h i c h t e : ] Wi: daß von einer Philosophie der Weltgeschichte die Rede ist und wir die Geschichte philosophisch betrachten wollen scheint einer Einleitung bedürftig 3 B e t r a c h t u n g ] WiHn: denkende Betrachtung Ak: denkende Behandlung 4–5 Der Mensch … seyn] Wi: das denken können wir nirgend also auch nicht mit jener Beschäftigung mit der Geschichte unterlassen. 6–7 da wir … sey] Wi: da 25 ist das denken dem seyn untergeordnet und wird durch das seyn geleitet Hn: Jedoch gewöhnlich wird der Gedanke gebaut durch das Gegebene 7–11 doch ist … a priori] Wi: der Philosophie aber werden eigne Gedanken zugesprochen die die speculirende Vernunft aus sich selbst hervorbringt, und die Geschichte richtet sich nach der Philosophie, die Geschichte wird construirt. 11–12 an das Gegebene] Ak: an dem Sein, Gegebenen 14 zu stehen scheint] Hn: zu stehen, indem sie nach 16 geben] Wi: stellen. Es bedarf aber nicht 30 mitgebrachten Gedanken die Geschichte behandelt daß wir uns in Widerlegung der verschiedenen schiefen Vorstellungen dabei einlassen über das Verhältniß der Philosophie zur Geschichte. Hn: zeigen. Von den schiefen Vorstellungen die man sich gemacht, werden wir also uns hier nicht einlassen zu sprechen. 18 Zweck] Wi, ähnlich Hn: b e g r i f f u n d Zw e c k

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2. Die nähere Bestimmung dieses Zwecks. | 3. Die Entwicklungsweise des Endzwecks: Die Art der Erscheinung der Entwicklung. 1. Wir haben zuerst über den vorläufigen B e g r i f f der Philosophie der Weltgeschichte zu sprechen. – Man hat der Philosophie den Vorwurf gemacht, daß sie den Gedanken an die Geschichte bringe: Der einfache Gedanke der Philosophie überhaupt ist der, d a ß d i e Ve r n u n f t d i e We l t b e h e r r s c h e , in Ansehung des unendlichen Gewühls in derselben (der Welt); durch die spekulative Erkenntniß wird erwiesen, daß die Vernunft die Substanz so wie die unendliche Macht ist, der unendliche Stoff alles natürlichen und geistigen Lebens und die Bethätigung ihres Inhalts, sie ist das, worin alle Wirklichkeit ihr Seyn und Bestehen hat, – die unendliche Macht; indem sie nicht so ohnmächtig ist, sich außerhalb der Welt zu befinden, sie ist außerdem der unendliche Inhalt, alle Wesenheit und Wahrheit, sie bedarf nicht wie ein endliches Thun eines äußern Materials, aus dem sie die Gegenstände empfinge, sie ist ihr absoluter Endzweck und eben so die Hervorbringung dieses Endzwecks in der Erscheinung sowohl des natürlichen als geistigen Universum. – Daß die Idee sich in der Welt offenbare, daß die Weltgeschichte nur der Schauplatz der Ehre und Herrlichkeit der Vernunft sey, das ist es, was in der Philosophie bewiesen wird.

1 Die nähere … Zwecks.] Hn: die nähere Bestimmung dieses allgemeinen Zweckes ist hier anzugeben. Der Zweck soll sich hier auf die Geschichte selbst an ihr selbst wie sie geschehen ist, nicht auf unsere Kenntnis beziehen. Wi: vom Zweck den die Welt Geschichte in sich selbst hat Ak: Der Zweck, den die Weltgeschichte an sich selbst gesucht, verfolgt und vollendet hat 2 Endzwecks] Hn: Endzwecks der Weltgeschichte 6 den Gedanken … bringe] Hn: mit eigenen Gedanken an die Geschichte tritt einfache] Wi: einfachste 7 der, d a ß … b e h e r r s c h e ] Wi: die Vernunft, und die Geschichte setzt voraus daß es in der Weltgeschichte vernünftig gewesen sei b e h e r r s c h e ] Hn: herrscht, daß es also auch in der Geschichte vernünftig zugegangen ist 8–9 durch die … erwiesen] Hn, ähnlich Wi: In der Philosophie gibt es nun aber keine Voraussetzungen, (Hn: keine Autorität, es ist nur Voraussetzung, die man auf die Geschichte überträgt. Wi: und es ist da alles erwiesen worden: und auch) 11 Bethätigung] Wi: unendliche Form 12–13 sich außerhalb … befinden] Wi: daß sie nur das Ideal erreichte, oder nicht in der Wirklichkeit wäre Hn: es nur bis zum Sollen und Idealen zu bringen, und lebt nicht bloß in den Köpfen einiger Menschen Ak: sich nur in den Köpfen einiger Menschen zu befinden 14–17 sie bedarf … Universum.] Wi: sie ist aller Stoff den sie sich selbst zu verarbeiten gibt, die Vernunft zehrt aus sich selbst, sie ist ihr eigner Zweck und zugleich die bethätigung dieses absoluten Endzwecks, und die Uebersetzung dieses innerlichen Zwecks in die äußere Erscheinung und geistige Erscheinung, und die hervortretung in die äußere Erscheinung ist die We l t G e s c h i c h t e 14 sie] Hn: sie ist sich selbst Stoff und 17 Universum] Hn: Universums, oder der Weltgeschichte 19–1157,3 das ist … Geschichte] Hn: und dieses ist die Voraussetzung der Philosophie, die sie bei der Weltgeschichte 15 dem] der

31 Wirklichkeit] Unwirklichkeit

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Es wird sich und hat sich aus der Betrachtung der Weltgeschichte ergeben, daß es vernünftig in ihr zugegangen ist; der Weltgeist ist | die Substanz der Geschichte , denn die Natur des Geist’s ist immer dieselbe und das hat sich aus der Weltgeschichte selbst zu ergeben und wir haben dabei historisch und empirisch zu verfahren und uns nicht von den Historikern verführen zu lassen , unter denen es solche giebt, die gerade das thun, was sie der Philosophie vorwerfen, die nämlich a priorische Dichtungen hineinbringen in die Geschichte : so ist es z. B. eine weitverbreitete Dichtung, daß es ein uraltes Volk gegeben, das eine durchdringende Erkenntniß aller geistigen Vermögen und Kategorieen gehabt habe; daß es diese oder jene alte Priestervölker gegeben habe; daß ein Epos von der Geschichte Roms vorhanden war, aus dem die Römischen Geschichtschreiber geschöpft hätten . – Von dieser Seite her, haben wir also als die e r s t e Bedingung anzunehmen, daß wir das Historische treu auffassen werden; doch schon selbst darin, daß wir von einem treuen A u f f a s s e n sprechen, liegt eine Unbestimmtheit ; denn jeder faßt auf eine verschiedene Weise auf und auch der mittelmäßige Geschichtsschreiber verhält sich nicht passiv bei seinem Denken, er sieht mit seinem Verstande das Geschehene an; denn das Wahrhafte liegt nicht auf der Oberfläche; Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an: um dieses zu erläutern müßten wir die verschiedenen Weisen des

als einem Gliede, dem schon vieles vorangegangen ist, macht. Sie, meine Herren, die noch nicht Philosophie studiert haben, könnte ich nur bitten, Glauben an die Vernunft zu haben. Diesen Glauben habe ich vorläufig nicht in Anspruch zu nehmen. Was ich sage, ist nicht Voraussetzung, sondern allgemeine Übersicht des Ganzen, Resultat dessen, was sich vor uns darstellen soll. Das Resultat ist mir bekannt, und ich gebe Ihnen nur eine Vorstellung von diesem, was sich selbst beweisen wird, daß der Weltgeist, der Geist überhaupt, die Substanz der Geschichte ist. Wi: | Es ist keine Voraussetzung sondern zugleich Uebersicht des Ganzen und Resultat dessen was wir behandeln wollen. Ak: die Uebersetzung dieses Zwecks aus dem Innern zu zeigen, dass die Geschichte die Krone der Vernunft ist dass die Geschichte die Krone der Vernunft ist, ist Sache der Philosophie, d.h. dass sie der vernünftige, nothwendige Gang des Weltgeistes gewesen 2 zugegangen] Wi: zugegangen und die nothwendige Entwickelung des Weltgeistes gewesen ist 2–3 der Weltgeist … Geschichte] Ak: Weltgeist ist Geist, dieser die Substanz der Geschichte. Wi: Weltgeist ist Geist überhaupt, und Geist ist die Substanz, die Vernunft. 3 dieselbe] Hn: dieselbe, und in dem Weltdasein ist die eine Natur nur expliziert 5 Historikern] WiAkHn: historikern vom Fach lassen] Hn: lassen, die große Autorität haben, als solche, die aus Quellen studieren 6–7 die gerade … Geschichte] Wi: die vorwerfen den Philosophen daß sie a priori construiren, welcher Vorwurf oft genug auf sie selbst zurückf ällt 12 geschöpft hätten] Hn: geschöpft. Diese apriorischen Sätze überlassen wir den Historikern vom Fach. Wi: diß müssen wir den geistreichen Historikern überlassen 15 Unbestimmtheit] Hn: Zweideutigkeit 18 Welt] Wi: Geschichte 19–1158,2 um dieses … führen] Wi: (Ein gewöhnlicher Gesichtspunkt ist, daß man das wichtige vom unwichtigen unterscheiden müsse. Mehre Categorien dieser Art hier durchzunehmen ist hier nicht am Ort.) 19 müßten] mußten

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Gesichtspunkts der Beurtheilung darthun, und das würde uns wieder auf die Natur der Erkenntniß führen. An 2 Formen ist hier zunächst zu erinnern, daß die Vernunft herrscht und daß | die Vernunft auch in der Weltgeschichte geherrscht habe. Der Grieche Anaxagoras war der erste, der gesagt hat, daß der n otu d i e We l t r e g i e r e , und doch ist hier der notu noch nicht der Geist als solcher, nicht die Intelligenz: die Bewegungen des Sonnensystems sind gesetzmäßig aber weder die Sonne noch die Planeten haben Bewußtseyn, erst der Mensch hebt sie aus ihrer Existenz heraus und erkennt, daß die Natur durch Gesetze regiert werde. Bei Anaxagoras nun ist es zunächst nur die Natur: uns kommt dieß als das Allergewöhnlichste vor, und doch hat es eine Zeit gegeben, wo man es noch nicht in der Welt wußte. Aristoteles sagt: Anaxagoras sey wie ein Nüchterner unter Trunkenen erschienen; den Sokrates hat jener Gedanke des Anaxagoras auf das Höchste staunen gemacht. Plato im Phaedo läßt ihn sagen: „Ich freute mich dieses Gedankens, ich hoffte einen Lehrer zu finden, der mir in den besondern Dingen den Endzweck aufzeigte: ich hätte diese Hoffnung um Vieles nicht aufgegeben; dann aber fand ich, daß er nur Luft, Aether und dergl. statt der Vernunft aufführt“. Man sieht daraus, daß das Ungenügende der Lehre nicht das Prinzip selbst betrifft, aber daß die Natur nicht aus jenem Prinzip verstanden wird. (A n m . Jene Lehre des Anaxagoras ist ganz abstrackt, denn sie ist nicht auf die einzelnen Fälle, auf das Besondre angewandt worden; Anaxagoras nämlich anstatt von dem Besondern (dem Concreten) zu zeigen, daß die Vernunft darin sey, spricht von dem Feuer, dem Aether und dergl.) Dieser Unterschied vom Abstracten und Concreten ist durchgreifend, und wird nun auch am Schluß der Weltgeschichte besonders sichtbar. Das Mangelhafte dieses Prinzips ist auch darum angeführt weil dasselbe in der Form der religiösen-

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1–2 und das … führen] Hn: um die verschiedenen Gesichtspunkte in der Geschichte kennen zu lernen. Aber es gibt Wichtiges und Unwichti|ges. Jenes läßt uns beurtheilen, dieses scheiden wir. 4 Der Grieche … hat] Hn: Der geschichtliche Umstand ist bekannt, daß der Grieche Anaxagoras gesagt 5 notu ] Wi: notu, Vernunft, Verstand 5–7 der Geist … Bewußtseyn] Hn: der selbstbewußte Geist, sondern der lenkende Geist, wie er z. B. im Sonnensystem 30 herrscht 8–9 durch Gesetze regiert werde] Wi: nach ewigen Gesetzen – d.h. nach dem Verstande. Dieser Gedanke frappirt uns nicht. Hn: Der Gedanke, daß das nothwendige Gesetz alles lenkt, frappirt uns nicht. 9–11 uns kommt … wußte] Wi: Die Geschichte lehrt daß dergleichen was uns trivial werden kann ist nicht immer in der Welt gewesen. (ähnlich Hn: Jener Gedanke hat Epoche gemacht in der (Wi: Welt Geschichte Hn: Geschichte des Geistes).) 12–13 den Sokra- 35 tes … gemacht] Wi, ähnlich Hn: der Gedanke ist von Socrates aufgenommen und in der Philosophie (außer den Epicuraern, die alles den Zufall zuschrieben) geblieben. 15–17 ich hätte … aufführt“] Wi: aber er tadelt den Mangel der Anwendung dieses Prinzips auf die concrete Natur, und dieß Prinzip als ein Abstractes gehalten wird und die Natur nicht als eine Entwicklung des40 selben

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Wahrheit, vorhanden ist, daß die Welt nicht | dem Zufall preisgegeben sey, sondern d a ß e i n e Vo r s e h u n g d i e We l t r e g i e r e , u n d r e g i e r t h a b e . Gerade nun die Wissenschaft, die wir jetzt abhandeln, wird uns dieß in der Weltgeschichte zeigen, und das eben ist der Zweck der Philosophie der Weltgeschichte. – Es kann also hier der Unterschied gemacht werden, daß so ein Satz an und für sich selbst wahr seyn kann, daß er aber nicht gehörig aus dem Besondern bewiesen wird: besser ist es nun, wenn wir sagen, die Richtigkeit des Satzes muß aus der Weltgeschichte hervorgehn, nämlich des Satzes: Daß die Welt durch eine Vorsehung regiert werde; denn die Grundlage dieses Gesetzes ist die Erfahrung und Erscheinung. Der Satz daß eine Vorsehung die Welt regiere, entspricht dem Prinzip des Anaxagoras, daß ein notu die Welt regiere, denn die göttliche Vorsehung mit unendlicher Weisheit verwirklicht in der Welt ihre wirklichen Endzwecke und die Weisheit als solche mit unendlicher Macht entspricht diesem notu; so zeigt sich nun auch eine Verschiedenheit unsres Glaubens und der inneren Wahrheit des Prinzips, und zwar in derselben Weise, wie sich das Prinzip des Anaxagoras gegen die Forderung des Sokrates verhält: denn unser Glaube an die Vorsehung ist eben so unbestimmt; er geht auch nicht auf die Anwendung, und in der Geschichte wird dieser Grundsatz weiter nicht angewendet, die Anwendung wäre die Erklärung der Geschichte nach dem Prinzip, daß die Vorsehung die Welt regiere: wir erklären das Genie eines Individuums,

2 r e g i e r t h a b e ] Hn: regiert sie, so daß auf die Religion jener Gedanke angewendet ist. Diesen Satz können wir aus der Religion voraussetzen, indem wir dran glauben, aber die Philosophie macht keine Voraussetzungen. Wi: An den Glauben in der Religiösen form dürften wir appelliren, wenn die Philosophie als Wissenschaft Voraussetzungen vertrüge, und sie gelten ließe. 5–8 Es kann … hervorgehn] Hn: Dieser Satz aber muß an und für sich wahr sein; die Richtigkeit von ihm muß auch aus der Weltgeschichte hervorgehen. Aus der Erscheinung leitet man einen Satz ab, und der Satz ist richtig, wenn die Erscheinung demselben entspricht, und sich verhält, wie das Gesetz es ausspricht. Die wahrhafte Wahrheit muß an ihm selbst wahr sein. 9–10 die Erfahrung und Erscheinung] Wi: (die Erfahrung, die Existenz) demselben entspricht; die wahrhafte Wahrheit braucht nicht aus der Erfahrung wahr zu seyn, muß es aus sich selbst seyn. 10 Der Satz …Vorsehung] Wi: | diese religiöse form daß Gott 14 so zeigt … Verschiedenheit] Hn: das Denken, das sich frei aus sich bestimmt, und sich selbst bewußt ist, kommt erst als eine nähere Bestimmung zu jener weisen Macht. Es ist also eine Verschiedenheit Verschiedenheit] Wi: Verschiedenheit und Entgegensetzung 17–18 er geht … Anwendung] Hn: der nicht zur Anwendung übergeht, zur Erkenntnis des Weltverlaufs 18 Grundsatz] Wi: Grundsatz der Vorsehung 20–1160,3 wir erklären … Ursachen] Wi: Aber in der Geschichte wird erklärt durch die Leidenschaften des Menschen, Ausgezeichnetheit von Individuen, starke Heere pp. diß nennt man die Natürlichen Ursachen und nach denen erklärt man gewöhnlich. Hn: In der pragmatischen Geschichte nimmt man die Leidenschaften der Individuen, die Fehler und das Genie derselben, die Macht der Armeen, den zufälligen Kopf des einen Menschen als die natürlichen Ursachen der Begebenheiten in der Geschichte an.

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die Fehler eines Individuums, eines Staats, oder den Umstand, daß kein ausgezeichnetes Individuum an der Spitze des | Staates stand, für n a t ü r l i c h e Ursachen; eben so wie Anaxagoras, an statt in dem Concreten den notu zu zeigen, n a t ü r l i c h e Umstände vorbrachte: Sokrates spricht im Phaedo vom notu des Anaxagoras und sagt, wenn man ihn frage, warum er hier im Gefängniß sitze, so würde er als Grund angeben, weil es die Athenienser für recht gehalten hätten, daß er hier sitze, und weil er es für recht gehalten habe, den Gesetzen seines Vaterlandes Folge zu leisten, Anaxagoras aber würde sagen, weil er diese Knochen und Muskeln habe und er sie gebeugt und nachgelassen habe, das sey der Grund warum er hier sitze. Eben so geht es auch mit dem Glauben an die Vorsehung, indem man nur beim Allgemeinen und Unbestimmten stehen bleibt und es nicht auf das Besondere anwendet. Das Bestimmende und das Bestimmte in der Vorsehung ist das, was wir den Plan der Vorsehung nennen; in Ansehung dieses Planes gilt es, daß er vor unsern Augen verborgen sey und es sey Vermessenheit ihn erkennen zu wollen. Anaxagoras war noch nicht so weit gekommen, um das Besondre in Anwendung zu bringen; erst Sokrates hat diesen Schritt gethan, jedoch war Anaxagoras u n b e f a n g e n darüber, wie sich der notu im Besondern offenbare; jener unbestimmte Glaube an die Vorsehung ist aber p o l e m i s c h gegen die Anwendung geworden, er will nicht daß die Vorsehung im Besondern erkannt werde. – Fromme Gemüther jedoch sehen in vielen Vorfällen nicht nur Schickungen Gottes, sondern sie erkennen darin auch die Vorsehung, sie ahnden Zwecke der Vorsehung; aber dieß | geschieht nur in ganz einzelnen Fällen, wenn ein Individuum im Nothfall gewesen und daraus errettet worden ist: in der Weltgeschichte haben wir es mit Ganzen zu thun, welche Staaten sind; wir bleiben nicht bei der Kleinkrämerei der Vorsehung stehen, sondern wir erkennen sie in der ganzen Weltgeschichte und bleiben nicht beim

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10 warum er hier sitze] Hn: seines Sitzens im Gefängnis: Aber dieses sind nicht die Gründe, sondern jene ersten. 13 Plan] Wi: Plan, Zweck 15–16 Anaxagoras war … bringen] Hn: Von Anaxagoras kann man sagen, daß seine Unwissenheit darin unbefangen war, indem das Denken sich noch so ausgebildet, daß es sich auf das Konkrete anwendete 17 gethan] Hn: indem er vom Abstrakten 30 fortging 18–19 jener unbestimmte … geworden] Hn: jener religiöse Glaube ist wohl polemisch gegen die Anwendung im Großen, daß die Erkenntnis des Planes der Vorsehung möglich sei. 19–20 er will … werde] Wi, ähnlich Hn: im besondren läßt man die Anwendung hie und da wohl gelten 22–23 ganz einzelnen Fällen] Wi: hervorstechenden Augenblicken 23–24 im Nothfall … ist] Hn: aus Verlegenheit gerissen und dankbar ist, und zu Gott aufschaut; aber es ist nur 35 ein ganz einzelnes Schauen 24–25 mit Ganzen … sind] Hn, ähnlich Wi: auch mit Individuen zu thun, die aber Völker sind und mit Ganzen, die Staaten sind 25 der Vorsehung stehen] Wi: des Glaubens bleiben, und lassens nicht bloß bei dem abstracten, unbestimmten Glauben stehen 26–1161,1 wir erkennen … stehen] Hn: gehen zu den großen Weltereignissen, worin wir die Vernunft erkennen und bleiben nicht beim bloßen Abstrakten: ,es gibt eine Vorsehung‘ stehen 40 9 das] daß

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Allgemeinen stehen, sondern im vernünftigen Erfassen haben wir mit dem Glauben an die Vorsehung Ernst zu machen; die Erscheinungen liegen offen vor uns dar, und wir haben sie nur auf ein allgemeines Prinzip zu beziehen, da wir es in seiner bestimmten Wirklichkeit erkennen. – Wir sind hiemit an die Frage gekommen, ob es m ö g l i c h sey G o t t z u e r k e n n e n : es ist eine zum Vorurtheil gewordene Lehre, daß die Erkenntniß Gottes unmöglich sey, die selbst von solchen ausgesprochen wird, die sich für christliche Lehrer ausgeben; obgleich dem Menschen geboten ist, nicht nur Gott zu lieben sondern auch „zu erkennen; denn der Geist erkennt alle Dinge“, und die christliche Religion heißt deßwegen die o f f e n b a r e , weil sich Gott in ihr z u e r k e n n e n gegeben hat; unsre Religion enthält nichts Verschlossenes und Geheimes mehr, und damit ist den Menschen die Pflicht auferlegt, Gott zu erkennen; die Wahrheit der Religion ist dem menschlichen Gemüthe geoffenbart, indem sie für alle Menschen ist. Doch muß sie mit dem Gedanken und dem Geiste ergriffen werden: es ist diese Frage eben darum berührt worden, um zu zeigen, daß die Philosophie, wie manche glauben, keineswegs die Religion zu scheuen habe, sondern daß sie | vielmehr die Religion vom rechten Standpunkt ansehe. – Unsre Wissenschaft geht nun darauf hinaus zu zeigen, was der Plan der Vorsehung gewesen ist, und daß diese vermocht hat ihren Endzweck zu erreichen und zu verwirklichen; unsre Betrachtung kann daher auch die Recht2 die Erscheinungen] Wi: Was man die We g e der Vorsehung nennt, das sind die Mittel, Erscheinungen der Vorsehung, diese 5 Wir sind … gekommen] Wi: Indem wir diese Form, dieses Erkennen des Planes der Vorsehung erwähnt haben so ist dabei auch eine Frage unserer Zeit erwähnt, nämlich die Frage 8 obgleich dem … ist] Wi: dem aber die christliche Religion entgegen steht 9 denn der … Dinge“] Wi: der Geist dringt bis in die Tiefen der Gottheit Hn: der Geist ist es, der in die Wahrheit einführt 10–11 heißt deßwegen … hat] Wi: ist eine Offenbarung worin Gott sein Wesen kund gemacht hat Hn: in der er sich und seine Natur und Wesen zu erkennen gegeben hat 11–13 unsre Religion … erkennen] Hn: Unsere Materie hängt also mit Etwas Anderem (der Religion) noch zusammen, und die Philosophie selbst hat ein gutes Gewissen, sich in den religiösen Inhalt zu begeben, und die Religion selbst gegen Feinde zu vertheidigen. Gott ist nicht mehr verschlossen, sondern offen und erkennbar, und nothwendig zu erkennen. 15–20 es ist … daher] Wi: in unserer Zeit muß die Philosophie sich oft der Religion annehmen. In der christlichen Religion hat sich Gott geoffenbart und so ist dem Menschen die Pflicht auferlegt Gott zu erkennen, die Entwickelung des Denkens ist aus der Offenbarung Gottes, als ihrem Grunde hervorgegangen. Was Gott ist? sein Verhältniß zu dem Menschen | hat sich in dem Gemüth, in der Vorstellung, im Gefühl der Menschen offenbart; aber dieß muß auch mit dem Gedanken erfaßt werden. Es muß diß wohl an der Zeit seyn. Philosophie ist das Denken des Geists der vorhanden ist. Unsere Erkenntniß geht hier darauf, daß das von der ewigen Weisheit bezweckte in der Welt des thätigen Geistes wirklich zu stande gekommen, daß die Vernunft nicht zu ohnmächtig gewesen ist diesen Zweck zu erreichen, sofern kann unsere Wissenschaft Hn: es ist nun an der Zeit, das Produkt der schöpferischen Vernunft, zumal in der Weltgeschichte zu ergreifen. Die Philosophie erfaßt nur das, was wirklich ist, und der Geist des Wirklichen wird durch die Philosophie erkannt. Wir lernen so unsere Zeit verstehen und die Einsicht gewinnen, […] 21 das] daß

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fertigung Gottes genannt werden – eine Theodicee; (Titel, den Leibnitz einer seiner Schriften gegeben hat). Die ganze Masse des concreten Uebels wird uns vorliegen; die Aussöhnung mit dem Bösen, des Affirmativen mit dem Negativen kann nur durch die Erkenntniß erreicht werden, was der Endzweck der Welt sey und wie er verwirklicht worden, und daß das Böse sich nicht habe geltend machen können sondern daß das Affirmative verwirklicht worden ist. – Wir haben nun 2. die B e s t i m m u n g , den Inhalt der Vernunft anzugeben, was das Kriterium sey, wonach wir beurtheilen können, was v e r n ü n f t i g ist, so daß wir die Vernunft auch im Konkreten auffinden können, denn die Vernunft in ihrer Bestimmtheit ist erst die Sache, so ist sie nur ein leeres Wort. Wenn wir die Vernunft bestimmen wollen, so ist es dasselbe als fragen wir nach dem E n d z w e c k d e r We l t , und wir haben daher zweierlei zu betrachten: den Inhalt des Endzwecks, die Bestimmung dieses Endzwecks als solchen, und die Verwirklichung desselben: Fragen wir demnach Was die Bestimmung der Vernunft oder der Endzweck der Welt sey, so ist das Erste, was | wir hier zu bedenken haben, daß der Schauplatz der Weltgeschichte ein denkender, geistiger Boden sey. Die Welt begreift die physische und geistige Natur; jene ist nicht unser Gegenstand, sie greift auch in die Geschichte ein, und wir haben auch an sie zu erinnern, aber wir haben sie nicht zu betrachten, wie sie an ihr ein System der Vernunft ist, wie auch sie ein Bild der Vernunft sey sondern nur relativ auf den Geist; sie ist dem Geiste wesentlich untergeordnet und wenn man sagt, daß es aus der Natur zu erkennen sey, daß es einen Gott gebe, um wie viel mehr noch läßt sich dieß am Geist erkennen! aus der Auslegung des Geists, deren grandioseste Gestalt die Weltgeschichte ist! Wir sind also 3 vorliegen] Wi: vor Augen gelegt die Aussöhnung … Bösen] Wi: Die Versöhnung, Aussöhnung des Geistes 6 sondern daß … ist] Wi: sondern das Affirmative, was wirklich geworden ist, das zeigt die Philosophie der Geschichte 7 2. die B e s t i m m u n g , … Vernunft] als Überschrift: Wi: II. Von der B e s t i m m u n g d e r Ve r n u n f t . Hn: II. Bestimmung des allgemeinen Zweckes der Weltgeschichte. 13–14 den Inhalt … desselben] Wi: Womit wir aussagen daß etwas in die Existenz, etwas realisirt werden soll. Der Inhalt dieses Endzwecks, der Inhalt als solcher und die Verwirklichung desselben liegt in dem Worte E n d z w e c k . 15–17 Was die … sey] Wi, ähnlich Hn: Die Weltgeschichte geht auf dem geistigen boden vor. 18 sie greift … ein] Wi: ist wesentlicher Umstand, wesentliche bedeutung 19 wir haben … erinnern] Wi, ähnlich Hn: wir haben gleich anfangs die geographischen, Bedingungen der Natur zu betrachten 20 Bild der Vernunft] Wi: System – Vernunft ist, auch sie hat Vernunft und Verstand (aber nicht bewußte) auch ein beispiel der Vernunft 22–23 wenn man … gebe] Hn: Betrachten wir die Weisheit Gottes in der Natur, um durch sie ihn zu erkennen 22 es1] Wi: die Vernunft oder Weisheit Gottes auch 23 am Geist erkennen] Wi: aus dem Geiste zu erkennen. aber nicht so wie die Menschen gewöhnlich, in der Natur erkennen sie wohl Gott, aber stellen der Natur den Menschen gegenüber. ist er aber aus der Natur zu erkennen so noch viel mehr Hn: aus dem Geiste selbst thun, in welchem Gott ebenso als in der Natur ist, und er ist unendlich höher als diese 23 gebe] gäbe

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auf geistigem Boden, der Geist selbst ist auf dem Theater seiner concreten Wirklichkeit. Obgleich nun unser Gegenstand zunächst ganz concret ist, so haben wir doch die abstracten Grundbestimmungen von der Natur des Geistes vorauszuschicken; dabei ist aber zu erinnern, daß hier nur mehr historisch darüber gesprochen werden muß, und dieß gleichsam nur lemmatisch aufgenommen wird. Wir haben also anzugeben: a. Die abstracten Bestimmungen der Natur des Geists. b. Welche Mittel der Geist braucht, um seine Idee zu realisiren. c. Die Gestalt kennen zu lernen, welche die vollständige Realisirung des Geists im Daseyn ist: was eben die Staaten sind, – Völkerindividuen, in so fern sie dazu gekommen sind, Staaten zu seyn. | a. Die N a t u r d e s G e i s t e s . Wir können den G e i s t leicht durch seinen vollkommnen Gegensatz erkennen, dieser Gegensatz ist die M a t e r i e . Die Substanz der Materie ist die S c h w e r e , die Materie ist nur das, schwer zu seyn: die Substanz, das Wesen des Geistes ist die F r e i h e i t . Jedem ist es unmittelbar glaublich, daß der Geist unter andern Eigenschaften auch die Freiheit besitze; die Philosophie aber lehrt uns, daß alle Eigenschaften des Geistes nur durch die Freiheit bestehen, alle nur Mittel für die Freiheit sind, alle nur diese suchen und hervorbringen: es ist dieß eine Erkenntniß der spekulativen Philosophie, daß die Freiheit das einzig Wahrhafte des Geistes sey. Die Materie ist in sofern schwer, als sie nach einem Mittelpunkt treibt, sie ist wesentlich zusammengesetzt, sie besteht außer einander, sie ist das A u ß e r e i n a n d e r und indem sie schwer ist treibt sie nach dem Mittelpunkt, sie sucht ihre E i n h e i t und sucht also sich selbst aufzuheben, sucht ihr Gegentheil; wenn sie dieß erreichte, so wäre sie keine

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25 4–6 dabei ist … wird.] Wi: Sie können hier nicht ausgeführt werden und werden nur aus der Wis-

senschaft des Geistes aufgenommen werden. In der Abhandlung unserer Wissenschaft werden sie ihre beglaubigung finden. 5 lemmatisch] Hn: lemmatisch aus der Philosophie einer anderen Wissenschaft des Geistes als solchen 7 a. Die abstracten … Geists.] Wi: | 1, die abstrakten bestimmungen, Grundbegriff, Natur, Substanz des Geistes. Hn: 1) Den Grundbegriff des Geistes 8 seine 10 was eben … sind] Wi: diß sind die Staaten, die wir in der 30 Idee] Wi: seinen begriff, seine Idee Weltgeschichte zu betrachten haben 12 a. Die N a t u r ] Wi: 1. b e g r i f f 13–14 Die Substanz] Wi: Der begriff, die Substanz 15–16 Jedem ist … besitze] Wi: Wie fern kann uns das plausibel seyn. Glaublich ist’s uns wohl unmittelbar, daß es eine der Eigenschaften, und eine sehr hohe Eigenschaft des Menschen sey daß sie Freiheit haben 17 alle Eigenschaften] Wi: alle andren Eigenschaf18–19 alle nur … hervorbringen] Wi: alle andren bestimmungen, Vermögen, 35 ten, Thätigkeiten suchen und bringen aus dieser Grundbestimmung hervor 20 das einzig … Geistes] Wi: das erste, und wahrhaft seyende des Geistes. diß können wir hier nur h i s t o r i s c h anführen. Hn: die einzige höchste Bestimmung des Geistes Die Materie] Wi: d i e S c h w e r e . die Materie 21 Mittelpunkt treibt] Wi, ähnlich Ak: Mittelpunkt sich treibt, und dieser Mittelpunkt ist die Einheit 24 auf40 zuheben] Wi: aufzuheben, sie negirt sich 4 erinnern] errinnern

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Materie mehr sondern sie wäre untergegangen; sie strebt nach ihrer I d e a l i t ä t , denn in der Einheit ist sie ideell. Der Geist im Gegentheil ist eben das, in sich den Mittelpunkt zu haben, er hat nicht die Einheit außer sich, sondern er hat sie gefunden; er ist in sich selbst und bei sich selbst. Die Materie hat ihre Substanz außer ihr, der Geist ist das B e i s i c h s e l b s t s e y n ; dieß eben ist die Freiheit, denn wenn ich abhängig bin, so beziehe | ich mich auf ein Anderes, das ich nicht bin, ich kann nicht seyn ohne ein Äußeres; frei bin ich, wenn ich bei mir selbst bin; dieses Bei sich selbst seyn des Geistes ist S e l b s t b e w u ß t s e y n , das Bewußtseyn von sich selbst: zweierlei ist zu unterscheiden: dieß, daß ich weiß und was ich weiß, beim Selbstbewußtseyn fällt dieß zusammen: der Geist weiß sich selbst, er ist das Urtheilen seiner selbst, er wird sich selbst zum Gegenstand, er ist für sich: dieß ist die Bestimmung der Freiheit; die Bestimmung der Materie ist außer sich zu seyn, das Suchen der Einheit. Diese abstracten Bestimmungen sind ganz einfach; nach dem aber was weiter zur Freiheit gehört ist sie sehr unbestimmter Art, und zu der concreten wirklichen Freiheit wird unendlich viel gefordert und alle mögliche Verirrungen und Thorheiten haben sich mit ihr vereinigt. Jedoch ein wahrhaft vernünftiger Staat ist nur der, welcher die Freiheit in sich verwirklicht hat: wir haben die Staaten vor uns mit ihren Einrichtungen um die Freiheit zu erlangen; wir werden also sehen was die Freiheit in ihrem concreten Daseyn ist. Dieß ist die Substanz des Geistes, der Geist an sich; das Weitere ist, daß dieser weiß, was er ist und von dieser Seite können wir sagen, daß die Weltgeschichte die Darstellung ist, wie der Geist zu dem Bewußt2–3 ist eben … haben] Wi: ist die Idealität selbst 4 er ist … selbst] Wi: der Geist ist: seine Substanz in sich selbst zu haben 6 denn] Wi: (So auch in gewöhnlichen Erscheinungen 8 dieses Bei sich selbst seyn … S e l b s t b e w u ß t s e y n ] Wi: der Geist will nur diß. diß bei sich selbst seyn des Geistes, das [lacuna] ist das Selbstbewußtseyn 10 beim Selbstbewußtseyn … zusammen] Wi: beide sind Eins. das, was weiß, ist bei sich selber. 10–12 der Geist … Freiheit] Wi: Es ist das Unterschiedslose, das sich nicht in sich selbst Unterscheidende. I c h b i n , also = ich bin mir Gegenstand = ich bin für mich; diß bei mir seyn ist die Freiheit. 13 das Suchen der Einheit] Hn: sucht, und das ist ihr Unglück Wi: ihre Substanz ist außer ihr, das Unglück der Materie abstracten] Wi: sehr abstrakte spekulative 14–17 nach dem … vereinigt] Wi: Wenn wir von der Freiheit an sich sprechen ist aber nur an diß zu denken, und diese Grundbestimmung legen wir zu Grunde, die abstrakte Freiheit. Freiheit ist also ein sehr unbestimmtes Wort, nach dem was weiter dazu gehört, daß sie wirklich sey. diese nähere bestimmung der Freiheit lassen wir noch auf der Seite[.] 15 unbestimmter Art] Hn: unbestimmtes Wort, und daß dasselbe vieldeutig ist, haben wir in unserer Zeit am besten kennen gelernt 16 alle mögliche … Thorheiten] Hn: Thorheit und Verbrechen und Ausschweifung 18–19 wir haben … sehen] Wi: in dem wir in der Welt Geschichte die Staaten zum Gegenstande haben haben wir die Freiheit in ihrer Wirklichkeit vor uns, und die Einrichtungen der Menschen die sie gemacht um diß Gut, diese Freiheit zu besitzen[.] In der Welt Geschichte erkennen wir die Freiheit und erfahren 20 die Substanz] Wi: der begriff Ak: das Ansich des Geistes 22–1165,1 wie der … ist1] Wi: wie er zum bewußtsein seiner Freiheit kommt Hn: was der Geist von seiner Freiheit weiß

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seyn dessen kommt, was er an sich ist; die Freiheit ist das an sich des Geistes, dieser enthält die Freiheit, so wie der Keim die ganze Natur des Baums, den Geschmack, die Form der Früchte, die Gestalt des Stamms und der Zweige in sich | enthält; (es ist virtualiter in ihm enthalten). Der Geist muß erst dazu kommen frei zu seyn, er weiß es nicht von Anfang an, daß er frei ist – eine Arbeit von dritthalbtausend Jahren hat ihn erst dazu gebracht: die Orientalen haben es nicht gewußt und wissen es noch nicht, daß der Geist frei ist, und weil sie es nicht wissen, so sind sie es auch nicht; denn der Geist ist nur das, als was er sich weiß: Die Orientalen wissen nur, daß E i n e r frei seyn soll, daher ist solche Freiheit nur Willkühr, welche mit einer Dumpf heit der Leidenschaften oder auch mit einer Bezähmung der Leidenschaften verbunden, wie es der Zufall gibt; der Eine, der da frei seyn soll, ist daher nur Despot, und nicht frei. In den Griechen ist das Bewußtseyn der Freiheit zuerst aufgegangen und sie waren deswegen frei; allein sie und die Römer wußten nur daß E i n i g e frei seyen, nicht aber daß der Mensch als solcher frei sey: daher war bei ihnen die Sklaverei herrschend und die Freiheit zufällig. Erst die Germanischen Völker sind zum Bewußtseyn gekommen, daß die Freiheit die eigne Natur des Menschen ausmache, und durch die c h r i s t l i c h e R e l i g i o n sind sie dazu gekommen. Dieses Prinzip in die Wirklichkeit zu bringen, und diese Aufgabe auszuführen das ist die lange und schwere Arbeit des menschlichen Geistes gewesen, bis auf unsre Zeit; mit der christlichen Religion und ihrer Annahme in den Römischen Staa-

1–2 die Freiheit … Freiheit] Wi: Was an sich ist, ist die Grundlage 2–4 Baums, den … enthalten)] Wi: baumes, der noch nicht der baum selbst ist, aber alle Eigenschaften des baums in sich enthält, virtualiter. so ist die Freiheit das a n s i c h des Geistes, aber auch nur das a n s i c h 5 frei zu seyn] Wi, ähnlich Hn: zu wissen was er an sich ist. Wir wissen es, aber der Geist weiß es nicht von Anfang an. 5–6 eine Arbeit … gebracht] Wi: der ganze Lauf der Welt Geschichte, das Resultat dieser langen Arbeit ist zu wissen, was er an sich ist 6 dritthalbtausend] Hn: 3000 7 der Geist frei ist] Hn: der Mensch an sich frei ist 8 es auch nicht] Wi: auch nicht frei, sie sind es an sich, aber nicht wirklich 9 Die Orientalen] Wi: die Orientalen wissen nicht daß diß die bestimmung des Geistes ist. Sie 10–12 Willkühr, welche … gibt] Wi: eine dumpf heit, Wildheit oder Milde der Leidenschaften 14 E i n i g e ] Ak: Einige (Bürger von Athen, Sparta, Rom) Hn: sind, die Bürger von Athen etc. Wi: einige (bürger eines Staats 15 als solcher frei sey] Wi, ähnlich AkHn: an sich es ist, diß hat (Ak: nicht Socrates,) nicht Plato, nicht Aristoteles gewußt 16 die Freiheit zufällig] Wi: daran war ihre Freiheit gebunden. darum ihre Freiheit nur Knechtschaft, Willkühr, Zufälligkeit Hn: ihre schöne Freiheit war an die Sklaverei gebunden, es war eine schöne Blume, die nicht vollendet war 18 durch die … gekommen] Wi: durch das Christenthum. diß bewußtseyn ist in der innersten Region des Geistes aufgegangen, in der Religion. Hn: In der Religion des Geistes ist dieses zuerst aufgegangen 19 Prinzip in … bringen] Wi: Element einzubilden in das bürgerliche Wesen 19–21 diese Aufgabe … Zeit] Ak: Das Princip aus dem innersten des Geistes herauszuarbeiten, das Innerste mit dem Aussen zu versöhnen Wi: die Versöhnung innerlich zu vollbringen ist Aufgabe bis auf u n s e r e Zeit gewesen Hn: vom Beginn des Christenthums bis auf unsere Zeit, die innere Versöhnung, auch die Welt mit dem Geist zu versöhnen

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ten ist die Sklaverei nicht unmittelbar aufgehoben worden, noch weniger zugleich die Freiheit herrschend geworden. Die Anwendung des Prinzips auf Wirklichkeit ist | der lange Verlauf der Geschichte: Der Unterschied des Prinzips selbst und der Anwendung ist hier wieder wesentlich festzuhalten; in der germanischen Geschichte werden wir diesen Unterschied am ungeheuersten sehen. – Der Mensch war ursprünglich im Naturzustande; ein Zustand, worin er im Besitz aller Wissenschaften und wo sein Willen vollkommen wäre, war auch da nur in der Möglichkeit vorhanden: nach diesem ideellen Zustand mußte er streben, zuerst aber zu der Freiheit gelangen; die Entwicklung dieses Prinzips zeigt nur die Weltgeschichte: es ist die E r z i e h u n g d e s M e n s c h e n g e s c h l e c h t s , wie es Lessing genannt hat. Die Erziehung fängt an mit dem bewußtlosen Menschen; doch hat auch dieser schon eine bestimmte Möglichkeit in sich, die Bestimmung zum Bewußtseyn zu gelangen; so fängt auch die Geschichte nur mit der Freiheit als einer möglichen an: das Resultat der Weltgeschichte ist, daß der Mensch substantiell frei ist; in der Familie wird der Mensch 1–2 noch weniger … geworden] Wi: Verfassungen und Regierungen sind damit nicht zugleich auf eine vernünftige Weise selbst realisirt, d.h. nicht gegründet auf das Prinzip der Freiheit 2–3 Die Anwendung … Wirklichkeit] Ak: das Durchdringen dieses Princips durch das äußere Leben der Staaten war die Arbeit der Jahrhunderte seit dem Bestehen des Christenthums 4–6 in der … sehen] Wi: es ist eine Grundbestimmung der Wissenschaft und wir werden darauf zurückkommen 6–8 Der Mensch … vorhanden] Ak: Die substantielle, absolute Bestimmung des Geistes ist also das Wesen der Freiheit, dass der Geist seine Freiheit weiss. Das Wissen von der Freiheit ist das christliche Princip. | Dieses war, wie gesagt, nicht von Anfang, sondern musste sich durcharbeiten. Ebenso wie mit dem Princip des Wissens der Freiheit, ist es mit dem Princip der Freiheit selbst. Der Mensch ist frei, aber nicht von Anfang, von der Geburt an. Die Bestimmung des Menschen ist, frei zu sein; aber diese Bestimmung ist Anfangs nur Möglichkeit. Eben so mit der Freiheit des Menschengeschlechts in der Geschichte. Wi: In Ansehung des christlichen findet der Unterschied zwischen dem Prinzip als solchem und seiner Durchführung statt, ob es bloß vom Prinzip des Christlichen (vom Wissen um die Freiheit) sondern in der Freiheit überhaupt. das erste in der Menschheit ist nicht das ausgeführte Prinzip sondern nur die Möglichkeit der Durchführung. Hn: Wir werden sehen, wie nur in der Religion erst, noch nicht in den Regierungen und Staaten dieses Prinzip gelebt hat, und daß vielmehr ein Kampf beider gewesen sei. Der Mensch ist frei; aber nicht anfänglich; es gab keinen Naturzustand, wo der Mensch glücklich, wissend und alles erkennend gewesen ist. 9 dieses Prinzips] Wi: der Vernunft der Freiheit 11–13 Die Erziehung … gelangen] Wi, ähnlich Hn: es fängt (Wi: vom Kind Hn: bei der Bewußtlosigkeit des Kindes) an, das Kind ist noch nicht Mensch, sondern nur die Möglichkeit Mensch zu werden in sich. 14–1167,2 das Resultat … Geschichte.] Wi: der Mann ist der zur Wirklichkeit gediehene, gereifte Mensch. d a s R e s u l t a t ist dieses Wissen der Freiheit, aber nur R e s u l t a t . das liegt auch im Lessingschen Ausdruck Erziehung des Menschengeschlechts. die familie ist das bild der Welt Geschichte. der Mensch wird in der Familie dazu erzogen, daß er die Familie nicht mehr gebraucht, daß er frei und selbstständig wird. dazu wird der Mensch in der Geschichte auch erzogen. Hn: In der Familie ist der Mensch ohne Willen, abhängend, noch nicht erkennend, was gut und böse ist, er wird zur Selbständigkeit erzogen, daß er auf sich nach allen Seiten frei beruhe und frei sei. So wird der Mensch auch in der Geschichte erzogen.

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dazu erzogen, aufzuhören, die Familie nöthig zu haben, also zur Selbständigkeit, zum freien Individuum; eben so das Menschengeschlecht in der Geschichte. Dieß sind die Grundbestimmungen, der Zweck, das Thun der Geschichte. Freiheit ist der substantielle Zweck, die Bestimmung, das Ursprüngliche, Anfängliche und das Resultat; nach den Stufen der Freiheit haben wir uns schon die vorläufige Eintheilung gegeben 1. die Orientalen, 2. die Griechen und Römer, 3. Unsere Zeit. – b. Es sind die M i t t e l anzugeben, deren sich der Geist bedient um seine Idee zu realisiren, um | den ursprünglichen Zweck zur Wirklichkeit zu bringen. Die Frage nach den Mitteln bringt uns sogleich in die Erscheinung, in die Darstellung von äußerlich Vorhandenem; die Mittel sind das, was sich uns in der Geschichte darbietet: sehen wir nun auf die Geschichte zurück, so finden wir Handlungen der Menschen, die von ihren Bedürfnissen, von ihren Trieben Neigungen, Leidenschaften, Vorstellungen, Characteren, Talenten u.s.w. ausgehen: in diesem Schauspiel von Handlungen erscheinen jene Bedürfnisse und Leidenschaften als die Triebfedern der Menschen und als die einzigen Triebfedern. Die Menschen wollen ihr Besonderes, Partikuläres: zwar haben sie auch allgemeine Zwecke, die vernünftig seyn können, sie wollen auch das Gute überhaupt, doch über dieß Gute drängt sich uns die Bemerkung auf, daß es von sehr beschränktem Umfang ist zB. die Vaterlandsliebe ist edel, vernünftig, gehörig, sittlich, doch ist diese Liebe nur für einen sehr beschränkten Theil des Ganzen: eben so haben wir in der Liebe in der Familie, zu Freunden, kurz in allen Tugenden die Vernunftbestimmungen anzuerkennen; doch sind diese Tugenden nur in bestimmten Individuen, die in geringem Verhältniß stehen mit der ganzen Masse des Menschengeschlechts; ferner erscheint der Umfang des Daseyns

6 gegeben] Wi: gegeben. Aber davon weiter unten. Bevor sind noch einige begriffe zu expliziren. In N o . 1 haben wir die Abstractheit der Freiheit angegeben, was die Freiheit an sich ist, und den Ausgang derselben, ihren Zweck, ihr Resultat. 6–7 1. die Orientalen, … Zeit.] Hn: | Die Orientalen wußten nur einen frei; die Griechen einige, wir den Menschen als solchen. So haben wir 30 auch die Dreitheilung der Weltgeschichte gegeben, der wir folgen werden, und die wir umfassender bestimmen werden. 8–9 b. Es sind … bringen.] Wi, ähnlich Hn: jetzt haben wir / 2, die Mittel anzugeben, uns eine Vorstelung von den Mitteln zu machen die der Geist gebraucht, um seinen ursprünglichen Zweck, bestimmung zu erreichen 10 Erscheinung] Ak: Erschei|nung, in die Geschichte 11 Vorhandenem] Wi: Vorhandenem – die Geschichte 11–12 das, was … darbie14 Neigungen, Leidenschaf35 tet] Wi: ein äußres, das sich äußerlich in der Geschichte darbietende ten, Vorstellungen] Ak: Darstellungen, Characteren Hn: Leidenschaften, Interessen, Zwecken Talenten] Ak: genie der Menschen 15–16 und Leidenschaften] Wi: Triebe, Interessen etc. 17 ihr Besonderes, Partikuläres] Hn: nach ihren Trieben das Besondere, ihren Zweck realisieren 21 doch ist … Ganzen] Wi: Aber die Vaterlandsliebe vieler Individuen bezieht sich auf 40 Ein Land und diß ist ein beschränktes, das unverhältnißmäßig zum Ganzen steht. Hn: indem es nur für ein kleines Land empfunden und zum Allgemeinen wenig beitragend ist 25 Daseyns] Hn: Daseins für die Tugenden

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relativ gering gegen die Ausdehnung dessen, was das Allgemeine ist, gegen den Endzweck der Welt: diese ganze Seite auch erscheint sehr eingeschränkt gegen das, was wir auf der andern Seite in der Geschichte finden, nämlich die Befriedigung der Selbstsucht, der Gewalt|thätigkeit und diese erscheint als die gewaltigste und mächtigste, denn sie achtet nicht die Schranken der Moral und des Gesetzes: die Neigung zur Naturgewalt ist dem Menschen das Nächste und die Vernunft ist noch nicht wirklich in ihm; die Zucht aber zum Recht und zur Moralität ist langwierig und schwer, und sie bedarf vieler Veranstaltungen und Voraussetzungen. Wir werden das Schauspiel der Leidenschaften, der Begierden, ferner auch die Folgen der Gewaltthätigkeit und des Unverstandes der sich zu ihr gesellt nicht weniger als zu dem was selbst gute Absichten, rechtliche Zwecke sind, vor uns haben; das große Bild des Uebels, der Zerstörung alles Guten, Trefflichen, was sich der Geist mit vieler Mühe errungen hatte, der Vernichtung der edelsten Gestalten von Staaten, Völkern, Individuen, durch den bösen Willen der Menschen – dieses Bild stellt sich uns von selbst dar ohne rednerische Uebertreibung nur durch die richtige Zusammenstellung des Uebels; bei diesem Anblick und bei dieser Betrachtung kann sich die Empfindung des Menschen zur Trauer hinneigen über die Vergänglichkeit der Dinge, zur rathlosen Trauer, zu einer Empörung, der kein versöhnendes Resultat das Gleichgewicht hält: wir befestigen uns etwa dagegen und trösten uns durch den Gedanken, es ist Schicksal gewesen und nicht zu ändern, oder: wir treten aus der Empfindung in unser Lebensgefühl zurück, in die Gegenwart unserer Interessen und Zwecke, die uns zur Wirksamkeit auffordern oder wir gehen zur Selbstsucht über, die an sicherem Ufer, von fern jene Trümmermasse | überschaut, unbesorgt selbst von dem Uebel ergriffen zu werden. Wenn wir so die Geschichte als eine Schlachtbank sehen, wo die Weisheit der Staaten und Indivi-

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2 diese ganze Seite] Wi: die Menschen haben Zwecke des Guten – diese Seite 3–4 die Befriedigung … Gewaltthätigkeit] Wi: gegenüber den Zwecken der Leidenschaften und begierden, befriedigung der Selbstsucht 6 die Neigung … Nächste] Wi: die Naturgewalt der Leidenschaften ist übermächtig. der Mensch ist zuerst natürlich 7–8 zum Recht … Moralität] Wi: zur Mäßigung, 30 Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Moralität 9 Schauspiel] Ak: | Schauspiele dieser Gewaltthätigkeit 10 Folgen der Gewaltthätigkeit] Hn: Folgen dieser Leidenschaften Wi: Gesetze dieser Leidenschaften 11 zu ihr] Hn: zu ihnen, wie zu dem Bösen 14 Vernichtung] WiAk: Zerstörung 15 Bild] WiHn: Gemälde 16–17 nur durch … Uebels] Wi: wenn bloß das Uebel zusammengestellt wird, dem das Individuum unterworfen 18 hinneigen] Wi: 35 stimmen der Dinge] Hn: des Herrlichen 19 zur rathlosen … Empörung] Wi: auch zur moralischen Trauer, rathlosen Trauer Hn: und zur moralischen Empörung Ak: zur moralischen Trauer, zur moralischen Empörung 20–21 wir befestigen … Gedanken] Wi: | Wir befreien uns von dieser Trauer dadurch daß wir sagen: 22 der Empfindung] Ak: diesem Gefühle dann wohl aus langer Weile 23 Wirksamkeit] Wi: Wirksamkeit und Vergessen 26–1169,1 die Weisheit … 40 wird] Wi: das Glück der Völker pp. zu Grabe getragen ist Hn: die Tugenden der Völker

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duen zum Opfer gebracht wird, so fragen wir unwillkührlich zu welchem Zweck jene Opfer gebracht worden sind oder was die Vernunft in allem diesem sey? In der Geschichte giebt man äußerliche Ursachen an, welche die Begebenheiten herbeigeführt haben sollen, diese Ursachen sind aber nichts anders als der Zufall. Bei dieser Kategorie von Zufälligkeit oder äußerlicher Ursachen bleibt der Gedanke nicht stehen sondern er frägt nach der Vernunft, dem allgemeinen Zweck; das Erscheinende ist als Mittel hervorgebracht für den Zweck der Vernunft. In wie fern ist nun das Geschehene in der Welt Mittel, wie kann es Mittel seyn für den wahren Endzweck der Welt? Der Geist an sich ist nur erst etwas Abstractes und Allgemeinesund in sofern zunächst einseitig; in der Philosophie muß aber das Abstracte nothwendig auch concret seyn; denn sie eben ist es, die die Unwahrheit der bloßen Abstraction lehrt; das 2te Prinzip, das dazu gehört, ist die Bethätigung und Verwirklichung, es ist der W i l l e d e s M e n s c h e n : zu seiner Thätigkeit gehört noch die ganze subjektive Seite, seine Triebe, Neigungen, Leidenschaften, sein I n t e r e s s e ; damit der Mensch etwas vollbringe, muß er dabei seyn, es muß sein Interesse seyn, sein Zweck; dieser Zweck, 2 jene Opfer] Ak: alle diese ungeheuren Opfer 2–3 oder was … sey] Wi: Und wir fragen nach eben demselben was wir zu Anfang gesagt haben als Aufgabe was die (Wi: Vernunft Hn: Vernunft und der Zweck) in all diesem Sey, ob diß alles Zufall sey. 5 Zufall] Wi: Zufall. Die äußre Ursache verlangt wieder eine andere, und so fort, indem sie alle auf den hauptzweck nicht führen. 6 sondern er … Vernunft] Hn: so kommt man in den unendlichen Progress, und dieser ist auch nur Resultat des Zufalls 7–8 das Erscheinende … Vernunft] Wi: Wir haben zu Anfang gesucht was die bestimmung der Vernunft überhaupt sey und diese Handlungen haben wir als Mittel hingestellt, wodurch der Zweck erreicht wird. diß ist der Weg also der Reflexion, von dem Grund, Zweck angefangen. Ak: Wir hätten nun auch diesen Weg gehen können: zuerst die Erscheinung zu geben; dann die Frage nach dem Zwecke. Wir haben es umgekehrt: den Zweck angegeben, und behauptet, die Erscheinungen /:Geschichte:/ seien die Mittel zu diesem Zwecke. 8 In wie fern] Wi: Wir haben gesagt daß wir in der Welt Geschichte auf geistigem boden sind, die ein Resultat hervorbringt und diese Erscheinungen sind die Mittel dazu. das wozu wir uns noch zu verständigen haben, ist: W i e f e r n 9 für den … Welt?] Ak: zu diesem Zwecke? Hierüber haben wir uns zu verständigen. 9–10 Der Geist … Allgemeines] Wi: Und zuerst ist zu bemerken – daß wir ein Prinzip, einen Endzweck, oder was etwas an sich ist nur etwas allgemeines, abstractes ist. Vernunft ist zunächst etwas abstractes, Inneres – und sofern etwas Einseitiges. daß es w a h r h a f t s e y, dazu gehört ein weitres Moment, eine weitere bestimmtheit. Ak: Hier ist zu wiederholen, dass das, was der Geist an sich, seine Natur, Begriff ist, nur erst etwas Allgemeines, Abstractes, Inneres ist, und insofern etwas Einseitiges. Dass es wahrhaft sei, dazu gehört ein weiteres Moment, eine weitere Bestimmung. 10–11 in der … seyn] Ak: Die Philosophie bleibt aber nicht beim Abstracten stehen; das Abstracte muss concret in sich sein Wi: die Philosophie bleibt nicht beim Abstracten stehen 12–13 das 2te Prinzip, … Verwirklichung] Wi: ein 2t e s Moment muß hinzukommen, ihre Wahrhaftigkeit, Wirklichkeit, das Princip der bethätigung Hn: Das Wahrhafte ist auch wirklich und ist eine Bethätigung, deren Prinzip und Boden der Wille und die Thätigkeit des Menschen ist, daß das An Sich Seiende auch existiere. Ak: Die Handlungen der Menschen, sagten wir, sind jene Mittel. Der Mensch ist thätig 14 gehört] Wi: gehört also noch vielfaches

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den ich so befriedige, kann viele Seiten haben, wo er mich nicht interessirt, doch muß er Eine Seite haben, die mich anzieht. Das | erste Moment der Freiheit ist sie selbst als solche , ihr Allgemeines als das Substantielle: das andere ist das Subjektive und es ist das Recht des Subjekts, sich zu befriedigen: man sagt daß der Mensch seinen Privatvortheil geltend mache gegen das Rechte, Gute; schon die Sprache drückt dies aus, wenn wir sagen: der Mensch i s t i n t e r e s s i r t , da ist das Subjekt isolirt; etwas Andres ist es: s i c h f ü r e t w a s interessiren: in so fern nun das Subjekt das Bethätigende ist, so muß auch sein Interesse dabei seyn: zu dem Interesse gehört auch noch die eigne Einsicht, Vernunft; die Menschen verlangen, daß die Sache ihnen zusage, daß sie nützlich sey oder einen Vortheil für sie in sich enthalte; dieses Moment der subjektiven Seite ist das Moment unsrer Zeit, wo die Menschen wenig mehr bloß nach Zutrauen und Autorität, sondern nach ihrer Ueberzeugung handeln wollen. Das Interesse erhält auch die Form der Leidenschaft, in so fern die Individualität mit Hintenansetzung aller Zwecke einen Zweck verlangt und sich in diesem concentrirt. In so fern nun das, was wir als Leidenschaft bestimmen sich auf einen Gegenstand concentrirt, so können wir sagen, daß in der Welt nichts ohne Leidenschaft, ohne subjektive Energie geschieht: in der Leidenschaft kann eben so wohl ein wahrhafter Zweck enthalten seyn. Ein Inhalt 1 wo er mich nicht interessirt] Wi: die mich nichts angehn, mich nicht interessiren 3 solche] Hn: vernünftige Bestimmung 4 Recht] Ak: unendliche Recht sich zu befriedigen] Ak: dass es sich selbst befriedigt finde in einer Thätigkeit, (Arbeit) und es geschieht nichts, wo sich nicht die Individuen befriedigt finden Wi: sich in der Thätigkeit, Arbeit zu befriedigen. (das erste Moment ist die Freiheit selbst an sich.) 5 gegen das Rechte, Gute] Hn: ohne Gesinnung für den allgemeinen Zweck, gegen den er oft auftritt 7–8 in so fern nun … seyn] Hn: Nichts wird vollbracht ohne daß sich die Individuen auch zugleich befriedigen. 8–10 zu dem … sey] Ak: Unter die Bedürfnisse, Triebe, Interessen gehört auch die eigne Meinung; die Sache, für die die Menschen thätig sein sollen, soll | auch ihrer Meinung, Ueberzeugung entsprechen, dass sie recht, gut, nützlich sey. Wi: Es sind dann particulaire Subjecte, die weitere particulaire bestimmungen in sich fassen zb. die Tribe, bedürfnisse, die Ueberzeugung, Meinung, diese alle gehören dazu. die Ueberzeugung von der Güte der Sache muß dabei seyn. die Seite des Wissens gehört wesentlich dazu. 12–13 ihrer Ueberzeugung] Wi: ihrer Einsicht und ihrer Ueberzeugung Ak: eigener Meinung bei der Sache 13–15 Das Interesse … concentrirt.] Ak, ähnlich Wi: | Nichts ist also ohne das Interesse der Mitwirkenden zu Stande gekommen, diß Interesse erscheint auch in der Form der Leidenschaft, wo mit hintansetzung aller (Wi: Zwecke aber mit Concentration aller Kräfte gehandelt wird. In unsrer Zeit finden wir nicht viele Leidenschaften mehr, das liegt in der bildung Ak: Interessen in Einem Gegenstande alle Kräfte, Nerven, Sinne concentrirt. Darum ist die Leidenschaft in unsern Tagen selten). Hn: So wird also nichts ohne Interesse der Mitwirkenden vollendet. Die Leidenschaft ist oft die Form des Interesses, wo alle Adern und Kräfte sich konzentrieren und hinfort arbeiten. Die Leidenschaft herrscht jetzt nicht mehr so; der Geist ist in der Beschäftigung zu zersplittert und wirft sich nicht auf einen bestimmten Gegenstand. 16–17 daß in … geschieht] Wi, ähnlich Ak: ohne Leidenschaft ist in der Welt (Wi: nicht viel Ak: nichts Grosses) vollbracht, Leidenschaft ist s u b j e c t i v e Seite der Energie. (diß ist derselbe Fall bei der eignen Einsicht, Ueberzeugung des Subjects.) 18 ein wahrhafter … seyn] Ak: einen wahrhaften Inhalt haben, oder irren 18–1171,2 Ein Inhalt … trete.] Wi: Auf dieß Formelle, wo man nicht auf den Inhalt seiner Ueberzeugung sieht, hat man gesehen, so weit ist man jetzt im Formalismus gekommen!!

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wahrhafter Art tritt nicht in die Existenz ohne Leidenschaft; dieß ist die 2te Seite, die wesentlich erfordert wird, daß das Wahrhafte in die Existenz trete. Ein Staat ist kraftvoll und wohlbestellt, wenn mit seinem Allgemeinen das Interesse der Bürger übereinstimmt. Das allgemeine Wahrhafte aber verbunden mit der | subjektiven Gesinnung im Staate beruht auf vielen Veranstaltungen, zweckmäßigen Einrichtungen der Erfindung, und kommt erst nach langen Kämpfen des Verstandes zu Stande: denn das Böse kämpft gegen die allgemeinen Zwecke an. Die Weltgeschichte beginnt nicht mit einem bewußten Zwecke; der einfache Trieb des Zusammenlebens der Menschen hat den bewußten Zweck der Sicherung des Eigenthums; diesem bewußten Zweck verdankt die Stadt Athen und Rom ihre Entstehung und Erhaltung. Die Weltgeschichte fängt überhaupt mit dem ganz allgemeinen Zwecke an, daß der Geist sich befriedige, in dieser Rücksicht kann man sagen, daß das Geschäft der Weltgeschichte die Arbeit ist diesen Begriff zum Bewußtseyn zu bringen; denn die subjektive Vorstellung ist zuerst vorhanden, noch nicht der wahrhafte Gedanke des Zwecks: die Masse von Interessen, Leidenschaften sind die Mittel des Weltgeistes, des Geistes, der nur zur Realisirung seines Begriffes zu gelangen sucht. Daß nun diese Lebendigkeit Mittel und Werkzeug eines Weiteren, Höheren sey, von dem sie 2–3 Ein Staat … wohlbestellt] Ak: Der Staat kann nur dann auf seinem Grunde, dem Princip der Wi: Im Vorbeigehn können wir Rücksicht auf d e n S t a a t nehmen, der wohl bestellt ist 3 Allgemeinen] Wi: rechten, allgemeinen Zweck 4 übereinstimmt] Hn: vereinigt ist. Alle sind dann für den Hauptzweck begeistert. 7 Verstandes] Wi: Verstandes und mit den Leidenschaften und Interessen, die particular sind denn das … an] Hn: daß man nicht mit den Leidenschaften im Zwiespalt ist, und eine Harmonie zwischen beiden hervortritt. Geschieht es, so ist dieser Punkt in der Geschichte eines Volkes seine Blüthe. 8–10 der einfache … Eigenthums] Ak: Im gewöhnlichen Familien-Zusammenleben liegt der bewusste Zweck der gegenseitigen Sicherheit eben so in der Stadt 10 Eigenthums] Wi: Eigenthums, und wenn dieses sich weiter ausgebildet ist bestimmter bewußter Zweck vorhanden 12 der Geist] Ak: der Begriff des Geistes, der Begriff nach seiner absoluten Natur Hn: der Geist der Freiheit befriedige] Wi, ähnlich Hn: befriedige. Aber mit diesem Zweck von dem w i r sprechen und wissen fängt die Welt Geschichte nur a n s i c h an, und in dem der Zweck a n s i c h nur ist, der innere und bewußtlos ist, ist er nur N a t u r . 12–18 in dieser … sey] Ak: Mit diesem Zwecke fängt aber die Weltgeschichte nur an sich an, d.h. es ist ein innerer, ein bewusstloser. Was aber laut ist, Gewalt hat, ist die Naturform des Geistes, der Naturwillen, d.h. Bedürfniss, Leidenschaft, subjective Vorstellung ist zuerst vorhanden. Die Weltgeschichte aber arbeitet, ihre ganze Arbeit ist: diesen Begriff zu verwirklichen. – Die Leidenschaften, Triebe pp, jenes Existirende sind die Mittel des Weltgeistes, zur Realisirung seines Begriffs zu gelangen. 13 Geschäft] Wi: ganze Geschäft 14–15 denn die … Zwecks] Wi: Also der Zweck des Allgemeinen ist zuerst nur rein innerer bewußtloser, was laut ist ist der Naturwille, der zuerst zur Erscheinung kommt, was wir die subjective Seite genannt haben Hn: Das Vorhandene, was laut ist und Gewalt hat, ist nur erst der Naturwille, und es kommt das partikuläre Interesse zum Vorschein 16 Interessen] Hn: Bedürfnissen Wi: bedürfnissen, Interessen sind] Wi: dieses Existirende sind Mittel] Wi: Werkzeuge und Mittel 18 Lebendigkeit] Wi, ähnlich Hn: Lebendigkeit der Individuen und Völker indem sie das Ihre suchen – zugleich 18–1172,1 von dem … weiß] Hn: das sie bewußtlos vollbringen; es ist eine bewußte und bewußtlose Thätigkeit

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nichts weiß, das ist es, was zur Frage werden kann, was vielfältig geläugnet wird: hierüber haben wir nicht weitläufig zu seyn, denn diese Frage ist schon zum Voraus beantwortet, dadurch daß die Vernunft die Welt regiert und auch die Weltgeschichte regiert hat. Gegen das Substantielle ist alles nur untergeordnet und die wesentliche Bestimmung der Vernunft ist immanent im geschichtlichen Daseyn und vollbringt dasselbe; daß nur diese Vereinigung das Wahre ist, gehört zur spekulativen Philosophie und wird in der Logik erwiesen: nur an einigen Beispielen haben wir | es hier begreiflich zu machen: die Weltgeschichte enthält mehr als bloße Begebenheiten, der absolute Endzweck ist in ihr vorhanden, dessen die Begebenheiten sich aber nicht bewußt sind. z.B. Ein Mensch, der aus Rache, die vielleicht aus einer ungerechten Verletzung herrührt, gegen einen Andern entbrannt ist, zündet dessen Haus an; es entsteht daraus eine große Feuersbrunst, viele Menschen verlieren ihr Eigenthum, Manchen kostet es selbst das Leben: dieß lag etwa nicht in der Absicht dessen, der die That verübte: seine That hat eine größere Ausdehnung bekommen, und ist weniger beschränkt gewesen, als er selbst wollte: seine Handlung ist an sich weiter ein Verbrechen, was die Strafe des Verbrechens in sich enthält, und dieß ist das Allgemeine, Substantielle seiner Handlung: die Strafe gehört also seiner Handlung eben so an. – 1 das] Wi: diese bewußte und bewußtlose Thätigkeit 1–2 was vielfältig geläugnet wird] Ak: was bestritten und verworfen worden Wi: was zur Frage gebracht und geläugnet ist und verachtet als Träumerei der Philosophie Hn: ist es nicht Träumerei, eine unbewußte Thätigkeit dabei noch anzunehmen, ist es auch wahr? 4 hat] Wi: hat, mit diesem Satz haben wir angefangen 5 untergeordnet] Wi: dienend und untergeordnet Ak: Mittel Hn: untergeordnet und nur Mittel 6 vollbringt dasselbe] Wi: vollbringt sich im geschichtlichen daseyn und durch dasselbe Vereinigung] Wi, ähnlich Hn: die Vereinigung dieses Allgemeinen und (Wi: des Einzelnen und Subjectiven Hn: der Einzelheit des Subjektiven), haben wir vor uns und daß diese Vereinigung 7 wird] Wi: wird in seiner abstrakten Form 8 nur an … machen] Wi: ist hier nicht begreiflich zu machen. aber | beispiele können es deutlich machen 8–10 die Weltgeschichte … sind] Wi: In der Welt Geschichte ist Vernunft und Zweck, deren die Individuen sich nicht bewußt sind. sie betreiben ihre Interessen – damit aber wird zugleich noch ein Ferneres zustande gebracht. Beispiele liegen uns nahe. Ein analoges beispiel ist Hn: Aus der Handlung kommt noch ein Anderes, als man hat erreichen wollen; es ist eine Vernunft darin, dessen sie sich nicht bewußt sind und die sie nicht begreifen. So vollbringen sie das Ihrige und noch ein Anderes. 12–13 es entsteht … Feuersbrunst] Hn: Er macht eine Flamme an einer kleinen Stelle eines Balkens, der mit den ganzen Balken, Haus, Häusern, zusammenhängt; Die That ist beschränkt, die Folgen sind aber groß. Das Feuer kann viele verzehren. 16–17 seine Handlung … enthält] Hn: | In der Handlung liegt die Rache an einem Individuum; es ist ein Verbrechen, was der Rachsüchtige in dem Moment vielleicht nicht weiß, die Strafe gehört nun nothwendig seiner Handlung an, er erhält den Rückschlag, und sein Leben wird dadurch zerstört. So geht hervor, daß in einer unmittelbaren Handlung noch das Allgemeine liegen kann. Dieses mag ein analoges Beispiel sein. 17 und dieß ist] Wi: diß wußte er nicht, dachte nicht daran, und doch war das Verbrechen 18–19 die Strafe … an] Wi: und die Strafe dazu, die nun auf ihn zurückfällt

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Cäsar stand seinem Vaterland feindlich gegenüber, er oder seine Feinde, welche mit dem Senat zusammenhingen, mußten zu Grunde gehen: er überwand sie, und machte sich zum Alleinherrn von Rom, dieß ist zunächst seine Absicht nicht gewesen: bei der Alleinherrschaft hat er sich erhalten wollen, und damit ist diese ein Bleibendes geworden, die republikanische Form verschwand und ging in den Despotismus über – dieß ist ein Erfolg gewesen, der nothwendig und vernünftig war, den die Vernunft gerechtfertigt hat. Der große Mensch in der Weltgeschichte ist nun der, welcher ein Solches sich zum Zweck macht, das auch der Zweck des Weltgeistes ist, das a n d e r Z e i t ist. In der äußerlichen Geschichte haben wir das Besondere, die Triebe und | Bedürfnisse unmittelbar vor Augen: dieß sehen wir sich gegenseitig zerstören, zu Grunde richten, die Idee ist das Allgemeine und im Kampf unangegriffen und unbeschädigt: es kann dieß die List der Vernunft genannt werden, indem sie sich dieser Werkzeuge bedient, sich unbeschädigt erhält oder sich vielmehr selbst hervorbringt. – Der Vernunft-Zweck realisirt sich durch die Bedürfnisse, Leidenschaften u.s.w. der Menschen: das Partikuläre ist sehr gering gegen das Allgemeine; die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben. – Die Weltgeschichte stellt sich als den Kampf der Individuen vor: in dem Felde der Besonderheit geht es n a t ü r l i c h zu d. h. die Gewalt herrscht; in der thierischen Natur ist die Erhaltung des Le-

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20 1–6 Cäsar stand … über] Hn: Wir nehmen noch eines aus der Geschichte des Caesars. Ihm standen

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die Feinde gegenüber, die mit dem Senat zusammenhingen; er hat sie bezwungen, und das ganze römische Reich, und sich zum Alleinherrscher gemacht. Die Eroberung und die Alleinherrschaft waren nicht sein Zweck, sein Zweck war Rache und Rettung seiner selbst; aber daraus entstand ein Bleibendes; die Republik ward eine Despotie. Im Bewußtsein seines Zweckes lag nicht diese Folge. 3 sich] Ak: sich in der Bezwingung seiner Feinde 5 die republikanische Form verschwand] Ak: und die Republik vernichtet, was geschehen mußte, denn die Republik war faul, morsch 6 ein Erfolg] Wi: eine unbeabsichtigte Folge der That 7 gerechtfertigt hat] Hn: gerechtfertigt; die Republik war faul und vertrocknet; sie mußte zu einem anderen Zusammenhang übergehen 9 ist] Hn: ist, in der Entwicklung des Vernünftigen liegt 13 genannt werden] Wi: nennen, die durch diß bekämpfen der Zwecke sich selbst hervorbringt. Jede Thätigkeit ist Thätigkeit des Geistes, Vernunftzwecks selbst. sie wird als menschliche Thätigkeit individuelle Thätigkeit 14 sich unbeschädigt erhält] Wi: aber inwendig ist das Substantielle, das sich in der Zerstörung unbeschädigt erhält hervorbringt] Hn: durch die Zerstörung hervorbringt 14–1174,5 Der Vernunft-Zweck … sich.] Hn: Die Vernunft zwar ist das Substanzielle in dem individuellen Thun, durch welches jenes verwirklicht wird. Das Partikuläre der Zwecke ist ein Nichtiges gegen den Endzweck an und für sich. Das Partikuläre wird deshalb aufgeopfert und die Individuen gehen zu Grunde; ihr Feld ist ein solches, das als zufällig erscheint, und in diesem Felde der besonderen Zwecke geht es nicht vernünftig immer, oft nur nach der Gewalt, natürlich zu. Diese führen sie aus oder werden zerstört. Das Glück herrscht in diesem Gewühle der Thätigkeiten, in denen sich aber bewußtlos die Vernunft realisiert, während das Individuum sich aufopfert. 16 sehr gering … Allgemeine] Wi: ein Nichtiges im Verhältniß zum Allgemeinen Zweck 17 preisgegeben] Ak: aufgegeben, denn das Particulaire verschwindet vor dem Endzwecke der Vernunft Wi: Preis gegeben. diese äußerlichkeit der Interessen, dieses Particulaire, diese besondren Zwecke haben auch ihr Recht. 19 die Gewalt herrscht] Ak: nicht vernünftig

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bens Zweck, Trieb, Instinkt, so geht es auch in dem Naturinhalte zu, zu dem die Zwecke der Leidenschaften gehören: diese Zwecke sind im Kampfe mit einander, erreichen sich, werden eben so gut wieder zerstört: die Vernunft allein macht sich geltend, verfolgt ihren Zweck in dem Gewühle der Welt und erhebt sich. Wenn wir dieß im Allgemeinen wohl gelten lassen können, indem wir die Idee als eine formelle Thätigkeit des absoluten Endzwecks betrachten, so sehen wir doch auf der subjektiven Seite auch etwas in den Menschen, das wir Anstand nehmen, als Mittel zu fassen, wir sehen Bestimmungen, die nicht untergeordnet sind, sondern die vielmehr das Ewige, Göttliche, der Zweck selbst sind – dieß ist die M o r a l i t ä t , die S i t t l i c h k e i t : sollen wir dieß auch ansehen für Etwas, das preisgegeben werden könne als ein Solches, über welches es noch etwas Höheres giebt? Mittel – Endzweck haben wir ganz | abstract einander gegenübergestellt: darin liegt die Einseitigkeit; Mittel ist etwas, das nicht in dem Zweck selbst liegt, es muß ja aufgeopfert werden: doch halten wir uns selbst an die gewöhnlichen Zwecke der Menschen, so sehen wir natürliche, leblose Dinge als Mittel, diese haben nichts vom Zwecke, doch müssen sie eine bestimmte Beschaffenheit haben, die ihnen mit dem Zweck gemein ist, sie müssen eine Homogeneität mit dem Zwecke haben; um wie viel mehr muß dieß bei den Menschen Statt finden, sie sind am wenigsten bloß abstracte Mittel in diesem ganz

2–4 diese Zwecke … geltend] Ak: Diese Particulair-Zwecke bekämpfen sich erobern oder vollführen sich. (letzteres Glück) Die Vernunft dagegen erhält sich unversehrt, indem sie die Individuen sich aufopfern lässt. Wi: In dem Kampfe der particulairen Zwecke, in diesem bewußtlosen Zweck übt aber auch die Vernunft ihren Zweck, die Individuen werden durch die List der Vernunft aufgeopfert als M i t t e l . 5–6 Wenn wir … betrachten] Hn: Sind nun die Individuen mit solchen Zwekken und Trieben nur als Mittel gebraucht die Idee] WiAk: die Individuen 6 Endzwecks] Ak: Zwecks, theils als die Vollführer des particulairen Zwecks Wi: Zwecks der Vernunft und in particulairen Zwecken 7–8 etwas in … fassen] Wi: auch in den Individuen Erscheinungen die nicht bloß Mittel sind 8–9 wir sehen … sind] Hn: es ist ein Wesentliches auch in diesem Subjektiven 9–10 die vielmehr … S i t t l i c h k e i t ] Ak: was vielmehr Zweck an sich scheint, nemlich die Sittlichkeit und Religiosität der Individuen Wi: wo der absolute Zweck erscheint zb in der Sittlichkeit, Moralität, Religiosität 10–12 sollen wir … giebt?] Ak: Sittlichkeit und Religiosität ist das Wissen und Wollen des an und für sich Allgemeinen (denn dies ist das Sittliche). Dieser Umstand macht dann eine grössere Schwierigkeit in der Betrachtung. 11 ein Solches] Wi: Mittel 12–13 Mittel – Endzweck … gegenübergestellt] Wi: Wir haben uns der Categorien von Endzweck und Mittel bedient, (Mittel als das Formelle) und sehen diese in abstracto entgegengestellt 13 darin liegt die Einseitigkeit] Wi: In dieser Form der Entgegensetzung sehn wir es nur einseitig genommen. 13–14 Mittel ist … werden] Ak: Denn die abstracte Bestimmung des Mittels ist, ohne Rücksicht dem Zwecke aufgeopfert zu werden 16–17 doch müssen … ist] Hn: Schon bei den natürlichen Dingen, die nur Mittel sind, verzehrt zu werden, haben wir auch ein absolutes Recht zu erkennen 17 haben] Hn schließt an: und nicht eine Verschiedenheit 18 Zwekke] Ak: Zwecke, daß sie demselben entsprächen 21 sie]es

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äußerlichen Sinne sondern sie haben Theil an den Vernunftzwecken, sie sind dadurch selbst Zweck, weil das Vernünftige immanent in ihnen ist, das Substantielle ihre Natur constituirt. Kant hat gesagt, daß das Lebendige als Selbstzweck betrachtet werden müsse, dh. nur in formellem Sinne: für das Thier ist nicht das Allgemeine, der Vernunftzweck ist ihm nicht Gegenstand, und es will diesen nicht zum Gegenstand haben. Das menschliche Individuum ist Selbstzweck dem Inhalte nach und in diesem Sinne ist die Moralität das Wissen und Wollen von etwas an und für sich Allgemeinem. Der Mensch ist als Zweck an sich selbst zu betrachten, durch das Göttliche das in ihm ist, was Freiheit genannt worden ist: hier können wir sagen, daß die Gegenstände dieses Bodens: Religion und Sittlichkeit einen unendlichen Werth in sich selbst haben, daß sie keinen partikulären Zweck und Interesse haben, und damit zugleich dem Schicksale dieser entnommen sind. Man kann jedoch hier noch in weitere Fragen übergehen über die Gerechtigkeit, die in dieser Rücksicht gelten soll, warum werden denn den Individuen als solchen | die Zwecke der Moralität nicht realisirt? Wollten wir hierauf antworten, so müßten wir uns in vielfache Auseinandersetzungen einlassen: es kann hier nur kurz bemerkt werden, daß Religiosität, Moral wesentlich der individuellen Freiheit zugehören; es ist das Siegel der hohen Bestimmung des Menschen, daß er w e i ß w a s g u t u n d w a s b ö s e i s t , daß es sein Wollen ist, gut oder böse zu seyn. In der Genesis wird erzählt Adam dh. der Mensch überhaupt sey verleitet worden von der Schlange 2 selbst Zweck] Hn: selbst vernünftig und sind selbst Zweck ist] Hn: ist. Sie sind also Selbstzwecke. 3 Kant hat gesagt] Hn: Zu Kants schönsten Betrachtungen gehört diese 4 Sinne] Wi, ähnlich Hn: Sinn, und wird als Mittel gebraucht 4–8 für das … Allgemeinem.] Wi, ähnlich Hn: (Wi:das Subject hat Empfindung Hn: Das Lebendige hat zwar Gefühl), und ist in sich selbst zurückgebogen. dem Thiere, das kein bewußtseyn hat, ist kein Selbstzweck. Aber in dieser bestimmung des Menschen, daß sie vom Allgemeinen überhaupt wissen, daß sie es wollen, – in dieses Feld fällt jenes nämlich die Sittlichkeit, Moralität, Religiosität. 6 haben.] Ak schließt an: und ist daher nur auf formelle Weise Selbstzweck 9–10 durch das … worden] Hn: durch den in ihm sei9 Freiheit] Wi: Vernunft, Freiheit 12 Zweck] enden Glauben, Freiheit genannt und Religiosität Wi: Zwecke (wie Leidenschaft pp) 13 entnommen sind] Ak: entnommen. Der Freiheit der Individuen ist es anheim gegeben, den Zweck des sittlichen Willens (der Vernunft) an sich selbst zu realisiren, das Sittliche und seine Realisirung liegt in seinem eignen Willen. 15–20 warum werden … seyn.] Hn: so sehen wir sittliche und unsittliche Menschen, die jenen Zweck vollführen und absolute Zwecke für Individuen vollenden. Religiosität, Sittlichkeit und Moralität sind der individuellen Freiheit eingegeben, und die Schuld des Individuums und das religiös sittliche Verderben und Schwachheit gehört dem Menschen; er weiß das Gute und das Böse, und kann es auch wollen. 16 realisirt] Wi: realisirt, warum sehen wir irreligiöse pp Menschen, diese nähern Zwecke, diese Individuen als solche, scheint also auch eine Zufälligkeit zu seyn 16–17 vielfache Auseinandersetzungen] Wi: sehr verwickelte Zusammensetzung und Erörterungen 17–18 daß Religiosität, … zugehören] Wi: jene dinge sind der individuellen Freiheit anheim gegeben, und so haben die Individuen Schuld an der Schwäche oder Verrohtheit 21 dh. der Mensch überhaupt] Wi: als dem ersten Menschen d.h. vom Menschen überhaupt

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vom Baum der Erkenntniß zu essen: er würde G o t t g l e i c h w e r d e n , hatte ihm die Schlange gesagt; Adam kam zur Erkenntniß und Gott sprach: Siehe, Adam ist worden w i e u n s e r E i n e r, diese Bestätigung Gottes ist ein Hauptpunkt der Erzählung, der nicht übergangen werden darf. Die hohe Bestimmung also des Menschen ist es, zu wissen was gut und was böse ist, und daß es sein Wollen ist gut oder böse zu seyn: er kann S c h u l d haben am Bösen so wie am Guten; in diesem Sinne ist das Thier allein unschuldig; hier ergeben sich leicht Mißverständnisse; die Hauptsache davon ist, daß es der Freiheit des Individuums zukomme den Zweck der Vernunft, das vernünftige Wollen an sich selbst zu realisiren: wir müssen uns jedoch hierbei hüten in die Litaney der Klagen zu verfallen, daß es dem Guten und Frommen meist schlecht gehe, den Bösen aber gut: denn unter diesem Gut- und Schlechtgehen versteht man meist Ehre, Reichthum usw. und es kann dieß nicht zu einem Momente einer vernünftigen Weltordnung gemacht werden, es gehört den äußern Umständen an; wenn wir dieß aufgeben, so ergiebt sich jedoch noch eine fernere Forderung, die sich darbietet, nämlich daß gute | rechtliche Zwecke unter dem Weltzwecke ihre Ausführung und Sicherung finden: das ist es, was die Unzufriedenheit der Menschen mit dem Göttlichen erregt, daß die Welt nicht dem entspräche, was sie als das Höchste, als den Vernunftzweck ansehen; die Menschen thun sich auf diese Unzufriedenheit etwas zu Gute wenn sie den Zustand der Welt, ihren Zwecken die sie für recht und gut halten, nicht angemessen finden. – In unsern Zeiten ist zwar nicht mehr die Rede von Idealen von Staatseinrichtungen, es ist jetzt mehr im Geschmack Grundsätze, Einsichten, Gedanken zu hegen, über das, was recht und sittlich sey: dergleichen Bestimmungen gelten als absolutes Sollen, das dem Daseyn gegenüber gestellt wird: dieses Sollen ist eine Forderung, die nicht nur Unzufriedenheit hervorbringt, sondern auch eine moralisch sittliche Empörung in den Individuen; in wie fern diese gerecht sey müßte davon abhangen ob die aufgestellten Forderungen, die assertorische Ansicht wahr in sich selbst sey; nie sind allgemeinere Grundsätze aufgestellt worden und mit größerer Hartnäckigkeit vertheidigt worden: die frühere Geschichte kann ein Kampf der

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7 unschuldig] Wi: wahrhaft u n s c h u l d i g 9 der Vernunft] Wi: der Vernunft und Sittlichkeit Hn: der Religiosität und Sittlichkeit 10 realisiren] Hn: realisieren, Erziehung und Bildung gehört aber auch dazu; aber dieses ist eine äußere Seite; in seinem Wollen muß es aber liegen, und das ist das Innere 12–13 Ehre, Reichthum] Wi: Reichthum, Ansehn 14 es gehört … an] Wi: dieß schließt Zwecke in sich die der Partikularität und dem Glück, äußern Umständen 35 angehören 16 rechtliche] Wi: sittliche, rechtliche 21–22 In unsern … Staatseinrichtungen] Wi: Diese Unzufriedenheit gründet sich auf dem Contrast zwischen dem Vorhandenen und dem Vernunftzweck. Die Menschen thun sich darauf was zu Gute, wenn sie diß erkennen. so oft zu unserer Zeit. Früher stellte man Ideale von (Wi: Staaten, Regenten Hn: Staaten, Fürsten und Völkern) auf 23 im Geschmack] Wi: Einfall 40

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Leidenschaften genannt werden, die jetzige ist ein überwiegender Kampf von Grundsätzen, die das Recht für sich fordern; die subjektiven Leidenschaften brauchen den Anschein höherer Berechtigung, als sie selbst in ihnen haben; und solche Forderungen der Freiheit gelten als so absolute Zwecke wie die Religiosität, Sittlichkeit, Moral. – Die Sittlichkeit, Religiosität sind nun allerdings schlechthin an und für sich Zwecke, doch ist noch ein Anderes in Ihnen, nämlich Beschränktheit und Endlichkeit; indem nun | Beschränktheit an ihnen ist, so sind sie auch der Zufälligkeit unterworfen, der Verkümmerung und Verletzung ausgesetzt. Jedoch, wenn auch Religiosität und Sittlichkeit beschränkt seyn können, so behalten sie dabei doch noch ihren unendlichen Wert. Einer religiösen Seele kann es an Bildung mangeln, sie vermag es nicht ihre sittlichen Grundsätze auf größere Verhältnisse anzuwenden; dieser Beschränktheit ungeachtet behält das Wesentliche nämlich die Religiosität und Sittlichkeit dennoch seinen unendlichen Werth. Das Leben eines Insekts, eines Wurms ist kümmerlich gegen das eines mächtigen, starken Thiers oder das der Menschen: dennoch bleibt immer in ihm die Lebendigkeit, die Empfindung, und dieses ist eben sein Unendliches; es ist ein Ausdruck der Idee, eine Wahrheit in ihm vorhanden, wie sie nicht in leblosen Dingen ist: eben so behält die Religiosität und Sittlichkeit immer ihr Wesentliches, wenn sie auch sonst beschränkt ist: die Sittlichkeit eines Menschen, der auf einer niederen Stufe der Bildung steht, hat ganz unbedeutende Zwecke, die Sphäre ihres Wirkens ist sehr beschränkt, dennoch behält sie immer ihren Werth, ihre concrete Innigkeit ist ansich nicht höher zu achten in einer ausgebildeten Existenz: ihr innerer Mittelpunkt gehört dem Gewissen an, dieß ist der Heerd des Wissens und Thuns, die Flamme die hier brennt ist immer dieselbe, mag sie nun einen engeren oder weitern Kreis beleuchten. Im Allgemeinen ist zunächst fest zu halten, daß, was auch in der Welt edel, herrlich und berechtigt sey, ein Höheres über sich habe, und das Recht des Weltgeistes über alle besondre Berechtigungen geht: er selbst ist es ja, der die Berechtigungen

2 Grundsätzen] Hn: berechtigten Gedanken 4 Forderungen der Freiheit] Wi: Zwecke und Forderungen des Rechts und der Freiheit 6 Sittlichkeit, Religiosität] Hn: Der menschliche Wille ist nicht bloße formelle Thätigkeit; sondern Religiosität ist darin enthalten und in sofern kann man ihn als Mittel gelten lassen. Die Religiosität etc. 8–9 der Zufälligkeit] Hn: der natürlichen äußeren Nothwendigkeit 9 ausgesetzt] Hn: 11 behalten sie … Wert] Wi: bleiben sie in ihrer Unendlichkeit, ihrem 35 ausgesetzt und vergänglich unendlichen Werth, das We s e n derselben bleibt in seiner Unbeschränktheit 19 leblosen Dingen] Hn: leblosen Dingen und Pflanzen 20–24 die Sittlichkeit … Existenz] Ak, ähnlich Wi: Die Sittlichkeit der Türken, Bauern in ihrer concreten Innigkeit hat denselben (Wi: unendlichen) Werth, (Ak: als ein reicheres Dasein eines entwickelteren Subjects Wi: als in einem daseyn das reich ist an 40 Umfang und Bildung). Denn die Beschränktheit thut der allgemeinen Intensität keinen Eintrag. 25 des Wissens und Thuns] Wi: alles Entschließens, Wollens pp.

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30 1 Leidenschaften] Wi: Leidenschaften (subjectives Interesse)

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ertheilt und sie gehören seinem Gehalte an. Der Weltgeist ist es, | der den Menschen in der Weltgeschichte die Beschränktheit ihrer Berechtigungen anthut, sie unterordnet und vergessen macht – in sofern ist die Weltgeschichte das We l t g e r i c h t ; dieses Untergeordnete ist es, das im Gange der Weltgeschichte verbraucht wird zum absoluten Endzweck des Weltgeistes und in so fern ist dem Weltgeist Alles Mittel um den absoluten Endzweck zu realisiren c. Es ist nun noch der ausgeführte Endzweck, die Gestaltung des absoluten Zwecks in der Wirklichkeit zu betrachten. Wenn wir nun früher auf die Kategorie des Mittels gekommen sind so begegnet uns nun das Moment des M a t e r i a l s : bei der Ausführung muß das Material schon vorhanden seyn; welches ist nun, fragen wir, das Material, worin der vernünftige Zweck ausgeführt wird? Es ist das Subjekt selbst, die Bedürfnisse des Menschen, die Subjektivität überhaupt: menschliches Wissen und Wollen ist das Material, hier kommt das Vernünftige zu seiner Existenz. Das Material soll dem Zweck angemessen seyn; der Zweck soll zur Existenz gebracht werden; das Material ist schon vorhanden und es ist nur darum zu thun, den subjektiven Zweck objektiv zu machen oder dem Zweck, der noch einseitig ist, Objektivität zu verleihen: das Material ist nun die Existenz selbst, der Mensch, der Geist realisirt sich nur in sich selbst. Wir haben hiemit zwei Seiten aufzustellen, die eine ist der absolute Endzweck, die an und für sich seyende Bestimmtheit, das Ewige in einfacher Substantialität: die andre ist die subjektive Seite, die Seite des Wissens und Wollens; auf diese Seite fällt die Lebendigkeit, die Bewegung, die Thätigkeit; wir unterscheiden diese beiden Seiten, doch ist wohl zu bemerken, daß sie genau zusammenhängen und daß dieser Zusammenhang in jeder von beiden liegt, wenn wir sie ein3 vergessen macht] Wi, ähnlich Ak: vergehn macht 4 We l t g e r i c h t ] Wi: Welt-Gericht – daher beschränkter Charakter, beschränkte Staaten, beschränkte Individuen pp. 4–5 dieses Untergeordnete … wird] Hn: Beschränkt sind die Volksgeister, wenn sie noch so schön sind, und alles, Staat, Religion, Sittlichkeit. Alles wird verbraucht 6 absoluten Endzweck] Hn: Begriff 7 der] Wi: der durch diß Mittel (in abstracto) 8 betrachten] Hn: besprechen, nachdem wir von den Mitteln, dem menschlichen Thun und Willen zur Realisierung geredet haben 9–10 Moment des M a t e r i a l s ] Wi: Material, in welchem sich der Zweck vollführt 12 Es ist … Menschen] Wi, ähnlich Hn: Eben diß Material selbst ist (Wi: der Mensch Hn: ist das menschliche Bewußtsein), seine Vernünftigkeit, seine Zwecke, Triebe 12–13 Subjektivität überhaupt] Hn: ganze Subjektivität. Wir sind auf geistigem Boden 13 menschliches Wissen und Wollen] Ak, ähnlich Wi: das menschliche Bewußtsein, menschliches Wissen, Wollen 13–14 das Vernünftige] AkWi: der Endzweck 14–15 Das Material … Material] Wi: was wir unter Material verstehen, das ist äußerlich ist die Objectivität, sie 15 das Material] Wi: das menschliche bewußtsein Hn: | Die Subjektivität 17 das Material] Hn: das Material für jenen objektiven Zweck 20 die an … Bestimmtheit] Wi: das Göttliche überhaupt Hn: der an und für sich seiende Inhalt der Vernunft Substantialität] Ak: Sub|stantialität, das Göttliche 21 die andre … Wollens] Ak: gegenüber steht die menschliche Thätigkeit als Mittel und Material die subjektive Seite] Hn: das subjektive Element Wissens und Wollens] Wi: Wollens, Wissens der Individuen

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zeln | betrachten: Wir haben das Vernünftige in seiner Bestimmtheit erkannt d.i. als die sich wissende, sich bestimmende und sich wollende Freiheit, die nur sich zum Zweck hat, das ist der einfache Begriff der Vernunft, zugleich aber ist es eben so das, was wir als das Subjekt genannt haben, das Selbstbewußtseyn, der in der Welt existirende Geist: dieß sind nicht organische Lebendigkeiten sondern der Mensch selbst: der Mensch hat das Denken mit der Bestimmung des Göttlichen gemein; es fällt hiermit das Außereinandertreten des Zwecks und des Mittels weg, der Geist des Menschen ist dem Zweck selbst immanent. Betrachten wir nun andererseits die Subjektivität, so finden wir, daß das subjektive Wissen und Wollen das Denken ist; daher ist es das Wissen und Wollen eines Zwecks; der Mensch weiß nicht nur den Zweck überhaupt, sondern wesentlich einen a l l g e m e i n e n G e g e n s t a n d ; als wollend ist mir der Zweck der an und für sich allgemeine Zweck, und indem ich denkend weiß und will, so will ich den allgemeinen Gegenstand: dieß ist das Substantielle des an und für sich Vernünftigen. Die Thätigkeit der Realisation ist das, was wir subjektive Seite genannt haben, doch der Begriff gehört eben so dieser subjektiven Seite an. Wir sehen also eine Vereinigung, die an sich ist, zwischen der objektiven Seite, dem Begriffe und der subjektiven Seite. Nun ist anzugeben, wie diese Vereinigung in der Existenz erscheint, wie sie hervorgebracht wird: denn alles geistige Thun hat nur diesen Zweck sich dieser Vereinigung bewußt zu werden d.h. seiner Freiheit; sie erscheint als vom Subjekt hervorgebracht und von diesem ausgehend. Von den Gestalten dieser Vereinigung | steht d i e R e l i g i o n an der Spitze. In 1 das Vernünftige] Wi: das Substantielle, die Vernunft 2–3 die nur … hat] Hn: als die einfache Form des Geistes, die nur die Freiheit will 3 der einfache … Vernunft] AkHn: der bestimmte Begriff des absoluten Endzwecks 4 Selbstbewußtseyn] Wi: Selbstbewußtseyn, die Vernunft 5 Geist] Wi: Geist, der Weltgeist, die eigenthümliche Natur des Menschen dieß sind … Lebendigkeiten] Hn: welcher nicht die Sonne, nicht die Erde 7–8 es fällt … weg] Wi: Von diesem hohen logischen Standpunkt aus fällt das Auseinandertreten von selbst weg. in dieser Idealität gelten alle jene Kategorien nicht von Mittel und Material. Hn: Von diesem Standpunkt betrachtet fällt nun der Zwiespalt hinweg, wo von einem Mittel, Material und Zweck gesprochen ist. Der Geist in der Welt enthält alle diese Kategorien in sich, getrennt nur gehören sie geringen Zwecken an. 10 Wollen1] Wi: Wollen […] in seiner grundbestimmung 10–11 daher ist … Zwecks] Wi: eines Gegenstandes, der mir als Zweck dasteht Hn: und zwar mit einem Inhalt, der für mich sein soll als Zweck, und von mir gewollt 11 den Zweck] Hn: die Gegenstände 12 G e g e n s t a n d ] Wi: Gegenstand der an und für sich ist 14–15 dieß ist … Vernünftigen] Wi: diß nennen wir dann die Idee, die Idee des Geists, die sich in ihr selbst realisirt 16 doch der … an] Hn: In jedem von beiden liegt das Ganze so. Die Idee, der Begriff, der sich an ihm selbst realisiert, ist das Ganze. Die Freiheit, die sich selbst will und weiß, und aus sich die Idee realisiert. 19 der Existenz] Wi: dem Existirenden der Geistigen Welt Hn: der existierenden Welt Ak: der Wirklichkeit wie sie hervorgebracht wird] Hn: aber sie wird in jedem geistigen Thun hervorgebracht; in jedem Bewußtsein liegt diese im Hintergrund 20 sich dieser … werden] Wi: diese Vereinigung hervorzubringen und so seiner Freiheit sich bewußt zu werden 21 ausgehend] Wi, ähnlich Ak: ausgehend und hervorgebracht. das Subject bringt nur hervor was an und für sich ist

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ihr wird der existirende Geist, der weltliche Geist sich des absoluten Geistes bewußt und in diesem Bewußtseyn des an und für sich seyenden Wesens, entsagt der Wille des Menschen seinem besondren Interesse, er legt dieß auf die Seite in der A n d a c h t , wo es ihm nicht mehr um partikulares Interesse zu thun seyn soll und wenn seine Andacht wahrhaft durchdringend ist, so weiß er jenes als untergeordnet. Diese Concentration des Gewissens erscheint als Gefühl, jedoch tritt sie auch in das Nachdenken über; der Cultus ist eine Aeußerung des Nachdenkens; alle solche Aeußerungen haben nur die Bestimmung und Bedeutung jene innere Vereinigung hervorzubringen, den Geist auf jene innige Vereinigung zu führen; durch das Opfer drückt der Mensch aus, daß er seines Eigenthums, seines Willens, seiner besondern Empfindungen sich entäußere. Die Religion ist also die erste Gestalt der Vereinigung des Objektiven und Subjektiven. Die 2te Gestalt ist die K u n s t ; sie tritt mehr in die Weltlichkeit und Sinnlichkeit als die Religion: in ihrer würdigsten Haltung hat sie darzustellen, zwar nicht den Geist Gottes aber den Gott, das Göttliche und dann Geistiges überhaupt auch in seinem partikulären Interesse; das Göttliche soll durch sie deutlicher werden, sie stellt es der Phantasie und der Anschauung dar. Das Wahre gelangt aber nicht nur zu der Vorstellung, der Empfindung, dem Gefühl wie in der Religion und zur Anschauung wie in der Kunst sondern auch zum denkenden Geist: dadurch erhalten wir die dritte Gestalt der Vereinigung, die P h i l o s o p h i e ; diese ist in so fern die höchste, freieste und reinste Gestaltung. – Wir haben nicht die Absicht diese drei Gestaltungen näher zu betrachten: sie haben | 2 bewußt] Wi: bewußt. (In der christlichen Religion wird Gott allein als Geist erkannt) der Mensch wird sich darin des Substantiellen bewußt 6 untergeordnet] Hn: untergeordnet. Diese Gestaltung der Vereinigung geht in dem innersten Menschen, im Schachte des Gewissens, vor, das als Gefühl erscheint. Diese Concentration … Gefühl] Wi: diese Gestaltung, diese Vereinigung, geht im Innersten Menschen vor, in dem Schachte seines gewisens, in dieser Concentration der Vereinigung, die als Gefühl erscheint, also in der Innerlichkeit. 7 in das Nachdenken] Hn, ähnlich Wi: in die Phantasie und auch ins Nachdenken 7–8 der Cultus … Nachdenkens] Wi: wird auch äußerlich im Cultus. Ausgebildete Religionen sind auch reich an solchen Äußerungen. Hn: Bildung und Kultur äußern sich nun so als Gestaltung des Innersten 9–10 den Geist … führen] Wi: und sollen den Geist der darin versenkt ist leiten 10 führen] Hn: führen, da er in der Außenwelt versenkt ist 11 seines Willens, … Empfindungen] Wi: seines Liebsten 11–13 Die Religion … Subjektiven.] Wi: der boden, Zweck, Idee dieser ersten Gestalt ist innerlich. 13–14 Weltlichkeit und Sinnlichkeit] Wi: Äußerlichkeit und Sinnlichkeit 15 den Geist … Gott] Wi: den Gott in unsrem Sinn, sondern 16–17 das Göttliche … dar] Wi: sie macht es darstellig für die Phantasie und Anschauung. diese unbestimmte Vorstellung vom Göttlichen wird durch diese darstellung für die Anschauung concreter, bestimmter, deutlicher, umgrenzter. Hn: Die unvollkommene Vorstellung vom Göttlichen wird bewußter durch die Kunst als es in der Religion war. 21 diese ist … Gestaltung.] Ak: die Gestaltung jener Einheit, die an und für sich ist Wi: die reine Wurzel des Geistigen ist das denken 22–1181,2 sie haben … haben] Hn: sie hängen im Innigsten zusammen mit unserem Gegenstand und deshalb sind sie genannt

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genannt werden müssen, weil sie sich auf demselben Boden befinden, als der Gegenstand, den wir zu betrachten haben, und weil sie zugleich mit diesem unsern Zweck in Zusammenhang stehen. Die Gestaltung, die unser Zweck ist, ist der S t a a t ; sie giebt zu erkennen, daß das an und für sich Seyende sich in der Geschichte zeige, auf dem Boden der gegenwärtigen Interessen der Menschen, innerhalb der Erscheinungswelt des Geistes: der absolute Endzweck führt sich in dieser E r s c h e i n u n g s w e l t aus; an dieser ist es, daß wenn es auch im unmittelbaren Zweck nicht gewußt wird, das Substantielle, Vernünftige wirksam ist, das Bewußtseyn des Menschen muß in ihm selbst seyn. Unser Gegenstand ist also: wie das Substantielle auf dem Boden der Geschichte erscheint. Dieß Substantielle, wie es vorhanden ist, ist auch im Bewußtseyn, im Wollen der Menschen. Die subjektive Freiheit will zugleich befriedigt werden mit dem Substantiellen und dieses kann nicht ohne die Thätigkeit des subjektiven Willens realisirt werden: die Menschen können ihren Zwecken keinen Bestand geben, wenn sie nicht b e r e c h t i g t sind. Das Substantielle und Wahrhafte im Willen des Menschen ist das, was wir S i t t l i c h k e i t und R e c h t nennen; es ist dieß das Göttliche im äußerlichen Gegenstand der Geschichte. Antigone im Sophocles sagt: „Die göttlichen Gebote sind nicht von heute, noch von gestern, nein, sie leben ohne Ende, und niemand wüßte, von woher und wann sie kamen“. Die Gesetze der Sittlichkeit sind nicht zufällig, sondern das Vernünftige selbst. Daß nun das Substantielle im wirklichen Thun und in der Gesinnung des Menschen gelte, vorhanden sey und sich selbst erhalte, das ist es, was wir den S t a a t

4–5 in der Geschichte] Hn: in der Wirklichkeit, in der Geschichte 6 der absolute Endzweck] Hn: Das Vernünftige 7–10 an dieser … erscheint.] Hn: nicht als bewußt im subjektiven Zweck, sondern innerlich bethätigt und wird nicht unmittelbar als solch absoluter Zweck gewußt. Der substanzielle Geist ist jedoch wirksam; das Thun der Menschen muß ein Wahres in sich haben, wenn es bestehen soll. Der Geist erscheint in der Erscheinung, in der Wirklichkeit, und dieses ist der Boden der Geschichte. 8 wirksam] Wi: gegenwärtig, wirksam 9 das Bewußtseyn … seyn] Wi: daß das Thun der Menschen Werth, Gehalt, Gestalt habe muß es in sich haben das We s e n 10–12 Dieß Substantielle, … Menschen.] Wi: das Substantielle ist auch in dem bewußtseyn der Menschen, in dem Wollen i h r e r Freiheit. Hn: Das Substanzielle ist, verbunden mit den Interessen der Menschen, in Einheit auch mit dem Thun und Wollen, den subjektiven Zwecken 11 im Bewußtseyn, im Wollen] Ak: in dem lebendigen Wissen und Wollen 16–17 es ist … Geschichte] Wi: Sittlichkeit Recht ist wie das Göttliche, an und für sich, der Gegenstand der Geschichte. 18 sind] Wi: sind ewig und 19–20 Die Gesetze … selbst.] Wi: in ihnen ist das wahre, positive Recht; die gesetze der sittlichkeit sind das Vernünftige selbst 20 nicht zufällig] Ak: keine Gesetze, die die Willkühr gemacht das Vernünftige selbst] Ak: das Vernünftige, wie es in dem freien lebendigen Thun und Wollen sich offenbart 20–1181,1 Daß nun … nennen.] Wi: den S t a a t nennen wir das, worin diese Gesetze realisirt und erhalten werden, und die Staaten sind Gegenstand der Geschichte. Hn: Der Staat ist die höchste Gestaltung dieses Bewußtseins, und mit diesem haben wir es in der Geschichte zu thun, daß die Sittlichkeit als Richtschnur im Menschen gelte, dazu ist nöthig der Staat.

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nennen. Unendlich viel Vorstellungen über den Staat sind im Umlauf | unter den Menschen. Die Theorie des Staats gehört in die Philosophie des Rechts, wir haben daher nur einige Grundzüge anzugeben, und die falschen Vorstellungen nicht genauer zu beleuchten; doch wenn man mit solchen Ansichten an die Weltgeschichte geht, so kann man durchaus nichts verstehen, denn nur das Vernünftige hat Wirklichkeit: wir haben uns nur an das Affirmative zu halten. Das Erste was uns im Staate vorliegt ist der Gesichtspunkt d e r B e d ü r f n i s s e : dieß ist zunächst das Auffallendste: wir sehen Menschen, die zusammenleben, von denen jeder für seine Bedürfnisse arbeitet; zugleich aber bemerken wir, daß wenn ein Mensch seine Zwecke erreichen will, er andrer Menschen nöthig hat und wenn er für sich sorgt, er eben so beiträgt zur Befriedigung der Bedürfnisse Anderer und daß dieß durchaus unzertrennlich ist: so wird der entschiedenste Eigennutz und Selbstsucht zur Mildthätigkeit für Andre; denn, wenn ich auch den Andern nichts zukommen lassen wollte, so würde sich dieß doch nur auf den Willen beschränken. Diese Vorstellung ist einseitig: wir haben früher schon gesagt daß der subjektive Zweck und das an und für sich Allgemeine unzertrennlich sind; auf der einen Seite haben wir also die Bedürfnisse gesehen und den Trieb diese zu befriedigen, auf der andern steht etwas Höheres als die bloßen Naturbedürfnisse: indem die Staaten vorhanden sind, ist eine allseitige Abhängigkeit der Individuen von einander nothwendig; sie sind unzertrennlich zu-

1 nennen] Ak: nennen, und diese Gestaltung ist unser Zweck, Gegenstand 3 Grundzüge] Ak: Grund|züge unserer Theorie Wi: Grundzüge des bestimmten begriffs vom Staate 3–4 und die … beleuchten] Ak, ähnlich Wi: weil Vorurtheile in der Welt umlaufen, die als absolute Wahrheiten gelten 5 durchaus nichts verstehen] Wi: kein Wort von der Geschichte, der Wirklichkeit verstehn 6–7 Das Erste … B e d ü r f n i s s e ] Wi: Ü b e r d e n b e g r i f f S t a a t . der begriff des bedürfniß tritt bei der Reflexion darüber uns zuerst entgegen. 12 unzertrennlich ist] Ak: untrennbar, keiner kann sich und seine Bedürfnisse befriedigen, ohne zugleich für Andere zu sorgen Hn: sind untrennbar. In unserem Staat besonders, wo alles so entwickelt ist, kann nicht ein anderer durch sich Brot essen und die Blöße bedecken. 12–13 so wird … Andre] Ak: die entschiedenste Selbstsucht um in die Mildthaetigkeit für Andere. Durch die Bedürfnisse scheinen also die Menschen zur Vereinigung in Staaten getrieben zu sein. Wi: der entschiedenste Eigennutz (der nur beim Essen, Trinken ist, denn ich esse nur für mich selbst. –) und Selbstsucht schlägt in das Wohl anderer um und geht in das Gegentheil über. die Menschen scheinen zu Gesellschaft bestimmt zu seyn. die bedürfnisse haben das ihrige gethan. 15 Diese Vorstellung ist einseitig] Ak: Allein diese Vorstellung, obwohl die Bedürfnisse dabei das Ihrige gethan, ist einseitig. Hn: Durch die Bedürfnisse scheint so der Mensch zur Gesellschaft getrieben zu sein. – Diese Vorstellung ist richtig; aber nur einseitig. 17–18 auf der … befriedigen] Wi: diese bedürfnisse sind nicht bloß bei Stiftung sondern auch in der Erhaltung der Staaten 18 etwas Höheres] Ak: etwas | Höheres, was diese Vereinigung zu Stande bringt Wi: das Höhere, das Substantielle Seite ist, der v e r nün f t ige beg r if f 19 indem] Hn: In der Stiftung der Staaten, und indem allseitige] AkHn: allseitige und gegenseitige 20 nothwendig] Hn: bedingt durch die äußere Seite der Bedürfnisse, die durch das Zusammensein befriedigt werden

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sammen; dieß Zusammenseyn ist zugleich ein Zusammen, eine Allgemeinheit, in welcher das Substantielle des Geistes ist: diese zweite Seite ist die wesentliche, die Grundlage. | Betrachten wir nun dieses Zusammenhalten, nach dem eigenen Interesse der Individuen, so finden wir, daß ein weiteres Band nothwendig ist für jenen Zusammenhang: es ist das R e c h t , das Recht des Eigenthums und was dazu gehört, gerichtliche Organisation und Macht der Gerichte; erst hier tritt wahre Freiheit ein: denn halten wir nur den Gesichtspunkt der Bedürfnisse fest, so finden wir hier noch eigenes Belieben, Willkühr, denn die Art und Weise der Befriedigung ist dem Zufall überlassen, es treten hier viel verschiedene Meinungen ein: auch dieß läßt sich wohl Freiheit nennen, aber diese sogenannte Freiheit hat zu ihrem Inhalte nur Besonderes, und darum die Willkühr: erst im Rechte tritt die Freiheit als solche ein und diese Freiheit stellt sich der Meinung entgegen, dem Belieben, der Willkühr: sie fängt an, als Vernunftbestimmung vorhanden zu seyn. Das Recht ist das Allgemeine, es besteht darauf, daß der Mensch Pe r s o n sey: als Person ist er ein Unendliches, ein unendliches Gelten in sich, indem das Subjekt in der Person ein freies ist; doch dieß ist nur die abstrakte Bestimmung der Person: das Recht ist auch formell, man sucht es um des Rechts willen, doch eben so auch um den Vortheil zu erlangen; dieses ist ein Gleichgültiges, Zufälliges. Das Höhere, das wir als dritten Punkt zusammenfassen können ist, daß das Zusammenleben, worin das Recht als substantielles Band ist, nothwendig zunächst von der natürlichen Seite her, ein concreteres, erfüllteres Zusammenseyn wird und daß dieses sich individuell abschneidet gegen ein andres solches Zusammenseyn. Nach der natürlichen Seite gehört die

2–3 diese zweite … Grundlage] Hn: der vernünftige Begriff ist aber das zweite in diesem Zusammen3–5 Zusammenhalten, nach … Zusammenhang] Hn: Der Zusammenhalt nach der Naturnothwendigkeit macht ein weiteres Band nothwendig, welches jenen Zusammenhalt bedingt und stützt 3–4 dem eigenen Interesse] Ak: blossen Bedürfnissen 6 dazu] Wi: zu dessen Ausführung 9–11 es treten … Willkühr] Wi, ähnlich Hn: besondere Meinungen über die Art der befriedigung, und in dieser Meinung haben wieder unendlich 30 viele bedürfnisse ihren Ursprung. (Hn: Luxus ist kein Naturbedürfnis, nur ein Schein des Beliebens.) Was wir hier M e i n u n g und b e l i e b e n nennen können wir auch wohl Freiheit nennen, (zb. solchen Schnitt an meinem Rock zu tragen) aber diese Freiheit ist nur etwas b e s o n d e r e s , darum W i l l k ü h r , und nicht Freiheit an und für sich. 13–14 sie fängt … seyn] Hn, ähnlich Wi: Bei der Entscheidung nach dem Recht wird der Vortheil einer Parthei nicht beachtet, und ihm setzt sich gerade 14 das 35 das Recht entgegen. Durch das Recht erscheint das Vernünftige zuerst in der Wirklichkeit. Allgemeine] Wi: das allgemeine und will es, sein Gegenstand ist das Allgemeine 15 als Person … Unendliches] Wi: im Recht fängt die Persönlichkeit erst an, Persönlichkeit ist 17 der Person] Hn: des Rechts 18 Vortheil zu erlangen] Hn: eines Vortheils willen, um das Eigenthum zu schützen 18–19 dieses ist … Zufälliges] Wi: der Gehalt, der Inhalt des Rechts ist mein besitz, mein 20–21 wor40 Vermögen, die Seite des Eigenthums, die Gegenstand der rechtlichen bestimmung ist. in das … ist] Wi: (zunächst für die bedürfnisse aber so daß das Recht das substantielle band darin ist) 22 individuell] Hn: individualisiert [….] und 23 Zusammenseyn] Hn: Zusammenleben 25 sein, und diesem kommt die Macht und Gewalt zu

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N a t i o n a l i t ä t hierher: sie gehört zu einem natürlichen | Zusammenseyn, und wird durch die Abstammung, Temperament, Physiognomie bestimmt: ferner ist die S p r a c h e das Unterscheidende, die sich zunächst auf eine bewußtlose Weise ausbildet; ferner der B o d e n , auf dem sich eine Nation fixirt und sich individuell abschließt; er ist das Va t e r l a n d der Nation; sie erhält dadurch das dringende Gefühl der Einheit: dieses Vaterland sich zu erhalten, sich als dieses Individuum gegen andre zu halten, dieß ist der gemeinsame Zweck der Nation und in diesem verschwindet die Partikularität der Zwecke; der allgemeine Zweck gilt als Substanz, als Grundlage für alle weitere Zwecke; die Nation hat einen Zweck, von dem sie weiß, daß alles darauf beruht; daß sie dieß weiß, für dieß in Thätigkeit sind, alle besondern Zwecke, diesem Einen nachsetzen, das ist die S i t t l i c h k e i t und so ist der Staat ein s i t t l i c h e s G a n z e als solches. – Außer dieser Sittlichkeit im Staate giebt es noch eine, nämlich die in der Familie, die mehr empfindend ist. – Die Einrichtungen des Staats sind die Rechte der Individuen; die Geschichte des Staats, die Thaten ihrer Vorfahren gehören ihnen an: aber eben so werden auch sie von denselben besessen dh. diese machen ihren Inhalt, ihr Seyn aus; es ist dieß das Allgemeine, das die Individuen als ihr Wesen wissen; dadurch wird das Verhältniß wesentlich sittlich, das sie Treibende, die Grundlage ihres Wissens und Thun’s, die geistige Gesammtheit; in so fern nun die Individuen diese geistige Gesammtheit haben und es ihr Wesen ist, so ist sie der G e i s t d e s Vo l k s ; alle jene mannigfaltige Bestimmungen, sind in eine Wesenheit gefaßt und dieß ist der Geist, weil sie geistiger Natur 1 N a t i o n a l i t ä t ] Wi: Nationalität, Nation (N a t ion hat mit der N a t ur zusammenhang) 2–4 ferner ist … ausbildet] Hn: Die Naturen der Völker sind verschieden, nach Körpern schon, mehr nach Sprache, die dem Geist mehr angehört; aber unbewußt bildet sie sich aus. 3 sich] Wi: sich aus dem Verstande 5–6 sie erhält … Einheit] Wi: die sich auf diesem boden zusammenfinden fühlen so ihre n a t ü r l i c h e Einheit 6 sich zu erhalten] Ak: sich als Nation, die Sprache zu erhalten 9–10 die Nation … beruht] Wi: ohne Vaterland fehlte dieser Zweck, auf ihm beruht ihr Wohl 12 s i t t l i c h e s G a n z e ] Wi: s i t t l i c h e r Staat 14–15 sind die … Individuen] Hn: sei Eigenthum des inneren und äußern Menschen, das Vaterland desselben und Besitz 15 ihrer Vorfahren] Hn: wodurch der Staat dieses geworden ist 17–18 es ist … wissen] Ak: die Objectivitaet des Vernünftigen, die Staatseinrichtung sind eine Allgemeinheit, die sie als ihr Wesen haben Wi: diß ist das Substantielle was sie und ihren Willen erfüllt, die Staatsallgemeinheit ist ihr Wesen 17 es ist dieß] Hn: Das gemeinsame Sein ist der Staat, woran |alle Antheil haben und es ist 18–19 das sie Treibende] Hn: sie besitzen es, und es ist in ihnen lebendig, treibend 19 Wissens und Thun’s] Hn: Thuns und Treibens. Wem dieser Begriff des Staates nicht wahrhaftig scheint, der hat eine falsche Ansicht von dem Staate, wie sich bald zeigen wird 20–21 in so fern nun … Vo l k s ] Wi: der Staat ist also auf geistigem boden, und ein sittlicher; diese geistige gesamtheit ist als Ein Wesen zu betrachten 20 Wesen] Hn: geistiges, individuelles Wesen 21 Bestimmungen] Hn: Bestimmungen, die angegeben sind 22 und dieß ist der Geist] Ak: die der Geist der Völker heißt Wi: Geist, der Geist des Volks, und dieser Geist ist ein substantielles Individuum Hn schließt an: das die Macht des Einzelnen ist. Dieser Geist eines Volkes ist die Zusammenfassung aller in der Form der Individualität.

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sind, so machen sie ein concretes Ganze aus; der Geist eines Volks existirt und ist das äußerliche Daseyn des Volks. Bei den Atheniensern hatte Athenä | eine doppelte Bedeutung, zuerst bezeichnete Athenä die Gesammtheit der Einrichtungen der Stadt Athen, dann aber Pallas, die Göttin, welche den Geist des Volks, die Einheit darstellte. Diesem allgemeinen Geist gehören die Individuen an und in dieser Rücksicht ist der Einzelne der Sohn seines Volkes und der Sohn einer bestimmten Entwicklung: der Sohn seiner Zeit. – Jedes Individuum ist eine Person schlechthin für sich selbst, doch ist dieses nur eine formelle Freiheit; das Concrete macht erst das Ich zum Geist und dieser Geist ist der Geist meines Volks und meiner Zeit; so waren die Griechen Söhne ihrer Zeit; sie sind nicht über ihre Zeit hinausgegangen selbst Aristoteles und Plato sind Söhne ihrer Zeit. Dieser Geist, der der Inhalt des Individuum ist, ist ein bestimmter und zwar bestimmt nach der geschichtlichen Stufe seiner Entwicklung. D e r Geist ist dann eben so die Grundlage und der Inhalt in den andern Formen des Bewußtseyns seiner selbst: In der Religion wird dieser Inhalt hervorgehoben und gewußt, eben so ist das Bild in der Kunst eben derselbe Geist, es hat keinen andern Stoff als diesen Geist, und was in Gedanken erkannt wird durch die Philosophie ist wieder derselbe Geist: es ist in diesen Formen eine ursprüngliche Dieselbigkeit von Substanz; daher sind sie unzertrennlich mit einander verbunden: auch kann in diesem bestimmten Staat auch nur diese Religion, diese Kunst und diese Philo-

1–2 der Geist … ist] Ak: Diesen Geist der Völker müssen wir als ein substantielles Individuum ansehen; sofern er existirt, ist er 2 des Volks] Ak: des Volks des Staats 3–4 die Gesammtheit … Athen] Wi: die Stadt selbst Hn: die Bürger, die hier wohnen, diese Gesetze und Geschichte haben 4–5 welche den … darstellte] Wi: dasselbe, derselbe Inhalt den die Stadt Athen hat, aber als eine bestimmte Einheit des Volkes, worin die Individuen Hn: die Gottheit der Athener (vorzüglich, wenn auch nicht ganz bestimmt) hat denselben Inhalt wie die Stadt, aber mit substanziellem Inhalt der Fantasie vorgestellt 6 an] Ak: an, und ist in der aeusserlichen Existenz eben der Staat 7 Entwicklung] Hn: Stufe der Entwicklung dieses Volkes der Sohn seiner Zeit] Hn: keiner ist unabhängig von Volk und Zeit 8 schlechthin für sich selbst] Hn: selbständig Freiheit] Wi: Unabhängigkeit 9–10 und dieser … Zeit] Wi: Keiner springt aus seinem Geist, aus seiner Zeit hervor, aber steht ganz in diesem. 10 Zeit] Hn: Er geht aus diesem Geiste hervor. Wir sind die Söhne unserer Zeit. so waren … Zeit] Wi: Wir sind so die Söhne unsrer Zeit, wie die Griechen es waren 11 Aristoteles und Plato] Hn: Plato und Aristoteles, diese Denker der Allgemeinheit 14–15 Grundlage und … selbst] Wi: Grundlage für die verschiedenen Formen der Entwickelung 15 selbst.] Ak: selbst. Diese Formen sind schon genannt. In der Religion] Ak: Die eine ist die Religion, in ihr dieser Inhalt] Ak: die Wesentlichkeit als Geist, das Wesen als der Gott Wi: die Wesentlichkeit des Geistes hervorgehoben und gewußt] Hn: verehrt und genossen von den Individuen. Der Äußerlichkeit entkleidet mithin sich das Wesen des Geistes. 16–17 es hat … Geist] Wi: der Inhalt der Kunst ist eben dieser Geist 17 erkannt] Ak: begriffen Wi: erkannt und begriffen

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sophie vorhanden seyn. Dieß ist eine Grundanschauung, daß die großen Wesenheiten durchaus zusammengehören; es ist ein lebendiger Geist, der ihnen zu Grunde liegt. Dieß ist in Rücksicht der Thorheit unserer Zeit zu sagen, indem man Staatserfindungen macht, unabhängig von der Religion. In Ansehung der subjektiven | Freiheit ist die katholische Religion wesentlich von der protestantischen verschieden; diese innere Gerechtigkeit und Sittlichkeit läßt die katholische Religion nicht zu, welche in der protestantischen vorhanden ist; es ist ein Bedürfniß des Staatsrechtlichen sich loszureißen von solcher Religion worin das Recht, die Sittlichkeit nicht substantiell anerkannt wird: aber Staatserfindungen, gemacht ohne Rücksicht auf die Religion bleiben Abstractionen oder mit der Abstraction behaftet, wenn die Grundsätze der Freiheit sich für sich ausführen sollen; dergleichen Prinzipien können nicht zu einem eigentlichen Mittelpunkte gelangen und zu festen Organisationen. Ein allgemeiner Grundsatz ist es also daß jene Wesenheiten durchaus zusammengehören, eben so kann daher die Griechische Kunst nicht in unsre Zeit und in unsern Staat gebracht werden, sie ist ein Gewächs der griechischen Religion und Verfassung, die nie wieder vorkommen werden; die griechische Philosophie steht eben so innerhalb des Prinzips des griechischen Lebens; so viel auch aus ihr für uns zu lernen ist so kann sie uns doch nicht genügen. Auch können sich Religion, Kunst und Philosophie nur

1–3 eine Grundanschauung … liegt] Wi: eine G r u n d a n s i c h t u n d G r u n d e r s c h e i n u n g die festgehalten werden muß, Ein lebendiger Geist liegt allem zum Grunde und bringt sich uns in verschiedenen Formen zu Erscheinung und kommt darin zum bewußtseyn Ak: | eine grosse Wahrheit, daß diese grossen Wesenheiten, Religion, verschieden sein können, aber ein grosser Geist liegt ihnen zum Grunde, der sich in verschiedenen Form auspraegt Hn: Dieses ist eine sehr wichtige Bemerkung. Nichts ist in diesen Mächten Zufall, und gleichgültig verschieden können sie nicht gegen einander sein. 4 Staatserfindungen] Hn: Rechtsgesetze und Konstitutionen 4–6 In Ansehung … verschieden] Hn: Die katholische und protestantische Religion haben einen Grund, das Christenthum. Sie sind aber durch den Begriff der Freiheit, Sittlichkeit wesentlich verschieden. 6–7 diese innere … zu] Ak, ähnlich Wi: In der Katholischen Religion ist die (Ak: Sittlichkeit Wi: Freiheit) nicht als für sich seiend, als etwas Substantielles anerkannt. 6 innere Gerechtigkeit und Sittlichkeit] Wi: Freiheit 9 substantiell] Ak: als an und für sich seiend 9–10 Staatserfindungen, gemacht … bleiben] Wi: Die Grundsätze der Freiheit werden aber in unserer Zeit losgestellt so bleiben sie 12 dergleichen Prinzipien] Wi: die Staatsrechtlichen Einrichtungen eigentlichen] Wi: festen Hn: wirklichen 13 zu festen Organisationen] Wi: fester Organisation gelangen und nicht zu festem bestand 14 Wesenheiten] Wi: getrennten Wesenheiten durchaus] Ak: ursprünglich 16–17 die nie … werden] Hn: das seinen bestimmten Boden gehabt hat 17 Philosophie] Wi: Philosophie, so tief sie ist 18 Lebens] Wi: Volkes und Geistes 18–19 so viel … genügen] Wi: unsere Philosophie dringt viel tiefer und jene können uns nicht genügen so viel wir ihnen zu danken haben. Hn: aber wir finden keine Befriedigung; wir müssen in andere Tiefen des Bewußtseins steigen

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im Staate entwickeln; nicht außerhalb desselben können sie zur Existenz kommen. Der Geist erhält die Form der Allgemeinheit, diese gehört der Bildung an, sie kann auch nur im Staate hervorgebracht werden, dieß ist der Begriff des Staats: die Freiheit wird im Staat verwirklicht, und wenn die Gesetze wahrhafter Art sind, so giebt sich die Freiheit in ihnen zu erkennen; es entsteht ein Verhältniß von einem wesentlich Geltenden zu dem Willen, der sich ihm unterwerfen soll: dieser fühlt sich unfrei, hält sich für abhängig, indem er sich unterwerfen soll; doch das Gesetz, als sich selbst bestimmende | Freiheit ist die Objektivität des Geistes selbst; daher ist das nur ein wahrhaftes Wollen, der Wille in seiner Wahrheit, der dem Gesetz gehorcht: denn er gehorcht alsdann nur sich selbst, er ist bei sich selbst und frei. Dieß ist die Freiheit im Staate, für diese ist der Bürger thätig und diese ist es, die ihn beseelt. Außer dem Gesetze ist noch ein Gegenstand, äußerlicher Art, der das Allgemeine enthält, er ist das Vaterland, worin die Gesetze vorhanden sind und gelten; es ist eben so eine Gemeinsamkeit des Daseyns, alle haben Theil daran, es ist ein Besitz Aller: indem Alle dasselbe wollen, haben sie das Bewußtseyn der Einheit; dieß ist die Seite der subjektiven Freiheit; die objektive Freiheit ist die Vernunft: der subjektive Wille des Menschen unterwirft sich dem Objektiven d.i. den Gesetzen, indem 1–2 zur Existenz kommen] Ak, ähnlich WiHn: zur Verwirklichung kommen, denn ihr Stoff ist ein

20 geistiger, der Geist eines Volks, der kann aber erst zur rechten Auspraegung kommen im

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Staate 2 erhält] Wi: enthält 2–3 diese gehört der Bildung an] Ak: Bildung heißt Form der Allgemeinheit, was für Alle sei, für Alle gelte; diese kann nur im Staate zur Existenz kommen. Hn: Die Formen der Religion, Kunst und Philosophie erhält der Geist als besondere Formen, die der Bildung angehören. 3 sie kann … werden] Wi: und diese Form der Allgemeinheit (was für alle sey und gelte) ist nur in einem Volke und Staate und ist in diesem nur Möglich Hn schließt an: Das Gefühl ist nur für mich; wird das Gefühl gegenständlich, gedacht, so ist es auch für andere. Der Stoff ist ein allgemeiner, muß eine allgemeine Form auch haben und dieses ist nur im Staat möglich. 4 des Staats] Ak, ähnlich Wi: vom Staate, den wir hier zum Grunde legen 4–10 die Freiheit … er] Wi: Hinsichtlich der Sittlichkeit oder im Standpunkt des bewußtseins kann noch bemerkt werden, daß sie nur im Staate wirklich sind. Im Staate sind Gesetze und diese sind die bestimmungen der Freiheit, und diese bestimmung der Freiheit in sich selbst spricht sich in Allgemeinheit aus und diß sind die Gesetze, denen sich jedes Individuum gehorchend unterwirft. In dem Gehorsam liegt die Abhängigkeit. sofern das Gesetz aber allgemein ist ist es dies substantielle des einzelnen Willens in den Individuen, und diß ist sein wahrer fester Wille in der Wahrheit. (Wi: indem er den gesetzen gehorcht Hn: wenn er dem Ausspruch des Bewußtseins des allgemeinen Willens gehorcht) 9 Objektivität des Geistes] Ak: wahrhafte Objectivitaet jedes Willens 11 frei] Wi: wahrhaft frei 11–12 Dieß ist … thätig] Wi: Für diß Vernunftgesetz ist er thätig 12 diese2 ist … beseelt] Wi: es beseelt ihn, es ist seine S i t t e . diß ist also zugleich indem er gehorcht seiner eigenen substanziellen Natur 13–14 das Vaterland] Ak: der aeussere Staat, das Vaterland 15 Daseyns] Wi: Geistes Aller] AkHn, ähnlich Wi: aller, ihr gemeinsames Eigenthum 15–16 indem Alle dasselbe wollen] Ak, ähnlich Wi: Indem sie das Vaterland wollen, daß es sei, bleibe 16 der Einheit] Ak: ihrer Freiheit in Beziehung auf einander betrachtet 17 Freiheit2 ] Wi: Freiheit der objectiv an und für sich seyende Wille Vernunft] Wi: Ve r n u n f t . indem diß aber die eigne Vernunft, Eigenthum des Individuums ist ist das subjective auch da.

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er nur durch diese frei ist. Dadurch verschwindet der Gegensatz von Freiheit und Nothwendigkeit; Nothwendig ist das Vernünftige, das, was wir als Gesetz bestimmt haben; der objektive und subjektive Wille ist ausgesöhnt. Auch Freiheit und Natur setzt man einander gegenüber; im Staate ist das Geistige als Naturwesen vorhanden, die Organisation ist zum Mechanismus geworden, zu einem festen Gang der nur sich selbst hervorbringt, sich als Zweck hervorbringt: diese Einheit des Geistigen und Natur ist also eben so vorhanden; in dem Individuum heißt es die Sitte, die Gewohnheit: es braucht nicht zu reflektiren sondern die Sitte ist ihm Gesetz, das ganze Seyn; dieß ist die Sittlichkeit, die von Moralität zu unterscheiden ist; Moralität ist die reflektirte Sittlichkeit, wobei eine Ueberzeugung ist; dieß ist mehr die moderne Sittlichkeit nicht die antike, die klassische; letztere | besteht darin, daß das Individuum in seiner Pflicht steht. – Ein athenischer Bürger that gleichsam aus Instinkt, das was ihm zukam; hingegen bei dem Reflektiren habe ich das Bewußtseyn daß mein Wille erst hinzugekommen ist. Die Sittlichkeit ist die Pflicht, das substantielle Recht: man sagt die Gewohnheit sey die zweite Natur und man hat Recht; die 1te Natur des Menschen ist sein unmittelbares Seyn, was thierisch ist; die 2te ist die Schöpfung durch den Geist und diese geschieht im Staate.

