Poesie und Konspiration: Beziehungssinn und Zeichenökonomie von Verschwörungsszenarien in Publizistik, Literatur und Wissenschaft, 1750-1850

Conspiracy theories hold an unending fascination. As early as the 17th century, stories were in circulation of the alleg

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Poesie und Konspiration: Beziehungssinn und Zeichenökonomie von Verschwörungsszenarien in Publizistik, Literatur und Wissenschaft, 1750-1850

Table of contents :
Einleitung
1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus
1.1 Begriffliche Klärungen
1.2 Entstehungsbedingungen
1.3 La réalité du projet de Bourg-Fontaine. Beweise und Folgen
1.4 Ergebnisse
2. Aufklärung und Gegenaufklärung
2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis
2.2 Spezifikationen, Segmentierungen
2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung
2.4 Verschwörungstheorien der Gegenaufklärung
2.5 „Magnetische Desorganisation der Menschheit“ - Mesmerismus
2.6 Ergebnisse
3. Geheime Lenkung. Ästhetische Modelle
3.1 Täuschung und Entlarvung. Schiller
3.2 „Ein verborgen wirkender höherer Verstand“. Goethe
3.3 Überbietungsversuche. Tieck
3.4 Ergebnisse
4. Die Französische Revolution: „Werck der 44“?
4.1 Conjuration der Philosophen
4.2 „Jakobiner als praktische Illuminaten“. Konkretionen
4.3 Triumph der Philosophie. Konspirationistische Ideengeschichte
4.4 Ergebnisse
5. „Unsichtbare Kirche“ oder „Verschwörung der Gelehrten“. Romantik
5.1 Literarische Gruppenbildung und ihre Wirkungen
5.2 Netzwerke der romantischen Wissenschaft
5.3 Von kollektiver zu individueller Paranoia. Erzähltexte nach 1800
6. Aufhebungen des Konspirationismus. Zeitroman und Gesellschaftsheorie
6.1 Restauration der Vernunft
6.2 Enthüllungsfiguren im historischen Materialismus
6.3 „Geheime Fäden“ und „Gespenster des Communismus“
Fazit
Quellen- und Literaturverzeichnis
Unveröffentlichte Quellen
Primäre Quellen und Texte
Forschungsliteratur
Register

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Ralf Klausnitzer Poesie und Konspiration

w DE

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spectrum Literaturwissenschaft / spectrum Literature Komparatistische Studien / Comparative Studies

Herausgegeben von/Edited by Angelika Corbineau-Hoffmann · Werner Frick

Wissenschaftlicher Beirat / Editorial Board Sam-Huan Ahn · Peter-Andre Alt · Aleida Assmann · Francis Claudon Marcus Deuffert · Wolfgang Matzat · Fritz Paul • Terence James Reed Herta Schmid · Simone Winko · Bernhard Zimmermann Theodore Ziolkowski

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Walter de Gruyter · Berlin · New York

Ralf Klausnitzer

Poesie und Konspiration Beziehungssinn und Zeichenökonomie von Verschwörungsszenarien in Publizistik, Literatur und Wissenschaft 1750-1850

Walter de Gruyter · Berlin · New York

© Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISBN 978-3-11-020039-3 ISSN 1860-210X Bibliografische Information der Deutschen

Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Copyright 2007 by Walter de Gruyter G m b H & Co. K G , D-10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in G e r m a n y Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus 1.1 Begriffliche Klärungen 1.2 Entstehungsbedingungen 1.2.1 Kausalität, Kontingenz, Providenz 1.2.2 Beobachtung unsichtbaren Handelns 1.2.3 Verhaltenslehren, Ordensregeln, Logik des Verdachts 1.3 La realite du projet de Bourg-Fontaine. Beweise und Folgen 1.3.1 Hypothetische Methode, monokausale Reduktionen 1.3.2 Ecclesia visibilis universalis und häretische Sekten 1.3.3 Verbreitung und Diskussion 1.4 Ergebnisse 2. Aufklärung und Gegenaufklärung 2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis 2.2 Spezifikationen, Segmentierungen 2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung 2.3.1 Jesuitische Unterwanderung arkaner Gesellschaften 2.3.2 „Kryptokatholizismus" und „Proselytenmacherei" 2.3.3 Verschwörungstheoretiker vor Gericht 2.3.4 Ursachen des kollektiven Verfolgungswahns 2.4 Verschwörungstheorien der Gegenaufklärung 2.4.1 Nosce te ipsum. B. - et alios" 2.4.2 Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik 2.5 „Magnetische Desorganisation der Menschheit" - Mesmerismus 2.6 Ergebnisse 3. Geheime Lenkung. Ästhetische Modelle 3.1 Täuschung und Entlarvung. Schiller 3.1.1 Narrative Verfahren, interne Verweisstrukturen 3.1.2 Externe Referenzen 3.1.3 Die Regeln der Simulation

1 34 47 64 66 76 88 99 103 111 120 131 142 152 165 179 187 215 240 262 273 277 294 321 332 340 349 353 360 374

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Inhaltsverzeichnis

3.2 „Ein verborgen wirkender höherer Verstand". Goethe 3.2.1 Textinterne Elemente 3.2.2 Die „wichtigsten Urkunden des Jahrhunderts" als Subtext 3.2.3 Der Bildungsroman und sein Untergrund 3.3 Überbietungsversuche. Tieck 3.3.1 Akkomodationen 3.3.2 Anthropologisches Wissen 3.3.3 Negativer Bildungsroman 3.4 Ergebnisse 4. Die Französische Revolution: „Werck der 44"? 4.1 4.2 4.3 4.4

Conjuration der Philosophen „Jakobiner als praktische Illuminaten". Konkretionen Triumph der Philosophie. Konspirationistische Ideengeschichte Ergebnisse

381 383 389 401 404 406 409 413 415 420 429 445 461 470

5. „Unsichtbare Kirche" oder „Verschwörung der Gelehrten". Romantik.... 482 5.1 Literarische Gruppenbildung und ihre Wirkungen 5.2 Netzwerke der romantischen Wissenschaft 5.3 Von kollektiver zu individueller Paranoia. Erzähltexte nach 1800 6. Aufhebungen des Konspirationismus. Zeitroman und Gesellschaftsheorie 6.1 Restauration der Vernunft 6.2 Enthüllungsfiguren im historischen Materialismus 6.3 „Geheime Fäden" und „Gespenster des Communismus"

488 512 539

556 563 573 590

Fazit

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Quellen- und Literaturverzeichnis

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Unveröffentlichte Quellen Primäre Quellen und Texte Forschungsliteratur Register

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Einleitung Nur wenige Stunden nach dem Johann Joachim Christoph Bode am 13. Dezember 1793 in Weimar gestorben war, ließ Herzog Ernst II. von SachsenGotha den masonisch-illuminatischen Nachlaß des namhaften Publizisten, Übersetzers und Verlegers versiegeln. Bode hatte diesen Teil seiner schriftlichen Hinterlassenschaft, der mehrere tausend Dokumente und unter anderem den Hauptteil der Illuminatenpapiere aus dem norddeutschen Raum enthielt, aus Loyalitätsgründen gegenüber dem Herzog (der auch dem Ordensgründer Adam Weishaupt Asyl geboten hatte) noch zu Lebzeiten für die stolze Summe von 1500 Talern verkauft - obwohl er die Dokumente lieber veröffentlicht als verwahrt gesehen hätte.1 Für die Historiographie der Arkangesellschaften wie fur die Geschichtsschreibung der Aufklärungszeit wäre ein freier Zugang zu diesen Materialien von unschätzbarer Bedeutung gewesen, denn - so hieß es noch dreißig Jahre später über Bode - „kein Privatmann war je mit einem reichern Archiv versehen und niemand eifriger, seine Kenntnisse zu vermehren und sich seltne und kostbare Quellen des Wissens zu verschaffen."2 Doch Herzog Ernst II. fürchtete das brisante Material und seine Publikation. Nicht ohne Grund. In der Zeit zahlreicher Spekulationen über die Beteiligung des arkangesellschaftlichen Aktivisten Bode an Vorbereitungen zur Französischen Revolution hätte es einen erneuten Skandal auslösen können. Die Erinnerung an die Veröffentlichung von Originalschriften des Illuminatenordens vor gerade erst sechs Jahren war noch frisch. Drucklegung und Verbreitung dieser Dokumente - vom ehemaligen Ordensmitglied Friedrich Heinrich Jacobi als „die wichtigsten Urkunden des Jahrhunderts" bezeichnet3 - hatten einen kaum vorstellbaren Aufruhr verursacht; der Nachtrag von weitern Originalschriften, 1

