Vorlesungen über die Philosophie der Kunst III: Nachschriften zum Kolleg des Wintersemesters 1828/29 9783787329656, 9783787337330

Hegels Philosophie der Kunst in ihrer umfänglich ausgearbeiteten Form ist allein durch Nachschriften zu Vorlesungen über

202 55 6MB

German Pages [272]

Report DMCA / Copyright

DOWNLOAD FILE

Polecaj historie

Vorlesungen über die Philosophie der Kunst III: Nachschriften zum Kolleg des Wintersemesters 1828/29
 9783787329656, 9783787337330

Citation preview

H E G E L · G E S A M M E LT E W E R K E 2 8 , 3

GE ORG W I LH ELM FRIEDRI CH H EGEL

G E S A M M E LT E W E R K E

I N V E RB I N DU N G M I T DE M

F O R S C H U N G S Z E N T RU M F Ü R KLASSISCHE DEUTSCHE PHILOSOPHIE / H E G E L - A RC H I V H E R AU S G E G E B E N VO N

WA LT E R JA E S C H K E

BAND 28 IN VIER TEILBÄNDEN

F E L I X M E I N E R V E RL AG H A M BU RG

GE ORG W I LH ELM FRIEDRI CH H EGEL

VORL ES UNGE N ÜBER DIE PHILOSOPHIE DER KUNST

H E R AU S G E G E B E N VO N

WALTER JAESCHKE UND NIKLAS HEBING BA ND 28, 3 NACHSCHR IF TE N ZU M KO LLE G DES WI NT ER S EME STE RS 1828/29

F E L I X M E I N E R V E RL AG H AM BU RG

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über 〈http://portal.dnb.de〉 abrufbar. ISBN 978-3-7873-2965-6

© Felix Meiner Verlag, Hamburg 2020 Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielf ältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Film, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig. Druck und Bindung: Beltz, Bad Langensalza. Werkdruckpapier: alterungsbeständig nach ANSI-Norm resp. DIN-ISO 9706, hergestellt aus 100 % chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Printed in Germany.

www.meiner.de

Auch dieser Band sei der Erinnerung an Axel Kopido gewidmet.

INHALTSVERZEICHNIS

WINTERSEMESTER 1828/29 NACHSCHRIFT ADOLF HEIMANN mit Varianten aus den Nachschriften Libelt und Rolin und einem anonymen Fragment Die Aesthetik nach Hegels Vortrag geschrieben von Heimann Im Wintersemester 1828/29. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 909 Allgemeine Eintheilung der Ästhetik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 937 Erster Theil. Kenntnisse von dem Ideal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Idee als Solche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Ideal als geistigen Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Bestimmtheit des Ideals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zweiter Theil.Von den besondern Kunstformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der symbolischen Kunstform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I, Vom Symbol überhaupt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2, Unterschied und Beziehung eines Innern von der Natur und Unmittelbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3, Phantastische Symbolik, Symbolik der Erhabenheit . . . . . . . . . 4, Vom bestimmteren Symbol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der klassischen Kunstform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die romantische Kunstform. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom religiösen Inhalt der romantischen Kunst . . . . . . . . . . . . . . . Die Ehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Treue . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Formelle des Charakters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Handlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der abstrakte Stoff und äußerliche Gegenstand . . . . . . . . . . . . . . Dritter Theil.Von den besonderen Gestaltungen der Kunstwerke . . . . . . . . . Baukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

944 944 959 966 998 999 1003 1006 1011 1015 1032 1051 1053 1060 1061 1062 1064 1067 1069 1074 1076

VIII

inhaltsverzeichnis

Symbolische Baukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Klassische Baukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die romantische Baukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Skulptur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Malerei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Poesie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eintheilung der Poesie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epos. Lyrik. Drama . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lyrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Drama . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



1077 1085 1090 1092 1109 1131 1143 1148 1148 1149 1156 1159

ANHANG Zeichen, Siglen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1167

WINTERSEMESTER 1828/29 NACHSCHRIFT

ADOLF HEIMANN MIT VA RIA NTEN AUS DEN NACHSCHRIFTEN

KAROL LIBELT UND HIPPOLYTE ROLIN SOWIE EIN EM A NON YM EN FR AGM ENT

Die Ästhetik



nach Hegels Vortrag geschrieben von Heimann Im Wintersemester 1828/29 |

1–4  Die Ästhetik …1828/29] Li: Aesthetik / nach Pf. Hegel im WinterSemester 1828/29  Ro: Philosophie der Kunst / Prof: Hegel angefangen d. 27 8br.

1Li 127r Ro

einleitung

909

Aesthetik.

5

10

15

20

25

30

35

Das Reich und Gebiet des Schönen ist das der Ästhetik. Die Wissenschaft des Sinnes ist sie. Um das Empfinden des Schönen ist es ihr zu thun. In deutschland ist der Ursprung des Wortes. Es ist eine neue Wissenschaft aus Wolfscher Schule hervorgegangen. Andere gebrauchen andre Namen, wie den der Kallistik. Der Ausdruck Ästhetik wird als Name behandelt ohne Bedeutung im Leben. Für uns ist er Ausdruck der Schönheit und der Kunst der alten. Lassen wir philosophische Ideen noch unberührt, so ist, wenn wir Vorstellung und Empfindung in uns wahrnehmen, die Bedenklichkeit wohl, ob das Schöne der Wissenschaft fähig sei. Diese Empfindungen, ob sie uns als solche bekannt sind, wollen wir behandlen. Was sich darbietet, wenn Wissenschaft der Kunst behandelt wird, ist zu sehn, ob dieses einer Wissenschaft fähig ist; das Auffassen des Schönen erfordert andre Organe als des Organs des Wissenschaft. Die Freiheit der Produktion flieht die Regel des Gesetzmäßigen. Belebung findet man, nicht die schattenhafte Innerlichkeit des Gedankens. Das Reich der Gestaltung des Schönen betrachtet, ist von unendlicher Mannigfaltigkeit, sodaß der Gedanke Muth verlieren könnte, diese Masse sich anzueignen. Etwas Raum für Betrach2 –3  des Sinnes] Li: des Sinnes des Empfindens  Ro: des fühlens, empfindens­  ­3 Um das … thun.] Li: Die Kunstwerke werden in Rücksicht des Empfindens betrachtet.­  ­5 Andere gebrau­ chen … Kallistik.] Li: Kallistik ist als passender Name dafür empfohlen worden.­  ­6–7 Für uns … alten.] Ro: es heißt so viel wie P h i l o s o p h i e d e r K u n s t , des Kunstschönen.­  ­8 Lassen wir … unberührt] Ro: Zur Sache. Im anfang wollen wir blos das äussere davon betrachten und die philosophische idee bei seite lassen.­  ­ 8–9 Vorstellung und … wahrnehmen] Li: Vorstellungen unseres Bewußtseins, der Zeit vornehmen­  ­9–10 das Schöne der Wissenschaft] Li: das Schöne einer wissenschaftlichen Betrachtung  Ro: die Kunst einer wissenschaftlichen betrachtung­  ­10–11 Diese Empfindungen, … behandlen.] Ro: Äussere Betrachtungen sind die für eine einleitung zunächst passen und die in der allgemeinen Bildung zum bewustseyn aufgenommen die man allgemein voraussetzen kann. Der hauptzweck ist zu zeigen daß sie uns bekannt ist.­  ­12 zu sehn, ob dieses] Ro: ein Zweifel, ob das schöne­  ­12–13 das Auffassen … Wissenschaft] Li: da das Gebiet des Schönen sich dem Organe der Empfindung der Sinne, und nicht dem Gedanken zu öffnen scheint  Ro: Das schöne bietet sich den Sinnen dar u. scheint ein ganz anderes gebiet als der gedanken. Alsdann aber ist das was man im schönen geniessen will ist die freiheit der gestalten.­  ­13–15 Die Freiheit … Gedankens.] Ro mit Li: Man entflieht den strängen fesseln (Ro: der gesetze Li: des Geregelten), indem man sich in das reich des schönen flüchtet und darin Zuflucht sucht gegen Steif heit der Gedanken.­  ­16 unendlicher Mannigfaltigkeit] Li: unendlichem Umfang­  ­16–17 sodaß der … anzueignen] Ro: so daß es unmöglich scheint den ganzen umfang zu kennen­  ­17 diese Masse sich anzueignen] Li: sich mit diesem Umfang bekannt zu machen, und in allgemeine Formeln einzureihen

1Hn

Umfang der Ästhetik

Ist die Ästhetik der Wißenschaft fähig?

Massen der Ästhetik

910 2Li Natur und KunstSchönheit Nützlichkeit, aber nicht Schönheit hat man aus den natürlichen Din­gen herausgehoben, und Wissenschaft drauf gebauet Phantasie und Natur

Natur ist mehr Gesetz als Phantasie

Nachahmung der Natur

127v Ro

nachschrift heimann  · 1828/29

tung gewinnen wir, wenn wir den Umfang des Schönen beschränken, indem wir die Naturschönheit weglassen, und nur die Kunstschönheit behandlen. Natürlich wird das scheinen, da noch Niemand den Gesichtspunkt der Schönheit an natürlichen Dingen gefaßt, und eine Wissenschaft daraufgebauet. die Nützlich­ keit der natürlichen Dinge hat man herausgehoben, die dienlich sind gegen Krankheit, und in diesem Gesichtspunkt betrachtet; aber aus dem Gesichtspunkt der Schönheit hat man sie nicht zusammengestellt. Thun wir das, so sehn wir uns bald in Unbestimmtheit, in welche Klassen dieses und jenes Schöne zu setzen; halten wir uns an die Werke der Kunst, so verliert sich diese Schwierigkeit scheinbar, denn die Werke der Kunst haben zur Quelle freie Phantasie, die unbeschränkt ist als Natur selbst in ihrer Mannigfaltigkeit. Unerschöpflich kann sie sich zeigen. Die Wissenschaft wenn sie mit dem Nothwendigen es nur zu thun hat, so muß sie alles andere weglassen, auch aus der Phantasie; und haben wir von Schönheit der Natur abstrahirt, so gewannen wir nicht. die Natur ist selbst schon Gesetz, und nähert sich mehr der Wissenschaft als Phantasie. Die Phantasie scheint mehr willkührlich und entzieht sich der Wissen­ schaftlichen Betrachtung. Wenn man nun von Schöner Natur abstrahirt, und das Kunstwerk betrachtet, so stoßen wir auf das bekannte Prinzip von Nachahmung der Natur, als das höchste, und wir kehren sogleich zur Natur zurück.

 –4 Natürlich wird …gefaßt] Li: Doch so viel auch von den Naturschönheiten die Rede ist, so hat 3 doch Niemand eine systematische Beschreibung der Naturschönheiten zu machen gewagt.  Ro: Recht haben wir zu dieser Ausschliessung gewiss. Denn so viel von natürlicher Schönheit die rede ist, so ist noch niemand der einfall gekommen, ein gesichtpunkt eine natur-schönheit Zur wissenschaft zu erheben.­  ­ 4–6 die Nützlichkeit … betrachtet] Li: einzelne Gesichtspunkte hat man da herausgehoben, wie den der Nützlichkeit (materia medica).  Ro: Man hat zwar einzelne punkte herausgehoben, und ein system daraus gebildet; so z. B. die materia medica die chemische producte in Natur betrachtet­  ­7 sie nicht zusammengestellt] Ro: aber die natur nicht angeschaut­  ­9 Werke der Kunst] Li: eigentlichen Werke des Geistes und Geschicklichkeit­  ­verliert sich … scheinbar] Ro: vermindert sich die schwierigkeit. Sie scheint sich aber nur zu vermindern.­  ­10–11 die unbeschränkt … Mannigfaltigkeit] Li: die ist freier als die Natur, ihr steht die Natur, und mehr als die Natur zu Gebote  Ro: diese ist noch | unbeschränkter als die natur selbst­  ­11 Unerschöpflich kann … zeigen.] Li: Ihre schöpferische Kraft ist unermäßlich.­  ­14 so gewannen wir nicht] Ro: wir haben also noch nicht viel gewonnen­  ­14–15 die Natur … Phantasie.] Ro: Denn, wenn wir an die natur denken, so denken wir zugleich an feste gesetze, also an eine bestimmte noth­wendig­keit.­  1­ 6 Die Phantasie … willkührlich] Ro: Dem geist aber überhaupt scheint die willkuhr zuzukommen welche sich aller wissenschaftlichen Betrachtung entzieht. Das sind natürliche reflexionen die vorkommen wegen der unmöglichkeit der wissenschaftlichen betrach­t ung.­  1­ 6–17 der Wissenschaft­ lichen Betrachtung] Li: der Kategorie der Nothwendigkeit, die der wissenschaftlichen Betrachtung zu Grunde liegt­  ­17–18 Wenn man … betrachtet] Ro: Wenn wir uns also an die Kunst-Schönheit halten­  ­19 und wir … zurück] Ro: und so, indem wir die natur ausgeschlossen haben, so sind wir durch dies princip darauf wieder zurückgeworfen­   9  Werke] Werken­  ­18 betrachtet] betrachten­  ­35 zuzukommen] zu kommen zu

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

911

Unter dieser Nachahmung verstehn wir sie als wesentlichen Zweck, daß solche Darstelung gelingen möge. | Nehmen wir diesen Zweck auf, so verschwindet das Objektive Schöne, denn es handelt sich nicht darum, wie das beschaffen sei, was nachzuahmen, sondern daß es richtig nachzuahmen sei. Aber für die Kunst bleibt nur die Nachahmung, sodaß hiedurch das Prinzip dieser folgt, daß die Wahl der Gegenstände gleichgültig gelassen ist, und dann ist der Unterschied von häßlich und Schön auf Subjekti­ ves Urtheil zurückgeführt. Kein Kriterium für die Nachzuahmenden Gegenstän­ de ist dann vorhanden. Der Geschmack der Menschen ist unendlich verschieden. Blicken wir auf Geschmak der Nationen, so ist der Geschmack höchst mannigfach. Eine hottentottinn gefällt nicht dem Europäer. Die Götterbilder, das Erhabenste der Fantasie scheinen dem Inder schön, uns scheußlich. Stellen wir das Schöne auf partikulären Geschmack und das höchste Prinzip auf die Nachahmung, so haben wir diese nicht in der Abstrakten Form zu nehmen. Zeuxis Trauben sind stets Triumph der Kunst gewesen. Ein Affe biß einen gemalten Maikäfer aus. Aber für uns Menschen giebt es noch einen andern Geschmack als Tauben und Affen. Ein Kunststük ist es das Schlagen der Nachtigall nachzuahmen, nicht Kunstwerk.

Verschiedenheit des Geschmackes.

1–2 Unter dieser … möge.] Li: Die Nachahmung als solche soll die Befriedigung enthalten | und

3 Li

20 Täuschung der Sinne hervorbringen.  Ro: Das gelingen einer solchen darstellung muss befriedi-

25

30

35

40

gung enthalten, so dass gestalten der natur durch menschliche geschicklichkeit aus einer tauschenden Wision der Sinne dargebothen sind.­  ­3 diesen Zweck] Ro: dies princip­  ­5 daß es … sei] Li, ähnlich Ro: daß es nur richtig nachgeahmt werde, (Li: die Gegenstände Ro: Schöne thiere, menschen, und hässliche gestalten, handlungen, Character; die Sachen) mögen beschaffen sein, wie sie wollen­  ­6 Gegenstände] Ro: gegenstände und die bestimmung ob sie schön od. hässlich­  ­7–9 auf Subjektives … vorhanden.] Li: auf subjectiven Geschmack gesetzt, der sich keine Regel auferlegen läßt. Da tritt dieselbe Mannigfaltigkeit hervor, wie früher.  Ro: auf den subjectiven Sinn beschränkt, der sich selbst nicht beschränken lässt­  ­10 Der Geschmack] Ro: Da tritt nun alle die […] unbestimmtheit, manigfaltigkeit, die […] besonderheit ein, die bemerkt gemacht ist. Da müssen wir dann ausdrückliche(?) Dispositionen machen, die die Wahl der zu nachahmenden Sachen bestimmen sollten da der geschmack­  ­11–12 Eine hottentottinn … Europäer.] Ro: so dass eine Europäische Schönheit nicht einem chinesischen Betrachter zukommt­  ­12 der Fantasie] Ro: der Kunst­  ­13 scheußlich] Ro: abscheulich […]; eben so die Musik u. andere Künsten­  ­13–15 Stellen wir … nehmen.] Ro: Wenn wir es bei diesem Gesichtspunkt lassen wollen, und also glauben dass wir ein princip haben, und nur ein princip das von grösser autorität scheint; so scheint, dass wir es in einem abstracten Begriff zu suchen haben.­  ­15–16 Zeuxis Trauben … gewesen.] Li: Die Weintrauben des Zeuxis von Tauben angepickt  Ro: Ein beispiel davon sind trauben von wein welche so gut nachgeahmt waren dass die tauben sich daran getäuscht haben.­  ­16–17 Aber für … Affen.] Li: Allein beim Menschen erfordert es mehr, als eine Täuschung der Tauben und Affen.­  1­ 7–18 Ein Kunststük … Kunstwerk.] Li: Man hat einen Menschen bald satt, wenn er ganz gut den Schlag der Nachtigall nachahmt, es ist Kunststück, nicht Kunstwerk, von Menschen erwartet man mehr, eine andere Musik. 35  das] dass

2Hn

Mangel an einem Kriterium alsdann.

912

Wissenschaft und Kunst.

27/10Hn Verhältniß der Kunst zur Moral

128r Ro 4 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Sehen wir uns in andern Künsten um, finden wir den Typus von der Natur nicht genommen in der Architektur, die doch auch Werke der Kunst sind, oder in der Poesie finden wir nicht Nachahmung der Natur, und das Prinzip der Nachahmung muß sehr herabgestimmt werden von Wahrheit zur Wahrscheinlichkeit. Das Verhältniß der Natur und Kunst ist auf weiter bestimmte Weise als jene abstrakte zu fassen, daß Natur von Kunst nachzuahmen ist Wenn das Wißenschaftliche prätensiös scheint, die Kunst zu recensirn, so konnte die Kunst nicht werth auch sein von Wissenschaft behandelt zu sein. Mischt sich die Kunst mit ihren gefälligen Formen ein, so ist, wenn ihre Formen auch nur gefällig sind, wenn auch nicht schädlich, doch Überfluß fürs Leben diese Kunst, als Etwas Spielendes das gar nachtheilig für den Zweck sein könne. Die schönen Künste mußten nun in Schutz von einigen genommen werden in Rüksicht ihres Verhältnißes zur Moral. Viel ward darüber geschrieben. die schönen Künste, zeigt sich, sind nicht schädlich, und mehr Vortheile sind durch sie gewährt worden als Nachtheile. Die Kunst ist Vermittelerin zwischen Sinnlichem und Gedanken zwischen Neigung und Pflicht; beide Elemente sucht sie zu versöhnen, die mit einander in Streit gerathen können. Die Würde der Pflicht und des substanziellen Zweckes stellt sich entgegen als moralische bestimmung durch das hinzutreten der Kunst. Vielmehr lasse sich die Kunst nicht so vermischen. Sie verlangt in bezug auf Subjektives dieselbe Reinheit als sie selber ist. Das Schöne und Kunst erscheint als Zufälliges und Spielendes, sie wird als Mittel dargestellt, das diene der Moral. Aber die Kunst kann ebenso der Verdorbenheit dienen, und ist zweideutig. | 1 –2 Sehen wir … sind] Ro:| Die mahlerei stellt uns gegenstände dar die der natur ähnliches sind: dagegen die architektur die ist gar keine schöne Kunst­  ­3 Nachahmung] Li: directe Nachahmungen­  ­5 –6 Das Verhältniß … ist] Li: Phantastische | Gedichte sind poetische, obgleich darin nichts naturmäßiges liegt.­  ­7–8 Wenn das … sein.] Ro: Wenn wir also die beschaffenheit der gegenstände für eine wissenschaftliche betrachtung von der Seite lassen, so bildet sich noch die schwierigkeit von einer anderen Seite, nehmlich von der wissenschaft selbst. Denn Man kann leicht auf die vorstellung kommen, dass die interesse der wissenschaft von solcher art, dass (1) das Schöne nicht der wissenschaft fähig sei (2) über der Zeile: die wissenschaft des Schönen sich zu demselben nicht eigne­  ­9 –11 Mischt sich … könne.] Li: Das Schöne und die Kunst zeigt sich wie ein freundlicher Genius, der durch alle Werke durchgehet allenthalben sich schmückend darstellt, die Müßigkeit beschäftigt und immer besser ist immer als das Böse selbst. Die Kunst gehört mehr der Nachlassung des Geistes, sie erscheint als Ueberfluß der wesentlichen Interessen und Beschäftigungen, sie erscheint als das umherspielendes, das entbehrt werden kann, wenn es auch nicht nachtheilig wird.­  ­14–15 nicht schädlich, … Nachtheile] Li: mehr gutwirkend als nachtheilig­  ­15–16 zwischen Sinnlichem … Pflicht] Li: zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft, zwischen dem Herzen und der Pflicht  Ro: zwischen den Sinnen und der vernunft, zwischen muße und der strenge der pflicht.­  ­19–20 Sie verlangt … ist.] Li: die Pflicht fodert in dem Subjecte dieselbe Reinheit als das moralische für sich selbst rein und einfach ist­  ­21 als Zufälliges und Spielendes] Ro: zufälliges, äusseres Li: als unwesentliches­  ­22 der Verdorbenheit] Li: der Verdorbenheit, der Frivolitaet

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

20

25

913

Wenn auch die Kunst ernstern Zwecken dient, so beruht sie auf Täuschung. Schön kommt her vom Schein, und der Zusammenhang des Scheins und Schönen zeigt genug; aber die wahrhaften Zweke müssen nicht durch Täuschung erreicht werden. Es ist ein Mittel nicht der Würde des Zweckes angemessen. das sind die hauptmomente unsrer Betrachtung in allgemeiner Bildung. Geschrieben haben die Franzosen viel darüber. Zum Theil sind wahre Thatsachen darinn enthalten, zum Theil auch nur Raisonnement aus der Thatsache gezogen, als wenn der allgemeine Schönheitstrieb eingepflanzt ist, ein Partikuläres, wodurch die Bekämpfung der allgemeinen Gesetze der Schönheit vorbereitet wird. Das Genie entziehe sich den Regeln. Die Kunst verbindet sich dem Luxus und Verdorbenheit folgt. Alter­ thümliche Sitten lassen nach. Aber die Kunst hilft dabei, und deßhalb die Kunst auf moralische Zwecke zurükgeführt ist, und die Kunst bestimmt. Die Kategorie der Trennung und Verschiedenheit ist zu berücksichtigen, daß einmal Kunst und Schönes auf der einen und Wissenschaft auf der andern Seite stehn, und daß die Wissenschaft an dem Konkreten der Kunst sich bemüht, und wenn sie sich dem Gedanken des Schönen ergiebt, Gedanken über Schönes hervorkommen, dem Konkreten gegenüber; Etwas abstraktes allgemeines ist, was das Kunstwerk nicht trifft. Dieser Unterschied kommt uns näher darin, daß man zweierlei Weisen des Studiums der Kunst hervorgehoben 1) Über Kunstgeschichte und Kunstgelehrsamkeit über vorhandene Kunstwerke woraus Theorien abgeleitet wer­ den, die allgemeine Gesichtspunkte und Beurtheilungen der Kunstwerke geben, 2) eine ganz theoretische Reflexion über Schönes abstrahirt vom Vorhandnen. Diese zwei Weisen beruhn auf dem Unterschied und diese wollen wir näher betrachten. Die Erste Weise ist die, die vom einzelnen Kunstwerk ausgeht, Empirisches zum Anfang hat für den, der Kunstgelehrter werden will. Wie es ja in unsern Zeiten

1  Wenn auch … Täuschung.] Ro: Dies scheint in allen Fällen die nachtheilige Seite zu sein; dass sie eine Solche ist die auf täuschen beruht.­  ­ 3–4 erreicht werden] Li: befördert werden. Das wahrhafte kann nur durch das Wahrhafte erzeugt werden.­  ­5 unsrer Betrachtung … Bildung] Ro: die 30 für gewöhnlich andere gesichtspuncte zunächst ausschliessen­  ­5–12 Geschrieben haben … bestimmt.] Ro: Viele werke, besonders französische, sind darüber geschrieben. Aus den allgemeinen thatsachen des mannigfaltigen Schönen in allen Zeiten, und bei allen völkern schliesst man auf den trieb der menschen nach dem schönen. Man kann sagen dass die Kunst den menschen verderbt weil man sie immer in den verdorbenen Zeiten meistens gebildet findet. Das sind also die äusseren be35 trachtungen die zunächst sich darbieten.­  ­7–8 der allgemeine Schönheitstrieb] Li: irgend ein allgemeiner Schönheitstrieb­  ­13 Verschiedenheit ist zu berücksichtigen] Li: Verschiedenheit überhaupt von Kunst und Wissenschaft folgt aus dem Vorhergehenden­  ­20 Kunstgelehrsamkeit über vorhandene Kunstwerke] Li: Betrachtungen über gegebene Kunstwerke.  Ro: 2tens Betrachtungen über die vorhandenen Künste­  ­22 abstrahirt vom Vorhandnen] Li: abstracte Metaphysik über das ­Schöne  40 Ro: an und für sich­  ­25 Die Erste] Ro: Diess führt uns auf eine ganz allgemeine ansicht des historischen ganzen der Kunst-betrachtung. Die 1ste

3Hn Kunst als dem Zweck der Moral dienend. 5Li

Französische Ansichten über die Kunst als Mittel zur Moral.

128vRo Trennung der Kunst und Wissenschaft.

1) Kunstgeschichte und Kunstgelehrsam­ keit. 2) theoretische Reflexion.

914 Erfordernisse zum Kunstgelehrten

a, Kenntniß der Kunstwerke.

der speciellen Geschichte.

Phantasie und Gedächtniß. b, Urtheil

Bildung von Theorien

4Hn Literatur der Theorien

6 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Bedürfniß geworden ist, allgemein Etwas von Kunstgelehrsamkeit zu haben. Die kommt nicht zum Denken; wenn diese Kenntniß von dem Vorhandenen wirklich da ist, verlangt sie umfassende bekanntschaft mit den Kunstwerken der Alten und Neuen Zeit, theils der Untergegangenen, theils der Entfernten Kunstwerke bekanntschaft durch Schriften kennen lernen. Vieles sehr Viel muß er gesehn haben, und das sinnliche Element ist die unmittelbare Anschauung. Was ein Kunstgelehr­ ter gesehen haben muß, dehnt sich nun weit aus. Dies ist eine weitläufige Kenntniß an sich. Jedes Kunstwerk hat besondre Eigenthümlichkeiten es gehört einem gewissen Volke, hat gewisse Zwecke und Bestimmungen, ohne von der Zeit unabhängig zu sein überhaupt historisch sein. Also eine spezielle Kenntniß der Geschichte gehört nun hinzu. Diese Gelehrsamkeit bedarf des Gedächtnisses, festen Einbildungskraft, um die Gebilde nach ihren Zügen fest zu halten, und solche Bilder, die er in sich trägt, mit andern zu vergleichen. Aus dieser ersten Grundlage, die geschichtlich ist, geht man weiter; man kommt zum Urtheil über Kunstwerke wo verschiedene Gesichts­ punkte hervorgehoben, zusammengestellt werden, und allgemeine Sätze gegeben, die Kriterien sind, und allgemein sind, woraus die Theorie der Kunst hervor geht. Eine solche Theorie, die das Allgemeine zum Gesichtspunkt hat, ist schon früh ge­ bildet worden. Eine Literatur der Ästhetik ist nicht nothwendig. Doch ist bekannt, daß Aristoteles eine Theorie des Trauerspiels geschrieben dann Longin über das Erhabene, eine Schrift die gekannt werden muß. | Des horaz de arte poetica brief gehört hieher. Für Reden gab es dergleichen Theorien, wie Rezepte, die noch ungewisser sind als die medicinischen. Der Geschmack sollte jedoch gebildet wer­ den, die verschiedenen Seiten eines Kunstwerks zu zeigen, und auf Schönes aufmerksam zu machen. In unserer Zeit ist Home’s von Garve, übersetzt von Neinhard, Battheux von Ramler übersetzt, ein viel gelesnes zu seiner Zeit, En-

5

10

15

20

25

 –2 Die kommt … Denken] Li: Darin greifen viele Dinge hinein.­  ­ 3–5 Kunstwerken der … ha1 ben] Li: Kunstwerken die existieren, untergegangen sind, zerstört übrig geblieben, vieles muß man selbst gesehen haben­  ­7–8 Dies ist … sich.] Li: Malerei, Architectur, Struktur, Bildhauerkunst, | Münzen, Gemmen, Kupferstiche, Holzschnitte cet.­  ­8–11 Jedes Kunstwerk … hinzu.] Ro: Dazu 30 kommen noch viele nebenforderungen. Ausserdem hat jedes Kunstwerk seine besondere Zeit. Es gehört zu jedem Volke; jeder Umgebung. Die Kunstgelehrsamkeit erfordert daher historische und zwar sehr specielle historische Kenntnisse:­  ­8–10 es gehört … sein] Li: hat seine besondre Zeit, sein eigenes Volk, seine eigene Umgebung. Es enthält an ihm selbst historische Seiten.­  ­12–13 die Gebilde] Li: das Gesehene  Ro: die bilder­  ­17 hervor geht] Li: hervor, wo von dem Vorhande- 35 nen abstrahirt wird­  ­20  daß Aristoteles … geschrieben] Li: Aristoteles hat Theorien der Kunst schon aufgestellt in seiner Poetik.­   ­20–21 über das Erhabene] Li: περι υψους (erhabene)­  ­21–22 Des horaz … hieher.] Ro: Einen ähnlichen Zweck hat dann der bekannte Brief des Horaz an die Pisonen, und dieser Brief kann einen allgemeinen Begriff geben wie die Römer über diesen gegenstand.­  ­26 übersetzt] Ro: übersetzt und mit beispielen bereichert­  ­ein 40 viel … Zeit] Li: Einleitung in die schöne Wissenschaft. 26  Neinhard lies Meinhard

einleitung

5

10

15

20

915

gel, Eberhard folgten, und schrieben Theorien; aber die bemerkung dafür war abstrahirt vom beschränkten Kreis des Kunstwerks. Solche Bestimmungen sind oft trivial, denn in dem Allgemeinen führen sie nicht zu speziellen Zwecken, wie im horaz Brief, wo Allgemeines recht gut gesagt ist, aber nichts für Spezielles. bei dieser Theorie war auch die Prätension, daß dieses Regeln sein sollen, die der Künstler vor Augen haben soll, um sich nach ihnen zu richten, was doch unge­schikt ist, da der Künstler reine konkrete bilder vor sich hat, nicht kahle Bestimmungen; und wenn solche Bestimmungen Etwas Praktisches enthalten, so haben sie doch nicht äußerliche Umstände an sich. Diese Ausdehnung der Vorschriften ist in deutschland gewaltsam verworfen worden, vornehmlich dadurch, daß lebendige Poesie aufstand, und das Recht und Wärme des Genies geltend gemacht wurden gegen jene leere Anmaßung der breiten Wasserströme von Theorie Der Gegensatz von Genie und Geschmack wurde damals festgesetzt. Das Genie war als freies Producirn bestimmt, das nicht gebunden ist, dagegen der Ge­ schmack gebunden und gefesselt ist durch Regeln. Aber der mittelmäßige hielt sich auch für berechtigt, ohne auf Regeln Rücksicht zu nehmen, nur seinen Ge­ schmack zu producirn. Jedoch für andre moderne Nationen wurde die eine schöne freie, tiefe Poesie nachher erst mit Liebe und Achtung gefaßt. Solche Werke wie Shakspeare, die früher von schlechtem Geschmack galten, wurden als fehlerhaft früher betrachtet, damals anerkannt und gewürdigt. Dadurch ward die romantische Kunst anerkannt, und die Gattungen der Kunst vermehrt; der be­ griff des Schönen mußte tiefer aufgefaßt werden, und der denkende Geist mußte tiefer in Philosophie erkennen, als er bedürfniß hatte, das Wesen der Kunst gründlicher zu erfassen. Jene alte Weise zu kritisirn, und Theorien zu liefern änderte

Fehler der Theorien 129rRo

Sieg lebendiger Poesie über Theorien.

den 28/10Hn Genie und Geschmack in TheorienZeit unterschieden.

Romantische Kunst.

25 1 Theorien] Li: Theorien der schönen Künste  Ro: Diese Theorien enthalten im einzelnen ach-

tungswerthe Aufsätze­  ­2 abstrahirt] Li: gewöhnlich abstrahirt­  ­2–3 sind oft trivial] Li:| geben 7Li nur formelle trivialle Anmerkungen  Ro: mehrmahl sehr oberflächliche reflexionen­  ­ 3–4 im horaz Brief ] Ro: So Z. B. Der Brief von Horaz: omne tulit punctum; brevis esse laboro obscurus fio. – versate diu quid ferre recusent, quid valeant humeri.­  ­4 aber nichts für Spezielles] Ro: aber 30 die in concreten Fallen zu nichts dienen können­  ­7 da der … Bestimmungen] Li: Der Künstler muß bei seinem produciren ganz anderen concreten Inhalt vor sich haben, nicht solche abstracte kahle Bestimmungen­  ­ 8–9 wenn solche … sich] Li: diese treffen höchstens die äußerlichen Umstände­  ­10–11 lebendige Poesie] LiRo: wahrhafte lebendige Poesie­  ­12 von Theorie] Li: der Theorien. Es erhob sich eine ganz andere Forderung­   ­13 festgesetzt] Li: sehr besprochen­  ­ 7–18 Jedoch für … gefaßt.] Li, ähnlich Ro: daraus entstand die Empfänglichkeit (Li: auch Werke 35 1 von anderen Fremden auch entfernten Nationen zu genießen Ro: für gedichte von anderen modernen und fremden nationen; auch für die Indische welche so anfing anerkannt zu sein)­  ­19–20 wie Shakspeare, … gewürdigt] Ro: haben zwar eine fremdartige Seite; aber diese Seite ist auf den geist gerichtet; war der vortheil die Erkenntnisse über den geschmack zu erweitern­  ­21 und die … 40 vermehrt] Li: Nur klassische Kunst galt bisher. 7  reine] reinen

916 Kunstgelehrsamkeit in jener Zeit.

Göthe als Kunst­ gelehrter 8Li

Fehler, vor denen sich die Kunstgelehrsamkeit hüten muß.

5Hn

Abstrakte Reflexion in der Kunst. Wie man auf sie kam.

129vRo

nachschrift heimann  · 1828/29

sich. Die alte Kunstgelehrsamkeit blieb in ihrem Werthe. Ihr Gesichtskreis, die Kunstgeschichte ist durch den Fortschritt der geistigen Empfänglichkeit erweitert worden. Die individuellen Kunstwerke ästhetisch zu würdigen, und äußerliche Umstände dieser Kunstwerke nach der technischen Seite zu erkennen, gehörte zur Kunstgeschichte und Kunstgelehrsamkeit. Göthe z. B. hat über Kunstgelehrsamkeit mit feinem Sinn und Tiefe geschrieben und so daß er die bedeutung der Kunstwerke und die beziehung auf den Sinn klar machte. Das historische kannte er zwar auch, aber nicht in seinem ganzen Wesen ließ er sich mit ihm ein. Die eigentliche Theorie ist nicht ihr Zweck. häufig kommt man auf abstrakte Kategorien und Prinzipe, ohne es selbst zu wollen. Aber man muß sich nicht dabei auf halten; den konkreten Gegenstand muß man mehr vor Augen haben. Diese Art der betrachtung enthält Philosophie und belege zu derselben. Die Philosophie hat es zwar mit Abstraktio­ nen | zu thun, aber sie ist gehaltvoll, konkret, und entspricht demnach dem Wirklichen im Inhalte. Was die Erkenntniß des Kunstwerks betrifft, so lassen wir uns in Philosophie der Kunst nicht darauf ein, nur in so fern der begriff es nothwendig fordert. hier ist das Partikuläre, Vorhandene, Grundlage in der Kunstgeschichte das seinen Beweis im Empirischen hat, woraus die Theorien folgen. Dieser Seite entge­ gengesetzt ist die Abstrakte Reflexion über das Schöne. Die Idee des Schönen durch sich selbst zu erkennen suchen, ist der Inhalt jener Reflexion. Die betrachtung daß die Gegenstände nicht in ihrer besonderheit aufzunehmen, sondern in ihrer Allgemeinheit und Gattung, in ihrer Idee zu fassen sind, hat darauf geführt. Nicht schöne Menschen und Gute, sondern die Gattung des Schönen und Wahren und Guten ist dann aufzufassen. Wenn die Idee zu erkennen ist, so geschieht das durch den denkenden Begriff. Alsdann giebt die logische Natur der Ideen über-

5

10

15

20

25

13 Philosophie und … derselben] Ro: dann auch für die Philosophie der Kunst die Bedingung und die Bestätigung­  ­13–15 Die Philosophie … Inhalte.] Li: Es ist Vorurtheil von der Philosophie, als wenn sie nur mit dem abstracten zu thun habe. Der philosophische Begriff muß gehaltvoll, concret in sich sein, dem abstracten Begriff muß die concrete Wirklichkeit vollkommen entsprechen.­  30 ­15 Was die … betrifft] Ro: Es muss gesagt werden dass nichts so wichtig und so wahrhafter, als die Philosophische idee. was nun dann aber das besondre betrifft­  ­18 Vorhandene] Ro: i n d i v i d u e l l e­  1­ 9  woraus die Theorien folgen] Li: darauf soll der Begriff gegründet sein­  ­19–20 Dieser Seite … Schöne.] Li: Abstracte Reflexion über das Schöne und Kunst, die das Schöne für sich zu ergründen sucht, hat Plato zuerst eingeführt.­  ­21–23 Die betrachtung … geführt.] Ro: Wenn wir von dieser 35 Seite sprechen, so muss uns vornehmlich Plato einfallen der diese betrachtungen eingeführt, dass das concrete Schöne in seiner allgemeinheit anerkannt werden soll­  ­24 Gute] Ro: gute werke­  ­24–25 die Gattung … aufzufassen] Li: Das Gute selbst ist das Wahrhafte, das Substantielle.­  ­25 Wenn die … ist] Ro: wenn das Schöne an und für sich anerkannt werden soll 1  ihrem] seinem

40

einleitung

5

10

15

20

917

haupt und des Schönen besonders die Aufnahme. diese betrachtung der Idee ist die höchste betrachtung zugleich, kann aber auch abstrakte Metaphysik werden. Wenn Plato Führer ist, so finden wir daß Platos Abstraktion nicht genügt der Logischen Idee, die tiefer und konkret zu fassen ist. Das Inhaltlose der platonischen Idee befriedigt nicht mehr die Fülle unseres Geistes. Die Liebe, amor, sei die Quelle des Schönen sagt er, und das spricht die Phantasie an; aber dergleichen Formen genügen nicht für fruchtbare Idee. Wir werden also nicht an abstrakte plato­ nische Ideen uns halten. Dieses sind die beiden Gegensätze die Auffassung des Partikulären und die Auffassung der Abstrakten Idee von dem Schönen. Der eigentlich philosophische begriff muß die Mitte sein, beide ohne ihre Einseitigkeit vereinigen, mit bestimtheit die metaphysische Idee verbinden, wird fruchtbar für sich selbst sein. Die Richtungs­ los­igkeit des Empirischen wird wegfallen. Die Nothwendigkeit des Fortganges geht ihr nämlich ab ebenso wie der metaphysischen Abstraktion. Der Konkrete begriff führt allein auf wahre Prinzipien. Nachdem wir den begriff festgesetzt, gehen wir zur Eintheilung und zum Plan des Ganzen, der aus dem Begriffe hervorgehen muß in philosophischer Wissen­ schaft, und nicht von außen zu nehmen ist. Woher soll der begriff des Schönen genommen werden? Ein Anfang ist, den begriff des Schönen zu bestimmen, aber nur Annahme und Versicherung, ein Unmittelbares also, was aber doch erst in Philo­ sophie zu beweisen ist als Nothwendiges. Der Anfang also ist Annahme, und dennoch fordert es die Philosophie – diese Schwierigkeit ist zu heben. – Jede Wissen­ schaft hat ihren Gegenstand. Daß solcher Gegenstand i s t , ist zuerst zu betrachten, 2  betrachtung] Li: Betrachtung des Schönen­  ­ 4–5 Das Inhaltlose … Idee] Li: Platos leere in-

25 haltslose Idee­  ­5 die Fülle] Ro: die reifenden bedürfnisse­  ­ 5–6 Die Liebe, … an] Ro: Dazu war

er Veranlasst durch die darstellung des a m o r , ερος , das Schöne; auch spricht er das der einbildungs-kraft zu­  ­7–8 Wir werden … halten.] Li: Wir müssen auch in der Philosophie des Schönen vom allgemeinen Begriff des Schönen ausgehen, aber wir werden nicht dabei stehen bleiben­  ­10 Abstrakten Idee] Li: formellen Metaphysik­  ­Der eigentlich philosophische begriff ] 30 Ro: Die reine Philosophische idee­  ­11 die Mitte] Li: die Mitte der beiden Extreme­  ­11–12 die metaphysische Idee] Li: die Allgemeinheit­  ­12 wird fruchtbar … sein] Ro: nur so kann der begriff wahr seyn, und so ist er fruchtbar, an sich selbst fruchtbar wie der concrete­  ­12–14 Die Richtungslosigkeit … Abstraktion.] Li: Das blos empirische Verhalten führt zur Richtungslosigkeit, der Allgemeinheit mangelt es an Fruchtbarkeit.­  ­16 Nachdem wir] Ro: Zuerst ist der Begriff des 35 schönen selbst zu bestimmen als gegenstand unserer Wissenschaft. Wenn wir­  ­und zum Plan] Ro: die übersicht und plan­  ­17 dem Begriffe hervorgehen] Ro: dem princip selbst hervorgehen, aus diesem fruchtbaren princip hervorgebracht werden. Die gattungen und arten müssen auf eine besondere weise herausgenommen werden­  ­18 der begriff ] Li: der philosophische Begriff­  ­20 Annahme] LiRo: Voraussetzung­  ­22 diese Schwierigkeit … heben] Li: Die Schwierigkeit hier be40 trifft das formelle.  Ro: Uber diese Schwierigkeit haben wir uns zunächst zu verständigen; und den begriff des formellen zu erklären.­  ­23 Gegenstand] Ro: besonderen Gegenstand, und da kommen 2 Sachen in betracht 5M InhaltsLosigkeit] Losigkeit

Idee und abstrakte Metaphysik.

9Li InhaltsLosigkeit der platonischen Ideen.

Plan zur Eintheilung dieser Wissenschaft.

Begriff der Schönheit kann nur angenommen werden.

918

130rRo 10Li 6Hn Ob der Gegenstand ist.

Der Inhalt der Kunst gehört nicht der Ästhe­ tik an, man hat den begriff lemmatisch zu nehmen, indem das Schöne ein Resultat von einem Vorher­ gegangnen ist. den 29/10Hn

nachschrift heimann  · 1828/29

dann, wie soll er beschaffen sein, dh. was er ist, τὸ τί εἶναι. Was das Erste betrifft, so pflegt man bei nicht philosophischen Wissenschaften keine Schwierigkeit zu erheben, wie in der Mathematik, wo nicht gezweifelt wird, ob ein Dreieck da ist, ebenso in Physik. Doch giebt es Wissenschaften wie Psychologie, wo man nicht weiß, ob es ein Subjektives von der Materie Verschiedenes giebt. | Ebenso bei allen Wissenschaften die sich mit Wollen und Empfindung beschaftigen. Dann auch in Theologie, wo Gott Gegenstand ist, ob Gott ist, mußte bewiesen werden. Daß Gott ist, glaubt man; aber die denkende Reflexion hat auch ihre Rechte. – In jenen Wissenschaften wird der allgemeine Gegenstand wie der erste nicht bewiesen, sondern gewiesen. Ist der Gegenstand subjektiver Art, nur im Geist vorzustellen, so ist zugleich durch die Geistesthätigkeit hervorzubringen dieser Gegenstand. Gott wird nur im Geiste erkannt. Reflexion tritt dann ein. Denn weil sie in uns sind, diese Gegenstände, ist noch nicht gewiß, ob sie sind, ob nicht die Ansicht uns allein eigen, und nicht allen, und ob die subjektive Ansicht die wahre sei. Die Schönheit ebenso muß bewiesen werden, ob sie da ist, und nicht bloß subjektive Vorstelung ist. Soll die Nothwendigkeit des Seins der Schönheit gezeigt werden – so muß man zeigen, daß sie ein Resultat vom Vorhergehenden ist, und daß nur von Wissenschaft der Kunst dann zu handeln ist, braucht nicht gesagt zu werden. Der Inhalt der Kunst gehört einer andern Wissenschaft an. Insofern fangen wir mit Voraussetzung an, die außerhalb unserer betrachtung liegt. Lemmatisch nehmen wir den begriff auf. Das ist der Fall aller besonderen Wissenschaften der Philosophie. Diese 1 εἶναι] Li: ειναι (Arist.)­  ­2 nicht philosophischen] Li: mehr empirischen­  ­ 3–4 ob ein … Physik] Ro: ob es einen r a u m , ob es eine S o n n e u. s. f. gibt. Darüber kommen keine Zweifel vor.­  ­5 ein Subjektives … Verschiedenes] Li: ein Substanzielles von der Materie verschiedenes für sich existirendes  Ro: einen g e i s t , eine S e e l e , ein selbstständiges, von dem materiellen unabhängiges, eine ψυχη­  ­12–15 Reflexion tritt … ist] Ro: Da tritt nun die reflexion ein, dass menschen vorstellungen in sich haben produciren auch, die so keine wirklichkeit haben, und dann sagen wir dass si nicht darum schon sind. So haben wir zu suchen, ob das eine positive, ob dieser begriff des Schönen welchen wir in uns haben einem reellen wesentlichen Schönen entspricht­  ­12–14 Denn weil … sei.] Li: Das, wovon wir uns selbst bewußt sind, kann sehr täuschend sein wenn die Sonne selbst täuscht; blos subjective Vorstellung ist nicht hinreichend, so wie die allgemeine Annahme.­  1­ 6–17 Soll die … ist] Ro: Dazu reicht die allgemeine Sicherheit nicht, und die nothwendigkeit des schönen muss beweist werden. Wenn nun also in unserem gegenstand dies gezeigt seyn soll, diess ist nichts anderes als zu zeigen, dass die Schönheit der Kunst ein resultat, von vorhergehenden begriffen, welche wir vorher bewiesen haben, und womit wir uns hier nicht beschäftigen können.­  1­ 8–19 Der Inhalt … an.] Li: das Vorhergegangene ist Gegenstand einer anderen Wissenschaft­  ­20 den begriff ] Ro: die idee des Schönen­  ­21–919,4 Diese Universalität, … höheres.] Ro: ein organismus der sich aus sich entwickelt, und sich mit seiner Entwickelung selbst zusammen schliesst; und in seiner ausdehnung immer wieder zum gleichen Kreis hinführt, der nur ein punct in dem ganzen ist: Nothwendiger Zusammenhang, aber fruchtbar in sich selbst, und der ein höheres Ziel einen tieferen grund erzeigt­  ­21–919,2 Diese Universalität, … zurück.] Li: Nur die Weltwissenschaft die Philosophie selbst entwickelt sich aus sich selbst und bildet einen Kreis der Nothwendigkeit.

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

20

25

919

Universalität, die aus sich alles entwikelt, und sich mit sich zusammenschließt, führt nur zu sich zurück. Ein besonderes Glied ist dieses darin, aber ein Ganzes für sich, das nur ein Punkt im Kreis des Ganzen ist, und ein Vorhergehndes und Vorwärts hat. der nothwendige Zusammenhang erzeugt ein höheres. Die Idee des Schönen zu beweisen, mußte man das Vorhergehende abhandeln, aber das Moment ihrer Erzeugung soll angedeutet werden, so wie auch, wohin sie sich forttreibt. Es giebt noch einen andern Weg, den der nicht philosophischen Wissenschaft wo man sich an Vorstelung hält, und sagt, man weiß vom Schönen, es ist, man hat es in sich und die Vorstelung aufgenommen wird untersucht. Man sucht die Definition, und sieht, welche Vorstelungen vom Schönen in uns sich finden. Schönes ist einfache Vorstelung. Wir können das bewußtsein haben, daß das Schöne nicht so einfach ist, sondern die nähern bestimmungen hat, und diese weitern bestimmungen untersuchen wir. dieses Verfahren ist unsicher, weil die Vorstelung daher subjektiv ist weil unter den verschiedenen bestimmungen die wesentliche unbestimmt ist. Die verschiedenen Definitionen zu kritisiren gehört nun zur Wissenschaft. Vollständig historisch thun wir es nicht, nur wollen wir uns mit den Elementen be­ kannt machen, wodurch wir die Vorstelung des Schönen bestimmen können. Nur einige sind interessant, und nur die aus der Wolfschen Schule hervorgegangenen sollen erwähnt werden, wo gezeigt ist, was gefällt etc. In Ansehung Plato’s haben wir schon gesehen daß nichts Tieferes sich vorfindet. Die bestimmung des Schönen von Göthe und Meier, und hirt soll berücksichtigt werden, auf die die bestimmungen der Wolfschen Schule übergegangen sind. Was die bestimmungen von hirt betrifft, so hat er in den horen 97, 7 h. einen Aufsatz über das Kunstschöne, wo er vom Schönen in verschiedenen Künsten spricht, und das Allgemeine zusammenfaßt, und die basis zur Kunstschönheit die Karakteristik giebt. Wie ist nun uns damit gedient? Eine fruchtbare bestimmung ist uns

4­ –7 Die Idee … forttreibt.] Li: Es ist aber eben so fruchtbar in sich selbst, und bildet ein kleineres Ganze.­  ­12–14 Wir können … wir.] Li: doch ist es concret in sich, und man zerlegt das einfach 30 geschienene­  ­14–15 weil die … ist] Li: weil die Vorstellung des Schönen nicht dieselbe bei Allen ist, und das Criterium des Wesentlichen fehlt­  ­17–18 mit den … können] Li: mit den Elementen des Schönen bekannt zu machen, die wir auch im Begriffe des Schönen anerkennen werden  Ro: die vornehmlich herrschenden­  ­19–20 nur die … werden] Li: Baumgarten, Eberhardt, Mendelssohn, Engel cet aus Wolfischer Schule stellten Categorien auf, die mehr trivial sind.­  ­22–23 auf 35 die … sind] Li: die in der concreten Anschauung stehen­  ­25 über das Kunstschöne] Ro: Ve r s u c h ü b e r d i e K u n s t d e s S c h ö n e n   ­ ­ 2 6 – 2 7   und die … giebt] Li: | daß die Basis des Kunstschönen Caracteristik ist 1  Universalität] Universitalit

11Li

Ein andrer Weg den begriff zu erklären

Wie unsicher dieser ist.

hirt’s Erklärung des Schönen Karakteristik

12 Li

920 130vRo Was in dieser bestimung liegt

7Hn

Anwendung dieser Erklärung auf das Drama

Meiers Ansicht hierüber.

Sie fasse das Karrikaturmäßige in sich.

13 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

gegeben; jene bestimmte Individualität wodurch Formen, Ausdruck, Lokalfarbe, Licht und Schatten sich unterscheiden, wie der vorgelegte Gegenstand es verlangt, sagt er. Das ist interessant, weil hirt es gesehn und Scharfsinn und Urtheil hat. Das Wesen des Schönen ist der Zweck der Kunst. Enthalten ist im Karakteristi­ schen ein Inhalt, der als geschichtliche Begebenheit oder individueller Charakter enthalten sein kann und wie ein solcher darzustelen ist. | Darauf geht die Karakteristik, daß alles besondre diene, solchen Inhalt auszusprechen, daß alles ein Glied sei in beziehung des Inhalts. Die Grundbestimung wird noch bespro­ chen werden. Dieses vorgestellt im Drama, so bringen die Menschen es hervor; gegen hindernisse kämpfen sie, sprechen und essen, alles hat keine direkte beziehung auf das Drama; alles soll daher abgeschnitten werden, was den Inhalt nicht ausdrückt, und sich nicht auf ihn bezieht. Alle Umstände sollen beziehung auf die hauptsache haben. Nichts soll bedeutungslos sein in bezug auf Inhalt. Meier in seiner Geschichte der bildenden Künste in Griechenland sagt diese Meinung sei spurlos vorübergegangen, und diese hätte zur Karrikatur geleitet, als ob es mit solchen bestimmungen zum Leiten der Künstler zu thun wäre. bei einer Philosophie des Schönen ist es aber nicht darum zu thun, Vorschriften zu geben, sondern zu fassen, wie das Schöne zu fassen, wie es vorhanden ist. Das eigentliche der Kritik besteht darin, daß diese Ansicht das Karrikaturmäßige unter sich fasse, welches höchst bestimmt ist, jedoch hierbei, ist das Karakterisiren zum Übermaaß getrieben, wodurch ihr wesentlicher Karakter verloren geht, und denaturisirt wird. Unter Karrikatur verstehn wir auch das häßliche dargestellt; aber daß das Karakteristische auch häßlich sein kann, bezieht sich auf den Inhalt dessen, was zu karakterisiren ist, was aber nicht im Karakteristischen gesezt ist, und also nur formal ist. Meier sagt nur vom Schönen in bezug auf Griechenland, doch was er sagt, enthält die bestimmung des Schönen überhaupt. Er redet vom Schönen daß es das Ideale sei von Mengs und Winkelmann als Prinzip der Alten bestimmt sei. Der Unfug, der mit Idealen getrieben ist, soll später besprochen werden. Meier sagt, er

5

10

15

20

25

1–2 Ausdruck, Lokalfarbe … Schatten] Li: Gestalt, Schatten und Licht, hell und dunkel  Ro: gestalten farben, handlungen, gesichte­  ­4 Das Wesen … Kunst.] Li: Die Formung des Eigenthümlichen 30 ist der Endzweck der Kunst.­  ­6–7 die Karakteristik] Li: die bezeichnende Bestimmung­  ­7 auszusprechen] Ro: zu characterisiren­  ­8 beziehung] Li: Bezeichnung­  ­8–9 Die Grundbestimung … wer­ den.] Li: Es ist also die Bestimmtheit alles besonderen und der Inhalt emporzuheben.­  ­12 nicht auf ihn] Ro: nicht unmittelbar auf diesen Zweck­  ­13 bedeutungslos] Ro: müssig­  ­15 diese hätte … geleitet] Li, ähnlich Ro:| Die Theorie der Kunst als eine Verordnung würde eher die Werke der Kunst 35 zu (Li: Caricaturen Ro: caricaturmässigem), als zu bildenden Kunstwerken bilden.­  ­21 verloren geht] Ro: verdorben ist­  ­22–23 Unter Karrikatur … kann] Ro: Eben so könnte man sagen, das characterisirende finde sich auch beim hässlichen; aber das hässliche ist eine verkehrung desselben. Diese bemerkung­  ­28–921,1 Meier sagt, … an] Ro: Er sagt nun in diesem Zusammenhang: „wir verwerfen weder das gesetz des Schonen v. Baumgarten (Bierling?) und v. Winckelmann. 40 13  Inhalt] Hinhalt

einleitung

5

10

15

20

25

30

35

40

921

verwirft nicht und nimmt nicht die Mengsschen begrifserklärungen an und folgt Göthe, der sagt: der höchste Grundsatz der Alten in Kunst war das bedeutende, das höchste Resultat einer glücklichen behandlung des Schönen. Dieser Zusam­ menhang könnte als überflüssig betrachtet werden. – Im Bedeutenden liegt ein Inhalt, Sache, und Art wie sie dargestellt ist. In unsern Sinnen stellt sich jedes vor, und dann fragen wir, was es bedeute, was das Innere des Äußerlichen sei, so­ daß das Äußerliche auf eine Seele hinweist. Dieses stellt also etwas andres vor, was es nicht selbst ist. Das Symbol des Adlers stellt nicht den Adler vor, sondern noch ein Andres, Stärke vor, und das Symbol ist bedeutung. Jedes Wort hat seine Bedeutung außer seinem Laut, z. b. Wasser, der Klang kann sein aqua, υδωρ , die Bedeutung ist das wesentliche. Am Menschen ist ein Gesicht, Auge, Fleisch unmittelbare Erscheinung. die bedeutung ist die Seele, die nicht Fleisch etc. ist; d. i. das Bedeutende, und ebenso bei Kunstwerken die solche Flächen und Krüm­ mungen haben; d. i. das Unmittelbare; oder der Klang der Musik ist unmittelbar empfunden, die hat noch eine andre Seele und Inhalt, das heißt Bedeutung. Das Schöne ist das Bedeutende ist dasselbe als Karakteristisches. In dem Element finden wir also ein Innres und Äußres, das das Innre karakterisirt. Schön hangt mit Schein zusammen, sodaß das Außere das Innre durch sich scheinen läßt, und nicht durch ein anderes. – Noch eine bestimmung des Schönen ist geschichtlich interessant, die kantische. Kant hat in der Kritik der Urtheils­ kraft das Schöne behandelt, und es ist ein eigenthümliches Verhältniß zum kanti­ schen Prinzip, welches diese bestimmung des Schönen hat. |

Göthe’s Ansicht – Bedeutsamkeit

Was das heißt?

Bedeutsamkeit und Karakteristik ist dasselbe.

4–7 liegt ein … hinweist] Li: haben wir auch zweierlei. 1) einen Inhalt überhaupt | wie er darge- 14 Li stellt ist (Li: Farben Gestalten cet 2) fragen wir was ist die Bedeutung davon. Wir nehmen an hinter dem Aeußerlichen sei ein Inneres, dies ist die Bedeutung, es deutet auf die Seele, auf die Begeistung. Ro: die unmittelbar sich presentirt. Es ist aber im Schönen ein äusseres und ein inneres enthalten; und das innere praesentirt sich nicht immer unmittelbar; so die Symbolen die etwas an und für sich bedeuten, und noch eine innere bedeutung.­   ­8 was es … ist] Li: ein inneres­  ­8 –9 Das Symbol … vor] Li: wie Löwe das Symbol der Stärke ist­  ­10 aqua, υδωρ] Li: υδωρ, aqua, water, Wasser, l’eau­  ­11 Am Menschen] Ro: Das ist also 2erlei: auch im menschen­  Fleisch] Ro: fleisch, bein, u. s. f.­  ­12 die bedeutung … Seele] Ro: aber darunter ist noch eine Seele­  ­13–14 Flächen und Krümmungen] Li: Vertiefungen Erhebungen­  ­14 das Unmittelbare] Li: das Sinnliche, Unmittelbare­  ­15 die hat … Seele] Li: Dies enthält sein Belebendes, seine Seele­  ­15–16 Das Schöne … Karakteristisches.] Ro: Wenn wir nun das alles betrachten, so sehen wir dass mit dem b e d e u t e n d e n nichts anderes gesagt ist als das C h a r a c t e r i s t i s c h e so dass die definition von Meyer mit der von H i r t welche er verwirft übereinstimmt. ­  ­18 Schön hangt … zusammen] Ro: früher ist die etymologie des Schönen dadurch angezeigt worden: s c h ö n e , was s c h e i n t .­  1­ 8–19 sodaß das … anderes] Li: Ein Aeußerliches das das innere scheinen macht | (das Schöne) und 15Li das Innere scheinend in dem Aeußerlichen ist also zu unterscheiden, nur muß das zweite an dem ersten hangen nicht anderwärts vorhanden sein. 2  das] davor gestr: daß darüber: d.

922 8Hn

den 30/10Hn

Kant’s merkwürdige Verknüpfung einer allgemeinen bestimung und eines Subjektiven hieraus bildet er ein subjektives Princip des Urtheils.

16Li

Kants 4 hauptkategorien des Schönen.

131r Ro

nachschrift heimann  · 1828/29

Er spricht von einem Princip des Urtheils und sagt, es sei eine subjektive Maxime für unsere Urtheilskraft, nicht ein an sich seiendes Wirkliches, sondern eine Maxime, nach der wir beim Urtheilen verfahren, die das Objektive zum Subjektiven herabsetzt. Kant betrachtet das Natürliche und Schöne. Vom Grundsatz des Verstandes geht er aus. Eine allgemeine bestimmung wird uns gegeben und ein Subjektives, das zu beurtheilen. Seine Eigenschaften werden dargelegt, und eine allgemeine bestimung folgt dann. beides verbindet das Urtheil, Natur und Kunstschönes, allgemeines und besondres, das auf eine unmittelbare Weise identisch mit dem besondern ist. Das Vermögen der Abstraktion des Allgemeinen heißt man den Verstand. Wird das Allgemeine als Regel angewendet, so macht es sich einzeln erkennbar im Unterschied vom Besondern. Einen sinnlich bestimmenden Verstand nimmt er nun an, und solchen verbindet er mit Allgemeinem. In Naturproducten entspricht das Außen von innen heraus der Seele, die für sich sich bestimmt, und materialisirt. Das Kunstschöne, sagt er, wird erweckt durch Spiel der Erkenntniß, aber befriedigt durch Kunstschönes. Der Verstand verhält sich nicht als erkennend durch allge­ meine Vorstelungen in Ansehung des besondern, sondern ohne begriff, sodaß das Allgemeine befriedigt wird. Das Kunstschöne ist ein solches, wo Einzelnes dem Begriffe widerspricht; und zufällig scheint. die Materie erscheint als freie Existenz, der allgemeinen bestimmung angemessen. Intuitiver Verstand ist enthalten darin, daß das besondere mit Allgemeinem verknüpft ist. Wir sagt er, urtheilen hiernach. Er geht das Schöne nach seinen 1–4 Er spricht … herabsetzt.] Ro: Kant beschränkt den Werth dieses princips dahin dass es bloss eine subjective maxime ist, ohne objective Wahrheit | Dieses princiip setzt er also herab zu einem Subjectiven.­  ­2 nicht ein … Wirkliches] Li: es sei eben nicht objectives, oder in Außenwelt vorhandenes­  ­5–16 Kant betrachtet … Kunstschönes.] Li: Wir urtheilen über einen Gegenstand heißt wir subsumiren diesen Gegenstand unter die allgemeine Bestimmung. Im Kunstschönen ist also Urtheilskraft so, daß hier allgemeines und besonderes ist, aber ein besonderes das auf unmittelbare und identische Weise mit dem allgemeinen identisch ist. Insofern dies allgemeine äußerlich angewendet wird, so ist dort das abstract allgemeine auf eine verschiedene Weise erkennbar. Ein intuitiver Verstand ist hier gemeint. Ein besonderes, das dem Begriffe gemein sei. Die Seele die sich selbst realisirt, bestimmt, unmittelbar materialisirt ist, so sagt er vom Kunstschönen, daß ein Spiel von Erkenntniskräften (Vorstellung Verstand) erweckt werden und befriedigt. – Ro: seine bestimmungen gelten von dem gegenstand des allgemeinen und des besonderen aus. Es ist also ein besonderes und ein allgemeines darin enthalten. Dass ein Spiel von erkenntnisskräfte durch die Kunst erweckt, darin stellt er das Schöne.­  ­18 befriedigt wird.] Li: wesentlich befriedigt sei und doch nicht für sich erscheine.   ­ ­ 18–19 Das Kunstschöne … scheint.] Ro: Das Kunst schöne ist ein solches, wo das besondere dem allgemeinen begriff entspricht und angemässen ist. Das ist also das abstracte Kantische princip.­  ­21–22 Intuitiver Verstand … hiernach.] Li: Intuitiver Verstand ist Ausdruck dafür. er denkt und schaut an, das Besondere und Allgemeine verbunden. Wir urtheilen, daß etwas angemessen sei.  Ro: Was darin enthalten ist kann so umfasst: intuitiver Verstand. Kant sagt nun dies ist eine maxime für die urtheils kraft

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

20

923

Kategorien durch, und giebt in 4 Grundkategorien die nähere bestimmung des Schönen an. 1) daß das Wohlgefallen am Schönen ohne alles Interesse, ohne Bezug auf Wille sei; das Äußerliche hat einen Werth in bezug auf unsere Bedürfnisse. der Gegenstand ist einerseits, und dann noch die bestimmung, wo das Allgemeine ist, in mir sich findet. Der Gegenstand der Nahrung ist eins außer mir, und das Subjektive, natürliche bestimmung liegt außer ihm. Das Wohlgefallen des Schönen ist so, daß die bestimmung nicht außerhalb ist, der Gegenstand ist frei, er sagt uns so, daß er in sich seine bestimmung habe, welches sehr richtig ist. Gegen den Gegen­ stand haben wir Interesse nicht. Das Wohlgefallen ist nicht, daß es unsere Bedürfnisse befriedigt. 2, das Schöne ist das, was ohne begriff ist; das Objekt eines allgemeinen Wohlge­ fallens, oder das allgemein wohlgefallen soll. Das Schöne zu genießen, gehört Bildung. Das Allgemeine zunächst ist abstrakt. Was an und für sich wahr ist, muß allgemein gelten, wie Gut und Recht, und Etwas in einer handlung ist recht, insofern sie dem begriffe den wir vom Recht haben entspricht. Wenn Kant nun sagt, es ist Gegenstand eines allgemeinen Wohlgefallens, und danach keinen begriff davon annimmt, so ist das hier ganz anders wie bei andern Gegenständen, daß wir Einzelnes Allgemeinem substituiren. Im Schönen ist also die Trennung des Ur­ theils nicht vorhanden. 3, Das Schöne hat Form der Zweckmäßigkeit; aber in so fern die Zwekmäßigkeit ohne Vorstellung des Zwecks angesehn wird. Das ist dasselbe Verhältniß wie in 2,. Der Zweck eines Products der Natur ist zweckmäßig an sich[.] So auch ein schöner

1)Das Schöne hat seine bestimmung in sich und ist z b. dem Naturproduct entgegengesetzt.

2, das Schöne gefällt, ohne daß man sich den Grund sagen kann. Entgegensetzung zb. des Rechts.

3, Eine Zweckmäßigkeit hat das Schöne; doch so daß wir nicht den Zweck berücksichtigen; entgegengesetzt zb. dem Naturproduct.

3 –7 auf Wille … ihm.] Li: auf das sinnliche Begehren, die Gegenstände zu gebrauchen und zu benut25 zen. Sie sind uns wichtig nicht ihrer selbst willen, sondern unseres Bedürfnisses willen, wir sind Zweck

das Gute in uns. Das Sinnliche hat einen Werth auf Bestimmungen solcher Bedürfnisse, der Gegenstand, das Daseiende, das ist einerseits, andererseits die Bestimmung, das Allgemeine, die Regel, die ist verschieden, | die ist in mir (daß ich die Gegenstände verzehre, dies Bedürfniß ist in mir, andere Be- 17Li stimmung ist die, die die natürlichen Dinge von sich haben.)  Ro: auf das begehrungsvermögen; dass 30 die sache schön seyn soll uns gefallen nicht um ihrer selbst willen; aber um unseres bedürfniss des guten­  ­7–8 Das Wohlgefallen …frei] Ro: Kant sagt nun das schöne ist nicht von dieser art, dass die bestimmung des gegenstandes verschieden ist von dem gegenstand selbst, und ausser dem liege­  ­10–11 Das Wohlgefallen … befriedigt.] Li: Wir sagen es gefällt uns, aber nicht in dem Sinne unserer Bedürfnisse.­  1­ 3–14 Das Schöne … Bildung.] Li: Das Schöne gefällt allgemein, (wenn nur der Geist 35 gebildet ist, denn das gehört dazu um das Schöne zu genießen.)­  ­16–19 Wenn Kant … substituiren.] Li: Das Urtheil zu sagen, daß es schön ist, ist vorhanden ohne den Begriff, ohne eine allgemeine Verstandesbestimmung. Hier sind wir uns nicht besonders bewußt des Allgemeinen des Begriffs, es ist in sich allgemein ohne daß es unterschieden erschiene | von dem besonderen.­  ­19–20 Im Schönen … 18 Li vorhanden.] Ro: Also ist damit ausgesprochen dass in dem schönen die trennung nicht vorhanden ist, 40 welche sonst in unserem urtheil vorkommt.­  ­22 wird.] Ro schließt an: So ein thier eine pflanze ist zweckmäßig in sich selbst, ohne dass der zweck verschieden erscheint von der realität. 23 Der Zweck … sich] Li: Ein Lebendiges z. B. ist ein Zweckmäßiges in sich selbst

924

9Hn Bei dem Schönen kann Zweck von Materie nicht getrennt werden; durch das Eine besteht das Andere; Geht Zweck verloren, so geht auch die Materie unter. Entgegensetzung des Zwecks der Natur.

Die Natur hat äußere, Schönes innre Zweckmäßigkeit. 4, Das Schöne gefällt nothwendig, es ist eine Wirkung ohne daß wir die Ursache sagen können. Entgegensetzung dem Guten z. B. 131vRo

Das Schöne nach Kant verbindet alle Gegen­sätze, die in uns sind.

19 Li

20 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Gegenstand, doch wir haben nicht die Vorstellung des Zwecks, der untergesetzt ist der Existenz. | In der menschlichen handlung ist Zweck und Materie geschieden. Ein haus besteht aus Materie, und der Zweck ist bewohnt zu werden[.] Worin der Zweck enthalten ist, geht die Materie nicht an, so wie die Materie nicht den Zweck angeht. Der Natur des Eisens ist es gleich, zu welchem Zweck man es braucht. Getrennt ist also Zweck und Materie. – beim Schönen ist es nicht so, der Zweck ist nicht getrennt von dem, wodurch der Zweck realisirt ist. Zweck des Körpers ist Lebendigkeit; er ist in allen Gliedern des Körpers. Geht der Zweck verloren, bleibt das Glied nicht, und verliert die Eigenschaft seiner Materie. hier ist also im Lebendigen der Zweck mit Materie so vereint, daß das äußerliche nur durch den Zweck ist, insofern der Zweck in ihm ist. Das Schöne hat also diese Form des Zwecks, die als zwekmäßig gesehen wird aber daß es immer immanente Natur der Sache ist. Wenn die Natur ihren Zweck hat, so ist Zweck außerhalb derselben; aber im Lebendigen ist Zweck an ihm selber. Es giebt also eine innerliche und äußere Zweckmäßigkeit, die Aristoteles schon geschieden. 4, Das Schöne ist Gegenstand eines nothwendigen Wohlgefallens, dem kein Begriff ist. die Nothwendigkeit erkennt, was seine Ursache hat, die ohne Wirkung nicht denkbar ist. Das Schöne hat Nothwendigkeit in sich; aber ohne begriff, ohne Verstandesbestimmung. Was uns wohlgefällt aus Regelmäßigkeit, so gefällt es uns aus dem Begriff und Nothwendigkeit, z b. die Fenster weil sie gleich sind. Das Schöne gefällt uns, weil mehr als solche bestimmung abstrakter Einheit in uns ist. Es gefällt uns, und dennoch nothwendig, ohne sich auf Abstraktes zu­ rückführen zu lassen. Was allenthalben hier gesagt im Kant ist, ist Ungetrenntheit dessen, was in unserm bewußtsein als verschieden vorhanden sei. Im Schönen sind die Gegensätze auf­

5

10

15

20

25

 –2 der untergesetzt … Existenz] Li: d. h. ohne daß der Zweck verschieden erscheint von der Rea1 litaet, von der Existenz, die gegenwärtig ist­  ­3 In der … geschieden.] Ro: Der zweck ist nehmlich verschieden v d e r s a c h e , und d e m m i t t e l und m a t e r i a l i e n .­   ­4 Materie] Li: Steinen­  ­7 Getrennt ist … Materie.] Ro: Der Zweck hat nur ein äusseres Verhältniss zu den materi­a­ 30 lien.­  ­13–14 daß es … ist] Li: Die Zweckmäßigkeit ist die immanente Natur der Sache selbst. es ist die innere Zweckmäßigkeit.­  ­17 nothwendigen] Li: allgemeinen­  ­18–21 die Nothwendigkeit … Nothwendigkeit] Li: Wenn etwas ist, so ist auch ein Anderes. Das Eine enthält in seiner Bestimmung ein Anderes. Wenn wir etwas als nothwendig erkennen von Wirkung untrennbar die Ursache und eins erscheint uns ohne das andere sinnlos. Der Begriff heißt weiter nichts als abstrac- 35 te Verstandesbestimmung.­  ­21 die Fenster … sind] Li: Die Fenster vom Hause gleich gestaltet, was anderes würde ein Widerspruch der einfachen Gleichheit.­  ­25 Was allenthalben … ist] Li: Das was an diesen verschiedenen Formen ist­  ­26 sei] Ro: ist, das a l l g e m e i n e und das b e s o n d r e­  Im Schönen] Li: Das Allgemeine und das Besondere. Im Schönen­  ­sind die Gegensätze] Ro: ist diese trennung­  ­26–925,1 aufgehoben] Li: aufgehoben, ungeachtet | sie da vorhanden sind 40 1 4  ihren] seinen

einleitung

5

10

15

20

925

gehoben. Das Schöne ist Allgemeines und besondres, Äußerliches, und nicht getrennt, sondern auf eine Weise, wo beide bestimmungen sich verbinden. dieser begriff des Schönen wird erweitert, wenn wir betrachten, daß das Schöne im Ganzen der geistigen Welt seine besondre Stellung hat, und dadurch seine Nothwendigkeit. Die philosophische Deduktion des Schönen enthält sie. Diese Stellung des Schönen soll noch beschrieben werden. Das Schöne hat ein Vor und ein Nach sich. Große Kreise giebt es wie den physischen so den geistigen bedürfnissen nach, z. B. das System des Gewerbes, Schiffahrt, ist ein großer betrieb; das System des Rechtes, Gerichte etc, wo Recht, Eigenthum auf verschiedene Weise gebraucht; oder wissenschaftliches Leben nach mannigfachen Seiten, eine Kenntniß, die Alles in sich begreift. Medicin, Kenntniß der natürlichen Dinge, Religion ist ein andrer Kreis, Kirchen und andere Bedürfnisse. Es giebt also eine Menge der Kreise, wo noch das bedürfniß nach dem Schönen sich findet. Wo gehört sie hin? und die Produktion des Schönen? die Kreise finden sich verschieden, und es ist anzudeuten die Nothwendigkeit des Kreises des Schönen. Wie hängen die Kreise zusammen? die Gewerbe sind den Menschen nützlich, etc. sie hängen also äußerlich zusammen. Auf die innere Nothwendigkeit gesehn so ist ein Kreis eine Vervollständigung des Andern, in einem liegen höhere Weisen der Thätigkeit, die die in andern ergänzen, und befriedigung gewähren. D. i. die innere Nothwendigkeit.| Den begriff des Schönen haben wir angegeben; es ist Inhalt, ein Scheinen ist der Ausdruck dieses Inhalts; und dieser Ausdruk ist durchdrungen von ihm; alles be­ zieht sich auf die Darstelung des Inhalts. Was wir Inhalt genannt, das ist das Einfache, die Sache auf diese geringesten bestimmungen zurükgebracht. Den Inhalt

Stellung des Schönen in den Kreisen der Bedürfnisse der geistigen Welt.

den 31/10Hn

Schönes ist Inhalt, dessen Ausdruck ein Scheinen ist. 10Hn Einheit in Mannigfaltigkeit.

25 2 verbinden] Li: durchdringen­  ­5 des Schönen] Li: der Kunst­  ­8 das System … Schiffahrt] Li: Das

System des physischen Bedürfnisses unserer Bequemlichkeit, Ausbildung, cet ist System des Gewerbes, Schiffahrt, Handel.­  ­10 oder wissenschaftliches … Seiten] Ro: In beziehung auf unsere geistliche Bedürfnisse haben wir die mannigfaltigen Wissenschaften­  ­12 Kirchen und andere Bedürfnisse] Li: Anstalten Kirche, Befriedigung des religiösen Bedürfnisses  Ro: Alles dieses gehört zu den Bedürfnis30 sen des Lebens.­  ­13 bedürfniß] Li: Bedürfniß der Kunst­  ­nach dem Schönen] Ro: nach dem Schönen, nach der Kunst­  ­14–15 es ist … Schönen] Li:| Es giebt ein Bedürfniß zur Kunst, wie es eines zur Religion, Liebe cet giebt.  Ro: Wo gehört dieses Bedürfniss? Das ist die 1ste frage. Die weitere frage nach dessen nothwendigkeit und dem zusammenhang. Unter den interessen des lebens findet sich, wie gesagt, die Kunst. Es ist auch noch eine art sich zu beschäftigen, ein bedürfniss des fühlens und 35 denkens.­  ­16–18 die Gewerbe … Andern] Ro: zunächst die befriedigung des bedürfniss. Der höhere zusammenhang aber ist in der nothwendigkeit dass ein Kreis die vervollständigung eines andern ist. und dass also der zweite kreis solche bedürfnisse befriedigt welche in dem ersten nicht befriedigt sind. Das ist der innere zusammenhang.­  ­18–20 in einem … Nothwendigkeit.] Li: einer ergänzt den andern. Die Kunst ist wesentlich das Resultat.­  ­22–23 alles bezieht … Inhalts] Ro: wir haben nämlich 40 gesagt, es soll nichts müssiges darin vorkommen­  ­23–24 Was wir … zurükgebracht.] Ro, ähnlich Li: um nun zu wissen was darin enthalten ist, haben wir nun den ausdrück weiter aus zu führen. Denn der ausdrück enthält die sache selbst auf ihre geringsten formen zurückgebracht (Ro: so dass diese geringsten formen zugleich umfassend Li: doch so daß diese umfassend sind, das ganze erfüllend)

21Li

926

Regelmäßigkeit ist auch Einfachheit; aber hier ist Einheit auch in bestimmung wie im Kreise.

Mannigfaltigkeit in Bestimmung ist in der Ellipse,

Unterscheidung des Inhalts und der Ausführung. Es soll der abstrakte Inhalt verkörpert ausgeführt werden.

22 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

eines Buches geben wir in wenig Worten, und im ganzen Buche muß nicht mehr als ein Inhalt liegen. Das Thema ist Wesentlich. Inhalt als Einfaches ist beschrie­ ben worden daß es das Abstrakte ist, die Ausführung ist Konkrete. Das Regelmäßi­ ge ist auch Einfachheit; eine gerade Linie hat nur eine Richtung. Viele Säulen haben eine Bestimmung. Ein gleichseitiges Dreieck ist eine bestimmung. Eine krumme Linie, die mehrere Richtungen hat, und unregelmäßig ist, hat mehr be­ stimmung. Ist sie regelmäßig, als Kreis, so ist eine bestimmung die Gleichheit des Radius. In der Ellipse ist nicht diese Regelmäßigkeit; jeder Punkt hat eine andere Entfernung, also große Mannigfaltigkeit. dessenungeachtet ist die Ellipse eine regelmäßige Linie, und alle Punkte sind durch eine bestimmung bestimmt. Einheit also in Mannigfaltigkeit. Nicht die formelle Gleichheit wie im Kreis, und deßhalb ist diese Gleichung von höherer Ordnung. Das ist die Einheit der bestimmung. Die Wellenlinie ist als bild des Schönen gegeben. Die Sylbenmaaße beim Vers sind abstrakte Einheiten. Das Mannigfaltige ist davon verschieden. Abstrakte Einheit und Mannigfaltiges liegen außer ihr. bei diesen Unterschieden ist noch zu bemerken, daß sie nicht gleichgültig gegen einander sein sollen. Gleichgültig sind zwei gerade Linien gegeneinander. Der Inhalt gilt auch für sich. Er mag ausgeführt werden oder nicht. Jedoch soll das Abstrakte Einfache ausgeführt sich das Mannigfaltige und Realität geben. Die bestimmung des Sollens tritt dann ein. Der Inhalt soll ausgeführt, das Abstrakte verkörpert werden, und die beiden Seiten neben und außer einander sollen nicht gleichgültig sein. Die Eine heißt dann subjektiv, nämlich das Einfache; die Entge­ 2 –15 Das Thema … ihr.] Ro: Es ist das thema, das das wesen gibt: und […] weil wir das müssige ausgeschlossen haben, haben wir zugleich auf eine andere weise von dem einfachen gesprochen. Denn was nicht müssig seyn muss zu dem zweck dienen wozu es bestimmt ist, so dass alle schöne sachen, wie mannichfaltig und verschieden sie auch seyn können, und die verschiedenen theile einer sache, darin übereinstimmen müssen, dass sie einen gleichen Zweck; eben so wie zwischen den verschiedenen säulen von gebäuden, und dann wieder zwischen verschiedenen gebäuden eine ordnung, eine regelmäßigkeit finden und die so in einer einheit zusammen fassen; so dass wir durch den inhalt unserer begriffe auf den gedanken einer abstracten einheit geführt werden. Ausser dieser gehören noch viele andre bestimmungen dazu.­  ­2–3 Inhalt als … ist] Li: Der Inhalt ist das abstracte­  ­4 Einfachheit] Li: solche einfache Bestimmung­  ­4–15 eine gerade … ihr.] Li: Es sind viele aber ihre Bestimmung ist eine und dieselbe (Kreis) Empfinden größte Mannigfaltigkeit in Bezug auf das Centrum doch ist sie regelmäßig, alle Punkte haben in einer Gleichung eine und dieselbe Bestimmung. Das Abstracte der Raumbestimmung hat man hier vor sich als das Schöne, die Farbe, das physicalische, kommt nicht in Betracht.­  ­16–19 bei diesen … geben] Li: Bei diesem Unterschiede der Einheit und Mannigfaltigkeit tritt noch das ein, daß sie nicht getrennt neben einander liegen. Es ist nur so in unserer Vorstellung. Die Regelmäßigkeit ist eine FolgeBestimmung, doch sie genügt allein nicht, der Inhalt ist auch ohne Ausführung. Es muß aber beides verbunden werden.­  ­19–20 Die bestimmung] Li: Der Begriff­  ­20–927,1  Der Inhalt … objektiv] Li: Wo der eintritt, sind wir nicht zufrieden, mit der =gültigkeit | der beiden Seiten. 1 7  gegeneinander] in uns gegeneinander

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

20

25

30

35

40

927

gensetzung ist objektiv, und es soll nun das Subjektive objektiv gemacht werden. Das Gefühl ist subjektiv, und dieses soll objektiv werden. Unser Leben, das physi­ sche und geistige Leben, beruht hierauf, daß solche Gegensätze sich bilden, und diese aufzuheben, ist unser Interesse. bei Neugierde haben wir das Interesse, diese zu befriedigen, dh. das Subjektive zum objektiven zu machen. Das Subjektive hat eine bestimmung aber es fehlen ihm noch andre, und diese geben wir ihm durch Objektives. Das Essen, begierde ist in uns, subjektiv, und macht ihren Mangel aus, und Lebendigkeit der Natur bleibt nicht darinn; zum Dasein wird der Trieb, wir essen, und dann ist das Subjektive zum Objektiven gemacht, sodaß eine subjektive Objektivität entsteht. Dieser Gegensatz als solcher, in sofern die bestimmung in Einseitigkeit der subjektiven Form da ist, zeigt Mangel und Schmerz. der Mangel geht im Subjektiven selbst hervor. Seh ich Speise, will ich es gerne essen. Ein Stein wird nicht hungern, sodaß in mir die Abstraktion entsteht, und auf subjektive Weise hervorgeht. Der Inhalt ist in uns, Essen etc., aber eine Schranke und Negation ist in ihm, ein Mangel. Man empfindet es, und weiß es, und denkt es, und für mich ist es ein Gegensatz gegen mich. Für den Stein ist es keine Schranke, wenn man ihn zerschlägt; aber für mich ist es ein Mangel, weil ich die Vorstellung des Ganzen hatte. Vorrecht des Geistes ist es, Schmerz zu empfinden. Übel ist daher in der Welt vorhanden. | Der Stein muß den Widerspruch nicht ertragen; eine Säure am Kali stumpft sich ab. Aber das Lebendige muß den Widerspruch ertragen, das Lebendige geht zwar zu Grunde. Von diesem Widerspruch soll später die Rede sein. Viele wollen den Widerspruch nicht ertragen können. 2 Das Gefühl] Li: Zweck Absicht, Gefühl­  ­objektiv werden] Li: ausgeführt werden. Dem Zweck gegenüber ist das Dasein. Das Interesse ist verloren wenn die Befriedigung erfolgt ist, wenn die Ausführung geschehen ist­  ­2–18 Unser Leben, … hatte.] Li: Die Lebendigkeit ist da, wo der Gegensatz des subjectiven und objectiven sich vorzeigt. Das ist bei geistigen und physischen Bedürfnissen (Hunger und Durst). Die Triebe sind subjectiv, diese objectiviren sich, indem wir sie befriedigen. Insofern dieser Gegensatz noch als Gegensatz ist, so ist da ein Mangel, Schmerz, Unangenehmes in uns vorhanden. Dieser entsteht in dem Menschen selbst, in mir selbst thut sich der Gegensatz hervor. Wenn ich satt bin, leide ich das nicht, wenn ich auch Speise sehe. Das Mangelhafte entsteht dadurch, weil das Subjective nur einseitig, mangelhaft, eine Schranke ist. Dieses Negative wird gewußt, als negatives gegen mein Selbstgefühl, das das Lebendige nicht ertragen kann.  Ro: Das ist also der unterschied auf welchen | wir aufmerken sollen: der ausdrück selbst; und dessen inhalt und ausführung. Von dem subjectiven haben wir gesagt führt uns der trieb zum objectiven. Das heisst: Wo wir einen gegensatz empfinden, so ist da ein mangel entsteht für uns eine unzufriedenheit. Diese mangelhaftigkeit ist die negation die schranke unsers selbstgefühls; es ist ein negatives für mich selbst. Wenn Z. B. ein stein zu klein ist um das auszuwirken was ich damit gern auswirken möchte, so ist das nicht ein mangel in dem stein, sondern in mir selbst. Dann nämlich fühlen wir den widerspruch unseres selbstgefühls, und des gegensatzes, der mangelhaftigkeit dieser selbstgefühle. Dieser widerspruch ist der grund des lebendigen.­  ­19–21 Der Stein … Grunde.] Li: Der Stein fühlt es nicht. Mein Selbstgefühl | kenne ich nur, indem ich den Widerspruch nicht ertragen kann, ohne ihn nicht zu erfüllen. Ich habe ihn aber in mich, ich ertrage ihn also, was kein Lebloses ertragen kann. (Säure, Kali)

Gegensatz der dadurch entsteht

Wunsch das Subjektive zum Objektiven zu machen in physischer und geistiger Welt.

Steter Gegensatz des Subjektiven und Objektiven.

11Hn Widerspruch im geistigen Wesen ist zu ertragen

132r Ro

23 Li

928

Freiheit als höchster Inhalt des Subjektiven.

den 3/11Hn befriedigung derselben, höchstes Bedürfniß. Pflicht den Trieben entgegen.

24 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Aber dieser Widerspruch muß aufgehoben werden; das Subjektive muß objektiv werden und im Essen hebe ich die Einseitigkeit auf. Ich bin dann ein Affirmatives. befriedigen heißt dieses. Das wesentliche im Widerspruch ist, sich zur Affirmation zu erheben. D. i. das Abstrakte überhaupt, diesen Gegensatz aufzuheben, das Subjektive objektiv zu machen, und beides zu versöhnen, ist abstrakt. Eine unendliche Mannigfaltigkeit des Inhalts ist in dieser Subjektivität. Der höchste Inhalt im Subjektiven ist Freiheit, den es sich durch sich selbst giebt. Freihheit ist einfach auch dem Inhalt nach, näher bestimmt, wird man zum Vernünftigen, Moralischen. Das denken ist Thätigkeit der Freiheit, das Reine bei sich selbst sein. Die Sittlichkeit des Gedankens ist die eine Seite. Das höchste bedürfniß ist, daß die Freihheit in der Naturnothwendigkeit befriedigt sei. Das Gebiet der Freiheit ist das Geistige. Je reiner das Geistige, je reiner die Freiheit. diese ist das Abstrakte gegen die Fülle der Natur. Das Abstrakte des Geistigen hat die Freiheit als Willen, und die Gesetze des Willens das Gute, und das giebt sich für absolut; Recht und Pflicht zb. Die Pflicht beruht so auf sich, daß man sie um ihrer selbst willen thun soll. Die Pflicht steht dem herzen und Trieben entgegen; diese machen das konkrete herz des Menschen aus. diese Gegensät­ ze sind es, welche das Interesse des Menschen ausmachen, und zum Widerspruch 1 –5 Aber dieser … abstrakt.] Li: Das weitere ist der Widerspruch, die Einseitigkeit des subjectiven soll aufgehoben werden. affirmatives Selbstgefühl ist die Befriedigung. Das Lebendige ist nur, in so fern es einen Trieb hat. Was nur affirmativ ist, was seine Negation nicht empfindet, das ist todt. Die Befriedigung ist die Versöhnung der beiden Seiten.­  1–10 das Subjektive … Seite.] Ro: Das affirmative selbstgefühl nennen wir b e f r i e d i g u n g : nemlich das auf heben des einseitigen der subjectivität – Das ist nun das abstracte überhaupt. Gegensatz und damit schmerz, damit übel; damit aber der trieb, diesen gegensatz aufzuheben und das affirmative her zu stellen. Dieser Gegensatz hat unendlich viele seiten, einen unendlich vielen inhalt. Der höchste aber ist in dem subjectiven, in dem geist in sich. Die höchste bestimmung des geistes ist die freiheit welche nur sich selbst für inhalt hat. Dieser inhalt, wenn wir seine concrete formen näher bestimmen ist das vernünftige überhaupt: das moralische. Das denken ist eine thätigkeit der freiheit: Das reine bei sich selbst seyn. Das ist nun die eine seite.  ­5–6 Eine unendliche … Subjektivität.] Li: Diese Befriedigung hat unendlich mannigfaltigen Inhalt.­  ­7 im Subjektiven] Li: den das subjective haben kann, (es ist wollend, anschauend, denkend cet selbst unendlich mannigfaltig)­  ­den es … giebt] Li: Die Freiheit kann sich nur zum Inhalte haben.­  ­7–9 Freihheit ist … Moralischen.] Li: Der Inhalt in concreten Formen bestimmt führt uns zum Vernünftigen, Moralischen, sittlichen.­  ­10–11 Das höchste … sei.] Li:| Dem gegenüber hat sich die Naturnothwendigkeit, dies Unfreie entgegengesetzt. Das ist der höchste Gegensatz. Diesen Kampf aufzuheben, ist das höchste Ziel.  Ro: Das höchste bedürfniss ist dass die freiheit befriedigt ist, dass der kampf aufgehoben, dass er versöhnt ist.­  ­12–17 Das Gebiet … aus.] Li: Zu diesem Freien gehören auch die theoretischen Gesetze des Erkenntnisses, das abstracte des Geistigen, der freie Wille, das Gute das Gesetzliche. Pflicht, Recht, ist schlechthin absolute Bestimmung. Das Pflichtmäßige – und das Gemüthliche, Neigungen, Trieben oder das concrete Herz stehen sich entgegen.­  ­18–929,2 ausmachen, und … Gegensatz.] Li: ausmachen. In dem Kampf wird aller Schmerz alles Unbefriedigte, alle Sehnsucht des Geistes gesetzt. 12  Freiheit] Freihh.

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

20

929

übergehen und zum Kampf, der nicht ausgemacht werden zu können scheint. Alle Sehnsucht des Geistes bringt ihn hervor diesen Gegensatz. Das Thier ist mit sich zufrieden. Ein Amphibium ist der Mensch, einer Zweiheit gehört er an, und ist nicht fähig, in Einem oder Anderm sich zu befriedigen. In der Wirklichkeit versinken wir und erheben uns zur Freiheit des Gedankens, wir werden von Empfindung ergriffen, gestürzt in Materie; aber der Gedanke erhebt sich in die Welt der Freiheit; dieser Gedanke belebt das Wirkliche, und das allgemeine Abstrakte macht er lebendig. Im Reiche der Pflicht braucht er des herzens. Also ein steter Gegensatz im Wirklichen, der sich gültig macht, und vom Gedanken erkannt wird. Die Philosophie ist es, die diesen Gegensatz in ihrer Allgemeinheit auffaßt, wie er ist. Befriedigungen sucht der Mensch; er findet sie; sie sind relativ; die Philosophie giebt sie auch, stufenweise geht sie die befriedigungen durch. Nichts hilft es, satt zu sein, deßhalb ist die befriedigung relativ. Die Theoretische Befriedigung ist in Kenntnissen, im Denken; wo das Draußen vorkommt, entgegen seinem Innern, d. i. ein Gegensatz. Wir sind abhängig, wo das Draußen ist, und die Wißbegierde überhaupt sucht sich den Inhalt dieser Welt eigen zu machen. Das Gesetz der Sonnenbewegung ist eine äußerliche Weise des Seins. Weiß ich sie, so hab ich den Inhalt, und ich bin frei gegen diesen Inhalt; ich bin befriedigt. befriedigung des Willens, der begierde, geht darauf, daß die Freihheit wirklich sei. Ich will meiner Freiheit Dasein geben, andere achten diese meine Freihheit und das Meinige, weil es Mein ist, und achten meine Freiheit im besitze durch Anerkennung. So ist das Leben im Staate eine befriedigung der Freiheit der Vernunft. Willkühr, Verbrechen zu begehen, ist auch Freiheit, aber eine unvernünftige |

Der Mensch ist sonach eine Art Amphibium

Befriedigung, wie findet man sie?

Befriedigung der begierde

3–10 Amphibium ist … ist.] Li: Der Mensch ist schon in dem Irdischen schon erhebt er sich in 25 den Gedanken und wird sich der Freiheit bewußt. Der Mensch bedarf des sinnlichen Daseins,

des Genusses, kann aber darin nicht bleiben, er strebt sich darüber zu erheben.­  ­11–18 die Philosophie … befriedigt.] Li: Man ist den andern Tag nicht weiter, wie den ersten, wo man sich satt gegessen hat. Der Unwissende ist Unfreiheit. Der Mensch verhält sich da zu einem fremden, er ist in Abhängigkeit. Der Trieb zu Kenntnissen | ist, sich die Welt des Aeußerli30 chen kenntlich zu machen, sich anzueignen. Wenn ich es weiß bin ich befriedigt, ich verhalte mich zu meinem Eigenen.­  ­16 den Inhalt dieser Welt eigen] Ro: die äussere Welt sich zur inneren­   1 ­ 9–930,3 Ich will … Äußerlichkeit] Li: Im Eigenthum ist das Dasein meiner Freiheit. Vor der Sache hat Niemand Achtung, blos vor meiner Sache. Meine Freiheit ist von Anderen anerkannt. Das ist die politische Freiheit. Es ist die vernünftige Freiheit. Die Willkühr 35 ist keine Freiheit, daß diese sich nicht geltend mache, ist ein Zweck des Staates. Der Mensch, der die Gesetze als Beschränkungen der Freiheit ansieht, ist unwissend. Die Gesetze als vernünftig sind meiner eigenen Vernunft, ich gehorche mir selbst.­  ­21–22 So ist … Vernunft.] Ro: Das Eigenthum ist Z. B. das Daseyn der Freiheit. Das ist dann der fall überhaupt dass das subject freies ist, und der stand der staaten ist nichts anderes als die verwirklichung der freiheit; 40 da ist auch also eine befriedigung. 1  übergehen] übergeht­  ­3 Zweiheit] Zweihheit­  ­23 zu begehen] zubegehen

25Li

930 12Hn relative Befriedigung

132vRo Alle befriedigungen von dieser Art sind mangelhaft

Die höchste Auf­ lösung der Gegensätze ist in höchster Wahrheit zu suchen

Freiheit und Nothwendigkeit getrennt sind nicht Wahrheit

26 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Sind die Gesetze vernünftig, und ich gehorche, so habe ich Freihheit, die ich befriedige. Diese Befriedigungen alle sind zugleich relative befriedigungen; Auf­ lösung des Widerspruchs von Freiheit gegen Äußerlichkeit; aber Auflösung die eine Seite hat, die endlich ist, und deßhalb negativ und widersprechend ist; Diese befriedigungen sind also relative. Im Staatsleben ist die höchste befriedigungsweise der Weltlichkeit, daß ich meine Persönlichkeit anerkannt sehe; aber ich habe Eigenthum, es wird respektirt. dieser ist ein beschränkter Gegenstand. Aber der Inhalt ist beschränkt, wenn ich noch das Außere habe. Das Gefühl meiner Persönlichkeit ist darin; aber dennoch ein beschränktes Gefühl. So sind diese Befriedigungen relative. Der Inhalt sind einzelne Gegenstände, und sind dabei noch immer relative und beschränkte. Wenn auch befriedigungen auf allen Stufen Statt finden, so bleibt sie doch nur mangelhaft. Wir fühlen die Pflicht gegen Staat; d. i. ein consequentes System; aber diese Verpflichtungen reichen nicht hin, das Zusammenleben der Menschen zu erhalten. Sie haben in Überzeugung, Religion eine Sanktionirung. Gewissen und Recht ist beschränkt, da Gegensatz da ist. Ich bin frei, dagegen zu handeln. Gegensätze sind Grundbestimmungen alles Interesses. Daß immer noch ein Widerspruch bei aller befriedigung ist, sahen wir; deßhalb ist die höchste Auflösung in höherer Region zu suchen; in der höchsten Wahrheit. Die Wahrheit kann auch beschränkt sein. Wenn ich Gegensätze befriedige, so habe ich Wahrheit; essend befriedige ich Hunger, d. i. subjektiv und deßhalb mangelhaft; daß Ich nur als Subjekt bin, suche ich Auflösung dagegen, und ich suche die höchste Wahrheit zur Lösung des höchsten Widerspruchs. Der Ge­ gensatz der Freihheit und Nothwendigkeit ist, aufgelöst jedes für sich, Nichts wahres, weder Freiheit noch Nothwendigkeit. Freihheit nimmt man für sich und

5

10

15

20

6 –8 daß ich … habe.] Li: Daß ich als Person gelte, anerkannt werde, darin bin ich befriedigt, ich bin 25 aber selbst beschränkt, endlich.­   ­7 es wird respektirt] Ro: dies ist wieder eine befriedigung­  ­ 9–12 aber dennoch … mangelhaft.] Li: aber das Selbstgefühl ist zugleich ein sehr beschränktes, so wie mein Eigentum | beschränkt ist­  ­10 Befriedigungen] Ro: versöhnungen­  ­12–14 Wir fühlen … erhalten.] Li: Man fühlt im Staat Verpflichtungen zu etwas. Alles das reicht aber nicht hin das Leben der Menschen zu erhalten, Recht, Pflicht, so sehr es für absolut gilt, erscheint doch als Be- 30 schränktes. Ich kann gegen Pflicht handeln, das ist meine Willkühr. So bleibt bei allen diesen Widersprüchen wenn man sie auflöst, noch ein Widerspruch.­  ­18–19 höchste … höchsten Wahrheit] Ro: nächste … nächste wahrheit zugleich. Der versöhnte widerspruch, der ist die wahrheit.­  19–931,3 Die Wahrheit … liege.] Li: Die Befriedigung gewußt ist die Wahrheit des Gegensatzes. Die Bestimmung in mir, Hunger, Trieb, ist blos subjectiv, also ein unwahres. Das fühle ich, daß es eine 35 wahre Existenz ist, ich hebe den Mangel auf und dann ist es der wahrhafte Zustand, die Befriedigung ist da die Wahrheit. Doch diese ist relativ. Die höchste Wahrheit liegt in der Auflösung der Freiheit und der Nothwendigkeit. Die Auflösung ist die, daß die Freiheit in der isolirung nichts wahres ist, eben so die isolirte Nothwendigkeit. Keines existirt für sich absolut.  Ro: Die wahrheit kann auch, ihrem inhalt nach, etwas sehr beschränktes seyn, und ist es in dem gegenwärtigen und 40 endlichen zustande des menschen. Die freiheit für sich in ihrer isolirung ist nichts wahres und die nothwendigkeit ebenfalls ist nichts wahrhaftes in ihrem gegensatz mit der freiheit. Die wahrheit ist beider harmonie, ihre versöhnung.

einleitung

5

10

15

20

25

30

35

40

931

Nothwendigkeit, aber dieses wird widerlegt auf einer mehr oder weniger bewußten Weise. bei solchem Extreme bleibt man nicht stehn; dann zeigt die Philoso­ phie ihre Unwahrheit, und daß ihre Wahrheit in harmonie liege. Das gewöhnliche bewußtsein kann in Verzweiflung darüber gerathen, oder wirft sie weg, oder hilft sich auf eine eigene Weise. die Philosophie fasst sie nach Gedanken und begriff und Wesen, und hat man begriff, so hat man Inhalt. Versöhnung d. i. daß sie an sich in Wahrheit sich nicht widersprechen. diese Einsicht, die allgemein zu machen, das Denken ausbilden, ist Sache des bewußtseins, der höchsten Wahrheit der Religion, und der Philosophie. Die Religion enthält die absolute Wahrheit und höchste Befriedigung, die Auflösung des Widerspruchs. Jenseits der Region dieser Auflösung werden diese Freiheit und Nothwendigkeit für absolut gehalten. In der Versöhnung hebt man ihre Einseitigkeit auf. Wahrheit für Vorstelung und Gedanken, Seeligkeit was wir nennen, dieser Region gehört die Religion an. Sie ist die allgemeine Weise für Wahrheit im Geiste, wo allgemeine Ruhe sich findet. Aber sie hat verschiedene Formen fürs Bewußtsein. Was man glaubt, weiß man auch, ist Gegenstand des bewußtseins, und sie weiß diese Wahrheit. Eine dieser Weisen der Wahrheit ist Kunst. Bei der Philosophie ist die Frage, ob der begriff an sich ist, und ob die Existenzen nicht auseinander zu sein scheinen, die zum begriff gehören; z. B. das Lebendige ist 2  man] Li: Der Mensch­  ­ 5–6 sie nach … Wesen] Ro: diesen widerspruch in ihrer allgemeinheit ­7–9 diese Einsicht, … Philosophie.] Li: Das Bewußtsein der höchsten Wahrheit, die Wahrheit an sich ist die Religion. Sie ist für alle Menschen.  Ro: Diese einsicht ist einerseits des Vollkommenen bewusst, und anderseits des beschränkten, gibt nur den begriff aller interessen unseres lebens, aller unserer vollkommenen oder beschränkten, relativen befriedigung­  ­10 enthält] Ro: enthält für uns­  ­11–13 Jenseits der … auf.] Li: In der Vorstellung ist es vorhanden, daß dies eine andere Region ist, wo die wahre Auflösung der Gegensätze ist, auf der anderen Seite seien die Widersprüche und Verwicklungen, die sich ewig erneuern.­  ­14–16 Wahrheit für … findet.] Li: Seeligkeit ist das, wo alle Uebeln, alle Schmerzen, Mängel verschwunden sind, und die absolute Wahrheit empfunden wird.  Ro: Die wahrheit ist also der punct der herausgehoben werden soll aus allen unsern befriedigungen; und die empfindung der wahrheit ist die seligkeit.­  ­17 Bewußtsein] Li: Bewußtsein, die Art wie ich davon weiß, ist verschieden­  ­17–18 Was man … Wahrheit] Li: Das was ich glaube, das weiß ich gewiß. Das Wissen wird also dem Glauben nicht entgegengesetzt.  Ro: Wissen setzt sich dem glauben nicht entgegen. Denn was ich glaube das ist mir gewiss wenn es auch nicht wahr ist. Wissen setzt sich auch dem fühlen nicht entgegen. Denn was ich fühle, das weiss ich, das ist für mich die wahrheit. Kurz in dem wissen, dem glauben, und dem fühlen ist das bewustseyn enthalten: Aber das bewustseyn fühlt man in verschiedenen seiten, und eine dieser seiten ist die Kunst. Allein Die absolute befriedigung macht sich nur in dem geiste als solchen. Es ist das die Region der wahrheit. Das andre enthält die wahrheit nicht in ihrer wahrhaften gestalt.   ­ ­ 18 dieser Weisen … Kunst] Li: der besonderen Weisen den Inhalt zu wissen, ist die Kunst. Die Kunst erkennt den Begriff in Allem­  ­19–932,3 Bei der … Natur] Li: ein anderes ist aber ob die Existenz dem Begriff zukommt, z. B. das Lebendige ist Totalitaet in sich, es verhält sich auch zu unorganischer Natur. Der Begriff enthält die absolute Beziehung dieser beiden. So wie das im Aeußerlichen untrennbar ist, so ist es auch im Begriffe..  Ro: Ein lebendiges individuum ein subject das sich zu der ausserlichen unorganischen 1   einer] einem­  ­4 Das gewöhnliche] Dgewöhnlich

27 Li

Religion und Philosophie

den 4/11Hn

932

28Li 13Hn

nachschrift heimann  · 1828/29

Subjektivität; es ist aber auch Prozeß und verhält sich zur unorganischen Natur, also absolute wesentliche beziehung des Innerlichen, ein Individuum, das erscheint als in bezug auf Äußre Natur; | diese beziehungen außer einander machen einen begriff aus. Der begriff ist nicht als Subjekt; sondern wie er existirt, enthält beziehung außer einander. Der begriff, das Wahre und Existenz muß berücksichtigt werden, aber sie vereinigen die subjektive Einheit selbst. Fürs bewußtsein ist dieses die höhere Region der Wahrheit. Allgemein nicht bloß abstrakt, sondern ein Konkretes, eine wahrhafte Wirklichkeit stellt sie das Bewußtsein in der Religion wesentlich vor. Der Mensch kommt durch sie zu seinem Wesen. Diese Einheit, absoluter halt von allem besondern, kommt zunächst zu bewußtsein in Religion. Die nähern Formen sind 3erlei. diese können wir voraussetzen oder sie im bewußtsein haben. 1) Unmittelbare Anschauung, Gefühl, Empfindung, Anschauung, Äußerliches Sinnliches. 2, Form der Vorstellung, diese unmittelbare bestimung im Anschauen ist in sich hier, und hat seinen Inhalt in sich; nicht mehr empfunden sondern vorstellend in ihm selber zeigt er sich. Reflexion tritt ein, Denken, doch ohne feste Bestimmung, vermischt mit dem Inhalt der Vorstellung, der Anschauung, also eine Vermengung der Anschauung und denkens. 3, Form des reinen Denkens, des Begreifens, das sich selbst bestimmende Denken, der Geist in seiner Freiheit. Das bestimmte ist nicht gegeben, sondern be­stim­ men macht den Inhalt aus, wird zu dem Stoffe, das denken wird frei, und entwickelt seine bestimmungen aus sich. Die Wahrheit nun erscheint auch in diesen 3 Formen des bewußtseins für das Bewußtsein. Die Eine erhält sie in Form der Kunst, die Andre in Religion die 3te in Philosophie. Die Kunst hat also Inhalt der absoluten Wahrheit befriedigung des Geistes,

5

10

15

20

25

natur verhält und aus diesem verhältniss gehen allerlei beziehungen hervor. Diese beziehungen aber machen nur einen begriff aus; den begriff der absoluten beziehung der beiden, der organischen und der anorganischen natur. 4 –6  Der begriff … selbst.] Li: in der Wirklichkeit sind aber die beiden Seiten jede für sich. Das Wahre ist also allenthalben, aber es kommt auf die Weise seiner Existenz an.­  ­6 dieses] Li: die Einheit der subjectivitaet und objectivitaet die Wahrheit, es ist­  ­7–10 Allgemein nicht … Religi­ 30 on.] Li: In der Religion ist die allgemeine Weise des Vorkommens der Wahrheit, diese Wahrheit ist die absolute Grundlage alles Besonderen.­   ­9–10 Diese Einheit, … besondern] Ro: Diese Wahrheit­  ­11 diese können … haben.] Ro: Diese auch durch die Philosophie bewiesenen 3 formen werden wir hier voraussetzen oder durch unser bewustseyn beweisen­  ­12–13 Unmittelbare Anschauung, … Sinnliches.] Li: das Sinnliche überhaupt, unmittelbares Verhalten, Anschauung, 35 Weise der Aeußerlichkeit­  ­19–21 des Begreifens, … Stoffe] Ro: des abstracten Denken überhaupt: des bestimmten und sich selbst bestimmenden denken. Also das freie denken setzt sich selbst seine bestimmungen vor, und diese machen ihren inhalt.­  ­20–21 bestimmen macht … Stoffe] Li: die Form wird zum Inhalt, zu dem was früher Stoff hieß­  ­23 Wahrheit] Li: ewige göttliche Wahrheit­  ­24–933,1 Inhalt der … Geistes] Ro: den selben Inhalt der versöhnung des Kampfes 40 zwischen der freiheit und der nothwendigkeit, das empfinden des wahren

einleitung

5

10

15

20

933

seeligen Empfindung des Geistes; denselben Inhalt haben Religion und Philosophie. Eine Sphäre ist also in allen dreien Formen Kunst Religion und Philosophie in ihrer Wahrheit aufgefaßt; wir müssen noch bei Seite setzen, wie die Kunst unserem bewußtsein sich giebt, wie sie in ihren Formen sich zeigt. Alle Formen der Kunst kann man auf alles anwenden, so wie die Formen der Religion. Überall kann man fromm sein. die bewohner der Nordsee beteten, Gott solle Schiffe stranden lassen. Tilly war fromm in der Eroberung der Stadt Magdeburg. bei allem kann man philosophiren. Alles sophistisch beweisen kann man auch, so wie man im Schlechten fromm sein kann. Die Kunst kann auch zur Form für irgend einen Inhalt gebraucht werden. Davon abstrahiren wir hier. Wir nehmen sie als wahren absoluten Inhalt, wie er dem empfin­ denden bewußtsein erscheint. Ebenso soll in der Religion diese Seite der Anschauung betrachtet werden. Die Religion kann auch spekulativ betrachtet werden, sie wird also auch denken weil der Geist am reinsten bei sich ist in Religion. In der Andacht kommt man zum Denken. Andrerseits bedient sie sich auch der Kunst in beziehung auf Empfindung, Verbildlichung für Phantasie, sodaß die Elemente als Anschauung genommen sind. der Religion bedient sich die Kunst wenn sie sich einen höhern Standpunkt genommen. Wo die Kunst in ihrer höchsten Vollkommenheit ist, enthält sie die höchste Exposition der Wahrheit wie in der griechischen Kunst das Göttliche vorgestellt wurde durch Phantasie. die späten Religionen entbehrten mehr oder weniger ihre ­Gestaltungen. Die Weise des Bildlichen ist überwiegende und hauptsächlichste und unentbehrlichste, deßhalb bei Griechen die Dichter und Künstler Lehrer des Volks in Religion waren. homer und hesiod haben den Griechen ihre Götter geschaffen, dh. die bestimmte Vorstelung vom Göttlichen gegeben, und den Inhalt der Religion. |

29Li

4 –5 Alle Formen … Religion] Li: Die Form der Kunst kann auf alles angewendet werden, jedes 25 kann ausgeschmückt werden  Ro: Die Kunst kann aber noch zu ganz andern Zwecken gebraucht

werden; allein diese müssen | wir noch jetzt beiseitsetzen: Denn alles kann man missbrauchen; ohne dass die natur die wahre bestimmungen dessen was man missbraucht dadurch verändert ist. eben so kann man die form der Religion zu unwahrhaften, zu bösen zwecken gebrauchen.­  ­6 die bewohner der Nordsee beteten] Ro: auf den Küsten des Nordens pflegte das Volk zu beten­  ­8 Al30 les sophistisch … auch] Ro: auch kann in gleicherweise die Philosophie zu sophistik entarten oder dieselbe zu schlechten interessen gebrauchen und herabsetzen.­  ­10 als wahren absoluten Inhalt] Ro: in ihrer bestimmung; ihrem wahrhaften inhalt­  ­10–11 empfindenden] Li: anschauenden­  ­ 11–12 Ebenso soll … werden] Ro: Es ist von der Religion gesagt, dass diese seite des anschauens auch ihren inhalt bildet. Alle Religion hat daher mehr oder weniger Göttlichen inhalt.­  ­15 Emp35 findung] Ro: die anschauung für die Phantasie­  ­18 höchste Exposition der Wahrheit] Li: vollständigste Weise der Exposition der Wahrheit  Ro: nächste art und weise der vorstellung der wahrheit durch die phantasie­  ­21 bei Griechen] Ro: überall­  ­22 homer und hesiod] Li: Herodot sagt Homer und Hesiod­  ­22–23 dh. die … Religion] Ro: Hier ist also die Phantasie das organ für das bewustseyn. Es kommt darauf an welche form des bewustseyns die eigenthümlichste ist. 40 9  Davon] Davonon­  ­20 hauptsächlichste] hauptsächstlchste

133r Ro

934 14Hn

30Li

den 5/11Hn

nachschrift heimann  · 1828/29

Die Künstler haben das Göttliche zur Vorstelung gebracht; daß Die Verständi­ gung und Lehren selbst von den dichtern in Bilder eingekleidet worden, muß man nicht denken, so wie es mit Physik im Alterthum geschehn ist, wo die Sätze, Inhalt, abstrakt, prosaisch gegeben wurden, dann wurde auf äußerliche Weise der Schmuck hinzugethan. Ebenso haben die Priester in Mysterien die Lehre abstrakt gewußt, dem Volke gaben sie die Bilder von diesen Mysterien. Nicht also daß man denke, daß die Dichter religiös denkend, diese abstrakte Gedanken vor sich gehabt und sie geschmückt vorgetragen, sondern daß sie den Inhalt der Wahrheit herausgearbeitet, um sie zu ihrem und andrem Bewußtsein zu bringen. D. i. die Stellung der Kunst, wie sie eigenthümlichen bedürfnisses des Geists geworden ist, und in soferne sie mit ihrem Inhalt die höchste Weise war, sich klar zu werden über Absolutes des Geists, so hat sie ihre höchste Vollendung in solcher Zeit ha­ ben müssen. Indem wir Inhalt und Weise der Gestaltung getrennt, und den Inhalt als Wahrheit bestimmt haben, so wissen wir, daß die Wahrheit nur eine ist, und die andere Seite, die Form muß nun dem Inhalt entsprechen, und ihn ausdrücken, sodaß wir den Ausdruck als bedeutenden und karakteristischen sehen. hienach scheint es, daß die Vollkommenheit der Kunst darin bestehe, daß die Form dem Inhalt entspricht, und daß das Formiren das höchste der Kunst sei. Die Form gehört zum Inhalt, und je vollkommener sie ist, desto konkreter ist der Inhalt, sie ist ein wesentliches Moment im Inhalte. Die Fortbildung des Inhalts bildet sich durch die Form nur fort. Demselben Inhalt haben einige Völker eine schöne Form gegeben, andre nicht wie Inder. diese Völker scheinen das Schöne der Form näher gekannt zu haben; aber das ist gewiß, 1–9 Die Künstler … bringen.] Ro: Daraus erklärt sich was gesagt dass die wahrheit durch die Künstler in den Zügen und bildern der dichtkunst verkleidet. Man stellt sie also auch vor dass sie die Priester des Volkes. Das ist nicht so zu verstehen, dass die Kunst die sätze unserer Philosophie vor sich hatte und dann sie in bildern geäussert aber dass sie ihr innres bewustseyn bearbeitet und verwirklicht.­  ­ 6–9 Nicht also … bringen.] Li: Der Künstler bringt den Inhalt im Bewußtsein in künstlerischer Form, so wie er sich ihn gedacht hat.­  ­10 der Kunst] Ro: der Kunst, der ursprünglichen, der wahrhaften Kunst­  ­11–13 sich klar … müssen] Ro: wie sie das innere bewustseyn sich hervorgebracht. So haben wir zugleich ihr verhältniss zur Religion und zur Philosophie.­  ­17 hienach] Ro: Diese Vorstellung haben wir von anfang aufgenommen, und auch ihre richtigkeit bewiesen. Wenn wir nun diese bestimmung erklären­  ­18 Vollkommenheit] Li: Vortrefflichkeit­  ­19–20 zum Inhalt, … Inhalt 2 ] Li: wesentlich zur Bestimmung des Inhaltes, und je concreter die Form ist, desto besser ist der Inhalt. / Die Form kann der Vollkommenheit der Schönheit mehr oder weniger entsprechen.­  ­20 konkreter] Ro: wesent ­l icher­  ­22–23 Die Fortbildung … Inder.] Li: Wenn die Form unvollkommen, so ist auch die Wahrheit des Inhalts unvollkommen. Inder und Chinesen kommen nicht zu der Schönheit der Form wie die Griechen. 3  Alterthum vielleicht zu lesen: Allgemeinen

5

10

15

20

25

30

35

40

einleitung

5

10

15

20

935

daß sie den Inhalt noch unbestimmt und formlos als Inhalt gehabt haben; daß der Inhalt eine Wahrheit auf niedrer Stufe gehabt hat und nicht die Wahrheit selbst. Der Inhalt, wenn er gestaltlos ist, kann keine Form, die vollkommen ist, haben. Je vollkommener die Form, desto gewichtiger der Inhalt. die bestimmtheit der Form ist auch bestimmtheit des Inhalts. Die Stellung der Kunst in der Totalität des geistigen Lebens und Wissenschaft mag hiernach bestimmt sein. Es ist auch gesagt, daß die Erhebung aus der niedern Region der relativen befriedigung die Kunst ist. Sie hat auch ein Nach, zu dem sie übergeht, als zu ihrer Wahrhaftigkeit, sodaß sie selbst in ein höheres übergeht. Sie ist ein beschränktes selbst in ihrer Sphäre, und dieses bestimmt die Stelung der Kunst für uns, indem wir über die Kunst hinaus sind, indem das Substanzielle sich herausarbeitet und sich sinnlich zeigt für bild, Vorstelung. D. i. das Moment des Unmittelbaren, das wesentliche Material, wie Wahres sich zu bewußtsein bringt. Daß Inhalt auch Form sich bestimmt, so hat die Wahrheit in Kunst in ihr noch dies Moment des Unmittelbaren, sodaß Inhalt noch nicht zum Geistigen gereinigt, und die Vorstelung von Gott ist noch nicht die wahre, indem sie sich des Bildlichen bedient. Eine Vielheit entsteht hieraus, das Viele und Außer-Einander gehört dem Äußerlichen an und die Vielheit ebenso. Die Wahrheit dieses Elements macht einen Inhalt des Göttlichen selbst aus, aber noch nicht den wahrhaft geistigen, wie er für Gedanken als solche ist. Die Kunst ist eigenthümliche Weise, über der noch eine höhere steht, daß Gott im Geist als Geistiges gedacht werden soll. Gegen sie richtet sich der Gedanke also. Wir wissen, daß die jüdische und mohamedanische Religion kein Bild von Gott duldet, und also diese Weise von Kunst verworfen hat. Ebenso haben Xenocrates und ande­ re Weise gegen Vorstellungen der Kunst sich gestemmt und gesprochen. |

25 1–2 daß sie … selbst] Li: daß sie den Inhalt noch in einer Weise gehabt, wie er noch formlos als Inhalt in

sich selber, in einer abstracten Weise, und nicht in vollkommener Wahrheit  Ro: dass die letzten indem | sie die schönheit der formen nicht errungen, auch den inhalt auf einer niedrigeren stufe besassen­  133v Ro ­3 –4 Je vollkommener … Inhalt.] Li: Je vortrefflicher die Kunstwerke werden, desto wahrhafter ist der Inhalt.  Ro: je vortrefflicher die gestalten, je vortrefflicher sind auch die gedanken selbst.­  ­9 sie selbst] 30 Li: Die Kunst als Explication der Wahrheit­  ­10–11 für uns] Li: wie sie für unsere Zeit ist­  ­11 wir] Ro: wir in der that­  ­12 des Unmittelbaren] Li: des Natürlichen  Ro: der natürlichkeit­  ­13 wie Wahres … bringt] Li: in welchem sich die Kunst zur Anschauung bringt­  ­14–15 so hat … Unmittelbaren] Li: Die Wahrheit die das innere ist, hat in ihr noch das Moment der Natürlichkeit, weil Form und Inhalt dasselbe ist. ­   ­15 Inhalt] Li:| Der wahrhafte Inhalt­  zum Geistigen] Ro: von der natürlich­ keit­  31Li 35 ­15–16 die Vorstelung … bedient] Li: Das Bildliche ist davon ein Moment der Unmittelbarkeit. Gott ist da nicht rein­  ­17 Äußerlichen] Li: Natürlichen­  17–18 die Vielheit ebenso] Li: es folgt es giebt eine Vielheit von Göttern­  ­18 dieses Elements] Li: in der Form­  ­20 Gott] Ro: die wahrheit­  ­23 diese Weise] Ro: wenigstens diese weise­  ­23–24 Ebenso haben … gesprochen.] Li: In Griechenland, in höchsten Zeiten der Kunst haben sich Denker gegen die Kunst erklärt, gegen die Darstellungen der 40 Götter hat Xenocrates heftig gesprochen die Löwen würden Gott als Löwen vorstellen das anthropomorphistische gehört dem Natürlichen an. 23  Xenocrates lies Xenophanes

936 15Hn

32Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Die Menschen, sagt er, stellen sich Gott als Mensch vor; ebenso haben noch andre gedacht, wie Plato, der dichter aus seiner Republik verbannte, weil ihre Vorstelungen von Gott ihm nicht gefielen, weil sie künstelerische Darstellungen sind, und sich so gegen Kunst erklärt. Es tritt bei einem Volk die Zeit ein, wo die Kunst blüht, aber sie überlebt sich, wie in der kristlichen Welt, wo das positive Element der Äußerlichkeit ist, Christus als Gottmensch von Menschen umgeben, wo das Moment der Unmittelbarkeit enthalten ist. deßhalb hat die Kunst sich in ihr ausgebildet. Die Malerei vornehmlich im 15 und 16 Jahrhundert hat deßhalb diese höhe erreicht wie die Kunst zu Perikles Zeit. Aber Plato stand gegen sie auf, und ebenso hat die Wissenschaft und innere Geistigkeit sich von Kirche getrennt, die in ihrem Schooß die Kunst nährte. Die Reformation führte zur Vorstelung des Innern des Gemüths zurük, und hat sich vom Sinnlichen abgewendet, dem Elemente der Kunst. Dieses ist also nach der Kunst. In der Form des Geistigen findet sie befriedigung. die sinnliche Weise ist vollendet und bestimmt durch das Äußerliche. die unvollkommene Kunst läßt ein Ahnen über, da der Inhalt nicht vollendet ist zum Anschauen, und ist deßhalb mysterieus. Sie läßt die Sehnsucht zurük. hingegen die vollendete Kunst stellt den Inhalt vollkommen dar, wo Gemüth sich befriedigt; aber der Geist stellt sich ihr entgegen, und d. i. das Nach der Kunst und d. i. die Stellung der Kunst für unsere Zeit, daß wir das Bewußtsein von Kunst haben. Die Kunst wird immer vollkommner werden, aber diese Vollendung kann sie nicht erhalten, wo die Form nicht das höchste bedürfniß für Vorstelung ist. Unsere bildung ist vom verständigen Verhältniß von Kategorien des Gedankens und Reflexion durchdrungen. Diese Formen des Gedankens ist das Prosaische.

5

10

15

20

   Die Menschen, … vor] Ro: Das was anthropomorphistisch genannt wird gehört zu diesem 1 Element.­  ­ 2–4 der dichter … erklärt] Ro: die musik aus seiner Republik verbannt hat, und Ho- 25 mer und Hesiod angefochten­  ­5 überlebt sich] Li: überlebt sich selbst, sie treibt sich heraus­  ­7 deßhalb] Ro: nach diesem Element­  ­8 ihr ausgebildet] Li: christlicher Welt ausgebildet hat. Die Kirche hat die Kunst in sich erzeugt­  ­11 die in … nährte] Li: regte sich zur Zeit, wo die Kunst ihre höchste Stufe erhalten hat­  ­11–13 führte zur … Kunst] Li: hat die Religion vom Elemente der Sinnlichkeit einem Elemente der Kunst zu den geistigen Vorstellungen zurückgeführt­  30 1­ 3–15 In der … Äußerliche.] Ro: Das höchste bedürfniss des menschen ist also die bestimmte wahrheit und die Kunst selbst ganz vollendet bestimmt, kömmt ebenfalls zu dieser bestimmtheit.­  ­15 die unvollkommene …über] Ro, ähnlich Li: Im anfange lässt sie noch (Ro: vieles ahnden Li: ein Geheimnisvolles, ein Ahnden) über.­  ­unvollkommene] Li: schlechte­  ­16  ist zum Anschauen] Li: dem Bewußtsein vorgestellt ist­  ­20–23 diese Vollendung … durchdrungen.] Ro: Die vollendung der 35 Kunstproductionen ist unser höchstes bedürfniss nicht mehr indem unser ganzes wesen von der Cathegorie des denken durchdrungen ist. Li schließt an: in denen wir uns geläufig bewegen­  ­22 bildung] Li: Bildung in Hinsicht des Religiösen­  ­23 Gedankens ist das Prosaische] Li: Gedankens, die Categorien der Reflexion ist das prosaische. Das Ueberwiegen des Bewußtseins in Ansehung der Gedanken ist prosaisch, so fordern wir der Inhalt soll in Form des Gedankens sein 40 1 0  sich] h. sih

einleitung · eintheilung

937

5

Die bestimmungen von Kraft, Grund und Folge sind Kategorien, Weisen des endlichen denkens, machen die Seele des Bewußtseins aus. Für uns ist die Kunst also nicht Bedürfniß. Die Wahrheit ist für uns zu suchen im Inhalt und Form des Geistes. Vor Gottvater und Pallas dargestellt beugen wir nicht mehr die Knie, sie mögen noch so vortrefflich dargestellt sein. das poetische Gemüth kann jetzt nicht mehr ganz von ihr befriedigt werden. Die Schranke der Kunst liegt nicht in ihr sondern in uns. Das bishergesagte mag Einleitung sein zu unserer Wissenschaft. diese Einleitung kann nicht wissenschaftlich sein, und nur angenommenes enthält sie.

10

Ende der Einleitung. |

A l lgemeine Einthei lung der Ä sthet ik.