1–3 Dadurch verschwindet … ausgesöhnt.] Ak, ähnlich Wi: Die Nothwendigkeit in ihrem größern Sinne, Gehalt, das schlechthin Nothwendige ist das Vernünftige, das heißt: die Vernunft überhaupt; das ist das, was wir als Gesetz bestimmt haben. Nun ist jeder Vernunft, und in sofern verhaelt er sich (Ak: zum Nothwendigen nicht als zu etwas Freiem Wi: nicht als ein freies einem fremden Wesen gegenüber das nothwendigkeit heiße). Subjectiver und objectiver Wille sind im Staate ausgesöhnt, geniessen sich in ihrer Harmonie. Hn: | Es kommt der Gegensatz von Freiheit und Nothwendigkeit vor, und zwar nicht der natürlichen, sondern des schlechthin Nothwendigen; dieses ist aber die Freiheit selbst, das Vernünftige. Jeder ist an sich Vernunft; er verhält sich frei, nicht fremd gegen ein Fremdes, sondern gegen sich selbst, die Vernunft. Objektiver Wille und subjektiver Wille sind so in Harmonie im Staat. 5–7 die Organisation … vorhanden] Wi: der Staat ist ein fester Gang und Organisation, der sich selbst hervorbringt, sich selbst Zweck und Mittel ist und sich selbst produzirt; so ist diß Organische Leben als eine Natur vorhanden Hn: er ist eine Organisation wie das System der Bewegung der himmlischen Körper, ein Mechanismus, der sich selbst produziert, nicht unmittelbar vorhanden ist; so ist dieses organische Leben als ein natürliches vorhanden 8 Sitte] Wi: Sitte, e s i s t so 8–10 es braucht … ist1] Wi: das Individuum handelt ohne sich weiter zu besinnen; es weiß nichts andres, das ist seine Sittlichkeit 12 letztere besteht … steht] Hn: das Wägen des Guten und Bösen gibt die Moralität 12–15 Ein athenischer … ist.] Wi: die Sittlichkeit ist das Antike, Classische. daß der Atheniensische bürger sein Vaterland vertheidigt ist ihm Instinct. die Reflexion – ob diß meine Pflicht sey, ob ich dem Objektiven gehorche – das ist das Moralische, und diß sagt mir was ich für ein vortrefflicher Mensch sey. die Sittlichkeit aber ist das Gediegene.) Hn: Die Sittlichkeit handelt, ohne zu fragen, aus Instinkt, ohne zu reflektieren, ob man sich den Gerichten unterwerfen soll; 15–18 Die sie ist plastisch; mit der Moralität ist das Bewußtsein der eigenen Güte verbunden; Sittlichkeit … Staate] Hn: die Einheit des individuellen Willens mit dem substanziellen Gesetz ist die Sittlichkeit; Gewohnheit ist sie und eine zweite Natur mit Recht. / Die erste Natur des Menschen ist die natürliche; die andere ist die geistige durch den Geist, im Staat.

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Wir haben hier noch e i n i g e r I r r t h ü m e r Erwähnung zu thun, die wir schon oben berührt haben. – Die e r s t e Bestimmung, die man gewöhnlich giebt, ist gerade das Gegentheil, von dem was wir gesagt haben. Es heißt: der Mensch sey von Natur frei, in der Gesellschaft aber und in dem Staat müsse die natürliche Freiheit beschränkt werden. Demnach wird dem Staate der Naturzustand entgegengesetzt: in diesem, sagt man, wäre der Mensch im Besitz und im Genusse der Freiheit: ein solcher Naturzustand ist nicht geschichtlich, wir kennen wohl wilde Völker, die uns jetzt als Gebildete erscheinen, wir wissen auch noch von ihrem wilden Zustande, aber in diesem ist eben so die Rohheit aller Leidenschaften vorhanden gewesen, welche alles das verkümmert hat, was man die Freiheit genannt hat. Jener Naturzustand, in dem die ungetrübte Freiheit seyn soll, ist also eine bloße Fiktion der Reflection, welche meint man müsse so Etwas annehmen. Aber dann erscheint auch uns der Naturzustand als das Gegentheil der Freiheit: das geborne Kind ist im Naturzustand und nichts weniger als frei, denn freie Gei|stigkeit ist noch nicht zum Bewußtseyn, noch nicht zum Wissen und Wollen der Freiheit gelangt: die Freiheit ist nicht wirklich in ihm sondern es hat nur Triebe und Begierden; also ist der Naturzustand vielmehr der Zustand der höchsten Beschränktheit, wo das ganze Wesen noch in das Naturwesen versenkt ist und anstatt der wahren Freiheit, ist hier nur Belieben, Willkühr, Rohheit, Gewaltthätigkeit: nennt man dies Freiheit, so ist die Freiheit allerdings im Staate beschränkt: daß aber die Vernunftbestimmung zum Bewußtseyn gebracht

Fa lsche A nsichten von der Freiheit. GW 18. 174

1–2 Wir haben … haben.] Hn: Der Irrthümer gibt es zu viele, um sie hier durchzunehmen. 3–4 Die e r s t e …heißt:] Wi: a) der erste Irrthum gegen unsere Ansicht, daß der Staat die Verwirklichung der Freiheit sey, ist die Ansicht 5–6 beschränkt werden] Wi: beschränkt werden […]: der Staat ist dann die b e s c h r ä n k u n g d e r F r e i h e i t , also gerade das Gegentheil von unserer bestimmung. 6 der Naturzustand entgegengesetzt] Wi: ein freier Naturzustand entgegengesetzt. dieser Naturzustand (zb in der wolfischen Schule) wird an die Spitze der Geschichte gestellt 7 im Besitz] Ak: in unbeschraenkter Ausübung seiner Freiheit Hn: in seinen Rechten 7–8 ein solcher … geschichtlich] Hn: Wolff hat so einen Naturzustand jenem Staatsrecht vorgestellt; jener aber ist historisch durch nichts bewährt. 11 die Freiheit] Wi: den Genuß der Freiheit Ak: die Ausübung aller Rechte 12 ist also] Wi: ist also nichts Geschichtliches, sondern 13 welche meint … annehmen] Wi: aus einer Annahme, (dem lahmen A n n e h m e n !) Hn: annehmen […]; aber das Annehmen ist lahm 13–17 Aber dann … ihm] Wi: Aber wenn w i r sagen der Mensch ist von Natur frei so ist das Wort N a t u r soviel als b e g r i f f und kein Zustand, der Mensch ist natürlich sofern er unmittelbar ist. die Freiheit ist in dem Menschen dann zb. im Kinde noch nicht zur bewußtheit gekommen Hn: er ist in dem Naturzustande nur an sich frei. Von der Natur frei sein ist ganz was anderes, als durch einen Naturzustand frei sein. Das Kind, was geboren ist; ist natürlich frei, indem er es noch nicht weiß; die Freiheit ist in ihm noch nicht wirklich. 20–21 anstatt der … Gewaltthätigkeit] Wi: das was beschränkt wird im Staate ist das Uebel, die Rohheit der leidenschaften, die subjectiven begierden. 21 Freiheit1] Hn: Willkühr der subjektiven Triebe Freiheit 22 daß aber die Vernunftbestimmung] Ak: Aber die Freiheit ist an sich die Vernunftbestimmung überhaupt, d.h. das Ansich des Geistes. Diese Vernunftbestimmung muß

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werde, dazu gehört viel Entwicklung im Staate und eine lange Arbeit und nur das subjektive Wollen des Rechten begründet die wahre Freiheit. Vornehmlich hat dieß Fichte gesagt, daß die Freiheit beschränkt sey, daß der Staat nur ein Notstaat sey; nur um größerem Uebel auszuweichen bestehe der Staat: es ist also hier die Zucht die den Staat zusammenhält. Das Zw e i t e was man dem Staat gegenüberstellt ist das patriarchalische System, es ist hier keine Organisation sondern ein Individuum als Priester oder Familienvater steht an der Spitze und die ihm Angehörigen gehorchen ihm als ihrem Oberhaupte; man behauptet es brauche kein ausgeführtes Gesetzbuch sondern das Recht könne sich durch Tradition erhalten; die Aeltesten könnten immer Recht sprechen: das Gesetz sey etwas Todtes und Hartes und der Richter spräche nicht nach dem Herzen, nicht nach der Totalität des Gemüthes; er habe nur dieß Einseitige des Buchstaben vor sich und spräche als der Knecht des Buchstaben. Der patriarchalische Zustand, der mit der Familie zusammenhängt, ist allerdings geschichtlich und in so fern haben wir schon etwas Bestimmteres vor uns, als bei dem Natur|zustande; jedoch der Familienvater, der nach seinem Sinne tadelt und straft, hat es nur mit Kindern zu thun mit Unmündigen, die nicht fähig sind des Bewußtseyns dessen, was das Rechte ist, und deren Wille noch nicht das Substantielle und Rechte

1 dazu gehört … Arbeit] Ak: Das ist aber schwer und nicht im Anfange, wo die | Natürlichkeit herrscht. Hn: und dieses ist die zweite Schöpfung, welche durch den Staat bewirkt wird 1–2 nur das … Freiheit] Ak: Die Bestimmung der Freiheit ist das Recht, dies wird im Staate verwirklicht, so daß es die Individuen wollen. Wi: Im Staate ist dann das Wissen der Vernünftigkeit, das Recht, die Moralität das sind dann bestimmungen der Freiheit. das was die Individuen wollen ist ihre Substanz selbst. Hn: Durch den Staat ist die Bestimmung der Freiheit realisiert, daß die Subjekte das Recht und die Sittlichkeit wollen und frei sind dadurch, indem sie ihr Wesen wollen. 2–4 Vornehmlich hat … sey] Wi: durch die Fichtische Philosophie ist der widerlegte Irrthum verbreitet, darum kennt er nur einen Noth-staat der ist, um dem Uebel abzuhelfen. 4 nur um … Staat] Ak: daß der Staat nur durch die Noth, das Bedürfniß der gegenseitigen Beschraenkung der Willkühr entstanden. Hn: als wenn der Staat nur da wäre, der Noth der Bedürfnisse abzuhelfen 4–5 es ist … zusammenhält] Wi: Diß ist aber nur die negative Seite, das was Zucht ist. 5 Das Zw e i t e ] Wi: b) der 2 t e Irrthum 6 keine Organisation] Wi: kein organisirendes Gesetz 8 als ihrem Oberhaupte] Hn: aus Liebe 10 die Aeltesten … sprechen] Hn: durch die ältesten der Dörfer und der Stadt wird als Tradition die Sitte erhalten, und diese sprechen das Recht. 10–11 das Gesetz … Hartes] Ak: Noch jetzt will man in idealischen Darstellungen behaupten, das Gesetz sei etwas hartes, todtes Hn: Rousseau stellte das Gesetz und die Richter als das Todte vor 13 Buchstaben] Wi: Buchstabens, der im Gesetz ist 14 zusammenhängt] Wi: zusammenhängt; das Familien verhältniß liegt zu Grunde 16–1190,1 jedoch der … Unfreie] Wi: die Kinder sind unschuldig d.h. sich noch nicht des Rechten bewußt sind, der Vater hats also mit Unfreien zu thun, die nur frei an sich sind, aber noch nicht wirklich sind. Hn: Wo diese Verhältnisse sind, so sind die Kinder unmündig, ohne Willen, ohne Zweck, unfrei, nur an sich frei, und hier sind die Familienverhältnisse am rechten Orte. Eine Art von Sittlichkeit herrscht hier, die Familienliebe, Zutrauen, Liebe. 16 nach seinem Sinne] Ak: ohne bestimmtes Gesetz nach seinem Sinne

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will: es sind dieß also noch Unfreie, die Familie bildet gleichsam nur Ein Individuum, die Eltern wissen sich als Eins mit den Kindern, es ist ein allgemeiner Zweck vorhanden: alle Selbstsucht wird in der Liebe aufgehoben, das Individuum hat nur das Bewußtseyn seiner selbst, weil es dieses im Andern hat, in der Familie haben wir nicht die Pe r s o n , dieß Spröde im Rechtsverhältnisse, sie ist die 1te Sphäre der Sittlichkeit; als das Bewußtseyn der Einheit hat sie die Form der Empfindung, das Naturmoment ist das Ueberwiegende: sie steht dem Staate nothwendig nach und ist demselben untergeordnet, der Staat aber hat sie heilig zu halten, denn die Familie ist ihm wesentlich nothwendig; wenn es etwa freier aussieht, daß aus dem gesunden Verstande, auf eine religiöse Weise Recht gesprochen werde, so ist dieß doch keineswegs Freiheit: weil der Mensch wesentlich Bewußtseyn ist so muß es als objektives Gesetz ausgesprochen seyn, ich muß die Abhängigkeit wissen können und nach dieser objektiven Bestimmung muß ich gerichtet werden, und nicht nach dem Gefühl und nach Gemüth, denn es kann hier eben so noch Belieben und Willkühr obwalten. – Man sagt endlich noch, das Recht und der Freiheitsbegriff liege in dem a l l g e m e i n e n W i l l e n . Der allgemeine Wille ist das an und für sich Allgemeine, hier fällt der Verstand sogleich auf eine Reflektionsbestimmung, die die Allheit genannt werden muß, | der Wille ist der allgemeine, heißt, er ist der Wille aller Einzelnen: dieß wird

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20 1 Unfreie] Ak: d.h. mit Unfreien, die nur an sich frei sind, in denen aber die Freiheit noch nicht

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wirklich geworden. Hier ist jenes Verhaeltniß am rechten Orte. 1–2 die Familie … Kindern] Ak: Das Sittliche an diesem Verhaeltnisse ist dieses, daß die Familie ein Ganzes ausmache, die Kinder sich mit den Eltern als Eines wissen Wi: Es bildet sich dabei nur Eine Art der Sittlichkeit – das Zutraun, Liebe, Glauben. das Sittliche ist daß sich die Einzelnen als Eines wissen. 3–4 das Individuum hat] Wi: eines ist im andern sich bewußt 5 haben wir … Rechtsverhältnisse] Wi: sind die Individuen nicht Personen gegen einander die Personen sind beim Recht 6 die 1te] Ak, ähnlich Hn: erste und hochwichtige Sphäre] Wi: Stufe Sittlichkeit] Hn: Sittlichkeit, wo alle Subjekte eine Person ausmachen 6–7 als das … Ueberwiegende] Wi: die natürliche Liebe hebt die Persönlichkeit auf 7 Ueberwiegende] Hn: Überwiegende: Ein Blut durchströmt sie. 7–8 sie steht … untergeordnet] Wi: Es sind 2 sittliche Hauptmächte – die Familien-liebe und der Staat. | das Familienverhältniß hat sich im Staate zu erhalten, und steht unter der höhern Sittlichkeit des Staates, sie ist die höhere – weil sie die bewußte ist. Hn: sie sind ihm unterworfen, zum Kriege muß die Familie die Aufopferung leisten und der Staat ist die höhere Sittlichkeit, weil sie gewußt wird 9 denn die … nothwendig] Ak: | Allein es ist der höhern Sittlichkeit des Staats untergeordnet, die höher ist, weil sie das Bewußte ist. 12 objektives] Hn: gewußtes 13 die Abhängigkeit wissen können] Ak: das Recht wissen können, weil es mir als Gesetz vorgelegt ist dieser objektiven Bestimmung] Ak: diesem Wissen 17–19 Der allgemeine … Einzelnen] Ak: Hier aber die Zweideutigkeit, daß, wenn ich sage: allgemeiner Wille, so ist dieser das an sich Allgemeine der Freiheit. Zugleich faellt er aber in die Verstandesbestimmung der Allgemeinheit, in der es gleich ist mit der Allheit. Das ist die Reflections Allgemeinheit. Wi: aber dieses Allgemeine wird von der Reflexion verstanden und zieht das Allgemeine her unter 19–1192,1 dieß wird … gesetzt] Ak: Indem man heut zu Tage aber die Freiheit darin setzt 18 auf ] auf auf

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dann aber als Freiheit gesetzt, daß alle Einzelnen ihre Einwilligung in die Staatseinrichtungen gegeben haben sollen. Es läßt sich leicht beurtheilen, welches Moment der Freiheit dabei herausgehoben wird; wir haben 2 Seiten der Freiheit betrachtet, die subjektive und die objektive Freiheit; setzt man nun die Freiheit darin, daß alle Einzelnen ihre Einwilligung geben müssen, so wird dadurch nur die subjektive Seite hervorgehoben; Was aus diesem Grundsatze natürlich folgt, ist, daß kein Gesetz gelten könne, außer wenn alle übereinstimmen: hier kommt man sogleich auf die Bestimmung, daß die Minorität der Majorität weichen müsse; die Mehrheit also entscheidet; schon J. J. Rousseau hat bemerkt, so wie eine Majorität gilt, so ist keine Freiheit mehr, denn der Wille der Minorität wird nicht geachtet. Auf dem polnischen Reichstage mußte jeder Einzelne seine Einwilligung geben, und um dieser Freiheit willen ist der Staat zu Grunde gegangen. Die Einzelnen müssen es kennen, wissen und wollen was das Vernünftige ist, da nun die Einzelnen das Volk heißen so wird dabei die Voraussetzung gemacht, daß das Volk das Vernünftige sey, daß es das Rechte wisse und wolle, daß es die Einsicht habe: da kann sich nun jede Fraktion als Volk aufwerfen und als Volk gelten wollen, außerdem ist es auch eine falsche Voraussetzung, daß das Volk die Einsicht habe; was den Staat ausmache ist die Sache einer gebildeten Erkenntniß und diese fehlt dem Volke. Athen und Sparta, die gebildetsten Staaten Griechenlands haben es erkannt, daß sie es nicht verstünden den Staat zu erhalten, sie übergaben es | weisen Männern, Solon und

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1–2 daß alle … sollen] Hn: Die Willen aller Einzelnen sollen also bei einer Verfassung zugegen sein. Dieses ist besonders in unseren Tagen vor Augen gehalten. 6 die subjektive Seite hervorgehoben] Hn: eine Bestimmung, der formellen, subjektiven Freiheit herausgehoben, und die andere Seite übersehen 8–9 hier kommt … entscheidet] Ak: Man muß also auf die Majorität recurri- 25 ren, und hebt somit das Princip auf. 9–11 schon J. J. Rousseau … geachtet] Hn: Von Rousseau stammen alle diese Bestimmungen, die noch heute wirken. Aber, wo Majorität gilt, ist keine Freiheit mehr, indem die einen gehorchen und nicht frei sind. 11–12 Auf dem … geben] Wi: die Polen wollten darin consequent seyn – daher die Polnischen Reichstage 13–14 das Vernünftige] Ak: das Rechte WiHn: das Rechte und Vernünftige 15 Voraussetzung] Wi: Vorausset- 30 zung heut zu Tage 16–17 da kann … aufwerfen] Wi: da gibt es Factionen von Einem von 10, von 100 etc die nennen sich das Volk. Französische Revolution! 17–19 außerdem ist … Volke] Ak: Diese Voraussetzung ist wenigstens sehr precair, und falsch; noch falscher ist, als ob die Volksclassen, die regiert werden, das Regieren verstanden. Hn: In der französischen Revolution hat sich dieses besonders angemaßt, und seinen Willen durchgesetzt, man setzt voraus, das Volk 35 wolle das Gute, die Minister das Schlechte und als ob die Einzelnen es verstünden. Eine gebildete Erkenntnis gehört dazu, um das zu wissen, was Recht ist. 17 falsche] WiAk: prekaire 18 die Einsicht habe] Wi: das Rechte will und weiß 20 gebildetsten] Hn: freisinnigsten 21 es] Wi: das Gesetze machen

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Lykurg, ihnen Gesetze und eine zweckmäßige Verfassung zu geben. Die Hauptsache ist, daß ein allgemeiner Wille der Vernunft im Staat ist, diesem müssen sich die Subjekte angemessen machen; wenn als von einem allgemeinen Willen gesprochen wird, so ist der bestimmte Sinn, daß dieß der an und für sich seyende Wille ist, die substantielle Freiheit. Der Staat, wenn sein Begriff richtig aufgefaßt ist, ist doch nur zunächst eine Abstraction: seine Realität sind die Bürger, die Sitten, die Einrichtungen usw. aber auch dieß ist noch eine allgemeine Realität; damit der Staat wirklich werde, so muß sich seine allgemeine Existenz zu einer individuellen Thätigkeit entwickeln: dieser Uebergang vom Allgemeinen zum Besonderen ist wesentlich und nothwendig; es tritt nun erst eine Regierung und Verfassung ein, welche von einem Volke eingesetzt sind dh. von Individuen, die das Volk repräsentiren, die den Geist des Volks auffassen; so wie man sagen kann, daß das Jonische Volk

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1 Verfassung zu geben] Wi: was Ve r f a s s u n g heißt wird durch Verlauf einer langen Zeit hervorge15 bracht. Es ist der absolute Vernunftbegriff der mit dem eigenthümlichen Charakter des Volkes so sich

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allmählig realisirt[.] Nur Einzelne sind so hoch zu Gesetzgeber gestellt wie Solon. Hn: Verfassung. Das Volk kommt erst nach und nach zum Bewußtsein, und ist nie auf die moderne Weise zu einer Verfassung gekommen. Wenige Menschen sind wie Solon und Lykurg zu jenen hohen Stellen gekommen in der Geschichte, Gesetzgeber ihres Volkes zu sein. geben.] Ak schließt an: da sie wohl sahen, sie verstanden es nicht. Verfassung ist das Bewußtsein durch einen langen Verlauf der Zeit, der innere Volkscharacter, der kömmt erst nach und | nach zum Bewußtsein durch einen langen Verlauf der Zeit. Wenige Menschen hat es getroffen, Gesetzgeber ihres Volks zu sein, wenige Völker haben sich ihre Gesetze selbst gemacht. 1–2 Die Hauptsache ist] Ak: Zur Freiheit gehört 2 ein allgemeiner Wille] Wi: ein allgemeiner Wille, d.h. aber ein Wille an und für sich 5 die substantielle Freiheit] Wi: das Substantielle der Freiheit, und daß die Einzelnen sich dem gemäß einrichten 6–7 ist doch … Abstraction] Ak, ähnlich WiHn: so ist das naechste, daß der Begriff ausgeführt werde: Die Ausführung des Begriffs ist die Verfassung. Der Staat ist zunaechst ein Abstractum 7 die Bürger, … Einrichtungen] Wi: die Sitten, Willen, beziehungen der bürger 8 noch eine allgemeine Realität] Wi: die Realität noch in a l l g e m e i n e r Form 9 zu einer individuellen Thätigkeit] Wi: zu individuellen Willen und individueller Thätigkeit, wenn der Staat wirklich werden soll, das allgemeine des Staates muß sich aussondern zu solchen die die Ausführung des Staates ins Werk setzen. Auch bei Democratien, wo der Krieg beschlossen wird, tritt ein G e n e r a l an die Spitze. Hn: Was vom und für den Staat geschehen soll, muß aus ihm geschehen; es müssen diejenigen, die ihn bestimmen, ihn leiten, das Haupt desselben auch sein, mag es einer oder mehrere oder das Volk sein, das leitet. Im Kriege muß einer da sein, dem man gehorcht, diese Individualität der Regierung ist nothwendig. 10 entwickeln] Ak: sondern, damit der Begriff ausgeführt werde dieser Uebergang … Besonderen] Ak: der allgemeine Wille muß zum Einzelnen übergehen, die regieren, die befehlen, damit die Uebrigen gehorchen Wi: diese Individualisirung ist nothwendig, und so müssen wir vom allgemeinen zur Verfassung übergehen. 11–12 welche von … repräsentiren] Ak: wodurch das Abstractum des Staats zur Wirklichkeit | kömmt 13–1194,1 so wie … Göthe’s] Hn: Der Staat, sagt man, und das Volk, thut dieses. So sagt man, Homer sei nicht der alleinige Dichter der Ilias gewesen, sondern das ionische Volk habe diese Gedichte gesungen; freilich hat auch das deutsche Volk die göthischen Gedichte gemacht; aber nur der deutsche Geist that dieses; aber das Individuum war es, das aus diesem allen gemeinschaftlichen Geiste gedichtet hat.

45 38 Individualisirung] Individualilisirung

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Homer’s Gedichte gemacht habe, und das Deutsche Volk die Gedichte Göthe’s. Wenn wir so zur Individualität übergehen, so bekommt der Staat erst Leben, da tritt erst der Unterschied von Regierten und Regierenden ein; es muß gehorcht werden d.h. der Wille des Beliebens und der Willkühr muß sich dem allgemeinen Willen unterwerfen. – Man hat Eintheilungen der Verfassungen gemacht: der allgemeine und sehr richtige Unterschied, den man macht, ist der zwischen M o n a r c h i e , A r i s t o k r a t i e und D e m o k r a t i e . Dieß sind die Grundlagen aller Verfassungen und in diesen Formen treten die Verfassungen erst in’s Leben; es ist nur der einfache Unterschied, ob Einer | Mehrere, oder Alle regieren. – In der Monarchie ist der wesentliche Unterschied zu machen zwischen der Monarchie als solcher und dem D e s p o t i s m u s . In der Monarchie ist der, welcher an der Spitze steht, nicht efrosiu, Herr über die Freiheit, das Eigenthum, das Leben seiner Untergebenen. – Bei allen Eintheilungen ist es der Fall, daß mit den Gattungen noch keineswegs die Arten erschöpft sind; am wenigsten ist es der Fall bei einem so großen, concreten Ganzen, als der Staat ist; demnach gibt es also noch eine Menge Modifikationen der allgemeinen Ordnung; diese betreffen jedoch nur das Unwesentliche: die concreten Gestaltungen können auch Vermischungen seyn, doch sind dieß denn nur unconsequente Gestalten. – Die nächste Frage, die sich uns nun aufwirft ist die, We l c h e s d i e b e s t e Ve r f a s s u n g s e y ? 3 von Regierten und Regierenden] Ak: von Befehlen und Gehorchen, Regieren und Regiertwerden, und mit ihm die Collision zwischen der Freiheit und dem Gehorchen müssen Wi, ähnlich Hn: von Regierenden und Regierten […], von befehlenden und Gehorchenden 3–5 es muß … unterwerfen] Wi: (hier tritt denn auch die Collision ein daß die Freien nicht gehorchen können aber der Wille für sich muß unterschieden werden von dem individuellen Willen. Aber davon ist schon oben geredet.) Hn: Der Frei soll aber nicht gehorchen, sagt man, wenn man sich ans Abstrakte hält; es ist ein Widerspruch aber nur, wenn der Wille als besonderer genommen und vom allgemeinen Willen unterschieden wird. Im Staat aber gerade, der die Freiheit vernünftig geltend macht, muß sich der Einzelne dem allgemeinen Willen unterwerfen. In sofern der Staat nicht ein Abstraktum, sondern ein Individuum sein soll, so tritt gleich diese Bestimmung der Verfassung ein. 5 allgemeinen] Ak: an und für sich seienden Man hat] Ak: Vom Gesichtspuncte des Regierens und Regiertwerdens hat man 7 D e m o k r a t i e ] Wi: D e m o c r a t i e , und man hat Recht mit dieser Eintheilung 9 Mehrere] Hn: mehreren zukommen soll, auf welche Weise sie auch diesen Vorzug haben mögen 11 D e s p o t i s m u s ] Wi: despotism. Im Orient steht wohl Einer an der Spitze, aber er ist der H e r r , Despot. 11–13 In der … Untergebenen.] Hn: Die orientalischen Staaten und das römische Kaiserthum haben Einen an der Spitze gehabt, der Herr, Despotes, gewesen ist. 13 Eintheilungen] Hn: Eintheilungen, die aus dem Begriff genommen werden 14 erschöpft sind] Ak: erschöpft, ihr Inhalt noch nicht dargestellt 16 Modifikationen] Wi: von besondren Modificationen 18–19 doch sind … Gestalten] Ak: sie sind dann unvollkommner, weil eine Grundbestimmung nicht frei in ihnen erhalten und entwickelt ist Hn: die aber dann kein Organisches sind. Das Elementare macht das Wesen des Thieres, Wasser, Erde, Luft; nun gibt es Mitteldinge, Übergänge, die nur unvollkommene Organisationen, nicht frei erhalten in ihrem Wesen sind. Wi: die Mittleren dinge sind die unbestimmtern Organisationen. 20 b e s t e ] Wi: wahrhafte, beste, gerechteste

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Es ist von jeher an der Tagesordnung gewesen, Ideale von Staatsregierungen aufzustellen, womit sich meist auch Ideale von der Erziehung der Fürsten oder der Regierenden verbinden: so finden wir schon beim Plato ein Ideal von der Erziehung des Regierenden; es ist dabei auf die Beschaffenheit des Subjekts, das an der Spitze steht, Rücksicht genommen, und von dieser ist es abhängig gemacht, ob ein Staat glücklich, gut oder schlecht regiert werde, doch ist nicht an eine organisirte Verfassung gedacht; in der Art ist auch der hochberühmte Télemaque des Fénelon, der für uns jetzt uninteressant geworden ist, da jetzt mehr auf die gute Organisation des Staats als auf die Beschaffenheit des Fürsten gesehen wird. Die Frage einer besten Verfassung wird nun in dem Sinne | gemacht, daß eine Theorie darin seyn soll, die aus reifer Ueberlegung entstanden ist; doch ist d i e Vorstellung falsch, als ob die Einführung eines solchen Beschlusses, der von theoretischer Seite gemacht worden, eine natürliche Folge sey: eben so falsch ist es zu glauben, was für eine Verfassung das Volk habe, sey nur Sache der Wahl. – Herodot läßt bei der Berathschlagung der Persischen Großen nach dem Tode des falschen Smerdis, diese auf eine sehr naive Weise ihre Gründe für und wider die drei Formen der Verfassung geben. – Man ist jedoch davon zurückgekommen zu glauben, daß eine Verfassung sich improvisiren lasse, wäre es auch nur in Rücksicht eines Zustandes. (Napoleon hat den Spaniern eine Verfassung gegeben, die besser gewesen ist, als alles was sie später sich selbst gaben, doch hat sich diese Verfassung nicht halten können). Man hat die Ueberzeugung gewonnen, daß eine theoretisch gefundne Verfassung nicht fähig sey, Verfassung eines bestimmten Volks zu seyn, dann aber daß die Freiheit die Grundlage des Staates seyn muß; demnach hält man gemeiniglich dafür, daß in der Theorie die Republik nur die einzig gerechte Verfassung sey: zugleich sieht man aber auch ein, es könne die Republik, so sehr sie auch die beste aller Verfassungen sey, nicht in die Wirklichkeit eingeführt werden; wie nun die Menschen ein Mal beschaffen seyen, so mußten sie mit weniger Freiheit vorlieb nehmen, als zu welcher sie eigentlich das Recht hätten: die monarchische Verfassung wird

30 2 der Fürsten] Ak: von Fürsten, so Fenelon

3 schon beim Plato] Ak: so Plato und seine Aristokraten 7 organisirte Verfassung] Ak: organische Bildung des Staats, an Organisation des Staats 10 wird.] Hn schließt an: Das Individuum als Ideal ist dann auch ein Müßiges geworden. 11 reifer] Hn: der freien 20 gegeben] Hn: improvisiert, an deren Spitze er seinen Bruder gestellt hat 24–25 daß in … sey] Hn: daß die Republik für das Höchste einer Verfassung 35 zu halten ist, wie viele große Staatsmänner in Frankreich sich nicht dessen verwehren können, daß sie nicht lehren sollten, die Republik sei das Höchste 25 sey.] Ak: sei. Indem ihr Begriff Freiheit zum Grunde liegt, kommen sie zu jener Ansicht. 28 seyen] Wi: s e y e n lasse diese sich jetzt noch nicht oder gar nicht ausführen Freiheit] Wi: Rechten 28–29 als zu … hätten] Wi: als sie sonst in der Republik haben werden

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24 seyn] sey

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als die einzig nützliche für besondere Umstände angesehen, und dennoch wird die Nothwendig|keit einer Verfassung von einem Zustande abhängig gemacht. Wir haben zweierlei gesehen: den Begriff und die Realität und darin liegt eben jene Trennung; nur in der Vernunft ist Wahrheit und Wirklichkeit und nur der vernünftige Begriff hat Realität. Es ist schon gesagt worden, daß der Staat wesentlich mit Kunst, Religion, Philosophie oder der Bildung überhaupt zusammenhänge; als wesentliche Momente sind außerdem noch aufzuführen, Klima, die Nachbarn des Staats, die Weltstellung überhaupt usw.: ein Staat ist eine individuelle Totalität; die Staatsverfassung macht nur eine Seite aus, sie kann nicht für sich herausgehoben werden, sie ist nicht Sache der Wahl, sondern jene andern geistigen Mächte hängen auf ’s Innigste damit zusammen und die Verfassung als ein Moment der bestimmten geistigen Totalität kann nicht isolirt werden. Der Geist des Volks, aus dem alles im Staate hervorgeht, muß begriffen werden, er entwickelt sich für sich und in seiner Entwicklung unterscheiden sich verschiedene Perioden, und in jeder von diesen ist eine bestimmte Verfassung nothwendig, die nicht Sache der Wahl ist, sondern die dem Geiste des Volks angemessen seyn muß; am besten und am ausführlichsten zeigt sich dieß am römischen Volke, das von Königen, zur Aristocratie, von dieser zur Demokratie und endlich zum Despotismus überging: jede dieser Formen war nothwendig und konnte keine andre seyn. Das Andre und Weitere ist, daß die Verfassung 1 die einzig … Umstände] Ak: die relativ beste 2 Zustande abhängig gemacht] Wi: Zustande, und jene sind nicht im Stande aus dem Begriff der Freiheit die monarchische Verfassung zu setzen, – wegen äußerer Ursachen 3–5 Wir haben … Realität.] Ak: Man kann aus dem Begriffe der Freiheit nicht die monarchische Verfassung ableiten. So ist eine Trennung zwischen Begriff und Realitaet entstanden, die der Wahrheit nach nicht sein sollte. Hn: Aber der Begriff und die Realität sind stark hier getrennt, und von der Vernunft wird diese Trennung verworfen, die der Verstand setzt; in jener ist die Einheit der Realität und des Begriffs in der Idee Staat. 5 der Staat] Ak: die Staatsform eines Volks 6 mit Kunst, … überhaupt] Ak: von seinem Geiste, Religion, seiner Geschichte, Clima u.s.w. Wi: und aller dessen Verhältnisse 11 Mächte] Hn: Mächte, Religion, Philosophie, Kunst, Sittlichkeit 13 begriffen] Wi: erfaßt und ergriffen 16 nothwendig] Wi: den sich entwickelnden begriff n o t h w e n d i g 16–17 sondern die … muß] Wi: sie entsprechen dem Geiste des Volks, die Verfassungen eines Volkes sind so gut als es dieses verdiente. schon innerhalb eines Volks ist der Gang einer Entwickelung vorhanden wo die Unterschiede der Verfassungen die Entwickelungen durchlaufen müssen Hn: die beste, die gerechte, die wahrhafte Verfassung. Jedes Volk hat die seinem Geiste entsprechende Verfassung; es hat die Verfassung, die es verdient, und die ihm gemäß ist. Ak: die Besste, die Wahrhafte ist 17–19 am besten … überging] Ak: Jedem Volke und seiner Verfassung geht es so gut, als es verdient, d.h. als es sein Geist werth ist. Nach den verschiedenen Stufen seiner Bildung muß jedes Volk verschiedene Verfassungen durchlaufen, und jede Verfassung ist durch ihre Zeit bedingt; so die Griechen, das Römische Volk. (Könige, Aristocratie, Demokratie, Despotismus.) Hn: Jedes Volk durchläuft die verschiedenen Verfassungen in den verschiedenen Perioden, wie man bei den Griechen und am ausführlichsten bei den Römern sieht, die das Königthum, die Republik und den Despotismus hatten. 20–1197,1 Das Andre … ist] Ak: Ferner aber ist der Geist eines Volks nicht isolirt

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nicht nur durch den Geist des Volks bestimmt ist, sondern daß dieser Geist des Volks selbst ein Glied im Entwicklungsgange des Weltgeistes ist, in welchem nun die besonderen Verfassungen hervortreten: die Weltgeschichte | zeigt uns, wie der Geist allmählich zum Bewußtseyn und zum Wollen der Wahrheit kommt: es dämmert in ihm, er findet Hauptpunkte, am Ende kommt er zum klaren Bewußtseyn: wir betrachten die Entwicklung der Freiheit und wir studieren die unterschiednen Verfassungen in Rücksicht auf sie. – 3. Endlich haben wir noch den Gang der Weltgeschichte überhaupt zu betrachten. – Wir haben schon gesehen, daß der Geist von der Natur unterschieden, daß er sich selbst wesentlich zu dem machen muß, was er an und für sich ist. Die Veränderung, die mit ihm vorgeht, ist wesentlich Entwicklung. Es ist von allem Lebendigen unterschieden; im Keim ist Alles in einer einfachen Form, es sind keine Unterschiede, die Verändrungen sind vorher bestimmt, es geht die Entwicklung ohne Widerstand fort. Der Geist aber ist zunächst natürlich und daher das Gegentheil von seinem Begriffe; er hindert sich selbst, er ist sich selbst das feindselige Prinzip, das überwunden werden muß, wenn er zu seinem Begriffe gelangen will. Die Entwicklung des Geistes ist nicht die ruhige des organisch Lebendigen sondern der Kampf, indem der Geist in das Natürliche versenkt ist. Diese Entwicklung ist jedoch zunächst nur formell, die weitre Frage ist: Was ist das, was sich entwickelt; denn es findet hier noch eine unendliche Mannigfaltigkeit Statt, wenn wir nur bei dem Formellen stehen bleiben: es ist eben so wesentlich zu erkennen was entwikelt wird, als die Entwicklung selbst. Der Geist kommt zu seinem Bewußtseyn, zu seinem Begriffe und macht die Wirklichkeit seiner selbst diesem Begriffe gemäß, er erbaut eine Wirklichkeit

5–6 er findet … Bewußtseyn] Hn: er findet Unklarheit im Gange, Klarheit am Ende der Bahn 6 wir betrachten … Freiheit] Ak: Indem wir in ihr die | Reihe der Staaten betrachten, betrachten wir die Entwicklung des Freiheitsbegriffs 7 Verfassungen] Hn: Verfassungen im konkreten Dasein mit allen Bestimmungen und Unglücken Ak: Staaten 11 ist1] Wi: ist, die Natur aber wird was sie seyn 30 soll auf eine natürliche Weise, ohne Selbstbestimmung und bewußtseyn. der Geist muß das was er werden soll selbst in seinem Willen produziren. Hn: ist; der Keim ist zum Baum geworden, auf eine natürliche Weise, ohne Selbstthätigkeit. Der Geist muß sich produzieren in seinem Bewußtsein und Willen, und dieses ist die Arbeit des Geistes in der Geschichte. 13–14 es geht … fort] Ak: So entwickelt sich das Lebendige ohne Hinderniß. 15 von seinem Begriffe] Wi: seiner Bestimmung, 16 das feindselige … muß] Hn: seine Natürlichkeit, Böses, die er besiegen muß, es ist 35 seines Begriffs das natürliche Sein, über das er siegen muß. Er muß es hinwegschaffen, diesen Feind, der er selbst ist. muß] Wi: muß. Dies ist nicht im natürlichen Lebendigen. Der Geist hat sich selbst umzukehren, seine Voraussetzungen wegzuschaffen. 18 organisch] Wi: natürlich der Kampf ] Wi: steter Kampf 20 Was ist … entwickelt] Hn: was kommt nun dem Inhalt nach heraus 20–21 denn 40 es … Statt] Hn: Die Pflanzen kommen in unendlicher Mannigfaltigkeit hervor; das Thier ebenfalls 23 zu seinem Begriffe] Hn: was er sein soll 24 diesem Begriffe] Hn: durch seinen Willen diesem Begriff Wirklichkeit 2 ] WiHn: Welt

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25 4 zum Bewußtseyn … Wahrheit] Ak: zu seinem Begriffe, zum Wissen und Wollen desselben

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aus dem Begriff. | Dieser Gang hat Stufen und die Weltgeschichte stellt uns diese Stufen ganz dar, die Stufen der Freimachung des Geistes; uns, die wir solche Begriffe schon in der Vorstellung haben, scheint es ein Leichtes zu seyn, sie zu fassen, und doch hat die ganze Weltgeschichte dazu gehört; erst durch sie sehen und erkennen wir, was wir an jenen Begriffen haben: die Weltgeschichte ist überhaupt der Stufengang der Entwicklung des Begriffs: jede Stufe ist eine bestimmte und jede hat ihr eignes Prinzip; hierbei ist zu bemerken, daß wir innerhalb der Geschichte sind; die verschiedenen Stufen stellen sich dar als daseyende, als vorhandene; jedes Volk ist in der Natur und sein Prinzip ist eine Naturbestimmtheit: Daraus folgt, daß ein Volk nur ein Mal aus der Weltgeschichte hervortreten kann; wenn der Geist auf die Stufe kommt, die dem natürlichen Prinzip des Volks gemäß ist, so dient dieß Volk dazu, sein Prinzip darzustellen; der Geist geht alle Stufen durch, doch das Natürliche ist beschränkt und an diesen Charakter der Beschränktheit gehalten; das Volk spielt seine Rolle in der Weltgeschichte, es hat sie aber nur ein Mal zu spielen, indem es Werkzeug des Weltgeistes ist. Es kann daran die Bemerkung geknüpft werden, was der Nutzen der Weltgeschichte sey? Man sagt, die Völker könnten aus der Geschichte, aus der Erfahrung lernen, was zu thun sey: Das Individuum hat seine einfache Moral, die Pflichten sind bestimmt ausgesprochen; was den Staat be-

1 hat Stufen] Wi: hat nun n o t h w e n d i g e S t u f e n u n d M o m e n t e Hn: nothwendige Momente, Stufen 2 Freimachung des Geistes] Ak: (der Entwickelung, des Bewußtseins, der Befreiung des Geistes.) Die Weltgeschichte stellt diese Stufen dar. Wi: Befreiung des Menschen 4 doch hat … gehört] Ak: wir wundern uns, daß die ganze Weltgeschichte dazu gehörte, (!) diesen Begriff zu entwickeln 5 was wir … haben] Wi: welch ungeheuren Werth es hat, daß diese Bestimmung so fest in unser Selbstgefühl verflochten ist, daß wir uns gar nicht einen Zustand der Sklaverei für uns denken konnten Hn: Durch unsere Bildung sind wir so weit gekommen, zu wissen, was heißt Freiheit und daß sie mit unserem Selbstgefühl innigst verflochten ist. 5–6 die Weltgeschichte … Begriffs] Wi: J e n e r S t u f e n g a n g m u ß v e r n ü n f t i g s e i n 7 eignes Prinzip] Hn, ähnlich Wi: eigenthümlichen Prinzip, in dem die allgemeine Bestimmung zu Grunde liegt; aber auf eine bestimmte Weise wird dieses Allgemeine von einem Volk und Staat gewußt und gewollt 9 in der Natur] Wi, ähnlich AkHn: e i n e N a t i o n d.i. so geboren, es steht nach dieser Seite in der Natur 10 Naturbestimmtheit] Ak, ähnlich WiHn: Naturbestimmtheit, seine Bestimmtheit eine natürliche. Diese Natürlichkeit in ihrer aeussern Darstellung ist die geographische Seite der Völker. 10–11 Daraus folgt, … kann] Ak: Die natürliche Bestimmtheit eines Volks ist eben nur Eine, und darum kann es nur Einmal die Werkstaette des Weltgeistes sein. 11 Geist] Wi: Geist in seiner Entwicklung Stufe] Hn: Stufe der Entwicklung 12–13 dient dieß … darzustellen] Hn: kommt er zur Entwicklung seines Prinzips 13 beschränkt] Hn: beschränkt, und ist nicht ewig 15 in der Weltgeschichte] Hn: als natürliches 15–16 indem es … ist] Wi: es kann nur einmal das Volk des Weltgeistes sein, weil sein eigenthümliches natürliches Princip nur eines ist 17 Man sagt] Ak: Man sagt, der Nutzen der Geschichte sei der Unterricht, den sie dem Staate gaebe 18 was zu thun sey] Wi: besonders für die Politik

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trifft, so läßt sich dieß nicht in so einfache Grundsätze zusammenfassen; es müsse, sagt man, also aus der Erfahrung lernen: doch uns lehrt die Erfahrung, daß die Völker nichts gelernt haben, und dieß geht | ganz vernünftig zu; denn jedes Volk hat seine Eigenthümlichkeit, nach welcher es sich entwickelt, daher läßt sich seine Geschichte nicht auf andre Völker übertragen und es ist falsch und ganz oberflächlich einem Volke Beispiele aus der Geschichte andrer Völker anzuführen, nach denen es sich richten sollte: denn, wenn man das concrete Bild untersucht, so findet man, daß es aus ganz andern Bedingungen entstanden ist. Jedes Volk hat also sein eigenthümliches Prinzip und sein eignes Geschäft, das ihm der Weltgeist aufgetragen hat; jedes welthistorische Volk hat an ihm selbst seine Entwicklung und muß verschiedene Stufen durchlaufen, welche dann besondre Modifikationen nach der Beschaffenheit des ursprünglichen Prinzip’s erleiden. Solches Volk nun, das den Plan des Weltgeistes durchzuführen hat, ist das eminente, das sich als das erobernde darstellt, als ein solches, dem der Erdkreis angehört, dieses Volk hat denn ein absolutes Recht, vor welchem die hohen Berechtigungen jedes andren Volks, Unabhängigkeit, Freiheit verschwinden; wenn es aber seinen Dienst gethan hat, so tritt es zurück und nun erscheint ein andres Volk als Träger des Weltgeistes. – Es frägt sich nun noch, was für eine

1–2 es müsse, … lernen] Wi: Man sagt also: Sie ziehe die Erfahrung der Geschichte zu 3 nichts] Ak: aus der Geschichte nichts 4 seine Eigenthümlichkeit] Wi: sein eigenthümliches Princip entwickelt] Hn: entwickelt, und was gewesen ist, und ist bei anderen Völkern, 4–5 daher läßt … übertragen] Wi, ähnlich Hn: Das, was andren Völkern eigenthümlich war, kann für andre Völker, (Hn: Zeiten) andre Entwicklungsstufen nicht gelten. 5 übertragen] Ak schließt an: mithin auch nicht seine Einrichtung und Verfassung 5–7 es ist … sollte] Hn: Man hat die französische Revolution, die griechische Welt, die römische Geschichte als Beispiele aufgestellt. Man hat die Republik als die höchste Staatsverfassung angenommen wie auch die der nordamerikanischen Staaten. Aber geht man diese Verfassungen und Stufen genauer durch nach Bedingungen und Umständen, so sieht man, wie oberflächlich jene erste Ansicht ist. 9–10 das ihm … aufgetragen hat] Hn: von dem Weltgeist erhalten, und ein solches ist welthistorisch 10 an ihm selbst] Ak: An sich selbst hat es als geistige Individualitaet Hn: nach seiner Individualität 11 Entwicklung] Wi: besondere Entwicklung nach den allgemeinen Gesetzen des Geistes Stufen] AkHn: Stufen des Geistes 13 Volk] Wi: welthistorisches Volk das den … hat] Ak: dessen Zeit gekommen ist 14 eminente, das … darstellt] Ak: zu dieser Zeit das schlechthin Berechtigte Wi: das schlechthin berechtigte, und daher auch das herrschende und erobernde Hn: mächtige 15 ein absolutes Recht] Ak: das absolute Recht des Weltgeistes 15–16 vor welchem … verschwinden] Hn: das Recht des Weltgeistes, der ihm alle anderen Völker unterwirft und unterordnet 16 verschwinden] Ak: verschwinden, untergeordnet sind. Es herrscht auf der Welt und über der Erde. 17 seinen Dienst gethan] Ak: seine Bestimmung erfüllt und] Wi: und der Geist erreicht die höhere Stufe und 17–18 nun erscheint … Weltgeistes] Ak: der Geist erreicht eine andere höhere Stufe Hn: zu der neuen Entwicklungsstufe, die eine höhere ist, tritt ein anderes Volk, als Träger des Weltgeistes

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Art der Beziehung der welthistorischen Völker auf einander sey? Es ist eine Reihe die sich in der Zeit darstellt, diese macht eine Totalität aus, das Ganze der Realisirung der Idee des Geistes. Die Art und Weise wie die Völker zusammenhängen, ist eine innere Beziehung, eine innere nach der Seite des Begriffs, den wir begreifen, der aber den Völkern, die handelten, unbekannt war; ihre Größe, ihr Einfluß erschien ihnen nur als eine Zufälligkeit, als eine äußere Nothwendigkeit. | Diese welthistorischen Völker kamen theils in äußere Beziehung, theils auch nicht. Die Griechen kamen in Beziehung mit den Römern, und die Perser mit den Griechen, doch China kam nie in eine Beziehung mit Indien. Die Beziehung welthistorischer Völker kann also auch nur innerlich seyn; der Geist kann auch nur, wie die Franzosen sagen sous terre bleiben; wie Hamlet sagt vom Geiste, der ihn ruft bald hier bald dort: „Du bist mir ein wackrer Maulwurf.“ Gleich einem Maulwurfe gräbt der Geist unter der Erde fort und vollendet sein Werk. Wo aber das Prinzip der Freiheit beginnt, da tritt eine Unruhe ein, ein Treiben nach außen, ein Erschaffen des Gegenstandes, an dem sich der Geist zerarbeitet; da bildete sich auch ein äußerlicher Zusammenhang. Die Freiheit setzt sich noch voraus als ein Unfreies und mit dieser Voraussetzung, indem sie sich in solche Gestaltung einläßt, erscheint eine äußerliche Beziehung. –

1–3 Es ist … Geistes.] Hn: Die Beziehung des welthistorischen Volkes auf ein anderes läßt bei uns viele Völker nur als gering im Dienste des Weltgeistes erscheinen; die ersten erscheinen in der Zeit als Reihe, die ein Ganzes ausmacht in der Entwicklung des Begriffs in der Realität. 2–3 das Ganze … Geistes] Ak: das Ganze der Entwickelung, das Ganze einer Idee 4 Beziehung] AkWi: Nothwendigkeit 5 der aber … war] Wi: die aber diesen Völkern und in der Geschichte nur als äußerliche Nothwendigkeit erscheint Hn: die Völker selbst nehmen es nur als eine Zufälligkeit, daß die fremden Völker hereinströmen, und alles zu Grunde richten 6–7 als eine äußere Nothwendigkeit] Ak: als aeusserlich erscheint. Der Natur der Sache nach ist es eine innere, wesentliche. 9 Griechen] Hn: Griechen und Römer, Römer und Germanen kamen äußerlich in Beziehung, aber besonders auch innerlich 9–10 China kam … Indien] Hn: China und Indien, unser Anfang, haben keine Beziehung aufeinander, und auf die europäischen Völker, wenn nicht durch den Handel zuweilen, und ihre Beziehung ist nur innerlich. 13–14 und vollendet sein Werk] Wi: Bei diesen Völkern war noch rein immanente ruhige Entwicklung, bei den späteren war die Freiheit, und damit Unruhe wirksam, ein Erschaffen eines Gegensatzes, an dem der Geist sich verarbeitet. 14–18 Wo aber … Beziehung.] Wi: Die Freiheit hat die Naturform zur Voraussetzung, sie setzt sich selbst als unfrei voraus. Daraus entstehen dann auch äußerliche Verbindungen. Hn: Das Erschaffen eines Materials, an dem sich der Geist zerarbeitet, macht die äußere Beziehung. Dem Geist setzt sich die Natur als Unfreies voraus. /| Auf dessen Gestaltung läßt er sich ein, und diese Beziehung ist eine äußerliche. Soviel noch über die Entwicklung des Begriffs des Geistes. Ein Gang hält sie, alle die Völker zusammen. Dieses betrachten wir als die Weltgeschichte, was ich hier vorausgeschickt habe. Der Zweck war die Verwirklichung des Begriffs des Geistes: der Staat, jeder hat ein bestimmtes Prinzip und einen eigenthümlichen Gang in dieser Entwicklung des Prinzips.

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Der Nutzen der Betrachtung der Weltgeschichte ist gleichsam eine empirische Bestätigung des Vernunftbegriffes, der sich auf eine Weise bewährt, die zunächst ganz unvernünftig aussieht; es ist jedoch dieß nicht eigentlich ein N u t z e n , denn die Vernunft muß immer klar über sich selbst seyn, da sie ihre eigne Erkenntniß hat, und sie keiner äußerlichen Bewährung bedarf: vielmehr g e n i e ß t die Vernunft sich selbst indem sie sich in diesem Medium der Aeußerlichkeit findet und erkennt. ***|

1 Der Nutzen] Ak: Uebersicht: Zweck ist, daß der Geist seinen Begriff erfasse, ihn verwirkliche. 2 auf eine Weise] Wi: in einem Gebiete 2–3 die zunächst … aussieht] Wi: wo alles zunächst nur als zufällig erscheint Hn: aussieht, und nur durch menschliche Leidenschaften bedingt

10 Die Verwirklichung der Freiheit ist der Staat. /| Der Nutzen

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Die Philosophie der Weltgeschichte

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Es ist zunächst der Kreis, innerhalb welchem sich die Weltgeschichte bewegt, zu bestimmen, und dieß geschieht am besten dadurch, indem wir angeben was davon ausgeschlossen ist. Die Geschichte fällt überhaupt in die Z e i t , sie ist ein Verlauf, ein Prozeß, der Aeußerlichkeit in sich selbst hat: sie fällt aber auch wesentlich in den R a u m ; die Völker sind Nationen und haben eine natürliche Seite, zu welcher wesentlich der Erdboden, das Klima gehören, in welchem sie sich befinden; daher haben wir zunächst die g e o g r a p h i s c h e Seite zu betrachten. – Das Klima ist gewiß ein wichtiges Moment und wirkt viel auf den Geist eines Volks, doch muß dieß nur bis auf einen gewissen Punkt ausgedehnt werden: der milde Jonische Himmel hat sicherlich viel zur Anmuth der homerischen Gedichte beigetragen, doch kann er allein keine Homere erzeugen, wie wir es selbst nur zu deutlich sehen. Weder die heiße noch die kalte Zone können der Boden eines welthistorischen Volks seyn: der Frost zieht die Lappländer zusammen, die Gluthitze erschlafft die Neger; in solchen Zonen kann der Mensch zu keiner freien Bewegung kommen: Aristoteles sagt: Wenn die Noth des Bedürfnisses befriedigt ist, so wendet sich der Mensch zum Allgemeinen und Höheren. Aber in jenem Extrem der Zonen kann die Noth nie auf hören und nie abgewendet werden: der Mensch kann da nur seine Aufmerksamkeit darauf richten sich selbst zu schützen gegen die glühenden Strahlen der Sonne oder | gegen den eisigen Frost; also nur die gemäßigte Zone kann das Theater seyn, auf welchem das Schauspiel der Weltgeschichte dargestellt wird. Die Erde

2–4 Es ist … ist.] Wi: 5. Ehe wir an die Eintheilung der Weltgeschichte gehen, haben wir einerseits den K r e i s , d e n w i r u m f a s s e n zu bezeichnen, andrerseits den n a t ü r l i c h e n B o d e n der Welt25 geschichte darzustellen. Ak: Ehe wir nach dieser Einleitung die Eintheilung der Weltgeschichte angeben, müssen wir den Kreis naeher bestimmen, in dem sich die Weltgeschichte bewegt, und daß wir den natürlichen Boden der Weltgeschichte kennen lernen. 6 R a u m ] Wi: R a u m , welcher die E r d e ist Ak: natürlichen Raum, die Erde 6–9 und haben … betrachten] Ak: Die Völker sind Nationen, Geborne, und zu dieser Nationalitaet gehört wesentlich der Boden, die 10–11 doch muß … werden] Ak, ähnlich Hn: man muß wissen, wie 30 geographische Naturgewalt. man (Ak: diesen Moment Hn: dieses Verhältnis) zu fassen habe 11–13 der milde … sehen] Hn: Man hört von Homer sprechen, daß der milde ionische Himmel ihn gebildet; aber dieser Himmel ist noch jetzt dort derselbe, und unter den Türken ist dort noch kein Homer auferstanden. 14 Boden eines welthistorischen Volks] Wi: boden für welthistorische Entwicklung Ak: Boden geistiger 35 Entwickelung 15–16 erschlafft die … kommen] Wi, ähnlich Ak: zieht die Neger aus und läßt sie nicht (Wi: zur Innerlichkeit Ak: zum Geistigen) kommen. Ak schließt an: Die Naturgewalt ist zu groß, als daß der Mensch zu einer freiern Beherrschung derselben kommen könnte, die zur geistigen Entwickelung nötig ist. 17–18 so wendet … Höheren] Hn: so kommt man zur Theorie

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selbst stellt uns einen Unterschied in sich dar; das Land gegen N o r d e n verhält sich c o n t i n e n t a l zusammen, es hat eine breite Brust, nach S ü d e n zu v e r t h e i l t es sich und läuft in mannigfache Spitzen a u s e i n a n d e r. Jenes Zusammenhängen und Theilen zeigt sich auch in den Naturprodukten; der Norden hat sehr viele Gattungen von Thieren und Pflanzen gemeinschaftlich: im Süden, wo das Land sich in Spitzen theilt, da individualisiren sich auch die Naturgestalten gegen einander. – Die Welt wird in a l t e und n e u e We l t eingetheilt; Amerika und Australien sind darum die n e u e We l t genannt, weil diese Welttheile uns erst so spät bekannt worden sind; aber sie sind nicht nur neu relativ für uns, sondern auch in Ansehung ihrer physischen und geistigen Kräfte; das Inselmeer zwischen Südamerika und Asien zeigt eine physische Unreife; der größte Theil dieser Inseln ist so beschaffen, daß sie nur eine Erdbedeckung sind für Felsen, die aus der bodenlosen Tiefe heraustauchen; sie tragen den Charakter eines spät Entstandenen; Neu-Holland zeigt auch noch so eine geographische Unreife: wenn man von den Gebirgen aus, die sich in den Besitzungen der Engländer befinden, weiter ins Land hineingeht, so entdeckt man ungeheure Ströme, die sich aber dann in große Schilfebenen ausbreiten; sie sind noch nicht dazu gekommen, sich ein bestimmtes Bett zu graben: (Amerika mag viel|leicht durch diese Inseln des Südmeers mit Asien und Afrika als atlantisches Land zusammengehangen haben). Von Amerika wissen wir, daß Mexico und Peru die bedeutendsten Stufen der Cultur erreicht gehabt hatten; doch war diese noch eine ganz äußerliche; die Mexicaner und Peruaner hatten den Götzendienst und hatten sich noch nicht von der Natur frei gemacht. Die Schwäche Amerika’s kann dadurch am besten bezeichnet werden, daß ihm zwei große Naturmittel abgegangen sind, die den Europäern immer zu Gute kamen, das Eisen und das Pferd: wie wichtig diese für unsre Cultur sind, ist hinlänglich bekannt. Das

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2 zusammen] Wi: zusammenhängend 5 sehr viele … gemeinschaftlich] Wi: eine überwiegende Menge von Naturproducten, Thieren und Pflanzen gemeinschaftlich 10 physischen und geistigen Kräfte] Wi: geologischen und physikalischen beschaffenheit 10–13 das Inselmeer … heraustauchen] Hn: Wir wollen nicht Amerika die Ehre absprechen, daß es bei der Erschaffung der Welt 30 zugleich aus dem Meer mit dem anderen Land hervorgetreten sei; aber physikalische Unreife hat es mit dem größten Theil der Inseln gemein, die nur eine erdigte Bedeckung haben für Korallenfelder, die senkrecht aus dem Meere aufsteigen und von Zoophyten gebildet sind. 11 zeigt] Wi: zeigt auch in der geologischen gestalt 12–13 Felsen, die … heraustauchen] Wi: Korallenfelsen die von Zoophyten erbaut wurden vom tiefsten Grund des Meeres herauf 16 ungeheure Ströme] Wi: 35 große Flüsse Ak: Grosse Ströme 17–18 sie sind … graben] Wi: die Flüsse haben noch keine bestimmten Ufer 19 mit Asien und Afrika] AkHn: mit Europa und Afrika 20 zusammengehangen haben] Wi: das können wir auf der Seite liegen lassen 21–22 doch war … äußerliche] Wi: diese ist uns aber nur äußerlich bekannt. 22 Götzendienst] Wi: (Götzendienst, Sonnendienst, Menschenopfer) 23 Amerika’s] Ak: des Amerikanischen Bodens 24 ihm] AkWi: den 40 Amerikanern 26 wie wichtig … bekannt] Wi: Zwei wichtige Momente in der ganzen beschaffenheit unsers Zustandes und Thätigkeit.

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amerikanische Thierleben zeigt eben so eine große Schwäche im Vergleich mit dem asiatischen und afrikanischen; es giebt zwar in Amerika die Geschlechter der Löwen, Tiger, Crocodille, doch stehen diese Gestaltungen den kräftigeren Asien’s und Afrika’s weit nach. Amerika zeigt sich nach allen diesen Seiten hin als ein schwaches, ein neues, in der Cultur nicht weit gekommenes und in jeder Rücksicht unmächtiges Land: es ist daher auszuscheiden aus dem Gange der Weltgeschichte eben so wie der größte Theil Afrika’s: wir haben jetzt alles, was dieß Land (Amerika) angeht, zu sagen, um es nachher nicht wieder zu erwähnen. Was die Bewohner Amerika’s betrifft, so sind die Karaiben, welche die westindischen Inseln bewohnten, ausgestorben; es haben sich Anfangs tapfere Stämme unter ihnen gefunden, doch haben sie sich dann als schwache und wenig bildsame Naturen gezeigt; die jetzigen Einwohner sind Abkömmlinge von Europäern, und zwar ist dieß mehr | der Fall in Nordamerika als in Südamerika. Wir können uns darüber verwundern, da die Engländer, die sich im Norden angesiedelt haben, die Eingebornen nicht zum Dienst gezwungen oder unterjocht haben; dennoch sind die Stämme, in der Nachbarschaft der Engländer nach und nach verschwunden; zwar haben sie blutige Vertilgungskriege gegeneinander geführt, aber diese Verminderung ist wieder durch ihre Vermehrung unter sich aufgehoben worden; nur die Nachbarschaft der Europäer war es, die diese wunderbar vernichtende Wirkung auf sie hatte; sie haben sich nicht mit den Europäern amalgamirt. Doch haben sie einige Künste von ihnen angenommen und damit haben sie zugleich den Brandtwein kennen gelernt, der, im Uebermaß genossen, eine sehr verderbliche und zerstörende Wirkung, auf sie that. Im Süden wurden die Eingebornen viel gewaltthätiger behandelt und zu harten Diensten verwendet, denen ihre physischen Kräfte wenig gewachsen waren;

1–2 mit dem … afrikanischen] Wi: zu den Asiatischen und Europäischen gestalten 6–7 es ist … Weltgeschichte] Wi: Man kann das auch auf das S c h i c k s a l A m e r i c a s ausdehnen, (denn in dieser geographischen Uebersicht wollen wir zugleich gewisse Völker aus dem Bereich der Welt Geschichte ausscheiden. Hn: Diese soll noch ausgeführt werden bei den Schicksalen von Amerika. 7–8 wir 10 ausgestorben] Wi: 30 haben … sagen] Ak: Wir wollen zugleich das Nötige von ihm beibringen ausgestorben oder ausgerottet 12 jetzigen Einwohner] Ak: jetzige Bevölkerung von America Wi: eigenthümliche bevölkerung Americas 14–16 da die … haben] Wi: wegen der Gewaltthätigkeit der Engländer, jedoch noch nicht in dem Maaße wie die Spanier im Süden. Die Engländer haben sie bestehn lassen 16 Engländer] AkWi: Europaeer 19–20 die diese … hatte] Hn: 21 einige Künste] Ak: Europas 35 diese Athmosphäre hat so einen nicht bemerkten Einfluß ausgeübt. Cultur Wi: Europäische Sitten 22 den Brandtwein] Ak: Brantwein und Pocken Wi: das brandtweintrinken, und die Pocken haben sie bekommen und diß hat nicht wenig zu ihrer Verminderung beigetragen 24 Im Süden] Ak: In Nordamerica sind es also besonders Europaeische Nachkommen, die wir dort zu betrachten haben. Im Süden Hn: Der jetzige Zustand von Amerika 24–25 zu harten … denen] Wi: dienst der Spanier und 40 zeigt uns nur Staaten im Norden; im Süden Portugiesen verwendet, zu einer harten Arbeit der 10 Inseln] Insel

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dennoch haben die Kreolen, (Abkömmlinge von Europäern und Amerikanern) viel dazu beigetragen einige Cultur unter die Amerikaner zu verbreiten; die Reiterei aus den Lanos (den ungeheuren Sandsteppen) ist durch ihre Tapferkeit berühmt, und scheint eine Ausnahme zu seyn von der Schwächlichkeit der Amerikaner; jedoch sie sind auch nur durch das europäische Pferd dazu gekommen, tapfer zu seyn. Der Hauptcharakter der Amerikaner ist dennoch immer Sanftmuth und Trieblosigkeit, Demuth und kriechende Unterwürfigkeit gegen einen Kreolen und mehr noch gegen einen Europäer und es wird noch lange dauern bis daß die Europäer dahin | kommen einiges Selbstgefühl in sie zu legen. Die Inferiorität dieser Indianer in jeder Rücksicht, selbst in Hinsicht der Größe giebt sich in allem zu erkennen, nur die ganz südlichen Stämme in Patagonien sind kräftigere Naturen, doch sind diese noch ganz in dem natürlichen Zustande der Rohheit und Wildheit. Die Jesuiten und die katholische Geistlichkeit haben die beste Weise gefunden die Indianer an europäische Sitten und Cultur zu gewöhnen; bekanntlich haben die Jesuiten zu diesem Zweck einen eignen Staat in Paraguay gehabt ebenso Klöster in Mexico und Kalifornien: diese Geistlichen haben sich unter die Indianer begeben, doch haben sie durchaus keine Triebe und keine Aufregung in sie hinein bringen können; nur Gehorsam und Unterwürfigkeit haben sie bei ihnen angetroffen; daher haben sie ihnen, wie Unmündigen, die Geschäfte des Tages vorgeschrieben, die sie denn auch, so träge sie sonst sind, durch die Autorität der Väter sich haben gefallen lassen; diese haben dann Vorräthe gesammelt und sie unter die Indianer vertheilt; es ist dieß die unbefangenste und ungetrübteste Art gewesen die Indianer heranzuziehen zunächst nur zur Erweckung von Bedürfnissen, denn diese sind die Trieb1–2 dennoch haben … verbreiten] Ak: Und was wir in neuerer Zeit Interessantes hinsichtlich ihrer Befreiung vom Spanischen Joche gesehen haben, ist hauptsaechlich von Creolen, Abkömmlingen von Europaeern, | theils von Spaniern selbst geschehen. Wi: diß ist aber vornehmlich durch die Creolen (Abkömmlinge von Spaniern und Europaeern) geschehen Hn: merkwürdig, daß es vornehmlich von Kreolen, Abkömmlingen von Europäern mit europäischem Blut bewirkt worden ist, daß sich die Eingebornen von den Spaniern losgerissen haben, indem sie das europäische Selbstgefühl erhielten 2–4 die Reiterei … berühmt] Wi: Es haben dann allerdings sich auch einheimische Stämme angeschlossen zb die Reiterei des Paez die aus Laños (vom Orinoco her) besteht. 7 Sanftmuth und … Unterwürfigkeit] Wi: Demuth und Sanftmüthigkeit und Ehrfurcht 11 in allem] Hn: physisch und geistig 13 Jesuiten] Ak: Jesuiten in Paraguay 14–15 die Indianer … gewöhnen] Wi: solche Menschen heranzubilden 16 ebenso Klöster … Kalifornien] Hn: In Mexiko und Kalifornien hat La Pérouse eine Menge von Klöstern, und ein merkwürdiges Verhältnis zwischen ihnen und den Eingebornen gefunden 20 Unmündigen] WiAk: Kindern vorgeschrieben] Wi: vertheilt zum Landbau, Spinnen, Gottesdienst 21 durch die … Väter] Ak: aus Unterwürfigkeit 22 diese haben … vertheilt] Ak: Aus den Arbeiten wurden Vorraethe gesammelt, und mit diesen dann den Indianern ihre Nothdurft gemacht. 23 unbefangenste und ungetrübteste] Hn: unschuldigste 24–1207,1 zunächst nur … Menschen] Wi: zur Erweckung nicht nur der Arbeit sondern besonders der bedürfnisse im Allgemeinen, daß sie Triebe bekommen, die sie dann von selbst zur Arbeit treiben

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federn der Thätigkeit des Menschen. Die Schwäche des indianischen Naturells war ein Hauptmotiv die Neger nach Amerika zu bringen um durch diese die Arbeiten verrichten zu lassen: diese Neger sind viel empfänglicher für die Europäische Cultur als die Indianer. Ein Englischer Reisender gibt uns eine Menge Beispiele, daß Neger, geschickte Geistliche, Aerzte usw. | (die Anwendung der Chinarinde hat zuerst ein Neger gefunden) geworden sind; aber er weiß nur einen Einzigen Eingebornen, der es dahin gebracht hat, zu studiren, der aber auch bald vom Brandtweintrinken gestorben ist. – Die ursprüngliche Nation ist also geschwunden, die Bevölkerung kommt meist nur von Europäern her; was in Amerika geschieht, geht von Europäern aus, doch Alles ist noch im Werden begriffen, demnach ist Amerika das Land der Zukunft; die welthistorische Wichtigkeit dieses Welttheils fällt mehr in die Zukunft, daher geht er uns noch nichts an. Es kann eben so etwa das Land der Sehnsucht genannt werden. Napoleon soll gesagt haben: Cette vieille Europe m’ennuye; das haben schon viele mit ihm gesagt; indem sie Amerika als das gelobte Land, als das Land der Hoffnung ansehen. In der That die Auswanderung bietet viele Vortheile dar, denn die Auswandernden haben Alles abgestreift, was in den Staaten Europa’s beengend seyn kann; die ungeheuren Schulden, die auf diesen lasten, fallen in Amerika weg; England klagt über den Druck der Abgaben: aber beinahe die Hälfte des Staatseinkommen geht drauf, um die Zinsen der Schuld zu bezahlen; Amerika ist ein Land für die, welche in Europa nicht Quellen genug finden um ihre Bedürfnisse durch Arbeit befriedigen zu können. Das Verhältniß Europens zu Amerika zeigt sich klar im Kleinen innerhalb Deutschland selbst: Die Reichsstädte hatten es in der Industrie sehr weit gebracht und blühten durch den Handel und Gewerbfleiß, so daß viele Kaufleute das Bürgerrecht in diesen Städten zu erhalten

1 des indianischen Naturells] Ak: der | Amerikaner 2 die Neger] AkHn: die (Ak: staerkern Hn: kräftigen) Neger 4–6 Ein Englischer … sind] Wi: Ein Engländer in Südamerika bezeugt, daß die Portugiesen weit menschlicher sind gegen die Neger als die Engländer, und er erzählt daß die 30 Neger dort viel leichter nach den dortigen Gesetzen regiert werden können. Sie sind sehr geschickte Handwerker, Handelsleute, Geistliche und Ärzte geworden (ein solcher hat z.B. zuerst den China medizinisch angewendet.) 4 Ein Englischer Reisender] Ak: Southay (Englaender) 7 zu studiren] Ak: der studirt habe und Geistlicher geworden 9–10 die Bevölkerung … aus] Ak: Überall stehen Europaeische Nachkömmlinge an der Spitze; und sind die Urheber Amerikanischer Ge14 soll] Wi: soll in seiner 35 schichte. Wi: Europäer sind an ihre Stelle und an ihre Spitze getreten letzten Zeit 15–16 das haben … gesagt] Wi: so sagen ihm jetzt viele nach und wandern nach America. Man sieht America als ein gelobtes Land an. 17–21 In der That … bezahlen] Wi: Insofern die Europäer zugleich mit ihrem Selbstgefühl und ihrem bewußtsein von Rechten dahin kommen streifen sie die Fesseln Europas ab. 22–23 für die, … können] Wi, ähnlich Ak: für die Un26–1208,2 so daß … Abgaben] Wi: aber das bürgerwerden 40 zufriedenen und Beengten in Europa erschwerten und viele Fesseln anlegten

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wünschten; doch war dieß äußerst schwer zu erhalten | auch waren die Bürger der Städte sehr gedrückt durch die Abgaben: daher kam es, daß Viele sich in der Nähe solcher Reichsstädte ansiedelten, wo sie denn alle Vortheile dieser Nachbarschaft hatten, ohne das Bürgerrecht theuer erkaufen oder sich das schon erlangte mit schweren Abgaben erhalten zu müssen, indem sie frei von allen Beschränkungen der Gewerbe und Zünfte waren: so entstand Altona unweit Hamburg, Offenbach bei Frankfurt, Fürth bei Nürnberg, Carrouge bei Genf. In gleicher Weise verhält sich noch Nordamerika zu Europa und hat so den Charakter seines Ursprungs beibehalten. Es ist schon gesagt worden, daß die Staatsbildung in Amerika erst beginne; es soll dieß den Hauptzügen nach kurz angegeben werden. Amerika ist bekanntlich in 2 Theile zerrissen, die zwar durch eine Landenge zusammenhängen, jedoch diese Landenge macht nur einen geographischen Zusammenhang und keinen Zusammenhang des Verkehrs: beide Theile sind vielmehr auf das Bestimmteste geschieden. Nordamerika zeigt uns zuerst längs seiner östlichen Küste einen Gebirgszug, das Apalachische Gebirge oder Aleghany: doch ist zwischen diesem Gebirge noch ein bedeutender Raum bis zum Meere hin. Diese Küstenländer haben so eine sehr vortheilhafte Beschaffenheit und Lage. Hinter dem Apalachischen Gebirge fließt der Lorenzstrom von Süden nach Norden woran Canada gränzt, er ist im Zusammenhange mit den ungeheuren Seen; westlich noch von dem Lorenzstrom kommen wir auf das ungeheure Gebiet des Mississippi, des Missuri und des Ohio mit den Flüssen, die sich in dieselben ergießen; dieß ganze Gebiet wird | durch das Apalachische Gebirge von den Küstenländern getrennt. Der Mississippi fließt gegen Süden und ergießt sich in den Mexicanischen Meerbusen. Auf der westlichen Seite dieses Gebietes ist eben so wieder ein langer Gebirgszug, der bis in die Meerenge von Panama geht, wo denn Mexico liegt, das wir schon zu Südamerika rechnen. Derselbe Gebirgszug zieht sich unter dem Namen der Cordilleren oder Anden, westlich durch ganz Südamerika. Der Küstensaum gegen Westen ist hier schmäler und

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2–3 daher kam … ansiedelten] Wi: N e b e n solchen haben sich andere Örter constituirt auf einem 30 anderen Gebiet, wohin die Unzufriedenen, banquerotteurs u.a. gingen. 6 Altona] Wi: Altona (in Altona die banquerotteurs von Hamburg ?!) 9–10 Es ist … beginne] Ak: Noch ist kurz anzugeben der Charakter der Staatsbildungen, die dort entstanden. 12 Amerika] Wi: die geographischen Unterschiede. Amerika 14 und keinen … Verkehrs] Ak: nicht durch Handel und Verkehr Wi: keinen historischen Zusammenhang, keinen Zusammenhang der Thätigkeit Hn: aber 35 nicht durch geschichtliche Thätigkeit und Verkehr, der vielmehr durch jene Enge sehr geengt ist 17–18 bedeutender Raum … hin] Wi: breiter Ufersaum, zwischen diesen Gebirgsflüsse 21 westlich noch … auf ] Ak: Südlicher haben wir 22 des Mississippi] Wi: des Missisippistromes (auch hier besondere Gebirge gegen Norden.) 24 fließt] Wi: fließt mit seinen aufgenommenen Flüssen 29 Westen] Wi: Westen nach dem Stillen Meere 40

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bietet nicht die Vortheile der östlichen Küste von Nordamerika dar; er fällt unter den Aequator; es liegen da Peru und Chili. Im Osten gegen uns finden wir den ungeheuren Amazonenstrom, und nördlich von diesem den Orinoko; beide gegen Osten fließend, bilden große Thäler um sich herum, die nicht geeignet sind zu einem großen Culturlande, es sind vielmehr ungeheure Steppen. Nach Süden zu fließt der Rio de la Plata, mit seinen Zuflüssen, die mit ihm zugleich ihre Quellen in den Cordilleren haben; einige davon entspringen aber auch aus einem nördlichen Gebirgszuge, der das Gebiet des la Plata vom Amazonenstrom scheidet. Zu dem Gebiete des Rio de la Plata gehört Brasilien und die spanischen Republiken. An der nördlichen Küste von Südamerika liegt Kolumbien, gegen Norden vom Meere begränzt und gegen Süden von einem niederen Gebirgszug: im Westen von Kolumbien fließt der Magdalenenstrom längs den Anden nach Norden zu und ergießt sich in den mexikanischen Meerbusen. Die Hauptstadt Bogota liegt unweit des Mag|dalenenstroms. Mit Ausnahme von Brasilien sind in Südamerika allgemeine Republiken wie in Nordamerika entstanden; vergleichen wir nun Südamerika mit Nordamerika indem wir Mexico zu ersterem rechnen, so werden wir einen erstaunlichen Contrast wahrnehmen; nachdem wir uns dabei verweilt haben, ist auch noch der Unterschied zwischen Nordamerika und Europa zu zeigen. In Nordamerika sehen wir das Gedeihen, ein Zunehmen an Industrie und Bevölkerung, bürgerliche Ordnung und eine feste Freiheit: die ganze Föderation macht nur einen Staat aus und hat seine politische Mittelpunkte; in Südamerika dagegen sehen wir daß die Republiken nur auf einer militärischen Gewalt beruhen, ihre ganze Geschichte ist nur ein fortdauernder Umsturz, die föderirten Staaten fallen auseinander, andre verbinden sich wieder und alle diese Veränderungen gehen durch militärische Revolutionen vor; die näheren Unterschiede beider Theile Amerika’s zeigen uns zwei entgegengesetzte Richtungen, die im Staate überhaupt vorhanden sind; der eine Ausgangspunkt ist der Politische, die Entstehungsweise; der andre ist die Religi-

1 der östlichen … Nordamerika] Wi: des östlichen Küstensaumes wo die Nord Amerikanischen Frei2 gegen uns] Ak: des Gebirgszugs 5 zu einem großen Culturlande] Hn: große Kulturländer zu bilden in der heißen Zone 9 Zu dem Gebiete] Wi: In dem Bassin 9–10 die spanischen Republiken] Ak: Buenos Ayres pp. 12 im Westen von Kolumbien] Wi: längs den nördlichen Anden hin 14 Brasilien] Hn: dem Kaiserthum Brasilien 19–21 ein Zunehmen … Freiheit] Wi: Entwickelung der Industrie und constituirte Freiheit und Ruhe in Nord 21–22 die ganze … Mittelpunkte] Wi: die Union bildet einen politischen 35 Amerika Mittelpunkt. 22 Südamerika] Wi: Süd Amerika (mit Mexico) 24 die föderirten Staaten] Wi: die Theile der Republiken 26–27 zwei entgegengesetzte Richtungen] Ak, ähnlich Wi: zwei entgegengesetzte Ausgangspuncte und zwei entgegengesetzte Richtungen 27 im Staate] Wi: in den Staaten Europas

30 staaten liegen

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on: Südamerika wo die Spanier die Oberherrschaft behaupten ist katholisch, Nordamerika protestantisch. Was den 1ten Punkt betrifft, so ist Südamerika erobert worden; es hat sich da eine Regierung von Eroberern festgesetzt; die Spanier haben Südamerika erobert um zu herrschen, um reich zu werden durch Erpressungen, durch politische Aemter; in diesem Sinne haben sich die Spanier etablirt; sie hingen nur von einem entfernten Mutterlande ab, durch ihre Macht, Geschicklichkeit und Selbstgefühl hatten sie ein großes Uebergewicht über die Indianer. In Nordamerika ist es anders; die nordamerikanischen Freistaaten sind ganz von Europäern bevölkert worden. Die kleinen | Völkerschaften der Eingebornen können kaum gerechnet werden. Indem in England Puritaner, Episkopalen, und Katholiken in beständigem Widerstreit begriffen waren und bald die Einen bald die Andern die Oberhand hatten wanderten viele aus um in einem fremden Welttheile die Freiheit der Religion zu suchen; es waren dieß industriöse Europäer, die sich des Ackerbaus, des Tabacks- und Baumwollanbau’s u.s.w. befleißigten. Es herrschte bald eine allgemeine Richtung auf die Arbeit für die Bedürfnisse, Ruhe, bürgerliche Gerechtigkeit, Sicherheit, Freiheit und ein Gemeinwesen, das von den Atomen der Individuen ausging, wo dann der Staat nur ein Aeußerliches war zum Schutz für das Eigenthum. In Südamerika ist auf der einen Seite eine feste Regierung, eine Thätigkeit für die Regierung: auf der andern erblicken wir Herrschsucht und einen allgemeinen Ehrgeiz, den die Spanier sehr gut für ihre Zwecke zu benutzen wissen, indem das höchste Ziel des Strebens eines Indianerhäuptlings dahin geht von den Europäern belohnt und hochgehalten zu seyn; es fehlt hier allgemein das Gefühl des Privatbesitzes. – 2 1ten Punkt] Wi: politischen Ausgangspunkt Südamerika] Wi: Süd Amerika und Mexico 3 Spanier] Wi: Eroberer und hingewanderte 5 Aemter] Wi: Ämter und den Kirchendienst 6–8 sie hingen … Indianer] Wi: Farbe und Kriegskunst pp dominirten. 9–10 Die kleinen … werden.] Wi: auch keine Vermischung mit den Einheimischen und Europäern ist hier vor sich gegangen wie in Süd Amerika. 10–13 Indem in … suchen] Wi: die ersten Auswanderer ( a u s E n g l a n d ) wurden hauptsächlich durch Religionsgründe bewogen zur Colonisation, Puritaner und Episcopalen. 16 Gerechtigkeit, Sicherheit] Ak: bürgerliche Ordnung und Gerechtigkeit, Sicherheit des Eigenthums Wi: Sicherheit des Eigenthums also bürgerliche Gerechtigkeit 17 von den Atomen] Wi: von den Privatpersonen, von den Atomen 18 ein Aeußerliches] Ak: eine äussere Einrichtung und Verbindung Wi: allgemeine Verknüpfung 19 für die Regierung] Wi: für diese, daß das Interesse | auf einen festen Mittelpunkt gerichtet 19–20 auf der … Ehrgeiz] Wi: Die Leidenschaft zu besitzen ging aus nicht von Arbeit sondern Herrschsucht und Ehrgeiz. 21–23 indem das … seyn] Ak: Es war in Südamerika ein Volk da, das bestimmt war, beherrscht zu werden. Die tiefe Demuth der Indianer gegen die Euro|paeer in Rücksicht auf Staat, Religion pp, der Mangel alles Selbstgefühls, des Privatrechts und der Selbststaendigkeit. Wi: durch einen gallonirten Huth gewannen sie einen Häuptling, ein Volk das die bestimmung hatte beherrscht zu werden mit dieser tiefen demuth gegen die Europaeer, Spanier 23 es fehlt … Privatbesitzes] Wi: Europäisches Selbstgefühl, das Gefühl des Privatrechts und –besitzes hat jenen Völkern gefehlt. diß ein Hauptunterschied in der politischen Seite zwischen diesen beiden Theilen. 3 Spanier] Spaniern

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In Nordamerika ist die protestantische Religion überwiegend, in Südamerika ist die katholische Religion die einzige. Mit der protestantischen Religion ist ein Zutrauen auf die Gesinnung der Mitbürger vorhanden, dieß kann bei der katholischen Religion nicht Statt finden; in dieser ist das Religiöse etwas für sich, es werden eine Menge opera zum heile der Seele verrichtet, doch diese sind abgesondert vom bürgerlichen Leben; in der protestantischen Kirche sind die religiösen Werke das ganze Leben, die Thätigkeit des Lebens überhaupt: damit ist nun der Unterschied gemacht, daß bei den Katholiken kein Zutrauen Statt finden kann; denn in weltlichen Angelegenheiten | herrscht nur die Gewalt und freiwillige Unterworfenheit; die Formen, die man Constitutionen nennt sind nur eine Nothhülfe, sie schützen nicht gegen das Mißtrauen: es ist keine Gewissheit gemeiner Gesinnungen, sondern jeder ist nur seiner Gesinnung in ihm selbst bewußt; es findet ein Isoliren der Individuen Statt, welches das Bedürfniß der Staatsgewalt mit sich bringt; zwar sind in Südamerika Formen genug aufgestellt, allein sie schützen nicht, sie sind nicht zugleich in den eigentlichen Gesinnungen befestigt: es sind die Leidenschaften des Ehrgeizes vorhanden, welche keine Festigkeit zulassen, die Religion setzt ihnen keine Schranken entgegen, obgleich häufige Schenkungen an die Kirche gemacht werden. – Wir haben nun noch Nordamerika im Vergleich mit Europa zu betrachten. – Nordamerika ist das perennirende Beispiel einer republikanischen Verfassung; die 2 die einzige] Wi: nicht bloß überwiegend sondern auch die einzige ist] Ak: ist in Nordamerika 4 Statt finden] Wi: so hervortreten 6 vom bürgerlichen Leben] Wi: vom bürgerlichen und weltlichen Leben. diese catholische Religiosität als solche geht in ihrer Innerlichkeit hier nicht unmittelbar ins Leben über 8 der Unterschied] Wi: ein höchst wichtiger Unterschied 8–9 daß bei … kann] Wi: daß in den catholischen Ländern dies Zutraun der gemeinsamen Gesinnung fehlt 9–10 in weltlichen … Unterworfenheit] Wi: Im bürgerlichen kann man sich nur auf die Gewalt verlassen. 10–11 die Formen, … Mißtrauen] Ak: wo dann Formen, Constitutionen pp erfunden worden, (z.B. Charte von Frankreich) die aber gegen das Mißtrauen (Charles X) nicht schützen Wi: Eine Nothhülfe sind die Formen die man Constitutionen nennt, welche wie wir neuerdings an der französischen Charte gesehn haben nicht schützt. 13 Isoliren] Ak: innerliches Isoliren 14 der] Ak: zur Formen] Ak: Formen, Constitutionen 16 Gesinnungen] Ak: Gesinnungen gegen einander 16–17 es sind … zulassen] Wi, ähnlich Ak: da die moralische Gesinnung also nicht das Wesentliche ist so sind die Leidenschaften der Habsucht, (Wi: des Ehrgeizes Ak: Herrschsucht und dergleichen Leidenschaften) vorhanden und zerreißen diese Provinzen, daß es zu keiner Festigkeit kommt Ak schließt an: Die ruhige Festigkeit republikanischer Verfassungen fehlt noch durchaus. 17–18 die Religion … werden] Wi: Süd Amerika ist einerseits ein Volk das geherrscht hat und gewohnt ist beherrscht zu werden. Hier ist noch nicht der Platz der ruhigen festen republikanischen Verfassung, dazu kommt die katholische Religion die dem Ehrgeiz keine sittlichen Schranken entgegensetzt. der Kirche Güter zu schenken – oder sich von ihnen reichen zu lassen – sind die dortigen Extreme. Hn: Die Industrie kommt nicht auf, indem die Religion sich nur beschenken läßt, nicht thätig ist. 19 im Vergleich] Wi: i m G e g e n s a t z u n d Ve r h ä l t n i ß 2 0 das perennirende … Verfassung] Ak: das perennirend vorgebrachte Beispiel der Möglichkeit einer Republik in einem großen Lande. Man behauptet, dort sei die Republik möglich; warum nicht auch in Europa? 33 sind] sind es

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subjektive Einheit steht an der Spitze; ein Präsident, der zur Sicherheit gegen den Ehrgeiz nur auf 4 Jahr gewählt wird; es ist eine allgemeine Sicherheit des Eigenthums vorhanden und fast gar keine Abgabe zu entrichten. Das Ueberwiegende im nordamerikanischen Staate ist schon angegeben, der Sinn des Privatmanns ist nur auf den Erwerb und den Gewinn berechnet: das partikuläre Interesse ist schlechthin überwiegend, der Zweck betrifft nicht das Allgemeine sondern nur den eigenen Genuß. Dieses Partikuläre ist durch einen rechtlichen Zustand geschützt: aber diese formellen Rechtsgesetze und diese Richtung auf partikuläre Zwecke sind nicht das Höhere; es kann dabei eine Rechtlichkeit ohne Rechtschaffenheit seyn und so stehen denn auch die amerikanischen Kaufleute in dem üblen Rufe, geschützt durch das Recht, zu betrügen, es fehlt die innere | Rechtschaffenheit der Gesinnung; es ist dort die Sphäre des Privatlebens und des förmlichen Rechts, dagegen mangelt es an einer Richtung auf den allgemeinen Zweck und an Einrichtungen, wodurch dieser festgehalten und bethätigt wird; die Religion ist protestantisch, aber das protestantische Prinzip führt es mit sich, daß das Moment des Gefühls wesentlich gelte, und nicht eine Autorität oder Zumuthung an den Glauben; hiemit steht aber das eigne Gefühl auf dem Sprunge in das mannigfaltigste Belieben über zu gehen: Jeder, sagt man, habe eine eigne Weltanschauung und in so fern eine eigne Religion: Durch dieses Zerfallen in unendliche Meinungen entstehen eine Menge Secten in Nordamerika was nicht durch Gewalt verhindert werden kann und so ist in Nordamerika nicht eigentlich die protestantische Kirche die herrschende, denn die Kirche ist dort nicht ein an und für sich Bestehendes, sie hat keine substantielle Geistigkeit, die eine äußere Einrichtung hätte sondern das Religiöse wird nach besonderem Gutdünken zurecht gemacht: in Philadelphia zerfällt die Kirche in

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1 ein Präsident] Wi: mit einem Mittelpunkt im Presidenten 5 Privatmanns] WiHn: Privatlebens 5–6 das partikuläre … überwiegend] Ak: Die Particularzwecke, durchs Recht geschützt, herrschen; dabei das Englische Selbstgefühl, was dorthin verpflanzt ist. 7 den eigenen Genuß] Wi: eigenen, besondren Genuß, aber nicht gerichtet auf einen allgemeinen Zweck, der im Staate ist 9 sind nicht das Höhere] Ak: fordern etwas Höheres 10 seyn] Ak: existiren, was man bei den Amerikanern vor 30 10. Jahren wenigstens noch fand, | wo amerikanische Kaufleute im schlimmen Rufe standen 13 und des förmlichen Rechts] Wi: und individueller Zwecke 16 das Moment des Gefühls] Ak: das Moment der eigenen Einsicht, des eigenen Gefühls Hn: die eigene Überzeugung 17–18 hiemit steht … über zu gehen] Wi: das Prinzip des eigenen Gefühls und Überzeugung steht hier auf dem Sprunge zur beliebigsten Willkühr überzugehen 18 Belieben] Ak: Belieben, Willkühr 19–20 Durch dieses … Mei- 35 nungen] Ak: Wo es also ausgesprochen ist, daß das eigene Belieben zu gleichem Rechte gelten solle Wi: so fern diß Zerfallen in manigfaltige Meinungen offengelassen ist 20 eine Menge] Wi: sogleich unendlich viele 21–22 so ist … herrschende] Ak: Die Episcopalkirche war die Allgemeine von England her, aber auch die Puritaner herrschen. 22–24 denn die … hätte] Wi: die Episcopalkirche war die allgemeine Kirche noch von England her, aber eben von daher sind auch die Puritaner ge- 40 kommen. die protestantische Religion hat es nicht in sich an und für sich selbst zu bestehn 25–1213,1 zerfällt die … Sekten] Ak: sind Kirchen für 21. Secten

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21 Sekten, wo sich denn alle Verrücktheiten geltend machen, und der Gottesdienst oft nur aus Verzückungen besteht und wo mitunter die sinnlichste Ausgelassenheit zu Hause ist. Dieses gänzliche Belieben hat sich leicht zum Extrem getrieben; die verschiedenen Gemeinden nehmen sich Geistliche an, welche sie eben so wieder fortschicken, wenn es ihnen gefällt: dieses Verhältniß ist ganz widersinnig, die Geistlichkeit muß immer eine gewisse Unabhängigkeit behalten, obgleich dieß auch nicht zum andern Extrem, wie in der katholischen Kirche ausarten darf; in Nordamerika herrscht also durchaus die ungebändigste Wildheit aller Einbildungen, es fehlt jene religiöse Einheit, die sich in den Europäischen | Staaten erhalten hat, wo die Abweichungen sich nur auf wenige Confessionen beschränken. Wir haben nun noch den anderen Punkt, den politischen zu betrachten: In den Nordamerikanischen Freistaaten macht das Individuum mit seiner partikulären Thätigkeit die Grundbestimmung aus; es ist demnach in Ansehung des Staates keine gediegne Einheit vorhanden; der allgemeine Zweck ist nicht als etwas Festes für sich gesetzt, sondern die Thätigkeit ist nur auf besondre Dinge gerichtet, es wird kein Antheil an der Staatsregierung genommen; das Bedürfniß eines festen Zusammenhaltens ist noch gar nicht vorhanden; es sind dabei 2 Bestimmungen zu bemerken: das Bedürfniß eines wirklichen Staats und einer festen Staatsregierung entsteht, wenn ein Unterschied der Stände da ist, wenn der Reichthum und die Armuth sehr groß werden; sobald ein solches Verhältniß eintritt, daß eine große Menge ihre Bedürfnisse nicht mehr auf eine Weise, wie sie es gewohnt ist, befriedigen kann und an die sie Ansprüche zu haben glaubt, so zeigt sich ein Zustand innerer Spannung;

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1–3 der Gottesdienst … ist] Wi: der Gottesdienst geht in Schwärmerei über, und Gottesdienst be25 steht oft in Entzücken, aber auch bildet sich die größte beschränktheit der Freiheit, zum Beispiel

der Herrnhuther Hn: das lächerlichste sieht man hier; Verzückung Tanz, sinnliche Ausgelassenheiten der Schwärmerei, aber daneben Beschränkung zur höchsten Unfreiheit, wie bei den Herrnhutern 4–5 die verschiedenen … gefällt] Wi: Der Geistliche ist daselbst ganz abhängig, da die Geistlichkeit doch in einem gewissen Grade unabhängig stehen soll. 6–7 die Geistlichkeit … 30 behalten] Ak: Die protestantische Religion ist dort nichts Substantielles, nicht das An und für sich Seiende, das seine besondere Form hatte. Die Lehre, der religiöse In|halt muß ein Verhaeltniß haben, daß sie als etwas Unabhaengiges gilt. Eben diese Art Unabhaengigkeit muß der Clerus haben und verfolgen, was ebenfalls nicht in Amerika stattfindet. 8–9 in Nordamerika … Einbildungen] Wi: das durchaus ungebändigte Belieben und Wildheit aller Einbildungen macht sich hier 10 erhalten hat] Wi: im Ganzen noch festgehalten ist 13 mit seiner partikulären 35 geltend. Thätigkeit] Wi: mit seinen particulairen Zwecken, das atomistische der bürger die Grundbestimmung] Hn: die atomistische Unbestimmtheit 14 in Ansehung des Staates] Ak: Im Staatsverhaeltnisse 15 für sich gesetzt] Ak: für sich, nicht die Gewohnheit vorhanden, für einen allgemeinen Zweck thaetig zu sein 16–17 es wird … genommen] Wi: (der antheil an der Staats17 eines festen Zusam40 regierung fordert immer eine Arbeit, die in sich allgemeiner Natur ist) menhaltens] Wi: Staats 21 Menge] Wi: Masse 23 Spannung] Wi: Spannung ein, der von einer höheren Gewalt zusammengehalten werden muß

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solcher Zustand ist in Amerika noch nicht vorhanden; in England ist er auf ’s Höchste gekommen, es herrscht dort ein ungeheurer Reichthum und eine erschreckliche Armuth, die zugleich die Prätension von etwas Höherem hat. In Nordamerika sehen wir dasselbe Verhältniß, das ehemals in Griechenland sich zeigte; wenn in Jonien die Bevölkerung sich so vermehrt hatte, daß die Bürger nicht mehr leben konnten, wie es sich für sie ziemte, wenn die Mittel für sie nicht mehr vorhanden waren ihre Bedürfnisse zu befriedigen, so ließen sie sich nicht deprimiren, und ließen nicht den Unterschied von Reichthum und Armuth auf|kommen, sondern sie griffen zum Mittel der Kolonisation, so daß immer dieselbe Anzahl von Menschen im Mutterlande blieb und so befindet sich auch Amerika im fortdauernden Zustande der Kolonisation. England ergreift auch diesen Ausweg, allein der Abzug ist nicht groß genug im Verhältniß zu dem Bedürfnisse, indem besonders der Maschinenbau und die Dampfmaschinen so viele Menschen in England entbehrlich gemacht haben. Nordamerika hat diesen Ausweg immer offen, es strömen unauf hörlich eine Menge Menschen über das Apalachengebirge in die Ebenen des Mississippi: durch dieses Mittel ist die Hauptquelle der Unzufriedenheit geschwunden, dadurch allein wird es möglich, daß ein solcher bürgerlicher Zustand fortbestehe; deßwegen darf auch nicht die Verfassung und Regierungsweise der Nordamerikanischen Freistaaten mit den Europäischen Staaten verglichen werden, wo solcher Abfluß unmöglich ist: hätten die Wälder Germaniens noch existirt, so hätte die französische Revolution nie Statt gefunden. Das Bedürfniß einer festen Staatsmacht ist noch nicht in Nordamerika vorhanden gewesen; es kann daher erst dann mit den Europäischen Staaten verglichen werden, wenn der Raum ein Mal ausgefüllt wäre, der sich hinter dem Apalachengebirge noch unermeßlich ausdehnt, wenn die

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1 Amerika] Ak: Nordamerika 2–3 ungeheurer Reichthum … hat] Wi: Erstere praetendirt einen anderen Zustand als worin sie jetzt deprimirt ist und immer mehr deprimirt wird. Hn: wo die letzte aber dennoch Anspruch macht zu leben, wie sie nicht leben kann 5 Jonien] Wi: Griechenland 5–7 daß die … befriedigen] Wi: daß diese größere Menge nicht mehr solche Mittel finden kann in ihrem gegenwärtigen Kreise auf eine anständige Weise zu leben 9 auf kom- 30 men] Wi: auf kommen der solch verschiedene Lebensweise hervorgebracht hatte Kolonisation] Wi: Colonisation, wodurch sie ein neues Gemeinwesen gründeten 9–10 so daß … blieb] Hn: ein neues bürgerliches Gemeinwesen entstand mit gleichen Gesetzen wie das Mutterland 11 Amerika] Wi: Nord Amerika 12–13 zu dem Bedürfnisse] Wi: zum Anwuchs und dem vorhandenen bedürfniß 14 viele Menschen] Hn: unendlich viele, Millionen, Menschen 15–16 es strö- 35 men … Mississippi] Wi: die im Osten wohnen strömen immer mehr über das Apallachen Gebirge und bebauen die Ufer des Missisippi stroms seit mehreren Jahrzehnten Hn: seit 30 Jahren 18 ein solcher bürgerlicher] Wi: der ruhige bürgerliche 21–22 hätten die … gefunden] Wi: wenn Germanien noch leer gewesen wäre. diß würde alle Revolutionen abgelenkt haben. 24 der Raum … wäre] Wi: das große Land erst ganz angebaut ist 40 6 konnten] konnte

37 bebauen] bebaut

Jahrzehnten] Jahrzehnd

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bürgerliche Gesellschaft in sich zurückgedrängt wäre. Die Nordamerikanischen Freistaaten haben keinen Nachbarstaat, gegen den sie in diesem Verhältniß wären, wie es die Europäischen Staaten unter sich sind, die einander mit beständigem Mißtrauen beobachten, und die sich ihre Unabhängigkeit nur durch | stehende Heere erhalten: zwar haben die Nordamerikaner Kanada und Mexico neben sich, doch von beiden Staaten ist für sie nichts zu fürchten und England hat auch erfahren daß das unabhängige Nordamerika ihm mehr Nutzen bringt als das abhängige; es ist also das Bedürfniß einer Armee nicht vorhanden, denn diese ist die Spitze der Individualität eines Staates, wenn er sich zur größten Stärke bildet; zwar haben sich die Milizen von Norden tapfer bei der Befreiung bewiesen, wie die Holländer gegen Philipp II, aber dieses Ringen nach Selbstständigkeit giebt eine unendliche Spannung; wo nicht die ganze Selbstständigkeit auf dem Spiel steht, da zeigt sich weniger Kraft; so haben denn auch im Jahr 1814 die Milizen schlecht gegen die Engländer bestanden; Washington wurde ohne große Mühe von diesen eingenommen und zerstört. Doch ist wohl auch eine Gefahr vorhanden, daß die Nordamerikanischen und Südamerikanischen Staaten in Krieg gerathen, denn die Interessen sind getrennt; die südlichen Staaten beruhen auf Sklaverei, der Adel hat die Oberhand, im Norden blüht die Industrie, der Handel, das Gewerbe. Es ist also ein Hauptmoment, daß das Bedürfniß einer festen Staatsgewalt noch nicht vorhanden ist und deßwegen muß das Vergleichen zwischen den Nordamerikanischen und Europäischen Staaten ganz unterbleiben. – Wir gehen nun zur a l t e n We l t über und haben nun eben so vorher auf die Naturmomente und Naturbestimmungen aufmerksam zu machen. – Bei der geographischen Betrachtung von Amerika haben wir gesagt, daß es zwar durch eine Landenge zusammenhänge, daß dieß jedoch nur ein ganz äußer|licher Zusammenhang sey. Die alte Welt liegt Amerika gegenüber und ist von ihm durch

3–5 die einander … erhalten] Wi: Mißtrauen entsteht wenn die gleichen Verhältnisse sich bilden, und A r m e e n müssen die Selbstständigkeit erhalten 8 nicht vorhanden] Wi: nicht da wie wenn 30 ein Staat Compact ist 9 diese] Ak: Das Halten von Heeren 10 Befreiung] Ak: Befreiung Amerikas 11–13 aber dieses … Kraft] Ak: Aber die Gewinnung der Selbststaendigkeit giebt diese hohe Spannung; das Interesse, den Staat zu machen, ist weit grösser, als das Interesse der Vertheidigung oder politischer Kriege. 14 1814] WiAkHn: 1810 14–15 Washington wurde … zerstört.] Wi: Eine kleine Englische Flotte hat ohne große Mühe ihre Hauptstadt Washington 17 denn die … getrennt] Wi: diese verschiede35 genommen und die Milizen sind davon gelaufen. nen Interessen würden bei einer Reizung in noch gespannteren Gegensatz treten. 18 der Adel … Oberhand] Hn: die Leute sind große Herrn hier im Wollanbau 19 Es ist … Hauptmoment] Wi: diß sind die beiden Hauptmomente 23 Wir gehen] Wi: A l t e We l t . / 1. P h y s i k a l i s c h e G r u n d l a g e . (cf. Zeune Gea. Ritter Geographie) 40 28 die] ds

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das atlantische Meer getrennt; die Welttheile der alten Welt nun liegen in einem Kreise herum; sie sind getrennt durch eine tiefe Bucht, das M i t t e l l ä n d i s c h e M e e r : um dasselbe liegen die Welttheile der alten Welt und dreht sich auch die ganze Weltgeschichte: in Syrien ist Jerusalem, der Mittelpunkt des Judenthums und auch des Christenthums, südlich davon liegt Mekka und Medina, der Mittelpunkt des muselmännischen Glaubens; gegen Westen liegt denn Delphi, Athen, und mehr noch westlich Rom, dann liegt noch am Mittelländischen Meere Alexandrien und Egypten, Carthago; im Osten dehnt sich das weite Asien aus, dessen östlichste Theile vom äußerlichen Prozess der Weltgeschichte entfernt sind, und nicht in dieselbe eingreifen; gegen Nordwesten liegt das nördliche Europa, das auch nicht Theil nahm an der Weltgeschichte der Alten; diese beschränkte sich durchaus auf die um das mittelländische Meer liegende Länder; das Ueberschreiten der Alpen von Julius Cäsar, die Eroberung Gallien’s, und die nähere Beziehung, in die Germanien dadurch mit dem Römischen Reiche kam, macht daher Epoche in der Weltgeschichte, indem nun die Geschichte anfängt ebenfalls die Alpen zu überschreiten. Dieß ist die Grundlage der Weltgeschichte. – Der Natursinn der Alten hat schon drei Welttheile unterschieden, wobei es wohl am wenigsten auf das Maaß ankommt; denn in physischer und geistiger Hinsicht ist schon ein absolut nothwendiger Unterschied vorhanden, | Schon durch die Farbe ist der Unterschied gemacht indem die Afrikaner eine schwarze Oberhaut haben, die Chinesen eine gelbe und die Europäer sich durch die schöne weiße Farbe auszeichnen. Die näheren Unterschiede sind zunächst im Allgemeinen festzuhalten: Die Erdkugel theilt sich in Land und Wasser; es kommt darauf an das Verhältniß beider zu bestimmen, denn die Unterschiede fallen darein: das Klima ist etwas Unbestimmtes, denn es kommt dabei auf die zufällige Entfernung vom Aequator an, es kann dieß also als etwas Oberflächliches auf der Seite gelassen werden. Die charakteristischen Unterschiede sind folgende: 1. Es giebt Land, das wasserlos ist, es sind dieß große Steppen und Ebenen, das H o c h l a n d . 2. Die T h a l e b e n e n ; breite Ströme

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2 getrennt] Ak: durchschnitten Wi: zerschnitten 3–4 und dreht … Weltgeschichte] Wi: hier- 30 nächst sind die Mittelpunkte der Welt Geschichte 10–11 gegen Nordwesten … Europa] Ak: gegen Westen (Nordwesten) das nördliche und nordwestliche Europa 16–17 Dieß ist … Weltgeschichte.] Ak: Die Ueberschreitung der Alpen durch Julius Caesar war in dieser Hinsicht Epoche: Dies Herumgelagertsein der drei Welttheile um das Mittellaendische Meer ist eine physikalischgeographische Naturbestimmung der Weltgeschichte. Die Unterscheidung der drei Welttheile, na- 35 mentlich von Asien und Europa scheint willkührlich; | allein 18 wobei es … ankommt] Hn: wenngleich nicht die bestimmten Grenzen zwischen Europa und Asien sich finden 23 festzuhalten] Ak: zuerst aufzufassen 25–26 das Klima … an] Ak: Clima ist ein allgemeines Wort, das den Punct der Entfernung eines Landes vom Nordpol pp zunaechst anzeigt. 27–28 Die charakteristischen … folgende:] Ak: Land und Wasser ist dagegen von der größten Wichtigkeit. 40

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kommen mit dem Hochland, durchschneiden große Ebenen und bewässern sie. 3. Das U f e r l a n d , das in unmittelbarem Verhältniß mit dem Meere steht. Diese Unterschiede sind charakteristisch und das Bestimmende in der Geschichte. 1. Das wasserlose Land. Wir sehen solches Hochland in Mittelasien, das von den Mongolen (das Wort im allgemeinen Sinne genommen) bewohnt wird; vom Caspischen Meere aus ziehen sich eben solche Steppen nördlich gegen das Schwarze Meer herüber; deßgleichen sind hier anzuführen, die Wüsten in Arabien, die Wüste der Berberei in Afrika; die schon erwähnten in Amerika, die Lanos um den Orinoko, und in Südamerika in Paraguay, die Pampas, wo die Reitervölker zu Hause sind. – Das Eigenthümliche der Bewohner solches Hochlands, das bisweilen nur durch Regen, oder durch Austreten eines Flusses (wie die Ebenen des Orinoko) | angefeuchtet wird, ist das patriarchalische Leben, das Zerfallen in einzelne Familien: der Boden, auf dem sie sich befinden, ist unfruchtbar oder nur momentan fruchtbar; die Bewohner haben ihr Vermögen nicht im Boden und im Acker, denn sie ziehen daraus nur einen geringen Ertrag; die Thiere, die mit ihnen wandern, sind ihr Vermögen, diese haben eine Zeitlang Weide in den Ebenen, und wenn sie abgeweidet sind, so wandern die Familien in andre Gegenden; dabei sind diese sehr sorglos und sammeln nicht für den Winter, so geschieht es denn oft, daß die Hälfte der Herde zu Grunde geht; ihre Lebensart ist bedingt durch den Boden. Die Bewohner des Hochlandes, die so in Familien zerfallen haben kein Rechtsverhältniß zu einander; sie zeigen daher die Extreme von Gastfreundschaft oder von Räuberei; und in so fern sie umgeben sind von Kulturländern, wie die Araber es sind, so ist die Räuberei bei ihnen eine allgemeine Erscheinung und sie sind darin unterstützt von ihren Thieren, die sie mit sich führen, von den Pferden und Kameelen, die nicht nur in Afrika sich finden, sondern auch in Hochasien; die Mogolen nähren sich von Pferdemilch, daher dient ihnen das Pferd zugleich zur Nahrung und zur Waffe, in ihrem ruhigen Leben und in ihrer Weise sich zu Andern zu verhalten. Dieß ist ihr patriarchalisches Leben, es geschieht aber auch ferner, daß sie sich in großen Massen zusammenhalten und durch irgend einen

1 kommen mit dem Hochland] Ak: mit ihren Betten und Thaelern 3 das Bestimmende] Ak: von der Naturseite aus 4 wasserlose Land] Ak: Steppenland 6–7 nördlich gegen … herüber] Wi: weit herein nach Europa 8–9 die Lanos] Wi: die Llanos, die Pampas 10–11 solches Hochlands] Ak: solcher wasserlosen Ebenen 11–12 oder durch … Orinoko)] Ak: und nur kleine 13 Leben] Ak: Leben und Einfachheit der Sitten 19–20 so geschieht … geht] Ak: Oft 35 Flüsse geschieht es bei den Mogolen, daß in einem Winter ¾ der Heerden zu Grunde gehen, weil sie unvorsichtig nicht für Vorrath sorgen. Hn: 3/4 der Heerden gehen zu Grunde, obwohl im Sommer durch die Menge des üppigen Heues vorgehütet werden könnte, was aber nicht geschieht 20 bedingt] Wi: wesentlich bedingt 20–22 Die Bewohner … einander] Wi: Indem sie so isolirt sind 40 sind sie beschränkt auf ihre Familie oder weiter auf ihren Stamm.

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Impuls in eine äußere Bewegung gerathen. Wenn solche Völker auch vorher friedlich sind wie die | Calmükken und Mogolen, so geschieht es dann doch, daß sie auf die ruhigern Kulturländer fallen wie ein verwüstender Strom, wo die Revolution dann weiter kein Resultat gibt als Verwüstung und Einöde; in solche Bewegung geriethen die Mogolen unter Tschingiskhan und Tamerlan; sie traten Alles mit Füßen und verschwanden dann wieder, wie ein verheerender Waldstrom abläuft, denn er hat kein eigentliches Prinzip der Lebendigkeit. – Von den Hochländern herab geht es in die Engthäler; da wohnen ruhige Gebirgsvölker, Hirten, die auch nebenbei Ackerbau treiben; wie die Schweizer, auch in Asien gibt es solche Völker, sie sind aber im Ganzen betrachtet, unbedeutender. 2. Die Thalebenen. Es sind dieß Ebenen, von Flüssen durchschnitten, und die ihre ganze Fruchtbarkeit den Strömen verdanken, von denen sie gebildet sind; eine solche Thalebene ist China, umgeben von Gebirgen, es wird durch die beiden Flüsse Hoang ho und Jant Sekiang durchschnitten, eben so Indien durch den Indus und den Ganges, Babylonien durch den Euphrat und Tigris, Egypten durch den Nil, alle diese Länder sind äußerst fruchtbar; in solchen Ländern ist es, wo große Reiche entstehen und große Staaten gestiftet werden; der Ackerbau ist das erste Prinzip in Ansehung der Subsistenz der Individuen; die Regelmäßigkeit der Jahreszeit bringt die Geschäfte mit sich; der Ackerbau führt zugleich eine Beschränktheit mit sich, indem die Einwohner an das Land gebunden sind; es beginnt das Grundeigenthum und Rechtsverhältnisse, die Herrschaft und die Staaten blühen in solchen Ländern. | 3. Das Uferland. Der Fluß theilt Landstriche von einander noch mehr aber das Meer: man ist gewohnt das Wasser als das Trennende anzusehen, besonders haben die Franzosen behaupten wollen, daß die Staaten nothwendig durch Naturelemente getrennt seyn müßten; vielmehr können wir behaupten, daß das

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1 äußere] Ak: zufaellige grosse 2 friedlich] Ak: sanftmüthig Calmükken und Mogolen] Ak: Mongolen, Kalmucken, Neger 3 ruhigern Kulturländer] Wi: ruhigern, gebildetern Culturländer Ak: cultivirten Nationen verwüstender Strom] Wi: ungeheurer wilder verwüstender 30 Strom Ak: wildes Unwetter 4 Einöde] Wi: Einöden. Reitendes Volk erscheint zu vielen Hunderttausenden. 12 Thalebenen] Ak: Thalebenen, Stromthaeler Flüssen] Wi: ungeheuren Flüssen 16 Babylonien] Ak: Babylonien oder Mesopotamien 16–17 Egypten durch den Nil] Ak: Aegypten Tochter des Niel 19–20 in Ansehung … sich] Wi: Im Jahr ist nur zu E i n e r Zeit Erndte, bedürfniß des Auf bewahrens, der Geräthe schließt sich daran. 20–21 der Ackerbau … 35 sich] Wi: dieser Boden gebietet auch die beschränkung auf einen gewissen Raum, den ich bearbeite Ak: Er (sc. der Ackerbau) führt das Bedürfniß des Auf bewahrens, Vorsorge, der Werkzeuge mit sich 22–23 die Herrschaft … Ländern] Ak: Herrschaft, Staaten. Rücksichts der Staatenbildung ist dieses zweite Princip für die Weltgeschichte wesentlich wichtig 24 3. Das Uferland.] Wi: das / 3te) Prinzip – wiederum bestimmt in beziehung auf das Wasser – ist das U f e r l a n d . 25 als das 40 Trennende anzusehen] Wi: trennend, mit Unrecht

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Wasser das am meisten die Länder Verbindende sey; die Länder sind Gebiete von Strömen, so ist Schlesien das Oderthal, Böhmen das Elbthal, eben so Sachsen, Egypten das Nilthal usw.; wir finden also vielmehr daß die Ströme verbinden, in Ansehung des Meeres ist dieß eben so der Fall; nur das Gebirge ist trennend, so trennen die Pyrenäen Spanien ganz bestimmt von Frankreich. Das Meer ist erst in späteren Zeiten trennend geworden: der nordwestliche Theil von Frankreich, die Brétagne ist im Mittelalter mit England verbunden gewesen; Norwegen gehörte zu Dänemark, jetzt aber zu Schweden, obgleich es von diesem durch ein Gebirge getrennt ist; so gehörte früher Finnland, Esthland, Churland zu Schweden; Griechenland und Jonien gehörten zusammen; so hat Europa immer mit Amerika und Ostindien in fortwährender Verbindung gestanden, in’s Innere von Afrika und Asien sind die Europäer kaum eingedrungen, weil die Verbindung zu Land viel schwieriger ist, als zu Wasser. Das mittelländische Meer hat auch nur eben dadurch, daß es Meer ist, vermocht Mittelpunkt zu seyn. Wir haben nun auf den Charakter der am Meer anwohnenden Völker zu sehen: | Das Meer gibt uns die Vorstellung des Unbestimmten, des Unbeschränkten und Unendlichen und indem der Mensch sich in diesem Unendlichen fühlt, so ermuthigt dieß ihn zum Hinaus über das Beschränkte; das Meer ladet den Menschen ein zur Eroberung, zum Raub aber eben so zum Gewinn und zum Erwerb; das Land, die Thalebene fixirt den Menschen an den Boden, er kommt dadurch in eine unendliche Menge von Abhängigkeiten: das Meer führt ihn über diese beschränkten Kreise hinaus; der, welcher das Meer befährt sucht Erwerb, um davon zu subsistiren, zu Leben, doch das Mittel selbst ist die Gefahr, also gerade das Gegentheil von dem, was bezweckt wird; Tapferkeit, Muth tritt nun innerhalb des Gewerbes ein, und List ist zugleich mit Tapferkeit verbunden: das Meer ist einerseits nachgebend, die Oberfläche ist beweglich doch wechselt es dann wieder mit einer elementarischen Furchtbarkeit ab; der Mensch setzt ihm ein einfaches Stück Holz entgegen und verläßt sich nur auf seinen Muth, auf seine Geistesgegenwart und so geht er vom Festen auf ein Haltungsloses,

4 nur das … trennend] Ak: Die Gebirge sind das Trennende, die Naturgrenze. 10 Jonien gehörten zusammen] Wi: Jonien. Süd Europa ist in engster beziehung immer gewesen mit Nord Africa 14 Mittelpunkt] Wi: ein solcher Mittelpunkt der Welt Geschichte 17 Das Meer] Wi: Eigenthümlicher Charakter den das Meer seinen Anwohnern gibt, das Meer Hn: | Die Nachbar22–23 das Meer … 35 schaft des Meeres gibt verschiedene Beschäftigungen den Menschen. Das Meer hinaus] Wi: Über das Sicheingraben in den Erwerb treibt das Meer hinaus. 26–27 und List … beweglich] Wi, ähnlich Ak: das | zugleich List gegen das weiche nur nachgebende (Wi: unorganisirte Ak: unzuverlaessige) Element 29 ihm] Wi: der Gewalt des Meeres 30 seine Geistesgegenwart] Wi: seine Kühnheit vom Festen … Haltungsloses] Wi: vom Ufer und Festen geht er auf 40 das Uferlose

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seinen Boden selbst mit sich führend; die Erfindung der Schiffahrt macht eben so der Kühnheit des Menschen als seinem Verstande die größte Ehre: Dieses Hinaus aus der Beschränktheit des Erdbodens um zu Erwerben, oder um zu Rauben, dieses Prinzip des Meeres fehlt den asiatischen Prachtgebäuden von Staaten, obgleich sie selbst an das Meer angrenzen wie zB. China. Die Thätigkeit, zu welcher das Meer einladet, ist eine ganz eigenthümliche; daher findet es sich denn, daß die Küstenländer meist immer von den Binnenländern sich absondern, | wenn sie auch durch einen Strom mit diesen zusammenhängen: so hat sich Holland von Deutschland abgeschlossen, obgleich der Rhein beide Länder verbinden sollte; eben so fließt auch die Donau durch verschiedene Länder; der Po fließt in der Lombardei, ergießt sich aber in das Meer beim Staate Venedig; Pohlen und Preußen hängt eben so durch die Weichsel zusammen, es sind aber getrennte Staaten; so ist auch Portugal das Uferland, obgleich es mit Spanien durch viele Flüsse zusammenhängt, die sich in ihm in das Meer ergießen. Nach diesen Angaben sind die 3 Welttheile zu betrachten; jeder derselben theilt sich von selbst in drei Formen, auf eine mehr oder weniger bestimmte Weise. In A f r i k a haben wir Egypten, wo der Nil das Bestimmende ist, als Thalebene; das eigentliche oder innere Afrika stellt sich uns dann als ein Dreieck dar; die nördliche Küste von Afrika wird von dem Inneren durch die Wüste Sahara und den Niger abgeschnitten. Die 2 andren Seiten machen die Ufer von Afrika nach Westen und nach Osten; doch machen sie nicht förmlich, jede für sich, eine gerade Linie; besonders biegt sich das westliche Ufer weit ein und bildet die Bucht bei Guinea; Afrika hat schmale Küstenstrecken, doch dann erheben sich hinter diesen hohe Gebirge, von denen herab große Ströme sich in das Meer ergießen, aber es bilden sich keine Thalebenen; es ist nur ein schmaler Küstensaum, und dahinter Gebirge; in der Nähe dieser Gebirge ist eine unge-

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3 aus der … Erdbodens] Wi: aus der beschränkten Bürgerlichkeit innerhalb der Industrie und des Erwerbs Ak: aus der bürgerlichen Beschraenktheit 5 China] Ak: China und Indien 8–10 so hat … sollte] Wi: so zb. war es mit dem Rhein, der für die Franken und Germanen Mittelpunkt war; das Land des Ausflusses war Holland, das sich von deutschland 30 abgesondert 13–14 so ist … zusammenhängt] Wi: So auch Spanien und Portugal, an denselben Flüssen aber das Eine ist binnenland. 15–16 Nach diesen … Weise.] Hn: So wie wir drei elementare Unterschiede aufgewiesen haben, so theilt sich jeder Welttheil an ihm selbst in drei Theile, mehr oder weniger bestimmt. 15 3 Welttheile] Wi: 3 Weltheile der Alten Welt 16 bestimmte Weise] Wi: bestimmt. Africa, Asien und Europa liegen vor uns. 17 Egypten] Wi: zu- 35 erst Ägypten das zu den Thalebenen gehört 23 Afrika] Ak: Dieses Land, das eigentliche Afrika Küstenstrecken] Ak: Küstenstriche Wi: Küstenstreifen 25 Thalebenen] Ak: Thalebenen, die das zweite Princip machten 25–26 es ist … Gebirge] Wi: diese Flüsse machen nicht möglich zu Schiffe einzudringen. Ihre beete sind ohne Tiefe und die ungeheuren Catarakte verhindern solche Communication. 40 39 beete lies Betten

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heure Vegetation und viel Sumpfland, wo sich das mächtigste Gethier auf hält; innerhalb der Gebirge ist der Wohnsitz der Neger. Der dritte Theil ist das nördliche | Afrika, im Norden von der Wüste Sahara; dieser Theil von Afrika hat sich allein, wenn wir Egypten ganz für sich lassen, in Beziehung gesetzt nach Außen mit Europa so, daß man es selbst zu Europa gerechnet hat, wie man Spanien das Afrikanische Europa genannt hat: schon Carthago stand in dieser ungeheuren Handelsverbindung mit der ganzen bekannten Erde. Das innere Afrika ist das Hochland, doch ist uns dieß fast ganz unbekannt; die Ströme die von jenen das Uferland vom Inneren abschließenden Gebirgen herabfließen, und das Uferland durchschneiden, erleichtern auch nicht, wie man erwarten sollte, den Eintritt ins Land; denn es finden sich hie und da Stromschnellen, die ihn unmöglich machen. A s i e n ist eben so in 3 Theile unterschieden: Zuerst das Asiatische Hochland ist der Sitz der Reitervölker; dann die vielen Thalebenen, die wir schon oben erwähnt haben, China, Indien, Mesopotamien, dann eben so die Ebenen am caspischen Meer, östlich Gihon und westlich Sihon durch den Khur und Araxes gebildet. Das Küstenland, das Land der Beziehung, Verbindung ist der syrische Küstensaum, doch ist dieser schmal und hat bald hinter sich Gebirge. Tyrus und Sidon sind diese große Handelsstädte Syriens, die sich schon frühzeitig dem Hinaus des Meeres ergeben haben: außerdem sind auch noch andre Küstensäume in Asien, auch China treibt Schiffahrt, die Araber sind auch tapfere Seehelden gewesen; doch dieß ist unbedeutend und untergeordnet. E u r o p a theilt sich auch so in diese Formen, aber nicht auf eine so abstracte Weise, wie die beiden | angeführten Welttheile; es ist schon der Theil von Europa erwähnt worden, der sich südlich von den Alpen, dem Hämus und den Pyrenäen befindet, er ist das Vermittlungsglied in der Weltgeschichte; der andre

1 wo sich … auf hält] Wi: wo Löwen, Schlangen und diß übrige mächtige Gethiere seinen Platz hat und sammt der Sumpfluft das Land gefährlich macht für die Europaer 3 Afrika1] Wi: Africa, welches das eigentliche Uferland ausmacht Sahara] Ak: Sahara. Dieses macht das eigentliche Ufer4–5 nach Außen mit Europa so] Ak: nach aussen gesetzt hat. Denn das Küstenland ist 30 land aus. immer in Verbindung gewesen mit Europa 6 das Afrikanische Europa] Hn: das europäische Afrika 9–12 die Ströme … machen] Ak: Von letztern ganz aus dem Innern kommen und fallen maechtige Ströme, die aber das Eindringen ins Innere nicht erleichtern; denn die betten des Flusses haben keine Tiefe, es giebt ungeheure Cataracten etc. 13 Asiatische Hochland] Ak: ungeheure 14 der Reitervölker] Ak: der Mogolischen Reitervölker 15 Mesopota35 asiatische Hochland mien] Wi: Babylon, Mesopotamien 17 Das Küstenland, … Verbindung] Ak: Das dritte ist dann wieder der Theil der Verbindung 18 Küstensaum] Wi: Küstensaum und Klein Asien das Land der Vermitelung 20–21 außerdem sind … Asien] Hn: und das kleinasiatische Land, es ist das Land der Vermittlung 22 gewesen] Wi: gewesen, auch China hat Schiffahrt untergeordnet] 40 Ak: untergeordnet, (den Indiern ist es verboten, zur See zu gehen) der Hauptpunkt der Vermittelung ist Syrien und Kleinasien 23 Formen] AkWi: drei Formen 26 Vermittlungsglied] Ak: Vermittelungsland

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Theil sind die Binnenländer Frankreich, Deutschland, England, die nordischen Reiche und dann gegen Osten Ungarn und Polen, dieß sind jedoch slavische Staaten, die sich dann weiter durch das südliche Rußland in den Ebenen des Don bis zum Uralgebirge ausdehnen; diese östlichen Theile sind das Land der Steppen überhaupt. In Europa sind, wie schon gesagt, diese Unterschiede nicht so bestimmt; die Bestimmung der Naturgewalt ist nicht so mächtig; die Naturformen sind mehr vermischt, und diese Vermischung macht eben das Ausgezeichnete des Europäischen Lebens aus. Wir gehen zunächst an die Betrachtung von A f r i k a , um es nachher, wie Amerika, nicht mehr zu erwähnen. –

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Das eigentliche Afrika, das als ein Dreieck bezeichnet worden, ist der Wohnsitz der Neger; dieser Theil der Welt ist hart in sich verschlossen geblieben für die Geschichte und für den Zusammenhang der übrigen Welt. Im 15ten und 16ten Jahrhundert haben die Portugiesen die südlichen Küsten von Afrika entdeckt, wie die Spanier Amerika, sie haben weder im Muth noch in der Tapferkeit den Spaniern nachgestanden, eben so wenig in den Mitteln; sie waren im Verhältniß eben so zahlreich gewesen; auch haben sie sich an mehreren Orten festgesetzt: im Westen in Guinea und Loango | im Osten in Moçambique, und sind von da aus weiter in’s Land gedrungen, doch sie haben nur sehr wenige Afrikaner unterjochen können; denn der Charakter der Neger ist das ganz Unbändige; keine Cultur schließt sich in ihrem Innern auf und von Außen lassen sie nichts an sich herankommen; ihr Land ist ein verschlossenes Goldland, ein Kinderland; der Tag des Bewußtseyns hat diese dunkle Nacht, die schwarz wie die Farbe der Bewohner ist noch nicht erleuchtet; sie ist noch dieselbe, als in der Zeit Herodot’s. Wiederholentlich haben die Europäer versucht ins Innere einzudringen, um daselbst Handelsverbindungen anzuknüpfen; sie haben dasselbe ungeheuer bevölkert gefunden, in viele Völkerschaften getheilt, wovon die eine

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1 sind die Binnenländer] Wi: ist das binnenländische Europa 4 Uralgebirge] Wi: Ural und das Kaspische Meer 10 nicht mehr zu erwähnen] Ak: um es auszuschliessen von der Weltgeschichte, 30 wie Amerika 15 die südlichen … Afrika] Ak: einzelne Küstenlaender 16 entdeckt] Wi: umstreift und erobert 17 den Spaniern] Ak: den Spaniern in Amerika Mitteln] Wi: Mitteln wie europäischer Kriegskunst 22–23 keine Cultur … herankommen] Wi: das sich von innen und von außen einer Civilisation verschlossen hat 24–25 der Tag … erleuchtet] Wi: und in der schwarzen Farbe in der Nacht der bewußtlosigkeit verschlossen geblieben 35 12 Das eigentliche Afrika] in Hl ohne Überschrift und Absatz innen noch

33 sich von innen und] weder von

philosophie der weltgeschichte · afrika

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mit der andern beständig im Krieg begriffen ist. Das Einzige, was die Neger einiger Bildung annähert ist der Mohametanismus, die Muhametaner verstehen es viel besser als die Europäer ins innere Land einzudringen; so haben die Europäer in Dahomey in Guinea Mauren und muselmännische Handelsleute angetroffen, die weit im Inneren umher gereist waren. – Was den Charakter der Neger anbetrifft, so ist zu sagen, das er den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit darstellt und repräsentirt; die höchste Unbändigkeit ist der Charakter des Negers; von aller Ehrfurcht, Sittlichkeit, kurz von allem Menschlichen, von Allem dem, das Gefühl heißt, muß man abstrahiren, wenn man ihn richtig auffassen will; wenn man den Zustand der Negervölker betrachtet, so ist darin nichts Anklingendes an irgend etwas Menschliches zu finden. | Die weitläufigen Berichte der Missionarien bestätigen durchaus, was hier in Ansehung des Charakters der Neger gesagt worden. Dieser und überhaupt die Stufe der Cultur, auf der sich die Neger befinden, läßt sich dann näher in ihrer Religion erkennen: das Erste, was wir uns bei dieser vorstellen ist das Bewußtseyn des Menschen von einer höheren Macht, (wenn diese auch nur als Naturmacht gefaßt wird) gegen die der Mensch sich als ein Schwächeres, Niedrigeres stellt; die Religion fängt mit dem Bewußtseyn an, daß es etwas Höheres gebe, als der Mensch; doch was die Neger anbetrifft, so hat sie schon Herodot dadurch dargestellt, daß er sagt, sie seyen alle Z a u b e r e r ; denn in der Zauberei eben ist nicht die Vorstellung von einem Gott, von einem sittlichen Glauben vorhanden, sondern die Zauberei stellt dar, daß der Mensch die höchste Macht ist, daß er allein befiehlt; er verhält sich befehlend gegen die Naturmacht; es ist also nicht von einer geistigen Verehrung Gottes, noch von einem Reiche des Rechts die

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25 1 im Krieg begriffen ist] Ak: im bestaendigen Kriege begriffen ist, das aber weder sich selbst in

Verbindung mit dem Aussenlande gesetzt, noch eine solche Verbindung zugegeben Wi: bekriegt und unterjocht. Es ist ein ganz von Menschen volles Land das keine Verbindungen von Außen zugegeben hat. 1–2 Das Einzige, … Mohametanismus] Ak: Der Muhamedanismus dringt von Norden her immer weiter hinein 5–8 Was den … Negers] Ak: Der Zustand theils nach der sittli30 chen, theils nach der politischen Seite ist der Naturzustand, Wildheit in aller Unbaendigkeit, Sittengesetze, Religion, Menschliche Gefühle pp. 5–6 den Charakter der Neger] Wi: den sittlichen und politischen Zustand der Africaner 8–10 von aller … will] Ak: Alles dies bleibt weg, und von allem dem findet sich nichts Sympatisirendes. 8 Ehrfurcht] Wi: Achtung, Ehrfurcht 10–11 wenn man … finden] Wi: Alle Europaeische Vorstellung, Gefühle, Grundsät11–12 Die weit35 ze, Religion, Sittlichkeit müssen wir wegwerfen um diese Völker zu begreifen. läufigen … Missionarien] Wi: | die Geistlichen, die zu den verschiedenen Mönchsorden gehören und andere Engländer 15 das Erste, … vorstellen] Wi: die Religion auf der niedrigsten Stufe 17–19 die Religion … Mensch] Ak: Die Religion im Allgemeinen ist das Gefühl, Bewußtsein der Abhaengigkeit von einer höhern Gewalt, gegen die der Mensch niedriger ist; sie 40 faengt an in dem Abtrennen des Bewußtseins, daß das Substantielle, das An und für sich Seiende über der menschlichen Natur stehe. 17 ein] eine

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Rede. Gott donnert und wird doch nicht erkannt; für den Geist des Menschen muß Gott mehr seyn als ein Donnerer, dieß zeigt sich bei den Negern, Gott ist bei ihnen nicht ein Geistiges; und obgleich sie sich der Abhängigkeit von dem Natürlichen bewußt sind, denn sie bedürfen des Gewitters, des Regens, des Auf hörens der Regenzeit, so führt sie das doch nicht zum Bewußtseyn von einem Höheren; sondern sie sind es, die den Elementen befehle ertheilen und das ist die Zauberei. Die Könige haben eine Klasse von Ministern, durch die sie die Naturveränderungen befehlen lassen; | eben so hat jeder Ort seinen Zauberer, Chitome, der gezwungen wird, sobald man es verlangt, der Natur zu befehlen: diese stellen dann besondere Ceremonien an, machen allerhand Bewegungen mit Stäben, führen Tänze auf, betäuben sich durch Getränke, durch Lärm, durch Geschrei und theilen dann in dieser Betäubung ihre Befehle aus; dieß ist auch die Grundlage von ihrem religiösen Bewußtseyn: in so fern sie nämlich das Bewußtseyn von Naturumständen haben, daß der Mensch dadurch einer Menge von Zufällen ausgesetzt ist; sie machen sich demnach die Macht auch objektiv in ihrem Bewußtseyn, doch nicht als Selbstständiges, an und für sich Seyendes, in der Ve r e h r u n g d e r F e t i s c h e (portugisisches Wort). Der Fetisch ist der nächste beste Gegenstand, den sie creiren zu ihrer Gottheit, sie opfern derselben und beten sie an, doch ist dabei immer das überwiegende Bewußtseyn, daß sie selbst den Fetisch gemacht haben, er bleibt deßwegen immer in ihrer Willkühr; die Kunst creirt auch ein Solches, dennoch galt es bei den Griechen als ein Selbstständiges als ein an und für sich Seyendes; bei den Afrikanern bleibt dieses von ihnen zur Gottheit Geschaffene ein Solches, das in ihrer Gewalt bleibt; denn, wenn ihnen etwas begegnet, das der Fetisch nicht abgewendet hat, so zerstören sie ihn und schaffen ihn ab, indem sie sich zugleich einen andern creiren. – Was aber auch schon auf etwas Höheres bei den Negern hinweist ist der To d t e n d i e n s t ; in welchem ihre verstorbenen Voreltern und