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Wie Bodes Nachlaßverwalter Christian Gottlob von Voigt am 15. Dezember 1793 an Emst II. von Sachsen-Gotha mitteilte, hatte Bode mehrfach die Absicht geäußert, „alle Rücksichten und sogar persönliche Gefahren dem gemeinsamen größeren Besten aufzuopfern und gewisse Entdeckungen öffentlich bekannt zu machen"; Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Nachlaß Johann Joachim Christoph Bode, Signatur 5. 2. G 39, Nr. 101, Dokument 267. Für die Genehmigung zur Benutzung dieser Materialien danke ich der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln", Berlin; fur Unterstützung und Informationen danke ich Cornelia Lange (Geheimes Staatsarchiv). Wer war eigentlich der Ritter mit der rothen Feder? Beantwortung dieser, für die Geschichte der Maurerei nicht unwichtigen Frage aus den Papieren eines verstorbenen Bruders. Von A******d. In: Zeitschrift für Freimaurerei. Als Manuscript gedruckt für Brüder 1 (1823), 2. Heft, S. 207-245, hier S. 223. Friedrich Heinrich Jacobi: Einige Betrachtungen über den frommen Betrug und über eine Vernunft, welche nicht die Vernunft ist. In: Deutsches Museum 1788, Bd. 1, S. 153-188, hierS. 175.

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Einleitung

welche die Illuminatensekte überhaupt, sonderbar aber den Stifter derselben Adam Weishaupt, betreffen und weitere Enthüllungen diskreditierten den Ordensgründer und sein System nachhaltig. Nur ein Jahr vor Bodes Tod hatte die von Leopold Alois Hoffmann herausgegebene Wiener Zeitschrift eine Kampagne begonnen, die mit der Erklärung von Jakobinern zu „praktischen Illuminaten" eindeutige Schuldzuweisungen vornahm.4 In diesem Periodikum erschien im April des Jahres 1793 auch der sehr wahrscheinlich von Ludwig Adolf Christian von Grolman stammende Aufsatz Ein wichtiger Aufschluß über eine noch weniger bekannte Veranlassung der französischen Revolution mit detaillierten Informationen über die 1787 unternommene Reise von Johann Joachim Christoph Bode und Christian Wilhelm von dem Bussche nach Paris, in dem diese „zween Deutsche, die unter den Illuminaten ansehnliche Stellen bekleideten" als die personalen Verbindungsglieder zwischen einer angeblich in Deutschland geplanten „Weltreformation" und der revolutionären Explosion in Frankreich exponiert wurden.5 Deshalb sorgte Ernst II. mit Hilfe ehemaliger Illuminaten noch am Abend von Bodes Todestag für die Sicherung von dessen Papieren, unter denen sich auch der Beitrittsrevers und drei Briefe Johann Wolfgang Goethes befanden.6 Im Juni 1804 entschied er, die noch immer versiegelte Dokumentensammlung nach seinem Tode dem Archiv der Großen Nationalloge von Schweden übergeben zu lassen - was im gleichen Jahr geschah. Als ein „heiliges, niemals zu eröffnendes Depositum"7 befanden sich Bodes Illuminaten- und Maurerpapiere im Stockholmer Archiv der Nationalloge, bis sie - nun als „Schwedenkiste" bezeichnet - 1881 nach Gotha zurückgelangten und von einigen Forschern eingesehen werden durften, ohne jedoch systematische Auswertung zu erfahren.8 Aktenverschluss nach dem Ersten Weltkrieg, Konfiszierung und Benut4

