Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte II: Nachschriften zum Kolleg des Wintersemesters 1824/25 9783787328284, 9783787336456

Im Wintersemester 1824/25 hat Hegel sein zweites Kolleg über die Philosophie der Weltgeschichte gelesen. Gegenüber dem K

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Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte II: Nachschriften zum Kolleg des Wintersemesters 1824/25
 9783787328284, 9783787336456

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H E G E L · G E S A M M E LT E W E R K E 2 7, 2

GE ORG W I LH ELM FRIEDRI CH H EGEL

G E S A M M E LT E W E R K E

I N V E RBI N DU NG M I T DE M

F O R S C H U N G S Z E N T RU M F Ü R KLASSISCHE DEUTSCHE PHILOSOPHIE / HEGEL-ARCHIV

H E R AU S G E G E B E N VO N

WA LT E R JA E S C H K E

BA ND 27 IN FÜNF TEIL BÄ NDEN

F E L I X M E I N E R V E RL AG H A M BU RG

GE ORG W I LH ELM FRIEDRI CH H EGEL

VO R L ES UN GE N ÜBER DIE PHILOSOPHIE DER W E LT G E S C H I C H T E

H E R AU S G E G E B E N VO N

WALTER JAESCHKE UND REBECCA PAIMANN

BA ND 27, 2 N ACHS CHR IF T EN Z U M KOL LEG D E S W I N T E R SEM EST ER S 1824/25

F E L I X M E I N E R V E RL AG H AM BU RG

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über 〈http://portal.dnb.de〉 abrufbar. ISBN 978-3-7873-2828-4

© Felix Meiner Verlag, Hamburg 2019 Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielf ältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Film, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 URG ausdrücklich gestatten. Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig. Druck: Strauss, Mörlenbach. Bindung: Spinner, Ottersweier. Werkdruckpapier: alterungsbeständig nach ANSI-Norm resp. DIN-ISO 9706, hergestellt aus 100 % chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Printed in Germany.

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INHALTSVERZEICHNIS

WINTERSEMESTER 1824/25 NACHSCHRIFT FRIEDRICH CARL HERMANN VICTOR VON KEHLER mit Ergänzungen und Varianten aus den Nachschriften Moritz Pinder und Heinrich Wilhelm Dove UND NACHSCHRIFT MORITZ PINDER mit Varianten aus der Nachschrift Heinrich Wilhelm Dove . . . . . . . . . . . . . 465 Philosophie der Weltgeschichte nach Hegel. Im Winter 1824/5 H. v. Kehler. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1) Afrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Asien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eintheilung der Weltgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I. Morgenland, Orientalische Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . China mit den Mongolen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Indien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Persische Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das eigentliche Persien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Babylonier und Syrer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das jüdische Volk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Aegypten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Uebergang nach Griechenland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Griechenland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Römische Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das germanische Reich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

469 515 526 529 530 538 542 570 596 596 608 614 619 639 641 696 747

ANHANG Zeichen, Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 787

WINTERSEMESTER 1824/25 NACHSCHRIFT

FRIEDRICH CARL HERMANN VICTOR VON KEHLER MIT ERGÄ NZU NGEN U N D VA RIA NTEN AUS DEN NACHSCHRIFTEN

HEINRICH WILHELM DOVE UND MORITZ PINDER UND NACHSCHRIFT

MORITZ PINDER MIT VA RIA NTEN AUS DER NACHSCHRIFT

HEINRICH WILHELM DOVE

Philosophie der Weltgeschichte nach Hegel. Im Winter 1824/5 H. v. Kehler.

einleitung

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Einleitung

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Die Weltgeschichte ist ein sehr reicher Stoff, der zu den algemeinsten Fragen und Ansichten Veranlassung gibt. Es ließe sich wohl eine jährige Vorlesung über d i e s e halten, ohne daß der eigentliche geschichtliche Gang vorgenomen wird. Die Geschichte ist unser Gegenstand, sie hat für sich den concretsten Gegenstand, der alle die verschiednen Seiten in sich zusammenfaßt. Es ist das Individuum der Weltgeist, für die Weise der Religion, Kunst, u.s.f. hat die Philosophie besondre Theile, sie ist es aber auch, die was der concrete Gegenstand ist, in seiner concreten Gestalt, sich zum Gegenstand macht, und seine nothwendige Entwicklung betrachtet. Der Gedanke ist aber selbst so algemeinen Inhalts, daß er auch Gegenstand der Philosophie sein kann; um für diesen Gegenstand Raum zu gewinnen, werden wir kürzer sein, um die Betrachtung der christlichen Welt ausführlich vorzunehmen, und werden uns also in der Einleitung darauf beschränken, die Hauptpunkte zu erörtern, aus welchen sich die That entwickelt, die Momente darzustellen, woraus sich das größte Gemälde der Weltgeschichte vor uns aufrollen wird. Die Geschichte bezieht sich auf solches, was geschehen ist, wir haben es also hier damit zu thun, was dem begreifenden Organe geschichtlicher Betrachtung entgegen zu sein scheint, also mit dem Begriff, der wesentlich sich aus sich selbst bestimt. Man kann zwar die Begebenheiten näher so zusamenbringen, daß man sich vorstelt, das Geschehene liegt uns vor, aber es ist doch um die Verbindung zu thun, um das, was man pragmatisch nennt, also um die Ursachen und Gründe aufzufinden. | Dazu kann man sich vorstellen ist der Begrif nothwendig, und so tritt das Begreifen in ein sich nicht entgegengesetztes Verhältniß. Allein bei solcher Weise sind es imer die Begebenheiten, die zum

25 3 Veranlassung] Do: Anlaß, Verfaßung Religion etc sind Gesichtspunkte, deren Betrachtung sich

allgemein machen läßt 4 der eigentliche … wird] Do: der eigentlich geschichtliche Gang erfordert nun eben solchen Geist als zur Betrachtung 7 Religion] Do: Wissenschaft 8 was der … ist] Pi: jenes Individuum, den Weltgeist 10 Der Gedanke … Inhalts] Do: Diß Individuum ist aber selbst ein so concretes 16 Die Geschichte] Do: Philosophie der Weltgeschichte scheint ei17 geschichtlicher] Do: philosophischen 19 be30 nen Widerspruch zu erhalten. Die Geschichte stimt] Do: bestimmende, seinen Inhalt aus sich selbst erzeugende 21–22 um das, … aufzufinden] Do: um die Erforschung der Ursachen und Gründe Das was die pragmatische Geschichte vor Augen hat 24–470,2 sind es … vorliegt] Do: wird die Thätigkeit des Begriffes beschränkt auf das formelle der Verbindung dessen was vorliegt, so daß die allgemeinen Gesichtspunkte, die ge35 wonnen werden, ihre Beglaubigung hätten, in dem, was als Geschehenes vorliegt

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Grunde liegen, und die Thatigkeit des Begrifs und beschränkte Idee formellen algemeinen Inhalts von dem, was vorliegt: Principien, Sätze, was so aus der Geschichte deducirt wird, dazu ist das logische Denken nothwendig. Aber Erfahrung soll das bringen, was die Berichtigung gibt. Was wir unter Begriff verstehen, ist etwas anderes, hier ist Begrif Thätigkeit des Begrifs. Kein concurriren, wo Stoff und Form anderswoher komen, sondern der Begrif ist wesentlich das aus sich selbst seinen Stoff und Inhalt nehmende. Solche Verbindung, wie in der pragmatischen Geschichte, genügt dem Begrif in der Philosophie nicht. In der Rüksicht bleibt also auch dieser angeblichen Verbindung ungeachtet noch derselbe Unterschied, daß die vielen Stoffe hervorgegangen sind, und die Selbständigkeit des Begrifs, ein sich selbst Bestimmen, und das Geschehene steht sich so gegenüber, indem wir zunächst sprechen von einem Bezihen des denkenden Begrifs auf das Geschehene. Innerhalb der Geschichte bietet sich uns derselbe Begrif dar, wo wir einen höheren Gesichtspunkt haben: einerseits sehen wir in der Geschichte Ingredienzien, Naturbedingungen, welche von den Begrifen entfernt liegen, mannigfache menschliche Wilkür, äußerliche Nothwendigkeit, dieser aber stellen wir anderseits gegenüber den Gedanken einer höhern Nothwendigkeit, ewigen Gerechtigkeit und Liebe; den Zweck absoluter Endzwecke, der Wahrheit an und für sich ist. Dieses entgegengesetzte beruht auf dem abstracten Elemente im Gegensaz des natürlichen Seins, auf der Freiheit, der Nothwendigkeit des Begrifs. Der Gegensaz, der uns in vielfacher Gestalt interessirt, ist es, der unser Interesse an der Idee der Weltgeschichte beschäftigt. Es ist aber Zweck, den Gegensaz | in der WeltGeschichte, als an und für sich gelöst, aufzuzeigen, und von dem algemeinen Interesse ist es zweckmäßig, im voraus eine algemeine Vorstelung zu geben, doch mit wenig Weitläufigkeit, nur kurz die Momente vorlegen, auf die es ankomt. – Das Erste, was in dieser Rüksicht zu bemerken ist, ist, daß der Boden, auf dem wir uns in der Geschichte befinden, einfacherweise der Boden des Geistes ist. Nach der Schöpfung der Natur tritt der Mensch auf, der ist der Gegensatz der natürlichen Welt, er ist der, der sich in die 2te Welt erhebt. Wir haben 2 Reiche in unsrem algemeinen Bewußtsein: das Reich der Natur und das Reich des Geistes. D a s R e i c h d e s G e i s t e s i s t d a s , w a s v o m M e n s c h e n

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3 nothwendig] Do: nöthig aber dieß ist dem Begriffe nicht angemessen 10 hervorgegangen] Do: ohne Rücksicht auf Begriff hervorgegangen 13–14 Innerhalb der … haben] Do: Derselbe Widerspruch ist in der Geschichte, wenn wir das Spiel ihrer mannig faltigen Ingredienzen 35 sehen 16 menschliche] Do: menschliche Leidenschaften 17 höhern] Do: innern 18–19 den Zweck … ist] Do: deren Zweck absoluter Endzweck der Wahrheit an und für sich ist 19–21 Dieses ent gegengesetzte … Begrifs.] Do: Abstrakter sind diese Gegensätze äußere Nothwendigkeit und Freiheit. 23 gelöst] Do: selbst sich lösend 29–30 der ist … Welt] Do: der seine eigene Welt gegen die Natur sich erbaut 40

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h e r v o r g e b r a c h t i s t . Man mag sich also eine Vorstelung vom Reich Gottes machen, so ist es imer ein Reich des Geistes, das im Menschen realisirt und in die Existenz gesezt werden soll. Wir haben nun in der Vorstelung stehen zu bleiben, daß wir die Welt des Geistes, der Natur gegenüber, zum Gegenstand haben. Der Boden des Geistes ist das alumfassende, was den Menschen je intressirt hat, und noch intressirt. Es ist alles, was sich auf Staat, Phantasie, Tugend, Laster, Religion usw. beziht. Alle die Empfindungen sind darin einbegriffen. Das ist das erste, woran erinnert werden muß. Das zweite ist nun, wie wir uns den Gang vorzustellen haben. Das nächste ist, daß wir das Interesse haben können, im Verlauf der Geschichte die geistige Natur oder wie der Geist mit der Natur vereinigt ist, also die menschliche Natur zu erkennen. Das was wir als die Natur des Menschen ansehen können ist vom Geiste berührt. Der Mensch ist darin wirksam, er mag thun was er will, so ist es ein solches, worin der Geist thätig ist. Es kann also Interesse sein in dem Verlauf der Geschichte die geistige Natur in ihrer Existenz zu erkennen. Hierbei ist bemerkt worden, daß man sich, wenn man von menschlicher Natur spricht, dabei etwas bleibendes vorstellt, die Darstelung der menschlichen Natur soll auf alle Menschen passen, ehemaliger und jetziger Zeit. Die algemeine Vorstellung kann unendlich viel Modificationen erleiden, aber das Algemeine | ist Ein und Dasselbe Wesen in den verschiednen Modificationen. Es ist denkende Reflexion, die von den Unterschieden absieht, und das Algemeine festhält, das Algemeine, das unter allen Umständen auf diese Weise wirksam in dergleichen Interesse sich zeigen soll. Der algemeine Typus läßt sich auch in dem aufzeigen, was sich am stärksten davon zu entfernen scheint, in den verzerrtesten Gestalten läßt sich dem menschlichen nachspüren, es läßt sich eine Art von Trost und Versöhnung geben, dadurch, daß doch noch ein Zug der Menschlichkeit darin übrig ist. In dem Interesse wird gesagt, daß die Menschen sich gleich geblieben sind, daß unter allen verschiedenen Umstän-

3 gesezt werden soll] Do: gesetzt als eine zweite Natur vom Geiste errichtet 6 intressirt] Pi: interessirt, das Herrliche, Große, Glückliche, wie das Unglückliche, Böse Phantasie] Pi: Phan30 tasie und die Vernunft 7 Religion] Do: Religion und Kunst 11–12 Das was … Mensch] Do: Im Menschen ist das nicht geschieden, was wir in der Abstraktion als geistiges und körperliches fixiren. 12 berührt] Pi: berührt; es ist darin wirksam 16 bleibendes] Do: festes bleibendes Pi: feste 17 Darstelung] DoPi: Vorstellung 17–18 ehemaliger und jetziger Zeit] Do: auf die entferntesten Zeiten Pi: auf alle Zeiten und Völker 19 Ein und Dasselbe Wesen] Do: 20 den Unterschieden] Do: dieser Mannigfaltigkeit 21–22 das Al35 eine und dieselbe Weise gemeine … soll] Do: hält sich an jenes Gleiche 22–24 Der algemeine … scheint] Do, ähnlich Pi: es ist immer das Interesse der Geschichte, diesen allgemeinen Typus auch darin noch aufzuzeigen, was sich am meisten zu entfremden scheint 24 verzerrtesten] Do: entferntesten, verzerrtesten Pi: das Fernste, Verzerrteste, Unmenschlichste 26 Menschlichkeit] Do: Menschlichkeit 40 d.h. in affirmativem Sinne das Gute des Menschen Pi: Das Hohe der menschlichen Natur ist im Verabscheuungswürdigen noch aufzufinden.

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den dasselbe Laster gewesen sei, und man könnte also fuglich mit Salomo sagen: Es gibt nichts neues unter der Sonne. Wenn wir zb. einen Menschen vor einem Idole knien und beten sehen, und da sein Inhalt etwas von der Vernunft verwerfliches ist, so können wir doch darin sein Gefühl festhalten und sagen, daß dieses Gefühl denselben Wer th habe, als das des Christen, der den Abglanz der Wahrheit anbetet, als das des Philosophen, der sich in der ewigen Wahrheit mit denkender Vernunft vertieft. Nur die Gegenstände sind verschieden, aber das subjektive Gefühl ist Ein und dasselbe. So wenn wir uns die Geschichte zur Vorstelung bringen von den Assassinen, nach der Erzählung, welche man sich von ihrem Verhältniß zu ihrem Herrn, dem Alten vom Berge, macht, sehen wir, wie sie sich da dem Herrn hinopferten für seine Schandthaten; in dem Sinn ist es dieselbe Aufopferung, als wenn Decius in den Schlund springt, um sein Vaterland zu retten. Wenn wir dies überhaupt festhalten, so kann man sagen, daß man es nicht nothwendig habe, sich auf das große Theater der Weltgeschichte zu richten. Es ist eine bekante Anecdote vom Cäsar, | daß er in einer kleinen Municipalstadt dieselben Aemulationen und Thätigkeiten antraf, die er auf dem großen Schauplatz in Rom sah. Diese Triebe, Bemühung, finden sich in einer kleinen Stadt, wie auf dem großen Welttheater. Das nächste ist also, daß wir eine algemeine Vorstelung von der menschlichen Natur haben, und haben wir diese, so entsteht die Betrachtungsweise, die erwähnt worden ist. Fassen wir diesen Gegenstand näher, so finden wir, daß von dem Inhalt, den Zwecken, der menschlichen Thätigkeit abstrahirt wird. Diese vornehme Gleichgültigkeit gegen die Objecte kann man bei Franzosen und Engländern finden, und diese werden philosophische Geschichtsschreiber genant, aber der gebildete Menschensinn kann nicht umhin, einen Unterschied zu machen zwischen Neigung und Trieben, wie sie sich in kleinen Kreisen zeigen, und wie sich dieselben Lei-

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1 dasselbe Laster gewesen sei] Do, ähnlich Pi: dieselben Leidenschaften die Menschen bewegt haben 2 zb. einen Menschen] Do: den Hindu Pi: der Indier 3–4 da sein … ist] Do, ähnlich Pi: das im Sinne des Schönen etwas Scheußliches ist 4–5 dieses Gefühl] Do: sein religiöses Gefühl, die Andacht 5 denselben Wer th] Do, ähnlich Pi: vielleicht dieselbe Intensität 8 dassel- 30 be] Pi: dasselbe, Andacht im Allgemeinen 13 dies überhaupt] Do, ähnlich Pi: das was wir That, Gemüth nennen 15 richten] Do: wenden, wenn wir uns die Leidenschaften suchen 17 Diese Triebe, Bemühung, finden] Do: Dieses allgemeine der menschlichen Natur findet 18–20 Das nächste … ist.] Do: Suchen wir in der Geschichte nichts weiter als die Vorstellung der menschlichen Natur, so kommen wir auf diesen Standpunkt. 21 dem Inhalt, den Zwecken] Do, ähnlich 35 Pi: den Objekten 23 die Objecte] Do: die Wahrheit der Endzwecke 25–473,1 Neigung und … darstellen] Do, ähnlich Pi: den Leidenschaften eines kleinen Kreises und den Interessen eines großen Staates oder der Weltgeschichte. (Do: Die Menschen selbst, die unser Interesse wecken, Pi: Der substanzielle Zweck, die Bemühungen von Generationen und Individuen) haben etwas mehr vorgestellt als die sogenannte allgemein menschliche Natur. 40 14 auf ] Ke: auch (als Kürzel)

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denschaften im Intresse der Weltgeschichte darstellen. Dieses objective Intresse, sowohl dem a l g e m e i n e n Zw e c k nach, als d e n I n d i v i d u e n n a c h ist es, was die Geschichte anzeigt. Diese sind es, deren Verlust und Untergang wir betrauern. Wenn wir den Kampf der Griechen mit den Persern vor uns haben, oder Alexanders vernünftige Herschaft, so wissen wir wohl, daß es uns intressirt, die Griechen von der Barbarei befreit zu sehn; daß wir uns intressiren für die Erhaltung des athenischen Staates, für den Herscher, der an der Spitze der Griechen Asien unterworfen hat. Stellen wir uns Alexander vor, daß er in seinem Unternehmen gescheitert wäre, so würden wir gewiß insofern nichts verlieren, wenn es hier bloß um menschliche Leidenschaft zu thun wäre. Daran hat es uns nicht gefehlt, ein Spiel der Leidenschaften zu sehn, aber wir würden hier damit nicht zufrieden sein, sondern u n s e r I n t r e s s e i s t s t o f f a r t i g ; und nachdem dies bestimmt ist, so fragt sich, welcher Art der substanzielle Zweck sein konnte, | in dem der Geist zu solchem wesentlichen Inhalt kommt. Das Intresse ist überhaupt substanzieler und algemeiner Art, bestimte Religion, Wissenschaft, Kunst. Wie komt der Geist nun zu dem Inhalt? wo komt solcher Inhalt her? Die empirische Antwort ist leicht: in der Gegenwart findet jedes Individuum sich angewiesen an solches wesentliches Intresse, substanzielen Inhalt; jedes Individuum findet sich in einem bestimten Vaterlande, Religion, Kreis von Menschen, von Vorstelungen über das, was wahrhaft sitlich ist; was ihm überlassen ist, ist sich besondre Kreise drin auszuwählen, an die es sich anschließen will. Aber daß wir die Völker mit solchem Inhalt, Intresse beschäftigt finden, ist Sache der Weltgeschichte. Was dabei uns in Verlegenheit bringen kann, ist die große Mannigfaltigkeit, Verschiedenheit, selbst Entgegensetzung solches Inhalts. Das Entgegengesetzte sehen wir als heilig verehrt, und als das, was das Intresse der Zeiten, Völker in Anspruch genomen hat. Was uns noch auffallen kann, ist daß die reichste Gestaltung, das schönste Leben in der Geschichte Untergang fand, daß wir da unter Trümmern des vortreflichsten wandeln. Von dem edelsten schönsten, für das wir uns intressiren, reißt uns die Geschichte los; die Leidenschaften haben es zu Grunde gerichtet, es ist vergänglich. Die Trauer regt auf, eine Rechtfertigung für solchen Untergang in den Ideen zu finden, eine T h e o d i c e e . Wir können uns nicht bloß mit der empirischen Weise begnügen,

2 sowohl dem … n a c h ] Pi: der allgemeine Zweck in der Individualität 7 Staates] Do: Staates den Gehalt der Kunst und Wissenschaft Athens den Herscher] Do: das einzelne Individuum des 35 königlichen Jünglings 10 menschliche Leidenschaft] Do: das Spiel menschlicher Kräfte 14 solchem] Do: solchem Zwecke, zu solchem 17 Gegenwart] Do: Wirklichkeit 19 Vaterlande] Do: Vaterlande, einer bestimmten Verfassung 20–21 was ihm … will] Do: Dieser Boden ist ihm gegeben, er kann sich andere Kreise nicht wählen. Pi: Es hat in dieser Hinsicht keine Wahl. 27 schönste] Do: herrlichste Pi: edelste 30 Leidenschaften] Do: Leidenschaften der 32 T h e o d i c e e ] Do: Theodicee, eine Rechtfertigung Gottes 40 Menschen

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sondern müssen die nähere Frage stellen, wie der Geist zu dem Inhalte komme; der Geist überhaupt, wir, oder das Individuum, oder die Völker. Auf den Inhalt kommt es wesentlich an, und wir haben ihn aus dem spekulativen Begrif zu fassen. Das Bisherige findet sich in unsrem gewöhnlichen Bewußtsein; ein andres ist der Begriff, der jetzt angeführt werden soll; daß er auseinandergesezt wird, ist iezt nicht die Zeit. Die Philosophie kent auch die gewöhnliche Vorstellung, hat ihren Grund, davon abzuweichen. Folgende kurze Sätze sind anzuführen: Erstens ist zu wissen, daß der Geist nicht ein Abstractum ist, nicht so ein Abstractum von menschlicher Natur, sondern durchaus individuell, thätig, schlechterdings lebendig, Bewußtsein; als Bewußtsein hat er einen Gegenstand, und das ist das Dasein des Geistes, einen Gegenstand zu haben. Von was | weiß der Geist? Es ist noch nichts da als der Geist, er hat sich selbst zum Gegenstand. Der freie Geist hat nur sich zum Gegenstand; unfrei ist der abhängige von einem andren, abhängig ist im Verhältniß zu stehen mit einem andren; frei ist, was sich nur zu sich selbst verhält, nicht zu einem andren. Der Geist macht sich eine bestimte Vorstelung von sich, von dem was er wesentlich ist, was seine Natur überhaupt ist. Der Geist kann nur geistigen Inhalt haben und das geistige eben ist sein Inhalt, sein Intresse. So ist es, daß der Geist zu einem Inhalt komt; nicht daß er einen Inhalt vorfindet, sondern sich zu seinem Gegenstande, zum Inhalt seiner selbst macht. Das Wissen ist die Form und das Verhalten, der Inhalt aber ist eben das Geistige selbst. Eine wesentliche Bestimung, die hier einstweilen angeführt wird als vorausgesetzt. Das nächste ist, daß wir den Geist, den wir als Bewußtsein seiner wesentlich fassen, näher in der Gestalt nicht eines einzelnen Individuums betrachten. Der Geist ist wesentlich Individuum, aber nicht mit Einzelnem oder Beschränktem, nicht mit Zurückgehen zu seiner einzelnen Individualität haben wir es zu thun. Er ist ein Individuum, das von algemeiner Natur ist aber dabei auch bestimtes ist: Das ist e i n Vo l k überhaupt, und der Geist, mit dem wir es zu thun haben ist der Vo l k s g e i s t , und die Volksgeister unterscheiden sich nach der Vorstellung, die sie sich von sich selbst machen, nach der Oberflächlichkeit oder Tiefe, in der sie das, was der Geist, gefasst, ergründet haben. In dem Punkte wollen wir uns etwas umsehn: ü b e r d e n Vo l k s g e i s t . Dieser ist zugleich wesentlich ein besondrer, deswegen, der Volksgeist ist nicht als der absolute, algemeine Geist, denn der ist E i n e r ; er ist

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11 einen Gegenstand zu haben] Do: denn er ist nur da, in so fern er von etwas weiß 12 Es ist … 35 sich] Do: Zunächst von äußerlichen Dingen. Aber hier wo wir den Geist in seinem einfachen Begriff vor uns haben, so hat der Geist sich hier 15 Der Geist] Do: Als freier Geist hat er sich selbst daher zu seinem Gegenstand, und der Geist 19 nicht daß … vorfindet] Pi: Er findet ihn nicht vor, wie das Endliche. 22 Das nächste] DoPi: 2. 29–30 von sich selbst] Do: von dem 40 was der Geist ist 30–31 der Geist] Do: das Wahre

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der algemeine Geist in einer besondren Gestaltung, über die er an sich selbst erhaben ist, aber die hat der Geist, insofern er existirt: mit dem Dasein, der Erscheinung tritt die Besonderheit überhaupt ein. Die Besonderheit des Volksgeists macht aus die Art und Weise seines Bewußtseins, die er sich über den Geist macht. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt, im gewöhnlichen Bewußtsein sprechen wir so: dies Volk hat die Vorstelung von Gott gehabt, die Religion, das Recht, über Sitlichkeit hat es sich solche Vorstellung gemacht; das sehn wir | etwa als äußerliche Gegenstände an, die ein Volk gehabt habe. Aber bei oberflächlicher Betrachtung schon sehn wir, daß die Dinge geistiger Art sind keinen andren Ort ihrer Wirklichkeit haben können, aber der Geist ist das Bewußtsein des Geists vom Geist; dies ist nun aber zugleich Selbstbewußtsein. Hier können wir in das Mißverständniß gerathen, daß ich von mir bei dem Selbst die Vorstellung habe von mir als dem zeitlichen Individuum. Das ist eine Schwierigkeit der philosophischen Seite, der meistens bei dem Selbst nichts einfält, als die besondre empirische Existenz eines Individuums. Der Geist aber, im Bewußtsein des Geists, ist frei; darin hat er die zeitlich beschränkte Existenz aufgegeben, und verhält sich zum reinen Wesen, das sein Wesen zugleich ist. Wenn das götliche Wesen nicht wäre das Wesen vom Menschen und der Natur, so wäre es eben ein Wesen, das nichts wäre. Selbstbewußtsein ist also ein philosophischer Begriff, der nur in philosophischer Darstelung seine volle Bestimtheit erlangen kann. Das weitre ist, indem wir das so festgesezt sein lassen, daß das bestimte Volksbewußtsein das Bewußtsein über sein Wesen ist, so ist die Geschichte eines Volkes nichts anderes, als daß es den Begrif, den der Geist von sich hat, ausprägt in verschiednen Sphären, in welchen es sich überhaupt ergeht, diese sind sein Staat, Religion, seine Kunst, sein Recht, sein Verhältniß überhaupt zu andren Nationen; alles das sind die Seiten, in denen der Begrif des Geists von sich selbst sich realisirt, wenn der Geist dazu komt, sich zu sehen, sich zu wissen, als eine vorhandne Welt sich vor sich zu haben, wie der Künstler den Trieb, sein Wesen vor sich zu haben, hat um im Werke sich selbst

aber die … existirt] Do, ähnlich Pi: Ein Volk ist weltlich, zeitlich, im Daseyn ist er aber ein besonderes 5 Punkt] Do: Punkt an und für sich und wird später als noch bedeutender erscheinen 7 Sitlichkeit] Do: Wissenschaft u.s.f. 8 Gegenstände] Do: Gegenstände dem Geist gegenüber 13 zeitlichen Individuum] Do, ähnlich Pi: besonderen, zeitlichen Individuum 15–16 Der Geist … frei] Do: Der Mensch in der Religion hat gerade seine 18 nicht] Do, ähnlich Pi: nicht zugleich 20 volle Bestimtheit] Do: wahre Begrün35 Freiheit dung 22 Bewußtsein über sein Wesen] Do: Selbstbewustseyn seines Geistes 23 Geschichte eines Volkes] Do: That eines Volkes, seine Geschichte 24 ausprägt] Pi: ausbreitet, objektivisirt, realisirt Do: objektivirt 25 Staat, Religion, … Recht] Do: Religion, Sittlichkeit, Kunst, Tapferkeit, Staatsrecht 29–476,1 den Trieb, … genießen] Do: der seine inwohnende Idee als 40 Werk vor sich hinstellt, und so sich als Produkt vor sich habend, genießt Pi: seinen Trieb durch das Werk ausspricht, sich als sein Produkt vor sich hat 30 2

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zu genießen. Zu dem Product gehört nicht sowohl seine Religion usw. sondern es gehören dazu seine Schicksale selbst, seine Thaten, die sind nichts andres, als der Ausdruck dieses seines Begrifs. Die Religion eines Volks, sein Gesetz, seine Sitlichkeit, Kunst, sonstige Geschicklichkeit, Industrie, seine physischen Bedürfnisse zu befriedigen, alles das steht im innigsten Zusamenhang, es ist das ein Gesichtspunkt, den besonders Montesquieu festhält, und geistreicher Weise auszubilden und darzustellen gesucht hat. Es ist dies ein sehr wichtiger Satz in vielfacher Beziehung: daß zb. indische Religion unverträglich ist mit der geistigen Freiheit der Europäer, und Staatsverfassungen, die oft weit entfernt von einander sind, sind selbst unverträglich mit einer andren Religion. Es ist jedoch die Seite | nicht betrachtet worden, als wenn die verschiednen Bestimungen im Zusamenhang überhaupt wären, sondern es ist Ein Princip, das ihnen zum Grunde liegt, der Geist einer Bestimtheit, die die Seiten ausfüllt, das Princip des Volks ist sein Selbstbewußtsein; die wirkende Kraft in den Schicksalen der Völker, und ebenso muß das substanzielle des Volksgeistes ebenso betrachtet werden, als der Hermes, der die Seelen der Unterwelt zu leitet, als der Leiter und Führer für alle Individuen des Volks. Das ist die Vorstelung, daß es wichtig ist, die Individuen vor sich zu haben. Jedes Individuum ist der Sohn seines Volkes auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung des Volks. Er kann den Geist seines Volks nicht überspringen: ebensowenig, als er die Erde überspringen kann. Die Erde ist das Centrum der Schwere, wenn ein Körper sein Centrum verlassend vorgestelt wird, so wird er vorgestelt, als in der Luft zerstäubend; so verhält es sich mit dem Individuum. Daß das Individuum s e i n e r S u b s t a n z gemäß ist, das ist es aber durch sich selbst. Es muß den Willen, den das Volk fordert, in sich zum Bewußtsein zum Aussprechen bringen. Das Individuum erfindet seinen Inhalt nicht, sondern es ist nur, daß es den substanziellen Inhalt in sich bethätigt, und so sind eben die

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1 gehört nicht … usw.] Do: gehören nicht blos jene Seiten Pi: gehört nicht nur jene Sphäre 3 dieses seines Begrifs] Do: dieses seines Begriffes von sich selbst Pi: dieses Selbstbegriffes des Volks 6 Montesquieu] Do: Montesquieu in seinem Buch über den Geist der Gesetze 8–9 der geistigen … Europäer] Do: dem Geiste europäischer Freiheit 9–10 Staatsverfassungen, die … 30 Religion] Do: aber es sind auch andere nicht so große Extreme, Staatsverfassungen sind unverträglich mit einer Religion oder Confession mit einer andern nicht 14 Selbstbewußtsein] Do: Begriff, sein Volksbewustseyn wirkende] Do: erkennende, leitende 19 Volks] Do: Volkes, daher in einer bestimten Zeit 21–22 wenn ein … zerstäubend] Do: das die Körperlichkeit bedingende 22–477,2 so verhält … ihnen] Do, ähnlich Pi: Ebenso ist es eine hohle Vorstellung, 35 daß das Individuum nicht seine Substanz habe in seinem Volk. Es schmeichelt sich zwar selbstständig zu sein, aber es bleibt noch genug übrig sich zu unterscheiden. Ihrer Substanz sind sie gewiß durch sie selbst und das Individuum soll in sich den Geist, den Willen zur Erscheinung zum Bewustseyn zum Aussprechen bringen, der aber der seiner Zeit ist. Erfinden kann das Individuum nicht seinen Inhalt, sondern es muß jenen an sich zur Erscheinung bringen, und das sind die großen geschichtli- 40 chen Gestalten, die darum nur groß sind

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geschichtlich großen Individuen nur an ihrer Stelle zu verstehn, und nur das ist das Bewundernswürdige an ihnen, daß sie sich zum Organ des Geists herangebildet haben. Das ist das Verhältniß des Individuums zu dem substanziellen Geist. Die Substanz ist die, von der alles ausgeht, das, was der einige Zweck ist, die einige Macht, was von den Individuen allein gewollt wird, in ihr seine Befriedigung sucht, sich vollführt. Der Geist eines Volks ist also zu betrachten als die Entwicklung des Princips, welches in der Form eines dunkeln Triebs eingehüllt ist, der sich herausarbeitet, sich objectiv zu machen strebt. Indem der Geist sich nach allen Seiten volbracht hat, so ist er zum Genuß seiner selbst gekomen, so durch sich fertig geworden, aber indem der Geist zu der Freude an sich gekomen ist, so ist er reif geworden, und hat sein höchstes Ziel seines Anfangs und seines Untergangs erreicht. Die Vergänglichkeit ist es, die uns erschüttern kann, die wir aber tifer als nothwendig erkennen, in der höheren Idee des Geistes. Da ist der | Geist so gesetzt, daß er dadurch seinen absoluten Endzweck vollbringt, und so müssen wir mit seiner Vergänglichkeit versöhnt werden. Der besondre Volksgeist ist der Vergänglichkeit unterworfen, geht unter, verlirt die Bedeutung in der Weltgeschichte, hört auf der Träger des höchsten Begrifs zu sein, den der Geist von sich gefasst hat. Das Volk ist an der Zeit, und das regirende das den höchsten Begriff des Geists gefasst hat. Es kann sein, daß Völker von nicht so tiefen Begriffen stehen bleiben, aber sie sind auf die Seite gesezt in der Weltgeschichte. Daß aber der beschränkte Geist überhaupt vergänglich ist, ligt in der Natur der Endlichkeit überhaupt. Der Geist ist lebendig; und insofern wesentlich Thätigkeit, mit dem Hervorbringen seiner selbst, der Production, Verwirklichung seiner selbst ist er beschäftigt. Ein Gegensatz ist vorhanden, insofern die Wirklichkeit noch nicht gemäß ist seinem Begriffe, oder insofern der inere Begrif seiner noch nicht zum Selbstbewußtsein gebracht ist; sobald aber der Geist seine Objectivität gegeben hat in seinem Leben, – wenn er den

2 Organ] Do: Organ, Repräsentanten, Sprache dieses Geistes bildeten, und sind daher wesentlich in ihrer Zeit zu verstehen 4 ausgeht] Do: ausgeht, zu der alles zurückkehrt 4–5 einige … 6 sich vollführt] Do: und allein auch seine Befriedigung 30 einige] Do: einzige … einzige findet Der Geist] DoPi: Die Geschichte 7 Triebs] Do: Gefühls Pi: Wissen 10 Freude an sich] Do: Befriedigung 11 seines Anfangs] Do: und den Anfang 12 erschüttern] Do: zuerst mit Trauer erfassen 18–19 an der … hat] Do: das herrschende, das den höchsten Begriff seiner Zeit darstellt 19 Völker] Do: besondre Volksgeister Pi: andre Volks20–21 aber sie … Weltgeschichte] Do: sie haben aber in der Weltgeschichte als solcher 35 geister nicht noch nähere Bedeutung Pi: allein, sie haben ihre Bedeutung verloren 21 beschränkte] Do: bestimmte 22–23 insofern wesentlich] Do: lebendige wesentliche 24–25 Ein Gegensatz … insofern] Do: Interesse ist vorhanden, in sofern ein Gegensatz da 26 Selbstbewußtsein] Do: Selbstgenusse 40 6 betrachten] Ke: betreiben

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Begrif seiner ganz herausgebildet hat, und den Begrif ganz zur Anschauung gebracht hat, so ist er zum Genuß seiner selbst gekomen, der ein widerstandsloses Ergehen seiner in sich selbst ist, ein Genuß, der nicht mehr Thätigkeit ist. In diese Periode, wo der Geist noch thätig ist, fällt die schönste Zeit, die Jugend eines Volks; da haben die Individuen den Drang, ihr Vaterland zu erhalten, geltend zu machen den Zweck ihres Volkes. Ist dies vollbracht, trit die Gewohnheit des Lebens ein, und der Mensch erstirbt an der Gewohnheit des Lebens, so auch der Volksgeist an seinem Genusse. Die Erscheinung des Vergehens hat sehr verschiedene Gestalten, daß von innen das Verderben herausbricht, die einzelnen los werden, daß die Einzelheit als solche ihre Befriedigung sucht, so kommt der substanzielle Geist zu kurz, wird zertrümert, die einzelnen Intressen reißen die Kräfte, Vermögen desselben an sich, die vorher dem Ganzen gewidmet waren. So erscheint das negative als Verderben von innen auszubrechen. Es pflegt äußere Gewalt verbunden zu sein, die das Volk außer den Besitz der Herrschaft setzt, | macht, daß es auf hört, das erste zu sein. Die äußerliche Gewalt gehört aber nur zur Erscheinung: Keine Macht kann sich gegen den Volksgeist oder in ihm geltend machen, wenn er nicht in sich selbst leblos, erstorben ist. Das weitre aber nach diesem Moment der Vergänglichkeit ist, daß alerdings nothwendig auf den Tod Leben erfolgt, wie zunächst es in der Natur ist, wenn die Knospe abfalt, und andre hervortreten. Aber s o nicht im Geistigen. Der Baum perennirt, treibt Spross, Blatter, Blüthen, fängt von vorne wieder an, die einjährige Pflanze überlebt ihre Frucht nicht, der Baum läßt wachsendes an sich vorübergehn, aber er stirbt doch auch. Die Wiederbelebung in der Natur ist aber nur eine Wiederholung eines und desselben, es ist die langweilige Geschichte unter demselben Kreislauf. Unter der Sonne geschieht nichts neues. Aber mit der Sonne des Geistes ist es anders – deren Gegenbewegung ist nicht ein sich wiederholendes, sondern der Ansatz, den der Geist sich macht in andern Gebilden, ist wesentlich Fortschreiten, und ist wesentlich zu bemerken: daß der Gang des Geistes ein Fortschreiten ist, ist eine sonst bekante Vorstelung, die aber auch ebensohäufig angegriffen ist. Das Fortschreiten des Geistes ist vornehmlich in dieser Form behauptet worden, daß der Mensch eine Perfectibilität

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5 da haben … Vaterland] Do: die Bürger haben das Bestreben den Staat 6 geltend zu … Volkes] Do: indem sie ihn geltend machen wollen, hervorbringen wollen, sie haben ihre Ehre im zum Daseyn bringen dieses Zwecks 11 der] Do: das Ganze, der 17 leblos, erstorben] Do: kraftlos, unmächtig 19 nothwendig auf … Leben] Do: auf die Ohnmacht, den Untergang den Tod 35 das Wiederleben 20 die Knospe abfalt] Do: Blüthen abfallen 22 wachsendes] Do: diesen Wechsel öfters 23 aber er … auch] Do: und stirbt er, so sind andere schon da. Die Sonne schwach im Winter scheinend, wird lebendiger thätig im Sommer. 25 Sonne] Do: Sonne der Natur 26 deren Gegenbewegung] DoPi: Ihr Gang 27 Ansatz] Do: neue Schritt Pi: neue Ansatz 40

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habe, reale Möglichkeit, und auch Nothwendigkeit, immer volkomner zu werden. Das ist angefeindet worden, denn sie kann scheinen der Gesinung des ruhigen Bestandes, vorhandner Verfassung, Gesetzgebung entgegengesetzt zu sein, der alerdings eine gleiche Achtung fordert, und daß in Beziehung auf ihn alle Thätigkeit zur Erhaltung mitwirken solle. Bei der Vorstelung der Perfectibilitäten des Menschengeschlechts wird der Bestand nicht als das höchste angesehn, sondern es scheint dies das Verändern zu sein. Es liegt in der Vorstelung nichts als die Bestimmung der Vervolkommnung, die sehr unbestimt ist, und nichts zurücklässt, | als die Unbestimtheit, Veränderlichkeit überhaupt, es ist kein Maaßstab vorhanden für die Veränderung, auch kein Maaßstab für das vorhandne, inwiefern es das Rechte, Substanzielle sei. Kein Princip des Abschließens ist darin, er setzt kein Ziel, keinen bestimten Endzweck: es ist mehr die Veränderung überhaupt, die das Residuum darin ist, was allein die Bestimung ausmacht. Die Vorstelung von der Erziehung des Menschengeschlechts (Lessing) ist geistreich, aber berührt nur in der Ferne das, wovon hier die Rede ist. Das Fortschreiten hat überhaupt die Form des quantitativen. Imer mehr Kenntnisse, feinere Bildung, lauter solche Comparative. Darin läßt sich lange fortreden, ohne daß einige Bestimtheit angegeben was qualitatives ausgesprochen wird. Es ist kein Ziel angesprochen, was erreicht werden soll: die Sache, das Qualitative ist schon vorhanden, das Ziel ist ganz unbestimmt. Das Quantitative aber, wenn wir b e s t i m t vom Fortschreiten sprechen wollen, ist aber das Gedankenlose. Das Ziel muß gewußt werden, welches erreicht werden soll. Der Geist ist in seiner Thätigkeit überhaupt so, daß seine veränderlichen Productionen, als qualitative Aenderungen vorgestellt und erkannt werden müssen. Dies kann hier nicht ausgeführt werden. Es wäre um den Endzweck zu thun, den die Weltgeschichte hat, den der Geist in der Welt sich vorsetzt zu erreichen, den er unendlich, mit absoluter Gewalt getrieben ist, sich zu verwirklichen. Das Bestimte in Ansehung des Endzwecks schließt sich ans vorhergehende an, was in Beziehung auf den Volksgeist überhaupt gesagt worden ist. Der Gedanke, um den es sich handelt, muß angegeben werden, seine Entwicklung gehört in die Philosophie des Geists, die Darstelung der Weltgeschichte ist der Beleg zu dem Gedanken, Realisirung des Gedankens, | sozusagen die empirische Bewährung des Gedankens. Gesezt ist,

2 angefeindet] DoPi: angefochten 9 kein] Do, ähnlich Pi: kein | Ziel gesetzt, kein 11 das Rechte, Substanzielle] Do: das wahrhaft substantielle sei, und nach welcher Seite es 17 Comparative] Do: Comparative, die ein quantitatives Verhältniß ausdrücken Pi: 35 gehe Comparative ohne Bezug 20 das Ziel … unbestimmt] Do: diß soll vergrößert werden Pi: und soll verbessert werden 22 gewußt] Do: angegeben, gewußt erreicht] Do: erreicht, welches hervorgebracht 23 veränderlichen Productionen] Do: Veränderungen Pi: Wirkungen 25 um den Endzweck zu thun] Do: darum zu thun, diß Ziel vorzustellen, um den End27 sich zu verwirklichen] Do: zu erreichen 40 zweck

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daß das, um was es dem Geist zu thun ist, nichts andres sein kann, als er selbst, denn es gibt nichts höhres als Geist, nichts, das würdiger wäre, sein Gegenstand zu sein, er kann nicht ruhen, mit nichts andrem sich beschäftigen, bis er weiß, was er ist. Dies ist freilich algemeiner, abstracter Gedanke, und es ist weite Kluft zwischen dem Gedanken, von dem wir sagen, daß er das höchste, einzige Intresse des Geistes sei und zwischen dem, was wir in der Geschichte sehn, daß es die Intressen der Völker und Individuen ausmacht. In der empirischen Ansicht sehen wir den Lerm, particuläre Intressen, die die Völker Jahrhunderte beschäftigten, Rom und Car thago, und es ist weite Kluft, in der Erscheinung der Geschichte den Gedanken zu erkennen, der von uns als das wesentliche Intresse angegeben worden ist. Dies ist in Betrachtung der besondren Intressen besonders weiter zu erläutern. Wenn der Zusamenhang zwischen dem zunächst erscheinenden Intresse und dem, was als absolutes Intresse des Geists angegeben ist, hier nicht erörtert werden kann, so sind wenigstens die algemeinen Gedanken des Geists leicht zu fassen: Daß der Freie Geist sich nothwendig zu sich selbst verhält, da er Freier Geist ist, sonst wäre er abhängig, nicht frei. Diese algemeinen Gedanken sind fest, können uns daran halten, unbekümmert, wie sich sonstige Meinungen reduciren auf das, was soeben gesagt ist. Der Geist ist sich zunächst der Gegenstand, da ist er sich wohl Gegenstand, für uns: aber darin erkent er wieder sich noch nicht, oder er ist selbst noch nicht auf wahrhafte Weise sich Gegenstand. Als das Ziel aber muß gewußt werden, daß er nur sich durchdringt, selbst zu wissen, wie er an und für sich selbst ist, daß er sich in seiner Wahrheit für sich selbst zur Erscheinung bringt, daß er eine geistige Welt hervorbringe, die dem | Begriff seiner selbst gemäß ist, seine Wahrheit volbringe, verwirkliche: daß Religion, Staat so von ihm producirt werden, daß er seinem Begrif gemäß ist, daß er seie in der Wahrheit, oder die Idee seiner selbst sei, Idee ist eine Realität, die nur der Spiegel, Ausdruck des Begrifs ist. So ist das algemeine Ziel zu fassen des Geistes und der Geschichte. Den Ausdruck: Geist gebrauchen wir überhaupt, Unterschiede, und Erörterungen der Gestaltung, die sich auf die Unterschiede beziehn, haben wir einstweilen auf der Seite ligen zu lassen, Einwendungen gehn uns nicht an, da wir uns nur im Felde der ganz algemeinen Ideen befinden. Indem so das Ziel be-

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2 nichts, das würdiger wäre] Do: nichts anders ist würdiger, nichts vortrefflicher 6 sehn] Do: auf unserem gewöhnlichen Standpunkt sehen 8 Intressen] Do: Interessen, Erobrungen 9 Carthago] Do: Car thago im Kampf um ihre Größe und Erhaltung 11–12 Dies ist … erläutern.] Do: Diese auszufüllen, zurück führen jener Interessen auf diß Interesse, wird in der Betrachtung der 35 Geschichte selbst auch erläutert werden, wie es im Geiste geschieht. 15 fassen] Do: fassen, jene angegebenen 30–31 da wir … befinden] Do: weil wir uns hier nicht auf dem Felde weiterer Bestimmung finden, sondern in der allgemeinen Idee 16 fest an Stelle eines unlesbaren Wortes

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stimmt ist, daß der Geist zum Bewußtsein komme, oder die Welt sich gemäß mache, – denn beides ist dasselbige, man kann sagen, daß der Geist die Gegenständlichkeit sich zu eigen mache, oder umgekehrt, daß der Geist seinen Begriff aus sich hervorbringe, ihn objectivire, und so sein Bewußtsein werde, und der Gegenständlichkeit wird er sich so bewusst, auf daß er selig sei, denn wo Gegenständlichkeit entsprechend ist der inneren Fodrung da ist eben Freiheit. Indem er also das Ziel bestimt hat, erhält das Fortschreiten seine nähre Bestimung, oder es erhellt daraus, daß das Fortschreiten nicht als ein Mehrwerden zu fassen ist. Wir können sogleich dies dran anknüpfen, daß wir in unsrem gewöhnlichen Bewußtsein auch dies zugeben, daß das Bewußtsein, um sein Wesen zu wissen, Stufen der Bildung durchzugehn habe. Das Fortschreiten bestimt sich im algemeinen so, daß es die Stufenfolge des Bewußtseins ist. Der Mensch fängt damit an, ein Kind zu sein, im dumpfen Bewußtsein der Welt, seiner selbst, wir wissen, daß er von dem empirischen Bewußtsein mehrere Stufen zu durchlaufen hat, zu wissen, was er an und für sich ist. Das Kind fängt an mit sinnlichen Empfindungen, von da tritt es auf die Stufe algemeiner Vorstelungen, dann weiter auf die Stufe des Begreifens, die Sele der Dinge, ihre wahrhafte Natur zu erkennen. Was das Geistige betrift, so lebt es zunächst im Zutraun seiner Eltern, seiner Umgebung, | die es bestrebt sieht, es zu leiten, in dem was Recht ist. Das scheint ihm willkürlich vorgeschrieben zu sein. Eine andre Stufe ist die des Jünglings, daß der Mensch in sich seine Selbstständigkeit sucht, daß er auf sich beruht, daß er, was rechtlich, sittlich ist, was wesentlich ist, zu thun, hervorzubringen, erkennt als in seinem Bewußtsein. Das Bewußtsein des Mannes enthält noch weitre Bestimmungen über das, was das wesentliche ist. So wie der Fortschritt, die Bildung des Bewußtseins ist, so liegt darin, daß er nicht blos quantitativ sei, sondern eine Stufenfolge verschiedner Beziehungen auf das, was wesentlich ist. Das Ziel der Weltgeschichte ist also, daß der Geist zum Wissen dessen, was er wahrhaft ist, gelange, und dies Wissen gegenständlich mache, zu einer vorhandenen Welt verwirkliche, sich als objectiv hervorbringe. Dies Ziel selbst ist wesentlich Ziel, ein Hervorgebrachtes, der Geist ist nicht ein Naturding, wie das

4–6 der Gegenständlichkeit … Freiheit] Do: Die Seeligkeit ist eben der reine freie Genuß, wo die Realität, Daseyn, Existenz entsprechend ist den innren Forderungen, und das allein fordernde ist der freie Begriff. 7 seine] Do: im Hinstellen des Zieles, seine 10 um] Do, ähnlich Pi: um sich selbst klar zu werden, um 18 seiner Umgebung] Do: das Kind verläßt sich nicht auf sich, son19 leiten] Do: belehren 19–20 Das scheint … sein.] Do: Das Sittliche erscheint 35 dern auf die als ein Aufgegebenes, ein willkührliches von anderen gegebenes. 22–23 erkennt als … Bewußtsein] Do: in seiner Freiheit, Thätigkeit erblickt 23–24 Bestimmungen über das] Do: Bestimmung, nicht jene Ideale der Jugend, es ist ein anderes in der Ansicht dessen, was das wesent liche ist 30–482,1 der Geist ist … hervorbringt] Do: Die natürlichen Dinge sind das, was sie sind 40 unmittelbar, der Geist ist dieses, daß er sich hervorbringe.

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Thier, das ist, wie es ist, unmittelbar, der Geist ist das, daß er sich hervorbringt, zu dem macht, was er ist. Deswegen seine wahrhafte Gestalt, daß er wirklich sei, ist nur durch Thätigkeit. Sein Sein ist Actuosität, kein ruhendes, sondern hervorgebracht zu haben für sich geworden zu sein, durch sich selbst sich gemacht zu haben. So gehört, daß der Geist wahrhaft sei, sich hervorgebracht zu haben, sein Sein ist der absolute Proceß. Dieser sein Proceß ist Vermitlung seiner durch sich selbst, nicht durch etwas andres; sein Sein ist dieser Proceß. In dem Ausdruck ligt, daß das unterschidne Moment sei Proceß; Bewegung enthält eine Verändrung so bestimend und andres sich bestimend, es sind also Stufen in diesem seinem Proceß wesentlich enthalten, und die WeltGeschichte ist die Darstelung des göttlichen Processes, des Stufengangs, wodurch der Geist sich selbst, seine Wahrheit erreicht und verwirklicht. Die Stufen der Selbsterkenntniß – das höchste Gebot, das Wesen des Geists, ist sich selbst zu erkennen, sich als das was er ist, zu wissen und hervorzubringen in sich als Gestalten, und diese Gestalten sind die welthistorischen Völker, die Gebilde, deren jedes | eine besondre Stufe ausdrückt, und die Epochen in der Weltgeschichte bezeichnen einen tiefern Begrif, den der Geist von sich gefasst hat, und die er gedrungen ist, zu realisirn; es ist darin also ein wesentlicher Zusamenhang, der nichts ausdrückt, als die Natur des Geists. Das ist es, was der Plan der Vorsehung überhaupt heißt, die göttliche Idee, die sich zum Bewußtsein bringt, und zur Idee herausarbeitet. Der Geist der gegenwärtigen Welt ist der Begrif, den er sich von sich selbst macht, das ist es, das die Welt hält und regirt und ist das Resultat der Bemühung von 6000 Jahren, das was der Geist durch die Arbeit der Weltgeschichte für sich vor sich gebracht hat, und was durch die Arbeit hat herauskomen sollen. So haben wir die Weltgeschichte zu fassen, wodurch uns dargestelt wird die Arbeit des Geistes, wie er zur Erkentniß gekomen ist, dessen, was er ist und dieses herauszuarbeiten in den verschiednen Sphären, die dadurch bedingt. Das ist unser Gegenstand. So ist dieser im algemeinen zur Vorstelung gebracht. Es schließen sich an dieser Darstelung vielerlei Vorstelungen an, und es wäre vergebliche Mühe, sich drauf einzulassen, zu widerlegen berichtigen, oder zu zeigen, wo sie mit dem Gesagten übereinkommen. Einige bezihen sich jedoch zu nahe, als daß wir sie übergehn könnten; sie sind daher vorzunehmen, und ihr Verhältniß anzugeben zu unsrem Standpunkt, Mißverständnisse zu beseitigen, und auch um unsre Idee deutlich zu machen.

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6 der absolute Proceß] Do: als ewiger Prozeß 15 Völker] Do: Begebenheiten 19 Das] Do: Dieser Gang, dieses Ziel 20 Idee] Do: Wirklichkeit 22 6000] Do: 6000 oder mehr 27 Das 35 ist unser Gegenstand.] Do: Diesen consequenten Gang durch den Geist bestimmt zu erkennen, ist unser Gegenstand, das, was wir auch hier zu leisten haben. 29–30 und es … übereinkommen] Do: die nicht alle betrachtet, nicht alle widerlegt oder bestätigt werden können 31 bezihen] Do: liegen

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Die erste Vorstelung bezieht sich darauf, daß gesagt ist, es hat nichts andres herauskomen sollen als herausgekomen ist, der Geist der gegenwärtigen Welt. Dem steht gegenüber eine sehr verbreitete Vorstelung von dem, was das Ideal sei, und welches Verhältniß es zur Wirklichkeit überhaupt habe. Es ist nämlich nichts häufiger und geläufiger, als die Klage zu hören, daß das Ideale nicht realisirt werden könnte in der Wirklichkeit, Ideal der Phantasie, | oder der Vernunft, wenn man den Anspruch macht. Besonders, daß die Ideale der Jugend an der kalten Wirklichkeit zu Träumen heruntergesetzt würden. Es kann alerdings geschehn, daß dergleichen nicht realisirt wird, das Individuum macht sich oft selbst Vorstelungen von sich selbst, von herlichen Thaten die es ausführn wollte, von herlichen Absichten, der Wichtigkeit, die es selbst habe, die es ein Recht habe, in Anspruch zu nehmen, die zum Heil der Welt diene. Was solche Vorstelungen betrift, so müssen diese an ihren Ort gestelt bleiben. Man kann sich viel von sich träumen, was nichts, als übertribne Vorstelung vom eignen Wer th ist. Es kann sein, daß dem Individuum Unrecht geschieht, aber das geht die Weltgeschichte nichts an, davon unten. Aber man versteht auch Ideale der Vernunft: die Ideen vom Guten, dem Besten in der Welt, die wahre Anfoderungen auf Befriedigung haben, man sieht es als objectives Unrecht an, daß das nicht geschehe. Dichter, auch Schiller haben empfindsam dargestelt ihre Trauer darüber. Man kann sich alerdings mit Rücksicht aufs besondre das vorstelen, daß manches unrecht sei in der Welt, im besondern. Aber um das besondre, empirisch besondre ist es hier nicht zu thun, sondern komt zufällig herein, komt aber drauf nicht an, viles kann dem Tadel unterworfen sein. Aber es ist auch nichts leichter, als zu tadeln, und durch den Tadel sich Meinung von seinem Besserwissen, guten Absicht zu geben, sich aufzuspreizen. Es kann auch gegründet sein, nur ist es viel leichter das mangelhafte aufzufinden, als das substanzielle, bei Kunstwerken zb. Die Menschen meinen oft, sie seien fertig, wenn sie das mit Recht tadelhafte aufgefunden haben; sie haben | Recht, und auch Unrecht, daß sie das affirmative daran verkennen. Es ist Zeichen der größten Oberflächlich-

13–16 Was solche … unten.] Do: Diese gehören nicht hierher, da es zu große Vorstellungen von einem Wer the sind, aber in der Weltgeschichte von diesen einzelnen Individuen nicht die Rede ist. 16–17 auch Ideale … Welt] Do, ähnlich Pi: die Idee vom Guten und Rechten 18–19 man sieht … geschehe] Do: man trauert, daß sie nicht Objektivität gefunden habe 21–22 besondre, empirisch besond22–23 son35 re] Do: Besondre in Einrichtungen z B des Staats, um die Schicksale der Individuen dern komt … an] Do: Im Besondern hat die Zufälligkeit ihr Spiel 24 Meinung] Do: große Meinung 25 Es kann auch] Do: solcher | Tadel kann dem Eigendünkel gehören, er kann tiefer 26 das] Do: den wahrhaften Gehalt, das 29 das affirmative daran] Do: den wirklichen Wer th einer Sache z B eines Kunstwerks 29–484,2 Es ist … daran.] Do: Im Tadel ist man mehr 40 über die Sache hinweg, nicht in der Sache, dabei oberflächlich.

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30 2 Welt] Do: Welt, […] daß die Wirklichkeit ist wie sie hat seyn sollen

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keit, überall das Schlechteste zu finden, nichts anerkennen von dem affirmativen, echten daran. Man sagt das Alter wird milder, d.h. reifer im Ur theil, es ist das nicht eine Billigkeit, sondern eine Gerechtigkeit. – Was aber das wahrhafte Ideale betrift, diese Idee der Vernunft selbst, so ist die Einsicht, zu der die Philosophie verhelfen soll, daß der vernünftige Wille, das concret Gute das mächtigste ist in der That, die absolute Macht, die sich volführt. Das Gute nicht blos als Idee überhaupt, sondern als eine Wirksamkeit, ist das, was wir Gott nennen, die Einsicht der Philosophie ist, daß keine Gewalt über die Macht des Guten, Gottes geht, die ihn hindert, sich geltend zu machen, daß Gott Recht behält, daß die Weltgeschichte nichts andres darstelt, als den Plan der Vorsehung, den zu fassen, ist die Philosophie der Weg, und ihre Voraussetzung, daß das Ideal sich volbringt, daß nur Wirklichkeit das hat, was der Idee gemäß ist. Das was sonst Wirklichkeit heisst, wird von der Philosophie als ein faules betrachtet, das wohl scheinen kann, aber nicht an sich wirklich ist. Diese Einsicht enthält, man kann es den Trost nennen gegen die Vorstelung von dem absoluten Unglück, der Verrücktheit dessen, was geschehn ist, Trost aber ist nur ein Ersatz für ein Uebel, das nicht hätte geschehn sollen, im Endlichen zu hause, die Philosophie ist nicht ein Trost, sondern sie versöhnt, erklärt das was unrecht erscheint zu dem vernünftigen, zeigt es auf, als solches, das in der Idee selbst begründet ist, wodurch die Vernunft befriedigt werden soll. Denn in der Vernunft ist das Göttliche, der Inhalt, der der Vernunft zum Grunde ligt, ist die göttliche Idee, und wesentlich Plan Gottes. Als menschliche Vernunft ist sie in dem Willen nicht der Idee gleich, sondern | die Wirksamkeit Gottes allein ist der Idee gleich. Aber in der Vergleichung ist sie das Vernehmen der Idee, etymologisch ist sie das Vernehmen dessen, was ausgesprochen ist, und zwar des Wahren. Die Wahrheit des Wahren, das ist die erschaffne Welt. Gott spricht, er spricht nur sich selbst aus, und er ist die Macht sich auszusprechen, sich v e r n e h m l i c h zu machen, und die Wahr-

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2 reifer im Ur theil] Do: Reife des Ur theils, das das Aechte erkennt und auf das Mangelhafte weniger hervorhebt 3 nicht] DoPi: nicht blos 12 Wirklichkeit] Do: wahrhafte Wirklichkeit der Idee] Do: dem Begriff 12–14 Das was … ist.] Do: Anderes wird nur als ein vorübergehendes 30 betrachtet, was nicht wahrhaft wirklich ist. 14 Einsicht] Do: Einsicht, daß die Idee, der göttliche Inhalt es ist, der sich als Recht zeigt 16 geschehn ist] Do: was geschehen ist und geschieht 16–17 das nicht hätte geschehn sollen] Do: von dem man sagt, daß es besser gewesen, wenn es nicht geschehen 17 Philosophie] DoPi: Weltgeschichte 20–24 Denn in … Idee] DoPi: Die Vernunft vergleicht diese göttliche Idee mit der Erscheinung (Do: und die Wirksamkeit 35 Gottes ist ihrem Inhalt gleich, oder derselbe Inhalt ist ihre Grundlage. Die Vernunft ist das Vernehmen der Idee Pi: Die Vernunft als menschlich ist in ihrer Wirksamkeit nicht der göttlichen Idee gleich aber in der Einsicht, Vergleichung hat sie dieselbe Idee.) 25 Die Wahrheit] DoPi: diß Wort 26 erschaffne Welt] Do: erschaffene Welt die vernünftige und natürliche Welt Pi: natürliche und geistliche Welt 40 24 etymologisch] Ke: etymoligisch

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heit Gottes, die Abbildung seiner ist es, was in der Vernunft vernommen wird: – So geht die Philosophie dahinaus, daß die Idee sich vernehmlich mache, daß kein Ideal ist, was leer ist, sondern wirklich ist. Eine zweite verbreitete Vorstelung geht auf das, was wir gesagt haben, daß wir in der Philosophie der Geschichte, in dem Gange des Geistes, das erkennen wollen, was der Plan der Vorsehung genannt wird. Also 2. Plan der Vorsehung. – Es kan gesagt werden, daß es eine Vermessenheit sei, den Plan der Vorsehung einsehen zu wollen. Denn man hört es sehr häufig sogar als Resultat der Vorstelung, die jezt fast Axiom ist, daß man Gott nicht erkennen könne, und wenn es die Theologie selbst es ist, die zu der Verzweiflung gekomen ist, so muß man sich in die Philosophie flüchten, wenn man Gott erkennen will. Es wird der Vernunft zum Hochmuth ausgerechnet, drüber was wissen zu wollen. Dagegen ist vielmehr zu sagen, daß die wahrhafte Demuth ist, Gott in allem zu erkennen, ihm in allem die Ehre zu geben, vornehmlich auf dem Theater der Weltgeschichte. Man schleppt es als eine Tradition, daß Gottes Weisheit in der Natur zu erkennen sei, die Natur ist ein untergeordnetes Theater, als die Weltgeschichte; die Natur ist das Feld, wo die göttliche Idee im Element der Begrifflosigkeit ist, im Geistigen ist sie in ihrem eigenthümlichen Boden. Der muß selbst erkennbar sein. Wenn man sagt, man solle Gott nicht erkennen wollen, so ist die Erörtrung dieser Behauptung einer weitren Ausführung bedürftig, als hir gemacht werden kann. Weil die Materie mit unsrem Zwek so nahe verwandt ist, so sind die algemeinen Gesichtspunkte anzugeben, auf die es zunächst ankomt. Wenn Gott nämlich nicht erkannt werden sol, so bliebe dem Geist nur übrig, das | ungötliche, beschränkte, endliche überhaupt, was ihn intressiren könnte. Der Mensch muß sich freilich nothwendig mit dem endlichen abgeben, aber es ist eine höhre Nothwendigkeit, daß der Mensch einen Sonntag des Lebens habe, wo er sich über das Werktaggeschäft des Lebens erhebt, wo er sich mit dem wahrhaftigen abgibt, und sich dieses zum Bewußtsein bringt. Wenn überhaupt der Name Gottes nicht etwas leeres sein soll, so müssen wir Gott anerkennen als gütig, oder sich mittheilend. In den alten Vorstelungen der Griechen ist Gott überhaupt als neidisch vorgestelt, und vom Neid der Götter

3 ist, was … ist] Do: jenseits der Wirklichkeit, sondern vernehmbar in der Geschichte. Ein Ideal das nicht wirklich ist ist also kein Ideal da eben die Idee das ist, sich zu verwirklichen. 7 Es kan gesagt werden] Do: Eine Vorstellung, die jetzt sehr gebräuchlich ist 11 man sich] Do: sich diese wenn man …will] Do: wenn jene Wissenschaft Gottes es selbst aufgegeben 35 Erkenntniß hat 11–12 Es wird … wollen.] Do: Es ist ein abgedroschenes Wort, daß es Vermessenheit sei, das Wesen Gottes zu erkennen. 17 im Element der Begrifflosigkeit] Do: in der Weise der Gedankenlosigkeit 19 solle] Do: solle und dürfe 26 wo] Do: einen Ort, wo 27 Lebens] Do: Beschränkten 31 neidisch vorgestelt] Do: dem Großen fremd dargestellt, gleichsam nei40 disch gegen das Große

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die Rede gewesen, daß die ejki die Göttin sei, das Große herabzusetzen, daß das götliche dem Großen feind sei. Aristoteles sagt, daß die Dichter viel lügen: Gott könne Neid nicht zugeschriben werden; wenn wir behaupten Gott theile sich nicht mit, so würde das dahinaus laufen, daß wir Gott Neid zuschreiben; durch die Mittheilung kann Gott nicht verliren, wie das Licht nichts verliert, wenn ein andres an ihm angezündet wird. Man sagt, Gott theile sich auch mit, aber ofenbare sich in der Natur und auch im Herzen, Gefühle, der Menschen. Dabei ist es vornehmlich, daß man in neurer Zeit, behauptet müsse man stehn bleiben, im Herz, und unmittelbaren Bewußtsein, Anschauung sei Gott für uns. Unmittelbare Anschauung fällt mit Gefühl zusamen, unreflectirtes Bewußtsein. Dagegen muß bemerkt werden, daß der Mensch das ist, was sich durch das Denken vom Thier unterscheidet, wenn Gott sich dem Menschen ofenbart, so ofenbart er sich wesentlich demselben als Denkendem, wenn er sich dem Menschen im Gefühl ofenbarte, so würde er sich so ofenbaren wie dem Thiere, diesem schreiben wir aber keine Religion zu, der Mensch hat nur Religion, weil er nicht ein Thier, sondern weil er denkend ist. Dies ist das trivialste[:] der Mensch unterscheidet sich durchs Denken vom Thier, und doch wird es vergessen. Gott ist das an und für sich ewige Wahre, und dieses an und für sich algemeine ist nur Gegenstand des Denkens, nicht des Gefühls. Alles auch, was geistig ist, auch das denkende Bewußtsein überhaupt, das was Product und Gegenstand des Denkens ist, Recht und Sitlichkeit, muß in der Weise des Gefühls im Menschen sein, und ist es zunächst; aber das Gefühl ist nicht die Quelle, die Art und Weise wie der Inhalt im Menschen ist, aber es ist die schlechteste Form, die dem Menschen mit dem Thier gemein ist. Was substanzieles ist, muß auch in Form des Gefühls sein, aber es muß auch | in andrer, höhrer, würdigerer Form sein. Wenn man also das sitliche, rechtliche, den geistigsten Inhalt noch mehr, ins Gefühl allein versetzen wollte, so würde man nur die thierische Form zuschreiben, die ist aber des geistigen Inhalts überhaupt nicht fähig. Das sind die Hauptmomente, auf die es ankomt. Das Gefühl ist die niedrigste Form, in der irgend ein Inhalt sein kann, so gering, als möglich ist er vorhanden. Er ist im Gefühl noch eingehüllt, ganz unbestimt. Es ist etwas auch ganz subjectives, und in ganz subjectiver Weise, was man im Gefühl hat. Ich fühle so – so hat er sich in sich abgeschlossen, jeder andre hat dasselbe Recht zu sagen, ich fühle es nicht so, und er hat sich aus dem gemeinsamen Boden zurückgezogen. Ganz recht hat das Gefühl in ganz particulären Sachen; wenn jener sagte, er habe Religion im Gefühl, ein andrer sagte, er finde keinen Gott im Gefühl, 2 Aristoteles sagt] DoPi: Plato und Aristoteles sagen 3 werden] Do: werden gegen die Güte 22–23 aber das … aber] Do: diß ist aber nicht die einzige Weise, sondern 27–29 so würde … fähig] Do: so wäre diß eine unwürdige Form

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jeder hat das Recht, wenn es aufs Gefühl komt, ist jeder auf seinen subjectiven Standpunkt reducirt. Wenn man einem solchen, der es nicht in seinem Gefühl hat, mit diesen oder jenen Beinamen belegen wolte, so hätte der das Recht, das zurükzugeben, sich zu injuriren. Aber einem das hinein versichern zu wollen, alle Menschen hätten das in ihrem Gefühl, widerspricht dem Standpunkt des Gefühls, auf den man sich gestellt, dem Standpunkt der besondren Subjectivität eines jeden. Wenn man auf diese Weise also den göttlichen Inhalt, oder die Ofenbarung Gottes, ein Verhältniß des Menschen zu Gott, ein Sein Gottes für den Menschen, blos aufs Gefühl reducirt, so reducirt man es auf den Standpunkt der besondren Subjectivität, der Willkür, des Belibens überhaupt. In der That hat man sich damit die an und für sich seiende Wahrheit vom Halse geschaft. Wenn nur die unbestimmte Weise des Gefühls da ist, und kein Wissen von dem Inhalt Gottes, so ist nichts übrig, als ein Beliben, das endliche ist das geltende, herschende. Ich weiß nichts von Gott, also kann es doch nichts Ernstes sein, was in der Bezihung beschränkt sein solle. Das Wahre überhaupt ist ein in sich algemeines, wesenhaftes, substanzielles, und solches ist allein in und für den Gedanken, | denkenden Geist. Das eine, was wir Gott nennen, ist aber die wahrhafte, substanziele, und in sich wesentlich individuele, subjective Wahrheit. Alles andre, was wir Wahres nennen, ist nur eine besondre Form der ewigen Wahrheit, hat nur seinen Halt in ihr, ist nur ein Strahl derselben. Wenn man von der nichts weiß, weiß man von nichts wahrem überhaupt, und von nichts rechtem, nichts sitlichem. Was die Verhältnisse der christlichen Religion gegen diese Vorstelung betrift, so ist das ausgezeichnete derselben, daß die Zeit gekomen ist, das macht die absolute Epoche in der Weltgeschichte aus, daß das Christenthum erschienen ist, daß die Menschen wissen, welches ofenbar ist, was Gott ist. Es ist ofenbart worden, was die Natur Gottes sei. Wenn man sagt; man wisse von Gott nichts, so ist die christliche Religion etwas überflüssiges, zu spät gekomnes, verkomnes. In der Religion weiß man, was Gott ist, alerdings ist der Inhalt auch fürs Gefühl, aber weil es geistiges Gefühl ist, ist es auch wenigstens für die Vorstelung, die sinnliche Vorstelung, und auch für die denkende Vorstelung, das eigentliche Organ, in welchem Gott für den Menschen ist. Im Christenthum ist es Hauptlehre, daß die Vorsehung die Welt beherscht hat und beherscht, daß was in der Welt geschieht, in dieser götlichen Regirung be-

1–2 wenn es … reducirt] Do: und jeder hat das Recht, diß auch zu seyn. Was nur in das Gefühl gehört, das kann jeder in seiner subjektiven Weise fühlen, weil er eben im Gefühl auf seine subjek5 widerspricht] Do: so ist diß eine Anmaßung auf 16 denkenden] Do: 35 tive Weise reduzirt ist nur für den denkenden Geist 18 subjective] Do: aber alles befassende 20 derselben] DoPi: dieser (Do: ewig strahlenden Pi: substanziellen ewigen, sich klaren) Wahrheit 22–23 ausgezeichnete derselben] Do: große der christlichen Religion Pi: Ausgezeichnete der christlichen Religion 25 worden] Do: worden, daß | es den Menschen bekannt sei 27 überflüssiges] Do: 32 in dieser götlichen Regirung] Do: durch den göttlichen Willen bestimmt 40 abgekommnes

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stimt ist, ihr gemäß ist, gerichthet gegen die Vorstelung des Zufalls, oder beschränkter Zwecke, zb. Erhaltung des jüdischen Volks. Es ist der an und für sich ganz algemeine Endzwek. Die Religion geht über diese große Vorstelung nicht hinaus, wie sie bei der Algemeinheit stehn bleibt. Dieser algemeine Glaube aber ist es, mit dem man zuerst zur Philosophie, und zur Philosophie der Weltgeschichte treten muß: daß die Weltgeschichte ein Product der ewigen Vernunft ist, Vernunft in der Welt gewesen ist, und Vernunft ihre große Revolution bestimt hat. Es ist auch absolut die Zeit gekomen, wo die Ueberzeugung, Gewißheit nicht nur in der Weise der Vorstelung bleibt, sondern wo diese auch gedacht entwikelt, erkant wird, | ein bestimtes Wissen, d.i. Erkennen. Der Glaube läßt sich nicht ein auf Entwiklung des Inhalts, Einsicht in die Nothwendigkeit, was die Erkenntniß gibt. Denn daß solche Zeit komen muß, darin ligt, daß der Geist nicht still steht, die höchste Spitze des Geists, der Gedanke, Begriff, die Natur des Geistes, ist die algemeinste, wesentlichste Wesenheit desselben. Glauben – Wissen, ein geläufiger Gegensatz geworden, es gilt als ausgemacht, daß sie verschieden seien, und daß man daher von Gott nichts wisse. Man kann die Menschen damit verscheuchen, wenn man sagt, man wolle Gott erkennen, wissen, diese Erkenntniß darstellen. Es ist aber in der That, als Unterschied etwas in seiner wesentlichen Bestimmung Leeres; denn was ich glaube, weiß ich auch, dessen bin ich gewiß. In der Religion glaubt man an Gott, und die nähren Lehren, welche die Natur Gottes expliciren, aber man weiß es auch, ist dessen gewiß. Wissen ist etwas als Gegenstand vor seinem Bewußtsein haben, und dessen gewiß sein, und das ist Glaube auch. Erkennen aber sieht sowohl die Gründe, die Nothwendigkeit des Inhalts ein, ohne die Autorität der Kirche, des Gefühls, das ein unmittelbares ist, als auch den Inhalt in seiner nähren Bestimung, die müssen gedacht werden, um sie zu erkennen und in ihrer concreten Einheit zu erhalten. Man könnte auch die Wendung nehmen, wenn von Vermessenheit des Erkennens gesprochen wird, daß kein Auf heben vom Erkennen zu machen sei, in dem das Erkennen nur die Nothwendigkeit einzusehn habe und die Entwiklung des Inhalts in sich selbst erkenne. Man könnte sagen, das Erkennen sei darin nicht für Vermessenheit auszugeben, weil es sich nur durch Wissen der besondren Unterschiede von dem, was wir Glauben nennen, abhebe. Die Wendung wäre

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2 Zwecke] DoPi: Endzwecke 3 nicht] Do: zunächst nicht 6 daß] Do: mit der allgemeinen Gewißheit, daß 10 Wissen, d.i. Erkennen] Do: Wissen eintreten kann, ein Erkennen 10–11 Der Glaube … gibt.] Do: Der Glaube weiß unmittelbar, er läßt sich nicht ein auf die Gründe, auf die 35 Entwickelung einer solchen allgemeinen Vorstellung, das Erkennen zeigt die Nothwendigkeit und innere Entwickelung solches Inhalts. 13–14 des Geists, … desselben] Do: der geistigen Natur kann nicht stehen bleiben 15 Glauben – Wissen] Do: In der neuen Zeit ist Glauben und Wissen 23–24 Erkennen aber … ein] Do, ähnlich Pi: Erkennen ist dann aber von diesem einfachen Wissen so unterschieden, daß das Erkennen die Nothwendigkeit des Inhalts einsieht 40

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aber doch schief und falsch in sich selbst. Denn die Natur des Geistigen ist nicht ein abstractes zu sein, sondern ein lebendiges, algemeines Individuum, subjectiv, selbst in sich bestimend, beschließend zu sein. | Die Natur Gottes wird nur dann wahrhaft gewußt, wenn man ihre Bestimungen kennt. Das Christenthum spricht von Gott als Geist, das ist nicht das abstractum, sondern der Proceß in sich selbst, der absolute Unterschiede sezt, mit dem die christliche Religion aber die Menschen bekannt gemacht hat. Drittens noch in Rücksicht auf unsre Idee von der Weltgeschichte. Indem wir die Weltgeschichte begreifen, so haben wir es mit der Geschichte zunächst als einer Vergangenheit zu thun. Aber ebenso schlechterdings haben wir es nur mit der Gegenwart zu thun. Was wahr ist, ist ewig an und für sich, nicht gestern und nicht morgen, sondern schlechthin gegenwärtig, und nicht im Sinne des Jezt, sondern im Sinn der absoluten Gegenwart. In der Idee ist, was auch vergangen scheint, ewig unverloren. Die Idee ist präsent. Der Geist ist unsterblich, es gibt kein Jetzt, wo er nicht gewesen wäre, oder nicht sein werde, sondern schlechterdings J e t z t . So ist denn eigentlich dieses gesezt worden, daß die gegenwärtige Welt, Gestalt des Geistes, Bewußtsein desselben alles in der Geschichte als frühre Stufe erscheinende in sich begreift. In dieser Rüksicht kann daran erinert werden, daß jedes Individuum in seiner Bildung verschiedne Sphären durchlaufen muß; die seinen Begrif des Geists überhaupt gegründet haben und die Gestalt gefaßt, in vorheriger Zeit jede für sich sich selbstständig gestaltet und ausgebildet zu haben. Aber was der Geist itzt ist, ist das, was vor mir war, aber er ist das reichre Bewußtsein, der tifre in sich ausgebreitete Begrif seiner selbst. Der Geist hat alle Stufen der Vergangenheit noch an ihm, und das Leben ist ein Kreislauf zu sein von verschiednen Stuffen, die theils gegenwärtig sind, theils in vergangner Gestaltung erschienen sind. Die Philosophie hat es zu thun mit dem Gegenwärtigen, Wirklichen. Die Momente, die der Geist durchlaufen hat, hat er in der Gegenwart zu durchlaufen in dem Begriff von sich. So vilfache Folgrungen sich ziehen ließen, auf so viele entgegengesezte Vorstelungen Rüksicht genomen werden könte, so wollen wir uns begnügen und weiter gehn zur Weise der Erscheinung dieser algemeinen Idee. In | Rüksicht

2 ein abstractes zu sein] Do: blos im Allgemeinen Pi: blos Abstraktum 6 der] DoPi: der in sich 11 nur] Do: auch 21 gefaßt] Do: gehabt 22 Aber was … war] Do: Denn | heute noch ist der Geist derselbe 25–26 von verschiednen … sind] Do: keine Stufe ist zurück26 zu thun] Do: daher nicht mit etwas jenseitigem zu thun, sondern 27–28 Die 35 gelassen Momente, … sich.] Do: In der Vertiefung seiner in sich hat der Geist alle jene Stufen schlechterdings zu durchlaufen. 29–31 So vilfache … Idee.] Do: Das bisherige war der allgemeine Endzweck, das weitere betrifft die Weise der Erscheinung der Idee 4 Christenthum] Ke: Christentung

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auf den Ausdruk Erscheinung ist zu bemerken, daß Erscheinen andre Bedeutung hat, als in dem gewöhnlichen Verstehn. Kraft und Erscheinung trennen wir, als ob jene das wesentliche, diese das unwesentliche äußerliche wäre. In der That ist in solcher Bestimmung wie Kraft noch mehr in concreter Bestimmung wie Geist, ist Erscheinung das wesentliche. Die Erscheinung des Geists ist seine That, Actuosität. Das was der Mensch ist, ist seine That, die Reihe seiner Thaten, wozu er sich gemacht hat. So ist der Geist wesentlich Energie, und man kann nicht von der Erscheinung abstrahirn, das Erscheinen des Geists ist sein sich bestimen, und das ist Element seiner concreten Natur; der Geist der sich nicht bestimt, ist abstractum des Verstandes. Die Erscheinung des Geistes ist seine Bestimung, und die Erscheinung haben wir in der Gestalt von Staaten und Individuen zu betrachten. 3[:] Die algemeinen Punkte, Gestalten der Erscheinung, die wir nun betrachten, sind 1. die Staaten überhaupt. 2. Individuen. 3. die Verhältnisse der Natur zu den Staaten. Wesentlich haben wir es mit Völkern zu thun in der WeltGeschichte. den geistigen Individuen; Volk insofern es in sich gegliedert, organisches Ganzes ist, nennt man Staat, doch Zweideutigkeiten ausgesezt: nämlich Staat, Staatsrecht, die politische Seite unterscheiden wir von Religion, Wissenschaft, Kunst; h i e r aber ist Staat im einigen umfassenden Sin genomen, wo wir auch den Ausdruk Reich gebrauchen[;] wie das Geistige erscheint, dies ist ein Volk, und wesentlich unser Gegenstand. Ueber die Natur der Staaten überhaupt, die Hauptmomente, die wir zum Grund legen. – Ein Volk fassen wir also auf als geistiges Individuum, und in ihm nicht die äußerliche Seite zunächst, sondern nehmen das heraus, was auch schon der Geist des Volks genannt worden ist, d.i. Selbstbewußtsein über seine Wahrheit, sein Wesen, und was ihm als das Wahre überhaupt gilt. Die geistigen Mächte, die in einem Volk geistig leben, und es regiren. Der geistige Inhalt ist ein Festes, Gedignes, ganz entnomen der Wilkür, den Particularitäten, den Einfällen,

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2 dem gewöhnlichen Verstehn] DoPi: der gewöhnlichen Vorstellung Kraft und Erscheinung trennen wir] Do: Wir stellen uns Kräfte vor des Magnetismus, ohne die Erscheinung 3–5 In der That … wesentliche.] Do: Aber hier schon ist die Erscheinung wie im Geistigen wesentliches Moment 5 Die Erscheinung] DoPi: das Seyn 7 wozu er … hat] Do, ähnlich Pi: was er an sich selbst hervorgebracht hat 9 Element seiner concreten Natur] Do, ähnlich Pi: wesentliches Mo- 35 ment seines Seyn 10 abstractum des Verstandes] Do: nur das caput mortuum, das leere, abstrakte 19 Zweideutigkeiten ausgesezt] Pi, ähnlich Do: der Ausdruck Staat hier zu beschränkt 25–26 und in … zunächst] Pi: d.h. sein Naturverhältniß kommt hier noch nicht in Betracht 28 das Wahre überhaupt] Do: Substantielles Wahres 30 der Wilkür, … Einfällen] Do: dem besonderen Interesse 40

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der Individualität, den Zufäligkeiten des ihnen preisgegebnen | Alles dies macht zur Natur eines Volkes nichts aus, es ist wie der Staub, der über einer Stadt, einem Acker spielt und schwebt, ihn aber nicht wesentlich anders gestaltet. Der geistige Inhalt macht dann ebenso das Wesen der Individuen aus, als er der Geist des Volkes ist. Es ist das Heilige, was die Menschen, die Geister zusamenbindet. Es ist ein und dasselbe Selbstbewußtsein, ein großer Gegenstand, ein großer Zwek, ein großer Inhalt, wovon aller Privatglaube, Privatwilkür abhängt. Näher ist zu betrachten die weitre Bestimmung des Volksgeists in sich, wie er sich in sich unterscheidet: die Erscheinung, aber die wesentlich nothwendige, worin der Geist eben als sich bethätigend ist, als sich selbst bestimend, dadurch ist er Geist überhaupt. Die Mächte, durch die er sich unterscheidet, haben wir zu explicirn, wenn wir von einem Volk sprechen. Mehr oder weniger können wir in Rüksicht auf diese Mächte in einen Detail gehen. Diese besondren Mächte sind die Religion, Verfassung, Rechtssystem und bürgerliches Recht dazu, Industrie, Gewerbwesen, Kunst und Wissenschaft und die militärische Seite, die Seite der Tapferkeit wodurch es sich unterscheidet von andren Völkern. In unsre algemeine Betrachtung derselben gehört vorzugsweise der Zusamenhang der unterschidnen Momente. 1) Religion, die erste Weise des Selbstbewußtseins, ist das geistige Bewußtsein des Geists des Volkes selbst, des algemeinen Geists, des an und für sich seienden Geistes, nach der Bestimmung, die er sich in dem Geist eines Volkes gibt. Das Bewußtsein dessen, was das Wahre ist, in seiner lautersten, ungetheiltesten Bestimmung. Es ist der Ort, wo ein Volk sich die Definition gibt dessen, was es für wahr hält. Die Definition von einem Gegenstand, Gesetz enthält alles, was zum Gegenstand gehört, nach der Wesentlichkeit desselben in sich; das ist das Ganze des Gegenstands, seine Natur zurückgebracht auf seine einfache Gedankenbestimmung, aus der sich das einzelne dann, sagt man, erklären läßt, so daß sie die Sele alles besondren ausmacht. Aus dem Geseze der Bewegung der himlischen Körper fassen wir alle besondren Stellungen. | Was weiter Bestimtes ist, als Wahres, gilt nur, insofern es dem Princip in der Religion gemäß ist. Die Religion, die Vorstelung Gottes macht insofern die algemeine Grundlage aus. In der Religionsphilosophie ist dann näher die Seite, die Fortbildung des religiösen Bewußtseins über das was das Wesen des Geistes ist, 2 es ist wie der] Do: Diß sind nur äußerlich umherspielende wie

3–5 Der geistige … ist.] Do:

35 Diese Zufälligkeiten machen zu der Natur des Volkes nichts aus, sondern der gediegene Geist ist die

Substanz der Individuen, der Grund auf dem sie die Figurationen ihrer besonderen Thätigkeit aufschreiben, die aber in jenem nur ihren Halt haben. 12 durch] DoPi: in 14 gehen] Do: gehen, die Hauptsache ist aber jenes durchdringende 28 Geseze] Do: einfachen Gesetz 29 Stellungen] Do: Stelungen erklären, in denen nichts Neues vorkommt

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aufzuzeigen; darüber hier kürzer beschränkter; denn wir haben es wesentlich also mit den andren Seiten, den weitern Formen zu thun, in die sich der Geist eines Volks unterscheidet. – Eine Bemerkung über das, was heutiges tags sehr häufig gesagt wird, daß der Staat auf Religion gegründet sein müsse. Dies muß man nicht verstehn, als ob die Religion erst hinzukomen solle, um das Gebäude des Staats und das Betragen der Individuen, ihr Verhältniß von innen heraus zu reguliren, bestimen, bethätigen. Die Menschen müssen zur Religion erzogen werden, die Religion muß erhalten werden imerfort, wie die Wissenschaft, Kunst gelehrt werden muß, aber man muß sich das Verhältniß nicht in der Weise vorstellen, als ob die Religion erst hinzu komen sollte, sondern der Sinn ist, daß der Staat bereits aus bestimter Religion hervorgegangen ist, mit der Religion dasselbe gemeinschaftliche Princip hat, und der Staat dieses politische, Kunst-, wissenschaftliche Leben hat, weil er die Religion hat. Dies ist feste Grundlage. Oberflächliche Anwendung kann man leicht machen, man muß aber eben nicht das nächste beste, was man ein Volk nennt vornehmen, um zu sehn, ob in ihm der Zusamenhang zu finden sei, sondern es müssen Staaten genomen werden, die zu Reife sich gebracht haben, und Völker, die zu volständiger Ausbildung gediehen sind. Ein solches Volk hat alle die Sphären, Lebensweisen in sich vereinigt, die dann alerdings auch einzeln bestehen können. z.B. Völker von Hirten, deren Verfassung bei den verschidensten Religionen dieselbe ist. In solchem unentwikeltem Zustand ist nicht die Ausbildung vorhanden, an der erst die Bestimtheit des Princips des Geists eines Volks sich wirklich macht und also sich bestimt zu | erkennen gebe; insofern solche Völker noch in einfachem Zustand sich befinden, auch noch nicht Selbstständigkeit, Unabhängigkeit haben, oder ihrer Verfassung, Macht diese zu verdanken haben. Athen hatte eine demokratische Verfassung, Hamburg etwa auch, Religion ist höchst verschiden, Verfassung das gleiche: hier würden diese Instanzen sein gegen das was wir wesentlichen Zusamenhang der bestimten Religion mit bestimter Verfassung genannt haben. Theils sind solche Völker nicht zur reifen

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1 aufzuzeigen] Do: aufgezeigt worden, und die Gestaltungen, in denen sich die Stufen dieses 30 Bewustseyn ausprägen 1–2 denn wir … Seiten] Do: Hier haben wir es nicht nur mit jener höchsten Form zu thun, sondern auch mit 2–3 die sich … Volks] Do: denen sich der Geist realisirt, in die er sich 7 Die Menschen müssen zur] Do: Allerdings müssen die Bürger des Staates in der 12–13 der Staat … er] Do: das Volk … es 17 Reife] Do: vollkommener Reife 17–18 zu volständiger … sind] Do: selbstständig sind, organisch in sich gebildet sind, alle 35 Unterschiede in sich ausgebildet haben 23 insofern solche … Zustand] Do: Finden sich die Völker in einem solchen Zustand, als verdanken sie ihre Kraft und Recht nicht ihrer Selbstständigkeit, so tritt diß nicht ein. 26 Hamburg] Do: Schwitz, Uri oder einige deutsche Städte Pi: Schweizerische Cantone 26 etwa] Ke: etwas

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Ausbildung in sich selbst gegangen, wie die Hirtenvölker, theils haben sie nicht die Unabhängigkeit für sich. In Hamburg ist das Kaufmännische überwigend, besteht dadurch unabhängig aber nicht so, wie ein großer Europäischer Staat. Ebenso muß man nicht Völker betrachten, die äußere Fähigkeit haben, aber noch nicht zur freien Entwiklung gekomen sind. Die nordamerikanischen Staaten haben vom Meer angefangen, dem Handel, dehnen sich nach innen aus, haben noch nicht die Ausbildung, Reife, die unseren Alten europäischen Staaten zukomt. In dieser Rüksicht ist bemerkt worden, wie wir von Verfassungen reden, wir uns nicht bei abstracten Unterschiden auf halten, wie die bekannten von Demokratie, Aristokratie und Monarchie. Man gibt ohnehin zu, daß es nicht leicht eine ungemischte Demokratie sei, sondern ein aristokratisches Princip. Die Monarchie ist ohnehin eine Verfassung, in der die andern Momente begriffen, enthalten sind. Es sind ganz andre Bestimungen, auf die es bei Betrachtung der Verfassung, des politischen, rechtlichen Zustands in einem Volke ankommt, von denen nachher die Rede sein wird. In Rücksicht des Zusamenhangs ist zu bemerken, daß die Religion betrachtet werden muß als nothwendig übergehend in Verfassung, weltliches Regiment, weltliches Leben. Die Religion kann sehr unfruchtbar sein; bekante Sache, daß man sagt, die Religion müsse nicht nur im Kopf des Menschen sein, sondern auch in seinem Herzen, aber es müsse sein ganzes wirkliches Leben die Religion ausdrücken, er müsse wesentlich Sitlichkeit und Rechtlichkeit besitzen. Wie wir | bei den Individuen die Vorstelung haben, daß es sein könne, so bei den Völkern, daß es nicht sei, daß das Princip der Wahrheit sich in der Wirklichkeit ausprägt. Daß dieses algemeine Princip der Wahrheit sich hineinbilde in die besondre Sphäre des Selbstbewußtseins, so daß dieses als weltliches Bewustsein von dieser Wahrheit durchdrungen wird; und die Erscheinung der Wahrheit in der besondren Sphäre ist es, was als politische Verfassung, als Staatsrecht, als Sitlichkeit erscheint, was so als Kunst Wissenschaft hervortritt. Geist überhaupt sein Bewußtsein von sich muß sich realisiren, der Geist muß sich gegenständlich sein; er ist nur Geist insofern er von sich weiß, sich objectiv ist. Die Objectivität aber enthält die Verendlichung und damit das Hervortreten von Unterschieden, durch wel-

1 Ausbildung] Do: Entwiklung 2 Kaufmännische] Do: merkantilische 4 Völker] Do: große Staaten 5–6 nordamerikanischen Staaten] Do: Freistaaten von Amerika 8 Verfassungen] Do: Verfassungen überhaupt der Völker und Staaten 11 sondern ein aristokratisches Princip] Pi: ohne 12 Die Monarchie] Do: In 35 Beimischung des Aristokratischen Do: sondern nur aristokratische der neueren Monarchie die] Do: wesentlich die 15 Zusammenhangs] DoPi: Zusammen hangs von Religion und Verfassung ist] Do: ist b) Pi: ist 2) 29 realisiren] Do: realisiren eine Welt geben 31 die Verendlichung … Unterschieden] Do: unmittelbar das Unterscheiden, Bestimmen, was wir Verendlichen nennen können 40 5 sind] Ke: ist

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che die besondren Glieder der Organisation gesezt sind. Der Geist verhält sich zu einem Gegenstande, und damit ist der Unterschied gesezt, in den dieser Geist sich auseinanderlegt, und in den Gliedern als lebendige Sele ist, so ist er in sich seiner sich bewußt, er resultirt sich in sich, aus diesem seinem besondren Thun, seiner besondren Sphäre. Der Geist kann nicht bloß als Anfang gefaßt werden, sondern er muß sich hervorbringen, er ist sich Zwek, er ist sich Resultat, so daß das, was hervorkomt, nichts ist, als das, was anfängt, aber durch die Vermitlung der Objectivierung ist es, daß er sich die Wirklichkeit gibt. Religion als solche muß sich wesentlich verwirklichen, es muß sich eine Welt ausbilden, daß der Geist sich seiner bewußt wird, daß er ein wirklicher Geist sei. In der Religion komt es wesentlich drauf an, in wie fern in einer Religion einem Bewußtsein, das der Geist von sich hat, enthalten ist, was der Geist in der That ist. Wenn im Bewußtsein dessen, was der Geist ist, das Bewußtsein dessen, was die Wahrheit ist, alles, was der Geist seinem Begrif nach ist, enthalten ist, dann sind alle Seiten seiner Existenz in Wahrheit gesezt, haben damit die Bestimmung des wahrhaften erhalten; und dies kann nur in der wahrhaften Religion der Fall sein – die andren Seiten müssen diese religiöse Seite haben, indem sie sonst unfruchtbar bleiben, wenn sie nicht durch die Wahrheit bestimt sind. Es gibt aber dann Seiten, welche der Wilkür überlassen sind, die in die Wildheit fallen, welche nicht zur Wahrheit gebracht ist; Unsre Betrachtung soll den Zwek haben, deutlich zu machen, wie die Religion Grundgepräge der besondren Sphäre ist. Es ist zu sagen daß die Religion als solche im Individuum sich oft unfruchtbar zeigt, so muß hiegegen dies System der Lebendigkeit eines Volks der Religion gemäß ausgebildet sein. Die Religion unterscheidet sich dadurch wesentlich, ob ihr Princip so ist, daß alles, was zum Begriff des Geists gehört, im religiösen Princip ausgeglichen ist, sein Princip erlangt hat. Ist der Geist nicht in seiner wahrhaften Tife gefasst, so gibt es Seiten im Leben eines Volks, wo es unruhig ist, seiner Wilkür preisgegeben ist, oder auf irgend eine Weise sich unfrei in einer dieser Seiten verhält. So ist ein Mangel in der griechischen Religion, oder im Princip des griechischen Geists, oder in dem Begrif, den der Geist als griechischer Geist von sich gemacht hat, daß die Griechen

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1–5 Der Geist … Sphäre.] Do: So wie die Seele sich in die verschiedenen Glieder auseinanderlegt, so ist sie es nur als dieses Auseinanderlegen, so der Geist der sich resultiert in dieser Sphäre 14–15 Seiten seiner Existenz] Do: Seiten, alle Weisen seiner Thätigkeit 15 des wahrhaften] Do: der Wahrhaftigkeit 16–20 die andren Seiten … ist] Do: In andren muß sie nach mehreren Seiten 35 unfruchtbar bleiben, weil nicht Seiten des Geistes nach der Wahrheit bestimmt, sondern der Willkühr überlassen und diese erhalten. 26 sein Princip erlangt hat] Do: zur Wahrheit gebracht oder nicht 15 damit] Ke: damit damit

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bei öfentlichen Angelegenheiten, beschluß von Staatsangelegenheiten und Privatangelegenheiten, sich an Orakel haben wenden müssen. Das ist so zu fassen, daß es eine wesentliche Seite im Geist ist, die sich aber auf eine verkehrte, unfreie Weise befriedigt hat, weil diese Seite im substanziellen Princip der Religion ihre Stelung erhalten hat. So bei der mohamedanischen Religion. Der Fanatism derselben hat getrieben, die Welt zu erobern, ist aber dazu unfähig, daß ein Staat sich darin bildet zu einem Gegliderten, organischen Staatsleben, einer gesetzlichen Ordnung für die Freiheit. 2) Wenn auch eine Religion, wie die christliche, den absoluten Begrif des Geists zu ihrem Princip hat, so ist nöthig, daß dieser Begrif ihrer Welt eingebildet wird, und die Verarbeitung der Wirklichkeit nach jenem Princip ist eine lange Arbeit, nicht umittelbar geschehen, und wir werden gleich im Anfang den ungeheuren Widerspruch zwischen ihrem Princip und der Roheit und Wildheit finden, die im Anfang bei den christlichen Völkern war. – Dies sei genug über das Verhältniß von Religion und Staat und Verfassung. Was mit Verfassung überhaupt zunächst zusamenhängt, ist das Rechtsverhältniß, das bürgerliche Recht überhaupt. Auch das Rechts Princip hängt mit dem algemeinen Princip unmittelbar | zusamen. In der christlichen Religion ist algemeines Princip, 1) daß Gott ein Geist ist, die Wahrheit, 2) daß die Individuen einen unendlichen Wer th haben, in die absolute Geistigkeit zu Gnaden aufgenomen werden sollen. Eine Folge davon ist, daß das Individuum in seiner Persönlichkeit unendlich, daß es als Selbstbewußtsein überhaupt als frei anerkannt wird. Bei den orientalischen Religionen ist das Princip nicht vorhanden, daß der Mensch als Mensch einen unendlichen Wer th habe. Erst im Christlichen sind die Menschen persönlich frei, dh. fähig Eigenthum zu besitzen und freies Eigenthum. 3. Gewerbsfleiß überhaupt, die Art des Erhaltens der Menschen nach ihrer Abhängigkeit in Bezihung auf die Natur, die Art und Weise, das Bedürfniß in der Rüksicht zu befriedigen, und sich Genüsse nach dieser Seite zu verschaffen. Dieser Trib betrift die Besonderheit des Menschen; die rechtliche Seite als solche, die Bestimmung der Religion, Staatsverfassung, ist in einem entfernten Verhältniß mit dieser Seite, aber das algemeine Princip des Geists ist auch wesentlich wirksam auf die Art und Weise, was wir zum Gewerbsfleis, Industrie, Handel rechnen. Hat dies zum Zwek, daß das Individuum für sich selbst sorgt, 2–3 Das ist … ist] DoPi: Diese Unfreiheit ist eine wesentliche Seite im Geist

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35 ziellen … hat] DoPi: noch nicht in das (Do: wahrhafte substantielle Princip Pi: substantielle

Religions|prinzip) aufgenommen ist 12 Arbeit] Do: Arbeit, die Aufnahme, die Heiligung der Weltlichkeit 18–19 algemeines Princip] Do: geistiger Boden Princip 22–23 den orientalischen Religionen] Do, ähnlich Pi: der griechischen Religion und der orientalischen 33 Hat dies zum Zwek] Do: Denn diese Sphäre hat die Bestimmung

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seinen Fleis, Verstand, Bemühung, Kunst anwendet, sich zu erwerben, was es nöthig hat für seine Bedürfnisse, die es nur unendlich vermanigfaltigen, verfeinern kann. Der Ackerbau enthält nothwendig Abhängigkeit von der Natur, was eigentlich Gewerbsfleiß genannt wird, weil das rohe Materiale sind, findet seine Subsistenz in dem, was durch Verstand, Nachdenken, Industrie hervorgebracht wird. Dieser Zweig betrift das besondre, aber grade im besondren ist keine immanente Grenze; da kommen Anhäufungen des Reichthums, Verfeinerungen eines ungemessnen Fortgehens. Wenn der Gewerbsfleiß beschränkt ist, keine Erweitrung statt finden kann, | kastenmäßig beschränkt, oder ob die Individualität ganz unbeschränkt ist, wo das Individuum sich maaßlos erweitern kann; ein solcher Zustand sezt ganz andren Geist eines Volks, Religion, Verfassung voraus, als ein Zustand, wo auch Fleis nöthig ist, aber ein für allemal eingeschlossen. 5. Die Kunst, insofern sie sich bemüht Material zu bearbeiten für das Bedürfniß, und die Kunst, deren Bestreben es ist, schöne Werke hervorzubringen. Die Kunst hängt mit der Bestimmtheit der Religion überhaupt zusamen, wo der Geist gefaßt ist zu dem Menschen als das gestaltlose, kann keine Kunst stattfinden, wie bei Juden und Muhamedanern. Was für das Wahre gilt, leidet keine Gestaltung, seine Weise aufgefaßt zu werden, soll keine äußerliche Gestaltung sein. Phantasie ist nicht das Organ, das aufzufassen, was wahrhafte Geltung hat. Die Kunst muß vorhanden sein, wo die Phantasie, das Gestalten das höchste Organ ist, wo Gott nicht gewußt wird als algemeiner Geist. In solchem Volk ist das nothwendige, das allgemeinre, das höchste Organ zu fassen und darzustellen. Bei uns kann die Kunst nicht die höchste Weise sein, in der das wahre vorgestellt und gefaßt wird, und kann nur untergeordnete Stellung haben. Die Gestalt, die uns die Kunst gibt, hat für uns keine Wahrheit, ist nicht die Form, in der das erscheine, was absolut ist. Solche Gestalt ist nur ein endliches, unangemessnes dem unendlichen Inhalt, der dargestelt werden sol. 6. Die Wissenschaften nähern sich am meisten der Religion, sie haben den manigfaltigsten Inhalt, zum Theil Samlung nur von Kenntnissen, aber für die Wissenschaften überhaupt gilt wenigstens das Princip des Denkens, Erkennens; sie sind nützlich für all die Seiten, von denen gesprochen ist, so ist auch die Religion, der Staat, das Recht nützlich. Das wahre dient auch einem andren Zwek. So wie Gott auch nützlich ist, profaner unangemessner Ausdruck, seine Nüzlichkeit ist seine Güte, daß er andres selbstständig, | freiläßt, sich ihm hingibt. Wesent10 kann] Do: kann durch Aufmerksamkeit und Fleiß 18–19 leidet keine … werden] Do: Das Göttliche und das Wesen in andern Sphären 28–29 Solche Gestalt … sol.] Do: Bei uns ist das Bewustseyn einer nicht Uebereinstimmung mit der Unendlichkeit des Inhalts.

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lich sind die Wissenschaften nicht nach der untergeordneten Seite zu betrachten, sie sind, wie die Religion, Zweck an und für sich, für sich ein lezter Zweck. Indem die Wissenschaften, besonders die des freien Denkens besonders, die Philosophie, dem Denken angehörn, befinden sie sich in einem eigenthümlichen Boden und Element des Geists. Ein Volk erfaßt den Begrif, den es von sich und von der Wahrheit hat, in dem Denken, in einer Form, die dem Begrif des Geists selbst entspricht. Fassen wir abstract das tifste des Geists, so ist dies das Denken. Das Gegenständliche ist also hier der Natur des Geistes angemessen. Die Wissenschaften machen insofern den höchsten Culminationspunkt in einem Volk aus; sein höchster Trib ist, sich zu fassen, und diesen Begriff überall zu realisirn. Das Element, das das wichtigste ist, ist nicht nur physisches Bedürfniß, es sei wie es wolle, auch nicht das Element des formelen Rechts, sondern das Element ist das Denken, die Inteligenz als solche; die Blüte des Volkes ist freies, intresseloses, begierdeloses Bewußtsein, wie auch die Kunst ist, aber der Inhalt, dies Bewußtsein ist nicht in einem sinlichen Element, wie bei der Kunst, sondern das Material, in dem es seinen Begrif ausdrückt, ist das Denken. Einem Volk macht es Ehre, wenn es die Wissenschaften kultivirt. Die Wissenschaft der Philosophie begreift, denkt, den Inhalt, welcher in der Religion in der Weise der Vorstelung, sinlicher Vernunft ist. Im Christenthum sagt man: Gott hat seinen Sohn erzeugt, das ist kein Denkverhältniß, sondern natürliches Verhältniß, was in der Religion im Verhältniß der Lebendigkeit, vorgestellt, gefaßt ist, wird in der Wissenschaft auf begreifende Weise gefaßt, so daß der Inhalt derselbe ist, aber in seiner höchsten, lebendigsten, würdigsten Gestalt. Es ist die höchste Weise, wie ein Volk zum Bewußtsein kommt, wie es das erfährt, was die absolute Weise des Geistes ist. Es ist noch anzuführn, daß ein Staat auch ein Verhältniß zu andren Staaten | hat: daß er unabhängige Selbstständigkeit besizt. Es ist die Ehre eines Volks, daß es selbstständig sei; es würde, um es näher zu bestimmen, viles hinzugesezt werden müssen, dessen wir uns hier, da es entbehrt werden kann, enthalten. Aber näher geht uns an, daß wir die Principien, die in der Vernunft der Staaten gelten, unterscheiden von dem Princip welches sich in ihrer Vernunft in der Weltgeschichte geltend macht. Da gilt nur das Recht des absoluten Geists, und es kann nur Vernunft in Betracht komen, die ein höhres Princip des Geistes geltend ma2 Zweck an … sich] DoPi: um ihrer selbst willen

11 wichtigste] Do: würdigste 15–16 son16–17 Einem Volk … kultivirt.] Do: 19 ist] Do: erkannt wird, im Denken selbst 25 ist.] Do schließt an: Auf diese Elemente kommt es also vorzüglich an, der Zusammenhang mit derselben mit dem einen Prinzip muß nun nachgewiesen werden. 30 in der Vernunft der Staaten] Do: vom Verhältniß der Staaten zu einander 31 ihrer Vernunft] Do: dem Verhältniß der Staaten

35 dern das … Denken] Do: im Eigenthümlichen des Geistes selbst

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che. Aber es kann kein Staat sich auf dies Recht berufen, die wirklichen Staaten sezen sich gegenseitig voraus als unabhängige Individuen, und die Unabhängigkeit des Einen wird nur respectirt, indem vorausgesezt ist die Unabhängigkeit der andren Staaten. Diese Verhältnisse können durch Tractate festgestelt sein, und Rechtsgründe sollen dann wenigstens entscheiden. In der Weltgeschichte macht sich ein höhres Recht geltend. Da läßt es auch Gott in der Wirklichkeit, im Verhältniß gebildeter Völker zu Barbaren, Horden. Auch bei Religionskriegen wird ein heiliges Princip von einer Seite behauptet, wogegen die Rechte andrer Völker ein untergeordnetes seien, nicht gleiches Recht haben. Bei den Muhamedanern ehmals, diese Theorie auch noch iezt; auch die Christen, indem sie die heidnischen Völker bekrigten, um sie zu bekehren, und aus ihrer Religion ein höhres Recht für sich behaupteten. Da gilt nicht abstractes Recht oder Unrecht, im höhren Verhältniß; aber solche Verhältnisse finden nur statt, wo noch nicht eigentlicher Rechtszustand zu Stande gekomen ist. Was hier gilt, unter solchen Verhältnissen ist nicht anwendbar auf einen Zustand wahrhafter Unabhängigkeit der Staaten zu einander. Umgekehrt was gilt unter Voraussezung eines Rechtszustands, kann nicht angewandt werden auf einen Zustand, der noch nicht Rechtszustand genannt werden kann. Daher gehn uns | d i e P r i n c i p i e n dessen, wa s a ls St a at srecht g i lt, n icht an. Wir haben d a s Recht d e s We l t g e i s t s g e g e n d i e S t a a t e n s e l b s t z u b e a c h t e n . Das sind die Hauptsphären, in die sich der Geist, der sich zu einem Staat verwirklichte, unterscheidet. In einem ausgebildeten Staat, wo diese Seiten unterschieden sind, selbst zu ihrem Recht gekomen sind, müssen sie sich in verschiedene Stände unterscheiden. Einestheils kann das Individuum Theil nehmen an allen diesen Seiten, andrentheils nimt es nothwendig Theil an Religion, Recht, Verfassung, am Denken wenigstens indirect (die Wissenschaft). Theils trennen sich diese Sphären in besondre Stände, denen die Individuen zugetheilt werden, diese machen das aus, was der Beruf der Individuen ist. Die Unterschiede, die sich in diesen Seiten finden, müssen sich in besondren Sphären gestalten, und zu eigenthümlichen Geschäften, und das ist der Unterschid der Stände überhaupt, die

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1 Staat] Do: Staat gegen einen andern 4–5 Diese Verhältnisse … entscheiden.] Do: Auf diese Verhältnisse der Anerkennung beruht das, daß ihre Traktaten sie verbinden, und sie Rechtsgründe haben, wenn sie diese verletzt sehen. 6–7 Da läßt … Horden.] Do: Das gebildete Volk behauptet gegen Barbaren-Horde ein höheres Recht zu haben. 14–18 Was hier … kann.] Do: In einem solchen Verhältniß werden jene allgemein geltende nicht angewandt. 18–19 Daher 35 gehn … a n .] Do: In dieser Rücksicht, geht uns das Staatsrecht zwischen selbstständigen Staaten nicht an, wir haben zu betrachten, daß kein Staat des Rechts des Höheren gegen die andren habe. 27 Stände] Do: Geschäfte 1 sich auf ] Ke: auf sich theils

26 indirect (die Wissenschaft). Theils] Ke: indirect. (die Wissenschaft) 40

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sich in einem organisirten Staate finden. Denn ein organisches Ganze ist der Staat, und in ihm sind diese besondren Bestimungen nothwendig, wie im Organismus überhaupt. (So ist es auch in einem organischen Ganzen, welches sitlicher Art ist.) Das Freie ist nicht neidisch, gesteht seinen Momenten zu, sich zu construiren, und das allgemeine behält doch die Kraft, diese Bestimmungen in der Einheit mit sich zu erhalten, welche Kraft ihm eben seine Intensität gibt. In dem besondren System finden die Individuen ihre Stelle. Der Punkt, zu dem wir übergehn, ist das Verhältniß der Individuen zu einem Volk, diese gedigne, feste Einheit. Zunächst noch innerhalb des Gegenstands den wir hier betrachten, des Volks, Staats, ist von dem algemeinen zu sprechen; überhaupt von dem Verhältniß des Subjects der Individuen, und von dem, was seine substanzielle Einheit genannt | worden ist. Was ein Volk sei, seine Momente, die sich in ihm unterscheiden, gehört zur algemeinen Erscheinung, zu dieser algemeinen Erscheinung ist das andere Princip die Individualität, und die 2 Principien gehören überhaupt zur Wirklichkeit der Idee. Es ist im volkommnen Staat zu thun um das Verhältniß der beiden Seiten, die Weise ihres Unterschieds und ihrer Vereinung. Dies ist der lebendige Proceß, wodurch die Idee lebendig ist. Die Idee ist zunächst, eines, unthätiges, nicht wirkliches, gedachtes, vorgesteltes, das inre in dem Volke, das wodurch das algemeine, inre bethätigt, herausgesezt wird, daß es wirklich sei, ist diese Thätigkeit der Individualität, die das inre übersezt in die Wirklichkeit, und was man fälschlicher Weise Wirklichkeit nent, die bloße äußerlichkeit, der Idee gemäß macht. Zu dieser Äußerlichkeit kann die Individualität gerechnet werden, die noch nicht erzogen ist, oder ungezogen ist, und das Individuum ist so ein wahrhafteres, als es eben kräftiger nach seiner Totalität ausgebildet ist ins substanzielle, und die Idee in dasselbe eingebildet ist. Verhältniß des algemeinen, und das Subject ist es, worauf es ankomt, daß das inre herausgesezt sei ins Bewußtsein des Volks, daß das Volk Bewußtsein habe von dem Wahren als dem ewigen an und für sich sein, als dem wesentlichen. Diese Ausbildung zum lebendigen Bewußtsein, erst wenn das an und für sich sein gewußt wird, ist es in seiner rechten Weise, der Form der Algemeinheit v o r h a n d e n . Wenn es nur

1–5 Denn ein … construiren] Do: so wie im Organismus Sensibilität und Irritabilität in ihrer Wahrheit der Reproduktion wohl in jedem Punkte da ist, aber in besonderen Sphären die besonders heraustreten. Die sittlichen Organisationen der Völker haben die Sphären der freien Momente 6 welche Kraft … gibt] Do: und sich so ein reiches, intensives Leben zu geben, wel7 finden die … Stelle] Do: haben 35 ches resultirt aus der Thätigkeit dieser verschiedenen Sphären nun die Individuen ihren Beruf 8–9 einem Volk, … Einheit] Do: jener festen gedrungenen Einheit der Substantialität 17 Idee2 ] Do: Idee, wenn wir sie unterstellen 28–29 Diese Ausbildung … wird] Do: Das Wahrhafte muß gewußt werden, erst dann 30 rechten Weise] Do: wahrhaften Form 40 30 v o r h a n d e n ] Ke: v o r h a n d e n vorhanden

Verhältniß der Individuen zum Volk.

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wird, schlummernd ist, ist der Wille überhaupt erst natürlicher Wille, hat das Vernünftige noch nicht gefaßt, auch ist das Rechte, Geseze das Wahre überhaupt noch nicht für ihn vorhanden. Dies Wissen der Individuen von ihrem Zwek ist der unbewegte Bewegende, wie Aristoteles sagt, es ist das wahrhaft sittliche, es muß das unbewegte gewußt werden und das Bewegende ist in den Individuen. Daß es bewegend sei in den Individuen, dazu gehört, daß das Subject für sich herausgebildet sei zur freien Eigenthümlichkeit. Es muß also dies ewig unbewegte zum Bewußtsein kom|men, und weiter müssen die individuellen Subjecte frei für sich selbstständig sein. Wie wir in der Weltgeschichte die Völker die sich selbstständig herausgebildet haben, zu betrachten haben, so haben wir hir die Individuen in ihrem Volke zu betrachten: – Daß es zu dem unendlichen Unterschied gekomen sei, der darin aufgelöst ist, daß die Individuen wissen ihre Freiheit, Selbstständigkeit, Wahrhaftigkeit zu haben in der Einheit mit dem substanziellen so daß sie die Form des Thuns sind für dieses substanzielle, auf dies Herausgebildetsein des substanziellen kommt es an, und darin ligt der höhere Unterschid der Völker überhaupt und ihrer Verfassungen besonders, der Unterschied der Verfassungen muß in diesem Unterschiede gefaßt werden. Von diesem höhern Princip aus wird es ein untergeordneter, gleichgültiger Unterschied, was man für das wesentliche ansieht in einer Verfassung, ob die Individuen ihre subjective Einwiligung dazu zu geben haben oder nicht. Zuerst ist zu sehn, ob die Individuen als Personen gefaßt sind, ob das Substanzielle als Geist, als von ihnen gewußtes Wesen vorhanden ist. Bei den Chinesen zb. ist keine Art und Weise einer solchen Zustimung vorhanden; sie würden das ebenso thörigt finden, wenn man sie das drüber fragte, als über einen Mangel, als wenn in einem Familienrathe auch die Kinder jeden Alters zugezogen würden. Die Chinesen wissen sich noch nicht als freies Subject, ihnen ist noch nicht gegenübergetreten die Wahrhaftigkeit des sitlichen und rechtlichen, das ist für sie noch nicht als ihr Zwek, Wesen und Gegenstand vorhanden. Auf der andern Seite bei den Türken sehn wir den subjectiven Willen in völliger Unbändigkeit. Die Janitscharen zb. haben diesen Willen und üben ihn aus, ein wilder Wille, zum Theil durch Religion bestimt, aber in seiner Begirde auch ungebändigt, hir ist der persönliche Wille noch unrichtige Vorstelung, frei, aber nicht eingebildet in den vernünftigen concreten Willen, diesen weiß er nicht, hat

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7 freien Eigenthümlichkeit] Do: wahrhaften Freiheit 21–22 Zuerst ist … ist.] Do: Das erste ist, zu untersuchen, wie sie als Subjekte sind wie das Allgemeine als frei für sie vorhanden ist. Pi: Es 35 ist vielmehr zu betrachten, ob die Individuen frei sind durch die Einheit des Staates. 29 subjectiven] DoPi: partikulären 32 hir ist … Vorstelung] Do: Hier gilt der persönliche Wille von dieser Hauptklasse der Individuen 26 wissen] Ke: haben wissen

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ihn nicht zum Gegenstand, Intresse, und auch | nicht zum Bewegenden, und wenn er die Algemeinheit berührt, so ist sie eine abstracte, nicht organische, und wird fanatisch, zerstörend gegen alles sich organisirende, gegen Sitlichkeit, Recht jeder Art. In europäischen Staaten ist ein andres Verhältniß, da ist im ganzen die Einsicht etwas algemeines, die wissenschaftliche Bildung, das bestimen nach algemeinem Zweck, algemeinen Grundsätzen ein Gemeingut, das die Bürger mit der Regirung, und die Regirung mit den Bürgern theilt, insofern alle Sphären begriffen werden, die zur Administration gehörn. In solchem Zustand ist die Zustimung des besondren Individuums mehr oder weniger gleichgültig; weil sie keine besondre Weisheit herbeibringen könnte, im Gegentheil weniger, als die, die sich ausdrücklich mit alen Staatsangelegenheiten beschäftigen. Ebenso wenig würden sie gute Intention mitbringen mit ihrem particulären Intresse, denn dies, das besondre, ist ein Gemeingut. Des nähren ist übergegangen worden zum Verhältniß der Individualität, und hir nur vom Verhältniß des Algemeinen zur Individualität als Punkt in Rücksicht auf die Erscheinung. Genauer Gesprochen, das bestimmtre sind die Individuen selbst. Die Individuen selbst ihr Verhältniß und ihr Wer th in welthistorischer Rücksicht. a) ist zu bemerken, was schon berührt ist, daß im algemeinen den Wer th der Individuen dies ausmacht, daß sie gemäß seien dem Geist des Volks überhaupt, daß sie Repräsentanten desselben seien, und daß sie einem Stande der Geschäfte des Ganzen sich zugetheilt haben, und es gehört zur Freiheit im Staat, daß dies von der Wilkür der Individuen abhängt, nicht kastenweis ver theilt, welchen Geschäften sie sich widmen wollen. Die Moralität des Individuums besteht dann darin, daß es die Pflichten seines Standes erfült; und das ist etwas leicht zu wissendes, welches diese Pflichten sind ist durch den Stand bestimt. Das substanziele solcher Verhältnisse, das Vernünftige ist ebenso bekannt, ist ausgesprochen in dem, was die Pflichten überhaupt genannt wird. Es ist unnütze Grübelei, das was Pflicht | sei, zu untersuchen, das moralische als etwas fernres anzusehn; es ist eher die Sucht, sich von seinen Pflichten losmachen zu wollen, zu erkennen. Die Natur eines Verhältnisses, wie es ist, ist das, was substanziell ist, und was die Pflicht bestimt. Verhältniß von Kindern zu Eltern, dessen Natur ist, die Pflicht der Kinder, sich derselben gemäß zu betragen. Oder im rechtlichen Verhältniß, ich bin einem Geld schuldig; nach dem Recht muß ich zurückstehn, die Pflicht 2–3 wenn er … fanatisch] Do, ähnlich Pi: Oder sein Allgemeines ist nur eine abstrakte Allgemeinheit,

35 nicht eine concrete Vernünftigkeit, daher wird der subjektive Wille wenn er sich da hinein wirft,

fanatisch. 5 wissenschaftliche Bildung] Do: Bildung für allgemeine Interessen 16 selbst1] Do: selbst. Das dritte ist der Zusammenhang der geistigen Seite mit der natürlichen. 16–17 Die Individuen … Rücksicht.] Do: Wie haben wir die Individuen in der Weltgeschichte zu betrachten, was bestimmt ihren Wer th

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ist im bürgerlichen Leben; nach der Natur der Sache handeln. Die Individuen haben also ihren angewiesenen Beruf, und also auch ihre angewiesene Pflicht, und ihre Moralität ist es, sich dieser gemäß zu betragen. Ein anderes tritt ein b), in Ansehung der welthistorischen Menschen, Individuen, das eine wesentliche ist die Erhaltung eines Volks, Staats und die Erhaltung seiner Sphäre, und das ist die Pflicht der Individuen, daß sie an diesem gemeinsamen Werk theil nehmen, und an ihrem Ort es hervorzubringen helfen, das ist die Erhaltung des sitlichen Lebens. Das andre ist, daß das Bestimen eines Volksgeistes, wie er ist, durchbrochen wird, daß die Weltgeschichte fortgeht, der Weltgeist fortgeht. Dies ist früher bemerkt. Jene Stelung der Individuen innerhalb eines Staats und ihr moralisches Verhältniß, ihre Pflichten, berührn wir hir nicht, sondern es geht nur um die Fortbildung, Weiterschreitung, sich erheben des Geistes zu einem höhern Begrif seiner selbst, dies ist aber verknüpft mit einer Herabsetzung, Zertrümerung und einer Zerstörung der vorhergehenden Weise der Wirklichkeit, die sich seinen Begrif ausgebildet hat. Dies macht sich einerseits in der inren Nothwendigkeit der Idee, anderseits ist sie eine gemachte, und es sind die Individuen, die die Thätigkeit der Idee sind, ihre Verwirklichung hervorbringen. Die Geschichtlichen Individuen sind die welthistorischen Menschen, sind diejenigen, die einen Zwek verwirklichen, einen, der dem höhern Begriff des Geists gemäß ist. Sie sind insofern Heroen zu nennen, sie nehmen ihre Zweke nicht aus dem angeordneten System der Dinge, dem geheiligten | Lauf der Dinge, ihre Berechtigung liegt nicht in dem vorhandenen Zustand, sondern aus einer andren Quelle, die noch nicht zu einem gegenwärtigen Dasein gediehn ist, schöpfen, es ist der verborgne Geist, der an die Gegenwart pocht, herauswill, dem die gegenwärtige Welt nur eine Schale ist, die einen Kern in sich schließt, der ein andrer ist als der, der zur Schale gehörte. Sie scheinen durch sich selbst zu schöpfen, was sie volbringen erscheint zunächst als nur ihr eignes Intresse, Werk. Dasjenige aber, was abweicht von bestehenden Absichten, Zweken, Meinungen, sogenannte Ideale, ist auch verschieden von dem vorhandnen; Abentheurer jeder Art haben solche Vorstelungen, und ihre Thätigkeit geht auf solche Vorstelungen, die der vorhandnen Vernunft zuwider sind, aber das, daß solche Vorstelungen, gute Gründe, als Principien, verschieden sind von den vorhandnen, berechtigt sie nicht, sondern die wahrhaften Zwecke sind dieser Inhalt, zu dem sich der inre Geist, diese

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5–6 das ist … nehmen] PiDo: die Thatigkeit der Individuen (Pi: ist, daß sie das gemeinsame Werk fördern und schaffen Do: hat ihre Stelle in jener allgemeinen Produktion) 8 Bestimen] DoPi: 35 Bestehen 12 Weiterschreitung] Do: Mit theilen 15 Dies] DoPi: Diese Veränderung 23 noch] Do: noch verborgen ist, noch 24 verborgne] Do, ähnlich Pi: innere Geist, der unterirrdisch vorhandene 26 Sie scheinen … schöpfen] Do, ähnlich Pi: Solche Heroen haben daher ihre Zwecke aus sich selbst zu schöpfen 31 Vorstelungen] Do: allgemeinen Vorstellungen

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absolute Macht selbst herausgebildet hat, und eben die Weltgeschichtlichen Individuen sind die, die es wissen, in deren Inren sich geofenbart hat, was an der Zeit, was nöthig, sie sind die Einsichtigen, wissen, was die Wahrheit ihrer Welt, ihrer Zeit, wissen, was der Begriff ist. Und das ist das nächst hervorgehende Allgemeine und das ist dann ihr Recht – und indem sie die sind, die den Zwek haben, der angemessen ist dem Zwek des an und für sich seienden Geists, so ist das absolute Recht auf ihrer Seite, aber ein Recht ganz eigenthümlicher Art. Der Geist, der sich im inren fortgebildet hat, entwachsen ist der Welt, im Begrif ist darüber hinauszugehn, sein Bewußtsein von sich da nicht mehr befridigt findet, hat durch diese Art von | Unzufridenheit das noch nicht gefunden, was er will, dies ist noch nicht affirmativ vorhanden, steht deswegen auf der negativen Seite, die welthistorischen Individuen sind die, die den Menschen erst gesagt haben, was sie wollen. Zu wissen was man will ist schwer, man kann in der That etwas wollen, und man steht doch auf dem negativen Standpunkt, ist nicht zufrieden, das Bewußtsein des affirmativen kann sehr wohl mangeln. Wenn die Menschen es auch nicht meinten, daß das das sei, was sie wolten, das ist dann das richtige, und die andren hängen dem an, lassen sich es gefallen, es ist eine Gewalt in ihnen über sie selbst, wenn diese ihnen auch erscheint als eine äußerliche und fremde, wenn es wider das Bewußtsein ihres gemeinten Willens geht, so ist es doch, was sie wahrhaft wollen, und deshalb ist es eine Gewalt, der sie sich übergeben, auch mit Widerspruch ihres bewußten Willens. Dies ist das Ziel der welthistorischen Menschen, und darin finden sie ihre Befriedigung. Der Zustand der Welt ist noch nicht gewußt, der Zweck ist, ihn hervorzubringen, das ist Sache der welthistorischen Individuen, sie sind sich der Ohnmacht dessen bewußt, was gegenwärtig noch ist, noch gleißt, aber das Wirklichkeit zu sein nur scheint. Indem dies i h r Ziel ist, so haben sie ihre Vorstelung aus sich geschöpft, und es ist i h r Zwek, sie finden sich befridigt, haben es gewollt, selbst mit Widerspruch der andren. Es ist i h r e Befridigung. Große Menschen haben das gewolt, um sich zu befridigen, gar nicht um die wohlgemeinten Absichten von andren, dieses haben sie nicht erfahren, hätten sie es sich von den andren sagen lassen, so wäre dies das verwirtere, schiefre mächtiger Zwist, sie wußten | es am besten. Sie haben es verstanden, sich zu befriedigen, ihren Zweck, den algemeinen Zwek, hervorzubringen, haben sich befridigt, man kann dabei sagen, den Trost dabei 7 aber ein … Art] Do, ähnlich Pi: Sie wissen, wollen und vollbringen was an der Zeit ist. 8 der Pi: seiner Zeit 17–18 es ist … selbst] Do: sie erkennen die Gewalt in ihnen selbst über sich an 24 sich] Do: sich der Kraft bewust, eine neue Gestalt hervorzubringen 27 befridigt] Do: befriedigt […] in ihrem Handeln 28 Es ist i h r e Befridigung.] Do: Was sie vollbringen ist also die befriedigung ihrer Vorstellung. 29 andren] Do: andern, sondern um ihretwillen 33 den Trost] Do: die Befriedigung

35 Welt] Do: der Gestalt, die er hat

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haben, daß diese Heroen, ausgezeichneten, nicht glücklich gewesen sind, das wolten sie nicht sein, sondern ihren Zwek erreichen, die Erreichung dieses Zweks ist volbracht durch ihre mühevolle Arbeit; Menschen mit einem so großen Zwek haben sie sich die Kühnheit vorgesezt, es mit allen Meinungen der Menschen aufzunehmen, es ist nicht das Glück, sondern es ist Mühe, Kampf, Arbeit um ihren Zwek. Sie sind, nach der Erreichung nicht zum ruhigen Genuß übergegangen, sind nicht glücklich geworden, was sie sind, ist ihre Thätigkeit aber gewesen. Diese ihre Leidenschaft hat den Umfang ihrer Natur, ihres Characters ausgemacht. Ist der Zwek erreicht, so sind sie leere Hülsen die abgefallen sind, früh gestorben wie Alexander, oder ermordet, wie Cäsar. Man kann fragen, was haben sie für sich gewonnen? Das ist ihr Begrif, ihr Zweck, das was sie volbracht haben. Gewinn andrer Art, ruhigen Genuß haben sie nicht erreicht. Solches Trostes ist besonders der Neid bedürftig, den solches Großes betrübt, er hat gesucht, herausgebracht solchen Schaden, und findet es nur erträglich, daß solches hervorragendes da war, da es nicht glücklich geworden ist, ein Gleichgewicht meint er dadurch zu haben mit sich und ihnen. Der freie Mensch anerkennt sie, freut sich ihrer. Es kann die Form der Leidenschaft angewendet werden auf sie, man sagt, ihre Leidenschaft hat sie getrieben, was die moralische Seite der Beur theilung betrift. Sie waren alerdings Menschen von Leidenschaften; d.h. daß sie eben die Leidenschaft ihres Zweks gehabt, d.h. ihren ganzen Character, Genie, Naturel haben sie in den Zwek gesezt, d.i. die Leidenschaft. Diese Leidenschaft ist eben die Energie ihrer Thätigkeit gewesen, ohne diese hätten sie gar nichts hervorbringen können. Die Leidenschaft ist die Energie dieses einen Zweks, der Bestimtheit des Wollens. Es ist eine | Art von Trieb, fast thierisch, daß der Mensch seine Energie so in eine Sache legt; der Mensch der etwas tüchtiges hervorbringt, legt seine ganze Energie hinein, hat nicht die Nüchternheit, dies oder das zu wollen, er zerstreut sich nicht in so viele Zwecke, sondern ist seinem wahrhaftigen großen Zwek ganz ergeben. Diese Leidenschaft ist, was wir auch Begeisterung, Enthusiasmus nennen, doch brauchen wir Enthusiasmus auch, wo diese Zweke mehr ideeller, algemeiner Natur sind. Der politische Mensch ist nicht Enthusiast, er muß die klare Besonnenheit haben, die

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7 was] Do: sondern ihr Character das was 10 ermordet, wie Cäsar] Do: ermordet. Diesen Trost haben die gegen jene Gestalten, die dessen bedürfen. Pi: Julius Cäsar unter den Dolchen vermeintlicher Freunde 12 Genuß] Do: Genuß einer Familienglückseeligkeit 16 Der] Do: | Der Neid meint jene Größe dadurch zu sich herunterzubringen, der 18 sie1] Do: jene 35 historischen Personen 18–19 ihre Leidenschaft … betrift] Do: Was diese Leidenschaft ist müssen wir untersuchen. 21 den Zwek] Do: die Sache 24–25 Es ist … thierisch] Do: Man kann sagen, es ist eine thierische Form dieses Hineinwerfen in den Trieb. 27 zerstreut sich … Zwecke] Do: Doch will er nicht hunderterlei, viele Zwecke 31 Enthusiast] DoPi: enthusiastisch 40

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man dem Enthusiasten gewöhnlich nicht zuschreibt. Diese Leidenschaft ist eben die Bedingung, daß in den Menschen etwas tüchtiges hervorkomt, nichts unmoralisches. Diese Begeisterung, wie sie wahrhafter Natur ist, ist zugleich eine kalte, die Thätigkeit übersieht das, wodurch diese Zwecke hervorgebracht werden. Zu bemerken ist bei der Form der Leidenschaften 2tens, daß die welthistorischen Menschen damit, daß sie ihren großen Zweck erreicht haben, der dem algemeinen Geist nothwendig ist, damit sich befridigt haben, und auch andre Äußerlichkeit damit erworben haben. Ihren Zwek haben sie als den ihrigen zugleich hervorgebracht, das ist dabei untrennbar: die Sache und er selbst, beide werden befridigt. Diese Seite d e s s i c h b e f r i d i g e n s kann man trennen von der Sache, und man kann ihnen nachsagen, sie haben das Ihrige gewolt, und leicht dazu fortgehn, sie haben nur das Ihrige gewolt. Das ist das psychologische Verständnis der Geschichte, das den großen Menschen nachweist, daß sie in dem, was sie wolten, zugleich sich befridigt haben. Aber es ist absurd zu meinen, man könne etwas thun, ohne dabei sich befriedigen zu wollen. Die psychologische Kleinmeisterei trennt so. Diese Menschen haben Ruhm, Ehre erreicht, daß sie anerkannt worden sind von ihrer Mitwelt, und von der Nachwelt, solange diese nicht in die critische Sucht, vornehmlich des Neids gefallen ist. Die Folge von | dem, was sie thaten, kann die psychologische Kleinmeisterei zum Zwek machen, und was sie thaten zum Mittel dazu herabgesezt werden, und nur aus Ehrsucht, Ruhmsucht. Den Kleinmeistern, Schulmeistern oft, ist es dann nicht schwer, sich zu überzeugen, daß sie weit moralischer sind, Asien nicht erobert haben. In solcher Beur theilung selbst ist auch ein Widerspruch, – Die Ehre, der Ruhm wird diesen Menschen zum Tadel angerechnet, als ob er ihr Zwek gewesen sei; einerseits behauptet man, daß das, was solche Menschen thun wolen, müsse die Zustimung der andren haben, ihr sitlicher Wille solle respectirt sein, und doch ist die Ehre, der Ruhm nichts, als daß die andren ihre Zustimung gegeben haben, anerkanten, daß es das richtige ist. Dadurch haben die welthistorischen Individuen Gewalt in der Welt gehabt, daß sie das Zil setzen, was in der That der inre Wille der Menschen gewesen sei, nur um das Panier dieser Individuen haben sich dann alle gesamelt. Die Ehre, der Ruhm enthält die Zustimung, die gefodert wird, und da sie erfolgt ist, rechnet man es ihnen als Tadel an, daß sie Ehre und Ruhm gewolt haben. Man kann sagen, es sei ihnen

35 5–6 welthistorischen] Do: großen welthistorischen

9 hervorgebracht] Do: hervorgebracht, sein Ziel erreicht 10 trennen] Do: abstrakt trennen 14–15 Aber es … wollen.] Do: Diß ist aber untrennbar, sich befriedigen und die Sache wollen 26 solche] Do: die geschichtlichen 27 haben] Do: habe, daß das was Recht sei, auch den andern Recht sei 29 anerkanten] Do: diß Anerkennen der Andern 30 Gewalt] Do: Macht und Recht

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nicht um Ehre und Ruhm zu thun gewesen, denn sie häten das Gewöhnliche, bisher Angesehne, was auf der Oberfläche herumschwimt, verachtet, und nur dadurch haben sie das volbracht, und sonst wären sie auf der gewöhnlichen Weise der Menschen stehn gebliben, und ein andrer hätte volbracht, was der Geist wolte. Man gibt ihnen auch Schuld, daß sie die Anerkennung der Menschen gesucht haben, so auch daß sie die Meinung der Menschen verachteten, und die Ehre ging hervor aus der Verachtung des gebilligten, und indem sie den Menschen das darstelten, was an der Zeit war. | Hätte sich Cäsar an den Cicero gehalten, so wäre er nichts geworden, Cäsar aber wußte, daß die Republik eine Lüge war, daß Cicero leeres rede, und daß eine andre Gestalt an die Stelle dieser hohlen gesezt werden müsse, daß die Gestalt, welche er hervorbrachte, die nothwendige sei. Drittens muß noch bemerkt werden in Ansehung der Individuen, daß alerdings solche welthistorischen Individuen in ihrem großen Intresse andre, für sich achtungswer the Intressen, heilige Rechte leichtsinnig, flüchtig, momentan, rüksichtslos behandelt haben, eine Benehmungsweise, die moralischem Tadel ausgesezt ist. Aber ihre Stellung überhaupt ist als eine andre zu fassen. Eine große Gestalt die da einherschreitet, zertritt manche unschuldige Blume. Particularitäten haben solche großen Menschen auch gehabt, haben gegessen, getrunken, dieses Gericht liber gegessen, diesen Wein lieber getrunken, als den andren oder als Wasser; man sagt auch, für den Kammerdiener gibt es keinen Helden. Hegel sagt in der Phänomenologie: aber eben darum, weil diese die Kammerdiener nur sind, nicht weil jene keine Helden wären, für den Kammerdiener gibt es den Helden nicht, der ist für die Welt, für die Geschichte. – III. Der Naturzusammenhang. Auch von einigen Seiten ist zu sprechen, welche Verhältnisse wir ihnen in der Weltgeschichte anweisen, um sie sogleich von hir abzuthun, vom algemeinen Theater auszuschließen, welches wesentlich und allein unser Gegenstand sein kann. Die besondre Naturgestaltung im Zusamenhang mit den geistigen | Gestaltungen. Dieser existirt wesentlich, komt wesentlich in Betrachtung. An das algemeinere können wir uns hir nur halten: daß die Weltgeschichte darstelt die Idee des Geistes, wie sie sich in der Wirklichkeit als eine Reihe äußerlicher Gestaltung

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1–2 das Gewöhnliche, bisher Angesehne] Do: die gewöhnlichen Vorstellungen, die bisher galten 7 Ehre] Do: Ehre, die sie erlangt 8 das darstelten, … war] Do: ihren wahren Willen hinstellten 18 Blume] Do: Blume, die das Individuum im engeren Kreise nothwendig berück- 35 sichtigen muß 23 gibt es … nicht] Do: ist nur das Individuum und seine physischen Befürfnisse da 25 III. Der Naturzusammenhang.] Do, ähnlich Pi: Das dritte der Erscheinung ist der Naturzusammenhang. 25–27 Auch von … auszuschließen] Do: Hier müssen einige Parthien (Afrika, Amerika) von unserem Theater ausgeschlossen werden.