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3–6 obgleich sie … Höheren] Ak: Das Bewußtsein der Abhaengigkeit von der Natur selbst ist zwar vorhanden, z.B. sie wissen, daß sie von Regen pp abhaengen. Aber selbst diese Ab|haengigkeit erkennen sie nicht an 7–8 durch die … lassen] Wi: die dem Regen und winde gebieten 11 Stä- 30 ben] Wi: Stäben in die Luft. An diese Priester wenden die Africaner sich wegen dieser bedürfnisse[.] Wenn Mißwuchs ist zwingen, binden, prügeln die bewohner eines dorfes den Zauberer, daß er Regen schaffe. 14–15 von Naturumständen … ist] Wi: ihrer Abhängigkeit von einer Naturmacht haben (wenn sie zb durch einen Fluß schwimmend von einem Crocodill verschlungen werden können) 16 objektiv] Wi: objectiv (als Gegenstand) 17 Seyendes] Wi: Seyendes, sondern 35 diß ist etwas subjectives 18 den sie … Gottheit] Wi: den sie zu ihrer Macht creiren Ak: den sie als Zeichen ihrer Macht gleichsam verehren 20 daß sie … haben] Wi: daß es ein von ihnen so gesetztes ist 21 ein Solches] Wi: einen Gott zb. Phidias den Jupiter, den Vater der Menschen und Götter 23 von ihnen … Geschaffene] Wi: von ihnen Creirte 24 Gewalt bleibt] Wi: Gewalt eingeschlossen – sey es eine Heuschrecke, Stein, Vogel, Baum 25 so zerstören … ab] Ak: so 40 bringen sie es, wenn es etwas Lebendiges ist, um

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ihre Vorfahren ihnen als eine Macht gegen die Lebendigen gelten: | sie haben dabei die Vorstellung, daß diese sich rächen und den Menschen dieß und jenes Unheil zufügen, in dem Sinne, wie dieß im Mittelalter von den Hexen geglaubt wurde; doch ist die Macht der Todten nicht über die der Lebendigen geachtet, denn die Afrikaner befehlen ihren Todten und bezaubern sie oder zwingen ihre Chitome sie zu bezaubern; auf diese Weise bleibt das Substantielle selbst in der Gewalt des Subjekts. Die Neger haben ferner den Glauben, daß der Mensch n i c h t n a t ü r l i c h sterbe und sie schreiben auch die Ursachen und den Verlauf der Krankheiten nicht natürlichen Ursachen zu: so wie im Mittelalter alles Uebel den Hexenmeistern zugeschrieben wurde; eben so sehen die Neger alles für Zauberei an, die von Feinden oder von den Todten herkommt, sie wenden sich daher an ihre Zauberer um sie an ihren lebendigen Feinden zu rächen oder um die Todten zu strafen; es liegt darin die Hoheit des Menschen über die Natur, aber so, daß der zufällige Wille des Menschen höher steht als das Natürliche, daß er dieses als das Mittel ansieht, dem er nicht die Ehre anthut es nach seiner Weise zu behandeln, dem er befiehlt: der Wille des Menschen ist demnach als das Höchste gesetzt; es ist keine Achtung vor einem wahrhaft Höheren vorhanden; es folgt daraus, daß die Menschen gegen sich selbst keine Achtung haben: erst mit dem Bewußtseyn eines höheren Wesens erlangt der Mensch einen Werth, und damit tritt | eine wahrhafte Achtung ein. Bei den Negern ist nun diese Ve r a c h t u n g d e r M e n s c h e n gegeneinander vorhanden und diese Verachtung ist die Grundbestimmung nach der Seite ihres Rechts und ihrer Sittlichkeit; die vollkommene Nichtachtung alles Menschlichen geht auf eine schauderhafte Weise weit: denn die Menschen haben nicht jene physische Scheu vor einander, daher ist es ganz gewöhnlich bei den Negern Menschenfleisch zu

5–6 zwingen ihre … bezaubern] Wi: bezwingen jene (sc. die Toten), indem sie sie herbeirufen pp. 8 sterbe] Ak: stirbt, nicht im Laufe der Natur stirbt 9–10 so wie … wurde] Wi: (eben wie die Frauen ja oft sagen: das ist nun einmal so gekommen) sie glauben daß Hexen dieß verursachen 10–13 eben so … strafen] Wi: Wenn einer ertrinkt oder vom blitz erschlagen wird 30 so leitet man diß von den Götzen oder Todten her, sie zwingen den Zauberer, daß er jene strafe, wenn er nicht gütlich will. 14–17 aber so, … gesetzt] Wi: der gebildete Mensch bringt es d u r c h e i n e R e i h e v o n Ve r m i t t l u n g e n in der Herrschaft über das Natürliche sehr weit. 15–16 dem er … behandeln] Ak: aber ohne dessen specifische Eigenthümlichkeit zu achten 17 wahrhaft] Wi: selbstständig 18 es folgt daraus] Wi: diß ist die religiöse Seite und 19–22 erst mit … Verachtung] Wi: | So sehr auch durch unsere Religion der 35 daraus folgt Mensch sich zum Gefäß der Demuth machen soll, so muß er doch als solches um so höher geachtet werden. dadurch hat der Mensch wirkliche Achtung erlangt. Sofern diß nicht ist, ist Verachtung des Menschen unter einander. – diß 19 eines höheren Wesens] Ak: des Höhern, des Erhabenen, des wahrhaft geistigen Gottes 40 30 her] herkomt

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essen; Gefangene werden zu Hunderten geschlachtet und ihr Fleisch wird auf den Märkten verkauft, (In dem Mittelalter geschah dieß auch einige Mal zu Zeiten großer Theuerung) auch bei den Zaubereien kommt es nicht selten vor, daß der Chitome in seiner Betäubung den Nächsten, Besten ermordet, und daß dieser denn unter die Gesellschaft zum Fraß vertheilt wird: das Herz des getödteten Feindes wird gewöhnlich vom Sieger aufgefressen. Die Achtung des Menschen, die mit dem Bewußtseyn eines Höheren eintritt, dehnt sich zugleich auch auf das Physikalische aus, und es ist nicht bloß eine Naturscheu gegen das Menschenfleisch bei den gebildeten Völkern sondern auch eine sittliche Scheu. – Einen Grundzug in der Charakteristik der Neger gibt uns die S k l a v e r e i , die bei ihnen angetroffen wird. Die Neger werden als Sklaven von den Europäern fortgeschleppt und als bloße Sache behandelt: aber ihr Loos ist fast noch schlimmer in ihrem eigenen Lande; die Sklaverei hängt damit zusammen, daß der Mensch das Bewußtseyn seiner Freiheit noch nicht hat und damit | wird er zu einer Sache, sinkt er zu einem Werthlosen herab; die sittlichen Empfindungen in der Familie sind vollkommen schwach oder zum Theil gar nicht vorhanden bei den Negern, die Eltern verkaufen ihre Kinder, und diese ihre Eltern sobald sie ihrer habhaft werden können; die Sklaverei ist durchgreifend und hebt alle sittliche Bande und sittliche Achtung, die wir gewohnt sind gegen einander zu haben oder von einander zu fordern, auf. Weil der Mensch nun so gar nichts bei den Negern gilt, so wird bei ihnen nicht sowohl Verachtung des Todes als die höchste N i c h t a c h t u n g d e s L e b e n’s angetroffen, denn dieses hat nur 1 Hunderten] Wi: tausenden 2–3 (In dem … Theuerung)] Hn: Auch in Europa ist dieses im südlichen Italien und Frankreich im Mittelalter, aber zur Zeit der Theuerung, öffentlich auf den Märkten geschehen. zu Zeiten großer Theuerung] Wi: bei Hungersnoth 9 eine sittliche Scheu] Ak: ein sittlicher auf jener Achtung vor dem Menschen beruhender Abscheu 12 fortgeschleppt] Ak: nach Amerika als Sclaven verkauft 12–13 aber ihr … Lande] Ak: damit geht es ihnen aber noch viel besser, als in ihrem eigenen Lande Wi, ähnlich Hn: Es geht ihnen aber dort nicht schlimmer sondern besser als in ihrem eigenen Lande. 16 gar nicht] Wi: ganz und gar nicht 17–18 die Eltern … können] Wi: Eltern, Kinder, Gatten, Verwandte verkaufen einander. Von einem Congo wird erzählt, er sey in Verzweiflung, er sey jetzt ohne alle Mittel, er habe Eltern, Geschwister, Verwandte, er habe alle, alle verkauft! 19 sittliche Bande] Ak: sittliche Bande und Gefühle der Natur 20–21 gar nichts … gilt] Wi: nichts Werth ist 22 L e b e n’s angetroffen] Ak: Lebens, mit der sie es leicht hinwerfen, und jene grosse Tapferkeit, die noch von grosser physischer Staerke unterstützt ist. Heere von 100,000. führen sie gegeneinander in Schlachten von acht Tagen, wo ein Metzeln und Morden ist 22–1227,5 denn dieses … Gegentheil)] Wi: Wenn es einem König einfällt seinem verstorbenen Vater etwas zu berichten tödtet er einen aus seiner Umgebung mit dem Auftrag dem Vater seines Herrn dieß oder jenes mitzutheilen, ihn zu befragen und dergleichen. Ihre Leidenschaften sind stärker als die Liebe zum Leben. die Nachbarn der Engländer haben vor 15 oder 18 Jahren die besitzungen angegriffen, in denen nur 8 Soldaten und 2 Offizire waren. sie sind von 1000den überfallen und diese stellten sich vor die Mündung der Canonen. der eine Offizir mußte seinen Arm in einer binde tragen vor Müdigkeit vom Schießen. Ihre Schlachten dauern an 8 Tagen mit ungeheurem Gemetzel

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einen Werth, wenn es Etwas zum Zweck hat und wenn es etwas Würdiges zum Zweck hat; daher schreibt sich denn auch die außerordentliche Tapferkeit der Neger die von einer ungeheuren physischen Stärke unterstützt ist, denn es ist eine falsche Vorstellung daß die Hitze den Körper schwäche (schon die Neapolitanischen Lazzaroni beweisen das Gegentheil). – Von Verfassung kann, nach dem, was wir bis jetzt gesehen haben, daß nämlich alle Pflichten bei den Negern auf hören, oder vielmehr gar nicht vorhanden sind, nicht die Rede seyn; doch gibt es auch S t a a t e n bei den Negern wenn man es so nennen will: es steht Ein Herr an der Spitze, denn sinnliche Rohheit kann nur durch despotische Gewalt zusammengehalten werden; jedoch die Untergebenen sind eben so Menschen von unbändigem Willen: der Herrscher übt die höchste Willkühr gegen sie aus, doch sie halten ihn eben so wieder in | Schranken. Ein Häuptling steht an der Spitze und unter ihm stehen wieder viele andere Häuptlinge; ungefähr so, wie wir in Homer den Agamemnon an der Spitze stehen sehen und unter ihm die andern Heerführer: in demselben Verhältniß standen die deutschen Kaiser zu ihren Fürsten. Der König, so wollen wir den ersten Häuptling nennen, berathet sich mit den angesehensten Häuptlingen und er muß bei Auferlegung eines Tributs und der Unternehmung eines Krieges die Einwilligung derselben erlangt haben: dabei hat er nun mehr oder weniger Autorität sich zu verschaffen gewußt, die Häuptlinge die er fürchtet oder die ihm im Wege stehen, sucht er bei Gelegenheit durch List oder Gewalt aus dem Wege zu räumen. Die Könige haben jedoch einige Vorrechte außer ihrer größeren Macht vor den Häuptlingen. In Aschantee erbt der König alles hinterlassene Gold seiner Unterthanen: in Dahomey gehören alle Mädchen dem Könige an und wer eine Frau haben will muß sie ihm abkaufen. Es geschieht aber auch sehr häufig, daß die Neger ihren König absetzen und umbringen. In Dahomey ist es der Brauch, daß die Neger, wenn sie unzufrieden sind, ihrem Könige Papageyen-Eier zuschicken, um ihm damit anzuzeigen, daß sie seiner Regierung überdrüßig sind; oder sie schicken eine Deputation an ihn, welche ihm sagt: die Last der Regierung müsse ihn, wie sie glaubten, sehr beschwert haben, er möge ein wenig ausruhen; darauf begibt sich der König in sein Schlafzimmer, legt sich nieder und befiehlt seinen Frauen ihn zu erdrosseln: sein Sohn folgt | ihm dann in der Regierung. In früherer Zeit haben sich die G i a -

8–11 es steht … Willen] Ak: aber Despotien, Herrscher, Tyrannen in unbaendiger Willkühr, aber auch über Unterthanen von unbaendiger Willkühr 12–13 Ein Häuptling … Häuptlinge] Wi: 35 Ein Herr mit der politischen Gewalt steht an der Spitze, Scheiks, Sultane. die ihnen Untergebenen sind ebenso willkührliche Menschen mit unbändigem Willen. Andere Häuptlinge sind solchen Fürsten untergeben 16 Der König] Wi: der fürst 17 Häuptlingen] Wi: Häuptlingen ( den Capuzäern) 30 haben] Wi: habe, das Volk danke ihm für seine Sorge 37–38 den Capuzäern Lesung fraglich

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g u e n besonders durch ihre Eroberungen berühmt gemacht; es war dieß ein bloßer Weiberstaat, eine Frau stand an der Spitze und führte ihn an: die schwangeren Weiber mußten sich außerhalb des Lagers begeben, und hatten sie einen Sohn geboren, diesen entfernen: dieser berühmte Staat hat sich später verloren, in den Ayos glaubt man seinen Nachkommen zu finden. – Das Amt des Scharfrichters wird in allen Negerstaaten für sehr hoch und wichtig gehalten: der Scharfrichter befindet sich beständig an der Seite des Königs, der durch ihn die ihm Verdächtigen aus dem Wege räumen läßt, aber eben so ist der Scharfrichter dazu da den König, sobald es die Fürsten verlangen, zu tödten. Der König verfährt auf verschiedene Weise, die Großen, die ihm verdächtig sind, umzubringen: eine Art ist die, daß er fürchterliche Metzelei in seinen eigenen Staaten anstellen läßt, indem er den Fanatismus der Neger erregt, dieser Fanatismus ist dann vollkommen wild und fürchterlich; (so haben sich die Neger im 15ten und 16ten Jahrhundert von Innen heraus auf die Küstenländer gestürzt; eine große Bewegung scheint vorhergegangen zu seyn, denn sie haben auf die gräulichste Art gewüthet, obgleich sie im Zustand des Friedens äußerst sanftmüthig sind.) wenn nämlich in Aschantee, erzählt ein Englischer Reisender, der Krieg gegen einen Nachbarstaat beschlossen ist, so werden allerlei feierliche Ceremonieen angestellt: so z.B. wurden die Gebeine der Mutter des Königs mit Menschenblut abgewaschen: bei dieser Gelegen|heit nun beschloß der König einen Ausfall auf seine eigene Hauptstadt zu machen, um sich einigermaßen in Wuth zu setzen, als Vorspiel des Krieges, der gegen die Feinde beginnen sollte: der König ließ dem Engländer sagen: „Christ wache über deine Familie, denn der Todesengel ist ausgeschickt worden: wenn dir’s gefällt, so komm zu mir und du hast nichts zu fürchten“. Ein allgemeines Blutbad begann nun, Alles was den durch die Straßen wüthenden Negern aufstieß wurde durchbohrt; bei solcher Gelegenheit ist es

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5 Das Amt] Wi: | diese Revolution ist fortdauernd. das Amt 9 zu tödten] Wi, ähnlich Ak: aus dem Wege zu räumen, in vielen Staaten stirbt der Fürst gar nicht anders. (Wi: Clapperton hat sich die bekanntschafft mit solchem Minister gemacht. 10 die ihm … umzubringen] Wi: einen Unangenehmen aus dem Wege zu räumen 12–13 dieser Fanatismus … fürchterlich] Wi: die Neger sind freilich sonst 30 von Natur gutmüthig und sanft aber die einzelnen und das ganze Volk kann dann außer sich gebracht werden 14 große] Ak: grosse und furchtbare 15–16 denn sie … gewüthet] Wi: Nach den beschreibungen von diesen Einfällen kann es nichts Fürchterliches und Abscheulicheres geben. 17 ein Englischer Reisender] Wi: Hudchinson 18 beschlossen ist] Wi: wird mit den Häuptlingen der Krieg beschlossen 19 der Mutter] AkWi: der Mutter und Schwester 19–20 mit Menschenblut abgewa- 35 schen] Wi: Menschen wurden geopfert und mit ihrem blut die Gebeine abgewaschen 21–22 um sich … sollte] Ak: um sich in die muthige Stimmung gegen auswaertige Feinde zu setzen. Wi: der bote wurde ausgesendet in die eigne Stadt des Fürsten wo er sich erst fanatisirte, wie wenn Europaeische Krieger ehe sie in den Krieg ziehn die Schwerdter in die Luft schwingen und hinein hauen. 25–26 Ein allgemeines … durchbohrt] Wi: In der Nacht darauf zogen die Offizire mit Messern durch die Straßen 40 und durchstachen alles was sie trafen. diese Wuth dauert mehrere Tage. 28 nicht] nichts

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nun, daß der König alle die, welche ihm gehässig oder verdächtig sind ermorden läßt und die ganze That nimmt den Charakter einer heiligen Handlung an. – Auch wenn der König stirbt, so ist alle Bande der Gesellschaft zerrissen; in seinem Pallast fängt die allgemeine Zerstörung und Auflösung an: sämtliche Weiber des Königs (in Dahomey ist ihre bestimmte Zahl 3333) werden ermordet und in der ganzen Stadt beginnt eine allgemeine Plünderung und ein unerhörtes Gemetzel: daraus läßt sich doch sehen, daß die Person des Königs sehr viel für die Ruhe im Staate vermag. – Es ist also der Charakter der Unbändigkeit, den wir in den Negern sehen: und so wie wir sie jetzt kennen, so ist ihr Zustand zu jeder Zeit gewesen: Europäische Kultur, Geschicklichkeit, Kunst, Tapferkeit hat nichts über sie vermocht; der einzige Zusammenhang, den die Europäer mit den Negern gehabt haben und noch haben ist der Zusammenhang der Sklaverei; |und gerade die welche diesen schändlichen Handel verboten haben, wie die Engländer, werden von den Negern selbst als Feinde behandelt: denn es ist ein Haupterwerb für die Könige ihre gefangenen Feinde oder auch ihre eigenen Unterthanen zu verkaufen, und in sofern hat der Sklavenhandel mehr Menschlichkeit unter die Neger gebracht, als sie nun ihre Gefangenen nicht mehr ermorden sondern verkaufen. Die Sklaverei ist an und für sich unrecht, denn das Wesen des Menschen ist die Freiheit, doch muß er erst dazu reif werden und wenn die Europäer anerkennen, daß die Sklaverei durchaus unrecht ist, so würden sie eben so unrecht handeln, wenn sie den Negersklaven augenblicklich die Freiheit schenken wollten: wie es die Franzosen zur Zeit der französischen Re1 welche ihm … sind] Wi: denen er nicht traut 2 die ganze … an] Wi: diß geht dann alles ungestraft denn es hat den Charakter einer h e i l i g e n Handlung. 3 alle Bande] Wi: aller Zusammenhalt alle bande Ak: aller bürgerliche Zusammenhang 4 an] Wi: an, alle Geräthschaften werden zerstört 5 werden ermordet] Wi: lassen sich ermorden durch ihre Sclaven 6–7 eine allgemeine … Gemetzel] Wi: allgemeines Morden der Privatrache, Plünderung diebstahl an allen Enden 7 die Person des Königs] Wi: die wilde Macht des Königs Ak: die Despotie der Könige 8 vermag] Wi schließt an: die beamten eilen dann möglichst schnell einen Nachfolger auszurufen, denn das Morden geht durch das ganze Land. In Tahome war es so der Fall. Es ist … Unbändigkeit] Wi: das sind die Grundzüge im Zustande der Neger überhaupt und ihres politischen Lebens, Charakter der Unbändigkeit, keiner Cultur fähig. 11 sie] Wi: diese Unbändigkeit der einzige Zusammenhang] Wi: Africa bleibt in dieser kriegerischen Unbändigkeit geschlossen, der einzige Zusammenhang 13–16 und gerade … verkaufen] Wi: Die Völker Europas die den Sclavenhandel treiben gelten bei bei den Fürsten als die besten Freunde, sie haben von ihnen die größten Revenuen. 16–18 mehr Menschlichkeit … verkaufen] Ak: auch ist dieser Sclavenhandel ein Bildungsmittel für sie gewesen, indem sie dadurch angewiesen wurden, ihre Feinde zu conserviren und sie nicht aufzufressen. Es sind vollkommen unerzogene, unbaendige Menschen; und Afrika stellt diese Form des Menschen, der eben nur von Natur frei ist, hauptsaechlich dar. Wi schließt an: Es ist diß eine Art Erziehung der Neger 20 die Europäer] Wi: Europäische Nationen als Christen 21 den Negersklaven] Wi: Negern die in ihrer Gewalt sind 22–1230,1 wie es … gezeigt] Wi: Wenn es geschieht ist es entsetzlicher zugegangen als in der französischen Revolution, und diese ist gegen den dort daraus entstandenen Zustand etwas unbedeutendes.

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volution gethan haben; die fürchterlichen Folgen haben sich gleich gezeigt; mit Recht verfahren daher die Europäer langsam mit der Freigebung der Neger. – Das nördliche Afrika hat keine selbstständige Rolle in der Geschichte zu übernehmen gehabt, wenn wir in der alten Zeit Karthago ausnehmen; Egypten werden wir später in der Reise des Menschengeistes von Osten nach Westen betrachten: außerdem zeigt sich uns nun Afrika als ein Geschichtsloses und Unaufgeschlossenes und nachdem wir es als ein solches auf die Seite gestellt haben, so befinden wir uns nun auf dem wirklichen Theater der Weltgeschichte und haben nun zuerst die Eintheilung zu machen und den weiteren Gang anzugeben. – |

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Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen: im Orient beginnt sie; für die Weltgeschichte ist ein Osten kbs‹wod n vorhanden, denn der Osten für sich ist etwas ganz Relatives; aber obgleich die Erde eine Kugel bildet, so macht die Weltgeschichte doch nicht einen Kreis um sie herum; sondern sie hat schlechthin einen bestimmten Osten und das ist Asien: da geht die äußerliche, physische Sonne auf und im Westen geht sie unter, doch hier ist es die innere Sonne, die Sonne des Selbstbewußtseyns, die einen hehren Glanz verbreitet. – Die Weltgeschichte ist die Zucht von der Unbändigkeit des natürlichen Willens zum Allgemeinen, zur subjektiven Freiheit: der Orient wußte und weiß nur, daß Einer frei ist; die Griechische und Römische Welt, daß Einige frei seyen, die Germanische Welt weiß, daß Alle frei sind. Die e r s t e Form, die wir in der Weltgeschichte sehen ist der D e s p o t i s m u s , jedoch nicht mit vollkommener

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2 langsam mit … Neger] Wi: langsam und stufenweise, die bändigung ihres Naturells muß vor ihrer wirklichen Freiheit vorausgehn. | die Unbändigkeit ist also in Africa zuhause, und Africa drückt aus diese Form des Menschen. 3 Das nördliche Afrika] Wi: Nachdem wir so die geographische beschaffenheit angegeben haben und zunächst Africa in seiner Eigenthümlichkeit gesehn haben ha- 25 ben wir diesen Welttheil abgethan. das Nord Westliche Africa 4 Egypten] Ak: das oestliche Afrika aber, Aegypten Wi: Freilich gibt es Punkte von Africa. Aegypten 5 Menschengeistes] Ak: Weltgeistes 8 auf dem … Weltgeschichte] Wi: auf dem boden der Welt Geschichte selbst 10 Osten] Wi: Süd Osten im Orient beginnt sie] Wi: Mit dem / M o r g e n l a n d , wo die Sonne aufgeht, dem Orient, müssen wir anfangen 12–13 Relatives; aber … herum] Wi: relati- 30 ves, denn für Frankreich sind wir Osten. Wir sind daran gewöhnt sofern die Erde Rund ist. Aber in der Welt Geschichte ist die Erde noch nicht rund, und der Anfang ist noch nicht in sein Ende zurückgegangen. 14 einen bestimmten … Asien] Wi: ein absoluter Osten. hinter diesem Osten liegt das stille Meer, es hat also einen unbedingten, unbestimmten Anfang. es ist ein unmittelbares Anfangen Ak: es existiert noch ein eigentlicher Orient. Das östliche Asien (das stille Meer pp) 35 faengt schlechthin an, d.h. es hat gar keinen geistigen Zusammenhang mit der übrigen Welt. 17 Die Weltgeschichte] Wi: (das Bewußtseyn ist gar nicht von haus aus im Menschen, sondern die Welt Geschichte 17–18 Unbändigkeit des … Freiheit] Wi: beschriebenen Unbändigkeit zur wirklichen Freiheit) 20 e r s t e ] AkHn: ursprüngliche 11 kbs’‹wod n] kbs’‹woxŸn

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Willkühr, die z w e i t e ist die D e m o k r a t i e und Aristokratie, die d r i t t e ist die M o n a r c h i e . – In Rücksicht auf das Verständniß dieser Eintheilung ist zu bemerken, daß die s u b s t a n t i e l l e F r e i h e i t wohl von der s u b j e k t i v e n F r e i h e i t zu unterscheiden ist; die substantielle Freiheit ist die Vernunft des Willens, diese Vernunft geht weiter hervor, in so fern sie sich im Staate entwickelt, dieß ist die Bestimmung der Vernunft, doch ist dabei noch nicht die eigene Einsicht, das eigene Wollen, die subjektive Freiheit vorhanden, nicht der Wille, der sich in dem Individuum selbst bestimmt, das Reflectieren des | Individuums in seinem Gewissen: sondern die Gesetze, die Gebote stehen an und für sich fest und gegen diese erhalten die Subjekte sich in vollkommener Dienstbarkeit; in so fern nun diese Gesetze ihren eigenen Gesinnungen nicht entsprechen, so sind die Subjekte dem Kinde zu vergleichen, das ohne eignen Willen und ohne eigne Einsicht den Eltern gehorcht: so wie aber die subjektive Freiheit aufgeht und der Mensch in seinen Geist heruntersteigt aus der äußeren Wirklichkeit, so tritt der Gegensatz der Reflection ein, welcher die Negation der Wirklichkeit enthält: es ist eine Entfernung von der unmittelbaren Gegenwart; dieß Zurückziehen enthält einen Gegensatz, welcher sich in ihm selber ausbildet; von diesem Gegensatz bildet die eine Seite, Gott, das Göttliche, das im Gedanken ist und diesem gegenüber steht das Subjekt als Besonderes; der Gott ist auch eine Substantialität aber als ein Geistiges. In dem unmittelbaren Bewußtseyn des Orients ist beides 1 D e m o k r a t i e und Aristokratie] Wi: Republik (democratie Aristokratie) 3–14 In Rücksicht … gehorcht] Ak: Um dies zu verstehen, ist der Unterschied zwischen der substantiellen Freiheit, d.h. der Vernunft des Willens, und der subjectiven Freiheit festzuhalten. Jene bringt hervor, daß die Gesetze des allgemeinen Willens festgehalten werden; sie bringt die sittlichen Bestimmungen hervor, die Gebote der Vernunft, aber es ist noch nicht die subjective Freiheit dabei, die Reflexion des Subjects in seine Innerlichkeit und sein Gewissen, die Freiheit des subjectiven Willens. Gegen jene Gebote der Vernunft kann das Subject durchaus in Sclaverei sein, d.h. ohne daß sein eigener Wille in und bei ihnen ist, z.B. der Gehorsam des Kindes p. 3 ist zu bemerken] Wi: muß man auf die 2 Formen der Freiheit aufmerksam seyn 6 geht weiter … entwickelt] Wi: treibt ihre Momente immer mehr und mehr hervor, so daß die Gesetze anerkannt werden müssen 8–9 nicht der … bestimmt] Wi: diß ist die 2 t e Form. diß ist der Wille der sich im Subject selbst bestimmt, es ist das Gewissen, der Orient hat kein Gewissen 12 Gesetze ihren … entsprechen] Wi: nicht Gesetze seines eigenen bewußtseyns sind 13–14 Einsicht den Eltern gehorcht] Wi: Einsicht. – diese 2 wesentlichen Momente sind wesentlich zu unterscheiden. 14 aufgeht] Wi: im Menschen aufgeht, geht der Mensch in sich unter 16 welcher die … enthält] Wi: ein Abtrennen in sich, daß der Geist so in sich niedergeht 16–17 es ist … Gegenwart] Ak: eine Entfernung von der aeussern Welt 19 ist] Ak: ist, ein geistiger Gott 21 als ein Geistiges] Wi: im Gedanken, dem steht gegenüber das besondere subject. Gott ist das substantielle und ist der Mittelpunkt und das subject gehört in die Peripherie 21–1232,3 In dem … gelegt.] Ak: Im Orient gilt das Substantielle (Gott,) als in aeusserlicher Gegenwart vorhanden, ist noch nicht in Gedanken, im Geiste, vorhanden. / Der Zweck des Geistes ist, daß er zum Bewußtsein seiner Freiheit gelange, und diese realisirt.

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ungetrennt, das Substantielle und das unmittelbare Seyn: das Substantielle unterscheidet sich auch gegen das Einzelne aber der Gegensatz ist noch nicht in den Geist gelegt. – Dieß war vorauszuschicken um die Eintheilung verständlich zu machen. – Der O r i e n t ist das, womit wir anzufangen haben: im Staatsleben finden wir daselbst die realisirte vernünftige Freiheit, die Entwiklung der Vernünftigkeit ohne zur subjektiven Freiheit in sich fortzugehen: das ist das K i n d e s a l t e r d e r G e s c h i c h t e ; eine substantielle Gestaltung | sind die Prachtgebäude der Orientalischen Reiche, in welchen alle diese vernünftigen Bestimmungen vorhanden sind, aber so daß die Subjekte nur Accidenzien; sie drehen sich um einen Mittelpunkt, um den Herrscher, der zunächst als Patriarch an der Spitze steht nicht aber als Despot im Sinne des Römischen Kaiserreiches sondern der das Sittliche und Substantielle geltend macht; im Chinesischen Reich sind die wesentlichen Gebote der Individuen gegeneinander vorhanden und der Kaiser hält sie aufrecht: es ist hier noch keine subjektive Freiheit, es ist nicht das vorhanden, was für uns wesentlich zur Freiheit gehört; ein solcher Staat ist wesentlich eine Theocratie, ein Reich Gottes: hier wo die geistige Welt noch nicht aufgegangen ist, da ist das Substantielle theils als rechtliche und sittliche Gebote theils als ganz Allgemeines; wir haben also hier noch ein unmittelbares Seyn und der Fürst, indem er an der Spitze steht, gilt für den höchsten Mittelpunkt in jeder Rücksicht: Substantialität ohne subjektive Freiheit. – Das Zweite ist das J ü n g l i n g s a l t e r der Welt; die g r i e c h i s c h e We l t . Hier ist auch das Sittliche Prinzip, aber das Sittliche als Sittlichkeit, als Prinzip, das der Individualität eingeprägt ist, so daß das Sittliche das freie Wollen der Individuen ist: da ist also 1 ungetrennt] Wi: getrennt 2–3 der Gegensatz … gelegt] Wi: das substantielle will in ä u ß e r l i c h e r Gegenwart vorhanden seyn, der Gegensatz ist noch nicht zum Geistigen erhoben. wo das Subject noch nicht in sich reflectirt ist in seinem Geist | Auch hier ist das Substantielle der Mittelpunkt und die Individuen Peripherie. 8–9 der Orientalischen Reiche] Wi: der orientalischen Welt Ak: des Staats 10 Subjekte nur Accidenzien] Wi: Individuen daran nur Accidienzien, nicht freie Subjecte in sich sind 12 nicht aber … Kaiserreiches] Wi: ein Despot 13–15 im Chinesischen … aufrecht] Wi: Könnte man abstrahiren von der subjectiven Freiheit so würde nichts vollkommneres seyn als China, die Gesetze gelten, und der Kaiser ist der Executor des Sittengesetzes, aber 16 solcher] AkWiHn: orientalischer 17 Reich Gottes] Wi: Reich Gottes, das ein weltliches Reich ist. unser Gott, der geistige Gott ist erst im innerlichen Gegensatz vorhanden die geistige Welt] Wi: diese innerliche Welt Ak: die innere geistige Gegenwart Hn: innerliche geistige Welt 19 Allgemeines; wir … Seyn] Ak: Allgemeines noch in dieser ungeistigen Weise als ein Vorhandensein. 19–20 der Fürst] Ak: Der Vorsteher, Executor des sittlichen Gesetzes 21 Substantialität ohne subjektive Freiheit.] Ak: Diese Substantialität ohne die subjective Freiheit /:Individualitaet:/ ist Character des Orient und der Kindheit der Geschichte des Menschengeschlechts. 22 der Welt; … We l t ] Ak: des Geistes, das griechische Reich 24 eingeprägt] Wi: angebildet das Sittliche … ist 2 ] Wi: die Gesetze ebenso das freie Wollen der Individuen, der Subjectivität sind

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die Vereinigung des Sittlichen und des subjektiven Willens; das Reich der schönen Freiheit, denn die Idee ist mit daseyender Gestalt vereinigt, sie ist noch nicht abstrakt für sich auf einer Seite, sondern sie ist unmittelbar vereint mit dem Wirklichen, wie | in einem schönen Kunstwerke das Sinnliche unmittelbares Gepräge, und Ausdruck des Geistigen ist; es ist demnach gesetzlose Harmonie, die Welt der schönsten Blüthe, aber einer vergänglichen und schnell vorübergegangenen Blüthe: es ist die unbefangene Sittlichkeit, noch nicht Moralität sondern freier Wille des Subjekts, und dieser will das Rechte, das Gesetz. – Das Dritte ist der Beginn der Reflection, des Gegensatzes, das Reich der abstrakten Allgemeinheit: es ist das R ö m i s c h e R e i c h , dem M a n n e s a l t e r zu vergleichen, das sich der sauren Arbeit für den Staat unterzieht. Der Staat fängt an, sich abstrakt herauszuheben, sich zu einem Zweck zu bilden, an dem die Individuen auch Antheil haben, aber nicht diesen durchgehenden, concreten; die freien Individuen werden der Härte des Zwecks aufgeopfert in diesem Dienste für das Allgemeine, das gegen die Individuen abstrakt zu werden anfängt. Das Römische Reich ist nicht mehr das Eigenthum der Individuen, wie es die Stadt Athen war: das Interesse löst sich ab von den Individuen, diese aber gewinnen an ihnen selbst die formelle abstrakte Allgemeinheit: das Allgemeine unterjocht die Individuen, sie haben sich in demselben aufzugeben, aber sie erhalten die Allgemeinheit, die Persönlichkeit; sie werden rechtliche Personen als Privatpersonen: die Individuen kommen also an ihnen selbst zu der Persönlich1 Vereinigung des Sittlichen] Ak: Harmonie zwischen dem Sittlichen Wi: Harmonie des substantiellen 2–6 denn die … Harmonie] Ak: daß die Idee, (die an und für sich seiende) mit der Wirklichkeit in unmittelbarer Vereinigung sei. In einem schönen Kunstwerke haben wir etwas Sinnliches, aber die sinnlichen Formen sind unmittelbarer Ausdruck des Geistes. Wi: Schönheit ist das an und für sich seyn, die Idee zugleich wirklich dargestellt, die unmittelbare Vereinigung beider in einem Sinnlichen, in einer Form, die zugleich unmittelbarer Ausdruck des Geistigen, diß also ist die noch gegensatzlose Harmonie. 8–9 und dieser … Gesetz] Wi: das das Zusammenleben will 11 für den Staat] Ak: für den Staat, für das Abstracte Wi: des Staates, nicht Eines Herrn 13 durchgehenden, concreten] Wi: lebendigen durchgehenden 15 für das … Individuen] Wi: gegen ein allgemeines, abstractes, das dem Römer erst als Stadt Rom, dann als römisches Reich 16–18 Das Römische … Allgemeinheit] Hn: Der griechische Staat ist die »lju, die Stadt; | aber nicht so in Rom, wo nicht jeder durchgänglich, lebendig, konkret, Antheil am Staat hat. Die Härte des allgemeinen Zweckes opfert den Einzelnen auf, und diesem Zweck dienen alle, zunächst der Stadt Rom, dann aber dem römischen Reich. Das Allgemeine löst sich von der Theilnahme des einzelnen. Aber durch die Theilnahme am Allgemeinen gewinnen die Individuen auch die abstrakte formelle Allgemeinheit. 17 das Interesse … Individuen] Wi: es löst sich das allgemeine von der Theilnahme der Einzelnen ab 18 Allgemeinheit] Ak: Allgemeinheit, die individuelle Freiheit 19 unterjocht] Wi: unterjocht also einer seits die Individuen 20 die Allgemeinheit, die Persönlichkeit] Wi: d.h. die individuelle Freiheit 20–21 sie werden … Privatpersonen] Wi: das Recht als solches, das ist das juridische recht, ist worin die Person untergeht. Das Recht | fragt nicht ob mir dabei wohl geht. 21–1234,1 die Individuen … Rechten] Ak: Die Persönlichkeit als solche liegt diesem Rechte zum Grunde. Im Römischen Reiche ist daher der Ort für das Privatrecht.

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keit, zum Rechten. Wie nun die Individuen diesem Abstrakten einverleibt werden, so geht es auch den Völkerindividuen in diesem Reiche: ihre concreten Gestalten | werden zerdrückt unter der Allgemeinheit: Rom wird ein Pantheon aller Götter, alles Geistigen, doch diese Götter verlieren ihre eigenthümliche Lebendigkeit. Die Ausbildung dieses Reiches führt nach 2 Seiten hin: Der Gegensatz ist vorhanden, zwischen dem Zwecke des Staates an und für sich und der abstracten Person; dieß bildet sich dahin aus, daß die Atome der Persönlichkeit nur äußerlich zusammengehalten sind, nur durch die Gewalt zusammengehalten werden können: es bildet sich aus in einer Masse von Atomen von Privatpersonen, die sich nach einem entwickelten Privatrecht zusammenerhalten, hier findet der eigentliche Despotismus Statt, in diesem Schmerz wird der Geist in sich zurückgetrieben, er verläßt die götterlose Welt und sucht in sich selbst die Versöhnung, der Geist fängt an in sich niederzusteigen und da tritt die Innerlichkeit ein, die erfüllte, concrete Innerlichkeit, eine Substantialität, die nicht im äußerlichen Daseyn ist, die Gewißheit des Individuums, daß es in seinem Inneren zu dieser geistigen Substanz in Beziehung stehe: da geht der Geist als solcher auf und es beginnt das Reich des Geistes, das Prinzip der concreten Freiheit. Die eine Seite haben wir Vernunft, absoluten Willen, wahrhaftes Wollen genannt, nun tritt die Freiheit in ihr als Subjekt auf: der absolute Wille und der Wille des Subjekts ist Eins, damit ist das Prinzip der Versöhnung des Geistes mit sich selbst ausgesprochen. – Das 4te Reich ist das G e r m a n i s c h e : hier zeigt sich | der lange Weg der Entwickelung dieses Prinzips, die zunächst nur innerlich ist, denn die Welt steht ihr gegenüber: demnach ist das Prinzip der Geistigkeit zunächst abstrakt, doch dieß Abstrakte verliert sich allmählich und der Prozeß, den das Prinzip durchzu-

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1–2 diesem Abstrakten einverleibt werden] Ak: dem abstracten Allgemeinen einverleibt werden Wi, ähnlich Hn: dem Allgemeinen (Hn: einverleibt und) aufgeopfert werden und diß die Tugend dieses Reiches ist, der Patriotismus 5 dieses Reiches] Wi: dieses Reichs der abstracten Allgemeinheit 7 Person] Wi: Person, als abstracter Punct anerkannt die Atome der Persönlichkeit] Ak: die Persönlichkeiten (diese Puncte) Wi: diese Atome, harte Atome, diese beiden 30 Seiten 8–9 nur durch … können] Ak: nicht durch Liebe, Sittlichkeit, sondern durch Gewalt. Und dies ist die Gewalt des Einen Despoten, in dem nur die Willkühr ihren Sitz hat 10 Privatrecht] Wi: Privatrecht ohne Geist und Lebendigkeit 11 Schmerz] Wi: Schmerz und Unglück der Welt 13 niederzusteigen] Wi: steigt in sich nieder, die Welt verlassend 14–15 eine Substantialität, … ist] Wi: es steht im gewissen, innerer Gewißheit auf und mit einer Substantialität die dann 35 nur im Geiste bewußt wird 18 absoluten] Wi: objectiven, absoluten 19–20 nun tritt … Eins] Wi: das andre ist das Subject und der subjective Wille – die Einheit von beiden ist die concrete Freiheit 22 das G e r m a n i s c h e ] Wi: die Germanischen Völker, als Träger des selbstbewußten Geistes 24 Prinzip der Geistigkeit] AkWi: Princip der Versöhnung des Geistes abstrakt] Wi: ein innerliches, abstractes 25–1235,2 der Prozeß, … kommt] Wi: der Prozeß aber soll die Ver- 40 söhnung in der W i r k l i c h k e i t zu stande bringen 27 aufgeopfert werden] opfrt ist

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arbeiten hat, ist gegenwärtige, wirkliche Versöhnung, die gegensatzlos zu Stande kommt. – Diese 4 angegebenen Reiche sind es, die wir zu betrachten haben. – Das Ziel der Weltgeschichte ist also subjektive Freiheit mit dem Bewußtseyn des Substantiellen, der Vernunft. Dieses Prinzip ist in der christlichen Religion ausgesprochen worden; es ist gesagt worden, daß der Mensch ein directes Verhältniß zu Gott habe, daß die Versöhnung mit ihm auf dem geistigen Boden Statt haben muß; jeder Einzelne erhält damit einen unendlichen Werth und in diesem Verhältniß zu Gott sind die Menschen gleich; damit ist der Einzelne erklärt als unendlichen Werth als Einzelner zu haben; die subjektive Freiheit besteht darin, daß das Subjekt dem substantiellen Willen angemessen ist: dieß ist das Prinzip der christlichen Religion aber zunächst nur ein abstraktes Prinzip im Innern des Geistes: es erscheint dann in der Weltlichkeit, zu dieser gehören aber auch Begierden, Neigungen, Triebe: daher entsteht ein geistiges Reich, das aber noch nicht realisirt ist; die Realisirung desselben haben die Germanischen Völker durch lange Kämpfe erkämpft. Das geistige Prinzip | anerkannt und sich ins Daseyn setzend erscheint als die K i r c h e , die zunächst aber von dem Prinzip selbst noch unterschieden ist: sie zeigt sich als eine Weltlichkeit, von der das geistige Prinzip sich zunutze gemacht wird, als eine rohe, unmittelbare Weltlichkeit der Triebe, die noch nicht gebildet sind – die Kirche ist in ihrem Daseyn ganz weltlich und tritt mit aller weltlichen Verdorbenheit auf: sie zeigt die größte Herrschsucht, ihre Leidenschaften geben sich absolute Berechtigung und haben um so mehr Anmaßung, als sie dem geistigen Reiche angehören. Das weltliche Reich wird gänzlich von dem geistlichen unterdrückt, doch bald soll auch jenes beginnen sich selbst zu rechtfertigen, es hat die Vernunft keimend und fühlt sich endlich in ihm selbst absolut berechtigt, es steht der Kirche nicht mehr nach und ist ihr nicht mehr untergeordnet, und so wird die Versöhnung von beiden Seiten vorbereitet: Die Kirche behält kein wahrhaftes Vorrecht vor dem Staate und das

3 subjektive Freiheit] Wi: subjective formelle Freiheit in Vereinigung 5–7 es ist … muß] Wi: daß nämlich jeder Einzelne Gegenstand der gnade Gottes sey 7 Einzelne] Hn: einzelne ist ein Gegen7–10 und in … ist1] Wi: dieser Werth ist ihm erklärt und damit zugleich 30 stand der Gnade Gottes seine Freiheit, die Versöhnung Gottes mit der Welt, Versöhnung des subjectiven Willen mit dem objectiven Willen 10–11 das Prinzip] Wi: das ziel 16–22 die zunächst … angehören] Ak: Zunaechst entstand aus dem Kampfe des Princips mit der Weltlichkeit die Kirche, ein geistliches statt eines geistigen Reichs, das das Princip | theoretisch in sich hatte, das aber im Aeussern durchaus die 35 Weltlichkeit vor sich trug, Begierde, Leidenschaft. Wi: Indem das geistige Prinzip zunächst anerkannt und ins daseyn gesetzt ist, so entsteht eine Kirche. Indem das Geistige die unmittelbare Weltlichkeit (d.h. die begierde pp) an sich hat, erst aus dem geistigen entsteht ein g e i s t l i c h e s R e i c h d.i. die Kirche, die aber in der Weltlichkeit ist. die Leidenschaften haben in der weltlichen eine umso größere Stärke. 23 Reich] Ak: Reich in innerer und aeusserer Weltlichkeit 27–1236,3 Die 40 Kirche … betrachten] Wi: was die Kirche als geistiges Reich voraus hat, an dem hat der Staat auch als Gemeinde einen Theil. die Versöhnung ist auch hier das Ziel; der Weg ist lang so einfach auch die Grundgedanken sind, es gehört dazu eine große Arbeit der Vernunft.

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Geistige ist dem Staate als Gemeinde eben so wenig fremd; die Freiheit hat die Handhabe gefunden ihren Begriff, ihre Wahrheit zu realisiren – dieß ist das Ziel und diesen langen Gang haben wir zu betrachten; doch Länge der Zeit ist etwas Relatives, der Geist gehört der Ewigkeit an, für ihn ist nichts lang. Wir haben mit der O r i e n t a l i s c h e n We l t anzufangen, und zwar in so fern wir Staaten in derselben sehen. – Die Verbreitung der Sprache und | der Völkerschaften liegt jenseits der Geschichte, und es ist der Sache ganz gemäß, daß Geschichte sowohl die Begebenheiten (res gestae) als auch die Geschichtsschreibung bezeichnet; die Geschichte ist prosaisch, Mythen enthalten keine Geschichte: das Bewußtseyn äußerlichen Daseyns tritt erst ein mit abstrakten Bestimmungen und so wie Fähigkeit vorhanden ist Gesetze auszudrücken, so tritt auch die Möglichkeit ein die Gegenstände prosaisch aufzufassen. Das Vorgeschichtliche ist das, was dem Staatsleben vorangeht, es liegt jenseits des selbstbewußten Lebens; Ahndungen, Vermuthungen werden davon aufgestellt, aber keine Fakta. – Die Orientalische Welt hat als Charakter die Substantialität des Sittlichen und substantielle Macht zeigt sich in ihr: die sittlichen Bestimmungen sind als Gesetze ausgesprochen aber so, daß der subjektive Wille regiert wird von den Gesetzen als von einer äußerlichen Macht, daß die formelle Freiheit, Gesinnung, Gewissen noch nicht vorhanden ist; die Gesetze werden auf eine äußerliche Weise ausgeübt, es gibt ein Zwangsrecht: unser Civilrecht enthält zwar auch Zwangspflichten, weil dieses Recht auf der abstracten Persönlichkeit beruht (indem ich Eigenthum habe, so kann ich daran gezwungen werden), dieser Zwang dehnt sich aber nur auf das Aeußerliche aus: ein Anderes ist das eigentlich Sittliche; wenn nun die sittlichen Empfindungen in der Familie auf äußerliche Weise befohlen werden, so ist das dem Inhalte nach ganz richtig, | aber jenes Innerliche wird auf diese Weise selbst äußerlich gemacht: es fehlt an der Gesin-

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4 Relatives] Wi: relatives, den Geist pressirt es nicht 8–9 Geschichtsschreibung bezeichnet] Wi: Geschichtserzählung und beschreibung. Letztere kann zwar vor dem ersteren vorhergehn 9 Mythen enthalten keine Geschichte] Hn: das Gedicht, die Mythologie ist nicht Geschichte 10 das Bewußtseyn äußerlichen Daseyns] Wi: das prosaische bewußtsein 12 Das Vorgeschichtliche] Wi: das Vor- 30 geschichtliche (Sagen, Traditionen, Mythologien) 13 dem Staatsleben] Wi: der Geschichte 16 sittlichen Bestimmungen] Wi: sittlichen, also vernünftigen bestimmungen 17 Wille] Wi: Wille der Individuen 18 formelle] Wi: subjective, formelle 19 vorhanden ist] Wi: vorhanden ist. – das eigentlich sittlich gehört meinem innerlichen Willen an, ist nicht von der Art des Äußern die Gesetze] Ak: Die Gesetze ihrem Hauptinhalte nach sind vernünftigen Inhalts. Aber sie 20 ausgeübt] Ak: 35 an die Menschen gehalten, der Mensch wird aeusserlich | zu ihnen gezwungen, an sie gebunden Wi: befohlen 24 Sittliche] Ak: Sittliche, das gehört meinem Innern an, ist nicht Gegenstand aeussern Zwangs 25 befohlen werden] Ak: geboten wird, zum Zwangsgesetze gemacht wird ganz richtig] Wi: wahr und recht 26–1237,2 es fehlt … objektiv] Wi: Im Orient ist also die substanzialität 40 des Sittlichen und Rechtlichen, aber es fehlt die andere subjective Seite die zur Freiheit nöthig ist. 4 an] ein

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nung, an der Empfindung, am Willen; der vernünftige Wille explizirt sich objektiv. – Der geographische Charakter der Asiatischen Welt ist schon angegeben worden: Die Hochgebirge liegen in der Mitte, in der nördlichen Abplattung befindet sich Sibirien das uns weiter nichts angeht, da es ganz ohne welthistorische Bedeutung ist: die Bewohner Hochasiens, die Mongolen sind Nomaden; sie stehen den großen Thälern gegenüber, in die sie von Zeit zu Zeit einbrechen, und entweder sich dann wieder zurückziehen, nur Einöde hinter sich lassend oder sich festsetzen, wie in Indien; später ist so auch China erobert worden von den Mantschu’s, welche sich der Herrschaft von China bemächtigt haben, ohne daß dadurch der politische Zustand China’s eine Veränderung erlitten hätte. Die Mongolen haben sonst in Rücksicht auf Staatsinteresse nur ein untergeordnetes Interesse: die Reiche C h i n a und südwestlich von diesem I n d i e n sind es vornehmlich, die wir näher zu betrachten haben; China ist entwickelt zu einer Staatsverfassung, Indien nähert sich mehr dem Staate, denn es geht auf den Unterschied der Stände ein, doch dieser Unterschied ist zu einer Gebundenheit an die Natur gemacht; die subjektive Freiheit und die Willkühr sind ganz ausgeschlossen. Das Elementarische, die Masse des Volks macht nicht den Staat, sondern die Zergliederung, die Organisation, | das Setzen der Unterschiede, die nur Einen Proceß machen, nämlich den Prozeß der Lebendigkeit; in Indien beginnen diese Unterschiede und damit die Organisation des Staates. Außer China und Indien haben wir noch das Pe r s e r r e i c h zu betrachten; in diesem ist das nomadische Prinzip vorherrschend aber diese Nomaden herrschen über ganz Vorderasien: in Persien ist das P r i n z i p d e s L i c h t s vorhanden; es ist die Orientalische Substantialität, aber beginnend in ihre einfache Form herausgehoben zu werden, in die Form der natürlichen Allgemeinheit: die

6–8 in die … lassend] Wi: die Mongolen schweifen mitunter in die Länder der Civilisation und lassen nur Verwüstung hinter sich 8 Indien] Hn: Indien (großer Mogul 13–14 China ist … Staatsverfassung] Wi: | C h i n a . das Patriarchalische Verhältniß ist hier zur Staatsverfassung gemacht, also das Familienprinzip 15 Stände] Wi: Stände und beschäftigung 16 an die Natur 16–17 die sub30 gemacht] Wi: von Naturmacht schlechthin fixirt, ganz zur Natursache gemacht jektive … ausgeschlossen] Ak: der subjective Wille ist unterjocht 17 Das Elementarische, … Volks] Wi: das Staatsprinzip fängt an sich zu organisiren. das Volk als solches und dessen Masse 21 P e r s e r r e i c h ] Ak: Vorderasien, von Persien bis an Kleinasien Wi: P e r s i s c h e s R e i c h , Vo r d e r a s i e n 21–22 in diesem … Nomaden] Wi: hier ist eine Verbindung vorhan35 den zwischen nomadischen Völkern. die Perser ursprünglich Nomaden wie die Mongolen, aber sie 23 über ganz Vorderasien] Hn: von Mesopotamien bis zum ägäischen Meer 24–25 in ihre … herausgehoben] Wi: in seiner allgemeinheit hinausgetrieben 25 in die … Allgemeinheit] Ak: Abstraction des Allgemeinen, aber in der Form von natürlicher Allgemeinheit Wi: aber noch in der Naturform Allgemeinheit] Hn: Allgemeinheit; das Licht ist das schlechthin Allgemeine, 40 abstrakt Einfache 22 diesem] diesen

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Herrschaft der Perser schwebt über den Völkern, die sie unterworfen haben, und läßt diesen ihre ganze Eigenthümlichkeit und Mannigfaltigkeit; (in diesem Sinn hieß schon bei den Griechen der Persische Monarch: der König der Könige) Persien hat das Prinzip des Gegensatzes, der Beweglichkeit schon in sich; es macht den äußerlichen Uebergang ins Griechische Leben; den innern Uebergang, macht ein Land, von der größten Merkwürdigkeit, das lange zu Persien gehörte, E g y p t e n . – Diese 4 Reiche sind im Orientalischen die wichtigen und welthistorischen; zunächst haben wir nun China und Indien zu betrachten, beide haben in keinem Zusammenhange mit einander gestanden, eben so wenig als sie etwas mit dem Abendlande zu thun gehabt haben, sondern sie sind isolirt für sich geblieben: der Geist schreitet aber dennoch in seiner inneren Entwicklung vor und setzt jene Gestaltungen durch den Begriff in Beziehung. – |

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I. Das R e i c h C h i n a . Wir fangen mit diesem Reiche als mit dem ältesten an; sein Prinzip aber ist von solcher Substantialität, daß das Aelteste auch das Neuste ist, denn die Geschichte zeigt uns China schon früh die Samenkörner enthaltend, von dem, zu dem es sich dann entwickelt hat, und schon früh ausgebildet zu der Organisation und zu dem Zustand, in dem wir es jetzt sehen: somit ist in China das Neueste auch das Aelteste; der Gegensatz von objektiven, von vernünftigem Willen und subjektiver Freiheit, eigner Einsicht kommt nicht auf,

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2–3 (in diesem … Könige)] Hn: es ist ein Kaiserreich im modernen Sinn. Der persische Monarch ist nicht König von Unterthanen gewesen, sondern cbrjl‰vn cbrjlfÅu, ein König der Könige war er. 4 Prinzip des Gegensatzes] Wi: Prinzip der Freiheit Beweglichkeit] Ak: Beweglichkeit nach Aussen 9 gestanden] Ak: gestanden, nicht aufeinander gewirkt 10 dem Abendlande] Ak: der westlichen Welt 10–11 isolirt für sich geblieben] Wi: isolirt. sie gehören dem äußerlichen geschichtli- 25 chen Gang nicht an 11–12 der Geist … Beziehung] Ak: Aber der Geist macht seine Entwickelung innerlich in sich, nach seiner ewigen Ansicht; aber dieser innere Gang wird ein aeusserer, und tritt zuletzt ganz deutlich hervor. Aber diese ersten Gestaltungen sind nach unserm Begriffe ohne Zusammenhang. 14–15 Wir fangen … Substantialität] Wi, ähnlich Ak: diß Reich nehmen wir als das älteste. aber diese beiden Reiche (Indien und China) sind von dieser Art, dieser Substanzialität 16–18 die 30 Geschichte … sehen] Ak: Die Geschichte zeigt uns das Princip Chinas früh bis zum jetzigen Zustande entwickelt, und der früheste Zustand enthaelt die Saamenkörner, dieselbe Bestimmung, die nachher in den eisernen Me|chanismus einer Staatsverwaltung übergegangen ist. Wi: die Geschichte von China reicht freilich weit hinauf und zeigt uns das Prinzip Chinas früh entwickelt zu dem noch jetzigen Zustand von China, und weiter hinauf enthält die Geschichte auch schon dieselben Bestimmungen die nur 35 nachher mehr herrschend gemacht worden sind. 19–20 der Gegensatz … auf ] Wi: die substanzialität ihres Prinzips ist daß der Gegensatz von objectivem und subjectivem Willen bei ihnen nicht aufobjektiven, von … Freiheit] Ak: objectiver Freiheit und subjectivem Willen kommt. 5 den 2 ] dem

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und dieser Gegensatz ist es, der das Prinzip aller Bewegung und damit aller Veränderlichkeit ist; um jener Einheit willen des objektiven und subjektiven Willen’s also erhält sich China und ist dieses Statarische geworden, so daß der jetzige Zustand schon der der ältesten Zeiten gewesen ist. – Kein Volk hat eine so bestimmte, zusammenhängende Reihe von Geschichtsbüchern als das Chinesische. Die Geschichte steigt hinauf bis auf 2900 Jahre vor Chr. Geburt: die bestimmtere Geschichte erstreckt sich bis auf 2300 Jahre vor Chr.: das Grundbuch der Chinesischen Geschichte nämlich das Chou-king fängt mit der Regierung des Yao an, ungefähr 2350 oder nach Andern 2305 Jahre vor Chr. Auch die andern asiatischen und orientalischen Reiche führen sehr weit hinauf, so geht die Egyptische Geschichte bis auf 2207 v Chr., die Assyrische bis auf 2227, die Geschichte Indiens, in so fern es sich vermuthen läßt bis auf 2204 Jahre. Also ungefähr 2300 Jahr | steigen die Sagen in Ansehung der Hauptreiche des Orient’s. Wenn wir dieß vergleichen mit der Geschichte des alten Testaments, so finden wir daselbst, daß von der Noachischen Süntfluth bis auf Chr. 2400 Jahre verflossen sind; gegen diese Zahl aber sind wichtige Einwendungen gemacht worden, Joh. v. Müller setzt die Süntfluth in das Jahr 3473 also um 1000 Jahre früher: er richtet sich dabei nach der Alexandrinischen Uebersetzung der Mosaischen Bücher und da ergiebt sich auch zwischen Adam und Abraham ein Zeitraum von 1376 Jahren: außerdem bringt Müller auch die Wahrscheinlichkeit an, daß Abraham 300 Jahr nach der Süntfluth gelebt hat, wobei denn freilich schon 300 Jahre nach dieser ungeheuren Erdrevolution, die Erde hätte so beschaffen seyn müssen, als sie uns zu dieser Zeit beschrieben wird. – Wir haben schon erwähnt, daß China Grundbücher besitze; diese betreffen theils seine Geschichte, theils seine Moral, Verfassung us.w. und wir müssen sie vornehmlich herausheben, wenn wir eine bestimmte Anschauung von der Nation haben wollen: so wie überhaupt die Grundbücher von Nationen, die ihre Bildung selbstständig erreicht haben, besonders merkwürdig sind, in dem nur durch sie die Nationen recht erkannt werden können; wollen wir das Juden-

30 1–2 ist es, … ist] Ak: ist durch seine Kaempfe Bedingung des Lebens, der Beweglichkeit, aber auch

der Veraenderlichkeit 3 dieses Statarische] Wi: isolirt und statarisch 5–6 von Geschichtsbüchern] Hn: geschichtlicher Begebenheiten 7 bestimmtere] Ak: genauere 9 2350 oder … 2305] Wi: 2356, andre 2211 12 2227] Wi: 2221 18–19 Alexandrinischen Uebersetzung … Bücher] Wi: LXX 19–23 und da … wird] Ak: und behauptet, daß, da Abraham 2000. Jahre vor Christus 35 gesetzt wird, es unwahrscheinlich sei, daß schon 300. Jahre nach der Sündfluth die Erde in dem Zustande befunden, welcher zu Abrahams Zeit z.B. doch in Aegypten gewesen sein soll 23 beschrieben wird] Hn: beschrieben ist, so daß Ägypten ganz organisiert erscheint 24 Grundbücher] Ak: Grundbücher der Nation 24–25 theils seine … Verfassung] Wi: seinen ganzen Zustand 25–29 wir müssen … können] Ak: an die wir uns, um den Character der Nationen, die 40 ihre Bildung selbststaendig entwickelt haben, kennen zu lernen, besonders halten müssen

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thum kennen lernen, so müssen wir das alte Testament studieren; dasselbe gilt der Homer für Griechenland: auch die Araber haben ihre alten Grundbücher, die | Moallakuth, ihre vorzüglichsten Gedichte, die in der Kaaba zu Mekka aufgehängt wurden, nach diesen den Koran. Die Europäer haben weniger solcher Grundbücher, weil sie sich nicht in dieser Selbstständigkeit ausgebildet haben; sie haben ihre erste Bildung von Außen bekommen, und die Selbstständigkeit ihrer Bildung ist erst daraus hervorgegangen und hat sich erst dadurch gezeigt, daß sie die fremde Bildung, die Muttermilch gleichsam, überwunden und von sich geworfen haben: Die Ossianischen Gedichte in Schottland sind etwas Vergangenes, eben so das Niebelungen Lied der Deutschen, das nicht ein Mal als solch ein Grundbuch angesehen werden kann. – Die Chinesen nun haben solche höchst wichtige Grundbücher, sie heißen King und machen die Grundlage ihrer Studien aus: 1. Der C h o u - k i n g , von einem Franzosen übersetzt und herausgegeben, handelt meist von der Regierung der alten Könige, und enthält die Befehle, die von diesem oder jenem Könige ausgegangen sind. 2. Der Y- k i n g ist ein Auszug des Chou-king, es heißt das Buch der Schicksale und besteht aus Figuren, die man als Grundlagen der Chinesischen Schrift angesehen hat; eben so ist dieses Buch als die Grundlage Chinesischer Meditation betrachtet worden; denn es fängt mit den Abstractionen der Einheit, Zweiheit usw. an und handelt dann von den concreten Existenzen solcher abstrakten Gedankenformen. 3. Chi-king: Das Buch der Lieder, die beim Gottesdienst üblich sind, auch bei Hochzeiten, | Heirathen usw., von einem Deutschen Namens 2 Homer für Griechenland] Wi: der Homer. Wer diese nicht gelesen hat und inne hat versteht das jüdische Volk, das Christenthum und das Griechische Volk nicht. 4 aufgehängt wurden] Hn: an den Thoren eingeheftet sind 6 ihre erste … Außen] Hn: eine fremde, römische Bildung, und haben deshalb kein Grundbuch. Außen] Ak: der Römischen | Cultur 8 daß sie … gleichsam] Wi: daß sie sich groß gesäugt haben an einer fremden Mutter, und dann diese Muttermilch Ak: nachdem sie diesen Anfang 9–11 Die Ossianischen … kann.] Ak: Eigenthümliche Bücher, wie das Niebelungenlied und die Schottischen Poesien, sind vergangen, und stehen mit dem Jetzigen, mit dem Heutigen nicht in dem Zusammenhange der Stufenleiter. 10 etwas Vergangenes] Wi: etwas ganz vergangnes, und die moderne bildung hängt damit nicht zusammen Hn: abgerissen von unserer Bildung 11 angesehen werden kann] Hn: angesehen werden, und steht nicht mehr mit unserer neuen germanischen Bildung in Zusammenhang Wi: zu halten sind. die neuere bildung ist keine Entwickelung von diesem allen 13 von einem Franzosen] Wi: diß buch ist in Europa französisch von einem Jesuiten übersetzt. 14 Könige] Hn: Könige; ist nicht zusammenhängend, sondern fragmentarisch 15 die Befehle, … sind] Ak: Befehle, Belehrungen, Tadel eines Fürsten an diesen oder jenen Statthalter Wi: vielerlei Stücke von diesem und jenem Fürsten, Vorschriften, belehrungen solcher Fürsten an Statthalter Hn: die Befehle der einzelnen Fürsten, Adel, Belehrungen enthaltend, die die Grundlage des Staatsgebäudes bilden 16 ein Auszug des Chou-king] Wi, ähnlich Ak: ein buch wovon ein Auszug bei der Uebersetzung des schu-King gegeben Schicksale] Wi: Schicksale, Loose 17 besteht aus Figuren] Wi: enthält Striche und | Figuren Hn: aus Strichen, Figuren besteht 18 Meditation] AkWi: Philosophie Hn: Bildung und Philosophie 22–1241,1 von einem Deutschen Namens Mohl] | von einem Deutschen Mohl in Paris in lateinischer Uebersetzung herausgegeben 1830

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Mohl herausgegeben. Außer diesen drei Grundbüchern, die besonders verehrt und studiert werden, gibt es noch 2 andere, weniger wichtige, die aber auch king genannt werden, nämlich: der L i - k i n g , welcher die Gebräuche, und das Ceremoniel gegen den Kaiser, und die Beamten, so wie in den Familienverhältnissen enthält und der Yo - k i n g , der von der Musik handelt. – Diese Bücher sind die Grundlagen der Geschichte, der Sitten und der Gesetze Chinas. – Das Chinesische Reich hat früh die Aufmerksamkeit der Europäer auf sich gezogen, zuerst waren nur unbestimmte Sagen vorhanden, ein Venetianer im 13ten Jahrhundert ist zuerst bis China gekommen und man hat seine Aussagen für fabelhaft gehalten; wie nun die Europäer näher mit China bekannt worden sind, so haben sie allerdings die Aussagen von seiner Größe bestätigt gefunden; man hat besonders bewundert daß China so ganz ohne Zusammenhang mit dem Ausland sich erhalte; es hat sich bestätigt gefunden, daß kein andres Reich sich mit dem Chinesischen hinsichtlich der Größe vergleichen lassen könne; nach der geringsten Angabe nämlich hat China 150 Millionen Einwohner, nach Andren 200 und sogar 300 Millionen und es ist wohl anzunehmen, daß 2 bis 300 Millionen unter der Herrschaft China’s stehen. Vom Amur im Norden erstreckt es sich gen Süden bis an Indien, im Osten wird es durch das große Weltmeer begränzt, und gegen Westen erstreckt es sich | bis nach Persien, gegen das caspische Meer zu. China zeigt sich also in einem sehr hohen Grade bevölkert; auf den beiden Strömen Hoangho und Jantsekiang halten sich mehrere Millionen Menschen auf, auf Flößen, die sie sich ganz nach ihrer Bequemlichkeit eingerichtet haben. Diese ungeheure Bevölkerung lebt, wie man gefunden hat, unter einer Regierung, wo Alles bis auf die untersten Verzweigungen organisirt ist, die als weise, mild und gerecht erscheint, wo der Ackerbau, Gewerbe und die Wissenschaften im höchsten Grade begünstigt und gehoben

4–5 Familienverhältnissen] Hn: gegen Frau und Kind und gegen das Äußere der Sitte 5–6 Diese Bücher] Ak:Die drei ersten aber 6 die Grundlagen] Ak: die eigentlichen Grundbücher, und die festen Grundlagen Wi: die alte feste Grundlage 7 Europäer] Wi: alten Europäer 8 Venetia9 13ten Jahrhundert] Wi: 13t e n 14t e n 30 ner] Wi: Venetianer, ein Juwelenhändler seculum 9–10 seine Aussagen … gehalten] Wi: ihn den Herrn Millionaro genannt, weil er immer von Millionen erzählte, man hielt das für Aufschneiderei 11 Größe] Ak: ungeheuren Grösse Hn: den ungeheuren Umfang des Reichs 12–13 ganz ohne … Ausland] Ak: merkwürdige Abgeschlossenheit von den übrigen Reichen Hn: sich so ganz abgeschlossen hat 14 Größe] 17 China’s] Ak, ähnlich WiHn: der Chinesischen 35 Wi: Größe und bevölkerung Land Kaiser 17–18 Vom Amur … Indien] Wi: Auch die ganze Mongolei bis zum Amurlande gehört noch dazu, bis zum östlichen Sibirien, bis Indien 22–23 Flößen, die … haben] Wi: kleinen Flößen, worauf sie kleine Gärten haben. Städte 1, 2, 3 Millionen gibt es mehrere daselbst. 22 Flößen] Ak: kleinen Flössen 25 organisirt] Wi: gut organisirt weise, mild und gerecht] Ak: ganz geAckerbau] Wi: Ackerbau, Handel 26–1242,1 im höchsten … 40 recht, ganz milde, ganz weise werden] Wi: in hoher blüthe

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werden: es hat besonders die Europäer in Staunen gesetzt, was für ungeheure Geschichtswerke in China vorhanden sind: (einige davon sind von den Jesuiten übersetzt worden, wovon eins allein 12 Quartanten ausmacht) und mit welcher Genauigkeit sie ausgeführt sind; es wird noch bemerkt werden, daß die Geschichtsschreiber zu den höchsten Beamten gehören; zwei Minister, die beständig in der Umgebung des Kaiser’s sind, sind beauftragt, Alles, was der Kaiser spricht, thut, befiehlt, auf Zettel zu schreiben, die dann von den Geschichtsschreibern verarbeitet und benutzt werden. Was die Geschichte von China betrifft, so können wir uns darauf weiter nicht einlassen in die Einzelheiten zu gehen; die Geschichte geht, wie schon gesagt worden, in die ganz alten Zeiten hinauf, es wird da besonders ein Fürst Fohi genannt, der zuerst eine Civilisation in China eingeführt haben soll: dieser Fohi soll im 29ten Jahrhundert vor Chr. gelebt haben; der Chou-king | fängt erst mit dem 23ten Jahrhundert an, aber die Chinesischen Geschichtschreiber behandeln das Frühere auch als etwas ganz Geschichtliches. Der erste Boden der Chinesischen Geschichte ist der nordwestliche Winkel im eigentlichen China gegen den Punkt hin, wo der Hoangho von dem Gebirge herunterkommt, späterhin breitet sich dieser Anfangspunkt weiter gegen Süden hinunter, gegen den Jantsekiang; die Erzählung beginnt mit dem Zustande, wo die Menschen in der Wildheit, in den Wäldern gelebt, sich von Früchten der Erde genährt, und sich mit den Fellen wilder Thiere bekleidet haben, ohne irgend eine Kenntniß von bestimmten Gesetzen; dem Fohi oder Fehi (wohl zu unterscheiden von Fo, dem Stifter einer neuen Religion in China) wird es zugeschrieben, daß er die Menschen gelehrt habe sich Hütten zu bauen und Wohnungen zu machen: er habe sie auf die Abwechslung und das Wiederkehren der Jahreszeiten aufmerksam gemacht, er habe den Tausch und Handel eingeführt, die Ehe zum Gesetze gemacht, die Menschen gelehrt, daß die Vernunft vom Himmel komme; er habe sie über die Seiden-

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2 von den Jesuiten] Wi: französisch 3 ausmacht] Hn: groß ist, und bis zum höchsten Alterthum hinauf geht 4 Genauigkeit] Wi: Ausführlichkeit und Genauigkeit bis ins höchste Alterthum 5 Beamten] Wi: Beamten des Reiches, wovon unten bei der Verfassung mehr erzählt 30 werden soll Minister] Wi: Geschichtschreiber 7–8 auf Zettel … werden] Wi: und wirft diese Zettel in einen Kasten, der andere sammelt die befehle, Verordnungen Ak: der Andere Auszüge aus alten Verordnungen pp macht 13 mit dem … an] Wi, ähnlich AkHn: von Yao an, der 2300 ante Christum lebte 16 Winkel] Wi: Winkel, der von hohen Gebirgen umgeben ist über welche man von der Mongolei herabsteigt 17 späterhin breitet] Wi: | In diesen Winkel hin, wo 35 der Hoango, zieht sich die älteste Geschichte und breitet 18–20 Erzählung beginnt … gelebt] Wi: alte Geschichte beginnt mit einem Zustand wo die Einwohner vollkommen wild gelebt, ohne häuser in den Wäldern Ak: chinesischen Geschichtsbücher erzaehlen von einer ursprünglichen Wildheit der Nationen 23 die Menschen] AkWi, ähnlich Hn: diese Wilden 24 Hütten] AkHn: Feuer zu machen, Hütten 27 die Vernunft] Wi: die Vernunft, ihre Eigenthümlichkeit als Mensch 40 20 sich 2 ] mit sich

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zucht unterrichtet, über den Nutzen des Gebrauchs von Lastthieren, über den Brückenbau usw.; über alle diese Anfänge lassen sich die Chinesischen Geschichtsschreiber aus. Die weitere Geschichte ist dann die Ausbreitung der entstandenen Gesittung und des Beginn’s eines Staats, einer Regierung nach Süden zu. Das große Reich, das | sich so nach und nach gebildet hatte, zerfiel bald in mehrere Provinzen, die lange Krieg mit einander führten und sich denn wieder zu einem Ganzen vereinigten: die Dynastieen haben oft gewechselt; die jetzige wird als die 22te angegeben: mit diesem Wechsel der Dynastieen oder der Vereinigung der Provinzen unter Ein Oberhaupt hängt der Wechsel der Hauptstädte zusammen; so war lange Zeit Nanking die Hauptstadt, jetzt ist es Pecking, in noch früherer Zeit waren es andre Städte. Mit den Tartarn hatte China langwierige Kriege; jene Völker sind weit in’s Land eingedrungen, auch sind oft Rebellionen vorgefallen; gegen die Einfälle der nördlichen Nomaden ist endlich die lange Mauer, ein Wunderwerk, erbaut worden von Schi-hoang-ti aus dem Hause Tsin im J. 213 v. Chr.: er hat auch die 4 Fürsten, die in China herrschten, bezwungen, und das ganze Reich in 36 Provinzen eingetheilt; derselbe ist es, der die Geschichtsbücher verfolgt hat, um seine Dynastie zu befestigen, indem er das Andenken des Früheren gänzlich verwischen wollte: er ließ nämlich die Geschichtsbücher zusammenhäufen und verbrennen; mehrere 100 Gelehrte flüchteten sich auf die Berge um diese Werke zu erhalten; wer aber von ihnen gefangen wurde, hatte ein gleiches Schicksal, als die Bücher. Dieses Bücher-Verbrennen ist ein sehr wichtiger Umstand; die Haupt- und Grundbücher | haben sich aber dennoch erhalten. Erst gegen das Jahr 1644 nach Chr. haben die Mantschu-Tartarn China erobert; die Eroberung China’s hat jedoch keine weitere Veränderung im Lande selbst bewirkt. – Die eigentliche Residenz des Kaiser’s ist Peking, im Norden China’s unweit der großen Mauer: die Mantschu haben gar keinen Vorzug vor den Chinesen, sie werden vielmehr als die Sklaven des Kaisers angesehen: die Sommer bringt der Kaiser in der Tartarei

2 Brückenbau usw.] Wi: bauen von brücken, Schiffe, bogen und Pfeile, transportiren auf den 3–4 der entstandenen] AkWi: dieser ersten 4–5 einer Regierung] Ak: mit der Ausdehnung der Regierung 11 Tartarn] AkWi: Mongolen 12 jene Völker … eingedrungen] Wi, ähnlich Hn: zu verschiedenen Zeiten sind sie weit in China hineingedrungen und zurück getrieben 13 der nördlichen Nomaden] Ak: jener rohen Völker 16 36] AkWi: 32 23 erhalten] Wi: durch Verbergen erhalten. Bücher die die Geschichte seines Stammes und allgemeine Wissen23–24 gegen das … nach Chr.] WiHn: zur 35 schaftliche betrachtungen enthielten hat er nicht verfolgt. Zeit des 30jährigen Krieges 24–25 die Eroberung … bewirkt] Wi: ohne in den Chinesischen Sitten und Einrichtungen weitere Veränderungen hervorgebracht zu haben 26 Peking] Wi: Peiking und der Kaiser ist ein Manschu 27 haben gar … Chinesen] Wi: müssen sich wie die Chinesen den Geschäften widmen 28–1244,1 die Sommer … zu] Wi: Dieser Zusammenhang Chinas 40 mit dem Volke der Manschus bringt in das Leben | des Kaisers die Abwechslung, daß er im Winter in Peiking in China wohnt, im Sommer geht er aufs Land jenseits der Mauer

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zu, wo die Mantschu noch als Nomaden leben; er besitzt daselbst große Stutereien und lebt auf nomadische Weise; ( der Englische Lord Macartney, der als Gesandter von England ihn daselbst sah, ist erstaunt gewesen, über das Malerische und Großartige der Parke und Gärten, die die Sommerresidenz des Kaisers umgeben;) die Mantschu, die sich in China auf halten, müssen sich genau in die Chinesischen Wissenschaften und Gesetze einstudieren. – Das nähere Prinzip des Chinesischen Staates ist die Familie überhaupt; auf dieser sittlichen Verbindung einzig und allein beruht der Chinesische Staat; die Familie macht eine besondre Pietät aus; die Chinesen wissen sich als zu ihrer Familie gehörig und denn als Söhne des Staates: in der Familie sind sie keine Personen; die substanzielle Einheit, in der sie sich wissen, ist die Einheit des Bluts, des Natürlichen. Es ist ein p a t r i a r c h a l i s c h e s Verhältniß vorherrschend; die Regierung beruht auf einer Organisation, einer Theilung, auf der Ausübung der väterlichen Vorsorge des | Kaiser’s, die Alles in Ordnung hält; die Unterthanen sind nicht selbstständige Personen, sie haben das Verhältniß eines moralischen Familienkreises: Dieß sind hochgeehrte Grundverhältnisse die im Chou-king als 5 Grundverpflichtungen angegeben sind: (die Zahl 5 ist überhaupt bei den Chinesen etwas Festes und kommt oft vor, wie bei uns die Zahl 3; so geben sie 5 Naturelemente an: Luft, Wasser, Erde, Metall und Holz, was gar nicht mit unsrer Vorstellungsart übereinstimmt; sie nahmen 4 Himmelsgegenden an und die Mitte; heilige Orte, wo Altäre errichtet werden bestehen aus 4 Hügeln und Einem in der Mitte usw.) Diese Pflichten sind: 1. die des Kaisers und des Volks gegeneinander. 2. der Vater und der Kinder, 3. der ältern und der jüngern Brüder, 4. des Mannes und der Frau, 5 des Freundes gegen den Freund. Diese 1–2 er besitzt … Weise] Wi: Er lebt hier unter Zelten, treibt jagt und besucht seine Gärten. 2–3 der Englische … gewesen] Wi: die Engländer wurden vor 30 Jahren daselbst eingeladen und wurden erstaunt 4 Großartige] Wi: Grandiose 7–8 auf dieser … Staat] Ak, ähnlich Hn: eine sittliche Verbindung und zwar die natürliche Verbindung. Der Staat macht dann die zweite sittliche Verbindung aus. 8–10 die Familie … Staates] Wi: In der Familie empfinden sich die Mitglieder als Eine Einheit. der Staat ist das Substanzielle, aber im Staate wissen die Individuen sich so und sind Personen, im Staate. 10 sind sie keine Personen] Ak: fühlen sich die Familien-Mitglieder als Eines, und sind keine Person gegen einander; im Staate wissen sie sich als Eines und sind Personen in Beziehung zueinander 11–12 Es ist … vorherrschend] Wi: Mit China haben wir deswegen angefangen. das Verhältniß des Lebens ist in China Patriarchalisch und ist hier im größten Staate ausgebildet. Hn: Die substanzielle Empfindung des Blutes verbindet zuerst die Menschen und der Staat selbst muß zuerst diese Form haben, und deshalb haben wir auch zuerst mit China anzufangen. 14 Kaiser’s] Ak: Fürsten für das Volk 15 Personen] Ak: Personen, nicht freie Bürger Hn: nicht freie Bürger, sondern Glieder eines moralischen Familienkreises Verhältniß] Wi: gesetzliche Verhältniß 16 Dieß sind hochgeehrte Grundverhältnisse] Ak, ähnlich Hn: Keine Pflicht ist in China höher geboten oder geachtet, als die Familien-Pflicht. 17 Grundverpflichtungen] Ak: Grundverhaeltnisse 23 der Vater] Wi: Eltern 14 des] des | des

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Pflichten gelten schlechthin und auf sie wird gesetzlich gehalten. Die Söhne erzeigen dem Vater die größte Ehrerbietung, sie haben, wie bei den Römern, kein Eigenthum; der Sohn darf den Vater nicht anreden, wenn er in den Saal eintritt, so muß er sich an der Seite der Thüre gleichsam eindrücken, auch darf er die Stube nicht ohne die Erlaubniß des Vaters verlassen; wenn der Vater stirbt, so trauern die Söhne 3 Jahre lang, und während dieser Zeit, wird kein Geschäft vorgenommen; selbst der Kaiser überläßt seine Regierungsgeschäfte, den Mandarinen, die ihren Vater verloren haben, wird Urlaub erteilt. | Keine Heirath darf während der Trauerzeit in der Familie vor sich gehen, auch müssen die Glieder der Familie sich gewisser Speisen entziehen, wie Wein und Fleisch, außer wenn eine Krankheit Statt findet oder bei einem gewissen Alter; Männer von 70 Jahren sind davon dispensirt, sie trauern nur durch die Farbe der Kleider. Die Mutter wird eben so hoch verehrt: Macartney erzählt von dem Kaiser, daß er 68 alt war, als er ihn sah, (60 Jahr ist bei den Chinesen eine feste, runde Zahl, wie bei uns 100) demungeachtet besuchte er seine Mutter alle Morgen zu Fuß, indem er ihr seine Ehrfurcht bewieß; die Neujahrsgratulation findet bei der Mutter des Kaisers Statt; wenn der Kaiser den Thron besteigt, so muß ihm erst seine Mutter gehuldigt haben, ehe ihm die Großen huldigen: er fragt in Allem seine Mutter um Rath und was die Familie betrifft, so wird Alles im Namen der Mutter bekannt gemacht. Eben so genau ist es bestimmt, wie die jüngern Brüder sich gegen die ältern zu verhalten haben usw. Wenn ein Mann sich um den Staat verdient gemacht hat, und dadurch Ehrenbezeugungen erlangt, so werden diese nicht ihm gemacht sondern seinem Vater, wenn er gleich gestorben ist: auf diese Weise gelangen die Voreltern durch ihre Nachkommen zu Ehrentiteln und Würden. (umgekehrt als bei uns) Jeder Familienvater ist aber auch verantwortlich für die Vergehen seiner Kinder. Ein Hauptbestreben der Chinesen | ist es, Kinder zu haben, damit ihnen die Ehre des Begräbnisses bewiesen werde, daß über-

3 der Sohn darf ] Wi: So ist die Chinesische Lebensart ganz von Gesetzen beherrscht, zb darf der Sohn 6 Söhne] Hn: Kinder 7–8 selbst der … erteilt] Ak: Dies Alles beobachtet auch der Kai30 ser, und die Mandarinen (Beamten) werden auf diese drei Jahre von allen Geschaeften entbunden. 17–18 so muß … haben] Ak: muß er seiner Mutter die Huldigung dargebracht haben Hn: ehe ihm gehuldigt wird von den Großen, verehrt er seine Mutter 19–20 was die … gemacht] Wi: wenn er heirathet und seinen Prinzen ein Land gibt, Edikte erscheinen im Namen der Mutter 23 gestorben ist] Hn: todt sind; als wenn diese die Ursache jenes Verdienstes 23–25 auf diese … uns)] Ak: Dem Vater wird, wenn er auch schon todt, die Ehre erzeigt, 35 wären die der Sohn erhalten soll und verdient hat, so daß gewisser massen der Adel nicht auf die Söhne, sondern auf die Vorfahren erbt. Wi: Es heißt dann daß der Vater diß gethan, zb es bittet ein Premierminister um einen Rang für seinen verstorbnen Vater, der Adel geht umgekehrt wie bei uns auf die Voreltern über. In jenem Edicte zb heißt es: dein Vater hat in der Hungersnoth dem Volke Reis 40 vertheilt welche Weisheit! pp. pp. „wohlthätig, weise und treu“ ist der Titel den der Vater erhält. 25 verantwortlich] Wi: responsabel für seine Familie und

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haupt jemand sein Gedächtniß nach dem Tode ehre und sein Grab schmücke: der Chinese kann 4 Frauen haben, jedoch die Erste von diesen ist die Hausfrau und die Kinder der Nebenfrauen haben diese durchaus als Mutter zu ehren: wenn der Chinese von allen 4 Frauen keine Kinder bekömmt, so adoptirt er: es ist demnach eine unerlässliche Handlung das Grab der Eltern jährlich zu besuchen: jährlich werden die Wehklagen wiederholt und es geschieht bisweilen, daß Einige 1 bis 2 Monat bei dem Grabe verweilen, um den Schmerz zu erneuen. Der Leichnam des eben verstorbenen Vaters wird oft 3 bis 4 Monate im Hause behalten, und während dieser Zeit darf keiner im Hause sich auf einen Stuhl setzen, sondern auf einen Schemel, keiner darf in einem Bette schlafen sondern auf einer Matraze. Jede Familie in China hat einen Saal der Voreltern, wo sich die ganze Familie Ein Mal im Jahre versammelt: daselbst sind die Bildnisse derer aufgestellt, die hohe Würden bekleidet haben, und die Namen der Männer und Frauen, die weniger wichtig für die Familie waren, sind auf Täfelchen geschrieben; die ganze Familie speist dann zusammen und die Armern werden von den Reichren bewirthet. So groß ist die Achtung für die Voreltern: man erzählt auch, als ein Mandarin, der Christ geworden war, seine Voreltern auf diese Weise zu ehren auf hörte, | so wurde er von seiner Familie verfolgt. – Es ist keine eigentliche Verfassung in China vorhanden: Der Kaiser steht an der Spitze und regiert durch seine Behörden; diese haben wieder Beamte unter sich und das verzweigt sich bis auf die speziellsten Angelegenheiten; der Kaiser ist Patriarch, vor ihm gibt es keinen Unterschied bei seinen Unterthanen weder durch Privilegien noch durch Adel noch durch Reichthum; nur etwa die Prinzen und die Söhne der höchsten Minister haben einigen Vorrang: sonst gelten Alle gleich und diejenigen nur haben Antheil an der Verwaltung die die Geschicklichkeit dazu haben, und die höchsten Würden werden von den wissen-

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2 Hausfrau] Wi: Haupt-Frau, die andren Concubinen, diese müssen der ersten huldigen 4 so adoptirt er] Wi: adoptiren um Kinder zu haben und damit ihm die Ehre des begräbnisses erwiesen wird und einer da sey, der sein Grab unterhält und schmückt 5 jährlich] Wi: im Monat April 6 wiederholt] Wi, ähnlich Ak: wie bey einem frischen begräbniß widerholt 11 Voreltern] 30 Wi, ähnlich Ak: Voreltern, ein weites Gebäude 12 Familie Ein Mal … versammelt] Ak, ähnlich Wi: Familie (6000–7000.) versammelt 12–13 daselbst sind … haben] Wi: In diesem Saale eine lange Tafel an der Wand mit Stufen und darauf werden die bildnisse der großen ausgezeichneten Ahnen aufgestellt und dabei Cerimonien ausgeführt. 16 So groß … Voreltern] Ak: So | hoch wird dieses Grundverhaeltniß des ganzen Staats geachtet. Hn: So hoch ist die Verehrung der 35 Familie. 18 verfolgt] Wi: bekriegt). / Die Familie also Grundverhältniß 19–21 Der Kaiser … sich] Ak: Der Kaiser hat die Vorsorge für das Ganze, und regiert durch die Hierarchie seiner Beamten. 21–22 der Kaiser ist Patriarch] Wi: Die wesentliche Grundlage der Regierung ist daß der Kaiser P a t r i a r c h ist 22 bei seinen Unterthanen] Ak: der Person 24 die Söhne … Minister] Wi: ersten Minister und deren Söhne Vorrang] Wi: Vorzug, sonst keinen erblichen Vorzug 40 oder der durch Reichthum gegründet wurde 24–25 sonst gelten Alle gleich] Wi: Vor dem Kaiser sind alle gleich

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schaftlich Gebildetsten bekleidet; in dieser Hinsicht kann uns der Chinesische Staat als ein Ideal aufgestellt werden, indem der Geschickteste und Weiseste den größten Einfluß auf die Staatsverwaltung hat; der Kaiser, der die sorgfältigste Erziehung gehabt hat, wird dafür angesehen, daß er der Gebildetste im ganzen Staate sey und meist ist dieß auch der Fall gewesen. – Es sind Elementarschulen im Staate vorhanden, Anstalten für wissenschaftliche Bildung, sie scheinen jedoch mehr nur für die Elementarkenntnisse eingerichtet zu seyn: Anstalten für die höhre Bildung (wie bei uns die Universitäten) sind wohl nicht vorhanden. Die, welche zu hohen Staatsämtern gelangen wollen, müssen mehrere Prüfungen bestehen; gewöhnlich sind | es 3 Examina, bei denen der Kaiser selbst gegenwärtig ist: wer das 1te Examen gemacht hat und sich denn besonders auszeichnet wird zum 2ten zugelassen und denn eben so wieder zum 3ten; wer dieses letzte besonders gut besteht, wird nicht nur vom Kaiser hoch geehrt, sondern sogleich in das höchste Reichskollegium gesetzt. Die Wissenschaft, deren Kenntniß dabei besonders verlangt wird, ist die R e i c h s g e s c h i c h t e , womit zugleich die Kenntniß der Geseze verbunden ist, wie schon früher gesagt worden, denn die R e c h t s w i s s e n s c h a f t und denn wird besonders die Kenntniß der Sitten und der Gebräuche, so wie der Organisation und Administration verlangt; Was denn auch besonders verlangt wird, ist das Talent der Dichtkunst, worin die größte Feinheit seyn muß.

3–5 der Kaiser, … sey] Ak: Jeder soll nur nach seiner Geschicklichkeit gelten, und der Maechtigste soll der Geschickteste sein. Der Kaiser hat oder sucht das Ansehen, dass er der Geschickteste sei 5 gewesen] Wi: gewesen. die Wissenschaft macht in China also den Unterschied […] aus. 5–6 Es sind … vorhanden] Wi: Was wissenschaftliche bildung näher betrifft, so sind S c h u l e n vorhanden, worin jeder den Unterricht genießen kann 8 Bildung] Ak: Cultur 10–11 3 Examina, … ist] Ak, ähnlich WiHn: deren das Dritte in Gegenwart des Kaisers geschieht 13 vom Kaiser hoch geehrt] Wi: hochgeehrt durch große Festlichkeit Hn: hoch geehrt von dem Kaiser, der ihn oft selbst examiniert 14 gesetzt] Wi: versetzt, so kann es schon dem jüngsten Menschen von einigen 20 ergehen. / Die am meisten cultivirten Wissenschaften sind vornehmlich: die Reichsgeschichte von China, und darin sind zugleich die chinesischen Gesetze enthalten, wie auch schon vom Chu King oben gesagt ist. – Ferner: die Rechtswissenschaft, die bei ihnen ausführlich behandelt ist hinsichtlich des Eigenthums usw. alsdann die Sitten und Gebräuche überhaupt; dann die Organisation der Administration. Nach jenem Roman wird jener junge Mann nach dem Examen in den höchsten Rang erhoben. die haupteigenschaft wegen der er erhoben wird ist das Talent der dichtkunst, in Ansicht der Feinheit des Ausdrucks, und diesen und wie das andre hat sich die Kenntnisse nicht auf den Anstalten erworben sondern für sich auf dem Lande aus büchern studirt. 16 Geseze] Ak: Gesetze des Chinesischen Reichs 17 R e c h t s w i s s e n s c h a f t ] Ak: Rechtswissenschaft und ihre Gesetzbücher Hn: Rechtswissenschaft, wo von Eigenthum, Vergehen die Rede ist 19–20 Dichtkunst, worin … muß] Ak: Dichtkunst, Phantasie und Freiheit des Ausdrucks

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( Man sieht dieß besonders auch aus den von Abel Remusat übersetzten Chinesischen Romanen zB. die beiden Cousinen, darin wird ein junger Mensch dargestellt, der seine Studien absolviert hat und sich nun anstrengt, um zu hohen Würden zu gelangen.) Auch die Offiziere in der Armee müssen Kenntnisse besitzen, auch sie werden geprüft, aber die Zivilbeamten stehen in viel höherem Ansehen: es gibt gelehrte und Kriegs-Mandarinen, jene haben den Vorzug vor diesen; bei den großen Festen erscheint der Kaiser mit einer Begleitung von 2000 Doktoren und eben so viel Kriegsmandarinen; im ganzen Chinesischen Staate sind 15000 gelehrte Mandarinen und an 20000 Kriegs-Mandarinen. – Was die Wissenschaften | anbetrifft, so sind dieß die Geschichte, die Rechtswissenschaft und die Moral: die Geschichte begreift nur die ganz bestimmten Fakta in sich, ohne alles Urtheil und Raisonnement, die Rechtswissenschaft ohnehin enthält nur die bestimmten Gesetze, und die Moral gibt eben so nur die bestimmten Pflichten an: die Chinesen haben jedoch auch eine Philosophie, deren Grundbestimmungen sehr alt sind: wir haben nämlich schon den Y-king, das Buch der Schicksale, der Veränderung, des Entstehens und Vergehens, erwähnt: dieses Buch enthält die ganz abstracten Ideen der Einheit (I) und der Zweiheit (II) usw. Die Philosophie der Chinesen geht demnach von diesen Abstractionen, wie wir sie in der Pythagorischen Philosophie finden, aus: das Grundprinzip ist die Vernunft, Tao; diese Allem zu Grunde liegende Vernunft, diese Wesenheit, die alles bewirkt und ihre Formen kennen zu lernen, das gilt auch bei den Chinesen als die höchste Wissenschaft; demungeachtet hat sie keinen Zusammenhang mit den Wissenschaften die den Staat angehen. Die Werke 1–4 Man sieht … gelangen.] Ak: Man sieht, Alles soll von der Wissenschaft abhaengen, und haengt davon ab. 1–2 Man sieht … Cousinen] Wi: Es sind mehrere chinesische Romane ins französische Uebersetzt. zb. der You Keaoli – die 2 Basen Hn: In jenem Roman, wo der junge Mann nach vielen Kabalen durch das dritte Examen zur höchsten Stufe im 25. Jahre kommt, geschieht dieses, besonders auch durch sein poetisches Gefühl, seine Poesie, so daß er nicht durch die Stadt, sondern durch Bücher auf dem Lande sich selbst gebildet hat. 3–4 sich nun … gelangen] Wi: nun dem Staatsdienst sich widmet, und wird von den Mädchen aufgefordert sich auszuzeichnen 5 Zivilbeamten] Wi: civil beamten (Mandarine) 7 Festen] Wi: religiösen Festen 9 15000] Wi: 25 000 20000] Wi: 10 000 Hn: 25 000 10–11 Was die … Moral] Wi: Geschichte, Rechtswissenschaft und Moral sind bei ihnen die haupt- und positiven Wissenschaften 12 ohne alles … Raisonnement] Ak: ohne Reflexion 13–14 die Moral … an] Hn: Moral wird viel gelehrt als eine positive Wissenschaft wie die Geschichte und die Religion. 17–18 die ganz … usw.] Hn: Grundzüge, Linien, wie die Einheit, Zweiheit etc. 18–19 diesen Abstractionen] AkHn: der Abstraction der Einheit, Zweiheit 19–20 das Grundprinzip … Vernunft] Hn: Das absolute Prinzip, das zu Grunde liegt, ist der Charakter, die Vernunft, deren Erkenntnis, Gesetze, Wirkungen zu wissen gilt als die höchste Wissenschaft 21 Wesenheit] Ak: allgemeine Wesenheit Formen] Wi: Gesetze 23–1249,1 Die Werke … berühmt] Ak, ähnlich Wi: In neuerer Zeit sind von Franzosen (Ak: Werke Wi: philosophische chinesische Werke von Minkze), namentlich des La-ot-se übersetzt worden; dieser La-ot-se ist ein berühmter Weiser im sechsten Jahrhun|derte vor Christus gewesen. 26 You Keaoli lies Ju-kiao-li

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des Mingtse und Laotseou sind berühmt; von dem Laotse ist der Tao te king, das Buch von der Vernunft; diesen berühmten Philosophen hat Confucius besucht, um ihm seine Ehrerbietung zu beweisen, im 6ten Jahrhundert v Chr. Die Chinesen sind also in ganz abstracten Denkbestimmungen zu Hause, aber es ist im Belieben der Individuen sie zu studieren, doch gibt es eine besondere Sekte, die sich Taosse nennt, Verehrer der Vernunft | doch diese sondern sich von dem bürgerlichen Leben aus und da mischt sich dann viel Mystisches und Schwärmerisches in ihre Vorstellungsweise ein; sie glauben nämlich, wer die Vernunft kenne der besitze ein allgemeines Mittel, das schlechthin für mächtig angesehen werden könne, das eine übernatürliche Macht ertheile, so daß man dadurch fähig wäre sich gen Himmel zu erheben, und nie dem Tode unterliege (so wie man bei uns von einer Universallebenstinktur sprach). Mit den Werken des Confuz sind wir nun auch näher bekannt geworden, ihm verdankt China die Redaktion der King; er selbst hat viel über Moral geschrieben, seine Werke sind die Grundlage für das Betragen und die Lebensweise der Chinesen: ein Hauptwerk des Confuz ist in’s Englische übersetzt worden und die Kritiker haben behauptet, es wäre besser gewesen, wenn es uns unbekannt geblieben wäre: es findet sich zwar darin eine Moral von richtigen Aussprüchen, aber es ist meist ein Herumwenden und Herumreden und eine Reflection, die sich nicht über das Gewöhnliche erhebt. Was die andern Wissenschaften anbelangt, so werden sie nicht als Wissenschaften von den Chinesen studiert, sondern sie werden mehr als Kenntnisse betrachtet: die Physik, die Mathematik, die Astronomie, darin sind die Chinesen weit zurück, so groß auch ihr Ruhm darin früher war: sie haben nämlich den Magnet früher gekannt als die Europäer, aber sie haben nicht diese Anwendung davon gemacht: so wie auch die Buchdruckerkunst bei ihnen früher bekannt war, | allein sie bleiben dabei stehen, die Buchstaben in holzerne Tafeln zu graviren und dann abzudrucken; von den beweglichen Lettern wissen sie nichts.

2 diesen berühmten … besucht] Wi: der philosophische Verfasser M…. hat Confucius (6? seculum 6 Verehrer] Ak: Anhaenger (Anbeter) der Vernunft Hn: (Anhänger der Vernunft) Wi: Freund 7 bürgerlichen Leben] Ak: Staatsleben 9 ein allgemeines Mittel] Wi: allgemeine und allmächtige Mittel 11 sich gen … erheben] Wi: durch die Lüfte zu fliegen 15 für das … Chinesen] Ak: der Chinesischen Sitten und Gesetze 16 in’s Englische übersetzt] Hn: Der Engländer Marshman hat es übersetzt 17–20 es findet … erhebt] Wi: denn 35 die Erwartungen waren größer, er erhebt sich nicht über gewöhnliche moralische Bücher Ak, ähnlich Hn: Dieses Werk des Confucius steht indessen nicht höher, als unsere Erbauungsbücher. 21 studiert] Wi: cultivirt 21–22 sie werden … betrachtet] Wi: es sind rohe Kenntnisse, die den Namen Wissenschaft nicht verdienen 23–24 sie haben … Europäer] Wi: Empirische Kenntnisse zb der Magnetnadel haben sie eher als die Europäer gehabt Ak: den Magnet, aber ohne Compaß

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Was die Mathematik anbetrifft, so verstehen sie sehr wohl zu rechnen, aber von der höheren Mathematik verstehen sie nichts: auch als große Astronomen haben die Chinesen gegolten; der Franzose La Place hat ihre Kenntnisse darin näher untersucht und hat gefunden, daß sie einige alte Nachrichten und Notizen von Mond- und Sonnenfinsternissen haben, aber das macht noch nicht die Wissenschaft selbst aus; auch sind die Notizen so unbestimmt, daß die Astronomen nichts draus zu machen wissen, es sind nämlich im Schu-king 2 Sonnenfinsternisse erwähnt in einem Zeitraume von 1500 Jahren aber ohne alle näheren Umstände. Der schlagende Beweis von der Unkenntniß der Chinesen in der Astronomie ist, daß schon seit mehreren 100 Jahren die Kalender ihnen von Europäern gemacht werden, und noch nie ist es einem Chinesen in den Sinn gekommen, sich darin zu unterrichten, obgleich der Kalender sehr wichtig für sie ist, denn sie feiern große Feste bei jeder Sonnen und Mondfinsterniß (in früheren Zeiten, als noch Chinesische Astronomen den Kalender verfaßten, so kam es oft vor, daß sie falsche Angaben von Sonn und Mondfinsternissen gemacht hatten und dann wurden sie sämmtlich zur Strafe hingerichtet) La Place sagt ferner von den Chinesen, daß sie sich zwar der Fernröhre bedienen, daß diese aber keine Gläser haben: zwar haben sie von den Europäern die präch|tigsten Fernröhre bekommen, sie stellen sie aber nur zum Schmuck auf und wissen keinen Gebrauch davon zu machen; auch die Uhren sind selten bei den Chinesen. Die Medizin ist auch eine wesentliche Wissenschaft, aber sie ist bei ihnen etwas vollkommen Empirisches, womit der größte Aberglauben verbunden ist; überhaupt besitzen aber die Chinesen eine unglaubliche Geschicklichkeit in der Nachahmung und eine sinnreiche Erfindung: sie sind jedoch zu stolz etwas von den Europäern nachzuahmen und zu lernen, obgleich sie die Vorzüge anerkennen müssen, (so hat ein Kaufmann in Kanton ein Europäisches Schiff bauen lassen, aber es wurde sogleich auf Befehl des Statthalters zerstört) überhaupt be-

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1–2 aber von … nichts] Wi: das ist aber keine Wissenschaft 7 zu machen wissen] Wi: zu machen ist. das also keine Wissenschaft zu nennen. 7–8 2 Sonnenfinsternisse] Wi: 2 Mondfinsternisse 10 mehreren 100 Jahren] Ak: 200. Jahren 10–11 von Europäern] Wi: namentlich 30 Jesuiten, die noch in Peiking sind 13–16 (in früheren … hingerichtet)] Wi: Eine Mondfinsterniß oder Sonnenfinsternis ist etwas so großes bei ihnen, und das wichtigste was vorkommen kann, wer falsche Angaben darüber macht, verlirt den Kopf – diß ist schon vorgekommen. 16 La Place] Wi: La place der die Nachrichten näher verglichen 17–18 zwar der … haben] Wi: keiner Ferngläser bedienen, sie haben bloß hohle Röhren 18 von den Europäern] Hn: Die Europäer, um sich ihnen 35 beliebt zu machen 19 Schmuck] Hn: Prunk und Prahlerei 20 machen] Hn schließt an: Sie feiern die Sonnen- und Mondfinsternisse durch Feste, und sehr genau sind die Angaben darüber. auch die … Chinesen] Wi: keine Uhren, ohne welches doch keine Astronomie möglich ist 24–25 sie sind … nachzuahmen] Ak: Ueberhaupt aber ist es verboten, aus Chinesischen Sitten, Gewohnheiten, Manieren herauszutreten, z.B. Europaeische Schiffe zu bauen. 27–1251,2 überhaupt behandeln … 40 suchen] Ak, ähnlich WiHn: sondern diese als Bettler behandeln, die bei sich nichts zu essen haben, und deshalb zu ihnen kommen

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handeln sie die Europäer ganz als Bettler, die genöthigt wären sich ihren Unterhalt anderswo als im eignen Lande zu suchen. Die Chinesen sind höchst geschickt besonders in dem Firnissen und in der Verfertigung des Lack’s; auch wissen sie das Metall außerordentlich zu behandeln: so hat man von China kupferne Insektensammlungen mitgebracht, die auf ’s Vollkommenste der Natur getreu sind: sie verstehen die Kunst das Metall beim Gießen äußerst dünn zu halten, wie wir dieß schon an Griechischen Statuen bewundern: auch die Arbeiten in Porzellan sind bewunderungswürdig. Diese Geschicklichkeit üben sie nicht nur im täglichen Leben aus, sondern auch in der Kunst; sie sind aber nicht dazu gekommen etwas Schönes als schön darzustellen, denn ihre Malerei ist ohne Perspektive | und ohne Schatten; dagegen haben sie die Europäischen Gemählde vortrefflich copiert, so wie sie die Natur getreu nachzuahmen wissen (so weiß ein jeder Mahler in China, wieviel Schuppen ein Karpfen hat, er kennt genau die Anzahl der Einschnitte und Rippen in den Blättern, die Gestalten der verschiednen Bäume, die Biegung ihrer Zweige); aber das Erhabene, Ideale, Schöne ist nicht der Boden ihrer Kunst und Geschicklichkeit. – Was die Sprache der Chinesen anbetrifft, so haben sie die Hieroglyphenschrift und die Zahl der unterschiedenen Zeichen gibt man auf 80000 an (Man ist besonders zu Leibnitz Zeiten besonders darauf aufmerksam gemacht worden, denn dieser achtete diese Hieroglyphenschrift sehr hoch; er meinte es würde ein großer Gewinn seyn, wenn man solche Hieroglyphen in ganz Europa einführte: doch diese Vorstellung zeigt sich sehr seicht und oberflächlich; wir bezeichnen die Töne; jedes Wort wird in seine Grundlaute analysirt und dadurch sind diese auf einige 20 reducirt und das ist die einzige richtige Verfahrungsweise in der Schriftsprache.) Die Art zu schreiben bei den Chinesen knüpft sich nicht an die Tonsprache an und daher ist diese höchst ungebildet; das Eigenthümliche nämlich der Tonsprache der Chinesen ist, daß der Ton mit dem ein Wort ausgesprochen wird die Bedeutung bestimmt: es macht einen großen Unterschied in der Bedeutung des Worts, ob es etwas langsamer oder schneller, lauter oder leiser gesprochen wird

Die Chinesen … geschickt] Wi: In anderen mechanischen dingen sind sie sehr geschickt 5–6 die auf ’s … sind] Wi: denen die Motten nichts anhaben können, sie sind aufs genaueste gearbeitet 6–7 sie verstehen … halten] Wi: die Dünnheit des Metalls in dem Gießen ist bewunderns würdig. 5 Fuß hohe Kupfer-Statuen kann man auf der hand tragen. 7 wie wir … bewundern] Hn: halten, noch dünner als die griechischen Statuen 10 dazu gekommen … darzu12 so wie … wissen] Wi: Ihre Genauigkeit 35 stellen] Ak: zur Vorstellung des Schönen gekommen ist zu verwundern 13 hat] Wi: hat vom Hals bis zum Schwanz 18 Zeichen] Ak: Charaktere 80000] Ak: 20,000. 19 darauf ] Wi: auf chinesische bildung und Litteratur 21 einführte] Wi schließt an: weil dadurch alle gelehrten Europäer nicht Spracherlernung nöthig hätten

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und da gibt es denn noch sehr viele Modifikationen; so gibt es Worte die 10 bis 12 ver|schiedne Bedeutungen haben, je nachdem sie ausgesprochen werden: nur der Accent gibt die Bedeutung; in Europa gehört es zum guten Sprechen, keinen Accent hören zu lassen; so bedeutet Schu, wenn es in hohem Tone gesprochen wird: Meister, Herr; in tieferem Tone: ein Schwein; kurz abgebrochen, eine Küche, in starkem Tone: eine Säule usw. Po heißt zugleich Glas, Sieden, Getreide würfeln, brechen, spalten, ein altes Weib, Sklave, kluge Person, ein wenig. – Die Wissenschaften, die für den Staatsmann gehören, werden von der Regierung aufrecht erhalten; der Kaiser steht an der Spitze der ganzen Litteratur und von ihm wird gefordert, daß er, so wie er der Erste an Macht ist, auch der kenntnißreichste sey; die Angelegenheit der Wissenschaften ist Staatssache. Das höchste Reichscollegium heißt Tane line, da sitzen nur die ausgezeichnetsten Männer, die allein der Geschichtsschreibung und der Kultur der Wissenschaften leben; sie werden vom Kaiser selbst gewählt und arbeiten immer unter seinen Augen; zu ihren Werken, die sie verfassen, macht der Kaiser die Vorreden; aus demselben Collegium nimmt der Kaiser seine Sekretäre, die seinen Pinsel führen. Die Edikte des Kaisers sind von vollkommenem Ausdruck und im besten Styl verfaßt: die Minister entwerfen die erste Anlage des Edikts, das Reichscollegium sieht es durch und verbessert, dann sieht es der Kaiser selbst durch und findet er noch Fehler darin so wird das Kollegium bestraft; eben so müssen die Berichte der Mandarinen an den Kaiser vollkommen stylisirt seyn: | ist dieß nicht der Fall, so wird der Mandarin öffentlich getadelt in dem Regierungsblatt, das zu Peking herauskommt; in demselben erscheinen auch die Edikte des Kaisers. Unter den letzten Kaisern hat sich besonders Kien-long durch seine wissenschaftlichen Kenntnisse ausgezeichnet: er selbst hat viel geschrieben, mehr noch hat er sich berühmt gemacht bei den Chinesen durch seine Herausgabe der Hauptwerke China’s, welche aus 268,000 Bänden besteht: er setzte eine Kom-

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1 da gibt … Modifikationen] Wi: der materiell-selbige Laut gibt eine Unterscheidung. 3 Europa] Wi: Frankreich 4 keinen Accent … lassen] Wi: parler sans accents (ohne Accente zu 30 sprechen) 6 Küche] Ak: Küche, und Pfeil 6–8 heißt zugleich … wenig] Wi: hat 11 bedeutungen = Glas = Getreidesieb, = zerspalten = zubereiten = Sclave, = altes Weib = freier Mensch. – alles ohne Zusammenhang pp! 8 Staatsmann] Wi: Staatsmann (Mandarinen) Hn: Beamten 12 Reichscollegium heißt Tane line] Wi: Staatscollegium (Kan he lin darüber: Annelin) 14 gewählt] Wi: gewählt, so wie er der Prüfung derselben bei wohnt 15 Augen] Wi: 35 Augen und befehl 15–16 die Vorreden] Ak, ähnlich Wi: sehr haeufig eine Vorrede 17–18 sind von … verfaßt] Wi: hat den vollkommensten und correctesten Stil und Form 19–20 dann sieht … durch] Wi: der Kaiser hat die letzte Correctur 20 so wird … bestraft] Wi: so geht es den Ausstellern schlecht 26 er selbst … geschrieben] Hn: Ein Kaiser hat ein Kunstwerk von Gedicht gemacht, das von allen chinesischen Gelehrten aufs höchste bewundert ist. 28 welche aus … be- 40 steht] Wi: Aus 268,000 Bänden sollte die große bibliothek bestehen

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mission nieder, welche die Druckfehler verbessern mußte, an der Spitze derselben stand ein kaiserlicher Prinz; war das Werk durch alle Hände gegangen, so bekam es endlich noch der Kaiser und auf jeden Fehler, der nun noch gefunden wurde, war eine bestimmte Strafe gesetzt. Der Kaiser steht also an der Spitze des Staats und zwar als Patriarch mit unumschränkter Gewalt, er spricht über Tod und Leben und hat Alles zu entscheiden: da ist keine Garantie, kein Gerichtshof, an den noch zu appelliren wäre; nur Vorstellungen können dem Kaiser etwa noch gemacht werden. Der erstgeborene Sohn ist der legitime Nachfolger, doch auch hier hat der Kaiser noch zu entscheiden, ob er seine Zustimmung geben will. Der Kaiser regiert durch die Behörden, welche meist aus Mandarinen bestehen; das Reichskollegium ist die oberste Behörde, es besteht aus den gelehrtesten und geistreichsten Männern: daraus werden die Präsidenten der andern Collegien gewählt. Mandarinen sind angestellt für die Aufsicht der Landstraßen, der Flüsse, der Meeresufer usw.| Alles ist da auf ’s Genaueste angeordnet; besonders auf die Flüsse muß große Sorgfalt verwendet werden: im Schou-king finden sich viele Verordnungen der Kaiser in dieser Hinsicht um das Land vor den Ueberschwemmungen zu sichern. Die Thore jeder Stadt sind mit Wachen besetzt und die Straßen werden alle Nacht gesperrt. In allen Regierungsangelegenheiten ist die größte Oeffentlichkeit; die Beamten berichten an das Reichskollegium und dieses legt dem Kaiser die Sache vor, dessen Entscheidung in der Hofzeitung bekannt gemacht wird; oft klagt sich auch der Kaiser selbst an der Fehler wegen, die er etwa begangen hat; er tadelt öffentlich seine Prinzen, wenn sie im Examen schlecht bestanden haben. In jedem Ministerium in den verschiednen

25 4 gesetzt] Wi schließt an: Durch öffentliche Ordonnanz werden auch die Gerichte getadelt, die ihre

berichte an den Kaiser schlecht stilisirt haben. 6 unumschränkter] Wi: absoluter 9 Sohn] Ak: Sohn aus rechtmaessiger Ehe Wi: Sohn des Kaisers (von einer legitimen Frau) 11 die Behörden, … bestehen] Wi: mehrere behörden und Collegien und an der Spitze dieser Collegien stehen die Mandarinen Behörden] Hn: Dikasterien, 13 daraus] Wi: Aus dem Anhelin (siehe Präsidenten] Wi: ersten Minister Collegien] Hn: Dikasterien 14 Mandarinen sind … 30 oben) Flüsse] Hn: Es gibt Mandarinen zu Gouverneuren der Provinzen und Städte, Aufsicht der Landstraßen und ungeheuren Ströme, welche sorgfältig gedämmt werden müssen. 14 Mandarinen sind ten angestellt] Wi: die Vicekönige haben den 2 Rang, dann die Mandarinen Flüsse] Ak: Ströme (die sehr leicht überschwemmen) 15 Meeresufer usw.] Wi: Meeresufer und als Gouverneure der 15–18 besonders auf … sichern] Wi: die besorgung der Flüsse ist eines der wichtig35 Städte u.s.w. sten; an den Ueberschwemmungen dieser Flüsse leidet China fortwährend und es gehen dabei oft Millionen aus Hn: Denn oft können ganze Provinzen und Millionen von Menschen verarmt werden durch Überschwemmungen. 18 Wachen] Wi: Polizei und Wache 19 gesperrt] Wi: mit Thoren jede verschlossen 21 in der Hofzeitung] Hn: dreimal wöchentlich durch Hofzeitung Wi: 40 in einer Staatszeitung 22 gemacht wird] Wi: gemacht die wöchentlich 3mal erscheint 39 verschlossen] verflossen

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Theilen des Reichs ist ein Kotao, ein Censor, der an den Kaiser über Alles Bericht erstatten muß: diese Censoren werden nicht abgesetzt und sind sehr gefürchtet, sie führen über Alles, was die Regierung anbetrifft, eine strenge Aufsicht; sie haben das Recht dem Kaiser Vorstellungen zu machen bei den Maßregeln, die er ergreift und die Chinesische Geschichte gibt viele Beispiele vom Adel der Gesinnung und dem Muth dieser Kotao; so hatte ein Kotao ein Mal einem tyrannischen Kaiser Vorstellungen gemacht war aber hart zurückgewiesen worden, er aber ließ sich nicht irre machen, sondern verfügte sich noch ein Mal zum Kaiser um ihm abermals Vorstellungen zu machen, da er aber seinen Tod voraussah, so ließ er sich zugleich den Sarg mittragen; von Andern wird erzählt, daß sie von den Henkersknechten ganz zerfleischt, unvermögend | einen Laut hervorzubringen, noch mit Blut in den Sand schrieben: so ist die Regierung eine Aufsicht von oben nach unten. Die Kotao sind jedoch verantwortlich für Alles, was sie im Nothfall unterlassen haben; wenn eine Hungersnoth, Krankheit, Verschwörung oder religiöse Unruhe usf. eintritt, so haben die Kotao zu berichten, aber nicht auf weitere Befehle der Regierung zu warten, sondern sogleich thätig einzugreifen. – Es ist nun noch das Verhältniß des Kaisers zur Religion zu betrachten. – Die Staatsreligion China’s ist zu unterscheiden von den besondern Sekten: die Sekte die besonders ausgebreitet ist, ist die der Verehrer des Pho, oder Budda, die besonders in Indien und weiter gegen Westen zu Hause ist, und mit dem Kultus des Dalai Lama verwandt ist. In der Staatsreligion steht der Himmel, Kien, oben an; ((wenn wir vom Himmel im uneigentlichen Sinne sprechen so verstehen wir Gott darunter (wie in den Redensarten: Der Himmel behüte uns! und drgl.); die Jesuiten haben es in der Chinesischen Religion eben so verstanden und haben den Chinesen zugelassen, den christlichen Gott auch Kien zu nennen: als man genauer mit der Chinesi-

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1 ein Kotao] Wi: ein Glied, das die Geschäfte nicht mitmacht Censor] Ak: Censor, der keine Stimme hat, aber allen Sitzungen beiwohnt Alles] Ak: Alles bemerkt, und über Unregelmaessigkeiten und 30 Fehler unmittelbar an den Kaiser berichtet Wi: alle Verhandlungen im Ministerium 2 Bericht erstatten muß] Wi: berichtet. Alle diese Censoren machen zusammen wieder ein Collegium. 3 gefürchtet] Hn: geehrt 6 der Gesinnung] Ak: der Gesinnung der Freiheit dieser Kotao] AkWi, ähnlich Hn: gegen den Kaiser selbst 10 zugleich den Sarg mittragen] Wi: seinen Sarg zugleich mit in den Pallast und ließ ihn vor den Thoren des Pallastes warten 14 verantwortlich für Alles] Ak: nicht bloß für ihr 35 regelmaessiges Ressort zu sorgen verpflichtet, sondern sind verantwortlich für Alles Wi: für alles Außerordentliche verantwortlich im Nothfall] Ak: in ausserordentlichen Faellen 15 Hungersnoth] Wi: Hungersnoth, deichbrüche 17 thätig einzugreifen] Wi: auf ihre Verantwortung die Sache besorgen 20 Pho] AkWi: Fo 21 mit der … ist] Wi: auch die Religion des Dalai Lama ist sehr ausgebreitet. Aber diß particulair 24 Jesuiten] Wi: die Jesuiten im 17 seculum 26–1254,1 als man … 40 wurde] Ak: Die Chinesen machen aber diesen Unterschied nicht. Hn: weshalb sie bei dem Papst hart angeklagt worden sind

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schen Art und Weise bekannt wurde, so befahl der Pabst, den christlichen Gott Kien Ki d.i Herr des Himmels zu nennen)); zu diesem Himmel ist es nun, daß der Kaiser sich verhält, er ist der Vermittler zwischen dem Himmel und den Menschen dh. seinen Unterthanen: er steht als Patriarch an | der Spitze der Religion und ist allein im Verkehr mit dem höchsten Wesen; 4 religiöse Feste werden jährlich gefeiert; der Kaiser, der sich Sohn des Kien nennt, bringt die Opfer für sich und sein Reich; das berühmteste dieser Feste ist das im Frühlingsequinoctium, das Fest des Ackerbaus; der Kaiser als der Oberpriester bringt dem Kien das Opfer dar, und zieht mit einem silbernen Pflug mehrere Furchen in den Acker: so wie der Kaiser dem Ackerbau, so steht die Kaiserin dem Pflegen der Seidenwürmer vor; ähnliche Feste werden im Wintersolstitium und zu Johanni gefeiert. Die Grundlage des religiösen Glauben’s überhaupt ist, daß, wenn der Kaiser und sein Volk rechtlich leben, dem Reiche nicht Uebles widerfahre: der Kaiser aber hat für sein Volk zu stehen. Die Mandarinen berichteten einst demselben, als die Heuschrecken viele Provinzen des Reiches verwüsteten, daß alle Provinzen, in welchen einem gewissen ausgezeichneten Feldherrn Tempel errichtet worden, verschont geblieben wären; der Kaiser antwortet darauf; sie möchten nicht solchen Aberglauben hegen; „wenn unsere Völker durch Insekten verwüstet werden oder durch irgend ein Unheil belästigt werden, welches

20 1 so befahl der Pabst] Wi: und wurden darüber beim Papst angeklagt, der dann verordnete

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4 Patriarch] Wi: Patriarch seiner Familie 5 höchsten Wesen] Wi: himmlischen Wesen 7 Reich] AkWi: Volk 7–8 Frühlingsequinoctium] Wi: Frühlings Tag und Nachtgleiche 10 Acker] Wi: Acker […], worin gesät wird und das Korn auf bewahrt Ak: dessen durch den Kaiser erpflügtes Korn zum heiligen Opfer verwendet wird 10–11 Pflegen der Seidenwürmer] Wi, ähnlich Hn: pflegt die Seidenwürmer und die Seide für heilige Gewänder verbraucht 13 sein Volk] Wi: seine beamten und Unterthanen 14 für sein Volk] Hn: für sich und seine Beamten 14–1256,8 Die Mandarinen … Kinder.] Hn: Man hat Proklamationen von ihm, worin er sich über Unglück in seinem Reiche ausspricht, und wo er nun sagt: er habe dieses gehört, deshalb habe er lange nachgedacht, worüber er Tien erzürnt hätte, entweder habe er oder seine Beamten gesündigt; er läßt deshalb oft einen General oder einen Beamten in einer Provinz hinrichten, weil er diesen als Ursache des Unglücks hält. Denn es gibt ein untrügliches Verhältnis zwischen Himmel und Mensch, Unglück und Sünde, Verbrechen und Heimsuchung. Der Himmel gießt seine Strafen aus auf den Kaiser selbst, um ihn zu züchtigen; die Gouverneure sind nicht gerecht und nicht gehörig belehrend für das Volk. In einer Provinz verachtet man die Gerüche: wenn der Mensch so verdorben ist, so wird die Harmonie zwischen Mensch und Himmel getrübt, und Unglück kommt herab; der Himmel hört auf wohlthätig zu sein, und ich habe Schuld, indem ich nicht gehörig Acht auf alles um mich habe; ich bin allein gegen den Himmel verantwortlich. 14–15 Die Mandarinen … verwüsteten] Wi: Proclamationen häufig worin der Kaiser sich ausspricht über Mißwachs, Empörungen und dergleichen und sagt dabei die berichte seyen ihm zugegangen, er habe Tag und Nacht in sich nachgedacht, was er verbrochen habe, daß der Tien solches verlangt habe; er sagt, entweder er müsse gefehlt haben, oder auch seine untern beamten. so auch Proclamationen darüber 17–18 sie möchten … hegen] Wi: ob sie glauben daß er in ebensolchen Irrthum sey? der Himmel und Menschen ständen im festen Verhältniß hinsichtlich der Strafen und belohnungen

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sind die Ursachen? Es trägt vielleicht der Kaiser selbst die Schuld indem er sich etwa vom Recht entfernt hat, oder die Statthalter in den Provinzen haben die Gerechtigkeit vernachlässigt und dem Volke nicht den gehörigen Unterricht ertheilt; wenn Eines von Beiden ist, so wird die Eintracht getrübt und die Unglücksfälle stürzen auf uns herab; der Himmel verändert seine wohlthätige Neigung; | davon überzeugt, bin ich in mich selbst zurückgekehrt und habe mich bei Tag und Nacht geprüft.“ Auf diese Weise nimmt der Kaiser Alles auf sich und steht für seine unmündigen Kinder. Die Staatsbeamten haben keine andre Religion als den Willen des Kaisers zu vollbringen, in dem sie den Vermittler zwischen ihnen und dem Himmel sehen, und die Gesetze des Reichs zu handhaben; (darum haben die Jesuiten die chinesische Staatsreligion einen politischen Atheismus genannt) der ganze Gottesdienst besteht nur in den 4 jährlichen Festen. Die Anhänger des Budda haben sehr viele Kirchen und Klöster und eine Menge phantastischen Aberglaubens: aber ihre Kirchen und Klöster werden von den Chinesen mehr oder weniger als öffentliche Gasthäuser angesehen und behandelt. Der Kaiser ist unumschränkter Herr über diese Sekte, so wie über die andern in China, so hatte sich die Religion des Pho sehr ausgebreitet bald nach ihrer Entstehung: dagegen ließ der Kaiser ein starkes Edikt ausgehen und hob mit einem Mal 26 Myriaden Klöster auf, indem er ihre Güter einzog und die Mönche und Nonnen dem Staatsleben zurückgab. Es ist also schon gesagt worden, daß die direkte Beziehung des Menschen zu Gott in China nicht vorhanden ist, diese erst gibt dem Menschen das Bewußtseyn; jener innerlicher Ort, der dem Individuum der seinige ist und in welchem er im höchsten Verhältniß steht, er sich absoluten Werth verschaffen kann, ist nicht vorhanden; nur der Kaiser hat jene Innerlichkeit, nur er verhält sich unmittelbar zum Himmel; er hat eine voll|kommene Macht über jede Religion und es ist bloß zufällig, daß eine andre als die Staatsreligion geduldet wird; so wie ein Chinese ein katholischer Christ wird, so hält der Kaiser dafür, er entziehe sich seiner Obergewalt, was ihm jene Priester vorsagten, das gehe ihm über Alles, und er kenne nichts

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3–4 Unterricht ertheilt] Wi: Instructionen geben, oder daß man die alten Gebräuche und Sitten 30 verachtet 4 wenn Eines … getrübt] Wi: Wenn die Menschen so verderbt sind wird das schöne Verhältniß zwischen Himmel und Menschen getrübt 7–8 Auf diese … Kinder.] Wi: der Kaiser setzt sich dann allein gegen den Himmel in Verantwortlichkeit 9 Kaisers] AkWi: Kaisers, der mit dem Himmel zusammenhaengt 13 Kirchen] Hn: Ceremonien 14–16 ihre Kirchen … behandelt] Ak: Wie wir im Wirthshause, sitzen sie in den Kirchen. Hn: Klöster, die wie Gasthäuser 35 sind. Mensa machen sie hier beim Wein. Die Religion ist das Regulative der geistigen Freiheit. Nichts Äußerliches kann ihr Etwas anthun. 21 die direkte Beziehung] Wi: das religiöse Gewissen d.h. die directe beziehung 22–24 jener innerlicher … kann] Wi: es bleibt ein äußerliches und seine innerliche Freiheit 25 Himmel] Wi: Himmel, andern kommt dieß nicht zu 28 er entziehe … Obergewalt] Wi: entzieht sich dem Befehle des Kaisers und zeigen sich einem andern gehor- 40 sam Hn: sie verpflichten sich zu anderen Gesetzen

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Höheres; ein großer Theil des Chinesischen Reichs (besonders Tibet) bekennt sich zur Religion des Phu und des Dalai Lama, eines als Gott verehrten Menschen. Selbst über höhere Wesen dehnt sich die Macht des Kaisers aus: der Himmel ist das allgemein Mächtige, so daß das ganze Gedeihen des Reichs von ihm abhängt; dieß wird aber noch partikularisirt, so daß besondere G e n i e n über die einzelnen Elemente und Naturgegenstände regieren und wachen wie bei den Griechen die Nymphen, die Flußgötter, die Dryaden usf. Jedes der 5 schon oben angegebnen Elemente hat einen besondern Genius, welcher sich durch eine eigne Farbe unterscheidet; die Herrschaft der den Thron von China behauptenden Dynastie hängt von einem herrschenden Genius ab; gegenwärtig ist gelb die kaiserliche Farbe, (die Farbe ist etwas sehr Wichtiges auch zur Unterscheidung der Aemter) so daß die jetzige Dynastie dem gelben Genius angehört; nun hat aber auch jede Provinz ihren Genius, jede Stadt, jeder Berg, Fluß, jeder Ort überhaupt seinen Lokalgenius; diese Genien aber stehen unter dem Kaiser: es erscheint jährlich ein Reichsadreßbuch, worin alle Beamten verzeichnet sind zugleich aber auch alle Genien, | denen der Kaiser diesen Bach, Fluß, Berg usf. anvertraut hat; wenn nun irgend einer dieser Naturgegenstände ein Unheil anrichtet, so wird der Genius abgesetzt vom Kaiser; dieser herrscht also auch über diese besondern Mächte, so wie er es dem Himmel durch seine Rechtschaffenheit abzwingt, seinem Volke und Land Gedeihen zu geben. Aus Allem diesem erhellt, daß der Kaiser der Mittelpunkt ist, um den sich Alles dreht und zu dem Alles zurückgekehrt, und das Wohl des Volkes und Landes hängt von dem Charakter des Kaisers ab, denn er hat Alles zu beaufsichtigen, Alles in Ordnung zu fassen; somit ist das Wohl und der gedeihliche Zustand auf die Zufälligkeit der Individualität des Kaisers gesetzt; in den Europäischen Staaten ist dieß nicht von so großer Wichtigkeit, denn in jedem wohl organisirten Staat hat die Individualität des Fürsten weniger Einfluß auf das Ganze. Im Chinesischen Reich haben viele vortreffliche Kaiser die Herrschaft geführt; die sorgfältige Erziehung, die ganze Haltung des Kaisers, seine Umgebung von Geschichtsschreibern, die seine Worte und Thaten der Zukunft auf bewahren, von

2–3 eines als … Menschen] Hn: einen vergötterten Menschen, deren es zwei gibt, einen auch im nördlichen Tibet 4 ist das allgemein Mächtige] Ak: hat alle Herrschaft über das Irdische 5 dieß] Wi: die Herrschafft des Himmels über das Irdische G e n i e n ] Ak: Genien, Maechte 6 die einzelnen … Naturgegenstände] Wi, ähnlich Ak: die einzelnen Theile der Erde 13 angehört] Wi: 14 Genien] Ak: saemmtlichen Genien 18 Kaiser] Wi schließt an: 35 an, d.h. dem Genius der Erde und stellt einen andern an seine Stelle 22 das Wohl … Landes] Wi: die Handhabung von Recht und Gerechtigkeit Ak: die | Beschaffenheit des Chinesischen Reichs Hn: Das Wohlergehen der Bürger, die Herstellung des Rechts 23 denn er … beaufsichtigen] Wi, ähnlich Hn: denn er hat allein die Zügel 26–27 dieß nicht … Ganze] Wi: diese Zufälligkeit sehr beschränkt durch eine 40 feste bestimmte Ordnung und Organisation

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den gelehrtesten und weisesten Männern geben seinem Charakter fast immer eine schöne und würdige Richtung; er lebt nur in einer moralischen Atmosphäre; was man daher von Salomonischer Weisheit gesagt hat, davon finden wir erhabne Beispiele unter den Individuen, die China beherrscht haben; zwei unter ihnen sind besonders hervorzuheben: Kan-hi, der Zweite aus der Mongo|lischen Dynastie und der schon erwähnte Kienlong aus der noch jetzt regierenden Dynastie der Mantschu, nach dem was von ihnen bekannt ist, sind sie die gebildetsten Chinesen gewesen und die Ruhe ihres ganzen Charakters hat sich in ihrer Individualität ausgeprägt. Es kann jedoch auch der Fall seyn, daß diese Individuen von bösen Leidenschaften beherrscht werden, oder zwar edel sind, aber nicht Charakterstärke genug haben, um das Reich zusammenzuhalten, wie wir ein Beispiel bei der letzten Revolution in der Mitte des 17ten Jahrhunderts sehen: Der letzte Kaiser der Dynastie Ming war sehr sanftmüthig und edel, aber bei seinem milden Charakter erschlafften bald die Zügel der Regierung, es entstanden Empörungen und die Empörer riefen die Mantschu ins Land; Hong-Puan selbst entleibte sich, (1644) um den Feinden nicht in die Hände zu fallen, mit seinem Blute schrieb er noch an den Saum des Kleides seiner Tochter einige Worte wo er sich über das Unrecht seiner Unterthanen tief beklagte: ein Mandarin der bei ihm war begrub ihn und brachte sich auf seinem Grabe um, die Kaiserin mit der ganzen Umgebung tödteten sich gleichfalls; der letzte Prinz, der in einer entfernten Provinz belagert wurde, fiel in die Hände der Feinde, und wurde hingerichtet; alle Mandarinen die ihn noch umgaben, tödteten sich. – Wenn die Beaufsichtigung von oben erschlafft, so ist kein Prinzip mehr vorhanden, das die Beamten zur Rechtschaffenheit anhielte: und wenn auch der Kaiser alle seine Aufmerk|samkeit auf den Staat und die Regierung richtet, so fehlt es doch nicht an den mannigfaltigsten Intriguen, die dem Kaiser entgehen; auch ist bei dieser Chinesischen Staatseinrichtung die Furcht vor dem Oberen vorherrschend; es ist nicht das eigne Gewissen, die eigene Ehre, die gebietet, sondern das Moralische ist nur ein äußerliches Gebot, und als solches wird es festgehalten und befehligt. In dem oben angegebnen Roman ist immer ein Hauptzug, die Gewaltthätigkeit und die Intrigen der Mandarinen,

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3 Atmosphäre] Wi: Athmosphaire, schon seine Erziehung ist sehr vorsichtig 8 ganzen] Wi: orientalischen 13–14 sanftmüthig und edel] Wi: milde und leutselig 15–16 Mantschu ins Land] Wi: Mongolen hinzu, und bemächtigten sich dann der Herrschafft 24 Prinzip] Wi: Prinzip der Ordnung 25–28 wenn auch … vorherrschend] Ak: Allein unter den Mandarinen giebt 35 es die vielfaeltigsten Intriguen; denn in jenem Systeme der Beaufsichtigung ist das, was von Gewalt und Egoismus pp abhaelt, allein die Furcht vor den Obern 3 Salomonischer] Salamonischer

21 belagert] belagerte

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die sie mit der größten Feinheit durchzuführen wissen: sie versichern sich der Gunst der Obern, ihren Raub und ihre Erpressungen mit ihnen teilend. In so fern ist eine äusserliche Ordnung aber nicht eine Ordnung, die auf innere Moralität beruht, vorhanden. Wenn ein Chinese Unrecht von einem Oberen erleidet, so hat er das Recht sich an einen Höheren zu wenden; (zu diesem Beruf stand früher in den Höfen der obersten Mandarinen und des Kaisers eine Trommel, die von dem Kläger angeschlagen wurde, worauf er seine Klage vortragen durfte, dieser gute Gebrauch ist aber durch die Intrigen der Mandarinen abgekommen) aber nur selten kommt er dazu sein Recht zu erlangen und nur wenn er sich eine besondre Protektion zu verschaffen weiß. Wenn die Mandarinen nichts nach der Seite des Förmlichen vernachlässigen, so sind sie gesichert. Auch die Arten der Strafen, die in China üblich sind, tragen viel dazu bei, daß die Individuen nicht nur kein Gewissen, sondern auch keine Ehre haben; die Strafen sind nämlich | hauptsächlich körperlich und diesen sind auch die Mandarinen von allen Klassen, selbst die Lieblinge des Kaisers unterworfen; außerdem werden auch die Mandarinen bei ihren Vergehen, 2, 3 bis 6 Grade in ihrer Würde herabgesetzt, was sie selbst bekannt machen müssen; (ein Feldherr, der sich sehr ausgezeichnet hatte, wurde beim Kaiser verläumdet, und er bekam zur Strafe des Vergehens, dessen man ihn beschuldigte, das Amt, aufzupassen, wer den Schnee in den Straßen nicht wegkehre) Wenn Einer aus der Umgebung des Kaisers sich nur des geringsten Vergehens schuldig macht, so wird er mit 100 Schlägen bestraft; dieß Entehrende der Schläge ist durchaus ein gewöhnliches Mittel: der Mandarin kann in seiner Provinz mit dem Bambustock schlagen lassen, der Chinese hat allerdings das Recht zu klagen, aber, wie schon oben gesagt, nur selten widerfährt ihm Gerechtigkeit. Auf dieselbe Art wird das Moralische in andern Verhältnissen gehandhabt; die Familienverhältnisse werden

1–2 sie versichern … teilend] Ak: wer sich dessen Gunst zu verschaffen und zu erhalten weiß, kann Alles ungescheut verletzen 4 vorhanden] Ak schließt an: und dies ist der Hauptfehler Hn: vorhanden. Das Amt, das ein Individuum erlangen soll, wird ihm oft nur durch die Gunst der Mandari6 Trommel] Wi: große Trommel 7–8 worauf er … durfte] Wi: wenn er sich 30 nen zu Theil. über niedere behörden beklagen wollte 11 des Förmlichen] Ak: der Form und Förmlichkeit so sind sie gesichert] Ak: so brauchen sie im Uebrigen weder Gewissen noch Ehre, und haben es auch nicht 13–14 die Strafen] Ak: alle Strafen, auch der höchsten Beamten und der Freunde des Kaisers 15 unterworfen] Wi: unterworfen […], während diese bei uns nur für die niedern Klas20–25 Wenn Einer … Gerech35 sen aufgespaart sind. die Mandarinen können abgesetzt werden tigkeit.] Wi: Zu den körperlichen Züchtigungen werden Bambusstöcke gebraucht; wer eine Tasse Thee vor dem Kaiser fallen läßt, kann darum ums Leben kommen. bei großen gedrängten Couren am Hofe schlägt der Manschu d.h. Ceremonienmeister mit einer Peitsche darüber. Eine englische Gesandschafft erlebte eine solche Scene. Ak: z.B: eine Tasse Thee vor den Kaiser fallen zu lassen, 26 die Familienverhältnisse] Hn: 40 wird noch sehr glimpflich mit 100. Bambusstreichen bestraft Das Familienverhältnis ist Grundlage werden] Wi: sind also die hauptgrundlage, und werden

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sehr hoch gehalten; aber die Vergehen in diesem Verhältnisse werden eben so auch auf äußerliche Weise bestraft; die Söhne die es gegen den Vater und Mutter, die Frau die es gegen den Mann, die jüngern Brüder, die es gegen die älteren Brüder an Ehrerbietung fehlen lassen bekommen Stockprügel; wenn sich ein Sohn beschwert, daß ihm von seinem Vater, der jüngere Bruder daß ihm von dem älteren usw. Unrecht widerfahren sey, so bekommt er 100 Bambuprügel und wird auf 3 Jahre verbannt, wenn das Recht auf seiner Seite ist; hat er jedoch Unrecht, so wird er strangulirt; wenn ein | Sohn die Hand gegen den Vater auf hebt, so wird ihm das Fleisch mit glühenden Zangen vom Leib gerissen, – auf diese Weise sind die moralischen Pflichten zu etwas Aeußerlichen gemacht. Die Frauen der Chinesen führen ein stilles häusliches Leben; es ist bekannt daß ihre Schuhe äußerst klein sind, indem ihre Füße schon von früher Zeit auf zusammengepresst und so im Wachsthum aufgehalten werden; diese unnatürliche Sitte hat zur nächsten Folge, daß die Frauen nicht viel herumgehen können: bei nothwendigen Besuchen werden sie ausgetragen wie zB. wenn sie das Grab der Eltern besuchen; doch es kommt nicht vor, daß Frauen Gesellschaft zusammen haben. Das Verhältniß zwischen Mann und Frau ist wie alle Familienverhältnisse sehr hoch geachtet, und die Untreue wird hart gerügt; eben so wenn ein Chinese zu einer seiner Nebenfrauen mehr Zuneigung als zu der Hausfrau zeigt und diese ihn verklagt, so bekommt er 100 Stockprügel. Es würde empörend in unsern Europäischen Staaten seyn, wenn ein Mensch wegen eines unbewußten, unwillkührlichen, zufälligen Todtschlags hingerichtet würde: es kommt bei uns allein auf den Vorsatz und die Absicht an; was ich gethan, muß ich gewußt und gewollt haben, um dafür verantwortlich seyn zu können.