15

20

Wir theilen sie in 3 Theile in den allgemeinen, besondern und individuellen. Im 1ten Theil werden die Ideen in ihrer nähern bestimmung als Ideal, und Kunstschönes betrachtet werden. Das Verhältniß des Schönen zur Natur wird besprochen werden, und wie fern die Kunst Nachahmung der Natur ist, Verhältniß des Ideals zum Subjekt. Genie. Motiv, Charakter werden allgemein besprochen werden. Der 2te Theil wird das besondere enthalten. Dieser enthält Arten des Schönen, also Eintheilung des Schönen sodaß der Eintheilungsgrund im begriff liegt, der zu Grunde liegt. Der begriff enthält Inhalt als Wahres und die Form, die äußerliche Weise den Inhalt zum Scheinen zu bringen. Das besondre ist die eigenthümliche Beziehungsweise des Inhalts zur Form. diese beziehung giebt es 3erlei. diese 3erlei Verhältnisse sind: 1, daß das Wahre unbestimmt, abstrakt ist, unklar, allge­ mein, sodaß das Wahre in sich formlos ist, und das bestimmungslose nur noch

  Bedürfniß] Ro: das höchste bedürfniss­  ­ 4–6 Vor Gottvater … werden.] Ro: Es hilft nichts um 3 25 uns zu genügen die schönsten bilder von Gott zu | sehen. Die Kunst hat daher bei uns die selbe stellung nicht mehr wie sie früher war.­  ­6–7 Die Schranke … uns.] Ro: Dieses sind bestimmungen in ansehung dessen was für uns die schranke der Kunst ist.­  ­9 und nur … sie] Li: sie würde sonst die Wissenschaft selbst sein, die ist nun zu Ende, wir geben noch die Eintheilung unserer Wissenschaft an­  ­12 individuellen] Ro: 3tens einen theil des s p e c i e l l e n oder des 30 i n d i v i d u e l l e n ­  ­ 1 6  Subjekt. Genie. … werden.] Li: Subjecte zum Genie, die weiteren Bestimmungen des Ideals. Situationen, Motive, Caractere. Ro: Genie, dem Geist, dem enthusiasmus. Das nähere ist dann: n ä h e r e b e s t i m m u n g d e s i d e a l e n , s i t u a t i o n , m o t i v, u n d C h a r a c t e r . / Ideen und ideale.­  ­19 enthält] Ro: enthält die 2 momente­  ­20–21 Das besondre  … 3erlei.] Li: Die eigenthümliche Weise der Beziehung des Inhaltes auf die Form ist 35 dreierlei.­  ­ 20 Das besondre] Ro: Das besondre das wir zuerst zu betrachten haben­  ­23 sodaß das … ist] Li: wie jeder Anfang, formlos in sich  Ro: dass das wahre zunächst blos abstract unbestimmt dargestellt ist­

16Hn

33Li

134r Ro

938

den 6/11Hn

34 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

nicht die wahre Form ist, weil die Wahrheit bestimmt ist; das Element ist außerlich und endlich. Dieses sucht sich mehr darzustelen, als es zu erscheinen vermag. Ein herumsuchen in den Formen ist hier vorhanden. dieses Außerliche soll dem Unbestimmten angemessen sein, und zum Maaßlosen und Unermeßlichen gesteigert sein. die symbolische Kunst wird diese sein, die das Äußerliche wie es ist, aufnimmt und einen unmittelbaren Stoff hat, und dem Schönen in seiner Bestimmtheit entspricht es nicht, nicht entspricht das Äußere dem Innern. dieses Äußerliche wird erweitert über seine Gestalt, ins Maaßlose, eine Verzerrung des Äußerlichen findet Statt, Übertreibung und Steigerung, einen maaßlosen Inhalt drückt das Negative Außen aus. Durch die Pracht und Glanz wird der Stoff zerstreut, und das in sich Maaslose wird so vorgestellt. Der Sitz der Erhabenheit liegt hierin, welche einen allgemeinen Gehalt hat, aber als ausgeprägt, unangemessen dem, dessen Bedeutung es sein soll, als ein zerschmettert Gefäß erscheint. Die andre Weise, die hierein tritt, ist, daß die Naturanschauung gelassen wird, genommen wird wie sie ist, daß aber solche Gestaltung erklärt, und eine innere Bedeutung erhält, die höher, witziger ist. z. B. die Fabel, welche einem Naturverhältniß eine moralische Seite giebt, dh. Bestimmung der Wesentlichkeit des Willens. Solche bestimmung wird mehreren Naturerscheinungen gegeben: diese Kunstform heißt also symbolisch, wo Erhabenheit im Substanziellen sich gestaltet, wo alles bizarr, geschmacklos fortgeht, oder dem Seienden eine höhere Bedeutung giebt. Das Symbol enthält Gestalt und Bedeutung, sodaß beides getrennt ist, die bedeutung sich nicht im Außen zeigt. Ein Suchen nach Gestalt ist hier herrschend. Die orientalische Kunstform überhaupt ist eine unvollkommene, weil das Innere noch in sich formlos ist. Die zweite Kunstform ist die klassische, die freie, die adäquate Darstelung des Innern in dem Äußeren. Wesentliche bestimmung ist, daß das Ideal und seine Er-

5

10

15

20

25

1 weil die … ist] Ro: denn form ist bestimmtheit.­  ­1–2 das Element … endlich] Li: Das Substantielle kann nicht im Elemente des Endlichen ausgedrückt werden, das ist nicht seine Natur.  Ro: Indem er sich aber zugleich realisirt, so ist er hier nicht mehr vorhanden als ein endlicher.­  ­2 zu erscheinen] LiRo: sich darzustellen­  ­ 3–4 dem Unbestimmten] Li: dem Unbestimmbaren  Ro: dem unbestimm- 30 ten, unbestimmbaren­  ­19–20 diese Kunstform … gestaltet] Li: |Die Erhabenheit ist das Substantielle dieser symbolischen Kunst  Ro: hier ist also sitz der erhabenheit. das wollen wir das symbolische nennen: das 2te wird das Classische, und das 3te das Romantische seyn. Der hauptcharacter des symbolischen ist die erhabenheit.­  ­20–21 oder dem … giebt] Li: Nimmt die Natur zur Anschauung, läßt sie, wie sie ist, und giebt ihr nur höhere Bedeutung. Die Fabel gehört hierher.­  ­21–22 Das Sym- 35 bol … zeigt.] Ro: Die Griechen haben die symbolische Kunst gekannt u 2 character ihr zugegeben: eine äusserliche gestalt, u ihre bedeutung ein innerliches.­  ­23–24 eine unvollkommene, … ist] Li: die symbolische Kunst. Sie ist unvollkommen, weil die innere Form wahrhafte Darstellung noch nicht vermocht hat.­  ­25–939,1  die adäquate … sind] Ro: die adaequate einbildung der idee, des substantiellen, in der äusserlichkeit, so dass das Characteristische hier wesentliche bestimmung 40 6   und] und d.

einleitung · eintheilung

5

10

15

20

939

scheinung erreicht sind, eine vollkommene Angemessenheit herrscht, und dadurch erreicht ist, daß die menschliche Gestalt in der höchsten Vollendung von Kunst erreicht wird. Das Substanzielle zugleich subjektiv ist Geist, die wahrhafte Substanz ist Geistige. Wie das Geistige auf sinnliche Weise und bildlich anschaulich gemacht werden kann, ist nur in menschlicher Gestalt | möglich. Die menschliche Form wird dahin gebracht, ein Substanzielles vorzustellen, jedoch nicht sodaß das Substanzielle zufällig ist, sondern der höhere, Wahrhafte Geist, welcher auf sinn­ liche Weise in Kunst darzustellen ist, und das Geistige in menschlicher Gestalt erscheint. Thier und Pflanze haben nicht Geist, deßhalb ist jene Vorstelung nicht zufällig. Die Seelenwanderung ist abstrakte zufällige bestimmung, und die Physiologie mußte zu ihrer bestimmung haben, wie das Animalische bis zur menschlichen Gestalt fortgehen muß. Die Substanz ist also Geistige, und dieses soll anthropo­ morphistisch dargestellt sein. Die Vollendung soll später beim Ideal besprochen werden, daß menschliches Geistiges conkret als erscheinend frei in sich und existirend in menschlicher Gestalt dargestellt sei, damit der Geist als partikulärer auch sei. D. i. die Bestimmung des Klassischen, daß das Innere dem Äußern gleichkomme. Die 3te Kunstform ist die romantische, wo das Geistige dargestellt wird nach seinem Wesen nur als Geist, nicht sinnlich; über die Kunst wird hinausgegangen, innerhalb der Kunst ist romantische Kunst. Die klassische Kunst hat alles erreicht, aber sie hat eine beschränkte Seite, daß das Wahre zu seiner Realität ein sinnliches genommen hat; aber man geht über Sinnliches hinaus, und das Innerliche des Geists, der in sich ist, nur so sich scheinen läßt im Äußern, daß er dieses ausdrückt im Äußern als in sich zurükgekehrt, frei in sich seiend. Das Äußerliche hat in sich

17Hn

134vRo

3  Das Substanzielle] Li: Das Substantielle, Wahre, Innere und abstracter Ausdruck concret 25 substantiell­  ­ 5–9 Die menschliche … erscheint.] Li: Personificationen werden so betrachtet, daß das

Aeußerliche des Menschen einem Substantiellen angehängt werde, allein der Geist ist das wahrhaft substantielle, und wenn dies sinnlich zur Anschauung kommen soll, muß das Geistige in menschlicher Gestalt erscheinen.­  ­9 Geist] Li: Geist, nur | der Mensch ist der sinnliche Geist­  ­10–13 die Physiologie … sein.] Li: Es ist die Gestalt, zu der die ganze Natur fortgeht, zur Gestalt des existieren30 den Geistes. Das ist des Geistes wahrhafte μορφη.­  ­12–13 Die Substanz … sein.] Ro: Den g e d a n k e n , den nennen wir das s u b s t a n t i e l l e und das können wir nun anthropomorphistisch darstellen­  1­ 3–15 Die Vollendung … sei.] Li: Hier ist die Vollendung nicht für den absoluten Geist, sondern für den erscheinenden Geist in menschlicher Gestalt, welches seine Particularitaet ist.­  1­ 7–18 wo das … sinnlich] Li: da lößt sich die Einigung des Innern und Realitaet auf und setzt sich wieder in den 35 Gegensatz des Unangemessenen. Der Geist in seinem Wesen hat zum Boden seines Erscheinens nur den Geist selbst­  ­19 alles erreicht] Li: das höchste erreicht, so als Kunst ist nichts mangelhaft­  ­21–23 das Innerliche … seiend] Li: Die Innerlichkeit des Geistes, der in sich und für sich selbst ist, daß er sich nur scheinen läßt, daß er in dieser Aeußerlichkeit wieder zurückgekehrt ist. Der Geist der seine Versöhnung nicht in Aeußerlichkeit, sondern in sich selber hat.­  ­23–940,1 Das Äußerliche … 40 Seeligen.] Li: Die Aeußerlichkeit, der diese Innerlichkeit zukommt, läßt den Triumph uber sich zugleich scheinen in der Aeußerlichkeit. | Die Aeußerlichkeit wird herabgesetzt 1 7  Die ohne Einzug

35Li

36 Li

940

den 7/11Hn

18Hn

37Li

135r Ro

nachschrift heimann  · 1828/29

die Erhabenheit und das Scheinen des Seeligen. Etwas Werthloseres wird sie. Sie wird nicht das Element des Geistigen, sondern sie tritt in Kampf mit dem Geist, das Äußere wird zufällig, willkührlich, abentheuerlich, und Gemüth versöhnt sich mit sich. Das Innere tritt in Kampf mit dem Äußern, welches nicht adäquat ist, und das Unschöne tritt nun ein, indem das Schöne innerlich mit sich selber zu versöhnen sucht. Beider Seiten Versöhnung wird gesucht, und deßhalb das Äußer­ liche Preis gegeben. Diese 3 Grundformen sind zu betrachten, die sich auf die beiden Momente des Idealen beziehen, die Substanz und Realität. Im 3ten sind die Arten des Kunst­ werks enthalten, nicht Seiten, sondern Einzelheiten, Ganzes. Die Künste haben wir eingetheilt, um das empirische Mannigfache in Arten, und Gattung zu bringen. diese Weise ist nicht unser Verfahren, indem wir philo­ sophisch zu Werke gehen, und nicht alles Zufällige und Schlechte prätensiös machen aufgenommen zu werden. Man hat die Kunst nach dem Material, Stein, Metal­len, Farben eingetheilt. Einerseits ist Material äußerliche Seite, wo Zufälligkeit noch zwischen eintritt, aber die außerliche beziehung muß eine Qualität für sich haben, um fürs Innere gebraucht zu werden; andrerseits ist auch es zufällig. Es ist nun zu bestimmen welche Kunstwerke zusammen einen Kreis bilden. die ersten werden dem Unmittelbaren angehören, dem Äußerlichen, was nur ist, nicht frei ist. Dieses Äußerliche, nicht Freie, ist die unorganische Natur, was seinen Zweck in bezug auf ein anderes hat. Diese entspricht der symbolischen bestimmung. die zweite ist das Kunstwerk als solches für sich, wo das Insichseiende das Äußerliche sich angeeignet hat als Ausdruck seiner selbst: Gleichgültigkeit ist nicht vorhanden, sondern innere Bestimmtheit ist vereint mit Äußerlichkeit, in welche jene getreten ist. Das dritte ist Inneres ist als solches für sich, nicht in Äußerliches ergossen, sondern als Subjekt nur in sich gekehrt | wo die Partikularität eintritt, äußerliche

5

10

15

20

25

6  Beider Seiten … gesucht] Li: Die Vollendung des Gemüthes in sich selbst ist hier gegeben.­  ­9 Substanz] Ro: wahrheit­  ­10 nicht Seiten, … Ganzes] Li: nicht Verhältniß der Seiten, sondern Werke, Form der Einzelheit­  ­12 Gattung] Li: Gattungen, Classen­  ­12–14 diese Weise … werden.] Ro: Wir wollen nicht von dem vorhandenen ausgehen um die weitere eintheilung dieser theile zu ma- 30 chen, da diese eintheilungsweise von dem zufälligen ausgeht u. ohnehin, wenn wir diesem weg folgten, alle vorhandenen, wie schlecht auch, die pretention machen würde, mit aufgenommen zu seyn. Wir wollen erst den grund legen, und auf dieser grundlage werden wir dann das zufällige und substantielle bestimmen.­  ­13–14 und nicht … werden] Li: Das Zufällige, Schlechte kann in allgemeine Bestimmungen nicht aufgenommen werden, denn diese sind wesentlich, jene unwesentlich.­  ­15–17 wo 35 Zufälligkeit … werden] Li: die muß sich nach dem Wesentlichen bestimmen. Das Material hat nähere Beziehung auf die Begriffsbestimmung­  ­18–21 Es ist … hat.] Li: | Die Unterschiede sind selbst Totalitaeten ganze Kunstwerke. Die unorganische Natur, das Aeußerliche, ist das erste das uns begegnet, der Zweck liegt in einem andern­  ­22–25 wo das … ist] Li: die göttliche Gestalt, das Material ist zum Ausdrucke seiner selbst ausgebildet­  ­26 gekehrt] Li: gekehrt, im Unterschiede von seiner Aeu- 40 ßerung  Ro: gekehrt, und unterschieden von seiner äusserung, | von seiner manifestation. Das 3te ist also die bstimmung der subjectivität. Die 1ste die objective und die 2te ist das vereinigen von beiden.

einleitung · eintheilung

5

10

15

20

941

Subjektivität ist, während in erster die objektive Äußerlichkeit ist. diese beiden Extremen enthalten jene Mitte, und alle sind eine Totalität abstrakt genommen. Das erste Kunstwerk ist das der Architektur, wo die äußerliche Umgebung zurecht gesetzt ist in beziehung auf Äußerliches und Innerliches. Der Tempel muß erbaut werden. Die unorganische Natur soll würdige beziehung auf freie Gestalt haben. Das Material. Symbolisch ist die Architektur, denn ihre bedeutung ist an einem andern. Diese bestimmtheit des begriffs fehlt noch in der Architektur die zwischen Skulptur steht, und später besprochen werden kann. Ebenso giebt es eine klassische und romantische Architektur. Aber an sich hat die Architektur Bedeutung an einem andern. Die Gestalt des Gottes tritt herein in das für ein Anderes Arrangirte. In das Äußerliche ist der Blitz der Individualität eingeschlagen, und diese ist es, welche das Außerliche nach sich bestimmt hat, daß es es nur ein materiales sei, und außer ihm die Bestimung habe, d. i. die Skulptur. Das Innere, Begriff, Seele, ist hier zuerst zur ewigen Ruhe gekommen, und die Äußerlichkeit ist nur so an ihm, daß es zu seiner Einheit mit sich selbst da ist. Die Außerlichkeit ist bestimmt durch das Ruhen des Innern auf sich selbst. Es ist ein abstraktes Äußere. Die Gestalt ist es deren Geist noch ruhend ist und nur in Formen der Räumlichkeit erscheint, aber abstrakt, abgezogen von der Füllung des Raumes. Das Äußerliche ist nur abstrakt. Nur Raumformen sind es, in denen das Innere sich ausdrükt. Nur die Zeichen des Innern zeigen sich in Skulpturen. Deßhalb, daß innere Ruhe abstrakt ist, ist das Äußerliche des Raums abstrakt, ist nach seinen 3 Dimensionen. Das dritte ist das Subjektive überhaupt, jenem Kunstwerk der Skulptur das in abstrakter Ruhe, entgegen gesetzt, wo ein Unterschied zwischen Inneres und Äuß-

25 3 Architektur] Li: Architectur, das erste für die individualitaet­  ­4 auf Äußerliches und Innerliches] Li:

auf diese Gestalt; die Umgebung ist herauszuarbeiten in Beziehung auf äußerliche und innerliche Gestalt­  ­ 4–6 Der Tempel muß … haben.] Ro: Das erste ist die erbauung der Tempel. Diese Kunst geht von dem princip aus dass Die unorganische Natur eine würdige umgebung ist in beziehung auf die freie gestalt.­  ­ 5–6 beziehung auf … haben] Li: Umgebung einer freien Gestalt sein­  ­6–7 ihre bedeu30 tung … andern] Li: sie hat den Zweck für ein anderes­  ­7–8 Diese bestimmtheit … kann.] Ro: Es ist eine unreine architectur, die diese bestimmung nicht erfüllt.­  ­8–9 Ebenso giebt … Architektur.] Li: Die Architectur ist wieder dreifach symbolisch, klassisch und romantisch. Jede Art der Kunstwerke geht auch die drei Kunstformen durch.­  ­10–11 Die Gestalt … Arrangirte.] Li: Das zweite ist, daß in den Tempel die Gestalt selbst hereintritt  Ro: Das 2te Kunstwerk ist ein solches wodurch die gestalt Gottes 35 selbst rein bestimmt ist.­  ­11 Äußerliche] Ro: unmittelbare­  ­12–13  und diese … Skulptur] Li: | Es hat die Bedeutung an ihm selbst, es ist die Sculptur.­   ­14 Begriff, Seele] Li: das Geistige, das Beseelende­  ­14–15 die Äußerlichkeit … ist] Li: daß es die Aeußerlichkeit gemäß macht seiner ruhigen Einheit mit sich selbst­  ­17 Geist] Li: Begriff­  ­19 Das Äußerliche … abstrakt.] Li: Es ist die Abstracte Aeußerlichkeit selbst.­  ­20–22 Nur die … Dimensionen.] Li: Das Innere ist in der Ruhe, auf sich allein 40 bezogen, so muß auch das Aeußere sein.­  ­23–942,2 jenem Kunstwerk … ihr.] Li: Es tritt die Differenz des In sich und Außersich sein, also mannigfaltige Bestimmungen, hin und her, hinüber und herüber. 6   ihre] seine­  ­8 besprochen] berspr.

38 Li

942

19Hn

135vRo

39 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

res sich zeigt, und somit Mannigfaltigkeit, und Partikularität; außer-Einander, hin- und her über. Das Symbol hat seine Bedeutung außer ihr. hier ist das Innere subjektiv, ein in sich Freies, das zugleich ansich seine Erscheinung Material hat, welches es scheinen läßt. Dies Göttliche und in sich Ruhende bewegt sich in Empfindung und Thaten. Näher bestimmt sind Dimensionen des Raumes, die sich abstrakt gezeigt, jetzt subjektiv werden, sodaß eine seiner Dimensionen nur gesetzt wird, die Dimension der Fläche; nur im Lichte ist sie; die Mannigfaltigkeit der Manifestation tritt zu, die Farbe. Die Malerei ist dieses, die Partikularität des Gemüths und Empfindung. Der Architektur ist die Farbe gleichgültig. Das plastische Kunstwerk hat zu seiner bestimmtesten Erscheinung das Einförmige, Marmor, Metall. Der Ton ist die Weise der Subjektivität, und zwar das abstrakte Tönen, Klingen als solches, das Erzittern des Materiellen an sich, das Sichlos­ machen des Ideellen vom Materiellen. Tönen hat Zeichen von Vorstellung Empfin­dung; das Sinnliche was vorkommt ist als räumliche Bestimmung und reines Material, Ton und Farbe. Die Kunst ist für Sinne des Gesichtes und Gehörs, für die theoretischen, nicht praktischen Sinne, nicht so, daß das Individuum am Gegenstand eine Verändrung macht, ihn zerstört. | Das Kunstwerk ist nur für Sinne des Gesichts und Gehörs; Geruch ist praktisch, wenn Duft da ist, der zerstört wird, indem er in Luft sich verbreitet wird. Ebenso ist im Gefühl ein Widerstand der Materie und im Geschmack ist chemische Auflösung, so daß man mit Recht diese praktische Sinne nennen kann. – Der Ton ist Zeichen von unbestimmten Vorstellungen. Das dritte der subjektiven beziehung ist Tönen als ausdrückliches Zeichen der Vorstellung, d. i. Poesie, ihre Rede, die sich auf sinnliche Weise erscheinen läßt. Diese Totalität des Raumes ist in einen Punkt übergegan­ gen, der unruhig ist, außer-einander; aber das Tönen als artikulirte Sprache entspricht den Vorstellungen und Gedanken. Das ganze Reich der Kunst ist dieses hier angegebene.

5

10

15

20

25

  seine Erscheinung Material] Li: seine sinnliche Realitaet­  ­ 4–5 Dies Göttliche … Thaten.] Ro: 3 Was wir als das Göttliche bezeichnet haben, tritt hier wieder hervor.­  ­9–11 Das plastische … Metall.] Ro: Das einfärbige ist die bestimmung des 2ten; weil die mannigfaltigkeit der farben im 30 gegentheil hier die bestimmung des 3ten macht.­  ­11 Der Ton … Subjektivität] Li: Die 2te Weise der Existenz des subjectiven ist der Ton  Ro: Die 2te bestimmung des Kunstwerks, der musik ist der Ton überhaupt­  ­12 das Erzittern] Ro: reines zittern des materiellen an sich, welches nicht selbst vorstellungen in sich hat, sondern vorstellungen oder wenigstens empfindungen erweckt­  ­ 15 Die Kunst … Gehörs] Li:| Die Sinne des ideellen sind Gesicht und Gehör­  ­17–21 Das Kunst­ 35 werk … kann.] Li: Wo das Individuum den Gegenstand nicht frei für sich läßt, sondern ihn als negatives behandelt, da erfordert es praktische Sinne. Die Kunst hat nicht das Interesse der Begierde.­   24–26 Diese Totalität … Gedanken.] Li: Die Zeit ist das ruhende Außereinander, darin bewegt sich dieser Zug der Kunst. 8  Malerei durch Tintenfleck teils verdeckt­  ­24 erscheinen] erscheinte

40

einleitung · eintheilung

5

943

Die Kunst als Außerliches ist Architektur; objektive Kunst ist Skulptur; subjektive Kunst ist Malerei, Musik, Poesie. In Poesie sind 3 Bestimmungen auch, wovon später. Die vollkommenste Kunst ist Poesie: Sie ist Äußerung des Geists als Vorstellung des Freiesten, des Inhaltreichsten, was allen Inhalt in sich verbinden kann. In Architektur ist Centralpunkt die symbolische Kunst; im klassischen ist Skulptur am meisten vollendet, und in romantischer die Musik Poesie, Malerei.

5 –6 In Architektur … Malerei.] Ro: Das ist der Kreis der Kunstwerke, u jetzt haben wir die exposition des ganzen. / Wir haben gesagt dass diesen Kunstwerken abstracte Bestimmungen zu grunde liegen, dass das symbolische die bestimmung der architectur bilde, die classische die Kunst des 10 objectiven, der sculptur; und das Romantische die Kunst des subjectiven des geistes: dass also die architectur ihre höchste vollkommenheit in der symbolischen, die sculptur in der Classischen, und die mahlerei musik und poesie in der Romantischen welt erlangt. 9  liegen] liegt

944

nachschrift heimann  · 1828/29 Erster Theil

Kenntnisse von dem Ideal. 1, Ideal als solches und 2, die Bestimmtheit des Ideals als solches sind hieher zu rechnen, und drittens sollen die bestimmungen der Entfaltung des Ideals bespro­ chen werden; Ideal als solches, Idee als solche.

den 10/11Hn

5

Idee a l s Solche. Idee des Schönen und die Idee als Ideal ist zunächst objektiv. Von Idee ist diese bestimung gegeben. Es ist der Begriff der Realität angemessen, der Gegenstand, der dargestellt ist; Seele und Realität, ist Leib; es ist nun zu begreifen, daß die leiblichkeit in der Seele dargestellt ist. Die handlung ist begriff und Inhalt oder Bedeutsames, dieser begriff muß nur so erscheinen als der Inhalt ist. d. i. der begriff der Idee, begriff und Realität gehört dazu. Idee kann man auch Wahrheit nennen, wenn die darstelung der Vorstellung entspricht, denn d. i. hier das Wahre. Wahrheit ist dann aber subjektiv. Aber wir nehmen die Wahrheit als objektiv, daß es die allgemeine Wahrheit sei. Eine richtige Vorstellung von einem Gegenstand kann Wahrheit sein, aber der Inhalt kann Unwahrheit sein, daß die Realität von der Vorstellung verschieden ist. die Idee ist also das Wahrhafte, Wirkliche, inso-

10

15

2 –7  Kenntnisse von … objektiv.] Li: Der Allgemeine Theil. / Die Idee, das Ideale als Solches.­  ­7–8 Von Idee … gegeben.] Ro: Da sind die differenzen zu berühren die hervorgekommen sind. Von dem idealen in seiner subjectiven weise wollen wir auch sprechen. was die idee selbst betrifft, den 20 begriff davon haben wir schon gesehen.­  ­9–10  Seele und … ist] Li: Im Lebendigen ist die Seele der Begriff, die Leiblichkeit die Realitaet. Dieser Begriff muß zur Erscheinung gebracht sein.­  1­ 0–12 Die handlung … dazu.] Ro: Wirklichkeit ist die entfaltung des begriffs in der existenz. Der begriff muß zur erscheinung gebracht werden so dass die erscheinung nichts ist als die realität.­  1­ 2–14 Idee kann … subjektiv.] Li: Die Idee ist das Wahre, die subjective Wahrheit ist wenn die Vor- 25 stellung mit dem Inhalt übereinstimmt.­  ­13 wenn die … entspricht] Ro: wenn die vorstellung übereinstimmt mit dem gegenstand­  ­14–945,1 Aber wir … entspricht.] Li: Die Idee nehmen wir im objectiven Sinne. Der Gegenstand ist wahr, wenn er das ist, was er sein soll. Schlechtes Kunstwerk ist ein unwahres, die Realitaet ist von dem Begriffe verschieden. Dabei kann ich von dem Inhalt wahre Vorstellung haben.­  ­17–945,1 die Idee … entspricht.] Ro: Ein gegenstand ist o b - 30 j e c t i v wahr, wenn er das ist was er seyn soll. Ein schlechtes Kunstwerk ist ein u n w a h r e s . Wenn nemlich die erscheinung dem nicht entspricht, was dargestellt seyn soll. 7  Idee des ... als in der Zeile darüber, an die zentrierte Überschrift angeschlossen­  ­16–17 von der durch Tintenfleck verdeckt

von dem ideal

5

10

15

20

25

945

fern das Innere dem Äußern entspricht. Verbrechen ist That aber nicht Wirkliches, ungeachtet es existirt; durch Strafe wird es nichtig In bezug der Idee auf Kunst, so ist sie verschieden von der Idee im gewöhnlichen Leben, Ich habe keine Idee von dieser Sache, wo es für subjektive unbestimmte Vorstellung genommen ist. In der Kunst nach einer Idee arbeiten, so hat man sich in dieser sehr bestimmt erklärt. In Rumohr’s Italienischen Studien, einem der gelehrtesten Kunstkenner unserer Zeit, der die meisten Nachforschungen gemacht hat, sind die ersten Abhandlungen über Schönes überhaupt. | Seine Polemik ging vom praktischen Interesse aus. Er hat die Vorstelung in sich, die in praktischer Hinsicht jene Künstler vor sich hatten, und zu welchen Abwe­ gen sie gelangen. die Polemik beruht auf Mißverständnissen, indem er seine Vorstelung in fremden Ausdrücken nicht erkennt. Er spricht gegen die Idee, als gegen Etwas Unbestimmtes. Er ist unbekannt mit der philosophischen bestimung der Idee. Er spricht von der Idee als unbestimmter Vorstellung, daß die Künstler eine Idee vor sich haben sollten, und nach ihr arbeiten. Ist diese Idee unbestimmt, so kann aus dem ganzen Buch Nichts herauskommen, wenn der Künstler nach unbestimmten Vorstellungen arbeiten will. Die Naturwahrheit macht er gegen dieses Unbestimmte geltend. bei uns ist die Idee Etwas bestimmtes aber, und von unbe­ stimmten Vorstellungen im Künstler geht das nicht an, wie wir es in Philosophie bestimmt haben. Die Idee nun im Denken ist als existirend überhaupt das Leben, Wahre. Wir sprechen in diesem Sinne vom Leben der Erde, Sonne, des Animalischen, des Menschen und Geistes, der lebendig in sich selbst ist. Gott ist das höchste Leben, das sich ewig realisirt und schafft, sich selbst. In diesem Schaffen seiner selbst ist er stets bei sich selbst. Durch ihn ist die Existenz seiner selbst gesetzt, und diese be-

1  Verbrechen] Li: Verbrechen, jedes Schlechte­  ­ 3–5 In bezug … ist.] Li: Das ist die Idee im objectiven Sinn, sonst pflegt man die Idee im Sprachgebrauch der Vorstellung = zu setzen.­  ­5 In der Kunst] Li: Der Künstler muß Idee vor sich haben­  ­ 6–8 In Rumohr’s … überhaupt.] Ro: Der professor hat hier gesprochen von einem Werk von R u m o r Italienische Studien, von welchem er als 30 Kunstkenner viel lob gesagt indem er aber die I d e e vertheidigt gegen seine Critik, die besonders darauf geht dass sie etwas unbestimmtes und unpractisches sey.­  ­8 sind die … überhaupt] Li: Die erste Abhandlung ist Begriff der Kunst der Schönheit.­  ­11 die Polemik] Li: Vieles­  ­14–15 Er spricht … arbeiten.] Li: Er spricht gegen Idee, als etwas Unbestimmtes, weil er mit der Philosophie nicht bekannt ist. Raphael sagte er verfahre nach einer inwohnenden Idea, dies verwirft 35 Rumohr.­  ­17–18 Die Naturwahrheit … geltend.] Li: Die Mannigfaltigkeit macht er geltend gegen diese Idee, die er so faßt.­  ­22–23 der Erde, … ist] Li: des Sonnensystems, vom menschlichen Leben, Leben des Geistes, der Organisation­  ­23–24 das sich … selbst] Li: der Begriff, der sich ewig realisirt und hervorbringt, und nichts hervorbringen kann als sich selbst­  ­24–946,3 In diesem … solches.] Li: Das Leben ist dieser Process. Der Begriff der sich realisirt. Der Begriff muß 40 ewig bei dem Außereinander sein, er ist das Leben darin. Begriff ist nur einer, derselbe, der das Innere des Thieres ist, der Inhalt des Geistes ist, der Gott ist, er ist entfaltet in die Planeten, Kometen, Monde cet, Glieder, die auseinander|geworfen sind und durch Begriff zusammenhängen.

40Li

20Hn

41Li

946

nachschrift heimann  · 1828/29

stimmung zeigt ihr außereinander nur als Schein seines in sich selbst Seins. Leben ist also Idee überhaupt, ein begriff also, der entfaltet ist, wie im System der Sterne, die als Individuen erscheinen. Das Leben ist schön als solches. das Leben und Schöne ist gleich und das Lebendige ist schön. Der sich äußernde begriff ist Schö­ nes. So ist Leben als Idee in seiner Wahrheit das Schöne. Das Wahre als solches ist Form des Schönen, beide haben denselben Inhalt, nur daß die Wahrheit den Inhalt für Gedanken, das Schöne den Inhalt für die Anschauung giebt. Das Schöne ist also noch geschieden von der Wahrheit. D. i. der bestimmte philosophische begriff des Schönen, und so ist es zu fassen, wenn es vom Gedanken gefaßt werden soll. Herr von Rumohr sagt (145f ): Schönes im allgemeinen Verstand faßt alle Eigenschaften in sich, welche den Gesichtssinn anregen, und durch ihn die Seele stimmen und den Geist erfreuen. Eine wirke aufs sinnliche Auge, dann auf den eigenthümlichen Sinn für räumliche Verhältnisse (wie bestimmtheit des Maaßes, Symetrie), und die 3te Eigenschaft geht auf Verstand und Gefühl; sie sei die wichtigste, (ein unbestimmtes Prädikat) welche auf Formen beruhe, die unabhängig sind vom sinnlichen Verhältniß (vom Maaße, etc), ein gewisses sittliches geistiges Wohlgefallen erwecken, und dieses gehe hervor theils aus Erfreulichkeit der Vorstelungen, theils aus dem Vergnügen, welche deutliches Erkennen wie Vergnügen erwecken diese Weisen können uns nicht befriedigen, denn die wesentliche Bestimmung, die 3 Eigenschaften und weitern Kategorien des Wohlgefallens, in denen hier reflektirt wird, geht auf Erwecken von Erfreulichkeit, hat schon Kant entfernt, 136r Ro

42 Li

3 –5 das Leben … Schöne.] Ro: Die | bestimmung ist dass das leben als leben und das schöne ein und dasselbe seyen. Das schöne ist das lebendige. Es ist also der begriff der sich äussert.­  ­5 in seiner … Schöne] Li: das Leben an sich, das in seiner Wahrheit, in seiner Substanz. Das Schöne ist dasselbe.­  ­6 Form des Schönen] Ro: der inhalt des Schönen­  ­ 8–9 D. i. der … soll.] Ro: Bestimmungen von idee und bestimmungen von dem schönen fallen also in einander. Das schöne muss so gefasst werden als das objective an und für sich.­  ­9 Gedanken] Li: begreifenden Gedanken­  ­14 und Gefühl] Li: durch das Erkenntniß auf das Gefühl­  ­16 Verhältniß (vom Maaße, etc)] Li: Wohl­ge­ fallen­  1­ 7–18 Erfreulichkeit der Vorstelungen] Ro: der darstellung­  ­18–19 dem Vergnügen, … erwecken] Li: den Gefühlen, die ein deutliches Erkennen nach sich zieht­  ­20–947,6 diese Weisen … beschränken.] Li: Man hat das Schöne auf Empfindung zurückführen wollen, und der ganze Kreis der Categorien des v. Rumohr geht darauf. Diese Cathegorien hat schon Cant entfernt. Das Allgemein gültige Gefallen wird nicht hervorgebracht durch reine Abstractionen. /| Das Gefühl ist bestimmt als Zustimmen, das ist ganz abstract, es ist um das Objective des Gefühls zu thun das das Gefühl bestimmt, das ist zu untersuchen, das ist Zweck des Gedankens. Dabei muß man sich mit Zustimmen nicht begnügen, man muß ins Einzelne hinein gehen.  Ro: Das sind die grundbestimmungen, dieser Kunstkenner: aber seine bestimmungen befriedigen uns nicht. sie gehen darauf dass die sinne erfreut sind oder die seele befriedigt, oder der geist erweckt. wir haben schon gesagt dass man die aesthetik auf die empfindungen hat zurückführen wollen. Diese Cathegorie hat schon Kant wollen entfernen, so dass wohl die Kunst befriedige aber dass sie ein a l l g e m e i n e s wohlgefallen 11  Eigenschaften in] Eigenschin

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

947

indem er vom allgemeinen Wohlgefallen spricht, ohne daß es prätensiös ist, allge­ mein zu gefallen. Wohlgefallen etc. sind Kategorien des Gefühls, welches bestimmt ist, als angenehmes Gefühl. Aber abstrakt ist die Zustimmung. Der Inhalt des Gefühls ist was Gefühl zu Gefühl macht, und d. i. Zweck des begreifens. diesen Inhalt nun des Gefühls zu expliciren, muß man tiefer eingehen, und auf Gefühle nicht sich beschränken. Gefühl ist subjektiv | Mache ich einen Gegenstand zu dem Meinigen, so ist er in meinem Gefühl, wie Religion, Vorstellung von Gott, und es gehört mir an. Ist das meine Gesinnung für immer und die meinem Charakter angehört, so ist es in meinem allgemeinen Selbstgefühle, im Herzen, und d. i. das Subjektive worin alles Mögliche sein kann. Meine religiösen Gefühle können falsch sein, wie die der Alten, und es kommt nun auf den Inhalt an, der im Gefühl ist. Der Verbrecher hat auch Gefühle, seine Rache, Noth, und es kommt nun auf den Inhalt desselben an. Das Gefühl ist eine Form, die alles in sich aufnehmen kann, was wahr sein kann, und nicht; diese Form ist abstrakt, und Wohlgefallen ist noch unbestimmt. Mangel an Kategorien ist ihre Abstraktion und Oberflächlichkeit. bestimmtheit im Gefühl muß Inhalt sein, und dieser muß durch den Gedanken bestimmt werden. Der Fortgang ist dieser, daß die Subjektivität in sich enthält ein Leben von vielen Einzelnheiten, die Allgemeines ausmachen, sodaß die besonderheit negirt wird. Negativität entsteht also hier und Unendliches. Das Endliche ist beschränkt, wird begränzt durch eine Schranke; hingegen die subjektive Einheit ist diese negative bestimmung auch, aber nicht in beziehung auf ein Andres, sondern in beziehung auf sich selbst. In der höchsten Form heißt diese Negativität Freiheit. I c h ist die absolut negative Einheit, und nach dieser ist das Leben Lebendiges; diese Un-

25 erwecke. daher dass die Cathegorie der allgemeinheit daraus entspringt. Das gefühl das ist nun be-

stimmt. zu stimmen aber ist etwas ganz abstractes und um den inhalt des vergnügen ist es zu thun. Dieser inhalt muss explicirt werden, da muss man näher eingehen und nicht dabei stehen bleiben dass man angenehme empfindungen fühlt. 8–9 Ist das … angehört] Li: So muß Religion im Gefühle sein. Das ist ganz richtig aber in dem 30 angegebenen Sinne. Moralische Dogmen, wenn das mein Wille auf immer ist, dies meinem Carac-

ter angehört­  ­11 falsch] Li: ganz und gar falsch  Ro: durch und durch falsch­  ­13 seine Rache, Noth] Ro: aber der inhalt seiner gefühle ist schlecht­  ­13–14 Das Gefühl … Form] Li: Das Gefühl ist also nur die Form der Meinigkeit, der subjectivitaet­  ­18–19 Der Fortgang … wird.] Ro: Eine andere bestimmung ist, daß das leben lebendiges ist, d. i. dass es im subject ist. Eben deswegen ist 35 die substanz des Spinoza mangelhaft, weil sie nicht als subjectivität gefasst ist. Die subjectivität und das leben machen nach ihm nur eine allgemeinheit aus und ihre besonderheiten sind also ganz negirt.­  ­20 Negativität entsteht … Unendliches.] Ro: Dies macht die bestimmung der negativität der unendlichkeit die sich auf sich selbst bezieht, die bestimmung der unendlichkeit.­  ­24 das Leben Lebendiges] Ro: das leben lebendiges, die vernunft vernünftiges­  ­24–948,2 diese Unendlich­ 40 keit … Schranken] Ro: Die bestimmung der unendlichkeit macht also die subjectivität aus. 1  spricht] entspr

21Hn

den 11/11Hn

948 43Li

136vRo

44Li

nachschrift heimann  · 1828/29

endlichkeit des Ich und Freiheit ist bei sich selbst und bedarf keines Andern, also hat keine Schranken. Das Leben ist wesentlich Lebendiges. Durch diese Einheit ist Leben Wirkliches. Das Leben an sich existirt nicht; erst das Lebendige, diese bestimung macht es zum Wirklichen. Die Idee ist nun wesentlich Subjektiv. Diese Einheit ist wesentlich Forderung am Schönen und Kunstwerk; Kunstwerk ist seelenlos, wenn nicht eine bestimmung da ist, von der alles abhangt. Indem das Leben Lebendiges ist, existirt es, und diese Einheit bezieht sich auf Schönes. Das Sonnensystem ist Idee, Körper sind es, die zum Sonnensystem gehören. Seine Realität sind die Himmelskörper; aber es ist nicht lebendig, (denn sagt man, es lebe, so ist es eine abstrakte bestimmung) die bewegung der Körper liegt im Begriff, aber dieser beseelt sie nicht, sodaß sie eine Einheit ausmachen, deßhalb leben sie nicht. Die Pflanze, Thier, Mensch ist ein Subjekt. Was man als Thiere unterscheiden kann, sind im begriff, und so daß sie als besondre nicht erscheinen. Das Schöne ist als subjektive Einheit. Aber hier ist es, wo Schönes vom Lebendigen sich trennt, das Schöne ist eine subjektive Einheit als Ideal zu fassen. Lebendiges ist Subjekt, einzelnes. Als Solches ist es Daseiendes, mit der Einzelnheit ist es gesetzt, umschließend gegen andre selbstständige Subjekte: Der Mensch ist Geist, Leben, Subjekt, vernünftig als Geist. Er verhält sich zu Andern, und somit tritt das Endliche des Subjekts ein, und das kommt, was die Prosa des Lebens ausmacht, und es ist nun zu sehen, wie sich das Schöne so verhalten soll, ohne in dieses Leben zu fallen. Das Schöne als solches ist nun Ideal. 2 Lebendiges] Li: Lebendiges, es ist Subject­  ­ 2–4 Durch diese … Subjektiv.] Li: Die Lebendigkeit des Spinoza ist eben mangelhaft, weil es nicht als Subjectivitaet gefaßt ist. Die negative Einheit, wo die Unterschiede in eins gefaßt sind macht die Subjectivitaet aus, die sich auf sich selbst bezieht, und das ist das Unendliche. Die subjective Einheit ist die negative Bestimung usf. Wenn ich sage ich, so sind alle die Besonderheiten alles eine Einheit, weniger als ein Punkt. Als bewußt die Unendlichkeit des Ich ist Beziehung auf sich selbst, hat keine Schranke, ist also unendlich. Die Bestimmung der Unendlichkeit ist also, die das logische der Gedanken, die Subjectivitaet ausmacht. Das Leben, als solches ist das Innere.­  ­6 wenn nicht … abhangt] Li: wenn es auseinandergeht, wenn es nicht ein Ganzes ausmacht­  ­7 existirt es, … Schönes] Li: so giebt es 2erlei Unterschiede im Raume­  ­7–9 Das Sonnensystem  … lebendig] Li: Das Sonnensystem ist explicirt in einzelne Körper des Himmels es ist aber nicht lebendig.  Ro: Es gibt 2erlei in der natur: das organische und das unorganische. nur das organische ist das was leben hat. Das Sonnensystem ist nicht lebendig im eigentlichen Sinne: wohl aber vernünftig.   ­ ­ 10–11 die bewegung … nicht] Li: Es ist der Begriff der hier realisirt ist. Die Realitaet ist aber nicht in dieser Form gesetzt, daß der Begriff sie beseelt, denn die Körper machen nicht ein Subject aus, wie der Begriff eins ist.­  ­12 ist ein Subjekt] Li: sind besondere Subjecte­  ­15 das Schöne … fassen] Ro: das lebendige ist ein wirkliches das Schöne ein ideales­  ­17 umschließend] LiRo: ausschließend­  ­18–20 Er verhält … ausmacht] Ro: Dadurch dass die unendlichkeit in die bestimmung kommt, tritt die endlichkeit des individuums ein; und da tritt dann diess ein was die prosa des lebens ausmacht­  ­21 Das Schöne … Ideal.] Li: Das Schöne auch noch als Idee in der Existenz zu erhalten ist Ideal. Idee ist das Allgemeine Ideal derselbe Inhalt nur in Form der Subjectivitaet. 1  selbst] selbst.­  ­2 keine] keinen

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

949

Daß das Leben als Subjekt ist und sich zu Andern verhält, darin liegt Abhängig­ keit aller Art. Indem der Mensch wirklich ist, da kommt das Nicht Schöne; eine beziehung, die nicht wahrhaft auf sich selbst sich bezieht, sondern Andres. Das Einzelne Lebendige ist abhängig vom Andern, das einwirkt aufs existirende Individuum | Andere bestimmungen sind daher in ihm, als durch den begriff gesetzt sind. Der Mensch ist in diesem oder jenem Klima, das Einfluß auf ihn hat; Menschenbildung wird dadurch verändert und Farbe. Hier wird Etwas an ihm gesetzt, was durch sein Lebendiges nicht allein hervorgebracht ist, sondern ein Andres. Nahrung hat Einfluß auf ihn, mangelhafte oder reichliche wirkt auf ihn. Bewe­ gung nützt oder schadet ihm in physischer Constitution. In Der Gesellschaft befindet sich der Mensch. Hier ist ein Gemeinsames überhaupt Zweck, und dieses Gemeinsame und seine Geschäfte werden durch den Gedanken scharf unterschieden und getheilt, sodaß dem Individuum vom Ganzen einer That nur eine Partikel zu Theil wird. Die Handlung ist Eine, durch ein Subjekt hervorgebracht und sollte auch dem einen Subjekt ganz angehören; aber ein Theil gehört ihm. Im Kriege thun die heroen alles; im Staate hat jeder sein Geschäft; jedes Individuum handelt im Zusammenhang der aus unendlich vielen Theilen besteht, sodaß das Individuum unlebendig ist, indem es nicht den Zweck vollführt. Nicht von einem Individuum geht der Krieg aus. Einer giebt Befehl; andre führen ihn aus, und ihnen gehört nicht der Entschluß. Ein Ganzes wird also zersplittert, und dieses ist der Grund­ 1 –3 Daß das … Andres.] Li: Der Mensch in dem er wirklicher ist, damit tritt das Unlebendige ein, die Beziehung auf anderes, nicht auf sich selbst. Damit tritt die Bedingtheit ein.  Ro: Da scheidet sich also das lebendige als existirendes, und das lebendige als das was es seyn soll. In dem allgemeinen ausdrück von wirklichkeit liegt alles beschränkte, bedingte u. s. f. Damit dass der mensch wirklich ist, ist er dem unlebendigen unterworfen.­  ­8 durch sein Lebendiges] Li: durch seine innere Seele­  ­11 Mensch] Ro schließt an: und in dieser sind sie wieder in der unendlichsten abhängigkeit­  ­11–13 Hier ist … getheilt] Li: da sind sie in unendlicher Abhängigkeit nach allen Seiten. Das Allgemeine der Gesellschaft wird bethätigt, in unendlich viele Theile zersplittert­  ­13–14 sodaß dem … wird] Ro: so dass der mensch nur ein partikel des ganzen ist obgleich er in sich selbst eine einheit ist­  ­14–950,2 Die Handlung … wird.] Ro: Jede handlung aber ist eine handlung eines einzelnen menschen nur in so fern sie durch ihn selbst hervorgebracht ist. Die ganze gesellschaft hat ihren Zweck aber dieser Zweck ist von der ganzen gesellschaft, nicht von ihren einzelnen gliedern erfüllt. Diese Zersplitterung ist also auch unterschieden von der grundbestimmung des schönen die wir gegeben haben dass sie eine subjective einheit ist. Die sphäre des endlichen ist die sphäre der unwahrheit. Das andre ist die erhebung uber die verwickelung des lebendigen in dieser bedingtheit und das ist was im schönen bewirkt ist: das ist das I d e a l e . / In dem Idealen in seiner subjectiven einheit ist enthalten dass es durch den menschen hervorgebracht ist. Es ist nur der geist welcher sich aus der befangenheit erheben kann. Was wir von dem schönen zunächst sehen ist dessen Freiheit, das beruhen in sich selbst, diese seeligkeit des Idealen an sich. Das Ideale haben wir in seinen 3 bestimmungen gesehen: wirklichkeit, wahrheit und lebendigkeit. Die erhebung des Idealen ist nicht eine flucht | des geistes aus dem bestimmten; sondern die über einstimmung des endlichen und des unendlichen.  14–950,10 Die Handlung … denkens.] Li: Der Geist ist derselbe. | Da ist das Individuum in der Unlebendigkeit, es vollführt nicht selbst den Zweck. Die Seite der 1  Daß das] D.­  ­12 unterschieden] untsheidt

22Hn

137r Ro 45Li

950

46Li

den 12/11Hn

nachschrift heimann  · 1828/29

bestimung des Schönen entgegen, daß alle Mannigfaltigkeit durch eine Seele zur subjektiven Einheit bestimmt wird. Das denken tritt nun ein von solchen Verhältnissen die beziehung auf Andres haben. Gedanken kommen, die nicht endlich sind, aber endlichen Inhalt haben. In der elektrischen Kraft ist die Äußerung enthalten, also ist auch hier ein Inneres, Kraft, und in ihr ist Äußerung. Eine Trenung also von Allgemeinem und besonderm. Es sind auch hier zwei Verhältnisse des Endlichen, indem die Kraft als bestehend vorgestellt wird. Wir sind voll von solchen Verhältnissen, die Äußerliches und Endliches enthalten. Die Ausbildung des Subjekts auf Andres dagegen giebt das Endliche, das prosaische Leben der Abhängigkeit und des denkens. Hievon ist verschieden und hieher gestellt in die Sphäre ein Anderes. Die Unwahrheit ist in dieser Sphäre, da nicht vom Innern Alles gesetzt ist, da der begriff nicht mit Wirklichem vollkommen übereinstimmt. Die andre Sphäre erhebt sich über die Verwickelung. D. i. was im Schönen bewirkt wird, welches das Wesen der Schönheit in sich ist, nicht abstrakt schön. Das Auf heben dieses Endlichen ist Ideal oder überhaupt Schönes. Das Wort Ideal hat das Unbequemliche, daß man sich Etwas vorgestellt hat, was nicht zu erreichen ist. Es ist das Schöne. Zunächst ist Ideal, Schönes ein vom Menschlichen Geiste Geborenes, an sich schön wie das Lebendige; befangen von allen Seiten kann der Geist es nur der befangenheit entreißen. So entsteht das Kunstwerk. Diese Freiheit des Schönen, Seeligkeit des Idealen in sich, kann man nach 3erlei Bestimmungen durchgehen. Nach Heiterkeit, Ironie, und Natur. Eine Zusammenstimmung mit sich selbst im besonderen ist Ideal. Nicht als existirendes Lebendiges, sondern als Lebendiges was durch Geist in seine Unendlichkeit

5

10

15

20

Realitaet soll aber von der subjectiven Einheit durchdrungen sein. Jeder bedarf zu dem was er will 25 einen unendlichen Zusammenhang. In diesem Geflechte steht ein jedes Individuum. – Die Kraft selbst ist das Abstracte des Allgemeinen des Innern. Erst in der Aeußerung der Kraft treten Nebenbestimmungen bei, Verhältnisse der Endlichkeit, beides kann man auseinander halten, aber nur beides in Einheit ist das wirkliche. So ist überall eine Innerlichkeit und eine Aeußerlichkeit vorhanden. Das Leben des Zusammenhanges ist das prosaische Leben.­   30 11–16 Hievon ist … Schönes.] Li: Diese Sphäre des Endlichen, ist die der Unwahrheit, der Begriff stimmt mit seinem Dasein überein, aber es sind da auch Bestimmungen, die von dem geistigen Subjecte nicht selbst gesetzt sind. Der Begriff stimmt also nicht vollkommen mit der Realitaet. Die Erhebung über diese Verwicklungen des Lebendigen, über diese Bedingtheiten wird im Schönen bewirkt. Insofern es subjective Einheit in sich ist. Das ist das Ideal.­  ­19 Geborenes] Li: geboren, 35 vom Menschen hervorgebracht­  ­20–21 So entsteht das Kunstwerk.] Li: Hier fängt das Schöne als Kunstwerk an.­  ­21 Schönen] Li: Schönen, das Beruhen in sich selbst­  ­23 Eine Zusammenstimmung] Li: Diese Erhebung des Idealen ist nicht eine Flucht aus dem Bestimmten in das Leere, sondern die Zusammenstimmung­  ­ 25  der] die

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

951

zurückgeführt gehalten wird. Es ist ein in sich genügendes und in der befriedigung festgesetztes, d. i. heiterkeit.: Ernst ist das Leben, heiter die Kunst sagt Schiller. Man spöttelte darüber, daß die Kunst heiter ist. Die Kunst ist auch ernst, und sie war es auch Schiller, aber dieser Ernst ist heiter. Die bestimmung der Freiheit und ihren Triumph als conkrete Freiheit | finden wir in antiquer, ernster Ruhe. Eine Ruhe, die auch dazu getrieben sein kann, auf die abstrakte Spitze sich zu­ rückzuziehn. Wenn die Heroen dem Schiksal unterliegen, so behaupten sie ihre freiheit. Wenn vollkommne Zerreißung seiner Existenz entstanden ist und zwi­ schen seinem Innern ein Riß entstanden, so kann das Gemüth, dadurch daß es so ist, sich in das Einfache bei Sich selbst zurückziehen, und das Subjekt bleibt sich selbst getreu, und giebt alles auf, sein Leben, und behält sich selbst, verliert sich selbst nicht. Der Mensch der vom Schicksal unterjocht wird, und umkommt, verliert sein Leben, nicht seine Freiheit. diese Befriedigung in sich selbst ist nicht nur so seine Freiheit, sondern heiterkeit, wie der griechischen Götter. In modernen Zeiten geht die Entzweiung weiter; tiefer ist der Gegensatz; der Schmerz dringt tiefer ins Innere, der Geist vertieft sich mehr in sich, und das Negative ist also ein höhres Leiden. Aber in diesem Schmerze soll sich der Mensch zusammenhalten, frei in vollkommener Abhängigkeit sich bewahren. Der Mensch ohne haltung ist widerlich und lächerlich. Das Kind so rathlos weinend macht uns lächelnd, weil es so haltungslos ist, und weil kein Geist im Inhalt ist. Das Lächeln ist der andre Ausdruck einer Befriedigung, die sich ausläßt. Die heiterkeit ist Lächeln in Thränen; eine Aussöhnung in der Qual mit sich ungeachtet des Unversöhntseins des Daseins. Wie war sie in Thränen schön, heißt es, beim Dichter, wie wird sichtbar die Aussöhnung mit dem Leiden. Das Lachen, wie der Lachchor im Freischütz, ist haltungslos, nicht Ausdruck der haltung. heiterkeit ist es, wenn die ewigen Götter in ihrer Ruhe über Wolken, wie

1 –2  genügendes und … festgesetztes] Li: Befriedigendes, sich in der Befriedigung erhaltendes­  ­6 Ruhe] Ro: freiheit­  ­Spitze] Ro: spitze in dem einfachen seyn bei sich selbst sich zurück zu ziehen­  1­ 3–14 diese Befriedigung … Götter.] Li: Dieses Beruhen auf sich selbst war das Interesse 30 bei den Alten. | Die Heiterkeit der griechischen Götter ist die jeden durchdringt.  Ro: Diese befriedigung ist die ruhe bei sich selbst. Aber dies ist nicht nur freiheit sondern auch heiter­keit.­  1­ 6  tiefer] Li: tiefer als bei den Alten­  ­16–17 das Negative … Leiden] Ro: Die verletzung, das negative ist da der höhere schmerz.­   ­18 vollkommener Abhängigkeit] Li: dieser Zusammen­ gerissenheit­  1­ 8–20 Der Mensch … ist.] Li: Wenn wir die Menschen nur trostlos sehen, ohne 35 Haltung, so ist das widerlicher Anblick, wie die Kinder rathlos weinen. Weinen ist Ausdruck einer Entzweiung­  ­21 der andre … Befriedigung] Ro: die andre seite des ausdrücks dieser ent­z weiung­  ­22 in Thränen] Li: in der Thräne, ein Versöhntsein mit seinem Innern auch im Leiden­  ­23–24 Wie war … Leiden.] Li: so steht hymene schön in Thränen (eine Stelle aus einer Romanze)­  ­24 wie wird … Leiden] Ro: Es heißt also von der Hymene des Cid dass sie von thränen schön ist: das heisst 40 dass die versöhnung in ihren thränen sich zeigte. 5  ihren] seinen­  ­15 In] Im­  ­21 die] das

23Hn

47Li

952

nachschrift heimann  · 1828/29

er den Becher reicht, lachen. Diese Seeligkeit ist Grundzug in den Kunstwerken. Von ihr müssen sie durchdrungen werden. Diese innere Versöhnung hat den Charakter der Freiheit, der Sicherheit seiner selbst, der Treue und Rechtschaffenheit selbst, wie in altdeutschen Gemälden, es drückt die Versöhnung des Gemüths aus; aber zum Gefühl der Lust geht es nicht. Schmerz des Gemüthes wird ausgedrükt in schönen Tönen der Musik, sodaß Lust ist, so zu klagen; nicht ein Schreien, sondern ein Zurückgekehrtsein, sich zu vernehmen Lust haben wie die Lerche in den Lüften. diese Seeligkeit des Sich zu vernehmen, ist Kunst, wie in italieni­ scher Malerei. Diese Freihheit ist also Grundzug des Idealen. In dem Gesagten, daß im Element eine andre bestimmung vom Gegentheil liegt, l i e g t d i e I r o n i e , ein vornehmes Princip der Ästhetik. Sie hat praktische Seite und bezieht sich auch auf Kunst. Dieses Wort pflegt gewöhnlich vornehm gebraucht zu werden. D i e I r o n i e i s t a u s f i c h t i s c h e r P h i l o s o p h i e g e f l o s s e n , nicht unmittelbar, sondern aus einer Wendung derselben, der schellingschen Philosophie, besonders in ästhetischer Ansicht, im Schiller. Das Ich ist das absolute Princip der fichtischen Philosophie, welches abstrakt ist, frei, aber abstrakt frei in Negation alles Besondern; in ihm ist der Inhalt untergegangen; alles bestimmte wird nur gewußt, indem es durch Ich gesetzt ist. Das bewußtsein vom Rechtlichen ist nur vom Ich gesetzt. dieses ist dem An und Für sich entgegen, wo es nicht ein Gesetztes ist. Wie Fichte es weiter fortsetzt mit Ich, und wie er das Setzen von Allem consequent verfolgt, sind wir enthoben. Ist aber aller Inhalt durch Ich gesetzt, so bin Ich

48 Li

137v Ro

5

10

15

20

1   Diese Seeligkeit] Li: Das Gefühl dieser Seeligkeit  Ro: Die heiterkeit­  ­ 3–4 Rechtschaffenheit selbst] Li: Rechtschaffenheit, der Freiheit­  ­5 aber zum … nicht] Li: geht noch nicht fort, was Gefühl der Seeligkeit ist­  ­5–7 Schmerz des … haben] Li: Gefühl der Lust durchdringt die italienische ganz 25 ernste Musik. | Das Leiden ist in solchen Tönen dargestellt, daß man glaubt es sei der Mensch werth zu leiden, um diese Lust zu vernehmen­  ­8 Seeligkeit] Li: Freude­  ­8–9 wie in italienischer Malerei] Ro: In Italienischer musik und mahlerei ist dies überwiegend.­  ­10–11 In dem … Ästhetik.] Li: Darin liegt das Element einer andern Bestimmung, die der Versöhnung gegenüber ist. Die Ironie, der Hohn, das Böse. Es wurde in der Romantik als neues Princip eingeführt.  Ro ergänzt: Das ist die 2te 30 bestimmung die wir zu betrachten haben: da es in neuerer Zeit in der Philosophie der Kunst eine grosse Rolle gespielt.­  ­14–15 nicht unmittelbar, … Philosophie] Li: sie liegt nicht darin, ist aber daraus entsprungen. In der Schellingschen Philosophie ist eine Wendung der Fichteschen Philosophie.­  ­ 17 welches abstrakt … Negation] Li: ganz formell, ganz abstract, es ist frei, negativitaet  Ro: ganz formal, ganz abstract. Das ich ist frei: aber die negativität alles besonderen ist hergenommen als die | 35 vollkommene negation­  ­19 gesetzt ist] LiRo: gesetzt durch das Ich, (Li: selbst der Inhalt des Göttlichen ist vom Ich gesetzt  Ro: so die äussere Welt, das Göttliche)­  ­21–953,2 Wie Fichte … brauche.] Ro: Daraus folgt wie Fichte fortgeht, dass diese gegensätze von welchen wir gesprochen haben nicht statt finden. I c h der meister, alles sittliche und moralische ist mein product. Ich brauche also keinen respect dafür zu haben.­  ­ 40 1 6  ästhetischer] ätsth.

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

953

herr alles Göttlichen als meines Produkts, vor dem Ich keinen Respekt zu haben brauche. D. i. das Bestimmte Princip der Ironie, die Ironie in ihrem wesentlichen Gedanken. Ungebundensein und sich binden, sodaß man sich aus seinen Banden schaffen kann. | Alles ist Schein, in so fern Ich es zerstören kann. Ich thue alles als ein ποιητης, ein lebender Künstler, der alles setzt, eine Gestalt, die in meiner Gewalt ist, aber nicht in meinem Ernste ist. Wahrheit ist eine Sache; aber Nichts hat die bestimung einer Sache hier, die An und Für sich ist. Es ist Formalismus meines künstlichen Ichs, so daß mit keinem Inhalt ich es ernst meine, indem ich die Sache von mir wieder trennen kann. Ein Künstler im Leben zu sein, ist die Sache des Ichs, so daß alles Geschaffene wieder Nichts sein kann. Dieses Ich soll das Göttliche sein. Alle Sachen sind Schein. D. i. die praktische Ironie, von Fr. v. Schlegel erfunden; er führte die fichtische Philosophie auf seine Weise fort. Edlere Naturen, die auch auf diesen Standpunkt gefallen sind, sind zur Leerheit der Sachen, Scheue vor Wirklichem hingegangen, wie Novalis; sie wurden zur Schwindsucht des Geists geschraubt, und deßhalb war die Sehnsucht das höchste, ein Nicht wirkliches Producirn; die Sehnsucht, die sich nicht herabläßt, um sich nicht zu verunreinigen mit Sachen. Höher steht diese als jene Scheinbildung. dieses Princip ist zugleich als höchstes für die Kunst aufgestellt worden. Das Individuum ist zum Künstler erhoben in seinem Leben, vor allem was er als Schein für andere ausstellt. Das innere Subjekt ist dadurch aus sich heraus. Das Gesetz der Kunst ist das des Individuums, das Göttliche, die Ironie darzustellen, das Große und Herr­ liche, die Sache, als Nichts zu wissen und zu behandeln.– 1 –2 herr alles … brauche] Li: Herr und Meister über alles Sittliche und Moralische, alles Heilige und Göttliche ist mein Produkt, mein Geschöpf.­  ­ 3–4 sodaß man … kann] Ro: so dass man selbst dieses band vernichten kann­  ­ 4–5 Ich thue … Künstler] Ro: Das aussprechen des individuums existirt nun in diesem sinne dass ich dies thue als ein lebendiger Künstler­  ­4 Ich thue] Li: Der Mensch spricht sich aus, ich thue­  ­ 5–6 eine Gestalt, … ist] Li: meine Aeußerung, meine Handlung ist ein von mir Gesetztes, ein Schein meiner Gewalt­  ­6 Wahrheit ist eine Sache] Li: Der Ernst bezieht sich auf eine Sache, die an und für sich ist.­  ­8 künstlichen] LiRo: künstlerischen­  ­ 8–12 so daß … fort.] Li: Einem andern kann das Meinige Ernst sein. Das subject selbst ist frei von dieser Sache, die anderen sind getäuscht, die meinen, es sei mir Ernst mit dieser Sache. Diese Thätigkeit, die ein bloßes Scheinen hervorbringt, ist Bedeutung der wahrhaften praktischen Ironie, die Frd. von Schlegel erfand aus Fichte, und sie weiter geführt. Die andern haben es nur nach­ge­ sprochen.­  ­11 Alle Sachen … Ironie] Ro: Diese thätigkeit die nur ein scheinen hervorbringt ist der wahre begriff der practischen Ironie­  ­12–13 Edlere Naturen] Ro: Höhere individuen­  ­13 gefallen] Li: verfallen­  ­13–14 Leerheit der Sachen] Ro: leerheit des interesses­   14 vor Wirklichem] Li: vor Sachen vor Existenz­  ­Novalis] Li: Novalis H. v. Hardenberg­   16 Producirn] Li: Handeln­  ­17 Sachen] Li schließt an: die aber zugleich den Mangel der abstraction fühlt­  1­ 8–22 Das Individuum … behandeln.] Ro: Man hat gesagt auch in der Kunst erhöhe sich das ich zu einem Künstler; – das ist nun diese ironie: das ironische ist alles vortreffliche alles Gottliche zu vernichtigen.­  ­21–22 das Große … behandeln] Li: das Göttliche ist eben dieses Ironische, zu vernichten alles herrliche, und als Nichtiges zu behandeln, herauszusein 7  die] das­  ­13 Leerheit] Lehrheit

49Li 24Hn

50Li

954

den 13/11Hn

138rRo

51Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Hier ist die absolute Negation, die sich auf sich bezieht, die als Princip aufgebracht ist. Betrachten wir die Produkte die aus diesem Prinzip hervorgegangen, so soll das die Ironie sein, daß irgend Etwas als schön, groß anfängt vorgestellt zu sein, aber daß darauf folgt, daß dieses Schöne sich wieder vernichtet, daß das Große schlecht ist, daß das Schlechte groß ist. Die Ironie hängt mit Komischem zusammen, aber das Komische muß darauf beschränkt sein, daß das Vernichtete eine Grille, Caprice, Leidenschaft ist, was An und Für sich als Sache Nichtiges ist; so aber ist es nicht bloß das Nichtige was sie als nichtig manifestirt, sondern daß Alles Gediegene sich vernichtet. Die Produkte haben das Unkonsequente, Unkünstlerische, Haltungslose. Sie bewirkten, daß das Publikum die Ironie an ihnen ausließ, da es ein Gehaltvolles haben will, nicht Charakterloses. Solche, die das Wort im Munde geführt, Tiek, Solger, haben dennoch große Kunstwerke betrachtet und gefunden, daß das Wort nicht ihnen in den Mund kommt. Wenn Tiek über Romeo und Julie spricht, so sollte man glauben, hier sei der Ort, wo von Ironie zu sprechen ist, weßhalb die Ironie hier so vortrefflich ist; aber bei solchen ächten Kunstwerken erinnern sie sich nicht jemals ein Prinzip über Ironie gegeben zu haben Zum 3ten Punkte gehn wir. Vom Verhältniß des Ideals zur Natur. Was wir Ideal genannt, ist gediegener Inhalt, der sich darstellt in Äußerlichkeit und Besonderheit; aber diese hält er so in sich, daß die bloße Äußerlichkeit vernichtet ist, und nur das Innere Gediegene in ihr liegt, und das Moment der Negation darin ist. Die Seite des Äußerlichen, das herausführen des Inneren in Anschauung für den Sinn und Vorstellung. Im Didaktischen, Hymnus, welche auch Kunstwerke sind, ist Bildliches untergeordnet. Aber von solchen Extremen ist noch nicht zu sprechen. Die bestimmung des Äußerlichen giebt das Moment des Natürlichen. D i e G e s t a l t u n g e n s i n d a u f n a t ü r l i c h e We i s e w i e s i e u n s N a t u r d a r b i e t e t , gebi ldet. |

5

10

15

20

25

 –2 Hier ist … ist.] Ro: Hier ist also die auf sich beziehende negativität wovon wir gesprochen. Das 30 1 lebendige abstracte ist da zu princip herausgehoben.­  ­4 schön, groß] Li: groß, schön, vortrefflich  Ro: etwas grosses, ächtes, edles­  ­ 5–6 daß das … ist] Li: Das Vernichten ist das Göttliche hier­bei.­  9­ –10 sondern daß … vernichtet] Li:| In der Ironie ist aber alles, was als vortrefflich gilt, das sich vernichtet.­  ­11–12 da es … Charakterloses] Li: Am caracterlosen kann man kein Interesse nehmen.  Ro: Denn die wahre ironie besteht darin dass das was wirklich nicht gross ist, aber gross 35 vorgestellt ist, so dass es sich selbst vernichte.­  ­15–18 Wenn Tiek … haben] Li: wenn sie die Kunstwerke schildern, die vortrefflich und aecht sind, wie Sheakpeare Tragödien lassen hier von der Ironie ganz ab­  ­22 vernichtet ist] Li: vergeht 11  ausließ] sließen

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

955

D i e s e r G e g e n s a t z i s t b e s o n d e r s w i c h t i g geworden durch Winkelmann, der das Ideale der Form heraushob. Seine begeistrung ist an den Werken gegründet, und auf bestimmte Weise hat er ihre Anerkennung in die Welt eingeführt. So wie man vor seiner Zeit an dem Raphaelschen Werke die Unvollkommen­ heit der Kunst anerkannte, und Raphael nicht zum Muster nahm. Winkelmann hat durch seine begeistrung eine neue Kunstkenntniß veranlaßt, neue Anregung ge­ geben und die Ansichten auf andere Standpunkte gestellt. Aus dieser Anerkennung des Ideals ging eine Sucht nach idealer Darstelung hervor, die das Schöne suchte, aber in Unlebendigkeit verfiel sie, und Rumohr hat das vor Augen, indem er ge­ gen Ideale schrieb. Dieser Fehler ließ das Altitalienische und Altdeutsche als Vorbild vorgestellt mehr als in den Idealen vorgeschwebt. Das Interesse der Theorie ist es mehr diese Prinzipien und Mißverständnisse aufzulösen. Grundsätze fürs Praktische kann man nicht geben. Schlecht malt man beim Idealischen Vorbilde und beim altdeutschen Vorbilde. Die Malerei und Poesie hat man besonders vor Augen, besonders die erste wo man es mit Anschauung zu thun hat. Die Architektur nimmt nicht aus der Natur ihre Formen, und nimmt sie sie von der Natur, so ändert sie sie. Bei Poesie wird nicht so bestimmt wie bei Malerei die Natur nachgeahmt, indem sie aus dem Geiste ihre Stoffe nimmt, und deßhalb nicht ihre Formen aus der Natur entlehnt. Die Frage nun, von Ideal und Natur, kann man in Prosa und Poesie in Gegensatz setzen, daß Prosa natürlich ist, was unmittelbar ist, und doch zugleich Kunstwerke enthalte. Poesie und Prosa sind unterschieden sagt man, die Kunst soll Poesie enthalten. Aber dieser Ausdruck Poesie kann zum Abwege führen, indem man eine 1  Winkelmann] Ro: Winckelmann in den neuesten Zeiten­  ­2–3 Seine begeistrung … gegründet] Ro: Winckelmanns interesse an der Kunst hat sich zur begeisterung an den alten Werken entzündet.­  ­2 Werken] Li: Werken der Alten­   ­3 ihre Anerkennung] Li: das Studium des Antiquen­  ­5–7 Winkelmann hat … gestellt.] Ro: Winckelmann hat vornehmlich das studium der antiquen erweckt, und damit ein neues beginnen der Kunst veranlasst. Die ansichten haben sich vollkommen auf einen andern standpunkt gestellt. Das anerkennen des Idealen ist auf eine betrachtliche weise daraus hervorgegangen.­  ­9 das] Ro: diesen abweg­  ­10 schrieb] Ro: spricht. Diesen abweg hat er hervorgehoben.­  ­10–11 Dieser Fehler … vorgeschwebt.] Li: Dieser Abweg nach dem Idealischen war oft aufgegeben | worden indem das gehaltvollere als Vorbild vorgestellt worden ist.­  ­12–13 fürs Praktische] Ro: für das particuläre­  ­13–14 Schlecht malt … Vorbilde.] Li: Das idealische wie das altdeutsche führt zu schlechten Producten in mittelmäßigen Talenten.­  ­15 Die Malerei … Augen] Ro: Was nun den gegensatz von Idealem und natur betrifft, so hat er vorzüglich dabei die mahlerei und Poesie vor Augen.­  ­16 Anschauung] Li: Anschaulichkeit­  ­16–17 Die Architektur … sie.] Li: Die Architectur hat weniger davon. Wenn auch die Naturformen dazu den Anfang gaben, so ändert doch die Architectur die Formen wesentlich.­  ­17 Bei Poesie] Ro: Bei der sculptur auch gibt man zu dass nicht in diesem bestimmten Sinne die natur nachgeahmt wird. In der poesie­  ­23 Aber dieser … führen] Li: Gegenstand der Poesie ist nicht mehr vortheilhaft für die Malerei, und der Ausdruck führt ebenso zu Mißverständnissen. 8  Ideals] Ideaal­  ­18 sie] sie sie

25Hn

52 Li

956

138vRo 53Li

54 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

solche darstellung meint, wie sie der Poesie eigen ist. Sagt man daß ein Kunstwerk poetisch sein soll, so kann man für Malerei falsche darstelung und Inhalt nehmen. Lyrische Poesie kann leicht Moment dazu geben, und es entsteht ein großer Nachtheil für Malerei. Die formelle Idealität liegt erst in Poesie, sie wird vom Menschen gemacht aus der Vorstelung heraus, ein Scheinen vom Geiste, vom Menschen gemacht. Eine befriedigung entsteht dadurch, der Inhalt mag sein, was er will. Er mag ein allge­ meiner uns interessirender sein. Sehen wir niederländische Maler, so malten sie Spieler, am Tische, Frauen in Attlas, so interessirt uns der Schein des hervorgebrachten, wie Natur es nicht hervorbringt, diese Seide, Wein etc, welches in Natur Etwas materielles ist, aber hier in Totalität erscheint; die hervorbringung ist Etwas Ideales; nur Farben, eine Dimension des Raumes, Fläche, braucht er. Die Gegenstände der Natur sind nur für die ideellen Sinne, Gesicht und Gehör. Die Natur braucht sie in den manigfaltigsten Entwickelungen, aber abstrahirt von allen Anstalten, und Bedingungen der Realität, und stellt sie dar. Die Mitte bringt sie vor, das Materielle und Subjektive steht jedes als Extrem für Darstelung. diese Abstraktion ist erste Idealität. Wenn etwas noch so natürlich ist gemalt, so ist diese Idealität darin. Sie gehört nicht der Natur an, von natürlicher Wahrheit ist sie abstrahirt; in sofern ein Mensch auf einer Fläche sein soll. Durch den Geist und sein Vorstellen wird Etwas fixirt, was in der Zeit verschwindet, in der Natur, das stellt er als dauernd dar. Diese Idealität der Zeit gehört dem Geist an. Wir bewundern die hellen Fenster, Lichter, daß sie jetzt so sind, daß die Bauern diesen Ausdruk in Minen haben. Die Minen sind vergangen, hier sind sie festgehalten, worin unsre 1–2 Sagt man … nehmen.] Ro: Die gegenstände der Poesie scheinen weiter von der natur entfernt als die mahlerei. Es ist dann ein nachtheil wenn die mahlerei gegenstände aus der Poesie entlehnt.­  ­5 liegt erst … sie] Li: ist das erste das der Kunst zukommt. Poesie­  ­7–8 Er mag … sein.] Li: Es kann für uns der Gegenstand kein Interesse erwecken, wie z. B. in der Niederländischen Schule.­  ­10–11 welches in … erscheint] Li: Gegen die Materialitaet an die die Natur gebunden ist, ist die Totalitaet ein Ideales.­  ­12 nur Farben, … er] Li: Der Maler braucht nur 2 Dimensionen und Farbe, während die Natur 3 Dimensionen und Materie braucht.­  ­13–15 Die Natur … dar.] Li: Die Natur braucht zu einer Darstellung unzählige Mittel, wie z. B. ein Mensch ist. Die Kunst abstrahirt von allen diesen Anstalten, und bringt denselben Inhalt zur Manifestation ohne die Mannigfaltigkeit der Realitaet.­  ­15 Bedingungen] Ro: weitläufigen bedingungen­  1­ 6–17 diese Abstraktion ist] Ro: Diese abstraction ist es die die Kunst festhält. Das ist die­  1­ 8–19 von natürlicher … soll] Ro: Man kann sagen es ist ganz unnatürlich dass der mensch so auf einer fläche steht.­  ­19 in sofern … soll] Li: sie ist vom Menschen gemacht­  ­20–21 was in … dar] Li: was in der Natur ein Flüchtiges in der Zeit Verschwindendes ist, hier ist Element der Dauer ganz anderes, als es in der Natur ist. |/ Den flüchtigsten Moment hält der Künstler fest und versetzt ihn in das Moment der Dauer, und darin liegt unsere Befriedigung. In der Natur dauert es nicht und die Kunst ist unnatürlich. Das Gemachtsein erhält die Idealitaet, die exponirt wor­den.­  ­21 dem Geist an] Ro: schon dem produciren des Geistes; und deshalben bewundern wir die Kunst, dass sie also den flüchtigsten Moment festhält

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

957

befriedigung und die Größe der Meister liegt, es ist nicht natürlich, und dauert. | Hierin liegt also auch Idealität. Das Intresse ist nicht, daß die Gegenstände natürlich sind, sondern daß sie natürlich gemacht sind. D. i. die erste formelle Idealität. Eine zweite bestimmung ist die Form des Allgemeinen überhaupt. Sie ist nicht auf natür­ liche Weise vorhanden. Was existirt und äußerlich ist, ist schlechthin einzeln nach allen Punkten; die Vorstelung nun hat die bestimung des Allgemeinen in sich, was aus ihr geht, erhält den Charakter des Allgemeinen überhaupt. Eine Abweichung von der Natur ist, daß das Kunstwerk aus dem Geist gegangen sein soll. Dieser Charakter betrifft auch den Inhalt zugleich, den wir vorhin aus dem Auge gelassen als gleichgültig, indem er nur ein Gemachtes sein sollte. Was das Allgemeine betrifft, so ist in Natur alles auf Einzelnes bestimmt; die viehische Lebendigkeit ist vorhanden; aber hiezu soll das Kunstwerk nicht gehen. Wird ein menschliches Gesicht und Hand gesehen, so ist die Haut voller kleiner Linien, härchen, ein Netz von feinen Linien, so wie ein altes Gemälde kleine Sprünge hat, ebenso Pockennarben, wie man sie auf berühmten Bildern vollkommen natürlich findet; aber kein Mensch hat Freude an solchem bilde; – Muskeln müssen auch im Menschen sein, der Maler muß sie andeuten aber nicht in physischer Lebendigkeit. Der Geist muß das Ueberwiegende sein, und nichts trägt der Ausdruck der Adern und härchen dazu bei. deßhalb entsteht der Charakter des Allgemeinen, welcher von natür­ licher Einzelheit abläßt. Wenn auch die Physionomie im Portrait dargestellt wird, so müssen doch diese Einzelnheiten fortbleiben. Geschmeichelt muß also das Bild sein, indem man die der Bedürftigkeit angehörende Einzelnheit fortläßt. Was ideal ist, muß in einem besondern Kunstwerk bestimmt werden, das vorhergehende wird beispiel nur. Als nächstes beispiel kann genommen werden, daß man von idealer Kleidung spricht und gewöhnlicher. Hierüber kommen die Künstler überein, daß unsre Kleidung

1 –2 es ist … Idealität.] Ro: Das unnatürliche der Kunst ist dass sie dauert. Die vertilgung der materiatur der äusserlichen dingen, das ist die Kunst.­  ­4 bestimmung] LiRo: Bestimmung der Idealitaet­  ­8 soll] Ro ergänzt: aber nicht nur eine abweichung des formellen­  ­11–12 die viehische … gehen] 30 Li: Die Bedingungen der blos physischen Lebendigkeit. Von dieser Qual der Aeußerlichkeit soll das Kunstwerk befreit sein, z. B. menschliche Gestalt.­  ­15–16 aber kein Mensch] Li: Denner hat | alle diese Einzelheiten nachgemacht, und kein Mensch­  ­16–17 Muskeln müssen … Lebendigkeit] Li: Adern, Muskeln müssen bestimmt angedeutet werden, allein mit der physischen Dürftigkeit und Lebendigkeit.­  ­17 Der Geist] Li: Die geistige Bedeutung­  ­18–19 nichts trägt … bei] Li: die 35 äußersten Einzelnheiten tragen nichts dazu bei für den geistigen Ausdruck­  ­19–20 deßhalb entsteht … abläßt.] Ro: das ist nur ein accessorisches ohne bedeutung. Der begriff verliert also den Character der allgemeinheit, so bald er sich verwirklicht.­  ­21–22 diese Einzelnheiten] Li: |Alle Aeußerlichkeiten­  ­23 Bedürftigkeit] Li: unmittelbaren Bedürftigkeit­  ­26 und gewöhnlicher] Li: im Gegensatz der natürlichen, d. h. wie sie bei uns in natura sind 40 11  bestimmt] bstimmte­  ­12 Wird ein] Ein­  36 verliert an Stelle eines unlesbaren Wortes

26Hn

den 14/11Hn 56Li vacat

55Li

57Li

958

58Li 27Hn

139r Ro

nachschrift heimann  · 1828/29

natürlich ist, weil sie sich so findet. Die Kleidung der Alten nennt man vornehmlich ideale; worin liegt hier das Ideale. Darin daß Zwek ist Körper zu bedeken mit Stück Tuch, dieses ist ein Formloses. Es muß am Körper befestigt werden oben, daß es keine Mühe macht, sonst hängt es, daß seine Falten durch haltung der Glieder determinirt werden. Es ist eine Fläche, die durch bewegung des Körpers bestimmt wird. Bei unserer Kleidung hingegen, bleibt das Stük Tuch nicht determinirbares, sondern determinirt, nicht vom Körper abgeschieden, sodaß nicht eine andre bestimung entsteht bei der bewegung. hier besteht das Ideale, daß nur die Kleidung dem bestimmten Ausdruck dient, daß die bewegung an der Umgebung sich ausdrückt, und ein relativer halt die Falten determinirt, sodaß momentan und von Innen heraus bestimmt wird, so daß das Äußerliche ein Ausdruck sei vom Innern. Die Umrisse eines Armes ist schlechte Nachahmung des Armes, und wo sich Modifikation im Falle der Kleider durch bewegung ausdrückt, so kömmt eine hauptbestimmung durch Näthe herein, durch den Schneider, d. i. nicht Idealisch. Die antike Kleidung ist diß freie ideale, wo das Äußre von Innen kommt. Freiheit ist auch im Stoff gelassen, das Tuch soll schwer herunterfallen. D. i. Idealität in bezug auf Äußerliches. Ebenso gehören eine Menge von Äußerlichkeiten dazu, die nothwendig sind zur Existenz aber keine beziehung auf handlungen haben, die vorgestellt werden nicht vom Geist ausgehend, oder diese handlungen auf physisches Leben sind ganz gemeinschaftlich für alle Zustände, wie Essen, Trinken. In der Poesie wird verlangt, daß das unmittelbar Natürliche vorgestellt wird. Im Homer sieht man Klarheit im Darstelen zur Anschauung; man ißt und trinkt dort auch. In der Poesie ist das Wort unmittelbar von Vorstellungen producirt, und enthält deßhalb Etwas bestimmt Allgemeines, eine Weise der Darstelung, wie die Natur nicht ist, welche Conklomerat von Einzelnen hat. | Der Name ist schon Etwas allgemeines und einfache bestimmung anstatt das Ganze zu beschreiben und seine Einzelnheiten.

5

10

15

20

25

1 natürlich] Ro: sehr prosaisch­  ­2 Darin] Ro: Das natürliche liegt darin­  ­3 ein Formloses] Ro: eine formlose die sich eng an den | Korper fest schliesst­  ­ 5–6 die durch … wird] Li: die Form derselben gaben die körperlichen Gliedmaßen selbst­   ­7 determinirt] Li: durch und durch determinirt­  30 ­7–8 nicht vom … bewegung] Li: Jede Veränderung des Körpers, verändert die Form der Alten Kleidung.­  ­12–14 wo sich … Idealisch] Li: bei uns determinirt die Naht der Schneider die Falten, bei den Alten determinirt sie die innere Bewegung des Körpers­  ­18 Äußerlichkeiten] Li: Einzelnheiten­  ­18–19 zur Existenz] Ro: zu unserem Physicalischen leben­  ­19–20 auf handlungen … ausgehend] Li: auf eine geistige Handlung­  ­21 Trinken] Ro: trinken, und schlafen. das ist ein natürliches. ­  ­In 35 der … verlangt] Ro: In der Poesie wird aber doch niemand verlangen­  ­22–23 Im Homer … auch.] Li: Homer ist der deutlichste, allein auch da werden nicht die alten Einzelheiten angegeben.­   Im Homer … Anschauung] Ro: Man steht Homer die grösste natürlichkeit zu­  ­24–25 Etwas bestimmt Allgemeines] Li: Bestimmung der Allgemeinheit­  ­26 Conklomerat] Ro: agglomerat­  ­26–27 schon Etwas … Einzelnheiten] Ro: die abbreviatur 40 20  ausgehend] usgeht­  ­27 seine] ihre

von dem ideal

5

10

959

So Achill, Eiche. Man beschreibt nicht jedes blatt, Ast, Zweig. Der Ausdruck: Natürlich ist unbestimmt, deßhalb kann man nicht sagen, die Poesie soll natürlich sein, da doch die Sprache allgemeine bestimung ist. In der Rede ist es natürlich den Namen zu gebrauchen, aber auch hier ist: natürlich, unbestimmt. Was für die Vorstelung natürlich ist, daß der Name gegeben wird, diese Natürlichkeit ist doppelt, daß Ideales ausgedrükt wird, und die Natürlichkeit nur allgemeine Existenz. Unerträglich und matt wäre es die Einzelnheiten nach der Natürlichkeit aufzuzählen. Für Tag müßte man sagen sodaß keine Stunde übersprungen wird. (3 Jahre und Gänse im Don Quixote) Eine Kunst ist abstrakter als andre, so wie die Skulptur als Malerei; das Epos als Drama auf der Scene, und diese ist idealer als Drama, da wir hier alles vor uns sehen; dagegen ist Drama idealer als Epos, weil der Sänger selbst singt, dort der Dichter andere agiren läßt.

Vo m I d e a l a l s g e i s t i g e n I n h a l t 15

20

Das Geistige ist das natürliche in andrem Sinne. In der darstellung des Indivi­ duums nach Physionomie ist natürliches, aber vom Geist aufgenommen und determinirt, also das Natürliche ist hier schon das Idealisirte, nicht der Leib be­ stimmt das Geistige. Die Todten erhalten in ihrer Physionomie die Züge ihres Kindesalters. Leidenschaften, und Empfindungen, Gewohnheit des Thuns, der thätige Mensch und sein Charakter und Willen, alles ist entflohn, die Unbestimmtheit der Kindlichen Physionomie erscheint. In den Zügen macht der Stand einen

1   So Achill] Li: z. B. Achill ist die Abreviatur aller der Einzelheiten der Person, wie sie war­  ­1–3  Der Ausdruck: … ist.] Ro: Wenn man den ausdrück n a t u r gebraucht, so ist das ein leerer ausdrück. Denn schon die nahmen sind allgemeinheiten und veranderungen dessen was unmittelbar 25 in der existenz ist.­  ­ 3–6 In der … Existenz.] Ro: freilich kann man sagen dass es natürlich ist nahmen zu gebrauchen. Das ist dann aber in einem anderen sinn: denn es gibt 2 naturlichkeiten: naturlichkeit der unmittelbaren existenz und naturlichkeit die ideale vorstellungen ausdrückt.­  ­6 –7 Unerträglich und … aufzuzählen.] Ro: Es kann nichts geistloseres geben als eine rein natürliche darstellung.­  ­ 8–9 (3 Jahre … Don Quixote)] Li: So ist die Foderung der Natürlichkeit des 30 Antnopanza, der dem Don Quixote etwas erzählte, und 3 Jahre ihn warten ließ, bis alle Gänse über eine schmale Brücke übergehen werden.­  ­10–13 so wie … läßt] Li: Die Dramatische Poesie ist weniger ideal, weil dort alles handelnd vorgetragen wird, allein dort hebt sich nur das hervor, was nöthig ist alle Nebenumstände werden ausgelassen  Ro: Die Lyrische ist idealer als die Dramatische: und die Dramatische ist wieder idealer als die Epische. Denn in der Dramatischen poesie 35 sind nur motive der handlungen ausgesprochen.­  ­15–17 In der … determinirt] Ro: hier aber versteht sich zugleich dass natürlich von dem geist aufgenommen, und so idealisirt ist: aber auch particularisirt sich der ausdruck der geister, dadurch dass der geist sich bestimmt­  ­17–18 nicht der … Geistige] Li: Der Geist verleiblicht sich in menschlicher Gestalt. 1 7  determinirt] dertrm­  ­30 Antnopanza lies Sancho Pansa

139vRo

960 59Li

60Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Unterschied. hier heißt das Natürliche ein durch den Geist bestimmtes, Idealisirtes; hier tritt nie die Frage über Gegensatz des Natürlichen und Ideals ein. Was durch die Natur idealisirt wird ist besprochen, und was nicht, was ein höheres Ide­ ales ist, hat Rumohr besprochen. Er sagt, daß man oft von gemeiner Natur spricht, ist verächtlich; die gemeine Natur, schlechte Zweke in sich habend, ein Kreis von Leidenschaft, und Nichtigkeit, kann auch vom Künstler behandelt werden. Aber der Künstler kann nicht verlangen, daß man den Inhalt hoch stellen soll. Ein Interesse ist daran befriedigt. Spricht man von gemeiner Natur, so fallen die Gemälde der niederländischen Schule uns ein. Die holländer haben es in dieser Genremalerei sehr weit gebracht. Der Stoff ist jedoch nicht so gemein, als man ihn gewöhnlich nimmt. Diesen Stoff haben die Niederländer aus ihrem Leben genommen, und es als praesentes dargestellt, was ihnen angehörte. Sie haben das Ihrige zum Zweck ihrer Darstelung gehabt, und diese Freude wollten sie am Gemälde haben. Das Ihrige geht aus der Geschichte hervor. Sie haben sich den boden, auf dem sie lebten, zum Theil selbst gemacht, und erhalten ihn noch gegen das Meer und seine Stürmen. Aber von der spanischen herrschaft haben sie sich befreit. Die büerger und bauern haben sich politische Freiheit und religiöse Freihheit gegeben, die Religion der Freiheit durch ihre Thätigkeit und Geist im Kleinen und Großen, im Walten auf allen Welttheilen durch Tapferkeit und Ausdruck. Was sie darstellen, ist das Ihrige, die tapfere Bürgerlichkeit, Biederkeit, Wohlstand, Nettheit, Frohsinn aus dem bewußtsein ihrer selbst hervorgegangen, ist kein gemeiner Stoff und Gehalt. Im Rembrandt, wenn die bürger über Soldaten sich freuen, so ist der all-

5

10

15

20

  hier tritt … ein] Ro: hier heisst also das natürliche ein durch den geist bestimmtes, ein idealisirtes 2 und in beziehung auf diesen Kreis, treten die gegensatze des naturlichen und idealen hervor­  ­2 –4  Was durch … besprochen.] Ro: von dem naturlichen was idealisirt ist, unterscheidet man ein 25 höhres Ideales; nur geschieht sehr häufig dass man sich darin geirrt wie es dem H. Rumor geschehen ist.­   ­4 hat Rumohr besprochen] Li: gegen dieses hat Rumohr besonders viel polemisirt­  ­4 –8 Er sagt, … befriedigt.] Ro: Gegen den ausdrück erklärt er sich. Da kann nun zugegeben werden dass es eine gemeine natur gebe, sowohl im innern als äusserlichen des Kreis der leidenschaften. Der Künstler kann sich auch diese vorstellen in ihrer Darstellung zum zweck, aber es ist nur 30 ein einseitiges interesse darin etwa befriedigt seyn.­   ­5 verächtlich] Li: falscher Ausdruck­  ­11–12 es als praesentes dargestellt] Li: das ist schon hoch, daß sie ein praesentes darstellen wollten­  1­ 5–16 das Meer … Stürmen] LiRo: das Anstürmen des Meeres­  ­16 Aber] Ro: Aber nicht nur haben sie sich diesen Boden gemacht. sie haben sich auch­  ­17 gegeben] Li: erworben und erhalten­  1­ 8 Geist] Li: Unternehmungsgeist­  ­Großen] Ro: grossen. durch ihre ausdauer haben sie sich die- 35 sen Zustand erworben gegen den mächtigsten Monarchen von Europa­  ­21 aus dem … hervorge­ gangen] Li: der aus dem Selbstgefühl, es sich verschafft zu haben, hervorgeht­  ­ist] Ro: das ist ihr Stoff und gehalt; und der ist­  ­22–961,1  Im Rembrandt, … behandelt.] Ro: so die Rembrandtschen bilder; die die wache und Krieger darstellen; und die anderen die den frohen Sinn der nation ausdrucken­  ­ 40 1 9  Tapferkeit] Tapfrkeist

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

961

gemeine Stoff auf die vortrefflichste Weise behandelt. hier ist gemeine Natur; und der Geist in ihr ist Nicht gemein. Auf unsern Ausstelungen ist andrer Stoff vortrefflich gemalt, aber nicht die Freihheit des niederländischen Styls erscheint da. | Es giebt viele Bilder von einem Spanier Morillo, der Betteljungen malte. Diese sehn zerlumpt aus, eine Mutter laust das Kind, das abgerissen ist, also gemeine Natur ist dieses. Aber aus den Gesichtern blikt solche Frohsinnigkeit, Gesundheit, Unbekümmertheit, daß diese das Ideale in sich tragen, eine Unbekümmertheit und Frohsinn über Gesundheit; keine Trägheit ist in ihnen zu sehen, sodaß man glaubt, aus solchem Jungen wird alles werden können. Raphael hat einen Kopf eines jungen Menschen gemalt, der kein heiliger ist, aber doch so anzieht wegen seiner Frohheit, ohne zu lächeln, so sicher aus dem Geiste geprägt, daß man nicht davon kommen kann. Die Frohheit muß als Idealer Stoff angesehn werden, der wahrhaft ausgedrückt wird. Die Frohheit ist harmonie des Menschen mit sich selbst, ohne Stumpf heit, und kann ernsthaft werden. Es ist nun die Frage, woher die Form zur darstelung zu nehmen, um das hohe auszuprägen aus seinem Geiste. z. B. die griechischen Götter, Christus, Maria und heilige, so ist ein Streit in Ansehung der Form. Die Künstler haben sie sich zu schaffen und alsdann ist sie ideal, insofern sie durch Fantasie aus Formen gebildet wird, die sich nicht in der Natur finden. Herr Rumohr, der den Abweg in der Kunst dadurch erkennt, und daß die Künstler Ideale sich selbst geschaffen, sagt daß die Künstler von dem titanischen Versuch abzu­

den 17/11Hn 28Hn

1 –2 hier ist … gemein.] Ro: Hier man hat von einer Seite vom natürlichen gesprochen; aber da ist auch ein geistiges in enthalten.­  ­2–3 Auf unsern … da.] Ro: Der Stoff kann aber mehr oder weniger sich der wahrhaften freiheit, froheit und lustigkeit nähern. Das vieh ist auch gegenstand ihrer bilder. Die sattheit des viehes z. B. ist vortrefflich von ihnen dargestellt, weil sie diese Sattigkeit, und froheit in ihrem lande gesehen.­  ­7 Unbekümmertheit] Li: vollkommene Unbekümmertheit bei allen diesem Mangel  Ro: sorglosigkeit­  ­daß diese … tragen] Li: und dies enthält das Ideale  Ro: enthalten das ideale an sich, das freie des Geistes­  ­8 Gesundheit] Li: die Gesundheit des Leibes und des Geistes ist dabei dargestellt­  ­Trägheit] Li: Stumpf heit und Trägheit­  ­10 der kein heiliger ist] Ro: der zwar nicht erhaben­  ­10–12 aber doch … kann] Ro:| von dem man aber nicht 140r Ro abkommen kann eben wegen der selben Charactere der da ausgedrückt ist, wegen der froheit und unbekümmertheit ohne böses, ohne stumpf heit­  ­12–13 der wahrhaft ausgedrückt wird] Ro: Es gibt dann allerdings andere und höhere Schönheit als diese welche wir angegeben haben.­  1­ 4–15 Die Frohheit … werden.] Ro: Auf ganz andere weise kann diese ruhe des geistes auch ernsthaft ausgedruckt seyn.­  ­16 um das … Geiste] Ro: Es ist der geist, das gemüth des Künstlers der sich dies höhre imaginirt. aus seinem geiste kann er es also produciren.­  ­17 und heilige] Li: Heilige, Fromme cet­  ­17–19 so ist … finden] Ro: In ansehung des umstandes kann man fragen woher dieser Stoff zu nehmen ist? Es gibt 2 ansichten wovon die eine darauf geht dass der Kunstler in sich selbst in seinem geist dies suchen muss.­  ­17 in Ansehung der Form] Li: woher die Formen zu nehmen seien­  ­20–21 daß die … geschaffen] Ro: dass der Kunstler sich selbst auf diese weise zu form macht 3  nicht] n. st

962

140vRo

61Li

nachschrift heimann  · 1828/29

stehn haben, die Natur zu verherrlichen; die Darstellungen beruhn nicht auf willkührlichen festen Zeichen, denn ist das Ideale fest bezeichnet, so ist es nichtig. Der Kunstzweck sei Schöpfung der Natur in schönerer Nachäffung. Rumohr hat im Auge die Formen von den Alten Skulpturen von Winkelmann entnommen. Winkelmann hat sie aus den Antiken genommen; in beziehung auf Einzelnes mögen sich Irrthümer eingeschlichen haben, z. B. was Rumohr anführt, die Verlängerung des Unterleibes als Ideal antiker Formen. Er glaubt nun, daß diese nur aus römischen nicht aus griechischen Werkstätten genommen sind. Aber es bleibt von Intresse, das Eigenthümliche der alten Skulptur zu zeigen und zu merken. Auf diesem Wege, das Studium in der Natur vernachläßigend zu verfahren, geräth man auf Abweg. Die Bedeutsamkeit der Naturform wird von Rumohr vorgelegt. Dieses Studium der Naturform müsse den Künstler hinleiten, sein Wollen deutlicher zu erkennen. Ein geheimer Zug werde ihn mit der Natur verbinden, ihn führen, fähig zu sein, ausdrücken zu können, was er wolle, und was wenigen deutlich sei. Die 3te Schönheit der symbolischen Form sei an und für sich in der Natur vorhanden, bei deren Anblick als Naturformen wir bestimmte Vorstellungen und schlummernde Gefühle herausheben. Das Natürliche in der Menschengestalt, z. B. betrachtet, so ist die symbolische Darstelung Zeichen, daher nur Ideales, Schein, Zeichen des Innern; und d. i. Ideal. Insofern durch Idee überhaupt, irgend ein Gott, ausgedrückt werden soll, wie der Jupiter des Homer, so macht seine hoheit und Ruhe mit der er seine Macht vollbringt, das Winken mit den Augen, ausge­ drückt ist, so ist die Aufgabe, bestimmte Formen dieses Ausdrucks zu geben, zu liefern. Ob der Künstler in Natur solche Menschen als Exemplare für einen Jupiter,

   verherrlichen] Li: verherrlichen und erhöhen  Ro: bereichern­  ­Darstellungen] Li: Darstel1 lung der Kunst wo ihr Gegenstand geistig ist­  ­3 Der Kunstzweck … Nachäffung.] Li: Es sei Sitte gewesen, daß der Zweck der Kunst gewesen | die Naturformen zu verbessern cet­  ­4 die Formen … entnommen] Ro: die formen die von Winckelmann als die ideale angegeben und im einzelnen ausgeschrieben sind­  ­ 5–6 Winkelmann hat … haben] Li: Winkelmanns Verdienst ist ungeheuer, kleine Irrtümer ungeachtet.­  ­7 als Ideal antiker Formen] Li: als Ideal der antiquen Bildung  Ro: als das Kennzeichen des Idealen­  ­8–13 Aber es … erkennen.] Li: Das ist aber nur ein unschuldiger Irrthum. Rumohr hätte Recht, wenn man die Natur ganz verlassen wollte, und sich blos eigene Formen erschaffen.­  ­12–13 sein Wollen … erkennen] Ro: immer sich selbst seinen geist mehr zu erkennen, und f ähig zu seyn das aus zu drücken was er wolle­  1 ­ 3–14 Ein geheimer … wolle] Li: Es ist ein geheimer Zug im Künstler, der mehreres in der Natur erkennt, wie ein anderer­  ­15–17 Die 3te Schönheit … herausheben.] Ro: Wenn er denn auf die Etrurische Kunst kommt welche zu der Symbolischen gehort bemerkt er mit recht dass auch diese Symbolischen formen aus der natur geschopft: also naturformen die in uns schlummern und bestimmte vorstellungen immer erwecken. Darin liegt das verhaltniss der idee zum 1 ­ 7 herausheben] Li: zum Bewußtsein erheben­  ­19 und d. i. Ideal] Li: also sind natürlichen.­  sie selbst nicht ein Natürliches, sondern Zeichen, Schein des Inneren, was ein Ideal ist­  ­23 solche Menschen] Ro: solche schöne menschen­  ­23–963,1 Jupiter, Christus] Ro: Christus, einen Petrus, eine maria­  ­

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

963

Christus brauchen soll, ist eine müssige Frage, weil man sie nicht beantworten kann. Einige bejahen, andere verneinen sie. Man müsse also solche Formen zeigen; aber Einer und Andre sahen es nur, alle andren sahen es nicht, und Nichts ist darüber auszumachen. Das Innere von Jupiter ausgedrükt ist ein Menschliches, und in sofern ist der Ausdruck in Natur davon vorhanden. Ob der Künstler solche Naturfor­ men vor sich hat, und sieht, welche zu seinem Zweck passen, ist nicht Frage, son­ dern ob ein Kunstwerk herauskommt. Keins kommt. Ein Ganzes muß es sein. Sein muß es sein, und seine Fantasie, ist sie wahrhafter Art und kennt den Sinn der Form, | muß sie aus sich erschaffen. Nicht soll er wählen aus vorliegenden Formen, sondern schaffen. Will er Jupiters Macht ausdrücken, oder Maria vorstellen, so hat er bestimmte Vorstellung von diesen Namen und nicht jedes Gesicht paßt dazu, um es auszudrücken. Noch so hohe und fromme Physionomien wer­ den nicht immer jene Hoheit und Frömmigkeit in allen ihren Zügen ausdrücken. Alle Formen müssen selbst in der Ruhe so wie in der Bewegung jene Macht, jene hohe Liebe ausdrücken; es kann so sein in einigen; aber momentan wird es nur sein, und nicht immer wird es so sich ausdrücken. Das Ideale ist von der höchsten Lebendigkeit. In allem durchdringt sie alles, sodaß Nichts erscheint, was nicht Bedeutung, Ankündigung einer Bewegung hat, die nicht auf die Grundbestimmung hinzeigt. diese Lebendigkeit zeichnet große Meister vorzüglich aus, daß sie alles durchdringen. Wir haben von Phidias Etwas 1   weil man … kann] Li: man kann gar nicht darüber streiten, man müßte solche Formen zeigen­  ­3 Einer und Andre] Li: Einige­   alle andren] Li: Tausende­  ­4 Das Innere … Menschliches] Li: Jupiter, Juno ist ein Geistiges, ein Menschliches daher  Ro: Das andere ist dass das innere, (es mag sich vorstellen wie es will) ein geistliches ein menschliches ist­  ­5–7 Ob der … sein.] Li: Der Künstler braucht aber in der Natur nicht gerade solche Formen vor sich haben. Man glaubt, der Künstler wählt aus den schönen Gesichten das schönste und bildet die Theile zu Einem. Allein da entsteht kein Kunstwerk. Alles muß ein Guß sein.­  ­8–16 Sein muß … ausdrücken.] Li: Seine Imagination verleiblicht sich auf bestimmte Weise. Diese Phantasie muß die Formen selbst bewerthen und sie aus sich selbst herausschaffen. Es giebt bestimmte Darstellungen und Caractere, die man mit gewissen Namen verbindet, diese bildet sich in der Phantasie und ergießt sich im Kunstwerke. Der Caracter muß in allen Formen enthalten sein, es muß ein Gesicht innig fromm, innig liebend sein.  Ro: Seine natur, keine andere als die Phantasie selbst die sich verleibt; und diese Phantasie die sich einen Sinn der formen kennt muss diese formen verarbeiten, aus sich heraus verschaffen. Denn was der Kunstler vorzustellen hat die macht von Jupiter, die hoheit von Juno u. s. f. da taugt ganz und gar nicht jedes gesicht zu wenn es auch schön ist. Wenn z. B. ein fröhliches gesicht vorgestellt werden soll, so muss ein solches gewählt werden dass nichts in dessen Zügen diesem ausdrück widerspricht. Das ist es was in allen formen enthalten seyn muss. Wenn man also sagt dass ein gesicht durch und durch fromm ist, das ist dass die frommigkeit darin durchdringt, nicht nur momenta­ nisch.­  ­17 Das Ideale] Ro: Das ist wesentlich das ideale: Dies Ideale­  ­In allem … alles] Li: indem es alles, was dort ist, durchdringt­   ­18 sodaß] Ro: daher macht die lebendigkeit aus dass­  ­Bedeutung] Li: diese wesentliche Bedeutung­  ­20 Meister] Ro: Kunstler­  ­  daß sie alles durchdringen] Li: Diese zieht jeden an, oder setzt ihn in Verwunderung.­  ­20–964,2  Wir haben … zeigt.] Ro: Wir haben in neuen Zeiten die Kunstwerke von Phidias kennen gelernt, und da zeigt 6  sieht] sehen­  ­13 ausdrücken] sdr. w.­  ­20 sie] davor versehentlich nicht gestr. er

62Li

29Hn

63Li

964

den 18/11Hn

nachschrift heimann  · 1828/29

kennen gelernt, wo noch nicht Anmuth sich zeigte, wo aber die höchste Lebendigkeit sich zeigt. Nirgend ist eine Leerheit und Unbedeutenheit; alles zeigt auf Grundbestimmung hin. Rumor sagt, der Künstler soll sich in die Natur hineinstudiren; so daß die Kunst doch die Schönheit nicht der Natur erreiche, so schwer sind die Studien. Er erzählt von einem BauerMädchen, das Thorwaldsen und mehrere andre gemalt, modellirt und in plastischer Figur dargestellt haben. Es ist ein sittsames Mädchen nicht gewesen, sonst hätte sie es nicht gethan. Aber man kann sie nicht zur Pallas, Juno, noch zur Madonna brauchen, sondern zu einer Nebenfigur so schön sie auch gewesen sein mag, weil das Schöne allein Nichts ausmacht, es ist die Hoheit und Innigkeit die darzustellen ist. Lieblichkeit, Andacht kann man durch dieses Gesicht ausdrücken, aber solche geistige bestimung wird es nicht ganz und gar ausdrücken, stets wird man es als Portrait ansehen, als ein Partikuläres, nicht als ein Allgemeines was darzustellen. Die Malerei und Skulptur die nur einen Moment wählt, muß das durchdringende in allen Formen sein, in denen sich der Geist abspiegeln muß. Eins ist immer das Herrschende bei dieser Kunst.

5

10

15

sich dass das Ideale in seiner strenge in den alten Zeiten lebendiger ist wie in den neuesten; und was davon jeden in bewunderung gesetzt hat, ist eben die lebendigkeit von der wir gesprochen. Dies ist das formelle moment.

64 Li

141r Ro

  Leerheit] Li: leere Fläche­  ­2–3 zeigt auf Grundbestimmung hin] Li: ist in dieser Harmonie. Es 2 wird 2tens immer etwas abstractes im Ideal ausgedrückt z. B. Frömmigkeit, Liebe / Jede formation muß diesem Caracter angemessen sein. Jede Physiognomie ist z. B. der Frömmigkeit fähig. Es kann aber bei den Zügen sich noch andere Empfindung gesellen. Das was aber den bestimmten Caracter ausmacht, ist die Hauptsache in den idealen Formen.­  ­ 4–5 Rumor sagt, … Studien.] Ro: Ebenso dass im Idealen als solchen immer etwas abstractes ausgedrückt wird. Dazu können wir noch citiren ein beispiel das H. v. Rumor anführt (indem er sagt dass die kunstler in der natur die formen der schönheit suchen müssen um die ausdrücken zu können.­  ­4 Natur] Li: Naturformen­  ­6 BauerMädchen] Li: Bauermädchen Victoria aus Albano­  ­7–8 Es ist … gethan.] Li: als sittsames Mädchen ließ sie sich schwer durch Frau v. Rumohr dazu bewegen. […] Es ist ein schöner Kopf, der an etwas antiques erinnert. Das ist die | natürliche Schönheit.­  ­ 8–9 zur Pallas, … Madonna] Li: für eine Juno, Minerva, Madonna, eine Heilige cet  Ro: Mit nichten läugnen dass es ein sehr schöner Kopf. Das ist eine natürliche Schönheit. Es hängt alles daran, wo man diesen Kopf brauchen wird: nicht zu einer Juno oder Venus oder Ceres u. s. f. nicht auch als eine madonna eine heilige.­  ­10 das Schöne] Li: die natürliche Schönheit­  ­10–11 die Hoheit … die] LiRo: der geistige Caracter, der­  ­11–14 Lieblichkeit, Andacht … darzustellen.] Li: Wird das Gesicht in einem Zuge der Empfindung dargestellt, so wird man doch immer sehen, daß es nur Portrait ist, das einer bestimmten Person angehört, und nicht ein Allgemeines, Innerliches abspiegelt.­   ­14–16 Die Malerei … Kunst.] Li: Die Poesie ist unendlich mehr fähig, einen individuellen Caracter in ganzer Fülle darzustellen, aber da ist auch nur eines, was das Herrschende ist.  Ro: Dies ist besonders der Fall bei der mahlerei und Sculptur. Dieser unterschied zeigt sich auch in der Poesie. Ein individueller Character ist eine | menge eigenschaften: aber in dieser Kunst ist nur eine die herrschende. 7  haben] w­  ­9 brauchen] brauchen k­  ­14 einen] einem

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

965

In der Transfiguration von Raphael haben Christus und die Jünger einen andern Charakter als die übrigen Personen. Der Geist des Pfingstfestes beseelt die Jünger, und der Geist spricht sich aus; aber aus den andern Personen blickt die Existenz hervor; sie haben den Charakter der Weltlichkeit an ihnen; tiefer Ernst und Auffassen der Umstände um sie her, daß es auf göttliche hilfe ankömmt ist bereits in ihnen ausgedrükt. Sie sind von hoher Vortrefflichkeit; aber sie sind noch nicht das Ideale, sie stehen der Welt noch nah; und sind es auch durch den hohen Ernst. Auf alten deutschen Gemälden findet man in der heiligen Familie nur Portraits. Personen mit dem Ausdruck der Andacht knien da; aber sie sind nicht Ideal. Die Portraits kann man zuweilen den Bildern der heiligen Handlung selbst vorziehen; indem Maria zuweilen ans Uninteressante Streifen kann, während die Umstehenden die Andacht ganz an sich haben. Den Kriegern sieht man an, daß sie bei ihrer Andacht der Welt angehören, daß die Welt vielfache Furchen in ihren Physionomien zurückgelassen, sodaß noch andre Bestimmungen als die Andacht in ihnen sind. Die Frauen, die leichter andächtig sein können, als Männer, haben noch andre Empfindungen als Andacht, und diese erscheinen auch in ihren Physionomien. – Man muß also wohl unterscheiden zwischen Ideal und Natur. Natürlichkeit ist oft so unbestimmt, daß man nicht weiß, wenn man von ihr spricht, ob man sich an Natur halten soll, oder nicht. So haben wir den begriff des Ideals, seinen Gegensatz, die Ironie dargelegt, und von Ideal im Verhältniß zur Natur gesprochen, und so von der unbestimmten Idee des Ideals überhaupt gehandelt. |

1 –4 In der … hervor] Li: Bei Gemälden ist nichts häufiger, als dies, daß eine Madonna dargestellt 25 wird, und dabei ein Portrait des Donators, welches den Gegensatz angiebt. Man sieht bei Raphaels Verklärung Christi den Gegensatz des Christus und der Apostel  Ro: Dann sieht man sehr wohl den unterschied dass figuren die Maria und heilgen vorstellen ideal sind im verhaltniss zu den Donataren, die portraite sind. Das sieht man auch in den gemählden des Raphaels, wo man die hauptfiguren sehr gut unterscheidet selbst Von den Aposteln welche mehr an die unmittelbare existenz 30 angehörig sind. nicht alle sind sie schön: aber sie sind ausdrücksvoll, höchst lebendig­  ­8–14 Auf alten … zurückgelassen] Li:Das Ideale sieht man am Bilde Christi und der Madonna, hingegen sind die Donatoren ganz in der Andacht, aber sie sind z. B. | Kriegsmänner, diesen sieht man es an, daß sie sich im Leben viel versucht haben, viel Mühe, die Furchen und Züge in ihr Gesicht eingeprägt hat­  ­9 Personen mit … da] Ro: Die Donatoren sind meistens knieend und anbetend vorgestellt in 35 der gestalt der andacht­  ­18–20 Man muß … nicht.] Li: Das macht also die Hauptbestimmung über das Ideal und Natürliche. Der Künstler muß sich an der Natur halten und muß es auch nicht, d. h. er muß nicht in die Nebenbestimmungen der Natur eingehen.

65Li

966

Vo n d e r B e s t i m m t h e i t d e s I d e a l s .

30Hn

66Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Wir gehen zur bestimmtheit über, ohne welche weder Ideal noch bestimmtheit ist. Am Ideal wird das Innere zum Äußerlichen gezogen, wo das Nichtideale ist. Das Allgemeine ist zunächst zu bemerken. Der Zweck der Kunst ist die Religion, daß auf bildliche Weise sie vor das bewußtsein zu bringen ist. Alsdann ist das Göttliche allgemein, und insofern abstrakt. Es bestimmt sich wesentlich selbst. Indem das Göttliche bildlich dargestellt ist, tritt das Mannigfache des Bestimmens überhaupt ein, nicht der Begriff bestimmt jetzt, es ist das Mannigfache in das nun das Gött­ liche zersplittert. Der Gedanke ist die Einheit, sodaß in der jüdischen Religion kein Bildniß von Gott zu machen ist; in der lyrischen Poesie herrscht diese Einheit auch. Das Göttliche zersplittert sich also in das Mannigfache. Der Polytheism tritt ein. Im Christentum ist Gott allein, dann als Mensch; als Theil Gottes dann die Menschen selbst in dem Mannigfachen. Mit diesem Prinzip tritt die besondrung ein, eine Partikularität des Göttlichen, denn als Trieb und Leidenschaft und menschliche Empfindung tritt die Partikularität des Geistes ein. Das ganze menschliche Gemüth wird lebendiger Stoff der Kunst. Gott als Geist in sich konkret wird Gegenstand des Gedankens. Die Partikularität kann in größerer Wahrheit mit sich sein. Das Vollkommene ist, wenn die Substanz des Gemüths ein Subjekt ist, und durch sein Wollen die Substanz bethätigt ist. D. i. der hauptstoff der Kunst.

5

10

15

2  Wir gehen … über] Li: Das zweite ist nun die Bestimmtheit, zu der wir nun übergehen.­  ­3 Am Ideal … ist.] Li: Die Bestimmtheit ist der Punkt, an welchem das Ideale das Freie über sich hinausgezogen wird zu Verhältnissen der Aeußerlichkeit, wo das Nichtideale anfängt.­  ­ 4–5 Das Allgemei­ ne … ist.] Li: Wir bemerken noch, daß wenn der Zweck der Kunst der der Religion ist, nämlich das Göttliche vor Bewußtsein zu bringen und zwar in Weise des Bildlichen  Ro: Zunächst ist das allgemeine zu bemerken dass indem wir gesagt haben dass die bestimmung der Kunst die selbe sey wie die der Religion, nahmlich das Göttliche, aber die Kunst im bildlichen­  ­7 das Mannigfache] Li: die Bestimmtheit, als eine Mannigfaltigkeit­  ­9–10 sodaß in … ist] Ro: Deswegen in mehreren Religionen ist es verboten ein bildniß von Gott zu machen. wie in den Judischen und Mahometanischen.­  ­11 in das Mannigfache] Li: in der Darstellung, es geht in Mannigfaltigkeit überhaupt­   ­ein] Ro: ein: und dann Gottliche menschen als erfüllt vom geiste Gottes.­  ­12–13  als Theil … Mannigfachen] Li: in dieser Gestalt wird er vorgestellt, so wie andere Menschen vom göttlichen Geist erfüllt­  1­ 4–15 denn als … ein] Li: Damit tritt Particularitaet als solche. Alle menschlichen Empfindungen, alle Interessen machen sich eine Stelle­  ­15 Gemüth] Ro: gemüth, das concrete­  ­16 Kunst] Li: Kunst, die geistige Wirklichkeit­   Geist] Li: reiner Geist­   17–967,3 Die Partikularität … darstellt.] Li: Das was des Menschen Brust bewegt, ist der Geist, der verleiblicht, particularisirt ist, und das macht den concreten Inhalt der Kunst aus. Das Substantielle ist es, das die Macht, das Treibende im Subjecte ist, der Ausdruck der Darstellung muß dies wahrhaft Innerliche zeigen. D a s w a s i n d e r B r u s t d e s M e n s c h e n ü b e r w i e g t , m u ß i n d e n Z ü g e n d a r g e s t e l l t s e i n .   1­ 7 größerer] Ro: Vollkommener­  ­19 Kunst] Ro: Kunst, was die menschen brust belebt­­

20

15  tritt] tritt t

40

25

30

35

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

967

Wenn seine, des Menschen Empfindung hegt und verleiblicht wird in Verhältniß und handlung, d. i. der hauptstoff der Kunst. Ideale sind nur, wenn das Göttliche in dem herzen des Subjekts ist, und wenn der Ausdruck das Innerliche darstellt. Mit dieser Partikularisation treten besondere S i t u a t i o n e n und Verhältnisse mit andern ein. Das Feld der Prosa das Abhängige von Andern, das Nichtfreie und Endliche tritt ein. Diese Partikularisation ist näher zu betrachten. Die Götter Grie­ chenlands und Christus bleiben in sich, sie berühren nicht das Irrdische; sie sind partikulär aber in ihrer Freihheit gleich. z. B. Jupiter u s. w. sind bestimmte besondre Gewalten und Mächte. Aber diese Macht bleibt in ihnen abgeschlossen. Wer­ den sie in Verhältnisse gestellt, z. B. in Kampf mit einander, und Interessen eintreten, so bleiben sie doch in ihrer unantastbaren ewigen Hoheit, und das Ideale ist in höchster Hoheit vorhanden. Herkules als ausruhend von seiner Arbeit z B. Sie erscheinen auch in Verhältniß mit Außenwelt als mächtig vor allem und in ihrem Glanze; jeder Gott zeigt seine vollkommene Totalität, die Möglichkeit von Allem. Deßhalb gefallen uns die Kinder, sie sind alle fast schön, weil noch keine Partikularität des Charakters in ihren Physionomien eingegraben ist; frei und offen an ihnen erscheinen sie, wenn die Freihheit auch nicht in ihnen ist. Sie scheinen fähig zu allem. Einzelne Figuren der Götter, Apostel und Heiligen erscheinen ebenso. Ist die Einfachheit des Geistes bestimmt, so entsteht das Verhältniß der Äußerlich­ keit, welche zu betrachten ist, in wie fern sie mehr oder weniger des Ideals fähig ist. Der allgemeine Zustand überhaupt ist zuerst zu besprechen, der Zustand von Menschen als Partikularität, und Zustand, wo Verhältnisse Statt finden. die Verhältnisse die am meisten der Ideale fähig sind, sollen jetzt behandelt werden. | 1 –3 Wenn seine, … darstellt.] Ro: | Je mehr ist etwas Ideales, als es von dem Subject mehr durchdrungen ist. Und noch die Seite der form gehört dazu dass das innere dadurch gezeigt wird. Das tiefere ist zugleich das schöne.­  ­ 4–5 besondere S i t u a t i o n e n  … andern] Li: Verwicklungen mit andern Dingen­  ­ 5–6 das Nichtfreie … ein] Li: Umstände der Particularisation­  ­6 Diese Parti­ kularisation] Ro: Diese umstände in verhaltniß zur ausserlichkeit haben wir­  ­ 6–8 Die Götter … gleich.] Li: Der christliche Gott erscheint in der Ruhe, die Particularisation ist in ihm reflec­tirt­  ­8 Jupiter u s. w.] Ro: Jupiter, Juno, Mars, Venus u. s. f.­  ­11 ewigen] Li: unvergäng ­l ichen­  ­12 seiner Arbeit z B.] Ro: seinen arbeiten, da ist seine Kraft nicht nach aussen gekehrt und doch in seiner gestalt muss sich zeigen die möglichkeit von allen.­  ­12–14 Sie erscheinen … Totalität] Li: Sie erscheinen in dieser Festigkeit, wenn sie auch nach Außen gerichtet sind. In der Besonderheit in der sie sind, enthalten sie in sich die vollkommene Totalitaet, und zeigen die­selbe­  ­15–18 sie sind … allem] Li: in dieser Rücksicht, wegen der Unbestimmtheit ihrer Physiognomie, auf welcher noch keine Particularitaet zu lesen ist, sondern noch in der Freiheit, der Ruhe in sich sind. Sie erscheinen uns als die Möglichkeit von Allem, als die Fähigkeit zu allem Besonderen­  ­16–17 frei und … ist] Ro: In dieser ungekümmertheit, in dieser freiheit erscheinen sie zugleich­  ­21–22 Der allge­ meine … Zustand] Li: Das erste von dieser Besonderheit ist der allgemeine Zustand überhaupt von Menschen, Particularisationen­  ­22–23 die Verhältnisse … sind] Li: Die Zustände, die meist das Ideale enthalten und von der Kunst gewählt werden 15  weil] weil ihre Phys.

67Li

den 19/11Hn 141v Ro

968 31Hn

69Li

68 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Das Ganze der Entwiklung steht im Verhältniß der Menschen zu einander; ist sie soweit gediehen wie in unserm Staate, so ist das Gesetz fürs bewußtsein als Objektives vorhanden als Gesetz, und ist Gegenstand des Wissens, der verpflichtet, zu dem sich das Subjekt verhält und ein Anderes gegen dieses ist. Das Gesetz ist zur Nothwendigkeit entwickelt, sodaß sie sich Recht gegen Individuen schaffen kann, selbst gegen deren Überzeugung. Ein specialisirt Ausgebildetes ist es. Wenn auch die Individuen das Zweckmäßige der Gesetze anerkennen, so geht das Detaillirte hervor, als ein Positives fürs Subjekt, in sofern es Recht betrifft, und das Subjekt ist dem Gehalte nach nicht mehr frei. Die Gesetze sind Grundlage im Staate, welche für Eigenthum Leistungen stellen nach dem Prinzip des Allgemeinen. Aber Einzelnheiten zu kennen, die Rechtspflege etc. die unbedeutenden Inhalt haben aber nothwendig sind, nimmt man sich nicht die Mühe, man läßt sie gelten. Das Ganze und die Handlung des Ganzen und das Subjekt sind also zersplittert, so daß nur ein Theil fürs Subjekt bekannt. Eine Menge Mittel braucht es, um zu handeln. In diesem Zustande der Entwicklung und Zersplitterung, die an und für sich nach dem Rechte recht ist, und wesentlich ist im Unterschied von subjektiver Willkühr, verhält sich das Individuum weniger als Ganzes, und wo es als Ganzes thätig ist, da ist der Kreis beschränkt. In der Familie z. B., aber immer doch ist Zusammenhang mit dem Ganzen vorhanden. Eine allgemeine Ordnung ist da, welche positiv für sie ist, und sie läßt wenig zu, zu vollbringen. In solchem Zustande kann es wohl Helden geben; aber nicht Heroen, die nur im Zustande sein können, wo hauptsache der Wille des Individuums ist, und das Indi­ viduum ist Heros, insofern es sich einen Zweck macht, und Zustand herbeiführt. z. B. Theseus und Herkules sind Heroen. Heute sind Gendarmen da, um einen

5

10

15

20

 –3 so ist … verpflichtet] Li: Der Staat ist für das Bewußtsein bestimmt vorhanden, er steht uns 25 2 als verpflichtender Gegenstand gegenüber­   ­4 Das Gesetz ist] Ro: Dieses substantielle ist ferner­  ­4 –6 zur Nothwendigkeit … Überzeugung] Li: zu | einer Nothwendigkeit an sich entwickelt, die besteht gegen die Willkür der Individuen­  ­ 5–6 sodaß sie … Überzeugung] Ro: die macht eine gewalt gegen den wille der einzelnen­  ­ 6–8 Wenn auch … betrifft] Li: Wenn die Individuen auch wissen, was Gesetz ist, und die Zweckmäßigkeiten der Gewalten versteht, so geht dies so ins De- 30 taillirte hinaus, daß diesem das Subject gehorchen muß, ihm ein positives erscheint.­  ­10–11 Die Gesetze … Allgemeinen.] Li: Wir sehen ein, daß die Grundlage der Gesetze nothwendig ist, daß da Leistungen geschehen müssen, nach Princip der Gleichheit­   ­14 Theil] Li: kleiner Theil­  1­ 4–15 Eine Menge … handeln.] Li: Es bedarf eine Menge von Mitteln Anderer, die die Selbstständigkeit anderer ausmachen.­  ­18 es als Ganzes] Ro: nur das ganze­   da ist … beschränkt] Li: kann 35 seine Sphäre nur beschränkten Umfang haben­  ­19–20 Eine allgemeine … vollbringen.] Li: In einem gesetzlich geordneten Staate ist alles positiv außer dem Theile, was ein einzelnes Individuum vollbringt.  Ro: In einem gesetzlich geordneten Staate ist die substantielle die öffentliche gewalt; und dem einzelnen ist nur ein geringer theil dessen gelassen was zu vollbringen ist.­  ­22  haupt­ sache] Li: das Sittliche­  ­23 und Zustand herbeiführt] Ro: und vollführt und dessen Zustand 40 erwei­tert­  ­herbeiführt] Li: vollführt, ohne daß gesetzliche Einrichtungen dazu nöthig wären­  ­24  z. B.] Ro: Also im stiften von staaten

von dem ideal

5

10

15

20

25

969

verrückten Gastwirth zu züchtigen, nicht die Heroen; aber d. i. Zustand, wo Heroen nicht sein können. Es ist Staat. Die Griechen nannten es Tugend, daß ein Indi­ viduum solchen Zweck sich machte, was bei uns nicht ist, eine Verfassung hervorzu­ bringen, heute ist es Gewalt. Das Böse wird bei uns bestraft, dh. das Allgemeine Recht macht als Gewalt sich geltend gegen Verbrechen. Die Gerechtigkeit übt es aus durch ihre Organe, die Gerichte; sie sind an diesen Platz gestellt, nicht als selbst zu wollen, sondern von anderen geprüft. Die Rache findet bei uns nicht Statt. Aber Orest’s Rache ist auch gerecht gewesen, aber so daß der Sohn als der Familie angehörig, es übernommen, die Rechte zu vollbringen, die seinem Vater gehörten. Sein Wille wird die Gerechtigkeit vollbringen. Diese Gerechtigkeit ausgeführt ist Rache und Form des Heroischen. Diese αρετη bei den Griechen, und diese heroische αρετη ist mit virtus der Römer nicht zu verwechseln: virtus war Zweck des Staats bei den Römern, also unterwerfen. Rom hat einen Zweck, die herrschaft der Welt. – Die homerischen Helden haben zwar Agamemnon zum Anführer, aber er ist nicht General, sondern diese heroen, die thätig sind, thun es aus eigenem Willen, höchstens durch List zu dem Zuge gebracht. Achill tritt frei aus und in den Kampf, weil er von Agamemnon beleidigt, und weil er Patroklus rachen wollte. In die eigene Individualität des Subjekts fällt also die αρετη, und d. i. Ideal, Individualität als solche zu sein, die aus sich Ganz ist, beschließt und thut. D. i. der der Kunst so vortheilhafte Boden, worin die Zersplitterung und Abhängigkeit nicht ist. Das Äußerliche des Menschen ist das Seinige, und ein Zusam­ menstimmen seiner Energie mit der That. Solche Gestalten, haben auch die Perser Araber, wo eine formelle Selbstständigkeit herrscht. Solcher Weltzustand ist im Lebensverhältniß des Mittelalters der Ritter zu deren Muster der Cid; sie stehen dem König bei, aber diese haben Gränze an ihrem Willen; wenn sie beleidigt sind, treten sie zurük; an ihnen sind sie unantastbar. Der König handelt mit Einwilli­ gung seiner Vasallen nur und ähnlich ist der Zustand der homerischen Zeit |

4 –8 Das Böse … Statt.] Ro: Darin liegt der unterschied der strafe und rache. Strafe ist eine gerechtigkeit die sich durch die gerichte ausübt und die Richter sind die organe desselben. | An diesen 30 plätzen sind sie gesetzt worden, nicht dass sie es selbst gewollt. Das gesetz spricht über das böse.­  ­6 sie sind] Li: Die Behörde ist­  ­7 bei uns] Li: im gesetzlichen Staate­  ­8–10 aber so … vollbringen.] Ro: aber eine gerechtigkeit die die person eines einzelnen, der sohn unternommen hat. Es ist sein besonderer wille wodurch diese gerechtigkeit vollbracht ist.­  ­9 übernommen] Li: durch seinen Willen übernommen­  ­10 die Gerechtigkeit] Li: die Gerechtigkeit, die Strafe­  ­12–13 vir35 tus war … unterwerfen] Li: In der römischen Welt ist der Zweck des Staates das Gewaltige gewesen, dem das Individuelle unterworfen war.­  ­15 er ist nicht General] Ro: da ist kein Militär organisirt wie bei uns­  ­16 Willen] Li: Entschluß und Willen­  ­19 Individualität als … thut] Li: d i e d i e s e Subjectiv itaet zu Gr unde hat, ein in sich ganzes, aus sich setzendes und aus s i c h Vo l l b r i n g e n d e s   ­ ­ 2 0  Zersplitterung] Li: Verendlichung­  ­24–25 sie stehen … Willen] ­ 2 5 – 2 6  wenn 40 Li: d i e Va s a l l e n d e s K ö n i g s h i n g e n g a n z v o n i h r e r W i l l k ü h r a b   ­ sie … unantastbar] Ro: Die vasallen bleiben nur so lang treu als der König redlich thut.