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darstelt. Die Stufe des Bewußtseins des Geistigen selbst wird in der Weltgeschichte vorgestelt als der existirende Geist eines Volks, als ein gegenwärtiges Volk. Dadurch fallen die Stufen überhaupt in Zeit, Raum, in die Weise natürlicher Existenz: die besondren Geister, die wir nebeneinander zu betrachten haben, sind besondre durch ihr bestimtes Princip, und jedem welthistorischen Volk ist zugetheilt das Geschäft eines Princips, daß sein Princip zur Reife komt, muß es in sich mehrere Principien durchlaufen, aber in der Weltgeschichte hat es nur Eine Gestalt, es kann auch in weltgeschichtlicher Bezihung mehrere Stellen haben, aber es steht in der Weltgeschichte damit nie an der Spitze, es bildet sich nur hinein, das aber auch seiner Ursprünglichkeit nach nicht für es angemessen ist. Das 2te ist, daß das besondre Princip des Volks zugleich aber eine Naturbestimmtheit, ein natürliches Princip desselben ist, dieser Punkt macht den Zusamenhang aus zwischen dem Geistigen und dem natürlichen, den Temperamenten. Indem der Geist ins Dasein hineintritt, begibt er sich in die Weise der Endlichkeit, und damit die Weise der Natürlichkeit überhaupt, die besondren Gestaltungen fallen auseinander, denn die Form der Natürlichkeit ist das Außereinander, hat die besondren Bestimtheiten als einzeln darzustelen. Diese abstracte Bestimmung enthält den Grund der Nothwendigkeit, daß das was im Geist als besondre Stufe erscheint, als besondre natürliche, die andern ausschließende, für sich existirende Gestalt auftritt. Diese Besonderheit, indem sie in der Natur sich darstelt, muß sein natürliche Besonderheit, d.h. als besondres natürliches Princip, als besondre natürliche Bestimmtheit. Es ligt darin, daß das Volk, welches die Repräsentation ist einer besondren Stufe der Entwicklung des Geists, eine Nation ist, ihre natürliche Bestimmtheit entspricht dem, was das geistige Princip in der Region der geistigen Gestaltung ist. Mit dieser natürlichen Stufe treten wir in die geographische Bestimmtheit ein, in das, was der | Naturseite angehört. Im natürlichen Dasein sind sogleich die 2 Seiten enthalten. Naturell der Völker, die subjective Seite der Völker, aber es ist auch vorhanden als besondre, äußere Natur. Der Mensch, insofern er natürlich ist, heißt er sinnlich, das sinnliche theilt sich in 2 Seiten, die subjective und die äußerliche Natürlichkeit, diese ist die geographische Seite, die der nächsten Vorstelung Nach der äußren Natur überhaupt angehört. Was wir also zu betrachten haben, sind die natürlichen Unterschiede. Die] Do: Jede 6 zugetheilt] DoPi: übertragen 10 das aber auch] Do: als in etwas, 13–14 den Temperamenten] Do: ein Temperament, ein besondres Naturell 15 Natürlichkeit] Pi: Natürlichkeit, Unmittelbarkeit 24 Nation ist] Do: Nation, d h daß es dazu geboren ist 24–25 ihre natürliche … ist] Do: Diese natürliche Seite haben wir demnächst zu betrachten.

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23 Repräsentation] Ke: Räpresentation

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1) zu bemerken, daß eine algemeine, gang und gäbe Vorstelung ist, daß der besondre Volksgeist mit dem Klima der Nation zusamenhängt; Nation ist ein Volk als nativ, gebornes. Solch gewöhnliches Gerede. Man muß, so nothwendig der Zusamenhang des geistigen und natürlichen Princips auch ist, nicht bei dem algemeinen Gerede stehn bleiben, und dem Klima nicht zu besondre Wirkungen, Einflüsse zuschreiben. Oft schon war die Rede, von dem milden ionischen Himel, welcher den Homer erzeugt habe. Aber die Küste von Kleinasien ist ein und dieselbe gewesen heute noch, dennoch ist nur E i n Homer aus dem ionischen Volk hervorgegangen. Das Volk singt nicht, nur Einer macht ein Gedicht, ein Individuum, wenn es auch mehrere waren, des milden Himels ungeachtet, sind keine Homere, besondren unter den Türken hervorgegangen. 2) Alerdings können die heißen und die kalten Z o n e n n i c h t w e l thistorische Völker hegen. Der Mensch ist unmittelbar als Bewußtsein, in seinem ersten Erwachen im Verhältniß zur Natur überhaupt. Es ist dabei nothwendig vorhanden ein Verhältniß zwischen beiden: alle Entwiklung enthält eine Reflexion des Geistigen in sich selbst gegen die Natur. Die Entwiklung aber ist eine Besondrung des Geistigen in sich gegen diese seine Unmittelbarkeit die eben die Natur ist, die diese Besondrung, aber da sie eine Besondrung ist, fällt selbst das Moment der Natürlichkeit in Zusamenhang des Geistigen mit dem äußerlichen, insofern der Mensch zunächst sinlich ist, so ist erfoderlich, daß in diesem | seinem Zusammenhang mit der Natur seine Reflexion in sich eine Freiheit gewinnen könne. Wenn die Natur zu mächtig ist, so ist diese Befreiung ihm erschwert. Sein sinliches Sein, und sein Zurüktreten von demselben ist selbst seine natürliche Weise, als solche hat sie die Bestimmung der Quantität in sich, daher muß der Zusamenhang mit der Natur von Haus aus nicht zu mächtig sein. Die Extreme sind nicht günstig für die geistige Entwiklung. Der Frost, der die Lappländer zusamenzieht, und die Glühhitze Africas sind zu mächtige Gewalten gegen den Menschen, als daß der Geist freie Bewegung unter ihr gewinnen könte, von der gelangen zu können zu kleinem Reichthum, der für eine gebildete Volksgestaltung nöthig ist, sie in sich schließt. Diese Extreme sind von dieser Seite ausgeschlossen vom freien Geiste. Es ist so im ganzen die gemäßigte Zone, die das Theater sein muß für das Schauspil der Weltgeschichte, und es muß nicht die gemäßigte Zone überhaupt sein, sondern die nördliche, die dazu fähig ist. Denn der Con-

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2 Nation1] Do: Nation (natio) 6 milden] Do: heitre 10 wenn es … waren] Do: alle andren waren diesem Klima unterworfen 11 den Türken] Do: der türkischen Herrschaft 23 dem- 35 selben] Do: der Natur 24–25 als solche … aus] Do: man kann sagen, da hier das Verhältniß des Grades eintritt, die Natur darf 29–30 Reichthum, der … schließt] Do, ähnlich Pi: Reichthum der Weise | (Do: sie zu beherrschen Pi: der Naturbeherrschung) 33–509,1 Denn der … Hemisphäre] Do: da der Continent gegen Norden zusammenhängend ist, und

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tinent ist so gestaltet, daß es in der nördlichen Hemisphäre eigentlich continental ist, hier eine breite Brust ist, wie die Griechen sagen. In dieser Formation ist ein Anklang an den Unterschied des Gedankens nicht zu verkennen, daß die Erde gegen Norden diese Breite bildet, nach Süden hin sich zer theilt, in die mannigfaltigsten Spitzen auseinanderläuft, wie Amerika, Asien, Afrika. Jenes nördliche zusamenhängende Land hat, wie es in der naturgeschichtlichen Ansicht auseinandergesezt wird, eine Menge von Naturproducten gemeinschaftlich, die weitere Particularisation findet sich in den auslaufenden Spitzen. Im südlichen Amerika, Afrika | Asien untereinander verschidner, als im Norden von Europa, Asien, Amerika. Dies ist die erste Bestimmung, die wir in geographischer Rüksicht vor uns haben. 2. daß die Welt überhaupt eingetheilt ist in alte und neue Welt. Hergenomen, daß die neue den Europäern später bekannt worden ist. Aber kein äußer licher Unterschied, sondern die Eintheilung ist wesentlich. Sie ist neu, die neue Welt in Ansehung ihrer ganz eigenthümlichen Beschaffenheit, physikalisch und politisch. Die Ehre ist ihr nicht genomen, daß sie bei Erschafung der Welt, wie man es nennen will, dem Meer entzogen sei. (Die Südseeinseln ruhen meist auf Korallen.) Mag auch mit Europa und Afrika zusamengehangen haben. Überhaupt ist das atlantische Land so, daß es eine Kultur gehabt hat, als es entdekt wurde von den Europäern; aber diese ist vorbei, die Unterwerfung war der Untergang dieser Kultur. Amerika zeigte sich als ein junges, schwaches Land, was wir gleich für einmal abthun wollen. Es hat sich überhaupt als physisch und geistig ohnmächtig gezeigt, und zeigt sich noch itzt so. Die Thirwelt zeigt Löwen, Tiger, Crocodile auf, aber sie hat zwar diese Ähnlichkeit der Gestaltung mit denen der alten Welt, aber in jeder Rücksicht kleiner, schwächlicher, und unmächtiger. Selbst die Thire sind nicht so nahrhaft, wie man versichert, als die Lebensmittel, die aus der alten Welt gezogen werden. Es gibt unermeßliche Mengen von Hornvieh da, aber europäisches Rindfleisch gilt für einen Leckerbissen. Aus den Memoiren der Revolutionärs erinert sich Hegel, […] |

30 8–10 Im südlichen … Amerika.] Do, ähnlich Pi: Es ist damit diese gemäßigte nördliche Zone vor-

nehmlich (Do: unser Schauplatz Pi: das Theater der Weltgeschichte) 12–13 Hergenommen, daß … ist.] Do: Er ist zunächst hergenommen aus der Zeit der Entdeckung 15 politisch] DoPi: geistigen 16–17 Die Ehre … sei.] Do: Das geologische geht uns nichts an obgleich wahrscheinlich ist daß viele Theile erst aus dem Meer heraufgethaucht, die Koralleninseln. 18 Mag auch] 20 die Unterwerfung] Do: Unser 35 Do: Amerika möchte auch nach andern Vorstellungen Bekannt werden mit diesen Ländern Pi: Bekanntwerdung 21 Kultur] Do: Cultur […], die für uns schlechterdings ein vergangenes ist junges, schwaches] Do: neues, junges wenigstens schwaches 24 der Gestaltung] Do: in Ansehung der Gattungen 25 schwächlicher] DoPi: schmächtiger 28 Leckerbissen] Do: Leckerbissen in Südamerika Pi: Leckerbissen. Auch vege28–29 Aus den … Hegel] Do: Palomari (?) memories. 40 tabilische Nahrung ist geringer.

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Was das Menschengeschlecht betrift, so sind die Bewohner der westindischen Inseln ausgestorben, die Eingebornen haben sich in Nordamerika durch die Berührung mit den Europäern mehr oder weniger verloren. Die Nordamerikaner sind sämtlich Abkömlinge von Engländern und andren Europäern, die Ursprünglichen Einwohner sind weiter zurückgedrängt, ganz unbedeutend. In der Berührung mit höher gebildeten Völkern, mit intensivrer Bildung sind solche schwachgebildeten verschwunden. So sind in Südamerika vorzüglich die Kreolen, Vermischungen von Spaniern und Portugisen, überhaupt die zu dem höhren Selbstgefühl, dem Emporstreben zu Selbstständigkeit, Unabhängigkeit komen, gewesen. Diese geben daselbst den Ton an. Wenige, wie es scheint, einheimische Stämme, die sich daran anschließen. Man hört wohl von inländischen Völkerschaften, die sich an die neue Bestrebung, selbstständige Staaten zu bilden, angeschlossen haben, aber es ist wahrscheinlich, daß die wenigsten einheimisch sind, und wenn sie es doch sind, so sind sie durch ausländische Mittel dazu geworden, wodurch sie sich auszeichnen: das europäische Pferd, die Kavallerie der Lanos zeichnet sich aus. Pferd und Eisen sind die zwei gewesen, was die Europäer so über die Amerikaner gehoben hat. Daher ist es Politik der Engländer zu hindern, daß in Indien sich eine Population bildet von Engländern und Einheimischen. Auf jede Weise werden die zurükgesezt. Man muß in den Reisebeschreibungen lesen, von welcher Sanftmuth, Demuth, Abhängigkeitsgefühle sie sind gegen die Creolen und gegen die Europäer; man hat sie gesehn in Europa, zeigt sich | von weniger Fähigkeit der Bildung. Ein Engländer erzählt in dem weiten Umkreis von Bekantschaft, den er habe, seien ihm wohl Beispile von Negern, die geschickte Handwerksleute, Arbeiter, Ärzte, Geistliche geworden sind. Die Portugisen waren menschlicher, als Holländer und Spanier und Engländer, größere Leichtigkeit, frei zu werden. Deswegen hat es auch eine große Menge freier Neger an der Küste von Brasilien gegeben. – Zb. ist ein

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3 Nordamerikaner] Do: Nordamerikaner, die uns interessiren 4–5 die Ursprünglichen … unbedeutend] Do: Die Indianer haben sich nicht mit den Europäern amalgamirt und kommen nicht in Betracht. 6 Bildung] Do: Bildung und Kraft 9 Selbstständigkeit, Unabhängigkeit] 30 Do: rechtlicher Verfassung 10 daselbst] Do: in Südamerika 12 Völkerschaften] Do, ähnlich Pi: Stämmen (an den Ufern des Orinoco) 15–16 die Kavallerie … aus] Do: durch das sie kriegerisch werden 16–17 Pferd und … hat.] Do: waren die Mittel, durch die die europäische Kultur eindrang 17 Politik] Do: noch gegenwärtig Politik 18–19 eine Population … Einheimischen] DoPi: Creolen bilden 19–21 Man muß … sind] Do: Die einheimischen Amerika- 35 ner sind trieblos, demüthig, abhängig 21–22 man hat … Bildung] Do: Man hat in Europa auch Indianer gesehen, die physisch und moralisch schwächlich kaum der geringsten Bildung fähig waren. 26 größere Leichtigkeit, … werden] Do: in der Leichtigkeit des Freilassens der Neger, die in großer Anzahl waren 3 verloren] Ke: verloren haben

14 doch] Ke: nicht

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schwarzer Arzt, durch die Wirksamkeit des Chinin den Europäern bekannt worden, Dr. Kingera. Ein Eingeborner, der aber frei war, ist ihm nur bekannt worden, der studirt hat, und ein Geistlicher worden, der aber gestorben ist, indem er sich den Hals abgesoffen habe. Durchaus schwächlich, ganz entfernt von einer Bildsamkeit, und die Character zeigen, seien die neuen Kriegsbestrebungen der Kreolen. Man muß anerkennen, daß die katholischen Geistlichen, die Jesuiten in Paraguay das schiklichste wählen, sie zu erheben, sie haben sie in dem Verhältniß genommen, wie Kinder zu nehmen sind. Sie haben sie genöthigt zu arbeiten, Speicher für sie angelegt, aber nicht nöthigen können, Vorsorge für den andren Tag zu haben. Ein Geistlicher hat um Mittnacht eine Glocke läuten lassen, um sie an Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht zu erinnern, weil sie selbst an diese sich nicht hätten einfallen lassen, erinnert sich Hegel gelesen zu haben. Was das Verhältniß von Europa zu Amerika betrifft, so hat dasselbe eine Stellung gehabt, daß sich dahin der Ueberfluß von Europa geworfen hat. Wir können es mit dem Verhältniß vergleichen, das wir früher in deutschen Reichsstädten gesehn haben. Diese haben vorzüglich vile Handelsgerechtigkeiten gehabt, und | es haben sich viele Ausgewanderte dor thin geflüchtet, um sich in ihrer Umgegend anzusiedeln, und gleiche Rechte mit ihnen zu genießen. So war bei Hamburg Altona, neben Frankfurt Offenbach, neben Nürnberg Für th, neben Genf Carouge, die aus solchen fliehenden entstanden, und sich dort niederließen, um die Rechte dieser Städte zu genießen. Ebenso Einheimische, die bankrut geworden sind, die in ihrer Stadt nicht mehr zu Ehre des Gewerbs, dessen Ausführung nicht unbeschränkt gelangen konnten; daher haben sich viele in den Nachbarstaaten angesidelt, hatten in solchen Orten alle Vor theile, die solche Stadt gibt, und zugleich befreit von den Lasten, die in den Städten gelegen haben, und von allem Zunftzwang. So haben wir neben geschlossenen Städten Orte entstehn sehn, wo dieselben Gewerbe getriben wurden, ohne den Zwang. So hat sich Nordamerika im Verhältniß zu Europa verhalten. Viele Engländer besonders. Die Lasten fallen ganz hinweg, die von Europa auf Handel, Gewerbe,

30 4 Durchaus schwächlich, ganz] Do: Daher finden wir die Indier

5–6 die Character … Kreolen] Do: die Creolen sind nur die, welche Charakter zeigen 7 sie zu erheben] Do: die Indianer allmählig zu bilden Pi: die Neger heranzuziehn 14 Ueberfluß] DoPi: Ueberfluß und Ueberdruß 17–18 es haben … genießen] Do, ähnlich Pi: Wenn diß eine versteinerte Festigkeit erhalten hat, so entstand das Bedürfniß sich dieser Versteinerung zu entziehen. So entstanden dafür 21–27 Ebenso 35 Städte, dem Zwange zu entfliehen doch die Mittel derselben zu gebrauchen. Einheimische, … Zwang.] Do: Da dieser Gewerbfleiß in Familien sich nur fortführen konnte, so zogen sich natürlich Verwandte und Freunde aus solchen Städten. So entstanden sogar Aufmunterungen zu solchen Auswanderungen, große Vor theile wurden den Auswandernden von benachbarten Fürsten gewährt, die Lasten fehlten, unter denen jene seufzten. 28 verhalten] Do: gebil28–29 Viele Engländer besonders.] Do: Seit seinem Frieden hat sich das 40 det Pi: bevölkert ungeheuer vermehrt.

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gelegt sind, bringen alle Vor theile der Civilisation hin, und sind im Stande, ihre Geschiklichkeiten ohne Gränze auszuüben, sie bringen den ganzen Schatz europäischer Cultur hin, ohne die Lasten derselben. Zufluchtsort auch, wo der Auswurf von Europa sich hingemacht hat. So sind die vereinigten Staaten, von denen wir ein Beispil nehmen izt, wie republikanische Staaten im Großen bestehn können. Aber unstatthaft: es kann nicht angesehn werden als gebildeter Staat. Es ist zu unterscheiden die Küstenländer, wo Handel, besonders Zwischenhandel getriben wird, aber der Handel hat noch nicht die Festigkeit des englischen, den Credit nicht und die Sicherheit der Capitalien; noch nicht solid in sich; hat auch nur Landsproducte zum Gegenstand, aber noch nicht Fabrikwaren, Industrieerzeugnisse. Das Innre von Nordamerika, das Princip des Ackerbaus ist die andre Seite; Feld ist mit Leichtigkeit, wohlfeil | zu erwerben, es wird keine directe Abgabe bezahlt, aber große Beschwerlichkeiten wigen dies wieder auf; aber das ackerbauende Volk hat sich noch nicht in sich geschlossen, sondern diesseits der Gebirge wälzen sich jährlich Wellen auf Wellen neue Ackerbauer, und besetzen neue Stellen. Daß ein Staat die Existenz eines Staats bekomen könne, dazu gehört, daß er nicht bestehn könne auf fortwährender Auswanderung, sondern daß das Ackerbauende sich nicht mehr nach außen drängen kann, sondern in sich sich zurückdrängt, sich zu Städten und städtischem Gewerbe sich zusammenfaßt; so kann erst ein bürgerliches System entstehn, und dadurch ist bedingt das Bestehn eines organischen Staats. Es ist in dieser elementarischen Rücksicht Amerika noch nicht fertig, weniger noch in Rüksicht auf politischen Zusamenhang. Ein unabhängiger, mächtiger Staat, der noch in Bildung seiner elementarischen Momente begriffen ist. Daher geht uns dieser Staat nicht an, auch nicht die, so noch im Kampf stehn wegen ihrer Selbstständigkeit, um sich ein ähnliches Verhältniß zu Europa zu geben, ein Annexum, das den Ueberfluß von Europa aufgenomen hat; ist überhaupt durchaus bedingt durch den

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1 bringen alle … hin] Do: Alle Vor theile der Civilisation sind nicht gehindert durch Staatsschulden u.s.w. 2–3 bringen den … hin] Do: Sie bringen das ganze selbstbewuste Gefühl des Rechts und der bürgerlichen Freiheit hin. Pi: bringt das ganze selbstbewußte Gefühl von Recht ect mit hin, das die 30 Grundlage der Europäischen Bildung ist 4–6 von denen … können] Do: die als Beispiel einer republikanisch föderalistischen Verfassung gelten sollen 6 es] DoPi: Nordamerika 7 Zwischenhandel] Do, ähnlich Pi: Zwischenhandel zwischen China und Europa 8 Festigkeit] DoPi: Solidität 8–11 den Credit … Industrieerzeugnisse] Do: nicht den Credit des englischen Handels. Ihnen wird nicht so vertraut als diesen Holländern Deutschen und Franzosen 13–14 das ackerbau- 35 ende] Do: Der Staat in dieser Rücksicht, das ackerbauende 15 Ackerbauer] Do: Ackerbauern in das Tiefe hinein, neues Land urbar zu machen 21 Bestehn] DoPi: Bedürfniß 23 Zusamenhang] Do: Zusammenhalt 25–27 auch nicht … hat] Do: Ebensowenig die Südamerikanischen Staaten, die in einem ähnlichen Verhältnisse stehen, Abflüsse von Europa 12 wohlfeil] Ke: wohlfeilen

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Zusamenhang mit Europa. Dieser Welt theil ist noch nicht fertig, theils vorübergegangen, als er an uns kam, und theils noch nicht fertig. Die Alte Welt ist wesentlich der Schauplatz dessen, was Gegenstand unsrer Betrachtung ist. 1) Geographische Beschafenheit im algemeinen und 2) die nähere Beschaffenheit. Amerika ist in 2 Theile getheilt, zerrissen, die Alte Welt in | 3 abgetheilt. Durchaus nicht zufälig, sondern der ganze Character dieser Länder ist unterschieden; keine Wilkür, sondern die natürliche Beschafenheit, und der geistige Unterschid ist es, der diesen gemachten Unterschid wesentlich begründet. Der Ausgangspunct ist, daß sie herumgelagert sind, zu ihrem Mittelpunkt ein Meer haben, um welches sie herumliegen. Das ist sehr wichtig. Im Ansehung des Meers und der Ströme ist zu bemerken, daß sie nicht zu betrachten sind als ein dirimirendes, trennendes Element, sondern als ein verbindendes Element. Wenn Länder durch Gebirge getrent sind, so sind sie es viel mehr, als wenn es durch einen Fluß geschiht. Zwischen Europa und Amerika selbst ist ein Zusamenhang viel leichter, als im Inren Amerikas, oder Asiens. In der empirischen Geschichte: zb. Bretagne und Brittanien waren solange unter englischer Herschaft, viele Kriege waren erfoderlich, um sie los zu reißen. Schweden hat Finnland besessen, Kurland, Lifland, Esthland. Norwegen hat nicht zu Schweden gehört, sondern Norwegen und Dänemark waren viel häufiger verbunden. Noch mehr in Ansehung der Flüsse. Schlesien ist das Bassin der Oder, trennt nicht, sondern verbindet die beiden Seiten. Falscher Satz, den die Franzosen geltend machten während der Revolutionären Kriege, die Ströme seien die natürlichen Grenzen der Länder. So haben wir für diese drei Welt theile das Mittelmeer zum verbindenden Elemente, und dieses Meer macht den Mittelpunkt der Weltgeschichte überhaupt aus. Aegypten, Syrien, Palästina, Ursprung des Christenthums, Griechenland, der ausgezeichnete Lichtpunkt in der Weltgeschichte; Rom. Das östliche Asien ist Eines, und das jenseits der Alpen das andre Extrem. Das, was | jenseits Syrien ist, macht den Anfang der Weltgeschichte aus, der gleichsam selbst bewegungslos außerhalb des Ganges ist, und das gegen Abend macht den Niedergang

1–2 Dieser Welt theil … fertig.] Do: Und so thun wir Amerika ein für allemal ab, und gehen zur Alten Welt 5–6 die nähere Beschaffenheit] Do: die nähere ist zu betrachten in Ansehung der verschiedenen Völker was sie in Ansehung des Bodens zu leisten bestimmt sind Pi: die nähere 8 Durch35 Beschaffenheit, mit Verschiedenheit des Volksnaturells, der möglichen Leistungen ect. aus] Do: Die alte Tradition ist durchaus 9 keine Wilkür] Do: Europa nicht willkührlich von Asien abgerissen 10–11 Der Ausgangspunct] Do: Eine Hauptsache 11 sind] Do: sind, nicht so auseinander wie Amerika, sondern daß sie 17 leichter] Do: enger Pi: größerer 19 los zu reißen] Do: loszureißen, die durch das Meer so eng verbunden waren 27 aus] Do: aus. Nicht 40 wundern darf es uns daß der Ursprung des Christenthums da ist

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der Weltgeschichte aus, und die bewegte Mitte ligt ums mitlere Meer. Dieses ist ein großes Naturverhältniß, das durchaus wirksam ist; wir können uns nicht den Gang der Weltgeschichte vorstelen, ohne daß wir ein verbindendes Element in der Mitte hätten. 2) die bestimten Unterschiede, in Ansehung deren anzugeben ist, auf was es für diese verschidnen ankomt; und diese Unterschiede sind wesentlich algemeine Unterschiede, an die wir uns halten müssen, die sich einfach zugleich ergeben für den Gedanken, und die empirisch sind. Deßhalb sind sie hier die Mannigfaltigkeit, die theils zufällig ist. Die determinirenden Unterschiede herauszuheben, ist Sache der philosophischen Betrachtung, und abzuwehren ist, sich in die formlose Mannigfaltigkeit zu verliren. Sie sind auch wesentlich in Rüksicht dessen, was man unter dem unbestimmten Wort Klima versteht. Das ist schon abgethan worden, aber dies nähre ist anzugeben. Drei Unterschiede sind es, auf die es ankomt, diese Momente: 1) Hochland, gewöhnlich Saum 2) Land des Ueberganges, Länder großer Ströme, Thäler durch große Ströme gebildet, Schlamlagerung und Stromgebiete in beruhigtem Thalboden. 3) Land, Verhältniß des Landes zum Meere. Diese 3 Momente sind die wesentlichen, die sich dem Unterscheiden darbieten, auf die wir die weitre Bestimung reduciren. Dann wollen wir in Ansehung jedes Welt theils bemerken, daß er sich in drei Theile unterscheidet: Der eine ist das gedigne | metallische, das indifferent, geschlossen, ungebildet bleibt, das Impulse ausschiken kann, die aber mehr mechanischer, wilder Art sind. Der 2te Theil ist dann das, was vorhin characterisirt ist durch Ströme und Thäler. Dieser 2te Theil bildet die Mittelpunkte der Kultur überhaupt, der Selbstständigkeit in sich hat, aber nicht die unaufgeschlossne Festigkeit des ersten Elements, sondern eine Differenz, die aber nicht hinausströmend ist, sondern zur Bildung innerhalb seiner selbst wird. 3tens die Länder, die mit dem Meer zusammenhängen, und insofern dieser Zusamenhang mit dem Meere ausgebildet ist. Die erste sehn wir sehr bestimt getrennt von den 2ten Ländern, das Hochland Asiens, gegen China, Indien; und dies getrennt gegen die Länder der dritten Classe, zb. in Europa Holande, ist das Land, in dem der Rhein seinen Ausfluß ins Meer hat, für sich den Zusamenhang mit dem Meer cultivirt hat, und

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8–9 und die … ist] Do: auch empirisch heraustretend aus der Mannigfaltigkeit der Unter- 35 schiede 10 formlose] Do: bewußtlose 13 dies nähre ist anzugeben] Do: es sind nähere Totalitätsbestimmungen zu betrachten, die jenes Unbestimmte auf heben sollen 17 Thalboden] DoPi: Thalgrund 23 bleibt] Ke: bleibtt

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Deutschland nach der Seite seines Hauptstroms sich nicht ausgedehnt hat. So Preußen der Saum an dem Meere, der als Ausfluß der Weichsel ganz Pohlen beherscht, wie das eine Reflexion ganz andrer Art ist, andre Bildung, Bedürfnisse, als dieser Saum, der den Zusamenhang ausgebildet hat. In Portugal haben die spanischen Flüsse ihren Ausfluß, man sollte glauben, daß Spanien, das die Flüsse hat, auch den Zusamenhang mit dem Meer haben wird, aber Portugal hat wenigstens sich in dem Zusamenhang mit dem Meere ausgebildet. Das sind die 3 Haupttheile, die bei einem Ganzen, das ein Welt theil ist, zu unterscheiden sind, und Gesichtspuncte ausmachen, auf die es ankommt. Aegypten, China haben | den Zusamenhang mit dem Meer nicht cultivirt. Dieser Zusamenhang ist aber wesentlich zur Ausbildung; nicht bloß Zusamenhang mit der Subsistenz, sondern dem politischen Leben. Was näher den Unterschied der drei Welttheile betrift, so können wir sie unterscheiden: Afrika ist im algemeinen das Land, wo das Princip des Hochlands das Uebergewicht hat, das der Unbildsamkeit. Asien ist alerdings das, wo die großen Gegensätze auftreten, das ausgezeichnete ist aber das Princip der 2ten Weise, eine Cultur, die in sich brütet, in sich brütend gebliben ist. Das Dritte ist Europa, das in die unendliche Ausserung und Gegensatz der Kultur sich eingelassen hat, dabei aber in sich substanziell, gedigen gebliben ist. Für Amerika würde nur das Princip des Nichtfertig seins, und nicht fertig werdens überhaupt bleiben. 1) Afrika. Dieses ist im algemeinen das in sich gedrungne und in dieser Gedrungenheit in sich seinem Hauptcharacter bleibende Land. Es besteht in sich aus drei Theilen, die wir wesentlich unterscheiden müssen. Ritter ist es, der die drei Welt theile in ihrer Unterscheidung aufgefaßt, und zur bestimten Ansehung gebracht hat; es finden sich geistreiche Weisen bei ihm angeknüpfte Hindeutungen auf nothwendigen geschichtlichen Zusamenhang. – 1) Nörd l iches A f r i ka. Ligt am mitländischen Meer, und gegen Westen ziht es sich am Atlantischen hin; vom südlichen Afrika ist es getrent durch trocknes Meer, die große Wüste Sahara und den Niger. Die Wüste trennt mehr als das Meer, und die Beschafen-

1–2 So Preußen … Meere] Do: Das eigentliche Königreich Preußen ist ein Küsten strich 10–12 Dieser Zusammenhang … Leben.] Do: diß ist eins der großen Principien des politischen Lebens 15 das der Unbildsamkeit] Do: diese Unbildsamkeit ist das Charakterisirende 18 Aus20 Nichtfertig seins] Do: Außersichseyns, des nicht fertig werdens 35 serung] Do: Ausschweifung mit sich Pi: außerlichseins 21 1) Afrika.] Do: Unter den drei Welt theilen ist der erste den wir betrachten A f r i k a . 24 Ritter] Do: Ritters Geographie 25–27 es finden … Zusamenhang] Do, ähnlich Pi: wo die Hindeutung aus der Natur auf nothwendige geschichtliche Verhältnisse geistig dargestellt ist 28 N ö r d l i c h e s A f r i k a .] Do, ähnlich Pi: Der eine ist das nördliche 40 Afrika, 2 Aegypten 3 das südliche Afrika.

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heit der Völker gleich am Niger trent besonders. Ziht sich bis gegen Aegypten, nördlich von vielen Sandwüsteneien durchdrungen, von Gebirge durchzogen, von fruchtbaren Thälern, einer der fruchtbarsten | und herlichsten Erdstriche: Marocco, Fas (nicht Fez) Algier, Tunis, Tripolis. Man kann sagen, dieser Theil gehöre nicht nach Afrika, sondern herüber zu Spanien, mit dem er Ein Bassin mache; der französische politische Vielschreiber, de Pradt sagt, in Spanien sei man schon in Afrika. Dieser Theil ist das unselbstständige Afrika, das imer nur ein Zusamenhang von außen gewesen ist, nicht selbst ein Theater weltgeschichtlicher Begebenheiten gewesen, nur abhängig von größren Revolutionen. Kolonien Kar thagos, dann Römer, dann Vandalen, dann Römer des byzantinischen Kaiser thums, dann Araber, dann die türkischen Staaten, Raubstaaten. Es ist ein Land, das nur das Schiksal theilt eines großen, was anderwärts vorgeht, nicht für sich eine eigenthümliche Gestalt bestimt. 2 . D a s N i l t h a l . Aegypten, das Stromgebiet, das von dem Nil seine Existenz, sein Leben hat; und von den Gebiten, die wir als die Mitte bezeichnet haben, Mittelpunkte großer selbstständiger Kultur zu sein. Afrika besteht gleichsam selbst aus drei Welt theilen. Aegypten hat Antheil am mittelländischen Meer, der anfangs unterbrochen war, dann aber hoch bethätigt war. 3 . E i g e n t l i c h e s A f r i k a als solches characterisirende Theil. So weit die Geschichte zurückgeht ist dieser Theil für den Zusamenhang der übrigen Welt mit der Geschichte verschlossen gebliben. Das in sich gedrungen bleibende Goldland, das Kinderland in der Geschichte. Durch Afrika ein Dreieck, Westlich die Küste, mit dem einwärtsgeneigten Winkel Guinea, östlich vom Kap, dann die Wüste, der Niger. | Westlich das Gebirge; der nördliche Theil ist im Begrif einen andern Character zu erhalten durch Zusamenhang mit den Europäern. Die Hauptbestimmung ist, daß dieses Land im ganzen ein Hochland zu sein scheint, besonders einen Küstenstrich zu seiner Umgebung hat, der nur sehr schmal ist, nur an wenigen einzelnen Stellen bewohnbar ist. Hochland, von Gebirgen umschlossen, die von Strömen durchbrochen sind, diese bilden weiterhin in sanften Abhängen Thäler, durchströmen eine mehr oder weniger weite Fläche, erst in weiter Entfernung ergießen sie sich ins Meer. Ein Hauptumstand ist, ob die Entfernung von dem Gebirge bis zum Meer groß oder klein ist, ob ein gemäßigter Hügel, oder eine große Thalebene. Alerdings wird dieser Gurt von Strömen durchbrochen, aber sie fallen bald ins Meer, und der Küstenstrich ist im

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16 Mittelpunkte] Do: dazu bestimmt großer Mittelpunkt 23–24 dann die Wüste] Do: Die 35 nördliche Grenze ist Sand und steinigte Wüste. 26 Hauptbestimmung] Do: Hauptbestimmung in Ansehung der geographischen Beschaffenheit 32 Entfernung] Do: Entfernung von dem Gebirge 33 Gurt] Do: Gurt von Gebirgen 23 Kap] Ke: Kap bis; folgt eine Textlücke von ein bis zwei Wörtern

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ganzen sehr schmal. Partiell ist es so im südlichen Amerika in Chile und Peru, ebenso Ceylon, der Küstenstrich ist seit Jahrhunderten von Europäern genomen, aber erst seit 15 Jahren ungefähr sind sie ins Inre gedrungen. Auch nach Norden scheint dies zu sein, die Mondgebirge, südlich vom Niger. Man meint, daß die Ebenen wie des Niger zu schmal sind. Der Kustenstrich ist so um diesen Theil sehr schmal. Beim Vorgebirge der guten Hofnung ist man erst in neuren Zeiten durch das benachbarte Gebirge hindurch gedrungen, Missionäre. So auf der östlichen Seite bei Mozambique; westlich am Kongo und Leango, auch am Senegal, der durch Sandwüste fließt, auch durch Berge, am Gambia haben sich die Europäer am Küstenstrich niedergelassen, aber über den Grat sind sie nicht gedrungen. Dieser Küstenstrich ist zum Theil sandig, wenig bewohnbar, aber auch fruchtbar, besonders | weithinein, aber noch weiter ist ein sumpfigter Gurt von der allerüppigsten Vegetation, der zugleich die Heimat von alles reißenden Thieren ist, und so pestartige Athmosphäre hat, daß sie beinah giftig ist. Dies hat das Eindringen fast unmöglich gemacht. Ebenso bei Ceylon. Die Engländer, Portugisen haben oft hinreichende Truppen geschikt, aber an dem Gurt sind die meisten gestorben, und wie imer dann der Rest bezwungen. Es kann vorgestellt werden, indem so viele Ströme diese Berge durchbrechen, daß dadurch der Zusamenhang gewonnen werden könnte durch Schiffahrt; beim Kongo, den man für den Ausfluß des Niger hält, auch beim Oranienfluß hat sich gezeigt, daß sie eine kurze Strecke schif bar sind, aber dann sehr durchkreuzt von Wasserfällen, die unfahrbar sind, und sich häufig wiederholen. Bei dieser Beschafenheit sind die Europäer mit dem Inren wenig bekannt geworden, und nur von Zeit zu Zeit sind Völker heruntergedrungen, und haben sich von so barbarischer Wildheit gezeigt, daß keine Verbindung mit ihnen anzuknüpfen gewesen ist. Solche Eruptionen folgen von Zeit zu Zeit, und seit den ältesten Traditionen. Über Abyssinien fallen Negerhorden, und auch auf der andren Seite. Wie sie sich so ausgelassen haben; die auf diesen Abhängen oder dem Küstenlande sich aufgehalten haben, sind beruhigt geworden und sie zeigen sich als sanft, industriös, da sie bei ihrem ersten Anlauf nichts als Unbildsamkeit gezeigt haben. Besonders im 15 und 16 Jahrhundert hat man Nachrichten, daß die rohsten Schwärme sich gestürzt haben auf die Küstenvölker, und sie bis an den Küstensaum getrieben haben. So auch am Vorgebirge der guten Hofnung, wo der An4 die Mondgebirge] Pi: wahrscheinlich die Mondgebirge Herodots 12 ein] Do: am Fuß der 14 und so … ist] Do: mit einer fast tödlichen sumpfigen Atmosphäre 19 Zusamenhang] Do: Zusammenhang mit dem Innern Kongo] DoPi: Zaire oder Congo 26 Traditionen.] Do schließt an: Die Hycsos der Aegypter, Abessynier. Pi: z.B. die Hyksos, die nach Aegypten drangen 33 haben.] Do schließt an: Die Aschantis, und der Einfall nach dem Cap zu: Vorgebirge der guten Hofnung] Pi: capo di buon speranza

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lauf schon gebrochen war auf dem Gebirge. Mehr Nationen auf der West|küste scheinen Ueberbleibsel zu sein von solchem Ausbruch, die dann von spätren unterjocht, und den elendsten Zustand gebracht worden sind. Dies ist für das eigentliche Afrika anzusehn, und eigentlich kann da keine Geschichte statt finden, es sind Zufäligkeiten, Ueberschwemmungen, die aufeinander folgen. Es ist kein Zwek, kein Staat den wir verfolgen können, keine Subjecte sondern eine Reihe von Subjecten, die sich zerstören. Wir versuchen den algemeinen Geist, die algemeine Gestalt des afrikanischen Characters anzugeben, nach dem was sich davon gezeigt hat. Es ist noch wenig Aufmerksamkeit gewendet worden auf die Eigenthümlichkeit der Weise des Selbstbewußtseins, welche für den Geist erscheint. Schwer zu fassen weil dieser Character so ganz von unsrer Bildung, der Weise unsres Bewußtseins etwas entferntes und fremdes hat. Viele Berichte sind angekommen, von den verschiedensten Gegenden, die aber unglaublich scheinen, mehr aber fürchterliche Einzelheiten abgeben, als daß ein bestimtes Bild, Princip daraus gezogen wäre, was wir hir versuchen wollen. Die Litteratur eines solchen Gegenstands ist etwas von einem bestimten Umkreis, und wer sich mit dem Detail derselben beschäftigen will, der hat vorzunehmen was sich in bekanten Büchern davon findet. Das Bild von Africa findet sich in der Geographie von Ritter. Im algemeinen müssen wir sagen, daß im inren Africas das Bewußtsein überhaupt noch nicht zu der Anschauung eines festen Objectiven, einer Objectivität überhaupt gekomen ist. Dieses feste Object heißt Gott, das ewige, das Recht, die Natur und die natürlichen Dinge. Indem sich das einzelne zu einem solchen festen verhält, erweist es sich abhängig davon, aber auch, daß es Wer th hat, | indem es sich dazu erhebt. So ist die afrikanische Natur diese Gedrungenheit in sich; die Africaner sind also noch nicht zu dieser Anerkenung des algemeinen gekomen, was wir Religion, Staat nennen, ist hier nicht vorhanden, und die Gestalt eines solchen Geistes ist daher schwer zu fassen. Religiöses, an und für sich seiendes, göttliches, schlechthin geltendes, alles Diß ist nicht vorhanden. Deshalb ist dieser Geist so schwer zu fassen, weil wir alles, was wir in unsrer Vorstelung haben, vergessen müssen, und das doch mit unterläuft, alle Kategorien, die bei uns Grundlagen sind, und die Subsumtion unter diese Formen müssen wir vergessen. In Ansehung dessen die Hauptmomente durchgehn, und besondre Züge auch anführen, aber um die algemeine Vorstelung kann es nur zu thun sein.

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24 indem es … erhebt] Do: indem er bei sich ist in diesem Bewustseyn 25 Anerkenung des 35 algemeinen] Pi: Anschauung einer festen Objektivität Do: Differenz in sich 26 Religion, Staat] Do: Göttliches schlechthin Festes 18 Das Bild Lesung unsicher

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1) Religion. Dazu gehört, daß der Mensch anerkennt ein höchstes Wesen, das an und für sich, schlechthin objectiv, bestehend, absolutes Wesen an und für sich hat. Es kann als Geist vorgestelt werden, oder als Naturmacht, die Natur regirt, obgleich es nicht die wahrhafte Form ist. Oder Phantasievorstelungen, daß die Menschen Mond, Sonne, Flüsse, verehrt haben, sie haben diese mit der Phantasie beselt, aber dies hat ihnen doch gegolten als ein schlechthin selbstständig wirkendes. Diese Form ist bei den Negern nicht vorhanden, sondern wir können ihr reales Princip zusamenfassen in das, was schon Herodot gesagt hat: Die inren Afrikaner sind alle Zauberer. Die Naturmächte sind ihnen furchtbar, der Strom kann ihn verschlingen, Erdboden kann zerstören; das Gedeihen der Ernte, der baumfrüchte hengt ab von der Witrung, der Regen, die trockne Jahreszeit soll nicht zu lange dauern. Aber diese Ströme, Sonne, Mond, Bäume, | Thiere, gelten ihm zwar als Mächte, aber als solche, die nicht hinter sich haben ein ewiges Gesetz, eine Vorsehung, diese algemeine feste Naturmacht, sondern es sind Mächte für sie, über welche der Mensch wieder auf irgend eine Weise Meister sein kann. Er ist der Herr über solche Naturgewalten[.] Viele geben sich ausschließend damit ab, solches zu reguliren, vorauszusagen, und zu bewirken, wie es zuträglich sei den Menschen oder den Völkern. Bei den Königen sind Priester, zum Theil organisirte Hierarchien, die als Beamten es sind, daß sie zaubern, den Naturmächten gebieten. Ist die Armee im Felde, und die Gewitter kommen, die so fürchterlich sind, so müssen sie ihre Schuldigkeit thun, drohen den Wolken, um sie zu beruhigen, befehlen ihnen. Ebenso bei der Dürre um Regen. Sie rufen nicht Gott an, es ist keine Höhre Macht, sondern die Menschen glauben dies aus sich zu bewirken. Vorbereitung: die Zauberer setzen sich in Zustand außerordentlicher Begeistrung, durch Singen, heftiges Tanzen, versetzen sie sich in die höchste Betäubung, und da lassen sie ihre Befehle ausgehn. Wenn es ihnen lange nicht komen will, daß sie reden können, so befehlen sie, daß unter den Umstehenden, die die libsten Verwandten sind, welche geschlachtet werden, die andren fressen sie auf. Kurz die Menschen halten sich für das höchste, das hir befehlen kann. 2tens alerdings stellen sie sich die Macht als etwas vor, machen Götzenbilder, creiren das nächste beste Ding zum Genius; was die Portugisen | Fetische nennen; Bilder, Thiere, Steine, Bäume, das man sich

1–3 Religion. Dazu … hat.] Do: Was die Weise der Religion betrifft, der Anerkennung eines höchsten Wesens, das an und für sich sei, absolute Selbstständigkeit für sich habe, das als abstrakter, 35 concreter Geist oder Naturmacht gefaßt werden kann, so ist bei den Negern noch diß nicht vorhanden. 20 gebieten] Do: gebieten, die Tornados zu zerstreuen, die Wuth der Elemente zu beruhigen 23–26 die Menschen … Betäubung] Do: sie sind die Macht, Tänze, die sie betäuben die Mittel, jene Gewalt auszuüben 32–520,2 Bilder, Thiere, … erhilten] Do: heilig sind Bilder oder äußere Dinge. die da als Macht gelten, höchst verschieden in verschiedenen Gegenden, dieses 40 bestimmte Individuum oder die Gattung

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eingebildet hat, daß das eine Macht über sie sei; Vogel, Tiger, u.s.f. Heuschrekken. Individuen holen sich welche, die sie von Priestern erhilten. Wenn die Orakel, die sie sich geben lassen, falsch befunden werden, das Orakel in Mißcredit komt, oder andres Unglück nicht abwehrt, so wird der Fetisch abgeschaft; dieser ihr Gott bleibt in ihrer Gewalt, setzen ihn wilkürlich ein, und ab, erheben sich also nicht über die Wilkür. Ebenso ist es auch in Ansehung der Geister der verstorbnen. An diese wenden sie sich auch als Fetische; opfern ihnen, beschwören sie; wenn aber dies kein Gedeihen hat, so bestrafen sie solch abgeschidnen selbst, werfen seine Gebeine weg, verunehren ihn. Sehr oft ist es, daß der Vorsteher des Fetischs nicht geneigt ist, dann wird er geprügelt, gezwungen zu zaubern. Das Object bleibt so ihrer Wilkür unterworfen. Die Neger haben den Glauben, daß es nicht die Natur ist, die den Menschen krank macht, oder eine natürliche Weise, und nicht auf natürliche Weise stirbt, sondern daß dies alles herkomme durch Gewalt, durch eine Zauberey oder bösen Willen des Feindes, oder auch durch die Rache, die irgend ein Todter nehme. Hexerei, die auch in Europa furchtbar geherrscht hat. Solcher Zauber wird bekämpft durch andren kräftigen Zauber. – Wir sehn in dieser Weise die Hoheit des Menschen über die Natur, aber die Wilkür, es ligt aber ein richtigres Princip drin, als in der Verehrung der Natur, die man oft für etwas frommes hält, indem man sagt, das seien Werke Gottes, in der Bezihung, daß das menschliche Werk, oder das Werk der Vernunft, nicht auch göttlich ist; ales was zum Bewußtsein komt, ist in der Natur, ist nicht ein Bewußtsein | der Objectivität der Natur, weniger noch Bewußtsein von Gott als Geist, und an und für sich, höhres als die Natur. – Nicht der Verstand ist es, der die Natur zu seinem Mittel macht, das Meer zb. befährt, überhaupt die Natur beherscht. Es ist nur eine eingebildete Herschaft. Daraus folgt 2) daß der Mensch nicht wahrhafte Achtung vor sich selbst und vor andren habe, denn dies beruht auf einem absoluten Wer th, den der Mensch in sich hat, deswegen ist bei ihnen sogleich nicht vorhanden, was wir Unsterblichkeit der Selen nennen; was bei uns Gespenster genannt wird, haben sie, das ist aber keine Unsterblichkeit, dazu gehört, daß der Mensch ein an und für sich geistiges, unveränderliches, ewiges ist. Damit geht die Wer thlosigkeit des Menschen ins unglaubliche; die man als Tyrannei ansehn kann, aber selbst nicht als Unrecht gilt,

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5–6 dieser ihr … Wilkür] Do: So ist die selbstständige Macht gegen die Willkühr des Individuum in dessen Gewalt. 7 ihnen] DoPi: ihnen selbst Menschen 8–9 bestrafen sie … selbst] Do: verbannen sie die Gebeine der Verstorbenen 19 Verehrung] Do: Anrufung 23 Nicht] Do: 35 Dieser Wille ist daher nur willkührlicher Wille, nicht 27 den der … hat] Do: Diesen hat der Mensch nur in Freiheit nicht in Willkühr 29 was bei … sie] Do: die Abgeschiedenen sind Gespenster 30–31 an und … ewiges] Do: in sich vorzügliches, substantielles 29 nennen] nennt

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empfunden wird, Unrecht wird empfunden, hier findet man keins, wenn nach der Wer thlosigkeit verfahren ist. Dazu gehört, daß Menschenfleisch zu essen, verbreitet ist. In Aschantee, herunter am Kongo, und auf der östlichen Seite. Dies kündigt sich uns sogleich als etwas ganz rohes, zu verabscheuendes an, das vom Instinct schon verworfen werde, bei Menschen kann man aber nicht von Instinct sprechen, es hängt durchaus zusammen mit dem Character des Geistes. Der Mensch der nur ein wenig weiter in seiner Art fortgekomen ist, hat Achtung vor dem Menschen überhaupt, abstract kann man sagen, Fleisch ist Fleisch, es komt auf den Geschmack an, die Vorstelung; aber daß dies Menschenfleisch ist, und der Körper des vorstellenden Eines ist. Der menschliche Körper ist animalisch, aber wesentlich Körper für vorstelendes, | hat psychologischen Zusamenhang. Für den sinlichen Neger aber ist es Fleisch überhaupt. Es wird nicht so sehr als Nahrung gebraucht, aber bei Festen werden viele hundert, Gefangne zb. gemordet, enthauptet, und der Körper dem zurückgegeben, der ihn zum Gefangnen macht, der ihn dann ver theilt. Bei dem Tode eines Reichen werden hunderte geschlachtet und verzehrt. In allen Reichen, mit denen die Europäer im inren Afrikas in Bekantschaft kamen, ist dies so. Sklaverei herscht da natürlich: es ist aber bei dieser Wilkür kein Unterschid zwischen Herren und Sklaven. Es kann vollends nicht erwartet werden, daß der Mensch, darum, weil er ein Mensch ist, für wesentlich frei gehalten werde. Bei den Griechen und Römern ebenfals nicht, der Athener war nur als Athenischer Bürger frei, u.s.f. Daß der Mensch frei als Mensch ist, ist unsre algemeine Vorstelung; aber sonst hatte der Mensch einen Wer th nach irgend einer besondren Seite; Eheleute, Verwandte, Nachbarn, Mitbürger haben Wer th für einander. Bei den Negern ist dies auch wenig vorhanden. Menschenfreundliche Empfindungen der Libe, und dergleichen enthalten ein Bewußtsein in sich, das nicht mehr ein Bewußtsein dieser einzelnen Person ist, sondern indem ich jemand libe, so bin ich meiner im andren mir bewußt, wie Goethe sagt. Ich habe ein weitres Herz, es ist eine Erweitrung meiner selbst. Im Negerhandel oft vorgekomen, hundertemal, daß sie ihre nächsten Verwandten verkaufen, der König von Dahomay hat 3333. Jeder Rei-

2 Wer thlosigkeit] Do: Achtungslosigkeit des Menschen vor dem Menschen 3 In Aschantee, … Seite.] Do: So fanden es die Portugiesen und andre. 4–6 Dies kündigt … sprechen] Do: Diese Roheit, die sich als etwas zu Verabscheuendes ankündigt, obgleich wir es nicht Abscheu des Instinkts nennen können, wie eben die Neger zeigen 6 Geistes] Do: Geistes, mit jener Wer th7–12 Der Mensch … es] Do: Für den Menschen der zum Bewustseyn 35 losigkeit des Menschen des gekommen, ist die Vorstellung daß es der Körper eines Menschen sei. untrennbar von der Vorstellung, daß der Körper ein Körper ist für ein Geistiges, nicht blos Animalisches doch für den Neger ist es nur 17–18 Sklaverei herscht … Sklaven.] Do: Daß Sklaverei vorhanden ist, geht aus dem vorigen hervor, da der Mensch als willkührlich zum Sklaven bestimmt ist, Thier und Sklave 25 wenig] Do: nicht 40 stehen hier auf derselben Stufe.

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che hat viel, auch Kinder, die ihm dann | was eintragen, Eltern die Kinder verkaufen. Missionäre sagen, einer sei in die Kirche zu den Franciskanern gekomen, habe fürchterliches Wehklagen angehoben, und gesagt, er habe Alle seine Verwandten verkauft, darunter seine Mutter, und sei nun arm, habe gar nichts zu verkaufen mehr. So wenig der Mensch sich selbst wer th ist, so hat auch das Leben keinen Wer th mehr; das Leben hat überhaupt nur Wer th, sofern ein höhrer Wer th im Menschen ist. Es herscht diese Verachtung des Lebens, kein Ueberdruß daran, keine Innerlichkeit des Verdrusses, sondern es hat keinen Wer th. Sehr häufig bringen sie sich selbst um, wenn sie an ihrer Ehre verlezt werden, oder wenn es befohlen wird vom König, wenn er sich nicht umbringt, so wird er für feig gehalten. Sie denken nicht an Erhaltung des Lebens, auch nicht an den Tod; damit hängt zusamen, daß sie sehr tapfer sind; im Kriege der Aschanteer mit den Engländern sind sie bis an die Mündungen der Canonen gelaufen, obgleich sie zu Hunderten niedergeschossen wurden, haben dennoch nicht abgelassen. Verfassung, Regirungsform. Diese muß wesentlich despotische Art sein; denn der Character ist überhaupt sinliche Wilkür mit Energie, Macht des sinlichen Willens, und bei dieser Wilkür sind die sitlichen Verhältnisse, die einen wesentlich algemeinen Inhalt haben, das Bewußtsein nicht als für sich in seiner Vereinzlung gelten lassen, sondern seinen Wer th nur gelten lassen in seiner inneren Algemeinheit wenn auch in verschiedner Form theils rechtlich, religiös, sitlich. wenn nun dieses Algemeine entfernt, oder schwach ist, kann auch der politische Zusamenhalt nicht den Character haben, daß freie, vernünftige Gesetze regiren. Selbst das Familienverhältniß ist so wenig stark, vielweiberei ist in Ansehung der Ehe des Haushalts, damit Gleichgiltigkeit der Eltern untereinander; und der Eltern und Kinder, | und der Kinder untereinander. Ein Missionär sagt dies auch, ganz schwach, gar kein Band für die Wilkür. Aus solcher Bestimmung kan nicht der größre Zusamenhalt der Individuen, den wir Staat nennen, bestehn mit vernünftiger Algemeinheit, d.i. Gesezen der Freiheit, sondern der Zusamenhalt für die Wilkür kann nur sein eine äußre Gewalt, denn für sich selbst hat die Wilkür nichts, was den Menschen treibt, einig zu sein, sondern sie ist das, daß der Mensch seinen besondren Willen gelten läßt. Deswegen ist dies das Verhältniß des

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7–8 kein Ueberdruß … Wer th] Do: nicht eine Reflexion, die sich gleichgültig macht gegen die Gegenwart, nicht eine Innerlichkeit die sie hervorbringt, sondern das Leben hat überhaupt keinen Wer th 16–21 denn der … sitlich] Do: Sinnliche Willkühr mit Kraft war der Hauptcharakter, 35 die Verhältnisse der Sittlichkeit, die einen wesentlich allgemeinen Inhalt haben könnten in diesem Charakter der Willkühr seyn. 32 Deswegen ist dies] Do: Das Allgemeine kann daher nur als äußere Gewalt kommen, und hier ist 14 Hunderten an Stelle eines unlesbaren Wortes

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Despotism, und diese äußre Gewalt ist deswegen wilkürlich, denn es ist eben kein gemeinsamer, vernünftiger Geist vorhanden, dessen Repräsentant, Bethätigung die Regirung sein könte. Dieser Despotism ist deswegen imposant, weil diese Wilkür wohl hochmütig; aber nicht in sich Wer th haben kann; die Wilkür des Herschers soll den Zusamenhalt machen, deswegen nach der formellen Seite achtungswer th, weil sie den Zusamenhang überhaupt bewirkt, deswegen höchstes Princip ist, aber das der particulären Wilkür. Die Wilkür muß Zusamenhalt haben, sei es sinliche Wilkür oder Wilkür der Reflexion, so muß es die äußre Gewalt sein. Weil die Wilkür ein hohes vor sich hat, und wer thlos für sich ist, wird sie kriechend sein und hochmütig sein gegen das, wovor sie sich so eben gedemüthigt. Es muß aber sehr viele Modificationen geben, wie sich die Wilkür vermittelt. So sehn wir vollkommenen Despotismus, in ganz wilder Weise, aber so, daß man die Wilkür wieder ausschlißt, durch Gewalt gegen sie. Anderwärts ist Vermitlung vorhanden, und nie ganz daß der Wilkür der Mächtigen von den Fürsten nachgegeben wird. Despotismus, wo ein König an der Spitze steht, der aber mit seinen Großen, Chefs, Capitains alles zu berathen hat, und ohne ihre Beistimung besonders keinen Krieg anfangen, keinen | Frieden machen kann. So bei den Ashantees. Eine Menge tributbarer Fürsten; auch die Engländer bezahlen ihm Tribut, den er mit seinen Chefs theilt. Ein Reich, das noch wenig bekannt ist, das mit Dahomay zusamenhängt, von dem haben wir eine eigne Geschichte durch einen Engländer. Diese hingen ab von dem König von Eyio, das im inren ligt. Da sind überhaupt gar keine Wüsteneien, sondern wenn man mit dem Inren bekannt worden ist, hat man überall große Reiche gefunden. Die Portugisen aus früher Zeit erzählen, daß oft 20000 Mann gegen einander gezogen sind. Der König von Eyio hat paar hundert tausend Mann Kavallerie. Wenn er nicht recht regirt, so schicken sie ihm eine Gesandtschaft, die ihm drei Papageieneier gibt, sie machen ihm dann Vorschläge, danken ihm für die Mühe, die er sich gegeben hat, sie zu regiren, sagen ihm dann, daß ihn doch wahrscheinlich die Anstrengung zu sehr ermüdet habe, und daß er doch wohl des Schlafs zum Ausruhn bedürfe. Der König bedankt sich für ihre Einsicht und Rath, erkennt es an, wie sie ihm rathen wollen, und geht in sein Nebenzimmer; dort aber legt er sich nicht nieder zum Schlaf, sondern läßt sich von seinen Weibern ermorden. 4 hochmütig; aber … kann] Do: hochmüthig seyn kann aber keine innere Kraft hat, so hat sie aller10 hochmütig] Do: übermüthig 17–18 anfangen, keinen … kann] Do: machen darf 25–26 paar hundert … Kavallerie] Pi: Armeen von 800,000 Mann gegeneinander im Felde 26 Wenn er … regirt] Do: Sind die Unter thanen unzufrieden mit dem König 33 ermorden] DoPi: erdrosseln

35 dings etwas imposantes, aber auch schreckliches

11 Modificationen] Ke: Modiff

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So haben sie einen König von Aschantee abgesezt, vor 20 Jahren, der sich im Reich seines Schwiegervaters durch die Schmeicheleien seiner Frau auf halten liß. Die Großen lißen ihn einladen, zurückzukomen zum Jahresfest, und als er nicht kam, setzten sie seinen Bruder auf den Thron, dennoch ist der Despotismus gar nicht blind, die Völker sind nicht bloß Sklaven, sondern machen ihre Wilkür geltend. In Ostafrika ist Bruce durch einen Staat gekomen, wo der erste Minister der Scharfrichter ist, der aber keinem den Kopf abschlagen kann, als dem König; hir hängt also eigentlich Tag und Nacht das Schwert über ihm. Darin ligt, daß so ein Volk | fähig ist, im höchsten Grad fanatisirt zu werden, das Reich des Geistes ist so arm, und doch so fanatisch, so daß die eine Vorstelung, die hineingeworfen wird, sie treibt, nichts zu respectiren, alles zu zertrümmern. Lange sieht man sie ganz ruhig leben, gutmüthig, aber diese Gutmüthigkeit ist auch fähig, gegen außen ausgesetzt zu werden. Es ist so wenig in ihrem Bewußtsein vorhanden, was Achtung an und für sich verdiente, daher ist eine Vorstelung, die sich ihrer bemächtigt, die einzig wirkende, und sie sind getriben, alles zu vernichten. So sehn wir häufig Völker in besondrer Wuth an die Küsten herbeirennen, alles umbringen, nichts als Wuth, und Toben, und eine Tapferkeit, die allein dem Fanatismus zu komt. So nimt in diesen Staaten jeder Beschluß den Character des Fanatismus an. Als ein englischer Resident in Ashantee war, wollte man ein Volk unterwerfen, das den Tribut verweigert hatte. Um den Gang zu organisieren, beschloß der König, die Gebeine seiner Mutter zu waschen, womit eine Metzelei verbunden war. Der englische Resident erhielt einen Zettel mit diesen Worten: Christ habe acht, und wache über deine Familie, der Bote des Todes hat sein Schwert gezogen, und wird viele niederstrecken; bewache deine Familie, und komme zum König, fürchte dich nicht, die umstehenden waren mit kurzen Schwertern bewafnet, und zogen mordend aus. Aber es wurden nicht viele gemordet, denn das Volk hatte es vorher erfahren, und sich in acht genommen. So ist es beim Tod des Königs und dergleichen, hat Alles den Character des außersichkomens, außersichseins. Bei Leichenbegängnissen werden Sklaven geschlachtet; sie sagen der Kopf gehöre dem Fetisch, der Leib den | Verwandten; dieser wird dann von ihnen aufgezehrt. –

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1–3 vor 20 Jahren, … liß] Pi: war vor 20 Jahren lange bei einer fremden Prinzessin gewesen Do: 1820 abgesetzt, weil er zu lange abwesend war 13 gegen außen ausgesetzt] DoPi: ganz außer sich gesetzt 15 wirkende] Pi: wirkende werden kann, da nichts obsteht 16 Völker] Do: Völker, von denen man bisher nichts hörte 20 Volk] Do: westliches Volk 21 den Gang zu orga- 35 nisieren] Do, ähnlich Pi: einen günstigen Ausgang zu bewirken 22 womit eine … war] PiDo: Zugleich wurde ein (Pi: Niedermetzeln vom König befohlen Do: Morden veranstaltet). 30 Sklaven] Pi, ähnlich Do: 100e von Sklaven 30–31 der Kopf … Verwandten] Pi, ähnlich Do: Der Kopf gehört dem König, das Blut dem Fetisch, der Leib den Anverwandten. 10 fanatisch statt einer Textlücke von ein bis zwei Wörtern

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Wenn in Dahomay der König stirbt, (der Palast ist ungeheuer) geht im Palast algemeiner Aufruhr an, zertrümern von allen Geräthschaften, algemeines Gemetzel. Die Weiber bereiten sich zum Tode, putzen sich, und lassen sich von ihren Sklaven umbringen. Alle Bande in der Stadt und im Reich sind aufgelöst. Privatrache hat ihren Lauf. Morde, Dibstahl bricht algemein aus; die höchsten Beamten beeilen sich aufs höchste, den Thronfolger einzusetzen, damit der Ausgelassenheit Ziele gesezt wären. (500 Weiber waren in 6 Minuten umgekomen im Palast) Die fürchterlichste Erscheinung ist im Kongo weit hinein, von einer Frau, die über die Jaken geherscht hat; wurde zum Christenthum bekehrt, fil ab, und war wieder bekehrt. Ihre Geseze waren furchtbar. Sie lebte sehr ausschweifend, mit ihrer Mutter im Streit, stiß sie vom Thron, und gründet einen Weiberstaat, öfentlich der alten Liebe zu der Mutter, zu einem Sohn entsagt, sie hat ihn vor der Versammlung, ein junges Kind in einem Mörser zerstoßen und sich mit dem Blute bestrichen, überhaupt veranstaltet, daß für imer solches Blut von zerstampften Kindern im Vorrath war. Die Männer liß sie verjagen und umbringen, und alle Frauen solten ihre männlichen Kinder töden; an der Spitze dieser Weiber hat sie die fürchterlichsten Verwüstungen angerichtet, wie Furien alles verwüstet, Menschenfleisch gegessen, und da sie nicht Land bauten, so waren sie getriben, durch Raub sich zu erhalten. Hernach hat sie erlaubt, daß sie Krigsgefangne zu Sklaven machen, ihnen die Freiheit gaben, und zu Männern machten. Sie hatten ein Lager, eine schwangre Frau solte im Gebüsch gebären, viele Jahre ist dies so geblieben. Daß Weiber da in den | Krig zihen, ist eigenthümlich, daß das ganze Heer in den Krig zog. In Aschantee-Dahomay sind Korps von Weibern, mit denen dieser König Expeditionen macht. In Dahomay (man könte einen Theil der platonischen Republik realisirt sehn wollen) gehören die Kinder nicht der Familie an, sondern werden öfentlich aufgezogen; kurz nach der Geburt auf Dörfer ver theilt, eine große Anzahl umgibt den König, und wer heirathen will, muß vor dem königlichen Pallast ungefehr ein paar Thaler bezahlen, und bekomt eine Frau, jeder muß nehmen, was auf ihn komt, jung oder alt; die Weiber des Königs ziehen solche Candidaten des Ehestands an, geben ihm seine Mutter, die er erhalten muß, und dann noch einmal komen, um eine Frau zu erhalten. Sinliche Wilkür, ungeheure Energie derselben, fähig so fanatisirt zu werden, in der das sitliche keine bestimte Macht hat, und wenn man fürchterliche Er-

35 5 Morde, Dibstahl] Do: Morden, Plünderung, die fürchterlichste Gewalt und Verbrechen

11 ausschweifend] Do: Ihre Liebhaber ließ sie morden 21–22 eine schwangre … gebären] Do: Im Lager durfte aber keine gebähren. Pi: keine schwangere Frau durfte im Lager bleiben 27–28 umgibt den König] Do: in der Nähe des Königs, so daß sie gewöhnlich ihre Eltern nicht kennen 34 in der … hat] Do, ähnlich Pi: weil das Vernünftige keine bestimmte Gewalt hat

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scheinungen in der menschlichen Natur will kennenlernen, so findet man sie in Afrika. – Damit ist diese Partie von Afrika abgethan. Dasselbe melden die algemeinsten Nachrichten, und es ist hir eigentlich keine Geschichte. 22/11Ke

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Asien. Asien ist ein Welttheil des Aufgangs. Jedes Land ist eigentlich ein Osten und ein Westen, aber die alte Welt ist das Theater, und so ist Europa das Ende der alten Welt, schlechthin der Westen, wie Asien der Osten. Da ist die Weltgeschichte aufgegangen das Licht des Bewußtseins im algemeinen. Wir müssen zuerst von der Formation überhaupt, der geographischen Natur von Asien eine Skizze vorausschicken. Wir haben zunächst ein Hochland, mit einem Gurt von Gebirgen, die ungeheuer sind, und es finden sich darunter die höchsten in der Welt. Überhaupt ein Hochland, so daß der Gebirgsgurt nie das Höchste selbst, Gebirgszug ist, und nach außen sich | tiefer hinabsenkt. Im Osten der Altai mit seinen östlichen Auslaufungen, Angai, nach Westen und Süden die songarischen Gebirge. Die nördliche Abdachung des Altai ist Siberien, große Ströme, Ob, Jenisei, Lena, aus großen Strömen zusamengesezt. Diese Abdachung bleibt für uns ganz jenseits ligen. Das haben wir zum voraus wegzuschmeißen. Die ganze Beschaffenheit des Landes ist nicht der Art, als daß es der Schauplaz solcher Kultur wäre, daß es eine eigenthümliche Gestalt in der Weltgeschichte hätte bilden können. Gegen Osten von Kangai nach Süden ist der große Gebirgszug Ja Kali, östlich das Bassin des Amur, dies Land ist dem größten Theil nach im Besitz der Mand Chu, die China beherschen, und in ihrer Ursprünglichkeit leben, einer nomadisirenden Lebensart, die der Chinesische Kaiser des Somers auch annimt. Gegen Westen fällt der Gebirgszug erst südlich herab; das Amurland, China im Süden. Gegen Westen das Birmenenland, Siam, die östliche Halbinsel von Indien; noch weiter westlich der Mustag oder Imans, der in südöstliche oder nordwestliche Richtung geht, parallel damit ungefehr. Das Himalayagebirge, dann südlich ist Indien. Weiterhin gegen Westen zunächst der Hinduku, Belurtag, und gegen

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3 es ist … Geschichte] Do: Was die Geschichte früher gemeldet ist eben das was wir finden, hier ist 30 also keine Geschichte, hier nichts Neues kein Fortschritt 7–8 das Ende … Westen] Do: in diesem abgeschlossenen Laufe der Abend 9 des Bewußtseins] Do: von einem selbstständigen Bewustseyn im algemeinen] Do: von einem Allgemeinen 12 höchsten in der Welt] Pi, ähnlich Do: höchsten Gebirge. Früher hielt man Amerika’s Gebirge für höher. Aber in Asien erheben sich Berge bis 27000 Fuß über das Meer. 14–15 Im Osten … Auslaufungen] Pi: im Norden Altai und 35 östlich und westlich Auslaufungen 18 wegzuschmeißen] Do: wegzuschneiden ganze] Pi: physi kalische und geographische 24 die der … annimt] Pi: wo der Chinesische Kaiser unter Zelten den Sommeraufenthalt hat 24–25 Gegen Westen … herab] Pi: Weiter herab gegen Süden ziehen sich Gebirge nach Westen 29 Westen] Do: Westen vom Himalaya 13 daß] Ke: daß daß

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Norden der Mussart, der sich gegen das sungarische Gebirge zieht. Kabulistan, Persien, dessen Hochfläche, aber niedriger als das inre Hochland, zum Theil auf die Tartarei, Bucharei, das sich gegen das caspische Meer hinzieht; und die nördlicheren Ebenen theils setzen dann hinüber nach Siberien. Das ganze Hochland steht unter China, von diesem | Gebirge laufen große Ströme aus, die große Thalebenen bilden, von ungeheurer Fruchtbarkeit und Ueppigkeit, und sind die großen Mittelpuncte einer eigenthümlichen Kultur. Diese Schlammebenen sind nicht Thäler zu nennen verschieden von der Gestaltung, von der die europäischen Thäler sind. sie sind durch Ströme gebildet, mehrere Ebenen einen die europäischen Stromgebite, sie machen eigentliche Thäler und unendliche Verzweigungen derselben. zu solchen Ebenen gehört China, Hoango und Jancsekiang, der blaue und gelbe Strom; entspringen aus dem Gebirgsgurt, der China gegen Norden und Nordwesten ligt; laufen gegen Osten. Die 2te Ebene ist die die vom Ganges gebildet ist, Indien. Der Indus bildet mehr im Norden ein Kulturland, südlich sind es mehr Sandebenen, die er durchfließt. Die dritte ist die von Euphrat und Tigris gebildete aus Armenien vom Kaukasus komend; der zusamenhängt mit den nördlichen Gebirgen von Persien, die sich südlich in das kaspische Meer ergißen, aber nicht zu den Hochgebirgen des eigentlichen asiatischen Hochlands gehörn. Euphrat und Tigris laufen im Westen der persischen Gebirge hin. Im Osten vom kaspischen Meer der Oxus und Jaxartes, jener Gihon, sonst ins caspische Meer, ist aber da abgelenkt. Der Jaxartes, Sion, ist der nördliche. Das große Land zwischen dem kaspischen Meer und dem Belurtag ist eine große Ebene, hat Vorhügel, und ist besonders für die Weltgeschichte sehr wichtig. Gegen Westen der Tyrus und Araxes, Kur und Ares. weniger breite Ebene, als diese östliche, aber auch fruchtbar. Diese Ebene und dieses Hochland sind aufs bestimteste gegen einander characterisirt. Das Dritte ist eine Mischung dieser Principien; Vorderasien, | Arabien, das Hochland der Fläche, das Land der ungebändigten Freiheit, aus dem der ungeheuerste Fanatismus entsprang, Syrien, Kleinasien. Diese bilden den Zusamenhang mit Europa, und ihre Kultur ging nach Europa über.

5 steht unter China] Do: steht vorzüglich unter chinesischer Herrschaft Pi: ist chinesisch große] Do: bedeutende Pi: ungeheure 6 große] Do: weite Pi: breite Thalebenen] Pi: Thalebenen, (2te Bestimmung) 7–8 Schlammebenen] Pi: fruchtbaren Niederebenen 9 Thäler sind] Pi: Thälern. Sie nehmen ungeheuer fruchtbare Ebenen ein. 13 Osten] Do: Osten, der 16–17 der zusamenhängt … Persien] Pi: zwischen caspischem und schwar35 letztere mehr südlich zen Meer 20 Gebirge hin] Do: Gebirge, von Mussat und Belurtag ab 24 der Tyrus … Ares] Pi, ähnlich Do: fallen Tyr und Araxes (Curs und Ares) ins caspische Meer 29 Syrien, Kleinasien] Do: das interessante Syrien und Kleinasien Pi: Syrien und Kleinasien; Länder die mehr dem Hochlande angehören 40 16 gebildete] Ke: gebildet sind

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Nach Erinrung an diese geographische Bestimmtheit kann etwas über den Character gesagt werden, den die Völker und die Geschichte durch diese geographische Construction erhielten. Das wichtigste ist das Verhältniß des Hochlands zu den angegebenen Stromebenen. Nicht sowohl die Hochebene selbst, ist es, als die Gebirgsschlucht, wenn die hohen Gebirge gegen die Ebene sich eröfnen, die ein höchstwichtiger Punkt in welthistorischer Rüksicht sind, und der Zusamenhang der Völker, die hir ihren Sitz haben mit dem Character der Kultur in den Stromebenen, muß vornehmlich in der asiatischen Geschichte hervorgehoben werden. In den Völkern, die dem Gebirge angehörn, ist die Vihzucht das Princip, von dem sie ausgegangen sind, das Princip der Thalebene ist dann das Princip in Ansehung des Ackerbaus und der Bildung zu Gewerben, und das dritte Princip, das Vorderasien angehört, ist der Handel ins Ausland, die Schiffahr th. Diese Principien treten hir abstract auf, treten in wesentliche Beziehungen mit ein ander, und dadurch treten sie in unterschidnen Bestimmungen auf, und bilden gemeinschaftliche Principien der Lebensweise und des geschichtlichen Characters der Völker. Viehzucht ist das Princip der Gebirgsvölker; Pferde, Schafe, Kamelien, wenig Rindvieh. 1) Ruhiges Nomadenleben, das in beschränkte Bedürfnisse, in ruhige Kreise sich verläuft. 2) das Räuberisch werden dieser Nomaden. 3) ist, daß sie erobernd werden. Das schweifende, unstete Leben ist ihnen eigenthümlich, das ein ruhiger Verlauf bleibt, der in Räuberei übergeht, und daß die großen Massen sich zusamengehn, und auf die Thalebenen sich stürzen. Diese komen zu keiner Ausbildung in sich; die Bildung gewinnen sie erst, indem | sie in den Thalebenen, erobernd geworden, ihren Character verliren. Sie haben ungeheure Impulse gegeben, Verwüstung, Verändrung in der äußerlichen Gestalt veranlaßt. Das 2te Princip ist das intressanteste für uns, der Thalebenen, wo der Ackerbau das Element ist. Der Ackerbau schlißt für sich selbst das Festsein, sistiren der Unstätheit in sich, eine Vorsorge leistet er für eine Zukunft, und indem da die Reflexion eintritt, für die Familie auf eine algemeine Weise gesorgt wird, so ist drin das Princip zu Eigenthum, Gewerbe, vorhanden. China, Indien, Babylon, Assyrien, das Land östlich vom caspischen Meer sind große Kulturländer geworden, aber sie haben sich in sich geschlossen gehalten und haben in das

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3 wichtigste ist … Hochlands] Pi: Wichtigste für Asiens Charakter ist der Gebirgsgurt des Hochlands im Verhältniß 17 1) Ruhiges] Do: Drei Arten, ruhiges 20–21 daß die großen Massen] Do: zuletzt in Massen 21 Diese] DoPi: Diese Völker 23 Character] Do: eigenthümlichen Charakter 24 ungeheure] Pi: außerlich ungeheure Verändrung] Do: große Verän- 35 derungen 25 Gestalt veranlaßt] Do: Gestalt, aber kein geistiges Prinzip zur ruhigen Entwicklung eines Staates Pi: ohne Entwickelung eines Staates 26 Element] Pi: erste Element 27 eine Zukunft] DoPi: einen nicht blos momentanen Zweck 30 Assyrien] Pi: Syrien 19 unstete] Ke: unstite

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dritte Princip, des Meers, sich nicht eingelassen, nicht, nachdem sie die Ausbildung ihres eigenthümlichen Princips erlangt hatten, und wenn sie es noch thun, so macht es kein Moment ihrer Kultur und bildung aus. Dieses mitlere Princip characterisirt Asien, und der Gegensatz von Tag und Nacht; und geographisch von Thalebne und Gebirgsvolk ist die Bestimtheit der asiatischen Geschichte. Vorderasien ist das Land dieser mannigfaltigen Gestaltungen, und dies hat wesentlich auf Europa in Bezihung gestanden, diese Bezihung ist ihm vornehmlich eigenthümlich. Was darin hervorgegangen ist, hat dieses Land nicht für sich behalten, es war nur der Aufgang von Principien, die in ihm nicht ausgebildet wurden, sondern deren Ausbildung in Europa volendet worden ist. Steht in Bezihung mit dem mitländischen Meer. Arabien, Syrien, vornehmlich dessen Küste, Judäa, Tyrus und Sidon, Princip des Handels in seinen ältesten Anfängen in Bezihung auf Europa. In Kleinasien in Troja und Ionien, Kolchis am schwarzen Meer, mit Armenien hinter sich war ein Hauptverbindungspunkt von Europa mit Asien. Die weite Ebene der Wolga, des Durchzugs wegen denkwürdig der | ungeheuren Schwärme Asiens. Europa: Dies enthält nicht so diese terrestrischen Unterschide, wie wir sie bei Afrika, und vornehmlich bei Asien auszeichneten. Wir haben nicht so einen festen Kern, wie in Europa, ist nur etwas Untergeordnetes. Auch nicht diese Ebenen, wie China, Indien, sondern mehr, im Süden und Westen, Thäler in mannigfaltiger Abwechslung von Hügeln umschlossen. Der Character von Europa ist also, daß die Unterschiede in Ansehung der physischen Beschaffenheit nicht zu den scharfen Contrasten auseinandergehn, wie bei Asien, sondern daß sie mehr vermischt, gemildert sind. Doch sind 3 Theile zu unterscheiden: 1. der Süden, der gegen das mitländische Meer gekehrt ist; südlich von den Pyrenäen, das südliche Frankreich, die Alpen, die Italien abtrennen von Frankreich, Helvetien und Deutschland; die östliche Fortsetzung gegen den Hämus hin, im Süden des Bassins der Donau

30 1 nicht eingelassen] Do: nicht zu eigen gemacht haben, oder nur momentan in der Periode ihrer

Bildung Pi: In China, in Indien ist wohl das Meer beschifft worden, doch hat dieß Prinzip kein Moment ihrer Bildung gegeben. 1–2 Ausbildung] Do: höchsten Stufe ihrer Ausbildung 4–6 Asien, und … Geschichte] Do: zugleich Asien im Gegensatz zu Europa Pi: Asien, giebt Asiens Gegensatz zu Afrika etc. 6 ist] Do: ist ein drittes 11 Steht] Pi: Dieß Land 12 Judäa] Do: Judäa Ursprung des Christenthums Pi: Palästina 13 in Troja] Do: 35 steht Homer 16 weite] Do: unendlich weite 16–17 des Durchzugs … Asiens] Do, ähnlich Pi: als Lagerungen der Schaaren, die sich auf Europa stürzten wichtig 19 Dies] DoPi: Europa 20–21 nicht so … Untergeordnetes.] Do: nicht ein Hochland, nicht einen solchen festen Kern, die Hochflächen Spaniens sind untergeordnet Pi: nicht so ein Hochland und Gebirgsgurt. (wiewohl 23 Hügeln] Do: Gebürgen 28–530,1 die östli40 Spanien Hochflächen hat, doch untergeordnet) che … Griechenland] Do: die Länder südlich vom Hämus, Griechenland

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Griechenland. Dieses Land, der südliche Theil von Europa ist lange das Theater der Weltgeschichte, hat nicht einen selbstständigen Kern in sich, sondern vornehmlich nach außen gekehrt; der andre Theil ist nördlich der Alpen, der das Herz von Europa ausmacht, bei dem wieder 2 Theile zu unterscheiden sind. Der westliche: Deutschland, Frankreich England, Dänemark, Schweden. Diese Welt hat Julius Cäsar aufgeschlossen, und diese welthistorische That, diese Bezihung hir aufgemacht zu haben, die Mannesthat, so wie die Jünglingsthat Alexanders, Vorderasien abendländisch gemacht zu haben, was freilich vorübergehend war, doch so, daß aus dieser Verbindung die weitren großen weltgeschichtlichen Anfänge für das Abendland hervorgehn konnten. Der Nordosten enthält die nördlichen Ebenen eigenthümlicher Art, die slavischen Völkern angehört haben und den Zusamenhang mit Asien machen. Das Mittelmeer ist der Mittelpunkt für die Weltgeschichte, insofern sie in sich in Verbindung steht; es liegen da der Nabel der Erde, Delphi, Jerusalem, Mekka, Rom und Alexandrien, mehr noch | Mittelpunkt als Konstantinopel, in dem sich die geistige Durchdringung des Ostens und Westens gemacht hat. Es hat nicht die Unterschide in seiner physischen Beschaffenheit, sondern diese treten nur leicht gegeneinander heraus, und so treten da die Lebensweisen, welche an solche physischen Qualitäten gebunden erscheinen, nicht in dieser Absonderung in Europa auf, wie sie in Asien vornehmlich bestimend für die Geschichte sind. In Europa treten sie mehr als Stände auf, in concreten Staaten, da sie in Asien mehr im äußern Conflict gegeneinander erscheinen. Das eine Extrem ist das hintre Asien, das andre dies westliche Europa; Im Osten bleibt es in seiner gedignen Einheit, tritt nicht ein in die Bewegung der Weltgeschichte, sondern diese ist in dem westlichen Europa, dem anderen Extrem. – Wir haben hirmit absolvirt, was als die Gesichtspunkte angegeben ist, von denen in der Einleitung gesprochen wurde. Der erste war die Idee der Weltgeschichte überhaupt, das 2te die Momente, die in Rüksicht auf die Erscheinung zu beachten sind; Staat, Individuum und die natürlichen Elemente. Nun gehen wir zur Eintheilung der Weltgeschichte: Algemeine Uebersicht, die zugleich den Zwek hat, den Zusamenhang auch nach der Idee, der inren Nothwendigkeit des Begrifs, bemerklich zu machen. Das, was unser Gegenstand in der Erscheinung überhaupt ist, ist der Staat. Da kommt es auf 2 Grundbestimungen an, 1) die algemeine Substanz des

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3 Herz] Do: eigentliche Herz 5 Dänemark] Do: Holland Schweden] Do: Schweden, der eigentliche sinnliche Mittelpunkt Europas 7–8 Vorderasien abendländisch … haben] Pi: den Morgen mit dem Abend zu verbinden 10–11 Der Nordosten … Art] Pi, ähnlich Do: Der östliche 35 Theil enthält die nördlichen Ebenen, Pohlen, Rußland 12 Asien] Do: dem schweifenden Asien für die Weltgeschichte] DoPi: der fortschreitenden Weltgeschichte 13 der Nabel … Delphi] Pi: Delphi (½mØblou h›u,) 16 Es hat] Pi: Europa zerfällt also in | die angegebnen 3 Theile. Physikalisch hat es 25 absolvirt] Do: die geographische Bestimmung absolvirt 28 die natürlichen Elemente] Do: der elementarische Punkt des Natürlichen 40

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Staates, den in sich gedignen, Einen Geist, die absolute Macht, den selbstständigen Geist des Volks. 2) die Individualität als solche, die subjective Freiheit, es handelt sich in der Weltgeschichte um nichts, als nur das Verhältniß hervorzubringen, worin sie in absoluter Einigkeit, wahrhafter Versöhnung sind, in einer Versöhnung, wo die freien Subjecte nicht untergehen in der objectiven Weise des Geistes, sondern zu ihrem selbstständigen Recht kommen, wo aber ebensosehr | der absolute Geist, die objective gedigne Einigkeit in sich absolutes Recht ebenso erlangt hat. Die Weltgeschichte ist angestellt, um diese Versöhnung beider zu erreichen. In der geographischen Vorstelung ist uns schon im algemeinen der Zug angegeben, den die Weltgeschichte nimt. Die Sonne geht im Morgenlande auf, die Sonne ist Licht, und das Licht ist die algemeine einfache Bezihung auf sich, und damit das in sich selbst algemeine, und dies für sich selbst algemeine Licht ist in der Sonne ein Individuum, ein Subject. Man hat sich Vorstelungen gemacht, die Sonne geschildert, wie Menschen den Morgen anbrechend, das Licht hervortreten –, und die Sonne in ihrer Majestät emporsteigen sehen. Solche Schilderung wird hervorheben dieses Entzücktsein, Anstaunen, unendliche Vergessen seiner selbst in dieser Klarheit. Wenn die Sonne einige Zeit herauf ist, wird Dieses Staunen gemäßigt werden, und wird der Blik mehr auf die Natur, und auf sich Aufmerksamkeit zu richten genöthigt sein, er wird so in seiner eignen Helle sehn, zum Bewußtsein seiner selbst übergehn aus der ersten staunenden Unthätigkeit des Bewunderns, wird übergehn zur That, zum Bilden aus sich selbst, und am Abend wird er ein Gebäude hervorgebracht haben, eine inre Sonne, die Sonne seines Bewußtseins, die er durch seine Arbeit hervorgebracht hat, und diese wird er höherachten, als die erste äußerliche Sonne und wird in diesem Gebäude sich dies erschaffen haben, zum Geist in dem Verhältniß zu stehn, in dem er zuerst mit der äußerlichen Sonne stand; in einem freien Verhältniß zu diesem Geist, denn dieser 2te Gegenstand ist sein eigner Geist. Hirin ligt eigentlich enthalten der Gang der ganzen Weltgeschichte, der große Tag des Geistes, sein Tagewerk, das er in der Weltgeschichte volbringt. Die erste Gestalt des Geists ist die orientalische. Das Bewußtsein, das unmittelbare Bewußtsein, substanzielle Geistigkeit überhaupt; das Wissen nicht mehr | der besondren Wilkür, sondern das Aufgehn der Sonne. Das Wissen eines wesent-

5–8 wo die … hat] Do, ähnlich Pi: Die subjektive Freiheit muß zu ihrem selbstständigen Recht kommen, in dem aber die absolut gediegene Einheit, der objektive Geist anerkannt ist. 8 Versöhnung] 13–14 Vorstelungen gemacht, … hervortreten] 35 Do, ähnlich Pi: Aussöhnung, diese Vereinigung Do: ausgemahlt wenn ein Blinder sehend würde und nun die Sonne aufgehen sehe 16 dieses Entzücktsein] Pi: Bewunderung, Entzücken 19 er wird … sehn] Do: Der Mensch wird um sich, auf sich sehen. Seine Triebe werden ihn an ein andres Verhältniß als jenes erste unbefangen erinnern. 19 in seiner eignen Helle] Pi: in seine eignen Innre 28–29 sein Tagewerk, … 40 volbringt] Do: Das erste Tagewerk ist die Weltgeschichte.

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lichen Wilens, der für sich selbstständig, unabhängig ist, und zu dem sich die subjective Wilkür zunächst als zutrauend, glaubend verhält. Konkreter das patriarchalische Verh ÄLTNISS ; in der Familie hat das Individuum ein ganzes, ist ein Moment dieses ganzen, lebt darin, in seinem gemeinsamen Zwek, und dieser hat zugleich als gemeinsamer seine eigenthümliche Existenz, so daß er darin auch Gegenstand für das Bewußtsein der Individuen ist. Dieses Bewußtsein ist vorhanden im Chef der Familie, der der Wille ist, das Wissen für den gemeinsamen Zwek, der für die Individuen sorgt, ihre Thätigkeit auf diesen Zwek richtet, und sie erziht, erhält in der Angemessenheit des algemeinen Zweks. Sie wissen und wollen nicht über diesen hinaus und die Präsenz desselben in dem Chef, und dessen Willen. Das ist nothwendig die erste Weise des Bewußtseins eines Volks. Näher steht dieser Geist in der Bestimmung der Anschauung, eines unmitelbaren Verhältnisses zu seinem Gegenstand; welches aber damit sich so bestimt, daß das Subject versunken ist in dieser Substanzialität, sich noch nicht aus dieser Gedigenheit, Einheit, noch nicht in seine subjective Freiheit herausgezogen, gerungen hat, so daß dieses Subject noch nicht den algemeinen Gegenstand erzeugt hat aus sich selbst; so daß der Gegenstand noch nicht ein aus dem inren geborner ist, noch nicht auf geistige Weise vorgestelt ist, sondern nach dem Verhältniß der Unmittelbarkeit ist, und die Weise der Unmittelbarkeit hat. Der Gegenstand ist nicht Subject, ist auf unmittelbare Weise bestimt, hat die Weise einer natürlichen Sonne, und sie ist als Gebilde der sinlichen Phantasie, nicht der geistigen Phantasie, ebenso auch ein natürlicher einzelner Mensch. Der Geist des Volks, die Substanz ist so den Individuen gegenständlich, vorhanden in der Weise eines Menschen, denn Menschlichkeit ist immer die höchste und würdigste | Weise der Gestaltung. Vornehmlich ein Mensch ist dieses Subject, das von seinem Volk gewußt wird als die geistige Einheit, als Form der Subjectivität, in der dieses Ganze, Eine ist. Dies ist das Princip der orientalischen Welt, daß die Individuen noch nicht ihre subjective Freiheit an sich gewonnen haben, sondern sich als Accidenzien halten an der Substanz, die aber Präsenz hat für das natürliche Bewußtsein (nicht abstracte Substanz, wie die Spinozas;) in der Weise eines Oberhaupts, daß sie alles nur ihm angehörig sehn. Die Pracht der orientalischen Anschauung liegt vor uns, die Anschauung dieses Einen, dieser Substanz, der Alles zukommt,

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1–2 die subjective Wilkür] Do: das Bewustseyn 2 zutrauend, glaubend] Do: vertrauend, als Glauben 4 lebt darin] Do: es wirkt lebt handelt 5 seine eigenthümliche] Do: freiere selbstständige 10–11 diesen hinaus … Willen] Do: jenen Zweck hinaus, sie wollen ihn nach 35 dem Willen des thätigen Subjektes dieses Zwecks 13 Gegenstand] Do: Zweck 25 der Gestaltung] Do: für den Gegenstand. Sonne oder Himmel ist nicht so würdig. 26 geistige] Do: absolute geistige 30 in] Do: der Gegenstand ist in 31 alles nur … sehn] Do: alle Herrlichkeit der Natur in ihm sehen, und ihm eigenthümlich betrachten

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von der sich noch nichts abgeschieden hat, sondern der Alles zukommt. Die Grundanschauung ist die Gewalt, die fest in sich zusamenhängt, der aller Reichthum der Phantasie und der Natur eigen ist. Die subjective Freiheit ist darin noch nicht zu ihrem Recht gekomen, hat ihre Ehre nicht für sich, sondern nur in diesem absoluten Gegenstand. Aber was in der Idee ist ist wesentlich vorhanden und gegenwärtig; es komt drauf an, wie es vorhanden ist, und ob ihre Momente in ihrem wahrhaften Verhältniß sind. Weil nun das Moment der Subjectivität ein wesentliches Moment des Geists ist, so muß es auch vorhanden sein; aber es ist noch nicht versöhnt, vereinigt, unbesänftigter Weise. Mit dem Prachtgebäude der Einen Macht, dem sich nichts entzihen, vor dem sich nichts Selbstständiges gestalten kann, ist verbunden unbändige Willkür, sie muß vorhanden sein, in dem Prachtgebäude ist sie nicht, aber sie ist außer ihm, in der höchsten Inconsequenz; abgetrennt von dieser substanziellen Einheit. – Diese unbesänftigte greuliche Wilkür findet auch einestheils statt in dem Gebäude selbst in der | Weltlichkeit der Macht der Substanzialität selbst, und andrerseits hat sie außerhalb derselben ihr ungedeihliches Herumschweifen. Das ist das Moment, das schon vorher bemerkt worden ist. Daher finden sich neben den Gebäuden orientalischer Substanzialität die wilden Schwärme, die von dem Saume des Hochlandes herabstürzen, in diese Gebäude der Ruhe, sie verwüsten, zerstören, daß sie ganz kahlen Boden machen, sich aber damit amalgamirn, und ihre Wildheit verliren, überhaupt aber unbildsam in sich, für sich ohne Resultat zerstäuben. In der orientalischen Welt sind f ü r u n s Staaten vorhanden, aber innerhalb dieser Staaten selbst fält nicht ein solcher Zwek, wie der ist, den wir Staatszweck nennen. Staat ist das substanziell für sich gedachte, in der Form eines algemeinen substanziellen Zweks für alle. Aber dort ist der Staat, ein abstractum, nichts algemeines für sich selbst, nicht der Zwek, sondern das Oberhaupt. Man kann diese Gestalt mit dem Kindesalter überhaupt vergleichen. Die zweite Gestalt könte mit dem Jünglingsalter parallelisirt werden, sie umfaßt die griechische Welt. Da muß das Princip der Individualität hervorgehn, die subjective Freiheit, aber eingebildet selbst in die substanzielle Einheit. Das Reich der Freiheit, nicht der un-

1 hat] Do: hat, das sich subjektive Freiheit genommen habe 9 Weise] Do: Weise, da es im Geiste wesentlich versöhnt ist 10 Einen] Do: orientalischen 11 unbändige] Do: vollkommen unbändige 11–13 sie muß … Einheit] Do: da die individuelle Freiheit, nicht frei in höchster Inconsequenz sich ihr gegenüberstellt 16–17 Das ist … ist.] Do: was wir an der natürlichen 18 Substanzialität] DoPi: Ruhe und Substantialität 19 in] Do: ein35 Lebensweise schon sahen brechen in 20–21 sich aber … verliren] Do: oder sich versenken in die Gebäude und in ihnen ihre Wildheit und die Selbstständigkeit derselben aufgeben 29 die subjective Freiheit] Do: nicht aber in der Wildheit, nicht in Trennung mit dem substantiellen aber] Pi: nicht | in Trennung von der Einheit, sondern 30 substanzielle] Do: wesentliche 40 11 gestalten kann, ist] Ke: gestalten, kann ist

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III Römische Welt.

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gebundnen, natürlichen, sondern der sitlichen Freiheit, die algemeinen Zwek hat, nicht die Wilkür, das besondre, sondern algemeinen Zwek des Volks selbst sich vorsetzt, ihn will, von ihm weiß. Aber es ist nur das Reich der schönen Freiheit, die in natürlicher, unbefangner Einheit ist mit dem substanziellen Zwek. Dies Reich ist daher die anmutigste, aber | schlechthin | vorübereilende Blüte. Die beiden | Principe des orientalischen sind vereint: subjective Freiheit und Substanzialität, sie sind aber nur in unmittelbarer Einheit, daher zugleich der höchste Widerspruch in sich selbst, im Orient ist der Widerspruch an die Extreme vertheilt, die in Conflict mit ein ander komen; in Griechenland sind sie vereint, aber im Widerspruch, denn die schöne Sitlichkeit ist nicht die wahrhafte, ist nicht durch Kampf der subjectiven Freiheit heraus geboren, die sich wiedergeboren hätte, sondern die erste subjective Freiheit, und so hat die Sitlichkeit mehr den Character natürlicher Sitlichkeit, als daß sie heraufgeboren wäre zur höhren, reinen Gestalt algemeiner Sitlichkeit. So wird diese Sitlichkeit diese Unruhe sein, die sich durch sich zerstreut, und die Reflexionen dieser Principien in sich werden den Untergang des Reiches herbeiführen, und es folgt die Herausbildung einer weitren höhren Form, die die dritte Gestalt ausmacht. Die Bestimtheit der 2ten Gestalt ist angegeben, besonders die Griechische Welt ist, in dieser ist als ein Moment vorhanden die beginnende Innerlichkeit, die Reflexion überhaupt, und das nächste ist, daß diese inre Reflexion, der Gedanke, wirksamkeit des Gedankens sich Luft mache hervordringt, ein Reich eines algemeinen Zweks sich schaft. Dies ist das Princip der dritten Gestalt: die Algemeinheit; Ein Zwek, der als solcher ist, aber eine abstracte Algemeinheit, und das ist das römische Reich. Ein Staat als solcher ist Zwek, der den Individuen vorsteht, für den sie alles thun. Dies kann als das Mannsalter der Welt angesehn werden, die saure Arbeit des Manns, der in dieser lebt, und nicht in froher Freiheit seines Zweks, dem dieser Zwek zwar ein algemeines ist, aber zugleich ein starres für ihn,

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2 sondern] Do: sondern den einen 7 nur] Do: nur verbunden 10 im Widerspruch] Do: so daß sie noch in Widerspruch kommen schöne] Pi: unbefangene 13 natürlicher] DoPi: natürliche schöne heraufgeboren] Do, ähnlich Pi: heraufgereift 14 diese Unruhe] Do: die un- 30 ruhigste 15–16 die Reflexionen … herbeiführen] Pi: Die beginnende Reflexion ist Keim des Untergangs und einer neuen Geburt. In der unbefangenen Freiheit ist die beginnende Innerlichkeit der Reflexion enthalten, und der Gedanke tritt hervor, bildet ein Reich eines allgemeinen Zweckes. Do: die darin liegende Innerlichkeit ist der Quell des Untergangs dieser und einer neuen die sich nun herausbildet. Diese beginnende Innerlichkeit die Reflexion überhaupt, die 35 Wirksamkeit des Gedankens tritt hervor, schafft sich ein Reich eines allgemeinen Zweckes. 24–25 für den … thun] Do: die daher verpflichtet sind, für ihn alles zu thun 25 Dies kann … werden] Do: Dieß ist das Römische Reich 26 in dieser lebt] Do: nicht lebt in der Willkühr eines Herrn 5 schlechthin so Do, an Stelle eines unlesbaren Wortes

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welchem er sich widmen muß. Ein Staat, Gesetze, Verfassungen sind Zweke, einem solchen dint | das Individuum. Dieses Princip der abstracten Algemeinheit ausgebildet, zu seiner Realisation gelangt, muß sich das Individuum einbilden, und daraus geht hervor das Subject als persönliches; es tritt hervor die Vereinzelung der Subjecte überhaupt. Die Algemeinheit ihnen eigen gemacht, und die abstracte Algemeinheit, macht sie zu rechtlichen Personen, zu solchen, die in ihrer Besonderheit selbstständige und wesentliche sind. Auf der andren Seite entsteht damit die Welt des formellen, abstracten Rechts, des Rechtes des Eigenthums, indem dieses Zerfallen aber zugleich im Staate ist, so steht dieser Staat nicht mehr als das abstractum des Staats gegenüber, sondern als eine Gewalt des Herrn über die Individualität. In diesem abstractum, für welches der algemeine Zweck nicht mehr das höchste ist, sondern das persönliche Recht, bei diesem Zerfallen kann die Macht, dieser Zusamenhalt, selbst wilkürliche Gewalt sein, nicht eine vernünftige Staatsmacht, es tritt also auf eine wilkürliche Macht, durch sie ist der Gegensatz ausgeglichen, es ist Ruhe und Ordnung vorhanden, diese Ruhe ist aber zugleich absolute Zerrissenheit des inren, es ist nur äußerliche Versöhnung des Gegensatzes, damit also zugleich Empörung des inren, und es muß also 2tens zur Ausgleichung des Gegensatzes die höhre, wahrhafte geistige Versöhnung eintreten, es muß hervorgethan werden daß die individuelle Persönlichkeit gewußt, angeschaut, gewolt wird als an ihm selbst zur Algemeinheit gereinigt und verklärt, das ist das Princip des Geistes, daß die Subjectivität die Algemeinheit ist. Es ist also die Geistigkeit, und die geistige Versöhnung, welche aufgegangen ist; und die geistige Versöhnung ist also das, was das Princip der 4ten Gestalt ausmacht. Das Bewußtsein des Geistes, daß der Geist das wahrhafte ist, ist aufgegangen. Der Geist ist nur für den Gedanken. Diese vierte Gestalt ist nothwendig selbst gedoppelt: der Geist, der gewußt | wird als das Wesen, als das Bewußtsein des höchsten durch den Gedanken, das Wollen des Geists ist einerseits selbst wieder abstract und beharrend in dieser Abstraction des Geistigen überhaupt; insofern dies Bewußtsein so beharrt, so ist die Weltlichkeit sich selbst

30 2 Individuum] Pi: Individuum. Dieß ist nicht mehr Dienst eines einzelnen Zwecks.

2–3 Dieses Princip … gelangt] Do: Dieß daß das Individuum nicht mehr ein einzelnes, ausgebildet, zu seiner Realisation gelangt 4 persönliches] Pi, ähnlich Do: persönliches, abstrakt Freies 5 Subjecte] Do: Individuen 5–6 Die Algemeinheit … Personen] Pi: Die Vereinzelung der Subjekte muß sich die Abstrakte Allgemeinheit eigen machen, und so in ihrer Besonderheit wesentlich werden. 8 Welt] 9 Staat] Do: Staat als Individualität 14 Macht] Do: Gewalt zufälliger Subjekti35 Do: Ausbildung vität 16 absolute Zerrissenheit des inren] DoPi: absolutes Verderben 21–22 daß die … ist1] Pi: die Besonderheit des Zweks ist bestimmt durch den Begriff der Subjektivität selbst 25 ist1] Do: ist, daß das concret Gedachte das wahrhafte sei Pi: ist, wie er im Innern, für den Gedanken ist, 27 das Wollen des Geists] Do: in so fern es eine Welt des Innern ist

40 17 es] Ke: es es

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IV. Vierte Gestalt des Geistes.

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a. Muhamedanische Welt.

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Germanische Welt.

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wieder überlassen, der Rohheit, Wildheit, damit aber ist verbunden die volkommene Gleichgültigkeit gegen das weltliche, die verbunden ist damit, daß das weltliche ins Geistige nicht einschlägt, daß es nicht zu einer vernünftigen Organisation im Bewußtsein kommt. Dies macht die muhamedanische Welt aus, die höchste Verklärung des orientalischen Princips, die höchste Anschauung des Einen, zwar spätren Ursprungs als das Christenthum, aber daß das Christenthum Weltgestalt ward, ist langer Jahrhunderte Arbeit, durch Karl den Großen. Daß der Muhammedanismus Weltreich wurde, ist wegen der Abstraction des Princips schnell gegangen, fast ein frühres Weltregiment als das christliche. Die 2te Gestalt der Geistigen Welt ist eben das Princip des Geists, das sich concret zu einer Welt gebildet hat, das Bewußtsein, Wollen der Subjectivität als einer göttlichen Persönlichkeit, das zunächst in der Welt erscheint in einem einzelnen Subject; aber es ist zu einem Reich des wirklichen Geists ausgebildet worden; diese Gestalt kann das germanische Reich genannt werden; die Nationen, denen der Weltgeist dies sein wahrhaftes Princip aufgetragen hat, können germanisch genannt werden. Dies Reich des Geistes hat das Princip der absoluten Versöhnung der Fürsichseienden Subjectivität mit der an und für sich seienden dem Göttlichen, dem Wahren, substanziellen, daß das Subject frei für sich ist, und nur insofern, indem es selbst dem algemeinen angemessen ist, im Wesen steht: das Reich der concreten Freiheit. | Die Versöhnung ist zunächst an sich volbracht, aber damit sie auch für sich volbracht werde, darum muß dies Princip mit dem ungeheuersten Gegensatz anfangen. Weil die Versöhnung absolut ist, muß es der abstracteste Gegensatz sein. Dieser Gegensatz hat zu einer Seite das geistige Princip zunächst als geistliches, auf der andren rohe, wilde Weltlichkeit; und die erste Geschichte ist die Feindschaft beider, die zugleich dadurch zusamengebunden sind, daß das geistige Princip von der Weltlichkeit anerkannt ist, und diese ihm doch nicht angemessen

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1 Wildheit] Do: Willkühr 2–3 die verbunden … einschlägt] Do: weil hier das Geistige nicht einschlägt in das Weltliche 4 im Bewußtsein] Do: des Geistigen Dies] Pi: Diese Versöhnung des Geistes an sich mit Gleichgültigkeit des Aeußerlichen 5–6 die höchste … Einen] Do: des einen substantiellen Pi: Die rein substanzielle Anschauung im Gedanken. 6 zwar spätren] Do: Sie 30 ist zwar dem Aeußern nach späteren 6–7 aber daß … Großen] Do: diß wird aber erst zu Anfang des neunten Jahrhunderts Prinzip der Welt 12–13 aber es … worden] Do: hernach ausgebildet in einer wirklichen Welt 13 diese Gestalt] Do: Dieses Reich 14–15 die Nationen, … werden] Do: Denn der germanischen Nation war aufgetragen, diß geistige Prinzip in der Wirklichkeit auszuführen. Pi: Die Nationen, die das Prinzip ausführten, können germanische im Ganzen 35 heißen. 17 seienden] Do: seienden Objektivität 19 algemeinen] Pi: substanziellen Inhalt concreten] Do: concreten in Wirklichkeit ausgebildeten 20 zunächst] Do: zunächst nur 20–21 für sich volbracht] Pi: zur Idee realisirt 22 anfangen] Pi: dem absoluten Gegensatze kämpfen 25 beider] DoPi: beider gegeneinander 25–537,1 daß das … soll] Do: Die Barbarei ist als eine solche bestimmt, als solche, die nicht seyn soll, sondern angemessen dem geistigen Prinzip 40 5 die] Ke: das

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ist, eingestandenermaßen ihm aber angemessen sein soll. Die zunächst geistverlassne Weltlichkeit wird von der geistigen Macht unterdrükt, auch die erste Obrigkeit des geistigen Reichs ist so, daß es selbst in die Weltlichkeit übergeht, damit seine geistige Bestimmung verlirt, aber auch seine Macht. Aus dem Verbinden des geistigen und der Weltlichkeit geht die höhre Form des freien Gedankens, des vernünftigen Gedankens hervor. Der in sich zurückgedrängte Geist faßt sein Princip und producirt es in sich in seiner freien Form, in der Form des Gedankens, in denkender Gestalt, und so ist er dann fähig, mit der äußer lichen Wirklichkeit überhaupt zusamenzugehn, in diese sich zu insinuiren, und aus der Weltlichkeit hinaus das Princip des vernünftigen zu realisirn. So ist es geschehn, daß durch die Wirksamkeit des Gedankens, aller Bestimmungen, die dieses concrete Princip, die Natur des Geistes, zu ihrer Substanz haben, das Reich der Wirklichkeit, diesem concreten Gedanken, dieser substanziellen Wahrheit gemäß herausgebildet hat, und so verschwindet der Gegensatz von Kirche und sogenanntem Staat; so daß die Freiheit | in der Wirklichkeit ihren Begriff findet, und die Weltlichkeit zu einem objectiven System eines in sich organisch gewordnen Daseins ausgebildet hat, das i s t d a s Z i e l , d a ß d e r G e i s t s i c h z u e i n e r N a t u r, e i n e r We l t a u s b i l d e t , die ihm angemessen ist, so daß das Subject seinen Begrif von Geist in dieser 2ten Natur, in dieser durch den Begrif des Geists erzeugten Wirklichkeit findet, und in dieser Objectivität das Bewußtsein seiner subjectiven Freiheit und seiner Vernünftigkeit hat. Das ist der Fortschritt der Idee überhaupt, und dieser Standpunkt muß für uns in der Geschichte das Letzte sein. Das nähere – daß es überhaupt volführt ist, ist die Hauptsache, aber daß noch Arbeit vorhanden ist, gehört der empirischen Seite an; es ist die fernere Arbeit, daß dies Princip sich entwikle, sich ausbilde, daß der Geist zu seiner Wirklichkeit kome, zum Bewußtsein seiner in der Wirklichkeit. Besond re Bet racht ung d ieser Gest a lt ungen. Im besondren müssen wir uns beschränken, vornehmlich müssen wir uns aufhalten bei der algemeinen Gestalt, die dem Geist in der Bestimtheit zukommt, das besondre historische lassen wir mehr oder weniger auf der Seite, es kurz berührend.

2 Weltlichkeit] Do: weltliche Macht muß verschwinden gegen die geistige Macht 3 Obrigkeit des geistigen Reichs] Pi, ähnlich Do: Oberherrschaft des geistlichen Reichs übergeht] DoPi: versenkt wird 4–5 Aus dem … Weltlichkeit] DoPi: Aus diesem Verderben 7 freien] Pi, ähnlich 8–9 der äußerlichen Wirklichkeit überhaupt] Do: dem was Weltlichkeit 35 Do: wesentlichen heißt 10 hinaus] DoPi: heraus vernünftigen] Do: Geistigen 18–19 das Subject seinen Begrif ] Do: der Geist sein Wesen Pi: das Subjekt seinen Geist in dem Objekt findet 22 das Letzte] Do: der wahrhafte Standpunkt, der letzte in der Geschichte Pi: der wahre und letzte 27 B e s o n d r e B e t r a c h t u n g d i e s e r G e s t a l t u n g e n .] Do: Die besondre Betrachtung dieser 40 Gestaltungen müssen wir nun vornehmen.

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I M o r g e n l a n d , O r i e n t a l i s c h e We l t .

Der Boden derselben ist: Hinterasien. China und die Mongolei, das mongolische Hochland, und anderseits die Stromebene von China: Ho-an-go und Yangtse-Kiang[.] Das 2te Theater ist Hindostan, auch von einem Strompaar gebildet, Ganga und Indus. Das dritte tritt weiter hervor: einestheils die Stromebne von Oxus und Jaxartes Baktrien, das Hochland von | Persien, und die Thalebne des Euphrat und Tigris, und daran schließt sich Vorderasien überhaupt. Hinzu komt 4 die Stromebne des Nils: Aegypten. Dies sind die 4 Terrains. Den Character der orientalischen Welt haben wir bestimt. Es ist gesagt, daß die Geschichte hir anfängt mit dem Bewußtsein einer selbstständigen substanziellen Macht, die unabhängig ist von der Wilkür; Gegensatz des afrikanischen Princips. Daher haben wir in Asien erst einen Staat, Zusammenleben unter einem algemeinen Princip welches herscht. Staaten, die um der Gedigenheit ihres Princips willen so große Massenhafte sind. Diese substanzielle Macht ist nicht in der Form der Substanzialität, nicht von einem treibenden, wirkenden Gesetz, sondern in Form einer Regirung; in der Natur ist den natürlichen Subjecten ihre substanzielle Natur, ihr Gesez, ihre Gattung, nicht Gegenstand, aber im Kreise des menschlichen ist das substanzielle wesentlich auch Gegenstand, das unbewegte bewegende ist Gegenstand für die, die da bewegt werden, und sie wissen davon als von ihrem Wesen. Die Macht ist als Regent überhaupt vorhanden, als bethätigende Subjectivität. Wie ist diese Thätigkeit, Weise der Regirung bestimt? Zunächst hat die substanzielle Macht 2 Weisen der Wirklichkeit; die erste Weise ist das im Inren, daß das substanziele sich im Boden des Geistes ausbildet, und diese Ausbildung im innren bleibt, das Reich der Religion, Moralität, Wissenschaft. Hir wird das substanziele aber gewußt als eine geistige Macht auf dem Boden des Gedankens. Die 2te Weise ist, daß das substanziele in der wirklichen Weise des Bewußtseins erscheint und gewußt wird; so ist die Macht, die regirt, in der Weise eines weltlichen Regiments. Im Orient, dem Aufgang des Geists, tritt dieser Unterschid nicht ein, weil ein Bewußtsein im Aufgang des Geists noch nicht dieses Fürsichsein, Freiheit, Inerlichkeit erlangt hat, ist das inre und äußre, geistige und natür12 erst] DoPi: nicht blos Völkerschaften, sondern 21 Subjectivität] Do: Macht 22 ist] Do: ist für das Bewustseyn 27 wirklichen Weise des Bewußtseins] Do: realen Wirklichkeit

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liche noch nicht getrennt. Der Geist tritt also in Gestalt natürlicher Wirklichkeit auf; | und es muß hir gesagt werden, daß der Mensch unmitelbares Bewußtsein ist, wie er existirt. Im Orient tritt dieser Unterschid von Geistigkeit als solcher und von einem weltlichen Reich im Selbstbewußtsein noch nicht ein. Die Weise des Regiments, die Verfassung kann als Theokratie bestimt werden. Das Reich Gottes ist auch weltliches Reich, und das weltliche Reich ist auch Gottes Reich. Was wir Gott nennen, ist im Anfang nicht vorhanden, dieser Gott ist in seinem Andren noch bestimmt, dem denkenden Bewußtsein erst tritt eine solche Scheidung hervor, es ist aber im Morgenland erst der Beginn der Geschichte, Gott ist nur der abstracte Gott; aber seiner Naturbestimtheit nach ist Gott deswegen in gegenwärtiger Gestalt, und so daß der weltliche Regent der Gott ist, und Gott der weltliche Regent ist: theokratischer Despotismus. Die Individualität ist noch nicht in sich gegangen, und hat noch nicht ein Reich der subjectiven Freiheit überhaupt in sich errichtet. Das Theocratische ist nicht im Gewissen, nicht gedacht, sondern ist vorhanden nach dieser Einheit des Geistigen und Natürlichen, die man oft fürs höchste hält, was aber nur der Ausgangspunkt, nidrigste Standpunkt sein kann. Der Geist ist das herschende, und in unmittelbarer Einheit mit dem natürlichen ist er das unfreie. Das sitliche Gesetz ist a u f e r l e g t dem Menschen, nicht sein eignes Wissen, er gehorcht nicht frei, sondern gehorcht überhaupt, das Gesetz des Willens ist für ihn durch einen Despoten. Die nähren Unterscheidungen der asiatischen Reiche, sind 4: zum theocratischen Despotismus gehört das chinesische Reich und die Mongolei. Diese haben das patriarchalische Princip überhaupt zum Grundsatz ihres Staatslebens, daß dieses Princip nach der einen Seite in China mehr in sich entwikelt und ausgebildet ist, zu einem organisirten System des Staatslebens. | Der Monarch ist Chef als Patriarch, und die Staatsgesetze sind rechtliche und moralische Gesetze, so daß das moralische Gesetz selbst als Staatsgesetz gilt, gehandhabt, ausgeführt wird. Der Organismus dieses Staats ist ein Mechanismus der Moralität. An der Spitze der Regirung steht nothwendig das Subject, der Patriarch, Kaiser, der den ganzen Mechanismus aufrechterhält, ihn zusamenhält. Gegenüber, mehr in Weise eines

2–3 und es … existirt] Do: wobei nicht an äußerliche Dinge allein gedacht werden darf, da das Individuum als solches auch natürliches Individuum ist Pi: Das vernünftige des Individuums, das unmittelbare Bewußtsein ist auch eine solche natürliche Subjektivität. 9 Scheidung] Do: Scheidung des Sinnlichen vom Unsinnlichen 13–14 Reich der subjectiven Freiheit] Do, ähnlich Pi: 14 Theocratische] Do: Religiöse Pi: Göttliche 18 unfreie] 35 freies Reich der Sittlichkeit DoPi: Das Moment der subjektiven Freiheit fehlt 19 Wissen] DoPi: Wissen und Wollen 23 daß] Do: so daß 25 des Staatslebens] Do: patriarchalischer Despotie 28 Moralität] Do: Moralität ist. Das väterliche Verhältniß ist hier zu einem äußerlich gesetzlichen Mechanismus gemacht. 29–30 den ganzen … zusamenhält] DoPi: dem ganzen Mechanismus Thätigkeit er40 theilt

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Theokratie. Im Christenthum ist Gott auch präsent: cf. Marc. I,14. Mat th. III,2 – Eph. II,2. ʤʦʤ ʭʬʲ/¾ ntn b«vn ʠʡʤ ʭʬʲ /b«vn mfllvn

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Indien.

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geistlichen Staats, steht das Mongolische, der Dalai Lama an der Spitze. Da ist der Kaiser mehr geistlicher Regent; er wird in China auch verehrt, aber hat eine Menge von Völkerschaften, die ihn direct als ihr Oberhaupt verehren; und haben sich nicht direct zu einem weltlichen Oberhaupt ausgebildet. Sie können als Gottmenschen angesehn werden. Der Kaiser hat mehr die geistliche Färbung, der dalai lama die weltliche. 2) die Indische Gestalt. Die Einheit des Organismus, die vollendete Maschinerie des Chinesischen ist aufgelöst, die besondren Mächte werden losgebunden, frei gegeneinander. Diese sind wesentlich die Stände überhaupt; aber diese losgelassnen Unterschide sind zugleich wieder jeder für sich schlechthin fixirt, durch die Religion, zum natürlichen Unterschid, und die Selbstlosigkeit der Individuen, die mit der Freiwerdung der Unterschide zu gewinnen scheint, wird um so stärker. Das, was als Staatsconstitution angesehn werden kann, ist die Feststelung der | Principien, der Kastenunterschide. Indem diese isolirten Unterschide sich aber im Staat zu einer Einheit verbinden müssen, so ist das Princip des Zusamenhangs des Einheitspuncts dieser Unterschide nur der Zusamenhang der Wilkür, des Zufalls, deren Herrschaft ungeheuer ist –: Despotismus der theocratischen Aristokratie. Es beginnt damit Unterschidenheit des geistigen Bewußtseins gegen den weltlichen Zustand, aber ebenso wie der Character dessen, was weltlicher Zustand genannt ist, als das losgebundensein der verschiedenen Unterschide angesehn wird, so ist das geistige Princip die absolute Trenung der besondren Momente der algemeinen Idee, die deswegen die höchsten Extreme in sich schlißt, Princip des reinen Denkens, Vorstelung des reinen einfachen Gottes und Verehrung algemeiner sinnlicher Naturmächte: ganz abstractes Princip, auf sein Extrem fixirt; damit ist fixirt die Losgebundenheit aller Principien, wilder Taumel, von einem Extrem zum andren, der als Verrücktheit erscheinen muß. Das dritte ist das persische Reich. Das erste, China und die Mongolen, ist das eigentlich orientalische Princip. Indien können wir, wenn wir auf den schon angegebnen Unterschid der algemeinen Reihe Rücksicht nehmen, das indische mit dem griechischen parallelisirn, das persische mit den Römern. Die theokratische Monarchie. Es ist Monarchie, Ein Princip einer Monarchie, d.h. Verfassung, wo ein individueller Wille, ein Regent, an der Spitze steht, aber

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1 Staats] DoPi: Regiments 1–2 Da ist … Regent] Pi, ähnlich Do: Dieser ist mehr geistliches Oberhaupt, (Pi: als Gott verehrt Do: als der Kaiser von China). 4 Sie] Pi: Kaiser und 35 Dalailama 5–6 Der Kaiser … weltliche.] Pi, ähnlich Do: jener mit weltlicher Färbung, dieser mit geistlicher 9 Diese] Do: Diese besonderen Mächte 19 Bewußtseins] Do: Bewustseyns, ein selbstständig werden desselben 25 ganz abstractes Princip] Do: das abstrakteste Princip der Geistigkeit

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zugleich Gesezlichkeit vorhanden ist, die er mit seinen Unter thanen theilt, so daß er die Gesetzlichkeit seiner Unter thanen ist, das des Guten, So haben wir algemeines, reines Princip in dem persischen Reich, das noch in natürlicher Gestalt ist, Lichtprincip, die Idee eines | Volks in freier Sitlichkeit, einer freien, reinen Gemeinde, die aber wesentlich den Gegensatz gegen dieses reine Princip an ihr hat, theils äußerlich als das Reich äußrer Feindschaft, Iran und Turan, theils diesen Gegensatz innerhalb seiner selbst, indem die reine Gemeinde herschend wird, ein weltliches Reich errichtet. Dieses hat ein algemeines Princip zur Bestimung, wie das römische Reich die abstracte Algemeinheit überhaupt zu seiner Bestimmung hat. Es ist um der Algemeinheit seines Princips willen eine solche Gemeinde bestimt, ein Herschendes zu sein, aber von solcher Art, daß es in seiner Reinheit die heterogensten Völker begreift, die einzelne Individualität frei in sich gewähren läßt, und sie nur durch ein äußres Band zusammenhält. So sehn wir Völker von den verschidensten Formen, und darin gelassen, und man kann sagen, daß in dem System der Perser die besondren Principien volständig vorhanden sind. Perser selbst, Nomaden, Assyrer, Babylonier, Vordersyrien, das syrische Uferland, mit der großen Handelsthätigkeit, drunter die Juden, die den abstracten Gott haben, Einen, wie brama, aber einen eifrigen Gott, der die andren Reiche, die in den indischen Religionen ihr Gelten haben, ausschlißt. Dieses große Reich hat den Gegensatz lebendig in sich selbst, und macht eben damit den thätigen, wirklichen Uebergang in der Weltgeschichte. Beharrt nicht ruhig hinten für sich, wie China und Indien, sondern die Tradition in der Weltgeschichte, insofern sie Bewegung, Fortgang ist, begint wesentlich mit dem persischen Reich. An dies schlißt sich 4tens), Aegypten, dessen Princip abstract gefaßt eben die Durchdringung der abstracten Gegensäze überhaupt ist, die an sich die Auflösung derselben ist, aber der Kampf dieser verschidenen Gegensäze ist in sich widersprechend so, daß die |Auflösung noch nicht gesezt, noch nicht heraus ist, so daß Aegypten das Räthsel überhaupt ist welches bestimt ist der inre Uebergang der Weltgeschichte überhaupt zu den Griechen zu sein, dem 2ten Princip. So ist die Betrachtung der Aufeinanderfolge nothwendig.

4 Lichtprincip] Do: Lichtprincip, das Gute als Princip des Herrscher und der Unterthanen 6 Reich] Do: Reich der Finsterniß 16 vorhanden sind] Do: vorhanden, außer einander und neben einander stehend 18 abstracten Gott haben, Einen] Do: geistigen als abstrakten 20 selbst] Do: selbst, und läßt das besondere 35 Einen, ihn der nur für den Gedanken ist, verehren frei gewähren 26 die] Do: eine Durchdringung, die 30–31 So ist … nothwendig.] Do: Die Aufeinanderfolge dieser Principien in der Betrachtung ist nothwendig

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nachschrift kehler · 1824/25 China mit den Mongolen.

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I. Die orientalische Welt. A. China mit den Mongolen. Kaiserthum und Pabstthum. Weltliches Reich und geistliches, ackerbau und dort hereinspielende Kultur und nomadisches Volk andererseits, eine Religion, und Kultur, diesem Stande angemessen, die deshalb keine Kultur ist. Beide sind in enger Verbindung, 2 Oberhäupter Eines Reichs, so daß jedes Oberhaupt für sich ein eignes Reich hat; die politische Annährung beider ist später. China ist von den Mongolen erobert, und doch gebliben, was es war, und auf der andren Seite ist China Herrscher. China und Indien ligen außerhalb der Weltgeschichte, es ist in ihnen kein Fortgang zu anderem, von China keiner, wenn von Indien einer ist, wie der Zusamenhang der Sprachen zeigt, so ist er ein unterirdischer, bloß natürlicher, dem Bewußtsein nicht angemessner Fortgang, und was der Bildung, dem Bewußtsein nicht angehört, ist ein andrer Fortgang, der nicht durch natürliche Verbreitung begründet ist. Die Verbindung der Gegensätze von substanziellem Geist und Subjectivität als solcher ist so fest, daß beides untrennbar ist, die Macht des substanziellen ist so herschend, das algemeine, was hir als das substanzielle, sitliche erscheint, ist mittelst einer solchen Despotie so herrisch, daß die subjective Freiheit, damit die Veränderung | nicht hat eintreten können. Solange die Welt steht, haben sich diese Reiche nur in sich entwikelt. In der Idee sind sie die ersten und zugleich auch die ruhenden. Von China als solchem kann äußerlich bemerkt werden, daß es ein Reich ist, das die Europäer in Erstaunen gesezt hat, und noch sezt. Keins der europäischen Reiche kann sich mit ihm messen; 300 Millionen, 200 Millionen, die 150 Milionen in den großen abhängigen Ländern sind nicht begriffen darunter; die chinesische Herschaft grenzt ans kaspische Meer, und an Indien, welches den Engländern unterworfen ist, oder unter englischem Einfluß überhaupt steht. Vornehmlich ist den Europäern aufgefallen, daß dies große Land unter einer wohlgeordneten Regirung steht, die bis zu den untersten Verwaltungszweigen lebendig ist, wo Ackerbau, Gewerbe, Künste, u.s.f. in der Blüte stehn, daß es so

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4 ackerbau und … Kultur] Do: Ackerbau mit seinem Cultus Pi: ackerbauendes Volk und daher ge- 30 nommene Cultur nomadisches Volk] Pi: Nomaden, Viehzucht treibendes Volk ohne wahre Cultur Do: Viehzucht treibende Völker 7 eignes] DoPi: besonderes 7–8 die politische … später] Do: Politisch sind sie ebenso verbunden 9 ist China Herrscher] Do: China herrscht über den größten Theil der Mogolen, die Nomaden geblieben 13 nicht angehört] Do: angehört 15 Subjectivität als solcher] Do: freier Subjektivität 18–19 hat eintreten können] Do: hinkommen, sie auflösen 35 kann, nicht sie fortbringen kann zu einem Fortgang 22 in] DoPi: immer in 23 200 Millionen] Do: 200, die geringste Schätzung 50 Millionen 23–24 die 150 Millionen … darunter] Do: Die große Mongolei ist darunter nicht begriffen. 28 untersten] Do: untergeordnetsten 4 dort hereinspielende Lesung unsicher

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viele Städte in sich schließt, die 2 bis 3 Millionen Einwohner haben. Dieser Anblik hat die Europäer intressirt in Rüksicht auf europäische Staaten und deren Beschafenheit, im 17 Jahrhundert, unter Louis XIV ist in Ansehung des unruhigen Geists der Einwohner begirig gewesen, wie sich in dieser Bezihung die Einwohner verhalten, oder wie die Ruhe erhalten werde, ob sie selbst wohlhabend, so daß Zufridenheit unter der großen Menge herscht. Die Missionäre haben gründliche Memoirs über den Zustand von China gegeben, und geben Aufschlüsse über die Geschichte, da sie eine Reihe von Geschichtschreibern vor sich hatten; kein Volk hat einen Zusamenhang von Geschichtschreibung von mehreren 1000 Jahren, wie die Chinesen. Andre Völker schreiben ihre | Kultur aus alten Zeiten her, wie die Indier, aber diese haben keine Geschichtschreibung. Die Araber haben sehr hohe Traditionen, Nationalbegebenheiten schließen sich unmittelbar an die hebräischen Bücher, aber sie machen keinen Staat aus. Bei China ist aber ein gegenwärtiger Staat, in dem Geschichtschreiber aus dem höchsten Alter thum sind. China hat dieses eigenthümliche, daß es sich in sich selbst entwikelt hat. So weit die Geschichte geht, insofern es als ein Reich angesehn werden kann, hat es für sich bestanden, ist erobert zwar, aber 1281 von einem Enkel des Dschengis chan, das dauerte aber nur 81 Jahre, zur Zeit des 30jährigen Krigs von den Mandschu erobert, aber alles dies hat keine Verändrung hervorgebracht. Wenn wir also mit China anfangen, so ist es der älteste Staat, und doch keine Vergangenheit, sondern der ebenso existirt, wie wir ihn in alten Zeiten kennen lernen. Wir fangen vom ältesten Zustand an und von einem jetzigen. Der Grund ligt in der Bestimung, daß die Sitlichkeit, das Familienverhältniß hir zu dem ungeheuren Ganzen eines Staats ausgebildet worden ist. Kurze geschichtliche Daten, dann Hauptmomente aus seiner Verfassung, Staatsverwaltung darstellen. Einige Zahlen. In der Chronologie nimt man gewöhnlich die sogenannte Sündfluth, dies so wichtige Ereigniß, ungefähr 2400 vor Christus an. Diese Rechnung gründet sich auf die mosaische Urkunde, und die masorethische Ausgabe des hebräischen Textes; Johannes Müller legt zum Grunde die alexandrinische Uebersetzung, die auch bei Josephus vorkomt; zwischen Adam und Abra-

4 Einwohner] Do: Unter thanen 6 Die Missionäre haben] Do, ähnlich Pi: Diese Neugierde ist denn auch in Ansehung des Zustandes durch die Missionäre befriedigt worden. Sie geben 8 Reihe] Do: zusammenhängende Reihe 9 Zusamenhang] Do: ununterbrochenen Zusammen hang 13 Staat] Do: 35 11 Geschichtschreibung] Do: Geschichtsschreibung auch nicht in den alten Vedas eigentlichen Staat 15 Alter thum] Do: Alter thum, da bei andren diese nicht mehr existiren 17 1281] Pi: 1279 24 ausgebildet worden ist] Do: ausgebildet, da sonst das patriarchalische Princip als solches uns nicht interessirt 14 in dem] Ke: der

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ham sind 1300 Jahre eingeschaltet, und zwischen Abraham und die noachische Fluth fallen nicht 3 Jahrhunderte, sondern 11. Auf diese Weise kommt | Müller auf 3473 Jahre vor der Geburt Christi. Er sagt: Moses, dem die große noachische Fluth für alle Länder des Erdbodens gilt, | kann sich auch nicht die Erde nach jener Umwälzung sich so vorstellen, daß Aegypten z.B. schon so gebildet gewesen seyn konnte. | Was die chinesische Geschichte betrift, so gehen die Zahlen der Tradition in den chinesischen Geschichtbüchern sehr weit zurück, 23, 24, 27 Jahrhunderte. Das Reich Hoanti nimt man als eine Fundamentalepoche an, sein 61stes Jahr an, und dieses wird gesezt 2637 vor Christus, und sein erstes auf 2698. Fohi, der als der Stifter Chinas von allen chinesischen Geschichtschreibern genannt wird, obgleich my thologisch (Hoanti Gesetzgeber) wird noch älter gesezt. Früher kam es sehr häufig vor, der Chinesischen Geschichte höhres Alter beizulegen um die Tradition der mosaischen Urkunden zu chikaniren. Diese Zahlen haben aber die einsichtigsten Forscher gefunden. Ein Engländer sagt, es sei merkwürdig, daß die ältesten orientalischen Völker den Anfang ihrer Reiche von derselben Zeit an datiren, China 2300, Aegypten 2207, Assyrien 2221; Indien, wenn man der mythologischen Tradition einige Bestimtheit zuschreibt, 2204. Unter den Linien der Sonne und des Mondes. Einige Geschichtschreiber sind von fleißigen Missionären ins Französische übersezt, Père Maillard, sehr gelehrter Mann. Die meisten Völker haben Urund Grundbücher für ihre Geschichte und Bildung; wie die mosaischen Urkunden für die Juden. Homer für den Anfang des griechischen Lebens. So auch die Chinesen: die Kings. | YKing, ChiKing und ChouKing. Das leztre betrift die Geschichte. Fragmente von Traditionen über die Regirung der alten Könige. Im Yking werden Figuren erläutert, die dem Fohi zugeschriben werden, Commentar über die Linien, die die Grundlagen ihrer Schrift, und ihrer Metaphysik ausmachen. ChiKing enthält Oden. In alten Zeiten war es ein Zug, daß musikalische Gedichte wesentlicher Gegenstand der Regirung waren. Alle hohen Beamten des Reichs hatten den Auftrag, jährlich beim Kaiser alle Gedichte mitzubringen, die in den Provinzen gemacht waren. Diese untersuchte der Kaiser mit seinem hohen gelehrten Tribunal, die besten erhielten öfentliche Sanction, wurden theils feierlich gesungen, und auch dem Volk für seine moralische, religiöse

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3 3473] Pi: 3471 Do: 3374 21 Mann] Do schließt an: 5 Quartanten 27 ihrer Schrift, … Metaphysik] Do: für die metaphysischen Spekulationen der Chinesen 28 ausmachen] Do schließt 35 an: Confutse hat einen solchen Kommentar geliefert. 4–6 kann sich … konnte so Do; Ke: wie konnte er sich die; danach eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen

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Bildung empfohlen. So aus öfentlich anerkanten Volksgedichten war das ChiKing. ChouKing ist übersetzt. Ein Capitel enthält auch die alte Weisheit. Das Hauptkapitel, das die physikalischen Vorstelungen darstelt, spricht von 5 Dingen, die zum Leben nothwendig sind: Wasser, Feuer, Holz, Metalle, Erde. Die 5 Beschäftigungen der Menschen sind: affaires, die äußerliche Figur, die Sprache, Gesicht, Gehör, Gedanken. Betrachtungen drüber, das äußerliche sol ernst und würdig sein, die Sprache soll bestimt sein, u.s.f. Es sind 3 solche Bücher von ihrem alten Kult erhalten, die 2 andren Kings sind nicht so geachtet. Daß sich nur so wenig erhalten hat, wird einem Kaiser, 200 vor Christus zugeschriben, der die ganze Litteratur aufs sorg|fältigste aufsuchen liß, und verbrennen. Er war Chef einer neuen Dynastie, und ging drauf aus, ihre alten Geseze und was in Schriften auf behalten war, zu vertilgen, um ihnen die Appellation an ihre Urkunden zu verweisen. Er hat auch die große Mauer gebaut. Der Anfang vom chinesischen Reich wird in dem nordwestlichen Winkel von China gesehn, wo der Hoangho aus dem Gebirgsgurt hervortritt. Später dehnt sich die Reichsgeschichte Chinas weiter herab, gegen Süden an den YangtseKiang, der sie lange beschränkt; noch später dehnt sich die Herschaft Chinas auch südlich aus, bis ans südliche Meer. Noch später werden die andren 3 Provinzen an der südlichen Küste als selbstständig angeführt, sie werden überhaupt vom nördlichen China durch eine Gebirgsreihe abgeschnitten, und haben andren Character. Handel nach Canton, Gebrauch der Wollwaren, ist noch nicht ins nördliche China gedrungen; hat nur Wichtigkeit für diese drei Provinzen. Von Norden dringen, aber sehr beschränkt, durch die Russen Waren ein. Die Geschichtschreiber geben auch die Anfänge der Cultur an: Fohi Stifter eines gesitteteren Zustand. In Shensi, an dem obren Ufer des Hoangho lebten sie ohne Kultur, kleideten sich in Felle, unterschiden sich von den Thieren nur dadurch, daß sie eine Sele gehabt haben, fähig, ihnen einen widerwillen gegen solche Lebensart ein zu flößen. Einer ihrer Führer habe | sie zu kochen gelehrt, und dergleichen, auf Unterschide der Jahreszeiten aufmerksam gemacht; dahin fällt Fohi, wohl zu unterscheiden von dem Gott Fo, in der buddistischen Religion. Chinas Geschichte führt uns meistentheils Rebellionen an, in welchen sich das Losreißen einzelner Theile erzeugt. Peking ist unter den Mandschus Resi3 übersetzt] Do: übersetzt worden ins französische Pi: von Dequis übersetzt Weisheit] Pi: 5–6 Die 5 Beschäftigungen … affaires] Pi: Die 5 affaires der Menschen sind 6 Figur] Do: Figur der Körper 7 äußerliche] Do: wißen 12–13 ihre alten … war] Do: die alten Erinnerungen der Chinesen, ihre Gesetze und Verfassungen 25 Anfänge] DoPi: Fortschritte 26 Kultur] Do: Häuser in Wäldern 33 Theile erzeugt] Do: Theile vor, Empörungen besonders in der Nähe der Residenz

35 Weisheit jener Zeit

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denz gewesen, so haben neue Dynastieen die Residenzen gewechselt. Die letzte Verändrung ist Hauptgegenstand in der Geschichte Chinas: die Mandschu-Unruhen; die Mandschu sind als die 22ste Dynastie angegeben. Die Verändrung ist theils von außen her, theils von inen heraus bewirkt worden, indem die Monarchen erschlaften in ihrer Regirung; denn von der Moralität des Kaisers und seiner fortgesezten Thätigkeit ist der ruhige Zustand des Reichs abhängig. Wenn also Regenten davon abgelassen haben, die Zügel ihren Vertrauten überlassen, worunter vorzüglich die Verschnittenen zu rechnen sind, dann ist das Reich schwach geworden, es haben sich einzelne Provinzen unabhängig gemacht; und solche Fürsten haben häufig die Reichsdynastie gestürzt. Ein Fürst der Dynastie Tsin, Shi-wang-ti 213 vor Christus der zweite, hat die Einheit im Reich wieder hervorgebracht, 36 Provinzen, Nanking Hauptstadt. Armee gegen die Tataren, welcher die große Mauer, 600 Meilen lang, 13 Ellen hoch, 10 Ellen dick, erbaute. Derselbe, der die Bücher hat verbrenen lassen des Con fut tsee und des Menzius. Der Zusamenhang damit wird so angegeben, daß er und der vorige Fürst große Revolutionen in Verändrung des Eigenthums gemacht hat, seinen Chefs große Ländereien gegeben hat, die vorhin im eigenthümlichen Besiz einzelner waren. Er hat das Reich also als ein militärisch erobertes betrachtet, und es wird von diesem verfahren her der Ursprung der Sklaverei datirt, indem die bisherigen freien Eigenthümer für die neuen Herren bauen mußten, als Leibeigne. Dies hat die stärksten Protestationen der Bürger, Beamten, Gelehrten, Gebildeten überhaupt veranlaßt, und um ihnen die Urkunden zu entreißen, des Eigenthums und der Grundsätze der frühren Regirung liß er die Bücher verbrennen, er gab an, die Gelehrten hätten so viele Zweifel in ihren Büchern, daß die Leute vom Akerbau abgehalten würden. eine nicht sehr große Anzahl ist gerettet. Sonst hat der Wechsel der Dynastien den Zustand, die gesetzliche Weise, den Geist des Reichs, nicht vil verändert. | Kampf mit den Strömen, wichtige Angelegenheit des Gouverneurs; Ueberschwemungen, womit der Schaden, der in Europa durch solche entsteht, gar

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5 erschlaften in ihrer Regirung] Do: die Zügel aus der Hand fallen ließen 10 Reichsdynastie] Do: 30 regierende Dynastie. Diese innerlichen Kriege sind ein Hauptinhalt in der chinesischen Geschichte. 11 der zweite] Do: der zweite der Dynastie Tsin 17 vorhin] Do: vorher 18 waren] Pi: waren, und wollte so die Erinnerung des vorigen Besitzes zerstören 20–21 für die … Leibeigne] Do: in das Verhältniß von Sklaven treten Pi: Sklaven der Krieger wurden 21 Dies] Do: Diese große Veränderung in dem Reiche 26 gerettet] Pi: gerettet, worunter SchuKing 35 28 Kampf mit … Gouverneurs] Do: Ein anderes großes Interesse der Geschichte ist der Kampf mit den Strömen mit dem Hoango und Jangzekian, die ungeheure Ueberschwemmungen machten. Pi: Der Kampf mit den Strömen findet sich nach SchuKing in der frühesten Zeit schon. Es war eine der größten Bemühungen der Kaiser, die überschwemmenden beiden Flüße zu zähmen. 5 in] Ke: sin

14 lassen des] Ke: lassen. Des

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nicht zu vergleichen ist. Millionen leben drauf, und die Ueberschwemungen veranlassen den Untergang von dem leben viler Millionen, und des Vermögens mehrerer. Kanäle, der Kaiserkanal, 600 Stunden, ist erstaunungswürdig. Das Bedürfniß, Lebensmittel in die großen Hauptstädte zu bringen, hat die Anlegung veranlaßt. Auf diesem Kanal wurde die englische Gesandschaft transportirt. Die lezten Gesandtschaften haben wenig gesehn, nicht sehr lehrreich. Der Fortgang in Erfindung, Bildung beschäftigen auch das Intresse, die Eitelkeit der Chinesen hat viel Fabelhaftes hinein gebracht. Das Pulver eher, und dergleichen. Alles dies ist durch gründlichere Forschungen vernichtet. Kanonen der Jesuiten, Art von Druckerei etwas früher als Europa. Die Kriege haben mehr zum zwek Besigung von Rebellionen, Kämpfe von Rebellen gegen die etablirte Dynastie. Sonst mit den zunächst herumligenden Tataren. Ein tartarisches Reich im Norden an einem nordwestlichen Punkt von China wird erwähnt, das China, als es ein paar Jahrhunderte bestanden hatte, unterwarf. Der 4te Enkel Dschingis Chans unterwarf China, 89 Jahre dauerte diese Dynastie, der Kublaichan war es, Hobilye bei den Chinesen. Kanal 300 Meilen lang; der erste Bau sol sehr unvollkommen geführt worden sein. Die Schlacht war im Meer bei | Canton, wodurch er China besigte. Vorher wird viel andres erzählt, das auffalend ist. zb. 64 nach Christus habe sich Ming-ti bewegen lassen Deputirte zu schiken, um den Heiligen aufsuchen zu lassen; die Gesandten haben aber nicht die christliche Lehre zurückgebracht, aber eine, ähnlich der Buddareligion: den Fo und die Selenwandrung. Man sagt, 88 nach Christus sei ein Chinesischer General, Ho-ti bis an die Grenze von Judäa vorgedrungen; bis Par thien ist er wirklich vorgedrungen. 618 unter Tai-chou seien Christen nach China gekomen, und die spätren Geistlichen hätten 1625 ein marmornes Monument gefunden, von 780. Ausgabe von Athanasius Kircher; daraus ist klar, daß Christen von Syrien nach China kamen und lehrten.