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2 auf äußerliche Weise] Ak: aeusserlich mit Prügeln 4 Stockprügel] Wi: Schläge vom 25 Mandarinen 4–6 wenn sich … sey] Wi: Wenn er seinen Vater oder Mutter, oder Großvater oder älteren Bruder angibt, daß ihm Unrecht von ihnen geschehen Hn: Wenn ein Neveu den Oheim verklagt 7–8 hat er jedoch Unrecht] Ak: ist seine Klage falsch 8–9 wenn ein … auf hebt] Wi: wer gegen seinen Vater oder Mutter pp die Hand auf hebt Hn: Schlägt einer die Mutter 11 Die Frauen] Ak: Der Chinese hat nur eine Frau, aber er kann mehrere neben bei haben; jene Eine re- 30 giert dagegen im Hause, und die Kinder der Uebrigen müssen diese Eine als Mutter verehren. Diese Frauen 16–17 doch es … haben] Ak: haben keine Gesellschaften, und gar Gesellschaften von Maennern | und Frauen gemischt sind unerhört 19–20 eben so … zeigt] Wi: 4 Frauen kann ein Mann haben – […] die erste von den 4 ist die Hausfrau, hat der Mann zur einen der 4 mehr Zuneigung und Liebe als zu den andern 3 23 es kommt … an] Ak: Bei ihren Verbrechen 35 und den Strafen kömmt es nicht auf Imputabilitaet an; Vorsatz und Unvorsichtigkeit sind entweder gar nicht oder nur sehr wenig unterschieden, und vorsaetzliche und unvorsaetzliche That wird gleich bestraft. 24 um dafür … können] Wi: darnach gilt nach uns die Imputation; unvorsätzliches Unrecht wird bei uns nicht imputirt 33 Frauen] Mänr

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Bei den Chinesen herrschen ganz verschiedne Grundsätze: wenn ein Mensch einen Andern tödtet, so muß er wiedergetödtet werden, die Umstände mögen sonst seyn, wie sie wollen; schon in Mosis Gesetzen ist dieß ausgesprochen, allein da sind noch Freistädten für die, welche sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht haben, offen gelassen: bei | den Chinesen wird gar kein Unterschied gemacht; so sind die Europäer oft mit ihnen in Streit gerathen, wenn zB. ein Chinese von einem Europäer getödtet worden war, so sollte dieser wieder hingerichtet werden, wenn er selbst etwa auf Befehl seines Obern gehandelt hatte und die Chinesen bestanden darauf so hartnäckig, daß sie nichts von allem Handel wissen wollten, ehe man ihnen nicht gewillfahrt hatte. – Wenn ein Individuum gefehlt hat, etwas Unehrerbietiges besonders gegen den Kaiser (daß er etwa bei der Begrüßung mit der Stirn nicht bis auf die Erde gekommen ist) sich hat zu Schulden kommen lassen, so wird mit ihm die ganze Familie und die ganze Verwandschaft, wenn sich die Mitglieder derselben auch noch so weit entfernt von ihm im Reiche auf halten, bestraft; vor Allen die Kinder und zwar aus dem Grunde, daß ein solcher Verbrecher nicht Jemanden habe, dem es Pflicht sey, ihn zu rächen oder ihm die Ehre eines Vorfahren anzuthun; die Nebenfrauen mit ihren Kindern werden gewöhnlich als Sklaven verkauft, und die Güter der Familie confiszirt; letzteres ist besonders ein Mittel der Mandarinen sich zu bereichern; bei uns ist die Confiskation der Güter schon lange aufgehoben, weil dadurch die Kinder ganz unrechtmäßiger Weise gestraft werden. Außerdem ist ein Hauptumstand, daß in China die Sklaverei existirt. Es ist merkwürdig zu betrachten wie da die Sklaverei eingeführt worden ist und welche Veränderungen im Eigenthumsrechte vorgegangen sind, wie das freie Eigenthum, höriges Eigenthum, Lehen geworden ist und wie diese Verhält|nisse sich dann wieder aufgelöst haben. Der Grund und Boden, worin das Hauptvermögen des Chinesen besteht, wurde erst spät als Staatseigenthum betrachtet; es wurde dann festgesetzt, daß der Ertrag des 9ten Theils der Güter dem Kaiser zukomme, später noch kam die Leibeigenschaft auf; man hat ihre Einsetzung

30 1 Bei den … Grundsätze] Wi: dieser Unterschied zwischen vorsätzlicher und unvorsätzlicher That

gilt bei den Chinesen nicht oder viel weniger. Hn: Bei den Chinesen ist also diese Bestimmung der Imputation wenig angenommen 15 bestraft] Wi: bestraft. Ebenso wenn einer gegen den Kaiser s c h r e i b t ; alle die dazu in äußerlicher beziehung stehen, wie buchdrucker pp wird hingerichtet und auf die beschriebne gräßliche Weise. 17–18 die Nebenfrauen … verkauft] Ak: Auch 26–27 Der Grund … betrach35 wird wohl die 2 t e , 3t e Frau des Verbrechers als Sclavinn verkauft tet] Wi: das Grundeigenthum war früher das besondere Vermögen. der Grund gehörte aber dem Kaiser. Hn: Ursprünglich waren in China Grund und Boden die Hauptvermögen des Chinesischen Staatseigenthums, und jeder Familie ward ein Stück gegeben, wofür sie eine Abgabe gaben. Ak: In früherer Zeit wurde Grund und Boden als Staatseigenthum angesehen 27–29 es wurde … zu40 komme] Hn: Acht Familien bekamen anfangs neun Portionen, so daß der Kaiser die neunte erhielt. Wi: später wurden Ländereien unter je 8 Familien vertheilt zur bearbeitung.

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dem Kaiser Schi-hoang-ti zugeschrieben, demselben, der im Jahre 213 v. Chr. die Mauer erbaute, der alle Schriften verbrennen ließ, die die alten Rechte der Chinesen enthielten, der viele unabhängige Fürstenthümer des Reichs unter seine Botmäßigkeit brachte; seine Kriege machten die eroberten Länder zu seinem Privateigenthume und die Einwohner zu Leibeigenen; dieß Verhältniß hat sich später aufgelöst aber die Confiskation blieb noch gesetzlich; der Ursprung der Sklaverei hängt damit zusammen, sie ist jetzt noch legitim. Vor dem Kaiser sind Alle gleich und damit Alle degradirt, der Uebergang zur Sklaverei ist daher nicht sehr groß; der Vater kann seine Kinder, ja sich selbst verkaufen. Indem keine Ehre vorhanden ist, Keiner ein besondres Recht vor dem Andern hat, so wird das Bewußtseyn der Erniedrigung vorherrschend, das selbst in das Bewußtseyn der Verworfenheit leicht übergeht, da der Mensch so gar keinen innern Werth hat; daher ist der Selbstmord in China so äußerst häufig und etwas sehr Gewöhnliches, eben so der Kindermord und das Aussetzen der Kinder und die Polizei so wachsam sie sonst ist, wendet darauf wenig Aufmerksamkeit; besonders geschieht der Selbstmord oft zur | Befriedigung der Rachsucht: da nämlich der Unterschied von That und Handlung gar nicht gemacht und beachtet wird, so wird der, welcher sich in der Nähe des Getödteten befand, ergriffen und als Mörder hingerichtet; um sich nun an seinem Feind zu rächen, ermordet sich der Chinese in der Nähe desselben; dieser wird ergriffen und getödtet, seine Familie bestraft und seine Güter werden confiszirt, während die Familie des angeblich Gemordeten noch eine Schadloshaltung bekommt. Mit dem Bewußtseyn der Verworfenheit hängt die große Immoralität der Chinesen zusammen; 2 die Mauer … Schriften] Wi: die große Mauer bauete und die Geschichtbücher 5 Leibeigenen] Hn: Sklaven 9 ja sich selbst] Ak: jeder sich selber 10–12 Indem keine … übergeht] Ak: Mit solchen Sitten, da der Mensch | keine innere Freiheit, keine Religiositaet hat, hat der Mernsch keinen Werth, findet hauptsaechlich das Bewußtsein der Niedrigkeit, der Verworfenheit statt. Hn: In dieser Degradation ist ein Bewußtsein von Erniedrigung, Verworfenheit des Menschen, der nun keinen Werth hat 13 Werth hat] Wi: Werth und keine Freiheit hat; darum setzt der Mensch auch keinen Werth auf seine Person 15 Aufmerksamkeit] Wi schließt an: der vorige russische Major, der dort mit der vorigen Mission war ritt oft in Peiking und fand häufig todte Körper, um die man sich nicht weiter kümmerte. die christliche Mission daselbst hat täglich leute ausgesendet um diese Kinder einzusammeln um sie in der christlichen Religion zu unterrichten 16 Rachsucht] Ak: Rachsucht, auch aus kleinem Verdruß u.s.w. Wi: Rachsucht so besonders auch unter den Malaien, auf der Insel Ceylon 18 des Getödteten] Ak: eines Mordes 20 in der Nähe desselben] Ak: in der Naehe seines Feindes oder unter Umstaenden, daß der Verdacht des Mordes auf diesen faellt 20–21 dieser wird … confiszirt] Wi: so nimmt man auf Ceylon häufig seinen Feind mit zum baden und ersäuft sich dann selbst; seine Familie erhält dann Ersatz aus dem Vermögen des Mörders, und dessen Familie selbst wird mit bestraft. 23 Immoralität der Chinesen] Ak: Unmoralitaet im Handel und Wandel besonders mit Andern und Fremden 5 seinem] ihrem

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sie sind dafür bekannt, zu betrügen, wo sie nur irgend können; dabei haben sie nicht das geringste Ehrgefühl, der Chinese betrügt seinen besten Freund, und keiner nimmt es dem Andern übel, wenn der Betrug nicht gelungen ist und er ihn erfährt; sie verfahren dabei auf eine höchst listige und abgefeimte Weise, so daß sie sich sehr untereinander in Acht nehmen müssen, mehr noch aber haben sich die Europäer im Handel mit ihnen sich vorzusehen. Das Bewußtseyn der moralischen Verworfenheit zeigt sich auch darin, daß die Religion des Pho so sehr verbreitet ist; in dieser Lehre ist das Höchste, das Absolute, Gott – das N i c h t s und die Vernichtung des Individuum gilt als die höchste Vollendung; das Individuum wird nicht als ein moralisches Wesen angesehen, das der höchsten Freiheit sich bewußt ist. Es ist auch eine Menge Aberglauben bei den Chinesen herrschend; eine Anzahl Stäbchen wird in die Luft geworfen, und aus der Art wie sie fallen wird eine Vorhersagung des Schicksals gemacht. | solcher Wahrsager gibt es eine unzählige Menge in China, und jeder Chinese befragt sie um Rath bei seinem Unternehmen; im Y-king sind gewisse Linien angegeben, die die Grundformen und Grundkategorieen bezeichnen, daher heißt es das Buch der Schicksale; denn einer Kombination solcher Linien wird eine gewisse Bedeutung zugeschrieben, auf diese Weise wird prophezeit. – Es sind hiemit die Hauptmomente des Prinzips des Chinesischen Reichs angegeben; wir haben als Resultat daß es ein Staat ist, der auf dem Verhältniß der natürlichen Sittlichkeit der Familie begründet ist, so daß diese zum Staat erweitert ist, zu einer ungeheuren Organisation, zu einer Ordnung, die durch und 1 wo sie … können] Wi: in den | chinesischen Romanen kommt diß oft vor 1–2 dabei haben … Ehrgefühl] Ak: Die Chinesen sind die allerbetrügerischsten Menschen, und es ist wunderbar, wie wenig Ehrgefühl in dieser Beziehung bei ihnen gilt 3 keiner nimmt … übel] Ak: wenn der Freund den Freund auf das Schaendlichste betrogen hat, so stört das ihre Freundschaft gar nicht. Grade wegen der moralischen Aufsicht, die die Regierung führt, herrscht die größte moralische Verworfenheit. 6 vorzusehen] Hn schließt an: (Bei Gelegenheit: es ist nur ein Aberglaube, daß die Chinesen das Schießpulver vor den Europäern gekannt haben; sie haben es von den christlichen Missionaren gelernt.) Wi schließt am Rande an: (Es gehört zu altem Aberglauben daß die Chinesen das Schießpulver und Flinte eher gehabt hätten als die Europäer / die Je) / (die Schinken – auswendig Fetthaut, inwendig Holz!) 8 verbreitet ist] Wi: verbreitet ist, diese ist ihnen nicht einheimisch das Höchste, … Gott] AkWiHn: das höchste Wesen 9 die höchste Vollendung] Ak: das höchste Ziel 11–12 Es ist … herrschend] Ak: Dahin gehört dann auch der unsinnigste Aberglauben der Chinesen. 14 Wahrsager gibt … China] Wi: Weissager finden sich in allen Ecken aller Straßen 15–18 im Y-king … zugeschrieben] Wi: Jene Linien im Y King haben diesen Sinn, es sind jene Linien, die fallen 18 auf diese … prophezeit] Wi: und aus ihrer Stellung wird prophezeit. darum heißt jenes Buch auch Buch der Schicksale. Hn: und die Verkünder werfen nun ihre Stäbchen und sehen nach ihrer Lage 19 Chinesischen Reichs] Ak, ähnlich Wi: des alten Chinesischen Reichs 22–1264,1 die durch … ist] Ak: durch und durch mit moralischer Beaufsichtigung 31 die Je] Text bricht ab

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durch beaufsichtigt ist: aber gerade deßwegen fehlt die eigentliche Moralität, denn dieses Innere wird als ein Aeußerliches betrachtet und behandelt.

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Das 2te welthistorische Reich in Asien ist I n d i e n . Die Mogolen sind schon erwähnt worden, sie machen das Integrirende von China aus; es sind schweifende Nomaden, deren Geschichte erst in neuern Zeiten Interesse abgewonnen worden ist; Tobowski ein Russe hat sich viel damit beschäftigt eben so Saint Martin in Paris; erst seit einem Jahrhundert haben die Mogolen die Schriftsprache, ihre Geschichte interessirt uns nicht; sie sind uns nur merkwürdig durch die Religion des Dalai Lama, eines Menschen, der als Gott verehrt wird. – | In neuern Zeiten hat man die Entdeckung gemacht, daß die meisten Sprachen des Alterthums mit dem Sanskrit zusammenhängen; so auch und vornehmlich die Indische Sprache: Sanskrit ist die gelehrte Sprache in Indien wie Latein im Mittelalter. Indien stellt sich uns dar als der Ausgangspunkt der Völ-

1–2 eigentliche Moralität, … behandelt] Ak: eigentlicher innerer Moralitaet, weil diese eben zur Aeusserlichen geworden ist Hn: eigentliche in der Gesinnung liegende, auf dem Willen beruhende, Moralität Wi: wahre Moralität die in der Gesinnung ihren Grund hat, und nicht wie hier als etwas äußerliches anzuführen ist. / diß genug um das Prinzip des chinesischen Reichs in seiner bestimmtheit zu erkennen. 5 erwähnt worden] Ak: erwaehnt sind, können bei Seite bleiben 5–6 sie machen … Nomaden] Wi, ähnlich Hn: als schweifende Nomaden sind sie grade das Gegentheil (Hn: gegen die feste Ordnung) der Chinesen 7 Tobowski ein … beschäftigt] Wi: Siehe den Reisebericht von Tobowsky. 9 interessirt uns nicht] Ak, ähnlich Wi: (Ak: interessirt nicht den Philosophen, weil in ihnen keine | sittliche Constitution vorhanden Wi: Ihre Geschichte kann uns nicht interessiren), weil sittliche Organisation fehlt 9–10 sie sind … Dalai Lama] Wi: die Religion des Dalai lama ist besonders verbreitet unter den Mongolen 10 eines Menschen, … wird] Hn: Die zur Kongregation gehörenden, wie Abel Remusat, haben dieser Religion nachgespürt, um den Ursprung dieser unreinen Trümmer aufzufinden, indem auch in ihr der Gottmensch verehrt wird. Wi, ähnlich Ak: Dalai lama ist der Gott mensch. dieser Religion haben die (Wi: Congregationisten Ak: Jesuiten) besonders nachgespürt ob es nicht (Ak: verunreinigte) Trümmer der Urreligion, wie des Christenthums sey. 11–13 In neuern … Sprache] Wi, ähnlich Ak: | Indien ist ein Land das von jeher die Sehnsucht anderer (Wi: Länder Ak: Völker) auf sich gezogen hat. (Wi: In China haben wir das Abgeschlossene gesehen, Indien steht da als Lautloses Verbreiten der Völker von da aus haben wir gesehen. die mehrsten orientalischen Sprachen stehen im Zusammenhang mit dem Sanscrit das ursprünglich in Indien ist, wenn auch nicht Volkssprache, obschon die Indische Vo l k s sprache ebenso damit zusammenhängt. Ak: Seine Schriftsprache, die aber nicht gesprochen wird, der sogenannte Sanscrit, haengt mit der Romanischen Sprache zusammen, wahrscheinlich die Mutter.) 7 Tobowski Lesung fraglich

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ker des Erdboden’s, es steht mit diesen in einem ungeheuren Zusammenhang, aber es ist ein stummer Zusammenhang nicht durch Thaten und Handlungen begründet; die andre Seite, die uns sogleich in die Augen fällt ist, daß alle westlichen Nationen sich nach Indien hinsehnen, sie legen alle den Wunsch an den Tag in dieses ferne gelobte Land zu kommen, in dieses Wunderland, das das Köstlichste – alle Schätze der Natur und der Weisheit in sich schließt und bewahrt; auch in neuern Zeiten hat sich dieser Glaube erneuert und befestigt denn jener Glaube an Indien als an ein Wunderland hat sich nur immer mehr mit der Zeit bestätigt gefunden; doch nur dem Alexander dem Großen ist es gelungen zu Land bis Indien vorzudringen er hat es aber auch nur erreicht und nicht betreten, später ist Indien auch von einer westlichen Germanischen Nation überschwemmt worden: endlich ist es den Europaern gelungen in einen direkten Zusammenhang mit Indien zu treten, aber nur dadurch daß sie von hinten herumgekommen sind und zwar auf dem Meere, das wie schon gesagt den wahren Zusammenhang macht. Die Engländer oder vielmehr die Ostindische Kompagnie sind Herrn des Landes, denn es ist das nothwendige Schicksal der Asiatischen | Reiche den Europäern unterworfen zu seyn, welches eben so über kurz oder lang auch das Chinesische Reich treffen wird. – Die Anzahl der Einwohner ist zwischen 120 und 140 Millionen, wovon 80 bis 90 Millionen den Engländern unmittelbar unterworfen sind; das übrige Indien wird von Fürsten beherrscht, die aber an ihren Höfen Englische Agenten und Englische Truppen im Sold haben. Vor einigen 10 Jahren ist auch das Reich der Maratten von den Engländern bezwungen worden und seitdem ist nichts mehr in Indien selbst-

1–2 es steht … Zusammenhang] Ak: Vor der Geschichte existirt ein grosser Zusammenhang mit Hn: Der nördliche Theil ist also der Ausgangspunkt der Völker. Es ist ein stummer vorgeschichtlicher Zusammenhang. 4–5 sie legen … kommen] Wi: Ferner haben alle westlichen Nationen sich nach Indien gesehnt, alle haben den Zugang zu diesem unbekannten Wunderland ersehnt 5–6 das das … Weisheit] Wi: das alle Schätze, namentlich der Weisheit und Wissenschaften Ak: alle Schaetze der Weisheit, des Goldes und aller 7 auch in … befestigt] Wi: diß schon ein alter Glaube der sich in der neuen Zeit 30 Reichthümer befestigt hat Hn: Schon bei den Griechen zeigte sich dieser Glaube, der sich noch mehr zu unserer Zeit befestigt. Die Rosen, Elephanten, Diamanten, Perlen, Gold haben es in sich, und diese Schätze alle waren dem Westen abgeschnitten, zu dem sie nicht kommen konnten. Ak: Dies ist ein zweiter Zusammenhang mit der übrigen Welt. 9–11 doch nur … betreten] Wi: Von Europäischen Na12 Europaern] Ak: 35 tionen ist es nur dem Alexander gelungen, Indien wenigstens zu berühren. Englaendern 12–13 in einen … treten] Ak: das Land zu unterwerfen, es durch und durch zu durchdringen 14 herumgekommen sind] Wi: herum dahin gelangt und haben es unter ihre Botmäßigkeit gebracht 16 Kompagnie] Wi: Compagnie von Kaufläuten 16–17 es ist … seyn] Wi: Indien kann nicht dem Muth und Verstand und Standhaftigkeit der Europäer widerstehn. Hn: 40 Mit China wird es ebenso kommen, und es wird nicht der Macht der Stärke, dem Muthe eines europäischen Volkes widerstehen. 19 140] Ak: 150. 22 haben] Wi schließt an: und die Fürsten m ü s s e n sich englische Leibwachen halten 25 Indien, aber ein stummer unbekannter Zusammenhang.

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ständig gegen die Englische Macht; der B u r a m p u t e r, der Indien im Osten begrenzt ist auch schon von den Engländern überschritten worden und sie haben auch im Reiche der Birmanen festen Fuß gefaßt, wo meist die Buddhistische Religion verbreitet ist; daselbst sind noch viele unabhängige Staaten. Das eigentliche Indien ist das Indien diesseits des Ganges; dieses Indien theilen die Engländer in 2 große Theile: in D e k a n , die große Halbinsel, die östlich den Meerbusen von Bengalen hat und westlich das Indische Meer und in H i n d o s t a n , das vom G a n g e s thal gebildet wird und sich gegen Persien hinzieht; gegen Nordosten wird Hindostan vom H i m a l a h j a begrenzt, welches von den Europäern als das höchste Gebirge der Erde anerkannt worden ist, denn seine höchsten Gipfel liegen über 26000 Fuß über der Meeresfläche; jenseits dieser Berge fällt das Land wieder ab, die Herrschaft der Chinesen erstreckt sich bis dahin und als die Engländer zu dem Dalai Lama in Lassa wollten, | so wurden sie von den Chinesen aufgehalten; gegen Westen in Indien fließt der I n d u s , in dem sich die 5 Flüsse vereinigen, die das Pe n t s c h a b genannt werden, bis zu diesen ist Alexander gekommen; die Herrschaft der Engländer dehnt sich nicht bis an den Indus aus: es hält sich dort die Sekte der Shik auf, deren Verfassung durchaus demokratisch ist; sie gehören auch zu Indien, aber sie haben sich sowohl von der Indischen als Mohametanischen Religion losgerissen und halten die Mitte zwischen beiden Religionen, indem sie nur ein höchstes Wesen anerkennen; sie sind ein mächtiges Volk und haben sich Kabul und Kaschmir unterworfen; außer diesen wohnen den Indus entlang ächtindische Stämme aus den Kasten der Krieger. Zwischen dem Indus und dem Ganges sind große Ebenen; der Ganges bildet wieder große Reiche um sich her, wo die Wissenschaften sich bis auf einen sehr

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1–2 der B u r a m p u t e r , … worden] Ak, ähnlich Wi: Wir haben nun hauptsaechlich von Ostindien, Indien diesseits des Ganges zu sprechen. 3–4 wo meist … ist] Wi: d i e s e Indier machen ein Anhängsel zu den eigentlichen Indiern, sie halten sich zur Religion des Buddha. 4 daselbst sind … Staaten] Hn: kleinere Fürsten beherrschen prekär das Land 5 Ganges] Wi: Ganges, oder Ostindien 7 H i n d o s t a n ] Wi: das eigentliche Hindostan 10 ist] Wi: höher als die von Süd 30 Amerika 11 Berge] Wi: hohen Berge 13 als die … wollten] Wi: sie wollten vorzüglich gern zu dem dort residirenden Dalailama gelangen, dem vornehmsten Dalai lama 13–14 so wurden … aufgehalten] Wi: oben aber hinderten Chinesen das weitere Eingehen in das Tibetanische 14 gegen Westen] Wi: Weiter westlich ist Indien durch beinahe ebensolche Gebirge abgeschnitten gegen Norden, gegen Westen 16 gekommen] Wi: gekommen. Nur erst we- 35 nige sind in diese Gegenden gekommen. 22 ächtindische] AkWi: alte aechtindische 24 Zwischen dem … Ebenen] Wi: Man könnte in dieser Gegend wegen der Ebene den Ganges und Indus leicht verbinden. 24–25 bildet wieder … her] Ak: macht aber die eigentliche Ader aus, die die alten indischen Reiche der Cultur und ausgebreiteten Reichthum genaehrt hat. (Turner, Reise in Indien 1790.) 40 5 eigentliche] eigentlichen

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hohen Grad ausgebildet haben, so daß die Reiche um den Ganges noch mehr Berühmtheit erlangt haben als die des Indus: besonders blühend ist das Reich der Bengalen, in das die Engländer auch erst vor 10 Jahren eingedrungen sind. – Die Nerbudda macht die Grenzscheide von Dekan und Hindostan. Die Halbinsel enthält noch eine viel größere Mannigfaltigkeit als Hindostan und ihre Flüsse haben fast eine eben so große Heiligkeit als der Indus und der Ganges, dieser ist ein ganz allgemeiner Name für alle Flüsse in Indien geworden; er ist der Fluß kbs fwodin. – Wir heißen die Bewohner | dieses großen Landes, das wir jetzt betrachten I n d i e r, (die Engländer H i n d u ); sie selbst haben dem Ganzen nie einen Namen gegeben, denn es ist nie Ein Reich gewesen und doch betrachten wir es als solches. Indien ist das Land der Sehnsucht gewesen und erscheint uns noch als ein Wunderland als eine verzauberte Welt; während das Chinesische Reich das des ganz prosaischen Verstandes ist, denn Verstand ist in allen Einrichtungen, so ist Indien das Gegentheil davon, das Land der Empfindung, der Phantasie: seine Schönheit ist mit jener zarten Schönheit einer Frau zu vergleichen, deren Wangen mit einer feinen Röthe gleichsam einem geistigen Anhauch von innen heraus überzogen sind, wobei die Gesichtszüge, die Haltung des Mundes weich und ungespannt ist; diese eigenthümliche Schönheit zeigt sich bei Frauen einen Tag nach der Niederkunft, es leuchtet aus ihnen die Freude hervor ein Kind geboren zu haben; dieselbe Schönheit zeigt sich an Frauen, die im Somnambulismus sind, die in Gefühlen einer andern Welt als der ihres Daseyns schwelgen; den1–2 so daß … Indus] Hn: der Indus hat in seiner Nähe berühmte Reiche einst gehabt, jedoch nicht mit der Bildung 3 eingedrungen sind] Wi: gekommen im Krieg mit den Maratten 5 noch eine viel größere] Ak: viele Staaten und eine größere Mannigfaltigkeit] Hn: Mannigfaltigkeit von Staaten 5–6 ihre Flüsse … Ganges] Ak: Es fliessen dort grosse Ströme, die ebenfalls den Namen Ganges führen, und deren Wasser zu heiligen Gebraeuchen dient. 6 Ganges] Wi: Ganges. Sie heißen auch Ganga 6–7 dieser ist … geworden] Hn: Ganges, dessen Name Ganga ein Apellativ, heiliger Fluß, mehr ist 8–9 Wir heißen … H i n d u )] Wi: diß Land nennen wir nun Indien, auch die Einwohner heißen Hindu bey den Engländern 9–11 sie selbst … solches] Ak: Wie sich die Indier selbst nennen, oder wie sie das Ganze, was wir Indien nennen, bezeichnet haben, wissen wir nicht. Indien war aber auch in das Ganze, was wir darunter begreifen, niemals vereint Wi: Für uns ist Indien eine Einheit, was es für die Urbewohner aber nie gewesen ist. 13–14 das des … Verstandes] Wi: die schroffste prosaische Verstandes Welt 15–19 seine Schönheit … ist] Ak: diese zarte, matte Schönheit, ist mit einer Art weiblicher Schönheit von zarter, durchsichtiger Haut mit leiser fast geistiger Röthe, Weichheit der Form, und Mattigkeit und Hingebung des Auges, eine mehr himmlische Schönheit Wi: Die eigenthümlich empfindende und matte Schönheit vergleichen wir mit einer gewissen Art von Frauen von ganz zarter Weiße und Röthe von innen heraus, mit einem eigenthümlichen Anflug. 18–19 wobei die … ist] Hn: wo alles zart, überirdisch, innerlich, (aber nicht gesund) ist 20–21 es leuchtet … haben] Wi: die noch ermattet vom Gebären 21 im Somnambulismus] Wi: im Schlaf des Somnambulismus 22 andern] Hn: höheren

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selben schönen Ausdruck hat auch Schorel seinem berühmten Gemählde der sterbenden Maria gegeben, ihr Geist hebt sich schon empor zu den seligen Räumen des Himmels und belegt noch ein Mal ihr sterbendes Antlitz zum Abschiedskuß – diese zarte Schönheit sehen wir in Indien, es ist das Land der Träume und der | weichen Empfindung; diese molluskenartige Empfindung besticht uns sehr, betrachten wir aber dieß Blumenleben näher und gehen wir mit dem Begriff der Würdigkeit des Menschen und der Freiheit daran, so finden wir, je mehr uns der erste Anschein bestochen hat, um so mehr Verworfenheit nach der religiösen Seite hin. – Das Erste, was uns beschäftigen muß, ist die G e s c h i c h t e Indiens. – In Ansehung der Geschichte nun tritt der Gegensatz zwischen China und Indien am deutlichsten und am auffallendsten hervor: die Chinesen haben die genauste Geschichte ihres Landes und es ist auch schon bei Gelegenheit gesagt worden, welche Anstalten in China getroffen sind, daß Alles auf ’s genauste in die Geschichtsbücher eingetragen werde, das Gegentheil ist in Indien der Fall. Wir sind in der neuern Zeit mit den Schätzen der Indischen Litteratur näher bekannt geworden; wir haben große epische Gedichte, Hymnen, Dramen kennen gelernt, die einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht haben; eben so haben die Indier einen großen Ruhm in der Astronomie, Allgebra, Geometrie erlangt, auf ’s Genauste, Ausführlichste haben sie sich damit beschäftigt, nicht weniger haben sie es in der Philosophie sehr weit gebracht. Das grammatische Studium ist keineswegs vernachlässigt worden; keine Sprache ist nach grammatischer Seite so ausgebildet als die Indische; viele Gelehrte haben das Grammatische nach allen Seiten hin | erforscht. Bei einer so ausgebildeten Litteratur finden wir die Seite der Geschichte ganz und gar vernachlässigt oder vielmehr gar nicht vorhanden; die Indische Empfindung und Phantasie ist unfähig ein bestimmtes

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2 Maria] Wi: M a r i a in der Boiséréschen Sammlung 2–4 ihr Geist … Abschiedskuß] Wi: wo die geistige Belebung von innen heraus hervortritt verbunden mit einer gewissen Schwäche. Die Farbe macht eben die Hauptsache. diese Erscheinung und Farbe kommt im somnambulen Zustand vor. 5 weichen] Wi: weiche, zarte Ak: weiche, feine diese molluskenartige Empfindung] 30 Hn: dieses molluskelartige Innere 7–9 so finden … hin] Ak: so tritt uns nach der sittlichen Seite, also nach der wahrhaften, desto mehr Verworfenheit und Niedrigkeit entgegen 8–9 Verworfenheit nach … Seite] Wi: Verächtlichkeit Verworfenheit nach der sittlichen und religiösen Seite d.h. wahren, wirklichen Seite 11 China und Indien] Wi: Indischem und chinesischem Geiste 12–15 die Chinesen … werde] Ak: In China war Alles voll Sorge für Geschichte und 35 ihre Auf bewahrung und Fortpflanzung. 12 genauste] Wi: sorgfältigste 17 geworden] Wi: geworden daß eine ganze neue Welt uns aufgegangen ist. Fortdauernd wird uns neues gebracht. 19 Astronomie] Ak: astronomische und grosse philosophische Werke 22–23 keine Sprache … Indische] Wi: die alten unausgebildeten Sprachen | sind im dramatischen besonders, wie alle Sprache der Art, ausgebildet 26 bestimmtes] Ak: aeusseres Wi: bestimmtes, äußeres 40

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Daseyn, das Daseyn in seiner Objectivität aufzufassen sondern sie verflüchticht sich in Dunst – theils in Träume, theils in Mythologie. Jedoch in der ausgebreiteten Indischen Litteratur kommen Namen und Umstände vor, in der ganz wilden Mythologie starke Züge, die nothwendig als eine historische Anspielung gelten müssen, aber man kann das nicht als ein Geschichtliches ansehen. Es sind Zeitalter angegeben und auch Zahlen, die aber vornehmlich von astronomischer Bedeutung oder oft auch von gar keiner sind; so heißt es von Königen, sie hätten 10000 Jahr oder mehr regiert, Brama, die erste Figur in der Kosmogonie, der sich selbst erzeugt hat, hat 20000 Millionen Jahre gelebt usw. Man würde verkehrt seyn, wollte man diese Zahlen als etwas Geschichtliches annehmen, sie drücken nur astronomische Verhältnisse aus so zB. ist in der Chronologie eine sehr bekannte Periode, die des Meton, welche 19 Sonnenjahre in sich begreift und 235 Lunationen d.i. Mondeswechsel; 1 Sonnenjahr enthält 12,368 Lunationen; nimmt man diese Zahl als ganze Zahl so erhält man eine sehr große Zahl, und auf diese Weise kann man Perioden von wer weiß wie viel Zahlen, die dann aber nur als Verhält|nißzahlen gelten können, bilden. – In den Gedichten ist häufig die Rede von Königen, es sind dieß wohl historische Figuren gewesen aber sie verschwinden gänzlich in Fabel, denn die gehen sehr viele Zustände durch, sie ziehen sich zB. ganz von der Welt zurück und erscheinen dann wieder, so hat ein König 10000 Jahr in der Einsamkeit zugebracht und das wiederholt sich mehrere Mal. – Die Zahlen haben also nicht den Werth und den verständigen Sinn, den sie bei uns haben. – Die ältesten und sichersten Quellen der Indischen Geschichte sind die Notizen der Griechischen Schriftsteller, indem Alexander der Große den Weg dahin eröffnet hatte; daraus wissen wir, daß schon damals die Gymnosophisten und Kasten vorhanden gewesen sind; Santorakottus wird als ein ausgezeichneter Herrscher im nördlichen Theile von Indien hervorgehoben; Das Baktrische Reich erstreckte sich bis dahin; eine andre Quelle sind die Mohametanischen Geschichtsschreiber, denn schon im 10ten Jahrh. begannen die Mohametaner ihre

1 in seiner Objectivität] Ak: in seiner Objectivitaet von der Seite des Verstandes Hn: in seiner äußeWi: in der Form der Kategorien 2 theils in Mythologie] Ak: Poesie oder Mythologie 5 man kann … ansehen] Ak: so daß sie nicht gesondert werden kann 5–6 Es sind … Zahlen] Wi: Wir finden Zeitalter und Zahlen von Perioden angaben 7 10000] Ak: 10,000. Millionen WiHn: 70,000 8 Brama] Wi: Bruhma oder Brama 9 20000] Wi: 10,000 gelebt] Ak: im Ei gelegen, ehe er sich selbst gebohren hat 13 12,368 Lunationen] Wi: 12 ganze Mondeswechsel, 15–16 von wer … können] Wi: 12368 Jahren sprechen; 35 3/10 8/100 10/1000 im Decimalbereich das Verhältniß in ganzen Zahlen ausgedrückt muß natürlich sehr große Zahlen geben 18 Zustände] Wi: Zustände im Leben 19 zurück] Wi: zurück und leben ganz abstract in sich in der Einsamkeit] Wi: in Abstinenz 20 Mal] Wi: mal und ist gäng und gäbe 21 haben] Ak schließt an: Aus solcher Geschichte nennen wir also nichts. 24 daraus] Wi: Aus den berichten 26 Baktrische] Wi: 27 sich] Wi: sich zum Theil 40 baktrisch-griechische 30 ren Objektivität

40 baktrisch-griechische] paktrisch-griechische

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Einfälle. Ein Türkischer Sklave ist der Stammvater der Ghaznawiden, sein Sohn Mahmud brach in Hindostan ein und eroberte faßt das ganze Land, seine Residenz schlug er westlich von Kabul auf und an seinem Hofe lebte der Dichter Ferdusi, von dem das große Heldenbuch ist. Die Ghaznavidische Dynastie, wurde bald durch die Afghanen und später durch die Mongolen völlig ausgerottet, in neuern Zeiten ist nun fast ganz Indien den Europäern unterworfen. – Was man also | von der Indischen Geschichte weiß, ist nur durch Fremde bekannt worden; die Einheimische Litteratur gibt nur einige unbestimmte Data an; das Bestimmte ist nur aus Inschriften und Dokumenten zu entnehmen besonders aus schriftlichen Schenkungen von einem Stück Land an Pagoden, an Gottheiten, aber das gibt auch nur bloße Namen. Eine andre Quelle sind die astronomischen Schriften, die von hohem Alterthum sind; Colebrooke hat diese Schriften genau studiert; doch ist es sehr schwierig Manuscripte zu bekommen, da die Braminen sehr geheim damit thuen, und überdieß sind die Handschriften durch die größten Interpolationen entstellt, es ergibt sich denn, daß die Angaben von Konstellationen oft widersprechend sind und man hat gefunden daß die Braminen Konstellationen und Umstände ihrer Zeit in jene alten Werke einschieben, so daß daraus mitunter eine große Confusion entsteht, und die Data auch da von der größten Unbestimmtheit sind. Die Indianer haben zwar Listen und Aufzählungen ihrer Könige, die von Braminen gemacht sind; aber darin erkennt man auch die größte Willkühr, denn man findet oft in einer Liste 20 Könige mehr als in andren, und in andern eben so viel weniger und wären auch diese Listen richtig, so macht doch eine solche Aufzählung noch nicht die 1–2 Ein Türkischer … Mahmud] Ak: zu welcher Zeit ein Sclave des Kalifen das Gaznavidische Reich stiftete, eine berühmte Dynastie, deren zweiter Herrscher Mahomed 4 Ghaznavidische Dynastie] Wi: Casneviten (ein arabischer herrscherstamm) 5 die Mongolen] Hn: die Nachkommen des Timur 6 in neuern … unterworfen] Ak: Die dritte Quelle sind dann die Europaeer. 8 Einheimische Litteratur] Wi: e i n h e i m i s c h e n geschichtl ichen Quellen 9 das Bestimmte … entnehmen] Wi: Aus I n s c h r i f t e n auf Stein und Kupferplatten (wovon die Engländer viele haben) hat man die sichersten data Inschriften] Ak: Inschriften auf Stein 10 von einem Stück Land] Wi: von Fürsten Pagoden] Ak: Pagoden (Tempel) 13 bekommen] Hn: erhalten. Aus diesen astronomischen Abhandlungen kann man aus einem gewissen Stand der Planeten zur Zeit der Regierung eines Fürsten, der angegeben ist, die Zeit ungefähr bestimmen 14–19 überdieß sind … sind] Wi: Man kann aus diesen die Constellationen, Stand der planeten gegen einander zur Zeit der Verfassung abnehmen, daraus läßt sich die Zeit der Schrift und ihr Alter bestimmen; zuerst hat man das Alter der darin vorkommenden Fürsten. Aber es finden sich darin die stärksten Interpolationen in diesen Schriften auch hinsichtlich der Constellationen so daß dieser Weg wieder der ungewisseste mit wird. 20 Aufzählungen ihrer … sind] Wi: von Königen, aber bloße Namen von Braminen angefertigt Hn schließt an: die Veda enthalten eine Menge Namen auch 20–21 aber darin … Willkühr] Ak: aber mit der größten Abweichung und der größten Willkühr abgefaßt 21–22 man findet … weniger] Wi: in einem Verzeichniß sind oft 20 Könige weggelassen und anderswo wieder 10 eingeschoben

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Geschichte. Die Braminen sind ganz gewissenlos in Ansehung der Wahrheit: Kapitän Willford hatte mit großer Mühe und vielem Aufwand sich von allen Seiten her Manuscripte | verschafft, und selbst Sanskrit gelernt; er versammelte mehrere Braminen um sich und gab ihnen auf Auszüge aus diesen Werken zu machen und Nachforschungen über gewisse berühmte Begebenheiten, Adam und Eva, Sündfluth, Noah usw. anzustellen: die Braminen um ihrem Herrn zu willfahren brauten ihm dergleichen zusammen, das aber ganz und gar nicht in den Handschriften stand: Willford schrieb sehr viele Abhandlungen darüber, bis er endlich den Betrug merkte und er seine Mühe als vergebens erkannte; die Braminen zeigten nicht die geringste Verlegenheit und Scham; auch W. Jones, der die Sakontala zuerst übersetzt hat, hatte vorzüglich diese Sucht in den Grundbüchern der Indier die Quellen Römischer, Griechischer und Morgenländischer Geschichte zu finden. – Die Indier haben allerdings eine bestimmte Aera, sie zählen von V i c r a m a d i t y a an, an dessen glänzendem Hofe Kalidas, der Verfasser der Sakontala lebte: zu dieser Zeit lebten überhaupt die vorzüglichsten Dichter Indien’s; es seyen 9 Perlen am Hofe des Vicramaditya gewesen, wird von den Baminen gesagt; aber nun ist es wieder nicht zu erforschen, wann dieser Glanz existirt hat; aus verschiedenen Angaben hat man das Jahr 1491 v. Chr. erhalten, Andre nehmen das Jahr 56 v Chr. und dieß ist das Gewöhnlichste. Bentley endlich hat durch seine Untersuchungen den Vicramaditya in das 12te Jahrh. n. Chr gesetzt. Zuletzt ist noch entdeckt worden, daß es 5 ja 8 bis 9 Könige dieses Namens in Indien | gegeben hat; daher ist man auch hier wieder in vollkommener Ungewißheit. – Indien ist nie Ein Reich gewesen und durch die Notizen die wir von andern Nationen haben ist bekannt, daß Indien zu jeder Zeit in eine Menge von kleinen Herrschaften zersplittert gewesen ist und sich immer in einen Zustand von innrer Unruhe von Krieg und Aufruhr befunden hat und es scheint daß dieses

3 Manuscripte verschafft] Wi: Manuscripte zusammen die man nur bey den Rajas mit Mühe findet, und bey den Braminen die sehr geheim damit thun. es gehört viel Aufwand von Geld dazu um sie 4 Braminen] Wi: Braminen, die er besoldete, ernährte und bekleidete 5–8 Adam 30 zu bekommen und … stand] Wi: dennoch sind diese Werke höchst unbrauchbar, so verdienstlich sie auch sind, das Indische soll bei den Indern immer parallelisirt werden mit Orientalischem, Morgenländischem besonders Hebräischem. Die Braminen sollten hinsichtlich des Adam, Eva, Moses, Salomo, Christus nachforschen ob sie dergleichen finden. die Braminen haben nun in den büchern Namen so verän35 dert, um dem Wilford einen Gefallen zu thun, und sie so interpretirt, daß man zuletzt Anspielungen auf Adam, Noa, Salomo auffinden mußte. 9–10 die Braminen … Scham] Wi: er machte den Braminen große Vorwürfe, aber kein Zeichen von Schaam überkam sie 11–13 hatte vorzüglich … finden] Ak: allein seine Sachen sind fast unbrauchbar wegen der Sucht, alles Morgenlaendische etc. aus dem Indischen herzuleiten 13–14 allerdings eine bestimmte Aera] Ak: verschiede19 56] AkWi: 50. 20 Bentley endlich hat] Wi: Vor 15 Jahren hat Bendley 40 ne Zeitrechnungen 21 12te] 12ten

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Land, das das Paradies der Erde ist, von jeher dazu bestimmt gewesen ist durch Aufrühre und barbarische Kriege verheert zu werden: ein solcher Zustand läßt auch keine eigentliche Geschichte zu, indem kein Staat da ist, der sich ausgebildet hätte und so zu einem Gegenstand der Geschichte hätte werden können; es ist ein durchaus zweckloser, willkührlicher Zustand und in diesem haben auch die Europäer das schöne Land angetroffen. – Die Verfassung ist despotisch; der Fürst umgibt sich aber mit mehreren Fürsten, die alle Arten von Erpressungen sich zu Schulden kommen lassen; es ist ein Zustand wie wir ihn auch in Europa im Mittelalter sehen, ein Fürst steht an der Spitze und die Vornehmen bilden einen Rath, D u r b a r, ohne welchen der Fürst nichts unternehmen kann. Ein Gemeinschaftliches zieht sich durch ganz Indien durch aber zugleich ist doch die größte Verschiedenheit in den verschiednen Staaten Indiens; denn in dem einen trifft man die größte Weichlichkeit an, in dem andern eine ungeheure Kraft und Tapferkeit verbunden mit einer großen Grausamkeit, wie bei den Maratten, | welche meist Räuber und Mörder sind. Nach diesen Vorerinnerungen ist nun das I n d i s c h e P r i n z i p überhaupt näher zu bestimmen. – Es ist, wie schon gesagt, ungeachtet Indien so verschieden in sich ist ein Allgemeines, das alle seine Staaten charakterisirt; dieses Gemeinschaftliche hängt zusammen mit der R e l i g i o n und das Politische ist eben so auf das Religiöse gegründet. In Ansehung dieser religiösen Grundlage ist zu bemerken, daß die Indier Ur- und Grundbücher haben; besonders sind dieß zuerst die Ve d a’s , die Religionsbücher; sie enthalten mehrere Abteilungen, besonders 3 Haupttheile, der 4te ist später: der Inhalt derselben besteht theils aus religiösen Gebeten, theils aus Vorschriften, was die Menschen zu beobachten haben; von diesen Veda’s sind einige Exemplare nach Europa gekommen, doch vollständig sind sie außerordentlich selten. (Die Schrift ist auf Palmblätter mit einer Nadel eingekratzt) Die Veda sind sehr schwer zu verstehen, da sie von dem

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3 ausgebildet] Ak: entwickelt, ausgebreitet 6–10 Die Verfassung … kann.] Wi: In den gebildeten Theilen Indiens war es wie bei den Gothen, aber bei den wilderen Indiern ist ein Zustand immer gewesen wie etwa im Mittelalter, wo ein Fürst in der Mitte stand, und um sich ein Rath von Vasal- 30 len, die bald gehorchten bald nicht. 12–14 in dem … Grausamkeit] Ak: Weichheit, Weichlichkeit und Feigheit neben heroischer Tapferkeit und Heldenmuth u.s.w. 14 Tapferkeit verbunden … Grausamkeit] Wi: Tapferkeit. Ein Matrose nimmt es oft mit 100 Indiern auf und jagt sie in die Weite, aber andere in den Gebirgen sind Wilde, Räuber, und von der höchsten Grausamkeit 14–15 wie bei … sind] Wi: wie die vor einem Jahrzehnt zerstörten Maratten völker 21 Ur- und Grundbü- 35 cher] Wi: ebenfalls solche U r - und G r u n d b ü c h e r wie die Chinesen 23 später] Wi: unecht 25 haben] Wi, ähnlich Ak: haben im täglichen Leben 26 selten] Wi: selten und es hat seine große Schwierigkeit sie zu gebrauchen 26–27 (Die Schrift … eingekratzt)] Wi: Sie sind meist auf Palmblätter geschrieben oder nur mit einer Nadel eingekratzt. man muß sie mit schwarzem Staub bewerfen 40 35 Jahrzehnt] Jahr10

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höchsten Alterthum sind (andre sind auch moderner) und die Sprache ein viel älteres Sanskrit ist; es ist kaum Ein Europäer, der einen Theil selbst gelesen hätte, nur Colebrooke hat einen Theil übersetzt und dieß ist das einzig Aechte, aber selbst dieses ist vielleicht nur aus einem Commentar genommen, deren es sehr viele gibt. (Erst jetzt hat sich der Prof. Rose ganz in die Sache hineinstudirt, kürzlich erst hat er ein Specimen des Texts mit einer Uebersetzung gegeben)| Auch zwei große epische Gedichte: R a m a y a n a , Geschichte des Ramatschandra und M a h a b h a r a t a , Krieg des Pandus und Kurus, die berühmtesten dieser Art sind nach Europa gebracht worden, ( 3 Quartbände von ersterem sind auch gedruckt worden, sind aber äußerst selten[.] A. W. Schlegel hat den 1ten Band mit der Englischen Uebersetzung herausgegeben) Außer diesen Veda’s sind noch besonders die P u r a n a’s zu bemerken; der Purana enthält die Geschichte eines Gottes oder eines Tempels; diese sind vollkommen phantastisch. Ein Grundbuch der Indier ist das G e s e t z b u c h M e n u’s ; man hat diesen Indischen Gesetzgeber mit dem Kretischen Minos, welcher Name auch bei den Egyptern vorkommt, verglichen und gewiß ist es merkwürdig und nicht zufällig daß dieser Name so durch geht. Menu’s Sittenbuch macht die Grundlage der Indischen Gesetzgebung. Es fängt mit einer Theogonie an, die nicht nur, wie natürlich von den mythologischen Vorstellungen andrer Völker ganz verschieden sind sondern auch wesentlich von den Indischen Traditionen selbst abweichen: denn auch in diesen sind nur einige Grundzüge durchgreifend, sonst ist Alles der Willkühr und dem Belieben eines Jeden überlassen; daher man immer wieder die verschiedenartigsten Traditionen, Gestaltungen und Namen vorfindet; Auch die Zeit wann Menu’s Gesetzbuch entstanden ist, ist völlig unbekannt und unbestimmt; die Traditionen gehen, wie schon gesagt, bis etwa 23 Jahrhunderte vor Chr. Geburt, es wird da von einer Dynastie der Sonnenkinder, auf

1–2 (andre sind … ist1] Ak: ein Theil moderner besonders der Sprache nach. 2 Sanskrit ist] Wi: Sanscrit ist als man es in neuester Zeit erkennt Ein] Wi: ein einziger einen Theil] Wi: die Vedas 3 Theil] Wi: Theil der Gedichte 5–6 (Erst jetzt … gegeben)] Ak: Allein noch hat kein 30 Europaeer (Prof. Rose in London wenige Gedichte) die Vedas herausgegeben, oder auch nur vollstaendig bearbeitet. 5 Rose] Wi: Rose in London 6 gegeben] Wi: herausgegeben und übersetzt und er wird uns hoffentlich mehr geben 8 Krieg des … Kurus] Wi: Koroi und Pandur 9–10 3 Quartbände … worden] Wi: (noch nicht gedruckt, außer etwas in Serampore) 11 mit der Englischen Uebersetzung] Wi: nach einer Uebersetzung 12–13 eines 14 Ein 35 Gottes … phantastisch] Wi: des tempel Gottes, voller Kosmogonien, die größte Willkühr Grundbuch der Indier] Ak: Die Grundlage des rechtlichen sittlichen Lebens 14–16 man hat … verglichen] Ak: eines mythischen Namens, der mit Minos und Mini von Egypten zusammenhaengt 17–18 der Indischen Gesetzgebung] Wi: des indischen sittlichen Lebens 18 Theogonie] Ak: den Indiern ganz eigenthümlichen Theogonie Wi: Theogonie und 24–25 unbekannt und unbestimmt] Ak: unbekannt, wie alles Historische 40 Kosmogonie

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die | die Dynastie der Mondskinder folgte, gesprochen; eben so unbestimmt sind die Nachrichten über Menu; doch scheint das Gesetzbuch von hohem Alter thum zu seyn; (es ist von Jones in’s Englische übersetzt worden) für die Engländer ist seine Kenntniß von großer Wichtigkeit, da, wie gesagt, die Gesetzgebung Indien’s darauf beruht. Die Bestimmungen, von denen wir zu sprechen haben, liegen auch in jenem Gesetzbuch. Wir haben China’s patriarchalische Verfassung kennen gelernt; den Fortschritt der Weltgeschichte erkennen wir nun darin, daß so eine G e s a m m t h e i t , so eine substantielle Einrichtung sich i n s i c h o r g a n i s i r t . Im Chinesen Reiche ist allerdings auch eine Organisation aber eine Organisation der R e g i e r u n g s g e w a l t und n i c h t d e s S t a a t s l e b e n’s als solchen. In Indien stellt sich uns die zweite Hauptgestaltung dar: das substanzielle Ganze des Staatslebens theilt sich zur vollkommnen Selbstständigkeit, die Individuen erscheinen als Personen und sind für sich selbstständig; so gehen wir von dem einen Extrem der substantiellen Allgemeinheit zum andern Extrem der Einzelheit, der Atome, die Personen sind, über: das Eine ist so wenig als das Andre die o r g a n i s i r t e E i n h e i t . Das Leben ist der Prozeß der verschiedenen Funktionen der Theile des Körpers, so auch ist die Tiefe des Geistes das Resultat des unendlichen Gegensatzes und Unterschiedes; das animalische Leben, das sich nicht so gegliedert ist, wie bei den Polypen, die nur eine einfache animalische | Gallerte sind, hat kaum einen Anfang von Empfindung, es ist ein in sich selbst Verdumpftes; so muß nun auch das Lebendige des Staats sich in unterschiedene Geschäfte theilen und aus der Thätigkeit dieser besondern Geschäfte geht erst das gesunde Staatsleben hervor. Diesen Unterschied sehen wir in Indien beginnen aber nur

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1–2 eben so … Menu] Wi: ob aber Minu eine historische Person und wann er gewesen? ist alles 25 unbestimmt 3–4 für die … Wichtigkeit] Wi: Es enthält Grundlagen der Gesetze und viele beilagen, die den dort herrschenden Engländern sehr wichtig sind 5–6 Die Bestimmungen, … Gesetzbuch.] Ak: | Ausser diesem Gesetzbuche Minos, das die Grundlage bildet, giebt es noch Andere, aber unwichtigere. In diesem Minu liegt jene Hauptbestimmung, die wir angegeben, besonders enthalten. Wi: Wir haben das staatliche Leben und Familien Leben der Indier zu 30 betrachten 7 patriarchalische Verfassung] Ak: die Familie und ihr herrschendes Princip gesehen 8 der Weltgeschichte] Ak: des Weltgeistes 8–9 daß so … o r g a n i s i r t ] Ak: daß hier Staatsleben organisirt ist 8 G e s a m m t h e i t ] Wi: Gemeinschafft 13 zur vollkommnen Selbstständigkeit] Ak: in subjective Einzelnheit 14 Personen] Wi: personen; so im modernen Staatsleben 15 der Einzelheit] Wi: des Particularismus 17–18 Das Leben … Körpers] Wi: das 35 Geschäfte der Substanz aber muß sich in bestimmte | Geschäfte vertheilen. Die verschiedenen Functionen bringen das Ganze hervor. 22–24 so muß … hervor] Ak: so daß durch die lebendige Thaetigkeit des Einzelnen das Ganze lebt (resultirt), wie die Organisation des menschlichen Körpers 22 das Lebendige des Staats] Wi: das Lebendige also das der Staat ist 30 staatliche] stattliche

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auf eine substanzielle Weise. – Wenn wir nach dem Begriff des Staates fragen, so ist das erste, wesentliche Geschäft das, wo das ganz A l l g e m e i n e d e r Zw e c k ist: Dieß ganz Allgemeine ist dasjenige, dessen der Mensch sich in der R e l i g i o n b e w u ß t wird, Gott ist das schlechthin Allgemeine, auch die Wissenschaften haben das Allgemeine zu ihrem Zwecke, das Allgemeine ihres besondren Gegenstandes (die Knochen und Muskeln des Einzelnen zB. sind zugleich die des Menschen überhaupt) Das G ö t t l i c h e ist aber das A l l g e m e i n e überhaupt und das 1te Geschäft ist das, wodurch dies Allgemeine bethätigt und hervorgebracht wird, (dieß an und für sich Objektive). Das zweite beruht auf der s u b j e k t i v e n K r a f t und Ta p f e r k e i t ; die Kraft muß sich geltend machen, damit das Ganze in seinem empirischen Daseyn bestehe, sie muß das Ganze zusammenhalten gegen andre Ganze andre Staaten. Das 3te Geschäft hat zum Zweck die B e s o n d e r h e i t d e s L e b e n s , die S u b s i s t e n z ; es begreift in sich Gewerbe und Handel. Das vierte ist der Stand des D i e n e n’s , der Stand des Mittels; sein Geschäft ist für Andre um einen | Lohn, um eine karge Subsistenz zu arbeiten. – Dieß ist der Unterschied der Stände, der das Wesentliche in jedem Staatsleben ist. – In neuern Zeiten geschieht es häufig, daß der Staat nur von der rechtlichen Seite betrachtet wird und man sagt: Es soll kein Unterschied der Stände Statt finden. Vor dem Gesetz gelten allerdings alle Individuen gleich aber Gleichheit im Staatsleben ist etwas völlig Unmögliches; es tritt sogleich der individuelle Unterschied des Geschlechts und Alters ein und wenn gesagt wird: alle Bürger sollen gleichen Antheil an der Regierung haben, so übergeht man sogleich die Weiber und Kinder, welche ausgeschlossen bleiben; ferner tritt der Unterschied von Armuth und Reichthum ein, der sich auf das Recht des Eigen-

25 1 substanzielle] Ak: höchst substantielle

Hn: nur substanzielle, natürliche dem Begriff ] Ak: dem Zwecke 2–3 so ist … ist] Ak: so ist der erste Zweck, daß das Allgemeine gewollt, ausgeführt wird 3 Allgemeine] Ak: Allgemeine im Geiste 4 schlechthin] Wi: ganz Allgemeine] Ak: Allgemeine, an und für sich Seiende 5 das Allgemeine2 ] Wi: das besondere dann wieder in der allgemeinen Form 8–9 das 1te … wird] Hn: Dieses Geschäft des Allgemeinen ist 8 das2 ] Wi: das Allgemeine Geschäfft d.h. das 10 Ta p f e r 30 das eine, worin der Staat lebt. k e i t ] Wi: Tapferkeit, das ist d i e R e g i e r u n g Hn: Tapferkeit in der Regierungsgewalt 11 machen] Ak: machen als Regierungsgewalt 12 zusammenhalten] Wi: zusammenzuhalten und festzuhalten Das 3te Geschäft] AkHn: Der dritte Zweck 13 S u b s i s t e n z ] Wi: die Subsistenz des Menschen 14 der Stand des D i e n e n’s ] Ak: Stand des Knittels, des 35 Dienens, zu arbeiten für einen Andern Wi: das d i e n e n d e , der dienende Stand überhaupt 16 arbeiten] Hn: arbeiten, ist ein knechtischer 18 von der rechtlichen Seite] Ak: Der Unterschied der Staende, den man wohl heut zu Tage nicht gelten lassen will, kann nur vor dem Gesetze als aufgehoben angesehen werden. Wi: abstract 19 Vor dem … gleich] Wi: dieß aber nur eine abstracte G l e i c h h e i t nämlich vor dem Recht gleich] Hn: gleich. Individu40 en haben Leben, Eigenthum.

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thums gründet, nicht weniger der der Geschicklichkeit, des Talents: diese Arten von Ungleichheiten kommen sogleich herein gegen jene abstrakte Behauptungen und das sind nur individuelle Unterschiede, wir lassen es uns gern gefallen, daß ein Mensch von Einsicht, Kenntnissen und Talent mehr Einfluß auf die Staatsgewalt hat; nun aber kommt noch der größte Unterschied hinzu: der der B e s c h ä f t i g u n g ; das Werk der Gesammtheit theilt sich so in die verschiedenen Arten der Beschäftigung; das Individuum muß e t w a s seyn[,] eine bestimmte Arbeit, einen bestimmten Antheil am Ganzen haben; dieser wesentliche, lebendige Unterschied tritt gegen das Abstracte des bloßen Rechts auf. Dies Grundprinzip des Un|terschiedes sehen wir im Indischen Leben beginnen, es hat aber die Eigenthümlichkeit, daß das Individuum durch die Geburt wesentlich einem Stande angehört und daran gebunden ist; in unsern westlichen Staaten ist dies der Willkühr oder vielmehr dem Zufall überlassen, welchem Stande ein Jeder angehören will und keiner ist gebunden, das macht den ungeheuren Unterschied aus und wenn wir das Moment der concreten Lebendigkeit in Indien beginnen sehen, so fällt sie doch dadurch in den Tod zurück, daß sie auf diese Weise gefesselt ist. – Die Indier haben also jene oben angegebenen 4 Stände oder vielmehr K a s t e n , (wodurch eben der Unterschied der Gebundenheit und Freiheit angezeigt wird). Die 1te Kaste ist die der B r a m i n e n , Bramanen oder Brachmanen; welche Priester, Gelehrte, Gesetzverständige überhaupt dem Kultus Gewidmete sind. Die 2te Kaste ist die der K s c h e t r i a , Ketri, Sitri; sie begreift die Krieger und den Stand der Regenten obgleich auch Braminen regieren können, (so stand an der Spitze der Maratten im Kriege mit den Engländern ein Bramine). Die 3te Klasse ist die der Wa i s c h j a : der Stand des Gewerbes, des Handels, der Bürger überhaupt. Die 4te Kaste heißt S u d r a ; es ist die dienende Klasse überhaupt, auch die Ackerbautreibende, denn die Acker Bauer sind nicht freie Eigenthümer. Es ist Gesez, daß die Kasten sich nicht untereinander verheirathen dürfen; doch schon Arrian zählt 7 Kasten und in neuern Zeiten hat | man etliche 30 Kasten gefunden und das kommt daher, daß die

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1–2 nicht weniger … Behauptungen] Hn: Charakter, Mittel, | kommt hierzu. Durch Geburt werden 30 einige reich, andere durch Talente; es ist gleich die unendlichste Verschiedenheit gegen die abstrakte Gleichheit der Persönlichkeit 5–6 nun aber … B e s c h ä f t i g u n g ] Ak: Aber der Unterschied jener Beschaeftigung gehört eben so zur lebendigen Organisation des Staats 8 haben] Ak schließt an: da nur dann das Ganze leben kann 10 Dies Grundprinzip … beginnen] Wi: und diese Theilung der Stände ist Grundprinzip des indischen Lebens Ak: Dieser Unterschied, diese Theilung in Staende 35 tritt | zuerst bei den Indiern hervor 12–14 angehört und … will] Ak: unwiederruflich angehört, nicht wie bei uns die Wahl frei ist 19 Die 1te Kaste] Wi: | d e r e r s t e S t a n d 22 und] Wi: und vornehmlich zugleich 26 auch] Wi: vornehmlich 27 Eigenthümer] Hn: Eigenthümer sind. Die Weber gehören zu der dritten Klasse und machen einen großen Theil der Bevölkerung aus.

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verschiednen Kasten sich doch untereinander verheirathet haben; dadurch entstand ein Geschlecht, das zu keiner bestimmten Kaste gehörte, es bildete dann eine untergeordnete Kaste, so daß nun schon bis gegen 35 und 36 angegeben werden. Außer diesen Kasten aber gibt es noch eine verworfene Menschenklasse, die Burnsunger, P a r r i a , Peleja, diese gehören gar keiner Kaste an, sie sind durchaus ausgeschlossen von allen Kasten und dürfen mit keinem Individuum aus denselben in Berührung kommen. – Das Verhältniß dieser Kasten ist es, was wir zunächst zu betrachten haben. – Fragen wir nach ihrer Entstehung, so ist nur zu sagen, daß geschichtlich darüber durchaus nichts vorhanden ist; der Mythos erzählt die Braminenkaste sey aus dem Munde des Brama entsprungen; die Kriegerkaste aus seinen Armen usw. Die Historiker haben die Hypothese aufgestellt, die Braminen hätten ein eignes Priestervolk ausgemacht; dies beruht aber durchaus auf nichts Geschichtlichem und erscheint bei näherer Betrachtung durchaus fahl und matt: (diese Erdichtung kommt vornehmlich von den Braminen selbst her, jenes Priestervolk, sagen sie, sey aus dem Norden nach Indien gekommen) denn in jedem für sich bestehenden Volke treten zugleich die verschiedenen Beschäftigungen ein; jedes Familienhaupt kann zwar Priester in der Familie seyn, aber ein Volk aus lauter Priestern ist eine | reine Absurdität. A priori aber erkennen wir, daß ein solcher Unterschied von Ständen nur innerhalb eines Volkes Statt haben kann und daß ein Stand die andern voraussetzt und es ist wesentlich, daß die Entstehung der Stände erst R e s u l t a t d e s Z u s a m m e n l e b e n s ist; sie haben sich nicht äußerlich zusammengefunden sondern sind aus der Einheit des Zusammenlebens hervorgegangen, von innen heraus sind sie gekommen und nicht von Außen herein. Die Unterscheidung der Stände ist das Wesentliche bei den Indiern, auch der nähere Umstand ist schon angegeben worden, daß Jeder durch die Geburt einer besondern Kaste angehört;

5–7 diese gehören … kommen] Wi: die unter und außer jeder Kaste stehen, sind die verworfenste die von allen Kasten gemieden werden 9–10 der Mythos erzählt] Wi: mythologisch haben die Indier viel darüber; zb. 11–12 die Hypothese aufgestellt] Wi: Conjecturen gemacht, daß die 14 fahl und matt] Wi: fahl und grau und 30 Braminen ein besonderes Volk von Norden her sey nichts sagend Ak: eine fahle, schwache Hypothese, die gar keine Gründe in sich hat 17 Beschäftigungen ein] Wi: Geschäfte. man spricht doch nicht von einem Schumachervolk Ak, ähnlich Hn: (Priestervolk, – Schumachervolk, wie die Mongolen, die sich alle ihre Schuhe selbst machen.) 19–20 ein solcher … kann] Ak, ähnlich Wi: erst im Staate, nicht unter Nomaden- und 21–22 R e s u l t a t d e s Z u s a m m e n l e b e n s ] Ak: Resultat der 35 Jaegervölkern entstehen können Einheit des Zusammenlebens, das sich organisch bildete 24 gekommen] Wi: organisch entstanden 5 Burnsunger Lesung fraglich

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auch aus den besondern Eintheilungen jeder Kaste wird es klar daß sie nur in einem schon organisirten Staate haben gemacht werden können; jedes Gewerbe hält sich abgeschlossen für sich; jede Dienstleistung kommt einem dazu bestimmten Diener zu und sonst nichts; so ist Einer, der seinem Herrn den Sonnenschirm trägt und sonst weiter gar nichts thut und anrührt, Einer der das Wasser herbeiholt und sonst sich mit nichts abgiebt usw.; auf diese Weise theilt sich die Arbeit in das sehr Spezielle und diese Theilung setzt nothwendig ein Zusammenleben voraus. – Jede Kaste hat ihre besondren Pflichten und Rechte; so sind die Pflichten und Rechte nicht die des Menschen überhaupt sondern die einer Kaste. Wenn wir sagen Tapferkeit ist eine Tugend überhaupt, so sagen die Indier dagegen: Tapferkeit ist die | Tugend der Kschetrias. Menschlichkeit überhaupt, moralische Pflicht oder menschliches Gefühl ist durchaus nur Pflicht der Kaste. Alles ist in die Unterschiede versteinert; über dieser Versteinerung ist die Willkühr; Sittlichkeit, menschliche Würde ist nicht vorhanden, die Willkühr und alle bösen Leidenschaften gehen darüber; der Geist geht in die Welt des Traumes über und das Höchste ist die Ve r n i c h t u n g . – Um näher zu verstehen, was B r a m i n e n sind und was sie gelten, so müssen wir uns auf die Religion und ihre Vorstellungen weiter einlassen; wir erkennen darin die substantielle Einheit, in welcher der Mensch als Individuum noch nicht ein Innerliches für sich ist; die Religion ist so nicht die Sache seines Gewissens, die Gewißheit seiner in sich selbst. Der Zustand der Rechte der Kasten gegeneinander ist auch der in Ansehung des religiösen Verhältnisses. Das Höchste ist, wie schon gesagt, die Vernichtung überhaupt. B r a h m , Braman (letzteres ist mehr die Person selbst) ist das Höchste in der Religion; außerdem sind noch die Hauptgottheiten W i s c h n u oder K r i s c h n a in unendlich vielen Gestaltungen und S c h i w a ; diese Dreiheit gehört zusammen. Brahm ist das Höch-

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1–2 nur in … Staate] Wi: aus Verbreitung der Industrie 2 Gewerbe] Wi: Gewerke, wie Schmiede, Schneider; Träger von Palakins und dergleichen 7–8 diese Theilung … voraus] Wi: keiner greift in das Geschäfte des andren (ähnlich wie in unserer Fabrik Theilung der Geschäfte) 9–10 so 30 sind … überhaupt] Wi: aber bei den Indern ist zu merken, daß ihre Pflichten und Rechte nicht allgemein bei ihnen sind 12 Menschlichkeit überhaupt] Wi: allgemeine Menschlichkeit 12–13 moralische Pflicht … Gefühl] Ak: alle menschliche Empfindung und Gefühl 14 Versteinerung] Ak: Festigkeit Wi: Versteinerung und dieser Festigkeit 15 Sittlichkeit, menschliche Würde] Ak: (moralische Nothwendigkeit) 17 das Höchste] Ak: das dritte Höchste Wi: das letzte und 35 höchste 18–20 Um näher … Einheit] Wi: d e r S t a n d d e r B r a m i n e n u n d i h r e R e c h t e / dieser Stand hängt aufs innigste mit der Religion der Inder zusammen, wie überhaupt im Morgenlande die substanzielle Einheit ist 21 die Religion ist] Ak: Im Morgenlande ist 27 diese Dreiheit gehört zusammen] Ak: | diese Dreieinigkeit Wi: diese 3einigkeit steht an der Spitze 28 Industrie] Indrustie

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ste; aber Wischnu und Krischna, Schiwa so wie Sonne, Luft usw. sind auch Brahm d.i. substanzielle Einheit. Dem Brahm selbst werden keine Opfer gebracht, er wird nicht verehrt, aber zu allen andern Idolen wird gebetet; denn Brahm ist die substanzielle Einheit von Allem. Das religiöse Verhältniß des Menschen nun ist, daß er sich zu Brahm erhebt. | Fragt man: Was ist Brahm? so antwortet der Bramine: Wenn ich mich in mich zurückziehe und alle äußeren Sinne verschließe und spreche in mir Oum, so ist das Brahm; die abstrakte Einheit wird zur Existenz gebracht in dieser Abstraktion des Menschen, indem der Mensch sich in’s abstrakte Denken zurückzieht: dahin gehört die Abstraktion der Negation. Eine Abstraktion kann Abstraktion als solche seyn, indem sie doch Alles unverändert läßt, so daß man momentan die Andacht in sich hervorbringt; bei den Indiern ist die Erhebung zu Brahm durch die völligste Abstraktion das Höchste, auf diese Weise bringt das Individuum sich erst zur Existenz und das Höchste ist also in dieser Erhebung, in dieser vollkommnen Abstraktion zu existiren. Die Braminen nun sind die zwei Mal Gebornen von Geburt; (die Andern sind es nicht) sie werden angeredet: Zwei Mal Gezeugte,! die eine Geburt ist die natürliche, die andere ist die geistige Wiedergeburt, dazu muß der Mensch sich erst machen, er ist es nicht von Geburt sondern durch Erziehung, Bildung; nur vom Geiste wiedergeboren ist er vollendet. Nur die Braminen sind die 2 Mal Geborenen, die Andren sind es nicht, sie können sich aber des Vorzuges der Braminen durch Näherung allmählig theilhaftig machen, in dem sie sich der Abstraktion widmen, und von allen Beschäftigungen des Lebens, von allen Lebensverhältnissen ausscheiden; die Verachtung des Leben’s, des lebendigen Menschen, das ist der Grundzug in der Art und Weise der Indier zu existiren. Die, welche nicht von Geburt Braminen sind, können es | werden, und ein sehr großer Theil trachtet darnach; die welche sich dieser Bestimmung widmen, heißen Yobi. Es ist nur kurz anzugeben, auf welche Weise diese zu ihrem Zwecke gelangen können: Verzichten auf alle Lebendigkeit, die größte Strengigkeit ist,

2 Opfer] Ak: Tempel, Gebete, Opfer 4 Allem] Wi: Einem, dem Wischnu und den vielen andren 6–7 zurückziehe und … verschließe] Ak: zurückziehe, und mich selbst beschaue, (sich in das ganz abstracte Denken vertieft) 7 und spreche … Oum] Wi: und selbst nur bei sich sind und in sich zurückziehen und sprechen Om! Om! Om! 7–15 die abstrakte … existiren.] Wi, ähnlich Ak: diese Abstraction ist ihm das höchste und das höchste für den Inder ist daß er sich zu dieser Existenz erhebt und in dieser Erhebung nicht momentan sich erhält sondern in ihr (Wi: existirt 10–11 Eine Abstraktion … hervorbringt] Hn: Diese momentane Erhebung, 35 Ak: perpetuell lebe). Andacht, ist auch bei uns der Sonntag, und der Sonntag des Lebens ist auch diese abstrakte Erhebung bei den Indern. 15 nun sind] Wi: sind nun für diese Existenz geboren Ak: haben diesen perpetuellen Zustand von Geburt, sind 23 die Verachtung des Leben’s] Ak: Aus derselben aber entspringt jene Veraechtlichkeit des Lebens 24 in der … existiren] Ak: | des Indischen Characters 25 es 26–27 widmen, heißen Yobi] Ak: widmen, und 40 werden] Wi: sich nun auch diese Höhe erwerben auf alle Lebendigkeit verzichten, heissen Yogi 28 größte Strengigkeit] Wi: Mortification

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wie schon gesagt, das erste Erforderniß; was das Weitere betrifft, so erzählt ein Engländer, daß er auf der Reise nach Tibet zum Dalai Lama einem solchen Yobi begegnete und dieser war schon auf der 2ten Stufe um zu der Macht eines Braminen zu gelangen; die 1te Stufe hatte er durchgemacht, indem er 12 Jahre fortwährend sich auf den Beinen gehalten hatte, ohne je niederzusitzen oder zu liegen. Anfangs hatte er sich mit einem Strick an einem Baum festgebunden, wenn er schlafen wollte, bis er sich auch gewöhnte stehend zu schlafen. Die 2te Stufe machte er so durch, daß er 12 Jahre beständig die Hände über dem Kopf zusammengefaltet hielt; er saß zu Pferde und schon waren ihm die Nägel fast in die Hände hineingewachsen: auf diese Weise hatte er schon viele Reisen gemacht. Die 3te Stufe wird nicht immer auf gleiche Weise vollbracht; gewöhnlich muß der Yobi einen Tag zwischen 5 Feuern zubringen, d.h. 4 Feuer nach den 4 Himmelsgegenden und das 5te die Sonne; dann kommt das Schwanken über dem Feuer, welches 3 und ¾ Stunden dauert; (Engländer, welche diesem Act ein Mal beiwohnten, erzählen, daß dem Individuum schon nach einer halben Stunde das Blut aus allen Theilen des Körpers herausströmte, er wurde abge|nommen und starb gleich darauf ). Hat aber Einer auch diese Prüfung bestanden, so wird er zuletzt noch lebendig begraben dh. stehend in die Erde gesenkt und ganz zugeschüttet, nach 3 und ¾ Stunden wird er herausgezogen und nun endlich hat er die innere Macht des Braminen erlangt. – In dem schon angeführten Gedichte Ramayuna wird besonders auch die Macht und Hoheit des Braminen hervorgehoben: es wird als Episode die Geschichte des Königs Wischwamitra, der den Rama begleitet, erzählt: Der König kommt zu einem Braminen und sieht da eine Kuh, (welche von den Indiern besonders hoch verehrt wird) die er zu haben wünscht; der Bramin verweigert sie ihm; der König will sie mit Gewalt fortbringen aber die Kuh gibt dem Braminen immer eine höhere Macht, der König schickt große Heere und Elefanten aber der Bramin hat immer größere Heere; Der König unterwirft sich denn einer Prüfung, 12000 Jahre hindurch; den Göttern selbst wird bange vor der Macht, die er nun

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6 liegen] Wi: liegen. Dieser war viel gereist, auch in Rußland gewesen. sich] Wi: sich zum 30 Schlaf 9–11 hielt; er … gemacht] Wi: halten, so wurden ihm alle Verrichtungen mit den Händen unmöglich, 2 andere waren ihm deswegen behülflich. dieser Mensch sah gesund aus mit schwarzem bart, die Arme aber schnee weiß. Er mußte diß 12 Jahre thun können. darnach bringen sie wieder mit Salbung Leben in diese Arme. 9 hielt] Ak: halten, und zwar ebenfalls stehend 13 Sonne] Wi: Sonne über ihn 13–14 das Schwanken … Feuer] Wi: ist über dem 35 Feuer geschwungen zu werden, indem er an einem Pfahl hängt mit dem Kopf nach unten so daß das Feuer seine Haare abbrennt 17–18 Hat aber … bestanden] Wi: die 5t e und letzte Prüfung ist 20 nun endlich … erlangt] Ak: Hat er alle diese Stufen durchgemacht, so gilt ein solcher dafür, daß er die innere Macht, die Würde eines Brahminen hat, d.h. die Macht des Brahma erlangt. 21 Macht und Hoheit] Wi: Würde 40

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erlangt, sie schicken ihm ein schönes Mädchen, das ihn verführt; endlich erwacht er aus dem Taumel und fängt die Prüfung wieder von vorn an und so mehrere Mal; er betet zu Brahm, dieser redet ihn an: Du bist ein heiliger Mann usf nie aber sagt er zu ihm: er habe die Macht eines Braminen, bis dann zuletzt nach vielen bestandenen Prüfungen der König dazu gelangt. – Also nur durch solche Negation an seiner Existenz kommt man | zur Macht des Braminen; sie besteht in dem dumpfen Bewußtseyn es zu einer vollkommnen Regungslosigkeit, zur Vernichtung aller Empfindung, alles Wollens zu bringen; auch bei den Buddhisten gilt die Vernichtung des Bewußtseyns als das Höchste. So feige, so schwächlich die Indier sonst sind, so wenig kostet es ihnen sich dem Höchsten, der Vernichtung aufzuopfern; damit hängt auch die Sitte zusammen, daß die Weiber sich nach dem Tode des Mannes verbrennen: widersetzt sich ein Weib dieser alten Sitte, so wird sie ausgeschieden aus aller Gesellschaft und muß in der Einsamkeit verkommen. Ein Engländer erzählt daß er auch eine Frau sich verbrennen sah, die ihr Kind verloren hatte, um sich ihrem Schmerze gleichsam nachzuwerfen; der Engländer that alles Mögliche um sie von ihrem Vorsatze abzubringen, er wendete sich an den Mann aber dieser zeigte sich ganz gleichgültig: er habe noch mehr Frauen zu Hause, war seine Antwort; so sieht man 20 Frauen auf ein Mal sich in den Ganges stürzen; auf dem Himalahjagebirge fand ein Engländer einst drei Frauen, die die Quellen des Ganges aufsuchten, um sich in die Quellen dieses heiligen Flusses zu stürzen. Beim Gottesdienst in dem berühmten Tempel zu Jagrenat am Bengalischen Meerbusen, wo Millionen von Indiern zusammenkommen, wird das Bild des Gottes Krishna auf einem Wagen herumgefahren, gegen 500 Menschen gehören dazu, um ihn in Bewegung zu bringen und nun gibt es viele, die sich vor | die Räder des Wagens hinwerfen und sich so zerquetschen lassen; der ganze Strand des Meeres (der Tempel liegt

6–8 sie besteht … bringen] Wi: dumpf heit und Vernichtung ist das Ziel. so sitzen welche ohne alle bewegung, ohne alles Empfinden, Wollen, begehren immerdar und thut nichts als daß nur nach der Spitze seiner Nase sieht. so vernichtet er sich, andere verpflegen ihn. 11–12 die Sitte … verbren30 nen] Ak: die Verachtung des Lebens zusammen, z.B. die Verbrennung des Weibes mit dem Leichnam des Mannes, oder auch sonst 13 ausgeschieden] Hn: als Pest ausgeschieden 15–16 um sich … nachzuwerfen] Wi: in Gegenwart ihres Mannes. | Ehe sie sich verbrennen geben sie geschenke. 18 zu Hause] Wi: zu Haus und brauche diese nicht 19 auf ein Mal] Ak: zusammen angefaßt den Ganges] Wi: das heilige Wasser des Ganges 20–21 um sich … stürzen] Hn 35 schließt an: Die eigentliche Schlucht fanden sie aber nicht. Zwei kamen um, eine nur zurück. Wi: wobei sie oft erfrieren 22 Jagrenat am Bengalischen Meerbusen] Wi: Jagernauth in Bera (in Dekan) Ak: Behra am Bengalischen Meerbusen 22–23 von Indiern] Wi: Kaufleute 23 Krishna] Wi: Wischnu 25 bringen] Wi schließt an: so schwer ist er; Brahminen stehen darauf 26 zerquetschen lassen] Ak: erdrückt zu werden, ist dann auch ein heiliger und beliebter Tod 40 23 des] des des

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nicht weit vom Meere) ist schon mit Gebeinen, von solchen Geopferten bedeckt. Auch der Kindermord ist in Indien sehr häufig: Die Mütter werfen ihre Kinder in den Ganges oder lassen sie an den Strahlen der Sonne verschmachten. Das Moralische das in der Achtung eines Menschenleben liegt, ist nicht vorhanden bei den Indiern. Es gibt erstaunlich viel Modifikationen von solchen Lebensweisen, die auf die Vernichtung hingehen; die Gymnosophisten, wie sie die Griechen nannten, sind noch vorhanden: die F a k i r laufen nackt herum ohne irgend eine Beschäftigung, gleich den Katholischen Bettelmönchen, leben von den Gaben Andrer und haben den Zweck die Hohheit der Abstraktion zu erreichen, die vollkommne Verdumpfung des Bewußtseyns, von wo der Uebergang zum physischen Tode nicht sehr groß ist. Diese Hohheit besitzen nun die Braminen von Geburt, daher hat ein Indier den Braminen als einen Gott zu verehren; er fällt vor ihm nieder und spricht: Du bist Gott. – Die Geschäfte der Braminen bestehen im Allgemeinen im Lesen der Veda’s und dies ist ausschließlich auf sie beschränkt, nur sie dürfen die Veda’s lesen, und dieses Lesen ist der Zustand des Brahm Seyn; außerdem ist dem Braminen nur wenig zu thun erlaubt. Wenn ein Suder die Veda’s lieset oder nur lesen hört so wird er hart bestraft; ist | Letzteres der Fall gewesen, so soll ihm glühend Oel in die Ohren gegossen werden. Die Braminen haben außerordentlich viel zu beobachten; in dem Geringsten, das sie thun, ist Alles auf das Genauste vorgeschrieben in dem Gesetzbuch Menu’s: die Haare, die Nägel müssen geschnitten seyn, drauf folgt: sie müssen die Leidenschaften im Zügel halten, dann: sie müssen weiße Mäntel und breite goldene Ohrenringe tragen; es ist vorgeschrieben Alles, was sie zu sprechen haben, wenn sie in’s Bett steigen und wenn sie dasselbe verlassen, nach welcher Seite sie sich wenden sollen usw. Dergleichen Einzelnheiten, die im Allgemeinen als sehr geringfügig erscheinen, tragen doch viel dazu bei um den Charakter der Indischen Religiosität kennen zu lernen. Die Braminen dürfen ferner nicht in die Sonne sehen, wenn sie aufgeht noch wenn sie niedergeht noch wenn sie im Mittag steht eben so wenig als ihren Reflex in denselben Zeiten; sie dürfen nicht über einen Strick treten, an dem ein Kalb festgebunden ist, nicht ausgehen

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1 Gebeinen, von … bedeckt] Wi: Todtengebeinen jener Pilger bedeckt, die so ihren Zweck erreicht haben 3 lassen sie … verschmachten] Wi: in einem Käfig gegen die Sonne hängen oder sonst wie 8–11 leben von … ist] Wi: und die gewaltthätigste Räuber und bettler sind. / – dieses alles hat also zum Zweck sich zur Hoheit des Brama zu erheben. 14 im Allgemeinen] Wi: das ist die Hauptsache 16 außerdem ist … erlaubt] Ak: Auch ist es ihnen allein gestattet, die Vedas zu 35 lesen Wi: (Einige Braminen widmen sich nur diesen, andere thun anderes, stehen z.B. im dienst der ostindischen Compagnie). 17 hart] Ak: aufs haerteste 20 Alles] Ak: ihr ganzes Aeusseres und ihre Lebensart 20–21 die Haare] Wi: sie sollen ihren Bart rund scheeren 23 tragen] Wi: tragen, einen Stab von besonderm Holz führen 29 eben so wenig … Zeiten] Wi: auch bei einer Finsterniß dürfen sie den Reflex nicht im Wasser sehen 40

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wenn’s regnet, nicht ihr eignes Bild im Wasser sehen; wenn sie bei einer Kuh, bei einem Götzenbild, bei einem Topf voll Honig oder geschmolzener Butter vorbeigehen, oder bei einer Stelle, wo 4 Wege zusammentreffen, bei einem großen Baum u.a., so müssen sie diese Gegenstände zur rechten Hand haben. Der Bramine darf nicht mit seiner Frau essen, er darf sie auch nicht essen, noch nießen, noch gähnen sehen. Wie weit diese Vorschriften gehen läßt sich am besten aus denen, die | die Braminen bei der Verrichtung ihrer Nothdurft zu beobachten haben, erkennen; sie dürfen sie n i c h t verrichten an einer großen Straße, auf Asche, auf gepflügtem Grund, auf einem Berge, auf einem Nest von weißen Ameisen, auf Holz, das zum Verbrennen bestimmt ist, auf einem Graben, im Gehen, im Stehen, am Ufer eines Flusses usw. Bei der Verrichtung dürfen sie nicht nach der Sonne, nach dem Wasser noch nach Thieren sehen, sie müssen das Gesicht bei Tage gegen Norden kehren, bei Nacht gegen Süden, bei Sonnenunter- und Aufgang nach Norden; im Schatten steht es in ihrem Belieben, wohin sie sich wenden sollen (Es ist hier zu bemerken, daß in Indien die Nothdurft nicht im Hause verrichtet wird, sondern auf offener Straße). Einem Jeden, der langes Leben wünscht ist verboten auf Haar, auf Scherben, Samen von Baumwolle, Asche, Korngarben, auch nicht auf seinen Urin zu treten. In der Episode Nalus aus dem Gedichte Mahabharata wird erzählt wie eine Jungfrau, 21 Jahre alt (in diesem Alter haben die Jungfrauen in Indien das Recht selbst einen Gatten zu wählen) unter ihren Freiern wählt, es sind ihrer 9, die Jungfrau bemerkt aber, daß 8 nicht fest auf ihren Füßen stehen, und schließt ganz richtig, es seyen Genien; sie wählt also den 9ten, der ein wirklicher Mensch ist; unter den Genien sind 2 boshafte, die sich dafür rächen wollen, sie passen dem Gemahl ihrer Geliebten bei allen seinen Schritten und Handlungen auf, | damit, wenn er in irgend Etwas fehle, sie ihm Schaden zufügen könnten: jener aber läßt sich durchaus nichts zu Schulden kommen, bis er endlich aus Unvorsichtigkeit auf seinen Urin tritt, nun hat der Genius das Recht ihm in den Leib zu fahren, er plagt ihn mit der Spielsucht und dieser verspielt all sein Hab und Gut und stürzt sich in’s Unglück. – Solchen Bestimmungen also sind die Braminen unterworfen, ihr Leben aber ist geheiligt; für Verbrechen dürfen sie nicht am Leben gestraft werden, eben so wenig können ihre Güter in Beschlag genommen werden; Alles, was der Fürst thun kann, ist nur: sie des Landes zu verweisen. – Die Engländer wollten ein geschworen Gericht in Indien einsetzen, das zur Hälfte aus Europäern, zur Hälfte aus Indiern bestehen sollte; die Engländer hat1 bei einer Kuh] Wi: bei einem Haufen Erde, einer Kuh 2 Butter] Ak: Butter (wie das KussahGras Hauptsache beim Opfer) oder gewissen Baeumen 4 so müssen … Gegenstände] Wi: da sollen sie vorbei gehen und diese dinge 5 mit seiner Frau essen] Wi: essen, wenn er nur Einen Rock anhat 34 Indien] Wi: Bombay 35 Europäern] Wi: Engländern

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ten den Indiern die Gesetze und Vollmachten des Geschworen Gericht vorgelegt und diese hatten ein Gutachten darüber abzugeben: sie machten nun eine Menge Ausnahmen und Bedingungen, unter Andern sagten sie, sie könnten nicht ihre Zustimmung zum Tode eines Braminen geben, sie dürften keinen todten Körper sehen, wie es bei Untersuchungen geschehen sollte, denn dieser Anblick ist verunreinigend für sie; die Sitzung möchte doch nie vor 11 anfangen und bis nach 5 Uhr Nachmittags dauern usf. – Der Zins darf bei einem Braminen nie höher als 2 Prozent | seyn, bei einem Kschetria nie höher als 3 Prozent, bei einem Waisja ist das Gesetzliche 4% , und 5% bei einem Suder. Das Land der Braminen ist frei von allen Abgaben: Im Buche Menu’s sind die strengsten Gesetze darüber vorhanden, daß ein Bramine von einem Könige nicht gestraft werden soll, denn jener steht so hoch über diesem, daß der geringste Bramine sich verunreinigen würde, wenn er mit den König speiste und der Tod wäre ihm nicht so furchtbar als die Entehrung daß seine Tochter sich einem Fürsten vermählte. Der Bramin besitzt eine solche Macht, daß, d e n König der Blitz des Himmels treffen würde, welcher Hand an ihn oder an seine Güter legen wollte. In Menu’s Gesetzbuch heißt es: Wenn Einer den Bramin in Ansehung seiner Pflicht belehren will, so soll der König befehlen, daß ihm heißes Oel in den Mund und in die Ohren gegossen werde; wenn ein nur ein Mal Geborner einen 2 Mal Geborenen mit Schmähungen überhäuft, so soll jenem ein glühender Eisenstab von 10 Zoll Länge in den Mund gestoßen werden. Wenn sich ein Suter auf den Stuhl eines Braminen setzt so soll ihm glühendes Eisen in den Hinteren gestoßen werden oder derselbe abgehauen werden; wenn ein Suter einen Braminen mit der Hand oder mit dem Fuße stößt, so soll ihm Hand oder Fuß abgehauen werden. Es ist erlaubt | ja gesetzlich, vor Gericht zu lügen oder falsches Zeugniß abzulegen, wenn ein Bramine eines Unrechts überführt werden kann; überhaupt wenn der König einen Mann zu Tode verurtheilt, so kann, wenn dies zu seiner Rettung beiträgt, falsches Zeugniß für ihn abgelegt werden; wenn durch ein falsches Zeugniß eine Heirath zu Stande gebracht so ist solche Unwahrheit auch erlaubt. –

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3–4 unter Andern … geben] Wi: Die Indier sind deswegen ein gekommen von allen denen Gerichten ausgeschlossen zu seyn, wo ein Bramine auf ein Capital verbrechen angeklagt wäre 6 verunreinigend für sie] Wi: verunreinigt, sie bitten sich noch viele andere dinge aus 7–8 Der Zins … seyn] Wi: hinsichtlich der bürgerlichen Gesetze sind die Braminen ebenfalls sehr unterschieden; von einem Braminen zb. darf man nicht über 2 Prozent nehmen Ak: Ueberhaupt haben die einzelnen 35 Kasten grosse Vorrechte vor einander, z.B. bei einem Darlehen an einen Braminen darf der Zins nur 2 pro Cent betragen 10–11 strengsten Gesetze] Wi: stärksten Aussprüche 20 mit Schmähungen überhäuft] Ak: insultirt, dessen Zunge soll geschlitzt | werden; wenn er ihn schmaehet Wi: Invectiven ausspricht 28 abgelegt werden] Ak: ablegen nach dem Gesetzbuche Menus 29–30 so ist … erlaubt] Wi: so ist die Lüge noch in andren Fällen gesetzmäßig 40

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So wie die Braminen Vorzüge vor allen andern Kasten haben, so hat auch jede dieser andern Vorzüge vor der, welche ihr untergeordnet ist: wenn also ein Schuder von einem Paria durch Berührung verunreinigt wird, so hat er das Recht ihn auf der Stelle niederzustoßen; die Menschenliebe einer höhern Kaste zu einer niedern ist durchaus verboten und einem Braminen wird es nie einfallen Einem aus einer andern Kaste, selbst nicht in Lebensgefahr, beizustehen. Die Braminen haben das Recht viele Weiber zu haben und die andern Kasten halten es für eine große Ehre, wenn ein Bramine ihre Töchter zu Weibern nimmt; Eltern schicken ihre Töchter zu Braminen und es kommt nicht selten vor, daß dieser sie sein ganzes Leben hindurch nicht sieht. Die Braminen haben vollkommene Freiheit sich Frauen zu nehmen, besonders bei den großen religiösen Festen gehen sie unter dem Volke herum und wählen sich die Frauen, die ihnen am besten | gefallen; sie schicken sie dann auch wieder weg, wenn es ihnen beliebt. So sehr bei den Indiern die Abstraktion das Höchste ist, so ist der Gottesdienst doch fast eine organisirte Sinnlichkeit und Ausschweifung zu nennen und gerade die Braminen sind es, die sich diesen Ausschweifungen ganz hingeben. Wenn der Bramin jedoch Gesetze, wie oben angegeben sind, übertritt und sich verunreinigt, so ist er aus der Kaste ausgestoßen; um wieder aufgenommen zu werden wird ihm ein Haken durch die Hüfte gebohrt und er daran mehrere Mal in der Luft herumgeschwenkt. Dies geschieht in jeder Kaste, wenn ein Mitglied wieder aufgenommen werden soll, in Ceylon haben die Engländer es verboten, eben so haben sie gesucht dem Verbrennen der Frauen Einhalt zu thun. – Ein Raja, der sich von einem Englischen Statthalter beeinträchtigt glaubte, schickte 2 Braminen nach England um darüber zu verhandeln; den Indiern ist es aber verboten über’s Meer zu gehen, sie sind von der belebenden Macht desselben ausgeschlossen, als die Braminen zurückgekehrt waren, so wurden sie von den andern Braminen als ausgeschlossen erklärt und nur als 1 Mal Geborne angesehen, um wieder aufgenommen zu werden, mußten sie noch ein Mal ge-

2–3 wenn also … wird] Ak, ähnlich Wi: Wenn ein Paria einen Braminen oder eine andere höhere 3–4 hat er das Recht] Ak: ist es dessen Pflicht 7 andern] Wi: niedern 8 wenn ein … nimmt] Ak: wenn einem Manne seine Frau von einem Braminen genommen wird. Ist sie ihm dann nicht mehr recht nach einigen Jahren, so schickt er sie wieder nach Hause 9 Eltern schicken … Braminen] Wi: die Braminen lassen sich die Töchter von Ferne empfehlen und nehmen sie an 16 hingeben.] Ak: ergeben. Wenn jemand irgend ein dergleichen Vergehen wider 35 die Gesetze seiner Kaste gethan, so kostet es bei einem geringern Vergehen bloß Geld, um in die Kaste wieder aufgenommen zu werden, bei grösseren Vergehen aber ist die Wiederaufnahme an schwere Strafen (Schwenken überm Feuer pp) gebunden. 22–23 Ein Raja, … glaubte] Wi: Auch die Braminen können nach einem Vergehen degradirt werden. Vor 14 Jahren ist es geschehen daß ein Fürst, Raja, beeinträchtigt war. Er 24–26 den Indiern … ausgeschlossen] Wi: Sie muß40 ten dazu also übers Meer oder über den Indus was beides verboten, sie thaten das letztere. 27–28 nur als … angesehen] Wi: sie hatten ihre 2t e Geburt verloren 30 Kaste berührt

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boren werden und zwar von einer goldnen Kuh, die von ihnen aufgebracht werden mußte; es wurde ihnen dann in so weit erlassen, daß sie nur d i e Theile | der Kuh golden schaffen mußten, wo sie herauskriechen sollten, das Uebrige sollte nur von Holz seyn. – Die Engländer haben große Noth mit den Soldaten, die sie unter den Indiern angeworben haben, zuerst haben sie ihre Soldaten nur aus den niedern Kasten genommen, welche nicht so viel in ihrer Lebensweise zu beobachten haben, mit diesen konnten sie aber nichts ausrichten, daher nehmen sie ihre Soldaten jetzt aus der Kaste der Kschetria, aber diese haben unendlich viel zu beobachten, sie dürfen kein Fleisch essen, keinen todten Körper berühren und dergleichen mehr. – Jede Kaste hat also ihre eigenen Pflichten, je niedriger die Kaste, desto weniger ist für sie zu beobachten: die Individuen haben durch sich selbst an sich etwas Berechtigtes; durch die Geburt ist jedem Individuum sein Standpunkt angewiesen; über diesem fest Bestimmten ist aber alles Andre Willkühr und Gewaltthat, ein gesetzlicher Zustand im Staate ist nicht vorhanden: die ganze Geschichte von Indien besteht nur aus einer fortlaufenden Reihe von Revolutionen, Verschwörungen, Mordthaten; eigentliche Empörungen kommen nicht oder höchst selten vor sondern nur Verschwörungen der Hohen, welche dahin trachten sich an die Stelle des Herrschers zu setzen nicht etwa um besser zu regieren; eben so stellen die Söhne dem Vater nach und Brüder morden sich; es ist hier zu bemerken, daß auch in Indien | es von hoher Wichtigkeit ist, Söhne zu haben, denn diese bringen auf dem Grabe des Vaters Opfer; auch entbehrt der Indier ohne Söhne viele Vorrechte, er darf nicht als Zeuge auftreten usw. Was nun die Indischen Fürsten betrifft, so ist der Thron wenig gesichert durch das Band der Familie; jene lieben ihre Enkel mehr als ihre Söhne, denn sie sehen in ihnen ihre Rächer dh. sie halten dafür daß ihre Enkel gegen ihre (der Fürsten) Söhne so handeln werden, wie diese gegen sie selbst. Der Fürst erhält die Hälfte des Ertrags seines Landes oder vielmehr der Grundstücke die bebaut worden; (die Braminen zahlen keine Abgaben, wie schon gesagt

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1 Kuh] Ak: Kuh (diese sind den Indiern heilig) 4–5 mit den … haben1] Wi: sie haben eine große Armee aus Europaeern, Muhamedanern und Indern. Um dieser aber all´ ihre Kleinigkeiten be- 30 obachten zu lassen haben sie ihre größte Noth. die Inder dürfen kein Fleisch essen sondern nur was Körner ist, Reis, Getreide, keine Kartoffeln und dergleichen 10–12 Jede Kaste … Berechtigtes] Hn: In China hat keiner ein bestimmtes Recht, in Indien fängt die Unterscheidung an, daß jede Kaste ein bestimmtes Recht an sich selbst hat. Aber dieses Berechtigte ist durch die Geburt, nicht durch die Vernunft und die Moralität bestimmt. 15–19 die ganze … regieren] Ak: | Die Indische 35 Geschichte ist zwar ohne Empörungen der Gesammtheit gegen die Tyrannei, aber voll von Empörungen der Höheren gegen die Fürsten, um an ihre Stelle zu treten, nicht um es besser zu machen, sondern um selbst zu herrschen 26 selbst] Wi schließt an: diß ist sprichwörtlich in Indien / Von einem gesetzmäßigen Zustande der Regierung ist in Indien nicht die Rede. / hinsichtlich der Abgaben ist zu merken 26–27 Der Fürst … Landes] Ak: Eine eigentliche Regierung, Verwaltung 40 findet nicht statt, aber dem Fürsten gehört als Rente die Haelfte des Ertrags des gesammten Landes

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worden); es wird dabei darauf gerechnet, daß die andre Hälfte hinreichend sey für die Deckung der Kosten des Bauens und eine nothdürftige Subsistenz des Bauern. Die Engländer sind daher in Zweifel gewesen, ob sie die Indier als freie Eigenthümer oder als Lehnsinhaber ansehen sollten, ob sie den Tribut von den Bauern oder von den Gutsbesitzern (Zeminder) eintreiben sollten: nach genauer Untersuchung des Verhältnisses des Bauern zum Zeminder haben sie sich entschlossen sich an die letztern zu halten; aber diese erlaubten sich nun die größten Erpressungen und Willkührlichkeiten; sie jagen die Bauern fort und sagen dann so und so viel Land sey unbebaut; auf diese Weise erlangen sie | eine Verminderung des Tributs, dann aber nehmen sie die fortgejagten Bauern gegen ein Geringes als Taglöhner an und lassen das Land für sich selbst bebauen. – Der ganze Ertrag eines jeden Dorfes wird in 2 Theile getheilt, wovon der eine dem Rajah, der andre den Bauern zukommt; dann aber erhalten außerdem noch verhältnißmäßige Theile: die Beamten des Dorfes, der Richter, der Aufseher über das Wasser, der Brahm, die Götter, (reisende Bettler), der Astrolog, (der ein Bramin ist und die glücklichen und unglücklichen Tage angibt) der Schmidt, der Zimmermann, der Wäscher, der Barbier, der Arzt, die Tänzerin, der Musikus, der Poet. – Dieß ist das Feste, Unabänderliche, das keiner Willkühr unterliegt, daher gehen alle politische Revolutionen gleichgültig an dem gemeinen Indier vorüber, denn sein Loos bleibt sich im Ganzen immer gleich. Das Verhältniß der Indischen Dynasten beruht auch nur auf Gewalt, sie bekriegen sich gegenseitig; der eine leistet dem andern Hülfe, erzwingt sich aber dafür einen Tribut, der den vierten Theil des Einkommens ausmacht. Noch mehr verwundern wir 2 nothdürftige] Wi: höchst dürftige

3 Bauern.] Ak schließt an: Dabei Wi schließt an: die Bebauer können ihren Antheil verkaufen, aber wenn sie keine Ländereien haben können sie auch weggejagt werden. 4 Lehnsinhaber] Ak: Lehnsleute, Besitzer gegen Entrichtung jener Haelfte 5 sollten] Wi: sollten unter denen jene im Lehnsverhältniß stehen 7 zu halten] Wi: gehalten, und brauchen insofern nicht so viele Einnahmen 10–11 dann aber … bebauen] 30 Wi: er läßt dann das Land von neu angeworbenen Arbeitern, als Tagelöhnern, bebauen, wodurch sie einem Theil der Taxation entgehen 11–12 Der ganze … Dorfes] Wi: das Einkommen eines Dorfes Ak: Der Boden in | einem Dorfe 12–13 der eine … zukommt] Wi: die eine hälfte bekommt der Fürst oder Raja, die andere bekommt das dorf Ak: den einen der Rajah erhaelt und für diesen bebaut werden muß 14 Beamten des Dorfes] Wi: Ortsvorsteher 15 der Brahm, … Astrolog] 35 Bettler] Wi: sodann bekommt der Bram und die Gottheit einen besonderen Antheil Wi: Astronom 17 Zimmermann] Wi: Zimmermann, der Töpfer die Tänzerin] Ak: Taenzerinnen (!) 20–1288,2 Das Verhältniß … bestehlen.] Wi: Nach Tractaten und Rechten wird nicht behandelt, sondern soviel einer Gewalt hat, übt er seinen Einfluß, und sucht nach diesem | Prinzip dem Einkommen des benachbarten Raja den 4t e n Theil seines Einkommens abzupressen. 40 Ein Indier in Handel und Wandel oder als domestik hält es für ein gesetzliches und Gerechtes, daß er seinen Herrn um den 4t e n Theil bestiehlt. bei dem Richter gibt es dagegen kein Recht, die Engländer müssen also sich besonders gegen diese Kasten schützen.

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Ak: höchst nothdürftige

25 sind die indischen Bauern an den Boden gebunden, und nicht vollstaendige Eigenthümer

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uns selbst den Diebstahl als etwas Rechtliches anerkannt zu sehen; es ist nämlich dem Diener erlaubt seinen Herren um ein Viertel zu bestehlen. Es ist schon erwähnt worden, daß die Indier eine ungeheure Menge von Bedienten um sich haben; | als eine Beschränkung wird es angesehen, daß bei einem Heere auf dem Marsch der Lieutnant nur 30 Bediente mit sich führen darf, der Hauptmann nur 40, der Major nur 50 usw. Jeder hat sein eigenes bestimmtes Geschäft und verrichtet sonst kein anderes; doch zu Vielem sind die Indier nicht zu gebrauchen, sie tödten kein Thier, können also beim Schlachten des Vieh’s nicht gebraucht werden: nur ganz ausgestoßene Kasten dürfen sich mit Viehhandel abgeben. Man kann sich in seinem Urtheil über die Moralität der Indier leicht durch die Beschreibung der Milde, der Zartheit, der schönen und empfindungsvollen Phantasie bestechen lassen, doch in ganz verdorbnen Nationen kann es Seiten geben, die zart und edel seyn können; wir haben Chinesische Gedichte worin

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1–2 es ist … bestehlen] Ak: Es gilt als vollkommen rechtlich, daß der Diener seinen Herrn oder der Indier im Handel und Wandel den Anderen um ¼ betrügt, dagegen findet beim Richter kein Recht statt. 3–4 Es ist … haben] Wi: Ein Europäer hat dort an 6 Bedienten, die Indier haben noch viel mehr Ak: Diener hat man in Indien sehr viele, und die Europaer dort haben deren unzaehlige 4 als eine … angesehen] Ak: so daß die Englaender für den Krieg die Beschränkung getroffen haben 6 der Hauptmann … usw.] Wi: ein Hauptmann ist beschränkt auf 10 bediente, ein Oberst auf 80, bis 100. Eine europäische Armee daselbst von 20,000 Mann zieht zugleich als eine Masse von 100,000 Menschen aus, ein Lager ist sogleich wie eine Stadt eingerichtet 7 anderes] Wi: einer besorgt die Ziege um Milch zum Kaffee zu haben, ein anderer besorgt bloß die Pfeife des Herrn, ein anderer bloß die Pferde, ein anderer bloß das Futter pp. 7–9 doch zu … werden] Ak: Dazu kömmt dann immer noch die Verlegenheit, daß die Indier strenge durchs Gesetz verhindert sind, irgend ein lebendiges Geschöpf | zu tödten. 9–10 nur ganz … abgeben] Ak: In neuester Zeit hat man indessen Beispiele, daß die Indier von der Strenge der Kastensystems nachgegeben haben. Wi: die Classe ist ganz verachtet die mit Vieh handelt, andere sind es die nur schlachten. die Engländer beklagen sich sehr wie dieser Zustand alle Lebensverhältnisse stört, namentlich auch im Kriege; die Engländer haben sich sehr darüber beschwert namentlich bei dem letzten Kriege gegen die Maratten. die größte Noth von Krankheiten heben diese Verhältnisse nicht auf. so starb ein Bramine ohne alle Hülfe, da er keinen hatte der ihm die Arzenei reichte, denn diß konnte nur ein Bramine thun. Ganz gegen die Gesetze der Inder ist es daß Hn: Durch die Pest wird oft eine große Zahl von diesen hingerafft. Aber ihren Ceremonien gehen sie in ihren größten Krankheiten nach; die Brahminen nehmen keine Arzeneimittel von den Europäern. Erst in neueren Zeiten wichen sie von diesen zeremoniellen Gesetzen ab. 12 der Milde, der Zartheit] Ak: Zartheit der Phantasie, der Dichtungen, durch die Tiefe der Empfindung Wi: der Feinheit, Zartheit und Lieblichkeit des indischen Charakters 13–1289,4 doch in … Gedichten] Wi: Es gibt Seiten die nichts mit der Vernunft als solcher, und mit der Moralität zu thun haben können zb. die Liebe. So haben wir die schönsten, tief empfundenen Gedichte der Liebe bei den Indiern die sich jedem gleich stellen können, was unter europäischen Nationen Verwunderung verdient. Wohl können schöne Empfindungen wie Liebe rein und tief empfunden werden und wirklich vorhanden seyn Ak: Allein es giebt Empfindung, Gefühle, wie z.B. die Liebe, die mit der Vernunft und Moralitaet nichts gemein haben, die in der größten Zartheit und Reinheit neben der größten Immoralitaet bestehen können. So in Indien.

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die zartesten Verhältnisse der Liebe geschildert werden, sich Zeichnungen von tiefer Empfindung, Demuth, Scham, Bescheidenheit befinden, die sich gewiß allem dem, was in der Europäischen Litteratur unsre Bewunderung erregt, gleich stellen können: dasselbe finden wir in vielen Indischen Gedichten aber Sittlichkeit, Moralität, Freiheit des Geistes, Bewußtseyn des eignen Rechts, gewollte Sittlichkeit, sind ganz davon getrennt: nur Pflichten der Kasten gibt es in Indien und nicht Pflichten der Menschen, daraus ergibt sich daß die Indier ein auf ’s Vollkommenste degradirtes Volk | sind: ihre Erhebung besteht in der Abstraction, in der abstrakten Existenz, in dem Bewußtseyn des Brahm, der Vernichtung der geistigen und physischen Existenz; diese Erhebung hat nichts Concretes, das Versenken in die abstrakte Allgemeinheit hat keinen Zusammenhang mit dem Wirklichen. Geistige und physische Vernichtung ist neben einer losgebundenen Sinnlichkeit und dem äußersten Belieben. – List und Verschlagenheit ist der Grundcharakter des Indiers, Betrügen, Stehlen, Rauben Morden ist ganz in seinen Sitten; demüthig kriechend und niederträchtig zeigt er sich dem Sieger und Herren; vollkommen rücksichtslos und grausam dem Ueberwundenen und Untergebenen. Die Menschlichkeit des Indiers charakterisirend ist es daß er kein Thier tödtet, reiche Hospitäler für Thiere, besonders für alte Kühe und Affen stiftet und unterhält, daß aber unterhält im ganzen Lande keine einzige Anstalt für kranke oder altersschwache Menschen zu finden ist.–

4 können] Hn: können, in Indien nun ist die Liebe höchst rein, tief, schön geschildert 6 ganz davon getrennt] Wi: ganz anderes; Bohlen (in Königsberg hat in seiner darstellung Indiens) gesagt die Indier seyen „g u t “ aber mit dem Ausdruck ist noch nichts gesagt, | die Menschen können gut seyn ohne Moralität 8 degradirtes] Ak: moralisch depravirtes 11–13 keinen Zusammenhang … Belieben.] Wi: kein Verhältniß […] zum Concreten; jene Allgemeinheit ist nicht zugleich eine concrete Allgemeinheit; hier ist aber die concrete Existenz von dem allgemeinen ganz abgetrennt 13 dem äußersten Belieben] Ak: Willkühr, soweit jeder Macht und Kraft hat 13–15 List und … Sitten] Wi: kein Verhältniß hat zum Concreten; jene Allgemeinheit ist nicht zugleich eine concrete Allgemeinheit; hier ist aber die concrete Existenz von dem allgemeinen ganz abgetrennt. Wir haben darstellungen von Buchanan und Dubois, die an 20 Jahre unter den Indiern unter den verschiedensten Classen gelebt haben und stimmen mit anderen völlig überein in der Schilderung der Depravation des indischen Charakters. Man hat sich von den reisenden Richtern (Engländer) in Indien, berichte einreichen lassen über den sittlichen Zustand und diese stimmen überein in der Schilderung der List, des Stehlens, Mordens, Raubes der Indier. Ak: Wir haben amtliche Berichte | der Englaender über den sittlichen Zustand Bengalens, die übereinstimmen über Betrug, Raub, Diebstahl, Mord der Indier, die zu ihren Sitten gehören. 17–20 Die Menschlichkeit … ist.] Wi: die Indier dürfen keine Thiere tödten. diß sieht sehr weich aus: wenn es geschieht so sind in Indien große Hospitäler für Thiere, besonders alte Kühe, auch besonders für Affen: viele dergleichen gibt es. Aber in ganz Indien gibt es nicht ein einziges Hospital für Menschen, die krank oder Invalide sind. Vom ganzen Umfang dessen was wir Menschlichkeit nennen ist bei ihnen nicht zu finden 18 Thiere] Ak: kranke und alte Thiere 20 ist] Ak: Kein Bramine darf einem Verschmachtenden einen Trunk Wasser reichen.

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Asien zerfällt in zwei Theile in Hinter- und Vorderasien, die wesentlich von einander verschieden sind. China und Indien, die beiden großen Nationen von Hinterasien, haben wir betrachtet, sie gehören zur eigentlich Asiatischen Raçe, zur M o n g o l i s c h e n und nehmen so einen ganz eigenthümlichen Charakter | an; die Nationen von Vorderasien dagegen, gehören schon zur Kaukasischen oder Europäischen Race, sie stehen schon in Beziehung mit dem Westen, wahrend Hinterasien für sich ist. Der Europäer der von Persien nach Indien kommt, bemerkt einen ungeheuren Contrast; in Persien findet er sich noch einheimisch, er trifft daselbst Europäische Gesinnungen an, menschliche Tugenden und menschliche Leidenschaften; denn aber begegnet er dem ungeheuersten Kontrast der sich durch alle Züge der Natur durchzieht. In dem eigentlichen Persien, wozu auch Medien gehört sehen wir ein Hochlandsvolk, das aber auch die 2te Weise des natürlichen Unterschiedes beherrscht, nämlich die Thalebenen des Tigris und Euphrat, deren Bewohner sich zu einem gebildeten Leben vereinigt haben; außerdem hat Persien noch Egypten, die Thalebene des Nils beherrscht, wo Ackerbau, Gewerbe, Wissenschaften blühten. Endlich hat Persien auch noch das 3te Element beherrscht nämlich 1 D a s Pe r s i s c h e R e i c h . ] Wi: Pe r s i e n . Ak: I I I . , Pe r s i e n . Hn: Perser. 2–7 Asien zerfällt … Westen] Hn: | Mit den Persern fängt das vordere Asien an, ein anderes Asien. Hinterasien hat ein anderes Naturell und Geschlecht, und ist nicht in Berührung mit dem Westen gekommen wie Vorderasien. Der Kontrast von Persiens und Indiens Klima ist höchst verschieden, wie auch die Begriffe von Sittlichkeit, Tugend, Leidenschaften, die alle in Persien noch menschlich sind. So wie Afrika in zwei Theile sich theilt, die zum Theil mit Asien, theils mit Europa zusammenhängen, so kann man auch Asien in zwei Theile theilen, so daß von Persien an das Land beginnt, das dem Westen zugekehrt ist. 8–10 Der Europäer … an] Wi: Eldeston, ein Engländer der noch jetzt hohe Würde in Ostindien bekleidet (und unter der Gesandschafft war, die die Engländer vor etwa 20 Jahren nach Persien schickten und nach Kaschmir,) hat eine sehr interessante Beschreibung seiner Reise gemacht. Eldeston sagt, wenn man von Vorderasien nach Indien kommt so ist der Contrast für einen Europäer auffallend, in den türkischen Provinzen hatte er noch europaeische Vorstellungen von Recht und Tugend und äußre Einrichtungen gefunden. Ak: Elphinston sagt: wenn man von diesem Vorderasien, den Türkischen Provinzen nach Indien kömmt, so ist der Contrast sehr auffaellig; in jenem kann sich der Europaer noch einheimisch glauben 13 In dem … gehört] Wi: Indem wir zu Persien übertreten, gehen wir zugleich zur westlichen Welt über. In dem was wir zum persischen Reich rechnen Ak: In dem, was wir im Sinne der Weltgeschichte Persisches Reich zu nennen haben, (d.h. das alte Persien) 16 Egypten] Ak: ein anderes Thalland, Aegypten 17 Ackerbau] Wi: Viehzucht, und auch Künste 18 blühten] Wi: geherrscht hat, und die in diesem Thalland des Euphrat und Tigris sich zu einem stattlichen Leben verbunden hat mit Wissenschaften und Künsten. dazu gehören die Assyrer, Babylonier. über diß haben sie sich die Aegypter influirt Endlich hat … beherrscht] Ak: Die Perser also finden wir hauptsaechlich als Beherrscher des zweiten | Princips der Naturunterscheidung; indessen haben sie auch das erste und dritte Princip, jenes in den Hochlanden Persiens, dieses in den vorderasiatischen Provinzen (Kleinasien) beherrscht 26 Eldeston lies Elphinston

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Nationen, die sich in die Gefahr des Meeres begeben: Syrien, Phönizien, die Jonischen Kolonien und griechischen Uferstaaten in Kleinasien. Persien vereinigte also die 3 natürlichen Prinzipien in sich, während China und Indien der See fremd geblieben sind; auch die Bergvölker, die China unterworfen sind, haben ihren | ursprünglichen Charakter gänzlich eingebüßt und sich dem Chinesischen Prinzip gemäß gemacht, eben so sind die Mahometaner dem Indischen Prinzip einverleibt worden. – An Persien haben wir das erste weltgeschichtliche Volk, das 1te Reich, das vergangen ist; China und Indien sind statarische Nationen, Persien gehört der Geschichte als solcher an, während jene nicht in dieselbe eingreifen sondern außerhalb liegen. Der Uebergang, den wir zu machen haben, ist also nur im Begriffe, nicht im äußerlichen, geschichtlichen Zusammenhang; das Prinzip desselben ist dieses: daß das Allgemeine, das wir in Brahm gesehen haben nun zum Bewußtseyn kommt, ein Gegenstand wird, eine affirmative Bedeutung für den Menschen bekommt. Brahm wird von den Indiern nicht verehrt, sondern er ist nur ein Zustand des Individuum, ein religiöses Gefühl, eine ungegenständliche Existenz des Individuums, ein Zustand, der für die concrete Lebendigkeit Vernichtung ist, nichts Affirmatives enthält; indem nun aber dieses Allgemeine etwas Gegenständliches wird, so wird es in ihm ein Affirmatives, der Mensch wird frei und so tritt er dem Höchsten, das ihm ein Objektives ist, gegenüber. Dieses Allgemeine sehen wir in Persien hervortreten, ein Unterscheiden und ein sich identisch Machen des Individuums | mit dem Allgemeinen; im Chinesischen und Indischen Prinzip ist dieß Unterscheiden nicht vorhanden, sondern nur Einheit des Geistigen und Natürlichen und wenn man geneigt ist, dieß als das Höchste zu betrachten, so ist doch wohl zu bemerken, daß da der Geist im Natürlichen ist, anstatt daß er sich von demselben unterscheiden sollte. Rechte und

3 3 natürlichen Prinzipien] Hn: drei Prinzipien der Gebirgsbewohner, Thalbewohner und Meerfahrer 9 statarische] Hn: statarisch und geschichtslos 9–10 während jene … liegen] Wi: 30 während jene anderen beiden Länder in sich statarisch sind und jenseits der Weltgeschichte liegen 11–12 nicht im … Zusammenhang] Hn: nicht äußerlich ist, wenn gleich äußerlich ein geschichtlicher Zusammenhang aus dem Prinzip sich entwickelt hat 13 in Brahm] Wi: in Indien im Bram 14 für den Menschen] Wi: für die Individuen und Einzelnen 18–19 dieses Allgemeine etwas Gegenständliches] Ak: das Allgemeine an und für sich Seiende etwas Gegenstaendliches für 35 das Individuum 19–21 der Mensch … hervortreten] Ak: Es ist damit eine Trennung des Individuums vom Gegenstaendlichen vorhanden 21 ein Unterscheiden] Ak: ein Unterscheiden, aber in diesem Unterscheiden 22 Allgemeinen] Ak: Allgemeinen, eine Vereinigung des Physischen mit dem Geistigen, was aber nicht das Höchste ist, sondern der Geist ist eben dieses, sich zu unterscheiden, zu scheiden vom Physischen 22–26 im Chinesischen … sollte] Ak: Die patriarchali40 sche natürliche Einheit von China ging in Indien (Kasteneintheilung) auseinander, so daß die Unterschiede durch die Geburt bestimmt wurden.

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Pflichten sind in Indien an Stände gebunden und damit nur etwas Partikuläres, dem der Mensch durch die Natur angehört; in China ist auch diese Einheit vorhanden, in der Form der Väterlichkeit; da aber ist der Mensch nicht frei, er ist ohne moralisches Moment, indem er Einheit mit dem äußerlichen Befehl ist; im Persischen Prinzip hebt sich die Einheit aus dem Unterschiede hervor, aus dem bloß Natürlichen, es ist Negirung dieses nur unmittelbaren, den Willen nicht vermittelnden Verhaltens. – Die Einheit im Persischen Prinzip ist das L i c h t , das allgemeine, natürliche Licht, das allgemeinste Physikalische. Raum, Zeit, Bewegung sind nichts Physikalisches, erst das Licht ist das eigentlich Physikalische und das Licht ist nicht Licht als solches sondern das Reine des Geistes, das Gute als solches, darin ist das Besondre, das Gebundenseyn an die beschränkte Natur abgethan. Das Licht also in physischen und geistigem Sinne gilt als das Höchste, die Erhebung, die Freiheit von | dem Natürlichen als solchen und von der Beschränktheit desselben. Erhebung über das Partikuläre, über die Beschränktheit ist auch der Charakter des Persischen Prinzips; der Mensch verhält sich zu dem Licht, dem Guten als zu einem Objektiven, das aus seinem Willen anerkannt, verehrt und bethätigt wird. Das Persische Reich ist ein R e i c h im modernen Sinne, wie das ehemalige Deutsche Reich, oder das große Kaiserreich unter Napoleon; es besteht aus einer Menge Staaten, die zwar in Abhängigkeit sind, die aber ihre eigne Individualität, ihre Sitten und Rechte beibehalten; die allgemeinen Gesetze, denen sie alle unterworfen sind, haben ihren besonderen Zuständen und Gesetzen keinen Eintrag gethan, sondern sie sogar beschützt und erhalten und so hat jedes dieser Völker, die das Ganze ausmachen seine eigne Form der Verfassung beibehalten. Wie das Licht Alles erleuchtet, Jedem eine eigenthümliche Lebendigkeit ertheilt so dehnt sich die Persische Herrschaft über eine Menge Nationen aus und läßt jeder ihr Besonderes: einige haben sogar eigene Könige, jede eine verschiedne Sprache, Bewaffnung, Lebensweise, Sitte usw., – das Alles besteht ruhig unter dem allgemeinen Lichte. – Das ist die Ansicht, die uns Persien darbietet. – Was das Geographische

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9–10 das eigentlich Physikalische] Wi: das erste physikalische und allgemeinste 10–11 das Rei- 30 ne … solches] Wi: das Geistige, das Wahre 13–14 die Erhebung, … desselben] Wi: die Erhebung über dem Natürlichen als solchen und befreiung von der dumpf heit und beschränktheit des Natürlichen 19 es besteht … Staaten] Wi: das in verschiedene einzelne Theile und Völker getheilt ist 20 Rechte] Hn: Rechten und Sprache 24–25 Alles erleuchtet, … ertheilt] Ak: alles in seiner Eigenthümlichkeit (Pflanzen, Thiere pp) ehrt und pflegt 25–26 so dehnt … aus] Ak: so 35 vereinte das Persische Reich viele Laender und Völker in sich 26 eine Menge Nationen] Wi: die unendlich mannigfaltigen Völkerschafften 27–28 einige haben … Sitte] Hn: es ist die bunteste Zusammenstellung von Völkerschaften, die alle eigenthümlich bestellt und beherrscht sind. Einige hatten republikanische Verfassung, bestimmte Sprache, Art und Bewaffnung, Lebensart, wie Ackerbau, Fischerei, Handel 28–29 das Alles … Lichte] Ak: Die größte Verschiedenheit bestand unter 40 diesem allgemeinen Lichte, das Alle beschienen und Alle zusammengehalten hat.

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anbetrifft, so gehörten zu Persien diese Gebirge, | die sich gegen Westen nach dem Tigris und Euphrat hinziehen, und an diesen Strömen sich verlaufen; östlich längs dem Indus dehnt sich das Solimanische Gebirge aus; im Norden ist der große Gebirgszug Hindukuh, eine Fortsetzung des Himalajahgebirge, der bis an’s Kaspische Meer hinauf geht, nördlich von diesem fließt in derselben Richtung von Osten nach Westen der Oxus, an dem die Landschaft Baktrien liegt, mehr nördlich ist das alte Sogdiana und Fergana. Südwestlich liegen die Thalebenen des Euphrat und Tigris; südlich davon die Wüsteneien Arabiens, westlich vom Euphrat die Wüsten nach dem mittelländischen Meere zu. Kleinasien, Armenien, Egypten gehörten denn auch zum großen alten Persischen Reiche. – Diese Menge von Völkern gehörte zu Persien und wir haben jedes derselben einzeln zu betrachten, vornehmlich aber die Perser als solche, die alten Parsen und Feueranbeter. – Das erste Volk, das wir zu betrachten haben, ist das Z e n d v o l k , bei dem die Z e n d s p r a c h e zu Hause war; diese Zendsprache war die Hauptsprache der alten Parsen, die Sprache der Nationalbücher, der Grundbücher, auf welchen die Religion der alten Parsen beruht. Von dieser Religion der Parsen oder Feueranbeter sind noch Spuren vorhanden; in Bombay existirt eine Gesellschaft von Feueranbetern, auch am Kaspischen Meere befinden sich noch einige | zerstreute Familien, die diesen Kultus beibehalten haben; sonst sind die Feueranbeter gänzlich durch die Mahometaner ausgerottet. – Der große Z e r d u s c h t , von den Griechen Z o r o a s t e r genannt schrieb seine Religionsbücher in der Zendsprache; bis auf das Ende des vorigen Jahrhunderts war diese Sprache und mithin auch alle Bücher, die darin verfaßt waren, den Europäern völlig unbekannt, bis endlich der berühmte Franzose Anquetil du Perron uns auch diese reichen Schätze eröffnete. (Erfüllt von Enthusiasmus für die Orientalische Litteratur, ließ er sich, da er arm an Vermögen war, unter ein Französisches Corps anwerben, das nach Indien abschiffen sollte, so gelangte er nach Bombay, wo er auf die alten Parsen stieß und sich auf ihre Religionsideen einließ; mit unsäglicher Mühe gelang es ihm sich ihre Religionsbücher zu verschaffen, mit unerhörtem Fleiße drang er in diese Litteratur ein und eröffnete ein ganz neues und weites Feld). – Wo das Zendvolk, von dem in den Religionsbüchern des Zoroaster die Rede ist, gewohnt habe, ist sehr schwer zu beantworten. In Medien und in Per4 des Himalajahgebirge] Hn: das Hochgebirge des Himalaya, dann der Belurtag, Altai gegen Osten 4–5 der bis … geht] Hn: Gegen Westen ist ein Hochland bis zum Kaspischen Meer 8 Arabiens] Ak: Arabien, Syrien 9 Kleinasien] Ak: Vorder- und Kleinasien 10 denn auch] Wi: ebenfalls zu zeiten 11 Diese Menge … Persien] Wi: die einzelnen, besondren Völker wie Armenier etc die zum Persischen Reich gehören 13 Feueranbeter] Wi, ähnlich Ak: Feueranbeter, wovon noch jetzt Reste

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sien war die Religion des Zoroaster herrschend, Xenophon sagt: Cyrus habe die Religion des Zoroaster angenommen, aber keines dieser beiden Länder war der eigentliche Wohnsitz des Zendvolks; Zoroaster selbst nennt es Ariene vedio d.i. das reine Ariene; einen ähnlichen Namen finden wir bei Herodot: er sagt die Meder hätten | früher Arier geheißen; damit hängt auch der Name der Provinz Iran zusammen; (überhaupt gilt die Zendsprache als die Grundsprache der Perser, Meder und Baktrier; auch mit dem Sanskrit hängt sie zusammen) Aus den Gesetzen und Einrichtungen des Volkes selbst, das Zoroaster erwähnt, geht hervor daß es ein einfaches Volk war; es werden 4 Stände in demselben angegeben: Priester, Krieger, Ackerleute und Gewerbtreibende; vom Handel wird nichts erwähnt, daher scheint es wohl, daß das Volk mehr isolirt für sich war; es wird ferner von Vorstehern von Bezirken, Städten, Straßen gesprochen – Alles geht nur auf bürgerliche Gesetze, auf das Privatrecht; von politischen Gesetzen ist nicht die Rede und nichts geht auf einen Zusammenhang mit andern Staaten. Südlich vom Oxus zieht sich im alten Baktrien ein Gebirgszug hin, mit welchem die Hochebenen anfangen, welche von den Mediern, Parthern, Hirkaniern bewohnt werden; in der Gegend des obersten Oxus soll Baktra gelegen haben, wahrscheinlich das heutige Balk, von welchem südlich Kabul, Kandahar, Kaschmir nur 8 Tagereisen entfernt ist; bei diesem Baktra herum, im alten Baktrien scheint der Wohnsitz des Zendvolks gewesen zu seyn. – Die Hauptsache, was uns besonders angeht, ist die Lehre des Zoroaster, die in den Zendbüchern entwickelt wird; der Geist erhebt | sich in ihr aus der substantiellen Einheit der Natur, aus dieser substantiellen Inhaltslosigkeit, wo noch nicht der Bruch geschehen ist, der Geist noch nicht für sich besteht dem Objekte gegenüber; das Objekt ist theils die Natur, theils das Gesetz, das muß dem Menschen Objekt werden, es muß seine Wahl seyn; und wählen kann er nur, wenn er aus der Versenktheit heraus ist – dieß ist der Gedanke der Lehre des Zoroaster, das Licht stellt sich in ihr als das Höchste dar; es bekommt aber unmittelbar einen Gegensatz; das Höhere, der Gedanke für sich entspringt nur aus dem Gegensatz und

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2 angenommen] Ak: angenommen. Die Perser waren also nicht die ersten dieser Religion. 3 Zo- 30 roaster selbst nennt es] Ak: In den Büchern heißt das Land des Zendvolks 6 zusammen] Ak: zusammen, was indessen noch nicht deutlich entwickelt ist 10–11 Gewerbtreibende; vom … erwähnt] Ak: Handwerker (ohne Handel) werden genannt; aber nicht von jener festen Beschraenkung der Inder durch die Geburt 11 erwähnt] Hn schließt an: es ist aber nicht gesagt, daß sie wie die Kasten der Indier beschränkt sind 22–23 substantiellen Einheit … Inhaltslosigkeit] Ak: sub- 35 stantiellen Innerlichkeitslosen Einheit, die wir in Indien gesehen haben 26–27 wenn er … ist] Ak: wenn sich der Waehlende herauszieht aus dieser Innerlichkeit, und sich zum Objectiven wendet 27 Gedanke] Ak: Gedanke, der aus dem Natürlichen sich entwickelt

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hat an ihm selbst einen Gegensatz; so hat das L i c h t die F i n s t e r n i ß zum Gegensatz; gleichwie dem G u t e n das B ö s e gegenübersteht, und wie das Gute für den Menschen nicht vorhanden ist, wenn das Böse nicht da ist; er kann nur wahrhaft gut seyn, insofern er das Böse kennt. Dieses Prinzip sehen wir bei den Persern; es stellt sich ihnen der Gegensatz dar als O r m u z d und A h r i m a n : Ormuzd ist der Herr des Lichtreiches, des Guten, Ahriman der der Finsterniß, des Bösen; dann gibt es aber auch noch ein Höheres woraus beide hervorgegangen sind, ein gegensatzloses Allgemeines genannt Zerwana Akarene, die unbegränzte Zeit, die Zeit ist etwas ganz Abstraktes, sie existirt nicht für sich, diese unbestimmte Zeit hat den Ormuzd und Ahriman hervorgebracht. | Ormuzd ist der Herr des Lichts; alles Edle, Schöne, Lebendige, Reine gehört in sein Reich, es ist Offenbarung des Lichts, geheiligt durch seine reine Natur. Ormuzd ist nicht die Sonne, der Mond usw. sondern in diesen verehren die Perser nur den Glanz des reinen Lichts; der Körper von Ormuzd ist das Licht, das durch das Feuer verbreitet wird, daher ist er gegenwärtig wo Glanz, Feuer ist; das sind die Grundbestimmungen. In einer Schrift des Zoroaster, frägt er den Ormuzd wer er sey? Dieser antwortet: „Mein Name ist Grund und Mittelpunkt aller Wesen, Reinigkeit, alles Gute in Ormuzd Geschöpfen, Fülle der Seligkeit, der reine Wille usw.“; der Zweck eines Jeden ist sich rein zu halten und diese Reinheit um sich zu verbreiten; die Gesetze über die Reinheit sind sehr weitläufig, die sittliche Reinigkeit ist das Gebet zu Ormuzd. Die moralischen Vorschriften sind sehr mild; es heißt: „Wenn ein Mensch dich mit Schmähungen überhäuft, dich beschimpft und sich dann demüthigt, so nenne ihn Freund“. Die Opfer bestehen

1 an ihm … Gegensatz] Ak: an sich (in dem Natürlichen) seinen Gegensatz; mit ihm kommt er in 3–4 er kann … kennt] Hn: Das Gute ist nicht vorhanden ohne Wissen vom Bösen. Das Thier ist gut, und weiß doch nicht, was gut ist. Dieser Gegensatz geht in Persien auf, und zieht sich von nun an durch das Bewußtsein der Menschen durch. 4–5 Dieses Prinzip … Persern] Ak: dieser Gegensatz ist gewonnen worden von den Persern für die Menschheit 5 als O r m u z d und A h r i m a n ] Ak: unter den 9 etwas ganz Abstraktes] Hn: das abstrakte 30 Figuren des Ormuzd und Ahriman als Repraesentanten Ideelle 11 des Lichts; … Reich] Ak: des Lichts, der reinen Welt, Ahriman den Herrscher der Finsterniß 13 in diesen] Ak: In der Flamme des Feuers, den Sternen, der Sonne 14 des] Ak: des Ormuzd, des 16–1296,8 In einer … vorausgesetzt.] Ak: Reinheit (sittliche und körperliche) ist das Höchste für den Ormuzddiener; wenn er sich reinigt durch Heiligkeit | des Gedankens, des Worts 35 und der Handlung, heißt es, siehe, das ist das Gesetz; das reine Wort ist der lebendige Geist des Gesetzes des Ormuzd; reine That ist religiöse Handlung, Anbetung und Opfer in der Reinheit. 16–20 In einer … verbreiten] Hn: Verstand, Gesundheit, Wissenschaft, der reine Wille des Guten, Seligkeit, alles ist Reich des Ormuzd, dessen Reich die Menschen auf bauen, erhalten sollen. 20 über die Reinheit] Hn: der Verehrung 20–21 die sittliche … Ormuzd] Hn: wie man sich rein halten kann, und 21–22 Die moralischen … mild] Hn: Sehr mild sind die Strafen 40 wie leicht man unrein werden kann gegen die Verbrecher; Fleisch von reinen Thieren wird gegessen.