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[Anonym:] Patriotische Reflexionen über den Zweck und die Veranlassung besagter Urkunden (zum Behuf der allemeusten deutschen Reichsgeschichte). In: Wiener Zeitschrift IV (1792), H. 11, S. 137-161, hier S. 141: „Ein Jakobiner ist nichts mehr und nichts weniger als ein praktischer Illuminat nach dem im Baierlande gebohrnen, und dort und anderwärts großgezogenen Weishaupt-Kniggischen Illuminaten-Sistem." [Ludwig Adolf Christian von Grolman?:] Ein wichtiger Aufschluß über eine noch weniger bekannte Veranlassung der französischen Revolution. (Mitgeteilt von zuverlässiger Hand.) In: Wiener Zeitschrift 2 (1793), S. 145-158, hier S. 152. Vgl. Renate Endler: Zum Schicksal der Papiere von Johann Joachim Christoph Bode. In: Quator coronati 27 (1990), S. 9-35. H[einrich] A[ugust] O[ttokar] Reichard: Seine Selbstbiographie. Überarbeitet und hrsg. von Hermann Uhde. Stuttgart 1877, S. 338f. Zu den Forschern, die Bodes Materialien nutzen konnten, gehörten Arthur Ott, der 1910 die Studie Goethe und der Illuminatenorden veröffentlichte (in: Wilhelm Bode [Hrsg.]: Stunden mit Goethe. Für die Freunde seiner Kunst und Weisheit. Bd. 6. Berlin 1910, S. 85-91) und Rene Le Forestier, dessen materialreiche Untersuchung Les Illumines de Baviere et la franc-magonnerie allemande (Paris 1914, Nachdruck Genf 1974) noch immer nicht übersetzt ist. Genutzt wurde die „Schwedenkiste" auch durch Joseph Hansen, der auf dieser Basis die Mitgliederverzeichnisse in seiner vierbändigen Dokumen-

Einleitung

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zung durch Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS bzw. des Reichssicherheitshauptamtes, Auslagerung nach Schlesien und Überfuhrung durch die Rote Armee nach Moskau verhinderten die Erforschung dieser Materialien weiter. 19 von 20 Bänden der „Schwedenkiste" gelangten im Zuge der Rückgabe kriegsbedingt verschleppter Kulturgüter 1955 in das Zentrale Staatsarchiv der DDR nach Halle-Merseburg, wo sie geordnet und in den 1980er Jahren u.a. durch Hermann Schüttler und W. Daniel Wilson ausgewertet wurden.9 Während der Historiker Hermann Schüttler durch systematische Aufarbeitung der verfügbaren Mitgliederverzeichnisse eine materialgesättigte Darstellung zu personeller Struktur, Ausbreitung und Geschichte des Illuminatenordens vorlegte,10 rekonstrierte der US-amerikanische Germanist W. Daniel Wilson in seiner Studie Geheimräte gegen Geheimbünde erstmals umfassend Goethes Stellung und Tätigkeit innerhalb der Illuminaten an der Ilm. Eine Vielzahl von bislang unbekannten Dokumenten auswertend, verfocht der nach eigener Aussage einer „linken Literaturwissenschaft"1' verpflichtete Wilson eine These, die - bei durchgehender Anerkennung der quellenerschließenden Leistungen rasche und einhellige Kritik fand: „dass Goethe und sein Herzog nicht aus Engagement dem Illuminatenorden beitraten, sondern zum Zweck der Überwachung" bzw. zur „Unterdrückung und Einschüchterung progressiver Kräfte".12 Ausgangs- und Zielpunkt dieser Behauptung ist die Überzeugung von einer verhängnisvollen Allianz zwischen bürgerlicher Intelligenz und autoritä-