3 Kaiserkanal] Do, ähnlich Pi: Der große Kaiser kanal (Do: der von Peking ausgeht Pi: von Pek5–6 wurde die … transportirt] Do: werden gewöhnlich die Gesandschaften eingelassen 7 Erfindung, Bildung] DoPi: Erfindung einzelner Künste 8 Fabelhaftes] Do: ungeschichtliche 8–9 Pulver eher, und dergleichen] Pi: Pulver, astronomische Kenntnisse, worin sie über den Europäern stehen sollten 10 Kanonen der … Europa.] Do: Die Kanonen haben sie von den Jesuiten, eine Art Buchdruck mit Holz hatten sie 11 Die Kriege] Do, ähnlich Pi: Ein weiterer Umstand ist das Verhältniß zu andren Staa35 früher. ten. Diß ist aber sehr einfach. Die Kriege 14–15 das China, … unterwarf ] Do: mit dem China lange Krieg geführt 1101 wird es erst unterworfen 17 sol sehr … sein] Do: der aber später verbessert werden mußte 18 Schlacht] Pi: Die letzte Schlacht, wodurch diese tatarische Dynastie auf kam 19 64] DoPi: 34 20 Heiligen] Do: Heiligen des Occident 23 88] Pi: 89

30 king, dem Jantsekian, nach inneren Gegenden)

40 13 an] Ke: und

Aus der 5ten Dynastie: Han-chan, von 206 – legte Akademien an zur Erziehung seiner Prinzen. Ließ einen Damm zihn am Hoang-ho, 10 Meilen lang, 100000 Menschen arbeiteten. 96Ke Die 13[.] Dynastie ist Tang; 680 kam eine Gesandschaft, von weißen Männern, mit schönen Haaren, blauen Augen, wurden sehr wohl aufgenommen, und sollen die Christen gewesen sein, von denen das Denkmal herrührt. – Tai-tsou hat also 630 gestattet, eine Kirche in Peking anzulegen, das Christenthum zu predigen. Unter Kan-Son seinem Nachfolger, wurden die Christen 15 Jahre lang verfolgt. Die 14te Dynastie ist Hew-Liang 0–90. Die 15te – – HewTang[.] Die 16te – – HewTsin. Die 17te – – HewHam. Die 18te – – HewChew

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Die Chinesen sind immer in enge Verhältnisse mit den Tataren im Norden getreten. Das Königreich, Lyan-Kong oder Leao-tong, das 290 Jahre dauerte. sie unterwarfen es durch Hülfe von westlichen Tataren, die dadurch einen Fuß in China zu bekomen anfingen. Auch den Mandschus haben sie früher Wohnsize angewiesen. Wie im römischen Reiche mit den Deutschen. Ebenso ging es den Chalifen in Ansehung der Türken. Bis 1644 hatten sie vile Krige mit den Tataren, bis 1644 die Revolutionen volendet waren wodurch die Mandschu. Waithan, und der erste der 22[.] Dynastie Sun-Ki, starb 24 Jahr alt, in Schwermuth. 1662 Kan-gi. Seine Vormünder jagten die Verschnittnen aus dem Palast bis auf 2000. Alle Einwohner an der Seeküste solten bei Leibesstrafe sich 3 Meilen von der See entfernen, aller Handel verboten. Unter dieser Dynastie hat sich ein geistlicher katholischer Orden verbreitet; sie hatten lange vil Freiheit gehabt; haben sich der Herschaft sehr genähert; indeß ist das Christenthum bisweilen sehr verfolgt worden, weil es mit dem ganzen des chinesischen nicht verträglich ist. Es wird vom Kaiser Yong-Sching 1732 eine Rede erwähnt, in der er sagt: ich würde es gern sehn, daß jeder Chinese ein Christ würde; eure Gesetze verlangen es; aber was würde daraus folgen, daß in China nur christliche Könige Herrscher würden? Es gibt ihrer aber sowenige, und es ist keine Gefahr. – | Grundzüge der chinesischen Verfassung. Das Familienverhältniß ist Grundbestimmung, das Verhältniß der Kinder zu den Eltern. Im Privatleben, Religion und Staatsleben ist diß patriarchalische Verhältniß, ausgedehnt zur Regierung des zahlreichsten Volkes, die väterliche Vorsorge ist ausgebildet zu einer in sich vollkommen geregelten Regierung. So wie die Kinder nicht | heraustreten aus der Familie, nicht selbstständig zu Bürger werden, so fehlt hier das Moment der sub-

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6 Bis 1644] Do: zu Anfang des 17 Jahrhunderts Pi: vom 16 ten zum 17ten Jahrhundert 7 Mandschu] 25 Do: Mantschu an die Regierung kamen Pi: Manschu Herrscher wurden 7–8 Wai-than] Do: Taitsou 11–12 hat sich … verbreitet] Do: haben sich katholische Orden in China lange erhalten, die durch ihre mechanischen und astronomischen Kenntnisse sich geltend machten 14–15 weil es … ist] Do: wenn sie zu zahlreich wurden 18 Gefahr] Pi: Gefahr ect. Die Familie eines neu bekehrten Mandarinen ergriff die Waffe, weil er nicht Achtung genug den Vorfahren erwies.“ Do: 30 Abtrünnigkeit von der Religion muß nothwendig in China Abtrünnigkeit von der Regierung nach sich ziehen, da sie so eng verknüpft sind. 19 Grundzüge] Pi: II Geist 19–20 Grundbestimmung] Pi: Grundbestimmung des Staates 20–21 Religion und Staatsleben] Pi: Recht, Religion 21–22 diß patriarchalische … Volkes] Pi: das Verhältniß der Kinder zum Vater so klar als im Staat. Dieß patriarchalische Verhältniß ist am passendsten zur Regierung des weitesten Reichs 35 der Erde 24–549,1 so fehlt … Leben] Pi: das Moment der subjektiven Freiheit, die eigenthümliche Moralität fehlt dem chinesischen Staat, ungeachtet des moralischen Prinzips. 19–550,16 Grundzüge der … ist so Do, ähnlich Pi; Ke: Die Religion ist (bricht ab); S. 97f fehlen. An Stelle von S. 97f ist ein anderes, von anderer Hand als 97 und 98 gezähltes Blatt eingelegt; S. 97 ist zum Teil mit anderem Text bedruckt, S. 98 vacat. S. 99 wird Ke fortgesetzt mit den Worten: Weise geschieht, was 40 seiner Natur nach sittlicher Art ist.

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jektiven Freiheit in dem Leben, in Konfutzees Werken, die größtentheils Werke über die Moral sind, sind moralische Gebote ausgebildet. Ein Sohn hat kein Eigenthum, die äußerlichen Gebräuche sind genau bestimmt, er darf nicht durch die Mittelthür gehen, nicht ihn zuerst anreden, nicht weggehen ohne geheißen, der Sohn muß 3 Jahre um den Vater trauern ohne ein Geschäft, der Kaiser nicht regieren, der Mandarin wird dispensirt während dieser Zeit. Er darf nicht heirathen, keine öffentliche Gesellschaft besuchen, kein Fleisch essen und keinen Wein trinken, außer wenn er krank ist, oder 50 Jahre alt. Mit 70 Jahren ist die Trauer auf die Farbe der Kleider eingeschränkt. Wenn ein einziger Sohn vorhanden ist von einem Greise von 70 oder 80 Jahren, so ist der älteste Sohn der Pflichten entbunden, ist er 90 Jahr alt, so ist die Familie frei. Die Mutter, die Hauptfrau des Mannes, muß ebenfalls so geehrt werden. Die anderen Frauen und ihre Kinder stehen unter der ersten. Die letztern betrauern ihre eigene Mutter nicht. Der Kaiser ist zu eben dieser Ehre verpflichtet. Der vorige Kaiser besuchte im 68 Jahre alle Morgen seine Mutter, durch eine eigne Deklaration an das Reich sagte er sich später davon los. Der Neujahrsglückwunsch geht zuerst vom Kaiser an die Mutter. Der Kaiser läßt alles durch sie sanktioniren, wählt sich keine Gattin, er erzeigt keine Gunst, in ihrem Namen wird alles bekannt gemacht. Die Ehrenbezeugungen überhaupt gehören den Eltern, so daß die schon begrabenen mit den Söhnen in einen höhren Stand erhoben werden, ja jene allein. Ein Fürst bat den Kaiser um einen Ehrentitel für seinen Vater, und dieser erhielt sie und das Lob für die Thaten des Sohnes. Giebt ein Sohn einen seiner älteren Verwandten über etwas an, so wird er zu 100 Schlägen und 3 Jahr Exil verur theilt wenn die Anklage wahr ist, ist sie falsch zum Tode verur theilt. Ist der Sohn unsorgsam in der Pflege seiner Eltern, so erhält er 100 Prügel, sagt er eine Verbalinjurie so wird er erdrosselt, hebt er seine Hand auf, enthauptet, verwundet er ihn in Stücke

1–2 in Konfutzees … ausgebildet] Pi: Ueber diese Familienverhältnisse einige nähere Züge: Keine Pflicht ist in Reichsgesetzen und Confuzes Werken höher als die Kindespflicht. | (Confuze, Minister, schrieb geschichtliche und moralische Werke, aus denen wir nicht viel profitiren können. Fami3 die äußerlichen … bestimmt] Pi: Die 30 lienverhältnisse, weitläuftig ausgeführt, sind die Inhalte.) äußere Ehrerbietung ist vorgeschrieben. 4 geheißen] Pi: Erlaubniß 6 Mandarin] Pi: Mandarin (in den ersten Civilstellen) 7–8 kein Fleisch … trinken] Pi: ist an gewöhnliche Speisen, ohne Wein und Fleisch, gebunden 8 oder 50 Jahre alt] Pi: Erst vom 50ten Jahre an ist er nicht gehalten bis zur Magerkeit zu fasten. 12–13 Die anderen … nicht.] Pi: Die Kinder der andren Frauen müs35 sen nicht die leibliche Mutter, aber die erste als Mutter ehren und betrauern. Wenn der Mann eine andre Frau als die erste mehr liebt, bekommt er 100 Prügel. 14 Kaiser] Pi: Kaiser, ein höchst geachteter Mann 15 Jahre] Pi: Jahre, selbst durch Schnee und Eis Mutter] Pi: Mutter, die entfernt wohnte 15–16 durch eine … los] Pi: und als er zu alt und schwach war, hat er sich beim Volke noch entschuldigt, daß er es nicht fortsetzt 20 Fürst] Pi: Fürst, Premierminister 24 un26–550,1 verwundet er … gerissen] Pi: Verwundung der Aeltern wird 40 sorgsam] Pi: nachlässig mit Zangenzwicken und Verbrennen bestraft. Dasselbe gilt gegen den älteren Bruder.

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gerissen. Der Vater muß für alle Fehler seiner Kinder und Hausgenossen stehen und wird selbst dafür am Leben gestraft. Die Hauptsache ist, daß der Hausvater Kinder habe. Hat er sie nicht von seinen Frauen, so adoptirt er Kinder, daß er jemand wisse, der sein Andenken ehre sein Grab unterhalte und schmücke. Diese Verehrung ist eine besondere in so fern sie gestorben sind. Das Grab des Vaters und der Mutter muß von Zeit zu Zeit besucht werden, ja oft bleiben sie Monate lang am Grabe, ja behalten die Leiche der Eltern 3 bis 4 Jahre im Hause. Das Grab wird immer gepflegt und unterhalten, von Jahr zu Jahr erfrischt, bepflanzt, Fleisch und Wein darauf gesetzt. Jede Familie hat einen Saal der Voreltern, alle Mitglieder versammeln sich in diesem Hause, oft kommen 8000 Menschen zusammen von den verschiedensten Provinzen, da ja kein Individuum durch Stand zu irgend etwas bevorrechtet ist. Die Bildnisse der Verstorbenen werden aufgestellt oder ihr Name wird aufgeschrieben, die Reicheren speisen dabei die Armeren. Auf dem Familienverhältniß ist also der Staat gegründet, das Regieren der Familie ist hier wesentlich in freier rechtlicher Weise, was seiner Natur nach nur sittlicher Art ist. | 3 ) A r t d e r Ve r f a s s u n g . Der Kaiser ist der Patriarch, der die Familien mit dem Recht eines Familienvaters regirt. Es ist keine väterliche Regirung, sondern eine Staatsregierung, aber so, daß dem Kaiser zukomen die Rechte des Vaters, die er aber nicht in Weise des Vaters, moralisch, sondern regirend exercirt. Auf den Kaiser ist alles gehäuft, was im Staat Ehrfurcht für sich haben kann. Er ist Chef der Religion, die wesentlich Staatsreligion. Es ist zu unterscheiden die lamaische Religion; das Verhältniß des chinesischen Kaisers zum Dalai Lama, was nicht zu einer Staatsreligion ausgebildet ist, sondern was man die höhre, unintressirte Religion nennen kann, als innerliche, mehr geistige. Diese Religion, Staatsreligion ist nichts innerliches, der Subjectivität angemessnes. In der Religion hat das Individuum einen unendlichen Wer th, der der weltlichen Regierung entzogen ist, oder sich entziehn kann. Die chinesische Staatsreligion ist eine Naturreligion, außre Abhän-

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3 Hat er … Kinder] Pi: Wenn ein Mann von der 1ten Frau keine Kinder hat, so kann er Concubi- 30 nen halten; was indeß ihm auf jeden Fall erlaubt ist. 6 sie] Pi: die Verwandten 9 Fleisch] Pi: Blumen, Fleisch 10 8000] Pi: 7–8000 11–12 da ja … ist] Pi: (Kein von Natur sich fortpflanzender Stand gilt. Adel ist nicht vorhanden) 13–14 aufgeschrieben, die … Armeren] Pi: hingeschrieben und hier ihnen Ehre erwiesen 14 Staat] Pi: die ganze Verfassung 18 Der Kaiser] Pi: Das Familien verhältniß ist insofern verändert, als es Staat wird. Der Kaiser 21 exercirt] Do, 35 ähnlich Pi: ausübt 22 Er ist … Religion] Pi, ähnlich Do: (Do: Der Kaiser Pi: Er) steht an der Spitze der (Pi: Regierung und) Religion 26 innerliche, mehr geistige] Do: etwas freies geistiges Diese Religion, Staatsreligion] Do: Die eigentliche Staatsreligion 27 angemessnes] Do: angehöriges, nicht das, was wir Religion nennen 28 unendlichen] Do: unendlichen selbstständigen Pi: absoluten 29 außre] Do: ein Verhältniß äußerer 40

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gigkeit. In der wahren Religion ist das Individuum befreit; für die äußre Abhängigkeit ist wesentlich das Verhältniß zu Naturgegenständen. Das eine, was das höchste Wesen ist, ist der Himel, Natur überhaupt. Himel, insofern, Jahreszeiten, Tag und Nacht, Gedeihen der Ernte, äußerlichkeit der Natur, insofern diese, dem Menschen nüzliche, vom Himel abhängt. Der Kaiser steht an der Spitze der Naturreligion. Nicht die Individuen für sich nähern sich dem Himel, beten ihn an, sondern der Kaiser ist es, der sich an den Himel auf diese Weise adressirt, | an der Spitze seines Volkes. Gewisse Feste sind verordnet: Im Frühlings und Herbstäquinoctium, und in Sommer und Wintersonnenwende; der Kaiser ist es, der an der Spize seiner Hof bedinten, des Volkes, große Opfer bringt, Gebete veranstaltet, dankt und Segen des Himels erfleht. Dieser Himel könte genomen werden im Sin Gottes, als des Herrn der Natur, aber man sieht ofenbar aus allem, daß darunter zu verstehn ist, was wir Himel, oder Natur überhaupt heißen. Großer Streit zwischen den Orden, die als Missionäre hingingen: die Jesuiten gaben den Namen Kien, und sagten, daß dies auch unser Gott heißen könne; sind aber verklagt worden, daß sie für den Christengott einen Namen zulißen, der eine Naturmacht bedeute. Der Pabst schickte Cardinal, Bischöfe dahin, zur Untersuchung, und verordnete, daß nicht der Name Kien für Christus gebraucht werden solle; sondern Kien-Ki, Herr des Himmels. Es ist kein geistiger Gott, sondern die Naturmacht, nur der Kaiser ist der vermitler zwischen diesem Kien und seinen Unter thanen. Das Verhältniß zum Himmel wird vorgestellt auch als ein solches, daß der Kaiser durch sein Wohlverhalten den Segen des Himmels sich verdiene, und daß ein Mißwachs zu seinem Grunde habe das unmoralische Betragen der Bewohner, besonders des Kaisers. Das Gedeihen der Ernte, Fruchtbarkeit des Jahres wird alerdings in moralischen Zusamenhang gebracht, aber dies ist für sich selbst sehr 2deutig: In der christlichen Religion findet auch dieser Zusamenhang statt, aber ist wesentlich untergeordnet. Da | wird vorgestelt, daß das zeitliche Leben nur einen Theil von dem Ganzen ausmache, worin die Bestimmung des Menschen zu setzen sei. Es ligt bei den Chinesen imer eine Art von Zauberei zum Grunde, das wohlverhalten der Menschen ist das Determinirende; wenn der Kaiser sich wohlverhält, so ist der Himel genöthigt, es ihm wohlgehn zu lassen. Das lezte ist imer, das, was die Menschen thun, und nach ihrer Wilkür thun. Das moralische Verhältniß ändert die Beschafenheit nicht, daß, was in der Staatsreligion der Chinesen als das höchste gilt, nicht sei die Naturmacht überhaupt; der Kaiser steht an der Spitze, und er ist es, der sich dem Himel nähert, die Unter thanen nicht für sich selbst, er ist 8 adressirt] DoPi: wendet 24 Bewohner] DoPi: Chinesen 30 wohlverhalten] Do: Wohl oder Uebelverhalten 31 das Determinirende] Do: das determinirende […] von dem was geschieht

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nicht für sie ihre besondre Angelegenheit[.] 2te Seite in dieser Religion ist daß indem im Kaiser das algemeine Verhältniß des Reichs zum Himel ligt, was die besondre Bezihung zur Macht betrift, ganz dem Befehl und Willen des Kaisers unterworfen wird und daß er in diesem Verhältniß sich als abhängig ansieht von dem Himel. Die Wohlfahrt der besondren Provinzen, Städte, Dörfer, Individuen. Diese besondre Wohlfahrt ist besondren Genien anvertraut, die dem Kaiser unterworfen sind, der nur den Kien verehrt, aber das ganze Geisterreich des chinesischen Reichs beherrscht. Flüssen, Bergen schreiben sie große Macht zu; u.s.f. Staatscalender, in dem die Beamten der verschiednen Ämter stehn, aber ebenso ist auch verzeichnet die Hierarchie der Genien, die in diesem Jahr herrschen sollen, die der Kaiser verordnet, eingesezt. Wenn in einer Provinz Unglück geschehn ist, die Ernte nicht gereicht, u. sw. so wird es dem Genius zugeschriben; scheußliche Bilder sind zur Verehrung | des Volks vorgestelt. Ein Schen wird abgesezt, ein andrer an die Stelle, der Kaiser macht Declarationen darüber. Ebenso steht auch der Kaiser an der Spize der Wissenschaften und der Litteratur[.] Er hat mehrere Tribunale in seiner Nähe, denen die Befördrung der Wissenschaften anvertraut ist; auch das astronomische. Weil die Chinesen weniger die Astronomie verstehen, so sind europäische Geistliche die Mitglider. Besonders muß der Kalender verfertigt werden, nicht die Astronomie als Wissenschaft um ihrer selbst willen wird ausgebildet, sondern besonders der Feste willen, und deren genauere Bestimung. Bei Sonnen und Mondfinsternis.Wenn Astronomen die Tage falsch bestimten, Neumond und dergleichen falsch bestimten, verloren sie den Kopf. So ist die Astronomie Staatsgeschäft. Die Decrete des Kaisers werden mit der größten sorgfalt verabfaßt. Eignes Kolegium hat den Beschluß zu redigiren, den Ausdruck zu wählen, große Staatsdeliberation, so daß die Staatsedicte die volkomensten Muster chinesischer Schreibart, Stils, Bildung überhaupt sind. Wenn ein Mandarin einen Fehler begeht gegen gute Abfassung, so geht in der Zeitung vom Kaiser ein Edict aus, das ihn tadelt und zurechtsezt. Ebenso wird das, was wir Litteratur überhaupt heißen, als besondre Reichsangelegenheit betrieben. – Um den Kaiser ist eine Akademie der Wissenschaften,

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6 ist besondren Genien anvertraut] Do: ist in ihrer Vorstellung besondern Genien anvertraut 8 Flüssen, Bergen … zu] Do: diese Macht eines Flusses, Berges, die besondre Kraft einer Gegend überhaupt stellen sie vor in der Gestalt eines Genius, die dem Kaiser unterworfen sind, dem das ganze Geisterreich unterworfen ist Pi: wird durch Naturmachte verwaltet 10 sollen] Do: sollen. Die besondre Wohlfar th hängt also vom Kaiser ab. 12 die Ernte … zugeschriben] Do, ähn- 35 lich Pi: Fallen nun Mißwachs an, so wird ein andrer Gen (Do: angeschafft Pi: eingesetzt, wenn Ueberschwemmung etc. die Provinz bedrängt). 20–21 ausgebildet, sondern … Mondfinsternis.] Do: cultivirt. So werden bei Sonnenfinsternissen große Feste angestellt. Pi: Feste werden bei Sonn- und Mondfinsternissen gefeiert; wo Staatsbeamte mit Ferngläsern beobachten. Staatsangelegenheiten werden danach geordnet. 40

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worin die Astronomie. Sie beschäftigt sich mit den unterschidlichen Wissenschaften, die Gelehrten wohnen im Pallast des Kaisers. Ein Theil verfaßt die Edicte und sf. Die Akademie | muß Gutachten geben in politischen Sachen. Ihre Werke sieht der Kaiser durch, und macht Vorreden dazu. Durch diese Geselschaften unter den Augen des Kaisers entstehn die meisten Bücher; es gibt sehr große dictionnairs, die den ganzen wissenschaftlichen Schaz enthalten. Der vorige Kaiser hat eine neue Ausgabe sämtlicher klassischer Werke veranstaltet; die Arbeiten ver theilt. Wer einen Fehler gemacht, wird hart bestraft. Das ganze Werk wurde auf 268000 Bände berechnet. – Die Beamten haben verschiedne wissenschaftliche Stufen zu durchgehn; geprüft; die am besten bestehn, sind wie bei uns die doctoren; werden vom Kaiser geehrt. – Besonders wird die Gelehrsamkeit geehrt, daß imer Gelehrte um ihn sind, und um seine Prinzen; von allen Verhandlungen sind sie Zeugen; sie nehmen keinen thätigen Antheil, schreiben alles auf, das wird auf bewahrt, und macht das Material der Geschichtschreiber aus; der Kaiser bekommt kein Notiz davon; sie sind die glaubwürdigsten Männer. – Beschribnes Papier sammeln die Chinesen aus Respect vor Ge1–2 den unterschidlichen Wissenschaften] Pi: allen den chinesischen Wissenschaften und besteht aus ausgezeichneten, vom Kaiser dazu geprüften Mandarinen 3 Edicte und sf.] Do: Edikte zu verfassen. Andre beschäftigen sich mit Geschichte, Physik, Philosophie und Geographie. Die Akademie … Sachen.] Do: Betrifft das Geschäft ausländische Staaten, so werden alle früheren Berufungen mit ihnen berücksichtigt. So für die Finanzen. Pi: Wenn die Sache ein fremdes Land angeht, müssen die Gelehrten die Nachrichten dazu herbeischaffen. 4 Ihre Werke … dazu.] Do: Ein weiteres ist nun, daß diese Gesellschaft aufgefordert ist, in den verschiedenen Zweigen der Litteratur Werke hervorzubringen, die der Kritik der Gesellschaft unterworfen werden, zu denen der Kaiser oft Vorreden macht. 5 meisten Bücher] Do: größten Werke 6 sehr große dictionnairs] Do: ihre großen Wörterbücher, die eine inhaltsvolle Darstellung des Wissenswürdigen überhaupt sind. Diese enthalten den Schatz des chinesischen Wissens überhaupt. Pi: vollständige Wörterbücher, (Encyclopädien der Wissenschaften.) 6–7 Der vorige Kaiser] Do, ähnlich Pi: Neue Ausgaben (Pi: älterer Werke) werden ebenfalls auf diese Weise besorgt. Der vorige Kaiser 8 die Arbeiten ver theilt] Do, ähnlich Pi: Er fügte daher den Gelehrten viele Mitglieder hinzu. Die obersten Stellen der besondern Sektionen waren durch die höchsten Mandarine, selbst durch einen Sohn des Kaisers besetzt. Wer einen … bestraft.] Do, ähnlich Pi: Ward noch ein Fehler entdeckt, so wurden die ihn stehen gelassen streng bestraft mit Gehaltsabzügen. 8–9 Das ganze … berechnet.] Do: 268000 Bände betrug die ganze Ausgabe, die ein Staatsgeschäft unter unmittelbarer Wirkung des Kaisers war. 9–11 Die Beamten … geehrt.] Do, ähnlich Pi: Die Studien derer die Mandarine werden sollen, theilen sich in mehrere Stufen, die höchste Prüfung geht unter den Augen des Kaisers vor, der den Gelehrten, den er nach Hause begleitet. so wird der Wissenschaft die höchste Ehre zu Theil. 12–13 von allen … Zeugen] Pi, ähnlich Do: die Alles sehen und hören was er thut, wie er sich benimmt selbst in der Familie, (Pi: mit den Ministern | im Tribunal etc. Do: sie sind Zeuge von allen seinen Beschlüssen) 14 auf bewahrt] Pi: in Kästen wohlgeordnet auf bewahrt 14–15 der Geschichtschreiber aus] Do: für die eigentliche Geschichtsschreibung. Diß ist ein festes, bestimmtes Institut. 15–16 die glaubwürdigsten Männer] Do: so gestellt, daß keine Nachfrage an sie kommt 3 politischen lies poetischen

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lehrsamkeit, und jedes Blatt was sonst keinen Wer th hat, werfen sie in den Fluß. Die Mandarinen machen sich ein Geschäft draus; was der Kaiser ihnen sehr anempfiehlt. Die Gelehrten bezahlen Leute, um die Papire zu samlen, damit sie nicht profanirt werden. Das ist im algemeinen der Stand des Kaisers; überhaupt umgibt den Kaiser die größte Etikette; er ist durch sein Verhältniß selbst genöthigt, persönlich die Angelegenheiten des Reichs kennen zu lernen; es ist alles mit so vieler Moralität berechnet, daß die Wilkür | wenig Spielraum hat; es entstehn sonst Rebellionen. – Die Prinzen werden streng erzogen; körperlich und wissenschaftlich; unter Aufsicht des Kaisers. Es wird ihnen von Jugend auf eingeredet, daß der Kaiser von allen der erste sein muß, in körperlicher und geistiger Geschiklichkeit. Der Kaiser soll nicht an der Spitze stehn, wenn er nicht gründliche Kenntnisse von allem hat. Sie werden jährlich im Angesicht des Kaisers geprüft. Ein Prinz von 14 Jahren konnte noch keine Verse machen; der Erziher bekam vom Kaiser Vorwürfe; e r habe es schon gekonnt in diesem Alter. Die vortreflichsten Fürsten sind in China gewesen; Sanchi und Kan gi werden besonders ausgezeichnet unter der Mandschu Dynastie; auch der vorige Kaiser. R e i c h s v e r w a l t u n g . Wir haben hir nicht eine solche Verfassung, worunter wir Individuen, Corporationen, Gemeinden, Provinzen, welchen ein selbststän2 Fluß] Do, ähnlich Pi: Fluß […], damit es nicht profanirt werde Die Mandarinen … draus] Pi: Mandarine gehen dazu auf den Straßen herum. 2–3 was der … anempfiehlt] Pi, ähnlich Do: Kaiser Kangi sagt zu seinen Söhnen, sie sollen große Achtung haben, das ebenso zu thun. 4–5 Das ist … Etikette] Pi: Das Persönliche des Kaisers anbetreffend, lebt er in einer Umgebung, worin die strengste Etikette beobachtet und ihm die größte Ehrfurcht erwiesen wird. 8 es entstehn sonst Rebellionen] Do, ähnlich Pi: sondern alles geschieht auf dem Grund des alten System. Diese alles zügelnde Aufsicht ist durchaus nothwendig. Läßt der Kaiser nach so entstehen die größten Unordnungen, Rebellion Wechsel der Dynastie. 9 körperlich und wissenschaftlich] Do: Sie werden in den Leibesübungen und Wissenschaften gebildet. Eine Anzahl von Gelehrten ist bestimmt ihre Erziehung zu besorgen Pi: Reiten, Bogenschießen, Jagen werden sie gelehrt, und ebenso in den Wissenschaften gebildet; von Mandarinen und 10–11 in körperlicher … Geschiklichkeit] Do: in den Leibesgeschicklichkeiten und Wissenschaften 13 geprüft] Do: geprüft und Berichte darüber bekannt gemacht Pi: geprüft und der Kaiser legt genaue Rechenschaft öffentlich davon ab 15 Die vortrefflichsten … gewesen] Do: Daher hat China eine große Anzahl vortrefflicher Fürsten gehabt, und hier zeigt sich die orientalische Größe, die salomonische Weisheit. Da ist für sie der Boden und auch die Nothwendigkeit. Auf der Gerechtigkeit Einsicht Thätigkeit des Kaisers, seinem Impuls beruht der ganze Zusammenhang des Staats. Pi: Treffliche Fürsten hat darum China auch immer gehabt. Moralische Größe und Ruhe ist der Charakter der orientalischen Fürsten. Salomonische Weisheit. 15–17 Sanchi und … Kaiser] Pi, ähnlich Do: Besonders die Kaiser aus dem Hause Manschu regieren mit größter Einsicht etc und werden selbst von Europäern persönlich bewundert. Besonders der vorige Kaiser ist der geistreichste Mann seines Landes gewesen. – Die chinesische Geschichte ist unpar theiisch über die Individualität des Kaisers. 18 nicht eine solche Verfassung] Pi, ähnlich Do: nicht sowohl Verfassung, als Administration des Reichs

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diges Recht zukommt, und welche in Bezihung auf ihr besondres Intresse, oder auch selbst auf das Recht in Bezihung auf den ganzen Staat stehn, vor uns; es gibt in China keine selbstständigen Individuen, Adel; keine Stände; es ist also hir nur R e i c h s v e r w a l t u n g ; es muß hir an eine Bestimmung erinert werden, die auch jetzt sehr geläufig ist. In China ist das herrschende die Gleichheit; alle | Unterschide sind nur vorhanden durch die Reichsverwaltung, durch die Wichtigkeit, die sich jeder gibt, und diese Verwaltung macht die verschiednen Stufen in der Regulirung nöthig; die Individuen müssen sich durch ihre Studien, Prüfungen würdig bewiesen haben, ihren Stand zu versehn. Man sagt, der Mensch sei vor dem Gesetz gleich, aber worin sie gleich sind, ist nur ihre abstracte Persönlichkeit, dies, daß sie Eigenthums fähig sind; aber da sind noch sehr viel andre Intressen, Korporationen, Familien. Wenn diese nicht Selbstständigkeit haben, und der Thätigkeit der Individuen selbst zukommen, so ist das nicht vorhanden, was im wahrhaften Sinn Freiheit heißt. Die besondren Intressen sind nicht in sich berechtigt, sondern die Regirung geht vom Kaiser aus, wird bethätigt vom Mandarin, dem eigentlichen Beamten des Kaisers; es gibt gelehrte Mandarinen, Krigsmandarinen, die ebenso gut studiren müssen, aber nicht so geehrt sind, als der Civilstand. Die Mandarinen gehören zum Hof, auch, wenn sie noch nicht angestelt sind. An dem Feste, wo der Kaiser mit dem Pflug eine Furche zieht, oder bei Festen, wo die großen Hof beamten ausziehn, ziehn 2000 Gelehrte, 2000 Doctoren, 2000 Officire, die den Schluß der Procession machen, mit. In den verschiednen Provinzen hat der Mandarin verschiedne Stufen, | sie sind in 8 Klassen getheilt; so ist alles in das besonderste regulirt, und es herscht in den größten Städten die größte Ordnung. Berichte gehen an die obren Tribunale, und den Kaiser. Alles ist streng beaufsichtigt; strenge Censur. Jede Behörde hat einen besondren Censor, der wie der Geschichtschreiber keine

2–3 es gibt … Stände] Do: In China gibt es keine durch Geburt berechtete, keine Zünfte, keine Gemeinde die besondere Gerechtsame habe keine Ständeversammlungen. Pi: Aber in China sind Individuen nicht durch s i c h selbstständig, wie in Europa. Darum kann es auch nicht Ständever5 das herrschende die Gleichheit] DoPi: das Reich der Gleichheit 7 Wich30 sammlung geben. tigkeit] DoPi: Würdigkeit 8 Regulirung] Do: Administration Pi: Regierungsverwaltung 8–9 die Individuen … versehn] Pi, ähnlich Do: Der Wille des Kaisers bestimmt über diese Stufen, aber nicht willkührlich, sondern nach Prüfungen und dem darin bewiesenen Verdienst. Freiheit herrscht aber nicht, und darum Despotismus. Do: Gleichheit herrscht hier, aber keine Freiheit, 14 Die besondren Intressen] Do: So ist es im chinesischen Reich, 35 daher Despotismus nothwendig. die besondern Interessen 16 vom Mandarin] DoPi: durch eine Hierarchie von Beamten, den Mandarinen 17 gut studiren] Do: Prüfungen sich unterwerfen 23–24 so ist … Ordnung] Pi, ähnlich Do: Die oberste Classe, die der Colau, (Do: die Präsidenten der Collegien) Minister ect, Vicekönige, Inspektoren über Flüsse, Meeresufer etc. alles aufs Genaueste reguliert; die Ordnung ist 25 streng] Pi: 40 die größte. So in Pecking hat jede Straße besondres Thor, Wache, Polizeiaufseher. von oben herab aufs schärfste Do: auf schärfste, und mannigfaltigste 26 Jede] Do: Jedes Tribunal jede

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Geschäfte hat, sondern alle Acten revidirt; sie heißen Ko-Da-O; sie werden sehr geehrt und niemals abgesetzt. Sie formiren selbst ein Tribunal, mit der Aufsicht über das ganze Reich. Sie sprechen selbst über den Kaiser ihr Ur theil aus, und zwar sehr frei. Sie lassen sich in einem Sarge zum Palast bringen, um anzuzeigen, daß sie zum Tode bereit seien; manche, schon mit Blut bedekt, haben noch niedergeschriben, was sie dem Kaiser vorgestelt, oder noch sagen wolten. – Die Todesstrafe ist bei den Chinesen nicht so einfach, zuweilen komt es vor, daß einer in Stücken zerrissen wird. Die Regirung wird verwaltet durch eine Menge von Beamten, die aufs strengste beaufsichtigt sind. Die Beamten sind beauftragt, die Dekrete zu machen. | Jeder Mandarin muß alle 5 Jahre ein Verzeichniß und Liste der Fehler die er begangen hat erstellen; diese Versehn mögen schon gerügt sein, oder unbekannt sein, kurz was er sich bewußt ist, daß er gefehlt habe, muß er nach oben schicken. Das nicht zu leisten, ist gefährlich, weil er nicht weiß, was die Censoren, Zeugen, über ihn berichtet haben. Dazu komt, daß die Mandarinen, die sich Vergehn haben zu Schulden komen lassen, aufs härteste gestraft werden; sie selbst, und ihre ganze Familie wird mit hineingerissen in Confiscation des Vermögens; die in Ansehung der Mandschu mehr gewöhnlich ist als bei den Chinesen, wo gesetzliche Untersuchung und Ausspruch eines Gerichts vor die vorgesetzte Behörde gehört. – Die Regirung sieht hinach, in Ansehung der Individualität des Kaisers und der Verwaltung sehr glänzend aus, aber der G e i s t d i e s e r R e g i r u n g ist noch zu betrachten. Das patriarchalische Verhältniß hält im Kreise der Staatseinigung das Ganze zusamen. Die Individualität scheint überhaupt für unmündig erklärt. Wir können daher nicht von Ve r f a s s u n g sprechen, es sind keine selbstständigen Individuen, Stände, Klassen vorhanden, die ihre Intressen zu beschützen hätten, sondern alles wird von oben befohlen. Sie sind also im Verhältniß von unmündigen Kindern. Die ganze Reichsverwaltung beruht auf dem sitlichen Verhältniß der Familie, dies ist seiner Natur nach gegründet, enthält einen Zusamenhalt freier Liebe, freier Empfindung, freier Eigenthümlichkeit des Gemüths | und des Sinnes. Die Familie ist in sich geschlossen, erst bei Aufregung derselben, gewaltsamer,

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2 abgesetzt] Do: abgesetzt, sind sehr gefürchtet 3–4 Sie sprechen … frei.] Pi: das selbst freimüthig dem Kaiser Vorstellungen macht Do: sie machen selbst dem Kaiser Vorschläge 4 Sie lassen sich] Do: Beispiele ihrer Freimüthigkeit werden angeführt, bei tyrannischen Kaisern haben sie sich 6 niedergeschriben] DoPi: auf die Erde geschrieben 17 Mandschu] Pi: Tataren und Manschu 20–21 G e i s t d i e s e r R e g i r u n g ] Pi: Geist der Gesetze 24 sprechen] Pi: spre- 35 chen, sondern von Verwaltung 26 Sie] Pi: Die Bürger 30 Die Familie … geschlossen] Pi: Der Staat reicht nicht hinein. Liebe hat hier ihren unbeschränkten, von außen nicht bestimmten Boden. 6–559,35 Die Todesstrafe […] Schriftsprache. fehlt in Do

10 Jeder] Ke: Jeder | Jeder

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schrecklicher Behandlung der Familienglider untereinander tritt der Staat ein. In China ist dies Verhältniß gesetzlich gemacht; als Rechtsgebothe, wozu unabhängig vom subjectiven Willen gezwungen werden kann. Dadurch ist das moralische in der Familie volkommen getilgt. Förmlichkeit in der Familie selbst ist auf die unbedeutendsten Unterschide ausgedehnt, wo die Uebertretung Strafen von den Magistratspersonen nach sich ziht. Das eigentlich sitliche und das Innre freier Subjectivität findet sich in diesem ganzen Staatszusamenhang nicht, ist nicht respectirt, selbst nicht vorhanden; was wir erstlich in Europa schon zum Theil zu weit gehen sehn, indem wir die subjective Freiheit allein vor Augen haben, wenn von Freiheit die Rede ist. Es ist nicht anerkannt, daß der Mensch ein freies Gebiet inerhalb seiner selbst habe, und auch in der Realität, in der Familie, besitze. Zweite Bestimung ist, daß S k l a v e r e i statt findet, es kann jeder sich selbst verkaufen, und da keiner mehr Macht über sich selbst hat, als der Vater, so folgt, daß der Vater die Kinder verkaufen kann. Die erste Frau ist frei, und Herrin des Hauses; aber die andren 3, die Concubinen sind gekaufte; und bei einer Confiscation mit den Kindern, | Gütern anderen vom Kaiser geschenkt, und dessen Sklaven. Die Confiscation geht nach unsrer Bestimung ganz gegen den Begrif des Eigenthums. Dritter Umstand. Die Strafen sind vornehmlich körperliche Züchtigungen. Bei uns ist dies gegen die Ehre. In China kann jeder Mandarin o h n e g e r i c h t l i c h e s U r t h e i l 20 Bambusschläge geben lassen. Diese körperliche Strafe gilt für uns mit Recht als entehrend, die Thiere werden durch Schläge gezogen, und bei Kindern kann das vorkomen, aber der Erwachsene Mensch will gehalten werden nicht als ein solcher, der nur sinlich berührbar ist, sondern hat ganz andre Seiten der Empfindlichkeit, an denen er gefaßt werden kann, und wenn er gefaßt werden sol, verlangt gefaßt zu werden. Aber nicht nur die Bürger sind dieser Züchtigung ausgesezt, sondern auch die Mandarinen; auch die vornehmsten, die Vicekönige, Minister, und seine Lieblinge, bekomen väterliche Züchtigung von 20, 50 Bambus. Damit sind sie abgestraft, und er ist Gutfreund mit ihnen, sie können es nicht übel nehmen. Bei andren Fällen wird auch zugeschlagen. Als Lord Amherst in China war, in den Palast geführt wurde, waren die höchsten Reichsbeamten, Prinzen, im größten Staat, | der Oberceremonienmeister, ein Mandschu, beim Hinausführen der Gesandten, im großen Gedrän-

35 2 dies Verhältniß gesetzlich gemacht] Pi: das Familienverhältniß vom moralischen zum rechtlichen

gemacht 11 freies] Pi: innerliches 16 sind gekaufte] Pi: können veräußert 19 Eigenthums] Pi: Eigenthums, und die Strafe sollte sie nicht zulassen 21–22 o h n e g e r i c h t l i c h e s U r t h e i l ] Pi: ohne Weiteres 29 Vicekönige] Pi: Kotao, Vicekönige 32 Lord Amherst] Pi: der letzte Englische Gesandte in den Palast geführt] Pi: zur Audienz und zurückgeführt

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ge hieb mit der Peitsche, oder Stock, auf die Prinzen, Generale, um Platz zu machen. Viertens: Art und Weise der Imputation der Verbrechen. Wir unterscheiden, ob es Vorsatz sei, der die That bewirkt, oder nicht, dies findet nicht statt. Wird durch Zufall einer getödtet, wenn es auch gar nicht beabsichtigt war, so wird der Thäter mit dem Tode gestraft. Dies hat häufige Zwistigkeiten zwischen Engländern und Chinesen veranlaßt. Wenn die Engländer am Lande von Chinesen angegriffen werden, oder sonst einseitig, oder ein Krigsschiff sich feindlich angefallen glaubt, und sich ver theidigt gegen einen Schwarm von Schiffen, wird ein Chinese getödet selbst, so verlangen sie, daß der Thäter ausgelifert und am Leben von ihnen gestraft werde. Der lezte Zwist hatte eben solche Veranlassung. Wenn ein Mensch ganz durch Zufall umgekomen ist, so muß der am Leben büßen, der Schuld ist. Bei den Amerikanern ist es geschehn, daß sie ihnen einen Matrosen, der ohnehin gestorben war, ausliferten, und sie glaubten, er sei getödet. Dieser Mangel bei der Imputation geht sehr weit: wer auf irgend eine Weise mit dem Verbrechen zusamenhängt, so wird er mit ins Unglück verwikelt. Wer gegen den | Kaiser unehrerbietig schreibt, wird schrecklich hingerichtet, mit seiner ganzen Familie; ein Missionär erzählt, daß in solchem Fall auch die, die am Druck Schuld waren, und die es weiter gebracht hatten, ohne den Inhalt zu kennen, bestraft wären. Es ist eigenthümlich, welche Wendungen die Rachsucht hiraus nimt, um sich zu befridigen: Es wird von den Chinesen überhaupt gesagt, daß sie gegen Beleidigungen höchst empfindlich sind, und ihre Rachsucht sehr leicht aufgeregt wird. Um die Rache zu befridigen, sei es schwirig; wenn er den Beleidiger ermordete, so würde er mit seiner Familie bestraft, daher ist die Rachsucht erfinderisch, um die Imputation zum Mittel zu machen. Das geschiht, indem der Beleidigte sich selbst umbringt, der Selbstmord ist häufig, besonders bei den Frauen und Mädchen; ein Mädchen hänge sich auf für die geringste Widersetzlichkeit, die sie erfährt. Dies, erzählen die Missionare, sei so weit gegangen, daß man die Öfnungen der Brunnen verengt hat, daß sie nicht dazu gebraucht werden konnten, sich zu ersäufen. In Paris wurden den Spilhäusern die Fenster vergittert, weil sich die unglüklichen Spiler hinabstürzten. Die Mädchen drohen sich umzubringen, wie etwa in Europa ein Dib droht, zu töden, wenn man die Börse weigert. Wenn einer sich selber umgebracht hat, befehlen die Geseze strengste Untersuchung der Selbstmorde, wer Schuld daran sei. Die Feinde, oder von denen man | dies nur gedacht hat, werden eingezogen; torquirt, (man sieht, wie viel in die Wilkür der Mandarin, Obrigkeit, gelegt ist) um herauszubringen, ob sie durch üble Behandlung nicht 36 eingezogen] Pi: verhört

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schuld seien, daß der Unglükliche solchen gewaltsamen Entschluß gefaßt habe. Findet sich, daß ein Zank, Schimpfworte statt fanden, so wird der Schuldige gleichfals hingerichtet. Auf diese Weise kann der schwächste den stärksten zittern machen; man ist versichert, am Ende geht das schlimmste auf den andern über; die Rachsucht geht immer auf den Tod des andern; wenn man das Blut des Feindes vergißt, so sezt man seine ganze Familie dem Verderben aus, oder wenigstens, wenn das Vermögen confiscirt wird, der Schande, dem Mangel aus. Auch ist der Mörder der Ehre des Leichbegängnisses verlustig. Wer sich selbst mordet, läßt seine Familie in Sicherheit, und in der Aussicht, noch Entschädigung zu erhalten, oder gar des Feindes ganze Güter zu erhalten. – Die subjective Freiheit, moralischer Zwek bei einer Handlung wird hibei nicht erfodert. 5tens: Zustand der Wissenschaften überhaupt. Der Kaiser steht an ihrer Spitze, scheinen daher sehr gepflegt zu werden. Aber eben damit ist die wissenschaftliche Bildung nicht freies algemeines Werk der Individuen, sondern wesentlich Staatsgeschäft. Hat nicht die Veranlassung von dem eignen Intresse der Individuen, und muß deswegen | sehr eingeschränkt bleiben, und durch die besondre Art von Schriftsprache, die die Chinesen haben. Es ist schon deswegen schwer sich zu unterrichten, weil Bücher sehr selten sind; die besten Werke werden vom Kaiser ausgegeben, und theils Individuen zum Geschenk gemacht, theils Behörden, Städten u. dgl. Ein Individuum, das nicht im Studium ist, um Mandarin zu werden, hat wenig Gelegenheit. Es folgt aus allem diesem, daß die Wissenschaftliche Untersuchung besonders in Rüksicht auf Politik durchaus nicht den freien Character haben kann, den sie bei uns in Europa hat. Ein besondres Hinderniß ist die Schriftsprache. Bekannt, daß sie hieroglyphisch ist. Es werden durch die Zeichen die Vorstelungen und Bestimmungen der Vorstelungen bezeichnet, bei uns werden die Töne bezeichnet. Wenn ein Individuum die 24 Zeichen für die Töne kennt und Fertigkeit hat, sie in ihrer Verbindung aufzufassen, so sind ihm alle Schriften zugänglich. – Die Vorstelungen sind unendlich mannigfaltiger, als die Elemente, aus welchen bei uns die Wörter zusamengesezt sind. Man rechnet, wenn man sagen kann, ein Chinese kann lesen, daß er 9000 Zeichen kennen muß. Man spricht von 80000 Zeichen, aber dies sind weitre Verbindungen dieser Zeichen, die kein Ende eigentlich haben. Leibniz hat viel da gemacht; Gebrauch in Europa; würde den gelehrten Verkehr erleichtern, aber die Verbreitung wissenschaftlicher Bildung ist unendlich erschwert in der eignen Nation durch die chinesische Schriftsprache. | 21 Gelegenheit] Pi: Mittel zur Unterrichtung 22 freien] Pi: freien, allgemein verbreiteten 30 9000] Pi: 11000 31 80000] Pi: 70–80,000 32–33 Leibniz hat … erleichtern] Pi: Leibnitz hat dieß für ein gutes Verständigungsmittel der Gelehrten der verschiedenen Nationen gehalten.

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Das worauf die Chinesen angewiesen sind, sich zu legen, ihr Studium, das aufgemutet wird, nothwendig ist, in die Klasse der Mandarin zu treten, beschränkt sich auf die King, und Commentarien, Gesetze des Reichs, der Moral, die Geschichte und Moral. Bei dieser sind besonders die Werke des Confutsius zu Grunde ligend. Zeitgenosse des Thales; 300 Jahre vor den algemeinen Bücherverfolgungen, seine Schriften sind durch eine alte Frau auf bewahrt. Seine moralischen Schriften sind übersezt von Marshman[.] Kenner sagen für Confutses Ruhm sei es besser gewesen, nicht zu übersetzen. Ihre Astronomie hat für etwas sehr Ausgebildetes gegolten. Delambre hat genau und gründlich die Stellen vorgenomen. Große Menge von Kentnissen bei ihnen über Lauf der Gestirne, Verhältniß des Umlaufs der Sonne. Theorien, so weit sie sich ergeben durch Beobachtungen, die Jahrtausende lang fortgesezt worden sind. Was sich daraus ergeben kann, die Hauptsachen wenigstens, über die Länge des Jahrs, und dergleichen sind von ihnen genau bestimt worden, aber das können wir nicht wissenschaftlich nennen. Feiner gehende Resultate der Beobachtungen sind ihnen später bekant worden, zb. über die Präcession der Nachtgleiche, daß im Frühlingsäquinoctium die sonne nicht fortwährend bei demselben Gestirn aufgeht; die genauste Angabe, die Delambre drüber aufführt ist, daß sie damit erst 550 Jahre nach Hipparchus bekannt worden sind, dem sie schon bekannt war. Man hat auch Spuren, daß es wohl möglich ist, daß diese Kenntnisse ihnen von den Griechen herzugekommen sind. Staunton | in der Beschreibung der Reise des Lord Macar thney sagt, daß die Chinesen [...] [...] aber Instrumente von hohem Alter, ähnlich den Sphären, mit denen die Griechen gearbeitet haben, so daß er vermuthet, daß sie von Baktrien aus diese erhalten haben; wie sie zu gebrauchen, was damit zu machen, wußten die Chinesen nicht. Man findet sehr alte Beobachtungen über Mond- und Sonnenfinsternisse, immer sehr wichtig für größre Perioden. Delambre sagt, alerdings lange Reihe von Beobachtungen, aber bei weitem nicht so alt, als man sonst gesagt

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3 die] Do: die Kenntniß der 5 300] Do: 250 Pi: 270 7 übersetzt] Pi: jetzt ins Englische übersetzt 8 übersetzen] Do, ähnlich Pi: übersetzt. Moral praktisch in der Weise Cicero de 30 Officiis. 9–10 Delambre hat … vorgenommen.] Do: Die Astronomie ist von Delambre in der histoire Astronomie untersucht. 11–15 Theorien, so … nennen.] Do, ähnlich Pi: Theorien, allgemeine Regel die sich durch tausend jährige Beobachtungen ergeben haben über die Länge des Jahres, des Mondlaufes 17–18 daß im … aufgeht] Pi: (Der Frühlingsäquinoktium Sonnenaufgang fiel in den Stier, später in den Widder, bald schon in die Fische) 23–24 aber Instrumente 35 … haben] Do, ähnlich Pi: Die Sammlung astronomischer Instrumente in Peking ist von Europäern vor einigen hundert Jahren. Frühere Instrumente haben Aehnlichkeit mit den Sphären der Griechen. 21 sind] Ke: ist 22 Chinesen] in Ke folgt eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen 27 alerdings Lesung unsicher

25 sie] Ke: es 40

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hat. Die Astronomen bei Hof, die die Kalender machen, sind Europäer. So oft Mondfinsterniß, muß dies im Calender bemerkt sein. Die Staatsbeamten haben eine Zeichnung dieser Mondfinsternisse. Sie haben auch Tubi, aber ohne Gläser. Diejenigen mit Gläsern sind Geschenke, welche sie nicht brauchen, weil es bei ihnen nie Sitte war, sie zu brauchen. Sie haben den Stolz, daß die Wissenschaften der Europäer bei ihnen nicht Eingang finden. Sie haben in den südlichen Provinzen Handel, ihre Schiffe sind aber sehr ungeschikt, und viele gehn unter; ein Kaufmann, der ein leichtes europäisches Schiff bauen wollte, ward hart bestraft. Geometrie, physikalische Wissenschaften sind im Zustand der Kindheit geblieben. Verhältniß des Kreises zum Durchmesser haben sie, die Ausmessung ungefährer Bestimung, beim Py thagoras, das ist ihnen empirisch bekannt. Auch Logarithmentafeln, Sinustafeln haben die Jesuiten drucken lassen. Sie rechnen sehr fertig durch Rechenmaschinen vornehmlich, aber algemeine Arithmetik, viel; | wenig höhere Analysis. Mechanisches Talent haben sie alerdings; mechanische Mitel, Brücken, Maschinen, Wasser zu schöpfen, sind von den Europäern anerkannt. Wissen alles nachzumachen sehr künstlich. Ganz erstaunliche Künstlichkeiten wissen sie hervorzubringen; Insektensamlungen von dünnem Kupferblech, hohl, äußerst künstlich, zierlich. Auch im Gießen haben sie sehr große Geschiklichkeit. Thurm von 15 Fuß, mit neun Etagen, künstlich gegossen, aus einem Guß, mit Zierrathen. Im Malen sind sie sehr künstlich, schönes Material, aber das Geistreiche dabei, das Ideale, das aus freiem Geist concipirte ist nicht ihre Sache; Genauigkeit im Nachahmen geht sehr weit; ein Maler hat seinem Schüler die Frage gemacht, welche Anzahl von Schuppen ein Karpfen vom Kopf bis zum Schwanz habe, wieviele Einschnitte die Blätter haben; aber ihre Kunst bleibt so geistlos, als alles an ihrer Verfassung. Von ihrer Religion ist schon gesprochen; die Hauptsache ist, daß sie wesentlich als diese chinesische Religion eine Naturreligion überhaupt ist; wo das geistige Element sich findet, davon hernach. Aber das gemeine Element ist, daß sie das natürliche als solches als das letzte verehren. Dies ist auch bei ihren Metaphysikern der Fall, über Gott, die erste Ursach, die Wahrheit der Dinge gibt es viele Theorien, Vorstelungsweisen, Philosophien würden wir | sagen. Aber ihr Princip ist nicht das geistige, sondern das abstrakte Naturwesen; als das bewegende

2 Staatsbeamten] Pi: vornehmen Staatsbeamten 7 ihre Schiffe … unter] Do: Obgleich alle Jahre einige tausend Schiffe zu Grund gehen, so dürfen die Chinesen doch keine Schiffe nach eu7–8 ein Kaufmann, … bestraft] Pi: Es wurde einem Kaufmann unter35 ropäischer Art bauen. sagt, ein europäisches Schiff zu bauen. 11 beim Py thagoras] DoPi: den py thagoräischen Lehrsatz 13–14 algemeine Arithmetik, … Analysis] Do, ähnlich Pi: Algebra höhere Analysis ist ihnen absolut fremd 15 Brücken] Pi: Brückenbau Maschinen] Do: einfache kräftige Maschinen 21 Geistreiche dabei, … concipirte] Do: Geistreiche im Malen, Helldunkel, Schat40 ten und Licht Perspektive

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wird der Hauch vorgestelt, der gewirkt habe auf das selbstständige Materielle Princip, das in Gährung gebracht ist, woraus die Materie in Ruhe und damit in Bewegung entstanden ist. Bei ihren Philosophen geht es nicht weiter, der gedachte Inhalt bleibt ein Materielles überhaupt. Sie sind im höchsten Grade abergläubisch. Aberglaube ist durch und durch verbreitet, hat alles angesteckt. schon sind die Yen erwähnt, die vom Kaiser eingesezt sind. sie sind vorgestelt als Sculpturbilder, werden verehrt, wieder abgeschafft. Scheußliche Götzenbilder; die Kunst, der Gegenstand ist das Geistige, Göttliche, und die Kunst hat in ihrem sinnlichen Material eben dies Geistige darzustellen, aber wo das religiöse nicht geistig ist, sondern nur ein gewaltiges, schreckliches, furchtbares, da fält die darstelung scheußlich aus. Priester dabei und Klöster, ungeheure Menge von Tempeln, Convicten und Bonzen. Die Bonzen leben unverheirathet, werden um Rath befragt in allen Nöthen. Uebrigens wird den Tempeln und den Bonzen nicht viel Ehre erzeigt. Die Komödien gehen in Tempeln vor. Englische Gesandschaft wird drin einquartirt, im Tempel aber Ställe. Die Bonzen benutzen den Aberglauben, um | Reichthum zu samlen. Ein Kaiser hat 26 Vane, à 10000 Bonzen, secularisirt, 4600 Bonzerien, und gezwungen ins bürgerliche Leben zu treten. Sie sagen wahr, beschwören; besonders große Noth haben die Chinesen über die Lage ihres Hauses, Begräbnißplatzes. Damit gehen sie viele Jahre um, und wenn ein andrer ein Haus baut, so kann es ihm die größten Händel erwekken, daß es in Winkeln mit ihrem Haus steht. Bögen werden gezogen, geopfert, gefleht, den Schaden abzuwenden, der durch diese Nachbarschaft entstehe. Als die Engländer in Canton Magazine bauten, hat das den anwohnenden Chinesen große Noth und Mühe gemacht. Was uns gleichgültig ist, oder im natürlichen Zusamenhang steht, suchen sie durch Zauberei abzuhalten; dies gehört unter die Rubrik der Geistlosigkeit der Chinesen. Das Patriarchalische Reich erscheint als eine bewundernswürdige, höchst consequente Monarchie, worin ausgezeichnet ist, daß Geistigkeit, inre Religiosität, Gemüth, Sitlichkeit, entfernt ist; was geschiht, ist verständig eingerichtet, aber geschiht auf eine für die Subjecte geistlose Weise. Ein Franzose sagt, ihn habe in Verwundrung gesezt, daß der Kaiser mit dem Volke spreche in einer Majestät, die gemildert ist, durch alles, was väterliche Empfindungen Zartes haben. Dennoch hat das Volk das schlechteste Selbstgefühl über | sich; es sieht sich dafür an, nur dazu geborn zu sein, den Wagen der Macht des Kaisers zu ziehn, die Last drückt es zu Boden, es ist elend, aber es trägt die Last; es verachtet sich 13 in allen Nöthen] Do: bei jeder Gelegenheit Das chinesische Reich 21 gezogen] Ke: gezugen

27 Das Patriarchalische Reich] Do: China

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selbst vielmehr, als es verachtet wird, je unglüklicher es ist, desto mehr glaubt es, daß es das Unglük verdiene. In den Chinesen ist das keine gewaltsame Empfindung. Der Selbstmord ist bei ihnen nur eine Erscheinung der Rache. Sehr häufig Setzen sie auch ihre Kinder aus; die Missionare haben sie oft aufgezogen, vor Tage werden sie von der Polizei ins Wasser geworfen, oder sonst wegzuschaffen. Der Franzose wundert sich, obgleich es keinen Adel, erbliche Stellung gibt, steht dennoch das Selbstgefühl des Chinesen nidriger, als von jedem armen französischen Bauern und Bettler; das ist zur Zeit Ludwigs des XIV geschriben; und da werden wir das Selbstgefühl des Bauern in Frankreich nicht hoch anschlagen. Der ärmste Bettler, in Lumpen gehüllt, zeigt ein Selbstgefühl bei Verachtung, das der Chinese nicht hat. Nachdem wir die Natur des chinesischen Lebens in den Grundzügen betrachtet haben, so gehört eine Integration zu dem chinesischen Geist, oder vilmehr Geistlosigkeit. Diese fält in China, aber auch außerhalb:das mogolische Princip; herschen über China und ihm ist das andre mogolische unterworfen. Im chinesischen Reich ist das patriarchalische Princip, die sitliche Einheit der Familie, der Geist, die Penaten; aber es ist dies Verhältniß nicht auf sitliche Weise | vorhanden, sondern in der Weise von Äußerlichkeit, in verständige, nicht vernünftige Bestimmung gesezt, und nicht freies Verhältniß, sondern Verhältniß durchgängiger Abhängigkeit, statt daß ein geistiges Verhältniß Grundlage des Zusamenhalts wäre, so ist es geistlos. Die Religion ist eine Religion der Abhängigkeit, wo der Geist sich nicht zum Geist verhält, auf freie Weise, sondern hir ist das Verhältniß sogleich wesentlich abhängig, indem das mächtige, an und für sich seiende für den Geist Naturprincip ist. Himel, abstracte algemeine Materie, oder Flüsse, Berge, Wind, von oberflächlicher Phantasie vorgestellt, Genien, die durchaus vom Kaiser eingesezt sind. Die Wahrheit von diesem so ganz und gar sich äußerlich sein, außer sich sein des Geistigen Princips ist die substanzielle geistige Einheit, die Erhebung über die Endlichkeit und die Erhebung über das Außereinander des Verstandes ist durchaus eine Rükkehr des Bewußtseins in das Inre, überhaupt Bewußtsein des geistigen als geistigen; affirmative Weise Bewußtsein des Geistigen; Verhalten zum Geistigen; diese Erhebung ist das integrirende Moment überhaupt, und es ist nothwendig, daß es hir vorhanden ist; denn jenes System der Abhängigkeit hat in sich keine Wahrheit, keine Versöhnung, keine Ein2 In den Chinesen] Do, ähnlich Pi: sich selbst zu verkaufen mit seiner Familie ist ihm kein großer 6 gibt] Do: vorhanden ist, jeder einzelne Stand zur höchsten Würde gelangen kann 14 Diese fält … außerhalb:] Do: das theils nach China hineinspielt theils selbstständig ist. Der Zusammenhang ist dieser. 22 zum Geist … Weise] Do: sich nicht verhält als geistiges zum geistigen

35 Verlust. Den Chinesen

3 häufig] in Ke folgt eine Textlücke von einem Wort

10 ärmste] Ke: ärmsteste

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heit. Im afrikanischen Character ist der Mensch nicht so außer sich, hat nicht dies Verhältniß zur Natur, wie in China, er creirt sich seinen Fetisch selbst, und sie sind wesentlich Zauberer; die Macht über die natürlichen Elemente wird dem Bewußtsein zugeschrieben. Indem in diesem System der Abhängigkeit nur die Unwahrheit | ist, so muß sich auch das Moment der Erhebung finden; zum Theil fält es in China selbst, zum Theil außerhalb des eigenthümlich Chinesischen. 2 Seiten zu unterscheiden; in Bestimmung der Erhebung: 1) negativer Art überhaupt, indem ich mich über das abstracte Princip erhebe, das Fixiren der Negation des endlichen ist; 2) affirmativer Art, daß das Gegenständliche für mich nicht sei das jenseits, sondern das affirmativen, präsenten Inhalt, Gehalt habe, und ich ein affirmatives, positives Verhältniß zu demselben habe. Was das negative, die Samlung des Geistes betrift, der zu diesem höhren komt, auf abstracte Weise komt, so komt dies in religiöser Bestimmung zunächst vor, und weil es negativ ist, kann es nur in religiöser Bezihung vorkomen. Es ist das, was die Religion des Fo genannt wird, oder Bud, Budda, was eine andre Schattirung ist; Somona Kotta oder Sakam. Fo wird in geschichtlicher Weise als Lehrer vorgestellt, wie auch Bud; eine Hauptlehre, die mit seiner Lehre verbunden ist, ist das Dogma der Metempsychose, in China und in Indien. Die Hauptvorstelung, die uns h i e r angeht, ist, daß das Nichts das Princip und das Ende, der Zwek aller Dinge ist. Aus diesem Nichts sind unsre ersten Eltern hervorgegangen, ins Nichts sind sie zurückgegangen. Alle Dinge sind unterschieden durch Figuren, Qualitäten, Modificationen der Substanz wie bei | Spinoza. Wenn man diese Dinge zerlegt, so verliren sie ihre Qualitäten; zusamen sind sie die Eine Substanz; untrennbar, unverrükt, diese ist das Nichts. Den Zusamenhang mit der Metempsychose erkennen sie so: alles ist Umänderung der Form, es ist nur ein und dasselbe; darin ligt, daß die Selbstständigkeit des Geists, die Unendlichkeit des Geists in sich, dieser Idealismus, welcher den Geist als concret in sich bestimt, ganz entfernt ist von dieser Vorstelung des abstracten N i c h t s . Dies ist das jenseits des endlichen überhaupt, das abstractum des höchsten Wesens, das ist kein Gott, kein Geist, sondern nur das in sich bestimungslose Abstracte, derselbe Inhalt, was dieses N i c h t s ist. Dies Princip ist ganz fertig, rein, einfach, ist in

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11 habe] Do: habe. Diese 2 Seiten sind wesentlich zu berücksichtigen. 20 sind unsre ersten Eltern] Pi: sind die Ahnen Do: ist alles 22–23 Wenn man … zerlegt] Do: man kann aus einem Wald einen Menschen machen. Zerlegt man die Gestalten 23 Qualitäten] Pi: Qualität. So mit allem Belebtem und Unbelebtem. 23–24 zusammen sind … Substanz] Do: Die Dinge sind nun 35 wesentlich ein und dasselbe eine und dieselbe Substanz 25 erkennen sie so] Do: erkennt man leicht Pi: nehmen sie davon her 28–29 das jenseits … Wesens] Do: das jenseitige, das höchste Wesen, das Leerste, was es giebt 9 Negation] Ke: Netgation eines unlesbaren Worts

28 ganz entfernt ist] Ke: ist ganz entfernt

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ewiger Ruhe, worin der Gott den Menschen nicht erkent, regungslos; sein Wesen besteht darin, ohne Thätigkeit, Inteligenz, Inhalt, ohne Willen zu sein. Weiter sagen sie, um glüklich zu sein, muß der Mensch durch beständige Meditation sich bestreben, sich diesem Princip gleich zu machen, und dazu sich gewöhnen, nichts zu thun, nichts zu wollen, nichts zu fühlen, nichts zu verlangen. Wenn er zu dieser Unbestimtheit gekomen ist, ist nicht die Rede von Strafe, Belohnung, Tugend Laster, Unsterblichkeit, Vorsehung. Das Glück besteht darin, sich mit dem Nichts zu vereinigen. Jemehr der Mensch wie der Stein, Baum ist, zur Passivität komt, desto mehr vervolkomnet er sich. | In der Indolenz, Vernichtung aller Thätigkeit des Geists, besteht die Ewigkeit, das Glück. Ist der Mensch so weit gekomen, ist er volständig dem Fo gleichgestelt. Der Gott wird also nicht vorgestelt nur als das jenseits, sondern als das wahre, was für den Menschen die Wahrheit sein soll. Die Leere komme im Menschen zur Existenz, er versetze sich in diesen Zustand. Dies ist es auch, was in der Buddistischen Religion vorkomt; in Ceylon und dem Reich der Birmanen; in Ceylon noch Buddda; auf der östlichen Halbinsel Indiens Gaudama, der beschribne Zustand: Niban. Ein Engländer der mit den Ragunas in Unterredung sich viel einliß, kann sie nicht respectabel genug beschreiben; viele Fragen und Antworten sind aufgezeichnet. Hauptpunkt ist dieser Niban, der so beschriben ist: wenn ein Mensch nicht länger unterworfen ist den folgenden Mühseligkeiten, dem Gewicht, Alter, Krankheit, Tode, so hat er Niban erlangt. Durch Meditation, die Abstraction des Geistes des Menschen in sich selbst, kommen die Menschen zu dieser Glükseligkeit, und der Gott Gaudama ist wesentlich im Niban. Die andre Weise der Integration geht aus der nur abstracten Inerlichkeit, die also bewegungslos ist, zum affirmativen fort, dem Bewußtsein des Geists, daß das Wahre absolut, ein Geist ist; aber die Form dieses Geistes ist wesentlich zu betrachten. | Wenn wir vom Geist sprechen, dem absoluten, an und für sich seienden Geist sprechen, so wissen wir, daß er für uns nur im Denken ist, in der inerlichen Vorstelung, daß aber es dahin gekommen sei, man sich dazu erhoben habe, vom Geist nicht nur zu wissen als einem Gegenständlichen überhaupt, sondern als einem algemeinen, von dem nur denkend, inerlich gewußt wird, ist ein langer, weiter Weg der Abstraction, Bildung. Aber wie hir gewußt wird, daß das abso-

1 worin der … regungslos] Pi: prozeßlos Do: da alle Bestimmungen hinweggenommen sind 2 Inhalt] DoPi: Begierde sein] Do, ähnlich Pi: seyn, wie wir diß auch von dem Gott des 6 dieser Unbestimmtheit] Do: diesem Zustande 7 Das Glück] 35 Verstandes aussagen können DoPi: die Seligkeit 8 sich mit … vereinigen] Pi, ähnlich Do: nicht mehr concret zu sein, zum Nichts überzugehn 11 Fo gleichgestellt] DoPi: Gott Fo gleich gekommen Der Gott] DoPi: Das höchste Wesen 16 beschribne Zustand] Pi: Zustand der Seeligkeit 17–18 Ein Engländer … beschreiben] Pi: Der Englische Gesandtschaftssecretär von 1820 kann die in Klöstern lebenden 23 wesentlich] Pi: vornemlich 40 Priester nicht würdig genug schildern.

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lute der Geist sei, so ist dies sinliche, unmittelbare Form; die Gegenständlichkeit ist nicht der Boden des Denkens, nicht die Algemeinheit, die Form des Gedankens ist, sondern sie ist zunächst unmittelbare, sinliche Form. Der absolute Geist, wie er algemein, in sich, nur durch sich ist, daß der Geist vorgestelt wird, nur bei sich zu sein, dazu gehört, den Weg der Bildung durchlaufen zu sein, die seine Unmittelbarkeit aufgehoben hat. Fragen wir: was ist natürliche Form des Geists, die Unmittelbarkeit, so ist dies keine andre, als die menschliche Gestalt; denn weder Sonne, Sterne, noch ein Thir ist die natürliche Weise, in der der Geist als solcher ist, sondern nur die menschliche Gestalt, Existenz. Damit sind wir zu der Religion des D a l a i - L a m a gekommen, daß ein Mensch als Gott verehrt wird, was dem abstracten Verstande | ganz zuwider ist, auch im Christenthum. Freilich muß die Modification weiter gehen, bis diese den Mittelpunkt der christlichen Religion ausmacht. Das absolute ist der Geist, aber er wird nicht auf algemeine Weise gewußt, sondern seine unmittelbare Weise, als dieser, als natürlicher Mensch. Das ist Religion des Dalai Lama und die Lebensweise der Mogolen ist damit verbunden. Auch die Mandschu verehren den Dalai lama, aber es ist die Lehre der dem chinesischen Reich unterworfenen Mogolen: bis an den Himalaya, Hindukusch, durch ganz Mittelasien, auch der Mogolen, die den Russen unterworfen sind, in Siberien. Die Chinesen verehren die höchsten Lamas überhaupt, und die Mogolen überhaupt verehren den Dalai-Lama auch; mit dieser Religion ist verbunden ein eingehülter, einfacher politischer Zustand, eigentlich patriarchalisches Leben, sie sind die sänftesten Völker, die als Nomaden zusamenleben, die dann zuweilen, wie alle sanftmüthgen Völker, auch sanftmüthgen Menschen, die größten Ausbrüche und Ueberschwemmungen verursachen. Das ist die algemeine Bestimung. Das nähre ist: es gibt 3 Lamas: Dalai lama ist uns der bekantste Mann; hat seinen Sitz bei Lasha in Tibet, nördlich von Indien, 2) Tischu-Lama, hat seinen Sitz oberhalb Budan, mehr in einem hochligenden Thal, | südöstlich von Lasha. Der Dalai lama regirt in einem Kloster Kutola. 3) Taranan Lama, dessen Residenz Karka ist, im südlichen Siberien; östlich von der Sungarei, was Rußland zum Theil unvolständig unterworfen war, nördlich von der chinesischen Tatarei, bald mehr russisch, bald chinesisch. Diese drei sind die

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1 Form] Do: Form, Bewustseyn des Geistes als eines Seyns 2 Denkens] Do: Geistes 9 Gestalt, Existenz] Do: Gestalt. Daher wissen sie Gott als einen Menschen. 13–14 er wird … gewußt] Do: das Mangelhafte ist daß der Geist nicht auf allgemeine Weise gewußt wird 16–17 Auch die … Mogolen] Do: Die Chinesen (Manschu und Tataren) aber vorzüglich die Mongolen sind dieser Reli- 35 gion zugethan. 28 südöstlich von] Do: etwas östlicher als 29 dessen Residenz … Siberien] Do: residirt in Lachor im Osten vom südlichen Siberien Pi: im Osten von Siberien, bald russisch, bald chinesisch 27 Sitz] Ke: Sitzt

28 Kutola lies Potala

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Hauptlamas von der einen Secte; die Lamadiener unterscheiden sich in 2 Secten, die vorzüglich durch die Farben sich scheiden gelb und roth; gelb ist in China angesehn, der Kaiser hat es für sich und seine Prinzen reservirt, und die Priester. Die andre Secte, die rothe, ist sehr beschränkt, hat auch Chefs, ist beschränkt auf Budan, bei Nepaul, wodurch die Engländer gehn mußten, wenn sie zum Tischulama reisten, zwischen den ungeheuersten Gebirgen. 20° nördlicher Breite ungefähr. Bei der gelben Secte muß die Priesterschaft im Cölibat leben, da die andre Secte den Priestern die Heirath zugestanden hat. Die Engländer haben mit dem Tischu-lama in Tischu-lombu Bekantschaft gemacht. In den 70er und 90er Jahren: damals war der Tischu-lama ein Kind von 3 Jahren; der vorige war gestorben an den Kinderpocken in China sehr unerwartet, woher der Kaiser ihn berufen hatte. Ein Kind wird als Lama dann erzogen, was sich eignet, | körperlich und geistig, und in dem der Geist des Lama, der nie stirbt, nun wohnt; er wechselt nur den Körper. Es wird ein Mensch als Gott verehrt; hat etwas höchst widerstreitendes, das selbst unsre Vorstelung empören kann. Man muß aber dabei vor Augen haben: es ligt im Begrif des Geists überhaupt, daß er wesentlich ein an und für sich algemeines ist, und diese Bezihung der Algemeinheit des Geists in sich selbst muß besonders hervorgehoben werden, und in der Anschauung der Völker muß vor Augen stehn, daß nicht die besondre Subjectivität, der besondre Wille, die Einzelheit als dieses Subject das erste bei ihnen ist, sondern die Geistigkeit ist als solche auch so bei ihnen isolirt. Asien überhaupt ist, diese Einheit, Durchgängigkeit des Geists steht vor ihrem Bewußtsein als das wesentliche, mehr als unsre Vorstelung von der ausschlißenden Einzelheit der Subjecte. Uns erscheint der Geist eines Volks mehr als ein gemeinschaftliches, das aber nicht als eins Realität habe, nicht für sich seiende Substanz sei. Diese Einheit ist bei den Orientalen wesentlich das erste. Ein Engländer kam auf der Reise zum Rajah von Budan, der sagte, er sei mit dem Lord Hastings verwandt, ihre Geister seien verschwägert; Freundschaft gilt ihnen mehr als physikalische Einheit der Existenz; so sind die Lamen die Gestalten, in denen sich der Geist in individueller Form manifestirt, es ist aber diese Geistigkeit nicht ihr besondres individuelles Eigenthum, sondern die Priesterschaften (3 bis 4000 zusamen), welche bei den Buddisten die unmittelbaren Schüler Buddas und sonstige Lehrer, die ein frommes Leben geführt haben, werden als hohe Geister, als theilnehmend an der Geistigkeit vorgestelt, die in ihnen die Weise einer besondren Existenz erhalten und sich | für die andren in ihnen 1 Lamadiener] Do: Mongolen 10–12 der vorige … hatte] Pi: Die Vorsteher suchen ein Kind aus zum Lama, worin der Geist des Gottes übergeht. Der buddistische Dienst verehrt die Reliquien von Menschen. 22 Durchgängigkeit] Do: das Durchgehen 25 als ein … habe] Do: als Abstraktes

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manifestirt hat, woran die Andren Anschauung haben, um zu einem guten Leben, Frömigkeit des Gemüths und auch in die Einheit der Gemeinschaft des Geists versezt zu werden. Wir müssen also die Individualität nicht so hoch stellen, wie wir es nach unsrem Verstande gewohnt sind. Es gehört auch in diese Vorstelung die Unterscheidung des Geists von der Natur; der Chinesische Kaiser regirt die Natur; auf der andren Seite ist das Geistige davon unterschiden; die geistige Macht ist eine andre, als die Naturmacht. Wir stellen uns Gott vor als Schöpfer Himels und der Erden, oft als technischen Künstler, der sich zu den natürlichen Dingen, wie der endliche Geist, auf gegenständliche Weise verhält; das götliche Hervorbringen der Natur, die götliche Wirksamkeit der Natur hat mehr die Stelung erhalten eines Schlafes oder Traums des Gottes, und für das Thun des Absoluten ist nur übrig geistiges Thun, nicht natürliche Wirksamkeit, Beherschen der Natur. Es fält also dem Lamadiener nicht ein, zu verlangen, der Gott solle etwa Wunder thun, seine Herschaft über die Natur zu beweisen. In China wird gezaubert, aber die Yen sind nur untergeordnet; die Tibetaner haben eine Menge Genien, wie die Gespenster bei uns, vor denen sie sich fürchten; diese Furcht erstrekt sich auf ein unbestimtes von Naturmacht. Von dem Götlichen wollen sie | nur geistige Wirksamkeit, verhalten sich zu ihm als zu Geistern. Die Tibetaner verehren den Lama als Spender von Wohlthaten, als geistiges Wesen. Budda ist der Heiland, Abel-Remusat, hat diese Epitheta gesamelt; er heißt auch das größte Heil, der große Heilige, das Meer der Tugend: den Budda stellen sie vor als versenkt in Meditation, und alle ausgezeichneten Männer stellen sie vor als auf geistige Weise beschäftigt, was das götliche sei. Den Dalai-Lama schildert man als den vortreflichen ruhigsten in der Meditation lebenden Mann, und die Mogolen betrachten ihn von dieser Seite nicht als Naturherrn, Zauberer, sondern als einen, der geistiges Wesen ist. Sie sehn in ihm den Mann, der beständig beschäftigt ist in religiösen Beschäftigungen, und wenn er gerufen wird, seine Aufmerksamkeit auch auf menschliche Dinge zu wenden, so stellen sie ihn sich vor als allein beschäftigt in dem wohlthätigen Amt, Trost auszutheilen durch seinen Segen und in der Ausübung der götlichen Attribute der Barmherzigkeit und Verzeihung. Die Lamen leben so abgeschnitten für sich. Ein Engländer sagt, er habe die Gemälde vom Lama gesehn, in Seide gewirkt;

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4 Es gehört auch] Do, ähnlich Pi: Zweitens gehört 6 regirt die Natur] Pi: beherrscht die Naturkräfte 7–9 Wir stellen … verhält] Do: Die Vorstellung Gottes als Schöpfer, der sich auf eine gegenständliche Weise zu den Dingen wie ein technischer Künstler verhält, ist hier nicht 35 da 13–14 Es fält … beweisen.] Pi: Die Lama’s können darum keine Wunder thun, ihre Got theit besteht nicht darin. Do: Also einem Lama wird nicht zugemuthet, seine Gewalt über die Natur durch Wunder zu zeigen. 20 Heiland] Pi: Heiland der Seelen 10 hat] Ke: und

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die Bilder haben mehr die weibliche Bildung als eine mänliche gezeigt. Die Weichheit des ganzen Characters ist bemerkt worden. Er sagt, so ein Lama werde sehr früh als Kind aus den Händen | der Eltern genommen. (Kind von ausgezeichneter Schönheit, Lieblichkeit, sah Turner.) Es wird erzogen, in voller Stille und Einsamkeit in einer Art von Gefängniß; sehr wohl genährt ohne vile Bewegung, an Kinderspielen wird ihm kein Antheil gelassen. Bei dieser Erzihung, und Verehrung, Aufmerksamkeit ist es kein Wunder, daß so ein Lama in seinen Zügen weniger von manlichem Character zeigt, als von weiblichem, auch der kleine lama betrug sich vollkommen gesetzt; die Spielzeuge, die ihm geschenkt wurden, nahm er an, aber nicht auf kindliche Weise, sondern blib in seiner contenance. Unter den Lamachefs stehn wieder welche, die Vorsteher der Genossenschaft sind: Ragans bei den Birmanen; Chilon in Tibet. Freiwillig ist es, einzutreten, aber von 4 Söhnen muß einer dem geistigen Leben gewidmet werden. Sie haben auch ein Gebiet, beherscht weltlich; von China abhängig; aber nicht bedeutend; sie regirn nicht selbst, sondern durch ihren Großvezir, Becherhalter. Die Regirung ist höchst einfach und mild[.] Die Mogolen komen dahin, bringen ihre Verehrung dar, befragen ihn über politische Dinge im algemeinen und er gibt ihnen väterlichen Rath. Andre Modification ist die buddistische. Bud ist gestorben. Der geschichtlich nachherige Theil. Hauptvölker sind Mogolen. Sie bewohnen das weite Hochasien; führen ein nomadisches patriarchalisches Leben, ohne daß sie eine politische Verfassung in sich haben. | Wie die einfache Anschauung des Geistigen bei ihnen das höchste ist, so ist das politische ganz gefühlt, was bei den Chinesen der Verstand ausgebildet ist. Sie haben großen Respect für das Leben; essen nichts, was geathmet hat; Tibetaner leben von Pferdemilch; scheuen sich, etwas umzubringen; in ihren Hütten, wo es sehr unreinlich zugeht, töden sie keine Laus, setzen sie wo anders hin, aus Achtung für das Lebendige. Der Dinst der Lamen, der Dinst eines gegenständlichen Geistigen hat die chamanische Religion verdrängt; Zaubrer, die sich berauschen, betäuben durch Tanz, Getränk, sich behängen, erschöpft niederfallen, Worte sprechen, die für Orakel gelten. An die Stelle dieser zaubernden Religion sind vornehmlich der Buddadinst oder Lamadinst bei den Mogolen getreten. Wir sprechen hir von etwas gegenwärtigem, aber das gegenwärtige ist vom höchsten Alter thum so gewesen, es ist ein altes, unmittelbares, anfängliches. Wo sie näher in die Geschichte eingegriffen haben, die H u n n e n zb, solche Anstöße sind etwas historisches, aber mehr etwas elementarhistorisches, gehört nicht in die Geschichte als Fortgang des Geistes, son14 von China … bedeutend] Do: Die Abhängigkeit vom chinesischen Reich ist sehr schwach mehr oder weniger abhängig von China 24 Tibetaner] Pi: Mogolen 22 gefühlt Lesung unsicher

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dern in die geschichtliche Seite, insofern sie natürliche Seiten, äußerliche Nothwendigkeit, Impulse hat. Indien

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Wir gehn über zur 2ten großen welthistorischen Gestalt, der Indischen. Sie ist im ganzen, noch gegenwärtig, | in der Reihe der geistigen Gestalten ist sie eine frühe Gestalt, also ist sie alt, aber sie ist ein statarisches, bestehendes gebliben, das noch itzt besteht in seiner volständigsten Ausbildung nach Innen, obgleich nach außen Indien nicht mehr selbstständig ist. Indien hat aber auch äußerliche welthistorische Bezihungen. Diese können von 2 Seiten genommen werden: 1) wir wissen erst in neuern Zeiten, daß die altindische Sprache, das Sanscrit verwandt ist, und wie es scheint, zu Grunde ligt, all diesen weiter entwikelten, besonders auch europäischen Sprachen: griechische, römische, deutsche Sprache. Indien scheint also der große, ungeheure Ausgangspunkt gewesen zu sein für die ganze westliche Welt. Diese welthistorische Bezihung müssen wir aber mehr fassen als eine Naturverbreitung des Menschengeschlechts, einen historischen Fortgang, der mehr auf natürliche Weise geschehn und volbracht ist. Ein andres wäre, daß wir hir geistige Anfänge zu suchen hätten, Gedanken hir aufgingen, die für die welthistorischen Völker lehrreich gewesen wären, in Indien also die Elementaren Sinnvorstelungen für die weitre Entwiklung zu suchen wären, die Verbreitung derselben durch Handel, auch in Ansehung religiöser Bestimungen. Ritter in der Vorhalle der europäischen Völker hat die Spuren gesamelt, die sich von dieser Verbreitung indischer Colonien gegen den Westen finden lassen. Diese Colonien hätten nicht nur die | natürlichen Menschen verbreitet, sondern auch Bildung mitgebracht, rechtliche Verhältnisse, Geschicklichkeiten, auch religiöse Ansichten mitgebracht. Den Namen «nejk“ am schwarzen Meer, Kolchis; Kolikoros (Sonne)[.] Den Indern selbst ist der Name Hindu nicht bekant; andrer Umstand wäre die buddistische Religion; und Ritter stelt die Namen zusamen: von Jupiter der nicht nur Dodonaeus sondern auch Bodonaeus genannt wird; Anspilungen von dem Namen zeigt er bis zum Bodensee auf. Was heutzutage buddistische Religion ist bei den Indern, ist etwas so eigenthümliches, daß es weiter gegen Westen in solcher Weise sich nicht findet, daß das weitre, was in den Schriften angegeben ist, eine Abstraction von der buddistischen Religion, eine Vorstelung ist, nicht dem entspricht, was izt genau historisch ausgemittelt buddistische Religion ist. Die Elemente des Rechts, der Religion, die daher gekomen sind, sind so einfach ge24 rechtliche] Do, ähnlich Pi: entwickelte Bedürfnisse, rechtliche Phasis 34 daher] Do: aus Indien

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25 schwarzen Meer] Pi: 35

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wesen, daß das, was bei den Völkern in Ansehung der Religion, des politischen Lebens, Intresse haben kann, nicht das einfache, sondern das concrete, entwikelte, ausgebildete ist, das, wodurch sie sich von einander unterscheiden, so daß das, was aus Indien abstamt, nicht mehr zu unterscheiden ist. Wäre concretere Bildung durch Indien gekomen, so müßte man sagen, daß die westlichen Völker nichts bessres haben thun können, als diese Elemente zu vergessen, sich unendlich erhoben haben über das, was die Natur der in|dischen Bildung ausmacht. – Die Verbreitung ist eine dumpfe, v o r g e s c h i c h t l i c h e ; es ist geschehn, aber zum geschichtlichen rechnen wir, was mit Bewußtsein geschehn ist, in der Geschichte Stufe, Epoche der Ausbildung des Geistes selbst ist, es hat geistige Realität. Trojas Zerstörung, Karls des Großen Krönung macht solche Puncte aus; die natürliche Verbreitung durch die Sprache ist ein geistloses inhaltsloses. Die andre Seite von dieser Außerlichkeit ist, daß Indien also gesucht worden ist: der Ruhm, den Indien imer gehabt hat, in Ansehung seiner Schätze, natürlichen Schätze, Größe, Reichthum, und besonders seiner Weisheit. Ebenso, wie auf stumme Weise Indien mag Ausgangspunkt gewesen sein, so ist es der Punkt gewesen, den man in der Weltgeschichte imer im Auge gehabt hat. Durch die ganze Geschichte ist es ein wesentliches Moment, daß man Indien gesucht hat, nach Indien gedrungen ist. Es hat von jeher als ein Wunderland in der Vorstelung gegolten. Seine Schätze sind nach Europa gekomen durch Griechen und Römer. Das Land selbst ward nicht berührt. Ebenso indische Weisheit; Py thagoras sei da gewesen; der Gymnosophist hat sich in Susa verbrannt, öfentlich. Sie lebten dem Denken allein, hatten alle andren weltlichen Zweke | auf die Seite gelegt, zogen sich in den Gedanken zurük und lebten nur dem Gedanken. Diese Verachtung der übrigen Intressen des Lebens, und des Lebens überhaupt ist es gewesen, was den Gymnosophisten bewogen hat die Verachtung des Lebens zu zeigen; dies rührte nicht her davon, das Leben zu wagen für einen Zwek, sondern hatte seinen Grund in dem Zurückziehn des Lebens in sich selber. Indien hat nicht erobert nach außen, sondern so weit seine Geschichte in Bezihung aufs Ausland reicht, so ist es erobert worden, von den Mogolen, Afghanen, und in neuren Zeiten von Europäern unterworfen. Seit 1819 auch die Mahratten, deren Paischwah unterworfen, und haben seine Herschaft. Man rechnet, ein Adjutant des

2 Intresse] Do: für uns Interesse 10 es hat geistige Realität] Pi: Diese Verwandtschaft aber hat keine geistige Realität, macht nicht Epoche. 11 Trojas Zerstörung] Do: Der trojanische Krieg, 12 inhaltsloses] Do: inhaltslose Verbreiten. Der Ausgang von Indien also 35 die Schlacht bei Salamis ein vorgeschichtliches. 15 Weisheit] Do: Weisheit ist ein geschichtliches Moment 19–20 Vorstelung gegolten] Do, ähnlich Pi: Phantasie galt mit seinen Perlen und Diamanten, Elephanten und Löwen 21 ward nicht berührt] Do: haben die Römer nicht berührt, obgleich sie seine Schätze kannten 22 öfentlich] Do, ähnlich Pi: vor Alexander 25 übrigen] Do: besondren

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Lord Hastings, und Secretär rechnen die indischen Landschaften auf 80 Millionen Bewohner, und die abhängigen, die englische Truppen im Sold haben, welche zugleich Einfluß haben, auf 40 Millionen Menschen, so daß das disseitige Indien auf 120 Millionen sich beläuft. Man hat auch die Entdeckung wieder gemacht von ihrem Kenntnissen, Weisheit, Bildung, den Werken, die aus ihrem goldnen Zeitalter hervorgegangen sind. William Jones hat ihre Gedichte kennen lernen. In Calcutta wurden Schauspiele aufgeführt, ein Bramine bemerkte, das haben wir auch; da lernte Jones mehrers kennen. | In der ersten Freude der Entdekung dieser Schätze hat er die Bildung der Inder nach Seiten der Kunst sehr hoch angeschlagen. Indien ist seit Jahrtausenden also, ohne daß man es genauer gekannt hätte, vor der Vorstelung der Europäer als ein Wunderland erschienen, wo alle Kunst, Weisheit zu Hause sei; und es ist zu sehn, was sich für den Character Indiens in Rüksicht auf Religion, Kunst, Wissenschaften ergibt. Wir haben es mit einem gegenwärtigen zu thun, und zugleich mit einer der ältesten Gestaltungen. Was das Verhältniß der Geschichte betrift, davon zu seiner Zeit: inwiefern es Geschichtschreibung und dadurch Geschichte hat. Seitdem die Griechen Indien berührt haben, Muhamedaner haben eine Muhamedanische Geschichte, auch in neuren Zeiten englische Geschichte; von der indischen Geschichtschreibung selbst nachher. Zunächst, wie man in neuen Zeiten mit Indien, ihrer geistigen Art und Weise näher bekannt worden ist, so ist die erste Vorstelung durch die Kenntniß der eigenthümlichen Nationalwerke sehr hoch gewesen, und die Hauptzüge in dieser Vorstelung haben ausgemacht eine anziehende Lieblichkeit in der Empfindungsweise dieses Volks, welches als ein weiches, anmuthiges Blumenvolk erschienen ist, eine Anmuth, welche auf sich den ganzen Reichthum des Menschengeistes verwendet, die sich in ihrer Sphäre aufs schönste | ausgebildet habe, so daß sie allen umgebenden Verhältnissen einen Rosenhauch eingebildet haben und die anmuthige Natur zu einem Garten ausgebildet habe der Liebe, die sich ebenso frech und wollüstig als sinnig und geistvoll vorstellt. Hegel hat die indische Weise verglichen mit einer eigenthümlichen Schönheit der Frauen, wo ihr Gesicht eine ganz feine Haut hat, mit lieblicher Röthe übergossen, so daß diese von innen heraus zu leuchten scheint, eine Schönheit, die beinah nicht mehr irdisch erscheint, die die Frauen zeigen einige Tage nach der Niederkunft, nach

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1 indischen Landschaften] Do: direkt abhängigen Indier 13 Wir haben] Do: Auch hier wie bei den Chinesen haben wir 15 Gestaltungen.] Do schließt an: Auch Indien hat sich abgeschlossen 35 entwickelt, die Bildung ist statarisch geworden, nicht vergangen sondern geblieben. 22 hoch] Do: groß und hoch die Hauptzüge] Do: das Ueberwiegende, die Hauptzüge 24 anmuthiges] Pi: schönes, natürliches 26 schönste] Pi: herrlichste 28 anmuthige] Do: schöpferisch reiche 31–32 so daß … scheint] Do, ähnlich Pi: die ein geistiger Anhauch von innen scheint

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der Arbeit des Gebärens, wo sie sich in der Seele über das Geschenk eines lieben Kindes freuen; auch eine Schönheit, die die Frauen im magisch-somnambulen Zustand haben, wo sie einer schönren Welt anzugehören scheinen. Ein Künstler hat der Maria diese Schönheit im Tode gegeben, wo diese Schönheit als selige Verklär theit erscheint. Solche Schönheit ist im indischen Character, sie rührt wesentlich von der Nervenschwäche her, wo alles starre, unebne, | widerstrebende aufgelöst ist, die Sele als innerlich empfindend erscheint; wo die Seele im Begriff ist heraus zu gehen. So lieblich stellt sich alerdings die indische Blumenempfindung dar, aber eine ganz andre Seite sind die Werke, Arbeit, That des selbstbewußten Geists, der Freiheit und des Rechts. Wir müssen sogleich den Verdacht haben, daß solche matte Schönheit nicht fähig ist, in den großen Verhältnissen des Lebens und Staats sich mit der Kraft der Vernunft zu zeigen, sondern, und es bestätigt sich nothwendig, daß solches empfindendes Leben sich in der Wirklichkeit in die schmählichste Knechtschaft und Entwürdigung sich stürzen und in ihr sich darstellen werde. Das politische und religiöse Leben vornehmen: kürzlich an den Boden erinnern; die Localität. Mittelpunkt ist der Ganges, Zwillingsstrom der Indus. Ganges ist der Hauptstrom, der heilige Strom. Das Thal des Ganges wird nördlich vom Himalaya abgegränzt; nordwestlich Kabul, am nördlichen Indus Pandschab, wo Alexander hinkam. vom Indus haben die Ausländer das Land und Volk genant, die selbst nichts von diesem Namen wissen. Dies | Land macht nur den einen Theil aus, der andre ist die eigentliche Halbinsel, im ganzen Dekan genannt. Die Nerbudda unterscheidet hauptsächlich; fruchtbare Ströme durchfließen es, Gebirge durchschneiden es. Die Küste Malabar ist schmal, von dieser Seite drangen die Europäer nicht weit; an der Küste Coromandel haben die Hauptströme Ausfluß, wo die großen Thäler, und Hochebnen sich finden; aber sehr verschieden vom eigentlichen Indien des Ganges. Was das politische und religiöse Leben betrift, und sich zunächst drauf beziht, ist der Fortgang und die Bestimung gegen das Chinesische: da ist Gleichheit aller Individuen, aber damit verknüpft zugleich das Regiment von einem Mittelpunkt aus, worin die Individualität, das Besondre zu keiner Selbstständigkeit komt, zu keiner subjectiven Freiheit. Das nächste von dieser Einheit ist, daß gegen diese Gleichheit d e r U n t e r s c h i d sich hervor thut, und daß die Unterschide bestimt, selbstständig werden gegen diese, wie wir in China sehen, alles äußerlich beher-

35 8 heraus zu gehen] Do: aus dem äußerlichen Leben herauszugehen

10 Werke, Arbeit] Pi, ähnlich Do: Werke der Vernunft 16 vornehmen] Do: müssen wir näher betrachten 21 Dies Land] Do: die Landstriche vom Ganges zum Indus 27 aber] Pi, ähnlich Do: Der naturhistorische Charakter der Halbinsel 29 da ist] Do: In China hatten wir 32 Das nächste] Do: Der nächste Fortschritt 20 Pandschab] Ke: Ten sowie eine kleine Textlücke

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schende Einheit; daß das Besondre Selbstständigkeit gewinne. Zu einem organischen Leben gehört die Einheit des Organismus, die Eine Sele, aber dazu daß es ein organisches Leben sei, gehört, | daß sich die Besonderheiten unterschidlicher Theile, aber eigentlicher Glieder, die sich in ihrer Particularität zu ganzen Systemen ausbilden, aber daß ihre Thätigkeit reconstruire diese Einheit. Dem chinesischen Princip geht ab diese Freiheit, die Selbständigkeit der Besondrung. Also die durch den Begrif nothwendige große Bestimmung ist der Unterschid, selbstständig werden der Unterschide, und das ist das characteristische von der indischen Gestalt. Es werden aus dieser Einheit des Despoten und der Individuen selbstständige Glieder herausgebildet; aber diese Unterschide fallen in die Natur zurück, so daß sie, statt im organischen Leben sich frei für sich zu bewegen und aus ihm die Einheit frei hervorzubringen, ganz versteinern und erstarren, und diese Festigkeit der Unterschide hat das indische Volk, die indische Bildung zur verworfensten Knechtschaft jeder Art von Geist herabgesezt und verdamt. Diese ist unter dem Namen von K a s t e n bekannt. In jedem Staat muß der Unterschid von Beschäftigungen hervorgehn, S t ä n d e , aber noch mehr der Individuen, das ganze muß gehalten sein von der subjectiven Freiheit, Moralität, inren Sitlichkeit der Individuen. Hir sind die Unterschide Unterschide d e r B e s c h ä f t i g u n g e n , d e r S t ä n d e . Diese machen in jedem Staate | besonders große Kreise für sich selbst, und der Staat resultirt aus dem System dieser besondren Beschäftigungen, die sich als große Massen versamlen, aber so, daß die Individuen dabei ihre subjective Freiheit behalten. Hir komt es auf das Auseinandergehn in Unterschidenheit der Massen an, die aber absolut befestigt werden. Das nähre ist: Bestimtheit der Kasten überhaupt gegeneinander; der Kastenunterschid befaßt und bestimt d a s g a n z e L e b e n der Individuen, das ganze politische Dasein, wie die Religion ihrer wesentlichen Bestimmung nach darein eingeschlossen und enthalten ist. Der Unterschid gründet sich auf die Geschäfte im Staatsleben, und komen in jedem Staat vor, samlen sich zu besondren Massen, Klassen. Die erste Klasse enthält das intelligible Leben überhaupt, das religiöse, wissenschaftliche Leben überhaupt. Die 2te das Geschäft der practischen Tapferkeit; die dritte das Handwerksleben, die vierte die dienende Klasse, die fünfte eine Besonderheit davon.

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5 Thätigkeit] Pi: Thätigkeit, Lebendigkeit, ihre Partikulation 6 Besondrung] Do: Besonderung, daß die Subjekte nicht Selbstständigkeit für sich erlangen 8 characteristische] Do: wesentliche charakteristische Prinzip 16 Beschäftigungen] Do: Ständen 23 Das nähre ist:] Do: 35 Die Bestimmtheit der Kasten muß nun näher betrachtet werden. 30–31 das Handwerksleben] Pi, ähnlich Do: Gewerbe und Handel 31 eine Besonderheit] Do: ein besonderes Verhältniß 9–10 Individuen selbstständige Glieder herausgebildet] Ke: Individuen bilden sich selbstständige Glieder heraus

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1) Braminen, die ideelle Classen überhaupt: durch die Geburt. 2) Tetri, Tetrier, Chetri, Krieger, auch der, aus dem die Regenten entsprungen sind, doch sind auch Braminen Fürsten gewesen, der lezte Peischewah der Mahratten zb. | 3) Waisias; Peise, Pise. Vieh halten, Grund und Boden bauen, Handel treiben. Ihnen sind untergeordnet 4 die Sutras, denen das Geschäft obligt, Dienste zu verrichten, dienstbare Klasse. Diese 4 Klassen beziehen sich auf unterschiedene Beschäftigungen; sie dürfen sich untereinander nicht verheirathen. Diese Vermischung ist aber zu nahe ligend, als daß sie nicht geschehn sollte; Braminen können vile Frauen haben, die sie gar nicht kennen, sahen, weil sie ihnen gegeben werden von den Eltern, das ist eine Ehre. Bei Festen suchen sich die Braminen die schönsten Frauen aus, behalten sie, schicken sie wieder. Die Kinder aus solchen vermischten Ehen gehörten zu keiner Kaste. Einer der wenigen geschichtlich angegebnen Umstände ist die Disposition die in frühren Zeiten gemacht ist über solche Kinder. Ein König habe gesucht, ihnen eine Bestimung anzuweisen, es sei dies der Anfang der Künste und Manufacturen gewesen. Burensunker war ihr Name; verschiedne Beschäftigungen des Handwerks. Eine Abtheilung Weber, andre Eisenarbeiter. So sind noch mehr Kasten hin zu gekomen; und die Anzahl dieser wird in den heiligen Büchern auf 36 gerechnet. In den wildren Gegenden sind es weniger, wo weniger Kultur vorhanden ist. Die vornehmste unter diesen ist die, deren Mitglider entsprungen sind aus einer Heirath eines Braminen mit einer Frau aus der 2ten Klasse. Die nidrigste besteht aus Nachkömmlingen eines Sutra mit einer Frau aus der heiligen Klasse. Diese heißt Candalas; Cundalas werden mit Abscheu betrachtet, ihr Geschäft ist, Tode wegzuschleppen, die Verbrecher hin|zurichten, alles was als verächtlich angesehn wird. Sie wohnen in ganz abgeschidnen Gegenden, wo man sie rufen lassen kann. Wenn sie einem Mann aus einer höhren Kaste begegnen, so müssen sie ihm aus dem Wege gehen, weil er verunreinigt wird; ein Bramine kann ihn niederstoßen, wenn er nicht aus dem Wege geht. Wenn ein Kundala aus einem Brunnen, oder Teich, wie er bei jedem Dorf in Indien ist, trinkt, so ist dieser verunreinigt, und muß durch Ceremonien gereinigt werden. Diese Unterschide gründen sich also auf Unterschide der Beschäftigungen, wie bei uns; sie sind nothwendig, und Uralt. Bei Arrian, Curtius. Arrian nennt 7, und auch von ver-

4 Vieh halten] Do: Ihr Geschäft ist Vieh zu halten 11 Frauen] Do: Frauen und Mädchen Die Kinder] Do, ähnlich Pi: Dadurch ist eine Vermischung der Kasten entstanden. Die Kinder 25 Sie 28 niederstoßen] Do: auf 35 wohnen … Gegenden] Do: Sie sind verdammt abgeschieden zu leben der Stelle niederstoßen 30 Ceremonien] Do: lange Ceremonien 30–32 Diese Unterschide … Uralt.] Do, ähnlich Pi: In allen indischen Staaten sind nicht soviel Unterabtheilungen. Diese Unterschiede von Kasten sind so alt, als die äußere Geschichte von ihnen spricht. Curtius und Arrian sprechen schon von ihr.

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schiednen Europäern wird die Anzahl auf so verschieden angegeben. – Ein ganz andres ist die Stellung gegeneinander, die merkwürdig ist. Sie dürfen sich nicht untereinander verheirathen. Ein weitres ist, daß sie sonst höchst verschiedne Rechte gegeneinander haben; so weit der Himel über der Erde ist, so weit steht, der Bramine höher, als der aus den niederen Klassen, und ihm muß von dem aus der 2ten Klasse, diesem aus der dritten Ehrfurcht erzeigt werden, u.s.f. Die nächste Frage ist, wie sie entstanden sind geschichtlich. Die Inder, die keine Geschichtschreibung haben, die einer geschichtlichen Ansicht, wie die Chinesen sie haben, unfähig sind, geben uns keine Nachrichten; nur das, was angeführt ist von der Entstehung der Unterabtheilungen hat geschichtliches Aussehn. von dem andren wissen sie nichts, durchaus my thisch, in ihren Kosmogonien | wird gesagt, sie seien aus den verschiednen Theilen des Körpers von Bram entstanden. Man ist auf Vermuthungen reducirt. Wozu man am nächsten greift ist, daß die verschiednen Kasten verschiedne Stämme seien, die sich so zusamengefunden haben, die dann ihre Verschidenheit der Nationalbeschäftigungen beibehalten haben. Die Braminen seien von Norden her nach Indien gekomen. Das beruht auf Ausdrücken in indischen Büchern, aber dies kann nicht für etwas geschichtliches genomen werden. Hauptsache ist, daß die unterschidnen Stände nicht unterschidnen Stämen können angehört haben. Es war in neuren Zeiten, daß man von Priestervölkern gesprochen hat, die Etrusker. Dieß ist etwas leeres, in einem Volk finden sich sogleich die verschiednen Beschäftigungen in demselben. im einfachen patriarchalischen Zustand komen die verschiednen Geschäfte bei einem Individuum wohl vor, aber werden auch besondre Künste, Gliedern der Familie zugetheilt. Priester können nicht bestehn ohne Stand, der die Erde baut, Land ver theidigt; bloße Krieger als Räuber gehören nicht einem gebildeten Zustand an. Die verschiednen Beschäftigungen, Stände, bedingen sich gegenseitig, und sind nothwendig aus einer ersten Gemeinsamkeit hervorgegangen. Daß in einem gemeinsamen Zusamenleben solche Unterschide hervorgetreten sind, gehört zur Bildung überhaupt, und in dem fruchtbaren Thal des Ganges hat sich nothwendig Geschäftigkeit, dadurch Bildung, eingefunden, und es ist natürlich, daß die Söhne das Geschäft der Eltern fortsetzen, dies | macht sich bei Mangel von Bildung von selber, aber ein weitres ist die absolute Befestigung solcher Beschäftigungen an Einer Familie, und der Familie an solche Geschäfte, so daß dem Individuum kein Uebergang offen steht zu einem andren Geschäft. Diese Unterschide sind hir der Natur anheim gefallen, und dieser Umstand gehört 8–9 einer geschichtlichen … haben] Do: einer Ansicht, die wir Geschichte nennen 27 nothwendig] Do, ähnlich Pi: nothwendig aus einer Einheit 33 Familie1] Do: bestimmten Familie 34–35 Diese Unterschide] Do: und diß ist ein wesentlicher Unterschied. Diese Unterschiede

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überhaupt dem an, was wir als orientalisches Princip überhaupt erkannt haben. Beschäftigungen gehören der Subjectivität des Menschen an, drin ligt, daß der Mensch sich die Beschäftigungen wählen kann, berechtigt ist von einer zur andren überzugehn. Aber im orientalischen Princip ist die Innerlichkeit noch nicht als ein Selbstständiges überhaupt anerkannt. Indem solche Unterschide sich hervorthun, ist damit die Freiheit der Subjectivität nicht verbunden, sondern es fält der Natur anheim, wie in China im ganzen der Person des Kaisers. In der platonischen Republik ist es ähnlich, der Unterschid der Stände komt da auch nothwendig vor, das Subject hat aber nicht die Freiheit, sich seinen Stand zu wählen, sondern es sind die Vorsteher, die die Individuen zutheilen den besondren Ständen. So bei den Indiern; wo der Unterschid der Natur anheim fällt. Das könte im ganzen noch nicht als die Entmündigung angesehn werden, zu der es in Indien wirklich hinabsinkt. Wir haben es Unterschid von Beschäftigungen genannt, in irdischen Dingen, Krig, Handel, Ackerbau, Staatsdinst sind Arten von Beschäftigungen neben einander, und ihr Inhalt betrift nur | das besondre der Thätigkeit des Menschen; über dieser besondren Thätigkeit des Menschen steht aber ein höheres. Im Feudalwesen des Mittelalters ist auch so ein Zustand, aber es war dies vorhanden, daß die Individuen aus jedem Stande übergehn konnten in den geistlichen Stand, damit in den gelehrten und in das, was wir Civilämter heißen. Auch bei uns thut der Zufall der Geburt ungemein viel, und dadurch ligt am nächsten der Stand, den er wählt; und wenn man zählen wollte, so würde man finden, daß durch die Geburt der Stand bestimt wird, der frei gewählt zu sein scheint. Aber bei uns steht über allen diesen besondren Beschäftigungen ein höheres, ausgleichendes, das für sie die Gestalt eines besondren hat: die Religion, in der alle Menschen gleich sind, aber nicht nur gleich, sondern in der Religion und durch die Religion sind alle gewürdigt einen absoluten Wer th zu haben, der ganz frei ist von dem besondren des Standes. Außer dieser ganz geistigen Sphäre, der volkommnen Freiheit des Geistes, ist eine weitre Sphäre vorhanden, insofern das freie geistige eingreift ins weltliche. Diese angewendete Religiosität ist das, was wir Sitlichkeit nennen, sitliche Würde kann jeder Mensch in jedem Stande sich geben und soll sie sich geben. Sitliche Würdigkeit hat jeder Mensch in sich selbst, und die | oberen haben sie in sich, wodurch sie in sich eine Achtung und sitliche Pflichten haben gegen die, die ihnen nach der Seite 2 drin ligt] Do: In so fern diese anerkannt, frei, selbstständig in sich ist, so liegt darin

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35 einer … überzugehn] Do: nach ihrem Talent, ihrer Neigung die eine oder die andre zu wählen

4 Inner lichkeit] Do, ähnlich Pi: innerliche Subjektivität 24 ausgleichendes, das … Gestalt] Do: jenes Versöhnende, Ausgleichende, das darüber steht. so daß die Beschäftigung nur die Bedeutung 29 angewendete] Do: gleichsam angewendete 33 sitliche Pflichten] Do: Scheu Seite] Do: äußeren Seite

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des Standes untergeordnet sind. Aber das Recht überhaupt, Recht der Person, des Eigenthums, ist es, wodurch die der Bildung, dem Stande nach Unterschidnen gleichgesetzt sind. So ist es in Indien nicht, sondern da erschöpft diese natürliche Verschidenheit alle Verhältnisse des Lebens, so ist keine wahre Religiosität, Sitlichkeit, Recht und Gerechtigkeit vorhanden; und demnach haben wir den Unterschid der Kasten zu betrachten. Verschidenheiten in Ansehung der Rechte und des sitlichen, die auf den Kasten beruht, enthält die mannigfaltigsten Züge, besonders ist das Verhältniß der Braminen zu betrachten, die so ungeheure Ueberlegenheit haben über die andren Kasten, daß sie die Götter für die anderen sind, daß das Verhältniß der andern Kasten zu ihnen selbst wesentlich die Religion ist. Speciellere Daten: in Ansehung des Rechtsverhältnisses, bestimt nach dem Unterschid der Kaste und die Vorrechte, die Hoheit der Braminen, und dann müssen wir in die Religion, die religiöse Bestimmung der Inder übergehn. 1) Rechte, abhängig vom Kastenunterschide gemacht. Im Gesezbuch des Menu steigen die Strafen je niedriger die Kaste ist. Auch in andrer bestimter Rüksicht komt das vor: Wenn ein Mann aus höhrer Kaste einen aus nidrer Kaste anklagt, und die Klage sich als unrichtig erweist, so ist er straflos, im umgekehrten Fall harte Strafe[.] | Wenn einer aus nidrer Kaste mit einer Person aus höhrer Kaste sich Gleichheit herausnimt, mit ihm zb. zugleich spricht, so wird gestraft nach dem Verhältniß seines Vermögens. Nur der Fall des Dibstahls ist ausgenomen, wird in höhrer Kaste härter bestraft als in der niedren. So ist auch in Ansehung der Zinsen die gesetzliche Verschiedenheit nach den Kasten vorhanden. Einem Braminen dürfen nur 2 Procent abgefordert werden, Ketri 3, Waisia 4, von einem Sutra gesteht das Gesetz 5 Procent zu. Das Eigenthum der Braminen ist von allen Abgaben frei. Die Strafen sind überhaupt sehr grausam und hart, aber das Leben und Eigenthum eines Braminen kann nie in Gefahr komen, er mag Verbrechen begangen haben, wie er wil. Lassen ihn aus seinem Lande verbannt werden, nicht aus Indien überhaupt, sondern aus seiner Gegend, Fürstenthum. (Überhaupt hat Indien nie unter Herschaft von Indiern gestanden, sondern ist, was eigentlich aus allem hervorgeht, immer getheilt worden.) aber laßt ihn ungekränkt an seinem Leib und Eigenthum. Im Menu sind 10 Stellen genant, woran die Strafe volzogen werden kann, die den 3 untersten Klassen zu komen: die Zeugungstheile, Leib und Zunge, die Hände, Füße, Augen, Ohren, Eigenthum, und der ganze Körper; aber der Bramine muß aus seinem Lande scheiden, unbeschädigt an irgend einer dieser Stellen. Wenn ein falsches Zeugniß einem Bra26 von] Do: beinahe von 10 sind] Ke: ist

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minen zu Gunsten geschiht, ist es erlaubt. Auch sonst, wenn ein Mann aus Antrieb der lust einer Frau oder einem Mädchen was vorlügt, ist die Unwahrheit erlaubt oder wenn er durch Wahrheit seiner Aussage des Lebens, oder des Gutes, beraubt würde, ist die Unwahrheit erlaubt. Besonders sind Beleidigungen der Braminen fürchterlich ausgezeichnet. Die abstracte Wiedervergeltung ist gesetzliche Bestimung, und wenn der aus nidrer Kaste verlezt, | so wird das verletzende Glied abgehauen, aber nicht im umgekehrten Fall. Ferner gesetzliche Bestimmung: wenn ein einmal geborner Mann einem zweimal gebornen, d.h. Braminen, mit großen Invectiven insultirt, so soll ihm seine Zunge gestutzt werden, wenn er ihm Schimpfnamen sagt, Namen, die Schmähungen erhalten, zb. Auswurf der Braminen, so soll ein 10 Zoll langer Stab glühend in seinen Mund gestoßen werden. Wenn einer den Braminen anpißt, so ist es so fürchterlich, daß sich der Verfasser des Auszugs, aus dem dies genomen ist, scheut, sie anzugeben. Das Lesen der Vedas ist ihnen ausschlißlich zugeschriben, und ein Sutra soll keinen Antheil daran haben. Ein Bramine soll nie in Gegenwart eines Sutra in den Vedas lesen, | er soll ihm nicht Rath er theilen, nicht geben, was von seinem Tische fällt, | auch nicht lehren die Abbüßung der Sünden. Wenn ein Sutra einem Braminen etwas aus den Vedas vorliest, so soll die Obrigkeit heißes Oel in seinen Mund gießen, hört er zu, so werden ihm die Ohren mit Oel zugegossen und mit heißem Wachs gestopft. | lernt er etwas auswendig, oder will er sie lesen, wird er getödtet. | Wenn einer überhaupt einem Braminen häufig Beschwerden macht, oder ihn berührt, ist der Tod darauf gesezt. Großer Unterschid in Rüksicht des | Ehebruchs, wenn ein Mann aus nidrer Kaste mit einer Frau aus höhrer Kaste Ehbruch treibt, wird er auf eisernem Bett verbrannt. Im umgekehrten Fall nicht. Sitzt ein Sutra auf dem Sitz eines Braminen, so muß die Obrigkeit ihm heißes Eisen in den Hintern stoßen lassen, oder ihn verbrennen und den Hintern abhauen lassen. Wenn man einen Braminen nur mit einem Grashalm trift, oder ihn durch Argumente zum Schweigen bringt, so muß der Beleidiger sich durch Niderfallen vor ihm demüthigen. Außerdem unendliche Menge von Bestimmungen, Unterschiden, Handlungsweisen, Gebräuchen aufstellen, die den verschiednen Kasten vorgeschriben sind. Theils untereinander, theils besonders ist ihnen so viel von Gemeinschaft mit Fremden, Europäern, die zu keiner Kaste gehörn, die von ihnen gerechnet werden zu den Ausgestoßnen aus einer Kaste. – Die Braminen geben keine Abga-

35 25 Sitz] Do: Sessel

Pi: Polster

2 ist] Ke: folgt eine durch Klebestreifen unlesbar gewordene kürzere Stelle 7 Ferner Lesung unsicher 10 erhalten] Ke: enthalten 16–17 er soll … fällt, so Do; in Ke eine Textlücke von zwei Zeilen 20–21 lernt er … getödtet. so Do, ähnlich Pi; Ke: Wenn er lehrt sowie eine Textlücke von drei Zeilen

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ben in Ansehung des Eigenthumsrechts, das in Indien statt findet bei den Landbauern, worin auch zu sprechen in wifern ein Inder aus nidrer Kaste Eigenthum und näher Landeigenthum besitzt; sehr wichtig, ob er sein Eigenthum baut, oder nicht; aber dies ist eine sehr schwierige Frage, die wir nicht gehörig beantworten können. Die Engländer haben in Ansehung der Folgen die genausten Untersuchungen angestelt, aber sie konten auf keinen genauren Grund kommen. Sehr vil Wesen als Resultaten von der weitläufigsten Untersuchung, aber es | hat sich nicht erweisen lassen, daß sie Eigenthümer sind. Als die Engländer Herren von Bengalen wurden, 30 Millionen, so war es wesentlich; es ist Rente auf das Land gelegt, die den 6ten Theil des Ertrags ausmacht, nicht nach der Verschidenheit des Ertrags, wie der zehnte. Über einen District sind Zimendars gesezt, die die Abgaben erheben für die Eigenthümer oder die Bauern; die Engländer haben die Zimendars nur responsabel gemacht, und ihnen überlassen, sich mit den Bauern zu arrangirn, haben also die Zimendars als Eigenthümer anerkannt. Die Hälfte des Ertrags soll die Kosten der Bebauung und die Subsistenz des Bebauers abwerfen; das Ganze wird zwischen dem Zimendar und dem Herscher und dem Bebauer getheilt, der die Hälfte bekomt; es werden außer dem vom Ertrag noch andre Kosten voraus abgezogen; für den Dorfvorsteher, Richter, den Aufseher und Ver theiler des Wassers, den Braminen, auch für die reisenden Bettler, den Astrolog, das ist ein Bramine, der angeben muß, welches die glüklichen und unglüklichen Tage sind für alle Arten von Geschäften, für den Schmied und Zimermann der Gemeinde, den Töpfer, Wäscher, Barbier, Arzt, Tänzerin, Musikus und Poëten; was davon übrig ist, wird berechnet, und die Hälfte komt dem Zimendar, König, Herscher zu, und die andre Hälfte dem Bauern. – | Das Leben ligt unter ungeheuren Menge von Beschränkungen; die Engländer zeichnen sich dadurch aus, und sie hofen dadurch, Erfolg zu haben, daß sie die Sitten der Völker und Eigenthümlichkeiten so hoch respectiren. Die höhren Kasten dürfen nur Körner essen; Reiß, Sago, (als bekannt ward, daß er nicht als Korn wächst, haben sie große Skrupel gehabt), aus einem Quell dürfen sie nicht trinken wenn Vieh oder Europäer daraus getrunken haben. Das macht bei Armeemärschen große Schwirigkeit aus, wenn indische Truppen mit englischen ankommen, und die Engländer trinken, so trinken die Inder diesen Tag nicht, verschmachten eher, als bis sie trinken, und die Engländer müssen warten, bis die Inder getrunken haben. Diese dürfen nichts von andren gekochtes essen. Ein 16 Subsistenz] Do: nothdürftige Subsistenz 1 findet] Ke: finden unlesbare Wörter

12 für] Ke: s

27 Erfolg Lesung unsicher

30 gehabt] Ke: folgen drei

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indischer Bedinter darf seinem Herrn Wasser bringen, aber nicht wieder wegtragen, wenn er daraus getrunken hat, sonst wäre er verunreinigt. Die indischen Truppen sind gekleidet von den Engländern; aber die Inder dürfen kein Lederzeug umhängen, weil es von einer Kuh sein könnte. Dürfen nichts trinken, annehmen aus den Händen eines, der von einer andren Kaste ist. Ein Adjutant von Hastings, 1819 erzählt, daß bei einer ansteckenden Krankheit vile ihr Vorur theil überwunden haben, mehreren hat er Arznei gereicht; 2 Braminen, die als Schreiber angestelt waren, waren | getrennt und nahmen nichts, weil keiner von ihrer Kaste zugegen war, und starben. Daher ist es sehr schwierig, daß die Geschäfte in einer Armee besorgt werden. Jeder hat sein eignes Geschäft. Ein Bedinter thut dies, der andre das. Der Etat ist deshalb anders, wie bei uns; ein Leutnant hat 30 Bediente. Daher bei einer Armee von 20000 Mann sind etwa 80–100000 Menschen. Die Viehtreiber besorgen dies allein; einer besorgt die Pferde, der andre das Futter. Ein Offizier nimt seinen Kaffe ein, dazu Bedienter, Milch, da melkt einer die Ziege, stopft die Pfeife; 10 Palakin Träger haben die höhren Offizire, Zelt aufschlagen, transportiren wieder andre, so geht es durch alle Rubriken, durchaus geschieden. – Wenn ein Inder etwas begeht, das gegen die Vorschrift überhaupt oder die Vorschrift der Kaste ist, so wird er aus der Kaste gestoßen, dann ist er unglüklich, doch kann er auch wieder redintegrirt werden; daß er zb. den Braminen Geld bezahlt, Schmaus gibt; aber auch härtre Strafen, wenn der Bramine streng ist; Hauptbuße ist, daß ein Balken aufgerichtet wird, darauf bewegliches horizontales Holz, daran Strick mit eisernem Haken, der wird ihm durch den Rücken, den Muskel der Schulter gezogen, wird in die Höhe ge|zogen und herumgedrehet, eine Stunde, halbe Stunde und länger, was die Engländer nicht gestatten in den meisten Fällen. Sonderbar, wie die Braminen redintegrirt werden. Ein indischer Fürst schikte 2 Braminen, um in England bei der ostindischen Compagnie sein Intresse zu vertreten; oft gehn die schlechtesten Subjecte, und suchen auf alle Weise einer Gewalt, die über sie verhängt ist, zu entfliehn. Die Braminen kamen zurük, ohne Wirkung. Darüber, daß sie reisten, wurden sie von den Braminen erklärt, daß sie ihre Kaste verlorn haben. Es ist verboten, die See zu beschiffen; den Braminen verboten, über den Indus zu gehn, weder schwimend, noch auf einer Brücke, weder schiffend, wenn sie durch Adler, oder Luftballon, fliegend darüber kämen, wäre es gestattet. Ueber den Indus sind sie

35 1 Wasser] Do, ähnlich Pi: ein Gefäß mit einem Getränk

11–12 ein Leutnant … Bediente] Do, ähnlich Pi: Ein englischer Offizir hat viele Bediente, einem Leutnant sind 30 Bediente, (Do: einem Hauptmann 50 Pi: ein Major 60) erlaubt 6 1819] Ke: 1829

18 ist] Ke: ist ist

28 zu vertreten statt einer Textlücke von zwei bis drei Wörtern

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aber nur zurückgekomen, man nahm sich ihrer an, aber sie wurden doch verurtheilt. Der Fürst der sie geschikt hatte, hat die Redintegration volführt; sie mußten eine goldene Kuh machen, das that der Fürst, die Kuh ist das algemeine Symbol, die leibliche Gegenwart der Naturgewalt überhaupt, der Ochs dies Symbol, die leibliche Gegenwart der Zeugungskraft; (in den großen Tempeln des Schivah, den Excercitien, ich bin der Ochs sagt er.) aus der irdischen Welt, der Kuh sollen sie wieder geboren werden. Der Fürst hat es dahin gebracht, daß er nicht eine ganze goldne Kuh machte, | sondern den Theil, mit dem sie erzeugt, |die übrige Kuh von Thon. Die Braminen mußten nun zur Kuh herauskriechen, um in die Kaste wieder aufgenommen zu werden. | Dies war die Wiedergeburt der Braminen. – Im bisherigen ligt schon die Hoheit der Braminen. Dies könte als Verhältniß des weltlichen Daseins überhaupt genomen werden, so daß zweitens eine Region der Religion, Sitlichkeit, des Rechts wäre, aber eben das Recht in solchem Verhältniß kann nicht als Recht existiren, sondern es sind so vile Züge in dem fragmentarischen angegeben, daß sie durchaus wider das Recht schlechthin sind. Daß der Wer th oder Unwer th des Menschen abhängig gemacht wird von solchen Unterschiden, die wir gesehn haben. Es gibt keine Region, wo die geistige Substanz gerettet wäre gegen diese Fesseln des Daseins; die Fesseln ligen in der Natur des religiösen Standpunkts selbst. Die Braminen sind nicht bloß Priesterkaste wie die Leviten, nicht Diener Gottes; noch weniger Diener der religiösen Gemeinde, sondern sie haben selbst das Verhältniß von Gott zu den übrigen Menschen. Dies Verhältniß ist zu betrachten, darin ligt die völige Verkehr theit des indischen Characters. Schon im bisherigen haben wir die Verrücktheit gesehn, daß der Unterschid zu einem natürlichen gemacht wird, der fest, unüberwindlich ist. Noch mehr wird sich die Gestalt des indischen Geistes zeigen, zu ihrem formellen Princip die eigentliche Verrücktheit als solche zu haben; daß das höchste des Gedankens herausgeborn ist, zum Bewußtsein gekomen ist, und auf der andren Seite zum nidrigsten gemacht ist, und das nidrigste zum höchsten, nicht so, daß eine Einigkeit des Endlichen und Unendlichen zum Bewußtsein komt, die | Einheit der Freiheit wäre, oder der Schönheit, oder des Geists. | Beide Seiten sind in ihrer abstrakten Bestimmung selbstständig gegeneinander, zugleich vermischt, und da in beständige Form das andre gesetzt, | also volkommne Geistlosigkeit, nicht unbefangne, bewußtlose, unwissende Geistlosigkeit, sondern wo

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12 Dies] Do: das Verhältniß der Kasten 31 Schönheit, oder des Geists] Do: Schönheit und 35 Wahrheit 31–33 Beide Seiten … vermischt] Pi: Sinnliches und Geistiges bleiben starr, und doch äußerlich vermengt. 9–10 die übrige … werden. so Pi, ähnlich Do; in Ke eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen de Seiten … gesetzt, so Do; in Ke eine Textlücke von vier Zeilen