70Li

142r Ro

970 32Hn

71Li

142vRo

nachschrift heimann  · 1828/29

Karl der Große ist der Löwe, er schlägt den Vasallen vor, und handelt nur, wenn sie ihm beistimmen; deßwegen hat die Poesie ihre Gestaltung und Charakter aus solcher Zeit genommen, nicht weil die Zeit sich nicht geniren läßt durch Festigkeit der Erinnrung und durch bekanntschaft des Publicums mit der Geschichte, und weil die Fantasie gehindert ist zu schaffen, da man die Sache als solche nicht als geschaffen von ihr verlangt, wenn man sie kennt; sondern es ist die Natur des Inhalts. In der Darstellung der Griechen sehen wir daß das Individuum die That auf sich nimmt, so Oedip, er nimmt seinem Vater das Leben, da er gereizt ist; es kann ein einfacher Todschlag gewesen sein, nicht Mord, auch nicht Vatermord. Nach unseren begriffen ist er am Vatermord unschuldig und an der Heirath seiner Mutter. Wir sprechen ihn frei; aber im heroischen Charakter liegt in der Totalität des Charakters das Ganze auf sich zu nehmen, die Schuld zu büßen. heute will keiner Etwas gethan haben, und schiebt die Schuld auf Andre; aber bei gediegener Einheit des Charakters wird die nicht so zersplittert. Unsere Ansicht ist moralischer, es kommt auf die Gesinnung und Absicht des Individuums an ob er und was er davon gewußt, so daß das Subjekt freier ist; aber in Vorstelung des heroischen Zeitalters ist das Individuum Eins, gediegenes Substanzielles. Er will selbst Ganz alles gethan haben. So sind die dem Schiksal zugeschriebenen Unthaten nicht von Schuld frei gespro­ chen worden. Ganze Geschlechter werden durch eines Individuums Schuld bestraft. Bei uns trägt einer die Strafe als schuldig, und wir wälzen die Last von Familien auf Individuen, und umgekehrt wir erklären das Individuum für unschuldig, wenn die Familie schuldig ist. Aber anders ist es im heroischen Zustand. Die Familie ist mit dem Individuum Eins, und kein Unterschied ist da. Wir stehen der formellen Freiheit oder subjektiven Freiheit als auf Sittliches beziehend näher, indem wir Subjekte

 –2 Karl der Große … Poesie] Ro: Davon kann man als beispiel anführen Reineke Fuchs. Es hat 1 deswegen besonders die Poesie aber auch die anderen Künste­  ­ 3–4 nicht weil … Geschichte] Ro: wo der Künstler nicht genirt ist durch die erinnerungen, noch durch die bekanntschaft des Publicums mit dem gegenstand­  ­6 sondern es … Inhalts] Li: sondern des Idealen wegen­  ­7 die That] Ro: die Schuld des ganzen­  ­ 8–9 er nimmt … Vatermord] Li: Ö d i p h a t d e n Va t e r L a i o s e r s c h l a g e n o h n e e s z u w i s s e n , d a s i s t e i n To d t s c h l a g n i c h t e i n M o r d , v i e l w e n i g e r e i n Va t e r m o r d .   Ro: Oedipus der einen unbekannten auf dem Wege todgeschlagen, obgleich es nur ein todschlag nicht ein M o r d   ­ ­ 11 – 1 2   das Ganze] Ro: die schuld des parriciduum und des incestes­  ­12 zu büßen] Li: nicht zu theilen­  ­12–14 heute will … zersplittert] Li: Heute wird die Schuld durch Nebenumstände zersplittert, unter viele getheilt, im sittlichen Bewußtsein ist es nicht so.  Ro: Gerade in dieser Selbstständigkeit, in diesem das ganze auf sich zu nehmen, liegt das Ideal.­  ­15 Absicht des Individuums] Li: subjective Absicht­  ­17 gediegenes Substanzielles] Ro: eine gediegene selbststandige einheit­  ­Er] Li: es legt das Ganze in sich, es­  1­ 9 durch eines … bestraft] Li: in das Verderben mitgerissen­  ­20 Bei uns … schuldig] Li: während bei uns das Individuum nur für seinen Willen und That zu büßen hat­  ­23–972,1  der formellen … trennen] Li: in der formellen Freiheit insofern höher, Dort ist die Subjectivitaet von dem Substantiellen nicht getrennt.

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

971

trennen. D. i. der Boden des Heroismus, daß keine Spaltung vorhanden ist. Es ist das bedürfniß des Individuums und sein Interesse, welches uns nie verlassen kann, diese individuelle Totalität, und in sofern ist in dieser äußern Erscheinung Schiller und Göthe auf diesen Gegensatz gefallen: Götz ist ein Ritter der fällt in die Zeit des Untergangs der individuellen Einheit, die mit objektiver Ordnung in berührung kommt. Es ist das Zusammentreffen der Heroen mit dem gefaßten festen Leben. Er schlägt sich mit dem Gericht von Heilbronn vor, mit Bauren und Advokaten ist er in Streit. Moor ist ein Individuum, das sich aus der bürgerlichen Ordnung sich heraussetzt, und weil diese Ordnung verletzt ist, zieht sich das Indivi­ duum als heros heraus, und erklärt den Krieg der Statt mit Mißbrauch, deßhalb wird er Räuber, da er nicht Unwesen abbestellen will, sondern Unglük über ihn bringen. Als Unmächtiges muß er sich zertrennen. Das Böse ist vom idealen Zustand nicht ausgeschlossen; Krieg und dergl. sind im Gegentheil Gegenstand der heroischen Thätigkeit, und in sofern ist das böse in unmenschlich grausamer Weise vorhanden. Fahrende Ritter, die ausgehen um dem Übel abzuhelfen, geriethen in das Wilde hinein. Wo christliche Helden Platz haben sollen, setzt einen Ort voraus, wo das Wilde seine Existenz hat. Man kann sich vorstellen, daß ein idyllischer Zustand, der am meisten idealische Zustand sei. In ihm ist die Zersplitterung nicht vorhanden, aber für uns hat er zu wenig Interesse, weil

den 20/11Hn

20 1 D. i. der Boden] Ro: In der sittlichkeit ist die Subjectivität noch nicht getrennt von dem Substan-

25

30

35

40

tiellen. Das ist der boden­  ­1–3 Es ist … Totalität] Li: Dies Interesse an der Totalitaet interessirt uns, so sehr wir auch die Subjectivitaet getrennt von derselben anerkennen.  Ro: Das bedürfniss und das interesse an der totalität des individuums ist etwas was uns nicht verlassen kann obgleich wir die wesentlichkeit dieser Zersplitterung anerkennen.­  ­ 3–8 in sofern ist … Streit.] Li: Bei Goethe ist dargestellt die Berührung der Heroen und der gesetzlich bestimmten Einrichtungen. Der Ritter muß sich mit Bischöfen und Gerichten | herumschlagen, es tritt in Collision das Selbst- 72 Li ständige und die nothwendige Ordnung.­  ­5 individuellen Einheit] Ro: subjectiven selbst­stän­ digkeit­  ­6–7 gefaßten festen Leben] Ro: gesetzlichen leben. Da tritt diese Collision ein.­  8­ –12 Moor ist … zertrennen.] Li: Bei Schiller in Räubern ist Carl Moor der sich aus der bürgerlichen Ordnung heraussetzt weil er davon verletzt worden und tritt auf als ein Heros für sich, der der bürgerlichen Ordnung Krieg ankündigt, da kann er nicht als Ritter, sondern als Räuber auftreten, und geht zu einem Abscheulicheren hin, und muß vergehen.­  ­8 Moor ist] Ro: Eben so ist es dann bei Schillers r ä u b e r . Das ist­   bürgerlichen] Ro: gesetzlichen­  ­9 diese Ordnung] Ro: es­  ­10 der Statt] Ro: der Gesetzlichen ordnung­  ­11–12 da er … bringen] Ro: um die übelen umstände dieser ordnung ab zu helfen­  ­13–17 Das Böse … hat.] Li: Das Ideale kann auch in der Innigkeit seinen wesentlichen Platz haben abgezogen von den Verhältnissen der Gleichgültigkeit, wie in den religiösen Helden.­  ­16–17 Wo christliche … hat.] Ro: Ein Zustand von Christlichen marterern setzt schon vor sich diesen gegensatz voraus. Das Ideale ist da Christlicher religiöser art; und da ist es gleichgültiger abgezogener von den ausserlichen Kunsten der welt die seyn können wie sie wollen.­  1­ 8–19 In ihm … Interesse] Ro: Der Zustand den man natürlich nennt der Zustand der schäfer hat für uns das interesse nicht: alle interesse sind darin ausgeschlossen   ­ ­ 19 Zersplitterung] Li: Entzweiung 15  Ritter] gRitter­  ­16 geriethen] gerihthen

972

33Hn

143rRo

73 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

er den ausgebildeten Charakter nicht hat, und wichtige Verhältnisse, wie Vaterland und Religion nicht vorhanden sind. Schaafe haben sich verlaufen ist ihr Gegenstand. Eine Erheitrung ist es, zu ihr seine Zuflucht zu nehmen. Die gessnerschen Idyllen haben mehr Interesse und sind länger angenehm gewesen bei den Franzosen als den Deutschen. Der idyllische Zustand aus unserer Zeit hat Mangelhaftes an ihm, wenn Landgeistliche oder Verlobung vorgestellt werden, so ist die Empfindung der behaglichkeit, an gutem Kaffe, dem Leibe, aber nicht großartige Verhältnisse sind es, und es wird nur von ihrem weitern Zusammenhang abgerissen. | Der Landpfarrer hat noch andre unendliche Verhältnisse als Kaffe zu trinken; dagegen im herrmann und Dorothea ist noch ein anderes höheres Motiv, die französische Revolution im hintergrund; eine besonderheit ist auch da herausgerissen, aber man sieht die Weltverhältnisse, wie sie auf den kleinen Kreis wirken. In vielen Dramen von Shakspeare sind von Chroniken die Stoffe genommen. Ein Zustand von noch nicht festem Zustand ist auch da, wo das Individuum mehr auf sein Selbst zurückgewiesen ist. die spätere Geschichte ist nicht so vortheilhaft. Das historische der Helden hat vieles von äußerlichen Geschichten an sich. Sie werden nur durch die Selbstständigkeit des Eigenwillens der Charakter des Helden; aber meist ist diese Selbständigkeit nur formell, subjektiv, einseitiges Moment. Bei dem Heros, seinem Willen ist auch der Inhalt in Anschlag zu bringen, den er zu seinem Zweck gemacht hat. D a s P a r t i k u l ä r e i m a l l g e m e i n e n We l t z u s t a n d e n e n n e n w i r ü b e r ­ h a u p t S i t u a t i o n , welche unendlich mannigfaltig ist, und viel läßt sich nicht über sie sagen. Die äußere Zufälligkeit hangt an ihr zu sehr. Die Situation kann einfaches sein, oder wenn sie sich auf die Handlung bezieht, so wird sie interes-

5

10

15

20

  Schaafe haben … Gegenstand.] Li: L i e b s c h a f t e n d e r S c h ä f e r . M ä d c h e n , Ve r l a u f e n e i - 25 2 n e s S c h a f e s i s t w e n i g a n z i e h e n d .  Ro: dass ein Schaaf verloren ist, dass ein Schafer in ein madchen verliebt ist, u. s. w.­  ­4 mehr Interesse] Ro: einen grösseren beifall­  ­5 Deutschen] Li schließt an: Die Interessen des Geistes sind nicht darin enthalten.­  ­Der idyllische Zustand] Ro: Aber wie gesagt ist dies nur ein abstracter Zustand. Die Idyllen Zustände­  ­an ihm] Li schließt an: | und noch überdies, daß daran sich die Aeußerlichkeit sehr knüpft­  ­10–12 im herrmann … 30 wirken] Li: Hermann und Dorothea ist großartig, weil sie das Weltinteresse im Hintergrunde hat, das Motiv des Vaterlandes. Eine Besonderheit, die sich auf ein Höheres bezieht.­  ­11 hintergrund] Ro schließt an: und das motiv des vaterlandes­  ­13 Chroniken] Li: alten Chroniken­  ­13–15 Ein Zustand … ist.] Li: Die erzählen vom Zustand, wo das Individuum noch nicht durch feste Ordnung gefesselt ist, sondern mehr von der Willkühr des Individuums abhängig.  Ro: die erzählen 35 von einem umstand der noch nicht der Zustand der gesetzlichen ordnung ist wo alles sich mehr auf den Character eines einzelnen herumwendet­  ­15–17 Das historische … Helden] Li: Das äußerlich Geschichtliche hebt nur die Selbstständigkeit der Caractere hervor, ihre Eigen­ w illig­ keit­  1­ 6–17 Sie werden … Helden] Ro: Die selbststandigkeit der Charactere ist daraus gehoben­  ­18 Moment] Ro: momente. Das sind die Hauptmomente für diess was wir den allgemeinen Zustand ge- 40 nannt haben.­  ­21  D a s P a r t i k u l ä r e ] Ro: Das 2te ist das particulare 1 7  Selbstständigkeit] Selbstständigen

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

973

santer. Die Skulptur hat insofern sie Tempelbilder darstellt, nur situationslose Ge­ stalten; aber im Basrelief geht es schon zu Handlung über. Die Alten sind reich an Erfindungen heiterer Situationen. Sie ist das Gegebene, was der Künstler aufgreift, erweitert zum Idealen, das Äußerliche der bestimmtheit davon nimmt. Götter sind auch in Handlung gesetzt[.] Eine solche einfache Situation ist oft einer zusammengesetzten vorzuziehn. So hat Tigal einen Mercur gebildet, wie er sich die Sandalen umbindet. Torwaldsen hat auch einen Merkur gebildet, der sein Schwerdt heimlich zieht und auf Marsyas lauert, wo das Lauren vortrefflich ist, aber diese harmlose Situation des Anziehens der Sandale ist dem Triebischen bei dem Gotte vorzuziehen. Die Situation kann also unendlich Mannigfaches haben. Situation ist gewöhnlich Gelegenheitssituation, so ist auch eine lyrische Poesie von der Art da, wo bestimmte Gefühle ausgesprochen sind, und dem Herzen durch Produkt Luft gemacht ist. Insofern ist Werther ein Gelegenheitsgedicht, in sofern die Zerrissenheit des Herzens zum Objekt des Dichters gemacht ist. Göthe hat besonders solche Gegenstände gewählt, wo nicht bestimmte Gegenstände sondern von der Art genommen sind, die sein Innres in dem Momente ausdrücken. Klagt der Mensch über sein Leiden, Noth, so ist er erleichtert, wenn er diese Empfindung ausdrückt. Solche Situation ist Gelegenheit, und die ist mehr äußer­ liche Verfassung als das Treibende. Die pindarischen Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, die bestellt worden sind, also ein äußerlicher Gegenstand gegeben ist, nicht der in seinem Innern mit ihm verknüpft war. Solche lyrischen Situationen sind von 1  Die Skulptur … nur] Ro: Da ist eine Kunst mehr als die andere die diese einfache Situation hat. Sculptur gegenstände sind meistens­  ­3 heiterer] Li: einfacher heiterer­  ­Situationen] Ro: Situationen obgleich man es nicht eigentlich erfindung nennen kann da es ein particuläres vorhandenes ist das aufgenommen ist­  ­das Gegebene] Li: das Particulare­  ­Künstler] Li: Dichter­  ­ 5–6 Eine solche … vorzuziehn.] Ro: Man kann leicht auf die meinung kommen dass die heitere Vorstellung vorzuziehen sey an der ersteren.­  ­6 zusammengesetzten] Li: ernsthaften­   Tigal] Li: Tical, einem Franzosen, zu Friedrich II. Zeiten­  ­9–10 aber diese … vorzuziehen] Li: S o l c h e S i t u a t i o n e n s c h e i n e n e i n e m G o t t e nicht angemessen zu sein.­  ­11 Situation ist gewöhnlich Gelegenheitssituation] Ro: Das kann noch bemerkt werden dass das was man situation nennt nichts anderes ist als die gelegenheiten. Man kann also sagen dass die Situation gedichte alle gelegenheitsgedichte sind.­  ­11–13 so ist … ist] Li: Alle lyrischen Gedichte besonders sind Gelegenheitsgedichte. Da sind bestimmte Situationen nehmlich Empfindungen. Der Dichter macht da seinem Herzen Luft durch diese Darstellung.­  ­14–974,3 Göthe hat … verwikelter] Li: Bei Goethe kam das vor, daß er sich etwas zum Gegenstand machte, was ihn kränkte, dann trennte er das von sich, es ist nicht mehr in ihm, er hat es schon vor sich. Die Tränen sind so Erleichterung, die die Natur dem Menschen gegeben hat. Herder sagt es selbst, er fühlte sich erleichtert bei Gelegenheitsdichtungen. Das Gemüt ist hier die Welt. Die Situation insofern sie verwickelter, intensiver wird, sich auf Praktisches bezieht­  ­14–18 Göthe hat … ausdrückt.] Ro: Alle die gedichte von Göthe sind gelegenheitsgedichte. Sein Werther.­  ­18–19 Solche Situation … Treibende.] Ro: Gelegenheit ist also ein äusserliches zu dem was producirt ist. 6  Tigal lies Pigalle­  ­9 Triebischen Lesung unsicher­  ­13 ist] sei

74Li

974

den 21/11Hn 34Hn

75Li

76 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

dem getrennt, was wir Weltzustand genannt, das Gemüth ist der Welt entgegen­ gesetzt. Wenn auch die Welt in ihm Empfindung erregt, so ist doch das Gemüth die Situation. Wird sie verwikelter, so ist sie Voraussetzung von Handlung; auf sie folgt die That. Im Malerischen ist eine Situation ein Anfang, ist sie interessant, so muß in ihr die Anregung liegen, die Menschen zu erheben. In der Situation der Antigone des Sophokles ist der unbegrabene Bruder und das Verhältniß von Kreon zu ihm und das Verhältniß des Bruders und Schwester in Kampf. Hieraus erfolgt die Handlung. Im Epos, wie in der Iliade, ist es der Priester, die Situation; es folgt die Handlung des Agamemnon. Helenas Raub ist Situation ebenso, in welcher die äußerliche Veranlassung. Das Zweite ist, wie der Mensch gegen diese behandelt, mit welchem Zustande er sie aufnimmt. Situation kann Etwas Äußerliches für uns haben, und wir lassen uns es mehr gefallen als in der Handlung, so in Iphigenie in Tauris sind die Situationen die Fordrung der Menschenopfer, die Ankunft des bruders etc; Menschenopfer sind für uns fremd | Die Grundsituation ist Voraussetzung, und Unmittelbares, dann Etwas relativ Unmittelbares, wie in den Trilogien, wo die Verletzung einer Situation durch Folge der Verletzung aufgehoben wird. Die Reaktion des Menschen tritt dann ein. 3–4 von Handlung; … That] Li: von Umständen, unter welchen und | auf welche die Handlung folgt­  ­4 Malerischen] Li: Drama­  ­4–7 ist sie … Hieraus] Li:die großen Interessen der Menschheit müssen da in Anspruch genommen werden. Der Bruder der Antigone soll unbegraben bleiben, dem Befehl gemäß, andererseits fordert die Pietaet die Schwester, den Bruder zu bestatten, das ist die Situation, und es­  ­8 Priester] Li: Priester des Apoll, dem die Tochter geraubt wurde, und er sie fordert­  ­12 haben] Li: haben was uns ganz fremde ist­  ­14 bruders etc] Li: Bruders, den sie opfern soll­  ­Menschenopfer sind … fremd] Li: In dieser Situation ist Geschichtliches enthalten, das uns nichts angeht, uns anwidert. Das was unter diesen Situationen getan wird, ist menschlich, und soll es sein, wenn es uns anregen soll. Andere Situationen können noch entfernter von uns liegen. Nalus, indischer Prinz freit um eine Tochter eines indischen Prinzen. Sie hat das Recht, sich einen Gemahl | zu wählen, alle Freier sind Genien, nur Nalus ein Mensch, den das Mädchen haben will, sie weiß recht zu unterscheiden und sieht die Genien schweben über die Erde, während der Mensch auf der Erde steht, sie erkennt ihn darnach und heiratet. Die Genien wollen sich rächen über Nalus, suchen eine Schwachheit bei ihm und finden sie, während er das Wasser abschlägt, betretet er dasselbe. was bei Indiern für Verbrechen gilt. Der Genius des Spiels fällt in ihn hinein und läßt ihn alles vergeuden. Diese Situation ist albern, die Handlung darin aber wundervoll. Cf. Bopp.­  ­fremd] Ro: fremd. Aber alles was in dieser situation gethan wird ist ein menschliches und da erfodern wir dass das menschliche uns entspreche. Diese Situation kann in einem von uns noch entfernteren Zustande liegen. Ein beispiel davon in einem Indischen Roman.­  ­15  Die Grundsituation] Ro: Die erste situation, die grundsituation­  ­16–17 wie in … wird] Ro: So in alten Tragödien die trilogien. und darin liegt ein widerspruch der aufzuheben ist. Oedip kehrt sein gebrechen(?) ins geheim: sein eigenes unruhiges wesen, seine vertreibung, seinen verlassenen Zustand und dann das letzte versöhnende abschliessen seiner existenz, das ist die Situation. – Es ist also immer etwas relatives.­  ­17–975,2 Die Reaktion … Art] Li: Dann ist das 2te die Reaction der Menschen unter diesen Handlungen, die Handlung selbst. In dieser Bewegung ist das Wesentliche, das Substantielle, die Macht, und als 2tes die Art und Weise 3  ist] sind­  21 gemäß] gemäßt

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

975

Das Erreichte wird selbst Gegensatz. Die hauptseite ist das wesentliche bewegende, die Macht und dann die Art der bethätigung der Macht. Im menschlichen Leben ist die Macht Grundlage und idealer Inhalt, nicht eine allgemeine Idee, Gott und Vernunft, sondern ein Zweig des Göttlichen, in ihm gegründet, deßhalb göttlich. Diese Mächte werden erregt, und es sind besondere Mächte, im Widerspruch gegeneinander, Macht gegen Macht. Diese sind die großen Motive. Staat, Vaterland, Rechtliches und Sittliches, Familie und ihre Verzweigung sind wesentliche Verhältnisse und wahrhafte Mächte, wie Freundschaft, Ehre, Stand, Liebe im romantischen wesentliche Motive, es sind die Mächte, welche die Alten παθη genannt. In wiefern das Individuum eine solche Macht als bestimmung des Geistes in einer Seite hat, ist sie wesentlich. Die Alten sagen, die Menschen haben den Stoff zu den Göttern aus ihren Leidenschaften, παθη gemacht, nicht wie wir das Wort nehmen. Das sind vernünftige, nicht äußerliche Gewalten, sondern wahrhafte. Sie machen das Affirmative der Kunst aus. Sie sind das Treibende im Handeln, welche wegen ihrer bestimmtheit in Collision kommen können, und verletzt ge­ gen einander sich verhalten können. Der Chor tritt nicht in Collision; diese ist nur in den Heroen. Diese Mächte sind das Berechtigende und Affirmative. Das Böse und Schlechte sind Negatives, wie Feigheit und Niederträchtigkeit: deßhalb soll kein Charakter als böse dargestellt werden, nach einigen, oberflächlich ist es, aber richtig. Corneille in seiner Vorrede zu dem Trauerspiel sagt, daß er dem Tyrannen Etwas Gutes beigefügt habe. Das Verbrechen ist verschieden vom Verbrecher, der immer Etwas Gutes in sich enthält. die moderne Zeit geht zu stärkern Gegensätzen fort, zum Gräßlichen, das der Kunst zuwieder ist. So im Shakspeare sind viele zu solcher Gräßlichkeit, und in neuer Zeit unter dem Schilde der Ironie zu Fratzenhaftigkeit

25 1 Das Erreichte … Gegensatz.] Ro: Da ist noch ein gegensatz der realität mit dem was der Zweck,

die absicht ist.­  ­3 Idee] Ro: Idee als solche, sondern eine Collision­  ­4 ein Zweig] Li: ein Zweig, eine Seite  Ro: eine Seite des Göttlichen und eine des endlichen­  ­6 Motive] Ro: motive die in so fern auftreten die ewigen momente dessen was wahrhaft ist­  ­7 Familie und ihre Verzweigung] Li: Familie, Freundschaft, Ehre, Ruhm, Würde, Liebe­  ­10–11 In wiefern das … wesentlich.] Li: 30 Das Individuum hat eine solche Macht in sich, weil dies eine Bestimmung der wesentlichen Substantialitaet ist.­  ­12 gemacht] Ro: genommen. Dieser ausdrück ist nicht genau, wenn man es von schlechten motiven nimmt.­  ­13 Das sind … wahrhafte.] Ro: Das ist substantielle grundlage­  1­ 5–16 welche wegen … können] Li: der wahrhafte Zustand ist ihre Harmonie­  ­16 können] Ro: können, obgleich ihr wahrer Zustand harmonie ist­  ­16–17 Der Chor … Heroen.] Ro: So in den 35 Chören der alten sind sie in harmonie: aber in den Königen sind sie in collision.­  ­17–20 Das Böse … richtig.] Ro: Das nicht berechtigende ist das blosse böse, die schlechten leidenschaften. Das ist das blosse negative. Es ist schon von altem angenommen dass kein blos böser mensch an schlechten leidenschaften unterworfen vorgestellt werden soll.­  ­18–19 deßhalb soll … werden] Li: Daher die Alten sagen, man könne nicht allein böse sein.­  ­20 in seiner … Trauerspiel] Ro: in den vorre40 den seiner tragödien­  ­21–22 Das Verbrechen … enthält.] Ro: Gebrechen ist so unterschieden v verbrechen. Gebrechen sind das negative.­  ­22 stärkern Gegensätzen] Li: größerer Zerrissenheit 24 Fratzenhaftigkeit] Franzenhaftigk.  34 ihr wahrer] ihrer wahre­ 

143vRo

77Li

976

78Li

144rRo

nachschrift heimann  · 1828/29

übergegangen, wo die Extreme entstanden, mit Nichts Ernst wird. In den hofmannschen Produktionen sind diese Fratzen herrschend. Die Mächte müssen aber vom Affirmativen haben, um zu interessiren, und nur durch solche kann man interessiren, nicht durch Zerrissenheit. d i e s e παθη sind Gestaltungen, die wir Götter nennen. Mächte, die in sich berechtigt sind, ein wesentlich geistiges Element in sich enthalten. Zu diesen ist der Mensch im Verhält­ niß. Sie bethätigen sich in ihm, und Er ist die Seite, welche sie ausführt, so tritt ein Verhältniß zwischen Göttern und Menschen ein. dieses Verhältniß kann als Äußerliches dargestellt werden, und wenn es schlecht dargestellt ist, so ist es äußerlich; wahrhaft sind sie Mächte des Geistes, die ihr Substanzielles im Menschen haben, und Gewalt gegen ihn haben, sodaß er in Besitz von ihnen genommen ist. Eine Identität blikt so durch in homerischen Göttern. Dieses Verhältniß. Die Götter heißen den Menschen Etwas thun, dann heißen sie es auch nicht thun, und erscheinen ihm nicht. Verfolgt man das, so kommen Absurditäten vor, denn dem Helden kommen keine Tugenden zu, wenn z. B. Patroclus mit Hector kämpft, und von Apoll getödtet wird, oder da ist Achill wie der gehörnte Siegfried unverwundbar, so kann man sagen, daß es keine Kunst ist, so tapfer zu sein, wenn dieses nur äußerlich genommen wird. Eine Inconsequenz tritt dann ein, es tritt Etwas ein, was nur äußerlich in dem Menschen mächtiges ist. In der wahrhaften Darstelung werden die Unterschiede vermittelt. Die allgemeine Macht im Menschen wird herausgehoben, als dem Menschlichen Willen angehörend. Wie wenn Minerva dem Achill im Anfang der Iliade erscheint, und ihn vom Streit abhält, so ist das äußerlich, aber die Unterbrechung seiner Leidenschaft ist in ihm vorgegangen, sie wird nur äußerlich vorgestellt, und diese Äußerlichkeit verschwindet sie tritt zurück. |   Ernst wird] Ro: ernst ist: diese Zerrisenheit das ist das nichtige.­  ­2 Produktionen] Li: Compo­ 1 sition­  herrschend] Li: das Wesentliche­  ­ 3–6 Die Mächte … enthalten.] Ro: Das substantielle kann nicht immer in der Wirklichkeit ein recht behalten. Die mächte können auch für sich vorgestellt werden und das sind dann die Götter. Diese die in sich berechtigt sind, ein wesentliches moment in sich enthalten: darüber werden wir weiter zur Sprache kommen.­  ­3 vom Affirmativen haben] Li: etwas Affirmatives in der menschlichen Brust sein­  ­7 Sie] Ro: er bethätigt sich, und sie bethätigen sich in ihm­  ­9 werden] Ro: werden. Soll es aber gut vorgestellt seyn, so muss es ein geistes verhältniss seyn. Das wahrhafte verhaltniss ist, dass bei jeder gestaltung jene identität eintritt.­  ­äußerlich] Ro schließt an: da kann kein interesse seyn, da können keine helden vorkommen, weil die freiheit dadurch zerstört ist.­  ­11–12 Eine Identität … Verhältniß.] Li: Das wahrhafte Verhältniß ist, daß jene Identitaet durchblickt. Bei homerischen Göttern sehen wir dieses Ver­ hält­n iß­  ­13 heißen] Li: erscheinen und lassen­  ­14–15 denn dem … zu] Li: Kein Caracter wäre dort ein Held.­  ­18–21 Eine Inconsequenz … angehörend.] Li: Das Aeußerliche wird angegeben, als dem Individuum nicht Zukommendes, allein andererseits wieder zu der wahrhaften Darstellung emporgehoben, indem das Aeußerliche als in dem Subject selbst vorgegangen dargestellt wird.  Ro: Dem Character der individuen muss etwas zu kommen. Diesen unterschied kann die Kunst vermitteln, indem sie ein solches verhaltniss als etwas Phantastisches vorbringt. 24  tritt statt eines verblaßten, unleserlichen Wortes

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

977

Es kann dieses in Maschinerie sich verändern, so wie in den neuen Epopeen, wo die Zerlösung der Thatsachen durch Götter schon längst als unvortheilhaft für Kunst erschien. In der Iphigenie von Göthe ist dieses äußerliche Verhältniß das bei Euripides vorherrschend ist, in das Gemüth verlegt. Dort erscheint Minerva dem Thoas und befiehlt ihm, den Orest nicht zu tödten, daß er schon entflohen etc. Ein äußerliches Verhältniß ist dieses. Bei Göthe ist dieses anders gewendet. Iphigenie vertraut der Brust des Menschen die Wahrheit, sie eröffnet alles dem Thoas. Sie betet zu den Göttern als zur Wahrheit. hier ist keine Maschiene mehr; die äußerliche Darstelung des Göttlichen ist die Klippe der griechischen Poesie. – Im hamlet erscheint der Geist dem Sohne, und ruft ihn zur Rache. D. i. genug Berechtigung für ihn zu handeln, aber sein Zaudern und hypochondrischer Charak­ ter, der Zweifel, daß der Geist gelogen, verändert die äußern Verhältnisse des Geistes. Im modernen erscheint παθος als Treibendes im menschlichen Gemüth, sowie auch bei den Alten. Das Pathetische bewirkt, daß die Substanz explicirt wird, und wirkt. Schiller ist pathetischer als Göthe, und hat deßhalb größere Wirkung auf der Bühne hervorgebracht. Das Pathetische enthält das bewegliche, wenn Affirmatives in ihm ist. D i e a n d e r e S e i t e i s t d i e m e n s c h l i c h e I n d i v i d u a l i t ä t die sich bethätigt. Das Pathos ist nur eine Seite des wahrhaft wirklichen. Der Gott ist immer doch abstrakt; das Geistige in Totalität ist Wirklichkeit im Menschen. Zu einem 1 –3 Es kann … erschien.] Li: Maschinerie ist es, wenn eine äußerliche Gewalt auf den Menschen wirkt. Der Gott, der den Knoten lößt, erscheint nicht als vortheilhaft für die Kunst.­  ­1 verändern] Ro: übergehen; und der nahme ist ganz richtig; denn die äusserliche gewalt ist eine blos mechanische­  ­ 4–5 Dort erscheint … entflohen] Li:| Bei Euripides erscheint Athene und befiehlt dem Thoas inne zu halten und die Iphigenie mit der Bildsäule entführen zu lassen.­  ­4 Minerva] Ro: ganz prosaisch Athene­  ­7–8 Iphigenie vertraut … Wahrheit.] Ro: Bei Goethe entgegen ist dies so gewendet dass die Iphigenie der wahrheit in sich selbst vertraut, sie in der tiefe ihrer Seele das verhältniss respectirt. Aus dem Kampf entschließt sie sich Orestes von Thoas zu retten. sie ruft die Götter an als die quelle der wahrheit. Da ist das Göttliche das wahrhafte in die brust des menschen gelegt.­  ­9 die äußerliche … Poesie] Ro: Das ist die Seite woran eben die Griechische Kunst ihre gebrechlichkeit hat. Die moderne Seite ist eine ganz heilige. Gott und Maria läßt man erscheinen: aber das muss immer so geschehen dass der mann dabei frei bleibt.­  ­10 der Geist] Li: der Geist seines Vaters­  ­ruft ihn zur Rache] Ro: erzählt ihm seine ermordung und befiehlt ihm seinen Tod zu rachen­  ­11–13 aber sein … Geistes] Li: allein Hamlet sagt, es könnte auch der Teufel sein, er will sich selbst überzeugen, durch die Comödie, und hierin zeigt sich seine Freiheit­  ­13–14 Im modernen … Alten.] Ro: auch bei den alten kam das pathetische wieder vor in der Selbststandigkeit der person vorgestellt; und das ist grade das was die grösste wirkung macht.­  ­15 pathetischer als Göthe] Li: viel pathetischer als Goethe, Goethe stellt das παθος nicht so explizirt vor­  ­16–17 Das Pathetische … ist.] Ro: Das παθος, das ist die wesentliche bewegung des Geistes, das affirmative in den menschen selbst.­  ­18  S e i t e ] Ro: Seite zu diesen mächten παθη­  ­20–978,2  Zu einem … Menschen.] Li: Da gehören verschiedne παθη zusammen. Der Mensch vereinigt sie alle. Der Mensch ist reicher als Gott. Der ganze Olymp ist in Menschenbrust vereint 1 7  ihm] ihne

35Hn

79 Li

978 den 24/11Hn

144vRo

80 Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Menschen gehören alle Götter, und alle machen sich zu wirklichem Geist durch Menschen. die Skulptur hat einfache darstellung des Charakters, nicht so die Malerei; die Entfaltung eines Charakters ist im drama nicht so leicht. Sie werden zu Allegorien und abstrakt; die Tapferkeit erscheint im Allgemeinen. Kalt ist solche darstelung. Hat ein Charakter 2 Pathe, wie Liebe und Ehre, und beide kämpfen, und wenn das Kämpfen sich ausspricht; so können beide so allgemein gehalten werden, daß das Subjekt nur äußerlich ist, ohne Charakter zu haben. Die epische Dichtkunst kann am meisten den Charakter in Individualität darstellen, als Odysseus und Achill. Achill ist ein tapferer Jüngling, aber er hat noch alles Menschliche an sich, und alles erscheint äußerlich. Er liebt die Briseis, seine Mutter Thetis, von der man nicht weiß, wo sie ist, er erinnert sich seines lieben Vaters Peleus, ehrt seinen freundschaftlichen diener Phunuis, liebt seinen Patroklus, ehrt das Alter im Nestor und alles Ansehen, welches sich in den Spielen, die er veranstaltet, zeigt, so entwickelt sich sein Charakter. Er ist reizbar und feuerig, aufwallend im Zorn, mit besonnenheit der Tapferkeit vereint er die härteste Grausamkeit gegen Hektor. Er schleppt ihn dreimal um die Stadt. Aber er reicht die mörderische hand dem Priamus. Alle menschlichen Seiten treten in ihm hervor, ohne daß sie verwikelt in Handlungen erschienen. Ebenso auch Odysseus besonders, und alle andern, jeder ist eine Welt von Vielseitigkeit und Ganzes in Einem, das seine Besonderheiten hat.

  Menschen] Ro: der ganze olymp ist in der brust des menschen gesammelt.­  ­3–11 die Skulptur … 2 äußerlich.] Li: | Die Dichtkunst ist am ausführlichsten in der Darstellung der Caractere. Dies wird beschränkt im Drama, w e i l d a d e r Zw e c k d e r H a n d l u n g e s n i c h t e r l a u b t . Doch nicht ein einzelnes Motiv soll dargestellt werden, z. B. Tapferkeit, ohne alle andere Persönlichkeit, dann ist das die kalte Allegorie. Das Subject ist ganz die äußerliche Form ohne einen Caracter zu haben. Es soll ein Hauptzug sein, aber dabei auch alle anderen Seiten sollen dargestellt sein. Achill ist so, er ist tapfer­  ­ 6–8 Hat ein … haben.] Ro: In den französischen Dramas ist das nicht selten zu sehen: also drücken ihre Dramen oft noch anderes aus als den Kampf zwischen Ehre und Liebe die so allgemein ausgedrückt sind dass sie keinen Character haben.­  ­10–11 und alles erscheint äußerlich] Ro: und dadurch hat es das ziehende­  ­11 Er] Ro: Er ist tapfer: er­  ­14–15 so entwickelt … Charakter] Li: Nach den verschiedenen Seiten zeigt er sich ins liebenswürdige.  Ro: Nach diesen verschiedenen Seiten zeigt sich seine natur­  ­15–21 Er ist … hat.] Ro: ferner ist er höchst reizbar in seiner empfindung. Diese empfindlichkeit im auf halten seines zornes, und seine besonnene tapferkeit die zur rachsucht geht zeichnen auch seinen Character. In ihm treten alle seiten des menschlichen vor, ohne daß sie zu einer verwirklichung kommen. sie hangen alle zusammen mit dem was er ist und mit dem was er thut. Eben so Andromache, Ajax, u. s. f. solche Charactere haben viele interesse an sich­  ­16 die härteste Grausamkeit] Li: Rachsucht und Grausamkeit­  ­17 Er schleppt ihn] Li: den Hector schleift er an seinen Wagen angebunden­  ­20–21 von Vielseitigkeit … hat] Li: von Lebendigkeit, von Vielseitigkeit, die alle von einer besonderen Farbe angestrichen werden 4  Allegorien] Kategorien­  ­13 Phunuis lies Phoinix

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

979

Im Niebelungenlied sind Charaktere wie Sigfried sehr kahl und abstrakt gegen die homerischen in ihrer vielseitigen Lebendigkeit. Eine modernere Weise, Charakter zu zeichnen, ist das Geistreiche, witzige; die Shakspeareschen Charaktere zeigen innere Allgemeinheit, die auf sich ruhen in ihrer Selbstständigkeit. Sie gehen zu allgemeinen Betrachtungen über, wodurch die innere Vielseitigkeit erscheint. Andere Charaktere zeigen in ihrer Narrheit und Plattheit Genialität und Witz. Dieser Humor stellt sie über die platte beschränktheit. Die allgemeine Einheit kann einfach sein wie in Skulptur, wo das in sich seiende Allgemeine und das Mögliche der Entwicklung angedeutet werden. Das Kunstwerk erscheint. Das allgemeine Weltverhältniß und Situation und das handelnde Wesen erschienen nun bisher. | Wa s d i e E n t w i k e l u n g d e r H a n d l u n g b e t r i f f t , so treten Situationen Theile und Motive der Darstelung ein. ein äußrer Umstand, der äußerlich mit dem zusammenhängt was wesentlich geschieht. Es sind Motive, die zur Explikation dienen zu dem was geschieht. Im epi­ schen Gedicht sind besondre Umstände, die äußerlich sind und äußerliche Folgen innerer Bewegung herbeiziehen. (So Achills Perlenschnur). Die Anschauung soll die innere Lebendigkeit durch die äußern Umstände erkennen. Die ganz äußerliche bestimmtheit hat verschiedene Seiten. 1, die äußerliche als solche, und 2, die sich auf uns beziehende, 3, die äußerliche der Form nach. Kleidung und alle Mittel gehören hierhin, die Geräthschaften, Waffen gehören zu der Äußerlichkeit. Sie hängt mehr oder weniger mit dem Innern zusammen. Sie paßt nur zu diesem Weltzustand, theils positiv, theils hat sie innerliche beziehung darauf. So die patriarchalische Lebensart im Homer, welche noch nicht den Unterschied machte wie wir. Sie kochen und braten selbst und sind doch auch große Herrn, wir kochen nicht unsern Kaffe selbst. Keine Sklaven gehörten dort dazu. die Bestimmtheiten sind noch nicht so zersplittert. dort sind die Geräthschaften

4  innere Allgemeinheit, … Selbstständigkeit] Li: s i c h i n i h r e r B e s o n d e r h e i t ­  ­10–11 Das all­ ge­meine …bisher.] Li: Der allgemeine Weltzustand ist die Situation, der Mensch ist das παθος dar30 in.  Ro: Nachdem wir solche momente als hauptmomente betrachtet haben so gehen wir zu dem nächsten Zusammenhang hinüber.­  ­17 innerer Bewegung herbeiziehen] Li: dieses παθος sind­  1­ 7–18 (So Achills … erkennen.] Li: So kommt Ulisses nach Skyros, den Achill unter den Weibern zu finden, die Lust zu den Waffen bricht im Achill hervor. Eine Skizze stellt dies Motiv vor, indem eine Perlenschnur reißt, die Perlen herunter rollen, und ein Kind dieselben liest. So sind die Folgen 35 des Motivs ausgedrückt.­  ­Die Anschauung … erkennen.] Ro: das sinnreiche des Kunstlers ist ganz in diesem motiv enthalten­  ­21–22 Kleidung und … Äußerlichkeit.] Li: Diese Aeußerlichkeit ist conventionell positiv­  ­25 Sie kochen und braten selbst] Ro: Im Homer sehen wir die heroen ochsen schlachten, kochen, braten u. s. f.  Li schließt an: das war jener Zeit ange­mes­sen­  ­27 die Bestimmtheiten … zersplittert.] Ro: Das ist aber etwas niedriges was von dem höheren noch nicht 40 so getrennt ist. 10–11  Das allgemeine … bisher.] darunter eine abschließende Klammer über die gesamte Zeilenbreite

36Hn 81Li Über die verschie­ dene Art, die Zeit der Vergangenheit in einem Kunstwerk zu berüksichtigen.

980

nachschrift heimann  · 1828/29

Etwas wogegen der Mensch nicht vornehm zu sein hat. Odysseus zimmert sich sein Bett selbst. Alles hängt damit zusammen, daß der Mensch das bewußtsein hat, daß er diese Geräthschaften seiner Thätigkeit verdankt. dieser Genuß an diesen Mitteln ist noch darin vorhanden. diese Äußerlichkeiten sind Etwas positives, und Convenzionelles; sie hängen auch mit dem Zustand zusammen. Die Geräthschaften die wir haben, verlegt in Homerische Zeit, würde der Gelehrte lächerlich finden, weil sie nicht da waren; aber die Kunst ist nicht für Gelehrte. diese Geräthschaften passen nicht zu jenem Zustand. Hiemit hängt zusammen, was man anachronismen heißt und sie dem Künstler als Fehler anrechnet. Sie sind entweder gleichgültig. Es ist gleich, ob Falstaff von Pistolen spricht; wenn wir Orpheus sehen, der mit Violine vor den Thieren spielt, so ist das nicht passend, weil man allgemein ohne gelehrte bildung dieses weiß; aber die Violine an sich hat Etwas was innerlich nicht zusammenhängt mit dem Zustand des Orpheus. Anachronismen giebt es also, die unbedeutend sind; freilich auf gelehrten Bühnen muß man sich in Acht nehmen. Doch viele wissen nicht, daß die Römer auf rechter Seite das Schwerdt trugen, die Gelehrten wissen es. Ein hauptanachronismus ist der, daß nur nicht die menschliche Kleidung und äußerlichen Verhältnisse sondern ihre Empfindungen und der Ausdruck derselben nicht ihrer Zeit angemessen sind. Hier gebraucht man den Ausdruck des Natürlichen, nicht des Anachronismus, man sagt es sei nicht natür­ lich daß jene Leute so gefühlt, so gesprochen haben, sondern daß aus unserer Zeit die Empfindungen herübergetragen. hauptsächlich ist diese unrichtige Fordrung darin, daß die Menschen sowie zu ihrer Zeit gesprochen und empfunden ist, sprechen und empfinden sollen. Der Dichter und Künstler, wenn er die παθη schildert, so kann er sie ohnehin nicht so aussprechen, wie man sie im Leben äußert, sondern er soll zur Vorstelung die Substanz, Mächte, bringen. Viele Romanschreiber schil145r Ro

82 Li

5

10

15

20

25

 –2 Odysseus zimmert … selbst.] Ro:| Der besitz von geräthschaften gilt da noch als etwas wovon 1 sich der mensch nicht zu schämen hat. Es kommen viele beschreibungen da vor von waffen, Schmuck, einrichtung der thiere.­  ­3 seiner Thätigkeit] Li: nach seinem Verstande seiner Thätig­ keit­  ­ 3–4 dieser Genuß … Mitteln] Ro: die Zufriedenheit welche daraus entspringt­  ­4 vorhanden] Ro: vorhanden: auch der Stolz darauf dass nur wenige solche besitzen können­  ­5 dem Zu­ 30 stand] Ro: der innerlichkeit­  ­9 Sie sind … gleichgültig.] Li: Das sind Aeußerlichkeiten, die deßhalb gleichgültig sind.­  ­12–13 aber die … Orpheus] Li: | Das hängt dann auch innerlich nicht zusammen, d e n n d i e V i o l i n m u s i k i s t n i c h t d i e N a t u r m u s i k , d i e T h i e r e z u b e ­w e ­ g e n .­  1­ 5–16 Doch viele … es.] Li: Die Römer trugen die Schwerte an der rechten Seite, ist ein Römer gemacht mit dem Schwert an der linken, das thut nichts zur Sache.­  ­17–18 Empfindun- 35 gen und … sind] Li: Empfindungen, Sprache, Categorien unserer Zeit den vormaligen in den Mund legt­  ­23 empfinden sollen] Li: empfunden wurde. Als wenn die Mahlerei einen Menschen so abmahlen sollte wie er wirklich ist.­  ­25 zur Vorstelung … bringen] Li: das Substantielle der Affecte zur Vorstellung bringen, darum ist er ein Künstler, das Substantielle zum Bewußtsein zu 40 bringen­  ­bringen] Ro: hervorbringen: darum ist er Künstler 9  Fehler] Fel/ler

von dem ideal

5

10

15

20

25

981

dern Liebe, die sie gar nicht kennen, aber das was im Menschen sein kann, soll vom Dichter ausgesprochen werden und er thut es, alsdann ist es ein Substanzielles, wenn das bewußtsein mit den Gefühlen verknüpft ist Die Substanz des Willens, die Affekte sind zu allen Zeiten dieselben, nur nicht die Form, in der sie sich äußern. Der dichter muß dies herausheben. Antigone und Philoktet und Ajas haben nicht so gesprochen wie Sophokles sprechen läßt. Nicht diesen gebildeten Ausdruck haben sie gehabt, und dieser ist die Sache des Künstlers, das Undeutliche, deutlich zu machen. Ein Widerspruch entsteht, wenn unsere sittlichen Kategorien in eine im andern Zustand sich befindende Zeit übertragen werden. | handlungen gehören nicht chronologisch bloß einer Zeit an, sondern auch einer Form des sittlichen Bewußtseins. In neuerer Zeit sind viele Kategorien vorhanden, die nur uns angehören, wie die moralische innere Reflexion, ob alles Gut oder Schlecht ist, Gewissensbisse, Reue, und dieses liegt nicht im heroischen Charakter; denn dieser bereut nichts. Diese Ableugnung der vormaligen Existenz liegt nicht im heroischen Charakter und ist nicht seinen handlungen gemäß. Bei uns ist ein Zustand des Bewußtseins; im Orest liegen keine Gewissensbisse; wir legen sie in die Eumeniden; aber diese sind die wohlwollenden, die das Recht haben wollen. Sie sind außer ihm; er ist außer sich, rasend. Bei uns ist andere Form, wir sind in uns dann zerrissen, nicht äußerlich ist die Reue und Gewissensbisse. Innere Formen müssen also zusammenstimmen mit dem Zustand der Handlungen; ist darin gefehlt, so ist ein höherer Anachronismus gemacht. Der Dichter soll sich nun in den Geist fremder Zeiten und Nationen versetzen, und aus diesem bilden, bis zu gewissem Grade ist das möglich. In partikulärer Bestimmtheit kann er es; aber das Substanziele drückt er aus nicht in jener Zeit bestehend, sondern in allen Zeiten. Gelehrsamkeit thut hierin Nichts. In Opern

4 Die Substanz … Affekte] Li: Das Menschliche als solches, das Substantielle der Affecte­  ­ 5–6 Antigone und … Ajas] Ro: Pallas Antigone Ajax u. s. w.­  ­10 werden] Ro: werden wo sie noch nicht vorhanden sind­  ­handlungen] Ro: handlungen und begebenheiten­  ­11 einer Form] Li: einer gewissen Stufe­  ­12–13 Reflexion, ob … ist] Ro: reflexion auf das was man thun will in rücksicht 30 auf das gute­  ­16–17 wir legen … Eumeniden] Li: obgleich wir die Eumeniden, die ihn verfolgen, so auslegen­  ­18–19 ist andere … zerrissen] Li: ist die Reue ein innerlich immanentes, das Innere unserer selbst­  ­19–21 Innere Formen … gemacht.] Ro: auch ist die Cathegorie der menschlichkeit im abstracten uns viel mehr gemäss. Wenn ein widerspruch darin ist, ist das ein leerer ana­chro­ nismus.­  ­22 Dichter] Li: Künstler­  ­23–24 In partikulärer … es] Ro: aber in die particuläre be35 stimmtheit kann der Künstler sich nicht versetzen. Das substantielle kann er nur heraus heben was nicht einer nation eigen, aber das wahrhafte, allgemeine ist.­  ­24–25 das Substanziele … Zeiten] Li: Er bleibt bei dem stehen, was zu jeder Zeit dasselbe ist.­  ­25 Gelehrsamkeit thut hierin Nichts.] Ro: Grosse gelehrsamkeit kann da entwickelt seyn: aber meistens geht sie verloren.­   ­25–982,1 In Opern … gefallen.] Ro: Z. B. wenn es auf dem theater ruft: o Götter. 40 3  bewußtsein] bwußstsin

den 25/11Hn

37Hn

83Li

145vRo

982

nachschrift heimann  · 1828/29

lassen wir uns Viel gefallen. Man hat die deutsche Poesie auf einen hohen Stand­ punkt stellen wollen. Man wußte, daß Epopeen da sind bei allen Völkern, da schreiben Bodmer und Klopstock eine Epopee, es versetzte sich in vorige Zeiten. Bodmer ist prosaisch vergessen; Klopstock ist zwar oft glänzend, aber nach dogmatischer Prosa seiner Zeit bearbeitet er sein Werk. Gott, Weisheit sind Vorstellungen mehr aus der Wolfschen Philosophie genommen. Hier sind Anachronismen. Göthe hat einen westöstlichen divan geschrieben, weil er ein westlicher Mensch, ein Europäer ist, und Äußerliches aufgenommen hatte, wesentlicher Charakter und Ton ist Anklang an Orient darin. Später bildete er sich mehr darin heraus, indem die höchste Freihheit des Geistes darin herrscht, sich auf sich allein zu beziehn, Feinheit des Geistes in der Empfindung selbst. Aber das Substanzielle ist ebenso allgemein für uns gegenwärtig. Dieser Gegensatz ist wohl zu berühren, da in Deutschland, in der Kunst viele Schwierigkeiten, und deßhalb Kaltheiten entstanden sind mit Mißlingen, indem man keine Anachronismen machen wollte. Die Kunst findet leicht als wesentlich, eine Mythologie zu haben, daß der Gott nicht bloß pathetisch, sondern auch für sich vorgestellt werden soll. Unsere traditionelle Mythologie der Griechen und Römer ist nicht einheimisch für uns, weder im Künstler noch im Publikum, und das Kunstwerk entbehrt seiner Lebendigkeit, die ebenso im Künstler als im Publikum sein muß, und im Volk und Zeit Interesse haben. Wie der Geist im Denken seine Freihheit erworben hat, so wollte man auch hier Freiheit haben. Man wollte zu Hause sein. Weitverbreitet ist es mit Mythologie; aber es ist mehr Spiel; überhaupt sind nur Gelehrte darin mit Gebildeten zu Hause; aber nicht das Volk. Göthe hat in einem Stück, wo er des Pausanias Beschreibung von Poikile in Athen bearbei-

84 Li

1–2 Man hat … wollen.] Ro: In neuern Zeiten hat man vieles dergleichen versucht.­  ­3 Zeiten] Ro schließt an: oder in der noachie­  ­ 4–5 Klopstock ist … Werk.] Li: Bei der Noachide des Stolberg‘s und der Messiade von Klopstock ist im ganzen die Grundlage nach einer ganz prosaischen Dogmatik der damaligen Zeiten behandelt­  ­6 Hier sind Anachronismen.] Ro: Da findet man den Zwang des Dichters und zugleich einen anachronismus.­  ­8 Äußerliches aufgenommen hatte] Li: östliches aufnimmt, daher der schickliche Name­  ­ 8–9 wesentlicher Charakter … darin] Li: Man fühlt da die östliche Unabhängigkeit der Freiheit in den kleinsten Dingen.­  ­14 und deßhalb … Mißlingen] Li: | die Quelle vieler mißlungenen Versuche­  ­16–17 daß der Gott … soll] Li: daß das παθος auch für sich, als göttliches dargestellt werde­  ­16 der Gott] Ro: das substantielle­  ­18–20 das Kunstwerk … haben] Li mit Ro: Das was beiden lebendig ist, hat das wahrhafte Interesse. Man fand, daß die alte Mithologie (Ro: an die man sich lang gehalten hat,) nichts wahrhaft einheimisches bei uns ist   ­ ­ 22–23 Weitverbreitet ist … Volk.] Li: F ü r d i e G e l e h r t e n i s t d i e M i t h o l o g i e g e l ä u f i g , a b e r n i c h t E r n s t , n u r S p i e l , f ü r d a s Vo l k i s t e s o h n e I n t e r e s s e .  Ro: Apoll Jupiter u. s. f. hat man lang gemahlt: aber es ist uns nicht ernst damit, und das gemeine Volk hat die leichtigkeit in der Phantasie nicht, wie die gelehrten.­  ­24–983,1 von Poikile … kann] Li: von einem gemalten mythologischen Gegenstand aufgenommen und sie sehr schön dargestellt, allein es hat bis jetzt noch kein Maler daraus den Stoff genommen 14 Kaltheiten Lesung unsicher­  ­32 Versuche] Versuchen

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

983

tet, sie so gehalten so wie sie für den Maler aufgenommen werden kann. Ein Trieb nach Einheimischen wird von Klopstock aufgefrischt. Er rief die nordische Mytho­ logie zurük; aber sie wird nur aufgewärmt. Wodan und Walhalla leben nicht in unserem Gemüthe mehr ebensowenig wie die Rauhheit der Freia. Die Maler nehmen aus unserer Dichtung ihren Stoff, der unserer Phantasie und Empfindungsweise näher verwandt ist. Es muß auf unserem Boden gewachsen sein, wenn es uns ganz interessiren soll. Ebenso ist es mit Geschichte. die Griechen haben nur Stoffe ihres Landes bearbeitet, z. B. Ödip auf Colonos. | In Athen wurden seine Gebeine bestattet. Das Niebelungen Lied hat seinen Schauplatz in Deutschland, am Rhein, Donau, also ist es einheimisch, aber aus einer Periode der Geschichte, die keinen Zusammenhang mit unserem Zustand hat. Götz und Wallenstein sind historische Stoffe, die anders eingreifen als jene Helden von Burgund. Camoens von Portugal, Tasso wählten Stoffe, die mit ihrem Einheimischen zusammenhängen. Biblische Stoffe liegen uns näher als vieles andre. In bezug auf theatralische Vorstellungen ist auch der Eindruck zu berücksichti­ gen. In Gedichten die wir lesen, lassen wir uns mehr gefallen. Shakspeare hat aus der englischen Geschichte Stoffe gewählt; ihm war es um die Darstellung zu thun, dem Publikum um den Stoff. Wi r befriedigen uns mehr, wenn wir ihn lesen, nicht so auf der Bühne. Kein Interesse, selbst für die Kritiker und sogenannten Kenner ist dann vorhanden. Das Publikum und Critiker sind verschieden, diese

1  kann] Ro: können, allein es hat noch kein Künstler sich daran gemacht. Die alte Mythologie ist ferner ein vergangenes.­  ­2–3 wird von … aufgewärmt] Ro: Die Göter des norden, Woddan, freya hat er aufgefrischt.­  ­ 3–4 nicht in unserem Gemüthe] Li: blos in unserer Vorstellung, nicht in unserem Geiste und Gemüthe­  ­ 4–6 Die Maler … ist.] Li: Die Malerei nimmt nun Zuflucht zu Gegenständen, die uns geläufiger sind, unserer Empfindung näher verwandt sind­  ­7 ganz interessiren] Li: aus allen Seiten ansprechen  As: von allen Seiten zusagen­   Ebenso ist … Geschichte.] Ro: In ansehung der mythologie ist das eben so der fall.­  ­8 nur Stoffe … Colonos] Ro: den Stoff ihrer mythologie verarbeitet in unmittelbarer verbindung mit ihren Sitten, glauben, bewust­ seyn­   ihres Landes] As: ihres Landes, ihrer Religion­   Ödip auf Colonos] As: Ödip auf Colonos, hatte unmittelbare Berührung mit Athen­  ­10 Deutschland] Ro: Burgund­  ­11 keinen Zu­ sammenhang … Zustand] As: kein Interesse für uns­  ­13 Camoens von Portugal] Ro: Camoens hat die heldenthaten der seemänner seiner lander gesungen­  ­Tasso] As: Tasso‘s befreites Jerusalem­  ­16 gefallen] Ro: gefallen, was wir uns auf der Bühne nicht gefallen lassen­  ­17 gewählt] Li: gewählt, uns ist das etwas fremdes  Ro: geschrieben und darum hat er mehr interesse für Engländer­  1­ 9 nicht so … Bühne] Li: als in der sinnlichen unmittelbaren Gegen­wart­  1­ 9–20 Kein Interesse, … vorhanden.] Li:Es ist dabei nicht inneres lebendiges Interesse. Was nicht in uns selbst liegt, bleibt immer ein Aeußerliches. Man läßt den Stoff im Ganzen, das Substantielle wird aber vom Dichter, seiner Zeit angeeignet. Der Künstler behandelt das Innere aus sich, und die Situation ist nur entlehnt. Wir schätzen das fremde Kunstwerk, aber sehen darin immer Fremdes darin­  ­20–984,1 diese Kritiker] Ro: Die Critiker glauben dass der werth für sie allein sey, aber sie 6  ist] sind

33As

85Li

38Hn

146rRo

984

34As den 26/11Hn

86Li

nachschrift heimann  · 1828/29

Kritiker gehören dem Publikum an, sie sollen nicht so vornehm thun, als wenn sie Interesse hätten, was nicht wahr ist. Versuche Etwas zu machen, was nicht mit unserer Zeit und Volk in Verbindung steht, sind verloren und äußerlich. Man lasse also ganz den Stoff wie er ist, der in der Fremde entsprungen ist, und der Dichter mache das Substanzielle der Zeit angemessen. Er kann ganz entfernt sein, aber er soll nur äußerlicher Rahmen sein und Umfassung, sich und seine Zeit stelle er in die Mitte. Iphigenie hat einen antiken Stoff, der uns fremd ist, aber die Behandlung ist so, daß wir auf höhern Zustand des sittlichen Bewußtseins des Charakters sehen, und bewundern müssen. Noch hat keiner es gewagt, ein griechisches Trauerspiel auf die Bühne zu bringen; noch Etwas wegzuschneiden, um unser Interesse zu erregen. Auch die Andacht muß berücksichtigt werden, sodaß eine Musik in der Peterskirche bei uns den wahrhaften Sinn verlieren wird. Wir Deutschen sind getreue Antiquarien, und lassen uns von den Gelehrten zuviel gefallen. Die Franzosen sind am hartnäckigsten darin, was ihnen gefällt. Ihre Vorstellungen von Verhältnissen der Gesellschaft und Betragen überhaupt gegeneinander ist so, daß sie zu Hause sein wollen. das Publikum ist da hauptsache, und die Gelehrten sind mit dem Volk identisch. Man macht ihnen den größten Vorwurf, daß sie glauben, sie hätten die alten Klassiker verbessert; aber sie haben sie nationalisirt. Wir müssen erkennen, daß sie sich selbst behaupten und ihre Freihheit. Chinesen, Amerikaner, Griechen und Römer sprechen alle wie Franzosen. Achill in der Iphigénie spricht wie ein französischer Prinz; und hat eine griechische Kleidung, helm, Panzer; Perücke, gepudertes haar,

6 Er kann … sein] Ro: Der Dichter kann ganz fremde Stoffe gebrauchen von ganz entfernten Zeiten und nationen­  ­7 sich und … Mitte] As: das Innere aber er aus sich behandelt­  ­Iphigenie] As: Die Iphigenie in Tauris von Goethe.­  ­10–11 Noch hat … erregen.] Ro: Es hilft nichts die vortrefflichkeit der Kunstwerke jeder nation an zu erkennen. Die unterschiede finden besonders statt in ansehung des lesen, und im ansehen der dramatischen Stücke in ansehung der spieler. Es ist noch niemand eingefallen die Werke der Griechen wie sie sind auf die bühne zu bringen­  1­ 3–14 Wir Deutschen … gefallen.] Ro: Wir Deutschen sind mehr geneigt uns das übertragen von fremden werken gefallen zu lassen.­  ­13 getreue Antiquarien] As: die Anbeter der Gelehrsamkeit von allen Nationen­  ­15 was ihnen gefällt] Li: in dem, was ihnen gefallen soll, nichts Fremdartiges zu finden­  ­16–17 das Publikum] Ro: Das volk, das publicum­  ­17–19 die Gelehrten … verbessert] Li: Die Critiker sind da mehr mit dem Volke identisch als in Deutschland. Die Deutschen die gelehrt sind, lachen darüber. Voltaire spricht davon, wie er und andere die alten Klassiker verbessert haben.  Ro: Die Critiker haben weniger einfluss. Die fremden Kunstwerke müssen da nationalisirt seyn und dieses verdienst hat Voltaire.­  ­20 ihre Freihheit] Ro: dass sie selbst urtheilen wollen­  ­21 Franzosen] As: Franzosen. Besonders zu Ludwig‘s XIV Zeiten sind die alten Stücke ganz nach neuer Manier aufgeführt.­  ­Achill in … spricht] Li: Die Franzosen behaupten sich in ihrer Freiheit. In Bearbeitung der Iphigenie auf Aulis spricht Achill­  ­21–22 französischer Prinz] Ro: zur Zeit von Ludwig XIV 4  sind] st­  ­20 Amerikaner Lesung unsicher

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

985

Schuhe mit rothen Absätzen. Ester ist so oft besucht worden, weil Ahasverus so eintritt wie der König von Frankreich im Audienzsaal eintritt, und wie ihn nur die Leute, die das Recht dazu hatten, sehen konnten. Aber das Volk konnte ihn nicht sehen. Sie gingen in die Ester und sahen denselben Pomp, den Hermelinmantel, den gepuderten König mit seidnen Strümpfen, Haarbeuteln, rothen Absätzen. Also eine bis zur Übertreibung gehaltne Aneignung. Bei uns ist das auch der Fall gewesen. Am stärksten findet sich dieses Vergnugen im Hans Sachs. Kain und Abel, und Erzväter und Gott Vater hielt er für Nürnberger. Adam hält Schule wie ein Schulmeister und katechisirt mit Kain über Zehngebote. Abel ist ein guter Junge, und sagt die Zehngebote her etc. Im Süddeutschland ist Kristus bei der Prozession mit Maria und Joseph aus dem Leben gegriffen. Einer der Kriegsknechte bietet ihm eine Prise. Durch solches Gemeinmachen litt nicht die Andacht. Frömmigkeit herrscht auf allen Zügen. | So weit geht der Trieb alles sich einheimisch zu machen. In dem Fest der Handwerker wollten die Leute bald närrisch werden vor Freude. Zur prosaischen Gemeinheit kann es übergehen. diese Richtung ist auch in Göthes ersten Stücken vorhanden[.] Aller Geschmack war verschwunden; aber auch deßhalb erregten sie solche Liebe, indem sie das Vergangene in die Nahe rückten; aber ins Prosaische fielen sie bald. Kei-

39Hn

20 1  Ester] Li: Esther von Corneille  Ro: Esther die zur Zeit von Ludwig XIV gegeben worden­ 

25

30

35

40

­2 der König von Frankreich] Li: Ludwig XIV­   eintritt] Ro schließt an: mit petite entrée und grande entrée­  ­ 3–4 Aber das … sehen.] Li: Das Volk in Paris sah das gerne.­  ­6 Also eine … Aneignung.] Ro: Daraus sagten die Pariser dass er ein grosser König wie der ihrige ist. Es liegt darin die übertriebene aneignung von fremden werken.­  ­7 der Fall gewesen] Li: der Fall. Das Gemeine Volk macht auch noch jetzt diese Forderung.­  ­Am stärksten … Hans Sachs.] Li: Bei Hans Sachs, der bis 6000 Gedichte geschrieben, was gedruckt ist, sind 6 Folianten.­  ­findet sich dieses Vergnugen] As: findet sich dieses Einheimischmachen­  ­ 8–9 Adam hält … Schulmeister] Li: G o t t Va t e r h ä l t S c h u l e m i t K a i n u n d A b e l w i e e i n S c h u l m e i s t e r i n N ü r e m ­b e r g , ­  1­ 0  Jun­ ge] Li: J u n g e , K a i n e i n B ö s e w i c h t ­  ­10–11 Im Süddeutschland … gegriffen.] Li: Die Passionsgeschichte in Karfreitag bei dem Volke ist in eben diesem Geschmack. Alles Aeußerliche ist da aus dem gemeinen Leben angerissen.­  ­12–13 Durch solches … Andacht.] As: Das ist die Eigen­ thüm­lichkeit, die zum Gemeinen, oder ganz Prosaischen führt.­  ­13 Frömmigkeit herrscht … Zügen.] Ro: Dadurch ist die frömmigkeit nicht im geringsten geschwächt.­  1­ 4–15 In dem … Freude.] Li: D a s F e s t d e r H a n d w e r k e r i s t a u s d i e s e m Tr i e b d e r A n e i g n u n g s o b e l i e b t .­  1­ 5–16 Zur prosaischen … übergehen.] Ro: Das ist eine eigenthumlichkeit die ganz zum gemeinen oder zum | prosaischen übergeht.­  ­17–18 Aller Geschmack war verschwunden] Li: Ein vollkommenes Verderben alles dessen, was als Geschmack gegolten hat.  Ro: Es ist ein vollkommnes verwerfen alles geschmacks.­  ­19 aber ins … bald] Ro: Die nähe ist so gross dass sie trivial ist. Der unterschied des trivialen fühlt sich vornehmlich wenn man es auf dem theater aufführen sieht. Die allgemeine erwartung wenn man ins theater kommt ist dass man etwas finden wird was nicht so gewöhnlich ist.­ 13  Zügen Lesung unsicher

146v Ro

986

Sy m met r ie

88Li

87Li

35As

nachschrift heimann  · 1828/29

nen Effekt machte der Götz auf der Bühne. Das Publikum sitzt in Erwartung, der Vorhang geht auf, und sie hören: Hänsel, noch ein Glas Brandtwein. Beim Lesen ist es eine angenehme Empfindung, sich dieses lebendig zu denken, aber auf der Bühne macht es lange Weile, und deßhalb, hielt sich der Götz nicht. D. i. die Gefahr des Einheimischmachens. Die Subjektivität der Bildung überhaupt, das Intresse, der Charakter der Zeit und Nationen muß im Kunstwerk sein, und dann hat es Präsenz vor denen, für die es gemacht ist. Das Kunstwerk muß sich zum Innerlichen, Wahrhaften erheben. Soviel über die Äußerlichkeit. Sie kann auf das Geistige auch gehen, wenn der Künstler einen seinem Volke fremdartigen Stoff so darstellt, daß er als uns entrükt erscheint. Von einer Form der Äußerlichkeit am Kunstwerk ist noch zu sprechen, d. i. das Abstrakte am Kunstwerk, welche in so fern äußerlich ist, als sie sich von der Totalität, dem Innern des Kunstwerks unterscheidet. Mit dem Geist des Kunstwerks muß die Äußerlichkeit vereinigt sein, wenn sie auch die abstrakte Seite des Kunst­ werks ist. Sie muß nicht verletzt sein. Diese Äußerlichkeit hat 2 Seiten an sich; eine Abstrakte ist: die Regelmäßigkeit, Symetrie; eine verständige Gleichheit von geraden Linien, oder 2 oder mehrern vorhandnen Bestimmungen. Diese abstracte Verstandesgleichheit ist vom Geist verschieden, und in sofern äußerlich und Regulativ des Äußerlichen als solchen. In der menschlichen Gestalt ist diese Re­ gelmäßigkeit schon. Die Organe sind ohne Symetrie wie Eingeweide; Lunge, Leber, Magen; hingegen die Glieder, Arm, Beine usw. sind Regelmäßig; die menschliche Organisation theilt sich so in symetrische und unsymetrische Theile. dieser Unterschied ist nicht zufällig, sondern durch den begriff bestimmt. Das Herz ist Eins; die Adern und Eingeweide sind Eins; hingegen wo das Organische nach Außen sich richtet, und die Bestimmung des Äußerlichen hat, da erst kommt die Symetrie. Indem sich diese Theile auf Äußerliches beziehn, haben sie das Regulativ des Äußerlichen, die abstrakte Identität, Gleichheit. Sie ist auch in solchen Künsten herrschend, deren Bestimmung mehr das Äußerliche ist, wie in

5

10

15

20

25

 –2 Das Publikum … hören:] Li: Goetz v. Berlichingen fängt so an, 1 Akt, 1 Szene, Bauern | tre1 ten auf. „die Bamberger ärgern sich, sie möchten schwarz werden.“­  ­2–3 Beim Lesen … denken] 30 Li: Act III werden Kugel gegossen, da ist lebendige Vorstellung im Lesen.­  ­4 lange Weile] Li: Langeweile und Unbefriedigung­  ­5 des Einheimischmachens] Li: des Einheimischen, ins Triviale, Gemeine leicht überzugehen­  ­ 5–6 Die Subjektivität … sein] As: Es gehört zur Idealitaet die Bildung der | Subjectivitaet.­  ­7–8 Das Kunstwerk … erheben.] Ro mit As: Aber diese (As: particuläre) Subjectivität muss sich zugleich erheben zu dem Substantiellen, wesentlichen, wahr­haften.­  35 8–9 Sie kann  … gehen] Ro: Diese äusserlichkeiten gehören zum Sinnlichen das ist der Kunst überhaupt.­  ­9–10 so darstellt, … erscheint] Li: behandelt, und ihn darin erhält­  ­15 Sie muß … sein.] Ro: nicht verletzend­  ­16 eine verständige Gleichheit] Ro: Es ist ein unbestimmtes Wort. Man versteht darunter die verstandige gleichheit­  ­18 vom Geist] Ro: vom lebendigen­  ­21 Beine] Ro: beinen, augen, ohren­  ­25 und die … hat] Ro: im practischen verhältniss zu äusseren 40 gegenständen­  ­27 Identität, Gleichheit] Li: Bestimmung der Einheit, zum schnellen Uebersehen

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

987

Baukunst, wo die geraden Linien, Säulen durch die Gleichheit bestimmt werden. Wenn Das Äußerliche so überwiegend ist, so ist die Kunst nicht an sich Zweck, es erwartet die Skulptur; deßhalb ist Regelmäßigkeit hier hauptsache. Aber nicht diese Regelmäßigkeit soll die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern das Innere, das Bild, die Menschen. Auch auf die Gartenkunst ist diese Regelmäßigkeit zu beziehen. NaturProdukte sind auf gewisse Weise zusammengestellt; ein Garten ist zum Gebrauch und zu Nützlichkeit und Vergnügen, wo der Mensch hauptperson ist; da sind Regelmäßigkeit und Abwechselung Bestimmungen. Welche wesentlich sein soll, ob schönes Aussehen, dann ist die Mannigfaltigkeit Wesentlich. Die schönsten Gärten sind in dieser hinsicht in China; was man englische Manier nennt, so ist da Prinzip immer Abwechslung zu haben, man wird durch Irrgänge geleitet, hier ist holzhaufen, da gothische Kirche, kurz die Unregel­ mäßigkeit ist da Prinzip; aber bald macht es Langeweile. Regelmäßigkeit zieht man also deßhalb vor, um spaziern zu gehen, ist eine schöne Allee hinlänglich und nicht langeweilig | Das Regelmäßige wird zum Äußerlichen herabgesetzt, wenn es gleich auch vom Innern ausgeht, denn das Äußerliche ist hauptsache. In der Rede ist das Regelmä­ ßige ein Wesentliches wie in der Musik. Was hier erscheint, fällt in die Zeit, und deßhalb nicht mehr übersehen werden kann. Die Einheit wird also hier nicht so bemerkt, indem das Eine durch das Andere schnell verschwindet. Diese Einheit

 –3 es erwartet … hauptsache] As: Das Gebäude erwartet erst die Skulpturgestalten, da ist der 2 wahrhafte Zweck ein anderes.­  ­5 Gartenkunst] Li: Gartenbaukunst, die eine Art von Architectur ist­  ­6–7 ein Garten … Vergnügen] As: Es gibt 2 Systeme von Gartenkunst, 1) welche die Symmetrie zum Principe hat, 2) welches die Mannigfaltigkeit zum Grundsatze nimmt.­  ­8 da sind … Bestimmungen] Ro: Da sind 2 arten von garten Kunstler. Die eine die hptsachlich die regelmassigkeit zum Zweck hat, die andere die mehr auf die aussichten und die vergnügen sich bezieht und die mannichfaltige abwechslung.­  ­10–13 was man …Regelmäßigkeit] Li: Englische Gartenmanier war dem entgegengesetzt, eine Ueberraschung allen Augenblick, Irrgänge, Bildsäulen, Kirchen, Brücken, Hügeln. Hat man das einmal gesehen, so gef ällt es nicht mehr. Die Simetrie  Ro: In den Englischen garten ist der Zweck die unregelmäßigkeit, so dass man jeden schritt überrascht wird und allerlei gegenstände und linien sich durchkreisen. Wenn man aber diese garten einmahl gesehen hat, dann hat man langweile.­  ­17–18 In der … Musik.] As: In der Baukunst ist die Regelmäßigkeit ein Wesentliches, ebenso in der Rede, in der Tonkunst.­  ­18–19 und deßhalb … kann] Li: Die Einheit im Raume läßt sich auf einmal übersehen.­  ­19–988,7  Die Einheit … hervorbringt.] Li: Das Außereinander in der Zeit ist nicht fest, und die Einheit ist umso wesentlicher alles festzuhalten, es ist der Takt in der Musik, der Ritmus in der Sprache. Diese Regelmäßigkeit liegt in der Wiederholung einer und derselben Bestimmung in der Zeit, in der Rückkehr eines und desselben Bestimmens in sich. D a s s u b j e c t i v e b e w ä h r t s i c h d a d u r c h i m U n b e w ä h r t e n , daher die magische Kraft im Takte im Reime.­  ­ 4  das] auf das

36As 147rRo

den 27/11Hn 40Hn

988

89Li

Reinheit

nachschrift heimann  · 1828/29

und Regelmäßigkeit muß deßhalb hineinkommen, d. i. Takt, Rhythmus, Reim. Diese Regelmäßigkeit bändigt das Maaßlose, und ist um so mehr nöthig, als in der Zeit das Eine durch das Andre schnell verschwindet. Diese Bestimmung giebt diese Regelmäßigkeit, als Besonnenheit auch im Äußeren. Beherrschung des schnellen Fortgehens macht diese Regelmäßigkeit aus. Das Bewähren in diesem Äußerlichen macht so deßhalb diese malerische Kraft im Reime und im Takt, indem sie das reine In sich sein hervorbringt. ( Die Regelmäßigkeit steht 1) im Verhältniß zum Lebendigen, indem sie ein höheres Gesetz hat, und ist in so fern ein Unlebendiges, welches prosaisch, trocken wird, wenn sie sich zu sehr einmischt. Die Malerei war regelmäßiger, als sie sich mehr der Architektur anschloß. So Maria auf dem Throne, zu jeder Seite ein Apostel. 2) Dann wird durch das Regelmäßige das Äußerliche gehoben und idealisch. An ihm selbst ist keine höhere Bestimmung.) Noch eine abstrakte Seite des Äußerlichen sind Theile des Äußerlichen die ihre Beziehung auf die Theile haben, d a s s i n d d i e R e i n h e i t e n d e s Ä u ß e r ­l i c h e n . So Farben sind rein oder unrein, in so fern sie einfach oder gemischt sind. Ebenso ist die Farbe selbst eine Einheit von Hell und Dunkel, welche Verschiedenheit ganz bestimmt ist. Gelb, roth, blau, und grün gemischt. Nach Newton sind alle 7 Farben, Grundfarben; aber das Orange ist nicht einfach, noch

   Takt, Rhythmus, Reim] Ro: der tactus in musik, das meter in der sprache­  ­2 bändigt das 1 Maaßlose] As: bindet das Aeußerliche, das Maaßlose­  ­ 3–5 Diese Bestimmung … aus.] Ro: Die regelmassigkeit bringt in der Zeit die wiederholung ein und derselben bestimmung hervor, eine rückkehr in sich der besonnenheit und der haltung, auch in dieser regelmässigkeit als solchen.­  ­5 –7 Das Bewähren … hervorbringt.] Ro: Es macht also das in sich seyn, eben das Subjective, das sich bewahren in diesem ungewahrten aus, indem es die empfindung des reinen bei sich seyn hervorbringt.­  ­8 Die Regelmäßigkeit steht] Ro: Die regelmassigkeit ist in dieser rücksicht wesentlich. sie besteht auf einer Seite­  ­L ebendigen] Li: Freien­  ­9–10 und ist … einmischt] Li: andererseits wird sie zur Trockenheit, wenn sie übertrieben wird­  ­10–12 Die Malerei … Apostel.] Li: Die älteren Bilder haben diese Regelmäßigkeit, von einer Seite so wie von der andern.  Ro: Die malerei Z. B. wenn sie sich Z. B. zu viel an die regelmässigkeit der architectur hält wird prosaisch.­  ­12–13 Dann wird … idealisch.] Ro: Einerseit also steht der regelmässigkeit die lebendigkeit entgegen: auf der andern seite aber wird das äusserliche dadurch zur Idea­lität.­  1 ­ 4–15 Noch eine … haben] Ro: Das andere was noch in beziehung auf die ausserlichkeit zu bemerken ist, ist eine abstraction an das ausserliche als solche, so dass die ausserlichkeit in ihrer einfachheit diese beziehung auf sich selbst ausdruckt.­  ­16–17 in so fern sie … sind] Ro: insofern sie eine einfache ist, oder davon eine voraussetzung oder vermengung­  1 ­ 7–18 welche Verschiedenheit … gemischt] Ro: aber aus dieser einheit entsteht wieder ein concretes. Blau, gelb, roth das sind die einfachen farben und die ganz reine vermischung, das grün Li: allein unter dieser Einheit sind viele Modificationen­  ­18–19 Nach Newton] As: Nach der newtonischen Farbentheorie, die noch immer große Praetension behauptete, die doch falsche Behauptung ist

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

989

Violet, kein Maler läßt sich dieses einfallen. Harmonie soll in den Farben sein bei einem Gemälde. Nimmt man beschmutzte Farben, so ist Grau die harmonischste der Farben. Reine Farben wagten die Niederländer erst zu wählen, um Harmonie in Gemälde zu bringen. Im reinen Blau macht das dunkele Grau Grund, vor dem das Helle scheint. Auf hohen Bergen ist der Himmel deßhalb dunkelblau, weil die Athmosphäre heller ist. Die dunkelheit, das in Sich gekehrt sein, das Sanfte liegt im Blau der Maria. Das Rothe des Joseph hat die Kraft, Kühnheit. Einfach sollen die Farben daher sein, sowie die Töne und die reingeraden Linien. Der Ton der Instrumente und Stimme kann rein und unrein sein; die vocale sind rein, und eine Sprache die reine Klänge hat, klingt heller; ü, ä, ö sind auch einfach; in ai, au hören wir zwei Töne. Aber in ä etc. sind die einfachen Töne vermischt. In der Volkssprache hört man Töne, die man nicht schreiben kann. Aber das zeigt von Bildung, die Sprache durch wenige Zeichen im Schreiben zu geben. Die Schrift macht nun die Töne abstrakter als die Sprache. Es ist nicht Man­ gel der Schrift, solche Vermischung nicht ausdrücken zu können, indem die Organe nicht bestimmt in den Tönen getrennt sind. Im Gesang unterscheiden wir reine und unreine Töne. Beim Metallklang ist es das reine Erzittern nicht bloß, sondern 1 kein Maler … einfallen] As: Die ganze Welt weiß, daß das orange ein gelb ist, in welches sich das rothe einmischt. Das Gelb ist aber zu helle, im gelben finden wir, daß es helles ist, in welchem die Trübung anfängt einzutreten.­  ­einfallen] Li: einbilden, jeder weiß, das Violet sei eine Vermischung von Roth und Blau  Ro: sondern jedermann weiss dass das violet eine vermischung von roth und blau ist. Eben so dass das orange ein gelbes, mit roth vermischt. Die behauptung von Newton ist also eine falsche: falsch die experimente die er gemacht und noch falscher der schluss den er daraus zieht. Lang hat man in der mahlerei nur die grund farben gebraucht. In neueren Zeiten ist man wieder darauf gekommen reine farben zu nehmen.­  ­1–2 Harmonie soll … Gemälde.] As: | Die Harmonie hat darauf geführt, gedampfte Farbe zu wählen.­  ­ 3–4 Reine Farben … bringen.] Ro: Erst haben die Niederländischen bilder es gewagt reine farben zu nehmen, und ohngeachtet dieser reinheit der farben kann eine harmonie in der malerei hervorgebracht werden.­  ­4 –6 Im reinen … ist.] Li: Diese reinen Farben hat man in der Malerei z. B. ein Bild im reinen Blau; die Harmonie entsteht durch Schattirungen, d a s B l a u e i s t d a s a u s d e r D u n k e l h e i t i n s L i c h t ü b e r g e h e n d e , d a s m i l d e , s a n f t e .­  ­ 8–9 Einfach sollen … Linien.] Ro: In diesem besondern ist das ausserliche einfach in sich, mit sich zusammen stimmen: also reine grade linien oder sonst scharf bestimmte Contouren gebraucht werden.­  ­10–990,2  rein, und … Reinheit.] Li: die reinen Klänge der Sprache, darunter sind einzelne reiner wie die andern, daher wohlklingender. U m g e b i l d e t s i n d d i e T ö n e u n d S p r a c h b u c h s t a b e n , d i e k e i n e r e i n e B e s t i m m u n g h a b e n , s o n d e r n dabei | eine Beimischung fremder Art. So unrein ist der Ton des Metalles, die unreine Stimme ist die wo das reine Erzittern durch Fremdartiges unterbrochen wird.­  1­ 0  rein] Ro: a, e, i, o, u sind reine Klänge­  ­12 Volkssprache] Ro: Volkssprache, in gemeinen mund­a rten­  ­13–14 Aber das … geben.] Ro: In gebildeten Ständen sind die töne einfacher gehalten; und die töne halten sich reiner in der schreibung.­  ­17–990,2 Beim Metallklang … hervorbringt.] Ro: Eine metallene Stimme nennt man eine Solche worin man ein reines Zittern hört. Hört man ausserdem noch ein mechanisches reiben, da ist der ton nicht mehr ein metallener. 21  jedermann] jemand

147vRo

37As

90 Li

990

de r Künstler

41Hn

91Li

nachschrift heimann  · 1828/29

ein äußres mechanisches Reiben, ein Geräusch, welches den unreinen Ton hervorbringt. D. i. die abstrakte Reinheit. – – – Noch eine Seite ist in diesem Theil zu besprechen, nämlich die Seite von dem Künstler. Das Kunstwerk ist ein Producirtes, ein Gemachtes. Das Producirende ist Geist. Im Künstler ist die Phantasie dieses Wirkende. Allgemein ist es wahr. Aber nicht die passive sondern schaffende Phantasie, d. i. Einbildungskraft im Schaffen ist dieses. Der Künstler muß viel gesehen haben, und das sinnlich Aufgefaßte, als ein Sinnliches von einem Geistigen, | soll er bildlich vorbringen. D. i. Phantasie. Gedächtniß muß also da sein. Indem ein Interesse zu beobachten da ist, da ist das Gedächtniß auch. Was ihn interessirt behält er. Große Geister haben sich durch Gedächtniß angekündigt. Aber keineswegs ist Vernunft ausgeschlossen. Die Formen in denen sich die Vernunft ausspricht, des

 –4  Noch eine … Gemachtes.] Ro: Das sind die verschiedenen bestimmungen die in rucksicht 3 dessen was wir ein schönes Ideal genannt haben in rücksicht kommt. Jetzt wollen wir von der Seite von dem produciren des Kunstwerks sprechen.­  ­ 5–6 Im Künstler … wahr.] Ro: Von der wesentlichen Seite des produciren des Subjects. Das producirende ist der geist überhaupt; und da sagt man dass in dem Kunstler der geist ein wirkendes seyn macht­  ­7 viel gesehen] Ro: viele bilder in sich haben, und vieles gesehen Li: gesehen, gehört, gelesen­  ­ 8–9 das sinnlich … vorbringen] Li: Er muß daraus einen Sinn gezogen haben, und dies in ihm schöpferisch erzeugtes Bild soll er dar­ stellen.­  ­9 D. i. Phantasie.] Ro: Aber dies sinnlich aufgefasste ist nicht hinreichend. Das weitere ist dann dass er nach seiner vorstellung diese bilder gewältigt, und auf eine bildliche weise vorbringt: und die nennen wir Phantasie.­  ­9–10 Gedächtniß muß … auch.] Ro: Wenn wir also sagen dass die Phantasie produciren muss, damit ist nicht gesagt dass der Kunstler kein gedächtniss haben muss: im gegentheil: was den menschen interessirt muss er behalten: das macht die grossen Köpfe. Grosse Köpfe haben ein gutes gedächtniss.  Li: Das große Gedächtniß ist hier nöthig, Interesse, viele Vorstellungen, Beobachtungen zu machen.­  ­11 Große Geister … angekündigt.] Li: Große Köpfe haben sich durch Gedächtniß ausgezeichnet.­  ­11–991,15 Aber keineswegs … reif.] Li: Die künstlerische Produktion ist das worin sich die Künstler ausgesprochen haben wollen. Dabei ist nicht nöthig, daß der Inhalt in Form des Gedankens gewußt und gebildet werde. Allein das was der Gegenstand in sich enthält, das Vernünftige an ihm, das Wesentliche muß im Künstler sein, er muß Sinn, Gefühl dafür gehabt haben. Ohne Nachdenken kommt der Mensch zu nichts. Je größer das Kunstwerk, desto größer war die Besonnenheit, | das Nachdenken, das über das Ganze waltet. Der Künstler muß mit dem Interessen menschlichen Geistes, den παθη bekannt sein. Sein Geist muß viel durchgemacht und durchgelebt haben, tief von allem ergriffen sein. Die Reife des Kunstwerks ergiebt sich daher erst im späten Alter. Homer sang blind seine Lieder. Das Genie ist für jedes Alter, die Reife gehört allein dem späteren Menschenalter an. Die ersten Producte des Genie‘s sind blos Ankündigungen. Durch viele Arbeit und Nachdenken haben sie sich erst heraufgebildet die großen Künstler.  Ro: Wir haben gesagt dass die Kunst die form ist, in welcher sich das bewustseyn des volkes ausdrückt. Es ist daher nicht wesentlich dass der gedanke in form des bewustseyns gebildet ist: aber das andere ist, dass das was die Religion oder Geschichte betrifft, das vor dem Künstler vorhanden ist, daß er gefühl dafür hat. Das vernunftige das wesentliche macht die grundlage; und das also braucht nicht in form des gedanke zu bewustseyn gekommen zu seyn.­  ­12 Vernunft] Ro: der Verstand 40 dass das] das dass

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

991

Gedankens Abdruck geht nicht soweit, daß die Formen des Gedankens in Begriff bei ihm gebracht sind, aber Religion und Kunst muß ihn bewegen, das Vernünftige, Große muß er fühlen und ihn bewegen. Die Grundlage ist das Vernünftige also, und diese braucht nicht in Form des Bewußtseins in ihn gekommen zu sein; aber gedacht muß er haben. Abgeschmackt ist es, daß Dichter wie Homer nicht nachgedacht, sondern aus halbem Schlaf herausgegangen sind. Besonnenheit muß alles beherrschen selbst in den kleinsten, scherzenden Werken. Mit den Interessen des menschlichen Gemüths, παθη, muß der Künstler bekannt sein. Sein Herz muß tief ergriffen worden sein, viel durchlebt und gewirkt haben. Im Mannesalter findet sich erst das rechte Alter der Poesie. Freilich ist in der Jugend das Genie, aber Reife ist später. Erfahrungen müssen durchgemacht sein. Schiller und Göthe haben sich nur als Genies durch ihre Jugendschriften angezeigt; sie schämten sich freilich ihrer Jugendwerke nicht, aber sie schätzten sie eben nicht. Erst später bildeten sie sich herauf durch Nachdenken, Arbeiten des Gemüths und Geists machten sie reif. Die Fähigkeit eines Künstlers zu Kunst wird Genie und Talent genannt, und man sagt der Künstler müsse geboren sein. Freilich wohl, indem der Mensch Mensch ist, ist er zur Religion geboren; aber nicht zur Religion eigentlich geboren ist man so wie zum Juristen; man kann es in dergleichen Wissenschaften weit bringen, wo Gewandtheit in der Praxis liegt, die für allgemeines Denken, für jeden Verstand angemessen ist; für Kunstwerke ist eine Seite natürlich, das Unmittelbare, deßwegen muß auch im Subjekt diese Bestimmung partikulärer Anlage enthalten sein. Nicht durch den Gedanken bringt der Künstler hervor. Es ist dieses das allgemein Geistige. Für das künstlerische Talent gehört ein Moment der Natürlichkeit. Die Partikularität tritt ein, und diese Natürlichkeit gehört zum Talent Genie. So wie

7  selbst in … Werken] Ro: und in den ganz naiven gedichten sieht man wohl dass eine grosse besonnenheit über das ganze walte­  ­10–15 Freilich ist … reif.] Ro: Es ist falsch zu denken dass in älterer Zeit die vortrefflichkeit der Kunst zu finden sey: da zeigt sich zwar das genie: aber nur in 30 späteren Zeiten durchreift sich die Kunst: und eben so ist es im alter des Künstlers. In der jugend des Künstlers zeigt sich sein genie: aber es bildet sich nur durch lange arbeit.­  ­11 Schiller und Göthe] As: Schiller, Goethe, Shakespeare­  ­17 geboren sein] Ro: gebohren ist. In so fern ist es wahr dass jemand zur Kunst gebohren seyn muss, da im gegentheil die Wissenschaften durch längere bearbeitung erworben werden.­  ­21 natürlich, das Unmittelbare] Li: das Natürliche, daß es 35 ist für die Sinne­  ­25 Natürlichkeit] Ro: natürlichkeit und es muss daher dazu ein Subject dieser bestimmung durch die natur dazu geschaffen seyn­  ­25–26 Die Partikularität tritt ein] Ro: Der verstand, die vernunft, das ist das allgemein menschliche. Dagegen selbst zu der beschaffenheit der Kunstler tritt eine particularität hinein­  ­26 Genie] Li: Genie genannt. Das Moment der Natürlichkeit, das am Kunstwerke vorhanden | ist, muß auch beim Künstler sein. 40 9  Im] In­  ­19 wie wie­  ­20 die] ist

148rRo 38As

den 28/11Hn

92 Li

992

39As

nachschrift heimann  · 1828/29

Vernunft allgemein geistig im Kunstwerk ist, aber in bildlicher darstellung das Moment der Natürlichkeit ist, so ist es auch im Subjekt. Begeisterung nannte man die Natürlichkeit des künstlerischen Genies. Es ist das Gähren der Idee im Subjekt nach Partikularität. Auf diese Begeistrung ist dieser drang der darstellung gleich ein Folgendes, und zwar so daß sie künstlerisch. Das παθος, die Sache ist es, in der sich die Energie strebt sich zum Anschauen zu bringen. die begeistrung ist nicht Etwas Trübes, wobei der Kopf warm wäre, daß man sie hervorbringen kann durch Champagner und durch überhaupt äußerliche Umstände. Der Vorsatz ein Gedicht zu machen, ist Anzeige, wie leer und nichtig er ist. Wenn der künstleri­ sche Geist von der Art ist, so hat sich der Stoff schon vorher von selbst bestimmt, und das Denken darüber ist die begeistrung. Man spricht viel von Erfindung, als wenn der Künstler aus sich den Stoff genommen; aber man bestellt auch ein Gedicht, einen Pallast, Gemälde, und der Gegenstand ist äußerlich bestimmt. Giebt man dem Architekten eine Fläche zu bebauen, so ist das nützlich. der Ge­ genstand wird angegeben, die Materialien und eine Menge Gegenstände werden bestimmt. Der Künstler wird beschränkt, aber sein Gegenstand hat Bestimung an ihm. Das Element des Natürlichen, und die gegebene Bestimmtheit, greift wesentlich ein. Ein gegebener Stoff beschäftigt den Künstler. Er verarbeitet ihn in 2 –993,1 Begeisterung nannte … Gemüthe.] Li: Ein anderes ist der künstlerische Zustand oder die Begeisterung, das ist der Drang zur Darstellung; mit der Sache selbst erfüllt zu sein, das ist hier die Hauptsache. Man strebt die Sache sich zur Vorstellung zu bringen. Man glaubt, daß die Begeisterung äußerlich hervorgebracht werden kann. Allein dieses macht die Sache nicht aus. Es genügen nicht die leeren Vorsätze der Aeußerlichkeit um begeistert zu werden / Man sagt, die größten Kunstwerke seien diese, die der Künstler aus sich producirt. Das ist aber nicht der Fall. die Umstände machen auch den Künstler. Seine Aufgabe ist bestimmt. Es beschränkt ihn zwar, aber es ist das Element der gegebenen Bestimmtheit, die auf den Künstler diesen Einfluß hat. Das Gegebene beschäftigt ihn, er verarbeitet es in seinem Gemüte und bringt es hervor­  ­ 4–6 Auf diese … brin­ gen.] Ro: Zu dieser begeisterung gehören auch die Philosophie, die Religion. Die darstellung der begeisterung liegt auch in der kunstlerischen begeisterung. Die hauptsache ist da von der Sache erfüllt zu seyn. die energie, die thätigkeit in welcher sich der geist hervorbringt.­  ­7–8 wobei der … Umstände] Ro: wenn man wein trinkt oder eine sanfte begeisterung wenn man sich ins gras legt. Diese äusserliche weise des vorbringen der begeisterung ist nicht die sache.­  ­8–993,1 Der Vorsatz … überhaupt.] Ro: Die leeren vorsätze ein gedicht zu machen fassen nicht ein wahrhaftes interesse in sich. auch die empfindung welche durch ein Kunstwerk producirt ist, ist darum nicht eine begeisterung. – Das ist der anfang, die veranlassung selbst. Man hat gesagt dass die schonsten Kunstwerke die jungen sind, welche der Kunstler rein aus sich erfunden hat. Das hindert die äussere veranlassung nicht. ale die äusseren umstände treten in die bestimmung eines kunstwerkes. Es ist eben für diese seite dieses element der unmittelbarkeit wesentlich gegeben ist. Es gibt ganz unbestimmte productionen wie das singen überhaupt.­  ­12–13 aber man … Gedicht] As: Allein es ist schon gesprochen worden, daß die pindarischen Gesänge eigentlich bestellt wurden, das war die allgemeine Veranlassung. der Hymnus wird bestellt.­  ­17–993,1 Das Element … Gemüthe.] As: Das Element der gegebenen Bestimmtheit. Das Element der Begeisterung sind wesentlich immer gegebene Stoffe, oder eine vorhandene Veranlassung sind es, die er in seinem Gemüthe verarbeitet. Es gibt ganz unbestimmte Productionen, ganz unbestimmte Veranlassungen.

5

10

15

20

25

30

35

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

993

seinem Gemüthe. Zu singen wie der Vogel, dazu gehört Frohsinn überhaupt. Er muß sich äußern und sich | vernehmen und genießen. Soll es ein Kunstwerk sein, so muß es eine Veranlassung haben. Der Künstler ist in Verlegenheit über den Stoff; aber der Künstler findet ihn leicht durch äußerliche Veranlassung; nur sein Gemüth ist es, das sich in diesen Verhältnissen explicirt. Er hat tausend mal mehr Veranlassung als ein Anderer, der nicht Künstler ist. Alles was lebt ist seine Veranlassung. Die verschiedenen Künste sind Etwas Nationelles, und stimmen mit dem Natio­ nalcharakter überein. So ist der melodische Gesang bei den Italienern nationeller als bei nordischen Völkern. Diese haben auch Musik und Opern, aber sie sind nicht so einheimisch, sowenig wie Orangenbäume. Die Römer haben keine einheimische Kunst gehabt; alles verpflanzten sie auf ihren Boden von Griechenland aus. Lyrische Gedichte haben alle Völker gehabt, so wie das Lied, eine Begebenheit in eine Romanze zu fassen, ist allen Völkern gemein. Göthe hat in allen Formen der Kunst Meisterwerke geliefert. Aber das Schönste sind seine Lieder, welche immer ansprechen werden. Bei dem Anfang der Kultur tritt das Lied zuerst hervor. Servische, Mulachische, Irokesische Lieder wurden nachgeahmt. Die Neugriechen sind auch poetisch. Die Frauen, Ammen, Kindermädchen begreifen nicht, wie wir so staunen über ihre Lieder, alles ist Lied bei ihnen. Die Künste hängen mit Nationalität zusammen. Die Improvisation ist in Italien einheimisch, sodaß man Dramen in 5 Akten sogleich zusammensetzt. Nicht die Sprache allein der Italiener kann dieses bewirken. Der Inhalt macht es. Eine tiefe Kenntniß des Menschen und der Leidenschaft ist ihnen eigen. Die Begeistrung ist von so innerer Art, daß nicht ein Sammeln von Ideen Versen u. s. w. bloß dazugehört. Viel sprach und klagte man über die Reime und Verse, welche Fesseln und dadurch dem Künstler entgegengesetzt sind, oder die Kenntniß der Farben, die Geläu-

4 –5 sein Gemüth … explicirt] As: Die Tiefe seines Gemüthes ist es, die diese Veranlassung zum Stoffe macht und denselben explicirt.­  ­11 keine einheimische] As: keine Art eigenthümlicher Kunst­  ­17–18 Die Neugriechen … poetisch.] Ro: Die jetzigen Griechen sind auch eine poetische 30 nation. Bei den Griechen wo ein tapferes geschieht oder irgend ein merkwürdiges, so verwandelt sich dies gleich in ein lied.  As: Das Lied ist bei allen Nationen etwas einheimisches. Die Neugriechen sind auch eine solche singende, solche poetische Nation.­  ­20 Nationalität] As: der Nationalitaet der Völker­  ­20–24 Die Improvisation … dazugehört.] As: Es gibt Improvisator in Italien, der ganze Dramen in 5 Acten improvisirt. Das ist ein eigenthümliches Feld. Hier ist die Begeiste35 rung, von und zu einem Werke. Das ist hier der ganz bewunderungswürdige Fall. ­  ­20 einheimisch] Ro: etwas bekanntes und gehört auch zu der nationalität der lander­  ­21–22 Nicht die … es.] Ro: Die Italienische sprache hilft zwar dazu, aber kann allein das nicht ausmachen.­  ­23–24  daß nicht … dazugehört.] Ro: dass das auswendig lernen die sache ganz und gar nicht ausmacht­  ­25–994,12 Viel sprach … vorstellen.] Ro: (noch dies kann dabei bemerkt werden dass 40 4  sein] seine

42Hn

148vRo

994

40As

Was heißt ­ r ig ina l ität O in de r Kunst?

nachschrift heimann  · 1828/29

figkeit im Zeichnen der menschlichen Formen und Stellungen, Schatten und Licht ist ein weitläufiges Studium von technischen Fertigkeiten; das Subjekt, der Begeisterte muß sich nun bemühen, sich in diese Fesseln zu schlagen: Aber das Talent wird leicht mit allem diesem fertig. Die Maler und Künstler sind auch, ohne daß das Mittel so zur Hand war, dennoch vorwärts gekommen. Seine innere Empfindung ist zugleich praktisch, sodaß dieses Praktische das Leibliche betrifft. In jedem Menschen ist Zusammenhang des Physiologischen mit dem Geistlichen. Bei einem Gestus wird die innere Empfindung verkörpert. Ebenso soll sinnvoll, voll Sinn leiblich die Idee übergehen. In einer Kunst ist das mehr als anderswo der Fall. So ist in Musik dieses besonders leicht, die Phantasie zu verkörpern. Ein andrer Künstler muß durch die Finger; ein andrer durch den Mund diese praktische Empfindung des Innern, der Phantasie, vorstellen. In einem großen Künstler prädicirt man die Originalität; der Gegenstand soll ganz objektiv Ganz äußerlich vorgestellt werden, ohne Form des Objektiven, ohne allen Zwek auf Etwas Inneres. So kam die Fr. Schlegelische und Tiekische Zeit, wo alles äußerlich gemacht werden sollte. Diese Objektivität im darstellen wurde nun Prosa. Die darstelung, das Natürliche nannte man objektiv. Man muß entfernen den begriff der Originalität, worin man das besondre des Hervorbringens versteht, daß es einem Subjekt eigenthümlich sei. In Religion und Philosophie u. s. w. wenn man das ausspricht, was andre ausgesprochen haben, und was in allge­ meiner Menschenvernunft liegt, so glauben sie, sie hätten nicht Etwas Originelles geliefert. Schlecht ist die Partikularität, die Etwas liefert, was nicht allgemein gel-

5

10

15

20

diese geschicklichkeit in dieses was man mechanisch nennt verwandeln kann; so kann bei einem Kunstler die behandlung der farben eine Leichtigkeit bezeugen.) Die begeisterung gebraucht leicht dieses mechanische; ohne dass sie daran gefesselt ist. Indem dies in einem Kunstwerk ist, so ist das 25 nicht nur als empfindung des Kunstlers mehr, sondern als ein körperliches, ein ausserliches. Die innere empfindung verleibt sich in das seyn, das talent des Künstlers dass dies sinnvoll ins leibliche ins sinnliche übergeht. Es ist das in einer Kunst mehr, in einer anderen mehr. Die musik zeichnet sich zuweilen durch eine leichtigkeit der aufführung dessen was dargestellt seyn soll. Der mahler hat in seinem geist das concrete bild, und daher muss in die finger kommen, da er es vorstelle: so 30 wie für den Redner seine rede melodisch zu bilden.­­  7–8 Bei einem … verkörpert.] As: Die innere Empfindung verleiblicht sich.­  ­10 So ist … verkörpern.] As: Das Talent der Musik zeigt sich in der Leichtigkeit der Ausführung dessen, was dargestellt werden soll.  ­13 In] As: von­  ­14 des Objektiven] Ro: der subjectivität überhaupt­  ­16–17 wurde nun Prosa] Ro: ist so zum vollkommen prosaischen übergegangen­  ­17 Die darstelung, … objek- 35 tiv.] As: Die Darstellung des Natürlichen haben wir schon gesehen, daß es ganz trivial.­  ­18 den begriff der Originalität] AsRo: die schiefe Bestimmung­  ­19  daß es … sei] As: daß sie nur von diesem Subjekte herkomme, so daß wenn sie das ausspricht, was andere ausgesprochen haben, so finden sie, daß ihre Besonderheit sich hier nicht geltend gemacht habe 13  Originalität] Originilalität­  ­18 man] man glaubt

40

von dem ideal

5

10

15

20

25

30

35

40

995

tend sich macht. D. i. die Weise der bizarren Engländer; aber eine Tugend ist es nicht. Originalität eines Homer zeigt nur die Sache, der Künstler als Subjekt ver­ schwindet. | Wodurch die Sache allein erscheint, der Künstler verschwindet, d. i. originell. Diese Originalität geht zu dem Humoristischen über. Der Künstler und Roman­ schreiber besonders geht zu seiner Subjektivität seiner Empfindung, Witze über. dieser humor kann geistreich sein, aber der Mangel ist, daß das Objektive nur Veranlassung scheint, das Witzige aber fällt außerhalb des Inhalts auf die Seite des Subjekts und zeigt, was das Subjekt hinzufügt. Der Stoff wird willkührlich; der humor geht zur Ironie über, wo nur Spaß mit Inhalt getrieben wird. Der Inhalt wird verzerrt. Die Partikularität des Subjekts tritt ausdrücklich hervor. dieses humoristische kann imposant, von Geistesfülle erscheinen; es ist aber leichter als es scheint; eine Reihe von Witzen, Karrikaturen der Empfindung zu erzeugen ist leichter als ein kernhaftes; ein entartetes Talent gehört dazu; es zerstört das Eben von der Phantasie geschaffene. Zwischen wirklich geistreiche Witze und Plattheit ist man eingeschlossen. Der humor kann wirklich geistreich sein; aber indem es Etwas Leichtes ist und scheint, ist es eine beliebige Manier geworden. Großer Humor war selten. Im Shakspeare ist ein großer Humor, aber die Plattheiten sind nicht selten, nur weil es im Shakspeare steht, achtet man es. Weil die Willkühr im humor herrscht, deßhalb ist er so leicht. Die Buntheiten sind darin zusammen gedrängt. Wahrhafter Humor und Geist ist in Jean Paul, 1 –2 D. i. die Weise … nicht.] As: Die Engländer sind dieses originelle Volk. Da werden verschiedene Narrheiten vorgebracht. so ist es auch in der Kunstproduction.­   ­aber eine … nicht] Ro: wo jeder seine marotte hat um seine eigenthümlichkeit zu präsentiren­  ­2–3 verschwindet] As schließt an: Er ist ein Mund, der keine Manier ist. Die Originalitaet ist wahr, wenn die Sache als solche dargestellt wird, und die Particularitaet der Künstler verschwunden.­  ­4 Wodurch die … originell.] Ro: Die wahrhafte originalität ist diese wo durch die sache allein als solche das wirkende dargestellt ist, das producirende gewesen ist und die besonderheit des Künstlers verschwindet.­  ­ 5–6 Der Künstler … über.] As: Humoristisch ist die Zufälligkeit, Subjektivität, seine Einfälle, seine Empfindungen, sein Witz.­  ­8 Veranlassung] As: als etwas äußerliches­   ­des Inhalts] As: dieses Objec­ tiven­  ­11 verzerrt] As: negirt­   ­12 humoristische] As: Humoristische oder dieses Ironische­  von Geistesfülle] As: als eine große Tiefe von Witz, vom Geistreichen­  ­14 ein kernhaftes] As: etwas Gediegenes   ­ ­ 14–15 ein entartetes … geschaffene.] As: Es kann Talent darin sich zeigen, aber ein ungezogenes Talent, eine Widerwärtigkeit des Talents, die den Gegenstand wieder zerstört.  Ro: Es kann sich ein talent darin zeigen aber ein unerzogenes talent das sich selbst seine empfindungen und Phantasie zum besten hat.­  ­16 man eingeschlossen] Ro: zuweilen eine grosse verwandtschaft­  ­17 wirklich geistreich] Ro: allerdings auch froh­  ­19–20 aber die … es] Ro: und bei ihm ist das humoristische bedeutungsvoll. Es hat hauptsächlich darin seine leichtigkeit, dass die willkür ganz darin herrschend ist.­  ­21–22 Die Buntheiten … gedrängt.] As: Die Willkühr, die das Allerheterogenste darstellt.­  ­22 Wahrhafter Humor … Jean Paul] Ro: Der humor von Jean Paul ist ein sehr geistreicher

den 1/12Hn 43Hn 149rRo

41As

996

nachschrift heimann  · 1828/29

aber Willkühr und Zufälligkeit Mischt sich darin, und diese werden so äußerlich, daß sie aus der Ferne zusammengerafft sind. Er geht von einer tiefen Empfindung zu einer beliebigen Geschichte über, zu den hölzernsten, breitesten Dingen, und es ist unbegreiflich, wie ein Mensch von solchen Empfindungen zu einem Kräuterbuch übergehn kann. Nicht Kraft des Genies ist es, sondern Kollektaneen, aus Kollektaneen Büchern zusammengeschrieben, deren Jean Paul hatte in Menge, und was er dabei für Beifälle hatte, schrieb er auch. Eine Compilation entstand, die ganz äußerlich ist. Das scheint originell zu sein, aber ist es nicht, es ist nur etwas Äußerliches. Wahrhafte Originalität läßt die Sache herrschen, und schließt das Äußere, Zufall aus. Der Künstler erscheint nur als Gef äß, durch welches sein Kunstwerk ging. Dieser schöne nothwendige Zusammenhang ist dann im Kunstwerk enthalten. Oft scheinen die Sachen nicht aus einem Gusse zu sein, wenn der Geist noch nicht die Reif heit hat, innerlich den Stoff zusammenzusetzen. So im Götz, das ein originelles Produkt ist von Genie, ist die Unreife noch zu erkennen, nicht aus einem Gusse ist es; vieles äußere ist zusammengelesen, aus der damaligen Zeit. Durch Bruder Martin wird auf Luther angespielt, und was er spricht sind Vorstellungen der damaligen Zeit, das Bedauren der Mönche, daß sie nicht Wein und Weiber lieben dürfen. Mit dieser Empfindsamkeit tritt Martin auf, er bedauert sich und ist gerührt. Basedows Pädagogik der damaligen Zeit kommt darin auch vor. Karl zeigt was er gelernt hat, sobald der Vater nach Hause kommt. So ist nicht aus Götz’ens Intressen sondern aus denen der Zeit vieles zusammengesetzt. In Romanen ist es anders. Hier kann man die Erzählung mit Gemälden der Zeit und lebenden Personen schmücken. Ein eigentliches Kunstwerk ist deßhalb

5

10

15

20

25

 –2  diese werden … sind] As: die Zufälligkeit ist eine ganz förmlich äußerliche 1 Zufälligkeit­  ­ 5–9 sondern Kollektaneen, … Äußerliches.] Ro: Das verhalten ist viel mehr compiliren. Solche weisen der productionen scheinen höchst original zu seyn: aber er ist gerade das gegentheil. Es ist nur ein lösen, kein zusammen bringen von heterogener production.­  ­7–8 Eine Compilation … ist.] As: Aus den Collektaneen ist da eine Praesentation(?) entstanden.­  30 ­10–11 Wahrhafte Originalität … aus.] Ro: In einem wahrhaften originalen Werke ist ein Schönes und wahrhaftes auswählen enthalten.­  ­15 ist] As: ist in Ansehung der Form­  ­15–16 nicht aus … es] Ro: der Zusammenhang ist mangelhaft, es ist nicht aus einem guss hervorgegangen­  ­18–19 das Bedauren … dürfen] Ro: Dass das Gelübde der Keuschheit der gehorsamkeit ein unmenschliches sey.­  ­19–20 Mit dieser … gerührt.] Ro: auf eine solche weise hat ganz und gar nicht Luther 35 angefangen.­  ­20–22 Basedows Pädagogik … kommt.] Ro: Es kommt da auch ein lehrer dieser Zeit vor der die pedantische weise von lehren der damaligen Zeit vorstellt.­  ­22–23 So ist … zu­ sammengesetzt.] Ro: Der inhalt ist also aus der Zeit Götzens nicht genommen eben so wenig aus der sache selbst.­  ­24 ist es anders] Ro: kann das mehr eintreten­  ­24–25 Hier kann … schmücken.] As: Da sind große Mengen von Geschichten und Interessen aufgenommen aus der damaligen Zeit. 40

von dem ideal

5

10

15

20

997

auch nicht der Roman. – Das Humoristische ist also nicht Originalität, weil es nicht aus einem Gusse ist. Der Styl und Manier, die große Manier, die keine ist, wie die Manier Raphaels, die keine ist, wird noch bei der Originalität geschieden; aber mehr in den substanziellen Sachen muß man die Style scheiden, wie Kirchen und Opernmusik | Die Franzosen sagen le style est l’homme même, und was sie Styl nennen, ist die Manier eines jeden Künstlers. Sie kann richtig sein; aber eine Seite ist es besonders, die bei einem Künstler hervorgehoben wird, so z. B. die Beleuchtung ist die Manier des Künstlers, oder der Fleischton; dann das Nationelle in der Beleuchtung; viele Manieren scheinen bei einem Maler unnatürlich zu sein; aber es zeigt sich, daß sie der Natur gemäß sind. Die Manier des Künstlers ist also nicht willkührlich, sondern daß er sich an eine Form des Erscheinens hält. Eine gewisse Weise des Auffassens was ihm leichter, und was ihm geläufiger ist, dem überläßt er sich, und eine gewisse Manier wird Etwas festes bei ihm werden, indem er sich der Gewohnheit hingiebt. Hr. v. Rumor sagt, daß die Art der darstellung durch das Material bestimmt ist. So wird der Faltenwurf bei einem Skulpturwerk in Marmor anders sein als in Holz; ebenso bei der Malerei; wo der Maler mehr die eine Form vor sich haben kann. Dürers Gemälde haben die Manieren von Holz vor sich gehabt, deßhalb, diese Härte und Hölzernheit. Das Kunstschöne, Idealische, Allgemeine die verschiedenen Umstände, die beim Ideal in Betracht zu ziehen sind sind bis jetzt behandelt.

1 –2 Das Humoristische … ist.] Ro: Die originalität des humoristischen ist, wie gesagt, das gegen­ theil des wahrhaften Solchen.­  ­ 4–5 Kirchen und Opernmusik] Ro: oper musik, religiöse musik, tanz musik  As schließt an: Der Stil ist bestimmt durch den Unterschied der Sache.­  ­6–7 was 25 sie … Künstlers] As: Stil, das ist eben Subjekt. Da erkennt man besonderen Ursprung, Denkweise des Subjects. Jeder Künstler hat mehr oder weniger seine Manier.  Ro: Die franzosen verstehen mehr darunter was wir maniere nennen.­  ­7–8 Sie kann … wird] Ro: Diese | manir kann sehr wichtig seyn: allein nur ist es sehr oft nur Eine Seite die der Kunstler herausgehoben hat­  ­11 Manier] Ro: particularität­  ­11–12 also nicht … hält] As: Absonderlichkeit des Subjekts­  ­15–16 Hr. 30 v. Rumor … ist.] Ro: Eine interessante bestimmung ist es wie die manier gefasst worden ist von H v. Rumor. Wie das material sich mehr anpasst einer gewissen behandlungs weise.

42 As

44Hn

149v Ro

998

nachschrift heimann · 1828/29

Zweiter Theil

Von den besondern Kunstformen.

2/12Hn

43As

Drei Formen sind unterschieden worden; die symbolische, klassische, romantische Kunstform. Aus den Elementen und Kategorien die zum begriff des Schönen und Idee gehören sind sie genommen. Wir haben geschichtlichen Gehalt, das Wahre und seinen Ausdruck für sinnliche Vorstelung für die Phantasie. Das Verhältniß in dem die 2 Seiten stehn, ist es, das das Bestimmende ausmacht. Im Symbolischen liegt das Werden der Kunst, der Gehalt ist noch nicht der wahrhafte, indem er noch nicht seinen Ausdruck gefunden. Form und Inhalt gehn hier also Hand in Hand. Die klassische Kunst enthält das Wesentliche des Inhalts im Äußerlichen. Die Freihheit und Subjektivität überhaupt ist in ihr; das Geistige ist hier hauptsache; der Gedanke der Wahrheit, wie ihn die Kunst nach ihrem sinnlichen Element aus­ zudrücken vermag, aber noch nicht die reingeistige Wahrheit ist im Inhalt enthalten. Diese Schranken im Gedanken machen die Gestalt dem Inhalt ange­ messen. Die romantische Kunst hat zur Grundlage das Geistige als Selbstständiges, den Geist in seiner Wahrheit, welchem die sinnlichen Formen nicht angemessen sind.

5

10

15

3 Drei Formen … worden] Li: Wir werden hier betrachten Ro: In der allgemeinen eintheilung haben wir diese schon angegeben­   4–­5 und Idee] As: des Ideals­  ­5 Wir haben geschichtlichen 20 Gehalt] As: Wir haben unterschieden einen Gehalt in seiner Wesentlichkeit genommen­  ­6 sinn­ liche Vorstelung … Phantasie] As: sinnliche Vorstellung, Bilder – seine Vorstellung für die Phantasie­  ­ 8–9 Im Symbolischen liegt] As: Es ist angegeben worden, daß die erste Kunstform die symbolische ist. Es ist eigentlich­  ­9 Ausdruck] As: wahren Ausdruck­  ­10 Hand.] As: Hand, der Ausdruck und der Gehalt. Im Symbolischen ist der Gedanke mit der Gestalt im Kampfe. Der Ge­ 25 danke ist noch nicht wahrhaft  Li schließt an: Es ist eine Unangemessenheit zwischen Gedanken und Form.­  ­11 Die klassische … Äußerlichen.] Ro mit As: Der 2te Zustand der Kunst ist, dass der inhalt der Kunst zu seiner wesentlichkeit gelangt. As schließt an: | Diese Wesentlichkeit hat zu ihrer Grundlage die Wahrheit überhaupt.­  ­14–15 aber noch … enthalten] As: Es ist noch Particulari­ taet im Inhalt vorhanden.­  ­17–18 Die romantische … sind.] Li: Die 3te Kunstform ist das Roman­ 30 tische. Der absolute Geist ist hier der Inhalt dem eine Schranke nicht mehr angemessen ist.­  ­18  Wahr­heit] Ro: absoluten wahrheit­   die sinnlichen Formen] Ro: Die particulare bestimmtheit, die schranke 7  ist es, … ausmacht] sind es, d. d. Bestimmende ausmachen

besondere kunstformen · symbolische form

999

Das Konkrete, Innere setzt die Gestalt zu einer zufälligen Äußerlichen herab, und nicht in ihr findet es die höchste Vollkommenheit.

Von der symbolischen Kunstform.

5

10

15

20

Sie begreift in sich die Versuche der Kunst, Vorkunst, sie geht vom Anfangen der Abstraktion fort, zur Freihheit des Geistes. Diese Versuche sind unvollkommen, nicht weil die Gestaltung noch nicht ausgebildet ist, sondern weil der Inhalt nicht bestimmt ist. Es ist nun der Inhalt zu bestimmen. Wir haben es hier mit religiösen Ideen zu thun. Die Fortbildung der Kunst liegt also auch besonders im Inhalt, der den Aufschluß über die Formen der Anfangskunst giebt. | In diesem Werden und Gähren der Kunst liegen die Formen, von denen es nur zum Theil bestimmt ist, ob sie Bilder sind, die der Kunst angehören oder nicht. Es kommt wieder die Frage vor, welche Unterschiede sind zwischen Symbol und My­ thos? Zum Symbol gehört Bedeutung, und man kann es zum Gegenstand der Kunst erheben; und den Mythos als etwas Symbolisches betrachten. Alles, was die Kunst hervorgebracht hat, ist durch die Vernunft dann producirt, Die Bestimmung des Göttlichen ist darin, es mag irgend eine Gestalt haben. Das Höhere ist darin, und es ist zu untersuchen, von welcher Art dieses Höhere sei. Der Inhalt ist dann die Bedeutung. Gegen die behandlung des Mythos als Symbol stehen 2 Interessen entgegen, das prosaische und kunstvolle Interesse. Jenes will nur vom Äußerlichen wissen; und hält sich nur an dem Vorgestellten, wobei man denken kann, daß das Gestaltete eine andere Gestalt gehabt hat, welche die Phantasie anders gestaltet hat, der Anfang dieser Gestalt ist dann äußerlicher Art; Vorstellung der Kunst ohne weitere Bedeutung welche die Phantasie geschaffen hätte ist dann Etwas Äußerli­ ches, z. B. Geschichtliches, so die Gestalten der griechischen Götter, welche aus Tra­

57vLi Wechsel der Paginierung 150rRo 

45Hn

25 1 zufälligen Äußerlichen] As: gleichgültigen Aeußerlichkeit­  ­4 Sie begreift … Versuche] As: D i e

e r s t e A b t h e i l u n g i s t d i e s y m b o l i s c h e K u n s t f o r m . Es ist das Werden, ein Versuch­  ­ 4–5 vom Anfangen der Abstraktion] Ro: von ihrer ursprunglichen unmittelbarkeit­  ­5 zur Freih­ heit des Geistes] Li: daß das Geistige für sich als frei bestimmt sei­   Diese Versuche sind] Li: Die Kunstform ist­   unvollkommen] Ro: mehr oder weniger unvollkommen­  ­6 Gestaltung] Ro: aus­ 30 serliche form­  ­7–8 Wir haben … thun.] As: Diese Bestimmung des Inhalts macht dieses aus, was wir mit religiösen Ideen zu thun haben.­  ­10 Gähren] Ro: Kampfe des inhalts u des ausdrucks­  ­ Formen] As: Ideen­  ­12 Frage] RoAs: Streitfrage­  ­13 Gegenstand] As: Allgemeinen­  ­14 be­ trachten] Li: betrachten, jedes Symbol kann man zur Mythologie erheben­   die Kunst] Ro: die Kunst die religion, die Phantasie­  ­19 kunstvolle Interesse] RoAs: interesse der Kunst selbst  As 44As 35 schließt an: | Das prosaische hält sich blos an das Unmittelbare.­  ­24 z. B. Geschichtliches] As: oder prosaisch oder historisches 1 0  Gähren] Jähren

1

1000

58rLi

150vRo

nachschrift heimann · 1828/29

dition von Königen herstammen. Das Innere der Kunst sei dann nur ein Äußeres, Existirendes. Bloße Wilkühr habe auch solche Bestimmungen hereingebracht, wie die Priester gebildet, um dem Volk zu imponiren und schrecken und sie zu regieren, das ist auch ein äußerer Grund, nicht das Göttliche zur Grundlage ha­ bend. Oder Dichter und Künstler hätten sie willkührlich erlogen, d. i. auch in der Form der Äußerlichkeit. Oder ein Äußeres der Natur gehörend wird angenomen als personificirt von dem Künstler. Hier fängt schon das Symbolische an, aber die Bedeutung ist aus dem Natürlichen genommen. Aber die Religion und Kunst haben wesentlich auch diesen Gehalt zum Geistigen erhoben, wie es später sich zeigen wird. ( Juno – Wolken, Zeus – Gewitter etc.) Die andere Seite ist das Interesse der Kunst selbst. Wenn die klassische Kunst symbolisch genommen wird, so wird geistige Subjektivität Prinzip, zu einer ab­ strakten Bedeutung heruntergesetzt. Jupiter zb. kann dann nicht als symbolisch ge­ nommen werden, sondern was da ist, ist äußerlich, alles ist ausdruksvoll, daß Nichts von anderer Bedeutung darhinter ist. Gestalt und Bedeutung ist nicht geschieden. Wird die klassische Gestaltung aufgelöst in äußerlichen Ausdruck und in ein inneres Allgemeines, so wird der Zusammenhang der Kunst aufgehoben. Es ist der Verstand, der von dem Konkreten zum Abstrakten hineilt, und die Bedeutung von Gestalt trennt. Die Auffassung wird zerstört. Künstler, Dichter, Kritiker wie Göthe sind mit der Betrachtung dieses auf symbolisches zu reduciren nicht zufrieden. In neue­ rer Zeit ist es aufgekommen, daß in jedem Kunstwerk eine Allegorie liege, (Fr. Schlegel mit seiner fabula docet!) Das Schicksal, allgemeine Lehren zog man heraus. In Dantes Ausgaben giebt es viele Allegorien, aber bei jedem Gesang wer­ den die allgemeinen Lehren vorher in Abstraktion angegeben. So im Homer und Virgil versuchte man das auch zu thun. Dieses Allgemeine nannte man Allegorie, die Verwandlung des Künstlerischen in Prosa ist dieses. Die Haynesche Ausgabe hat so das Ganz Prosaische aus der Dichtung gezogen. Diese Ausdehnung des

5

10

15

20

25

  Das Innere] Ro: die grundlage­  ­2 Existirendes] As: Existirendes, irgend etwas geschichtliches, 1 oder es sei eine bloße Willkühr­  ­11 Seite] LiAs: Seite, die dem Auffassen entgegen steht­  ­13 Ju­ piter zb.] Li: Jupiter, Juno cet als Kunstwerke  As: Die griechische Kunstgestalt­  ­14–15 sondern 30 was … geschieden] Li: Alle Aeußerlichkeit gilt nur, wenn wir sie als solche betrachten, wir sollen in der Gestaltung des Aeußern das Innere sehen.­  ­17 der Zusammenhang] As: der Zusammen­ hang, der die Vollendung der Kunst ausmacht­  ­18–19 von dem … trennt] Li: von dem Individu­ ellen zur abstraction gern übergeht­  ­19 Auffassung] As: Kunstform­  ­22–23 Das Schicksal, … heraus.] Ro: Dazu kann wohl der verstand übergehen, (fabula docet) aus einem concreteren vor­ 35 handenen ein allgemeines zu ziehen | und zwar eine moralische oder irgend eine andere seite dar­ an zu erheben.  As: Diese Behandlung, in allen Bildern Allegorie zu sehen, ist in alten Zeiten sehr gewöhnlich gewesen.­  ­26 dieses] Ro schließt an: Der Sinn der gegeben wird ist die bestimmung des verstandes. 9  erhoben] erhobn h

40

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

1001

Symbolischen auf alle Gebiete der Kunst, verstehen wir nicht so bei der symbolischen Kunstform. Wir nehmen sie als eine eigenthümliche an, welche man als Kunstwerk bezweif­ len kann. An ihnen selber ist der Zwist des Äußern und Innern sichtbar. Eine höhere Form giebt es, wo der Zwist überwunden ist, wo nur in der Betrachtung, nicht im Kunstwerk die Abstraktion liegt.| A l l g e m e i n e b e s t i m m u n g e n d e r s y m b o l i s c h e n F o r m . 1, Vom Symbol überhaupt; 2, die erste Weise, a, die erste Verknüpfung auf unmittelbare Weise des Äußern und Innern, wo kein Inneres da ist, welches man vom Äußern trennt, und nicht symbolisch also ist. Sie wird betrachtet werden, um das Nichtsymbolische zu zeigen. Die Unterschiede die hier angegeben werden, sind bestimmungen ganzer Völker und Religionen. Diese allgemeinen Unterschiede werden nach der Seite der Nation beleuchtet werden, wie sie sich bei jedem zeigten. Das Geschichtliche der Kunstform wird dieses also enthalten. Bei frühern und spätern Kunstformen kom­ men auch solche Formen vor, die wir als besondre Anschauungen eines Volkes hervorheben werden. Symbole kommen bei allen Völkern vor. Winkelmann in sei­ ner Allegorie hat nur die Symbole der Griechen und Römer gesammelt, ganz das Christenthum vernachläßigt. b, Naturgegenstände werden hier nicht bloß das Gel­

58vLi

46Hn

3 –4  Wir nehmen … kann.] Ro mit Li: wir nehmen sie hier als eine eigenthümliche form u die 20 Kunst betrachten wir in so fern als symbolisch als der Zwist das aus einander treten (Ro: der inhal­

25

30

35

40

te u der gestalt Li: des Innern und des Aeußern, der Bedeutung und der Gestaltung) vorhanden ist­  ­ 4–6 Eine höhere … liegt.] As: | Es giebt höhre Bedeutung, wenn dieser Zwist überwunden ist, 45As aber es liegt dies nicht in der Weise die wir betrachten.­  ­9–11 wo kein … zeigen.] Li: und indem diese selbst unmittelbar ist, so ist kein Verhältniß des Innern zum Aeußern, diese Einheit ist nichts symbolisches, und kann der Kunst eigentlich nicht dedicirt werden  Ro: und indem diese ver­ knupfung eine unmittelbare ist, so hat sie kein inneres. Diese unmittelbare einheit kann nicht als symbolisch angesehen werden u ist etwas was eigentlich der Kunst nicht vindicirt werden kann­  ­ 11  Unterschiede  … bestimmungen] Li: Bestimmungen … Anschauungen und Phantasien­  ­ 13  wie sie … zeigten] As: wie sie bei besonderen Nationen zum Vorschein gekommen sind­   14  wird dieses also enthalten] Ro: wollen wir dann erklären; wo bei bemerkt werden muss dass diese form sich mit anderen vermischen und später in andern partiel vorkommt. Solches symboli­ sche spielt durch alles hindurch; auch durch das Classische. Wo sie hauptsachlich gehört, wo sie überwiegend ist, wollen wir anzeigen. Das erste ist die unmittelbare einheit.­  ­14 Bei frühern … Kunstformen] As: weiter bemerken wir auch, daß die Kunstformen sich vermischen und bei späte­ ren Kunstformen­  ­18–1002,3 b, Naturgegenstände werden … muß.] Ro: In dem 2ten ist das be­ ginnen der Kunst; wo schon eine allgemeine natur die bedeutung ausmacht; und diese allgemeine gewusst wird in dem bildlichen; was dann auch der Phantasie angehören kann; was aber nicht mehr in seiner unmittelbare bestimmung genommen wird.  Li: 3) das Beginnen der Kunst in der Phantasie, wo einzelne Naturkräfte die Bedeutung ausmachen, und dies allgemeine in dem bildli­ chen gewußt wird, was der Phantasie auch angehören kann.  As: Indem wir diese Unterschiede so angeben, werden wir das Geschichtliche bemerklich machen, es werden auch die andern Kunstfor­ men dabei hereinspielen. Das erste ist diese unmittelbare Einheit mit ihr erst beginnt die Kunst, die Phantasievorstellung. Dieses Allgemeine wird bewußt in dem Bildlichen, was denn auch ein un­ mittelbares sein kann.