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25 Bruch, und dies ist eben das Entzweitsein, aus welchem dann der Geist zu sich selbst erwacht

8 Akarene] Akerane

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aus Blumen und Wohlgerüchen. Wie der Mensch als des Himmels Geschöpf ist, so wird er, wenn er sich verunreinigt hat, wieder rein, durch das Gesetz der Ormuzddiener, wenn er sich reinigt durch die Heiligkeit der Gedanken, des Worts und der That; | Was ist reiner Gedanke? Der, welcher auf der Dinge Anfang geht. Was ist reines Wort? Das ist Ormuzd; das Wort ist so personifizirt. Was ist reine That? Das reine Anrufen der himmlischen Heerscharen. – Wir sehen uns hier auf einem ganz andrem Standpunkt als in Indien: es wird erfordert, daß der Mensch gut sey, der eigene Wille, die subjektive Freiheit wird vorausgesetzt. – Ormuzd ist schlechthin der Gegenstand der Verehrung, dann gibt es aber auch Diener des Ormuzd; es sind die 7 Amschaspand; diese großen Mächte sind ebenfalls Gegenstände der Verehrung; vor allem die Sonne, Ker, dann der Mond und nun noch 5 andre Namen, wobei wir an die Planeten erinnert werden; unter diesen ist auch Mitra genannt, man kann aber eben so wenig als bei den andren Namen angeben, welcher Stern damit bezeichnet sey. Der Mitra steht in den Zendbüchern unter den andren Namen und hat keinen Vorzug, obgleich er später eine große Bedeutung als Mittler zwischen Ormuzd und dem Menschen bekommen hat. Schon Herodot erwähnt den Mitradienst; in Rom wurde er später als ein geheimer Dienst sehr allgemein, und bis weit in’s Mittelalter hinein finden sich noch Spuren dieses Dienstes. Es gibt ferner noch andre Schutzgeister, Serosch, sie stehen unter | den Amschaspand als ihren Oberhäuptern; der Persische Monarch hatte eben so 7 Große um sich, als Nachahmung des Ormuzd. – Als Sohn des Ormuzd kommt der Name D s j e m s c h i d vor; es scheint dieß derselbe zu seyn, den die Griechen A c h a m e n e s nennen, dessen Nachkommen, P i s c h t a d i e r heißen, zu denen auch Cyrus gezählt wurde; die Perser scheinen überhaupt in spätren Zeiten auch mit dem Namen Acheminäer von den Römern bezeichnet worden zu seyn; (so sagt Horaz Ode 1 im III B. Achae-

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5 das Wort … personifizirt] Hn: der lebendige Geist der gesamten Offenbarung 6 der himmlischen Heerscharen] Hn: der heiligen Geschöpfe 7–8 es wird … vorausgesetzt] Hn: That, Gedanke und Gebet, alles soll, äußerlich und innerlich, rein sein. Der eigene Wille soll sich frei machen. Davon wissen die Chinesen nichts. 9 ist] Hn: ist als das reine Gute 10 Amschaspand] Ak: 30 Amschaspands, die naechsten Geister am Throne Ormuzds 11 Verehrung] Hn: Verehrung; das Nächste nach ihm ist die Sonne mit dem Sonnenchor, die um den Thron von Ormuzd stehen, Amschaspands, die angebetet werden 12 wobei wir … werden] Hn: die von gleicher Würde sind. Sieben Sterne werden so noch angebetet. 15–17 obgleich er … hat] Ak: der spaeter als Art Vermittler zwischen Gott und den Menschen erscheint, und seinen eigenen Dienst hatte 17 in 35 Rom] Hn: In der römischen Republik und in der Kaiserzeit 22 Als Sohn … vor] Ak: Wir sehen also einen ganz andern Geist. subjective Freiheit, eigener Wille zum Guten ist hier vorausgesetzt. Licht, das rein Geistige ist das Gegenstaendliche dieser Religion. Dschemschid ist gleichsam der erste Sohn des Ormuzd auf Erden Hn: | Zoroaster lebt nun in diesem Reiche. Dschemschid, ein alter König, als Sohn des Ormuzd vorgestellt 40 1 des] der

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menium costum die Achämenische Salbe, für: aus Persien). Jener Dsjemschid, heißt es, habe mit einem goldenen Dolche die Erde durchstochen, was weiter nichts ist, als er habe den Ackerbau eingeführt; er sey dann die Länder durchzogen, habe Quellen und Flüssen den Ursprung gegeben, dadurch Länderstriche fruchtbar gemacht; die Thäler mit Thieren bevölkert usf. In dem Z e n d a v e s t a , dem eigentlichen Grundbuche wird auch oft der Name G u s t a s p erwähnt, unter dem Zoroaster gelebt haben soll; diesen hat man mit Hystaspis zusammengebracht und gesagt es sey dies kein andrer als Darius Hystaspis; in neuern Zeiten hat man bewiesen, daß diese Annahme verwerflich sey; ohne Zweifel gehört dieser Gustasp den alten Zendvölkern an, in den Zeiten vor Cyrus. In den Zendschriften werden auch die Turanier, das sind die Nomaden im Norden und die Indier erwähnt, es läßt | sich daraus durchaus nichts Historisches abnehmen. – Auf die Reinheit des Geistes, die Reinheit des Wollens, auch auf die äußerliche Reinheit wird vornehmlich und ausschließlich gehalten; der äußeren Reinheit geht es zuwider ein todtes Thier zu berühren, im Zendavesta ist angegeben, wie man sich dann wieder zu reinigen habe. Im Zendavesta wird auch das Paradies dargestellt mit wilden Thieren und einer üppigen Vegetation; daher ist es überhaupt bei den Persern etwas Religiöses solche Parke zu unterhalten; von dem jüngeren Cyrus finden wir im Xenophon angegeben, daß er sich täglich in seine Parke begeben habe, und da die Bäume und Pflanzen gepflanzt habe. – Dieß sind die Hauptangaben die über dies Volk zu geben sind. Das 2te Hauptvolk des Persischen Reichs sind die A s s y r i e r und dann die B a b y l o n i e r . – So wie das Zendvolk das geistige, höhre Element des Persischen Reiches war, so sind die Assyrier das Element des äußeren Reichthums, der Ueppigkeit, des Handels. Ihre Sagen gehen bis in die ältesten Zeiten der Geschichte hinauf: sie sind aber an und für sich dunkel und zum Theil widersprechend auch gehen den Assyriern die Urbücher, und einheimische Werke ab. Der griechische Historiker Ktesias soll aus den Archiven der alten persischen Könige selbst geschöpft haben, aber | leider sind uns nur noch Bruchstücke davon übrig; dann gibt uns aber Herodot viele Nachrichten über Assyrien: außerdem sind auch die Erzählungen in der Bibel höchst wichtig und merkwürdig, da die Hebräer in so unmittelbarer Beziehung mit den Babyloniern gestanden haben. Von den Persern kann die Epopöe des 2 durchstochen] AkHn: gespalten 10 in den … Cyrus] Ak: ein König des Zendvolks 13 äu17 wilden Thieren] Hn: schöne Thiere 20–21 sind die … sind] Ak: ist Hauptinhalt der Religion des Zoroaster 23 B a b y l o n i e r ] Ak: Babylonier, glaenzende Namen in den Traditionen der Völker 28–31 Der griechische … Assyrien] Ak: Ktesias (nach Diodor) mit Herodot sind unsere Hauptquellen

35 ßerliche] Ak: körperliche

15 Zendavesta] Zenda vesta

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F e r d u s i , S c h a h n a m e di. Buch der Könige, ein Heldengedicht in 10000 Distichen erwähnt werden. Ferdusi lebte Anfang des 11ten Jahrhunderts nach Chr. am Hofe Mahmud des Großen zu Gasan, östlich von Kabul und Kandahar. Diese berühmte Epopöe hat die alten Heldensagen I r a n’s (di. des eigentlichen WestPersiens) zum Gegenstande; sie ist uns von Görres in einem weitläufigen Auszuge gegeben worden. Dieses Heldengedicht kann man aber nicht für eine historische Quelle angeben, es ist von einem Mahometaner verfaßt und an Bestimmtheit der Geschichte ist da keine Forderung zu machen; der Kampf von I r a n gegen Tu r a n ist der eigentliche Hauptgegenstand des Gedichts; Iran ist das eigentliche Persien, das Gebirgsland im Süden von Oxus, Turan die Ebenen des Oxus und die zwischen demselben, der auch Amu und G i h o n genannt wird und zwischen dem S i h o n dem alten Jaxartes. Ein Held R u s t a n macht die Hauptfigur im Gedicht; die Erzählungen sind mitunter fabelhaft; auch Nachrichten von Geschichten, die wir kennen, | werden uns gegeben aber ganz entstellt. A l e x a n d e r im Morgenlande weit berühmt wird erwähnt, er heißt daselbst I s c h k a n d e r oder S k a n d e r v o n R u m ; Rum ist das türkische Reich, Thracien, (noch jetzt heißt eine Provinz Rumelien) dann eben so das R ö m i s c h e Reich und in dem Gedicht wird Alexander’s Reich auch Rum genannt; dergleichen gehört ganz der Mohametanischen Anschauung an: Es wird in dem Gedicht erzählt, der König von Iran habe Krieg geführt mit Feilipos (Philipp), dieser sey geschlagen worden; der König habe ihm, dem Philipp, dann seine Tochter zur Frau abgefordert: mit dieser habe der König von Iran eine Zeit lang gelebt, habe sie dann aber wieder fortgeschickt, weil sie übel aus dem Munde gerochen: bei ihrem Vater angekommen habe sie einen Sohn, Skander, geboren, welcher nach Iran zurückgekehrt sey um den Thron seines Vaters nach dessen Tode in Besitz zu nehmen. Aus diesem Wenigen läßt sich schon abnehmen, was auf das Geschichtliche des Gedichts zu halten sey. Was Assyrien anbetrifft, so ist das mehr ein unbestimmter Name; das eigentliche Assyrien ist ein Theil von Mesopotamien, aber weiter hinauf im Norden von Babylon. Als Hauptstädte dieses Reiches werden angegeben Atur oder Assur und N i n u s am Tigris, dasselbe was später Ninive hieß; diese | Stadt soll vom Ninus, dem Stifter des Assyrischen Reiches, begründet und erbaut worden seyn. In jenen Zeiten machte Eine Stadt das ganze Reich aus; so Ninus, so auch

1 10000] Hn: 60 000 3 am Hofe … Gasan] Ak: Epiker unter Mohamed dem Gaznaviden 11 Oxus] Ak: Oxus (Gihon) oder gegen die alten Massageten

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Ekbatana in Medien, das 7 Mauern gehabt haben soll, zwischen welchen Umschließungen Ackerbau getrieben wurde; innerhalb der letzten und mittelsten Mauer befand sich der Pallast des Herrschers. So soll nun auch Ninus 3 Tagereisen im Umfang gehabt haben; auf den Mauern, von 100 Fuß Höhe, sollen sich 1300 Thürme befunden haben: eine ungeheure Volksmenge hielt sich innerhalb der Mauern auf; auch Babylon schloß eine solche unermeßliche Population in sich und dies kam daher, weil man nur innerhalb der Städte vor den Nomaden Schutz finden konnte; der Gegensatz von Kain und Abel, des Ackerbaus und der Viehzucht zeigte sich schon damals; (auch noch jetzt wird Bagdad weit herum von Arabern umschwärmt;) es entstand in jenen Zeiten das Bedürfniß des Zusammenlebens, und somit wurde der Anfang der Civilisation gemacht. – Ninus soll 2050 Jahre vor Chr. gebaut worden seyn, so weit hinauf wird die Gründung des Assyrischen Reiches gestellt. Ninus unterwarf sich dann Babylonien, Medien und Baktrien; besonders die Eroberung des letzteren wird als eine Aeußerung der größten Anstrengung angegeben. Ktesias gibt die Zahl der Truppen | an, die Ninus mit sich geführt haben soll: 7 Millionen Fußgänger und eine verhältnißmäßige Menge von Reitern usw. Baktrien wurde sehr lange belagert und die Eroberung desselben wird der Semiramis zugeschrieben, mit einer muthigen Schar soll sie einen steilen Abhang der Burg erstiegen haben. Die Person der Semiramis schwankt zwischen Historischem und Mythologischem: ihr wird auch die Vergrößerung Babylon’s zugeschrieben. Vom Thurmbau zu Babel haben wir Nachricht in der Bibel und es ist dies eine der ältesten Sagen. Babylon lag südlich am Euphrat, in einer höchst fruchtbaren und für Ackerbau sehr geeigneten Ebene; die Stadt mit ihren ungeheuren Mauern wurde zum Schutz gegen die Nomaden gebaut; auch von Abraham wird erzählt daß er von Aran in’s gebirgige Palästina gezogen sey. Auf dem Euphrat und Tigris wurde große Schiffahrt getrieben, theils kamen die Schiffe von Armenien theils vom Süden nach Babylon und führten in diese Stadt einen unermeßlichen Reichthum zusammen. Das Land um Babylon herum war von unzähligen Kanälen durchschnitten mehr im Interesse des Ackerbaus, um das Land zu bewässern und die Ueberschwemmung zu verhindern als für die Schiffahrt. Die Prachtgebäude der

1 Ekbatana] Ak: Ekbatana von Dejocus erbaut 11–12 Ninus soll … seyn] Ak: Diese Stadt soll Ninus erbaut haben 2500. vor Christus 16–17 7 Millionen … usw.] Ak: Ninus sei mit 1,000,000. Streiter und 10,000 Streitwagen ausgezogen, weil das Land bergig, felsig pp sei Hn: 22 es ist … Sagen] Hn: Am 35 eine Million 700 000 Mann, 100 000 Reiter und 10 000 Wagen Tigris in einer fruchtbaren Ebene gelegen hatten sie einen Thurm, als einen flachen Berg in der Mitte des flachen Landes. 23 Euphrat] Ak: Tigris 24 Ebene] Ak: Ebene, von unzaehligen Canaelen durchschnitten 8 des] der

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Semiramis in Babylon selbst, sind berühmt, besonders die hängenden Gärten; es wird angegeben, daß Babylon ein | Viereck gewesen sey, mitten durch den Strom durchschnitten, auf der einen Seite des Stroms sey der Tempel des Bel gewesen, auf der andern die großen Palläste der Monarchen; die Stadt habe 100 eherne Thore (di. kupferne) gehabt, ihre Mauern seyn 300 Fuß hoch und 75 breit gewesen mit 250 Thürmen versehen; die Straßen in der Stadt, die auf den Strom zugingen wurden vor jeder Nacht mit goldenen Thoren geschlossen. – Ker Porter, ein Engländer bereisete vor ungefähr 12 Jahren (seine ganze Reise dauerte von 1817–20) die Gegenden, wo das alte Babylon gelegen, auf einer Erhöhung glaubt er noch Reste des alten Thurms zu Babel entdeckt zu haben, er glaubte daran noch Spuren von den vielen Gängen, die sich um den Thurm herumwanden, in deren höchstem Geschoß das Bild des Bel sich befand, entdeckt zu haben; außerdem hat Ker Porter noch viele Hügel gefunden mit Resten von alten Gebäulichkeiten; die Backsteine zeigen sich ganz so, wie sie in der Bibel beim Thurmbau beschrieben sind; eine ungeheure Ebene ist von einer unzähligen Menge solcher Backsteine bedeckt, obgleich schon seit mehreren tausend Jahren beständig von dort her Backsteine geholt werden; die ganze Stadt Hilla, die in der Nähe des alten Babylon liegt, ist von denselben gebaut. – | Herodot gibt einige merkwürdige Sittenzüge von den Babyloniern an; und daraus geht hervor daß sie ein gemeinsames, friedliches und gut nachbarliches Volk gewesen zu seyn scheinen. Herodot erzählt, wenn in Babylon Einer krank geworden sey, so sey er auf einen freien Platz gebracht worden, und jeder Vorübergehende habe ihm da seinen Rath ertheilt. Die Töchter werden in den Jahren der Mannbarkeit versteigert; der hohe Preis, der da nun für die Schönen geboten wird, wird zum Heirathsgut der Häßlichen gemacht. Jede Frau muß ein Mal im Tempel der Melita sich preisgegeben haben, wie dieß mit den Religionsbegriffen zusammengehangen habe ist nicht zu ermitteln; doch sagt Herodot daß Sittenlosigkeit erst spät eingerissen sey, als Babylon ärmer geworden. – Es sind nun noch die M e d i e r zu erwähnen. – Es braucht nur angegeben zu werden, daß die Medier ein Bergvolk waren wie die Perser, dessen Wohnsitze sich um das Caspische Meer, besonders südwestlich von demselben befanden; Medien zog sich dann noch weiter nach Armenien hinüber, gegen das heutige

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4 Monarchen] Ak: Könige 5–6 300 Fuß hoch und 75 breit] Ak: 200. Fuß hohe Mauern, 15 Fuß breit 19 Herodot gibt … an] Wi: Vom eigentlichen Charakter des Assyrischen Geistes ist soviel als nichts bekannt. Von den Babyloniern meldet Herodot einiges. 20–21 gemeinsames, friedli- 35 ches … scheinen] Wi: stilles, Nachbarliches, Freundschaftliches Leben unter ihnen Statt gefunden zu haben Hn: Familienleben 26–27 wie dieß … ermitteln] Wi: hinsichtlich des Religiösen ist der Dienst der Astarte zu merken 32 Armenien hinüber] Wi: Armenien von dem ein Theil in sich faßte

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südliche Grusinien. Unter diesen Mediern werden auch die Magier aufgeführt als einer der 6 Stämme, die das Medische Volk ausmachen; Wildheit, Rohheit, kriegerischer Muth zeichnete die Medier als ein Bergvolk aus; E k b a t a n a wurde erst später von A r b a c e s erbaut: er war es, der die Medier zu einem großen Unter|nehmen vereinigte, zum Sturze des Assyrisch-Babylonischen Reiches, denn Medien war mit den andern angränzenden Gebirgsvölkern jenem Reiche unterworfen. Die vereinigten Meder halfen dann dem Arbaces die Hauptstadt Ekbatana zu erbauen, von der schon erwähnt worden, daß sie mit 7 Mauern, zwischen welchen sich große Räume befanden, umgeben war. – Dies sind die Hauptvölker des eigentlich Persischen Reichs. – Das Assyrisch-Babylonische Reich nun, das so viele Völker unter sich hatte, soll 1000 oder anderthalbtausend Jahre bestanden haben; der letzte Herrscher war Sardanapal, der als ein großer Wollüstling beschrieben wird. Arbaces, der Satrap von Medien regte die übrigen Satrapen gegen ihn auf und führte mit denselben die Truppen, die sich alle Jahr zu Ninive zur Zählung versammelten, gegen Sardanapal; dieser schlug sie zwar mehrere Mal auf ’s Haupt, wurde aber dann genöthigt der Uebermacht zu weichen und sich in Ninive einzuschließen; als er zuletzt sah, daß er nicht mehr Widerstand leisten könnte, verbrannte er sich mit allen seinen Schätzen im Jahr 820 vor Chr. nach Andren zu Ausgang des 8ten Jahrhunderts. Nach dieser Katastrophe lösete sich das ganze Reich auf, es zerfiel in ein Assyrisches Reich, in ein Babylonisches Reich, wozu auch die Chaldäer, ein Bergvolk aus dem Norden, das Babylon | erobert hatte und sich mit den Babyloniern vermischt, gehörten; diese vielen einzelnen Reiche hatten wieder verschiedne Katastrophen, doch ist da eine Verwirrung in den Nachrichten, die noch nicht aufgelöst worden ist. In diesen Zeiten fangen auch die Berührungen mit den Juden und den Egyptern an; das Jüdische Reich unterlag der überwiegenden Macht; die Juden wurden nach Babylon geführt, und von ihnen haben wir daher genaue Nachrichten über den Zustand dieses Reiches. Nach den Angaben des Daniel war in Babylon eine sorgfältige Geschäftsorganisation vorhanden; Daniel spricht von Magiern, denen die Erklärung der Schrif-

1 Grusinien] Wi: Grusien hin; also in der Mitte des jetzigen Persischen Reichs 3–4 E k b a t a n a wurde … erbaut] Wi: Ecbatana ist die Hauptstadt von Medien, soll aber erst später von Arbaces erbaut seyn. 7 Die vereinigten … Arbaces] Wi: Arbaces hat alle zuerst zu jenem Zwecke vereinigt, und sie haben ihm geholfen zu dem Mittelpunkt einer Residenz 11 Das Assyrisch-Babyloni35 sche … hatte] Ak: Ausser den genannten Völkern gehörte zum Assyrisch Babylonischen Reiche noch Bactra, Gedrosien, Hyrcanien u.a.m. Dieses Reich 13 der als … wird] Ak: Man schreibt ihm sonst Weichlichkeit und Wollüstigkeit zu, indessen dies ist asiatisch. 16–19 dieser schlug … 820 vor Chr.] Wi: Sardanapel wurde 2½ Jahre in Ninive belagert und verbrannte sich dann mit all seinen Schätzen und Söhnen auf dem hauptmarkt der Stadt (circa 820 ante Christum) 40 1 Grusinien] Grusien

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ten oblag, von Wahrsagern, Astrologen, Gelehrten, auch von Chaldäern, die die Träume auslegten. Die Propheten sagen viel von dem großen Handel in Babylon, entwerfen aber auch ein schreckliches Bild von der herrschenden Sittenlosigkeit. – Ungefähr 560 Jahr vor Chr. sehen wir Cyrus auftreten. Aus den widersprechenden Nachrichten läßt sich im Ganzen entnehmen, daß Cyrus, mit dem Herrscher von Medien durch Heirath verwandt, Satrap von Persien war, das zu Medien gehörte und sich auf den Thron durch Hülfe der Perser schwang. Bei den Mediern war die Zendreligion schon einheimisch geworden und Cyrus scheint ihren Religionsgebräuchen, ihren Gesetzen zugethan gewesen zu seyn; er soll dann die Zendreligion angenommen haben und auch die Perser ihre Vorstellungen und Gesetze | anzunehmen, bewogen haben. Durch seine Thaten wurde Cyrus dann zu jener großen welthistorischen Figur; an der Spitze der Medier bekriegte er Lydien und dessen König Krösus; Herodot erzählt daß schon vordem Kriege zwischen Lydien und Medien gewesen, die aber durch die Vermittlung des Babylonischen Königs beigelegt worden seyen; wir erkennen darin ein Staatensystem von Lydien, Medien und Babylonien, letzteres war überwiegend geworden, denn gegen Westen erstreckte sich seine Herrschaft schon bis an’s Mittelländische Meer. – Herodot sagt ferner: die Medier, ehe sie Lydien erobert hätten, seyn arm gewesen, und erst durch die Eroberung dieses reichen Landes reich geworden; bis dahin hatten sie also den Charakter armer Bergvölker, die als Nomaden lebten und kaum erst den Anfang von Civilisation fortschritten, beibehalten. Lydien erstreckte sich östlich bis an den Halys, auch der Saum der Westküste von Kleinasien, die schönen Griechischen Kolonien waren ihm unterworfen; es war also schon ein hoher Grad von Bildung im Ly-

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8 schwang] Wi: geschwungen hat. Er bekriegte seinen Großvater und besiegte ihn. 11 er soll … haben] Ak, ähnlich Wi: obwohl angegeben wird daß er erst, nachdem er das Reich erlangt, diese Religion angenommen habe 13 wurde Cyrus … Figur] Wi: Cyrus ist nun die erste große Weltgeschichtliche Figur, der an die Spitze Vorderasiens sich setzt Figur] Ak: Figur, welcher sich ganz Vorderasien unterwarf 14 Krösus] Ak: Crösus von Lydien, der ihn wegen der Verwandschaft 30 mit Astyages angriff; demnaechst Syrien, zu welchem Palaestina gehörte, und welches unter Babylon zugleich mit Damascus und andern stand, nachdem er vorher Babylon selbst durch Ableitung des Euphrats erobert hatte. Unter Astyages standen die Griechischen Staedte, namentlich die Jonischen von Kleinasien (Bias). 14–16 Herodot erzählt … seyen] Wi: der den Krieg angefangen haben soll um den Astyages zu rächen 16–18 wir erkennen … geworden] Wi: das Lydische 35 Reich blühete und zum Babylonischen Reich gehörte damals auch Syrien und Palaestina 19 Herodot sagt ferner] Wi: Von Medien aus also bekriegte Cyrus den Krösus und unterwarf sich lydien. Herodot gibt an 24 Griechischen Kolonien] Hn: ionischen, ätolischen und dorischen Städte 25–1303,2 es war … Griechen] Wi: Diese bildung die dort herschte ist uns vornehmlich durch das Beispiel Homers bekannt. Es war als ein Ort der dichtkunst, und Sculptur bekannt. 40 35 das] die

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dischen Reiche vorhanden, Kunst und Poësie blüheten daselbst durch die Griechen. Vor der Unterwerfung dieser Jonischen Kolonieen hatten weise Männer, wie Bias, ihnen den Rath gegeben sich zu einem festen Bund zu vereinigen oder ihre Städte mit ihren Habseligkeiten zu verlassen und sich andre Wohnsitze zu suchen, besonders wurde die | Insel Sardinien dazu vorgeschlagen; aber zu einer Verbindung konnte es unter Städten, die von der größten Eifersucht beseelt waren und in beständigem Zwist lebten und zu jenem heroischen Entschlusse für die Freiheit ihren Herd zu verlassen, waren sie, im Taumel des Glücks und im Ueberflusse, nicht fähig. Erst als sie auf den Punkt waren von den Lydiern unterworfen zu werden, gaben einige Städte für das höchste Gut, die Freiheit, das Gewisse für das Ungewisse Preis. – Cyrus, als er Lydien unterworfen hatte, ließ seinen Feldherrn Harpagus zurück, um die widerspenstigen griechischen Städte zu unterwerfen. Cyrus selbst wandte sich zur Eroberung von Babylonien; Babylon wurde überfallen, nachdem der Euphrat abgeleitet worden, und genommen. Während der Belagerung, erzählt Herodot, sey in einem Nebenflusse ein Sonnenpferd vom Sonnenwagen ertrunken; um diesen Fluß zu bestrafen, habe Cyrus befohlen ihn in unendlich viele Kanäle zu zertheilen; so ließ bekanntlich Xerxes den Hellespont peitschen und ihm goldne Ketten anlegen; dergleichen ist nicht als eine Narrheit zu betrachten, sondern es liegt darin der Begriff der hohen Macht des Königs kbs‹wod“n (cbrjlfÅu); dem kein Naturwesen irgend ein Hinderniß entgegensetzen dürfe. – Mit Babylon kam Cyrus in Besitz von Syrien und Palästina; er entließ die Juden aus der Ge|fangenschaft und gestattete ihnen den Tempel wiederaufzubauen; so sicherte er die Freiheit der Individualität der dem großen Reiche unterworfenen Völker. Darauf zog Cyrus gegen die Massageten, diese wilden Völker jenseits des Oxus, in den Steppen zwischen dem Oxus und Jaxartes, zwischen dem Gi-

2–3 Vor der … gegeben] Wi: All jene Städte an dem Küstensaum hatte Crösus sich unter worfen. damals gaben Weise […] wie Bias den Griechen den Rath 3 zu einem festen Bund] Wi: in einem Mittelpunkt 9 nicht fähig] Wi: nicht zu bewegen 12–13 um die … unterwerfen] Wi: um die 30 Städte vollends zu bezwingen die sich an Crösus angeschlossen hatten, die andren ließ man in ihrem Zustand 14–15 Babylon wurde … genommen] Wi: Nach dieser bezwingung eroberte Cyrus Babylon und zwar so daß er den Euphrat ableiten ließ durch einen großen Canal in einen See, den er dazu graben ließ. 17 unendlich viele] Ak: 360. 19–21 sondern es … dürfe] Ak: sondern Characterzug, indem dem Herrn des Lichts, dem Herrscher des Lichtreichs ein solcher Naturgegenstand nicht 21 Naturwesen] Wi: Naturwesen wie ein Fluß Mit Babylon] Wi: Babylon 35 entgegen sein darf wurde erobert, indem die Perser in das Bett des Flusses eindrangen. Mit Babylon 22 entließ] Wi: entließ be|kanntlich 23–25 so sicherte … Völker] Wi: diese Freiheit der Individualität ist dem Charakter der Perser eigenthümlich. 25 Darauf ] Ak: nachdem er sich Vorderasien ganz unterworfen hatte 26–1304,1 zwischen dem … Sihon] Ak: Dies ist die Gegend, wo auch das Turan des 40 Faduhsi liegt. Wi: dort wohnen wie noch jetzt die Wilden Völker der Kirgisen u.a. 36 Bett] beet

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hon und Sihon; diesen Massageten unterlag Cyrus; er fand den Tod des Kriegers, des Eroberer’s. – So ist überhaupt der Tod der Heroen, die wichtige Epochen in der Welt gegründet haben, nach diesen charakterisirt. – Wir haben gesehen, daß die einzelnen zu dem großen Ganzen vereinigten Nationen ihre Individualität beibehielten und sehr abstechend und widrig ist dagegen der Anblick, den uns der National-Haß und die Grausamkeit der Völkerschaften in Syrien, in Palästina gewähren, wie er uns in der Bibel dargeboten wird. Die Perser, ein freies Berg- und Nomadenvolk, über reichere, gebildetere und üppichere Länder herrschend, behielten doch im Ganzen die Grundzüge ihrer alten Lebensweise bei, sie blieben der Zendreligion getreu, was auch die Sitte Parke zu unterhalten und zu pflegen, (wie schon oben bemerkt worden) bezeugt. Die Gräber der Persischen Könige waren im eigentlichen Persien: auch besuchte der König bisweilen seine alten Landsleute und erschien bei ihnen als ihr Bruder, auch brachte er ihnen Geschenke dar, während | sonst bei allen andern Nationen dem Könige Geschenke gebracht werden müssen. – Am Hofe des Monarchen befand sich eine Abtheilung Persischer Reiterei, welche den Kern der ganzen Asiatischen Armee ausmachte; diese Perser speisten zusammen gemeinschaftlich und die Provinzen hatten für ihren Unterhalt zu sorgen; sie waren sehr gut disciplinirt und zeichneten sich durch ihre Tapferkeit vor allen Asiaten rühmlich aus; auch die Griechen erkannten in den Medischen Kriegen ihren Muth mit Achtung an. Wenn das ganze Persische Heer auszog so wurde ein Aufgebot an alle Asiatischen Völkerschaften gemacht: man zog auf kriegeri1–2 er fand … Eroberer’s] Ak: Sein Hauptcharacter war, blosser Eroberer zu sein, d.h. seiner Herrschaft Laender und Völker zu unterwerfen, ohne daß Letztere eine weitere Bestimmung durch ihn erhielten, wie etwa die Eroberungen Caesars oder Alexanders. 2–3 So ist … charakterisirt.] Wi: Wir werden sehen daß die Heroen der Weltgeschichte alle einen Tod gestorben sind, der eigenthümlich charakterisirt ist nach dem Charakter der von ihnen begründeten Epoche Hn: Die Heroen, die eine wichtige Epoche in der Weltgeschichte bewirkt haben, sind Repräsentanten der Epoche, und ihr Tod trägt den Charakter ihrer bewirkten Epoche. 4–8 Wir haben … wird.] Hn: | Ungefähr 560 vor Chr. hat Cyrus dieses Reich erobert. Sein Charakter ist der eines Eroberers im Leben und Tode. Alexander und Cäsar sind nicht bloß Eroberer, Herrscher des eroberten Landes gewesen. Unter Cyrus ist das Große bewirkt worden, daß die Völker, die durch den unendlichen, häßlichen Haß getrennt gewesen waren, vereint waren. 8–10 Die Perser, … bei] Ak: Die Perser nun waren von allen diesen Völkern die Herrscher, mit einem Fusse noch in der Nomadenweise stehend, dann aber diese reichen cultivirten Völker beherrschend. 8 Die Perser] Wi: diese Perser nun sind der Kern dieses Völkerkreises 14–15 auch brachte … müssen] Ak: ihnen Geschenke machte, da ihm in den andern Laendern, wo er hinkam, Geschenke gemacht werden mußten Wi: Eine hauptquelle der Einkünfte der Persischen Monarchen waren die Geschenke die der König von seinen Völkern erhielt. 16 eine Abtheilung] AkWiHn: ein Corps 16–17 den Kern … Armee] Wi: den Mittelpunkt des persischen Militairs 22–1305,1 man zog … aus] Ak: war stets auf Eroberungen gerichtet Wi: Es war ein Zustand des Eroberns, der daselbst herrschte 2 des] der

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sche Unternehmungen aus, indem die Perser doch immer ihren ursprünglichen und eigentlichen Charakter der Unruhe und der schweifenden Natur beibehielten; so machten die Persischen Könige mit ihren Heeren Züge nach Egypten, nach Scythien, nach Thracien, so endlich nach Griechenland, wo ihre ungeheure Macht gebrochen wurde. Ein solcher Auf bruch erschien fast wie eine Völkerwanderung; (die ganzen Familien zogen mit) jedes Volk erschien in seiner Eigenthümlichkeit, mit seiner Bewaffnung; jedes hatte eine andre Ordnung und eine andre Art zu kämpfen. Herodot entwirft uns bei dem großen Völkermarsch des Xerxes (es sollen mit ihm 3 Millionen Menschen gezogen seyn) ein glänzendes Bild von dieser Mannigfaltigkeit; doch da diese Völ|kerschaften so ungleich disciplinirt waren, so verschieden an Kraft und Tapferkeit, so wird es leicht begreiflich, daß die kleinen disciplinirten, von Einem Muth beseelten Heere der Griechen unter einer trefflichen Anführung jenen unermeßlichen aber ungeordneten Streitkräften Widerstand leisten konnten. – Es ist schon gesagt worden, daß die Provinzen für den Unterhalt der Persischen Reiterei, die sich im Mittelpunkt des Reiches auf hielt, zu sorgen hatten; Babylon hatte vom ganzen Unterhalt den dritten Theil zu besorgen, und erscheint also als die bei weitem reichste Provinz: sonst mußte jedes Volk nach der Eigenthümlichkeit seiner Produkte davon das Vorzüglichste liefern, so gab Arabien den Weihrauch, Syrien den Purpur usf. Diesen Unterhalt des Stammheeres hatten die unterworfenen Völker allein zu besorgen, erst Darius Kodomannus legte eine Steuer auf Grundstücke. – Die Erziehung der Prinzen, besonders aber des Thronerben ist äußerst sorgfältig; bis zu ihrem 7ten Jahre bleiben die Söhne des Königs unter den Frauen; bis dahin kommen sie nicht vor’s Angesicht des Königs; von dem 7ten Jahre an werden sie in der Jagd, im Reiten, im Bogenschießen usw. unterrichtet, so wie im Sprechen der Wahrheit; es wird ein Mal auch angegeben, daß der König in der Magie des Zoroaster habe unterrichtet werden müssen. – Zum Abbild des

6–7 (die ganzen … Bewaffnung] Ak: der Soldat war nicht abstracter Soldat, sondern zog in seiner 6 Familien] Wi: Familien und Völkerschafften 10 Mannigfaltigkeit] Wi schließt an: wobei man aber eben nicht an lauter Soldaten denken darf 12 disciplinirten, von … beseelten] Ak: wohlgeordneten gleichgei|stigen und gleichkörperlichen 13–14 jenen unermeßlichen … konnten] Wi: das schon in sich in Unordnung gebrachte Heer der Perser noch weiter in Unordnung bringen 18–20 sonst mußte … Purpur] Ak: Die Provinzen mußten über haupt früher besonders 35 konnte nur das Heer, das Kernheer, durch Naturalienlieferungen erhalten 21–22 erst Darius Kodomannus … Grundstücke] Wi: Erst geraume Zeit später wurden ordentliche Abgaben vom Grundeigenthum eingezogen. 23 der Prinzen] Wi: der Königssöhne und Kinder überhaupt 27–28 es wird … müssen] Ak: Vier edle Perser waren seine Lehrer, von denen ihn der Eine in der Magie des 40 Zoroaster unterrichtete. Wi: die Prinzen, die einst regieren sollten, wurden in der Weisheit und Magie des Zoroaster unterrichtet

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30 eigenthümlichen Bewaffnung und Art und Weise mit Frau und Kind aus, (Herodot)

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Ormuzd und der Amschaspands umgeben, wie schon gesagt worden, den König 7 Große, welche den | verschiedenen Hauptzweigen der Verwaltung vorstehen. So erscheinen diese 7 Großen, nachdem der falsche Smerdis, ein Magier, der sich nach dem Tode des Kambyses für dessen Bruder ausgab, entlarvt worden, sich berathschlagend welche Regierungsform die beste sey; ganz leidenschaftlos und ohne einen Ehrgeiz zu beweisen kommen sie dahin überein, daß die Monarchie für das Persische Reich allein passend sey. Bei der Größe des Persischen Reiches mußten die Provinzen durch Statthalter, Satrapen, beherrscht werden und diese zeigten oft sehr viel Willkühr gegen die ihnen untergebenen Provinzen und Haß und Neid gegeneinander, woraus freilich viel Unheil entsprang. – Das dritte Element, nämlich das Küstenland, das dem Persischen Reiche auch angehörte, stellt sich besonders in Sy r i e n dar. – Das Küstenland Syrien war besonders wichtig für das Persische Reich; wenn der Kontinent von Persien zu einer großen Unternehmung auf brach, so wurde er von Phönizischen, so wie auch von Griechischen Kriegsflotten begleitet. – Die Phönizische Küste ist nur ein sehr schmaler Saum, oft nur 2 Stunden breit, der im Osten das hohe Gebirge des Libanons hat; an der Meeresküste lag eine Reihe von herrlichen und reichen Städten, wie Tyrus, Sidon, Byblus, Berytus, Aradus usw. Die große Schiffahrt Syrien’s jedoch war mehr isolirt, | mehr bloß im Interesse dieses Landes selbst als daß sie zu einem Moment geworden wäre, der in den ganzen Persischen Staat eingegriffen hätte, wiewohl Syrien’s Handel sich bis in den Persischen und Arabischen Meerbusen erstreckte; die Hauptrichtung desselben ging viel mehr auf das Mittelländische Meer und hier reichte er weit hinüber in den Westen. Durch den Verkehr mit so vielen Nationen erreichte Syrien bald einen hohen Grad von früher Bildung; die schönsten Arbeiten in Metallen und Edelsteinen wurden daselbst verfertigt; die wichtigsten Erfindungen, wie des Glases und des Purpurs dort gemacht; von weit her wurde der Bernstein geholt: die Schriftsprache wurde dort zuerst sehr ausgebildet, denn bei dem Verkehr mit verschiedenen Völkern tritt sehr bald das Bedürfniß derselben ein. (So hat Lord Ma-

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11–12 Das dritte … dar.] Ak: Endlich haben wir noch einige Notitzen über Syrien, den westlichen 30 Theil des Persischen Reiches, und zugleich das dritte Princip der Meerlaender, des Hinaus zu geben. Wir übergehen hier, was von Griechischen Elementen (Principien) hineingemischt war, und betrach|ten hauptsaechlich Syrien. Wi: | Noch einige Notizen über den westlichen Theil des Reichs, worin das 3te persische Prinzip, die beziehung nämlich auf das Meer, das Hinaus. die Küste von Syrien ist hier besonders wichtig. 17–18 eine Reihe … Städten] Ak: Knotenreihe von 35 Staedten, in welchen die Phönicier wohnten, die von Arabien hinübergedrungen sein sollen Wi: eine Knotenreihe von handeltreibenden 18–21 Die große … hätte] Wi: der Handel ist isolirt in Persien, er ist kein alles durchdringendes Prinzip. 26–27 wie des … Purpurs] Hn: Elfenbein, Purpur, Glas 29 derselben ein] Ak: einer leichten Mittheilung einer Schriftsprache, lebhafter, als andere Völker fühlten 40

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cartney bemerkt, daß in Kanton selbst die Chinesen das Bedürfniß einer leichten Schriftsprache gefühlt hätten). Die Phönizier entdeckten zuerst den Atlantischen Ozean und beschifften ihn zuerst; auf Cypern, auf Kreta siedelten sie sich an; auf Thasos, einer weit von ihnen gelegenen Insel bebauten sie Goldbergwerke; im südlichen und südwestlichen Spanien legten sie Silberbergwerke an; in Afrika gründeten sie die Kolonien Utika und Karthago; von Gades aus schifften sie weit an der Afrikanischen Küste hinunter; vom Persischem Meerbusen aus | sollen sie sogar ganz Afrika umsegelt seyn; aus Brittanien holten sie sich Zinn und aus der Ostsee den Preußischen Bernstein. – Wir sehen also hier ein kühnes Handels- und Seevolk, das uns den Menschen darstellt, der sich auf seinen Verstand verläßt, diesem vertraut und so den Elementen Trotz bietet. – Herodot erzählt uns, daß zu Tyrus der H e r k u l e s verehrt worden sey; (ob zwar dies nicht eigentlich jene Griechische Gottheit ist, so muß doch darunter eine Gottheit verstanden werden, die mit den Begriffen jener ungefähr übereinstimmt, sonst würde sie Herodot nicht mit dem Namen Herkules bezeichnet haben) Dieser Zug ist sehr bezeichnend für den Charakter der Phönizier, denn Herkules ist es ja, von dem die Griechen sagen, daß er sich durch menschliche Tapferkeit und Kühnheit in den Olymp geschwungen; Was das Religiöse sonst in Syrien anbetrifft, so erblicken wir in Syrien den wildesten Götzendienst in der Verehrung der Kybele, der Astarte usw. Der Kultus der Cybele war besonders sehr ausschweifend fast wie der Indische, auch eine Verehrung der natürlichen Sinnlichkeit; vorzüglich wichtig und merkwürdig ist die Verehrung des Adonis in Byblus, ein Fest, das später auch von Ptolemäus in Alexandrien mit großer Pracht gefeiert ward; dieses Fest ist die Feier des Todes des Adonis, ein Trauerfest, wo die Frauen sich dem ausgelassensten Schmerz und den | heftigsten Klagen hingeben: dieser Zug, die Verehrung des Schmerzes ist dem Orientalischen Geiste fremd; es ist der Schmerz über den Verlust des Lebens, der menschliche Schmerz erhält so seine Ehre und das Leben des Individuum seine Berechtigung; während in Indien das Gegentheil Statt findet, denn die Indier, wie wir gese-

30 2 Die Phönizier] Wi: diese Phoenizier sind bekannt durch ihre beschiffung des Mittelländischen

Meeres und ihre Colonien 4 Thasos] Ak: Thasos, Sardinien 5 Silberbergwerke] Hn: Silberwerke, Sevilla und Cadiz besaßen sie 10 Seevolk] Wi: Seevolk, eine Kühnheit die sich mit dem Erwerb verbindet 10–11 der sich … verläßt] Hn: Der Mensch verläßt sich hier auf seinen Geist gegen die Natur. 11 so den … bietet] Ak: die Gefahr giebt ihm Geistesgegenwart 17–18 Tap19–20 so erblicken … Astarte] Ak: finden wir die wildeste, 35 ferkeit und Kühnheit] Wi: Kraft sinnlichste Götzendienerei 21–22 auch eine … Sinnlichkeit] Ak: Verehrung der sinnlichen Natur, der natürlichen Sinnlichkeit (Astarte) Wi: die Sinnlichkeit aufs höchste gesteigert 27 es ist … Lebens] Ak: der Schmerz über den Verlust des Lebens war erlaubt, gesetzlich Wi: hier ist also der Schmerz verehrt worden

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hen, unterwarfen sich den mannigfaltigsten Qualen, indem die Vernichtung des Bewußtseyns, so wie des physischen Lebens als das Höchste gilt; hier aber gewinnt die Lebendigkeit einen affirmativen Charakter; auch bei den Persern ist der Mensch rein im Dienste des Lichts, also rein im affirmativen Bewußtseyn; in dem Schmerz um den Todten liegt ebenso die Berechtigung, die Affirmation der Lebendigkeit. Unter den vielen kleineren Syrischen Völkern ist uns das J ü d i s c h e Volk besonders wichtig, wegen der Mosaischen Religion. Es ist diese die Religion der Perser, mit dem Unterschiede, daß vom reinen Licht das Physikalische abgestreift worden; das Höchste, das, was an und für sich ist, wird als das Gute gewußt, als Subject, als Gott; das Prinzip des reinen Wissens, des reinen Gedankens, der nur für den Gedanken ist ist schon sehr früh entstanden im Jüdischen Volk. Gott, der nur für den Geist ist soll verehrt werden durch Rechtschaffenheit, durch einen Kultus, worin das Be|wußtseyn von dem reinen Geiste ist; die Ehre, die Berechtigung des Lebens ist auch damit verbunden, denn es heißt als Belohnung: Daß du lange lebest auf Erden. – Das Persische Reich ist ein vorübergegangenes; nur traurige Reste sind von der Blüthe des alten Perserreiches vorhanden; die schönsten und reichsten Städte desselben, wie Babylon, Susa, Persepolis, Palmyra usw. sind gänzlich zerfallen und nur wenige Ruinen zeigen uns ihre alte Stelle; die Anwohner wissen kaum noch zu sagen, woher sie sich schreiben. Selbst von den neuern großen Städten Persiens, von Isphahan, Schiras ist die Hälfte zur Ruine geworden; und es ist 1–2 indem die … gilt] Wi: in deren Erfindung sie reich sind, […], wovon die Vernichtung das Ende ist 3–4 auch bei … Bewußtseyn] Ak: was wir schon bei den Persern bemerkt haben. Hier soll der Mensch sich bewußt sein, im Lichte seiner selbst leben; in Indien war das Höchste Bewußtlosigkeit und endliche Vernichtung. 4 also rein … Bewußtseyn] Wi: im bewußtseyn soll der Mensch rein und hell seyn; im Indischen ist es das bewußtlose 5 in dem … Berechtigung] Wi: der Schmerz um den Todten wird feierlich in Biblys begangen worin 8–9 der Perser] Ak: des Zend-Volks der Perser 11 als Subject, als Gott] Ak: und | Gott als Subject hervortritt Wi: als das Abstrakte, als Gott, der nur für den Gedanken ist 11–13 das Prinzip … Volk] Hn: Am Mittelmeer ist dieses Prinzip des reinen Wissens, des reinen Gedankens für den Gedanken schon so früh entstanden. 13 Rechtschaffenheit] Ak: Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit 14 einen Kultus] Wi: durch Gerechtigkeit 14–15 die Ehre, … verbunden] Ak: verbunden ist damit die Erhaltung des Individuums, das Recht des Lebens 15–16 denn es … Belohnung] Wi: als belohnung der Rechtschaffenheit ist von Jehova versprochen 16 auf Erden] Wi: auf Erden“ also die Erhaltung der Familie und des Eigenthums 17 Das Persische … vorübergegangenes] Hn: Indien und China sind noch wie sie gewesen. Persien ist nur noch Ruine Reich] Ak: Reich mit seiner Herrlichkeit Wi: Land 17–1309,4 ist ein … verschwunden.] Wi: ist jetzt ein Land voll Ruinen und ganz verändert, und es ist hier nicht wie etwa mit den Ruinen Roms woraus ein neuer Zustand erbaut ist, der aber weiß, auf welchen Ruinen er steht 19 Babylon, Susa, Persepolis, Palmyra] Hn: Persepolis, Pasargadei, Palmyra, Ekbatana, Babylon, Susa 20 Anwohner] Ak: Anwohner der gewaltigen Ruinen von Babylon und Ekbatana, Persepolis etc. 22 Ruine geworden] Hn: Ruinen. Persepolis ist noch vorhanden in Ruinen.

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mit jenen alten Ruinen nicht der Fall, wie bei denen Rom’s, daß eine neue Lebendigkeit, ein neuer Zustand ist denselben eingetreten ist, der von ihnen weiß und sich ihrer rühmt, sondern sie sind ganz in dem Andenken der sie umgebenden Völker verschwunden . – Außer Persien ist vorzugsweise das Land der Ruinen, E g y p t e n , das ebenfalls lange Zeit zu dem Persischen Reiche gehörte; dieses Land, das von Alters her als das ganz wunderbare gegolten hat und auch in neuern Zeiten das größte Interesse auf sich gezogen hat; seine Ruinen, das endliche Resultat einer unermeßlichen Arbeit überbieten im Riesenhaften und Ungeheuren Alles, was uns aus dem Alterthum geblieben. – | Aus den Darstellungen, die wir an den egyptischen Alterthümern finden muß besonders eine Figur herausgehoben werden, nämlich die S p h i n x , an und für sich ein Räthsel: ein doppelsinniges Gebilde, halb Thier, halb Mensch. Man kann die Sphinx als ein Symbol für den Egyptischen Geist ansehen; er stellt den Geist dar, wie er anfängt aus dem Natürlichen sich zu erheben, sich diesem zu entreißen, und schon freier um sich her zu blicken ohne sich jedoch ganz von den Fesseln zu befreien. Eine andre wichtige Darstellung ist die ungeheure Figur des M e m n o n , eine colossale Bildsäule, welche die junge Morgensonne durch ihren ersten Blick erklingen läßt – der Geist erwacht aber es ist noch nicht das vollkommen freie Bewußtseyn desselben, das erklingt. – Die alte Schriftsprache der Egypter ist hieroglyphisch; die Hieroglyphen haben das Eigenthümliche, daß sie nicht die Laute, noch die Sylben sondern Vorstellungen ausdrücken: sie sind für uns mehr oder weniger Räthsel und der Inhalt selbst ist Räthsel, wir erkennen darin einen Geist, der sich gedrängt fühlt, sich äußert aber nur auf sinnliche Weise. – Egypten ist von jeher das Land der Wunder gewesen und es auch noch geblieben; besonders von den Griechen erhalten wir von ihm Nachricht und vor allen

4–9 Außer Persien … geblieben.] Wi: das eigentliche Land der Ruinen aber ist das seit 40 Jahren bekannte A e g y p t e n , dessen Wunder und Grandiosität und unermeßliche Arbeit, alles andere weit hinter sich zurückläßt 4–5 Land der Ruinen] Ak: Land der Ruinen und der Wunder des 8–9 im Riesenhaften und Ungeheuren] Ak: an Grandiositaet 13 Symbol für … 30 Alterthums Geist] Ak: Sinnbild Aegyptens 13–16 er stellt … befreien] Wi: der menschliche Geist blickt hier schon aus dem thierischen heraus, aber ist noch daran gebunden wie er … befreien] Ak: wie er sich aus dem Thierischen hervorreißt, aber noch mit | ihm zusammenhaengt, noch nicht ganz, nur halb befreit ist 17 eine colossale Bildsäule] Wi: als ungeheurer Steincoloß 18–19 aber es … 20 hierogly35 erklingt] Hn: Aber aus sich selbst erklingt noch nicht das reine Licht des Geistes. phisch] Wi: Hieroglyphe, wie das ganze Land für uns Hieroglyphe ist 21–22 sie sind … Räthsel] Ak: mit ihr ist Aegypten uns noch eben so raethselhaft, als in den alten Zeiten 22–24 der Inhalt … Weise] Wi: das ganze Land ist Räthsel, d.h. ein Geist der sich andeutet und zeigt aber zugleich so daß er nicht bedeutet was er erstlich anzeigt 22 der Inhalt … Räthsel] Ak: Die Ausle40 gung des Raethsels ist eben das Raethsel. – Schon den Griechen war es nicht klarer

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Andren von Herodot; dieser sinnige Geschicht|schreiber besuchte selbst das Land, von dem er Nachricht geben wollte und setzte sich in Bekanntschaft mit den Egyptischen Priestern an den Hauptorten; Alles, was er gesehen und gehört, berichtet er genau, öfters erklärt er aber auch, wenn er etwas berührt: das sey etwas Heiliges und er könne davon nicht als von einem Aeußerlichen erzählen; außer ihm ist noch in Ansehung der Geschichte sehr wichtig Diodorus Siculus, und unter andern jüdischen Geschichtschreibern, besonders Josephus. – Durch die Hieroglyphen der Egyptischen Schriftsprache hat sich das Denken und Vorstellen ausgedrückt aber auf eine lautlose Weise; die Egypter haben überhaupt kein Nationalwerk gehabt, sie sind nicht zu dem Verständniß ihres Zustandes, ihres religiösen Gefühls gekommen, daß sie es in ein Grundbuch hätten niederlegen können; es war auch keine Egyptische Geschichte vorhanden, bis endlich Ptolemäus, derselbe, der die heiligen Bücher der Juden in’s Griechische übersetzen ließ, den Oberpriester M a n e t h o veranlaßte eine Egyptische Geschichte zu schreiben. Von diesem haben wir nun Auszüge, Reihen von Königen, die jedoch die allergrößten Schwierigkeiten und Widersprüche hervorgebracht haben. – Um Egypten kennen zu lernen, sind wir überhaupt nur auf die Nachrichten der Alten und auf die ungeheuren Monumente, die uns übrig geblieben, angewiesen: da findet man nun | eine Menge Granitwände, in die Hieroglyphen eingegraben sind; die Alten haben uns Aufschlüsse über einige derselben gegeben, das ist aber durchaus unzureichend; in neurer Zeit ist man besonders wieder darauf aufmerksam geworden und auch nach vielen Bemühungen so weit gekommen die hieroglyphische Schriftsprache entziffern zu können, wenigstens größten Theils: (wie umfassend die Kenntniß derselben sey ist noch

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1 sinnige] Hn: emsige, sinnige, wunderbare 6 Diodorus Siculus] Wi: Diodor Siculus ( aus 25 Agyrion) 7–9 Durch die … Weise] Wi: Das Unglück ist daß ihre Schriftsprache die Hieroglyphe gewesen ist, die lautlos ist, – die Laute nicht bezeichnet. 10 zu dem Verständniß] Ak: zu dieser Selbstkenntniß und Einsicht 10–11 ihres Zustandes, … Gefühls] Hn: ihres Selbst, ihrer Rechte und Charakters 11 gekommen] Wi: gekommen, ihr Geist ist sich selbst eine Hieroglyphe gewesen 12 können] Ak: und ihr Geist ihnen selbst gewissermaassen Hieroglyphe 30 war 14 Oberpriester] Wi: Aegyptischen Priester 15 schreiben] Ak: schreiben; es war also keine vorhanden Wi: schreiben[.] Ptolemäus der die jüdischen Werke ins Griechische übersetzen ließ. 17–19 Um Egypten … angewiesen] Hn: Architektur, Skulptur und Hieroglyphen bieten sich uns dar. 17–18 die Nachrichten der Alten] Ak: diese dürftige Quelle 21–24 in neurer … Theils] Wi: die gelehrten haben sich von je her darauf gelegt und damit beschäftigt. man ist jetzt so 35 weit gekommen die hieroglyphische Schriftsprache zum großen Theil entziffern zu können. 22 geworden] Ak: geworden seit der Wiederentdeckung von Aegypten 24 wenigstens größten Theils] Ak: die Fortschritte in dieser Entzifferung sind bedeutend, so daß sich schon mehrfach geschichtliche Daten, namentlich über das Alter der Aegyptischen Kunstwerke ergeben haben 25–26 aus Agyrion] unter Aegaton

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nicht entschieden) es hat mehrere Schriftarten gegeben, eine cursiv Schrift, welche man ziemlich lesen kann und die eigentliche Hieroglyphenschrift, welche, wie schon gesagt, größtentheils entziffert worden ist. Ein Engländer Young hat zuerst den Gedanken gefaßt die Hieroglyphen zu entziffern; es finden sich nämlich kleine Flächen (cartouches) die abgeschnitten von den andern Hieroglyphen sind und wobei man die griechische Uebersetzung findet, durch Vergleichung hat nun Young die drei Namen: Berenice, Kleopatra und Ptolemäus herausbekommen und so den ersten Anfang gemacht; man hat dann gefunden daß ein großer Theil der Hieroglyphen phonetisch sind dh. Laute angeben: so bedeutet die Figur des Auges, zuerst das Auge selbst, dann aber auch den Anfangsbuchstaben des Egyptischen Wortes, das Auge heißt (wie im Hebräischen die Figur ʡ, baith, das Haus bezeichnete, dann aber den Buchstaben b mit dem das Wort baith anfängt). Dies hat der berühmte | Champollion der Jüngere aufgefaßt, er hat gefunden daß die phonetischen Hieroglyphen, mit solchen, die Vorstellungen bezeichnen, untermischt sind und hat so den größten Theil entziffert. Es ist schon bemerkt worden, daß Egypten, das Land des Räthsels ist, das sich selbst symbolisch im Sphinx darstellt; das Durchdringen, die Lösung dieses Räthsels war dem griechischen Geiste auf behalten, nur er konnte es zur Klarheit bringen: Oedipus, heißt es, habe das Räthsel gelöst und der Inhalt desselben sey der Mensch gewesen, die Freiheit des Geistes, welche noch dunkel im Egyptischen Prinzipe war, aber doch schon in ihm enthalten. – Egypten enthält das Asiatische und Afrikanische Element aber auch den bestimmten Uebergang vom Asiatischen zum Europäischen. –

cursiv Schrift] Wi: Cursivschrift, die man historische Schrift nennt Ak: sogenannte cursorische 3 größtentheils] Ak: noch nicht ganz 9 phonetisch sind dh. Laute angeben] Ak: phonetisch, d.h. Laute bezeichnet sind, durch Zeichen, die aber zugleich auch ganze Dinge angeben Wi: phonetisch (Øvni) ist d.h. laute bezeichnet, was schon ein Fortschritt 10 die Figur] 10–11 den Anfangsbuchstaben … heißt] Ak: den Buchstaben O als An30 Ak: das Zeichen (Bild) fangsbuchstaben von Oculus 14 aufgefaßt] Wi: weiter aufgefaßt und die Hieroglyphen damit verglichen 15–16 hat so … entziffert] Wi: wir erwarten jetzt seine Resultate 17–20 Es ist … Oedipus] Ak: Aegypten, das Thalland des Niels, gegen das Mittelmeer | hingewendet, ist der Knoten, in dem sich alle Richtung und Elemente gaehrend durchdringen und welchen Knoten der 35 griechische Geist löset. Das Raethsel der Sphinx, dessen Auflösung der Mensch war, aufdeckkte (Oedip). Wi: Aegypten ist das Thalland von Africa. der Griechische Geist erzählet sinnig ein Grieche 21–22 welche noch … enthalten] Hn: der aus dem Natürlichen hervortritt zur Klarheit. 24 Europäischen] Ak: Europaeischen; totale Vermischung der verschiedensten Elemente Wi: Europäischen Geist

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25 1 nicht entschieden] Wi: ist ungewiß. Aber die wichtigsten daten haben sich schon ergeben.

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Die Geschichte von Egypten, wie sie vor uns liegt, ist voll von den größten Widersprüchen; Mythisches und Historisches ist untereinander gemischt und die Angaben sind im höchsten Grade verschieden. Die Europäischen Gelehrten haben begierig die Verzeichnisse des Manetho aufgesucht und sind diesem gefolgt, auch sind durch die neuern Entdeckungen eine Menge Namen von Königen bestätigt worden. – Es soll hier nur Einiges gegen die Zeit hin, wo Egypten von den Persern erobert wurde, erwähnt werden. Herodot sagt: Es haben früher Götter über Egyp|ten geherrscht und bis zum Könige S e t h o s seyen es 341 Menschenalter, das machen 11340 Jahre aus, gewesen. Der erste menschliche Herrscher aber sey M e n e s (die Aehnlichkeit dieses Namens mit Minos wie der Indische Menu ist hier wieder auffallend) gewesen. Egypten sey ein See gewesen außer Thebais, dem südlichsten Theile desselben; besonders aber vom Delta scheint es gewiß zu seyn, daß es ein späteres Gebilde durch den Schlamm des Nils ist; damit hängt zusammen, daß Egypten von Aethiopien, besonders von der Insel Meroe aus, seine Bildung erhalten haben soll; auf letztrer sey ein Priestervolk gewesen, doch das ist erst eine der modernen Hypothesen. Herodot sagt uns, daß Menes Memphis gebaut habe; unter den spätern Königen ist besonders S e s o s t r i s , der auch, nach Champollion, für den R h a m s e s d e n G r o ß e n gehalten wird, berühmt; von diesem schreiben sich besonders eine Menge Denkmäler und Gemälde her, wo seine Siegeszüge, seine Triumphe begleitet von einer Menge von Gefangenen der verschiedensten Nationen dargestellt werden: Herodot erzählt von ihm, daß er Eroberungen in Syrien bis nach Kolchis hin gemacht habe und findet dann auch noch eine große Gleichheit zwischen den Sitten der Kolchier und denen der Egyptier; diese beiden Völker allein hätten die Beschneidung gehabt usw. (Ritter bringt | diese Kolchier in Zusammenhang mit Indien.) Herodot sagt ferner Sesostris habe die vielen n»moj, Abtheilungen vereinigt, er habe durch ganz Egypten ungeheure Kanäle graben lassen, die dazu dienten um das Wasser des Nils überall hinzuverbreiten. Ueberhaupt je sorgfältiger die Regierung in Egypten war, desto mehr sah sie auf die Erhaltung der Kanäle, und bei nachlässigen Regierungen, gewann die Wüste Oberhand, denn Egypten stand in dem beständigen Kampf mit der Glut der

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1 Geschichte von Egypten] Wi: alte aegyptische Geschichte 2 Widersprüchen] Hn: Widersprüchen, Traditionen, die abweichen Mythisches und … gemischt] Ak: ein gewaltiges Gewirr von Mythen 3–4 Die Europäischen … aufgesucht] Wi, ähnlich Ak: die gelehrten sind über die Namen der Könige bei ManƟtho hergefallen 8–9 seyen es … aus] Ak, ähnlich Wi: seien 341. Men- 35 schengeschlechter vorübergegangen (11350 Jahre) 9–10 Der erste menschliche Herrscher] Wi: Einer der ältesten Regenten 10 Minos] Hn: Minos in Kreta 12 dem südlichsten Theile desselben] Wi: wo die vielen Ruinen 15 seine Bildung … soll] Ak: bevölkert worden sei 23 eine große Gleichheit] Wi: Uebereinstimmung 27 durch ganz Egypten] Ak: durch die gefangenen Völker 40

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Hitze und dem Wasser des Nils. Herodot sagt das Land sey unbrauchbar geworden für die Reiterei, dieß kam nur aus jener Vernachläßigung her; wie berühmt Egypten für die Reiterei ehemals war, das geht daraus hervor, daß Moses sagt: Wenn die Juden einen König verlangten, so sollten sie keine fremde Frauen heirathen und keine Pferde aus Egypten holen lassen. – Jeder Egypter erhielt eine Portion Land und mußte dafür eine Abgabe entrichten, jedoch immer nach dem Verhältniß der Höhe des Nils. –Nach Sesostris sind noch hervorzuheben die Könige C h e o p s und C h e f r e n . Diese haben ungeheure Pyramiden erbaut und die Tempel der Priester geschlossen; es ist hier anzugeben, daß die Egypter auch in K a s t e n wie die Indier getheilt waren und die Kinder übernahmen das Gewerbe und das Geschäft der Eltern und gerade deßwegen haben sich die | Künste so sehr ausgebildet, diese Erblichkeit bewirkte also hier bei der Art und Weise der Egypter nicht jenen Nachtheil wie in Indien. Herodot gibt folgende 7 Kasten an: 1. Priesterkaste, 2. die Krieger, 3 die Rinderhirten, 4. die Schweinehirten, 5. die Kaufleute, dahin gehören die Gewerbe überhaupt, 6 die Dolmetscher, diese scheinen aber erst später einen eigentlichen Stand ausgemacht zu haben bei dem größeren Verkehr der Egypter mit andern Nationen, 7. die Schiffsleute. Diodor und Strabo geben eine davon abweichende Eintheilung an; Diodor gibt nur 5 Kasten an: Priester, Krieger, Hirten, Ackerbautreibende und Künstler, zu welchen letzern denn auch wohl die Gewerbetreibenden gerechnet waren. Bei dieser Kasteneintheilung ist jedoch nicht diese Festigkeit und Erstorbenheit wie in Indien, sondern wir sehen die Kasten in Berührung und im Kampf mit einander. – Es ist schon gesagt worden, daß die Könige, die die Pyramiden erbauten, die Tempel der Priester geschlossen haben; ein Sohn des Cheops, M yc e r i n u s soll dann die Tempel wieder eröffnet haben; nach diesem fielen die Aethiopier ins Land und ihr König S a b a k o s machte sich zum König in Egypten, A n y s i s aber der Nachfolger und Sohn des Mycerinus floh in die Moräste gegen den Ausfluß des Nils zu; nach dem Abzug der Aethiopier erschien er dann wieder. Auf ihn folgte S e t h o s , der ein Priester des Phta (den man als Vulkan ansieht) gewesen; unter seiner Regierung | fiel

11–12 gerade deßwegen … ausgebildet] Hn: sie waren geschickt in ihrer Arbeit, weil sich die Technik durch die Tradition ausbildete und forterbte, und nicht zurückging. Die höhere Kunst war durch Eifer, gegenseitig sich zu übertreffen nur ausgebildet. 12 haben sich die Künste] Ak: haben sie das Technische, die Kunst Wi: die Kunst und Geschicklichkeit 14 Kasten] Ak: Klassen 17–18 bei 35 dem … Nationen] Ak: nachdem durch Amasis der Verkehr mit Griechenland eingeführt war 18–19 eine davon abweichende Eintheilung] Ak: indessen diese Kasten ungenauer an 19–20 Priester, Krieger, … Künstler] Ak: und zwar die beiden obern Kasten Priester und Soldaten, und drei untere (Strabo zwei) Ackerleute, Handelsleute und Künstler 26 eröffnet haben] Wi: geöffnet. Auch die Hyksos werden genannt. 26–27 nach diesem … Egypten] Ak: 40 Nach dem Einfalle der Hyksos unter Sabaso (der 50. Jahre über Aegypten herrschte)

5 Mos. 17, v 16, 17.

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Sannherib, König der Araber und Assyrer ins Land ein; Sethos hatte die Kriegerkaste immer mit großer Geringschätzung behandelt und sie selbst ihrer Aecker beraubt, als er sie nun aufrief, so standen sie ihm nicht bei und Sethos war genöthigt einen allgemeinen Aufruf an die Egypter ergehen zu lassen und so brachte er ein Heer aus Kaufleuten, Handwerkern und Bauern zusammen: in der Bibel heißt es die Feinde seyen geflohen, die Engel hätten sie auf ’s Haupt geschlagen; Herodot erzählt: die Ratzen wären in der Nacht gekommen, und hätten die Köcher, Bogen usw. der Feinde zernagt, so daß diese keine Waffen gehabt und fliehen mußten. Nach dem Tod des Sethos hielten sich die Egypter, wie Herodot sagt, für frei und wählten sich 12 Könige, die in Verbindung mit einander standen und für ihre Verbindung haben sie ein L a b y r i n t h gebaut, das aus einer ungeheuren Anzahl von Zimmern und Hallen bestand sowohl über der Erde als unter der Erde, es befand sich dieses Labyrinth im Westen vom eigentlichen Egypten; Einer dieser 12 Könige, P s a m m e t i c h u s unterwarf sich dann im Jahr 650 v. Chr., mit Hülfe der Jonier und Karier, denen er Land im untern Egypten versprach, die 11 übrigen Könige. Ihm folgte N e k o s , welcher anfing einen Kanal zu graben, der den Nil mit dem rothen Meere verbinden sollte; derselbe wurde erst später von Darius vollendet. Ueberhaupt war dies Unternehmen das | Mittelländische Meer mit dem Arabischen Meerbusen und dem großen Ocean zu vereinigen, nicht von so großem Nutzen als man wohl glauben sollte, denn in dem sogenannten rothen Meer, das ohnehin sehr schwer zu beschiffen ist, herrscht ungefähr 9 Monate ein beständiger Nordwind, also nur während 3 Monden kann man den Arabischen Meerbusen heraufschiffen von Süden nach Norden. Auf den Nekos folgten P s a m m i s und A p r i e s ; letztrer bekämpfte mit Flotten Tyrus und Sidon; er unternahm auch einen Zug gegen die Cyrenäer, die Egypter empörten sich aber gegen ihn und gaben ihm Schuld, er wolle sie ins Verderben führen; wahrscheinlich zog er die Karier und Jonier sehr vor; A m a s i s stellte sich an die Spitze der Empörer, be-

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3 nun] Ak: gegen den Sanacharib, einen Arabischen Fürsten 13–14 es befand … Egypten] Hn: wovon noch jetzt, im Westen vom eigentlichen Ägypten Ruinen vorhanden sind 16 Könige] Ak, 30 ähnlich Wi, schließt an: Hier sehen wir also Einmischung eines fremden Princips. 17–18 der den … sollte] Ak, ähnlich WiHn: zwischen dem roten Meere und dem Mittellaendischen Meere 23 Nordwind] Wi: starker Nordwind Hn: Nordwind hier, so daß sich ein englischer Seefahrer 8 Monathe um die Meerenge von Bab el Mandeb sich herumtreiben mußte, ehe er eindringen konnte 23–24 also nur … Norden] Wi: diß vermindert also ganz erstaunlich die Wichtigkeit dieses 35 handelsweges. 25 A p r i e s ] Hn: Apries, der eine Flotte hielt (die früher verboten war) 27 ins Verderben führen] Ak: verderben, um sicherer zu herrschen. 28–1315,1 A m a s i s stellte … König] Ak: Er schickte dann den Amasis, einen Grossen, um sie zu besaenftigen. Dieser aber verrieth ihn, und machte sich durch Hülfe jener aufrührerischen Aegypter zum Herrn, indem Apries stürzte. 4 zu lassen] gelassen

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siegte den Apries und machte sich zum König; er kam zuerst in Konflikt mit dem Kambyses; von Herodot wird er als ein humoristischer König geschildert, der aber nicht immer die Würde des Thrones behauptet habe. Von sehr geringem Stande hatte er sich durch seine Geschicklichkeit, Verschlagenheit und Geist auf den Thron geschwungen; seinen scharfen Verstand habe er auch in allen Angelegenheiten bewiesen, erzählt Herodot, des Morgens habe er zu Gericht gesessen und die Klagen des Volks angehört; des Nachmittags aber habe er geschmauset und sich einem lustigen Leben überlassen; den Freunden, die ihm darüber Vorwürfe machten und sagten: Er müsse sich den ganzen Tag | den Geschäften widmen, sagt er: Wenn der Bogen immerfort gespannt bleibt, so wird er untauglich werden oder zerbrechen. Als ihn die Egypter seiner niedrigen Abkunft wegen nicht sehr hoch hielten, ließ er aus einem goldnen Nachttopf ein Götterbild formen, welchem die Aegypter große Verehrung bewiesen; daran zeigte er ihnen dann sein eignes Beispiel. Herodot erzählt ferner, er habe als Privatmann sehr lustig gelebt und sein ganzes Vermögen durchgebracht und alsdann gestohlen und so habe er es auch noch als König getrieben; solchen Kontrast sehen wir hier in einem Könige. Amasis zog den Unwillen des Kambyses auf sich: Cyrus nämlich hatte von den Egyptern einen Augenarzt verlangt; schon damals waren die Egyptischen Augenärzte berühmt, denn es sind auch noch jetzt die Augenkrankheiten dort äußerst häufig; dieser Augenarzt um sich dafür zu rächen, daß man ihn außer Land geschickt, gab dem Kambyses den Rath die Tochter des Amasis zu verlangen. Amasis wollte sie ihm nicht geben, weil sie Kambyses zur zweiten Gemahlin verlangte (die erste Gemahlin mußte eine Perserin seyn), schickte ihm aber unter dem Namen seiner Tochter, die des Apries, welche sich später dem Kambyses entdeckte; dieser war über den Betrug so entrüstet, daß er gegen Egypten zog, das, nach dem Tode des Amasis, P s a m -

2 Kambyses] Wi schließt an: Cambyses in Conflict gekommen ist und die Rache desselben auf Aegypten gezogen hat. was von seinem Charakter geschildert wird ist bezeichnend für den Aegptischen Charakter überhaupt 4–5 hatte er … geschwungen] Wi: aber sein geschicktes und arbeitsames Geschäftleben brachte ihm Respekt Geschicklichkeit, Verschlagenheit und Geist] Hn: Arbeitsamkeit, 30 Rechtlichkeit und Geschicklichkeit 6–7 zu Gericht] Wi: ernsthaft zu gericht 15–16 und sein … gestohlen] Ak: z.B. wenn er mit seinen Freunden kein Geld gehabt, sondern es durchgebracht, habe er mit ihnen gestohlen 16 so habe … getrieben] Wi: Auch als König fehlte es ihm oft an Geld, dann ging er auf die Straßen, schlich sich in die Häuser und legte sich aufs Stehlen. 16–17 solchen 23 zweiten 35 Kontrast … Könige] Ak: Dieser Character des Königs ist für Aegypten bezeichnend. Gemahlin] Ak: bje©rki 24–25 des Apries] Wi: des entthronten Königs 26 gegen Egypten zog] Ak: Aegypten angriff und es unterjochte 26–1316,2 das, nach … bekannt] Ak: jedoch starb Amasis früher, ehe Cambyses eindrang, seinen Nachfolger Psammenit traf das Unglück Wi: das weitere Schicksal ist uns bekannt: Amasis starb als Cambyses sich dem Aegypterland näherte 40 13 ein] einen

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m e n i t beherrschte; | das traurige Loos, das Egypten und seinen König traf, ist bekannt. – Was den Egyptischen Geist betrifft, so ist hier anzuführen, daß Herodot die Egypter, die weisesten der Menschen nennt, (lohj»sbsoj sân )npq×vn).Von dem politischen Zustand Egypten’s ist schon gesagt worden, daß die Egypter in Kasten eingetheilt waren. Ueber die Lebensweise der Egypter gibt uns Herodot sehr ausführlich Nachricht, er erzählt Alles, was ihm besonders abweichend von Griechischen Sitten vorkam bis auf die größten Kleinigkeiten, daß die Egypter besondre Aerzte für besondre Krankheiten hätten, die Weiber die Geschäfte außer Haus besorgten, die Männer aber zu Hause blieben und webten usw. In einem Theil Egypten’s herrschte Vielweiberei, in dem andern war die Monogamie allgemeine Sitte. Was die Einrichtungen der Polizei anbetrifft, so war bestimmt, daß jeder Egypter sich in einer gewissen Zeit bei seinem Vorsteher melden und angeben mußte, woher er seinen Lebensunterhalt ziehe; konnte er dies nicht, so wurde er mit dem Tode bestraft. Dieses Gesetz ist jedoch erst aus der Zeit des Amasis; es wurde ferner die größte Sorgfalt beobachtet bei Vertheilung des Saatlandes, bei Anlegung von Kanälen und Dämmen; unter Sabako, dem Aethiopischen König, erzählt Herodot, seyen viele Städte durch Dämme erhoht worden. Die Gerichte wurden | sehr sorgfältig gehalten; der Diebstahl war zwar verboten, doch lautete das Gesetz die Diebe sollten sich selbst angeben; wenn der Dieb es angab, so wurde er nicht bestraft, sondern behielt vielmehr ein Viertel des Gestohlnen, vielleicht sollte dies die List, wegen der die Egypter so berühmt waren, noch mehr in Anregung und in Uebung erhalten. Die Richter entschieden, sprachen aber ihr Urtheil auf eine stumme Weise aus; Herodot sagt, sie hätten das Zeichen der Wahrheit auf der Brust gehabt und dasselbe nach der Seite hin gekehrt, der der Sieg zugesprochen werden sollte, oder auch sie hätten es der siegenden Parthei umgehängt. Von den Priestern wird

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3 Egyptischen Geist] Ak: weitern Character der Aegypter 4 weisesten] AkWi: verstaendigsten (lohj»sbsoj sân )npq×vn).] Wi: (lohj»sbsoj sân )npq×vn). Es liegt nicht auf der Oberfläche in welchem sinn er dieses nimmt Ak: dies liegt nicht so auf der Oberflaeche, sondern 30 hat einen tiefern Sinn 11 Vielweiberei] Ak: Polygamie 13 in einer gewissen Zeit] Ak: jaehrlich 14 angeben mußte] Wi: seinen Namen und sein Geschäfft anzugeben 17 Anlegung] Ak: Anlegung und Erhaltung 19 sorgfältig gehalten] Ak: sorgfaeltige Abwartung der Gerichte, bestehend aus 30. von dem Volke gewaehlten Richtern, mit schriftlichen Verhandlungen, Replik und Duplik pp. 22–23 vielleicht sollte … erhalten] Hn: um die List, in der die Ägypter ausge- 35 zeichnet sind, zu belohnen Ak: was der Gesetzgeber zur Vermeidung des Uebels für besser hielt 24 entschieden] Wi: entschieden 25 Zeichen der Wahrheit] Hn: Geschmeide der Wahrheit (wie das Urim und Thummim) 27 umgehängt] Wi: hing es ihr auch um; also auch auf hieroglyphische Weise 37 entschieden 2 ] entschiedenen

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angegeben, daß sie eine sehr geordnete Lebensweise hatten, sie hatten die Geschäfte der Tempel zu besorgen; es ist sehr wahrscheinlich, daß die Anschauung ihrer Lebensart dem Pythagoras die erste Idee gegeben, eine ähnliche unter seinen Schülern einzuführen; auch der König führte ein sehr geregeltes Leben. – Die Verständigkeit der gesetzlichen Einrichtungen erscheint überwiegend bei den Egyptern; diese Verständigkeit, die sich im Praktischen zeigt, erkennen wir denn auch in den Erzeugnissen der Kunst und im Wissenschaftlichen: die Egypter haben das Jahr in 12 Monate getheilt und jeder Monat hatte 30 Tage, am Ende des Jahres haben sie dann noch 45 Tage eingeschaltet und Herodot sagt, sie machten es darin besser als | die Griechen. Wir haben die Verständigkeit der Egypter besonders in der Mechanik zu bewundern, ihre mächtigen Bauten, wie kein Volk sie aufzuweisen hat und die Alles an Größe und Festigkeit übertreffen beweisen hinlänglich ihre Kunstfertigkeit. Dieser Verständigkeit im Bürgerlichen, im Wissenschaftlichen haben sich die Egypter hingegeben und um so mehr da das Volk mit der Politik nichts zu thun hatte. Diodorus Siculus sagt die Egypter seyen das einzige Volk, dessen Bürger sich nicht um die öffentlichen Angelegenheiten bekümmerten; einem Griechen, und einem Römer mußte dies besonders auffallen; (auch jetzt gilt es als Hauptgrundsatz, daß die Individuen an allen Angelegenheiten des Staates Antheil nehmen müssen) Nach dieser Seite hin scheint Alles verständig geordnet zu seyn, und die Egyptier erscheinen nur als ein verständiges Volk, allein wenn wir von einer andern Seite ihre Sitten und Vorstellungen ansehen, so sehen wir das Gegentheil von einer gesetzmäßigen Ordnung, eine vollkommen phantastische, excentrische Natur und diese eigenthümliche Seite haben wir zu betrachten; in der Anschauung des Egyptischen Geistes sehen wir Naturanschauungen, Versenktheit in’s Natürliche, das

1 Lebensweise] Ak: Lebensweise, Diaet Hn: Lebensart, tägliche und stündliche Verrichtung, sehr geachtet 2 der Tempel zu besorgen] Wi: ordneten die Tempelangelegenheit, war sehr berühmt im Alterthum wegen seiner Gelehrsamkeit, seines Studiums und seiner Diät 3–4 Idee gegeben, … ein4–5 auch der … Leben] Ak: Eben so geordnet 30 zuführen] Ak: Idee zur Stiftung seines Ordens gab und regelmaessig war das Privatleben der Könige bis ins Kleinste. Wi: Leben des Königs. Er saß täglich zu gericht, und so geregelt wie die Sonne auf und niedergeht war auch das Privatleben. 6 Verständigkeit der gesetzlichen Einrichtungen] Ak: Verstaendigkeit des Aegyptischen Characters überwiegend] Hn: überwiegend in der Gesetzgebung 7 im Praktischen] Wi: im 8 Erzeugnissen der … Wissenschaftlichen] Ak: vielen Erfindungen der Aegyptier Wi: 35 politischen weiteren Producten des Aegyptischen | Geistes 10 45] WiHn: 5 12 Bauten] Hn: Bauten, den Wundern der Welt 16 das Volk] Wi: die bürger und das Volk hatte] Wi: hatten, was schon die Kasteneintheilung mit sich brachte 17–18 die öffentlichen Angelegenheiten] Wi: das politische 18 bekümmerten] Wi schließt an: (Ebenso war es in Indien) Hn: Alle waren Privat22–23 Sitten und Vorstellungen] Hn: Religion, Sitten 23–24 das 40 leute wie in Indien und China. Gegentheil … Ordnung] Ak: vollkommne Bizarrerie Hn: Gegentheil von dieser ruhigen Gesetzmäßigkeit 26 Versenktheit] Ak: Versenktsein des Geistes

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aber wieder zu einem Symbol, zu einem bloß Bedeutenden verkehrt ist, wodurch die Anschauung herabgesetzt wird; am Natürlichen sehen wir diesen Zwiespalt hervorgebracht und die Werke der Egypter stellen selbst dieß Zwiespältige in sich dar. Der natürliche Gegenstand gilt | nicht als natürlicher, sondern auch als ein Geistiges. Wenn wir dafür halten, der Löwe, das Krokodill usw. seyen nur Symbole gewesen, so legen wir eine weitere Empfindung hinein. Wenn man sagt die Egypter hätten den Apis nicht als natürliches Thier verehrt, sondern ihre Vorstellung, ihr Gefühl habe noch etwas Weiteres drin empfunden, so ist dies an und für sich nothwendig, denn die Menschen haben niemals Dinge als solche verehrt, denn sie haben das Gefühl ihrer Hohheit überhaupt; wenn man aber an ein Hineinphantasiren in die Naturgegenstände denkt, so ist das ganz falsch; sondern die Egypter machen sie vielmehr zum Ungeheuren, geben ihnen nicht bloß eine natürliche Darstellung, sondern drücken an ihnen das Ungeheure und das Doppelsinnige aus; Wenn wir die egyptischen Bilder erklären, so ist das eine Erklärung, die w i r geben, die Bedeutung, die wir ihnen unterlegen, ist unser Gedanke; aber in den Egyptischen Darstellungen ist die Bedeutung und das Gegenständliche mit einander verbunden und kann nicht getrennt gedacht werden. Die Egypter haben dies offen dargelegt, daß sie noch etwas Anderes mit dem Gegenstande meinen, als vorgestellt ist, in dem Sphinx; einem Thierleibe mit einem Menschenkopfe, darin zeigt sich die Verkehrung des Natürlichen; der Uebergang des Natürlichen zum Geistigen ist objektiv ausgedrückt, die Erklärung selbst ist dargestellt und gibt sich als das R ä t h s e l | zu erkennen; die Eigenthümlichkeit des Räthsels besteht eben dar1 einem bloß … ist] Wi: „einem bloß bedeutendem“ das ein anderes darstellt und nicht sich selbst 4–5 Der natürliche … Geistiges.] Wi: sie sind einmal ein Natürliches darstellend, aber zugleich zeigen sie noch ein weiteres an 5–7 Wenn wir … hinein.] Ak: wenn wir einen Löwen sehen, so können wir dafür halten, daß dies ein Löwe sei, aber wir können auch glauben, daß etwas Weiteres darin liege, können eine weitere Empfindung, die die Aegypter dabei gehabt haben, hineinlegen 10 Dinge] Wi: Thiere und Sterne das Gefühl] Wi: ein wenn auch ein dunkeles Gefühl 11–12 wenn man … falsch] Wi: es ist ein hineinfühlen in diese Naturgegenstände. Aber wir sehen bei ihnen nicht bloß ein Verhältnis zu diesen natürlichen Gegenständen 11 Hineinphantasiren] Ak: Hineinphantasiren, Hineinfühlen des Geistigen 13–14 geben ihnen … aus] Wi: bringen ihn in sich selbst in Zwiespalt und drücken diese Verkehrtheit und doppelsinnigkeit selbst aus 14 das Doppelsinnige aus] Ak: jenes Doppelte, das (hineinphantasirte) Geistige darin aus, was andere Völker nicht gethan, sondern wo bloß wir das Geistige hineintragen, ohne bestimmt zu wissen, ob sich jene Völker gerade dieses dabei gedacht haben 14–16 Wenn wir … Gedanke] Wi: Es ist eine neue Streitfrage da einige sagen: wenn wir ein bild der Alten erklären so sagen wir, daß wir diß heineinlegen und Können diese Empfindung in den Alten nicht selbst nachweisen und beweisen. Hn: Man will Bilder aus der Bibel erklären, und die Gedanken, die wir hineinlegen, haben oft die Alten nicht gehabt. 20 einem Thierleibe … Menschenkopfe] Ak: Menschen mit Hunds- oder Sperberköpfen, Sphinx 21–22 ist objektiv ausgedrückt] Wi: wird von uns nicht heineinerklärt sondern ist selbst ausgedrückt

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in, daß die Prädikate einander Eintrag thun und in solchem Widerspruche erkennen wir das Räthsel, das bedarf einer Auflösung; in der Griechischen Schönheit und Freiheit nun ist die Bedeutung, der Gedanke, der Sinn mit der Realität, Gegenständlichkeit entsprechend gemacht; in dem Egyptischen hingegen ist noch nicht dieses Entsprechen sondern nur diese Einheit in der Entzweiung der Momente, in der Vieldeutigkeit der mit einander Verbundenen. Wenn wir das Egyptische Thun näher betrachten, so haben wir auf der einen Seite das Land mit seinem Afrikanischen Himmel, den Nil mit der Fruchtbarkeit, die er durch seine Ueberschwemmungen hervorbringt, auf der andern diese ungeheure Umbildung der Natur durch die Egyptier selbst. Wie die Holländer ihr Land dem Meere entzogen, sich über die Natur ihren Boden erobert haben und sich darauf zu erhalten wissen, so haben die Egyptier die Fruchtbarkeit ihres Landes durch Kanäle, Seen, usw. erhalten; indem ihre Anschauung der Natur nicht bloß passiv war, sondern auch Beharren der Afrikanischen Unbändigkeit und zugleich Thätigkeit, die sich gegen die Natur behauptet und ihr menschliche Produktionen entgegensetzt; die Arbeit der Egypter ist dies Ungeheure, Kolossale, vor dessen Ruinen Alles verstummt, was uns sonst zur Anschauung | gegeben ist; der Egyptische Verstand ist dieser ungeheure Werkmeister, der der Natur die eigenen Werke entgegenstellt. – Es ist nun anzugeben, wie sich Egypten uns zunächst darstellt. – Herodot erzählt, der Norden von Egypten sey erst später entstanden, er sey in früheren Zeiten noch vom Meere überschwemmt gewesen, welches sich aber allmählig weggezogen; wir bemerken überhaupt in der Geschichte Egypten’s, daß der Mittelpunkt dieses Reichs sich allmählig vom Süden nach Norden gezogen hat;

25 1 daß die … thun] Wi: die Praedicate sind so miteinander verbunden daß sie sich widersprechen (zb.

Menschenkörper mit Thierkopf ) 1–2 in solchem … Räthsel] Ak: in dem durch den Widerspruch der Praedikate eben das Raethselhafte hervorgebracht wird 4 dem Egyptischen] Ak: der Aegyptischen Kunst 6 Vieldeutigkeit] Wi: Vieldeutigkeit und Zwiespältigkeit 8 seinem Afrikanischen Himmel] Hn: dem afrikanischen Klima Wi: seiner Sonne 10 Natur] Ak: Natur ihres 30 Landes durch Canaele, Seen pp; also auf der einen Seite das Gegebene, auf der andern Seite das Gemachte 13 Seen] Wi: ausgegrabenen Seen, gegebne Naturumstände und auf der anderen Seite das Gemachte derselben die Arbeit der Aegypter 13–14 indem ihre … war] Wi: Ihr Verhalten zur Natur ist nicht ein bloßes Nehmen 15–16 ihr menschliche Produktionen entgegensetzt] Ak: der Natur abringt, was sie will 18–19 der Egyptische … entgegenstellt] Wi, ähnlich Hn: der 35 Aegyptische Geist ist der thätige Verstand, der der Natur gegenüber tritt und bearbeitet (Hn: , zu seinem Zweck braucht) und die eignen Werke gegenüber stellt. 18 ungeheure] Ak: gewaltige 20 darstellt] Hn: präsentiert. Es ist ein langes Thal, das sich im Norden zum Delta ausbreitet. 20–22 Herodot erzählt, … gewesen] Wi: Aegypten ist diß lange schmale Thal, das sich erst im Delta weiter ausbreitet; diß Delta ist erst später entstanden. 23–24 der Mittelpunkt] 40 Wi: die Regierung und der Mittelpunkt

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Theben, das zuerst die Residenz der Egyptischen Könige war, war schon zu Herodot’s Zeiten in Verfall; die Ruinen dieser Stadt sind das Ungeheuerste der Egyptischen Architektur, das wir kennen; (sie sind für die Länge der Zeit auch jetzt noch vortrefflich erhalten, wozu besonders viel beigetragen haben mag, daß es in jenen wolkenlosen Gegenden fast nie regnet) der Mittelpunkt des Reiches wurde nach Memphis verlegt, (nicht weit von dem heutigen Kairo) und zuletzt dann nach Sais im sogenannten Delta; die Gebaulichkeiten, welche sich in der Gegend dieser Stadt befinden, sind viel später und am wenigsten erhalten. – Der Nil ist die Grundbestimmung des Landes, außerhalb des Nilthals beginnt die Wüste; gegen Norden wird es vom Meer und im Süden von Gluthitze eingeschlossen. Der erste Arabische Feldherr, | der Egypten eroberte, schreibt an den Kaliphen Omar: „Egypten ist zuerst ein ungeheures Staubfeld, dann ein süßes Wassermeer und zuletzt ein großes Blumengefilde; es regnet daselbst nie; gegen Ende Juli fällt Thau und dann fängt der Nil an zu überschwemmen und Egypten gleicht einem Inselmeer, (Herodot vergleicht Egypten in diesem Zeitraume mit dem Aegeischen Meer) Der Nil läßt eine unendliche Menge von Gethier zurück, es ist dann überall ein unermeßliches Gerege und Gekrieche: bald darauf fängt der Mensch an zu säen und die Erndte ist sehr ergiebig.“ Die Existenz des Egypters hängt also nicht von der Sonnenhelle oder vom Regen ab, sondern es sind für ihn nur diese ganz einfachen Bedingungen; das ist die Grundlage der Egyptischen Lebensweise und Lebensthätigkeit; es ist ein geschlossener physischer Verlauf, den der Nil annimmt und der mit dem Laufe der Sonne zusammenhängt; diese geht auf, tritt auf ihre Höhe und weicht dann wieder zurück, so auch der Nil: das macht die Grundanschauung 1 die Residenz … Könige] Wi: der Mittelpunkt 2 in Verfall] Ak: Trümmer Wi: schon untergegangen 6 Memphis] Wi: Norden 8–9 am wenigsten erhalten] Ak: am schlechtesten erhalten des Terrains wegen 9 die Grundbestimmung des Landes] Hn: die Grundbestimmung der Ägypter Ak: das Leben Aegyptens 11 eingeschlossen] Ak: umschlossen, in Süden durch die Cataracten der Strom unschiff bar gemacht Wi: umschlossen und abgeschnitten 14 daselbst nie] Wi: sonst selten und regen ist ein Wunder gegen Ende Juli] Ak: vom 27. Juni an Hn: Mit Ende des Juni dann] Wi: Am 27 Mai 16–17 Der Nil … zurück] Wi: Nach dieser Zeit findet sich eine gewaltige Menge von Gethier ein, Ibis, Fische und andre Thiere 17–18 Gerege und Gekrieche] Wi: Gekrieche und Getriebe 19 Die Existenz des Egypters] Wi: diß ist der einfache Verlauf der Subsistenzweise der Aegypter; diese subsistenz 19–20 von der … Regen] Wi: von dem Wechsel aus Wärme, Kälte 21 die Grundlage … Lebensthätigkeit] Ak: der ganz einfache Gang des Aegyptischen Wesens, nicht wie bei andern durch Frost und Abwechslung man|nigfaltig 22 geschlossener physischer Verlauf ] Wi: geschlossener physischer Verlauf und Proceß Ak: geschlossene, einfache Verlauf (Proceß) 23 zusammenhängt] Ak, ähnlich Wi: Nil und Sonne haengen (Ak: genau Wi: aufs innigste) zusammen. 23–24 diese geht … zurück] Wi, ähnlich Ak: Die Sonne ist erst niedrig am Himmel, tritt weiter herauf, bekommt ihre höchste höhe, tritt dann wieder zurück bis sie wieder schwach ist um wieder anzufangen. 24 das] Wi: dieser natürliche Verlauf

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des Egyptischen Lebens aus. Der N i l und die S o n n e sind die als menschlich vorgestellten Gottheiten; der göttliche Verlauf, die göttliche Geschichte ist dieselbe. Im Wintersolstitium hat die Kraft der Sonne am meisten abgenommen, sie wird auf ’s Neue geboren; so wird auch O s i r i s geboren, | dann aber wird er vom Ty p h o n , vom Feinde, dem Glutwind der Wüste, getödtet: I s i s , die Erde, der die Kraft der Sonne und des Nils entzogen ist, sehnt sich nach ihm; sie sammelt die zerstückelten Gebeine des Osiris und klagt um ihn, und ganz Egypten beklagt zugleich den Tod des Osiris durch einen Gesang, den Herodot Linus oder Maneros heißt; Herodot sagt zugleich, daß dies der einzige Gesang, das einzige Lied der Egypter gewesen, (daß die Egypter Instrumentalmusik gehabt haben, ist bekannt), es wird hier wieder der Schmerz als etwas Göttliches angesehen, es widerfährt ihm auch hier die Ehre, die ihm von den Phöniziern gegeben wird, wie wir gesehen haben. Hermes balsamirt dann den Osiris ein und an verschiedenen Orten wird das Grab desselben aufgezeigt; Osiris ist jetzt Todtenrichter und Herr des Reiches des Unsichtbaren; – dies sind die Grundvorstellungen des Egyptischen Kultus: Osiris, die Sonne, der Nil – dieses Dreifache ist in Einem Knoten vereinigt; die Sonne ist das Symbol, in dem Osiris und die Geschichte des Gottes gewußt wird und ebenso ist der Nil dieses Symbol; es sind aber darin nicht nur die natürlichen Vorstellungen zu verstehen, sondern auch das Geistige; Osiris nämlich wird auch angesehen als der Erfinder der Mittel das natürlich Nütz|liche zu gebrauchen; ihm wird die Erfindung des Pfluges, der Harfe usw. zugeschrieben, er gibt den Menschen Gesetze, eine bürgerliche Ordnung und den Gottesdienst; er gibt also die Mittel zur Arbeit dem Menschen in die Hand und sichert seine Arbeit durch Gesetze. Osiris ist dann auch das Bild der Saat, die in die Erde gelegt wird, das Bild des Verlaufs

1 des Egyptischen Lebens] Wi, ähnlich Ak: der Aegypter aus auch im Geistigen. sie lassen es nicht (Wi: beim natürlichen. Ak: in der natürlichen Vorstellung) für uns ist diß ein geschlossenes bewußtsein. Nicht so die Aegypter 2–3 die göttliche … dieselbe] Wi: diß ist zugleich eine Geschichte des göttlichen. der Nil ist der Gott, Osiris, er wird geboren wie die Sonne. 3 Wintersolstitium] 30 Hn: Wintersolstitium, 21ten Dez., […] (die Geburt Christi deshalb hierher verlegt in diese Jahreszeit) 4 sie wird] Wi: am 21t e n December wird sie 5 dem Glutwind der Wüste] Hn: der Gluth des Tigers getödtet] Ak:getödtet, d.h. die Waerme der Sonne wird zur Gluth der Wüste 14 Osiris] Wi: | dieser Gestorbne 17 Symbol] Wi: symbol des Gottes 19 Vorstellungen] Wi: Gegenstände 20 Osiris nämlich … angesehen] Ak: Auch kann bemerkt werden, 35 daß Osiris, Nil und Sonne nicht bloß das Natürliche, Nützliche gewaehren, sondern daß Osiris auch angesehen wird 21–22 des Pfluges, … zugeschrieben] Wi: der Ackerbaugeräthe zugeschrieben, er spannt den Stier zuerst an den Pflug 22–23 eine bürgerliche Ordnung] Wi: politische Einrichtungen 24 sichert seine … Gesetze] Wi: so werden die Früchte der Arbeit durch ihn geschützt 40 22 Harfe] vermutlich zu lesen: Harke

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des Lebens: so ist dies Heterogene, die Naturerscheinungen und das Geistige in Einem Knoten verwebt und das Natürliche ist nicht allein als Natürliches, das Geistige nicht nur als Geistiges zu nehmen. Die Zusammenstellung des menschlichen Lebenslaufes mit dem Nil, der Sonne, dem Osiris ist nicht etwa als Gleichniß aufzufassen, als ob das Geborenwerden, das Zunehmen der Kraft, die höchste Kräftigkeit und Fruchtbarkeit, die Abnahme und Schwäche sich in diesen Verschiedenen auf gleiche oder ähnliche Weise darstelle; das ist nicht so ein Vergleich, solche äußerliche Zusammenstellung der Aehnlichkeit wegen, sondern die Phantasie hat in diesem Verschiedenen E i n S u b j e c t , Eine Lebendigkeit gesehen; die s u b s t a n t i e l l e Einheit ist eben das Orientalische Prinzip; hier ist Bewußtseyn der substantiellen Einheit, doch ist diese Einheit ganz abstrakt; es ist in der subjektiven Einheit des Heterogenen zusammengedrängt, die Gegenstände sind in ihrer Lebendigkeit genommen und so zu Einem Subjekte gemacht; das Heterogene zeigt sich aber | als drängend, treibend; es ist eine Unklarheit des Bewußtseyns darin vorhanden, die sehr verschieden ist von der Griechischen Klarheit, wo das Geistige ganz entsprechend in seiner Sinnlichkeit dargestellt ist; die Verknüpfung ist vielmehr gewaltsam, das Eigentliche ist noch Räthsel und da entsteht denn jener Drang des Geistes, der sich in ungeheuren Werken Kund thut und ausläßt; auch bei den christlichen Völkern ist eine solche Periode des Herausdrängens eingetreten, und auch davon sind uns erhabene Reste geblieben. Bei den Griechen galten die Tempel nur als Wohnungen der Götter, als unorganische Umschließungen; bei den Egyptern hingegen waren sie nicht unterschieden von Gott und dem Geistigen, sondern ein Symbolisches: 1–2 so ist … verwebt] Ak: Also das geistige Element wird unmittelbar damit verbunden, nicht die unmittelbare Naturanschauung Wi: das Natürliche und geistige ist beides obgleich disparat, in Einen Knoten hier zusammengelegt. Im Todtenreiche wo Osiris herrscht kommt auch das Geistige zu einer selbstständigen Existenz. 7–8 ein Vergleich, … wegen] Ak: eine aeußere Vergleichung, wie wir sie machen 9 Phantasie] Ak: lebendige Phantasie in diesem Verschiedenen] Ak: jenes Geistige und Natürliche als 11 Einheit1] Wi: Einheit, wo das bewußtsein sich in diese versenkt 12–14 es ist … gemacht] Wi: diese aegyptische Einheit ist eine s u b j e c t i v e Einheit wo das heterogenste zusammengedrängt ist und dieß Heterogene ist zu Einem Subject gemacht 14 das Heterogene … treibend] Ak: Die Verknüpfung aber ist gewaltsam, unklar, raethselhaft. Heterogene] Wi: heterogene, das sich widerspricht 17–18 das Eigentliche … Räthsel] Wi: das Einzelne ist hier noch ganz unklar 19–21 auch bei … geblieben] Wi: Es gibt eine Periode unter den Völkern wo sich das Geistige in der Architectur herausdrängt, so werden wir es im 10[.] und 11[.] seculum unter den Germanen widerfinden Ak: Es giebt eine Periode in | jedem Volke, wo das Bedürfniß der Architectur eintritt 21–22 Bei den … Umschließungen] Ak: in andern Völkern ist dann aber das religiöse Gebaeude nur eine unorganische Umschliessung des Gottes 21 den Griechen] Wi: den Germanen wie bei den Griechen 22 Umschließungen] Wi: Umschließung des geistigen 22–23 bei den … Symbolisches] Wi: so nicht bei den Aegyptern, wo alles Räthsel ist und alles bis ins Kleinste hinein ist Symbol waren sie … Symbolisches] Ak: ist die Hülle noch Eines mit dem Gotte selbst

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die Architektur kam von dem Drang, dem Treiben her sich herauszusetzen; an den Architekturwerken ist Alles symbolisch; die Anzahl der Treppen hat meist eine Beziehung auf die Monate oder Tage im Jahre; die Maaße und Zahlen drücken die Fuße aus, die der Nil steigt oder die er zu steigen hat, wenn das Jahr recht fruchtbar seyn soll; die Anzahl der Säulen hat auch eine solche Bedeutung, so wie die Gebilde, die mehr der Skulptur angehören, die Memnone, die Osymandias, die Sphinx; dies sind aber meist nicht nur Skulptur- sondern zugleich auch Architekturwerke, Gebäulichkeiten, die durch | ihre colossale Formen zur Architektur gehören; so hat man Sphinxe gefunden, deren Zehe die Größe eines Mannes hatte, und so Reihen von Hunderten einandergegenüber. Jenem Drange zu äußern, was im Inneren noch trübe ist, diesem ist dies Ungeheure zuzuschreiben. – Wir haben nun die Verbindung von Geistigem mit Leblosem gesehen; das Weitere und Höhere ist, daß die Egypter, so wie sie im Nil, in der Sonne, in der Saat die geistige Anschauung gehabt haben, so auch in dem T h i e r l e b e n . Das Thier ist ein Lebendiges, es gehört ihm die subjektive Lebendigkeit an und eben deswegen sind keineswegs die Völker, welche die Sonne, die Gestirne usw. verehrt haben höher zu achten, als die welche das Thier sondern im Gegentheil. Die Egypter haben das Thierl e b e n verehrt, sie haben darin das Innere, Unbegreifliche angeschaut. In den Egyptischen Bildwerken finden wir eine ungeheure Menge von Thieren dargestellt, die uns als bloße Symbole erscheinen, wir nämlich unterscheiden den sinnlichen Gegenstand und die Bedeutung; der Sinn ist aber die abstracte Vorstellung, die den Egyptern nicht zukommt; der Geier, Sperber, der Ibis usf. werden von uns als Symbole ausgelegt; so erscheint der Geier als Symbol der Weissagung, des Jahres, der Erbarmung usf. ist also ein Vieldeutiges, man muß aber nicht glauben, daß das etwas Ste|hendes gewesen sey, so wenig als bei uns die Gleichnisse der Dichter stehend sind. Die Hauptsa-

1–2 an den … symbolisch] Ak: die einzelnen Werke sind bis in ihre Einzelnheiten bei ihnen symbolisch 3 Maaße und Zahlen] Ak: Stufen 13 Leblosem] Wi: Leblosen und 14–15 daß die … T h i e r l e b e n ] Wi: daß darum das höhere als das Natürliche, d a s 30 Natürlichen T h i e r i s c h e , das Lebendige, das noch eine ganz andere Existenz als das Unlebendige ist 15–18 Das Thier … Gegentheil.] Ak: Das Lebendige ist höher, als die Gestirne, so daß die Nation, die Thiere an|betete, keineswegs hinsichtlich ihrer Religion tiefer stand, als die Sonnenanbeter. 19 Innere] Wi: höhere 20 In den] Wi: die Thiere erscheinen uns als bloße Sym21 Symbole] Ak: Symbole, Hieroglyphen, die indessen ausserordentlich eindeutig 35 bole; In den sind 23 Vorstellung] Wi: Vorstellung des Verstandes 23–24 der Geier, … ausgelegt] Wi: In der Aegyptischen Thierwelt wird jedes Thier, Geier, Sperber, Ibis, u.s.w. ausgelegt 25 Weissagung, des … Erbarmung] Hn: Wahrheit, Weisheit, Jahres Erbarmung] Ak: Barmherzigkeit 25–26 ein Vieldeutiges] Wi: willkührlich. | das eine mal wird diß das andere Mal das zusammen26–27 man muß … sind] Ak: Indessen sind diese Symbole wie gesagt, nicht Vergleiche, 40 gestellt. wie wir sie etwa poetisch machen.

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che, die wir darin erkennen, ist die Verehrung, die die Egypter dem Thiere haben widerfahren lassen. Die Verehrung der Lebendigkeit in den Thieren haben wir schon bei den Indiern gesehen, auch das Blut soll man achten, denn in dem Blut ist das Leben. Die Thierverehrung in Egypten ist aber denn als solche mit der ganz afrikanischen Härte verbunden gewesen. – Kambyses, während seines Aufenthalts in Egypten ließ viele Tempel und Bilder zerstören, weil das göttliche Wesen in Bildern dargestellt sey, den Apis selbst tödtete er. – Die Verehrung der Thiere war durchaus etwas Partikularisirtes, jeder Bezirk hatte sein eigenes Thier, die Katze, den Ibis, das Krokodill usw. Diese heiligen Thiere sind gepflegt worden und große Stiftungen waren für sie eingesetzt; auch wurden sie nach dem Tode einbalsamirt; die Stiere wurden begraben, aber so daß die Hörner herausschauten, nach einiger Zeit dann wurden die Knochen gesammelt und beigesetzt. Alle Jahre fuhr ein Schiff den Nil herauf und sammelte die Katzenknochen, die dann nach Bubastis gebracht wurden. Der Apis hatte prächtige Grabmäler, einige Pyramiden sind als solche anzusehen; in einer der geöffneten Pyramiden fand man im mittelsten Gemach einen prächtigen alabasternen Sarg; bei näherer Untersuchung fand | sich’s, daß die eingeschlossenen Gebeine Ochsenknochen seyen. – Die Verehrung der Thiere ist, wie schon gesagt, zur stumpfsinnigsten Härte übergegangen: wenn ein Mensch ein Thier absichtlich tödtete, so war darauf die Todesstrafe gesetzt; es gab aber auch Thiere, bei denen es der Fall war, daß wenn ein Mensch sie selbst unabsichtlich tödtete, er doch mit dem Tode gestraft wurde. (Diodor erzählt, daß, als einst ein Römer in Alexandrien eine Katze todt schlug, darauf ein Aufstand erfolgte, in dem die Egypter jenen Römer ermordeten.) Wenn eine Hungersnoth eintrat, so ließ man eher die Menschen vor Hunger umkommen, als daß man die für die Thiere gesammelten Vorräthe angegriffen hätte. Hier sehen wir allerdings eine

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1–3 die die … gesehen] Wi: daß die Aegypter die Thiere so hoch geachtet haben, die Lebendigkeit haben sie so hoch geachtet. diß ist ihnen freilich nicht eigen, so auch bei den Indiern, Mongolen 3 bei den Indiern] Hn: bei den Indern haben wir es bemerkt; ebenso bei den Mongolen, die aus ihrem Bart die Laus zart nehmen, sie nicht tödten 3–4 auch das … Leben] Ak: Auch 30 den Juden war es verboten, das Blut der Thiere zu geniessen, denn in ihnen sei das Lebendige, das Leben. 4 Die Thierverehrung in Egypten] Wi: die Aegypter haben das Leben so verehrt, aber diese Verehrung 5 Kambyses] Wi: Cambyses der edle Perser 7 dargestellt sey] Wi: dargestellt werden sollte, hat es noch geringer geachtet daß die Aegypter Thiere verehrten tödtete] Wi: verwundete 8 jeder Bezirk] Ak: jeder District Wi: eine Provinz 11 einbalsamirt] Wi: ein- 35 balsamirt, wir haben hier in Berlin Mumien von Katzen 14 gebracht wurden] Wi: brachte, wo ihr Grabmahl 15–17 in einer … sich’s] Wi: der Engländer Belzoni brachte in einem köstlichen alabasternen Sarge Knochen und brachte diesen sammt der Knochen nach England, man hielt die Knochen für Gebeine eines Königs, aber es fand sich 10 große] großen

27 daß die Aegypter die] di die Aegypter den

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ungeheure Gebundenheit und Unfreiheit; die Verehrung der Lebendigkeit ist aber doch als die Grundidee anzusehen. – Die Thiere wurden so unmittelbar verehrt, dann aber sind sie auch wieder so dargestellt worden, daß sie nicht für sich gelten; Indem das Thier nur einen Theil des Gebildes ausmacht und das Menschliche damit verbunden ist, als sich aus dem Natürlichen herauswindend, wie zB. bei dem Sphinx, außerdem gibt es auch Löwenleiber mit Menschenköpfen, Sperber mit Menschenköpfen, aber umgekehrt gibt es auch eine unendliche Menge von Gebilden, wo Menschen dargestellt sind mit | einem Thiergesicht oder Thierkopf, wo man zugleich der Skulptur ansieht, daß es nur Masken sind, so daß wir Ursache haben zu glauben, daß auch bei religiösen Feierlichkeiten die Menschen mit solchen Thiermasken erschienen sind; das Thierische diente auch dazu eine P a r t i k u l a r i t ä t zu charakterisiren: so wird der Chirurg, der dem Todten die Eingeweide herausgenommen, fliehend (denn er hatte sich am Lebendigen versündigt) mit einem Thierkopf dargestellt, eben so die Einbalsamirer, die Schreiber: es bezeichnet also hier eine Partikularität. Die Egypter waren in Kasten eingetheilt, durch die Natur war ihnen eine bestimmte Lebensweise angewiesen, das ist ein Thierisches, die Thiermasken bezeichnen also die natürliche Partikularität des Menschen; selbst das Genie wird dem Menschen durch die Natur und ist also in so fern auch eine thierische Partikularität. Es sind aber nicht nur Menschen, die mit solchen Masken dargestellt werden, sondern eben so sieht man Isis mit dem Löwenkopf und einer Thierhaut und andre Götter mit Thierköpfen: das Eine Ganze, Osiris, hat sich 1 ungeheure Gebundenheit und Unfreiheit] Ak, ähnlich Wi: unendliche Gebundenheit (Unfreiheit) des Geistes, der sich nicht erkennt, daß er unendlich höher steht, als Sonne und Thier 1–2 ist aber … anzusehen] Wi: bildet den vernünftigen Zusammenhang 5 als sich … herauswindend] Wi: anzuzeigen daß sich das Geistige aus dem Natürlichen heraus windet. dahin gehören das schon als allgemeines bild angegebne Natürlichen] Ak: Thierischen 6–7 Löwenleiber mit Menschenköpfen] Wi: Löwenleiber ( Jungfrau und bärtige Kopfe) 12–14 so wird … dargestellt] Wi: Wir sahen viele Exemplare wo man den todten Menschen die Eingeweide oder gehirne herausgenommen hat, der Chirurg der das that wird immer vorgestellt als fliehend nach der that. 16–17 in Kasten … Thierisches] Wi: in bestimmten Kasten eingetheilt […] zu bestimmten Geschäfften, so auch bei den Thieren, jedes Thier hat eine besondre Particularität, besondre Art sich zu nähren und besondern Charakter, Stärke, Schlauheit pp. 18–20 Partikularität des … Partikularität] Wi: Particularität. die Menschen haben natürliche, particulare Talente, Genius, die als Naturg a b e n zu fassen sind, insofern liegen diese natürliche Particularität des Thieres und des Menschen beisammen 21 sondern] Wi: sondern auch die Gottheiten 21–22 Löwenkopf und … Thierköpfen] Wi: Stierkopf, die Minerva | (Neith) mit Kuhhäuten und Löwenköpfen (dergleichen sind hier in Berlin) 22 andre Götter mit Thierköpfen] Hn: Die Minerva, für welche man eine Gestalt hält, hat einen Löwenkopf. 22–1326,1 das Eine … zersplittert] Ak, ähnlich Wi: Wir haben nur den Osiris genannt als jenen allgemeinen Verlauf; aus diesem aber haben sich dann verschiedene Götter ergeben, das Allgemeine ist zersplittert 19 und ist] ist ist

30 herausgenommen hat] ausnehmen

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in viele besondere Momente zersplittert und dadurch hat sich den Egyptern ein ähnlicher Kreis von Göttern, als wir ihn bei den Griechen sehen, ergeben, wo die verschiedenen Bestimmungen als selbstständig dargestellt werden. – | In Egypten erscheint also das Geistige zwar als solches, aber immer als versenkt in’s Natürliche und als ringend mit demselben; es ist dann aber auch der freie Geist zum Bewußtseyn gekommen und wir haben hier vor Allem das Wunderbare, das uns Herodot erzählt, anzuführen: er sagt nämlich, die Egypter seyen die Ersten gewesen, die an die U n s t e r b l i c h k e i t d e r S e e l e geglaubt hätten; die Seele ist unsterblich d.h. sie ist ein Anderes als die Natur, der Geist ist selbstständig für sich. Das Höchste bei den Indiern war das Uebergehen in die abstracte Einheit, in das Nichts, hingegen wenn das Subject frei ist, so ist es unendlich in sich; das Reich des freien Geistes ist dann das Reich des Unsichtbaren, daher bei den Griechen Hades (b«e“u) und das stellt sich dem Menschen zunächst als das Reich der Verstorbenheit dar, wie das To d t e n r e i c h der Egypter. Die Vorstellung, daß der Geist unsterblich ist, enthält dies, daß das menschliche Individuum einen unendlichen Werth in sich hat: das bloß Natürliche erscheint vereinzelt, ist schlechthin abhängig von Anderem und hat seine Existenz in Anderem; mit der Unsterblichkeit ist ausgesprochen, daß der Geist in sich selbst unendlich ist; diese Vorstellung wird also, wie gesagt, zuerst bei den Egyptern gefunden: wir können hier zunächst sagen, daß diese Seele für die | Egypter nur erst A t o m gewesen und als solches gewußt worden ist: bei ihnen knüpft sich sogleich die Vorstellung der Metempsychose daran an, die Vorstellung, daß die menschliche Seele auch einem Thierkörper inwohnen könne; hier ist sie bloß das Abstraktum. Aristoteles spricht auch von jener Vorstellung und thut sie mit wenigen Worten ab: Jedes Subjekt, sagt er, habe seine eigenthümli-

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2–3 wo die … werden] Wi: das getrennt dargestellte aber ist nur Ein subject. diß hier einzeln bey den Aegyptern durchzuführen würde hier zu weit führen 5 versenkt in’s … demselben] Ak: in die Gaehrung versenkt, ringend mit dem Natürlichen 8 an die … geglaubt] Ak, ähnlich Wi: die Unsterblichkeit der Seele (Ak: behauptet Wi: gelehrt) 9–14 die Seele … Egypter.] Ak: Daß das Subject frei ist, d.h. als solches unendlich in sich ist, unsterblich, ist zuerst bei den Aegyptern zum Be- 30 wußtsein gekommen, und zwar in der Form, daß das Reich der Verstorbenen, (des Hades und Aides) das Todtenreich eben das Reich der Unsterblichkeit ist. 9 Geist] Wi: Geist des Menschen 11–12 wenn das … sich] Wi: daß das Subject frei ist d.h. unendlich in sich ist ist also auch den Aegyptern zum bewußtsein gekommen vornehmlich in der zu erwähnenden Form 14 Verstorbenheit] Wi: Verstorbenen, das nicht zur Wahrnehmung kommt 15 Die Vorstellung] Wi: Jene 35 Ueberzeugungen der Aegypter 16–18 das bloß … Anderem] Hn: | Alles Natürliche ist der Vergänglichkeit unterworfen, hat in einem Anderen die Bedingungen seiner Existenz 19 ist] Wi: ist und ein unbedingtes, von nichts abhängiges 20 Seele] Ak: Seele, die an und für sich ist 21 A t o m ] Wi: Atom, als Abstractes, Unthätiges 22 Metempsychose] Ak: Metempsychosen, Seelenwanderung 23–24 hier ist … Abstraktum] Wi: diese Vorstellung der Seele ist also ein ganz 40 abstractes.

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che Organe für seine Thätigkeit, so der Schmidt, der Zimmermann für sein Handwerk; eben so habe auch die menschliche Seele ihre eigenthümlichen Organe und ein thierischer Leib könne nicht der ihrige seyn. Nur einen menschlichen Körper kann eine menschliche Seele beleben ohne daß man dabei die Vorstellung der Seele als von einem Ding zu haben braucht, das einen bestimmten Sitz im menschlichen Körper habe. In der Vorstellung, daß die Seele auch einem Thierkörper einwohnen könne, betrachtet man ihn nur als ein Trocknes, Abstractes. – Pythagoras hat die Seelenwanderung in seine Lehre mit aufgenommen; sie hat aber wenig Beifall bei den Griechen, die sich viel mehr an das Konkretere halten, finden können; die Indier haben auch eine ähnliche aber sehr trübe Vorstellung davon, indem das Letzte der Uebergang in die allgemeine Substanz ist; bei den Egyptern ist wenigstens die Seele, der Geist ein Affirmatives, wenn auch abstract Affirmatives; die Periode der | Wanderung war auf 1000 Jahre bestimmt; sie sagen jedoch: eine Seele, die dem Osiris treu geblieben, sey einer solchen Degradation (denn für das halten sie es) nicht unterworfen. – Es ist bekannt, daß die Egypter ihre Todten einbalsamirten und ihnen dadurch eine solche Dauer gegeben haben, daß sie sich bis heutiges Tages erhalten haben und noch mehrere Jahrtausende so bestehen könnnen. – Dies scheint ihrer Vorstellung von der Unsterblichkeit nicht entsprechend zu seyn, denn, wenn die Seele für sich besteht, so ist die Erhaltung des Körpers etwas Gleichgültiges; doch kann man eben so gut sagen, wenn die Seele als fortdauernd gewußt wird, so wird auch dem Körper, als ihrem alten Wohnsitz Ehre erwiesen; die Parsen setzen die Körper der Todten an freie Orte, damit sie von den Vögeln verzehrt werden, da wird aber die Seele als in’s Allgemeine zerfließend vorgestellt; wo hingegen die Seele fortdauert, da wird gewissermaßen auch der Körper, als dieser Fortdauer angehörend, betrachtet. Die Todten der Egypter sind in Gräbern

1 für seine Thätigkeit] Wi: für sich habe und für ihre Thätigkeit 1–2 der Schmidt, … Handwerk] Hn: die Baumeister, Zimmerer etc. 3 seyn] Wi, ähnlich Ak: seyn. und diß ist das (Ak: einfache und) richtige Verhältniß, was hier nicht weiter zu entwickeln ist 7–8 betrachtet man … Abstrac9 wenig Beifall] AkWi: keinen 30 tes] Ak: so hat man ein rein Abstractes, eine rein abstracte Seele Eingang 9–10 die sich … halten] Wi: die eine concretere Vorstellung von menschlicher Seele hatten 15 (denn für … es)] Wi: wie sie die Metempsychose ansehn 16 ihnen] AkWi: dem Körper 17–18 daß sie … könnnen] Ak: die allerdings bewundernswürdig ist 18–20 Dies scheint … Gleichgültiges] Wi: diß könnte nun widersprechend scheinen, daß der todte Körper noch 21–22 wenn die … erwiesen] Ak: in35 etwas werth seyn soll, da der Geist das eigentliche Seyn hat dem der Geist sich seiner Unvergaenglichkeit bewußt wird, erhaelt auch | der Körper einen Werth; er wird gleichsam als ein dem Fortdauernden Angehöriges betrachtet, und als solches geehrt 22 die Parsen] Wi: bei den Orientalen, zb. den Persern 23–24 damit sie … vorgestellt] Wi: wird der Körper den Würmern ausgesetzt und er zergeht ins Allgemeine, wie alles andre 24–26 wo hingegen … 40 betrachtet] Wi: Aber bey den Aegyptern bleibt der Geist selbstständig, so wird auch der Körper geehrt. 26 sind] Wi: sind nach verschiedenem Werth einbalsamirt und dann

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auf bewahrt worden, aber nicht in dem Thale, das den Ueberschwemmungen des Nils ausgesetzt ist, sondern in der Hügelreihe, die sich längs dem Nile hin zieht; im Delta, wo nur etwas Land ist sind ungeheure Vorrichtungen für die Gräber gemacht worden und das große Todtenfeld bei Sais, durch ungeheure Mau|ern und Gewölbe aufgerichtet, obgleich viel später als jene andre großen Werke, gehört zum Bewundernswürdigsten in Egypten. In den Hügeln längs dem Nil findet man ungeheure Aushölungen für die allgemeine Auf bewahrung der Körper, denn aber auch für besondere Familien und darunter auch Königsgräber, die auch eine ungeheure Arbeit voraussetzen; so hat Belzoni ein Königsgrab aufgefunden, das sich durch eine ganze lange Hügelreihe hindurch erstreckte; der Eingang war vermauert so daß er sehr schwer zu entdecken ist: jenes Grab bestand aus einer unzählbaren Menge von Kammern, deren Wände mit Hieroglyphen bedeckt waren und mit sonstigen Gemälden. Hierzu sind nun auch die Pyramiden zu rechnen, die von jeher die verdiente Bewundrung der Menschen auf sich gezogen haben; man hat früher vielerlei Meinungen über ihre Bestimmung aufgestellt, aber schon Herodot und Diodor sagen sie seyen für die Auf bewahrung des Königs oder auch des Apis nach ihrem Tode: in neuern Zeiten hat man mehrere Pyramiden eröffnet, einige sind schon früher von den Arabern geöffnet worden, welche darin Schätze gesucht haben; es sind keine organische Gebilde, es ist vielmehr ein Krystall, der die Todten umschließt. Aus allem diesem sieht man, daß die Egypter besonders aber ihre Könige sich’s zum Geschäft des Lebens gemacht haben, sich ihr Grab zu bauen, ihrem Körper | eine bleibende Städte zu geben. Merkwürdig ist es, daß dem Todten, das, was er für die Geschäfte seines Lebens nöthig hatte, mitgegeben wurde; so dem Handwerker seine Instrumente usw.; auch die Gemälde auf dem Sarge stellen das

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1–2 das den … ist] Wi: wo sie der Verwüstung wegen der Localität ausgesetzt gewesen wären 2–3 die sich … zieht] Ak: zu beiden Seiten des Nils beigesetzt, damit dieser sie nicht berühre oder vernichte 3 nur etwas Land ist] AkWi: diese Hügel fehlen ungeheure Vorrichtungen] Wi: die ungeheuersten Constructionen 7 ungeheure] Ak: ungeheure, wahrscheinlich zum allgemeinen Zwecke gemachte 9 die auch … voraussetzen] Ak: von der ungeheuersten Con- 30 struction Wi: die das stupendeste sind, was uns der art bekannt ist 10–11 das sich … erstreckte] Wi: Ein Durchschnitt ist durch die ganze hügelreihe mitten hindurch bis zur lybischen Wüste hin 11 Eingang] Wi: Eingang dieses von Belzoni (in neuerer Zeit) aufgeschlossenen Königsgrabes 12 jenes Grab … Kammern] Wi: Es ist mit auf und abgängen Kammern] Ak: Kammern, Treppen pp in haertesten Granit 13 sonstigen Gemälden] Wi: vielen Werken der 35 Kunst und Sculptur 19 geöffnet] Hn: geplündert 19–20 es sind … Gebilde] Ak: geometrisch regelmaessig (crystallinisch) ist ihre Form 20 Gebilde] Wi: Gebäude[.] Viele hundert Jahre haben 100 000de Millionen Menschen daran arbeiten müssen. 22 Lebens] Ak: Lebens auf viele Jahre für 100,000. und Millionen von Menschen

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Geschäft dar, dem sich der Todte gewidmet hatte, so daß man diesen in der ganzen Partikularität seines Standes und seiner Beschäftigung kennen lernt. Man hat ferner viele Mumien mit einer Papyrusrolle unter dem Arm gefunden und hat das als einen besonderen Schatz angesehen; diese Rollen enthalten nur eine vielfache Darstellung von Geschäften des Lebens auch mitunter Schriften, die vornehmlich in der demotischen Sprache verfaßt sind; man hat sie auch entziffert und denn gefunden, daß es sämmtlich Kauf briefe über Grundstücke und dergl. sind, worin Alles auf ’s Genaueste angegeben ist, selbst die Abgaben bei der Kanzlei, die dabei entrichtet werden mußten; was also ein Individuum in seinem Leben erkauft hat, das wird ihm im Tode in einer Urkunde mitgegeben. Auf diese Weise sind wir in Stand gesetzt das Privatleben der Egypter genau kennen zu lernen, wie das der Römer durch die Ruinen von Herkulanum und Pompeji, aber noch viel reicher, bestimmter und mannigfaltiger ist das, was uns von den Egyptern übrig ist. – | Nach dem Tode eines Egypters wurde über ihn Gericht gehalten: eine Hauptvorstellung auf Särgen ist das Gericht im Todtenreich: Osiris, hinter ihm Isis, wird dargestellt mit der Wage, während daß vor ihm die Seele des Verstorbenen steht; aber auch von den Lebenden wurde, wie gesagt, ein Gericht angestellt und nicht nur bei Privatpersonen sondern auch bei den Königen; man hat ein Königsgrab entdeckt sehr groß und sorgfältig eingerichtet; in den Hieroglyphen ist der Name der Hauptperson ausgelöscht, und in den Bas-reliefs so wie in den Gemählden die Hauptfigur ausgemerzt, und man hat dies eben so erklärt, daß 1–2 so daß … lernt] Ak: sie wurden in ihrer ganzen Particularitaet ihres Lebens, ihrer Beschaeftigung conservirt, z.B. man hat in dem Grabe eines Maedchens allerhand Putzsachen, Spiegel, Schminke pp gefunden, in einem Andern Pinsel und Pallette pp. Wi: so daß man sie in ihrer ganzen Particularität auf bewahrt hat, so daß man Mumien in neuerer Zeit leicht wiedererkennen konnte. Hier in Berlin sind KnabenMumien mit Pinseln, Palette Farbe, Mädchen (Hn schließt an: mit Farbenkästchen, woraus man den Mahler erkennt) | ganze Toilette, Spiegel, Schminke pp. 5 Schriften] Ak: Schriften und Hieroglyphen 6 Sprache] Ak: Schreibart 8 sind] Wi: sind von Grundstücken die das Individuum in seinem Leben gekauft hatte 8–10 selbst die … mitgegeben] Wi: die Todten sind so in ihrer ganzen Particularität auf bewahrt. 11 das Privatleben der Egypter] Wi: die Instrumente und Geräthe der Aegypter in ihrem täglichen Leben 13 Pompeji] Hn: Pompeji, wo der Mensch im Begriffe, sein tägliches Geschäft zu vollziehen erstarrt ist 13–14 was uns … ist] Wi: was wir von den Aegyptern finden in diesen Gräbern an Geräthen pp 15 Gericht] Wi: E i n To d t e n g e r i c h t 16 auf Särgen] Ak: auf den Deckeln der Saerge und sonst Osiris] Wi, ähnlich Ak: Osiris, der (Wi: Richter Ak: Herrscher) des Todtenreichs steht hinter dem Menschen 17 wird dargestellt … Wage] Ak: sitzend mit einer Waage, einen Schreiber daneben pp Wi: hinter dieser eine Waage 18 aber auch … angestellt] Wi: das Leben des gestorbenen Individuums wird also den Lebenden exponirt 21–22 Bas-reliefs so wie … ausgemerzt] Ak: Reliefs und Hieroglyphen der Name und die Hauptfigur in den Darstellungen ausgemaerzt, abgeschlagen (ausgemeisselt) 21 in 2 ] in in

27 Mädchen] es folgen drei verwischte Wörter

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dem Könige im Todtengericht die Ehre abgesprochen worden ist auf diese Weise verewigt zu werden. – Der Tod hat also die Egypter im Leben sehr beschäftigt; die ungeheuren Werke für die Todten sind eben so bewundernswürdig als die für die Lebenden; man könnte daher glauben, daß die Stimmung der Egypter traurig gewesen auch spricht Winkelmann von der Trägheit der Egypter, indem sie nicht zur Schönheit gekommen seyen; daß sie nicht träg gewesen sind, sieht man aus den ungeheuren Produktionen, wie sie bei keinem andern Volk in dieser Ausdehnung und Größe gefunden werden; eben so wenig hat der Gedanke an den Tod Trauer unter sie verbreitet; bei Gastmälern hatten sie Ab|bildungen von Todten, wie Herodot erzählt, mit der Ermahnung: Iß und trink, ein solcher wirst du werden: der Tod war für sie also vielmehr eine Aufforderung das Leben zu genießen. – Osiris war der Vorsteher, später denn auch Serapis, dieses Reiches des Unsichtbaren, wo jeder seiner Bestimmung nach aufgenommen werden sollte; diese Aufnahme in das Reich des Osiris hat dann den tieferen Sinn gehabt daß das Individuum mit dem Osiris vereinigt wurde; daher sieht man auch auf den Sargdeckeln die Vorstellung daß der Todte selbst Osiris geworden ist und nachdem man dazu gekommen ist die Hieroglyphen zu entziffern, so hat man gefunden, daß die Könige Götter genannt werden: das Menschliche und Göttliche wird so als vereinigt dargestellt.