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die | Entwicklung die Extreme hervorgerufen hat, sie aber auf eine unfreie Weise verbunden hat, | Das erste ist, überhaupt die Vorstelung zu geben von der religiösen, mystischen Hoheit der Braminen, welche betrachten, was unter Bram, Brama verstanden wird. Es heißt unter andrem im Menu: laßt den König, wenn er auch in der größten Noth ist, die Braminen nicht zum Ärger gegen sich aufreizen, denn sie, wenn sie einmal zum Zorn gebracht sind, können ihn mit seinen Pferden, Wagen, Truppen, Elephanten zerstören. Wer daher zu Grunde zu gehn begehrt, kann diese heiligen Männer reizen, von welchen die alles verzehrende Flamme erschaffen ist, und das nicht trinkbare Meer, und der Mond mit seiner Abnahme und Zunahme. | Wenn sie zornig sind, können sie viele Welten, alle Götter erschaffen, die andre Menschen erschaffen können. | Welcher Mann, der zu leben wünscht, kann die beleidigen, durch welche | die Götter leben. Ein Bramine, er mag gelehrt sein oder unwissend, ist eine mächtige Gottheit, wie das Feuer, geheiligt oder ungeweiht, machtvoll ist. Anderwärts: weil die Braminen entsprungen sind aus dem vortreflichsten Theil des Bram, weil sie erstgeborn sind, und die Vedas befassen, so sind sie mit diesem Recht die Oberhäupter der ganzen Schöpfung. Er, das Sein, das durch sich selbst existirt, brachte sie hervor im Beginn aus seinem eignen Munde, damit sie | die heiligen Gebräuche vollbringen, damit sie den Göttern bringen | Butter und Reißkuchen dem Schöpfer des Menschen zur Erhaltung dieser Welt. Was erschaffen ist, kan nicht über ihn gehn, da durch diese Männer die Götter des Firmaments beständig zu essen bekomen geschmolzene Butter und die Manen der Voreltern die gebackenen Kuchen. Von den erschaffnen Dingen sind die vortreflichsten die welche athmen, von denen welche athmen, sind die vortreflichsten, die durch die Intelligenz subsistiren, von den intelligenten sind die Braminen die vorzüglichsten, von den Braminen, die gelehrt sind, von diesen die ihre Pflicht thun, von denen die, die sich in Tugendhaftigkeit üben, von denen die, die ihre Seligkeit 1 unfreie] Pi: geistlose

4 welche betrachten, was] Do: und erläutert werden, was die Inder 11–12 Wenn sie … können.] Pi: Was kann der Fürst gegen sie gewinnen, die andre Welten erschaffen, andre Götter und Menschen bilden können? 13 beleidigen] Pi, ähnlich Do: beleidigen, durch die Alles ist, die reich sind in der Erkenntniß der Veda’s Götter leben] Do: Götter und die Welt existiren 15 geheiligt oder ungeweiht] Do, ähnlich Pi: es mag geheiligt seyn oder gemeines Feuer 20 Butter] Pi: geschmol22 ihn] Pi, ähnlich Do: die Braminen 28 sich in Tugendhaftigkeit üben] DoPi: 35 zene Butter sie tugendhaft vollführen

30 5 im Menu] Do, ähnlich Pi: In dem Gesetze des Menu

1–2 Entwicklung die … hat, so Do; in Ke eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen 11–12 Wenn sie … können. so Do; in Ke eine Textlücke von viereinhalb Zeilen 13 leben.] in Ke folgt eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen, die nicht durch DoPi gefüllt werden kann 19–20 die heiligen … bringen so 40 Do; in Ke eine Textlücke von einer Zeile

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suchen in volkommner Kenntniß der Schrift. Die wahrhafte Geburt des Braminen ist eine beständige Incarnation von Gott. Wenn ein Bramine das Licht der Welt sieht, | ist er geboren über der Welt, das Haupt aller Kreatur, um die Schätze der Pflichten zu bewahren. | was in der Welt existirt ist in Wahrheit Reichthum des Braminen, weil er durch die Erhabenheit und Erstgeburt berechtigt ist zu diesem allem. Das scheinen Ruhmredigkeiten zu sein, aber Was heißt Bram? (Die vorgestellte Hoheit der Braminen ist in allen Gedichten: Ramayana ist in diesem Sinn geschriben) Es ist nicht leicht auszufinden, was sie unter Bram verstehn. Wir bringen die Vorstelung mit von dem Einen, dem höchsten Gott, der Gedanke für den Geist ist und Schöpfer der Natur, mit Ausschlißung der andren, die unter den Völkern Gott genannt sind. Es findet sich bald, daß die Inder Bram auf mystische Weise brauchen, als Epitheton, man unterscheidet Brama, das ist eine Person, Brama, Wischnu, Shiwah sind die Trimurti; Brama ist so ein besondres, und wird vorgestelt in den indischen Büchern wie Wishnu und Shiwah, daß sie ihm alle möglichen Handlungen und Schlechtigkeiten zuschreiben wie Jupiter. Andre sagen, Bram ist das höchste Wesen nicht, sondern das ist Parabrama, Baratruma, Parameschwara. Der ist der höchste Herr, aber diese Bestimmung ist nicht ein stehendes Wesen in der indischen Religion. Die Engländer haben sich vil Mühe gegeben, was es eigentlich mit diesem Brama für eine Bewandnis habe. Major Wilford ist besonders dieser Vorstelung sehr bestimt nachgegangen. Er sagt, daß in der Indischen vorstelung es 2 Himel gebe. Der eine Swerkabunis, das irdische Paradies, und Moxa, welcher die | Sahalocas in sich schlißt. um diese zu erreichen, gebe es 2 Weisen des Kultus, die sehr verschieden sind. Die eine Weise enthalte äußerliche Gebräuche, den Götzendienst. Den andren Himmel zu erreichen, wird man angewiesen, den ersten Kultus zu verwerfen, und im Geist und der Wahrheit das höchste Wesen zu verehren. Opfer, Abwaschungen, Wallfahrten, seien dann nicht mehr nöthig. Er geht also davon aus, wie der Mensch das höchste erreichen solle. Ich habe aber keinen Inder finden können, der den 2ten Weg eingeschlagen hätte, weil er Verleugnung fordert, und weil sie nicht hätten fassen können, worin die Vergnügung des Himels bestehn sollte, wenn man nicht ißt, trinkt, und sich

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1 volkommner Kenntniß der Schrift] Do: der Erkenntniß der Veden Pi: der vollkommnen Einstimmung mit den Veda’s 4 bewahren] Pi: bewahren, die ihm die Welt darbringt 6–7 Das scheinen … Bram?] Do: Um dieses näher zu verstehen haben wir zu fassen was Brama heißt. 16 wie Jupiter] Do: wie die Griechen eine Menge Geschichten von Jupiter erzählen 17 Der ist] 35 Do: Dieser Name kommt vor: 22–23 welcher die … schlißt] Do: welches den Himmel in sich schließt Pi: unser Himmel 28 Er geht … solle.] Do: diß ist also das, was der Mensch für das höchste zu nehmen 28–29 Ich habe … können] Do: Wilfort fand aber nie einen einzigen Inder 3–4 ist er … bewahren so Do; in Ke eine Textlücke von zwei Zeilen

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nicht heirathet. Wenn man fragt, verehrt ihr Idole, so sagt der Inder ja wohl. | Fragen wir einen Hindu, ob ein Gelehrter oder Ungelehrter: verehrt ihr das höchste Wesen, betet ihr zu ihm, bringt ihr ihm Opfer, so wird er antworten, das thun wir niemals. Ihr verehrt ihn in Gedanken? so wird er die Frage nicht verstehen oder es negiren. Preiset ihr ihn, lobet ihr ihn? nie, denkt ihr über seine Natur nach? nein, niemals. Fragt man nun, |was ist denn das, schweigende Meditation, die einer von euren gelehrten Schriftstellern erwähnt, so antwortet er: wenn ich zu einem | der Götter bete, so schlage ich die Füße über einander, schliße die Augen, schaue zum Himel, habe meine Gedanken zusamen, ohne zu sprechen; so sage ich damit innerlich, ich bin Bram, das höchste Wesen. Wir sind uns dessen, werden sie fortfahrn, daß wir Bram sind, nicht bewußt, durch die Maia, die weltliche Täuschung, und durch die Sünde überhaupt. es ist verboten, zu dem Bram zu beten oder ihm Opfer zu bringen, denn das würde nichts andres sein, als uns selbst anzubeten, wir beten aber Emanationen von ihm an. Das ist die nächste Vorstelung von dem, was Bram ist, der dem entspricht, was wir den höchsten Gott nennen. Ihm sind keine Tempel gebaut, kein Kultus weder äußerlich, noch inerlich, wie die andren Gottheiten. Wie im Katholicismus, jede Kirche ist einem Heiligen gewidmet. Canova hat seine Kirche, die er der Vaterstadt baute, Gott widmen wollen, aber das wurde nicht gestattet, er mußte sie einem heiligen dediciren. – Verschiedne Secten, daher Religionskriege, Händel bei Festen über Vorzug eines Gottes. – Trimurdi. Diese verschwindet selbst, wenn der Gedanke sich so vereinfacht, daß nichts in ihm ist, als eben dies Einfache selbst, und das Einfache ist dies, ich bin Bram. Andre Engländer, sind zu dem Resultat gekomen, daß Bram ein nichtssagendes Epitheton sei, welches auf alle Götter angewandt werde; führen Stellen an, Gebete, wo dies geschiht. Ich bin Bram, sagt Wishnu, Sonne, Luft, Wasser, auch das Essen wird Bram genannt; der Athem, Gedanke, Denken, Glükseligkeit. |

5 es negiren] Pi: wenn man sich verständlich macht, verneint er es 8 zu einem der Götter] Pi, ähnlich Do: zur Ehre irgend eines Gottes 8–9 schlage ich … einander] Pi, ähnlich Do: setze ich mich 9–10 schaue zum … sprechen] Pi, ähnlich Do: 30 auf den Boden, die Beine übereinander, vorgestreckt und die Hände falte, Sinn und Gedanken in Ruhe habe, ohne zu sprechen 12 Sünde] Do: Sinne 16 höchsten] Do: höchsten in sich einfachen 17 wie die andren Got theiten] Do, ähnlich Pi: nur andren Got theiten Wischnu und Schiwa 17–18 Wie im … gewidmet.] Do, ähnlich Pi: So wie alle katholischen Kirchen einem Heiligen geweiht sind. 20–21 Verschiedne Secten, daher Re35 ligionskriege] Do, ähnlich Pi: In Indien sind verschiedene Sekten. Die einen halten den Schiwa, die andren den Wischnu höher. Darüber sind viele Religionskriege entstanden, und entstehen noch bis heute. 21 Trimurdi] Do, ähnlich Pi: Das nächste in dieser Einheit ist Trimurti, wo Brama, Wischnu und Schiwa vereinigt sind. 26 Bram] Do: Bram, ich bin alles was ist 26–27 Sonne, Luft, … genannt] Do: In den Veden wird Wasser Sonne Luft Bram genannt. Pi: So Wasser, Sonne, Luft, 40 Nahrung, Athem, Gedanke, Glückseligkeit, wird Bram genannt, die einfache Substanz. 2–6 Fragen wir … nun so Do; in Ke eine Textlücke von einer halben Seite

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Bram ist so die einfache Substanz und diese Einheit ist wesentlich vorhanden und außer ihr nur wilde Einbildungskraft, in der sie alle Naturgewalten verehrten, diese thatlose Abstraktion neben vollkommenster Ausschweifung. Diese einfache Substanz ist also unerreichbar und darstellbar für den reinen Gedanken, das Höchste also leer in Rücksicht weiterer Bestimmung und Beziehung auf den Menschen. | Insofern wir uns Gott als Geseze gebend vorstellen, ist hir gar nicht daran zu denken. Die abstracte Weise ist das höchste, und bei den Indern geht die höchste Vorstelung drauf, nichts als Bram selbst zu sein. Tugend, Religion, die höchste Bestimmung des Menschen, ist darin eingeschlossen, Bram zu sein; diese Abstraction, in der keine weitre Unterscheidung, kein Bewußtsein ist. So etwas, das nur das negative von allem bestimten ist, ist nur das unmittelbare, kein Gegenstand für das Bewußtsein; die Erhebung zu demselben ist die Erhebung dazu, das Bewußtsein auszuleeren, so muß das leibliche Subject selbst dies sein, das geistlose, unerfüllte. 2 Wege sind dazu: 1) Weg aus seinem Bewußtsein alle bestimmten Inhalte, aus seinem Leben alle besondre Thätigkeit, alles was wir zur Tugend, Rechtschafenheit rechnen, verschwinden zu lassen. Dieses Thun, sich in solchen Zustand versetzen, sind aber Strengigkeiten, Büßungen der Inder, der Tod des Lebens. Eine Menge ist darüber bekannt. Die Gymnosophisten lebten ähnlich, schauten unverrükt in die Sonne, jahrelang ohne Bewegungen. Menschen, die sich in solchen Zustand versetzen, gibt es noch sehr viele, die sich in Gebirge, Wälder zurükziehen, von wenigen begleitet. Das ist das höchste, was der Inder erreichen kann, höher als Religion. Einer hatte sich auferlegt beständig auf seinen Füßen zu bleiben, 12 Jahr, nicht zu sitzen, zu ligen, nur zu wandern. Er sagte, um in den Schlaf nicht zu fallen, habe er sich an Stämme angebunden, nach Jahren habe er dies nicht mehr nöthig gehabt, sondern stehend geschlafen. Nach diesen 12 Jahren (er war als der Engländer ihn traf, in der 2ten Strengigkeit begriffen) hielt er 12 Jahr die Hände über den Kopf, das letzte dieser war | beinah

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1–5 Bram ist … also] Pi: So zerfällt das indische Leben in Thatlosigkeit und Ausschweifung. Es ist eine Abstraktion 6–7 ist hir … denken] Do: so ist Bram hingegen diese reine Abstraktion 7–8 die höchste Vorstelung] Do: der höchste Zweck Pi: das Höchste Ziel 8 Tugend, Religion] Do: 30 was wir Religion, Tugend nennen 12 Bewußtsein] Do: Bewußtseyn, sondern ohne Bewußtseyn demselben] Do: dem Höchsten Pi: Gott 13 leibliche] Do: unmittelbare, dieses empirische leibliche 15–16 alles was … rechnen] Do: alle Erfüllung 17–18 Strengigkeiten, Büßungen … Lebens] Do: Strengigkeiten der Inder, was nicht eigentlich Büßungen sind, im Leben der Tod des Lebens 20 gibt es … viele] Do: hat es immer viele gegeben und es sind ihrer noch viele 21 von 35 wenigen begleitet] Do: mehr oder weniger, in Gesellschaft oder einsam 22 Religion] Do: Religion, Sittlichkeit, selbst Bram zu seyn 22–23 Einer hatte … wandern.] Do: so kannte ein Engländer einen Inder, der 12 Jahr wanderte und nie sich setzte oder niederlegte 1–6 Bram ist … Menschen. so Do; in Ke eine Textlücke von vier Zeilen de er über

27 Hände über] Ke: Hän40

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vergangen. Er war begleitet von 2 Gossin, (dienenden Geistlichen.) Er hatte in dieser Stellung die meisten Länder Asiens durchwandert, von Indien nach Gazerate gegangen, dann nach Bassora, dann Constantinopel, dann nach dem nördlichen Persien; dann war er auch durch russisches Gebiet gekomen, Kosaken in die Hände gefallen, beinah von ihnen zusamengehaun worden. Dann nach Siberien, China, Peking, und Tibet des Taschilama, und dann nach Calcutta. Auf einem Pferde gesessen, habe er stark ausgesehn, wenn das Jahr aus sei, wollte er sich noch höhren Strengigkeiten unterwerfen. Seine Arme waren ganz weiß, durchaus starr und unempfindlich, aber er zeigte Hoffnung, ihren Gebrauch wieder zu erhalten. Er wolte noch dies aushalten: daß das Individuum an den Ästen eines Baums aufgehängt wird, über einem lebhaften Feuer, so daß die Haare verbrannt werden 3¾ Stunden. Nachher stehend in einer Grube mit Erde überschüttet, 3¾ Stunden aushalten, dann hat er den Zustand von Volkomenheit erreicht. Lange zwischen 4 Feuern zu sitzen, zwischen 5, die Sonne über dem Haupt mit starrem Blik gegen die Sonne; jedes Feuer nach einer Himelsgegend. Wallfahrten auf den Knien, einhundert Stunden weit; andre den Weg mit ihrem Körper ausmessen. Tempel von | Jarinaut. In einer sehr wüsten Gegend, nicht weit vom Meer. Diese Wüste ligt ganz voll Gebeinen von Pilgrim, die vor Ermattung umgekomen sind. Besonders den Ursprung des Ganges besuchen, gilt für etwas höhres. Wenige Engländer sind dahin gekomen; 4 oder 5. Einer hat dort drei Frauen angetroffen die sich auferlegt hatten, in den Schlund zu stürzen, aus dem der Ganges komen soll. Eine war nicht zurückgekomen, die 2te im Schnee, die dritte kam erfroren fast zurük, weil sie die rechte Quelle nicht gefunden zu haben glaubte. Ganze Reihen von Fraun besonders stürzen sich in den Ganges, nicht aus Elend, sondern um ein hohes zu erreichen. Selbstmorde sind sehr gewöhnlich, Aussetzung von Kindern, oder im Korb auf hängen, gegen die Sonne, an einen Baum; am ungeheuersten ist es beschrieben im Ramayana, Theil 1. – Was der Mensch

13 Lange] Do: Die Inder sind unerschöpflich in Erfindungen dieser Art 17 von Jarinaut] Pi: in Bengalen 19 für etwas höhres] Do: für sehr viel Pi: als etwas Religiöses 24 Fraun] Do: 26 an einen Baum] Pi: an Bäumen aufgehängt, bis sie von der Sonne 30 indischen Frauen verdorren 27 Ramayana, Theil 1] Pi, ähnlich Do: So ein König kam zu einem Braminen und wünschte seine Kuh zu haben. Dieser weigert sich; der Fürst nimmt sie mit Gewalt, mit einer Armee (fremde Namen kommen dabei vor.) Die Kuh aber läßt eine geister Armee erstehn, die siegt. Er kommt mit gerüsteten Leuten, Streitwagen und Elephanten und wird wieder besiegt. Der König 35 bringt darauf 10,000 Jahre in Wind und Wetter auf einem Berge zu und fragt den Brama, ob er nun die Würde eines Bramen hätte. Da bekommt er den Titel eines Hochgeehrten Mannes. Das ist ihm nicht genug, er macht es zum zweiten und 3ten male. (Pi: Ein Naturgott Do: Intra) glaubt aber dadurch in Gefahr zu kommen. Er macht ein schönes Frauenzimmer, den König zu verführen. Das geschieht. Nach 25 Jahren fängt er aber wieder an mit 10,000 Jahren und erhält außer der Braminen40 würde noch die höchste andre Würde. 17 Jarinaut lies Jaghernaut

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durch die Strengigkeit verrichten kann, ist der Bramine schon durch Geburt. – Die Weise der Gegenständlichkeit ist immer die sinnliche Weise, das Sein, das unmitelbare, das sind die Braminen, dieses gegenständliche ist der Bram. Es ist nicht leicht, durch die vielfachen Darstelungen durchzukomen, um sich genau das Verhältniß von Bram und Braminen vorzustellen. In Rüksicht auf das abstracte kann man die schönsten Sachen bei den Indern finden, | bewundern, was sie zu Tage fördern über ihrem Streben nach hohem, aber zum substanziellen Verstande hat es das, was angezeigt ist. Das reine Denken ist die absolute Macht; der Indra, die Natur anerkent diese Macht, und geräth immer in Noth, Verlegenheit, zerstört zu werden, wenn die Abstraction in einem wirklichen sich so hoch steigert. Es ligt wenigstens darin, was wir sogar bei den afrikanischen Zauberern sahn, daß der Geist vorgestelt wird als das höhere gegen die Natur, und das Götliche wesentlich auch gesezt wird in das reine Denken. Diese Wahrheit ligt wenigstens darin, daß das Denken als das höchste gestelt ist. Nicht der Gegensatz ist vorhanden, wobei man was sehr fromes zu sagen meint, daß der Mensch Gott vorzüglich durch die Natur erkenne, die Naturproduction höher gestelt werden könne, als das, was der Mensch hervorbringt, das ist aber imer ein geistiges, und der Geist ist höher, als die natürlichen Dinge. Leben, Pflichten des Braminen, des hohen Wesens, um seiner Substanz Ehre zu machen. Es sind äußerliche Gebräuche, die ins unendliche vervilfältigte sind, und die gleichgültigsten Bestimungen enthalten, etwas verächtliches für vernünftige Betrachtungen. Ein Engländer gibt 200 – bis 300 Gebräuche an. Kann | des Morgens leicht 50 Fehler begehn. Fuß ist bestimt, mit dem er aus dem Bett tritt, in den Pantoffel schlüpft, sich waschen im Fluß; sein Haar, seine Nägel, Bart muß rund geschnitten sein; seine Leidenschaften gebändigt, sein Mantel weiß, sein Körper rein; die Hauptsache ist, daß er die Vedas liest; die werden auf verschiedne Art gelesen; ein Wort einzeln, das 2te wiederholt, und dergleichen Manier. Einen

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1 Geburt] Do: Geburt, und deswegen sagen die andren Kasten zu dem Bramin, du bist der Gott. Der Mensch wird Bramin durch den Zustand der vollkommenen Abstraktion, der Bramin ist diß 30 von Hause aus 2 Die Weise] Do: als das Reine ist Gott das wesentlich Gegenstandslose. Die Weise Pi: Gott wird nicht als Gedanke verehrt, sondern ist nur das Gegenstandslose. Die Weise 2–3 das unmitelbare] Do: nur das unmittelbar Seiende 5–6 das abstracte] Do: diese Opferungen und dieses Abstrakte 8 Macht] Do: Macht, diß liegt zum Grunde 16–17 die Naturproduction … hervorbringt] Pi: und der Geist des Menschen sei schwach, weil er nichts 35 Natürliches producire 17–18 das ist … Dinge] Do: als ob Gott sich vorzüglich zeigte in dem, was die Natur hervorbringt, nicht viel mehr in dem was der Mensch hervorbringt 24 50] DoPi: 40–50 24–25 Fuß ist … Nägel] Do: Im Aufstehen, Anziehen, Baden sind Regeln gegeben Pi: Es ist angegeben, wie er sich im Bette aufrichten muß, mit welchem Fuße zuerst heraustreten. Er muß, ohne daß ihm Jemand begegnet, waschen gehen. 26 gebändigt] Do: unterworfen Pi: 40 besiegt 28 und dergleichen Manier] Do: das dritte dreimal

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Stab von bestimtem Holz oder sibernes Wassergefäß oder Handvoll Kussagras, oder auch einen Abschnitt der Vedas. Ein paar goldne Ohrengehenke. Darf nicht sehn nach der aufgehenden oder untergehenden Sonne, auch nicht nach einer Sonnenfinsterniß, auch nicht, wenn das Sonnenbild im Wasser reflectirt ist. Aber auf einen Strick, an dem ein Kalb ist, darf er nicht treten. | Er darf nicht gehen wenn es regnet, darf sein eignes Bild nicht sehn. Wenn er vor einer Kuh oder einem Götzen, | oder bei großem, besondrem Bramin, so muß er mit der rechten Hand an ihm vorbeigehn; auch darf er mit seiner Frau nicht essen, darf ihr auch nicht zusehn, wenn sie ißt, nießt, oder gähnt, oder bequem dasitzt. Ferner darf er nicht essen, mit einem Kleide, darf auch nicht baden ganz nackt. Besondre Vorschriften über das Verrichten der | Nothdurft. Nicht auf einer Landstraße noch |wo Kühe gewesen, noch im Wasser, | noch auf Holz, das verbrannt werden soll. Wenn er in der alerhöchsten Noth ist, oder auf die Ruine eines Tempels, nie auf ein Nest weißer Ameisen, auch nicht in einen Kanal, wo lebende Kreaturen sind, auch auf der Spitze eines Bergs ist es ganz verboten, darf nicht sehn auf |einen Gegenstand der vom Wind bewegt ist, | Sonne, Feuer, Wasser, Vieh. Wenn es bei Tag ist, muß er nach Norden sehn, bei Nacht gegen Süden, bei Sonnenaufgang und untergang wie bei Tag; im Schatten kann er sich wenden, wo es ihm beliebt, und auch, wie sein Leben in Gefahr ist vor wilden Bestien. Bei seinem Essen gibt es zahllose Vorschriften, betreffen auch andre, nicht nur Braminen. wer lange leben will, darf nicht treten |auf Haare, Asche, Saamen der Baumwollenfrucht, |auch nicht auf Urin treten. Im Nalus entsteht die Verwiklung, das Unglük, daher, daß die verschmähten Genien Gelegenheit suchen, sein unglük zu machen; nachdem Nalus sein Wasser abgeschlagen hat, tritt er in Gedanken drauf, das gibt Gewalt über ihn, er verspielt sein Vermögen, Königreich, wird arm, und verläßt seine Frau. | Die Inder fallen also in das absolute Extrem der sinnlichsten Aüßerlichkeit. Diese ist das Daseyn der Braminen, die verehrt werden von den Indern als das daseiende Höchste. Sie fallen daher in die geistloseste Form und sind daran

3–4 auch nicht … Sonnenfinsterniß] Pi: in einer Verfinsterung, in einer Wolke, im Widerschein 6–7 Wenn er … Bramin] Do: Wenn er an einer Kuh, Braminen etc. vorbeigeht 29 Braminen] Pi: Braminen durch Geburt 30 die geistloseste Form] Pi: blose Ceremonien und Geistlosigkeit. Einerseits gedeiht der Geist zu dieser Höhe und verkehrt sich 35 plötzlich in Geistlosigkeit 5–7 Er darf … Götzen, so Pi; in Ke eine Textlücke von vier Zeilen 12 wo Kühe … Wasser, so Pi; in Ke eine Textlücke von zwei Zeilen 16 einen Gegenstand … ist, so Do; in Ke eine Textlücke von einer halben Zeile Feuer so Pi, an Stelle eines unlesbaren Wortes 22–23 auf Haare, … Baumwollenfrucht so Do; in Ke eine Textlücke von zwei Zeilen 28–609,9 Die Inder … dabei. so Do, in Ke 40 eine Textlücke von zehn Seiten

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schlechthin | gebunden. Notiz müssen wir noch nehmen von dem weiteren Inhalt der indischen Religion. Brahm ist das Höchste der Abstraktion. Das Weitere wäre das Concrete, Inhalts volle zu dieser noch leeren Einheit. Dieser Inhalt ist aber außer der Einheit und deswegen der geistlose Inhalt der in einige allgemeine Wesenhaftigkeiten zusammengefaßt wird. außerhalb der Einheit daher das wild zerstreute, oder nach der Vorstellung ausgelegte, die andern indischen Götter sind die natürlichen Dinge Sonne, Ganges, Berge, Thiere. Diese wilde Mannigfaltigkeit ist auch in allgemeine Bestimmungen noch zusammengefaßt, also ein Hauptsubstantielles die Lebenskraft, Erzeugungskraft überhaupt. Wischnu, Siwa oder Ruter. Wischnu ist noch die Erscheinung auf menschliche Weise, die Incarnationen, die als Menschen erschienen sind. Historische Personen und gewisse Epochen der Geschichte sind nicht zu verkennen, Chefs die an der Spitze großer Begebenheiten gestanden haben. Den Indern steht frei, in welcher Incarnation sie ihn verehren wollen. Ein Hauptgott ist Schiwa, die Zeugungskraft, das abstrakte Entstehen und Vergehen. Die Darstellung ist durchaus obscön. Vor den großen Excavationen ist der Lingam in 1000 Symbolen dargestellt, die Lotosblume als Bild der weiblichen Genitalien, die Form der Pagoden selbst. Die Beschreibungen sind mannigfach uns gegeben. Die natürliche Zeugungskraft ist hier dieses Hohe. Diesem entspricht der Cultus. Einerseits ist dieser das Vernichten des Selbstbewußtseyns, ein stumpfes lebloses Bewustseyn, der Negativität seiner Lebendigkeit durch Qualen, in denen sie erfinderisch sind, sich auf Nägel und Messer zu legen, sich von den Rädern eines Wagens der Götter zermalmen zu lassen, die von Hunderten von Menschen gezogen werden. Diese Aufopferung gehört zur abstrakten Seite des Cultus, Roh sinnlich ausschweifend ist die andre Seite des Kultus. Bei allen Pagoden werden Tänzerinnen gehalten, die von den Braminen sorgfältig erzogen in allem was zu den äußerlichen Geschicklichkeiten gehört, die sich jedem preisgeben. Andre Weise ist, wo Männer und Weiber jeder Kaste sich Wein und allen Ausschweifungen überlassen. Von Lehre, von Beziehung des religiösen auf die Sittlichkeit ist nicht die Rede. Bei dem Dienst des Schiwa wird angeführt ein Weg rechter und linker

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2 Weitere] Pi: Weitere zu Bram 9 Wischnu] Pi: Brama, Wishnu 13–14 Den Indern … wollen.] Pi: So ist die Form beliebig. 14 Zeugungskraft] Pi: Lebenskraft 16–17 großen Excavationen … Genitalien] Pi: bewunderswürdigen Grotten ist der Mittelpunkt immer ein Zeugungsglied 17 Pagoden selbst] Pi: Pagode; Meer woraus die Welt hervorgeht, Alles ist obscön dargestellt. 19 hier dieses Hohe] Pi: ihnen der hohe Gott 19–21 Einerseits ist … Qualen] Pi: 35 Durch Qualen giebt sich der Indier das Bewußtsein der Negativität seines Daseins. 23 Hunderten von Menschen] Pi: 500 Menschen 25–27 Bei allen … preisgeben.] Pi: Tänzerinnen, Buhlerinnen werden bei Festen gehalten. Die Aeltern rechnen sich es zur Ehre, ihre Töchter den Göttern der Tempel zu geben. Sie werden gelehrt, zu tanzen, zu singen, in der Lieblichkeit der Rede. Ihre Bestimmung ist, gegen Geld sich preiß zu geben, das gehört wesentlich zum Pagoden. 40

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Hand, wo der rechter Hand weniger ausschweifend ist, da in jenem sich alle durch Ausschweifungen betäuben. Diese allgemeinen Naturkräfte, die Zeugungskraft, der Himmel, die Liebe werden einerseits von der Phantasie vorgestellt aber auch in unmittelbarer Gegenwart, das Ideelle fällt unmittelbar in das Sinnliche hinüber, selbst ihre sinnliche Phantasie fordert unmittelbare Gegenwart. Daher werden jene durch die Kunst dargestellt, nur scheußliche Bilder, aber noch in unmittelbaren Naturgegenständen, besonders Thiere. Jeder Inder kann jedes einzelne Thier zu einem so allgemeinen Wesen, zu einem Gott erheben, der Mensch muß eine Einheit in sich selbst haben, um die Gegenstände sich gegenüber zu betrachten, als Dinge die für sich selbstständig sind. Diess Bewustseyn, diess Verhältniß fehlt den Indern, die maßlos nicht jenes fixiren. Man kann schön finden daß die Inder die Natur beleben, aber diese Belebung ist wild unverhältnißmäßig maßlos. Besonders die Kuh ist diß mächtige Hervorbringen, besonders das der Erde, der Stier der Zeugungskraft, die Affen haben ihre Tempel, Priester 10000 zu ihrer Unterhaltung. Eine Stadt am Ganges ist von tausenden von Affen bewohnt. Dieses ungeheure Umschlagen in die gemeinste Gegenwart aus der andern als unendliches zu nehmen ist charakteristisch. Ueberhaupt sind nur einige wenige Gestalten, daher 33 Korr, d.h. 330 Millionen Götter. | Ebenso verhält sich die Religion zu Sittlichkeit und Moralität. Die Religion ist etwas davon abgeschnittenes, wie Bram abgeschnitten vom concreten Inhalt, da bei uns zum Begriff der Religion gehört zu wissen, was an und für sich ist, wahr, seine Beziehung auf den Geist des Menschen, und seine Abspiegelung in Bezug auf das Handeln: Sittlichkeit, Moralität. Solche Bestimmung ist hier nicht vorhanden, weil der Inder das Geistige nicht versteht. Daher kann der Inder nicht haben einen Wer th in sich selbst, eine sittliche Würde. Sondern das Wesentliche des Handeln wird in die bloße Aeußerlichkeit, Gebräuche, Ceremonien gesetzt. Daher ist der sittliche Zustand der Inder der verworfenste, von dem man sich eine Vorstellung machen kann. Darin stimmen alle Engländer und Europäer überhaupt ein, die sich mehr mit ihnen eingelassen haben. Sie können den Zustand der Inder nicht schlecht genug vorstellen. Vor

1 weniger ausschweifend] Pi: der gesittete 1–2 da in … betäuben] Pi: Auf letzterem ist Ausschweifung, Sinnlichkeit der Gottesdienst. 4 aber auch … Gegenwart] Pi: und in einer unmittelbaren Gegenwart dargestellt 5 selbst ihre sinnliche Phantasie] Pi: So sinnliche Liebe 6 Daher werden … dargestellt] Pi: Ebenso in der Verehrung der Naturkraft 7 besonders Thiere] Pi: Oft 11 die maßlos … fixiren] Pi: Jedes Ding wird zu einem Maaß35 in Thieren, Kuh, Affe, Vogel etc. losen erweitert. 16 tausenden von Affen] Pi: viele 1,000 Affen und ebensoviel Priester zu ihrer Unterhaltung. – Die Zahl der Götter ist gar nicht anzugeben. 28 verworfenste] Pi: allerverworfenste 9 erheben an Stelle eines unlesbaren Wortes 15 zu ihrer Unterhaltung so Pi, an Stelle eines unlesbaren 19 Götter.] in Ke folgt ein kurzer, unlesbarer Satz 30 können] Do: können nicht

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etwa 15 Jahren hat der Generalgouverneur allen Richtern den Auftrag gegeben, Berichte einzuliefern über den sittlichen Zustand Bengalens. Die Auszüge davon sind dem englischen Parlament vorgelegt und in 4 gedruckt worden. Bengalen gehört zu den ausgebildetsten Provinzen. 30 Millionen. In Benares war die Kultur, die Braminenschulen am blühendsten. Dieß kann sehr überraschend scheinen gegen die Vorstellung des milden Blumenlebens der Inder. Dieß kann man von ihnen zunächst sagen, daher laufen 50 Inder vor einem englischen Matrosen (die Kriegskasten und Gebirgsbewohner, die wild und räuberisch sind machen eine Ausnahme) Die Englischen Truppen bestehen größtentheils aus Indern ohngefähr 150000 Mann außer den verbündeten Fürsten. Die Kavallerie, die tapfer ist besteht aus lauter Muhammedanern, besonders wenn sie von Engländern geführt werden. Die Infanterie besteht hauptsächlich aus der Kriegerkaste, da sie früher nur aus den Sutras ihre Truppen zusammensetzten. Jene sind allerdings tapfer, und kommen zu einem selbstständigen Gefühl von Freiheit und Recht, die verworfensten sind die Braminen selbst und die unteren Kasten. Was ihre Milde gegen die Thiere betrifft, so haben sie allerdings große Hospitäler für Kühe, so daß die Inder sich eher tödten lassen, als Rindfleisch zu essen, aber dieselbe Kuh behandeln sie mit der unmenschlichsten Grausamkeit, nur tödten darf er sie nicht, obgleich er sie verhungern läßt. Einer Ameise gehen sie aus dem Weg, aber einen Menschen, einen Reisenden oder Nothleidenden läßt er als das Gleichgültigste vor ihren Augen untergehen, besonders die Braminen, die ihre Ceremonien thun essen und schlafen, im thätigen Leben, die wollüstigsten, schlausten, listigsten und betrügerischten. Ein Engländer sagt die Inder Männer und Weiber schleppen ihre kranken Verwandte an die Ufer eines Stromes in jeder Jahreszeit bei Tage und Nacht und legen ihn in Hitze der Sonne den Regen und Kälte und verlassen ihn so im letzten Ringen des Todes. Daß sie gegen ihre Kinder keine Menschlichkeit haben, ist schon angegeben, die Mutter wird von den Söhnen auf eine empörende Weise mißhandelt. Als Haupteigenschaft wird angegeben, daß sie gegen die Vornehmen unterwürfig, demüthig sind, ruhig, ohne Empfindlichkeit und Zorn, gegen die ihnen Untergebenen legen sie aber diß nieder in rücksichtslos, ohne Mittel, Billigkeit und Recht, die Obern suchen sie zugleich auf alle Weise zu betrügen. Daher sagt ein Engländer, er habe viele kluge aber keine rechtschaffenen Inder gefunden | Bei den Chinesen war we-

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1 Richtern] Pi: Richtern, Engländern 13 den Sutras] Pi: der Sutra Kaste, die schlechte Soldaten sind 16 Hospitäler] Pi: Hospitäler und Stiftungen 17 Kühe] Pi: Thiere 18 mit der 35 unmenschlichsten Grausamkeit] Pi: beim Ackerbau unmenschlich 18–19 nur tödten … nicht] Pi: Aber umbringen der Kuh, ihr Fleisch essen, ihr Leder tragen ist Sünde. 27 keine] Pi: am wenigsten 27–28 die Mutter … mißhandelt] Pi: Kinder haben keine Achtung vor den Aeltern, besonders vor der Mutter. 29 unterwürfig] Pi: höchst unterwürfig

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sentlich eine Einheit vorhanden der Kaiser, von dem die Pflichten ausgingen. Zu äußerlichen juristischen Gesetzen sind sie geworden ohne subjektive Freiheit. Bei den Indern werden die Unterschiede selbstständig. Diß ist der Anfang einer Innerlichkeit, eines Insich seyn des Geistes. Indem der Unterschied diß absolut feste wird, bleibt nichts übrig für die Einheit, für gemeinsamen Zweck noch weniger für an und für sich seienden Zweck für die sittliche Einheit, für Volk und substantielle Einheit eines Staats. Daher ist in Indien eigentlich kein Staat möglich. Schon daß die Familienverhältnisse in schlechtem Zustand sind, ist schon angeführt worden, was Liebe genannt wird, ist da nicht vorhanden. Die politische Einheit kann ebensowenig substantieller Art seyn, für sie bleibt also nur absolute Willkühr und Gewalt übrig, gegen die umgekehrt nur das einzige feste die Kaste gegenüber ist. Sonst ist dem Inder nichts fest, was nicht in die Kaste gehört daher die absolute Selbstsucht des Privatinteresses. Die Grundbestimmung des indischen Charakters, in politischer Hinsicht die vieles zusammenhäufende Gewalt. Wissenschaften und Künste zu erwähnen wird zu weitläuftig seyn, deren Wer th überhaupt sehr heruntergekommen ist. Phantasie und formelles Denken die sich unter allem Verhältnisse sich bilden können, sind auch hier. Grammatik ist sehr ausgearbeitet, wo es aber auf wahrhaften Stoff ankommt, auf substantiellen Gehalt der Wissenschaften, da kann in einem Volk nicht gedeihen, wo der wahrhafte Inhalt, der echte wesentliche geistige Stoff fehlt. Es ist ein leeres Gerede, wenn man sagt auf die Form komme alles an. Die Europäer fanden eine Menge größerer und kleinerer Fürstenthümer, Rajahs die indischen, Nabob die mohamedanischen Fürsten. Jede Herrschaft ist wieder in eine Menge Distrikte getheilt, denen Herren vorstehen, die die Abgaben einziehen, Kriegsdienste thun. Diese Chefs machen einen Staatsrath Turbar aus. Keiner leistet etwas, wenn er nicht durch die Gewalt dazu gezwungen ist, daher das Geld das Bedingniß ihrer Macht. Solche bewaffneten Chefs erheben auch

8 möglich] Pi: vorhanden; so fest ist das Unterschiedne geworden 8–9 Schon daß … vorhanden.] Pi: Schon die Familie ist eine sittliche Einheit, also in Indien nicht vorhanden. Liebe ist nicht 10 substantieller Art] Pi: 30 zu finden, weder der Sittlichkeit nach, noch im Verhältnisse der Ehe. substantiell, wesentlich 13 Privatinteresses] Pi: Privatinteresses außerhalb der Kaste 15–16 zu erwähnen … heruntergekommen] Pi: sind zu sehr von Europäern bewundert worden 17–18 sind auch hier] Pi: sind ausgearbeitet; eben so künstliche Geschicklichkeit 18 sehr ausgearbeitet] Pi: genau ausgeführt 20 der wahrhafte … Stoff ] Pi: wahrer Stoff des Kunstwerkes, das Innere der 35 Wissenschaft 21 Es ist … an.] Pi: Die Form macht es nicht aus, weder in Kunst noch in Wissenschaft. 23–25 Jede Herrschaft … thun.] Pi: Ein Analogon des Lehnszustandes. Kleine Herrschaften unter größeren. Von den Abgaben haben die Herrn einen Theil an den Chef abzuliefern, auch Kriegsdienste zu leisten. 25 Diese Chefs] Pi: Die Mächtigsten einen Staatsrath Turbar] Pi: die Turbar, (Landstände) 26–27 daher das … Macht] Pi: Truppen sind die Hauptsache, 40 die sich wieder nach dem Vermögen der Chefs richten. 27–594,1 erheben auch … Chat.] Pi: beziehen im Distrikt und der Nachbarschaft das 4theil der Einkünfte (Shout)

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Abgaben in ihrer ganzen Nachbarschaft. Diese Abgabe heißt Chat. Die Rajah sind diesen unterworfen, jene Chefs ziehen nur herum um den Tribut einzufordern. So war das Verhältniß der Maratten. Daher kein fester Zustand von Verträgen, sondern eine fortdauernde Reihe solcher Expeditionen. Nun findet sich eine Menge Gesindel, Putoras, das sich jenen Zügen anschließt. In den Staaten selbst ist so ein beständiger Kampf. Die innere Geschichte einer Regierung ist ebenso eine Reihe von Intriguen, Vergiftungen, Empörungen der Söhne gegen den Vater, der Brüder unter einander, der Minister Schatzmeister u.s.w. Daher ein unauf hörlicher Wechsel der Regierungen. So sehr man in Europa über die Erpressungen der Engländer geklagt hat, (Hastings) so ist doch hier nur ein Verhältniß gegen Gewalt, List und Betrug, kein Vertrag möglich. Es drängt sich dann die Frage auf, ob diß ein alt geschichtlicher Zustand sei, nicht vielmehr der der Auflösung, da man sich ihn sonst ruhig, rechtlich denken könnte, wo Indien durch fremde Gewalt noch nicht in seinem Innern zerrissen war. Im Allgemeinen, was man aus der Geschichte schließen kann, so zeigt die ganze Geschichte Indiens, daß dieser Zustand von jeher stattgefunden hat, daß Indien immer in vielfache Herrschaften, Fürstenthümer getrennt war, die in äußeren Kriegen und inneren Zerrüttungen waren. Bei dieser Zerrissenheit ist das Unglück Indiens noch vermehrt worden durch die vielfachen Religionskriege der vielfachen Sekten. Ein alter Gegensatz ist zwischen Braminen und Samanen, die wohl mit den mongolischen Schamanen zuammenhängen. Samana heißt wohl heilig. Samanen, Germanen auch Germonen. Braminen und Buddisten haben sich ebenso | bekriegt. Bis auf die neusten Zeiten haben die blutigsten Kriege zwischen den Verehrern des Wischnu und Schiva stattgefunden. Die Indier haben durchaus das nicht, was wir Geschichte nennen. Die Inder sind aller historischen Ansicht unfähig, dieser Zug ist fähig den indischen Geist in seiner Bestimmtheit zu fassen. Das Auffassen der Gegenständlichkeit, wie sie für uns ist, setzt eine Selbstständigkeit, In-

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1 Rajah] Pi: Benachbarte 2 nur herum] Pi: jährlich bewaffnet aus 3 einzufordern] Pi: einzunehmen und gewaltsam einzutreiben oder neue zu unterwerfen 5 Gesindel, Putoras] Pi: 30 Räubergesindel 6 beständiger] Pi: ewiger 10 in Europa … (Hastings)] Pi: Lord Hastings getadelt hat, nach Europäischem Völkerrecht nicht gehandelt zu haben, so sehr ist er auch zu entschuldigen 13–15 da man … war] Pi: Man ist geneigt, vorauszusetzen, daß der Zustand glänzend und glücklich gewesen, als Indien noch nicht von außen unterdrückt und zerrissen war. Was wissen wir von Indiens alter Geschichte? 18–19 Bei dieser Zerrissenheit] Pi: Dieß das allge- 35 meine Resultat der gründlichsten Forscher. Bei dieser Zerrissenheit 20 der vielfachen Sekten] Pi: die wesentlich in Indiens Geschichte sind 22–23 Germanen auch Germonen] Pi: Germanen (bei Strabo.) 25 Die Indier] Pi: Die faktische Geschichte betreffend: Die Indier 28 eine Selbstständigkeit] Pi: Verstand 10 Engländer] Do: Engländer in Europa

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nerlichkeit des Individuums voraus, daß ihm die Dinge Gegenstände werden, daß sie ihren Zusammenhang erhalten für den Verstand. Die Chinesen gelten als Glieder einer Familie, als das, zu dem sie sich machen. sie machen ihrer besonderen Geschicklichkeit nach etwas für sich, doch die Indier kennen keine Physik, Gefühl, Phantasie, aber abstrakt, da sie den Stoff nicht dazu haben aber ohne geschichtliche Anschauung. In so fern ist also die Geschichte nicht für sie, als durch sie ein Volk sich bildet, indem sie ihm nicht objektiv wird, sondern subjektiv wird, indem sie ein Ganzes macht, indem seine Gesetze, Sitten aufgestellt sind als Momente eines Ganzen. Die Geschichte als ein Gegenstand ist ein oberflächlich wunderlicher sich hat das Volk als dauerndes, substantiell erscheinendes. Seine Selbstständigkeit in einem solchen Ganzen, sie aber auch darin gezügelt zu wissen, ist eben die politische Ansicht. Der Inhalt ihrer Geschichte ist keine Geschichte, kein Ganzes das sich entwickelt und fortschreitet doch so daß das Substantielle sich erhält, sondern nur Intriguen, persönliche Interessen. Die Quellen der indischen Geschichte sind daher vorzüglich Ausländer, die Griechen, Muhamedaner, die früh Persien betreten haben. 967 hat ein türkischer Sklave die Dynastie der Gasnawiden in Kabul gestiftet, dessen Sohn die Einfälle in Indien begann. Um diese Zeit haben wir muhamedanische Geschichtsschreiber. In neuerer Zeit haben wir die Europäer. Unter den unendlichen Büchern finden sich keine Geschichtsbücher, sondern nur einzelne Namen. die Wedas sind aus verschiedenen Zeiten. Nach Colebrooke wird ihre Entstehung 1400 gesetzt a.C. In den Vedas ist von den Vuranas oder heiligen Büchern nicht die Rede. Inschriften auf Steinen sind die wichtigsten Dokumente. Mehrere Tausend sind in Wedas gesammelt worden. Diese Dokumente enthalten aber gewöhnlich nur Schenkungsbriefe an Ländereien. Doch findet man nur Namen ohne chronologische

1–2 daß ihm … Verstand] Pi: Das Individuum muß die äußren Dinge frei für sich gewähren lassen. 3–4 machen 2 ihrer … sich] Pi: Jeder erhebt sich durch seine Geschicklichkeit. So sind sie etwas für sich, betrachten auch die Gegenstände als äußerliche und fassen sie verständig auf. 4 die Indier … Physik] Pi: Physik ist bei den Indiern unmöglich. 5–6 aber abstrakt, … Anschauung] 8–9 indem sie … Ganzen] Pi: Subjektiv muß die Geschichte durch 30 Pi: mit Inhalt der Verrücktheit Bewußtsein das Volk fortbilden. Es hat ein Bild, ein Ganzes seiner selbst in der Geschichte vor sich. 14 Intriguen, persönliche Interessen] Pi: Revolutionen, Intriguen etc. 15 Griechen] Pi: Griechen und auch Alexander mit ihnen 16 Muhamedaner] Pi: Später die muhamedanischen Schriftsteller. 18 Um diese … Geschichtsschreiber.] Pi: von da an ( Jahr 1000 n.Chr.) haben wir 21 gesetzt] Pi: gesetzt. Brama’s, Wischnu etc. sind noch nicht 35 Nachrichten, durch Muhamedaner als Formen erwähnt. 23 Inschriften auf Steinen] Pi: Steininschrift und Kupferplatte wichtigsten Dokumente] Pi: sichersten Nachrichten 23–24 Mehrere Tausend … worden.] Pi: Sehr viele sind von England zusammengebracht. 24 Dokumente] Pi: Documente, die bei jeder Gemeinde sich befinden 40 3 machen an Stelle eines unlesbaren Worts

ren Wortes

4 doch] Do: daß

21 Colebrooke an Stelle eines unlesba-

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Bestimmung. Sonst ist (aera des Micramatitia, zu dessen Zeit Calidasa gelebt haben soll) die indische Chronologie sehr ungewiß. Calidasa wird 1400 a.C., 1200 p.C. gesetzt. Es finden sich viele Listen von Königen, die in größtem Widerspruche mit einander sind. Ein Zug ist daß die Lüge vollkommen habituel ist daß ihnen durchaus nicht zu glauben ist. Vor Gericht sagen sie gewöhnlich falsch aus, daher Meineid sehr gewöhnlich. Wie sie unfähig sind, einen objektiven Gegenstand zu fassen: wie fern die Gegenwart lügt, so lügen sie auch. Was als Quell ihrer Geschichte angesehen wird, sind ihre astronomischen Bücher. Sie haben viele Beobachtungen des Verhältnisses des Mondumlaufs zum Sonnenlauf, doch hat man kein altes Werk, da jedes Werk immer integrirt wird. Auf Zahlen kommt es überhaupt nicht an. Die Listen der Könige werden auf das Willkührlichste verfaßt. (Wilfort) In Benares gestand ein Geschichtsschreiber, daß er die Lükken willkührlich fülle oder verkürze, daß seine Vorgänger es ebenso gemacht haben. | 66Do

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Das eigentliche Persien Mit dem persischen Reich treten wir erst in den Zusammenhang der Geschichte mit den ferneren Gestaltungen des Geistes, mit uns selbst. Hier erst wird diese Gestaltung ein Bewustseyn. Jene Charaktere hängen nur an sich oder dem Begriffe nach zusammen, der Zusammenhang ist nicht ein mit dem allgemeinen Bewustseyn verbundener. Hier erscheint erst das Licht, nicht ein dumpfes für sich selbst, sondern anderes erleuchtend, andern angehörend. Als substantielles Princip sehen wir die erhabene Tiefe in welcher das besondere in ihr frei ist. Die

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2–3 Calidasa wird … gesetzt.] Pi: (50 Jahre v. Chr., von Andren 1491 v.Chr., von Andren 1200 n a c h Chr. gesetzt.) 4 mit einander sind] Pi: mit einander. Es wird überhaupt aufs nachlässigste 25 verfahren mit der Geschichte. Die Indier verdienen in Nichts Glauben. 4 vollkommen habituel] Pi: einheimisch 9 des Verhältnisses … Sonnenlauf ] Pi: von Sonnen-, Mond und Planetenlauf. Einerseits Spuren von etwas Guten. 9–10 doch hat … wird] Pi: Aber keiner Handschrift ist zu trauen. Interpolationen finden sich allenthalben. 11 an.] Pi: an. 170,000 Millionen Jahre soll Brama regiert haben. 12–14 In Benares … haben.] Pi: Engländer haben genau beobachtet, daß 30 die Indier aufs gewissenloseste mit wissenschaftlichen Dingen umgehen; die Indier bekennen das oft selbst. 15 Die Persische Welt] Pi: | Das Persische Reich. 19 diese Gestaltung ein Bewustseyn] Pi: dieser Zusammenhang ein bewußter an sich] Pi: für sich 21 Hier] Pi: aber am persischen Reiche 22–23 Als substantielles … Tiefe] Pi: Zoroaster gehört der Welt der Besonnenheit, Bewußtseins an. Prinzip: reine erhabene Einheit 23–597,5 Die Körper … Wirksam- 35 keit] Pi: Wie das Licht für sich bestehende Körper manifestirt, sie erregt, ihre Partikularität hervortreibt: so auch dort. Allen kommt auf gleiche Weise das Wohl zu. Nur in sofern das Licht sich auf ein anderes bezieht, nur

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Körper werden beherrscht, aber nur um sie zu erregen, um Kräfte zu erregen, die sie geltend machen können. Die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte, das Princip er theilt allen gleicher maßen seine Wohlthätigkeit, es ist nur belebend, in so fern es auf ein andres seiner selbst sich bezieht und dieses entwickelt. Das Licht ist nur Wirksamkeit im Gegensatz zur Finsterniß, der Gegensatz aber ist Prinzip der Entwickelung, und so geht hier die Entwickelung an, weil hier der Gegensatz in sich selbst gesetzt ist und ins Bewustseyn tritt. Zum unendlichen Insichseyn zu gelangen ist das Interesse der Subjektivität, das für sich seyn ist nur durch das Hervorrufen des absoluten Gegensatzes, und sein Bedürfniß aus diesem Gegensatz unendlich in sich versöhnt zu werden, das was, den Geist im unkräftigen Daseyn hervortreten läßt. Die erste Stufe ist das Leben des Geistes das unmittelbare Einsseyn des Geistes mit der Natur, was wir in der Gestalt des Chinesischen Geistes und Indischen Charakters sahen. In China sahen wir die Totalität dieser großen Organisation, eine Einheit ohne Freiheit, also ohne Moralität und Sittlichkeit. Die Einheit ist hier als äußerliche Ordnung gesetzt, die durch eine Hierarchie von Beamten zusammen gehalten wird. In Indien sahen wir die Auflösung dieser Einheit, aber ein geistloser Gegensatz, wo das Unterschieden seyn unüberwindlich ist, da das Unterschiedene als Natürliches fixirt ist. Rückkehr zu substantieller Einheit ist also nicht möglich.Ueber dieses Verhältniß der Kasten steht hier das reine einfache Licht, das Gute, dem sich alle auf gleiche Weise nähern und auch geheiligt seyn können. Daher ist diese Einheit ein allgemeines Princip, nicht ein äußeres Band nur, sondern jeder für sich selbst ist darin und hat so für sich selbst einen Wer th. Verschiedene Europaeer die von Indien nach Persien reisen (Beschreibung von Kabul) kommen darin überein, daß man sich in Persien in einen ganz andern Zustand versetzt fühlt. Wenn man in das türkische Asien reist, fühlt man doch noch eine Gemeinsamkeit dieser Völker, so daß man glaubt, man sey beinahe noch in Europa. Sobald man aber über den Indus ist, so findet sich alles durchaus verschieden. Daher wenn wir von Persien sprechen, so ist dies etwas

30 5–8 der Gegensatz … ist 2 ] Pi: im Prinzipe der Thätigkeit, der Entwickelung besteht es. So das persi-

sche Reich macht den eigentlichen Anfang der Weltgeschichte, in sofern es in Bewußtsein tritt. Der Geist beginnt frei für sich zu werden, was 11 Stufe] Pi: Versöhnung 14 eine Einheit ohne Freiheit] Pi: ohne Sittlichkeit und Freiheit 15 Einheit] Pi: Einheit des Substantiellen 17 Auflösung] Pi: 2tens Auflösung aber ein geistloser Gegensatz] Pi: hervortretender Gegensatz, selbst geistlos 18–19 Rückkehr 35 18 da das … ist] Pi: Das Unterschiedensein ist unüberwindlich, natürlich fixirt. zu … möglich.] Pi: Der Geist in Beschränktheit, das Verkehrte | seiner selbst. 20 hier das … Licht] Pi: in Persien das Reine 24 Verschiedene Europaeer] Pi: Das Nähere ist folgendes: Engländer, Elfinston z.b. und Andre 25–26 einen ganz andern Zustand] Pi: ein ganz andres Element 26 Wenn man … reist] Pi: Auch Türkei, Arabien ist sehr heterogen von unsren Sitten; aber 29 Da40 her wenn … sprechen] Pi: Persien hängt weit mehr mit uns zusammen

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unserer Bildung noch familiäres. In Ansehung des Materials können wir daher kurz seyn. Die Materialien sind sehr dürftig. Von dem Innern Persiens wissen wir wenig, weil wir unsere Nachricht durch das Medium der Griechen erhalten. Herodot hält sich vornehmlich an das Aeußerliche, und mischt in die religiösen Vorstellungen vorzüglich griechische Namen und Vorstellungen ein. Den Griechen fehlte es noch | durchaus an allgemeineren Gesichtspunkten, aus denen diese Gegenstände zu betrachten sind. Von der indischen, chinesischen Geschichte nach Außen wissen wir wenig, von der persischen mehr. Die Indische und Chinesische Welt kennen wir noch in der Gegenwart, die persische Welt ist eine längst verschwundene, weil sie eintritt in den Lauf der Geschichte, und deswegen der Vergänglichkeit unterworfen ist. Das Persische Reich ist ein eigentliches Reich, eine Herrschaft, die aus heterogenen Elementen zusammengesetzt ist, deren jede eine individuelle Selbstständigkeit genießt und nur durch ein lockeres Band verbunden ist. Die Völker, welche das Persische Reich bildeten, sind mannigfach verschieden, unter ihnen ist ein freierer Zusammenhang abhängig von dem Principe, welches an der Spitze steht. Das Heterogene in Ansehung des geographischen zu betrachten. Eine dumpfe Ausbreitung des Geistes in fruchtbaren Thalebenen davon getrennt schweifende Gebirgsvölker war der Charakter Indiens und Chinas. In diese Ebenen ist keine Veränderung durch diese Horden gekommen. Die Mantschu und Mongolen haben kein fremdes Princip hineingelegt. Hier in Persien haben wir diese Principe völlig vereinigt, die Gebirgsvölker bringen hier das Prinzip mit, und diß ist hier als solches das Ueberwiegende. Das persische Hochland selbst, und die Thalebenen, die den Persern unterworfen sind, sind also zu bemerken. Das Hochland können wir allgemein Persien überhaupt nennen. Dieses Hochland hat im Nordosten das höher liegende Land: die Mungolei, Taterei, die östliche hintere Wand macht Iran. Im Osten der solimanische Gebirgszug der längst dem Indus hin sich nach Kabul heraufzieht. Hinduku, Parapomysus, Belurtak, wo sich die chinesische Mongolei anschließt. Gegen Süden bis nahe ans persische Meer. (Am Fuße dieses Hochlandes fließt der Tigris und Euphrat,) und hängt da mit dem armenischen Gebirge zusammen, fällt ab gegen die Ebene, in denen der Gihon und Sihon fließen, der Oxus und Jaxartes. Diß ist der geographische Boden des ho-

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3 unsere Nachricht] Pi: die innren Nachrichten 10 Lauf der Geschichte] Pi: Weltlauf 11 der Vergänglichkeit] Pi: dem | Prinzip der Entwickelung, also des Verschwindens 14–16 Die Völker, … steht.] Pi: Religion, Sitten, Geographie, Beschäftigungen der einzelnen Völker waren un- 35 terschieden. Innerer Zusammenhang, durch Sitte. 18 Thalebenen] Pi: Thalgrund 21 haben wir … vereinigt] Pi: sind die Unterschiede dagegen wesentlich verändert 22–23 und diß … Ueberwiegende] Pi: sie herrschen physisch und geistig 31–32 Gihon und Sihon] in Do gestr; darüber: ?(unlesbar) und Tikkun

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hen Iran, das eigentliche Parsis liegt am südöstlichen Abhang dieses Gebirgspasses. Baktrien liegt gegen den Oxus hinauf. Die Thäler des Euphrat und Tigris sind der wesentliche Schauplatz. Die Elemente des persischen Reiches sind das Zendvolk überhaupt: die Parsen, und das babylonisch medisch syrische Element. Nach Westen nimmt es dann Syrien und Aegypten in sich und vereinigt das Princip der Thalebene und des Meeres in sich Das Zentvolk ist genannt worden von der Zentsprache, in der die Zentbücher geschrieben waren. Wie China und Indien Grundbücher haben, so hat man auch in Persien solche Bücher. Anquetil du Perron hat in Farestan sie entdeckt. Das Princip dieser neuen Perser stimmt mit der Religion der alten Parsen zusammen. Die unbestimmteren Nachrichten stimmen im Wesentlichen mit diesen Daten überein, so daß man an der Identität nicht zweifeln kann. | Eine andere Frage ist, ob dieses Zentvolk das Volk des Cyrus gewesen. Baktrien war das eigentliche Land dieses Volkes, am oberen Oxus mit dem Thale, das vom Flusse Balk durchströmt wird (Balk scheint ein allgemeiner Name zu seyn) Ruinen finden sich an noch südlich von Balk. Man hat die Vermuthung geäußert, ob nicht Armenien von Kur und Araxes durchströmt das Geburtsland Zoroasters gewesen sei, doch scheint man sich für Baktrien entscheiden zu müssen. Eben so gewiß wohl, daß die Zentbücher die Religion der alten Perser enthalten, obgleich sie sich nicht so rein erhalten hat wie der Zustand, der von den Zentbüchern vorgestellt wird. Man hat gemeint, daß der König Gustasp, unter dem Zoroaster lebte, Darius Hystaspis gewesen sei, daß also Zoroaster die Religion damals reformirt habe, allein die Zentbücher setzen einen vollkommneren Zustand voraus, als unter Darius Hystaspis war. Das Land der Zentvölker hat den Namen Ariene, und dem Volke kommt der Name Arier zu, den auch Herodot als älteren Namen der Meder anführt. Dieses Volk sehen wir als ein einfaches Volk, das Ackerbau Viehzucht getrieben, Priester, Krieger, Ackerleute und Handwerker. Des Handels wird nicht erwähnt. Die Unterschiede haben nicht die starre Festigkeit der Kasten der Inder. Erben des Standes, Verbot der Heirathen unter den verschiedenen Ständen wird nicht erwähnt. Die Zentbücher enthalten Gesänge, Gebete,

4 syrische] Pi: assyrisches 9 Anquetil du Perron … entdeckt.] Pi: Die Franzosen haben diese Bücher bei den Feueranbetern am caspischen Meere gefunden. 10 dieser neuen Perser stimmt] Pi: der Religion hängt ohne Zweifel 11 Nachrichten] Pi: Nachrichten der Griechen 13 Zentvolk] Pi: Zendvolk ausdrücklich 17 gewesen sei] Pi: gewesen, und das Thalland, wo die Vereh22 gewesen sei] Pi: gewesen 35 rer des Ormuzd lebten, im Westen des Caspischen Meeres gewesen (asp = Pferd.) Dieß nach | chronologischer Combination. 24 Darius Hystaspis war] Pi: Darius Histaspis Zeit. Die Könige sind ebenfalls andere. 26 anführt] Pi schließt an: (Meder, Perser, Bactrier stehen ebenfalls in diesem engen Zusammenhange.) 28 Unterschiede] Pi: Geschäfte 30 enthalten] Pi: enthalten vornehmlich 40 2 hinauf.] in Ke folgt (gestr: Fergana) gehört dazu.

9 Farestan über gestr. Bombay

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religiöse Vorschriften sie sind aber auch das bürgerliche Gesetzbuch. Solcher Umstand würde ganz in den Umfang der Zentbücher fallen, da ein Act administrativer Organisation angegeben ist, nämlich Oberhäupter von Städten, Dörfern und Provinzen. Im bürgerlichen Gesetze findet sich nichts von Einrichtungen, die sich auf ein so ausgebreitetes Reich wie das persische beziehen. Die religiöse Vorstellung interessirt uns am meisten. Das allgemeinste, was Gegenstand ihrer Verehrung ist, ist das Licht überhaupt, also das absolut wahrhafte hat hier die Form des Allgemeinen, daher hier das Bewustseyn des Allgemeinen. Wenn man sagt: das Unendliche, Ewige, so enthält diß die Bestimmung der schrankenlosen, sich selbst gleichen Einheit. Der Bestimmung nach dasselbe das was Bram, aber dem Perser ist diß Allgemeine Gegenstand, bei den Indern kommt es nicht zum Bewustseyn dieses Allgemeinen. Die Inder hatten ein Verhältniß zum Bram in der Vernichtung, durch den natürlichen Tod oder den Selbstmord alles Bewustseyn. Der Perser aber hat sich diesem Allgemeinen frei als bestehender Mensch sich gegenübergestellt, sich ein Verhältniß gegeben, in dem er geblieben ist. Diß macht einen großen Unterschied zwischen Inder und Perser. Der Perser steht diesem Einen aufrecht gegenüber. Dieses Eine ist dann zugleich noch drittens noch nicht das freie Eine des Gedankens, nicht daß der Geist im Geist und der Wahrheit erhoben wird, daß der Geist nur für den Geist ist, sondern es ist noch ein natürlicher Gegenstand, aber nicht dieser Gegenstand, nicht vereinzelte Existenzen, sondern diß Allgemeine in der sinnlichen Welt, die physikalische Allgemeinheit, dieß eine Allgemeine und |das absolute Manifestiren, das identisch mit sich bleibt. Daher noch ein Naturdienst, aber kein Götzendienst nicht einzelne Naturdinge oder abstrakte Naturkräfte, ferner ist nun 4. dieses Licht das in sich Allgemeine, das zugleich als Geistiges für die Vorstellung ist: das Gute und das Wahre des Geistes, das Wahrhafte des Wissens, die reine Substanz. Das Licht hat seinen Gegensatz an der Finsterniß, das Wahre am Falschen das Gute am Bösen. Mit dieser Grundlage ist also der Gegensatz da, auf nähere Weise für die Vorstellung personifizirt, Ormuz und Dariman. Wenn

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1 Vorschriften] Pi: Vorschriften, über Opfer, Ceremonien 1–2 Solcher Umstand würde] Pi: 30 Wenn also etwas Kastenartiges vorhanden wäre, würde 7 wahrhafte] Pi: An und für sich seiende 16–17 Diß macht … gegenüber.] Pi: Affirmativ ist das Verhältniß in Persien, negativ aber in Indien. 18 das freie Eine] Pi: das Freie, Eine 20–21 natürlicher Gegenstand, … Existenzen] Pi: natürlicher, unmittelbar natürlicher Gegenstand, aber nicht ein einzelnes Individuum, keine beschränkte Existenz 23 bleibt] Pi: Es bezieht sich auf die unendliche Mannigfaltigkeit, ohne etwas 35 zu verlieren. 24 nicht einzelne … Naturkräfte] Pi: weil kein vereinzeltes Naturding angebetet wird 25 das1] Pi: Bild des Gedankens, das 26 Wissens] Pi: Wissens, Willens, allen Seins zu sein 27 Finsterniß] Pi: Finsterniß, wie das Substantielle 29–601,1 Wenn beim … eine] Pi: Dieser Dualismus wird dem Orient zum Mangel angerechnet, als beharrender Dualismus 10 dasselbe] Do: dasselbe nach

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beim bloßen Gegensatz stehen geblieben wird, so ist diß blos eine Ansicht des irreligiösen sinnlichen Verstandes. Der Geist ist aber nicht, wenn nicht diß ist, den Gegensatz zu vereinigen. Diß Princip des Dualismus ist also ein wesentliches Moment des Geistes, da das Concrete den Unterschied enthält. Bei den Persern ist das Reine als solches ins Bewustseyn getreten, da das Unreine nur vor das Indische Bewustseyn trat, aber ebenso das andre das Negative, Böse, Unreine. Diese Ausbildung des Negativen werden wir in der ferneren Geschichte sehen, denn nur so kann der Geist zweimal geboren seyn, wie der Inder es auf natürliche Weise seye. Die Art und Weise dieses Gegensatzes ist hier da, aber nur an sich vereinigt in der Vorstellung der unbegrenzten unerschaffenen Zeit Zervan Akarene, das den Ormutz und Ariman erzeugt. Hierüber finden sich nicht bestimmte gleichbleibende Ausdrücke, da es wieder heißt, daß Ormuzt aus freiem Willen schafft. Das Wesentliche ist die Vorstellung des Reichs des Ormutz. Die Welt ist ein Lichtreich, Ormutz ist nicht das Licht die Sterne, sondern das affirmative in ihnen, das Vortreffliche in allen Dingen. Das Feuer ist der Glanz des Ormutz, das Licht ist es, wozu der Perser sich verhält. Wo Finsterniß ist, ist Ariman gegenwärtig, durch ewiges heiliges Feuer wird er aus den Tempeln vertrieben. Der Grund und Mittelpunkt aller Wesen ist in Ormutz, er ist Weisheit, Erhalter, Fülle der Seligkeit, der Wille des Guten. Alles was von ihm kommt ist lebendig, das Wort ist der Sohn des Ormutz, das Gesetz, die Gebete und die Zentbücher sind Produktionen des Ormutz, diß allgemeine ist also zwar personifizirt, aber nicht auf eine Einzelheit beschränkt. Die näheren Unterschiede die hervortreten sind Sonne Mond und Gestirne Amschatskan, 7 werden genannt. Unter diesen seinen ersten Söhnen ist Mitras auch einer, der keinen Vorzug hat vor den andern, die genannt sind, dessen Dienst als die Hauptsache in der Religion der Perser später gilt. Mitra, Mesos, Mittler. Spuren dieses Dienstes haben sich bis ins Mittelalter gezogen. In Speier im Dom findet man einen Stein, der sich auf diesen Dienst bezieht. Herodot nennt ihn schon, in den Zentbüchern ist er nicht mit dieser Eigenthümlichkeit, die nachher dieser Eigenthümlichkeit

30 2 nicht diß ist] Pi: er nicht die Kraft ist

5 getreten] Pi: getreten. Der Geist hat sich mehr selbst erfaßt. 8–9 wie der … seye] Pi: nicht natürlich wie in den Braminen, sondern geistig 11 erzeugt] Pi: hervorbringt 12–13 aus freiem Willen] Pi: aus freier Selbstbestimmung und aus dem Rathschluß der ewigen Zeit. (Hierin mangelt unsere Bestimmtheit.) 13 Das Wesentliche … Ormutz.] Pi: Versöhnung findet statt, indem Ormuzd im Kampfe mit Ariman ist, bis dessen Reich 14–15 Ormutz ist … ihnen] Pi: Ormuzd ist Herr des Lichtes. Er hat alles Schöne 35 zerstört wird. und Herrliche der Welt geschaffen. 15 allen Dingen] Pi: allem Dasein Glanz] Pi: Sohn 16 Wo Finsterniß ist] Pi: Arimans Körper ist Finsterniß. Wo diese ist 25 andern, die genannt sind] Pi: Anderen Namen der Gehülfen des Ormuzd 27 Mittelalter gezogen] Pi: Mittelalter. Vorstellungen des Tempelherrnordens. 27–28 der sich … bezieht] Pi: mit einer Vorstellung des 40 Mitradienstes

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beigestellt. Die andern Amschatkans sind Gehülfen des Ormutz, mit Zusammenhang mit Naturgegenständen | aber nicht diese selbst. Die unmittelbaren Geschöpfe des Ormutz machen sozusagen einen Geisterstaat aus, die irdische Welt in ihren Gestaltungen wird geschieden von der wesentlichen Individualität, die wir Seele nennen, die eine Art Geisterreich bilden. Sie sind überall thätig, als Partikularisationen des Ormutz vorgestellt. Die Menschen sind also in diesem Lichtreiche, und sollen sich diesem gemäß verhalten. Daher müssen sie sich körperlich rein halten, und es giebt daher viele Vorschriften über die Art, wie Verunreinigungen aufgehoben werden. Ebenso wird geistige sittliche Reinigkeit vorgeschrieben. Sie existirt in vielfachen Gebeten zu Ormutz, die Erhebung zu Amschatkans und allen reinen Wesen. Es finden sich viele moralische Vorstellungen, die eine große Mildigkeit ausdrücken. Wenn sich ein Mensch demüthigt, so sei ihm hold Ormutz. Der Charakter der Blutrache also durchaus nicht da. Der Mensch wird rein durch das Gesetz der Ormutzdiener, der Theilhaftigkeit an diesem Wesen, wo er vereinigt durch Heiligkeit des Wortes, Gedankens, der That, siehe da das ist das Gesetz. Was ist der reine Gedanke, der auf den Anfang des Gedankens geht, das Wort ist das Wort des Ormutz, der lebendige Geist. So ist es den Persern zur Pflicht gemacht, das Lebendige zu befördern, Bäume zu pflanzen, Quellen zu graben, Wüsten zu wässern, damit Pflanze und Thiere Leben haben, wie auch Xenophon erzählt. Der Charakter also ist den Gedanken im Gebet zum Reinen zu erheben. Die Fürsten hatten die Pflicht eben so das Leben zu befördern. Als eins der heiligen Pferde auf dem Zug nach Babylon ertrank, ließ Cyrus die Gewalt des Stromes durch Kanäle lähmen. Xerxes am Hellespontos ließ Ketten dem Meere anlegen, weil es sich gezeigt hatte als Verderbliches, als Mariman, treu dem Charakter der altpersischen Religion. Das andre zu erwähnende Element ist Assyrien und Babylonien, glänzende Sterne in der Geschichte und allgemeinste Tradition. Die Nachrichten darüber

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8 rein halten] Pi: rein bleiben (Zend) 8–9 es giebt … werden] Pi: Berührung todter Körper ist Verunreinigung, die mit großer Mühe weggebracht wird. 10 existirt in vielfachen Gebeten] Pi: wird erhalten durch viele Gebete 12–13 sich ein … Ormutz] Pi: ein Mensch dich auf- 30 bringt, und er demüthigt sich tief vor dir, so sei sein Freund, wie Ormuzd vergiebt 13–14 Der Mensch … Ormutzdiener] Pi: Wie der Mensch rein erschaffen worden, so wird er durch Ormuzd Gesetz wieder werden. 17 der lebendige Geist] Pi: die Gebete und Gesetze. (Amschadspan.) 20 wie auch Xenophon erzählt] Pi: Dasselbe erhielt sich bei den spätern Persern, wie Xenophon von Cyrus erzählt, daß er täglich die Pflanzen wartete. 21–22 das Leben zu befördern] Pi: das 35 Reich des Lebens zu mehren. So manche Handlung des Cyrus. 22 heiligen] Pi: reinen 23 ließ Cyrus … lähmen] Pi: Cyrus bestrafte den Fluß, indem er ihn in lauter kleine Bäche ver theilte. So sollte die elementarische Macht gebrochen werden. 24 Meere] Pi: Meere, das die Brücken zerstörte 25 treu dem … Religion] Pi: Es ist dieß also nicht als Uebermuth anzusehn, sondern als persischer Charakter. 27–603,1 Die Nachrichten darüber sind] Pi: Die Sage derselben fällt 40 in die älteste Geschichte, und ist

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sind dunkel und dürftig. Wir haben viele Namen von Königen und äußerlichen wunderlichen Einzelheiten. Wenn wir auch von den griechischen Schriftstellern mehr Nachrichten über jenen ersten Zustand Assyriens und Babyloniens haben, so sind doch diese Erzählungen zu sehr vermittelt durch die griechische Anschauungsweise, daß sie uns nicht einen treuen Typus jenes Zustandes geben, wie wir ihn erhalten würden, wenn wir auch uns in diesen Gegenden solche Verkünder besäßen, als die Vedas, die uns ein treues Bild des indischen Geistes geben. Doch bemerken wir bald einen Gegensatz, zu dem Princip, das wir in den Persern betrachteten, nicht das freie Naturleben der Berge sondern das Beziehen auf einen bestimmten Mittelpunkt, eine Stadt, deren Geschichte eben deswegen Geschichte des Landes wird. | Hier ist nicht der Zustand eines freien Naturlebens, sondern Städte im Thale, die Menschen haben sich auf enge Mittelpunkte zusammengezogen, sich mit Mauern umgeben, so daß die Stadt zugleich der Staat ist. Was Assyrien betrifft, so versteht man darunter im Ganzen das Land um den mittleren Tigris, das Medien im Osten hat, Babylon im Süden, die Stadt wird Assur genannt, Ninive, das auch in der Sage der Juden vorkommt. Doch das Ninus der Griechen scheint anderswo gelegen zu haben. Babylonien ist südlicher, Babel, die Stadt des Bel am Euphrat in der Sage von hohem Alter thum hat das nomadische Leben verlassen Ackerbau und feste Sitze erregt das Bedürfniß von Handwerkern und Handel. Diese Mittelpunkte schieden sich ab von Nomaden, die einfach diese Ebene durchzogen aber durch das städtische Leben verdrängt wurden. Auch Abraham zog durch. Für den Handel war es ebenfalls wohl gelegen. Wir finden Schiffar th vornehmlich von Armenien her; ein Seehandel ging durch den persischen Meerbusen. Mauern Tempel, hängende Gärten werden erwähnt, Pracht, Reichthum, Handel, in welche ältere Zeit diß fällt, läßt sich nicht bestimmen. Herodot gibt mehrere dieser Sagen an. Die Bürger führen ein gemeinsames Leben wie das einer Familie. Herodot erzählt das Verheirathen der

1–12 Wir haben … Thale] Pi: Die Sagen sind allgemein und unzusammenhängend, ohne etwas vom innern Charakter zu enthüllen. Ein Grundbuch existirt hier nicht. In Assyrien und Babylon 30 finden wir, entgegengesetzt dem Zendvolke, Städte, Thalgegend. (Die Pharsen dagegen im Gebirgsland in freiem Naturleben) 12 enge] Pi: bestimmte 14 Was Assyrien betrifft] Pi: Assyrien ist ein unbestimmter Name 15 Babylon im Süden] Pi: nördlich Armenien, südlich Babylonien 16 Ninive] Pi: Ninus und Ninive 17 Babylonien ist südlicher] Pi: Ninus südlicher als Ninive. | Ninus, am Tigris, am größten. 20 Nomaden] Pi: Nomaden, Bergvölkern 22 durch] Pi: gegen Westen 22–24 Für den … Meerbusen.] Pi: Handel auf 35 und Räubern Euphrat und Tigris, (später durch einen Canal verbunden.) 24 hängende Gärten] Pi: Thurme, schwebende Gärten 26 Herodot gibt … an.] Pi: Herodot führt an, daß Babylon in einem 4eck, mit 100 kupfernen Thoren, Mauern 300 Fuß hoch, 70 Fuß breit bestanden haben soll. Thürme, 10 Fuß über die Mauer ragend. Straßen zum Euphrat waren Nachts mit goldenen Thoren geschlossen. 40 Straßen parallel. 18 Alter thum] in Ke folgt ein unlesbares Wort

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Mädchen auf gemeinsame Weise und das Aufstellen der Kranken, um sich einen Rath geben zu lassen. Herodot sagt, daß die Mädchen früher keusch gewesen seyen, und das Preisgeben an Fremde. Drei Statuen werden vor dem Hause angeführt des Jupiter, Juno und Ops: Sonne, Mond und Mellita, die allgemeine Natur. Die Erbauung der Stadt Ninus wird 2000 v C gesetzt. Die Anfänge dieser Reiche werden in einander ohne Epoche gesetzt. Ninus soll Babylonien und die Gebirgsländer Medien und Baktrien sich unterworfen haben. Der Kampf mit den Baktriern hat sich als große Anstrengung in den Sagen erhalten. Herodot erzählt davon und Ktesias. Auch hier sind Spuren eines geordneten Lebens, 1 700 000 Mann Fußvolk, 1000 Streitwagen, die Stadt Baktra sei durch Semiramis endlich erobert. Das assyrische Reich ist also das erste, das als ein großes genannt wird. Die Revolution, durch welche die unterworfenen Reiche selbstständig wurden, wird den Medern zugeschrieben. Herodot giebt die Dauer der assyrischen Herrschaft 520 Jahre. Sardanapal 820. Ein medisches und babylonisches Reich und ein neues assyrisches scheinen daraus entstanden zu seyn. Ueber die Zeiten dieser Selbständigkeit finden wir mehr Daten in den Büchern der Juden. Daniel hielt sich am Hofe zu Babel auf ja er war unter den Räthen des Königs und Statthalter. Hier finden wir eine sorgfältige Geschäftsorganisation, vielfache Klassen was collektiv Magier genannt wird, Traumdeuter, Astrologen. Chaldäer werden angegeben. Sie werden ursprünglich als ein Bergvolk genannt, die sich als eigenthümlicher Stamm von den Babyloniern noch später unterschieden. Astronomie soll vorzüglich von ihnen geübt worden seyn. Die Meder sind ursprünglich ein Bergvolk. Die Meder finden sich im Süden, Südwesten des kaspischen Meeres auf den Abhängen und Hochebenen des Gebirges, wo jetzt die Kurten wohnen. Sie stehen in Beziehung mit | den Transoxaniern, Sky then, Armeniern und Persern. Von den Medern ist eine Erinnerung vorhanden an einen Zustand wo

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1 auf gemeinsame Weise] Pi: indem sie öffentlich verauctionirt worden. Das eingekommene Geld wurde Heurathsgut für die Häßlichen. – Dieser Zug deutet auf Gemeinleben. das Aufstellen … sich] Pi: Die Kranken wurden auf den Marktplatz gebracht, um von jedem Vorübergehenden sich 2–3 daß die … seyen] Pi: Die Frauen waren keusch, so lange sie im Wohlstande 30 waren. 3 das Preisgeben an Fremde] Pi: Jede Frau mußte aber einmal im Leben im Tempel sich einem Fremden preißgeben. 8–9 Herodot erzählt … Ktesias.] Pi: Ktesias und nach ihm Diodor beschreibt dieß. Bactrien war schwer zugänglich. 9–10 1 700 000 Mann … Streitwagen] Pi: 1 Million 700,000 Fußvolk ect sollen die Bactrier gehabt haben. 10 Semiramis] Pi: Hülfe der Semiramis 13 Herodot] Pi: Die Nachrichten sind abweichend. Herodot 14 520 Jahre] Pi: 35 nach 520 Jahren haben sich unter Dejoces die Meder befreit 16 Büchern der Juden] Pi: ebräischen Urkunden Daniel] Pi: Daniel, nachdem Judäa Babylonien unterworfen war 19 Traumdeuter, Astrologen] Pi: Erklärern der Schrift, Wahrsager, Traumdeuter u. A. Daniel befand sich darunter. Er sollte ebenfalls, mit Chaldäern und Armeniern(?) Träume deuten. 20 Bergvolk genannt] Pi: Bergvolke, das sich im Thale, besonders in Babylonien sich festsetzte 25 Armeniern] Pi: Arme- 40 niern | Lydern

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sie als Stämme wild noch lebten. Dejoces vereinigte die 6 Stämme und sie bauten Ecbatana mit 7 Mauern, das heißt 7 verschiedenen Umschließungen. Unter diesen Stämmen werden die Magier genannt im Norden vom schwarzen Meer (Buddhisten) Der Name Magier ist aber etwas unbestimmtes. Magier heißt den Griechen überhaupt Priester in Asien, so werden auch indische Magier genannt. In ihnen ist mehr oder weniger der Zusammenhang der Zendreligion zu suchen mit den Persern und Baktriern. Sie waren wohl die Bewahrer und Verbreiter dieser Religion, obgleich sie bei den verschiedenen Völkern verschiedene Modifikationen erlitten haben. Xenophon führt die Einführung der Religion der Magier durch Cyrus an. Die Meder machen das Mittelglied der Fortpflanzung der Zendreligion zu den Persern. Die eigentlichen Perser, die wir nun noch zu betrachten haben sind das Volk, das an der Spitze des großen Perserreiches steht, und mit den Griechen in Beziehung trat. Die Perser selbst sind im nächsten Zusammenhang mit den Medern, (zuerst ein Hirtenvolk) und in früherem Zusammenhange als die persische Herrschaft selbst. Cyrus selbst war ein naher Anverwandter der medischen Könige. Daher wurden Perser oft Meder genannt. Das medische Reich erstreckte sich bis an den Halys, bis gegen die armenischen Gebirge. Sako und Gedusa werden ihnen unterworfen angegeben. Wieweit es nach Osten gegangen wissen wir nicht. Cyrus machte die Perser zuerst mächtig in Persien, und bekämpfte dann Lydien, den Astyages zu rächen. Erst in Lydien sagt Herodot, wären die Perser mit den Bequemlichkeiten des Lebens bekannt geworden und reich geworden. Dann eroberten sie Babylon und seine Besitzungen. Dann erstreckte es sich über Kleinasien, Assyrien und dann westlich über Syrien bis ans mittelländische Meer auch Aegypten. Cyrus habe

25 2 Mauern, das … Umschließungen] Pi: Mauern mit Zwischenräumen bauten, die bewohnt wa-

ren. In der Mitte die Königsburg 7 Persern und Baktriern] Pi: Medern und Persern 8 Völkern] Pi: Völkern und Zeiten 8–9 verschiedene Modifikationen] Pi: mannigfaltige Gestaltungen 9–10 Xenophon führt … an.] Pi: Von den Persern sagt Xenophon, daß Cyrus erst sie einführte, und nach Sitte der Magier zuerst geopfert habe, worin ihm die Perser gefolgt 10–11 Die Meder … Persern.] Pi: Wie die Meder ein Gebirgsvolk waren, das sich später 30 wären. in e i n e Stadt sammelte 13 steht] Pi: steht, das ganz Vorderasien einte 14 Hirtenvolk] Pi: Gebirgsvolk 15 persische Herrschaft] Pi: Stiftung der persischen Herrschaft. Der Uebergang der Herrschaft an die Perser macht keine große Aenderung aus. 16–17 Daher wurden … genannt.] Pi: | Der Name Medisches Reich galt ebenso für Persien. So bei Herodot. Die Perserfamilien be17 sich] Pi: sich im Westen 20 bekämpfte dann … 35 hielten jedoch Vorzug vor den übrigen. rächen] Pi: Crösus soll nach Herodot, Astyages zu rächen, Krieg begonnen haben 21–22 Erst in … geworden.] Pi: Die Perser lernten erst in Lydien den Luxus und die Bildung kennen. Auch als Herrn von Medien waren sie noch einfach. 23–24 Kleinasien, Assyrien … Aegypten] Pi: Kleinasien, das südlich längs Tigris und Euphrat, und westlich bis ans Mittelmeer liegende Land. 24–606,1 Cyrus habe … gefunden.] Pi: Im Krieg gegen die scy thischen 40 Später auch Aegypten. Massageten fiel Cyrus den Eroberertod. 1 Stämme wild Lesung unsicher

3 Magier] in Ke folgt ein unlesbares Wort

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den Tod des Eroberers in der Schlacht gefunden. Seine Bestimmung war die asiatischen Völker durch Gewalt der Waffen zu vereinigen, die heterogene Masse in Einheit zu bringen. starb für seinen Beruf. Diese Einheit ließ den unterworfenen Völkern eine freie Selbständigkeit. Wie die Herrschaft des Lichts über die irdischen, jede irdische Gestaltung ungehindert frei hervorgehen läßt, macht das Reich der Perser den Zusammenhalt aus der unterworfenen Völker läßt sie aber in der Eigenthümlichkeit ihrer Religion Gesetze Sitten bestehen. Das Ganze ist also nicht ein substantieller Zustand wie in China oder Indien, wo eine Religion, ein Gesetz, eine Sitte ein und dieselbe Regierung oder Regierungsweise. Die Regierung ist hier nur das äußerlich Zusammenhaltende, wie ein freier Völkerverein. Durch das persische Reich ist diesem Zustand von Grausamkeit Wildheit Zwistigkeiten ein Ende gemacht worden, die in Vorderasien vorher stattgefunden zu haben scheint, von dem wir ein Bild in den Büchern des Königs Samuelis erhalten, ein Zustand der als ein sehr widriger dargestellt wird. Wenn man da die Wehklagen, die Verwünschungen, die Wuth, die die Propheten über die Babylonier ausstoßen liest, so lernt man damit das Glück kennen, das durch Cyrus über diese vorderasiatische Welt gebracht wurde. Die Bestandtheile des Reichs sind Perser, Babylonier oder Syrer und | das Prinzip des Meeres, phönizische Völkerschaften, Juden und Aegypter. Die Perser sind ein ungebildetes Bergvolk das den Charakter einer nomadischen Sinnsart bei behalten hat. Die Perser sind nicht verschmolzen mit den Völkern die sie besiegten, wie die Germanischen Völker, nicht wie die Mantschu in China. Die Perser standen wie diese mit einem Fuße in ihrem Vaterlande und behielten da ihre alten Sitten bei, so daß der König auch diese Sitte beibehält, nach dem Stammlande reiste und sich da verhält als unter Bekannten da er im übrigen Asien als der absolut hohe König da stand. Im eigentlichen Persis machte er auch Geschenke, da sie ihm sonst überall dargebracht wurden. Die Perser legten, wo sie hinkamen, ihre Paradise an, so das Anpflanzen von Bäumen und Jagd. Der königliche Stamm der Achämeniden wird ebenso auf dem Thron erhalten. Um den König befinden sich die vornehmen Perser, deren Zahl als 7 angegeben wird, die 7 obersten Richter vom Thron genannt,

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4–6 Wie die … Völker] Pi: Die Herrschaft der Perser ist wie die des Lichtes über die irdischen Gestalten. Es erleuchtet Alle, ohne sie umzugestalten. 8 ein substantieller Zustand] Pi: substanzielles Ganzes 11–13 Durch das … scheint] Pi: Die Verwüstungen, die früher in Vorderasien statt fanden, hörten jetzt auf. 13 Büchern des Königs Samuelis] Pi: Buch der Könige 18–19 phönizische Völkerschaften] Pi: Phönicier und andre Seevölker 19 Die 35 Perser … ungebildetes] Pi: Die Perser machen den Kern aus, freies, wenig gebildetes 24 reiste] Pi: gereist wurde und die Königsgräber sich dort befanden 27 Paradise an] Pi: Paradiese angepflanzt, und sind immer unterschieden geblieben von den Ueberwundenen 29 vornehmen Perser] Pi: Großen des Reichs 30 die 7 obersten Richter] Pi: (bei Esra: 7 oberste Richter) 40

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wie Ormutz als der erste steht unter den 7 Amschatspans. (6 Schöpfungstage, der 7bente der Haupttag). Die Erziehung der Fürsten wird sehr gerühmt, ein Ideal davon in Xenophon. Bis in das 7bente Jahr wird er in seiner Jugend gelassen dann wird er gelehrt zu reiten, jagen und die Wahrheit zu sagen. 4 der edelsten Perser waren seine Erzieher, einer unterrichtete ihn in der Magie des Zoroaster. Diese Großen bildeten eine Art von Reichstag, doch waren sie nicht Minister im Sinne der Inder, sondern Reichsräthe im Sinne treuer Priester, die eine edle Treue zeigen. Merkwürdig ist die Berathschlagung über die Verfassung bei Erledigung des Thrones. Wir sehen also hier eine freie selbstständige Weise der Berathung. Ebenso leidenschaftslos wird entschieden, wer herrschen soll, der Sonne und dem Pferde wird die Entscheidung überlassen, wobei es dann leicht ist die Vermuthung, daß durch eine besondere Intrigue das bewirkt worden sei, was heraus kommt. Der Kern des persischen Heeres befand sich am Hofe, 16000 berittene Perser, die als ein Stamm zusammenhängt, für die die Provinzen die Mittel lieferten (Babylon für 4 Monate) bestritt also den dritten Theil des ganzen Aufwands. sie begleiteten den Fürsten auf seinen Reisen. In dieser Truppe war strenge Subordination. Diß war zunächst der Zustand am Hofe. Auch die Nachfolger des Cyrus, wenigstens des ersten, machten kriegerische Unternehmungen, und lebten in kriegerischer Weise fort. So wird Aegypten erobert, gegen Arabien und Indien ( Kalut, Hanschak) gezogen. Besonders lesen wir von vielen Kriegen gegen die Scy then, die Transoxanier, die Völker um den Ister. Weichlich waren also die Perser nicht, sondern blieben lange in ihrer kriegerischen Uebung. Was die Regierung der unterworfenen Völker betrifft, so geschah diß durch Perser, Satrapen machen eine allgemeine Oberaufsicht in der die Völker in ihrer Eigenthümlichkeit bleiben. Alles Eigenthum gehörte dem

1 unter den 7 Amschatspans] Pi: unter 7 Amschadskan an der Spitze 2–3 ein Ideal … Xenophon] Pi: wie Cyropaedie des Xenophon u. A. beweisen 3 wird er … gelassen] Pi: blieb er der Mutter 4 sagen] Pi: sagen. Dieß die 3 Disciplinen. 6 Reichstag] Pi: Reichstag […]. Intriguen unter ihnen. (Ein Magier bemächtigte sich des Throns.) 7–8 treuer Priester, … zeigen] 8 Verfassung] Pi: 30 Pi: freier Männer, mit Patriotismus; wie bei Thronverjagung des Smerdes Verfassung bei Herodot. Die Einen stimmten für Demokratie, andre für Aristokratie, andre für Monarchie. Sie bleiben bei der alten Verfassung. 11–13 wobei es … kommt] Pi: Darius Histaspis wird, der Erzählung nach, durch List König. 15–16 bestritt also … Aufwands] Pi: Babylon lieferte 4 Monate Unterhalt für dieselben. 8 Monate das übrige Asien. 16 sie begleiteten … 35 Reisen] Pi: Wenn der Fürst dem Volke gezeigt wurde, war er von diesen Reitern begleitet. 17 Diß war … Hofe.] Pi: Genaue Organisation. 17–19 Auch die … fort.] Pi: Wie das Reich erobert gewesen, wie die Perser eigentlich Krieger waren, so haben auch die Nachfolger kriegerische Unternehmungen gemacht. Das Heer blieb nicht unthätig. So eroberte Cambyses Aegypten. 20 Kalut, Hanschak] Pi: Candahar 21 die Völker … Ister] Pi: Auch im Westen 25 Völker] Pi: besonderen Könige 40 des caspischen Meeres und um den Ister, Thracien. 20 Kalut, Hanschak Lesung unsicher

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König zu, er war Herr des Landes und des Wassers, der Genuß beider war den Völkern überlassen, er galt nur als der abstrakte Herr überhaupt. für die Hof haltung der Fürsten und Satrapen mußten Leistungen gemacht werden nach dem was die Provinz Köstliches hervor brachte. Eigentlicher Tribut scheint später eingeführt worden zu seyn unter Darius Hystapes. Außerdem bestanden sie in Geschenken an den König, wenn er | in die Gegend kam. So sieht man aus Xerxes Zug von Herodot wo auch einzelne Fürsten und Völker waren. Zum Kriege selbst aber machte der König ein Aufgebot an alle Völker, so daß daraus eine Völkerwanderung entstand. mfp’ Ün o«korj, Jedes Volk ging in seiner eigenthümlichen Kleidung und Stoffe aus. Die Küstenbewohner liefen mit ihren Flotten aus, die auf einen blühenden Handel deuten. Herodot gibt ein glänzendes Bild dieses Zuges, die Herrschaft der Perser war also durchaus nicht unterdrückend. Ebenso ist sie nicht unterdrückend in Ansehung des Religiösen. Die Perser selbst hatten keine Götzenbilder, da sie die anthropomorphistischen Abbilder verachteten und verlachten nach Herodot. Wir sehen zwar Ausbrüche von Persern gegen Abgötterei, so Kambyses in Aegypten, auch gegen die Griechen verwüsteteten sie die Tempel.

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Babylonier und Syrer Die zweite, die wir betrachten können, sind die Babylonier und Syrer, dieses semitische Vorderasien überhaupt. Hier begegnet uns die größte Mannigfaltigkeit in Ansehung der Individualitäten der Völker, die wir im Einzelnen nicht betrachten können. Die besondern Elemente der Religion können wir aber betrachten, deren Vereinigung in der Einheit des Geistes erst den Geist als solchen zum Bewustseyn zur Darstellung zur Erscheinung bringt. Gemeinen ro-

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1 Wassers] Pi: Wasser. (Wie Darius und Xerxes Land und Wasser von Griechenland 25 forderten.) 3–4 nach dem … brachte] Pi: nach Eigenthümlichkeit der Producte 6 wenn er … kam] Pi: wo sich der König zeigte. (Herodot.) 6–7 So sieht … waren.] Pi: Dem Xerxes wurden große Gaben von Königen Vorderasiens gebracht. 8 Aufgebot an alle Völker] Pi: Aufruf an die Völkerschaften 9 o«korj] Pi: o«korj. Herodot. 9–10 Jedes Volk … aus.] Pi: Sie hatten ihre besonderen Bewaffnungen. 12–13 nicht unterdrückend] Pi: nicht unterdrückend in 30 Sitte, Wohlstand etc. 13 des Religiösen] Pi: in Religion u.s.w. Die mannigfaltigsten Religionen blieben. 15 Herodot.] Pi schließt an: Es war die Religion der alten Pharsen, Religion des Lichtes. 16 so Kambyses in Aegypten] Pi: Cambyses schalt die Aegypter wegen des Apis etc. ließ den Apis ermorden. 16–17 auch gegen … Tempel] Pi: Die griechischen Tempel wurden verwüstet, ohne daß sie geradezu einen Religionshaß damit darlegten. 22–23 Die besondern 35 … betrachten] Pi: Das Persische Reich enthält alle die besondern Charaktere, die nachher vereinigt wurden 24–609,1 Gemeinen rohen sinnlichen] Pi: Neben der reinen persischen Naturreligion ist nur gemeiner, roher, sinnlicher

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hen sinnlichen Gottesdienst sehen wir zunächst vornehmlich in Babylon und den syrischen Ländern. Es ist uns darüber mehreres aber nur äußerlich bekannt. In den Propheten, Buch der Weisheit, Baruch finden wir eine Darstellung dieses Götzendienstes, allein Götzendienst für sich giebt uns auch keine näher bestimmte Vorstellung, denn eine Verehrung von Naturgegenständen und Abbildungen finden wir in großer Ausdehnung mit dem verschiedensten Geist. wir sehen ihn bey den Afrikanern, Indern, Chinesen, man findet ihn bei den Griechen, und könnte auch bei den Katholiken einen Götzendienst nennen, bei den Juden. Der Geist kann daher innerlich verschieden seyn dabei. | Sehr gemeiner sinnlicher roher Götzendienst. Verehrung von Bildern ist nur die Sache äußerlich auffassen, der Geist ist unendlich verschieden in diesen Verhältnissen, nach allem scheint es, daß wir in diesem Kreise gemeinen, sinnlichen Götzendienst vor uns haben, wo die Naturmacht als die Substanz verehrt worden ist, der Cultus sinnlicher Genuß und Wohlleben war. Angaben besonders bei den Propheten; die uns sehr greuelvolle Schilderungen davon machen; doch können wir nicht alles glauben und müssen es auf den Haß der Juden stellen, der besonders durch die Unterdrükung veranlaßt worden ist, unter der die Juden von ihnen gesezt worden sind; aber die Nachrichten sind zu bestimt, als daß wir das starke darin bloß subjectiver Empfindung beimessen könnten. Buch der Weisheit, cap. 13. – Eigentlicher Naturdienst ist ihnen hir zugeschrieben. Bel die Sonne; Mond sind verehrt worden, aber nicht nur eine Verehrung solcher natürlicher Dinge hat statt gefunden, sondern der Naturkraft überhaupt. Gottesdinst der Astarte, Cybele, ist uns bei diesen Völkern bekannt, Diana von Ephesus, Cyprische Venus hängt damit zusamen, und es ist ausgemacht, daß diese Gottesdinste mit roher sinlicher Ergehung verknüpft waren. Wir sehn im ganzen also sinliche Ueppigkeit in diesen fruchtbaren Gegenden; damit verbunden, mit dem ausschweifenden Kultus ist g r a u s a m e r G o t t e s d i n s t , einerseits ausschweifende | Sinlichkeit. Buch der Weisheit. c a p. 1 2 , v. 2 8 . und vorher.

2 syrischen Ländern] Pi: Syrern, Phrygiern u.s.w. 3 In den Propheten] Pi: Jüdische Geschichts3–4 finden wir … Götzendienstes] Pi: Eifer gegen babylonischen Götzendienst. 5–6 denn eine … Abbildungen] Pi: Götzendienst 7 wir sehen … Afrikanern] Pi: So afrikanische Fetische 9 bei den Juden] Pi: Von den Juden sagt man, sie haben einen Esel verehrt, wegen der Bilder im Allerheiligsten. 13 Naturmacht] Do, ähnlich Pi: Naturmächte, die Macht des Erzeugens 14 Angaben] Do: Nähere Andeutungen finden wir 15 die uns 19–20 Buch der Weisheit, cap. 13.] Do: Im Buch der 35 … machen] Do: die ihn uns treu schildern Weisheit c. 13 finden wir diß vorzüglich ausgeführt 21 Mond] Pi, ähnlich Do: Gestirndienst 22 Naturkraft] DoPi: Naturmacht 23 diesen Völkern] Do: den babylonischen, assyrischen, phrygischen Völkern 25 sinlicher Ergehung] DoPi: Sinnlichkeit 28 und vorher] Pi: Halten sie Feiertage, so thun sie, als wären sie wüthend.) Es ist kein Ernst im Leben.

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Dahin fallen die Syrer und die andren. andererseits grausamer Gottesdinst. Die Naturreligion ist überhaupt grausam in ihrem Gottesdinst, die Natur ist das höchste, der Mensch hat, da er aber sich nicht als geistiges ist, sehr geringen Wer th. In solcher gottesdinstlicher Betäubung ligt es nahe, daß, indem er sich identisch macht der Natur, | auch fortgeht bis zum | Gottesdinst des Moloch. Priester der Cybele, der Naturmacht, haben sich selbst verstümelt, Galli. Die Frauen geben ihre Keuschheit preis, die Männer machen sich zu Eunuchen. Einige besondre Züge sehn wir in Rüksicht auf das babylonische Reich. In der Geschichte Daniels wird erzählt, daß er mit dienenden Knaben am Hofe erzogen ward, und es ist nichts von ihm gefodert worden, in Ansehung einer Theilnahme an gottesdinstlichen Verrichtungen in Religion die ganz die ihrige galt, als essen von den Speisen, wovon sie los kamen. Später erscheint Daniel als ein Rath des Königs, ward auch unter den Medern Statthalter eines großen Landes. Besonders ist er aufgerufen, Träume des Königs auszulegen: weil du den Geist der heiligen Götter habest, und Verstand, Erleuchtung, hohe Weisheit bei dir gefunden ist. Die Träume haben gegolten als Ofenbarungen von einem höhren, ganz sinlich. Die andren Hof beamten | haben gesucht an ihn zu komen, den König bewogen, befehlen zu lassen, daß in 30 Tagen keine Bitte an jemand gerichtet werde als an den König. Daniel als Jude, hat zu seinem Gott gebeten, und ist dafür in die Löwengrube geworfen worden. Aus der Verehrung der Götter ward also nicht viel gemacht, und es war also diesen Völkern gar nicht fremd, den König als ihr höchstes anzubeten. Auch im Buch der Weisheit; es heißt von den Götzenbildern überhaupt: Von Anfang sind die Götzen nicht gewesen, werden auch nicht ewig bleiben. –

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1–4 Die Naturreligion … Wer th.] Do, ähnlich Pi: Mit dem sinnlichen Leben war die Grausamkeit 25 nothwendig verbunden, da weil die Natur das Höchste ist, der Mensch als geistiges noch keinen Wer th hat. 5 Moloch] Do: Moloch, wo Kinder ermordet wurden 6 Naturmacht, haben … verstümmelt] DoPi: Astarte, deren Priester sich selbst verstümmelten 6–7 Die Frauen … preis] Do: Daher geben die Weiber in Babylon sich den Fremden Preis. 10–12 ist nichts … kamen] Do: ward Theilnahme erfordert am Gottesdienst, doch ihm besondre Speisen erlaubt Pi: Nichts 30 wurde verlangt von ihnen, in Hinsicht des Cultus, was Antijüdisch wäre, und sie haben besondere Speisenbereitung erlangt. Besonders scheint es, daß das religiöse Band sehr los war 15–16 und Verstand, … ist] Do: ward Wahrsagung von ihm erfordert. ( Die religiöse Einheit eines Volkes sehen wir also nicht. ähnlich Pi) 16–17 Die Träume … sinlich.] Pi, ähnlich Do: Ueber das sinnliche Leben scheint nur der König durch Traumoffenbarungen sich erhoben zu haben. 17 haben ge- 35 sucht an ihn zu komen] Do, ähnlich Pi: suchten ihn nun zu verderben 24 bleiben. –] Pi: bleiben“. „Man mußte Bilder ehren um des Tyrannen Gebot.“ etc. An Arten der Könige scheint nicht fremd gewesen zu sein, als Höchstes Wesen. Die Frömmeren ließen sich ein Bild des Königs machen und verehrten es. 5 auch fortgeht bis zum so Do; in Ke eine Textlücke von zwei Zeilen

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Dies ist gegen das reine persische Element das zweite, die ungeistige, rohe Sin lichkeit. Das dritte ist der Bestandtheil, den wir weiter nach Vorderasien herein erblikken. In diesem fängt das geistige an, sich hervorzuthun, und zum Bewußtsein zu komen. Erstlich: die Syrer, die an der Küste wohnen, Phönikier und fürs andre die Juden. Phönizischer Handel ist sehr bekannt, berühmt. Es begint das Element des Meeres sich hervorzuthun, die Flucht Entfernung von dem natürlichen, was wir bisher gesehn haben. Am schmalen Küstensaum, am Rücken der Libanon. | 2 Stunden breit, isolirt, gesichert gegen die Bewegung des Binnenlandes, daran reiche Städte. Dies sind reine Handelsvölkerschaften für sich. Der Handel geht theils ins Inre von Asien, die Hauptrichtung geht aber ins mitländische Meer. Das Princip des Meeres fängt hir an bedeutend zu sein, die Chinesen haben Handel gehabt, die Inder auch, aber weiter war und ist die See verboten. Sie werden geschildert als sehr erfindungsreich, productiv, Künste, Materialien, Bearbeiten derselben, besonders ihre weite und kühne Beschiffung des Mittelmeers, Kolonien auf allen Seiten, auch den atlantischen Ocean beschifft. In Aegypten keine Kolonien, aber in Sardinien, südlich und westlich Spanien reiche Bergwerke. Von Cadix auch südlich nach Afrika; Afrika vom persischen Meerbusen aus umschifft; auch den brittanischen Meerbusen; auch wahrscheinlich in die Ostsee gedrungen, wo sie den preußischen Bernstein gewonnen. An den Phoniziern sehen wir die Kühnheit die See zu befahren, Industrie, besonders die Naturgegenstände für Gebrauch und Schmuck des Menschen auf mannigfaltige

25 1–2 Dies ist … Sinlichkeit.] Do: Wir sehen also in diesen Dienst des Endlichen überhaupt hinein,

gegen das reinere persische Element. 6–7 Erstlich: die … Juden.] Do, ähnlich Pi: Hier her gehören die Syrer, welche an der Küste wohnen welche Phönizier vorzüglich genannt werden und die Juden, wo wir bei den Aegyptern die Durchdringung dieser Elemente sehen werden. 9 sich hervorzuthun] Pi: mächtig zu werden Do: sich hervorzuthun und mächtig zu werden natürlichen] DoPi: 12 reiche Städte] Do: Eine Reihe von Städten sehen wir hier. Pi: Tyrus, 30 irrdischen, natürlichen Sydon, Biblus, Geridus, Oradus Dies sind … sich.] Do, ähnlich Pi: Der Handel zeigt sich isolirt zunächst. so daß er nicht ein Moment macht, das in das Ganze eines Staates eingreift, sondern es sind Handelsvölker. 13 theils ins … Asien] Do: in das persische Meer Pi: nach innen, nach dem rothen Meere 15 verboten] Do: verboten. Hier erst finden wir den Handel an und in dem Meere, 16 erfindungsreich, productiv] Pi: erfindungsreich an Purpur, 35 der als Mittelpunkt bezeichnet ist. Glas etc. Do: Purpur, Glas, Geräthschaften aus Elfenbein, Bernstein und edlem Metall 18 Kolonien auf allen Seiten] Do: vielfache Colonien in Kreta, Cypern, Rhodos, Thasos Pi: Auf Inseln, an Thraciens Küste den atlantischen Ocean beschifft] Do: Die Entdeckung des atlantischen Meeres gehört ihnen. Cadiz, Sevilla, Utica, Car thago sind Kolonien, als Pflanzstädte derselben. 19–20 20–21 Afrika vom … umschifft] Do: Ein aegyptischer König 40 Bergwerke] Do: Silberbergwerke soll durch Phönizische Schiffe Afrika umschifft haben. Pi: Sie kamen weit südlich an der westlichen Küste von Afrika. sie sollen es sogar beschifft haben.

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Weise bearbeitet. In diesem kühnen | Muth ist das Princip vorhanden, daß der Mensch sich auf sich zu verlassen, aus sich herauszubauen hat, daß auf das Individuum das gestelt ist, was es sein soll. Die Babylonier, und auch die Nomaden sind abhängig von dem Boden, der fest ist, und dem Kreislauf des Jahres und der Sonne, welche die ganze Subsistenz des Menschen bestimt, auch in Aegypten. Die harte Seele der Seeleute traut sich dem Glük, dem Zufall an, und in dieser Umgebung, die nichts festes hat, sind sie bloß auf ihren Verstand, sich im Moment zu halten, das Auge und Herz imer offen zu haben, angewiesen. Enthält auch ein ganz andres Princip, als durch die gütige Natur alles zu erhalten; für die Industrie hört die Natur auf, Macht zu sein, sie wird ausdrücklich als etwas behandelt, das sich unterwerfen muß, dem der Mensch erst Gestalt gibt, wie sie für ihn zweckmäßig ist, der Respect gegen die Natur verschwindet vor diesem eigenthümlichen Zutraun des Menschen zu sich selbst, und vor dem Verstande, der die Natur zu beherrschen weiß. Das ganze Leben war auf diese Künste und die Befahrung des gefahrvollen Meeres gestellt. Tapferkeit | des Menschlichen Verstandes, nicht der Muth als solcher, sondern Kühnheit der eignen Geschiklichkeit macht die Hauptsache aus. Buchstabenschrift der Phönizier: diese setzt den mannigfaltigsten Verkehr voraus; diese tritt in das Bedürfniß, die Betonung zu bezeichnen; man kann bei Völkern, die mit Hieroglyphen sich begnügen unmittelbar auf geringen Verkehr schließen. Äußerlichkeiten gehn uns nichts an. Alles komt auf Thätigkeit des Menschen, Verstand, Kühnheit an, worin die Zweke für ihn sind, der Mensch stelt sich über die Natur und ihre Sinlichkeit. Das Mittel widerspricht dem Genuß: die Arbeit, Gefahr, setzt den Zwek aufs Spiel, enthält die Befreiung von diesem Zwek. Unmittelbar flißt ihre Religion daraus. 1) ist anzuführen, daß die Tyrer den Herkules verehrt haben, der deswegen nach Tyrus reiste, von Aegypten aus. Herkules

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1–2 der Mensch] Do: das menschliche Individuum 5 bestimt] Do: gleichförmig einmal um das anderemal bestimmt 6 Seeleute] Pi: Seevölker Do: Schiffer Zufall] Pi: Zufall und ihrer eignen Geisteskraft 15–16 Tapferkeit des … sondern] Pi: Kriegerische Tapferkeit der Bergvölker ist 30 ganz verschieden von dieser 17 aus.] Pi schließt an: Der Mensch herrscht also hier, wenngleich zu seinem eignen Nutzen. – 18 Buchstabenschrift der Phönizier] Do: Die Buchstabenschrift wird ihre Erfindung genannt. Pi: Buchstabenschrift. Zu den Griechen kam diese wenigstens von den Phöniziern. 19–21 man kann … schließen] Pi: Aegypter und Chinesen, die Hieroglyphen haben, müßen wenig in Verkehr gewesen sein. 23 worin die … sind] Do: also menschlicher Wille, 35 menschliche Thätigkeit das erste 24 Das Mittel … Genuß] Do, ähnlich Pi: wenn auch Genuß der Zweck, so ist das Mittel doch diesem widersprechend, denn das Mittel ist die Gefahr 25 Zwek] Do: Zweck, wenn dieser auch noch ein sinnlicher ist 27 der deswegen … aus] Pi, ähnlich Do: Herodot kam selbst darum von Aegypten aus dor thin, den berühmten Tempel zu sehen. 6 in] Ke: sie

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ist eben, daß es der Mensch ist, der sich zum Gott emporgeschwungen hat durch seinen Muth und durch seine Tugend. Dem Herakles ligt alerdings die Vorstelung der Sonne zum Grunde, 12 Arbeiten, Monate, aber diese Grundlage bestimt nicht den einzigen Sinn und die Individualität dessen, was bei Herakles die eigentliche Bestimmung ausmacht. Im Herkules ist menschlicher Verstand, Mühe, Muth, Tapferkeit, | Menschlichkeit in concreter Thätigkeit gegenständlich. Ist ganz consequent, daß der Herakles Hauptgottheit bei ihnen gewesen ist. Ein 2ter Zug in ihrem Cultus ist der Dinst des Adonis in Byblus vornehmlich, aber auch andre vorderasiatische Städte haben etwas mit solchen Vorstelungen zusamenhängendes. Stelle in der Schildrung von der Abgötterei: Buch der Weisheit. cap. 13. Die Götzen sind von Anfang nicht gewesen. (Osiris derselbe Zug.) Der Dinst war die Feier des Todes, und Wiederfinden desselben. Die Weiber überließen sich dem ausschweifendsten Wehklagen, was dem orientalischen Geist fremd ist. | In Indien ist keine Klage, kein Schmerz, sondern der Heroismus der Stumpf heit, in dem die Ergebung besteht. Hier aber wird der Schmerz über den Verlust feierlich angestellt, | Die Bestimmung, die in Gott betrachtet wird, ist die Bestimmung des negativen, des Todes überhaupt; das negative, der Tod wird hir eine immanente Bestimmung des göttlichen. Gott stirbt; im Christenthum viel tifer. Bei den Persern Licht und Finsterniß, im Kampf: hir das affirmative und das negative sehn wir im absoluten Gegenstand zusamengerükt. Das negative ist zwar noch das natürlich negative, der Tod das absolut negative überhaupt; das ist ein wichtiger Punkt, weil insofern das götliche als Geist gefaßt wird, der Geist beginnt, dem Menschen zum Bewußtsein zu komen als das wahre, so muß das geistige Object ein wahrhaft concretes sein, und das ist es nur, insofern es das Moment des Unterschids erhält. Gott ist Schöpfer, Weisheit, | Macht, das sind nur bestimte Predicate, die zur Einheit in sich ver-

3 Monate] Do: 12 Monate) Kreuzers Symbolik, die Hauptbestimmung aber ist, daß er der Sohn eines Gottes ist, der durch seine Arbeit sich zu Gott wieder emporgeschwungen hat 3–5 aber diese … ausmacht] Do: also Menschlichkeit in ihrer concreten Thätigkeit, nicht unbeweglich, wie die 5–6 Mühe, Muth, Tapferkeit] Do: Mühseligkeit, Tapferkeit, Tugend 10 13] Do: 14 30 Sonne 11 gewesen.] Do, ähnlich Pi: gewesen etc. (am Rande: werden auch nicht ewig bleiben, sondern durch die eitle Ehre der Menschen sind sie in die Welt gekommen und darum erdachte dann ein Vater so er über seinen Sohn der ihm allzufrüh dahingenommen ward Leid und Schmerz trug, ließ er ein Bild machen, und fing an den, so ein todter Mensch war, für einen Gott zu halten, und stiftete für die Sei35 nen einen Götzendienst und Opfer.) Ende Darum erschaffen, daß die Menschen kurzes Lebens sind. 12–13 (Osiris derselbe … desselben.] Do: Im Dienst des Osiris werden wir denselben Dienst finden. Adonis Adonai Herr, der Tod des Adonis und sein Wiederfinden. 13 Die Weiber … Wehklagen] Pi: Das Adonisfest war Feier seines Todes, Leichenfest, wobei die ausgelassensten Klagen über den Gestorbenen Gott. 16 der Schmerz … angestellt] Pi: der menschliche Schmerz geehrt 26 Macht] 40 Do: Macht etc. sind auch Bestimmungen, dies ist aber nicht das wahrhaft concrete, sondern 14–16 In Indien … angestellt, so Do; in Ke eine Textlücke von vier Zeilen

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eint sind, so daß das Wesen Gottes die abstracte substanzielle Einheit nur bleibt, der Unterschid als solcher ist noch nicht Moment der substanzielen Einheit selbst. In dieser Feier des Adonis, der Klage als Gottesdinst angestelt wird, und wieder gefunden ist, komt zum Bewußtsein, was zur concreten Bestimmung wesentlich ist. Sein Fest in Aegypten gefeiert auch später; er ist ein Jüngling, der seinen Eltern entrissen wird, zu früh also starb, ein wesentlicher Zug, wodurch diese Vorstelung unterschiden ist von dem Dinst der Voreltern bei den Chinesen; aber die Eltern haben ihre Bestimmung erfült, der Natur ihre wesentlich nothwendige Schuld bezahlt; ein Jüngling, der stirbt, hat seine Bestimmung noch nicht erreicht, es ligt etwas darin, das nicht sein soll. Tod der Ältern weckt auch Leid, aber es ist nicht ein großer Schmerz; h i r ist der Tod als ein Widerspruch aufgefaßt, und es wird im Gedanken dieser Widerspruch, und damit die absolute Negativität, und eine Weise derselben gewußt. |

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2. Das Jüdische Volk. Sein Ur und Grundbuch ist das Alte Testament. Da haben wir die bestimtre Anschauung seines Geistes. Das jüdische Princip steht dem phönizischen gegenüber, wo wir verehrt sehn ein geistiges, aber noch in sehr beschränkter menschlicher Gestalt; das jüdische ist ihm entgegengesezt, indem das geistige Element ganz gereinigt ist, auch der Inhalt des Denkens, das sich Denkende, der Eine Gott zum Bewußtsein komt, als der Reine, Eine. Hir ist das geistige in so extremer Bestimmung, als reiner Gedanke absolut gewußt. Dann ist dies Princip der asiatischen Einheit der Natur mit dem Geist gegenüber, wo der Geist nicht frei wird, weil er noch in die Natur versenkt. Das reine Bram zwar ist derselbe Inhalt mit dem Gott der Juden, aber das Bram wird nicht zum Gegenstand, sondern ist nur

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2–3 Einheit selbst.] Do: Einheit. Hier ist die Negation, als Tod, im Subjekt als Schmerz zum Bewustseyn gekommen als immanentes Moment des absoluten selbst, das Wahre kommt also hier zum Bewustseyn. 6 Sein Fest … später] Do: Die Adonisfeier in Aegypten und Griechenland ist die Feier des Todes eines Jünglings, also eines 8–9 Chinesen; aber … erfült] Do: auch hier wer- 30 den Todte verehrt 12 großer] DoPi: gerechter 13–14 es wird … gewußt] Do: dieser Widerspruch wird daher als eine Weise der absoluten Negativität gewußt. Dasselbe Moment sehen wir später weitläuftiger im Osiris; wo menschlicher Geist als das absolute zum Bewustseyn kam. 17 Sein Ur und Grundbuch] Do: Das andre Volk ist das j ü d i s c h e Vo l k , eine uns bekannte Erscheinung. Wir haben hier Ur und Grundbuch 18 steht] Do: steht zunächst dem so 35 eben angeführten 19 verehrt sehn ein geistiges] Do: anfangen sehen die Verehrung eines Geistigen 22–23 Hir ist … gewußt.] Do: wie er schlechthin nur für das Denken ist 24 wo] Do: eine Einheit, wo 25 derselbe Inhalt] Do: dasselbe Princip

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ein Untergehn Vergehn des Subjects. Bei den Persern ist das Licht die physikalische, äußerliche Einheit. Hir ist es, daß der Bruch geschieht, zwischen dem Westen und Osten, daß der Geist in sich niedergeht, in seiner Tife sich erfaßt, und die abstracte Geistige Grundlage des Wahrhaften gewinnt. Das große Princip, der zweite Aufgang ist weiter betrachtet, der ausschließende Eine, so daß das Verhältniß zu ihm, die Religion, durchaus die Bestimmung des Ausschließens erhält, so, daß zwar von diesem | Gott gewußt wird, daß er die ganze Welt erschaffen hat, die unumschränkte Wirksamkeit ist; aber dieser Eine wird nur von diesem Volke erkant, und damit wird nur dies Volk von diesem Einen erkannt und anerkannt, so daß die Wirksamkeit seiner Liebe sich nur auf jüdische Nationalität beziht, auf eine natürliche Familie. Die andren Götter werden damit nicht als solche anerkant, und mit Recht, wie auch beim Christenthum. Die Ausschließung ist aber so, daß die Verehrung falscher Götter, die Finsterniß nicht als Dämerung betrachtet wird, die den Schein des Lichtes enthalte. Solche Abstractionen sind in der geistigen Welt nicht enthalten, da ist das Denken, die geistige Wirksamkeit, und damit auch Religion ein in sich affirmatives, und eine abstracte Grundlage enthält das affirmative des Geistes überhaupt, weil Religion, Volksgeist, geistiges überhaupt ist, so mag er sonst noch so irrend sein, so hat er das affirmative, freilich verkümmerte, abstracte Wahrheit, aber doch Wahrheit. In jeder Religion ist insofern götliche Gegenwart, Verhältniß der göttlichen Liebe vorhanden, und es ist Bestimmung einer Philosophie der Weltgeschichte auch in den verkümertsten Formen die weise der Geistigkeit aufzuzeigen, die darin enthalten ist. Freilich muß man nicht sagen, jede Religion ist gut, weil es Religion ist. Schlaff heit unsrer Zeiten, diese Frömmigkeiten gleichzustellen, so daß es auf den Gehalt nicht ankomt, im Gegentheil der objective Inhalt ist ganz und gar nicht gleichgültig, und so ist die | Religion als subjectives Verhältniß nach dem objectiven Inhalt, und Religion hat Wer th nach dem Inhalt, dem damit verknüpften Bewußtsein. Mit der Religion des Einen ist noch die bemerkte Ausschlißung verknüpft. Drittens ist zu bemerken, daß indem sich hir das geistige losreißt von dem natürlichen, sinlich unmittelbaren, die Natur geschiden wird von dem geistigen, herabgedrückt wird zu einem äußerlichen, Entgötterung der Natur, und das ist

1 Vergehn des Subjects] Do: vergehendes Subjekt, das nicht verehrt wird 4 Wahrhaften] Do: Absoluten Pi: Abstrakten 5 zweite] Do: ungeheure Eine] Do: Eine noch mit einer 7 die ganze Welt] Do: die Natur und alle Völker Pi: Alles 10–11 jüdische 35 Bestimmung Nationalität] Do: das jüdische Volk 12 nicht als solche] Do: als falsche Götter Pi: für falsche Götzen 15 in der … enthalten] Do: aber nur in der todten Natur vorhanden, in der geistigen Welt nicht Pi: nur in der elementarischen Natur 28 Religion] DoPi: Vorstellung 10 anerkannt,] Ke: anerkannt wird,

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ihre Wahrheit, daß sie das äußer liche ist gegen den Geist; weiter ist es, daß die Idee in dieser Entäußerung auch noch Idee bleibt; das erste Versöhntsein des Geists mit der Natur, wo er mit der Natur noch versenkt ist, ist die Nidrigkeit, Enttwürdigung des Geists die wir gesehn haben; hir trit die Natur herab, und wird als ein äußerliches genomen; damit hängt zusamen, daß sie geschaffen ist, gesezt ist. Sie ist das, was sie für den Geist ist, für den Geist ist sie das äußer liche, damit ein geseztes, ein Geschöpf. Diese Vorstelung, daß die Natur ein geschaffnes ist, und Gott der Herr und Schöpfer, begründet ein andres Verhältniß, die Erhabenheit, die Schilderung der Herlichkeit, Pracht Gottes, für den die Natur nur Schmuck, Diener ist, eine wahrhafte Erhabenheit, die dem indischen ganz fremd ist, das | nur verworrne Erhebung ins maaßlose, ungeheure, groteske ist. Höhre Sittlichkeit findet hir seine Stelle, das unsittliche, sinliche ist nicht mehr privilegirt, was es ist, so lange der Mensch vorgestelt wird als ein nur sinliches. Damit können Principien des Verhaltens eintreten, diese, die den Gedanken, das algemeine, zu ihrem Quell haben, sind Principien wahrhaften Rechts, Moralität, und Sitlichkeit. Seit Hir ist wesentlich erst eigentlich geschichtliche Ansicht vorhanden. Das natürliche, Seiende ist an seinen Platz gestelt in Gestalt seiner Endlichkeit aufgefaßt, und damit ist geschichtliches Princip enthalten, eine Prosa, die als objective Prosa als Poesie wieder genomen werden kann. Die Gegenstände sind äußerliche, die erste Unterschiedenheit ist, daß die natürlichen Dinge äußerlich sind gegen den Geist und die Menschen als beschränkte in ihrem Handeln äußerliche sind gegen das unendliche. Damit hängt zusamen, daß wir Erzählungen haben von den Erzvätern, die ganz naiver, einfacher, prosaischer Art sind, von einem Character, dessen die indische Darstelung ganz unfähig ist. In der Geschichte dieses Volkes sehn wir den Uebergang von dem patriarchalischen Zustand durch den Dienst bei den Aegyptern zu einem sedentären, ackerbauenden Leben. Verun|reinigt ist diese Geschichte durch das geheiligte Ausschlißen andrer Nationen, Volksgeister, und Haß gegen sie, Mangel an Bildung. Im Verhältniß zu

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1 ihre Wahrheit] Do, ähnlich Pi: die Grundbestimmung der Natur weiter ist es] Do: und es ist eine viel spätere Bestimmung 5–6 sie geschaffen ist, gesetzt] Do, ähnlich Pi: die Natur ein Ge- 30 setztes sei, ein G e s c h a f f e n e s , dieses Außereinander in Raum und Zeit und physikalische Bestimmungen 6 für2 den … äußer liche] Pi: Ihre Grundbestimmung ist, an sich selbst das Außereinander zu sein. 8 Schöpfer] Do: Schöpfer der Natur 12 Höhre Sittlichkeit] DoPi: Höhere Moralität, höheres Recht seine Stelle] DoPi: sein Princip 13 was es … sinliches] Do: da der Mensch nicht mehr ist in wesentlicher Einheit mit dem Sinnlichen, und Gott nicht mehr ge- 35 wußt wird als ein mit dem Natürlichen identisches 17 Das natürliche, Seiende] Do: das Sinnliche 18 aufgefaßt] Do: auffaßbar und aufgefaßt 21 beschränkte] Do: Individuen 22 unend liche.] Do: Unendliche. Sie werden gelassen in ihrer physischen Beschaffenheit, mit Wollen und Begehren, so aber daß aber das Sittliche sein Licht scheinen läßt in sie hinein. 25 patriarchalischen Zustand] Do: Nomadischen Volk 28–617,1 Im Verhältniß … Härte] Do: 40 Wenn in den Propheten die Moral rein ist, so sehen wir doch eine

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andren Nationen Grausamkeit, Härte, Verkehrung alles Rechts, aller Sitlichkeit. Verunreinigt durch Aberglauben, was im Zusamenhang steht mit der Vorstelung von dem hohen Wer the alles dessen, was nationell ist. | Was wir hier den Deismus nennen, sehen wir hier, daß er später ferner im Muhammedanismus bemerklich zu machen seyn wird. Das Verderbniß des Moralischen ist das Princip des Sinnlichen überhaupt. Außer diesem sehen wir aber einen harten Ceremoniendienst, obgleich die Religion der Freiheit aufgegangen ist, so ist das Verhältniß doch nicht so als zu einem concret Geistigen, und daher wird auch der Geist nicht als concreter freier Gedanke gesetzt. Wir haben daher zwar Innerlichkeit, das reine Herz, die Buße in den Propheten, der concrete Geist ist nicht Gegenstand, und deswegen das Besondere um so | strenger gebunden, und wir sehen mit reiner Freiheit den harten Ceremoniendienst verbunden. Was die Juden haben, haben sie nur durch ihn, der der reine Gedanke ist, aber das Subjekt hat keine Freiheit für sich. Spinoza sieht daher die mosaische Gesetzgebung an als eine die dem jüdischen Volke zur Strafe zur Zuchtruthe auferlegt worden sei. Bei den Juden finden wir nicht den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, welcher verlangt, daß das Subjekt sei ein an und für sich seiendes, ewiges; daher sehen wir hier das Bewustseyn der Wer thlosigkeit des Subjekts. Die Familie als solche ist nur selbstständig, nicht das Subjekt als solches, jene ist das berechtigte, | da die Familie es ist, an welche der Dinst des Jehovah gebunden ist. Zuerst sehn wir das Volk als Familie, dann Uebergang aus nomadischem Zustand zu einem ackerbauenden. |und im sedentären Zustand wo die Familie zum Volk geworden noch dieses Princip der Familie erhalten, so daß der Staat ein fremdes dagegen ist, gegen die eigentliche Gesetzgebung. | Das nähre geschichtliche ist als bekannt vorauszusezen. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist es, der ihnen ausziehn half aus Aegypten, der ihnen gebot,

2 Zusammenhang] Do: Widerspruch 3 alles dessen, … ist.] Do: den dieses Volk hat 4–6 Was wir … überhaupt.] Pi: Die jüdische Nation ist also beim Abstrakten stehen geblieben, beim Deismus. 30 Weil dieser Eine Gott nun Gott des Gedankens wird, muß Moralität, Prinzip der Rechtlichkeit auf eine reinere Weise vorhanden sein, indem die Sinnlichkeit nicht berechtigt war. 7–8 obgleich die … ist1] Pi: Verhältniß zum reinen Gedanken, Religion der absoluten Freiheit 9 der Geist … gesetzt] Pi: das Subject nicht concret frei, nicht legitimirt 10 das reine … Propheten] Pi: So Psalmen, Formen des hervortretenden Innerlichen. 11 der concrete … Gegenstand] Pi: Aber 13 haben, haben] 35 nicht das Subjekt in der Besonderheit, nicht der concrete Geist schaut sich an. Pi: haben und sind, das haben und sind 14 hat keine … sich] Pi: ist so vernichtet 16–17 Bei den … Seele] Pi: So fehlt der Glaube an Unsterblichkeit. 18 daher sehen … Bewustseyn] Pi: Unsterblichkeit kann bei den Juden nicht sein, wegen 24–25 so daß … Gesetzgebung] Pi: Der Staat entstand eben im Gegensatz zu Moses Gesetzgebung. 40 4–20 Was wir … berechtigte, so Do; in Ke eine Textlücke von einer Seite

setzgebung so Do; in Ke eine Textlücke von sechs Zeilen

22–25 und im … Ge-

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Kanaans Völker zu bezwingen und Kanaan ihnen gab. Dies galt ihnen als götlicher Zwek. Diese Geschichte hat sehr große Züge an ihr, die Geschichte der Erzväter spricht uns durch Naivität an, aber hat auch die härtesten Züge, indem es sich durch den harten Dinst des Einen gegen die andren Völker so hoch privilegirt glaubte. Ihr codex übers Kriegführen, Moses 5, 20. ist sehr hart. – In dieser Härte verhalten sie sich auch später gegen andre Völker; wir sehn diese Geschichte auch durch eine Menge von dem, was man Wunder nennt, die aber sehr schlechter Qualität oft sind, verunreinigt. Damit wird die Natur zwar prosaisch aufgefaßt, wie im äußerlichen Verhältniß, aber es bildet sich nicht zu Auffassung der Begebenheiten als natürlicher aus. | zb. der Auszug aus Aegypten hat widriges bei sich: das Stehlen der Gefäße, die 10 Plagen, 9 Plagen haben die Aegypter auch machen können, nicht Moses allein, nur Eine war dem Moses eigenthümlich, Läuse hervorzubringen. – Die Familie ist zu einem Volk herangewachsen, hat ein Land occupirt, Einen Tempel in Jerusalem festgesetzt. Dabei das eigenthümliche, daß ein Theil des Reichs auch mit Abfall vom Dinst Jehovahs verbunden ist; sie können den Einen Gott nicht in verschiedenen Tempeln verehren. Die Familie macht das Princip des Zusamenlebens überhaupt aus; Kinder zurücklassen, nicht um Todendienst zu verrichten, sondern daß die Familie sich fortpflanze; das Eigenthum konnte veräußert werden, verpfändet, aber nach 50 Jahren, im Jubeljahr, kehrte es zur Familie zurük. Heroen, Richter genannt, traten momentan auf, samelten eine Menge und befreiten die Juden von der Noth; den größten Theil der Zeit, wo sie unter Moses Gesetz unmittelbar standen, waren sie Fremden unterworfen; Nachher sind Könige erwählt, und unter David und Salomo hat es den Glanz eines Staats erlangt, Eroberungen nach außen gemacht. in der Gesetzgebung ist das Leben nur gesezt auf die Familie. Moses sieht alerdings voraus, daß sie wün-

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5 Ihr codex … hart.] Do: Ihr jus gentium c. 20 ist sehr hart, in den Städten Kanaans sollst du nichts leben lassen was Odem hat. Pi: jus gentium (cap 20) ist das härteste. In den Städten Canaas selbst sollst du nichts leben lassen, was Odem hat. 6 wir sehn] Do, ähnlich Pi: Wie das Concrete nicht frei ist in Ansehung des Dienstes Gottes, so ist es auch nicht frei in Ansehung der (Do: An- 30 sicht Pi: Einsicht). Wir sehen 10–11 aber es … aus] Pi: doch nicht in natürlichem Zusammenhange 11 zb. der Auszug … sich] Pi: Viele Wunder, wie beim Auszug von Aegypten. So die Motive für Pharao, sie ziehen zu lassen. 15–17 Dabei das … verehren.] Do: Wie das Reich getheilt wird, ist damit auch ein Abfallen vom Dienst des Jahwe verbunden, als wenn das Volk den einen Gott nur in einem Tempel hätte verehren können. Pi: Der Eine kann nicht in 35 verschiedenen Tempeln verehrt werden. 18 zurücklassen] Do: darum wünschenswer th 21–22 sammelten eine Menge] Do, ähnlich Pi: die ohne organischen Zusammenhang eine Menge sammelten 24 Nachher sind Könige erwählt] Do, ähnlich Pi: Durch die Könige kam das Volk zu größerer Selbstständigkeit 25 Eroberungen nach außen gemacht] Do: selbst nach Außen da es vorher dafür fremd war 40 8 verunreinigt.] in Ke folgt eine Textlücke von zwei Zeilen, die nicht durch DoPi geschlossen werden kann

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schen könten, einen König, wie die andren Völker auch haben. Moses 5, 17. Die Wahl eines Königs in die Hände der Priester gegeben; es soll kein fremder sein, darf nicht starke Cavallerie halten und auch nicht vile Weiber nehmen. Dürftige Bestimmungen für einen Staat, der von einer noch nicht einmal | republikanischen Verfassung zu königlicher Constitution übergeht. Danach wurde das Reich getheilt, unglücklich nach außen und innen, Zustand harter Ungerechtigkeit; den Babyloniern unterworfen, die ihnen aber wenigstens nicht das thaten, was die Juden den besiegten Canaanitern gethan hatten; dann kamen sie unter die Perser, wurden aber sodann nach dem persischen Princip von Cyrus freigelassen. Im persischen Reich der Perser selbst, verehrt das einfache Naturwesen, das das Gedankenartige hat, nicht entfaltet hat, so daß seine Momente gleichgiltig auseinanderfallen: die Sinlichkeit, in Babylon, Vorderasien, Syrien; das andre ist das geistige Moment in 2 Formen: einmal in der Form, wie sie das Bewußtsein des absoluten Gegenstandes als eines in sich concreten, das Princip der Negativität in sich hat; in den Küstenstädten; auf der andren Seite der reine Gedanke ohne concreten Inhalt; das Bedürfniß ist, daß diese widerstreitenden Momente zusamengefaßt werden, in Einer substanzielen Einheit, das Bewußtsein des Geistes, der Geist. Dies ist die Aufgabe, und als Aufgabe sehn wir dies vorhanden in Aegypten.