1002

59rLi

den 3/12Hn

151rRo

nachschrift heimann · 1828/29

tende sein, sondern allgemeine Naturkräfte werden Bedeutung ausmachen und im Bildlichen, welches nur der Phantasie angehören wird können, geschaut werden muß. Das Zweideutige tritt ein, das Phantastische und Vermischung. Persische und Indische Völker werden hier besprochen werden. 3, Ausdrückliche Erhebung über die Gestaltung, wo eine Bedeutung erscheint, die sich selbst als unangemes­ sen giebt, vorgestellt zu werden. Die Erhabenheit, Pantheismus, erscheinen hier und die jüdische Erhebung zu Jehova. 4, Das An und Für sich Seiende, Gestaltlose wird auf negative Weise als Pracht und Schmuk dargestellt. Die Gestalt negirt sich und erhebt sich über sich selbst. Das Element des Natürlichen und Negativen vereinigt mit dem An und Für sich Seienden beginnt geistig zu werden; vermischung also entsteht hier, wo das Na­ türliche Gehalt ist, und Bedeutung, und das Geistige die Gestalt hergiebt, sodaß umgekehrt, das Geistige Inhalt ist, und Natürliches die Gestalt für das Höhere giebt. Dieses Räthselhafte ist der Anfang für das Schöne. Als primitives Symbol und unbewußtes ist es 1), als anfangend, ist 2, das be­ wußte, dem Inhalt nach beschränkt, das Symbolische zerfällt in sich, in Prosa, wo die Natur die Prosa ist. In dem bewußten haben wir die Fabel, Apolog zu betrach­ ten, und das Symbol beschränkt auf Einzelnes, wohin die Vergleichung fällt, das Bild mit bewußter Einbildung eines Sinnlichen auf geistige Weise, also ein be­ wußtes Symbolisches. Die 2te Form ist das Zusammenfallen des Symbolischen. Lehrgedichte Hymnen gehören hierher. Naturbeschreibung steht ihr gegenüber, welche eine künstlerische Form erreichen kann, aber nur äußerlich ist.

5

10

15

20

3 das Phantastische und Vermischung] Li mit As: ob etwas (Li: gemacht As: genommen) ist nach seiner Unmittelbarkeit oder nach einer weiteren Bedeutung­  ­ 4–5 3, Ausdrückliche Erhebung … 25 Gestaltung] As: Das 2. ist dann die ausdrückliche Erhebung eines an und für sich seienden Inhalts; ausdrückliche Erhebung über den Inhalt, so daß gleich darin eine Bedeutung liegt.­  ­6–7 vorge­ stellt zu … Jehova.] Ro: ihren inhalt vollkommen aus zu drücken. Es ist das allgemeine an und für sich in seiner reinheit: Das erhabene überhaupt. Es ist dann die frage in wie fern das erhabene als gestaltenlos dargestellt und bestimmt seyn kann. Es kann nur in ein negatives verhaltniss zu dem 30 gehalt gestellt werden.­  ­6 Die Erhabenheit, … hier] As: Das ist die Erhabenheit überhaupt, die große morgenländische Erhabenheit, der so genannte Pantheismus.   ­ ­ 7 Jehova] Li: Jehova. Poesie ten ist diesem Allgemeinen die Form zu geben im 3 , hier erhebt sich die absolute Einheit über die Natur.­  ­13 das Höhere] Li: das höhere innere­   ­17 die Fabel] Ro: die | esopische fabel­  1­ 8–20 das Symbol … Symbolisches] Li: das Symbol als Beschränktheit auf Einzelheiten, Meta­ 35 phern = Vergleichungen des Bild mit bewußter Einbildung eines Sinnlichen als Geistigen­  ­21 Zu­ sammenfallen] LiRo: Außereinander fallen­  ­23 nur äußerlich ist] Ro: die immer etwas prosaisches und äusserliches in sich hat. Das sind die näheren bestimmungen dessen was wir unter symboli­ schen zu betrachten haben. Der fortgang ist dann näher zu expliciren 32  Pantheismus] As bricht ab

40

besondere kunstformen · symbolische form

1003

I, Vom Symbol überhaupt.

5

10

15

20

Symbol ist zu unterscheiden vom Zeichen. Die Gedanken gehören dem Men­ schen. Er muß sich äußern, und dann ist er sich bewußt, daß er sich einen Gegen­ stand giebt, der äußerlich wird. Ob er ihn selbst setze, ob er ihm gegeben werde, geht uns nicht an. Bei dem Gegebenen ist die Thätigkeit des Geistes dabei. Er verhält sich als bestimmend aufmerksam. Stellen wir Etwas von Stein vor uns her, so haben wir das Bewußtsein über den Stein. Irgend einen äußerlichen Gegenstand zu beherrschen auf eine willkührliche Weise, d. i. ein Zeigen. Die Willkühr ist das Verknüpfende. Wenn das Äußerliche so gebraucht wird, so ist es ein Zeigen. z. B. die Kokarde ist ein Gezeigtes, aber ganz äußerlich, daß man die Nation durch Farben anzeigt. Töne in der Sprache sind solche Zeichen. Die Elemente der Laute hängen zwar innerlich mit Bedeutungen derselben zusammen. diese Produktion ist physiologisch, wie das Geistige sich verleibliche, sowie der Schmerz durch Thrä­ nen verleiblicht wird. D. i. ein Zeigen, und Zusammenhang. Aber ist die Sprache ausgebildet, so verliert sich der Zusammenhang, nicht die Natur ist es, die spricht, sondern Willkühr tritt ein. | Bei der gebildeten artikulirten Sprache sind die Töne und Arten der Schrift zufällig. Sie sind Zeichen, nicht Symbole. Das Symbol hat eine Wesentliche bezie­ hung der Vorstelung des Gedankens und des Äußern, wodurch der Gedanke geäu­ ßert sein soll. Ein Zusammenhang des Inhalts ist darin. z. B. der Löwe ist Zeichen der Stärke, aber ein nicht willkürliches, der Löwe ist stark an sich, sodaß das Äußere denselben Inhalt der Vorstellung hat, indem der Löwe sich vorstellt, stellt er auch die Stärke vor. Aber ein Ton, Farbe stellt noch was Andres vor als die Nation und die Bedeutung des Tons. In der Sprache giebt es auch solche Symbole, wie Löwe,

47Hn

25 2 –5 Die Gedanken … an.] Li: Die Intelligenz des Menschen ist das Wesentliche, der Mensch ist aber

wesentlich sich äußernd, in Bewußtsein zu setzen d. h. daß er einen Gegenstand hat, ob er ihn setzt oder nimmt, | ist gleichgültig, das ist die Macht der Intelligenz, ganz frei, willkührlich über das Aeu­ 59vLi ßerliche zu walten, es zu gebrauchen.­  ­5 Bei dem … dabei.] Ro: Das gegeben wird von aussen muss aber nicht genommen werden als wenn etwas von aussen in den geist gesetzt wird.­  ­8 zu beherr­ 30 schen … Zeigen] Ro: ganz frei vollkommen benutzen zu können, etwas ausserliches ganz willkühr­ lich zu gebrauchen zur bestimmung des Geistes, so ist das ein Zeichen­  ­10 Gezeigtes, aber ganz äu­ ßerlich] Ro: ein Zeichen ganz willkührlich u geschichtlich. Andre nationen haben andere farben.­  ­ 11–14 Die Elemente … Zusammenhang.] Li: man wollte nachweisen, daß Elemente der Laute zusam­ menhängen mit dem innern der Dinge, die sie bezeichnen, das ist aber ein physiologischer Zusammen­ 35 hang­  ­16 sondern Willkühr tritt ein] Ro: die willkührlichkeit tritt da ein an der Stelle der Physiolo­ gischen nothwendigkeit. und den ursprung kann man kaum mehr ansehen.­   ­17–18 Bei der … zufällig.] Ro: Die unarticulirte sprache gehört freilich mehr diesem innerlichen zu sammen­ hang.­  ­19 der Gedanke] Ro: das innere­  ­24–1004,1  Symbole, wie Löwe, Donner] Ro: laute wie d o n n e r , b r ü l l e n­ 40 4  selbst setze] setze selbst

1004

60rLi

151vRo

nachschrift heimann · 1828/29

Donner, was eine Bedeutung des Inhalts in der Nachahmung enthält. Nicht ist das in andern Ausdrücken vorhanden. Ist der Löwe Symbol der Stärke, so giebt es noch andre Symbole, wie Adler, Stier, Horn. Solches äußere könne auch mehreres bedeuten, z. B. der Stier be­ deutet auch Sonne, Fruchtbarkeit, Ackerbau, wodurch das Symbol zwei und viel­ deutig wird, und sich dem Zeichen nähert. Zufällig ist es, welche Bedeutung es mehr hat. Eine große Schranke wäre es, wenn ein Gegenstand nur auf eine Weise symbolisirt werden könnte. In Winkelmanns Allegorien ist vieles willkührlich, un­ richtig deßhalb, weil diese Zweideutigkeit darinn liegt. Die Symbole sind auch mehr oder weniger conventionelles deßhalb. Das Sym­ bol ist in allen Künsten. Ist es die Nebensache oder hauptsache. Jupiter mit Adler vorgestellt, aber der Adler ruht neben ihm. Das Symbol steht neben Jupiter. Aber diese Verbindung ist bei den Ägyptern Bedeutung für sich. Bei den Griechen ist das Symbol auf die Seite nur gestellt. Die Evangelisten, Lukas, Matthäus, haben auch ihre Symbole, die neben ihnen stehen. Aber hauptsache ist es nicht. 1, Die unmittelbare Einheit der Bedeutung und der Darstellung. diese unmittel­ bare Einheit kann keine Bedeutung und keine Gestalt haben, also beides ist nicht da. Unser Bedürfniß ist es, an diese Trennung des Innern und Äußern zu denken. Ein Gegensatz ist bei uns da. Bei der betrachtung der religiösen Vorstellung ist das wesentlich zu scheiden, was darin sei, aber mit dem Unterschied, ob wir u n s dieses Inhalts als eines Innern bewußt sind, oder ob die Völker das Innere von dem Äußern

5

10

15

20

4  Solches äußere … bedeuten] Ro: Eine Sache kann auch mehrere bedeutungen haben und das symbol von verschiedenen vorstellungen seyn.­  ­7 Schranke] Li: Schranke der Poesie­  ­ 8–9 In Winkelmanns … liegt.] Li: Cf. Winkelmann die Zusammenstellung der Allegorien.  Ro: Das macht die 2deutigkeit der symbole aus; und dadurch ist der Irrthum in der erklärung der selben 25 sehr leicht.­  ­10–11 Das Symbol … hauptsache.] Ro: | Die allegorie ist etwas was weniger wich­ tigkeit hat und mehr der Prosa anheim ist. Das symbol nun treibt allerdings durch alle Kunste hin­ durch: aber der unterschied ist ob das symbol das überwiegende ist, oder ob es das untergeordnete ist.­  ­12 Jupiter] Ro: Jupiter: da ist das symbol nur neben dem natürlichen.­  ­12–13 Aber diese … sich.] Li: Bei Aegyptern hat Adler von selbst die Bedeutung des Göttlichen, und ist nicht nur an die 30 Seite gestellt.­  ­15 Aber hauptsache … nicht.] Li: symbole kommen in allen Künsten vor, sind aber nicht die Hauptsache.  Ro: Das ist was die abstracte bestimmung der symbole betrifft. nun die genauren bestimmungen derselben.­  ­16 1, Die unmittelbare … Darstellung.] Li (als Überschrift): S y m b o l i s c h e F o r m e n . / I. Die unmittelbare Einheit der Bedeutung und i h r e r A e u ß e r u n g­   ­1 6 – 1 8   diese unmittelbare … da.] Li: Als unmittelbare Einheit hebt sie den Unterschied der Be­ 35 deutung und der Gestalt auf, es ist also beides nicht da als besonderes.  Ro: Da kann nicht von be­ deutung u von gestalt auf eine isolirte weise die rede seyn.­  ­18–19 Unser Bedürfniß … da.] Li mit Ro: (Li: Wir sind an diese Trennung gewohnt, Ro: Unsere bedürfnisse sind es dann freilich etwas als äusserliches zu bestimmen, und zu bestimmen was das innere davon sey.) allein wo der Gegen­ satz nicht vorhanden ist, ist kein Aeußeres, auch kein Inneres. Wenn wir es trennen, so ist es nur 40 unsere Erklärung.­  ­20 darin] Ro: das äussere, und was das innere 13  Verbindung Lesung unsicher

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

25

1005

geschieden haben. diese unmittelbare Einheit sind Anschauungen, die nicht symbo­ lisch sind, z. B. alles was mysthisch in Religion heißt, ist das, daß hier ein Göttli­ ches unmittelbar uns gegenwärtig sei, indem das Göttliche nur für Geist da sein kann, wo es unmittelbar da ist, so vereinigt es sich unmittelbar mit dem subjektiven Geist, und es entsteht eine Einheit, die nicht symbolisch ist. In der Lamaïschen Religion ist Lama ein Priester. Diese Person wird als Gott angesehen bei den Völ­ kern. D. i. nicht symbolisch. Ebenso alles Mysthische in andern höhern Religionen. In der katholischen und lutherischen Lehre, ist die Hostie Christus selbst, der sich vereinigt mit den Genießenden, und unmittelbar da ist, (wodurch Hochmuth ge­ nug entstanden ist mit dem Glauben), d. i. kein Symbol. Aber sagt man daß die Verbindung durch hostie fromm macht, so ist es ein Symbol. In persischer An­ schauung, wird das Licht als Licht verehrt, nicht als Sonne; das Licht ist theils un­ mittelbares Licht in Sonne, Flamme und Glanz. das Licht ist Lebendigkeit der Pflanzen der Thiere, dann das Geistige, reine Gute. Die Sterne und Sonne, deren Ormuz eins ist. Sieben Sterne nennen sie die 7 Regenten Anschatzpanz. Den Kultus der Parsen soll das Licht überall geltend machen, theils Licht anzu­ rufen, theils die Lebendigkeit zu befördern, Bäume zu pflanzen und zu besorgen z.B, wie wir es von Cyrus wissen, Erhalt des Lebens; eine gute Handlung, Natur veredlen, u s. w. Das Leben soll ein Verwirklichen des Lichts sein, sich von unrei­ nen Thieren zu entfernen. Sehr schön ist diese Vorstellung. Ist sie symbolisch? | Das Licht ist natürlich und hat Bedeutung des Guten; wenn man aber dieses so trennt, das Natürliche des Lichts vom Nichtnatürlichen, der Bedeutung, die dem gei­ stigen Natürlichen, dem Guten angehört, kann man Licht Symbol nennen. aber diese Anschauung kann man nicht sagen, daß es Symbol wird das Licht. Das Licht als Gutes und physisches Licht fielen zusammen. Die Grundbestimmung, die un­

2 alles was … heißt] Li: Das Mystische in den Religionen ist nichts symbolisches.­  ­8 lutheri­ schen] Ro: echt Lutherischen­  ­9 Genießenden] Ro: glaubenden­  ­10–11 daß die … Symbol] Ro: dass das brod vorstellt dass der mensch sich zur moralität erhebt, dann setzt man es herab zum Symbolischen. aber nach der Catholischen und Lutherischen Lehre ist dies nicht.­  ­15 Re­ 30 genten Anschatzpanz] Ro: regenten, und man sagt dass auch 7 oberste in Persien gewesen sind, als das bild dieser gestirne Hamschatzkan­  ­18 Erhalt] Li: Beförderung, Erhalten­  ­18–19 eine gute … veredlen] Ro: eben so das gute verhalten der Menschen, Kranke pflegen­  ­19–20 Das Leben … symbolisch?] Li: Die Reinigung ist eben das Princip des Lichts, der Sinn des Cultus überhaupt. Hier kann man fragen, ist das symbolisch, das ist es nicht.­  ­21 Das Licht … Guten] 35 Li: Das Licht ist einerseits das unmittelbar Natürliche, andererseits hat es eine geistige Bedeu­ tung, das Gute, Symbol des Guten.­  ­23–24 aber diese … Licht.] Li: aber wir können nicht sa­ gen, daß diese Anschauung symbolischer Art gewesen sei­   ­25–1006,1  Die Grundbestim­ mung, … darinn.] Ro: Denn die trennung ist nicht da: es fehlt die trennung von natürlichem Licht und von dem geistigen. 40 15  Anschatzpanz lies Amschadspands

60vLi

den 4/12Hn

48Hn

152rRo

1006

61rLi

nachschrift heimann · 1828/29

mittelbare Verknüpfung, ohne Urtheil des Theils liegt darinn. Zu der Personifi­ kation, Ormuz, geht man fort und zu Ariman, das sich schon gestaltet, wo haupt­ züge von Menschen genommen sind. Im Schenschik, dem Sohne des Ormuz, der sich auf der Erde geltend machte, da Ormuz mit dem goldenen Dolche die Erde spaltete, ist Andeutung auf Ackerbau. hier fängt das Symbolische an. Indem sie einen Ferver, Genius jedem Men­ schen zuschreiben, da ist schon das Symbolische. Im Mytras, einem der Sieben, der bald herausgehoben wurde, und einen Kultus erhielt, welcher ins römische Reich eindrang zur Zeit der Menschwerdung, ist das Symbolische. Im Jüngling der den Dolch in den Hals des Stieres sticht, ein Skorpion bewegt das Zeugungstheil, eine Schlange schlürft das Blut, ist ein Symbolisches. Der Stier ist das Gewaltige, Fruchtbare, gehört dem Reiche des Reinen an. Er wird getödtet. Das natürliche Prinzip bedeutet er überhaupt, über den der Mensch, das Geistige den Sieg davon trägt. Die Grundlage des Persischen ist Licht, es geht zu dem Symbolischen, aber der eigentliche Inhalt ist unmittelbar das Licht, wie es ist. Das Licht ist Naturexistenz, wie es als das Wahre angesehen wird. Da hier die Theilung nicht vorhanden ist, so ist es noch nicht das Symbol.

5

10

15

2, Unterschied und Beziehung eines Innern von der Natur und Unmittelbarkeit Jenes erste Urtheil ist ein verworrenes, wo beide Theile noch keine wahre Selbstständigkeit erlangt haben, und keine wahrhafte Einheit deßhalb haben kön­ nen. D. i. das absolute Urtheil, so wie die Schöpfung der Welt. Wo beide Seiten zu

20

 –2 Zu der … fort] Ro: Es geht dann allerdings zu solchem fort was symbolisch genannt werden 1 kann­  ­2 Ariman, das … gestaltet] Ro: ariman die finsterniss. das ist vorgestellt als sich gestaltend­  ­3 Im Schenschik] Li: Die Finsterniß Rimah ist eben von der Art, in menschlicher 25 Gestalt. Dhemhit­  ­4 der sich … machte] Li: der die Herrschaft des Lichts geltend macht­  ­6 hier fängt … an.] Ro: Das gehört allerdings dem symbolischen an. auch die gestirne in dem Himmel sind Symbole.­  ­9–11 Im Jüngling … Symbolisches.] Li: Er wird in Höhlen verehrt, dabei ist er ein Scorpion, Schlange, Stier, das symbole sind. Stier ist das Gewaltige, das Hervorbringende, er wird getödtet durch Scorpion und die Schlange leckt das Blut auf.­  ­19 Innern] Ro: an und für sich 30 seyenden­   ­2­ 0 Jenes erste Urtheil ist] Li: Die zweite Gestaltung ist, wo der Unterschied hervor­ tritt eines Innern von dem Natürlichen, Aeußerlichen, dieses erste Urtheil ist noch­  ­21 Selbst­ ständigkeit] Li: Selbstständigkeit gegeneinander­  ­22 D. i. das absolute Urtheil] Ro: Dies ist ein logisches verhältnisse was das absolute urtheil betrifft.­  ­22–1007,1 Wo beide … versöhnen.] Ro: Also die beiden Seiten sind schon aus einander getreten; aber die totalität der beiden hat sich noch 35 nicht gebildet; und nur indem diese sich ausgebildet hat kann eine wahrhafte Versöhnung vorhan­ den seyn. 3  Schenschik lies Dschemschid­  ­15 es geht zu] ist geht­  ­25 Rimah lies Ariman

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

1007

vollständigen Totalitäten gelangen, da können sie sich erst versöhnen. Die Beziehung beider Seiten ist dort nur Verwirrung, ein Wanken von Einer zur Andern. Ruhe und Rast ist noch nicht da. Man springt von einem zum andern Extrem. Diese in der größten Form des Taumels, in der größten Ausbildung ist in der indischen Weltanschauung. Die Phantasie bildet beide Seiten, aber so, daß es nur die unge­ heuerste, wilde Phantasterei ist, indem das unmittelbare nur Übergehn von Ei­ nem zum Andern ist. Alles ist natürlich und symbolisch, hat man Natur vor sich, so verwandelt es sich ins Gestaltlose und Entgegengesetzte. Näher gehört hieher, daß in der indischen Vorstellung Nichts Geschichte ist, also auch keine prosaische An­ schauung der Verhältnisse ist; ein Abscheiden von Innen zur gemeinen sinnlichen Vorstellung geht man. Eine hauptbestimmung ist die Inkarnation, die Menschwerdung, die Abstrakti­ on; aber es ist auch vom Menschen Vogel, Affen die Rede; aber der Mensch ist un­ mittelbar zum Höchsten aufgespreizt, und so ist ein ewiges Gehen vom Geistigen, reinen Abstraktion des Einen, Bram, der von Nichts unterschieden ist, der Identität selbst, aber indem ich von dem Einen ausgehe, und mit Inhalt des Einen Eins bin, bin ich die Einheit selbst. Das Höchste des Menschen überhaupt ist nicht die Ver­ söhnung bei ihnen, sich der Einheit bewußt werden, sondern die Identität selbst, daß alles Bewußtsein in ihm verschwindet, und er zu Grunde geht. Ich bin Sub­

20 1 Beziehung] Li: Versöhnung­  ­2 Verwirrung, ein … Andern] Li: Verzerrung, Taumel der einen

25

30

35

40

Seiten gegen die andere­  ­3 Man springt … Extrem.] Ro: rastlos von dem einen auf das andere zu springen und auf dem anderen extrem sich wieder nicht halten zu können und auf das andere ge­ worfen zu seyn­  ­4 größten Ausbildung] Li: seichten Ausbildung­  ­6 ist] Li: ist. Dieses Verhältniß ist vornehmlich in Indien | da ist alles so natürlich wie symbolisch.­  ­10–11 ein Abscheiden … man] Ro: dies findet in seiner bestimmten festigkeit da nicht statt. Es ist also eine ungeheure faselei von dem Sublimsten in der gemeinsten sinnlichen Vorstellung. Diese spreist sich unmittelbar auf und verschwindet sogleich so dass man nicht weiss auf welchem Boden man steht. Wir wollen hier die näheren Züge dieses Zerrens, dieses verrücktseyns angeben.  Li: Die Näheren Züge dieses Verrückens sind folgende:­  ­12–17 die Abstraktion … selbst.] Ro: Ein Vogel, ein Affe, ein Mensch sind da vorgestellt, aber nicht als vogel, als affen, als menschen. Diese formen spreissen sich auf, und verschwinden ins gestaltlose. Diese letzte abstraction ist das was Bram heisst. Dieser Bram wird dann zunächst Subject; und als subject wird er vorgestellt. Dieser Bram, der Eine: er ist also von nichts unterschieden. Denn indem ich von einem andern spreche, so ist der inhalt meiner gedanken zugleich das identische von mir.  Li: Sinnliche Gegenwart von einem Menschen oder Thiere, der kein Mensch kein Thier ist, sondern unmittelbar das Höchste. Das eine Extrem ist das Geistige überhaupt, das ist hinaufgeschraubt bis zur ganz reinen abstraction des schlechthin Einen, das ist das, was Bram heißt. Das wesentliche Brama wird als Subject vorgestellt. Dieses Bram ist das schlechthin Eine, Allgemeine, von nichts unterschieden, die Identitaet selbst. Ich bin da denkend, mein Inhalt ist das mit sich Identische.­  ­18 die Identität selbst] Ro: das vernichten des bewust­ seyns, das abstracte, diese identität­  ­19–1008,4  Ich bin … Einheit.] Li: Das Höchste des Men­ schen ist nicht die Versöhnung, sondern diese Identitaet, der alles Bewußtsein in ihm verschwin­ det. In die Bewußtlosigkeit sich zu versenken ist das höchste. 1 0  Abscheiden Lesung unsicher­  ­26 spreist lies spreizt

61vLi

2r 

1008 152vRo

49Hn

5/12Hn

62rLi

nachschrift heimann · 1828/29

jekt und Person, aber indem Ich so werde, verschwinde Ich. Das Individuum das Vollkommenheit sucht, sucht nur seine Vernichtung. Er bleibt sitzen ohne Bewe­ gung, richtet seine Augen auf die Spitze seiner Nase. Alle Thätigkeit ertödtet er in dieser Einheit. D. i. Bram. | Betet er, und erhebt er sich, so ist er das Bram selbst. Aber ebenso wird dieses Bram zu einem Äußerlichen. In ihren Theogonien fangen sie mit dieser Einheit an, die Urthätigkeit, das Selbstgeborenwerden, man spricht vom Subjektlosen. Es er­ schafft Wasser, legt Saamen hinein, es wird ein Ei, und daraus tritt Bram. Im Ei saß die große Macht, er spaltet das Ei und wird halb Mann und halb Weib. Diese indische Weltvorstellung ist also das phantastische Symbolische, wo das Reingeistige in unmittelbarer Gegenwart vorgestellt wird und von dem Gemein­ sten zum Allgemeinen Abstrakten übergesprungen wird. Natursachen und Naturver­ hältnisse und Kräfte sind der Inhalt dieser Symbole. Das Reine allgemeine ist Bram; allgemein sind auch die Naturkräfte, aber gestaltet und personificirt, theils in Vorstellung, theils, daß ein Unmittelbar äußerlicher Gegenstand aufgespreizt wird in das Allgemeine. Der Inhalt ist abstrakt, die Gestalt ist die Form des exi­ stirenden Geistigen; die menschliche und thierische Gestalt ist Einzelnheit an ihr;  –9 Betet er, … Weib.] Li:Die Inder beten nicht zu Bram. Die Erhebung der reinen Abstraction ist 5 Bram selbst. Das Bram geht über zu ganz äußerlicher Vorstellung, das ewige Ruhen Gottes in sich selbst, | und wird da subjectlos ausgesprochen. Der Same wird ins Wasser gelegt, dieser wird zu Ei, da wird Bram selbst geboren. Im Ei saß also die große Macht unthaetig von Jahren, durch seine Gedanken spaltete er das Ei, wurde bald weiblich, bald menschlich. Valmiki der Dichter, wie er in Nachdenken versunken sah den Bram, das ist ganz prosaisch­  ­9 Weib.] Ro schließt an: Zu weite­ ren vorstellungen kommt man äusserlich vor und zwar auf sehr prosaische weise. dass ein dichter ganz in sich versunken ist; dann ist ihm Bram erschienen: dann kommt die art vor wie er Bram empfangen hat: er begrüßt ihn ganz auf Indische gewöhnliche weise, setzte ihm einen stuhl vor und sie sprechen zu einander. Es wird dann auch vorgestellt, dass er ihm wasser und milch gibt: der Bram sagt ihm da den Bramaiana zu schreiben. Der Dichter hat das lied eines vogel gelernt; und das wiederholt er u. s. f. Also, wie gesagt, erscheint auf einer Seite das ganz abstracte und gestaltlose: und auf der andern das abstracte in der gemeinsten gestalt vorgestellt.­  ­10–1009,11 Diese indi­ sche … sind.] Li: Das nähere Allgemeine sind Naturgegenstände, allgemeine Naturkräfte. Das ganz abstract Allgemeine war das Bram, das reine Denken, die reine Selbstgestalt, die Naturverhältnisse ist auch ein Allgemeines. Die nächste Weise des Gestaltens ist die Personification überhaupt, theils in der Vorstellung, theils daß ein Gegenstand in die Allgemeinheit herübertaumelt in die unmit­ telbare Aeußere Einzelnheit. Die menschliche Gestalt ist Form der Personification des Geistes, wenn die Gestalt dem Allgemeinen nicht angemessen ist und angemessen gemacht wird, so wird sie verzerrt. Nach dieser Bestimmung haben wir Naturgegenstände, z. B. Sonne, Licht, Feuer, die werden personifizirt. Undi = ignis ist Gott bei Inder. Diese NaturGötter sind etwas niedriges ge­ gen Bram. Flüsse, Berge werden so als Götter personifizirt. Ein Hauptverhältniß der Natur ist das Werden, Sein und Nichts, das Entstehen und Vergehen. Dieses Uebergehen wie es im Lebendigen erscheint, ist Geburt und Todt. Das ist die Grundbedeutung im Indischen, das Erzeugtwerden. Dies wird vorgestellt als Person, Schiwa, Rutra cet, der Geschlechtstrieb. Alle indischen Vorstel­ lungen beziehen sich darauf. Die ausschweifendste Sinnlichkeit kommt hier zum Vorschein. 28  Bramaiana lies Ramayana

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

25

1009

weil sie dem Innern nicht angemessen ist, so wird sie verzerrt, um dem Innern näher zu sein, und so wird sie unschön. Naturgegenstände, z. B. Sonne, Luft, Feu­ er werden personificirt, Unti-, inguis; Himmet der höchste Berggipfel des Hima­ laja. Die natürliche Bedeutung ist Sonne, Wasser, Berg also; oder allgemeines Na­ tur-Verhältniß, wie das Entstehen und Vergehen, Sein und Nichts, die letzten und ersten Abstraktionen, sind ihnen abstrakte Beziehungen, der Übergang vom Nichts in Sein, und Vergehen von Sein in Nichts. Wie dieser Übergang erscheint, Er­ zeugt und Zerstörtwerden, ist eine der Grundbestimmungen im Indischen. Das Erzeugtwerden wird als Person dargestellt, aber das Geschlechtstheil ist die nähere Bestimmung; alles bezieht sich hierauf auf den Lingam und Yoni, welche ganz äußerliche Formen sind. So weiß man nicht wo man ist, ob in einer Welt, wo das Sinnlichste oder Gei­ stigste sich bewegt. Die Ganga fließend vom Himalaja (von Aug Schlegel über­ setzt) giebt die verworrenste Phantasie, welche nicht zur Schönheit der Gestaltung gelangen konnte. Rutra das Bild der Zeugung ist im Innersten jedes Tempels aufgestellt. Die menschliche Gestalt ist freilich auch da, aber verzerrt an Händen und Füßen. Die Bedeutung ist unvollkommen so wie die Gestaltung. Ein zweiter Gott in einem ist hauptvorstellung der Indier: Brama ist das Eine, Krischna ist das Zweite, das 3te ist rutra, das In sich zurükkehren in sich selbst, das Freie ist bei uns das dritte und Letzte. D. i. absolut. Dort ist das 3te das Außer sich kom­ men, Zeugen und In Nichts übergehen; Ubergehen ist da statt In sich gehen. diese dreiheit, das einfache Sein, Anders sein, Producirn, was sich zu sich selbst verhält, In sich zurükkehren, wodurch ein Moment entsteht, ist auch dort, aber nur ist das 3te ein Übergehen in Andres. D. i. ein selbst wichtiger Punkt. Murti oder Krischna, das 2te Moment, enthält die Bedeutung der incarnation

4  Die natürliche … also] Ro: Das ist eine sehr oberflächliche Phantasie: der unterliegende gedanke ist immer ein natürlicher gegenstand­  ­12–18 So weiß … Indier:] Li mit Ro:| Unmittelbare Ge­ 62vLi genstände werden personifizirt. z. B. Ganges wird personifizirt als Geburt der Ganga, die herab­ steigt zur Heiligung der Völker. Glänzende Phantasie, die zugleich verworren, inconsequent ist. 30 (Li: Cf. Uebersetzung von August v. Schlegel, da sind die gröbsten Unanständigkeiten, die nicht nachgesagt werden können. Ro: Aug. von Schlegel hat nicht alles übersetzt: das abschreckende | hat er theils gemildert, theils ausgelassen.) In allen Tempeln des Mahade, des Rutra ist das symbol 153r Ro der männlichen Zeugung als das Heiligste aufgestellt. Die menschliche Gestalt ist da verzerrt, in’s Ungeheure getrieben. Die Bedeutung ist da noch das Unvollkommene. Timurti ist das dreieinige.­  ­ 35 12 So weiß … ist] Ro: Indem einerseits solche gegenstände vorgestellt werden, so wird umgekehrt ein anscheinend vorkommender gegenstand unmittelbar verkehrt wieder in ein ganz allgemeines, so dass man keinen festen boden hat, und dass man nicht weiss wo man ist.­  ­20–25 Dort ist … incarnation] Li: Das 3te ist bei uns der Geist, das Vollendende, die Totalitaet das sich wissende, die Rückkehr in sich selbst, das Freie. Im Indischen ist das 3te der Wandel, nicht diese Rückkehr, sondern 40 6  sind] st­  ­10 Yoni] Lodi­  ­14 verworrenste] verworrentste

Hn 

1010

8/12Hn 50Hn

63rLi

63vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Die Kuh ist die Kraft der Erde d. i. symbolisch; für die Kühe hat man Hospitäler, nicht für Menschen. Brama und sein Bruder Wiswa Mitra kommen zu einem Weisen, der ihnen die Geschichte von einem großen König erzählt, welcher in eine Einsiedelei gekommen ist, wo viele Weisen gewesen | In dieselbe Kathegorie gehören die Theogonien der Griechen, Skandinavier. Das Erzeugtwerden wird überhaupt aufgefaßt. Nicht so wild und bei weitem klarer ist die Ansicht des Symbolischen der Griechen. Hier im hesiod ist Eros, Liebe; das Entscheidende der Gegensatz. Gaia mit Uranus bringt Kronos Centimanen, Cy­ klopen hervor (welches auch ägyptische, indische Ansicht ist). Erinnyen, Themis, Cytheräa entstehen und oberflächlich sind sie personificirt.

5

10

das Entstehen und Vergehen, das Erzeugtwerden, das Aussichheraus kommen. Uebergehen statt in sich Gehen. Die absolute Bestimmung der Substanz als Subject, das ist da, aber nur in der abstrac­ ten Bestimmung, nicht in der concreten. Wenn es also im Indischen Anklänge der Idee sind, so sind es doch immer Anklänge, nicht das Wahrhafte selbst. Alles dies wird dargestellt in Verhältnis­ sen der Wirklichkeit, aber eh man’s sich versieht, wird daraus ein anderes /| Das ist eben dieser 15 Taumel, wo geschichtliche Figuren ins Unendliche gleich verschwinden, zu Bramen werden. Bopp 1 Theil der Grammatik hat eine Episode übersetzt, wo es dargestellt wird, was Mithras that um zur Unendlichkeit zu kommen. Das Zurückziehen in sich wird als Gewalt angesehen, wodurch alle Götter erschüttert werden. Sie schicken ihm schöne Mädchen, um ihn aus dem Zustand herauszu­ ziehen. Er wird verführt, läßt nach, fängt aber wieder an.  25 Murti oder … incarnation] Ro: In 20 dem 2ten moment chrishna sieht man dass die incarnation etwas geschichtliches ist. – Es ist da nur die rede von wirklichen menschlichen Verhältnissen. Der Brahma ist wieder Gott, so wie der Wis­ mamitra sein Lehrer. 1–4 Die Kuh … gewesen] Li: Kuh ist die Kraft der Erde, sie wird von Inder verehrt. Das ist einer­ seits symbolisch, andererseits geht das ganz in’s Aeußerliche. Keine Kuh wird getötet, es giebt kei­ 25 ne Hospitaele für Menschen aber für Kühe. Brama und sein Bruder kommen zu einem Wesen mit Namen Mitra. An 60 000 Weisen, sind bestimmt, den Namen Gottes zu sprechen o m , ist das ewige Wort, sie entspringen alle aus den Haaren des Brama. Subula heißt die Kuh, zu der sagt der Weise Muschista, er wolle die Gäste tractiren mit 6 Geschmäcken. Die Kuh bringt alles hervor (am Rand: grisnem capuone) Der König will diese Kuh austauschen mit ungeheuren Kostbarkeiten. 30 Der Wisch schlägt es ab. Der König nimmt sie mit Gewalt. Sie kehrt zurück zu Murista. Brama hilft ihm 100 Pelwi (persische Könige) kommen zusammen mit ihrer Armee und die zerstören den Miswa Mitra. Dieser vernichtet mit seinen Pfeilen allein die Pelwi | Snubala die Kuh erschafft Armeen, die des Königs Armee vernichten, aber die Pfeile des Mismamitra vernichten die Sieger. Er geht endlich auf Murista los, er verbrennt die Armee mit Blasen aus seinem Nabel, und geht in 35 die Wildnis wie Schlange, die ihre Zähne verloren. Das ist die wilde Vermischung der Vorstellung.­   ­5 –1011,5 In dieselbe … entspricht.] Li: Unendlich höherer Zug ist das Nicken des Zeus, wodurch er die Welt beherrsche. / Die griechischen und andere Theogonien und Kosmogonien sind die allgemeinen Categorien, die in physische Vorstellungen gesetzt werden. Die Gaya bringt den Ura­ nos, der den Kronos, Pontus cet hervor. Kronos entmannt den Uranos, das Blut fällt auf die Erde 40 und erzeugt Giganten, Erynnien, das sind alles bestimmte Bedeutungen oberflächlich personi­ fizirt. Die Kosmogonien sind sehr mannigfaltig, es ist keine Einheit der Vorstellung. Nichts ist würdig und fähig, die menschliche Gestalt zu tragen als das Geistige. Daher diese Symbolik keine Wahrheit enthält, keine Zusammenstimmung des Innern mit dem Aeußern.

besondere kunstformen · symbolische form

5

1011

Unendlich mannigfaltig sind die Theogonien und Kosmogonien. Die Bedeu­ tung der Naturkräfte ist in die menschliche Gestalt gelegt. Aber die menschliche Gestalt bedeutet ein Geistiges, nicht Naturkräfte. Nur das Geistige ist fähig und werth diese Gestalt zu haben. deßhalb enthalten diese Symbole keine Wahrheit, weil dem Inhalt nicht die Gestalt entspricht.

153vRo

3, Phantastische Symbolik, Symbolik der Erhabenheit

10

15

20

Ist Beginn der Befreiung des Innern, und des Selbstständigen, gegen das Äu­ ßere. Ganz geistig ist das Innere noch nicht, aber es ruht in sich und ist Beginn des Ablösens des Innern von der empirischen Einzelnheit. Erhabenheit und Schönheit hat man unterschieden. Jene ist Versuch die Idee, die Vernunft, das Un­ endliche darzustellen; aber ihm entspricht keine Gestalt, deßhalb ist die Weise der Darstellung für jenes unangemessen, indem es zu sehr über diese erhaben ist. Der Pantheismus und jüdische Vorstellung von Gott sind 2 Kathegorien, die hieher gehören. In beiden ist die Erhebung des Inhalts über die Erscheinung, und daß man es ausspricht in Beziehung auf die Erscheinung. Diese Erscheinung wird doch dargestellt, in sofern ist es ein affirmatives Verhältniß, worin jedoch ein ne­ gatives verknüpft ist. Im Pantheismus ist die Bedeutung hervorgehoben, aber das Eine ist affirmativ in Allem enthalten, und dennoch ist es zugleich als Reinigung der Erscheinung dargestellt. Bei dem Jüdischen ist es der Eine, worauf die Erschei­ nung auch bezogen ist, indem Gott Ehre an der Existenz der Welt hat;

7  Ist Beginn] Ro: Das Phantastische Symbolik. Die 3te symbolik ist die Symbolik der Erhabenheit, der beginn­  ­8 geistig] Li: geistig concret­  in sich] Li: selbstständig in sich­  ­9 empirischen Einzelnheit] Li: unmittelbaren sinnlichen Gegenwart­  ­9–10 Erhabenheit und … unterschieden.] Ro: Kant hat vornehmlich die erhabenheit und schönheit von einander unterschieden.­  ­10 Jene] 25 Li: Kant | sagt, die Erhabenheit­  ­12 indem es … ist] Li: es erhebt sich über diese Weise der Er­ scheinung. Hier sind zweierlei Weisen zu nennen 1) der Pantheismus, 2) die jüdische Vorstellung von Gott.­  ­14 In beiden … Erscheinung] Ro: In beiden ist dies gemeinschaftlich dass eines erho­ ben ist über die erscheinung; aber noch eine beziehung auf die erscheinung haben, und diese bezie­ hung ist es die dargestellt ist.­  ­17 die Bedeutung] Li: die Erscheinung ausdrücklich­  ­19–20 es 30 der … hat] Ro: das eine über das andre offenbar erhoben, aber so dass die ausserlichen existenzen nur als von ihm ausgesprochen da sind. Diese 2 beziehungsweisen sind es, die wir hier zu betrach­ ten haben: das abscheiden der reinen, und der unmittelbaren existenz.  Li: das Eine als für sich bestehend. Gott offenbart sich an den Existenzen der Welt. Diese sind aber in das Verhältniß von Dienenden gesetzt. Dieses beide werden wir betrachten. Es ist das Abscheiden des Reinen von der 35 unmittelbaren Existenz. 7  Innern] Innung

64rLi

1012 a, erste Form // Parsismus 64vLi

154rRo

den 9/12Hn

65rLi

nachschrift heimann · 1828/29 Pantheismus

ist ein Name der in Bezug auf Philosophie oft genannt ist. παν Alles und All ist zu scheiden. Alles ist Alles und Jedes, in seiner empirischen Einzelnheit aufgefaßt; παν ist auch All, das Allgemeine, von Allem und Jedem in Einzelnheit zu trennen. Indem Alles für Gott erklärt werde, sagen die Theologen, deßhalb sei die Philosophie ein Pantheismus, und man mache jedes zu Gott. Aber eine solche al­ berne Vorstellung war nie in der Welt. Nur solche Köpfe die das factum falsch aufgefaßt, glauben dieses. Denn nie hat einer gedacht, jegliches Ding sei Gott. Das empirische Einzelne ist das Alles von Einzelnheiten zusammengefaßt. Im Indischen, Muhamedanischen, persischen Muhamedanischen besonders ist diese Ansicht herrschend, diese absolute Einheit. Von dem Einen wird gesagt, daß es das, auch das, etc. sei, indem aber alles Eines sei, so verschwinden die Einzel­ nen gegen einander. Tod und Leben, Meer ist alles Eins, aber jedes als Partikulari­ tät ist nicht mehr mit dem Andern Eins. Alles ist Eins, in welchem die Partikulari­ täten verschwinden. dieses Eine ist bei ihm das Vortrefflichste auch in der Partikularität. In einer Episode des Mahabarata spricht Krischnas von sich. – Der Gedanke ist Einheit als solche, das Allgemeine Prisna ist eine Gestalt. – Es ist dar­

5

10

15

 –5  von Allem … trennen] Li: wesentlich unterschieden vom Allen als in der Weise vom Jeden­   4 ­5 –1013,10 Indem Alles … Bestimmungen.] Li mit Ro: Die Morgenländer haben das Eine, und als solches ist es nicht dieses, nicht jenes. Das ist auch, was im Indischen auch Mahomedanischen vor­ 20 kömmt, besonders im persisch mahometanischen bis auf den heutigen Tag. der jetzige Schah von Persien hat einen Hofpoeten, der seine Thaten besungen. Der persische Gesande (Ro: in Wien) hat dem Kaiser von Oestreich ein Exemplar davon gebracht cf. v. Hammer, der die Auszüge angiebt. Da ist (Li: der Pantheismus glänzend Ro: diese Einheit mit der grossten glanzendsten Stärke) aus­ gesprochen. Von dem Einen wird gesprochen, es ist dies, dies cet. darin liegt, daß die particulari­ 25 taeten gegeneinander verschwinden müssen. z. B. es ist Tod und Leben, Meer und Berge cet. wenn beides so als eines gesetzt wird, so ist da weder Tod noch Leben. Das Eine wird ausgesprochen als das Vortrefflichste im Allen, das ist das Erhabene. Der Gedanke ist das Allgemeine im Allen. Es ist Poesie und Methaphysik überall verbunden. Kawan(?) sagt, wer das erkannt hat, daß alles Hülle des All ist, wer mag da den Tod bewirken, tödten. Todt ist Geburt der Verstorbenen, in den heili­ 30 gen Schriften den Vedas bin ich die Andacht, ich bin das Leben von allen. Cf. Fr. v. Schlegel’s Uebersetzungsauszüge aus dem Indischen. Bei solchen Vorstellungen des Unendlichen giebt es keine bildende Künste. / Diese Phantasie über das Eine ist noch glänzender bei den Persern in mo­ hammedanischer Religion, cf. Tholuck, aus Dschelaleddin Rumi (Rumi, Rumelien, Theil Klei­ nasiens, (Li: der zu Rumänien gehört Ro: d. h. dass er zum Bysantinischen Reich gehört hat. Es 35 herrschen in seinen Gedichten eine unbegreifliche gewalt der gedänke und der sprache. Da ist die glänzendste weise die substantialität aus zu drücken.)) Rückert hat am besten seine | Gedichte übersetzt. Sie sind ganz spielend in der Vorstellung des Reinen (3 und 5 Gedicht). Die Einheit in Beziehung auf das Subject ist das Mystische, das Subject als solches spricht sich in dieser Einheit bei dem Chelaleddin aus.­  ­7–8 Nur solche … dieses.] Ro: Er ist nur in solchen verrückten Köpfen 40 entstanden denen die vernunft ganz und gar fehlt.

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1013

in ausgedrückt, daß man weder sterbe, noch geboren werde, man ist. Was stirbt, das ist das Kleid, welches man ablegt, um ein anderes anzulegen etc. | Das Reine, Gestaltlose, das Eine in Allem ist darin ausgesprochen. Wo diese Einheit bei einem Volk die reine ist, das hat keine bildenden Künste wie die Ju­ den und Muhamedaner; und besonders bei den Parsen. Sophismus nannte man ihre Anschauung, welche nicht von Muhamed ausgegangen ist. Der Dichter Rumi auch im 3ten Gedicht hat so die Einheit der Substanziellität auf die glänzendste Weise ausgedrückt. Diese Einheit in Bezug aufs Subjekt ist das Mysthische, wo das Subjekt als solches sich als Einheit ausspricht. Diese Einheit reducirt sich also in ihren Bestimmungen. Angelus Silesius in Breslau, der zur katholischen Kirche übergegangen, 1624 geboren, 1677 gestorben, und bischof ward, hat den biblischen Wandermann geschrieben cum permissione superiorum, Beitrag zur Gottes­ furcht, von Varnhagen von Ense gesammelt, hat diese Einheit wunderbar ausge­ sprochen. No. 3, 6, 8, 9, 13, 52, 73, 106, 108 enthalten lauter mysthische Formeln der Substanz. Im Morgenländischen ist diese strenge Art des Aussprechens nicht vorhanden. Doch das Verhältniß des Subjekts drükt diese Freihheit der Seele, die

51Hn

8–9 Diese Einheit … ausspricht.] Ro: Es haben auch Dichter diese mystische einheit vorgetragen.­  ­ 10–15 Angelus Silesius … Substanz.] Li: Angelus Silesius 1624 geboren n. Ch. Schäfer eigentlich genannt, der früher Protestant zum Catolizismus überging, und als bischöflicher Rath starb. schrieb mehrere Schriften, die auf diese Einheit Bezug haben /­  ­ Weg Seraphin, Ich weiß, daß ohne mich ich will auch nicht blicken Gott nicht ein Nu kann leben Ich werfe mich allein Werd ich zu nicht In Gottes Anschauung Meer Er muß von Not den Geist aufgeben. Gott muß sich in mir Und ich in Gott ergründen / Daß Gott so selig und lebet ohn Verlangen Hat er aber so von euch als ich von ihm empfangen./ Gott wohnt in einem Licht zu dem der Wandel bricht Wer es nicht selber wird Der sieht ihn ewig nicht Eh ich noch etwas war War ich des Gottes Leben Drum hat er sich ganz und gar Für mich auch selbst gegeben. / Die Rose welche da dein Auge sieht, Hat seit jeher dem Gott also geblüht. 15–16 Im Morgenländischen … vorhanden.] Li: | Im morgenländischen geht es nicht zu dem 65vLi schroffen Ausdruck.­  ­ 16–1014,2 Doch das … Dschelaleddin Rumi.] Li mi Ro: (Ro: Diese unge­ heure freiheit des seele,) Das Bewußtsein dieser Einheit ergeht sich in allen Gestaltungen der (Li: Erde Ro: natur). Cf. v. Hammers Uebersetzung des Hafis, da ist die vollkommene Sicherheit der Dreiheit und Einheit. In Liebe drückt sich alles aus. 5  Sophismus lies Sufismus

1014 den 10/12Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Seeligkeit im Bewußtsein ihrer Einheit aus. In der Liebe zu Allem drückt sich diese Einheit aus im Dschelaleddin Rumi.            

b, zweite Form // Judaismus

66rLi

154vRo

Die Substanz geht zu dem Für sich sein über, es erhält dann die Freihheit in sich, abgezogen von dem Äußern, dieses Innere Substanzielle ist Herr, und das Äu­ ßere ist ein Dienendes, was das Innere verherrlicht. Die beziehung des An und Für sich seienden ist durch die Güte des herrn als auf sich beziehend gemacht wor­ den, indem es an sich nicht ist. Aber die Gerechtigkeit thut sich kund, dadurch kund, daß die Macht nicht ein substanzielles ist, sondern ein Offenbaren der abso­ luten Macht. Diese Bestimmung der reinern Erhabenheit in der jüdischen Religi­ on enthält, was die Phantasie der Substanz mit Ausweitung des Gemüthes über die Partikularität hinausgehend, erhoben. Das Äußerliche, wodurch sich der Herr offenbart, kann nicht deßhalb ein Bild sein, nur der Kunst der Poesie angehören. Der herr ist der In sich Eine , der als sich äußernd dargestellt wird, aber in ätherischen Äußerungen durch ein körperloses Wort, das im Nu verschwunden ist, und rein geistig ist. „Alles ist durch Wort Gottes gesetzt.“ Longin hat dieses als Beispiel des höchsten Erhabenen aufgeführt. Gott sprach: es werde, und es ward. Lob Gottes, die Psalmen, 104 sind die glänzendsten Äußrungen von Gott. Das Licht wird als ein Kleid Gottes gedacht, etc; Alles Lebendige genießt seines dasein; aber im Erfreutwerden ist Alles nur dem Vergehen durch den Odem Gottes unterworfen. So im 90sten Psalm ist ein weiterer Zug; das „Da­ hinfahren“ ist das Zeigen des Einzelnen zur Offenbarung der Macht Gottes. die Bestimmung des Lebens hat ein affirmatives Verhalten, als Recht und Recht­ 4 –10 Die Substanz … Macht.] Li: Das Substantielle bestimmt sich, daß es für sich ist, wozu sich das Aeußerliche nur als herabgesetztes verhält. Das Aeußerliche dient dann nur, es ist nur ein ver­ herrlichendes, ein Schmuck. Das Substantielle zeigt sich immer als die absolute Macht darüber. Das ist des Herrn unendliche Güte, der es ertheilt dem Aeußerlichen etwas zu sein, wozu es von selbst kein Recht hat.­  ­12–13 Das Äußerliche, … offenbart] Li: Das Erhabene­  ­14 Der herr ist] Li: Es ist der Herr, die absolute Substanz­   der In sich Eine] Ro: die absolute substanz für sich, der in sich noch eins­  ­16–17 dieses als … aufgeführt] Li: diesen Ausdruck im 1. Buche der Genesis, als erha­ benen angegeben­  ­17–18 es werde, … ward] Li: es werde Licht, und es ward Licht­  18–19 Lob Gottes, … Gott.] Li: So sind nun die Schilderungen das Lob Gottes, seine Verherrlichungen. 104 Psalme besonders:­  19–21 Das Licht … unterworfen.] Li:“Herr, du bist so schön, so herrlich, / Licht ist dein Kleid, du fährst auf / den Wolken wie auf einem Wagen, / du machst die Winde zu deinen Boten / die Feuerflammen sind deine Diener / der du das Erdreich gegründet, daß / es bleibe auf ewig. Aber von dei/nem Donner fallen wir um. Es wartet / alles auf dich, daß du ihnen Speise gebest.‘‘  Ro: Das Licht ist hier heruntergesetzt zu einem ausserlichen. – Die wolken sind auch nicht als etwas substantielles dargestellt, sondern als ein wagen auf dem Gott reitet.­  21 90sten Psalm] Ro: | 90 Psalm Gebet des Moses­  ­21–22 das „Dahinfahren“ … Gottes.] Li: Daß dieses Dahinfahren das Verhältniß des Besonderen zur Macht ist.

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

1015

thun; indem der herr reich ist, ist auch Gesetz im Menschen; indem die Substanz gehoben ist, erhebt sich auch die andre Seite. die Unterscheidung des Urtheils ist im Subjekt auch gesetzt. Das Unmittelbare kann angemessen sein und nicht dem Subjekt, das Bewußtsein der Sünde tritt im letzten Falle ein und das Vorüberge­ hen und das äußerliche Übel erhalten Beziehung zum Innern Negativen des Men­ schen gegen Gesetz. Mit dem Recht ist der Mensch als selbstständig gesetzt. Schmerz tritt im Subjekt ein, ein Rufen der Seele, die ihre innere Unangemes­ senheit erkennt. Nur im Subjekt tritt der Gegensatz des Negativen vor, als Sünde; der sittliche Schmerz im Innern. Der herr bleibt das substanzielle Subjekt, In sich Bestimmungslose. Das sind die beiden Formen der Erhabenheit. Das Symbolische ist hier verschwunden; Unangemessenheit des Innern und Äußern erscheint hier. |

4, Vom bestimmteren Symbol.

15

20

25

66vLi

52Hn

Die Rükkehr zum Symbolischen entsteht, wenn in das Innere selbst eine Be­ stimmtheit gesetzt wird, daß seine Macht in sich bestimmt sich fasse. Ein Band vom Innern und Äußern entsteht dadurch denn es handelt sich nicht darum, eine innere Bedeutung anzunehmen, deren Gestaltung nur zufällig wäre, ob sie voll­ kommen oder nicht ist; sondern das Bestimmtsein des Innern ist schon ein Äußeres, ein Unterschied entsteht dadurch, und das Äußere ist ja unterschieden in dem Mannigfaltigen. Wird das Innere bestimmt, so entsteht ein Äußeres, das mehr dem Innern entspricht. dieser Begriff hat sich natürlich entwikelt. Wir treten in den Kreis des Symbols in seiner höchsten Form. Das An und Für sich seiende ist an ihm selbst bestimmt; der Fortgang zur Sub­ stanz; wenn das Bestimmen sein Wahrhaftes hat, wird es als Geist bestimmt und gefaßt, nicht als geistiges Wesen überhaupt, sondern als konkret als Geist, sich im

1 –3 indem der … kann] Ro: Indem das innere und äussere aus ein ander gehen, so kehren hier beide zu einem substantiellen zurück: das innere kann dem Substantiellen­  ­ 4–6 das Bewußtsein … gesetzt] Li: das Bewußtsein des Bösen, der Sünde ein, daher das Vergehen, Unglück des Menschen. Das äußerliche negative hat ein Verhältniß zu dem innern negativen. Das Wohlergehen wird mit 30 dem Rechtthun in Zusammenhang gesetzt.­  ­7 ein Rufen] Ro: die bekümmerniss des subjeects, das rufen und das schreien­  ­9–10 In sich Bestimmungslose] Li: Dieses in sich noch ununterschie­ dene bestimmungslose.­  ­15  daß seine … fasse] Li: daß die Macht sich auflöst als in ihm be­ stimmt  Ro: indem das Substantielle gefasst wird als in dem bestimmten­  ­21 dieser Begriff … entwikelt.] Li: Das ist der Fortgang des Begriffes nach der Nothwendigkeit der Entwickelung­  ­ 35 25–1016,1 sich im … Momenten] Li: als das sich in seiner Innerlichkeit von sich unterschiedene, | als das beisichseiende, concrete 67rLi 3  im] in

1016

den 11/12 155rRo

67vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Innern unterscheidend, nach seinen konkreten Momenten. Gott ist gütig, weise, recht und hat innere Bestimmtheit; aber diese Bestimmungen sind nur Prädikate, Beziehungen aufs Andere, welches wesentlich als äußerlich bleibt, und die Negati­ on wird außer seinem Selbst gesetzt. Die Prädikate sind Bestimmungen eines Andern, und reichen nicht hin; Recht gegen Andere meint man nur; thut Gott Wohlthaten, so sind die Wesen zu Zweken gemacht, und haben eine Richtung nach Außen. Es ist das Innere nach sich selbst zu fassen. Dieses Bestimmen ist der Geist, die Freihheit, dh. das Sichselbstbestimmen. Das Innere ist als bestimmt aufzufassen. Die erste Bestimmung am Substanziel­ len selbst, am Ewigen, muß als eine unmittelbare bestimung, als Negation die unmittelbar ist, erscheinen, in ihrer natürlichen Weise und in der umfassendsten Weise ist es der Tod. Das An und Für sich Seiende hat den Tod in sich aufgenom­ men, diese Negation. Der höchste Zweck alles Lebendigen ist nun, in ihm zu ersterben. Das Andre das entstehen läßt, ist nicht, daß das Eine als sterbend ange­ sehen werde, aus dem Tode aufzuerstehn, dieses Rükkehren zum Leben und der Tod tritt so vereinigt als umwandelnd ein, zugleich ein Beharren, und Ähnliches und Zusammenstimmung des Innern und Äußern, wodurch eine Möglichkeit des höhern Symbolischen entsteht. Der Gedanke ist ein abstrakter; der Begriff ist der bewußte, conkrete Gedanke, der sich selbst bestimmt und bestimmt, eine Einheit hat, alle Bestimmungen in sich zurückgekehrt hat. Das Geistige ist 1, die Einheit Allgemeinheit, die bestim­ 1–1017,10 Gott ist … selbst.] Li: Sagt man, Gott sei gerecht, weise cet, so sind dies Praedicate, so daß das negative außer dem Sein des Einen gesetzt wird. Die Weise des Bestimmens durch praedica­ te reicht nicht hin, denn es bezieht sich auf Anderes. Gott ist vor seinem Andern, gerecht, mächtig cet gegen Andere, immer eine Richtung nach Außen. Das Sein des Innern soll aber an ihm selbst bestimmt werden. Dieses Bestimmen in seinem Begriffe ist der Geist oder concreterer Ausdruck die Freiheit, das sich selbst bestimmen. Die erste Bestimmung an dem Substantiellen selbst, muß als unmittelbar erscheinen, als Negation, die unmittelbar ist. Die Negation in ihrer natürlichen unmit­ telbaren und umfassendsten Weise gefaßt ist der Todt. Das an und für sich Seiende muß den Todt in sich haben, dessen bewußt sein. Bei Brama ist der höchste Zweck des Menschen, des Lebendigen in ihm zu ersterben, er selbst ist das. Schiwa ist das Zerstörende. – / Das Eine muß aus dem Tode auf­ erstehen, zum Leben wiederkommen. Der Mensch, das Jahr, ist das Sterben Vergehen, das Verwan­ deln, darin liegt die Zusammenstimmung des Innern und Aeußeren | Der Geist ist das sich selbst bestimmen, welches bleibt eine Einheit. Das innere bedeutet sich selbst – das für sich seiende Innere ist die Sache die dargestellt werden soll. Das Moment des Bestimmens ist darin. Damit ist das Nega­ tive in die Einheit selbst aufgenommen. Das Identischsein, versöhnt mit dem Negativen. Der Todt hat die doppelte Bedeutung, natürliche Negation zu sein, Auf hören, nichtsein, 2) der Todt des Na­ türlichen, der Unmittelbarkeit, und das ist die Geburt des Geistes. Da kehrt er in sich selbst zurück, und das bei sich seiende ist da der Geist selbst.­  ­4 seinem Selbst] Ro: dem substantiellen­  ­10 eine unmittelbare] Ro: eine urerste, als eine unmittelbare­  ­12 Tod] Ro: t o d . Diese Negation ist die eine die veränderungslose: die andere (Z. B. Schiva) ist allerdings das z e r s t ö r e n d e . Es ist aber nur damit die Veränderung personificirt.­  ­21–1017,1 Das Geistige … bestimmende.] Ro: Das geistliche, 1 6  Ähnliches] Ähnlich d

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

25

1017

mende, dann 2, die sich bestimmende. Ebenso ist es mit dem Innern in der reinen Einheit, daß das Innere, die Bedeutung sich selbst bedeute, und einen Übergang zum Äußern hat, ohne daß nur Naturgegenstände innere Bedeutung haben, sondern daß die Seele allein das Darzustellende ist. Hierin liegt das Moment des Bestim­ mens und Sichbestimmens. Die Negation ist in die Einheit so aufgenommen, daß das mit der Negation versöhnte an ihm selbst ist. Der Tod hat nun zwei Seiten, unmittelbare Negation, das abstrakte Nichtsein, aber er ist auch das Natürliche, der Tod der Unmittelbarkeit, d. i. die Geburt des Geists, welcher nicht unmittelbar ist, und das ist die Bestimmung des Geistigen, die Zurückkehr des Geists aus der Un­ mittelbarkeit in sich selbst. So kommen wir zu höhern Kunstformen aus dem Ori­ ent heraus. Wir nähern uns nun dem Westen mehr. Der Phönix, ein ägyptisches Symbol, der Tod, der aus seiner Asche hervortritt, verjüngt. Hieher gehören die Bilder des Adonis, aus der syrischen Küste. Seine Trauerfeier, die noch in Athen gefeiert sind. So Addis auch in Phrygien. | Diese allgemeine Bestimmung des Geistes, zu sein aus dem Nichtsein hat die Natur an sich. dieser Trauertag des Addis am 21ten März, wo der Winter vorge­ stellt ist, die Sonne verschwand, die Kraft der Natur sich erneuert, indem man Addis wieder vorfindet. Ceres und Proserpina sind so Nachklänge. Ober- Un­ terwelt; Verlust, der wieder durch Auferstehung des Saamens in der lebenden Pflanze. So hat am Natürlichen der Geist seine Zusammenstimmung. Addis ist Symbol dieses Natürlichen. hiemit tritt das Symbolische wieder auf, und ist Mittelpunkt, ist größte Form des Symbolischen im weitesten Umfang. Dieses Symbolische ist das, was wir in der ägyptischen Kunst haben.

53Hn

das wissen des begriffs. Also zum begriff das sich selbst bestimmen: rückkehr in sich. – Die unend­ lichkeit ist nur wahrhafte unendlichkeit indem sie sich selbst bestimmt. 10–11 So kommen … heraus.] Ro: Also sehen wir einen übergang von einem Symbol zu einem höheren begriff und zu einer höheren Kunstgestalt. Aus dem Orient kommen wir so heraus­  ­13 der 30 Tod, … verjüngt] Li: es ist dieser Vogel der sich selbst verbrennt, und aus der Asche er sich selbst hervorbringt­  ­16–17 zu sein … sich] Li: durch die Negation zu gehen, und da erst wahrhaft zu sein­  ­17 am 21ten März] Li: in Frühlingsaequinoktium­  ­17–18 wo der … erneuert] Li: wo die Schwäche der Natur vorbei ist, und die Kraft sich erneuert­  ­20–21 der wieder … Pflanze] Li: der auf | der andern Seite wieder gut gemacht wird­  ­22 seine Zusammenstimmung] Li: sein Gegen­ 68rLi 35 bild­  ­22–23 Addis ist … Natürlichen.] Li: D a s N a t ü r l i c h e i s t d a s S y m b o l d e s G e i s t i g ­ e n .­  ­23–24 und ist … Umfang] Li: die Vorstellung ist der Mittelpunkt des Symbolischen­   ­24–25 Dieses Symbolische … haben.] Li: Dieses Symbolische in seinem größten Umfang finden wir in der ägyptischen Vorstellung, wozu die Welt der Kunstwerken uns jetzt näher gebracht hat. 12  ein] eine­  ­15 Addis lies Attis   ­ ­ 22 Zusammenstimmung Lesung unsicher

1018

nachschrift heimann · 1828/29 Von der ägyptischen Kunst.

Hauptzüge sind hier herauszuheben. Das Innere ist zur Selbstständigkeit gedie­ hen. Der Geist wird mehr konkret, und hat sein Gegenbild am Natürlichen, wie das Natürliche auch am Geistigen sein Gegenbild hat. Indem das Geistige anfängt für sich gewußt zu werden, tritt der Trieb ein, dasselbe vorzustellen, und das Na­ türliche als Geistiges zu fassen, und das Geistige zu produciren. Es ist ein Gähren, sich vor die Phantasie zu stellen. Diese Unruhe des Kunsttriebes, der sich noch nicht klar ist, erscheint, und in wildesten Vorstellungen sich ergeht. Ägypten ist deßwegen in diesem unbefriedigten Triebe nicht zu klaren Vorstelungen gekom­ men. Man kann den Ägypter als den Arbeiter ansehen, der immer sich anstrengt, sich vorzustellen. Wir sehen das bauende Volk, die Kunstwerke aller Art, ein Volk, welches den Boden umgewühlt, um darin ebenso sich angestrengt vorzustellen, wie am SonnenLicht. Die indischen Bauten sind auch kolossal, aber dieser unendliche Kunsttrieb ist kleinlich hier. Das Erste, dem wir in Ägypten begegnen, ist, daß Todte aufzubewahren sind, einzubalsamiren, und der Leiblichkeit eine Dauer zu geben. Die Vorstelung des Todten wird zu einem besondern unsichtbaren Reiche. Die Todten sind durch Kunst auf bewahrt worden, und diese Gräber, diese Räume sind so mächtige Construktionen, als nur Gebäude irgend sein können. Diese unter und über irdi­ sche Architektur, Labyrinthe, die ungeheuerste Werke sind nicht genügend. Auch in der Vorstellung wird die Fortdauer des Menschen befestigt. Die Seele ist un­ sterblich, dh. daß das Geistige an und für sich ist; dieses Fixiren des Geistes ist

68vLi

155vRo

  am Geistigen] Ro: am geistlichen wie es menschlich da ist Li: am Schicksal des Geistigen, denn 4 der Geist durchläuft verschiedene Zustände­  ­ 6–8 Es ist … ergeht.] Li: Dieses Ringen der innern Vorstellung, dieses Gähren, sich vor seine Anschauung zu bringen, bringt diese Unruhe, das große Aufgehen des Kunsttriebes.­  ­10–11 der immer … vorzustellen] Li: der immer unruhig, im Be­ streben begriffen, sich vorstellig zu bringen­  ­11–13 Wir sehen … SonnenLicht.] Li: Es hat Ge­ bäude und Kunstwerke aller Art hervorgebracht den Boden unterworfen. | Dieser Bau hat sich in der größten Konstruktion bewiesen. Die Franzosen, wenn sie auch Sinn für das Niedliche nur ha­ ben, haben auch das Erhabene der Alten als kleinlich angesehen. Die Monumente haben die zer­ störenden Revolutionen ausgehalten.  Ro: Daher die grossen ungeheuren Constructionen. Dieser trieb findet sich sonst nirgend. Es sind noch trümmer vorhanden die seit | jahrtausenden zerstört sind und dennoch sind sie am lebendigsten da.­  ­16 Das Erste] Li: Wir heben hier das Wichtigste heraus. Das 1te­  ­17 einzubalsamiren] Li: Menschen und Thiere wurden einbalsamirt­  ­18 zu ei­ nem … Reiche] Li: zum Reich des Amentes­  ­18–19 durch Kunst auf bewahrt worden] Li: einbal­ samirt, ihre Leiblichkeit durch Kunst fixirt­  ­20 irgend] Li: über der Erde­  ­21 Labyrinthe] Ro: Die labyrinthe auch unter dem boden geben auch davon ein beispiel.­  ­22–23 Die Seele … ist] Li: Herodot sagt, die Aegypter sind die ersten, die die Unsterblichkeit der Seele angenommen haben.­  ­23 des Geistes] Li: des Geistes wie des Leiblichen

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

25

1019

eine wesentliche Bestimmung. Der Mensch wird gerichtet von Osiris, dem Könige dem Richter des todtenreichs. Das durch Kunst vorgestellte ist auch unmittelbar da, nicht bloß daß man jeden Todten richtete in jener Welt, sondern schon hier richtete man ihn, ehrte und schändete ihn. Der abstrakte Geist und das Natürliche sind so geschieden. – Man hat den Pyramiden viele Bestimmungen zugeschrieben; aber die Älteste ist die wah­ re, es sind Gräber. Ein Abgeschiedener, um ihn eine ungeheure Umgebung, die Symbol selbst, ein Äußeres und Inneres. Innen der Todte, Äußres die Pyramide. Das Thier ist ein Lebendiges, steht höher als das unorganische Natürliche. Man betete die Thiere an. In diesem Apis, Katze, Hund ist Lebendigkeit, eine höhere innere Macht. Ein solches Thier ist eigentlich kein Symbol, und man hat es zu Gott gemacht. Man hat es aber zum Symbol herabgesetzt von einem Geistigen, wenn dieses Geistige auch nur die Thätigkeit eines Menschen war. Das Göttliche in seiner wahrhaften Gestalt und in der menschlichen Gestalt am Ammon. Eine menschliche Gestalt mit Löwenkopf ist für Minervengestalt angesehen, wo die Thiergestalt Symbol ist. Man brauchte die Thiergestalt auch zur Maske. Die sich mit Mumien beschäftigen, werden mit Thierköpfen vorgestellt, das sind Mas­ ken. | Eine andere Beziehung ist in Memnonen zwischen Innerm und Äußerm, ungeheuere Figuren, wie in Oberägypten 2 gefunden sind, wo die Höhe der Fuß­ zähen eine Menschengröße hatte; ihre Bestimmung scheint das Licht der Sonne auszudrüken, wie man es auch in den Spitzen der Pyramiden dargestellt sieht. Wir sehen auch aus Herodot, daß die Memnone bei Aufgang der Sonne einen Klang von sich gegeben hätten, und auch die Engländer hörten ihn. Die Erhitzung der Steine, die Kühlung des Thaues und der Umstand, daß die Sonne drauf scheint, können innerlich feine Risse hervorbringen, welche verschwinden, und mit dem Knistern von Mineralien im Wasser zu vergleichen sind. Sie bedurften des Lichts von Außen, um zu tönen. Beim Menschen ist es nicht das Aussen, was tönen läßt, sondern das Innere selbst ist Grund der Töne. D. i. die Höhe der Kunst, sich aus sich herauszutönen. Das äußerlich Natürliche ist hier berücksichtigt.

54Hn 12/12Hn

69vLi

30 5  schändete ihn] Ro: jeder kann auftreten um den todten zu beklagen­  abstrakte] Ro: abge­

schiedene­  ­9 Das Thier] Li:|Das Innere indem es gewußt werden soll als ein Aeußeres kann der Geist auch auf Thiergestalten fallen. Das Thier­   das unorganische Natürliche] Li: die unorgani­ sche Welt. ­  ­9–11 Man betete … Macht.] Li mit Ro: Es ist ein Ungeheures (Ro: und ganz verwerf­ liches), daß Thiere angebetet worden. Hier ist in diesem Unmittelbaren Lebendigkeit überhaupt, 35 und eine innere höhere Macht wurde bewußt.­  ­20 hatte] Li schließt an: und alles schön ausgear­ beitet, polirt­  ­21 auszudrüken] Li: aufzufangen­  ­23 und auch … ihn] Li: wie die Aegypter be­ haupteten. In neueren Zeiten hat man es gehört.­  ­23–27 Die Erhitzung … tönen.] Ro: Die fran­ zosen haben diesen aber dies sehr natürlich erklärt durch die hervorbringung eines reissen durch die wirkung des thaus und der sonne. Diese können als symbol betrachtet werden das der mensch 40 die sonne brauchte um einen klang von innen zu geben.

69rLi

1020

156rRo

70rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Osiris. Von Adonis ist schon gesprochen, und dieses Moment des Übergangs zum Göttlichen erscheint im Osiris. Er wird erzeugt, getödtet; man sucht und findet seine zerstreuten Gebeine und begräbt ihn. Hier ist das Bestimmen des Osiris. Er ist herr des Todtenreiches, ein Für sich Seiendes, der Verändrung Ent­ nommenes. diese Verändrung ist auch die Verändrung im Natürlichen, zu erste­ hen, zu sterben, und wieder zu erstehen. Die Sonne giebt uns auch dieses Bild. Im Winter ist sie kraftlos für uns; sie gewinnt ihre Kraft im Frühling, und ver­ liert sie, so ist Osiris das Bild der Sonne. Das Natürliche ist die Bedeutung, und Osiris ist das Symbol. Der Nil ebenso. Kein Regen ist in Ägypten, der Nil befruchtet alles; er ist schwach innerhalb seiner Ufer, schwillt an, überschwemmt, befruchtet – treibt die üppigste Vegetation hervor – und trocknet durch die Hitze, Winde der Wüste und Wüste selbst. Ein Feindseliges nimmt die Kraft dem Nil, und so ist Osiris Symbol des Nils auch. Die Ägypter bewegen sich so im Symbol des Osiris, der auch Symbol des Jahreslaufes ist. Hier sind natürliche Verändrungen zu Bedeutungen geworden, aber sie sind auch nur äußerliche Bedeutungen innrer Bestimmungen. Für das Geistige ist das Na­ türliche, das Symbol, die äußerliche Weise des Erscheinens. das Geistige ist hier selbstständig; entgegen dem Natürlichen, und fängt an gewußt zu werden. – hier ist alles Symbol, wo das Geistige natürlich, das Natürliche geistig äußerlich dargestellt wird. Der Charakter dieser Darstelung ist durch und durch symbolisch. Der Thier­ kreis hängt mit Jahren, Monaten zusammen, welche in symbolischer darstelung an­ gedeutet werden. Götter werden für die Monate gesetzt. Die Stufen am Altare sind nicht zufällig, sondern haben die Beziehung, daß sie so hoch sind, wie die Höhe, die der Nil erreicht. denn davon hing die Abgabe an die Regierung bei den Ägyp­ tern ab. Zahlen also haben Beziehung so wie die Farben. Auf diese symbolischen Beziehungen Rüksicht nehmend, hat man die Gottheiten des Thierkreises, Kalen­ dergötter genannt, welche auch bei den Römern zu Hause waren. dieses Natürliche ist jedoch nicht allein der Gehalt, der Gott ist Personifikation nicht allein, sondern auf die vielfachste Weise stellt Eins das Andere vor.

5

10

15

20

25

30

  Er] Li: Osiris ist die Hauptfigur bei Aegyptiern, er­   getödtet] LiRo: umgebracht von Typhon­   2 ­4  herr] Li: Herr und Richter­   ein Für sich Seiendes] Li: ein Abgeschiedenes­  ­10 der Nil be­ fruchtet alles] Li: Das ernährende für sie ist der Nil  Ro: ihre subsistenz ist der Nil­  ­11 befruch­ tet] Li: befruchtet das ganze Land­  ­13 Ein Feindseliges … Nil] Li: Typhon ist das Feindselige, das den Nil tödtet, ihm seine Kraft nimmt. Sonne und Nil sind die Mächte, der Aegyptier, wo­ 35 durch sie subsistieren.­  ­14–15 Die Ägypter … ist.] Li: Das ganze Leben der Aegyptier ist daran gebunden. Osiris ist nicht nur diese Personification.­  ­18–19 das Geistige … selbstständig] Ro: Das geistige, die seele, ist das unsterbliche.­  ­29–30 der Gehalt, … vor] Li: der einzige Gehalt, umgekehrt ist hier der Wendepunkt, wo das mit einander kämpft, eins das andere repraesentirt

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

1021

Die Labyrinthe mit ihren Kammern sind mit Zahlen der Monate usw. zusammenhangend, so wie auch die Form der Konstruktion der Gänge zusammen­ hängt mit dem Lauf der Planeten. Das Geistige wird Wesentliches. das Innere ist Bedeutung, das Äußre, Natürliche ist Symbol. Die menschliche Gestalt ist noch nicht zu freier Schönheit gelangt. Sitzende Figuren, gesenkte haupter, angelegte Arme, parallele Füße. Dädalus gab erst die Freihheit den menschlichen Figuren. Dort ist das Nichtfreie, das Gezwungene. Auswärtsgekehrte Füße und grade Stellung haben Bedeutung noch jetzt. | Die Bildung der Sphinx als Räthsel giebt selbst das Symbol bei den Ägyptern an. Die Menge der Sphinxe aus dem härtesten Gestein mit Hieroglyphen bemalt, sind mit großer Sorgfalt gemacht, und enthalten den Begriff des Symbolischen; der menschliche Kopf entwindet sich dem thierischen Körper, frei. D. i. daß das Natürliche verlassen wird, und daß das Geistige dennoch nicht klar ist, so ist das Räthselhafte hierin. Der Mythus des Griechen Oedipus, welcher die Sphinx hinabgestürzt, stellt den freien Menschen, geistig dar, welcher das Allein wahr­ hafte ist. das γνωτι σαυτον erscheint darin so deutlich, man erkennt sich, was die Wahrheit und das Geistige im Menschen ist. Das Bewußtsein erscheint so, und das wahrhafte Wissen vom Innern. Die Gestaltung dieses Innern, die Objektivi­ tät geht mit dem Handeln an. Aber gährend und ringend, daß das Geistige aus dem Thierischen sich heraushebe, daß nicht das Thier, Sonne noch weniger, denn diese ist nicht lebendig einmal, das Objektive, Wahre ist.

55Hn

156vRo

5, Von der bewußten Symbolik, Auseinanderfallen beider Formen, Prosa, künstelerische Form.

25

Wo die Bedeutung als solche angegeben wird, und die Bildung und Gestaltung derselben erscheint als entgegengesetzt, d. i. die bewußte Symbolik. Die In Eins

1 –2 mit ihren … zusammenhangend] Li: selbst und die Zahlen der Gemächer und Gänge und ihre Form beziehlich auf den Lauf der Planeten­  ­ 4–5 Die menschliche … gelangt.] Ro: aber darin ist der mensch noch nicht als frei gewusst: auch sind die Künste noch nicht zum schönen erhoben­   ­6 Dädalus gab … Figuren.] Ro: Es wird dem Daedalus zu geschrieben dass er die armen vom Kor­ 30 per getrennt hat und den gestalten bewegung gegeben hat.­  ­10 Gestein] Li: Gesteinen, zu hun­ derten nebeneinander, vornehmlich mit weiblichen Köpfen­  ­13 nicht klar ist] Li: noch nicht klar, es steht noch nicht frei auf seinen eigenen Beinen­  ­15 hinabgestürzt] Li: heruntergestürzt, und so das Rätsel gelößt­  ­16–21 das γνωτι σαυτον … ist.] Li:„Mensch erkenne dich“ ist der Spruch des Geistigen Erkenntniß | Dann ist das Rätsel gelößt, dann ist die Klarheit vorhanden. Hier ist die 70vLi 35 Grenze der klassischen Kunst.­  ­24 Wo] Li: d i e bewußte S y m b o l i k / ist die, wo ausdrücklich­  ­ 24–25 die Bildung … entgegengesetzt] Li: daneben die Gestaltung derselben­. 1  sind] ist­  ­5 gesenkte] gesetzte   ­ ­ 16 γνωτι lies γνωθι

Ro 

1022

15/12Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Bildung beider muß auch gewußt werden. Indem die Symbolik bewußt wird, wird sie untergeordnet, partikulär, in klassischer und romantischer Kunst, wo man über sie hinaus ist, und man nur das Geistige in natürlicher Gestalt sehen will. Die äsopische Fabel und das Bild überhaupt in der einfachsten Form als Metapher, Vergleichung, wird nun zu besprechen sein. Man kann vom Äußern ausgehen, die­ sem eine Bedeutung geben, oder umgekehrt der Bedeutung eine Gestalt geben, und wenn man anzeigt, daß man dieses thun will, so ist das die bewußte Symbo­ lik. Es kann nun jedes von Beiden das Erste sein, und die In eins Bildung ist nicht mehr vorhanden; man muß sie durch Witz, geistreiches Beziehen des Subjekts zu­ sammenbringen in Beziehung auf eine sonstige Erscheinung. dieses sind unvoll­ kommene Weisen der Kunst, indem nicht die Gestalt als solche an ihr selbst das Innere erscheinen macht, sondern sie stellt noch ein Anderes in sich vor, was nä­ her bezeichnet werden soll. Diese Trennung macht sie zur untergeordneten Kunst­ form. Oder giebt es ein Ganzes, so ist es eine untergeordnete Weise, oder es ist als Nebenwerk beim Kunstschmuk. Es entsteht eine Schwierigkeit, wenn man in der Kunst haupttheile macht, nun unter die hauptbestimmungen, niedere Einheiten unterzuordnen. Eine Menge Gebilde passen nicht hier und dorthin nicht, und solche unvollkommenen Gebil­ de, die dem Begriff nicht entsprechen, fallen nach einer Seite hin, wo das Ganze noch nicht seinem Begriffe gemäß vorhanden ist. So die

5

10

15

20

Äsopische Fabel, Parabel.

71rLi  157rRo 

welche nicht in Epos, Drama paßt, und unvolkommene Art der Poesie bildet, weil sie nicht dem Begriff eines Ganzen gemäß ist. Sie lassen sich vielleicht in Gedichte einrangieren, aber auch dieses ist nicht der Fall, denn sie entsprechen nicht dem Gedichte. Bei Der äsopischen Fabel muß unterschieden werden, daß sie im ursprünglichen Sinne genommen werden muß, und nicht in dem Sinne daß man vieles danach bildete. Dort setzt man Thiere gegeneinander in menschliches Handeln, sodaß aus dem Einsetzen derselben eine moralische Lehre sich ziehen läßt, sie mag ausge­

25

  des Subjekts] Li: des Poeten­  ­16 eine Schwierigkeit] Li: die Verlegenheit­  ­18 nicht hier und 30 9 dorthin nicht] Li: zu keiner ganz sondern nur zum Theil­  ­23–25 Sie lassen … Gedichte.] Ro: das andere sind nähere formen des vollkommenen was dem begriff gemäß ist. Beschreibende gedichte sind überhaupt gedichte; aber es ist unvollkommene form; und machen nicht eine bestimmte ein­ theilung aus. In dieser 1sten Classe ist die Aesopische fabel, parabel, apologuen. 28  Handeln] Handeln setzt

35

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1023

sprochen sein oder nicht. Lessing hat über die Fabel geschrieben, und selbst solche gemacht. | Den Vortheil hat man, daß die die gegen einander auftreten, nach ihrem Cha­ rakter bezeichnet sind. So der Fuchs einen Listigen etc. Eine Einkleidung ist es eines Verhältnisses, das ganz durchsichtig ist, wo man die List sich erräthet. D. i. die ursprüngliche äsopische Fabel. – Eine Naturbegebenheit, die für sich so vorhan­ den ist, zu der der Mensch hinzutritt und auf eine sinnige Weise das in allgemeiner Bedeutung nimmt, das Naturverhältniß aber nicht erdichtet wird, d. i. die folgen­ de äsopische Fabel. In der Ersten ist alles vom Menschen gemacht, Nichts Natürliches. In der zwei­ ten ist alles natürlich, von der Natur selbst entliehen, woraus der Mensch das Gei­ stige faßt, und aus der Unmittelbarkeit heraustritt; er läßt die Natur, und legt Sinniges hinein, gewöhnlich eine prosaische Moral. Ohne Poesie und Energie des Geists zu dichten steht Äsop da, der nur witzige Einfälle hat. Das Thierische wird nicht mehr als Göttliches angesehen, sondern ganz prosaisch dienen die thieri­ schen Verhältnisse, um das dem Geiste angehörige vorstellig zu machen. Ächt äso­ pisch ist die bekannte Sammlung nicht, weder nach Inhalt noch Form. Sinnrei­ cher behandelte sie Lessing, und werth wäre es, von kritischer Seite eine bessere Ausgabe vom Anfang dieser Prosa zu veranstalten. Ein natürliches Verhältniß ist das von Eiche und Rohr bei Sturm, vom Adler und Opferfleisch, Schwalbe und Hanf, Fuchs und Raben.

1 –2 solche gemacht] Li: viele aesopische Fabeln gemacht. Es sind dann dabei die Thiere gebraucht.­  ­ 3  Den Vortheil hat man] Ro: Die hauptbestimmung ist dass thiere gegen einander handeln; und dies hat den vortheil­  ­5 wo man … erräthet] Ro: Es ist kein mittel um menschen zu fassen.­   ­5 –6 D. i. die … Fabel.] Li: Die aesopische Fabel ist von anderm Caracter­  ­8 erdichtet] Li: erdich­ tet, sondern aufgenommen, und in ihn höhere Bedeutung hineingelegt­  ­10 In der … Natürli­ ches.] Li: Pfeffels Fabeln sind der Art, z. B. Fuchs, Spürhund, Luchs mit ihren besonderen Eigen­ schaften, treten zu Zeus und beklagen sich wegen ihrer Einseitigkeit. Zeus gewährt ihnen die Bitte, sie thaten sich alle drei. Da wird der Fuchs auf den Kopf geschlagen, der Hund taugt nicht zu jagen, der arcus Luchs bekommt ein Staar. – Das sind alles gemachte Verhältnisse.­  ­13 Moral] Ro schließt an: nichts freies, nichts poietisches, nichts tiefes. Wenn wir näher die Aesopische fabel un­ tersuchen so werden wir immer diesen Character finden. Die meisten aufgezeichneten Esopischen fabeln sind daher etwas bleibendes, die in alle nationen übergehen­  ­13–14 Ohne Poesie … hat.] Li: Aesopus hat Witz ohne Tiefe der Anschauung und ohne Kraft der Poesie. Er ist ein Sklave. Da geht die Prosa des Vorstellens auf.  Ro: Aesop ist in Phrygien verlegt­  ­20 Eiche und … Sturm] Li: Eiche und Rohr, das sich vor Sturm biegt, jene entwurzelt­   vom Adler und Opferfleisch] Li: Es ist leicht möglich, daß der Adler der vom Altare Fleisch raubte, die Kohle mitnahm, die sein Nest verbrennt.­  ­20–21 Schwalbe und Hanf ] Li: Die Schwalbe frißt keine Kerne, fordert andere Vögel auf, Hampf kerner aufzufressen, sie verläßt auf Herbst die kalten Länder. So liegt die Natur­ betrachtung zu Grunde.­  ­21 Fuchs und Raben] Li: Der Rabe schreit, wenn er den Fuchs sieht, hat er einen Käse im Schnabel, so muß er das fallen lassen.

56Hn

71vLi

1024

16/12Hn

72rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Es giebt Fabeln, die nicht mehr die natürlichen Verhältnisse in sich enthalten. Sie unterscheiden sich von den äsopischen, daß die äsopischen beim alten bleiben, Etwas Festes enthalten, das für immer gilt. D. Ind. Pfeffel, Gellert, Lessing, Lafontaine haben im Sinne Äsops solche Fabeln geschrieben. Das fabula docet ist ein späterer Zusatz, welcher der Fabel von dem Naiven, Etwas nimmt, indem die Prosa hinge­ stellt wird, außerdem paßt nicht immer die Lehre, es können noch 10 andere hin­ zugesetzt werden, die vielleicht noch besser passen würden. Viele solche Bilder hat Göthe, die natürliche Verhältnisse haben, und durch eine leichte Weisung ist ihnen ein allgemeiner Sinn gegeben. das Sprichwort hat denselben Charakter, z B. eine Hand wascht die andre, wo vom wirklichen Waschen nicht die Rede ist, sondern man nimmt es im allgemeinen Sinne. Die Fabel vom Roßkäfer und Adler ist sonderbar zusammengebracht, daß der Instinkt des Adlers und Käfers ganz Etwas Algemeines ist. Der Roßkäfer hat sonst große Bedeutung, so in Ägypten ist er Zeichen des Erwachens, und seine Kugel ist als die Macht angesehen, als Welt. Die Fabel zeigt nun Anklang an ein Bild, das sonst von Wichtigkeit ist. Aristophanes im Frieden hat den Roßkäfer auf die Bühne gebracht, und mit ihm Possen getrieben, der doch bei den Ägyptern solche Wichtigkeit hat. Das Thiersymbol ist von den Griechen herabgewürdigt gestellt worden. Reinike Fuchs ist eine Fabel, wo Personen eingekleidet sind; der König ist da mit seinen Vasallen, aber andrerseits als Allein herrschender und die Partikularität der Vasallen, die nach ihrem Willen handeln, paßt gut zur Thiernatur. Eine Ver­ mischung ist hier also, wo das Thierische die Einkleidung giebt.

5

10

15

20

4 fabula docet] Ro: ουιος ο μυθος δηλοι fabula docet Li: fabula docet, μυθος θελει­   7­ –8 Viele sol­ 25 che … Göthe] Li: Das concrete Lied läßt sich nach vielen | Seiten nehmen. Goethe hat viele sol­ cher Bilder­  ­8 Weisung] Ro: hinweisung auf ein inneres Li: Wendung­  ­9 gegeben] Li: gege­ ben wurde. Er sagt z. B. wir reiten in Kreuz und Quer / Nach Freuden und Geschäften cet­  ­ 10–17 das Sprichwort … ist.] Li: I I S p r i c h w ö r t e r u n d B i l d e r / Da werden auch äußerliche Natürlichkeiten in höhern Sinne genommen. Heilige Symbole wie Roßkäfer, die allgemeine 30 Macht der Welt wird in aesopischer Fabel als Bild gebraucht, der verfolgt den Adler, der den Hasen geraubt.­  ­17–20 Aristophanes im … worden.] Li: Aristophanes braucht den Roßkäfer um in Olymp zu steigen und Frieden zu holen.­  ­21–23 Reinike Fuchs … Thiernatur.] Li: Reinicke der Fuchs ist nur Einkleidung, als thierische Erscheinungen selbst. so ist es auch bei modernen Fabeln. Die Angaben der Vorstellungen liegen nicht in der Natur der Thiere. / Die Zeit macht Rosen und 35 Dornen, aber es treibt wieder von vorne – ist eben so ein Bild.­  ­23–24 Eine Vermischung … giebt.] Ro: Die blosse einkleidung eines satzes ins Thierische ist etwas oberflächliches, triviales, wie viele moderne fabeln. 3  gilt] giltet   D. Ind. Auflösung unsicher­  ­15 Erwachens Lesung unsicher

besondere kunstformen · symbolische form

1025

Zwei Hamster in der Fabel geben eine deutliche Lehre, aber der Naturinstinkt ist nicht zu Grunde gelegt, da die Hamster nicht einsammeln. – Fabeln sind auch zu gewissen Zwecken gemacht, wie die des Menenius Agrippa etc. |

Parabel, Apolog. 5

10

15

Einer gewöhnlichen Begebenheit im Leben eine höhere Bedeutung zu geben, ist Parabel. So erzählt Herodot von Cyrus und seinen Persern, daß Cyrus sie erst arbeiten, dann speisen ließ, eine praktische Parabel. Die christliche Parabel im neuen Testament, vom Gastmahl und den wenigen Gästen, vom Sämann, so wie der Ring von Lessing auf die Religion angewendet, Göthes Parabel vom Schul­ mann im Gesellschaftszimmer und auf dem Felde, wo er Ohrfeigen erhält, und sich nun erst findet, von der Katze in der Pastete in Bezug auf Newton mit seiner Farbenlehre, die schlechte Erfahrung tüchtig ausgewürzt hat, oder daß Newton die Katze ist, an die die andern Physiker viel Gewürze gethan. Der Apolog entsteht, wenn die Geschichte nicht Bild der Lehre ist, sondern daß in der Geschichte die Lehre selbst ausgesprochen ist, so ist das Gedicht der Bajadere als ein Apolog angesehen. Maria Magdalena ist auf indische und göthische Weise behandelt. Man kann also auch eine Parabel, wo die Lehre ausgesprochen ist, als Apolog ansehen, wie es auch geschah.

57Hn 157vRo

Verwandlungen. 20

Diese Vorstelungen geben den Übergang zum Klassischen, wo vom Ringen der Ägypter zur Freihheit der menschlichen Gestalt übergegangen wird. Die Verwand­ lungen sind aus dem Ovid bekannt, die Ovid kunstvoll dargestellt; die Eigen­

3  Menenius Agrippa] Ro: Es gibt auch fabel wie die von Menenius Agrippa wo natürliche umstände auf eine sehr einfache weise vorgestellt werden.­  ­9 der Ring … angewendet] Li: Der Ring in Les­ 25 sings Nathan, es sind viele nachgemacht, und jeder Sohn glaubt, den Rechten | zu haben. Parabel auf Religion.  Ro: der ring den Lessing aus Bocacio genommen­  ­9–11 Göthes Parabel … findet] Li: Bei Goethe ist eine vom Schulmann, der ganz roh in Gesellschaft kommt, bei allen um Verzei­ hung bitten, verschuldet er sich von neuem, es wird ihm übel zu Muthe, er macht sich fort, in Ge­ danken geht er über eine Wiese der Eigenthümer springt herbei und giebt ihm eine Ohrfeige. Da 30 findet er sich erst unter den Seinigen und dankt ihm dafür.­  ­11–13 von der … gethan] Li: Parabel auf Newton und seine Farbentheorie, der daran viel Gewürze pastetet hat.­  ­12 die schlechte … hat] Ro: Die Katze macht nicht der Koch zu einem Haase.­  ­15–16 so ist … angesehen] Li: bei Goethe Bajadere zeigt sich sorgsam, daß bei ihrer sonstigen schlechten Lebensart das Gefühl der Liebe in sie kommt. Apolog auf Maria Magdalena.­  ­15 Bajadere] Ro: auch der Schatzgräber­  ­19 Verwand35 13  die] dem

72vLi

1026

73vLi

17/12Hn

nachschrift heimann · 1828/29

thümlichkeiten der Zeit, der sie angehoren sind nicht zu sehen. Ein Natürliches wie Fluß, Felsen, Pflanze, wird erklärt, daß er zeigt, daß es nicht die Äußerlichkeiten, ein Fluß etc. sind, sondern daß es einen Inhalt hat, der eine vom Geist ausgehende Geschichte ist. Die Nachtigall ist demnach auch ein Geistiges. Ägyptisches haben wir so vor uns, wo ja auch Natürliches als geistige Macht verehrt ist, wo in Nach­ tigall, Felsen, Niobe die weinende, traurende zu sehen. Die Thiergestalten, Blu­ men etc. sind Resultate von unglücklichen Begebenheiten, oder von Verbrechen, sodaß die natürlichen Gestalten nicht mehr so betrachtet werden, daß in ihnen ein historisches enthalten ist, sondern ein herunterkommen des Geistigen, eine Strafe. Das Verhältniß der Ägypter ist selbst demnach verwandelt. Ein unendlicher Schmerz läßt das Geistige seiner Freihheit beraubt sein. So entsteht ein Übergang vom Göttlichen zum Natürlichen, in Degradation. Der Anfang ist nicht ein Bild, das wir vorgebracht, sondern als äußerlich Vorhandene, wie Thier, Blume, so wie in der äsopischen Fabel. Spuren von ältern Mythen und Beziehungen sind demnach in den Verwandlungen enthalten. So die Verwandlung der Pyriden die in Spechte verwandelt werden, wo der Inhalt ist, daß die Pyriden die Titanen singen, und daß die griechischen Götter in Thieren sich verborgen haben, die Musen singen die griechischen Götter, die Pyriden werden nun bestraft durch den Gegensatz.

5

10

15

Räthsel ist alles Symbolische in weiterem Sinne, so wie die ägyptische Kunst. Es sind Gestalten, wo noch nicht die Bedeutung heraus ist, indem die Bedeutung nicht das Klare ist. Es giebt ausdrükliche Räthsel. In der alten Kunst giebt es solches, was uns 73rLi

20

lungen.] Li: | I V Ve r w a n d l u n g e n / wie sie uns bei Ovid vorkommen.­ 2–3 die Äußerlichkeiten, … sind] Li: nur sei als prosaisch objective­  ­4 Die Nachtigall … Geistiges.] Li: Die Nachtigall ist nicht nur der Vogel, sie ist auch die Philomele, der Fortschritt vom 25 Aegyptischen.­  ­5 verehrt] Ro: betrachtet und verehrt­  ­6 Niobe die … sehen] Li: Der Fels ist die weinende Niobe über Verlust ihrer Kinder.­  ­ 6–9 Die Thiergestalten, … Strafe.] Li: Betrachten wir den Inhalt näher, so haben wir hier einen Fluss, ein Thier, als Resultat von einer unglückli­ chen Begebenheit oder verbrecherischen Handlung, es wird nicht betrachtet daß das Affirmative, Höhere dort inwohne, sondern daß es eine Strafe für das Verbrechen ist.­  ­10–15 Ein unendli­ 30 cher … enthalten.] Li: Es ist der unendliche Schmerz zu dem das Geistige heruntergesunken ist. Das Licht wird nicht Bild, die äußerliche Gestalt wird von Phantasie nicht gebildet, sondern aufgenom­ men, wie sie ist und höherer Inhalt gesetzt. Da sind Szenen von alten Mythen und Traditionen.­  ­ 17–18  singen die griechischen Götter] Li: besingen nur das Erhabene der griechischen Götter  ­ 19–20  Räthsel / ist … Kunst.] Li: V R ä t h s e l / Zusammenstellung von Gestaltungen, so daß 35 diese Bedeutung versteckt wird. Das Kunstwerk ist aber immer unvollkommen, wenn es räthsel­ haft ist. Das Räthsel selbst ist aber Kunstwerk. Die Züge müssen nur nicht vieldeutig sein.  Ro: Es 3  ausgehende] ausgehenden­  ­21 Bedeutung] Bendeut

besondere kunstformen · symbolische form

5

1027

nicht klar ist. In dem ausdrücklichen Räthsel sind die Züge widersprechend ausge­ drückt, und scheinen nicht zusammenkommen zu können. Sie passen auf Vieles, und Eins ist zu finden. Sancho Pansa sagt er will die Auflösung vorher lieber haben. | Im Orient und Mittelalter hat das Räthsel Interesse erregt. Sinnreiche Gedanken sind auf versteckte Weise dargestellt. In den Wartburgkämpfen ist auch ein Sieg dem Räthselertheiler gegeben worden, und so ist oft viel Werth darauf gelegt worden.

58Hn 158rRo

Epigramm.

10

15

Bei einem Gegenstand einen sinreichen Einfall haben, entstehen 2 Bestimmun­ gen, Gegenstand und Vorstellung, die in Verbindung stehen. Das Frappante ist, daß ein solcher Inhalt in dem Gegenstand aufgezeigt wird. Unermesslich ist hier das Reich der Gedanken, Witz, Einfälle. Ein Einfall kann für sich kurz ausgesprochen werden, in dem Sinngedicht, wo nur eine äußerliche Verbindung ist, und nicht poetischen Gehalt hat. Die Bedeutung kann auch Sinn des Ersten sein, mit dem Sinn wird eine Gestalt verbunden, daß zugleich der Sinn von Gestalt ist; hier wird die Bedeutung gesucht aus der bildlichen Darstellung, und hieher gehört das Räthsel selbst, wo Züge gesucht werden, um auf eine Bedeutung zu zeigen; aber beim Räthsel ist die Erscheinung das Erste. So kommen wir auf die

Allegorie 20

wo man von der Bedeutung als einer allgemeinen Eigenschaft, die äußerlich dar­ gestellt wird, ausgeht, in einer Handlung auch. Das Innere ist ein nicht wahrhaft Conkretes, sondern ein dramatisches, Abstraktes, wie die Zeiten des Jahres als ist hier noch an das räthsel zu erwähnen: gesellschaftliche unterhaltungen. 1 klar ist] Ro: das klare ist. Ein Kunstwerk ist aber immer als schlechter an zu sehen wenn es ein

25 räthselhaftes ist.­  ­2–3 Sie passen … finden.] Ro: Da ist die aufgabe die bedeutung des wortes des

räthsels zu finden.­  ­ 3–4 Sancho Pansa … haben.] Li: Sanchopansa bei Don Quichote sagt, er habe es lieber, wenn man ihm die Auflösung voraussagt. Hat man die, so sieht man ob die Gestaltung gut gemacht ist.­  ­4 Im Orient und Mittelalter] Ro: Bei uns ist es zu einem gesellschaftlichen ver­ gangenen herabgesunken. Im alterthum­  ­8–18 Epigramm. / Bei … Erste.] Li: Das moderne Epi­ 30 gramm ist eine Art von Räthsel, nehmlich ein witziger Einfall. es ist ein Vorhandenes und ein Einfall. Das frappante dabei kann das sein, daß der Inhalt aufgezeigt wird in kurzen Zügen. Das andere Verhältniß ist, daß die Bedeutung der Sinn das erste ist, und damit eine Gestaltung verbun­ den wird so daß beides unterschieden von einander erscheint.­  ­21 in einer Handlung auch] Li: in einer Handlung, oder in individueller Gestalt­

74rLi

Ro 

1028

nachschrift heimann · 1828/29

Person dargestellt, nach ihren Produkten, ebenso Krieg, Frieden, u. s. w. Solche Wesen sind nicht klassische Götter, ein wirklicher Mensch auch nicht. Die Allego­ rie ist deßhalb frostig, weil die Subjektivität äußerlich, und der Inhalt abstrakt ist. Das Abstrakte wird nun in Mitteln, die symbolisch sind, dargestellt. Die Gerech­ tigkeit mit der Wage u. s. w. Die Skulptur nimmt häufig zu ihr Zuflucht, wenn ein Subjekt mit seinen Eigenschaften vorgestellt werden soll. Freilich kann der fromme Mann durch seine Stelung vom Krieger unterschieden werden; aber sollen die Eigenschaften bestimmte sein, so werden sie allegorisch vorgestellt, man setzt den Genius des Sieges zum Krieger. Auf Sarkophagen hat die Kunst weniger dazu Zuflucht genommen. Mythologische Gegenstände die Beziehung auf das Schiksal des Todten haben, wurden hingesetzt. In der romantischen Poesie ist sie vornehmlich gebräuchlich vermöge des Chri­ stenthums, da sie es mit Christus zu thun hat und seinen Aposteln; aber auch mit dem Geistigern überhaupt, in seinen Verhältnissen und Eigenschaften, Glaube, Lie­ be, Hoffnung. Nicht zu Göttern soll man sie individualisiren sondern allegorisch auffassen. Dante ist selbst allegorisch. So der Eingang seines Gedichts; Beatrice war ein Mädchen von 9 Jahren, das er mit eigner Empfindung liebte, welche er zu einer allegorischen Figur der christlichen Religion mit mysthischem Sinn erhebt.

74vLi  158vRo 

5

10

15

Metapher ist eine bekannte Redefigur, in welcher die Bedeutung nicht ausdrüklich angege­ ben ist aber aus dem Zusammenhang erhellt. Ein Bildliches, das für Etwas Allgemei­ nes Abstraktes gebraucht wird. Ein Bildliches ist auf Geistiges übergetragen, und so ist es auf Symbolisches übertragen, aber die Bedeutung ist gegeben, und sie ist das 1te. In der Sprache giebt es eine Menge solcher Metaphern: begreifen, fassen, ist auf sinnliche Weise festhalten, dann auch das geistige Fassen. Durch die Länge des Gebrauchs kann es eigentlich und nicht mehr metaphorisch sein. Wir erinnern uns

20

25

 –2 Solche Wesen … nicht.] Li: Es ist kein klassischer Gott, kein Heiliger.­  ­ 4–5 Die Gerechtig­ 1 keit … Wage] Ro: Z. B. der Krieg durch fahnen Canonen u. s. f.: die Gerechtigkeit durch die wage. Das symbol nennt man was als die eigenschaft bezeichnend dabei vorkommt.­  ­ 5–9 Die Skulp­ tur … Krieger.] Li: Die Sculptur muß immer ihre Zuflucht zu Allegorien nehmen. Frenkel(?) ist 30 andres als Blücher, allegorische Figuren werden damit verbunden. Genius des Ruhmes, des Sieges in den Reliefs.­  ­12–16 In der … auffassen.] Li: Allegorie ist besonders in Romantischer Poesie aufgenommen. Christus, Apostell, Evangelisten, Heiligen haben Zeichen der Allegorien. Glaube, Liebe und Hoffnung.­  ­16–18 Beatrice war … erhebt.] Li: Die Beatrice, die zwar ein Mädchen gewesen, die er mit innigster Empfindung verehrt hat, wird erhoben besonders zuletzt zu einer 35 ganz allegorischen Figur, giebt ihr ganz mystischen Sinn­  ­18 erhebt.] Ro schließt an: Die bedeu­ tung ist hier also das erste.

besondere kunstformen · symbolische form

5

10

1029

nicht mehr des Sinnlichen, sondern des Geistigen gleich. Bei der alten Sprache kann man dieses nicht mehr so unterscheiden. – Ein See von Thränen, – Frühling der Wangen. – In der modernen Sprache und orientalischen findet man mehr Metaphern als im klassischen Styl, die prosaische Sprache ist weniger blumenreich. Aristoteles hat keine, Plato wenige, Thucydides und Sophokles und homer haben nur eigentliche Ausdrücke, die unmittelbar zu Vorstellungen gehören. | Die Metaphern entfernen sich mehr von strenger Einfachheit, und von dem fe­ sten Boden der Sprache. Man geht in ein anderes Feld über. Ein Luxus sind sie, den man auch im Orient besonders findet.

59Hn

Vergleichung

15

20

ist auch Metapher; aber die Metapher ist einfach, die Bedeutung ist nur bildlich gesagt. Bei der Vergleichung ist beides geschieden, und die Vergleichung ist deßhalb ausführlichere Metapher. Beides kann auch mit einander vermischt sein. Aristoteles setzt den Unterschied beider in das W i e . Die Vergleichung ist ein Schmuck der Poesie besonders, und von unendlicher Mannigfaltigkeit. Einer Art von Poesie ist sie mehr als andern erlaubt. Ist die Bedeutung bestimmt ausgesprochen, so ist es überflüssig, noch ein Bildliches zuzufügen. In den hainschen Commentarien zu Virgil werden die Vergleichungen als erklärend gerühmt, aber oft sind sie nicht nöthig. Schildert homer Ajax wie einen Esel beim Zurückziehen aus dem Kampfe, so ist das selbst klar, aber d. i. nicht Zweck dieser Vergleichung. Es gilt die­ ses Bild doch nicht Etwa für schön bei einem sich zurückziehnden General. Man verweilt sich durch den verglichenen Gegenstand dabei, man interessirt sich bei der Sache, und wird vom Fortgang durch die Vergleichung herausgezogen. Aber d. i. die

25 2 –3 Frühling der Wangen.] Ro: die lilien der wangen. Das ist so gleich klar.­  ­5 die prosaische …

blumenreich] Li: Der orientalische Stil ist besonders blumenreich.­  ­ 5–6 Aristoteles hat keine] Li: Im Aristoteles kommen nur selten Metaphern vor­  ­7 gehören] Ro schließt an: sie sprechen immer streng auf dem einen boden der rede welche unmittelbar für die eigentlichen vorstellungen ge­ macht ist. Es ist daher ein reiner styl.­  ­ 8–9 Die Metaphern … Sprache.] Li mit Ro: Die Vermi­ 30 schung (Ro: von eigentlichem und uneigentlichem Sinn) ist kein Vorzug, man weicht ab von stren­ ger Regelmäßigkeit.­  ­9–10 Ein Luxus … findet.] Ro: am meisten haben die orientalen misbrauch von diesem luxus gemacht.­  ­15 W i e ] Li: Wie, das gebe die Vergleichung­  ­20–22 Schildert homer … General.] Ro: Ajax wird im Homer verglichen mit einem Esel der von bauren von dem acker gejagt wird und im laufen noch hier und da abfrißt. Einem modernen Dichter würde es nicht 35 einfallen den Rückzug eines Helden mit der flucht eines esels zu vergleichen. Das ist also etwas Conventionelles.­  ­20–21 aus dem Kampfe] Li: noch hier und da Siege erringt 1 8  hainschen lies heyneschen­  ­20 Esel] Eisel

75rLi

1030 18/12Hn

159rRo

75vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Absicht des Dichters, sich nicht befangen zu machen, sondern ruhig den Gegen­ stand als äußerlichen zu betrachten. Es ist also eine theoretische Absicht aus dem ernsthaften Fortschreiten den Leser herauszureißen. Etwas Schmerzliches wird dadurch zurückgehalten, indem man auf den äußern Anblick beschränkt wird, und die Empfindung entfernen läßt, welche bei homer z B. bei einer Verwun­ dung das innere Brüten schnell schwächt. So wird auch das Ekelhafte dadurch entfernt. Im natürlichen kindischen Vorstelen, das noch nicht das Poetische zu be­ leben weiß, nimmt man zu andern Parallelen seine Zuflucht, und giebt dem Vor­ stelen eine Wichtigkeit dadurch, z. b. Polyphem im Ovid Metamorphosen, der sei­ ne Galathea verwundet, preist sie in 18 hexametern in lauter Vergleichungen, wo eine Art Ironie über Polyphem selbst enthalten ist. Im hohen Lied Salomos sind ähnliche, wo das Weiße der Zähne gepriesen und mit Vergleichungen breiter und wichtiger wird. So cap. 4 wird es komisch. Ossian’s wo noch nicht tiefer Geist, nur oberflächliche Empfindung ist, Armuth an Tiefe der Phantasie. Ein Verweilen der Ermattung sind sie auch bei Ossian. Eine gewisse Wehmuth über die Vergangenheit des heldenalters läßt das Gemüth ermatten, und zu äußern Dingen greifen. Shakespeare ist oft wegen seiner Vergleichungen getadelt; man hielt sie für unordentlich, wenn die Seele von tiefen Leiden ergriffen ist, daß sie zu Bildern greift, in Vergleichungen sich ergeht. Sie seien ein üppiger Auswuchs des dichters, und daß die Stärke der Leidenschaft dadurch verfehlt werde. Aber zugleich ist es nicht zu vergessen, daß indem meine Seele in Leiden versunken ist, sie sich auch stark, edel beweisen muß, und der Adel in Leidenschaft zeigt sich, wenn der Geist sich befreit von ihm zeigt, und in dieser Leidenschaft Besonnenheit erhält, und deßhalb vermindern solche Bilder den Eindruck nicht. Im heinrich 4. wo Percys Tod der Vater Northumberland erfährt, vergleicht er sich mit Priamos, welches selbst entfernt scheint; Beim lesen können wir uns hineindenken, aber beim Spre­

5

10

15

20

25

3  Fortschreiten] Li: Fortschreiten der Handlung­   herauszureißen] Ro schließt an: Das ist oft der fall in Shakespeares tragödien, wo man ihm sehr oft deswegen einen vorwurf gemacht.­   ­ 3–4 Etwas Schmerzliches … wird] Li: Es ist das höhere theoretische Interesse. Die Vorstellung wird beschränkt 30 auf blosen Anblick.­  ­6–7 So wird … entfernt.] Li: Er benimmt dabei das Ekelhafte, wie wenn eine Frau aus Mäonien Elfenbein mit Purpur mengt zur Zierde des Pferdes, so floß das Blut auf den Schen­ keln des Menelaos.­  ­10 verwundet] Li: bewundert­  ­13 So cap. 4 … komisch.] Ro: Wenn die ver­ glichenen gegenstände zu sehr entfernt sind, geht die vergleichung zu dem Comischen über.­  ­ 16–17 Eine gewisse … greifen.] Li: Wehmuth daß die Zeiten der Helden vergangen sind, die zur 35 Vertiefung führt, und zur Ausführung der Bilder des Natürlichen, statt sich zu ermannen.­  ­19 unor­ dentlich] LiRo: unnatürlich­  ­19–20 wenn die … ergeht] Li: daß die Seele in Bilder ergeht, wo sie in höchster Gefahr ist­  ­22 Leiden] LiRo: Leidenschaften­  ­23–25 wenn der … nicht] Ro: dadurch dass die Seele sich in dem schmerz in der lust frei zeigt und noch besonnen seyn kann; und diese besonnen­ heit diese Phantasie ungeachtet durch ihre leidenschaft erhält­  ­25–27 wo Percys … scheint] Li: Der 40 8  weiß] wissen

besondere kunstformen · symbolische form

5

1031

chen ist es schwer. Shakespeare macht seine Personen zu Dichtern, indem er ih­ nen Phantasie giebt. So der edle Richard, Katharina. | Wenn die Erhebung über seinen Zustand ausgedrückt wird, läßt Shakspeare sei­ ne Personen Reflexionen machen, die allgemein sind, aber daß seine Personen sie haben, zeigt ihre Ergebenheit in die Umstände. Makbeths Vergleichung seines Schiksals mit der Sonne, und im heinrich 8, Wolsey. Üppig scheinen oft wohl doch solche Vergleichungen. So Warwicks Verglei­ chung bei seinem Tode.

60Hn

Bild 10

15

ist ausgeführte Metapher, eine in die Bedeutung selbst eingeflochtene Verglei­ chung, wo die Bedeutung und Gestalt nicht Eins jedes ist, sondern verschmolzen. Theils modern, theils orientalisch sind die Bilder. Schiller und Göthe brauchen sie oft. Mahomets Gesang. Bedeutung und Verglichenes ist verschmolzen. Die Sehn­ sucht ist in dem Bilde der untergehnden Sonne im Faust üppig durchgeführt. Auf die kühnste Weise findet man sie in der Orientalischen glühenden Phanta­ sie. „Die Reue zerschlägt des Herzens Glas.“

159vRo 19/12 1828Hn

Vater des Persi erwartet Nachricht vom Schicksal seines Sohnes, er fragt den Boten: du zitterst und die Blässe deiner Wangen ist geschickter die Botschaft zu sagen als deine Zunge. Dann Vergleichung mit Priam und Brand Trojas, die dem schlafenden Priam ein Bote bringt. Wie König Richard dem Hein­ 20 rich IV. die Krone übergiebt, wo sie mit 2 Eimern verglichen werden, die aus einem Brunnen Wasser schöpfen, der eine in der Tiefe, der andern in der Luft sich emporregt. 2 Katharina] Ro: so auch Catharina in Heinrich dem VIII.­  ­ 3–5 Wenn die … Umstände] Li: Die Personen machen Reflexionen über den Wechsel der menschlichen Dinge, dadurch zeigen | sie 76rLi das Darüberstehen des Geistes über die Umstände.­  ­6 im heinrich 8, Wolsey] Ro: Bei Shakespeare 25 der Cardinal Wolsey im Heinrich dem VIII.­  ­7–8 So Warwicks … Tode.] Li: Warwick z. B. wenn er stirbt, sagt, der Mangel meiner Kräfte sagt mir, daß ich dem Feinde mich überlassen muß. Dann weiter Vergleich der Ceder, die von der Axt niedergehauen wird­  ­9 Bild] Ro: Die 3te form ist das bild überhaupt Li: V I I I D a s B i l d ü b e r h a u p t ­  ­ 11  verschmolzen] Li: ineinander verwurzelt­  ­12 Theils modern, … Bilder.] Li: Das ist vornehmlich im Orientalischen.­  ­ 30 12–13 Schiller und … oft.] Ro: Dies kommt sehr häufig vor im Orient aber auch in den modernen Dichtern, in Schiller und Göthe.  Li: Bei Schiller: In Ozean schifft mit tausend Masten der Jüng­ ling Froh bringt der Greis gerettetes Bot in den Hafen.­  ­13 Mahomets Gesang. … verschmol­ zen.] Li: bei Goethe Mahomets Gesang ist ganz ausführliche Vergleichung. Sein Beginn, Ausbrei­ tung seiner Lehre. Seht den Felsenquell, Wolken nehren seine Jugend, reißt Bruderquell mit sich 76vLi 35 u. s. f. (sehr schön).­  ­13–14 Die Sehnsucht … durchgeführt.] Li: | In Goethes Faust ist in den 1ten Szenen die Sehnsucht des Geistes ist vereint mit dem Bild der untergehenden Sonne zu üppig ausgeführt.­  ­15–16 Auf die … Glas.“] Li: Bei Orientalen ist die bildliche Weise am kühnsten. Ha­ fis sagt, der Wellenlaut ist blutiger Stahl als Tropfen fallen herab der Nasirwane glänzendes Haupt, 5  Umstände] Umtstände

1032

nachschrift heimann · 1828/29 Von der klassischen Kunstform.

77rLi

77vLi

Der Inhalt verbindet sich mit der Form, je vollkommener beide sich entsprechen, desto vollkommener sind sie auch. In der klassischen Kunst ist die Einheit der Selbst­ bedeutung enthalten. Die Elemente hiezu haben wir zerstreut gesehen. Die einfa­ che Einheit mit sich selbst, die einfache Freiheit des Denkens, die Erhabenheit, das Beruhen auf sich selbst, wo das Mannigfaltige ein unterschiedenes Verhältniß hat war eine Bestimmung eines Elements. Das Beziehn auf sich durch Negativität, bestimmung der Verändrung war das 2te Element. Das Geistige überhaupt, das Freie, was sich selbst bestimmt, und bei sich selbst ist, und sich selbst bedeutet, die Realitäten, das Objektive überhaupt, gehört dem Innern an. Deßhalb ist es auch an ihm selbst bedeutungsvoll. Indem das Geistige in Erscheinung als Kunst ist, so ist das Geistige in Existenz zu sehen. Die Existenz ist natürlich. Sie hat das Zufäl­ lige und Äußere an sich, ist für die Vorstellung, sodaß das Gestalten ganz vom Geist Durchdrungen wird, und Nichts an sich zeigt, als das Geistige. Im Symboli­ schen stellt der Gegenstand ein Andres vor als die Bedeutung. Hier ist eine äußre Gestalt und innere Bedeutung verschieden. In der klassischen Schönheit ist dieser Unterschied nicht vorhanden. Das Menschliche, Geistige, wie es existirt, wird dargestellt, mit besondern Zwecken, als handelnd. die That und Gestalt ist nicht ein Erfolgen, Sichbegeben, was sich vorstellt; sondern was an sich seinen Geist darstellt. In der griechischen Kunst hat sie ihre Vollkommenheit erhalten. Symbol ist zwar auch an diesen Gestalten haften geblieben, aber im Mittelpunkt aufgefaßt ist sie nicht symbolisch. Die menschliche Gestalt, Gesicht, Haltung, zeigt sich als Geisti­ ges an ihm selbst. Diese ist Etwas Natürliches, Lebendiges. Das Gerüste mit dem Organischen System beachtet der Physiologe als Etwas Belebtes, aber er muß auch

5

10

15

20

25

die Krone der Perwise – der Stein der Reue schlägt des Herzens Glas in zwei. / Chelaleddin Rumi sagt, das Sonnenschwert gießt im Morgenrot das Blut der Nacht, über die es Sieg erficht. Seitdem die Braut des Wortes (Gedanke) gekräuselt worden ist (die Locken des Gedankens, die Ordnung)­ 1 Von der klassischen Kunstform.] Li: D i e k l a s s i s c h e K u n s t   ­ ­ 2 – 3  Der Inhalt … auch.] Li: Wir haben damit die erste Kunstform beendigt, es zeigte sich, daß je vollkommener der Inhalt 30 desto vollkommener die Form war.­  ­5 die Erhabenheit] Li: sie giebt in der vorigen Kunst nur die Erhabenheit­  ­9–10 die Realitäten, … überhaupt] Li: Das Unterschiedene­  ­11–12 so ist … se­ hen] Li: so ist das Geistige nicht abstract für sich, sondern in Existenz zugleich­  ­14 wird] Li: ist, wesentlich Erscheinung des Geistes ist­  ­15 der Gegenstand … Bedeutung] Li: die Seite der Aeu­ ßerlichkeit auch sich selber vor und dabei die geistige Bedeutung­  ­18 Geistige, wie … dargestellt] 35 LiRo: ist hier das Herrschende überhaupt­  ­19–20 ist nicht … darstellt] Li: hat nicht einen Sinn für sich, sondern es stellt unmittelbar an ihm sein Wesen dar. Das Symbolische ist da verschwunden.­   ­21 Vollkommenheit] Ro: vollendung­  ­21–23 Symbol ist … symbolisch.] Li: Man hat die Mytho­ logie als Symbole ausgesprochen. Es sind aber nur Reste des Symbolischen, für sich ist die Schön­ heit nicht symbolisch­   ­24 Diese ist] Ro: Die menschliche form, das ist 40

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1033

noch lernen, wie der Körper Organ des Menschlichen und Geistigen ist. Der Leib des Menschen ist nicht Symbol, sondern Organ des Geistes. Thaten und Hand­ lungen sind auch Äußerlichkeiten, die zum Theil dem Mechanismus anheimfallen, aber als That des Menschen karakterisiren sie sich als geistig. hier kommt dieses Abstrakte nicht in Betracht. | Die klassische Kunst ist also die vollendete Kunst und die klassische Kunstform ist als Mittelpunkt der Kunst zu betrachten. Was man das Anthropomorphistische nennt, darin bewegt sie sich, auf rein menschliche Weise. Man giebt dieses für einen Mangel aus; aber dieser besteht nur darin, daß der Inhalt nicht anthropomor­ phistisch genug ist. Das Wahre, daß Gott die Abstrakte Einheit sei, in der Gestal­ tung seiner unwürdig sei, sagt man. Das Ideale des Anthropomorphismus soll mangelhaft sein in Bezug auf die göttliche Idee in der klassischen Kunst aber in der romantischen Kunst wird sich dieser Mangel noch mehr offenbaren. Freiheit des Geistes herrscht in der klassischen Kunst; im Glücke, Schmerz bleibt immer diese Freihheit. Dieser Kunst mangelt die Tiefe des Geistes, daß er kommt zu seinem abstrakten Für sich sein in sich selbst, zu der unendlichen Sub­ jektivität. In dieser Entzweiung tritt das Böse, der Gegensatz gegen das Natürliche ein, das mit dem Unschönen verbunden ist, und zum Häßlichen fortgeht. Die griechische Freihheit ist sittlich, nicht bloß formell gewesen. In seiner Substanzialität ist das Sittliche nicht vorhanden gewesen, wo das Individuum nur untergeht zu dem Einen. Ein religiöser despotismus war nicht vorhanden.