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Die Gr iechen. Wir haben in dem Egyptischen Prinzip die Reaktion gegen das Natürliche, das Ringen zum freien Bewußtseyn des Geistes erkannt: es wird in ihm die Aufgabe aufgestellt, die zu lösen einem andern Volk auf behalten war; wunder4 sind eben … Lebenden] Wi: zeugen dafür 5 der Egypter traurig] Wi: des Aegyptischen Lebens 25 ernst und traurig 6–7 zur Schönheit] Wi: zu schönen Formen 13 Vorsteher] Wi: Vorsteher des Todtenreichs 17 Osiris geworden ist] Wi: Osiris, wie im Leben das Thier zum Menschen würde. die Vorstellungen auf den Sargdeckeln und da was der Mumie selbst als Malerey und Verzierung beigegeben drückt zum Theil selbst aus, daß der Todte Osiris geworden 19 Könige] Wi: Könige (namentlich weiß man es von den Ptolemaeern und den römischen Kaisern aber auch den alten 30 Königen) genannt werden] Wi: heissen. die Königsweise ist oft vorgestellt und da heißt es Amarna das ist „die Sonne“ habe das Zeichen der Königlichen Würde angenommen und in anderen ist der König dem Amarna gleich geworden. das Göttliche und Menschliche wird hier als sich vereinigend vorgestellt. 21 D i e G r i e c h e n . ] Ak: G r i e c h e n Wi: D a s G r i e c h i s c h e R e i c h Hn: Griechenland. 22–1331,3 Wir haben … gewesen] Ak: Hiermit ist das Princip Aegyptens in sei- 35 nen wesentlichen Beziehungen betrachtet. Der Geist beginnt, sich selbststaendig zu wissen, aber ist im Ringen nach diesem Bewußtsein, stellt sich die absolute Aufgabe, weiß sie aber noch nicht zu entziffern. Einem andern Volke wurde es gegeben, diese Aufgabe zu lösen, das Raethsel der

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bar ist es, daß das schon in dem Mythos erkannt wird, der erzählt: ein Grieche habe das Räthsel der Sphinx gelöst und diese habe sich in den Abgrund | gestürzt; der Inhalt aber des Räthsels sey der Mensch gewesen; in Sais wurde die Neith (die man als die Pallas Athene angesehen) verehrt; ihre Bildsäule soll mit einem Schleier bedeckt gewesen seyn und die Inschrift gehabt haben: „Ich bin was da ist, was war und was seyn wird und meine Hülle hat kein Sterblicher aufgehoben“; von Proklus wird noch der Zusatz angegeben: „Die Frucht, die ich gebar, ist Helios“. Die Frucht ist die Sonne – in der egyptischen Neith ist die Wahrheit noch verschlossen, der griechische Apoll ist die Lösung und sein Ausspruch: „Mensch erkenne dich selbst“. In diesem Spruch ist nicht etwa die Selbsterkenntniß der Partikularitäten, seiner Schwächen und Fehler gemeint, es ist nicht der partikuläre Mensch, der seine Besonderheit erkennen soll, sondern der M e n s c h überhaupt soll sich selbst erkennen: dieses Gebot ist für die Griechen und im Griechischen Geist stellt sich das Menschliche in seiner Klarheit, in dieser Herausbildung dar, aber zugleich auch in seiner Unbefangenheit, aus welcher der Mensch später heraustreten muß. – Jetzt machen wir den Uebergang vom Persischen Reich; Egypten war nur eine Provinz von Persien, hat aber wesentlich die Eigenthümlichkeit: die Aufgabe, die durch den Griechischen Geist gelöst worden, aufgestellt zu haben, Egypten gehörte aber zu den Formen, die die Persische Allgemeinheit unter | sich hat gewähren lassen; Persien war das erste welthistorische Volk, das wir betrachtet haben; es hatte zum Prinzipe: das Licht, von diesem sind jedoch keine Organisationen ausgegangen, keine durchdringende Regierungen, sondern die Perser haben sich wie ein abgeschnittenes Volk gehalten, über dieses Aggregat von Partikularitäten, das nicht durch gemeinsame Rechte verbunden war, herrschend: daher ist auch das Band der Staaten des Reiches lose gewesen, was man schon aus den Verhältnis-

Sphinx, der Aegyptischen Sphinx, zu lösen und zu errathen. Wi: das wundervolle, Uberraschende ist, daß der griechische Geist das Räthsel Aegyptens gelöst hat, und gefunden hat, daß das Räthsel „der Mensch“ gewesen. 3–4 in Sais … verehrt] Wi: In Aegypten ging eine Fabel, daß die 6 meine Hülle] Ak: meinen Schleier 30 Neith (die Pallas Athene) diß aegyptische Räthsel gelöst 9–10 der griechische … Ausspruch:] Wi: das Griechische Gebot aber ist die Delphische Inschrift 10–11 In diesem … gemeint] Ak: Dies ist nicht Menschenkenntniß – des Individuums Wi: was nicht auf heutige gewöhnliche Menschenkenntniß zu verstehen ist 13 der M e n s c h überhaupt] Ak: der Mensch, die Menschheit 16–17 Jetzt machen … Reich] Ak: Wir gehen hiermit dann zu 17 von Persien] Ak: des Persischen Reichs 20 die Persische … sich] 35 den / G r i e c h e n / über. Ak: das Persische Licht, die Persische Sonne unter ihrem Scheine 21–23 es hatte … Regierungen] Wi: das die Allgemeinheit des Lichts in sich enthaltend die vielen verschiedenen particulairen Völkerschaften in sich befaßte, und in Einem Licht es befaßte aber auch nur dieses, denn das Persische licht hat diese Particularitäten nicht durchdrungen Ak: sie nicht umgebildet, organisirt hat 24 abgeschnittenes] Ak: eignes Aggregat] Ak: lose zu40 in eine durchdringende Regierung sammenhangende Aggregat Wi: Accumulat

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sen der Juden so wie der Jonischen Städte sieht: gegen dieses Aggregat hat dann die griechische Einheit, Bildung und Disciplin den Sieg davon getragen. Das Persische Licht und diese Partikuläritäten, die nur äußerlich zusammengehalten waren, mußten sich in das Besondre vertiefen und dieses zur Organisation machen; das Persische Licht als zu dem reinen Gedanken herausgehoben und gereinigt vom Physischen steht eben so rein da über der Besonderheit des Geistes und des Lebens, im Egyptischen findet die Berührung Statt, es wird aber nur erst das Sollen der Herrschaft des Geistes vorgestellt, und enthält in sich den Widerspruch: indem wir nun zu der griechischen Welt übergehen so treten wir in die klassische Welt, und das Prinzip, das wir jetzt vor uns haben, ist dieses, daß die selbstbewußte Freiheit eintritt, das Licht, die Individualität, die sich für sich hält, dieses Eins, | diese Ichheit, die bei den Aegyptern abstrakt und darum kämpfend erscheint; nun wird der Geist in seinem Daseyn und in der Wirklichkeit befreit; Einheit des Geistes und der Natur hält man für etwas Hohes, ja für das Höchste, aber sie als solche oberflächlich, abstract und unbestimmt; das versenkte Bewußtseyn muß sich aus dem Partikulären herausheben, um eine Harmonie hervorzubringen, in der der Geist als überwiegend erscheint, es darf nicht eine Neutralität seyn, wo Geist und Natur, eins so gut als das andre gelten, sondern eine Harmonie, eine Einheit, in der das Geistige herrschend ist; diese erste, frische, lebendige Einheit sehen wir bei den Griechen, die Grenze derselben ist ihre Unbefangenheit; beim Fortschritt muß der Geist diese Unbefangenheit verlieren um sich zum abstract Allgemeinen zu erheben, wie im römischen und im germanischen Reich wo das Prinzip der Einheit durch die Unterdrückung der Individualität eintritt. Bei den Griechen

1 Aggregat] Wi: lose Aggregat 2 den Sieg] Ak: nothwendig den Sieg 3–4 und diese … waren] Ak: diese allgemeine Abstraction hat sich zur Einheit, zum Concreten zu verdichten 5–6 als zu … Physischen] Wi: das wir schon vom physikalischen gereinigt in den Juden erkannt haben 8–9 enthält in … Widerspruch] Ak: das Widerspaenstige mit dem Sollen wunderbar vereint 10 das Prinzip, … haben] Ak: | Das Princip der griechisch klassischen Welt 12–13 die bei … erscheint] Wi: was bei den Aegyptern in der Unsterblichkeit der Seele liegt, dieses Eins, diese Ichheit, die bei den Aegyptern nur das Abstracte war 13–14 nun wird … befreit] Wi: so ist jetzt die Stufe daß dieses Freie sich seiner Freiheit bewußt wird und in seinem daseyn und seiner Wirklichkeit bewußt wird 14–15 für etwas … Höchste] Wi: für das letzte Ziel 15 aber sie … unbestimmt] Ak: allein es ist die Bestimmtheit dieser Einheit zu fassen, da Einheit ein allgemeines Wort ist 16–20 das versenkte … ist] Wi: es muß in seiner bestimmtheit erkannt werden, wo das nicht geschieht, da hat man das Orientalische; es ist eine harmonie hervorgebracht worden wo aber nicht Neutralität beider Elemente ist und Eins gegen einander steht, sondern der G e i s t muß herrschen, diß ist auch eine Einheit, aber diß ist eine bestimmtere Einheit Ak: Die Harmonie ist so hervorzubringen, daß in ihr der Geist das Herrschende ist, nicht daß beide Elemente gleiche Würde, Rechte haetten. 20–21 diese erste, … Griechen] Ak: In dieser Harmonie, Einheit sehen wir die Griechen, und zwar ist dies die erste noch unbefangene frische Einheit.

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herrscht die frische Lebendigkeit der Freiheit des Geistes, die mit dem Jünglingsalter verglichen werden und so das J ü n g l i n g s a l t e r d e s G e i s t e s genannt werden kann, indem wir uns die Jugend vorstellen als eine ernste Bestimmung vor sich habend, indem sie gewußt wird als Vorbereitung als sich befähigt Machen zu der Arbeit, die ihr bevorsteht. Eine jugendliche Lebendigkeit ist bei den Griechen, | Von zwei Jünglingen hat der eine das griechische Leben eröffnet, der andre es beschlossen: der eine Jüngling, der das griechische Leben begonnen hat, ist der S o h n d e s D i c h t e r s , A c h i l l ; (den Griechen ist Homer das Grundbuch, aus dem alle ihre Vorstellungen genommen sind) der andre Jüngling, ist A l e x a n d e r d e r G r o ß e , der w i r k l i c h e Jüngling, der das Griechische Leben beschlossen hat; in beiden zeigt sich die schönste, freiste Individualität; beide erscheinen im Kampf gegen Asien, Achilles als Hauptfigur im Nationalunternehmen der Griechen gegen Asien, wo diese zuerst als Gesammtheit erscheinen und nachher nicht wieder bis auf Alexander, der sich als Nachbild des Achill an die Spitze der Griechen stellt und die Rache, die Asien zugeschworen war, erfüllt. Wir sehen hier den freien Geist auftreten; der Geist ist aber nur frei, wenn er sich frei macht, er ist es nicht durch die Natur, sondern er muß sich selbst erst befreien, und dazu gehört der Gegensatz, daß ihm die Natur gegenübertritt und er sie umbildet, sie sich aneignet, indem er seine Forderungen an sie macht. Der griechische Geist erscheint zunächst als bedingt, indem er etwas vor sich findet, das er umbilden muß: Asien steht ihm voran, gegen Asien ist Griechenland gewendet, sowohl gegen dessen politische Macht als die Asiatischen Vorstellungen, die Asiatische Bildung; der griechische Geist hat so eine Voraussetzung. – Wir haben bei den Griechen d r e i geschicht|liche Pe r i o d e n zu unterscheiden:

3–4 vorstellen als … habend] Wi: vorstellen und von ihr abstrahiren, denn die Jugend hat auch ihren Ernst und hat Zwecke in sich Ak: Unserer Jugend liegt vor ein Hoher Zweck 4–5 als sich … bevorsteht] Wi: auf künftige große Zwecke 5–6 jugendliche Lebendigkeit] Ak: 8 der S o h n d e s D i c h t e r s ] Ak: Sohn des Dichters, Jüngling der 30 unbe|fangene Jugend Vorstellung A c h i l l ] Wi: der Achill der bloß vorgestellte Jüngling 9–10 aus dem … sind] Wi: das sie bildet 13 Hauptfigur] Wi: Führer 18 Natur] Wi: Natur, in der Natur ist er noch unfrei 19 sie umbildet] Ak: es sich als Gegenstaendlich vorstellt, es umbildet, und sich unterwirft Wi: bilden und umbilden 20–22 Der griechische … muß] Ak: Das Griechische Princip 22–24 Asien steht … 35 hat also dieses, daß es kaempfe, sich hervorwinde aus dem Natürlichen. Voraussetzung.] Ak: Dieses Natürliche tritt dem griechischen Geiste als Asien gegenüber, auf dessen Cultur es ruht, aus der es sich aber hervorwindet. 23–24 Asiatische Bildung] Wi: Asiatischer bildung ist das woran der griechische Geist erst anfängt 25 bei den Griechen] Wi: hier wie bei den Römern 25–26 unterscheiden] Wi: unterscheiden wie aus dem Gesagten hervorgeht

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Die erste ist der Anfang und die Erstarkung in sich, die zweite enthält die Berührung mit dem welthistorischen Volke und den Sieg über dasselbe; denn das Prinzip des nunmehr historischen Volkes ist das Höhere und muß daher das herrschende seyn, dies ist die Periode des höchsten Glücks. In der dritten Periode beginnt das Glück zu sinken und Griechenland kommt nun in Berührung mit dem ihm folgenden historischen Volke, welchem ein höheres Prinzip angehört. Denselben Gang sehen wir denn auch in der Geschichte des Römischen Volkes; auch dieses trifft mit dem Volke zusammen, von dem es abgelöset werden soll. – Wir haben zunächst die Pe r i o d e d e s A n f a n g s durchzugehen und die L o k a l i t ä t muß uns daher zunächst beschäftigen. – Von Morgen nach Abend geht der Geist in seiner Entwicklung, von Asien kommt er nach G r i e c h e n l a n d ; dieses Land besteht aus einem Erdreich, das auf vielfache Weise im Meere zerstreut ist, aus einer Menge von Inseln und einem festen Lande, das aber selbst inselartig ist; nur durch eine schmale Erdzunge ist der Pelopones mit demselben verbunden; ganz Griechenland wird durch Buchten vielfach zerklüftet; Berge, schmale Ebenen, kleine Thäler und Flüsse treffen wir auf ihm an; es ist da kein großer Strom und kein damit verbundner fruchtbarer Brutboden, dessen Horizont weit hin derselbe ist und sich | immer gleich bleibt, sondern der Boden ist verschieden, durch Berge und Flüsse, die aber keine großartige Massen sind, getheilt; wir finden nicht diese orientalische physische Macht, so einen Strom als den Ganges, den Indus, den Euphrat, Tigris usf. durch den die Menschen auf eine einförmige Weise gebunden wären, sondern durchaus jene Vertheiltheit und Vielfältigkeit, die der Mannigfaltigkeit griechischer Völkerschaften und der Beweglichkeit des griechischen Geistes vollkommen entsprechen. – Wir haben hier ferner zu bemerken, daß wir eine natürliche Mannigfaltigkeit und das Prin-

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2 welthistorischen Volke] Wi: frühern welthistorischen Volke den Sieg über dasselbe] Ak: der Kampf und Sieg, die Berührung bis Siege über das Volk, was bisher die Welt beherrschte, bisher welthistorisch, absolut berechtigt war Wi: b e s i e g u n g desselben, und von dieser berührung an bis zu der Ausführung seiner bestimmung in der Weltgeschichte 5–6 Berührung mit … angehört] Ak: das Untergehn oder Berührung mit demjenigen Volke, welches nach ihm bestimmt ist, 30 an seine Stelle zu treten, als absolut berechtigt die Weltherrschaft zu nehmen 7–8 Denselben Gang … soll.] Wi: Ebenso haben wir 3 Perioden in der römischen Geschichte. 1, den Anfang bis zu seiner Erstarkung, und dieser Anfang beginnt mit einer fremden Cultur, das 2te ist die Reife – hier berührt es das Volk das bisher das welthistorische gewesen. 3tens , sein Untergang. 9 die P e r i o d e d e s A n f a n g s ] Ak: E r s t e P e r i o d e . / D i e A n f a e n g e . Wi: die äußren Anfänge 11 seiner 35 Entwicklung] Ak: seinem Gange 15 Buchten] Wi: lange einschneidende buchten zerklüftet] Ak: durchschnitten 16–17 es ist … Strom] Ak: Wir haben keinen Strom und keine davon abhängende Stromebene 17 Brutboden] Ak: Brutboden, der ein Volk selbst gleichartig ausbildet 20 getheilt] Wi: getheilt, […] alles in losem Zusammenhang durch das Meer 22 Vertheiltheit] Ak: Zertheiltheit der Localitaet 23–24 der Beweglichkeit … entsprechen] Wi: die 40 Particularisirung des griechischen Lebens und eben die Anfoderung an die Individualität 25 natürliche] Ak: locale Wi: nationale

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zip der Fremdartigkeit selbst in der Bildung der Völkerschaften sehen; die früheren Staaten zeigen früh eine substantielle Gediegenheit und eine patriarchalische Einheit; in Griechenland dagegen ist die mannigfaltigste Vermischung und es ist sehr wichtig zu bemerken, daß gerade diese ursprüngliche Fremdartigkeit in den Elementen, die ein Volk constituirt haben, den Autochthonen entgegengesetzt, die Bedingung zur Lebendigkeit, zur Regsamkeit wird; in den Familien, in den Stämmen, aus denen jene patriarchalischen Staaten bestehen ist die größte Gleichförmigkeit, die keine Aufregung in sich hat zum heraustreten aus der Beschränktheit; die Griechen so wie die Römer haben sich aus dieser colluvies, aus diesem Zusammenfluß der verschiedensten Na|tionen gebildet, so sind auch die meisten Europäischen Nationen entstanden. Von dieser Menge von Völkerschaften, die wir in Griechenland antreffen, ist nicht anzugeben, welche eigentlich ursprünglich griechische gewesen, und welche aus fremden Ländern und Welttheilen eingewandert seyen. Jene Zeit ist eine Zeit des Ungeschichtlichen und Trüben: ein Hauptvolk in Griechenland waren damals die Pe l a s g e r ; die verwirrten und sich widersprechenden Nachrichten, die wir von ihnen haben, sind von den Gelehrten auf die mannigfaltigste Weise in Einklang gebracht worden und jene trübe Zeit ist denn ein besondrer Gegenstand der Gelehrsamkeit, indem man sich aus den wenigen bestimmten Daten vielerlei Vorstellungen machen kann. Die einzelnen Stämme und Individuen haben leicht ihr Land verlassen, wenn eine zu große Menge dasselbe überfüllte; besonders ein guter Boden war häufigen Veränderungen der Bewohner ausgesetzt; 3 die mannigfaltigste Vermischung] Ak: eine Menge von Staemmen und ihre mannigfaltigste Vermischung 7–9 in den … Beschränktheit] Wi: wo jenes nicht ist, fehlt die Aufregung zur Mannigfaltigkeit und Herausbildung aus der Einförmigkeit und beschränkung 8 größte Gleichförmigkeit] Ak: patriarchalische Gleichförmigkeit, fest begraenzte Beschraenktheit 9–10 die Griechen … gebildet] Ak: Im Atheniensischen Volke war die größte Colluvies der verschiedensten Staemme und Völker. Eben dieser Gegensatz in sich selbst ist das treibende gaehrende Element, das die grosse Entwickelung und Bildung hervorbringt. Wi: das Römische Volk ist ebenso ein Colluvies gewesen, und unter den Griechen war das Athenische Volk wiederum die größte Colluvies 11 Europäischen Nationen entstanden] Wi: Staaten Europas sind aus 2 oder mehreren Völkern ursprünglich gebildet. Das patriarchaliche Herausbilden aus Einem heraus finden wir nicht bei griechenland. 12 nicht anzugeben] Wi: theils ungewiß theils gar nicht auszu machen 13–14 und welche … seyen] Wi: auch von denen wir es am meisten vermuthen ist zugleich erwiesen, daß sie nicht in ihren Stammländern geblieben sind 17–18 auf die … worden] Wi: aufs verschiedenste zu verknüpfen gesucht 18–19 jene trübe … Gelehrsamkeit] Wi: Es ist diß ein trüber Zustand. Thucydides spricht über denselben und über diese Besonderungen und die Lebensart und andre dinge jener Zeit ganz bestimmt. 20–22 Die einzelnen … ausgesetzt] Ak: Thucydides sagt: es seien unstreitig viele Wanderungen in Griechenland geschehen, indem die Völker bei dürftiger Lebensart ohne Handel pp sich leicht bewegen liessen, auszuwandern, sobald sie von irgend einem andern Volke gedraengt wurden. Besonders waren die Völker, die guten Boden besassen, haeufigen Einfaellen ausgesetzt gewesen, und diese Laender haetten oft die Bewohner gewechselt.

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wie Thessalien, Böotien, ein großer Theil des Pelopones; es entsteht daselbst bald eine Ungleichheit des Besitzes und dann Zwistigkeit und Unruhen; die Eingeborenen waren den Einwandrungen andrer Nationen ausgesetzt, dennoch haben sich die Bewohner im Ganzen nicht verändert, nur daß sie sehr gemischt waren; die Stämme waren aber im Zustand des Wanderns, sie beraubten sich gegenseitig; „Noch bis jetzt, sagt der sinnige Thucydides, befinden sich, die Lokrer, Acarnanier etc. | in solchem Zustande und führen noch eine solche Lebensart, daher hat sich auch bei ihnen die Sitte Waffen zu tragen selbst im Frieden noch erhalten.“ Thucydides rechnet es den Athenern hoch an, daß sie die ersten waren, die die Waffen im Frieden abgelegt haben. Bei solchem Zustande wurde kein Ackerbau betrieben, die Einwohner hatten sich nicht nur gegen Räuber zu vertheidigen, sondern auch den Kampf mit wilden Thieren zu bestehen; (noch zu Herodot’s Zeiten hauste eine Löwenbrut am Acheloos in Akarnanien) später wurde besonders zahmes Vieh der Gegenstand der Plünderung und selbst nachdem der Ackerbau schon allgemeiner geworden war, wurden noch Menschen geraubt und als Sklaven verkauft: der sinnige Thucydides malt uns diesen Zustand Griechenlands noch weiter aus. – Griechenland war also in diesem Zustand der Unruhe, der Unsicherheit, der Räuberei und seine Völkerschaften fortwährend auf der Wandrung; Kreta ist es dann, das gerühmt wird als das Land, wo zuerst der Zustand und die Verhältnisse fest geworden sind und dem Minos wird es zugeschrieben, daß er die Seeräuberei unterdrückt habe; in Kreta trat früh dieser Zustand ein, den wir nachher in Sparta wiederfinden, daß nämlich die eine Parthei die herrschende, die andre ihr unterworfen und gezwungen war zu dienen und die Arbeiten zu verrichten, die jene als ihrer unwürdig hielt; es war nämlich aus Asien ein Stamm herübergekommen, der | die Kretenser sich zu Sklaven gemacht hatte; (in Lacedämonien war dies nicht der Fall, daß Fremde über Eingeborne geherrscht hätten). – Nachdem wir den Zustand auf den festen Lande betrachtet haben, kommen wir nun zu dem andern Element Griechenlands, zu dem des Meeres, von dem Griechenland von allen Seiten bespült wird, indem es zum Theil aus Inseln, zum Theil aus Halbinseln besteht. Die Griechen haben sich frühzeitig auf das

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3–5 dennoch haben … waren] Wi: Er [sc. Thukydides] sagt, daß Attika wegen der Unfruchtbarkeit des Bodens weniger in seinen Bewohnern verändert wurde, deswegen auch meist dieselben Bewohner daselbst. 5–9 sie beraubten … erhalten.“] Ak: Er fügt dann hinzu, daß die Völker vielfach in Raub und Plünderung gegen einander gewesen, und daß noch zu seiner Zeit einige derselben zu 35 diesem Behufe Waffen trugen. 16 Menschen] Wi: Kinder und Frauen 20 fest] Wi: ruhig und cultivirt 25 es war … herübergekommen] Wi: Wahrscheinlich war hier der Fall, daß ein Stamm, eine Völkerschaft von Asien herüberkam 26 Lacedämonien] Wi: In Griechenland ist diß nicht der Fall gewesen 28–29 Nachdem wir … Meeres] Ak: Ein eben so wichtiges Element als das Land, ist für Griechenland das Element des Meers. 40

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Element des Meeres gewendet, es wurde aber keineswegs zu ihrem alleinigen Element, wie bei den Phöniziern, die, so zu sagen, landlos waren; der Zustand auf dem Meere war im Ganzen derselbe als der auf dem Land; es herrschte da ebenso eine allgemeine Seeräuberei; man raubte von den Küsten das Vieh, Menschen usw. und das Meer war noch nicht Bindemittel für den Handel sondern für den Raub. Die Anfänge zu einiger Bildung hängen mit der Ankunft von Fremden in Griechenland ab; und die Griechen haben diese Anfänge des sittlichen Lebens mit dankbaren Andenken auf bewahrt in einem Bewußtseyn, das wir m y t h o l o g i s c h nennen können: in der Mythologie hat sich die bestimmte Erinnerung der Einführung des Ackerbaus durch Triptolemus, von der Ceres unterrichtet, erhalten, so wie von der Stiftung der Ehe usw.; dem Prometheus, dessen Vaterland nach dem Kaukasus hin verlegt wird, | wird es zugeschrieben, daß er die Menschen zuerst gelehrt habe, das Feuer zu erzeugen und von demselben Gebrauch zu machen; die Einführung des Eisens ist den Griechen ebenfalls sehr wichtig, Homer spricht fast nur vom Erz, Aeschylus nennt das Eisen den scythischen Fremdling; die Anpflanzung des Oelbaums, die Einführung des Spinnens und Webens, die Erschaffung des Pferdes durch Poseidon usw. – alle diese Anfänge sind zwar nicht geschichtlich auf bewahrt, haben sich aber im Bewußtseyn der Griechen erhalten, so wie, daß sie von Außen hereingekommen sind. – Mehr geschichtlich ist dann die Ankunft der Fremden überhaupt; es wird angegeben, wie die verschiedenen Staaten von Fremden gestiftet worden sind: die Gründung von Athen wird dem Cekrops, einem Egypter zugeschrieben, dessen Geschichte aber in’s Dunkel gehüllt ist; viele Kolonien aus Asien sollen sich dann in Griechenland niedergelassen haben, auch das Geschlecht des D e u k a l i o n wird vom Kaukasus hergeleitet, da Deukalion der Sohn des P r o m e t h e u s gewesen; damit wird in Zusammenhang gebracht, daß die unterschiedenen Stämme, den Ursprung und Namen von seinen Söhnen haben; ferner wird Pe l o p s , ein Lydier, aus dem Geschlecht des Tantalus erwähnt; von ihm stammen dann Acrisius, Danae und Perseus ab; er soll mit großem Reichthum nach Griechenland gekommen seyn und sich dadurch ein | bedeutendes Ansehen und Macht verschafft haben. D a n a u s , ebenfalls aus Asien, siedelte sich in Argos an; besonders wichtig ist die Ankunft des K a d m u s , Phönizischen Ursprungs, mit 2 bei den Phöniziern] Wi: Tyrus

3 Land] Wi: festen Lande

4 Seeräuberei] Ak: Seeraeuberei, 4–5 man raubte … Menschen] Wi: Carier besonders trieben Mensch und Vieh weg, auch die Griechen selbst nahmen Antheil daran. 8 Anfänge] AkWi: Anfaenge der Cultur und 17 Oelbaums] Ak: Oelbaums der Minerva 20 sind] Wi: sind, liegen genug darin 24 Asien] Wi: Asien und Kleinasien

35 besonders der Carier, an der aber die Griechen selbst Theil nahmen

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dem die Buchstabenschrift nach Griechenland gekommen seyn soll; er gründete, der Sage nach, Theben; Herodot läßt sich weiter über die Einführung der Buchstabenschrift aus und sagt die alten Buchstaben seyen Phönizisch gewesen, dabei führt er alte, damals noch vorhandene, Inschriften an um seine Behauptung zu unterstützen; der Gebrauch der Buchstabenschrift ist Anfangs noch sehr eingeschränkt geblieben. – Wir sehen also da eine Kolonisation von gebildeten Völkern, die den Griechen in der Bildung schon weit voraus waren; man kann diese Kolonisation aber nicht mit der der Engländer vergleichen in Nordamerika, denn diese haben sich nicht mit den Einwohnern vermischt, sondern dieselben verdrängt; die Zeit, in welche die Ankunft dieser Kolonieen gesetzt wird, steigt sehr weit hinauf und fällt in das 15te und 14te Jahrh. vor Chr.; Kadmus soll Theben gegen das Jahr 1409 gegründet haben; der Auszug Moses aus Egypten fällt um 1500 v Chr. Auch A m p h i k t y o n wird unter den Stiftern im Hellas genannt, er soll in Thermopylä einen Bund zwischen mehreren kleinen Völkerschaften des eigentlichen Hellas und Thessaliens gestiftet haben, woraus später | der große Amphiktyonenbund entstanden ist. – Diese Fremdlinge haben festere Mittelpunkte in Griechenland gebildet durch die Errichtung von festen Burgen und die Stiftung von Königshäusern; sie sind den Griechen als Geschlechter von höherer Natur erschienen, indem sie ausgezeichnet waren durch Bildung, Reichthümer, Geschicklichkeit, ihre Bewaffnung usw. Was die Griechen damals an köstlichem Geschmeide und drgl. hatten, war ihnen aus der Fremde gekommen, (wie wir im Homer sehen) sie mußten daher diese Fremden, die eine höhere Bildung mitbrachten, hochachten. Die Mauerwerke, aus welchen jene alten Burgen bestanden, wurden Cyclopische genannt; (man hat dergl. auch noch in neueren Zeiten gefunden, da sie wegen ihrer ungeheuren Festigkeit fast unzerstörbar sind; die Mauersteine sind nicht glatt abgehauen, sondern sorgfältig ineinander gefügt) aus solchem bestand das Schatzhaus des Minyas, die Mauern von Orchomenus, die Mauern

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1–2 er gründete, … Theben] Wi: Sein Vater Agenor habe in Tyrus geherrscht. 2 läßt sich] Wi: läßt sich im 11t e n Buch 5 Anfangs] Wi: lange 6–7 von gebildeten Völkern] Ak: von gebilde- 30 ten Fremden Wi: von Fremden und gebildeten Völkern 9 Einwohnern] Wi: Ureinwohnern 10 verdrängt] Wi: verdrängt haben. – diesen und anderen Fremdlingen wird der Staatenbeginn zugeschrieben 10–11 die Zeit, … hinauf ] Ak: Ihnen wird der Ursprung der besondern Staatenstaedte zugeschrieben 12 1409] Ak: 1490 18 Burgen] Ak: Burgen, um zu herrschen über die Einheimischen Wi: Burgen […] und Herrschafften über die benachbarten 19 Geschlechter von 35 höherer Natur] Wi: angekommene Götter 24 Die Mauerwerke] Wi: Die burgen die diese gestiftet haben machen die Mittelpunkte aus. die Mauerwerke 27 glatt abgehauen, … gefügt] Wi: künstlich behauen, sondern vielseitig gelassen wurden, aber eine Fläche aus ihnen gemacht und dann in einander gefügt Ak: wie gewöhnlich zusammengefügt, sondern in merkwürdigen (natürlichen) Formen behauen, und dann sorgfaeltig zusammen|gefügt 40

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von Mycene, das Schatzhaus des Atreus daselbst; (gegenwärtig findet man noch Reste dieser Mauern von Mycene und erkennt auch noch die Thore nach der Beschreibung des Pausanias). Vom Prötus wird angegeben, daß er die Cyklopen, die diese Mauern gebaut, aus Lycien mitgebracht habe. – Diese Burgen wurden nun die Mittelpunkte für kleine Staaten, sie gaben eine größere Sicherheit für den Ackerbau, den Verkehr gegen die Räubereien; | dennoch wurden sie, wie Thucydides berichtet, nicht unmittelbar am Meere errichtet, und nur erst später wurden Städte am Meeresufer gebaut. Von jenen Königshäusern ging also die erste Festigkeit eines Zusammenlebens aus; das Verhältniß der Fürsten zu den Unterthanen erkennen wir am besten, sowie das der Fürsten zu einander, aus dem Homer; das Verhältniß der Fürsten zu den Unterthanen beruhte noch nicht auf einem gesetzlichen Zustand, sondern auf der Uebermacht des Reichthums, des Besitzes, der Bewaffnung, der persönlichen Tapferkeit; es war ein Verhältniß des Zutrauens, mehr aber noch der Furcht: so sehen wir im Homer, die Freier der Penelope sich in den Besitz des abwesenden Odysseus setzen, ohne dessen Sohn im geringsten zu achten; Achill sagt: sein Vater werde, da er alt sey, nicht mehr geachtet seyn. Die Sitten sind noch sehr einfach, die Fürsten bereiten sich selbst das Essen zu und so durch alle Verhältnisse durch; Odysseus hat sich sein Haus selbst gezimmert und drgl. mehr. Was die Fürsten Kostbares besitzen, sind meist Geschenke von Gastfreunden; sie legen eine große Wichtigkeit auf diese Dinge und geben diese ursprüngliche Empfindung der Freude am Besitz zu erkennen. – In diesem Zustande, bei diesen Verhältnissen ist das Auffallende und Große geschehen, daß ganz Griechenland zu einer Nationalunternehmung vereinigt |

25 2 Mycene] Wi: Tyrins und Micaenae

3 Pausanias] Wi schließt an: Auch an andren Orten wie Spanien hat man solch Construction gefunden. 6 Ackerbau] Wi: Ackerbau und innren Verkehr Räubereien] Wi: Räubereien vom Meere aus Ak: Seeraeubereien 7 errichtet] Wi: gebaut, sondern davon etwas entfernt, wie Thucydides erzählt 8 später] Wi: später als die Sicherheit größer wurde Städte am Meeresufer] Wi: Städte nahe am Meer mit Mauern Königshäu11 Homer] Wi: 30 sern] Wi: K ö n i g s h ä u s e r , aus eigenthümlichen, besonderen Geschlechtern Homer, wir sehen sie da im Verhältniß zu einander und zu ihren Unterthanen 14 es war … Furcht] Wi, ähnlich Ak: Indem unter ihnen die Völkerschafften Ruhe gewannen hatten sie Ehrfurcht und Zutraun zu diesen (Ak: in einer Art patriarchalischen Zustandes). Es kam hauptsächlich darauf an, daß solcher Häuptling sich in seiner herrschafft behauptete durch seine Persön lich keit. 16 ohne dessen … achten] Ak: obgleich sein Sohn Telemach 35 15 im Homer] Wi: in der Odyssee und seine Gemahlinn vorhanden waren 17 Sitten] Wi: Sitten dieser Könige 18 die Fürsten … zu] Wi: Sie schlachten d.h. opfern und bereiten sich selbst ihre Speise, stecken ihre Speise an den Spies und braten es. 20–22 sie legen … erkennen] Wi: Jeder besitz eines solchen häuptlings wird besonders hoch geschätzt im Homer, Scepter, Becher, Gewänder pp. diese Freude am besitz und 40 Wichtigkeit die auf Möbeln gelegt wird ist die ganz ursprüngliche Empfindung des Geehrtseyns Ak: auch jene Freude am Besitz von künstlichen Sachen pp ist kindlich 24 Nationalunternehmung] Wi: Generalvereinigung

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worden ist, nämlich zum Trojanischen Krieg und daß damit eine Verbindung mit Asien, die für die Griechen sehr folgenreich gewesen ist, begonnen hat: als Veranlassung dieser gemeinsamen Angelegenheit wird angegeben, daß ein Fürstensohn aus Asien sich der Verletzung des Gastrechts durch Schändung schuldig gemacht habe; die Griechen und Dichter die den Trojanischen Krieg besingen, erwähnen meist auch den Zug des Jason nach Kolchis, doch dies ist dagegen ein sehr vereinzeltes Unternehmen gewesen. Agamemnon versammelte die Fürsten Griechenlands durch seine Macht und sein Ansehen und es zeigt sich da zuerst ein Zusammenhang, ein Gefühl des Zusammengehörens obgleich sämmtliche Fürsten unabhängig sind; Thucydides schreibt die Autorität des Agamemnon über die andren Fürsten seiner Ueberlegenheit zur See zu; man sieht jeden Falls, daß durchaus keine Herrschaft vorhanden gewesen sondern das Ganze hat sich auf eine einfache, persönliche Weise zusammengefunden. Die Hellenen sind dazu gekommen sich als Gesammtheit zu wissen und nie sind sie nachher wieder zu solchem politischen Unternehmen vereint gewesen; der Erfolg ihrer Anstrengung war die Eroberung und Zerstörung von Troja, ohne daß sie dasselbe zu einem bleibenden Besitz machen wollten; die Vorstellung der ewigen Jugend und des schönen Heldenthums ist ihnen geblieben, aber ein äußerliches Resultat, daß sich Griechen | in jener eroberten Gegend niedergelassen hätten, ist nicht erfolgt; so sehen wir auch im Mittelalter die ganze Christenheit sich zu einem Zweck verbinden aber am Ende eben so erfolglos; nur eine größere Zerrüttung ist darauf erfolgt als äußerliches Resultat; das war auch die nächste Folge in Griechenland: die Königshäuser gingen theils durch individuelle Gräuel zu Grunde, theils erloschen sie nach und nach; es war keine eigentlich sittliche Verbindung zwischen ihnen und den Völkern vorhanden; im Homer sehen wir die Fürsten nur in Beziehung aufeinander, das Volk ist als zuschauender Chor

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1–2 nämlich zum … Asien] Ak: Der | trojanische Krieg war also die erste gemeinsame Unternehmung Griechenlands gegen Asien. (Die Expedition des Jason gegen Colchis ist etwas Einzelnes vom Einzelnen.) 4–5 aus Asien … habe] Wi: von Troja verletzt das Gastrecht und die Ehe eines Königshauses 6 erwähnen meist] Wi: führen von der älteren beziehung Griechenlands auf 30 Asien 7 vereinzeltes Unternehmen gewesen] Wi: vereinzeltes, der Trojanische Krieg aber ist etwas gemeinsames 9 Zusammenhang] Wi: Zusammenhang von sonst unter sich unabhängigen Fürsten 10 Agamemnon] Ak: Agamemnon, die die Griechen versammelt 11 zu] Ak: zu; Persönlichkeit war wohl die Hauptsache 14 als Gesammtheit] Wi: als Eins nie sind … wieder] Ak: Spaeter bis auf Alexander sind die Griechen niemals wieder 16 von Troja] Wi: jenes Landes, 35 die weiteren Folgen bestanden in großen Veränderungen in den Königshäusern 18 des schönen Heldenthums] Ak: einer schönen menschlichen Heldenkraft äußerliches] Wi: affir matives 20 erfolgt] Ak schließt an: eine weitere Folge aber grosse Veraenderungen in den Königsfami lien Christenheit] Wi: Christen in dern Kreuzzügen nach Asien 21–22 eine größere Zerrüttung] Ak: ein um so grösseres Zerfallen aus jener Einigkeit 24 erloschen sie … nach] Ak: durch stilles 40 Erlöschen eigentlich sittliche] Ak: politische, eigentlich sittliche 25 im Homer] Ak: Im Kriege von Troja sind | die Völker auch mit, und nehmen Theil

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dargestellt; es gehört zwar auch wesentlich dazu, aber das Bild des Kriegführens erscheint doch immer so, daß nicht in der Masse die Entscheidung und die wahre Kraft liegt, und daß die Fürsten nicht bloß Anführer derselben sind, sondern sie sind die vorzüglich Handelnden, sie sind es die durch Zweikämpfe mehr als Schlachten entscheiden. Das Volk erscheint getrennt von den Königshäusern und diese gelten als etwas Fremdartiges, als etwas Höheres, das seine Schicksale in sich auskämpft und ausleidet; sie sind so isolirt geblieben und haben sich allen Leidenschaften überlassen, wodurch sie dann zu Grunde gegangen sind. Die Königshäuser sind also durch Gewaltthätigkeiten zu Grunde gegangen oder durch andre äußerliche Ursachen erloschen. Die Geschichte Kodrus, Königs von Athen ist bekannt, | in Korinth starb der letzte König und hinterließ nur eine Tochter, welche sich mit ihren Schätzen nach Athen flüchtete; die Könige bekamen ein Gewisses von dem Volk und gelangten auf diese Weise bald zu großem Reichthum, so schreibt auch Pisistratus dem Solon, daß er von den Atheniensern nichts weiter verlange, als das, was seiner Familie, (als dem Königshause) zukomme. – Nach dem Trojanischen Kriege sind also die Königshäuser zerfallen und viele Veränderungen dabei eingetreten: der Pelopones wurde durch die Herakliden erobert und darauf trat ein beruhigter Zustand in Griechenland ein, der nicht mehr durch die unauf hörlichen Wandrungen der Völkerschaften unterbrochen ward; die Geschichte tritt nun wieder mehr in’s Dunkel zurück und wenn der Trojanische Krieg und die einzelnen Begebenheiten desselben uns sehr genau bekannt sind, so sind wir über die wichtigen Angelegenheiten der nächstfolgen-

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3–4 nicht bloß … Handelnden] Wi: nicht bloß die Generale wie jetzt sondern die Haupthelden 25 4 durch Zweikämpfe] Ak: in Zweikaempfen, wozu das Volk, wie in den Dramen, den Chor macht

5 erscheint getrennt] Wi: verhält sich wie ein Chor, so abgetrennt 6 Fremdartiges, als etwas Höheres] Wi: Fremdes, Heroenartiges 7 sie sind so] Wi: Ohne diß sittliche Band, | sind diese Königshäuser 8–10 Die Königshäuser … erloschen.] Ak: Die Fürsten sind das Hauptgeschlecht, das seine Leidenschaften und Thaten und Erregungen unter sich auskaempft und ausleidet, und 30 überliessen sich in der Wirklichkeit so isolirt ihren Leidenschaften und Gewaltthaetigkeiten, durch die sie untergingen, wie in Mycene. Oder sie erloschen, wie in Athen ohne Kampf und Hass. 10–11 Die Geschichte … bekannt] Wi: Es fängt in Griechenland wie in Rom der politische Zustand mit dem Königthum an, aber sie werden nicht durch eine Insurrection vertrieben; die Geschichte des Codrus 11 der letzte König] Wi: Klisthenes der König in Corinth 12 welche sich … 35 flüchtete] Wi: seine Tochter geht darauf nach Athen und heirathet daselbst einen Bürgersmann 17 Nach dem Trojanischen Kriege] Ak: Nach diesem aber ohngefehr 80. Jahre nach dem Trojanischen Kriege 17–18 viele Veränderungen] Ak: viele Verwirrungen Wi: viele sonstige Veränderungen und Verwirrungen 18 Pelopones] Wi: Peloponnes (80 nach dem Trojanischen Krieg) 19 darauf trat … ein] Wi: nun erst ist, nach Thucydides ein ruhiger Zustand, und größere Sicherheit 21 wieder mehr in’s Dunkel] Ak: ein langes Dunkel durch mehrere Jahrhunderte 40 eingetreten der Geschichte

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den Zeit um mehrere Jahrhunderte ungewiß; kein gemeinschaftliches Unternehmen zeichnet dieselbe aus, wenn wir nicht als solches ansehen wollen, das, von dem Thucydides spricht; er erzählt nämlich, daß am Kriege der Chalcidier in Euböa mit den Eretriern mehrere Völkerschaften Theil genommen haben. In dieser Isolirtheit sind die Städte, besonders durch den Handel, gediehen, obgleich sie im Innern durch mannigfaltige Zwistigkeiten und Partheikämpfe zerrissen wurden; auf gleiche | Weise sehen wir die Städte Italien’s, die sowohl innerhalb als nach Außen hin in beständigem Kampfe begriffen waren, zu jenem hohen Flor gelangen. Das große Gedeihen der griechischen Städte in damaliger Zeit beweisen auch, wie Thucydides sagt, die nach allen Seiten hin verschickten Kolonieen; so besetzte Athen mit seinen Kolonieen Jonien und eine Menge Inseln; von Pelopones aus ließen sich Kolonieen in Italien und Sicilien nieder: diese Kolonieen sind dann wieder relative Mutterstädte geworden wie Milet, das viele Städte an der Thracischen Küste und am schwarzen Meere gegründet hat. – Dieses Ausschicken von Kolonieen besonders im Zeitraum nach dem Trojanischen Kriege bis auf Cyrus ist hier eine eigenthümliche Erscheinung. In den einzelnen Städten hatte das Volk die Regierungsgewalt in Händen, indem es die Angelegenheiten in höchster Instanz entschied; durch die lange Ruhe nahm die Bevölkerung und Entwicklung sehr zu; die nächste Folge davon war die Anhäufung eines großen Reichthumes, mit welchem sich zugleich immer die Erscheinung von großer Noth und Armuth verbindet; denn je größer in einem Staat der Reichthum, desto größer ist auch die Armuth: aber ein großer Theil der ärmeren Klasse ließ sich nicht zur Lebensweise der Noth herabdrücken, denn jeder fühlte sich als freier Bürger; das einzige Auskunftmittel blieb dann | die Kolonisation; in einem andern Lande suchten sie sich einen freien Boden und wußten als freie Bürger durch den Ackerbau zu bestehen. Die Kolonisation ist ein Mittel, einigermaßen die Gleichheit unter den

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1–2 kein gemeinschaftliches Unternehmen] Wi: Die Städte sind da isolirt gewesen, nichts Gemeinschafft liches. 5 Isolirtheit] Ak: Stille 6 mannigfaltige Zwistigkeiten] Ak: viele innere Unruhen und Zwistigkeiten 7 Städte Italien’s] Wi: Staaten Oberitaliens im Mittelalter 11 Kolonie- 30 en] Wi: Colonien besonders nach Kleinasien 17–18 In den … entschied] Wi: Griechische Städte also für sich, ohne Könige waren in einem solchen Zustand, daß das Volk der Städte das Herrschende war, in dessen Händen sich alle Angelegenheiten befanden. 22–24 aber ein … Bürger] Ak: Allein bei der Gleichheit der Bürger in den Griechischen Staedten liessen sich die Bürger nicht zu jener aeussersten Dürftigkeit deprimiren, nicht zwingen, elender zu leben als ihre 35 Mitbürger. 23 Lebensweise der Noth] Wi: deprimirung der Noth 24 jeder fühlte … Bürger] Wi: Es war die Gleichheit der bürger, die frei bleiben wollten und nicht Sclaven werden wollten. 24–25 Auskunftmittel] Wi: auskunfts mittel gegen die Verarmung eines Theils 26–27 und wußten … bestehen] Ak: um gleichsam standesmaessig als freie | Bürger zu leben 27 Mittel] AkWi: Hauptmittel einigermaßen] Wi: im allgemeinen wenigstens 40

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Bürgern zu erhalten, doch auch das hilft sehr wenig; es tritt augenblicklich wieder die Ungleichheit im Staate durch die des Vermögens ein, denn die reelle, wirkliche Gleichheit bezieht sich nothwendig auf das Vermögen und hängt von demselben ab. Die Ungleichheit zeigte sich also wieder, die Leidenschaften entstanden mit erneuter Kraft unter den Bürgern und der Reichthum wurde bald zur Herrschaft benutzt; so erhoben sich in den Städten Griechenlands Ty r a n n e n . – Zur Zeit des Cyrus geht die geschichtliche Periode in Griechenland wieder an; wir sehen die Kolonieen nun in ihrer partikulären Bestimmtheit; in diese Zeit fällt auch die Ausbildung des eigentlich griechischen Geistes, R e l i g i o n und S t a a t s v e r f a s s u n g bilden sich mit ihm und diese wichtigen Momente sind es, die uns jetzt beschäftigen müssen. – Wenn wir den Anfängen griechischer Bildung nachgehen, so bemerken wir zunächst, wie die Griechen auf die Erscheinungen der Natur lauschen, die in so großer Mannigfaltigkeit um sie her vorhanden sind; die physische Beschaffenheit ihres Landes nimmt nicht eine solche charakteristische Einheit an, die diese gewaltige Macht über die Bewohner ausübt, sondern | die Natur ist im Ganzen zerstückelt und gewinnt daher nicht einen so großen Einfluß; wir sehen nun die Griechen einerseits nach allen Seiten hin angeregt, unstet, zerstreut, abhängig von den Zufällen der Außenwelt; auf der andern Seite die Naturerscheinungen geistig wahrnehmen, sie sich aneignen und sich kräftig gegen sie verhalten. Wenn wir den Anfängen ihrer Religion, der Grundlage ihrer mythischen Vorstellungen nachgehen, so sind das Naturgegenstände aber in ihrer Vereinzelung; die Diana zu Ephesus, d.°i. die Natur als die allgemeine Mutter, die Cybele und

25 1 zu erhalten] Ak: erhielten, die jetzt nicht zu erreichen ist

2 Ungleichheit] Wi: ungeheure Ungleichheit 2–3 die reelle, … Vermögen] Wi: man spricht zwar von der Gleichheit vor dem gesetze, diß aber nur die abstracte Einheit, nicht die Concrete Gleichheit, die wirklich ist 4 Die Ungleichheit … wieder] Ak: Indem so der Ungleichheit der Bürger in den Staedten von einer Seite abgeholfen wurde, konnte sie von der andern Seite doch nicht ausbleiben. 6–7 so erhoben … 30 Ty r a n n e n ] Ak, ähnlich Wi: Thukydides bemerkt, daß (Ak: in jener geschichtlichen Ruhe Wi: Mit dem Reichthum) sich in den Staedten Tyrannen erhoben 7 die geschichtliche Periode] Wi: das eigentlich Geschichtliche 8 Kolonieen] Wi: Staaten 9 des eigentlich griechischen Geistes] Wi: des eigenthümlichen griechischen Geistes, dessen Eigenthümlichkeit wir jetzt kennen lernen müssen 10–11 R e l i g i o n und … müssen] Ak: Diesen zu erfassen und zu begreifen, müssen wir 35 zunaechst besonders das religiöse Element und den Character der Poesie und Staatsverfassung in Griechenland betrachten. 12 griechischer Bildung] Wi: des r e l i g i ö s e n b e w u ß t s e i n s der Griechen 18 angeregt] Ak: angeregt, ungewiß mit ihr 20 geistig wahrnehmen, … verhalten] Ak: angreifen, ihr entgegentreten und sich aneignen 21 mythischen] Wi: mythologischen 22 Naturgegenstände] Ak: Naturgegenstaende, die Mutter Natur, die ihren Vorstellun23 die Natur … Mutter] Wi: das ganze, die 40 gen gleichsam vorstand Wi: Naturvorstellungen Mutter Natur

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Astarte in Syrien, dergleichen allgemeine Vorstellungen sind Asiatisch geblieben und nicht nach Griechenland herübergekommen. Die Griechen erscheinen uns im Verhältniß mit den mannigfaltigsten Naturgegenständen, wir sehen sie auf die Naturerscheinungen lauschend, als ahnend mit der innerlichen Frage nach der Bedeutung derselben; dieses ahnungsvolle, lauschende, auf die Bedeutung begierige Verhalten, wird uns im Gesammtbilde des P a n vorgestellt: Pan, das All – das, weiter für sich entwickelt, würde jene allgemeine Mutter Natur geben; Pan ist aber nicht das objektive Ganze, sondern dies Unbestimmte, das zugleich mit dem Momente des Subjektiven verbunden ist: er ist der allgemeine Schauer in der Stille der Wälder; daher ist er besonders in dem waldreichen Arkadien verehrt worden, (ein Panischer Schreken | ist ein gewöhnlicher Ausdruck für: grundlosen Schreck); Pan, dies Schauererweckende wird dann als Flötenspieler vorgestellt: er ist also nicht das Objektive, das nur geahnet wird, sondern er läßt sich auf der siebenrohrigen Pfeife, (was die Harmonie der 7 Sphären andeutet) vernehmen. Eben so horchten die Griechen auf das Gemurmel der Quellen und fragten, was das zu bedeuten habe; und die Auslegung, die Erklärung dieser natürlichen Veränderungen, des Sinnes, der Bedeutung des Geistigen, das ist das Thun des subjektiven Geistes, was die Griechen mit dem Namen mbnsf±b belegten; die meisten griechischen Gottheiten sind geistige Individuen, ihr Anfang aber war ein Naturmoment; so ist auch bei den M u s e n das zu Grunde liegende die Quelle, dann die Najade, Nymphe der Quelle; bei A p o l l ist der anfängliche Naturmoment: die Sonne; Apoll ist aber so sehr die wissende Gottheit geworden, daß Müller in seiner Archäologie sogar sagt, das Naturelement der Sonne sey gar nicht in ihr gewesen; eben so ist bei andern Gottheiten der Anfang das Natürliche, das auf geistige Weise gefaßt ist. So haben die Griechen von Göttern gewußt, wo das Naturelement zurückgedrängt

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3 mit den mannigfaltigsten Naturgegenständen] Ak: zu diesen Bergen, diesen Flüssen, diesem Meere stehen, nicht dem allgemeinen, sondern diesem aegeischen Meere Wi: zu den einzelnen Naturtheilen zb. gewissen Quellen, bergen, Wäldern, und dem zerstückelten Meer im Verhältniß stehen 6 P a n ] Wi: Pan ( n) 8 Pan] Ak: Pan, das Ganze Unbestimmte] Ak: Unbestimm- 30 te, Objective Wi: unbestimmte ganze 9 Momente des Subjektiven] Ak: subjectiven Gefühle 12 grundlosen Schreck] Ak: unbestimmter Schrecken 16 fragten, was … habe] Wi: diß ist die geistige Sinnigkeit des Subjectes 16–18 die Auslegung, … Geistes] Ak: Diese Bedeutung war aber die sinnige Individualitaet, (?) die mbnsfjb, die Natur wahrnehmen und sie erklaeren, war die Grundlage der religiösen Vorstellung der Griechen. 16–17 die Auslegung, die Erklärung] 35 Wi: das Auslegen und Auffassen und Erklären 19–20 geistige Individuen] Ak: geistiger Art 21 die Quelle, … Quelle] Ak: blosse Quelle, dann Najaden, und endlich erst Musen Wi: die Quellen, die murmeln, dann erst die Musen 23 Müller in seiner Archäologie] Wi: O. Müller in den Doriern 26 gewußt] Wi: gewußt, die geistig gewesen

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gewesen ist. Sie betrachteten die Natur auf eine sinnige Weise und verlangten nach einer Auslegung, einer Erklärung: Homer erzählt im letzten Buche der Odyssee, daß als die Griechen die | dem Achilles zu Ehren eine große Leichenfeier angestellt hatten, und noch ganz in Trauer versenkt waren, ein großes Tosen und Stürmen des Meeres entstanden sey, die Griechen seyen schon im Begriff gewesen auseinanderzufliehen, da stand der erfahrene Nestor auf und e r k l ä r t e ihnen diese Erscheinung: Die Thetis, sagte er, komme mit ihren Nymphen, um den Tod ihres Sohnes zu beklagen; als eine Pest im Lager der Griechen wüthete, gab der Priester Kalchas ihnen die Auslegung: Apoll sey erzürnt, daß man seinem Priester Chryses die Tochter für das Lösegeld nicht zurückgegeben habe. Das O r a k e l hatte ursprünglich auch ganz diese Form der Auslegung: nur im Traume, in der Begeisterung hat der Mensch die Gabe der Weissagung, es gehört aber Einer dazu, der seine Worte denn auszulegen weiß und das ist der m'nsju; das älteste Orakel war zu Dodona in Aetolien, (in der Gegend des heutigen Janina) Herodot sagt, die ersten Priester des Tempels daselbst seyen aus Egypten gewesen und doch wird dieser Tempel als ein ganz alt griechischer angegeben: derselbe war von alten Eichen umgeben und das Gesäusel der Blätter war da die Weissagung (Øtllombnsf±b); es waren daselbst auch metallene Becken aufgehängt, die Töne der zusammenschlagenden Becken waren ganz unbestimmt, hatten keinen objektiven Sinn, sondern der Sinn, die Bedeutung kamen erst durch die auffassenden Men|schen hinein; so gaben auch die delphischen Priester bewußtlos, besinnungslos, im Taumel der Begeistrung, unvernehmliche Töne von sich und erst der m'nsju legte eine bestimmte Bedeutung hinein. In der Höle des Trophonius hörte man das Geräusch von unterirdischen Gewässern, es stellten sich Gesichte dar; dies Unbestimmte gewann auch erst die Bedeutung durch den auslegenden, auffassenden Geist. Der Dichter war dann besonders dieser m'nsju bei den Griechen: am Anfang der Iliade braust

1 Sie betrachteten] Wi: Wir sehen die Götter aus dem griechischen Geist selbst hervorgehn, der Grieche betrachtete 1–2 verlangten nach … Erklärung] Wi: dieses Auslegen sehen wir allent5 Tosen] Ak: Toben 5–6 schon im … auseinanderzufliehen] Wi: erschrocken 8 als 30 halben eine Pest] Wi: Oder gleich im Anfang der Iliade ist eine Pest 10–11 daß man … habe] Wi: daß sie seinen Priester verletzt indem sie seine Tochter geraubt. Was wir Orakel heißen ist ganz von dieser Art. 12 Auslegung] Ak: Auslegung, Erklaerung, wie auch Plato bemerkt 12–13 nur im … Weissagung] Wi: „der besonnene Mensch hat keine Weissagung sagt Plato, außer nur wenn der 15 Priester] Wi: Priesterinnen 17 alten 35 Mensch außer sich ist im Traum oder in Krankheit Eichen] Ak: heiligen Eichen 21–23 so gaben … Töne] Ak: Eben so sprach die Priesterinn auf dem Delphischen Dreifuße von Dampf betaeubt, unarticulirte ungewisse Töne 25–26 dies Unbestimmte … Geist] Wi, ähnlich Ak: diß Erklären und Auslegen ist eben dieses dem (Ak: Natürlichen,) Äußern einen Sinn und bedeutung geben. 27 am Anfang] Ak: Im ersten Buche 40 28 hervorgehn] hrvorzugehn

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Achill gegen den Agamemnon auf und ist in Begriff sein Schwerdt zu ziehn, aber schnell hemmt er die Bewegung seines Armes; der Dichter legt dies aus, indem er sagt, das sey die Pallas Athene, (die Weisheit, die Besinnung) gewesen, die ihn aufgehalten habe. Diese Bedeutung ist so das Innere, der Sinn, das Wahrhafte, was gewußt wird und die Dichter sind so die Lehrer der Griechen gewesen; vor Allen aber war es H o m e r, alle Künste und Wissenschaften haben sich an ihn angeschlossen und aus ihn geschöpft, besonders aber hat die Malerei und Plastik reichlichen Stoff in seinen Dichtungen erhalten. Herodot sagt: H o m e r u n d H e s i o d h a b e d e n G r i e c h e n i h r e G ö t t e r g e m a c h t – ein großer Ausspruch, denen besonders beschwerlich, welche die Wurzel und Ursprung der griechischen Mythologie in Asiatischem, Indischem, Egyptischem | sehen (besonders K r e u z e r hat sich viel mit diesem Ausspruch zu thun gemacht); aber eben so sagt Herodot: Griechenland habe seine Götter aus Egypten bekommen; und die Griechen hätten angefragt in Dodona, ob sie diese Götter annehmen sollten; das scheint sich zu widersprechen, ist aber doch ganz in Einklang. Das Natürliche, das von den Menschen erklärt wird, das Innere, Wesentliche desselben ist der Anfang des Göttlichen überhaupt; aber so wie in der Kunst den Griechen technische Geschicklichkeiten besonders auch von Egypten hergekommen seyn mögen, so können sie auch Anfänge zur Religion von Außen her bekommen haben, aber durch ihren selbstständigen Geist haben sie das Eine wie das Andre umgebildet; Es ist schon lange eine Streitfrage gewesen, ob die Künste bei den Griechen ursprünglich entstanden seyen und sich selbstständig entwickelt haben, oder ob sie die Anregung von außen her bekommen hätten: man kann einerseits die griechische Kunst und Mythologie betrachten als sich ganz aus sich selbst entwickelnd, man kann aber eben so aufweisen, daß viele Grundbestimmungen von außen herein an sie gekommen sind, und man hat vollkommen Recht dies zu behaupten, aber der griechische Geist hat das Fremde zu dem Seinigen umgebildet; Spuren solcher fremden Anfänge kann

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1 Agamemnon] Wi: Agamemnon in der Versammlung der Fürsten 4 ihn aufgehalten] Wi: den Arm zurückgehalten 7–8 besonders aber … erhalten] Ak: die Künstler nahmen nur Gegenstaen- 30 de aus ihm | und seinem Kreise 15–16 ganz in Einklang] Ak: in vollkommnem Ein klange 17–20 aber so … haben] Ak, ähnlich Wi: Nun kamen alte fremde Traditionen zu ihnen, (Ak: bestimmtere Wi: schon gebildetere) Anfaenge, Bilder des Göttlichen. Beides nun Gegebenes, das Natürliche und zu ihnen Gekommene haben die Griechen eigenthümlich formirt und ausgebildet. 22 Künste] Wi: Künste und Mythologie 24 hätten] Wi schließt an: Bei der Germanischen bildung 35 liegt zb. Römisches zu Grunde. Kunst und Mythologie] Wi: bildung und Kunst 26–27 man hat … behaupten] Wi: diß widerspricht sich nicht 27–28 aber der … umgebildet] Ak: Denn beides, was an sie gekommen, das | Natürliche und das von Aussen hat der Griechische Geist sich angeeignet, es in sich aufgenommen und ausgearbeitet. 28 umgebildet] Wi: angeeignet und umgebildet hat, daß dann das hervorgebrachte bild ganz das Seine gewesen 40

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man überall entdecken, (Kreuzer in seiner Symbolik geht besonders darauf aus): die Liebschaften des | Jupiter erscheinen als etwas Äußerliches, Zufälliges; aber es läßt sich nachweisen, daß fremdartige, theogonische Vorstellungen dabei zu Grunde liegen, von der Zeugung natürlicher Gegenstände; die Zeugung ist bei den Indiern, ein aus Entgegengesetztem Hervorgebrachtes: Eros der älteste Gott der Griechen, der das Getrennte vereinigt und dadurch concrete Gebilde hervorbringt; solche abstracte Vorstellung wird bei den Griechen zu etwas Konkretem. Herkules ist bei den Griechen dies geistig Menschliche, das sich durch eigne Thatkraft, durch die 12 Arbeiten, den Olymp erringt; die fremde, zu Grunde liegende Idee ist: die Sonne, die die Wandrung durch die 12 Zeichen des Thierkreises vollbringt. Die M y s t e r i e n bei den Griechen waren nur solche alte Anfänge und enthielten sicherlich keine größere Weisheit, als schon im Bewußtseyn der Griechen lag; alle Athenienser waren in die Mysterien eingeweiht nur Sokrates ließ sich nicht einweihen, er wußte wohl, daß Wissenschaft, Philosophie, Kunst nicht aus den Mysterien hervorgehe und daß es eine verkehrte Ansicht sey, daß im Geheimen die Weisheit läge; die wahre Wissenschaft ist vielmehr auf dem offnen Felde des Bewußtseyns. – Die Bedeutung, der Sinn war den Griechen das Wesentliche; dies aber eben ist das Innere, Geistige und der Inhalt und Grundlage der Mythologie: geistige Götter, sittliche, geistige Mächte sind es von denen die Griechen als den wahrhaften Mächten | gewußt haben, und diesen haben sie zugeschrieben, was sich zugetragen hat und haben sich so das, was äußerlich erschienen ist, erklärt; auch wir wissen nichts Höheres, als daß der Geist die absolute Macht und Wahrheit ist, aber in der christlichen Religion ist das auf eine tiefere Weise zum Bewußtseyn gekommen; die Griechen haben wohl das Bewußtseyn gehabt, daß das Wesen das Wahrhafte das Geistige sey, sie haben dies aber nur gewußt als zersplittert in mannigfaltige Partikularitäten, in viele geistige Mächte und das sind nicht bloß abstrakte Mächte

1 entdecken] Wi: deutlich erkennen 2 erscheinen als … Zufälliges] Wi: diß sieht ganz auswendig und liederlich aus 3 fremdartige, theogonische Vorstellungen] Ak: alte morgenländische Sa4 von der … Gegenstände] Ak: von Erzeugung der Dinge, Theo30 gen Wi: fremde Traditionen gonieen pp, aber in abstracten Vorstellungen, die dann bei den Griechen ganz concret wurden 5 den Indiern] Wi: den Asiaten (Indiern pp) 11 vollbringt] Wi schließt an: es ist diß ein symbolisches, ein geistig menschliches […] Arbeiten 16 Weisheit] Wi: rechte Weisheit 16–17 ist vielmehr] Wi: vielmehr macht sich offenbar und erzeugt sich 17–18 Die Bedeutung, … Geistige] 35 Wi: Diese Anfänge sind also von den Griechen aufgenommen und die Umbildung ist das bedeutung-geben und diß Innere ist das Wesen und was als solches erkannt worden ist ist das Geistige überhaupt gewesen. Ak: Jene Umbildung ist eben die Erklaerung, das Finden der Bedeutung; die Bedeutung, der Sinn ist aber das Geistige. 23–24 in der … gekommen] Wi: dasselbe dem Inhalt nach aber tiefer hat es das Christenthum offenbart.

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geblieben sondern sind g e i s t i g e S u b j e k t e und Individualitäten geworden, das sind keine leere Allegorieen wie in den modernen Dramen, Liebe, Ehre, Pflicht usw. als abstrakte Allegorieen gehalten sind; sondern bei den Griechen ist das Geistige individualisirt und hat in seiner Individualität eine Menge Prädikate; Ehre, Liebe sind am Subjekt nur Prädikate und dieses hat außerdem noch eine Menge solcher Prädikate, eben so haben auch die Götter der Griechen eine Menge Prädikate, aber eines ist die substantielle Grundlage. Homer und Hesiod haben den Griechen jene Mächte zum Bewußtseyn gebracht, und es sind keine Fabeln sondern das Wahrhafte, sie haben ihnen dann andererseits die bestimmte Gestaltung gegeben, mehr aber noch als der Dichter, der Künstler: Phidias | hat den Griechen den Olympischen Jupiter gemacht und die Griechen haben es erkannt und gesagt: Das ist der olympische Jupiter. – Das Geistige ist so Subjekt und zwar ein besonderes Subjekt und Individuum, und so wurde ihnen dasselbe in einem anschauligen Bilde klar. Wir erklären uns die Erinnyen und die Nemesis als eine rächende Macht in der Weise des Gedankens, den Griechen ist das zum Bewußtseyn gekommen in der Anschauung, in der Form eines Bildes, auf die Weise der Phantasie: wie nun der Egyptische Geist dieser ungeheure Werkmeister war, so sind die Griechen auch die Arbeiter aber in der Phantasie, in Bildern; durch ihre unerschöpfliche Produktion haben sie sich das Wahre klar 1 sind] Wi: sind concret zugleich geworden Individualitäten geworden] Wi schließt an: das Individuelle ist nun keine Abstraction. 2 keine leere Allegorieen] Ak: nicht Abstractionen 4 individualisirt] Wi: concret, und subjectiv geworden 6 Prädikate] Ak: Praedikate gemeinschaftlich Wi: Praedicate, und viele gemeinsame 7 Grundlage] Ak: Grundlage, das Vorherrschende 7–8 Homer und … Griechen] Wi: die dichter d.h. nicht: Erdichter, sondern die ojisbj, die das g e m a c h t haben, die den Griechen ihre Götter gemacht haben, sie haben den Griechen die Götter 8 Mächte] Ak: geistigen Maechte 9–10 die bestimmte Gestaltung] Wi: ihre individuelleren bestim mungen 10 mehr aber … Künstler] Ak: Ebenso spaeter die Künstler aus dem Homer. 12 der olympische Jupiter] Wi: der Zeus 12–14 Das Geistige … klar.] Ak: Was dem Griechen klar wurde, wurde ihm klar in einem anschaulichen Bilde; das Substantielle (Recht, Gerechtigkeit) wurde ihnen zum Bewußtsein gebracht im Bilde, und uns in Form des Gedankens, des Verstandes. Wir sagen Recht, Gerechtigkeit, die Griechen G¬ki, PŒmfrju, und haben ein Bild, wir eine Abstraction. Wi: Jetzt haben die Griechen gewußt, w i e der Jupiter ist, die Künstler haben es ihnen gesagt. diß das Eigenthümliche des Geistigen, diß geistige aber als subject und diß wieder als besondres, i n d i v i d u e l l e s Subject, worin sich dann vieles andere aus Tradition angeschlossen / die Art und Weise wie den Griechen das wesentlich klar geworden ist, das ist in einem anschaulichen Bilde. Wenn wir erklären sagen wir die Macht die da wirkt: die Gerechtigkeit, die Nemesis, das Recht, das sich geltend macht. Dieses Recht ist die Macht, dies ist die ejki. Dies ist zu bewußtsein 14–15 Wir erklären … Gedankens] Ak: Sie producirten nicht in gebracht in gestalt eines bildes. Predigten, Büchern, Raisonements, sondern in Bildern, in der Kunst. Wi: W i r wissen von diesen substantiellen Mächten in Weise des Verstandes, für uns ist die ejki deshalb Inhalt, aber wir haben ihn in Form des Gedankens, der Abstraction 17 der Phantasie] Wi: eines bildes. Klar werden ist: zu bewußtsein kommen über etwas. die Form ist verschieden. 19–1349,1 durch ihre … gekannt)] Wi: Was wir P r e d i g e n nennen Raisonniren, das kannten die Griechen nicht, bei ihnen war statt dessen Production der Künste.

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gemacht (und nicht unser unauf hörliches Erklären und Expliziren gekannt); Indem nun die geistigen Mächte ihnen zum Bewußtseyn gekommen sind, so haben sie einen Olymp von Göttern, einen Kreis von Gestaltungen des sittlichen Lebens gehabt, der aber die Zufälligkeit in sich hatte; diese V i e l h e i t aber forderte auf zur E i n h e i t zu gehen, diese mußte aber für die Griechen nothwendig noch abstrakt bleiben; aller geistige und sittliche Inhalt gehörte den besonderen Gestaltungen an, so daß die Einheit, die über diesem ist, das Inhaltslose, das nicht Gebildete, das nicht Vorhandene seyn müßte, dies ist das F a t u m . Die Götter sind heiter gesinnt, in freundlichem | Verhältniß zu den Menschen, denn sie sind geistige Naturen; das Fatum aber ist das Geistlose, die abstrakte Macht und damit die Nothwendigkeit; die Trauer der Nothwendigkeit hat darin ihren Grund, daß sie das nicht Geistige ist; das Höhere, daß die Einheit als Ein Subjekt, als der Eine Geist gewußt wird, war den Griechen nicht bekannt: ihre sittlichen Individuen drückten sie durch die Phantasie aus, in der Poesie, der Malerei, der Skulptur, und das war die s c h ö n e K u n s t , welche Klassisch ist, weil ihre Grundlage das Geistige und Sittliche ist, was für die äußerliche Anschauung in ihr ausgedrückt wird. Die Griechen sind sich der Mächte des Geistes bewußt geworden und zwar in bildlicher Weise; es sind I d e a l e , klassische Ideale: (die Idee ist ein Geistiges, ein Wesentliches für die sinnliche Darstellung explizirt): diese Ideale sind aber nicht so ein Jenseitiges sondern der Gehalt derselben Mächte des Geistes; Athene ist einerseits die Stadt Athen, diese Existenz der Stadt, die den Bürgern angehört so wie die Bürger ihr angehören; dann wird aber der Geist, der Genius auch für sich gewußt; eben so Eros, Aphrodite: Eros ist einerseits ein Gegenständliches, dann aber auch die eigne Macht, das eigne Gefühl, ein durchaus Menschliches eben darum, weil die geistigen Wesenheiten in ihrer Besonderheit dargestellt

2 sind] Wi: sind, ihnen die P a r t i c u l a i r e n Mächte immer individueller wurden 5 forderte auf ] Ak: fordert das Denken unwillkührlich auf 6 abstrakt] Ak: unklar, ungebildet, unerkannt, dunkel, geistlos 7–8 das Inhaltslose, das nicht Gebildete] Wi: ein leeres, ein Abstractum 10 das 11 Nothwendigkeit] Wi: a b s t r a c t e Nothwendig30 Fatum] Wi: Das Fatum, das Unerkannte keit 12 das nicht Geistige ist] Wi: die abstracte 12–13 daß die … wird] Ak: daß über dieser zersplitterten Geistigkeit, diese sittlichen geistigen Maechte, die Einheit als der Eine Geist erkannt wird Wi: Daß diese Einheit der G e i s t sei, der über den Individualitäten ist 14–17 ihre sittlichen … wird] Wi: Sie haben die schönsten Kunstwerke pp. weil Geistiges und sittliches die Grund35 lage war; Ideale und Ideen wurden für die sinnliche darstellung herausgeboren, so daß an diesem Sinnlichen unverkennbar ist daß eine inwohnende Seele in diesem Sinnlichen ist. 20 explizirt] Ak: herausgeboren, cultivirt 21 so ein Jenseitiges] Ak: jenseits der Wirklichkeit 23–24 dann wird … gewußt] Wi: und zugleich der Genius, Geist der bürger Athens, also zugleich objectiv, selbstständig 24 ein Gegenständliches] Wi: selbstständig, objectiv 25 Macht] Ak: Macht im 40 Ge|müthe

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sind; nicht der absolute Geist wird als Menschliches gewußt sondern der partikularisirte Geist; die Griechen haben also dies Bewußtseyn der geistigen | Wesenheiten und die Darstellung derselben gehabt und das Bewußtseyn, daß dies die Wesenheiten an und für sich sind, die eigenen Bestimmungen im Busen des Menschen; das ist die Freiheit der Griechen, diese Freiheit, die sich zu einer Macht verhält, in der sich der Geist selbst findet; die Griechen sind in ihrer Religion frei gewesen, indem sie die geistigen Mächte sich so ausgebildet haben; ihnen gehört die klassische Kunst an, indem derselben ein substantieller Inhalt zu Grunde lag; ebenso hat der Mensch eine schöne Individualität bei den Griechen gehabt; das existirende Individuum hat sich selbst zur schönen Gestalt und Körperlichkeit ausgebildet: die Götter sind Kunstwerke, eben so haben die Individuen sich zu Kunstwerken ausgebildet und als solche sich gezeigt, sie haben die Schönheit an sich dargestellt, so wie an den Göttern daß die Körperlichkeit kein Hinderniß gegen das vom Geist Bezweckte sey; zu dieser Belobung haben auch die Menschen sich aufgestellt, nämlich in den S p i e l e n : sie haben in der Vervollkommnung der Körperlichkeit gewetteifert; diese Spiele sind sehr alt und die menschlichen Kunstwerke dh. solche, die die Menschen an sich selbst darstellen, sind viel älter als die im Stein oder in Farben hervorgebrachten; Homer spricht oft von solchen Wettkämpfen, beschreibt die Spiele Achills zu Ehren des Patroklos auf eine herrliche Weise; in allen seinen Gedichten findet sich aber keine Angabe über Bildsäulen von Göttern ohngeachtet er mehrere Mal den Tempel zu Dodona, den der Diana zu Ephesus erwähnt. | Die Wettkämpfe waren eines der wenigen gemeinsamen Banden, die die Griechen zusammenhielten; denn wenn auch Griechenland in politischer Rücksicht nicht verbunden war, so gab es doch mehrere solcher Vereinigungspunkte: obgleich es in Griechenland überall Orakel gegeben hat, (jeder m'nsju, der die Erscheinungen erklärte war ein solches) so hat sich doch immer zu Delphi das Hauptorakel erhalten, und von allen Seiten aus nahen und aus fernen Landen

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1 der absolute Geist] Wi: der reine, absolute Geist 1–2 der partikularisirte Geist] Ak: der partikularisirte Geist ist eben ein endlicher Geist, ein menschlicher Geist 4 die Wesenheiten] Wi: die 30 Wesenheiten, die Mächte über den Einzelnen an und für sich sind] Ak: ein Objectives, also an und für sich seien sind, die eigenen Bestimmungen] Wi: sind und objectiv zugleich aber die eigentlichen bestimmungen 7 die geistigen Mächte] Ak: diese Ideale haben] Wi: haben für die Vorstellung 10 das existirende Individuum] Wi: der existirende Mensch, Individuum 13–14 so wie … sey] Wi: so wie sie die Götter zur allgemeinen bewunderung aufgestellt haben 14 Belo- 35 bung] Wi: belobung und Verehrung 18 die im … hervorgebrachten] Wi: die Körperlichkeiten der Schönheit aus Stein und andrem Metall 21 über Bildsäulen] Wi: von Bildsäulen und Gemälden 25 so gab … Vereinigungspunkte] Wi: Agamemnon verband sie dazu nur Einmal. die Spiele waren solches | Band 27–28 zu Delphi das Hauptorakel] Ak: das spaeter berühmte Orakel von Delphi 40

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kamen dahin Weihgeschenke; der Amphiktyonen Bund war auch so ein Gemeinsames: doch vor Allem waren die Spiele ein gemeinschaftliches Interesse von ganz Griechenland, besonders die Olympischen: (die Landschaft Elis, wo diese gefeiert wurden, galt als unantastbar) Die Sieger in diesen letztern wurden verzeichnet, welche Verzeichnisse die Veranlassung wurden nach Olympiaden zu zählen; außer diesem galten noch als allgemeine Spiele Griechenlands: die Isthmischen, Nemäischen und Pythischen; sie bestanden in Wettkämpfen beim Lenken der Wagen und Rosse, beim Werfen mit dem Spieße oder Diskus, Bogenschießen, Ringen, Faustkampf, beim Laufen usw; bekanntlich hat Herodot seine Geschichten bei einer solchen Zusammenkunft vorgetragen. Ganz Griechenland hatte das Recht daran Theil zu nehmen, so wie alle Kolonieen desselben; Herodot erzählt, daß die Griechen auch die Egypter dazu einladen ließen. – In der Belobung | der Erfreuung über körperliche Geschicklichkeit, durch welche sich die Körper zu Kunstwerken ausbilden, darin lag die Hauptgemeinsamkeit der Griechen. Diese Seite berührt den griechischen Geist in so fern er sich am Bewußtseyn der höheren Macht explizirt. – Nur die d e m o k r a t i s c h e Ve r f a s s u n g war für den griechischen Geist geeignet – dies Gelten solcher kleinen Punkte und der selbstständigen lebendigen Individualität, denn jedes Individuum der Stadt, die da zugleich Staat ist, ist in seiner ganzen Partikularität thätig und nimmt Antheil am Staate. Wir haben den Despotismus in glänzender Ausbildung im Orient gesehen, als eine für das Morgenland eigenthümliche Gestaltung des Zusammenlebens, eben so ist für Griechenland die Demokratie die welthistorische Bestimmung und diese ist nie und nirgends in solcher Eigenthümlichkeit hervorgetreten als da. In Griechenland ist die Freiheit des Subjekts, die Freiheit des Geistes vorhanden; sie ist aber noch nicht zu der Abstraction gekommen, wo das Subjekt schlechthin vom Allgemeinen, das das abstrakt Substantielle ist, abhängt, sondern in ihr ist der subjektive Wille in seiner ganzen Lebendigkeit thätig und die Subjektivität ist die Bethätigung des Substantiellen; in Rom werden wir im Gegensatz die schroffe Herrschaft über die Individuen sehen, so wie im Germanischen Reich die Mon-

1 Amphiktyonen Bund] Ak: Amphictyonenbund, wo ebenfalls Spiele gehalten wurden 3–4 (die Landschaft … unantastbar)] Ak: in Elis, die als priesterliche Landschaft nicht verletzt werden, oder in Krieg gezogen werden durfte 9 beim Laufen usw] Wi: waren die Gegenstände. Griechen aller Art kamen dazu zusammen aus Cyrene und Syracus. Auch die Aegypter wurden einmal einge10 seine Geschichten] Ak: seine neun Musen 17 Nur die] in Ak geht voran: Hieran 35 laden. knüpft sich dann weiter das Politische. 20 Staate] Ak: Stadtwesen, nimmt mit ganzer Seele daran Theil 21 gesehen] Wi: gesehn, und die Aristocratie ist das eigenthümliche für Rom, wie die Monarchie das Eigenthümliche der neuren Staaten 22 eben so] Ak: | Die Monarchie für Europa, eben so 24 hervorgetreten als da] Ak: welthistorisch geworden. Sie entspricht der Idee vom 40 Geistigen der Griechen.

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archie, wo das Individuum nicht nur am Monarchen, sondern an der ganzen monarchischen | Organisation Theil nimmt, seine Rechte erhält und mitthätig ist. Für den griechischen Geist war die Demokratie die eigenthümliche Form der Staatsverfassung. Die Tugend ist die Grundlage der Demokratie, sagt Montesquieu; dieser Ausspruch ist von der größten Richtigkeit und Wichtigkeit in Rücksicht auf die Vorstellung, die man sich meist von der Demokratie macht. Der demokratische Staat ist nicht patriarchalisch sondern es gehören Gesetze, so wie das Bewußtseyn der rechtlichen und sittlichen Grundlage und daß diese Gesetze als positiv gewußt werden, dazu; denn diese sind nicht zufällig sondern das Wahrhafte, Richtige: und Alle haben ihnen zu gehorchen, indem sie als Objekte dargestellt sind; die Griechen haben solche Gesetze gehabt; zur Zeit der Könige war noch kein politisches Leben und deßhalb auch noch keine Gesetzgebung vorhanden, aber in diesem Zwischenraum vom Trojanischen Kriege bis gegen die Zeit des Cyrus trat das Bedürfniß einer Gesetzgebung ein; zu Krösus Zeit hat es diese Weisen gegeben, bekannt unter dem Namen der 7 We i s e n , doch das sind noch keine wissenschaftlichen Männer gewesen, keine Sophisten oder Lehrer der Weisheit, die mit Bewußtseyn das Richtige und Wahre vorgetragen hätten; sondern sie waren denkende Menschen, deren Denken aber nicht bis zur eigentlichen Wissenschaft fortgegangen ist, praktisch politische Männer: einer derselben B i a s gab, wie Herodot erzählt, den Jonischen Städten den Rath sich in einer Stadt zu vereinigen, S o l o n wurde von den Atheniensern beauftragt ihnen Gesetze zu | geben, da die vorhandenen nicht genügten: Athen war zu jener Zeit in sich zerfallen; ein alter Gegensatz daselbst war zu innern bürgerlichen Zwistigkeiten gediehen, jener Gegensatz nämlich zwischen den Reichen und Armen und dann ferner zwischen den alten und neuern Geschlechtern. Es hatten sich 3 Partheien gebildet: 1. die Bewohner der Ebene, die durch Ackerbau und Güterbesitz zu großem Reichthum gekommen waren. 2. die Hügelbewohner, welche Oel und Wein pflanzten, sie waren die zahlreichsten und ärmsten, sie hießen D i a k r i e r, jene erstern aber Pe d i e r ; 3. die Pe r a l e r, die

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4–5 sagt Montesquieu] Wi: ist ein großes Wort Montesquieus 13 Kriege] Wi: Krieg, den Wan- 30 derungen der Heracliden 14 das Bedürfniß] Ak: in der Heranreifung zu einem politischen Leben das Bedürfniß 14–15 zu Krösus … 7 We i s e n ] Wi: zu Crösus Zeit ist es hervorgetreten und damals sind die 7 Weisen hervorgetreten 21 S o l o n ] Wi: Solon ist einer der berühmtesten unter diesen Weisen 22 da die … genügten] Wi: Dracons Gesetze reichten zur Organisation nicht aus. Lycurg und Solonos sind eben so berühmt. 23–24 ein alter … gediehen] Ak: bei de- 35 nen ein alter Gegensatz zum offnen Kampf gediehen war 25 Geschlechtern] Wi: Familien, zu den älteren Familien gehört die des Pisistratus 25–26 Es hatten … Ebene] Wi: der nähere gegensatz war zwischen den bewohnern der Ebene

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Küstenbewohner, welche sich durch den Seehandel ernährten. – Der Unterschied der Stände beruhte so auf der Verschiedenheit der Lokalität. Solon gab den Atheniensern eine Staatsverfassung, wodurch Alle gleiche Rechte bekamen; es war keine abstrakte Demokratie sondern sie schloß viele besondere Rechte in sich. Unter den 7 Weisen wird auch Pe r i a n d e r genannt, er warf sich zum Tyrannen von Korinth auf; und obgleich er so ein unrechtmäßiger Herrscher war, so wurde doch anerkannt, daß er ein weiser Mann gewesen. In dieser Zeit entstand also das Bedürfniß einer geordneten Staatsverfassung. – Das Hauptmoment der Demokratie ist sittliche Gesinnung überhaupt, Tugend: dem Individuum muß das Substantielle des Rechts, die Staatsangelegenheit, das allgemeine Interesse das Wesentliche seyn und das ist entgegengesetzt der Reflection, dem abstrakten Gedanken, der subjektiven Einsicht und Meinung und dem subjektiven Belieben jedes | Individuums; diese Innerlichkeit, dies Moralische der subjektiven Freiheit ist erst später eingetreten und war das Prinzip des Untergangs, des Verderbens für Griechenland. – Die Verfassung Griechenlands war eine s c h ö n e politische Gestalt, ( die neuern Zeiten erfordern etwas Tieferes als das Schöne), kein patriarchalischer Zustand des ungebildeten Vertrauens sondern ein gesetzlicher; doch ist wohl zu bemerken, daß die Bürger der griechischen Staaten noch im Zustand des Zutrauens waren, des Bewußtsseyns des allgemeinen, substantiellen Zwecks, das aber noch nicht zu dem des Abstrakten fortging: den Atheniensern und Spartanern war die Erhaltung von Sparta und Athen substantieller Zweck; die Abstraktion eines Staates, die für unsern Verstand wesentlich ist kannten die Griechen nicht, sondern ihnen war der Zweck das lebendige Vaterland, dieses Athen, dieses Sparta, diese Tempel, diese Altäre, diese Weise des Zusammenlebens, dieser Kreis von Bekannten, diese Sitten und Gewohnheiten – dieses Lebendige, konkret Allgemeine war ihnen Zweck. Das ist die Sittlichkeit überhaupt, die Tugend, die unter-

1 welche sich … ernährten] Wi: die Handel trieben, – also die Elemente aus denen die Völker überhaupt bestehen 1–2 Der Unterschied … Lokalität.] Ak: Es waren also verschiedene Klassen der 30 Bürger, Unterschiede der Lebensweise. es war nun Bedürfniß geworden, diese durch Gesetze zu verbinden 2–3 Solon gab … bekamen] Wi: Solon wollte sie durch gesetze verbinden die die gleichheit zwischen ihnen erhielten und jedem seine Rechte bewahrt. Er gab allen gleiche Rechte, was hoch gerühmt wird, also eine democratie 9–10 Das Hauptmoment … Tugend] Wi: die Gesetze sind das eine Moment in einer Democratie, das andre ist das was Montesquieu die Tu g e n d 12 Reflection] Wi: Reflexion d.h. den Princi35 genannt hat, die sittliche Gesinnung überhaupt pien 15–24 Die Verfassung … Zweck] Wi: die Abstraction von einem Staate in unserem Sinne, wie es uns wesentlich ist, war nicht bei den Griechen, sondern bei ihnen galt statt einer solchen Abstraction nur 16–17 (die neuern … Schöne)] Ak: nicht so tief, wie die neuern Zeiten es erfordern, aber schön 24 lebendige] Ak: bestimmte individuelle 24–26 dieses Athen, … Ge40 wohnheiten] Wi: d i e s e s Land, d i e s e Gewohnheit, d i e s e Mitbürger und d i e s e Sitten 27–1354,1 Das ist … solcher] Wi: das ist das substanzielle, die Tugend der democratie

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schieden werden muß von der Moral als solcher: dem Griechen war das Vaterland eine Nothwendigkeit, ohne die er nicht leben konnte; die Prinzipien wurden erst später durch die Sophisten, die Lehrer der Weisheit eingeführt; durch diese kam erst die subjektive Reflection, das moralische Selbstbewußtseyn auf, die moralische Reflection, daß jeder nach seiner Ueberzeugung handeln müsse: in dieser Hinsicht können wir sagen, daß die Griechen kein Gewissen hatten, es war bei ihnen Gewohnheit, ohne weitere Reflektion, | für das Vaterland zu leben, die reine Einheit mit dem subjektiven Geiste. Sobald die Reflektion eintritt, so hat jeder seine eigene Meinung, untersucht ob die Rechte nicht gebessert werden können, sucht, anstatt sich an’s Bestehende zu halten, die Ueberzeugung in sich und so beginnt eine subjektive unabhängige Freiheit, wo das Individuum im Stande ist, Alles an sein Gewissen zu setzen selbst gegen die vorhandene Verfassung; jeder hat da seine Prinzipien und wie er es dafür hält, so ist er überzeugt, daß es das Beste sey und das will er in der Wirklichkeit ausführen; da aber ist die innere Einheit des lebendigen Gemüthes nicht mehr vorhanden: Thucydides sagt an mehreren Stellen: „Jeder glaubte, wo er nicht dabei sey, da gehe es schlecht zu“; das ist das Zerfallen in die Subjektivität. – Dieser Gleichheit, daß jeder frei ist, jeder sich das Urtheil zutraut, ist d a s Z u t r a u e n z u g r o ß e n I n d i v i d u e n zu wider; wir sehen dieses bei den Atheniensern, indem sie dem Solon auftragen ihnen Gesetze zu geben; eben so erscheint in Sparta Lykurg als Gesetzgeber, in Unteritalien Zaleukus; die Athenienser haben einge-

1–2 das Vaterland … konnte] Ak, ähnlich Wi: dieses lebendige Vaterland (Wi: eine Nothwendigkeit und) der höchste Zweck ist, für den sie alles aufopfern. Ein Weiteres ist dann die Stufe der Reflexion, die Principien will, und die subjective Ueberzeugung als solche und als subjectiven Willen. 2–3 die Prinzipien wurden] Wi: was anderes ist das Moderne, die Moralität, wo die Reflexion Prinzipien und Abstractionen gibt. diß nicht bei den Griechen, sondern Ak: Diese allgemeinen Principien kamen 3–4 die Lehrer … diese] Ak: Wi: (als Lehrern der Weisheit, die die bildung gehabt und verbreitet haben). Erst durch diese und später durch Socrates 8–11 Sobald die … Freiheit] Wi: sie leben in dem Geiste, in der Substantialität selbst ohne bewußtsein davon, in der Moralität aber ist die Trennung der Reflexion auf das Substanzielle, so daß jedes Individuum seine Überzeugung für sich und in sich haben will; hier ist dann der Mensch auf dem Standpunkt der inneren subjektiven Freiheit Ak: Bei | der Reflexion untersucht jeder, ob die Gesetze auch richtig, und nicht besser sein könnten; bei den Griechen starb jeder, ohne zu untersuchen, fürs Gesetz. In jener aber ist subjective Freiheit 12 sein Gewissen] Ak: seine subjective Ueberzeugung 13 seine Prinzipien] Wi: seine Meinung, und s e i n e Prinzipien 15 da aber … vorhanden] Ak: Aber die innige Einheit des Gemüths unter den Zusammengehörigen faellt weg. – Es ist mit jenem Griechischen Wesen verbunden die Achtung vor grossen Individuen; diese ist aber gegen die Freiheit. 19–20 wir sehen … geben] Ak: Jene Achtung sehen wir schon in dem Vertrauen, das die Athener dem Solon schenkten, ihre Verfassung zu machen. Wi: Besonders sehen wir diß Zutraun zu großen Individuen im Athenischen Staat 21–1355,2 die Athenienser … nicht] Ak: Sie wußten, nicht das Volk ist es, was dergleichen versteht, und zu machen weiß.

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sehen, daß nicht das Volk das Rechte am besten wüßte und, indem sie den Solon aufforderten, erklärt, sie verständen es nicht: das ist ganz der Vorstellung zuwider, daß das Volk wisse, was es wolle; wir sehen dann später in den Medischen Kriegen Miltiades, Themistokles, Aristides, Cimon nach einander an der Spitze der Athenienser, ferner Klisthenes, der die Verfassung noch demokratischer machte und Perikles, den | Glanzpunkt von Athen – das waren die großen, plastischen Individuen in die das Volk sein ganzes Zutrauen setzte; aber sobald einer dieser großen Männer vollbrachte hatte, was Noth war, dann trat der Neid dh. das Gefühl der Gleichheit in Ansehung des besonderen Talentes ein, und er wurde entweder ins Gefängniß geworfen oder verbannt; später sind dann die Sykophanten im Volke aufgestanden, die alles Große von Individualität und die Personen, die an der Spitze der Verwaltung standen, verunglimpft haben. – Das Volk zu Athen war nicht in sich desorganisirt, wie es ist, wenn Alle Bürger und nur Bürger sind (was der eigentliche Boden des Despotismus ist), sondern es war auf das Bestimmteste partikularisirt; es gab ausgezeichnete Familien, die ihre bestimmte Sacra hatten; außerdem war Athen in Øtlbj, Gemeinden, eingetheilt, anfangs in 4, später in 10; das war keine abstrakte Eintheilung sondern jede Gemeinde hat ihre eigenen Tempel, Theater, Feste, Opfer usw., diese war wiederum in e moj getheilt, deren jeder seine eigene Münzen prägte und besondere Verwaltung hatte. Der Areopagus hatte sämmtliche Finanzangelegenheiten in seiner Hand. Sittliche Freiheit, Einheit des lebendigen Geistes mit dem, was Verfassung, Gesetz, Interesse des ganzen Vaterlandes ist, – das sind die Grundlagen der griechischen Republiken. – 2 das ist] Wi: daß Ein Individuum Gesetze gibt für ein ganzes Volk – ist

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3 daß das … wolle] Wi:

25 wo das sogenannte Volk es alles verstehen soll und es meint daß es auch das Rechte weiß und will;

ganz umgekehrt bei den Griechen wo man sich selbst diß nicht zutraute und es dem Einen überließ 9 Gleichheit in … Talentes] Ak: Gleichheit in Ansehung eines besondern Talents, Genius Wi: Gleichheit, aber der concreten nicht der abstracten Gleichheit des Rechts 10 später] Wi: Nach diesen Großen 13–14 war nicht … ist)] Wi: ist nicht das organisirte gewesen in sich, 15 ausge30 wie in einer Despotie Chinas, wo alle völlig gleich Ak: nicht ganz gleich in sich zeichnete Familien] Ak: | grosse Familien z.B. des Kallias (von Kodrus, zu der Plato gehörte) 15–16 die ihre … hatten] Ak: andere, denen gewisse sacra, die Mysterien, erb- und eigenthümlich waren 17 das war … Eintheilung] Ak: nicht abstracte Quartiere der Stadt 18 hat ihre … Opfer] Wi, ähnlich Ak: hatte (Wi: gewiß bestimmtes Eigenthum Ak: eigene Grundstücke), diese] Wi: diese Phylen 20–21 Der Areo35 eignes Opfer, Tempel, Theater (Ak: Gottesdienst) pagus … Hand.] Ak mit Wi: Ueber Alle stand dann der Areopagus (Wi: der Oberste Gerichtshof), der die Finanzangelegenheiten /: Budget, dessen Bestimmung:/ ganz in seiner Hand hatte bis auf Pericles. 21 lebendigen Geistes] Ak: lebendigen allgemeinen Geistes des Volks 22 Interesse] Ak: Zweck 22–23 das sind … Republiken] Ak: war also das Wesentliche in der Griechischen 40 Verfassung Wi: Eigne Ueberzeugung subjectiver Wille ist noch verschieden davon und in einem solchen sittlichen Zustand noch nicht vorhanden. 1 indem] in dem

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Es sind aber in denselben noch drei Umstände besonders hervorzuheben: 1. Die griechischen Städte ohne Oberherrscher haben berathschlagt über die Angelegenheiten des Vaterlands und beschlossen; | dessen ungeachtet haben sie bei wichtigen Angelegenheiten die O r a k e l b e f r a g t . Aus sich selbst zu beschließen, dazu gehört eine festgewordene Subjektivität des Willens; da entscheidet der Wille und überwiegende Gründe bestimmen ihn: der Wille des Volkes galt als das Höchste und doch hat er nicht die Stärke gehabt in den wichtigeren Angelegenheiten zu entscheiden und es wurde beim Orakel angefragt zB. bei Gelegenheit einer Kolonisation, einer Aufnahme von fremden Göttern und drgl. sogar wenn ein Feldherr eine Schlacht liefern wollte so befragte er das Orakel; vor der Schlacht bei Plathäa fragte Pausanias die Opferthiere um Rath, er erhielt aber immer ungünstige Zeichen, und erst, nachdem ihm diese günstig geworden waren, begann er die Schlacht: so kam die Entscheidung nicht aus dem Willen, nicht aus der Einsicht, sondern anders woher: man kann das für Zufälligkeit halten, aber dies Bewußtseyn muß man haben, daß die Zufälligkeit überall vorhanden ist; die Griechen haben in ihren Privatangelegenheiten eben so nicht sowohl durch sich selbst entschieden, als die Entscheidung von etwas Anderem hergenommen. Der 2te Umstand ist die S k l a v e r e i ; diese war nothwendige Bedingung zu einer schönen Demokratie, wo jeder Bürger im Mitgenusse dessen war, was einem Bürger zu Gute kam: auf öffentlichem Platze Vorträge anzuhören über die Staatsverwaltung, auf Gymnasien sich zu üben, Feste mitzumachen usw. Dazu war Bedingung, daß der Bürger | den Handwerksbeschäftigungen entnommen 2 Oberherrscher] AkWi: Oberhaupt 4 b e f r a g t ] Wi: gefragt, haben nichts aus sich selbst | geschlossen 5 festgewordene Subjektivität des Willens] Ak: Festig|keit des subjectiven Willens: Ich will. 7 Stärke] Ak: Staerke der Subjectivitaet Wi: Stärke der Individualität 8 zu entscheiden] Wi: aus sich selbst zu entscheiden 10 und drgl.] Wi: und anderen Verhältnissen des Vaterlandes 10–11 sogar wenn … Orakel] Ak: Selbst die Feldherren, ehe sie in die Schlacht gingen, opferten und nahmen das Orakel aus den Eingeweiden des Opferthiers (Pausanias bei Plataeae). 11–13 fragte Pausanias … waren] Wi: hat Pausanias die Opferthiere selbst geschlachtet; die Zeichen waren bis Mittag ungünstig, erst nach Mittag wurden sie günstig 13–14 so kam … woher] Wi: Durch alle Verhältnisse ging es also hindurch die Entscheidung nicht aus dem eignen Willen, sondern anderswoher zu nehmen. 14–16 das für … ist] Ak: diese Eingeweide und ihre Orakel Zufaelligkeit nennen; allein man halte fest, daß diese sich in Alles hineinmischten. (Majoritaet der Stimmen ist oft Zufaelligkeit.) 18 hergenommen] Wi schließt an: diß ein Umstand in der Griechischen Freiheit die wir also nicht so zu denken, daß das Volk aus seiner Subjectivität entschieden hätten und gesprochen: es ist unser Wille. 19 S k l a v e r e i ] Ak: Sclaverei (bei den Spartanern, den Heloten) 21–22 auf öffentlichem … Staatsverwaltung] Wi: Auf dem Markte zu sein, daselbst sich zu bereden und den Verhandlungen zuzuhören 22 Feste] Wi: Gottesdienste 23 Bedingung] Wi: nothwendige bedingung 23–1357,1 entnommen wäre] Ak: entnommen war diesen Handwerksbeschaeftigungen, die einen jetzigen Bürger im Schmutze einer kleinlichen Thaetigkeit halten

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wäre; was bei uns die Arbeit freier Bürger ist, das war bei den Griechen die der Sklaven; die Bedingung ihrer Gleichheit brachte das mit sich. Endlich muß bemerkt werden, daß solche demokratische Verfassungen nur in k l e i n e n S t a a t e n m ö g l i c h sind, in Staaten, die nichts mehr als Städte sind. Das ganze Gebiet der Athenienser beschränkte sich fast nur auf die Stadt; vom Theseus wird gesagt, er habe die zerstreuten Flecken zu Einem Ganzen vereinigt; zur Zeit des Perikles flüchtete sich, beim Anrücken der Spartaner, die sämmtliche Population des Atheniensischen Gebiets in die Stadt; in solchen Städten kann das Interesse im Ganzen gleich seyn, in einem großen Reiche sind sehr verschiedene Interessen, die sich widerstreiten; beim Zusammenleben in einer Stadt ist eine Gemeinsamkeit der Bildung vorhanden, indem die Bürger sich täglich sehen: da ist denn eine lebendige Demokratie, die vortrefflich seyn kann. Die griechischen Städte sind herangereift in der Ausbildung dieser politischen Verfassung und die schönste Reife, die sie erlangt haben, ist eingetreten i n d e r B e r ü h r u n g m i t d e m Pe r s e r r e i c h e , mit dem Volke, das vor ihnen welthistorisch war; diese Periode der Berührung ist überhaupt schon als die zweite in der Geschichte eines welthistorischen Volkes angegeben worden. Die Veranlassung der Medischen Kriege war der Aufstand der Jonischen Städte gegen die Perser, in dem | die Athenienser und Eretrier denselben Hülfe leisteten; was die Athenienser unter anderem auch dazu bestimmte war, daß der Sohn des Pisistratus, nachdem seine Versuche in Griechenland, sich der Herrschaft über Athen wieder zu bemächtigen, Fehl geschlagen waren, sich an den König der Perser gewendet hatte. Der Vater der Geschichte hat uns eine glänzende Beschreibung von diesen Medischen Kriegen gegeben; für unsern Zweck brauchen wir nicht weitläufig zu seyn. – Lacedämon war zu Anfang der Medischen Kriege in Besitz

1–2 was bei … sich] Wi: Indem sie diese gemeine Arbeit auf Sclaven wälzten konnten sie was zum Genuß der griechischen bürger gehörte, Gleichheit konnten sie haben. 5–7 vom Theseus … vereinigt] Hn: Eine ¾lju hat Theseus aus 12 Flecken gemacht, also ein Staat, der eine Stadt war. 8–9 in solchen … seyn] 30 7 zur Zeit … sich] Wi: Im peloponnesischen Krieg zog sich mehre mal Ak: Hier sind die Interessen gleich und gemeinschaftlich. Nur in solchem Zusammenleben kann eine Gleichartigkeit der Bildung des Geistes und seiner Richtungen statt finden. Die Gemeinsamkeit des Lebens, der Sitten, des Geistes giebt eben die lebendige Gleichheit, nicht die Gleichheit des Rechts pp, sondern die lebendige Gleichheit durch alle Dimensionen des innern und aeussern 9 Interesse] Wi: Interesse der Menschen 9–10 in einem … widerstreiten] Hn: in ei35 Lebens. nem großen Umfange, wie in Deutschland, sind die Interessen von den Bayern, Österreichern, Pommern und Mecklenburgern höchst verschieden 9 Reiche] Wi: Reiche wie etwa deutsch land 12 sich täglich sehen] Wi: gemeinsam mit einander leben und täglich unter einander umgehn 14–26 Die griechischen … seyn.] Ak: Wir haben demnaechst die zweite Periode der Griechen, die 40 Medischen Kriege /:Berührung des welthistorischen Volkes mit dem früher welthistorischen:/ durchzunehmen. Ihre Veranlassung ist bekannt. (Hegel erzaehlt sie).

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der Hegemonie und hatte im Pelopones besonders großes Ansehn erlangt, theils dadurch, daß es das freie Volk der Messenier unterjocht und zu Sklaven gemacht hatte, theils weil es mehreren griechischen Staaten geholfen hatte, ihre Tyrannen zu vertreiben (sie suchten dabei immer der Aristokratie ein Uebergewicht zu verschaffen). Gereizt, daß die Griechen den Joniern gegen ihn geholfen hatten, sandte der Perserkönig Herolde in die griechischen Städte um sie aufzufordern ihm Wasser und Erde zu geben dh. seine Oberherrschaft zu Wasser und zu Lande anzuerkennen, die Gesandten wurden mit Verachtung zurückgewiesen: (die Lacedämonier haben sie sogar in einen Brunnen werfen lassen; diese That hat sie aber später gereut und sie haben zur Sühne zwei Lacedämonier nach Susa geschickt) darauf schickte der König ein Heer gegen Griechenland; die Thebaner, Böotier, Thessalier schlossen sich den Persern an und diese fielen von Euböa aus ins Atheniensische Gebiet ein; | die Athenienser mit den Platäern allein haben unter Miltiades bei Marathon mit jener großen Uebermacht gekämpft und den Sieg errungen. Später ist dann Xerxes mit diesen ungeheuren Völkermassen gegen Griechenland herangezogen; (Herodot beschreibt diesen prachtvollen Zug ausführlich) außer diesem Landheer hatte Xerxes auch eine große Flotte; jenes unterwarf ihm bald Thracien, Macedonien, Thessalien: der Eingang in’s eigentliche Griechenland aber der Paß bei Thermopylae wurde von den tapferen dreihundert Spartanern vertheidigt, deren Schicksal bekannt ist; das freiwillig verlassene Athen wurde verwüstet und dem Perser, der das Gestaltlose, Ungeformte verehrt, waren die Götterbilder ein Gräul; die Persische Flotte aber wurde bei Salamis geschlagen; an dem hohen Tage dieses Sieges treffen die drei größten Tragiker Griechenlands merkwürdig zusammen, Aeschylus kämpfte mit und half den Sieg erringen, Sophokles tanzte beim Siegesfeste und Euripides wurde geboren; das Heer, welches unter Mardonius in Griechenland zurückblieb, wurde bei Platäa von Pausanias geschlagen; und drauf die Persische Macht an verschiedenen Punkten gebrochen, Cimon siegte noch bei Mykale und am Eurymedon. – So wurde Griechenland von der Last, die es zu erdrücken drohte, befreit. Es sind unstreitig größere Schlachten geschlagen worden, diese aber leben unsterblich im Andenken der Geschichte der Völker | nicht allein, sondern auch der Wissenschaft und der Kunst, des Edlen und Sittlichen überhaupt; denn es sind welthistorische Schlachten, sie haben die Bildung und die geistige Macht

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6 sandte der Perserkönig Herolde] Ak: schickte der König der Könige Gesandte 19–20 der Paß … vertheidigt] Ak: Die Namen des Leonidas und seiner Dreihundert leuchten noch von den 35 Felsen zu Thermopylae, eine ewige Warnung dem eindringenden Feinde 28 Cimon] Ak: Themistocles bei Artemisium und Salamis, Cimon 31–32 im Andenken … überhaupt] Ak: so lange Geschichte in Wissenschaft und Kunst lebt

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festgehalten und dem Asiatischen Prinzipe entzogen; die Athenienser haben sich, auf den Rath des Themistokles mit den Aegineten versöhnt und ihre Stadt dem Feinde preisgegeben, die 300 Spartaner haben sich bei Thermopylä aufgeopfert: wie oft haben nicht die Menschen für Einen Zweck Alles hingegeben, wie oft sind nicht Krieger für Pflicht, Vaterland gestorben? es ist aber hier nicht nur Tapferkeit, Muth, Genie zu bewundern sondern hier ist es der Inhalt, Wirkung, Erfolg, Gegenstand, das einzig in seiner Art ist: alle anderen Schlachten haben ein mehr partikuläres Interesse; der unsterbliche Ruhm der Griechen aber ist gerecht, wegen der hohen Sache, die gerettet worden ist. – Die Athenienser haben die Eroberungszüge noch lange fortgesetzt und sind dadurch zu unermeßlichem Reichthum gelangt, während sich die Lacedämonier, die keine Seemacht hatten, ruhig verhielten; bald nach der Befreiung Griechenlands aber, wo dasselbe zum höchsten Selbstgefühl gekommen war, wo der Trieb, die Entwicklung aller geistigen Thätigkeiten entstanden und sich gezeigt hat, ist Griechenland in sich selbst zerfallen; nachdem die Staaten auf einen Augenblick vereinigt gewesen, brach die Eifersucht von Neuem aus, schon vorher | hatte sich Theben aus Eifersucht an die Perser angeschlossen und die Argiver, eifersüchtig gegen Lacedämonien, waren unthätig geblieben; das Hauptinteresse Griechenlands hing aber an der Eifersucht zwischen A t h e n und S p a r t a , die dann im peloponesischen Kriege zum Ausbruch kamen; wir haben den Grundcharakter beider Staaten näher zu betrachten, um zu zeigen, wie sie sich in politischer und sittlicher Hinsicht unterschieden haben. Wir haben A t h e n schon gesehen als eine Freistätte für die Einwohner der anderen Gegenden Griechenlands, wo sich ein sehr vermischtes Volk zusammenfand. Die unterschiedenen Richtungen der menschlichen Betriebsamkeit, Ackerbau, Gewerbe und Handel, vornehmlich zur See, vereinigten sich in Athen, gaben aber zu vielem Zwiespalt Anlaß; die Solonische Gesetzgebung hat dann diese Unterschiede der Lebensweisen durch die demokratische Verfassung vereinigt (doch war diese Verfassung mehr eine Vermischung der Demokratie mit der Aristokratie). Merkwürdig ist es, daß noch zu Solon’s Lebzeiten, sogar

1 und dem … entzogen] Ak: frei vor der Asiatischen Ueberschwemmung 4 wie oft … hingegeben] Ak: 300. Krieger sich tapfer aufgeopfert und gekaempft 6–7 hier ist … ist] Ak: Allein die Interessen, die durch diese Siege vertheidigt wurden, sind einzig in ihrer Art. 10 Eroberungszüge] Ak: Seezüge 12 ruhig verhielten] Ak: nach der Vertrei|bung der Perser sich zurückgezo16 Eifersucht] Ak: Eifersucht und Neid 18 waren 35 gen, und die Siege nicht weiter verfolgten unthätig geblieben] Ak: hatten sich schon früher an die Perser angeschlossen 18–19 das Hauptinteresse … Eifersucht] Ak: Wir sehen sonach den Gegensatz, Athen und Sparta, ent stehen 24–25 vermischtes Volk zusammenfand] Ak: gemischten Volke; es war früher eine Art Asyl der Völ ker 26 vornehmlich zur See] Ak: und Seemacht 30–1360,1 sogar bei seiner Anwesenheit] 40 Ak: bald darauf nach Einführung seiner Gesetze

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bei seiner Anwesenheit, P i s i s t r a t u s sich der Oberherrschaft bemächtigt hat; die Verfassung war gleichsam noch nicht in Blut und Leben übergegangen, sie war nicht die Gewohnheit der sittlichen und bürgerlichen Existenz geworden; noch merkwürdiger aber ist, daß Pisistratus nichts an der Gesetzgebung änderte; er herrschte keineswegs willkührlich, sondern rief selbst den Solon, der sich entfernt hatte, zurück und stellte sich vor den | Areopag, als er angeklagt wurde; charakteristisch ist die Art, wie Pisistratus die Herrschaft wieder erlangt hat; er kleidete eine schöne Frau als Pallas Athene, stellte sie auf den Wagen und zog so in Athen ein. Man zieht ganz richtig den Erfolg, daß die Herrschaft des Pisistratus und seiner Söhne nothwendig gewesen, um die Macht der Familien und Faktionen zu unterdrücken, um sie an Ordnung und Friede, die Bürger von Athen an die Solonische Gesetzgebung zu gewöhnen. Nachdem dies erreicht war, war die Herrschaft überflüssig, die Gewohnheit an die Gesetze der Freiheit war unverträglich mit der Herrschaft; die Pisistratiden wurden vertrieben: Hipparch getödtet, Hippias verbannt mit Hülfe der Spartaner, nun standen aber wieder Partheien auf; die A l k m ä o n i d e n , welche an der Spitze der Insurrektion gestanden, begünstigten die Demokratie, die Spartaner unterstützten die Gegenparthei, welche eine aristokratische Richtung hatte; doch die Alkmäoniden und an ihrer Spitze K l i s t h e n e s behielten die Oberhand; dieser machte die Verfassung noch mehr demokratisch, er dehnte die Anzahl der Øtlbj, die bisher vier gewesen waren, bis auf zehn aus; und dies hatte die Wirkung, daß der Vorzug der Geschlechter bei der Besetzung der Aemter vermindert würde. Endlich hat Pe r i k l e s die Staatsverfassung noch demokratischer gemacht, indem er den Areopag auf hob, und die Kriminalgerichtsbar|keit und die ausschließliche Verwaltung der Einkünfte, die demselben bisher angehört hatte, an das Volk brachte. Perikles war ein Staatsmann von plastischem, antikem Charakter: als er sich dem Staatsleben widmete, that er auf das Privatleben Verzicht; von allen Festen und Gelagen der Øqbsqjb© und eimoj zog er sich zurück und verfolgte unauf hörlich seinen Zweck, dem Staate nützlich zu seyn; er gelangte daher zu so großem Ansehen, daß Aristophanes ihn den Zeus von Athen nennt. Wir können nicht umhin, ihn auf ’s Höchste zu bewundern; er stand an der Spitze eines leicht-

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6 stellte sich … Areopag] Ak: stellte sich vielmehr selbst wie ein anderer Bürger wegen Mordes | vor den Areopagus 11 die Bürger von Athen] Ak: die Bürger mit Gewalt 12 Gesetzgebung] Ak: Verfassung 12–13 dies erreicht … Herrschaft] Ak: sich die Freiheit bei ihnen eingewöhnt, war die Herrschaft der Pisistratiden 14 vertrieben] Ak: mit Hülfe der Spartaner ver trie- 35 ben 17–18 unterstützten die Gegenparthei] Ak: halfen aber auch einer aristocratischen Gegenpartie 26 war] Ak: war das Haupt der Republik vor dem Peloponnesischen Kriege 30 Zeus] Ak: Jupiter 31–1361,1 leichtsinnigen] Ak: leicht be|weglichen 14 unverträglich] unerträglich

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sinnigen aber höchst freien und durchaus gebildeten Volkes, das einzige Mittel, Macht und Autorität über dasselbe zu erlangen, war seine Pe r s ö n l i c h k e i t , und die Ueberzeugung, die er von sich gab, daß er ein durchaus edler Mann sey, allein auf das Wohl des Staates bedacht sey und nur für denselben handele, daß er durch Geist und Kenntnisse ihnen überlegen sey. Nach der Seite der Macht der Individualität können wir keinen Staatsmann ihm gleichstellen. – In Athen war also diese lebendige Freiheit vorhanden; Ungleichheit des Vermögens konnte nicht ausbleiben, sie ging aber nicht zum Extrem über; sondern im Ganzen herrschte eine Wohlhabenheit, welche die Unabhängigkeit begründete unter den Einzelnen; damit eine geistige Ausbildung beseelt vom Geiste der Schönheit; denn das Prinzip der Schönheit war überhaupt die substantielle Grundlage | des Atheniensischen Staates: auf die Veranstaltung des Perikles sind diese ewigen Werke der Skulptur hervorgebracht worden, deren geringe Ueberreste die Nachwelt erstaunen lassen; vor diesem Volke sind die Dramen des Aeschylus und Sophocles, so wie später auch die des Euripides, der aber nicht mehr diesen plastischen, sittlichen Charakter an sich trägt, sondern schon das Prinzip des Verderbens zu erkennen gibt, vorgestellt worden: an dieses waren die Reden des Perikles gerichtet, und für dasselbe zu seiner Verherrlichung entstanden die Werke eines Phidias; aus diesem Volk erwuchs ein Kreis von Männern, die klassische Naturen für alle Jahrhunderte geworden sind: außer den Genannten gehören zu diesen: Thucydides, Sokrates, Plato usf. ferner Aristophanes, der den ganzen politischen Ernst seines Volkes zur Zeit des Verderbens in sich bewahrte, und durchaus in diesem Ernst für das Wohl des Vaterlandes geschrieben und gedichtet hat. Wir erkennen in den Atheniensern eine große Betriebsamkeit, Regsamkeit, Ausbildung der Individualität, innerhalb des Kreises eines sittlichen Geistes: bei Xenophon und Plato finden wir zwar viel Tadel über die Athenienser, dieser geht aber mehr auf die späteren Zeiten wo das Unglück und Verderben der Demokratie schon gegenwärtig war; die gründlichste Schilderung von Athen, legt Thucydides dem Perikles in den Mund, wo dieser eine Rede zur Todtenfeier der im zweiten Jahr des peloponesischen Krieges ge-

3–5 daß er … sey.] Ak: durch seinen durchaus edlen Character und seinen Geist 10–11 Ausbildung beseelt … Schönheit] Ak: Gleichheit, deren Grundlage das Princip der Schönheit war 13 ewigen Werke der Skulptur] Ak: unsterblichen Werke der Sculptur und Architectur 14 Dramen] Ak: Tragoedien 20 klassische] AkWi: Plastische 20–21 außer den … Thucydides] Wi: 23–24 in diesem … 35 so Pericles mit seinen tiefsinnigen Reden, Thucydides mit seiner Geschichte hat] Ak: in ihm aus seiner geistreichen Laune und Lust jene Stücke schrieb, die wir noch bewundern 25 Ausbildung der Individualität] Wi: Aufregung des größten Talents 26–27 bei Xenophon … Athenienser] Wi: Wenn wir bei Xenophon und Plato das Lob Athens suchen so finden wir statt dessen Tadel 27–28 wo das … war] Wi: wo der Peloponnesische Krieg jene Männer schon 40 dazu nöthigt

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fallnen Bürger hält: | er scheint es zu tadeln, daß Einem Manne der Ruhm, die Ehre der Getödteten zukomme und sagt, er wolle zeigen für welche Stadt sie gestorben seyen und für welches Interesse; (auf diese Weise wendet sich der Redner sogleich auf ’s Wesentliche) nun schildert er den Charakter Athens und was er sagt ist sowohl vom Tiefsinnigsten als auch Richtigsten und Wahrsten und zeigt von großem Scharfsinn: „Wir lieben das Schöne, sagt er, aber ohne Prunk, ohne Verschwendung, wir philosophiren, ohne uns darum zur Sorglosigkeit und Unthätigkeit verleiten zu lassen“, (denn, wenn die Menschen ihren Gedanken nachhängen, so entfernen sie sich vom Praktischen, von der Thätigkeit für’s Oeffentliche, für’s Allgemeine), „wir sind kühn und keck und bei diesem Muthe geben wir uns doch aber Rechenschaft von dem, was wir unternehmen, wir haben ein Bewußtseyn darüber; bei Andern dagegen hat der Muth seinen Grund in dem Mangel an Bildung; wir wissen am besten zu urtheilen, was das Angenehme und was das Schwere sey, dessenungeachtet entziehen wir uns den Gefahren nicht.“ Geistige Bildung, Beharren in der substantiellen Tugend ist der Grundcharakter Athens. In S p a r t a dagegen sehen wir die starre abstrakte Tugend, das Leben für den Staat, aber so, daß die Regsamkeit, die Freiheit der Individualität zurückgesetzt ist. Die Staatsbildung Sparta’s beruht auf Anstalten, die vollkommen das Interesse des | Staates sind, die aber nur eine g e i s t l o s e G l e i c h h e i t und nicht die freie Regsamkeit zum Ziel haben. Schon die Anfänge Sparta’s sind sehr verschieden von denen Athen’s. Die Spartaner waren Dorer, die Athenienser Jonier und dieser nationale Unterschied macht sich auch in Ansehung der Verfassung geltend, (bei Homer wird dieser Unterschied noch nicht erwähnt). Was die Entstehungsweise von Sparte betrifft, so drangen die Dorer mit den Herakliden in den Pelopones ein, unterjochten die einheimische Völkerschaft und verdammten sie zur Sklaverei, denn unstreitig waren die Heloten die ursprünglichen Bewohner des Pelopones; auch wurden später noch die Messenier zu Skla-

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5 was er … Wahrsten] Wi: Er gründet sein Lob also auf das substanzielle, und zwar auf das tiefsinnigste und wahrste 6–8 „Wir lieben … lassen“] Hn: Øjl¾kblou mit ftsŒlfjb. / ØjloroØoÏmfn 30 Øjl¾eowou ohne sorglos zu werden und unthätig )nft mblbk¬bu. 13 Bildung] Wi: bildung oder das Speculiren, das Nachhangen dem Gedanken macht sie träge, besorgt und unthätig 15–16 Geistige Bildung, … Athens.] Ak: Höchste Regsamkeit und Freiheit, geistige Bildung sind die Grundzüge des Athenischen Characters. Wi: So spricht er über die Natur und den Charakter seines Volks. 17 In S p a r t a … starre] Wi: | D a s G e g e n b i l d l i e f e r t u n s S p a r t a . Eine starre 35 18 die Regsamkeit, … Individualität] Wi: das Leben 19 Anstalten] Ak: gewaltsame Anstalten 24 (bei Homer … erwähnt)] Wi: Man hat in Griechenland Jonier, Dorer, Aeolier und Attiker unterschieden. dieser Grundunterschied kommt bei Homer noch nicht vor. 26 in den Pelopones] Ak: aus Thessalien in den Peloponnes 26–27 unterjochten die … Sklaverei] Wi: diese Dorische Völkerschafft hat erobernd sich nach der Peloponnes gewendet und hat die dortige Einheimische Völ- 40 kerschafft, die Heloten unterjocht und zur Sclaverei verdammt

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ven gemacht, die Spartaner hatten die unmenschliche Härte eine freie Völkerschaft zu Sklaven zu machen; die Athenienser hatten ein Familienleben, die Sklaven waren bei ihnen Hausgenossen, dagegen war das Verhältniß der Spartaner zu den Unterjochten noch härter als das der Türken gegen die Griechen, diese waren zwar den Mißhandlungen preisgegeben, doch beruhte das mehr auf ihrer Individualität; in Lacedämonien war aber ein beständiger Kriegszustand: beim Antritt ihres Amtes geben die Ephoren eine förmliche Kriegserklärung gegen die Heloten und diese waren fortwährend preisgegeben zu Kriegsübungen für die jungen Spartaner; die Heloten sind einige Mal befreit worden um gegen die Feinde zu kämpfen, so | hielten sich ein Mal 6000 Heloten in den Reihen der Spartaner außerordentlich tapfer, nach ihrer Rückkehr wurden sie sämmtlich auf die niederträchtigste und hinterlistigste Weise niedergemetzelt: wie auf einem Sklavenschiff die Besatzung beständig bewaffnet ist, und die größte Vorsicht gebraucht, um eine Empörung zu verhindern, so verhielten sich die Spartaner zu den Heloten. – Das Grundeigenthum wurde schon von Lykurg, wie man sagt, in gleiche Theile getheilt, nämlich in 30000 wovon den Spartanern d.i. den Einwohnern der Stadt allein 9000 zukamen; und zum Behuf der Erhaltung der Gleichheit wurde festgesetzt, daß solches Grundstück nicht verkauft werden dürfte: aber wie wenig durch diese Veranstaltung bewirkt wurde geht daraus hervor, daß Lacedämon in der Folge besonders durch 2 machen] Ak: gemacht. Die Heloten hatten es daher ganz anders, als die Atheniensischen Sclaven die Athenienser … Familienleben] Wi: Aber hinsichtlich der Sclaven schon ein ganz anderes Verhältniß bei den Spartanern als bei den Athenern 3–4 dagegen war … Unterjochten] Ak: Ausserdem hatten die Spartaner die Messenier, und das Verbrechen begangen, ein freies Griechisches Volk zu Sclaven zu machen. Ihr Verhaeltniß war 6–7 in Lacedämonien … Kriegszustand] Ak: Es war ein bestaendiger Kriegszustand, in dem sich die Spartaner gegen jene befanden. Wi: hier bestand ein härteres Verhältniß als ein gesetzmäßiges. sie befanden sich stets in einem Krieger Verhältniß zu einander 8 Heloten] Ak: Heloten, die vielleicht noch entflohen waren, und in Waeldern, Bergen | sich auf hielten 9 Spartaner] Wi schließt an: Es scheint daß von diesen Heloten immer welche geflüchtet hatten in die wälder oder berge (wie jetzt zb. oft die Neger). Gegen diese mußten die jungen Spartaner sich üben. befreit] Wi: frei gemacht und bewaffnet 10–11 6000 Heloten] Ak: 6–8000. Heloten, die in der Noth frei gemacht und bewaffnet worden waren Wi: an 8000 11–13 nach ihrer … niedergemetzelt] Wi: Wenn man dann nach erfochtenem Siege, wo die Heloten die tapfersten gewesen zurückkehrte, wurden alle diese 6–8000 niedergehauen, also die größte Grausamkeit aus Vorsicht gegen eine mögliche Empörung. diß also ein hartes, grausames Verhältniß, das […] in Sparta statt fand, und diß Verhältniß hatte zur Folge das Zusammenhalten der Spartaner unter einander so daß die Spartaner nicht in Familien zerfielen. diß eine wesentliche bestimmung. 13 niedergemetzelt] Ak: niedergemetzelt. Dieses eigenthümliche wilde Wesen im Innern von Sparta hatte jenes Zusammenhalten der Spartaner unter sich zur Folge. Dies ist eine Seite des spartanischen Characters. 15–16 Das Grundeigenthum … Lykurg] Wi: E i n e 2 t e b e s t i m m u n g s i n d d i e G e s e t z e d e r S p a r t a n e r. Sie hatten Gesetze hinsichtlich des Grund und Bodens, der getheilt war von Lycurg. 17 Spartanern] Ak: Spartiaten 20–1364,1 besonders durch … kam] Ak: an der ungeheuern Ungleichheit des Grundeigenthums laborirte

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die Ungleichheit des Besitzes so herunter kam; denn durch Heirath kamen die Güter in den Besitz anderer Familien und zuletzt befand sich alles Grundeigenthum in den Händen von wenigen Familien; es ist also nicht nur thörig die Gleichheit auf solche gezwungene Weise erhalten zu wollen, sondern es wird dadurch auch die wesentliche Freiheit, die in der Disposition des Eigenthums besteht, vernichtet. Ein andrer Umstand in der Gesetzgebung ist, daß Lykurg alles andre Geld als das von Eisen verbot; die unmittelbare Folge davon war, daß aller Handel und Betrieb nach außen aufgehoben und abgeschnitten wurde. Nie hatten die Spartaner eine Seemacht und wenn sie einer solchen | bedurften, so wendeten sie sich an die Perser. – Zur Gleichheit der Sitten und der näheren Bekanntschaft der Bürger untereinander sollte besonders beitragen, daß die Spartaner gemeinschaftlich zusammen speisten; diese Gemeinsamkeit ist jedoch keineswegs so hoch anzurechnen, als man wohl geneigt seyn mögte; denn das Familien leben war damit zurückgesetzt (Essen und Trinken ist eine Privatsache und gehört daher zum Familienleben); die Athenienser speisten in der Familie, bei ihnen war ein geistiger Verkehr; wie geistig auch das Zusammenseyn beim Essen war, sehen wir aus den Symposien des Xenophon und Plato, so wie aus den Skolien. Die Kosten des Essens wurden bei den Spartanern durch Beiträge der Einzelnen gedeckt; wer aber z u a r m war diesen Beitrag zu liefern war damit a u s g e s c h l o s s e n . – Was die politische Verfassung in Sparta betrifft, so war sie im Ganzen auch demokratisch, nur mit mehreren Modifikationen: an der Spitze des Staates standen 2 K ö n i g e ; außer dem ein großer S e n a t , hfqotr©b, der vom Volk gewählt wurde; er war einerseits Gerichtshof und hatte die Aufsicht über das sittliche Betragen der Bürger, er entschied aber nur mehr durch sittliche und rechtliche G e w o h n h e i t e n als durch geschriebene Gesetze

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3 von wenigen Familien] Wi: weniger Einzelner 7 das von Eisen] Wi: Eisenmünzen 7–8 die unmittelbare … wurde] Wi: die Spartaner wurden von den anderen Griechen deswegen verlacht, und der Verkehr nach außen wurde dadurch abgeschnitten. 8 aller Handel] Ak: aller Verkehr nach Aussen, aller Handel 9 Nie hatten … Seemacht] Wi: daher hatten sie auch keinen Handel und keine Seemacht, wozu Geld gehörte. 9–10 wenn sie … Perser] Wi: Als sie deswegen nachher sich 30 gegen die Athenienser zu halten suchen wollten mußten sie sich an die Perser wenden wegen Subsidien. 10 Perser] Ak: Perser […], um den Athenern auch zur See widerstehen zu können 10–11 näheren Bekanntschaft … untereinander] Wi: Familiarität aller 12–13 jedoch keineswegs] Wi: freilich wichtig aber nicht 15 speisten in der Familie] Ak: waren auch zusammen, aber nicht zum Essen und Trinken 16 ein geistiger Verkehr] Wi: ein geistiger Verkehr und 35 beisammenseyn 16–17 wie geistig … war] Ak: es war ein geistiges Zusammensein, auf dem Markte, in der Comoedie, in der Academie 18 Skolien] Wi: Scolien (Lieder) 18–19 Die Kosten … gedeckt] Wi: Ferner mußte ein Spartaner monatlich an Victualien und Geld beitragen zu diesen öffentlichen Essen. 20 a u s g e s c h l o s s e n ] Wi: ausgeschlossen. bei den Cretensern war auch solche Einrichtung aber der Arme war nicht ausgeschlossen. 22 2 K ö n i g e ] Wi: 2 Köni- 40 gen, was schon gegen die Monarchie

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( O. Müller in seiner Geschichte der Dorer hält dies für sehr hoch und sagt das Recht sey ihrem Innern gleichsam eingeprägt gewesen; doch das ist immer etwas sehr Unbestimmtes; es ist nothwendig, daß die Gesetze geschrieben sind, damit | bestimmt gewußt werde, was verboten und was erlaubt ist); dann war die hfqotr©b auch noch die oberste Regierungsbehörde, der Rath der Könige; und sie entschied über die wichtigsten Angelegenheiten; endlich war eine der höchsten Magistraturen, die der E p h o r e n : wie sie gewählt wurden, darüber ist uns keine bestimmte Nachricht, die Ephoren waren Volksmagistrate, Aristoteles sagt, sie seyen durch Zufall gewählt worden, ob aber durch das Loos oder die Stimmen der Bürger, das bleibt ungewiß. Plato und Aristoteles nennen sie Tyrannen; wenn wir auch nicht wissen, wie sie gewählt wurden; so wissen wir, daß Leute ohne Ansehen, ohne Vermögen zu dieser Magistratur gelangen konnten; die Ephoren hatten die Vollmacht Volksversammlungen zusammenzuberufen, abstimmen zu lassen, Gesetze vorzuschlagen, ungefähr wie die tribuni plebis in Rom: ihre Gewalt war der ähnlich, welche Robespierre und seine Anhänger eine Zeit lang in Frankreich ausgeübt haben. Indem die Lacedämonier so durchaus ihren Geist auf den Staat richteten, so war die Geistesbildung, Kunst und Wissenschaft nicht einheimisch bei ihnen: die Spartaner erschienen den übrigen Griechen als stumpfe, plumpe und ungeschickte Menschen, indem sie nur ein wenig verwickelte Geschäfte nicht durchführen konnten oder sich wenigstens dabei sehr unbehülflich nahmen; Thucydides sagt, wenn die Spartaner in’s Ausland kamen, so stachen sie sehr auffallend ab durch ihre Unschlüssigkeit, Schwachheit, Inkonsequenz, und Unbehülflichkeit. | Im einheimischen Verkehr waren die Spartaner im Ganzen rechtlich; was aber das Verfahren gegen auswärtige Nationen anbetrifft, so erklärten sie selbst unverhohlen, daß sie da das Beliebige für löblich und das Nützliche für recht hielten: es ist bekannt, daß in Sparta selbst der Diebstahl erlaubt war, nur dürfte der Dieb sich nicht entdecken lassen. –

1 O. Müller] Wi: Ottfried Müller 5 der Rath der Könige] Ak: gleichsam das Concil der 6 sie entschied … Angelegenheiten] Wi: Erst nach dieser berathung kamen die Vorschläge und Gesetze vor die Volksversammlung. 7 E p h o r e n ] Ak: Ephoren, über die wir aber am wenigsten wissen Wi: E p h o r e n , deren Verhältniß dunkel 11 Tyrannen] Wi: eine stqbnnju, eine Tyrannei 11–13 wenn wir … konnten] Wi: Über die Art wie sie ernannt worden ist nichts bestimmtes festzusetzen auch nicht bei Ottfried Müller. 14 vorzuschlagen] Ak: vorzuschlagen 35 und mit dem Volke zu unterhandeln 14–15 ungefähr wie … tribuni plebis] Wi: sie waren es die in der Volksversammlung verhandelten, mag es nun sein wie die tribuni plebis 15–16 seine Anhänger] Ak: die andern Demagogen Hn: dem Konvent 16 ausgeübt] Wi: unbeschränkt über das Volk ausübte 17–18 so war … ihnen] Ak: starb die Individualitaet, Kunst und Wissen schaft 19 ungeschickte] Ak: unbeholfen 20–21 oder sich … nahmen] Ak: litt auch wohl an Rathlosig40 keit und Unbeholfenheit, Unentschlossenheit und Inconsequenz 26 löblich] Wi: thunlich 30 Könige

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So stehen sich beide Staaten gegenüber: Die Sittlichkeit des einen ist eine starre Richtung auf den Staat; in dem andern ist eben solche sittliche Richtung auf den Staat vorhanden aber mit ausgebildetem Bewußtseyn und mit unendlicher Thätigkeit im Hervorbringen des Schönen und dann auch des Wahren. Die schönste Sittlichkeit ist der Mittelpunkt des griechischen Geistes, aber in dieser Schönheit ist zugleich der Mangel enthalten: das Schöne ist das Geistige in einer ihm angemessenen Form dargestellt, und zeigt sich sowohl in Produkten der Phantasie, wo die Form der Darstellung nur Ausdruck des Geistigen ist, als auch im Staat. Diese Angemessenheit macht den Charakter der Schönheit; aber das Geistige existirt so nur im Elemente der Aeußerlichkeit und wird noch nicht als rein für sich bestehend gewußt; der Geist ist nur in dieser Gestaltung der Vereinigung mit dem Sinnlichen, er ist noch nicht objektiv in reiner Wesenheit. Das Selbstbewußtseyn, Bewußtseyn eigener Einsicht, eigenes Willens – diese Subjektivität hatte sich noch nicht befreit von dem Gebundenseyn an das andre Element der Realität überhaupt; das Element der Subjektivität | ist die Quelle des weiteren Fortschreitens des Geistes zu wahrhafter Freiheit und zum Bewußtseyn dieser Freiheit; zu dem Prinzip der Moralität, eigener Reflection, der Innerlichkeit überhaupt mußte der griechische Geist nothwendig fortgegangen seyn; nur kurze Zeit konnte der Geist auf dieser schönen geistigen Einheit stehen bleiben; die schönste Blüthe des griechischen Lebens dauerte ungefähr nur 60 Jahre, von den Medischen Kriegen 492 v. Chr. bis zum Peloponesischen Krieg 431. Das Prinzip der Moralität, das eintrat, und nothwendig hat her vortreten müssen, wurde das Prinzip des Verderbens: der Geist zur schönen Freiheit gelangt mußte weiter gehen um in sich selbst frei zu seyn; er weiß sich zwar schon als Herrn des Natürlichen und Sinnlichen, denn es mußte dasselbe ihm angemessen seyn; er kommt aber da nur zur Anschauung in einem i h m ä u -

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1 gegenüber] Ak: gegenüber, beide gleich an Sittlichkeit in Beziehung | zum Staate; (Tugend der Democratie) 2 starre] Ak: starr und einseitig in dem andern] Wi: die andere stets lebendig 6–7 in einer … dargestellt] Wi: so daß das Sinnliche demselben angemessen ist 9 Staat] Wi: Staat und Recht, daß die Neigungen und das Wollen des Menschen (seine subjective Thätigkeit) ganz auf- 30 genommen seien und und gemäß seyn diesem wesentlichen Zweck Diese Angemessenheit … Schönheit] Ak: Dies ist Griechischer Character 10–11 als rein … gewußt] Wi: bewußt als frei, rein und für sich 12 er ist] Ak: der Geist hat noch nicht das Bewußtsein, frei an und für sich; er ist sich 13 Bewußtseyn eigener … Willens] Ak: Ich, mein Wille und Ueberzeugung 14 befreit] AkWi: losgerissen 15 das Element … Quelle] Wi: diß Element, diese innerlichkeit des 35 Selbstbewußtseins u n d d i e Tr e n n u n g desselben ist das weitere, und die Quelle 17 Reflection] Wi: Einsicht 18–19 fortgegangen seyn] Wi: fortgegangen ist nach einem nothwendigen Schicksal 21–22 bis zum Peloponesischen Krieg] Wi: auf die Marathonische Schlacht folgt bald der Peloponnesische Krieg 22–23 hervortreten] Wi: hervorbrechen 24 mußte weiter gehen] Wi: ist das Elastische das schlechthin weiter gehen muß er weiß sich zwar] Wi: In dieser Schön- 40 heit weiß er sich 26 angemessen seyn] Ak: angemessen sein müsse. (Diese Angemessenheit ist eben der Character des Schönen.)