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4. Aegypten. Von Aegypten können wir die Sphinx, das Räthsel, betrachten; das doppelte Gebilde, die untre Hälfte Thir, die obre Mensch. Das Geistige, das sich dem thirischen, natürlichen entreißt, aus ihm heraus zu bliken an fängt, doch noch nicht befreit ist, in diesem Widerspruch noch befangen ist. Wir können gleich anführen, daß die unendlichen Bau|werke halb über, halb unter der Erde sind, ein Reich des Lebens und ein Reich des Todes; auch in dem Memnon, an den das Licht der Morgensonne anschlägt, und ihn erklingen macht, es ist noch das

30 2–3 es soll … nehmen] Do: die Bestimmungen (daß er nicht viel Reiter und Weiber haben sollte,

kein Fremder sei) scheinen uns eng 6–7 Ungerechtigkeit] Do: Ungerechtigkeit folgte auf den Glanz 7 den Babyloniern unterworfen] Do: unter den wenigen Königen bis die Babylonier sie verpflanzten 11–12 das das Gedankenartige hat] Do: (etwas Geistartiges und Gedankenartiges) 12 nicht entfaltet hat] Pi: Es entfaltet sich, auch durch Trennung. 12–13 gleichgiltig auseinan23 das 35 derfallen: die Sinlichkeit] Do: fallen gleichgültig auseinander in gleichgültige Sinnlichkeit Räthsel] Do: als das räthelhafteste Wesen, das Räthsel selbst als Symbol doppelte] Pi: doppelsinnige 24 Das Geistige] Do, ähnlich Pi: Es ist der menschliche Kopf das Geistige 11 das2 ] Ke: daß

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äußerliche Licht, nicht das Licht des Geistes, das in sich selbst strömt. Die Sprache ist die Hieroglyphe, noch nicht das Wort; die Auslegung dieser Sphinx selbst. Hieroglyphe ist es, daß sie in dieser Hieroglyphe selbst ist. Aegypten hat den Alten als ein Land der Wunder gegolten. Seit 25 Jahren ist es gleichsam von neuem entdekt worden, und hat die Europäer in die höchste Bewundrung gesezt; ganz unerschöpflich an Kunst und Wunderwerken. Einzudringen in die Bedeutung dieser Wunder ist schwirig. Haben nicht so ein Buch, wie es die Juden haben, keinen Homer, Ramayana, sonst wüßten wir, wie wir mit ihnen dran wären; aber sie haben kein Nationalwerk gehabt und haben können; haben sich nicht zum Verständniß ihrer selbst durch die Sprache bringen können, sie haben sich ausgesprochen durch Bauwerke, Skulpturen. – Die Ptolemäer lißen die hebraische Urkunde übersetzen. Einer gab dem Manetho, einem Oberpriester auf, Geschichte zu schreiben, sie ist uns verloren, nur Namen sind da; die Räthselhaftigkeit ihrer selbst ist die lösung, daß sie in der Weltgeschichte vorstelen die Aufgabe, und das Mißlingen, die Aufgabe zu lösen. | Herodot gibt die Veranlassung an, 525: (Zug, in dem ägyptischer Character zum Vorschein komt) Kambyses habe die Tochter des Amasis zur Gemahlin verlangt, auf Rath eines Augenarztes, den Cyrus sich ausgebeten hatte (Aegyptische Augenkrankheit macht den besten Ärzten zu schaffen;) ( Jedes Glied hatte seinen besondren Arzt) von dem Könige, und aus Rachsucht, daß der König ihn nach Asien geschikt hatte, hatte er den Kambyses aufgeregt; der König wagte nicht, zu widersprechen, obgleich er sie um Ýu bllbk©u halten würde, er schikte ihm die Tochter des Königs Apries (Kühnheit des Betrugs, und rührend daß der Vater seine Tochter nicht hingeben will) Diese hat dem Kambyses den Betrug entdekt, und das soll Veranlassung gewesen sein des Krieges. –

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1 nicht das Licht] Do: aber noch nicht das freie Licht 1–2 Die Sprache … Wort] Do: Das sinnliche Bild noch nicht das Wort ist die Grundlage der Sprache. 3 Hieroglyphe ist … ist.] Do: Der Geist dieses Volks selbst ist noch die Hieroglyphe, das Räthsel selbst. Viele Gestalten geben uns dieses Gepräge. 6 ganz unerschöpflich … Wunderwerken] Do, ähnlich Pi: (Do: jede neue Reise gibt neue Ausbeute Pi: Kunst und Wunderwerke) 8 Ramayana] Do: Ramaiana, keine Bücher wie die 30 der Chinesen 11 Bauwerke, Skulpturen] Do, ähnlich Pi: Werke der Architektur (Pi: Sculptur) und Hieroglyphen 11–12 Die Ptolemäer … übersetzen.] Do: Alexandrien war Sitz der Wissenschaften unter den Ptolemäern, von den Aegyptern kam aber nichts Geistiges hervor Pi: Die Ptolemmäer haben die Hebräischen Urkunden ins Griechische übersetzen lassen, nichts aber ins Aegyptische. 13 sie ist … da] Do: was davon auf behalten ist, ist von überall her ein Gegenstand des Tadels 35 geworden Namen] Pi: Königsnamen 15 Aufgabe] Do: Aufgabe als solche Mißlingen, die Aufgabe zu lösen] Do: Ringen des Geistes im Aufgange 16 Herodot] Do: 525 eroberte Cambyses Aegypten. Die Veranlassung giebt Herodot an 21 hatte er … aufgeregt] Do: habe er Cambyses diß vorgeschlagen 22 Ýubllbk©u] Do: nicht als Gemahlin Pi: nur als Concubine. (am Rande: cf. Herodot. III. 1.) 23 Apries] Pi: Apries, (den er vom Thron gestoßen) Pjsisju 40 16 525] Ke: 325

19 schaffen;)] Ke: schaffen;))

22 bllbk©u] Ke: 'lljkb

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Die Anfänge Aegyptens leitet man aus Aethiopien ab, daß der Staat sehr alt ist, ist aus der Bibel bekannt; zu Abrahams Zeit bereits ein gebildeter Staat. Thebe in Oberägypten ist der ältste Punkt, von da ist der Sitz des Reichs weiter herabgerükt nach Memphis in Mittelägypten, und dann Sais im Delta. Weitre 2 Elemente: Fürsten und Priesterschaft, engverbunden, doch unterschiden, in Collisionen. Ferner kann bemerkt werden, daß sie in mannigfaltigen Verhältnissen mit auswärtigen waren, mit Nubiern, Äthiopiern, die auch ganz Aegypten einst beherscht haben. Meroë. In früher Zeit hat es aus einer Menge | kleiner Staaten bestanden. Dem Sesostris wird ihre Vereinigung in Ein Reich zugeschriben, auch große Erobrungen nach Arabien, selbst Indien durch seine Flotte, nach Kleinasien, selbst bis Kolchis. Dergleichen muß als Sage stehn bleiben, das übrigens nicht im Zusamenhang und nicht bewährt ist durch die Geschichte der andren Völker. Weiter sehn wir Aegypten als einen Staat, der g e s c h l o s s e n i n s i c h zu bleiben hatte; so daß der Zutritt der Fremden erschwert war; auch keine Schiffar th, unter Necho erst, durch Karier und Griechen überhaupt. Die Krige mit den Syriern waren Landkrige. Auch keine große Vorstelung von der Leichtigkeit der Verbindung mit Indien muß man sich machen; etwa Kanal der Landenge von Suez. (hat Verbindung bestanden, vom Nil mit dem rothen Meer) Das Rothe Meer ist nur drei Monate für Schiffe von Indien kommend, fahrbar, die übrige Zeit ist es für sie durch die Nordwinde verschlossen. – Unter den nachfolgenden Fürsten Cheops und Chephren, Erbauer der größten Piramyden, Feinde der Priesterschaft. Mycerinus hat erst die von jenen verschlossnen Tempel geöffnet. | Die Priester rufen die Aethiopier zu Hülfe, und aus den Priestern wurden Könige selbst. |diese Könige aus der Pristerkaste machten die Kriger mit sich Unzufriden; dem Sethos, wie er gegen Sanherib zu Felde zog (auch von

1 Die Anf änge … ab] Pi: Aeltere Geschichte Aegyptens: Sie leiten sich von Aethiopen ab, von den Phrygiern, (am Rande: Herodot. II 2.) und Fischern, die in Libyen wohnten. Do: Ihre Anf änge leiten die Aegypter von Aethiopien ab, und Fischern des Nil ab. 2 zu Abrahams] Do: Schon 2000 v Chr zu Abrahams 5 Elemente] Do: Elemente sehen wir früh 6 Collisionen] 7–8 Äthiopiern, die 30 Do: Collision miteinander kommend. Der König selbst ist nicht Priester. … haben] Do: Aethiopiern sehen wir Aegypten (Hyksos, Herrscher Aegyptens) 8 Meroë] Pi, ähnlich Do: Meroe. Später ist Aegypten mit (Pi: andren afrikanischen Völkern Do: Cyrene) und Asiaten in Verhältnisse gekommen. 9 Vereinigung] Do: Vereinigung um 1400 15 durch Karier und Griechen] Pi: durch angesiedelte Griechen. Während die Phönizier die Meere befuhren, 35 und Colonien sandten, hört man nichts von Aegyptischen Colonien. Do: sonst sehen wir die Aegypter verschlossen, während die Phönizier überall Kolonien anlegten 21 Cheops] Pi: Im 12ten Jahrhundert vor Chr. Cheops bei Herodot 23–24 Die Priester … selbst.] Pi: Die Priesterkaste wurde immer gehässiger, und stürzte die Könige. Aus den Priestern wurden Könige gewählt. 40 9 bestanden] Ke: bestanden zu haben

so Do; in Ke eine Textlücke von drei Zeilen

18 dem] Ke: dem dem

23–24 Die Priester … selbst.

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den Juden erwähnt) ward der Dinst verweigert von den Krigern, Sethos nahm der Priesterkaste ihre Rechte | Danach in 12 Staaten getheilt, deren gemeinsames Werk das Labyrinth gewesen sei; mit 12 großen Sälen, und 3000 Zimer halb ober, halb unter der Erde; | der Vereinigungspunkt dieser verschiedenen Staaten. | 130 Jahre vor Herodot wurden sie in Ein Reich vereint durch Psammetichus; mit Hülfe von Kariern und Ioniern. Gemeinschaft mit den Griechen tritt nun ein, hat ihnen Städte gegeben; sie formirten den Kern der Truppen. Apries hatte 30000 Mietstruppen. Necho, vor ihm, hat den Kanal graben lassen, zum Nil und rothen Meer, Seemacht auf mitländischem und rothen Meer; mehrere Eroberungen, geschlagen von Nebukadnezar, Aegypten eingenomen. – Das Meerprincip ist erst spät zu ihnen an sich gedrungen, zu ihrem Leben hinzu gekomen. Apries ward gestürzt durch Amasis, weil er gegen Cyrene zog; die Aegypter schlugen seine Griechen. Amasis starb 1 Jahr nach Anfang des Krigs gegen die Perser. Psammenitus verlor die Herschaft. Amasis war aus einer geringren Kaste. Was näher den ägyptischen Zustand betrift, so ist das erste, was anzuführen ist d a s p o l i t i s c h e . 1) ist zu erwähnen, daß die Aegypter in K a s t e n getheilt waren, daß die Kinder das Geschäft der Eltern fortsetzten. Herodot hat 7 Kasten: Priester, Krieger, Rinderhirten, Schweinehirten, Kaufleute, Schiffsleute und | Dolmetscher. Priester, Könige, Soldaten, Kaufleute, Ackerbauende und Gewerbtreibende oder Künstler, nennen Strabo und andre. Wenn Herodot keinen Ackerbau hat, so haben die Priester und die höheren Kasten Land erhalten, arme, fruchtbares Land, was sie dann bauen ließen. – Joseph wußte das Finanzministerium so zu führen, daß der König Herr des Grundeigenthums war. Die Geschäftsbereiche waren nicht so geschiden, wie bei den Indern. Die Juden waren Hirten, mußten aber auch Ziegel streichen. So samelte Sethos ein Heer aus Handwerksleuten.

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1–2 Sethos nahm … Rechte] Do: Als Sethos einer von diesen gegen Sanherib zu Felde zog, und die Kriegerkaste ihm den Dienst verweigerte, nahm er derselben ihre Rechte. 7 hat ihnen Städte gegeben] Pi: Psammetich giebt ihnen Orte zur Bebauung. 12 Apries] Do: Apries zwar eine Seeschlacht gegen die Phönizier. 13 Amasis] Do: Amasis fing den Krieg mit Persien an 16 getheilt] 30 Pi: getheilt, worin die Nachkommen gezwengt waren 19 Dolmetscher] Pi, ähnlich Do: Dolmetscher. Der Ackerbau und Handwerker fehlen. Die Kaufleute (Pi: handeln nur mit Lebensmitteln im Kleinen. Do: sind nur Handelsleute mit Lebensmitteln) 21 Strabo und andre] Pi: Diodor und Strabo 22–23 so haben … Land] Do: Die reicheren Kasten bekamen fruchtbares Land Pi: Es scheint als seien die höhern Kasten mit Saatland begütert gewesen 23 was sie … ließen] Do, ähnlich 35 Pi: die es selbst bebauten, oder bebauen ließen 24 Grundeigenthums war] Pi: ganzen Landeigenthums. Jeder war nur belehnt vom Könige. Geschäftsbereiche] DoPi: Beschäftigungen 26 So samelte … Handwerksleuten.] Pi: Als die Kriegerkaste sich weigert, bildet ein König ein Heer von Ausländern. Do: Beruffung der Handwerker an der Stelle der Krieger 1–2 Sethos nahm … Rechte] Ke: er hatte ihnen ihr Land folgt eine Textlücke von sechs Zeilen Vereinigungspunkt … Staaten so Do, ähnlich Pi: in Ke eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen

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Auch unter Psammetichus haben sich 240000 Krieger, die unzufriden waren, daß sie aus ihren Garnisonen nicht abgelöst worden seien, Elephantine, Pelusium, weil sie die Äcker nicht benutzen konnten, nach Meroë geflüchtet, die aber nicht zurückzuhalten waren, wie die Mamelucken die nach dem südlichen Nubien flohen. Es war also nöthig, aus andren Kasten ein Heer zu bilden, wobei die Griechen angenomen wurden für Land und Seedinst. Auch dies, daß fremde Truppen als Miethsoldaten da waren, beweist, daß die Rechte der Kasten nicht so ausschlißend waren, wie bei den Indern. Die Staatseinrichtung und Lebensweise ist von den Alten sehr bewundert worden. Sie war sehr einförmig, auf sich beschlossen. | Das bringt die Natur des Landes mit sich: Kanäle leiten, aus dem Nil, zu säen und zu ernten. Herodot sagt: die Lebensweise sei sehr wohlfeil; die Erzihung eines Kindes bis zum Jünglingsalter koste 20 Drachmen, 5 Thaler. Nicht viel erwähnt von großem Luxus, Smaragdgruben sind wieder entdeckt worden. Von der nähren Lebensweise macht Herodot sehr naive Beschreibungen, aber es läßt sich daraus nichts erkennen, und die würden sehr viel Mühe haben, aus diesen Einzelnheiten das herauszubringen, was man Volksthümlichkeit nennt, welche sagen, in den kleinsten und geringsten Gewohnheiten der Nation spiegele sich ihr Geist. Er führt an die Weiber pissen stehend, die Männer sitzend; der Mann trägt 1 Kleid, die Frau 2, die Aegypter waschen sehr fleißig ihre Kleider (also nicht, wie die Inder, welche ihren Körper sehr oft, ihre Kleider nie waschen, so daß es vor Gestank nicht auszuhalten ist)[.] Alle Monate purgiren sie. | Im nördlichen Aegypten ist Monogamie, in andren Gegenden Polygamie. | Die Fraun betreiben die Geschäfte außer Hause, sind nicht muhamedanisch verschlossen, der Mann webt zu Hause; (er findet es ganz verkehrt gegen andre Völker.) Dies deutet auf einen Zustand langer Friedlichkeit. Die Kriger haben sich öfters geweigert, gegen die Feinde zu Felde zu ziehn. – Ueberhaupt, sagen die Alten, herrsche große Ordnung, Ver theilung des Saatlandes, des Wassers. Amasis machte ein Gesez, daß jeder Aegypter seinen Namen beschriben dem Vorsteher der Gemeine zu geben habe, | wovon er seinen Lebensunterhalt gewinne, wer das nicht konnte, wurde mit dem Tode bestraft. nómou+momou, untadelhaftes Gesetz. Solon habe es nachgemacht. Ihr gerichtliches Verfahren war sehr gerecht und mit der größten Vorsicht alles angeordnet. Es gab eine Replik und Duplik. 30 Richter in jedem Gericht, von 3 Meroë] Do: Meroe, die Halbinsel zwischen den beiden Theilen des Nil 6 angenommen] Pi: 10 leiten] Pi: wurden nur gegraben und unterhalten für die entfernten Gegenden 15–18 die würden … Geist] Pi: In Allem das Allgemeine des Volksgeistes zu finden ist sehr schwer. 27 Ordnung] DoPi: Ordnung und Genauigkeit 31–33 Ihr gerichtliches … angeordnet.] Pi: Die Rechtspflege sorgfältig und unpar theiisch. Schriftliche Abfassung.

35 in Sold genommen

22–23 Im nördlichen … Polygamie. so Pi; in Ke eine Textlücke von fünfeinhalb Zeilen

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der Gemeinde erwählt; Präsident aus den Richtern gewählt, und ein einunddreißigster von der Gemeinde. Er sprach die Sentenz aus, hieroglyphisch, ein Zeichen, der Wahrheit auf der Brust, mit diesem habe er sich nach der Seite der Partei gewendet, welcher die Sache von dem Gericht zugesprochen worden ist. Die Gesetzbücher haben bei den Gerichten vorliegen müssen. Die Bestohlenen nicht nur mußten sich angeben, sondern auch die Diebe; wie das zu verstehen, ist nicht angegeben. Amasis, sagt Herodot, habe als Privatmann sehr lustig gelebt, in Weinhäusern, und wenn ihm das Geld ausgegangen, habe er gestohlen. Sei oft von den Orakeln begünstigt worden, andre auch nicht; als König habe er den Tempeln der Götter, die ihn freigesprochen haben von Diebstählen, sich geirrt haben, keine Ehre erwiesen, nichts von Geschenken zugewendet, (hat sich viele Prachtwerke gebaut) als unwürdigen, ihre Tempel auch zum Theil schließen lassen. Ueberhaupt wird angegeben, daß alle Geschäfte durchaus reguliert gewesen sind; der Priester und vornehmlich der Könige. Der König habe öfentlich zu Gericht gesessen, alle Tage; sein Privatleben sei absolut regulirt gewesen. Diodor | sagt, die Aegypter seien das einzige Volk, wo die Unter thanen nicht Antheil an der Regirung gehabt hätten, aber die Könige und Priester haben nichts nach der Wilkür thun können, alles sei durch das Gesetz bestimt. Vormittags habe Amasis regirt, zu Gericht gesessen, Nachmittags sich mit seinen Freunden lustig gemacht; die ihn deshalb tadelten: den Bogen, sagte er, spannen die Kriger, und lassen ihn nach | wenn sie ihn nicht brauchen, sonst würde er verdorben werden. | Das Leben enthalte Seiten genau geregelt. Py thagoras soll von der Lebensweise der ägyptischen Prister den Gedanken gewonnen haben für eine sitliche Verbindung. Aber solche Einrichtung, die in einem Lande gut ist und angemessen, braucht es nicht in andren zu sein, und oft sehr unpassend. Dauerte auch nicht bis ans Lebensende des Py thagoras.

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1–2 ein einunddreißigster … Gemeinde] Pi: an dessen Stelle ein neuer zu den 30 gewählt wurde 2 Er sprach … hieroglyphisch] Pi: Der Oberrichter sprach die Sentenz schweigend aus. 9 Sei oft … worden] Pi: Viele Diebstähle kamen durchs Orakel an den Tag. 11–12 (hat sich … unwürdigen] Pi: Herodot führt andre Prachtwerke von ihm an. Die ihn aber nicht durch- 30 schaut hatten, hielt er für unwürdig. 14 der Priester … Könige] Pi: So Tempel und Staatsgeschäfte. 15 öfentlich zu … Tage] Do: täglich Pi: öffentlich vor Gericht und zwar alle Tage absolut] Do: ebenso 16 Unter thanen] DoPi: Individuen 17 der Regirung] Do: den öffentlichen Angelegenheiten gehabt hätten] Do: genommen, sondern diese wurden nur von dem Könige und ersten Kasten besorgt 19 Vormittags habe Amasis regirt] Pi: Amasis soll fleißig 35 (Herodot) die Regierung Vormittags besorgt haben 23 Gedanken] DoPi: Gedanken seines Ordens 26 Dauerte auch] Pi, ähnlich Do: Die Py thagoreische Gesellschaft mit (Pi: diesen Einrichtungen Do: dieser bestimmten Bildungsart) dauerte nur kurz, (Do: da es ungeschickt war, diß unter die so verschiedenen Griechen übertragen zu wollen) 10 den] Ke: die

21–22 wenn sie … werden so Pi; in Ke eine Textlücke von drei Zeilen

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Herodot sagt ausdrüklich, sie seien die lohjkosbsoj, verständigsten aller Menschen gewesen. Also sehn wir einen sehr ruhigen, geordneten, verständigen, befridigenden Gang des Lebens. Betrachten wir 2) ihre R e l i g i o n , so werden wir überrascht durch den Contrast der wundervollen, bizarren, grotesken Erscheinung, die wir sehn. Ein in sich höchst unruhiger Geist, von ungeheurem Trib und Drang, der sich im entgegengesezten auf die wildeste Weise herumwirft. Diese Seite haben wir izt zu betrachten. Der Geist selbst stellt das Räthsel dar in der Weltgeschichte; das Räthsel enthält Seiten, die etwas enthalten, eine Bedeutung, | und von diesem Character sehn wir die ägyptische Religion und die großen Arbeiten, zwar erstens von politischer Bezihung, aber vornehmlich aus dem religiösen Drange hervorgegangen, und Gegenstand der größten Bewundrung für die Alten und Europäer. Weil ihre Religion eben das Räthsel war, so ist ein alter Streit, was ihr Sinn, Bedeutung gewesen sei. Chärephon, Stoiker zu Tibers Zeiten, war in Aegypten, erklärte, sie sei ein bloß matrialistischer Inhalt, so daß die Religion ganz physikalischer Natur gewesen sei; die Got theiten bloße Calendergot theiten; den Gegensatz dazu machen die Neuplatoniker, die alles als Symbole einer geistigen Bedeutung nehmen, so daß der Inhalt der ägyptischen Religion nicht das physikalische, sondern der reine Idealismus gewesen sei. Beide Vorstelungen bewähren sich, aber es bewährt sich auch, daß jede dieser Vorstelungen für sich einseitig gewesen ist; daß die natürlichen und geistigen Mächte aufs innigste verbunden von ihnen dargestelt sind, aber nicht, daß die geistige Bedeutung hervorgetreten wäre, sondern daß die verbundnen Mächte eben in ihrem härtesten Widerspruch zusammengefaßt, gebunden waren. | Bei der ägyptischen Religion ist das Erste, Wesentliche, die physikalische Weise des Landes selbst. | Enges Nilthal, der Nil mit dem Sonnenlauf macht alles in allem aus; das Nilwasser wird getrunken, und befruchtet die Felder, und das

5 die wir sehn] Do, ähnlich Pi: abstechend gegen den ruhigen Gang des (Do: angegebenen Pi: äußerlichen, thätigen) Lebens 6 entgegengesezten] DoPi: Entgegengesetztesten 7 Geist] 8 Weltgeschichte] Do, ähnlich Pi: Weltgeschichte […], die Stellung eines 30 DoPi: aegyptische Geist Aeußeren, die so ist, daß es zur Auflösung reize 8–9 das Räthsel … Bedeutung] Do, ähnlich Pi: Ein Räthsel muß einen Widerspruch in sich ausdrücken, (Do: von dem der Geist ahnt, daß er seine Auflösung habe Pi: der den Geist interessirt, der Auflösung haben muß). 11–12 und Gegenstand … Europäer] Do: die immer noch die Bewunderung der Europäer erwecken 13 Chäre14 war in Aegypten] Pi: der selbst in Aegypten die Religion kennen 35 phon] DoPi: Chäremon gelernt 22–23 die verbundnen Mächte] Do: das Entgegengesetzte 25–26 Bei der … selbst. so Pi; Ke: physikalische Seite. sowie eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen 26–27 alles in allem aus] Pi: Alles aus für die Erhaltung. Diese (am Rande: Herodot. II. 35.) Einförmigkeit des Naturganges ist die Grundbestimmung. 40 1 lohjkosbsoj] Ke: lohjkvsbsoj

25–26 Bei der … selbst.] so Pi; Do: Das Wesen ihres Landes ist den Aegyptern als Gott in physikalischer Hinsicht gegenständlich geworden.

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befruchtende Wasser des Nils hängt mit dem Sonnenlauf zusamen. Der Nil komt zwar von außen her, aber wo das eigentliche Aegypten auf hört, ist er durch | Kataracte unschif bar. Der arabische Eroberer habe an den Omar geschriben: Aegypten ist erst ein ungeheures Staubfeld, dann ein süßes Wassermeer und Blumenfeld. | Am 27 Juni tritt eine Veränderung der Atmosphäre ein. Dann regnet es fast wie der Nil steigt. | Es regnet höchst selten, es ist ein Mirakel, daß als Kambyses Aegypten nahm, es in Thebe regnete. Die Städte sind Inseln, Herodot vergleicht Aegypten mit dem ägaischen Meer. Ist das Nilwasser abgelaufen, finden sich Thiere, Vögel in Mengen, Menschen säen und ernten sehr bald. Der Ertrag hängt nicht von mannigfaltigen Naturbedingungen ab, sondern der Proceß hat einen festen einfachen Verlauf. Diese Anschauung, der bestimte beschlossne Naturkreis, ist für die Aegypter Grundlage. Der Nil und die Sonne; der Inhalt dieser Naturanschauung ist ein Verlauf, Geschichte, die Sonne entfernt sich, und kehrt wieder, der Nil zieht sich zurük, wird von der Glut aufgezehrt; die Sonne ist wohlthätig, die Befruchtung durch den Nil herbeiführend, und das den Nil aufzehrende durch die Glut. Der Nil wächst, mit der Sonne; diese Grundbestimmungen sind in den Inhalt des Gottes übergegangen: Osiris mit der Isis ist schlechterdings der Mittelpunkt ihrer vielen Götter. Osiris ist die Sonne und der Nil, wird geboren, vom Typhon, dem Glutwind der Wüste, und der Glut der Sonne, verfolgt, der Osiris geht ins Meer, Isis sucht ihn, trauert um ihn, Lied, mbnfqou, Schmerz um den Gott, wie bei Adonis. Herodot sagt, daß sie dies Lied imerfort sangen, es sei das einzige und das erste Lied, welches sie haben. Bestimte Stellen, aber was es sonst mit der Musik für Bewandniß habe, schwer zu ermitteln. Hermes balsamirt die von der Isis gesamelten Glider des Osiris, und begräbt sie; an verschiednen Orten solche Gräber, | am Meer, auch auf Elephantine. Osiris steht nicht

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1–3 Der Nil … unschif bar.] Pi: Der Nil selbst ist durch Wasserfälle von den Ländern, wo er entspringt, getrennt. 5 süßes Wassermeer und Blumenfeld] Do: Süßwassermeer, dann ein Blumenmeer 8 Die Städte sind Inseln] Pi: Aegypten ist ein See mit Inseln. 10 Menschen säen … bald.] Pi: Saat und Erndte folgt dann schnell auf einander. 11 Proceß] Do: Prozeß der 30 Natur 12–13 Diese Anschauung, … Grundlage.] Do: Diese Anschauung des bestimmten geschlossenen physikalischen Naturkreises ist die vollkommene Grundanschauung. 13 Der Nil … Sonne] Pi, ähnlich Do: Das Unbestimmte des Himmels, Berge, Sonne für sich, kommen nicht in der Religion vor, sondern | Nil und Sonne zusammen. 15 wird von … aufgezehrt] Do: tritt zurück und überschwemmt wieder 18 Osiris] DoPi: Osiris (Sonne und Nil) 20 verfolgt] 35 Do, ähnlich Pi: aufgezehrt und getödtet 21 Osiris geht ins Meer] Do: der Nil verliert sich ins Meer Isis sucht ihn] Do: Isis sucht den verlorenen Osiris Pi: Isis sammelt seine Glieder Lied, mbnfqou] Do: (Lied um den verlorenen Osiris) Maneros 26 am Meer, … Elephantine] Do, ähnlich Pi: am Meer wo der Nil sich verliert, auf der Insel Elephantine, wo er eintritt 40 5–7 Am 27 Juni … steigt. so Pi; Ke: am 27 sowie eine Textlücke von eineinhalb Zeilen

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wieder auf, sondern es wiederholt sich dieser Verlauf alle Jahre; Osiris ist Todtenrichter, Herr im Reich des unsichtbaren; anderseits wird er vorgestellt, daß er gegenwärtig sei und bleibe als der Apis, der sei seine Seele. Diese einfache Naturbestimmung sehn wir als menschlichen Verlauf aufgefaßt, in menschlicher Form als Osiris. Er ist dann nicht nur dies natürliche, die Befruchtung des Landes, sondern auch das geistige, welches die Mittel zur Benutzung bewirkt. Ihm und der Isis wird die Erfindung des Ackerbaus und Pfluges zugeschriben, er spannt den Stir zuerst an den Pflug, gibt den Menschen Ehen, Gottesdinst und bürgerliche Ordnung, er ist alles in allem. Sonne, Nil, Sonnenjahr, die Saat, die begraben wird, stirbt, aufgeht, die algemeine Befruchtungskraft, geistige Wirksamkeit. Wir sehn in dieser Vorstelung nicht eine Erhebung zum Gedanken, algemeinen, wie in der jüdischen, selbst in der persischen Religion, sondern es sind die Hauptbestimmungen des Aegyptischen Lebens, natürlichen und geistigen Lebens, in Einen Knoten verknüpft, zu Einer concreten Vorstelung, auf phantastische Weise, so daß diese Vorstelungen sich wunderbar in einander kehren und verkehren. Uns ist die Vorstelung des Symbols sehr geläufig, und findet sich hir von selbst ein, aber es muß hir nach dem Princip dieser Vereinigung und Verkehrung genomen werden. Osiris stelt Sonne, Nil vor, und ebenso können wir sagen, Sonne, Nil, seien Symbole des Menschlichen Lebens und Geistes: eins ist des andren Symbol; Bedeutung und Bilder, jedes ist Bedeutung und jedes ist Bild; Osiris ist der Gott, der die Menschen belehrt, durch Einrichtungen beglükt, das Symbol ist der Nil, die Sonne, aber | dieser geistige Inhalt ist ebenso ein Symbol des Nils und des Umlaufs der Sonne. Es sind die verschiednen Bestimmungen in Eine verknüpft, so daß aus jeder die andre erklärt werden muß, aber jede ist auch wesentlicher Inhalt, wesentliche Bestimmung. Diese Vorstelung haben wir als den Mittelpunkt der ägyptischen substanzielen Anschauung zu betrachten, die so reich ist und so sich in sich selbst widersprechend, daß sie sich in einander drängen. Außer dieser ganz concreten Vorstelung finden wir alerdings noch vile andre Göter, die mehr besondre Bestimmungen zugetheilt haben. Herodot sagt, die Prister erzählen, zuerst 3 Klassen, die erste von 8, die 2te von 12, die dritte von unbestimt vilen, unter de-

1 ist] Do, ähnlich Pi: wird nun dargestellt als Todtenrichter 8 Ehen] DoPi: Gesetze, Ehe 9 er ist … allem] Pi: sind Gaben des Osiris 10 Wirksamkeit] Pi, ähnlich Do: Wirksamkeit. Isis erfindet Weizenbau u.s.w. 11 algemeinen] Do, ähnlich Pi: zu einem Allgemeinen 15 wunderbar in … verkehren] Do: auf eine sonderbare Weise verknüpfen 18 Sonne, Nil, seien Symbole] Do: 20 Bild] Do: so daß der geistige Inhalt umgekehrt ein Symbol des natür35 Osiris sei ein Symbol lichen, keins ist blos ein Bild, sondern jede dieser Bestimmungen enthält die andere zugleich mit 23–24 so daß … muß] Pi: Eins muß aus dem Andern erklärt werden, und ist doch selbst ein aus jenem zu erklärendes. 26–27 die so … drängen] Do: eine gewaltsame Vereinung des widersprechendsten, das sich in einander drängt 40 30 unter] Ke: von

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nen sich auch Osiris befindet, die Reihe beschlißt Horus, der Sohn des Osiris. Wie die 12 sich zu den 8 verhalten, drüber explicirt sich Herodot nicht näher; aber wir sehn, daß sie alerdings abstractere Götter sind als die zur lezten Klasse gehörenden[,] Osiris in seiner concreten Bedeutung. zb. der ebu, Hephaistos, Feuer und die menschliche Kunst, das Feuer zu machen und zu benutzen; auch | Kneph, | der dqonou, auch der )hbpoeb©mon, der aber keine bestimte Figur bleibt, auch der Nil wird so vorgestelt, so daß, was sich hir zu besondern scheint, auch wieder in die algemeine, concrete Vorstelung hineingeht. – Osiris als natürlicher Verlauf der Sonne, ist das Sonnenjahr, calendarischer Gottesdinst, daher besondre Epochen, des Jahreslaufs herausgenomen und zu besondren Göttern gemacht: zb. der Ammon oder Amnon, worin die Calendarische Bestimmung ligt von Tag und Nachtgleiche. Er ist auch der wissende, orakelgebende, aber Osiris wird selbst als Prophet betrachtet, der das Orakel Amuns | gegründet habe; als der Sohn, sein Vater die Sonne, Osiris ist aber auch wieder die ganze Sonne. Der Pan, Naturkraft, Lebenskraft, der Mentes, ist von Osiris verschieden; ist aber auch wieder Osiris selbst, komt in ihm zur Erscheinung. Die Isis ist die Erde, dem Nil entsprechend, der Mond, die Natur, die befruchtet wird durch denselben. Ein besondres Moment in Osiris können wir herausheben, was als Anubis erscheint, als Hermes der Aegypter, der das zu sein scheint, was Teut, Tot genannt wird. Er ist vorgestelt als Begleiter des Osiris, die Erfindung der Wissenschaften, Schrift wird ihm zugeschriben. Dem Osiris wird auch geistige Wirksamkeit zugeschriben, dem Anubis dasselbe, auch die Eintheilung des Tages in 12 Stunden, Grammatik, Astronomie, Medizin und u.s.f. er habe den Ölbaum entdekt. Er ist auch kein Gott des Gedankens, nur der besondren menschlichen Kenntnisse, die in Einem Genius zusamengefaßt erscheinen; ist aber mit der Naturexistenz verbunden: der Gott mit dem Hundskopfe, der ver thirte Gott, ktnokfØblou, auch der Sirius, Hundsstern. Diese Vermengung von geistigem und natürlichem sehn wir auch hir. Ebenso die Geschicklichkeiten des menschlichen Lebens, des wissenschaftlichen auch, ist ebenso ein in sich verkehrtes gewesen; Medizin, Berathen über die Krankheiten des Körpers, ebenso das Berathen und Beschlißen über menschliche Handlungen, was also dem Geist, Willen, Verstand bei uns angehört, ist bei den Aegyptern mit | dem mannigfaltigsten Aberglauben verbunden gewesen. Astro-

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4 ebu] Pi: Ie/u Do: Das 6 )hbpoeb©mon] Do: das Gute 8 Vorstelung] Do: Einheit 12–14 Osiris wird … Sonne] Pi: Osiris hat auch wieder, als Sohn Ammons, seine Orakel gegründet. 17 die Natur] DoPi: die empfangende Natur 20 Begleiter] Pi: Freund Do: Freund und 35 Begleiter Wissenschaften] Do: bestimmten Wissenschaften 21 zugeschriben1] Do: zugeschrieben, er wird der erste Gesetzgeber genannt 23 Er] Do, ähnlich Pi: Dieser Anubis 1 Horus] in Ke eine Textlücke von einem Wort Wort 25 erscheinen] Ke: erscheint

6 Kneph so Do; in Ke eine Textlücke von einem

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nomie war Astrologie; Magie, Zauberei. Freies Reich der Wissenschaften ist bei den Aegyptern nicht zu suchen: das unverständige, verstandlose ist mit dem verständigen vereint. Es wird wohl nie dazu komen, daß über das, was ägyptische Mythologie heißt, bestimte, volständige Darstelung gemacht werden kann; es geht aus dem wenigen gesagten hervor, daß die ägyptischen Gottheiten nicht so individualisirt sind, wie bei den Griechen durch die Werke der Skulptur, sondern daß eins imer verbunden war mit andrem. 2 Seiten, Extreme sind herauszuheben: die Verehrung des lebendigen, der Thirdinst und das Reich des Todes. 1. der Thirdinst. Mit dem Nil ist die unendliche Regsamkeit des Gethieres verbunden gewesen. Wenn der Nil ablief, sind die Vögel, Wasser thiere herangekomen. Diese Lebendigkeit war Gegenstand für die Aegypter, und dieser Thirdinst hat für uns, die wir an den Gedanken gewohnt sind, etwas widerliches. Wir können uns noch hineinvorstelen, daß die Menschen die Sonne, Licht, Meer, angebetet haben, denn diese, als elementarische Gegenstände, haben mehr den Character des algemeinen, abstracten. Alerdings ist das Thir, als lebendige Individualität, höher, als es die Sonne ist. Den Aegyptern sind also die Thire, nach der Bestimmung der Lebendigkeit, und um ihrer Lebendigkeit willen ein hochverehrtes gewesen, und sie sind darin zum unmenschlichsten, stumpfesten Aberglauben fortgegangen. Cambyses hat sie wegen des Apis schlechte Köpfe genannt, ihn verwundet. – Macht die schlechteste Seite der Aegypter aus. | Die verschiednen Bezirke haben sich in die Anschauung eines particulären Thirlebens versenkt. Deshalb in Krige gekomen. Große Stiftungen für die verehrten Thiere, gepflegt, den Männchen schöne Weibchen gehalten, bllbkju; balsamirt, Ibismumien; die Stire sind begraben worden, so daß ein Horn herausschaute; die Knochen gesammelt, auch die Knochen der Katzen, und alle Jahre haben 2 Schiffe auf dem Nil die Bestimmung gehabt, diese zu sameln, nach Bubastus zum Begräbniß zu bringen. Apis hat ebenso prächtige Grabmäler gehabt. Belzoni hat einen herrlichen Alabastersarg gefunden, die Knochen nach England geschikt, und die Anatomiker fanden, daß es Knochen eines Ochsen waren. Todesstrafe für Tödung einiger Thire; wenn sie absichtlich getödet wurden; aber auch bei einigen bei unabsichtlicher Tödung. Diodor erzählt, ein Römer hat eine Katze

2 unverständige] Do: unzusammenhängendste 6 Skulptur] Do: Kunst 6–7 daß eins … andrem] Do: hier geht das abgesonderte immer wieder zusammen 11 Gegenstand] DoPi: Gegenstand der Verehrung 22 Deshalb in Krige gekommen.] Do: in Uneinigkeiten drüber mit 23 balsamirt] Do: balsamirten sie 35 einander geriethen Pi: was oft Provinzialkriege verursachte ein und setzten sie in Grabmähler 25 die Knochen gesammelt] Do: sammelten ihre Knochen, begruben die Stiere, so daß ein Haar heraus sah. 31–630,1 ein Römer … todgeschlagen] Do, ähnlich Pi: daß in Alexandria ein Römer wegen des Todes einer Katze erschlagen worden sei 12 etwas widerliches] Ke: finden wir widerlich

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todgeschlagen; aller Widerstand bewirkte nichts gegen den Aufstand[,] der Pöbel erschlug diesen Römer. Bei Hungersnoth liß man die Menschen verhungern, statt ihr Leben zu fristen durch Schlachten ihrer heiligen Thire, auch die Vorräthe, die zur Fütterung dieser Thire bestimt waren, wurden nicht angegriffen. Wir sehn höchste Unfreiheit des Menschen, tifste Gebundenheit an die Particularität der Anschauung, die so weit greift, daß sie das Leben eines Thires vil höher schäzt, als das Leben eines Menschen. Die Verehrung des Lebens, mit der africanischen Wildheit, wie sie sich auf etwas wirft. In jedem District irgend ein Thir. Apis ist Gegenstand algemeiner Verehrung, sodann haben sie | Thire, die sie nicht verehrten, gegessen, behandelt, wie wir Thire behandeln. Nicht die Schwäche der Inder, die nur das aßen, was nicht geathmet hat. Die Thirgestalt haben sie auch wieder zum Symbol herabgesezt, als Hieroglyphe gebraucht. Daher bekannt: Falke, Sperber, Adler, Geier, Roßkäfer werden verehrt, hat aber auch nicht für sich selbst gegolten, hat Inhalt gehabt, verschiden von der Natur dieser Gestalt selbst. We l c h e s die Bedeutung gewesen sei, ist Sache der speciellren Gelehrsamkeit; man sieht sehr viel unbestimtes sogleich darin: Roßkäfer Symbol der Fruchtbarkeit, Sonne, Sonnenlauf. Drauf würde izt keiner komen, wenn Symbole Bilder verwendeten. Mit dem verschiednen Stand des Nils komen andre Thire zum Vorschein, hängt die äußre Verknüpfung zusammen, die solchen Thiren besondre weitre Bedeutung gegeben hat. Die Thire sehn wir auch herabgesezt zu äußerlichen Zeichen; (zb Schwalbe, könte u n s etwa die Widerkunft des Frühlings angedeutet scheinen,) Kleidern, Symbolen; auch sehn wir aus der Thirgestalt ein höhres sich herauswinden: das Thir ist das, wo die Sele als nur lebendige, eine Innere bleibt; das nur gesucht zu näher bestimter Faßlichkeit komt. Eine Menge Bildungen, die vielfach gestalteten Sphinxe zb, Löwenleiber, aus denen ein menschliches Gesicht hervorschaut, jungfräuliches und auch mänliches, es gibt auch bärtige Sphinxe. Da ist das geistige das, was hir zugleich zur Anschauung herausgebracht wird, das geistige, was sich selbst klar machen will, bricht aus dem thirischen vor. Sperber mit Menschenköpfen, weitausgebreiteten Flügeln werden als Symbole der Seele genomen. Auch menschliche Gestalten mit Thirkopf versehn, hir sol das Thirgesicht nur dienen, den besondren Menschen, seine Geschäfte, Verrichtungen oder auch die Göttergestalt, nach ihrer particulären Beschafenheit zu b e z e i c h n e n , das Thir also als Zei-

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10–11 die Schwäche der Inder] Do: Verehrung des Lebendigen wie die Inder Pi: das indische Vorur theil 16 unbestimtes] Do: schwankendes 17 Fruchtbarkeit] Do: Zeugung, Ibis Symbol 35 der Nilfluth Pi: Ibis ist Symbol des Nils. Sein Leben ist mit dem Stande des Nils verbunden. 22 Kleidern, Symbolen] Do: Begleiter, Symbol einer Idee 24 gesucht] Do: gesuchte, geahnte 28 klar] Do: verständlich 30 Auch] Do: umgekehrt 10 behandeln] Ke: behandelt

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chen. Der Kopf auch als Maske, und die Priester haben dergleichen als Masken aufgesezt. Der Schreiber beim Todengericht ist eine häufige Figur, beim Einbalsamiren, der Chirurg sind Menschen, denen bestimmte Verrichtungen zugeschriben werden, komen mit Thirköpfen vor, die als Masken sind, | und bezeichnet sind, so daß die Thirköpfe hir nur Zeichen waren. Die ägyptische Einbildungskraft hat die mannigfaltigsten Zusamensetzungen. Falkenkopf, Löwenleib, Krokodilenschweif. Die andre Seite, Extrem gegen die Abstracte verehrung des Lebendigen ist die Ve r e h r u n g d e s To d t e n . Seine Art und Weise der Bestimung. Unter den Werken der Aegypter, die am meisten auffallen, grandios sind, gehören die, die den Todten gewidmet sind; an den Hügeln, die den Saum des Nilthals ausmachen, finden sich ungeheure Hölen, mit Mumien angefüllt, Grabgewölbe, wie eine Stadt voll Einwohnern. Außer diesen Excavationen haben andre Werke das Staunen aller Jahrhunderte auf sich gezogen: Piramyden, die dazu bestimt waren, Gräber zu sein. Schon nach Herodots und Diodors Zeugniß wußte man dies, aber die Zweifel der Neueren daran sind auch durch die Untersuchung der Piramyden selbst widerlegt. Diese ungeheuren Krystalle, hat sich constatirt, schließen Leichen ein; besonders merkwürdig die Königsgräber, Belzoni hat eins aufgeschlossen. Der Eingang war durch harte Felsen gehaun; er hat den Eingang gefunden, eine Stunde etwa ist dieser Durchbruch der Mauer bewirkt worden, hat Ausgang auf andrer Seite des Hügels; hat es in Wachs bossiert; – der Bau ist bewundernswürdig, schöne Mauern, Glätte, Skulptur. Das Reich des Amentes ist so wichtig für die Aegypter; welche Bedeutung hat es genau? Der Mensch, wenn er todt ist, stellt sich entkleidet von aller Unwesentlichkeit; wie die Menschen sich den wesentlichen Menschen vorgestelt haben ist erkennbar aus der Art, wie sie sich die Todten vorgestellt haben. Herodot sagt: die Aegypter haben zuerst unter allen Menschen gelehrt, daß die Seelen der Menschen unsterblich seien. Sehr merkwürdige Stelle; bei den Juden nicht, die Familie gilt, daß sie auf Erden erhalten werde; nicht die des Individuums; das höhre ist dies Absolutsein der | geistigen Individualität. – Die Aegypter haben sich sehr angelegen sein lassen, den Körper zu erhalten, Dauer zu geben, durch Einbalsamiren; haben es

1 Der Kopf auch] Do: Dieser Thierkopf kommt auch vor 6–7 Zusamensetzungen. Falkenkopf, … Krokodilenschweif ] Pi: Schlange mit Stier und Widderköpfen etc zusammengesetzt. Also galt die Thiergestalt nicht als ein Letztes. Do: Thier theile zusammengesetzt, die thierische Gestalt hat 12 mit Mu35 also nicht als ein letztes gegolten, sondern ist zum Symbol heruntergesetzt worden. mien angefüllt] Do, ähnlich Pi: voll Mumien, größer als unsre größten Bergwerke 13 Werke] Do: Werke dem Tode geweiht 17 hat sich constatirt] Pi: mit geometrischer Genauigkeit gearbeitet 18 besonders merkwürdig] Do: Zum bewunderswürdigsten gehören 21 bossiert] Pi: nachgeformt. ( Jetzt in Paris, wird aber nach London zurückkommen) 24 Unwesentlichkeit] 25 erkennbar] Pi: am meisten erkennbar 40 Do: Aeußerlichkeit Pi: Zufälligkeit

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auch erreicht; wenn aber die Unsterblichkeit im höhren Sin genomen wird, so ist der Körper das Ueberflüssige, dem man wohl Ehre erweist, weil es der Leib eines Menschen war, aber von dem es gleichgültig ist, ob er sich hält; dies beweist, daß die Unsterblichkeit nicht hoch war. Wenn wir sagen, unsterblich, so meinen wir Ewigkeit der Sele, das ist das höhre, der unendliche Wer th der Sele, zur Seligkeit bestimt. Die Aegypter haben nicht den Geist für sich als dies wesentlich ewige vorgestelt. Bei Herodot finden wir, wenn ein Mensch gestorben ist, laufen die Weiber in den Städten, klagend und heulend herum; aber es wird nicht erwähnt, daß von Unsterblichkeit die Rede ist, daß sie Trost, Beruhigung in dieser Vorstelung finden. Nachdem den Abgeschidnen die Ehre erwisen ist, sie aufzubewahren, so sind sie abgefunden, wird ihnen keine Verehrung gewidmet, wie bei den Chinesen, wo das Individuum selbst nicht gilt, sondern der Vater, und bei den Indern, wo die Kinder wesentlich sind den Vater zu verehren. Weiter meldet Herodot, daß bei dem Gastmahl Abbildungen der Todten zur Erinnerung aufgestelt worden seien, nicht zur Erinnerung an die höhre inre Natur, sondern mit der Ermahnung: iß und trink, ein solcher wirst du werden. Ermahnung zum sinlichen Genuß der Gegenwart. – Ferner, was die Vorstelung von der Unsterblichkeit höhres mit sich zu führen scheint, sogleich verkehrt ist durch den Glauben an die M e t e m p s yc h o s e ; wie der Körper durch Einbalsamirn ewig gemacht wird, besteht die Sele wohl auch, aber als abstracte Sele, daß sie existire in einem andren Leibe, eines Thirs, daß sie nicht geistig lebe; man weiß nicht von der Sele als Geist, nicht von der menschlichen Sele, wenn man die Vorstelung hat, daß solche Sele im Körper eines Thirs thätig sein könne. – | In den Abbildungen, an Wänden, usw. ist das To d t e n g e r i c h t . Ein Todter, Wage, Schreiber dabei Osiris; scheint mehr anzudeuten die Vorstelung von einem Reich und Richter unter den Todten, ein freies Geisterreich, aber durch die andren geschichtlichen Data wissen wir, daß nach dem Tode eines Königs, und von Privatpersonen das Todtengericht von den überlebenden gehalten worden ist. Das Leben des Todten ward vorgelesen, und jeder hatte das Recht, zu wider-

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3 aber von … hält] Do: und das Erhalten desselben etwas wer thloses Pi: ohne jedoch Wer th auf 30 Erhaltung zu legen. 3–4 dies beweist, … war] Do: Das Erhalten des Körpers zeigt also wie wenig geistig die Lehre von der Unsterblichkeit war. Pi: Diese Sorgfalt beweist also den wenig erhabenen Sinn der Unsterblichkeit der Seele. 6 Geist] Pi: Geist als Geist 11 abgefunden] Pi: abgefertigt 15 die höhre inre Natur] Do: an eine höhere Bestimmung die im Menschen liegt Pi: der Unsterblichkeit 16–17 Ermahnung] Do: Anregung 21–23 man weiß … kön- 35 ne] Do: Die Sele hat also nur die Bedeutung der Lebendigkeit überhaupt, nicht freier geistiger Thätigkeit. Pi: Der Geist ist aber nicht Geist, wenn er nicht nur geistig lebt. Die Seele hat also nur die Bedeutung der Lebendigkeit. 23–24 In den … To d t e n g e r i c h t .] Pi, ähnlich Do: Die Vorstellung der vielfachen Abbildung, Mumien, Särge, Tempelwände oder Grabgewölbe, ist häufig das Todtengericht. Osiris mit Waage. 40

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sprechen. Wir haben nicht an Minos noch an den Weltrichter zu denken, sondern die Lebenden volzihn das Gericht, daß Osiris der Richter ist, hängt damit zusamen, daß er, Erfinder der Künste, die bürgerlichen Gesetze den Menschen gebracht hat, geistiges Ur theil über den Character, Wer th eines Individuums, dies ist abstract unter der Form des Osiris vorgestelt worden. Im bisherigen Character des ägyptischen haben wir das geistige und natürliche vereinigt gesehn, selbstständig und dem Zusamenhalt widersprechend, doch in einander gebracht. Es geht das natürliche, als ganzes für sich, über ins Lebendige, dies wird herabgezogen zum Zeichen; in der Unsterblichkeit sehn wir das Bewußtsein einer Weise des höhren Geists, aber auch wieder die angegebnen Seiten. Dieser Widerspruch, Räthsel, Aufgabe ist der Inhalt; ebenso ist nothwendig, daß in dem subjectiven Bewußtsein, das diesen Inhalt hat, nicht sein kann ein ruhiges Vorstellen solches Inhalts, sondern dies Bewußtsein ist nothwendig ebenso die absolute Gährung, Treiben, Widerspruch, absolute Versuch, sich Luft in dieser Beklomenheit zu machen, das inerliche äußerlich, und das äußerliche zu einem inerlichen zugleich zu machen. Dies führt uns dahin, die ä g y p t i s c h e K u n s t zu erwähnen. Diese war ein nothwendiges Bedürfniß für die Aegypter, geht nothwendig hervor; in einem Volk, das noch in die Natur als solche versenkt ist, wie im ganzen der orientalische Geist, wo das natürliche das Übergewicht hat, kann die Kunst, sofern sie existirt, nur verzerrtes, geistloses hervorbringen. Daß die K u n s t hervortreten kann, dazu gehört, daß | hinzugekomen ist, des geistigen sich bewußt zu werden. Da aber, wo dies geistige gewußt wird als das E i n e gehört die Kunst nicht hin; das Eine wird nur mit dem abstracten Gedanken gefaßt, und das Bewußtsein davon kann nur im Innren stattfinden; die jüdische und auch muhamedanische Religion läßt kein Kunstwerk zu; es kann wenigstens mit der religiösen Kunst, der höchsten Kunst nicht Ernst sein, wo das Bewußtsein sich selbst geistig darstellt: – wie bei den Protestanten: die Kunst fällt in die Mitte: Bewußtsein des Geistigen, aber dies hat noch nicht die Form des geistigen selbst erlangt, sondern die Vorstelung desselben wird auf äußerliche Weise zunächst; – das äußerliche selbst muß ebenso sich als Geistiges zeigen, und so muß es durch den

1 den Weltrichter] Do, ähnlich Pi: die Vorstellung des jüngsten Gerichts 7 dem Zusammenhalt … gebracht] Do: Wir sehen also eine gewaltsame Vereinigung des sich widersprechenden, eine Verehrung des Lebendigen, das in ein Höheres gegangen scheint, eine Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele verkehrt in die angezeigte Weise. 10–11 Dieser Widerspruch, … Inhalt] Do, 35 ähnlich Pi: Wie wir nun so den Inhalt der aegyptischen Grundanschauung gesehen haben, daß er so in sich widerstreitend ist 20 sofern sie … hervorbringen] Do, ähnlich Pi: nicht existiren, oder sie bringt nur negatives geistloses hervor, wie bei den Indern und Chinesen 21 daß hinzugekommen ist] Do: das Bedürfniß 27 wie bei den Protestanten] Pi: Mit der religiösen Kunst kann es bei den Protestanten auch nicht so Ernst sein wie in andren Religionen. fällt] Do: fällt noth40 wendig

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Geist verändert, bewirkt, hervorgearbeitet sein. Ein von dem Geist gebildetes ist ein durch ihn gearbeitetes, wenn das geistige schon seine höhre Form im Bewußtsein erreicht hat, es freier reiner Geist ist, wird die Kunst etwas überflüssiges, aber sofern das geistige noch mit der Naturbestimmung behaftet ist, ist es auch das Bewußtsein, und bedarf der natürlichen Weise des anschauens, eines äußerlichen Bildes, welches Ausdruk des Geists sei, dies ist es nur, wenn es ein Product des Geistes ist. Bei den Aegyptern ist die Kunst nothwendiges Bedürfniß, kann aber noch nicht rein schöne, klassische Kunst sein, weil das geistige noch nicht als wahrhaft geistiges dem Princip nach erfaßt ist, sondern das geistige im Ringen mit dem natürlichen frei zu werden strebt. Diese Gährung im Inhalt ist auch im subjectiven Bewußtsein und ebenso auch im Inhalt; diese ist es, was die Kunst in Aegypten erzeugt hat. Was wir von den Aegyptern s e l b s t wissen, worin sie Zeugniß von sich geben, ist die Architectur, Skulptur. Der ägyptische Geist ist der ungeheure Werkmeister gewesen, der den Drang in sich gehabt hat, sich hervorzubringen, der aber mit dem unmittelbar sinlichen, Sonne, Mond, nicht zufriden sein konnte. Dieser Drang kann nicht ersättigt werden, wird nicht fertig, was er in seinem Werke zur Vergleichung bringt, wird sich nicht klar, denn der Inhalt selbst ist | ein Räthsel. Die kühnen, grandiosen Kunstwerke haben wir als die That der Aegypter anzusehn. Andre Völker zeigen Anstrengungen auf, die andre Resultate gehabt haben. Das Werk der Römer war die Unterwerfung der Völker, kostete Millionen; die Aegypter haben uns hinterlassen: mächtiges, grandioses Reich von Kunstwerken, die die Unzerstörbarkeit aufweisen. Der gährende Geist, der noch nicht zur Klarheit gekomen ist, aber strebt, die gewaltsame Verknüpfung ist, die er noch nicht in seiner Versöhnung erkennt und vor sich zu bringen weiß. Bei der Gewaltsamkeit der Production sehn wir die mechanische Kunst auf einen hohen Grad gebracht. Größte Anstrengung und größte Verständigkeit im mechanischen, trockne, kalte Verständigkeit, die das contrastirende ist gegen den

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1 sein] Do: seyn muß. In der Religion des Einen ist die Kunst etwas feindliches. Ein] Pi: Kunst ist Bedürfniß, das Geistige sich vorzustellen. wo die Vorstellung ganz äußerlich ganz natürlich ist, 30 kann die Kunst anderseits auch nicht bestehen. Do, ähnlich Pi, schließt an: Die höhere Kunst kann nur dann hervorgehen, wenn das Göttliche gewußt wird als Geistiges, denn dann kann das Bewustseyn nicht mit natürlichen Gegenständen vorlieb nehmen, sondern es muß in dem Geiste gebildet seyn, ein 12 Inhalt] Do: Produkt 16 der aber … konnte] Do: nicht zufrieden mit dem unmittelbar sinnlichen (Sonne etc) durch sinnliches Material bricht 19 ein Räthsel] Do: 35 eine Hieroglyphe, ein Räthsel Die kühnen, grandiosen Kunstwerke] Pi, ähnlich Do: Diese Arbeit der Produktion tiefer Kunstwerke 21 der Völker] DoPi: der Welt 22 Reich] Do: Resultat 23 Der gährende Geist] Do: In diesen Werken sehen wir eines Theils diesen gährenden Geist 27 Grad] Ke: Grad d. folgt ein unlesbares Wort

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gährenden wilden Inhalt, der producirt worden ist. Diese Extreme sehn wir aneinandergeknüpft. Natur, natürlicher Geist, in Natur versenkt, und Geist, der sich in und gegen die Natürlichkeit sträubt. Nicht die Vereinigung der beiden Momente, wie im frühren orientalischen, die der Verstand vor sich hat, wenn er von einer Einheit von Geist und Natur spricht oder sprechen hört; | Hier ist nicht mehr diese schlechte Vereinigung, die beide gleich setzt, aber noch nicht die höhere Versöhnung, die zeigt daß der Geist alles in allem ist, daß alles | nur Material, Boden, um den Geist zu manifestiren. Zwischen der ersten Einheit, der orientalischen, und dem Idealismus, der Einheit im geistigen, steht das ägyptische in der Mitte; beide Seiten sind in Selbstständigkeit, aber in abstracter Selbstständigkeit; diese gährende Einheit, worin die wahrhafte Einheit nur geahnt wird, als Räthsel, Aufgabe vorgestelt ist. | Auf der einen Seite abstracte Natürlichkeit, Thirdinst, Genuß des Lebens, andre wilde Züge. Herodot erzählt, daß zu seiner Zeit eine Frau mit einem Bocke, der den Mendes darstelte, Sodomiterei getrieben habe. – Juvenal: In Syrien hätten manche aus Rache einen Menschen getödtet, und sein Blut getrunken. Burckhardt berichtet ähnliches von Beduinenstämen. Diese Züge der wildesten, grausamsten, afrikanischen Sinnlichkeit finden wir bei den Aegyptern. Den Menschen, wie er nach dem Tode ist, können sie nicht als freien Geist concipiren, sondern daß die thirische Natur als solche seinem Wesen entsprechend ist. Die gährende Vereinigung in der Kunst: Phantasterei und verständige Technik. Ihr Verstand auch in der Staatspolicei, und Regirung, wo ein bestimter geordneter Zustand war; auch im physikalischen ihres Landes: sie haben sich ein so künstliches Land gemacht, wie die Holländer; Städte auf 3 sträubt] Pi: aufstellt

Do: befreit

3–4 Nicht die … Momente] Do: die Vereinigung dieser

25 Elemente, die aber noch nicht versöhnt sind, nicht mehr zur Einheit des natürlichen und

geistigen 5–7 Hier ist … ist] Pi: Die schlechte Vereinigung ist nicht mehr. Der Gegensatz tritt hervor, nicht aber die eigentliche, christliche Versöhnung, worin die Natur nur Gesetztes, Erscheinung ist, als im Geiste aufgehoben. 11 gährende] DoPi: nur gährende 12–13 Natürlichkeit, Thirdinst] Do, ähnlich Pi: wilde Sinnlichkeit mit afrikanischer (Do: Härte Pi: Partikulari13 andre wilde Züge] Do: und Sinnlichkeit als 30 tät) (in Ansehung des Religiösen Thierdienst Grundsatz im Angesicht des Todes Pi: Genuß des Lebens: („Iß und Trink, ein solcher wirst du werden.“) 14 Sodomiterei] Pi: Unzucht 15 Juvenal] Pi: Iuvenal sagt von ägyptischer Rache 16 Blut getrunken] Pi: Fleisch gegessen von Beduinenstämmen] Pi: im südlichen Nubien 19–20 daß die … ist] Do: der Glaube, daß die thierische Natur als solche dem wesent21 ver20 in der Kunst] Pi: anderseits im Osiris 35 lichen Geiste des Menschen angemessen ist ständige Technik] Do, ähnlich Pi: kalter Verstand in Ansehung der Technik Ihr Verstand … Regirung] Do, ähnlich Pi: Diesen Verstand sehen wir ganz prosaisch (Do: ebenso bei ihnen in Ansehung ihrer Staatsverfassung Pi: in Mechanik, Bauwerken, in Staatsverfassung und Polizei) 23–636,1 Städte auf Stämmen] Do: 20000 Städte, überall Kanäle. Pi: Canäle, Seen, 40 ausgegraben. 1 wir] Ke: wir wir 5–7 Hier ist … alles so Do, ähnlich Pi; Ke: die Einheit ist die, griechisch anfangend, christlich ist, das geistige sowie eine Textlücke von zwei Zeilen

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Stämmen; Herodot sagt, zu Amasis Zeit 2 Myriaden, 20000. Der selbst kräftige Verstand tritt ebenso aufs bestimteste für sich hervor. Gegensatz gegen ihn ist der Aberglauben, die feststehende Sinlichkeit drükt den Menschen unter Particularitäten, läßt ihn stehn in seiner Particularität, und daraus der Aberglauben. Herodot sagt, sie seien die verständigsten unter den Menschen, obgleich er vor sich hat die rohen Ausbrüche der Sinlichkeit, ihre phantastischen Werke und My then. Man kann häufig lesen, (Winkelmann) sie seien träg und faul gewesen. Wenn man die ungeheuren Arbeiten der Kunst vor Augen hat; auch nicht finster, damit widerspricht vieles, Stumpf heit; das Gegentheil: ungeheure Gährung, Trieb, Drang, | der sich in Werken Luft macht, findet sich vielmehr. – In Rücksicht auf den Privatcharakter: Staatspolicei betreffend, stählerne Ordnung, Verständigkeit, Gleichförmigkeit in Sitte und Handlungsweise, aber mit diesem Verstand des gewöhnlichen Lebens sticht ab das außergewöhnliche, gährende, was aufgezeigt worden ist. Diese Extreme der Kekheit, Kühnheit, Selbstkräftigkeit des Verstandes müssen auch vorkomen in Ansehung dessen, was izt Privatheit genant ist, und dieser Zug ist besonders auf bewahrt in einer Geschichte, die Herodot uns erzählt, daß sie ihm von den Priestern erzählt worden sei: wir werden drin nicht verkennen verständige Gebundenheit in particulärem Zwek und Kühnheit und Besonnenheit, die ihre Zweke festhält und andres mit Härte zurükstößt. Amasis ist erwähnt, der seine Töchter einem andren Prinzen unter schob – 2 Buch von Rhampsinitus. Er hat viel Gold gehabt, um es in Sicherheit zu bringen ein steinernes Gewölbe; der Baumeister habe einen Stein so künstlich gefügt, daß er von 2 Männern, zur Noth von Einem, herausgenomen werden und hineingesezt werden kann, unbemerkt. (Pausanias erzählt dieselbe Geschichte des ausnehmbaren Steins von einem griechischen Schatzhause.) Vor seinem Tode habe der Baumeister es seinen beiden Söhnen geofenbart, um reiche Existenz ihnen zu sichern. Davon haben sie gebrauch gemacht. Der König sich gewundert, wie fremde Menschen hinein und heraus, habe Schlingen gelegt, einer sei gefangen worden, bemerkt, daß er ohne Rettung verloren, rief seinen Bruder, aufs schnelste hereinzukomen, und ihm den Kopf abschneiden, und mitnehmen, daß er nicht erkannt werden könne, Ungeheure Consequenz. Dies geschah. Der König | hat einen Dib gefunden, sich gewundert, daß er ohne Kopf sei; Leichnam

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4 und daraus der Aberglauben] Pi: Aberglauben ist darum nothwendig im Orient. 9 Stumpfheit] Pi: Stumpf heit und dgl. ist gar nicht da 19–20 Amasis ist … unterschob] Pi: König Amasis schickte die Pjsisju, Tochter des Apries. 20–21 2 Buch von Rhampsinitus.] Pi: Eine andre 35 Geschichte ist Buch II König Tbmrfnjsou. 22 Gewölbe] Pi: Gewölbe im Palast 27–28 sich gewundert, … heraus] Pi: habe das Mangelnde bemerkt. Verwundert habe er nichts entdecken können. 31 Dies geschah.] Pi: Der Bruder habe das gethan und alles verschlossen. 13 außergewöhnliche Lesung unsicher

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an öfentlichem Platz aufgehangen, Befehl gegeben, Soldaten dabei Acht zu geben, wenn einer Mitleid bezeugen würde. Der gerettete Bruder sei zu der lebenden Mutter gekomen, die drüber aufgebracht sei, daß ihr Sohn nicht zur Ehre des Begräbnisses gelange, sondern aufgehangen sein solle, also dem überlebenden befohlen, alles ins Werk zu setzen, den Todten von der Schmach zu befrein, sonst würde sie dem König es melden. – Er habe Esel mit Weinschläuchen beladen in die Nachbarschaft der Wächter getrieben; einige geöffnet, daß der Wein herausgelaufen sei; Geschrei angefangen, das Haupt geschlagen, die Wächter haben mit Gefäßen den Wein aufgefangen, und sich denselben schmecken lassen; er habe sich im höchsten Grade aufgebracht gestelt, doch begütigen lassen; mit ihnen getrunken, bis sie betrunken waren, drauf den Leichnam genomen, und zum Hohn den Wächtern die rechte Wange abrasirt. Der König wurde noch unwilliger, habe um jeden Preis den listigen Dieb ausfindig machen wollen. Die Art ist absolut phantastisch: habe beschlossen, seine Tochter jedem preis zu geben (dies kommt auch bei Cheops vor, um das Geld zu einer Piramyde zusamenzubringen) so, daß sie immer verlangen solte von jedem er solle ihr erzählen, den weisesten und gottlosesten Streich, den er in seinem Leben gethan habe, und der ihr die Dibsgeschichte erzähle, den solle sie festhalten. Der Räuber habe sich herbeigemacht, um die List des Königs zu verspotten, habe die Geschichte erzählt, die Königstochter habe nach seiner Hand gegriffen, um ihn festzuhalten, er habe aber die abgehaune Hand und Arm des Bruders hingestreckt, | den habe er ihr gelassen, und sich fortgemacht. Der König versprach, nun alles zu verzeihn, und ihm die größten Geschenke zu geben, auch die Tochter zur Gemahlin zu geben, die Tochter, die freilich schon preisgegeben war: dies geschah. Die Tausend und Eine Nacht enthalten gerade fantastisches solcher Art, worin algemeine sitliche Grundsätze durchaus nicht vorhanden sind, wo die Kühnheit des Verstandes, die entsprechende Konsequenz im Handeln den Zwek erreicht. Von Empfindsamkeit komt darin kein Zug vor: größte Grausamkeit und Härte mit größter Consequenz des Verstands. – Scene ist Bagdad, Zauberei, Genien, die aber Africa zum Vaterlande haben, und auch dor thin verlegt werden. Auch die fantastischen Wesen drin sind den ägyptischen nicht nur nicht entgegen, sondern lassen sich auch auflösen.

4–5 also dem überlebenden befohlen] Pi: hat mit der höchsten Härte dem Sohn befohlen 7 einige geöffnet] Pi: Dort einen Riemen aufgemacht 8 Wächter] Pi: Die Wächter seien herbeigelaufen 10–11 mit ihnen getrunken] Pi: Dann hat er ihnen Schläuche geschenkt bei 35 und Wein getrunken. guter Trunkenheit 22 versprach, nun alles zu verzeihn] Pi: habe bekannt machen lassen, daß er dem Thäter verzeihe 7 Nachbarschaft] Ke: Achtbarschaft

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Beim Herrn von Hammer ist angegeben, daß die arabischen Märchen in 1000 und Einer Nacht ägyptischen Ursprungs seien. Von Franzosen, nach Galland, wurden sie nach Indien verlegt, aber das Indische muß man sehr wenig kennen, um es drin zu finden; heterogen aber gegen das arabische, die Welt der Araber, ihre Leidenschaften, Intressen haben ganz andren Character. Mit diesem Zuge, der uns den ägyptischen Character darstelt, schlißen wir Aegyptens Betrachtung. | Der Charakter des aegyptischen Geistes ist also die Verbindung der streitenden Elemente, die Gährung, der Drang zur Auflösung, aber nicht die Auflösung. Die Lösung besteht dann darin daß das natürliche herabgesetzt wird zu einem Zeichen, zu einem Material das da ist, damit das Geistige sich manifestire darin, daß jenes nur ein Gelten hat relativ auf den Geist, damit er sich darin gegenständlich werde, nicht das Natürliche als Natürliches, daß also der Geist frei werde | Es kann ein Interesse haben die Gestalten zu zeigen, wo der Uebergang zur Auflösung dieser Aufgabe gestellt ist. Darstellung der Aufgabe haben wir mancherlei Art erwähnt, | Am bestimtesten können wir dies von ihnen ausgesprochen finden in der berühmten Inschrift, die sich auf dem Allerheiligsten der Göttin zu Sais, Neit, befindet, in der die Griechen ihre Pallas erkannt haben: Ich bin was da ist, was war, was sein wird, niemand hat meine Hülle aufgedekt. Da ist das augesprochen, was man häufig nimt für einen Ausspruch, der für immer und ewig gemacht sei, als ob das inre, die Wahrheit der Natur, das ist der Geist, nicht erkannt werden könnte; es ist nur Inschrift der Aegypter. Sie findet sich mit dem Zusatz: die Frucht, die ich gebar, ist Helios. Damit ist die geschehne Auflösung: daß das inerliche, verborgne erzeugt das klare, sich selbst klare, geistige Sonne, das sich deutlich wird, es ist eben der Geist, dieser Sohn der Neit, diesen Helios sehn wir als griechischen Apollon, dessen Inschrift in Delphi war: Mensch erkenne dich selbst. Man kann den Character des ägyptischen Geists, den Zusamenhang mit dem Griechischen und den Griechischen Geist selbst nicht kürzer ausdrücken als mit den angegebnen Worten. Menschenkennerei, daß man seine besondren Neigungen, Liebhabereien, Schwächen, Particularitäten erkennen sol, ist nicht gemeint, der Mensch soll sein Innres, das Geistige erkennen, und zu diesem Bewußtsein des Geistigen sind die Griechen gekomen; was bei den Aegyptern Aufgabe gebliben ist, ist bei den Griechen geworden in der Erkenntniß, daß er

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19 Pallas] DoPi: Athene 20 Hülle] PiDo: (Pi: Hülle Do: Schleier) (flon) 25 verborgne] 35 Do: nächtige 26 Neit] Do: Neid, des Nächtigen 34 Aufgabe gebliben] Do: nur ein ringendes Hervorscheinen 8–17 Der Charakter … erwähnt, so Do; Ke: eine Textlücke von fünf Zeilen bis zum Seitenende sowie von sechs Zeilen auf S. 218

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sich erkennt, ist sein Wesen, das ist der Geist. – In einer andren griechischen Erzählung ist der Zusamenhang noch deutlicher ausgesprochen, (Pallas ist nach Griechenland gekomen, der Athenier Ursprung ward aus Aegypten abgeleitet, Cekrops)| Eine Sphinx, das ägyptische Gebilde des Räthsels selbst, sei in Theben erschienen, habe ein Räthsel gegeben: was das sei, das des Morgens auf 4, des Mittags auf 2, des Abends auf 3 Beinen laufe, der Grieche Oedip habe die Sphinx getödet, vom Felsen gestürzt, und die Auflösung des Räthsels gegeben: der Mensch: dies ist richtig, das Räthsel der Aegypter ist der Geist, der Mensch, das Bewußtsein seines eigenthümlichen Wesens. –

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Der Uebergang macht sich der Nothwendigkeit des Fortgangs des geistigen Bewußtseins nach nach Griechenland, historisch ist das der Uebergang vom persischen Reich überhaupt, und die Berührung Persiens und Griechenlands ist auch äußerliche Geschichte; das persische Princip ein untergeordnetes, ist als solches manifestirt, von den Griechen gestürzt und erobert. Das erstemal sind wir bei einem Uebergang, der nicht bloß an sich bleibt, sondern auch geschichtlich ist; und bei einem Reich, das untergegangen ist; das Chinesische, Indische Reich ist noch was es gewesen ist; (Indien ist doch ein auch nicht mehr äußerliches Reich, was es gewesen ist)[.] Hir, mit dem Uebergang der Herschaft haben wir Untergang des persischen Reichs; überhaupt, da wir im geistigen angekomen sind, haben wir den Uebergang des Princips und Herschaft, vom griechischen zum römischen Reich, | der Bildung und Herrschaft und dem zu den Germanen, daß aber eines nur als Fortsetzung des Vergangenen gesetzt wird. So kann die Frage seyn | Warum ist das Reich untergegangen, wogegen die Reiche andrer Principien Dauer gehabt haben? Die Dauer als solche ist kein Vorzug vor dem Vergehen, die Berge haben keinen Vorzug vor der Rose, die verblüht, stehn unter ihr; noch mehr unter dem Thir und dem Menschen; das persische Reich hat untergehn können, weil in ihm ist das Princip des freien Geistes gegen die

2–4 (Pallas ist … Cekrops)] Do: daß diese Pallas nach Griechenland gekommen aus Aegypten da 11 Der Uebergang] Do: G r i e c h e n 30 Kecrops ein Aegypter als Stifter von Athen genannt wird l a n d / Der geschichtliche Uebergang Pi: Der Uebergang von Aegypten nach Griechenland 11–12 Fortgangs des geistigen Bewußtseins] Pi: Begriffs 19–20 haben wir] Do: haben wir also auch einen äußerlichen Uebergang, einen Uebergang der Herrschaft und so 20 im geistigen angekommen] Do, ähnlich Pi: auf den Boden des Geistes gekommen 27 Menschen] 35 Do: Menschen, die schnell vergehen 1 erkennt, ist] Ke: erkennt ist, 6 2] Ke: 3 6 3] Ke: 2 22–24 der Bildung … seyn so Do; in Ke eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen 25 haben?] Ke: haben.

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Natürlichkeit, der Selbstischkeit des Geists. Weil das Princip der Trennung hir in diesem Princip ligt, steht es höher, als die, welche das Versenktsein des Geists in der Natur haben. Mit dieser Öfnung ist ein großer | Schritt gethan. Das Fortschreiten kann nicht still stehn, der Geist muß sich vollbringen. Der Chinese hat nur ein Gelten, indem er todt ist; der Inder nur im Brama, als geistig todter, oder als lebendig todter, im Zustand der Bewußtlosigkeit, dem Braminen ist die Selbstständigkeit nur gegenwärtig durch Geburt, auf natürliche Weise: also, da ist keine Verändrung, Fortschreiten gesezt. Der Mensch ist nicht frei, abstrahirt von seiner Freiheit. – Der Perser verhält sich zu dem Licht, das ist diese theoretische, abstracte, natürliche Existenz, diese selbst nur abstracte Natürlichkeit. Das Sehn ist dieser theoretische Sinn, das Gefühl, Geschmack sind selbst mit den Gegenständen verwikelt, reale Sinne, das Gesicht ist der reale Sinn, der das Object aus sich hinauswirft, sich nur theoretisch verhält; anschauen fängt mit dem Licht an, daher sind Anschauen als geistige Thätigkeit und sinnliches verhalten dasselbe; beim Licht nimt der Geist Abschid von der Natur, die concrete Natürlichkeit ist freigelassen. Das Gehör ist nur die verschwindende Objectivität, das Object komt nicht in Betracht. Die Perser haben ein algemeines Licht über die Völker verbreitet, einen losen Zusammenhang verbreitet, der nicht durch Begirde bestimt war, sie haben die ihnen unterworfnen nicht ausgeplündert, sondern liberal bestehn lassen in ihrer Religion. Das ist die nähre Seite, in der Persien in seiner Schwäche erschienen ist, indem sie zu Griechenland sich verhielten. Wir sehn, daß die Perser nicht ein Reich errichtet haben, dem sie eine gebildete Organisation gegeben hätten; sie haben ihr Princip nicht in die eroberten Völker hineingebildet, nicht ein Ganzes hervorgebracht, es machen nur aus Aggregaten von unendlich vielen Individualitäten, sie haben sich, scheint es, als abgeschlossnes Volk betrachtet, das keinen Zusamenhang hätte mit den andren, als daß es sie beherschte; und im ganzen milde, wo nicht durch Wilkür einzelner Beamter. Keine Legitimität, weil sie in sich nicht organisirt waren. Nach dem Tode der Magier | beriethen

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1 Trennung] Do: Trennung, die wir abstrakt zwischen Licht und Finsterniß (der Selbstischkeit des Geistes und Aeußerlichkeit) 3 Mit dieser … gethan.] Pi: Mit dem Untergange, durch den Geist, 30 der angefangen hat Geist für sich zu sein muß das Vorschreiten dasein. 3–4 Das Fortschreiten … vollbringen.] Do: Mit dieser Bestimmung ist aber die Nothwendigkeit des Fortgehens, des sich Vollbringens gesetzt. 8–9 Der Mensch … Freiheit.] Do, ähnlich Pi: Fortgang ist erst möglich, sofern Selbstständigkeit des Geistes gesetzt, und diese geltend gemacht ist gegen die Aeußerlichkeit. 11 theoretische] Pi, ähnlich Do: theoretische ideale 12 reale] Do: ideale 13 verhält] 35 Do: zu ihm verhält 15 Natur] Do: Natur, die das bestimmte Draußen ist 16 freigelassen] Do: frei und losgelassen 25 als] Do: immer als 28 weil sie … waren] Do, ähnlich Pi: da keine Gemeinschaft der Gesetze durch sie gegeben ward 7 also] Ke: dalso 14 dasselbe] in Ke folgt ein unlesbares Wort 28–641,3 beriethen daher … können. so Do; in Ke eine Textlücke von drei Zeilen, die den Anfang der nächsten Seite mit umfaßt 40

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daher die Perser, welche Regierung zu wählen. Die Perser hatten so nur sich selbst im Auge, ohne Rücksicht auf die Größe des Reichs, da sonst von solchen Verfassungen nicht hatte die Rede seyn können. | sie haben nur gesprochen für das persische Volk, als ob dies unter sich wäre. Indem Persien so ein getheiltes war, sind sie mit der Schwäche erschienen, gegen die Griechen. Man spricht von der Verweichlichung der Perser; die in der Residenz freilich, aber die andren tapfer und edel gezeigt. Xenophon führt an, die Perser haben die rauhen Sitten, mit denen die unter Cyrus auftraten, verlassen. | (Früher haben die Perser sich nicht geschneubt und ausgespuckt, dieß sind die einzigen Züge der Verweichlichung.) Die Völker unter persischer Macht waren allerdings sehr an Friede und Sinnlichem gewöhnt | haben aber auch, unter schwachen Völkern, starke unter sich gehabt und auch Griechen unter ihnen. Die Griechen hatten Heere vor sich von ungeheurer Anzahl, aber ohne Organisation, disparate Mengen ohne Zusamenhang, der Griechen Tapferkeit, Disciplin, mit der geistigen Freiheit der Griechen sigte. Das Zutraun der Disciplin, daß jeder an seiner Stelle thun würde, was sich gehörte, und selbst dies zu thun, konnte bei der persischen Masse nicht sein. So ist das Lichtprincip der Perser äußerlich geschichtlich in seinem Mangel erschienen; daß dies Disparate nicht in seiner concreten Einheit verbunden ist, |

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In den Griechen tritt nun das Prinzip des Geistes als solchen hervor, das | Princip der selbstbewußten Freiheit; dies enthält, daß ein Zwek gesezt ist, welcher algemeiner Natur in sich ist, nicht besondre Begirde, so, daß der algemeine Zwek zugleich der subjective Zwek des Individuums ist, daß er von ihm gewolt, gewußt wird, von ihm verwirklicht wird, so daß das Individuum seine eigne Würde nur weiß in der Verwirklichung und | erhaltung dieses Zweks. Der Geist

3 Verfassungen] Pi: Demokratie, Oligagie 5 gegen die Griechen] Do: die den Sieg derselben möglich machte 6 der Residenz] Pi: Susa 6–7 die andren … gezeigt] Do: in den Kriegen zeigt sich, daß sie sich edel und tapfer gezeigt haben Pi: auch in den Geschichten der Griechen erhellt, daß die Perser sich edel benahmen 7 rauhen] Do: alten rauhen 8–11 (Früher haben 30 … gewöhnt] Do: auch die andern Völker, die unter ihnen Standen, waren zum Theil den Freuden und sinnlichem Genuß geöffnet 11 starke] Do: tapfere Pi: kriegerische 12 unter ihnen] Pi: darunter, wie zu Xenophons Zeit 13–14 ohne Organisation, … Zusammenhang] Do: eine disparate unorganische Masse Pi: ohne Organismus 14 Tapferkeit] Pi: Tapferkeit, und gemeinsames Interesse 18 Einheit] Pi: Einheit, dem Geiste 20 das Prinzip … solchen] Do: in höhe21 ist] DoPi: ist (Staat, Vaterland) 22 besondre] Do: einzelne 35 rem Sinne der Geist 8–11 (Früher haben … gewöhnt so Pi; in Ke eine Textlücke von drei Zeilen Pi; in Ke eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen

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ist abhängig von einem Zwek und nicht abhängig, indem er sein eigner ist. Das Bewußtsein des geistigen vom Geist ist auch in der Religion. Bei den Griechen fühlen wir uns sogleich heimathlicher, denn wir sind im Gebiet des Geistes; der europäische Geist hat in Griechenland seine Jugend zugebracht, alle Erinnerungen der gebildeten Welt haben hier ihren Anfang, den nationellen Ursprung und den Ursprung der Sprache hier und müssen weiter verfolgt werden, es ist aber verschieden der Ursprung der nationellen Geburt und des Geistes in Griechenland, wie wir auch gewohnt sind daß diese Geburt ist. Die Gestalt der Vorstellung ist der homerische Jüngling Achilles, der im patriarchalischen Zustand nur als Gebilde des Dichters erscheinen kann; den Beschluß des Griechischen macht der 2te Jüngling Alexander, die schönste freiste Individualität, die jemals existirt hat. Der griechische Geist ist der concrete Geist, diese natürliche Lebensfrische, dasselbe, das in allem was ihn intressirte, das was ihm Zwek der Thätigkeit ist, als das seinige behandeln, hervor bringen will. Es ist im griechischen Leben durchaus eignes Wollen, Handeln, verwirklichte immanente Thätigkeit, der Individuen. Der Mensch hat objectiven Zwek, den er nicht umfassend zu wollen meint, sondern an dem er nur an einem Theil thätig zu sein sich beschränkt. Es wären 3 Hauptepochen, auch ihnen gemäße Perioden, welche bei einem Volke, das seine Entwicklungen in der Weltgeschichte durchläuft, sich für sich selbst ergeben: der Anfang dieses Volks ist eine Ausbildung innerhalb seiner selbst, bis zur 2ten Epoche, wo es zur Selbstständigkeit, Kräftigkeit dessen, was es zu werden bestimt ist, nun ein fremdes, das frühre welthistorische Volk berührt. Die dritte Epoche ist bezeichnet durch seinen Sieg über dies frühre Volk, durch den Genuß seiner selbst, den es darauf erlangte, als es durchaus fertig geworden ist, so daß es izt mit einem spätren, dem welthistorischen Volk in Berührung kömt, welches seine Stelle in der Weltgeschichte einnehmen soll. Die erste Periode umfaßt die Anfänge bis zur Vollendung seiner eigenthümlichen Kräftigkei-

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1 einem Zwek] Do: seinem Thun 1–2 Das Bewußtsein … Religion.] Do: die religiöse Anschauung des Guten, die Anschauung dieses ihres Wesens ist nothwendig Verhalten zu Geistigem 2 den Griechen] DoPi: Griechenland 3 heimathlicher] Do: heimathlich, und so fängt dann die 30 moderne Geschichte an 7 der nationellen … Geistes] Do: der Wiedergeburt dem Geiste nach Pi: des geistigen Bewußtseins 8 Gestalt der Vorstellung] Do, ähnlich Pi: höchste Gestalt die der griechischen Vorstellung vorschwebt 9 Jüngling Achilles] Pi: Jüngling, zunächst ein Sohn der Thetis 9–10 als Gebilde … erscheinen] Pi: der Einbildungskraft des Dichters angehören 10 des Griechischen] DoPi: des griechischen Lebens 11 existirt hat] Do: existirt der 35 auch das griechische Princip nach Außen verwirklichte 13–14 dasselbe, das … will] Do: der ganz gegenwärtig ist für sich und das Objekt, das er an sich hat, ganz als das seine hervorbringen will 14–15 Es ist … Individuen.] Do: Daher Staat, Religion, eigentlicher Wille, immanente Handlung der Individuen, da der Charakter des Mannes ist, für den objektiven Zweck zu handeln 19 das seine … durchläuft] Do: das in die Geschichte eingreift 40 20 ist] Ke: sind

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ten, realen Individualität, 2tens Periode seines Glücks, die eben damit, weil es izt nicht mehr im Gegensatz gegen das frühre | Volk ist, sondern mit sich fertig ist, sogleich herbeibringt, in sich selbst zu zerfallen, den Gegensatz, des es soeben durch seinen Sig aufgehoben hat, innerhalb seiner selbst zu erzeugen. Dieser inre Zerfall ist unmittelbare Folge dieses seines Sigs. Aus dem Verfallen geht ein verständiges Zusamenfassen in Eine Einheit hervor, womit zugleich sein ursprünglicher, sitlicher Geist gebrochen in sich ist. Dies erzeugt die dritte Periode seines Ablebens, zusamenfallend mit der Berührung mit dem nächsten welthistorischen Volke. Beim griechischen Volk wäre die erste Periode die Entwicklung Griechenlands in sich bis zu seiner Kräftigkeit in den medischen Kriegen; die 2te Periode finge mit diesem seinem Glük an, wo es im Zuge ist, den Gipfel seiner Sitlichkeit, Bildung zu erreichen, bis auf Alexander den Großen; da wo es nach außen und innerhalb seiner selbst in Zwietracht ist; die dritte Reich Alexanders, Zustand unter seinen Nachfolgern und Untergang unter der römischen Herschaft. Wir haben hir nicht die Geschichte in diesem äußerlichen Umfang zu betrachten, wollen aber diesem Unterschide entsprechende Epochen betrachten: 1) die Elemente der griechischen Welt überhaupt, natürliche und geistige; im Begrif des Geistes, wie er sich in ihrer Bildung, Religion, Kunst darstelt; 2) das eigenthümliche ihrer politischen Verfassung, welche sich dann vornehmlich im athenischen und lakedämonischen Staat und ihrem Gegensatz entwikelt hat, und 3) der Schluß hat die in diesem Geist von selbst enthaltnen Momente des Untergangs des griechischen Geists aufzuzeigen. Das besondre geschichtliche, sofern es sich diesen algemeinen Gesichtspunkten anschlißt, anzufügen. 1. Elemente. Unter diesen Anfängen zuerst die äußerlichen geographischen, natürlichen Momente. Wir komen vom Morgenlande her; vom Morgen geht die Weltgeschichte nach Abend; die erste Localität, die uns über das Meer begegnet, ist ein Erdreich vilfach | im Meere zerstreut, und wo es festes Land genannt werden kan, in vile kleine Partikelchen getheilt ist. Archipelagos; festes Land, Halbinsel, festes Land, schmale Landzunge durch Buchten gespalten, und vom Meer durchklüftet; dann Bergzüge, die die Communication erschweren, Thäler, kleine und größre Flüsse, die wir den Strömen Asiens nicht vergleichen können, aus denen

1 seines Glücks] Do: seines Sieges, seines Glückes 1–3 izt nicht … zerfallen] Do: fertig mit dem fremden Element ist (da es den fremden Gegensatz aufgehoben hat) sogleich in innerer Vollendung 5–6 verständiges] Do: verständigeres 8–9 Ablebens, zusammenfallend … Volke] 20 lakedämonischen] Do: 35 Do: Herabgehens, die erste Periode des neuen welthistorischen Volkes peloponnesischen 21–22 des Untergangs] Pi, ähnlich Do: der Vergänglichkeit 28–29 festes Land, … Land] Do: und ein inselhaftes Festland, der Peloponnes eine Halbinsel 29–30 durchklüftet] Do: zerklüftet 30 dann Bergzüge] Do: mannigfaltige Züge von Gebirgen 30–31 Thäler, kleine … Flüsse] Do: einzelne Berge, niedrige Hügel, schmale Ebenen, die durch viele 31–644,1 aus denen … so] Do: aus deren Dämpfe Brutboden 40 Flüsse durchflossen sind

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in ihrem Bruchboden etwa nie so ein einartiges Geschlecht ausgebrütet wäre; wie der Nil und Ganges ein so starres, in sich geschlossenes Volk erzeugte. In Griechenland ist alles ursprünglich verschieden und kleinlich gegen das asiatische, keine großen, Gleichartigen Massen, sondern alles im ganzen in leichtem Zusamenhang, Berührung besonders vermittelst des Meeres. Aus dieser Beschafenheit des Naturelements muß man nicht das Geistige, wie man sagt, erklären wollen, aber aufmerksam sein, daß es dem Geistigen entspricht, nicht als ob der Geist aus ihm gebildet wäre. Nicht das massenhafte Naturband der Familie, diese patriarchalische Einheit ist nicht vorhanden, wo das sitliche nur als natürliche massenhafte Identität schon von Haus aus vorhanden wäre, sondern die Vereinigung hat sich erst gemacht in andrem Medium: im Gesetz in geistiger Sitte. – Die Nationalelemente sind ebenso von Haus aus verschieden und fremdartig unter und gegen einander. Diese Fremdartigkeit ist ein Hauptmoment, und dieser freie, schöne, griechische Geist kann erst aus der Ueberwindung solcher Fremdartigkeit hervorgehn; über dies Princip der Fremdartigkeit muß man ein Bewußtsein haben, gewöhnliches Vorur theil, daß ein schönes, freies, glükliches Leben durch einfache Entwicklung einer zu Grunde liegenden familienweisen Freundschaft eines Geschlechtes, das durch die Natur schon von Haus Freund ist. | An der Pflanze haben wir das nächste Bild einer ruhigen Entfaltung, aber sie bedarf der gegensäzlichen Entwicklung von Luft, Licht, Wasser, und s.f. Kampf mit der elementarischen Natur. Das Morgenländische hat eine Familiennationalität zu seiner Grundlage; das persische Reich ist aus so vilen in jeder Rüksicht verschiednen Völkerindividualitäten zusamen gewesen, aber oberflächlich vereinigt, die Perser selbst bliben eine geschlossne Nation. Die Geschichte Griechenlands zeigt in ihrem Anfang Vermischung von Stämen, mehr gleichartigen, griechenartigen Volkerschaften, aber auch fremde, ungriechische Familien, und das athenische Volk, das uns den Gipfel des griechischen Reichs darstellt, ist dies nur

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1–2 ausgebrütet wäre; … erzeugte] Do: geboren wäre, das keinen Theil der Veränderung in sich hat 7–8 nicht als … wäre] Do: obgleich der Charakter des Geistes ist selbstständige 30 Individualität 13 Diese Fremdartigkeit … Hauptmoment] Pi: Diese Fremdartigkeit ist vorzüglich zu beachten. Do: Diß ist vorzüglich zu berücksichtigen. 16 gewöhnliches] Pi: gemeines 17 familienweisen] Pi: gleichartigen, familienähnlichen 18 Freund] Do: eins 20 An der Pflanze] Pi: Selbst im natürlichen Leben, in der Pflanze ruhigen] Pi: natürlichen 21–22 Kampf mit … Natur] Pi, ähnlich Do: Der Geist erlangt seine Fülle nur im Kampfe 35 mit der unorganischen, bloß elementarischen Kraft. 22 Das Morgenländische] Do: Das Orientalische Princip 24–25 oberflächlich vereinigt] Pi, ähnlich Do: oberflächlicher Zusammenhalt 26 Vermischung] Pi: Wanderung, Vermischung 27–645,2 das athenische … flüchteten] Pi: Attika, das vorzüglichste Land Griechenlands, war immer, ungeachtet Thucydides Nachricht Buch I c. 2. eine Verbindung von Stämmen, nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch ge- 40 meinen Zweck verbunden.

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geworden als Zufluchtsort, wohin sich Familien aus den verschiedensten Stämen und Gegenden flüchteten, obgleich Thucydides rühmt: Attika sei wegen der Dürftigkeit seines Bodens von denselben Stämen bewohnt gewesen. Dasselbe sehn wir an dem welthistorischen Volk der Römer: welches eine Verbindung von heterogenen Völkern war, die nicht durch Familienbande, sondern durch gemeinsamen Zwek, den des Raubes hauptsächlich, verbunden waren: Alle germanischen Völ ker sind zu dem geworden, was sie sind, durch Einpfropfung einer Nation in die andre, die heterogensten Bildungen, Wissenschaften aus Rom und Griechenland, und ihre Religion ist ihnen aus dem fremdartigen Boden Asiens zugekomen. Dies ist nothwendig als Ausgangspunkt für die Völker, die als geistige Nationen der Betrachtung der Weltgeschichte wer th sind. Was ursprünglich zum griechischen Volk gehört habe, ist schwer zu sagen, in spätrer Zeit hat, was griechisches Volk sei, eine gemeinsame Bestimmung erlangt: | aber wie die Kleinasiatischen Völker Griechen zu nennen seien, drüber sind theils die alten sich widersprechend, theils sehr unentschiden. von den Phrygern sagt Herodot, daß sie aus Makedonien komen; man hat ein Grab entdekt, das man für eins aus der Familie des Midas zu halten berechtigt ist; Inschrift, worin der Name Midas nicht zu verkennen. Die Karer werden als Barbaren genannt, Herodot erzählt Geschichten, woraus folgt, daß die Griechen ihre Sprache nicht verstanden; doch haben sie die Inseln besessen, nach Thucydides. Was es mit den Thrakern für Bewandniß, und dergleichen drüber sind wir im trüben, und werden es imer bleiben, weil es eine trübe Sache ist; es gibt eine natürliche Nationalität, die den geistigen Unterschid der Völker nicht ausmacht, auf den es wesentlich ankommt. – Solche Stämme wanderten, zogen weiter, so daß andre ihre Sitze einnahmen; alerdings werden verschiedne Puncte angegeben, in denen sich Anfänge einer innerlichen Kultur bemerklich gemacht haben; Thracien ist in dieser Rüksicht berühmt. Das Äußre des Anfangs der griechischen Kultur verschwindet bald, wie auch bei Thessalien. In Phthiotis, dem Vaterland des Achilleus, sei der

30 4–5 Verbindung von heterogenen Völkern] Do: Vermischung der heterogensten Elemente

6 Alle germanischen Völker] Do: Noch mehr ist diß bei den germanischen Völkern. Alle jetzigen Völker 8 die heterogensten … Griechenland] Pi: die Einschmelzung der heterogensten Bildung Do: durch Zusammenschmelzung 9 Dies] Pi, ähnlich Do: Das Moment der Fremdartigkeit in sich selbst 13–14 gemeinsame Bestimmung erlangt] Pi: Bestimmung im Ganzen erlangt in verschiedenen Län35 dern. Colonien in Italien, Afrika, etc. Do: Außer dem eigentlichen Griechenland haben wir die Küste von Kleinasien, am schwarzen Meer, Sizilien Unteritalien bis Massilia hin. 17 entdekt] Pi: entdeckt mit altgriechischer Schrift 25 Stämme] Do: Stämme, deren erste Erinnerung in Griechenland ist 28 Das Äußre … Kultur] Pi: Thracien und Thessalien waren berühmt, verloren aber ihren Ruhm bald wieder.

40 2–3 Attika sei … gewesen.] Ke: sie haben sowie eine Textlücke von einer Zeile

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spätre gemeinschaftliche Name Hellenen hervorgegangen. Die specielle Geschichte. Es kam unter den angeführten Stämen eine Menge Namen vor, die verschwunden sind. Deucalion sei aus dem Pelopones nach Locris gewandert, an der nördlichen Küste, habe sich mit Kureten und Lelegern verbündet, die Städte Leucothea und | Linus Euböa gegenüber und in Phthiotis sich niedergelassen, wo der Name seiner Söhne auf den Unterschied der Völker deutet, die selbst bei Homer wir nicht finden. | später bei den opuntischen Locrern zweite Ueberschwemmung, nach Thessalien getriben, dort pelasgische Stäme verdrängt, und sein Reich in Phthiotis begründet; Hellen sein Sohn, dessen | Söhne Dorus, Aeolus und Xuthus, und des letzteren Söhne Achaeus und Ion | Thucydides in seiner Einleitung enthält die wesentlichen substanziellen Momente, die freilich kein großes Ergebniß haben für das specielle, aber imer das wesentliche bleiben, wovon das andre abhängt; sagt es sei zuverlässig, daß zuerst häufige Wanderungen, und die Bewohner haben leicht ihr Land verlassen, wenn sie von andren, die stärker waren, getriben wurden; weil es keinen Handel gab, keine Communikation, sie nur dürftigen Lebensunterhalt für den Tag gehabt, gaben sie leicht nach; besonders wenn sie guten Boden hatten, dann sei Ungleichheit des Reichthums entstanden, dadurch Zwistigkeiten, und Plünderungen durch andre ausgesezt, hir sagt er, daß Attika wegen der Unfruchtbarkeit seines Bodens von fremder Einwandrung frei war, dagegen vile Fremde haben sich unter ihnen nidergelassen, daß sie bald Kolonien aussandten. Einer habe den andren beraubt auf dem Kontinent, und noch izt führen die Ozolischen Locrer, sagt er, und | Akarnanier und Aetoler | diese Lebensart. Diese müssen in specialgeschichtlicher Rüksicht in Betracht komen, aber dem höhren schönen Griechischen Geist sind sie fremd geblieben. Auch zu Polybius Zeit gab es diesen Zustand des Raubs und der Ungerechtigkeit. Die Sage reicht so weit hinauf, daß der Boden nicht gebaut worden sei, Eicheln die Nahrung, Kampf mit wilden Thiren. (in Akarnanien gab es noch

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11 Momente] Do: Bestimmungen, auf die es bei der Betrachtung ankommt 13 Wanderungen] Pi: Wanderungen im Anfange, weil der Boden nur dürftigen Unterhalt gab 16 gaben sie leicht nach] Do: da sie die Erde nicht bebaut haben, so hätten sie […] nicht an den Ort sich gebun- 30 den Pi: Der Landbau fehlte noch. 17–18 wenn sie … ausgesezt] Pi: Alle reicheren Gegenden waren fremden Stämmen ausgesetzte. Do: Die fruchtbarsten Gegenden werden daher am häufigsten der Veränderung unterworfen. 19–20 fremder Einwandrung] Do: Einwanderungen fremder Völker 22–23 die Ozolischen … Lebensart] Pi: Die ozolischen Lokrer, die Akarnaner, und Andere führten noch zu Thucydides’ Zeit Kriege unter sich, und Polybius erzählt von Räubereien 35 und Ungerechtigkeiten. 23 Diese] Do: diese westlichen Völker 27 Kampf mit wilden Thiren] Do: Kämpfe mit wilden Thieren waren häufig Pi: Herodot sagt von seiner Zeit noch, daß an manchen Orten noch Kampf mit Thieren stattfand. 5–7 Linus Euböa … finden. so Pi; Ke: L […] gebaut, 9–10 Söhne Dorus, … Ion so Pi; Ke: 22–23 Akarnanier und Aetoler so Do; Ke: und sowie eine Textlücke von einer Zei- 40 Sohn: / Aeolus. le

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zu Thucydides’ Zeit eine Brut von Löwen) Zahmes Vieh, und Menschen, Weiber und Kinder waren Gegenstand des Raubs die weggeführt und zu Sklaven gemacht wurden. | Das zweite Element, was wir nun zu betrachten haben, ist das Wa s s e r. Die Griechen wurden durch die Natur zu einem amphibischen Leben eingeladen, auch versuchten sie sich schon früh zur See; es war nicht so ein der Erdscholle adscribirt sein, als im Morgenlande. Schon früh lebhafte Schiffar th. Diese Meere von fremden Seeräubern sehr beunruhigt; Karer, Phonizier, die Niderlassungen hatten. promiscue von Einheimischen und Fremden[,] Seeräuberei; Menschen geraubt, von Homer nicht als Schande; dem Minos aus Kreta wurde zugeschriben, daß er mächtig zur See, Flotte ausgerüstet und Seeräuber erdrückt habe. Kreta wichtigen Einfluß im politischen, so daß auch Athen unter Herschaft stand, später griechische Colonien angesezt. (Creta hing mit Aegypten zusamen) Die Fremden, denen die Bildung fester Mittelpunkte zu danken ist. Einwandrer von gebildeten, besonders asiatischen Nationen. Griechenland scheint beinah mit Nordamerika verglichen werden zu können wohin sich Unzufridne zogen; so in Griechenland neue Colonien zu machen vertriben von Fremden wie Ein heimischen in Folge viler Zwistigkeiten. Theils aus Kleinasien, Deukalion aus dem Caucasus, Hellen und Amphictyon, der einen Bund in Thessalien gestiftet, unter 12 kleinen Völkerschaften haben soll. Hellens Söhne Aeolus, Dorus, Xuthus, der Vater des Achaeus und Jon. Der Ursprung der Stämme wird in die Fremde verlegt. So wie Pelops aus Lydien, von ihm sagt Thucydides, er sei mit großen Reichthümern angekomen, dadurch habe er sich Ansehn und Macht unter den Anwohnern verschafft, die Pelopiden sind bekannt als mächtige Fürsten und Häupter von Völkern. Aus Phönicien auch vile angesehne Fremdlinge und Stifter von Staaten: Cadmus, Sohn eines Agenor in Tyrus, mit Buchstabenschrift. Weiter Aegypten: Danaus, nach Ar-

1 Zahmes Vieh] Do: Schafe, Rinder und zahmes Vieh 5 amphibischen Leben] Do, ähnlich Pi: amphibialisches Leben gegenüber dem continentalen Leben, den ruhelosen Nomaden 7 lebhaf8–9 Karer, Phonizier, … hatten] 30 te Schiffar th] Do: bedeutende Schiffar th von den Inseln aus Do: die letzteren hatten eine Niederlassung auf Samos 12–13 so daß … stand] Pi, ähnlich Do: außerdem war Kreta’s Einfluß, besonders auf Athen, groß 14 Die Fremden] Do, ähnlich Pi: Das dritte Element sind die Fremden die sich in Griechenland niedergelassen haben 16 wohin sich Unzufridne zogen] Do: wohin sich die Unzufriedenen und Abentheurer aus Europa stets 17–18 vertriben von … Einheimischen] Do: Vertriebene von Fremden und Einhei35 hinwarfen mischen flüchteten nach Griechenland, aus Gegenden, denen ein weiterer Fortschritt der Kultur schon zugeschrieben. 18 in Folge viler Zwistigkeiten] Pi: oder verließen sie aus Unzufriedenheit 20 haben soll] Do schließt an: ein beschränkter Anfang eines griechischen Bundes 23 Reichthümern] Do: Reichthum in Griechenland angekommen 24 Pelopiden] Pi, 27 Tyrus] Pi: Tyrus) er soll Theben 1500 v Chr. gestiftet 40 ähnlich Do: Pelopiden, Atriden, und A. haben Aegypten] Pi: Aegypten, ebenfalls Ursprung herrschender Geschlechter.

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gos; sein Nachkome, Perseus; dem Herschaft jener Gegend zugeschriben ist, die an die Pelopiden übergegangen. | Cecrops, in Athen. Athene und die Neit werden von Alters her zusamengestelt; auf der Acropolis ward Athene vorgestelt als reitend auf einem Krokodil. Der Zusamenhang Athen mit Orient, Aegypten ist unbezweifelte Thatsache; die Griechen sind durchaus nicht Aegypter oder Phönicier geworden, wie die Nordamerikaner als Engländer oder Europäer angesehn werden können, sondern die Griechen haben diese fremden Anklänge durch eigenthümlichen Geist zu Selbstständigkeit um und heraufgebildet. Viertens: Es geht vornehmlich die Sage dahin, daß aus den Geschlechtern von Fremden die alten Königshäuser ihren Ursprung haben. In diesen sehn wir festere Mittelpunkte als bisher; es ergeben sich bestimmter hervortretende Gestalten. Das eigenthümliche Verhältniß ist nicht, daß die gehorchenden als Kasten ihnen wären unterworfen gewesen, auch kein patriarchalisches Verhältniß, nicht als Chef des Stams, Oberhäupter einer großen Familie, sondern einerseits, daß sie imponirt haben durch höhre Bildung überhaupt, durch das Fremde ihrer Abkunft, dann durch Tapferkeit, Reichthum, Art der Bewafnung, die Meinung überhaupt, durch Bestimmungen im Ganzen, die als menschliches Übergewicht von Individuen übereinander angesehn werden können, Eigenschaften, die nicht ein eigenthümliches zu bleiben bestimmt sind, sondern auch von andren erworben werden können. Heroengeschlechter werden göttlich genannt, aber es ist dabei nicht vorgestelt, als ob ihnen höhre Qualität zukäme, wie den Braminen, etwa. Mit solchen Mittelpunkten der Individualität, des Heroismus bilden sich Mittelpunkte der Ver theidigung, gegen Räuberei, Befestigungen angelegt auf höhren Punkten. Man schreibt die Entstehung der Mauerwerke, die cyclopische genannt sind, von denen noch vile erhalten sind, in die so eben genannte Zeit; es sollen noch existiren die bei den Alten berühmten von Mycene, Tiryns, als Thore mit Löwen, die Werkmeister solcher Bauwerke seien aus Lycien gekomen. Diese haben vile aufgesucht, | man hat sie auch in Italien nachgewisen, auch in Creta, bis nach Spanien. Diese Befestigungen, sagt Herodot, seien nicht am Meer unmittelbar angelegt worden, sondern gegen die Seeräuber etwas entlegen vom Meere, und so sehn wir die früher unterschidnen Principien des Seelebens und der Richtung auf das Meer und des Landlebens so nahe zusamengerükt und später auch vereinigt, die Griechen sind nicht meerlos gebliben, wie Aegypter, Inder; festes Land, festes Eigenthum und Recht, und

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1–2 die an … übergegangen] Pi: die Persidenherrschaft zu Argos und Mycene soll an die Pelopiden 35 übergegangen sein 2 Cecrops, in Athen.] Pi: Cecrops, aus Aegypten nach Athen. Neit] Pi: Göttin von Sais 3 auf der Acropolis] Pi: vor der bkqoolju 4 mit Orient, Aegypten] Do: mit Asien 27 als Thore mit Löwen] Do, ähnlich Pi: es ist (Pi: zu Mycena) noch da ein Thor mit Löwen geschmückt

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nicht Verdumpfung in der Natur; bliben auch nicht landlos, wie die Knotenreihe der phönizischen Städte, sondern die Bezihung aufs Meer wurde verbunden mit der Befestigung, Gedigenheit des Landbesitzes. Besonders an Athen selbst sehn wir dies hervortreten, zur Zeit des Solons. Zwistigkeiten hat den ganzen Zusamenhang der Städte in Gefahr gebracht; bqbloj, und da ihre Lebensthätigkeit sich ans Land hielt; in Athen war dies vereinigt, das war das gebildestste Volk, und macht Gegensatz gegen Lacedämon, wo das Landprincip überwigend war, relativ gegen Athen. Drittes Element: Politischen Zustand betreffend, ist angegeben, daß das Recht zu regiren theils auf Geburt beruhte, vorzüglich aber auf persönlicher Ueberlegenheit, die Autorität war nicht für sich fest und gegründet, sondern Tapferkeit, Muth, Verständigkeit hatte sie zu ihrer wesentlichen Bedingung. Das Gemälde davon im Homer. Achill sehn wir, der sich bei Odysseus in der Unterwelt erkundigt nach seinem Vater, und sagt, weil er alt geworden, werden sie ihn nicht mehr ehren. Telemach, weil er jung war, und noch nicht die Tapferkeit und Besonnenheit des Mannes hatte, sein Gut zu schützen, so sehn wir sein Gut von den benachbarten Fürsten gewaltsam sich angemaaßt, und seine Stameswürde nicht nur nicht geehrt, sondern auch sein Eigenthum nicht respectirt – der König der Könige, Chef | der Unternehmung, und die andren Fürsten, Mächtigen umgeben ihn, bilden gemeinschaftlichen Rath, so daß von unumschränkter Herrschaft nicht die Rede sein kann. Er wird geehrt, aber muß es so einrichten, daß er den andren gefällig ist; erlaubt sich Gewaltthätigkeit gegen den Achill, der sich dagegen lossagt von der Gemeinschaft des Kriegführens; so lose diese Verbindung der Fürsten ist zu ihrem Anführer, Aristokrasie, die auch unter den nördlichen Fürstenthümern in Indien vorkomt, so lose ist auch das Verhältniß der besondren Fürsten zur Menge; unter der sich auch solche befinden, die weiser, angesehner, tapfrer, in Waffen geschikter sind als andre, die wollen auch gehört sein, ihre Einwilligung, Theilnahme wird erfodert zu etwas gemeinschaftlichem. Wie bei Homer auch, wenn er den Olymp darstelt, Iupiter ist Oberhaupt, und sie fürchten ihn, aber sie hadern mit ihm, er thut oft, was sie wollen, poltert

1 nicht Verdumpfung … Natur] Pi: Das feste Land und Eigenthum machte, daß Aegypten, Indien, ganz in sich war, dumpfte. 4–6 Zwistigkeiten hat … hielt] Do: In Athen sehen wir eine Zwistigkeit zwischen den verschiedenen bqbloj und tfqbkqjoj, in Athen wird diß vereinigt. 9 Politischen Zustand … angegeben] Do: Was nun das Verhältniß in solchen Mittelpunkten der Fürsten zu 35 den Bewohnern betrifft, so ist schon angegeben worden 18 sondern auch … respectirt] Pi: verliert seine Macht durch die Freier 21–22 aber muß … ist] Do: aber er muß den Rath der andern annehmen 26 zur Menge] Do: zu ihren Untergebenen Pi: zu ihrem Volke 30 sie fürchten ihn] Do: Die andren Götter machen ihren Willen gegen Jupiter auch geltend 30–650,1 er thut … auch] Pi: Er hört sie und thut ihren Willen; aber er befiehlt ihnen auch. Do: Jupiter hört sie oder 40 auch nicht. Die politische Vereinbarung ist also nur eine lose Vereinigung

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und droht auch, und sie meinen, man müsse es doch mit ihm halten, er macht es so, daß sie auch zufriden sind. Das König thum muß noch gar nicht verglichen werden mit der Monarchie, das Bedürfniß der Monarchie wird erst nothwendig in einer reifren Geselschaft. Vereinigung unter einem Oberhaupt, ohne eigentliche Gesetze, wo nur Muth, Tapferkeit den Vorzug gibt, kündigt eben das unreife in der Ausbildung an; Zufäligkeit, Willkür gilt in Ansehung der Gehorchenden, die Leidenschaft Achills setzt sich durch, und auch die Leidenschaft der Fürsten gegen die Untergebnen macht sich geltend. Solche Königswürde hat bei weitrer Bildung bald absterben müssen, sich überflüssig gemacht, und das Aussterben der alten Königshäuser sehn wir: diese Geschlechter von fremdem Ursprung sind untergegangen, haben sich vermengt mit dem andren Volke. So die Tochter des Kleisthenes, aus Korinth, ging nach Athen mit ihren Schätzen, heirathete den Bürger Megakles. Viele alte Geschlechter (Plato zb.) Das eigenthümliche ist, daß diese Umwälzungen auf die Königshäuser so beschränkt sind, daß die Völker keinen | Antheil an ihrem Schiksal und Handlungen nahmen. Dies in den Tragödien; das Volk macht den Chor aus, spilt eine passive Rolle, läßt die Heroen ausmachen, ohne einzugreifen, so daß diese nicht gemeinschaftliches Recht mit den Völkern haben. Das Volk appellirt nur an die Götter. Deswegen ist es, daß solche Individualitäten vornehmlich Gegenstand der Kunst, besonders der dramatischen, sein können, weil die Individualitäten durchaus außer dem Verhältniß erscheinen, selbstständig aus sich wollen, beschlißen, und mehr auf individuelle Weise ihr Schiksal erleiden, so daß sie nicht auf algemeine Weise handeln, sondern als Individuen, und was gegen sie geschiht, ebenso That von Individuen als solchen ist. Nach dem Untergang dieser Königshäuser tritt ein großes Dunkel in die Geschichte ein; eine Menge Punkte bilden sich zu besondren Gemeinden, und diese besondren Gemeinden existiren außer einem Zusamenhang, welcher größre Massen bildete, und so, daß auch wenig Begebenheiten, an denen mehrere Theil nahmen, in diesen Zeitraum fallen. Vor und im trojanischen Krige haben wir eine Menge von, freilich oft sich widersprechenden, ins my thologische gehen-

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13 Viele alte Geschlechter] Pi: deren Geschlechter alt, oft bis Cadmus hinaufgeleitet waren 30 14 sind] Do: sind, auf ihre Gräuel und Verbrechen 17 einzugreifen] Do: einzugreifen in die Handlungen der Heroen Recht] Do: Recht, nicht gemeinschaftliche Gesetze 18 Das Volk appellirt] Do: Das Volk betrachtet diß als ein ihnen fremdes, und wendet sich 20–24 weil die … ist] Do: selbstständig außerhalb der Verhältniße und sich wollend beschließend, ihr Schicksal leitend, erscheinen, da nicht allgemeine Gewalten da sind, durch die sie handeln, sondern alles 35 That der Individuen als solchen ist, diese vorzüglich Gegenstand der Tragödie werden Pi: weil diese Individuen auf sich selbst beruhend sind. Nicht allgemeine Gewalten leiten das Schicksal. Alle handeln als Individuen. 24 Königshäuser] Do: Geschlechter 27 Begebenheiten] Pi, ähnlich Do: merkwürdigen großen Begebenheiten 26 existiren] Ke: existiren ist(?)

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den Thatsachen, die sich durch die Erobrung des Pelopones durch die Herakliden endigen. So mannigfaltig die Vorfallenheiten bis dahin sind, so arm wird die Geschichte mehrere Jahrhunderte drauf. Thucydides sagt, es sei wenig algemeines geschehn; der Krig von Chalcis mit Eretria (beide sandten vile Kolonien aus), an dem mehrere Völkerschaften theil nahmen, doch von den Folgen ist wenig bekannt, so leben die Städte für sich etwa in kleinen Fehden mit den benachbarten. – Ganz partielle Verbindungen; übrigens sehn wir, daß die Städte Gedeihn in sich gehabt haben, besonders durch Handlung, mannigfaltige, im ganzen oberflächliche Zwistigkeiten; ein Krig wie die Spartaner mit den Messeniern führten, | wodurch das ganze Volk unterjocht und zu Sklaven gemacht wurde, das ist freilich eine besondre, für sich wichtige Erscheinung, betrift aber auch nur das Verhältniß zwischen isolirten Punkten. Zwistigkeiten gibt es auch innerhalb ihrer selbst, Ausschicken so viler Colonien nach allen Seiten hin, das zeigt das Gedeihen und auch die Zwistigkeit viler Stadte, als Ursache wird angegeben, daß das Land gemangelt habe, so viele Bewohner zu ernähren; wenn die Erhaltung der Bewohner noch auf Landbau beschränkt ist, noch keine Industrie, so erreicht die Bevölkrung bald ihre bestimmte Grenze; zufälige Umstände, Factionen, Mißwachs; die Athener, sagt Thucydides, sandten nach Asien, Pelopones nach Italien, Sicilien und dgl. die wieder Töchtercolonien anlegten. Wie Griechenland an Reichthum zunahm, sind Tyrannen in den Städten entstanden und die Griechen haben sich eifriger auf das Seewesen gelegt. Diese Tyranneien in den Städten fallen in die Zeit wo Cyrus die Persische Monarchie stiftete, so daß die Griechen in Kleinasien dem persischen Reich unterworfen sind. In diese Periode, wo im ganzen Dunkel der Geschichte herrscht, weil da wenig der Geschichte würdiges geschehn ist, fält das Auf keimen, Entwickeln, sich Bestimen des griechischen Geists, der als ein gebildetes hervortritt, das eine feste Gestalt gewonnen hat. Der Zug der Hellenen nach Troja hatte sie vereinigt, der Erfolg war, daß Troja zerstört worden ist; in den Königshäusern viele Veränderungen, aber zum Festsetzen eines politischen Ganzen war er erfolglos, die Vereinigungen waren ephemer; so wie die Kreuzzüge von der Christenheit unternomen wurden, die als Ein Ganzes zu Einem Zwek verbunden erschienen, aber nur für einmal waren sie zusamengebracht, keine weiter begründete Gestaltung eines

2–3 So mannigfaltig … drauf.] Do, ähnlich Pi: Dann ist ein thatenloses Dunkel mehrere Jahrhunderte lang 4 von Chalcis] Do: der Calidäer auf Euböa 5–6 doch von … bekannt] Do: sonst haben 7 Ganz partielle Verbindungen] Do: Ein äußerliches Ver35 wir keine allgemeinen Handlungen knüpfungsband war das Amphiktionengericht 9 Zwistigkeiten] Do: Kriege der isolirten Punkte untereinander 18 Mißwachs] Do: Miswachs bewirkt solche Auswanderungen. 25 Auf keimen] DoPi: stille Auf keimen 2 endigen] Ke: endigt

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Ganzen, sondern die christlichen Reiche sind nach Erreichung, auch Verfehlung ihres Endzweks aus einander gefallen, und haben sich nach diesem Moment der Vereinigung isolirt. Die Einheit, die hervorgekomen ist, ist die Einheit der Bildung überhaupt, und an jenem Unternehmen, das Griechenland allein ausführte, hat der Dichter seinen Stoff geschöpft und ein ewiges Bild seiner Tugend | und Jugend gegeben; ein Bild der Bildung, was der ganzen Entwicklung vorgestanden[,] aus der Wirklichkeit übersezt in die Vorstellung, durch die Phantasie. In diesen Zeitraum der isolirten innerlichen Entwicklung der besondren Theile fält die Ausbreitung des eigenthümlichen griechischen Geists, der am Ende des Zeitraums in seiner bestimmten Gestalt hervortritt; Fünftens die Anfänge des eigenthümlichen Griechischen Wesens als Geistes. Bezihung dazu einer vereinzelten, zerbrökelten Natur, die nicht als massenhafte, und einförmige Gewalt den Menschen festmacht und festhält. Das Land ist von der mannigfaltigsten Production, und die Menschen in der alseitigsten Verbindung mit dem Meer. So haben wir auch nicht gesehn die Einheit eines Familienzusamenhalts, patriarchalische Einheit, sondern allenthalben zerstückelte Familien; so daß die Menschen auf geringe menschliche Kräfte angewisen sind, wir sehn sie angewisen auf den inren Geist, persönlichen Muth, alseitig von mannigfaltiger Umgebung, Umständen, Zufäligkeiten, Abentheuerlichkeiten, Unstätheiten angeregt, der muthig in sich ist, und muthig diese zu bestehen und Mannigfaltigkeiten sich angebildet hat. Das algemeine Verhältniß, das draus hervorgeht, ist, daß wir ein mannigfaltiges äußres zu den Griechen sehn, was geistig vernomen | wird, gegen welches sich der Mensch aber muthig und | kräftig aus sich selbst sich benimmt. Dies Verhältniß können wir in das Wort der Verwunderung zusamenfassen; wie Aristoteles ausführt, daß die Philosophie davon ihren Anfang nahm, so hat der Griechische Geist von der Verwundrung seinen Anfang gehabt, nicht so zu fassen, daß ihm etwas außerordentliches, ungewöhnliches, was er mit dem ordentlichen, gewöhnlichen, natürlichen Gang vergleicht, der als fertig vorausgesezt wird, geltend, so daß jenes betrachtet wird als etwas das nicht der Regel gemäß ist; es ist auch nicht vorgesehen die Verstandesansicht von einem regelmäßigen Naturlauf, sondern der Griechische Geist verwundert sich über

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3 isolirt] Do: So isolirten sich auch die Griechen. 7 durch die Phantasie] Do: ist diese gemeinsame Unternehmung aufs höchste erfolgreich gewesen auf die Ausbildung des griechischen Geistes 9 Ausbreitung] Pi: Ausbildung 11 eigenthümlichen] DoPi: e i g e n t l i c h e n 21 Mannigfaltigkeiten] Do: aus sich diese Mannigfaltigkeiten 23 vernomen] Pi: dem Menschen angeeignet 35 werden muß 27 ungewöhnliches] Do: unregelmäßiges vorkommt 28 gewöhnlichen] Do: regelmäßigen 31 Griechische Geist] DoPi: aufgeregte Geist der Griechen 10 hervortritt;] Ke: im sowie eine Textlücke von einer halben Zeile 23 wird, gegen welches sich der Mensch aber muthig und so Do; in Ke eine Textlücke von einer Zeile 26 der1] Ke: die

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den natürlichen Lauf der Natur, nicht als einer Masse, in der er selbst sei, sondern als über einen Gegenstand, dem Geist zunächst fremd, nicht geistiges, gegen welches er aber auch ebenso die Zuversicht seiner selbst hat, den algemeinen | Glauben, daß drin etwas sei, das freundlich gegen ihn sei, zu dem er sich affirmativ verhalten könne. Verwundern und Ahnden können wir als die einfachen Grundkategorien ansehn; aber sie sind nicht beim Ahnden stehn gebliben, wie oft heut davon als dem höchsten Verhalten, dem Verhalten zu dem höchsten; sondern als freie Menschen sind die Griechen vom Ahnden zum Bewußtsein fortgegangen, sich zu fragen und es sich zu sagen, was dies Inre ist, es herauszustellen für das Bewußtsein, das Ahnden geht nicht zum Bewußtsein, von Gegenständlichem fort, und einem Wesen, das drin enthalten, als innerliches eingehültes bleibt. Die Griechen sind zum Bewußtsein fortgegangen dessen, was in diesem Ahnden enthalten sei, haben diese Dumpf heit herausgebildet zu bestimter Vorstelung. Wir können dies Verhältniß als ein vermitteltes und vermittelndes Verhältniß zur Natur ausdrüken, das Verhältniß, das nicht Ahndung bleibt, nicht Versenktsein, Leben in der unmittelbaren Naturmacht und ihrer Gewalt, sondern heraustritt aus derselben, so daß das Natürliche, zu dem das Subject diese Bezihung, dies selbst zufälige, zerbrökelte, uneigentliche, nicht massenhafte ist, welche nicht frei läßt, sondern sogleich über sich hinausführt in ein zurüktreten von dieser Masse, und so, daß das, was dieses wirkliche sei und gelte, durch den Geist vermittelt sei, durch ihn durchzugehn habe, der Geist in sich die Bestimmung desselben zu suchen, zu finden, hervorzubringen hat; vermitteltes Verhältniß, daß das natürliche nur als solches für den Menschen gilt, indes der Mensch aus dem natürlichen, das sich anregend zu ihm verhält, geistig gemacht hat. So wollen wir den griechischen Geist in den Anfängen, abstract bestimmen, gefaßt haben. Dieser geistige Anfang ist denn auch nicht bloß zu fassen als eine Erklärung, die wir machen, als ein philosophischer Anfang, sondern die Weise des Anfangs ist selbst ausdrüklich in einer Menge von griechischen Vorstelungen vorhanden und so aufgezeigt worden. Einige dieser Formen, worin eben dies Verhältniß näher ausgedrükt ist, dienen zur Erläutrung vornehmlich, und auch als historische Anfänge zum Theil, doch das historische ist heutigestags auf griechi-

1 den natürlichen … Natur] DoPi: das Natürliche der Natur 1–2 nicht als … Gegenstand] Do, ähnlich Pi: er verhält sich nicht als ein in diese Masse versunkener, sondern verhält sich zu ihr ahnungsvoll 13 Dumpf heit] Pi: Unbestimmtheit Do: Unbestimmtheit Dumpf heit 18–19 19 Mas35 welche nicht … hinausführt] Do: also eins, das frei läßt, das über sich hinausgehen läßt 22–24 daß das … hat] Do: so daß sich se] Do: Macht 20 das, was … sei 2 ] Do: das Natürliche der Mensch zu dem verhält, was er geistig daraus Geistiges gemacht hat 28 Menge von griechischen Vorstelungen] Do: poetischen Vorstellung 4 das] Ke: daß

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schem Boden so | schlüpfrig, daß da nichts Festes gelassen wird, was der eine so hervorhebt, wird von dem andren umgeworfen, und nach andrer Seite gezogen. Die Form des Lauschens des Geists, des Ahndens, der Sinigkeit, die in dieser Bezüglichkeit hervorkomt, können wir in der Vorstelung vom Pan erkennen, der später heruntergesezt ist, und andren Sinn hat; doch erscheint er als Waffenbruder des Dionysos als Gottes der Begeistrung. Er sei das unbestimmte All überhaupt, /n (auch von Øb©nv abgeleitet, das erscheinende, das können wir auch hir annehmen), der das unbestimmte All ist, es bleibt nicht objectiv, ist nicht die abstracte Verstandesbestimmung, das algemeine Wesen, das höchste Wesen, sondern der /n ist der Schauer, das sich zeigende, das Wirkende, der unbestimmte und algemeine Schauer der Verwundrung in der einsamen Welt, wo der horchende das unbestimmte vernimmt. (Panischer Schreck, unbestimmter, grundloser Schreck) Der die Verwundrung, den Schauer wirkende wird als der Flötenspiler bestimmt, der sich hörbar macht, nicht in der Ahndung bleibt, seine Pfeifen siebenrohrig, siebentönig, in dem die algemeine Harmonie des Alls, die aus den 7 Sphären hervorgeht, sich nicht verkennen läßt. In dem angegebnen haben wir das unbestimmte, das sich vernehmen läßt, und vernomen wird, und das vernomen werden ist die subjective Vorstelung, die Erklärung, das was das geistige Subject dabei thut, hervorbringt. Wie also der Grieche diesen Schauer fixirt hat, so hat er auch dem Quell gelauscht, ahndend ihm gehorcht, Gemurmel, Sprudel des Quells aus der dunklen Grotte, woraus Ahndungsvolles für ihn, was der Quell zu bedeuten aber habe, ist das Lauschen, die eigne Phantasie, Geist des Subjects selbst, nichts objectives. Der Quell selbst ist nur das äußerlich Anregende, und die Najade ist das gewesen, was später zur M u s e erhoben worden ist, dies ist der Gegenstand selbst die Quelle, die zur Muse geworden ist, der Musen unsterbliche Gesänge ist nicht das, was man in der Quelle murmeln hört, (manche haben sich an Quellen gesezt und gelauscht, aber was sie in dem | murmeln hörten, ist ihnen doch zu keinem Gedicht geworden, die

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4 des1] Do: des Hinhörens, des 4–5 in dieser Bezüglichkeit hervorkomt] Do: wieder frei 30 wird Pi: in sich laut wird 5 Vorstelung] Do: alter thümlichen Vorstellung Pi: wie er in den ersten Anf ängen gestaltet war 6 später heruntergesezt] Do: auch in der My thologie dann wieder heruntergesetzt worden ist unter die übrigen Götter 8 Øb©nv] Pi: Øbf±non 10 höchste Wesen] Pi: être suprème 12 einsamen] DoPi: Stille der Welt 13 das unbestimmte] Do: diß oder jenes aber nichts bestimmtes 18 unbestimmte] Do: allgemeine Unbe- 35 stimmte 19 subjective] Pi: eigene subjektive 23 das Lauschen] Do, ähnlich Pi: die Sinnigkeit des lauschenden Subjekts selbst 23–24 die eigne … objectives] Do: der eigne Sinn der eigne Geist, nicht der Quell 26–27 dies ist … ist1] Do, ähnlich Pi: die Musen haben ihren Ursprung an den Quellen 24 selbst] Ke: sie (als Kürzel)

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Quelle oder das Säuseln der Blätter hat ihnen nichts gesagt) sondern die Muse, zu der die Quelle wird, ist die Phantasie, der Geist des Menschen. Homer ruft die Muse an, daß sie es erzählen solle, das ist sein eigner productiver Geist. ebenso gehört dahin noch viles, zb. auch das älteste Orakel in Griechenland, Dodona, dessen Ursprung nach Aegypten versetzt wird. Was es war, das die Aussprüche gethan? nichts, als eine Eiche, und das Säuseln des Winds, in den Blättern der Eiche, auch Becken, die angebracht wurden, so daß ein vom Winde bewegter Stab an sie anschlug, – das sind ganz unbestimmte Töne, erst durch den auffassenden Geist, das Subject, sei es der Prister, oder der, der Intresse hat, es zu hören, erhält dies verstand und vernunftlose Tönen und Klingen einen Sinn, Bestimmung. Ebenso bei andren Orakeln, der Qualm, Rauch aus der Erde zu Delphi, das Rauschen in der Höle des Trophonius; Gesichte und Geräusch. Auch in Böotien gab es früher sehr vile Orakel, die später verstumt seien, kurz solches Rauschen, und weiter die unarticulirten Laute, die die Py thia ausstiß, das alles ist also ein nur anregendes, für sich noch nicht Sin enthaltendes und aussprechendes, sondern ein solches, das erst im Subject Sin erhält. Im Homer zb. die Beerdigung des Achills: Brausen des Meers, voll Verwundrung seien die Griechen dabei gestanden, Nestor habe es erklärt, das sei die Mutter Achills mit den Nymphen, die an seinem Trauerfeste klagten und weinten; Brausen des Meers: und geistige Phantasie des Menschen, die etwas hervorbringt, das geistiger Natur ist, und dem Menschen angehört. | Die Natur wird also der Anklang zu einer sinnvollen Frage nicht Natürlichen sondern in Geistiges Umgebildeten. Die Bezüglichkeit des Menschen zur Natur können wir im Allgemeinen als das fassen, was die Griechen mit mbnsfjb bezeichnen, wofür wir keinen geschickten Ausdruck haben. Es gehört ein Erscheinendes dazu ein mbnsju der das Bedeutende daraus hervorhebt. Plato spricht davon, wenn der Mensch im Träume oder Wahnsinn prophezeit, so bedarf es eines mbnsju der dergleichen Worte des Traums oder des Wahnsinns erklärt, eines Besonnenen Menschen, der erst Bedeutung hineinlegt. Den Griechen erschloß sich also nicht das Zeichen, erlaubte ihnen ihre Fragen, oder sie die Natur fragt nur an, und der Mensch antwortet aus seinem Geist. Man kann sagen daß diß eine poetische Anschauung ist, d.h. daß der Geist das wachende ojisjkon ist, das den

8 das] Do: Dieser Klang und Säuseln Töne] Do: Töne die für sich keinen Sinn haben 18–19 Mutter Achills] DoPi: Thetis 19 klagten und weinten] Do: klage über den Tod ihres 28 eines mbnsju] Pi: eines m'nsju […], wie für die unartikulirten Laute der Py thia 35 Sohnes 32 wachende] Pi: Schaffende 32–656,1 ist, das … hat] Pi: ist. Von Offenbarung ist also nicht die Rede, aber von Gegebenwerden. 22–656,10 Nach der Datumsangabe folgt eine Leerseite (S. 238), der fehlende Text wird hier durch Do (Die Natur […] zukommt) ersetzt

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Sinn ausspricht, den das Erscheinende hat. Die Orakel können scheinen Offenbarungen gewesen zu seyn, aber es sind wesentlich Sprüche der Priester, das Wissen anderer und sinnender Menschen, die das aus gewaltsamen Zustand ausgesprochne, oder äußere Dinge getönt haben, erst in einer artikulirten Weise des Tonens zum Sinne bringt, mbnsfjb ist daher nicht blos an Orakel gebunden, sondern etwas allgemeines in diesem Sinne. Calchas erklärt die Pest im Lager vor Troja. Die eigentliche mbnsfjb ist das, was wir Poesie, Phantasie nennen, nicht eine willkührliche Phantasie, sondern eine solche, die das äußerliche mit einem Sinn begabt, ein sinnvolles Wissen, worin das Sinnvolle dem subjektiven Geiste zukommt. | Wir sehn so den Griechen im Verhältniß zur Natur sich selbst als geistig fassen, frei sich in ihr erhalten, seine eigne Geistigkeit als das, was sich geltend macht. Im algemeinen ist der Geist ohne Aberglauben, denn der Geist bildet das äußerliche in seiniges um, und drin ist nicht vorhanden die Bestimmung aus äußerlichem zu schöpfen. Alerdings hat Aberglauben geherscht; die Bestimmung fürs Handeln ist aus andren Quellen geschöpft, als aus dem Geiste; denn es ist noch der erste Geist, der deshalb beschränkter Geist ist, nicht der absolute, unendliche Geist als solcher, sondern in Beschränkung und Unfreiheit, und nimt daher seine Richtungen aus dem beschränkten, unfreien überhaupt her; davon später[.] – Es kann in Ansehung der Anregungen hinzugefügt werden, es sind äußerliche Regsamkeiten, Anschauungen zunächst gewesen, natürliche Erscheinungen, die als Anregungen überhaupt angegeben wurden, aber es gehörn dazu inre Regsamkeiten im Subject selbst, die der Geist sich erklärt hat, ihnen Sinn gegeben hat, dahin gehörn Träume, und die Regsamkeit selbst; Achill faßt sich plötzlich, als er das Schwert zihn will, sein Verhältniß zu Agamemnon komt ihm zu Bewußtsein, diese inre Regsamkeit stelt der Dichter vor als die Pallas, die dem Achill erschienen sei, die innerliche Verändrung selbst ist Gegenstand, der Regung ist und die Phantasie ergreift. Wie Odysseus bei den Phäaken mit dem Diskus wirft, und der seinige weiter fligt, so ist einer, der ihm Beifall zunickt, in diesem Blik erkennt Odysseus den Mentor, die Pallas, die Anregung, die er sinnig mit dieser

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6 Calchas] Pi: So M'ldbu im Homer. 7 das, was … nennen] Pi: eigentlich auf die Handlung gerichtet, | so wie sie auch Poesie ist 13 Im algemeinen … Aberglauben] Do, ähnlich Pi: Der Grieche ist so ohne Aberglauben 14–15 drin ist … schöpfen] Do: die Bestimmungen werden daher nicht aus dem Aeußerlichen geschöpft 17 beschränkter] Do: noch der vereinzelte beschränkte 17–18 nicht der … solcher] Do: so kommt auch Aberglaube vor, wie wir später sagen 24 Träume, und 35 … selbst] Do: Träume, Wahnsinn, die Regsamkeit der Ueberlegung 26–27 die dem … sei] Do: die sein Schwerdt zurückhält 30–657,1 die er … ausstattet] Do: der er diese höhere Bedeutsamkeit giebt 17 nicht] Ke: nichts

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höhren Gestalt ausstattet; wie er anderwärts die Schwalbe, die auf dem Dach erscheint, ebenso als den Mentor nimt. Natürliche Regsamkeiten, oder das eigne Inre oder das Inre andrer Menschen werden Anregungen, die zu solchen Gebilden sich machen. – Ferner kann | bemerkt werden, daß zu diesen Anregungen auch gerechnet werden muß, was den Griechen traditionell zugekomen ist, besonders, daß auch aus der Fremde Götter, Religionsvorstelungen kamen. Großer Streit, ob die Götter in Griechenland selbst, oder von außer her kamen. Der Streit ist unauflöslich, wenn der Verstand ihn führt, es ist ebenso historisch beglaubigt, daß den Griechen aus Aegypten, durch Kleinasien, und sw. religiöse Vorstelungen, kosmogonische, an sie gekomen sind, ebenso geschichtlich ist, daß die griechischen Götter wieder so eigenthümlich sind, und den ägyptischen, Phönizischen, kleinasiatischen, indischen ganz und gar nicht ähnlich sehen. Bei Herodot: Herakles, Bacchus von Aegypten, und dann sagt er, den Griechen haben ihre Götter gemacht Homer und Hesiod. Dies widerstreitende wird so gelöst, und das ist der Begrif, daß ein Außen, Empfang, Gelehrt worden ist, und eigne Thätigkeit des Geists, Production, die das Empfangne umbildet, nicht selbstständig ist, sondern etwas aufnimt, aber nicht läßt wie es ist, sondern umbildet. Dies macht die Grundbestimmung aus, daß die Freiheit des Geists ist in wesentlicher Bezihung auf die Naturerregungen, Freiheit, die zugleich bedingt ist, was abstract frei ist, und absolut frei ist, ist nicht bedingt, hat nicht erfoderlich, um zu sein, eines andren, aber die griechische Freiheit ist bedingt, aber frei ist das, wovon sie angeregt ist, dies aus sich zu verändern, umzubilden und aus sich zu producirn. Dies macht die Mitte aus zwischen der Selbstlosigkeit des Menschen, zwischen dem, daß das Subject als solches nicht frei für sich ist, wie bisher im asiatischen, wo das götliche wesentlich | mit Naturinhalt behaftet ist, daß drin ligt, daß das Geistige auf natürliche Weise nur ist, wir haben nicht die matrielle Einheit, sogenannten Pantheismus, wo das Subject nur verloren, nur verschwunden ist, in Rüksicht auf das andre Extrem, das ist die unendliche Subjectivität, die reine Gewißheit in sich selbst, der Gedanke, daß er das Selbstständige, das Element und der Boden für alles ist, was gelten soll. Der griechische Geist fängt an vom natürlichen, geht ins geistige, diese Geistige Thätigkeit hat aber wesentlich den Anfang von einem natürlichen, und deshalb ist diese Geistigkeit noch nicht unbedingte, freie Geistigkeit, noch nicht die Geistigkeit in ihrem eignen Elemente, die welche bei sich selbst wäre, welche die Anregungen ihrer selbst aus sich nähme. –

1–2 die auf … erscheint] Do: im Kampf mit den Freiern 19–22 was abstract … producirn] Do: also weder abstrakt noch absolut frei, da es nothwendig hat ein anderes, von dem es sei 27–28 in Rüksicht … Extrem] Do: und die Mitte gegen das andre Extrem

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Die abstracte Bestimmung von Verwundrung, Ahndung, die zum Bewußtsein komt. Den algemeinen Character der Griechen können wir näher ausdrüken als schöne Individualität; das ist ebenso am Subject als solchem, der Mensch hat die selben 2 Seiten, Extrem: Die natürliche Seite, Herz, Empfindung, Gemüth, Neigung, Leidenschaft, natürlicher Wille, die zur freien Individualität umgebildet, umgeformt wird, ist der Ausgangspunkt einerseits, der unterworfen ist dem Geiste, dazu gebildet, dem Geist gemäß zu sein. Es ist nicht dazu fortgegangen, daß der Mensch ein Verhältniß zu abstracten sitlichen Mächten, Einheiten, wie Staat, entwickelt, sondern das algemeine bleibt in seiner Bezihung auf das natürliche, das sitliche ist eigenthümliches Sein, Wollen der besondren Subjectivität, diese ist aber | nicht die unmittelbare Begirde, sondern gemäß gemacht dem wahrhaften Geist, der aber noch nicht in algemeiner Weise Gegenstand für das besondre Subject ist. Zwischen der Sinlichkeit des Menschen als solcher und seiner Geistigkeit in Form des Gedankens, der Abstraction ist dies die Mitte. Das Dasein der schönen Individualität, Gesez, Handlungsweise ist gesezt durch ihren inren Geist, und so, daß dieser Stoff, Matrial, Element des Geistes das natürliche ist, aber nur für den Ausdruk nothwendig ist dies natürliche, umgebildet durch die productive Thätigkeit des Geistes. Der Geist hat noch nicht sich selbst zum Organ, sondern um sich zu äußern, bedarf er des natürlichen Stoffs; zur Geistigkeit umgebildete Natürlichkeit. Den Griechischen Geist können wir den plastischen Künstler nennen, der ein Bild aus Stein bildet, aber der Stein bleibt nicht Stein, und dieser keine äußerliche Form, die nicht bloß verschieden ist, sondern entgegengesetzte; es ist gegen die Natur des Steins, zum Ausdruk des Geistigen gemacht zu werden, und so ist er umgebildet, das natürliche bleibt nicht als natürliches. Der Künstler bedarf für seine geistige Conception der sinlichen körperlichen Form, ohne solches Element kann er seiner nicht bewußt werden, seine conception kann ihm noch nicht im Denken Gegenstand werden, sondern das Organ, seiner selbst sich bewußt zu werden, und andren sich vorstelig zu machen, ist das sinli-

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1–2 Die abstracte … komt.] Do, ähnlich Pi: Der griechische Geist fängt also vom Natürlichen an, 30 geht (Do: zur geistigen Thätigkeit Pi: von da in sich), die aber, weil sie Anfang hat am Natürlichen, noch nicht unbedingt freie Geistigkeit ist, noch nicht die, die vollkommen die Anregung ihrer selbst aus sich nehme. Verwunderung, Ahndung, Fortgehen zu Bewustseyn, Sinnigkeit Bedeutung die (Pi: dem Geiste angehört) sind die (Do: abstrakten Momente Pi: Stufen des griechischen Geistes). 11 besondren] Do: eigenthümlichen 12 wahrhaften] Do: allgemeinen 14 ist] 35 Do: ist, und das Subjekt also noch nicht in diesem Verhältniß zu ihm 16 Geist] Pi: Willen 21 plastischen] Do: klassischen 22 bleibt] Do: bleibt durch den Künstler 22–23 dieser keine … entgegengesetzte] Do: diß ist nur die abstrakte Seite daß sie blos verschieden gegeneinander sind, sondern sie sind entgegengesetzt 1 Ahndung] Ke: Anhdung

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che Element. Der griechische Arbeitende Künstler ist nicht ein Kämpfer mit dem natürlichen, wie der ägyptische, sondern das natürliche ist nach seinem | Gegensaz unterworfen, es ist nicht eine Seite des Gegensatzes stehn gelassen, wie der Leib der Sphinx, sondern es ist als Hülle gebliben, wodurch der Geist sich manifestirt, das Sittliche. In Ansehung dieser Bestimmung ist herauszuheben daß der Griechische Geist, dieser umbildende Künstler, in seinen Bildungen sich selbst frei weiß, der Subjective Geist ist der Schöpfer, und diese Bildungen sind insofern Menschenwerk, aber nicht nur dies, sondern ihr Inhalt ist die Wahrheit, und der Inhalt ist das Ansich des Vernünftigen; es ist nicht von der Wilkür geschaffen, sondern von dem vernünftigen Geist, der im Element der Natürlichkeit das Matrial hat, welches er gebraucht, handhabt, um sich drin auszudrücken. Der Grieche hat Anschauung von diesem Inhalt, der ausgedrükt wird; Achtung und Verehrung vor diesem Jupiter zu Olympia, der Pallas auf der Burg zu Athen, Achtung vor den Gesetzen seines Staates, und dessen Sitten, die aber nur sind, insofern er die thätige Form ist die sie hervorgebracht hat, der Mutterleib, der sie concipirt, die Brust, die sie gesäugt hat. Deswegen ist er heiter. Er ist nicht nur an sich frei, das ist auch der Asiat, das Kind, sondern hat das Bewußtsein seiner Freiheit, n i c h t g e g e n d i e s e n Inhalt, diese Gestaltungen, sondern i n i h n e n . Die Ehre des Menschen ist so in der Ehre des göttlichen; die Menschen ehren das Göttliche, aber dies ist auch seine That. Das besondre Streben, Gestaltung, in der dieser Begrif sich realisirt. | Drei wollen wir betrachten; sämtliche Kunstwerke, denn sie haben die angegebnen Bestimmungen in sich: 1) das subjective Kunstwerk, der Mensch als solcher, der sich zum Kunstwerk ausarbeitet; 2) das objective Kunstwerk, die Götter, 3) das politische Kunstwerk, die politische Individualität, wohin die Weise der Verfassung gehört, einerseits der Individuen als solcher. Der Mensch verhält sich practisch zur äußren Natur, weil er Bedürfnisse hat; er macht die Natur noch nicht zum Zeichen seiner selbst, sondern er gestaltet sie, reibt sie auf; der Mensch geht aber dabei vermittelnd zu Werke; die Naturgegenstände, mit denen er zu thun hat, sind einzeln, rauh, hart, Widerstand leistend, um sie zu seinem Gebrauch zu recht zu machen, schibt er andre Naturdinge ein,

3 Gegensaz] Do: Gegensatz gegen das Geistige stehn gelassen] Do: selbstständig gelassen Pi: natürlich gelassen 4 Hülle gebliben] Do: Hülle, nur das Mittel 17 Deswegen ist er heiter.] 28–30 Der Mensch 35 Do, ähnlich Pi: Der Geist ist hierin heiter in der Verehrung dieser Gestalten … auf ] Do, ähnlich Pi: Der Mensch verhält sich zuerst zur äußerlichen Natur nach der Seite seiner Bedürfnisse, und darin hat er ein praktisches Verhältniß als zu derselben, er erhält die Natur nicht, er verbraucht sie verzehrt sie reibt sie auf. 16 hat.] in Ke folgt eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen, die nicht durch Do oder Pi gefüllt werden kann

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wendet die natürlichen Dinge gegen die natürlichen Dinge, indem er seine Körperlichkeit spart, verbirgt, nicht diesem aufreiben aussezt. Der Mensch findet in der Natur Werkzeuge der mannigfaltigsten Art; sie machen dem Menschen Ehre, es ist die List der Vernunft, gegen die Natur gekehrt, daß er die plumpe Äußerlichkeit überwältigt. Diese menschlichen Empfindungen gehörn dem Geist an, und so ein Werkzeug, das ein Mensch erfindet, ist höher als ein Naturding, denn es ist geistiges Gebilde. Diese Werkzeuge, die zunächst für das practische sind, hat selbst der Grieche sehr hoch geachtet; besonders ein Zug im Homer, wo wir sehn, wie die Menschen sich dessen freun, Geräthschaften mehrerlei Art sich hervorgebracht zu haben; daß so etwas, was uns für den Gebrauch ganz gleichgültig geworden ist, hochgeschätzt ist, der Mensch sich seiner Erfindung freut. Das Scepter des Achills. Odysseus zimerte selbst seine Bettstelle, aus einem Feigenbaum, die Thürn, die auf Angeln sich drehn, Rüstungen, Dreifüße, werden mit Behaglichkeit erwähnt, des Gebrauchs, besonders, daß es ein geistiges Gebilde ist; in der dankbaren Erinrung der Griechen sehn wir so das meiste auf bewahrt von Kunst, was von außen an sie kam, oder bei ihnen erfunden ward. Der Grieche hat die Anfänge der Kultur ausgeschmückt, als götliche Gabe verehrt; daß sie des Feuers habhaft worden sind, das Pferd des Neptun, Oelbaum, Weben der Pallas. Die Ehre der menschlichen Erfindung insofern sie die natürlichen Dinge bezwingt und sich für den Gebrauch aneignet – die äußerliche Natur ist aber | nicht nur für das Bedürfniß als solches, sondern er gebraucht es für einen Schmuk; Barbaren lassen es bei äußerlichem Schmuk bewenden, der aber Anhängsel ist; der Schmuk hat den Sinn, Zeichen zu sein von Reichthum, der Aufmerksamkeit überhaupt auf den Menschen wirken, erzeugen soll, daß er aus sich, an seinem Leibe etwas gemacht habe; solches Intresse des Schmuks sehn wir sehr früh schon ausgebildet bei den Griechen; die Abhängigkeit von der Natur ist auf die Seite gesezt, aber ein natürliches, das der Mensch brauchen kann, sich zu zeigen, ligt ihm nahe und ist geeignet zum Zeichen seiner Geschiklichkeit, Willens, Kraft Energie, und dies natürliche ist sein Körper, den hat er unmittelbar, findet sich drin auf natürliche Weise, ohne daß er etwas hinzu gethan hätte; das nächste geistige Intresse ist den Körper auszuarbeiten zu einem fertigen Organ seines

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1–2 wendet die … spart] Do: spart seine körperliche Kraft, indem er die Natur selbst gegen die Natur wirken läßt 2–3 in der Natur Werkzeuge] Do: Werkzeuge, die Natur sich zu unterwerfen 4–5 die plumpe Äußerlichkeit überwältigt] Do: der plumpen Naturkraft mächtig wird 6 ein Naturding] Do: ein Baum, ein Metal Pi: äußere Naturgegenstande 7 practi- 35 sche] Do: praktische Bedürfniß 18 Weben] Do: der Webstuhl Pi: Webekunst 22 Barbaren] Do: die Barbaren schmücken sich auch 26 den Griechen] DoPi: Homer Abhängigkeit] Do: bloße Abhängigkeit 28 zum] Ke: zum,

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Willens; die Glider müssen gemacht werden, daß sie durchgängig werden für den Willen, daß sie unmittelbar thun, was der Wille will, ein fertiges Organ für den Geist. Geschicklichkeiten der Art können als Mittel sein für andre Zwecke, aber es kann auch diese Rüksicht bei dem Bedürfniß, sonstigen Zwek, Noth, Abhängigkeit auf die Seite gesezt werden, und die Geschiklichkeit selbst als solche kann zum Zwek gemacht werden, und es wird dargestelt, daß sie um ihrer selbst willen ist, und was sie für sich ist, ist nichts als die Energie des Willens, welche die unmittelbare Körperlichkeit so verarbeitet hat, daß sie izt geschikt ist, den Willen, das geistige auszudrücken und darzustellen, und so ist es, daß der Mensch sich selbst als Kunstwerk darstelt. Das ist das subjective Kunstwerk. Die Griechen haben ihre Körper ausgearbeitet zu schönen Gestaltungen und Organen irgend etwas zu volbringen, so daß die Geschiklichkeit für sich selbst | gezeigt worden ist, das Intresse war, die Freiheit zu zeigen. Bei den Griechen ist dies Zeigen ein sehr altes Intresse und für ein algemeines Nationalband geworden, so daß Elis bestimt war, daß Friede in ihm sein solte, um dort die körperliche Ausarbeitung, die subjectiven Kunstwerke sehn zu lassen. Die berühmten Wettkämpfe; wir nennen sie auch Spiele, das Spil ist dem Ernst entgegengesezt, und Ernst ist hir Bezihung auf das Bedürfniß, Noth, Abhängigkeit, es war kein Bedürfniß, dieses Kampfs u.s.w. vorhanden, es war nicht Ernst damit; Ernst ist es, wenn 2 einander gegenüberstehn, ich und das Naturding, das Bestehn des Einen ist unverträglich mit dem Bestehn des andren zugleich. Gegen diesen Ernst ist jenes Spil der höhre Ernst. Da wird die natürliche Seite gelassen, ist nicht abstract negativ bestimt als ein solches, das aufgeopfert werden muß, aber gelassen, daß es Zeichen, Organ des Ausdruks sein kann. Der Ernst des Gedankens ist ein andrer, weise, götliche Macht, da ist ein Verhältniß vorhanden, eine Noth, daß ich meine Besonderheit, Abhängigkeit, Wünsche Begirden aufgeben muß, um mich zu wirklicher Existenz zu heben; solcher Ernst, geistige Noth ist nicht vorhanden, das Subject ist noch nicht zu diesem Ernst fortgegangen, sondern in dem Spiel ist das Subject seiner sicher, geht selbstständig von sich aus, und der Ernst beschränkt sich nur drauf, die Freiheit des Menschen zu zeigen in seiner Körperlichkeit und über sie, als etwas, das von ihm hervorgebracht, bearbeitet, umgebildet worden ist. Diese subjectiven Kunstwerke sind älter als die objectiven.