4 –5 hier kommt … Betracht] Li: Aber diese Seite kommt hier nicht in Betracht. Es wird die That betrachtet, wo der Wille des Menschen vorkommt. Jenes ist blos Naturerfolg, nichts Geistiges, nicht eine That selbst.  Ro: Wenn wir daher sagen dass die handlung von einem menschen auf einen an­ dern fällt, so dass der andere dadurch tod geschlagen wird, das sehen wir nicht an, als die wirkung eines steines.­  ­6 Die klassische … Kunst] Ro: Die Classische Kunst hat daher zum theil diesen Sinn dass sie der Classischen Zeit angehört, zum theil dass sie vollendet ist.­  ­10–13 Das Wahre, … offen­ baren.] Ro: Zum theil auch dass der mensch das schlechte, das hässliche ist. Das Ideale selbst enthalt das anthropomorphistische. Wenn wir zum Christenthum kommen, werden wir sehen dass das an­ thropomorphistische | dabei viel mehr statt findet, und dass das mangelhafte der Griechischen Kunst ist, dass sie nicht anthropomorphistisch genug ist.­  ­10–11 in der … sei] Li: also alles Gestalten ist seiner unwürdig­  ­11–13 Das Ideale … offenbaren.] Li:Die Kunst hat das Schlechte, Ekelhafte, Ge­ brächliche vom Kunstwerk als solchen entfernt. Nur das Ideale ist zur Kunst erhoben. Das Ideale selbst enthält das andropomorfistische und das sei des Göttlichen unwürdig, allein in christlicher Vorstellung ist das andropomorfistische noch größer­  ­14–15 Freiheit des … Freihheit.] Li: | Eine freie Geistigkeit, die im Glücke, Unglücke, Schmerz bleibt, behält noch die Ruhe, die Festigkeit in sich.­  ­16 zu] Li: zu der unendlichen Persöhnlichkeit­  ­18 das mit … fortgeht] Li: eine Entzweiung für welche die Schönheit ein unwesentliches ist, und die Kunst geht zum Hässlichen fort­  ­19–21 Die griechische … Einen.] Li: Die klassische Kunst war den Griechen eigenthümlich. Caracter des grie­ chischen Volkes ist die Freiheit des Geistes und nicht die formelle, sondern eine sittliche, so daß das 21  Ein] Eine

61Hn

160rRo

160rRo

78rLi

Hn 

1034 78vLi

79rLi  5/1 1829Hn 

nachschrift heimann · 1828/29

Persönlichkeiten mit bürgerlicher Freiheit haben zu ihrem Zwecke ein Existiren des Allgemeinen, ein Existiren im Staat. Eine glükliche Mitte war hier vorhanden, und der Geist dieser Mitte durchzieht alle Produktionen. Alle Produktionen, in denen man sich der Freihheit bewußt worden ist, sind die höchsten, die Götter, die Mythologie, deßwegen wollen wir der Mythologie ihre nähere Bestimmung geben. Der Mythos, Vorstelung des Wesentlichen, ist Gefühl der Sehnsucht nach Be­ friedigung des Geistes. Das Handeln des Geistigen, welches die Voraussetzung der geistigen Freiheit in sich ohne die höchste Tiefe, worin der Sitz des Bösen ist, – das Zu sich selbst kommen und Erheben über das Natürliche, welches im Natürlichen frei waltet ohne Widerstand, setzt die klassische Form als ein von dem Symbolischen verschiedenes Moment. Es ist das Zurückziehen von dem Natürli­ chen, welches an den Mythen sich zeigt; das bloß Lebendige, Thierische, erhält eine andere Stellung. Das Thierische wurde im Symbol als göttliches Wesen dar­ gestellt; die Thiergestalt wurde im Ringen der Natur und Geist hoch gewürdigt, als Gestalt des Wahrhaften, wenn gleich als Symbol nur, das eine andre Bedeu­ tung noch hatte. Diese wird jetzt herabgesetzt zu einer niedrigern Stellung. Man fing an Thiere zu essen. Bei den Ägyptern wurden sie verehrt, und für heilig, sacra, dh. heilig und abscheulich gehalten. Aber dieses fällt fort. Das Blut der Thiere zu essen, verbietet Moses weil der Sitz der Lebendigkeit darin war. Man opferte sie auch, nicht um sie zu gebrauchen; aber ein Theil nur vom Thiere wurde geopfert, der andere wurde gegessen bei den Griechen. Opfern und Schmausen

5

10

15

20

Sittliche nicht in seiner Substantialitaet nur vorhanden gewesen ist, ohne Eigenthümliches, ohne Recht des einzelnen Subjects, wo das Individuum zu der einen Substanz untergeht, Selbstlosigkeit 1–2 Persönlichkeiten mit … Staat.] Li: das in sich Gehen, die bürgerliche, persöhnliche Freiheit, die 25 zugleich zu ihrem Zwecke hat ein existirendes Allgemeines, einen wirklichen Staat. Die Freiheit immanent in zeitlicher Gegenwart­  ­3 Alle Produktionen] Li: Von diesen Productionen­  ­7 Der Mythos] Li: G r i e c h i s c h e M y t h o l o g i e / Die Mythen sind­  ­14 Stellung] Li: Stellung als in voriger Anschauung­   göttliches Wesen] Li: das höchste Wesen­  ­17 herabgesetzt zu … Stellung] Li: herabgesetzt, es muß der menschlichen Gestalt weichen  Ro: Die erste bestimmung ist also das 30 zurückdrängen der thierischen gestalt aus der vorstellung der Gottheit, aus dem Cultus.  18 Man fing … essen.] Ro: Die thiere werden gegessen, da entgegen bei den Aegyptern das thier ein heili­ ges ist, das nicht zur speise gebraucht werden darf. Auf der andern Seite sind sie unrein­  Bei den … verehrt] Li: wehrend bei den Aegyptiern sie nicht verletzt werden durften­  ­19 heilig und abscheulich] Li: heilig und verflucht, war jedes Thier, die Scheue davor­  ­21–22 aber ein … Grie­ 35 chen] Li mit Ro: Bei Griechen blieb ein Theil der Bedeutung. Vom Thiere wurde nur einiges ver­ nichtet, geopfert, (Li: darauf Verzicht getan, (darin liegt der Begriff des Opfers, Verzicht auf das seinige zu thun). Ro: gewisse theile als Zeichen der unterwerfung an die Gottheit. auch durch verzichtung zeigt der mensch dass er sich der Gottheit unterworfen bekannte)­ 7  Mythos] Mythen

40

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1035

wurde gleichbedeutendes. In dem Mythos von Prometheus ist dieses ausgespro­ chen. Die alten Griechen opferten mit den größten Ceremonien, und verzehrten die ganzen Thiere in den Flammen. Prometheus erlangte von Jupiter, daß wegen des Aufwandes nur ein Theil zu verbrennen sei. Die Leber verbrannte Prome­ theus darauf von zwei Ochsen. Knochen band er in eine Ochsenhaut, Fleisch in die andre, und ließ Jupiter die Wahl; Jupiter getäuscht, wählte die Knochen, weil sie größer waren. Deßhalb nahm Jupiter ihnen das Feuer, damit sie nicht das Fleisch äßen.| Über jeden Fortschritt in der Bildung wird den Griechen wohl be­ richtet, und für jeden haben sie einen Mythos. Berühmte Jagden, wie die des Meleager, Herkules, ist in gutem Andenken geblieben. Diese Jagden sind auf be­ wahrt als ein Fortschritt. Die Vorstellung von Verwandlung, daß Thier zu sein, Strafe ist, daß nicht mehr die göttliche Existenz, sondern die ungöttliche, unglükli­ che Gestalt darin gesehen wurde. Der Roßkäfer, dieses hohe Symbol bei den Ägyptern wurde verspottet. Jupiter im Stier und Schwan, und eine Menge solcher Liederlichkeiten, zeigen nur das Thier als böse Mittel bei gemeinen Liebesgeschichten. Der Wolf, dieses große Symbol war als Verbrecher nachher vorgestellt, in welchen Lykaon verwandelt ist. Die Pieriden, welche die Flucht der Götter nach Ägypten besangen, sind in Spechte verwandelt worden. Der Inhalt hat den Gesang der geistigen Götter zu sagen, und Gesang der Götter in der Thiergestalt, in welche sie sich aus Angst verkrochen. Die Thiergestalt wird Attribut des Gottes, und neben ihn gestellt. Jupiter und der Adler. Adler und Sperber sind in Ägypten der Gott selbst. hier ist es nur Die­

160vRo

62Hn

1  gleichbedeutendes] Ro: die selbe bedeutung. Ein gastmal ansetzen, opfern.­  ­2–3 opferten mit … Flammen] Li: wie Hygin in Astronomia es darstellt, haben ganze Thiere vernichtet. Dies war für Arme beschwerlich.­  ­7–8 Deßhalb nahm … äßen.] Ro: Dann raubte Prometheus die flamme von Jupiter damit das fleisch gebraucht werden kann.  Li: So essen nun die Menschen das Fleisch.­  ­ 9 Berühmte Jagden] Li: Es waren bei Griechen große Jagden angestellt, und berühmte Jagden­  ­10 ist in … geblieben] Li: sind in dankbaren feierlichen Andenken geblieben  Ro: ist als ein zug auf be­ wahrt worden in den mythischen poetischen traditionen­  ­11–13 Die Vorstellung … wurde.] Li: | 79vLi Die Thiergestallt hat die Stellung erhalten, ein Unglück, eine Strafe zu sein. Die Metamorphosen, nicht mehr die Darstellung des Göttlichen, sondern des Verbrecherischen, des Bösen.­  ­14–16 Jupi­ ter im … Liebesgeschichten.] Li: Zu Verwandlungen überhaupt gehören die Geschichten, daß Jupiter sich in Stier verwandelte, um die Jo zu rauben, in den Schwan aus Liebe zur Leda. In diesen gemei­ nen Liebesgeschichten dient mit Recht die niedrige Thiergestalt.­  ­16 Liebesgeschichten] Ro schließt an: Eben solches was früher Symbol gewesen ist, ist auf solche weise dargestellt worden. Es gibt solche thiere welche einen 2deutigen Sinn haben.­  ­16–17 Der Wolf, … ist.] Li: Wolf ist bei Aegypter der hohe Osiris.­  ­18–21 Die Pieriden, … verkrochen.] Li: Die Pieriden und Musen streiten, diese sin­ gen Wohltaten der Götter, jene wie sie vor Titanen nach Aegypten flohen, in Thiere versteckt, und Pieriden wurden in Spechte verwandelt.­  ­23 Adler] Ro: adler. Der adler ist da nur ein diener, ein beiwesen neben der menschlichen gestalt welche als das Göttliche dasteht. 1 9  Gesang] Ggs­  ­25 Hygin] Hygen

1036

161rRo

6/1Hn

80rLi

80vLi

nachschrift heimann · 1828/29

ner neben dem Gott. Der hund, Annubis wird zum Wächter der Hölle. Im Bock, πᾶν der Griechen, ist das Allgemeine, Schreckenhafte; der Mendes bei den Ägyp­ tern wird bei den Griechen in Boksfüßen herabgesetzt. Es sind theils ganz mensch­ liche Gestalten, Faunen, nur mit spitzen Ohren, kleinen hörnchen, aber sie sind ihrem Geistigen nach Nichts höheres, sondern sinnliche Lust; innige Liebe wird ihm beigelegt, welche in der Maria bei den Christen nachher als Ideal der Kunst vorgestellt wurde. Diese subjektive Empfindung, der natürlichen Liebe angehö­ rend, ist dort in niedern Kreisen vorgestellt. Es sind also Mittelgebilde zwischen Mensch und Thier. Der Centaur, Nessus, hat die wilde rohe Begierde in sich. Chiron ist edeler, aber das Unterrichten gehört dem Menschen, nicht dem Göttli­ chen an. Das zweite Moment ist, daß die griechischen Götter unterschieden sind von der bloßen Personifikation der Naturelemente. Sprechen wir vom Gott des Meeres, so denken wir uns die Substanz des Meeres; aber die Vorstellung ist nicht antik, ὁ θεος της θαλασσης kommt nirgend vor. Helios ist Sonne als Gott, nicht Gott der Sonne; aber der Inhalt, die Substanz und die Form sind personificirt wie Najaden. Die Griechen haben die bestimmte Vorstelung, daß das Natürliche nicht das Göttli­ che sei. Sie ist enthalten in dem was ihre Götter sind, ohne ausgesprochen zu sein.   Der hund, … Hölle.] Li: Der Cerberus ist der Anubis der Aegyptier.­  ­2 der Griechen] Li: bei 1 Arcadern­   das Allgemeine, Schreckenhafte] Li: allgemeine Macht, schauererweckende Gegen­ wart das Schänden in Wäldern vor unbestimmter Gegenwart­  ­2–3 der Mendes … herabgesetzt] Li: Bock Mendes bei Aegyptern ist selbst verehrt worden. Bock wird bei Griechen heruntergesetzt.­  ­ 3–5 Es sind … Lust] Li: Die Faunen und Pane haben nur noch Bockfüße und Hörner und spitzige Ohren.­  ­4  mit spitzen Ohren] Ro: mit den bokfüssen: auch die spizigen ohren­  ­5 Lust] Ro: Lust. Es gibt einige faunen die zu dem vortrefflichsten gehören, was von der alten sculptur übrig ist­  ­5–7 innige Liebe … wurde] Li: Es giebt Vorstellungen von Faunen (in 3 Exemplaren) Der Faunus hält den jungen Bachus auf dem Arm und lächelt ihn mit der größten Lieblichkeit an, Pflegen des jungen Bachus. So wird diese schöne Empfindung der Freude an Un­ schuld des Kindes, einem Faunus beigelegt, was in christlicher Welt, der seligen Befriedigung im Anschauen der Mutter gegeben.­  ­7 Empfindung] Li: Empfindung die in unserer Zeit so hoch steht­  ­8 vorgestellt] Ro: dargestellt, aber mit dieser beziehung dass sie aus dem thierischen her­ kommen, und dem thierischen noch angehören­  ­ 8–9 Es sind … Thier.] Li: die aus dem Thier­ kreis erst hinauskommen, und noch Spuren der Thiergestalt an sich haben­  ­9–11 Der Centaur, … an.] Li: Die Satyren, Centauren gehören zu dieser Categorie, wilde Begierde, tierische Roheit wird ihnen beigelegt. Der Centaur Nesus erzieht den Achill.­   ­13 bloßen] Li: früheren besonderen­  ­14–15 ὁ θεος … vor] Li: Sie stellten sich Apoll nicht als ὁ θεός τοῦ ἡλίου vor, oder ἡ θέα τῆς γέας.  Ro: ο θεος του πονθου, του Ηλιου, της θαλασσης­   1­ 5  Sonne] Li: die Sonne und Sonne­  ­16 aber der … Najaden] Li: Es sind Personificationen die aber nicht neben | dem Gegen­ stande stehen.­   Najaden] Ro: Dryaden, Hamadryaden­   ­17 haben] Ro: haben schon zum theil­  ­18  ohne ausgesprochen zu sein] Li mit Ro: theils ausdrücklich ausgesprochen. Plutarch in Schrift uber Isis und Osiris kommt auf die Erklärungen der Mythen. (Li: Sie drücken das Sehnen aus, aus dem Natürlichen zum geistigen. Ro: Isis und Osiris gehören den Egyptern an; und ihre Götter wie gesagt sind mehr natürlicher inhalt gewesen. Isis und Osiris sind späterhin auch bei den 35  Nesus lies Chiron

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

1037

Unterschieden von einander kommen helios und Apoll vor. helios ist nicht Gott der Sonne, sondern die Sonne in ihrer Kraft selbst. Uranus ist so der Him­ mel. Okeanus ist von Poseidon und Neptun verschieden. Die Nemesis, Dike, hohe herabsetzende, Strafende, sind Mächte, die der Leidenschaft angehören. Naturmächte sind neben andern Bestimmungen geistig vorgestellt. So sind sie geschieden neben einander. Sie werden auch nach einander geschieden. Erst hat Uranus, dann Zeus regiert. Diese Folge kommt in vielen Einzelnen vor. Von delphi sagt Aischylos in Eumeniden Anfang, wo die Pythia die Götter anbetet, zuerst von der Gaia, dann von der Themis, dann erst Apollo. Pausanias nennt erst Gaia, dann von der Daphne, welche Gaia als Offenbarerinn gestellt hat. | So ist eine Folge oft erkenntlich in der herrschaft. Von diesen Naturbestimmungen werden bei vielen die Personifikationen der neuern Götter geschieden, die Bilder der höchsten Schönheit. Es sind geistige sittliche Mächte, mit einer wesentlichen Individualität. Solcher wesenhafte Geist eines Volkes hat sich in ihnen dargestellt. In Athene ist das Dasein Athens sowohl mit seinem Treiben als auch der eigene

81rLi

63Hn

Römern etwas sehr verehrtes geworden. Es ist das Eine der mysterien gewesen.) Plutarch sagt, es sei unwürdig, Isis und Osiris erklären zu wollen für Sonne Erde Wasser cet, sondern was darin maaßlos und ohne Ordnung sei, mangelhaft durch Uebermaaß selbst, sei dem Natürlichen zuzu­ schreiben, nur das Gute, Nützliche, Ordnung sei Werk der Isis, der λόγος der Verstand das Werk 20 des Osiris. Das Substantielle der Isis und Osiris ist also nichts Natürliches, sondern Geistiges

25

30

35

40

1 Unterschieden von … vor.] Ro: Es ist eben diese unterscheidung nicht nur im denkenden bewust­ seyn vorhanden. Dahin gehört dieses dass in der Griechischen Mythologie wir von einem Ηλιος von einer Σηληνη wissen: auch von einem Apollo und Pallas: im Homer selbst kommen sie von einander verschieden vor.­  ­1 helios und Apoll] Li: Helios und Apoll, Diana und Selene­  ­1–4 he­ lios ist … angehören.] Li: Helios ist bei Homer nicht Apoll. Es ist die Sonne selbst als diese höhere Gewalt. Uranos, Kronos, Okeanos, Neptun, Poseidon, Ge sind eben so die Naturmächte. Die Ti­ tanen sind tellurische Mächte. Das Strafende, Rächende das Niederdrückende Nemesis, Dike, cet, gehören eben so dem Kreise der Leidenschaft.­  ­ 2–4 Uranus ist … angehören.] Ro: So haben wir eine ganze menge solchen inhaltes: den ουρανος, Χρονος, Γη, οκεανος der die Erde umfliesst und et­ was ganz Anderes als Neptun ist, u. s. f. auch das alte χαος.­  ­5 Naturmächte sind … vorgestellt.] Li: Der Unterschied ist vorhanden von Naturmächten und Gestalten, deren Bestimmung geistig ist.­  ­6–7 Erst hat … regiert.] Ro: Die herrschaft des Ζευς ist später | als die Zeit hervorgetreten.­  ­9  von der Gaia] Ro: die Γαια verehrend, als πρωτομαντη­   Themis] Li: Themis, die als die 2te ihren Sitz dort hatte­  ­10 Gaia] Ro: die Erde, als Orakel gebend­   dann von … hat] Li: dann sei Daph­ ne als Orakelgeberin bestimmt worden­  ­11 So ist … herrschaft.] Ro: auch Pindar spricht so von einer folge. Er nennt erst die Γαια, die θεμις, die φηβη, und dann erst φοιβος.­   Naturbestimmun­ gen] Li: Naturbestimmung, wo das Geistige nur oberflächliche Personification ist­  ­12 Bilder] Li: Formen  Ro: gestaltungen­  ­13 Mächte] Ro: Mächte, und nicht nur abstracte sittliche mächte­  1­ 3–14  mit einer wesentlichen Individualität] LiRo: concrete Individualitaeten­  ­14 Solcher wesen­ hafte … dargestellt.] Li: Das Element ist nicht ein in sich individuelles, sondern ein in sich abstrac­ tes, allgemeines. Diese aber sind geistige Mächte, in denen sich der Volksgeist ausspricht und vor­ stellt. Solche Individualitaet ist der wesenhafte concrete Geist eines Volks.­  ­15–1038,1 als auch … wird] Li: und zugleich in seiner geistigen Wesenheit als substantielle vorgestellt, wesentlich indivi­ duelle Geist objectiv vorgestellt­  ­

161vRo

1038

nachschrift heimann · 1828/29

freie Geist, der objektiv vorgestellt wird. Zeus ist die Staatsgewalt, das Bindende, die Verträge, Gastfreundschaft, und politische Macht, Band der menschlichen Ge­ sellschaft, praktische sittliche Substanz. Apollo ist das Wissen, das Sich selbst Erkennen, das Selbstbewußtsein, über seine Mängel nicht allein, sondern über sein Wesen und Geist, er ist das Aussprechen des Wesens des Geistes in seiner Form. Seine Töchter sind die Musen. Wohlredenheit ist Hermes; wenn auch unmoralische Elemente hier eintreten, so sind es doch Elemente des geistigen Wollens. Juno’s hauptbestimmung ist das Band der Ehe, Erzeugung der Kinder; wohin Ceres, Proserpina mit ihrem Ackerbau gehören, der Beschäftigung für das Bedürfniß, einem Naturprodukt als solchem. Ceres ist aber die Gesetzliche, wel­ che die Ehe eingeführt. Bedürfniß auf Naturprodukt und Ordnung sind zwei Seiten, die sich beim Ackerbau offenbaren. Civilisation, Anfänge sittlicher rechtli­ cher Verhältnisse werden ihr deßhalb zugeschrieben. Ein Alter hat gesagt, aus seinen παθηματα habe der Mensch seine Götter genommen. Nicht eine sittliche Eigen­ schaft herrscht in einem Gotte, abstrakt, sondern es ist in der Athene der conkre­ te Volksgeist der Athener mit ihrer Tapferkeit, Wissenschaft und Weisheit, Geset­ zen, wie sie in den Eumeniden erscheint, das Bild der technischen Künste. Jupiter als politische Macht enthält selbst viele vereinte Bestimmungen, Band des Eides, Gastfreundschaft; er ist der Wissende deßhalb, wenn gleich das Wissen dem Apoll besonders gehört. D. i. der Charakter dieser Götter. Weil nun der Inhalt ein so vollkommner ist, so konnte auch die Darstellung so vollkommen rein sein. In der Skulptur sehen wir sie in der ungetrübten, reinen, auf sich selbst in Ruhe und Erhabenheit sich 81vLi

82rLi

5

10

15

20

   die Staatsgewalt] Li: | die politische Staatsgewalt­  ­3 Substanz] Ro: substantialität des men­ 1 schen: Das macht die grundlage dieses gestaltlosen.­  ­ 3–4 Sich selbst Erkennen] LiRo: γνωθι 25 σεαυτον ist die Ueberschrift des delphischen Tempels­  ­6 Seine Töchter … Musen.] Li: Die Musen (die Künste) sind seine Töchter und Umgebung.­  Wohlredenheit] Li: Wohlredenheit, das Vermittelnde­  ­7 unmoralische] Ro: unreine und niedrige­   Elemente] Ro: elemente des willens­  ­9 Proserpina] Li: Proserpina Triptolemus­  ­11 die Ehe] Li: das Eigenthum  Ro: das Ethische­  ­11–13 Bedürfniß auf … zugeschrieben.] Li: Diese 2 Seiten das Natürliche und Geistige 30 Bedürfniß und Ordnung hat der Ackerbau. Ihm wird die Civilisation, Anfänge sittlicher Verhält­ nisse zugeschrieben.  Ro: Der ackerbau hat diese 2 Seiten: production der unmittelbaren producte, und aspect des besitzes, ordnung. Dieser wird vornehmlich die Civilisation vorgeschrieben.­   ­14 παθηματα] Li: παθεμασι­   1­ 4–17 Nicht eine … erscheint] Li: Diese παθεματα sind zugleich Indi­ vidualitaeten, die nicht nur eine Bestimmung in sich schließen, sondern es sind ganz concrete Ge­ 35 staltungen. So schließt besonders Athene verschiedene Seiten ein | als Gestaltung des concreten politischen Volkes.  Ro: Also in Minerva ist die kriegerische tapferkeit enthalten. so auch in den Bellona dargestellt. Aber Αθηνη ist zugleich das princip der wissenschaft, des gesetzlichen. Bei den Eumeniden kommt sie als richtende vor. Diese verschiedenen Seiten machen eine bestimmte con­ crete Individualität aus.­  ­19 der Wissende] Li: der Wissende und Entscheidende­  ­21 der Cha­ 40 rakter] Ro: der wesentliche Character­  ­23 in Ruhe und Erhabenheit] Li: in ihrer unbewegten Ruhe, in dieser reinen Schönheit in Beziehung auf sich selbst, die dadurch zugleich Erhabenheit ist

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1039

Beziehenden Stellung vorgestellt. Sie sind von den Poeten gemacht, und nur Pro­ dukte wesentlicher Poesie. Sie gehören dem Geiste an, aus dem sie hervorgingen. Meere und Himmel sind äußerlich da. Die Personifikation derselben ist auch nur ein Oberflächlicher, gemachter Gehalt; der aus dem Geistigen nur hervorgieng. Ein Erzeugtes ist also der Inhalt, nicht auf eine natürliche Weise hervorgekom­ men. Dieses Geistige ist in seinem Wesentlichen aufgefaßt, und ist deßhalb ein Göttliches. Zu der Auffassung und Darstelung gehört aber das Abstrahiren vom Zufälligen, Gewöhnlichen und Häßlichen. Der Stoff ist da, aber unrein, im Auf­ fassen streift man dieses Unreine ab, und gestaltet es als geistige Individualität, als existirend, wo alles Unreine vom Dichter zu unterdrücken ist. herodot sagt homer und hesiod hätten den Göttern ihre Namen, Ehren, Ge­ stalten gegeben und daß die Namen von den Göttern der Ägypter genommen sind. Beides ist zu vereinigen. Lokale Traditionen sind als Ausgangspunkt anzu­ sehn, die als Ingredienzien für die Gestalten der Götter wurden. Aber der innre Geist war noch nicht da, diesen Geist haben die dichter vorgestellt, und Homer und hesiod sind so die Dichter, welche den Griechen die Mythologie gegeben.| Das freie Produciren war nun dem Künstler erlaubt, wenn es auch nicht ein willkührliches war, denn es war ja nicht ein aus dem Äußern der Natur genomme­ ner Inhalt. Dieses ποιεῖν der Götter stellt sich klar dar, indem der Dichter der μαντις Erklärer war, dh. er faßte auf und erklärte, was die Erscheinung bedeute.

7 7/1Hn  64Hn

1 –2 und nur … hervorgingen] LiRo: Ihre Vorstellung muß aus dem Grunde | des Geistes (Li: selbst 162rRo hervorgehen Ro: vorkommen)­  ­5 Erzeugtes] Ro: erzeugtes nach dieser grundbestimmung­  ­8 Ge­ wöhnlichen] Ro: unwesentlichen­  ­8–10 Der Stoff … ist.] Li: Das Machen besteht also in dem negativen Thuen, das Unreine von dem Gehalte abzustreifen, und den wesentlichen Inhalt zu­ gleich zu gestalten. Die Ingredienzien die eintreten nach der Bornirtheit eines besonderen Volkes, alles dies theils formlose theils mißgestaltete hat der Dichter auf die Seite zu bringen | oder wenig­ 82vLi stens es zu deprimiren.­  ­8 unrein] Ro: noch verunreinigt durch niedrige vorstellungen­  ­10 wo alles … ist] Ro: Das formlose der verschiedenen localitäten hat der Dichter entfernt, deprimirt.­  ­ 11–13 herodot sagt … sind.] Ro: In dieser rücksicht ist es höchst interessant diese stelle aus Herodot in betracht zu nehmen worin gesagt wird, dass Homer und Hesiod den Griechen ihre Götter gege­ ben. sie haben die nahmen gegeben die ehren zugeschrieben und die gestalten bezeichnet. Diese Stelle ist interessant wegen der bemühungen die man sich gegeben um die Griechische mythologie nach Egypten und Syrien zurückzuweisen. Diesem scheint zu widersprechen dass Homer und He­ siod diese Götter gemacht haben.­  ­11 Ehren] Li: Ehrenbezeugungen­  ­12–13 genommen sind.] Li: gekommen. Kreutzer wollte dadurch die Züge griechischer Mythologie in Aegypten nachwei­ sen, und sie symbolisch auf unmittelbare Weise darstellen. Dem widerspricht nun daß gesagt wird, Homer und Hesiod haben die Götter gemacht.­  ­14–16 Aber der … gegeben.] Li: aber sie waren noch nicht Gestalten selbst, die sind erst product geistigen Bewußtseins der Dichter Homer’s und Hesiod’s.  Ro: Aber der ausgangs punct ist noch nicht die gestalt und diese gestalt haben die Dich­ ter gegeben­  ­17 Das freie Produciren] Ro: Die subjective Seite der Dichter, diese freie production­  ­ 18–19  denn es … Inhalt] Li: weil es ein geistiges ist­  ­19 der Dichter] Ro: Der Dichter, der prophet­  ­20 bedeute] Li: an sich sei, was sie bedeute

1040

nachschrift heimann · 1828/29

Nehmen wir Homer vor, so finden wir eine Menge von Erklärungen, die in den Mund der Priester gelegt sind. Der Dichter erzählt, Pallas und Zeus haben das gethan. Aber er läßt den μαντις auftreten und den Erzähler erklären, wie im An­ fang Kalchas, welcher die Pest erklärt, das Göttliche darin nachweist, und die Ursachen angiebt. Im letzten Buche der Odyssee erzählt Agamemnon vom Be­ gräbniß Achills, wo Nestor das Rauschen des Meeres erklärt, nämlich Thetis komme hervor, um zu ihrem Sohn zu gehen. So sind die Dichter die Lehrer der Völker geworden. Nachdem die geistigen Götter von denen der Naturmächte getrennt sind, ent­ stand der Kampf zwischen diesen geistigen Göttern und den Elementarmächten im Kampf der neuen mit den alten Göttern, indem die alten gestürzt, und die neuen herrscher werden. Dieser Fortgang ist nothwendig gewesen im Verhältniß des Geistigen. Dieser aber vor das Bewußtsein gestellt, ist die hauptthat der Göt­ ter, wo das Lokale zufällig ist, nur hauptsache. Daß Kronos seine Kinder ver­ zehrt, ist das Symbol der Zeit, wo Vergehen überhaupt ist, und wo von Vergehen die Rede ist, hat sich noch nicht das Politische, Feste, mit Zwecken Verbunden, das noch nicht da ist wo Geschichte noch fehlt. Wilde Völker sind da gewesen, die keine Geschichte gehabt haben, wo alles was geschah, nur in der Zeit geschah, ohne Zweck. Kronos verschlang seine Kinder – eine läppisch scheinende Geschichte – Jupiter mit seinen Brüdern wurde erhalten, Demeter, Hestia und hera so wie Vulkan gab er von sich – : die Bedeutung ist

83rLi

162vRo

83vLi

 –2  in den … Priester] Li: den handelnden Personen in den Mund  Ro: das erzeugen eines 1 göttlichen­  ­ 3–5 Aber er … angiebt.] RoLi: dass die Pest eine Strafe der Götter sey, weil sie da­ durch beleidigt dass (Ro: Chrysis Li: dessen | Priester Chryses) nicht genug verehrt worden ist. Das Gottliche wird in diesem ausserlichen nachgewiesen.­  ­5 Agamemnon] Ro: der schatten von Agamemnon­  ­6 Achills,] Ro und Li schließen an: Ro: Der ort wo das erzählt wird ist etwas Sym­ bolisches.  Li: Es ist Asphotulus, der selbst etwas Symbolisches ist. Es wird von den PForten der Sonne erzählt, jenseits am Saume der hellen Welt.­  ­8 geworden] Ro: geworden. sie haben ein wesentliches vor ihre vorstellung gebracht. Vieles in der Odyssee ist in dieser art. | Dieses erheben kommt hier vornehmlich dem Dichter zu und erscheint als ein vom Dichter hervorgebrachtes.  Li: geworden. Als der verlassene Odysseus unter den Pheaken einen freundlichen Blick eines Pheaken bemerkt, wird dies ihm zur Freundlichkeit selbst zu seinem Mentor.­  ­10 der Kampf ] Ro: der förmliche gegensatz als streit­  ­14 wo das … hauptsache] Ro: Das andre ist einzelnes zufälliges. Ihre hauptthat ist ihre herrschaft an die stelle der blossen Elementarischen gestellt zu haben.­  ­14–17 Daß Kronos … fehlt.] Li: Kronos hat seine Kinder verzehrt, die ihm die Rhea geboren. Das Vergehen der Zeit in einem Volke, wo noch nichts sittliches, politisches, geordnetes, vorhanden ist. Vorher ist keine Geschichte, wenn kein Zweck ist für den das geschieht, was geschieht.­  ­18–19 Wilde Völker … Zweck.] Ro: Wilde völker haben keine geschichte, weil sie keinen Staat formiren, nur eine nation, eine familie, einen stamm. was bei ihnen vorfallt geschieht ist in der Zeit ohne Spur.­  ­20 Jupiter mit … erhalten] Ro: Wie das vorgestellt ist. dass Jupiter und die andern Kinder der Rhea erhalten worden sind, da fängt die Geschichte an.  | Jupiter, Neptun und Saturn sind erhalten worden durch List der Rhea.­  ­ 27  Asphotulus lies Asphodelos

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

1041

wohl diese, obwohl sie wenig erkennbar ist. Giganten, Mißgestaltete Mächte, mit hundert Armen, gleich einem indischen Gebilde mit zahllosen Armen – Unord­ nung wurde durch Ordnung, Gesetz verdrängt. Prometheus ist ein Titan, wird von Jupiter an Kaukasus geschmiedet; eine terrestrische Gewalt ist er nicht, und es scheint Unrecht, ihn zu den Titanen zu gesellen. Feuer zu den Menschen zu brin­ gen, ist was menschliches, Nichts natürliches, er that was Demeter gethan, Gutes den Menschen, und dennoch ist er Titan? Plato in seinem Politicus, Protagoras erzählt diesen Mythos, die Götter hätten die Menschen aus Feuer und Erde ge­ bildet, den Epimetheus beauftragt, alles zu schmüken: Er rüstete die Thiere aus, – sehr gut – das Thier hat den Instinkt, ihm ist alles gemacht – der Mensch muß sich alles selbst machen – die Natur sorgt für die Thiere – der Geist für ihn selbst. Die Menschen sollten auch aus der Erde heraus. Prometheus stahl Hephaistos künstlerische Weisheit, und diese gab er den Menschen zum Geschenk. So haben sie die Kunst für das Leben. την τεχνην προς τον βιον. Aber die Politik haben sie nicht, denn diese war noch beim Zeus. Prometheus war nicht verstattet, in die Akropolis des Zeus einzugehen, deßhalb konnte er sie den Menschen nicht geben; aber die Feuerkunst der Athene und hephaistos stahl er. | Die Befriedigung des Bedürfnisses wird bloß dem Prometheus zugeschrieben; es ist nur der Privatnutzen. Deßhalb ist auch seine Strafe Etwas Unersättliches wie im Tantalus die subjektive Begierde nicht befriedigt werden kann. Selbst die Befrie­ digung kann nicht befriedigt werden und wird beschränkt durch eine ewige Sehnsucht. Eine andere Weisheit legte Plato dem Zeus als neuen Gott zu. Die 1–3 Giganten, Mißgestaltete … verdrängt.] Ro: Zum theil liegt dieser Geschichte altes zu grunde

25 welches dadurch ausserlich gemacht ist. Daher gehören dann die weiteren Kämpfe. Die Titanen,

Giganten u. s. f. Giganten, diese wilden mächte, das ist wie ein Indisches bild, deformationen der menschlichen gestalt, solche deformen, masslosen, das ist dann geistigkeit, klares bewustseyn, ord­ nung, recht, sittlichkeit die zum vorschein kommen. Es sind dann noch andere die besonders aus­ gezeichnet zu werden verdienen.­  ­4 geschmiedet] Ro: geschmieden und ein Adler ihm an das 30 herz gelegt worden welches er bestandig knagt  9–12 den Epimetheus … selbst] Li: Prometheus und Epimetheus waren auserwählt, die Gaben dem Lebendigen zu ertheilen. Epimetheus war so unvorsichtig, alles für Thiere zu verspenden der Mensch bekam nichts.  Ro: Prometheus hat un­ geschickter weise alles auf die thiere verwendet und die menschen unbewaffnet geblieben. Das ist ein sehr guter Sinn. Die thiere erhalten von der natur mit dem Instinct alles was sie nöthig haben. 35 Der mensch muss sich alles machen, als geist muss er für sich sorgen. Prometheus ist verlegen ge­ wesen sagt Plato wie er dem mensch […] die σωτηρια geben wird und ihm die Sophia σωφια gege­ ben. und diese geschicklichkeit den verstand der schönen Künste habe er den menschen geschenkt.­  ­14 künstlerische Weisheit, … Geschenk] Li: die künstlerische Weisheit τεχνοσοφια des Hephestos und der Athene, zu deren Gemächern ihm der Zutritt gestattet war, den Menschen zu geben­  ­15 die Politik] Li: die πολιτεια Staatskunst­  ­18 aber die … er] Li: Daraus entstand den 40 Menschen die ευπορια (Bequemlichkeit), ihre physischen Bedürfnisse zu befriedigen.­  ­20–23 Deß­ halb ist … Sehnsucht.] Ro: Es ist interessant den grund zu sehen wie Prometheus sich als Titan 29  Adler an Stelle eines unlesbaren Wortes­  30 knagt lies nagt­  ­32 Prometheus lies Epimetheus

163rRo

8 8/1Hn  65Hn

1042

nachschrift heimann · 1828/29

Staatseinrichtung ist das Sittliche, Allgemeine der Freihheit. Helios und die andern Titanen mit Prometheus sind in ihrer Ehre geblieben; natürliche Momente der Nothwendigkeit sind Sonne und Mond, ebenso auch Feuer und Essen des Flei­ sches. Prometheus wird nun von Herkules befreit. Er prophezeit, daß auch Jupiter wird von seinem Throne gestoßen werden. Herkules ist aus Menschen erzeugt in die Gottheit übergegangen, d. i. die neue Gottheit. Prometheus hat einen Tempel auf Colonos, neben dem Tempel des Poseidon, wogegen der Scholiast bemerkt, daß er auch einen Altar in der Akademie gehabt habe, wo Prometheus mit hephai­ stos zusammengestellt sei. hephaistos ist der neue, Prometheus als alter Gott hält das Scepter, und beide haben einen Altar. Hephaistos ist auch das Feuer, und die Kunst durch Feuer zu arbeiten. hephaistos ist herabgeschleudert von Jupiter hin­ kend geworden, weil das in Feuer arbeiten nur der Bequemlichkeit des Lebens Dienendes ist. Jupiter kommt dagegen zu, die Politik. Er wird mit Creta deßhalb zusammengebracht; wo die Quelle des Rechts war. Jupiter ist der Donnerer, der die gewaltige Naturerscheinung hat, aber nicht insofern es Naturereigniß ist, sondern als σημειον des μαντις, also der das Geistige in sich enthält. Zwei interessante Darstellungen giebt es in Bezug auf das Alte und Neue. Dieser Gegensatz ist in den Eumeniden dargestellt. Die alten Götter sind Δικε, Θεμις ; der Unterschied scheint äußerlich von der Phantasie herzurühren; aber diese Unterscheidungen sind nicht oberflächlich, einen Tiefen Sinn enthalten sie, der

84rLi

84vLi

163vRo

5

10

15

20

bestimmt: und darin liegt in der angegebenen stelle auch das bestimmte. Befriedigung haben die äusserliche bedürfnisse. So ist dann auch die strafe des Prometheus so bestimmt dass ein adler ihm an der leber knagt. Das ist damit ausgedrückt dass in den blossen natürlichen bedürfnissen keine wahre befriedigung liegt und dass das bedürfniss immer von neuem erwacht.  Li: | die Strafe ist die Unersättlichkeit des Genies, beim Tantalus der immerwährende Durst der blos subjectiven Be­ 25 gierde als endlich ist in der Befriedigung selbst unbefriedigt, sie erwacht immer von Neuem. 1 das Sittliche] Ro: das sittliche, das substantielle­  ­2 geblieben] Li: geblieben. so wird Prometheus auch verehrt­  ­4 befreit] Ro: befreit worden ist; und es ist wunderbar dass Prometheus eine Kennt­ niss zugeschrieben ist von den nachkommen Jupiters­  ­ 5–6 Herkules ist … Gottheit.] Li: Heracles ist der einzige, der aus menschlicher Existenz in Olymp übergegangen, ein Mensch, der zu Gott 30 geworden ist.­  ­6–7 Prometheus hat … Poseidon] Li: Prometheus hatte seine Tempel in Athen. Bei Sophokles in Oed. Colon. kommt es vor. Im Hain der Eumeniden hatte der Poseidon und der πυροφορος θεὸς Προμεθεὺς ihre Altäre.­  ­ 8–9 wo Prometheus … sei] Ro: und dieser altar ist merk­ würdig. Es ist gesagt dass auch eine abbildung von Ephestus da neben gestellt ist.­  ­9 neue] Li: neue Gott (es ist auch das Feuer und die Kunst durch’s Feuer zu arbeiten, es ist der Vulcan)­  ­10 Al­ 35 tar] Ro: gemeinschaftlichen altar­  ­12–13 der Bequemlichkeit … ist] Li: dem natürlichen Bedürf­ nisse dient­  ­14 der Donnerer] Li: auch Blitz und Donner­  ­16 enthält.] Li schließt an: | Jupiter ist ferner das Flehen als eine Macht; die Sehnsucht, das Verlangen. Er ist auch der Hephestios, die Heiligkeit des Hauswesens, diese Seite ist als Vesta vorgestellt.­  ­18 Dieser Gegensatz  … darge­ stellt.] Li: Eine Hauptdarstellung ist Tragödie des Aeschylos die Eumeniden. Collision der alten 40 und neuen Götter.­  ­19  Θεμις] Ro: θημις; aber auch die | neuen sind wesentliche Gotter des Rechts­  

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

25

1043

Sittlichkeit, welche in uns erst später klar werden, und dann werden wir auch die Griechen noch mehr schätzen. Die Eumeniden verfolgen Orest wegen Mutter­ mord. Sie werden als furien, Haß, Böses, nach unserer Vorstelung gedacht. Bei den Griechen sind es die Wohlgesinnten, die das Recht geltend machen. Sie rä­ chen den Muttermord, den ein neuer Gott gerathen, Apollo. Der Areopag, ein menschliches Gericht, an dessen Spitze Athene steht, schlichtet den Streit. Athene wirft den weißen Stein hinein. Das Menschliche, Konkrete schlichtet zwischen Göttern den Kampf; aber der konkrete Volksgeist der Athene beherrscht sie. Für Apoll wird entschieden. – Die Eumeniden sehen auf den innigsten Zusammenhang von Mutter und Sohn, und auf dessen Verletzung; aber was wir durch den Begriff einsehen, daß die Familie die Sittlichkeit ist, dieser Zusammenhalt der Familie, aber diese Sittlichkeit ist die natürliche, eine sinnlich empfundene Sittlichkeit, im Blute schon liegende. Deßhalb rächen sie die Eumeniden. Apoll bestraft die Verletzung des Fürsten und Ehegatten. Die Ehe ist etwas Späteres. In der Ehe liegt die Lie­ be, welche als Empfindung von der Sittlichkeit der Ehe sich trennt. Beide sind unabhängig von einander; wenn die Empfindung gewichen ist, so besteht die Verbindung. Ebenso ist das politische Verhältniß des Fürsten zum Staate. Ein sitt­ lich bewußter Zusammenhang des Rechtes und Zweckes liegt darin. Die Sittlich­ keit des Apoll, des neuen, geistigen Gottes liegt darin. Die Oberhand der Athene ist für die bewußte sittliche Macht gewonnen. Athene giebt dem Einen den Vor­ zug, wiewohl sie sonst gleich stehen. Die Eumeniden sind aufgebracht über diesen Urtheilsspruch. | Aber Athene sagt ihnen, sie sollten ihre Ehre zu Athen behalten. Apollo sagt wenn Klytemnestra nicht bestraft wäre, so wär die Ehe und politische Gewalt des Zeus verletzt worden, deßhalb können die Eumeniden die Klytemnestra nicht schüt­ zen; aber sie erhalten doch ihre Ehre. Sie sollen den Mißwachs in Frucht und Geburt verhüten. Athene dagegen will Athen in Kämpfen vertreten. So ist auch hier der Kampf des Natürlichen mit dem Geistigen sichtbar.

66Hn

1–2 welche in … schätzen] Li: den wir nach und nach fassen, was bei Griechen nur Phantasievor­ 30 stellungen sind­  ­2 Die Eumeniden] Li: Die Eumeniden die furchtbaren Götter­  ­5 gerathen] Ro:

geboten­  ­6 –7 schlichtet den … hinein.] Li: Apoll und Eumeniden tragen hier ihre Sachen vor Menschen, dem individuellen concreten vor. Athene entscheidet für den Apoll.­  ­9–10 sehen auf … Verletzung] Li: verfolgen die Verletzung der Familienliebe, des innigsten Zusammen­ hangs | des Sohnes und der Mutter­  ­14 Die Ehe] Li: Die Ehe und Politik­   Späteres] Ro: späte­ 35 res: das ist nicht das Recht der alten Götter­  ­14–17 In der … Verbindung.] Ro: Die Ehe unter­ scheidet sich von der blossen empfindung der Liebe. Sie ist das Bewustseyn eines bandes, und der verpflichtungen die davon abhangen.  Li: wo die Liebe als Empfindung nach und nach gewichen, und Zweck der gemeinsamen Verbindung, die bewußt wird.­  ­28 des Natürlichen mit dem Geisti­ gen] Li: zwischen geistigen und natürlichen Göttern  0  dessen] deren 40 1

85rLi

1044

164rRo

85vLi

86rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Eine andere Darstelung von diesem Kampfe finden wir in der Antigone. Kreon und Antigone, herrscher und Familienliebe im Streite. Der Staat hat dem Bruder die Ehre des Begräbnisses versagt, aus Interesse des Staates. Antigone läßt sich dadurch nicht zurückhalten, sie hat ihre eigene Pietät, sie beruft sich auf das Gesetz der Götter. D. i. das Gesetz der κατω θεων, der untern Götter, der innern Götter, der Familie, dagegen das Gesetz des Staats das bewußte überhaupt ist. So müssen die klassischen Kunstwerke betrachtet werden. Die natürlichen Mäch­ te behalten ihre Ehre neben den Göttern des Geistigen. In den neuern Göttern liegt das Naturelement, dem sie entsprungen, und ein Anklang davon. Jupiter ist der donnerer, aber mit der Bestimmung, den Menschen dadurch Zeichen zugeben: diese Umbildung von symbolischen Vorstelungen ist es, welche noch die Spuren des natürlichen Vorhandenseins anzeigt. Ein hauptbeispiel ist Apoll, von dem He­ lios geschieden ist. Einige wollen behaupten, im Apoll sei kein Anklang der Son­ ne, er sei für sich. Aber das Licht, das sich offenbart in der Natur, ist das Wissen. Wir sehen nicht das Licht, sondern, das sich manifestirende Licht, für ein Ande­ res. Das Licht selbst ist Wissen, das auch Offenbaren ist. Freies Offenbaren ist nur das Wissen, das bei sich selbst ist, nicht für ein Andres sich offenbart. Das Licht geht nur hinaus, nicht in sich, es ist nur das Manifestiren überhaupt, und was es zeigt, ist ein Andres als es selbst. Dieser Zusammenhang von Licht und Wissen und Bewußtsein zeigt sich auch geschichtlich im Apoll. Der lykische Apoll (auf Wolf und Licht sich beziehend) kommt in späten Schriftstellern auch vor, als wenn er die Bestimmung der Sonne in sich trage. Ihm wird die Krankheit im Lager der Griechen zugeschrieben. Im Zusammenhang mit Selene seiner Schwester, welche

5

10

15

20

  Antigone] Li: Antigone des Sophokles seinem erhabensten Werke­  ­1–2 Kreon und … Streite.] 1 Li: Creon ist Herrscher des Staates. Antigone beobachtet | die Familienpflicht, den Bruder zu 25 begraben.­  ­2 herrscher] Ro: staatspflicht­  ­3 aus Interesse des Staates] Li: weil er im Kampfe ge­ gen das Vaterland geblieben ist, eine andere Strafe konnte dem Todten nicht gegeben werden­  ­ 5–6 der innern … Familie] Ro: der innerlichen der empfindung­  ­7 So müssen … wer­ den.] Ro: Das ist der begriff des wahren inhalts des Classischen Kunstwerks; das sittliche überhaupt das seiner allgemeinheit bewust ist. ferner ist zu bemerken dass die Gotter als Sittliche Wesen, von 30 den natürlichen unterschieden sind.­  ­9–10 ist der donnerer] Ro: stellt die macht der gewitter dar­  1­ 4 Aber das … Wissen.] Ro: Aber es ist einleuchtend dass er den zusammenhang des lichts und des wissens darstellt.­   ­15 Wir sehen] Li: Das Licht ist | das Manifestiren selbst, wir sehen­  1­ 6–17 Wissen, das … offenbart.] Li: diese Manifestation. Das ist auch das Wissen von etwas, Ma­ nifestation, die bei sich selber bleibt. Der Inhalt, den ich vor mir habe, ist zugleich meine Vor­ 35 stellung.­  ­20 Der lykische Apoll] Ro: Das ist auf mythologisch antiquarische weise näher zu zei­ gen. so ist der lykische Apollo.­  ­20–22 (auf Wolf … trage] Li: bezieht sich auf λυκος Licht, Licht­princip die lycische Küste, wo besonders Apoll als Sonne wirksam ist, tritt zur Erklärung dazu­  ­22–23 die Krankheit … zugeschrieben] Ro: die pest im lager der Griechen zugeschrieben, nämlich indem sie durch die Sonnenhitze hervorgebracht wird 40 5  Götter] Götterr­  ­7 müssen] uß m.­  ­16 ist] und

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

25

1045

von Diana geschieden wird sind Anklänge auf das Natürliche, welches noch in diesen Göttern ist. Bei der Venus liegt das Hervorbringende zu Grunde wie in der Diana und Cy­ bele, welche noch orientalisch sind. Die griechische Diana ist aus der ephesischen zur menschlichen Figur gebildet, als Jägerinn aus jener, die mit Bildern von Thie­ ren bedeckt ist. Ceres, welche den Ackerbau gebend, in physischer Hinsicht ge­ nommen ist, zeigt in sich das allgemein Natur verleihende. Die Musen drücken ebenso das Natürliche aus, wie im Murmeln des Baches. Symbolisches ist an die­ sem Ideal noch geblieben, jedoch daß es fast sich verliert, und eine partikuläre Äußerlichkeit wird, und wegen ihrer Zufälligkeit bizarr wird. Was früher als Symbol in bestimmten Verhältnissen ausgedrükt war, von dem zum Geistigen übergegangen war, und sich noch auf das Symbolische Beziehung erhalten hat, so war dieses nur in dem Äußerlichen ohne Bedeutung, weil der Inhalt Etwas partiku­ läres wurde, und das Geistige zum Menschlichen umgestaltet, und als menschliche Zufälligkeit vorgestellt wurde. Jupiters Liebschaften und Untreue an seiner Ge­ mahlinn ist die abstraktere Bedeutung des Erzeugens des Lebendigen, | das Er­ zeugen wurde in der menschlichen Form genommen, und Liebschaften und Ver­ untreuung entstehen daraus. In Io’s Verwandlung in eine Kuh, und daß diese die Isis der Ägypter gewesen, dieses alte Symbol der Erde mit ihrer Fruchtbarkeit; bei den Indern sieht man das herunterkommen des Symbolischen. Solche Züge, die in Menge da sind, dienen dazu, um den geistigen Gott zu partikularisiren. Die prosaische Vorstellungsweise ist, daß die griechischen Götter in alten Köni­ gen ihren Ursprung haben. In der Athene ist die Stadt, aber nicht die Göttinn, sondern der Geist der Stadt, der sein wirkliches Dasein und Geschichte hat. Mit dem Geiste eines Volkes hängen solche Züge zusammen. Aber in frühern Myste­ rien und Symbolen muß man die griechischen Götter suchen. Sie sind die Götter des Bewußtseins. In den Mysterien war nicht die echte Weisheit, sondern die ältere Vorstelung, auf Naturmächte alles zurükzuführen. Daher die falsche Vorstellung vom Tiefsten im Griechischen Geiste, welcher der wissende Geist war, der Zweck

30 15 Jupiters Liebschaften und] Ro: Da werden uns von den Gottern eine menge Geschichten erzählt:

die­  ­17–18 und Liebschaften … daraus] Ro: indem das lebendige die hauptvorstellung desselben ist. Das macht sich denn zu diesen liebschaften als untreue gegen die gemahlin; die gemahlin als ein festes dargestellt­  ­19–20 bei den … Symbolischen] Ro: Das herunterkommen des wesentli­ chen zum accidentellen wird dann als eine Liebschaft vorgestellt.­  ­21 den geistigen Gott] Ro: die 35 geistliche gestalt­  ­22 Die prosaische] Ro: Die auslegung solcher Züge hat viel Streit veranlaßt. Die ganz prosaische­  ­24–25 Mit dem Geiste] Ro: Dass sich vieles historische darin gemischt hat ist allerdings nothwendig. Mit dem geiste­  ­25–26 Aber in … suchen.] Ro: Der hauptzug sind die mysterien. Die mysterien machen eine andere seite aus zu den offenbaren Göttern.­  ­ 20  die] d. m.

9/1Hn

164vRo 67Hn

1046

165rRo

nachschrift heimann · 1828/29

des Staats und Familie. homer erzählt, die Götter sind einst nach Äthiopien ge­ reist, um dort zu schmausen. Man sieht hierinn eine symbolische Mythologie, so wie im Herkules, der aus Mensch Gott geworden. Bestimmte beschränkte Gott­ heiten gab es in der Mythologie. Sie sind aus fremden Mythologien genommen. Eine ägyptische Juno und Aphrodite wird von den Griechen erwähnt, in denen ein Oberflächliches Übereinstimmen nur vorhanden ist, und die einem andern Geiste angehören. In griechischen Idealen sind nun auch solche fremdartigen Züge ein­ gemischt, wo das Naturverhältniß das Überwiegende war. Die 12 Arbeiten des Herkules, sind nur die 12 Monathe, in sofern die Sonne mit hereinspielt. Der Zug nach Hesperien, die hesperischen Äpfel, haben einen weitern, tiefern Ursprung, dem man nachgehen muß. Juno, Jupiters Gattinn, ist der Himmel überhaupt. Jupi­ ter, heißt es, habe den Herkules an die Brust der Juno gelegt, sie habe ihn von sich geschleudert, und aus der verspritzten Milch die Milchstraße gebildet. Diese an den Idealen erscheinenden Zufälligkeiten sind das äußerste Moment. Die ruhende Gestalt hat Etwas Einfaches, aber es sind besondere Züge dabei, die man mit ihnen verweben kann. (Blüchers Statue Basreliefs.) Von dem Mittel­ punkt der klassischen Kunst ist schon in der Einleitung gesprochen. Sie ist somit ge­ nug besprochen. Die hohen Skulpturbilder, Muster der Schönheit, durch ihr Be­ ruhn auf sich die Erhabenheit an sich tragend, haben eine Trauer über sich verbreitet. Der Eindruck auf uns wird mit dieser Traurigen Stimmung auch verbunden sein. In ihrer Ruhe haben sie Etwas Lebloses, der Empfindung Entrücktes. Diese Trauer ist das, was schon selbst ihr Schiksal ausmacht, daß Et­ was höheres gefordert, und ein Übergang für sie nothwendig ist. Das Schiksal überhaupt, was innerhalb der griechischen Kunstwelt eintritt, ist diese Trauer. Eine abstrakte allgemeine Nothwendigkeit, das Bewußtsein von geistigen Mächten und ihren Individualitäten, erscheint an ihnen. Diese Mächte haben einen beschränk­ ten Umfang. Die Idee jedes Gottes, möge sie allgemein genommen werden, wie Gesetz und Wissen im Jupiter und Apoll, oder individuell, bleibt doch immer beschränkt. Der Olymp ist ein Pantheon mit vielen Individuen, die als Menge zu

5

10

15

20

25

1  Familie] Ro: der familie, das Recht liegt darin­  ­2 Man sieht … Mythologie] Ro: Man findet 30 keine bedeutung darunter.­  ­3 geworden] Ro: geworden ist. Aber an ihm ist auch der natur an­ klang an die sonne.­  ­6–7 und die … angehören] Ro: Sie suchten die fremden Götter zu den ihri­ gen zurück zu bringen.­  ­10 die hesperischen Äpfel] Ro: die apfel der hesperiden zeigen den unter­ gang der Sonne. Dergleichen Züge näher zu betrachten, sehen sie ganz aus als etwas zufälliges: aber sie­  ­15 Die ruhende … Einfaches] Ro: Damit ist das Ideal als sculptur bald abgemacht. Aber 35 es ist zugleich bedurfniss, besonderheiten, handlungen vorzustellen. Diese sind es bei denen man mehr verweilt. Die ruhende gestalt hat man bald übersehen.­  ­18 besprochen] Ro: gesprochen worden, und hier lasst sich keine andere auffassung davon geben als die welche oben gegeben wor­ den ist­  ­20–21 auch verbunden] Ro: immer begleitet­  ­21–22 der Empfindung Entrücktes] Ro: der lebendigkeit entrissenes­  ­28–29 bleibt doch immer beschränkt] Ro: so bleibt es doch ein be­ 40 schränkter, ein einzelner

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1047

besondern Individuen werden und die gegen einander auftreten. Etwas Höheres tritt über sie empor[.] Das Verstandlose, was nicht gewußt wird, als reiner absolu­ ter Zweck, die Nothwendigkeit des Schiksals, dem Menschen und Götter unter­ liegen, ist es. Dieses Schiksal zeigt das Unbefriedigende ihrer Bestimmung überhaupt.| Das Anthropomorphistische ist dann zu bemerken. Durch Schiksalbestim­ mung ist die Bestimmtheit freigelassen, die zufällige und anthropomorphistische also. Der Gehalt des Idealen sank deßhalb zum Zufälligen und Äußerlichen herab, welches seine Entwikelung hat, zum Gemeinen, Possenhaften. die klassische Ge­ stalt muß nothwendig vergänglich sein. Im griechischen Leben ist höchste Bestim­ mung, in einem äußerlichen Dasein selbst dazusein. Wie die Kunstgestalten we­ sentlich erscheinen, so soll der Geist als äußerlich existirend sich zeigen. Die absolut geistige Bestimmung, als Etwas weltlich Vorhandnes dazusein, machte den Staat; sittlich und patriotisch zu sein und nach Gesetzen des Staates zu leben. Kein hö­ herer Zweck, der wahrhaft ist, ist fürs Individuum vorhanden. Als weltlicher Zwek ist er endlich, und fällt der Geschichte und Vergänglichkeit anheim. Ein Staat, in dem jeder für den Staat lebt, ist ein schwacher Staat, er wird zer­ trümmert und das Individuum hat keine Richtung. der Zweck des Individuums, unterschieden von Substanz und Staate, und seine Eigenthümlichkeit ist nicht zu ihrem Recht gekommen. Eine Selbstsucht entstand daraus, die sich gehen läßt und zum Verderben wird, endlich zum Gegensatz gegen den Staat kommt. Innerhalb dieser Freihheit muß diese höhere Freiheit des Be­

68Hn

87rLi

12/1

1   die gegen einander auftreten] Ro: so treten sie herunter als besondere individuen zu einander­   ­4 –5  Dieses Schiksal … überhaupt.] Ro: Dem schicksal unterliegen auch die Götter: aber dies schicksal ist noch unverstanden, bestimmungslos.­  ­10–11 Im griechischen … dazusein.] Ro: Das Griechische Leben ist die höchste bestimmung in einem ausserlichen daseyn vorhanden gewesen.­  ­11–12 Wie die … erscheinen] Ro: Wie die Kunstgestalt ein geistiges ist, wie aber sinnliche vorstellung wesentlich vorhanden ist­  ­12–20 Die absolut … Selbstsucht] Li: Die abso­ 86vLi vacat  87rLi  lute Bestimmung des Geistes ist eben so relativ, eine absolute Bestimmung, die an Zweckliches, Aeußerliches gebunden ist vorübergehend. Das 2te ist die persönliche Lebendigkeit, in so fern sie vom substantiellen unterschieden ist (Individuum vom Staate z. B.) ist sie nicht zu ihrem Rechte gekommen oder sie entwickelt sich als verschieden von sich, so ist das Interesse etwas Beschränk­ tes, natürlicher Zweck, natürliche Selbstsucht­  ­14 sittlich und … leben] Ro: Das staatsleben, das ist die sittlichkeit des menschen, sein höchster zweck.­  ­17–18 Ein Staat, … Richtung.] Ro: ohne diesen ist das Individuum richtungslos, zwecklos, und so f ällt es der Zuf älligkeit anheim und es ist nicht schwer zu zeigen dass der staat mit dem Individuum so geknüpft ist, dass die Individuen die offentlichen angelegenheiten als die ihrigen ansehen, nur ein kleiner und schwacher seyn: und daher wird er zerstört, getrennt, und ohne den, wie gesagt, ist das Individuum zwecks und rich­ tungslos. Es muss innerhalb dieser freiheit die höhere freiheit des bewustseyns dem subjecte in sich selbst substantialität zu haben, in jeder freiheit stehen. Damit hebt sich der standpunct der ganzen freiheit überhaupt auf: Damit wird befriedigung des menschen eine geistige und seine freiheit eine wahrhafte.

8

1048

87vLi 165vRo

nachschrift heimann · 1828/29

wußtseins des Subjekts entstehen, in sich selbst Ich zu sein. Das Subjekt sucht in sich Befriedigung, weil es im Substanziellen keine Befriedigung fand. So Sokra­ tes, Plato und Xenophon suchten, da sie einen Ekel vor dem Allgemeinen, dem Staate hatten, in sich die Befriedigung; so entsteht dieses Äußerliche in der klassi­ schen Kunst, wo die Zuflucht zu sich selbst Befriedigung sucht. Dann erst ist die Freiheit wahrhaft geistig, wenn der Geist sein Eigenes wird. Deßhalb entstand der Untergang dieser Kunst. Der Übergang führt sie auf ein anderes Feld, nicht auf das der Kunst. Zweierlei kann in Hinsicht dieses Übergangs bemerkt werden. Erst in neuerer Zeit ist eine Sehnsucht nach der klassischen Kunst vernommen worden. Diese Trauer über den Untergang des Klassischen ist im Gegensatz zum Christlichen geklagt worden. Denn angenommen, daß das Christliche eine höhere Ansicht von Gott hat , was ein jeder eingesteht, so spricht sich doch es aus, als wenn für die Kunst der Untergang jenes Standpunkts zu bedauren wäre. Die christliche Religion enthält zwar auch das Element der Kunst, aber sie hat eine solche Ent­ wiklung genommen, daß der Verstand dieses Element verdrängt hat, welches für die Kunst wesentlich ist, nämlich das Element des wirklichen Menschlichen Gottes. Wenn der Verstand sie aber zu Vernunft bringt, so tritt das Bedürfniß nach konkreter Bestimmung ein, welche dann auch Kunst ist. In der Bestimmung der Vernünftigkeit ist der Gedanke enthalten mit seiner Realisirung, und d. i. die Grundbestimmung der Kunst. Nachdem das Unbefriedigende des Verstands durch das Bedürfniß der Vernunft eingesehen worden ist, so spricht sich auch eine Sehnsucht nach Kunst aus und auch nach griechischen Göttern. Die Peri­ ode des Verstands hat kalte Kunstwerke hervorgebracht, weil immer der Ver­ stand sich einmischt. – Die Götter Griechenlands von Schiller sind so entstan­

5

10

15

20

25

1 in sich … sein] Li: das Bewußtsein des Subjects in ihm selbst, Substantialitaet zu haben­   Das Subjekt] Li: Wie das zur Zeit des Socrates entstand, das Subject­  ­2 im Substanziellen] Li: in dem Aeußerlichen­  ­ 2–5 So Sokrates, … sucht.] Li: Man bekam Ekel gegen den wirklichen Zustand. Damit hebt sich der ganze Standpunkt der Freiheit auf, der Standpunkt der klassischen Kunst, der der Geistigkeit, der im äußerlichen Dasein ihre Verwirklichung hat. Geist sucht in sich selbst seine 30 Befriedung, seine Verwirklichung.­  ­10 eine Sehnsucht … worden] Ro: die Klage des unterganges der Classischen Kunst ein gegenstand der oft auch von Dichtern behandelt worden ist ­   ­12  ge­ klagt] Li: ausgesprochen­  ­13 hat] Li: enthalte gegen die gemachten griechischen Götter­  ­16 der Verstand] Ro: der gedanke­  ­16–17 welches für … Gottes] Ro: indem man den Gott abgetrennt hat vom Sinnlichen daseyn. So der verstand einerseits nur ein Gott als Gott des gedankens, entfernt 35 vom Sinnlichen, dieser standpunct ist unverträglich mit dem standpunct der Kunst­  ­17 des wirk­ lichen Menschlichen Gottes] Li: der wirklichen Menschlichkeit Gottes­  ­18 Wenn der … bringt] Ro: Wenn man aber den verstand zur vernunft erhebt­  ­24–25 kalte Kunstwerke … einmischt] Ro: zwar auch Kunst getrieben aber in einer sehr prosaischen weise die uns weniger interessiren kann­  ­25 Die Götter … Schiller] Ro: In dieser rücksicht hat man besonders das Gedicht Schillers 40 die Griechischen Götter beruhmt und es ist nicht zu verkennen dass sich vieles vorzügliche darin findet. In seiner Jugend hat er sich kraftiger darüber ausgedrückt.

besondere kunstformen · klassische form

5

10

15

1049

den, wo schöne Reinheit mit schönem Inhalt verbunden ist; Pathos ist mit tiefer Sehnsucht ausgesprochen gegen Verstand und Christenthum. Später hat er die Här­ te gemildert. Alles Natürliche sagt er, ist belebend damals aufgefaßt worden. – : Da die Götter menschlicher noch waren, waren die Menschen auch göttlicher. – der christliche Gott ist viel mehr Mensch, da das Anthropomorphe im Christlichen mehr auf die Spitze getrieben war als bei den Griechen. Die geistige Freihheit in sich selbst, welche den Menschen göttlich macht, haben die Griechen nicht gehabt. | Die Kunstgestalten, sagt er, seien gerettet auf die Höhen des Pindus – d. i. ihre wahre Vorstellung, daß sie der Fantasie angehören, nicht aber dem abstrakt den­ kenden Geist das Letzte seien. Diese Sehnsucht im tiefen Schiller muß man ernsthaft betrachten. So hat Schiller seine Ansicht dargelegt. Die Franzosen haben auch ihre Sehnsucht dargestellt, aber wie oberflächlich, wie frivol! Göthes Braut von Corinth hat tief dieses dargestellt. Er schilderte die Liebe in der Entsagung; das Einseitige der katholischen Religion, daß die Bestimmung der Gattinn er­ niedrigt wird zur Ehelosigkeit wird da durchgeführt, und man findet hierin den Gegensatz der sittlichen Bestimung gegen Vorstellungen die auch einem Einseiti­ gen Standpunkt der christlichen Religion angehört haben. Ein schauerlicher Ton ist dem Inhalt gegeben. Das lebendige ist Gespenst. Tändelei und Feierlichkeit im Versmaß hat seine große Wirkung.

88rLi

69Hn

20 1–2 wo schöne … Christenthum] Li: ein Traum des Gemüthes ist da ausgesprochen gegen den Gott

25

30

35

40

des Verstandes, gegen Christentum­  ­3 belebend damals aufgefaßt worden] Li: belebt aufgefaßt bei den Griechen, wo jetzt nur seelenlos ein Feuerball (Sonne) sich wälzt, wälzte damals Helios seinen Wagen. Um den einen Gott zu bereichern, mußte die ganze Götterwelt fallen. (Allein Schiller be­ trachtete nicht, daß der eine Gott in den Menschen lebt.) Der verständige Gott ist das Eine Ruhen­ de, träge geistlose, der ewig nur sein eigen Bild sieht.­  ­5 Gott] Li: Gott als vernünftiger Gott­  ­ 5–6  da das … Griechen] Ro: und da das Göttliche das geistige ist, so sind auch die menschen göttlicher­  ­7 gehabt] Ro: gekannt haben. Um den Gott der Christen zu feiern, wird es gesagt, ist nur das entsagen erfordert. Das entsagen ist allerdings ein negatives: aber es ist nichts abstractes, nur eine vermittlung zu der befreiung des geistes in sich selbst.  Li: gekannt. Die Einsamkeit kündet mir meinen Gott an, Finsterniß wie er selbst, mein Entsagen soll ihn feiern. (Das Entsagen ist aber Erheben über das Natürliche, es ist nicht das Letzte, sondern Durchgangspunkt zu der Versöhnung des Geistes mit sich selbst.) Neue Modification ist, was unsterblich im Gesang soll leben, muß in der Zeit untergehen. Die Götter sind gerettet. Die Vorstellungen bleiben.­  ­8–10 Die Kunstgestal­ ten, … seien.] Ro: Dass die Kunstgestalt der Griechischen Mythologie auf die höhen des Pindus geflüchtet sind, damit schliesst er das gedicht. Aber eben darin liegt dass dies für den denkenden Geist nicht das letzte ist.­  ­11–12 Die Franzosen … frivol!] Ro: Die franzosen haben versucht den christlichen himmel mit dem Griechischen zu verbinden(?) aber auf eine sehr leichtfertige weise.­  ­ 12 frivol] Li schließt an: | Die Nonnen, die Jungfrau Maria werden von Faunen verführt, die Mön­ 88vLi che von Bachantinnen. Die heilige Dreifaltigkeit verlacht.­  ­13–17 schilderte die … haben] Li: schildert Verbannung der Liebe durch Entsagung, Aufopferung aber einseitig ist das Entsagen. Die Bestimmung des Weibes, eine Gattin zu sein, wird heruntergesetzt als gebundene Ehelosigkeit, die heiliger als die Ehe gesetzt wird. Das ist Gegensatz nicht nur der natürlichen Liebe, sondern auch der sittlichen Bestimmung gegen Vorstellung, die einem unwahrhaften Standpunkt der christlichen Religion angehört haben

1050

89rLi

13/1Hn

166rRo

89vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Zweitens ist zu betrachten, daß die Bedeutung bei dem Symbol ausgesprochen ist, und das Äußerliche die Bedeutung verdollmetschte. Das Innere indem es er­ scheint wahrhaft im Äußern ist nicht mehr Bedeutung. Sobald aber die Bedeu­ tung für sich ausgesprochen ist, und dann diese äußerlich ausgesprochen ist, so ent­ steht eine Unterordnung in der Kunst. Ebenso tritt auch bei dieser klassischen Kunst die bestimmtere Bedeutung hervor. Im Felde des Geistigen und Selbstbe­ stimmens sind wir jetzt. Freihheit und Sichbestimmen werden Zweck, welcher das Gute genannt werden kann. Aber das Gute im Gegensatz unversöhnt mit der Partikularität. dieses Gute für sich vorgestellt, abstrakt, in sofern die Kunstform nur äußerlich angebracht wird, bildet das Lehrgedicht, wo ein moralischer, prosa­ ischer Inhalt ist; wird diesem Inhalte eine künstlerische Form und Schmuck ge­ geben, so entsteht dadurch ein äußerlich poetisches Kunstwerk. Das Gute, Tugend überhaupt wird für sich ausgesprochen, dem sein Dasein unangemessen erscheint, wodurch die Satyre sich bildete und der römischen Welt eigen war. Der Zweck ist hier, feindselig gegen das Bestehende auftretend, auf eine nega­ tive Weise zu zeigen, wie das Gute zu erreichen. Man zeigt das Schlechte als das sich selbst zerstörende. Die alten Sitten und Verfassungen sind es, welche zurück­ gerufen werden in eine Zeit, zu der sie nicht mehr passen. So sehen wir in der römischen Welt das Gesetz des freien Sittlichen im Abstrakten zur herrschaft gelangen. Ein Geist, der auf der abstrakten Aufopferung basirt ist und bürgerliche Tugend, ist der Kunst nicht vortheilhaft; denn das wahrhafte Princip der Kunst ist 1 –6 Zweitens ist … hervor.] Ro: Das andre was man in rücksicht des übergangs bemerkt hat ist das­ selbe was bemerkt worden ist in rücksicht des übergangs der Symbolischen zur Classischen Kunst. | Zur Kunst gehört die innige vereinigung von bedeutung oder vom inneren und von ausserlichen darstellungen. Indem der Punkt(?) der bedeutung eintritt, entsteht eine mittlere form die nur eine untergeordnete ist. So ist auch in diesem übergang der ausserlichkeit zur bedeutung ein untergeordnetes.­  ­1 bei dem Symbol] Li: das Innere für sich­  ­3 nicht mehr Bedeutung] Li: von der Darstellung nicht verschieden­  ­ 3–6 Sobald aber … hervor.] Li: In romantischer Poesie ist dies Inne­ re bestimmtere Bedeutung­  ­10–11 ein moralischer, prosaischer Inhalt] Li: moralischer Inhalt, allge­ meine Reflexion; dem Gehalte nach etwas prosaisches­  ­11 ist] Ro: ist: und die Kunst Seite daran sind nur ausserliche erscheinungen­   ­11–14 wird diesem … war.] Li: Das natürliche ist nur Schmuck, das Gute überhaupt wird für sich ausgesprochen, als Zweck, dem sein Dasein unangemes­ sen geworden, es ist die Satyre, die besonders römischer Welt eigenthümlich gewesen.­  ­15–17 Der Zweck … zerstörende.] Li: Der Zweck ist das Feindselige gegen das Vorhandene, die Gegenwart. Die Züge des Verderbens werden an das Höhere, Wahrhaftere gehalten. Das Gute hat dann selbst concrete Gestalt, in so fern es etwas vergangenes ist, dem die Gegenwart nicht mehr entspricht, alte Sitten, Staat, cet   ­ ­ 17–18 Die alten … passen.] Li: In diesem Widerspruche finden wir vornehmlich die Kunstwerke der römischen Welt. Da ist die Herrschaft des abstracten Staates, todten Gesetzes. Der Staat ist basirt auf politischen Tugend die Familien sittlich nachsteht.­  ­18–20 So sehen … ge­ langen.] Ro: In der Römischen Zeit ist die herrschaft des abstracten was dann auch allerdings eine glanzende periode gehabt hat.­  ­21–1051,1 denn das … Schöne] Li mit Ro: sie hat sich auch in römi­ scher Welt | nicht entwickelt, sie ist aufgenommen (Ro: und nachgeahmt). 1 9  Gesetz] Gesetzt

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

1051

das Schöne. Die Römer haben alle ihre Kunst aufgenommen. Ihre Skulptur und Malerei kamen von den Griechen wie Epos, Drama und Lyrik. Keine eigenthümli­ che Form haben sie erfunden. Allerdings haben sie Dramen gehabt; aber theils das als etwas Nahmhaftes gewesen ist, ist aus den Griechen geschöpft, wie auch Enni­ us von den Griechen alles genommen und die Mythologie auf eine prosaische Weise erklärt hat, und so der Poesie entsagt hat. Das Eigenthümlichste, was sie hatten, war Komisches, aber auch nicht in der höchsten Ausbildung, wie Plautus, der auch von den Griechen alles entliehen[.] Eigenthümlich ist ihnen die Satyre. Der Geist tugendhafter Verdrießlichkeit, in welchem Tacitus, Sallust und Seneka ge­ schrieben, über die Laster der Zeit gegen das Abstrakte des Stoicismus wurde herr­ schend. Die Tugenden einer vergangenen Welt riefen nun die Satyren herauf. Ho­ raz hat sich als Lyriker ganz in die griechische Kunst eingearbeitet. Juvenal, Lucian sind auch herzurechnen, welcher Letzte auch über die Vorstelung der Götter sprach, wie sich Aristophanes schon lustig gemacht hat. | Diese Dissonanz bildet so den Übergang. Das Gute wird nun nicht bloß ge­ wußt vorgestellt in antiker Tugend, sondern in der reinen unbeschränkten Wahr­ heit, und daß es gewußt wird als nicht entgegengesetzt einem partikulären Weltzu­ stand, sondern sich mit der Welt versöhnend. Diese Affirmation des Verhältnisses ist das Princip der romantischen Kunst.

20

Die romantische Kunstform

25

Wir sahen im Symbolischen das Aufstreben von der Natur zum Geistigen, wo Naturverhältnisse doch den wesentlichen Inhalt ausmachen, und das Geistige nur gesucht ist mit äußerlicher Form. Das Geistige wird Bedeutung im klassischen, mit natürlicher Form, mit schöner Einigung des Ideellen und Reellen, wo beides gleich würdig hervortritt, sodaß das Leibliche das Erscheinen des Geistes ist. Der Geist in

 –6  Allerdings haben … hat.] Li: Wenn man auch angiebt, daß die Römer in alten Zeiten 3 Drama, Epos, Lyrik hatten, so war dies doch nichts entwickeltes. Ennius hat die griechische Mythologie prosaisch aufgenommen, während Ephemerus der Grieche sie auf die Geschichte zurückführte.­  ­7 Komisches] Ro: das niedrige Comische  Li: Die Atellanen, Facettinen 30 ist das Comische als ächt römisch­   Plautus] Ro: Plautus und Terentz­  ­8 Satyre] Ro: Saty­ re, die in ihrem wesen etwas prosaisches ist­  ­ 8–9 Der Geist tugendhafter Verdrießlichkeit] Li: der Unmuth edler Seelen über das Verderben   ­ ­ 12–14 Juvenal, Lucian … sprach] Li: Lucian hat die Satyre auf die Vorstellungen der Götter angewendet in einer großen Ausführ­ lichkeit.  Ro: Propertius. Juvenal.­  ­17 es] Ro: das bewustseyn­  ­ 20 Die romantische Kunst­ 35 form] Li: Romantische Kunst­  ­23–25 Das Geistige … ist.] Ro: Die 2te stufe ist die umge­ kehrte dass das natürliche nur erscheinung des geistlichen ist; die schöne vereinigung des einen und des andern. | Das geistige ist das herrschende. Die 3te stufe ist die erhebung der geistlichkeit zu sich selbst.

70Hn

90rLi

166vRo

1052

nachschrift heimann · 1828/29

sich selbst, daß er sich weiß, sinnlich vorgestellt und äußerlich ist die klassische Kunst. Die Schönheit nach ihrem Begriff ist in der klassischen Kunst, wo die Voll­ endung der Schönheit ist, wo Nichts mehr Schöner aber Höheres sein kann, das auch schön ist, aber an ihm zeigt daß der Geist als bei sich seiend noch das Höhe­ re ist, als indem es im Sinnlichen sich zeigt. Im Erheben des Geists zu sich liegt eine Unangemessenheit des äußern Daseins, denn er entrückt aus dem äußern Dasein, welches nicht die Wahrheit ist, sondern daß der Geist seiner Realität sich bewußt ist, wie auch seiner Unendlichkeit und Freiheit. Dieses Unendliche enthält, daß dieser nicht ein Unmittelbares ist, son­ dern daß er sie in sich hervorbringen muß, dh. daß er sein natürliches Sein und Empfindung und freies Leben im Dasein, den Zweck des Staates überwindet, und dieses abwirft, wodurch ein Kampf entsteht. Die Entzweiung in sich ist der Zweck der Uberwindung, daß er sich von sich trennt, und sich einen unendlichen Schmerz verursacht, daß er in dem natürlichen Sein nicht ist, wie er sein soll, son­ dern daß er unrecht daran ist, und daß sein unmittelbares Wollen nichtig ist. Aus dieser Vernichtung seines Seins kommt er zu seiner wahrhaften Bestimmung, woraus seine Freiheit hervorgeht. Leiden und Entzweiung entstehen deßhalb, und erhalten eine geistig nothwendige Bedeutung, statt einer natürlich nothwendi­ gen. Das schmerzliche Wehgefühl erhält eine Wichtigkeit für den Geist, indem er zu sich selbst kommt, und sich mit sich versöhnt. Der Tod ist dem Griechen ein Furchtbares, aber ein Tod ohne geistige Würde ist ihnen nicht trennbar vom Leichnam. Sie umgaben den Leichnam mit lebhaften

90vLi

5  zeigt] Li schließt an: Darnach bestimmt sich auch die Form der romantischen Kunstform. Vom Inhalte kann man nicht abstrahiren, das Schöne kann man in bloser Form ohne Begriff nicht fassen.­  ­7–14 denn er … verursacht] Li:Der Geist soll die Realitaet in sich selbst haben. Das Be­ wußtsein seiner Unendlichkeit zu haben, seiner abstracten Freiheit, das enthält, daß dies nichts un­ mittelbares ist. Dies Hervorbringen enthält die Bestimmung daß er sein unmittelbarstes Leben in dem weltlichen Dasein überwindet, sich dessen abstreift, was also ein Ringen und Kampf ist, wel­ che Ueberwindung dies in sich enthält, daß er sich entzweit, sich innerlich zerreißt, das ist dann der unendliche Zweck, das Bewußtsein­  ­9 Dieses Unendliche enthält] Ro: Das bewustseyn der un­ endlichkeit an sich und damit der freiheit enthält unmittelbar dies­  ­10–14 daß er … verursacht] Ro: dass der geist die äusserlichen Zwecke überwunden und sich dessen abthun was ein erringen und ein Kampf ist. welche wendung dies enthalt dass er sich entzweit, sich nach seiner natürlichen Kraft zerreisst: und dies Zerreissung legt das bewustseyn­  ­15 daß sein … ist] Ro: dass er in so fern böse ist. Also das unendliche gefühl der nichtigkeit der unmittelbaren gefühle muss in dem geist zum bewustseyn kommen­  ­17–20 Leiden und … versöhnt.] Li:  | Das natürlich Nothwendiges wird geistig Nothwendiges. Das Wehegefühl enthält eine Wichtigkeit für den Geist. Das Moment der geistigen Versöhnung mit sich selbst.  Ro: Schmerz leiden verzerrung alles dies enthält hier eine ganz andere bedeutung. Es wird wesentliches moment in der freiheit.­  ­19–20 indem er … versöhnt] Ro: das moment des geistlichen zu sich selbst kommenden­  ­21–1053,2 Der Tod … ge­ habt] Li: Tod und Leiden hatte bei Griechen keine geistige Wichtigkeit. Hier [sc. in der christlichen 1  sinnlich] N sinnlich­  ­4 ihm] ihr

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

1053

Bildern, nicht aber den Tod. Der Tod hat nur die Bedeutung des Negativen gegen Leben überhaupt gehabt, aber keine Auferstehung aus dem Tode, dh. nicht die Bestimmung der Negation des Negativen, indem das Leben als affirmativ betrach­ tet ist, und schon deßhalb ein Natürliches ist, und deßhalb Negatives schon, was nicht dem Geiste angemessen ist. der Tod hat bei den Griechen die Bestimmung der ersten Negation. Achill spricht dieses in der Odyssee aus, indem er Sehnsucht nach dem natürlichen Leben in der Unterwelt hat. Der Tod für sich selbst wird nun aber selbst zum Leben. Diese Grundbestimmungen sind es, die dem Romantischen eigen sind, und das Innere desselben ausmachen. Das Innerliche selbst ist hier hauptbestimmung. Der Genuß des Individuums in ihm selbst, sein Rückgekehrt­ sein in sich. Zweierlei entstehen. Ein geistiges, göttliches Reich in sich vollendet, ein mit sich versöhntes Ge|müth. Ein wahrhafter Kreislauf entsteht hier, indem man von sich zu sich zurückkehrt. Das Äußerliche und Reale ist ein Empirisches auf der andern Seite geworden, deren das Innerliche nicht bedarf. hier ist also das In­ nere in sich das Innige, das Vernehmen seiner Einheit in sich, ganz nur sich, mu­ sikalisch. dieses Innerliche ist getrennt von dem Äußerlichen.

Vom religiösen Inhalt der romantischen Kunst

20

Der religiöse Inhalt tritt in das weltliche Äußere, in das Ritterthum über. In die formelle Subjektivität, Charakter überhaupt, und sich in der losgebundenen Äußer­ lichkeit zu ergehen, das Abentheuerliche zu bestehen gehen diese über. Religion] wird es wichtig. Einerseits das Sterben der natürlichen Seele, ein Furchtbares. Die Grie­ chen umgaben den Tod mit frohen Bildern, aber kannten seinen Ernst nicht

2–3 nicht die … Negativen] Ro: nicht diese conversion der natürlichen Seele: nicht die negation des negativen­  ­ 4–5 und schon … ist] Ro: und nicht die bestimmung begriffen dass das leben schon et­ 25 was negatives ist. Ist das leben schon bestimmt als ein negatives, so ist das negative durch ein anderes negatives zerstört.­  ­5 die Bestimmung] Ro: nur die bestimung­  ­6–7 indem er … hat.] Li: daß er ehemals geehrt gewesen, wie ein Gott, herrsche auch in der Unterwelt, wollte aber lieber ein Bettler sein in der Oberwelt als Herrscher in der Unterwelt­  ­7–8 Der Tod … Leben.] Ro mit Li: Die weite­ re bestimmung ist also dass der tod (Li: in der romantischen Kunst) zum leben verkehrt, und dass alles 30 dies negative tod schmerz u. s. f. ein wesentliches moment ist.­  ­11 Zweierlei entstehen. … vollendet] Li: Es entstehen so zweierlei Welten, weltliches Reich und das göttliche Reich, das sich in sich selbst vollendet, ein Phoenix, der immer hervorkommt. Das Zurückkehren in sich selbst, die in sich vollen­ dete Welt ist das Innere der romantischen Kunst. Auf die andere Seite ist die Empirie geworfen. Die Aeußerlichkeit verleibt sich nach ihrer ungerechteten Weise, s i e entbehrt die Innigkeit.­  ­18–20 Der 35 religiöse … über.] Li mit Ro: Die andern Formen, in denen sich das Romantische zeigt, sind verschie­ dene Prosa. 1. das Religiöse in seiner höchsten Bestimmung, 2) in die Weltlichkeit eintreten, Ritter­ tum, Liebe. 3) nach der abstracten Seite, formelle Subjectivitaet, Caracter überhaupt, in der Aeußer­ lichkeit ergehend, (Li: Abendtheuer Ro: in abentheuer u. s. f. und in allen Stoffen sich herum werfen) 7  Unterwelt lies Oberwelt­  ­8 sind] st

167rRo 71Hn

1054

14/1Hn

91vLi 167vRo

91rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Das erste Princip ist also das religiöse. Der Inhalt ist die Geschichte Christi, die Versöhnung des Geists mit sich, die absolute Geschichte der Wahrhaftigkeit des Geistes. Die romantische Idee wird hier also in ihrem Wesentlichen vorgestellt. Der Geist ist die Thätigkeit, und sein Sein ist die Geschichte seines Wesens. Die Philosophie hat ihn zu denken; Bei der Religion muß der Inhalt für alle Menschen dasein, für das empfindende Bewußtsein und nicht sowohl für das begreifende Bewußtsein. Diese Geschichte des Geists, so vorgestellt, so ist der nähere Inhalt, die Grundbe­ stimmung, daß die absolut Wesentliche und unendliche Bestimung des Geists er­ faßt wird. Jeder Mensch als Subjekt hat diese Bestimmung und hohen Zweck als Geist. Er soll dazu kommen, seine Bestimmung zu erreichen, wo er dann freier Geist wird. Dieses Ziel ist die Grundlage; der Menschen Geist ist an sich ein We­ senhaftes. Was er hervorbringen soll, ist Für sich zu sein, dh. e i n Individuum. Ursprünglich sind diese 2 Momente im Menschlichen als Geiste verbunden. Er kann nur jenes Ziel erreichen, indem er für sich ist. An sich ist Gott und Mensch Eins; der Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Also wird gewußt, daß ein einzelner Mensch Gott, und Gott e i n Mensch sind. Gott ist also nicht auf menschliche Weise, sondern er muß als einzelner Mensch anzuschauen sein. Die Einheit der menschlichen und göttlichen Natur ist wahrhaft nur als ein solches Subjekt; nicht bloß für den Gedanken sondern auch für die Sinne ist dieses in An­ schauung zu bringen. An dem einzelnen Menschen ist die Geschichte des Geistes auch an dem Einzel­ nen zu sehen. diese Geschichte des Geists an dem Einzelnen ist Nichts anderes, als was wir wissen, daß dieser Einzelne sich der Einzelnheit abthue, dh. daß er leide und sterbe, und durch den Tod hervorgehe als der verherrlichte Gott, der in die Existenz als Gott gekommen ist, und nun Gemeinschaft mit Gott ist. D. i. der Grundgegenstand für die Kunst. Die Kunst ist schon überflüssig hier. Die hauptsa­ che liegt am Glauben, an der Gewißheit dieser Wahrheit. Die Vorstellung der

5

10

15

20

25

1  Christi] Ro: Christi, und was damit zu sammenhangt­  ­4–7 Der Geist … Bewußtsein] Li: | Das, was der Geist ist, wird vor die Vorstellung gebracht für alle Menschen, für das vorstellende empfin­ 30 dende Bewußtsein­   ­7 begreifende] Li: begreifende philosophische­   ­10  als Subjekt] LiRo: als Geist­  ­10–12 und hohen … wird] Li: Zweck für Gott zu sein. Dies ist zunächst seine Bestimmung, hat er sie erreicht, dann ist er wirklich freier Geist.­  ­12 die Grundlage] LiRo: der Anfang, die Grundlage­  ­13 Was er … Individuum.] Li: das was das Wesenhafte ist, ist dieses einzelne Individuum­  ­14–15 Ursprünglich sind … ist.] Li: Die Wesenhaftigkeit, und die Einzelheit des Men­ 35 schen sind ursprünglich vereint, der Mensch ist an sich dieses, nur muß er sie mit Bewußtsein erreichen.­  ­15–18 An sich … sein.] Li: Es ist die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur, das Bewußtsein davon gab uns die christliche Religion. Das nähere Bewußtsein ergiebt daß Gott ein ein­ zelner Mensch ist. Diese Einzelheit eines jeden ist in dieser Einheit anzuschauen.­  ­22 des Geistes] Li: des Geistes, der process­  ­23 sehen] Ro: gewust wird, an dem einzelnen sich verlaufe­  ­26 und 40 nun … ist] Ro: und dann eben so wesentlich Gott, als geist seiner gemeinte­  ­27–1055,2 Die hauptsa-

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

20

1055

Wahrheit soll nun gewußt werden, und wird so in die Vorstellung verlegt und in die innere Empfindung. Das Idealische ist hier nicht eigentlich mehr vorhanden, denn das Dasein in dem Körperlichen wird äußerlich in der Kunst verlangt, daß der Gott nicht als ein Gestaltloses gedacht werde, sondern als Mensch, diesem höhern Anthropomorphismus. Aber es ist der Akcent auch darauf gelegt, daß der Mensch ein Einzelnes sei in der gewöhnlichen Zeitlichkeit und menschlichen Existenz. | Die Wahrheit der menschlichen Natur soll hier in einem Diesen gefunden wer­ den, wodurch eine Vereinzelung entsteht, daß das Körperliche, Äußere natürlich sei, und nicht bloß durch die Innerlichkeit bestimmt wird. Nicht Ideal ist es also. Der unendliche Contrast zeigt sich hier nicht allgemein wie im Ideal, sondern ver­ einzelt; die unendliche Dissonanz soll dargestellt werden, und ihre Versöhnung macht die wahrhafte Tiefe aus, daß man ganz Entgegengesetztes zusammenhalten soll. Die Tiefe zeigt sich um so mehr je stärker hier der Kontrast zwischen dem Endlichen und Unendlichen ist. Diese Ärmlichkeit der äußern Hülle, daß Christus in die Krippe gelegt ist, und dann die unendliche höhe, ist ein Kontrast, der mit der Einzelnheit erst anschaulich wird. Es trat dadurch das ein, was dem reinen Be­ griff des Schönen nicht angemessen ist. Indem Christs Gestalt zum Gegenstand der Darstelung gemacht ist, so soll er porträtmäßig, als dieser Mensch dargestellt werden, worin sich dieser Zug zeigen soll. Alle Gemälde von Christus sind schön, erhaben, stellen aber nicht das Urbild dar; und diejenigen welche das griechische Ideal hineinlegen, bleiben am meisten zurück. Denn nicht auf ideale Weise soll Christus dargestellt werden. Christus am Kreuze enthält nicht den Begriff des ide­ che … Empfindung.] Li: Die Gewißheit der Wahrheit, der Glaube ist der innere Geist, der der Ge­ schichte das Zeugniß giebt. Die Wahrheit wird aber noch in der Vorstellung erzählt, gewußt.

25 5 Aber] Ro: Es ist daher das moment der ausserlichkeit vorhanden; aber­  ­6 ein Einzelnes] Li: ein

Dieses sei, ein Einzelnes­  ­7–9 Die Wahrheit … also.] Li: Indem der accent wesentlich darauf ge­ legt wird, daß diese Wahrheit in einem D i e s e n gewußt werde, dies Dieses wird nicht nur durch Innerlichkeit bestimmt, sondern auch durch Fremdartiges, Aeußerliche Zufälligkeiten, was das nicht ideale ist.­  ­9 Nicht Ideal … also.] Ro: So tritt also alles da ein was früher von dem idealen 30 entfernt worden ist.­  ­10–14 Der unendliche … ist.] Ro: Diese ausserlichkeiten, welche ihre wir­ kung darin haben, dass dises natürliche Weise ist, und nicht blos durch die innerlichkeit bestimmt. Es gehört so gar dazu dass der unendliche Contrast sich reinigt, zeige nicht nur als auf die harmo­ nie, sondern als eine harmonie die aus diesen unendlichen dissonanzen hervorgeht, diese harmonie die wahrhafte tiefe des geistes ausmacht. Die intensität des geistes zeigt sich erst durch die grösse 35 der dissonanzen. Das endliche und unendliche in eins gebunden das unendliche wahrhafte. Es ge­ hort also selbst dissonirend dazu um die tiefe der geistesvorstellung zu machen.­  ­11 Versöhnung] Li: Auflösung­  ­14–15 der äußern … ist] Li: der Geburt Christi, der Ochse der Esel, cet­  ­15 un­ endliche höhe] Ro: unendliche grösse Gottes­  ­17–18 der Darstelung] Ro: der mahlerei und sculptur­  ­19–20 Alle Gemälde … dar] Ro: Einerseits hat sich allerdings ein traditionel bild er­ 40 halten. die mahler haben es dann idealisirt.­  ­21–22 Denn nicht … werden.] Ro: Die unangemes­ senheit wird sich immer mehr oder weniger darin zeigen.­  ­ 1 8  er] es

72Hn

Ro 

1056

93vLi  168rRo 

nachschrift heimann · 1828/29

alen, klassischen Schönen, aber die tiefe Innigkeit der Verklärung des Geistes in sich ist darin ausgedrückt. Die Figurationen um ihn, Freunde und Feinde, sind nicht Ideale, es sind d i e s e Menschen. Die Feinde sind als Feinde Gottes dargestellt, als innerlich bös, und die Darstelung des Bösen und Verzerrung ist nicht idealisch. Zu den Freunden gehört zuerst die Mutter, dieser Gegenstand der kristlichen Kunst. Die Freihheit des Geists in dem Bei sich sein hat eine Form der Empfindung, welche in der uneigennützigen Liebe liegt, weßhalb auch Gott die Liebe ist, sich in einem Andern zu empfinden, und in einem Andern mein Selbst zu fühlen. Diese Liebe ist eine Hauptform der Bestim­ mung der Idee selbst. diese Liebe ist am reinsten in der Mutterliebe, wo Ver­ langen und Begierde des Geschlechts nicht vorhanden ist. Diese Natureinheit; daß die Mutter das Kind unter ihrem Herzen genährt hat, ist ein Gefühl der innigsten Einheit. Die Freundschaft ist unter Männern, welche Zwecke ha­ ben, und in einer Sache kommt die Freundschaft zusammen, welche wesentlich ist, aber diese Sache ist bei der Mutter nicht. Dort ist diese Trennung nicht. Diese Liebe spricht sich also am reinsten in der Einheit aus. Die Form des Geistigen liegt noch darin, weßhalb im Protestantismus der höhere Geist die höhere Wahrheit an die Stelle der äußerlichen Mutterliebe in dem Katholischen getreten ist. Das Verhältniß der Gemeinde, in so fern sie noch im Kampfe ist, tritt noch ein in den Märthyrern, welche im äußerlichen Mißverhältniß stehen; in den Büßenden, in denen ein innerlicher Kampf ist, und sich selbst innerlich Et­ was auflegen, um den Schmerz in sich zu wecken, aus welchem die Reini­ gung des Geistes und Willens hervorgehen soll, und der Zweck des Höhern. Äußere und innere Mißhandlungen erscheinen so im Märtyrer und Büßen­ den. Diese Individuen sind auch als d i e s e mit äußerer Existenz, nicht als Ide­ ale zu denken, mit dem, was ihnen geschieht, in gräßlicheren Situationen im Gegensatz mit dem Natürlichen. |

5

10

15

20

25

  ist darin ausgedrückt] Ro: die von grossen meistern darin ausgedrückt worden sind und ausge­ 2 drückt seyn sollen­  ­ 4–5 und die … idealisch] Li: das führt die Gestaltung der Häßlichkeit, der 30 Verzerrung­  ­ 5–9 dieser Gegenstand … fühlen.] Li: sie ist die Liebe, sich in anderem zu wissen, sich zu empfinden, in anderer Person mein Selbstgefühl zu haben, die spröde Punctualitaet ist weggeschmolzen­  ­15 Dort ist … nicht.] Ro: In der mutter liebe ist die Subjectivität und das selbst nicht aus einander gegangen. Die Mutter Gottes ist also zum gegenstand der Kunst gekommen.­   ­16–17  Die Form … darin] Ro: Die liebe hat dann eine höhere form: und das ist die form des 35 geistes.­  ­23 auflegen] Ro: auflegen zu entsagen, auf zu opfern, zu entbehren­  ­24 des Geistes und Willens] Ro: ihrer natürlichkeit­  der Zweck des Höhern] Li: Das Höhere, das Göttliche bleiben beiden als der einzige Zweck, gegen natürliche Interessen.­  ­26 mit äußerer Existenz] Li: mit dem Stempel der zeitlichen Existenz

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

20

1057

Die innere Verklärung ist auch hier darzustellen, nicht die Äußerlichen Miß­ handlungen sollen hier erscheinen. Der Kontrast der Seeligkeit zu dem Dasein der äußern Gegenwart ist so behandelt. Die Innigkeit und Frömmigkeit ist daher ein Hauptgegenstand der Malerei, nicht der Skulptur. Nicht die Gesundheit ist hier das Schöne. Sondern die Seele soll hier durchdrungen sein von Schmerz, entweder daß das Leiden noch sie drükt, oder daß sie schon zur Seeligkeit gekommen ist, und das in der äußern Darstellung erscheint. In der Malerei ist solche Innigkeit einfa­ cher als Zug des Gesichtes zu erscheinen. In der Ausführung des Schmerzhaften, das Gräuelhafte, welches mit der Innigkeit im Gegensatz ist, sieht man die entwic­ keltere Gestalt. Eine Form des Religiösen ist das koncentrirte Zurückziehen nach dem himmlischen, das sich vom Weltlichen abzieht. Das ausgebildete sittliche Leben gehört zu dem Weltlichen. das Wahrhafte ist nur eingeschlossen in das In­ nerliche. Wenn die Darstellung in einfachen Zügen gehalten ist, so ist das nicht allein nicht widerlich, sondern sehr schätzbar. Wenn aber die Darstelung ausführ­ lich wird, wenn das Entsagen nach sittlicher hinsicht, wenn das Beharren in sei­ nem Vorsatze gegen die Welt, ausgeführt ist, so werden wir nicht mitfühlen können. In den Legenden finden wir ähnliche Bilder, wo die Einfachheit er­ scheint, aber ein Fanatismus auch des Entsagens, den wir nicht mehr annehmen können als sittlich. So die Geschichte von dem Vater und Gatten, welcher 20 Jahre in seinem Hause unerkannt leben mußte, und sich erst auf dem Todtenbette zu erkennen gab. So die Frömmigkeit des Mädchens in Salerno, welche zum Heil des Ritters Hermann von der Aue, sich opfern lassen wollte; aber damit tritt die Rohheit der Mönche, die sie opfern wollten, und des Ritters, der sie opfern lassen wollte in der barbarischen Kraft des Gemüthes auch vor Augen.

25 1 Die innere Verklärung] Li: Die innere Seeligkeit, die innerliche Verklärung, ein Schein in das

Finstere­  ­2–3 Der Kontrast … behandelt.] Li: Es ist die Innerlichkeit, die der Schmerz durchge­ arbeitet hat, was dann auch in der Aeußerlichkeit erscheint. Das wird Gegenstand der Malerei. Die Kunst geht zur Ausführung über, und da ist das Schmerzliche, Furchtbare, Gräßliche, Gräuelhafte dargestellt. Eine Form des Religiösen nach dieser Seite ist concentrirte Richtung nach dem Hohe­ 30 ren, welche das Weltliche verschmäht. Zum Weltlichen gehört aber der sittliche Zustand. Indem der (bricht ab)­  ­4–5 Nicht die … Schöne.] Ro: Es ist da nicht die schönheit, die gesundheit der Seele die den Leib durchdringt­   ­10 des Religiösen] Ro: des religiösen nach dieser seite­  1­ 6–17 mitfühlen können] Ro: Sympathisiren, indem wir nicht die considerationen der frommigkeit als das höchste, sondern vielmehr als ein abstossendes betrachten­  ­19–21 von dem … gab] Li mit 35 Ro: Die Concentration der Frömmigkeit achten wir nicht, es ist uns zurückstoßend. Die Legenden der Heiligen enthalten vieles, davon die Legende vom frommen Manne, der von seinen Eltern Frau geliebt wird und sie liebt, kommt aus Pilgerreise zurück in Bettlersgestalt incognito, seine Familie reicht ihm Almosen hin und ein Plätzchen im Hause, da lebt er 20 Jahre und giebt sich erst im Sterben zu erkennen. Diesen Fanatismus kann nur die Kirche anerkennen, nicht die Philoso­ 40 phie. (Li: Das was für sich sittlich ist, kann nicht als unsittlich erscheinen. Ro: Solcher fanatismus des entsagens dessen was für sich sittlich ist, scheint uns als etwas unsittliches, der Religion widerstreitendes.)­  ­21–24 So die … Augen.] Li mit Ro: Herman v. d. Aue in der Schweiz ist

73Hn 15/1Hn

92rLi

1058

nachschrift heimann · 1828/29

Diese barbarische Frömmigkeit kann sich auch gegen das Böse wenden, und das Böse in sich vernichten. Es ist ein hoher Glaube, daß diese Richtung des Geistes auf das Göttliche vernichten kann den Menschen, welcher ein Böses ist, und das Schlechte ungeschehen machen kann. Es ist eine Richtung von unendlicher Ge­ walt; aber es ist eine That, die mehr in dem Innern als Solchem vorgeht und mehr der Religion als der Kunst angehört. Die Kunst erfordert die Fertigkeit des Charakters, die zusammenstimmende Verbindung des Innern mit der Wirklichkeit allein. Es giebt viele Gegenstände, die für uns nicht das Religiose haben, welches er zu Kalderons Zeit hatte. Wir sehen den Inhalt, der sich aus dem Wirklichen zurückzieht. Die Maria Magdalena gehört hieher. Die Malerei hat in diesem Stof­ fe das Schönste geliefert, indem sie eine schöne Sünderinn ist und sich mehr dem Profanen nähert, und voll Empfindung ist. Man verzeiht ihr, daß sie gefehlt, und die viele Schönheit verzeiht die viele Liebe. Der Irrthum ist, daß sie nicht zu­ viel geliebt hat, sondern daß sie sich als Sünderinn hält. Diese Vorstelung des Ge­ genstands gehört dieser Sphäre an. Diese Innerlichkeit scheint in die Weltlig keit hinein, nicht auf negative sondern auf affirmative Weise, auf eine lebenskräftige Weise. Das Prinzip ist das in sich unendliche Subjektive das absolute Bestimmung 168vRo

92vLi

93rLi

94rLi

5

10

15

von dem Aussatz befallen, ausgeschlossen von Gesellschaft, in krankhaftem Zustand, der sein Rit­ terthum schlaff macht, ein Opfer für sein Leben soll ihn genesen. ein (Li: junges frommes Ro: ge­ meines) Mädchen (Li: erbietet sich dazu Ro: hat dies gehört und aus mitleid will für ihn sterben). 20 Die Mönche in Salerno sollen die Heilung vollbringen. Beide reisen hin. Das Mädchen besteht die letzte Probe, sie wird an Tafel gebunden (Li: um das Blut des Herzens zur Heilung zu gebrauchen Ro: um ein messer in ihr herz zu stecken), in diesem Extreme vernimmt dies Herman von der Aue | läßt die Heilung nicht vollbringen, (Li: der gute Wille des Mädchens macht doch die Hei­ lung Ro: durch gebete und opfer wird die heilung bewirkt). Hier ruinirt die Gräulichkeit die Wir­ 25 kung der schönen Seele des Mädchens und Hermanns die Roheit der Kunst und Wissenschaft, die dazu Mittel greift. Die Roheit des Ritters, der sich die Schlachtung gefallen lassen will. Es ist bar­ barische Kraft des Gemüthes mit Froemmigkeit vermengt. 1 Diese barbarische Frömmigkeit] Li: Die Gewalt der Frömmigkeit­  ­5 mehr] Ro: nur­  ­8 viele] Ro: berühmte­  ­ 8–9 die für … hatte] Ro: die unserem begriff des Schönen widerstehen. So der 30 anhang am Kreuz.­  ­9 dem Wirklichen] Li: der Erscheinung­  ­12–14 Man verzeiht … hält.] Ro: Es erscheint darin dass die Schönheit und die thräne der rührung einen grossen eindrück machen. Ihre empfindungsvolle Schönheit selbst gibt die vorstellung dass sie in ihrer liebe höherer gedan­ ken voll wird.  Li: ihr ist viel zu verzeihen sagt Christus, weil sie viel geliebt hat. Es erscheint die Rührung der Sünderinn, sie vergießt Thränen; es ist ein schöner Irrtum, sich für eine Sünderinn 35 der Art zu halten. Sie hat sich in ihrer Liebe mit Edelmuth benommen. | Was sich da befindet, macht erst die Dissonanz recht klar. Damit ist eingetreten, was dem reinen Begriffe des Schönen nicht angemessen ist. Die Gestalt Christi als Gegenstand der Kunst ist kein ideal, sondern portrait, dieser Mensch. Es hat sich traditionelles Bild von seinem zufälligen Aussehen erhalten. Ruhige einzelne Würde und zugleich das Göttliche darin, das ist der Contrast, den die Kunst nicht fassen 40 kann. Die Situationen des Leidens, Sterbens, Umgang des äußeren Lebens haben nicht ideale grie­ chische classische Schönheit, es ist aber diese höhere tiefe Innigkeit. Die Ruhe des Seligen über das Negative. Alles sind diese Menschen, nicht ideale.­  ­15 Diese Innerlichkeit] Li:| Der 2te Kreis ist, daß die Innerlichkeit­  ­17 Das Prinzip] Li: Das princip wie es in die Weltlichkeit hereintritt­

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

20

1059

ist, und sich im Glauben verhält als mysthisch der Menschen gegen einander. Diese Innerlichkeit kehrt sich heraus. Das Wirkliche, das das Subjekt ist, muß zum gegenwärtigen Inhalt kommen. „Ihr müßt Vater und Mutter verlassen, und mir folgen“, so ist | das das abstrakt negative erste Verhältniß. Ist die Gemeinde gebil­ det, so wird das Subjekt frei, und weiß sich unendlich. Drei Empfindungen stei­ gern sich, um zu diesem Unendlichen zu kommen. Die persönliche Selbstständig­ keit, die Liebe als Geschlechtsneigung, die Anhänglichkeit an einen herrn. Ehre, Liebe, Treue sind diese 3 Bestimmungen. Es sind nicht eigentlich sittliche Tugen­ den, sondern romantische Eigenschaften. Die erste ist nur überhaupt Rechtschaffen­ heit in der Berufssphäre. Die Liebe ist eine Leidenschaft, die zugleich durch die Phantasie erweitert ist. Die Treue kommt zu ihr noch hinzu. Sie haben ein Gemeinsames zu ihrem Interesse; aber nicht das Gemeinsame im Objektiven als Staat, sondern in Beziehung zu einem herrn, der auf individuelle Weise das Zu­ sammenleben bewirkt. Diese drei machen das Ritterthum aus. Die Person auf sich nur sehend, die in Beziehung auf Familie in romantischer Liebe und in Bezug auf Staatsverhältniß sich einigt, machen die romantische Zeit aus. Die unendliche Innerlichkeit, die nicht mehr abstrakt bleibt, sondern die sich an das Dasein wendet, ist dieses. Das Abendtheuer mit dem Araber, welcher in der Abstraktion seines Gottes lebt, nur Himmel und Wüste sieht, aber lebenskräftig in das Weltliche hinaustritt, und die abstrakte Freihheit sich erhält, sind die handelnden hierin. Dieses Romantische hat mit dem Orientalischen des Arabers das gemein, daß aus der Trockenheit der Wüste in die Welt mit der innern Freiheit getreten wird; der Stempel der Unabhängigkeit des Innern ist daran aufgedrückt.

74Hn

169rRo

16/1Hn

1 und sich … einander] Li: Das mystische ist entfernt vom Verhältniß der Menschen zueinander.­   25 ­4  folgen] Li: folgen, Bruder wird den Bruder verfolgen­  ­5 Empfindungen] Li: Bestimmungen­  

6­   diesem Unendlichen] LiRo: der unendlichen Subjectivitaet­  ­7 die Anhänglichkeit an] Ro: die anhanglichkeit oder treue Li: Abhängigkeit von­  ­10 in der Berufssphäre] Li: in Beruf ’s oder Privat­sphaere­  ­10–11 die zugleich … ist] Li: und nicht Bestimmung der ehelichen Liebe­  ­12 Ge­ meinsames] Li: Gemeinsames einer allgemeinen Bestimmung­  ­13–14 auf individuelle … bewirkt] 30 Li: einen Kreis | zusammenhält­  ­14–18 Die Person … dieses.] Li: Der nothwendige Fortgang vom abstracten Princip, eine Innerlichkeit die sich an anderes Dasein wendet.­  ­18 Das Abend­ theuer … Araber] Ro: Romantisches princip, nicht des abendlandes allein sondern auch des mor­ genlandes: besonders bei den Arabern: nicht die symbolische, sondern mehr die Mahometanische Welt.  Li: Gemeines Princip mit den Arabern  8  Araber] Arabern 35 1

94vLi

1060

nachschrift heimann · 1828/29 Die Ehre

95rLi

ist der klassischen Kunst unbekannt. Die Verletzung des Achill wird nicht in der Form der verletzten Ehre aufgefaßt, sondern der reellen Verletzung des γερας, welches ein Ehrengeschenk ist. Achills Ehre ist nicht beleidigt, und er wird be­ friedigt, indem der entrissene Theil der Beute ihm zurükgegeben wird. Die ro­ mantische Ehre ist nicht das Eigenthum, welches verletzt wird, sondern auch das Ideelle, die ganze Persönlichkeit wird verletzt. Das Individuum hat das Bewußt­ sein seiner Unendlichkeit. Sein Besitz ist nur ein Besondres, das verloren nicht das Individuum zerstört. Die Ehre gehört insofern nicht dem reellen Sein, sondern der Vorstellung an. Durch die Vorstellung wird das Besondere zum Allgemeinen ge­ macht, und jedes Besondere ist Ich, und in dessen Verletzung ist mein Ich verletzt. Die Ehre ist nichtig in sofern nur ein Schein, indem, wenn eine meiner Sachen verletzt ist, am Eigenthum, Körper oder durch Schimpfrede, so scheine nicht Ich, sondern nur eine Seite, und gegen die Realität scheint in sofern nur die Seite ver­ letzt, aber statt der Seite tritt mein Ich. Diese Ehre ist nun die Grundbestimmung in der romantischen Kunstform. Ein heraustreten aus der Welt des Innerlichen und der Religiösen Vorstellung, als eine Lebendigkeit ist deutlich jetzt zu sehen, und in sofern schon die Bildung einer Vorstellung. Der Inhalt der Ehre ist nun selbst mannigfach. Was mir ist, ist meine Ehre, Liebe zum Vaterland, Treue gegen den Fürsten. dieser Inhalt ist noch nicht an und für sich, als sittlich sanktionirt, son­ dern nur, in sofern ich meine subjektive Unendlichkeit hineinlege, als ich es als das Mir Angehörige ansehe. Zufälliger Inhalt, den ich mir schaffe als einen wesent­ lichen, kann auch Inhalt der Ehre sein. Die Ehre kann also einen Inhalt haben der wahrhaft und inhaltsleer ist. |

5

10

15

20

  Die Ehre] Li: Das 4tePrincip ist die Ehre­  ­5 wird] Ro: wird; und Agamemnon macht die repa­ 25 1 ration der verletzung auf diese weise.­  ­6 Ehre] Li: Ehre ist von anderer Art, da­  ­8 Unendlich­ keit] Ro: unendlichen subjectivität; und darin liegt die Ehre­  ­9–11 Die Ehre … verletzt.] Li: In diese bestimmte Seite lege ich meine ganze subjectivitaet herein, ich bin in diesem reellen Sein. Ich bin unendliches Subject, wird etwas Besonderes an mir verletzt, so wird die darin zugleich vorhan­ dene ganze Persönlichkeit zugleich verletzt.­  ­15 statt der … Ich] Ro: Aber was darin scheint, das 30 ist ich, die unendliche subjectivität.­  ­16 romantischen Kunstform] Li: modernen Vorstellung  Ro: Romantischen Welt­  ­18 die Bildung einer Vorstellung] Ro: bildung des bewustseyns­  ­19 Va­ terland] Ro: Vaterland, erfullung der pflichten, treue gegen den furst, das ist alles darin gefasst: und das sind alle substantielle verhältnisse die nicht verletzt werden sollten­  ­20 Fürsten] Li: Fürsten, Erfüllung der Flichten, das ist das Substantielle, das durch mich und durch Andere nicht verletzt 35 werden darf­   ­21 subjektive Unendlichkeit] Li: unendliche Substantialitaet  Ro: unendliche subjectivität­  ­22–23 Zufälliger Inhalt, … sein.] Ro: Damit hängt nun zusammen, eben weil der inhalt noch nicht an und für sich bestimmt ist, dass auch ein zufalliger inhalt den ich mir verschaffe darin vorkommt.

besondere kunstformen · romantische form

5

10

1061

Die Spitzfindigkeit der Reflexion kann Unbedeutendes so in den Umfang mei­ ner Ehre ziehen. Man sieht dieses in spanischen Vorstellungen besonders. Solche konkreten Verhältnisse erscheinen in der Treue der Ehe. Zu dieser Treue der Frau kann, wenn sie analysirt wird, die Analyse die kleinsten Umstände als verletzend heranziehen, und so ein jeder Inhalt hereingelegt werden, der auch dem sittlichen Leben widersprechend ist. So ist der Alarkos von Schlegel unsittlich um der Ehre willen; dieses trockene gehaltlose Wort bekommt einen schrecklichen Inhalt, so­ daß man um dessentwillen die Frau ermordet. Die Ehre ist hier, daß er Tochter­ mann des Königs wird. Diese Selbstständigkeit des Ichs herrscht hier also, entge­ gen dem Leben im Staate. Der romantische Held, dem das Gesetz seine Ehre ist, beruht auf sich, seinem Willen. Diese Selbstständigkeit verbindet sich mit der Vor­ stellung Ihrer selbst, daß sie sich in dieser als ihre Subjektivität vorstellt.

75Hn

169vRo

Die Liebe.

15

20

hat zum Höchsten die Hingebung eines Individuums (eines Individuums) an ein anderes, in diesem aufzugehen. Liebe und Ehre sind so höchst entgegengesetzt. Selbstbeharrlichkeit und Beharren in einem Andern ist eine heilige Collision zwischen Ehre und Liebe. Der Stand, der durch die Natur bestimmt ist zu bewah­ ren; der Stand ändert sich, wenn ein Subjekt einem Niedrigern sich hingiebt, als was mit ihm auf einer Stufe steht. Diese Liebe verbunden mit der Ehre, zwei kalte abstrakte sind in unsern dramen oft entgegengestellt. Der Held ist in sich hin und hergerissen. Die Liebe hat eine außerordentliche Wichtigkeit bei der ro­ mantischen Kunst. Sie gehört einem Subjekt zu, und enthält ein natürliches

1   Die Spitzfindigkeit] Ro: Die bestimmung ist also dass es nicht so wohl pflichten sind, aber das gesetz der Ehre: dass der inhalt wohl pflichten seyn können aber auch andere; und die 25 spitzfindigkeit­  ­ 2–6 Solche konkreten … ist.] Li: Verhältniß des Mannes | zur Frau ist ein concre­ tes, die Treue verletzt, verletzt die Ehre des Mannes. Allein die kleinsten Umstände können angese­ hen werden als die Treue verletzend­  ­9 wird] Li: werden. es ist die Ehre, nicht die Leidenschaft für diese Princessin­  ­12 daß sie … vorstellt] Ro: Es ist darin diese bedingung vorhanden der re­ flectirten selbststandigkeit, die eben ist ihrem inhalte nach, zufällig.­  ­13 Die Liebe.] Ro: Das 2te 30 motif das in der neueren Kunst eine überwiegende rolle spielt, das ist die Liebe.­  ­14–15 an ein anderes] Li: für das des andern Geschlechts. Beide Individuen sind eins in einander­  15 in diesem aufzugehen] Ro: das aufgeben des selbstständigen bewustseyns um das bewustseyn eines anderen zu haben­   Liebe und … entgegengesetzt.] Li: Hier wird das Beharren ganz aufgegeben, wehrend es in der Ehre da fest steht. Daher die Collision beider Principien.­  ­17–19 Der Stand, … steht.] Ro: Die 35 Ehre ist also gleichsam aufgegeben wenn ein edler ein madchen von niedrigem Stande liebt. Die collision von Ehre und liebe tritt dann in den mannichfaltigsten gestalten vor­  ­20 entgegengestellt] Ro: und diese abstracte gegenüberstellung ist dann sehr kalt und trocken, indem die selbstständig­ keit des Characters der individuen dadurch verloren geht­  ­21–22 bei der romantischen Kunst] Ro: in der neueren welt­  ­22 einem Subjekt zu] Li: der Empfindung an

96rLi

95vLi

1062

19/1Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Moment, wogegen das Sittliche gleichgültig ist; dann ist sie ein Subjektives, dem es aber als seine Empfindung als sein Höchstes ist. Verschieden von Liebe ist Ehe, Staat, welche Gemeinwesen sind. Die Liebe geht auf besondre Individuen. Nicht Liebe überhaupt ist es hier, auch ist der Gegenstand nicht ein allgemeiner, sondern ein besondrer. Das Individuum, das sich unendlich weißt, macht auch aus der Ge­ liebten die Schönste für ihn. Keine Schönste ist für ihn auf der Welt da. – Ande­ re wissen; daß es noch mehr solche Vortreffliche giebt. – Im Klassischen ist nicht diese Subjektivität der Leidenschaft so gestellt. Es ist die Liebe nur ein Unterge­ ordnetes. Hämon bringt sich selbst um, und nimmt sich der Antigone an, aus objektiven Gründen, des Staats. Seine Liebe zu Antigone macht er nicht geltend gegen den Vater. Bei Euripides, Comödie fängt die Liebe mit größrer Wichtigkeit einzudringen an. Die Liebe der Alten kommt vor ohne Innigkeit und Tiefe der Empfindung. Die medicäische Venus ist an sich nicht die innige Liebe der roman­ tischen Welt.

96vLi

Die Treue

!70rRo

ist die Freundschaft. Im Klassischen finden wir sie häufig. Sie wird in die hero­ ische, mythische Zeit verlegt, wo sie mehr Platz hat denn dann ist der Mensch ein Individuum für sich ohne Zwek. Er kann seine Persönlichkeit dann ganz an einen Andern geben. Ebenso ist auch die Liebe in die mythische Zeit ver­ legt. In Ilias und Odyssee sieht man nicht diese Liebe der romantischen Welt. Nicht um der helena, um Paris Willen kämpften alle Griechen gegen die Troer. Freundschaft kommt auch später vor zwischen Sokrates und Alcibiades,

5

10

15

20

2 Ehe] Ro: ist die familie als solche, die Ehe­  ­3 welche Gemeinwesen sind] Ro: das Vaterland welche ein allgemeines moment enthält­  ­ 5–6 auch aus … ihn] Ro: aus der liebe und dem gegen­ stand der liebe ein unendliches­  ­6 die Schönste] Li: das herrlichste, schönste­  ­7 noch mehr sol­ 25 che Vortreffliche] Li: auch andere schönere­  ­7–8 Im Klassischen … gestellt.] Ro: Diese subjecti­ vität der empfindung kommt in der Classischen welt in dieser wichtigkeit nicht vor.­  ­9–10 Hämon bringt … Staats.] Li: Die Antigone ist dem Hemon bestimmt. Dieser ermordet sich selbst.­  ­ 12–13 Die Liebe … Empfindung.] Ro: Die Liebe kommt auch in Sculptur Darstellungen vor: aber sie kommt nicht in dieser innerlichkeit, in dieser tiefe der empfindung vor.­  ­13–14  ist an … 30 Welt] Li: die uns als liebende Frau vorsteht, ist eine schöne Figur, aber die an ihr nicht das aus­ drückt, was die Liebe fordert­  ­15–16 Die Treue …Freundschaft.] Li: Das 3te Princip ist die Treue, es ist nicht die alte griechische Freundschaft.­  ­16 Im Klassischen … häufig.] Li: Der Mensch ist ein einzelnes Individuum für sich, der keine Pflichten hat, er kann also seine Persönlichkeit einem andern hingeben. Solche Freundschaft ist nur in der Heroenzeit der Griechen in der Mythologie 35 wie Orestes und Pylades, nicht aber in klassischer griechischer Zeit.­  ­21 Nicht um … Troer.] Ro: Aber die verletzung der gastfreundschaft spielt da eine grössere rolle. 1  Moment] Moment st

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

20

1063

aber hier ist ein Zweck, der sie verbindet. Die 3 Weise ist Verhältniß gegen ei­ nen | gegen den Staat. Sein Vortheil wird jedem Ritter hauptsache. Das Gemein­ schaftliche besteht nur darin, daß ihm Etwas erhalten wird. Der Fürst ist das Haupt. Nicht eigentlich objektives Interesse ist da. Nur Anhanglichkeit an den Fürsten ist da, und diese ist durch die Ehre bekräftigt. Nun können Ehre und Ge­ horsam in Collision kommen, wenn gegen den Willen des Fürsten der Lehns­ mann sich behaupten will. So verfolgen die Vasallen ihren Zweck nach ihrem Willen und kündigen dem Fürsten die Treue auf. Der Cid ist so ein schönes Beispiel. Er widersetzt sich dem Fürsten als Ritter. Er wird verbannt. Das Ver­ hältniß Carls des Großen zu seinen Vasallen ist vom Erzbischof von Turin so dar­ gestellt wie das Verhältniß von Zeus zu den Göttern, die sich geltend machen und in des Königs Willen liegt auch der ihrige. Ein treues Bild von diesem Verhältniß giebt der Reinike der Fuchs mit der 2deutigen Treue. Die Treue in untergeordne­ ten Kreisen erscheint oft sehr rührend, wenn der Gehorsam des herrn Gemüths­ sache ist. Im Leare ist dieses schön vorgestellt im Känt, welcher die Größe des herrn an den Mienen erkennen will. So ist diese Treue des Dieners zu dem Herrn, in der Familie schon im Homer geschildert im Schweinehirten. Dieser Treue entspricht das Verhältniß zum Staate. So ist die persönliche Selbstständigkeit des Individuums mit der Liebe und Treue die Innigkeit, welche in das Weltliche heraustritt. Was als das 3te noch zu bemerken ist, d. i. das Formelle der Subjektivität, d. i. das Formelle des Charakters, im Handeln, das Abenteuer, und der nähere Aus­ druck dieser Form.

1  aber hier  … verbindet] Ro: aber zugleich als ein substantieller Zweck­  ­1–3 Die 3 Weise  … 25 wird.] Li: Die Treue ist gegen den Herrn, gesellschaftliche Ordnung, wo Selbstständigkeit jedes

Individuums überwiegendes Moment ist, der Vasall hat diese Selbstständigkeit.­  ­4 Haupt] Li: Haupt, Fürst im eigentlichen Sinne. Die Treue kann leicht in Collision kommen mit dem Gehor­ sam gegen den Herrn, wenn die Ehre verletzt wird des Individuums.­  ­ 4–5 Nicht eigentlich … bekräftigt.] Ro: Die treue ist nicht der patriotismus. Denn sie ist gebunden an einen einzelnen 30 herrn: Aber sie ist bedingt durch einen eigenen vortheil, durch die eigene Ehre. Es ist also etwa Zufalliges drin.­  ­6–7 wenn gegen … will] Li: Die Vasallen sind treu, verfolgen aber dabei ihren eigenen Zweck­  ­7–8 So verfolgen … auf.] Ro: Es ist Zustand den wir meist im mittelalter sehen. Da thun die Edlen was sie wollen. sie folgen ihre eigenen Zwecke.­  ­ 8–9 Der Cid … Beispiel.] Li: am edelsten ist dies Verhältniß im Cid vorgestellt­  ­9 Er widersetzt … Ritter.] Li: Der Ritter wi­   ­10 Erzbischof von Turin] Li: Erzbischofs Urbin  35 dersetzt sich der Willkühr des Fürsten­ 12 treues] Ro: sehr anmuthiges­  ­15–16 welcher die … will] Li: es wird zu einer Sache des Gemüths­  1­ 6–17 So ist … Schweinehirten.] Li: Dies ist auch des Herolds am Achill, des Schwein­ hirten gegen Odysseus.­  ­17–18 Dieser Treue … Staate.] Ro: Dieser Treue entspricht das verhalt­ niss der modernen Welt der unterthanen zum staate. 40 35  Urbin lies Turpin

76Hn

97rLi

1064

nachschrift heimann · 1828/29 Das Formelle des Charakters.