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ß e r l i c h e n Element, er muß in eigenem Elemente gewußt werden. Das Verderben zeigte sich in Athen und in Sparta in einer verschiedenen Gestalt: die Athenienser zeigen sich bei ihrem Untergange nicht nur liebenswürdig, sondern auch groß, edel und auf eine Weise, daß wir sie bedauern müssen, bei den Spartanern geht das Element der Subjektivität zu einer gemeinen Subjektivität über und zu einem gemeinen Verderben fort. Das Prinzip des Verderbens offenbarte sich zunächst in der äußeren, politischen Entwicklung, sowohl in dem Kriege der griechischen Staaten gegeneinander als im Kampf der Faktionen innerhalb der Städte. | Die griechische Sittlichkeit hatte Griechenland unfähig gemacht, Einen Staat zu bilden; diese Absonderung kleiner Staaten gegeneinander, diese Koncentration in Städten, wo das Interesse, die geistige Ausbildung im Ganzen dieselben seyn konnten war nothwendige Bedingung der Freiheit; nur eine momentane Vereinigung ist im Trojanischen Kriege vorhanden gewesen, und sogar in den Medischen Kriegen konnte diese Einheit nicht zu Stande kommen; doch war eine gewisse Richtung nach Einheit nicht zu verkennen, aber sie war theils schwach, theils der Eifersucht ausgesetzt und der Kampf um die Hegemonie hat die Staaten gegeneinander aufgebracht: der allgemeine Ausbruch der Feindseligkeiten erfolgte endlich im p e l o p o n e s i s c h e n K r i e g e . Vor demselben und noch zu Anfang des Krieges stand Perikles an der Spitze der Athenienser und eine tiefe Persönlichkeit erhielt ihm, wie schon gesagt seinen Standpunkt. Athen hatte seit den Medischen Kriegen die Hegemonie: eine Menge Bundesgenossen besonders Inseln und Seestädte mußten einen Beitrag liefern zur Fortsetzung des Krieges gegen die Perser; Athen ließ sich diesen Beitrag anstatt in Truppen oder in Flotten, in Gelde liefern, wodurch sich alle Macht daselbst concentrirte, indem es übernahm seine Bundesgenossen zu schützen; ein Theil des Beitrags wurde nun auf große Architekturwerke verwendet, woran die

1 in eigenem … werden] Ak: aus dem Natürlichen ganz heraus, und in seinem eignen Element sich | frei erkennen Wi: eignen Element. das Element der Innerlichkeit nimmt hier seinen Anfang und endet sich im Christenthum. 5–6 geht das … fort] Ak: Das Element der Subjectivitaet aber 10–12 diese Abson30 war dies Verderben, das hernach zum Römischen Elemente herüberführte. derung … Freiheit] Ak: Bedingung ihrer schönen Freiheit, Democratie war diese Zerstückelung und Absonderung in Einen kleinen Punct. Zugleich machte aber Griechenland ein Ganzes aus 15 Richtung] AkWi: Tendenz 16 der Eifersucht ausgesetzt] Wi: ein immer bestrittenes Kampf um die Hegemonie] Ak: Hauptkrieg um die Hegemonie Griechenlands als Eines, als eines 17 gegeneinander aufgebracht] Wi: zernichtet 20 eine tiefe … Standpunkt] Wi: Seine 35 Ganzen große Persönlichkeit war es die ihn auf diese Spitze gebracht hat und darauf erhalten. 21 Athen hatte … Hegemonie] Ak: Athen war im Zustande einer grossen Macht 22–23 liefern zur … Perser] Wi: liefern […] wo eine bundeskasse war, die Athen verwaltete 26 auf große Architekturwerke] Wi: für die Tempel und andere Öffentlichkeit 40 15 verkennen] erkennen

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Bundesgenossen eben so einen gemeinschaftlichen Genuß hatten, denn der höchste Genuß ist in den Werken des Geistes: |daß aber Perikles das Geld nicht allein auf Kunstwerke verwendete, sondern für das Volk auch sonst auf ’s beste sorgte, das konnte man nach seinem Tode, sagt Thucydides aus der Menge von Vorräthen, die man in vielen Magazinen besonders im Seearsenal antraf, sehen. Xenophon sagt: „Wer bedarf nicht Athen’s? bedürfen seiner nicht alle Länder, die reich sind an Korn, Oel und Wein, nicht Alle, die mit Geld wuchern wollen usw.“ Der Kampf des peloponesischen Krieges ist wesentlich der zwischen Athen und Sparta; Thucydides hat uns die Geschichte des größten Theils desselben hinterlassen; dieses Werk ist unsterblich und der absolute Gewinn, den die Menschheit von jenem Kampfe hat. Athen hat sich zu den schwindelhaften Unternehmen des Alcibiades hinreißen lassen und dadurch schon sehr geschwächt, unterlag es den Spartanern und zwar darum, weil diese die Verrätherei begangen haben sich an Persien zu wenden und von dem Könige Geld und eine Seemacht erhalten; sie haben sich dann ferner einer weiteren Verrätherei schuldig gemacht, indem sie in Athen und den Städten Griechenlands überhaupt die Demokratie auf hoben und Faktionen, die die Oligarchie wollten, sich aber nicht durch sich selbst halten konnten, das Uebergewicht gaben; im Antalcidischen Frieden beging endlich Sparta den Hauptverrath, daß es die griechischen Städte in Kleinasien der Persischen Herrschaft überließ. Lacedämonien hatte nun in Griechenland ein großes Uebergewicht erlangt theils durch die | in den Städten eingesetzten Oligarchieen, theils selbst durch Besatzungen, die es in einigen Städten, wie in Theben, unterhielt. Die griechischen Staaten waren nun viel mehr empört über die Spartanische Unterdrückung als sie es vorher über die 1 hatten] Wi: hatten die in Freundschafft mit den Athenern standen, das der große Mittelpunkt geworden war 2–5 daß aber … sehen] Wi: daß das Geld aber, das die Athener so erhielten, nicht verschwendet worden ist sieht man aus Thucydides, der sagt daß man erst nach dem Tode des Pericles recht gesehn habe, wie Pericles für den Staat gesorgt habe. Was für Luxus angewendet ist ist auf eine Art angewendet worden, die die Höchste ist[.] Athen war der Mittelpunkt. 7 Oel und Wein] Wi: Wein und Oel, die diß nach Athen bringen Geld wuchern wollen] Wi: ihrem Geist und Gelde wuchern können in Athen 10 dieses Werk … Gewinn] Wi: eines der schönsten, unsterblichen Erbtheile von Griechenland, es ist wie alle jene großen Werke absoluter Gewinn 11–12 Athen hat … lassen] Wi: das Volk wurde durch Demagogen zu schwindelnden Unternehmungen getrieben 13–15 unterlag es … erhalten] Ak: Athen unterlag in diesem Kriege besonders durch die Verraetherei der Lacedaemonier, daß sie sich an Persien wendeten, und diesem Einmischung in die Griechischen Staaten | gestatteten. 18 konnten] Ak: konnten ohne Lacedaemonische Besatzung, oder wenigstens Aussicht auf die Spartanische Hülfe 19 griechischen] Ak: Jonischen 20 in Kleinasien] Wi: in Asien und Cypern der Persischen Herrschaft] Ak: der Despotie des Königs von Persien überließ] Wi: überlassen hat. / Ein Zustand der Unruhe und des Uebelfindens war es dem man durch neue Verfassungen und Constitution abhelfen wollte, aber eine Revolution folgte auf die andere bei diesen bestrebungen. 22 Besatzungen] Wi: Garnisonen 8 usw.“] usw.

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Atheniensische Herrschaft gewesen waren; sie warfen das Joch ab, T h e b ä stand an ihrer Spitze und war auf einen Moment das ausgezeichnetste Volk in Griechenland: Lacedämonien’s Herrschaft wurde aufgelöst, und durch die Wiederherstellung des Messenischen Staates Sparta eine bleibende Macht gegenübergestellt; Arkadien wurde ebenfalls durch die Gründung der Stadt Megalopolis fast wider den Willen der Einwohner zu einem Staat gemacht. Zwei Männer waren es, denen Thebä seine ganze Macht verdankte: Pe l o p i d a s und E p a m i n o n d a s ; in jenem Staat war überhaupt das Subjektive überwiegend, daher blühte auch dort besonders die Ly r i k , die Dichtkunst des Subjektiven, auf (bekanntlich war Pindar ein Thebaner) [eine Art von Gemüthlichkeit zeigt sich auch darin, daß dem Feldherrn eine auserlesene Schaar, welche die Schaar der Freunde hieß zu seiner Beschützung gegeben wurde]. Nach dem Tode des Epaminondas fiel Theben in seine alte Stellung zurück, und das geschwächte, in sich zerrüttete Griechenland konnte in sich selbst nun keine Rettung mehr finden, es bedurfte einer Autorität, eines Anstoßes von Außen. – Wenn also auch im Ganzen der griechische Geist Einer war, so waren doch die Griechen weit entfernt eine | politische Einheit in sich auszumachen; ja in den einzelnen Städten gab es unauf hörliche Streitigkeiten und die Bürgerschaft derselben theilte sich in Faktionen, wie in den Italiänischen Städten des Mittelalters, die sich gegenseitig bekämpften, der Sieg der Einen zog die Verbannung der Andern nach sich und diese wendeten sich dann häufig an die Feinde ihrer Vaterstadt, um diese gemeinschaftlich zu bekriegen; so ging schon der Sohn des Pisistratus, Hippias der aus Athen vertriebene Tyrann zu den Persern über um die Herrschaft wiederzuerlangen. – Ein ruhiges Bestehen der Staaten nebeneinander war nicht mehr möglich; sie bereiteten sich sowohl gegenseitig als in sich selbst den Untergang vor. Wir haben dies Verderben der griechischen Welt in einer tieferen Bedeutung aufzufassen: das Prinzip desselben ist die f ü r s i c h f r e i w e r d e n d e I n n e r 1 sie warfen das Joch ab] Ak: endlich warfen die Thebaner durch Epaminondas das Joch von Grie-

30 chenland ab, und das alte Unrecht an Messenien wurde geraecht, indem Epaminondas Stadt und

Staat herstellte 3 aufgelöst] Wi: gebrochen und die Nemesis ausgeführt, und das Unrecht Lacedämons an Messenien gerächt. Epaminondas befreite Messenien wieder. 5 Stadt] Wi: Hauptstadt 8 das Subjektive] Ak: die Subjectivitaet, Individualitaet 14–15 es bedurfte … Außen] Wi: es mußte ein Halt der Autorität von außen für sie erscheinen 16–17 Wenn also … auszuma35 chen] Wi: Wie die Griechen im ganzen unfähig gewesen es zu einer gemeinsamen großen Einheit zu bringen so ging es auch in den Einzelnen Städten 24 Ein ruhiges Bestehen] Wi: Wenn wir nun das was wir Ve r d e r b e n genannt haben seinem Prinzip nach betrachten, so haben wir gesehen, daß das ruhige Bestehen 25 nicht mehr möglich] Wi: nicht mehr bestehn konnte seit in dem innern der Staaten die Factionen mächtig wurden 27–28 Wir haben … ist] Ak: Diese Un40 faehigkeit Griechenlands, sich zu einer politischen Einheit zu bilden, diese Unvertraeglichkeit der Bürger, dieses Verderben, ist nichts anders, als

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l i c h k e i t ; diese Innerlichkeit und Subjektivität stellt sich in zwei Formen dar, zuerst, in dem D e n k e n , dem Bewußtseyn, daß das Allgemeine das Wesentliche ist, dann als Subjektivität in der Partikularität, indem die besonderen Interessen für die Individuen wesentlicher Zweck werden. Das Denken erscheint also hier als das Prinzip des Verderbens und zwar des Verderbens der substantiellen Sittlichkeit; es stellt einen Gegensatz auf und macht wesentlich Vernunftprinzipe geltend; das Denken tritt als Verderben auf; wogegen in den Orientalischen Staaten | die G e g e n s a t z l o s i g k e i t vorhanden ist, in der es nicht zur innern moralischen Freiheit kommen kann, da das höchste Prinzip da die A b s t r a k t i o n ist. Indem aber das Denken sich affirmativ weiß, so stellt es Prinzipe auf und diese stehen in einem wesentlichen Verhältnisse zur vorhandenen Wirklichkeit. Die konkrete Lebendigkeit bei den Griechen ist S i t t l i c h k e i t , Leben für die Religion, den Staat ohne weiteres Nachdenken, ohne allgemeine Bestimmungen, die sich sogleich von der konkreten Gestaltung entfernen und sich ihr gegenüberstellen müssen. Das Gesetz ist vorhanden und der Geist in ihm; sobald aber der Gedanke für sich aufsteht, so untersucht er die Verfassungen, die Gesetze, ob sie recht seyen; er untersucht ferner was das Bessere sey und verlangt, daß das, was er dafür anerkennt, an die Stelle des Vorhandenen trete. Wir sehen das Prinzip des Denkens bei den Griechen vornehmlich zur Zeit des Cyrus aufgehen und zwar zuerst im Kreise der s i e b e n We i s e n ; diese fingen zuerst an allgemeine Sätze auszusprechen: doch wurde zu jener Zeit die Weisheit noch mehr in die k o n k r e t e E i n s i c h t gesetzt; die A u s b i l d u n g d e s G e d a n k e n s geschah erst vornehmlich durch die S o p h i s t e n (diese kamen Anfangs meist aus Jonien). Das Denken für sich, das Reflektiren über das 2 Bewußtseyn] Ak: Bewußtsein des Allgemeinen das Wesentliche] Ak: das Wahre 7 das Denken … auf ] Ak: Daß das Denken als Verderben auftrete, dazu gehört, daß es in einem Gegensatze auftrete; dieser Gegensatz ist das Bestehende, daß das Vernünftige, das Wesentliche gegen die Wirklichkeit in Kampf trete. Wi: bei den Orientalen konnte das denken nicht als Verderben auftreten, weil es dazu eines Gegensatzes bedarf, gegen den es auftrat, und zugleich muß es dazu um seine Grundsätze wissen 9 das höchste … A b s t r a k t i o n ] Ak: die höchste Spitze des Denkens die Abstraction, d.h. der Uebergang in das Vernünftige 11 diese stehen … Wirklichkeit] Wi: dieses d e n k e n ist also ein Zurückziehen des Selbstbewußtsein in sich selbst, in seine Reinheit gegen die concrete Lebendigkeit zur vorhandenen Wirklichkeit] Ak: zum Bestehenden 12 Die konkrete … S i t t l i c h k e i t ] Ak: Eben dieses Denken ist ein Zurückziehen des Bewußtseins in seine Reinheit gegen die concrete Lebendigkeit. Letztere ist aber bei den Griechen jene Sittlich keit 15 Das Gesetz … ihm] Wi: In der Griechischen welt gelten die Gesetze, sie sind, aber sie sind nur schlechthin an und für sich, ohne sich abzutrennen 16 der Gedanke … aufsteht] Wi: das denken erwacht 17 recht] Wi: das wahrhafte Recht 17–18 und verlangt, … trete] Wi: das ist von dieser Seite die allgemeine bestimmung. 21 allgemeine] Wi: abstracte und allgemei ne 21–22 doch wurde … gesetzt] Ak, ähnlich Wi: aber sehr abstract und allgemein, und hatten eben deshalb keine (Ak: incitirende Kraft Wi: zerstörend eindringende Gewalt), da die Weisheit überhaupt noch in concretes Wissen gesetzt wurde 23 d e s G e d a n k e n s ] Wi: dieser Sätze

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Vorhandene, das Räsonniren hat mit ihnen seinen Anfang genommen, denn | sie waren die Meister dieser Gedankenbildung und durch ihre Kunst haben sie die Griechen in Erstaunen gesetzt; auf alle Fragen wußten sie zu antworten, indem sie allgemeine Gesichtspunkte hatten, die bei allen Interessen, religiösen, politischen usw. geltend gemacht werden konnten. Die weitere Ausbildung dieser Kunst bestand nun darin, Alles beweisen zu können, in Allem eine zu rechtfertigende Seite aufzufinden; eben so kann man aber in jedem Gegenstande einen Gesichtpunkt auffinden, der als tadelnswürdig dasteht. (In einem Verbrechen ist die negative Seite das Verbrechen, das Böse; andererseits kann man aber auch das Affirmative an ihm herausheben und dahin gehören alle Entschuldigungs und Rechtfertigungsgründe)[.] In der Demokratie ist es besonders Bedürfniß vor dem Volke zu sprechen, ihm etwas vorstellig zu machen, es zu bewegen zu seinem besonderen Willen und dazu gehört, daß ihm der Gesichtspunkt, den es als den wesentlichen ansehen soll, gehörig vorgestellt werde: in den Angelegenheiten des Augenbliks muß der einzelne vorliegende Fall unter einen allgemeinen Gesichtspunkt subsumirt werden, der als wahrhafter erscheint; dazu gehört ein gebildeter Geist und diese G y m n a s t i k d e s G e i s t e s haben die Griechen sich bei den Sophisten erworben. Diese Gedankenbildung und formelle Ausbildung des Verstandes ist so Mittel geworden bei dem Volke | seine Absichten und seine Interessen durchzusetzen. Der geübte Sophist wußte den Gegenstand nach dieser oder jener Seite hin zu wenden; er konnte unter den verschiedenen Gesichtspunkten wählen; das, was ihn bewog einen bestimmten anzunehmen, konnte, wie es meist der Fall war, das Privatinteresse seyn; auf diese Weise ist die Gedankenbildung Mittelpunkt für die Leidenschaften geworden. Ein Hauptprinzip der Sophisten war: Der Mensch ist das Maaß aller Dinge; hierin liegt solche Zweideutigkeit so wie in allen Aussprüchen der Sophisten, denn der M e n s c h kann hier heißen der Geist, der Geist in seiner Tiefe und Wahrhaftigkeit oder auch der Mensch mit seinem Belieben, besonderem Interesse und Leidenschaften. –

30 2 Meister] Wi: Anfänger

4 allgemeine Gesichtspunkte] Ak: allgemein anwendbare Grund saetze 7 aufzufinden] Wi: abgewinnen können, nach der die Sache nothwendig ist, d.h. also jede Sache sollte bewiesen werden 12–13 zu seinem besonderen Willen] Ak: zu Allem 13–14 dazu gehört, … werde] Wi: um diß zu erreichen muß man ihnen Gesichtspunkte vorhalten, die denen zu denen Gesprochen wird als Wahrhafte gelten und die Motive zu Handlungen enthalten 16 er17 G y m n a s t i k d e s G e i s t e s ] Ak: 35 scheint] Ak: erscheinen, Motive zu Handlungen sind Gymnastik des Gedankens, des Geistes 20 durchzusetzen] Ak: durchzusetzen, worauf es ankam 22 wählen] Ak: waehlen, zwischen dem Einen und dem Andern 24 Mittelpunkt] AkWi: Mittel 28 der Mensch] Wi: der Particulaire Mensch 4 indem] in dem

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In der S c h ö n h e i t , als dem Prinzip der Griechen, war die konkrete Einheit des Geistes mit der Realität – Vaterland, Familie usw.– vorhanden; bei dieser Einheit war noch kein fester Standpunkt innerhalb des Geistes selbst gefaßt und der Gedanke, der sich über die konkrete Einheit erhob, hatte das Belieben in sich zum Entscheidenden. Daß der noÏu das Prinzip der Welt sey, hatte Anaxagoras auf eine abstrakte allgemeine Weise ausgesprochen; bei Sokrates erscheint das Subjekt als in sich b e s t i m m e n d , was recht und gut ist; Sokrates setzt die Tugend in die E i n s i c h t , indem diese das Gute unterscheidet; er beginnt so mit | der Innerlichkeit, der M o r a l i t ä t (der moralische Mensch ist nicht der, welcher bloß das Rechte will und thut, nicht der unschuldige Mensch, sondern er muß das Bewußtseyn haben, daß er das Rechte thut). Sokrates, indem er es der Einsicht, der Ueberzeugung anheim gestellt hat, den Menschen zum Handeln zu bestimmen, so hat er s i c h , das S u b j e k t als das Entscheidende gesetzt und das steht dem Prinzipe gegenüber, daß das Gesetz, das Vaterland und die allgemeine Sitte schlechthin gelten sollen; er hat das Subjekt als entscheidend gegen Vaterland, Verfassung, Sitte usw gesetzt, und sich zum O r a k e l , im griechischen Sinne, gemacht; so hat er gesagt, er habe einen eb©mvn in sich, der ihm rathe was er thun solle und ihm offenbare, was seinen Freunden nützlich sey; deßwegen haben ihn die Athenienser verdammt, weil er andre Götter als die ihrigen habe; Sokrates selbst sah seinen eb©mvn nicht für seine Innerlichkeit, Subjektivität, an sondern als etwas außer ihm. Grundprinzipe griechischer Philosophen wie: das Denken ist das Absolute, das Absolute ist das Eine, oder die Atome sind das Absolute contrastirten mit der griechischen

2 Vaterland, Familie usw.] Ak: (Vaterland pp war Eins mit dem subjectiven Willen) 4–5 das Belieben … Entscheidenden] Wi: das Belieben der Leidenschafft zugleich in sich getragen | die Sophisten waren Meister der Gedankenbildung. 8 E i n s i c h t ] Ak: Einsicht; Regel für meine Handlungen ist meine Einsicht 9 Innerlichkeit] Ak: Innerlichkeit des Bestimmens 10–11 sondern er … thut)] Ak: sondern daß ich aus Einsicht, daß dies gut und recht, und damit dem Willen das Gute und Rechte thue Wi: sondern dazu gehört noch das innere Bewußtsein von der Allgemeinheit des Guten und Rechten; ohne diß gibt es keinen Willen dazu 13 das S u b j e k t ] Ak: das Individuum, Subject 15 er hat] Wi: Er aber sagte jetzt daß die Tugend nicht Sitte sei, er setzte 16 Vaterland, Verfassung, Sitte] Wi: die Staatsgewalt 18–19 der ihm … sey] Wi: diesem schreibt er nicht eine Offenbarung von gut und recht im allgemeinen zu, sondern nur in bestimmten Fällen. Diß gerade das Wesen des Orakels im Griechischen Sinne. 19 sey] Ak: sei, nicht, der ihm sage, was gut und recht sei. Jenes Nützliche war aber eben von dem Orakel zu bestimmen 19–20 weil er … habe] Wi: als führe er neue Götter ein – damit hing dann die Frage zusammen: ob Götter da seyen oder nicht? und diese Griechischen Götter sind dann nicht bloß herabgesetzt sondern auch angegriffen 20 habe] Ak: einführe. – Damit hing dann die Frage zusammen: ob Götter sind, und nicht bloß dieser, sondern der Gedanke griff die Griechische Götter|welt an, und setzte sie herab. 23 die Atome] Ak: Atome oder der noÏu Wi: der Gedanke oder die Atome

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Götterwelt; der G e d a n k e mußte dieselbe herabstürzen. Plato verbannte den Homer und Hesiod, die Urheber der religiösen Vorstellungswelt der Griechen aus seinem Staate. Das Prinzip einer übersinnlichen Welt und der subjektiven Freiheit ist den Griechen aufgegangen, – die Moralität welche der griechischen Welt gegenübersteht. Das Prinzip des Sokrates | zeigt sich als revolutionär gegen die Atheniensische Sittlichkeit; wenn er seine Freunde zum Nachdenken bringen will, so ist die Unterhaltung immer negativ dh. er bringt sie zum Bewußtseyn, daß sie nicht wissen, was das Rechte sey. In dem großen Gefühl, daß Sokrates gegen ihre Sittlichkeit sich revolutionär verhalte, haben die Athenienser ihn zum Tode verurtheilt; es ist eine welthistorische Gerechtigkeit, die der Geist eines Volkes ausgeübt hat: aber das Schicksal des Sokrates ist ein hochtragisches, das Atheniensische Volk erkannte in ihm den Feind seines Geistes, dieser hat aber nothwendig zu dem Prinzipe des Sokrates fortgehen müssen. Die Athenienser haben erfahren, daß das, was sie in Sokrates verdammt, schon feste Wurzel bei ihnen selbst gefaßt habe, daß sie ebenso mitschuldig oder eben so freizusprechen seyen; in diesem Gefühl haben sie die Ankläger des Sokrates verdammt und diesen als unschuldig erklärt. In Athen entwickelte sich das höhere Prinzip, welches das Verderben des substantiellen Bestehens des Atheniensischen Staates war; es hat sich nach allen Seiten hin entwickelt, in seiner Größe und in seinem ganzen Interesses und in der Tiefe, die es haben konnte. Es ist das Gegentheil von dem, was Perikles an den Atheniensern heraushebt nämlich von der qbptm©b entstanden. Der Geist hatte den Hang sich selbst zu befriedigen, 1 Götterwelt] Ak: Götterwelt, und ist durchaus gegen die Griechischen Götter gesprochen Wi: Götterwelt […], die als Schönheit wesentlich anthropomorphistisch ist Plato] Wi: die Sophisten griffen also die Götter an und Plato 3 seinem Staate] Ak: seiner Republik 4–5 aufgegangen, – die … gegenübersteht] Ak: ging auf, und war dem Sinnlichen der Griechischen Götter eben so entgegengesetzt, wie das Princip der Moralitaet (durch Socrates) der Griechischen Sittlichkeit. (Einheit mit den Gesetzen und der Verfassung ohne Nachdenken.) 5 Sokrates] Wi: Socrates, das sich auf die Subjectivität, die eigne Einsicht, des Entschließens und Wollens rein aus sich selbst bezog 6 die Atheniensische Sittlichkeit] Ak: den Griechischen Geist Wi: die Griechische Welt 7 ist die … negativ] Wi: hebt er negativ an, und führt das ganze Gespräch auch negativ aus 8 daß sie … sey] Wi: daß das Alte, Frühere nichtig sei 10 zum Tode verurtheilt] Wi: verdammt 12 das Atheniensische … Geistes] Wi: In Rücksicht auf sein Volk verdiente Socrates diesen Tod 13 Prinzipe des Sokrates] Wi: Prinzip der inneren Freiheit 16–17 in diesem … erklärt] Ak: deshalb rehabilitirte es den Socrates, und verurtheilte seine Anklaeger Wi: Sie haben deswegen auch ihr Ur|theil zurückgenommen. 17–20 In Athen … konnte.] Ak: In Athen ward also das Princip des Denkens geboren; das Denken ging zur Philosophie über; die Idee trat hervor. 20 konnte] Wi schließt an: Das Prinzip des denkens ist also fortgegangen zur Philosophie, die den Gedanken erkennt, zur Philosophie der Idee in Plato. 21–22 nämlich von … entstanden] Wi: daß der Athenische Staat sich selbst genüge 22–1374,1 Der Geist … zurückzuziehen] Ak: Es entstand jene qbptm¬b in Athen, daß der Geist in seinem Geistigen, in seinem Nachdenken sich selbst befriedigte, die Individuen sich in dieser Befriedigung anfingen, vom Staate zurückzuziehen (wie Plato).

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zum Nachdenken; die Athenienser fingen an sich vom Staate zurückzuziehen, sehr Viele haben sich auf die Künste geworfen und man | muß nicht glauben, daß die K u n s t aus dem Glück hervorgeht, vielmehr aus dem innern Unglück, denn in diesem ist der Trieb vorhanden, etwas Anderes für die Anschauung zu produziren als sich ihr unmittelbar darstellt. In Athen also hat sich vornehmlich dies Prinzip entwickelt, in der Form des Denkens überhaupt und in der der partikulären Subjektivität, – diese Entzweiung des Subjektiven gegen das Substantielle; so daß einerseits in Athen die Wissenschaften und insbesondere die Philosophie geblüht haben, und diese Art der Entfernung vom politischen Leben und Seyn ist Erhebung gewesen, Leben zur geistigen Befriedigung; auf der anderen Seite hatte die partikuläre Subjektivität immer noch eine geistreiche Lebendigkeit, indem sie den Vorwand von Prinzipien annahm und der subjektive Ehrgeiz den Schein des Besten des Staates bekam; überall, wo wir auch den Bruch der schönen Sittlichkeit sehen, wie bei der Verführung des Volks durch blendende Vorspiegelungen usw. so erkennen wir doch darin das höhere Interesse der Bildung: ja, das Atheniensische Volk hat sich über seine eigenen Thorheiten lustig gemacht und gewiss ist dies eine der größten und seltensten Erscheinungen: es fand ein ungemeines Vergnügen an den Komödien des Aristophanes, die eben die bitterste Verspottung zu ihrem Inhalt haben, aber das Gepräge der ausgelassensten Lustigkeit an sich tragen. | In Sparta tritt dasselbe Verderben ein, daß das Subjekt sich für sich geltend macht gegen das allgemeine, sittliche Leben; aber da zeigt sich uns bloß die eine Seite der partikulären Subjektivität, das Verderben als solches, die blanke Immoralität, die platte Selbstsucht, Habsucht, Bestechlichkeit usw.; alle diese Leidenschaften thun sich innerhalb Sparta hervor und besonders an dessen Feld-

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1 die Athenienser … zurückzuziehen] Wi: Plato und die Philosophen mußten sich zurückziehn aus dem Staatsleben weil es ihnen nicht genügte. 4–5 etwas Anderes … darstellt] Ak: etwas zu erzeugen, was noch nicht da ist, sich einen fehlenden Genuß zu machen 7–8 diese Entzweiung … Substantielle] Ak: So also schied sich die Subjectivitaet von der sittlichen Einheit, der Einheit mit dem Gesetze und der Verfassung. Wi: diese Entzweiung des Substanziellen und die wiederum in 30 sich entzweite Subjectivität sind beide in Athen erschienen 9 insbesondere] Wi: an der Spitze 9–10 diese Art der Entfernung] Wi: diß Entfernen von der Substantialität des Staates und 11–14 auf der … bekam] Ak: Damit wurden die Leidenschaften (Ehrgeiz, Irrthümer) und Leichtsinn, Verführung des Volks durch blendende Vorstellungen herrschend, zugleich aber immer noch auf eine geistreiche Weise. Wi: so daß ebenso die Leidenschafften in ihrer Particularität 35 geblüht haben, so aber daß die letzteren noch immer in schöner Lebendigkeit geblüht haben, so daß noch immer der S c h e i n des besten den Staat leitete 16 das Atheniensische Volk] Wi: niemand mehr als das Atheniensische Volk 17 seine eigenen Thorheiten] Wi: sein eigenes Verderben 18 ungemeines Vergnügen] Wi: innigste Lust 19 bitterste Verspottung] Wi: bitterkeit über sich selbst 20 der ausgelassensten] Wi: mit unbegränzter 21–22 daß das … Leben] Ak: in der 40 Tren nung der Subjectivitaet von dem allgemeinen Leben des Staats, von dem Interesse des Staats 23 das Verderben als solches] Wi: die auch moralisch verderbt ist

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herrn, die, entfernt, am meisten Gelegenheit haben auf Kosten des Staates und vornehmlich derer, denen sie zum Beistand geschickt sind, für sich Vortheile zu erlangen. – Den Schluß der Periode macht das Auftreten A l e x a n d e r s d e s G r o ß e n . – Nach Athens Unglück übernahm Sparta die Hegemonie, mißbrauchte aber dieselbe auf eine selbstsüchtige, herrschsüchtige Weise, so daß es allgemein verhasst wurde. Theben hat dann, wie gesagt, die Rolle übernommen Sparta zu demüthigen, aber nicht lange hat es dieselbe behaupten könnnen, durch den Krieg mit den Phocensern ist es erschöpft worden: die Spartaner und Phocenser nämlich wurden vom Amphiktyonenbunde zu einer namhaften Geldstrafe verurtheilt, und zwar erstere, weil sie die Burg von Thebä überfallen hatten; beide verweigerten es; denn das Amphiktyonengericht hatte eben nicht viel mehr Autorität als der alte deutsche Reichstag, dem die deutschen Fürsten gehorchten, soviel als sie eben wollten; die Phocenser sollten von den Thebanern | bestraft werden; jene gelangten aber durch eine eigenthümliche Gewaltthat zu einer augenblicklichen Macht; dadurch nämlich, daß sie den delphischen Tempel entweihten und plünderten; diese That vollendet den Untergang der griechischen Welt. Der heilige Mittelpunkt Griechenlands, der letzte Haltpunkt der Einheit wurde vernichtet; die Ehrfurcht für das, was immer der letzte Wille, gleichsam das monarchische Prinzip, in Griechenland war, war außer Augen gesetzt, verhöhnt, mit Füßen getreten worden. – Der weitere Fortgang ist nun der ganz naive, daß nämlich a n d i e S t e l l e des verhöhnten O r a k e l s , ein andrer entscheidender Wille, ein w i r k l i c h e s gewalthabendes K ö n i g s t h u m tritt. Der Macedonische König Philipp übernahm es auf sich die Verletzung des Orakels zu bestrafen und trat nun an die Stelle desselben, indem er sich zum Herrn von Griechenland machte. ( Nach ihm tritt dann der Jüngling Alexander auf, stellte sich an die Spitze der Griechen und macht mit seiner glänzenden Unternehmung den Schluß) Philipp unterwarf sich die griechischen Staaten und

2–3 vornehmlich derer, … erlangen] Wi: der Bundesgenossen sich bereichern pp. / diß sind die 30 Grundzüge des Herabkommens des griechischen Geistes, wo das subjective als solches sich geltend

macht. 11 weil sie … hatten] Ak: (wegen des Ueberfalls der Cadmeia, gegen Thebae) 11–12 beide verweigerten es] Ak: Beide wollten nicht zahlen, und die andern Staaten sollten die Executoren sein. 16 den delphischen Tempel] Wi: den heiligen Mittelpunkt von Delphi 18 der letzte Haltpunkt] AkWi: der Gott 21 verhöhnt] Ak: verletzt und verhöhnt 22 des verhöhnten 35 O r a k e l s ] Ak: des Orakels, des höchsten Willens Wi: des ungerächten Delphi, statt dieses h e i l i g e n Willens, der entschied 22–23 andrer entscheidender] Wi: neuer mächtiger äußerlicher 24–25 es auf … bestrafen] Wi: die Stelle des Rächers 25–26 und trat … machte] Ak: und seine Function, den entscheidenden Willen in Griechenland zu haben 26–28 Nach ihm … Schluß] Wi: diß ist der Schluß dieser Periode, daß jetzt Einer und zwar der Griechische Jüngling Alexander 40 an die Spitze getreten ist

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brachte sie zum Bewußtseyn, daß es mit ihrer Unabhängigkeit aus sey, daß sie sich nicht mehr selbstständig erhalten könnten. Die Kleinkrämerei, das Harte, Gewaltsame, politisch Betrügerische – dies Gehässige, das dem Philipp zum Vorwurf gemacht wurde, das fiel nicht mehr auf den Alexander, denn er hatte nicht mehr nöthig sich drgl. zu Schulden kommen zu lassen, auch brauchte sich Alexander nicht damit abzu|geben sich erst ein Heer zu bilden, denn er fand es schon vor, er brauchte nur die Zügel zu ergreifen und es zu lenken, gleich wie er sich auf den Bucephalus schwang und dasselbe seinem Willen folgen lehrte. Die Macedonische P h a l a n x , diese starre, geordnete Eisenmasse, die massenhaft gewirkt hat, war schon von Philipp, der es dem Epaminondas abgelernt, gebildet und unter ihm berühmt geworden, (Man hat überhaupt bemerkt, daß große Feldherrn meist Erfinder einer Eigenthümlichkeit im Kriegswesen waren, so in neurer Zeit Gustav Adolph, Friedrich der große, Napoleon). Von dem tiefsten und auch im Umfange reichsten Denker des Alterthums, A r i s t o t e l e s , war Alexander erzogen worden; diese Erziehung war von der Art, wie es des Aristoteles allein würdig war; er hat den Alexander in die tiefste Metaphysik eingeführt; (dieser schrieb ihm in der Folge aus Asien: er hätte das, was sie miteinander getrieben, nicht in’s Publikum bringen sollen; darauf erwiederte Aristoteles: sein Buch sey eben sowohl nicht bekannt als es bekannt sey) Durch diese Bildung ist das große Naturell Alexander’s vollkommen in sich gereinigt worden von den sonstigen Banden der Meinung, der Rohheit, des leeren Vorstellens usf. Aristoteles hat diese große Natur so unbefangen gelassen, als sie war, ihr aber das tiefe Bewußtseyn von dem, was das Wahrhafte ist, eingeprägt. Als ein solcher hat sich Alexander an die Spitze | der Griechen gestellt um Griechenland nach Asien zu richten; er selbst, ein 20jähriger Jüngling, führte eine durch und durch gebildete Armee, deren Feldherrn, alle bejahrte und vielerfahrene Männer waren, an. Er hatte den Zweck Griechenland für Alles, was ihm von Asien seit langer Zeit angethan geworden, zu rächen, den alten Zwiespalt und Kampf zwischen dem Osten und dem Westen auszukämpfen. Mit Ei-

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1 brachte sie zum Bewußtseyn] Wi: theils die noch nicht unterworfenen zum Gefühl ge- 30 bracht Unabhängigkeit] Wi: Unabhängigkeit und Wirklichkeit 6 ein Heer] Ak: eine dressirte Armee 7–8 er brauchte … schwang] Wi: er brauchte das Volk nicht erst zu bändigen, er bestieg diese Macht unmittelbar, wie er den Bucephalos unmittelbar bestiegen 11 geworden] Wi: Alexander war in Theben gebildet. 15–16 war von … war] Wi: können wir uns nicht als eine oberflächliche denken 20 das große Naturell] Wi: Seine Seele, diß große Naturell Ak: Alexanders 35 Seele gereinigt] Ak: gereinigt und befreit 21 leeren] Wi: gewöhnlichen 22–23 ihr aber … eingeprägt] Wi: das Griechische Naturell wurde so auf das tiefste ausgebildet 25–27 führte eine … an] Wi: An der Spitze seiner Phalanx stand dieser 20jährige und in derselben war kein Oberster unter dem Alter von 60 Jahren. 27–28 für Alles, … Zeit] Ak: für die Beleidigung von Asien her seit dem Trojanischen Kriege 40

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nem Mal hat er dem Orient alles Uebel vergolten aber noch viel mehr hat er ihm Gutes gethan, denn er hat die griechische Hoheit der Bildung nach Asien herübergebracht, er hat es zu einem griechischen Lande gemacht; das Interesse dieses Werkes steht im Gleichgewicht mit seinem Genie, mit seiner eigenthümlichen, jugendlichen Individualität, die wir in dieser größten Schönheit nicht wieder an der Spitze solches Unternehmens gesehen haben. Feldherrngenie, der größte Muth und Tapferkeit waren in Alexander vereinigt; seine alten Feldherren sind ihm mit der größten Liebe ergeben: er vergibt sich unter ihnen nichts von seiner Würde, hält aber Reden an sie wie an Mitbürger in einer Demokratie; sie waren Diener seines Vaters gewesen, dadurch war seine Lage schwierig; seine Größe war Demüthigung für sie, sie sträubten sich dagegen und diese Opposition ging zur blinden Wuth über, so wurde denn auch Alexander zu großer Heftigkeit gezwungen (wie gegen Klitus). | Alexanders Zug nach Asien war zugleich Entdeckungszug; er hat den Europäern zuerst die Asiatische Welt aufgeschlossen; er ist in Länder eingedrungen, wie in Baktrien, Sogdiana, das nördliche Indien, die seitdem kaum von den Europäern wieder berührt worden sind. Die Art des Zug’s, wie Alexander ihn verfolgte, wird immer Gegenstand der Bewundrung bleiben; nicht weniger zeigt sich sein militärisches Genie in der Anordnung der Schlachten, in der Taktik überhaupt und seine persönliche Tapferkeit war sowohl eine Aufmunterung für das Heer, als sie ihm die Achtung desselben bewahrte. Sein Tod, den er im

1–2 noch viel … gethan] Wi: auch ihm 100fältiges gebracht 2 die griechische … Bildung] Ak: die hohe Stufe Griechischer Bildung Hoheit der Bildung] Wi: Reife 3 gemacht] Wi schließt an: Seine Arbeit war den Gegensatz zwischen dem Morgenland und Griechenland zum Ende zu bringen. 4 seinem Genie] Wi: der größe jenes Genies 5 eigenthümlichen, jugendlichen] Wi: jugendlichen, kräftigen 7 Feldherrngenie] Wi: Kriegerisches Genie größte] Ak: größte persön liche waren] Wi: ist wie sonst | in keinem 10–11 dadurch war … schwierig] Ak: Freilich wurde er in seinen schwierigen Verhaeltnissen zu den alten Generalen und Freunden seines Vaters zu Gewaltthaetigkeit und Hef|tigkeit gezwungen. 10 dadurch] Wi: Unter ihnen 11–12 seine Größe … dagegen] Ak: Der Neid dieser Alten straeubte sich, Alexanders Grösse anzuerkennen 12 diese Opposition … Wuth] Wi: diß Sträuben der Anerkennung der Thaten ging bei diesen Alten bis zur höchsten, blinden Wuth 16–17 den Europäern] Ak: der Europaeischen Macht 17 berührt worden sind] Ak: (die Kreuzzüge nur bis zum Euphrat.) Alexander drang bis zum obern Indus, wohin auch von der andern Seite noch kein Englisches Heer gedrungen ist. Wi: berührt. die Kreuzzüge bezogen sich nur auf die schmale Küste von Syrien, Alexander drang vor bis nach Bactrien und Indien. 17–20 Die Art … überhaupt] Wi: Von Seiten seines Kriegerischen Talents, hinsichtlich seines Zugs und seiner einzelnen Schlachten wird er allgemein anerkannt 20 Tapferkeit] Wi: Tapferkeit, so daß er allein von der Mauer einer feindlichen Stadt in die Stadt selbst hinabsprang Hn schließt an: In Indien war es | seinem Heere schon zu weit. 21 als sie … bewahrte] Wi: ebenso tritt sein Talent hervor, seine Armee immer in Ehrfurcht und Gehorsam gegen sich zu halten

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33ten Lebensjahre zu Babylon fand, gibt uns ein schönes Schauspiel, er nimmt von seinem ganzen Heere Abschied mit dem vollkommnen Bewußtseyn seiner Würde. Alexander hat das Glück gehabt zur gehörigen Zeit zu sterben; man kann es Glück nennen, es ist aber vielmehr Nothwendigkeit: um als Jüngling für die Nachwelt dazustehn, mußte ihn ein frühzeitiger Tod wegraffen. – So wie A c h i l l das griechische Leben beginnt, so beschließt es A l e x a n d e r ; diese beiden Jünglinge geben nicht nur die schönste Anschauung sondern auch eine ganze vollendete, fertige. Alexander hat ganz Vorderasien zu einer griechischen Welt gemacht und das ist sein großes, unsterbliches Verdienst; freilich darf man ihn nicht nach einem modernen Maaßstab, dem Maaßstab der Tugend, der Mora|lität messen. Gewiß stellt er uns eine große Individualität dar, er ist der Repräsentant Griechenlands, indem er diesem dazu verholfen, diese würdige Existenz in der Weltgeschichte einzunehmen. Man darf auch nicht sagen, daß das große Reich Alexanders sich aufgelöst habe; zwar war keine Dynastie vorhanden, die die Herrschaft fortgesetzt hätte: aber die Reiche, die sich bildeten waren immer noch griechische Reiche. Sie nahmen ungefähr den Theil der Welt ein, den jetzt das Türkische Reich behauptet. – Alexander hatte sich 2 Jahre in Baktrien aufgehalten, von wo aus er mit den Massageten und Scyten in Berührung kam; von daher nahm er seine Gemahlin Roxane, (sie gehörte dem alten Stamme der Tu r k ’s , deren Vaterland Sogdiana war, an) und sie wurde sowohl von den Persern als den Griechen für die schönste Frau des schönsten

1 schönes] Ak: rührendes 4–5 als Jüngling … dazustehn] Wi: diesen ihnen angewiesenen Charakter zu erhalten 5 frühzeitiger Tod wegraffen] Wi: früher Tod und gab dadurch schöne und fertige Anschauungen 5–8 So wie … fertige.] Wi: So haben wir den griechischen Geist in seiner Vollendung gesehen, die Unverträglichkeit der griechischen Staaten unter sich hat sie unter Alexanders Panier versammelt und 11 Moralität] Wi: Moralität eines modernen Bürgers 11–14 Gewiß stellt … habe] Ak: Moralische Schulmeister werfen dem Alexander viel vor, und wissen zu machen, daß sie wohl gar besser erscheinen, als jenes hohe Individuum, welches dem Griechi|schen Geiste ein würdiges Reich zu geben wußte. Dies ging auch keineswegs unter, wenn es auch zerrissen und unter die Römer kam. Die Folgen blieben. Wi: die moralischen Schulmeister unserer Tage scheinen freilich größer als er. 14–15 zwar war … hätte] Wi: er hat 2 Söhne hinterlassen, die freilich nicht zur Herrscherfamilie geworden sind 15–16 die Reiche, … Reiche] Wi: alexanders Reich griechischer Art hat sich noch Jahr100e lang erhalten 16–17 Sie nahmen … behauptet.] Ak: Jetzt herrschen in Alexanders Reich die Landsleute seiner Gemahlinn Roxane aus Bactra vom Volke der alten Turks. 17–20 Alexander hatte … an)] Wi: dieser Theil der Erde ist dem Griechischen Wesen zugleich einverleibt im Geiste Alexanders und dann in besitz genommen von den Landsleuten seiner Gemahlinn Roxane die aus Bactrien war. 20–1379,1 sie wurde … gehalten] Wi: | diese Roxane galt als die schönste Frau des schönsten Volks in Asien, die Griechen und die Perser haben ihr das nach der Gattinn des Darius zugestanden. […] Ihre Landsleute beherrschen jetzt dieses Land. 35 dem] den

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Stammes in Asien gehalten. – Es sind viele griechische Reiche entstanden in Kleinasien, in Armenien, in Babylon, in Baktrien in den Gegenden wo das Zendvolk zu Hause war. Von hier aus kamen die Griechen in Berührung mit Indien und selbst mit China. (Die Chinesen haben den Engländern eine Armillarsphäre von Erz gezeigt und diese haben gefunden, daß sie von den Griechen herkomme). Die griechische Herrschaft hat sich bis über das nördliche Indien erstreckt, Santrokottus wird als der genannt, der zuerst sich von derselben befreit habe; derselbe Name kommt bei den Indiern vor, auf diese Nachricht kann man sich | aber, wie in dem früheren Abschnitt gesagt worden, sehr wenig verlassen. Besonders Egypten ist ein glänzender Mittelpunkt für Wissenschaft und Kunst geworden; eine große Menge von Architekturwerken fällt in die Zeiten der Ptolemäer, wie man aus den entzifferten Inschriften gefunden hat. Alexandrien ist der Hauptmittelpunkt des Handels geworden, der Vereinigungspunkt Morgenländischer Sitte und Tradition und westlicher Bildung. Außerdem bestand noch ein Macedonisches Reich, ein Thracisches bis über die Donau, ein Illyrisches, Epirus usw. alle diese Reiche blühten unter der Herrschaft griechischer Fürsten. Alexander selbst war den Künsten und Wissenschaften aufrichtig zugethan gewesen, er wird nächst Perikles als der freigebigste Gönner der Künste gerühmt. Der gelehrte H. Meier in seiner Kunstgeschichte sagt, daß ihm seine verständige Kunstliebe eben so als seine Eroberungen das ewige Andenken erhalten hätte. 1–4 Es sind … China.] Ak: Die vielen Griechischen Reiche, die nach Alexander entstanden, und worunter auch ein Griechisches Reich in Bactra war, mögen wohl auch auf Indien und sogar bis nach China hin gewirkt haben. Wenigstens erstreckte sich die Griechische Herrschaft noch eine Zeitlang bis nach Indien hin. Wi: das jetzige Reich ist auch nicht Ein Reich, sondern wie die vielen Griechischen Reiche damals in Asien waren, so auch jetzt. – Am oberen Oxus hat lange ein bactrisch-griechisches Reich existirt. Es kann sein daß von da aus beziehungen auf Indien und China sich ergeben haben. man findet dergleichen in China und in Indien. 7–8 zuerst sich … habe] Wi: in jener Gegend das Griechische Wesen wieder abgestreift 8 derselbe Name … vor] Wi: Indische Namen in indischen Mythen scheinen manchmal auf geschichtliche Individuen dieser Art hinzudeuten. 10 Besonders Egypten ist] Ak: Alexander legte ohnehin überall von seinen Macedonischen Invaliden pp Staedte und Colonien an. Besonders aber ist dann Aegypten ein Griechisches Reich, und 12 Inschriften] Wi: Namen, die an jenen Gebäuden gefunden worden 13–14 ist der … Bildung] Wi: wurde Hauptstadt der Ptolemaer und Mittelpunkt morgenländischer Anschaung und Philosophie, ein glänzender Mittelpunkt, der dann mit Athen rivalisirt hat 14 Tradition] Ak: Tradition, Anschauung und Philosophie pp Bildung] Ak schließt an: und wetteiferte mit Athen 16 Epirus] Ak: Epirus (Pyrrhus – der Neffe Alexanders) 18–19 er wird … gerühmt] Ak: Alexander gilt als der zweite Pericles hinsichtlich der glaenzenden und warmen Begünstigung der Künste und Wissenschaften. 18 freigebigste] Wi: unternehmendste 19 gerühmt] Wi schließt an: Macedoniens Hauptstadt erfüllte er mit griechischen Meisterwerken die er nicht geraubt hat wie später die Römer, sondern die er selbst hat arbeiten lassen 30 Indische lies Griechische

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Wir kommen nun zur 3 t e n Pe r i o d e des griechischen Reichs: sie enthält die ausführliche Geschichte des Unglücks Griechenlands und interessiert uns weniger. Die ehemaligen Feldherrn Alexanders, nunmehr als Könige selbstständig auftretend führten lange Kriege gegeneinander und erfuhren fast alle die abentheuerlichsten Umwälzungen des Schicksals; ausgezeichnet ist in dieser Hinsicht das Leben des Demetrius Poliorcetes. | In Griechenland sind die Staaten in ihrem Bestehen geblieben: von Philipp und Alexander waren sie zum Bewußtseyn ihrer Schwäche gebracht worden und obgleich sie ihre Selbstständigkeit behalten haben, so ist doch die eigentlich freie Unabhängigkeit mehr oder weniger für sie verloren gegangen. Das Selbstgefühl, das die Unabhängigkeit gibt, haben sie nicht haben können; es treten diplomatische Staatsleute an die Spitze des Staates, Redner, die nicht mehr Feldherren waren, sondern einerseits Redner beim Volke und dann auch in auswärtigen Staaten; sie traten in ein mannigfaltiges Verhältniß zu den Königen und zwischen den verschiedenen Interessen mußten sie sich zu erhalten suchen. Die Könige bewarben sich um den Besitz der Herrschaft in den griechischen Staaten, zum Theil auch um ihre Gunst besonders um die Athens, denn Athen imponirte immer noch, nicht sowohl als Macht sondern als Mittelpunkt der höheren Künste und Wissenschaften: so erhielt es sich auch mehr außerhalb der Schwelgerei, der Rohheit und der Leidenschaften, die in den andern Staaten herrschten und sie verächtlich machten. Die Syrischen und Egyptischen Könige machten sich eine Ehre daraus Athen große Geschenke an Korn und sonst nützlichen Vorräthen zu machen. Die B e f r e i u n g G r i e c h e n l a n d s war bei ihnen gleichsam das Schlagwort und ein hoher Ehrentitel war es für sie Befreier Griechenlands zu heißen: Dies hatte den politischen Sinn, daß kein einheimischer griechischer | Staat zu einer

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3–5 Die ehemaligen … Schicksals] Ak: Grosse Individuen zeigten sich auch unter den Nachfolgern Alexanders und in ihrem Kampfe. Aber ehe sie das Verhaeltniß feststellten, geschahen die unerhörtesten Graeuel mit den wunderbarsten Abwechselungen des Glücks. 5 ausgezeichnet] Wi: Ausgezeichnet als von der Größten Abwechslung des Schicksals zeugend 7 In Griechen- 30 land … geblieben] Ak: Den Griechen blieb eine gewisse Selbststaendigkeit 10 freie] AkWi: rücksichtslose 11 haben sie … können] Wi: ist von nun an bei ihnen aufgehoben. Auch die allgemeine Lebendigkeit der democratie wurde natürlich gebrochen. 11–14 es treten … Staaten] Ak: Sie hielten sich gegeneinander und gegen die Könige durch Diplomatie, künstliche Berechnung der Nützlichkeit in den verwickelsten Interessen der Nation. 13 waren] Wi: waren, wie 35 Demosthenes 14 Königen] Ak: verschiedenen Königen 15 verschiedenen] Wi: mannigfaltigen 17 ihre Gunst] Ak: die Gunst der Griechischen Staedte 18 Mittelpunkt] Wi: Mittelpunkt und bewahrerin 19–20 außerhalb der … Leidenschaften] Wi: frei von der Habsucht und inneren Zerstörenden Leidenschafften 24 Schlagwort] Wi: Losungswort 25 ein hoher] Ak: der höchste 26–1381,2 daß kein … würden] Ak: daß durch diese Befreier das Verhaeltniß der 40

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bedeutenden Herrschaft gelangen sollte, daß sie insgesammt in Ohnmacht erhalten würden: so hatte die Befreiung Böotiens darin bestanden, daß die böotischen Städte unabhängig von Thebe gemacht wurden; so wie ehemals um Sparta’s Macht zu brechen die Thebaner Messenien wiederherstellten. Mehrere Völkerschaften traten aus dem Dunkel in den A e t o l i s c h e n B u n d von den Völkerschaften des westlichen Griechenlands gebildet; dieser zeichnete sich aber bald durch den Geist der Gewaltthätigkeit, des Betrugs, der Anmaßung gegen andre Staaten aus. Die Böotier machten noch ein Volk aus, aber der Thebanische Glanz war verschwunden, die Böotische Subjektivität war zu der gemeinen Subjektivität des rohen, sinnlichen Genusses herabgesunken. Sparta wurde von schändlichen Tyrannen und gehässigen Leidenschaften beherrscht. Dagegen zeichnete sich der A c h ä i s c h e B u n d durch seine Rechtlichkeit, durch den Sinn der Gemeinsamkeit aus, er mußte aber auch zu der verwickeltsten Politik seine Zuflucht nehmen, die Staaten konnten sich allein nicht mehr tragen und mußten sich in die Abhängigkeit der Könige begeben. In einem solchen Zustand ist es, daß die Individualitäten sich hervorthun und in großem Interesse erscheinen. Die Auflösung des sittlichen Geistes bestand darin, daß die Partikularität, das besondere Interesse sich geltend macht; nun sind aber auch | Individuen hervorgetreten, die ihr ganzes Leben daran gesetzt, ihr Vaterland zu heben; sie erscheinen als große tragische Charaktere, die durch ihr Genie und angestrengte Mühe zwar das Vaterland momentan heben, aber die Uebel doch nicht ausrotten können: so gehen sie im Kampfe unter ohne die Befriedigung

Gleichheit und Unabhaengigkeit unter den Griechen hergestellt sei, wie besonders Spartas Macht gebrochen wurde durch Zerfallen und Zertheilen seiner Macht in kleinere. Freiheit hieß dieses 25 Zerfallen in kleinere Staaten, d.h. Wiederherstellung der alten kleinen Staedte als Staaten. 4–5 Mehrere Völkerschaften … A e t o l i s c h e n B u n d ] Wi: Es traten auch noch andere neuere Staaten hervor zb, der Aetolische Bund 7 Gewaltthätigkeit, des Betrugs] Ak: Ungerechtigkeit, Grausamkeit Anmaßung] Wi: Anmaßung und Grausamkeit 8–10 der Thebanische … herabgesunken] Wi: der Glanz wich aber bald und sie galten für Schlaemmer, so artete diese Subjectivität 30 in die allerniedrigste aus Ak: Die Böoter fielen aus der früher in ihnen bemerkten Innerlichkeit (Subjectivitaet) in die niedrigste Sinnlichkeit und Schwelgerei. 17–21 Die Auflösung … heben] Ak: Wie bemerkt, trat die Subjectivitaet aus dem schönen Geiste Griechischer Sittlichkeit bei den Griechen hervor. Darin aber die schönsten Individualitaeten, eigentlich tragische Charactere, die ihr Leben, ihre Kraefte, hartnaeckig dem Vaterlande widmeten, es temporair hoben und hielten 17–18 die Partikula35 17 des sittlichen Geistes] Wi: des lebendigen Griechischen sittlichen Geistes rität] Wi: das Princip der Subjectivität und Particularität 18 macht] Wi: macht. diese besondren Leidenschafften und Interessen haben die Staaten nach innen und außen zerrissen 19 hervorgetreten, die … Leben] Wi: hervorgetreten die sich im Unglück des ganzen hervorgehoben haben und Alles 19–20 zu heben] Wi: zu erheben und zu erhalten 40 5 den1] dem

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gehabt zu haben, daß sie ihren Zweck, dem Vaterland Ruhe, Ordnung und Freiheit zu geben, erreicht hätten, noch sich rein erhalten hätten; denn der gute Zweck hatte sie oft zu Gewaltthätigkeiten, ja zu Verbrechen gezwungen. Livius sagt in seiner Vorrede: „In unsern Zeiten können wir weder unsre Fehler länger tragen, noch haben wir Mittel gegen dieselben.“ Plutarch, der jetzt als Schriftsteller nicht besonders geachtet wird, gibt uns Gemälde vom höchsten Interesse indem er die Charaktere großer Individuen in solchen Zeiten zeichnet: Agis und Kleomenes, Aratus und Philopoemen sind so ihrem Bestreben für das Beste ihrer Staaten unterlegen. – Die dritte Periode der Geschichte des griechischen Geistes enthält wesentlich die Berührung mit dem Volke, welches nach den Griechen das welthistorische seyn sollte. Um die größeren griechischen Reiche zu schwächen war auch hier der Haupttitel: die Befreiung Griechenlands. Das Macedonische Reich hatte in ganz Griechenland festen Fuß gefaßt; im J. 168 vor Chr. wurde der letzte Macedonische König Perseus von den Römern be|siegt und im Triumph in Rom eingeführt: zugleich wurde die Freiheit Griechenlands proklamirt; eben so wurde Antiochus, der Syrische Herrscher im J. 189 von den Römern zuerst bei den Thermopylen auf ’s Haupt geschlagen und mußte Kleinasien bis an den Taurus abgeben. Endlich haben die Römer auch den Achäischen Bund angegriffen und vernichtet und Korinth im J. 146 v Chr. zerstört. Syrien und Aegypten und andre Reiche haben noch einige Zeit fortbestanden aber die lebendige Kraft der Selbstständigkeit hat ihnen gefehlt.

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1–3 dem Vaterland … gezwungen] Wi: das Vaterland in sittlich-politischer Gesundheit wiederherzustellen. Sie haben auch nicht die innere befriedigung gehabt, daß sie sich hätten rein erhalten können, ihre Umstände erlaubten es nicht anders als Gewaltthaten zu begehn und selbst 25 Verbrechen gegen ihr Vaterland zu begehn, und so waren sie auch genöthigt Treulosigkeit zu gebrauchen; das ist das Tragische in ihnen, daß ihre Naturen zum Schlimmen g e z w u n g e n sind 3 Gewaltthätigkeiten, ja zu Verbrechen] Ak: gewaltthaetigen Handlungen und Verbrechen gegen die Verfassung ihres Vaterlandes, da dies die Verhaeltnisse unumgaenglich forderten. Ihre edlen Naturen wurden zum Bösen gezwungen (Plutarch – Polybius). So besonders 30 Agis und Kleomenes Könige von Sparta (gegen die Ephoren) 11 Berührung] Wi: Berührung des Welthistorischen Volks das welthistorische] Wi: einen welthistorischen Platz einnehmen 14 168] Ak: 166. 18–19 und mußte … abgeben] Wi: das Syrische Reich war mächtig über Klein Asien bis zu Griechenland hin. Auch diese Macht wurde nun bis an den Taurus zurück gedrängt. 19 Endlich haben … angegriffen] Wi: In Griechenland kam beson- 35 ders der Achaeische bund (146 ante Christum) mit Rom in Collision und ist besiegt 20–21 Syrien und … fortbestanden] Ak: die übrigen Kleinasiatischen Staaten nebst Aegypten vegetirten nur noch

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Der äußerliche Uebergang zu den Römern liegt eben in der Berührung und Verbindung der griechischen Staaten mit Rom und den darauf folgenden Kriegen, deren Ende die Auflösung oder Unterwerfung der griechischen Staaten war. Der eigentliche Uebergang liegt aber im Begriff und ist tiefer aufzufassen; wir haben daher abstrakt anzugeben, was die römische Welt ausmacht und was ihre wesentliche Bestimmung ist. Es ist ganz richtig bemerkt worden, (Göthe erzählt, daß Napoleon in seiner Unterredung mit ihm dies gesagt habe) daß die neure Tragödie sich wesentlich von der alten unterscheidet und zwar darin, daß sie das Schicksal der Alten nicht kennt, in dem ein kräftiges Individuum als diesem unterliegend dargestellt wird; daß ein solches Schicksal nicht mehr in unsern Vorstellungen liege, | es könne vielmehr die Politik, als das moderne Schicksal für die tragische Darstellung gebraucht werden. Der Zweck der Staaten, diese große Uebermacht und Gewalt ist es, der die Individuen in ihrer individuellen Größe unterliegen müssen. Diese abstrakte Staatsgewalt als politische Gewalt, das ist die allgemeine Bestimmung, die das Römische Reich in der Weltgeschichte darstellt; es ist das Schicksal, das realiter gekommen ist in die Welt, und das die Individuen und Nationen in Banden geschlagen hat. Rom hat im Pantheon alle Götter versammelt und hat eben dadurch ihre Lebendigkeit erstickt im Gegensatz zum Persischen Prinzip, das die Lebendigkeit unter sich bestehen ließ. Die Welt ist nun in Trauer versenkt; es ist ihr das Herz gebrochen, es ist aus mit der Natürlichkeit des Geistes, denn diese ist zum Gefühl der Unseligkeit gekommen. Das Prinzip des Christenthums mußte hervortreten, der sich wissende Geist im Gegensatz zur Natürlichkeit. Im griechischen Prinzip haben wir die Geistigkeit in ihrer

1 D i e R ö m e r .] WiHn: R o m . 5 im Begriff … aufzufassen] Wi: im begriff, im Weltgeiste, im Geiste an und für sich, in der Nothwendigkeit ist ein tieferes 6 die römische Welt] Wi: des römischen Staats 10 das Schicksal der Alten] Ak: das alte Fatum 13 als das moderne Schicksal] Ak: als das moderne Schicksal, als die grosse Gewalt, gegen welche die Individuen in ihrer individuel30 len Grösse aus dem Adel ihrer Gesinnung sich im Kampf einlassen, aber unterliegen müssen 14 gebraucht] Wi: substituirt 14–15 Der Zweck … müssen.] Wi: die Politik sey als das m o d e r n e Schicksal zum Gegenstand der Tragoedie zu benutzen, die Politik ist die große m o d e r n e Macht, in der die Individuen, welche sich ihm wiedersetzen dürfen dessen übermacht sie aber erliegen müssen 16 allgemeine] Wi: abstracte 18 Schicksal] Wi: abstracte Schicksal Götter] Wi: Götter der Alten Welt 20 ihre 35 19 Pantheon] Ak: Pantheon seiner Weltherrschaft Lebendigkeit] Wi: sie in ihrer Lebendigkeit Ak: in ihrer Individualitaet 21–23 Die Welt … ist] Wi: dieses Schicksal ist der Schmerz der Welt, und die Welt ist hier 23–24 Das Prinzip … hervortreten] Wi: aus diesem ist der höhere Geist des Christenthums hervorgegangen 24 wissende] AkWi: frei wissende 25 Natürlichkeit] Wi: Natürlichkeit. diß ist das abstracte Moment, das in Im griechischen Prinzip] Wi: In der Griechischen Welt 40 der römischen Welt lebend erscheint

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Freude, Heiterkeit und Genusse gesehen; der Geist hatte sich noch nicht in die Abstraktion zurückgezogen, er war aber noch mit dem Naturelement behaftet, mit der Partikularität der Individuen, (die Tugenden der Individuen waren sittliche Kunstwerke); die abstrakte allgemeine Persönlichkeit war nicht vorhanden, der Geist mußte sich zur Form der Allgemeinheit, die diese harte Zucht über die Menschheit ausgeübt hat, bilden. Wir haben hier diese freie | Allgemeinheit und abstrakte Freiheit: einerseits den abstrakten Staat, Politik, und die Gewalt über die konkrete Individualität, indem die freie Lebendigkeit der Individuen wesentlich untergeordnet ist; dieser A l l g e m e i n h e i t gegenüber, der gehorcht werden muß, steht die Pe r s ö n l i c h k e i t , die Freiheit des Ich in sich, die sich aber auf die Persönlichkeit als solche beschränkt: diese muß wohl von der Individualität unterschieden werden; die Persönlichkeit macht die Grundbestimmung im Recht aus, sie tritt da im Eigenthum in’s Daseyn, ist aber gleichgültig gegen die konkreten Bestimmungen des lebendigen Geistes. Diese beiden Momente: die politische Allgemeinheit und die abstrakte Freiheit des Individuums in sich selbst, sind zunächst in der Form der I n n e r l i c h k e i t überhaupt befaßt; diese Innerlichkeit, dies Zurückgehen in sich selbst, welches wir als das Verderben des griechischen Geistes gesehen, werden wir zunächst auftreten sehen. Das Erheben zur lebendigen Innerlichkeit, das ist der Boden, wo der neue Geist aufgeht. – In Griechenland war die Demokratie die Grundbestimmung des politischen Lebens, wie im Orient der Despotismus; so ist nun die A r i s t o k r a t i e die Grundbestimmung des Römischen Prinzipes, eine starre Aristokratie, die dem Volke, im Sinne des plebs, gegenübersteht. Auch in Griechenland hat sich die Demokratie entzweit aber in der Weise von Faktionen, in Rom sind es Prinzipien, in

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1 Genusse] Wi: in ihren Genüssen und Schönheit 2 mit dem Naturelement] Wi: mit der Natürlichkeit 3 mit] Ak: gebunden in 5–6 die diese … hat] Wi: diese harte Zucht hat die Römische welt ausgeübt 6–7 Wir haben … Freiheit] Wi: diß hat also hervortreten müssen nach der Nothwendigen Entwicklung des begriffs. Es ist die große Allgemeinheit, die abstractheit des Staates 9 untergeordnet] Wi: ein unterworfnes 13 im Recht] Ak: im juridischen Rechte, d.h. 30 im Rechte als solchem 13–14 sie tritt … gegen] Wi: die Persönlichkeit als solche hat ein Recht, aber das Rechtliche läßt noch ganz unbestimmt 15 Momente] Ak: | Formen 15–16 Freiheit des Individuums] AkWi: Allgemeinheit des Subjects 17 dies Zurückgehen … selbst] Wi: ein stetes in sich zurückgehn 18 des griechischen Geistes] Ak: im Griechischen Geiste und Leben 19 zur lebendigen Innerlichkeit] Ak: zum lebendigen concreten Geiste 19–20 das ist … auf- 35 geht] Wi: diß ist dann die neue Welt 23–24 die dem … plebs] Ak: Gleich vom Ursprunge Roms sehen wir diese im Gegensatze gegen die Democratie, den Plebs. Wi: im Gegensatz gegen die democratie, gegen das Volk im Sinne des plebs 25–1385,1 in die … ist] Wi: die mit einander streiten und getrennt sind

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die das Ganze entzweit ist: | sie stehen einander feindselig gegenüber und kämpfen miteinander: das Prinzip der Aristokratie und das Prinzip der Demokratie. – Wir werden diese allgemeinen Bestimmungen in der konkreten Dar stel lung erkennen. – Die Gelehrsamkeit hat die Römische Geschichte von vielerlei Gesichtspunkten aus betrachtet und sehr verschiedene und entgegengesetzte Ansichten aufgestellt. Die ältere Römische Geschichte ist namentlich von drei Klassen von Gelehrten bearbeitet worden, von Geschichtschreibern, Philologen und Juristen. Die Geschichtschreiber halten sich an die großen Züge und achten die Geschichte als solche, so daß man sich bei ihnen noch am besten zurecht findet, da sie entschiedene Begebenheiten gelten lassen; ein Anderes ist es mit den Philologen; diese lassen die allgemeinen Traditionen weniger gelten, sehen mehr auf Einzelheiten, die auf mannigfache Weise combinirt werden können: diese Kombinationen gelten zuerst als historische Hypothesen und denn als förmliche Fakta. Die Juristen haben in Ansehung des Römischen Rechts auch das Kleinlichste untersucht und mit Hypothesen vermischt. Kurz, man hat die älteste römische Geschichte ganz und gar für Fabel erklärt; es ist dieses Gebiet ganz der Gelehrsamkeit anheim gefallen, welche eben da am weitläufigsten ist, wo am wenigsten zu holen ist. Wir können uns in diese Untersuchungen nicht einlassen und werden uns nur an das Geschichtliche halten. | Es ist hier bei den Römern der umgekehrte Fall, als bei den Griechen; bei diesen sind die ältesten Zeiten durchaus in eine mythische Darstellung gefaßt und diese Mythen werden in Prosa übersetzt; man sieht in den Mythen historische Keime; umgekehrt ist es bei den Römern, was uns von ihrer ältesten Geschichte übrig ist, sieht durch-

25 1–2 kämpfen miteinander] Ak: mit einander kaempfen, bis sie sich in eine Art von Gleichgewicht

setzen 3–4 Darstellung] Wi: bestimmtheit […] in der römischen Geschichte 5–6 Die Gelehrsamkeit … betrachtet] Ak: Ueber die Römische Geschichte zu sprechen, hat viele Schwierigkeiten, besonders durch die neuere Gelehrsamkeit, mit der sie behandelt worden Hn: Die römische Geschichte hat große Schwierigkeiten vornehmlich durch die vielfache gelehrte Bearbeitung der Ge8 Geschichtschreibern] Ak: eigentlichen Histori30 schichte in neuerer Zeit. Die Gelehrsamkeit kern 9–10 achten die … solche] Wi: das entschieden historische 11 Begebenheiten] Ak: Verhaeltnisse und Ereignisse 12–13 sehen mehr … können] Wi: das Einzelne wird critisirt, ver schiedene Combinationen sind möglich 15–16 Die Juristen … untersucht] Ak: Nicht besser die Juristen. 16 mit Hypothesen vermischt] Wi: viele hypothesen haben auch hier wie bey 2ten 16–17 Kurz, man … erklärt] Hn: Man gilt jetzt unwissend, wenn man sagt: Ro35 gelten müssen mulus war der Gründer von Rom. 19 in diese Untersuchungen] Wi: auf das detail 21–22 sind die … gefaßt] Wi: haben wir zuerst Mythen, von dichtern gemacht Hn schließt an: Heroengeschichte 23 man sieht … Keime] Ak: das Historische eruirt 24 ihrer ältesten Geschichte übrig] Wi: alter römischer Geschichte gemeldet

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aus prosaisch aus mit wenigen Einzelnheiten. Dies Prosaische nun, verlangt man, soll als etwas Mythisches angesehen werden; man nimmt an, es lägen diesen Geschichten alte Epopöen zu Grunde. – Nach diesen Vorerinnerungen gehen wir zur L o k a l i t ä t über. – Die römische Welt hat ihren Mittelpunkt in Italien. Die Weltgeschichte geht weiter gegen Abend und ersieht sich das südliche Europa zum Schauplatz, bleibt aber noch diesseits der Alpen am mittelländischen Meere und hat noch nichts mit dem Norden zu thun. – Italien ist Griechenland ganz ähnlich, eine Halbinsel wie dieses, aber nicht so eingeschnitten. Rom liegt unweit des Meeres, und war der Mittelpunkt der Römischen Herrschaft. Napoleon in seinen Memoiren kommt auf die Frage, welche Stadt, wenn Italien selbstständig wäre und ein Ganzes ausmachte, sich am besten zur Hauptstadt eignete; es bliebe die Frage zwischen Rom, Venedig und Mailand; aber es zeigt sich sogleich, daß keine dieser Städte einen eigent|lichen Mittelpunkt abgeben könnte: das nördliche Italien bildet ein Bassin des Po und ist ganz verschieden von der eigentlichen Halbinsel; Venedig greift in Oberitalien ein und ist durch Handel in Beziehung mit Deutschland und Griechenland; Rom kann Mittelpunkt für Mittel- und Unteritalien seyn; aber für die Reiche, die ihm unterworfen gewesen, war es ein künstlicher, gewaltsamer Mittelpunkt; so wie es innerhalb seiner überhaupt auf dem Moment der Gewaltsamkeit beruht hat.

1 mit wenigen Einzelnheiten] Wi: nur Einzelnes, weniges ist mythisch Ak: alle diese Erzaehlungen haben einen durchaus trocknen, prosaischen Character Hn: wenn auch Wunderbarkeiten, wie mit dem Gewitter, das den Romulus geholt, vorkommen Prosaische] Wi: Prosaische, Trockne 2–3 es lägen … Grunde] Wi: daß all’ diesen Geschichten alte Epopöen zu Grunde liegen und sucht in diesem Geschichtlichen Mythisches Ak: man sucht im Historischen Mythisches 5 Die römische Welt hat] Wi: die Weltgeschichte hat nun 6 ersieht sich … Schauplatz] Ak: etablirt sich in Europa 8 dem Norden] Wi: der nordischen Nacht und Tiefe Italien ist … ähnlich] Ak: Italien ist der Mittelpunct der Römischen Welt, aehnlich Griechenland 9 aber] Ak: aber in einem bestimmtern Zusammen|hange eingeschnitten] Ak: eingeschnitten; sie haengt zusammen mit dem Continent unweit des Meeres] Hn: in der Nähe der See hat einen Kontinent hinter sich und hängt mit ihm zusammen 9–10 und war … Herrschaft] Wi: hat aber einen größeren Continent hinter sich und hängt mit einem eigentlichen Continent zusammen 10 Memoiren] Ak: Memoiren der Italischen Feldzüge 12 Ganzes] Ak: politisches Ganze 13 aber es zeigt sich] Wi: und sofern | man Italien als ein ganzes nimmt so zeigt sich 14 eigentlichen] Wi: wahrhaften 14–15 das nördliche … Po] Ak: Mailand ist nur von Oberitalien der Mittelpunkt Hn: Die Lombardei ist ein Verschiedenes 15–16 von der eigentlichen Halbinsel] Wi: vom anderen Italien und hier ist freilich Mailand der Mittelpunkt 16–17 greift in … Griechenland] Wi: besteht in beziehung zu Meer und Griechenland 18 Reiche] Ak: Völker 19 Mittelpunkt] Wi: Mittelpunkt […] nicht ein natürlicher 19–20 wie es … hat] Ak: wie denn Gewaltsamkeit überhaupt das Hauptmoment ist, das Roms Stiftung und Entwickelung zum Grunde lag 4 Vorerinnerungen] Vorerrinnerungen

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Die Lokalität von Italien stellt also keine Einheit der Natur dar, wie etwa Egypten, als das Nilthal; Rom war nur ein gewaltsamer Mittelpunkt und so war in Italien jene Art politischer Einheit vorhanden, wie sie Macedonien durch seine Herrschaft Griechenland gegeben hat; aber jene geistige Einheit, die Griechenland durch Gleichheit der Bildung hatte, kannte Italien nicht, denn es wurde von sehr verschiedenen Völkern bewohnt (Niebuhr hat seiner Römischen Geschichte eine Abhandlung vorausgeschickt über die Völker Italiens, aber aus dieser, obschon gelehrten, Zusammenstellung folgt durchaus nichts, da sie in keinem Zusammenhange mit der Geschichte des Römischen Volkes steht). Wir haben jetzt die Pe r i o d e n , nach welchen wir die Römische Geschichte verfolgen werden, näher anzugeben. – Es sind schon früher die Geschichten jedes welt|historischen Volkes in 3 Perioden abgetheilt worden, so sind auch hier drei zu unterscheiden. Die e r s t e begreift die ersten Anfänge Roms und seine Fortbildung bis zur politischen Erstarkung; zu dieser Erstarkung, welche die Selbstständigkeit gibt, gelangte Rom um die Zeit der punischen Kriege, nach dem 1ten Punischen Kriege. Die 2te Periode bezieht sich vornehmlich auf den zweiten punischen Krieg; nach diesem trat das ein, was das Moment der 2ten Periode eines welthistorischen Volkes macht, nämlich die Berührung mit dem früheren welthistorischen Volke; es that sich ein weiter Schauplatz gegen Morgen auf. Der edle Polybius hat diesen Gegenstand behandelt. Diese 2te Periode ist die der äußerlichen Größe Roms; da erst wurde Rom fest in sich, nachdem der lange Kampf zwischen den Patriziern und Plebejern geschlichtet worden. Das Römische Reich bekam diese welterobernde Ausdehnung, welche seinen Verfall vorbereitete und zunächst eine Veränderung in der Verfassung nothwendig machte. Die d r i t t e Periode nimmt ihren Anfang mit dem Kaiserreiche; die Römische Macht erscheint hier prächtig, glänzend, allmächtig, zugleich aber ist

1–2 etwa Egypten, … Nilthal] Wi: etwa das Nilthal in Aegypten und die Thäler des Ganges, des Euphrat und Tigris 2 Rom war … Mittelpunkt] Ak: Diese nicht natürliche, sondern gewaltsame Einheit in der Römischen Geschichte findet sich in aehnlicher Art, wie im Lande Italien selbst. 30 2–4 so war … hat] Wi: wo sich eine politische Einheit zuletzt von Macedonien her etablirt hat Ak: Die Griechische Einheit war zwar auch nicht aeusserlich oder politisch 5–6 es wurde … bewohnt] Wi: in Italien sehen wir nicht eine solche Einheit der verschiedenen Völker 6–9 (Niebuhr hat … steht).] Wi: Niebuhrs Zusammenstellung im ersten band seiner Geschichte in der Einleitung ist eine Zusammenstellung von äußern, wodurch nichts erklärt. 8–9 da sie … steht] Ak: es 35 zeigt sich aus dieser entwickelten Verschiedenheit kein Einfluß auf die Römische Geschichte 15 gibt] Wi: unzweifelhaft machten 17–18 trat das … macht] Wi: ist das schon früher bey den Griechen aufgestellte Moment eingetreten 19–20 es that … auf ] Wi: das Theater eröffnet sich gegen Abend und gegen Morgen, besonders Syrien und Griechenland Hn: Gegen Morgen, Griechenland, Syrien, Kleinasien wird nach Karthago der Krieg hingespielt. 23 welt24 Verfall] Wi: Verfall – bis Caesar 40 erobernde] Wi: große welthistorische

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sie tief in sich gebrochen, und die christliche Religion, die mit dem Kaiserreiche beginnt, bekommt eine große Ausdehnung. In die dritte Periode fällt zuletzt noch die Berührung mit dem Norden und den Germanischen Völkern, welche nun welthistorisch werden sollten. – | Die e r s t e Pe r i o d e beginnt mit der Entstehung Rom’s. Rom ist a u ß e r L a n d e s entstanden, nämlich in einem Winkel, wo drei verschiedene Gebiete, das der Lateiner, Sabiner und Etrusker zusammenstießen; es hat sich nicht aus einem alten Stamm, einem natürlich, patriarchalisch zusammengehörenden, dessen Ursprung sich in alte Zeiten verliefe, gebildet (wie es etwa bei den Persern der Fall gewesen, die doch auch dann über ein großes Reich geherrscht haben); sondern Rom war von Haus aus etwas Gemachtes, Gewaltsames und kein Ursprüngliches. Es wird erzählt: die Abkömmlinge der von Aeneas nach Italien geführten Trojaner, verbunden mit dem Könige Evander, hätten Rom gegründet; dieser Zusammenhang mit Asien ist dann etwas sehr Beliebtes geworden; es giebt mehrere Städte, welche von Alters den Namen Troja führten, wie Laurentum in Italien (Xanten in Westphalen) usf. und die alle ihren Ursprung auf die geflüchteten Trojaner zurückleiteten. Livius spricht von drei alten Tribus in Rom, den Luceres, Tatienses und Ramnes; wenn man diese als verschiedene Nationen ansehen und behaupten will, daß sie eigentlich die Ele-

1 tief in sich gebrochen] Ak: morsch und übertüncht 1–2 und die … Ausdehnung] Wi: daß der beginn der christlichen Religion gleich in seinen Anfang fällt 3–4 die Berührung … sollten] Wi: der Aufschluß des Nordens herein, wo zuerst das 4t e Welthistorische Volk erscheint 3 Berührung mit dem Norden und] Ak: Aufdeckung des Nordens und naehere Berührung mit 5 Die e r s t e … Rom’s.] Wi: / E r s t e P e r i o d e . d i e A n f ä n g e R o m s . / 7 zusammenstießen] Ak: zusam men stiessen, mithin ausserhalb eines eigentlichen Vaterlandes Wi: zusammengestoßen haben. hier ist der erste Stock gelegt worden 8 natürlich] Ak: ursprünglich Hn: stammesmäßig zusammengehörenden] Ak: Zusammengehöriges, keine nationelle Einheit 9–11 (wie es … haben)] Wi: die Perser auf ihrem Gebirge sind solche nationale Einheit, dergleichen haben wir bey den Römern nicht, diese sind nicht aus einer Natureinheit hervorgegangen 11 Rom] Hn: Das römische Volk ist nicht aus einer Natureinheit hervorgegangen, es 11–12 und kein Ursprüngliches] Wi: das keinen ruhigen Ursprung gehabt hat. die Elemente aus denen | diß zusammengesetzt ist kann man zusammensuchen 12–14 Es wird … Asien] Ak: Die Elemente, aus denen es gemacht worden, zusammenzusuchen, ist eine schwierige Untersuchung. Es findet sich in den Sagen ein Zusammenhang mit Asien, Troja 13 verbunden mit … Evander] Ak: Dann kömmt ein einheimischer König Evander vor, Amalius von Latium pp. 14 etwas sehr Beliebtes] Ak: ein beliebter Ursprungsort in den Sagen verschiedener Völker 16 (Xanten in Westphalen)] Wi: In Westphalen ist noch ein Xanthen, früher Troja. so auch Troïs in Frankreich. 17–1389,3 Livius spricht … ist.] Wi: Es finden sich noch andre Elemente zusammen Romulus, Remus, Amulius, Numitor und andre. Man hat in neuren Zeiten behauptet aus diesen Elementen sey Rom ruhig hervorgegangen; diese Ansicht aber widerspricht aller Geschichte 18–1389,1 wenn man … seyen] Ak: Wenn man diese Elemente aber so ansehen will, daß sie die Quelle des Römischen Volks seien, und aus ihnen unmittelbar und auf ruhige Weise hervorgegangen seien

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mente, aus denen Rom gebildet worden, seyen – eine Ansicht, die in neuern Zeiten sehr oft sich hat geltend machen wollen – so wirft man geradezu das um, was durch die Geschichte constatirt ist. Alle Geschichtschreiber stimmen darin überein, daß schon früh auf den | Hügeln Rom’s Hirten unter Oberhäuptern herumgestreift seyen. Das erste Zusammenseyn hat sich als Räuberstaat constituirt, die zerstreuten Bewohner der Umgegend sind zu einem gemeinsamen Leben zusammengebracht worden. Es ist die Verbindung einer Räuberbande, dahin gehen eine Menge geschichtlicher Angaben; es werden auch die nähern Umstände angegeben; jene räuberische Hirten nahmen Alles auf, was sich zu ihnen schlagen wollte, (Livius nennt es eine colluvies) aus allen drei Gebieten zwischen welchen Rom lag, hat sich das Gesindel in der neuen Stadt versammelt. Die Geschichtschreiber geben an, daß dieser Punkt auf einem Hügel am Fluß sehr wohl gewählt war und sehr geeignet ihn zum Asyl für alle Verbrecher zu machen. Eben so geschichtlich ist es, daß in dem neu gebildeten Staat keine Weiber vorhanden waren und daß die benachbarten Staaten keine connubia mit ihnen eingehen wollten; beide Umstände charakterisiren ihn als eine Räuberverbindung mit der die anderen Staaten keine Gemeinschaft haben wollten. Auch haben diese die Einladung zu ihren gottesdienstlichen Festen ausgeschlagen; nur die Sabiner, ein einfaches, landbauendes Volk, bei denen, wie Livius sagt, eine tristis atque tetrica superstitio herrschte, haben sich theils aus Aberglauben, theils aus Furcht dabei eingefunden. Der Raub der Sabinerinnen ist dann ein allgemein angenommenes, geschichtliches Faktum. Von vielen | Seiten her kamen Fremde herbeigeströmt; die nachher so berühmte Familie der

3–5 Alle Geschichtschreiber … seyen.] Ak: Daß auf den Bergen | Roms Hirten mit Königen etc. 4–5 Oberhäuptern herumgestreift seyen] Wi: Könige d.h. Oberhäupter gelebt haben, diß mag wohl seyn 5–7 Das erste … worden.] Ak: Allein die Hauptsache ist, daß der Ursprung Roms ein gewaltsamer war, und ein Raeuberstaat zu nennen ist 5 Das erste Zusammenseyn] Wi: der Ursprung ist ein gewaltsamer gewesen und das erste zusammenseyn 6–7 die zerstreuten … einer] Wi: In Attica haben wir gefunden daß durch The30 seus die zerstreuten bewohner zu einem gemeinsamen Leben zusammen gebracht sind; hier aber ist gleich eine 8–9 dahin gehen … angegeben] Wi: das sagen die Römer selbst und die müssen es besser gewußt haben als wir mit unserer Gelehrsamkeit 9 Hirten] Ak: thaten sich zusammen, und Alles] Ak: Alles, (turba omnis), Freie oder Sclaven 10–11 aus allen … versammelt] Wi: sie nahmen Freie und Sclaven ohne Unterschied auf. Rom baute sich zuerst, wie schon gesagt in 35 drei Winkeln. 11 zwischen welchen Rom lag] Ak: in deren Winkel Rom erbaut war 15–16 keine connubia … wollten] Wi: ihnen keine Weiber geben wollten 16–17 beide Umstände … wollten] Wi: daß sie keine Weiber gehabt haben ist ein Zug der einen bund von Räubern characterisirt, man hat sie für einen Auswurf angesehn. 18 Festen] Wi: Festen von Seiten der Römer 22–23 Von vielen … herbeigeströmt] Wi: So haben sie Fremde aus allen Geschlechtern 40 aufgenommen. 23–1390,1 die nachher … herzugekommen] Ak: So nahmen sie dann den Appius Claudius auf, so den Tarquinius 25 vorgekommen sein mögen, ist möglich.

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Appier ist auch so herzugekommen. Der Korinther Demaratus aus einer angesehenen Familie hatte sich in Etrurien niedergelassen, wurde aber da als ein Fremder und Verbannter wenig geachtet, sein Sohn konnte diese Unwürdigkeit nicht länger ertragen, er begab sich nach Rom, sagt Livius, weil da ein neues Volk und eine repentina nobilitas sey (auch das charakterisirt den Anfang wie er angegeben worden). Lukumo gelangte sogleich zu solchem Ansehen, daß er nachher König wurde. Diese Stiftung des Staates ist es, die von uns als die wesentliche Grundlage für die Eigenthümlichkeit Roms anzusehen ist; denn diese Eigenthümlichkeit geht daraus hervor. Jener Ursprung führt zugleich mit sich: die härteste Disciplin, die Aufopferung für den Zweck des Bundes; ein Staat, der sich selbst erst gebildet hat, und auf Gewalt beruht, muß mit Gewalt zusammengehalten werden (wie wir schon bei Sparta gesehen haben); es ist da nicht ein sittlicher, liberaler Zusammenhang, sondern ein gezwungener Zustand der Subordination, der sich aus solchem Ursprunge herleitet. Die Römische virtus ist die Tapferkeit, aber nicht bloß die persönliche Tapferkeit des Individuum, sondern sie zeigt sich wesentlich im Zusammenhang der Genossen und ist nur für diesen Zusammenhang, indem die Arbeit | für den Zusammenhang als das Höchste gilt und so kann jene virtus mit aller Gewaltthätigkeit verknüpft seyn. Wenn nun die Römer so einen geschlossenen Bund bildeten, so waren sie zwar nicht, wie die Lacedämonier im Gegensatz innerhalb ihrer selbst, aber sie waren immer im Kampfe begriffen, theils nach außen, 1–4 Der Korinther … ertragen] Wi: So sehen wir später einen Lucumo aus Corinth ankommen dessen Sohn nachher König wird. der Lucumo hatte sich zuerst in Etrurien niedergelassen. weil er hier aber ein Fremder war, so war er daselbst nicht geachtet, er machte aber Anspruch auf Anerkennung wegen seines Ansehens in Corinth und seiner Reichthümer; er heirathete zwar die Tanaquil, aber doch verachteten ihn die Etrurier weil er ein verbannter war; so ging er nach Rom wo man ihn aufnahm 4–6 weil da … worden)] Wi: weil diß ein neues Volk sey worin der Adel etwas neu aufgeschossenes sey, oder wo dieses Ansehn durch tapferkeit zu erlangen sey 9 die Eigenthümlichkeit Roms] Ak: für die weitere Ausbildung der Römischen Eigenthümlichkeit 11–12 ein Staat, … werden] Ak: Aufopferung für einen Bund, der nach allen Seiten hin feindselig gestellt war Wi: die unter einer Räuberbande am stärksten seyn muß und unter einem Volk, das feindlich nach allen Seiten steht weil es sich selbst gemacht hat und nicht ein legitimes bestehen von Anfang an hat 12–13 (wie wir … haben)] Ak: dasselbe ist von den Spartanern erinnert, die sich im Innern im Kriegszustande gegen die Heloten befanden Wi: bey den Spartanern hatte die stärke ihres Gemeingeistes vornehmlich darin ihren Grund, daß sie feindlich gegen die Sclaven standen. 16 Die Römische virtus ist] Ak: Daher die Haerte im Römischen Character; daher ist ihre Virtus 18 für1] Wi: für und in 19–20 Gewaltthätigkeit] Wi: Gewaltthätigkeit und Raub 20–21 geschlossenen Bund bildeten] Wi: festen bund und Räuberstaat bildeten und diß die Grundlage ist 21–22 im Gegensatz … selbst] Ak: in sich im Kriegszustande Wi: in sich selbst mit den Heloten 18 indem] vielleicht zu lesen: in dem

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theils auch innerhalb ihrer selbst durch die Unterscheidung in P a t r i z i e r und P l e b e j e r (Niebuhr hat darüber auch eine Abhandlung in seiner Geschichte und stellt mancherlei Hypothesen auf; überhaupt muß Niebuhr’s Geschichte mehr als eine Kritik der Römischen Geschichte angesehen werden, denn sie besteht aus einer Reihe von Abhandlungen, die keineswegs die Einheit der Geschichte haben). Diese Unterscheidung hängt mit einem religiösen Momente zusammen; wir haben aber zuvor die Frage, wie sich dieser Unterschied gemacht habe, zu beantworten. Es ist schon gesagt worden, daß Rom sich durch räuberische Hirten und den Zusammenlauf von allem Gesindel bildete; später wurden dann auch noch die Bewohner genommener und zerstörter Städte dahin geschleppt. Es tritt hier sogleich ein Unterschied ein: die Schwächeren, Aermeren, die später Hinzugekommenen sind im Verhältniß der Geringschätzung und Abhängigkeit gegen die, welche ursprünglich den Staat begründet hatten, und die welche sich durch Tapferkeit und daher auch durch Reichthum auszeichneten; wir haben da nicht nöthig zu | einer lächerlichen Hypothese unsre Zuflucht zu nehmen, daß die Patrizier ein eigenes Volk gewesen seyen. Die Abhängigkeit der Plebejer von den Patriziern wird oft als eine vollkommen gesetzliche dargestellt, ja als eine heilige, weil die Patrizier die sacra in den Händen gehabt hätten, die Plebejer gleichsam götterlos gewesen wären; man darf jedoch dieses Verhältniß nicht wie das in einer Gemeinde betrachten; sondern die Armen und darum Hülflosen waren gezwungen sich an die Reicheren und Angeseheneren anzuschließen, ihr patrocinium nachzusuchen; die ersten geschriebnen Gesetze in Rom, die 12 Tafeln, sind viel später: in dem vorherigen, gesetzlosen Zustand bedurften die Aermeren des Schutzes und der persönlichen Hülfe der Reicheren; jene hießen in diesem Verhältniß: K l i e n t e n (Nie-

1–2 durch die … P l e b e j e r ] Ak: in feindlichen Reibungen mit dem Haufen, der dann die Plebs genannt wurde 2–6 (Niebuhr hat … haben).] Wi: Niebuhrs Ansichten sind hoch berühmt geworden hinsichtlich der Entstehung der pleps, obschon die Arbeit es nicht verdient und das meiste erdichtet ist. das Werk ist überhaupt kein geschichtliches. 6 Unterscheidung] Wi: Unterschei7 zusammen] Wi: zusammen, wovon unten mehr 9–16 Ge30 dung von Patriciern und Plebejern sindel bildete; … seyen.] Wi: Gesindel, das aus seinem Lande fortgejagt wurde, aus diesem hat sich Rom zusammengeschleppt, und da ist sogleich das Element der Ungleichheit gegeben ohne daß man zu Hypothesen zu schreiten braucht. die Schwächeren, die Armen, die mit Gewalt herbeigeschleppten, die Feigen sind natürlich in ein Verhältniß der Abhängigkeit von denen gesetzt, die ur12–13 die später … hatten] Ak: die mit Gewalt Hinge35 sprünglich diese Bande constituirten. schleppten, oder sich dort als Gesindel Einfindenden sind natürlich in ein Verhaeltniß der Abhaengigkeit und Unterordnung gesetzt worden gegen diejenigen, die zuerst jene Bande formirten 19 gewesen wären] Wi: gewesen, worüber unten noch mehr gesagt werden soll 19–20 man darf … betrachten] Ak: Es war aber darum nicht eine Hörigkeit, Erbunterthaenigkeit. 21–22 an 22–25 die er40 die … anzuschließen] Wi: in den Schutz dieser Reichen und Stärkeren begeben sten … Reicheren] Ak: Der erste Zustand Roms war ohne feste Gesetze; (die zwölf Tafeln sind spaeter eingeführt) da bedarf dann der Schwaechere des Schutzes des Staerkern

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buhr hält viel darauf, daß er gesagt, die Plebs sey aus dem Klienten entstanden; was aber unter dem Namen Klienten begriffen wird, war schon immer das gemeine Volk nur im Zustande der Abhängigkeit). Man findet bald die Klienten von der Plebs unterschieden. Bei den Zwistigkeiten zwischen den Patriziern und Plebejern, hielten sich die Klienten an ihre Patrone, obgleich sie eben so gut zur Plebs gehörten. Daß dieses Verhältniß der Klienten kein rechtliches, gesetzliches Verhältniß war, das geht daraus hervor, daß mit der Einführung der Gesetze das Klientelarverhältniß nach und nach verschwand; so bald die Individuen Schutz am Gesetze fanden, so mußte jenes zufällige der momentanen Noth auf hören. | Bei jenem Räuberanfang war durchaus jeder Bürger Soldat; der Staat beruhte nur auf dem Krieg; so mußte denn später die Plebs auch noch mit in den Krieg ziehen, was für sie sehr drückend war, da jeder Bürger sich im Kriege selbst unterhalten mußte; die ungeheure Verschuldung, in welche die Plebs gegen die Patrizier verfiel, beweis’t den drückenden Zustand, in dem sich das geringere Volk befand. Mit der Einführung der Gesetze mußte auch dieses willkührliche Verhältniß auf hören; doch fehlte viel, daß die Patrizier (decemviri), denen die Gesetzgebung übertragen worden, geneigt gewesen wären die Plebs aus dem Verhältniß der Hörigkeit zu entlassen, sondern die bisherige Abhängigkeit sollte zu ihrem Vortheil immer noch bestehen. Auch enthielten die Gesetze der zwölf Tafeln noch sehr viel Allgemeines und Unbestimmtes und es war dem jedesmaligen Praetor, in der ersten Zeit auch nur Patrizier, überlassen seine eigenen Bestimmungen hinzuzufügen, so daß diese Bestimmungen der 4 unterschieden] Ak: verschieden im Kampfe gegen die Patricier 6–7 rechtliches, gesetzliches Verhältniß] Ak, ähnlich Wi: (Ak: gesetzliches Wi: rechtliches), sondern mehr zufaelliges der momentanen Noth 8 Gesetze] Wi: Gesetze der 12 Tafeln 10–12 Soldat; der … ziehen] Ak: Soldat war, (wie dies natürlich für dies raeuberische Volk) daher nicht vom Ackerbau seinen Unterhalt allein ziehen konnte, sondern besonders auf die Beute des Kriegs angewiesen war 12–15 was für … befand] Wi: so entging ihr, daß sie sich mit dem Ackerbau beschäftigen konnte. die plebs suchte nur nach Eigenthum, und so kommt es oft vor daß die Consuln eine eroberte Stadt den Soldaten preis gaben. Auch die später oft vor Kommenden großen Schuldbelastungen der plebs zeigen die Hülfslosigkeit der plebs. 14 Zustand] Ak: Zustand der Dürftigkeit und Hülfsbedürftig keit 16–19 doch fehlte … bestehen] Ak: Wenn das Verhaeltniß der Clientel gesetzlich bestanden hatte, so würden die Decemvirn (alle Leidenschaftliche Patricier) dies Verhaeltniß auch in den geschriebenen Gesetzen constituirt haben, | oder es würde irgendwo ausdrücklich aufgehoben sein, da ein solches Verhaeltniß von der größten Wichtigkeit in einem Staate ist. Wi: die Gesetzgebungscommission bestand aus 10 Patriciern (Decemvir) und zwar von der härtesten Art wie Appius Claudius; und diese würden nicht geneigt gewesen seyn die plebs aus der hörigkeit zu entlassen, wenn diß gesetzlich gewesen wäre; sie würden diß mit in das Gesetz aufgenommen haben, oder wäre es nicht, so wäre diß ein sehr bemerkenswerthes und wichtiges Ereigniß gewesen in der inneren geschichte Roms, was gewiß nicht unbemerkt geblieben wäre 20–22 es war … hinzuzufügen] Wi: Nach den eingeführten Gesetzen hing also noch viel von der Willkühr der Praetoren ab

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Prätoren einen eigenen Theil des Rechts ausmachen. Man sieht daraus, wie sehr, auch noch nach Einführung der Gesetze, der Zustand der ärmeren Bürger von den Reicheren abhing. Wir gehen nun zu dem Elemente der R e l i g i o n über. – Im vorigen Abschnitte, von den Griechen, ist die griechische Religion näher betrachtet worden und nun finden wir, daß die Römische Götterlehre ganz dieselbe gewesen sey nur mit unwesentlicher Namen|veränderung; bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch die große Verschiedenheit. Es ist gesagt worden, daß in der griechischen Religion der Schauer der Natur zu etwas Geistigem, zu einer freien Anschauung und zu einem geistigen Phantasiebilde herausgebildet worden ist, daß der griechische Geist nicht bei der innern Furcht stehen geblieben ist, da diese der Natur fremd ist, sondern das Verhältniß zur Natur zu einem Verhältniß der Freiheit und Heiterkeit gemacht hat. Die Römer dagegen sind bei einer stummen und stumpfen Innerlichkeit geblieben und damit war das Aeußerliche ein Objekt, ein Anderes, ein Unversöhntes; während bei den Griechen die Versöhnung des Geistes mit dem Natürlichen vorhanden war. Da nun der Römische Geist so bei der Innerlichkeit stehen geblieben, so kam er in das Ve r h ä l t n i ß d e r G e b u n d e n h e i t , der Abhängigkeit; schon der Ursprung des Wortes: religio deutet darauf hin (Cicero selbst gibt ihn an, von religare). Diese Innerlichkeit, welche unfrei und unausgebildet ist, knüpft sich bei den Römern an Alles an; bei Allem ist der Römer fromm gewesen, Alles hat ihn in sich zurückgedrängt und so ist das Aeußerliche ein Objektives geblieben: immer hat der Römer mit einem G e h e i m e n zu thun gehabt, in Allem glaubte und suchte er ein Verhülltes; einen schönen Gegensatz bildet dagegen die griechische Religion; es ist in ihr Alles offen, klar, gegenwärtig für Sinn und Anschauung, nicht ein

1–3 Man sieht … abhing.] Ak: so sehen wir daraus, daß früher noch weit grössere Willkühr und Unbestimmtheit bestanden haben muß 2–3 der ärmeren … Reicheren] Wi: der schwächeren Bürger wieder von den Mächtigeren 6 ganz] Ak: ungefehr 8 große] Ak: wesentliche 9 Natur] Ak: Natur, jener innere Schauer 11 Furcht] Ak: Furcht, bei dem Anderssein der Natur 12 zur Natur] Wi: zu solch äußerem, mächtigen 30 (vom Geiste) Wi: Furcht vor der Natur 13 Freiheit] Ak: Freudigkeit 14 stummen und stumpfen] Ak: blossen starren 15–16 während bei … war] Ak: In der Griechischen Religion war eine Versöhnung des Geistes, weil die Natur vergeistigt wurde. 16–17 Da nun … geblieben] Ak, ähnlich Wi: Dem Römer blieben die (Ak: Naturkraefte ein Object, ein Aeusseres Wi: Naturmächte ein Objectives, ein Anderes) 18 Ab19 (Cicero selbst … religare)] Ak: (religio nach Cice35 hängigkeit] Wi: Abhängigkeit, Unfreiheit ro von religare binden.) 20 unausgebildet] Ak: unausgebildet in sich, ungeistig, stumm 21–24 Alles hat … Verhülltes]Wi: und ging dabey in sich zurück und suchte die Abhängigkeit, allerwärts hatte der Römer noch etwas gefunden; es war bey allem für ihn noch etwas dahinter, ein Äußeres 22 Objektives] Ak: Objectives, zu dem er im Verhaeltnisse der Abhaengigkeit 23 G e h e i m e n ] Ak: Geheimem, Verstecktem 24 Religion] Ak: Religion (die Myste40 blieb rien stehen für sich) 25 klar, gegenwärtig … Anschauung] Ak: heitere Anschauung, heitere Gestalt und Dichtung

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Jenseits, sondern ein Freund|liches, ein Disseits. Den Römern stellt sich Alles als ein M y s t e r i ö s e s , ein G e d o p p e l t e s dar; sie sehen in dem Gegenstand zuerst ihn selbst und dann auch noch das, was in ihm verborgen liegt; solche doppelte Anschauung kommt auch in der Geschichte vor: Die Römerstadt hatte außer ihrem eigentlichen Namen, Roma, noch einen geheimen, den nur wenige kannten; man glaubt, er sey: Valentia (die lateinische Uebersetzung von Roma) gewesen (Andre sagen auch, dieser Name wäre Amor, Roma von hinten her gelesen). Romulus, der Begründer des Staates hatte auch noch einen heiligen Namen, Quirinus, unter dem er verehrt wurde, (später wurde der Gott Quirinus mit dem griechischen Ares zusammengebracht). Die Römer hießen auch noch Quiriten (dieser Name hängt mit dem Worte curia zusammen; in der Ableitung ist man sogar auf die Etrurische Stadt, Cures gekommen). – Auf diese Weise hat sich bei den Römern so diese Wichtigkeit und Feierlichkeit an Alles geknüpft: die Gebräuche, die bald auf kamen und nach und nach fest wurden, hießen und waren den Römern s a c r a . Das Unbefangenste bildete sich alsbald zu einen sacrum, wurde gleichsam zu demselben versteinert und lächerlich ist es, wenn man das den Römern als Frömmigkeit auslegen will. Bei den förmlichen Heirathen wurde Roggenbrod gegessen (confarreatio), dieser anfänglich zufällige Gebrauch wurde zu einem sacrum usf. | in’s Kleinste; die Augurien und Auspicien gehörten besonders zu den sacris. – Dieser prosaische Charakter einer stummen Innerlichkeit und Abhängigkeit knüpfte sich an alle Verhältnisse und eben so damit an das Verhältniß der Patrizier und Plebejer. Die 1 ein Freundliches] Wi: ein heiteres 2 ein M y s t e r i ö s e s , ein G e d o p p e l t e s ] Ak: etwas Geheimes; überall jene Furcht 5–6 den nur wenige kannten] Ak: (es wurde einer zum Tode verurtheilt, weil er diesen Namen aussprach.) 6 man glaubt, er] Wi: man hat gemeint (O. Müller) der geheime Name 7–8 Roma von … gelesen] Wi: R4o3m 2a1 9–10 (später wurde … zusammengebracht)] Ak: (Quirinus soll Mars sein) 11 auch noch Quiriten] Wi: doppelt Romani und Quirites curia zusammen] Wi, ähnlich Ak: Curien (Volksversammlungen) zusammen. Weil alles öffentliche bey den Römern mit öffentlichen Religionsgebräuchen verbunden war (Wi: hatte Romulus an diese Curien geopfert Ak: und bei ihnen dem Quirinus Opfer gebracht worden seien). 13 diese Wichtigkeit] Ak: dies Geheime, diese Wichtigkeit 15 Das Unbefangenste] Ak: Alles, das Unbefangenste, Natürlichste 17 das den … will] Ak: von diesen sacris mit Salbung als von einem heiligen religiösen Gefühle fabelt auslegen will] Wi: anzuschlagen, und noch gar mit einer Salbung 17–20 Bei den … sacris.] Wi: da ist alles, alles voll Sacra geworden, alles wurde als heilig ding betrachtet, Pfosten anstreichen bey einer hochzeit und ob hühner fressen, ob geier da fliegen und dergleichen. Wenn das aussätzige Volk sich auf einem berg mal eine Zeitlang auf hält, so wird der ein mons sacer. Hn: Der Theil der Stadt, der jenseits des Tiber liegt, enthielt den Sacer Mons auf dem man glaubte, daß der Remus gehaust; dieses brachte man zusammen mit lemures, Gespenstern. 19–20 die Augurien und Auspicien] Ak: die grossen Ceremonien bei Erweiterung des Pomörium; so die Augurien und Auspicien (ob Hühner fressen oder nicht pp) 20 Dieser prosaische] Ak: Diese Form der Furcht, der prosaische 21 stummen] Ak: gebundenen Abhängigkeit] Wi: Furcht, tritt immer hervor

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Patrizier hatten alle Sacra in Händen, wie die Sibyllinischen Bücher, die Augurien; sie bestimmten die heiligen und unheiligen Tage; und unterhielten den mannigfachen Aberglauben an die Augurien, den sie sehr wohl, wenn sie irgend etwas durchsetzen wollten, zu nutzen wußten; auch war derselbe so fest im Römischen Charakter eingewurzelt, daß es sonst unbegreiflich wäre, daß die Plebs sich so lange hat hintergehen lassen. Die alten Könige waren zugleich auch reges sacrorum; nachdem die Königswürde abgeschafft worden, blieb doch noch ein rex sacrorum in dem pontifex maximus; dieser leitete alle sacra und gab ihnen diese Starrheit und Festigkeit, so daß es den Patriziern möglich war, sich eben durch diese religiöse Seite so lange zu behaupten. Bei diesem Verhältniß der Abhängigkeit und Unfreiheit ist die Religion das ganz P r o s a i s c h e geblieben; da nun auf der andern Seite der Mensch konkret ist und seine bestimmten Interessen hat, so war auch in dieser Götterfurcht ein konkreter Inhalt des Interesses und die Religion der Römer war nach dieser Seite hin: R e l i g i o n d e r N ü t z l i c h k e i t ; denn da bei den Römern das Verhältniß der inneren Unfreiheit, der kleinlichen Interessen | und das Versenktseyn in die Bedürfnisse so hervortreten, so war die Verehrung der Götter bei ihnen eben so: Gefühl der Abhängigkeit und der subjektiven beschränkten Interessen; der Römer erwartete aus dieser Verehrung einen bestimmten Nutzen, und nur um diesen verehrte er die Götter. Wenn der Staat 2–4 sie bestimmten … wußten] Wi: die Volksversammlung, der manigfaltige Aberglaube und Augurien war vorhanden und in den Händen der Patricier die das politisch gebraucht haben: wenn sie in einer Volksversammlung fürchteten daß ihr Plan nicht gelingen möge so konnten sie sich leicht durch die sogenannte Religion in den Augurien helfen 3–4 den sie … wußten] Ak: Dies Alles war in den Haenden der Patricier, die dies politisch gebrauchten. 4–5 auch war … wäre] Ak: Ohne diesen Aberglauben und dies Verhaeltniß ist es uns unbegreiflich 6 so lange … lassen] Wi: so lange hätten das alles gefallen lassen 7 zugleich auch reges sacrorum] Wi: zugleich geistlicher (rex sacrorum) und politischer 9 Starrheit und Festigkeit] Ak: Hartnäckige Festigkeit 10–11 lange zu behaupten] Wi: lange und hartnäckig behaupten konnte. Wenn der Mensch einmal diese Richtung hat in allem etwas besonderes zu fürchten und zu ahnden so ist diß ein Verhältniß der Furcht und des äußerlichen daseyns. 13–14 so war … Interesses] Ak: es mischten sich diese politischen pp | Interessen ein 15 R e l i g i o n d e r N ü t z l i c h k e i t ] Ak: NützlichkeitsReligion. Die Religion ist der Ort, wo der Geist seine Freiheit hat, sich ihrer bewußt wird. In der Römischen Religion war die Abhaengigkeit von einer aeussern Macht 15–18 da bei … eben so] Wi: was damit eben zusammenhängt daß die Person des Römers nicht frei geworden ist, wir haben hier die Abhängigkeit von einer äußern Macht, das ist Unfreiheit und diese äußere Unfreiheit hängt mit der innren Unfreiheit zusammen 19 Interessen] Wi: Interesses. Ihre Mächte werden als solche, in diesem Gesichtspunkt verehrt daß sie Erleichterung von einer Noth gewähren und Mittheilung eines Nützlichen von ihnen ausgeht. 19–20 der Römer … Götter] Ak: Eine Religion, die dies enthaelt, führt dann darauf, daß die Götter verehrt werden, um eine Noth abzuwenden, um von ihnen einen Vortheil zu erringen. Sie werden verehrt um des Nutzens willen, den der Mensch von ihnen zu erwarten hat. 20–1396,2 Wenn der … angestellt] Ak: So wurde in Rom bei einer öffentlichen Niederlage oder die Lectisternien, öffentliche Opfer etc. angestellt.

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sich in irgend einer Noth befand, so wurden solenne Gottesdienste, Lektisternien usf. angestellt und zugleich auch neue Gottesdienste eingeführt, in der Erwartung daß diese neuen Götter besser helfen sollten, als die alten; bei vielen Gottheiten war aber der Kultus wieder sehr beschränkt. Nach dieser Seite hin nimmt die Römische Religion einen vollkommen prosaischen Charakter an: die febris galt den Römern als eine Gottheit; eben so der Getreidebrand (robigo), vorgestellt als die Macht des Verderbens des Getreides; ja! diese Göttlichkeit dehnte sich ferner auf Gegenstände der Nützlichkeit aus; es gab einen Gott fornax, eine dea cloacina! die Juno, welche unter mehreren Formen verehrt wird (als Luzina), erscheint bei den Römern auch als Juno ossipagina, die Gottheit, welche die Knochen des Embryo bildet, als Juno unxia, welche die Thürangeln bei den Heirathen einsalbt (was auch zu den sacris gehörte). Wie wenig haben diese prosaischen Vorstellungen mit der Schönheit der geistigen Mächte und Gottheiten der Griechen gemein! – Wir haben oben von den r e l i g i ö s e n S p i e l e n | der Griechen gesprochen; wie die Griechen schöne Tempel erbauten aus Liebe zur Göttlichkeit als solcher, so waren die Spiele Wettkämpfe menschlichen Talentes und menschlicher Geschicklichkeit; in den dramatischen Kämpfen am Bachusfeste traten die Dichter auf und agirten in ihren Stücken. Die Römer dagegen kämpften nicht selbst bei ihren Spielen (erst Nero hat dies später gethan aber der ganzen Römischen Welt zum Aergerniß); wenn die Griechen es für das Höchste ansahen den Kampfpreis errungen zu haben, so unterhielten dagegen die Römer Fechter (Gladiatoren), die Sklaven waren, und die nur das Interesse am Siege hatten, daß 2–3 und zugleich … alten] Wi: deswegen holte man von da her und von dort Götter zusammen 4–5 Nach dieser … an] Ak: Diese Art der Verehrung ist dann auf allerhand ganz prosaische Gottheiten und auf deren Verehrung verfallen 8–9 Gott fornax] Ak: fornax (Backofen) Deus 11 Juno unxia] Ak: Juno Unxia, | so der Gott Pax etc. etc. 11–12 welche die … einsalbt] Wi: wegen bestreichung der Thürpfosten bey hochzeiten 12–14 Wie wenig … gemein!] Ak: Die geistigen schönen Maechte der Griechen muß man also hier ganz und gar nicht suchen. Hn: Pax, Tranquillitas, Sorge, Kummer sind Göttinnen. Diese geistigen Mächte sind nicht durch solche Gebilde von den Griechen dargestellt worden. 13 Schönheit] Wi: Freiheit und Schön heit 16 aus Liebe zur Göttlichkeit] Wi: und Götter hatten aus Liebe zur Gottheit 17–18 menschlichen Talentes … Geschicklichkeit] Ak: sich selber zu zeigen in körperlichen und geistigen Künsten 18 Geschicklichkeit] Wi: Geschicklichkeit und Kunst 19 agirten in ihren Stücken] Wi: agirten, wie Aeschylus und Sophocles agirten 19–20 Die Römer … Spielen] Wi: Bey den Römern ist es wie bey uns wo blos Zuschauer sind. sie hatten auch Wettkampf und Wettrennen aber die Römer selbst thaten es nicht. 19 kämpften nicht] Ak: kaempften, rannten pp nicht, sondern waren bloß Zuschauer 21 Aergerniß] Wi: Ärgerniß und Scandal 21–22 wenn die … haben] Ak: es war durchaus ganz wider ihre Sitte, was bei den Griechen in Ehren war und Ehre brachte Wi: Während also die Griechen diß selbst übernahmen um sich sehn zu lassen 23–1397,2 die nur … getödtet] Ak: um ein Interesse in die Spiele zu bringen, mußten gegen einander auf Tod und Leben kaempfen

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sie durch denselben ihr Leben retteten, denn der Ueberwundene wurde vom Sieger getödtet; so waren die Spiele Menschenhetzen eben so wie auch Thierhetzen: mit dem wachsenden Luxus nahm der Geschmack daran immer zu; Hunderte und Tausende von Gladiatoren metzelten sich in Einem Kampfe gegenseitig nieder; eine unermeßliche Menge von seltenen Thieren, von Bären, Elefanten, Krokodillen, Straußen wurden so auf die Schlachtbank geführt. – Solche verächtliche Richtung hat jene schöne und freie Einrichtung der Griechen bei den Römern genommen. – Nur Eine Seite der römischen Religion hat etwas Anziehendes und zwar die alten Sitten und Gebräuche, die sich aus dem frühesten ländlichen Zustand erhalten haben; es sind gleichsam Erinnerungen an die | glücklichen Zeiten des Saturn; da zeigt sich ein Natursinn der Römer, ein Zug von natürlichem Genuß in ländlichen Darstellungen; besonders im Herbst gibt die Weinlese und drgl. Veranlassung zu solchen Festen, wie die Saturnalien und andre. – Allerdings waren einige Züge der Römischen Religion in Zusammenhang mit griechischen Vorstellungen (wie die Römische Vesta und die griechische Ἑrs©b); doch ist die Mythologie der Römischen Dichter gänzlich aus griechischen entnommen; aber selbst bei den Dichtern der Römer werden die Götter gleichsam zu Maschinerieen, sie werden auf äußerliche Weise gebraucht und Alles, was von ihnen ausgeht, ist etwas Wunderbares. Zu diesen allgemeinen Bemerkungen über die römische Religion und ihre Beziehung auf den Staat, ist noch Einiges über die F a m i l i e n p i e t ä t der Römer 2–3 Thierhetzen] Ak: Thierhetzen und Thierkaempfe, auch zwischen Menschen und Thieren Wi: Thierhetzen […] auf Leben und Tod 3–4 mit dem … zu] Wi: diß steigerte sich besonders unter den Kaisern wo viel Thier aufgeführt wurde. 4 Hunderte und Tausende] Wi: Unter den Kaisern ist es geschehn daß 1000d e 5–6 eine unermeßliche … Straußen] Wi: 100t e von Thieren sich zerfleischen mußten, 100t e von Elephanten, viele 100 Tyger, Löwen zu 100t e n , Hippopotamus und andere Hn: Hunderte von Bären mit 200 Löwen, 100 Elephanten, Tiger, Straussen, Dromedaren wurden zusammengebracht. 9–11 und zwar … haben] Wi: daß religiöse Spiele, die aus einer alten ländlichen, einfachen, froheren Lebensart herüber gekommen waren 10 alten] Ak: religiöse ländlichen] Ak: laendlichen frohen 12–13 ein Natursinn … Darstellungen] Wi, ähnlich Ak: eine (Ak: Natürlichkeit,) Naivität bey den Römern und (Wi: ein Zug von natürlicher Freude in ländlichen Vorstellungen Ak: natürliche Freudigkeit des Römischen Characters). Noch heut zu Tage feiern sie solche Feste 14 die Saturnalien] Wi: die Saturnalien sind ein Ueberbleibsel aus jener Zeit. Es ist schon bemerkt wie die Patrizier sich die Religion so nützlich zu machen suchten. die Caeremonien bey öffentlicher Gelegenheit waren in ihren Händen und es kam oft vor daß sie keinen guten Donner hatten und dergleichen. und andre] Ak: pp. Auch zeigten die Römer noch spaeterhin einen Sinn fürs Land|leben und haeusliche Beschaeftigung. 16–17 doch ist … entnommen] Ak: allein dies wurde besonders nur durch die Dichter eingeführt, die dies aus den Griechen nahmen, (war also nicht volksmaessig.) 19 sie werden … gebraucht] Hn: Ganz äußerlich gebraucht sie Vergil. 19–20 Alles, was … Wunderbares] Wi: Die Maschinerie des Wunderbaren das die Menschen immer besonders aufregt ist so mit hereingekommen.

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hinzuzufügen: wie die Pietät der Römer überhaupt den Charakter der Gebundenheit und Unfreiheit an sich trägt, so ist auch das Familienverhältniß nicht ein freies, schönes Verhältniß der Liebe und der Empfindung. An die Stelle der Liebe, des Zutrauens in der Familie, tritt bei den Römern das Prinzip der Härte, der Abhängigkeit und der Unterordnung. Die Ehe hatte eigentlich den Charakter eines Sklavenverhältnisses: die Frau wurde, nach dem Prinzip der alten, förmlichen Ehe, zum mancipium des Mannes, sie gehörte durch die Ehe zu seinem Besitz (in manus convenire); und die | Heirathsceremonie war eine coemtio per aes et libram, eine Ceremonie wie sie auch bei jedem andern Kaufe Statt fand. Der Mann bekam dadurch das Recht über Leben und Tod seiner Frau (wenn sie dem Trunke ergeben war oder sich eines Ehebruches schuldig machte, so konnte er sie tödten lassen). Es gab dann aber auch eine Ehe durch den Gebrauch und die Gewohnheit; wenn nämlich eine Frau ein Jahr lang mit einem Manne lebte, so war sie seine Frau im alten Sinne, so daß sie zum Besitzthum des Mannes gehörte: brachte sie aber drei Nächte in einem Jahre außer Hause zu, so hieß sie eine matrona und blieb im unbeschränkten Besitze ihres Vermögens. Die Frau hatte also bei den Römern nur dadurch eine Würde, daß sie nicht in völliger Einheit mit dem Manne lebte und so nicht Sklavin war; sie blieb dann in väterlicher Gewalt oder unter Vormundschaft ihrer Agnaten. Wollte der Mann sich von der Frau scheiden so schickte er sie fort.– Das Verhältniß der Söhne war ganz ähnlich; sie waren in väterlicher Gewalt und ohne Eigenthum, sie mochten ein Amt im Staat bekleiden oder nicht (nur das jus castrense im Kriegsdienst beschränkte einiger Maßen die väterliche Gewalt); im

3–4 An die … Familie] Ak: Die Grundlage derselben Liebe, Zutrauen, ist Sache des Gemüths, und Ein Theil hat das Bewußtsein seiner selbst im Andern, Bewußtsein der Identitaet ist Grundlage der Liebe. 5 Unterordnung] Ak: Subordination Ehe] Ak: Ehe (die alte) Wi: eigentliche Ehe 8 (in manus convenire)] Wi: sie wurde ihm in die Hand gegeben in deren Besitz er jetzt sey 9 eine Ceremonie … Kaufe] Wi: wie bey Sclaven auch dieser Kauf 12 Es gab … Ehe] Ak, ähnlich Wi: Spaeter fiel von diesen Feierlichkeiten Manches weg; es trat eine (Ak: leichtere Form Wi: 2t e liberalere Ehe) ein, die Ehe 13 wenn nämlich eine Frau] Wi: die Frau hatte einen Vormund, wenn der es zugegeben und die Frau so 16 hieß sie eine] Ak: ward sie nicht sein Eigenthum, sondern 16–17 und blieb … Vermögens] Wi: und dann war der Mann nicht im besitz von ihr 18 lebte] Wi: lebte, sondern daß ihr zusammenleben jährlich 3 Nächte unterbrochen war 19 unter Vormundschaft ihrer Agnaten] Ak: unter Tutel der Agnaten. Die Einheit des Zusammenlebens mußte also gestört werden, um dies zu bewirken. Wi: oder der Tutel, wenn sie keinen Vater hatte. die Würde lag also gerade darin, daß sie nicht die eigne Frau des Mannes im ganzen Sinne war Hn: in der Vormundschaft der Agnaten. Dieses ist gegen die Sittlichkeit, da sie ja ganz dem Mann angehören sollte. 20 Wollte der … fort.] Hn: Das Heirathsgut gehörte dem Manne, wenn er sich scheiden ließ, was leicht zu thun war. Wi schließt an: Cicero hat so mehr Fraun gehabt. man nahm sich des Heirathsguts wegen eine neue, so hat Cicero es mehre mal gemacht.