3 Geist] Do: Willen, sie müssen entsagen der natürlichen Ungelenkigkeit der Glieder Geschicklichkeiten der Art] Do: Diese natürlichen Geschicklichkeiten 8 verarbeitet] Do: 9 das geistige … darzustellen] Do: Organ des Willens zu werden 12–13 für sich … ist] 35 besiegt Do: gezeigt worden ist, nur um sich zu zeigen 13 das Intresse … zeigen] Do: also das Interesse der Freiheit über das Natürliche und im Natürlichen 23 aufgeopfert] Do: unterworfen 26 Begirden] Do: Hoffnungen 31–32 von ihm … worden] Do: durch die Freiheit bestimmt 25 weise Lesung unsicher

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Homer hat das schöne Bild von solchen Wettkämpfen in der Iliade, ein glänzendes, libliches Gemälde bei dem Trauerfeste, welches Achil für seinen geblibnen Freund Patroklos anstelte. Die verschiednen Arten der Durcharbeitung des Körpers, vorzüglich Wettlauf, | Ringen, Faustkämpfe, Geschiklichkeit des Lenkens der Rosse. Diskuswerfen, Bogenschießen; Tanz und Gesang, Genuß froher Heiterkeit. Im Schild des Achill, den Hephaistos macht, ist ein Tanz, von Jünglingen und Jungfern, Gesang als Begleitung. Bei Homer ist von Verehrung von Bildern wohl gar nicht die Rede, Tempel komen nicht vil vor, Pallas zu Athen, Apoll zu Delphi, Neptun zu Aegina; ausdrüklich von Götterbildern ist nicht die Rede; die Opfer auf Altären werden unter freiem Himmel gebracht, an unsichtbare Gottheiten. In der Iliade freilich nicht, aber auch in der Odyssee ist nicht von Götterbildern die Rede, Nestor opfert dem Poseidon am Ufer des Meeres, es ist von keinem Tempel die Rede, sitze für die Anwesenden und bei der Verehrung. Nestor, wenn er die Pallas anruft, ist auch nicht vom Tempel der Pallas, noch ihrem Bilde die Rede; die ersten eigenthümlichsten Kunstwerke sind Menschen, die ihren Körper zu Schönheit, Geschiklichkeit ausgebildet haben. – Der Gesang gehört der Stimme an, und die ist das Element, worin das geistige überhaupt, die Vorstelung, seinen besonderen eigenthümlichen Ausdruck hat, der Gesang fodert bald für sich eigenthümlichen aus der Vorstelung gebornen Inhalt. Dieser ist die götliche Gestaltung überhaupt gewesen, und das ist die 2te Form der schönen I n d i v i d u a l i t ä t . D i e G ö t t e r d e r G r i e c h e n . Derselbe Geist, den wir gehabt haben, die Religion ist nichts andres, als daß das algemeine des Inhalts des Begrifs zum Gegenstande wird und als der wesentlichste Gegenstand anerkannt wird, daß der inwohnende Geist für sich in die Vorstelung gefaßt und als Wesen verehrt wird. Der Geist der Griechen enthält Naturelemente, aber nur als Anfang, welcher dann in geistige Macht umgewandelt wird; das Naturelement ist noch Anklang in dem geistigen Inhalt, aber der wesentliche Inhalt ist eben | die Vorstelung geistiger Macht, die Griechen haben Gott als Geist verehrt, oder den Geist als Gott verehrt, nicht eine Naturmacht. Wir können den griechischen Gott nicht fassen wie die indischen Göter, daß das inre, der wahrhafte substanziele Inhalt eine Naturmacht

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4 des Lenkens] Do: das Lenken (die Bezwingung 5 Bogenschießen] DoPi: Bogenschießen, Wurfspießwerfen froher] Do: froher gesellschaftlicher 7 Gesang als Begleitung] Do: wo der Gesang noch nicht für sich seinem Inhalt nach Zweck ist, sondern dienend dem Tanze 8 Bei Homer] Do: Die objektiven Kunstwerke treten erst später hervor. Bei Homer 13 Poseidon] Pi: 35 Poseidon (Odyssee h im Anfange) Meeres] Do: Meeres, der Pallas am Eingang seines Pallastes 16 Kunstwerke sind] Do: Kunstwerke in dieser Rücksicht sind noch nicht freie für sich geehrte Individualitäten, sondern 26 Naturelemente, aber … welcher] Do: eine Naturerscheinung aber nur als Element, welches 31 das inre] Do: Das Innere, die Grundlage, die Bestimmung 40

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gewesen sei, und die menschliche Gestaltung als eine anthropomorphe Zuthat sich verhalte, die äußerliche Form, so daß die Naturmacht auf menschenhafte Weise dargestelt sei; bei den Griechen ist nicht die Naturmacht, wie das Geistige, verbunden mit dem Natürlichen, das als untergeordnetes herabgesezt ist; der Gott der Griechen ist noch nicht der absolut freie Geist gewesen, sondern der Geist ist gewesen als eine noch bestimte Individualität, aber bedingt von äußerlichen Bestimmungen anfangend, oder ein besondrer Geist, ein Geist in menschlicher Weise zugleich, der aber dem Mensch ist der besondre Geist, der Geist, der mit Beschränkung als solcher existirt: – die Mitte haben die Griechen verehrt, den bedingten Geist, der noch nicht für sich selbst als Geist ist, sondern der da ist, sich zeigt, manifestirt noch auf sinliche Weise, so daß diese nur Element seiner Manifestation, nicht sein Gehalt, Substanz ist. Dies angegebne soll für uns das leitende sein, in Betreff der Hauptmomente der griechischen Mythologie; das ist der wahre Standpunkt, nothwendige Form, auf welche der Geist aus dem orientalischen herkomend sich stellt. An diesem Begrif halten wir fest, ein solches leitendes haben wir nöthig, theils gegen die vilfache Gelehrsamkeit, die in neuer Zeit mythologischen Stoff herbeigebracht hat, und auch gegen den abstracten Verstand, der nur einseitig die eine oder die andre Seite festhält. Die Bestimmung, die angegeben ist, haben wir auf bestimte Weise aufzuzeigen, wie sie bei den Griechen erschinen ist. Wir haben | Naturmacht und geistige Macht, haben wir: | aber nicht in gleicher Würde, | so daß die geistige Individualität das wesentliche ist, die Naturmacht nur den Anklang gegen die ihrer Natur nach geistige Individualität vorstelt. Ausdrüklich ist diese Herabsetzung des Uebergangs in der griechischen My thologie als Hauptpunkt vorhanden, Wendepunkt des Ganzen: als der Götterkrig: Im Krig der neuen Göter mit den alten, dem Sturz der Titanen durch die Herschaft des Zeus, vollzieht sich der Uebergang der Herschaft von den Naturmächten zu den geistigen Mächten, des Orients zum Occident. Die Titanen sind Uranus, Chronos, Aether, Selene, Helios, Okeanos, Gäa, die Eumeniden, auch der Eros,

30 3–4 bei den … ist] Do: Das Natürliche gehört nur zu einem Ausgangspunkte, es ist zu einem Aeu-

ßerlichen, Untergeordneten herabgesetzt. 9–10 die Mitte … ist 2 ] Do: Hier ist also die Mitte zwischen an und für sich seyendem Geist und unfreiem Geist, sondern hier ist der Geist das da ist, (nicht im Gedanken sein Daseyn hat) 13–14 das ist … Standpunkt] Do, ähnlich Pi: Dieser Begriff ist der nothwendige Standpunkt 16–17 in neuer … hat] Do: die die bestimmten Gestal35 tungen aufgelöst hat Pi: unendlichen Stoff hier angehäuft, und die Betrachtung erschwert 22–23 den Anklang … Individualität] Do, ähnlich Pi: äußerliche Beschränkung an der ihrer Substanz nach geistigen Individualität 27 von] Do: vom materialischen zu einem idealischen Geiste, von 2 so daß die so Do, an Stelle eines unlesbaren Wortes 40 in Ke eine Textlücke von einer Zeile

20–21 aber nicht in gleicher Würde, so Do;

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die Libe, als dies abstracte, dies algemeine, der Zusamenhang, Verbindung Untergeschidner, die Dione, woraus nachher Aphrodite gebildet worden ist, als ihre Mutter. Naturwesen, denen die Herschaft entrissen worden ist. Sie werden auch noch verehrt, Helios, Okeanus, Prometheus, aber sie sind nicht mehr die herschenden, an den Saum der Erde verwisen, und die izt regirenden Göter sind die neuen. Besonders ist Uranos und Chronos ausgezeichnet, der seine Kinder verschlang, Herschaft der abstracten Zeit, worin die Gestalten, die hervortreten als Naturgestalten, aufgezehrt werden, nur das vernünftige ist an und für sich. Die wilde Zeugungskraft der Natur ist gehemt worden, und Zeus ist das Haupt der neuen Göterfamilie, und diese sind Göter die wesentlich geistige Bedeutung haben, und als geistige bestimt sind. Man kann den Uebergang nicht naiver aussprechen, das neue Reich, die neue Welt, die in den Griechen aufgegangen ist, die drauf angewisen waren, das geistige als das wahrhafte, herschende, substanzielle zu erkennen. Volle Consequenz muß man nicht suchen, aber die großen Hauptmomente drücken diese Ueberwindung, Zurückweisen des natürlichen aus. Prometheus, der den Menschen das Feuer gab, und vieles andre erfand, auch dies, daß die Menschen bei dem Opfer nur die Knochen und die Haut opfern, das Fleisch selbst verzehrn; daß er unter den Titanen ist, kann verwundern; er ist der spätre Hephästos, nach einer Seite, seine Erfindungen sind geistige, gehörn dem Verstande an, aber ihr Zwek, Inhalt ist ganz endlicher, prosaischer Art. Das 2te ist, daß diese Scheidung und dies bestimte Verhältniß der Ueberwindung der Titanen ausdrüklich unterschiden ist, aber in den neuen Göttern ist auch der Anklang vorhanden an das Alte; daß sie beides sind, aber nicht chemisch, sich durchdringend, vereinigend, sondern an das Naturelement nur anklingt. Zeus ist natürliche Macht, ist zusamen mit Hera, der Erzeugerin, als Macht die erzeugende Lebendigkeit, | er ist das politische Wesen an und für sich; Schützer der Gastfreundschaft. Okeanos, auch der Pontus sind Titanen, unter den neuen Poseidon, eine Figur, der die Wildheit des Elements an sich hat; er ist aber auch die Erinnrung dessen, der als Titan ganz Naturwesen war. Apollo, das Licht, die Sonne, dem ligt ein Naturelement überhaupt zu Grunde, aber das Naturelement des Lichts umgebildet in die analoge geistige Weise. Seine Strahlen sind Sonnenstrahlen, Lichtstrahlen, aber sie sind das Wissen, das hellmachende Licht, als

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1 die Libe, … algemeine] Do: noch die abstrakte Liebe als allgemeines Princip 3 Naturwesen] Do: Die Titanen sind also Naturwesen 8 an und für sich] Do: bleibend 10–11 geistige Bedeutung haben] Do: ein geistiger Inhalt sind 11 naiver] Pi: bestimmter 14 Consequenz] Pi: Consequenz 35 in der Nebensache 24–25 Zeus ist natürliche Macht] Pi: Zeus hat seinen Sitz in den Wolken, ist Herr des Natürlichen 26 das politische … sich] Do: auch der wesentlich politische Gott 28 Elements] Do: Naturelements Pi: Meers 28–29 er ist … war] Do: aber es ist doch eine zweite Figur 23 chemisch Lesart wegen eines Tintenflecks unsicher

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Licht des Geists; er ist der reinigende, sühnende, er ist selbst rein, und macht alles rein und erhebt es zu seiner Reinheit, hat keine Gattin, sondern nur eine Schwester, ist nicht verwikelt in sovil häßliche Geschichten als die andren; als der wissende ist er auch der das Wissen aussprechende, prophezeihende, weissagende, alles verborgne ans Licht bringende, im verdekten Sehende, entgegengesezt, die Eumeniden halten das Verbrechen fest, strafen hart; die neuren Göter, das Princip der Geistigkeit, haben auch das Princip der Versöhnung und Reinigung in sich. Müller in seinem Buch über die Dorier, auf wilkürliche Weise, bei ihm herschend, gibt zu, daß vile Andeutungen vorkomen, daß dem Apollo das Licht zukome, führt unvolkomen an, und weist auf sehr oberflächliche auf unstatthafte Weise ab, wie er habe mit Sonnenstrahlen den Py thon todtschießen. Das sind Pfeile, da geht es hinüber und herüber, und nachher komt er auf Apollo Ntkfjou, den besonders Kreuzer ausführlich behandelt, der aus dem Morgenland komt, das Lichtprincip enthält. Wenn wir sagen, daß des Apolls Licht das Naturelement sei, welches ins Geistige umgebildet ist, das Licht ist das klarmachende, alles zur Erscheinung bringende, deswegen der wissende, der reinigende, sühnende, heilende, bekräftigende, aber als Sonnenführer auch Führer des harmonischen Reigens, Herr der Harmonie, wenn man diese Züge, die das Naturelement betreffen, als geistiges deutet, und dies für Allegorisirn erklärt von uns oder den späten Griechen, sagt, dies sei nicht geschichtlich bei den Griechen gewesen, sondern unsre Erklärungsart, so ist zu sagen, daß dies Herüberwenden des natürlichen ins geistige griechischer Geist ist; die ganze Samlung griechischer Epigramme ist nichts, als äußerliche Sache, hübscher Einfall, geistiges, von äußerlichem Anfang, das in etwas geistiges umgebildet ist; auch ist es volkommen geschichtlich, in Apollo die Bestimmung des Lichtes zu | erkennen, und die geschichtliche Nachweisung hat Creuzer in sehr vilen Zügen geleistet. es ist griechischer Geist und so natürlich, daß 1000 und aber 1000 Herüberzihung von Analogien nicht so natürlich war. Was abhält, dies zu Erkennen, ist der Verstand, der die Kategorie, Einheit nicht zu erkennen vermag. Er führt Bestimmungen an, und schlißt, es sei ein supranaturalistischer Gott gewesen, d.i. geistiger Gott, (unstat thafter

5 entgegengesetzt] Pi, ähnlich Do: dem Finstern, dem Verbrechen entgegengesetzt 6 Verbrechen] DoPi: Recht 8–10 auf wilkürliche … an] Pi: aber die Andeutungen führt er unvollkommen an 13–14 das Lichtprincip enthält] Pi: Er heißt das Licht besonders in sich. Lux. 15 umgebildet ist] Pi: umgebildet. Leto, seine Mutter, (Dunkelheit). Do: Apollo ist von der Letho geboren, 22–24 ist nichts, … ist1] Pi: sind dafür Zeugen. 35 (wo an die Dunkelheit gedacht werden kann) Ein äußerlicher Anfang, umgebildet in ein Geistiges. Do: So liegt ein natürliches, ein äußerlicher Anfang allen griechischen Epigrammen zum Grunde. 27–28 und so … war] Do: Außerdem 1000 und aber tausend Analogien sind nicht so gegründet als diß. Pi: Viele Erklärungsweisen sind lange nicht so natürlich als dieß. 28 dies] Pi: die Verbindung der beiden Elemente 29–30 Er 40 führt … es] Pi: Aber eine solche Bestimmung schließt jenes Element als Anklang nicht aus.

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Ausdruk) schlißt nicht aus, daß der Anklang der Natur mehr als äußerlicher Ursprung dabei ist. Der Verstand hält dies auseinander, findet das geistige drin, weiß mit dem andren, dem natürlichen nicht auszukomen. Artemis ist Anklang der Selene, die Najaden sind umgebildet in die Musen. Die meisten weiblichen Gottheiten haben ihren Anfang in der Vorstelung der algemeinen Lebenskraft des Gebährens, der Fruchtbarkeit. In dieser algemeinen Naturbestimmung haben die meisten weiblichen Gottheiten ihren Anfang, Cybele, die Diana von Ephesus ist die Mutter Natur, ØÏrju; wie die ionische Philosophie in Kleinasien anfing; fq© ØÅrfvu; die Mutter Natur, in die Diana umgebildet, die das Wild tödtet, und das weibliche, Apollo die Männer, näher ist jene Bestimmung der Mutter Natur ganz zurükgedrängt. – Diese Götter sind keine Abstractionen, wie die Zeit, der Himel, das Eine, der reine Gedanke, oder die Weisheit, das Wissen; solche Abstractionen des Geistigen sind diese Göter nicht, Nothwendigkeit; diese Götter sind keine A l l e g o r i e n , d.i. so eine Abstraction, eine algemeine Vorstelung, die dann äußerlich mit allerhand Attributen behängt ist, wie die horazische necessitas. Solche Abstraktion ist keine Individualität eines griechischen Gottes. Sie sind auch kein Symbol, d.i. ein Zeichen von irgend etwas andrem wie dem Thir, was Zeichen ist. Der Adler ist stark, Zeichen des Jupiter, ist auch noch mehr, dieser besondre Vogel; diese Individualitäten der griechischen Götter drüken an ihnen selbst aus, das was sie sind. Ein Kopf von Apollo, der wie der Dichter den Apoll schildert, das bildhauerisch darstelt, ist kein Symbol, sondern er selbst ist dargestelt, dieser geistige Character, der Ausdruck, das äußerliche, worin sich das Geistige manifestirt, ist ganz diesem Geistigen angemessen, so daß nur dies darin scheint, | gegenwärtig ist. Sie sind als Individualitäten, Subjecte zu fassen, das Geistige ist wesentlich Subjectivität. Abstractionen des Verstandes sind nicht Ideen, die Idee enthält wesentlich Subjectivität, den Einheitspunkt der Subjectivität. So sind sie Individualitäten, die concret sind; Subjecte von vilen Eigenschaften, ein Allegorisches enthält

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1–2 schlißt nicht … ist] Do, ähnlich Pi: doch schließt diese geistige Natur nicht aus, wie das andre Element als äußerlicher Anklang daseyn kann 9 die Diana] Do: in die Jägerin, und die 30 Jungfrau 10 näher] Pi: in diese griechische Diana 12 Diese Götter … wie] Do, ähnlich Pi: Das dritte ist nun, daß wir diese Götter indem wir sie als geistige Wesen zu fassen haben, sie durchaus als Individualitäten zu fassen haben, nicht die Abstrakta 13–14 solche Abstractionen … nicht] Do: Solcher Gedanke macht nicht ihren Inhalt aus 19 Vogel] Do: Vogel, also ein willkührliches Zeichen 22 ist kein Symbol] Do: ist nicht ein Symbol der Ruhe und Klarheit 24 so daß … 35 scheint] Pi: Es ist nur das Scheinen des Geistigen den Sinnen gezeigt, ohne, daß etwas andres darin Do: er ist nichts als das Scheinen dieses geistigen Charakters 28 Subjecte von vilen Eigenschaften] Do, ähnlich Pi: sind also nicht nur eine Eigenschaft, sondern enthalten viele Bestimmungen in sich 16 necessitas.] Ke: necessitas, mit ihrer sowie eine Textlücke von einer halben Zeile, die nicht durch DoPi gefüllt werden kann 40

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nur eine Eigenschaft; concrete Individuen; Achill, der größte Zorn, Leidenschaften und Rührung, Freundschaft, Libe. Die griechischen Götter sind also die größten Individualitäten, als geistige müssen sie dies. Sie sind aber auch besondre Charactere, eine Bestimmung ist in dem einen etwa überwiegend, aber jedem, als lebendiger Individualität komt eine Menge von Bestimmungen zu; hir geht die Zufäligkeit an, schwer würde es sein, die Griechischen Götter in ein System bringen zu wollen. Hauptmomente lassen sich unterscheiden; aber sie sind wesentlich besonders, und zwar deswegen, weil die Griechen zwar Gott als Geist verehrt haben, aber noch nicht als freien, absoluten Geist gewußt haben, sondern als Geist der aus der Natur herkomt, mit dem natürlichen behaftet ist, und deswegen die Bestimmung der Besonderheit an ihm hat. Zeus steht an der Spize; man kann die Bestimmung der Einheit daran finden, das fatum, aber in aller Besonderheit ist auch die Bestimmung der Einheit vorhanden, aber noch nicht in ihrer wahren Würde, Kraft und Recht, so daß die Besonderheit noch freigelassen ist, unvereinigt unter dem Begriff des Geistes. Es ist nothwendig, daß hir zufälige Besonderheit ihre Stelle hat, weil es der erste Geist ist. Es kann 4tens, darauf hingewisen werden, wo diese Besonderheiten, besondren Stoffe herkomen, Besonderheit hat äußerlichen Ursprung, wo ist dieser zu suchen? Erstens in dem, was man Localgottheiten nennt, wie wir das Zerstreute des Anfangs des griechischen Lebens gesehn haben, dies von Haus aus zerstreutsein und sich wieder punctualisirn führt sogleich die Localvorstelungen herbei, von solchen Localgöttern muß gesagt werden, daß sie vil größre Breite haben, als wie sie nachher in den Kreis der übrigen treten; sie haben für alles | das zu machen, was in jenem Gesamtkreise unter die verschidnen ver theilt ist. Diana hat vil weitre Bedeutung, Umfang, als wie sie nachmals hatte, als sie unter andre getreten ist. Localgottheit erhält nur eine bestimte, besondre Bedeutung; Anderseits ist der besondre Gott bestimt nach der besondren Noth, Angelegenheit und Intresse, welche zum Bewußtsein gekomen ist, nach der Erklärung der besondren Angelegenheiten dieser

1 Achill, der größte Zorn] Do, ähnlich Pi: So im Homer Achill eine solche (Do: concrete Indivi5–6 hir geht … an] Do: und bilden einen Kreis solcher, wo die Zufälligkeit angeht 6 schwer] Do: unmöglich Pi: vergebens 9 absoluten] Do: ewigen 12 die Bestimmung der Einheit] Do: eine höhere Einheit 12–15 in aller … Geistes] Do: die Einheit ist ohnmächtig, so daß die Besonderheiten unfrei aus dieser gelassen sind 20–21 punctualisirn] Do: Communalisiren 24 Diana] Do, ähnlich Pi: 25 als sie … ist] Do: wo sie nur eins unter jenen wird 25–27 Local35 Diana von Ephesus gottheit erhält … Intresse] Pi: Die griechischen Götter sind als Individualitäten mit Besonderheiten zu fassen. Diese sind nothwendig, weil nicht der an und für sich seiende Geist hier noch dargestellt ist. Diese Besonderheiten stammen von Lokalanfängen. Die Eine, Hauptlokalgot theit, hat die Hauptelemente in sich zu vereinigen, die dem ganzen Götterkreise zukommen. Der Lokalgott ist 27 Angelegenheit] Do: 40 zugleich besonderer Gott, also nach dem besondern Interesse bestimmt dem besonderen Glück

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30 dualität, die große Härte Zorn Pi: reiche Individualität. Grausamkeit)

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Gegend; Gott Abrahams, Isaacs und Jakobs localisirt, daher eine Menge Herakles, Zeus, deren jeder eine besondre Geschichte hat, von localem Ursprung. Die indischen Götter haben an verschiednen Örtern Tempel, in jedem Tempel Puranas, Tempelgeschichten; in katholischen Gegenden hat jedes Heiligenbild besondre Wunder; Ein Heiliger, Mann ist localisirt, in Griechenland ist alles zerstreut, und nachher in Eins zusamengefaßt. Es komt hinzu der zum Grunde ligende Geist der freien Phantasie der Griechen, die zu jedem Umstand eine anmuthige Geschichte gemacht haben. Solche anmuthigen Geschichten, deren Grenze nicht bestimmt ist, sind Quell von neuen Einfällen, daher eine Menge von besondren Umständen hervorgebracht. Ein 2ter Quell solcher Besonderheiten sind vornehmlich die fremden Religionen, Gottheiten, Mythen. Diese alten Religionen, die vornehmlich Naturreligionen gewesen sind, sind meistens ebenso für sich besonders getrennt erhalten worden, als sie verarbeitet und umgebildet worden sind. Wie die Titanen erhalten sie die neuen Götter, in denen so die 2mal gebornen waren. Dies Erhalten der fremden Religionen führt uns auf das berühmte Kapitel v o n d e n M y s t e r i e n d e r G r i e c h e n . Eleusinische, samothracische, sind etwas, das die Neugirde aller Zeiten auf sich gezogen hat, weil sie diesen großen Ruhm der Tife von Weisheit, Ofenbarung, Erkenntniß, dies Vorur theil, für sich haben. Es ist nur für ein Vorur theil anzusehn, wenn man glaubt, das alte sei treflicher, als das nachherige, worin es umgebildet ist. Die Mysterien sind alt, dies nimt man schon deswegen für das tifere, worin die reinren Wahrheiten des Menschen selbst vorgetragen worden seien. Besonders die Hypothese hat man gehabt, daß die Einheit Gottes da gelehrt worden sei, gegen die Vilgöttrei der Volksreligion; und die Lehre von der Unsterblichkeit der Seelen, dem seligen Zustande derer, die sich sitlich betragen haben, und der Unsterblichkeit der Qual | der Gottlosen. Dergleichen ist mehr oder weniger Erdichtung. Es sind alte Religionen, und da ist es ungeschichtlich, eine Thorheit, zu meinen, tife Philosopheme seien darin enthült, vorgestelt worden. Im Gegentheil dies Alte ist nichts andres seiner Natur nach, als ein Rohes, dessen Inhalt nichts andres sein konnte, als Vorstelung von Naturideen, wenn wir sie so nennen wollen, von der algemeinen Umwandlung in der Natur, von dem, was die Lebendigkeit ist, was sie thut. St. Croix hat das zusamengestelt, mit sehr großer umsichtiger historischer Genauig-

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1 Gott Abrahams, … localisirt] Do: so wie wir bei den Juden den Gott Abrahams Isaaks und Jakobs sehen 5 Wunder] Do: Geschichten an besondren Orten 9 neuen] DoPi: ewig neuen 13–14 Wie die … waren.] Do, ähnlich Pi: so die Titanen, neben den Göttern, in denen 35 sie wiedergeboren sind 19 alte] Do: Anfängliche 26 Dergleichen ist … weniger] Do: Diß ist Hypothese oder im eigentlichen Sinne Es sind alte Religionen] Do: Die Mysterien waren pelasgische, samothragische, aegyptische. 32 das] Do, ähnlich Pi: alles historische 4 Gegenden hat] Ke: Gegenden,

11 Religionen] Ke: Rell

15 Religionen] Ke: Rell

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keit, ohne sich in das geistreiche Hypothesenwesen, diese deutsche Manier, einzulassen; die neue Ausgabe von Sylvestre de Sacy, diesem in jeder Rücksicht gründlichen Gelehrten, Man muß nicht glauben, sagt er, daß es System von Lehren gewesen sei, was den Griechen von den Aegyptern, Pelasgern, Samothraciern u.s.w. überliefert wurde, sondern es sind ofenbar sinliche Handlungen, Gebräuche, Darstelungen; und weiter, daß die mystischen Darstelungen nichts gewesen sind als Symbole der wesentlichsten algemeinen | Operationen | der Natur, und des Wechsels, den die Natur im Lauf des Jahres erfährt, wie sich die Erde zu den himlischen Erscheinungen verhält, die Jahreszeiten, das Ersterben des Samens, Wiederauf keimen, wurde personificirt vorgestelt. Das wissen wir an und für sich, daß wir bei den Aegyptern keine ausgebildeten Lehren und Weisheit zu suchen haben, und den andren noch weniger. Das algemeine was der Ceres und Proserpina, spätren Namen, zu Grunde ligt, erweist nur, daß sie Bacchos Stelle eingenomen, aber vom Bacchischen wissen wir, daß die Hauptsache waren obscöne Geschichten und Darstelungen, die alerdings algemeinen Sin haben, wie bei den Aegyptern und Indern, wo das Hauptintresse für die Vorstelung, die Lebenskraft und die Verändrung, welche dieselbe hervorbringt, ausmacht. Einen analogen Proceß, wie die Natur, geht der Geist hindurch; der Geist muß sterben, um auf zu erstehn, der natürliche Geist, er befreit sich von der Natürlichkeit und ist freier Geist. Die Grundvorstelungen sind rohe Darstelungen dieser Processe der Natur gewesen, die dann abstracter Weise dieselben Momente und Durchgänge hat, wie das Geistige. Dergleichen Darstelungen klingen auch an das Geistige an, aber trübe, unklar, | subordinirter. Unzüchtige Geschichten, worin die Vorstelung des Processes der Lebendigkeit enthalten ist. Solche Darstelung hat für den Geist des Griechen in ihrer Alter thümlichkeit, ungeistigen Form etwas Scheu erweckendes, (das weckt Schauer, woran der Mensch merkt, es hat Bedeutung, er hat Respect davor), aber die Form, hir die sinliche Form, stößt ihn zurük, es ist etwas geheimes drin, intrikirt ihn, und stößt ihn zurük, er hat Ahndung davon, ist aber nicht bei sich selber drin, es ist ihm nicht klar. Ein

an und für sich] Pi: genau 11 ausgebildeten] Do, ähnlich Pi: theoretisch ausgedrückte 12 den andren noch weniger] Pi: noch weniger bei Pelasgern und Samothrakiern 13 spätren Namen] Do: Demeter und Persephone 13–14 erweist nur, … eingenommen] Do: wissen wir wohl ebenso, daß die Vorstellungen von Dionysos eine Stelle in den Mysterien einnehmen 18–20 sterben, um … Geist] Do, ähnlich Pi: seinem Willen nach untergehen, um 35 aufzustehen, um Geist zu seyn. Der Geist muß zweimal geboren werden. Pi: untergehen, als natürlicher, und nur als zweimalgeborener gilt er 23 trübe, unklar, subordinirter] Do: auf eine trübe und beschränkte Weise 28–29 er hat … klar] Do, ähnlich Pi: etwas worin der Mensch sich ahnt und seinen Geist, und doch sich nicht klar ist

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5 wurde,] in Ke folgt eine Textlücke von zwei bis drei Wörtern, die nicht durch DoPi gefüllt werden 7 Operationen so Pi; in Ke Textlücke von einer Wortlänge

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Bedeutsames ist es gewesen, aber wo die Bedeutung noch nicht heraus ist. In den Göttern ist der Sin der Mysterien vor ihnen gestanden, und das klare weckt keine Schauer; besser ist es nicht gewesen, sondern schlechter roher. Wie die Leute vor der Freimaurerei Respect haben; tifre Lehre und dergleichen. – Aeschylus ist angeklagt worden, er habe die Mysterien geofenbart; er hat ausgesagt, die Diana sei eine Tochter der Ceres, das ist die große Weisheit, da kehren wir die Hand nicht drum um. Dies Bedeutsame, das nur geahndet, noch nicht bestimmtes ist, ist entgegengesezt dieser Bestimtheit, in der die griechischen Göter für die algemeine Vorstelung geheiligt waren. Indem man der Mythologie der Griechen nachforscht in ihrem Anfang, so verschwindet die Bestimtheit, da ist das geheimnißvolle Unbestimte, und dies unbestimmte ist entgegengesezt den bestimten Gestalten der Götter, und dies unbestimte droht den Untergang der klaren Gestaltungen der Götter; will man die Götter der Kunst erhalten, so muß man jenes unbestimte davon fern lassen. – Man sagt, in den Mysterien seien Lehren vorgetragen, abweichend vom algemeinen Volksglauben, besser als der, deswegen verborgen. Da ist zu bemerken, daß alle Athenienser eingeweiht waren, die Frauen und Kinder, auch in die samothracischen die Kinder. Philipp lernte da die Olympias kennen, man kann ebenso gut sagen die chinesische Religion sei dem Glauben entgegen gewesen: kein Unterschid. Sokrates hat sich nicht aufnehmen lassen, um freie Hand zu behalten, für seine Reflexion. Sehr schif, wenn man meint, daß sie außer den öfentlich anerkanten Sitten, Maximen, Bildung, Religion noch eine besondre Religion, Weisheit | gleichsam in einer andren Tasche hätten. Die Freimaurer sind Leute wie andre; wenn sie besondre Weisheit hätten, so könnte es nicht so getrennt sein, daß sie sie nicht sehen ließen im Leben der Wissenschaft. In den Mysterien alter Kultur, fremder Religion, Weisen der Naturreligion, die als ein unterirdisches gehalten war, als ein Geheimniß, allen Athenern bekannt. In Rüksicht auf die besondren Züge ist in den besondren Naturvorstelungen die Quelle zu suchen. Die meisten Göter aus der Fremde. Localgottheiten und Fremde. Herodot sagt es von Aegypten, andre von Kleinasien. Die Griechen fragten in Dodona an, ob sie die fremden Göter aufnehmen sollen. Die fremden

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2 Göttern] DoPi: schönen Göttern ist der … gestanden] Do, ähnlich Pi: ist den Griechen jene Bedeutung klar gewesen Pi schließt an: Darum waren sie lieblich. 3 besser ist … vorher] Do: wohl aber jenes, was schlechter und roher ist 7 Bedeutsame] Do: einerseits Bedeutungsvolle 10–11 da ist … entgegengesezt] Do, ähnlich Pi: In den (Do: unbestimmten Pi: symboli- 35 schen) Vorstellungen der Mysterien, die wohl nicht mündliche Lehre waren, nur Symbole ist das nur bedeutende in so fern drohend 20 Sehr schif ] Do: Wir kennen die atheniensische Bildung und es wäre falsch 22 Weisheit] Do: Sittlichkeit und Weisheit 25 Wissenschaft] Pi: Wissenschaften und der Handlungsweise 30 von Aegypten] Do: ausdrücklich von Aegypten 31 fremden Göter] Do: neuen Namen der Götter 40

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My then waren fremdartig gegen den griechischen Geist überhaupt; dies Fremdartige, dies Anfängliche überhaupt, Fremdes oder Einheimisches, ist von den Griechen geistig gemacht worden, und in diesem Geist sind alle enthalten, nur nicht die Naturgegenstände. Den alten Götern sind von den fremden die besondren Züge mit herübergekomen, so, daß dieser Zug der an den griechischen Individuen vortrit, etwas äußerliches gewesen ist und zu einer besondren bedeutungslosen Geschichte geworden ist, oder die Bedeutung eine üble geworden ist. Vom Zeus eine Menge scandalöser Liebschaften, Ehe mit der Hera, wird vorgestelt, (ein sitliches Verhältniß,) als die algemeine Ehe, das sitliche Verhältniß an und für sich, aber was hir Ehe ist, ist auch bloßes Naturverhältniß, und so vorgestelt ist es das orientalische oder das alter thümliche überhaupt, außerdem aber müssen wir solche Erzeugung bedenken, die er mit der Semele gehabt hat, woraus Bacchus entstand, mit der Io, Tochter des Inachos, was nach Aegypten verweist, die in eine Kuh verwandelt wird, dies scheint an die Isis, an die indische Kuh anzuspilen; Theogonie, Allegorie, Philosopheme, My then von der Erzeugung der Welt aus 2 Principien haben zu Grund gelegen, in verschiednen Localitäten gesammelt auf den Zeus, den algemeinen Gott, wo er nun wegen seiner Ehe skandalös wird. Das, was algemein ist, wird zu einer zufäligen Geschichte einer einzelnen Begirde gemacht. Daher gibt es so unendlich vile Besonderheiten, für sich von keinem Sinn, worin man alerdings eine algemeine Bedeutung vermuthen muß (Creuzers Bemühen ist es nun gewesen, nachzuforschen, und dies algemeine | anzugeben). Kreis des Symbolischen, was seiner Bedeutung nicht entspricht, dagegen das, wo der Geist als Geist sich zeigt, klarer Ausdruck ist. Das natürliche ist zu Symbolen herabgesezt worden, das Symbol des Erzeugtwerdens der Welt ist Geschichte von Libschaften des Jupiter geworden. Die Thire sind auch zu Symbolen herabgesezt; das Thir, das bei den Aegyptern als Gott galt, ist zurückgesezt, gilt nichts für sich, in ihm ist das Leben zu erkennen, aber es ist um das geistige zu thun, und um das Bewußtsein der Lebendigkeit nicht in dieser Einzelheit eines Thirs; das ist also zum Symbol herabgesezt und neben sie hingestelt worden. | Indem die Götter Individualitäten sind, sind sie besondere, d.h solche wo die innerliche Unendlichkeit und die Aeußerlichkeit heraustritt. | es ist an ihnen

1 fremdartig] Do: zum Theil fremdartig 14 Isis, an … Kuh] Pi: Isis mit Kuhhörnern und Kuh der Indier 16–17 gesammelt auf den] Do: entstanden wurden versammelt im 18 zu] Do: nun individualisirt und so zur 21 nachzuforschen] Do: diesen Besonderheiten nachge22 was seiner … entspricht] Pi: Das Symbol ist Zeichen, doch nicht vollkommen ent35 forscht sprechend 30–31 d.h solche … heraustritt.] Pi: darum eitele, äußerliche. Die Götter sind mit Aeußerlichkeit behaftet. 3 alle enthalten] Ke: allehalten 5 dieser Zug] Ke: diese Züge 30–31 Indem die … heraustritt. so Do; in Ke nach dem Datum eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen

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deswegen sogleich auffalend dieser Contrast ihrer Götlichkeit, Geistigkeit, wesentlichen Schönheit und dieser Zufäligkeit, die man als menschliche Schwäche auffaßt. Eben einerseits ist der Anfang der griechischen Göter von außenher, der Natur und fremden Religionen, gekomen, und von dem Geist geistig gemacht worden, und die Individuen, wie Herodot angibt, die dies konnten, sind Homer und Hesiod, und die Bildhauer besonders haben diese individuellen Gestalten so selbstständig, so ins reine Schöne vollends herausgearbeitet. Es ist im Intresse der geschichtlichen Untersuchung, der Besonderheit nachzugehn, aber nicht im Intresse des Schönen, dieser götlichen Ruhe und Selbstständigkeit, die uns aus diesen Bildern entgegenstrahlt, jene Anfänge herauszuheben und als das wesentliche anzugeben; Herkules zb. ist e i g e n t l i c h die Sonne, Poseidon das Meer, Apollo auch die Sonne, so nimt man für das wesentliche das Abstracte, theils natürliche, theils das abstracte des Gedankens, wie Zeit, aber da die griechischen Göter geistige sind, so ist dies nicht ihr Wesen, sondern dies, concrete Geistigkeit zu sein. Nachtheil zugleich, daß die Götter als menschlich vorgestelt werden, dieser Anthropomorphismus ist der Mangel. Schon Xenophanes hat gesagt, die Menschen haben sich so die Götter gemacht, wenn die Löwen sich Göter machten, würden sie sie zu Löwen machen. |Gott hat die Menschen zu seinem Bilde gemacht mais, wie ein Franzose sagt, mais l’homme lui a bien rendu, der Mensch hat es ihm gut herausgegeben, hat sich ihn auch nach seinem Bilde gemacht. Näher unterschieden gilt, | das menschliche ist das geistige, und so ist es das vortrefliche, wahrhafte der griechischen Götter, wodurch sie über allen Naturgottheiten, als diesen alten abstractis stehn, diesem Einen, oder höchsten Wesen, dieser leeren Identität, das leere, bestimmungslose, unbestimte Wesen, die Geistigkeit ist das höhre, das Geistige ist das Wahrhafte gegen die Bedeutung von Naturmächten als diesen Abstractionen. Die Griechen haben die Natur nicht vergöttert, sondern das natürliche verwandelt in ein Geistiges. Daß die Götter menschlich gebildet sind, wird als Vorzug angegeben, und gegen das Christenthum, Ansicht in Schillers Götter Griechenlands: Als die Götter menschlicher noch waren, waren Menschen götlicher. Was die Vergleichung mit der christli-

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4 fremden Religionen] Pi: Tradition 6 die Bildhauer besonders] Do: die weiteren, die Künstler besonders die Bildhauer 9 Schönen] Do: Schönen, der Kunst 10–11 jene Anfänge … anzugeben] Pi: Jene Anfänge als das Wesentliche anzusehen, ist unrecht. 11–12 Herkules zb. … Meer] Do: Wenn man sagt, Neptun ist eigentlich das Meer, Apollo die Sonne 16 der Mangel. … gesagt] Do: ist ihnen schon von den Eleaten, Xenophanes vorgeworfen worden 27 Daß] Do, 35 ähnlich Pi: Andererseits wird dieses daß 28–29 gegen das Christenthum] Do: dagegen der christliche Gott heruntergesetzt 4 Religionen] Ke: Rell 7 herausgearbeitet] Ke: herausgearbeitet haben 18 würden sie … machen. so Pi; in Ke eine Textlücke von eineinhalb Zeilen 18–19 Gott hat …sagt, so Do, an Stelle derselben Textlücke 40

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chen Religion betrift, so ist das menschliche kein Vorzug dagegen, denn, was christliche Religion ist, heißt es, Gott ist im Fleisch erschienen, und das Christenthum ist, Christus als Gott, und Gott als Christus zu verehren; dieser Gottmensch Christus ist noch in vil bestimtrem Sinn menschlich gewesen; ganz andre Menschlichkeit hat diese Präsenz, die natürlichen Umstände, Tod, Leiden, schmählicher Tod, als die Menschlichkeit der schönen griechischen Götter. Wenn man die Menschlichkeit als Vorzug ansehn will, so kann man es nicht als Vorzug gegen die Menschlichkeit Gottes in der Christlichen Religion und Kirche; ganz andrer Anthropomorphism. Was das beiden gemeinschaftliche betrift, so muß man sagen, daß wenn Gott erscheinen soll, so kann er nur als geistiges erscheinen, muß in seiner Erscheinung, Äußerlichkeit, Unmittelbarkeit, Wirklichkeit, als Geistiges erscheinen, für die sinliche Anschauung, Vorstelung als Geistiges erscheinen, kann er nur in menschlicher Gestalt, sonst gibt es keine sinliche Weise, in der das Geistige sich als Geistiges zeigt. Gott gibt sich zu erkennen, in der Natur, der Sonne, den Thiren, dem Zusamenstimen ihrer Zweke und Mittel, oder im feurigen Busch, | Säuseln des Winds, in allem diesem ist Gott nur wahrnehmbar im Inren des Subjects; aber alle diese Natürlichkeiten drücken an ihnen selbst nicht aus die Geistigkeit, das ist allein die Menschliche Gestalt, in ihr hat man vor sich das sinliche des Geistes, aus seiner Bildung strahlt das Geistige als solches heraus. Wenn Gott also erscheinen soll, für die sinliche Anschauung, Vorstelung, kann er nur erscheinen in menschlicher Gestalt; und Gott muß erscheinen, muß die Weise des Erscheinens haben für sinliche Anschauung, denn das Wesen muß überhaupt erscheinen, es ist nichts, wenn es nicht erscheint, die Weise der Unmittelbarkeit an ihm haben, für andres sein, seine unmittelbare Weise, und da sind der Weisen vile, die Erscheinung in der Natur ist aber vil unadäquater, als die menschliche Gestalt. Dies ist gemeinschaftlich, aber unterschiden sind beide, und auf diesen Unterschid komt es denn an, daß der Geist sich hat zum christlichen Geist bilden müssen, daß im griechischen Bewußtsein nicht dies Erscheinende, der Gottmensch, geworden und gewesen ist nur ein Moment des höchsten, wahrhaften, an und für sich seienden Geistes; das ist die

1 dagegen] Do: gegen die christliche Religion, wie sie früher als Religion der Kirche ausgesprochen wurde 2 erschienen] Do: erschienen: Christus dieser Mensch ist Gott 3 Christus als … verehren] Do: daß Gott dieser Mensch, dieser Mensch Gott 5–6 Tod, Leiden, schmählicher Tod] Do: Er starb, und sein Sterben war ein Leiden, sein Tod ein schmählicher, dieß ist eine andre 14 das Geistige] Do: Gott 19 aus seiner Bildung] Do: Aus dem Auge 35 Menschlichkeit noch des Menschen 22 denn] Do: denn das Wesen ist zugleich der Schein 25–26 vil unadäquater] Do: eine viel unwahrhaftere Pi: weit untergeordneter 26 Gestalt] Do, ähnlich Pi: Gestalt. Dieser Anthropomorphismus ist also nicht das Schlechte an der griechischen Religion. 26 unadäquater] Ke: unädäquater

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Hauptsache, der erscheinende Gott, d.h. der Gott nach der Bestimmung zu erscheinen, ist nicht der absolute Gott, muß erscheinen, aber, daß er erscheint ist wesentlich ein Moment der ganzen Totalität. Christus ist gestorben, d.h. der erscheinende Gott ist gesezt als ein sich auf hebender, ein Moment, und erst als gestorben erhoben zur Rechten des Vaters, ist er in seiner Vollendung gesezt; das Erscheinen muß sein, kann nicht weggelassen werden, aber muß so sein, daß es als ein Moment, Aufzuhebendes und Aufgehobnes gesezt ist. In den griechischen Göttern ist die Erscheinung des Gotts in einzelner, würdiger, menschlicher Gestalt, und das sinnliche ist in der Schönheit verklärt zum Ausdruck des Geistigen. Die griechischen Götter sind Ideale, aber diese Weise zu erscheinen bleibt die ausschlißliche, höchste Weise, in der das götliche gesezt ist. Der erscheinende Gott ist nicht als Moment ausgedrückt, die Form | der Erscheinung ist die höchste, das Ideal ist nicht zugleich als ideell gesezt. Beide Bestimmungen hängen damit zusamen, daß der griechische Gott für den Menschen ein jenseits noch ist, der Geist aber ist absolut dies, in dem Erscheinen in sich, bei sich selbst zu sein, wenn aber das Erscheinen die perennirende Form ist, so ist der Geist der erscheint, in seiner verklärten Schönheit, ein jenseits für den subjectiven Geist, und die wahrhafte Versöhnung des Geists mit sich selbst in seinem Anderssein kann nicht vorhanden sein; und die beiden Einseitigkeiten sind zugleich vorhanden, aber unausgeglichen; das Extrem der Subjectivität, daß dieser Gott ist n u r ein vom Menschen gemachtes, das ist die subjective Seite, die er behält, er ist zu objectiv; und die Subjectivität heißt hir n u r , und dies subjective ist noch nicht die wahrhafte Subjectivität, weil sie dem Objectiven noch gegenüber besteht, das Subject ist noch nicht gewußt anerkannt als in Gott aufgenommen; der erscheinende Gott ist nicht gesezt als nur Moment, und deswegen ist er nicht gesezt als affirmatives Moment, deswegen nicht in Gott aufgenomen. Das Subject als solches, der mensch liche Geist, weil er noch nicht in Gott aufgenomen ist, ist noch nicht absolut berechtigtes; die Subjectivität ist noch nicht zu ihrer Tife gekomen, son-

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5 Vollendung] Do: Wahrheit Pi: Wahrheit und Vollendung 12–13 die Form … höchste] Do, ähnlich Pi: diß ist der wahrhafte Mangel 16 ist1] Do, ähnlich Pi: ist (wie Individuen in der höch- 30 sten Liebe doch noch (Do: etwas gegen Pi: Andere für) einander sind) 16–17 ist der … Schönheit] Do: bleibt der griechische Gott noch 19 Einseitigkeiten] Do: Extreme 22 objectiv] Pi: objektiv, und anderseits zu sehr vom Subjekte gebildet Do: objektiv ist nach der andren Seite ist er indem er dem Objekt als Kunstwerk gegenübersteht ( folgt gestr: vom Subjekt gemacht, und diß ist das Extrem der Subjektivität) hir n u r ] Pi: hier: er ist nur subjektiv 26–27 Das Subject … ist1] 35 Pi: Subjekt als solches ist der Mensch auch nur, als nicht in Gott aufgenommen. 28 berechtigtes] Do: berechtigt, an sich wohl ist die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur, aber nicht wie im Christlichen Pi: So in Griechenland ist die Identität an sich, aber noch nicht zum Bewußtsein gekommen. nicht zu … gekomen] Do, ähnlich Pi: nicht als berechtigt, als wahrhaft 40 vorhanden

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dern ist noch behaftet mit einem Jenseits und wird noch von außen bestimt. Diese Bestimung näher führt uns dahin. Wir haben die Götter als geistige Individualitäten, die besondre sind, und damit hat ihre Götlichkeit noch die Bestimmung von außen, es schwebt über ihnen die Einheit, die höher ist als sie, vor der sie sich als fürchtend vorgestelt werden; die Nothwendigkeit fatum. Daher die vilen My then, werde einen Sohn von der Thetis gebären, der ihn vom Thron stoßen werde; auf Herakles, den Menschen der zu Gott erhoben wird, auf den Gottmenschen werde das Reich übergehn. Das andre, was die Subjectivität des Menschen betrift, so gehört das gesagte auch zur Bestimmung dieser Subjectivität; die menschliche Subjectivität hat sich noch nicht für sich absolut berechtigt gewußt zum Wollen, Beschließen; sie hat sich die Entscheidung zum richtigen Beschlusse anderswoher geholt, Orakel befragt, was | zu thun sei für Staat und Individuum. Drittens das Politische; enthält die Vereinigung der beiden betrachteten Seiten; der Geist einerseits; dieser andre, lebendige Geist ist nicht nur vorgestelt, sondern ist als wirklicher, als Geist auch des Subjects. Wir hatten die Subjectivität zunächst für sich zur schönen Individualität sich ausbildend; der Geist ist das politische, als für sich algemeines, obgleich in seiner befreiten Individualität, der Geist der Subjecte, die von ihm durchdrungen sind, die Wirklichkeit desselben ausmachen. Die »lju, die )p“ni ist dieser Volksgeist, wirklich ist sie als dies Athen, der Geist dieser selbstbewußten, aber einzeln äußerlich vorhandenen Individuen. Wir wissen, daß die Freiheit, wie sie in Griechenland war, die schönste war, die je auf Erden irgendwo existirt hat. Früher wurde schon bemerkt, daß der Despotism das eigenthümliche ist des orientalischen politischen Lebens, Verfassung, sofern es so heißen kann; so ist die Aristokrasie das eigenthümliche der römischen Welt, die Monarchie die politische Bestimmung für die Welt der Germanischen Völker, die christliche Welt, die Demokratie die Bestimmung der politischen Verfassung für Griechenland gewesen. Was schöne Freiheit nun ist, drauf

2–3 Diese Bestimung … haben] Do: Zweierlei ist noch bemerklich zu machen. Fürs erste haben 3 geistige] Pi: besondre geistige 6–7 werde einen … gebären] Do, ähnlich Pi: Jupiter wird ein Sohn (Pi: von der Thetis) geboren werden, (Do: der Thetis Sohn solle größer werden als er Pi: der ihn vom Throne stoßen werde) 8 übergehn] Pi, ähnlich Do: übergehen. (Pi: So ist das Fatum über den Göttern. Do: Die Nothwendigkeit ist also selbst über die Götter gesetzt.) 12 die Entscheidung … Beschlusse] Do: die letzte Bestimmung ihres Thuns 12–13 Orakel befragt, … 35 Individuum] Do, ähnlich Pi: Die Griechen befragten die Orakel, weil die göttliche und menschliche Subjektivität noch nicht (Do: als die unendliche Entscheidung in sich fassen sollend und wissend vorgestellt worden sind Pi: in Gott aufgenommen und gerechtfertigt). 15 andre, lebendige] DoPi: lebendiger individueller 19 die von … sind] Do: die nicht mehr für sich sind Wirklich keit] Pi: Wahrheit 20 dieser Volksgeist] Do: dieser Gott Pi: die Wahrheit 28–676,1 Was schöne … an.] Do: Diese war die Freiheit in der schön40 des athenischen Staats sten Weise. Pi: Seine politische Weise war die schöne Freiheit. 30 wir

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komt es an. Anzugeben ist, wie das politische die Durchdringung des algemeinen Geists ist mit dem subjectiven Wollen, Intelligenz, und die Form, Art und Weise dieser Vereinigung macht die Bestimmung der Freiheit aus. Nach dem Princip der Schönheit, welches aufgestelt ist, ist aber das substanzielle, sitliche und die höchste Form desselben, das Princip des Staats, die politische Einheit, identisch mit der Subjectivität des Willens, Wissens, Dafürhaltens. Die Gesetze sind die Maximen der Bürger, deren höchstes ist, für die Gesetze zu leben, es ist das substanziele ihres Glücks, Ehre, Bewußtsein überhaupt. Die sitliche Substanz ist der inre Geist als Sitte, gemeinsame Weise der Individuen, aber es muß auch als Object für die Individuen sein, das ist das Vaterland, der Staat; so die Einmüthigkeit, Libe zum Vaterland, für dessen Intressen, ihre Ausführung zu sterben, und die Freiheit der Bürger, über die Angelegenheiten des Staats zu berathschlagen, die Individuen zu wählen, zu | denen sie Zutraun haben, zu Führern, die subjective Einheit ist bei der Wirklichkeit nothwendig, und diese Einheit wird von den Bürgern gewählt, und was so geschiht, ist das Beschließen der Individuen selbst, kein eignes Beschließen, wovon das der Individuen ein ausgeschlossnes wäre. Das natürliche subject, von dem algemeinen zu unterscheiden ist in dem Princip der Schönheit identisch gesezt mit dem inren, geistigen, so daß es nur dessen Ausdruck ist, das erscheinende Instrument, Organ für den Geist, sich zu verwirklichen, sind die Individuen. Diese Identität ist demokratische Verfassung. Es kann bemerkt werden, daß drunter gehört, daß die Bürger über Regirungsangelegenheiten berathschlagen und beschlißen, die besondren Angelegenheiten des äußren Verhältnisses des Staats in einem Zeitpunct, die Verfassung selbst, das eine wesentliche, kann nicht Gegenstand für die griechische Demokratie sein; kein Berathen, Beschlißen ü b e r die Verfassung, sondern die Verfassung ist, daß die Bürger berathen und beschlißen, sonst ist nichts fest, dies ist allein das feste; viles gehört dazu, Vorbereiten der Angelegenheiten, Behörden desgleichen gerichtliches Verfahren, Rechtspflege alerdings, aber diese sind ein veränderliches, so oder so, nur ein besondres, nichts für sich festes, das Feste ist eben das Wollen, Beschlißen der Bürger als solches, das ist das substanziele, souveraine, gegen welches nichts als feststehendes angesehn werden kann; wenn es eine Einrichtung macht, seine Ehre, Eid, das heiligste daran gibt, so kann es doch von diesem Souverän aufgelöst werden, als Souverän kann es nicht verpflichtet werden; es hat keinen

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3 Nach] Do: Der griechische Geist identisch mit der wirklichen Subjektivität ist das vorhandene griechische Leben. Nach Pi: Das allgemeine Prinzip des griechischen Geistes zeigt sich in seiner 35 Wirklichkeit im Politischen. Nach 7 Maximen] Pi, ähnlich Do: Zweck, Wille 11 zu sterben] Do: zu leben und zu sterben 15 selbst] Do: selbst der Wille des Staates 16–17 Das natürliche subject] Do, ähnlich Pi: Was wir früher das Natürliche Subjektive genannt haben 25 ist] Pi, ähnlich Do: selbst ist die ganz einfache

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Sinn, wenn das Berathende selbst Gegenstand der Berathschlagung werden solte; Gegenstand kann nur sein das besondre, die Regirungsangelegenheit als solche, wo die Bürger mitarbeiten, mithandeln müssen, dies mithelfen ist nicht bloß ein Gehorchen, passiv, sondern auch activ in sich selbst, es muß dies sein die eigne Einsicht, der eigne Wille, das ist die Bestimmung der demokratischen Verfassung. Sie ist die schönste Verfassung, Freiheit, die je existirt hat; es kann diese Ansicht als die nothwendigste für die Vernunft, dem Begrif angemessenste erscheinen; um ihren Standpunkt festzustelen in Bezihung auf höhre Principien, so wollen wir kurz die Bedingungen prüfen, unter welchen allein solche Verfassung bestehn kann, und die nächsten Umstände, Folgen, die damit vergeselschaftet sind. | Draus wird hervorgehn, daß das schönste nicht das tifste ist, nicht die wahrhafte Form des geistigen Begrifs. Äußerliche Bedingung ist, daß nur kleine Staaten dieser demokratischen Verfassung fähig sind. Abstract kann man sich vorstellen, daß alle einzelnen Bürger zu Berathungen gezogen werden sollen, ihren Willen ausdrücken, und das gemeinsame, die Majorität soll entscheiden. Aber bei nährer Betrachtung zeigt sich, daß der kleine Umfang des Staats nothwendige äußerliche Bedingung ist. Das, worüber beschlossen werden soll, muß an die Individuen auf lebendige Weise komen, die Bürger müssen bewegt werden, man hat es mit den Bürgern, nicht mit ihrem abstracten Verstand, sondern ihrer bestimten Einsicht, Intresse zu thun, Redekunst ist anzuwenden, die gebildeten Redner der Regirung müssen es exponiren. Daß der Beschluß gefaßt werde, dazu gehört, daß es Eine Versammlung sei, die gegenwärtig beisamen sei. Das Intresse des ganzen Manns, seine Leidenschaft muß in eine gemeinsame Bewegung gesezt werden und gesezt sein, um gemeinsamen Beschluß zu fassen; auf dem Papier ließe sich das wohl auf einen großen Raum ausdehnen; aber sogleich sieht man ein, daß es etwas lebendiges sei, und nur in kleinem Raum statt finden könne, wo die Beschlißenden gemeinsam auf ein mal beieinander sind. Damit ist verbunden, je größer die Menge, desto weniger Wichtigkeit hat die einzelne Stimme. Die demokratische Constitution Robespierres war nie ausgeführt, 44000 Municipalitäten, stimgebende Bürger 4–5 Millionen. Außerdem kann man sich die Vorstelung machen, in jedem Dorf wird die Angelegenheit berathen, da ist ganz die Zufäligkeit der besondren Vorsteher, denen die

7–8 ihren Standpunkt … Principien] DoPi: Sie zu beur theilen 11 des] Do: der Wirklichkeit des 17 an] Do, ähnlich Pi: von der Regierung an 22 Das Intresse … Leidenschaft] Do: Das Interesse des ganzen Landes, die Leidenschaften des Individuums Pi: Das Individuum ist hier als 27 Damit ist verbunden] Do: 35 Totalität vorhanden, die Leidenschaft und besondres Interesse Zweitens ist nun 27–28 weniger Wichtigkeit hat] Do: unbedeutender wird 28–29 war nie ausgeführt] Do: blieb daher nur auf dem Papier 31 Vorsteher] Pi: Vorsteher, ist also Alles hier überlassen Do: Vorsteher, wie sie es an die Bürger bringen 3 mitarbeiten] Ke: Mitarbeitung

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Wichtigkeit des ganzen anvertraut ist, und es verschwindet die Wichtigkeit dieser einzelnen Stimme, die ein abstractes Eines ist; m e i n e Stimme ist nicht wichtig, muß jeder denken; es sind auch die wenigsten gekomen, die Entscheidung fiel in die Hand einiger weniger, die sehr schlechtes Intresse größtentheils hatten. Wo aber | der einzelne dabei ist, fühlt er, daß er etwas Entscheidendes hat in seinem Benehmen. In Griechenland gab es eine große Menge von einzelnen Staaten, wenn dieser ein Gebiet hatte, so war wesentlich auf die Hauptstadt die Macht die Angelegenheiten des Staats zu beschlißen, beschränkt. Die inren Bedingungen betreffend, hat Montesquieu gesagt, daß das Princip der Demokratie die Tugend sei; ganz richtige Ansicht, die er von der sitlichen Gesinnung, die in der Demokratie nothwendig ist, hat; daß sie wahrhaft, substanziel, sitlich sein müsse. Die Sitlichkeit muß in der Form der Schönheit sein, daß die Subjectivität in unmittelbarer Identität ist mit dem Gesetz, Wollen des Staats; so, daß die Subjectivität sich noch nicht in ihrem unendlichen Rechte gefaßt hat; kein Gewissen in einem Volk, Gewissen, wenn das Subject in seinem Inren die Entscheidung sucht, und nimt zu dem, was das Rechte sei, was ihm gelten solle; der besondre Wille, das besondre Intresse, und alles, was dazu gehört, muß noch nicht für sich sich constituirt haben, sondern noch mit der ersten Einheit, dem substanzielen, algemeinen Staatszwek identisch sein; so wie die Reflexion eintritt, entstehn diese particularen Gesinungen, Ueberzeugungen, die gegen das, was das algemeine ist, gegen die Pflicht, gehn können, es entsteht theils die Möglichkeit des Bösen überhaupt, theils die Möglichkeit, daß das Individuum seine besondren Zwecke, Intressen geltend macht. So wie diese Gesinung eintritt in einen so unmittelbaren Staat, so fällt der Staat zusamen, er hat noch nicht die Kraft, gegen die besondren Zweke seinen algemeinen Zwek zu erhalten, sondern seine Kraft ruht auf der noch vorhandnen Einheit der particulären Gesinung mit der algemeinen; es ist noch kein Recht vorhanden des abstract algemeinen, noch keine Regirung, besondre Organisation, wodurch das besondre Intresse im Zaume gehalten würde, ebenso, als es auch befridigt werden könte. Wie der Gedanke dieser Innerlichkeit, Wichtigkeit der besondren Zweke aufgekomen ist, so muß dies | nur als Verderben erscheinen, welches den Untergang herbeizog. Das Princip der modernen Zeit, subjective Freiheit, darf noch nicht eingetreten sein, wenn solche schöne Freiheit sich erhalten soll. Die inre absolute Bedingung

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5 Wo aber … ist] Pi, ähnlich Do: Nur in einer vollen Versammlung 6 Benehmen] Do: Benehmen, in seiner Stimme 7 Staaten] Do: Staaten, eine Hauptstadt mit kleinen Städten 14 in ihrem un- 35 endlichen Rechte] Do: die unendliche Reflexion in sich Pi: als unendliche Subjektivität 14–15 kein Gewissen … Volk] Pi, ähnlich Do: d.h. das Gewissen muß noch nicht erwacht sein 24 zusamen] DoPi: aus einander 28 besondre Intresse] Do: Individuum 30 Wichtigkeit] Do: Möglichkeit 31 Untergang] DoPi: Untergang des Staates 33 Bedingung] Pi: Bedingung der Demokratie

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ist Einheit der Besonderheit mit dem algemeinen Intresse des Staats, die vorhanden sein muß; die Subjectivität muß noch nicht sich selbst erfaßt, noch nicht zu ihrer Tife gekomen sein. 3) Mit der democratischen Verfassung, und der schönen Weise ist die Sklaverei verbunden und muß es sein, wenn es nicht Demokratie sein soll zwischen ackerbauenden Völkern oder Hirtenvölkern, wie in der Schweiz, mit so weniger particularer Bildung. In dieser schönen Freiheit ist die Freiheit des Individuums noch nicht an sich in ihrer Algemeinheit gewußt, d.i. eben, daß der Mensch an und für sich, als Mensch, frei sein soll, daß die Freiheit nicht das Recht einer besondren Individualität ist. In Griechenland war die Freiheit der Person und politische Freiheit auf die Bürger als solche beschränkt, und dies ligt in dem Princip, daß eben der Geist dieses Bewußtsein seiner selbst gehabt hat, da weiß er sich als frei, aber dieser Geist, und dies Bewußtsein von ihm, war noch ein von der Natur, den natürlichen Elementen afficirtes, und daher beschränkter, particulärer Geist; die Freiheit der Person konte nicht sein Freiheit des Menschen an sich, weil der Geist sich noch nicht in seiner Reinheit gefaßt hatte, der absolute Geist noch nicht Gegenstand war. Daher können nur besondre Individuen persönliche Freiheit und politische haben, und andre aber nicht; deren Unfreiheit ist eine Sache der Zufäligkeit, eben in der Sphäre der Besonderheit. Damit hängt zusamen, daß die Gleichheit in der Democratie wesentlich ist, in Vermögen, Bildung, wenigstens nicht ungeheurer Abstand; wenn aber eine Thätigkeit des besondren Intresses, Reflexion, eintritt, so komt bei weitrer Ausbildung die volle Ungleichheit der Beschäftigungen, des Vermögens, der Bildung damit hervor; die besondren Geschäfte waren durch Athen und Sparta und sonst den Sklaven übergeben, daher | wurden die Freien nicht verwikelt in diese Unterschide der Beschäftigung, und Bildung, und haben sich in dieser Gleichheit mehr erhalten können. Weiter hängt mit der demokratischen Verfassung zusamen, daß, da gesagt ist, daß die Subjectivität sich noch nicht in ihrer Unendlichkeit erfaßt hat, wenn es dies hat, stelt es sich dem Object, der sitlichen Substantialität gegenüber, und kann es; aber da es sich nicht in seiner Tife erfaßt hat, so weiß es, daß der absolute Entschluß nicht in dasselbe

1 Besonderheit] Pi: Subjektiven Gesinnung 4 Verfassung] Do, ähnlich Pi: Verfassung in Griechen land 6–7 mit so … Bildung] Do: das Princip der Bildung in einem gewissen Grade eingetreten ist 10–11 politische Freiheit] Do: der Berathung 11 beschränkt] DoPi: be17 war] schränkt, nicht auf den Menschen als Menschen 16 Geist1] Do: unendliche Geist 20 Gleichheit] Do: Gleichheit der Individuen 21 nicht 35 Do: war, sondern der beschränkte Geist ungeheurer Abstand] Do: ein nicht zu großes Auseinandertreten 23 die besondren Geschäfte] Do, ähnlich Pi: die Arbeit des Bedürfnisses 26 dieser] Do: größerer 28 Unendlichkeit] DoPi: Tiefe 30 so weiß es] Do: so weiß sich das Subjekt nur hier beschließend zu seyn auf eine besondre Weise, es weiß Entschluß] Do: Beschluß 40 30 Entschluß] Ke: Endschluß

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fält, denn unendliche Subjectivität, freies Selbstbewußtsein seiner, ist absolutes, unendliches Wollen; ich will, weil ich will, diesen letzten Entschluß für alle Angelegenheiten hat der Mensch sich noch nicht zutrauen können, hat er auch nicht auf sich nehmen können, hat es anders woher nehmen müssen; Orakel, die mit der schönen Sitlichkeit nothwendig verbunden sind, nicht für äußer liche Umstände zu halten sind. – In Rüksicht auf die besondre Verfassung haben wir eine Periode der Ausbildung gehabt; für die 2te Periode kann bemerkt werden, daß Staat und Stadt gleich sind, so ziemlich. Tyrannen sind entstanden, ziemlich algemein. Periander, einer der Weisen, war selbst Tyrann von Korinth. In diesem Gange der Ausbildung ist eine Ungleichheit der Bürger entstanden. Ein Theil war vornehmer, der andre schwächer; die Gemeinwesen waren damals auf dem Wege ihrer Ausbildung noch nicht volkomen regulirt; das Vermögen einzelner gab ihnen Uebergewicht, sie nahmen auch Trabanten, wodurch sie Gewaltthätigkeiten ausübten. Hauptveranlassung war auch der Widerstand gegen die Ungerechtigkeit einer Menge von Uebermächtigen, dadurch wurden die Tyrannen bei den Niederen beliebt, so daß sich das Volk von Unterdrückung, wenigstens zunächst, befreit gefühlt hat. Waren sie Männer von großer Persönlichkeit, Verstand und s.w. so haben sie das Wohl der Mitbürger befördert durch öfentliche Anstalten, und Kunst und Wissenschaft befördert. Das Volk ist gebildet worden, Gewohnheit der gesetzlichen Ordnung einheimisch geworden. Vor dem medischen Kriege sind sie verjagt. Hier können wir zur zweiten Periode übergehn, nach den Elementen des griechischen Geistes, sehn wir, wie er sich in seiner Kraft, Blüthe 4 Orakel] Do, ähnlich Pi: und das andre was er suchte, sind nun die Orakel. Die griechische Demokratie konnte nicht stattfinden ohne Sklaverei, ohne kleines Gebiet, sondern sie waren wesentlich zu dieser, so wie die neueren Demokratien auf eigenthümliche Weise bedingt sind. (Do: Auf eine ganz abstrakte Weise findet etwas in Demokratie nicht allenthalben statt. Pi: In der Schweiz sind eigenthümliche Sitten, und der Staat ist außerdem nicht unabhängig, nur ein Föderativstaat. Die verschiednen Gestaltungen des griechischen Geistes sind subjektive, natürliche Individualität, göttliche, geistige Individualität, und Vereinigung beider im Politischen.) 7–8 In Rüksicht … gehabt] Pi: In der ersten Periode worein die Anfänge und Ausbildung der griechischen Eigenthümlichkeiten fällt galt das. 8–9 für die … algemein.] Pi: In der 2ten Periode entstanden zuletzt Tyrannen in den Städten. Zu den Zeiten der Weisen Griechenlands 11 vornehmer] Do: vornehmer mächtiger 14 sie nahmen … ausübten] Do: die auch durch Geld und Söldner Gewalt als solche über ihre Mitbürger ausüben konnten 15 Hauptveranlassung] Do: Eine Hauptveranlassung der Tyrannis 16–18 dadurch wurden … hat] Do: Diesen setzten die Tyrannen ein Ziel, die daher mehr oder weniger ein Bedürfniß ihrer Stadt erfüllten, unter dem sich das Volk nicht bedrükt fühlte sondern von Bedrükung befreit. 19 das Wohl … durch] Pi, ähnlich Do: dem Volke geschmeichelt durch geistige Vorzüge 20–21 Gewohnheit der gesetzlichen Ordnung] Do: Ordnung und Gewohnheit des Gesetzlichen 22 sind sie verjagt] Pi, ähnlich Do: ist die Tyrannenform aufgehoben worden 23 Blüthe] Do: Reife, Vollendung 17 das] Ke: daß

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zeigt, seinem Glanz; nicht lebt im Genuß seiner selbst, sondern sich be|wußt, daß er ein wesentliches Moment, wesentlicher Stand des Geistes war, ein Angel, um den sich die Weltgeschichte drehte. – Die medischen Krige und Gegensaz von Athen und Sparta, der Glanz von Kunst und Wissenschaft, so wie das Princip des Mangels des sitlichen Geistes, was Uebergang in die dritte Periode ausmacht. Kriege mit den Persern; die welthistorische Berührung mit demjenigen Volk, Gestalt, Reich, welches ihm unmittelbar vorangegangen ist. Griechenland hat sich aufs herlichste dargestelt; nicht alle nahmen Theil, die nördlichen unterwarfen sich, auf dem Continent blieb nur Athen und Platäa übrig. Vornehmlich haben sich die Athenäer besonders durch das Meerprincip, das sie früh in sich aufgenomen hatten, den Persern entgegengestelt; Gunst des Schicksals, welches diese Schlachten mit solchem Glanz umgeben hat. | Alle diese Schlachten sind ewig im Gedächtniß. Alle Völker haben ebenso 300 Tapfre aufzuweisen, die sich geopfert haben. Sie leben auch in der Geschichte, aber nicht in dem unsterblichen Glanze, wie die griechischen Beispiele. Die Gerechtigkeit des Ruhmes ist es, wofür sie kämpften. Dieser Inhalt ist es, dieser welthistorische Inhalt ists, der den ewigen Ruhm ihnen gab. Sie haben das Schönste im Vergleich mit Asien auf behalten. Nicht das Formelle der Tapferkeit entscheidet den Ruhm in der Geschichte, sondern sie mit der Sache selbst verbunden. Wie Thucydides erzählt, hatte im 2 Jahr des Kriegs Pericles die Lobrede zu halten auf die gefallenen Griechen. Kein herrlicher Thema, als Pericles erwählte. Er zeigt, welcher Staat es ist, für den die Athenienser starben. Der Ruhm ist, daß es eben dieser Staat war. – Der große König von Asien, mit 55 Völkern, wie Herodot sagt, zieht gegen das

1–2 nicht lebt … war] Do: nicht blos im bewustlosen Genusse seiner selbst bleibt, sondern eine 3 Krige] Pi: Kriege […], und der Sieg, die Selbsterhaltung nach außen 3 Gegensaz] Do, ähnlich Pi: Hauptgegensatz der sich nach innen entwickelt 4–5 so wie … ausmacht] Do, ähnlich Pi: Das Princip des Verderbens, des Mangels dieses Geistes ist nun zu erwähnen, wenn von der Blüthe der Kunst gesprochen seyn wird. 8–9 die nördlichen unterwarfen sich] Pi, ähnlich Do: Die Thessalier unterwarfen sich, wie Dorier und Boeotier. 9 übrig] 12 mit solchem … 30 Pi, ähnlich Do schließt an: Argos in Morea hat auch nicht theil genommen. hat] Pi, ähnlich Do: großem Ruhme krönte, Marathon, Salamis, Platäa, Artemisium etc. 12–13 Alle diese … Gedächtniß.] Do: Sie leben im ewigen Andenken der Menschen 13–14 Alle Völker … haben.] Do: wievielmal sind 300 geblieben so tapfer fechtend wie viele Schlachten sind geschlagen, wie viele für ihr Vaterland, treu ihren Fürsten 15–16 des Ruhmes … kämpften] Do: aber ist die Sache, für die sie starben. In ihrer 35 gefallen Sache hat der Weltgeist sein Interesse. 16–18 Inhalt ist … auf behalten] Do: Inhalt für den diese Schlachten geschlagen werden, hat ihnen den Dank der gebildeten Völker verschaft, sie behaupteten das Herrlichste gegen Asien 21 herrlicher] Do: würdigeres 22 Der Ruhm … war.] Do: ihren Ruhm setzt er in die Sache für die sie fielen 25 wesentliche Wirksamkeit erhält

40 11 hatten] Ke: hätten

zwei Dritteln der Seite

12–682,6 Alle diese … zusammengehalten. so Pi; in Ke eine Textlücke von

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kleine Griechenland. Und diese Masse war keine verächtliche Masse. Die Mittel waren nicht verschieden, wie zwischen Peruanern oder Mexikanern und Spaniern, und wie zwischen Europaeern und Indiern im vorigen Jahrhundert, wo 400 Franzosen 60000 Indier mit Kanonen und Elephanten in die Flucht schlugen. Aber große, tapfere, wohlgeordnete Völker waren die Perser. Die Griechen klein, nicht einmal durch einen Willen zusammengehalten. | Nach Bestehung dieses Kampfes gab es innerliche Krige, die schon früher waren; aber nun nach außen befreit, ist ein innerlicher Gegensatz entstanden, Krig der Staaten gegeneinander, in den Staaten Kampf der Parteien. Hauptgegensaz Athen und Sparta. Beliebtes Thema, sie beide zu vergleichen. Xenophon zb. ist für Sparta. Man muß sie beide anerkennen, daß jede dieser beiden Ausbildungen des Geists und Characters und der Verfassung eine sehr würdige Gestaltung sei. Des Ur theils kann man sich nicht enthalten, aber zum Ur theil gehört ein Maaßstab, und auf diese Idee, die man mitbringt, komt es an; man hat viele Kategorien; strenge Sitte, Moralität, Tapferkeit, aber der Maaßstab ist sitliche Tugend, dh. hier die politische, die Gesinung, die in Einheit mit dem Staat ist; sie ist beiden gemein, Athen und Sparta, weiter komt in Betracht, die freie Entwicklung der individuellen Eigenthümlichkeit, ob die Individualität gleichfals sich zu geistiger Individualität, geistigen Kunstwerken ausgebildet habe, ob die Individualität zu dem Rechte gekomen sei, wie das ganze, und ob diese Freiheit der Individuen darin gestanden hat, stehen gebliben ist in dieser substanziellen Einheit des Ganzen. Wenn man so Ur theile der Alten anführt, so müssen wir uns nicht an Xenophon, Plato, die Socratiker wenden, sondern an die, die auf den vorhandnen Staat sich verstehn, und diesen geführt haben, practische Staatsmänner, die aber die Bildung des Bewußtseins haben, was die inre Natur des Staates selbst ist. Perikles ist ein solcher, einer aus dem Götterkreise der griechischen Individualitäten, der Zeus derselben von den Griechen genannt. Man kann mit Grund sagen, daß wir in Entfernung der Zeit uns bescheiden

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1 Griechenland] Do: Griechenland. So ist die geistige Ueberlegenheit so groß gegen die Masse erschienen keine verächtliche Masse] Do: nicht so weichlich 6 zusammengehalten] Do: ver- 30 einigt und doch siegten sie über die äußerlich zusammengehaltene Masse, deren innere Einheit fehlte 7 Nach Bestehung … Krige] Pi, ähnlich Do: Unmittelbar nach dem Siege | ist Griechenland in sich zerfallen. 10 Beliebtes Thema, … vergleichen.] Pi: Der Vorzug von Sparta und Athen wird oft behandelt, und Sparta oft vorgezogen. Xenophon ist dafür schon Autorität, und andre Socratiker. 11 Man muß sie beide anerkennen] Pi: Das Ur theil ist überflüssig. Beide sind 35 in ihrer Eigenthümlichkeit zu erkennen. 12 würdige] Do: großartige 14 Maaßstab] Do: Maßstab […], was das Rechte, was das Vorzügliche sei 15 der Maaßstab] DoPi: Die Hauptidee 17 in Betracht] Do: in Betracht[…], daß zu der Einheit der Individuen mit ihrem Ganzen hinzukommen muß 21–22 stehen gebliben … Einheit] DoPi: und zugleich erhalten worden die substantielle Einheit 23 nicht] Do: nicht nur 27 griechischen Individualitäten] 40 Do: Individualitäten Athens genannt] Do: genannt worden, er ist der oberste Gott

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könten, es besser wissen zu wollen, als Perikles; er war alerdings parteiisch als athenischer Patriot, aber hatte gründliches Bewußtsein über substanzielen Character seines Vaterlands, und die Größe seines Geists besteht in diesem Bewußtsein, und wenn w i r vergleichen, so werden wir, wenn wir anders eines gründlichen Ur theils fähig sind, wozu Idee und Geschichtliche Kenntniß gehört, sehn aus der Rede des Perikles, die vielleicht von dem tifen Geist des Thucydides erweitert ist, beide waren gebildete Geister; diese müßten | wir commentirn f ü r die Verfaßung. Beide Staaten sind Demokratien gewesen; eine ganz abstracte Democratie ist etwas, was überhaupt nicht bestehn kann, die Angelegenheiten sind imer einzelne Angelegenheiten, haben einen langen Verlauf, das kann nicht von der Menge als solcher besorgt werden, verlangt Einen an der Spitze, oder eine Mehrheit, die ein Collegium formirt, das die Angelegenheit so weit bringt, daß es der Menge vorgelegt werden kann. Demokratisches Krigführen wäre absurd. So war ein Ausschuß in jedem Staat, der die Sache berathschlagte, bis es vor die Menge gebracht werden konnte; In Athen der Rath der 500, Besten. Athen hat den Weg zur freisten Democratie genomen; früher bemerkt, daß es eine vermischte Völkerschaft war, die sich zum athenischen Volk gebildet hat; und daß es sich früh auf Meerfahrt gelegt hat; und Ackerbau, Grundbesitzung als wesentliche Basis der Subsistenz. Früh Gegensatz von alten und reichen Geschlechtern und Ärmeren. Die Pedioi waren reicher, Diakrier, Krier, Peruler, die gemäßigten; die den festen Zustand wünschen. Gegensatz zwischen Aristokratie und Demokratie. Solons Gesetzgebung ein temperamentum dieser Gegensätze. 3 Klassen, für die erste die obrigkeitlichen Ämter, sonst Gleichheit der Gesetze.

1–2 parteiisch als athenischer Patriot] DoPi: par theiisch für Athen 2–3 über substanzielen … Pi: über den Zustand seines Staates 4 vergleichen] Pi: uns Handlungen in Vergleichung vorstellen Do: die Natur seiner Verfassung betrachten 4–8 wir, wenn … Verfaßung] Pi, ähnlich Do: wir das Ur theil des Perikles verstehen und bestätigen. Um es ausführlich kennen zu lernen, muß man die Rede des Pericles vergleichen, mag sie nun von ihm gehalten sein, oder nur der Grundidee nach von ihm herrühren. Thucydides war 30 wenigstens gebildet genug zur Ausführung. Das Bestimmtere der beiderseitigen Verfassung ist: 13–14 Demokratisches Krigführen wäre absurd.] Pi: Der Krieg muß ebenso von einzelnen geführt werden. 14 ein] Pi, ähnlich Do: nothwendig ein 14–15 berathschlagte, bis … konnte] Pi, ähnlich Do: theils ganz führt, theils dem Volke vorbereitet 15 500, Besten] Pi, ähnlich Do: 500, Areopag, mit politischer Macht. In Sparta die hfqotr©b. 17 eine vermischte Völkerschaft] Do, ähnlich Pi: ein vermischtes nach der Nationalität 18 daß es … hat] Do, ähnlich Pi: ihre we35 sentliche Richtung ging früh auf das Meer 20 Die Pedioi … Peruler] Do: Bergbewohner, Ebenen, und Küstenbewohner 21–22 Gegensatz zwischen … Demokratie.] Pi: Der Zustand war schwankend zwischen Aristokratie und Demokratie. 23 3 Klassen] Do: 3 Klassen […], eine vierte Klasse aus den zahlreichen armen Bürgern, die mit den ersten die Volksversammlung aus40 machten Pi: 3 Klassen aus den Vermögenden, und die 4. reich an Menschen, arm an Gütern. Die 4. und 2. machten die Volksversammlung aus. 25 Vaterlands] Do: des Geistes seines Staates

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Solon war einer der wenigen Sterblichen, denen das Loos er theilt ist, einem Volk eine Gesetzgebung zu machen, es sind überall Gesetze vorhanden, und ausgebildete, es kann nur Modification, Redaction sein; und Solon und Lycurg fanden einen bestimten Geist des Volks vor in Recht und Verfassung, und gaben diesem nur eine nähere Form und Bestimmung. Unmittelbar nach der Beruhigung Athens hat in Gegenwart Solons sich Peisistratos zum Tyrann aufgeworfen. Solon rief vergebens seine Mitbürger zur Ver theidigung auf der Verfassung. Brief bei Diogenes Laërtius, wo Peisistratos den Solon einladet zurückzukehrn, er habe von den Gesezen nichts abgeändert, und fodre nur die Rechte der Kekropiden: billiger, gerechter Mann; war nothwendig, den Faktionsgeist, den Solon theoretisch unterdrükt hatte, in der That zu unterdrüken, und die Athener an die Geseze zu gewöhnen, als das geschehn war, war die Gewalt der Peisistratiden überflüssig, und indem diese Geseze zu freier Sitlichkeit geworden waren, so war die Herschaft eines einzelnen unverträglich mit den Gesetzen, als wirklich | gewordnem Geist der Athener. Später ist das demokratische Princip noch mehr verändert durch Kleisthenes, aus 4 setzte er 10 Phylen das genaure ist in einer gewissen Dunkelheit, der Vorzug der Geschlechter scheint vermindert worden zu sein. In Ansehung der Phylen ist zu bemerken, daß sie eine Art von Gemeinde formirten, hatten e›moj unter sich; Øqbsqjbu, diese Besondrungen wählte die athenische Volksmasse Gemeinde für sich aus, so daß auch nach dieser Seite das particuläre zum Bestehn kam, aber dem algemeinen keinen Eintrag that; sie hatten besondre Got theiten, eigne Münzen, Tempel, Theater, Feste, er theilten Ehren. Perikles hat die Verfassung ganz demokratisch gemacht; durch seine Incitation wurde die Gewalt des Aereopags gebrochen; dies war ein alter Gerichtshof und hatte die ausschlißliche Verwaltung des öfentlichen Schatzes, diese Finanzverwaltung kam in die Hände der Bürger. In modernen sind die übrigen Gewalten der Bestimmung des Monarchen überlassen und es wird für Hauptpunkt bei der repräsentativen Verfassung gesehn, daß diese Mitwirkung habe für Erhebung und Verwendung der Staatseinkünfte.

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6 Beruhigung Athens] Do: Gesetzgebung Solons Pi: neuen Organisation Athens 8 Verfassung] Do: Verfassung […], so wenig hatte sie gewirkt. Doch stellt sich Pisitratos als Tyrann noch vor den Areopag 13 Gewalt] Do: Herrschaft 16 verändert] Pi: ausgedehnt 18 Geschlechter] Pi: Geschlechter in den 4 ersten Phylen 20 Øqbsqjbu] Do: auch die Øqbsqjbj machten Gemeinden für sich aus 22 dem algemeinen] Do: der Gemeinde 25 ausschlißliche] Do: wie 35 es scheint die ausschließende 26–27 in die … Bürger] Pi, ähnlich Do: nun auch an die Volksversammlung 27–30 In modernen … Staatseinkünfte.] Do, ähnlich Pi: da das Volk alle andren eigenthümlichen Gewalten hatte, was in modernen Verfassungen grade umgekehrt ist, wo die Stände eine Mitwirkung haben in Rüksicht auf Festellung und Verwendung der Finanzen

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Ein Geist für das Ganze herrschte in dieser Demokratie, und die Regsamkeit des einzelnen konte zur Äußrung kommen, bei der substanzielen | Freiheit | des Characters konte sich die Individualität entwickeln, und reichste Anlagen dazu; auch die Individualität der besondren Kreise des Ganzen hatte Selbstständigkeit. Die Einheit, Beschlüsse über die Angelegenheiten ward gebracht durch die öfentlichen Redner und Staatsmänner; Perikles war der größte Staatsmann alter und neuer Zeit, ein wahrhaft plastischer Character; sich allein dem einen ernsthaften Geschäft der Angelegenheiten seines Vaterlands gewidmet; nie gelacht, keinem Vergnügen sich übergelassen, seit er in die Staatsverwaltung gegangen. Durch sein Talent, und das bei einem Volk, das auf alles eifersüchtig war, keine Plattheit, Schiefe duldete; das schönste Bild einer Verfassung alerdings, wo die Bürger durchgebildet sind, das Intresse ihres Vaterlands vor sich haben, und die Individualität durchgebildet ist, und damit ein durchgebildetes Bewußtsein hat über die öfentlichen Angelegenheiten und das algemeine Intresse. Die Rede des Perikles hat zum Gegenstand, welche Stadt es gewesen sei, für die sich | diese Kämpfer opferten. Er schreibt seinen Mitbürgern zu, daß sie die größte Kühnheit haben, und zugleich ‹klohjyfrpbj, das Bewußtsein über das, was sie thun, die )mbp©b g i b t andren Kühnheit, hingegen die Verständigkeit, Vernünftigkeit benehmen ihnen die Thätigkeit, oknon Øfqfj, die freien, die vortreflichen, die zu beur theilen wissen das Angenehme und Furchtbare, und dadurch nicht von den Gefahren abgeschreckt werden. Es ist der große Ernst und Tife des Bewußtseins des Perikles zu sehn. Er sagt: Wir lieben das Schöne ØjlokbloÏmfn, mit Frugalität, nicht wie Barbaren, die ein Unmaaß Genuß suchen, und wir philosophiren ohne Fahrlässigkeit )nft ñbptm©bu (der sich seinen Gedanken hingibt, träge für das, was in der Gegenwart zu thun ist) – Das Gegenbild ist Sparta. Demokratische Verfassung, durch Aristokratie gemäßigt, aber die so dem demokratischen

1–2 Regsamkeit des einzelnen] Pi: Originalität des Geistes Do: Individualität 2 Äußrung] Do: vollkommenen Gültigkeit 3 die Individualität] Do: jede Eigenthümlichkeit des Talents 6–7 Staatsmänner; Perikles … Zeit] Pi: Staatsmänner […], deren vorzüglichster Perik10 Durch sein Talent] Pi: Er stand durch nichts an der Spitze als durch sein großes 30 les war Talent. 10–11 das bei … duldete] Do: das ein Volk, ohne Plat theit, Abgeschmacktheit und schiefe Gedanken, eifersüchtig auf seine Rechte selbst gebildet war 11 das schönste … Verfassung] Do, ähnlich Pi: Er überzeugte die Bürger nur durch das was er für das Rechte hielt und so ist er das (Do: größte Pi: schönste) Bild eines Staatsmann. 12 vor sich haben] Do: als das höchste zu 18 Vernünftigkeit] Do: Bildung 19–20 die freien, … Furchtbare] Do: Die aber seien 35 halten die vortrefflichsten, die zu beur theilen wüßten, was das Angenehme und Fürchterlichste sei 21–22 Es ist … sehn.] Do: Hier meint er also die Bildung, durch die das Individuum sich einen Wer th nach seiner Einzelnheit gibt, und doch für das Vaterland alles thut. 22 Frugalität] Do: Mäßigkeit ohne Verschwendung 25 zu thun ist] Do: Diß macht im Ganzen den Charakter 26 durch] Pi: Anfangs war es durch 40 der Verfassung und des Geistes der Athener aus. 2 Freiheit so Pi, statt einer Textlücke von einer Wortlänge

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so das Uebergewicht gab, daß zu einer aristocratischen umschlug. Die Dorer kamen aus Thessalien in den Pelopones, haben die Nachbarn unterjocht und zur Sklaverei verdamt; andres Verhältniß zu den Sklaven, als in Athen, die zufälig waren zusammengekauft, h i r die freien Bewohner im Verhältniß der Sklaven; die Griechen unter den Türken nicht so hart, wie die Heloten unter den Spartanern: Die Griechen sind persönlich frei, freilich allen Mißhandlungen preisgegeben und ohne politische Existenz; die Heloten Sklaven, und auch gemißhandelt. Krigsverhältniß; die jungen Spartaner gingen auf Helotenjagd aus, es wurde ihnen gesagt, nicht damit sie entkommen möchten, sondern um den Spartanern diesen Mord zu erschweren, List und Gewöhnung hervorzubringen, auf einen Feind loszugehn, der sich in Acht nimt. Dies ist doch nicht bei den Türken gewesen. Einigemal wurden die Heloten bewafnet, und nachdem sie sich tapfer gehalten und den Staat gerettet, wurde von Staats wegen die Masse von 5–8000 tapfren Heloten niedergehauen. Größte Ruchlosigkeit. Die Spartaner waren so feindlich in sich gestelt, in fortdauerndem Angrif und Ver theidigung, wie ein Sklavenschiff, wo die Besatzung auf Wache beständig sein muß und in Gefahr stets der Empörung ist. Zweite Grundbestimmung ist, daß der Grundbesitz in gleiche Theile getheilt worden ist. 30000; 9000 den Spartanern, | die übrigen den besigten achäischen Völkerschaften, die in freiren Verhältnissen gehalten wurden; als Heloten und Messenier, die auch ihrer Freiheit beraubt waren. Solche Gleichheit des Besitzes ist thörigte Abstraction oder abstracte Thorheit; woran Sparta gelitten hat, ist Ungleichheit des Grundbesitzes gewesen. Kein andres, als eisernes Geld; wurden damit ausgelacht, drin aber ligt wesentlich, daß sie keinen Seehandel, Betribsamkeit nach außen und innen; die wesentliche Regsamkeit, die zur Bildung führt, konte bei ihnen nicht statt finden. – Zur Erhaltung der Gleichheit der Sitten und Familiarität speisten sie zusamen, von großer Wichtigkeit ist dies nicht; wer zu arm war, seinen Beitrag zu geben, aß

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1 zu einer aristocratischen umschlug] Do: Tyrannei daraus ward und die Wirkung eines aristokratischen Zustandes gab Die Dorer] Do: Die Entstehungsweise Spartas ist eine ganz andere. Die Dorer 2 die Nachbarn] Do: die Bewohner 3 zufälig] Do: zufällig aus allen Gegenden 30 4–5 die Griechen … Spartanern] Do: bei den Spartanern aber war ein schlimmeres Verhältniß wie das der Griechen zu den Türken 6 Mißhandlungen] Do: Mißhandlungen der Türken 7–8 die Heloten … Krigsverhältniß] Do: die Heloten waren aber so preisgegeben, daß ein beständiges rechtliches Kriegsverhältniß zwischen Spartanern und Heloten stattfand 14 Größte Ruchlosigkeit.] Do: eine Schändlichkeit, die keine Bemäntelung duldet 22 woran Sparta … 35 gewesen] Do: zuletzt war das Grundeigenthum in den Händen von wenigen, was dem Staat vorzüglich schädlich war 22–24 Kein andres, … innen] Do, ähnlich Pi: Lykurg ließ nur eisernes Geld zu, sie sollten keinen Verkehr nach außen haben, und hatten auch keinen Betrieb nach innen 25 Regsamkeit] Do: Regsamkeit der Athener 12 die] Ke: das

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nicht mit. Essen und trinken thut jeder für sich, gleichgültig, ob allein oder mit andren. Die Athener aßen für sich, zusamen meist freilich; die Athener aber waren im geistigen Verkehr den ganzen Tag, zusamen, schlenderten auf dem Markt umher. – Nähres über die Verfassung betreffend, ist bemerkt, daß einerseits das Volk beschlißend war, aber daß diese Democrasie temperirt war durch die hiqotr©b, aus 30 Männern, wovon die Könige Mitglieder waren, zugleich Feldherren, wie der Generalcapitan, Statthalter der Niderlande, zu Land und Meer anführten. Die Geronten wurden vom Volk gewählt auf lebenslänglich, politische und gerichtliche Gewalt, auch Aufsicht über die Sitten der Bürger, galten für unbeschränkt, waren an ihr eignes Dafürhalten allein gewiesen; diese Macht der Geronten scheint sehr aristokratisch; ihnen gegenüber die Gewalt der 5 Ephoren (5 Directoren in Frankreich) vom Volk auf ein Jahr gewählt, wie die Tribunen in Rom demokratische Gegenwelt gegen das König thum und Gerusie, scheint, daß man nicht auf Vermögen, Familie, Auszeichnung sah, aber sie zeigen vornehmlich sich in allen Verhältnissen mit auswärtigen Staaten, in den Volksversammlungen scheinen sie die größte Gewalt gehabt zu haben. Plato und Aristoteles nennen sie eine Tyrannis, sehr möglich, Tyrannen wie im neuen Frankreich die des Wohlfahrtsausschusses, der auch vom Volk ausging und diese Tyrannei ausübte; die Hauptsache scheint die Stumpf heit der Lacedämoner gewesen zu sein, frei von aller Bildung, Regsamkeit, Humanität, die bei den Athenern vorhanden war. Die Athener sagen bei Thucydides, wo sie selbst nicht im besten Licht erscheinen, bei | einer berühmten Gelegenheit zu den Meliern, die sie auf ihre Seite hinüberzihn wollen, es sei das recht, was nüzlich sei; die Lacedämonier beobachten zwar im heimischen Verkehr Gerechtigkeit, was aber über ihren Verkehr gegen außen zu sagen ist, lautet kurz so, daß sie von allen Menschen am unverholensten das nüzliche für Recht erklären. Diese abstracte, absolute Richtung, Bestimmung des Rechts auf den Einen Zwek, hat sie zur Ungerechtigkeit gebracht. Daß übrigens Diebstahl bei ihnen zur Übung geschah, ist auch bekant; so wie ihr Benehmen gegen die Heloten von ihrer inren Rechtlichkeit zeugt. Wissenschaft und Kunst dürfen wir nicht in Sparta, sondern nur in Athen suchen; sie können nur hervortreten, wo die Individualität zu freier conception komen kann. Das höchste der Poësie ist das Drama, und die dramati-

2 aßen für … freilich] Do: schmausten oft zusammen, Pi: aber nicht gerade des Essens wegen 3 Markt] Do: Markte in geistigem Verkehr 8 Geronten] Do: hfqonfju 17 sie] Do: daher 18 die des Wohlfahrtsausschusses] Pi, ähnlich Do: die Robespierres und des 35 ihre Gewalt Wohlfahrtsausschusses in Frankreich der auch … ausging] Do: wo die Individuen auch aus dem Volke hingingen 19 Hauptsache] Do: Hauptsache, warum diese Gewalt da war der Lacedämoner] Do: der Spartaner Pi: des spartanischen Volkes 26 das nüzliche] Do: das Belieben für löblich und das nützliche für Recht

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sche Poësie in ihrer schönsten gedigensten Gestalt, | die Geschichte des Thucydides, die | Wissenschaft in Sokrates, die Plato, Aristoteles, der Bildung Athens angehört. Ebenso die Redekunst hat ihre größte Entwiklung erlangt, und auch die plastische Kunst ist zu ihrem Gipfel in Athen gebracht worden. Kunst und Wissenschaft sind die ideelle Weise, in der der Geist eines Volks seiner selbst bewußt wird, und das höchste, was ein Staat erreichen kann, ist, daß Kunst und Wissenschaft in ihm ausgebildet ist, eine Höhe erreicht, die dem Geist des Volks entsprechend ist. Der höchste Zwek des Staats, den er aber nicht als ein Werk hervorzubringen suchen muß, sondern muß sich aus sich selbst erzeugen. Ein Volk hat vile Angelegenheiten der Wirklichkeit, seine Gestalt, sein ganzes Inres der Welt einzubilden, damit es sich selbst gegenständlich sei, die inre Weise ist es aber, wie es sich gegenständlich ist, sich zu wissen. Athene hat aufgehört, von dem Volk verehrt zu werden, aber die Werke dieses Geistes stehn unübertroffen noch gegenwärtig vor uns. Diesen Gipfel hatte Athen nothwendig in dieser 2ten Epoche erreicht. Ohne weitre Beschreibung zu machen, gehn wir zu dem 4ten Punkt, der Form des Verderbens über. Die Ausbildung der Kunst steht in dem Princip, daß die Individualität sich inerlich wird, daß es sich nicht mehr um ein Intresse der Wirklichkeit handle, daß die Individuen | nicht mehr ihr Intresse im Staate haben, sondern sich in sich zu verlirn anfangen, daß Wirklichkeit in Idealität sich verwandelt. Die orientalische Welt hat auch Verderben in sich, aber das orientalische Princip enthält nicht in sich das Princip in ihm selbst zu haben, welches entgegengesezt ist seinem eignen Princip; sie hat nicht ein Princip des Verderbens in sich, welches in sich selbst gerechtfertigt ist; das orientalische Princip entläßt den Geist nicht zu der Freiheit aus sich, um sich gegen es selbst zu kehren; dagegen das Princip der Inerlichkeit, der individuellen Subjectivität, enthält das Princip, welches störend ist für das Princip der griechischen Schönheit, das Princip der Sitlichkeit, welches wesentlich als Sitte und Gewohnheit ist, und die Substanz des griechischen Geists ausmacht. Das Princip des Gedankens ist störend gegen diese Bestimmung, auf der aber das Bestehn der ganzen griechischen Welt

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6 ein Staat] Do: was ein Volk im Staate 9 sondern muß … erzeugen] Do: Diß erzeugt sich durch 30 sich selbst (daher nicht Zweck oder Ziel) 10 Angelegenheiten] Do: Seiten 11 inre] DoPi: höchste 13 Werke dieses Geistes] Do, ähnlich Pi: geistigen Werke dieses Athens 13–14 stehn unübertroffen … uns] Pi: sind nicht untergegangen im Umsturze des Staates 13 unübertroffen] Do: klassisch, unübertroffen 16 der Kunst] Do: der klassischen Kunst und Wissenschaft 18–19 ihr Intresse im Staate haben] Do: ihre Befriedigung in der Wirklichkeit ihres Staates 35 finden 20 verwandelt] Do: verwandeln. Diß hängt mit dem Princip, das wir Verderben nennen, aufs Innigste zusammen. 23–25 das orientalische … kehren] Do: der Geist erhält aus der Natur nicht die Freiheit, sich gegen diß Princip zu setzen 25 Inerlichkeit] Do: denkenden Innerlichkeit 28 Substanz] Do: Grundlage 1–2 die Geschichte des Thucydides, die so Do; in Ke eine Textlücke von zweieinhalb Zeilen

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ruht. Dies höhre Princip ist von der Art, daß es zu versöhnen ist, aber seine Versöhnung auf einem höhren Standpunkt eben nur finden kann, als die Form des Griechischen Geistes ist; ist aber von der Beschaffenheit, daß es aus dem griechischen Geist hervorgehn muß; der Geist ist der Gegenstand der Griechen, und dieser Standpunkt enthält in seiner Entwikelung, daß der Gedanke, die Subjectivität sich entwikelt. Politische Entwiklung dieses Verderbens, Krige der Griechen unter sich. Der Hauptkrig ist der peloponnesische Krieg; Perikles stand an der Spitze Athens, das eine Menge Bundesgenossen hatte, Schutz den diese bildeten, Bundesflotte. Befand sich auf dem Gipfel seines Glanzes, seines Glüks. Xenophon sagt: Wer bedarf nicht Athens, alle Länder So war in Griechenland noch nicht die Art und Weise gefunden, wie mehrere Gemeinden in einer Vereinigung stehn könten, aber einer gerechten, freien Vereinigung. Athen unterlag, indem diese Gemeinden durch athenische Execution, und Herschaft, sich bedrükt fühlen, und zu dem feindlichen Staate wenden. Athen ist zuerst unterlegen, denn da war das Princip der Inerlichkeit zuerst aufgegangen, gründlich und tief, in seiner Berechtigung. | Der Geist erschien in Athen zuerst durch sich gebrochen. Ein Genie wie Perikles hatte die Demokratie zusamenhalten können, und so ein Verhältniß in der Demokratie kann nur einmal hervortreten, weil es durch Zufäligkeit sich hervorthut, Individuen mit schlechten Absichten, mit geringem Intresse stellen sich an die Spitze und werden von der Pöbelhaftigkeit an die Spitze gestelt. Sparta, das nun zur Spitze wurde, löste die demokratische Verfassung in den Staaten auf, die zum demokratischen Bunde gehört hatten, und auch in Athen selbst auf einige Zeit. Sparta gelangte zur Obermacht, daß es Perser herbeizog, Geld von ihnen bekam zur Ausrüstung einer Seemacht; also dadurch, daß Sparta ein Verräther an Griechenland geworden ist, ist es zur Herschaft gelangt, und daß die Lacedämonier die griechischen Städte in Kleinasien und einige Inseln den Persern überliß. Das spartanische Joch ward bald abgeworfen, wobei Theben an der Spitze stand, und Lacedämons Herschaft über den Peloponnes aufgelöst, und die Große Neme-

7 Perikles] Do: Der vollkommen plastische Staatsmann Perikles 12 Vereinigung] Do: freien Vereinigung 13 unterlag] Do: unterlag Sparta 14 dem feindlichen Staate wenden] Do: Sparta 16 in seiner Berechtigung] Do: mit vollkommener Berechtigung 17 gebrochen] Do: gebrochen, was hervortrat als | Unverträglichkeit der Demokratie in sich selber 21–22 Sparta, das … wurde] Do, 35 ähnlich Pi: Dieses Erliegen Athens an Sparta, was wir im Innern als Sokrates Erliegen an den Geist sehen werden, macht Sparta zum ersten Staat 24 herbeizog] Do: hereinzog, was den Griechen als das größte Verbrechen galt 25–26 an Griechenland geworden ist] Do: an Griechenland, indem es selbst die Asiatischen Griechen Preisgab

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30 4 der Geist … Griechen] Do: der griechische Geist ist der Geist überhaupt

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Länder] in Ke folgt eine Textlücke von dreieinhalb Zeilen, die nicht durch DoPi gefüllt werden 22 wurde] Ke: um

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sis ward volführt, daß die Messenier wieder hergestelt wurden, auch Megalopolis in Arkadien. Theben sank nach dem Tode der beiden großen Individuen, Pelopidas und Epaminondas, wieder zurück, Griechenland zeigte sich überhaupt geschwächt, zerrüttet, das Bedürfniß eines Mittelpunkts, und die Unmöglich keit einen solchen Mittelpunkt zu bilden, hat ebenso innerhalb jeder Stadt statt gefunden; die meisten Städte waren in Factionen getheilt, die nicht mit einander bestehn konten. Die 2te Form des Verderbens ist die tifre. Diese Entwicklung des Geists zu dem Gedanken, dieser Idealität eines innerlich algemeinen. Bemerkt, daß der griechische Geist, weil der Geist sich für sich selbst Gegenstand ist, dies enthält, daß der Geist für sich sich herausbildet, für sich frei wird, parallel mit dem übrigen Fortschritt bleibt auch die Erstarkung des Gedankens. Vor Anfang des Peloponnesischen Krigs thut sich die geistige Bildung so weit ausgebildet hervor, um ihren absoluten Standpunkt gefunden zu haben. Der Gedanke, der dann die Bestimmung in sich hat, scheint einerseits absolut unverträglich mit der politischen Gestaltung Griechenlands als mit der schönen Religion zu sein, sondern hat ihren Feind in sich selbst erzogen. Die Wissenschaften des Gedankens zeigen sich zunächst als formelles Denken, die Geschiklichkeit, die Vorstelungen hin und her zu bringen. Das Aufkommen der Sophisten, Meister der Gedankenwendung, von denen | die Griechen in Erstaunen gesezt sind, daß sie alles wie man sagt, beweisen könten. Vor diesem Raisonnement hatte der Gedanke noch keinen Standpunkt gewonnen; daher wird der Mensch, das subject, als das Maaß aller Dinge genannt, sein Beliben; sokrates ist es, der die freie Unabhängigkeit des Gedankens in sich ausgesprochen hat. Anaxagoras war der erste unter den Menschen, der Gott als das absolute aussprach; Sokrates, daß das inre, durch den Gedanken bestimte, das Gute und schlechthin algemeine sei. Damit ist die Philosophie des Gedankens, der sich selbst erfaßt, aufgegangen. Sokrates ist als moralischer Lehrer berühmt, aber er ist der Erfinder der Moral, er hat den Gedanken als das höchste

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2 Arkadien] Do schließt an: und vergalt so Sparta alles Unrecht 3 zurück] Pi: in seine vorige Stellung zurück 11 Vor] Do: Zu 12 geistige Bildung] Do: Wissenschaft 15–16 sondern hat … erzogen] Do: war erzogen zugleich mit der Herausbildung dieser beiden, deren Zer- 30 störer er war 22 sein Beliben] Do, ähnlich Pi: daher Belieben, eigenen Nutzen zum Prinzip dessen gemacht was recht sei 23–24 Anaxagoras war … aussprach] Do: Anaxagoras sagte zuerst, daß der notu (das Denken) das höchste Wesen sei 24–25 daß das … sei] Do: daß der Mensch aus sich und in sich zu finden habe, was Recht sei Pi: Das Rechte und Gute ist durch den Gedanken bestimmt und so allgemein und absolut ist er der Erfinder des wahrhaften 35 Gedankens. 25–26 Damit ist … aufgegangen.] Do: Hiermit ist die eigentliche Philosophie des Gedankens der sich und sich selbst erfaßt, begonnen. 26–691,1 Sokrates ist … Bestimmende.] Do: Sittlichkeit hatten die Griechen, diß lehrte Sokrates nicht, aber daß der Gedanke der Grund dessen sei. 18 Aufkommen statt eines unlesbaren Wortes

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ausgesprochen, das Bestimmende. Damit ist ein Bruch gemacht worden mit der Wirklichkeit, und so, daß die Versöhnung, die Innerlichkeit, Subjectivität, mit dem concreten überhaupt, noch nicht hat statt finden können, sondern erst später geschehn ist. Aus diesem Princip, daß der Gedanke das Bestimmende sei, was recht und gut sei, sind die Fragen hervorgegangen, ob Göter sind, oder nicht, und was sie sind, und was recht und sitlich sei, die Gesetze, Sitten galten nicht mehr, weil sie Gesetze, Sitten waren, für recht und gültig. Ein inres Tribunal über das, was Recht sei, ist himit aufgestelt. An Sokrates sehn wir die Tragödie des griechischen Volks aufgeführt; der edelste der Menschen, moralisch waren vile, aber er hat das Princip einer übersinlichen Welt zum Bewußtsein gebracht; ein Princip der Freiheit des reinen Gedankens, welches absolut berechtigt, schlechthin an und für sich ist, und tragisch ist sein Schiksal aber im wahrhaften Sinn, weil so hochberechtigt er für sich war, ebenso hochberechtigt das athenische Volk war gegen ihn; denn sein Princip ist ein Princip der Revolution der griechischen Welt; in diesem großen Sin hat das athenische Volk seinen Feind zum Tode verur theilt, eine Strafe der höchsten Gerechtigkeit müssen wir daran erkennen; dieses Princip der Innerlichkeit, subjectiven Entscheidung sehn wir in seiner tifsten, berechtigten Form als den Grund des Unglüks des griechischen Volks. Der Dämon des Sokrates, das entscheidende des Willens, ist in das subject als solches gelegt. Die nähren Formen, die dieses Princip der Individualität angenommen hat, Selbstsucht, Habsucht, haben wir nicht aufzuführn, auch hat das Princip der Verlegung der Innerlichkeit nicht die absolut berechtigende Form gehabt. |

1–2 Damit ist … Wirklichkeit] Do: So ist eine innerliche Welt begründet und der Bruch des Gedankens in sich. 7 inres] Do: höheres 8–9 An Sokrates … aufgeführt] Do: Kein Schicksal 12 ist 2 ] Do: 25 eines Individuums ist logischer als Sokrates er ist ein Bild des griechischen Volkes. berechtigt ist 14 Revolution] Do: Zerstörung 15 seinen Feind] Do: Sokrates mit der höchsten Berechtigung 19 Willens] Do: Wollens und Wissens, das die Griechen an ihren Gesetzen und Orakeln hatten 15 verur theilt] in Ke folgen mehrere nicht mit Sicherheit lesbare Wörter, die keinen sinnvollen Satz ergeben: 22 gehabt.] Ke bricht ab

30 weil wir ganz an Moralität(?) oder der Lust(?) auskommen was juridisch imputabel ist

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Die geistige Reflexion für sich ist in Sparta nicht so hervorgetreten; nicht Spaltung, aber Selbstsucht entstand dort. Dasselbe war in Athen, aber nur als Form des Fortbildens. Sparta war an die erste Stelle gesetzt und unterlag unter Theben, aber Theben selbst brachte kein Ganzes hervor, der Thebische Tempel wird geplündert. Das Heilig thum ist entweiht. Der Mensch mußte sich nun auf sich verlassen. Die Orakel schwiegen und der Wille der Macedonier sprach: Die letzte Entscheidung war früher in der Weise des Orakels vorhanden. Die fromme Ehrfurcht gehorchte demselben und ein neuer, nicht religiöse entscheidender Wille mußte auf eine äußerliche gewaltsame Weise hervortreten. Dies war ein fremder König; weil auf die eigenthümlich einheimische Weise dieser letzte Wille keinen Gehorsam fand. Dieser 2te Jüngling, Alexander, steht am Schlusse der schönen Periode Griechenlands. Griechenland sammelt sich um die neue Fahne einer königlichen gegenwärtigen Individualität. Alexander hat Griechenlands Kunst und Wissenschaft mit dem Morgenlande zusammen geführt, und den langen Kampf des Ostens und Westens für diesmal geendet. Er hat dem Morgenlande das Uebel und noch mehr das Gute vergolten, das von dor ther nach Griechenland gekommen, mit dem Glück, es zu einem griechischen Lande zu machen. | Nur noch einmal, und vorübergehend ist der Westen Herr des Ostens worden. Was Alexander vollbrachte ist das Werk, daß er das griechische Reich im Morgenlande stiftete. Alexander’s Herrschaft ist freilich nicht auf seine Familie geerbt. Er hat seine Dynastie also nicht zur herrschenden gemacht, aber die Dynastie des 1–3 Die geistige … Fortbildens.] Do: Die andre Form des Verderbens haben wir nicht auszuführen. In Sparta fand das Princip nicht die Form der absoluten Berechtigung, der geistigen Reflexion (in Ms: ist) sich. Das Princip der Veränderung zeigte sich nicht als Zerfallen der Demokratie in sich, sondern das Princip der Subjektivität behält die schlechte Form gemeiner Leidenschaft der Individuen, die in Athen auch stattfand, aber nicht die hauptsächliche war. Bei den Spartanern war aber diese vornehmlich nur zu sehen. Spartaner waren daher heftiger gehaßt als die Athener wegen Selbstsucht und Herrschsüchtiger Habsucht unterdrückend und gemüthlos sich verhielt. Der Schluß dieser Entwikelung ist nun noch zu erwähnen. 4–5 Theben selbst … entweiht.] Do: Theben zeigt sich nicht gewachsen, Griechenland zu vereinigen, durch die Phokenser unterdrückt, die den heiligen Mittelpunkt Griechenlands entweiht hatten. 6 Die Orakel schwiegen] Do: Das Heiligthum das Hauptorakel ist erlöscht. 7–8 Die fromme … demselben] Do: Die Ehrfurcht vor ihm ward aus den Augen gesetzt, und es konnte keinen Schutz finden vor den Völkern Griechenlands. 8–9 ein neuer, … hervortreten] Do: so ist an die Stelle des ohne Ruhm und Religion gelassenen Willens ein anderer Wille eingetreten der entscheidende des mazedonischen Königs. Die fromme Ehrfurcht vor dem Orakel fiel hier hinweg, und der entscheidende Wille trat daher auf eine äußerlich existirende gewaltsame Weise in die Wirklichkeit. 9–10 Dies war … König] Do: Ein fremder König mußte diese Verletzung bestrafen 12 Griechenland] Do: er nimmt zu freiem Gebrauch aus den Händen des Vaters die gehässig überkommene Gewalt, und Griechenland 13–14 Alexander hat … geführt] Do: Diesen Heerzug führt er gegen den Osten 18 Nur noch … worden.] Do: Solche Herrschaft ist über das Morgenland nicht wieder bewerkstelligt worden. Das ist das höchste von ihm. 21–693,1 aber die … gesetzt] Do: setzte aber eine höhre ein, die des griechischen Geistes der griechischen Welt

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griechischen Geistes hat er über jene Welt gesetzt. Der griechische Geist umfaßte also einen Theil von Europa, einen von Asien. An der Spitze stand Alexander und Roxane aus Baktrien die schönste Frau jenes sogdianischen schönsten Volkes. (Zendvolk). Dieß Land ist das Stammland der Türken. Indem dieß Paar die Länder beherrschte, blühten sie empor. Alexander lebte 2 Jahre in Baktrien. Die griechisch baktrische Herrschaft hat mehrere Jahrhunderte fortgedauert. Lauter griechische Reiche entstanden außerdem. Thracien ist auch griechisch geworden, wie anderseits Aegypten. In Alexander ist es diese große Individualität gewesen, worin sich Griechenland zusammengefaßt, culminirt hat. Früher ist das Hauptinteresse das Schicksal der Staaten selbst. Die Individuen sind nur hierin groß, als Diener, durch Arbeiten und Verdienste um das Vaterland. Hier ist die Individualität als solche, die vorher nur Nebensache gewesen, | das wesentliche. Das Staatsleben hat das Interesse verlohren. Keine Sache ist vorhanden, die affirmatives Interesse hätte. Die Individualität als solche fordert, worauf sich das Interesse richtet. In Alexander aber sind beide Momente im Gleichgewicht. Die Sache selbst ist groß, und von seinem Geiste ausgeführt. Alexander war die glücklichste Natur, und fand das Instrument der Gewalt fertig vorbereitet. Die Natur hat zugleich die größte innere Bildung erhalten. Erzogen von Aristoteles, dem tiefsten und wichtigsten Denker; nicht eine Prinzenerziehung, sondern Alexander wurde in die tiefste Metaphysik hineingeführt. Alexander war im Inneren Asiens als die Metaphysik des Aristoteles erschien, und schrieb an ihn, er hätte dieß für sich behalten sollen. Aristoteles erwiedert, damit sei es eben sowohl bekannt gemacht, als nicht bekannt gemacht. Durch diese Bildung ist Alexanders Inneres vollkommen frei geworden. Genievoll und gereinigt von allen Banden ist er an das Werk von Asiens Eroberung getreten. Sein mildes gerechtes Naturell, Feldherrngeist, Tapferkeit, alle Tugenden hat er bewiesen. Er war der Vorderste in der Schlacht, der Erste auf den Wällen. Er hat einmal zuerst die Mauer einer Stadt erstiegen, und | sprang allein in die feindliche Stadt und kämpfte, bis von der andren Seite die Macedonier ihm zu Hülfe kamen. Nach Vollführung des großen Werks ist er

30 1–2 Der griechische … Asien.] Do: Das Reich ist das jetzige größtentheils Tartarische.