97vLi

170vRo

77Hn 98rLi

hierbei kann man den abstrakten Formalismus unterscheiden, und den Formalis­ mus, der in dem Mangel der Entwikelung liegt und in einfacher Verschlossenheit lebt. Jenes ist, daß ein Subjekt auf seinem Willen beharrt, ohne daß dieser einen sittlichen, heroischen Charakter hat, nur im partikulären Zwecke unbeugsam, und diese Partikularität durchführt und zu Grunde darin geht. Die formelle Conse­ quenz ist dieses. Ein solcher häßlicher Charakter ist Etwas Partikuläres und Ver­ schiedenes, mit verschiedenem, zufälligem Zwecke. Dieses Partikuläre führt zum Bösen und zum Untergang. Eine Entwickelung des Handelns gegen die Hinder­ nisse der partikulären Zwecke ist die des Schiksals, aber nicht die Entwicklung des Schiksals aus der Handlung, sondern auch mit Entwiklung des Charakters, einem innern Werden, verbunden, sodaß entweder eine Zerschellung oder Zermattung entsteht. Bei den Alten sehen wir den pathetischen Charakter, wo schon eine Si­ tuation der Handlung vorhanden ist, sodaß der Charakter zu Ende ist, was er zu Anfang war. Diese Entwicklung ist bei den Neuen ein inneres Werden. Die Charaktere des Shakspeare sind so zu fassen. Die Entwickelung des Schiksals aus der Handlung und die Entwicklung des innern Charakters. Makbeth strekt die hand nach der Krone aus. Es ist nicht ein entschiedener Charakter. Die Hexen, seine Gattinn die entschiedenen sind äußerlich, die im Makbeth den Entschluß machen, den König zu morden. Abstrakter als die Chronik hat es Shakspeare auf­ gefaßt, indem er nicht anführt, daß Makbeth Recht an der Krone hatte. | Eine abstrakte konsequenz und Festigkeit in der Grausamkeit des Makbeth er­ scheint nun. Der Wahnsinn der Frau, der Geist des Banko und alles tritt vor ihn, aber er verwildert mit der Handlung, so daß die Handlung nicht bloß äußerlich ist, sondern das Innere wird. Die Lady ist schon entschieden, wie überhaupt der weibli­ che Charakter[.] Ihre Angst ist ein inneres Schiksal, Zertrümmerung moralisch und physisch. Sie stirbt am Wahnsinn. Ebenso bei Leare dieser Wahnsinn bei Richard,

5

10

15

20

25

  lebt] Li: bleibt­  ­ 4–5 einen sittlichen, … hat] Li: Wille an etwas Höheres geknüpft ist­  ­5 un­ 4 beugsam] Ro: ungebeugt und unbeugsam­  ­6 diese Partikularität … geht] Ro: Dies festhalten an dem particularen nähert sich dem bösen und führt zum untergang.­  ­12–13 sodaß entweder … 30 entsteht] Li: Das Fortstürmen, Verwildern, das Ermatten zuletzt.­  ­13 sehen wir … Charakter] Ro: ist davon ein beispiel Hercules­   ­16 Charaktere] Ro: grossten berühmten Character­   ­16–17 Die Entwickelung … Charakters.] Li: Es ist nicht blos das Aeußere Werden, sondern zu­ gleich ein Inneres.­  ­18 aus] Ro: aus. Wir können nicht sagen dass er wie er zu erst auftritt, als bös auftritt.­   Es ist … Charakter.] Li: er tritt zuerst nicht als böse vor­  ­19–20 die im … machen] 35 Ro: Aber Macbeth macht und entwickelt sich erst im handeln, bis er dazu kommt­  ­22 Eine ab­ strakte konsequenz] Ro: Diese Krone zu behaupten durch alle härten und grausamkeiten hindurch, eine ganz abstracte consequenz, die durch nichts aufgehalten wird; weder die majestät des Königs­  ­ 25 Die Lady] Ro: Der Character der gemahlin­  ­27 Ebenso bei … Richard] Ro: Dies ist auch der fall bei anderen Characteren von Shakespeare. Z. B. bei Richard III 40

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

20

25

30

35

40

1065

bei Othello in der Oberfläche seiner Vorstellung. Eine feste Consequenz erscheint in allem, was ihnen geschieht, um sich auch innerlich zu entwickeln. Ebenso die unbedeutenden Charaktere des Shakspeare sind so was Formelles, wo der Forma­ lismus recht erscheint mit der Einseitigkeit des Interesses; jedoch mit Genialem gepaart. Nicht die antike Festigkeit erscheint hier, wo ein Deus ex machina die Festigkeit des Charakters, die inhaltsvoll ist und sittliches Pathos ist, bricht. Das Formelle kann so beschaffen sein, daß ein innerliches Gemüth einfach bleibt und nicht zur Entwickelung kommt. Mangel an Entwicklung und Hal­ tung erscheint deßhalb. Innerliches erscheint nur selten wie ein Blitzen. Ein inne­ rer Reichthum mit Fülle ist vorhanden, der sich nur wenig und unklar und stumm äußert. Still bleibt er in sich wie das Schweigen des Meeres, das unauf­ hörlich tief ist. Der Seichte, Stumpfe kann auch schweigen, um von der Tiefe zu zeugen; aber das Ende entdeckt ihn. Eine Naivität muß zeigen, daß das Gemüth von substanzieller Tiefe ist. Ein solches Gemüth wird endlich auch einmal ergriffen, und mit ungetheilter Stärke wirft es sich in ein Interesse, wo es ohne haltung untergeht. Ein halt der Reflexion muß sich ihm geben. Herrlich sind diese Charaktere, wie Julia im Shakspeare. Ein kindliches Mädchen, ohne Be­ wußtsein der Welt, ohne Reflexion und Grundsätze; fest durch sich selbst. Eine Leidenschaft ergriff sie plötzlich, und die Knospe bricht auf, entwikelt ist die Rose; aber das Hervorquellen eines Grundes bleibt ihre Bestimmtheit. Groß und einzig zeigt sie sich, aber in einem Interesse befangen weiß sie sich selbst nicht zu helfen, und geht durch die Kunst eines Weisen als eine schnell entfaltete Blume unter. Im Sturme ist es Johanna, wie Thekla im Schiller, die schon mehr reflektirt ist. 3 –5 wo der … gepaart] Ro: Das ist ein überwiegendes in ihnen: sie sind in die einseitigkeit ihrer interessen versunken. Das ist nun die eine form des formalismus­  ­7–8 Das Formelle … kommt.] Li: Das 4te ist das substantielle Gemüth das in seiner einfachen Weise bleibt und nicht zur Entwicklung kommt.­   1­ 0 Reich­ thum mit Fülle] Ro: reichthum eine unendliche tiefe­  ­11–12 das unaufhörlich tief ist] Ro: an welchem man erkennt dass es ein Schweigen, die Stille eines tiefen ist­  ­13 Gemüth] Ro: entwicklungslose­  ­ 14–16 Ein solches … geben.] Ro: Es wird dann eine Zeit kommen wo es sich an einen bestimmten gegen­ stand wirft und darin ganz haltungslos untergeht.­  ­15 ergriffen] Li: ergriffen […] an einem Punkt­  ­ 16–17 Herrlich sind diese Charaktere] Ro: Zu dieser form gehören die schönsten Darstellungen der neuen Welt­  ­17 kindliches] Ro: ganz einfaches­  ­17–18 ohne Bewußtsein der Welt] Ro: woran man sieht dass es noch kein bewustseyn hat weder an sich selbst, noch an der welt­  ­18–19 Eine Leidenschaft … Rose] Ro: Wie dann aber die leidenschaft von Zufälligkeit aufnimmt, so tritt es auf ein mahl auf in seiner ganzen fülle entwickelt­  ­20 eines Grundes … Bestimmtheit] Ro: ihrer grundlichen tiefe, die sich aber ganz an einen bestimmten hält Li: unendlichen Grundes, der bei dieser Bestimmtheit allein bleibt­  ­20–22 Groß und … unter.] Li: Sie zeigt sich als etwas Geniales, sie muß sich zu einem Mittel wenden, das ihr den Todt bringt. Eine Blume, die eben so schnell entblättert ist, als sie entfaltet war.­  ­22–23 Im Sturme … Thekla] Ro: so kommen bei Shakespeare noch andere Charactere vor dieser art. So auch die Thecla. In volksliedern mannichfaltigster art finden wir diese Character am häufigsten.  ­23 die schon … ist] Li: hat eben diese ruhige Naivitaet in sich oder geht zu Grunde in der Einseitigkeit 23  Johanna lies Miranda

98vLi

20/1Hn

1066

171rRo

78Hn

99rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Es ist dieses zugleich ein barbarischer Charakter. Es ist ein Gemüth, verschlos­ sen im Innern mit Reichthum, der arm an Äußerung ist, welche auch nur symbo­ lisch sein kann; die Franzosen haben den Ausdruk entier eigensinnig und ganz, welches diesen Charakter bedeutet. hieher gehören die Dichtungen von Göthe wie der König von Thule, der nur durch den Becher seine Liebe zu erklären giebt. Alles hinterläßt er gerne seinen Erben, nur nicht ihn. Der Becher ist eine gleich­ gültige Sache, und gleichgültig, ob andre ihn gebrauchen oder nicht; aber es ist dieses eine Dumpf heit der Empfindung, worin sich die Consideration, die Stille der Empfindung, zeigt. Des Schäfers Klage gehört auch hieher, wo Nichts zur Klarheit kommt, es ist alles unbestimmt und weit her sich aussprechend. Ein Stand, wo Ausbildung nicht ist und Empfindungen nicht so sich aussprechen las­ sen (Siehe Lebensläufe in aufsteigender Linie von Hippel, wo Cants Grundsätze schon vorher auseinandergesetzt sind.), läßt sich am vorzüglichsten so darstellen in diesem Charakter. | So Hamlet im Shakspeare, ein unendlich schönes Bild; schwach ist er nicht, wie Göthe sagt; ein edler Sinn ist in ihm, der nur ahndet, daß Etwas vorgegangen ist. Der Geist entdeckt ihm alles; aber er traut ihm nicht. D. i. eine schöne Recht­ lichkeit, nicht Zaghaftigkeit. Die Unthätigkeit einer schönen Seele liegt vor uns. Zu einem förmlichen Entschluß kommt er nicht durch sich selbst. Melancholie wird Thatkraft hier; der Zufall löst die Verwikelung. Das sind romantische Töne des In sich bleibenden Gemüthes. So sahen wir die formelle Thätigkeit und formelle Stille des Charakters. Wir sprechen nun von der

5

10

15

20

  ein barbarischer Charakter] Li: ein Caracter zur Barbarei gehörend, wie bei den Heiligen­  ­1–3 Es 1 ist … kann] Li: Die Aeußerung einer solchen Seele ist mehr andeutend, symbolisch, in dem zeigt 25 sich aber, daß das ganze Gemüth in seiner einfachen Empfindung ruht­  ­6–7 Der Becher … nicht] Li: Diesen | Becher wirft er in die Fluth, kein anderer soll ihn sonst besitzen.­  ­7–8 aber es … Empfindung] Ro: Es sind blosse andeutungen aus dem was seine empfindung ist. es kommt nicht zum klaren, und eben in diesem zufälligen zeigt sich am besten die naivität der Empfindung.­  ­ 8 Consideration] Li: Konzentration­  ­9 hieher] Li schließt an: Das Thal, in das er hinunterschaut 30 ist etwas gleichgültiges, ihm ist sie was anderes. Das sind so ferne Anklänge von dem, was seine Empfindung ist.­  ­12 Lebensläufe in aufsteigender Linie] Li: Hippels Werk Lebensläufe in aufstei­ gender Linie, ist sehr humoristisch, da kommen viele Caraktere vor, die wunderbar individualisirt sind.­  ­17 Der Geist … alles] Ro: Dann sieht er den geist seines Vaters der ihm alles erklärt und ihm gebietet seine mutter zu ermorden.­   er traut ihm nicht] Ro: Aber er glaubt ihm noch nicht, 35 und glaubt dass es auch wohl der Teufel seyn kann: und wenn er gewiss ist, dann kann er noch nicht zum entscheiden kommen  Li: […] er will die objective Gewißheit.­  ­19–20 Melancholie wird Thatkraft hier] Li: Die Verschlossenheit wird zur Melancholie, innerer Schwermuth, zur Un­ entschlossenheit überhaupt.­  ­21 In sich bleibenden] Li: in sich sich erhaltenden­  Gemüthes] Ro: gemüthe. Das ist das hauptmoment in ansehung Romantischer Charactere.­  ­22–1067,2 Wir 40 sprechen … Welt] Li: Der 2te Umstand betrifft die Handlungen und Begebenheiten im romanti­ schen Felde.

besondere kunstformen · romantische form

1067

Handlung

5

10

15

20

in der romantischen Welt, wo Zufälligkeiten die Umstände bestimmen, und die Handlungen in Abentheuer übergehen. Die Handlung setzt einen Zustand voraus. Hier das Insichbleiben des Charakters. hiermit ist das Äußere ein Ge­ trenntes, Geistloses und das nur für sich zufällig fortgeht. Eine Entgötterung der Natur entsteht dadurch, daß das Subjekt partikulärer Charakter wird, und daß das Äußerliche vom Geist gezogen ist. Die Umgebung der Natur ist ein Prosaisches. Dem Gemüth ist sie gleichgültig dann und zufällig. In der Handlung liegt auch deßhalb nicht der Zweck eines Werkes, sondern sich geltend zu machen. Hiedurch ist der Grundzug des Romantischen Charakters, das Abentheuerliche erklärt. Sub­ stanzielle Werke sind zwar auch zu vollbringen, religiöse zB. wie die Ausbreitung des Christenthums, die Kreuzzüge; aber in sofern das Wesen der Religion inner­ lich ist, und die Ausführung dieser That nur äußerlich, so sind sie jenen nicht an­ gemessen und geistlos, fantastisch. Das Grab Christi wird erobert, ist nur ein sinnlicher Gegenstand. Nicht ein an und für sich Wesentliches ist das. Ein solcher Zweck muß, da er nicht wahrhaft ist, nicht gut enden. Alle Leidenschaften mi­ schen sich dann ein, und die innere Ausbildung des Geistes bleibt nicht fest und kommt nicht zur Sittlichkeit. Das Werk der Vertreibung der Mauren aus Spanien ist ebenso zu betrachten. Daß der Mensch allein einen Zweck hat, nicht die Menschheit und die Art, nach der der Mensch seine Seeligkeit zu erlangen strebt, liegt in dem Charakter dieser Handlungen. – Der Dichter maßt sich die Stelle der Kirche an, er spricht heilig und verdammt, Kaiser und Päpste verdammt er zur Hölle und erhebt andre in den Himmel. Der Dichter nimmt zu sich die Schlüssel der Hölle und Himmel.

100rLi

25 3 –4 einen Zustand voraus] Ro: einen gewissen Zustand voraus; eine Zufälligkeit die sich fortwirkt­  

5­  Geistloses] Li: Geistentlassenes­  ­ 6–8 daß das … zufällig.] Li: der Geist sich in dem Aeußerli­ chen nicht sieht | Das Aeußerliche ist ihm gleichgültig zur Handlung selbst das, an was er sich wendet.­  ­10 erklärt] LiRo schließen an: Zufälligkeit der äußeren Welt.­  ­12–14 in sofern … fan­ tastisch] Ro: aber indem der Zweck ausgeführt werden soll, so ist zugleich eine unangemessenheit 30 zwischen der grundbestimmung dass das reich Gottes dieser welt nicht ist und dass das Werk hier auf der Erde nicht bewirkt werden kann­  ­12 das Wesen] Li: das Reich­  ­13 die Ausführung … äußerlich] Li: indem der Zweck in der Wirklichkeit ausgeführt werden soll­  ­16 nicht gut enden] Ro: schlecht ausgehen, und eben so muss auch die art abentheuerlich seyn, auf welche das werk vollbracht ist. Indem der Zweck Phantastisch ist, so ist damit nothwendig verbunden dass die in­ 35 nigkeit sich noch nicht ausgebildet hat und die wahrhafte noch nicht zu bewustseyn gekommen ist.­  ­17–18 bleibt nicht … Sittlichkeit] Li: ist noch unklar, noch nicht zur Sittlichkeit ge­ kommen­  ­22–24 Der Dichter … Himmel.] Ro: Ein allgemeines höheres werk ist das was der mensch an sich zu vollbringen hat, Die art und die weise wie er es thut hängt von dem Willen ab. nach der Vorstellung der Catholischen Kirche ist dies schicksal der menschen in ansehung dieses 40 Zwecks 3erlei: himmel, hölle und purgatorium. Diesen gegenstand bearbeitet dann der Dichter, und stellt das Gericht an vor welche die menschen verdammt oder ins paradies schickt.

99vLi

1068 171vRo

Hn 

21/1Hn  79Hn

100rLi

100vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Dieser Charakter des dichters gehört auch nur der abentheuerlichen Zeit an.Von äußerer Zufälligkeit sind auch die andern Zweke. daß die Gerechtigkeit voll­ bracht wird, und daß das Individuum diese ausüben soll, nicht allgemein aner­ kannt durch Gerechtigkeitspflege, daß der Einfall einzelner Individuen dieses auf sich nimmt, ist nur eine Zufälligkeit, welche ebenso gut als unglüklich enden kann. Deßhalb liegt auch diese Willkühr dem Komischen nahe, weil die Thätig­ keit sich selbst oft schadet und andern. Diese Auflösung des Komischen mußte auch eintreten im Ariost und Cervantes. Eine edle Natur ist im Don Quixote; aber er geht durch jene Idee des Abentheuers unter. Sehr gut läßt ihn Cervantes mit der Hermandad, der Polizei zusammenkommen, um sein Verfahren noch mehr lächerlich darzustellen. Das ganze Werk ist mehr romanhaft. Ariost ist mehr märchenhaft im Roman, indem er Fantastische Verhältnisse im äußerlichen Zustand verlegt | Märchen enthalten Etwas Phantastisches, mit dem gespielt wird; der natürliche Zusammenhang ist vernachläßigt; in die unnatürlichen und unvereinzelten Verhält­ nisse ist das Menschliche verflochten. Im Roman ist der wahrhaft natürliche Cha­ rakter des Menschen und Verhältnisse der Welt in der Gegenwart enthalten. Sind die Verhältnisse fest, so ist für handlung nur ein kleines Feld im Roman. Ist der Staat fest, so fällt das Abentheuer des Ritters fort. Es bleibt nur das subjektive In­ teresse des Individuums übrig. Der Ritter im Roman hat seine Interessen und Zwecke, sei es Leidenschaft, oder Zwek der Liebe auszuführen; Gewalten stellen sich ihm entgegen, mit denen muß er kämpfen. Der Wille des Vaters, Tante u. s.w   Dieser Charakter … an.] Li: Der heilige Gral, ein Gedicht des Piturelli(?) ist ein mystisch phanta­ 1 stisches. Ein mystischer Becher. Der Mensch sei nicht der allgemeine Zweck, das hat vornehmlich Dante vorgestellt. | Es ist dann der Dichter, der da die Schicksale der Menschen beschreibt, in die, die den phantastischen Zwecken verfallen, gerathen sind.­  ­ 5–6 ist nur … kann] Li: diese Zufäl­ ligkeit ist das Abendtheuerliche­  ­6–11 Deßhalb liegt … darzustellen.] Li: Eben so zufällig sind die Umstände, unter denen die Zwecke aus geführt werden. Die Täuschungen hier machen das Comi­ sche des Cervantes aus, die nothwendige Auflösung des Ritterthums ist auch bei Ariost zur Auflö­ sung gekommen.­  ­6 Willkühr] Ro: Zufälligkeit­  ­8 Eine edle … Don Quixote] Ro: In beiden kommt eine edle gestalt vor die etwas verrücktes an sich hat.­  ­12–13 indem er … verlegt] Ro: Der Roman behält die widrigkeit der einzelnen verhaltnisse bei auch ihren prosaischen verstandi­ gen vorhanden seyn.­  ­14–1069,5  Märchen enthalten … erkennt.] Li: Das Roman behält die Wirklichkeit der äußerlichen Umstände bei, das Mährchen macht ganz phantastische, verstandlose Verhältnisse. Alles Natürliche wird verletzt. Das Menschliche als Geistiges der Leidenschaft, Witz, List cet. Das bleibt, was sich eben so großartig aus nimmt bei der verletzten Form. | Im Mährchen wird es mit Natürlichen gespielt, das Menschliche kann nicht unnatürlich sein, sondern mit Wahr­ heit ausgedrückt. Bei dem Romanhaften bleibt nur das subjective Interesse eines Individuums, der den allgemeinen Zweck als seinen ausführt. Er hat Gewalten gegen sich, mit denen er sich herumzu­ schlagen hat. Das Individuum tritt selbst in die Kette der Hindernisse.  Ro: Im märchen dagegen geht alles mehr fantastisch ab: es werden nur situationen darin hervorgebracht auf eine sehr unver­ ständige weise, wo die geistesgegenwart und die vortrefflichkeit des gemuthes sich zeigt.­  20 üb­ rig] Ro: die allgemeinen Zwecke verschwinden darein oder beziehen sich nur auf ein individuum

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · romantische form

5

1069

sind diese Gewalten. Diesen Verhältnissen hat der Ritter seinen Zweck abzuge­ winnen. Ein Loch muß er in dem Stand der Dinge machen, um zu seinem Ziele zu kommen, und seine Partikularität zu erlangen. Das Ende ist, daß das Individu­ um in die Kette der Verhältnisse eintritt, und das Subjekt seinen eigenen Zwek für unnütz erkennt.

Der abstrakte Stoff und äußerliche Gegenstand

10

15

20

welcher der Subjektivität zu Grunde liegt. Es ist die Religion und Innigkeit. Das Äußerliche ist für sich entlassen. Im Klassischen ist das Innere so aufs Äußere bezogen, daß das Letzte nur eine Gestalt von Ersterem und nicht von ihm entlas­ sen ist. Im Romantischen wird das Äußerliche gleichgültig. Das Gemüth kann sich an allen Gegenständen ergehen; das Subjektive der Absicht ist hauptsache. die Äu­ ßerung des Gemüths soll Hauptsache sein. Diese Äußerlichkeit hat eine weitläu­ fige Umgebung, weil sie nicht Einheit hat, nämlich ins Innere eingebildet zu wer­ den. So bildet sich ein nicht plastischer zusammengehaltner sondern zersplitterter Kreis von Handlungen, Zufälligkeiten. Im Shakspeare sind die Individuen in die wesentlichen Interessen der Handlung verwebt, aber es ist nicht ein plastisches strenges Verhältniß der Individuen gegen einander, sondern es tritt das Gefolge, Hausgesinde mit ein. Im hamlet ist es der Hof mit den Schildwachen, welche in die Handlung eintreten. Diese Gegenstände in ihrer Äußerlichkeit gewinnen nun Interesse. Daher die Prosa der Verhältnisse. Das Innere zur Versöhnung gekommen, betrachtet das Äußere als solches; man sieht ein Spreitzen im Menschen in Bezug auf die Thä­ tigkeit auf sich. Die Kunst tritt nun in die Menge dieser Gegenstände ein, wie es überhaupt in späten Perioden der Kunst zu geschehen pflegt. Der Putz, Schmuck,

25 6  Der abstrakte … Gegenstand] LiRo: Die 3. Bestimmung ist der abstracte Stoff, die äußerlichen

Gegenstände.­  ­11 das Subjektive der Absicht] Ro: die subjective empfindung oder absicht­  ­ 12–18 Diese Äußerlichkeit … ein.] Li: Es entsteht so ein Kreis von Umständen, der nicht praktisch zusammengehalten, sondern zersplittert ist. Alle die Zufälligkeiten haben ihr Gelten, kommen in Bereich der Begebenheiten des Individuums.­  ­17–18 das Gefolge, Hausgesinde] Ro: die äusser­ 30 lichkeit, das hofsgefolge, u. s. f. ein auch in Religiösen gegenständen. Das stroh, der ochs und esel neben dem Kind Christus.­  ­19 eintreten] Li schließt an: Bei Christus, der Stall, Heu, Ochse cet.­  ­ 20–21 Daher die … Verhältnisse.] LiRo: Es ist prosaische Natur, | vom Geiste verlassen.­  ­21–23 Das 101rLi Innere … sich.] Ro: Aber das Gemuth das in sich versöhnt ist, tritt auf und verhält sich frei gegen die äusserlichen gegenstande, sie beachtend und vergnügen an sie findet. ­  ­23 Die Kunst … ein] 35 Ro: Es tritt hier die unendliche menge von gegenstände der Kunst ein­  ­24–1070,1 Der Putz, … Kunst.] Ro: | Die Niederländische Kunst haben wir schon in dieser rücksicht angeführt; da sieht 172rRo man den anzug, den schmuck, all die äusserlichen gegenstände Li: der Putz, der Schmuck, Ge­ räth­schaf­ten, Waffen, äußerliche Umgebung

1070

80Hn

101vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Waffen, Edelgestein, wird Stoff der Kunst. Das nähere Interesse ist, die Geschick­ lichkeit des Subjekts, das solche Gegenstände von sich aus durch subjektive Kunst darzustellen weiß. Das Abstrakte der Aufgabe tritt nun ein, der Natur die Gestalt und Form der Blume, Baumes und Gegend, abzugewinnen. Für jedes Produkt sind nun besondre Mittel. Für jeden Gesichtsausdruck, jede Situation hat der Mensch seine Weise des Darstellens. Der Mensch in seiner Vorstellung giebt ih­ nen die Bedingungen, welche die Natur hat. Luft, Himmel u. s. w. In seinen Ge­ danken faßt er das Wesentliche fest; den sinnlichen Schein auch auszusprechen und darzustellen. Einerseits ist durch das Zerfallene abstrakte Befriedigung der Gegenstände, ist das Objektive vorhanden, die Natur; die andre Seite ist aber die zufällige Subjek­ tivität die sich mit ihrer Partikularität ergeht. Gleichgültigen Objekten ist nun par­ allel das zufällige Subjekt; das Subjekt läßt sich scheinen; eine Auflösung der sub­ jektiven Zwecke in Zufälligkeit, d. i. das H u m o r i s t i s c h e , subjektive Einfälle Witze etc, wo tiefe Anschauung als Zufall und Einfall erscheint. | Leicht ist es und scheint es, humoristisch zu sein. Ein Volk ist nachsichtiger gegen den Humor als ein anderes. Bei uns macht es Glück; nicht bei den Franzosen und Griechen. Das Subjekt soll sich nicht preisgeben, sein hervorbringen soll innern Gehalt haben, der besteht. Die humoristischen Einfälle genau betrachtet können platt erscheinen. Das Humoristische soll es erträglich sein, muß Geist enthalten, daß es nicht lose scheine. Je loser es ist, desto innerer muß es sein. Eine Menge Witze werden überdrüssig. Bei J. Paul ist das leicht möglich. hat man sich hinein­ versetzt mit großem Interesse, wird man mit einmal herausgerissen, weil die Hauptbestimmung Zufall ist, nicht Objektiv bestehendes. – Diese äußerliche Ob­ 3 –15 Das Abstrakte … erscheint.] Li: Die Natur braucht da für jedes Product verschiedene Dinge, ungeheueres Gerüste. Diesem Produciren steht der Mensch gegenüber, und producirt denselben In­ halt auf einfache Weise, hält das Wesentliche darin fest. Die zufällige Subjectivitaet mit ihrer Parti­ cularitaet, der geht parallel das Produciren des Individuums, das seine Subjectivitaet scheinen läßt, eine Auflösung der Particularitaeten auf subjective Weise, Einfälle, Witze, ist das H u m o r i s t i s c h e , etwas Vorübergehendes ohne objectiven Zusammenhang.­  ­12 ergeht] Ro: erhebt­  ­13 das Sub­ jekt … scheinen] Ro: eine Subjectivität die nur zum Schein ist­  ­14–15 das H u m o r i s t i s c h e , … erscheint] Ro: das humoristische. Es kann tiefer darin liegen, aber dann auch kommt es als ein Zu­ fälliges vor.­  ­16–17 Ein Volk … anderes.] Ro: Dann ist man darauf gekommen dass das humoristi­ sche bei einer nation sich mehr hervorthut, als bei einer anderen.­  ­18 preisgeben] Li: preis geben der Zufälligkeit­   innern] Li: objectiven­  ­20–21 Das Humoristische … scheine.] Li: | Das Humo­ ristische muß geistreich sein, um zu gefallen. Eine Reihe von Witzen wird bald langweilig, man kann sich da nicht vertiefen. Bei Jean Paul dem großen Humoristen merkt man das selbst. das große Interesse wird vernichtet, ein neues ebenso vorübergehendes folgt­  ­21 Je loser … sein.] Ro: um so mehr muss es tief seyn, da es in einer vorübergehenden gestalt vorkommt.­  ­24–1071,2 Diese äu­ ßerliche … ist.] Li: Die Stoffe, wie sie da sind, darzustellen, ohne sie zu beseelen, ist ganz äußerliche Objectivitaet. Dem steht gegenüber die Subjectivitaet des Producirens.  Ro: Es ist weiter keine ausführung des humoristischen möglich, weil grade der inhalt ein Zufälliges ist.

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · romantische form

5

10

15

20

25

1071

jektivität hat gegenüber die Subjektivität des Producirens, welche ebenso zufällig ist. Wir stehen an der Auflösung und Extremen der romantischen Kunst. Beim Übergehn vom Symbolischen zum Klassischen hatten wir den Unterschied der Be­ deutung und Gestalt, und bemerkten, daß Gestalt und Geist nur Partielles, nicht Ganze ausmachen können. Ebenso ist hier ein subjektiver zufälliger Inhalt im Gegensatz mit jenem, mit einer Entzweiung in sich, einer Innigkeit des Gemüths auf sich und dem Gegensatz der Gestalt. Indem wir zu solcher Zufälligkeit der äu­ ßerlichen Gegenständlichkeit gekommen sind, und wir eine Befriedigung darin ha­ ben können, so kann diese tiefer werden, was wir Innigkeit überhaupt genannt. Die Befriedigung an solchen Gegenständen kann Innigkeit und der Humor kann wahrhaft objektiver Humor werden, was wir eine Verinnigung in den Gegenstän­ den mit dem Gemüthe, doch nur in partikulären Gegenständen nennen können. Die Verinnigung kann auch nur partiell sein, denn wo sie sich ausdehnt, wird Hand­ lung, Entfaltung der Vorstellung, und dann tritt objektive Darstellung ein. Diese Verinnigung, dieses Sichergehen kann nur als ein empfindungsvolles Vertiefen in den Gegenstand sein, das sich geistreich darin bewegt; aber nicht subjektive Will­ kühr ist da, sondern eine geistreiche Bewegung macht den Inhalt des Gegenstands aus. Dieser Verinnigung kann man entgegensetzen, was uns als E p i g r a m m be­ kannt ist. Ein Gegenstand ist in ihnen, z. B. wer Etwas geschenkt hat; das Epi­ gramm enthält Etwas, und darüber ist eine Reflexion, Witz ausgesprochen, oder irgend eine Empfindung über und an Etwas. D. i. Poesie, aber untergeordnete Art der Poesie, weil es an und über einen Gegenstand ist. D. i. sehr mannigfaltig. Wenn die Sprache gebildet ist, und jeder gebildet ist und reflektirt, so muß ihm bei einem Gegenstand Etwas einfallen, welches in einer gehobenen Sprache, mit Bildern und Versmaß dargestellt werden kann. Jeder muß also ein Gedicht machen können, so wie er einen Brief schreibt. Es kommt nur darauf an, eine Empfindung an einem Gegenstand zu machen, und ob sich der Gegenstand mit ihr verinnigt hat. die Bewegung des Gemüths dreht sich in gegenständlicher Weise herum. D. i. nicht die klassische Darstelung der Kunst noch die symbolische darstellung. Es ist

30 5 –9 Ebenso ist … genannt.] Li: Bei dem Romantischen haben wir das subjective in das ganz Objec­

tive hineingehen sehen. Diesen Bruch, hat das Romanhafte von Anfang in sich. Eine Innigkeit, Beziehung des Geistes auf sich.­  ­13 ausdehnt] Ro: ausdehnt, entfaltet­  ­14–15 Diese Verinni­ gung, … empfindungsvolles] Ro: Diese verinnigung kann daher wie gesagt nur partiell seyn. Es ist mehr ein empfindungsvolles­  ­16 das sich … bewegt] Ro: subjective entfaltung darin­  ­18  E p i ­ 35 g r a m m ] Li: griechisches Epigramm  Ro: in seiner einfachen form als epigramm­  ­19–21 Ein Gegenstand … Etwas.] Ro: Epigramm ist eigentlich nur überschrift. Wenn es geistreicher ausgebil­ det, dann ist etwas da; und dieses etwas liefert ein rührungsvolles oder ein beissendes über. Solche rührenden epigramme finden wir bei den Griechen.­  ­22 D. i. sehr mannigfaltig.] Ro: und diese art ist das allergewöhnlichste, unendlich mannigfaltig­  ­26–27 Es kommt … hat.] Ro: Da kommt es 40 darauf an ob mehr oder weniger das verhaltniss an dem gegenstand oder aber dem gegenstand emp­ findungsvoll ausgedrückt ist, oder auch ob eine verinnigung in demselben vorhanden ist.

102rLi

22/1Hn 172vRo

1072

102vLi

81Hn

103rLi

nachschrift heimann · 1828/29

eine stete Rükkehr zum Gemüth. diese Form finden wir bei den Morgenländern im glänzendsten Lichte, bei Spaniern, Italienern, auch in Deutschland. Es giebt sich auf verschiedene Weise kund. Es ist nicht Verlangen noch Sehnsucht, wie in Klop­ stocks Oden, Verlangen nach der Geliebten ohne Begierde, mit freier Phantasie, spielt man mit dem Gegenstand, und macht sich unzählige Bilder in Üppigkeit der Verse und Reime von diesem Gegenstand. Man hat das Gefühl, daß der Dich­ ter in seiner Phantasie dafür interessirt ist und auf die freieste Weise es ist. | Der Gegenstand wird in seiner Subjektivität uns entfernt dadurch. Hafis Gedichte ha­ ben dieses sowie der Divan von Goethe. Ebenso auch das Spanische. Bei Rückert ebenso. Der Wein spielt bei der Liebe Hauptrolle. So rührend die Liebe ist, so ist das Spiel mit dem Gram im Wein doch dabei. Insofern stechen Goethes Gedichte im Divan von den frühern ab. Die Verinnigung nimmt er für das Ächtpoetische nun. Ein älteres Gedicht von Goethe: Abschied; ist in der 2ten Strophe eine schö­ ne Diktion aber prosaischer Inhalt. Empfindungen und begierden werden geschildert. Anders ist es im Divan. Unerschöpfliches Ergehn der Phantasie ist hier, der Gegenstand ist ein geringer Kreis, und das Gemüth treibt sich immer und unauf hörlich herum. Spiele der Phantasie betreiben sich, die von einer Zufäl­ 1  zum Gemüth] Li: es ist in der romantischen Kunst die Rückkehr des Gemüthes in sich, nicht als subjective Empfindung, sondern als freie Fantasie­  ­ 4–6 mit freier … Gegenstand] Li: Die freie reine Phantasie ist ohne diese Begierde, sie ist in dem Gegenstande, macht vergnügt über denselben hun­ dert Einfälle. Es gehört hierher die Ueppigkeit in den Bildern, Vergleichungen, so daß man das Ge­ fühl dabei hat, der Dichter hat in seiner Phantasie dafür interessirt, aber auf die freieste Weise.­  ­5 spielt man … Gegenstand] Ro: sie mahlt den gegenstand und das vergangliche auf und spielt damit­  ­6 der Verse und Reime] Ro: in den bildern, in den vergleichungen­  ­ 8–9 Hafis Ge­ dichte haben dieses] Ro: Ein Beispiel davon geben die Gedichte von Hafis und der herrlichen rose die nach Aphis nachgeahmt sind.­  ­9 Ebenso auch das Spanische.] Ro: Das Spanische enthält vieles dieser art.­  ­9–10 Bei Rückert ebenso.] Li: Oestliche Rosen von Rückert, da ist die Liebe, das Mäd­ chen, der Gegenstand.­  ­10–11 Der Wein … dabei.] Ro: Die liebe ist dabei ein hauptgegenstand, aber das ist das Characteristische dass der wein eine eben so grosse rolle spielt.­  ­11 dabei] Li: ein anderer Genuß­  ­12 von den frühern ab] Ro: von den früheren; und Gothe selbst hat anerkennen müssen dass das das vorzuglichste ist­  ­13 Abschied] Li: Willkommen und Abschied­  ­14 prosa­ ischer Inhalt] Ro: prosaisch. Die Phantasie hat dabei nichts gethan. auch die folgenden.­  ­14–15 Emp­ findungen und … geschildert.] Li: Freiheit der Phantasie hat da nichts zuthun es ist die einfache Empfindung der Liebe prosaisch dargestellt.­  ­15 Divan] Li: Divan, noch mehr bei Rückert und Hafis. / Von deinem Wangenglanz entlehnt / Des Auges Fackeln Licht / Ein Aug, wie dein trunke­ nes Aug / Hat nie die Welt gesehn. / Wenn deine Augenbraunen in deine Wangen / Nicht so ver­ liebt sind wie ich, / Warum sind sie so gekrümmt um sie / Wie mein Wuchs um dich. /| Suleika aus Divan. – Hier mit Wohlgeruch zu kosen cet.­  ­15–1073,1 Unerschöpfliches Ergehn … enthalten.] Li: Ueberall ist ein Spiel von schöner Phantasie, die von Zufälligkeit ausgeht, aber tiefe Empfindung ohne Begierde. Dieses ist der Caracter der Freiheit. Es ist da eine viel höhere Poesie, als die gesell­ schaftlichen Lieder, die Rose und Bulbul (Nachtigall) kommt überall vor, als Schmuck, etwas an­ muthiges. Bei Morgenlaendern ist die Verinnigung mit der Rose ganz anderer Art.  Ro: In dem kleinen gemahlde der herrlichen Rose spielen gemuth und Phantasie die schonste rolle 25  Hafis aus Aphis­  ­38 Hier lies Dir

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere kunstformen · romantische form

5

10

1073

ligkeit ausgehen und tiefe Empfindungen ohne Verlangen enthalten. Der Cha­ rakter der Freiheit und Innigkeit bewegt sie. Bei den Morgenländern ist die Verin­ nigung mit der Rose zb. theoretischer Art, bei den Abendländern ist sie nur Mittel. hier heißt es: Amor ruht auf Rosen; dort heißt die Nachtigall die Braut der Rosen. Rumi hat ein Gedicht auf die Rose gedichtet. Es ist die freie Verherrli­ chung des Gegenstandes mit sinnreichen Gedanken und Phantasie. Die Spanier werden verworfen oft, weil sie nicht natürliche Empfindungen aus­ sprechen. Die Phantasie in den Empfindungen bleibt sich frei und beweist ihre subjektive Freihheit. Klopstock sagt über Petrarka: Laura besang Petrarka in Lie­ dern, lieblich der Empfindung, aber dem Liebenden nicht. Aber die Phantasie er­ geht sich in freier Schönheit in sich, mit einem theoretischen Gefallen am Gegen­ stand der Begierde und Verlangen, und dieses tadelt man. Petrarka hat auch eine Sehnsucht, aber sie befriedigt sich selbst in ihrer Phantasie.

1–2 Der Charakter … sie.] Ro: dieser character der freiheit lässt sich auch meistens in den früheren 15 liedern von Göthe bewundern­  ­2 Bei den Morgenländern] Ro: Nun kommt auch die Rose in

Abendländern genug vor: aber da kommt sie immer nur als Schmuck vor. auch in Schillers liedern. In den morgenlandern­  ­3 zb. theoretischer Art] Ro: ganz anderer theoretischer art­  ­ 4–5 dort heißt … Rosen] Ro: Die Phantasie der morgenländer addressirt sich aber die Rose selbst.  Li: Hafis sagt, die Braut (Nachtigall) der Rose kehrt zum Fest. Die Nachtigall ist da Trieb des Gesan­ 20 ges, der Duft der Rose nährt die Nachtigall.  Ro: Lieblich bist du Rose: dank sey dir wenn du mir einen duft für die nachtigall gibst.­  ­6 Phantasie] Ro: mit ganz freier Phantasie­  ­10 lieblich der … nicht] Li: Zwar dem Bewunderer schön, aber dem / Liebenden nicht

1074

103vLi  173rRo 

nachschrift heimann · 1828/29

Dritter Theil.

Von den besondern Gestaltungen der Kunstwerke. Wir werden hier das Individuelle des Kunstwerks betrachten. Die Eintheilung der Kunstwerke ist schon angegeben worden. Das Kunstwerk ist eine Totalität, und eine Totalität, deren Momente auseinanderfallen. Es ist ein Ganzes mit verschiedenen Gliedern und Organen, welche als selbstständig erscheinen, und besondere Modifikationen des Ganzen ausmachen. Die Kunst ist das Ganze, welches zerfällt in Kunstgebilde, welche zusammengehören und sich aufeinander beziehen. Sie sind besondere gegen einander. Ihren Kreis betrachten wir. Die Kunstform hat einen Fortgang in sich in 3 Formen des Entstehens, Vollen­ dens und Entzweiens; ebenso hat das Kunstwerk auch so seinen Fortgang, in bezug auf die Kunstform, und in äußrer abstrakter Beziehung. Die verschiedenen Stufen der Ausbildung des Technischen nennt man Styl. Jede Kunst hat ihren Verlauf, den man mit dem eigentlichen Namen des Styls bezeichnet. Welches die Anfänge gewesen sind, der ernste Styl, sagt man; aber es ist mehr das erkünstelte, holzerne, ist mehr das, was der Zeit nach das Erste war, bis sich das Schöne freier gestaltete, sodaß deßen Darstellung nur das Nothwendige, Genaubestimmte enthielt. Zuletzt kam

104rLi

3  Wir werden … betrachten.] Li: Hier ist erst das concrete Kunstwerk, die Einzelnheit, das Individu­ um.  Ro: Das 3te ist dass wir die besonderen gestalten des Kunstwerks betrachten wollen. Das 1 s t e das concrete Kunstwerk. Das 2te die form des Kunstwerks überhaupt Das 3te sind die einzelnen Kunstwerke als individuum.­  ­5 Momente] Li: Momente Bestimmungen­  ­6–7 besondere Modifi­ kationen] Ro: bestimmte individualitäten­  ­7–9 Die Kunst … wir.] Li: An sich dem Begriffe nach gehören sie zusammen, beziehen sich wesentlich aufeinander, und sind aus gesondert. Den Kreis der Sonderung haben wir zu betrachten. Die Kunst ist ein Process, dessen Momente Symbol, das Klassi­ sche und Romantische ist, so auch ist das besondere Kunstgebild, aber noch in weiterer abstracterer Beziehung. Das technische unterschiede | zu sehen. Das ist im Drama, Musik und Dichtkunst, in dem subjectiven elemente des Tones haben ihr Material  Ro: An sich, dem begriffe nach, und eben so in der würdigkeit gehören sie zusammen, und nur der form nach und der weise wie sie diesen be­ griff erfüllen besonder gegen einander. Der Kreis dieser besonderung ist das, was wir zu betrachten haben.­  ­11–12 in bezug … Kunstform] Ro: dessen momente wir als symbolisch Classisch und Ro­ mantisch bezeichnet haben. So ist dann auch die bildung der Kunstwerke verschieden in beziehung auf die formen die angegeben worden sind aber noch in abstracter beziehung sind die Kunstformen verschieden von einander.­  ­13 Styl] Li: Styl. Es ist ein idealer oder klassischer und ein angenehmer Styl.­  ­15 der ernste … man] Li: Der strenge Styl glaubt man­   das erkünstelte, holzerne] Ro: das unnatürliche das plumpe, das steife, das unbestimmte­  ­17 deßen Darstellung … enthielt] Li: die Anfänge derb, steif waren

5

10

15

20

25

30

35

besondere gestaltungen

5

10

15

20

25

1075

man zur Anmuth und Angenehmen, welche aufs Gefallen des Besondern, und nach Außen geht, nicht mehr durch die Vollendung des begriffs sich darstellt, sondern die vielen Einzelnheiten und Rücksichten hervorkehrt, um anzuziehen. Besonders Kunstgeschichte bleibe es vorbehalten, die Malerei in den Maniren durchzunehmen und an Kunstwerken nachzuweisen, wir werden die Unterschiede aufweisen | Die allgemeine Eintheilung der besondern Kunstformen ist schon angegeben. Die Mo­ mente der Totalität fallen für die Sinne als einzelne Theile auseinander und sind nicht Glieder einer Einheit, so daß jeder als besonderer existirt. Die erste Gestaltung ist die des Äußerlichen selbst, des Unorganischen in Beziehung auf das Subjektive, das Mittel­ punkt des Gestaltens ist, d. i. die menschliche Gestalt. Die Kunst dieses Elements ist die Kunst der Architektur; es ist nun diese Architektur die erste Form der Künste, eine Form wo das Außerliche an sich selbst subjektiv ist. Die Skulptur, das Subjekt, folgt dann, die sich selbst bedeutende Gestalt. Zunächst ist die objektive Bestimmung ihr gegeben, die sich äußerlich darstellt. Das objektive Bild existirt noch nicht in der Form des Subjektiven. Das Subjektive in der Form des Subjektiven, das In sich gehen des Sub­ jekts, oder indem das Subjekt an dem es sich darstellt, subjektiv ist und partikulär vor­ tritt, ist die Malerei, welche die Gemeinde darstellt, das selbstbewußte und sich emp­ findende Geistige. Die Erscheinung giebt sich äußerlich kund durch die Empfindung, Farbe, welche in die Partikularisation des Handelns und Empfindens eingeht. In die Gemeinde geht auch das Göttliche über. Das Göttliche soll ja subjektiv als ein Geistiges empfunden werden. Diese 3 Künste faßt man unter den Namen der bildenden, weil sie es mit außerlichem Material zu thun haben. Die 4te ist daß Subjektivität sich kund giebt, nicht im Äußerlichen Material, wie noch die Farbe ist, sondern in einem Material, das dem Vorstellen angehört, sodaß ihm der Charakter des Vorgestellten unmittelbar mit dem Gedanken verschwindet, sowie der Gedanke selbst verschwindet. d. i. das Ab­ strakte des Tons. Der Ton als artikulirt, sodaß die bestimmte Formation des Tons

1  Anmuth und Angenehmen] Li: Anmuth über, die mit Strenge gepaart ist, zuletzt wird das An­ muthige herrschend­   ­2–3 sondern die … hervorkehrt] Ro: aber die wilde besonderheit hervorhebt­  ­ 3–5 Besonders Kunstgeschichte … aufweisen] Li: Die Entwicklung der besonderen 30 Künste, gehört der besonderen Kunstgeschichte an.  Ro: In der mahlerei-geschichte ist der proceß leicht nach zu weisen.­  ­ 6–8 Die allgemeine … existirt.] Li: Die besonderen Künste sind nicht Glie­ der eines Körpers, sie sind selbstständig, besondere Weisen des Gestaltens.  Ro: Wir haben gesagt dass der Zweck der Schönheit die einheit der verschiedenen Kunstformen ist: es ist dann die natür­ liche erscheinung, die äusserliche seite, die die eintheilung derselben ausmacht.­   ­10–11 Die 35 Kunst … Architektur] Ro: Das äusserliche um diesen mittelpunct ist die 1ste gestalt der Kunst; und es ist die der architectur.­  ­11–12 eine Form … ist] Li: Da ist das Aeußerliche Unorganische, das nicht an ihm selbst subjectiv ist, Beziehung auf Subject als Gegenüberstehendes­  ­12–13 Die Skulp­ tur, … Gestalt.] Li: | Die Sculptur wird als das 2) die an sich selbst sich bedeutende Gestalt­  ­20 geht auch … über] Li: die dem Göttlichen nicht entgegen tritt, tritt das Göttliche herein­  ­20–21 als ein 40 Geistiges empfunden] Ro: als empfindung als glauben dargestellt­  ­26 des Tons] LiRo: des Tones, die Kunst der Musik­   Der Ton als artikulirt] Li: Das 5te ist der articulirte Ton als Sprache 7  Sinne Lesung unsicher

2 23/1Hn  82Hn

173vRo

105vLi

1076

nachschrift heimann · 1828/29

auch eine bestimmte Vorstelung ausdrücke, d.i die Kunst der Rede und Dichtkunst. Hier zeigt sich das lebende wirkliche Subjekt bis zur höchsten Spitze mit der ganzen Persönlichkeit des Subjekts. Der Mensch giebt sich ganz zu sehen im Drama. diese bei­ den letzten Künste im Material des Tons ihre Subjektivität habend, heißen: tönende Künste. Das organische Verhältniß liegt im Material des Darstellens.

5

Baukunst.

174rRo

fängt an, weil man mit dem Äußerlichen Unmittelbaren anfängt. Der Anfang ist nicht empirisch. Man kann sich dann viele Hypothesen machen, daß dieses der Mensch zuerst gethan habe; aber davon ist nicht die Rede, was aus dem Be­ dürfniß hervorgeht, sondern was als Kunst betrachtet werden soll. Höhlen haben sich die Menschen zuerst gebaut. Aber gesungen haben auch die Menschen zuerst. Die äußerliche Seite der Idee erscheint bei der Architektur. Wir denken bei ihr sogleich an Haus und Tempel, wo ein Gott für die Gemeinde aufgestellt ist. Be­ stimmen wir hiernach die Architektur, so bestimmen wir sie nach ihrer We­ sentlichkeit, aber dann machen wir einen Unterschied zwischen Äußerlicher Ob­ jektivität des Tempels und des Innern Gotts. Gehen wir vom Anfang aus, so findet die Scheidung nicht Statt; der Bau hat seine eigene Bedeutung dann. Wenn der Bau selbst Bedeutung hat, so hat er die Bestimmung der Skulptur zu­

10

15

1  d.i die Kunst … Dichtkunst] Ro: d i e K u n s t d e r S p r a c h e , in welcher der ton auch einen beson­ deren gehalt an sich ausdrückt. D a s i s t d i e K u n s t d e r R e d e .­  ­2 Hier zeigt … Subjekt] Ro: 20 Hier tritt die ganze darstellung des lebendigen Subjects ein, und das geht dann fort und bildet sich immer mehr aus­  ­2–3 mit der … Drama.] Ro: wo das Subject am meisten hereintritt, sich zu sehen gibt, wo die würde des menschen sich am klarsten zu erkennen gibt im D r a m a ­  ­4   im Material … habend] Ro: haben in dem subjectiven der töne ihr material­  ­5 Das organische … Darstellens.] Ro: In der architectur, der Sculptur und der mahlerei dagegen ist das material ein rein äuserliches, objec­ 25 tives. Das ist das wesentliche Verhältniss zwischen den bildenden Künsten und den Künsten der töne.­  ­ 7–8 Der Anfang … empirisch.] Li: Es ist hier nicht vom empirischen Anfang die Rede.­  ­8–10 Man kann … soll.] Li: Man sagt es sei natürlich so zugegangen, daß der Mensch sich zuerst davon umge­ schlossen. Allein das was aus dem Bedürfnisse entspringt, ist noch weit davon, aesthetische Kunst zu heißen­  ­10–11 Höhlen haben … zuerst.] Li: (das Hütenbauen war ja das erste, das erste konnte 30 ebenso das Springen sein, ja Gehen, Singen.)  Ro: Man sagt dass der mensch zu erst das höhere nach­ geahmt und sich hüten gebaut habe; dann habe er darin getanzt und gesprungen u. s. f. Diese art des empyrischen anfanges wollen wir ganz übergehen.­  ­12 Die äußerliche … Architektur.] Li: Der Be­ griff macht daß das Aeußerliche das erste ist.­  ­12–13 Wir denken … ist.] Li: Bei der Architectur fällt uns Haus, Tempel, Palast cet ein, kurz ein umschließendes für das Innerliche, für die 35 Gemeinde­  ­15–16 aber dann … Gotts] Li: so gehört dazu doch zuerst Trennung des subjectes von objectiver Hülle­  ­16–17 Gehen wir … dann.] Li: Wir müssen in den Punkt gehen, wo dieses noch in Einheit ist, wo Bauwerke an sich Bedeutung ausdrücken, nicht auf ein anderes hindeuten. 1 8  er] es

besondere gestaltungen · baukunst

1077

gleich; ist aber doch nicht Skulptur, denn dieser hat das Unorganische noch an sich. Sie ist symbolisch, weil sie an sich nicht die Bedeutung hat, und da wir mit dem Symbol anfangen, so unterscheiden wir auch hier 3 Formen der Architektur, wie in den 3 Kunstformen. | 5

10

15

20

25

Symbolische Baukunst Diese Unterschiede zeigen sich besonders an der Architektur. Sie ist in dem Äu­ ßerlichen Kunst, und damit ist ihr Begriff der des Äußerlichen. An ihr hat sie Ver­ schiedenheiten also, die bei den andern Künsten nur unbedeutend sind. hält man die Bestimmung des Gebäudes fest, die Umschließung für einen Mittelpunkt, ein Subjekt, die unterschieden von ihrer Umgebung ist, so kommen wir in Verlegen­ heit, wie man diese Unterschiede nehmen soll. die erste Architektur ist die selbst­ ständige, nicht so die klassische, weil sie Umschließung ist. Bei der selbstständi­ gen Architektur müssen wir Zweck und Mittel beachten. Sie geht hervor, auch empirisch als die erste, aus dem ursprünglichen Bedürfniß der Kunst Etwas im Ge­ danken vorzustellen, ein äußerliches Objekt für die Andern, welches gemacht ist vom Geiste, so daß die geistigen Vorstelungen an ihm sichtbar werden, muß daran erkennbar sein. Es muß ein Allgemeines für Viele sein; es muß eine an sich we­ sentliche Bestimmung enthalten. Wenn die Menschen Steine zusammenwerfen, so ist es ein Zweck, das Denkmal – für Verstorbene, – Schlacht – was Vielen wich­ tig ist. dieses ist symbolisch, und unter diese Kategorien fallen die größten Kunst­ werke der Inder Ägypter. Das Ungeheure und Phantastische sind Werke für Na­ tionen gewesen, nicht nur zum Nutzen sondern für den Geist, daß ein Wesentliches ihnen in ihrer Einheit, deren sie sich bewußt werden sollen, erscheine. Die Menschen sollen sich als Eines wissen. Ein Vereinigungspunkt ist dazu gege­ ben. Den ersten Vereinigungspunkt für die Menschen, daß sie sich darin wis­ sen, hat die Konstruktion des ältesten Werkes, des Thurmes von Babel gehabt.

83Hn  104vLi 

174vRo

1  Skulptur, denn … sich] Li: Sculpturwerk, denn diese Bestimmung, sich Bedeuten, kann es noch nicht erfüllen­  ­ 2–4 Sie ist … Kunstformen.] Li: Die Trennung von Bedeutung und Darstellung an einem haben wir als symbolische gesehen. Es ergeben sich da 1) symbolische, klassische und ro­ 30 mantische Architectur (die Gothische)­  ­7–8 An ihr … sind.] Li: Bei Sculptur ist der Unterschied unbedeutend, weil da fester Mittelpunkt ist, an dem die Unterschiede unbedeutend werden.­  ­ 8–11  hält man … soll.] Li: Der erste Fortgang ist Unterschied zwischen Mittel und Zweck­  ­ 12 nicht so … ist] Li: die symbolische­  ­12–13 Bei der … beachten.] Li: Da sind die Vorstellungen der Zwecke der Gebäude zu entfernen.­  ­14–17 Etwas im … sein] Li: den Gedanken dem Men­ 35 schen objectiv vorzustellen, das ein Gemachtes ist, so daß der Geist der machende, seine Spuren daran ausgeprägt hat­  ­17–18 Es muß … enthalten.] Li: I. Symbolische Architectur. / Das Product erhält da eine an sich allgemeine Bestimmung.­  ­21 der Inder Ägypter] Li: | Asiens, Indiens, 106rLi Aegyptens­  ­25 Menschen] Li: Gesammtheit von Menschen­  ­26 von Babel] Li: zu Babel in den weiten Ebenen von Senar am Euphrat

1

1078

26/1Hn

84Hn

106vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Der gesellschaftliche Verein erscheint daran. So wie Gesetze eine Einheit, so ist dieses eine äußerlich dargestellte Einheit. Vom Bel Tempel in Babylon spricht Herodot, welche Nachricht von einer thurmähnlichen Konstruktion zeugt. Es war ein τεμενος, Tempelbezirk mit eisernen Pforten, in Quadratform; in der Mitte ein massiver Thurm, wo der Zweck erscheint, daß man nicht etwas darin auf bewahren wollte. Auf dem Würfel des Thurmes befanden sich 8 andere Würfel; im letzten war ein Tempel, also in einem ausgehöhlten Würfel, wo kein Bild war, sondern nur eine Bank, auf der sich der Gott selbst ausruhen soll bei Tage, weßhalb auch keiner am Tage hinaufgehen durfte. die Zahl der 7 Würfel auf einem 8ten ist die bestimmung des Symbolischen. Die menschliche Gestalt tritt noch nicht in diese Form ein. Naheliegend ist es, daß man Formen gebrauchen mußte, die Etwas Wesentliches ausdrücken sollten. Diese Bestimmungen sind dann symbolisch; man findet sie in jenem Beispiel, daß der Thurm mit 7 Stockwerken, welche Würfel sind, eine regelmäßige solide Gestalt ist, die gerade Linie zur Gränze an sich habend. die Bedeutung der 7 Stock­ werke ist uns nicht überliefert, und man kann glauben, daß es Zufall ist. Aber eine solche Zahl ergiebt sich aus vielen andern Stücken, daß sie eine wesentliche Be­ deutung hat. Das Wesentliche in der Natur zu suchen, so ist die Zahl der 7 schon früh als wichtig in Bezug auf Himmelskörper erschienen, Mond, Sonne und Pla­ neten, deren 7 waren, wenn Sonne und Mond zugerechnet werden. Die burg der Meder Ecbatana hat auch 7 Umkreise in der Mauer mit verschiedenen Formen gehabt. Diese 7 symbolische Zahl erscheint also als das Wesentlichste, Wichtigste in der Natur. Daß solche Symbole zu erkennen sind, muß man ins Einzelne der Bauwerke eingehen und sie auffassen. | In Indien findet man schon ausgeführtere   Der gesellschaftliche … daran.] Li: Werk aller und daher ihr Mittelpunkt.­  ­1–2 So wie … Ein­ 1 heit.] Li: Die Gesetze sind das sittliche Band, die sichtbare Einheit ist das Werk.­  ­2–3 Vom Bel Tempel … Herodot] Li: Herodot giebt Nachrichten vom Tempel des Bel in Babylon, welchen Zusammenhang dieser mit dem Turme hat, gehört nicht hier her.­  ­3 Konstruktion] Li: Con­ struktion zum Zwecke des Vereinigungspunktes­  ­4 Quadratform] Li: Rechteckform, jede Seite 2 Stadien­  ­ 5–6 ein massiver … wollte] Li: mit dichtem Turm θυργος στερεος nicht hol, von Höhe und Dicke eines Stadiums­  ­6–7 befanden sich … Würfel] Li: Auf dem Würfel befand sich ein 2ter Würfel, dann darauf wieder einer, und so bis 8, es ging rundrum ein Weg­  ­7–9 im letzten … durfte] Li: bis an die Spitze, wo wie ein Tempel war, der nur einen goldenen Tisch hat. Es wohne da Νiemand, unsichtbarer Gott ruhe auf dem Tische des Nachts­  ­11 Die menschliche … ein.] Li: | Es war also dort kein Gottesbild, der Zweck war nur abstract. Die menschliche Gestalt hat hier keinen Platz und gehört nicht in diese Stufe der Vorstellung.­  ­13 Diese Bestimmungen sind dann] Li: Diese geben etwas näheres für die Gestalt, sie sind aber­  ­16–18 und man … hat.] Li: nur sinnlos, zufällig ist es nicht. Die Zahl 7 muß eine Beziehung auf etwas, als wesentlich erschei­ nendes gehabt haben.­  ­21 verschiedenen Formen] Li: verschiedenen Farben­  ­22–23 Diese 7 symbolische … Natur.] Li mit Ro: Diese symbolischen Zahlen sind (Li: im Alterthum Ro: besonders in Egypten) durchgreifend.­  ­24 ausgeführtere] Li: förmliche 1 4  solide] soldie­  ­22 Wesentlichste] Wensentlichste

5

10

15

20

25

30

35

40

besondere gestaltungen · baukunst

5

10

15

20

25

1079

Tempel, wo eine bestimmte Gestaltung als solcher Zwek erscheint, und doch als Architekturwerke zu betrachten sind. Wir haben schon bemerkt, daß die Lebens­ kraft der Natur früh ein Gegenstand der Verehrung gewesen ist. Die Zeugungs­ kraft der Natur, nicht des Geistes, hat ihre natürliche Vorstellung im Dienste der Inder, Ägypter, Griechen. In den Bildern hat man häufig das Innerste des Phallus­ dienstes erkannt. des mysthischen Diensts des Dionysos erwähnt schon Herodot. Steinerne Konstruktionen mit Thürmen, massiv aufgebaut, wurden als solche ver­ ehrt. Später höhlte man sie aus, und stellte als einen Gott hinein, ein Thierchen oder sonst ein bildchen, es war ein Kern mit Schaale so entstanden. In der Vor­ stellung hat sich dieses noch mehr erweitert. Der Berg Meru in Indien ist nur für eine Erweiterung desselben Bildes der Zeugung angesehen. Die Gestalt der Pagoden ist auch eigen deßhalb, die Form ist schmal und hoch, sodaß nach oben enge, schmale Ausgänge sind; die Form ist vom Säulenwesen genommen. Säulen sind auch da in Gängen angebracht. Sesostris hat solche bis nach Kolchis errich­ ten lassen, nach Nachbildung des männlichen und weiblichen Gliedes. Es ist die­ ses indisch und auch ägyptisch. Die Person des Sesostris ist keine Fabel, sondern durch alle Quellen der Juden auch konstitutirt. Ritter in seiner Vorhalle erwähnt, daß Herodot sie noch gesehen habe, aber dem Sesostris selbst sie nicht zugeschrie­ ben. Herodot nimmt die Gestaltungen nicht nach ihrer natürlichen, sondern nach äthischer Deutung, daß die Völker, deren Bürger tapfer gefochten, als eine Säule mit dem männlichen, die feigen mit weiblichem Gliede gebildet sind. In Syrien ist der Dienst der Cybele ebenso zu nehmen. Eine dritte Art symbolischer Bauwerke, die zwischen Architektur und Skulptur zuweilen schwanken, hat man an den ägyptischen Bauwerken. Tempel finden wir hier. Herodot spricht vom Belustempel, als von einer Umschließung. Außerhalb stehen vor jenem Tempel Elephanten und andre ungeheuere Thiere, daneben Altäre. Die eigenthümlichen Formen der Ägypter sind durch die Obelisken und

3 –6 Die Zeugungskraft … Herodot.] Li: Die Lebenskraft, die Zeugungskraft der Natur ist früh ein Gegenstand der Verehrung gewesen. Es war ein allgemeiner Dienst bei den Indiern, des Lingam. 30 Die heiligsten Excavationen, das Innerste der Heiligthümer enthielten Bilder der Zeugung.  Ro: In den ungeheuren excavationen die man in der neuestenZeit hat kennen lernen ist eine solche vorstellung des lingam (über der Zeile: Melanchus) enthalten. Ein solcher melanchus wird aus egyp­ ten nach Griechenland gebracht.­  ­8 als einen Gott] Li: etwa ein Götterbild­  ­12 Pagoden] Li: Pagoden der indischen Tempel sind davon abzuleiten­  ­12–13 sodaß nach … sind] Li: so, daß nach 35 oben mehr pyramidalisch­  ­13–14 vom Säulenwesen … angebracht.] Li: von dem Säulenmäßigen, nicht vom Hause­  ­14–15 Sesostris hat … lassen] Li: Solcher Säulen erwähnt Herodot, die Seso­ stris auf seinen Zügen errichtet habe­  ­23–24 die zwischen … schwanken] Li: die theils zur Sculp­ tur angehört­  ­24–25 Tempel finden wir hier.] Li: wir finden hier Tempel (große Umschließun­ gen, kein Haus) 40 15  Gliedes.] Ro bricht ab­  ­16 ist] ist (über der Zeile mit Einfügungszeichen: nicht)­  ­18 Sesostris]

Sesonstris­  ­20 äthischer lies ethischer­  ­32 melanchus] Siehe Anm.

107rLi

107vLi

1080

85Hn

27/1Hn

108rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Pyramiden auszuzeichnen. Obelisken haben wie Pyramiden den Zweck des Be­ gräbnisses. Die Obelisken sind Construktionen, die regelmäßige Gestalt haben, nicht von Lebendigem, auch nicht vom Pflanzenreich, sondern mit der allgemeinen Be­ stimmung, die Sonnenstrahlen in Stein aufzustellen und aufzufangen. In persi­ schen Bildsäulen, sieht man Feuerstrahlen aufsteigen. Die Pyramiden sind äußer­ lich regelmäßig, architektonisch nicht der selbstständigen Architektur angehörend, sondern bestimmt die Todten aufzunehmen. Außerdem haben wir Memnonen, menschliche Bildsäulen bei den Ägyptern, aber so wie sie frey für sich stehen, sind sie der Grandiosität der Architektur zugewiesen, da sie Construktionen wie die der Architektur haben, indem sie an Tempeln anstatt Säulen gebraucht werden. Sie bilden Reihen und tragen, und indem sie nur in dieser Ordnung Vieler Gleicher gelten, sind sie heruntergesetzt in die architekto­ nische bestimmung. Ebendasselbe gilt von den Sphinxen, die an sich Skulpturwerke sind, aber man findet sie in der ungeheuersten Größe und Menge. Eine in der Nähe der Pyramiden, welche ein Italiener aufgedeckt hat, und mehr der Skulptur angehört hat, hat einen gepflasterten Boden unter der Basis mit Löwen umher. Von der Basis die auch die Basis des Tempels ausmachte, bis zum Kopf hat sie 65’. Die Pfoten der Löwen betragen 57’, und die Höhe der Klauen 8’. | diese unge­ heuren Massen sind aus Kalkstein, welcher den Boden ausmacht, herausgehauen und bilden einen Theil des Felsen. Champanillon hat auch diese Sphinx gesehen. Solche Sphinxe standen um den Tempel in einer Umschließung. Man fand 2 Reihen von hunderten solcher Gebilde, durch die man gehen kann, und so werden sie dadurch, daß da der Zweck des Ganges sichtbar wird, zur Architektur herabge­ setzt. Jede ist 30’ hoch. Mauren und Thore nähern sich der Architektur. Sie zei­ gen aber doch eine Art Selbstständigkeit, die um ihrer selbst willen dazustehen scheint. Pylonen nennt man sie und sie haben eine Höhe von 100’ und mehr. Die Mauren weiter von den Thoren sind niedriger als die Thore, welche also selbst­ ständig für sich dastehen. Unten sind sie breit, oben schmal, so wie auch die Gän­ ge selbst gebaut sind. Sie sind nicht bestimmt Etwas zu tragen, indem sie nicht senkrecht sich erheben; sondern sich oben spitz abschließen. Dergleichen Mauren bilden auch vielfache

5

10

15

20

25

30

1   auszuzeichnen] Li: auszuzeichnen, sie haben etwas Großartiges­  ­9 sind sie … zugewiesen] Li: sind sie weder durch ihre Grandiositaet so, daß man sie der Architectur beifügen kann­  ­14 aber man … Menge] Li: So Sphinx für sich ist Sculptur, allein die ungeheuren Reihen davon sind architektonisch.­  ­14–15 Eine in … hat] Li: Cabillia, ein italienischer Capitän, hat eine Sphinx ent­ 35 deckt, die stand auf geflastertem Boden vor einem | Tempel­  ­24 Mauren und Thore] Li: Die Tore in den Mauerumschließungen­  ­26 sie haben … mehr] Li: Die Höhe ist 20mal größer als die des Menschen.­  ­26–27 Die Mauren] Li: Die Mauern sind von stupender Größe, die andern Mauern 20  Champanillon lies Champollion

besondere gestaltungen · baukunst

5

10

15

20

25

30

1081

Gänge, und sind mit Hieroglyphen bedeckt. Die Gänge, die sich nach verschie­ denen seiten so hinziehen, gleichen Büchern. Sie haben in ihrem Verhalten der Construktion Etwas Symbolisches. So die Labyrinthe, die Kammern ober und unterhalb der Erde welche auch verwinkelte Gänge haben. Auch auf Creta, Mo­ rea, Malta, werden solche unterirdischen Konstruktionen gefunden, und die Cloa­ ken der Römer gehören auch hieher, sie haben eine noch ganz andre Bestim­ mung. die Verschlingungen haben die Bestimmung, wie man erkennen will, daß der Lauf der himmlischen Körper vorgestellt werden soll. Ein Räthsel ist die Be­ deutung. Säulen, Treppen, Stufen, Anzahl von Sphinxen und Memnonen, alles ist bestimmt und nicht unverständig, auch nicht einem Äußern dienend, ange­ ordnet. Beim Tempel hängt das Äußere von Zwecken ab; nicht hier. Die Zahlen, worauf sich die construktionen beziehen sind die Anzahl der Fuße, welche der Nil steigt, die 12 himmlischen Zeichen, 7 Planeten, von deren Anzahl die Zahl der Gänge usw. genommen ist. Diese Bestimmtheit hat natürlich selbst überrascht, da man die Zufälligkeit hinwegräumte. So gehören diese Werke symbolischer Art sich selbst an, und haben keinen Zwek weiter, sodaß sie zwischen Skulptur ste­ hen. Unternehmungen, die einen Zweck haben findet man auch in dem Bau des See Möris u. a. Die unterirdische Architektur ist schon im Labyrinth erwähnt. Hieher gehören auch die Exkavationen, die man gegen Nubien, Indien auch in ungeheuern Bei­ spielen findet. In Nubien findet man in den Felsen gehauene Tempeln mit Säulen, Bildsäulen, Thieren, die mit den Natur Felsen in Zusammenhang stehen. In Indien lernte man sie näher kennen. Die Beschreibung davon findet man in vielen Wer­ ken. Mit ihnen fängt der Zwek an. Man höhlt erst aus, und stellt wieder Etwas Anderes ein, sodaß ein Umschließendes erst geschaffen wird durch die Höhlung. Solche Exkavationen findet man in Ägypten, Syrien, die zum Theil auch natürlich sind, und nur erweitert sind, sie fassen viele Tausende Menschen oft. Andere Höhlen haben auch einen religiösen Zweck wie die bei Bombai, welche Niebuhr zuerst beschrieben. Der ungeheure Ochs, der dort verehrt wird steht in einer tem­ pelartigen Höhle. Die Mytrashöhlen haben auch religiösen Zweck, sie stammen

1 –2 Die Gänge, … Büchern.] Li: Diese Mauern gehauen aus härtestem Syenit haben viele Gänge und Hieroglyphen an den Wänden. | […] eine Unzahl von feinsten Hieroglyphen sind darauf gesetzt.­  9­ –10 alles ist … unverständig] Li: sind nichts Zufälliges, sondern ein Symbolisches­  13–14 von de­ ren … ist] Li: die großen Perioden des Mondenlaufes, solche Anzahlen findet man sich wiederholend 35 an den meisten Constructionen­  ­22 stehen] Li schließt an: Die Säule ausgespart. Bildsäule aus dem natürlichen Felsen gehauen und darauf verwachsen.­  ­24 Mit ihnen … an.] Li: Mit der hohen Ar­ chitectur fängt der Zweck der Umschließung an.­  ­26–27 Solche Exkavationen … oft.] Li: Solche Excavationen dienen auch dem Bedürfnisse. Aushöhlungen in Palaestina, viele Stockwerke, überein­ ander bestimmt für Magazine.­  ­29 der dort verehrt wird] Li: als incarnirter Siva verehrt 40 8  soll] sollen

109rLi

108vLi

1082 86Hn

109vLi

110rLi

nachschrift heimann · 1828/29

aus Persien her, und man fand solche Monumente | auch in Deutschland. Man fand diesen Marmor im Kapitol unter dem Tempel des Jupiter Kapitolinus. Hier sind auch Wölbungen und Gänge. Die Wölbungen sind symbolische Darstellungen des Himmels und Laufes der Planeten. Die Gänge stellen zugleich die Wege der Seele in ihrer Reinigung dar; sie haben eine bestimmte Form und Konstruktion in bezug auf jenes doppelte Symbol. Die Todtenbehausungen haben die bestimmung des Verhüllens. In Indien fin­ det man wie bei den Ägyptern ungeheuere Werke zu dieser bestimmung. Man balsamirt die Todten ein, und zeigt dadurch die Unsterblichkeit des Menschen an. Aber auch dem Körper wollten sie Unvergänglichkeit zusichern. Die Pyramiden sind bekanntlich für diesen Zweck bestimmt. Sie enthalten Gänge, Kammern, deren letzter Zweck zu sein scheint des Begräbnisses, für Fürsten und Thiere auch. Sie wurden vollkommen zugeschlossen. Europäer haben die Gänge geöffnet. Araber haben die Gänge schon früher aufgerissen, um Schätze zu suchen. Aber diese Durchbrechungen waren nur gewaltsame, und die wirklichen Kammern er­ reichten sie doch nicht. Die ächten erbrachen die Europäer; sie fanden ungeheure Quadern vor die Öffnung gesetzt, und so fest vermauert, daß der Zweck des Un­ zugänglichen erschien, daß man dieses nicht mehr brauchen, sondern für immer verschlossen lassen will. Die in die Felsen gehauenen Königsgräber am Nil sind ebenso merkwürdig. Eine Pyramide zu sehen und aufzufassen, gehört nur ein Moment, so regelmäßig ist es. Das Technische des Baues und die Materie kann länger fesseln; es ist sonst ein todtes Große. Denkt man an die Zeit, Arbeit und Mühe, so hat man seine großen Reflexionen dabei, aber das Auge findet Nichts. Die Gänge sind einfach. Man unterscheidet alte und neue Pyramiden, deren ersteren eine über 7000 Jahre v. Chr. gebaut sein soll zum Begräbniß des Königs. Die Gänge haben keine Basre­

5

10

15

20

25

  Deutschland] Li: Germanien­  ­1–2 Man fand … Jupiter Kapitolinus.] Li: In Paris ist eine Mar­ 1 mortafel mit Basrelief, wo ein Mann einen Drachen aufreißt, Der Skorpion benagt das Zeugungs­ glied. Man fand diese Tafel in tiefen Gängen des Capitolinischen Berges.­  ­7–10 Die Todtenbe­ hausungen … zusichern.] Li: Es sind noch die Todtenbehausungen in solchen Excavationen, oft 30 sehr kunstreich errichtet. Bei Aegyptiern ist diese Bestimmung Wohnung der Todten Zweck für eine Menge Constructionen; bei der unsterblichen Seele, war das Streben auch den Körper unver­ gänglich zu machen.­  ­16–19 Die ächten … will.] Li: Belsoni hat die wahrhaften Eingänge ge­ funden. Sie waren mit eng anschließenden kollosalen Quadersteinen verschlossen, fest und un­ kennbar. Es sollte also etwas da sein, was für immer verschlossen werden sollte und nicht zum 35 Gebrauche.­  ­20 am Nil … merkwürdig] Li: an beiden Seiten des Nils, eben so fest und unkenn­ bar verschlossen­  ­21–23 Eine Pyramide … Große.] Li: Solche Pyramide hat vollkommen regel­ mäßige Gestalt, die sich auf einmal erfassen läßt. Sie sind theils aus festen Felsen gehauen, theils aus colossalen quadern zusammengesetzt. Es ist todter Crystall, der durch das Stupendiöse der Arbeit erstaunt.­  ­25–26 Man unterscheidet … Königs.] Li: |In den alten Pyramiden, wie sie die Franzo­ 40 sen als solche ausgeben 7000 Jahre vor Christi, was nicht constatirt ist

besondere gestaltungen · baukunst

5

10

15

20

25

1083

liefs und nicht Hieroglyphen und unterscheiden sich so von den Neuern, welche so vollgeschrieben sind, daß man Jahre brauchen kann, um alles abzuschreiben. Heilige Umschließungen für den todten Körper zeigen sich bei allen Völkern, und ihr Leib, zeigt man an, soll auch von Verletzung frei sein und einer Heilig­ keit gemäß. In den Pyramiden tritt die Abscheidung des äußerlichen Zweckes her­ vor, und es ist nicht mehr Skulptur. Es geht in den Charakter der regelmäßigen Architektur über. – Als Darius seinen Zug gegen die Skythen unternahm, die Sky­ then ihm auswichen, er aber ihnen das bekannte Wort sagen ließ, so antworteten die Skythen, sie haben Nichts zu verlieren, wollte er kämpfen, möge er zu den Grä­ bern ihrer Väter kommen und sehen ob sie zu kämpfen verständen. – Bei den Römern sind ebenso die Grabmäler ausgeführt worden, so der Hadrianspallast. Tempelartige Gräber fand man, welche also anzeigten, daß man dem Tode einen Tempel setzte, die Todten aber apotheosirte. Kapellen, Nischen fand man, wo Porträtstatuen in Gestaltung bekannter Götter den Kaisern von ihren Schmeich­ lern aufgestellt waren, sodaß der Sinn der Apotheose und Tempels des Verstorbe­ nen einleuchtete. Indem die Ägypter ihre Todten in Kasten legten, zeigten sie an, daß sie diese zu Osiris machten. | In der selbstständigen Architektur auch bei den Ägyptern sind die Bestimmungen der organischen Gestalt sichtbar. Das geradlinigt rechtwinklige tritt nun ein. Mauren und Säulen findet man jetzt in einer neuen Form. Die Säule hat die Be­ stimmung des Tragens, nicht zu umschließen. In dieser Rüksicht koncentrirt sich in der Säule der Schmerz; bei der Wand, die auch tragt, ist ein Uberfluß des Tra­ gens zu sehen; da die Säulen keinen Überfluß am Tragen haben, so hat es die Be­ stimmung des abstrakten Tragens, wie wir in der klassischen Form sehen. Die Kraft ist auf ein minimum der Mittel reducirt. Die Säule trägt Etwas von ihr Verschiedenes.

2  abzuschreiben] Li schließt an: Nur der Thurm des Belus kann älter sein als solche alte Piramiden.­  ­ 4–5 und ihr … gemäß] Li: ein Umschließendes für den todten Körper, gegen den eine Achtung erwiesen wird, auch der todte Leib soll nicht verletzt werden­  ­5–7 In den … über.] Li: Die Archi­ tectur unterscheidet sich vornehmlich von der Sculptur, daß jene einen äußerlichen Zweck hat, sie 30 geht daher sogleich in den Caracter der Regelmäßigkeit über. Die Grabmäler sind vielfach ausge­ bildet worden, sie gehören zu den frühesten Konstruktionen der Menschen.­  ­8 er aber … ließ] Li: er ließ ihnen sagen, sie sollen sich unterwerfen, oder zur Schlacht stellen, wenn sie sich dazu stark fühlen­  ­9–10 wollte er … verständen] Li: aber wenn er sich an die Gräber ihrer Väter ver­ greifen wollte, so würde er ihren Muth fühlen­  ­11 so der Hadrianspallast] Li: Das Grabmahl des 35 Hadrian ist die jetzige Engelsburg­  ­18–19 In der … sichtbar.] Li: In der aegyptischen Architectur haben die Formen der eigentlichen reinen Architectur sich emporgehoben. Konstruktion, deren Bestimmung ist, nach verständiger Regelmäßigkeit gebildet zu sein.­  ­20 findet man … Form] Li: sind die Elemente der Architectur, die letzten sind in der klassischen Architectur wesentlich­   ­22 der Schmerz] Li: Die Schwere­  ­25 Die Säule … Verschiedenes.] Li: Die Säule ist so ein ver­ 40 bindendes. Es bezieht sich ein anderes auf sie. 8  ihnen] ihm

28/1Hn

110vLi

87Hn

1084

111rLi

111vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Die Mauren haben mehr die Bestimmung des Selbstständigen als des Umschlie­ ßens. Die Säule kann auch selbstständig für sich genommen werden, wie es bei den Ägyptern der Fall war. Memnonen brauchen die Ägypter, und nachher sind auch Figuren bei den Griechen so gebraucht worden zum Tragen ( Kariatiken). Ihre Stel­ lung und das Gedrücktsein des Hauptes haben eine sklavische Beziehung gehabt. Ein Überfluß ist es, Memnonen zum Tragen zu brauchen. Die Säule alleinstehend entspricht ihrem Zwecke nicht. Es gab Säulen auf denen Figuren standen, wie die Triumphssäule des Hadrian, auf deren oberer Fläche die Zeitfeiernden Figuren standen. Indem das Abstrakte, die Säule, hervortreten soll, so kann sie nicht in ihrer Reinheit gleich auftreten; sie muß in Gestalt eines Natürlichen, eines Bau­ mes, Stengel, senkrecht aufsteigen. Die ägyptischen Säulen haben in diesem Zu­ sammenhang die Form einer Pflanze, in der größten Mannigfaltigkeit. Lotosstämme u. s. w. Wo auch mehrere aufeinandergestellt sind als Kolonaden, sieht man nicht die Einheit der Form, es ist bald die Zwiebelgestalt, zusammengedrängte Wurzel­ blätter, daß der Stengel freier emporstrebt. Dann ragt der Stengel hervor und ein Blumenartiges Auseinandergehen der Zweige ist das Kapital. Die Nachahmung kann nicht treu bleiben. Sie wird dem Kreisrunden, gradlinigen nähergebracht. Von hier aus geht die Form der Arabesken aus, welche in der Form einer solchen Säule gemalt sind. Man kann sagen, daß es unnatürlich sei, daß diese Schnörkeln auseinander und zusammengehen, Verzierungen, die von der Malerei ausgehen. Es sind verzogene Thiergestalten, die in Pflanzen übergehen und ausgehen von der Pflanzenwelt. Es ist also gegen die Naturform. Aber es ist die Art der Kunst, die Naturform spielend als Zierrath zu verwenden. Die Pflanze steht dem Unorgani­ schen näher, sie hat nicht die Freiheit der Gestaltung der empfindenden Natur, und bietet sich daher zu architektonischen Zwecken dar. Sie darf also und soll also ver­ zerrt werden, das Spiel des freien Gebrauchs der Kunst erscheint. Die Säule wird nun überhaupt Bestimmung der: klassischen Baukunst.

5

10

15

20

25

6 Ein Überfluß … brauchen.] Li: Der Gebrauch der Memnonen statt Säulen ist angemessen­  ­7–8 wie die … Hadrian] Li: wie die Trajans Säule­   ­12–13  Lotosstämme u. s. w.] Li: namentlich Lotosformen­  ­17 Sie wird … nähergebracht.] Li: das Gradlinigte wird mehr kreisrund gemacht­   30 ­21–22  Es sind … Pflanzenwelt.] Li: Es sind verzogene Pflanzengestalten übergehend in Thiere, Menschen cet. 4  Kariatiken lies Karyatiden­  ­19 sind] ist

besondere gestaltungen · baukunst

1085

Klassische Baukunst.

5

10

15

20

25

Die Mensch oder Göttergestalt oder Gemeindeversammlung ist Zweck, von dem die Umschließung verschieden gemacht wird. Das Architekturwerk hat nun seinen äußern Zweck an einem Andern, der nicht von Innen herausgeht. Es ist eine strenge Zweckmäßigkeit des Verstandes und äußere Regelmäßigkeit. Das Schöne beruht auf Anzahl und Größe, gerade Linie, ebene Flächen und rechter Winkel. Spricht man von Architektur, so hat man kein Lebendiges, sondern Trockenabstraktverständiges.| Diesen strengen Zweck erfüllt die Architektur in der klassischen Form. Man nannte sie eine gefrorne Musik (Fr. Schlegel), wo auch Zahlen Grundlage aus­ machen. Aufs Spezielle lassen wir uns nicht ein, es ist trocken, empirisch, wo der Sinn entscheidet, was zierlich und anmuthig ist. Das erste Moment, was zu be­ merken ist, ist die Bestimmung des Hauses und Wohnung, als Schutz gegen Wittrung und Thiere; eine Umschließung gegen den äußern Raum und andere Geschöpfe. Eine Versammlung soll darin sein, wo man vereinigt sicher sein soll. Bei einem hause ist das Bedürfniß die Hauptsache der Umschließung. Die Säule ist zum Tragen und die Wand und Dach ist zum Umschließen da. Die Säule kann entbehrlich scheinen, aber sie macht das Eigenthümliche der griechischen Baukunst aus. Säule und Umschließung haben einen Unterschied, und dieser ist zwischen griechischen und gothischen Bauwerken wohl zu bemerken. Göthe schrieb in seiner Jugend über die gothische Baukunst zu einer Zeit, wo keiner Sinn für sie hatte. „Von deutscher Baukunst“ war der Aufsatz betitelt. Ein gründlicher Sinn des Anschauens ist darin vorhanden. Her­ der ließ ihn drucken und in Kunst und Alterthum findet man es wieder abge­ druckt.

5–8  Das Schöne … Trockenabstraktverständiges.] Li: Das Aeußere selbst wird verständig. Gerade Linien, Rechte Winkel, grade Flächen werden nun die Elemente der Architectur.­  ­9 Diesen strengen … Form.] Li: Ein solches architectonisches Werk ist ein Todtes. Auf dem klassischen Bo­ 30 den hat die Architectur diesen strengen Zweck der Regelmäßigkeit, der Eurythmie.­  ­20 das Ei­ genthümliche] Li: das wesentlich constitutive­  ­22–24 Göthe schrieb … betitelt.] Li: Goethe 1773 hat einen Aufsatz über deutsche Baukunst geschrieben, in einer Zeit, wo es keinem eingefallen war, gothische Bauart als Kunst zu betrachten. Es war dem Erbauer des Strasburger Münsters Er­ winius a Steinbach gewidmet. Es ist hier der gründliche Sinn des Anschauens. Da sagt Goethe, die 35 Säule liegt dir sehr am Herzen usf., wo er das Einmauern der Säulen mißbilligt, das Freistehen sei ihre Bestimmung. Uns ist die Säule überflüssig. Die 4eckigen Kasten mit einer Decke ist unsere Grundform. 4  der] die­  ­17 ist] ist es

88Hn

112rLi

29/1Hn

1086

112vLi

89Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Es ist ein Streit, welcher zuerst, ob Holz oder Steinbau bei den Alten da gewe­ sen sei? Hirt ist drüber angegriffen worden, indem er den Holzbau als das An­ fängliche angiebt. Man blieb nicht bei den einfachen Formen des Holzbaues ste­ hen. Nachdem man durch das Holz für das Bedürfniß gesorgt hatte, sah man noch auf ein Anderes. Im Steinbau erscheint das Selbstständige des Symboli­ schen, daß es für sich ist. Beim Holz erscheint der Pfosten, Säule als Tragendes, welches auch bei den Ägyptern in den Säulenvorgängen vorkommt. Es bilden sich Reihen von Säulen, auf die Steinmassen gelegt werden, um alle zu verbinden. So wurde der Pfosten als Säule gebraucht. Indem die Säule das Tragen zur Bestim­ mung hat, so ist die Säule als für sich bestehend, nicht als Schließendes gebraucht worden. Man findet sich in einer Begränzung, aber man ist halb darinnen und halb draußen. In den Säulengängen liegt nicht das Bedürfniß eine Versammlung einzuschließen, wie bei der romantischen Kunst. Dort ist auch das Richten nach Außen als Zweck sichtbar. Ein Oblongum ist von Säulen als Gang gebildet an den Seiten eines Platzes, an den Vorder, Hinter und auch an allen 4 Seiten eines Tempels αμφιπεριστιλος. Die Säule hat also Bestimmung des Tragens, und zwar einen Balken, auf wel­ chem Balken liegen andere Balken, die senkrecht einen rechten Winkel bilden, die Balkenköpfe schauen hervor, und quer auf diesen liegen parallel mit dem Grundbalken andre, welche das Dach tragen. Dieses ist flach und mit geneigten Wänden, die in eine Spitze, den Fürsten des Hauses auslaufen. Das flache Dach schließt nicht das Haus, und da das Haus ein Geschlossenes haben soll, so ist das schiefe Dach passend zum Schluß. Die Säule muß eine Basis haben; die toskanische hat keine; aber die reinere Ordnung hat solche. Es ist eine verständige Bestimmung, denn die Basis zeigt den Anfang der Säule und den Zweck der Säule des Tragens. Steht die Säule auf der Erde, und in sie gedrückt, so erscheint sie als zufällig, mehr oder weniger eingedrückt. | Das Kapital zeigt das Ende an, damit die Länge nicht als zufällig erscheine, daß vielleicht das Material die größere Länge nicht erlaubte, deßhalb ist das Kapital da.

5

10

15

20

25

30

 –3 Es ist … angiebt.] Li: Das Material bedingt zum Theil das Bauwerk. Vitruv nimmt den Holz­ 1 bau an, dieser macht das Anfänglichste der Baukunst.­   ­17 Balken] Li: den Architrav, oder Grundbalken­  ­20–23 Dieses ist … Schluß.] Li: Dieses kann entweder flach oder geneigte Wände haben. Die Alten hatten keine flache Dächer, damit ist das Gebäude nicht geschlossen, es kann et­ was neues tragen, daher ist eine Linienspitze nothwendig als Ausgang. Das ist erst wesentlicher 35 Schluß.­  ­28 eingedrückt] Li: eingedrückt zu sein, also ist die Höhe zufällig­  ­29–30 Das Kapi­ tal … da.] Li: Das Capital hat die Bestimmung wie die Cadenz in der Musik, es soll bald aus sein, sonst sieht die Länge zufällig aus. 6  als] und das­  ­16 αμφιπεριστιλος lies: αμφιπροστυλος

besondere gestaltungen · baukunst 113rLi

5

10

15

20

25

113vLi

1087

Zwischen den querliegenden Balken entsteht eine Öffnung, die ausgefüllt der Fries heißt. Das Hervorspringende der Balken an der Seite heißt der Kranz. Die Dielen des Daches fallen schief herunter, und diese Konstruktion macht sich un­ mittelbar. Die Ausführungen in Stein behandeln dieselben Formen. Die Balken­ köpfe treten markirt bei der dorischen Säule hervor, die Räume heißen metopen u. a. m. Umständen. Die Säule hat also die Bestimmung des Nicht ganz Abschließens, sondern einen Raum offen zu lassen neben dem Zwecke des Tragens. Bei der dichten Mauer hat also eine Säule keinen Sinn mehr und sie wird zum Pfosten. Man tadelte es in der Baukunst, wenn Mauren auf solche Weise formirt werden, daß Halbsäulen entstehen. Man vertheidigte dieses, weil man schon bei den Alten Ähnliches fin­ det. Die Säule ist als rundes sich nicht Fortsetzendes, wenn ein Halb zur Stütze gebraucht wird, viereckig erscheint, so setzt es sich fort, verlängert sich zu andern Flächen, so ist der Charakter der Säule verschwunden. Eine Wiederholung der ganzen Säulen an der Vorderseite in platten ebenen Säulen an der Hinterseite ist deßhalb nur ein Abschatten der ganzen Säulen. Die Alten haben 3erlei Hauptsäulen, bei denen man noch jetzt ste­ hen bleiben muß, da noch Nichts anders gemacht ist, was die Har­ monie hätte, welche man in jenem findet. Die römische Säulenord­ nung, die mit der korinthischen übereinstimmt und eine weitere Verzierung von ihr ist, aber Etwas Uberflüssiges erscheint. Die dori­ sche, ionische, korinthische sind die 3 Hauptsäulen. Bei den Säulen­ ordnungen kommt es auf das Verhältniß der Höhe zum Durchmesser an. Wenn die Höhe nicht im Verhältniß mit dem Durchmesser steht, so erscheint sie entweder plump oder schmächtig. Auch auf den Zwi­ schenraum der Entfernung der Säulen im Verhältniß zur Höhe und Dicke muß man wohl sehen. Der Säulenschaft bleibt glatt, nicht streng vertikal, oben etwas schmaler, und unten in der Mitte wenig anschwellend. Dieses fand man zu leer und wand Blumenkränze

30 2 Das Hervorspringende … Kranz.] Li: der letzte parallele Balken ist der Kranz­ 

­10–11 wenn Mauren … entstehen.] Li: wenn Halbsäulen entstehen durch das Einmauern­  ­12 sich nicht Fort­ setzendes] Li: demnach in sich abgeschlossenes­  1­ 4–16 Eine Wiederholung … Säulen.] Li: Das Runde leidet schon keine Ausmauer. Daraus entsteht ein Pilaster, nehmlich das Säulenartige flach dargestellt, und wie eingemauert.­  ­17–19 Hauptsäulen, bei … findet] Li: Säulenordnungen. Es 35 läßt sich nichts schöneres machen, und alles andere ist Eurythmisch. Die toscanische, die roemi­ sche sind nur Abarten­  ­22 Hauptsäulen] Li: Säulenordnungen­  ­27 sehen] Li schließt an: Darüber sind ganz genaue Regeln, jede Verziehung hat da ihr bestimmtes Maß.­  ­ 4  in Stein] (1) des Steins (2) (über der Zeile: in) Stein (Ms: Steins)

Dorische Ordnung der besten Griechi­ schen Zeit (Zeit des Pericles) (halbe) viersäulige Giebelfronte eines Tempels I) Unterbau: Treppenstufen II) Säule: a) Base f e h l t im mer b) Schaft mit 20 Cannelen c) Capitäl: hat Wulst und Platte III Gebälk a) Architrav. b) Fries: besteht abwechselnd aus Triglyphen und Metopen c) Cranzgesimse: hat Dielenköpfe.

1088

nachschrift heimann · 1828/29

herum. D. i. gegen guten Geschmack. Die Säule soll als tragend emporschwellen. Die Alten haben nur das Kanneliren sich erlaubt, wodurch die Säule höher und stär­ ker erscheint. Die Räume sind zuweilen so groß wie Nischen, sind aber im Verhält­ niß mit den Säulen.

30/1Hn

!heitere Ruhe große Einfachheit vollkommene Harmonie feine Grazie 90Hn 114rLi

Dorische Ordnung

5

ist die einfachste, die solideste, deren Höhe 6 untere Durchmesser hat, später 7 Durchmesser. Festigkeit ist Hauptsache hierbei. Unter 6 würde sie schwerfällig er­ scheinen. Ernst ist ihr Charakter. Die Zwischenräume sind nicht groß. Die Trigly­ phen sind eigenthümlich, wo die Balkenköpfe sichtbar werden. Zwischen sind Metopen, worauf basreliefs zu sehen sind.

10

Die Jonische ist schlanker, mit 8 Durchmessern Höhe, beträchtlicheren Zwischenräumen. Sie hat eine schneckenförmige Wendung, eine thierische Form, welche das Ende derselben anzeigt. Die Friese sind ohne | Triglyphen, worauf Inschriften stehen oder die Schädel von Opferthieren. Die korintische. Sie ist die geschmückteste und reichste von allen; sie ist mit Blättern des Anatus auch geziert. Das Kapital

15

  D. i. gegen guten Geschmack.] Li: das gehört aber nicht dahin­  ­7–8 Unter 6 … Charakter.] Li: 1 Der fernere Fortgang ist zum Schlanken, Geschmückten.­  ­8 Die Zwischenräume … groß.] Li: Die Zwischenräume zwischen den dorischen Säulen sind nicht groß, etwas mehr nur als die Dicke der Säule.­  ­ 8–9 Die Triglyphen … werden.] Li: Die Tricliven sind hier merkwürdig, die Balken­ 20 köpfe werden hier sichtbar, prismatisch ausgeschnitten in drei Ecken.­  ­9–10 Zwischen sind … sind.] Li: Die Metopen sind ausgefüllt, oder darauf Bas relief angebracht. unten und oben an der Säule sind Ringe, sonst keine Verzierung. Hier werden die Canele viel gebraucht.­  ­12  mit 8 Durchmessern … Zwischenräumen] Li: Das Verhältniß ist 8:1 oder 9:1 und 9 1/2 : 1 Die Zwischen­ räume sind beträchtlicher 3 1/2 Durchmesser.­  ­12–13 Sie hat … Wendung] Li: Die Capitele ha­ 25 ben schneckenförmige Windungen, die auf der Seite zusammenhangen.­  ­15 Schädel von Op­ ferthieren] Li: Schädel der Opferthiere […], und mit Kränzen verbunden­   ­15–16 Die korintische. … geziert.] Li: d i e K o r i n t h i s c h e / Das Verhältniß 8:1, 8 1/2:1. Die Verzierung der Acantusblume ist bei dem Capital, mit Beibehaltung der jonischen Schnecke. Es ist die zier­ lichste Säulenordnung. 30 1 6  Anatus lies Akanthus­   Kapital] Text bricht ab

besondere gestaltungen · baukunst

1089

Die römische Architektur

5

10

15

20

25

Die griechische Baukunst, welche ein niedriges Verhältniß im Tempelbau, so wie Einfaches und bestimmtes Begränztsein enthält, ist schon durch den Kreisbo­ gen über die Bestimmung des Tragens hinaus. Der Kreisbogen bezieht sich auf den Mittelpunkt, also nicht mehr auf die Säule. Es ist ein gegenseitiges Stützen, das sich der Hilfe der Säule entzieht. Die Kunst zu wölben war dort ganz unbekannt. In ägyptischer Baukunst finden wir keine Wölbung, ungeachtet es die Ägypter so weit in der Baukunst gebracht haben. Eine Menge von Säulen stützten eine Decke. Unter den griechischen Uberresten findet man Bogen nur in der späteren Zeit. Hirt, der über die Baukunst das bedeutendste Werk geschrieben, sagt, wo die Kunst des Wölbens angebracht ist, war bei den Römern, bei denen es schon alt gewesen zu sein scheint, in den Katakomben oder Kloaken. Man schreibt die Erfin­ dung einem Democrit, der der Philosoph gewesen sei, zu. Er beschäftigt sich mit Naturgegenständen. In dieser Form ist das Pantheon von Aggrippa unter Augustus gebaut, wo Mars, Venus (auf Romulus, Aeneas hindeutend) Caesar, Augustus hinkommen sollten in die Nischen. Es hat eine Halbkugel als Decke. Im Techni­ schen ist zu bemerken, daß die Wölbung von Holz gemacht wurde, und daß die­ ses mit Mörtel bedeckt ist, mit Kalk und leichten vulkanischen Steinen. Man ließ die Mischung verharten und nahm das Holz fort. Die Masse ist so fest, daß die dauerhafteste Wölbung entstanden ist. Die römische Baukunst zeigt sich so durch seine Wölbung aus. Hier nachdem man vom französischen Geschmacke abkam, ging man zu den römischen Formen, später zu den griechischen Formen über. Bei den Römern hat das Bauwesen eine andre Bestimmung angenommen als bei den Griechen, bei denen die Privatwohnung unbedeutend, und das Pracht­ werk öffentlich war. Skulpturwerk war nur zu öffentlichen Gebäuden verwendet. Die Römer haben auch ungeheure Tempel, Colliseum, Theater, Cirkus, gebaut und Bäder, die sie mit griechischen geplünderten Kunstschätzen schmückten. Aber

1   Die römische Architektur] Li: Ehe wir zu der gothischen Baukunst übergehen ist ein Mittel zu erwähnen. / D i e r o e m i s c h e B a u k u n s t / nehmlich das Gewölbe.­  ­ 2–4 Die griechische … 30 hinaus.] Li: Bei den griechischen Bauwerken ist das einfache bestimmte feste Begrenztsein in den Flächen.­  ­6 Die Kunst … unbekannt.] Li: Dies findet sich bei Griechen nicht, selbst diese Form nicht, wo in der Mitte der Schlußstein alles enthält, durch gegenseitige Stütze­  ­ 8–9 Eine Men­ ge … Decke.] Li: Es sind wie bei Brücken Quadersteine übereinander, einer über den andern her­ vorragend bis sich alles oben schließt­  ­13 Democrit, der … gewesen] Li: | Democrit der atomisti­ 35 sche Philosoph­  ­18 Mörtel] Li: Mergel­   Steinen] Li: Gestein […], zerschmolzen und auf das Holz aufgegossen­  ­21–22 Hier nachdem … über.] Li: Wie Liebe des antiquen auf kam, findet man die römische Bauart alles in Kreisbogen, erst später entstand das Römische, meist Antiques und Modernes unter einandergemischt. 4  über] g­  ­21 Hier] Hier hat man­  ­24 bei] b,

114vLi

114vLi

1090

nachschrift heimann · 1828/29

auch die Privatwohnungen wurden ausgeziehret. Lukulls Haus. Anlagen wurden anders gemacht, um für Bequemlichkeit der Bürger zu sorgen. Man baute schon Gärten und schaffte Linderung gegen die Hitze.

115rLi

91Hn

den 2/2Hn

115vLi

Die romantische Baukunst. Die Gothische Baukunst ist lange für barbarisch gehalten worden. Erst in un­ sern Zeiten ist sie zu Ehren gekommen. Die Bauten christlicher Kirchen waren Basiliken artig gebaut, die Bestimmung war die Versammlung. Es waren oblonge Säulen, welche Konstantin den Christen einräumte. Eine Tribuna, um Geschäfte abzumachen, befand sich darin. Der Priester trat auf sie, um vorzulesen. Hieraus entstand die Vorstellung des Chors. Kirchen baute man in Deutschland hier­ nach, und hat nur römische Baukunst vor sich. Diese Baukunst der späten Römi­ schen Architektur ist die Byzantinische Baukunst. | Die Säulen in dieser Baukunst sind plump aber auch sehr schmächtig. Hiernach baute die gothische Baukunst, welche man aber die deutsche nennen wollte. Aber dieses wäre nicht richtig. Denn die gothischen Kirchen sind in Südfrankreich und Spanien zu finden, und diese Bauart ist in Deutschland nachgeahmt. In Asturien haben sich nämlich gothische Könige erhalten, und hier findet man auch den Ursprung der gothischen Baukunst. Ob sie von Arabern genommen sei, scheint aus dem Gesagten wahrscheinlich gemacht zu sein. Aber man muß die maurische Baukunst wohl davon scheiden. Die bestimmung der romantischen Baukunst ist für Versammlung, die eine Er­ hebung ist über das Endliche. Eine Bewegung des Erhabenen ist sichtbar. Ein Umschlossenes ist damit verbunden. Äußere heitere Gänge, die mit der Welt zu­ sammenhängen, fallen hier fort. Keine Zerstreuung soll hier Statt finden. Die Säulen sind im Innern, wo Mannigfaltigkeit der Gänge und Plätze nöthig ist. Die Gänge sollen zusammenhängen und nicht durch Wände getrennt sein, d. i. der Säu­

5

10

15

20

25

 –6  in unsern Zeiten] Li: mit Goethe­  ­ 8–9 um Geschäfte … vorzulesen.] Li: wo eine tribune 5 stand für den Geistlichen, Gebete zu verrichten, Gesänge anzufangen­  ­11–12 Diese Baukunst … Baukunst.] Li: Die römische Baukunst ist da verwendet worden auf schlechte Art. Diese Gebäude hießen der byzantinische Styl, Gewölbe, die sich kreuzen und mit Säulen unterstützt sind.­  ­30 14 deutsche] Li: germanische­  ­16–17 In Asturien … erhalten] Li: Die spanischen Könige sind durch Mauren bis nach Gallizien verdrängt, und dort haben sich wisigothische Könige erhalten­  ­21 für Versammlung] Li: christlicher Cultus, ein Versammeln um in sich zu gehen­  ­ 25–1091,2 Die Gänge … vereinbar.] Li: Gänge, die innerlich durch Säulen zusammenhängen. Es ist nicht das Leere, das das Gemüth erheben soll, sondern eine Ausfüllung. Ton der Bewegung vom 35 Irdischen zum Höheren. 8  einräumte] einräumten­  ­15 Südfrankreich] Sfra, Fr

besondere gestaltungen · baukunst

5

10

15

20

25

30

1091

lengang. Die Leere soll nicht für das Gemüth vorhanden sein. Ein Leeres wäre nicht mit der Bewegung zum Jenseits vereinbar. Die Bogen haben nicht mehr die reine Bestimmung des Tragens, sondern sie schließen sich zusammen, wo der Mittelpunkt ein Anderes als die Säule ist. Der Bo­ gen ist nicht vorhanden, sondern der Spitzbogen, der aus 2 Ausgängen der Säule besteht. Das Emporsteigende an der Säule erscheint nur als Fortsetzung der Säu­ le, wie beim Baume das Emporsteigen der Äste, die vom Stamme getragen wer­ den. Die Fortsetzungen der Säulen stoßen zusammen, nicht im Mittelpunkt eines Kreisbogens, sodaß beide Seiten selbstständig in der Spitze zufällig zusammen­ kommen. Fenster, Thüren haben alle dieselbe Bestimmung, das Zusammenlaufen in Spitzen. Die Säulen sind mager und schlank nach Oben hinaufstrebend, fast ohne Verhältniß, auch nicht rund, sondern, da sie oben ausstrahlen, ein Convolut von Fasern. Die Vorstellung des Organischen tritt so mit ein, und nicht bloß das Mechanische des Tragens. Die Aufregung des Innern verlangt die Mannigfaltig­ keit in den Gängen, sodaß die Leere der Kirche bei der Größe nicht disharmonisch mit dem Gemüthe sei. Säulen sind also nothwendig, um die Massen zu tragen. Das Dach ist nicht geschlossen bei der großen Weite, und dieses Dach bedarf der Stütze. Das Innere ist großartig nach der Stimmung, geräumig, da die ganze Ge­ meinde vereinigt sein soll. Die Anzahl der Säulen hat veranlaßt, viel Mysthisches in der Anordnung aufzusuchen, so im Dom zu Kölln. Zur Zeit des Baues hat man allerdings in dergleichen Zahlenbestimmung große Wichtigkeit gelegt, da der trübe Sinn nach dem Höhern aufs Äußere fällt. Die Willkühr wurde so mys­ thisch; aber man muß nicht zu kleinlich in allen Zahlen Etwas Bedeutendes jetzt aufsuchen. Die Kirche theilt sich in Chor für die Priester, wo die Tribuna sonst war, deß­ halb er auch doppelt so hoch gewöhnlich gemacht ward als die Höhe des Schiffs. Ein Chor war auch gegen Abend, in der Vorhalle, wohin der Taufstein gestellt, um das Kind in die Gemeinde aufzunehmen. Der Eindruk ist das Stille, Erhe­ bende, Erhabene. Die Fenster sind mit gemalten Scheiben ausgefüllt, um die Dunkelheit und Trübheit zu erhalten, damit nicht das physische Licht von Außen,

5  Ausgängen] Li: oberen Fortsetzungen­  ­13 des Organischen … ein] Li: des Organischen, wie Bäume, die mit den Aesten zusammenkommen, damit tritt wesentlich die Gangbau zusammen­   ­18–19  da die … soll] Li: | Die griechischen Tempel waren für Gemeinden nicht bestimmt.­  ­ 116rLi 19  Mysthisches] Li: Symbolisches­  ­20 so im … Kölln] Li: wie es Gerres that­  ­23–24 aber 35 man … aufsuchen] Li: allein überall ist das nicht, am wenigsten in den kleinlichen Bestimmungen­  ­ 25 Chor] Li: Chor, Ort des Heiligen­  ­26 des Schiffs] Li: wie das Schiff der Kirche, wo Gemein­ de ist­  ­28 um das … aufzunehmen] Li: als Eintritt in die Gemeinde 1 0  Thüren] Thüern­  ­12 ausstrahlen,] usstrahlt, sondern­  ­34 Gerres lies Görres

Hn 

1092

92Hn

117rLi  3/2Hn 

nachschrift heimann · 1828/29

sondern ein Gemachtes, Kerzen, brennen sollten; ein andres als der natürliche Tag sollte hereinleuchten. Die Säulengänge sind nach der Länge des Schiffs bestimmt. 5 Säulengänge fin­ det man sogar in einem gothischen Dome.| Kirchenstühle findet man nicht, wie in den protestantischen Kirchen, weil die Ruhe bei der Predigt nicht erfordert wird. Ein nomadisches Leben führt man hier; jeder hat sein Geschäft. Leichen werden geweiht, andere beichten, verrich­ ten ihre Andacht. Eine ganze Welt ist vorgestellt, eins lebt ungestört neben dem Andern. Von Innen heraus ist das Außere bestimmt. Die Thüren entsprechen den Gän­ gen und Schiffen, sie vertiefen und spitzen sich, sodaß der Eingang sich zuletzt einengt und das Innerliche, in das man eingeht, anzeigt. Die Bogenfenster ent­ sprechen so den Gängen. Das Hauptfenster wird hier nicht passend sein in der Ge­ stalt des länglichen Fensters. Das Glockengeläute ist auch bezeichnend. Das bloße Tönen ist Affektion des Innern, aber ein Unbestimmtes, worauf man zur Musik ins Innere tritt, durch den Gesang das artikulirte Tönen empfindet und endlich die Stimme von der Kanzel vernimmt. Auch nach Außen endigt alles spitzig, in Blättern ausgehend, daß das Organische bemerkt sein soll. Die Verzierungen werden kleinlich, sodaß ein Ge­ gensatz in den gothischen Kirchen ist, die Vertiefung in das Innere des Unendli­ chen in die ungeheuere Maaßlosigkeit, und die kleinliche Außerlichkeit.

10

15

20

Skulptur. Die Architektur behandelt die unorganische Natur in außern Formen; die ihren Zweck in einem Andern haben. Die Geistigkeit, Zwekmäßigkeit für sich, Selbst­ ständigkeit, die von außerer Zweckmäßigkeit getrennt ist, erscheint in Skulptur. Sie reißt sich von Architektur los, und hat diese als klassisch und romantisch gegenüber.

116vLi

5

25

 –4  Die Säulengänge … Dome.] Li: Es sind 2 Säulengänge, die den Hauptschiff, und 2 Seiten 3 Schiffe bilden. Oft sind 4, 5 Säulengänge, so daß 5, 7 Schiffe vorhanden sind.­  ­ 5–6 Kirchenstüh­ le findet … wird.] Li: Die Bänke verkleinern das Erhabene und sie fehlen in den meisten Domen.­  ­ 6–9 Ein nomadisches … Andern.] Li: Hier ist Altar, dort eins, hier Beichststuhl cet. 30 Da sind verschiedene augenblickliche Geschäfte | auf einmal. Die mannigfaltigsten Geschäfte ver­ richten sich ungestört, in einem Raume, die Vorstellung einer Welt.­  ­10–12 Die Thüren … an­ zeigt.] Li: Die Portale gehen in Spitzbogen aus, vertiefen sich so, daß der Eingang immer schmaler wird. Der Eingang verkündet es soll da in das Innere herein, sich zu vertiefen.­  ­13–14 Das Hauptfenster … Fensters.] Li: Es ist in der Mitte das Hauptfenster. An den Seiten die Türen enthal­ 35 ten das hohe Emporstreben­  ­16 aber ein … tritt] Li: das zur Kirchenmusik übergeht. Alles Vor­ bereitung, Anregung, zum Innerlichen.

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

1093

Nur die symbolische ist entfernt von Skulptur, aber sie bleiben in Beziehung auf einander. das Bild hat seine Stellung, im Tempel. Gemälde der Kirche haben ihre Stelle am Altare. Ein Skulpturbild kann nicht gemacht werden, und dann nach dem Orte gesehen, wo man es hinstellen soll. Die nächste bestimmung ist das Bild des Tempels zu sein. Außerdem werden sie auch noch anderswo angebracht, in Reliefs, die sehr hoch sind, aber doch schon zur Fläche übergehen. Die Stelle hat ihren Einfluß gehabt. Das Hauptbild des Tempels war so, daß auf dem Gibel­ feld Handlungen vorgestellt waren, daß sie auf das Hauptbild Bezug haben, sei es eine Handlung aus dem heroischen Kreise oder aus der Gemeinde. Skulpturbilder werden auch zur Bevölkerung von Gärten u. a. m. gebraucht, und müssen im Verhältniß zur Umgebung stehen. Ebenso ist die gothische Kirche mit Aposteln usw bevölkert. Sonst ist das Bild das Selbstständige.

Natur des Skulpturbildes.

15

20

25

Das Skulpturbild ist die ruhige, in sich geschlossene Gestalt, und zwar ist es die Gestalt, die aus dem Materiellen sich abgelöst hat. das Geistige wird als abge­ schlossen, nachdem es aus dem Materiellen herausgegangen, dargestellt. Dieses Bild hätte die höchste Darstellung, wenn es auch die Farbe hätte, die zur mensch­ lichen Gestalt gehört und zur Belebung und zur Partikularisation der Bewegung und Ausdruck des Pathos gehört. Allein schon der Anblik hat Etwas Widerwärti­ ges an gemalten Skulpturwerken. Die Kunst geht vom Geist aus, und der künstleri­ sche Geist stellt eine Totalität dar, die sich ein geordnetes, organisch fortschreiten­ des Ganzes bildet. | Deßhalb legt der Künstler die Momente des Ganzen auseinander, daß das Kunstwerk ein abstraktes Moment des Denkens hat. Das Geistige in seiner Leiblichkeit, aber als materiell ohne Partikularisation stellt sich im Bilde dar. Besondere Empfindung und Bewegung treten nicht hervor. Nur die Gestalt als solche, die Nichts als MechanischMaterielles enthält, räumlich be­ gränzt, sichtbar und alle Bewegung in räumliche Formen gebracht. Alle Partiku­ larisation des Physischen ist noch abgehalten. Bloß Licht, weiße Farbe, oder über­ haupt eine Farbe muß daher im Bilde erscheinen.

30 1–2 Nur die … einander.] Li: die symbolische Architectur tritt der Sculptur näher­  ­3 Stelle am

Altare] Li: Gemälde in der Kirche haben ebenso ihre bestimmte Stelle. Die moderne Manier des Malens bestimmt sich mehr loser von der Wirklichkeit.­  ­10 von Gärten] Li: der Architectur­  ­22 der Künstler] Li: Der Geist­  ­23–24 Das Geistige … Leiblichkeit] Li: Das Geistige wie es vom Materiellen herkommt, ist in seiner Leiblichkeit­  ­24–25 stellt sich … dar] Li: die allgemeine 35 Materialitaet­  ­28–29 weiße Farbe, … erscheinen] Li: Sichtbarkeit, der weise Marmor 6  Reliefs] Resliefs­  ­21 ein] eine

117vLi 93Hn

1094 118rLi

118vLi

4/2Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Sehen wir aufs Geschichtliche, so sind die ersten Skulpturbilder, wie die des Phi­ dias mit farbigen Gewändern, Augen, Gold und Edelsteinen am Elphenbein, versehen gewesen. Aber die höchste Blüthe der Kunst hat dieses nicht. Die Un­ vollkommenheit des Anfanges zeigt sich nicht im Einfachen, sondern Bunten, äu­ ßern Konkreten; abstrakt ergreift ihre Bestimmung die vollendete Kunst. Hier fällt nun jener Unterschied fort vom symbolischen, klassischen und romanti­ schen, wie bei der Baukunst. die Skulptur kann geschieden werden in alte, klassische und neuere Skulpturbilder. Alte Skulpturbilder wie die ägyptischen, altgriechischen, die Skulptur der Attika und die Skulptur des Porträts, welches später bei den Grie­ chen gewesen und jetzt eine Hauptseite der Skulptur ist. Die Skulptur ist überhaupt auf das Ideale angewiesen und hier macht die klassische Skulptur den Mittelpunkt aus. Die ausgezeichnetsten Skulpturwerke sind hier zu suchen. In der modernen Zeit tritt der partikuläre Mensch als solcher hervor, der einen unendlichen Werth erhält, und zum Gegenstand der Kunst gemacht wird, und die Kunst läßt sich zum Porträt herunter, welches dem Porträt der Malerei nachsteht, in sofern hier die Partikularität bestimmter ausgedrückt werden kann. Die Skulptur ist wesentlich auf das Ideale angewiesen. Sie soll die Gestalt ohne Partikularität darstellen. Ein be­ stimmter Charakter soll ausgedrückt werden, jedoch ist nicht die Partikularität das Überwiegende. Das Geistige in seinem ewigen Beruhn, ohne Bewegung. Der Charakter wird nur als die allgemeine unendliche Möglichkeit dargestellt, welche ganz in die ruhnde Gestalt in Formen der Räumlichkeit eingeht, wo die Augen verschwinden; Das Auge ist das lebendige Organ, und dennoch muß es der Künstler entbeh­ ren. Man kann es als Mangel an der Skulptur ansehen, daß nicht ein Surrogat der

5

10

15

20

zunächst, der Beginn des Durchscheinenden. Die Sculptur faßt das Abstracte der Gestalt auf, das 25 Wunder, den Geist in ganz mechanischem Elemente sich zeigend. 2–3 mit farbigen … nicht.] Li: das Gewand aus Gold, die Augen aus Edelsteinen gemacht waren. Das ist nichts widriges, weil das zweierlei ist. Der Körper und das Gewand. Es waren auch völlig gemalte Statuen bei den Alten.­  ­ 4–5 des Anfanges … Kunst] Li: der Kunst besteht auch in dem Mannigfaltigen concretverwickelten. Es waren Posten ohne Gestalt, mit wirklichen Stof­ 30 fen bekleidet. in katholischen Kirchen Bilder ohne Ausdruck, aber angezogen.­  ­6–10 Hier f ällt … ist.] Li: Das ist feste geworden und es ist lange gewesen, bis eigentliche Künstler entstan­ den sind. Was also der Kunst unangemessen ist, gehört auch nicht dazu, sondern wird beibehal­ ten aus Respekt für das Alterthum. Die Sculptur ist durch diese Bestimmungen, Geist in seiner Ruhenden Form, unscheinbar zu theilen. Von Architectur kann man nicht bestimmt sprechen, 35 wenn man sie nicht unterschied. Die Sculptur hat aber den Unterschied unmerklich. Das sym­ bolische f ällt weg. Es ist nur alte Sculptur, wie die aegyptische, und die altgriechische. Die Sculptur die Portrait ist besonders eine Hauptweise der neuen Sculptur.­  ­11 den Mittelpunkt] Li: die wichtigste Periode­  ­16 bestimmter ausgedrückt werden kann] Li: das Hauptsächlichste wird­  ­17–19 Sie soll … Überwiegende.] Li: Die Gestalt als solche ohne Particularitaet drückt 40 das Ideale des Geistigen selbst aus­  ­

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

15

20

25

1095

Augen hinzukommen darf. Aber das Auge als blickend gehört nicht in die Skulp­ tur, es ist nicht Mangel. Durch Schatten deutet man das Auge an, indem man eine kegelförmige Höhlung macht; aber es ist dieses Nichts gegen das Auge, wo der höchste Ausdruck und der einfachste Abdruck der Seele liegt. Aber deßhalb schließt man es von Skulptur aus, weil es der Punkt der Subjektivität ist. In den an­ dern Formen liegt die bestimmtheit des Innerlichen im Raume; in dem Äußerli­ chen soll der Bildhauer den Charakter darstellen. Diese Bestimmung der Skulptur macht, daß das Auge vermißt wird, und nicht hergesetzt. Wir haben 2erlei, den Kopf, Gesicht und Körper bei der bildsäule. der Leib wird zum Ausdruck konkuri­ ren; aber im Gesichte liegt die Hauptsache. Die Stellung des Körpers, Arme, Füße ist zwar auch bemerkbar; aber das Gesicht ist es vornehmlich, was zu betrachten ist. Worin nun das Idealische besteht, muß man sich ins Einzelne einlassen. Nichts wird durch das Allgemeine bestimmt. Das Idealische im Allgemeinen ist schon frü­ her gesagt. Man hat in neuern Zeiten Kunstwerke von viel größerem Umfang als vor 50 Jahren kennen gelernt. | Winkelmann hat die Kenntniß von ägyptischen, griechischen Skulpturwerken gehabt. Aber jetzt hat man auch äginätische Kunstwerke gefunden, die zur altgrie­ chischen Kunst gehören, ebenso hat man Werke von Phidias selbst oder unter sei­ ner Anleitung gearbeitet, und die Werke, die man in die Zeit der Blüthe der Kunst setzen kann, hat man jetzt erst kennen gelernt. Eine neue Anschauung der Kunst bildete sich. Was vom Idealischen gewußt war, hat eine eigene Bestimmung erhalten. An ihnen ist nicht Schönheit der Form, noch Anmuth, Reiz und Grazie der Gestalt, die schon mehr nach Außen gehen, und eine Darstelung für andre, die Gefallen schon zum Zwecke haben, an ihnen ist das Beruhen auf sich, nur das Äußere des Innern. Nicht die Feinheit und Keck­ heit der Arbeit ist an ihnen zu schauen. Sondern die Lebendigkeit dieser Kunst­ werke läßt sie erstaunen. Die Natur hat die Kunst überwältigt, einem Marmor ist Leben gegeben, und dieses erregt die Theilnahme. Die Haut scheint weich und elastisch zu sein.

30 1–5 Aber das … ist.] Li: Allein das Surrogat würde der Malerei nicht nachkommen und der Blick

des Auges, wo der ganze Ausdruck sich begegnet gehört nicht zur Sculptur. Durch das Auge blickt man in die Seele, daher man sich in Augen sieht, wenn man sich begegnet.­  ­8–12 Wir haben … ist.] Li: An der Statue haben wir zweierlei, den Kopf und die Stellung des übrigen Körpers, alles concentrirt zum Ausdruck, aber meist das Gesicht. Die Formen des Gesichts werden wir vornehm­ 35 lich betrachten.­  ­16–17 Winkelmann hat … gehabt.] Li: Vor 80 Jahren hat Winckelmann das Ideale bei den Alten hervorgerufen. Er hatte einen Kreis von Kunstwerken der Aegypter und Grie­ chen gekannt.­  ­21 bildete sich] Li: hat die Freunde der Kunst interessirt­  ­26 der Arbeit] Li: der Ausarbeitung­  ­27–29 einem Marmor … sein.] Li: Der Marmor wie Fleisch, so daß ein lebendi­ ges Wesen plötzlich in diesen Marmor umgewandelt zu sein scheint. (die Marmor sind 2100 Jahre 40 alt, die Oberfläche schadhaft, doch anziehend.) es ist ein Pferdekopf, dessen Feuerkraft selbst im Marmor lebt.

120rLi Fehl­ paginierung

94Hn

1096

120vLi

121rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Dieses ist das, was die Blüthe vor der alten Kunst voraus hat. Das Lebendige wird nur bewirkt mit dem Zauber und Anmuth durch die Genauigkeit, Fleiß der Ausarbeitung. Der Künstler hat das genaueste Studium und Anschauung der Be­ schaffenheit aller Theile, der Anatomie, wie sie sich bewegt, spitzt oder rundet, verlängert und verkürzt, und alles ist aufs Vollkommenste ausgedrückt, jedoch nur angedeutet, sodaß nicht das Außerliche peinlich kopiert ist. Diese gründliche Ausarbeitung ist so beschaffen, daß das Auge keine Unterschiede wahr nimmt. Gyps, Marmor, der nicht das grelle Weiße des Gypses, sondern eine Haut gegen die Witterung hat, die mehr gelblich war, erhalten durch den Schatten außen feine Unterschiede. Theils durch das Auffallen des Lichtes oder durch Wendung sucht man diese Unterschiede zu bemerken. In gewöhnlicher Beleuchtung mit Auge sind die Theile nicht bestimmt bemerkbar, doch ist der allgemeine Eindruck nicht verlo­ ren. Nicht in der Bewegung, sondern auch in den ruhenden Theilen ist diese Vor­ stellung des Lebendigen. Diese organische Flüssigkeit, und der Geist beseelter Flächen, das Organische der Umrisse fließen in einander, doch nicht in ebnen Flächen, auch nicht in Convexem, belebt sich unser Auge. Eine mathematische Bestimmung des Verstandes ist hier nicht zu suchen. Allge­ meinen Zusammenhang kann man jedoch einsehen in dem zusammenhängenden freien Geistigen der körperlichen Formen. Die Hauptmomente dieses Zusammen­ hangs ergeben sich bei der Untersuchung derselben genauer. Jedes Organ hat 2 Seiten, die sinnliche Bestimmung, aber auch die Funktion des geistigen Ausdrucks. Jenes gehört dem physischen Leben, dieses dem Organischen, da sich das Geistige darin geltend macht. Im Gegensatz zu den griechischen hat man die ägyptischen Formen gestellt, um das Idealische in der griechischen Form zu erkennen. Winkelmann sagt von den Ägyptern in Ansehung der Augen, daß diese glatt und schräggezogen, nicht senk­ recht mit der Nase sind, daß sie nicht tief sondern vorgehen, gleich fast mit der Stirne. Der Augenknochen mit Augenbraue ist auch glatt. Dieses ermahnt uns, daß auch wir die Augen vortreten lassen, wenn wir gedankenlos hinstieren auf Etwas und ganz außer uns sind, oder wenn wir bestimmter in Anschauung des Sinnlichen in Richtung nach Außen versenkt sind. Die Augenlieder sind durch eine eingegrabene Linie bezeichnet durch einen platten Streif, der bis zur Schläfe ragt, wo er abgeschnitten ist. |

5

10

15

20

25

30

 3–16 Nicht in … Auge.] Li: Für das Auge ist da die organische Flüssigkeit vorhanden, die besee­ 1 lende Oberfläche. Diese Beseelung fällt dem Auge auf, und die wird nur durch die genaueste Sorg­ 35 falt erlangt.­  ­17 Eine mathematische … suchen.] Li: Man muß dem Zusammenhange nachspüren um ihn mit Bewußtsein zu fassen­  ­31 Augenlieder] Li: Augenbraunen 1 6  Convexem] Conwexes

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

15

20

25

30

1097

Daran erkennen wir Etwas Mechanisches, nicht Organisches ohne Geist und Natürliches. Der Backenknochen ist erhaben, das Kinn klein zurükgezogen. Das Gesicht ist oval und regelmäßig, jedoch nicht so abstrakt zum Kreise oder Ellipse. Der Schluß des Munds gegen den Winkel ist aufwärts gezogen, wodurch ein Lä­ cheln angedeutet ist, der Mund ist geschlossen und die Lippen durch Einschnitte bemerkt; aber bei den Griechen sind sie geöffnet. Finger ohne Andeutung der Gelenke. Die Arme am Leibe, Beine an einander, und parallel wenn sie ausein­ anderstehen. Dädalus löste sie von einander bei den Griechen, indem er die Freiheit der Stellung ausdrücken wollte;

Von den Formen des Gesichts. das griechische Profil, die Verbindung der Nase und Stirn in gerader Linie ist hier herrschend; die Richtung der Linie ist so bestimmt, daß von der Nasenwur­ zel eine Linie gezogen wird zum Kanal des Ohrs einen rechten Winkel formi­ rend. diese Linie ist von Kampe als Schönheitslinie benannt worden, und ist bei allen Menschenracen verschieden. Blumenbach legte diese Linie zu Grunde bei Betrachtung der Schädelform. Im Allgemeinen ist diese Linie sehr karakterisi­ rend. Bei dem Thierschädel ergiebt sich, daß das Ohr und Auge nicht so weit entfernt sind, und daß die Linien von beiden Punkten zu der Spitze des Mundes einen spitzen Winkel geben; bei dem Menschen ergiebt sich ein bald mehr sich dem Rechten Winkel nähernder Winkel, und bei den griechischen Köpfen und überhaupt im Süden sind diese beiden Linien beinah im Rechten Winkel zusam­ menlaufend. diesen Rechten Winkel hat man als Hauptbestimmung beim griechischen Ideal. Daß dieses Etwas Schönes ist, wenn dieser Winkel ein Rechter ist, ist zu merken, wenn man die Kopf bildung betrachtet, 2 Mittelpunkte sich auszeichnen, der Mund und das Auge. Der Mund hat die Bestimmung zur Befriedigung des Be­ dürfnißes zum Essen und Trinken; das Auge ist der theoretische Sinn, nicht prak­ tisch, ruhig; der Mund nicht. Das Verhältniß ist nun, daß der Spitze Winkel bei der Schnauze des Thieres sich zeigt; ist der Winkel recht, so tritt die sinnende Stirn hervor, und der Mund zurük als animalisches. Wesentlich sehen wir hier das Element des Schönen, in dem das Thierische nicht hervortritt, dagegen das theo­ retische Auge und die sinnende Stirn. Der Übergang von Stirn zu Nase ohne Ein­ 2 –3 Das Gesicht … regelmäßig] Li: wodurch das Oval unvollkommen wird­  ­4 des Munds] Li: der Lippen oder das Ende­  ­6 geöffnet] Li: geöffnet, die Ohren stehen hoch, enger.­  ­ 8–9 Däda­ lus löste … wollte] Li: Daedalus war der erste, der die Hände vom Leibe trennte

 4  Kampe lies Camper­  ­16 Linie] Licht­  ­29 der Mund] das Auge 35 1

95Hn

5/2Hn

121vLi vacat

1098

96Hn

nachschrift heimann · 1828/29

schnitt, bewirkt, daß die Stirne der Nase angehört, und die Nase nur als Erweit­ rung der Stirn erscheint, sonst ist, bei dem Einschnitt, die Nase zum Munde herabgezogen. In Ansehung des Munds ist zu bemerken, daß außer der Befriedi­ gung des Essens noch eine zweite Bestimmung da ist, nämlich die idealisch theo­ retische, bei dem Thiere zu Schreien, bei Menschen theoretisch sich zu produziren, lachen, seufzen, und aller Ausdruk des Innern. D. i. der Gegenstand einer höhern Physiologie, den Mund als das konkrete zu betrachten, und ihm zwei verschiede­ ne Funktionen zu geben, und die konkrete Bestimmung zu fassen. Die praktisch animalische und theoretisch idealische Bestimmung liegt im Munde. Die Nase hat die Funktion des Riechens, die mit dem Geschmack zusammenhängt, es ist der Be­ ginn der Funktion des Mundes; der Vorsatz des Essens und Anfang der Begierde, d. i. die animalische bestimmung. In Einheit mit der Stirne in gerader Linie er­ scheint sie in einer geistigen Bestimmung. | Das Riechen kann auch theoretisch sein; es ist ein feiner Ausdruck geistigen Urtheils, im Rümpfen, Hochtragen. So gering diese Bewegungen sind, so hän­ gen sie doch damit zusammen, sodaß sie ein geistiges Urtheil ausdrücken. Ihre Funktion theilt sich also wie die des Mundes. Äußerlich ist also nur dieses griechische Profil. Schön nennen wir es; die Chine­ sen und Neger nicht; aber aus der gegebenen Betrachtung erscheint diese Schönheit nicht als besondre, sondern sodaß es eine Form des Schönen ist, indem das Über­ gewicht des Geistigen sich darinn ausspricht. Dieser Winkel hat die Bestimmung, daß das Auge und Ohr in eine andre Rich­ tung zum Rükgrad und zum ganzen Körper gebracht ist. Der Mensch stellt sich aufrecht; er kann auch auf allen 4 kriechen; aber er steht, weil er es will. Durch jenen rechten Winkel entsteht nun ein neues Verhältniß. Es hängt damit die auf­ rechte Stellung zusammen. Beim Thiere ist Auge und Schnauze in einer Linie mit dem Rückgrade. Winkelmann giebt in Ansehung der Augen viele Bestimmungen an in Bezug auf Schönheit. Die Größe ist eine Hauptsache, die sich im Schnitte des Augenliedes zeigt. Der Augapfel ist im Profil gestellt, vortretend. Ein näherer Umstand ist, daß bei Idealen Köpfen die Augenknochen erhabener vortreten; das Auge tiefer liegt, indem der Blick des Auges im Skulpturbild erstorben ist; aber seine Wirk­ samkeit wird dadurch bewirkt, daß man es tiefer legt, ein Schatten entsteht da­ durch, und es entsteht das Gegentheil von dem ägyptischen Skulpturbild, indem sich das Auge nicht in das Äußerliche drängt und mehr das Zurükziehen nach Innen angedeutet wird. Das Sinnende erscheint auch in Rüksicht hierauf.