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Allgemeinen waren sie auch Mancipien; nur der flamen dialis und die Vestalin waren unabhängig vom Vater, sie traten aber in dasselbe Verhältniß der Abhängigkeit zum pontifex maximus. Der Sohn war nur frei, wenn ihn der Vater 3 Mal verkauft | hatte. In Beziehung auf die Erbschaft ist das Sittliche, daß die Kinder die Erbschaft auf gleiche Weise theilen; bei den Römern war die Willkühr des Testirens im höchsten Grade vorhanden. Nach allen Seiten hin sehen wir so die Sittlichkeit der Empfindung denaturirt; in der Familie war der Römer Despot, nach Außen hin war er schlechthin gehorchend, dem Zwecke des Staates sich hingebend; die starre Einheit der Individualität mit dem Staate ist die Römische virtus und die römische Größe; die militärische Subordination, indem schon der Ursprung Rom’s ganz militärisch gewesen war. – Wir kommen nun näher zum Geschichtlichen, welches wir in der Verbindung mit der inneren Politik, seinem Faden nach verfolgen werden. – Im ersten Zeitraume unterscheiden sich von selbst mehrere Momente: Der römische Staat bekommt seine erste Ausbildung unter Königen, dann erhält er eine republikanische Verfassung, an deren Spitze die Konsuln stehen: es tritt der Kampf der Patrizier und Plebejer ein; nachdem dieser durch die Befriedigung der Plebejischen Anforderungen geschlichtet worden, zeigt sich erst eine Zufriedenheit im Innern und nun erst bekommt Rom seine Stärke, so daß es siegreich sich in den Kampf des früheren welthistorischen Volkes einlassen konnte. – Was die Nachrichten über die ersten römischen Könige anbetrifft, so sind sie höchst unsicher 1–2 Mancipien; nur … Vater] Ak: Mancipien der Vaeter, und keine Würde (ausser Einigen, flamen dialis und Vestalinn) hob diese Gewalt auf. 3–4 ihn der … hatte] Ak: ihn der Vater dreimal verkaufte, und der Kaeufer ihn dreimal manumittirte Wi: der Vater ihn 3mal verkauft. der ihn zuerst kaufte ließ ihn wieder los, der Vater fing ihn wieder und diß wiederholte sich 3mal, dann war er frei 5 auf gleiche Weise] Wi: gleich – diß ist das natürliche verhältniß 7 die Sittlichkeit] Ak: das Familienverhaeltniß, die Sittlichkeit denaturirt] Ak: denaturirt; es ist kein Zug darin der Natürlichkeit gemaeß 7–8 in der … Despot] Wi: Frau und Kinder standen mit den Sclaven | unter der gleichen Despotie des Vaters 8–9 schlechthin gehorchend, … sich] Ak: Sclave, sich ganz dem Staate und seinem Gebote 9 Einheit] Wi: hingebung 11 indem schon … war] Wi: diß Kriegerische war das Princip Roms überhaupt, und diß ist stets geltend geblieben. 12 Wir kommen … Geschichtlichen] Ak: Nach der Angabe dieses Anfangs und der geistigen Elemente in der Römischen Welt haben wir nun das Geschichtliche 14 Momente] Wi: Momente, die sich von selbst unterscheiden 17–18 nachdem dieser … worden] Ak: bis die Plebejer an allen Rechten Theil bekommen 19 nun erst … Stärke] Wi: von da ergibt sich das 3t e daß durch diese letzte befriedigung erst Rom seine Stärke gegen auswärtige erlangt hat und diese Eroberungen nach außen machte 19–20 so daß … konnte] Wi: um dann sogleich in Kampf gegen die frühere Welthistorische Nation treten zu können 20–1400,2 Was die … wollen.] Wi: die Zeiten dieser Könige und sie selbst sind mehr oder weniger in Unsicherheit, aber nicht so daß man schon von Gymnasiasten ausgelacht werden sollte wenn man Romulus für eine gewisse Person hält . 21 Könige] Ak: Könige und ihre Zeit 40 hält] gehalten wird

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und unbestimmt, doch ist man zu weit gegangen, wenn man ihnen alle Glaubwürdigkeit hat absprechen wollen. | Romulus wird der Stifter dieses Vereins von Räubern genannt; er organisirte denselben zu einem Kriegsstaat. Vom zweiten Könige, Numa, wird erzählt, er habe die religiösen Ceremonien eingeführt: dieser Zug ist sehr merkwürdig; die Religion tritt hier später ein als die Staatsverbindung; (sonst erscheinen) die religiösen Traditionen schon in den ältesten Zeiten, wo an einen Bund, als an einen Stand noch gar nicht gedacht werden konnte. Es werden sieben Könige im Ganzen angegeben und selbst die höhere Kritik gibt zu, daß die letzten Könige vollkommen geschichtlich seyen. Die Absonderung der ausgezeichneten und mächtigen Bürger als Patrizier geschah unter den Königen. Romulus soll 100 patres eingesetzt haben, woran jedoch die höhere Kritik zweifelt. In der Religion wurden zufällige Ceremonien zu festen Unterscheidungsmerkmalen und Eigenthümlichkeiten; auch kam allmählig eine innere Organisation zu Stande. Livius sagt, so wie Numa alles Göttliche festgesetzt habe, so habe Servius Tullius die verschiedenen Stände und hauptsächlich den census eingeführt, nach welchem der Antheil an der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten bestimmt wurde. Servius Tullius hat besonders dem Staate seine feste innere Einrichtung gegeben: die Patrizier waren deßhalb unzufrieden, besonders aber darum, weil Servius Tullius einen Theil der Schulden der | Plebejer tilgte und den Aermern Staatsländereien schenkte, wodurch sie zu Grundeigenthümern wurden. Er theilte das ganze Volk in 6 Klassen, wovon die erste 98 C e n t u r i e n hatte; die folgenden verhältnißmäßig weniger; da nun nach Centurien abgestimmt wurde, so hatten die 1ten Klassen auch das größte Gewicht. Es wird gesagt, es sey ehedem nach K u r i e n gestimmt worden; doch uns ist diese Eintheilung unbekannt: nach den Angaben scheint es aber, daß die Patrizier die Verwaltung ausschließend in den Händen hatten; nach der Eintheilung des Servius behielten

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3 wird] Ak: wird aber von Allen und namentlich von den Römern 4–5 Vom zweiten … merkwürdig] Ak: Charakteristisch ist, daß erst der zweite König Numa dem Staate die geistlichen und 30 religiösen Ceremonien giebt und einrichtet 6–7 die religiösen Traditionen] Wi: die Mystische und religiöse Tradition 7–8 wo an … konnte] Wi: wo noch kein Staat ist: hier ist es gerade umgekehrt 14–15 auch kam … Stande] Wi: Unter den Königen ist die nähere Organisation zu Stande gekommen 15 Numa] Wi: Numa Pompilius 16 die verschiedenen Stände] Wi: das bürgerliche Leben 17 nach welchem der Antheil] Ak: wodurch nach dem Vermögen die Lasten 35 jedes Bürgers und der Antheil 18–19 hat besonders … gegeben] Ak: wird also vornehmlich als Organisator des Staats angegeben 20 unzufrieden] Wi: sehr unzufrieden mit ihm 23 C e n t u r i e n ] Ak: Centurien (Stimmen) mehr, als die übrigen zusammen Wi: Centurien und jede Centurie eine Stimme 26–27 doch uns … unbekannt] Wi: wie diese Curien eigentlich gewesen wissen auch die so gelehrten Rechtgelehrten nicht mit all ihrer Gelehrsamkeit 40

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sie nur das Uebergewicht. Mit Servius wird die Geschichte bestimmter, unter ihm und seinem Vorgänger Tarquinius priscus scheint der Staat geblüht zu haben; die Selbstständigkeit nach Außen wurde mit Ruhm erhalten und eben so geschah nach Innen sehr viel Nützliches; es wird gesagt, daß durch die großen öffentlichen Anstalten und Bauten die Plebs zu einem Verdienst gekommen ist, was sie sehr zufrieden mit den Königen gemacht hat; denn der Form nach trat sie durch die Centurieneintheilung aus der Abhängigkeit der Patrizier und dann in der Wirklichkeit durch eigenen Erwerb und Besitz. Fast alle Könige waren Fremde, was gewiß den Ursprung Roms sehr charakterisirt. – Romulus wird als der Stifter des Bundes angesehen; die Sagen über ihn erscheinen als sehr fabelhaft, doch enthalten sie nur, was im Charakter der oben gemachten Angaben | liegt. Numa war der Erzählung nach ein Sabiner, schon unter Romulus sollen sich die Sabiner unter ihrem Anführer Tatius auf einen der römischen Hügel niedergelassen haben; bei welcher Vereinigung die Römer sich jedoch ausdrücklich die Herrschergewalt vorbehielten. Das eigentliche Sabinerland erscheint später doch noch als eigenes Land vom römischen Gebiete getrennt. Auf Numa folgt Tullus Hostilius; der Name des Vaters desselben wird als Hostus Hostilius angegeben; er heißt nichts anders als Fremdling, Sohn eines Fremdlings. Ancus Martius war der Enkel des Numa; Tarquinius Priskus stammte aus einem Korinthischen Geschlechte, wie schon früher bei Gelegenheit gesagt worden ist. Servius Tullius war aus Cornicum, einer eroberten lateinischen Stadt. Tarquinius Superbus endlich stammte vom ältern Tarquinius ab. Unter diesen letzten Königen ist Rom zu einem großen Flor gediehen; schon damals soll ein Traktat mit den Karthaginiensern über den Handel abgeschlossen worden seyn und wenn man dies als mythisch verwerfen will so vergißt man ganz den Zusammenhang, in dem Rom mit Etrurien und andern angrenzenden Völkern, die durch Handel und Seefahrt blühten, schon

1 Servius] Wi: Servius Tullius und den nachfolgenden Königen 3 Selbstständigkeit] Wi: Würde des Staats 5 Verdienst] Wi: Verdienst, Vermögen und Eigenthum 6–8 denn der … Besitz] Wi: 10–12 Romu30 durch besitz und dadurch daß sie Auskommen fanden hat sie sich wohl befunden. lus wird … liegt.] Wi: Romulus und Remus sind keine mythischen Figuren sondern von ihrer Mutter ausgesetzt und von einer Wölfinn genährt. 12 Numa] Wi: Numa Pompilius 13–15 schon unter … vorbehielten] Wi, ähnlich Ak: die sich (Wi: dann Ak: nach dem Sabinerinnen Raube) mit den Römern verbanden unter dem König Tatius, unter dem sie aber sich selbstständig zu erhalten 17 Tullus Hostilius] Ak: Tullus Hostilius soll zwar ein Römer sein, allein 20 stamm35 suchten te aus … Geschlechte] Ak: war aus Tarquinii 22 eroberten] Wi: kleinen 23 ab] Wi: ab, also aus Corinthischem Geschlecht letzten] Wi: fremden einem großen Flor] Wi: einer Consistenz und Flor 25–26 dies als … will] Ak: die Römische Geschichte so als Mythe darstellt 26 Zusammenhang] Ak: frühern Zusammenhang Wi: geschichtlichen Zusammenhang 27 andern an40 grenzenden Völkern] Ak: Griechischen Elementen

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zu jener Zeit stand. Die Römer verstanden schon sehr wohl die Schreibekunst und gaben jene verständige Auffassungsweise, die sie sehr auszeichnete und zu jener verständigen Geschichtschreibung führte, zu erkennen. Bei der Ausbildung des inneren Staatslebens waren die | Patrizier sehr herabgesetzt worden; die Könige hielten sich sogar mehrere Mal an das Volk gegen dieselben. Ancus Martius ließ nach Eroberung einer Stadt die Aecker unter die Plebs verteilen und machte sie sich dadurch geneigt, so daß er später durch dieselbe unterstützt, ohne die Patrizier zu fragen, sich zum Könige machte. Die Plebs erhob sich allmählig aus einer nur zufälligen Unterdrückung, und dieser Umstand eben führte den Sturz der königlichen Regierung herbei. Der letzte König Tarquinius Superbus fragte den Senat wenig um Rath in den Angelegenheiten des Staates; auch ergänzte er den Senat nicht, wenn ein Mitglied starb und es schien als wolle er ihn gänzlich zusammenschmelzen lassen. Da trat eine Spannung ein, welche nur einer Veranlassung bedurfte um zum Ausbruch zu kommen. Die Verletzung der Ehe, das Eindringen in dieses verschlossene Heiligthum, dessen sich der Sohn des Königs schuldig machte war diese Veranlassung. Die Könige wurden im J. 245 nach Erbauung Roms und 507 vor Chr. (da nämlich die Erbauung Rom’s auf das J. 752 vor Chr. gesetzt wird) vertrieben und die Königswürde für immer abgeschafft. Der Staat ist zur Republik geworden; betrachten wir die Sache genauer so zeigt sich’s daß im Grunde keine andre Veränderung vorgegangen ist, als daß die Macht, die vorher dem Könige war, an zwei Konsuln übergegangen ist: der eine hatte vornehmlich die Kriegsangelegenheiten unter sich, der andre die der Religion und die Rechtsgeschäfte, denn die | Prätoren als oberste Richter sind erst später. Livius macht die Bemerkung, Brutus habe 1–2 Die Römer … jene] Wi: Jener Tractat ist ein altes Actenstück und zeigt daß sie schon früh eine 3–4 Bei der … worden] Wi: die Aristocratie ist unter den letzten Königen also herab gesetzt und die plebs ist empor gekommen 7–8 so daß … machte] Wi: unter der Acclamation der plebs ist er König geworden, nachdem er sie gefragt ob sie damit zufrieden 8–9 Die Plebs … Unterdrükkung] Wi: Aus allem also geht hervor, daß die plebs aus der Abhängigkeit herauszukommen suchten 9 dieser Umstand] Ak: Ankus Martius soll Geld und Güter unter das Volk haben vertheilen lassen, Aecker ausgegeben haben, und soll hauptsaechlich durch den Plebs creirt worden sein. Dieses Emporkommen des Plebs 13 zusammenschmelzen lassen] Ak: zusammenschmelzen, und regirte überhaupt durchaus monarchisch eine Spannung] Ak: ein Zustand der Feindseligkeit und Spannung 14 zum Ausbruch zu kommen] Ak: Aufruhr zu bewirken 15 Heiligthum] Ak: Heiligthum der Ehe und die Haeuslichkeit, was bei so strenger Hauszucht um so tiefer gefühlt wurde 16 diese Veranlassung] Ak: der naechste Grund der Königsvertreibung 18–19 die Königswürde … abgeschafft] Wi: an ihre Stellen sind Consuln gewählt 19 Der Staat … geworden] Wi: Aus einer Monarchie wurde nun eine Republik. Republik ist ein sehr allgemeines Wort, sie kann democratie und auch Aristocratie seyn und noch mehre Modificationen. 21–22 zwei Konsuln übergegangen ist] Ak: die beiden erwaehlten Consuln kam, die jaehrlich wechselten. Sonst, sagt Livius, ist nichts veraendert worden. 22 Kriegsangelegenheiten] Ak: Kriegs- und Staatsgeschaefte 23 die der … Rechtsgeschäfte] Wi: den Sacris vorstehen sollte und den Comitien

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den rechten Zeitpunkt für die Vertreibung der Könige gefunden; denn, wenn sie früher Statt gefunden hätte, so würde der Staat zerfallen seyn; „Was würde geschehen seyn, frägt er, wenn dieser heimathlose Haufe früher losgelassen worden wäre, das Zusammenleben noch nicht die Gemüther an einander gewöhnt hatte?“ Zunächst waren noch alle Gewalten in Händen der Konsuln; sowohl nach außen als nach innen ist es sehr schlecht im Anfang gegangen; es tritt in der römischen Geschichte eine trübe Zeit ein, wie in der griechischen nach Untergang der königlichen Geschlechter. Die Römer hatten zuerst einen schweren Kampf mit ihrem vertriebenen Könige, der bei den Etruriern Hülfe gesucht und gefunden hatte, zu bestehen. Bei den Griechen sind die königlichen Geschlechter ausgelöscht, ohne daß die Völker sie mit ihrem Haß verfolgt hätten; die Römer waren mit dem größten Haß gegen ihre Könige erfüllt. In diesem Kriege aber sowie in den folgenden haben die Römer alle ihre Eroberungen, ja, ihre Selbstständigkeit verloren; sie wurden durch den König Porsenna gezwungen ihre Waffen abzulegen und Geißeln zu geben; nach einem Ausdruck des Tacitus scheint es, als habe Porsenna, sogar Rom genommen. Die Einheit der königlichen Macht war ein Hauptmoment für die Stärke des beginnenden | Staates. Der Erfolg nach innen war nicht eine Spannung, sondern ein beginnender Kampf zwischen den Patriziern und Plebejern; diese wurden jetzt vollkommen unterdrückt: sie empörten sich endlich und begaben sich nur erst wieder zur Ordnung, nachdem man ihnen Vo l k s t r i b u n e n bewilligt hatte, welche die Beschlüsse der Patrizier auf heben konnten; sie haben aber darin im Grunde nichts anders erreicht, als was sie vorher an den Königen gehabt haben. Die Hauptveranlassung dieses Aufstandes waren die Schulden des armen Volks und die große Bedrückung der Patrizier; denn diese zwangen die armen ihnen ver-

1 für die … gefunden] Wi: zur Umwälzung 3–5 wenn dieser … hatte?“] Ak: wenn jener Haufe, jene heimathlose Menge, aus ihrem Vaterlande vertrieben unter dem Schutze des Asyls (Tempels), wenn jene Menge los|gelassen worden, und der Respect vor der königlichen Herrschaft früher aufgehoben worden waere, ehe Gewohnheit und Familienbande den zusammengelaufenen 5 Zunächst waren … Konsuln] Ak: Wir haben nun also eine 30 Haufen fester gebunden hatten sogenannte Republik. Aber in den Haenden der Consuln waren noch alle Gewalten, die richterliche, Quaestoren pp noch war nichts getrennt. 7 eine trübe Zeit] Wi: eine trübe und unbedeutende Zeit Ak: ein trüber, inhaltloser Zustand der Unbedeutenheit 7–8 nach Untergang … Geschlechter] Ak: nach der Königsvertreibung […]. In Griechenland erloschen die Königsge11 ausgelöscht] Wi: in sich untergegangen und verlöscht 35 schlechter ohne Hass und Kampf. 18 Erfolg] Ak: Erfolg jener Umwaelzung 18–19 ein beginnender Kampf ] Ak: jener | harte Kampf 19 wurden] Ak: wurden von den Patriciern 22 der Patrizier auf heben] Wi: des Senats ver nichten 23 gehabt haben] Ak: hatten, einen Widerstand, Herunterhalten des Senats und der Patricier 24 Hauptveranlassung] AkWi: unmittelbare Veranlassung 40 19 wurden] wurden wurden

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schuldeten Bürger ihre Schuld durch Sklavenarbeiten abzuverdienen. Auch waren die Römischen Gesetze in dieser Hinsicht sehr hart. Während dieser innerlichen Unruhen und Zwistigkeiten kam Rom wieder sehr zurück: sobald aber im Innern die Gemüther einiger Maßen beruhigt waren, so führte Rom wieder glückliche Kriege und machte Eroberungen; dann brachen aber die Gallier nach Italien ein, kamen bis nach Rom und plünderten dasselbe. Die nun entstehenden inneren Kämpfe erlaubten Rom nicht sich nach außen auszudehnen; sie sind für uns besonders wichtig und daher näher anzugeben. In den Händen der Patrizier befand sich alle obrigkeitliche Gewalt und alles Grundeigenthum; dem Volke mangelte solcher Besitz, unauf|hörlich in Kriege hinausgerissen konnte es sich nicht mit friedlichen Beschäftigungen abgeben: bei einem fortwährenden Zustand des Krieges, an dem jeder Bürger Theil nehmen mußte, konnten die Gewerbe nicht blühen; jeder mußte sich dennoch im Kriege selbst unterhalten, und das Einzige was der Plebejer hatte war ein Antheil an der Beute für alle seine Anstrengungen. Die Patrizier ließen ihren Grund und Boden durch Sklaven bebauen; auch gaben sie von ihrem Ackerbesitz an die Plebejer, an ihre Klienten, welche gegen Abgaben und Beisteuern den Nießbrauch derselben hatten (also als Pächter). Die ganze Regierungsgewalt war, wie gesagt, in den Händen der Patrizier, des Senats überhaupt; sie waren in Besitz aller Aemter, des Konsulats, der Prätur; nur Patrizier konnten Censoren seyn, diese hatten eine große Gewalt in Händen, indem sie selbst Senatoren aus dem Senat stoßen und Andre an deren Stelle setzen konnten: auch die Aedilität, wesentlich ein Finanzamt, das die öffentlichen Bauten, Straßen und Magazine usf. unter sich hatte, gehörte den Patriziern ausschließend an. Die Patrizier bildeten endlich auch den S e n a t . Sehr wichtig scheint die Frage, auf welche Weise der Senat ergänzt wurde? Darin war aber eine große Unbestimmtheit. Vom Romulus wird erzählt, daß er den

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1 durch Sklavenarbeiten] Ak: auf Sclavenart zu arbeiten und die Schulden 1–2 Auch waren … hart.] Ak: auch konnte der Glaeubiger den Schuldner gefangen setzen 2 in dieser Hinsicht] Wi: gegen die Schuldner 9 obrigkeitliche] Ak: gesetzgebende und richterliche 13 jeder mußte … unterhalten] Wi: ebenso bekamen die die in den Krieg zogen keinen Sold, Erst in der Mitte des 4ten 30 seculum a. U. kam der Sold auf (nach der Eroberung von Veji?) 16 bebauen] Hn schließt an: oder waren sie arm, so bearbeiteten sie selbst das Land, wie Cincinatus 17–18 welche gegen … Pächter)] Wi: die Patricier mußten aber auch zu vielem anderen beisteuern bey kostspieligen Aemtern bey Verheirathung der Töchter. 18 Regierungsgewalt] Wi: Verwaltungsgewalt 19 der Patrizier, … überhaupt] Ak: der Consuln und des Senats 19–24 sie waren … an.] Ak: erst nach und 35 nach wurden die einzelnen Gewalten von der der Consuln getrennt, Praetoren, Censoren, (die die grosse Gewalt hatten, Senatoren auszuschliessen und den Senat zu ergaenzen,) Aedilen (Finanz und Polizei, Aufsicht der Magazine, Gebaeude pp.) Alles das war in den Haenden der Patricier. 19–21 sie waren … Händen] Wi: das ursprüngliche Amt der Consuln wurde nach und nach in mehre Theile zerlegt. Praetoren und Censoren, die ein großes Ansehn hatten 25 wurde] Ak: 40 wurde, d.h. wer hatte das Recht, in den Senat zu kommen? (für uns eine wichtige Frage)

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Senat aus 100 Mitgliedern bestehend, gestiftet habe; die folgenden Könige vermehr ten diese Anzahl, | Tarquinius Priskus setzte sie auf 300 fest. Junius Brutus ergänzte den Senat, der sehr zusammengeschmolzen war auf ’s Neue. Im 2ten Punischen Kriege wurde im J. 536 ab u. ein Diktator gewählt, welcher 177 neue Senatoren ernannte; er wählte dazu die, welche kurulische Würden bekleidet hatten, die plebejischen Aedilen, Volkstribunen und Quästoren, Bürger, die die spolia opima davongetragen oder eine Bürgerkrone erhalten hatten. In späteren Zeiten sehen wir an Cicero ein Beispiel, daß ein Plebejer nachdem er hohe Würden bekleidet hat, ohne weiters in den Senat eintritt. Unter Cäsar war die Anzahl der Senatoren bis auf 800 gestiegen, August reduzirte sie auf 600. – Man kann es als eine große Nachläßigkeit der römischen Geschichtschreiber betrachten, daß sie darüber so wenig Nachricht geben; aber wir sehen, daß den Römern dieser Punkt nicht so wichtig gewesen ist, obgleich er für uns die größte Wichtigkeit zu haben scheint: sie haben aber überhaupt nicht diese Wichtigkeit auf solche formelle Bestimmungen gelegt; das persönliche Interesse war nicht so vorhanden, sondern es kam ihnen am meisten darauf an, wie regiert werde. Das Volk befand sich also in diesem Zustand der Unterdrückung, indem es zugleich ganz von der Regierung ausgeschlossen war; mehrere Mal hat es sich empört und ist aus der Stadt ausgezogen, zuweilen hat es auch den Kriegsdienst verweigert: doch bleibt es immer äußerst auf|fallend, daß der Senat so lange einer durch Unterdrückung gereizten und im Kriege geübten Mehrzahl habe Wi1–2 vermehrten diese Anzahl] Wi: vermehrten ihn und die gesetzliche Zahl war dann 300, es ist aber ungewiß 2 auf 300 fest] Ak: 300. Senatoren. (Tarquinius Priscus). Tarquinius Superbus ließ diese Zahl aber wieder herunterkommen. Wi: auf 300, Superbus auf 200 10 auf 600] Ak, ähnlich Wi: 600. Wir sehen also (Ak: merkwürdiger Weise Wi: ausnahmsweise), daß In|dividuen, Censoren, Dictator die Senatoren ernannten. Zwar sollte ein bestimmtes Vermögen dazu gehören; allein wir sehen auch so arme Senatoren, daß ihre Begraebnißkosten nicht bestritten werden konnten. 11 große Nachläßigkeit] Wi: nicht zu vergebende Schludrigkeit; am Rande: (sic) römischen] Wi: Lateinischen 12 daß sie … geben] Wi: daß sie nicht angegeben haben wer in dem Senat zu sitzen das Recht hatte sehen] Ak: sehen aus dieser Ungewißheit und Mangel an Nachrichten 14 sie haben aber überhaupt] Wi: überhaupt hat man im Alterthum 15 formelle Bestimmungen gelegt] Ak: jenes Formelle, wer regiere 17 werde] Wi: werde, also auf Sache, jetzt gelten persönliche Interessen. 17–19 Unterdrückung, indem … ausgezogen] Wi mit Ak: Unterdrückung, in der sie sich nicht befanden unter der Regierung der Könige, das Volk ist also durch die Nothwendigkeit gezwungen einen Aufstand zu machen, die Manier desselben war anfangs daß das Volk auf einen nahen berg (Ak: ( Janiculum, Mons sacer)) auszog 19–1406,4 Kriegsdienst verweigert: … sacris] Wi: Kriegsdienst, wenn es vom Consul aufgerufen wurde, und sehr oft gebrauchte der Senat, um das Volk in Ordnung zu halten, das Mittel anwendete, daß er Krieg ankündigte ; durch die Augurien wurde dergleichen dann oft rückgängig gemacht. Aber diese Weigerung geschah nicht selten, und es ist charakteristisch, daß dieses Volk das Kriegerisch und mächtig war (und nicht etwa Fabrikarbeiter und dergleichen) doch vor der constitutionellen Ordnung solchen Respect behielt wozu auch die Sacra kamen. 39 ankündigte] angekündigte

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derstand leisten können: denn der Hauptkampf hat über 100 Jahre gedauert; in diesem Umstand, daß das Volk so lange im Zaume gehalten werden konnte, offenbart sich eben diese Achtung des Volkes vor der gesetzlichen Ordnung und vor den sacris. Endlich aber mußten dennoch den Plebejern ihre rechtmäßigen Forderungen zugestanden werden; verschiedene Male mußten ihnen die Schulden erlassen werden. Auf das wiederholte Verlangen des Volkes wurden Decemviren ernannt, die mit einer unumschränkten Macht bekleidet wurden, (welche sie bekanntlich auch sehr gemißbraucht haben) um dem Staate bestimmte Gesetze zu geben. Wir haben ferner schon gesehen, daß die Plebs sehr viel dadurch erreichte, daß ihr Volkstribunen zugestanden wurden, Beamten, welche die Macht hatten jeden Senatsbeschluß aufzuheben. Die Anzahl der Tribunen beschränkte sich anfangs nur auf zwei, später waren es zehn was der Plebs sehr schädlich war; denn es kam nur darauf an, daß der Senat Einen der Tribunen gewann, denn der Widerspruch eines Einzigen hob jeden Beschluß aller andern auf. Die Plebs erlangte dann ferner die Provokation an’s Volk; bei jeder Verurthei lung vom Gericht aus konnte der Verurtheilte an’s Volk appelliren, ein unendlich wichtiges Vorrecht für die Plebs, | welches die Patrizier besonders aufbrachte. Nach und nach brachten es die Plebejer dahin, daß ihnen der Weg zu allen Würden und Aemtern offen stand; aber anfangs war ein Plebejischer Konsul, Aedil, Censor usf. dem Patrizischen nicht gleich wegen der sacra, welche dieser in Händen behielt; auch dauerte es sehr lange nach jenem Zugeständniß 2 so lange] Ak: so lange | den Druck ertrugen, und 3 gesetzlichen] Ak: constitutionellen 4 sacris] Ak: sacris, mit denen alle Staatshandlungen umgeben waren 7 unumschränkten] Ak: unbegraenzter Wi: ungeheuren dictatorischen 8 bestimmte] Ak: geschriebene 9–10 Wir haben … wurden] Ak: Eine Hauptsache waren aber die zugestandenen Volkstribunen 10–11 welche die … aufzuheben] Hn mit Wi: (Hn: die der Senatssitzung beiwohnten, Komitien hielten und) Wi: die Macht hatten jeden Senats aber auch Volksbeschluß aufzuheben durch ihr Veto. diß ist eine sehr bedeutende Gewalt) 12–15 später waren … auf ] Ak, ähnlich Wi: Die Mehrzahl der Tribunen diente dann aber dem Senate, diese Gewalt zu schwaechen. In den Tribut-Versammlungen der Plebs konnten auch die Tribunen einen Beschluß vernichten. Der Senat gewann also (Ak: einige Wi: eine Zahl) der Tribunen, und mit ihrem Veto war der Beschluß ungültig. 15 Provokation an’s Volk] Ak: provocatio ad populum 15–16 bei jeder … aus] Ak: im Falle einer Leibes- oder To|desstrafe vom Consul, Praetor, Richter Wi: zb. bey Todesstrafen. der Ritterstand, eine Art Mittelstand, der politisch keine große bedeutung hat und die Finanzen besonders versah, wurde zuerst vom Praetor auch gerichtet nachher aber manches darin geändert. bey einer Todesstrafe oder geldstrafe 16 appelliren] Ak schließt an: worüber dann das Volk urtheilte 17 wichtiges] Wi: großes 17–18 welches die … auf brachte] Ak: Dies Gesetz suchten die Patricier früher auf alle Weise umzustossen, spaeterhin war dagegen eine harte Strafe darauf gesetzt, wenn ein Magistrat einen Römischen Bürger tödtete oder ausstaupen ließ. 19–21 aber anfangs … behielt] Ak: nur daß anfaenglich ein Plebejer immer nicht dieselbe Gewalt und Ansehn in demselben Magistrate hatte 20 welche] welcher

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bis ein Plebejer wirklich dazu kam, Konsul zu werden. Die Gesammtheit dieser Bestimmungen hat der Volkstribun Licinius festgestellt in der 2ten Hälfte des 4ten Jahrhunderts ab u.; derselbe brachte hauptsächlich auch die l e x a g r a r i a in Anregung, worüber soviel unter den neuern Gelehrten geschrieben und gestritten worden ist. Die Urheber dieses Gesetzes haben zu jeder Zeit die größten Bewegungen in Rom verursacht. Die Plebejer waren von allem Grundbesitz ausgeschlossen und die agrarischen Gesetze gingen darauf hin ihnen Aecker einzuräumen, theils in der Nähe von Rom theils auch in den eroberten Gegenden, wohin denn Kolonieen ausgeführt werden sollten. Zur Zeit der Republik sehen wir häufig, daß Feldherren dem Volke Aecker anwiesen aber jedes Mal wurden sie beschuldigt nach dem Königthum zu streben, denn eben die Könige hatten die Plebs so sehr gehoben. Das Agrarische Gesetz verlangte, es sollte kein Bürger über 500 Morgen besitzen; die Patrizier mußten demnach einen großen Theil ihres Eigenthums herausgeben. | Niebuhr hat besonders weitläufige Untersuchungen über die agrarischen Gesetze angestellt und besonders wichtige Entdeckungen zu machen geglaubt; er sagt nämlich, (Prof. Hegewisch in Kiel hat schon vor ihm etwas Aehnliches aufgestellt) man hätte niemals daran gedacht das heilige Recht des Eigenthums zu verletzen, sondern der Staat habe einen Theil des Landes der Plebs zur Benutzung angewiesen, so daß er dabei aber darüber immer noch habe disponiren können. Höchst auffallend erscheint hier schon, daß die Data hauptsächlich aus dem Appian und Plutarch, griechischen Geschichtschreibern, entnommen sind, von denen Niebuhr selbst zugibt, daß man nur im äußersten Fall zu ihnen seine Zuflucht nehmen dürfe: diese sind hier dennoch die Hauptquellen zu obiger Behauptung. Wie oft spricht

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25 1 werden] Wi schließt an: die Patricier haben sich keine Chicane und Intrigue sich verdrißen lassen

diß rückgängig zu machen. Es war eben diß Ursache daß eine Zeitlang die Consulnwürde ganz auf hörte und an ihre Stelle traten Tribuni militarii. 5 ist] Wi schließt an: aber noch mehr in Rom selbst, diese Gesetze wirkten noch spät fort 6 Bewegungen in Rom verursacht] Wi: Unruhen hervorgebracht zb. unter den Gracchen 8 in der Nähe von Rom] Wi: im Gebiet der Stadt selbst 9 Zur Zeit der Republik] Wi: die Könige haben dergleichen schon bewilligt und zur 30 zunächst Zeit der Republik Ak: Früher thaten dies die Könige, und hiernach 10 Aecker] Wi: Äcker eines eroberten Landes 11 nach dem Königthum] Ak: | nach der Königswürde 13 500 Morgen] Ak: 500. Jugera 14 herausgeben] Wi: an die Plebejer abgeben . In neuerer Zeit hat man nun viel darüber gestritten. 17–20 man hätte … können] Wi: daß das Land nicht den Patriciern son35 dern dem Staate gehörte und der Staat nur sein Eigenthumsrecht behalten habe so habe er immer das Anrecht darauf behalten. Also das gilt nun für eine große Entdeckung voll philologie und Gelehrsamkeit. 18–19 sondern der … angewiesen] Ak: sondern es sei Staatseigenthum gewesen, was habe vertheilt werden sollen 22–23 von denen … dürfe] Ak: da doch Niebuhr selbst diese Schriftsteller veraechtlich macht 23–24 diese sind … Behauptung] Wi: und die sollen nun alles 40 gelten 33 abgeben] abzugeb

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nicht Livius über die Agrarischen Gesetze, ja, er hat selbst lange Reden, welche darüber handeln, wie oft nicht Cicero und Andere und keiner der römischen Geschichtschreiber sollte sich bestimmt ausgesprochen haben, daß aus ihnen nichts Bestimmtes genommen werden könnte? Die ganze Sache geht am Ende auf eine unnütze Rechtsfrage aus. Das Land, wo sich Kolonien niederließen war Staatsland, es gehörte aber doch sicherlich den Besitzern an und es ist ein leerer Unterschied, wenn man dagegen behaupten will, daß das Land doch zum Eigenthume des Staates gehörte; auch ist es ganz falsch in dem Feudalverhältniß eine Aehnlichkeit aufzufinden: der Vasall | hatte immer noch einen Erbzins, Todtengeld (laudemium) zu bezahlen; der Lehnsherr hatte also noch ein dominium utile und konnte noch von dem Lehen als von seinem Eigenthum sprechen. Bei jener Entdeckung Niebuhr’s handelt es sich nur um einen sehr unwesentlichen Unterschied, der wohl in Gedanken aber nicht in der Wirklichkeit vorhanden ist. – Das Licinische Gesetz wurde durchgesetzt; bald aber übertreten, und später gar nicht mehr geachtet. Licinius Stolo selbst, der das Gesetz in Anregung gebracht hatte, wurde gestraft, weil er mehr Grundeigenthum besaß, als erlaubt war. Die Patrizier widersetzten sich der Ausführung des Gesetzes mit der größten Hartnäckigkeit. Unsere bürgerliche Gesellschaft beruht auf andern Grundsätzen und solche Maßregeln sind nicht nöthig. Den Spartanern und Atheniensern, welche die Abstraktion noch nicht so, wie die Römer festgehalten haben, war es nicht nur um das Recht als solches zu thun sondern sie ver3–4 daß aus … könnte?] Wi: man müßte also annehmen daß auch diese sich sehr nachlässig und schludrig gemacht hätten bey einer so wichtigen Sache! Ein Franzose hat neulich darüber in der Pariser Academie eine sehr gelehrte Abhandlung darüber geliefert, und der nimmt auf den großen Ruhm Niebuhrs gar keine Rücksicht 5 Rechtsfrage] AkWi: juridische Unterscheidung 5–8 Das Land, … gehörte] Ak: Es mag jenes Land ursprünglich Staatseigenthum gewesen sein, das aber durch hundert- und mehrjaehrigen Besitz von dem Privateigenthume nicht mehr un|terschieden werden kann, da der Privatus alle Benutzung hatte, ganz unbeschraenkt, so daß das dominium directum (Obereigenthum) ein leerer Name war. Daher kommt dann bei Cicero und Andern nichts über diesen Unterschied vor. 6–8 Staatsland, es … gehörte] Wi: Land des Staates, das nun bebaut werden sollte 12 Entdeckung Niebuhr’s] Wi: ganz großen Entdeckung 12–13 sehr unwesentlichen] Wi: gar nicht mehr reellen 14 ist] Wi: ist. bey Livius und Cicero kommt aber der Unterschied nicht vor. 14–15 Das Licinische … geachtet.] Wi: Die Sache ist also daß die Patricier die im besitz der Äcker waren diese wieder herausgeben sollten. Aber diß ist sehr oft besonders später sehr uberschritten und das Gesetz hatte s p ä t e r gegen Armere gar keine Wichtigkeit mehr. 16–17 Grundeigenthum besaß, … war] Wi: Ländereien behielt, als nach seinem eigenen Gesetz erlaubt war 18–19 Unsere bürgerliche … nöthig.] Wi: Jetzt ist von dergleichen Gesetzen nicht mehr die Rede, unser Staat ruht auf anderen Basen 21–1409,2 um das … sorgte] Wi: darum zu thun, daß die Eigenthümer das a b s t r a c t e R e c h t des besitzes hatten sondern sie sollten w i r k l i c h e n besitz haben. der Staat mußte für die Seinigen sorgen und für ihre Subsistenz. Jetzt verlangt man das nicht mehr von einem Staate und will solche bevorrechtigung nicht mehr gelten lassen. Aber die alten sorgten dafür 33 nicht] nichts

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langten, daß die Bürger die Subsistenzmittel hätten und vom Staate, daß er dafür sorgte. – Das ist das Hauptmoment in der ersten Periode der römischen Geschichte, daß die Plebs zum Rechte gelangt ist, die höheren Staatswürden bekleiden zu dürfen und daß durch einen Antheil, den auch sie am Grund und Boden hatte, die Subsistenz der Bürger gesichert war. Dies ist gegen das Ende des 4ten Jahrhunderts vor Chr. zu Stande gekommen. Doch hatten die Patrizier immer noch große Vorzüge; sie leiteten | noch die wichtigsten Staatsangelegenheiten: aber auch der Plebs war ein wesentlicher Antheil an der Staatsverwaltung eingeräumt. Nachdem so eine Vereinigung mit der Plebs zu Stande gekommen war, so kam Rom erst zu einer inneren Konsistenz und es hat dann sich weiter nach Außen ausbreiten können. Die Römergröße kommt jetzt erst recht zum Vorschein; sie besteht in dem festen Zusammenhalten, in der virtus, einer Tapferkeit, die wesentlich gehorchend ist und zwar dem Staate und der gesetzlichen Ordnung, deren Hauptseite die K r i e g s z u c h t ist. Die römische Kriegskunst selbst hat, gegen die griechische, Eigenthümlichkeiten gehabt: wenn wir diese nämlich in der Macedonischen sehen. Die Stärke der Phalanx, dieser eigenthüm lichen Haltung des griechisch macedonischen Heeres, war in der Masse, in dem Massenhaften: die römischen Legionen waren auch geschlossen, zugleich aber in sich gegliedert, sie verbanden die beiden Extreme des Massenhaften und des Zersplitterns in leichte Truppen, indem sie sich fest zusammenhielten und zugleich sich leicht entwickelten. Bogenschützen und Schleuderer gingen beim Angriff dem römischen Heere voran um hernach dem Schwerdte die Entscheidung zu lassen.– Die Römer führten zunächst viele und lange Kriege mit den angrenzenden Völkerschaften: den Lateinern, Etruskern, Volskern usw. Das

3 römischen] Wi: älteren 4 zum Rechte] Wi: zu w i r k l i c h e m Rechte 6–7 gegen das … vor Chr.] Wi: gegen Ende des 4ten Jahr100s A. U. Ak: Gegen die Mitte des fünften Jahrhunderts a. U. 11–12 dann sich … können] Wi: hat so in seinem Verhältnisse nach außen jetzt mit der sie auszeichnenden Stärke nach außen auftreten können 15 K r i e g s z u c h t ist] Wi: Kriegszucht; 17 in der Mace30 diese bürgertugend macht das Gemeinsame aus und einzelne ragen darin hervor donischen sehen] Wi: macedonische) Kriegskunst die dem Alexander die Mittel an die Hand gab Asien zu erobern 18–19 in der … Massenhaften] Hn: welche in solchen Massen aufgestellt war, daß die Front 8 Mann tief war, und der Spieß des achten Mannes noch bis zum ersten reichte. Es war Massenhaftigkeit mit Unbeweglichkeit verbunden 20–21 sie verbanden … Truppen] Ak: 22–24 Bogenschützen und … las35 wodurch das Unbewegliche, Unbeholfene vermieden wurde sen.] Ak: Die Legion hatte leichte Vortruppen, Schützen und Schleuderer, die sich nach dem ersten Angriffe auf die Flügel entfernten. Das Schwerdt entschied sodann. Wi: der Vortrupp der Legionen waren schleuderer | und Schützen, diese machten den ersten Angriff, dem folgten die Lanzenträger, und dann erst kam es zum Schwerdt, das dann entschied. 25 angrenzenden VölkerschafLateinern, Etruskern, Volskern] Ak: Volskern, Aequern, 40 ten] Wi: benachbarten Völkern Sabinern, Samniten pp 25–1410,2 Das Charakteristische … kann] Wi: diese Kriege sind sehr einförmig, Livius hat durch die Rede lebendigkeit hineingebracht

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Charakteristische derselben ist die größte Gleich|förmigkeit, die uns aber nur wenig Interesse abgewinnen kann und merkwürdig ist, was wir besonders bei Livius sehen, daß die Römer (gleichsam advokatenmäßig) ihre Sache bei allen Unterdrückungen und Gewaltthätigkeiten immer als die höchst gerechte darstellen und selbst bei ihrer Welteroberung immer noch so scheinen wollen als seyen sie dazu gezwungen worden, als hätten sie es nicht anders gekonnt. Die römischen Kriege sind darum so wenig interessant, weil die Völker, mit denen Krieg geführt wird, überhaupt nur als Feinde bezeichnet werden: von ihrer Individualität werden aber entweder gar keine oder nur äußerst kümmerliche Nachrichten gegeben; zB. geben die Römer sehr wenig Auskunft über die Etrurier, die doch als jene mit ihnen in Berührung kamen schon sehr in der Kultur fortgeschritten waren (der Kaiser Klaudius hat ein Werk über die Etrurier geschrieben, das aber verloren gegangen ist); ferner haben die Römer gegen anderthalb hundert Jahre mit den Liguriern Krieg geführt und doch berichten sie uns äußerst wenig über sie, usf. Wie ganz anders ist es mit den griechischen Geschichtschreibern! – Lange und schwierige Kämpfe hatten die Römer mit den Samnitern, den Galliern in Oberitalien, den Umbriern, Marsern, Bruttiern usw. im untern Italien zu bestehen, ehe sie sich zum Herrn von ganz Italien machen konnten. Von da aus | wandte sich ihre Herrschaft nach Süden; sie faßten festen Fuß in Sicilien, wo die Karthaginienser schon sehr lange Krieg führten; mehr ging zuerst noch die Richtung der Ausdehnung nach Westen hin; von Sardinien und Korsika wo die Römer sich niederließen, gingen sie weiter nach Spanien. Sie kamen dann bald in häufige Berührung mit den Karthagern und wurden gezwungen gegen dieselben eine Seemacht zu bilden. Dieser Uebergang war in älteren Zeiten leichter als er jetzt wohl seyn würde, wo vieljährige Uebung und höhere Kenntnisse zum Seedienst gefordert werden; die Art des Seekrieges war nicht sehr verschieden vom Landkriege.

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8 überhaupt nur … werden] Wi: nur mit ihren Namen vorkommen 10–11 zB. geben … Etrurier] Wi: das Etrurische Volk ist sehr interessant, die Samnier und Bruttier und Latier sind uns nur sehr dürftig bekannt. 14 Liguriern] Hn: Etruskern 14–15 Krieg geführt … sie2 ] Wi: Krieg ge- 30 führt, aber wir ersehn nichts als den Namen „Ligurer“ 15–16 Wie ganz … Geschichtschreibern!] Wi: Ganz anders schrieb Herodot seine lebendige Geschichte. 16–17 Lange und … Samnitern] Ak: Der schlimmste Krieg war mit den Samniten Wi: der Krieg mit den Samnitern dauerte an 40 Jahr, wo sie viele demüthigungen erfuhren 17 Bruttiern] Ak: Pelignern 19 nach Süden] Ak: ins Mittellaendische Meer hinein 20 Krieg] Wi: Krieg mit abwechselndem Glück 23–24 Sie 35 kamen … bilden.] Wi: Ein Hauptverhältniß ist daß die Richtung ihrer Ausdehnung nach Westen gegangen ist, wobey sie in Collision mit den Carthaginiensern kam, diese Handelsstadt, die eine große Herrschafft an der Küste und Innern Africas, Spaniens, Corsicas und Sardiniens sich erworben hat. die Römer haben dann von einer Landmacht aus auch eine Seemacht werden müssen. 26 Uebung] Wi: Geschicklichkeit 26–27 die Art … Landkriege] Wi: Im Mittelmeer brauchte man Galeeren, 40 die gerudert wurden und und der Kampf wurde wie zu Lande geführt mit Spieß und Schwerdt.

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Wir haben hiemit die erste Epoche beendigt und gehen zur folgenden über. – Die römische Herrschaft war im Ganzen noch nicht sehr ausgedehnt: erst wenige Kolonien hatten sich jenseits des Po niedergelassen und im Süden stand eine große Macht der römischen gegenüber. Die Römer traten aber bald auf dem großen Welttheater auf und in diese ungeheure Berührung mit den mächtigsten vorhandenen Staaten; der 2te punische Krieg ist es, welcher diese Epoche macht oder ihr gleichsam den Anstoß gibt; durch ihn kamen die Römer in Berührung mit Macedonien, Asien, Syrien und dann auch mit Egypten. Des | großen, weithinausreichenden Reiches Mittelpunkt blieb Italien und Rom, der aber darum doch nicht weniger erzwungen und gewaltsam war. – Diese große Periode der Berührung Roms mit andern Staaten und der daraus entstehenden mannigfachen Verwicklungen, eine der schönsten Perioden, die sich ein Geschichtschreiber zum Gegenstande machen konnte, hat Polybius, ein edler Achäer beschrieben. – Die 2te Periode nach unsrer Eintheilung beginnt mit dem 2ten punischen Kriege, mit diesem Punkt der Entscheidung und Bestimmung der römischen Herrschaft. Im ersten punischen Kriege hatten die Römer gezeigt, daß sie dem mächtigen Karthago, das einen großen Theil der Küste von Afrika und das südliche Spanien besaß und in Sicilien und Sardinien festen Fuß gefaßt hatte, gewachsen seyen. Der 2te punische Krieg warf Karthago’s Macht danieder. Karthago’s Element war das Meer; es hatte kein ursprüngliches Gebiet, bildete keine Nation und hatte keine Nationalarmee sondern sein Heer war aus den Truppen unterworfener und verbündeter Nationen zusammengesetzt: aber mit einem solchen, aus den verschiedensten Nationen gebildeten Heere brachte der große Hannibal Rom dem Untergang nahe; ohne irgend eine Unterstützung hielt er sich 16 Jahre in Italien gegen die römische Ausdauer und Beharrlichkeit,

1 Wir haben … beendigt] Ak: Bis zu diesem Puncte können wir die erste Periode der Römischen Geschichte rechnen, die Erlangung der Staerke und Kraft, um die Weltherrschaft zu gewinnen. Wi: bis hier geht die erste Epoche, wo sie sich über das Mittelmeer ausdehnten und mit den 2–4 erst wenige … gegenüber] Wi: sie kamen 30 Tarentinern und Pyrrhern in berührung kamen auch über den Po damals zuerst und legten in Cremona und Piacentia Colonien an 4–5 Die Römer … Berührung] Wi: d i e 2 t e P e r i o d e /der 2te Punische Krieg / da sie ein bedeutendes Capital von Macht erworben hatten so traten sie in jene ungeheure berührung. 8 mit Macedonien] Wi: mit Griechenland, mit dem macedonischen Reich Asien] AkWi: Kleinasien Egypten] Ak: 9–10 der aber … war] Wi: Ein künstlicher gewalt35 Aegypten pp und deren Unterwerfung folgte samer Zusammenhang ist es den sie gegründet haben. 10 Periode] Wi: Epoche 21 Kartha go’s Element … Meer] Wi: diese Macht war auf den Handel und auf das Meer basirt. 23 und verbündeter] Wi: oder solcher die genöthigt waren ihnen Truppen zu liefern 25 dem Untergang nahe] Wi: in die größte Gefahr ohne irgend eine Unterstützung] Wi: zum Theil ohne Unterstützung 26–1412,3 gegen die … eilen] Wi: theils durch die hartnäckige Tapferkeit 40 gelassen von Carthago der Römer und die Talente der Scipionen wurde er zur Rückkehr nach Africa bewogen

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während die Scipionen Spanien eroberten und mit den Afrikanischen Fürsten Verbindungen | eingingen; endlich wurde er genöthigt seinem bedrängten Vaterland zu Hülfe zu eilen: er verlor die Schlacht bei Zama im J. 551 (ab urbe) und sah nach 36 Jahren seine Vaterstadt wieder, der er jetzt selbst zum Frieden rathen mußte. Rom kam so zur unbestrittenen Macht über Karthago. Durch denselben Krieg kamen die Römer in feindliche Berührung mit dem König von Macedonien; im J. 556 wurde derselbe besiegt. Antiochus, der mächtige König von Syrien stellte den Römern eine ungeheure Macht entgegen, er wurde bei Thermopylä und bei Magnesia geschlagen und gezwungen den Römern Kleinasien bis an den Taurus abzutreten im J. 563. Nach der Eroberung von Macedonien wurde dieses und Griechenland von den Römern für frei erklärt. Es kam endlich zum 3ten punischen Kriege; Karthago hatte sich von neuem gehoben und die Eifersucht der Römer erregt, es wurde nach langem Widerstande genommen und in die Asche gelegt. Nicht lange konnte der achäische Bund neben der Römischen Herrschsucht bestehen; die Römer suchten den Krieg, zerstörten Korinth in demselben Jahre als Karthago und machten Griechenland zur Provinz. Karthago’s Fall und Griechenlands Unterwerfung waren die entscheidenden Momente, von welchen aus die Römer ihre Herrschaft ausdehnten. Als Rom diese Stellung eingenommen hatte, daß ihm keine Nation mehr gewachsen war, so bildete sich der römische Staat zu einer M i l i t ä r m a c h t ; der Zweck der Kriege war nicht mehr, die Stadt Rom als bürgerliche Stadt zu erhalten, | denn dieser war hinlänglich durch die Unterwerfung aller rivalisirender Nationen erreicht; sondern er war die H e r r s c h a f t als solche und sobald das der Zweck einer Nation ist, so bildet sie sich wesentlich zur Militärmacht und

3 551 (ab urbe)] Wi: das erste treffen (am Rande: 559 A.U.) bestand aus Liguriern und anderen Fremden, im 2t e n treffen waren auch Carthager, im dritten wieder nur Italier. Er kehrte nach C a r t h a g o zurück und rieth zu Frieden und mußte einen Redner vom Rednerstuhl reißen der das Volk zu weiterem Krieg mit Rom bestimmen wollte. Ak: 202 4 36] Wi: 26 seine Vaterstadt] Wi: sein Vaterland 5 Karthago] Wi: den Westen 6–7 dem König … besiegt] Ak: Philipp von Macedonien 197. bei Kynoskephalai besiegt 8 eine ungeheure Macht] Ak: 400 000 Mann 9 Magnesia] Ak: Magnesia 191. 9–10 und gezwungen … abzutreten] Hn: und mußte die Hälfte seiner Schiffe ausliefern 10–11 Nach der … erklärt.] Ak: So wurde Perseus von Macedonien besiegt, (169?) und Macedonien Provinz. 12 punischen Kriege] Ak: Punischen Kriege (146.) 14 in die Asche gelegt] Wi: 607 A.U. wurde Carthago niedergebrannt Ak, ähnlich Hn: zerstört; es brannte (Ak: sieben Hn: 17) Tage 15–16 zerstörten Korinth] Ak: Jetzt begann der Krieg mit dem freien Griechenland. Corinth, Thebae, und Chalcis wurden zerstört, die Maenner niedergehauen, Weiber und Kinder zu Sclaven gemacht 18 ausdehnten] Wi: nach allen Seiten ausdehnten 20 so bildete … M i l i t ä r m a c h t ] Wi: so wurde nun die Militairmacht, die Legionen und ihre Feldherrn mächtig 21 bürgerliche Stadt] Ak: einen bürgerlichen Staat 23 die H e r r s c h a f t als solche] Wi: das Herrschen um des Herrschens willen 24 bildet sie … Militärmacht] Ak: ist die Militairmacht der Staat, (Hauptsache)

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die Individuen, welche sich an der Spitze des Heeres auszeichnen, gelangen zum größten Einfluß und Macht im Staate. Nachdem Rom diese großen Siege errungen hatte, hielt es stehende Heere in den eroberten Provinzen und an den Grenzen des Reichs. Prokonsuln und Proprätoren wurden in die Provinzen als Statthalter geschickt und nach allen Gegenden hin verbreiteten sich die Ritter um die Zölle und Tribute einzutreiben, die sie gepachtet hatten; so zog sich gleichsam ein Netz von Pächtern über die ganze römische Welt. Rom schien jetzt ganz gesichert zu seyn, keine auswärtige Macht stand ihm gegenüber; da tritt das große Schauspiel der fürchterlichsten Unruhen in Rom selbst, und fortwährender bürgerlicher und einheimischer Kriege ein: von innen heraus zeigte sich für den Staat die größte Gefahr, die jedoch zunächst nur die Faktionen bedroht. Die erste Veranlassung zu einem Bürgerkriege war die Erbschaft des Attalus, Königs von Pergamus, der seine Schätze dem römischen Staat vermacht hatte; Tiberius Gracchus trat mit dem Vorschlage auf, sie unter die römischen Bürger zu vertheilen, eben so erneuerte er die Licini|schen Ackergesetze, die bei der Uebermacht einzelner Individuen ganz vernachläßigt worden waren: sein Hauptzweck war den freien Bürgern zu einem Eigenthum zu verhelfen und Italien, statt mit Sklaven, mit Bürgern zu bevölkern; aber dieser edle Römer unterlag den habsüchtigen Patriziern: auch konnte schon die römische Verfassung nicht mehr durch die Verfassung gerettet werden, so sah sich Tiberius Gracchus gezwungen einen Volkstribunen, der, bestochen von den Patriziern, sich allen seinen Vorschlägen wiedersetzte, durch das Volk absetzen zu lassen, was sonst unerhört war. Gajus Gracchus, der Bruder des Tiberius, verfolgte denselben edlen Zweck, welchen dieser gehabt hatte aber er theilte auch dassel-

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25 1–2 die Individuen, … Staate] Ak: die Feldherren, die sich auszeichnen, werden die maechtigen

und wichtigen Individuen Wi: die Feldherrn der Legionen werden die Mächtigen Individuen 4–5 als Statthalter geschickt] Ak: an die Spitze der Verwaltung gestellt 5 die Ritter] AkWi: die Finanzleute, die Ritter 7 Pächtern] WiHn: Einnehmern Ak: Einnehmern und Zollpaechtern 9–10 fürchterlichsten Unruhen … selbst] Wi: unerhörtesten Unruhen und Zwistigkeiten 10 fortwährender bürgerlicher … Kriege] Ak: Kriege im Innern, verbunden mit 30 zu Hause Kaempfen gegen auswaertige Könige Wi: bürgerkriegen und kriegen mit auswärtigen Mächten 10–11 von innen heraus] Wi: Während Rom ganz gesichert zu seyn scheint tritt vornehmlich von innen heraus 12 zu einem Bürgerkriege] Wi: dieses inneren Kriegs Ak: zu den Unruhen 18 mit Bürgern zu bevölkern] Wi, ähnlich Hn: mit freien bürgern bevölkern. Erst jetzt 35 war jenes alte Gesetz übergetreten (etwa 60 Jahre vor Tiberius Gracchus) daß kein Römer (Wi: über einige 100 Hn: mehr als 500) Morgen haben sollte. Ak: aus Sclaven freie Bürger zu machen. | Die früheren leges agrariae waren durch die Uebermacht der Individuen pp über treten. 18–19 aber dieser … Patriziern] Wi: Tiberius Gracchus aber wurde auf dem Forum ermordet 20 gerettet werden] Wi: gerettet werden […]. Tiberius Gracchus wurde durch einen Patricier er mordet 24 ge40 habt hatte] Wi, ähnlich Ak: angefangen, nämlich in dem Streben den Römern (Wi: die Gesindelhaftigkeit Ak: die Armuth, und damit die Gesindelhaftigkeit) abzustreifen. Es kam in der Stadt zur völligen Schlacht. (Ak: Auch er wurde ermordet.)

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be Schicksal. Das Verderben brach nun in Masse ein; da kein allgemeiner, in sich wesentlicher Zweck für das Vaterland mehr vorhanden war, so mußten die Individualitäten und die Gewalt herrschend werden. Das Interesse in Griechenland und Spanien Eroberungen zu machen war dem römischen Bürger fremd, denn es war dies nicht mehr das sittliche und gemeinsame Intresse, sondern das Privatintresse der Individuen aber dieses bekommt nun die Oberhand. – Die ungeheure Verdorbenheit Roms offenbart sich im Kriege mit Jugurtha, der durch seine Bestechungen den Senat gewonnen hatte und so ungestraft sich die größten Gewaltthätigkeiten und Verbrechen erlaubte. Eine allgemeine Aufregung bekam Rom aber | durch den Kampf gegen die den Staat bedrohenden Cimbrer und Teutonen; mit großer Anstrengung wurden jene in der Provence (bei Aix) geschlagen, diese in der Lombardei an der Etsch besiegt. Ein furchtbarer Feind stellte sich darauf im Mithridates den Römern gegenüber und zugleich empörten sich die Bundesgenossen in Italien, indem man ihnen auf ihr Verlangen das römische Bürgerrecht nicht einräumen wollte: in Rom selbst vertheidigte sie der Tribun Drusus, der aber auf Anstiften der Patrizier ermordet wurde. Während die Römer in Italien selbst den Kampf gegen eine ungeheure Macht zu bestehen hatten, erhielten sie die Nachricht, daß auf den Befehl des Mithridates 80000 Römer in Kleinasien den Tod gefunden hätten. Mithridates war König von Pontus, beherrschte Kolchis, die jetzige Insel Krimm, die Völkerschaften des Kaukasus, Armenien, Mesopotamien, einen Theil von Syrien: diese ungeheuren Streitkräfte bot er gegen Rom auf. Sylla, der schon im Bundesgenossenkrieg das römische Heer angeführt hatte, besiegte ihn. Athen, das bis jetzt verschont geblieben, wurde belagert und eingenommen aber nicht zerstört: um 1 in Masse] Ak: mit Macht 2 wesentlicher] Wi: wesentlicher, lebendiger, wirklicher 3–4 Griechenland und Spanien] Wi: Griechenland, Asien, Syrien, Spanien 5–6 es war … Oberhand] Wi: die römischen Legionen bestanden aus Römern und Italienern (von denen die letztern doppelt rekrutirt waren). das Interesse war nicht mehr allgemeines sondern wurde nun ein particulaires. 12 (bei Aix)] Ak: bei Aquae Sentiae Wi: in Gallien in der Lombardei] Hn: und Vercellae Ak: bei Verona 15–16 in Rom … wurde] Wi: Der Tribun Drusus der sich für sie verwendete, auch agrarische Gesetze gab – wurde wie Gracchus ermordet. An 300, 000 (Hn: 30 000) Mann fielen in diesem Bundesgenossen Krieg. 19 80000 Römer] Wi: 80, 000 Römer in einem Tag 20 Krimm] Ak: Krimm) und Pontus mit den Kaukasischen Nationen, Albaner und Ibier Wi: Krimm und herrschte weit nach Westen hin 22–23 Sylla, der … ihn.] Wi mit Ak: Sylla war mit dem Italienischen Krieg beschäftigt gewesen und Marius (Ak: mit Cinna) hatte sich indessen in Rom an die Spitze gestellt. Sylla zog während dieser innerlichen Kriege nach Rom, verjagte den Marius, der gemeinschafftlich mit ihm gewüthet hatte, | zog dann gegen Mithridates, den er schlug. 24 belagert und eingenommen] Ak: erobert, nach einer furchtbaren Belagerung Hn: Athen ward vom 24–1415,1 um Sulla so belagert, daß die Belagerten mit Menschenfleisch sich sättigen mußten ihrer … Sylla] Wi: Es hatte eine belagerung von Sylla ausgehalten und durch Hunger zur Uebergabe gezwungen, Es wurde geplündert aber die Athener nicht niedergemetzelt „um ihrer Väter willen wolle er ihrer schonen“

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ihrer Väter willen, sagte Sylla. Dieser kehrte dann nach Rom zurück, eroberte dasselbe und ordnete daselbst methodische Ermordungen angesehener Römer an, (33 Konsularen, über 200 Senatoren und gegen 180 tausend Römer opferte er seinen Ehrgeize und seiner Herrschsucht). Mithridates war zwar besiegt, aber | nicht überwunden; er begann von neuem den Krieg; zu gleicher Zeit stand Sertorius, ein vertriebner Römer, in Spanien auf, bekämpfte die Römer gegen 18 Jahre und kam nur durch die Verrätherei derselben um; der Krieg mit Mithridates wurde durch Pompejus beendigt, (Mithridates ermordete sich, nachdem seine Hülfsquellen erschöpft waren). Gleichzeitig ist der Sklavenkrieg in Italien: eine ungeheure Menge Gladiatoren und Bergbewohner hatten sich unter Spartakus versammelt, unterlagen aber dem Krassus. In dieser Verwirrung trat eine allgemeine Seeräuberei ein, welche Pompejus nach großen gemachten Anstalten, unterdrückte. – Wir sehen so die fürchterlichsten und gefährlichsten Mächte gegen Rom auftreten, aber die Militärmacht desselben trägt den Sieg davon. Nun treten große Individuen wie Cäsar und Pompejus gegeneinander auf und so werden die Zeiten groß durch große Individualitäten, wie wir sie auch bei Griechenlands Untergang gesehen, (die Plutarchischen Lebensbeschreibungen von diesen Individuen sind auch für diese Zeiten wieder vom größten Interesse). In dieser Zeit war das Verderben in Rom schon zum höchsten Punkt gediehen; allen Sinn für die Oeffentlichkeit hatte das römische Volk verloren, – eine Folge der ungeheuern Ausdehnung des Reichs. Gewerbe, Industrie war dem römischen Bürger fremd; die Subsistenzmittel mußten ihm verschafft werden; er bekam daher das Korn, das die römischen Provinzen lieferten, theils |

2 methodische Ermordungen angesehener Römer] AkWiHn: die Proscription(en)

3–4 gegen

25 180 tausend … Herrschsucht] Ak: 150,000. Römische Bürger, […] kamen in den Kriegen zwi-

schen Sylla und Marius um. 6 auf ] Ak: auf, und suchte sich mit Mithridat in Verbindung zu setzen 7 kam nur … um] Ak: wurde nur ermordet, nicht besiegt 8 ermordete sich] Ak: ermordete sich in Panticapaeum Wi: nahm sich selbst das Leben in der Krimm 10–11 Bergbewohner hatten … Krassus] Wi: Arme Bergbewohner haben große Heere auf die beine gebracht. 11 Spartakus] Hn: Spartacus und Phrixus In dieser 30 Spartacus trat besonders darin hervor Verwirrung] Wi: Im Mittel, Syrischen und Griechischen Meer 12 allgemeine Seeräuberei] Wi: gewaltige Seeräuberei Hn: Seeräuber in den griechischen und syrischen Gewässern. 13–14 Wir sehen … auftreten] Ak: Von Aussen und Innen war also die ungeheuerste Verwirrung und Verwickelung. Wi: durch diese Masse von Kriegen wälzt sich hier die Geschichte durch 14 den 16 große Indi35 Sieg] Ak: den Sieg und Vorrang Wi: in allen diesen Verwickelungen den Sieg vidualitäten] Ak: die grossen ausgezeichneten Individualitaeten Wi: Individualitäten, die das Interesse vornehmlich auf sich ziehen 19 zum höchsten Punkt] Wi: zu seiner höchsten Spitze 21 eine Folge … Reichs] Wi, ähnlich Ak: (Wi: schon die ungeheure Ausdehnung des Reichs Ak: schon das Ungeheure, Quantitative der Ausdehnung des Römischen Staats) hatte die Folge daß 40 das Interesse von den Bürgern sich zurückzog. die siegenden Massen der bürger sollten erhalten werden

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unentgeltlich, theils für einen sehr geringen Preis. Die römischen Bürger schließen sich an Individuen an, die ihnen schmeicheln und welche dann in Faktionen auftreten um sich die Herrschaft von Rom zu erringen. – So sehen wir endlich in Pompejus und Cäsar, die zwei Glanzpunkte Roms sich einandergegenübertreten: auf der einen Seite Pompejus mit dem Senat und darum scheinbar als Vertheidiger der Republik, auf der andern Cäsar mit seinen Legionen und der Ueberlegenheit des Genies. Cäsar hatte in Gallien die römische Herrschaft befestigt, setzte selbst nach Brittanien über und schloß den Römern in Germanien einen neuen Kriegsschauplatz, jenseits der Alpen, auf. So wenig als Pompejus vermochte er es in den Privatstand zurückzutreten; die kriegsgeübten Legionen entlassen wäre sich in die Hände der Feinde liefern gewesen. Cäsar fing also den Bürgerkrieg an und eroberte die ganze römische Welt, wie er Gallien erobert hatte; denn dieser Kampf zwischen den zwei mächtigsten Individuen konnte sich nicht zu Rom auf dem Forum entscheiden; Cäsar bemächtigte sich nach einander Italiens, Spaniens, Griechenlands, schlug seinen Feind bei Pharsalus im J. 50 v. Chr. auf ’s Haupt, versicherte sich Asiens und kehrte so als Sieger nach Rom zurück. Die römische Weltherrschaft ward so einem Einzigen zu Theil: diese wichtige Veränderung muß nicht als etwas Zufälliges angesehen werden, sondern sie war n o t h w e n d i g durch die Umstände bedingt; die demokratische Verfassung konnte in Rom nicht länger aufrecht erhalten | werden oder nur scheinbar gehalten werden. Cicero, der sich durch sein großes Rednertalent viel Ansehen verschafft hatte, durch seine Gelehrsamkeit viel galt, setzt den Zustand des Verderbens der Republik immer auf Individuen und ihre Leidenschaften: Plato, dem Cicero nachahmen wollte, hatte das vollkommne Bewußtseyn, daß 1 theils für … Preis] Wi: oder große Zufuhr eingerichtet 1–3 Die römischen … erringen.] Hn: Die römischen Großen waren in sich entzweit, so daß die Entscheidungen des Volkes und des Senats auf dem Forum durch Gewalt zu Stande kamen. 1–2 Die römischen Bürger schließen] Ak: Für ihn wurde die Welt erobert, er aber schloß 5 auf der … Senat] Ak: Der Kampf zwischen Caesar und Pompejus war zugleich Kampf zwischen Volksparthei und Senatsparthei. Wi: Pompeius an der Spitze, die sich die rechtmäßige nannte 10 Privatstand] Ak: Stand des ruhigen Privatbürgers Wi: ruhigen Stand von Privatbürgern 11–12 Cäsar fing also den Bürgerkrieg an] Hn: Caesar ging über den Rubikon 13–14 denn dieser … entscheiden] Ak: er war nicht im Kampf in den Strassen Roms, sondern alle Provinzen, alle Proconsuln, alle Statthal|ter waren wider ihn 15 Italiens] Wi: in Italien widerstand man ihm nicht 16 versicherte sich Asiens] Wi: zog durch Syrien nach Armenien, dann eroberte er Africa und kämpfte noch mal in Spanien Hn: Spanien, Italien, Griechenland, Asien bis Armenien, Afrika, von wo er durch Spanien als Sieger nach Rom zurückkehrte 18 diese wichtige Veränderung] Ak: Daß er nun an die Spitze des Römischen Reichs kam 21–23 Cicero, der … Leidenschaften] Ak: Cicero, der angesehenste Mann auf dem Forum, dessen Werke wir haben Wi: Cicero wirkte auf dem Forum in Sachen des Friedens, Seine Briefe geben viel Politischen Aufschluß und in seinen Reden und anderen Werken spricht er seine Ansichten aus. Hn: Seine Schriften, besonders seine Privatbriefe, seine Reden, die größtentheils Staatsangelegenheiten behandeln, seine Werke über die Staatsverfassungen

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der Atheniensische Staat, wie er sich ihm darstellte, nicht bestehen könnte und entwarf so nach seinen Ansichten eine vollkommne Staatsverfassung; Cicero hingegen denkt nicht daran, daß es unmöglich sey die Römische Republik länger zu erhalten und sucht für sie immer nur eine momentane Nachhülfe: über die Natur des Staates und besonders des römischen Staates hat er kein Bewußtseyn. Auch Kato sagt von Cäsar: Seine Tugenden sollen verflucht seyn, denn sie haben mein Vaterland in’s Verderben gestürzt. Aber es ist nicht die Zufälligkeit Cäsars, welche die Republik gestürzt hat, sondern die N o t h w e n d i g k e i t . Das römische Prinzip war ganz auf die H e r r s c h a f t gestellt: der Geist konnte sich nicht in einem geistigen Staatsleben befriedigen, sondern es lag dem Staatsprinzipe eine Richtung, eine Spannung nach außen zu Grunde und der Zweck überhaupt den Staat zu erhalten hört auf wenn dieser den Trieb der Herrschaft aufgenommen hat. Zu solchem abstrakten Prinzipe nun hatte sich die römische Welt ausgebildet; Individuen wurden die Hauptsache, indem sie sich an die Spitze des Staates stellten; die Bürger aber wurden dem Staate fremd, denn sie fanden keine objektive, geistige Befriedigung darin; und so zerfiel das Ganze in individuelle Intressen, | aber auch diese nahmen nicht die Richtung wie bei den Griechen: den griechischen Individuen gehörte auch das Allgemeine an und so haben sie die großen Kunstwerke in der Malerei, Plastik und Dichtkunst hervorgebracht und die Wissenschaften besonders die Philosophie ausgebildet. Bei den Römern war die Richtung der Individuen eine sehr verschiedene: die Kunstwerke, die sie aus Griechenland von allen Seiten herbei2 nach seinen Ansichten] Ak: aus der Idee 4 Nachhülfe] Wi: Abhülfe […] und schließt sich an Individuen an 6 Bewußtseyn] Wi: bewußtseyn. Es ist nicht die Zufälligkeit Cäsars die die Republik stürzte. Es ist nicht die Verdorbenheit und Tugend Cäsars die diß zu Stande gebracht. Es ist die Nothwendigkeit. sagt] Wi: mit Unrecht sagt 7–8 Aber es … hat] Ak: Nicht Caesars Individualitaet, nicht sein Genie, seine Tugend oder Verdorbenheit 11 eine Richtung, … außen] Wi: eine Nöthigung im Staate außer sich zu kommen 12–13 wenn dieser … hat] Wi: in dem diese kriegerische Richtung zum Triebe der Herrschafft als solcher gedeiht 13 abstrakten Prinzipe] Wi: Trieb des Herrschens 14 ausgebildet] Wi: ausdehnen müssen Individuen wurden] Wi: Mit diesem Prinzip des Herrschens werden die I n d i v i d u e n 15 sich an … stellten] Ak: herrschend werden, und über dem Staat stehen 15–16 die Bürger … fanden] Wi: die bürger treten zurück, sie erhalten Korn und Austheilungen, diß alles aber 16 Befriedigung darin; und so] Ak: Befriedigung, indem kein an und für sich seiender objectiver Zweck mehr vorhanden ist; indem aber dieser wegfaellt 16–17 das Ganze] Wi: das ganze da kein objectiver, an und für sich seyender Zweck vorhanden ist 17 die Richtung] Wi: die gestalt 19–20 so haben … hervorgebracht] Ak: richteten ihren an sich freien Geist auf Productionen der Kunst und Wis senschaft Malerei, Plastik und Dichtkunst] Wi: Architectur, Sculptur, Malerei und besonders der dicht kunst 20–21 die Wissenschaften … ausgebildet] Wi: in der Philosophie hat der Geist sich zu Gedanken hervorgearbeitet 21–1418,1 Bei den … Erzeugnisse] Wi: Die Römer aber ohne diesen freien Geist in sich selbst ist die Richtung nicht auf solche Kunstwerke gegangen, sie haben sie gehabt, aber als zusammengeraubt aus der ganzen Welt, nicht ihr Product

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schleppten waren nicht ihre eigenen Erzeugnisse; der Reichthum war nicht Frucht der Industrie wie in Athen, sondern er war zusammengeraubt. Eleganz, Bildung war den Römern als solchen fremd; von den Griechen suchten sie dieselbe zu erhalten und zu diesem Zweck wurden eine unendliche Menge von griechischen Sklaven nach Rom geschleppt (Delos war der Mittelpunkt dieses Sklavenhandels und an einem Tage sollen daselbst oft 10000 Sklaven gekauft worden seyn); alle Häuser in Rom waren mit denselben angefüllt: besonders wurden sie als Erzieher der Kinder angestellt; auf diese Weise b e s a ß e n die Römer die griechische Bildung. – Unmöglich konnte die Republik in Rom ferner bestehen; die Freiheit der Subjekte war zu wilden Leidenschaften aller Art übergegangen. Die Autorität einzelner Individuen, besonders der Imperatoren bewirkte Alles; besonders aus Cicero’s Schriften lernt man und kommt man zu dieser Anschauung, wie alle öffentlichen Angelegenheiten durch die Privatautorität der Vornehmen, durch ihre Macht, ihren Reichthum entschieden wurden, wie Alles tumultua|risch geschehen ist. Der Uebergang zur Herrschaft eines Einzigen war nothwendig; in der Republik war kein Halt mehr, dieser konnte nur im Willen e i n e s Individuums gefunden werden. Wir sehen aber dennoch, daß die edelsten Männer Roms dafür halten, die Herrschaft Cäsars sey etwas Zufälliges, seine Herrschaft sey an seine Individualität gebunden: so Cicero, so Brutus und Kassius; sie glaubten, wenn dies eine Individuum entfernt sey, so sey auch schon von selbst die Republik wieder da: durch diesen merkwürdigen

2 zusammengeraubt] Ak: Beraubung der ganzen Welt 4 unendliche] Ak: unsaeglichen 5 Mittelpunkt] Wi: Hauptmittelpunkt 8–9 wurden sie … Bildung] Wi, ähnlich HnAk: wurden die Erzieher und Lehrer der Römer alle Sclaven, sie waren Anagnosten Vorleser, die ganze dichter Homer Aeschylus Pindar auswendig wußten. (Wi: Solcher hatte ein Römer an 9. | Gewöhnlich hatten sie 9 Sklaven, die die 9 Hauptwerke, jeder eines, von den griechischen Dichtern auswendig konnten.) die Römer waren die besitzer dieser | Kenntniß reichen Schar, und betrachteten sie mit ihren Kenntnissen als ihr Eigenthum. Ak: […] Ihre Bildung war also erkauft, sie waren Besitzer Griechischer Bildung. 9–11 Unmöglich konnte … übergegangen.] Wi: So ist das Prinzip der Individualität, Subjectivität, also kein wahrhaft sittlicher Geist das Prinzip des Staats, und die Individuen sind in Leidenschafften aller Art übergegangen, so war es unmöglich daß ferner eine Republik fortbestehen konnte. 9–10 Unmöglich konnte … bestehen] Ak: Auf diese Weise, da kein wahrhaft sittlicher Geist das Princip des Staats ausmachte 11–12 Die Autorität … Alles] Ak: alles beruhte (S. Cicero.) auf Auctoritaet, Dignitaet, und die Hauptauctoritaet | hatten die Imperatoren Hn: Daher jetzt die auctoritas und dignitas der Individuen. 14 Vornehmen] Wi: Reichen, die hinter sich zur ausführung ihrer Zwecke einen Haufen miethlinge hatten durch ihre … Reichthum] Ak: Die Maechtigen durch Reichthum pp hatten dann einen Haufen gemietheten Gesindels hinter sich 15–16 zur Herrschaft eines Einzigen] Ak: zum Kaiserthum 16 kein Halt] Wi: nichts Festes und Einigendes mehr zu finden 16–17 dieser konnte … werden] Wi: daß Ein Festes, Ein Wille auftrat der diese Welt zusammenhielt 20 wenn dies … sey] Ak: wenn er nur vernichtet sei Wi: nach dem Fall dieses Individuums 21 da] Wi: da und haben deswegen auch keine besonderen Anstalten vorher getroffen

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Irrthum befangen, ermordeten Brutus und Kassius, thatkräftiger als Cicero, den Mann, dessen Tugenden sie schätzten. Unmittelbar darauf zeigte es sich daß nur Einer den römischen Staat leiten könne und jetzt glaubten die Römer daran: überhaupt wird eine Staatsumwälzung gleichsam im Dafürhalten der Menschen sanctionnirt, wenn sie sich wiederholt (so ist Napoleon z w e i M a l gefangen genommen worden und z w e i M a l sind die Bourbonen vertrieben worden). August trat an Cäsars Stelle. – Wir sind hiemit zur 3 t e n Pe r i o d e gekommen, in welcher die Römer in Berührung mit dem Volke kommen, was dazu bestimmt ist das welthistorische zu werden. In dieser Periode haben wir z w e i wesentliche S e i t e n zu betrachten; die eine ist die w e l t l i c h e Seite, die andere die g e i s t i g e . In der weltlichen Seite haben wir wiederum zwei Hauptmomente herauszuheben, zuerst das Moment des Herrschers, der H e r r s c h a f t über die Individuen und dann das Moment der | Bestimmung der Individuen als solcher zu Pe r s o n e n , die Recht swelt . Wir haben demnach zuerst das Moment der Herrschaft aufzufassen. Der Kaiser steht nun an der Spitze der römischen Welt: sonst ändert sich nichts, die Gewalt, welche wesentlich militärische Gewalt ist, ist nun bei Einem Individuum. August und Tiber ließen die ganze Konstitution, den ganzen Formalismus bestehen: es blieben Senat, Konsuln, Tribunen usw. aber das war eine substanzlose Form und um sie als solche zu erhalten hatte der Kaiser das Mittel, daß er in der Nähe von Rom ein Lager von mehreren Legionen hatte. Die Staatsangelegenheiten wurden vor den Senat gebracht und der Kaiser erschien nur wie ein

2 schätzten] Ak schließt an: ohne nur Anstalten vorher getroffen zu haben, die Republik wieder 2–5 Unmittelbar darauf … wiederholt] Wi: es wurde klar daß jetzt Einer an der Spitze des römischen Reichs stehen müsse. Sie glaubten die verhältnisse seyen geknüpft an Ein Individuum, das sie also für Eine Zufälligkeit hielten. damit die Men3 jetzt glaubten] Ak: schen aber die Nothwendigkeit erkannten muß es zum 2t e n Mal geschehn. als zum zweitenmal ein Einzelner das Imperium ergriff, da glaubten 8–10 Wir sind … werden.] 30 Wi: 3 t e P e r i o d e . / den Anfang daran haben wir schon gesehen in der berührung mit dem Volk das dann das welthistorische werden sollte nämlich die germanischen Völker 10–14 In dieser … P e r s o n e n ] Ak: Mit dieser Vereinigung der Römischen | Welt unter Einen ist verbunden eine völlige Spaltung des Geistes in sich, und in der Beruhigung der Römischen Welt lag dann der Keim zur Entwickelung einer neuen Religion und Welt. Schon im Aeusserlichen haben wir das 35 Doppelte: die Herrschaft des Einen auf der Einen Seite und die Bestimmung der Rechte und Persönlichkeit der Individuen anderer Seits nach juridischen Begriffen. 14–15 die R e c h t s w e l t ] Wi: das Entstehen des Rechts das von hier ausgeht 17–20 sonst ändert … bestehen] Wi: was Verfassung genannt wird wird damit eigentlich nicht geändert | Es ist die Gewalt des Einen die alles zusammen drückt ohne den Formalismus den man Verfassung nennt zu ändern 19 Tiber] Ak: 20 usw.] Wi: Tribunen plebis, Censoren, Aedilen 22 ein Lager … Legio40 seine Nachfolger nen] Wi: ein mächtiges Heer

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25 herzustellen. Ihr Irrthum war sehr merkwürdig.

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anderes Mitglied: aber der Senat mußte gehorchen und wer widersprach wurde mit dem Tode bestraft und sein Vermögen confiscirt; daher kam es, daß manche, welche so schon den gewissen Tod voraussahen, sich selbst tödteten, damit der Familie wenigstens das Vermögen bliebe. Am meisten war Tiber den Römern verhaßt, wegen seiner Verstellungskunst: er wußte die Schlechtigkeit des Senats selbst zu benutzen um aus der Mitte desselben, die welche er fürchtete, zu verderben. Die Macht des Imperator’s beruhte, wie schon gesagt, auf der Armee, auf der prätorianischen Leibwache, die ihn umgab: es dauerte aber nicht lange, so kamen die Legionen und besonders die Prätorianer zum Bewußtseyn ihrer | Wichtigkeit und so maßten sie es sich an den Thron zu besetzen; im Anfang bewiesen sie noch einige Ehrfurcht vor der Familie des Cäsar Augustus: später aber wählten die Legionen ihre Feldherrn und zwar solche, die sich ihre Zuneigung und Gunst theils durch Tapferkeit und Verstand theils auch durch Geschenke und Nachsicht in Hinsicht der Disciplin erworben hatten. Die Kaiser haben sich bei ihrer Macht ganz naiv verhalten und sich nicht auf orientalische Weise mit Pracht und Glanz umgeben noch haben sie aus dem Serail geherrscht, sondern wir finden bei ihnen Züge der Naivetät, die erstaunen machen, so zB. schreibt August an den Horaz einen Brief, worin er ihm den Vorwurf macht, daß er noch kein Gedicht an ihn adressirt habe und ihn fragt, ob er denn glaube, daß ihm das bei der Nachwelt Schande machen würde; Tiber

1–2 wer widersprach … bestraft] Ak: nicht weil es der Caesar befiehlt, sondern indem er seinen Willen errathen muß, weil die, die diesem widersprechen wollten, wissen, daß er ihnen durch ein Paar Soldaten die Gurgel abschneiden laeßt Wi: nicht dadurch daß der Caesar ihnen den beschluß befiehlt, sondern sie müssen rathen was ihm beliebt. daß sie ihm aber gehorchen dazu hat er das einfache Mittel daß die die da berathen, wissen daß sie gehorchen müssen, sonst schickt er ihnen ein paar Soldaten ins Haus die sie zusammen hauen 3–4 damit der … bliebe] Wi: damit sie diß gewiß erreichen machen sie den Kaiser zum Miterben 6–7 die welche … verderben] Ak: um seine Widersacher zu verderben, denn der Senat, sobald er die Feindschaft des Imperators gegen einen Einzelnen bemerkte, klagte diesen selbst an, und verdammte ihn Wi: die zu verderben die er verderben wollte. Tacitus klagt ihn darauf an) Wenn die Senatoren merkten, daß der Cäsar den Untergang eines Mitglieds wünschte, so klagten sie selbst solchen an und ersparten dem Kaiser die Maaßregel. Ein solcher durfte freilich für sich sprechen, aber daß sie ihn verdammten war auch gewiß. Er nahm sich dann oft selbst das Leben. 7–8 auf der Armee] Wi: auf dem Militair und einem verschanzten Lager bey Rom 8 die ihn umgab] Ak: und einem verschanzten Lager bei Rom 10 ihrer Wichtigkeit] Wi: dieser ihrer Macht 11 Augustus] Wi: Augustus und der Kaiser konnte Fremde adoptiren 12–14 später aber … hatten] Wi: die Ernennung der Caesaren fielen bald in die Hände der Legionen und Praetoren, und die wahl fiel natürlich auf Generale, die ihre Gunst durch Tapferkeit, Geschenke oder Nachsicht in der disciplin erlangt hatten, und die letzte sich auflöset. Wer diese wieder herstellen wollte als Cäsar wurde aufgeopfert. Die praetorianischen Legionen bestanden natürlich zuletzt aus Barbaren, die man dazu erwählt. 14 hatten] Ak schließt an: Diese löste sich dann natürlich auf, und es machte sich von selbst, daß die Legionen meist aus Barbaren bestanden. 17–18 wir finden … machen] Ak: fast wie ein Privatmann

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beginnt in einem Brief an den Senat: Alle Götter sollen mich verdammen, wenn ich jetzt weiß, was ich an euch schreiben soll. etc. – Einige Mal wollte der Senat sich wiederum Ansehen verschaffen, indem er Kaiser ernannte: aber diese konnten sich entweder gar nicht halten oder nur dadurch daß sie die Prätorianer durch Geschenke gewannen. In spätern Zeiten war die Wahl der Senatoren und die Bildung des Senats ganz der Willkühr des Kaisers überlassen: die alte Staatsform erhielt sich noch lange Zeit aber so, daß die Kaiser sich zugleich zu Konsuln, Volkstribunen, Censoren u.s.w. machen ließen. Die politischen Institutionen waren in der | Person des Kaisers vereint: kein sittlicher Zusammenhalt war mehr vorhanden; der Wille des Kaisers stand über Allem; vor ihm war Alles gleich, was schon früher als das Wesen des Despotismus angegeben worden ist. Diese maaßlose Willkühr ließ keinen Unterschied vor ihr gelten und diese Gleichheit war eine Vorbereitung zur Auf hebung der Sklaverei: anstatt Sklaven hatten die Kaiser bald meist Freigelassene um sich, welche durch den Einfluß welchen sie oft über denselben gewannen, sehr mächtig waren. Es war also durchaus kein sittliches Band, wodurch die Willkühr des Kaisers beschränkt worden wäre; nur der Tod machte derselben ein Ende und gegen diesen war der Despot vollkommen gleichgültig, denn alle Genüsse hatte er erschöpft und nur etwa die Grausamkeit konnte ihm noch eine besondere Lust gewähren. Es hat aber auch Kaiser von edlem Charakter gegeben, edle Naturelle, die sich durch ihre Bildung besonders auszeichneten. Trajan, Titus, die Antonine sind als solche edle, gegen sich selbst höchst strenge Charaktere bekannt: aber auch sie haben keine Aenderung im Staate hervorgebracht; nie ist bei ihnen die Rede davon gewesen dem römischen Volke eine Organisation des freien Zusammenlebens

25 1 Götter] AkWi: Götter und Göttinnen

3 Ansehen verschaffen] AkWi: an die Spitze stel len 5 Wahl] Ak: Ernennung 6 des Kaisers überlassen] Wi: der Kaiser gestellt. Die Senatoren durften keinen Theil am Kriegsdienste nehmen, sich nicht einmal dem Lager nähern. 6–8 die alte … ließen] Ak: Der Schein blieb, aber ohne Realitaet. 8 ließen] Wi schließt an: die Kaiser haben Consuln gehabt, die Volksversammlungen, die August noch halten wollte, sind freilich eingestellt 9–10 kein sittlicher … vorhanden] Wi: Es gab keinen eigentlichen Staatsverband als in 30 worden. der Person der Kaiser, keinen sittlichen Verband 11 was schon … ist] Wi: und eben dieses hat seine Wirkung gehabt, und so ist es dann gekommen, wo alle bürger einander gleich sind, der ganze ungebundene, maaßlose Wille der Kaiser stand über Allen 13 Vorbereitung] Ak: Ursache, Veranlassung Sklaverei] Wi: Sclaverei, diesem eigentlichen Willen untergeordnet war kein großer 13–15 anstatt Sklaven … waren] Ak: der Freigelasse35 Unterschied zwischen Freien und Sclaven ne des Kaisers, (sonst immer noch infamis levis macula notae) war der Maechtige und in Ansehn 17–18 nur der … gleichgültig] Ak: Zu diesem Zustande gehörte dann die völlige Gleichgültigkeit gegen den Tod Wi schließt an: Nero starb unbekümmert mit einem Verse aus Homer im Munde ermordet. 19 gewähren] Wi schließt an: Nero hat sich auf den aufgehäuften 21 auszeichneten] Wi: ausgezeichnet, als die edelsten Menschen 40 Geldbergen herumgewälzt. 23 im Staate] AkWi: in dem ganzen Zustande 24 freien] Wi: freien sittlichen

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zu geben, sie waren also weiter nichts als glückliche Zufälle. Auf die ruhmwürdigen Kaiser Vespasian und Titus folgte der roheste und verabscheuungswürdigste Tyrann, Domitian, dennoch heißt es bei den Geschichtschreibern, daß die römische Welt unter ihm ausgeruht habe; er trieb wie Tiber sein Spiel mit dem Senat. | Jene einzelnen Lichtpunkte haben also nichts geändert; das ganze Reich unterlag dem Drucke der Abgaben, der Plünderung; Italien wurde ganz entvölkert; die fruchtbarsten Länder lagen unbebaut und jeder hatte das Recht ein Stück in Besitz zu nehmen und wenn er es zwei, drei Jahre bebaut hatte so war es sein Eigenthum. Dieser Zustand lag wie ein Fatum über der römischen Welt. – Das zweite Moment, das wir nun hervorzuheben haben, ist die Bestimmung der Individuen als solcher. Die Individuen waren durchaus nur Privatpersonen ohne irgend ein politisches Recht. Schon nach dem Bundesgenossenkrieg wurden die Bewohner ganz Italiens den römischen Bürgern gleichgesetzt. Unter Karakalla endlich wurde aller Unterschied zwischen den Unterthanen des ganzen römischen Reichs aufgehoben. Zugleich aber wurde die Bestimmung des Individuum festgesetzt, daß es eine Person dh. eine r e c h t liche Person sey: in der Rechtsbestimmung der Person als einer solchen, die Eigenthum haben kann, ist dem Individuum d i e a b s t r a k t e F r e i h e i t zu Theil geworden. Wir sehen so auf der einen Seite dies allgemeine Schicksal, diese abstrakte Allgemeinheit, auf der andern die individuelle Abstraktion – die Person, welche die Bestimmung enthält, daß das Individuum an sich etwas sey, nicht nach seiner Lebendigkeit, nach einer erfüllten Individualität, sondern als abstraktes Individuum: 1 sie waren … Zufälle] Wi: auch diesen Kaisern ist solches nicht eingefallen, glückliche Zufälligkeiten, bey denen der Zustand ganz derselbe blieb 3–4 die römische … habe] Wi: die römische Welt ein wenig sich zu erheben angefangen habe 4–5 er trieb … Senat] Ak: obwohl er selbst fast ein Ungeheuer war Wi: Domitian war auch nur von denen, die wie Tiberius Ironie trieben […]. Er lud einst den Senat zu einem Abendessen ein, er empfing sie in einem schwarz ausgeschlagenen Saal, für jeden ein besonderes Gedeck, Lampen auf den Tischen und neben den Tischen kleine Säulen wie sie auf die Gräber gesetzt wurden und Grabes-Lampen. Er sprach dann lauter Todesgedanken, prächtige Gefäße auf jedes Tisch, jeder bedient von einem eignen Genius; sie speisten in vollkommener Todesangst, ihre bedienten waren entfernt worden, unbekannte Diener brachten sie nach Hause, da fingen sie an zu schnauben, sie waren nicht lange zu Hause, da ward gepocht, sie meinten es komme der befehl zum Tode, statt dessen aber wurden sie mit all den Kaiserlichen Gefäßen und den Sclaven, die sie bedient hatten, beschenkt. 7 dem Drucke] Wi: der Schwere entvölkert] Wi: entvölkert, die Güter in den Händen Weniger 10 Dieser Zustand] Wi: Der Wille des Kaisers 15 Karakalla] Hn: dem wunderlichen Karakalla 15–16 den Unterthanen … aufgehoben] Ak: Unterthanen und Bürgern aufgehoben, Allen das Bürgerrecht ertheilt 19 F r e i h e i t ] Wi: Freiheit […], d.h. die juristische Freiheit, die bestimmung der Person als einer solchen, die Eigenthum hat 20 Schicksal] Ak: Fatum, in der Willkühr des Kaisers concentrirt auf der einen Seite 21 individuelle Abstraktion] Ak: abstracte allgemeine Freiheit der Individuen (Individualitaet) 22 an sich etwas sey] Ak: Person sei und damit faehig, Eigenthum zu besitzen

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diese Bestimmung ist das Prinzip des römischen Rechts. Schon | früher ist das Moment der Innerlichkeit als charakteristisch für die römische Welt angegeben worden; diese trockene Individualität nun ist in ihren Verzweigungen völlig nach und nach ausgebildet worden im r ö m i s c h e n R e c h t , das auch jetzt noch als das vollkommen ausgebildete Privatrecht anerkannt ist. In der Abwesenheit eines sittlichen Zustandes ist nichts übrig als das abstrakte Recht; diese abstrakte Innerlichkeit ist der römischen Welt geblieben und hat die größte Ausbildung erhalten, indem sie gänzlich von der sittlichen und religiösen Sphäre verschieden ist. Was vor dem Bewußtseyn der Menschen stand, war nicht das Vaterland oder eine solche sittliche Einheit sondern sie waren einzig und allein darauf verwiesen sich in das Fatum zu ergeben, eine vollkommne Gleichgültigkeit des Lebens zu erringen: sie waren auf den unmittelbaren sinnlichen Genuß angewiesen und ihre Bestimmung war dann gleichsam die Bemühung sich die Mittel zu demselben zu verschaffen, theils durch Erwerbung der Gunst des Kaisers, theils durch Gewaltthätigkeit, Erbschleicherei und List. So war der Mensch entweder im Bruch mit dem Daseyn oder ganz dem sinnlichen Daseyn hingegeben. Befriedigung in der Wirklichkeit war dem Individuum versagt: eine höhere Befriedigung als die ganz sinnliche konnte der Mensch nur in sich suchen: ein Festes, An und für sich seyendes war nur in der Philosophie zu finden, die sich damals in den Systemen des Stoicismus, Epikuräismus und Skepticismus geltend machte; die | obgleich an sich entgegengesetzt, doch auf dasselbe hinausgingen, nämlich den Geist in sich g l e i c h g ü l t i g zu machen gegen Alles, was die Wirklichkeit darbietet. Diese Gleichgültigkeit und Ruhe fand nun der Geist im Denken, in dieser Thätigkeit, welche das Allgemeine hervorbringt. Jene

4–5 das auch … ist] Wi: das Recht der Personen in bezug auf Sachen und Personen. Das gehört beides zusammen 6 Recht] Ak, ähnlich Wi: Recht, worin | das Glück, (Ak: die Befriedigung der Individuen Wi: der erfüllte Geist) gleichgültig ist 7 Ausbildung] Ak: Ausbildung, daß auf sie die Individuen concentrirt wurden 8–9 indem sie … ist] Wi: Das sind also diese beiden Momente, abstracte Allgemeinheit des Herrschen und dann die Will30 kür, und auf der anderen Seite Einzelne, die als Person gesetzt, rein concentrirt sind auf diese abstracte Innerlichkeit, wonach sie fähig sind etwas zu besitzen, aber daß sie wirklich etwas besitzen, dieses dabey ganz gleichgültig. 10 sittliche] AkWi: sittliche lebendige 11 Fatum] Ak: allgemeine fatum 15 Gewaltthätigkeit] Ak: Schmeichelei, Niedertraechtigkeit Erbschleicherei und List] Wi: Erbschleicherei. Dieses letztere war im allgemeinen brutale Sucht, und höchste sittliche 16 mit dem Daseyn] Ak: mit der Welt, mit dem Dasein 17 Wirklichkeit] Wi: 35 Verdorbenheit. Wirklichkeit, außer der sinnlichen befriedigung Individuum] Wi: Menschen 17–18 eine höhere … suchen] Wi: es lag der Drang in diesem Unglück eine befriedigung zu suchen, aber nur in sich 18 konnte der Mensch] Ak: war dem Menschen versagt; er konnte sie 19 seyendes] Wi: Seyendes, wovor der Mensch Achtung haben konnte 23 Gleichgültigkeit und Ruhe] Ak: Befrie40 digung

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Philosophieen waren daher unter den Gebildeten sehr ausgebreitet; sie bewirkten die Unerschütterlichkeit des Menschen in sich selbst, die Ruhe des Geistes in sich gegen alle Gegenwart: aber es gehörte noch viel Uebung des Geistes dazu, bis er jenen Standpunkt erreichte, der dem Geiste das ruhige Beharren bei sich gibt, bis er zu dieser ganz abstrakten Freiheit gelangte. Das Unglück, das den Menschen aus dem Daseyn in sich getrieben hat, dieser Schmerz ist der Schmerz der römischen Welt gewesen: sie hat sich in einer gemeinsamen Sehnsucht nach einer Befriedigung, die nur im Geiste innerlich erreicht werden konnte, befunden. Dies Fatum, diese Erdrückung aller Götter, alles heitern Lebens in ihrem Dienst, aller Lebendigkeit hat den Boden bereitet für das Aufgehen einer höheren geistigen Welt und einer geistigen Befriedigung. So gleicht dieser ganze Zustand der Geburtsstätte und dieser Schmerz der Welt waren die Geburtswehen von einem andern höhern Geist, der in der christlichen Religion geboren worden. Die Momente der Versöhnung, welche durch die christliche Religion zu Stande kam, waren vorhanden; daher heißt es : A l s d i e Z e i t e r f ü l l e t | w a r, s a n d t e G o t t s e i n e n S o h n . Die Bedingungen, welche das Hervortreten des Geistes nothwendig machten, waren w i r k l i c h vorhanden. Die römische Welt ist das Fatum gewesen, welches das Gemüth von aller Besonderheit gereinigt hat, so daß Alles, was dasselbe besitzen konnte, zu etwas Zufälligem geworden ist: damit entsteht die Sehnsucht nach etwas Festem; indem ein allgemeiner, faktischer Skepticismus vorhanden ist, eine Unsicherheit bei allem Rechtlichen so erhebt sich über dieser Nichtigkeit aller Bande der Gegenwart die Negation des Besonderen– das Allgemeine überhaupt, das Bewußtseyn des Allgemeinen, diese Abstraktion von Allem, diese innerliche Frei-

1 ausgebreitet] Ak: ausgebreitet. Nach ihnen ist nur das Gedachte Gegenstand der Thaetigkeit des Menschen, ob das Gedachte wirklich oder mit der Wirklichkeit stimmt, war gleichgültig. 2–3 die Ruhe … Gegenwart] Wi: diese Freiheit von allem Daseyn ist aber somit nicht bloß Zweck des Stoicismus sondern auch des Epikuraismus und Skepticismus gewesen, aber diese Ruhe so erlangt ist nur zugänglich wenigen Menschen im Verhältniß zu den ganzen Menschen. 3–5 Gegenwart: aber … gelangte] Ak: Gegenwart auf diesem Wege erlangt ist nur wenigen Menschen zugaenglich. Denn eine hohe Bildung des Gedankens, Exercitation des Geistes, wird erfordert zu diesem ruhigen bei sich sein des Geistes. 3 Uebung] Wi: bildung und Askese 5 Das Unglück] Ak: Das Unglück, das Fatum 10 aller Lebendigkeit] Ak: aller in sich selbst befriedigenden Lebendigkeit und aller Sitt lichkeit 16–17 Die Bedingungen, … vorhanden.] Ak: Jenes war die Erfüllung der Zeit, eine ganz concrete Zeit, wirklich vorhandene Bedingung, die das Hervortreten der Versöhnung in Christo nothwendig machte. 18 Fatum] Wi: allgemeine Fatum 19 Besonderheit gereinigt hat] Wi: Einzelheit beraubt hat und in diß Unglück gebracht hat 22 bei allem Rechtlichen] Ak: alles Sittlichen Wi: alles Sittlichen und Rechtlichen 22–23 so erhebt … Besonderen] Ak: damit ein negatives Verhalten des Subjects in sich gegen alles 23 des Besonderen] Wi: alles bestimmten 24–1425,1 diese Abstraktion … Freiheit] Wi: das als Prinzip der Philosophie, des denkens in jener Zeit erscheint

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heit. Der Geist ist so in den Boden des Allgemeinen versetzt: dies Allgemeine haben die Prinzipe der Philosophien der damaligen Zeit zum Gegenstande: der Stoicismus stellt als wahr dar, das was gedacht ist, in so fern es gedacht ist; der Skepticismus und Epikuräismus enthalten: daß das Subjekt sich als ein Denkendes verhalte zu den Gegenständen, ein unerschütterliches ist, indem das Gemüth an nichts Festes gebunden ist: wenn dem Gemüthe etwas heilig ist, so kann es daran verletzt werden, wenn es sich aber in die Allgemeinheit zurückzieht, so ist nichts Besonderes, woran es gehalten werden könnte. Diese Erhebung in’s Allgemeine gehört der Bildung des Denkens an, dem Studium der Philosophie: indem nun der Geist zu diesem Standpunkte gelangt ist, so muß er auf relativ | unmittelbare Weise wissen, was die Grundbestimmung der Allgemeinheit sey d.h. er muß a n e i n e n G o t t g l a u b e n , der nur für Geist und Den ken ist: die abstrakte Allgemeinheit ist mit der Einseitigkeit behaftet, die Allgemeinheit muß daher auch als die konkrete gewußt werden, als die M a c h t ü b e r d a s B e s o n d e r e , (so daß also die Allgemeinheit nicht nur als unterschieden von dem Besondern gewußt wird), als die allgemeine Macht, durch welche Alles gesetzt ist, aber so daß Alles auch nur ein Gesetztes ist und unter der Hand der Macht schlechthin gehalten bleibt; die allgemeine Macht erscheint so als das Setzende von allem entfalteten Inhalt, so daß alles Daseyn in dieser Macht bleibt, nur ein momentanes Bestehen hat und von jener Macht absorbirt wird. So wird diese Macht als S u b j e k t gewußt, als G o t t , S c h ö p f e r s H i m m e l s u n d d e r E r d e n : Himmel und Erde sind nur ein Gesetztes und bleiben

3 ist 2 ] Ak: ist; das Gemüthe müsse gleichgültig sein gegen Alles, sich zurückziehen in das Allgemeine 6 Festes] Wi: Festem und Einzelnen 6–7 wenn dem … werden] Wi: unruhe hat das Gemüth nur wenn es an ein Festes sich hält 9 Denkens] Wi: denkens, der W i s s e n s c h a f f t 9–10 dem Studium der Philosophie] Ak: es muß ein Studium der Wissenschaft und der Philosophie durchgemacht werden 11–13 auf relativ … ist1] Wi: auf eine relativ-unmittelbare Weise in einem Glauben an das schlechthin allgemeine, als ein Festes, an Gott – daß er ist als das schlechthin allgemeine, das nur für den Geist ist, das abstracte 13 die abstrakte … behaftet] Wi: diß denken ist als Allgemeines und bloß Abstractes einseitig 14–18 als die … bleibt] Ak: das Allgemeine muß unterschieden werden vom Besondern, vom Weltlichen, Irdischen. Diese besondere Weltlichkeit wurde aber in jener Erhebung zum Allgemeinen negirt; es muß das Allgemeine gewußt werden als die Macht über Alles, so daß durch sie das Besondere gesetzt (gemacht) ist, und dieser allgemeinen Macht angehörig bleibt. 15 d a s ] Wi: alles 15–16 (so daß … wird)] Wi: diese Erhebung im Allgemeinen haben wir gesagt findet nur statt durch die Negation dieser besondren Weltlichkeit so daß das Allgemeine mächtig darüber ist, wodurch dann das besondre A n s i c h ein nichtiges, nichtabsolutes ist 17 ist2 ] Wi: ist und also nicht als absolutes 21 G o t t ] Ak: Gott, Herrn 22–1426,3 Himmel und … selbst.] Wi: im Subject ist diese Macht unmittelbar, ein Subject ist das in sich zurückkehrende, das aus sich heraussetzt, das in dem anderen, das nur ein aufgehobenes, nicht absolutes, schlechthin in sich zurückgekehrt ist und nicht zu einem anderen gekommen ist 22 ein Gesetztes] Ak: schlechthin ein Geschöpf

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in der Macht dessen, der sie gesetzt hat: so daß es nicht ein gegenseitiges Bestehen ist, sondern das Allgemeine ist in diesem Andern (Besonderen) bei sich selbst. Ein Gott, der für den Gedanken und den Geist ist, (und nicht für die sinnliche Vorstellung, als das Schöne usw.), dieser Gott, rein nur für den Gedanken, das ist das orientalische Element. Im Orient sahen wir den Gegensatz von Licht und Finsterniß in Persien; weiter im Westen zeigte sich uns die Substantialität zur Allgemeinheit des Gedankens gereinigt und dieses hohe Prinzip, das dem jüdischen Volke angehörte, wurde von demselben | auf bewahrt. Zu dieser Allgemeinheit hatte sich jetzt die ganze römische Welt heraufgeschwungen. – Der Gott, der wesentlich nur für den Gedanken ist, hat ein Verhältniß zum Subjekte in seiner Einzelnheit, indem das Herz sich zu diesem Abstrakten bildet; welche Bildung des Herzens darin besteht, daß es sich dem Gedanken angemessen macht: diesem Gott, den der Geist aufgefaßt hat als nur im geistigen Lichte wohnend und als das allein Wahrhafte, ist das Herz zuerst unangemessen; da entsteht denn der Kampf, die Sehnsucht und die Bestimmung dieses Kampfes ist, daß das Herz sich reinige zu derselben Allgemeinheit: diese Sehnsucht des Herzens nach der Reinheit sehen wir in den Psalmen, in den Propheten; wir erkennen in dieser eigenthümlichen Lyrik diese Sehnsucht der Seele, das Ringen nach der Göttlichkeit, nach e i n e m n e u e n g e w i s s e n G e i s t . Da ist schon dieser Boden wo wir diese Sehnsucht sehen. – Es gehört aber nothwendig zur Befriedigung des Geistes, daß er als Geist gewußt werde; damit er nicht beim bloßen Ringen stehen bleibe, dazu gehört die Möglichkeit, daß das Herz diese Reinheit haben könne, daß es dieser Reinheit fähig sey

2–3 sondern das … selbst] Ak: sondern so, daß die Macht nur in sich zurückgekehrt ist, nicht in etwas Anderes übergegangen, sondern in sich ist 3–4 Ein Gott, … usw.)] Wi: diß ist ein Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, der nur für den Gedanken und Geist ist, nicht für die sinnliche Wahrnehmung nicht aus Stein wie der Griechische Gott. 4–5 dieser Gott, … Gedanken] Wi: Dieser r e i n e Gott für den Gedanken 6–7 weiter im … gereinigt] Ak: wir wissen, daß dieser Gott vom jüdischen Volke verehrt worden ist. Und dies ist der Punct, wo dies Volk eingreift in die Weltgeschichte. 7–10 dieses hohe … heraufgeschwungen.] Wi mit Ak: Von anfang an ist die Reinheit (Ak: dieses Gedankens) da auf bewahrt und auf die beschränkt gewesen, aber es ist die Zeit gekommen daß der Geist sich in der Weltgeschichte heraufgebildet zu jener Allgemeinheit auf dem boden des Denkens. diß ist also dem Prinzip der Welt gemäß. 10 hat] Wi: hat itzt 11 Einzelnheit] Wi: Einzelheit, Gott der nur für den Gedanken ist und für das Herz indem] Ak: insofern er für den Gedanken und das Herz (des Subjects?) ist, sofern 14 geistigen] Wi: reinen das Herz] Wi: dem Herzen mit seinen Trieben, Neigungen 15 der Kampf ] Ak: der Kampf des Herzens in sich 16 das Herz] Ak: das Herz, der Wille sich reinige … Allgemeinheit] Wi: sich reinigen muß, also ein reines Herz, daß das sich verwirklichende Subject diese allgemeinheit in sich habe 17 diese Sehnsucht … Reinheit] Wi: Dieser Kampf dieses Herzens in sich, mit seiner Particularität, diesen Kampf 19 Göttlichkeit] Wi: Gerechtigkeit die vor Gott gilt 22 beim bloßen Ringen stehen] Wi: bloß Sehnsucht und Ringen

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(etn*mfj oder potentia), d.h. daß es rein a n s i c h sey und der göttlichen Natur gemäß – dies ist die Voraussetzung jenes Ringens und wir können das so aussprechen: d a s We s e n d e r g ö t t l i c h e n N a t u r u n d d e r m e n s c h l i c h e n m u ß i d e n t i s c h s e y n . Jenes Ringen nach der Reinheit bleibt sonst eine Sehnsucht, ein Ringen seiner Bestimmung nach, wenn nicht diese Voraussetzung | vorhanden ist. Durch das Unglück der Welt ist der Geist zur Sehnsucht nach dem Frieden getrieben worden, und zwar nach dem Frieden im Geiste, wenn auch nicht in der Welt und in der äußeren Wirklichkeit, zum lebhaften Wunsche, daß die Trennung des lebendigen Subjekts, seines Innern von dem an und für sich Allgemeinen aufgehoben werden möchte und dies konnte, wie gesagt, nur geschehen, wenn das Subjekt das Allgemeine in sich aufzunehmen vermochte. Diese große Wahrheit ist nun den Menschen erschienen – e s i s t ein Mensch er sch ienen, der Got t ist und ein Got t, der Mensch i s t . So ist die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur zum Bewußtseyn gebracht worden, theils für die unmittelbare Anschauung, theils auch für die Vorstellung. C h r i s t u s ist erschienen und damit ist den Menschen die Versöhnung geworden und der Friede an und für sich hergestellt. Die menschliche Natur ist nun dargestellt als nicht verschieden von der göttlichen, indem der Mensch die Hoheit hat ein Ebenbild Gottes zu seyn: dabei ist aber ein großes Gewicht auf die Bestimmung zu legen, daß das a n s i c h so sey; es ist aber nicht auf natürliche Weise, sondern es muß erst hervorgebracht werden und nur, in so

1 (etn*mfj oder potentia)] Ak: (Faehigkeit, Möglichkeit, ist die potentia, das, was wir heissen an sich,) daß es … sey] Wi: diese Fähigkeit und Möglichkeit ist was wir nennen, daß es „an sich ist“ 4 s e y n . ] Ak: sei; daß der Mensch an sich, (können wir sagen in Gott!) mit dem göttlichen Wesen identisch sei. 5–6 wenn nicht … ist1] Wi: sofern diese Gewißheit vorausgesetzt wird, daß der Geist an sich dazu fähig ist 6–9 Durch das … Wunsche] Ak: Zu dieser Gewißheit, daß es an sich so ist, zu dieser Anschauung ist die Welt getrieben worden durch die Sehnsucht 11 das Subjekt] Wi: das Herz 12 vermochte] Wi: f ä h i g ist, daß es s o z u s a g e n versucht werden kann Diese große Wahrheit] Ak: Daß jenes die Wahrheit sei ( jene Identitaet) erschienen] Wi: erschienen als die Zeit erfüllt war 14–15 zum Bewußtseyn gebracht] Wi: nicht auf philosophische Weise zum bewußtseyn gebracht 16 Vorstellung] Ak: Vorstellung, durch das wirkliche Erscheinen eines Gottes, der Mensch sei, eines Menschen der Gott sei. So wurde jene Identi|taet der göttlichen und menschlichen Natur dem Menschen zur sichtbaren Anschauung, nicht durch Philosophie ins Gemüthe gebracht. C h r i s t u s ] Hn: / C h r i s t u s / erschienen] Wi: in der Welt erschienen 17–19 Die menschliche … seyn:] Ak: daß Gott menschliche Natur angenommen, die Identitaet der göttlichen und menschlichen Natur zu zeigen, daß der Mensch diesen unendlichen Werth in sich, diese Hoheit habe, angemessen zu sein dem Gott Wi: Gott hat menschliche Natur angenommen , also diese ist an sich der göttlichen Natur fähig. diß ist die bedeutung abstracter Weise, und diß ist das Prinzip. der Mensch ist also an sich daß er in seiner bestimmung diese Hoheit und das Ebenbild Gottes habe. 19–20 aber ein großes Gewicht] Ak: aber der Accent 34 erschienen] geschien

37–38 angenommen] angekommen

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fern es an sich ist, kann es hervorgebracht werden: dazu ist aber der Prozeß des Herzens nöthig. Die Erbsünde ist die Natur des Menschen; indem sie Natur ist, so ist sie das Böse, das was nicht seyn soll: das Thier soll natürlich bleiben, aber im Menschen ist das natürliche Wollen, die natürliche Begierde das, was nicht | seyn soll und dies hat man die ursprüngliche Sünde genannt. Es ist mithin der Prozeß des Subjekts nothwendig, es soll die Wahrheit ergreifen und unmittelbar glauben, daß es in Christus versöhnt sey, daß der Geist Gottes in ihm wohne. Das ist den Menschen geoffenbaret worden, Gott selbst hat sich ihnen darin offenbart. Dieses Prinzip macht den Angel der Welt, an diesem dreht sich die Welt um; b i s h i e h e r u n d v o n d a h e r geht die Geschichte. Gott ist also dies Subjekt, Schöpfer Himmels und der Erden; aber in dieser Macht liegt noch nicht die Offenbarung; sie liegt darin, daß Gott ein Sohn geboren worden, daß er sich von sich selbst unterschieden hat; der Geist i s t nur, indem er eines Gegenstandes sich bewußt ist und zwar sich selbst zum Gegenstande hat; eben so ist, was Gott außer sich setzt, er selbst und darin daß er in dem Andern sich selbst anschaut ist die Liebe, der Geist. Gott ist Geist, indem er als der D r e i e i n i g e gewußt wird, und von diesem Prinzipe aus entwickelt sich jetzt die Weltge-

1 an sich] Ak: an sich (möglich, faehig) 1–2 dazu ist … nöthig] Wi: damit das Herz zu dieser Einheit gelange, dazu ist dieser Prozeß der buße und bekehrung nöthig. 2–3 Die Erbsünde … soll] Ak: dazu gehört jene, Busse, Bekehrung, pp. Die Natur des Menschen, sofern sie Natur ist, ist nicht geistige, ist das, was sie nicht sein soll 5 dies hat … genannt] Ak: insofern das Böse. Dies ist in dem Worte | der Erbsünde ausgesprochen, in dem ein tiefer Sinn liegt. 6–7 es soll … sey] Ak: daß der Mensch ergreife, was in Christus ihm erschienen ist, daß er unmittelbar erfasse, d.h. glaube, daß er in Christo versöhnt sei 8 worden] Wi: worden ist, daß göttliche und menschliche Natur eins ist 8–9 Gott selbst … offenbart] Wi: Wenn d a s nicht geoffenbart worden wäre was Gott ist, so wüßten wir nichts, und wüßten nichts von Gott und Religion. 9 offenbart] Ak: offenbart, was er ist; wenn dies, was Gott ist, nicht geoffenbart waere, so waere nichts offenbart, es waere das Christenthum nicht einmal Religion. Religion, in der Gott nicht offenbar ist, ist keine 9–10 Dieses Prinzip … um] Wi: Also das ist das Prinzip das itzt in die Welt gekommen ist, und diß Prinzip theilt die We l t g e s c h i c h t e 9 der Welt] Ak: in der Weltgeschichte 10–11 Gott ist … Erden] Wi: Versöhnung des Geistes und Mensch mit Gott. / diß ist das abstracte Prinzip. Auf das theologische und dogmatische können wir hier uns nicht einlassen. die Einheit der Göttlichen und Menschlichen Natur bestimmt sich erst so, daß Gott Schöpfer des Himmels und der Erde ist 11–12 aber in … Offenbarung] Ak: noch nichts Versöhnendes, sondern nur, daß die Welt in der Macht Gottes ist 12–13 sie liegt … hat] Ak: das zweite ist dann, daß Gott sich von sich unterscheidet, daß er sich ausser sich setzt Wi: das 2t e Moment ist die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur, daß er einen Sohn geboren hat, daß er sich selbst zum Gegenstand hat 13–16 der Geist … Geist1] Wi: diß ist bewußtseyn überhaupt nur, ohne diß kein bewußtseyn. der Geist ist also dieses daß er Gott ist, noch nicht der ganze, es ist der abstracte Gott, aber muß sich von sich selbst unterscheiden, er setzt ein anderes, und diß andere ist Er selbst, er unterscheidet sich von sich selbst und weiß sich selbst in Liebe und sofern ist er Geist. 15 Andern] Ak: Andern sich selbst weiß 16 ist die … Geist] Ak: | ist, was wir Liebe nennen, und was im höhern Sinne der Geist heißt. Geist ist das, was sich selbst weiß, also sich selbst setzt pp.

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schichte, der Geist erscheint nun in dem politischen Prinzip als Herr der Welt. – Das griechische Prinzip war anthropomorphistisch, aber nur ober flächlich, gleichsam nicht anthropomorphistisch genug; der höhere Anthropomorphismus ist der christliche, denn in der christlichen Religion ist es zum Bewußtseyn gekommen, daß das Menschliche die Inhaltsbestimmung des Göttlichen ist; die christliche Religion ist die Religion der Wahrheit, denn der Begriff ist in ihr identisch mit der Realität, der Existenz | und Erscheinung, indem diese Wahrheit im Geiste gewußt wird, so ist sie eine geistige Bestimmung. Der griechische Staat war ein Staat der Freiheit, der demokratischen Freiheit, einer Freiheit des Glücks, des Genies: die griechische Freiheit war eine natürliche Heiterkeit; jetzt tritt aber das Prinzip der absoluten Freiheit in Gott auf; der Mensch verhält sich nur zur absoluten Macht, indem er sich selbst darin weiß; er ist da bei sich selbst und nicht im Verhältnisse der Abhängigkeit, sondern im Verhältnisse der Liebe, im Bewußtseyn seiner selbst, daß er dem göttlichen Wesen angehöre. F r e i h e i t ist so das allgemeine Grundprinzip und dieses christliche Prinzip ist nun wesentlich als das politische Prinzip zu betrachten. Die griechische Freiheit war bedingt durch die Sklaverei und durch die Orakel, denen die letzte Entscheidung zukam, weil der Geist noch nicht diese innerliche Freiheit in sich hatte: in der christlichen Religion kommt nun aber auch dem Geiste diese Freiheit des Entschlusses, des Willens zu. – Hierüber sind noch einige allgemeine Bemerkungen vorauszuschicken: Man hat von jeher einen Gegensatz zwischen der Ve r n u n f t und der R e l i g i o n auf2–3 Das griechische … genug] Wi: Das christliche Princip ist das Princip der Versöhnung überhaupt, was wir in der griechischen Religion gesehen haben ist die Heiterkeit, diese Heiterkeit ist ein Natürliches Element darin, diese Heiterkeit im Geistigen ist die Versöhnung, die griechische Religion ist die der Schönheit, die ist anthropomorphistisch gewesen, (Ak: so daß Himmel, Erde, Natürlichkeit als ein wirkliches Element darin lag Wi: die Aeußerlichkeit lag unmittelbar darin und die Natürlichkeit im Menschen, die Form, in der das Göttliche dargestellt wurde, in Stein etc., aber weil das Menschliche da ein nur äußerliches gewesen, so ist die griechische Religion nicht anthropomorphistisch genug gewesen, weil das Anthropomorphistische nur äußerlich gewesen ist ober flächlich] Ak: oberflächlich darin, aeusserlich 4–6 denn in … ist1] Wi: in dem die Einheit des Menschlichen und Göttlichen zur Anschauung gebracht ist 5–6 die Inhaltsbestimmung des Göttlichen] Ak: das Wesen der Gottheit 7 mit der … Erscheinung] Ak: (die Einheit des Göttlichen mit der menschlichen Natur, dem menschlichen Wesen) 9 Freiheit] Wi: schönen Freiheit 10 des Genies] Ak: des Genies, | eine Freiheit der Blüthe 10–11 die griechische … Heiterkeit] Ak, ähnlich Wi: Wie aber die Heiterkeit die Versöhnung war, so war die Freiheit mehr (Ak: natürlich Wi: unmittelbare Freiheit). 14–15 im Bewußtseyn … angehöre] Ak: daß der Mensch sich seiner selbst bewußt sei, indem er sich in Gott fühlt 18 Geist] Wi: Mensch innerliche] Wi: unendliche 21–1430,1 Man hat … Unterschied] Ak: Die Vernunft, die dem menschlichen Geiste so angehört, daß sie einen Gegensatz gegen Religion bildet, ist bei naeherer Ansicht nur von ihr verschieden 1 der1] das

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stellen wollen; näher betrachtet ist es nur ein Unterschied: die Vernunft ist das Wesentliche der Natur des Geistes und eben so das Wesentliche des Göttlichen: wir unterscheiden nur, daß die Religion als solche im Gemüth, im Herzen ist, ein Geschäft des Individuum in ihm selber; denselben Inhalt hat die Vernunft in diesem Sinne, daß das Wahrhafte jetzt gewußt wird, auf ’s wirkliche Leben, auf den | menschlichen Geist, auf das Bewußtseyn angewendet wird im weltlichen Daseyn. Das ist der Zusammenhang, daß in der Religion das Herz der Tempel der Freiheit in Gott ist, und daß nach der Vernunft die Welt, der Staat ein Tempel der Freiheit ist vermöge eines Inhalts, der selbst der göttliche ist, so daß die Freiheit im Staate bewährt und bethätigt ist durch die Religion, indem das sittliche Recht im Staate nur die Ausführung dessen, was das Grundprinzip der Religion ausmacht, ist. Das weitere Geschäft der Geschichte ist nun, daß die Religion als Vernunft erscheine, daß das religiöse Prinzip dem Herzen und dem Gemüthe des Menschen inwohne und als weltliche Freiheit hervorgebracht werde. Die folgende Geschichte soll diese Entzweiung zwischen dem I n n e r n d e s H e r z e n s u n d d e m D a s e y n auf heben, die Versöhnung wirklich machen, damit das christliche Prinzip eine Realität sey. – Wir haben nun ferner zu erinnern welche Momente im Staate zu betrachten sind. – Zunächst sind G e s e t z e im Staate nothwendig; das Rechtliche und Sittliche muß gewußt werden als ein Gesetztes, Positives und es ist nicht genug, daß es im Willen, in der Gesinnung der Menschen sey; sondern die Menschen wollen nach etwas Gesetztem behandelt seyn, nach einem Positiven; ganz falsch ist es daher, einen Zu3 im Gemüth, im Herzen] Ak: nur eine Sache des Gemüths 4 ein Geschäft] Wi: Gemüth 4–7 denselben Inhalt … Daseyn.] Ak: der fernere Gehalt, die Vernunft, in der Religion ist dann das, daß dieser Inhalt angewendet werde auf das Leben, daß dieser Inhalt sich abspiegele, sich realisire in dem Geistig weltlichen Dasein 5 wirkliche] Wi: menschliche 6–7 Geist, auf … Daseyn] Wi: Geist in der ganzen Ausbildung des in der Welt existirenden Geistes, dieses bewußtseyn sich realisirend in dem weltlichen Daseyn, das ist Vernunft 7–8 daß in … ist] Wi: daß die Religion im Herzen ist 8 die Welt, der Staat] Ak: das weltlich geistige Dasein 10 Freiheit im Staate] Ak: sittliche Staatsfreiheit 11 das Grundprinzip] AkWi: die Idee 12 ist1] Wi: ist, er ist das Ziel Das weitere Geschäft] Ak: Dies ist dann Religion als Vernunft, und es ist das Weitere Geschaeft 13–14 dem Herzen … inwohne] Wi: einerseits in der Form der Religion sey, andererseits 14 als weltliche Freiheit] Ak: im aeußern Dasein die Freiheit 15 werde] Ak: werde. Dies betraf den allgemeinen Zusammenhang zwischen Religion und der Vernunft und dem Staate. Die folgende Geschichte soll] Wi: Das ist ganz der innere Zusammenhang dieser beiden, die zunächst als 2 Principien erscheinen, das Ziel ist nichts anderes 17 eine Realität] Wi: nicht bloß ein innerliches sey, sondern eine Realität 20–21 im Willen, … sey] Wi: an sich sey, in der Gesinnung, dem Wollen des Menschen, sondern daß es sey als ein Gewußtes 22 Positiven] Wi: Positiven regirt werden wollen, was ist der Inhalt dieser Gesetze? das eine ist, daß diese Gesetze gewußt werden, vermittelst des Gewußten soll der Mensch handeln und vermöge dessen was im Gewußten für ihn ist, soll er auch gerichtet werden. Das ist das Eine, die Form. 22–1431,2 ganz falsch … rühmen] Wi: Man rühmt oft das Barbarische wo die Fürsten oder Ehefrauen nach ihrem rechten Willen das Recht sprechen und handeln

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stand wo erfahrene Männer nach ihrer Einsicht und Erfahrung rechtsprechen und handeln, zu rühmen: zur Freiheit gehört das Wissen der Gesetze. Was ist aber der I n h a l t d e r G e s e t z e ? Nichts andres als die Freiheit, welche das absolute | Prinzip des Christenthums ausmacht, dieses Prinzip ist für den existirenden Geist explizirt, welche Explikationen ein System von Bestimmungen der Freiheit geben und das sind die Gesetze: wir können sie die Anwendung von dem Grundprinzip, daß der Mensch an und für sich frei ist, nennen: die unmittelbare Folge des christlichen Prinzips ist daß das Subjekt des Eigenthums fähig sey; denn das Individuum hat nun einen unendlichen Werth, es ist Geist, zur Versöhnung bestimmt, hat somit einen absoluten Werth und gegen diesen ist nichts anderes, wodurch es gebunden werden könnte, denn dieser absolute Werth steht höher als Alles. Die Freiheit der Person ist eine abstrakte Freiheit; eben so ist nun auch eine Freiheit im Besonderen; in den Bestrebungen und Beschäftigungen, zu denen ein jeder durch seine Besonderheit, und seine Talente getrieben wird ist für ihn das Prinzip einer freien Entwicklung. Durch die Gesetze wird nun dem Individuum Stoff und Gelegenheit gegeben zur Ausbildung seiner Kräfte und Neigungen; es werden dem Individuum die Mittel zu seiner Subsistenz dargeboten, daß es durch Fleiß, und Arbeit auf sich stehen könne, daß es zur Ehre der Rechtlichkeit gelangen könne. Das Individuum ist so in äußerlichen Verwicklungen befangen, daher wird eine allgemeine Vorsorge der Gesetze nöthig. – Das System der Gesetze ist so die eine Seite, die andere ist die A u s f ü h r u n g derselben: die Gesetze vollbringen sich nicht selbst; sie werden gewußt aber ihre Wirk|samkeit muß auch im Subjekte seyn: die Subjekte sind es, welche die Gesetze vollbringen und handhaben müssen: die Gesetze müssen ihr Wille seyn; denn in der unendlichen Freiheit, die dem Sub-

2 zur Freiheit … Gesetze] Ak: zur Form der Freiheit gehört das Wissen der Gesetze. Dies ist die Form derselben 7 frei ist] Wi: frei sey, und kein Sclave, was die Griechen nicht gewußt haben 12 Die Freiheit der Person] Wi: Also diese Freiheit im Willen, daß der Mensch Person ist, dieses 13–14 in den … Beschäftigungen] Wi: dazu gehört daß der Mensch diese Rechte etc hat, 19 daß es … könne] Wi: so sehr er dann abhängig ist, daß 30 alle diese Arten von beschäftigungen er sich darin unabhängig mache durch Ehre des Fleißes 19–20 Das Individuum … befangen] Wi, ähnlich Ak: Allein weil dieses zugleich äußerliche Dinge sind, so bleibt diese (Wi: Unabhängigkeit Ak: Freiheit) in dieser Abhängigkeit 21 Vorsorge der Gesetze] Ak: Vorsorge, eine allgemeine Handhabung der Gesetze nöthig] Wi: Schon hierin ist nöthig diese Vorsorge, und so daß Das Sy35 diese auf gesetzlichWeise vorgenommen werde., und daß die Gesetze eben so eintreten. stem … Seite] Wi: Die eine Seite ist also die gesetzliche Seite überhaupt, ein System von Gesetzen. 23 gewußt] Wi: gewußt, stehen in büchern, das sind allgemeine Bestimmungen, diese als solche haben keine Wirkung aber ihre … seyn] Ak: sie sind aber allgemeine Be|stimmungen, und als solche sind sie unthaetig. Die Thaetigkeit ist in dem Subjecte 24–25 die Gesetze … seyn] Ak: 40 Dies ist dann die andere Seite, daß nemlich die Gesetze auch im Willen der Individuen seien. 25–1432,2 denn in … Abstraktion] Wi: diese unendliche Freiheit daß der Wille eben so sehr Willkür und er kann böse seyn

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jekte zu Theil geworden, ist auch das tiefste Böse möglich, die höchste Spitze der Abstraktion, auf die sich das Subjekt gegen den wahrhaften und vernünftigen Willen stellen kann: diese äußerste Abstraktion ist nur in der unendlichen Freiheit möglich. Gegen das Böse muß das Gesetz nun äußerlich gehandhabt werden; dieser Gewalt gegen das Gesetz, muß Gewalt entgegengestellt werden. Das Wesentliche ist, daß die Gesinnung nicht böse sey; das Gesetz ist nur Form und formell gegen die G e s i n n u n g , es hat seine Wirklichkeit nur im Geiste, im Willen, es muß also Sitte, Gesinnung seyn; die Gesinnung ohne das Gesetz ist das vorerwähnte Patriarchalische, das Gesetz ohne die Gesinnung ist etwas Formelles. Die Wichtigkeit beider Momente ist in so fern bemerklich zu machen, daß es der ungeheure Irrthum unsrer Zeit ist, als ob eine Organisation von Gesetzen hinreichend sey, als seyen diese allein das Bestimmende; man betrachtet das Gesetz wie ein Lineal, das man nur hinzulegen braucht um die grade Linie zu ziehen, die subjektive Bildung, Erfahrung, Kenntniß, Einsicht wird für nichts geachtet; aber diese subjektive Seite muß wesentlich dem Gesetze entsprechen, indem dasselbe erst durch sie verwirklicht wird. | Das concrete Prinzip für das Gesetz ist die Freiheit, welche in der christliche Religion vorhanden ist; das Andre ist die Gesinnung, wie schon gesagt worden, sie kann die wahrhafte oder nicht wahrhafte seyn, kann dem Gesetze entsprechen oder nicht: es kommt nur darauf an, daß die rechte Gesinnung vorhanden seyn könne; der böse Wille kann immer seyn, die rechte Gesinnung kann nur seyn, wenn der Inhalt der wahrhafte ist. Im griechischen Leben ist es eingetre2 Subjekt] Wi: Subjekt in seiner Particularität 3 diese äußerste Abstraktion] Ak: nur der Mensch kann böse sein, und er kann am bösesten sein, sofern er sich als unendlich freies Subject weiß. Darum kann im Christlichen das eigentliche Böse, das Böse in seiner letzten Abstraction sein; denn dies äußerste] Wi: höchste 5 dieser Gewalt … werden] Wi: das Böse ist Gewalt gegen das Gesetz, als solches muß ihm Gewalt entgegen gesetzt werden 8 es muß …seyn] Ak: dazu gehört, daß das Gesetz in der Gesinnung vorhanden sei Wi: es muß Sitte, Einsicht, Gesinnung seyn. 11–12 daß es … Bestimmende] Ak: In unserer Zeit will man nur | immer Gesetze machen; sie sollen das Bestimmende sein. Auf die Gesinnung sieht man nicht, und so hat man Gesetze ohne Gesinnung. 12–16 man betrachtet … wird.] Das Gesetz ist aber kein Lineal, mit dem man Linien zieht. Es gehört schon (im Richter) die Gesinnung dazu, und wenn daher in neuern Zeiten Constitutionen gemacht sind, die Regierung aber die Gesinnung gegen die Constitution hatte, so ist der Staat zerrüttet worden. Wi: Das Gesetz ist kein Lineal, sondern der Richter muß schon als Subjekt die Gesinnung des Rechts haben. das ist die subjektive Seite. Es sind in neuen Zeiten viele Constitutionen gemacht, wenn aber die Oberen die Gesinnung nicht haben, so entstand Gewaltthätigkeit, die Gesinnung muß den Gesetzen entsprechend seyn, aber sie ist als Gesinnung die subjektive Macht, wodurch die Gesetze erst verwirklicht werden. 17–18 Das concrete … ist1] Ak: Sein concretes Princip ist die Freiheit, die Freiheit, die die Freiheit will. welche in … ist1] Wi: das Concrete der Freiheit haben wir in dem christlichen Princip gesehen 19–20 kann dem … nicht] Wi: sie kann böse seyn, oder nicht böse 22 ist1] Wi: ist, zur Gesinnung gehört, Einsicht, Reflexion, Philosophie

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ten, daß die Gesinnung, das wahre Wollen sich getrennt hat von dem, was im Staate galt, von dem was Religion war; sobald die Gesinnung da zum Denken und damit zum höchsten Bewußtseyn gelangte, so trennte sie sich vom Vorhandenen. Damit die Gesinnung die wahrhafte seyn könne, so muß die Wahrheit zu Grunde liegen, im Staate verwirklicht seyn. – Das weltliche und religiöse Gewissen sind nicht unterschieden, wenn das Vorhandne auf die Wahrheit gegründet ist. Die fortdauernde Erziehung in der Geschichte besteht darin, die Individuen zur rechten Gesinnung auszubilden, eben so ist es die Aufgabe der Geschichte, das christliche Prinzip zu verwirklichen, indem die wahrhafte Gesetzgebung nach und nach herausgebildet wird.– Der Inhalt der christlichen Religion ist, daß der Geist absolut frei ist; damit ist durch die Religion, welche der höchste Richterstuhl ist die Freiheit zum Prinzip der Gesetze gemacht: durch die Gesetze wird die Freiheit nicht beschränkt, sondern sie wird darin realisirt und kommt darin zum Bewußtseyn. Das andre Moment | zu den Gesetzen ist die Gesinnung: sie ist die wahrhafte, wenn sie das Wollen dessen ist, was das Prinzip der Gesetzgebung ausmacht. Gesetzgebung ohne Gesinnung ist leerer Formalismus, denn diese ist erst das Belebende. – Durch diese zwei Momente aber ist der Staat noch nicht bestimmt: die Gesinnung als solche ist nur erst das Innerliche, noch nicht das Wirkliche. Das dritte Moment ist der Staat als solcher, in seiner Wirklichkeit: der Staat erschien in den orientalischen Reichen in der Form des Despotismus, in Griechenland der 2 was Religion war] Wi: was Anschauung, Glauben der Religion ist. Plato wollte die griechische Göttervorstellung entfernt wissen. 3–4 vom Vorhandenen] Ak: von dem Wirklichen 4–5 Damit die … seyn.] Wi: Dieses 2t e , daß die Gesinnung vorhanden seyn kann, ist darin vorhanden, daß das Wahrhafte zu Grunde liegt und im Staate dieser Wahrheit sich angemessen macht das wirkliche Daseyn. So verhalten sich diese beiden Bestimmungen. 5–6 Das weltliche … Vorhandne] Wi, ähnlich Ak: Das Gewissen ist dann nicht ein 2faches, nicht ein weltliches und religiöses Gewissen, als wenn eines dem andern entgegengesetzt seyn könne, sondern das wahrhafte Gewissen kann nur dann (Wi: sein auch Gesinnung des vorhandenen Staates und der Religion, Ak: dem Religiösen und dem Gesetze des Staats conform sein,) insofern diese 7–10 Die fortdauernde … wird.] Wi: Daß sich die rechte Gesinnung entwickele ist die Erziehung in der Geschichte und die fortdauernde Erziehung der Individuen zur Sittlichkeit, zur Wahrheit überhaupt. Dieses ist die Grundlage, daß zunächst die wahrhaften Prinzipien der Wahrheit herausgebildet werden und die wahrhafte Gesinnung ist das Ziel der Geschichte, das christliche Princip selbst treibt zur Geschichte. 11–14 Der Inhalt … Bewußtseyn.] Wi: Das Prinzip der christlichen Religion in beziehung auf das bürgerliche und staatliche Leben ist die Freiheit schlechthin, aus diesem Prinzip entwickeln sich die Gesetze, die bestimmungen der Freiheit. das böse wird durch dieses negirt. 16 Gesetzgebung] Wi: Gesetzgebung und der Gesetze selbst 17 Gesetzgebung] Wi: Gesetze und Constitution 21 der Staat1 … Wirklichkeit] Wi: d e r S t a a t , und die dem Prinzip des Christenthums allein eignende | Staatsform ist d i e M o n a r c h i e Ak: darin entsteht die Frage, welche Form des Staats entspringt aus den Principien der christlichen Religion? Diese ist die Monarchie.

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Demokratie, bei den Römern in der Form des Aristokratismus, welcher aber zum Despotismus überging; nun endlich macht die M o n a r c h i e sich geltend. Es sind hier nur die Hauptmomente der Monarchie anzugeben; die weitere Entwicklung wird denn ferner dargestellt werden. – Das S t a a t s l e b e n ist das allgemeine Geschäft des Volksgeistes, welcher dasselbe hervorbringen muß; das Staatsleben ist so das Werk des Volksgeistes, das immer fortgesetzt wird; jedes Individuum steht innerhalb dieses Werkes und nimmt an demselben Antheil dadurch, daß es e t w a s i s t , das Gerüste für den Gedanken dieses Werkes ist die Ve r f a s s u n g und diese hängt von der I n t e l l i g e n z ab, indem die Religion die Grundlage ist: die christliche Religion beruht auf der Wa h r h e i t ; die Entwicklung des Geistes, der Intelligenz eines Volks, geht darauf hinaus, die Verfassung diesem Prinzipe der Religion gemäß zu machen. Jedes Volk hat daher die Verfassung, die der Stufe seiner Intelligenz ange|messen ist und deren es würdig ist. In dem Staate haben wir die Individuen als solche auf der einen Seite, und auf der andern die Regierung, welche die allgemeinen Angelegenheiten bethätigt, an der Spitze des ganzen Staatslebens steht, das allgemeine Geschäft der Gesetzgebung unter sich hat und die Organisation der Behörden, welche die Gesetze auszuüben haben, aufrecht erhält. Wenn in der Verfassung sogenannte Stände, Parlamente und drgl. vorkommen, so gehören diese selbst mit zur Regierung, sie haben die Gesetze zu bestimmen und an der Administration Theil zu nehmen; ein leerer Vorwand oder Vorurtheil ist es, wenn man behaupten will, die Volksrepräsentanten seyen nur für die Gesetzgebung bestimmt; denn sie erscheinen wesentlich als mitregierender Körper, da alle Finanzangelegen2 nun endlich … geltend] Ak: Die Monarchie gehört dem Christianismus. 6 das immer fortgesetzt wird] Ak: so daß das Producirende, das Volksleben zugleich das Product ist 8 das Gerüste für den Gedanken] Ak: Die bewußte Seele Werkes] Wi: Werkes, dieses Volkslebens 9 I n t e l l i g e n z ] Ak: Intelligenz der Form der Gesinnung 9–10 indem die … Wa h r h e i t ] Wi: wo die Gesinnung die Grundlage ist und nach dem christlichen Prinzip – die Wahrheit 14 würdig] Ak: faehig 15 die allgemeinen Angelegenheiten] Wi: das allgemeine Leben 16–18 das allgemeine … erhält] Ak: das Gesetzgeben, Entwickelung der Intelligenz, des Vernünftigen, was das Rechte ist, verwaltet, | Behörden pp zu setzen hat 18–19 sogenannte Stände] Wi: besondere Stände […], Reichsstände 21–22 wenn man behaupten will] Ak: wie man leer schwatzt 22 für die Gesetzgebung bestimmt] Wi: legislativ 22–1435,2 denn sie … gehört)] Ak: Es ist laecherlich, daß sie’s nicht gestehen, daß sie wesentlich verwaltende Körper im Staate sind. Die Finanzen in unsern Staaten, wie natürlich, befassen Alles. In der Regel haben nun die repraesentativen Behörden, Parlamente pp die Bestimmung über die Finanzen, darüber ein jaehrliches Gesetz zu geben. Dies ist kein Gesetz, sondern ein gemißbrauchter Name; denn das Gesetz ist nicht für ein Jahr, sondern ewig. – Wenn wir nun von Regierung sprechen, so nehmen wir das Wort in jenem umfassenden Sinne. 23–1435,2 da alle … gehört)] Wi: d i e F i n a n z e n befassen alles und diese werden allenthalben jenen Ständen zuertheilt. Diese bestimmungen der Finanzen geschieht aber alljährlich, was aber alljährlich geschieht und ausgeführt wird ist nicht ein Gesetz, denn Gesetz ist etwas an sich unendliches / Wir nehmen also Regierung in jenem umfassenden Sinn.

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heiten von ihnen bestimmt werden (ihnen ist es überlassen die Besoldungen fest zu setzen, was doch nicht zur Gesetzgebung gehört). – Die Monarchie ist, wie jede Gewalt im Staate, den Individuen gegenüber einerseits M e c h a n i s m u s d.h. sie macht die Gesetze auf äußerliche Weise geltend, befiehlt, was geschehen muß, bestraft unrechtliche Handlungen und die, welche sich nicht unterwerfen wollen, werden gezwungen: so verhält sich der Staat mechanisch; die Einsicht, Raisonnement, kann die Individuen dazu bringen, etwas Anderes zu wollen, gegen diese macht sich der Staat geltend als die s u b s t a n t i e l l e To t a l i t ä t , zu welcher sich Alle bekennen müssen, und es ihnen selbst | überlassen, ob sie wollen oder nicht. Das ist die Eine Seite: der G e h o r s a m gegen die Staatsgewalt: dieser wird gefordert; dabei ist es dem Individuum überlassen, ob der Gehorsam gezwungen oder vernünftig ist; der Gehorsam höherer Art sieht ein, daß die Verfassung, die Gesetze der Vernunft gemäß sind. Das Letzte der Gesinnung ist das Gewissen, das Letzte des Gewissens ist die Religion; die Gesinnung kann wahrhaft seyn, wenn sie das Prinzip der wahrhaften Religion hat und wenn die Verfassung aus diesem Prinzip hervorgegangen ist. Das Detail der Gesetzgebung kann so oder auch anders seyn, aber die wesentliche Grundlage ist das Bewußtseyn der ewigen, absoluten Wahrheit. Der Gehorsam kann also wahrhafte Gesinnung seyn, indem er weiß, daß sein Staat diese Grundlage hat. Die Individuen nehmen aber auch Theil an der Regierung, und haben zu gebieten; also kann 4 Weise] Ak: Weise, durch Zwang 6–7 die Einsicht, … wollen] Ak: Denn das ist das Eigne des neuern Geistes, daß die Subjecte nach allen Seiten frei, ganz ihrer Willkühr, ganz ihrer Einsicht folgen könnten. Wi: die Subjecte als in sich frei, können alle Formen der Freiheit in sich entwickeln , also auch die Form der Willkühr und ihrer Einsicht und anders als der Staat es will. 8 diese] Ak: diese Willkühr 8–10 zu welcher … nicht] Ak: diesem gemaeß müssen die Individuen sich betragen, und wenn sie andern Willen, andere Einsicht haben, dazu gezwungen werden 12 vernünftig] Wi: ein vernünftiger ist d.h. daß er die Einsicht hat diese Gesetze sind die rechten 12–13 der Gehorsam … sind] Wi: dieser Gehorsam ist nun höherer Art, wenn die rechte Gesinnung darin ist 13 gemäß sind] Ak: gemaeß. Der Gehorsam ist wahrhafter Art, wenn die Gesinnung dabei ist. 14 Religion] Wi: Religion, und die Gesetze haben in dieser ihren | Grund 14–1436,2 die Gesinnung … leitet.] Wi: Sie haben also die G r u n d l a g e der Wahrheit und bewußtseyn der absolut ewigen Wahrheit. der Gehorsam kann also auch seyn in einer Gesinnung. In einer Monarchie haben a l l e zu gehorchen, außer der an der Spitze steht, aber a l l e r e g i e r e n auch zugleich; der Gehorsam ist also auch beim regieren. und die regieren stehen auf dem Grunde der absoluten Wahrheit 15–16 wenn die … ist] Ak: In sofern nun die Gesetze und die Verfassung aus der Religion im Wesentlichen hervorgegangen sind, ist sie das Wahrhafte, hat in sich das Bewußtsein der ewigen, absoluten Wahrheit. 18–19 Der Gehorsam … hat.] Ak: Der Gehorsam als solcher ist für | die Individuen ausser dem, der an der Spitze steht. Aber nicht bloß für die Individuen kann der Gehorsam das Wahrhafte sein, sondern auch für die Regierung, weil eben den Regierenden, Fürsten und Herren das Bewußtsein der Wahrheit (in der Religion) inwohnt. 19–1436,2 Die Individuen … leitet.] Ak: Das Bewußtsein, daß die Regierenden diese wahrhafte Gesinnung haben, ist nothwendig im Staate 24 entwickeln] entwcklt

300Ak

356Hl 88Hn

144Wi

301Ak

1436

357Hl

302 Ak

nachschrift karl hegel · 1830/31

auch die Seite des Regierens die wahrha