4 Dieß Land] Do: Sogdiana Türken] Do: Türken, wo die jetzigen ( Beherrscher Ms: Beherrscher Beherrscher) herrühren 9 Griechenland] Do: die griechische Individualität 10–11 als Diener, … Vaterland] Do: in so fern sie dem vorhandenen Zwecke des (Staates Ms: Staates sich) dienen, in so fern sie sich darum verdient machen, diß allgemeine ist ihre substantielle Würde 13 affirmatives] 15 Gleichgewicht] Do: vollkommnen Gleichgewicht 15–16 Die 35 Do: als solche wahrhaftes Sache … ausgeführt.] Do: Diß große Werk ganz identisch mit der persönlichen Größe des Individuum. 17 vorbereitet] Do: von seinem Vater und der griechischen Bildung Die Natur] Do: Dieß Instrument 19 wichtigsten Denker] Do: reichsten Denker der Antike vielleicht auch der modernen Zeit 21–22 er hätte … sollen] Do: sie hätten diß für sich durchgemacht, diß 24 gereinigt] Do: plastisch gereinigt 26 hat er bewiesen] Do: zeich40 sei nicht für die Andren neten ihn aus wie der große Geist des Staatsmanns und Fürsten

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in Babylon gestorben. Der Tod kam nicht zu früh. Das Bild seines Lebens war abgeschlossen, so daß er eine der schönsten Anschauungen uns hinterlassen. Mit diesem Jüngling ist die Blüthe des griechischen Lebens beschlossen. 480–90 haben die medischen Kriege begonnen. 404 wurde Athen von den Spartanern erobert, 333 ging Alexander nach Asien. 324 †. Nach seinem Tode tritt die 3te Periode Griechenlands ein. 1) Staatenzustand, 2) Verhältniß der Individuen. Zustand der Staaten ist Schwäche; die Freiheit blieb, aber ging abwechselnd auch verloren. Kleinasien, Syrien, Aegypten waren griechische Reiche mit griechischer Wissenschaft und Kunst. Sie wurden von Königen beherrscht. Athen hat große Ehre genossen. Die Könige haben sich gerissen um den Besitz der Herrschaft und Gunst der griechischen Städte. Ein Ruhm war es, Athen, Corinth, Sparta zu Hülfe zu kommen, sie zu beschenken. Diese Verhältnisse waren politischer und diplomatischer Art. Griechisches Volk befreien hatte den diplomatischpolitischen Sinn, es der Gewalt eines Nebenbuhlers zu entziehn. Befreier Griechenlands war hoher Ehrentitel, bedeutete aber es dem Ne|benbuhler entrissen, oder die Staaten aufgelöst zu haben. Sonst war es noch vornehmlich Athen, das emporgehoben war durch die Pflege der Wissenschaft, der Philosophie und Beredtsamkeit. Es hielt sich außerhalb der Leidenschaft, wo andre Städte litten. Später der ätolische Bund, (Polybios) ein Bund, sich unabhängig zu halten. Das ätolische Volk war aber ein Räubervolk, mit Betrug und Anmaßung gegen andre. Das böotische Volk ist ebenfalls mit sinnlicher Rohheit erfüllt, Sparta mit schwachen Tyrannen besetzt. Alle Staaten können sich selbst nicht ertragen. Wie Lacedämonier es mit Persern angefangen haben, so machen sich diese Staaten unabhängig von dem König Macedoniens, und setzen sich dagegen abhängig von Syrien etc. Der achäische Bund zeichnet sich durch den Zwek, die Rechtlichkeit und die Gemeinsamkeit aus. Aber auch er muß zu verwickeltster Politik seine Zuflucht nehmen, geht aber in dem Gewebe selbst unter. Ein Zustand trat ein, ganz wie Livius in praef. sagt[:] Donec ad haec tempora pervenit etc. wo wir unsre eigenen Laster nicht ertragen können, und sie doch nicht abschaffen können. Leidenschaften

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1 früh] Do: früh, er starb zu gehöriger Zeit 2 abgeschlossen] Do: vollkommen abgeschlossen der 30 schönsten Anschauungen] Do: vollkommen fertige runde Anschauung seiner 3 die Blüthe] Do: das Eigenthümliche 3–5 beschlossen. 480–90 … Asien. 324 †.] Do: geschlossen, das nicht lange gedauert 9 große Ehre] Do: großen Ansehens 15–16 bedeutete aber … haben] Do: wenn aber verschiedene Städte vereinigt wurden, so suchte man diese loszureißen, den Staat in viele ohnmächtige Gemeinden aufzulösen 17 die Pflege … der2 ] Do: durch einen höheren Besitz, durch 20 mit 35 Betrug … andre] Do: das Gewaltthätigkeit und Betrug zu seinem Recht macht 21 mit sinnlicher Rohheit erfüllt] Do: in Schlemmerei versunken 22 können sich … ertragen] Do: so, daß sie für sich selber nicht sich ertragen konnten 24 etc.] Do: ein diplomatisches Verfahren, die fremden Könige als Mittel gebraucht, die wiederum dadurch diese Städte in Unterwürfigkeit hielten 27–28 in praef.] Do: in seiner Vorrede von Rom 28–29 wo wir … können] Do: | also allgemei- 40 nes Gefühl des Unbehagens bei einem Zustande, und Unfähigkeit der Abhilfe

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der Individuen werden vielfach mächtiger als das Interesse des Staates. Faktionen, die Stärke von außenher suchen. Die Faktion, die die Oberhand erhalten, wird | wird übermüthig und niedrig, bettelt bei fremden Königen. Nur große Individualitäten können uns erziehen, die ihr Vaterland wahrhaft zu befreien streben. Diese großen Individualitäten sind zugleich nur große tragische Charaktere, die das Leben mit der hartnäckigsten Arbeit fristen, das Vaterland zu halten, dem Uebel zu steuern. Aber das Verderben ist so, daß nicht abgeholfen werden kann. Sie gehen unter in dem Kampf, ohne Befriedigung, nicht ohne Verdruß. Sie nehmen kein reines Bild von sich mit. Ihr höhres Unglück ist, daß sie gewaltthätige Handlungen, Verbrechen thun mußten gegen die positiven Verfassungen, und treulosig auftreten gegen fremde Staaten. Die Lebensbeschreibungen treten dann an die Stelle der Geschichte oder sie sind es die das Interesse der Geschichte haben. Plutarch. Man kann ihn an Mangel an richtigem Blick, aus Hyperkritik der Gelehrsamkeit, wohl tadeln, aber von denen ist er immer geschätzt worden, die das Interesse der Geschichte in die Nahrung des Geistes, in große Individualität setzen. Er hatte wohl besser gethan, wenn er Theseus, Romulus nicht bearbeitet, weil solche Individualitäten nicht das Interesse haben. 2 Staaten, Sparta und der achäische Bund, geben ihm die schönsten Gegenstände. Agis und Leonis unterliegen den Ephoren und der Schlechtigkeit der Landsleute. | Im achäischen Bund Aratos und Philopoemen. Der Bund unterlag aber traurig den Römern. Polybios, selbst ein Achäer schildert ähnlich den Zustand. Der Grieche ist jetzt nur glücklich, wenn er sich, wie Athen, in die Wissenschaft vertieft. Gegen diese Partikularisation der Leidenschaft steht ein Schicksal. Das Schicksal kann nur einen solchen Zustand zerbrechen, und das Jammervolle

25 1 als das Interesse] Do: über den Zusammenhang

3 übermüthig und niedrig] Do: rechtlos und übermüthig nach Außen bettelt bei fremden Königen] Do: zieht das Interesse der Könige in das Schicksal der Staaten hinein 4 erziehen] Do: intressiren 5 Individualitäten] Do: Individualitäten, die ihr Vaterland und sich befreien wollen 6 das Leben … fristen] Do: ihr Genie der hartnäckigsten Arbeit widmen 6–7 dem Uebel] Do: den Uebeln und Bösem im Inneren und Außen 8 Befrie9–11 gewalt30 digung] Do: die Befriedigung gefunden zu haben, ihr Vaterland gesunden zu sehen thätige Handlungen, … Staaten] Do: ihre hehren Interessen nicht durchzusetzen glaubten, ohne Gewalt thätigkeiten, die als Verbrechen gegen die Gesetze und treulose Gewalt thätigkeiten gegen Fremde und Fürsten erschienen 13–14 an Mangel … tadeln] Do: wohl Mangel an Untersuchung zutrauen, unsre hyperkritische Gelehrsamkeit sieht verächtlich herunter auf ihn 15 Geistes] Do: 18 geben ihm … Gegenstände] 35 Geistes und Charakters Anschauung mächtiger Individualitäten Do: liefern ihm hauptsächlich seine Charaktere 19 Leonis] Do: Cleomenes den Ephoren … Landsleute] Do: den Leidenschaften der Ephoren, in so fern sie sich mit äußeren Feinden in Verbindung […] setzen 21–23 Polybios, selbst … vertieft.] Do: Wenn wir das Bild Griechenlands vor Augen haben, wie der edle Polybios es uns schildert, der verzweifeln muß, oder im Handeln nur 40 untergehen kann oder sich in die Wissenschaft überhaupt zurükzieht, wie die Athener Theben. 23 Partikularisation der Leidenschaft] Do: unsittliche Selbstsucht, Partikularität der Leidenschaft wo das Gute und Schlechte ins Verderben gerissen wird

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trostlos verderben, so daß der Untergang keine Ehre hat. Das Schicksal erscheint also hier nur als abstrakte blinde Gewalt. Das zertrümmernde Schicksal kommt als römische Welt hervor. Das Schicksal sind die Römer. Napoleon hat einmal mit Göthe über die moderne Tragödie gesprochen und hat gesagt wir haben das Schicksal der Alten nicht mehr wir haben aber ein modernes Schicksal, die Politik, wo unter der großen Gewalt der Politik die individuelle Größe unterliegen muß. Diese Politik ist das römische Reich, die sittliche Individualität wird in Bande geschlagen. Ins Pantheon der Weltherrschaft hat Rom alle Götter versammelt, um ihre Individualitäten zu ersticken. Aus diesem Schmerz der Welt hat ihr Heil entstehen müssen. Das Herz, der natürliche Geist hat zerbrochen werden müssen, damit der wahre Geist entstehen könnte.

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Uebergang vom griechischen Geiste zum römischen. Mit dem Bewußtsein des Geistes von sich selbst ist die Freiheit aufgethan. Der Geist hat aber | noch nicht sein Bewußtsein in der Form der Allgemeinheit, sondern ist Geist der Schönheit, und darum beschränkt, die Freiheit der Individuen ist partikulär, nicht der Mensch als solcher ist frei. Die letzte Entscheidung des Willens wird aus dem Willen selbst genommen, ohne zu Subjektivität fortgegangen zu sein. Darum ist der freie Geist der Geist der Schönheit genannt, weil diese Darstellung des freien Geistes im Naturelemente ist. Diese Befangenheit, die als Moment der äußerlichen Existenz ist, muß abgestreift werden. Die Allgemeinheit muß gewonnen werden, dessen der subjektive Geist sich als der wahrhaften bewußt ist. Dadurch gewinnt er seine absolute Freiheit. Das Hinausgehn über die Beschränkung ist zunächst ein Negatives, nur die Form der Allgemeinheit wird zunächst gewonnen. Dieß Gewinnen ist die Bildung durch harte Zucht. Das Natürliche muß

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1 Ehre hat] Do: keine Ehre bleibt. Trost, Rath Besserung ist nicht mehr möglich 3 römische Welt] in Do als Überschrift 4 die moderne Tragödie] Do: die Natur der Tragödie 6 großen Gewalt der Politik] Do: unwiderstehlichen Gewalt der Umstände 7 Politik] Do: abstrakte Gewalt 9 Götter] Do: Götter und Geister 10 ihr Heil] Do: das Gut Herz] Do: Herz der Welt 14–15 Der Geist … Bewußtsein] Do: | Der Geist der als freier ist hat in griechischer Welt 30 noch nicht seine absolute Freiheit erreicht, d.h. das Bewustseyn des Geistes noch nicht 16 die Freiheit] Do: der Geist ist daher nicht an und für sich frei, noch behaftet mit seinem Naturelemente, die Freiheit 17 wird] Do: wird noch nicht 19 Darstellung] Do: Existenz 20 im Naturelemente] Do: auf eine solche äußerliche, natürliche Weise 21 Existenz] Do: Existenz, Beschränktheit Allgemeinheit] Do: reine unendliche abstrakte Allgemeinheit 24 Negatives] 35 Do: negatives Hinausgehen 25 Natürliche] Do: Natürliche, Concrete 12 R ö m i s c h e We l t so Do, in der Mitte über dem Beginn des letztes Absatzes

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abgestreift werden, und die Form der abstrakten Freiheit gewonnen werden, damit das Element dasei, worin der Geist concret sein kann. Zu dieser höchsten Bestimmung ist der Durchgangspunkt vom griechischen Geist nothwendig. Diese Welt der abstrakten Allgemeinheit, des Verstandes, ist die römische Welt. Hierin liegt, daß es keine in sich versöhnte Einheit des Geistes in sich ist. Der Gegensatz ist zugleich vorhanden, weil die abstrakte Allgemeinheit selbst nur ein Gegensatz ist. Diese Formen gehören ei|nerseits freier Einzelnheit, anderseits der Staatslokalität. Die Weltgeschichte rückt weiter gegen Abend, aber noch jenseits der Alpen, im Süden Europas. Das Mittelmeer ist noch Mittelpunkt. Die nordische Tiefe kommt noch nicht zur Reife. Rom hat Flußzusammenhang mit dem Meere, hat Basis im Lande, wie Athen, allein das Land ist auch kein asiatisches, verdumpfendes Element. Diese Basis ist auch kein ausgedehntes Land, nicht wie Deutschland und Frankreich, sondern schmal. Der allgemeine Mittelpunkt der Begebenheiten ist die Küste des Mittelmeeres, also zwischen Mittelpunkten des Mittelmeeres, nicht Verbindung der Länder nur, ganz andere Verbindung als durch ein fruchtbares Land. Der Zusammenhang muß also äußerlich gehalten werden. Es ist also in einer Mitte, aber ohne festen substantiellen Zusammenhang. Ursprung des römischen Volks und Land desselben betreffend, kann man eigentlich nicht von einem Lande des Ursprungs reden, sondern es ist eigentlich außer Landes entstanden, nicht auf einem bestimmten Gebiete, nicht auf einer Fläche, sondern auf einem Punkt, der sich erst gewaltsam in die Breite gearbeitet hat. Rom erscheint zuerst in einem Winkel von 3 Gebieten bestimmter Völker, aber außerhalb derselben, Lateiner, Sabiner und Etrusker. In dieser Ecke zeigt sich | der erste Staat. Nicht patriarchalischer Stamm, nicht Zwek eines friedlichen Lebens, sondern eine Räuberbande. Mag es mit dem Geschichtlichen des Aeneas, Ascanius, Evander, Amulius, Numitor, gehen wie es will, ebenso Romulus und Remus, sind gleichgültig. Zusammenhang mit Troja. Livius erzählt von Agenors Colonie. In Westphalen gab es auch einen Ort Troja, in Frankreich Trois, in den Nibelungen etc. von Livius ein Ort Troja erwähnt.

30 2 dasei] Do: gegeben werde

kann] Do: kann mit der Form der Allgemeinheit 2–4 Zu dieser … Welt.] Do: Dieser Durchgangspunkt, diese Welt des Verstandes ist nun die Bestimmung, die das Römische Volk im Geschäfte des Weltgeistes ausgeführt hat. 6–7 Gegensatz ist] Do: Gegensatz, daher Zerrissenheit des Geistes 7–8 Diese Formen … Staatslokalität.] Do: Die nähere Form von freier Einzelheit der Persönlichkeit und der Gewalt muß nun beleuchtet werden. 8 Die Weltgegegen Abend, 35 schichte] Do: Daher zuerst der allgemeine Charakter denn die Weltgeschichte aber] Do: von Osten nach Abend, aber sie bleibt 9–10 Mittelpunkt. Die … Reife.] Do: Mittelpunkt, ohne nordische Nacht und Tiefe 11 Meere] Do: Meer durch den Tiber hat Basis … Athen] Do: nicht aber so von Land abgeschnitten wie Sidon 11–12 asiatisches, verdumpfendes Element] Do: so fruchtbares dumpfes Element wie in Asien 13 schmal] Do: nur schmale 17–18 festen substantiellen Zusammenhang] Do: eine natürliche feste Basis 24 Stamm, 40 Ebene nicht Zwek] Do: kein Stamm, keine Familie, keine freie Vermischung und Zwecke

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Amulius etc, vornehmlich Romulus und Remus sind uns durch Geschichtschreiber der Römer und Griechen, als ganz historische Personen überliefert. Ebenso Numa und die folgenden. Wir benehmen uns hier bei umgekehrt als an griechischer und indischer Tradition, nämlich diese prosaische Geschichte, übersetzen wir in My then. Umgekehrt die griechischen und indischen My then nehmen wir als tiefe geschichtliche Wahrheit enthaltend. Dem Römer zwingen wir also Mythen auf, während wir nur eine prosaische Geschichte erhalten haben, ganz im Gegensatze der griechischen Mythen. Mit diesen Sagen und Geschichten mag die Bewandniß sein wie sie will, so bleiben die Hauptmomente die selben. Rom erscheint nämlich als g e s t i f t e t e Stadt, als gegründetes Gemeinwesen, nicht ausgegangen von einer Familie. Es ist auch nicht ein Ganzes mit Colonien. | Die sich als ein Zusammen zeigen, sind nur räuberische Hirten. Livius macht sie zu moralischen Raubern. Rom bevölkert sich ferner weiter und da wird angegeben, daß die Art darin bestand, theils diesen ihren Punkt zu einer Freistätte zu machen für alles zusammenlaufende Volk, selbst Verbrecher, gleichgültig ob frei oder Sklaven. Weiter wird ebenso bestimmt angegeben, daß sie sich Frauen durch Raub geholt. Die Benachbarten gaben ihnen ihre Töchter nicht, und schlugen die Einladung zu einem Feste aus, außer den Sabinern, ( tristis, tetrica superstitio). Dieser Frauenraub ist also ganz bestimmter Zug. Darin liegt etwas sehr charakteristisches, daß sie eine gottesdienstliche Feier zum Vorwande eines Raubes nahmen. Ihre Religion hat überhaupt das, Vorwand zu sein für einen Zwek. Eine 3te Weise der Vermehrung, daß sie die Einwohner benachbarter Ortschaften in ihre Stadt schleppten. In diesen Grundzügen liegen die Data für den Charakter der römischen Welt. Indem wir die Gesellschaft oder Menge sehen, die nicht als Familie natürlich vereinigt, nicht berechtigt ist, so daß kein friedliches Leben sich entwickeln könnte; da keine Gemeinsamkeit im Recht, sondern im Unrechte da ist, so mußte ein gewaltsames Band zur Vereinigung dasein. Es ist ein gewissenloser Zwek der sie vereint, also auch nur gewaltsam. |

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4 Geschichte] Do: Geschichte der Römer 6 zwingen] Do: drängen 8–9 Mit diesen … sel- 30 ben.] Do: Diß nebulos machen ist Stil in der Behandlung römischer Geschichte. 11–12 nicht ausgegangen … Colonien] Do: Rom als Mittelpunkt ist nicht eine Colonie als solche, sondern ein gemachtes als solches und erscheint sogleich als ein von einer Manigfaltigkeit gemachtes 12 Zusammen] Do: eigenthümliches Zusammen 17–18 Die Benachbarten … nicht] Do: die Nachbarn verachteten sie, so daß sie nicht zu den Festen kamen 19 tristis, tetrica superstitio] Do: ein 35 ungebildetes Landvolk 25 als Familie] Do: durch das Band der Familie 25–26 nicht berechtigt ist] Do: nicht durch Bedürfnisse berechtigt zu einer politischen Verbindung zusammengelaufen 27 Unrechte] Do: Unrecht oder Trieb 27–28 gewaltsames] Do: äußerliches gewaltsames 28–29 Es ist … gewaltsam.] Do: Ein gewissenloser Zweck kann nur auf äußerliche Weise bestehen. 40

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Das ist noch eben so jetzt. In einer Räuberbande ist die Subordination die strengste. Die Gerylla’s in Spanien waren Contrabandiers. Die italienischen Räuberbanden sind ebenfalls strenger Subordination fähig. Nach diesen Grundzügen wollen wir näher die Hauptmomente betrachten, in Rücksicht der Sittlichkeit: Familie und Staat. Das erste sittliche Ganze ist Familie und der Charakter des Familienverhältnisses ist folgender: Schon die Tradition stellt den Remus und Romulus als aus der Familie ausgestoßen, ohne Vater und Mutter aufgezogen, von den Wölfen genährt. Ein Brudermord ist einer der ersten Züge des Familienverhältnisses. Ebenso haben die Römer die ersten Frauen nicht durch Zuneigung und Recht, sondern durch Gewalt erlangt. Den Charakter der Familie macht also dieß aus, daß nicht die natürliche Sittlichkeit Bestimmung derselben ist, sondern der Mann ist Herr der Familie. Also Herrschaft und Härte tratt an die Stelle der Liebenden Sittlichkeit. Die Ehe wird so Verhältniß des Herrn zur Sklavin. Der rechtlichen Grundbestimmung nach ist die Frau Sklavin. 2 Arten der Ehe gab es vornehmlich. 1) per confarreationem coemtionem; worin, als der ältesten, die Frau die ganz untergeordnete Person ist, die durchaus nicht in gleichem Rechte mit dem Manne steht. | Sie ist mancipium, in manum tradita. Recht über Tod besonders gegen Libidinoses. 2) durch den Usus. Wenn eine Frau ein Jahr mit dem Manne lebte, war sie seine Frau, wenn sie aber 3 Nächte in dem Jahr vom Hause abwesend war, war sie matrona nicht mater familias, also getrennt vom Manne, in der väterlichen Gewalt oder tutel der Agnaten. Viel ist von der Würde der römischen Matrone die Rede gewesen. Die Matrone hatte für sich Ehre, Freiheit, Vermögen. Einerseits sehen wir also Sklavenverhältniß, und anderseits eine Trennung, ein Selbstständigsein der Frau gegen den Mann, wo die Mitte, sittliche Gemeinschaft fehlt. So waren die Söhne in väterlicher Gewalt ohne Eigenthum. Ungeachtet ihrer Würde waren sie noch mancipia, und erst durch Formalität des 3maligen Kaufs wurde er sui juris. Dann trat er aus dem Familienverhältnisse heraus, und wurde so in ganz entgegengesetztes Verhältniß gebracht. Die Vestalinnen waren aber in manum der Priesterschaft gegeben, und nicht in väterlicher Gewalt. Das sittliche Verhältniß der Familie ist also aufgelöst. Die Frau ist entweder Sklavin, oder hat als

1–2 die strengste] Do: am stärksten 3–4 Nach diesen … wir] Do: Das vierte ist nun, daß wir 6 Tradition] Do: Geschichte 10 und Recht] Do: Liebe freies Werben auf rechtliche Weise 13 Liebenden] Do: empfundenen 14 Der rechtlichen Grundbestimmung nach] Do: 17 steht] Do: hat, nicht in 35 wenigstens der rechtlichen wesentlichen Grundbestimmung nach seine Rechte getreten ist 18 in manum tradita] Do: in manum mariti concessus 18–19 Recht über … Libidinoses.] Do: Die Rechte des Mannes sogar über das Leben. 23 Vermögen] Do: Vermögen gegen den Mann 29–30 Die Vestalinnen … Gewalt.] Do: | Nur die Vestalinnen (die die mancipia der Priester wurden und Flamen dialis) wurden aus dem väterlichen Recht entlas40 sen.

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Matrone Selbstständigkeit des Vermögens etc. Ebenso Verhältniß des Vaters zu den Kindern, Willkühr des Herrn. cf. Gens gehört ebenfalls zum Familienverhältnisse. Gens hat | noch höhere Familiengewalt. Sie braucht nicht sittlich zusammenzuhangen, sondern ist auf das Blut beschränkt. Dieser Zusammenhang behält die Uebermacht über das lebendige Verhältniß der eigentlichen Familie. Eigene Lares und Sacra. In der römischen Welt gilt überhaupt das strenge Recht, das Recht des Eigenthums. Diese Ausbildung gehört dem römischen Verstande, der Abstraktion an. Das Eigenthumsverhältniß wurde streng isolirt. Die Qualität der Person, wonach sie nur Eigenthum hat, ist mit dem Sittlichen verknüpft im Orientalischen, selbst Griechischen. Das Religiöse war das Recht noch vorhanden. Socrates. Aber es ist wesentlich, daß das strenge Recht auf sein eigenthümliches Feld eingeschränkt wird. Diese große Trennung haben die Römer besonders vollbracht. Das Recht des Eigenthums haben sie fast gefühllos festgestellt. Es ist dies wesentlicher Gewinn für die folgenden Geschlechter. Für sich beruht es aber auf der strengen Absonderung des Bürgers und des Menschen. Abstrakte Person im Familienverhältniß war also dieser Hauptzug der römischen Welt. Die andre Seite ist das Staatsverhältniß. Wie der Römer Despot in der Familie war, so war er untergeordnet und streng unterworfen im Staate. Diese strenge Unterwerfung, dies Verlorensein des Individuums im Staate, macht die Eigenthümlichkeit | der römischen Größe aus. Der Römer war abstrakter Bürger, nicht concreter Mensch. Strenge Subordination, und dagegen Entscheidung, auch Herrschaft in der Familie. Wenn wir von diesem Geiste eine Anschauung erhalten wollen müssen wir die Helden Roms betrachten, als Krieger 2 Willkühr des Herrn] Do: Willkühr auf das Höchste gestellt 2–3 Gens gehört … Familiengewalt.] Do: Zu dem Kapitel von der Familie gehört das Verhältniß der Römer, der größeren Familie, die gens die in gewissem Sinne mehr Macht hatte als die Familie 3–4 Sie braucht … beschränkt.] Do: die gens ist nicht die lebendige Familie, sondern die auf die blos natürliche Weise sich gründende (Ms: gründete) der Blutsverwandschaft 6–7 In der … Eigenthums.] Do: Hiermit hängt dann zusammen daß in der römischen Welt das Recht des Eigenthums seine Grundlage und Ausbildung gefunden hat. 7–8 Diese Ausbildung … isolirt.] Do: Die Person als solche hat Eigenthum, diß Verhältniß ist streng für sich gesetzt worden 9–11 wonach sie … Socrates.] Do: war mit sittlichem noch bei den Griechen mehr vermengt als hier, da bei den Griechen das religiöse noch als Recht vorhanden war, so in Sokrates 11 Recht] Do: Recht als solches 13–14 fast gefühllos festgestellt] Do: festgestellt und für sich erfunden 15 beruht es aber] Do: aber ist es nachtheilig und beruht 17–18 Abstrakte Person … Welt.] Do: Das Sittliche des Familienverhältnisses wird auf diese Weise so untergeordnet und gekränkt. 20–21 macht die … aus] Do: ist die eigenthümliche römische Größe, die Starrheit, mit welcher das Individuum in den Gehorsam gegen den Staat versunken war 22 Subordination] Do: Subordination gegen den Staat 23 diesem Geiste] Do: dieser strengen Einheit 24–701,1 als Krieger oder Gesandte] Do: im Felde gegen den Feind oder als Gesandten bei andern Fürsten 2 cf.] in Pi folgt eine Textlücke von ein bis zwei Wörtern

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oder Gesandte, wobei die Tugend erscheint in reinem Interesse für den Staat. Besonders in Zeiten von Aufständen des Plebs gegen die Patricier. Ruhige recessus ohne Aufruhr, ungeachtet sie der Masse nach am stärksten war. Die Menge war dabei organisirt, und dessenungeachtet ruhig bei Seite gegangen, und bei wirklichem Aufruhr durch das Formelle wieder beruhigt, getäuscht worden über die Forderungen. Dictator ist oft erwählt und der Militäreid verursacht worden. Dann waren sie streng an militärische Subordination gebunden. Schon, daß sie sich anwerben ließen, kam nur von der Achtung vor der Würde des Dictators her. Licinius hat 10 Jahre gebraucht, Gesetze, die der plebs günstig waren, durchzusetzen. Nachdem diese Gesetze durchgesetzt waren, dauerte es lange bis zur Ausführung. Ebenso haben die consuln durch Auguren die Comitien bewogen. | Am wunderbarsten scheint es, wie der Senat noch immer so viel vermocht hat; und nur die formelle Achtung war seine Stütze. R e l i g i o n d e r R ö m e r. Die Römer sehen wir in den bisherigen Formen gebunden an abstrakten Verstand. Cicero leitet religio von religare her. In der That macht die Gebundenheit die Religion der Römer aus, wogegen die Religion der Griechen Heiterkeit der Phantasie, und die christliche Religion Freiheit des Geistes ist. Römische und griechische Religion sind, so ähnlich sie sich äußerlich sind, genau unterschieden. So wenig die griechische Religion ägyptische war, ungeachtet die ägyptischen Gottheiten, einander gleich waren, ebenso wenig die griechische und römische. Die Vorstellung der Religion der Griechen war so entwickelt, daß wir mit dem Schauer des Geistes in der Natur begannen. Er war lauschend und ahndend, blieb aber nicht bei der Furcht stehen vor einer fremden Macht, sondern das Aeußerliche kehrt sich in ein Heimisches, und das Schauen ging über in Freiheit. Bei den Römern ist dieser Schauer, wie dort Pan uns bei kam, auf Götter bezüglich, die auf Hirtenleben anspielen. Die abstrakte Innerlichkeit ist deshalb Prinzip wie im Staate. Die Römer blieben bei der Furcht stehen. Und das ist das einseitige Moment. |

4–5 bei wirklichem Aufruhr] Do: wenn Gesetze mit Füßen getreten wurden 6 die Forderungen] erwählt] Do: gewählt, wo dieser nicht nöthig 9–10 durchzusetzen] Do: durchzubringen, weil die Plebs gehindert war durch den formellen Widerspruch einiger Tribunen 13 nur die … Stütze] Do: wir finden den Grund nur in diesem formellen Wesen 15 Verstand] Do: Verstand. Ihr höchstes Bewustseyn haben wir in der Religion zu suchen. 17 Heiterkeit] Do: Freiheit und Heiterkeit 20 ungeachtet die … waren] 24–25 Hei35 Do: obgleich auch ägyptische Gottesdienste nach Griechenland versetzt worden sind misches, und … Freiheit] Do: innerlich einheimisches und wandelt so den Schauer in ein friedliches 25–26 ist dieser … anspielen] Do: können wir uns an wilde Anfänge erinnern, die vornehmlich vom Hirtenleben herrühren 27 Furcht] Do: Form des Furchtbaren, Geheimen 28 das einseitige Moment] Do: das eine Moment in ihrer Religion, das für sich in dieser Einseitigkeit 40 gehalten wird 30 Do: ihre gerechten und ungerechten Anforderungen

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Der Schauer blieb eingeschlossen in die subjektive Gewißheit seiner selbst. Das Religiöse bleibt Verhülltsein des Bewußtseins; die Gegenständlichkeit ist nicht zu finden. Diese so erschlaffte Innerlichkeit hat sich so isolirt, nicht zur theoretischen Anschauung, zu Klarheit eines geistigen Inhalts, fortgebildet. Der Inhalt des Bewußtseins ist nicht aus dem Geiste gefunden. Griechische Anschauung ist Mitte zwischen einer Subjektivität, die sich gegenständlich wird, das natürliche wird so an die subjektive Seite herübergebildet; der Geist ist der wesentliche Inhalt darin. Bei den Römern ist also zuerst dies Extrem der innerlichen Intensität. Diese bleibende Innerlichkeit finden wir allenthalben im Römer gegenwärtig. Alle Verhältnisse empfangen diese Form der Innerlichkeit. Die Starrheit ist oben erwähnt. Diese ist nun weiter bestimmt als Innerstes des Bewußtseins. Das Band im Staat, Vertrage, in allen Handlungen, ist fest mit dem Charakter religioser Innerlichkeit. Alle Rechte haben innerliche Feierlichkeit und Festigkeit, sind etwas Heiliges. Ceremonien eine unendliche Menge im privaten und öffentlichen Verhältnisse. Ueberall, alles einzelne der Ordnung gemäße ist so festge|macht, daß die Innerlichkeit damit verknüpft ist. Daher die wichtige formelle Rolle der sacra gentium etc. Ihr Ursprung ist jetzt Gegenstand gelehrter Untersuchung. Man Möchte danach das römische Volk für fromm halten. Die sacra kommen überall vor. Familie der Patricier wurde zur Priesterfamilien erhoben. Man sah die Patricier so als heilige Geschlechter an, und sie machten sich dadurch geltend, gegen das Prinzip der Gottlosigkeit in den Plebejern. Die Starrigkeit der Patricier hat durch diese seinen großen Zuwachs erlangt. Plebejer, die solche Rechte gemeinsam mit den Patriciern zu haben suchten, wurden als Gottlos bezeichnet. Diese Innerlichkeit ist es. Es kommt bei der Frömmigkeit aber wesentlich auf den Inhalt

1 Der Schauer … selbst.] Do: Sie ist unentwickelt, das Gefühl der Negativität ist eingeschlossen geblieben in dem Subjekt 2–3 die Gegenständlichkeit … finden] Do: das sich nicht herausbilden kann, nicht gegenständlich werden, so daß dieser Gegenständlichkeit ein geistiger Inhalt gegeben wird 3 Diese so … isolirt] Do: Diese Verschlossenheit hat sich 4 geistigen] Do: sinnigen 6 einer Subjektivität] Do: der inneren Subjektivität 6–7 das natürliche … herübergebildet] Do: Das andre Extrem ist nun daß das Natürliche nicht ein Aeußerliches bleibt, sondern in die subjektive Seite herübergebildet wird. 9–10 Alle Verhältnisse … Innerlichkeit.] Do: Alles was der Römer thut, somit Privatgeschäfte und öffentliche Geschäfte empfangen alle in sich die Form der Innerlichkeit, alles wird darein gelegt, was geschieht. 10 Starrheit] Do: subjektive Starrheit 12 in allen Handlungen] Do: Rechte und Pflichten 13 Feierlichkeit und Festigkeit] Do: Festigkeit und Innerlichkeit eines Eides überhaupt 14 Heiliges] Do: 17–18 Man Möchte religiöses, heiliges 16 wichtige formelle] Do: wichtige aber formelle … halten.] Do: Die Einmischung derselben | macht, daß man dies römische Volk für sehr fromm hält. 20 so] Do: in dieser Hinsicht 21 Prinzip] Do: Element 22 Zuwachs] Do: Zuwachs, die Ehre zu finden, die Theilnahme am höheren Anderen 23 als Gottlos bezeichnet] Do: beschuldigt, daß die sacra dadurch verletzt würden 24 ist es] Do: macht nun selbst das Religiöse aus, so daß diß auf der einen Seite ein solches Ideelles ist

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an. Nach der Bestimmung der Isolirung des Innerlichen muß dieser Inhalt außer dem inneren Elemente gesetzt werden. Diese Innerlichkeit ist die abstrakte Unendlichkeit, die aber nicht zur Setzung kommt. Da der Inhalt nicht aus dem inneren Selbst herkommt, ist wesentlich nur eine äußerliche, beschränkte; und das Heiligsein der Römer bleibt ein formelles. | Die Religiosität als Natürlichkeit war der erste Gegenstand der Betrachtung. Der Inhalt der Religion, das Concrete folgte darauf. Die Aeußerlichkeit, die abstrakte Subjektivität des Innerlichen. Der Geist ist ein dem unendlichen Subjekt äußerlicher, d.h. endlicher. Die griechischen Götternamen kommen uns auch hier entgegen. Minerva steht höher als Juno, Apoll, Mercur, Ceres, Vulcan, alle hoch geachtet, und Jupiter als ihr Haupt. Aber wenn wir die Verehrung der Götter betrachten, so scheinen diese schönen griechischen Götter sehr kalt, äußerlich als trockene Namen, denen zwar viele Feste gewidmet waren, viele Opfer und Ceremonien, aber ohne daß die Römer sich bei dem nähern Inhalt weiter verweilen. Mythen wurden nicht geistig hervorgebracht. Die Römer haben sich nicht ernsthaft mit der freien theoretischen Anschauung beschäftigt. Griechische Mythologie ist unerschöpflicher Schatz für Gefühl, Vernunft, ein Schatz mit der mannigfaltigsten Anmuth geschmückt. Aber der römische Geist hat sich nicht in solcher Belebtheit begeisterten Sinnes dabei verhalten. Die Römer befinden sich nicht selbst darin, es ist fremd, todt, kalt, ohne griechische Frische und Regsam keit. Beim Jupiter ist uns so zu Muthe, wenn die Personen mit dem größten Pathos auf dem Theater „Ach ihr Götter![“] ausrufen. Das Innerste ist bei den Griechen producirt. | Bei Virgil sind die Götter Erzeugniß kalten Verstandes, der Nachahmung. Ebenso in moderner Zeit, wo man die Vorschriften der Aesthetischen Lehrbücher befolgt hat; worin gesagt ist, um die Gemüther zu erregen, müsse man Götter einführen, als Maschinerien. Dieß ist etwas aus der Fremde aufgenommenes, fremd und kalt bleibendes. Ein zweiter Inhalt der römischen Religion ist Naturinhalt, Jahr, Sonnenlauf, Tageszahl etc. Es findet sich das auch in der römischen Constitution, astronomische Zahlen und Anspielungen, Ianus etc.

30 1 Nach der … Innerlichen] Do: Der religiöse Inhalt bei den Römern muß, da das Innerliche so abge-

schnitten blieb 3–4 Da der … herkommt] Do: Die Bestimmung ist das was der Inhalt ist, da sich die Subjektivität erst zum Geiste concret macht 7–8 Die Aeußerlichkeit, … Innerlichen.] Do: Die Aeußerlichkeit der unterschiedenen Bestimmungen macht daher den Inhalt aus 15–16 My then wurden … beschäftigt.] Do: Die Römer expliziren sich aber nicht in dem Inhalt, sie erfanden nicht 35 mit ewiger Lebendigkeit griechischen Sinnes My then, sie beschäftigten sich nicht mit solcher theoretischen Beziehung. 17 unerschöpflicher Schatz … Schatz] Do: unendlicher Schatz von symbolischem Ringen der Vernunft, Gemüth 20 es ist … Regsamkeit] Do: es erscheint als etwas aufgenommenes fremdes, ohne frische geistige Regsamkeit 23 sind die Götter] Do: ist die Einführung der Götter in sein Gedicht 28 Jahr, Sonnenlauf, Tageszahl etc.] Do: Sonne, Monate Tage, 29 römischen] Do: älteren Ianus] Do: Janus hat diese Naturgrundlage. 40 Jahreszeiten

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Die vielen Feste enthalten zu ihrer einfachsten Bestimmung: Tag und Nachtgleiche etc. Symbolische Handlungen, auch politische, haben darin ihre Quelle. Vornehmlich knüpft sich an den Naturproceß die Beziehung, die die Momente desselben auf Menschenbeschäftigung, auf Hirtenleben, auf Ackerbau haben. Sonne und Regen und dergleichen. Solche förderlichen oder nachtheiligen Momente des Naturprocesses haben die religiöse Anschauung der Römer gewirkt. Es scheint bei den Römern in der späteren Religion sehr viel naives, doch hat dieser Kreis auch ein sehr bornirtes, prosaisches Aussehen. Es zeigt sich eine vollkommen bäurische Gesinnung, die auf äußern Nutzen bedacht ist. Nicht große Naturmächte ziehen theoretisch die Aufmerksamkeit auf sich, sondern das Nützliche und Schädliche überhaupt des eignen Interesses. | Viele römische Gottheiten beziehen sich hierauf. Fördernde Macht und dergleichen sind solche Gegenstände, auch Geschicklichkeit, von den Menschen selbst gemacht, so ein heiliges Ansehen gewinnend. So sind die römischen Gottheiten dem Nutzen entsprossen, und nach der weiteren Bestimmung sind sie ganz abstrakt und prosaisch. So finden sich der Hunger Fames, und ihm wurden Altäre gewidmet, Brand im Korn Rubigo, Pest Febris Pestis, ferner Vesta der Feste angestellt wurden dafür, daß das Feuer zur Brodtbaken dient. Pales, Viehfuttergöttin. Eine Menge Feste dieser Art gehören hierher. Fornax, Dörrofen des Getreides. Der Menschliche Zweck als solcher hat also solche Bestimmungen erzeugt. Iuno Moneta Münzgöttin. Das Schädliche, Negative wurde auch so verehrt. In der Religion muß aber der Mensch das Negative überwinden und das Wahre Affirmative erlangen. Die Pest wird als Schöpfung Apollos angesehen; nicht die pestis oder febris gilt als Macht für sich. Apoll ist aber der heitere, schöne Gott. Somit ist die Pest schlechthin versöhnt und überwunden. Apoll ist Heiler und Helfer. Das Geistige ist, das Negative zu kennen aber in sich selbst über wunden zu haben. Die Römer aber sind einerseits mit endlichem Nutzen stehen geblieben und haben anderseits das Negative als Macht für sich genommen. Die

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2 Symbolische] Do: Eine Menge symbolischer 5 Sonne und … dergleichen.] Do: Säen und Aerndten, Sonne und Regen, an die Ereignisse in der Natur (Abweichungen von dem gesetzlichen sind 30 nachtheilig) 9 äußern] Do: äußeren ganz gemeinen 10 große Naturmächte] Do: die allgemeinen Naturprozesse 11 des eignen Interesses] Do: der eigne Nutzen, den die Menschen davon haben 12 Fördernde Macht] Do: Mächte, die ein schädliches überhaupt erhalten 13 Geschicklichkeit] Do: Geschicklichkeiten, Verrichtungen 14 heiliges] Do: höheres heiliges 15 dem Nutzen] Do: nach dem endlichen Zweck des Nutzens 19–20 Dörrofen des Getreides] Do: die 35 Geschicklichkeit Brodt zu backen 23–24 Die Pest … sich.] Do: In der Ilias wird nicht bei der Pest an und für sich stehen geblieben, sie gilt nicht als Macht für sich, es ist Apollo, der die Pest geschickt hat 25 Somit ist] Do: Indem sie diesem zugeschrieben wird, wird 28 das Negative] Do: das Schädliche so als ein Letztes 28–705,2 Die Iuno … wurde.] Do: Die Got theiten wurden daher nach besondren Qualitäten verehrt, in Rüksicht auf prädikative Bestimmungen, daher beziehen sich 40 die einzelnen Prädikate auf einzelnen Nutzen und Schädlichkeit.

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Iuno mag der Here entsprechen, aber Iuno hat viele partikuläre Funktionen wonach sie verehrt wurde. Luft, Himmel | etc wo nicht ihre Verehrung, sondern partikuläre funktionen, Iuno Moneta, Unxia, Ossipagina, Lucina, etc. Iupiter Capitolinus, dem Zeus entsprechend, ist aber nicht sowohl Vater der Götter und Menschen, sondern er ist der Nationalgott, des Capitols, des Römischen Reiches. Dieser beschränkte Zweck des römischen Volkes liegt ihm ct. Ebenso Fortuna publica. Die Religion ist also Religion der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit. Nur in der Noth wurden die Götter angefleht, Lectisternien angestellt, Fasten etc. Versprechungen und Gelübde. Auch die Feste sind Feste der Erinnerung an besondre Veranlassungen und Ereignisse. Auch nach dem Auslande wurde geschickt und fremde Götter geholt. Die Einführung von Gottheiten der Feste, sind aus Noth entstanden. Dies ist ganz verschieden von der uninteressirten Verehrung der Götter. Die schönen Tempel, Statuen, Gottesdienste der Griechen, sind entstanden aus Liebe zur Göttlichkeit. Hier ist aber irgend eine Noth, irgend ein Nutzen, welcher die Verehrung abgenöthigt hat. S p i e l e : Darin war auch das Bedürfniß der Anschauung ohne nützlichen Zweck, sondern theoretische Anschauung. Dergleichen Anschauungen haben besonders später große Rolle gespielt. Aber äußere, sinnlose Schaulust, ohne geistigen Inhalt, ohne die Sittlichkeit und Vernunft interessirend. Was also Interesse haben konnte war Pracht, Aufwand, Seltenheit, Anschauung eines Muthes, der zwecklos war; formelle gehaltlose Kraft. Die Römer verhielten sich wesentlich als Zuschauer. Aeschylus | spielte selbst in seinen Stücken. Die Gegenstände waren aber dem Römer äußerlich und geistlos. Die Spieler waren theils Verbrecher, zum Tode verur theilt. Es war unanständig, sich so sehen zu lassen. Dem Nero wird mit als das Schlimmste nachgesagt, daß er auf dem Theater erschien. Geistlos war also ihre Ergötzung. Thierhetzen, mit dem Schauspiele des Reichthums und der Macht. 100e von Pferden, 2–300 Löwen wurden an einem Tage erstochen. 500 Tiger, Elephanten, Strauße, Krokodille, und ebensoviele Menschen. 1000e der Gladiatoren mußten gegenseitig sich morden. Dio Cassius erzählt von einem Feste, wo 3000 Gladiatoren bestimmt waren sich niederzumetzeln. Sie zogen festlich auf, zogen am Kaiser vorbei, und riefen: Die zum

11 und fremde Götter geholt] Do: um in der Noth fremde Got theiten zu rufen 11–12 aus Noth entstanden] Do: durch ein votum entstanden für die Tempel, in Rüksicht auf einen Dienst, den sie ihnen geleistet hatten 15 abgenöthigt] Do: abgepreßt 15–18 S p i e l e : 35 Darin … gespielt.] Do: In den Spielen hatten sie den Zwek um ihrer selbst willen, ohne praktischen Zweck, wie die Griechen. Diese Spiele behaupteten ein wichtiges Interesse. 21 Zuschauer] Do: Zuschauer, da die Griechen selbst sich zeigten. Die Römer in sich gedrungen thaten diß nicht 23–24 Es war unanständig] Do: für den Römer galt es für das schimpflichste 27–29 100e von … Menschen.] Do: Thiere wurden überall zusammengeschleppt die unterein40 ander und mit Gladiatoren kämpften.

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Tod geweihten grüßen dich, o Imperator, und sie mußten sich bis auf den Letzten niederschlachten. Körperliche Leiden und Tod, Ströme von Blut, erregten die Römer, nicht geistiges Leide, oder körperliches Leide als Resultat einer innern concreten Bestimmung. Diese kalte Negativität des Subjekts an sich machte sich zum höchsten Interesse. – Schauspiel, was sinnloses, negativer Natur, leeres Menschen morden war. Und dieses leere Morden stellt anderseits vor den inneren Mord des geistigen Zwecks. Auguren, Auspicien, Sibyllinische Bücher zeigen wie der Römer in Aberglauben gebunden war, und wie sehr es nur auf die Zwecke der Römer ankam. Zugleich sind diese Heilig thümer | in Händen der Patricier, die sie gegen das Volk äußerlich gebrauchten. Sibyllinische Bücher etc galten als Bestimmung für politische Begebenheiten und Entschlüsse. Alles war in der Macht der Patricier. Sie waren Auguren und Alles. Die Patricier wußten dies, daß sie es als Mittel gebrauchten, sagt Cicero. – Die absolut unterschiedenen Momente der Religion: Schauer der Innerlichkeit, Sammlung in sich, und der concrete Inhalt dagegen nur äußerliche Zwecke, an sich unheilig. Der Inhalt ist nicht geistlicher Art, sondern die Gewissenhaftigkeit hat formell auf Alles angewandt werden können. Bei Allem konnten die Römer fromm sein. Der Gehalt der Handlung mochte sein welcher er wollte, so konnte die formelle Heiligkeit daran geknüpft werden. Wer sind die Priester dieser Religion, oder in wessen Händen ist dieser Formalismus, dies Geheimnisvolle? Es kann so gefragt werden, weil eben das religiöse nur formell und von der Art ist, daß es gehandhabt wird von Menschen. Das wahrhaft Göttliche ist dagegen die allgemeine Gewalt; die Form ist das Ohnmächtige. Darüber steht das Subjekt mit concretem Willen für sich. Die Form kann befohlen werden vom Subjekte, das seine Interessen für sich hat. Das Religiöse kann also im Besitz sein, ist nicht für sich absolut. Der Inhalt, den die concrete Subjektivität dieser Heiligkeit geben kann, sind Herrschaft, Besitz, etc. | Diese

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1–2 sie mußten … niederschlachten] Do: fielen bald zum Anblick nicht für die Ehre 3–4 als Resultat … Bestimmung] Do: in der Vorstellung, welches Resultat einer großen Leidenschaft, sondern inhaltslos vorgestellt und wirklich vollbracht 7 geistigen] Do: wahrhaften | geistigen 9 Zwecke 30 der Römer] Do: Zwekgot theiten 10 Zugleich sind diese Heilig thümer] Do: Religiöse Bestimmungen derselben waren 11–13 Sibyllinische Bücher … Alles.] Do: Sie schlugen die Bücher nach, beobachteten die Vögel, sie erklärten die geschlachteten Opfer thiere. 18 fromm] Do: fromm, aber weil kein absoluter göttlicher Inhalt in der römischen Gewissenhaftigkeit sich fand 19–20 Wer sind … Religion] Do: In welcher Gewalt 21 Geheimnisvolle] Do: Geheimnißvolle, das den Mittelpunkt ent- 35 hält religiöse] Do: heilige 23 die allgemeine Gewalt] Do: die wahrhafte Gewalt, das Allgemeine, das zugleich in sich bestimmt ist 24 mit concretem … sich] Do: das concreter Inhalt für sich ist 26 im Besitz sein] Do: in Besitz genommen werden von dem Subjekte, welches Meister ist dieser Form 27 Herrschaft, Besitz, etc.] Do: besondre menschliche Zwecke, Willkühr 27–707,1 Diese menschlichen … privilegiren.] Do: es ist nur der Unterschied vorhanden ob solche Rechte sich die 40 Bestimmung geben, ein Heiliges zu seyn, privilegirt zu seyn durch die Religion

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menschlichen Verhältnisse brauchen sich selbst nur zu privilegiren. Derselbe Inhalt hat die Form, nicht menschliche Willkühr zu sein, sondern heilige Willkühr (Widerspruch in sich selbst). Dieser Gegensatz, der sich unmittelbar an die Religion anschließt, und die Grundbestimmung ausmacht was der weiteren politischen Realität angehört. Diese Gegenstände der Wirklichkeit, Herr schaft, besondre Rechte an Regirung, Grundbesitz, etc., alles dergleichen ist seiner Natur nach äußerliches, weltliches und alles ist besondrer Besitz, weil der Inhalt besondre Gegenstände sind. Besonderer Besitz, eine Art von partikulairem Eigenthum. Es liegt in dem allgemeinen Prinzip der Willkühr, daß diese in der Form der Religion in so fern sie in die Wirklichkeit tritt, besondre Herrschaft an sich nimmt. Jene Form ist für sich bestimmungslos. Insofern von da an die Realität gegangen wird, tritt hier Ungleichheit ein. und diese Ungleichheit des Besitzes wird zu etwas Heiligem erhoben. Es ist deswegen nach dem Gange der Gedankenbestimmungen, die Folge dieses Prinzips selbst, daß Ungleichheit gesetzt ist in den Antheil an den öffentlichen Angelegenheiten, Grundbesitz etc. Kein inhaltsvolles Grundprincip ist vorhanden, sondern die Ungleichheit des Aeußerlichen, macht sich selbst geltend, und befestigt sich in der Form des Religiösen. Dies der Uebergang zum Leben im Staat, zu politischer Gewalt, Privateigenthum und dergleichen. also geheiligte Ungleichheit des Wollens von besondrem Besitz| Gegenüber steht derselbe Wille, der aber nicht geheiligt ist. Hierin liegt, was anderwärts an die Vorstellung angeknüpft werden kann; nämlich die Prinzipien der Verfassung liegen hierin, die den Mittelpunkt des römischen politischen Lebens ausmacht. Also Ve r f a s s u n g und G e s c h i c h t e d e r R ö m e r. Die Verfassung ist unmittelbar aus dem obigen Prinzip hervorgehend, die aristokratische. Die demokratische ist dem römischen Prinzip nicht gemäß. Sie setzt eine substantielle Identität voraus. Eine solche ist die Identität in Ansehung des Stammes, der Nationalität. Eine solche Einheit ist in Rom nicht vorhanden, sondern hat eigene Bestandtheile. In dieser Zusammensetzung ergiebt sich sogleich eine Ungleichheit, die fest, starr und geheiligt ist. Ebenso ist die eigentliche Monarchie anderseits ebensowenig dem römischen Prinzip gemäß. Dazu gehört Entwickelung der subjektiven Freiheit. Aber hier ist nur die starre in das Abstrakte zurückgezogne

1–3 Derselbe Inhalt … selbst).] Do: Das andre ist, ob der Antheil an den Regierungsgeschäften die Bestimmung hat, blos vom Subjekt gewollt zu werden, jener Gegenstand heiliger frommer Willkühr ein Widerspruch in sich. 5 Herrschaft] Do: Antheile der Herrschaft 11 Form] 14–15 in den Antheil] Do: in Ansehung des Antheils 15 in35 Do: Form der Religiosität haltsvolles] Do: natürliches 16–19 sondern die … Besitz] Do: Das Geheiligtseyn ist nur die Form, wodurch dieses Ungleichseyn sich befestigt, dem ein nicht geheiligtes gegenübersteht. 27–28 Eine solche … Bestandtheile.] Do: Das Volk ist zusammengesetzt aus heterogenem. 28 Zusammensetzung] Do: Zusammensetzung von verschiedenem 29 starr 40 und geheiligt] Do: sanktionirt

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Subjektivität, welche sich nur in partikulärem Besitz kund thut. Der Inhalt der Subjektivität ist nur von außen her genommen. Die Aristokrasie überhaupt ist Grundform der römischen Verfassung. Sie hat sich gegenüber die plebs. Die Aristokraten gelten als die Heiligen; die plebs anderseits ist das, dem Besitz und Antheil der Staatsgewalt als nicht geheiligt erscheint. Nach dieser allgemeinen Bestimmung folgen die geschichtlichen Grundzüge. | Die Geschichte als wesentliche Realisirung allgemeinen Prinzips stellt sich so dar, daß das innere Verschlossensein der Gewißheit seiner zu sich selbst, sich realisiren, zu Aeußerlichkeit gedeihen muß: Es muß zeigen, daß es habe seine Erfüllung, seinen Inhalt, und zwar zunächst durch partikulären Willen, besondern Antheil. Seine Entwickelung, daß das Prinzip der subjektiven Innerlichkeit wirklich werde, muß sich reinigen von der Partikularität, und muß sich zweitens Realität geben. So ist die Bestimmung diese, daß das Prinzip der subjektiven Innerlichkeit, als Prinzip des Privateigenthums aufgestellt wird. Der Anfang sieht concret aus. Das Prinzip als solches sich realisirend, muß Prinzip des Privateigenthums werden, und dann, als im Staate, sind die Privatpersonen zusammen gehalten, aber als spröde Person für sich, sind nur fähig äußerlichen Zusammenhalts, und dieser kann nur Despotismus sein. Dies der Gang der Geschichte. die Entwickelung, die Heiligkeit realisirt sich zu Persönlichkeit, Privateigenthum. Der Uebergang von der Innerlichkeit hierzu ist ein Uebergang vom Heiligscheinenden zum Entgegengesetzten. Die Entwickelung ist nicht so, daß das Prinzip seinen Gehalt beibehalte, und nur zur Manifestation komme. Uebergang vom Heiligen in der äußerlichen Besitzung und dessen Festhaltung als Privateigenthum. Nicht Ungetreuwerden | ist dieser Uebergang, sondern steht in der Gränze dessen, wodurch das Prinzip befriedigt ist. Die Subjektivität endet im Zusammenhalt von Atomen, d.h. äußerlicher Zusammenhalt, Despotismus. Nähere Unterschiede in der Geschichte: gewöhnliche Eintheilung: König thum, Republik und Kaiser thum. Dieser Unterschied betrifft mehr die innerliche Entwickelung des Volks wenn es für sich genommen wird; aber in welthistorischer Rücksicht sind andre Epochen. Die erste Epoche ist der Anfang überhaupt, und dieser ist schon betrachtet. Dieser Anfang enthält die noch ruhige Einheit der in seinem Wesen enthaltnen entgegengesetzten Bestimmungen. Die Einheit, worin die Gegensätze im Schlafe liegen, aber dann eine Periode bis

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1 Subjektivität] Do: Freiheit 2–3 Die Aristokrasie … Verfassung.] Do: Was das Verhältniß der Aristokratie gegen die Platos ist, muß untersucht werden. 11 Antheil] Do: Antheil an der Herr- 35 schaft 12 Partikularität] Do: Partikularität, denn es ist abstraktes allgemeines Princip 12–13 muß sich … geben] Do: andrerseits muß es sich dieser Subjektivität Aeußerlichkeit 17 zusammen gehalten, … sich] Do: auseinanderfallend nicht fähig eines sittlichen Zusammenhalts 19 Heiligkeit] Do: Heiligkeit, diese Innerlichkeit 25 Prinzip] Do: Princip als solches

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zur Erstarkung dieses Gegensatzes, so daß er jedoch eine Versöhnung zunächst erlangt, welche die Kraft des Staates darstellt. So ist die Einheit erhalten, als die er sich gebohren hat und ebendadurch kräftig geworden ist. Der römische Staat kehrt sich wesentlich nach außen, und das Nach außen treten ist, daß das Volk das Theater der welthistorischen Umwelt betritt. Dies macht die 2te Epoche aus. Punische Kriege, schönste Epoche. In diese 2te Periode fällt aber auch die innere Zerrüttung. Gegensatz, der sich zur Unverträglichkeit entwickelt, wodurch das Ganze in Gefahr gesetzt wird. Diese Zerrüttung endigt sich durch Eintreten des Despotismus und dadurch wird die 3te Epoche bezeichnet. | Erweiterung der Weltherrschaft und Berührung des Volkes, das ihm dann den Tod bringt. – Die erste Periode: Ursprung bis zum Eintritt in den welthistorischen Schauplatz. Ausbildung des eigenthümlichen Prinzips. Dies ist wesentlich das Getrenntsein in sich, so daß die Ausbildung die Trennung darstellt, die sich mit einer noch möglichen Ausgleichung endet. Die Prinzipien des Ursprungs siehe oben. Das Geschichtliche ist bekannt, und hier ohne nähern Zwek. Diese Geschichte ist Gegenstand gelehrter Untersuchungen, so daß es fast kein Datum darin giebt, das nicht entschiedensten Widerspruch erlitte. Es ist streitig der Romulus und Remus, gegenüberstehend populus, ob das die Patricier oder auch plebs, oder plebs allein sei. Es wird behauptet, die Patricier haben kein Grundeigenthum gehabt und nur Benutzung des Staatseigenthums. Anderseits steht ganz die entgegengesetzte Meinung. Das jus quiritarium bezeichne das Eigenthum der Patricier, nach Andren der Plebejer. – Könige, Senatoren und Volk. Bei dem allgemeinen Rom thut sich schon ein Unterschied hervor, als ein Geheimnis. Außer dem Namen Rom war noch ein geheimer Name, der das Mystische davon ausmacht, ohne weiteren Inhalt. (Amor, nach Andren Valentia.) Romulus erhält noch den heiligen Namen Quirinus, der wieder als Mars genommen wird. Römer und Quiriter, als heilige Namen (als Priester | des Quirinus, auch von curia abgeleitet. Quirites wird auch als der dann erste Römern eigenthümliche Namen, zum Unterschied der Sabiner), andre meinen es sei gerade die Verbindung der Römer und Sabiner. Es sind Nachrichten, daß die Sabiner nach der Aufnahme, nicht zugelassen worden zu Suffragien; wogegen die Römer als ausgezeichnet Quiri-

2 darstellt] Do: darstellt. Gegensatz in sich also Kraft, und so vermittelt daß der Staat noch erhalten wird. 4 sich] Do: sich dann 5 Dies] Do: Dieses Auftreten des in sich abstrakten Volkes 10 Berührung des … bringt] Do: Berührung, der Kampf und das Unterliegen unter das nächste welt15–17 Diese Geschichte … erlitte.] Do: Wenn man hier ein historisches Datum 35 historische Volk anführte, so würde man sich crasser Ignoranz schuldig machen, so sehr ist alles ungesichert. 23 Rom] Do: Rom, dieser einen individuellen Existenz als ein Geheimnis] Do: von dem existirenden und demselben als einem geheimen, heiligen, vorgestellten 25 ohne weiteren Inhalt] Do: aber eben nur ein besonderer Name ist 31–710,1 wogegen die … heißen] Do: also nicht die 40 Würde der früheren erhalten haben, die als Quiriten ausgezeichnet wurden

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tes heißen. 7 Könige werden gerechnet, wovon die meisten als Fremde angegeben. Numa als Sabiner, noch andre die eben als Sabiner, nicht als Fremde anzusehen. In dieser Rücksicht, der Aufeinander Folge der Könige, liegt etwas Loses. rex war zugleich Priester, von q‰wfjn abgeleitet. Indem der König an der Spitze der Priester stand, wird dieser erste Zustand als Theokratie vorgestellt. Das ist bei allen Anfängen; das Politische ist mit der Religion verbunden. Aber die Könige sind insofern Priester; wie ein Hausvater immer noch, sofern er mit seiner Familie betet. Unterschied der Patricier und Plebejer. Dieser Gegensatz erhält ein mystisches Vorbild in den Figuren von Romulus und Remus. Remus soll auf dem Aventinischen Berge begraben sein, wo er eine Stadt baut. Lemuren wurden dort verehrt. (Remus, Lemur.) Romulus als Sonne, als Sommersemester, Remus als Winter. (In den 6 Geiern zu erkennen) Dem Romulus, der das Ganze beherrschen sollte, erschienen dann 12 Geier. Aventin ist bei den Successionen gleichsam privilegirt. mons sacer wird auf den Aventin bezogen. | Patricier sind vorzugsweise berechtigte Geschlechter, als ursprünglich adliche, hetruscische, heilige Familien; auch altsabinische. Romulus hat 100 Senatoren eingesetzt. Sie haben erst durch sein Einsetzen diese Auszeichnung erhalten. Sobald Man den Romulus nicht historisch nimmt, erklärt Niebuhr diese Ansicht als thöricht. Nach dem spätern Werden zum Senator, sind es die Könige (und die folgenden, besonders 3 letzten, läßt man als historisch gelten) die die Anzahl vermehren, einer auf 200; der Tarquinius Priscus auf 300. – Hier ist es der König, der die Wahl des Senats hat; von dem alten Adel ist hier nicht die Rede. Tarquinius Superbus läßt den Senat aussterben, weil er nach Livius aus dem Cabinet (Domestice) die Regierung verwaltet. Die Veränderung der Centurien die dem Servius Tullius zugeschrieben wird, hat das Prinzip des Vermögens als wesentlich für politische Vorrechte. Nach Vertreibung der Könige wurde durch Lucius Iunius Brutus der Senat wiederhergestellt, aber ohne eigne Heiligkeit. 536 wurde ein

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4 q‰wfjn] Do: qfyfn sacrificare 5 Theokratie] Do: eine Art von Theokratie 6 der Religion] Do: religiösen Gebräuchen 6–8 Aber die … betet.] Do: deswegen sind aber hier nicht besondre Priester und Priesterfamilien, wo jeder Hausvater noch Priester ist 8 Plebejer] Do: Plebejern 30 tritt sogleich hervor 9 Vorbild] Do: Urbild 10–11 Lemuren wurden dort verehrt.] Do: wo die Lemuren die Feste der bösen Genien gefeiert wurden 11–12 Romulus als … erkennen)] Do: astronomisch gedeutet als die beiden halben Jahre, 6 Geier, 6 Monate u.s.w. 16 heilige Familien] Do: Heilige, denn da ist alles heilig. 16–17 Romulus hat … eingesetzt.] Do: Was die näheren Daten betrifft, so wird gesetzt daß Romulus 100 Senatoren eingesetzt. 17 Sie haben … 35 erhalten.] Do: Sie hatten nichts voraus an und für sich. 18–19 Sobald Man … Könige] Do: Wenn man nun Romulus nicht als historische Person gelten läßt, wie Niebuhr, der diß als eine alte Meinung erklärt, so sehen wir doch, daß es die Könige sind 20 Anzahl] Do: Anzahl der Senatoren 22 dem alten Adel] Do: altem Berechtigt seyn 23 aussterben] Do: absichtlich aussterben 26 Vorrechte] Do: Wichtigkeit 27 wiederhergestellt, aber … Heiligkeit] Do: 40 vervollständigt, also noch ein Beweis gegen das Privilegirtseyn

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Dictator gewählt, den Senat zu ergänzen, womit die Wahl einem Einzelnen übertragen ist. Er ernennt diejenigen, die curulische Würden bekleidet, die plebejische Tribunen, aedilen etc gewesen, die spolia opima erlangt hat etc. 170 ernannte er, worin Plebejer sind. Sonst sieht man, daß die Censoren aus dem Senate ausgeschlossen sind. Legerunt senator, es hing von ihrer Bestimmung ab, wer im Senat sein sollte. Es bleibt aber immer unbestimmt, wie eigentlich der Senat er|gänzt wurde. Diejenigen, die hohe Magistrate führten, hatten den Sitz und Stimme im Senat. Uebrigens hing es aber von der Willkühr von Einzelnen ab, wobei keine Berechtigung zu Grunde liegt. Auch zu Ciceros Zeit ist es undeutlich, wie der Senat förmlich ergänzt wurde. Das scheint eine große Nachlässigkeit der politischen Schriftsteller, von dem modernen Standpunkt aus. Wir würden gar nicht glauben, eine Staatsverfassung zu beschreiben, ohne über so etwas die bestimmteste Auskunft zu geben. So in Venedig, in Bern, in dem englischen Parlament, französischen Kammern etc. ist es Hauptsache, wem die Wahl zu kommt, und wer fähig ist, gewählt zu werden. Caesar und die folgenden haben selbst hierüber bestimmt. Wenn wir fragen, warum die Schriftsteller nichts davon sagen, wenn Cicero selbst in den Briefen es übergeht: so kann nur geantwortet werden, weil dieser Umstand sie nicht so interessirte, und deswegen ist der Umstand auch unbestimmt geblieben, und keine Anordnungen, keine Kämpfe sind darum entstanden. Wenn nun in spätren Zeiten die Schriftsteller davon nicht berichteten, wenn es einem Individuum überlassen wurde, so ist noch weniger von den ältesten Zeiten, der Könige zu erwarten, daß so feste Bestimmungen gewesen seien über Patricier, Senatoren, als man sich bemüht, es herauszukriegen. – Patricierstamm wird als verschieden angenommen von den Plebejern. Aber es war nicht wie Spartaner und Heloten, zwischen Spaniern und Gothen etc, nicht Verhältniß eines Eroberers etc, sondern die | Römer haben auf einem Punkte angefangen, und zwar von den verschiedensten Stämmen entsprungen.

3 aedilen] Do: Quaestoren spolia opima] Do: spolia opima […] oder eine Bürgerkrone 6 Es bleibt aber immer] Do: auch für die ganz geschichtlich bestimmten Zeiten bleibt es 8 Uebrigens 30 hing … ab] Do: Wir sehen also, daß Individuen anheimgestellt war, die Mitglieder des ersten Collegiums zu bestimmen. 10 wie der … wurde] Do: wer förmlich berechtigt war in den Senat zu treten 11 von dem … aus] Do: da es jetzt eine Hauptfrage ist, wie wird das erste Corps im Staate gewählt oder ernannt 11–13 Wir würden … geben.] Do: Wir würden den für den schlechtesten Geschichtsschreiber halten, der uns hierüber nicht Auskunft gebe. 17 Cicero] Do: Cicero, 19 unbestimmt] Do: mehr oder weniger unbe35 der beständig im politischen sich bewegte stimmt 22 der Könige] Do: wo das Volk so wenig gebildet 23–24 Patricierstamm wird … Plebejern.] Do: Hiermit hängt das Verhältniß der Religion zusammen. Man meint nun die Patrizier seien ein eigenthümlicher Stamm gewesen. 25–26 Spaniern und Gothen etc] Do: Gothen und Spaniern, Franken und romanisirten Galliern 27 Stämmen entsprungen] Do: Stämmen. Das ist 40 die einmüthige Sage in Ansehung des Ursprungs von Rom. 1 womit] Pi: wo wird

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Bestimmtes Beispiel an Lucumo, dessen Vorältern aus Korinth waren; und er habe in einer Stadt gewohnt in Etrurien, eine reiche angesehne Etruskerin geheurathet. Dessen ungeachtet sei er von den Etruskern verachtet worden, und habe deswegen die Stadt verlassen und sei nach Rom gezogen. Gerade das Unterscheidende der Römer ist, daß sie nicht von der Nationalidentität angefangen haben. Dadurch sind sie das welthistorische Volk geworden. Sie waren offen heterogenem Stoffe. Man sieht, daß im Gegentheil, die Etrusker, Latiner, Sabiner, in sich verdumpft sind, daß es ihnen zu enge wurde, und sie doch ihr Prinzip nicht erweitern konnten. Die Unzufriednen verliessen das Stammvolk und gingen zu den Römern. Die Stammesverschiedenheit der Patricier und Plebejer ist ganz aus der Luft gegriffen, von Geschichtschreibern a priori. – Lucumo hoffte, in Rom, in einem neuen Volke, einen Platz für sich finden zu werden, als ein wackrer Mann, weil dort die nobilitas repentina atque ex virtute sei. Die persönliche Auszeichnung galt also und verhalf zu dem ersten Range im Staate. Appius Claudius kommt aus dem Sabinerlande nach Rom; und bald wurde er unter die patres gewählt und bald zur Würde der principes. – Solcher Unterschied ist also nur der der Tapferkeit, ausdrücklich | zuerst aufs Rauben begründet. Solches Verdienst wurde vom Könige anerkannt, indem er zum pater ernannt wurde. – Ebensolche Unterschiede sind durch das Prinzip der Selbstischkeit, Innerlichkeit gebildet zu einem privilegio sancirt worden. Das andre Element ist die plebs. Schon bei den abstrakten Principien als äußerliche Weise ist es erwähnt, wie der erste Stamm Roms sich vermehrt hat. Hauptsache war, daß Romulus Rom zu einem Asyl gemacht für alles herrenlose Volk der Umgegend, und daß aus den Städten, Dörfern die Einwohner gezwungen wurden, nach Rom zu kommen. Solche Asyl Suchende, und ebenso Ueberwundene konnten nicht gleiche Rechte haben mit denen, die den ersten Stamm bildeten. Nothwendig muß in einem solchen Zustand Ungleichheit in Ansehung des Geltens unter der Menge entstehn. virtus bildete den Grundunterschied in einer für sich gewaltthätigen Menge; und dies

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5 Unterscheidende] Do: Ausgezeichnete 6–7 Sie waren … Stoffe.] Do: nicht die Hetrusker, 30 Sabiner, sondern jene, weil sie offen waren heterogene Stoffe in sich, daß sie anfingen von solchen in seinem Principe heterogenen 10 Unzufriednen] Do: vertriebenen gingen] Do: flüchteten sich 14–15 Die persönliche … Staate.] Do: Die virtus ist eben die persönliche Auszeichnung durch Beute, Reichthum Tapferkeit. 15–16 kommt aus … Rom] Do: ändert seine Namen, da doch zur Erhaltung der alten Geschlechter die Beibehaltung des Namens gehört 17 der princi- 35 pes] Do: eines princeps 18–19 Solches Verdienst … anerkannt] Do: Solcher Unterschied durch persönliche Auszeichnung wurde förmlich gemacht 24 herrenlose Volk] Do: herrenlosen und heimatslosen Gesindel 24–25 daß aus … kommen] Do: wie sie die Ueberwundenen nach Rom mit Gewalt versetzten 27–28 Nothwendig muß … entstehn.] Do: woraus denn der Unterschied zwischen patres und plebs mit zu erklären ist 40

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ist erst Hinreichend zum Unterschiede von plebs und patres. Vorzüge fielen gleich in die Weise eines Privateigenthums und waren von der zähen Selbstischkeit ergriffen und fixirt. Diese Selbstischkeit hat das Prinzip des Heiligen, Religiösen ausgemacht. Indem so ein untergeordneter Haufe entstand, hat er sich in mannigfaltige Abhängigkeit gefunden gegen die Autorisirten. Es ist ein Streit, wie das Verhältniß der Patricier zu den Plebejern gewesen. Man macht den Unterschied, ob diese Geringen freie oder in | Clientelarverhältniß gewesen. Clienten heißt aber nur Abhängige von Mächtigen. Die bestimmten Schuldigkeiten der Clienten, wie sie in der alten Zeit waren, können seiner Natur nach nicht so genau ausgemacht werden. Aber die Geringen bedurften auf jeden Fall Schutz in sehr verschiedner Rücksicht, gegen Gewaltthätigkeit der Privatleute, des Landbesitzers; um Land benutzen zu dürfen, was von Vornehmen in Besitz genommen war, oder im Rechtsstreit. Darin ist bestimmter Besitz und völlige Rechtspflege natürlich nicht anzunehmen. Der Stärkere bemächtigt sich des Schwächeren, und letztere gilt nur durch Protektion. Niebuhr giebt an, daß nach den Zeiten der 12 Tafeln das Clientelarverhältniß verschwinde, d.h. seit der Zeit als etwas von förmlichen Gesetzen auf kam, standen die Bürger unter dem Schutz von Gesetzen, und dadurch ist ihnen der Schutz von Privatleuten überflüssig geworden. Auch früher ist Recht gesprochen worden, aber dies war zugleich ein Gesetz geben gewesen, ohne Bezug auf vorhandene Gesetze. 12 tabulae haben die Richter beschränkt im Gesetzgeben. Die 12 Tafeln sind wenig noch bekannt. Das Gesetzgebende der Richter dauerte noch bis zur späteren Zeit fort. Edictum praetorice am Antreten der Amtsführung, d.h. er macht sein Gesetz bekannt; hat ohne das Richteramt erkannt, bestimmt, welche Grundsätze er befolgen wolle. | Immer gelten die Aussprüche der Iurisconsultoren als gesetzlich. Ehe Gesetze dawaren, war das Ur theil ganz in den Händen der Patricier und zugleich der Gesetzgeber. Durch die 12 Tafeln wurde das Gesetzmachen bedeutend beschränkt. Gesetze machen im Ur theilen selbst, heißt nach keinen Gesetzen richten. Dann müssen die Unterworfnen Patrone bedürfen. Das ist, was immer noch als ausge-

gegen die Autorisirten] Do: von den patribus 9 Clienten] Do: Clienten gegen die Patrone 10–13 Aber die … Rechtsstreit.] Do: Diese Schwächren bedurften des Schutzes in Beziehung auf Recht, Besitz, Beschützung gegen Unterdrücker. 15 Niebuhr giebt an] Do: Niebuhr hat diß Verhältniß sehr urgirt. 18 überflüssig geworden] Do: überflüßiger besonders seit den 10 Männern mehr und mehr 21–22 Die 12 Tafeln … fort.] Do: Die 12 Gesetztafeln waren 35 aber so dürftig, daß bis auf die spätesten Zeiten die Aussprüche der Richter zugleich auch immer Gesetze waren 25 Immer gelten … gesetzlich.] Do: so daß die Jurisconsulten im Rechts sprechen auch zugleich Gesetzgeber waren, indem sie vorher das Gesetz promulgirten, nach dem sie Recht sprechen wollten 28–714,4 Dann müssen … Gesetze.] Do: daher bedurften die Späteren immer noch auf gewisse Weise eines mächtigen Patrons, der ihr Interesse selbst gegen die Richter 40 in deren Willkühr die gesetzlichen Bestimmungen mitgestellt waren, wahrnahmen 30 5

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zeichnete Einrichtung gilt, daß jeder Richter zugleich legum lator sei. Gesetzlosigkeit ist bei einer solchen Rechtspflege nothwendig. Wenn man sagt, die Decemviri haben auch Gesetze, die da waren, aufgeschrieben, aber sobald sie nicht als Gesetze geschrieben standen, waren sie auch nicht Gesetze. Mag man also eine Menge plebs nennen, so stand sie auf jeden Fall abhängig von den Privilegirten. 4) Zwischen diesen Mächtigen und den Abhängigen ist wesentlich die Vermittelung der Könige. Die Hauptmacht war bei den patres; und Volksversammlungen, comitia curiata, sagt man, seien früh gewesen. Livius und Dionysius Halicarnassus sagen, bis Servius Tullius sei Demokratie gewesen. Aber Servius Tullius hat nur das viritim stimmen aufgehoben, wie Livius selbst angiebt. Damit war noch nicht Demokratie vorhanden. Wie die curiata waren, ist ungewiß. Seit dem 4ten Jahrhundert haben sie nur über specielle Sachen zu entscheiden gehabt. Die Patricier hatten aber darin nicht nur das Uebergewicht gehabt, sondern die curiata waren wesentlich aristokratisch. | Die Könige, besonders die 3 letzten, haben vorzüglich der erstarkten plebs Vorschub gethan und haben sie in Staatsrecht aufgenommen. Servius Tullius, und Tarquinius Priscus haben dem Volke zu verdienen gegeben; besonders wird auch von Servius Tullius angeführt, daß wie er seine königlichen Würden nicht für befestigt hielt, er der plebs Feld ausgetheilt habe, das den Feinden abgenommen war, viritim plebi. Darauf habe er es gewagt, es ad populum zu bringen, ob sie wollen daß er König sei; und so sei er mit der größten Zustimmung zum König erklärt worden. Servius Tullius gab bestimmte Organisation durch Vorstellung comitia centuriata. Er hat das Volk in 5 Classen eingetheilt, wozu noch eine 6te kam; so daß in die Höhen die Reichen versetzt waren, nach dem Vermögen, also ganz anderes Prinzip als der Adeligkeit, Heiligkeit. Er hat der ersten Classe 98 Centurien gegeben, als der reichsten. In den folgenden war die Anzahl der Centurien geringer, der Individuen aber größer. Die 2te Classe hatte nur 22, die 3te, 20, die 4te 12. 5) 6) als zahlreichste, nur 1 Centurie. Gestimmt wurde nach den Centurien. Das Vermögen war hier das größte Uebergewicht in der Volksversammlung. So ist die plebs in politische Rechte hereingezogen. Die plebs erhielt also von den Königen Eigenthum und politische Rechte. |

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5–6 Privilegirten] Do: Mächtigen, Privilegirten, Aristokraten, patribus 7 diesen Mächtigen … Abhängigen] Do: denen, die die Hauptmacht in Händen hatten und der abhängigen Plebs 17 in Staatsrecht] Do: mehr in Staatsrechte überhaupt 23 gab bestimmte Organisation] Do: hat dem 35 Senat nun eine bestimmtere innere Organisation gegeben 26 Adeligkeit, Heiligkeit] Do: Sacra, des Adels und Cultus der Geschlechter 31 So ist … plebs1] Do: Indeß die Plebs selbst die ärmste war so doch auch durchaus 29 5)] in Pi folgt eine Textlücke von einem Wort

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Die Könige werden vertrieben und zwar von der Aristokratie, nicht vom Volk, sondern durch das Interesse der Patricier. Wenn man sonst verlangt, daß die Sacra der Patricier heilig sein sollen, so hätten von ihnen ebenso die Könige, Hohenpriester geachtet werden müssen. Nach der Geschichte war die Verletzung einer Frau der nähere Anlaß. Schon unter den Königen haben Frauen große Rollen gespielt; weniger in der Republik. Tanaquil, Virginia. Das Prinzip der Pietät, pudor war das Grundmoment; aber das Innere der Familie despotisch fest, und die Ehe religiös fest. Monogamie erscheint als etwas, was sich ganz von sich selbst versteht, so daß in den Gesetzen kein eigenes vorkommt, daß der Mann nur eine Frau haben soll. Beiläufig kommt in den Pandecten und institutiones I.X. davon etwas vor. Ein Mann soll seine Schwiegermutter nicht heurathen, denn dann ist er noch an die Tochter verheurathet. und dergleichen. Ebenso die Stiefmutter, wenn sie noch dem Vater verheurathet ist. Kurz es ist nicht die Rede davon, daß Polygamie möglich wäre. Im codex von Diocletian steht, qui sub ditione romani nominis sei dürfe nicht 2 Weiber heurathen. Im praetorischen Edikt, war dies enthalten. Im edicto Theodosii steht dasselbe von den Juden. – Das König thum ist nicht so verschwunden wie in Griechenland. Die Tyrannen sind dort verjagt worden; hier aber | sind die Könige mit besonderem Hasse verfolgt. Der Grund war Selbstständigkeit der Individualität. Ebenso sind die Patricier von der plebs, als sie selbstständig geworden, bedrängt. Endlich die noch niedrigeren, die Lateiner strebten empor, bis zuletzt Alle zur Gleichheit des persönlichen Rechts kamen, und zuletzt auch selbst die Sklaven. Das Prinzip der Innerlichkeit, der Selbstständigkeit hat sich immer Luft gemacht. Die Vertreibung der Könige ist davon der Anfang. Livius sagt initio lib II, daß Brutus viel Ruhm sich erwarb, daß er es aber zum pessimo publico gethan haben würde, wenn er unzeitig früheren Königen die Herrschaft entrissen hätte. Denn

1–2 vom Volk] Do: von dem was wir gewohnt sind Volk überhaupt zu nennen 5 Anlaß] Do: Veranlassung geworden. Wir sehen also die Ehe schon hier etwas wichtiges werden. 7 der1] Do: der Innerlichkeit 8 Monogamie erscheint] Do: Wir sehen daher von Anfang an Mono12 und dergleichen.] Do: also fast lächerlich 14–16 Im codex … enthalten.] Do: In 30 gamie dem Codex kommt ein Gesetz von Diokletian vor, wo es ausdrücklich gesagt, auf ein Edikt des Prätors sich berufend, daß solche Männer mit der Infamie belegt würden. 16–17 von den Juden] Do: auf die Juden ist ebenfalls angeführt. Auch kommen noch nicht Strafen dagegen vor. 17 Das König thum] Do: Das dritte ist, daß das König thum 17–18 Griechenland. Die … worden] Do: 18–19 mit besonderem 35 Griechenland, wo sie ruhig ausstarben, oder untereinander aufrieben Hasse verfolgt] Do: mit Haß aufgehoben und mit Haß betrachtet worden 19 Der Grund … Individualität.] Do: Das Princip der Selbstständigkeit zunächst als Princip der Innerlichkeit wurde in concreter Bestimmung Princip der Persönlichkeit. 19–20 Ebenso sind … bedrängt.] Do: Die Patrizier zu dem Gefühl der Selbstständigkeit der Individualität gelangt haben das über ihnen ste40 hende abgeworfen, und die selbstständig gewordne Plebs ließ dasselbe über die Patrizier ergehen 21 die Lateiner strebten empor] Do: die Lateiner ebenso zum Gefühl der Selbstständigkeit erstarkt haben den römischen Bürgern sich gleichgesetzt Alle] Do: alle Individuen und Stufen

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wenn jene pastorum plebis, transfuga, die unter Tutel des Asyls stand, nicht durch regio metu zusammengehalten worden wäre, wäre der Staat versunken. Die Gemüther waren nun erst befestigt durch Anhänglichkeit an den Boden, durch Weiber und Kinder. Livius spricht hier nicht von Respekt des plebs gegen die Aristokrasie; eben sowenig vom Clientelarverhältniß, als Hinreichend zur Erhaltung der Ordnung. 2 Consuln treten an die Spitze, und das war die e i n z i g e Veränderung. Ausgezeichnet ist dieser Zustand; die Zweiheit war allein möglich ohne daß der Staat zerrissen worden wäre. Seite des Religiösen und Weltlichen, tritt ebenso in den | Consuln ein. Der Eine war mehr zu bürgerlichen Verrichtungen, der andere zu den sacris. Ausbildung und Organisation; die consularische Gewalt erhebt noch untergeordnete; Praetor, Censor, Aedile etc. Unmittelbar nach den Königen ging es sehr schlecht; noch im Zusammenhange mit dem Kriege gegen die Tarquinier selbst. Rom wurde durch Porsenna, den hetrurischen König, gedemüthigt. Nach einigen Jüngeren scheint es, daß Rom selbst genommen, und aller Waffen beraubt wurde; ein Zustand der bei den Israeliten gegen die Philister eintrat. Der Staat war also noch nicht vollkommen erstarkt. Man sieht vielmehr, daß die Stadt nach außen vollkommen ohnmächtig ist. Damit tritt immer Zwist ein zwischen Patriciern und Plebejern, wegen Verarmung der plebs. Die plebs war vorzüglich abhängig von den Patriciern als Grundbesitzern. Ein Jahr vor der secessio wurde Suessa Pometia erobert, und die Beute erfrischte einigermaßen wieder die armen Soldaten. Zweitens war alle Staatsgewalt in den Händen der Patricier, und die königliche Gewalt mangelte. Wenn der Aufstand für illegitim angesehen wird, als Empörung, so muß bedacht werden, daß die plebs nur das fordert, was vorher durch königliche Gewalt geleistet war. Ackeraustheilung fand damals statt. Die Assignation, die die plebs durch die Könige erlangt, hat sie jetzt von den Patriciern erlangt. | Bei den agrarischen Gesetzen war viel die Rede vom Streben nach König thum. regno viam flens. Die plebs erzwang also nur, was die Könige geleistet hatten, Grundeigenthum und Volkstribunen. Also war es nur Ergänzung dessen, was durch die Königsvertreibung weggefallen war. Ackergesetze. Die plebs wollte Theil haben an Benut-

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7–8 dieser Zustand; … wäre] Do: allerdings daß an der Spitze eines Volkes nun zwei standen, wo nur durch den fest gegründeten Zusammenhalt des Staates die Einheit erhalten wurde 8 Seite des … Weltlichen] Do: Zweiheit des innerlichen und des äußerlichen. 10 Ausbildung und Organisation] Do: Die Seite der Administration müssen wir hier bei Seite lassen. 12 den Königen] Do: Vertreibung der Könige 16 erstarkt] Do: erstarkt, als die Patrizier es sich vorgestellt hatten 19 35 plebs1] Do: sogenannten Plebs 21 alle Staatsgewalt] Do: obrigkeitliche Gewalt 24 geleistet] Do: bewilligt 25 Ackeraustheilung fand damals statt.] Do: Besonders Servius Tullius hatte das Volk ebenfalls zu Grundbesitzern gemacht 29 Ergänzung] Do: Wiederherstellung 30 Ackergesetze] Do: Ackergesetze gaben Theilnahme am Grundbesitz. 27 regno viam flens Lesung unsicher

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zung des Grundvermögens. Die Rechtspflege blieb 2tens nicht allein in den Händen der Patricier. Provokation an das Volk, die Comitien, wurde festgesetzt. 3tens wurden Volkstribunen gestattet; und eigenthümliche Versammlung der plebs, comitia tributa. In den curiatis war der Antheil sehr unbedeutend. Plebiscita. 4tens plebejische Consuln, Aedile, Censoren, theils eigener Magistrat, theils allgemeiner. Decemvirn haben bestimmte Gesetze gegeben. So haben beide Theile eine Befriedigung erlangt. Der Gegensatz hat sein Gleichgewicht gefunden. Das Uebergewicht ist zwar bei den Patriciern. Der Gegensatz hatte sich zuerst entwickelt und ausgeglichen. Diese Vermittelung zeigt das römische Volk in seiner Stärke. Es wendet sich nach außen, wiewohl beschränkter. Die Römergröße beruht auf jener Vermittelung, römische Bürgertugend besteht darin, mit dem Willen identisch zu sein mit dem Vaterland und seinen Gesetzen. Mit den inneren Kämpfen | war immer Krieg verbunden. Dabei gewannen die Römer die Oberhand durch ihre Tugend und eigenthümliche Kriegskunst. Die Armeen waren in eben dem Geiste organisirt wie die politische Verfassung. Die Phalanx ist die geschlossne Masse, die römische Legion aber war ebenso fest geschlossnes, aber in sich gegliedertes; also der Masse und den blos leichten Truppen entgegengesetzt, worin meistens die Barbaren kämpfen. Kriege in Italien. Durch diese Kleinkrämerei der Eroberung sind sie zu Kapitalisten erstarkt; und so traten sie dann welthistorisch auf. Damit beginnt Roms 2te Periode. Allseitige Beruhigung. Mittelund Unteritalien war besiegt. Oberitalien unter den Galliern, Spanien und somit Car thago, Sicilien, Griechenland, Macedonien, Kleinasien, Syrien, Aegypten, Illyrien. Somit betreten sie das prächtige Theater der Stärke, Reichthums, Ruhmes; und wurden politisch und kriegerisch mit allen Völkern berührt. Diese

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25 4 comitia tributa] Do: comitia tributa, nun machte die plebs plebiscite, deren Verbindlichkeit

für den Senat zweifelhaft blieb 5 Censoren] Do: Censoren verlangten sie noch auch 7 Der Gegensatz … gefunden.] Do: daß der Gegensatz sich entwickelt hatte, aber zugleich seine Vermittelung gefunden 7–8 Das Uebergewicht … Patriciern.] Do: Patrizier haben allerdings noch die überwiegende Autorität, die Plebejer haben aber Theilnahme an der höchsten 8–9 hatte sich … ausgeglichen] Do: hat also seine 30 gesetzgebenden und exekutiven Gewalt. Ausgleichung gefunden, das erste Hervortreten des Gegensatzes und die erste Vermittelung 11 dem Willen] Do: seinem Bewustseyn 13 war immer Krieg verbunden] Do: die der Gegensatz wirkte, gingen Kriege nach Außen immer parallel 15 Phalanx] Do: Phalanx der Macedonier 17 also der … entgegengesetzt] Do: eine Masse die sich zersplittern und wieder 19–20 und so … auf ] Do: mit 35 zusammenfinden konnte | also das Princip der neueren Heere der sie auf dem Welt theater erschienen und mit den andern Völkern in Berührung traten 20 Damit] Do: hiermit mit dem Schluß der Ausgleichung des inneren Gegensatzes und der Entzweiung des Volkes 21 Oberitalien unter den Galliern] Do: in Berührung tretend mit 22–23 Macedonien, Kleinasien, … Illyrien] Do: und den griechiGalliern in Oberitalien 23 Stärke] Do: 40 schen Reichen Mazedonien, Kleinasien, Syrien, Aegypten auch Illyrien Ehre 24 wurden politisch … berührt] Do: sind verwickelt worden zu gleicher Zeit mit allen diesen Völkern

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große Epoche hat der Achäer Polybius zum Gegenstande seiner Geschichte gemacht; der schönste Gegenstand. Polybius hatte sein vormals edles Vaterland sinken sehen, durch Niederträchtigkeit zu Hause und von außen. Car thago, durch das Meerprincip bestehend. Keine eigentliche Nationalarmee. Hannibals Geist hielt aus Vermischung der verschiedensten Nationen eine Armee zusammen, die Rom bedrängen sollte. | Die römische Marine ist wesentlich Kriegsmarine nicht aus Industrie hervorgegangen. – Die Griechisch-Macedonischen Könige sind eine andre Hauptmacht mit der Rom kämpfte. Es wurde Herrscher des Mittelmeers und der Umgegend. Römische Tugend zeigt sich hier im größten Glanze; ebenso die größten Individuen, wo der Sinn des Vaterlands vollkommen das Gleichgewicht hielt, oder herrschender Trieb war. Gesunder Zustand. Nun tritt das Verderben in Masse in den römischen Staat ein. Den Gegensatz sehen wir wieder hervortreten, in andrer Form als vorher. Die Epoche die diese Periode beschließt, ist die 2te Vermittelung des Gegensatzes. Früher war Gegensatz innerhalb des Patriotismus; jetzt aber in einer Form, die schärfer ist, in partikulärem Interesse gegen die Einheit. Diese große Epoche der punischen, macedonischen Kriege etc, ist die schönste des Römerglücks. Darauf folgt nicht eine Periode wie bei den Griechen nach den Medischen Kriegen, nicht der schöne Glanz, der darin bestand, daß das Volk innerlich gedieh und das vorher praktisch bethätigte, als geistiges Werk vollendet producirte. Wenn eine solche Periode folgen könnte, mußte das Innere wieder wahrhaft sein. Das Prinzip ihres geistigen Lebens hätte ein concreter Geist sein müssen, der, nach außen realisirt, nun im Innern sich anschaut und durch Phantasie sich vor das Bewußtsein bringt. | 2 der schönste Gegenstand] Do: Es kann wohl nicht leicht eine schönere Epoche zum Gegenstand der Geschichte gemacht werden. 3 Niederträchtigkeit zu … außen] Do: die gleiche Schändlichkeit der Landschaften zu Hause und die gleiche Niederträchtigkeit der Römer 3–4 Carthago, durch … bestehend.] Do: Car thago ist wesentlich herauszuheben ein Staat der auf Industrie des Meers überhaupt basirt war. 4 Keine eigentliche Nationalarmee.] Do: Car thago hatte keine eigentliche Nationalarmee die Einwohner der Stadt als des Gebiets gewähren müssen, sondern unterworfene Völker und Miethsoldaten. 6 Die römische Marine] Do: Die Römer wurden erst in diesem Kriege eine Seemacht. Ihre Marine 7 Industrie] Do: dem Princip der Industrie 8 Könige] Do: Königreiche 9 der Umgegend] Do: der Länder, die um dessen Bereich liegen Römische Tugend] Do: Der römische Sinn in Einheit mit dem Staate 10 größten] Do: schönsten 11 vollkommen] Do: aller Partikularität 13 Gegensatz] Do: Gegensatz der in Rom enthalten ist 15 war Gegensatz … Patriotismus] Do: hatten wir ihn zwischen Patrizier und Plebejer, der innerhalb des Patriotismus, der Gesinnung der Einheit mit dem Staat bestand 16 Einheit] Do: Allgemeinheit 19–20 innerlich gedieh] Do: sich idealisch innerlich genißt 20–21 als geistiges … producirte] Do: ins geistige wendet und überhaupt bethätigte in Kunst und Wissenschaft 22–23 ein concreter … müssen] Do: etwas concretes seyn müssen, ein Geist im eigentlichen Sinn 24 Phantasie] Do: Denken und Phantasie

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Der Uebergang von der Befriedigung der Aeußerlichkeit zu innerer Befriedigung ist ganz anders als in Griechenland. Nachdem die Noth vorüber ist, läßt die Anspannung der Tugend nach. In den punischen Kriegen ist das Ganze des Staats in Gefahr. Die Noth vereinigt die Gesinnung. Das Interesse Aller ist gemeinschaftlich die Rettung Roms. Auch gegen die Macedonischen Könige stand Rom in Gefahr; nicht aber in den Gallischen Kriegen etc, aber das Interesse der Rettung Roms stand lange noch im Hintergrund. Aber als Car thago so gedemüthigt ist, daß Roms Existenz keine Frage mehr war, sind die folgenden Kriege mehr Consequenzen der Eroberung, Einsammlung der Früchte. Nicht das Ganze des Staates kommt mehr in Frage, sondern nur untergeordnetes partikuläres Interesse. Die Heere wurden gebraucht für besondre Unternehmungen der Politik, die Ausplünderung zu vollenden, abstrakte Herrschaft auszudehnen. Ein großer Theil der Heere besteht nicht mehr aus eigentlichen Römern, sondern Bundesgenossen, die nicht Rom als solches zum Interesse haben, sondern Ruhm und Plünderungen. Die französischen Heere zogen für Unabhängigkeit und Freiheit aus; dann aber war das weitre Interesse Ruhm und Beute. Das Prinzip, das so die Römer gegen fremde Staaten hatten, war Prinzip der Herrschaft überhaupt. | Die Nationalindividualität wird nicht geachtet. An der Spitze stehen fürstliche Dynastien. Diese Nationalindividualität hatte noch nicht die Achtung wie jetzt, galt noch nicht legitim. Die Staaten waren noch nicht gegenseitig als wesentlich existirend anerkannt. Nicht jedes einzelne hatte gleiches Recht mit den Andren. Solches Anerkennen, wobei jedes Einzelne auch sein Bestehen erhält, führt einen Staatenbund mit sich. Dieser Staatenbund war in Griechenland vorhanden. Alles stand unter einem, dem delphischen Gotte, und war gleichberechtigt durch dies Verhältniß. Der römische Gott war aber Jupiter Capitolinus, die sacra der anderen Völker wurden eben so wenig respektirt, wie zwischen Plebejern und Patriciern. Selbstischkeit des Willens gegen Andre, ohne sittliche und religiöse Erfüllung. Die vorigen Sacra waren selbst nur Formalismus des Willens, der

30 1 der Aeußerlichkeit] Do: an der äußeren Realität

2 ist ganz … Griechenland] Do: muß also hier ein andres Resultat haben 5 Roms] Do: Roms, durch die Car thager plötzlich gefährdet 5–6 Auch gegen … Kriegen] Do: Gegen Mazedonien konnte es auch als gesichertes gesehen werden; in dem Kriege mit den Galliern war diese Gefahr allerdings vorhanden 11 Heere] Do: Bürger 12 abstrakte Herrschaft] Do: abstrakten Ruhm und Herrschaft 15 französischen Heere] 15–16 Unabhängigkeit und … aber] Do: Unabhängig35 Do: republikanischen Heere der Franzosen keit der Republik, nachdem diese gesichert 16 Ruhm und Beute] Do: Beute und Plünderung 18 überhaupt] Do: überhaupt, das bloße Verhältniß der Gewalt wurde Interesse der Römer 20–21 noch nicht … legitim] Do: damals noch nicht Respekt für sich als solche erlangt, besondre Verfassungen Verhältniß zu Dynastien galten noch nicht für legitim 28 Selbstischkeit des 29–720,1 For40 … Andre] Do: kalte Abstraktion hat die Selbststischkeit der Willen zu dem Gehalt malismus des … Herrschaft] Do: die äußerliche Form des selbstständigen Willen und der Herrschaft

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Herrschaft. Catos alter Spruch war delendam esse Car thaginem. Cato war Römer von echtem altem Sinn. Blos Verhältniß der Herrschaft das Prinzip zeigt sich durch diesen Ausspruch. Die Politik hatte durchaus kein Prinzip der legitimen Selbstständigkeit der Nation. Nur Macht und Traktate, als Temporäres, galten. So lange die Eroberung durch Noth geschah, war eine Gesinnung vorhanden, und es glänzt, die abstrakten Tugenden. aber wo die Herrschaft um ihr selbst willen | Zwek der Kriege war, bekam der Geist Inhalt der Besonderheit, Selbstsucht. Vorher Noth, berechtigte Gesinnung; wo die Existenz des Ganzen nicht mehr Inhalt ist, kann nur Particularisation der Interessen Inhalt sein. Mit den Provinzen wurde der Sinn der Particularisation der Interessen intensiver. Dieser Fortgang der Plünderung ist die eine Seite. Die andre ist die Empörung des Innern. Ersteres betreffend: Sicilien, Sardinien erobert, Car thago fällt, Spanien erobert. Cato Censor hat in Spanien 400 Städte erobert. Anderseits Griechenland unterworfen. Sparta, Aetolien, Akarnanum, Achäer. Macedoniens Macht ist gebrochen und Griechenland unter Roms. Eine Zeitlang galt der Name: Befreiung Griechenlands, d.h. daß die griechischen Städte der Oberherrschaft Macedoniens entzogen, und diese Macht geschwächt würde. Bald aber wurden die griechischen Staaten selbst unterwürfig. Pergamus fällt Rom zu. Attalus. Mit dieser Ausdehnung verbinden sich wichtige Unruhen im Inneren. Die ersten sind die gracchischen, um die agrarischen Gesetze Beschränkung des patricischen Güterbesitzes. Der Verarmung soll abgeholfen werden, die jetzt ungeheuren Contrast bildet gegen die Bereicherung der Patricier. Aus Asien kommt Schwelgerei und Verderben nach Rom, so daß es Reichthum und Luxus als Beute empfing. Die Marine war nicht Schutz des Handels sondern Militärmarine; so ist auch der Reichthum nicht auf innere Industrie und rechtschaffene Thätigkeit gebaut. |

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4 legitimen Selbstständigkeit] Do: wesentlich selbständigen Eigenthümlichkeit 5 Temporäres] Do: Temporäres und zuf älliges geschah] Do: geschah Gefahr der Grenzen ins Spiel kam 7 Kriege] Do: fortwährenden Kriege 11 Plünderung ist … Seite] Do: Eroberung, Plünderung macht die eine Seite des Gemäldes aus 12 Empörung] Do: Zerreißung 30 16–18 Eine Zeitlang … würde.] Do: Die Römer haben eine Zeitlang die glänzende Befreiung Griechenlands vorgespiegelt, um Macedonien dadurch zu schwächen. 18 Bald aber … unterwürfig.] Do: Die griechischen Städte, die diese Freiheit erlangt, kamen aber bald in die Unterwerfung der Römer. 20–22 die agrarischen … werden] Do: um das Agrarische Gesetz, daß einem römischen Bürger als solchem ein Antheil zukommen soll an den eroberten Ländern, 35 um die Verarmung der Bürger zu heben 24–25 Die Marine … Handels] Do: Wie die Marine nicht aus dem Princip des Handels entstand 25–26 auf innere … gebaut] Do: Frucht einer Industrie und rechtschaffnen Thätigkeit, sondern Folge der Eroberungen und Plünderung 1 alter Spruch war] Pi: war alter Spruch

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Bedürfnisse mehren sich. Dieser Zeitpunkt war nicht Erzeugniß innerer Bildung, sondern ging auf das unmittelbare Resultat, den Genuß, der durch Plünderung erreicht wurde. Dieser Zustand der Begierde ist nun zum Verderben geworden. Danach ist Marius und Sulla aufgetreten, Bundesgenossenkrieg; große Gefahr für Rom. Mithridatischer Krieg fällt mit dieser Gefahr von Innen zusammen. 80 Tausend Römer sind ermordet in Asien, während eben der Bürgerkrieg am heftigsten war. Nicht tugendhafte Tapferkeit steht dem Mithridates entgegen, sondern die durch Uebung erworbene Tapferkeit, das Resultat der Vorzeit. So nur konnte Sieg über Cimbern und Teutonen, und über Mithridates erlangt werden. Durch den Bundesgenossenkrieg, woran sich die meisten Völker Italiens anschlossen erhielt die italienische Landschaft das römische Bürgerrecht. Die Patricier standen zuerst gegen den König, Plebejer gegen die Patricier, nun die Italiener gegen Rom auf. Zuerst die lateinischen Städte erhalten das Bürgerrecht, die etruskischen, und endlich alle italischen Bürger erhalten das Bürgerrecht. Später auch Familien der Provinzen. Sklaven wurden befreit und so die Heere ergänzt; doch die Zeit war noch nicht gekommen. Unter Spartakus standen 70,000 Mann, aber es sollte noch nicht sein; es war dem Zeitgeiste anticipirt, und verunglückt darum. Sulla, Marius, Sertorius. Seeräuber im Mittelmeer. Das Besondre | macht sich so frei, kämpft gegen die Einheit. Individuen als solche machen die Hauptfiguren aus; partikular Interessen und Talente. Interesse für den Staat als Einheit ist verloren. Ausgezeichnete Individualitäten, wie bei den Griechen. Plutarch parallelisirt Römer und Griechen in dieser Hinsicht. Individuen sind es, worum die Macht und das Interesse sich dreht. Alle Individuen waren von Einem Zweke, Bedürfnisse beseelt, selbst im Catilina nicht zu verkennen, nämlich um existirende Einheit im Staat hervorzubringen. An die Stelle der Herrschaft Roms konnte noch nichts andres treten, aber die geistlose Einheit bedurfte nun einer reellen Einheit. Die Partikularität ist zum Fürsichsein gekommen, hat aber in ihrem Wesen nichts Concretes gehabt, konnte also keine schöne freie, griechische Form finden. Partikularität des Genusses, der Herrschaft. Dies Prinzip, so ausgebildet, hat sich gegenüber gestellt der Einheit des Ganzen. Die Einheit ist untergegangen in der Selbstsucht der Individuen. Solcher Zustand ist die Periode der großen Individuen. Sie fühlten das Bedürfniß,

4 Bundesgenossenkrieg] Do: der Krieg mit den Cimbern, Bundesgenossenkrieg 6–7 eben der … war] Do: der höchsten Entflammung des Bürgerkriegs 8 Tapferkeit] Do: Tapferkeit, Geschick15 Familien der Provinzen] Do: besondere Familien in 35 lichkeit, Kühnheit besiegte die Barbaren vielen Provinzen 19 kämpft gegen die Einheit] Do: kämpft mit einander und gegen die Einheit, in der es mit dem Staate gestanden 20 solche] Do: solche, gebildete Talente 22 Plutarch] Do: Bei den Griechen wurden diese Gründe auch bemerklich gemacht, und Plutarch 23 worum die … Interesse] Do: auf die es jetzt ankommt, um die die Gewalt 26–27 geistlose Einheit … Ein40 heit] Do: nur äußerlich gewordene Einheit bedurfte einer wirklichen Einheit

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der Zerrüttung ein Ende zu machen, die Einheit, die nicht mehr Gesinnung sein konnte, hervorzubringen. Marius und Sylla, Cicero, selbst Catilina hat diesen Grund der Thätigkeit. Die Individuen sind aber ungeachtet der Größe, so unglücklich, daß | sie ihr Ziel nicht erreichen können, ohne ungerecht zu sein gegen alles bestehende, worin sie stehen. Ihre That ist die Hohe Gerechtigkeit des Weltgeistes. Die Edelsten der Individuen, wie die Gracchen sind einestheils verwickelt worden in Verbrechen, und sind doch der Gewalt unterlegen, die das positive Recht für sich hatte. Es ist einfache Einsicht für uns, daß der römische Staat sich so gestaltet hat, daß er nicht bestehen konnte. Er mußte sich zu dieser Zerrissenheit fortbilden. Diese Einsicht wohnte aber den Römern gar nicht ein. Cicero, selbst Consul, dessen ganzes Leben im Kampfe der Individuen mit dem Staat fiel, der unter Sylla Jüngling war, der die Verfassung kannte und liebte, hat nicht Theil genommen an den Begegnissen des Vaterlandes, auf blos empirische Weise, sondern kannte die griechische Philosophie tief und philosophirte selbst, dessenungeachtet ist bei ihm vollkommner Mangel an Gedanken über die Natur des Staates, an Einsicht über das, was dem Vaterland noth thut. Die Griechen haben weit größeres Bewußtsein gehabt in dieser Rücksicht. Plato und Zeno wußten, diese Verfassung Athens kann nicht mehr bestehen. Einige nehmen zu Idealen die Zuflucht, zum lacedämonischen Staat; Plato hat aber nicht Antheil genommen an Staatsgeschäften, war Stubengelehrter gegen den Cicero, und doch kannte er, was noth that. | Cicero war hierin aber in Bewußtlosigkeit. Er meint, es liege an den Individuen, wenn nur Catilina abgewehrt, Caesar gemordet sei, genüge der Senat Comitien, Form der Aemter, der Proportion zur Beherrschung der Welt. Kein Zufall war es, daß die Freiheit verloren ging, Zustand der Partikularität konnte nicht mehr bestehn, die Welt konnte nicht beherrscht werden von den Bürgern einer Stadt, die selbst in Selbstsucht verstrickt war, einen Pöbelhaufen ausmachte, der Jedem zu Gebote stand, partikuläre Absichten durchzusetzen. Caesar hat nun das Rechte gethan, die Vermittlung hervorgebracht, die Bedürfniß war, und allein Statt finden konnte. Er hat 2erlei gethan.

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2 hervorzubringen] Do: in der Existenz darzustellen Cicero] Do: des Gracchus Cicero 4 ihr 30 Ziel nicht erreichen] Do: ihren Zweck nicht vollbringen ohne] Do: ohne den Gesetzen Gewalt an zu thun, ohne 5 stehen] Do schließt an: eben weil sie so als Individuen dastehen Hohe] Do: höhere 10 Zerrissenheit fortbilden] Do: Zerrissenheit aus seinem Princip sich bilden, diß hat uns die vorige Einleitung gezeigt 11–12 dessen ganzes … liebte] Do: der sein ganzes Leben in diesen Zerrüttungen zubrachte, Liebe zur Freiheit, zu gesetzmäßiger Ordnung 14 kannte die 35 … tief ] Do: gebildet durch griechische Philosophie 17 Zeno] Do: Xenophon 18 diese Verfassung … bestehen] Do: daß der Athenische Staat in seiner Verfassung nicht mehr bestehen konnte Einige] Do: Sie 19 zum lacedämonischen Staat] Do: spartanischer Verfassung 19–20 hat aber … Staatsgeschäften] Do: der nicht praktischer Staatsmann wie Cicero war 22 Individuen] Do: Individuen Cäsar Antonius 27 Jedem] Do: jedem Demagogen oder 40 Tribun partikuläre] Do: partikulären ehrgeizigen

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Er hat den inneren Gegensatz beschwichtigt und anderseits eine neue Welt, einen neuen Gegensatz aufgeschlossen. Die Vereinung der römischen Welt in sich ist das Eine was er hervorbrachte, auf die große Weise, daß es zugleich die andre Seite des Gegensatzes aufschloß. Er hat Gallien erobert, Teutschland eröffnet und in Beziehung mit der römischen Welt gebracht. Eben so Britannien. Bisher war die Weltgeschichte, die von SüdOsten nach NordWesten fortschreitet, bis an den Kranz der Alpen gedrungen. Mittelmeer war Mittelpunkt. Caesar hat einen neuen Schauplatz der Weltgeschichte eröffnet. Gallien wurde unterworfen, | Britannien und Germanien geweckt. Den Boden der Weltgeschichte hat er also gegründet. Er hat sich zum Herrscher von Rom gemacht, nicht durch einen Bürgerkrieg. nicht formeller, sondern realer Herr Roms wurde er, er eroberte es in allen seinen Theilen. Rom war nicht mehr, was es wähnte, Herrscherin der Welt. Nur der Name der Republik ist geblieben. Der Senat etc sind leere Gestalten. Die Männer, die auf der Seite der Rechtmäßigkeit standen, Pompejus etc deren autoritas, dignitas, die partikuläre Herrschaft war es, worin die Stärke der Republik bestand. Aber nicht die autoritas des Individuums soll der Republik Stärke geben. Caesar hat dem leeren Bilde ein Ende gemacht und sich zum Herrn erhoben, und also den Zusammenhang der römischen Welt gegründet, eine einzige Vermittelung, durch die Gewalt durch die Partikularität, hervorgebracht. Die äußerliche Vereinigung ist allein möglich für die Partikularität; und diese ist die Gewalt. Nach Caesar, sollte man meinen, müßte das Reich zerfallen, aber das e i n e fatum, die abstrakte Allgemeinheit hat sich als Herrschaft über das Ganze festgesetzt, war das, was an der Zeit war, machte der Frische der andren Völker ein Ende. Caesar ist mit 23 Wunden ermordet worden. Dieser Ausgang ist das | eine merkwürdig zu achten. Brutus bei Plutarch und Shakespeare. Als Römer ist sein Charakter herrlich, aber in den ungeheuren Irr thum und das Verbrechen verfiel er. Cato Uticensis und Andre waren so eingelebt in die selbstständige Particularität, daß sie nicht leben konnten, oder den andren nicht leben lassen, der der Herr war. Aber die Zeit ist gekommen; die Partikularität bedarf der äußren Gewalt um zusammen gehalten zu werden. Daß Brutus im Irr thum war,

4 Gegensatzes] Do: Gegensatzes in der weltlichen Wirklichkeit 7–8 Mittelmeer war … eröffnet.] Do: er hat das Theater gegründet wohin in der Folge der Mittelpunkt der Weltgeschichte fällt 10 nicht durch einen Bürgerkrieg] Do: nicht durch Beziehung die nur auf den Straßen Roms entschieden wäre 11 es] Do: die römische Welt 13 Republik] Do: Republik, der Einheit, die 21 zerfallen, aber] Do: zerfallen werde wie Alexanders Reich, die 35 als Schatten übrig geblieben war römische Welt löst sich nicht in vielerlei Mittelpunkte auf, denn 23–24 machte der … Ende] Do: was die Lebendigkeit die Frische der freien individuellen Völker getödtet hatte 24–25 das eine … achten] Do: ein merkwürdiger Irr thum 25 Brutus bei … Shakespeare.] Do: Plutarchs Leben und Schakespeare, die ihn auf die richtigste reinste Weise aufgefaßt haben. 26 Verbrechen] Do: Verbre27 Andre] Do: Cassius 40 chen des Mordes

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zeigt das, daß Augustus bald weiter herrschte. Oft, wenn eine große Verändrung geschehen, sich als gültig festsetzen soll, als etwas, wobei man bleiben müsse, muß das 2mal geschehn. Einmal ist keinmal, sagt das Sprichwort. Das eine mal kann man den Umständen und der Zufälligkeit zuschreiben; wenn es noch einmal geschieht, ist der eine Erfolg durch die Wiederholung bewährt. Einmal wurde Napoleon gestürzt, aber zum zweiten male unterlag er erst wahrhaft. Ebenso mußte Augustus das Reich noch einmal erobern, zur Bestätigung. Die 3te Periode Roms tritt nun ein. Sie gestaltet sich nun in ganz anderen Gegensätzen. Dem ersten Gegensatze blieb die substantielle Einheit zum Grunde | der 2te Gegensatz war der abstrakte, seelenlose, interesselose. Die 3te Periode enthält den Gegensatz, wo die beiden Theile selbst Ganze sind. Das weltliche Reich das Kaiser thum, und anderseits das geistige Reich, das Christenthum. Die Einheit hat jetzt den allgemeinen Geist zum Inhalte, nicht Abstraktum der Herrschaft, sondern die Herrschaft die des Geistes. Das geistige Reich stürzt zunächst das weltliche Reich, das Kaiser thum, und nimmt später selbst die Weltlichkeit an sich. Die römische Geschichte geht dahin, daß das höhere Prinzip die Wirklichkeit, die gegen übersteht, das Kaiser thum stürzt. Als weltliche Macht existirt die geistige in der germanischen Natur. Das Kaiser thum. Die Verfassung Roms war so interesselos, daß die große Veränderung des Uebergangs von Republik zu Kaiser thum an der Verfassung gar nichts geändert hat[.] Sie blieb, aber nur als Form, wie sie zuletzt auch gewesen war. Alle Formen blieben, und nahmen die Gestalt wie vorher, aber die Substanz fehlte. Die Römer konnten sich nicht beklagen, der Staat blieb, Augustus wollte selbst die Volksversammlung herstellen, auch Claudius. Aber diese sind vielmehr zu einem wilden Haufen geworden, der jedem, der sich an die Spitze stellt, zu Gebote stand. Das große Rom konnte nicht durch den Willen beherrscht werden. | Die Volksversammlungen, welche wegfielen, waren so schon wirkungslos, und verwirrend. Der Kaiser war nur einer der Senatoren, princeps senatus, wurde zu consul, censor, tribun ernannt. Seine Gewalt bestand in etwas sehr Einfachem. Er hatte ein Lager von etlichen Legionen bei der Stadt und stand über-

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1 das, daß … herrschte] Do: zeigt sich in der Folge. Augustus und Antonius folgen bald, und endlich Augustus allein 3 das2 ] Do: ein altes 10 interesselose] Do: das interesselose das auf die Seite der Partikularität trat 13 Einheit] Do: Vermittelung 15–16 nimmt später … sich] Do: wird selbst weltliches Reich 17–18 stürzt … Kaiser thum.] Do: über den Haufen wirft, 35 einerseits religiös und angethan mit Erblichkeit als weltliche Macht selbst, diß sind die germanischen Nationen 19 interesselos] Do: hohl, so wirkungslos in sich 21–22 Alle Formen … fehlte.] Do: Der Senat, Consuln, Tribunen blieben Aedilen Censoren Quaestoren, das Ganze blieb der Form nach dasselbe, aber es war eine substanzlose Form. 26 den Willen] Do: diese Vielen 30 Gewalt] Do: Herrschergewalt 40

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haupt an der Spitze der Armee. Einige Provinzen hatte er für sich, Proconsuln hinzuschicken. Die Legionen war es, die den Befehl des imperator auszuführen bereit waren, so daß ein Senator, der doch dem Kaiser hatte widersprechen wollen, von Soldaten ermordet wurde. Der Kopf jedes Senators war in der Willkühr des Imperators. Diese einfache Furcht hielt Rom unter dem Willen. Diese Furcht erspart es dem Imperator, zu solchen Schritten zu gehen. Diese Furcht war das Mittel, die welche im Senat sich widersetzlich geäußert hatten, die Verdächtigen (denn dies war das Verbrechen) selbst anzuklagen, oder anklagen zu lassen, so, daß der Kaiser gar keinen Theil daran hatte, sondern diese, um ihre Anhänglichkeit zu beweisen, selbst Klage erfanden. Der Senat berathschlagte Ver theidigung war erlaubt, und der Todesschluß erfolgte in rechtlicher Form vom Senat selbst. | Die Gewalt war auf Militär begründet, wie zuvor. Diese bestand in besondren Legionen im Lager bei Rom, theils in der Armee überhaupt, die sich gleiche Rechte anzumaaßen suchte. Die Macht des Imperators kannten die Legionen als die ihrige. Die Besetzung des Thrones fiel endlich in ihre Hände. Der Familie Augusts wurde zuerst Achtung erwiesen, aber der Familienbund war überhaupt los. Der Adoption konnten sich die Kaiser willkührlich bedienen, durch die Macht der Legionen gestützt. Die Ernennung des neuen Kaisers lag damit in den Händen der Soldaten. Deren Wahl fiel auf solche, die ihre Gunst zu erwerben wußten. Es wurde förmlich gehandelt; besonders Generale galten hier, durch Nachsicht in Disciplin. Somit waren sie zugleich verachtet. Wenn edlere Krieger als Kaiser nun die Disciplin wiederherstellen wollten, wurden sie Opfer. Die Gründung der Kaisermacht auf militärische Gewalt wurde vollständig ausgebildet und der wilde Zustand somit erzeugt. Rekrutierungen aus fremden Ländern, ohne Patriotismus und Interesse für Vaterland und Fürst. Darum mußten ganz unrömische Soldaten zum Kaiser thume kommen. Vollkommne Zufälligkeit. Das wildsoldatische | wurde auch Prinzip, weil den Senatoren befohlen war, die ganz vom Kaiser abhingen, nicht Kriegsdienste nehmen zu dürfen. Auf einige Tagereisen durften sie sich nicht dem Lager nähern. So war die Herrschaft in der Hand eines wilden Militairs. Der Herrscher, dessen Macht auf Soldaten gesetzt war, steht an der Spitze, ist Band; die andre Seite sind die Römer überhaupt. Das Band in diesen, das objektive Band, war die vollkommene Zu1 der Armee] Do: des Heeres 1–2 Proconsuln hinzuschicken] Do: die er vergab, die übrigen der 13 Militär] Do: militärische Macht 14 im Lager bei Rom] Do: der prätorischen Leibwache in der Armee] Do: dem Heer überhaupt 20 Soldaten] Do: Soldateska Gunst] Do: Gunst durch Nachsicht 21 gehandelt] Do: gehandelt um die Kaiserwürde 25 erzeugt] Do: vollendet 27–28 Vollkommne Zufälligkeit.] Do: in vollkommner Zufälligkeit gewählt 30 sie] Do: Die höheren Klassen 32 Band] Do: Band, […] in dem alle Macht vereint war

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sammenhangslosigkeit. vis à vis vom Individuum des Kaisers fand sich keine politische Gliederung und Ordnung. Verfassung, Geist, in bestimmten Verhältnissen, die nun Gelten haben, war gar nicht vorhanden, sondern vollkommen vereinzelte Atome. Das römische Bürgerrecht war ganzen Provinzen er theilt. Unter Caracalla ist vollkommene Gleichheit aller Unter thanen hergestellt worden, was einerseits gerecht ist, aber auch alles besondre Band auf hob. Die Gleichheit war auch in der vollkommenen Rechtlosigkeit. Unterschied der Stände war ohnehin verschwunden. Die kaiserliche Willkühr war unbeschränkt, konnte auf Sklaven fallen, und durch die Rechtlosigkeit war der Unterschied der Freien und Unfreien heruntergesunken. Diese Gleichheit der Bürger hat die Form des Privatrechts. In der Zeit allgemeiner Verachtung ist es ausgebildet. | Die abstrakte Persönlichkeit, als solche constituirt, erlangt das Privatrecht. Die Besonderungen waren weggefallen. Das Privatrecht als solches, mit Bestimmung der Ungleichheit, war jedoch als Privatrecht, die Gleichheit mit sich suchend, ausgebildet. d.h. die Person als solche, die abstrakte Innerlichkeit gilt in der Realität, die sie sich als solche zunächst giebt. Kein politischer Zusammenhang ist nun mehr vorhanden. Die römische Gesinnung ist verloren in der Partikularisation, Vereinzelung, die das Prinzip des Privatrechts ist. Das organische Leben war gestorben, der Körper in Atome aufgelöst, wie der natürliche Körper. Jeder einzelne Punkt kann auch Leben für sich gewinnen, und der Körper ist ein Ganzes von Würmern, aber das ist ein elendes Leben das nun herantritt an die Disorganisation einer gebildeten Lebendigkeit. Die Atome, das Privatrecht, war in diesem Zustande nothwendig. Der Stolz der Römer, der ihnen so hoch angerechnet wird, das Privatrecht, ist allerdings preißwürdig, aber zugleich ist es Folge der 3 Gelten] Do: eine Wichtigkeit 3–4 vollkommen vereinzelte Atome] Do: einzelne einander ganz gleich gemachte Atome und eben durch dieses Gleichmachen vereinzelt 5–6 was einerseits gerecht ist] Do: einer seits ein großer wahrhafter Erfolg 6 alles besondre Band] Do: allen besonderen Zusammenhang 8–9 Die kaiserliche … und1] Do: durch die Willkühr des Kaisers er theilt er seinen Sklaven und Freigelassenen dieselbe Bedeutung als den höchsten 10 heruntergesunken] Do: zu einem Bedeutungslosen heruntergesetzt 11 Verachtung] Do: Verachtung der Bedeutung der Römer im Staate 12 constituirt] Do: isolirt Privatrecht] Do: Privatrecht | das früher auf vielfache Weise beschränkt war 13 Besonderungen waren weggefallen] Do: Beschränkungen, die nach und nach weggefallen waren Bestimmung] Do: schiefen Bestimmung 16 giebt] Do: giebt und das ist das Eigenthumsrecht politischer Zusammenhang] Do: politisches Leben 17 Die römische Gesinnung] Do: der lebendige Körper, der als römische Gesinnung vorhanden war 18 Vereinzelung] Do: die zuletzt auf diese Vereinzelung ausging Das organische Leben] Do: Das Leben, inso fern es organisches ein Ganze ist 19–20 wie der … gewinnen] Do: wie im Vergehen des thierischen Körpers jeder Punkt Leben für sich gewinnt 20–21 der Körper … Würmern] Do: der ganze Körper ein Leben von Atomen wird, in Würmer sich auflöst 22–23 Die Atome, … nothwendig.] Do: So stinkend war das ganze geworden 24 preißwürdig] Do: hoch anzurechnen, denn das Individuum ist zu dieser Anerkennung seiner Persönlichkeit und seiner nächsten Folge, dem Besitz des Eigenthums kommen

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Verwesung. Die Bürger, die cives, politisch waren, sind auf Privatleute reducirt. Curiren an den Städten, Municipalverfassung. Aber das war nur Mittel, die Städte auszuplündern; die Bedrückung sollte in einer Ordnung und Form geschehen. So haben es Franzosen in der neuesten Zeit gemacht. Ueber diesen Privat personen | stand die unbeschränkte Individualität der Kaiser. Es ist ein eigenes Schauspiel, die Individualität auf einer Stelle zu sehen, wo sie keine Gränze und Beschränkung hat, nichts, wodurch der Wille sich gebunden fühlt. Nur die Gränze des Natürlichen im Menschen ist da, und der Tod. Er selbst ist den Römern zu bloßen Schaupielstücken geworden. Nero ist einen Tod gestorben, dessen sich der edelste Held nicht zu schämen braucht. Diese Individuen haben im vollkommensten Sinne geherrscht, keine Innerlichkeit, keine Furcht, Hoffnung, nichts hat sie gebunden, was noch Bestimmung hätte. Hier ist Begierde, Leidenschaft, Lust in vollkommner Unbeschränktheit. Die Privatpersonen als Atome haben nichts entgegen zu setzen. Ihr Recht ist die absolute Rechtlosigkeit. Kein Wille ist auf der Erde außer dem des Imperators. An der Gränze ist wohl Widerstand, aber die Kriege können das römische Reich als solches nicht stören. Beträchtliche Erweiterungen geschehen immer noch. Das war aber nur einzelne Folge früherer Macht. Britannien, Spanien, Germanien etc. Kleinasien, Armenien, Syrien bis Euphrat, Judäa bis weit in Arabia, Oberägypten (Assuan) Nubien, tief ins Innere Afrika’s drang römische Herrschaft. aber das Alles fiel am Saum der Gebildeten Welt vor, und die Kriege sind unbedeutend für römische Existenz. Alles war in Ordnung; denn diese besteht darin, daß Alles beherrscht, in Harmonie dem Einen unterworfen bleibe. Die Kaiser sind verschiedene Charaktere gewesen. Titus, Trajan, Antonine sind berühmte Namen, aber ohne Interesse für die Reiche. Der Zustand bleibt wie er ist. Sie haben nur zu wollen, Gut oder schlecht. An politische Institutionen, Rechte der Provinzen wurde nicht gedacht. |

1 Verwesung] Do: vollkommenen Verworfenheit 2 Municipalverfassung] Do: Munizipalverfassung bestand allerdings 3 Bedrückung] Do: Plünderungen, Bedrückungen 5 Privatpersonen] 7–8 Nur die … da] Do: 30 Do: Privatpersonen, in bedeutungslosem Zusammenhang von Gemeinden Diese Willkühr hat keine Gränze des geistigen, nur die natürliche, nur die letzte, den Tod 8–9 den Römern] Do: dem Kaiser 10 braucht] Do: braucht. Nicht mit größerer Ruhe, einen Scherz im Munde kann einer sterben. 11 Furcht] Do: Furcht, keine Reue 12 gebunden, was … hätte] Do: beschränkt, denn diese enthalten ja Zweke, Interessen, bestimmte Begierde 13–14 Die Privatper35 sonen … haben] Do: Die nächste Beschränkung wäre der Wille anderer, der Privatpersonen, diese haben aber als Atom 15 Kein Wille … Erde] Do: Es lebt kein Wille 16 Widerstand] Do: Widerstand außwärtiger Völker 18 früherer Macht] Do: des früheren Besitzes 22 Alles war in Ordnung] Do: So war diese Herrschaft des Einen und in dieser Welt war alles in Ordnung 23 bleibe] Do: sei und bleibe 24 Titus, Trajan, … Namen] Do: Man führt edle Imperatoren auf ohne 26 Institutionen, Rechte der Provin40 Interesse] Do: alle diese Besonderheiten haben kein Interesse zen] Do: Einrichtungen, Institutionen Rechte und Bestimmungen

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So war die größte Ordnung, allgemeine Sklaverei. Den Römern ist Rom ein Wunder gewesen, die Fortuna ist als Weltmacht vor der Einbildung erschienen; diese e w i g e Roma (Marcellinus), das in sich eine ewige Reich hat den absoluten Bruch schon von innen gehabt, Caesar hat eine neue Welt angebrochen nach ihren realen Seiten. Unter August ist so eine geistige Existenz hervorgetreten. Dies ist das Zweite, was wir in der 3ten Periode des römischen Reichs betrachten. Alles vermittelt, aber geistlos versöhnt, blinde Herrschaft und Einheit, blinde Individuen die an der Persönlichkeit das Recht hatten, dessen Inhalt eben nur äußerlicher Besitz ist. Es haben sich zwar auch innerliche Vermittelungen ergeben. Besonders die Philosophien der damaligen Zeit, stoicismus und scepticismus; (Epikuräismus ohne geistigen Inhalt;) beides innere Versöhnungen, wo das reine Prinzip der Persönlichkeit sich rein für sich gefunden, das Denken sich mit sich versöhnt hat. Der Gegenstand des Stoicismus ist der abstrakte Gegenstand, die vollkommene Objektslosigkeit. Der Zweck des Willens ist die Zweck losigkeit selbst. Ebenso der Skepticismus, Beruhigtsein im reinen Gedanken für sich. Er war das, auf allen Inhalt zu verzichten. Das formale nur sollte gelten im Stoicismus. Der Skepticismus hat auf Inhalt gehalten, in dem er die Negativität gewußt hat. Das allgemeine Vorur theil, daß wir nichts wissen können, Welt in Verzweiflung, von Gott abgewandt. Diese formale Versöhnung ist so zu Stande gekommen. Aber mit Versöhnung im Leeren ist der lebendige Geist nicht befriedigt. Dieser Geist ist nun hervorgetreten als freier Geist, der indem er das Wissen von sich geworden, die wahrhafte Versöhnung findet. | Die eine Seite der Vermittelung lag in der weltlichen Seite Roms. Gegenüber erzeugte sich die absolute Vermittelung des Geistes mit sich selbst; der Angel der Weltgeschichte, Uebergang zur neuen Zeit. Diese Versöhnung be-

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1 So war … Sklaverei.] Do: Die römische Welt ist auf diese Weise ganz in Ordnung der allgemeinen Sklaverei gewesen regiert durch den Willen des Einen der unterstützt durch die militärische Gewalt und die Gesinnung der römischen Welt die blos auf Privatnutzen und Privatrecht gegründet ist. 4 gehabt] Do: vollbracht, der Bruch mit dieser ganzen Wirklichkeit 5 so eine geistige Existenz] Do: diese neue Welt in ihrer geistigen Existenz 7 Alles vermittelt, aber] Do: 30 Die römische Welt war eine Totalität, vermittelt in sich, aber geistlos vermittelt 9 äußerlicher] Do: äußerliches Eigenthum, äußerlicher 11 (Epikuräismus ohne geistigen Inhalt;)] Do: Epikuräismus nicht mehr in der Form der Gedanken, da der Sinn nur den Inhalt des abstrakten Rechts hatte Versöhnungen] Do: Vermittelungen 13 sich mit sich versöhnt] Do: sich selbst zum Gegenstande gemacht, und sich im Denken mit sich versöhnt 13–14 der abstrakte Gegen- 35 stand] Do: das abstrakte Denken als solches 15 Zwecklosigkeit] Do: vollkommene Zweklosigkeit 17–19 Der Skepticismus … abgewandt.] Do: Indem er die Negativität aller Bestimmungen wußte, war er consequenter als der Stoicismus, wie es der Standpunkt einer rechtlosen Welt, einer verzweifelnden Welt ist, die abgekommen ist von Gott. 21 hervorgetreten] Do: hervor, diese Versöhnung freier] Do: reiner freier 22 von sich] Do: vom Geiste 40 25 zur] Do: von der alten zur

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steht im Allgemeinen in der Befreiung des Geistes, d.h. der Mensch weiß vom Geiste in seiner Allgemeinheit, Unendlichkeit; daß er den Geist als das Absolute weiß. Weil das absolute Objekt der Geist ist, ist der Mensch in diesem seinem Objekt identisch mit sich selbst, sich selbst präsent, und in dem absoluten Gegenstand hat er d a s Wesen und zugleich s e i n Wesen gefunden, und ist so bei sich selbst. daß der Gegensatz verschwindet, setzt voraus, daß er die Unmittelbarkeit des Geistes, worin der Mensch nur empirisch ist, aufgehoben hat. Nur so kann er den allgemeinen Geist zum Bewußtsein bringen. Das ist die Versöhnung des Geistes mit sich selbst. Das feindselige ist so verschwunden. Dis ist jetzt an das Bewußtsein der Menschen gekommen. Es ist dis an den näheren Bestimmungen nachzuweisen. Das Gesetz der Griechen war E r k e n n e d i c h . Schon griechischer Geist war Bewußtsein des Geistes, aber als beschränkten Geistes, mit Naturelement, als wesentlichem Ingrediens. Der Geist hat das Natürliche zur Erscheinung seiner, diese Einheit war unmittelbar. Der Geist ist in besonderer Gestalt gewesen, daher die Menge von besondern Charakteren, in der Kunst zum Bewußtsein gebracht. Nur durch die Phantasie, nicht durch das Denken manifestirt er sich. Nicht das Denken war das Element, worin der Geist erschien.| Die Innerlichkeit, das Gewissen war noch formell, unbestimmt in sich. Die Leidenschaft und Vollbringen waren Inhalt. oder die formelle Einheit selbst gelten zu machen gegen das Concrete, die empirische Wirklichkeit. Diese Innerlichkeit ist hier hervorgetreten, aber noch blos formell. Wie formell die Innerlichkeit war, das (cf. Livius XXXI) beweisen die Bacchanale, von Etruskern eingeführt, das Verruchteste in sich enthalten. Ein Jüngling, der von der Mutter verdorben werden sollte, dessen Vermögen sollte der Stiefvater in die Hände bekommen. Ein Weib, das damit bekannt war, warnte ihn. Vor dem Consul wollte es nicht sagen was in den sacris vorgenommen werde, und sagt, sie habe eine große Furcht vor

1–2 der Mensch … Unendlichkeit] Do: daß der Mensch den Geist weiß, Bewustseyn von ihm hat in seiner Allgemeinheit, vollkommenen Unendlichkeit seiner mit sich selbst 2 das Absolute] Do: Wesen 4 präsent] Do: präsent, immanent 6 daß der Gegensatz] Do: Dieses aber daß er den 6–7 Unmittelbarkeit des 30 wahrhaften Gegenstand als das Wesen weiß, und die Gegenständlichkeit Geistes] Do: natürliche Zufälligkeit 7 nur empirisch ist] Do: zunächst ist, also als ein besondrer 11 E r k e n n e d i c h ] Do: Mensch, erkenne dich 12 aber als beschränkten Geistes] Do: der Geist aber von dem der Grieche wußte war ein beschränkter 13 als wesentlichem Ingrediens] Do: das zwar verklingend, aber doch wesentlich darin war 13–14 Der Geist … unmittel35 bar.] Do: Die Einheit mit dem Natürlichen, nämlich, daß der Geist das Natürliche zu einer Erscheinung macht, war nur eine natürliche Einheit 16–17 gebracht. Nur … erschien.] Do: gebracht in der Kunst in der Weise der Sinnlichkeit, war bis in den Willen, die Phantasie heraufgehoben, nicht bis in das absolute Denken. Daher war der Geist noch nicht der freie allgemeine. 17–18 Die Innerlichkeit, … sich.] Do: Das Element des reinen Denkens, der reinen Innerlichkeit fehlte noch. Diß 40 sahen wir bei den Römern, als das Heilige, zugleich | aber formell, noch unbestimmt in sich, so daß Leidenschaft und Willkühr der Inhalt war, aber diesen formellen selbst geltend zu machen gegen das Sittliche. 21 aber noch blos formell] Do: eine Gewißheit seiner selbst aber nur formell

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den Göttern, deren occulta initia sie aussprechen sollte. Was sie also für vollkommen verrucht erkannte, das fürchtete sie zugleich. So leer war das Heilige. Diese Innerlichkeit war also inhaltslos fixirt, und der Inhalt war der Willkühr preis gegeben. Dis Element der Innerlichkeit wurde abstrakt in der römischen Welt realisirt, mit der eigenthümlichen Bestimmung der Abstraktion. Die adäquate Realisirung ist das Privatrecht, die Persönlichkeit. Ich bin das innerlich unendliche. Das Dasein meiner Freiheit ist, daß ich Person bin, Eigenthum habe. Es ist wichtig, daß die abstrakte Innerlichkeit beschränkt wurde auf die ihr adäquate Realisirung. Aller andre Inhalt, der darüber gelegt und für heilig gehalten worden, ist entfernt und die wahrhafte Realisirung festgesetzt sofern das Individuum Person sei.| Indem die Persönlichkeit so Realität ist, sind die Individuen als Atome gesetzt, und die Einheit der für sich seienden kann nur sein in der Herrschaft des einen Individuums, die keine concrete Bestimmung in sich hat, sondern vielmehr die Privatperson als Eigenthum anzusehn. Die Monas monadum hat nur die Macht als die Privatperson. Dis Privatrecht ist ebensogut ein Nichtdasein der Realisirung der Persönlichkeit; vollkommene Rechtlosigkeit. Eigenthum ist absolut; aber nach dem 2ten Moment der Unterwürfigkeit ist es ebenso Rechtlosigkeit. Dis macht das Elend der römischen Welt aus. Das Subjekt ist nur zum Besitz von Aeußerlichem berechtigt, und selbst noch von der höhern Willkühr zufällig gemacht. Höchste nothwendigkeit und zugleich Zufälligkeit des Rechts, dis Elend läßt sich durch alle Verhältnisse darstellen. Dis Elend ist anderseits anzusehen als die Zucht, der die Römer oder die Welt überhaupt unterworfen wird. Es ist dis kein orientalisches Unheil, wie Ueberschwemmung, sondern wesentlich Zucht, wobei eine feste Bestimmung sein muß, wozu gezogen werden soll das Empirische, im Zusammenhange concret stehende woran noch negirt werden muß, daß es identisch werden könne. Abgewöhnen, das aber zurückführt zu dieser Grundlage. Weil nun die Innerlichkeit die Grundlage ist, so ist absolute Rechtslosigkeit das Verhältniß der Zucht. Die römische Welt ist sofern die Welt der Zucht, der Bildung. |