1 6  ausdrücken] usdrückt

5

10

15

20

25

30

35

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

15

20

25

30

1099

Der Mund ist nach dem Auge der schönste Theil des Gesichts, indem in ihm die Sprache liegt, das Abstrakte, die Explikation des Innern, das unendlich Be­ wegliche des Mundes im Sprechen, Lächeln, Schiefmachen u. s. w. Es ist das be­ weglichste Organ. In den griechischen Formen ist der Mund selbst schön; die Lip­ pen sind voll; Kargheit der Lippen drückt Kargheit des Empfindens aus; Ein Reich­­thum in den Lippen deutet auf die Empfindung hin. Er ist nicht geschlossen. Wenn die Thätigkeit beginnt, so schließt sich erst der Mund, das Sinnige tritt ein, und der Mund versenkt sich in Ruhe. Das Kinn hat rundliche Völligkeit, und ist groß. In der Venus von Medicis ist das Kinn flach, und deßhalb glaubt man, hier sei eine Restauration am Bilde. Das volle Kinn drükt Sattheit aus; das Kinn selbst ist nicht thätig oder doch wenig bei der Funktion des Essens, wie die Lippen, es zeigt Völligkeit in der animalischen Funktion. Vom Ohre sagt Winkelmann es sei stets mit Fleiß ausgearbeitet, und sei ein Zei­ chen von Ächtheit. Man findet aber auch plattere Ohren, und diese Köpfe gehö­ ren den Kämpfern an, weil beim Faustkampf die Ohren zusammengeschlagen werden. |

6/2Hn 

Ausdruck des idealischen Gesichtes.

97Hn

In der Gestaltung der griechischen Ideale ist kein System und Ganzes eines Krei­ ses, der den Begriff erfüllte, zu suchen. Vielfache Bestimmungen sind an den Indi­ viduen, die zur Zufälligkeit der Individuen gehören. Sie haben ihren Ursprung im Mythos, Tradition, und haben in ihrer Unterscheidung Eigenthümliches des Cha­ rakters, wovon Einiges sich sagen läßt. Jupiter ist Bild der höchsten Würde und Macht. Sein Kopf ist von andern unterschieden. Im Bilde des Phidias ist der Typus dieses Kopfes zu finden. Zeus hat Brüder, Neptun, Pluto, und zwischen diesen ist eine Familienähnlichkeit als Herrscher und Brüder. Aber der Ausdruck dieser Cha­ raktere ist ein andrer in ihnen. hoheit und Milde im Zeus, Hoheit und Wildheit im Neptun; Die Hoheit mit Düsternheit liegt im Pluto. Der heitere Blick des Zeus, die emporgestreiften Hauptloken sind bezeichnet. Juno ist die erhabenste Gebieterinn, βοωπις , und Herrscherinn ist wohl zu unterscheiden. Pallas, Ceres, Diana, Aphrodite. – Pallas die reifere, ernstsinnende Jungfrau, sodaß Zärtliches,

122rLi

2 1 die zur … gehören] Li: die keinen vollständigen Kreis haben­  ­23 Jupiter] Li: Dem vielen Idealen steht einer als der Herrscher vor. Jupiter­  ­25–26 und zwischen … Brüder] Li: die verschiedene Ca­ ractere haben und daher in Gleichheit des typus müssen sie verschiedenen Ausdruck haben­  ­28 Nep­ 35 tun] Li: Poseidon­   heitere Blick] Li: heiteren, majestetischen Blick­  ­29 Hauptloken sind bezeich­ net] Li: Locken. So sind auch die übrigen Götter von einander verschieden.­  ­30 βοωπις] Li: große Augen

1100

nachschrift heimann · 1828/29

Liebe von ihr entfernt gehalten ist. Jungfräulich ist auch Diana entfernt von Liebe, jedoch nicht sinnend, sondern lebendig in Thätigkeit, die hervorbringende zu Ephesus, wo die vielen Thiergestalten alle von ihr hervorgebracht sind. Venus ist die Schönheitsgöttinn, ist nicht majestätisch, sondern zierlich, wie eine Rose die mit dem Sonnenaufgang sich aufthut; in den Augenliedern ist das Fließende sichtbar. Indem das Ideale als ruhend vorgestellt wird ist in den bloßen Formen der Züge schwer Unterschied anzugeben. Man hält sich an Conventionelles, At­ tribute. Diese Formen laufen häufig in einander. Mars und Bacchus sind die Jünglinge und verschieden, fleischigt und geschmeidig ist Bacchus, an ihn gränzt Apoll, Merkur; Theseus und Perseus haben mit Mars und Apoll Ähnlichkeit. Äu­ ßere Bestimungen bezeichnen nun noch mehr die Unterschiede. Mars ist der Krie­ ger; Bachus soll aus Indien gekommen sein, er geht in das Weibliche hermaphro­ ditisch, über, wo die männliche und weibliche Form der Geschlechter sich auf heben. Herkules in seiner Jugend bei der Omphale ist auch in Weichlichkeit mädchenhaft wie Achill als Mädchen vertieft ist. die Formen laufen also in einander. In die Haare wird nun der Unterschied gelegt, die aufwärtsgehenden Haare bei Jupiter; Herkules mit kurzen Haaren, die emporstehen, kraus und rundlich, wo häufig von den Antiquaren ein Streit erregt wird bei solchen einsa­ men Figuren, die nicht vollständig bezeichnet sind, so daß man Herkules Kopf mit Apoll verwechselte, oder den Alexander mit Apoll. Aber auch das Portrait ist bei den Alten idealisch genommen, so daß man ein solches mit einem Kopfe von ei­ nem Gott verwechseln kann. Die liegende Kleopatra mit der Schlange um den Arm ist für Ariadne genommen, welche eine Schlange als Armband hätte. Die Wendung zeigt, daß die natürliche Schlange nicht eine solche Lage genommen habe, aber diese Äußerlichkeiten sind es, die die Person bestimmen. Die Göttinn Roma ist in der Stellung und Würde wie Juno und Pallas mit Helm aufgestellt, und nur die Attribute können entscheiden. Der Unterschied ist sehr fein. Minerva ist

122vLi

123rLi

5

10

15

20

25

  Rose] Li: jugendliche Rose­  ­ 5–6 in den … sichtbar] Li: Ihre Augen mehr geschlossen.­  ­6 In­ 4 dem das … wird] Li: |So hat jede Figur bestimmten Ausdruck. Es kommen dann wieder mannig­ faltige Gleichheiten. Das Ideale in seiner Ruhe­  ­9–10 fleischigt und … Merkur] Li: Mars ist der 30 kriegerische Jüngling, Bachus mehr das runde genußvolle Fleischliche, Mercur rüstiger schlanker, Apoll grenzt auch an diese.­  ­14 Herkules] Li: Hercules der Heroe­  ­15 Achill als … ist] Li: Achilles als Mädchen gekleidet, konnte von Mädchen nicht unterschieden werden­  ­15–16 die Formen … in einander.] Li: die Unterschiede werden also conventionell­  ­18 rundlich] Li: rund­ lich um die Stirne­  ­25–26 Die Göttinn … aufgestellt] Li: Roma wird wie Pallas, Cleopatra wie 35 Ariadne vorgestellt. Alexanderkopf mit dem des Apollo. Diana soll wenig gesenkten Kopf und Blick haben. Roma mehr stolzen festen sicheren aufgerichteten Blick | Venus ist mit Grazien sehr ähnlich. Venus Urania hat mit Minerva viel ähnliches. Der Unterschied ist nur im Schnitte der Augen. Die der Venus sind mehr geschlossen liebreizend. 9  Bacchus] Bachhus­  ­18 Antiquaren] Aquit­  ­21 ein solches] einsolches

40

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

1101

sehr sinnend mit gesenktem Kopfe und Blike; Roma stolz mit sicherem Blicke. | Ebenso ist die θεμις als liebliche Göttinn dargestellt, ist schwer von Venus zu schei­ den, und die Venus Urania ist schwer von der andern zu scheiden, man muß auf die Lage der Augen da jedoch sehen. An Hadrians Lieblingsknaben erkennt man die spätere Zeit der Arbeit; aber viele Collision entstand, ob man ihn nicht für einen Bachusknaben anstelle des Antinous zu nehmen habe. Man muß daher auch auf den anatomischen Bau, auf die Muskeln sehen, welche in den alten, ägypti­ schen Werken nicht bezeichnet sind, da der Ausdruck allgemein stehen blieb; man suchte nur Arm und Bein hier darzustellen, die Adern jedoch zeigen sich sogar auf trefflichen Kunstwerken.

98Hn

Bekleidung des Skulpturbildes

15

20

25

ist wohl zu beachten nach 2 Seiten hin. der Gegensatz des Nackten und der bekleideten Figur, und die Bekleidung selbst sind zu bemerken. Eine ziemlich allgemeine Meinung ist, daß das Hohe der Skulptur im Nakten dargestellt werden müsse, man rühmt daher den Muth der Griechen und ihre Vortrefflichkeit im Bil­ den nackter Körper; man beklagt die Neuern deßhalb, da sie die Außerlichkeit doch sehen müssen, welcher nicht die natürliche Schönheit nachkommt, und daß sie nicht Gelegenheit haben, die Schönheit des Leiblichen zu studiren, wie die Alten. Die organische Form ist die schönste, die Form der menschlichen Gliedmaaßen ist durch die Lebendigkeit mehr als durch die Bekleidung, die nur mechanisch ist, be­ stimmt. Die Haltung der Glieder und Natur der Stoffe wirkt dann aufs Organi­ sche ein. In Rücksicht dieser Schönheit ist die bloß sinnliche organische Schönheit von geistiger Schönheit zu trennen. Es ist bekannt, daß die Schaamhaftigkeit allge­ meines Gefühl ist, und daß sie dem Körper Kleidung gab, dh. die Theile zu verber­ gen, die animalisches Bedürfniß haben. Seine geistige Bestimmung ist verschieden von den Gliedmaaßen zum physischen Bedürfniß. dieses Bedürfniß und das Be­ wußtsein des Geistigen machen den Grund der Schamhaftigkeit aus. Der Mensch schämt sich auch vor einem Verbrechen u dgl, das ist auch ein Erröthen vor dem was man ist, und was man sein soll. Das Gefühl der Schaam zeigt sich bei allen

30 4 Lieblingsknaben] Li: Liebling des Hadrian, dem er sehr viele Statuen machen ließ in idealischer

Schönheit­  ­6–10 Man muß … Kunstwerken.] Li: Die Art der Arbeit entscheidet hier über das Al­ ter, ob das Technische mehr auf das Anmuthige geht. Am Bachus ist die Form der Muskeln sehr verschieden von den des Hercules, des Mars, wenig aber von denen des Theseus, Perseus. Später ist die Anatomie auch nicht so präzis geachtet worden.­   ­18 des Leiblichen] Li: des Nackten­  35 ­29–1102,4 Das Gefühl … Frau!)] Li: Diese Reflexion der geistigen und leiblichen Bestimmung ist 3  von] z­  ­18 zu studiren] zstud

9/2Hn

123vLi

1102

99Hn

124rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Völkern, und das erste Bewußtsein Adams und Evas war das der Schaam; eine Entzweiung des Leiblichen und Körperlichen entstand in ihnen und veranlaßte die Kleidung. Nach Herodot ist bei den Lydern eine Schande, den Menschen nackt zu sehen. (Kandaules Frau!) Die Griechen allein rechneten es sich hoch an, sich über dieses Gefühl erhoben zu haben. die Lakedämonier haben zuerst nackt gerungen. Bei den Athenern war dieses dann auch der Fall. die Liebe der Schönheit als solche ist bei den Griechen Hauptsache. Die Lakedämonier haben solche Gleich­ gültigkeit gegen das Geistige, die Athener Gleichgültigkeit gegen das Sinnliche ge­ habt, sodaß sie nackt rangen. Ehre war es, in körperlicher Geschiklichkeit den Sieg davon zu tragen. Die weiblichen Figuren, die meist bei den Griechen verkleidet wa­ ren, nur 1 gegen 10 unbekleidet sich fanden; die männlichen Figuren sind aller­ dings nicht bekleidet. Herkules ist unbekleidet und überhaupt die Gestalt wo die Ausarbeitung der Muskeln wesentliche Bestimmung ist. Ein hoher geistiger Sinn leitete die Griechen. Die Amorinnen, deren Nacktheit Unbefangenheit und geisti­ ge Reflexionslosigkeit ist, haben sie nackt wie die Helden gebildet, da ihre Tap­ ferkeit Inhalt ihres Charakters ist; Nicht Innerliches sondern Körperliches war ihr Bezeichnetes. Bachantinnen waren nackt; Jupiter und andre, Juno, Pallas, Parzen waren nicht nackt. | Im Gesichte liegt der Ausdruck, im Körper, Haltung der Glieder ist der Charakter und Situation bezeichnet in Bezug auf die innere Stim­ mung. Diese Stellung des Körpers aber kann in der Bekleidung gezeigt werden, so­ daß auf den Ausdruck gesehen, Nichts durch die Bekleidung verloren geht, wenn sie richtig markirt ist. die Kleidung bezeichnet die Stellung noch mehr. Für den eigentlichen Zweck, den Ausdruck des Geistes geht durch die Kleidung Nichts verloren. Vortheilhaft ist es sogar, nur soviel zu zeigen, als zur Beziehung auf die Handlung gehört. Die idealische Kleidung hat vor der modernen einen großen Vorzug. Wir se­ hen bei uns die Haltung der Glieder, aber auf müssige Weise. Eine Ungestaltheit erscheint bei uns; die Lebendigkeit wird überdekt; mechanisches Bedingtsein er­

5

10

15

20

25

die erste Reflexion, die schon bei Adam und Eva gerühmt wird. Herodot sagt, bei den asiatischen Barbaren ist große Schande für einen nackt zu sein, oder Candaules, der seine Frau nackt vorzeigte 30 (Gesch. d. G.) 9–10 Ehre war … tragen.] Li: Glänzend war es, die volle Geschicklichkeit des natürlichen Körpers zu zeigen.­  ­10 verkleidet] Li: bekleidet­  ­13 wesentliche Bestimmung ist] Li: wesentlich ist, zeigt sich die männliche Figur nackt. Kinder sind immer nackt, weil die Nacktheit da ganz unbe­ fangen reflexionslos ist, dann auch Jünglingsgötter im Heldenmuthe.­  ­17 Bachantinnen waren 35 nackt] Li: Bacchantinnen sind nackt blos in Raserei des Tanzes.­  Parzen] Li: die Musen, Vestalinnen­  ­18–24 Im Gesichte … verloren.] Li: Der geistige Ausdruck ist bei Sculptur der Grundbegriff. Dieser zeigt sich meist im Gesicht. Der übrige Körper thut nur durch Haltung dazu bei, und diese zeigt sich eben so in den Kleidern. Diese machen also von dem nichts verloren, was dargestellt werden soll.­  40

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

15

20

1103

scheint allenthalben und ein äußerliches Gemachtes. Einfache Ebene oben zusammen­ gehalten, sonst freifallend in Falten geworfen nach dem Gesetze der Schwere ist hier nicht. Die Kleidung ist Umgebung wie ein architektonisches Werk, ein Haus, worin wir wohnen, ein Umschließendes, nur daß dort das Tragende, hier das Fallende Prinzip ist. Die Freihheit des Fallens enthält das Kunstmäßige dieser Form. Ob Helden unserer Zeit in idealische Kleidung zu kleiden sind, darüber ist viel gestritten worden. Unangemessen scheint es uns eine solche Person ganz in der eigenthümlichen Tracht unserer Altäglichkeit vorgestellt zu sehen; freilich wür­ de es bei Privatpersonen in der Familie besser passen. Schuh und Stiefel würden wir an diesem Manne sehen, wogegen wir gleichgültig sind, so wie gegen den modenwechselnden Rock mit eigenem Schnitte; Nicht würdig genug erscheint es uns. In der Mode liegt das Zufällige, und sie übt ihre Gewalt an diesem Bilde aus; das Jetztgefallende ist Mode und später wenn die Gewohnheit wegfällt, er­ scheint das Lächerliche. deßhalb suchen unsere Künstler eine Vermittelung. Por­ traits von partikulären Individuen, von besonderm Kreise des Lebens und Staats werden vorgestellt. Ein General ist noch nicht Gesetzgeber und Dichter und Fürst, beschränkt in der Wirksamkeit, nicht diese Gestalt eines Gottes ziemt ihm. Alexander kann so mit idealischer Kleidung vorgestellt werden. Man sieht Napole­ on auf familiäre Weise mit Dreihut usw. vorgestellt, sehr gewöhnlich; aber als Sta­ tue muß ihm eine idealische Kleidung gegeben werden, so wie wir gerne Fried­ rich 2 mit idealischer Kleidung sehen würden als in seiner Modetracht, da er schon mehr in unserem Innern als im Körperlichen lebt; sonst als alten Fritzen kann man ihn immer mit Stock und Tabaksdose vorstellen.

Von den Attributen. 25

Es ist schon gesagt worden, daß um noch genauer die Idealische Person zu be­ zeichnen, man jedem ein Attribut gegeben hat. Jupiter erhielt einen Adler, etc; Theils ist hier das Thierische neben den menschen gestalteten Gott gestellt; dann giebt es das Attribut, das sich mehr auf Etwas Individuelles bezieht, aber auch ge­

1 –2  Einfache Ebene oben zusammengehalten] Li: Das griechische Gewand ist einfache Ebene­   30 ­2 –3 nach dem … nicht] Li: bestimmt durch die Hervorragungen der körperlichen Haltung­  ­6 Hel­ den unserer Zeit] Li: Statuen moderner Personen­  ­7–9 Unangemessen scheint … passen.] Li: Das erste fällt gleich auf als unangemessen bei öffentlichen Ausstellungen. In Familienzirkel in kleiner Form, sieht man die Büste gern in Kleidung der Alltäglichkeit.­  ­12 In der … Zufällige] Li: Die Mode ist noch das Vernünftigste in diesen Sachen­  ­12–13 ihre Gewalt … aus] Li: das Recht an 35 dem Zeitlichen aus, es immer zu verändern­  ­14 Vermittelung] Li: Vermittlung zu finden, was das geratenste ist­  ­15 von besonderm … Lebens] Li: Personen aus beschränkten Sphaeren. 3  ein] eine

124vLi

10/2Hn

1104

100Hn

nachschrift heimann · 1828/29

meinschaftlich ist, die Ähre findet sich nicht allein bei Ceres, wie die Ägis bei der Pallas, welche auch Apoll und Juno als schirmende Wesen erhalten. Jupiter hat den Blitz; aber auch Pallas besitzt ihn. Es liegt in dem Göttlichen der Individuen, daß solche Attribute mehreren zukommen können. Das Attribut drückt eine Be­ züglichkeit nach einer Seite, Handlung und Symbolischen Zusammenhang aus. | Das Heraustreten der Gestalt aus der Ruhe ist die Andeutung der Handlung; so die Stellung der Medicäischen Venus und des Apoll von Belvedere, in dem der Unmuth und die Siegeslust noch sich ausprägt. Diese beiden Gestalten sind sonst sehr berühmt gewesen und bewundert worden. Sie sind nicht mehr in der Ruhe, sondern es ist eine Andeutung der Bewegung. Jetzt ist der Werth nicht mehr so gepriesen wie bei Lessing und Winkelmann. Seitdem man Lebendigere Kunst­ werke der Griechen kennen gelernt erkannte man den spätern Styl in diesen Wer­ ken, das Gefallen, das Polirte zeigt sich schon als Zweck. Ein Engländer nennt den Apoll einen Stutzer und von der Venus sagt er, sie habe eine Sanftheit, Weich­ heit im Ausdruck, eine schüchterne Grazie ohne Fehler, jedoch nur negativ voll­ kommen; weder geistige Verfeinerung noch Wollust drückt sich in ihr aus. Venus soll der Liebe Göttinn sein; sie kann nicht in der Skulptur so dargestellt werden, wie wir uns das Innerliche der Empfindung der Liebe denken; es ist keine Emp­ findung in jenem Skulpturbild. – Die Kunst geht von diesen Anfängen nach Au­ ßen fort zu

5

10

15

20

Gruppen

125rLi

und Darstellung von Bewegung. So die beiden Jünglinge, welche die Pferde bändigen. Es sind nicht Kastor und Pollux, in kolossaler Gestalt, jedoch mit der höchsten Richtigkeit und Zierlichkeit. Einer wird dem Phidias zugeschrieben. Hier erscheint nur die Ruhe in beiden, wie überhaupt in den kolossalen Figuren der Alten die Zierlichkeit erscheint. Die Gruppe der Grazien, die dem Sokrates zugeschrieben sind, wurden öffentlich ausgestellt wie die des Laokoon, die lange Gegenstand von trockener Erörterung war. Sie trägt die Spur des spätern Styls an

25

 –8 in dem … ausprägt] Li: in Zorn und Ruhe zugleich den Python besiegt zu haben­  ­8 Gestal­ 7 ten] Li: Statuen­  ­9 worden] Li: worden (Rühmung Winckelmann)­  ­10–19 Jetzt ist … Skulptur­ 30 bild.] Li: Ein Engländer nennt den Apoll den theatralischen Stutzer, die Venus habe wohl sanften Ausdruck, schüchterne Gracie, es sei aber nur negative Vollkommenheit, es ist weder der Ausdruck der geistigen Verfeinerung, noch von Wollust, es ist ein Ausdruck des incipiden. Es ist da nicht innerlichkeit der Empfindung ausgedrückt.­  ­22–23 welche die Pferde bändigen] Li: wo jeder ein Pferd hält. Ein Abguß ist in München.­  ­24 Einer wird … zugeschrieben.] Li: Phidias wird als der 35 Meister angegeben.­  ­27–1105,2 des Laokoon, …Mundes usw.] Li: des Laokoon, die Gruppe der

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

15

1105

sich; aber die höchste Vollkommenheit erscheint in ihr. Man stritt über die Öffnung des Mundes usw. Im Gibelfelde der Tempel waren solche Gruppen angebracht, wo die Bezie­ hung der Skulpturwerke merklich zum Raume gemacht ist. die Anordnung der Gruppe muß sich nach dem dreiecke richten. Hieran schließt sich das Basrelief, Darstellungen auf Flächen zum Zeigen. Die Fläche ist die Bedingung, sodaß die Figuren nicht hintereinander sondern auf einem Plan, nebeneinander sich darstellen. Geräthschaften zu Opfer und Kampf, Drei­ fuß, Sessel, wurden zierlich dann dargestellt. Der Skulptur verwandte Künste zei­ gen sich in dem Material der Ausarbeitung. Die höchsten Gegenstände der Skulp­ tur waren die Göttergestalten; man ging zu andern Darstellungen der Phantasie und Wirklichkeit, zu den Heroen, Pfaunen, Satyren, Thieren über. Mehr dem animalischen Leben gehört an und entfernt von dem idealen sind die 3 letztern. Pferde unter den Thieren, da sie den Heroen angehören, wurden auf kunstreiche Weise dargestelt. Die Kuh von Miron, dessen Satyr mit der doppelflöte sind ausge­ zeichnet. die Kuh hat Göthe in Kunst und Alterthum selbst gut beschrieben, und über den eigenthümlichen Sinn der Griechen gesprochen. Der Kreis der Mutterliebe, der der romantischen Kunst angehört, ist ausgeschlos­ sen aus der Skulptur. Das Säugen hat sie nur als thierische Funktion dargestellt. |

Materien der Skulptur.

20

Jede Materie hat eine eigene Art der Behandlung. Das Material selbst hat Zu­ neigung zu einer gewissen Weise der Behandlung, und beide müssen überein­ stimmen. Das Holz ist eins der ältesten Stoffe, aus denen man Götterbilder schuf, Gracien am Eingang zur Burg Athens. Die Gruppe des Laokoon ist Gegenstand langer Erörterung 25 gewesen. Sie gehört schon einem späteren Stile an, allein vortrefflich. Laokoon hat den Mund of­ fen, als wenn er schreie. Diese Freiheit in Sculptur ist bestreitet worden.­ 3–4 angebracht, wo … gemacht] Li: in Handlung dargestellt in Beziehung auf den Tempel, wo sie angebracht waren­  ­5 richten] Li: richten, in der Mitte muß eine Hauptfigur sein. Die Sculptur geht da in Bewegung über­  ­6 Flächen] Li: Flächen, jene waren haut relief­  ­ 8–9 zu Opfer … 30 Sessel] Li: Pflanzen, Waffen cet.­  ­16–17 die Kuh … gesprochen] Li: berühmt ist auch die Kuh des Miron, der man das Lob der größten Phantasie und Natürlichkeit giebt­  ­18–19 Der Kreis … Skulptur.] Li: Den Griechen war es unmöglich, die Göttin säugend vorzustellen, obgleich Hercules die Juno säugte, allein ein Kind hat die Göttin nie bei sich. Die Nymphen haben das Geschäft der Ammen oder die Thiere. Dies macht den Gegensatz zur romantischen Kunst, wo Mutterliebe der 35 Hauptgegenstand ist.­  ­19 als thierische Funktion dargestellt] Li: als thierische Function, die Nai­ vitaet der Conception, nicht die Ausführung der Natürlichkeit hat das Alterthum entzückt­  ­ 21 Behandlung] Li: Behandlung mit sich, also einen Stil  ­23–1106,2 aus denen … Holzes] Li: 6  zum] v

125vLi

101Hn

1106

den 11/2Hn

nachschrift heimann · 1828/29

von denen Pausanias oft spricht. Auch später arbeiteten die Griechen darinn. Das Eigenthümliche des Holzes macht es nur für kleine tauglich, Fasern und Farbe bewirken starke Einschnitte und Ecken, und diese passen nur zu kleinen Figuren; weßhalb man den Gemälden ansieht, ob sie nach Holzbildern gemalt sind. Elfenbein war theils für sich, theils in Verbindung mit Gold das zweite Material, in welchem die Alten gern arbeiteten, wie Phidias seinen Jupiter in Olympia, Pal­ las auf der Akropolis von Athen in Elfenbein gebildet hat, wo noch nicht der in die Anmuth übergehende Stil, sondern der Große herrschte; die Pallas hielt auf ihrer Hand eine Viktoria, die über lebensgroß war. Das Gewand war von Gold. Diese Art zu arbeiten, mit verschiedenen Farben, die Gelblichkeit des Elfenbein stammte aus dem Alterthum her. Phidias hat andre Werke noch ausgearbeitet, so eine ko­ lossale Pallas in ihrem Tempel bei Platäa, wo Kopf, Hände und Füße aus Mar­ mor, das andere aus vergoldetem Holze bestand. Sehr reinliches, aber nicht kör­ nigtes so wie der Marmor, und theures Material ist Elfenbein gewesen. Ein Franzose hat ein ausgezeichnetes Werk hierüber geschrieben. Quatre mère de Quincy ist es, der auch das Technische nach allen Seiten untersucht hat, der die Platten erforschte, die aus einem Zahn zusammengesetzt worden sind. Aus histori­ schen Schriften lernte er den Jupiter kennen, die basreliefs des Stuhls, auf dem er saß, und man sieht, wie vollendet und reich an Kunst die sitzende Figur des Jupi­ ters ist. In neuern Zeiten hat man auch dieses Material gebraucht, im Mittelalter, von Benvenuto Cellini, u. a., und man hat sehr kunstreiche Werke daraus noch erhalten. Stein und Erz ist ein drittes Material, von denen das Erz das ältere ist als das reine Steinbild. Aus ungeheuren Granitfelsen haben die Ägypter ihre Werke ge­ bildet, und sie polirt; aber der Marmor ist das eigentliche Steinmaterial. Eine gan­ ze Statue aus Marmor zu bilden, fing man erst später an. Phidias hat zwar in Marmor gearbeitet, aber nicht ganz; Miron und Polyclets Zeiten haben meist Erzstatuen. Zur Zeit des schönen Stils, haben Praxiteles und Scopas die größten

5

10

15

20

25

Die Anfänge waren Posten. In neuen Zeiten gehören die Arbeiten Albrechts Dürer’s, aus Holz, sind vortrefflich, allein die Farbe des Holzes und die Fasern 30

126rLi

7–8  wo noch … herrschte] Li: Es ist noch nicht das äußerlich Schöne sondern das Lebendige.­  ­9 die über lebensgroß war] Li: in Lebensgröße­  ­13 aus vergoldetem Holze] Li: aus vergoldetem Holz, wo Kopf, Hände und Füße aus pentischischen (grobkörnigen) Marmor, wie die Minerva in kolos­ saler Größe im Tempel bei Plataea. Bei solchen Werken wollten die Griechen ihre ganze Größe und Reichthum zeigen.­  ­14 Elfenbein] Li: Die Natur des Elfenbeins hat nur Zoll von Durchmes­ 35 ser, also kann er nur Platten geben.­  ­15  ausgezeichnetes] Li: sehr instructives­   geschrieben] Li: die Toreitik wird bei alten gebraucht in | erhabener Arbeit im Metall­  ­24 Aus ungeheuren Gra­ nitfelsen] Li: aus Sienit und Granit­  ­25 eigentliche] Li: gebräuchlichste­  ­27–28 Miron und … Erzstatuen] Li: Zu Zeit des Phidias, Miron und Polyclet waren die Statuen in Erz gearbeitet 20  ist] enthielt­  ­28 Zur] Die­  33 pentischischen lies pentelischem

40

besondere gestaltungen · skulptur

5

10

15

20

25

1107

Meister neben erznen Bildern, ihre Hauptwerke in Marmor gebildet. Sie wollten die Farben nämlich ganz entfernen, welche man im Elfenbein, und im Golde zu­ sammen, noch hatte angewendet. Das reine Abstrakte der Skulptur brachten sie herbei. Das reine Schöne läßt sich auch in Erz darstellen; aber die Anmuth ist al­ lein im Marmor auszudrücken, so daß die Durchsichtigkeit der Nasen und Oh­ ren hervorstrahlt um die Weichheit der Umrisse empfindlich zu machen, das sanf­ te Zusammenstoßen der Linien zu zeigen. Wenn das Erz anfängt grünlich anzulaufen, so enthält der Glanz eine Blende. Glanzlichter entstehen oft, die störend für die Auffassung sind. | Des Erzes dunkele Farbe hat ein wärmendes Ansehen; in der Kunst des Gie­ ßens brachten es die Griechen weit, und ein Erzwerk ist wolfeiler als ein Mar­ morwerk gewesen. Der Guß war so rein, daß man nicht nachzuarbeiten brauchte, (ciseliren), um die Rauhheit wegzumeißeln. das Metall wird dadurch glänzend und giebt falsche Lichter, weßhalb man ihm jetzt einen falschen Überzug giebt. Die feinen Züge des Modells leiden dadurch. Die Chinesen besitzen noch diese Kunst, dem Guß eine solche Festigkeit zu geben, daß das Erz nicht blasen schlägt und deßhalb nicht so los ist. Dieses Technische ist nicht zu verachten, da der Künstler es mit einem materiellen Stoff zu thun hat, und von diesem muß er Mei­ ster werden. Das Genie ist Meister auch im Technischen. – Die meisten Kunst­ werke der Alten sind in Erz gearbeitet. Es setzt uns in das größte Erstaunen, diese Werke in Fülle und Masse existiren zu sehen. Das korinthische Erz ist eine eigene Mischung, die beim brand der Stadt Korinth entstand. Wir haben viele Kanonen in Preußen in Erz, aber wenige Statuen aus Erz, eine bronzne Thür ist an einer Kirche im Preußischen Staate. Sehen wir auf den Reichthum Griechenlands, so müssen wir erstaunen, und glauben, daß der Kunstsinn ein eigener Instinkt des Geists ist, der nur bei einem Volk und zu einer Zeit existiren kann. Der Marmor hat auch eine Gränze im Gebrauch; aber die Bildsamkeit des Erzes dehnt sich

5 –6  so daß … hervorstrahlt] Li: wegen seinem Durchscheinendem und beinahe Durchsichtigen wie bei Nase, Ohr passend­  ­8 so enthält … Blende] Li: entsteht dieselbe Mildigkeit­  ­ 8–9 Glanz­ 30 lichter entstehen … sind.] Li: Die Glanzlichter des Metalls bringen etwas Störendes in dem An­ blick hervor, daher unsere Statuen mit grünlicher Masse überzogen werden.­  ­10 ein wärmendes Ansehen] Li: etwas wärmeres als der Marmor. unter Erz versteht man die Mischung von Kupfer, Zinn cet.­  ­15 dadurch] Li schließt an: Bei der Statue Blüchers sind 125 Zentner Erz zer­schmolzen. ­15–17 Die Chinesen … ist.] Li: Die Chineser verstehen die Dünnheit auch, es ist aber ein Geheim­ 35 niß für uns.­  ­17 Dieses Technische … verachten] Li: Die Vollkommenheit im Technischen ist hier von allergrößter Wichtigkeit­  ­22 die beim … entstand] Li: bei Eroberung Corinths in so großer Menge zerschmolzen, das daraus gemacht worden­  ­22–24 Wir haben … Staate.] Li: In ganz Preussen ist in Gnesen eine einzige bronzene Thüre, Menge Kanonen, aber wenig öffentliche bronzene Statue.­   ­26–1108,1  Der Marmor … graviren.] Li: Alabaster läßt sich auch zu  0  ein wärmendes] eine wärmerndes­  ­24 im Preußischen] in Preußentlichen 40 1

102Hn

126vLi

1108

12/2Hn

nachschrift heimann · 1828/29

unendlich aus, gießen, schlagen, usw. kann man es, wie auch graviren. Man hat auch nur Modell und Guß zu machen. Aber nach dem Modell muß beim Marmor erst ausgearbeitet werden mit dem Meißel, daß eine doppelte Arbeit für dasselbe Werk erfordert wird. Oft haben die Alten ohne Modell in dem Block gearbeitet, denn man sieht an vielen selbst vollendeten Werken, Fehler, die der Künstler beim Modell nicht hätte machen können, so beim Apoll von Belvedere ist ein Bein länger als das andere.

5

Münzkunst.

103Hn

Wir haben in Gold, Silber herrliche Stüke aus dem Alterthum, ungeachtet die Habsucht sie zu vernichten gesucht. Man bemerkt auch hier Auf und Absteigen in der Kunst. In der Maschinerie sind die Griechen nicht so weit gekommen als wir. In neuern Zeiten haben die Künstler, die die Napoleonsmünzen schlugen sich ausgezeichnet. Edelsteine und Glas sind vielfach als Material gebraucht worden. Die Farben haben sie sehr kunstreich benutzt. Die Onixe, wo mehrere Lagen des Ge­ steins verschiedene Farben haben, sind so gegraben worden, daß man die Farben geistreich vertheilt erhielt. Aus Agatkugeln sind auch mehrere in Braunschweig zu finden, wo viel Kunst zu sehen. Man findet die Gegenstände der Mysterien auf ihnen. Aemilius Paullus hat Gefäße von solchem Gesteine nach Rom mitgebracht. Die Edelsteine sind klein; aber ganze Scenen sind auf ihnen vorgestellt. Im Schneiden der Steine hat man es zwar jetzt weit gebracht, aber diese Kunst des Fühlens ist im Alterthum einzig. der Künstler kann nicht sein Bild vor Augen se­ hen, sondern nur das Gefühl ist einzige Leiterinn bei der Arbeit gewesen. In die­ sen Gemmen ergeht sich die Skulptur in allen möglichen Darstelungen. Selten sind die Gegenstände hergenommen aus der Zeit nach dem trojanischen Kriege, der Zug des Herakles wird darinn gefunden. | Sieht man durch ein Vergrößerungs­ glas, erscheint das Kunstvolle des Organischen noch mehr. Alles scheint zu leben,

10

15

20

25

kleinen Ausarbeitungen gebrauchen, das Erz geht aber bis in die kleinsten Statuen von getriebener d. h. geschlagener Arbeit. Wie Apoll auf dem Schauspielhause, Victoria auf dem Brandenburger Thor.

127rLi

11 Kunst] Li: Die zu Alten Zeit sind in der größten Vollkommenheit, schlecht sind die aus der Kai­ 30 serzeit. Sie wurden nicht geprägt, sondern geschlagen aus Kügelchen Metall’s.­  ­19 Aemilius Paullus … vorgestellt.] Li: Paulus Aemilianus, der Synope eingenommen hat, hat Tausende von solchen Gefäßen nach Rom gebracht, ganze Scenen sind darauf vorgestellt. Die Technik ist dabei wunderbar.­  ­21 Fühlens] Li: Tastens­  ­22 sondern nur … gewesen] Li: die Direktion der Räd­ chen wird blos durch Gefühl gegeben­  ­24 nach dem trojanischen Kriege] Li: nach Trojas Zerstö­ 35 rung. Baron v. Stoss hat eine Sammlung alter Gemmen gehabt, die Friedrich II abgekauft. Er ließ Abgüsse in Schwefel | machen.­  ­25–26 Sieht man … mehr.] Li: Die ganz kleinen Figürchen zeigen sich eben so vollkommen durch die Lupen angesehen.

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

1109

und sieht man gegen das Licht, so glaubt man erhabene Arbeit anzuschauen. Soge­ nannte idealische Bilder, erdichtete Situation ist nicht zu finden, nur Götter und Heroengeschichten, Züge, Leichenbegängnisse, individualisirte, bekannte Gegen­ stände sind vorgestellt. Der Kunstsinn der Griechen erstreckte sich auf die kleinsten Hausbedürfnisse. Die kleinsten Geräthschaften waren mit einfacher Zwekmäßigkeit aber unendlicher Grazie und Anmuth von jedem Handwerker verfertigt; ächter Kunstsinn er­ schien allenthalben, und der Künstler erschien auch im Handwerker. Wir haben alles Historische der Skulptur von den Griechen hergenommen als Bei­ spiele, nicht aus der romantischen Zeit, wiewohl man auch im Romantischen Leben der Skulptur sich bedient hat, man findet Christus am Kreuz von Stein und Erz, die Apostel und andre große Skulpturwerke, die sich nach dem Portrait besonders hinrichteten, wie Michel Angolo, der die Maria anders als Raphael gefaßt, als Himmelsköniginn, nicht als liebende Mutter, dann das Grabmal des Grafen von Nassau in Alabaster, der Graf und seine Gattinn, wunderbar mit sinnigen Aus­ drüken gearbeitet. Aber die Richtung des romantischen Sinnes ist nicht auf die Idealität gerichtet, als auf die nächste Bestimmung der Skulptur.

Malerei.

20

In der Skulptur sind schon die Anfänge der Malerei enthalten; nicht in den Far­ ben der alten Bilder der Griechen, und in den Gemmen, sondern im ganzen Cha­ rakter der Darstellung schon. Abstrakt das Subjektive ausdrücken, das Mannigfal­ tige der Gegenstände in Situationen, Gruppen von vielen Individuen ist der Malerei Charakter. Der Gott ist der selbstständige in sich Ruhende; von ihm geht man über zur Gemeinde, der sich wissenden und fühlenden. Der Marmor hat das Bestehende

25 4 vorgestellt] Li schließt an: Die alten Künstler haben keine erdichtete Situation dargestellt, Mejer in

Geschichte der bildenden Künste bei Griechen hat es geographisch dargestellt die Menge der Kunst.­  ­8 der Künstler … Handwerker] Li: Der Sinn der Schönheit hat alles belebt.­  ­9–14 Wir haben … Mutter] Li: Der Sinn der Schönheit hat alles belebt. Die Sculptur der neuern Zeit ging theils auf religiöse Dinge, theils auf die gleichgültigsten Gegenstände, dann richtete sich die Sculp­ 30 tur mehr auf die Portraits, wie Michael Angelo Bild des todten Christus. Eine Maria in Marmor in Niederlande, nicht als liebende Mutter, sondern mehr als Himmelskönigin. Albrecht Dürer er­ wähnt derselben in seinem Reiseberichte.­  ­14–16 dann das … gearbeitet] Li: Seine Statue des Grafen v Nassau mit seiner Gemahlin in Alabaster liegend auf großer Platte von schwarzem Mar­ mor, 4 Fuss v. Breite, 5 Fuss Länge, mit wunderbarem Ausdruck auf den Ecken stehen 4 Figuren 35 von weichem Alabaster die eine Marmorplatte tragen 4 Fuss dick, wo die Waffenrüstung des Gra­ fen sind. Caesar, Hannibal, Regulus sind von Angelo gemacht. Die 4te Figur ist nicht von ihm, stellt einen Römer dar.­  ­16 des romantischen Sinnes] Li: des romantischen oder modernen Sinnes­  ­24 das Bestehende] Li: das Ruhende

1110 127vLi

104Hn

13/2Hn 128rLi

nachschrift heimann · 1828/29

in sich, einfach auf sich bezogen; wir fordern eine größere Entwikelung, die noch nicht im Ruhen enthalten ist. Die Skulpturwerke lassen uns deßhalb kalt; unser Verweilen ist mehr ein gelehrtes Studium der feinen Unterschiede. Der Charakter des Kunstwerks wird uns klar, aber wir wollen das Übergehen in Thätigkeit und Empfindung. Für uns gehört Übung dazu, um uns von dem Skulpturwerk anzie­ hen zu lassen; wir müssen erst nach vielen Gesichtspunkten hin uns ausdehnen, nachdenken, beobachten, und dann genießen. Aber einen solchen Genuß ver­ langt nicht die Kunst. Deßhalb sind wir einheimischer bei der Malerei. Das Inner­ liche des Subjekts, das Dasein und Empfindung ist verbunden mit dem Bestimmen der Formen des Äußerlichen. Zurükziehen in sich und das Gegentheil, das Aus­ einandergehen in die Form sind zwei verschiedene Dinge hier. Die einfache Ruhe des Skulpturwerks beruht auf sich; die Malerei entwickelt sich zur Thätigkeit. Die abstrakte bestimmung des Äußerlichen, des Raumes, hat die Skulptur in den 3 di­ mensionen; die Malerei zieht die 3 in 2 zusammen und hält sich in Ebenen; dieses liegt im Beschränktsein des Außen durch das Innerliche, sodaß 2 Dimensionen nur bleiben. Eine Dimension, die Linie, ist noch zurükziehender und unruhig. | Die Malerei kann scheinen einen Mangel zu haben durch die 2 Dimensionen; aber es liegt in dem Gesagten, daß es nicht so ist. Die Besondernheit tritt in die Malerei, und diese im Verhältniß zum Raume muß gefaßt werden, daß die physische Be­ stimmung in das Prinzip des Raumes geführt, da es die Skulptur mit Raumbestim­ mungen zu thun hat. Die Malerei tritt in die physische Bestimmung, und um dieses herauszuheben, muß ihm Abbruch gethan werden. Die Skulptur beruht auf sich, unbekümmert um den Zuschauer, nicht so bei der Malerei, es haben die Verhältnis­ se zu erscheinen, und für die Erscheinung ist nur die Ebene vorhanden, als ein fe­ ster Punkt des Erscheinens. Es leidet also die Selbstständigkeit im Gemälde; es ist nur die Beziehung auf den Menschen dargestellt. Zum Erscheinen ist die Ebene hinreichend, und die Natur vermag diese nicht darzustellen. Alles ist auf die Bedürftigkeit des materiellen Zu­ sammenhangs zurückgeführt. Die Malerei erhält dadurch eine entferntere bezie­ hung auf die Architektur. Sie zieht sich auf das Zimmer, an die Wand, zurück; das Skulpturwerk wird für sich aufgestellt; eine Basis ist deßhalb nöthig, man kann sie hinauf, auf die Treppen, Gärten stellen. Ein Gemälde gehört dazu, die leeren

5

10

15

20

25

30

5 –6 um uns … lassen] Li: ein solches Werk zu schätzen­  ­ 8–9 Das Innerliche … Dasein] Li: Die Subjectivirung des Insichgehen, Wärme des Daseins­  ­10–12 Zurükziehen in … Thätigkeit.] Li: Das Ideale ergänzt sich durch die Bewegung des Insichreflectirens, was die Entwicklung 35 ist.­  ­16 Eine Dimension, … unruhig.] Li: Das Innerlichwerden ist ein Beschränken der Aeußer­ lichkeit. Die weitere Beschränkung ist zu einer Dimension der Linie, eine Punctualitaet, die unru­ hig in sich ist.­  ­21–22 Die Malerei … werden.] Li: Die Malerei hebt das physikalisch Bestimmte heraus, thut also dem Raume Abbruch.­  ­30 Sie zieht … zurück] Li: Fresco Gemälde an der Wand, sind nur da attaschirt. 40

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

25

1111

Wände auszufüllen. Die gothische Baukunst füllt die Flächen des Gibels auch aus, und diese Flächen sind bei weitem größer; es sind lange Kasten, welche große, leere Ebenen bilden, deren Größe und Leere aber bald verschwindet, wenn man näher tritt, und genauer sieht. Physikalisches tritt in das Besondere der Erscheinung herein. Die aufgeschlossene Schwere, das Licht, aber nicht die abstrakte Sichtbarkeit, sondern auch das Dunkel, also Hell und Dunkel tritt auf. Der Umriß ist das Dunkele, und beide sind durch die Farben zu verbinden. Die Farbe ist eine Einheit von Licht und Dunkel; die Trübung des Lichtes, das an sich farbenleer, giebt eine Veränderung, das Dunkle. Nun ist nicht möglich, daß das Licht aus 7 dunkeln Farben entstehen soll. Die Ma­ ler halten sich an das Erscheinen und dessen Sinne, gelb und blau beiden sind entgegengesetzt roth und grün. Diese Farben, gelb, blau und roth sind einfach, hell, aber in ihnen ist auch dunkel und das ist die Trübung. Helles und dunkeles lassen alle Raumverhältnisse der dritten Dimension hervor und zurüktreten. Alle Unterschiede werden reducirt auf den Unterschied von Hell und dunkel. Zwei Menschen sind von einander unterschieden; jeder ist für sich, selbstständig durch seine Persönlichkeit gegen den andern Menschen; Organisation und Bewußtsein sind eigen; beide unterscheiden sich durch hell und dunkel; hier hört die Farbung auf, dort fängt sie an. Schwer ist es diese Raumunterschiede hervorzubringen. Sie durch Farben zu marquiren, scheint mangelhaft zu sein; aber es ist die Bestimmung der Malerei, die sinnliche Manifestation zu fassen, die dritte dimension zu verwer­ fen, wie schon gesagt ist. Eine vierte bestimmung der Malerei ist diese, daß das Objekt bezüglich durch seine Persönlichkeit auf den Menschen vorgestellt werden soll. Ein weitläufiger Zusammenhang mit andern Objekten beschränkt sich auf die Ebene; mit dem Ge­ genstand tritt sogleich der Hintergrund herein und die Beziehung zur Umge­ bung, eine Beziehung, die abgetrennt sein muß, sodaß das Gemälde ein Ganzes,

1–4 Die gothische … sieht.] Li: In der Gothischen Baukunst die mit großen Flächen zu thun hat, welche das Verschließen veranlaßt, diese Flächen wollen gefüllt sein. Die Großheit der Wände 30 wird erst durch die Füllung merklich. Man füllt die Flächen auch aus durch Zerbrochenheit der Flächen, wie im Strasburger Münster.­  ­ 6–9 das Licht, … Dunkle.] Li: nicht das Licht selbst, aber auch das Andere des Lichtes. Helles und Dunkles, die Verbindung der beiden Principien ist die Farbe. Das Licht ist rein, farblos, Farbe ist getrübtes verdunkeltes Licht.­  ­11–12 gelb und … grün] Li: gelb, blau sind die Gegensätze, die Reduction dieser Gegensätze ist das 35 Grün­  ­12–13 Diese Farben, … Trübung.] Li: Roth erscheint einfach und ist Mitte der Helligkeit von gelb und blau, orange, violet, sind keine einfachen Farben.­  ­14 Dimension] Li: Dimensio­ nen, Erhebungen, Rundungen, Raumverhältnisse­  ­18 beide unterscheiden … dunkel] Li: hier reducirt sich diese Selbstständigkeit nur auf den Unterschied von hell und dunkel­  ­27 abgetrennt] Li: getrennt, abgeschnitten 40 1  auszufüllen] auszuleeren

128vLi

1112

105Hn

129rLi

nachschrift heimann · 1828/29

in dem das beziehende marquirt sein soll. Nicht zufällig soll das Gemälde ausse­ hen, sondern begränzt durch den Rahmen. | Das Statuarische fällt nun weg. Einzelne Bildnisse werden nicht dargestellt mit einem Hintergrund von Architektur, wie in altdeutschen Bildern zu sehen ist, wo der statuarische Typus erscheint. Dieses bild hat keine Lebendigkeit, das Marmorne ist noch an ihm. Auf Flügelthüren sehen wir Apostel, aber nur dann ist das so möglich als einzelne Figur der Religion, als Individuum für sich, selbst­ ständig wie die Portraits, zu gelten. Ist diese bestimmung nicht vorhanden, so hat die Vereinzelung keinen Platz. Man wird also nicht wie es geschehen, das Brust­ bild vom verlornen Sohn malen, da die Situation von ihm nur durch den Zusam­ menhang mit Anderem zu ersehen; wohl aber kann man einen Christus im Brust­ bilde malen. Ein Schweinchen als Symbol im Hintergrunde des verlornen Sohnes zu malen ist ein kleinlicher Nothbehelf. Näher bringt sich das Einzelne nicht dem Geiste; und in der That sind die einzelnen Verehrungsbilder häßlich, sie haben einen gewissen Typus des Stumpfen. Freihheit in der Kunst und des Geists hat sich aus dem Stumpfen herausgerissen und das geistig Belebte, dem Geiste des Menschen Verwandteres, gebildet. Diese Isolirung von Personen hat nur Interes­ se beim Portrait. Als 5tes ist zu bemerken, daß sich der Gegenstand der Malerei durch den Hinter­ grund ins Unendliche sich erweiterte; das Unorganische, Sonne, Mond, Felsen, Thiere, Landschaftliches überhaupt mit den einzelnen Parthien, wo jedes für sich genommen wird, die Menschen mit ihrer Kleidung, Wohnung, in Zuständen von Empfindung und Handlung und Situation tritt in der höchsten Ausdehnung ein, und der Gegenstand der Malerei wird gränzenlos. Keine Schranke ist diesem Gränzenlosen gesetzt. Der höchste Inhalt soll erscheinen auf der Fläche, und im Erscheinen soll der innerste Ernst bis auf das abstracteste Äußre sich kund thun und auf die Effekte des Erscheinens sehen. Die lebendige Wirklichkeit scheint nun durch die Besonderheit mehr vom Idealischen sich zu entfernen. Die abstrakt allge­ meine Befriedigung ist, daß der Mensch als erscheinend sich vorstellig mache.

5

10

15

20

25

  in dem … soll] Li: das Herausschneiden aus dem Zusammenhang muß marquirt sein (Rahmen)­  ­ 30 1 5–6  das Marmorne] Li: das Starre des Marmors­  ­6 Flügelthüren] Li: Flügelthüren am Altar­  ­ 6–8 nur dann … gelten] Li: Es giebt dann einzelne Bilder der Verehrung, die da gelten als selbst­ ständige Figuren, auch Portraits, z. B. Maria, Christus.­  ­9 die Vereinzelung keinen Platz] Li: die­ se Vereinzelung, das Unbezügliche keinen Sinn, z. B. auf einem Bilde Johannes der Täufer und der verlorene Sohn, | obgleich die Situation nach innen gekehrt, die Vollerscheinung wohl die Beson­ 35 derung in sich schließt­  ­13–15 Näher bringt … Stumpfen.] Li: Die wunderthaetigen Bilder sind wesentlich statarisch, sie sind, und immer auf dieselbe Weise. Der Mensch hat stumpfes Verhältniß dazu, die Beschaffenheit des Bildes ist gleichgültig, die Bilder sind da auch die häßlichsten.­  ­16 aus dem Stumpfen] Li: von dieser Stumpf heit gegen das Statarische­  ­20 erweiterte] Li schließt an: Die ganze empirische Umgebung tritt da ein.­  ­21 den einzelnen Parthien] Li: allen Particulariteten­   40 ­29 Befriedigung] Li: Befriedigung der Kunst

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

25

1113

Dieses Erscheinen aber selbst erfordert die große Kunst, die unendliche Bestim­ mung und Genauigkeit. Jede Einzelnheit erscheint hier als vollendet, und die Aus­ arbeitung wird hier noch mehr flüßig gemacht als in der Skulptur. Etwas Nationales, Individuelles liegt in dem Geben der Farben, sodaß man die bestimmten Bilder der Italiener, Deutschen, gleich unterscheiden kann. Jeder Maler hat auch noch seine Manier; deßhalb entstanden die Malerschulen. Der partikulä­ re Geist, die Völker, Zeiten, Individuen malten sich im Gemälde ab; das Techni­ sche ist auf vielfache Weise berücksichtigt. Hieran knüpft sich das, daß die Malerei in der romantischen Kunst ihre höchste Blüthe erlangt hat; denn die romantische Kunst ist die des geistigen Sich in sich reflektirens, und in das Bestimmte übergehens, wodurch Mannigfaltigkeit der Zu­ stände, Handlungen, Äußern entsteht. Die alten können auch vortreffliche Malerei gehabt haben. Wir haben wenig von dem Alterthum erhalten; jedoch in dem Auf­ gefundenen zeigt sich nicht die Vortrefflichkeit der alten Zeit, sodaß sie auch da­ mals nicht zu den trefflichen werden gezählt sein. | Ternite hat geistreich die Herkulaneischen Gemälde kolorirt dargestellt. Besonders in Bezug auf die Architektur sind sie merkwürdig. Wir sehen die Richtigkeit und Schönheit der Form, das Passende der Gegenstände, den Ort des Auf hängens, das Treffliche des Kolorits, das sich solang erhalten hat. Viele dieser Gemälde fielen bei der sphärischen Luft zusammen. Deutlichkeit der Gruppirung, Leichtigkeit in der Ausführung, alles findet sich dort, obwohl sie doch nicht zu den namhaft erwähnten Gemälden gehören. Wir müssen aber doch behaupten, daß bei der Romantischen Kunst der Vorzug der Malerei gewesen sei. Nicht auf der Kunstfertigkeit beruht der Vorzug, sondern auf dem Inhalt, auf dem höhern Ge­ genstand, wo die Innigkeit der Empfindung erscheint mit geistvoller Seeligkeit. Im Ausdruck ist deßhalb eine höhere Vollkommenheit. Vom Ausdruck läßt sich der

1 –2 die unendliche … Genauigkeit] Li: die höchste Wirkung des Erscheinens, bringt die unendli­ che Genauigkeit hervor, wie in Sculptur | das Hohe erreicht wird, wenn jede der kleinsten Partien für sich vollkommen ist.­  ­2–3 die Ausarbeitung … Skulptur] Li: In der Malerei wird das noch 30 mehr erfordert, der Fleiß der Ausarbeitung nur ein geistreicher Fleiß. Die Gegenstände dehnen sich aus in diese unendliche Mannigfaltigkeit.­  ­16 Ternite hat … dargestellt.] Li: Ternit hat große Sammlung der alten Gemälde gegeben in Copien. Zahn macht eine Ausgabe, von solchen Zim­ mern, Mahlereien. Bei dem hohen Grad der Sculptur hat bei Alten auch die Malerei den hohen Grad erreicht, in den herculanischen Gemälden sieht man die Genauigkeit, Vortrefflichkeit des 35 Colorits. Das Passende der Stellung. Ungeachtet die Unterlage und Farbe die Einflüsse der Zerstö­ rung erhalten haben, so daß sie zusammengefallen sind der Luft ausgesetzt, so sind sie doch von der größten Geschicklichkeit.­  ­17–22 Besonders in … gehören.] Li: |Die Malerei der neuen Zeiten ist höher.   ­ ­ 23–1114,2 Nicht auf … emporgehoben.] Li: Das beruht nicht an den Vortrefflichkei­ ten, die am Gemälde sind, sondern auf dem höheren geistigen Inhalt. Die Tiefe der Beseelung, 40 Innigkeit der Empfindung hat das geistvolle Seelenvolle, die höhere Vollkommenheit. Das Interes­ se der modernen Kunst ist durch höheres Princip durchdrungen, und die Malerei hat sich auch zu dieser Höhe erhoben.

16/2Hn

106Hn

129vLi

119rLi Fehlpaginierung

1114

119vLi Fehlpaginie­ rung

nachschrift heimann · 1828/29

Inhalt nicht abscheiden. Der Ausdruck ist der Ausdruk des innern Gehaltes. Da­ durch hat sich die Malerei zu der großen Höhe emporgehoben. Es giebt von einem französischen Kritiker eine Vergleichung zwischen ägyptischen und christlichen glei­ chen Gruppen. Die ägyptische Isis wird oft mit dem Sohne Horus auf den Knien vorgestellt, ein ähnliches Sujet ist die Mutter mit dem Christus. Die Isis kommt oft in Basreliefs vor, aber das macht keinen wesentlichen Unterschied von der Art der Behandlung. Beide betrachtet unterscheiden sich sehr; das ägyptische Werk ist sy­ metrisch, die Formen gradlinigt, unbeweglich, keine Spur von Neigung, Zärtlich­ keit, und innrer Bewegung, keine Mutter und kein Kind, weder göttlich noch Götter; es ist die wahre Vorstellung einer natürlichen Handlung nicht. Im ältesten Byzantinischen Gemälde bis Raphael, welche Beweglichkeit, Unendlichkeit der Reinheit der Jungfrau, menschlicher Affektion, göttlicher Tugend, physischer Schönheit geistiger Größe; nicht Formen, sondern Gefühle will die Kunst jetzt darstellen. Das Sinnlichschöne soll in unserem Innern das Geistigschöne erwec­ ken, ohne welches keine Kunst ist. Sehr wahr ist diese Darstellung und Entge­ gensetzung. Die griechische Kunst ist unendlich mehr als die ägyptische fortgeschrit­ ten in Bewegung auf Lebendigkeit und Innigkeit. Ein faun hält mit der größten Lieblichkeit den Bacchusknaben im Arme. Schöne Nymphen die den Bachuskna­ ben pflegen sind sehr empfindungsreich. Aber diese Empfindung der Liebe zum Kinde, ohne Begierde und Sehnsucht hat nicht die Tiefe der kristlichen Liebe. Der Ausdruck in der Malerei hat durch den höhern Inhalt deßhalb einen höhern Aus­ druck gewonnen. Stellt die Malerei die Besondernheit dar, so haben wir noch Einiges hierüber zu bemerken. Die Malerei wird historienmalerei durch diese Bestimmung.

5

10

15

20

2 –4  Es giebt … Gruppen.] Li: Rosché im Cursus der Archeologie in Paris hat Vergleichung ge­ 25 macht zwischen einer aegyptischen und einer christlichen Gruppe, wo der Inhalt dem Wesen nach derselbe ist.­  ­8–10 unbeweglich, keine … Götter] Li: unbeweglich, streng, nicht der mindeste Zug von Zärtlichkeit, keine Empfindung ruhig, unrührbar, unerschüttert, es ist nicht Mutter, Sohn, sondern sinnliches Zeichen eines Gedankens­  ­10 einer natürlichen Handlung] Li: des na­ türlichen Gefühls­  ­10–15 Im ältesten … ist.] Li: In der christlichen Gruppe Mannigfaltigkeit der 30 Züge und Caractere, Gracie des Affects, physische Vollkommenheit, himmlische geistige Schön­ heit, reine Jungfräulichkeit, um das Bild des geistig Schönen in unsrer Seele zu erwecken.­  ­ 16–20 Die griechische … Liebe.] Li: Viel lieblicher als die aegyptische Gruppe ist die Gruppe von Nymphen, die den kleinen Bachus pflegen, des Faunus, der das Kind lieblich auf seinem Arme anschaut, allein es ist sehnsuchtslose Liebe ohne alle Tiefe. 35

besondere gestaltungen · malerei

1115

Historienmalerei.

5

10

15

20

Die Malerei kann einerseits einen Moment ohne Sukzession darstellen, und steht dann dem Dichter nach, der eine Handlung in fortgehender Entwicklung darstelen kann; jedoch kann die Malerei vor der Dichtkunst die einzelne Präcision vor die Seele stellen. Der Dichter wird trocken, wenn er malt; er entbehrt der Bestimmtheit der Einzelnheit des sinnlichen Anblicks. Die Vorstellung ist abstrakt, allgemein und nicht bestimmt. Lessings Bestimmungen sind zu abstrakt.| Die Malerei muß nur das Momentane darstellen; aber der Rest des Anfanges und der Vollendung muß sich auch zeigen als Folge. Im Moment des Sieges er­ scheint der Kampf und das Neigen zum Sieg. Die büßende Magdalena ist bald sehr einfach, bald mannigfaltig und ausführlich gemalt worden. Franziskuni hat sie mit allem äußern Schmuck angethan, und sie so dargestellt, daß sie alles fortwirft und die Geißel ergreift. Die Malerei ist dramatisch. Wir haben schon gesprochen von den ruhenden Bildern, die aus der Skulptur noch entstanden; aber besondere Le­ bendigkeit soll im Gemälde erscheinen. Die Innerlichkeit soll mit ihrer Tiefe her­ austreten; sie steht so der dichtkunst nach, daß auch das Innerliche konkret, be­ stimmt, in sich bewegt, nur von der Dichtkunst explicirt werden kann, als Fortgang zu Vorstellungen. Dieses Lyrische der Empfindung kann nur vom Dichter vorge­ stellt werden. Läßt sich die Malerei auf das Lyrische ein, so kennt sie ihre Mittel nicht; sie muß die Äußerlichkeit und Abstrakten Ausdruck darstellen. In neuern Zeiten sah man das Treiben der Malerei nach poetischer Seite, was nur ein Miß­ griff sein kann. Eine darstellung der inneren Empfindung ist die Poesie und so unterscheidet sie sich von der Malerei. Die Malerei malt Inneres als äußerlich sich darstellend; die

107Hn

17/2Hn

25 4 –7  jedoch kann … abstrakt.] Li: hat aber den Vorzug, daß sie alles mit der größten Praecision

vorstellt und mit einem Schlage, was der Dichter gar nicht, und auch den Theil darin nur durch ermüdende Beschreibung erlangt. Cf. Lessing in Laokoon, wo er Unterschied der Malerei Dich­ tung und Sentenz darstellt, wobei Stellen der Alten erläutert sind.­  ­13 dramatisch] Li: dramma­ tisch. Die Portraits ausgenommen.­  ­14–15 besondere Lebendigkeit … erscheinen] Li: Besondere 30 Situation wird durch Thätigkeit der Figuren angezeigt. Die Empfindung ist wesentlicher Gegen­ stand der Malerei.­  ­15–18 Die Innerlichkeit … Vorstellungen.] Li: In Ansehung der Innerlichkeit steht die Malerei auch der Dichtkunst nach. Das Innere als sich in sich bewegend kann nur die Dichtkunst expliciren.­  ­20–22 In neuern … kann.] Li: Man spricht viel von Poesie der Malerei aber diese ist nur mangelhaft und Mißgriff­  ­23–1116,12 Eine darstellung … genommen] Li: | Die 35 Poesie malt, aber faßt das Aeußerliche als das Innerliche. In Malerei wird die Aeußerung als solche ausgedrückt, das ist dann etwas Thatsächliches, Folge von etwas, Innerem. die Malerei, indem sie was Historisches vorstellt, hat sie dabei den Ausdruck des Gesichts. Die Ausführung geht weiter, sie geht in eine That über, das Subject benimmt sich äußerlich. Die Explication der Empfindung muß so wesentlich drammatisch werden. Dabei zieht sich die Malerei in Abstraction zurück. 40 11  Franziskuni lies Franceschini

130rLi

1116

108Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Poesie faßt das Äußere nur als Inneres der Empfindung auf. Die Kunst für die sinnliche Anschauung des Äußerlichen und die Äußerung des Innern, als That­ sächliches, Folge von Innerm, das sich in der äußern Existenz darstellt, ist die Malerei. In dem Ausdruck des Gesichts und Stellung zeigt sich die Äußrung des Innern, aber auch die Handlung an einem Dritten. Dramatisch ist also die Male­ rei. Setzt man das Poetische der Malerei darin, daß sie ihre Innerlichkeit unmittel­ bar ausdrüken soll, ohne Handlung und Motive, so zieht sie sich in Abstraktion zurük, bemächtigt sich der Eigenthümlichkeit der Poesie, wird fade und trocken, weil sie in ihren Mitteln diese Kraft nicht hat. So sahen wir in der letzten Kunst­ ausstellung große technische Fertigkeit in der Kunst der neuern Schule; aber der Geist der Darstellung war in der Liebe; aus der Dichtung war der Gegenstand genommen; so die Nymphe mit dem (Schiffer) Fischer, dessen Sehnsucht nach der Reinheit des Wassers strebt; wir sahen Mignon; Rinaldo und Armide, die sich recht verliebt ansehen und weiter Nichts thun; der ganze Ausdruck konzen­ trirt sich im Auge und Munde; die Stellung ist übrig; das lange Bein des Rinaldo ist in Verlegenheit, wohin er sich legen soll; die Gesichter der Männer sind trivi­ al, prosaisch. der Fischer ist ein Baurengesicht. Das große Moment des Ausdrucks hat die Malerei; im Auge liegt dieses Moment; aber man muß nicht alles dahin übertragen. Ohne Fantasie ist die Poesie hier; die Liebe erscheint im Auge, sonst nirgends. Abstrakt, verständig ohne Phantasie ist daher diese Poesie. Es soll sich aber das Innere durch Handlung äußern; die ältern Maler haben auch Scenen vor­ gestellt, denen die Liebe zu Grunde lag, aber mit Fantasie, theils allegorisch, wie Amor und Psyche, oder in der Mitte mit Nymphen, in der größten Mannigfaltig­ keit, wodurch die Macht der Liebe angezeigt wird. der Raub der Sabinerinnen, der hat auch seinen Grund in der Liebe, die auch eine Handlung hervorbrachte. Herkules und Omphale ist ebenso allegorisch dargestellt. | Das Bild von Jakob und Rahel ist deßhalb so schön, wie er ankommt, sie beim Brunnen antrifft, umarmt und von einer Menge von Knechten umgeben ist. Al­ lenthalben ist Handlung. Ebenso Paris mit den 3 Göttinnen. In unsern Bildern

5

10

15

20

25

 2–13  dessen Sehnsucht … strebt] Li: die innerliche Sehnsucht: oder das liebende Paar­  ­30 1 13–20  Rinaldo und … Poesie.] Li: Rinaldi und seine Geliebte ist das Ganze in den liebenden Blick der Augen. Die Sculptur entschlägt sich des Auges. Der Inhalt ist die einfache, abstracte Empfindung, phantasielos.­  ­26 Omphale ist … dargestellt] Li: Omphale, die seine Löwenhaut um sich geworfen hat und er spinnt­  ­28 umarmt und … ist] Li: von Circeone in ganzer großen handelnden Umgebung; Jacob und Rebecca die den Knechten zu trinken giebt, und Jacob erkennt 35 sie daran. Bachus der die Ariadne liebt­  ­29 Paris] Li: Paris und Helena­   Göttinnen] Li: Göttin­ nen umher. Das ist das Objective, die Schönheit, das macht das verständlich in der Handlung.­   ­29–1117,2  In unsern … tragend.] Li: Die Figuren selbst sind nicht schöne Formen, es ist mehr sehnsüchtige Schmächtigkeit als gesunde Schönheit. 25  die] und

40

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

25

1117

ist das Weib krank, schmächtig, in Sehnsucht verzehrend, und nur das Schöne der Formen an sich tragend. Mignon gehört hieher, dieser rein poetische Charakter, der vor uns in der Fantasie recht lebhaft lebt; aber im Bilde ist es prosaisch; ohne Entschluß, Zweck, ohne Richtung zur Handlung, gebrochen, unzusammenhan­ gend, nicht wissend sich zu helfen, erscheint sie uns auf dem Bilde. Die Poesie kann die Leidenschaft zum Gegenstand machen, indem sie diese auf innerliche Weise explicirt, aber fantasievoll; ist die Poesie auf innerliche Weise poetisch, so ist dieses nur durch Fantasie möglich. Die Malerei kann sie nur im Reichthum von Motiven, Handlungen, drammatisch darstellen. Die Kunst besteht darin, daß die Empfindung zur Vorstellung durch die Fantasie verklärt wird. Der Inhalt des Kunstwerks muß diese Fantasie auch ausdrücken. Die Kunst der Malerei hat eine unendliche Mannigfaltigkeit, weßhalb man die Gemälde selbst betrachten muß, um ihre Besondernheiten vor sich zu haben. Der Beschreibungen wird man bald müde. Sie lassen die Vorstelung unbestimmt. Die geschichtliche Behandlung ist deßhalb das beste für die Zeit, der sie angehört. Die Aufstellung einer geschichtlichen Sammlung wird unschätzbar sein; dann wird man der Malerei nachgehen können, wie die Malerei mit dem Steifen, Kunstlosen angefangen; wie die Charakteristik des Individuums, das Schöne dargestellt zu werden später erfolgte.

Von dem Idealischen in der Malerei. Die Auffassung der religiösen Gegenstände wird auf den Unterschied von Schulen führen. Von diesen Gegenständen in der höchsten Idealität ging die Malerei zur Weltlichkeit der Gegenstände über; mit dieser ist die Hauptsache Reiz des Schei­ nens, Magie des Scheinens geworden. Das Romantische überhaupt ist das angemessenste für die Malerei, die in ihrer höchsten Macht sich nur an romantischen Gegenständen zeigen kann. das Gegen­

2 –5 Mignon gehört … Bilde.] Li: Das ganze Convolut kann wohl unserer Phantasie vorstehen, mit allen Erinnerungen, allein die Malerei kann das uns nicht vorstellig machen, ohne Entschluß, ohne Zweck in sich.­  ­6 Leidenschaft] Li: Empfindung­  ­7–8 ist die … möglich] Li: Das einfache 30 lyrische Empfinden, ich liebe dich, ich liebe dich insofern, ist prosa, es muß reich mit Phantasie explicirt sein.­  ­13–14 Der Beschreibungen … müde.] Li: Beschreibungen von Gemälden machen uns bald müde, und dienen nur für Kenner.­  ­15–19 Die Aufstellung … erfolgte.] Li: Die Galerie ist sinnlose Sammlung, wenn sie nicht nach Zeiten, Schulen geordnet ist. Das Geschichtliche ist da das Interessante. Sie fing mit Statarischem, dem ganz unnatürlichen an. Dann fängt das Leben der 35 Kunst auf. Es fängt an, Ausdruck, Sinn hereinzutreten, Befriedigung von dem Unthaetigen, dann die ganze Fülle der Handlung, die Magie des Scheinens, es ist das Musikalische der Kunst, wo der Inhalt =gültig ist. Die Kunst des Scheinens wird das Ueberwiegende.

130vLi

1118

18/2Hn

109Hn

133rLi

nachschrift heimann · 1828/29

ständliche dieser Rücksicht ist die Empfindung der Tiefe, des Innerlichen. Zu die­ ser Tiefe gehört nicht bloß griechische Heiterkeit, sondern auch noch ein anderes Moment, daß die Seele zu einer höhern Heiterkeit durch die Entzweiung durch Arbeit, Schmerz, gelangt, indem sie das Natürliche überwunden. Ein Negatives ist so in der höhern Heiterkeit ausgelöscht. Eine errungene Heiterkeit ist es hier, die auch berechtigt. Die verklärte Glückseligkeit erscheint hier, nicht die natürliche, zufällige Zusammenstimmung der äußern Zustände, sondern der Ausdruck der Seligkeit, der sich auf äußerliche Existenz nicht, nur auf Innerlichkeit sich bezieht, nicht bloß Heiterkeit, sondern Befriedigung erhalten hat. Bei den Alten ist Herkules unter die Götter versetzt durch seine Arbeiten; aber er hat einem König gedient, und diese Arbeiten sind mehr äußerlich. Die Arbeit, wodurch Befriedigung erreicht ist, muß innerlich sein, man muß sich selbst über­ wunden haben. | Die Arbeit kann bloß mechanisch sein, beten; aber mit gewissem Bewußtsein eines Geistigen ist sie unternommen. Immer ist es ein In sich gehen, wenn auch nur momentan, dennoch eine Betrachtung, die einen Zug von geistiger Versöh­ nung in die Seele bringt. Diese Arbeit und das Gefühl des Schmerzes können ganz oberflächlich sein, und abgeschieden vom übrigen Leben, ohne Tiefe. Ein eigenthümlicher Charakter entsteht aber doch, eine berechtigte Eigenthümlich­ keit. Die mechanisch betenden sind ganz für sich, nicht tugendhaft; auf den fei­ erlichsten Gottesdienst, der in die Tiefen des Herzens eindrang, folgt unmittel­ bar eine Ausgelassenheit; aber es ist ein Berechtigtes, Versöhntes; man hat ein gutes Gewissen; die Befriedigung überhaupt hat den eigenthümlichen Zug erhal­ ten, der nicht in der ursprünglichen Heiterkeit der Griechen liegt. Eine Innerlich­ keit wird doch hervorgebracht in diesem Modernen das sich in der Kunst be­ stimmter ausdrückt. Den nähern Kreis des Romantischen haben wir nun schon betrachtet. Der Geist der Liebe ist der Mittelpunkt. Die Liebe der Mutter ist schon ein konkretes Menschliches; in der Kunst selbst, in der Religion auch verlangt es einen Fortgang der Entwickelung, um zu diesem Mittelpunkt zu kommen.

5

10

15

20

25

 –9  Eine errungene … hat.] Li: An dieser höheren Heiterkeit muß dieser Durchgang nicht un­ 30 5 kenntlich sein, eine Heiterkeit, die errungen ist, und die berechtigt. Glück enthält eben so natürli­ ches zufälliges Zusammenstimmen der Umstände. Seligkeit, da ist Glück weggelassen, das ganze ist da in das Innere gelegt, die Befriedigung, die zugleich berechtigt ist.­  ­10 Herkules] Li: Hercu­ les dieser heros­  ­11–13 Die Arbeit, … haben.] Li: Die Arbeit hier ist die des Menschen mit sich selbst in seinem Innern.­   ­14 Die Arbeit] Li: Diese Arbeit im höchsten Extreme der 35 Entzweiung­   beten] Li: als das bloße Beten, Messe hören­  ­17 bringt] Li: gebracht wird, die Einigkeit mit sich, die immer erworben ist­  ­17–29 Diese Arbeit … kommen.] Li: Der nähere Kreis zeigt sich beim Romantischen. Der Mittelpunkt ist Geist der Liebe. Die Liebe in ihrer we­ sentlichen Bestimmung ist selbst schon ein Concretes menschliches. Es erfordert in der Kunst selbst, eine Entwicklung der Lebendigkeit, ein Freiwerden um zu diesem Mittelpunkt zu kommen.­  ­ 40

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

1119

Eine gefühlte Befriedigung ist also konkret: sie fühlt sich identisch mit einem andern. Die Liebe ist also schon etwas Negatives, sie gehört einer Person an, die für sich gehört. Das selbstsüchtige Herz ist es, das sein Für sich sein aufgiebt, ist das negative Moment, das die Einigkeit der Liebe bewirkt, und ein höheres, Gei­ stiges ist. Ein einzelnes Individuum wird gewußt, und deßhalb ist die Liebe auch Etwas Rührendes; ein Widerspruch zu sehen in Einem. Das Rührende liegt in dem Dialektischen, Widersprechenden des Verhältnisses, daß man seine Person auf­ gegeben hat. So ist die Liebe Mittelpunkt der höhern Kunst. Die ältere Malerei zeigt eben dieses Innere der Liebe. Die Form der Mutterliebe ist ein natürliches Verhält­ niß, sodaß der Inhalt der Liebe, der Gegenstand, welcher geliebt wird, nicht ein Be­ sonderes Individuum, sondern ein Gott ist. Die Mutter ist zugleich Mensch und zugleich das Hohe. Es ist dieses die höchste Form, zu der sich die Kunst emporge­ hoben. Die Liebe ist hier eine Liebe ohne Leidenschaft, und zugleich die Erhaben­ heit; nicht die Freude natürlicher Liebe, sondern der Liebe zu Gott; nicht die Liebe zum Manne erscheint, sondern der Mann selbst hat die Ehrfurcht vor dem Kinde. Die Freudigkeit dehnt sich also sehr weit aus; die Freude der Hirten, Könige, hö­ here göttliche Freude ist es, Freude des Geistes über das gekommene Erwartete. Der Gott als Vater wird im Gedanken aus dem Sinnlichen entfernt und aus dem natürlichen Verhältniß; er wird Gott des Gedankens und mehr der Kunst entrükt. Deßhalb sind die trefflichsten Vorstellungen von Gott Vater von Raphael in den Wolken: es werde Licht, sprechend, eine sehr würdige Vorstellung, die dem alten Jupiter an die Seite gesetzt werden kann. Eine Konzeption wie man sie nirgends wieder findet, in Rüksicht auf Würde und Erhabenheit, und dennoch nicht be­ friedigend für unsern Geist. Ebenso ist es mit Christus. Man hat theils in moder­

25 1–5 Eine gefühlte … ist.] Li: Diese Einigkeit ist dann concret, die sich in einem andern identisch,

eins mit sich selbst weiß. Das concrete erfordert zwei Seiten die eins sein sollen, und das ist die Empfindung der Liebe. Der Geist als empfindend enthält das Moment mit einem andern sich als identisch zu wissen. Die Liebe ist diese Rückkehr in sich, enthält das Moment des Negativen. Die Person ist für sich, das Herausgehen aus sich, das Aufgeben seines für sich seins ist das negative 30 Moment, und die Einigkeit ist nur durch dieses negative Moment.­  ­6–17 Das Rührende … Er­ wartete.] Li: Das Rührende liegt in dem Momente des Aufgebens, der Widerspruch, das Unver­ diente. In dem Rührenden liegt die Dialektik, für mich selbstständig zu sein, und doch diese Selbstständigkeit aufgegeben zu haben. Diese errungene Einigkeit ist die Liebe. Der Mittelpunkt höherer Kunst ist die Liebe, näher die Mutterliebe, die den religiösen Zug in sich hat. Sie hat den 35 Heiland der Welt geboren. Der Inhalt dieser Liebe, das was geliebt wird, ist nicht zufälliges, son­ dern das ewige an und für sich: Gott. So ist die Mutter zuerst menschliche Mutter, aber zugleich die Mutter des Allerhöchsten. Es ist die höchste Form zu der | man sich emporgehoben hat. Es ist nicht die Liebe der Begierde, auch nicht die vulgäre Mutterliebe, sondern die erhabene Liebe. Es ist dabei nicht die eheliche Liebe. Joseph hat selbst diese Ehrfurcht vor dem hohen Heiligen, was 40 hier vorhanden ist. Diese Befriedigung dehnt sich in diese besondern Züge aus, Freude der Engel, Hirten, Thiere, Könige. Göttliche Freude und Befriedigung. Der Geist hat das erlangt, was er sehnlich erwartete.

133vLi

1120

110Hn

131rLi

19/2Hn

nachschrift heimann · 1828/29

nem Sinne, theils in antiker Schönheit ihn dargestellt, mit antiken Formen, und berühmte Meister haben ihn gemalt; aber dennoch entspricht Nichts der Vorste­ lung. | Er erscheint als Einer, wie ein griechischer Gott, als ein Mensch, welches wir uns beim Kinde gefallen lassen; indem der Widerspruch beim Kinde mehr er­ träglich ist in seiner Unschuld. Das Kind erlaubt Erhabenheit in seinen Zügen, die es als übermenschlich anzeigen; einem Manne beigelegt bringt sie nicht mehr die Wirkung hervor. Eine gewisse Partikularität ist immer darinn zu finden, und dieses befriedigt nicht. Die Freudigkeit der Versöhnung, die Verklärung und Himmelfahrt, die Vollendung erlaubt nur allein das Höhere, Göttliche; der Mensch ist nicht mehr als Mensch vorgestellt; die Situation hat das Verwischen des Menschlichen zugegeben und das Übergehen in höhere Klarheit. Ebenso ist es auch mit den Aposteln; diese Charaktere mit ihrem großen Berufe; Engel und Heilige, welche der Noth des Lebens entnommen sind, tragen an sich die Schwierigkeit, an ihnen diese Reinheit von den Leiden auszudrücken. Die anbe­ tende Gemeinde als menschliche in ihrer Andacht und Glauben, mit der Sehn­ sucht, die sie drängt in ihrem geistigen Gebete, mit der Gewißheit der Erhörung, folgt dann. So ist die erste Form des Beseligtseins. Die Entzweiung ist eine zweite Form; die Leiden, Christi am Kreuze und in vorhergegangenen Situationen, die Verspottung, wo das Feindliche gegen ihn auf­ tritt; die Grablegung, die schmerzliche Empfindung der Mutter, Apostel, die die höhere Aussicht, die Heilung der Welt gefunden zu haben, und zu verlieren, ist eine Zerknirschung, daß das Heil subjektiv werde, ein Schmerz, in dem zugleich das Objektive, die Versöhnung gewiß ist, und der sich reflektirt im Kampfe der Seele mit sich, als Märtyrer, Büßende, denen die objektive Versöhnung gewiß ist. Der Ausgangspunkt des Kampfes kann eine natürliche Freihheit und Fröhlichkeit sein, eine Entschiedenheit im Leben, die Bande der Nothwendigkeit leicht zu nehmen, und sie nicht zu achten, wodurch diese Grundlage mit Schönheit des Frohsinns sich schmükt und die Grazie entsteht. Oder der ursprüngliche Sinn kann halsstarrig sein; die Überwindung erfordert eine harte Gewalt, aus ihr sich zu reißen und in die Region des Geistigen zu ge­ langen, wodurch härtere Formen, nicht der Schönheit, sondern der Härte entste­

5

10

15

20

25

30

  Erhabenheit in seinen Zügen] Li: eine Hoheit in das Auge zu legen­  ­7–8 Eine gewisse … nicht.] 5 Li: Alle berühmte Christusbilder von Tician, Raphael cet. drücken nur particularitaeten aus­  ­ 12  Aposteln] Li: Apostel Helden des Glaubens­  ­13 des Lebens] Li: der Endlichkeit, der Sünde­  ­ 18–19 Die Entzweiung … Verspottung] Li: Der 2te Kreis enthält die Entzweiung, die Härte des 35 Leiden Christi, seine Verspottung, Mißhandlung, Kreuzigung.­   ­20–22 die die … Zerknir­ schung] Li: Darauf beziehen sich die schmerzlich affizirten, die ihre höhere Aussicht hier verloren haben, ein unendlicher Schmerz der Seele, der hier blos subjectiv wird, eine Buße des Subjects, da das Objective, Heile versichtbart ist, nur in Sorge 6  es] ihn­  ­20 die] denen

40

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

25

30

35

1121

hen. Aus dem Herausreißen der Widerspänstigkeit sieht man die bleibenderen Wunden, und so entstehen zwei Hauptbestimmungen bei diesem Kampfe. Schön­ heit und Härte. Der zuerst genannte Ausgangspunkt kann in der Italienischen Kunst der Malerei vorwaltend gefunden werden. Der andere kann in der Deutschen Kunst der Malerei gefunden werden. Bei der italienischen Kunst stellen wir uns nun leicht vor die natürliche Schönheit und Reinheit des Sinns und Heiterkeit des Gemüthes, und schöne ihm entspre­ chende Formen, Unschuld, Grazie, Adel, Feinheit des Geists, Unbefangenheit und Naïvität, so daß ein solches schönes Naturell, wenn es er|höht wird zur Geistig­ keit und Seligkeit, ein Harmonisches in sich ist. Eine natürliche Schönheit oder eine durch Frömmigkeit erworbene Geistigkeit kann in solchem Naturell liegen. Ein müheloser Weg stand zum seeligen Leben hier offen. Der tiefere Kampf er­ scheint, jedoch ohne Widerspänstigkeit, ohne Schmerz, und alles hat in den rei­ nen Regionen des Glaubens seinen Conzentrirungspunkt. Einen idealbleibenden Übergang sehen wir. Eigensucht und Härte kämpfen nicht dagegen. Deßhalb er­ scheinen keine ideellen Wunden, sondern mehr Schwärmerei im abstrakten In­ nern. dieser Charakter liegt im altitalienischen. dieser Charakter ist im vorigen JahrHundert verachtet worden; man glaubte drüber erhaben zu sein, es besser ma­ chen zu können; aber in neuerer Zeit ist die Reinheit der Anschauung in der altita­ lienischen Schule anerkannt, und einfache Anmuth bei Mangel der Kunstbildung anerkannt und geschätzt. Leonardo da Vinci und andere haben diese vollendet; nach ihnen verminderte sich jene immer mehr. Nach den ersten Versuchen der Barbarei ist Künstlicheres durch Nachahmung des Byzantinischen gebildet worden. Bei den Griechen blieb Kunst übrig, und die alte Tradition war noch immer erhalten. Die Bilderstürmerei hat vieles vernichtet; nachher trat die Verehrung der Heiligen wieder vor. Eine bessere Technik trat ein; Stellung, Gewänder, Gesichtsformen haben einen eigenen Charakter. So geistlos die Malerei an der Byzantinischen ist, so sind doch die Formen nicht zu verkennen. Die Ausführung war geistlos, handwerksmäßig. In Griechenland blieb die Tradition in Ansehung des Technischen; aber der Geist verschwand. Der italienische Auf­ schwung war lebendig und geistvoll. Man ging von den Typen des Byzantinischen aus, wo man keinen großen Umfang in Bezug auf Gegenstände hatte. Mehr prote­ stantische Vorstellungen sind gebildet worden. Die Jungfrau ward noch nicht gemalt. Man brachte in den Leib Verstand und Leben. Der Schüler kann beim Kopiren vieles nicht verstehen vom Original, vieles erscheint unerklärlich für ihn. Der Schat­ ten und Licht ist ihm auf unerklärliche Weise hineingebracht; aber er kopirt alles

111Hn

1122

112Hn

20/2Hn

131vLi

nachschrift heimann · 1828/29

ohne Verstand; ebenso ging es mit dem mechanischen Begreifen der alten Kunst im Byzantinischen Treiben; man machte alles mechanisch nach und entstellt es, sodaß in der Kopie allmählig der größte Unsinn und Widernatur zum Vorschein kommt. So ging es damals auch mit der Kunst; erst nach der Byzantinischen Zeit verglich man die Kopie mit dem natürlichen Original im Leben, und lernte das Cha­ rakterische verstehen und kennen in der alten Kunst, und das falsch kopierte in der Byzantinischen Kunst. Derjenige, der die Kunst befreite ist Giotto. Man überzog die Gemälde früher mit Wachs, und gab ein gelbliches Ansehen dem Gemälde. Andere Mittel fand Giotto, sodaß seine Gemälde schon äußerlich zu erkennen sind. Seine Stoffe sind ins Leben getreten, aus Naturanschauung hervorgegangen, wovon Nichts im Byzantinischen zu sehen. Erst malte er heilige Gegenstände; dann nahm er das Lustige, Freie in seine Kunst auf. Neuere Heilige Menschen, deren Handlun­ gen der gegenwärtigen Zeit näher lagen, wurden ins Leben gebracht; und die Bilder dieser Heiligen zog die Kunst der Malerei in die Gegenwart, in das Natürlichere, so­ daß auch das Wahrhafte darzustellen war. Man erzählte Legenden von diesen Hei­ ligen, ihr weltliches Leben zuerst, und so kam das alltägliche Leben der Kunst nä­ her, und die Kunst der Natur. | Christus und Apostel, die starr und fremd dargestelt wurden, entrückte man der Kunst; da die Menschen anderes Lebendigeres hatten; Leben kam nun in das Bild. Maria mit dem Kinde, dieses natürliche Verhältniß, die­ ses Familiäre war den frühern Vorstellungen fremd; der Kreis des Menschlichen bildete sich und die Vermenschlichung der Gegenstände fing jetzt an. Mit dieser Eröffnung ist die Höhe der Kunst noch nicht erreicht worden. Giotto selbst, der die Revolution hervorgebracht hat, wird noch nicht soviel Charakter zugeschrieben; diese Vergeistigung und Verklärung der schönen Form tritt später in die Kunst herein. In diese Periode falle die Bestimmung der Unvollkommenheit der Malkunst, aber wo das Schönste enthalten ist. Lebendigkeit und Natürlichkeit waren also die beiden Hauptmomente, die man darzustelen suchte. Hinzu kam der Leichtsinn gegen die Antike, daß man das Ver­ gangene, Entfernte verließ, das Gegenwärtige aufnahm. Die Idee der Frömmig­ keit hat die Oberhand erhalten und die Mittel, und das was die Form der Leben­ digkeit ausmacht, wurde gebraucht, um die Tiefe der Idee darzustellen. Der Charakter dieser Periode fällt in die Mitte des 15ten JahrHunderts. Die Gemälde aus diesem Kreis können uns zurükstoßen; (man findet sie in unserer Gallerie). Die Zusammenstellung der Figuren ist einfach zum Theil, regelmäßig, Maria zwischen

5

10

15

20

25

30

 7–29 Lebendigkeit und … aufnahm.] Li: | Das andere Moment war zu der Wirkung überzuge­ 35 2 hen, sich an Formen des Daseins zu erfreuen und sie darzustellen zu suchen. Es tritt der Leichtsinn gegen das Antique ein, mehr Lust sich in der Gegenwart umzusehen.­  ­31–32 Der Charakter … JahrHunderts.] Li: Von der Mitte des 15. Jahrhunderts tritt diese Schule ein in Frankreich.­  ­34 ein­ fach zum Theil, regelmäßig] Li: ganz einfach in weniger Bewegung

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

25

1123

2 Engeln; Christus am Kreuze, Maria und Joseph an der Seite bilden pyramidale Formen. Einförmigkeit tritt in die Mannigfaltigkeit hier, und ein Byzarres Etwas erscheint für uns. Maria breitet einen Mantel aus, und ein Haufen von Anbetern umgeben sie; höchst einförmig ist das Ganze; die Farben haben nicht die Schönheit der folgenden Zeit; in den Physionomien ist kein Ausdruk; wenig Schatten und Licht; die Farben sind nicht naturgemäß sondern mehr aus der Tradition angeeig­ net. Nicht anziehend sind diese Werke. Nimmt man Rüksicht auf das Gesicht, Haltung und Stellung, so findet man hohe Reinheit und Unschuld, schöne von Grazie durchdrungene Formen, sodaß man, wenn man sie abzeichnete, sie von der Farbe befreite und die Anstößigkeit entfernte, die Schönheit der Conzeption und das Seelenvolle bewundern muß, und daß sie durch Conzeptionen der Spätern nicht übertroffen sind. Die Kunst des Durchscheinens der Farben ist noch nicht vorhanden; die Farben sehen zu rauh aus; in der Gruppirung ist keine Kunst, keine Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit und Ausdruck des Fleisches; durch gelb­ lich braun sind die Züge unterschieden. Licht und Schatten, worin Corregio der größte Meister, waren noch nicht erfunden, wie auch die Kunst der Perspektive. Die Figuren sind mager. In der Einförmigkeit der Gruppirung erblikt man mehrere Momente, mehrere Handlungen und Geschichten auf einem Gemälde. Klein, hölzern, eckig, falschgebrochen sind die Falten; aber die Tiefe der Frömmigkeit läßt sich nicht darinn verkennen. Ist man auch zu größerer Innigkeit gelangt, so hat man größere Reinheit des Gemüthes nicht mehr gefunden. Auch weiß man von den Malern der Zeit, daß sie die größten und frömmsten Männer gewesen sind, daß sie nicht malten, ohne vorher gebetet zu haben, und daß sie in Thränen gebadet, die Gemälde angefertigt. Die Gewißheit des Glaubens ist gewiß in den Gemälden zu erkennen.|

2 –4 Einförmigkeit tritt … sie] Li: Zum Theil werden die Compositionen reicher, wo Gleichmä­ ßigkeit der Stellung der Figuren eintritt, so Maria von Benozzo, Gozzo die den Mantel ausbreitet und zu beiden Seiten knieende Betende umhüllt.­  ­7–8 Nimmt man … Unschuld] Li: sehr leichte Umrisse, wenig Schatten, auch nicht Naturgemäße Farbe. abstrahirt man von dieser Unvollkom­ 30 menheit der Technik, und sieht auf die Stellung der Physionomie, so ist die höchste Reinheit, Unschuld, schöne Formen durchaus mit Gracie durchdrungen.­  ­13 die Farben … aus] Li: es sind nur matte, rauhe, erdige Farben­  ­14–25 keine Mannigfaltigkeit … erkennen.] Li: es sind nur mat­ te, rauhe, erdige Farben. Wenig Bewegung und Lebendigkeit. Ausdruck des Fleisches fühlt man da, ganz gelblich, bläulich erscheint. Die Kunst der Perspective fehlt. Die Figuren selbst sind ma­ 35 ger, daneben in kleinen Figuren Menge von Szenen. dessen ungeachtet ist da die Tiefe des Carac­ ters der Unschuld, ganz naive Einheit. Niedro(?) hat nie gemalt ohne erst gebeten zu haben. Bei Malen der Leiden Christi hat er sich in Thränen ergossen. Es ist da also die reine Verklärtheit, die Gewißheit des Glaubens. Die innere Harmonie beherrscht die Leiden, es ist zu erkennen die Si­ cherheit der Hoffnung. Das ist die Periode des höchsten Ausdrucks der Frömmigkeit. 40 11  Conzeptionen] Conezption­  ­12 sind] st­  ­13 sehen] sieht­  ­27 Benozzo, Gozzo lies Benozzo

Gozzoli

1124 113Hn 134rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Von dieser Stufe reiner Innigkeit und Frömmigkeit ging die Kunst zu größerer Ausbreitung in ihren Gegenstand über. Das Heilige, der Wirklichkeit sich nähernd, sodaß Menschen der Gegenwart sich nicht entfernten, wurde mit der Kunst in die Gegenwart hineingezogen[.] Das frohe, kraftvolle auf sich selbst beruhende Leben der Bürger mit ihrer Betriebsamkeit, dem Geistreichen ihrer Lebensheiter­ keit, dem Wohlergehen in der Gegenwart, war ein Zug der Empfindung, der sich der Kunst bemächtigt hat. Dieses wiedererwachende Wohlgefalen der Menschen an ihrer Tugend, diese Versöhnung mit der Wirklichkeit ist auch in den Geist der Kunst eingetreten. Die Kunst hat nun die größte Freihheit sich Hintergründe zu machen, Teppiche mit in ihre Gemälde zu ziehen, und überhaupt das Äußerliche damit zu verbinden. Bildnisse und Portraits von großen Männern wurden Ge­ genstand der Kunst. Das Landschaftliche, Anlagen von Kirchen, Pallästen, Archi­ tekturwerke wurden nicht vernachläßigt, wie auch nicht die häuslichen Gegenstände. Eine geistvolle Aufgabe entstand nun. Freilich wurde die innige Frömmigkeit der vorigen Periode durch diese Gegenstände ein wenig gemindert. Jedoch bedurfte die Kunst dieser Momente, um zu ihrem Gipfel zu gelangen. Alles, Farbe, Stellung, wurde nun Leben, nicht ein bloßes Gerüste; alles ist bezeichnend. Raphael ist es, in dem die höchste Vollendung erscheint. Im Geiste des Pietro Peruggino haben wir aus seiner Jugend viele Bilder gemalt, von hier an zeigt sich das Streben zur Höhe. Das Versenktsein in seinen Gegenstand und der Sinn der Lebendigkeit, ihn zu fassen, auszudrücken wie die Natur sich ausdrückt, waren die Mittel, durch die er stieg. Die höchsten Empfindungen mit der Lebendigkeit ver­ bunden mit der großen Bewundrung der Antike, der idealischen Schönheit der Form brachten ihn zum Gipfel. Religiöse Strenge und durchgebildete Lebendig­ keit der Natur also. Daher der Reichthum des Lebens in seinen Figuren, aus denen erscheint, daß er alle seine Mittel gekannt; die Magie des Helldunkels fehlt bei

5

10

15

20

25

1 Stufe reiner … Frömmigkeit] Li: Seite der Seeligkeit­  ­3 sodaß Menschen … entfernten] Li: daß Menschen zu Heiligen geworden sind, die der Gegenwart ganz nahe waren­  ­ 4–5 Das frohe, … Leben] Li: In Italien ist das frohe, in sich selbst ruhende Leben­  ­8 an ihrer Tugend] Li: an dem 30 was sie hervorbringen­  ­ 8–9 in den Geist der Kunst] Li: in die Malerei­  ­9–10 zu machen] Li: zu machen angefangen, das Architectonische, die Landschaft in äußerliche Beziehung gesetzt­  ­ 13–14 wie auch … Gegenstände] Li: Züge bürgerlicher Lebensart.­  ­14–18 Eine geistvolle … be­ zeichnend.] Li: An das Geistige ist allerhand angeknüpft worden. Diese Elemente brachten die Kunst ihrer Vollendung entgegen. Der Sinn für die Gegenwart, Lebendigkeit, daß alle Formen 35 und ebenso die Farbe selbst seelenvoll sein soll, nicht als äußeres Gerüste der Gestalt, sondern als ein Bezeichnendes gefaßt und ausgedrückt.­  ­19–23 Raphael ist … stieg.] Li: Das hat sich in Ra­ phael vereint. Schüler des Pedro Pirocino, Gefühle der Sehnsucht, zum Höchsten aufgeschwungen und befriedigt zugleich. Dann der Sinn der Gestalt durch und durch gefaßt und dargestellt. Das Ideale der Alten hat er nicht nachgeahmt, sondern sie durchdrungen mit Lebendigkeit. 40 22  ausdrückt] uszdr   27–1125,2 fehlt bei ... Meister am Rande mit Verweiszeichen

besondere gestaltungen · malerei

1125

ihm, wie sie im Correggio sich zeigt, ebenso auch die Schönheit der Farben ist nicht in der Reinheit wie die der Venezianischen Meister; die Härte, die bei ihm erscheint noch, und im Titian und Corregio verschwanden sie.

Die deutsche Malerei 5

10

15

20

25

Die Niederländer der ältern Zeit lernten wir erst seit 30 Jahren wieder schät­ zen, so wie auch die oberdeutschen Künstler wie Dürer. Den Niederländern, Eyk, wird die Erfindung der Oelmalerei zugeschrieben. Es ist diese der Wunder­ bare Fortschritt, den wir bei den Italienern vollständig verfolgen können. Ge­ schichtliches haben sie sich wenig auf bewahrt; auf einmal steht sie vollendet in ihrer Größe vor uns da; vortrefflicher kann man nicht malen als hier geschah; man machte mit der Vollendung den Anfang. Der ganze Reichthum der Malerei auch in der Umgebung, die dramatische Handlung, nicht die Ruhe der Figuren, erscheint hier in Charakter und Bewegung; der Hintergrund, Architektur, Krippe, Haus Aussicht ins Landschaftliche alles ist wie Teppiche und Pracht der Kleidung in der höchsten Vollkommenheit. Die Malerei hat noch keine Branchen damals gehabt. Im Jahre 1432 hat van Eyk schon sein vollendetes Gemälde gemacht. | Zufällige Wirklichkeit ist aber mehr als das Ideal im Deutschen vorherrschend; dagegen das Erhabne Hohe, Schöne im Italienischen sich findet. Das Weltliche er­ scheint dort; hier mehr die Entfernung davon. Das Bild der Maria ist freilich auch den Deutschen gelungen, und vortreffliche Formen haben sie in ihr aufgestellt, auch die Kinder sind schön; aber Trockenheit in dem Fleisch ist ein Mangel; und fiele der Zug der Frömmigkeit von der Maria weg, so würde das Geistreiche auch verschwinden in ihr; sodaß die Frömmigkeit das Geistige bei den Deutschen ersetzt. Die Gemälde dieser Zeit lassen in Zeichnung, Farbung, Stellung Nichts zu wünschen über. Sieht man ein italienisches Bild dagegen, so würde man doch von dem Idealen mehr angezogen, da dort das Schöngeistige auch nicht fehlt. Nachher ging man in das Unschöne, Affektvolle der Darstellung über, wo jene stille Innigkeit und Frömmigkeit zurüktritt; rauh sind die Kriegsknechte um den

134vLi

23/2Hn  114Hn

2–3  die Härte, … sie] Li: Bei Raphael sind nur die Mittelfarben, noch nicht in ihrer Reinheit.­  ­ 30 5 Die Niederländer … Zeit] Li: | Die deutsche Malerei steht diesem italienischen Caracter entge­

gen. Mit den Niederlaendern­  ­6–7 Den Niederländern, Eyk] Li: Albert und Johann van Eyck Brüder­  ­7 Oelmalerei] Li: Oelfärberei­  ­7–10 Es ist … geschah] Li: Ihre Kunst steht auf einmal in ihrer ganzen Vollendung da, vortrefflicher kann nicht gemalt werden.­  ­16 Im Jahre … ge­ macht.] Li: Alles das haben die Italiener empfangen. 1432 ist das vollendetste Werk van Eycks. 35 Raphael ist erst zu Ende des 15. Jahrhunderts­   ­23–24 sodaß die … ersetzt] Li: Bei naivitaet der Unschuld und Frömmigkeit ist eine Unbedeutenheit.

134vLi

1126

nachschrift heimann · 1828/29

Christus; scheußlich die Quäler der Märtyrer vorgestellt; die Scene ist mehr be­ wegt; und sieht man ein Gemälde aus dieser Zeit, so kann man, weil auch die Technik nicht so vollkommen ist, verleitet werden, dieses Rauhe als Anfang an­ zusehen. Häufig kommt es daher auch vor, daß man sich so irrt. Die Feinheit in der Ausführung fehlt in diesen ebenfalls. In die Weltlichkeit und zum frohen Bür­ gerlichen traten nachher Italiener oder Deutsche ein, wo man durch die Kunst das Selbstgefühl als würdiges behandelt sieht. Nachdem die Niederländer zu ihrer Freihheit aus Knechten gelangten, so wollten sie ihre Kraft, ihr Gefühl ihr Selbst durch die Kunst vorstellig machen. Die Landschaften sind in den Gemälden nur als Nebensache bisher gebraucht worden; fernerhin hat man sie als besonders auf sich beruhend dargestellt; die Fi­ guren wurden Nebensache; die Niederländer stellten die natürlichen Geräthschaf­ ten auf Tischen mit der größten Natürlichkeit dar. Rembrand ist bei der Größe seines Geistes, bei dem Ungeheuren seiner Phantasie von den Italienern übertrof­ fen; in seinen Bürgerlichen Stüken, in Schenken, wo bauren tanzten, in Triften der Hirten ist er vollkommen. Der flüchtige Augenblick eines Zuges, Lächelns, ist in der höchsten Meisterschaft von ihnen ausgeführt. Man kam auf sie zurük, und man hat sie sehr schön geliefert; aber unsere Genrestüke sind weit entfernt von jenen, der Zauber des Lichtes fehlt ihnen. Das Karakteristische ist außerordentlich ausgebildet darin. Eine Frau, die bei Licht einfädet, läßt die höchste Peinlichkeit und Erwartung an sich zeigen. Das gemeine Leben ist durchdrungen von einer unbefangenen Frohheit und Lustig­ keit; die Fröhlichkeit macht alles gleich; es ist der Sonntag des Lebens, der dort herrscht, und dieses läßt eine Idealität schon erscheinen. Die Menschen, die lu­ stig sind, sind nicht schlecht, und dadurch sind sie schon aus dem ganz gemeinen herausgezogen. Heute stellt man in den Genrestüken das Piquante, Schlechte dar. Bei den Niederländern ist das Zanken komisch in allen Physionomien, wo­ durch das Schlechte der Situation aufgehoben ist; die Situation erscheint zwar, aber zeigt noch nicht die Schlechtigkeit der Personen. Dort ist es momentan; hier Grundzug. |

5

10

15

20

25

30

  scheußlich die … vorgestellt] Li: Bei den Maertyrern hat man die Peiniger in den scheußlichsten 1 Verzerrungen vorgestellt.­  ­ 5–6 In die … ein] Li: Die italienische Kunst ist ebenso zur frohen Bürgerlichkeit fortgegangen.­  ­ 8–9 so wollten … machen] Li: haben die Kunst in ihre eigene Gemüthlichkeit gesetzt. Die menschlichen Figuren werden das untergeordnete­  ­17 ausgeführt] Li: ausgeführt in einem Zauber des Farbenscheins durchdrungen mit unbefangener Froheit und 35 Lustigkeit. Das comische hebt das Schlimme der Situation auf. Das Böse wird nur momentan dar­ gestellt, nicht als Zug des Seins eines Individuums. 29  noch nicht] nochn.

besondere gestaltungen · malerei

5

1127

Eine Anschauung vom menschlichen Geist und was überhaupt am Menschen ist, und seine Individualität macht den poetischen Geist der Malerei aus. Das Ge­ müth, Leidenschaft, Tiefe erscheinen uns, und man lernt daraus die menschliche Natur. Dieses ist bei der Malerei wie bei jeder Kunst, daß eine Anschauung des Chararakters des Menschen da ist, und der Sinn für das Kolorit in Bezug auf das Innerliche erscheint. Im Porträt kann man sehen, ob die Künstler den Geist des Menschen kennen, was jede Form zu sagen habe.

115Hn 135rLi

Kolorit.

10

15

20

25

Es ist die Farbe, die den Maler zum Maler macht; das Zeichnen ist die Grund­ lage; deßhalb glauben viele, man könne dabei stehen bleiben; aber zum Gemälde gehört Kolorirung, die selbst Zeichnung wird. Sie ist das Fertige des Ausdrucks; Zeichnung hat für sich großen Werth, und man sieht mit dem größten Vergnügen die Zeichnungen der größten Meister. Nicht das Mühsame bewundert man, son­ dern die Fertigkeiten der Hand, die so groß den Ausdruk zu zeigen vermögen, und doch so leicht verfertigt sind. den Einfall des Augenbliks und augenblikliche Ausführung muß man darin bewundern; aber das Ganze bringt nur die Farbe hervor. Die Venezianer und Niederländer sind beide unter feuchtem Horizont Meister des Kolorits geworden. Das Trübe und Graue des Hintergrunds hat auch dazu beigetragen, ihre Farben reiner zu geben Dunkel und hell ist zuerst zu beachten, wo eins durch das andre unterbrochen wird. Alle Rundung, Hebung, Senkung, Entfernung gehört dazu, u n d das Wesentlichste die Erscheinung der Gestalt. Hinzu tritt die eigenthümliche Färbung des besondern Theils, so daß ein Theil mehr Farbe hat als ein andrer, wie die Lippen; wodurch ein Gegensatz eintritt in Ansehung der Färbung, des Dunkeln und Hellen, die dem Theile spezivisch angehören, im Verhältniß zur Gestalt.

1–2  Eine Anschauung … aus.] Li: Das Resultat der Malerei ist dies, daß eine Anschauung von menschlichem Geiste dazu gehört, eine Anschauung menschlicher Individualitaet; dies macht den poetischen Geist überhaupt aus­  ­2–7 Das Gemüth, … habe.] Li: Der Künstler hat die Empfin­ dung des Menschen und dann die Bedeutung und Sinn für den Colorit, der den mystischen Zu­ 30 sammenhang mit der Innerlichkeit hat. Der Künstler muß die Formen wissen, wodurch sich das ausdrückt, was Mensch ist in seiner Tiefe.­  ­9–10 das Zeichnen … Grundlage] Li: Das Zeichnen, Skizziren ist die Grundlage, allein nicht das Substantielle.­  ­12–17 Zeichnung hat … hervor.] Li: Der ganze Geist ist in der Fertigkeit der Hand vorhanden, bei solcher Cartonzeichnung in sich die unbeschränkte Leichtigkeit zeigt, z. B. in dem Evangelion von Albrecht Dürer in München, oder 35 in den Sammlungen solcher Skizzen von Raphael und Angelo in Wien.­  ­17 unter feuchtem Ho­ rizont] Li: unter sanfter Luft, im Meere selbst 1 6  bewundern] bewunderte

den 24/2Hn

1128

116Hn

135vLi

nachschrift heimann · 1828/29

Die Lippen haben eine dunkele Farbe; zeichnet man eine Statue, so sieht man auf das Verhältniß der Gestalt im Raume; wird das Licht drauf fallen, so hat die Ge­ stalt eine andre Stellung als in dem Dunkel. Bei Zeichnungen besonders entsteht das Mißverhältniß sehr leicht, besonders da bei der Zeichnung die Rundung gege­ ben werden soll und die Lokalfarbe gegeben werden soll. Das Haar wird bei der Statuenabzeichnung nicht dunkler als das Gesicht selbst, sondern nur durch die Stellung. Die Farben selbst haben das Verhältniß der Dunkelheit und Helligkeit, warme und kalte Farbe; blau ist dunkler als gelb und roth. Dieses hängt mit der Natur der Farbe zusammen. Das Licht wird durch das Dunkele gefärbt und getrübt. Gelb geht in roth, blau in Purpur durch Erhellung über; grau ist neutral. Diese Farben sind einfach, indem sie ein Scheinen des Hellen durch das Dunkele sind, oder ein Scheinen des Dunkels in einem helleren Medium. Die andern Farben sind solche, die in der Grundfarbe eine Schattirung erhalten, wie Violett. Die Wirkung der Farbe ist nun in Betracht zu ziehen vom Maler. Deßhalb haben auch die Farben ein Symbolisches; das Blaue mit dem dunkel ist das sanfte, Empfindungsvolle, wo die Farbe wenig Widerstand leistet; das Helle widersteht und bestimmt sich, als heiter; das Roth ist die Königinn; das Grün ist das anmuthige. Die Farben bilden nun einen Gesammtkreis, den man in einem historischen Gemälde finden wird. | Alle Hauptfarben erscheinen nun auf einem Gemälde; Maria hat den blauen, Joseph den rothen Mantel als bezeichnende Personen. Gelb, Grün, violett wird an Nebenpersonen vertheilt, wie es die deutschen Maler wohl zu wählen wuß­ ten, dagegen bei Raphael sind nicht schöne Farben vorhanden. Die Farben müssen in Harmonie stehen, gleiche Stärke im Hervortreten haben; bei schwachem Ko­ lorit ist die Disharmonie nicht auffallend. Schwaches Violett, schwaches grün usw sieht man so zusammen. Bei reinen Farben ist die Harmonie schwer hervorzu­ bringen. Die Farbe wirkt für sich und durch die benachbarten Farben. Diese letz­

5

10

15

20

25

 –3 Die Lippen … Dunkel.] Li: z. B. die Augenbrauen sind dunkel an sich, und da fällt dies Licht 1 zur Abrundung der Form der Stirn. Diese Collision hat der Maler auszugleichen.­  ­ 8–9 warme und … roth] Li: Einige Farben sind heller, andere dunkler, z. B. die gleiche Intensitaet von blau 30 und Grün.­  ­9–14 Dieses hängt … Violett.] Li: Die Farbe an sich hat durch Goethe ihre wahrhaf­ te Auf klärung erlangt. Der Himmel ist schwarz, die Nacht, die Atmosphere ist das Helle, das da 5 Punkte modifizirt. Das Gelbe ist das weiße durch ein trübendes Mittel hindurchscheinend. z. B. Topas vor Schwarzem gehalten erscheint bläulich, hinter weißem gelblich. So der Rauch an schwarzen oder weißen Wolken gesehen. Roth ist die wirksame, daher königliche Farbe, zur Indi­ 35 vidualitaet gekommen. | Das Gelbe und Blaue kann bis Roth gesteigert werden. Es ist also das Durchleuchten des Hellen durch ein Dunkles oder umgekehrt. Das sind die reinsten einfachen Farben. Alle anderen entstehen aus diesen.­  ­22–23 wie es … vorhanden] Li: die Bläue der Un­ schuld den Frauen, das Rothe den Männern­  ­25 nicht auffallend] Li: nicht so auffallend […], das sind da beschmutzte Farben 40 12  sind] st

besondere gestaltungen · malerei

5

10

15

20

25

30

1129

tere Wirkung hat der Künstler wohl kennen müßen, so den Glanz des Atlas, Kupfers und Zinns auf den holländischen Gemälden, wenn man nahe hin sieht, erblickt man nur graue Farbe in den goldenen Borden, und im metallischen Glanze überhaupt eine einfache, gewöhnliche Farbe ohne metallische Bestand­ theile. Aber ihre Nachbarschaft wirkt so, daß der Glanz hervorscheint. Die Luft­ perspektive affizirt den farbenton; die Athmosphäre selbst enthält einen eigenen Schein; die Entfernung aber dämmt die Farben ab, sodaß das Entferntere dunke­ ler, das Nahe heller und sichtbarer ist; in der That aber wird das Entferntere hel­ ler, farblos, hellgrau, das Nahe aber, der Vordergrund ist dunkel, wo die Bestim­ mung der Farbe am klarsten ist; das Licht in der Nähe macht das Nahe jedoch heller; unbestimmt werden die Umrisse durch die Entfernung, und deßhalb ist die Luftperspektive eine große Kunst. Die Bestimmtheit der Beleuchtung kommt noch von Außen hinzu. Das Tages­ licht ist zu verschiednen Zeiten, Orten, bei Gewitter, Kerze, Mond, Sonne, an­ ders, und muß daher wohl unterschieden werden. Es muß nun eine Einheit der Farben mit Einheit des Lichts ins Auge kommen, sonst wird das Gemälde unru­ hig. Schwierig ist es, bei Morgen, Abend, Gewitter das vorübergehende, Mo­ mentane festzuhalten. Jeder Maler hat nun seine eigene Manier; eigenen Sinn für die Natur; heiter und gesetzt usw. In der Farbe erscheint die Manier; jeder Maler hat anderes Kolo­ rit, sodaß man dieses Kolorit für ein Subjektives ansehen kann, sodaß ein Solches nur aus Gewohnheit, nicht aus der Natur gekommen zu sein scheinen kann. Aber das Kolorit ist in der Natur unendlich verschieden, und bei Gewitter usw erscheint der Gegenstand anders. Dieses muß der Künstler festhalten, solche Modifikation der Färbung ziehen. Das schwerste Kolorit ist die menschliche Fleischfarbe. Besonders hat jeder Ma­ ler auch ein andres Inkarnat, abgesehen von Zuständen der Leidenschaft. Oft se­ hen wir widernatürliche Fleischfarbe, die dennoch dem Beginn und Elemente nach ihre Rechtfertigung haben. Das menschliche Fleisch ist für sich selbst das, was in sich das Durchdringende aller Farben hat. Die Metalle glänzen, und sind bestimmt und fest; die Blumen haben eine entschiedene Farbe; die Traube hat schon mehr durchscheinendes. Aber

5  Glanz] Li: Glanz des Atlasses, der Metalle, Steine­  ­ 5–6 Die Luftperspektive … farbenton] Li: Ein weiteres ist die Entfernung, in der das Ganze der Farben modifizirt wird. Das ist die perspecti­ 35 ve, nicht die lineare, aber die Luftperspective.­  ­23–25 bei Gewitter … ziehen] Li: Jeder Tag, jede Stunde bringt anderes Colorit in die Natur, der Maler muß solche Färbung festhalten. Goethe er­ zählt, daß er in Dresden bei Schuster einquartirte, und als er einmal eintrat, schien es ihm ein Bild von Ostade zu sehen. Das Colorit des Tages war so übereinstimmend mit dem niederländischen Bilde.­  ­31 Die Metalle] Li: Die Metalle, Gewänder

136rLi

25/2Hn

1130 117Hn

136vLi

nachschrift heimann · 1828/29

die Farbe ist doch immer etwas festeres auf der Oberfläche. Bei der thierischen Haut, Haare und Gefieder ist eine Verschiedenheit an sich vorhanden. | Bei der menschlichen Haut ist eine Ebene, aber ein für sich Duftiges, das die Tiefe aller Farben in sich enthält und der Schein der Haut ein Resultat aller Farben ist. Das Roth ist das Auffallendste; das reine Rosenroth ist das gesündeste und schönste; aber d i nur ein Anflug, ein Resultat, das zugleich als ein Hervorgehendes sich zeigt; durch die Haut erscheint das arterielle Roth. Die Haut selbst ist gelb, und die Streifen sind blau; diese 3 Farben durchdringen sich zu einem Glanzlosen; das frische Fleisch ist das erstorbene (morbidezza) in Bezug auf Glanz. Deßhalb er­ scheint ein Inkarnat bei einem Maler nach der Wirkung mehr in einer als andern Farbe. Dieses Duftige aber hervorzubringen ist die größte Schwierigkeit. s. Dide­ rot über Malerei von Göthe. „Wer erst das Fleisch Gefühlt hat, der ist weit gekommen.“ Es muß das Scheinende des Fleisches auch zugleich das Durchschei­ nende sein. Man muß eine Durchsichtigkeit erreichen, was beim Glanze nicht nöthig ist. Diese Magie des Scheins kann das Musikalische der Malerei genannt werden, es ist eine Sichtbarkeit aus Reflexen, ein Scheinen aus einem andern Scheinen. Sie wird befreit von dem äußerlichen Objektiven. Das Sein geht in den Schein über, und kündigt sich als ein Scheinen im Scheinen, und so geht das Objektive ins Subjektive über. So gehen wir über zur

5

10

15

20

2   eine Verschiedenheit … vorhanden] Li: die Erscheinung ein Resultat von verschiedenen kleinen farbigen Punkten­  ­ 3–4 eine Ebene, … enthält] Li: das Eigenthümliche, daß die Oberfläche ein für sich Duftiges hat, Durchdringen von allen Farben.­  ­5 das reine … schönste] Li: Das gesunde Roth ist reines Carmin.­  ­7 arterielle Roth] Li: Die Venen sind für sich ein Bleibendes.­  ­11–13 s. Dide­ rot über … gekommen.“] Li: Goethe hat Diderot über Malerei übersetzt. Da heißt es, wer das Gefühl 25 des Fleisches erreicht hat, der hat vieles erreicht. Tausende sterben, ohne es erreicht zu haben.­  ­13–15 Es muß … ist.] Li: Der Glanz der Metalle ist nichts Durchscheinendes, sondern das einfach Scheinendes. Das nennen die Maler Lasiren, über Grundfarben andere gezogen, daß der Grund durchscheint. Bei alten Gemälden ist die Kunst noch nicht, sie sehen trocken, erdigt aus, das Materielle des Pigments muß beim Incarnat verschwinden. Darauf beruht die Technik. Mosaikmale­ 30 rei ist die Art, daß da farbige | Bestimmungen nebeneinander gestellt werden. In Rom ist Mosaikfa­ brik, wo 15 000 Nuancen von Farben sind, die schon fertig in Stiften sind. Dadurch wird die Durch­ sichtigkeit nicht hervorgebracht. Das Geheimniß des Lasieren’s macht unscheinbar, wie gemalt worden ist, da verschwindet das Nebeneinander, es ist das Durchdrungensein, das Duftende, Tizian’s Incarnat ist besonders gerühmt, es ist eine physische Tiefe in diesem Durchscheinen. Von Nähe ist 35 eine Fläche, erst von Weitem sieht man Unterschiede, ein Mittelton liegt zu Grunde, die die durch­ wirkende Einheit ist. Dazu gehört da des Leonardo Davinci und Coreggios Schattenkunst, das Durchscheinen der Gegenstände. durch die Schatten. Jeder Punkt wirkt indem ein anderes durch ihn wirkt, wie die Kraft. Jeder Punkt ist ein Verschwinden in einem andern. 11  Duftige aber] Duftigeabr

40

besondere gestaltungen · musik

1131

Musik

5

10

15

20

25

30

35

zur Subjektivität von dem äußerlichen Objektiven der Baukunst. Die räumliche, ruhende Äußerlichkeit, das Außereinander, indem es sich negirt und zum Scheine wird, geräth in Zittern, das seine Ruhe verändert. Die Idealität des räumlichen Bestehens ist fürs Gehör; die Künste sind nur für die theoretischen nicht für die praktischen Sinne; die Kunst ist so für die Theorie, für das begierdelose Anschau­ en; die theoretischen Sinne sind Gesicht und Gehör, welche man die ideellen nen­ nen kann, weil sie den Charakter der Räumlichkeit verlieren und das Erscheinen des Bewegens ein unmittelbares Verschwinden ist. Wir gehen somit zum Innerli­ chen über. Ich bin mit dieser Kunst am wenigsten vertraut, weil das musikalische Element etwas so abstraktes ist, sodaß wenn zur Angabe des Bestimmten fortgegangen wer­ den soll, nur durch die technischen Angaben gesprochen wird. Die Natur des Ele­ ments dieser Kunst und ihr Prinzip erfordert als das abstrakte Innerliche nur den Ton, weniger bestimmtes, und geht man darüber hinaus, so kommt man nur zu technischer Bestimmtheit. Die anderen Künste kann man objektive Künste zu der Musik nennen. Jene sind durch die Gestalt und Inhalt gebunden, von fester Bestimmtheit, Situation gehen Skulptur und Malerei aus; die Formen der Gestalt sind vorhanden und gegeben; der Charakter der Handlung hat sie zu individualisirn, aber sie ist bestimmt vorhan­ den. Das Äußerliche ist ebenso gegeben; die Formen sind aufzufassen und zu idea­ lisiren; aber sie sind Modelle, die modificirt werden müssen durch die Idee; aber fest sind sie doch immer in der Bestimmung. Sie bringen das in die Vorstellung eingehüllte zum äußern Anschauen. | Aber die Musik hat auch ein Thema; aber sie arbeitet nicht von Innen heraus; sie verhält sich synthetisch; es ist ein Zurükgehen in die eigene Freihheit; man macht sich eine Erinnerung in sich selbst. Die Einheit ist zu konzentriren in andern Künsten, je mehr bestimmt das Werk wird, desto mehr ist die Einheit verstärkt; die musikalische Ausbildung ist mehr ein Ausweiten, Entfernen und eine zurük­ führung dieses Ausweitens zur Einheit; aber das Thema wird nicht deutlicher, nicht explicirt; seine Bestimmung ist schon ausgesprochen im Thema, und erschöpft; in dem Gegensatz wird es widerholt; aber zum Verständniß wird nicht weiter beige­ tragen durch Details. Die Musik hat das Moment der subjektiven Freihheit, über das Thema hinauszureichen. Der Künstler erinert sich seiner Freihheit, er geht hin und zurük und treibt. Diese freie Willkühr, Fantasiren, zu zeigen ist Zweck. Er 4  Zittern] Li: Zittern, Bewegung­  ­17–24 Die anderen … Anschauen.] Li: | Es ist feste Bestim­ mung vorhanden, und die Künstler der Architectur und Malerei arbeiten sie nur hervor.­  ­27–28 in andern Künsten] Li: In Sculptur Malerei­  ­30 Ausweitens] Li: Ausschweifen

den 26/2Hn

118Hn

137rLi

1132

nachschrift heimann · 1828/29

kann bekannte Melodien verweben und zum heterogenen fortschreiten. Die Musik kann gehaltener ausgeführt werden; es kann plastischer sein; aber von jenem Punkte aus, wo sich der Künstler in Willkühr ergeht und sich unterbricht, fort­ wiegt, überschweift, geht er doch immer aus und macht seine Subjektivität gel­ tend. Soll die Skulptur die Natur studiren und ihre Formen, so hat die Musik nicht einen solchen Umfang von Formen und solche Bestimmtheit vor sich. Die

5

Macht der Musik

137vLi

hat diese Seite, daß eine gewisse Empfindung ausgesprochen ist, Freude, Liebe, Sehnsucht, Muth. Dieser Inhalt ist nicht der Musik eigenthümlich, sondern das, was zu der elementarischen Macht der Musik gehört, muß in ihr liegen, es ist das reine Innerliche, das leere Ich selbst, das in sich sich vernimmt, nur ein tönendes sich Vernehmen ohne bestimmten Inhalt. Diese Bewegung der reinen Innerlich­ keit des Ichs betrachtet, so bemächtigt sich die Musik der innersten Tiefe des In­ nerlichen; versenkt man sich in die Malerei des Gemäldes, so ist doch immer ein Äußerliches vor mir, ich mag mich noch so sehr in den Geist vertiefen, so erfüllt mich doch immer ein Äußeres. In der Musik hingegen werde ich ganz fortgetra­ gen, nicht mehr ein Ich gegen ein Objekt bin ich, nicht mehr halte Ich mich für mich, mein Ich ist in Anspruch ganz genommen. Die reine Subjektivität ist ver­ senkt. So bleibt Nichts für mich über gegen die Erfüllung dieses Inhalts. Bin ich von einem Gemälde noch so sehr umfangen, so bin Ich immer gegenüber einem Andern; in der Musik nicht; der Inhalt also gehört dazu, das reine Tönen, die ab­ strakte Innerlichkeit; (die militärische Musik giebt nicht den Muth, wenn er nicht da ist, sie fügt hinzu, wenn das Interesse des Inneren beschäftigt ist mit dem An­ griff ). Sie läßt so dem Subjekt keine Freihheit. Weiß man nur von der Zeit, die leer ist, so hat man Langeweile, und diese Leere weiß sie durch die Anregung zu beschäftigen. Die Macht der Musik beruht also auf dem Gesagten. Meine Entschuldigung habe ich schon gesagt über das Formelle.

10

15

20

25

5  Skulptur] Li: Malerei­  ­8–9 eine gewisse … Muth] Li: ein Inhalt, Empfindungen ausgesprochen werden. Situationen der Freude, des Schmerzes cet­  ­9–11 sondern das, … vernimmt] Li: er ist in dem Elementarischen princip, der reinen Innerlichkeit, des leeren Ich selbst, nicht vorhanden. Das Ich 30 vernimmt sich selbst in sich.­   ­12 bestimmten Inhalt] Li: bestimmte Vorstellungen und Inhalt­  ­ 18 mein Ich … genommen] Li: Das abstracte ich ist da nur in Anspruch genommen.­  ­19–22 Bin ich … Innerlichkeit] Li: Die Musik ist die reine Aeußerung mit dem Innersten identisch. Der Inhalt gehört zu der Macht der Musik, es ist nicht das reine Tönen selbst.­  ­25–26 diese Leere … beschäfti­ gen] Li: Das Innerste wird beschäftigt und harmonisch versenkt. 35 1  fortschreiten] fortzshreiten­  ­9 Sehnsucht] Sehensuht

besondere gestaltungen · musik

1133

Was das Abstrakte betrifft, so ist erst zu sprechen von dem |

5

10

15

20

25

Tönen.

119Hn

Ein Erzittern ist das Tönen; eine Veränderung entsteht dadurch, in dem sich die Subjektivität geltend machte. Die Luft erzittert. Eine materielle Länge ist es theils, und dann sind es Seiten; eine Fläche kann erzittern, wie das Fell, Glocke, oder in einem Raume, Blaseinstrumente. Es ist ein eigenes Bedürfniß, in sofern die Längen erzittern, die uns ansprechen. Pauke, Glocke dienen weniger zur Mu­ sik. Die Harmonika, diese Fläche bewirkt nicht einen daurenden Beifall; sie kann auch nicht in Verbindung mit andern Instrumenten gebracht werden. Ein concen­ tus kann man in die Harmonika nicht hereinbringen. Viele Menschen bekommen Kopfweh dabei. Das einfache Innerliche erfordert, in sofern daß ein Vernehmen ist, das Erzittern der Längen, die Linie; das breite Tönen der Flache, runden Flä­ che, ist physikalisch auch nicht angemessen der Kraft des Vernehmens. Das Hauptinstrument ist die menschliche Stimme. Die Luftsäule; die Muskeln, Darmsaiten mit ihrem Erzittern liegen zusammen in der menschlichen Stimme. Jedes Instrument hat einen eigenen Charakter; man hat sie in neuerer Zeit zum Zusammenstimmen gebracht, damit jedes in seiner Eigenthümlichkeit gehört und ein Magisches gebildet werde. Es ist als wenn ein Dialog in Mozarts Symphonien entstände in den beiden Instrumenten. Das Hauptinstrument aber ist die menschli­ che Stimme. Sie wird von der Seele regiert. Sie hat die große Mannigfaltigkeit und Partikularisation. Die ganz klare, einfache, italienische Stimme ist auch nur die Klare. Sie sollen ähnlich sein; aber sie partikularisiren sich doch bei der Klarheit. Bei unreinen Stimmen hört man auch Geräusch, als wenn eine Reibung, die sich hörbar macht, entsteht; es muß aber ein reines Erzittern der Luftsäule durch die Kehle sein. Wird die Kehle matt, so hört man die Reibung.

27/2Hn

1 –2 Was das … Tönen.] Li: Das Erste in der Musik sind die abstracten Bestimmungen, dazu gehört 1) das Tönen als solches.­  ­3 Ein Erzittern … Tönen] Li: Das Tönen ist ein Erzittern, Negation des räumlichen Bestehens.­  ­4 die Subjektivität] Li: Der Einheitspunkt der Subjectivitaet­   Die Luft er­ zittert.] Li: Die Frage ist, was ist es das so erzittert, das ist nur eine Luftsäule (Blasinstrument) 30 eingeschlossen­  ­5 dann sind es Seiten] Li: dann materielle Länge (Saiteninstrument)­  ­ 5–6 eine Fläche … Blaseinstrumente] Li: Erzittern der Flächen, Glocken, harmonica­  ­6–7 Es ist … anspre­ chen.] Li: Die Längen geben die beste harmonie, das einzige dauernde Wohlgefallen.­  ­10–11 Viele Menschen … dabei.] Li: Viele werden an Nerven erregt bei der Harmonika.­  ­11–13 Das einfa­ che … Vernehmens.] Li: Die einfache Länge ist das einfache Vernehmen. Die Aeußerung des Punk­ 35 tes ist die Linie. Hingegen das breite Tönen der Fläche zeigt sich physikalisch nicht angemessen den Bestimmungen des Vernehmens.­  ­20 von der Seele] Li: unmittelbar von der Seele regirt 24  ein] eine

1134

nachschrift heimann · 1828/29 Abstraktere Bestimmungen.

138rLi

120Hn

Der Takt ist der Begriff der Zeit, das Zeitmaaß. Wie die Malerei und Skulptur im Raume ist, so ist das Tönen in der Zeit; diese Äußerlichkeit ist aber negativ; es ist Etwas, was nicht mehr ist. Die Äußerlichkeit affirmativ ist der Raum nebenein­ ander. Aber die Zeit ist nur durch das Verschwundensein. Dieses hängt mit der Subjektivität zusammen und der abstrakten Innerlichkeit, welche einfach ist. Das äußerliche kann daher nicht bestimmt sein darin. In die Zeit muß nun das Maaß kommen; es kann das Tönen in der Zeit nicht unbestimmt fortgehen, wie es eini­ ge Musiker versucht haben; denn der Takt ist die Sammlung des Ich in sich selbst, und gegen dieses abstrakte Fortgehen zwar. Dieses Fließen der Zeit ist ein gleich­ mäßiges Fortgehen einer Linie, eine hinausgehende, verschwindende Äußerlich­ keit. Die Innerlichkeit gegen die Leere des Fortgehens, das Bei sich selbst sein, und das Sammlen seiner selbst ist eine Unterbrechung des Fortgangs, die aber immer gleich ist; immer derselbe Abschnitt wird wiederholt. Die gleiche Wiederholung befreit uns vom leeren Äußern; indem ich mich selbst darin erkenne. | Musik und Architektur haben so Einheiten, die elementarisch sind, Verstandeseinheiten als das Äußerliche; eine innere Rückkehr ist die Gleichheit. Das Natürliche hat keinen Takt, die Bewegung der himmlischen Körper ist nicht gleichmäßig. Der Verstand thut so dem Natürlichen Gewalt an, und im Äußern kann das nur Gleich­ förmigkeit sein. So die Gleichförmigkeit der Uhr. Das Gleiche muß auch Un­ gleichheit in sich enthalten. Verschiedene Töne sind ungleichförmig; einer wird eine längere, andrer kürzere Zeit gehalten; und in der Ungleichförmigkeit kann doch Einheit herrschen. Einförmigkeit im Tönen ist kein Takt. Ein Verhältniß von Län­ ge und Kürze zu einer Einheit gerechnet, tritt nun so ein. Ganze, halbe, u. s. w. Takte entstehen nun.

5

10

15

20

25

   Abstraktere Bestimmungen.] Li: Takt, harmonie, das Concrete der Musik ist nun noch zu 1 betrachten.­  ­2 Der Takt] Li: In wie fern ein Takt, Moment der Nothwendigkeit, Gedanke sich zeigt. – Der Takt­  ­6 Innerlichkeit] Li: Innerlichkeit, Punktualitaet­  ­ 8–9 wie es … haben] Li: Man hat versucht, taktlose Compositionen zu machen.­  ­12 Die Innerlichkeit … Fortgehens] Li: Die Innerlichkeit des Selbstsein gegen dieses perennierende Fortgehen­  ­14–15 Die gleiche … 30 erkenne.] Li: Die Wiederholung des Gleichen ist die Sammlung, indem das Gleiche wiederkehrt, erinnere ich mich, daß das schon das Meinige ist, ich sammle mich also da durch Erinnerungen.­  1­ 5–17 Musik und … Gleichheit.] Li: Das Gleiche was sich wiederholt ist die äußerliche Verstandes­ identitaet, die wir bei Architectur gesehen haben. Einheiten der Aeußerlichkeit ist Gleichheit, Identitaet. Das ist die Nothwendigkeit des Taktes.­  ­18 die Bewegung … gleichmäßig] Li: Selbst in 35 Regelmäßigkeit der Bewegung der himmlischen Körper ist die Zeit ungleichförmig, die Bewe­ gung retardirt und augmentirt.­  ­20 So die … Uhr.] Li: So ist die Uhr eine Gewalt, die Bewe­ gung wird da gezwungen = zu sein 25  entstehen] entsteht

besondere gestaltungen · musik

5

10

15

20

25

30

1135

die verschiedene Theilbarkeit der Einheit und verschiedene Art der Bewegung machen den Rhythmus des Taktes aus. Iambus und Trochäus sind dem Takt nach dieselben, der Rhythmus ist ein andrer. Vom Rhythmus des Takts ist der der Melo­ die verschieden. So fallen auch im Hexameter die Worte nicht mit dem Takt zusam­ men. Das Abweichende beider Rhythmen ist das Schöne in dem Silbenmaaß und Musik. Die Silbenmaaße können einen Rhythmus haben, und die Musik richtet sich unbewußt in dem Rhythmus der Melodie danach. Der iambische Rhythmus ist im Deutschen der Herrschende, eine langweilige Wiederkehr ta tá ta tá etc. Man macht den Franzosen den Vorwurf, daß sie nur auf die Anzahl der Silben sehen. Es scheint uns Mangel an Gehör, obwohl auch da das Melodische im Vers erscheint, wenn auch nicht die Strenge des Silbenmaaßes. Wir wollen stark angegriffen sein. Im Italienischen ist noch größer die Freiheit. Für die deklamatorische Musik ist es ein Vortheil. Nimmt man lateinische Texte, so sind sie frei von Rhythmus des Sil­ benmaaßes. Eine Gebundenheit und grobe Wiederkehr wie bei uns ist da nicht vorhanden. In der Musik wird man auch so von tiefern kürzern zu höhern längern Tönen übergegangen finden, wie im Händelschen Messias, wo der Text aus dem Englischen auch noch die Befangenheit des iambischen Rhythmus enthält. Die Händelsche Musik hat daher bei den Italienern keine große Wirkung hervorge­ bracht, weil dieses Geheimniß des Rhythmus dazu beigetragen hat. Für uns paßt dieser Rhythmus; er ist unsrer Natur gemäß. Befangenheit, Einförmigkeit fühlen wir nicht so. Die elementarische Bestimmung des Tons betrifft das Physikalische, das objektive Verhältniß des Tönens, abstrahirt vom Subjekt. Es ist dieses die Harmonie; nach physikalischer Bestimmtheit ist es so die harmonische Bestimmtheit. Diese beruht auf Zahlenverhältnissen, also eine mechanische Bestimmtheit. Das Tönen ist nun ein Erzittern eines elastischen Körpers einer Länge. Saite und Luftsäule haben eine Länge, die schwingen kann. Es kommt nun auf die Dicke der Länge auch an, und dann auf die Spannung. Pythagoras machte diese Entdeckung der drei Elemente. Es kommt darauf an, ob die Länge mehr oder weniger Schwingungen macht. Ist sie länger, so ist die Schwingung größer. Eine Schwingung macht eine octave. 5 Schwingungen auf 4 Schwingungen des Grundtons machen die Terze.

4 –6 So fallen … Musik.] Li: So geben die Worte und die Füße im Wechsel und Zusammenstoßen den Rhythmus des Verses, fällt beides zusammen, ist kein Rhythmus.­  ­9–10 Man macht … se­ 35 hen.] Li: Das ist bei Italienern und Franzosen, Engländern nicht, sie ennuirt die Einförmigkeit.­  ­ 17–22 wie im … so.] Li: Daher Hendels Messias der einen geheimen jambischen Rhythmus hat, mehr den Deutschen als den Engländern gefällt, obgleich der Text ursprünglich englisch ist.­  ­ 23 Die elementarische Bestimmung] Li: Das 2te Element 28  kann] können

138vLi

16/3Hn

1136 121Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Ist die Schwingung 3:2, so entsteht die Quinte, und 4:3 macht die Quarte aus. So bestimmt das Empfinden des Hörens der Verstand durch Zahlenverhältnisse. | Es ist nun ein wesentlicher Zusammenhang zwischen beiden. Man muß nur die Emp­ findung vom objektiven Bewußtsein in der Empfindung unterscheiden. Einen Ton hören ist ein einfaches Empfinden; aber diese Empfindung gewußt spricht sich als Verhältniß aus. Dieses hangt mit der Natur des Begriffs zusammen. Es giebt ein Verhältniß vom Empfinden zum Denken. In der Harmonie ist die Einheit; im Ton ist diese Harmonie nicht. Es ist die Einheit also in der Mannigfaltigkeit bei der Harmonie. Wo das Verhältniß der Zahlen sehr einfach ist, da ist am meisten Harmonie. Eine andere Verschiedenheit ist die der Tonarten, von denen die Alten viel spre­ chen, ionisch, lydisch, äolisch, dorisch. Die phrygische ist als traurig angegeben ge­ gen die ionische. Die Alten haben nur 8 Töne gehabt. Von diesen kann jeder zur Grundlage gemacht werden; im System dieser Töne ist eine Verschiedenheit des Fortschreitens der Töne.

5

10

15

Die konkrete Musik. 139vLi

139rLi

hier ist Hauptsache, von der Melodie zu sprechen, von der Höhe des Tönens der Empfindung. Wenn wir vom Natürlichen Tönen ausgehen, so ist es uns bekannt, was wir interjection nennen. Ein Ton der Empfindung ist es. Der Ausdruck durch den Ton, der Schrei, hat noch Nichts Artikulirtes. Man kann jedes Wort durch Schrei rufen, aber es ist noch nicht die Sprache und das Zeichen einer Vorstellung

20

  Ist die … aus.] Li: Quinte 2:3. Diese 3 machen harmonische Dreiheit. 3:1 giebt die Quarte d. h. 1 die höhere Saite ist 3/4 von der Länge der Saite des Grundtones. Secunde hat die Saite 8/9 des Grundtones, also die Saite ist gleich 8/9 der Saite­  ­1–10 So bestimmt … Harmonie.] Li: Wenn wir das harmonische hören, so ist das ganz verschiedenes von den Zahlenverhältnissen, nicht ein­ 25 mal Vorstellung des Schwingens haben wir vor uns. Das Harmonische des Tönens ist also herun­ tergesetzt wie es scheint auf so was | Trockenes. allein der Zusammenhang ist wesentlich. Harmo­ nisch ist ein Verschiedensein, aber ein Zusammenstimmen, die einfache Bestimmtheit des Empfindens ist in sich auch ein Verhältniß das beruht auf der Natur des Begriffes, erst dann wird es erkannt, wenn es als Verhältniß gewußt wird. Wie die Sache an sich ist, wie sie der Empfindung 30 erscheint Auch in dem harmonischen liegt Vernünftigkeit die aber nicht gewußt wird. Der Ton aber so wie die einfache Farbe ist in sich ein Verhältniß vom Hell und Dunkel, und von Höhe und Tiefe. Da ist die Harmonie am größten, wo die Verhältnisse der Zahlen am Einfachsten sind.­  ­ 12  ionisch, lydisch, äolisch, dorisch] Li: ionisch, lydisch, dorisch, phrygisch­  ­12–13 Die phrygi­ sche … ionische.] Li: Dorische Tonart traurig, schwerfällig.­  ­13 8 Töne] Li: 8 Töne in der Oktave 35 ohne die halben Töne­  ­14–15 ist eine … Töne] Li: soll ihm auch eine Terz, Quart, Quinte cet zukommen. C hat an e die Terz, an f die Quart, ist e der Grundton so ist G Terz, A die Quart. Allein von e–f ist nur 1/2 Ton, also ist eine ganz andere Art des Fortschreitens, die einen verschie­ denen Caracter giebt.­  ­16 Die konkrete Musik.] Li: Das 3te Element ist die concrete Musik­  ­ 19 Ein Ton … es.] Li: der Ausbruch in einen Ton der die Empfindung mahlt 40

besondere gestaltungen · musik

5

10

15

20

25

1137

zu Bewußtsein gebracht. Aber der natürliche Ton ist noch nicht Musik, noch nicht die Kunst. Die Musik erregt Empfindung, aber diese wird schön, indem sie in ein bestimmtes Verhältniß gebracht wird, und das Tönen zum Gegenstand gemacht wird; das gebildete Tönen ist die Melodie, Modifikation in der natürlichen Äuße­ rung. Empfindung liegt zurük; aber der Ton wird zur Folge von Tönen ausgebildet. Die Melodie macht nun das Schöne der Musik aus. Die subjektive Leidenschaft wird das Überwiegende. Besonders ist aber das Sangbare überhaupt in der Melodie das Geistvolle. Es ist dasjenige, was nah an der menschlichen Stimme liegt, sie wird dann das Hemmen­ de der Leidenschaft und des überströmenden Willens, also ein Geistvolles. Unabgesehen von der mechanischen Fertigkeit eines Instruments, wie der Triller ist die Melodie die Befriedigung des Sinnlichen, das Unmittelbare, Natürliche; wenn die Lerche trillert, die Nachtigall schlägt, so ist es ein unmittelbar Genie­ ßendes in der Melodie. Dieses Melodische in den höchsten Leiden und Freuden Andacht und Demuth hat die Natürlichkeit besonders in sich, und dieses Melodi­ sche ist besonders in den Italienern zu finden. Einfache Größe findet man in ihren erhabenen Melodien, es ist die Befriedigung der Versöhnung, welche sich aus­ spricht in ihrer heiligen Musik. Zerrissenheit der Leidenschaft findet man nicht, es ist immer Harmonie in dem Schmerze. Maria Magdalena hat den Schmerz der Zerrissenheit, ist aber schön und tief zugleich, es ist ein Beisichsein in der Zerris­ senheit. So ist auch im Burlesken bei den Italienern das Schöne nie übersehen. D. i. so der Mittelpunkt der Schönheit der Musik. | Ist aber das Plastische in der Skulptur, das Charakteristische, Tiefe in der Male­ rei, so ist in der Musik das Melodische hervorzuheben. Die einfache Bewegung des Empfindens befriedigt nicht; das Melodische aber ist befriedigend wie das Ka­ rakteristische des Rafael in der Malerei.

5  Empfindung liegt zurük] Li: Die Melodie hat also Empfindung zum Grunde­   ausgebildet] Li: ausgebildet zur Folge von Tönen. Ein Grundton bleibt, aber alle übrigen Töne werden mit ihm durch Harmonie zu einem ganzen geschlossen.­  ­7 das Überwiegende] Li: das Empfindende, sie 30 ist die unendliche Möglichkeit der Bewegung, aber wo die Rückkehr zu dem einen immer im Auge ist.­  ­9–10 sie wird … Geistvolles] Li: die Stimme gehört dem Geiste an, Zügelung der Af­ fecte, der Ausgelassenheit, des Tobens der Willkühr, die Forderung der Seeligkeit, das Befriedigt­ sein in sich­  ­11–14 Unabgesehen von … Melodie.] Li: Das Melodische ist daher die sinnliche Weise der Befriedigung. Die Kunst soll Darstellung im sinnlichen Medium sein, da Befriedigung. 35 Der Gesang der Lerche im blauen Himmel ist ein sinnliches Ergehen, das sich unmittelbar genie­ ßen läßt.­  ­14–15 Dieses Melodische … sich] Li: Im höchsten Schwunge der Andacht und Leiden der Seele wird das Schöne bemerkbar.­  ­18–19 Zerrissenheit der … Schmerze.] Li: Es ist nicht bloßer Schrei der Empfindung oder Zerrissenheit, aber der Schmerz selbst ist schön und bleibt schön, wie die büßende Magdalena.­  ­21 So ist … übersehen.] Li: Im burlesquen bleibt das Zierli­ 40 che und Anmuthige, ein Harlekin gegen einen Hanswurst.­  ­25–26 das Melodische … Malerei] Li: wenn die Melodie durch den Caracter des Erhabenen verletzt wird

17/3Hn

140rLi

122Hn

1138

nachschrift heimann · 1828/29

Das Empfinden und die Seligkeit des Empfindens, das Spiel mit diesem Ver­ nehmen ist zuletzt so bestimmungslos, daß es eine allgemeine abstrakte Bestim­ mung der Seele wird; Schmerz Vergnügen, Lust sind diese Allgemeinen Bestimmungen. Aber sie enthalten in der ernsten Wirklichkeit die unendliche Mannigfaltigkeit in weiteren Bestimmungen. Der Schmerz, Verlust, Furcht vor Verlust, Gegenstand des Verlustes – Leben – mit seinem Reichthum – Jugend – des Mädchens u. s. w. ha­ ben so die mannigfaltigsten Bestimmungen. Diese Mannigfaltigkeit ist im Melodi­ schen nicht enthalten. Das Leiden wird Leidenschaft, sie drückt sich aus durch Tönen, und steigert sich in die Extreme der Zerrissenheit gegen den Genuß der Seele in sich selbst. Das Bedürfniß größerer Mannigfaltigkeit tritt ein beim belebten Fortschreiten der Töne, die in ihrem Gange Melodie enthalten. Ein Fortschreiten ist die Chor­ stimme, es ist der Reichthum der Töne; eins wird durch das Andre, und das Ganze ist Harmonie in ihm selbst. Das Tönen im Fortschreiten ist nun Harmonie, die in die mannigfaltigsten Verschlingungen gesetzt werden kann. So werden Gänge un­ ter sich verbunden, von denen jeder verschieden von den andern, dennoch mit den andern Harmonie geben. Das Melodische tritt nun in Gegensatz auf. Die Disso­ nanzen fehlen nicht; aber von ihnen entsteht das Zurükkehren, das Versöhnen.

5

10

15

Die Kunstkenntniß. 140vLi

Die deklamatorische Musik, Musik, die einen Text hat, Gedichte oder Worte, in denen sich Reichthum der Vorstellungen ausdrükt, wo das Empfinden zur Vorstellung übergeht, und wodurch sich überhaupt das Empfinden des Menschen von dem der Thiere unterscheidet. Bei den Gedichten kann das Melodische vor­ herrschend sein; jedes Lied hat ein ganzes von Stimmung, so wie eine Leiden­ schaft einen Ton hat; so ist im Liede im Ganzen Ein Ton; jeder Vers hat aber doch eine Verschiedenheit im Ausdruck. Ein Lied kann nun so gebildet werden, daß das Ganze besonders angemessen ist den Versen. Der Sinn schrankt sich ein auf den Ton; Sinn und Worte sind nicht überwiegend; nur die Melodie. Es giebt Verse, wo jeder eine andere Stimmung hat, andere Empfindungen, alsdann ist die Musik nicht am Platze, so wie man auch nicht das metrum immer fort so än­

20

25

30

2–3 daß es … Bestimmungen] Li: es ist nur das Ergehen einer allgemeinen Empfindung als Traurig­ keit, Schmerz, Freude­  ­8 Leidenschaft] Li: Leidenschaft, Affect­  ­9 Zerrissenheit] Li: höchste Zerrissenheit­  ­21 Reichthum] Li: der unendliche Reichthum­  ­21–22 wo das … übergeht] Li: Das Empfinden ist in der Musik und es geht zur Vorstellung durch den Text über, der Text giebt das nähere des Inhalts an. 35 2  bestimmungslos] bestimmtlos­  ­11 Fortschreiten] Fortstreiten

besondere gestaltungen · musik

5

10

15

20

25

1139

dert. Die Musik wird hier ein Begleitendes, eine der höchsten Gattungen der Musik. Die alte Musik war so begleitende. Die Kirchengebete machen bei der Kirchenmusik Grundlage zu Musik. Bei den Protestanten sind die Choräle Haupt­ sache; deren Kirchenmusik mehr Zerstreuung und Vergnügen als Gottesdienst in den Oratorien ist.| Die Musik ist auch dramatisch in der Oper, deren Unterabtheilung Vermischung vom Heterogenen der Prosa und Musik ist, und deßhalb ohne Verstand ist; unna­ türlich nennt man sie sonst; aber unnatürlicher ist es noch, einen Helden immer fort in der Oper singen zu hören. Aber hier sind wir einmal aus der Prosa heraus­ gezogen und zur Kunstwelt emporgehoben. In der Vermischung aber ist nur dann eine Rechtfertigung möglich, wenn die Vermischung eine Ironie auf sich selbst ist, wie in der französischen guten Operette. Es ist ein sich selbst Parodirendes. Der Text soll hier aber und Sinn vernommen werden, und die Musik ist nur beglei­ tend; ein Anflug vom Komischen erscheint nun. Ist aber Ernst darin, so ist die Vermischung geschmacklos. Der Text muß einen guten Inhalt haben, wenn die große Würze angebracht sein soll; aus einer gebratenen Katze kann man keinen Hasen schaffen, man mag sie noch so bespiken. Bei der melodischen Musik ist der Text gleichgültig, aber der Inhalt muß doch immer dasein. Ein guter musikalischer Text darf nicht ein Trivi­ ales haben, wie wir es in alten deutschen Operetten haben; aber er muß auch nicht zu gedankenschwer sein; ein Pathos von Schiller, das Schiksalbestimmende ist für die Vorstellung zu überwältigend wie sophokleische Chöre, als daß man sie zu Musik gebrauchen kann; sie sind zu ausgearbeitet, sodaß der Vorstellung Nichts über bleibt, um noch damit zu spielen, und in besondrer bewegung sich zu erge­ hen. Romantischer Inhalt der Texte ist die reflektirende Poesie, sie soll Volks­ poesie sein, und naiv, aber es ist eine Naivität, die sich auf Gemeinheit Etwas zu Gute thut. Reine Empfindungen sind nicht darin herrschend, sondern eine Er­ zwungene Reflexion über das Empfinden. Schönthuerei liegt mehr als Durch­

123Hn

18/3Hn

1–2  Die Musik … Musik.] Li: Ist der Text das Ueberwiegende, dann ist die Musik ein 30 begleitendes­  ­2 begleitende] Li: Erst in neuen Zeiten hat die Instrumentalmusik ihre Selbststän­

digkeit erlangt.­  ­ 3–5 Bei den … ist.] Li: Im Protestantismus greift die Musik vor dem Gottes­ dienst nicht in den Kultus ein, Oratoria haben nur erbauliche Musik zum Zwecke. Die deklamato­ rische Musik ist aber im catolischen cultus bei verschiedenen Festen, verschieden.­  ­6–7 deren Unterabtheilung … ist] Li: Die Vermischungen von prosaischen und musikalischen in den Operet­ 35 ten Vaudevilles sind verstandlos.­  ­10 zur Kunstwelt] Li: in höhere Kunstwelt­  ­16 Der Text … haben] Li: | Im Text muß wahrhafter Inhalt sein, sonst geht die ganze Kunst des Compositeurs verloren.­  ­20 wie wir … haben] Li: wie die Operetten von Weise­  ­25–27 Romantischer In­ halt … thut.] Li: Der Inhalt der neuern Zeiten, der Text der romantischen Poesie, diese soll einer­ seits naiv sein, Volkspoesie sein, es zeigt sich aber bald, daß es eine precioese naivitaet ist, die ge­ 40 schraubt ist­  ­28–1140,1 Schönthuerei liegt … Gefühle.] Li: Schönthuerei mit dem Gefühle, nicht durchdringendes Gefühl

141rLi

1140

141vLi

124Hn

19/3Hn

nachschrift heimann · 1828/29

dringendes in diesem Gefühle. Unwahre Empfindung, unschöne Leidenschaft, wie teuflische Bosheit, die, wenn sie auch vorkommen, doch nicht wegen der Ab­ straktion unwahr sind, kommen in diesen romantischen Texten vor. Heftigkeit, Tändelei mit sich selbst ist nicht gründliche und wahrhafte Empfindung. Der In­ halt muß einfache Empfindung sein; nicht Tiefe noch Selbstgefälligkeit. Die Poesie muß eine gewisse mittelere Art Poesie sein, die wir nicht mehr für Poesie im deutschen halten; aber die Franzosen und Italiener. Die Empfindung darf nicht zu tiefem noch zu Tändelndem Bewußtsein kommen. Der Text für die Oper und religiöse Musik kann trefflich für die Composition sein, kann uns aber im Denken nicht befriedigen, wie der von der Zauberflöte. Schikaneder, der sonst die phan­ tastischsten Dinge geschrieben hat für die Wiener Vorstadt, hat ohne Bewußtsein die Zauberflöte sehr gut geschrieben. Die französischen und italienischen Texte sind so von dieser Art, dann die Händelschen Texte, die er selbst geschrieben, enthalten allgemeine Situationen, die ungefähre Beziehung haben, und auch die Gluckschen Texte, die aus Metastasio genommen sind. Marmontel, der feine, empfindungs­ reiche Dichter hat große Wirksamkeit auf Gemüth und Fantasie. Große Kompo­ siteure haben große Texte vor sich gehabt. Die Musik begleitet, und was begleitet wird, muß gediegen sein, wenn die Musik gediegen ist. Die Übersetzung ist so gefährlich, es leidet die musikalische Zusammenstimmung. Jedes Wort muß ausge­ malt sein, um nicht auf ein gleichgültiges Wort den Effekt zu legen[.] |Gegen die Harmonie der Schönheit sind die Verbindungen der Contraste in einer Musik; so die fröhliche Stimmung des Herzens im Walzer, aber zugleich auch die heftigste Zerrissenheit des Gemüthes.

5

10

15

20

 –3  doch nicht … sind] Li: sie doch in sich unwahr sind, als teuflische Wesen, Ergötzen an 2 Schändlichkeiten­  ­4 gründliche] Li: gediegene­  ­5 einfache] Li: wahrhafte einfachste­­  ­10 Schi­ 25 kaneder] Li: Schikaneder, Direktor einer Operngesellschaft in Wienervorstadt­   ­11–12 hat ohne … geschrieben] Li: Der sonst burlesque ist, hier hat er aber das richtige getroffen. Alles erfüllt da Phantasie und erwärmt das Herz. Poesie die fein ist, aber sich in mittlerer Sphaere der Poesie hält.­  ­13–14 enthalten allgemeine … haben] Li: sind so allgemeine religiöse Vorstellungen. Der Inhalt so weit herausgeführt, als für die Musik vortheilhaft ist.­  ­15–16 der feine, empfindungsrei­ 30 che Dichter] Li: den ausgezeichneten leichten Dichter­  19 gefährlich] Li: gefährlich. Selbst in Sanders trefflichen Uebersetzungen von Gluck’s Musiktexten sind manche Mißstellen. Das Herz des Compositeurs muß das Gediegene der Empfindung selbst empfunden haben.­  ­20–23 Gegen die … Gemüthes.] Li: Die einfachen Motive müssen sich sanft entwickeln. jetzt sucht man den Effect durch Contraste der Empfindungen zu gleicher Zeit hervorzubringen. In derselben Musik 35 Rache, die schlimmsten Leidenschaften, mit Fröhlichkeit, Feierlichkeit. Das ist allerdings etwas Mächtiges, diese Contraste in uns zu vereinigen, aber diese Contraste sind gegen die harmonie der Schönheit, das herüberreißen von einem zu andern. / Der Gegensatz von Schönheit und Caracte­ ristischen bei der Malerei, war der Art, daß jedes Moment bedeutend sei, durchdrungen von der 34  müssen] muß

40

besondere gestaltungen · musik

5

10

15

20

1141

Die Skulptur beruht auf sich, in sofern kann man die melodische Musik nach ihr nennen; mit der Malerei kann man die deklamatorische vergleichen, hier ist eine Zerlegung in Ausdruck und musikalische Begleitung. Gegen Beides ist ein drittes noch zu besprechen. Die Subjektivität ist der Charakter der Musik überhaupt, und dieses Innerliche ist bestimmungslos. Das Innerste im Konkreten ist die Subjekti­ vität als solche, ohne bestimmten substanziellen Gehalt, die ihre Willkühr aus­ üben und sich befreien und dem Hinschweben der Melodie sich entreißen kann, wie von dem bestimmten Inhalte sich entfesseln; dieses dritte kommt auch in Rüksicht aufs Publikum vor. Empfindung und Handlung macht den Inhalt der dramatischen Musik aus. Das eigentliche Musikalische ist die Empfindung; weniger ist die Handlung der Musik zu haben, sie ist mehr recitativisch, zusammenhaltend und gehaltvoll. Das Publikum macht sich nun bald vom äußern Inhalte los und hält sich ans eigentlich Musikalische. Dieser Unterschied des Inhaltes lenkt uns aufs eigentlich Musikalische, Eine Forderung, die auch der Italiener macht, wir nicht. Der Italiener spricht und ißt beim Rezitativ, paßt auf bei der eigentlichen Musik. Inhalt ist uns bekannt oder unbekannt; kennen wir ihn, sind wir nicht mehr gespannt; wir können nun nicht mehr gleich aufpassen, und reißen uns von dem Inhalte los, der nicht musikalisch ist. Die Form der Instrumentalmusik ist eine andere. Text bindet nicht mehr und der Compositeur kann ganz seine Willkühr zeigen, er ist ganz unabhängig, und sein Genie, der Reichthum seiner Motive und harmonischen Kunst entfaltet sich ohne objektive Grundlage; eine fortwährende Aufgabe und Versuch einen Inhalt zu erhaschen zeigt sich und wird unterbrochen. Das Objektive der Melodie ist innern Einheit. Bei Musik ist die Gefahr leichter, daß das auseinander geht, in das zu abstracte, Carac­

25 teristische fortgegangen wird, zu allen extremen des Bestimmtseins als Gewalt, böse Leidenschaften.

Der Umstand der Fortbewegung der Musik erlaubt das einzelne für sich nicht tief zu caracterisieren. Das Urtheil über die Musik ist also so sehr getheilt. Hendel Direktor italienischer Gruppe konnte schwer aus seinen Sängern die das melodische vorzogen das bedeutungsvolle auszupressen. Er verließ die Operncomposition und legte sich auf Oratorien. (am Rande: Der Streit zwischen Glucks und Picinis 30 Musik war heftig, wie heute für und gegen Rossini gesprochen wird. Seine Musik ist gefühlvoll, was dem deutsch strengen Caracter zuwider ist. In der Inquisitionsscene der diebischen Elster von Rossini singt der Criminalrichter im freiesten Ergehen der Melodie) 4 Die Subjektivität … überhaupt] Li: Der Boden des musikalischen ist das Innerste der subjectivitaet­   ­5 Das Innerste im Konkreten] Li: Das nächste concrete­  ­6 ihre Willkühr] Li: ganz das Recht ihrer 35 Willkühr­  ­8 dritte] Li: Entreißen­  ­9 aufs Publikum] Li: auf den Hörer­  ­10 ist die Empfindung] Li: sind die Empfindungen Leidenschaften­  ­13–14 Dieser Unterschied … Musikalische] Li: Das geht nicht musikalisch zu behandeln, was nicht musikalisch geeignet ist.­  ­22 ohne objektive Grundlage] Li: lediglich von dem subjecte abhangend­  ­22–23 eine fortwährende … unterbrochen] Li: Es ist die Musik die fortwahrendes Räthsel, Aufgabe ist, dem Anhörer einen Sinn zu erhaschen, wozu er 40 aber niemals kommt. 23  zeigt] szeigt

142rLi

1142

125Hn

142vLi

nachschrift heimann · 1828/29

kein Hinderniß mehr. Solche Musik, wenn sie nicht ganz beschäftigt, erregt leicht eine Träumerei des Zuhörers seiner eigenen Gefühle. Nicht mehr die Mu­ sik erfüllt ihn und interessirt. Eine solche Musik kann auch gar Nichts selbst aus­ drüken zuweilen, und ist nur begleitend, wie beim Gottesdienst. Die Andacht beschäftigt, und das Tönen ist ein vorbeigehendes Verklingen. Deßhalb soll die Musik in der Kirche nicht zu ausgearbeitet, sondern einfach sein, um nicht die An­ dacht zu stören, wie auch die einfachsten Bilder am besten die Andacht erhöhen können. Man darf daher solche Musik nicht aus dem Umfange ihrer Wirklichkeit herausgerissen, beurtheilen. Spricht sich nun die Subjektivität am meisten in der Instrumentalmusik aus, so ist noch eine andere Subjektivität im Ausüben der Kunst zu bemerken. Bei der Skulp­ tur verschwindet der Künstler ganz; nicht so bei der Musik; der Stein ist das Bild in der Ruhe; und so wie der dichter beim Epos, so verschwindet hier der Künstler, und erscheint nur wie der Rhapsode beim Epos, der auf sein Tönen nicht die Auf­ merksamkeit zieht. | Der ausübende Künstler kann ebenso zum Handwerker heruntersinken, und wird als Gehorchender angesehen, der seine Lektion vorträgt. Der Vortrag kann aber auch seelenvoll sein, sodaß der Künstler ruhig ist, und bemüht für die Aus­ führung ist, er hört auf seinen Vortrag. Der geniale Künstler geräth leicht dahin in der Exekution als selbst komponirend zu erscheinen, wie es Rossini dem Künstler leicht gemacht hat, selbst sich zu zeigen. Ein melodisches Ergehen zeigt sich dann auch in der Melodischen Musik besonders; ist so die Freihheit des Sän­ gers überwiegend, so hat man das künstlerische Wirken vor sich; der Produziren­ de selbst interessirt dann in der lebendigen Gegenwart; alles Bedingende ist ver­ schwunden, wie die Bedingungen der Kirche und des Inhalts der dramatischen Musik. Die gegenwärtige Seele läßt des Textes entbehren. Ebenso kann es bei

5

10

15

20

25

1–3 Solche Musik, … interessirt.] Li: Wenn solche Musik nicht geistreich ist, so wandelt sie den Zuhörer leicht an, sich eine Erfüllung für dieses Ergehen zu machen, der Zuhörer verfällt in Träumereien­  ­ 3–4 Eine solche … Gottesdienst.] Li: | Eine andere Weise der Erfüllung ist die, wenn während der Musik etwas geschieht, als Gottesdienst.­  ­10–11 Spricht sich … bemerken.] 30 Li: Eine dritte Subjectivitaet, die sich für sich constituirt, ist die ausübende des Künstlers.­  ­ 13–15 so wie … zieht] Li: Zur Wirklichkeit der Musik gehört der ausübende Künstler, entweder wie der Rhapsode zur Recitation des epischen Gedichts.­  ­16–17 Der ausübende … vorträgt.] Li: Bei der Execution der Musik ist der ausübende Künstler blos gehorchend, oft ganz äußerlich me­ chanisch, wenn er nichts mehr thut, als seine Lektion hersagt­  ­18–19 und bemüht … Vortrag] 35 Li: als executirender, oder als componirender.   ­ ­ 19–21 Der geniale … zeigen.] Li: Oft ist dem Sänger selbst ein Theil der Verzierung der Ausfüllung überlassen.­  ­22–23 ist so … überwiegend] Li: So ist bei Rossini der Fall, wo das Melodische und daher die Freiheit des Sängers überwiegend ist.­  ­26–1143,1 Ebenso kann … herrscht.] Li: Das Subject kann da durch Meisterschaft selbst den Gang der Melodie unterbrechen. 40 21  Künstler] Kler es

besondere gestaltungen · poesie

5

10

1143

andern Instrumenten als Sachen sich zeigen, wo die Existenz nicht mehr herrscht. In der Virtuosität verliert das Instrument sein Recht als Sache, es wird Organ des Künstlers; das Genie zeigt seine Meisterschaft über die Außere und innere unge­ bundene Freiheit. Das Momentane beweist die Willkühr, melodisch fortzuge­ hen, humoristisch sich zu unterbrechen, und auch innerlich seine Freiheit über das Instrument darzuthun. Der Künstler kann aus einem beschränkten Instrument, wie Violine, ein großes machen, den Charakter überwinden, und die Mannigfaltig­ keit von Klangarten anderer Instrumente hervorbringen. Wir haben jetzt das wun­ dervolle Geheimniß vor den Ohren, daß ein solches Instrument zu einem selbstlo­ sen, beseelten Organ geworden, und das innerliche Produziren der genialen Phantasie wie in keiner andern Kunst. Wir gehen zum Tönen fort, als Zeichen der Vorstellung, zur redenden Kunst.

Von der Poesie.

15

20

25

Das Tönen ist für sich inhaltslos; bestimmt es sich zum Wort, so wird es Aus­ druck der Vorstellung; die Architektur verlangt einen Gott und Gemeinde; das Abstrakte Tönen der Musik verlangt einen Text für Vorstelung; die redende Kunst ist das 3te zu diesen. sie hat Inhalt und Bestimmtheit der Gestaltung von der Skulptur genommen, und das Tönen des Sich selbst Vernehmens aus der Musik genommen. Fängt man von der Poesie zu sprechen an, und ist noch nicht von In­ halt und Weise der Kunst gesprochen, so ist die Schwierigkeit, zu sagen, was Poesie sei. Will man eine Definition geben von der Individualität einer Gattung, indem man von den individuellen Produkten ausgeht, so ist schwierig ein Allgemeines zu sagen, in dem alles enthalten ist. So auch in Gedichten, wenn sie solche sind, die Erklärungen von Poesie geben. Denn nicht alle Gedichte sind solche; wir gehen nach dem Vorhandenen, was man als Poesie ansieht, zu Erklärungen gewöhnlich; aber der Begriff der Poesie ist für sich anzugeben, und dieser Aufgabe sind wir überhoben, da wir nur vom Schönen überhaupt gesprochen haben. Spricht man nun von Poesie, von dem Verschiedenen von der Prosa, so mußte alles, was vom Ideal 2 –3  als Sache, … Künstlers] Li: äußerliches Organ zu sein, es wird zum lebendigen Organ des

30 Künstlers­  ­ 3–4 zeigt seine … Freiheit] Li: zeigt nicht nur in der Aeußerlichkeit ihre Meister­

schaft, sondern auch in der Innerlichkeit­  ­8–11 Wir haben … Kunst.] Li: Da ist die höchste Spitze musikalischer Gewalt. Ein äußeres Werkzeug wird zu einem vollkommen beseelten Organ, wir haben vor uns das innere Concepiren und produciren der genialen Phantasie. Die Gegenwart des Producirens ist allein in der Musik möglich.­  ­13 Von der Poesie.] Li: Redende Künste­  ­18 das 35 Tönen … Vernehmens] Li: das subjective Element des Tones 7  machen] macht­   überwinden] übwindet­  ­21–22 indem man] und­  ­24 Poesie] Poes zu

143rLi

20/3Hn

1144 126Hn

143vLi

nachschrift heimann · 1828/29

gesagt ist wiederholt werden. Das Geistige soll schön zu bewußtsein gebracht wer­ den. | Das Natürliche, Landschaft und Berge, Gesetze der Bewegung, Adern und Farben können nicht Gegenstand der Poesie sein, wenn sie nicht als Umgebendes der Empfindung dargestellt werden. Das Geistige des Inhalts soll nicht prosaisch, sondern poetisch, idealisch, wie schon früher gesagt dargestellt sein. Es muß eine geschlossene Gestaltung sein mit mannigfachen Beziehungen und Handlungen. Alles muß sich als bewegt, von seinem substanziellen Wesen gesetzt zeigen von einem Innern. Der unendliche Stoff steht in einem verständigen Zusammenhang, der wie Mittel zum Zweck, nach Außerlichem und Endlichem in der Prosa; jede Sache steht als besondere für sich vor einem andern da. Von Innen herausgeht das, was idealisch ist. Nach endlichen Ursachen geht alles Prosaische, so auch das pro­ saische Gedicht; aber das Äußerliche muß einen verständigen, mächtigen, vom Zwecke aus determinirten Grund haben. Ausgeschlossen ist deßhalb die Form der gesetzlichen Wissenschaft; das Allgemeine muß sich besondern, indem es auf indi­ viduelle Weise von einem gewünscht ist. Die Anfänge der Poesie müssen daher wohl getrennt werden von dem Folgenden. Älter ist die Poesie als Prosa. Der Mensch wurde poetisch, indem er s i c h aus­ sprechen wollte; in der Prosa ist die Sache der Zweck und Interesse; in der Poesie ist die Sache nicht so zum Zwecke, nur das Selbst. Das Gesprochene ist nur da, um gesprochen zu sein in der Poesie; im Herodot finden wir einige Inschriften in Disti­ chen; der Inhalt ist prosaisch; aber Interesse ist Inschrift, das Gesagte für die Nach­ welt, daß man es wisse; der Ausdruck wird ein gebildeter und poetisch; der Inhalt kann ganz einfach sein. Die Inschrift bei Thermopylä: hier haben 300 Myriaden gegen 4000 Peloponnesier gefochten; ebenso ist im Homer alles einfach, das Wort als solches, nicht metaphorisch, gesagt. Das Wort ist aber von solcher Würde, daß es zum musikalischen sich hin neigt; aber dieses machen des Wortes (ποιειν), die­

5

10

15

20

25

   Das Geistige soll schön] Li: Der Stoff der Poesie ist das Geistige, das soll­  ­ 2–4 Das Natürli­ 1 che, … werden.] Li: Nur so fern die Gegenstände Anregungen der Empfindung des Geistes sind, Bedingungen seines Handelns, nur so weit gehören sie in die Poesie.­  ­7 Alles] Li: Alles was zur Aeußerung gehört­  ­8 Der unendliche Stoff ] Li: Das prosaische­  ­10–11 Von Innen … ist.] Li: Im 30 Idealischen ist aber eine Seele ein Zweck, wo das mächtige des Bestimmens von innen heraus­ geht, | und das ist der wesentliche Zusammenhang, der vom Zweck determinirt ist.­  ­17–19 Äl­ ter ist … Selbst.] Li: Das Vernünftige muß in der Kunst zugleich als beseelt ausgedrückt sein. Der Mensch indem er angefangen hat, den Zweck auszusprechen, so hat er unmittelbar in Poesie ge­ sprochen. In prosa ist das Interesse nur practisch.­  ­19–24 Das Gesprochene … gefochten] Li: Mit 35 dem theoretischen, wenn der Mensch spricht, damit es ausgesprochen sei, tritt edlerer Ausdruck ein. z. B. die Inschrift bei Thermopyle dem Inhalt nach ist ganz prosaisch „hier haben 4000 aus Pelopones gegen 30 myriaden der Asiaten gestritten‘‘ es ist nur 1 Distichon, und das gilt schon für sich, und ist Poesie, es ist gesprochen, damit es gesprochen sei, und macht sich gebildeter. 2  Das] Nicht d­  ­14 Wissenschaft] Wissentsch

40

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

1145

ser einfache Inhalt ist ποιησις. Gegenüber der Prosa, die nicht mehr für sich spricht, ist so die Poesie. Die Poesie ist die Kunst vom weitesten Umfang. Ihr Element ist das Wort. das Reich der Vorstellung ist das reichste, und dieses ist darin ausgedrückt, und deßhalb ist diese Rede das Allerumfassendste. Dieses Bildsame Wort, dem Geiste ange­ eignet, der seine Interessen ausdrückt, ist mehr als der Stein, Farbe, geeignet, ihn in allen seinen Bewegungen fassen zu können. Alle Empfindungen, Leidenschaf­ ten, Mächte des geistigen Lebens sollen zu Bewußtsein gebracht werden, und ist Inhalt der Poesie. Sie ist die erste, ausgebreitetste Lehrerinn des Menschen gewe­ sen, und ist es noch. Das Lernen ist, um uns bewußt zu werden; wir müssen unse­ re Mächte und Kräfte wissen, und dieses Wissen in der substanziellen Form gibt uns die Poesie. Des Menschen Geist ist mannigfaltig, national. Indem die Poesie nicht das Wissen­schaftliche Allgemeine, sondern Bildliche individualisirt, und das Allgemeine vorstellt, so ist sie national, und orientalisch, deutsch, italienisch u. s. w. sind ver­ schieden. Zu gewissen Zeiten ist die Poesie anders; die Poesie ist also national und temporär. Die Empfindungsweisen sind nationell und temporär partikularisirt. Die morgenländischen Verhältnisse sind ihrer Natur nach poetischer als die des Abendlands. Das substanzielle Unzersplitterte ist dort Hauptsache und poetisch. | Wir gehen in die Individualisirung über, und machen jedes selbstständig; wodurch wir das Endliche selbstständig machen. Es kommt auf die Form an, in der sich die Poesie in dem Worte darstellt. Das Poetische muß versificirt sein. Der Ausdruck des Inhalts des Wortes soll nicht bloß gesprochen sein, sondern soll für sich gesprochen werden, als absichtlich Gemachtes erscheinen. Der Duft der Äußerung der Poesie ist die Versifikation. Eine Ankün­ digung ist uns da, daß wir aus dem gewöhnlichen Leben herausgerückt sind. Die Äußerung soll gefallen, als Etwas für sich Interessantes sich interessant zeigen[.]

5–7 Dieses Bildsame … können.] Li: Das Wort das Zeichen der Vorstellung ist das biegsame Mate­ rial vom Geiste unmittelbar producirt, fähig alles auszudrücken, was der Geist ist, was die mensch­ 30 liche Brust bewegt.­  ­13 Des Menschen … national.] Li: Der menschliche Geist ist vielfach parti­ cularisirt. 1) nationalCaracter, jede Nation hat ihre eigene Form der Poesie, 2) Zeitpoesie als nothwendige Entwicklung des Geistes, das 2te ist in jedem der ersten gefaßt.­  ­18–19 Die morgen­ ländischen … poetisch.] Li: Das Abendland geht in die unendliche Zerstreuung des Endlichen durch diese punktualisirung wodurch jedes als selbstständiges betrachtet wird. Im Morgenländi­ 35 schen ist die Concentration, wo jedes Endliche nur accidenz ist.­  ­22–25 Das Poetische … er­ scheinen.] Li: D i e Ve r s i f i c a t i o n / Die poetische Prosa ist von Zeit zu Zeit versucht, bald aber als unvollkommenes verlassen. Indem das Wort Kunstwerk ist, muß der Inhalt nicht allein gespro­ chen sein, sondern gebildet, als etwas absichtlich gemachtes gesprochen erscheinen.­  ­26  aus dem … herausgerückt] Li: uns dadurch in einem andern Boden befinden als die prosa ist 40 1  Gegenüber der Prosa] Gg d Prosa über

127Hn

1146

23/3Hn 144rLi

128Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Viele poetische Werke sind in Prosa dargestellt, so wie Lessing Feind von Shak­ speare gewesen war, und dennoch ging er so wie Göthe und Schiller zu der Ver­ sifikation zurükkehrten. Versifikation macht noch Nichts poetisch, aber es ist der äußerliche duft der Poesie. Sie kann ein hartes Band wie die Farbe sein; das Zeichnen ist dem Worte in der Be­ zeichnung gleich; aber das Gemachte erscheint nur in der Versifikation. Weil der Ge­ danke oft dem außerlichen aufgeopfert werden muß, wollte man jenes vernachläßi­ gen; aber ist das der Fall, so hat der Dichter sein Material in seiner Gewalt nicht. Ein gebildetes Ohr und natürliches Talent kann leicht Verse machen; es ist ein Instinkt, der auf den Rhythmus führt. Ist ein Schaden beim Aufgeben des Gedankens da, so ist auch ein Nutzen da, den Dichtern einen andern Gedanken zu suchen; die Bildung des Wortes nöthigt zur Bildung neuer Vorstellungen: das Gedicht soll Eins sein, und der Ton, Hauch über das Ganze weht den Vers an; anders ist der Ton im iambischen und trochäischen Rhythmus. Die Braut von Korinth hat ein geisterhaftes Silbenmaaß; ganz dem Inhalte angemessen, bald aber auch tändelnd, bald traurig, und das Tän­ delnde macht das Gedicht um so bitterer. Der allgemeine Ton bestimmte so den In­ halt. Auf sinnliche Weise wird so der Inhalt vor den Geist des Lesers gebracht. Das verschiedene System der Versifikation ist im Antiken und Modernen zu su­ chen, im Rhythmus und Reim. Die antike Poesie hat das Eine, moderne Poesie das andere. Dieser Unterschied und Grund ist anzugeben. Der Bau der Sprache kann ein Grund sein; aber der Bau muß auch einen Grund haben. Was den Rhyth­ mus betrifft, so hat man ihn wieder hervorgerufen, Klopstock, Schiller und Gö­ the haben so den Reim oft nicht gebraucht; aber fremd klingt es uns immer. Gö­ the hat unter seinen Gedichten für jede Silbenart, Aufschriften gemacht; Stehen uns diese Falten wie den Alten? hat er auf die alten Silbenmaße geschrieben. Das antike Silbenmaß beruht auf Länge und Kürze der Silben, und diese ist selbst durch die natürliche hörbare Kürze und Länge der Silben bestimmt, je nachdem man verweilt. Bei uns bestimmt sich das längere Verweilen nach dem Sinne; die Wurzelsilbe ei­ nes Wortes, die die wesentliche Bedeutung hat, hat den Akzent, sodaß wir die Ak­ zentsilbe für Länge nehmen. Die Länge einer Silbe besteht im Verweilen auf diesem Tone, und wird auch dadurch bestimmt, wie lange es dauert, um zum nächsten Vo­ kal überzugehen. Bei den Alten ist dieses ein Hauptpunkt, d a s S c hwe r d t , man verweilt länger auf a, als man bei Schw durchzumachen hat, | um zum e zu kom­

5

10

15

20

25

30

 –3 Viele poetische … zurükkehrten.] Li: Goethe, Schiller, Lessing fingen mit Nichtversification 1 an, sind aber dazu zurückgekommen.­  ­22–23 Klopstock, Schiller … immer.] Li: Klopstocks 35 Messias ist in hexametern und wollte den Rheim ganz verdrängen, allein es klingt ganz fremdartig.­  ­ 25 wie den Alten?] Li: so gut zu Gesichte wie den Alten?­  ­28 nach dem Sinne] Li: hauptsächlich nach dem Sinne 3 3  als man bei] indem m s

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

1147

men. Darauf nehmen wir aber keine Rücksicht. In Gēhēt hin machen wir doch gē länger. Bei den Alten ist das längere oder kürzere Klingen Hauptsache. Bei uns ist aber der Sinn das Hauptmoment. Indem bei uns der Akzent gilt, ist eine Folge die Art, wie zu der Hauptbedeu­ tung die Modifikationen zugefügt werden; bei uns ist das Substanziele in den Stammsilben liegend herausgehoben; bei den Alten bleibt dieses nicht so herausge­ hoben, und das Ohr muß auch auf die andern hören; So ist der Rhythmus bei den Alten überwiegend, das Lauschen auf Länge und Kürze hat Übergewicht; unser Ernst bleibt bei der Hauptsache der Stammsilbe ste­ hen. So wird der Reim herbeigebracht. Die Längen und Kürzen ziehen nicht unse­ re Aufmerksamkeit auf sich. Ein Wohltönen muß in das Tönen hineinkommen, wenn das Tönen wichtig genug sein soll, um uns auf sich zu ziehen. D. i. der Reim; es ist ein plumpes Klingen gegen den zarten Rhythmus. Diese Wiederho­ lung, diese Gleichheit ist so stark, daß man es hören muß; dagegen der rhythmische Wohlklang beruht nur auf dem Verhältniß des Verweilens und auf der Aufmerk­ samkeit auf dieses Verhältniß. In dieser Rüksicht kann man bemerken; daß man bei den Arabern den Reim zuerst suchte; aber der Reim hängt mit unserem tiefen In­ nerlichen, dem die Bedeutung mehr als das Klingen Hauptsache ist, zusammen. Die christliche Religion und nordische Region haben den ernsthaften Ernst erhalten und Tiefe, Gleichgültigkeit gegen das Sinnliche. Geschichtlich kann man nicht zei­ gen, daß unser Reim von den Arabern aufgenommen sei. Der Reim ist in der christlichen Kirche älter als die Bekanntschaft mit arabischer Poesie, die selbst sehr alt ist. Vom heiligen Ambrosius hat man noch einen gereimten Hymnus (370 n. Chr.) in lateinischer Sprache. Augustin hat einen gereimten Gesang geschrieben. Der Reim hat sich also gleich in der christlichen Kirche eingefunden. Bei den Rö­ mern findet man auch Reime, die aber zufällig sind, zuweilen auch mit Absicht, so Ovid 1 Metamorphose 14,

2 –3 Bei den … Hauptmoment.] Li: Die Alten bestimmen die Zeit der Silbe nach der natürlichen Dauer, bei uns hingegen ist der Sinn der es thut, die Wurzel hat den Sinn und daher den Ton als 30 das substantielle. Das Ohr ist also noch nicht gewöhnt, den Silben nachzulauschen.­  ­13–14 Diese Wiederholung, … muß] Li: | Das Klingen muß ein starkes sein, was die Wiederholung giebt, weil der Vers kein Verhältniß hat sondern Gleichheit der silben, die Abschnitte dieser Gleichheit müs­ sen die Reime geben.­  ­17–18 aber der … zusammen] Li: allein der Reim hängt mit den verschie­ denen Modificationen der Völker zusammen, die Innerlichkeit kommt den christlichen Völkern 35 zu. Diese Religion giebt die Gleichgültigkeit gegen das Sinnliche.­  ­22–23 die Bekanntschaft … ist] Li: die Bekanntschaft der Abendländer mit arabischer Poesie (die arabischen Gedichte sind älter als Coran, der sie verbietet)­  ­24 Sprache] Li schließt an: Corus novae Jerusalem novam metit dul­ cedinem u. s. f.­  ­26 die aber zufällig sind] Li: Ovid Metamorphosen I sind 8 Reime aber mehr zufällig.

144vLi

1148

nachschrift heimann · 1828/29

Voß hat in die Versmaße auch Takt hineinbringen wollen wie in die Musik, aber dann hat er Gewalt den Versmaßen angethan. Der Takt ist in der Versifikation lange nicht so wesentlich wie in der Musik.

Eintheilung der Poesie.

129Hn

Man hat 3 Formen, episch, lyrisch und dramatisch; die epische Poesie hat die gei­ stige Welt zum Stoff in Wirkungen und Leidenschaften. Menschen und Götter bestimmen das Handlen, das so ist, daß es als Begebenheit erscheint, und die Tha­ ten auch vom Äußerlichen herbeigeführt werden. Das fatum waltet ebenso wie der Wille des Menschen. Zu göttlichen Machten wird der Mensch zwar; aber eine äu­ ßerliche feindliche Macht steht ihm entgegen, sodaß das Ganze Begebenheit ist. Die Sache, die geschieht, ist hier Hauptsache. Der vortragende Sänger, tritt zurük. Nie spricht Homer von sich. Die Sache schreitet fort und ist nur ein Besprochenes. Der belebte Sänger, sein Subjektives erscheint im Lyrischen, und sein Inneres vorge­ bracht ist Hauptsache. Die eigentliche Handlung ist das dritte, das nicht bloß sich darstellt, sondern auch etwas hervorbringt. |

24/3Hn

Epos. Lyrik. Drama.



Die Welt als vorgehend wird hier vorgestellt. Das Subjekt stellt sich in der Lyrik vor. Beides vereinigt zeigt sich im Drama. Die Empfindung ist hier ein Wollen ein Vollbringen durch den Willen. Eine Handlung ist hier auch, aber durch den subjektiven Charakter ausgeführt und gewollt. Es ist die geistige Bewegung, die hier sich ausspricht und zugleich wirkt. Im Epos ist das Fatum, ein Objektives das Einwirkende und also ein Zufälliges; aber im Drama ist ein subjektives Wollen zur Handlung gebracht. Im Drama sprechen sich Personen, die auftreten, durch ihre Geberden aus, so daß ein Äußerliches noch zur 3ten Weise zukommt. Nichts dergleichen erscheint bei Lyrik und Epos. Das Drama scheint so von anderer Art zu sein. Die Poesie ist tö­

146r Li

5

10

15

20

25

 1–12 Nie spricht … Besprochenes.] Li: der Homer ist blind, es ist die Sache selbst, die sich voll­ 1 bringt. επος ein Gesprochenes­  ­14 Die eigentliche … dritte] Li: Vereinigung beider ist Drama, die eigentliche Handlung­  ­17–18 Das Subjekt … vor.] Li: | Das Subject für sich in seinen Emp­ findungen spricht sich in Lyrik aus.­  ­19–23 Eine Handlung … gebracht.] Li: Es muß ein Gegen­ 30 satz sein gegen den etwas durchgeführt werden soll. Die Seite des Subjectiven hat inneren Zweck der hervorgebracht werden soll, hier treten die geistigen Mächte als wirkend auf. Es ist Verhältniß des geistigen Wollen zu geistigen Werken.­  ­24–25 Im Drama … zukommt.] Li: Daher Personen der Darstellung im Drama wesentlich sind, um die Handlung desto sinnlicher hervorzubringen.

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

1149

nend, sie soll nicht gesehen werden durch Lesen; wird es gesprochen, muß ein Spre­ chen durch einen Menschen dasein. Der Rhapsode thut es als Maschiene beim Epos, welches Gedicht nicht gesehen wird, und deßhalb, da der Dichter verschwindet, gleichförmig gesprochen werden mußte. Deßhalb waren auch die Rhapsoden eben nicht geachtete Leute. Die Lyrik soll nicht bloß gesprochen, son­ dern mit Modulation gesungen werden; hier muß die Empfindung so vortreten, als die abstrakte Empfindung so ein Äußerliches haben, im Musikalischen; der Sänger giebt sich kund. Pindar wurde zum Besingen gerufen. Das Drama muß auch ge­ sprochen werden, aber so, daß es auf Vorstellung und Willen der Zuhörer wirkt; indem so das Sprechen wirksam sein soll, muß sich die Geberde daran anschließen. Diese Geberde ist so gut als das Sprechen; und die Pantomime, die so ausdrucks­ voll ist, daß sie des Sprechens entbehren kann, und der Tanz sind so die höchsten künstlerisch ausgebildeten Gebärden. Eine lebendige Person tritt jetzt auf, inner­ lich gleich dem ruhigen Skulpturwerk; die höchste Beseelung des Kunstwerks ist das Drama, das Material ist der Mensch.

Epos

20

heißt das Wort, das Aussprechen, was die Sache ist. Es ist das Epos auch das Wort κατ εξοχην, indem das Wort als Hauptinteresse angesehen wird. Der Mensch spricht erst von der Sache, dann von seiner Ansicht und Gefühl, deßhalb ist es frü­ her als die Lyrik. Das Epos fängt insofern mit dem Epigramm an, mit der Auf­ schrift, welche den Zweck anzeigt, und die Sache erklärt, die Säule z. b. Die Vorstellung der Sache giebt das Epos dann, sie stellt uns Personen und Sachen vor. Sittensprüche, Pflichten s i n d , und stärker noch als die sinnlichen Dinge, fester als die Sonne. Die Pflicht ist das engste Verhältniß der Menschen, und deßhalb die

25 1 sie soll … Lesen] Li: sie soll gesprochen werden. Das Schreiben und Druck macht unvollständiges

Dasein des Wortes.­  ­ 3–4 da der Dichter verschwindet] Li: weil da die subjectivitaet in Hintergrund tritt­  ­8 Pindar wurde … gerufen.] Li: Pindar ist berufen, die Sieger zu besingen, da will man den Sänger hören, er wird wesentlich dabei.­  ­10 anschließen] Li: und mehrere Personen­  ­11 so gut … Sprechen] Li: eben so künstlerisch zu behandeln als 2te Weise der Aeußerung­  ­13–14 auf, 30 innerlich … Skulpturwerk] Li: dem ruhenden kalten Sculpturbilde entgegen­  ­15 das Material … Mensch] Li: Das Material der Aeußerung ist der lebendige Mensch selbst.­  ­19 dann von … Gefühl] Li: ehe er der Mannigfaltigkeit der Gefühle sich bewußt wird­  ­21 anzeigt] Li schließt an: zu wel­ chem Behufe etwas da ist­  ­21–22 Die Vorstellung … vor.] Li: Das freie Epos giebt seinem Inhalte selbst die Vorstellung der Sache, ohne daß diese Sache selbst sinnlich gegenwärtig ist.­  ­23 Sitten­ 35 sprüche, Pflichten … Dinge] Li: Die G n o m e n Sittensprüche der Alten, das Aussprechen was die Pflicht ist, und dieses ist, und zwar fester als jedes sinnliches Ding­  ­24–1150,1 deßhalb die … ist] Li: Die Gnomen sprechen diejenigen geistigen Wesenheiten aus. 1 9  es] sie

146vLi

1150

130Hn

147rLi

nachschrift heimann · 1828/29

Gnomen episch sind, insofern sie aussprechen, was der wollende Geist ist. Solche Gnomen unter dem Titel der goldenen Sprüche haben wir so von Pythagoras und Solon. Das erste Philosophiren spricht aus, was die Natur ist in ihrem Wesen, und so sind die Lehrgedichte episch, sie lehren was i s t nicht bloß aus Willkühr. Die Zwitterarten beachten wir nicht. Der Hauptgegenstand des Epos ist eine Begebenheit, einer Handlung, die umfas­ send und grosses Interesse erregend ist; es ist eine Handlung, und ein Zweck ausgeführt, nicht die Geschichte eines Landes und Staates; denn dieser hat schon ein Individuum an der Spitze. | Die Biographie ist der Verlauf, den ein Individuum nimmt, ist aus vielen Inter­ essen zusammengesetzt, deren Inhalt nur durch das Individuum erblickt wird, ist zwar ein Ganzes des Individuums, aber die Handlung hat ein bestimmtes Interesse. Solche Handlung kann enger zusammengezogen sein, und das sind die Roman­ zen der Spanier, ein Bild einer vereinzelten Handlung, und wird das Individuum mehr zum Hauptsubjekt, so nähert es sich dem Lyrischen; ein Basrelief bewegt sich vor uns in ruhigem Fortschreiten; das Hauptinteresse ist nicht dramatisch, sondern das Vorgehende ist die Hauptsache, nicht der Zweck des Vorgehens; die einzelnen Bilder sollen uns beschäftigen. Ein Ganzes ist das Drama, aber nur ein loses; es hat ein Vor und Schluß; aber mit dem Schluß ist das Vorgehende noch nicht zu Ende. Die Iliade klagte man an, daß sie ohne Ende sei, wie die cyklischen Gedichte; auch innerhalb hat sie den losen Charakter; einzelne Bilder reihen sich aneinander; aber d. i. der Charakter des Epos, und dennoch ist die Iliade geschlos­ sen. Für den Verstand könnte beim Tode des Patroklus ein Ende sein; aber noth­ wendig knüpft sich daran die ihm erwiesene Ehre in den Spielen. Wenn man sagt, daß die Iliade von dem Rhapsoden, von dem Volke gemacht sei, so ist das nicht wahr. Einer ist der Dichter, aber das Gedichtete liegt in dem Geiste

5

10

15

20

25

1–3 Solche Gnomen … Solon.] Li: Solche sind von Solon. Die goldenen ἐπη des Pythagoras.­  ­3 was die … Wesen] Li: was die Natur ist, was das Wahre ist. Die L e h r g e d i c h t e Hesiods schließen sich dazu an, wo das was ist als Gebot ausgesprochen wird.­  ­7 grosses] Li: großes nationales­  ­8–9 denn 30 dieser … Spitze] Li: das ist schon ein abstractum. Zur Handlung gehört, daß ein Individuum an der Spitze stehe, das sich einen Zweck zur Ausführung macht. Land, Staat sind nur allgemeines, ohne in­ dividuelle Existenz.­  ­10–13 Die Biographie … Interesse.] Li: | Die Biographie eines Individuums ist nicht Gegenstand, weil dieser Verlauf aus vielen Interessen besteht, ein Decursus vitae, das ein Ganzes der Individualitaet ist, aber in so fern sie zunächst unbestimmt ist. Die Handlung hat zunächst einen 35 gesetzten Zweck. Es ist eine Handlung, die eben so Begebenheit ist, das Geschehen als solches mit Innerlichkeit und Aeußerlichkeit verbunden.­  ­15–17 und wird … Fortschreiten] Li: die vorgeht vor uns wie ein bas relief, objectives Geschäft, das ruhiges Fortschreiten hat­  ­21–22 die cyklischen Ge­ dichte] Li: Die cyclischen Gedichte können immer weiter fortgeführt werden. Sie fingen vom Ei der Leda an, die Castor und Pollux geboren hat.­  ­24–25 Für den … Spielen.] Li: Wolf sagt, die 9 letzten 40 2  goldenen] goldenenen­  ­11 deren] dessen­  ­20 es] s

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

1151

des Volkes, und in sofern macht das Volk ein Gedicht. Göthe ist deßhalb der gro­ ße Dichter, weil er, Einer mit Genie, das Volk auszusprechen wußte. Fortsetzen kann man ein Gedicht, wie ein Tausend von Gedichten von göthischen und Schil­ lerschen Gedichten als Fortsetzungen angesehen werden, aber diese sind ebensowe­ nig von Schiller und Göthe, als die Cyklischen Gedichte von Homer Im Epos waltet das Schicksal; Fürstinnen werden zu Sklaven; Helden werden zu Dienern von Zauberinnen, welche sie nur durch das Schicksal gezwungen, ent­ lassen. Im Schlafe kommt Ulyß zu Hause; es ist seine That, und auch nicht seine That. Schicksal ist es, daß der höchste des griechischen Heeres, Achill, einem Obern untergeben ist, wie Herkules ein Knecht für den Erechtheus arbeiten muß. Was Achill thut, ist nicht dramatisch; er kann nicht gegen Agamemnon han­ deln, zürnen kann er nur und sich zurükziehen; ihn macht nur der Tod des Patro­ klus handeln. Der Ton im Epos ist auch objektiv. So in dem Abschied des Hektor und An­ dromache. Ihre Vorstellungen, die sie ihm macht, sind nur objektiv. Nicht die Empfindung und Leid, sondern der Zustand, in den sie versetzt werden wird nach des Hektor Tod spricht hier. Sie erzählt das Geschichtliche ausführlich, und ebenso antwortet ihr Hektor. Die Schaam hält ihn zurück, nicht seine Gesinnung, also der Umstand, nicht sein Wille. Nicht der Zorn und Gemüth gebieten ihm, sondern das Objektive der Pflicht. Die Scene zwischen Mont Gomery und der Jungfrau von Orleans ist ebenso mehr episch als dramatisch, ein Vorwurf, den man Schiller gemacht hat. Er spricht nur objektiv, und ebenso antwortet sie ihm. Der Ton ist auch episch allerdings hier. Der epische Charakter soll den Reichthum des Individuums haben, menschliche Eigenschaften kommen nach allen Seiten zur Sprache und entwickeln sich. Im Drama ist es ein Pathos, | welches das Individuum treibt. Der ganze Kreis der Mächte des Willens treten in den Göttern dort auf; im Drama ist es nicht so.

Bücher sind entbehrlich. Das ist allerdings für den Verstand, aber die unmittelbaren Folgen des Todes des Patroclus knüpft sich, obgleich loser, doch daran an. Daher kam es, daß man sagte, daß die Gedichte nicht 30 von einem sind. Das Volk macht in so fern das Gedicht, indem der Dichter seinen Geist auszusprechen weiß. | Fortsetzen läßt sich sowas allerdings. Allein jedem kann man ansehen, es sei die Fortsetzung. 9–13  Schicksal ist … handeln.] Li: Der Heros muß so wie Heracles erst durch Strapazen in den Himmel erhoben werden. In Iliade ist nicht der Achill als Feldherr sondern als Heros der Gegen­ stand des Gedichtes­  ­14–20 So in … Pflicht.] Li: Ein schönes Beispiel davon haben wir in Schil­ 35 lers Gedichte Hector und Andromache. Sie findet Hector, der sie sieht auf dem Wege, und spricht nicht so die Empfindung als den Zustand aus, wie es sein werde, wenn sie Hector verloren hat. Dieser entgegnet ihr in demselben Ton. Die Trojaner würden ihn für feig halten, verließe er das Feld.­  ­26 ist es … treibt] Li: sind nur individuelle Caractere, in ihrer Beschränktheit dargestellt, die allein zu der Handlung gehören 40 3  ein] eine­  ­10 Erechtheus lies Eurystheus

25/3Hn

131Hn

147vLi

1152

nachschrift heimann · 1828/29

Ob die epischen Gedichte die ursprünglichen Gedichte sind, ist schon früher gesagt. Der wahrhafte Boden für Poesie und ein Werk von objektivem Charakter, ist die Heimath der Heroen selbst. Das Geschichtliche, das Prosaische, Verständige ist noch nicht vorhanden. – Bearbeitet ein Dichter aus gebildeterem Zeitalter einen epischen Stoff, so wird er eine Zeit wählen, wo Staat, Pflicht Recht, dem Wollen noch angehören. Aber der Sinn des Dichters muß auch auf dieser Stufe stehen. Das Gedicht des Lucian aus Cäsars Zeit ist nicht mehr aus einer poetischen Welt; und wäre er auch aus einer solchen Zeit, wie bei Vergil, so muß der Geist des Dichters sich dorthin versetzen, um nicht zwei Dinge, den Dichter mit seiner Subjektivität, und die Zeit als objektiv zu erblicken; die Götter werden nur Maschi­ nerie bei ihm; sie unterhalten sich, ernst reflektirend, und sind nur äußerlich. Bei Homer sind die Götter in ihrer Inkonsequenz gelassen, und ein ironischer Cha­ rakter ist nicht zu verkennen; Hefästos und Aphrodite sind so belachenswerth; aber die virgilischen Götter sind diplomatisch streng in ihrem Hasse. Das Opfer des Odysseus bei seinem Eintritt in die Unterwelt, läßt uns in Zweifel, ob es wirklich ist, und Schauder erregt es uns; aber bei Virgil ist alles verständig nach den mythologischen Compendien, und ein nicht jugendlicher Ernst waltet im Ganzen. Wählt der Dichter einen prosaischen Gegenstand, den er selbst als solchen anerkennt, so werden wir ein Machwerk nur erhalten, es mag noch so viel Phan­ tasie aufgewandt sein. Klopstock hat mit einer mittelmäßigen Tiefe, und mit der Orthodoxie seiner Zeit, aber mit Phantasie seinen Stoff erfaßt, aber sein Werk ist auch so wie Miltons und Bodmers Epen nur prosaisch. Die Phantasie von Klop­ stock müssen wir bewundern, indem er sich in jene Verhältnisse zu versetzen wuß­ te; aber alles ist doch nur Erdichtung; wir glauben nicht an die Göttlichen Wesen, Engel; bei Homer glauben wir an die Pallas, Besonnenheit, Mars, Krieg zwischen Trojanern und Griechen, ein durchaus Individuelles – Mächte stehen mit einander im Kampfe. – Klopstock ist stellenweise wahrhaft zu bewundern; aber wir können

148rLi

5

10

15

20

25

1–6  Ob die … stehen.] Li:Was den Stoff anbetrift, so kann dieser niemals eine prosaische Ge­ schichte sein. Alle Phantasie ist nicht im Stande, das Gemachte zu bedecken. Ist die Sache aber rein erdichtet, so wird es ein in sich Unwahres, wie dies bei Klopstock sich zeigt bei aller seiner Fülle 30 der Phantasie. Bei Homer hingegen glauben wir daran. Man will, der Dichter sowie der Schau­ spieler solle sich in fremde Situationen versetzen. Allein die substantielle Weise des Auffassens, der innere Gedanke als das Geltende im Menschen, die besondere | Art der Reflexion, das behält je­ der, und kommt darüber nicht heraus. Die Eigenthümlichkeit des Dichters muß bei Epos zurück­ treten allein der Stoff, der muß mit ihm auf derselben Stufe stehen­  ­10–11 die Götter … äußer­ 35 lich] Li: Der Glaube an die homerischen Götter, wird in einer gebildeten Reflexion ganz etwas anderes, es wird zur Maschinerie, ein kaltes, bloß Aeußerliches.­  ­12–13 ein ironischer … ver­ kennen] Li: es geht da zur Ironie und das Komische fort, sie sind als diese Wesenheiten in sich vorgestellt.­  ­14–18 Das Opfer … Ganzen.] Li: Es ist da der dunkle Schauer der Abendwelt der Wirklichkeit und der Phantasie, und das froehliche ist nicht mehr da. 40 5  eine Zeit ... wo am Rande mit Verweiszeichen­  ­14 Hasse] Hässe

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

1153

uns nicht an seine Sagen nähern; er ist nicht glaublich. Die Weise das Substanzielle zu fassen, und die besondere Empfindungsweise behält jeder Mensch; kein Dichter unserer Zeit wird also wahrhaft den Kampf der Troer schildern können. Auf den nationalen, originellen Dichterischen Stoffen allein wird ein wahrhaftes Gedicht, in epischem Gehalte, gebaut werden können. Die Morgenländer haben mehr Anlage zu epischen Gedichten als die Nordländer. In ihrer substanziellen Ansicht, wo das Zertheilen ins Einzelne der Nordländer fehlt, bewegen sie sich in dem Pantheismus. | Epen haben wir von vielen Völkern; die Inder haben die Weltanschauung in der höchsten und tiefsten Unbestimmtheit aller Gestalten in ihren Epen niedergelegt; Abwesenheit sittlicher Fordrung ist darin zu finden; poetisch ist das Indische so an sich, daß es keine Prosa dort giebt; selbst die Mathematik ist poetisch; aber Freiheit und Vernünftigkeit ist nicht Grundlage, und mit einer solchen können wir uns nicht vereinen. Nicht mehr so ursprünglich ist ein anderes orientalisches Epos, das im 13ten JahrHundert geschrieben ist. In diesem hat virdusi die Dichter der älte­ sten Traditionen von Feuer aber trübe und verworren zu Grunde gelegt. Als Muhamedaner konnte er nicht in das Persische eingehen. Bestimmtheit und Indi­ vidualität der Gestalten fehlt auch hier. Dieser Unbestimmtheit gegenüber zeigt sich das arabische Heldengedicht, eines der gefeiertsten muhamedanischen Gedichte, von dem in der Caba Bruchstücke zu finden. Es fällt in die vormuhamedanische Zeit, wo die Arabische, romantische Tapferkeit blühete. Die Fantasterei der Inder fehlt hier ganz; ohne Feen, Gnomen, Götter, ist es gediegen durch den Muth des Indi­ viduums, das bestimmt gezeichnet ist. Das Homerische Epos ist klassisch auch für uns. Sein Inhalt schwebt zwischen allgemeinen Zwecken und partikulärer Gleichgültigkeit. Pflicht und Gesetz herr­

2 26/3Hn  132Hn

3 –8 Auf den … Pantheismus.] Li: Das wahrhaft epische Gedicht schränkt sich auf das nationalori­ ginelle und die Morgenländer sind daher eher fähig, epische Gedichte zu machen, weil sie in dieser substantiellen Anschauung selbst leben, wo das verständige Zertheilen entfernt ist.­  ­9–11 Epen haben … finden] Li: Der Verfasser und der Gegenstand muß nicht auf der Stufe der prosaischen 30 Welt stehen, der verständigen Verfassungen. Mahabharata, das Epos der Inder ist eine ungemessene Maaßlosigkeit, Abwesenheit sittlicher Forderungen, der Freiheit und der Vernunft.­  ­14–16 Nicht mehr … gelegt.] Li: Scharlamit von Ferduzi im 12 Jahrhundert verfaßt am Hofe der Marmaniden, die ganze Vergangenheit Persiens ist da behandelt. | Der Inhalt ist trübe, verworrene Tradition.­   148vLi ­17–18 in das … hier.] Li: eingehen in den Geist des persischen Volkes. Cf. Goerres Auszug in deut­ 35 scher Sprache. Man weiß nicht ob es wirkliche Personen sind, oder Personification ganzer Natio­ nen, so sehr fehlt es an individualisierung der Caractere.­  ­20–21 Es fällt … blühete.] Li: Das arabische Werk von Antar, der auch Moalaka Gedichte, die in Mekka sangen, verfaßt hat. Die Uebersetzung ist in Manuscript in Wien von H. v. Hammer. Es ist da arabisches Ritterthum die Grundlage ­  ­22–23 ohne Feen, … ist] Li: ohne alle Phantasterei wie sie im Indischen ist, ohne 40 Mithologie, und Mährchen, fest, gediegen, würdig ganz bestimmtes Gemälde. 20  fällt] fehlt­  ­32 Scharlamit lies Schahname­   Marmaniden lies Ghaznaviden

1154

nachschrift heimann · 1828/29

schen nur als Abstraktionen; das Individuum ist durch diese allgemeine Bestimmung geleitet; so herrscht eine freie Individualität, mit dem Anfang alles Guten und Edlen: Die Gestaltung der Götter usw ist nur als Bedeutung zu nehmen und ist geltend. Ossian im Abendland ist ebenso ursprünglich. Lyrisch ist mehr sein Gesang, melankolisch, schwärmerisch, sehnend ist sein Gemüth nach vergangenen Zei­ ten; zum Theil ist er auch episch. Sein Kreis der Vorstellung ist beschränkt; die kalte Nordregion, der Nebel, Geister und dunkele Phantasie sind erkennbar. Nicht ein Gemachtes in der Neuern Zeit ist dieses Gedicht, wie einige geglaubt haben. Es läßt sich so Etwas nicht leicht machen. Das kimberische Epos ist noch nicht bekannt, nur Bruchstücke habe ich gelesen. Es besteht aus 3zeiligen Abschnitten, in deren jeder Zeile eine Situation gelesen wird; solche Strophe von 3 Zeilen enthält also 3 Situationen, die eine Ähnlichkeit aber haben, und so zusammenhängen. Eine Menge sonderlicher Dinge findet man hier. Julius Cäsar zb. hat aus Liebe zu einer Königstochter nach Britannien einen Zug unternommen. Jedoch ist die Phantasie dieser nordischen Völker nicht mehr für unsere Zeit eingehend; sie hat wenig Anziehendes, weil sie zu wenig gedie­ gen ist, und deßhalb hat Klopstock umsonst uns eine Mythologie durch seine Oden geben wollen. Das Christenthum hat in dem Mittelalter uns Epen hervorgebracht. Mehr allego­ rischer, mystischer Zweck liegt darin zu Grunde, was einer phantastischen Einbil­ dungskraft mehr angehört. Ironie hat diese im Ariost und Cervantes gefunden. – Das Ritterthum in seiner schönen Wirklichkeit hat sich im Cid dargestellt. Das Lieblichste und Schönste geben uns die Romanzen dieses Stoffs, und in keinem Gedicht ist das Herrliche in einer Reihe von Perlen so zusammengestellt. |

149rLi

5

10

15

20

 –6 sehnend ist … episch] Li: klagevolle Erinnerung an die Tage, die nicht mehr sind. Der Inhalt 25 5 theils novellenartig, theils episch.­  ­6–7 die kalte … erkennbar] Li: allein schöne sinnliche Phan­ tasie, und schöne Empfindungen­  ­ 8–9 Nicht ein … machen.] Li: Sie lebten Jahrhunderte im Munde des Volkes. Mekpherson hat sie zuerst gesammelt. Thompson hat ihn beschuldigt, er hätte das Seinige untergeschoben. Allein so was liegt nicht in unserer Zeit.­  ­10 Das kimberische … gelesen.] Li: Die Calcedonische Gesellschaft in England giebt immer neue alte Cimbrische Ge­ 30 dichte vor.­  ­14–15 Julius Cäsar … unternommen.] Li: | Die Familie der Barden hat sich selbst bis auf unsere Zeiten erhalten. Zug Julius Caesars nach Britannien ist da dargestellt, daß er wegen ei­ ner Königstochter, die er in Gallien gesehen, nach Britannien kam.­  ­15–16 Jedoch ist … einge­ hend] Li: Die Phantasie hat nicht mehr Zusammenhang mit unserer Bildung.­  ­17 Mythologie] Li: Mythologie der Germanen­  ­19 Das Christenthum … hervorgebracht.] Li: Das christliche Rit­ 35 terthum im Mittelalter ist epischer Gegenstand geworden.­  ­21 Ironie hat … gefunden.] Li: Das Ritterthum fand ironischen Ausgang in Ariost und Cervantes.­  ­22–24 Das Lieblichste … zusam­ mengestellt.] Li: Herder’s Romanzen ist das Lieblichste, wie eine Schnur von Perlen, von denen jede ein Ganzes ist. Das christliche Ritterthum ist Gegenstand Tasso’s geworden. 7  erkennbar] erkenntbar

40

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

30

1155

Muth und tapferkeit sind sinnliche Tugenden, und diese Tugenden herrschen vor. Ein thatvolles äußerliches Verhalten wird ausgeübt gegen ein fremdartiges Volk. Verschieden ist diese Zeit dadurch von der griechischen, daß hier nicht wie dort ein Zusammenhalten sich Hauptkraft schafft, nicht mehr verläßt man sich auf die Andern, auf sich selbst beschränkt sich ein jeder. In den Kreuzzügen ist das heilige Grab ein schönes Interesse und Stoff zu Epen. Ein kostbares Überbleibsel haben wir in dem Nibelungenlied, welches von uns ganz abgeschnitten ist, und nicht ein Volksgedicht zu nennen und mit dem Homer zu vergleichen ist. Mehr dramatisch als episch ist dieses Gedicht. Sittliche Menschen wie bei Homer findet man hier nicht. Des Dante göttliche Komödie ist auch ein christliches Epos, die Geschichte des Menschen in Beziehung auf Gott nach Vorstellung der katholischen Religion, in der Hölle und Paradies. Der Mensch überhaupt in seinem Werthe und Un­ werthe, durch den höchsten Begriff gerichtet, mit seinen Charakter ist dargestellt, als erstarrt in der ewigen Gerechtigkeit. Nicht ein vorübergehendes Geschehene ist hier zu suchen, sondern ein Für immer gewesenes und Bestehendes. An das Epos schließt sich zunächst die Art der Idyllien, wie die Luise und Herr­ mann und dorothea. Hier ist die Welt untergeordnet; ein nicht selbstständiger, sondern mit großen Kreisen kleiner zusammenhängender Kreis, der als besonderer betrachtet ist. Die Welt ist für sich vollständig hier. Die in Unschuld lebenden Menschen sind als solche bedürftig, nicht erhaben; sie essen und trinken und hü­ ten das liebe Vieh; haben sich lieb und singen. Die Empfindungen sind einfach und unschuldig, und sind lieblich; aber befriedigen nicht. Überbildete Nationen haben darin viel Vergnügen. Das göthische Epos ist bewundernswerth; aber dieser besondere Kreis hat zum Hintergrunde eine weite Aussicht in die Revolution; Völker ziehen für das Vaterland aus. Der Frosch und mäusekrieg ist eine Ironie. Von den Balladen geht es endlich in den Roman über, wo feste Verhältnisse sind, die rauhe Nothwendigkeit als ver­ nünftig erscheint, und der Mensch in einem kleinen Kreise, Liebe, erscheint, und die Nothwendigkeit anerkennt.

6 –7 In den … Epen.] Li: Die Eroberung des Heiligen Grabes ist das schöne große Interesse in schö­ nen Stanzen geschrieben und in Mund des Volkes übergegangen.­  ­9–10 Sittliche Menschen … nicht.] Li: Die Caractere sind da schroff ohne die ausgearbeitete Menschlichkeit der homerischen Heroen.­  ­13 Hölle und Paradies] Li: Hölle, Fegefeuer, Paradies.­  ­13–15 Der Mensch … Ge­ 35 rechtigkeit.] Li: Der Mensch als Mensch ist Gegenstand dieses Epos. Die Menschen verharrt in der ewigen Gerechtigkeit, so sind sie, es ist ihr ähernes basrelief, das sich nicht verändert­  ­23–24 aber befriedigen … Vergnügen.] Li: aber dürftig wie Gessners Idyllen, den Franzosen so beliebt­  ­ 27–30 Von den … anerkennt.] Li: Dann sind Romanzen, kleine epischen Gemälde. / Roman ist das epische Gedicht unserer Privatleben, Vernünftigkeit zur Nothwendigkeit gestaltet. Das Indivi­ 40 duum auf kleinen Kreis beschränkt, die Liebe

133Hn

149vLi

1156

nachschrift heimann · 1828/29 Lyrik.

27/3Hn

134Hn

150rLi

Der Inhalt ist nicht das Seiende, was als Objektives vorgeht nicht, sondern das Subjekt mit seinen Affekten, in seiner Selbstständigkeit gegen alles Andere erscheint hier, und dadurch werden alle die Affekte erst poetisch. Die Befriedigung ist in der Fantasie zu suchen. Sie ist die allgemeinste Poesie, die alle Dichter gebraucht ha­ ben; viele Völker haben nicht Epen und dramen; aber Lieder sind das allgemeinste. Jeder spricht seine Ansicht aus. Der Sänger tritt auf; Pindar hat zwar immer eine Veranlassung gehabt; aber oft braucht man diese auch nicht; deßhalb sind die Lyri­ schen Gedichte oft nur Gelegenheitsgedichte. Jedoch ist es der Sänger immer, der sich über eine Veranlassung ausspricht. Der Gegenstand wird oft von Pindar ganz ausgelassen, und das Große, Schöne, das Leben wird sein poetischer Stoff. Klop­ stock fühlte so die selbststandige Würde eines lyrischen dichters. | Aber die lyrische dichtung gehört einer gewissen, Zeit, Volke, Bildung an; deß­ halb sind die Interessen verschieden. Wir kennen indische, arabische, türkische, es­ kimotische, Javaesische Lieder, und die Neugriechen und Servier und Mulacken können alles in Lieder bringen. Da der subjektive Ton so vorherrschend ist mit der Partikularität des Dichters, so sind die Seiten der Lyrik sehr verschieden. Beim Drama ist das allgemeine Menschliche, das Objektive, was hervortreten soll, wenn es auch national ist. Soll uns nun ein Lyrisches Gedicht interessiren, so muß das Volk, von dem es kommt Etwas uns Interessirendes haben; das Barbarische, Wilde wird uns nicht interessiren. Die Servischen Lieder, die von einer reaction der Freihheit singen, haben einen wilden Charakter, etwas Rohes. Denn diese Reaktion ist nur ein persönliches nicht allgemeines Nationales Gefühl der Servier; deßhalb ist der Raub, der Mord eines Türken ein Stoff zu einem lyrischen Gedicht, und überhaupt sind die Situationen dieser Gedichte gräulich und zurükstoßend. Südliche Gluth der Fan­ tasie kann uns vortrefflich scheinen, aber ihre Rhetorik ist unserer Empfindung nicht angemessen. Das Lied will gesungen sein; die Silbenmaaße sind deßwegen von unendlicher Mannigfaltigkeit; die Dithyramben, Päane sind das Preisen eines Gottes und überhaupt eines Gegenstandes, deren im alten testamente die höchsten und erha­ bensten sind, verschieden von den homerischen, die mehr episch, objektiv den Gott

5

10

15

20

25

30

2 Der Inhalt … nicht] Li: Das subjective der Empfindung hat hier sein Ergehen.­  ­6 dramen] Li: Dramen haben einige auch nicht, eben darum, weil das Individuum hier seine Ansichten ausspricht.­  ­10 ausspricht] Li: ausspricht. So Pindar, Hafis der Perser, Klopstock.­  ­16 der subjek­ 35 tive Ton] Li: der subjective Ton des | Volkes­  ­17 so sind … verschieden] Li: Damit ist die unend­ liche Verschiedenheit der lyrischen Gedichte gegeben. 15  Javaesische Lesung unsicher­  ­30 sind] ist

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

30

1157

darstellen; ihnen nähern sich Rumis Hymnen, welche die unendlichen Formen der Natur mit ihrer Pracht besingen. Das Subjekt spricht sich aus, aber es geht aus sich hinaus, in das Wesen, in den Jubel über das Große und Tiefe. Eine zweite Form ist die Ode überhaupt, die nicht genau vom Päan sich scheiden läßt. Was die pindarischen Oden betrifft, so sind es die ursprünglichen Oden, de­ nen die horazischen und klopstockschen sich nur angereiht und nachgeahmt ha­ ben. Über einen gewichtigen Inhalt ergeht sich hier das Subjekt; aber nicht epische Objektivität ist der Inhalt, sondern das Gefühl und Fantasie des Dichters und seine Reflexion. Über den Inhalt wird hier nicht der Dichter Meister, er wird nicht frei von der Subjektivität, und kann sich nicht in die Objektivität hinausschwingen. Ein objektives Bild kommt daher nicht zum Vorschein, ein plastisches episches Bild. Das Eigenthümliche des Dichters im Gegensatz zum Inhalt erscheint hier beson­ ders. Pindars Helden sind nicht berühmt geworden; aber Achill ist durch Homer verherrlicht, denn dort stellt der Dichter sein inneres Drängen und Treiben dar; er selbst wird hingerissen, sodaß er aber seine Besonnenheit behält; Horaz ist sehr kühl, und wir erkennen das Gemachte; große Anstalten macht er immer, kommt er zur Sache ist es aus, dran erkennen wir eben den Dichter, der nur sich darstellt. Klopstocks nicht sehr tiefe aber empfindsame Eigenthümlichkeit ist in seinen Oden wohl ausgesprochen; er wollte eine lyrische Poesie seinem Volk geben; seine Be­ geistrung für Deutschland ist groß, wiewohl nicht auf Tiefe beruhend. Der Jubel der Theilnahme an Frankreichs Freihheit, und die Empörung über die Gräuel die­ ses Anfanges ist wohl zu erkennen. | Der Gang eines Individuums, wie Klopstock von seinen frühern Jahren an bis zu seinem Alter, ist sehr merkwürdig. Das Lied selbst ist eigentlich zum Singen bestimmt, und hier ist der gedanken­ tiefe Inhalt nicht nöthig; deßhalb sind die schillerschen Gedichte zum Singen nicht passend, sie sind zu schwer für den Komponisten; man hat viele Lieder. Anfangs wollte jeder etwas Großes, tiefes machen; aber bald bei der größern Bildung bildeten sich auch die Lieder, die anfangs sehr schal und kahl, der Lust bedürfend sind. Frisch sind Göthes Lieder, die auch zugleich nicht ohne Sinn sind. Viele Lie­

5 Was die … Oden] Li: Die Pindarischen Oden sind der Typus.­  ­ 8–9 sondern das … Reflexion] Li: sondern Gegenstand ist über den sich der Sänger willkührlich ergeht­  ­20 wiewohl nicht … beruhend] Li: obgleich sie keinen Grund hat­  ­21 an Frankreichs Freihheit] Li: an dem ersten Auf­ kommen der Freiheit mit Anfang der französischen Revolution, Schmerz daß er in Deutschland 35 nicht wirksam, Empörung über die Greuel der Revolution. „Verzeiht – Franken, daß ich den Deutschen einst zurufte, das zu fliehen was nachzuahmen ich sie jetzt anrege.“   ­ ­ 23–24 Der Gang … merkwürdig.] Li: Diese Tiefe der Theilnahme hat er in seinem Alter ausgesprochen. Zu Ende des Lebens wird er ganz ruhig über riesige Gegenstände.­  ­25 bestimmt] Li: bestimmt, und wird Volkslied 40 2  besingen] bsingt­  ­29 bildeten] bildetetn

150vLi

135Hn

1158

28/3Hn

151rLi

nachschrift heimann · 1828/29

der sind mehr gesellige Unterhaltung, denen ein poetischer Werth nicht zuge­ schrieben ist. Eine große Mannigfaltigkeit kann in den Liedern herrschen. Die südlichen Völker mit ihrer Empfindung haben eine solche Mannigfaltigkeit, die man nicht klassifiziren muß, denn sehr beschränkt sind alle diese Klassifizirungen doch zuletzt. Das Sonnet ist eine feinsinnige, reflektirende Empfindung; eine Sehnsucht mit Sinnlichkeit und Besonnenheit der Reflexion, weßhalb das Tönen im Silbenmaaß nothwendig ist. In der Elegie wird die Empfindung mehr be­ schrieben, und das Epische ist nicht zu verkennen. Alexis und Dora von Göthe ­ eisterhaft. ist so m Ein gewöhnliches Lied ist das nur beschreibende der Empfindung bei Etwas und über Etwas wo das Interesse ist, wie der dichter gegenüber einem Gegenstand emp­ finden kann, und diese Form ist ohne schöpferische Fantasie und sehr trivial. Diese Lieder sind am wenigsten poetisch, wie wir sie auch bei Göthe finden. Willkommen und Abschied, wo keine Phantasie zu sehen ist. Auf dem See ist auch eine Beschreibung, wo der Geist in Träumerei verfällt, aber dann wieder zur Beschreibung zurükkehrt. Geistesgruß. Im Divan ist es nicht mehr die Begierde des Beschreibens, sondern die Freihheit des Geistes die über der Begierde steht, und wodurch das Herz weit wird. Die befriedigung der Phantasie ist hier eigentlich gesucht, nicht die der Begierde, ebenso wie bei Horaz und Anakreon die Freihheit in der Begierde ist und die Befriedigung in der Vorstellung. dieses ist die höhere Rührung des Liedes. Unter Schillers Liedern, denjenigen die am meisten ansprechen, sind die tiefge­ haltvollen Balladen; der Inhalt ist der Gedanke, nicht didaktisch mehr; schwere Mächte walten hier; der Ernst des Lyrischen in seiner Höhe in den Kranichen des Ibykus, im Charakter der Eumeniden, wo die Auffassungsweise die hervorge­ brachte lyrische Wirkung gegen die leidende Person erkannt wird. Der Ton der angstvollen Empfindung über eine Situation, gesteigert durch die Musik, ist schau­ erlich, bei der die Stimme mit Angst erstickt

5

10

15

20

25

 –7 eine Sehnsucht … ist] Li: Die Sinnigkeit und Besonnenheit, das Eigenthümliche liegt im 5 Klingen, zu Gesang ist es nicht bestimmt, es ist mehr italienisch.­  ­21 Liedes] Li: Liedes. 30 Der Dichter setzt den Genuß, die Befriedigung in die Phantasie.­  ­23 Balladen] Li: Balla­ den und romanzen­  nicht didaktisch mehr] Li:„Worte des Glaubens“, oft didaktisch.­  ­ 28 die Stimme … erstickt] Li: die Brust beängstigt wird 1 9  die der] der die­  ­23 Balladen] Bhalladen

besondere gestaltungen · poesie

1159

Drama.

5

10

15

20

25

30

Die dramatische Poesie ist die letzte Form, weil sie die Totalität aller, die voll­ kommenste ist; sie enthält die lyrische Subjektivität; ein Inhalt des Äußerlichen wird vom Charakter aufgefaßt, und spiegelt sich in ihm ab; es ist eine reaction des Willens gegen die Situation. Eine Bestimmung des Gemüthes geht zur Hand­ lung fort. | Das Lyrische, das Innere wird sodann verwirklicht durch den wollenden Geist, und das Lyrische geht zur Handlung über, wie beim Epos, wo nur das Geschehene, nicht in Bezug auf den Charakter vorherrscht. Das Kunstwerk das sich darstellend macht und zur Erscheinung bringt, macht der wollende Geist. Die Kunst des Tönens verbindet sie mit dem Skulpturbild; es ist die Rede, wo­ durch sich ein Subjekt äußert, und das Wort wird durch ein Objekt Skulpturbild, das beseelt ist, gesprochen wird, muß auf eine bestimmte Weise vorgetragen wer­ den. Der Vortragende Mensch ist noch anders ausdruksvoll als das Skulpturbild und das Gemälde; er geht in alle Leidenschaften ein, und die Einwirkung des Menschen auf den Menschen wird sich klar in einem Andern. Deßhalb ist die höchste Gattung der Poesie das Drama. Die geistigen, göttlichen Mächte, in ihrem Unterschied, im Recht, Liebe zu Vater und Gemahlinn, zum Staate, liegen zu Grunde, und von ihnen geht alles aus; das Lyrische ist demnach wie­ der Grund, aber es wird zu Bewußtsein gebracht, ausgesprochen und realisirt durch Individuen. Diese Mächte kommen in Collision mit bestimmten Situationen, wo ein Hinderniß eintritt, und die Verwikelung der Zwecke, die Ausführung oder Verfehlung ist sichtbar. So sehen wir das beseelte Skulpturbild im Drama. Wir lesen es, und brin­ gen es durch Phantasie vor unsere Vorstellung; aber dieses Verhältniß ist ganz abstrakt. Das Vorlesen läßt die Sache schon sprechen, und nicht bloß ein­ schließen. Das Vorstellen endlich, mit der Bewegung und Miene, Modifikati­ on der Empfindung und Inhalt des Ausdrucks geben uns das vollständige Bild im Agiren. Aber noch ist es abstrakt nach der Seite der Kunst. Denn es soll zunächst karakteristisch, richtig sein, daß das Meisterwerk uns richtig vorge­ legt sein soll im Sprechen und Agiren. Wie das Sprechen aber überhaupt künstle­

 4 ausdruksvoll] Li: eindrucksvoll­  ­15 in alle Leidenschaften] Li: in alle die Bewegungen 1 der Empfindung­  ­21–22 Diese Mächte … Situationen] Li: Das wodurch die Mächte reali­ sirt werden, sind Personen, als solche sind sie der Collision f ähig.­  ­25–26 aber dieses … 35 abstrakt] Li: das Lesen des Drama ist todt­  ­26 Das Vorlesen … sprechen] Li: Das Vorlesen des Drama ist wie bas relief.­  ­27 Das Vorstellen] Li: Das Darstellen­  ­29 es] Li: Das Spre­ chen und Agiren 26  Vorlesen] Vorletzen

136Hn

151vLi

1160

Hn 

30/3Hn  137Hn

nachschrift heimann · 1828/29

risch behandelt werden kann, so kann es musikalisch werden, im richtigen Dekla­ miren, die Bewegung aber (Pantomimik), wo Richtigkeit Bestimmung ist, muß sich auch mit Schönheit verbinden. Das Aktive bildet sich so zum Tanze aus, und dann ist das Drama in seiner Totalität; so befinden wir uns bei der Tragödie der Alten und bei der Oper der Modernen Zeit in der Totalität. Die alten Tragödien wurden mit Tanz und Gesang verbunden; die Musik war nur bei den Chören hauptsächlich; der dialog ist nur leicht begleitet gewesen. Uns ist aber der Tanz etwas leichtsinniges in deutschland, aber diese Form gehört zu der Totalität des Kunstwerks. In der Oper tritt das Interesse für den Gehalt zurük, und die Musik und Tanz ist überwiegend, sodaß dem sinnlichen Genuß zu viel Genuß einge­ räumt wird. Bei der Komödie und Tragödie der Alten ist der Stoff so überwiegend geblieben, daß es scheint, daß die Schauspieler wenig zu dem Worte durch ihre Minen hinzusetzten, denn die Bürger selbst spielten ja, wie es Sophokles that. Also ist auch die Aktion nicht so leidenschaftlich gewesen, besonders da die Masken vor dem Gesichte lagen, und vom Mienenspiel das Wort nicht verdrängt worden ist. Erst bei den Römern wurden auch die Histrionen berüchtigt. | Das Aufführen des Drama ist also ein Wesentliches, und das Lesen genügt kei­ nesweges. Es ist nothwendig, daß ein gutes Drama einen solchen Beifall erregt beim Publikum, daß die Wirkung dadurch erkannt wird. Es ist die Bestimmung des Kunstwerks nur, aufgeführt zu werden, und es sollte kein Drama gedruckt werden, ehe es aufgeführt worden ist. Das Publikum ist schon vorhanden, und die Verach­ tung des Publikums erscheint dadurch, daß man ein Drama so druken läßt. Ein präsentes Publikum muß sich der Dichter denken, und dessen Beifall muß er durch das menschliche Interesse seines Dramas erlangen. Die Situation muß auch präsent sein, so daß wir unsere Vorstellung daran gewöhnen können, und nicht zu ent­ fernt von uns sein. Die Charaktere dürfen nicht personifizirte Interessen haben, wie sie die neuesten Dichter machen; die Individualisirung ist nur zur oberflächli­

5

10

15

20

25

 –3 die Bewegung … verbinden] Li: doch so, daß die bestimmte Vorstellung das Vorherrschende 2 wird­  ­3 Das Aktive] Li: Die Action­   aus] Li: aus, das Sprechen zum Singen­  ­5 in der Totali­ tät] Li: da ist dies Drama in seiner Totalitaet­  ­11 der Stoff ] Li: das Wort­  ­13 denn die … that] 30 Li: daher das Wesentliche war, daß der Dichter mitspielte­  ­15–16 vom Mienenspiel … ist] Li: Das Wort behielt so die Oberhand.­  ­16 Erst bei … berüchtigt.] Li: Daher bei Griechen wir keine be­ rühmten Acteure finden.­  ­17–26 Das Aufführen … sein.] Li: Man glaubt, die Vortrefflichkeit des Drama sei nicht gebunden an die Bedingungen der Aufführung, allein das rührt daher, daß wir das Drama zu lesen gewohnt sind. Das Wort ist bestimmt gesprochen zu werden, und das Dra­ 35 ma hat noch die Bestimmung, aufgeführt zu werden, das ist die Construction des Kunstwerkes, und darin liegt, daß ein praesentes Publikum es erfasse. Die Situationen müssen leicht als wahr­ scheinlich abgenommen werden. 13  hinzusetzten] hinzzsetzten­  ­21 ehe] eher­  ­26 sein] ist

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

30

1161

chen Form bei ihnen geworden, allegorisch sonst; lebendig muß der Charakter sein, so wie verständig die Handlung. Tiefe Gedanken, sittliche Anschauung und tiefe Gefühle machen keine Wirkung, wenn nicht die Lebendigkeit des Individu­ ums vorhanden ist. Äußerliche Bedingungen, wie Kleider und Dekorationenwechsel muß schon durch die vorhergehenden Scenen möglich gemacht werden. Ein großes Stück wie die Jungfrau von Orleans, Wallenstein gefällt bei jedem Publikum, weil hier die Lebendigkeit herrscht, und wenn auch das Publikum verschieden ist im Süden und Norden, so wird doch Etwas Großes überall großen Eindruck machen. Der Unterschied von Klassischem und Romantischem ist schon früher bespro­ chen, ebenso der Stoff, der sich für beide am besten eigenet. Von der Versifikation ist auch schon gehandelt; die Natürlichkeit soll herrschen, sagt man, aber man steht vor einem Kunstwerk, nicht vor einem gewöhnlichen, natürlichen Menschen. Ha­ ben auch Gleichförmigkeit die Verse, so zeigt sich das Besonnene in der Leiden­ schaft um so mehr. Einheit muß im Drama sein; aber worin besteht sie? Alles muß auf diese Hand­ lung sich beziehen; Jedes Individuum hat ein Interesse, das mit dem Intresse des Ganzen zusammenhängt. In der romantischen Form sind auch vielfache Situationen besonders; jedoch muß in der Losigkeit dennoch ein Abschließen dasein, und ein Zusammenhang. Von einer Situation fängt ein Drama an, die von dem Geist des Menschen genommen ist; auf sie wendet der Mensch das Sittliche an. So ist eine Voraussetzung da, und diese ist Folge schon von vorhergegangnen Situationen. Der Schluß kann so sein, daß für einige Individuen neue Situationen sich bilden, und so Etwas Neues beginnen kann, woher auch die Trilogien bei den Alten entstanden. Daß ein Drama sich in Akte theilt, versteht sich. Pausen muß man haben, sowie in jeder Sache. Die Natur der Handlung verlangt 3 Akten, den Eingang im er­ sten, oder die Exposition der Situation; weßhalb es gut ist, wenn der Stoff bekannt ist, und diese Mühe der Exposition erspart werden kann. | Es erscheint so die Collision der Interessen durch die Exposition selbst. Die Collision wird lebendig und die Differenz entsteht im Angriffe der Parteien. Das

1 –2 lebendig muß … Handlung] Li: Die Caractere müssen lebendig sein, bestimmte Individuali­ taeten, nicht blos personificirte.­  ­ 6–9 Ein großes Stück … machen.] Li: Es ist wohl auf die Art des Publikums Rücksicht zunehmen, allein ist die Lebendigkeit da, so macht sie auf jedes publicum Eindruck.­  ­12–13 die Natürlichkeit … Menschen.] Li: Es soll zwar im Drama natürlich gespro­ 35 chen werden, allein da man weiß, es sei ein Kunstwerk, so ist die Kunst der Sprache, die Verse die Forderung. Die Erhebung über die blose Gemeinheit.­  ­24 Trilogien] Li: Dilogien, Trilogien­   ­26–27  den Eingang … Situation] Li: 1) Exposition der Situation, bei den Alten ganz äußerlich prologus.­  ­29 Es erscheint … selbst.] Li: Da kommt schon die Collision zum Vorschein, im 2ten Akt zum Ausbruch­  ­30 die Differenz … Parteien] Li: das Zusammenstoßen der Seiten

152rLi

138Hn

1162

31/3Hn

152vLi

nachschrift heimann · 1828/29

dritte ist die Spitze, wo die Collision aufs Höchste getrieben, sich endlich auflö­ sen muß. Diese Akte können auch 5 sein, wo dann die Exposition der einen, und die Ex­ position der andern Partei überhaupt in den 3 ersten Akten erscheint, im 4ten die Collision und im 5ten die Entwicklung sich zeigt. Was die Einheit der Zeit und Ort betrifft, so spricht von der zweiten Aristoteles gar nicht, und die Franzosen haben darin nicht Recht. Die Zeit muß Einheit haben; man kann nicht den Zuschauern zumuthen, daß sie sich Jahre lang versetzt den­ ken; leichter ist es einen so auf die Handlung aufmerksam zu machen, daß er nicht auf die Verändrung des Ortes merkt. Man theilt das Drama in die Tragödie und Komödie; in der Tragödie sind substanzielle Zwecke in Collision, welche besondre sind und so fähig sind in Ge­ gensatz zu kommen. Die Liebe des Kindes zu Mutter und Vater kann in gewissen Situationen in Collision kommen, wenn es auch nicht in gewöhnlichen Situationen der Fall ist. Solche Collisionen entwickeln zu lassen, muß in einem Hauptstüke vorkommen. Wahrhaftes Interesse müssen sie aber erregen durch die Größe des Gehaltes. Zufällige Zwecke in einen Charakter gelegt, dem sie nicht anpassen kommen in Collision in der Komödie. Die Collisionen sind hier in Ohnmacht gegen das Interesse, mit dem einer sie zu vollführen sucht. Geiz und Reichthum. – Ein selbstbeschränkter Zweck, dessen Ohnmacht gegen List Nichts aushalten kann. Solches Individuum ist dann so verwikelt, daß es den Gegensatz von dem Vorha­ ben ausführt. Ein großer Zweck in ein geringes Individuum gelegt ist auch Gegen­ stand der Komödie, wie die Republik von Plato von Weibern ausführen zu lassen. Die ewige Gerechtigkeit zeigt sich an den Individuen bei den Collisionen, wel­ che die Unhaltbarkeit der Ansichten des Individuums scheiden. Da nun diese Einseitigkeit nicht von beiden Seiten ausgeführt werden kann, so muß die eine unter­gehen und sich aufgeben.

5

10

15

20

25

7  die Franzosen … Recht] Li: die romantischen Dichter sind davon abgegangen. Es hat das Unbequeme, weil man nicht weiß, was der Ort ist, der da aufgeführt wird. In Schakespeareschen Drama’s hat man 30 auf | Zetteln es bekannt gemacht. Dem Zuschauer zumuthen zu lassen, daß Jahre verflossen sind zwi­ schen den Acten; das Sinnliche ist also zu respectiren.­  ­11 Komödie] Li schließt an: Das Drama oder Schauspiel ist modernes Mittelding.­  ­12–13 substanzielle Zwecke … kommen] Li: substantielle Zwec­ ke, παθος der Individuen, die berufen werden, sich zu vollführen. Diese Zwecke sind besondere und daher fähig, in Collision zu treten, so Liebe des Vaterlandes, Familienliebe, Weibesliebe, Kinderliebe 35 cet.­  ­15–17 Solche Collisionen … Gehaltes.] Li: Diese Collisionen müssen sich in Tragoedien entwic­ keln. Diese Collision kann auch in Willen der Caractere liegen, wenn sie nur als eine berechtigte erscheint.­  ­24 wie die … lassen] Li: Aristophanes läßt den Frauen, neuen Staat zu constituiren.­  ­25 an den Individuen] Li: an den Zwecken und Individuen­  ­26–28 Da nun … aufgeben.] Li: Die Individuen, die unternommen haben, die substantielle Macht durchzuführen, müssen untergehen, oder ihren Ca­ 40 racter höherer Gewalt untergeben, hier unterscheidet sich die moderne Tragoedie von der antiquen.

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

30

35

1163

Substanzielle Mächte machen das Pathos eines Individuums aus. Bei den Alten erscheinen so im Sophokles plastische Figuren. Eine feste, sichere Ruhe, nur dort­ hin und hierhin ausgehend, nur auf dramatisches Interesse gerichtet, so daß für die action wenig zugesetzt ist. Die Figur ist mehr statuarisch. Das Pathos ist die feste Bestimmung eines Individuums, ohne Schwanken in sich, ohne Anerken­ nung des Rechtes im Andern. In modernen Stücken findet man ironische Charaktere, deren Nichtigkeit in sich selbst Hauptcharakter ist, deren Thaten sich auflösen, und sind so dem Pathe­ tischen entgegen. Die Kollision, die eintrat, war bei den Alten theils in der Religi­ on. Agamemnon opfert seine Tochter so. Solche Situationen sind uns fremd. Die handelnden Personen sind solche, die sich aus der gewöhnlichen sittlichen Welt herausreißen, die Heroen, denen der Friede der Götter, die ohne Widerspruch sind, entgegensteht. | Diese friedliche Welt ist in dem Chor vorgestellt; es ist das Volk, das nicht in die großen Collisionen der Anführer geräth. Das Volk in seinem dunkeln Gefühle steht ihnen so gegenüber mit einem thatlosen Bewußtsein. Über den Sinn des Chors hat man viel gesprochen, auch ihn wieder aufgeführt; aber man erkannte nicht den Charakter der Tragödie. Ruhiges Zuschauen und Reflexion über die Handlung ist sein Geschäft; er billigt nicht die Einseitigkeit der Handelnden, sodaß das Publikum innerhalb des Schauspiels gesetzt ist. Aber der Chor ist nicht bloß so zu fassen, auch nicht ganz aus dem Ursprung der Tragödie aus dem Chor, der durch einzelne Stimmen unterbrochen worden ist, sodaß der Chor nur als Überbleibsel sich zufällig historisch nachgeschleppt, und daß er oft beschwerlich und überflüs­ sig ist. Die Helden sind durch die Existenz des Publikums bedingt. Das Theater hat seine Scene in der Wirklichkeit, und geistig in dem Chor, es ist ein Skulpturbild, das durch den Chor umgeben ist, ein Geist durch einen Geist umgeben. Der wahr­ hafte Ton des Ganzen ist nun so, daß der Chor reflektirt, aber seine Betrachtun­ gen wenden sich nicht an objektive Gesetze, sondern sein Urtheil hat eine Grund­ lage, die aber nicht im Rechte und Staate, die nicht Idealisch sein können, ihren Boden hat. Der Chor macht nur subjektive Reflexionen, nicht über feststehende Gesetze, sondern er ruft die Götter an, als reine Mächte, die durch die Fantasie als äußerlich vorgestellt werden. Das Pathos der Individuen spricht sich aus, und die unterschiedenen παθη bespricht der Chor, und ruft die Götter an. Hiedurch ist ge­ nau bestimmt, in wie weit die Objektivität hier vorhanden ist. Deßwegen handelt der Chor nicht, und dient nicht, wie in der Braut von Messina der Chor nicht je­ nem entspricht, da er dient. Der alte Chor ist lyrisch, und entschlägt sich der Inter­ essen. Das Antike ist demnach von dem Modernen unterschieden. Die Interessen 13  entgegensteht] entggstehen­  ­15 geräth] grathen­  ­29 ihren] seinen

139Hn

1164

140Hn

nachschrift heimann · 1828/29

sind dort die größten, Menschenopfer, Opfer eines Gliedes der Familie, die von uns sehr entfernt liegen. In den modernen Dramen, tritt, im Hamlet, der Sohn gegen die Mutter auf, wie Orest; aber das Verbrechen ist hier ganz unberechtigt, nur durch böse Leidenschaft entstanden, weßhalb Hamlet ein nicht plastischer, sondern unbestimmter, schwärmerischer, nicht zur Handlung bewegter Charakter. Zweifel, Hinderniß treten ihm entgegen. Er hat eine Schönheit, die aber nicht thä­ tig werden will. Es treten nicht Verbrecher gegen einander auf bei den Alten, wie jetzt, wo Kriminalfälle behandelt werden, und die Sophistik die Verbrechen rechtfertigt. Bei den Alten ist ein gebildetes, substanzielles Recht, dem Menschen werden die Mächte zu Bewußtsein gebracht. Das Mitleiden, nicht aber das abstrakte mit einem Leidenden, sondern eine bewußtvolle Sympathie dessen Pathos, des Rechtes der Familie, des Staates, d. i. eine Sympathie, die jeder in sich haben soll, und zu bewußtsein gebracht wird. Man kann auch mit einem Thiere Mitleiden haben, aber dieses Mitleiden ist von der sittlichen Sympathie verschieden. Das Pa­ thos wird deßhalb nicht zur Rednerei, es ist der höchste Ernst, den Schiller in vollem Maaße, Göthe weniger hat. | Das Rührende, Empfindungsvolle, ist nicht dramatisch, wie es Göthe hat; nur die Tiefe ist pathetisch, und nur das Pathos macht Wirkung. Im Egmont ist das Interesse des Staates, welches trocken und ruhig zwischen dem Statthal­ ter und Machiavel besprochen wurde. Die Scene ist gleichgültig, weil das Pathos kalt ist und überlegt. Im Götz ist die Ordnung des Staates gegen das Ritterle­ ben das Pathos, welches aber ruhig zwischen Götz und Weißlingen besprochen wird; das Wirkende, die Handlung spricht sich nicht aus; eine breite Reflexion tönt nicht durch. Die Verwikelung der Collision ist sehr mannigfaltig; die Berechtigung beider wird anerkannt, die Einseitigkeit abgestreift, wo das Individuum, die existirende Form eines Pathos zu Grunde gehen kann, und nur d e r Friede der Götter im Chor übrig bleibt, wie der Chor in der letzten Scene der Antigone es ausspricht: Nichts ist, was nicht Zeus ist. Die Antigone ist das edelste Kunstwerk der Alten, nächst der die Elektra. Anti­ gone lebt in der Familie, und im Staate, und ist demselben unterworfen. Kreon behauptet das Interesse des Staates, steht aber in Gewalt der Familienverhältnisse. Ein Vollkommenvernünftiges ist hier dargestellt. Die objektive Versöhnung in der Anschauung erscheint hier; die Vernunft wird befriedigt und der sittliche Geist. Zu populär darf der Stoff nicht sein, denn sonst wird die Lebendigkeit, die Anschau­ lichkeit beim Lesen, nicht genug interessirt auf der Bühne. Der Ausgang ist traurig, in sofern die Charaktere zu Grunde gehen, indem die Einseitigkeit aufgehoben ist, welches aber auch so geschehen kann, daß das Subjekt von seiner Einseitigkeit nachläßt, aber nur äußerlich, indem eine höhere Macht

5

10

15

20

25

30

35

besondere gestaltungen · poesie

5

10

15

20

25

30

35

1165

auftritt; so im Philoktet der Charakter von Neoptolemos gerettet ist; er ist ver­ führt durch Odyßeus; er erkennt es, und mit ihm steht nun Philoktet in Collision, die durch Herakles aufgehoben ist. So auch in den Eumeniden, wo das Ende nicht traurig ist, indem Apoll anerkannt wird von dem athenischen Volke. Modern ist, daß der Charakter sich ändert, auf eine religiöse Betrachtung seinen Charakter aufgiebt. So hat Göthe die Iphigenie modernisirt, indem er Thoas sich bewegen läßt, nicht auf einen Kampf alles ankommen läßt. Traurig braucht also der Schluß in der Tragödie nicht zu sein. Ist er so, und ist er Zweck, so ist es schon mehr romantisch, dessen Unterschied vom klassischen schon bemerkt ist. Mit der ewigen Gerechtigkeit der Harmonie schließt das antike; eine bestimmte, besondere Macht ist es in dem neuern, und zwar hauptsächlich die Religion, die Staatsmacht, welche Schiksal sind gegen das Intresse des Individu­ ums; der Kaiser gegen Wallenstein, der von Pikolomini, seinem Freunde, dem Anhange des Kaisers verlassen, untergeht. So ist in den Räubern der Angriff Karls auf die Macht des Staates, die ihn zu Grunde richtet; so im Götz, der sich gegen die beginnende Ordnung stämmt, auf deren Seite Weißlingen steht, seinen Freund verräth; aber beide der sich Auflehnende und der Anhänger der Ordnung unterliegen, wie auch Pikkolomini durch seinen Sohn leidet. Die Liebe ist das Hauptinteresse, und eine innere Entwiklung bringt den Untergang. | Das Innere wird gebrochen durch dieses Interesse, welches auch die herrschende Form der Auflösung der heutigen dramen oder Schauspiele ist. Der Ausgang der Trauer ist uns nicht so klar, weil wir nicht das plastische Innere so vor uns haben. Die Ver­ wickelung ist unglücklich in einem kleinen Kreise, wo ein Verstoß gegen Pflich­ ten ist, der Schluß ist das Ablassen vom Bösen, und die Rükwirkung in der Ver­ zeihung. Die Komödie ist die letzte Form der Kunst, die Auflösung der Kunst, wo der Ge­ halt der Kunst selbst vernichtet wird. Diesen wesentlichen Sinn hat die alte Komödie gehabt. Eine objektive Gestalt, ein wesentlicher Inhalt erscheint; subjekti­ ver Wille löst den objektiven Inhalt auf, und die Sicherheit der Subjektivität entsteht, die Heiterkeit, die von Haus aus, alles unternimmt ohne Bekümmertheit, ist das Intresse. Die subjektive Heiterkeit wird nun vernichtet. Deßhalb ist das Komische nur in niedrigen, charakterlosen Personen möglich, wo nur subjektive Intressen, nicht der Ernst großer Verhältnisse zu ihnen passen. So ist bei Aristophanes die Heiterkeit des Subjekts, die Holheit des Willens des demos erschienen. Euripides hat gelten wollen; Aristophanes war ernst, heiter, patriotisch, und so stellte er die Torheit des Volks vor, auch der Götter. Die unverwüstbare Sicherheit in sich und die Torheit nehmen die höchsten Pläne vor, und führen sie töricht aus. So ist 2 in] im  28 Komödie] Tragödie

1/4Hn

141Hn

1166

2/4 Hn

nachschrift heimann · 1828/29

Sokrates nur ein Tor beim Aristophanes, der richtig das Treiben des Volks nann­ te. Die Wolken sind nicht bloß lustig, sie sind auch bitter; und der Kontrast ist nur komisch, wie in den lüsternen Weibern, die einen Staat bilden wollen. Zu Grun­ de gerichtet ist die Gestaltung des Sittlichen, die sich aufspreizt. Die Komik ist so das Extrem der Kunst, worin sich das Plastische vernichtet. Die Nichtigkeit der Kunst spricht sich aus in der neuerdings angewendeten Ironie. Aristophanes ist eins der größten Symptome des Untergangs der griechischen Kunst; der Widerspruch zwischen Göttern, und Staat und der Subjektivität der Bürger ist in ihm ausgesprochen. So sind wir am Schlusse der Kunst. – Die neuere Komödie hat den Sinn, daß zufällige Torheit in ihrer Nichtigkeit vorgestellt wird. Nicht ein wahrhafter Gehalt in einer wichtigen Existenz, sondern das Gehaltlose und Schiefe ist es, an denen die Nichtigkeit nachgewiesen wird. Das Lustspiel kann nun ernster sein, wie der Tartuffe, welches aber gar nicht den Namen Komödie verdient. Die Religion und Frömigkeit ist hier vorgestellt, so wie das Recht des Besitzes in dem avare, wo Religion und Geiz zur befriedigung schlechter Leiden­ schaften angewendet werden. Die moralische Befriedigung erscheint am Ende. Die Komödie hat die Intrigue zu ihrem Hauptmittel, die einen persönlichen Zweck hat. Die Komödie ist schlecht, wo das Nichtige den Sieg davon trägt; schlechte Söhne und Bediente, Vormünder betrügen, und dieses kann nur komisch werden, wenn solche Personen in einem falschen Intresse und Vorurtheil sich bewegen, sodaß das Zufällige im Kampf mit Zufälligem tritt, und nur ein Schiefes, Zufälli­ ges, lächerlich wird, und seinen Zweck verfehlt. Für uns ist die Kunstphilosophie eine Nothwendigkeit geworden, da wir über die Kunst hinaus sind.

5

10

15

20

Ende.

1  2/4] 4/2

25

zeichen, siglen

1167

ZEICHEN, SIGLEN

Bembo-Schrift Grundstufe des Textes S p e r rd r u c k Hervorhebung im Original Kursivdruck Herausgeberrede 00Hn am Rande des Textes: Seitenzahlen der Nachschrift Heimann 00As, Li, Ro 1. am Rande des Textes:Seitenzahlen der im Variantenapparat herangezogenen Nachschriften (ohne Seitentrennstrich) 2. am Rande des Variantenapparats: Seitenzahlen der im Variantenapparat herangezogenen Nachschriften (ohne oder gegebenenfalls mit Seitentrennstrich) | neue Seite im Original / 1. im Variantenapparat: neuer Absatz 2. im Textkritischen Apparat: Zeilenumbruch [] Hinzufügung des Herausgebers ] Abgrenzung des Lemmas tiefgestellte Ziffern im Apparat geben bei öfterem Vorkommen des die1  gleichen Wortes in einer Zeile die Reihenfolge an r recto;Vorderseite eines Blattes v verso; Rückseite eines Blattes Im Variantenapparat und im Textkritischen Apparat sowie bei den Seitenangaben wer­ den folgende Siglen verwandt: Anonymus (Fragment) As bzw. As Nachschrift Libelt Li bzw. Li Nachschrift Rolin Ro bzw. Ro