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6 die Persönlichkeit] Do: das persönliche Recht 10 sei.] Do: sei und Eigenthum habe. Weiter 30 geht diese nicht. Diß ist was sonst in der philosophischen Betrachtung der Freiheit darzuthun ist. 14–15 nur die … Privatperson] Do: nichts als die Macht über sie 16 vollkommene Rechtlosigkeit] Do: also Zustand vollkommener Rechtlosigkeit, vollkommener Widerspruch 16–18 Eigenthum ist … Rechtlosigkeit.] Do: Eigenthum auf der einen Seite, und dazu Moment der Herrschaft über die Person als das entgegengesetzte 22–23 der die … wird] 35 Do: der die Welt überhaupt durch die Römer unterworfen ist 23 Ueberschwemmung] Do: eine Ueberschwemmung, die über die Welt kommt 24 sondern wesentlich Zucht] Do: Zucht ist Ziehen nach etwas hin 26 könne] Do: soll mit dem, zu dem es gezogen werden soll Abgewöhnen] Do: ein Abthun Abgewöhnen 27 die Innerlichkeit] Do: diese abstrakte Freiheit 28 absolute Rechtslosigkeit] Do: diß Verhältniß 28–29 Die römische … Bildung.] Do: Diese Stufe 40 ist also als die Stufe der Bildung angesehen worden

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Die Nichtigkeit des Einzelnen manifestirt sich. Die Zucht ist, daß für ein festes Princip, andres negirt werde, Eigennutz, Leidenschaft ist das Besondere, frei im Prinzipe als bloße Persönlichkeit, kann sich zum Inhalt als sanctum machen. Dies Elend aber ist zunächst das Abthun der Festigkeit der Selbstsucht. Die absolute Willkühr ist das Negative, die Leidenschaft im Besitze sich erfüllen. Dis Gesagte ist unsere Reflexion, und ist immer noch ein blindes Leiden. Die Innerlichkeit ist es, der es in ihrer Realität schlecht geht. Ihr Besonderes wird abgethan das Resultat als solches ist nicht etwas. Dies Innere muß zur Sehnsucht kommen, nicht nur der Mensch muß gezogen werden, sondern es muß Ziehen in sich werden, oder was unsere Reflexion ist, das muß dem Subjekte selbst aufgehen, so daß diese Reflexion, jener Stoff der Besonderheit der Individuen, selbst negirt werden muß, daß das Subjekt sich in sich selbst unglücklich fühlen muß. Elend und Unglück hat die Seite, daß das was rechtlich sein soll, dem Menschen entzogen wird; zunächst das Aeußerliche erscheint negirt durch fremde Gewalt. Das Unglück wird zu Schmerz im Menschen selbst. Er scheint sich Negation seiner selbst. Inneres Unglük, das der Natur. Mir in mir selbst werde ich als der End zwek gesetzt. Diese Bestimmung, daß ich in mir selbst unglücklich sei, als Negation meiner sei, die Sehnsucht über mich selbst hinaus, das ist das Höhere Moment. Und diese Bestimmung kommt hinzu, anderwärts. | Eine eigene Gestalt in der Geschichte ist das Jüdische Volk. Die Bestimmung des jüdischen Volkes in welthistorischer Bedeutung. ist die oben angegebene. Der 1 Die Zucht] Do: Aber von dieser Zucht muß eine weitere Bestimmung unterschieden werden. Die Zucht für ein] Do: für ein 2 Eigennutz] Do: Eigennutz, Begierde 3 kann sich … machen] Do: das sich beliebig zum Inhalt dieses Genusses machen kann 5 die Leidenschaft … erfüllen] Do: daß diese Leidenschaft im Besitze u.s.w. sich befriedige 6 blindes Leiden] Do: blindes Elend, ein dummes Leiden 8 das Resultat … etwas] Do: Das Unglück ist ohne Resultat als solches. Dies Innere muß] Do: Die höhere Bestimmung ist nun, daß dieses Innere 11 der Besonderheit der Individuen] Do: der Begierde 13–14 daß das … wird] Do: daß das persönliche Recht verkümmert werde 15–17 selbst. Er … gesetzt.] Do: über sich selbst, daß ich mir erscheine als das negative meiner selbst nicht so, daß ich glaube, es gehe mir so, als es nicht solle, sondern vielmehr seie das Unglück meine Natur, daß ich in mir als das entzweite, getrennte gesetzt werde 17 daß ich … sei] Do: daß es nicht äußerlicher Zufall ist, durch das ich unglücklich bin, sondern daß es in meinem eigenen Herzen liegt 18 über mich selbst hinaus] Do: darüber hinaus, über mich selbst hinaus 19 Und diese … anderwärts.] Do: Diese Bestimmung ist hinzugekommen, und diß ist anderwärts in der Welt zu suchen. 20 Eine eigene … Volk.] Do: Das Elend als solches gehört der römischen Welt an, […] daß der Mensch sich über sich selbst erheben muß, […] ist eine eigne Gestalt, diß, was wir im Jüdischen Volk sehen 20–21 Die Bestimmung … angegebene.] Do: diß macht seine welthistorische Bedeutung, das nähere Moment, woraus das Selbstbewustseyn geboren wird 21–732,2 Der Geist … abhängig] Do: Denn der Geist ist daß ich weiß, daß ich als Bewustseyn von einem andern bin, als meiner Freiheit, daß ich dadurch abhängig bin 17 Endzwek] Pi: Entzwek

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Geist ist, daß ich mich in mir unterscheide. Ich bin da ein mir Entzweites, Andres, das Wollen einer andren als meiner Freiheit, abhängig, und nur frei durch Negiren meines natürlichen Seins, meines Andersseins in mir. Der Geist ist das in seinem Anderssein sich in sich zu reflektiren. Dieser Geist ist nun der Jüdische. Der Schmerz der Welt, Sehnsucht, Versöhnung des Menschen an sich, ist das Moment, das wir in der Jüdischen Religion erkennen. Nicht nur das Elend, wie in Rom, sondern daß das Unglück der Mensch in sich selbst erkennt und sich über sich hinaussehnt, das ist im jüdischen Volk eine ganze Seite hervorgetreten am reinsten in den Psalmen und Propheten. Durst der Seele nach Gott. Jene Klagen, Angst, sich beklagen über seine Fehler vor Gott ist mit den tiefsten Schmerzen dort ausgesprochen. Wenn Andre verflucht werden, sind sie gefaßt in der Bestimmung der Ungerechten, und die Frömmigkeit wird verlezt. Allenthalben ist ausgedrückt, daß Gott sein Licht sende, daß der Mensch sich zur Gerechtigkeit wende etc. In der Seelenstimmung bei David und den Propheten, auch in politischer Beziehung sind die Feinde gefaßt als die Bösen. Was so als Klage des Menschen über sich zum Vorschein kommt, das ist als besondre Form in der jüdischen Geschichte, Schmerz über das Böse, objektiv vorgestellt als der Sündenfall. | Der unendliche Schmerz des Subjekts über sich ist also Hauptmoment der jüdischen Religion. Diesen Schmerz, nicht über einen Zustand der Aeußerlichkeit, sondern über sich selbst, finden wir im Sündenfall. Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, als Spiegel Gottes, als in seiner Natur dasselbe habend, was Gott ist. Dieser Zustand als Glückseligkeit, Befriedigung. Der Mensch verlor seine Einheit, seine Befriedigung, und zwar durch das Genießen vom Baume der Erkenntniß. Gottes Befehl überschritten, aber das Concrete, was er gethan habe, ist nicht ein wirkliches Verbrechen, Daß der Mensch zu Erkenntniß des Guten und Bösen kam, damit hat er sein Glück verscherzt. Im

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3 Der Geist] Do: Die Gewißheit meiner selbst und der Geist 7 erkennt] Do: findet und erkennt 10 Angst, sich beklagen] Do: diese innere Angst dieses sich Anklagen 12 Fröm- 30 migkeit] Do: Gerechtigkeit 13 Gott] Do: Gott die Ungerechten verderbe 15 Bösen] Do: Ungerechten 15–17 Was so … Böse] Do: Es kann bemerkt werden, daß diß in subjektiver Form in der jüdischen Geschichte vorhanden ist. Dieser Schmerz des Menschen über sich selbst ist 23 Dieser Zustand … Befriedigung.] Do: diß wird beschrieben als ein Zustand der Glückseeligkeit der Befriedigung mit sich 24 seine Befriedigung] Do: sein absolutes 35 Befriedigtseyn 25 Erkenntniß] Do: Erkenntniß des Guten und Bösen 25–26 Gottes Befehl … Verbrechen] Do: Die formelle Stufe ist das Verbot, das aber worin die Sünde bestand ist nicht daß irgend etwas verbrochen ist, sondern zur Erkenntniß. 26–27 Daß der … verscherzt] Do: Diß wird als die Sünde vorgestellt durch die er sein natürliches Glück verscherzt habe. 27–733,1 Im Erkennen, … Böse.] Do: Eben das Erkennen Wissen ist das Princip des 40 Bösen

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Erkennen, Bewußtsein liegt das Böse. Thiere sind nicht böse noch gut, wie alles Natürliche. Als Natürlicher ist der Mensch ebenfalls weder bös noch gut. Das Bewußtsein setzt erst die Trennung. Ich, nach meiner unendlichen Freiheit, stelle mir gegenüber die einfache Wahrheit, das Substantielle, das Gute. Diese Trennung ist allein durch das Erkennen gesetzt, dieses Auf heben der natürlichen Einheit. Der Sündenfall ist nun nicht zufällig sondern Nothwendig für den Menschen als Geist. Der Zustand der Unschuld ist der thierische Zustand des Menschen. In jenem Paradiese ist der Mensch eben sosehr Thier, wie die übrigen Thiere. | Der Mensch als Geist, muß Erkenntniß haben. Dis f e s t H a l t e n auf der Trennung, auf dem Unterschiede, das ist das Böse. Dieser Standpunkt der Trennung ist im Sündenfall ausgesprochen, der e w i g e M y t h u s d e s m e n s c h l i c h e n G e i s t e s . Das Bleiben auf dem Zustande ist nun das Böse. Das Bewußtsein des Bösen, der Schmerz des Menschen über sich selbst, spricht sich in Gebeten der Juden aus, bei David, und mehr politisch bei den Propheten. Der Psalmist bittet: „Gib mir ein reines Herz, und schaffe mir einen neuen, gewissen Geist.[„] Im Mythus des Sündenfalls ist die Versöhnung noch nicht ausgesprochen, sondern es hört auf damit, daß der Mensch im Unglücke geblieben sei. Es ist die Prophezeiung der Versöhnung darin enthalten. Die Schlange wird dich in die Ferse stechen, aber du wirst ihr den Kopf zertreten. Aber auch: Nachdem Gott gesehen habe, daß Adam vom Baume gegessen, habe er gesagt, A d a m i s t w o r d e n w i e u n s e r e i n e r, u n d e r w e i ß w a s G u t e s u n d B ö s e s i s t . Dasselbe hatte die Schlange vorausgesagt. Dies wird oft übergangen beim Interpretiren. Die Wahrheit ist, daß der Mensch durch die Erkenntniß nicht Thier geblieben, sondern sich als Geist legitimirt hat. Das spricht aber nur erst Gott:

25 3 Das Bewußtsein] Do: Die Erkenntniß

4 die einfache … Gute] Do: das einfache Wesen des Willens, das rein Gedachte, in Beziehung auf den Willen ausgesprochen: das Gute 5 gesetzt] Do: gesetzt, das Erkennen ist der Sündenfall 6–7 nicht zufällig … Geist] Do: nicht eine zufällige Geschichte, sondern die ewige Geschichte des Menschen als Geist, der Mensch ist nicht unschuldig, sondern soll schuldig seyn an dem was er thut 8–9 In jenem … Thiere.] Do: Paradies ein Park, in 30 dem der Mensch als Thier ist. Das Thier ist Leben überhaupt, das Leben ist eine göttliche Idee, eine andre Görttlichkeit ist als Geist zu seyn, als als Thier zu seyn, und das Princip darin ist Erkennen. 9–10 Dis f e s t H a l t e n … Unterschiede] Do: Dieses festgehalten in seiner Trennung daß ich in meiner abstrakten Freiheit als Willkühr mich halte gegen das was wahr ist, gegen das Gute 12–14 Das Bewußtsein … aus] Do: die Empfindung des Schmerzes des Menschen über sich 14 bei David] Do: besonders in David 35 selbst finden wir nun in erhabenen Gesängen ausgesprochen mit dem Charakter des Schmerzes des Individuum, über sich nicht über andre 22 vorausgesagt] Do: versprochen, sie hat nicht gelogen, Gott wiederholt es 22–23 Dies wird … Interpretiren.] Do: diesen wesentlichen Zug übersieht man gewöhnlich, zuweilen für Ironie erklärt 24 sondern sich … hat] Do: er hat das Recht erfaßt daß er Gott ist 40 13–14 in Gebeten der Juden] Pi: ein Geben an die Juden

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Siehe Adam ist worden wie unser einer. Im Bewußtsein des Menschen ist es noch nicht, sondern es bricht für ihn ab mit der Entzweiung. | Versöhnung ist Befriedigung des Geistes, der Freiheit. Der Geist wird befriedigt in der Versöhnung mit Gott. Nur für Gott ist jenes Bewußtsein, welches ausspricht, nicht aber für den Menschen. Die Klage in den Psalmen bleibt immer noch vereinzeltes, denn das jüdische Volk hat sich auf endliche Weise befriedigt, durch Besitz des Landes Kanaan. Der Geist befriedigt sich noch nicht in Gott, sondern an Besitz des Landes und im Tempel Gottes und in den Opfern. Fehler müssen abgebüßt werden durch Opfer und Reue. Diese Befriedigung ist dem jüdischen Volk in dem allgemeinen römischen Reiche genommen: Kanaan war bedrückt unter den syrischen Königen; mehr noch unter den Römern; zuletzt wurde ihm der Zion verwüstet und der Tempel zerstört, und das Zusammensein verschwunden. Die Erfüllung ist dem Volke genommen worden, und es zurückgeworfen auf den Standpunkt des ersten My thus, der Sehnsucht, des Unglücks, Schmerzes in sich. Die römische Welt ist anzusehen als Welt des Unglücks. Das Individuum sucht Befriedigung im Privatbesitz, der ebenso verkümmert. Das Unglück hat aber mehr die Form des äußerlichen; wobei der Mensch in der Stumpf heit bleiben kann, die sich nicht über die ganze Kategorie der Befriedigung erhebt. Die Stoiker haben auch diese | Negativität zum Bewußtsein gebracht, aber sich an’s abstrakte Denken gehalten. Das Negative ist nicht. Es gibt keinen Schmerz. Die Jüdische Empfindung ist die des Negativen in sich selbst. Das Judenthum gehört dem Orient an, der Einheit des Natürlichen, (der Realität) und der Substanz. Diese orientalische Identität, das Reale aber, was für die Juden Kanaan war, indem dies zertrümmert wurde, ist die Einheit geblieben, aber so daß die eine Seite derselben nur Negation ist. Empfindung des absoluten Sollens, das das Höchste ist, indem, was sein soll, zugleich auch nicht ist. Gegensatz von Licht und Finsterniß, so daß die Realität jetzt als negativ gesetzt ist. Sie ist zugleich wesentlich ein Affirmatives. Und ihr, der alles Aeußere, aller

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2 mit der Entzweiung] Do: mit der Sünde, mit der Entzweiung. Bei ihr bleibt der My thus und die Empfindung stehen 3–4 Versöhnung ist … Gott.] Do: die Befriedigung ist noch nicht, die Ver- 30 söhnung, daß der Geist unendlich wie er ist befriedigt wird, befriedigt in dem Unendlichen d.h. wie wir ausdrücken, versöhnt mit Gott 5 Klage] Do: Empfindungen 7–8 Der Geist … Opfern.] Do: es befriedigt sich in dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht im Geiste als Geiste 10 in dem … Reiche] Do: in dieser Zucht des römischen Reiches 10–11 Kanaan war … noch] Do: Sein Land Kanan kam unter syrische Verfassung, wo tiefer seine Realität verletzt wurde, noch mehr 35 12 und das Zusammensein] Do: selbst ein verkümmertes Zusammenseyn ganz 15 Schmerzes in sich] Do: des Schmerzes der menschlichen Natur in ihr selber Unglücks] Do: Unglücks des Geistes 20 aber sich … nicht.] Do: haben aber vom Negativen abstrahirt 21 Schmerz] Do: Schmerz. Der Stoicismus läßt es nicht zum Schmerz kommen. Die Jüdische … selbst.] Do: In der jüdischen Empfindung liegt es, daß sie das Negative innerhalb ihrer selbst setzt 27 Gegensatz] Do: 40 der orientalische Gegensatz 28 ein Affirmatives] Do: noch weltliche Affirmativität

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Besitz vergangen ist, – bleibt nur übrig die Subjektivität überhaupt als Affirmatives. Die Einheit von Licht und Finsterniß ist hier Beziehung der Subjektivität auf das Eine, aber diese Subjektivität als unendlich gekränkt, unbefriedigt. Dieser Standpunkt kehrt sich nun zweitens selbst um. Das Erkennen bringt die Sünde hervor; das Zweite ist, daß auch das Erkennen, Adam ist unser einer geworden; also absolute Heilung und Umkehrung, Auf heben des Gegensatzes. | Erkennen ist das Andres setzen; aber auch das Auf heben dieses Gegensatzes. Denn wenn einerseits das Gute, das Eine, das Unendliche, die eine Seite ist, und die andre Seite ist diese Subjektivität für sich, so ist diese im Schmerze das, alle Realität verloren zu haben. Der Schmerz reinigt die Seele, sofern das Reale negirt wird. Diese abstrakte Subjektivität, ohne Realität, ist das reine Denken, die reine Innerlichkeit für sich. und diese ist das Eine, das unendliche, Freie. Also ist es gerade im unendlichen Schmerz, in der Zucht der Welt, wo die Realität als verloren empfunden wird. Das einfache Beisichsein bleibt zurück und an sich sind beide Seiten vereinigt. Die Subjektivität, als gereinigt, ist identisch mit dem Andren. Bewußtsein dieser Einheit ist unendliche Befriedigung, Versöhnung. Meine wirkliche Empfindung muß gleich sein mit der Begierde, um mich zu befriedigen. Die Befriedigung ist also für uns die reine Subjektivität, die das Eine zum Gegenstande hat, denn alle andere Realität ist vorhanden. Diese Befriedigung nennen wir Versöhnung, worin das Höchste im Geist sich selbst im Gegenstande findet. Nur der unendliche Verlust, sofern er unendlich ist, wird ebenso ausgeglichen. Der Zustand, daß die Innerlichkeit | in der Welt vorhanden war, das haben wir bisher gesehen. Was in unsrer Idee ist, das ist Wirklichkeit gewesen, und was nach dem Begriffe vorhanden ist, ist Identität beider Seiten. Das Bewußtsein hievon ist in die Welt gekommen. Als die Zeit erfüllet

3 unbefriedigt] Do: unendlich unglücklich 6 Auf heben des Gegensatzes] Do: das absolute Auf heben des Gegensatzes, den es hervorgebracht hat 8 das Gute] Do: das reine Gute, oder die Einheit Gottes 9 diese im Schmerze] Do: der unendliche Schmerz alle Realität] Do: allen Inhalt 11 Diese abstrakte … Realität] Do: Diese wird die abstrakte Subjektivität die keine 12 das Eine, … Freie] Do: mit der 30 Freude, keinen Geist hat. Diese verzweifelnde Subjektivität einen Seite das was wir das Unendliche, Ewige, das Eine nennen 13 Zucht der Welt] Do: unendlichen Furcht des Herrn 14 Das einfache … zurück] Do: bleibt die reine Innerlichkeit, die reine Einheit ist es die sich erhält 15–16 Seiten vereinigt. … Andren.] Do: Seiten, das Objektive das Unendliche und das Subjektive identisch geworden mit seinem Gegensatz 17–18 der 35 Begierde, … befriedigen] Do: dieser Neigung, wenn das, was ich verlange, in der Realität sich selbst findet 18 reine Subjektivität] Do: Innerlichkeit 19 vorhanden] Do: verloren 19–20 Diese Befriedigung … Versöhnung] Do: Die Subjektivität ist also in ihrem unendlichen Gegensatze befriedigt, und diß ist das, was wir Versöhnung nennen 21 Gegenstande findet] Do: Gegenstande, in dem es sich zu sich zurükkehrt 22 ausgeglichen] Do: ausgeglichen indem er die Innerlichkeit] Do: dieser Schmerz 23 Was in … das] Do: 40 auf die höchste Spitze kommt die Extremität des Gegensatzes 24 vorhanden] Do: nothwendig 25 in die Welt] Do: nothwendig in die Welt

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war, da trat dies Bewußtsein der Identität auf; die Religion des Geistes, die Erkenntniß Gottes in seiner Wahrheit. Was den Menschen offenbar worden ist, ist die Natur Gottes, nämlich absoluter Geist zu sein. Was ist der Geist? – Er ist das Eine, sich selbst gleiche unendliche, reine Identität, die aber zweitens sich von sich unterscheidet, sich als andres ihrer selbst setzt, als fürsichseiend gegen das Erste; und, daß die Identität und das spröde fürsichsein, identisch sind. Das ist die Natur des Geistes. Es kann nur spekulativ gefaßt werden. Es ist so das in sich zurückkehrende. Gott ist erst Geist, wenn er sich zum Andern seiner selbst macht, und sich in dem als sich selbst weiß. Wer Gott nicht so als Dreieinigen weiß, der weiß ihn nicht als Geist. Die Einheit ist lebendig in sich, lebendiges Wissen in sich. Den Menschen ist nun dis Bewußtsein des Geistes aufgegangen in der Christlichen Religion. | Das Erkennen ist Quelle des Bosen und der Versöhnung. In dem Bewußtsein der Welt ist dieser Begriff aufgegangen. Dieser Inhalt ist der Geist; die Religion des Geistes ist aufgegangen. Gott wurde nun erst gewußt als Geist, als lebendige Bewegung seiner in sich selbst. Nach dieser allgemeinen Bestimmung ist das die Wahrheit, die in das Bewußtsein der Welt trat. In der objektiven Bestimmung der Wahrheit ist zugleich die Beziehung des Menschen auf dieselbe gesetzt. Der Geist unterscheidet sich in sich und ist endlich identisch mit sich. Darin liegt als Moment, das andere der Einheit, in der reinen Idee aufgefaßt, der Sohn Gottes, aber dis Andere in der Aeußerlichkeit ist theils die Natur; theils der Mensch als endlicher Geist. Diese ist so selbst als Bestimmung in Gott selbst gesetzt. Da ist zunächst der Mensch als Moment in Gott enthalten. Das Enthaltensein kann ausgedrückt werden so, daß indem der Geist das andere seiner selbst ist, ihn identisch mit sich zu setzen, die Einheit Gottes und des Menschlichen hier ge-

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1 war] Do: war, als die Entzweiung diese geworden die Religion des Geistes] Do: Diß ist nun weiter das Bewustseyn des Geistes, die Religion 3 Was ist der Geist?] Do: Die Frage ist, was der Geist ist, und wie das in dem liegt was gesprochen. 5–6 als fürsichseiend … Erste] Do: als ein In sich seyn ein für sich seyn gegen jene erste Identität 6 spröde] Do: spröde Atomistische 7 Geistes] Do: Geistes, in seiner abstrakten Bestimmung 7–8 Es kann … 30 zurückkehrende.] Do: der Geist ist so diß sich in sich reflektiren, der Gott der das Eine ist, ist ein geistloser Gott 9 weiß] Do: weiß, so haben wir Gott als den dreieinigen, und diß ist der Geist 10 der weiß … Geist] Do: für den ist Gott nur ein geistloses Wort 10–11 lebendiges Wissen in sich] Do: wissende Lebendigkeit, denn dazu gehört die Unterscheidung und Bei sich zu seyn in dieser Unterscheidung ist die Freiheit 11 aufgegangen] Do: endlich erschienen 13 In 35 dem Bewußtsein] Do: Im realen Selbstbewustseyn 14 aufgegangen] Do: aufgegangen, als das was für das Bewustseyn die Wahrheit sei 14–17 Dieser Inhalt … trat.] Do: Indem die Momente auf eine subjektive Weise aufgewiesen worden sind, so ist diß der abstrakte Begriff, wie Gott gewußt worden ist. 18–19 Der Geist … sich.] Do: denn der Geist ist diß Eine, die Rükkehr in sich 20 der Sohn Gottes] Do: oder die dem Gedanken entsprechende Vorstellung ist das was 40 Gott der Sohn genannt wird 22 Bestimmung in Gott selbst] Do: Bestimmung in der Wahrheit, in der Natur Gottes 23 in Gott] Do: im Begriff

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setzt ist. Diese Identität darf nicht flach gefaßt werden, sondern alle Dinge sind von Gott, nur der Geist ist das Absolute, Wahrhafte; und indem der Mensch in Gott ist, ist er es nur insofern das Anderssein aufgehoben wird, nicht indem er endlicher Mensch bleibt, in der Trennung, der Sünde verharrt. Indem der Mensch den Geist als das Wahrhafte weiß, ist gesetzt die Negation seiner endlichen Qualität. Der endliche | Mensch ist nicht von Natur gut, sondern nur gut, indem er das Natürliche negirt. Hierin liegt die Versöhnung des Schmerzes, dessen was nicht sein soll. Das Unglück ist aber gerechtfertigt, soll nicht sein, ist aber ebenso nothwendig. Das Unglück ist nothwendiges Moment in der göttlichen Idee, der Mensch bleibt nicht natürlicher, sondern soll die Bewegung sein, sich zur Wahrheit zu erheben durch Negation der sinnlichen Begierden. Indem nun dem Menschen das Bewußtsein des Geistes wird, wird ihm zugleich sein Verhältniß zu diesem Gegenstand, und dis spekulativ ausgedrückt, muß Gegenstand sein für das vorstellende Bewußtsein. Es muß Inhalt der Religion sein, muß in der Weise der Vorstellung klar werden. Näher ist diese Seite der Wahrheit die Beziehung des Menschen zum absoluten Geist, daß menschlicher und göttlicher Geist Ein Geist ist. Diese Identität des göttlichen Wesens und des Menschlichen diese an sich gesetzte Einheit muß für das sinnliche Bewußtsein werden, der Gott muß erscheinen. Diese Einheit die erscheint ist, daß Gott menschliche Gestalt annimmt, daß d i e s e r Mensch zugleich gewußt wird als Gott. Die an sich seiende Einheit muß für das sinnliche Bewußtsein erscheinen. Im Gottmenschen ist die Vereinigung dargestellt. Das ist der christliche Anthropomorphismus. In Griechenland war | der Anthropomorphismus nicht weit genug gegangen. Die Griechische Religion hatte Bewußtsein des Geistes, aber die Vorstellung ging nicht fort bis zur abstrakten Subjektivität des Geistes, zu seiner

1 ist] Do: ist, oder daß der Mensch das Ebenbild Gottes sei 2 von Gott] Do: in Gott, auch das natürliche 4 endlicher] Do: natürlicher 4–6 Indem der … Qualität.] Do: Für den Menschen indem er die Beziehung ist, daß er an sich Moment der göttlichen Idee ist, so ist gesetzt diß Aufge7–8 des Schmerzes, dessen ben seiner Natürlichkeit 6 gut1] Do: gut […], in Fleisch und Blut 30 was] Do: mit dem Schmerz, dem Unglück, der Negation der Realität, von der das letzte war, daß es 8–9 soll nicht … nothwendig] Do: als etwas was seyn soll. Denn das Unglück ist nur für die Negation das Aeußerliche, daß der Zweck, der Wille dieses zum Gegenstand hat. 9–10 Das Unglück … soll] Do: Der Schmerz ist so gerechtfertigt und in der Idee selbst vorhanden. Denn die Bestimmung des Menschen ist 11 der sinnlichen Begierden] Do: seiner sonstigen Zwecke und 14–15 der Religion … werden] Do: der Religion der Menschen überhaupt werden, 35 Interessen denn die Menschen sind nicht spekulativ wissende, sondern diese Wahrheit muß ihnen für das vorstellende Bewustseyn werden 16–17 daß menschlicher … ist] Do: daß an sich der Geist des Menschen und der göttliche identisch sei, ein Andrer sagt Fleisch von deinem Fleisch 19 der Gott muß erscheinen] Do: ebenso für das vorstellende im äußerlichen Daseyn 23–24 In Grie40 chenland … gegangen.] Do: den wir in griechischer Religion sahen, wo die menschliche Bestimmung nicht bis auf den äußersten Punkt der Existenz getrieben wurde. Denn die Heiterkeit der Griechen ging nicht bis zu dieser Reflexion des Menschen in sich.

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Bestimmung als eines d i e s e n . Das Erscheinen des Geistes ist ein Gottmensch vollkommen in der Weise der menschlichen Organisation. Wenn die Idee die Wahrheit für das sinnliche Bewußtsein haben soll, kann dies nur so geschehen. Diese Einheit des Göttlichen und Menschlichen erscheint nur einmal. Gott ist der Eine überhaupt. Seine Subjektivität ist ebenso nur Eine Subjektivität. Als erscheinend ist sie schlechthin ausschließend, und dieser erscheinende Mensch ist einzig in seiner Art. In dem Orient ist Gott auch als Mensch erkannt in den Lama’s. Aber viele Lamen giebt es, da ist Gott nur gewußt als Substanz, und die Form als Vielheit, als entwickelte Besonderheit aber wenn die Substanz gewußt wird als das unendliche Subjekt, ist die Form Gewißheit seiner selbst, nur Eine Subjektivität. Christus ist gewußt als Gott. Die Offenbarung in ihm ist nicht Allmacht, Weisheit Gottes, etc, sondern er ist nur erkannt in dem Geiste. Was offenbar würde, ist die Einheit des Göttlichen und des Menschlichen. Christus, das sinnliche Dasein, ist gestorben, das sinnliche Dasein ist an sich nur vorübergehendes Moment. Was zeitlich ist, muß untergehn.| Nur als gestorben sitzt er zur Rechten Gottes. Nur so ist er als Geist gesetzt. Christus ist in diesem Sinne nicht Christus im Leben, sondern wesentlich gestorben und zurückgekehrt zu Gott. Der Unterschied des Geistes ist negirt, und die Identität der Rückkehr ist als Geist. Die Negativität, Schmerz und Tod, sind wesentliches Moment. Christus sagt, wenn ich nicht mehr bei euch bin, wird der Tröster zu euch kommen, welcher der Geist ist. Dann erst ist der Geist in der Gemeinde, erst er ist das wahre Verhältniß zu Gott. Für die Apostel war Christus das als lebend bei wei1–2 Das Erscheinen … Organisation.] Do: Der Geist muß als Subjekt gewußt werden, nicht als ein Gemälde, sondern vollkommene Bestimmtheit in Raum und Zeit, und alle Weise lebendiger Organisation haben. 2–3 Wenn die … geschehen.] Do: Für das vorstellende Bewustseyn muß dieses Erscheinen so seyn. 4 einmal] Do: einmal, und in einem Individuum erscheint, als eine Erscheinung einzig in seiner Art 5 Seine Subjektivität … Subjektivität.] Do: Gott ist nur einer als Subjektivität bestimmt nur eine Subjektivität 7–8 Art. In … es] Do: Art, das Erscheinen Gottes im Menschen das Einzige. Bei den Indiern sehen wir Lamas, erwählt, erbliche Fortsetzung 8–9 die Form] Do: die Form ist in dieser Substanz 10–11 nur Eine Subjektivität] Do: und dann in Erscheinung nur eine 11 Christus ist … Gott.] Do: Christus ist in der Welt erschienen, gewußt worden, als der, der der Gott ist. 11–12 Die Offenbarung … etc] Do: Er hat nicht gelehrt, daß Gott allmächtig ist u.s.w., das war in früheren Religionen 13 Einheit] Do: an sich seyende Einheit 15 Was zeitlich … untergehn.] Do: menschliche Lebendigkeit als solche geht unter 15–16 sitzt er … Gottes] Do: ist er aufgehoben zum Himmel sitzt zur Rechten Gottes 16 Nur so … gesetzt.] Do: Nur als gestorben ist er identisch, Geist gesetzt. 17 Leben] Do: Leben als solcher 18–19 Der Unterschied … Geist.] Do: Nur der Geist ist das sich als das andre seiner selbst, als endlicher Geist sich zu setzen, und zu negiren, und die Identität in der Rücknahme erst der Geist ist 19 Die Negativität, … Moment.] Do: so ist der Tod Christi wesentliches Moment in dieser Geschichte Gottes, die sein Leben ist 21–22 Dann erst … Gott.] Do: Nicht das Verhältniß zu dem lebendigen Christus ist das wahrhafte, sondern erst nach dem er gestorben, dann ist erst der Geist in seiner Gemeinde, dann verehren sie erst Gott als den Geist.

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tem nicht, was er nach dem Tode war. Man kann den Aposteln also nachweisen, daß sie während seines Lebens noch so falsche Vorstellungen hatten. Sie verhielten sich zu ihm als lebend. Erst als er zurückgekehrt war, war der Geist vollendet. Sowenig Christus im Leben in seiner wahrhaften Bestimmung gesetzt ist, ebensowenig als nur in der Erinnerung, nur als historische Person. Die Frage, was hat es für eine Bewandtniß mit seiner Aeußerlichkeit, nimmt Christus als einen Mann, der weit besser war als Sokrates; aber nach allen den Qualitäten von Talent, Charakter, und dergl., geht dis dem Bedürfnisse des Geistes als solchen nicht an. Denn dieses ist die speculative Idee. | Als menschliches Beispiel ist Christus nicht blos zu betrachten. Wenn er als hoher Mensch betrachtet wird, ist die Vorstellung von spekulativer Wahrheit entfernt, um die es allein zu thun ist. Das was gewußt werden soll das ist die Einheit des Göttlichen und menschlichen Wesens, und diese ist an Christus hervorgetreten. Ebenso kann man, wie von Christus, so von den Aposteln manches aufweisen, die Wunder erklärt, den Tod und das Auferstehen desgleichen. Das alles kann man historisch behandeln wenn man will. Die Lehren der Kirche nachher können sein wie sie wollen, es kann in der Kirchenversammlung Leidenschaft im Spiel gewesen sein, das ist gleichgültig; der anundfürsich seiende Geist und der menschliche Geist sind auf jeden Fall anundfür sich versöhnt. Die wahrhafte Beglaubigung ist das Zeugniß des Geistes. Wunder und was man sonst aus Christi Lehre schließt, kann der Anfang sein, wenn man geleitet wird zu dieser Wahrheit, betrifft aber nur den Weg. Christus schilt die Juden darüber, daß sie Wunder fordern. Falsche Propheten können Wunder Thun; die Kirchenväter haben Wunder der Orakel zugegeben, aber gesagt, es ist der Teufel, der so erscheint. Wenn göttliche Sendung daraus

1 nach dem Tode] Do: als geistige Gemeinde 2–3 Sie verhielten … lebend.] Do: Sie war nicht die wahrhafte, weil sie sich zu ihm als lebenden verhielt. 3–4 Erst als … vollendet.] Do: Erst dann kam der Geist in sie als er das sinnliche Moment und als Erscheinung gesetzt war. 6–8 nimmt Christus … dergl.] Do: so betrachten wir ihn kritisch als historische Person 30 nach seinem Charakter, Talent, da nehmen wir ihn als eine noch unendlich göttlichere Realität als Sokrates, stellen ihn aber diesem auch gleich 8–9 geht dis … Idee] Do: Alle diese Bestimmungen gehen den Geist nichts an, denn Bedürfniß des Geistes ist die spekulative Idee, diese Einheit Gottes und des menschlichen Geistes. 10 Als menschliches … betrachten.] Do: Wenn es um Erbauung zu thun ist, so ist gleichgültig an wen man sich halte an Sokrates und Christus. Ganz 11 von spekulativer Wahrheit] Do: 35 besondere Auszeichnung seines Thuns erfüllt dieses nicht. der spekuativen Idee, der absoluten Wahrheit 12 Das was … das] Do: Hierzu muß man wissen, um was es zu thun ist, und dieß 16–18 Die Lehren … gleichgültig] Do: man kann zeigen, was spätere Bischöfe für Interessen gehabt haben, woher sie ihre Vorstellungen genommen 19 versöhnt] Do: versöhnt sei, d.h. daß [Ms: das] die substantielle Natur ein und dieselbe 20 Zeugniß 22 Weg] Do: Weg, man kann so dazu kommen 40 des Geistes] Do: Zeugnis des Geistes vom Geist aber auch auf anderm Wege

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hergeleitet werden sollte, ist es nicht darum zu thun, | die göttliche Gesinnung zur Offenbarung zu bringen. Der Geist zeugt vom Geiste. Das Bewußtsein hat die Objektivität gewußt und bezeugt, hat gewußt, was der Geist an und für sich ist. Das Zeugniß des Geistes hat eine Form. Eine zweite Form des Zeugnisses ist die philosophische Begründung. Wenn der Mensch das Bedürfniß Christ zu sein nicht hat, kann kein Raisonnement helfen. Aber gegen den philosophischen Begriff gilt kein Menschenverstand. Die absolute Idee Gottes ist offenbar worden. Der Mensch weiß was Gott ist, daß er der 3einige ist; und somit der freie Geist. In dem Geiste selbst findet der Mensch sich selber, und dis sich darin finden, das wird anschaulich, das glaubt er als vorgestellt darin, was Christus für eine Bedeutung für ihn hat. Das 3te ist, daß die an sich seiende Versöhnung erst ist, was hinzukommen muß ist, daß dies nicht an sich sein und bleiben soll, sondern der Mensch durch Negation der Natürlichkeit, auch der Schmerzen, daß was an sich gesetzt ist, auch f ü r ihn werde, daß er in das Reich Gottes aufgenommen werde. Der Bruch mit dem natürlichen Willen und die Arbeit des Ueberwindens, | ist die Negativität des Negativen, die Bedingung und das Wesentliche Moment, sich von Gott geliebt zu wissen. Lieben ist Form der Empfindung, zu wissen, daß das Wesen des Andern identisch mit mir ist, daß ich nur Selbstbewußtsein bin, indem ich mich im Andern weiß. Das Bewußtsein war dem Menschen über die absolute Wahrheit aufgegangen. Dies Bewußtsein tritt hervor in der Welt, hat Dasein. Die christliche Kirche bildet sich aus, gegenüber dem römischen Kaiser thum. Stiftung der christlichen Religion enthält das, daß das Selbstbewußtsein des wahrhaft Seins ausgesprochen wird, mit unendlicher Energie, aber als erstes Aussprechen nur erst abstrakt. Diese Form ist es, die wir in den Evangelien bezeichnet sehen. Absolute Energie, die Unendlichkeit des Geistes, seine Erhebung in das

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1–2 ist es … Geiste.] Do: so ist die Frage, was wird offenbart, was soll offenbar werden. Diß ist aber die an sich seiende Versöhnung des Geistes und diß ist offenbar worden in Christus. 2 Bewußtsein] Do: Bewustseyn des Menschen 3–4 was der … ist] Do: und diß ist zu Anschauung gekommen, an diesem einen Individuum 4 Das Zeugniß … Form.] Do: Die Sehnsucht ist das 30 mittelbare Zeugniß des Geistes 5 die philosophische Begründung] Do: der spekulative Begriff 5–7 Wenn der … Menschenverstand.] Do: Der Mensch muß das Bedürfniß haben Geist zu seyn, das andre ist allein die spekulative Begründung des Wahren, gegen das Exegese, gesunder Menschenverstand u.s.w. nichts hilft. 9 und somit … Geist] Do: nicht die Heiden wußten es, daß Gott der freie Geist ist 9–10 der Mensch] Do: 2, der Mensch 13 Mensch] 35 Do: Mensch die Bestimmung hat 14 auch der Schmerzen] Do: durch diesen Schmerz diesem zu entsagen 15 daß er … werde] Do: wie es heißt, daß er in Gnade aufgenommen werde, ein Kind Gottes werde 18–19 daß das … ist] Do: das, was wir Geist genannt haben 19–20 daß ich … weiß] Do: Daß ich im andern mein Selbstbewustseyn habe, und eben dadurch identisch mit mir bin. 23 des] Do: des geistigen Lebens, des 24 ausgesprochen] Do: im Ewigen 40 ausgesprochen 25 bezeichnet] Do: nachgezeichnet 26–741,1 das Intelligible] Do: die Heimath des geistigen

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Intelligible, als das Einzige, was Wahrheit habe, womit absolute Zurücksetzung aller Bande der Welt enthalten ist. Christus sagt, mit der absoluten Kühnheit, die das Geistige als Einziges ausspricht, was absolut nothwendig sei, er sagt: Selig sind die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen; Selig sind die Friedfertigen Selig die verfolgt werden etc. Ihr sollt vollkommen sein wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Also reine Beziehung des Geists auf sich und den absoluten Geist. Das weltliche also soll vernichtet werden. Die Leiden dieser Zeit | sind nicht wer th der Freude der Ewigkeit. Leibliches Leben hat ebensowenig Wer th. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Ebenso ist das Verhältniß des Eigenthums bestimmt, Vorsorge für die Subsistenz soll auf die Seite gesetzt werden. Sehet die Vögel an.– Gieb dein Gut den Armen und folge mir nach. – Ein andrer will erst seinen Vater begraben. Christus sagt: Laß die Todten ihre Todten begraben. Familienbande: Wer ist meine Mutter wer sind meine Brüder etc. Ebenso spricht Christus vom Untergang. Als das Eine ist das Leben in dem Intelligiblen aufgestellt. Eigenthum, FamilienBand werden gering geachtet. Es ist nie so revolutionär gesprochen worden, als hierin. Gleichgültigkeit gegen die irdischen Bande ist Auflösung bürgerlicher Weise. Das Zweite ist, daß das christliche Prinzip sich äußerlich als Gemeinde gebildet hat. Erst nach Christi Tode konnte der Geist über seine Freunde kommen. Nur nach dem Tode konnte die wahre Idee seiner gefaßt werden, daß das Wesen des Menschen der Geist, daß der Mensch in seiner Endlichkeit kein Absolutes ist. Das endliche Sein, der natürliche Wille wird gewußt als negatives und die Negation wird an sich vollbracht, und so das reine Selbstbewußtsein hervorgerufen. | Diese Idee konnte erst gefaßt werden sofern Christus ihnen entrückt war, und das Individuum konnte nun erst die ewige Geschichte des Geistes an sich vollbringen. Durch das Sterben des natürlichen Menschen konnte er erst zu

2 absoluten Kühnheit] Do: vollkommene Parrhesie […] diese absolute Kühnheit die sich über alles wegsetzt 3 Geistige] Do: Geistige als solches 6–7 Also reine … werden.] Do: Mit solcher Freiheit, Lebendigkeit ist beziehung auf das weltliche Daseyn aber so daß dieses vernichtet werden 8–9 der Freude … Wer th.] Do: dieser Herrlichkeit. Aeußerliche Handlungen nur das Ver30 soll. söhntseyn des Herzens hat Wer th. Eben so leibliches Versöhntseyn. 9–11 Selig sind, … an.] Do: Giebt deine Hand dir | Aergerniß so reiße es aus. Ebenso das Privatrecht herabgesetzt, das Eigenthum, sorget nicht für den andern Morgen. 12 Ein andrer … sagt:] Do: Den Vater begraben gilt der Empfindung aller Völker für das heiligste und er sagt: 14 meine Brüder etc.] Do: meine BrüUntergang] Do: Ver35 der, ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern das Schwerdt gehen des Staates 14–15 Als das … aufgestellt.] Do: Als der eine ausschließende Zwek wird ausgesprochen im Genusse dieses geistigen Lebens zu seyn. 17 Gleichgültigkeit gegen … Bande] Do: Nichtachten dieser Bande bürgerlicher Weise] Do: dessen was als nothwendiger, sittlicher Zwek gilt 18 äußerlich als Gemeinde] Do: in der Existenz als Princip für die Gemeinde 20 Idee 23 reine] Do: reines wesentliches 26 vollbringen] Do: vollbringen, 40 seiner] Do: Idee Gottes die in Christo objektiv auf äußerliche Weise natürlich erschienen

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Gnade Gottes, d.h. zur Identität gelangen. Die Idee Christi als an sich seiende Einheit der Göttlichen und menschlichen Natur und das Verhältniß im Glauben an diese Einheit sich selbst seines Gegensatzes abzuthun. Diese Idee erst gefaßt, kann das Individuum das Bewußtsein haben, diese Geschichte selbst zu durchlaufen, wenn es die Vorstellung hat, daß es die absolute Geschichte des Geistes selbst ist. Die Anhänger Christi, indem sie dis zu Bestimmung ihres Lebens machen bilden sie eine Gesellschaft, die diese Geist-Geschichte zum Zwecke, zu ihrer Wirklichkeit machen, um das zu genießen, wozu sie dadurch gelangen. Die Gemeinde ist das Reich Gottes, eine Gemeinde, wo das Geist Leben und der Genuß der Gewißheit, in die geistige Einheit aufgenommen zu sein, ihre Wirklichkeit ausmacht. Wo 2 oder 3 zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Also gegenwärtiges Leben Christi in der Gemeinde. Der Geist ist also als gegenwärtiger Fqjrsou gefaßt. Das Reich Gottes regiert, worin Fqjrsou die Substanz ist. Diese Gemeinde das Reich soll nicht erst in der Zukunft sein, sondern hat schon Wirklichkeit. | Die Existenz befindet sich zuerst im und gegen das Heidenthum. Aber, was neben dem Reich Gottes ist, das ist auch die weltliche Existenz, das weltliche Reich selbst. Die intellektuelle Welt existirt als Gemeinde, und sie hat neben sich weltliches Regiment von der Willkühr der Menschen. Die Ausbildung der Gesellschaft bleibt der Kirchengeschichte überlassen. Weil diese Gemeinde das Reich Gottes ist, worin der göttliche Geist lebt, so ist das, was darin gewußt wird als die Wahrheit, der göttliche Geist selbst, der es ausspricht und zum Gebote macht. Immer offenbart sich der Geist in der Gemeinde. Was sie festsetzt, ist Manifestation des Geistes, und somit unverbrüchliches Gebot. Eine Organisation muß in die Gesellschaft eintreten. Anfangs wissen sich alle Individuen vom Geiste erfüllt. Nothwendigkeit des Unterschiedes tritt aber ein. Vorsteher in Rücksicht des Erkennens, und Lebens, Lehrens und Leitens, Vorsteher, die unterschieden sind von der Menge der Gemeinde. Die Gemeinde als solche ist christliche Gemeinde, die seiende Gemeinde, mit der Vorstellung der Wahrheit, dem Glauben. Und vermöge dessen entäußert sich das Individuum des natürlichen Willens, reinigt das Herz, bis zur Versöhnung mit dem Geiste. Dies ist die Christliche Gemeinde als Gemeinde Christi. | Sie lebt dieses Leben. Aber es

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2–3 und das … gefaßt] Do: und des Individuum, das seine Endlichkeit negirt um zu Gnaden genommen zu werden gefaßt ist 9 Geist Leben] Do: geistige Leben 15 hat schon Wirklichkeit] Do: ist auch äußerlich existirend 16 Die Existenz] Do: Gesellschaft und die 35 Existenz im] Do: im Judenthum 17 dem Reich Gottes] Do: dieser Gemeinde 18 und sie] Do: und diese, die von Christus regirt wird 19 von der … Menschen] Do: das von der Willkühr der Menschen regirt wird 22 Wahrheit] Do: Wahrheit, hier gesetzt das Handeln geboten wird 24 Geistes] Do: göttlichen Geistes 25 muß] Do: muß nothwendig

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bedarf des Wissens desselben, der Spendung des Genusses, der aus der Vollbringung dieses Lebens hervorgeht. Von der Gemeinde Christi als solcher unterscheidet sich die wissende, regierende Behörde, und diese, als ob das Wissen im Unterschiede vom christlichen Leben zukommt, sie ist es der insofern der Geist als solcher zukommt. In der seienden Gemeinde ist der Geist überhaupt, aber als substantiell. Als wissend aber ist er erst Geist als Geist. Dieser Unterschied bestimmt sich bei der Voraussetzung des Vorigen, nothwendig so. Indem nun der Vorsteherschaft der Geist, das Wissen und Leiten zukommt, entsteht eine Autorität in Beziehung auf das Geistige selbst; Regierung des Geistigen als solcher Autorität über Lehre, über Wahrheit, über Gewissen, Verhältniß der Subjekte zu dieser Wahrheit, und Beziehung der Beur theilung ob die Individuen der Pflicht gemäß seien, Aussprechen, daß die Individuen der Forderung gemäß sich betragen haben. So bildet sich in der Gemeinde solcher Unterschied. Und durch ihn entsteht geistiges Reich, aber in ihm selbst ein g e i s t liches Reich. Der Unterschied um der nothwendigkeit der Organisation willen ist nothwendig, aber daß ein g e i s t l i c h e s Reich entsteht ist das Weitere, doch in engem Zusammenhange. Der nähere Grund ist, daß die Menschliche | Freiheit als solche noch nicht ausgebildet ist. Die christliche Kirche als vom Geiste Gottes erfüllt, dieses Geistige Leben ist noch in unmittelbarem Zusammenhange mit der Subjektivität. Diese Subjektivität hat sich zwar gereinigt, der natürliche Wille ist bestimmt als einer, der nicht sein soll, Buße, aber eben damit hat das Licht der Wahrheit noch nicht in die Welt der menschlichen Freiheit überhaupt geschienen. Der böse Wille ist im Herzen aufgegeben, aber der Wille ist noch nicht als menschlicher Wille durchgebildet. Ebendeswegen ist der menschliche Wille nur abstrakt befreit, noch nicht concret befreit. Die concrete Befreiung ist die andre Seite, daß das Prinzip der christlichen Religion in die Weltlichkeit eingebildet wird. Die weltliche Welt, deren Recht und Sittlichkeit soll vernünftiger Weise herausgebildet werden. | Ist diese nur erst geistige Stufe wo der natürliche Wille, nur aufgegeben | um die unendliche Freiheit zu gewinnen, aber das Licht letzterer hat den weltlichen Willen noch nicht erleuchtet. In der Kirche selbst tritt ein Verhältniß des Regierens in Ansehung des Geistigen ein. Wenn die Subjektivi-

3–4 als ob … zukommt] Do: als die der das Wissen zukommt, die Leitung in diesem christlichen Verhalten 9 selbst] Do: selbst, nicht in Rüksicht auf das Weltliche 18 ausgebildet ist] Do: entwickelt ist, die Subjektivität als solche noch nicht ausgebildet ist Die christliche Kirche] Do: erfüllt] Do: erfüllt, in so fern Christus darin wohnt 35 Geistiges Reich, christliche Religion 22–23 Der böse Wille] Do: Die Seite der Subjektivität 24 Wille1] Do: Wille, noch nicht als weltlicher Wille 25 die andre Seite] Do: die, von der nachher die Rede seyn wird 26 das Prinzip … Religion] Do: der Geist 28–29 Ist diese … aufgegeben so Do; Pi: In diesem Reich Gottes aber [lacuna] die menschliche 40 endliche Freiheit ist aufgegeben,

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tät noch nicht als solche ihre Einsicht und Freiheit erlangt hat, steht das, was sie sein soll, auf Autorität. Das ist aber nur abstrakt angedeutet, worin der Mangel des Reichs Gottes besteht. | Die Gemeinde stellt sich vor als Reich Gottes, das, da es weltliche Existenz hat, sich als g e i s t l i c h e s Reich bestimmt. Diese Bestimmung betrifft das Verhältniß der substantiellen Geistigkeit zum Subjektiven der menschlichen Freiheit. Noch gehört zu dieser Bestimmung in der Gemeinde, daß sie bestimmter äußerlich wird. Die allgemeine Form dafür ist nun das Moment der Subjektivität. Die Concretere Weise der Aeußerlichkeit betrifft die Organisation der Kirche. Die Kirche muß äußerlichen Besitz haben und als Besitz des Geistlichen ist dieser Besitz unter besondrer Obhut. Insofern der Staat, das weltliche Moment zur Kirche gehört, so wird die Kirche den Staatsabgaben eximirt. Die Individuen sind der weltlichen Gerechtigkeit entzogen. Es hängt damit zusammen daß die Kirche ihr Regiment innerhalb ihrer selbst bestimmt. Die Hierarchie schließt sich in sich. Entstehung des contrastirenden Beispiels des weltlichen römischen Reichs, fern vom demokratischen, nur Privatpersonen und Macht des Kaisers ist vorhanden. Dagegen in der Kirche vollkommene Demokratie. Die Gemeinde besteht zunächst aus allen ihr angehörigen Bürgern. Bald geht sie in Aristokrasie über, daß sofern die Gemeinde demokratisch ist, dagegen die Weihe zum Geistlichen Amt, die Ansteckung mit dem Geistigen, der Auktorität angehört. | Die Ausbildung der Kirche besteht besonders hierin. Die Constituirung der christlichen Gemeinde fällt in die römische Herrschaft, so daß ihre eben angegebenen Momente vollständig zu eigen werden. Prinzipien, die zunächst durch die christliche Religion für das Weltliche Reich gewonnen worden. Das religiöse Selbstbewußtsein die für den Menschen gewordene Wahrheit, daß der Geist das Absolute ist, das haben wir gesehen. Bestimmungen überhaupt nach der Seite, daß der Mensch Selbstbewußtsein, geistiger Natur ist. Das ist Voraussetzung der Religion, so fern sie noch nicht in die Bewegung eingegangen, die das religiöse Leben ist. Um darein einzugehen muß der Mensch fähig sein, etnbmju, und die,

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2 auf Autorität] Do: nicht auf ihrem eignen Geiste, sondern dem Geist andrer, was aber Autorität 30 genannt wird 2–3 Das ist … besteht.] Do: Dieser Mangel wird integrirt durch die Entwiklung der folgenden Geschichte. 9 die Organisation der Kirche] Do: das, was zur Geschichte der Kirche gehört, deren Momente nur angedeutet werden können 10 des Geistlichen] Do: der Kirche als geistiger 11 Moment] Do: Regiment 12 Individuen] Do: Individuen welche geistlich sind 13 Gerechtigkeit] Do: Gerichtsbarkeit 14 Die Hierarchie … sich.] Do: Damit hängt 35 zusammen daß die Kirche ihr Regiment innerhalb ihrer selbst bestimmt, in so fern es ihr Eigenthum nicht von Individuen betrifft. 17–18 Die Gemeinde … Bürgern.] Do: Die Oberhäupter die Geistlichen werden von der Gemeinde gewählt und diese besteht aus allen Mitgliedern. 20 Auktorität] Do: geistigen Aristokrasie 21 der Kirche … hierin] Do: in ihre äußerlichen Gestaltungen | gehört aber nicht hierher 23 Prinzipien] Do: Das dritte sind die 40 Principien 25 die für … Wahrheit] Do: die Gewißheit

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ob der Mensch an sich ist, nach der Geistigen Natur, diese Voraussetzung erhält eine weitere Bestimmung, und dieses sind die Prinzipien, von denen hier die Rede ist. Der Mensch ist Geist und natürlicher Wille, das letzte ist nicht, was sein soll. Dies ist eine Seite, die sich schon auf die Religion bezieht. Die Prinzipien betreffen die Bestimmung dessen, was der Geist an sich sei. Die 2 abstrakten Bestimmungen der Freiheit, 1) Prinzip der Persönlichkeit, des Geistes als Verhältniß zu den äußerlichen Dingen; wonach der Mensch als solcher Eigenthum besitzen soll, um Subsistenz zu erwerben. | Der Mensch an sich ist im Christenthum als Person bestimmt. Nach dem Christenthum soll der Mensch nicht Sklave sein. Als Mensch gilt er. Seiner Bestimmung nach ist er Gegenstand des göttlichen Endzweck; – an sich, d.h. ohne alle Partikularität ist er Gegenstand der göttlichen Gnade; darum hat er unendlichen Wer th. Diese Unendlichkeit seines Wer ths als Mensch hebt alle Partikularitäten auf. Der Mensch ist nicht frei, wie im Alter thum, weil er Athenischer Bürger ist. Verhältniß zu Besonderheit, das Wesen, Geist zu sein, ist absolut gegen alle zufälligen Dinge. Er hat das Recht als Mensch Eigenthum zu haben. Das andre ebenso abstrakte Prinzip ist die Innerlichkeit des Menschen in Beziehung auf die Partikularität überhaupt. Der Wille ist schlechthin das Bestimmende. Was weiter in ihm werden soll, sein religiöses Leben, hat seine Gewißheit zum allgemeinen Boden. Der Mensch hat einen allgemeinen Boden der Freiheit an und für sich selbst, und von dieser subjektiven Innerlichkeit hat alles Andere auszugehen. Es ist Grundlage selbst des Religiösen Lebens, im Gewissen entwickelt zu werden, der Ort, wo der göttliche Geist inwohnend sein kann. | Dieser Boden begründet die Persönlichkeit in Rücksicht auf sonstige Interessen, ist das schlechthin an und für sich seiende. Damit hängt zusammen, daß die Form der Sittlichkeit als solche nicht mehr in dem christlichen Leben ihren Platz hat. Sie ist die unreflektirte Gewohnheit einer wahrhaft allgemeinen Lebendigkeit. Nach dem christlichen Prinzip ist die für sich stehende Innerlichkeit wesentlich als solche gesetzt. Das Wahrhafte soll daran erst gesetzt werden. Die Unbefangenheit hat nicht mehr

30 3 ist1] Do: seyn muß

9 als Person bestimmt] Do: wesentlich als Person bestimmt. Daher ist die Sklaverei dem Geist des Christenthums entgegen. An und für sich gültig ist: 11 des göttlichen Endzweck] Do: der Gnade Gottes 15–16 Verhältniß zu … Dinge.] Do: sondern er ist unendlich wer th als Mensch an sich, zur Freiheit ist er an und für sich bestimmt. Diese absolute Bestimmung zur Freiheit, sein Wesen Geist zu seyn, ist gegen die Besonderung 16 haben] Do: haben 19 Leben] Do: Leben, sein Herz sein Gemüth 21–22 von dieser 35 d.h. nicht Sklave zu seyn … werden] Do: von diesem Boden aus, von dieser Innerlichkeit hat er die Grundlage, in dem Gewissen seiner selbst zu Hause zu seyn 24 Interessen] Do: Selbstbestimmung ist] Do: ist das Absolute 25 daß] Do: daß das was wir früher gesehen bei den Griechen gesehen haben, daß Sittlichkeit] Do: Natürlichkeit 26 dem christlichen Leben] Do: der christlichen unreflektirte] Do: unbefangene 28–29 gesetzt. Das … werden.] Do: gesetzt, daß 40 Existenz sie in sich hervorbringen soll, was das Wahre ist

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ihren Platz gegen die subjektive Freiheit. Im Partikulären hat der Mensch die unendliche Macht in sich über alles Endliche. Dieser Boden der Innerlichkeit hat nun zur absoluten Wahrheit zu sein. Alles tritt herunter gegen diese Innerlichkeit selbst. Der Mensch ist die unendliche Macht des Entschließens. Orakel und Aberglaube fallen somit weg. Im Gemüthe ist der Mensch anerkannt als unendliche Macht des Beschließens über alle solche Verhältniße. Die Freiheit ist dem Ansichsein des Geistes zukommend. Der innere Ort hat die absolute Bestimmung, Bürger des religiösen Lebens zu werden; andrerseits hat der Mensch Existenz, der innere Ort der Subjektivität ist Ausgangspunkt für | das weltliche Verhältniß. Die absolute Wahrheit die Idee des Geistes soll nun in das Gebiet des Staates eintreten. Es ist dies wohl zu unterscheiden. Das Eine ist die substantielle Geistigkeit, Religiosität, Frömmigkeit; und das Andre ist, daß diese nicht nur Einwohnen des Geistes im Gemüthe sei, sondern zu einer wirklichen Welt werde und das Subjekt im zeitlichen Bewußtsein ebenso als geistiges sich erhalte. Einerseits haben wir Frömmigkeit, aber in der ersten Zeit, und immer schließt sie noch nicht in sich, daß der subjektive Wille auch nach außen unterworfen sei. Vollkommen gute Christen sind Bischöfe gewesen. Die Leidenschaft hat freien Lauf in der Wirklichkeit gehabt, eben weil diese von der Höhe der Geistigkeit als ein blos Wer thloses bestimmt war. Es ist also eine Aufgabe, daß die Idee des Geistes nicht nur dem Gemüthe als solchem einwohnt, sondern in das wirkliche Selbstbewußtsein und in die geistige gegenwärtige Welt eingebildet werde. Für diese Verwirklichung des Reichs Gottes in der Welt ist nun kein Hinderniß mehr vorhanden. Die Verfassung der politischen Welt ist fähig geworden, wahrhaft vernünftig, der Idee des Geistes angemessen zu werden. | Die Freiheit des Geistes findet kein Hinderniß sich wirklich zu gestalten. Die frühen Hindernisse waren z.B. in Griechenland, daß obgleich Griechenland den

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1 die subjektive Freiheit] Do: diß Princip der subjektiven Freiheit 3 Alles tritt herunter] Do: alles andre tritt zurük 4 ist] Do: ist also selber Entschließens] Do: Beschließens, er holt also nicht von Außen her die Bestimmung 5 Aberglaube] Do: andrer Aberglaube 7 zukommend] Do: kommt zu, noch ehe er in das religiöse Leben eingegangen ist 9 ist] Do: ist 30 auch 10–11 Die absolute … eintreten.] Do: die Aufgabe der | christlichen Geschichte ist, daß der Geist, der absolute Gegenstand der Religion in das Gebiet der endlichen Welt überhaupt, der menschlichen Freiheit, des Staates, wo sie ihren unmittelbaren Gegenstand dabei hat, eingebildet zu werden 12 diese] Do: diese Bekehrung des Gemüthes 13 sondern] Do: sondern diese Insel 16 außen] Do: seiner Aeußerlichkeit 17 Leidenschaft] Do: subjektive Leiden- 35 schaften 18 Geistigkeit] Do: Frömmigkeit 19 Wer thloses] Do: Wer thloses, Recht23 der politischen Welt] loses 20–21 das wirkliche Selbstbewußtsein] Do: die Subjektivität Do: des Staats 25 Geistes findet … gestalten] Do: Geistes als solche kann sich ganz ungehindert unbeschränkt vorfinden, da der Staat zur Bestimmung seiner Unterschiede die Idee des Geistes selbst hat 26–747,1 obgleich Griechenland … war] Do: der Geist, der in Griechenland noch 40 nicht als Absolut gewußt wird, noch beschränkt war

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Geist auch wußte als Absolut, dieser nur noch beschränkter natürlicher war. Hier aber ist er an und für sich frei, absoluter Geist. In der äußeren Welt ist kein Hinderniß. Die Vollführung der Idee kann sich ausführen. Dies ist das hohe Resultat der modernen Geschichte, daß der Staat als die christliche Idee zum Leitenden, sich bezwekenden, zur Grundlage hat. Diese Idee hat ausgeführt, hervorgebracht werden müssen. Das Resultat setzt den spekulativen Begriff vom Staat voraus; sehr abweichend von herrschenden Vorstellungen, die es hindern die germanische Geschichte zu fassen. In der 3ten Periode der römischen Welt haben wir ihre Natur der Versöhnung gesehen, die sich äußerliche Existenz in der Kirche gegeben hat. Das religiöse Prinzip, die neue Religion, deren Prinzip verschieden ist, das andre Extrem zu der römischen Welt, hat zu Anfang ein andres Volk, andre Nationalität nöthig um zur Existenz durchgeführt zu werden. Das Germanische Volk ist Träger dieses Prinzips, das in der Geschichte auftritt. Untergang des römischen Reichs.| Das germanische Reich Das germanische Reich. Neuer Geist der Welt beginnt hier. Die Idee des Geistes, substantielle absolute Wahrheit ist Prinzip, unendliche Selbstbestimmung der Freiheit. Das 2te Moment ist die Wirklichkeit dieses Geistes im Menschen, in der gegenwärtigen Welt. Diese Subjektivität, unterschieden von der absoluten Wahrheit, ist eben Moment von der absoluten Idee. 2 Seiten, die substantielle Wahrheit und die Subjektivität; beide Momente concreter betrachtet, Die des Geistes in die Identität gesetzt mit dem subjektiven Geist, ist religiöses Leben, und jene andre Seite der Welt als worin der Geist sich gegenwärtig ist. Politischer Zustand, Sitten. Diese Welt des freien Geistes ist zu betrachten. Ausdehnung, Boden dieser Welt, worin das SelbstBewußtsein des Geistes hervorgeht, ist der ganze Boden der Weltgeschichte insofern sie fortschreitet, Bewegung,

2–3 kein Hinderniß. … ausführen.] Do: ohnehin kein Hinderniß vorhanden, da sie nur die Vollführung des Geistes ist, der in seiner Freiheit keinen Widerstand hat 5 zur Grundlage] Do: sich bethätigenden ausgeführt, hervorgebracht] Do: nothwendig in seiner Wahrhaftigkeit hervor6 Resultat] Do: Resultat und der Gang 7 herrschenden] Do: vielen 7–8 ger30 gebracht manische Geschichte] Do: Geschichte der germanischen Völker 8–10 In der … hat.] Do: Wir sehen die Natur der römischen Welt als solcher dann das Princip der Versöhnung, das sich auch mit äußerer Existenz ergeben hat. 12 Nationalität] Do: Volkexistenz 13–14 Untergang des römischen Reichs.] Do: Zunächst betrachten wir die 3 großen Gestalten, deren Bestimmungen sich 16 Das germanische Reich.] Do: G e r m a n i s c h e We l t 18 im Men35 hierauf beziehen. schen] Do: in seinem Willen 20 Wahrheit] Do: Wahrheit nach der Seite der Bestimmtheit, nach dem Moment des Scheins 23–24 ist. Politischer Zustand, Sitten.] Do: ist, wozu Verfassung, Sitten, politischer Zustand überhaupt gehört. 26–748,1 fortschreitet, Bewegung, Momente des] Do: fortschreitende sich bewegende Momente

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Momente des Ganzen sind. Das westliche Asien, Europa. Das persische Reich und Europa. Wie diese Welt sich zunächst äußerlich gestaltet, das lassen wir zur Seite. Allgemeine Resultate, Erscheinungen nach den großen Stürmen, worin die Völker Wogen auf Wogen darstellen; die am Ende Beginnen der Beruhigung, besondre Gestalten zeigt. Nachdem dieser Sturm sich befestigt, | stehen 3 Völker da, Germanische Welt, Byzantinisches Reich, und Muhamedanische Welt. Slawen treten in Verbindung mit dem Byzantinischen Reiche, mehr im NordOsten neben Germanien sich lagernd. Im Muhamedanischen Reiche Araber, Türken. – In welchem Verhältniß standen die Momente, die am Anfange bestimmt sind, die des freien Geistes, und der Subjektivität. 3erlei Form, wonach die 3 Welten unterschieden. Verhältniß des substantiellen Geistes und der Subjektivität ist 1) Einheit des unmittelbaren. Der Geist wohnt in der unmittelbaren Subjektivität ohne zu weltlichem Ganzen ausgebildet zu sein. Der absolute Geist ist Inhalt, aber in Händen der undurchgebildeten Subjektivität, wie sie wild, roh, leidenschaftlich ist; ein Gefäß wie es sich vorfindet, und mit der Berechtigung der Religion. Das 2te Verhältniß ist das des Gegensatzes. Der substantielle Geist ist ebenfalls Grundlage. aber das Subjektive ist nur als Negatives bestimmt. Indem die Subjektivität so nicht affirmativ ist, eher Moment der Bestimmtheit, des Sohnes. Der concrete Geist ist in abstrakte Freiheit zusammengegangen. das 3te Verhältniß | ist, wo das subjektive Bewußtsein der freie Wille ist. Die Vereinigung geht nur durch den Umweg der Ausbildung beider Seiten. – Diese 3 Verhältnisse sind in der Byzantinischen Welt, im Muhamedanischen, und in dem Germanischen. Die 2 ersten Formen haben wir auch als nothwendige Momente zu fassen. Das Byzantinische. 324 stiftet Constantin Constantinopel. Theilung. – Bevölkerung Constantinopels besteht gleich anfangs aus Christen; kein Heidenthum war erst zu verdrängen. Gebildetes Volk. Auch in der weiter östlichen Welt, wohin die erste Verbreitung des Christenthums fällt, gilt dasselbe. Unzählige Menge von gebildeten Städten gehorchen Byzanz. Die Christen waren

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1 Europa] Do: und die neugriechische Welt gehören hierher 2 Europa] Do: das Griechische Reich und das weitere Europa 4 darstellen] Do: | ungeheures Gewühl darstellen 4–5 die am 30 … zeigt] Do: aus dem besondere Gebilde hervorgehen 6 Völker] Do: Völkerganze Welt] Do: Welt im Westen 11 Verhältniß] Do: Das innere Verhältniß 11–12 der Subjektivität] Do: des Willens 13–14 Der absolute … Inhalt] Do: Hier ist also der absolute Geist die absolute Grundlage 15 leidenschaftlich] Do: noch voll böser Leidenschaften 17 Grundlage] Do: allgemeine substantielle Grundlage 18–19 Indem die … Sohnes.] Do: So ist der Geist damit selbst abstrakt, 35 er verliert das Moment der Bestimmtheit, des Sohns 19 Freiheit] Do: Einheit 20 wo] Do: wo eben so der absolute Inhalt, aber wo 20–21 der freie … Seiten.] Do: als freier Wille für sich gesetzt ist, als weltliches Princip, wo es seine Vereinigung nur durch den ungeheuren Vorgang der freien Ausbildung der Subjektivität finden kann 25 Theilung.] Do: Das Byzantinische Reich seit 395. 26 kein Heidenthum … Volk.] Do: Götzentempel, Idole finden sich nicht, sondern hier ist 40 sogleich ein christliches Reich eines gebildeten Volkes

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nicht Barbaren, wie die Germanen des Abendlandes, die erst zu einiger Bildung zu bewegen waren, sondern es ist hier gebildete Welt der Industrie, Kunst. etc. Civilisation hat das Leben nach allen Seiten ausgebildet. Hier kann man erwarten, daß das Xenthum im ganzen Glanz erschienen wäre; aber umgekehrt ist sie in den Händen der Wuth, der Leidenschaft. Allgemeiner Tod des Sittlichen in der römischen Welt hatte es mit sich, daß die Gewalt der Herrschaft | Ruhe erhielt, und das Verderben des Partikulären niederhielt. Allgemeine barbarische Verwüstung folgte dann, so daß die Partikularität der Leidenschaft nicht frei war. Aber Hier ist der Wille mit dem sittlichen Boden in der ungezähmtesten Leidenschaft und das Christenthum in den Händen des von Grund aus verdorbenen Willens. Indem dieser sich der christlichen Religion bemächtigte, schien er durch sie berechtigt daß er doch der böse Wille geblieben noch böser und wilder geworden ist, das ist schon gesagt. Die Subjektivität ist noch nicht zu einer immanenten Freiheit fortgebildet, sondern die christliche Religion war in diesen unmittelbaren Willen hineingesetzt. Subjektivität war gegen die Frömmigkeit gekehrt, und anderseits gegen die Welt. So mit Welt der Frömmigkeit zugleich auch Verdorbenheit. Demokratische Freiheit ist hergestelt. Die christliche Religion ist Besitz Aller, der unendlich berechtigt, unendliche Pflicht ist, so daß alle Verhältnisse für die Religion aufzuopfern ist. Was nun also zu beschließen ist, das nimmt sich, die Gemeinde nimmt sich heraus, das zu beschließen, denn sie sind Christen. Das Märtyrer thum, der Fanatismus ist ihnen rechtlich. | Unbeschränktes Eigenthum. Geordnete Monarchie kann nicht statt finden. Dies ihr Interesse läßt die weltliche Seite noch frei. Diese liegt außer der unendlichen Göttlichen Angelegenheit als andere Seite. Das Politische ist der Leidenschaft preiß gegeben, dem Ehrgeize, Neid, der Alles sich zum Mittel macht, und die christliche Religion als Mittel gebraucht. 2 Interessen sind nach der Seite der

2–3 Welt der … ausgebildet] Do: Welt, durch Künste, Handel, wo die Wildheit des Gemüthes gemildert war durch größere Ausbildung 4 Glanz] Do: Glanze ihres Wer thes 5 der Leidenschaft] Do: der Furien des Bösen, in der widrigsten Gestalt 7–8 Allgemeine barbarische … 8–9 nicht frei war] Do: sich nicht frei ergehen 30 dann] Do: das ungeheure Elend bewirkte konnte 13–14 einer immanenten Freiheit] Do: einem sittlichen Zustand 15–16 Subjektivität war … Welt.] Do: so daß die Frömmigkeit noch nicht diese beiden Seiten in einander hineingebildet hatte 16–17 So mit … Verdorbenheit.] Do: In dem präsenten freien Willen war sie noch nicht durchgebildet, und daher Frömmigkeit zugleich und fürchterliche Leidenschaft zeigen uns 17 Demokratische] Do: Die fast demokratische 18 Besitz Aller] Do: un35 ihr Spiel zugleich. endliche Pflicht 18–19 so daß … ist1] Do: alle Bande haben nicht stand gegen sie 19 Was nun also] Do: Was zu thun 20 das nimmt … beschließen] Do: das nehmen sich die Bürger heraus zu beschließen 21 Das Märtyrer thum, … rechtlich.] Do: für diß sind die verbunden das Märtyrer thum zu bestehen, zu einem Fanatismus berechtigt, der nichts achten darf 22 EigenGeordnete] Do: geordnete constitutionelle 25 dem Ehrgeize, … Al40 thum] Do: Kaiser thum les] Do: der Herrschaft der Ehrsucht, die alles und jedes

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Religion. Die Lehre Bestimmung, und Besetzung der kirchlichen Aemter. Streit. Die Lehrbestimmung ist noch nicht vollendet, sondern die Geschichte fällt hier herein, daß der innre Geist explicirt werde. Der Streit ist hier nöthig über sehr subtile Lehrbestimmungen. Die Idee des Geistes selbst, und in eigenthümlicher Gestaltung für Vorstellung vorhanden, wird dann selbst geistlos behandelt, ohne die gereinigte Subjektivität des Willens, ohne die Objektivität. Ein Kirchenvater sagt, Constantinopel ist voll von Handwerkern, die profunde Theologen sind. Alles spricht vom Sohne und Vater, ¾moÅrjou oder ¾mojoÅrjou. Die Streite hierüber waren Bürgerkriege in Constantinopel und im weiten asiatischen Lande. Mord, Brand, und Plünderung. Die Arrianischen, Donatistischen, manicheischen Streitigkeiten: und | vom 8ten Jahrhundert von der Verehrung der Bilder. Nicht in Schriften, sondern in Aufruhr der Priester und des Pöbels. Ebensolche Bürgerkriege fanden statt um die geistlichen Stellen. Das erste Bürgerblut floß um das Patriarchat. Ebenso in Alexandrien. Das Bild dieser Bürgerkriege haben wir an den Gracchen und Marius und Cinna in Rom. So in Italien im 14 und 15 Jahrhundert um die Bischofsstellen von Mailand etc. Kurz vor Justinian wüthete ein Krieg über Heilig Heilig Heilig ist der Herr Zebaoth und die andre Par thei mit dem Zusatz, der für uns gekreuzigt ist. In der Kirche schrien sie so gegeneinander, bis der Tag des Martyrer thums mit Mord anbrach. In solchen Begebenheiten haben die Barbaren, Gothen, Hunnen etc. sich dazu geschlagen und Verwüstung angerichtet. Dis die allgemeine Form des Christenthums in jener Kirche. Dann folgt Erschlaffung, Elend, und eine Ruhe kam in die Verdorbenheit, worin auch Wissenschaften blühten. Großer äußerlicher Glanz. Die äußere Gefahr in der Völkerwanderung, und die Mohamedaner, haben Perioden der Schwäche und Ruhe hervorgebracht. Alle Energie der Individuen ist

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1 Religion] Do: Religion, die den Zweck der Demokrasie macht Lehre Bestimmung] Do: Bestimmung der Lehre 2 Streit.] Do: Wir sehen also Streit 3 innre Geist] Do: innre Gehalt des Geistes 3–4 ist hier … sehr] Do: betrifft 5 für Vorstellung] Do: der Vorstellung für das Bewustseyn 5–6 ohne die … Objektivität] Do: Der substantielle Geist ohne die wahrhafte Objektivität, ohne die Reinigung von der Subjektivität. 8 Die Streite] Do: An diesem Streit nehmen alle Theil, 30 die Bürger Constantinopels und der übrigen Städte. 9–10 im weiten asiatischen Lande] Do: die sich durch das weite asiatische Land verbreiteten 12 Schriften] Do: Schriften nur in Concilien wurde dieser Streit geführt 13 die] Do: die Besetzung der 14 Bürgerkriege] Do: Zerrüttung 15 Cinna] Do: Sylla 16 Bischofsstellen von Mailand] Do: Besetzung der erzbischöflichen Stellen 21 Verwüstung] Do: die allgemeinen Verwüstungen 22 Dann] Do: Auf diese Wuth 22–23 in die Ver- 35 dorbenheit] Do: auf diese Periode 23 blühten. Großer äußerlicher Glanz.] Do: zu blühen anfingen, da die Länder reich, und äußerlicher Glanz sich überall auf that 24–25 haben Perioden … hervorgebracht] Do: geben doch uns ein ekelhaftes Bild von Schwäche 25–751,2 ist weg. … Mohamedanismus.] Do: fehlt, aufgeopfert dem Elend unwürdiger Leidenschaft. So schlept das Reich seine elende Existenz fort, bis es in den Mohammedanismus verschwindet. 40 14 Ebenso] in Pi folgt ein kurzes unlesbares Wort

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weg. | Niedrige Leidenschaften, Nichts Großes, das Reich wird verkleinert, bis 1452 Constantinopel verschwindet im Mohamedanismus. Dieser ist die 2te Form. Die Verbindung der Subjektivität, weil sie noch unmittelbar ist, zeigt sich im Byzantinischen kleinlich, ekelhaft. Gegenüber das andre Extrem ist die freie Thätigkeit in der Mohamedanischen prachtvollen Größe der geistigen Einheit; Adel des Sinnes. Hier ist das geistige Prinzip rein, allgemein, ohne Schranken, ohne Bestimmung, so daß die Religion des Geistes hier ist, und das Selbstbewußtsein in dieser Reinheit steht, keinen andern Zweck hat, als diese Einheit und ihre Verwirklichung. Der eine Gott der Juden ist bestimmt als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Affirmativer Zweck, der beschränkt ist. Hier aber hat die Religion nur die Verehrung des Einen zum Endzweck. Die Subjektivität hat nur den Zweck, das Eine zu verehren, die Weltlichkeit nur zu unterwerfen. Der Geist ist ohne partikulären Endzweck, Lebendigkeit, die dem Einen gemäß ist. Dis ist die Bestimmung des Mohamedanismus. Der Eine ist zwar als Geist bestimmt, aber, weil die Subjektivität nicht | unendlich frei ist, sondern das Interesse nur im Gegenstande hat, so fallen alle Bestimmungen weg, wodurch dieser Eine der Geist ist. Die Subjektivität ist gesetzt nur als Untergehen. Weder die Subjektivität wird geistig frei, noch ist der Gegenstand bestimmt concret in sich. Mohamedanismus ist nicht indische, Mönchische Versenkung in die Einheit, sondern die Subjektivität ist lebendig; aber die unendliche Thätigkeit tritt ins Weltliche auf eine gegen das Besondre der Weltlichkeit negative Weise. Wirksamkeit nur so, daß die eine Richtung auf das Eine das Existirende ist. Der Gegenstand ist rein intellektuell. Nicht Bilder, keine sinnliche Vorstellung Gottes. Mohamed ist der Prophet, aber ein Mensch, menschlich schwach. – Diese Grundlage enthält, daß es nur in der Wirklichkeit durchaus nicht fest werden kann, alles geht in unendliche Weite, und zwar thätig, unendlich, so daß in der unendlichen Weite der Welt n u r die Verehrung des Einen sein soll. Daher das Fanatische, Vernichtung der Besonderung. In dieser Klarheit des Mohamedanis-

2 Form] Do: Form des Geistes 4 kleinlich, ekelhaft] Do: elend, ekelhaft in Verbindung mit 6 Adel] Do: ein hoher Adel 8–9 als diese … Verwirklichung] Do: für sich nichts ist, sondern zu seinem Zweke nur hat die Verwirklichung dieser Einheit 12 die Weltlichkeit … unterwerfen] Do: als Bestimmung gesetzt, in so fern aber die Subjektivität in der Welt steht, Existenz hat, ist sie nur diese Thätigkeit, die Weltlichkeit zu unterwerfen 15 nicht unendlich frei ist] Do: für sich nicht frei ist, nicht in sich unendlicher Zwek ist 16 fallen] Do: 17 dieser Eine … ist1] Do: er concret, in der That Geist ist Unterge35 fällt aus diesem Einen hen] Do: Thätigkeit zum Zweke zu haben die Verwirklichung der Verehrung dieses Einen 19 die Einheit] Do: den Gegenstand 24 menschlich schwach] Do: nicht über menschliche Tugenden und Schwachheiten erhaben 27 n u r ] Do: nichts vorhanden seyn soll, keine Bande, als eben 27–28 Daher das … Besonderung.] Do: Daher fanatische Religion, die ihre Verehrer 40 treibt alles besondre zu vernichten, diese reine Verehrung geltend zu machen. 30 dem Christenthum

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mus verschwinden alle Schranken | alle National- und Kastenunterschiede. Kein Stamm hat Vorzug, Adel der Geburt, Besitz hat keinen Wer th. Der Mensch als Mensch ist aufgenommen in die Nation der Gläubigen. Die Gläubigen erkennen keinen weiteren Unterschied. Den Einen zu verehren ist das erste Gebot, das zweite, sich an ihn zu wenden, und endlich zu fasten und Almosen zu geben. Das sind die einfachen religiösen Pflichten. Beten liegt auf dem halben Weg, Fasten zum Chor Gottes, Almosen führen hinein. Der für den Glauben fällt, dem ist das Paradies gewiß. Kein Staat kann so vollkommen auf kommen, weil alle Staaten auf kommen müssen, werden Reiche gestiftet, aber eine Herrschaft kann keine Festigkeit gewinnen. Eine Constitution, Entwicklung der vernünftigen Idee, kann nicht auf kommen. Keine organische Festigkeit kann entstehen. Alles ist durch Partikularität der Leidenschaft entstanden und in ihr versunken. Die Reiche gehen auf andre Familien über. Es ist wie das Kreiseln der Wogen. Der Staat wird zusam|mengefaßt, und fließt auseinander. Ein Derwisch begeistert Tausende und schafft ein neues Reich. Eine unversiegliche Elasticität gegen Alles Bestehende ist im Fanatismus enthalten. Nur die Türken sind zu einem Staat geworden, und zwar durch die Janitscharen, eine dem Mohamedanischen fremde Einrichtung. Die Begeisterung lichtet, und entschwindet, so daß es tädiös ist, die Geschichte arabischer Reiche zu studiren. Die Art und Weise der Gesinnung betrachtet, kann man sagen, die Begeisterung als solche hat hier die größten Thaten vollbracht. Das Werk der Begeisterung ist hier in seiner reinen Gestalt; keine Gränze findet die Begeisterung, wie im Politischen so in der Poesie; nicht blos maaßlos, sondern eine Einheit, die alles Natürliche und Geistige um den Gegenstand versammelt und ihm eine unendliche Welt schafft. Die

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1 Schranken] Do: Schranken jeder Art, alle Bestimmungen, die in Ansehung des politischen festgehalten sind 3–4 Die Gläubigen … Unterschied.] Do: diese bedürfen sonst nichts, leiden nichts, was einen Unterschied machen könne 4 verehren] Do: verehren, an ihn zu glauben 5 endlich zu … geben] Do: zu fasten, also das leibliche Selbstgefühl der Besonderheit aufzuheben so wie die Besonderung des Eigenthum so durch Almosen 6 einfachen religiösen 30 Pflichten] Do: Gebote der Muhamedaner 7 Der für den Glauben] Do: das höchste Verdienst ist für den Glauben zu sterben. Wer in der Schlacht dafür 8–9 weil alle Staaten] Do: aber da diese Verhältnisse 12–13 Alles ist … versunken.] Do: Daher sind Reiche entstanden, die Partikularität der Leidenschaft ergeht sich aber entweder selbst, oder wird durch andre Leidenschaften vernichtet. 14 Es ist … Wogen.] Do: Es ist ein unendliches Meer, wo vieles sich kräuselt, aber 35 eben so gleichzeitig wieder zerfließt. 16 und schafft … Reich] Do: macht Dynastie und Reiche, und findet ein Ende an der Spitze derer, die er zu fanatisiren wußte 17–18 einem Staat geworden] Do: einer gewissen Festigkeit gekommen 18–19 die Janitscharen, … Einrichtung] Do: das Corps der Janitscharen, Christensklaven, Prätorianer, dem orientalischen Princip entgegen 19 Die Begeisterung … entschwindet] Do: einzeln entstehende leuchtende Punkte, die 40 21–22 hier die wieder vergehen 20 Die Art] Do: Auf der andern Seite, wenn man die Art größten Thaten] Do: nie größere Thaten

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Araber haben unmittelbar nach Mohamed begonnen Persien Syrien, Damaskus (634) gegen das Mittelmeer, Aegypten, Afrika, Spanien zu überwinden, Sicilien, Hindus, | Mongolei, Frankreich, Italien großentheils. 732 von Karl Martell aufgehalten. So schnell die Macht der Araber sich erhob, so schnell ist die Blühte aller Kunst, Wissenschaft aufgeschlossen. Im 8ten Jahrhundert waren alle Länder der Araber noch in friedlichen großen Städten mit prächtigen Palästen, Moscheen, Schulen, Gelehrtenversammlungen, so daß die Christen auf den arabischen Universitäten den Aristoteles studirten. Der Khalif zu Bagdad hat alle Feinheit, Pracht der Dichtkunst in sich vereinigt mit Adel und Einfachheit der Sitten. Kein Unterschied der Geburt. Die Poesie vornehmlich verband alle Stände, so daß der Niedrigste endlich Fürst werden konnte. – Allgemeine Entwicklung ist doch nicht möglich. Die Energie des Fanatismus zerstört Alles. – G e r m a n i s c h e s R e i c h . Prinzip. Zunächst der absolute Inhalt, die absolute Wahrheit, Wissen Gottes an und für sich. Zugleich die Subjektivität als für sich ganz freies Gemüth, theils affirmativ frei, theils frei unbeschränkt, auf allgemeine Weise. Die christliche Subjektivität haben wir schon im Byzantinischen gesehen. | Es ist in dem Privatrecht und als Partikuläre Wissenschaft. Hier ist aber die Subjektivität ungetheilt frei. Affirmativ frei in sich ist sie aber gegen das mahomedanische Prinzip, dessen Bestimmung ist, daß die Subjektivität sich in den Einen versenkt, als formelle Wirklichkeit. Der Mahomedanismus muß wegen der Seite der Existenz in die Partikularität der Leidenschaft, der Wildheit zurückfallen. Dies so bestimmte affirmative freie Gemüth hat die christliche absolute Wahrheit zum Inhalte, das was er an sich selbst ist. Das Andre ist, daß dies Gemüth noch nicht durchgearbeitet ist, den Inhalt noch nicht in seiner Welt verwirklicht hat. Daher ist der Inhalt zunächst gegeben, das Gemüth ist darunter gebunden, in das Verhältniß des Aberglaubens gesetzt. Von der Seite des Inhalts ausgegangen, wie er im Geiste ist, so ist er noch undurchgebildet, die Welt der christlichen Gemeinde, die sich in sich theilt in einen willen, welcher den Besitz hat jener Wahrheit, und sich zu einem andren Theile der Gemeinde | verhält, der beherrscht wird. – Der Boden der germanischen Welt ist nach dem Aeußerlichen der Boden des abendländischen Reichs, mit weniger Ausdehnung.

1 unmittelbar nach Mohamed begonnen] Do: in kurzer Zeit Arabien in eine Masse der Begeisterung vereint 1–3 Syrien, Damaskus … Mongolei] Do: Syrien erobert, das reiche Damaskus geplündert, weiterhin Aegypten sich unterworfen, von da nach Spanien übergegangen, Sicilien 3 Frankreich, Italien großentheils] Do: nach der an35 sich unterworfen, Hindustan Mongolei dern Seite Aquitanien eroberten sie, das südliche Frankreich, Italien bis gegen Nizza 4 erhob] Do: erhoben, in 50 Jahren 5 aufgeschlossen] Do: und des Geistes aller Art aufgeschossen 11 Niedrigste endlich … konnte] Do: Sklave übergehen konnte selbst zu den höchsten Würden 11–12 Allgemeine Entwicklung … möglich.] Do: In diesem Princip ist aber eigentliche 40 Entwikelung unmöglich, besonderes ist so und so kristallisirt

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2erlei Verhältniß. Ein Theil der Staaten ist gebildet worden, so daß die germanischen Völker sich unterworfen haben, römisch geworden sind. Spanien, Frankreich, Westen und Süden von Deutschland, Britannien. Die Staaten haben so zwei Völker in sich gehabt, römische und germanische. Römisch gemacht sind sie so sehr, daß die celtische Sprache Galliens fast ganz ausgerottet wurde. Ebenso ist die eigenthümliche Religion verschwunden. Cäsar erzählt von den Druiden in Gallien. Das Eigenthümliche der Galischen Religion ist verboten worden. Diese Völker und ihre Sprache sind die romanischen. Ein Unterschiednes Prinzip ist also in diesen Völkern selbst. Das Gemüth des Ganzen ist zugleich in sich selbst äußerlich. Dagegen die deutsch gebliebenen Völker haben die Einheit, Innigkeit sich bewahrt. – Die westliche römische Welt, und außerdem Deutschland, so daß die Nation noch weiter ausgedehnt worden. | Deutschland vom Rhein bis zur Elbe wird vereinigt. Jenseits der Elbe trifft man auf Slawen, in Franken, Pfalz, gegen die Donau bis gegen Griechenland. Die Ungarn, ein fremdes Volk zwischen den Slawen. Ungarn etc sind Durchzugsland gewesen für die Völker, die von Asien ihren Weg nahmen. Viele Völkerreste blieben aus der Völkerwanderung bei den Ungarn übrig, selbst die Albanier werden von den Albaniern am caspischen Meer abgeleitet. Deutschland hat sich civilisirt über die Elbe hin, durch Germanisirung der Slawen. Dieser Theil wird also gewonnen. Die Böhmen etc, wenig Einfluß auf die Civilisation habend. Deutschland und das den Slawen abgerungene Land, dem überwundenen Rom gegenüber bleibt wie in einer Art von Trennung. Welfen und Ghibellinnen. Im NordOsten Deutschlands bildet sich das Preußische Reich, wogegen die Sachsen, die römischen Gegenden, das Reich genannt werden. Dänemark Schweden, England treten noch hinzu. Die germanische Welt hat ihre Religion und Bildung fertig von Rom aufgenommen. Concilien, Kirchenväter einer andern Welt wirkten auf Deutschland. Das dogmatische System der Religion war so ganz durch höhere Bildung fertig, wie es die germanische Religion erhielten. Ein fremdartiges wurde also in den ungebildeten Geist gesetzt. Eine germanische, eine aus germanischem und lateinischem gemischte Sprache. Die Kirche nimmt die | Lateinische dagegen auf. Dieselbe Zweiheit in Wissenschaften und Künsten. Bedeutendes war von der römischen Welt übrig geblieben, besonders neuplatonische Philosophie, die eigenthümliche Philosophie der christlichen Kirche. Die aristotelische Kategorie hat Boetius im Auszuge als Schulbuch dem Occident aufgestellt. So ist Germanien blose Fortsetzung Roms; die Herrschaft im römischen Kaiser thum hergestellt. Schon früher wollten andre Fürsten als römische Patricier angesehen werden. Anderseits aber ist ein neuer Geist, sonst wäre dasselbe Schauspiel des byzantinischen auch hier. Der germanische Geist hat aber ein ganz neues Prinzip und daraus hat sich die Welt regeneriren sollen. Prinzip der

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vollkommenen Freiheit, das der Geist auf sich selbst begründet, der absolute Eigensinn der Subjektivität als subjektiven Geistes. Diesem freien Geist wird zum Gegenstand gegeben eben der freie Geist in seiner concreten Bestimmung, wie er an und für sich ist, zunächst in der Form des absoluten Anderssein. Derselbe Inhalt wird gewußt, als absolut schlechthin Andres. Der Anfang wird gemacht von der äußerlichen Objektivität, Absolute Form der Trennung muß nun überwunden werden. Der Unterschied, der sich näher entwickelt, ist der von Kirche und Staat. | Der subjektive Geist bildet sich zum Staate aus, das weltliche Bewußtsein. Anderseits bildet sich die Kirche, in dem Bewußtsein der absoluten Wahrheit als Geist. So ist die Kirche die Thätigkeit, daß das Subjekt gemäß werde seiner Wahrheit. Dieselbe Welt ist es als Staat und als Kirche, als Weltlichkeit und wesenhafte Geistigkeit. Die europäische Geschichte ist Darstellung der Entwicklung eines Jeden dieser Ganzen, der Kirche und des Staats; jedes der Prinzipien für sich, Entwickelung des Gegensatzes in jedem der beiden in ihnen selber, bis die Absolute Versöhnung der Gegensätze als vollendetes Werk der Geschichte dastehen wird. Die erste Periode beginnt mit der Eroberung der römischen Welt, Eintreten der germanischen Nationen in die christliche Kirche bis zu Karls des Großen Kaiser thum. Die christliche Welt ist als Christenheit und ist ebenso weltliche Macht, römisches Kaiser thum, und beides vereint. Die weltliche Macht reicht soweit als die römische Kirche. Beide Bestimmungen sind in derselben Masse nur verschiedene Seiten. Die 2te Periode, wo die beiden Seiten sich zur Selbstständigkeit und Vollendung selbstständiger Systeme entwickelt. Die Theokratie und Feudalmonarchie. Diese Entwicklung führt zugleich den Gegensatz der Prinzipien herbei. Die eine Weise | wie sich diese offenbart, ist das Verderben der Kirche. Die Subjektivität ist nicht bezwungen. Der rohe Wille ist darin aufgenommen und durch Vereinung desselben mit dem geistigen Inhalte, wird das Heilige selbst verdorben. Im Staate entwickelt sich das subjektive Prinzip, das sich befreit von der Kirche. Formelles Denken, Zutraun der Menschen, daß das Bewußtsein sich auf Erden befriedigt. Die Epoche der Versöhnung des subjektiven Geistes mit sich selbst nicht mehr zu einem fremden sich zu verhalten. Dis ist das Ende des 15. Jahrhunderts und Anfang des 16., die Reformation. die 3te Periode von da an bis auf uns. Den subjektiven Geist, der sich selbst erfaßt hat, zu sich selbst gekommen ist, auszuarbeiten. Der subjektive Geist hat so zuerst die Form des Gemüthes. Die ihm immanente Subjektivität. Diese Bestimmung der Einzelnheit wird zur Allgemeinheit, zum Gedanken ausgearbeitet. Die Herrschaft des Gedankens, allgemeiner Zweck, ist die Aufgabe der neuesten Zeit, Ende des 18. Jahrhunderts, der Gedanke, durch seine Allgemeinheit, zunächst abstrakt, vernichtet alle äußerliche Objektivität, das Fremdsein überhaupt. Die

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unendliche Form der Freiheit als subjektiver kommt zur Versöhnung, | die erst hiedurch wahrhaft absolut existiren kann. Das Reich des Vaters, des Sohnes, des Geistes. Reich des Vaters ist die ungeschiedene Macht, die substantielle Form, wo das, was als Veränderung erscheint, nur Accidentelles ist, Herrschaft des dqonou; das 2te ist das Reich des Sohnes, die Erschaffung des Geistes, zunächst in Beziehung auf die weltliche Existenz. Das 3te ist Reich des Geistes. – Die erste Periode betreffend, ist dieses Völkergemählde ganz zu übergehen, und ebenso die Gründung des besondern Reiches, die Bekehrung der Völker zum Christenthum, daher große Schwierigkeit, weil für Barbaren die Religion noch nicht die Festigkeit der Reflexion hat. Tacitus schon sagt: securi adversus deos. So gleichgültig haben sie die abendländische Religion aufgenommen. Burgunder und Sachsen sind in den Fluß getrieben worden, und dann wurden sie Christen. Mit dieser Betrachtung thut sich ein Gemählde ungeheurer Frevel auf in den fränkischen, burgundischen, gothischen Königshäusern. Niebelung lied hat auch Christen, aber das Christenthum kommt ganz äußerlich dabei vor. Die Wildheit der Leidenschaft war noch nicht bezähmt. Die Epoche Karls des Großen. | Er wurde 800 römischer Kaiser. Die Christenheit als solche wurde so als eins gesetzt mit dem Weltlichen. Das Reich dehnte sich aus, somit die lateinische Christenheit. Spanien, Frankreich, Deutschland, Sachsen, Baiern, Allemannen, Langobarden. Aachen war Kaiserstadt, wo sein Stuhl auf bewahrt ist. England bleibt isolirt. Skandinavien war noch heidnisch, doch begannen die Beziehungen schon mit Karl dem Großen. Die Verfassung des Reichs Karls des Großen. Verfassung ist Verein von Völkern zum Staate, Wirksamkeit für einen an sich allgemeinen Zweck. Durch die Festigkeit des allgemeinen Zwecks genießen die Individuen ihre besondere Freiheit, gelangen erst so zu derselben. Staat ist die Verwirklichung der Freiheit. Pflichten gegen den Staat erscheinen als Abhängigkeit der Individuen, sind aber eben die Rechte der Individuen, denn die Individuen sind die concreten Momente des Staats selbst. Meine Pflicht mich vor Gericht zu stellen, Abgaben zu geben, sind wesentliche Rechte, das Recht, daß die Gerechtigkeit gehandhabt werde. Die Pflichten sind meine Rechte, als eine vernünftige Welt der Freiheit, meines Geistes. Es sind also Pflichten gegen die objektive Bestimmung der Freiheit. | Die germanische Freiheit kommt zuerst als subjektive hervor, ohne Pflicht, feste, objektive Bestimmungen für den besonderen Willen. Germanische Freiheit ist subjektive, ohne eine Art objektiver Pflichten. Es handelt sich um den Uebergang von Staatsverein und objektiven Pflichten. Vereine zunächst in den Eroberungszügen der Germanen. Eroberungszüge, wobei am meisten Unter19 Langobarden] in Pi folgt eine Textlücke von einem Wort

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ordnung nöthig erscheint, beginnen durch freies Sammeln der Individuen, nicht zum Civilstande entstehend. Die Individuen sind nur durch die fides dem Anführer verbunden. Wenn man Fürsten, Adel unter den alten Germanen ernennt, so ist der Vorzug so los und unbedeutend, daß für den Staat nichts daraus zu entnehmen ist. Nicht einmal ein solcher Verband, wie bei den Homerischen Helden, denen die Völker nachfolgen; diese Nachfolge scheint bestimmter als in Germanien. Gemeinsame Berathung, freiwilliges Anschließen an einen Führer. Wenn wir nun gleich die Verfassung unter Karl dem Großen aufnehmen, so ergeben sich folgende Grundzüge: Nicht Karl der Große hat sie gegeben, eingeführt, sie sind besonders unter ihm fest geworden. Die Grundzüge der Verfassung sind vortrefflich, der Idee des Staates entsprechend, nicht schlechter als in neuer Zeit. – Die Gerichtsverfassung, Volksgerichte, Schöppen, freie Bürger, präsidirt vom Gaugraven als königlichem Beamten. | Einheimische, geschriebene Gesetze. Nicht ein juristischer Stand hat das Ausspenden der Gerechtigkeit, sondern die Bürger selbst. Diese Gerichte haben Beaufsichtigung über Missi, Sendgraven. Ein weltlicher und ein Geistlicher machen Reisen, rufen große Versammlungen um sich und halten mit ihnen Berathung um höhere gerichtliche Fälle und die Angelegenheiten der Gerichte. 2) Die Kriegsverfassung. Heerbann, wobei jeder freie Bürger die Verpflichtung hat, das Land zu ver theidigen. Bürger und Armee ist Eins. Waffen hat jeder Bürger, muß für Lebensmittel sorgen. Der Soldat wurde aber bei der Armee mit 3 Monaten Lebensmittel versorgt. Die Verköstigung begann gegen Spanien bei der Loire; gegen die Sachsen vom Rheine an. Allgemeine Volksbewaffnung nur zur Vertheidigung des Landes. Außerdem hatten Andre noch besondre Pflichten, die Kriege der Fürsten zu führen, (Unterschied zwischen Landwehr und Stehendes Heer.) Diese Verpflichteten waren, die Beneficien erhielten. Adel und Freie, denen ein Genuß eingeräumt war, unter der Bedingung für den Fürsten zu kriegen. 3) Staatseinkünfte. Keine direkten Steuern. Nur gerichtliche Strafgelder, oder von solchen, die sich nicht im Heere stellten. | Einige Zölle und Domänen, Getreidelieferung für die Sendgrafen. Bei den Inspektionsreisen hatten letztere nach der Ausführung der Ordnung im Heerbann unter Herzogen und Grafen zu fragen. Beschwerden waren Gegenstand ihrer Untersuchung. 4 Die höheren allgemeinen Geschäfte. Landtage für Provinzen und Reichstage für allgemeine Reichsangelegenheiten. Der Fürst berieth neue Gesetze mit den Großen; neue Bestimmungen wurden von Erzbischöffen, Bischof, Graf, Schöppen, Volksgemeinde zur Annahme vorgelegt. Reichsversammlungen jährlich im Frühling gehalten. Dringende und andre Angelegenheiten wurden in einer besondren Herbstversammlung erledigt. – Die Verfassung ist vortrefflich und sie mußte sich nur befestigen und entwik-

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keln. Statt der Verfassung politische Freiheit tritt ein Zustand ein, kurz nach Karl dem Großen, wo der höchst bedauernswer the Zustand der Schwäche eintritt. Die Verfassung hat für alles gesorgt, für Ver theidigung, Gerechtigkeit, dessen ungeachtet sehen wir bald Frankreich und Deutschland und Italien verwandelt in einen allgemeinen Schauplatz der Rechtlosigkeit und Schwäche nach Außen, Plünderung. | Dieser Widerspruch ist es, was das Prinzip der 2ten Periode bestimmt, die des Mittelalters. Schauplatz des Widerspruches. Die Prinzipien von Kirche und Staat sind erst in gleichgültiger Vereinigung. Im Mittelalter gehen die Prinzipien auseinander, thuen sich an allen Verhältnissen hervor, und zerschlagen sich an einander; entwickeln aber auch die Momente tieferer Versöhnung der Freiheit. – Der Widerspruch tritt also hervor, ist das Herrschende. Weder mit einem Prinzip noch mit dem andern ist es wahrhaft Ernst. Unendlicher Betrug. Indem das Bewußtsein hiervon da ist, ist es Schauplatz unendlicher Lügen. Das Ganze von Widersprüchen macht die Geschichte des Mittelalters aus. Die absolute Wahrheit, Geist, wie er an und für sich ist, ist hier, aber gelegt in barbarische Seelen, subjektive Freiheit, ebensowenig als diese adäquat gemacht ist jenem absoluten Inhalt. 2 göttliche Reiche giebt es überhaupt, das Intellektuelle, innerlich im Geist, Gemüth, und weltliches, das Reich des Sittlichen. | Weltliche Existenz als subjektives Bewußtsein der Freiheit. Dies kann nur sittlich sein. Das erste Reich ist Reich der Frömmigkeit, das es nicht mit der Welt affirmativ zu thun hat, wenigstens übergeht in die Sittlichkeit. Sie verhält sich nur auf negative Weise, wohlthätig, entsagend; nicht auf rechtliche und sittliche Weise, nicht nach der Nothwendigkeit der Freiheit. Das Mittelalter ist demnach eine fromme aber eine unsittliche Zeit. Die Idee des Geistes, wozu sich nur das Subjekt verhält, soll nun in die Welt hineingearbeitet werden. Der Geist muß in die Wirklichkeit, in das sittliche Reich gebildet werden. Die absolute Wahrheit verliert so die falsche Stellung als vernichtende Substanz. Was nun diese Frömmigkeit betrifft, macht sie allerdings eine Seite des Mittelalters aus. Verhältniß zur absoluten Wahrheit, aber so, daß das Subjekt der absoluten Wahrheit Zeugniß giebt. Indem es aber die gegenständliche Welt mit seinem Geiste begeistet, ist dies die Andacht, die Freiheit ist substantiell. Edle Seelen finden im Gegenstande ihre Seeligkeit, als in ihnen Versöhnt, mit ihm identisch. Dies ist aber dem Mittelalter noch nicht ausschließend eigen. | Sie ist die Religiosität des Christenthums aller Zeiten. Sie gab auch im Mittelalter den Trost der subjektiven Seele. Frömmigkeit ist aber außer der Geschichte. Letztere ist der Boden des Reichs des Geistes als f ü r sich seienden, nicht des auf seiner Seite nur bleibenden, den Staat ausmachenden. In der christlichen Kirche ist die Verwirklichung des Göttlichen auf der Seite des für sich seienden Geistes

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noch nicht vollbracht, sondern die Unausgeglichenheit tritt im Widerspruche auf. Die Hauptmomente sind Widerspruch in der Kirche, dem Staate, dem Individuum. Die göttliche Substanz hat ein Verhältniß zum Geiste. Aber der Geist als existirend, für sich seiender Geist, spaltet sich in Intelligenz und Wollen. Sein für sich sein, seine Endlichkeit, beginnt damit, in den Unterschied herauszutreten, und hier beginnt die Entfremdung. Sofern der Geist zum bestimmten Dasein übergeht, ist die Entfremdung begonnen. Intelligenz und Willen sind nicht versöhnt mit der absoluten Wahrheit, sondern diese erscheint wie ein Stein unverdaulich in den Menschen gelegt. Diese Aeußerlichkeit des Inhalts ist vollendet, vollkommen bestimmt. Aeußerlichkeit, als bestimmt für das Bewußtsein, ist, daß sie ist als sinnliches äußerliches Ding, | als gemeine Existenz, und zugleich gelten soll in dem objektiven, zwecklosen Bestehen, für Gott. Das ist die unermeßliche Zumuthung, die dem Geiste gemacht wird. Im Buche gilt der Inhalt als solcher, nicht aber die äußerliche Figur, sofern sie als sinnlich geistlos ist. Aber das sinnliche Ding als sinnliches zu verehren ist der ungeheure Widerspruch, der hier in den Menschen gelegt ist – Verhältniß in der Kirche als solche. Der wahrhafte Geist existirt im Menschen, das Bewußtsein hat Lehre, Erziehung in Ansehung des Kultus, wo Handlungen den Sinn haben, daß das Individuum darin den Genuß seiner Identität mit dem Absoluten hat. Eine Regulirung ist somit nöthig, also Lehren und Gemeinde. Das Verhältniß ist als eine feste, absolute Theilung, so daß die, welche unterrichtet werden, diesen Geist nie als den ihrigen bekommen, sondern die Hierarchie ist im Besitze der Wahrheit, wie die Braminen bei den Indiern, die von Natur 2mal gebohrnen. So ist zwar Unterricht, Erziehung erforderlich, aber zugleich wird dis fixirt als ausschließender Besitz, der zwar Uebung, Erkenntniß fordert, aber nicht, welche die Laien auch theilhaftig sind, sondern eine äußere Weise, ein geistlicher Besitztittel muß den Besitz verwirklichen. | Die Consekration, wesentlich am Individuum, als sinnlichem haftend, ohne Rücksicht auf dessen Inneres. Der Gemeinde kommt es aber ungeachtet der Intensität der Frömmigkeit etc. nicht zu, und es bleibt das Verhältniß, daß sie die Wahrheit als fremdes nur empfangen sollen, nur abhängiges sind, und ihre Bildung mag sein was sie wolle, so reicht dies nicht zu zur Vollendung der andren Seite, die äußerlich bewirkt wird. Also die Laien bleiben im Gegensatz der Geistlichkeit. Ein 3ter Widerspruch ist, daß die Kirche, Clerus, äußerlich existirt, Subsistenzmittel bedarf, unabhängig sein soll. Zugleich ist diese Gleichgültigkeit gegen allen Besitz ein Prinzip des Religiösen, dem Armen das Seine zu geben. Der Hauptort, wo es verdienstlich ist, das Seine hinzugeben, ist die Kirche selbst. So kömmt die Geistlichkeit zu unermeßlichem Reichthum. Widerspruch, Lüge

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gegen die Verachtung des Reichthums. Genuß, Schwelgerei in allen Lastern hängt damit zusammen. – Im Staate sind folgende Widersprüche. Die Vorstellung von einem Kaiser thume, als allgemeinem Einheitspunkt wo Friede und Gerechtigkeit sei, als weltlicher Arm des Geistlichen im Weltlichen. Diese Macht ist, wo sie als Macht der Geistlichen motivirt ist, | auch im Geringsten nicht Ernst für die Besitzer der Macht, oder die, welche deren Gebrauch zu machen wirksam für eigensüchtige Zwecke, die selbstständig und dienend das Kaiser thum zu leerem Titel zu machen. Die Idee des Kaiser thums ist noch, weil die subjektive Freiheit nicht zur Sittlichkeit durchgebildet ist, ein leeres Wort, und im Gegentheil ist es die subjektive Freiheit, Leidenschaft etc, für sich existirendem ungeordnet durch jene blos abstrakte Vorstellung. 2tens ist das Band von dem Staat, den Fürsten, Tr e u e genannt worden, fides, Sie ist wesentlich gegen die Person des Fürsten, die die Hauptsache ausmacht, daß ein Staat vorgestellt werden kann. Diese Willkühr des Gemüths, ohne objektive Pflichten, ist somit das Unzuverlässigste. Deutsche Treue ist Sprichwort, aber in der Geschichte kann es eben so gelten wie punica fides, oder graeca fides. Fürsten in anderen Staaten sind untreu ihre Leidenschaft, untreu gegen Kaiser, König, Reich, eben weil es, was als Reich erscheint, noch nicht als Nothwendigkeit existirt mit der Freiheit. – 3tens der Widerspruch ist ebenso im einzelnen Individuum. Es ist Abwechselung von Frömmigkeit und Laster, von Barbarei der Intelligenz und Willen. | Kenntniß der absoluten Wahrheit, und doch die falschesten Ansichten vom Weltlichen. Leidenschaft und dagegen christliche Contrition. Zügellose Wildheit, Wüthen, und dann entsagt das Individuum allem dem in der Pilgerschaft. In dieser selbst verf ällt es oft wieder zurück. Es ist abgeschmackt in unsrer Zeit, die Herrlichkeit des Mittelalters zum Ideal machen zu wollen, es ist vielmehr das empörendste Schauspiel, Wissen absoluter Wahrheit, verbunden mit Sinnlosigkeit, Barbarei. Darum eben ist es empörend. Höchste Rohheit der Seele, in Einem mit der höchsten Wahrheit und ihrer Empfindung. Es ist dies ein Schauspiel, das würdig ist, begriffen zu werden, und begriffen und gerechtfertigt werden muß. Die Rechtfertigung ist zu erkennen das wesentlich nothwendig, daß der Geist, zuerst unmittelbar offenbart, zum fürsichsein kommt. Je tiefer die Wahrheit ist, wozu der Geist an sich sich verhält, desto entfremdeter ist er sich selbst in dieser Gegenwart, wenn er noch nicht für sich diese Wahrheit erfasst, die Subjektive Freiheit noch nicht in die Wahrheit hineingebildet hat. Zur Versöhnung ist die Entfremdung, der Widerspruch nothwendiger Durchgangspunkt. – Der politische Zustand im Mittelalter. Zuerst 2 große Erscheinungen, Feudalsystem | und Hierarchie. Zum Feudalsystem bildet sich 25 Ideal] Pi: Schlafwand(? abgeschnitten)

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die Verfassung aus. Aus dem Prinzip der Treue entsteht durch Herrschaft über bezwungene Länder, eine Verfassung, Frankreich, Italien, einen Theil Deutschlands umfassend. Die Verfassung hat sich als stark, zuerst mächtig, ordnungsvoll gezeigt. Ordnung des Palasts Karls des Großen und ebenso Ordnung des Regierens. Der edle Sinn erhält das Ganze in Einheit. Darauf Theilung des Reichs, Successionskriege, und Kriege nach außen. Diese können für sich wohl Verwüstungen wie im Orient hervorbringen, die zufälligen Gründe der Kriege können nicht die Wirkung haben, der rechtlichen Ordnung ein Ende zu machen. Statt Karls des Großen Ordnung sehen wir die Geistlichkeit, Bauernstand, etc, allgemeiner Rechtlosigkeit preiß gegeben. Normannen rauben und plündern. Diese landen an Küsten, schiffen die Ströme herauf auf kleinen Weidenboten, schlecht gewaffnet, ohne Harnisch, meist ohne Pferde. Sie durchstreifen die Lande nach allen Richtungen, ohne einen Widerstand zu finden. Anderseits die Ungarn von Osten auch auf schlechten Pferden und ohne Bewaffnung verheeren Süd-| Deutschland etc. Drittens die Sarazenen, zum Theil in sehr kleinen Banden, von Süden her. In Burgund kommen alle 3 Mächte fest zusammen. Die Ungarn haben St. Gallen verbrannt, die Sarazenen sich im Wallis niedergelassen. Nirgends der gerühmte Heerbann Karls des Großen. Die trefflich organisirte Nationalmacht, wie sie erscheinen soll, existirt nicht. Man kann glauben, jene Schilderungen seien leere Träume, denn keine Existenz zeigt sich hier. Doch hat die Organisation geschichtlich existirt. Die Gerichtsverfassung, die so trefflich ist, und die Organisation tritt noch ferner in Wirksamkeit gegen eine Gewalt thätigkeit. Was hat nun diese Organisation vernichtet? Die Ursache ist im allgemeinen fraglich, im Widerspruche des Geistes der Völker mit der Wirklichkeit eine Organisation, die objektive Freiheit, substantielle Weise des freien Willens, organisch gestaltet, ist. Diese erfordert Verbindliches an die Subjekte. Für den Germanischen Geist, in der Form subjektiver Willkühr, gab es keine Verpflichtung, nicht die Einheit als ein Inneres. | Das für das Objektive, Gleichgültige, war indifferent. Die Religion hat noch keine Tiefe gehabt. Mord wird noch nicht als Verbrechen gewußt, sondern durch Geldbuße abgethan. Erst die Kirche hat das Bewußtsein der Sünde, des Verbrechens gegeben. Diese Reflexionslose Freiheit hat es den Individuen möglich gemacht, sich als Sklaven zu verkaufen. Im orientalischen Reiche macht das objektive Zusammenhalten, das natürliche Prinzip aus, das Bewußtsein der Verpflichtung gegen das Ganze. Bei den Römern auch subjektive Innerlichkeit, und

31–32 Kirche hat … gegeben] Do: Kirche und die Fortbildung hat solche Verbrechen erst als Sünde dargestellt. 33 verkaufen] Do: verkaufen. Die Verfassung war daher noch ohne objektiven Inhalt im Subjektiven. 35 auch subjektive] Do: sehen wir abstrakte

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dann Einheit des Staats, fest fixirt im Subjekt. Aber in der germanischen Stumpfheit ist keine Tiefe der Freiheit, keine Verpflichtung. Wie ist nun die Bestimmung der Verbindlichkeit, entstanden? Dis Verpflichtende kann nur ein äußerlich Objektives sein. Das Innere, das wesentlich als solches verpflichtet werden soll, kann es nur durch den Eid, der aber der Barbarei nicht widersteht, ohne religiöse Tiefe nicht gilt. Otto II 983 zu Verona hat den Zweikampf statt des Eides als entscheidend festgesetzt, weil die Meineide zu häufig waren, und eine Weise der Entscheidung dem Gerichte nöthig war. Die Furcht der Hölle kann rechtlichen Zusammenhang | nicht begründen. Wie kann das Band sein, wodurch das Eigenthum des Subjekts gesichert wird? Die Verpflichtung kann nur subjektiv vollbracht werden. Besitz zu haben ist nothwendig. Das Mittel dazu ist äußerlich, kann in eines Anderen Hände kommen, wodurch Abhängigkeit vom Anderen entsteht. Freies Eigenthum, der Mangel an objektiver Verpflichtung führt zu einer andren Weise der Verbindung, auf die Leidenschaft des partikulären Willens sich erstreckend, die sich in Verbindung mit dem, was Andern nothwendig ist, setzt. Grund der Verbindung ist Gewaltthätigkeit, partikuläre Leidenschaft. Was noch hinzutritt, ist, daß eine so durch Gewalt begründete Verbindung, formelles Recht wird, welches zum Inhalte Zufälligkeit enthält, darum abstrakt positives Recht ist. Feudalrecht, von fides, begründet auf Unrecht, aber eine Verpflichtung die somit die Form des Rechtlichen erhält. Ordnung der Unordnung, Recht des Unrechts. Dis ist das Prinzip der Feudalverfassung. An die Stelle des Schutzes des Staats, eines allgemeinen Schutzes, tritt der partikulare Schutz, den Jeder von Andren erhalten kann. Allgemeiner Zusammenhang mangelt. Schutz des Individuums durch sich selbst. Selbstständigkeit der Edlen. Eigenthümliche Bewaffnung, | Befestigung der Schlösser. Der Heerbann, die Nationalmacht war ein

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1 germanischen] Do: ersten germanischen 5–6 ohne religiöse … gilt] Do: ohne innerliche Tiefe hat der Eid keine Kraft 6 Verona] Do: Worms 7–8 weil die … war] Do: damit die Sündhaftigkeit des Meineids vermieden werde, da der Eid als ein heiliges gehalten wurde, und doch sein Bruch nicht vermieden werden konnte 9–10 Wie kann … wird?] Do: Es ist diß der 30 äußerliche Besitz aus welchem ein Verbindendes genommen werden kann. 10 Die Verpflichtung] Do: Das Band kann selbst nicht objektiver Art seyn, nicht in rechtlicher Weise, sondern die Verpflichtung 11–13 Das Mittel … entsteht.] Do: Die Gewalt, die ein anderer über den Besitz haben kann, ist nicht zugleich die Verpflichtung dafür. 14 der Verbindung] Do: von Abhängigkeit 15 die sich … dem] Do: die Habsucht, die sich in Besitz dessen setzt 16 parti- 35 kuläre Leidenschaft] Do: subjektive Willkühr, die verschiedene Individuen verknüpft 18 zum Inhalte … darum] Do: durchaus nur streng rein 20 Feudalrecht, von fides] Do: Diß sind die Principien des Feudalrechts, feudum fides begründet auf Unrecht] Do: eine Verbindlichkeit, die aber auf Willkühr gegründet 23 den] Do: den er sich selbst geben kann oder 25 der Edlen] Do: des Muthigen, Gewaltigen Edeln 40 10 gesichert] in Pi eine Textlücke von einem Wort

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Leeres, gewährte keinen Schutz nach Innen und Außen. Alles ging darauf, den Schutz sich selbst zu schaffen. So tritt der militärische Geist wieder herein, der in allgemeine Feigheit übergegangen war. Die Stumpf heit wird durch Noth aufgeregt, indem die eigene partikulare Erhaltung Zweck war. Anderseits ist diese Stumpf heit übergegangen zur Selbstver theidigung, worin zugleich das Mittel liegt, gegen Andre Privathabsucht zu befriedigen. Ein Muth tritt in der Nation hervor. Er ist nicht Tapferkeit für ein allgemeines Interesse, sondern Muth der Ver theidigung und der Habsucht. Römische und griechische Tapferkeit handelt für das Ganze, in Gemeinschaft mit dem Ganzen. Die Deutschen haben Haß gegen die Städte gehabt. Darin liegt die Form der Freiheit, nicht in Gemeinsamkeit sich zu ver theidigen. Die Noth hat auch zu Befestigung genöthigt, aber einzeln. Die Stärke war also im Privatbesitz, nicht in Direktion des Staates, sondern der Staat wurde selbst so zunichte. Privatkriege, Fehden in unendlicher Verwirrung. Die Schwächeren, Landbewohner vereinzelte freie ohne Mittel, waren ohne Hülfe; ebenso die Geistlichen. | Die nächste Folge hiervon ist Verminderung des Ertrags aus Länderstrichen, Verödung, und die Erfahrung, die die Habsucht macht, gebietet der Klugheit, die Unterworfenen soweit zu schonen, daß sie noch fähig sind, für den Herrn zu arbeiten. Auch noch heutigestags haben Leibeigene nur soviel, daß sie zur Noth Kräfte behalten, dem Herrn zu dienen. Auch wurden die öden Ländereien denen ausgeboten, die sie bebauen mochten, gegen persönliche Dienste. Durch solch gewaltthätiges Verhältniß, denn die Freien mußten das Ihrige dem Gewaltigen unterwerfen, feudum oblatum, entstanden Verpflichtungen. Vasallen und Lehnsherrn. Von der Leibeigenschaft bis zur Vasallenschaft findet eine vielfache Stufenleiter statt. Die bestimmten Arten der so erhaltenen Verbindlichkeiten, machen das formelle Recht jetzt aus. Dies mußte gepflegt werden von einem dritten, was ebenso Privatbesitz, als Lehen war, sofern der Besitz vom Mächtigen geschützt wurde. Diese Verpflichtungen, Rechte,

4 aufgeregt] Do: aufgerüttelt 5 zur] Do: in die Nothwendigkeit der 6 Privathabsucht] Do: Herrschaft, Privathabsucht 7 hervor] Do: hervor gegen die Noth sich zu erhalten und andre zu 7–8 für ein … Habsucht] Do: die in Gemeinschaft handelt für ein Ganzes, son30 unterdrücken dern nur für persönliche Zweke für einzelne Auszeichnung, die in romantische Abentheuerei ausgeht 11 Die Noth … einzeln.] Do: | durch diese Isolirung der Einzelnen wird der Staat völlig zu Null 14 Die Schwächeren] Do: Die zweite Bestimmung ist, daß von diesen Gewaltigen die Schwächeren 14–15 ohne Hülfe] Do: ohne Hilfe und ohne Schutz 16 Verödung] 19–20 Auch wurden … Ländereien] Do: Damit verbindet 35 Do: Verödung und Entvölkerung sich die Klugheit die Länder 20–21 gegen persönliche Dienste] Do: und Abgaben dafür zu fordern 21–23 denn die … Lehnsherrn] Do: waren die vorher freien genöthigt, ohne Güter den Gewaltigen zu unterwerfen, so daß die Güter ihnen unter der Bedingung von Abhängigkeit überlassen wurden 23 Leibeigenschaft] Do: rechtlosen Leibeigenschaft 25 das formelle … aus] 25–26 Dies mußte … 40 Do: das Recht als solches aus, ein formelles nicht das des freien Vereins dritten] Do: Das Recht zu handhaben war eben so etwas, das besessen werden konnte

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so daß die Rechtspflege selbst Besitz wurde, bestimmt den Charakter der Zeit näher. So ein Eigenthum schließt nicht Andre aus, hat auch affirmatives Verhältniß auf Andre. Diese Art von Besitz wurde von beiden Seiten erblich. | Die Leistungen des Schutzes und des Dienens wurden endlich unablösbar. Im Verhältnisse nach oben bildet sich dies immer weiter. Staat ist eigentlich als Oberstes nicht vorhanden; die höchste Spitze hat selbst den Sinn, wozu sich Andere so privat verhalten. Die Kaiserwürde ist Reliquie ohne Kraft und wirkliche Bedeutung, nur Titel. Es findet wohl auch ein Verhältniß statt, daß der König von den Vasallen Leistungen fordert, Feldzüge zu machen und dergleichen, doch da sie selbst in Kriegsverfassung waren, war die Verpflichtung willkührlich. Die Grafen hatten Banne unter sich, die ebenso bewaffnet waren, nicht mit Gewalt angehalten werden konnten. Die Bestimmung eines Amtes zu dem Staatszwecke hört auf als Amt zu sein. Herzog thümer, Grafschaften wurden Privatbesitz, selbst unter der Bedingung verbleibend, Leistungen gegen das Oberhaupt zu machen, aber in die Hand des Individuums selbst gelegt. Statt der Pflichten der objektiven Freiheit geschehen die Leistungen nach zufälliger Bestimmung und Willkühr. Die fides hat nicht die Bedeutung der Verpflichtung gegen Allgemeines, sondern von | Privatverpflichtung, die wieder rechtlich befestigt wird. Die formell rechtliche Seite ist vorhanden, die Form Rechtens als Tradition von karolingischen Zeiten und römischer Bildung. – Die andre Gestalt, die Kirche. In der Hohlheit eines allgemeinen Zusammenhanges, wo im Gegentheil die Wirklichkeit die Partikularität der Leidenschaft gezeigt hat, folgt es von selbst, daß dieselbe Leidenschaft sich gegen die Kirche losgelassen hat. Die Heiligkeit der Kirche ist wohl ein Damm gegen dieselbe aber nur schwach, so daß er selten Widerstand leistete. Geistliche Besitzungen werden unterworfen wie weltliche.

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4–5 Im Verhältnisse … weiter.] Do: Das gesagte scheint nur ein Verhältniß nach unten zu seyn, aber eben so geht es nach oben. 5–6 Staat ist … vorhanden] Do: Das eigentliche Allgemeine des Staates ist aber keine Verpflichtung für ein allgemeines Interesse vorhanden 7 Die Kaiserwürde ist] Do: die höchste Spitze die Kaiserwürde ist in solcher Absonderung der besonderen Individualitäten eine 10 willkührlich] Do: gegen den Kaiser etwas ihrer Willkühr überlassenes und 30 diesen ging es ebenso mit ihren Vasallen 12 zu dem Staatszwecke] Do: z.B. Domänen zu verwalten 13 Grafschaften] Do: Grafschaften, Baronien 14–15 selbst unter … gelegt] Do: deren Pflichten in das Belieben der Verpflichteten gelegt war, weil sie die Mächtigen waren 16–17 geschehen die … Willkühr] Do: sehen wir also Herrschaft und Unterwerfung unter sie 17 fides] Do: Treue, fides Verpflichtung] Do: Treue 18 wieder rechtlich be- 35 festigt wird] Do: die Form des Rechtes erhält 19–20 von karolingischen … Bildung] Do: von den Karolingern her in der Bildung, die sie von den Römern überkommen hatten 21 Zusammenhanges] Do: Zusammenhanges, der ein Staat seyn sollte, 23 Leidenschaft] Do: Gewalt23–24 Die Heiligkeit … thätigkeit Kirche] Do: Kirche nach ihrem äußerlichen Besitz Damm] Do: Sie war derselben Noth ausgesetzt als die Laien. Die Schrecken der Hölle, die Vereh- 40 rung gegen die Heiligen sind ein schwacher Damm 25 Geistliche Besitzungen] Do: Klöster, geistliche Besitzungen weltliche] Do: weltliche Güter

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Die Könige etc eigneten sich die Kirchengüter zu, als Gemeingut, kauften sogar die Güter, sekularisirten sie, oder erkauften oder erfochten die Vorsteherschaft. Sonst treten die Bischöfe, Abteien, etc in das Verhältniß der Feudalverfassung. sie hielten sich, wenn sie nicht selbst Krieg führen, Advokaten, die für sie den Krieg zu führen, sie zu schützen haben. Diese treten, indem sie sie schützen, in das Verhältniß von Herrn | über Klöster und deren Güter. Die Geistlichkeit ist ebenfalls mit dem Geiste der Leidenschaft angefüllt. Roheit und Zügellosigkeit. Allein im 11ten Jahrhundert bildet sich die Kirche zur selbstständigen Existenz aus. Denn es kann nicht ein solcher Zustand wie im alten römischen Kaiserthume oder im byzantinischen Reiche entstehen, wo Privatrecht allein die Hauptsache der Existenz ausmacht. Denn in diesem Zustande ist die christliche Religion vorhanden, die wenigstens das allgemeine Heilmittel enthält, wenn es auch noch nicht den Geist zu wahrer Gesundheit bringen kann. Die Elastizität der Religion treibt die Gemüther gegen so einen Zustand allgemeiner Gewaltthätigkeit, und festhalten desselben an einem Momente. Das Verderben des sich geltendmachen des einen Prinzips kann sich nicht vollführen, sondern erregt die Wirksamkeit des ebenfalls vorhandenen Prinzips, das dann um so energischer hervortritt, jemehr das erste Kraft gewonnen hat. Nachdem also das System des Unrechts sich systematisirt hat, sehen wir, daß es diesem System in sich selbst nicht geheuer war. Eine Darstellung hiervon war der allgemeine Glaube an den Untergang der Welt, der nahe sei, im 10ten Jahrhundert. | Dieser Glaube hat dann zunächst noch diese äußerliche Wirkung gehabt, daß er der Kirche die endliche Schenkung dessen verschaffte, was sie früher einbüßte. Zuerst ist in dem allgemeinen Zustande, den wir sehen, in sofern die Kirche daran Theil hatte, das Bedürfniß vorhanden, daß ihm Schranken gesetzt wurden, und diese Schranke kann zunächst nur die Kirche setzen. Bei allem Formalismus der religiösen Bestimmungen, brachte doch der Zustand immerwähren-

1–2 Die Könige … Vorsteherschaft.] Do: Die Kirchen, deren Vorsteher kriegsverständige, kriegserfahren waren, wußten sich in Achtung zu setzen. | denn sie setzen sich in das Verhältniß 7 Roheit und Zügellosigkeit.] Do: Daher viele Schilderungen von der 30 von Vorstehern. Gewalt thätigkeit derselben. 8 bildet sich] Do: erhebt sich die Kirche wieder und bildet sich auf ihrer Seite 12 wenigstens das allgemeine] Do: das absolute 13 wahrer] Do: vollkomener 17 Wirksamkeit] Do: Thätigkeit 19 systematisirt] Do: organisirt 21 Untergang der … Jahrhundert] Do: nahen Untergang der Welt gesehen, diß innre Grauen, dieß an sich von sich 35 Abfallen des Geistes der subjektiven Leidenschaft und der Befriedigung und in Unrecht und Gewalt thätigkeit 23 der Kirche … verschaffte] Do: durch unendliche Schenkungen das der Kirche ersetzt 24 allgemeinen] Do: weltlicher 26–766,4 Bei allem … befestigt.] Do: Dieser Zustand machte die Autorität der Kirche zu einem Bedürfniß, und diese leistete das Ihre durch die Einsetzung der Gottesfrieden, und diese Unterwerfung der Gewalt thätigkeit wird 40 durch Strafen geltend gemacht. 19 Unrechts so Do; in Pi eine Textlücke von einem Wort

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der Fehden und Unsicherheit jenes Bedürfniß hervor. Die Kirche hat so durch Festsetzung des Gottesfriedens wenigstens an einzelnen Tagen die Unruhen und Kriege unterbrochen und die Sicherheit durch Interdikte und geistliche Strafen befestigt. So griff die geistliche Macht auch in das Weltliche über. Der Päbstliche Stuhl war Privateigenthum geworden, die Grafen von Tusculum besetzten ihn mehrere Jahrhunderte hindurch. Kaiser Heinrich III suchte hierin eine Reform hervorzubringen; besonders aber focht Gregor VII für die Unabhängigkeit der Kirche. 2 Punkte hob er vornähmlich hervor, 1) das Cölibat. Schon Nicolaus II hatte das Cölibat wieder geltend gemacht, und von jeher galt | die Verheurathung der Geistlichen als etwas dem Geiste der Kirche und dem Gehorsam ihrer Glieder widersprechendes. Allein im 10ten Jahrhundert war die Verheurathung häufig geworden. Nicolaus II erklärte daher die verheuratheten Kleriker als Ketzer. besonders aber hat Gregor VII diese Einrichtung durchgesetzt, indem er den verheuratheten Geistlichen verbot, die Messe zu lesen, sie in den Bann that etc. Diese Bestimmung hat die existirende Kirche besonders isolirt. Die Kirche schloß sich nicht nur von der Sittlichkeit des Staats, die noch nicht eigentlich vorhanden war, sondern von der Sittlichkeit der Ehe, der Sittlichkeit, wo der Mensch in dem Anderen, Sittlichen sich versenkt, und für den Anderen substantiellen sittlichen Inhalt ausmacht. Der 2te Punkt, welchen Gregor VII vornehmlich durchsetzte, war die Ausrottung der Simonie, welche darin bestand, daß weltliche Herren geistliche Aemter besetzten. Er brachte es dahin, daß geistliche Aemter nur von der Geistlichkeit besetzt wurden. Hieran knüpft sich der langwierige Streit deutscher Kaiser mit dem Pabste. In Deutschland waren viele Bischöfe weltliche Fürsten und dem Kaiser war wenigstens die Macht geblieben, die Lehen zu vergeben. Das Eigenthümliche in Deutschland fand vornehmlich im nördlichen und | östlichen Deutschland statt, welches erst nach Karl dem Großen erobert war. Hier hatte sich nicht wie in Frankreich und Spanien das erobernde Volk festgesetzt. Die Christlichkeit, die dahin versetzt wurde, fand also nicht solche Herren wie anderwärts. Wenn nun jetzt diese Bisthümer und Erzbisthümer so unabhängig gemacht werden sollten, daß sie vom Kaiser nicht mehr bestellt, sondern von der Geistlichkeit besetzt wurden, so waren sie politisch unabhängig geworden, und

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4–5 Der Päbstliche Stuhl] Do: Der Wandel des Lebens der Geistlichkeit war so übel geworden, der päpstliche Stuhl 7 Unabhängigkeit] Do: consequente Selbstständigkeit 12 geworden] Do: geworden besonders in Frankreich und Italien 21 weltliche] Do: weltliche mächtige 27 nach 35 Karl … erobert] Do: später dem Reich unterworfen 28 das erobernde Volk festgesetzt] Do: weltliche Herrn sich von Anfang an festgesetzt hatten 32–767,1 waren sie … gekommen] Do: wären sie auch in weltlicher Hinsicht unter die Herrschaft des Papstes gekommen 5 Tusculum so Do; in Pi eine Textlücke von einem Wort

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ganz unter geistliche Herrschaft gekommen. Dieser Streit wurde dann unter Heinrich V und Calixtus II durch den Vergleich zu Worms geschlichtet. Der Kaiser sollte persönlich oder durch Commissarien bei der Wahl g e g e n w ä r t i g sein, jedoch ohne Simonie auszuüben und den Erwählten die Belehnung geben die temporalia. Auf diese Weise erhielt der Kaiser durch den Lehnsnexus Einfluß auf die Wahl. Im Ganzen hat aber der Staat an Bedeutung dadurch verloren, daß die Reichsfürsten, wie sie noch angesehen werden als Vasallen des Kaisers, unabhängiger geworden sind. Das Hauptinteresse war aber doch, daß diese Bisthümer etc von Capiteln vergeben werden sollten und nicht vom Papste. Die Erweiterung der päbstlichen Gewalt, daß der Pabst einen großen Theil der beneficien in Anspruch nahm, | was dem Pabste, trotz aller Einschränkung, in der letzten Zeit doch große Macht gab. Wenn also auch diese Bisthümer etc. ihm nicht mehr ganz unterworfen waren, so hingen sie doch mittelbar von der Disposition des Pabstes ab. – Ein 3ter Punkt ist, daß der Pabst sich an die Spitze der Concilien stellte. Fr