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tensammlung Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der französischen Revolution (Bonn 1931) erstellen konnte. Der verschollen geglaubte zehnte Band der „Schwedenkiste" lagerte jahrzehntelang in einem Sonderarchiv des Zentralen Staatsarchivs in Moskau, das seit 1991 der Forschung zugänglich ist und inzwischen die Bezeichnung Zentrum fiir die Archivierung historisch-dokumentarischer Sammlungen trägt. Im Oktober 1993 fand die Merseburger Archivrätin Renate Endler den Band, in dem sich u.a. die eigenhändig geschriebenen Beitrittsreverse zahlreicher norddeutscher Illuminaten, insbesondere aus Weimar und Gotha, darunter auch diejenigen Goethes und Herders befinden. Zugleich enthält der Band die mit eigener Hand geschriebenen Lebensläufe zahlreicher Mitglieder, lokal und regional gegliederte Mitgliederverzeichnisse und zahlreiche Fragebögen, die beim Eintritt in den Orden auszufüllen waren; vgl. Renate Endler: Band X der Schwedenkiste aufgefunden. In: Quator coronati 31 (1994), S. 189-197. Eine erstmals zuverlässig nach der Handschrift erfolgende Mitteilung von Goethes Revers (der zusammen mit den Beitrittserklärungen der Herzöge Ernst von Sachsen-Gotha, August von Sachsen-GothaAltenburg, Carl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Ferdinand von BraunschweigLüneburg und Johann Gottfried Herders der alphabetischen Zusammenstellung der Beitrittsreverse in der ersten Abteilung vorangestellt ist) gibt Dirk Kemper: „[...] die Vorteile meiner Aufnahme". Goethes Beitrittserklärung zum Illuminatenorden in einem ehemaligen Geheimarchiv in Moskau. In: Goethe-Jahrbuch 111 (1994), S. 315-322. Hermann Schüttler: Die Mitglieder des Illuminatenordens 1776-1787/93. München 1991. W. Daniel Wilson: Geheimräte gegen Geheimbünde. Ein unbekanntes Kapitel der klassisch-romantischen Geschichte Weimars. Stuttgart 1991, S. 14. Ebenda, S. 13.

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Einleitung

rem Staat: Seit dem 18. Jahrhundert hätten deutsche Intellektuelle um begrenzter Reformen willen mit dem Staat paktiert. 13 D a s Echo - insbesondere auf die provokante These v o m „Spitzel" Goethe - war nicht unbeträchtlich; 14 Wilson antwortete mit weiteren Publikationen. 15 D i e zentrale These in Wilsons Monographie Geheimräte gegen Geheimbünde birgt j e d o c h mehr als nur den Sprengsatz, u m ein bisheriges GoetheBild (das der Germanist aus Berkeley gern auch als „Ikone" bezeichnet) nachhaltig zu beschädigen. W e n n Wilson behauptet, dass Goethe und sein Herzog d e m Illuminatenorden mit verborgenen b z w . geheim gehaltenen Intentionen beitraten und also eine „Unterwanderung der Unterwanderer" beabsichtigten, schließt er an ein Deutungsmuster für soziales Handeln an, das eine lange

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Explizit in W. Daniel Wilson: Zum Dichten geboren, zum Spitzeln bestellt. In: Die Zeit vom 30. Dezember 1994, S. 28, wo Wilson seine Wertungsperspektive bis ins 20. Jahrhundert fortsetzt: „Wenn beispielsweise Martin Heidegger seinen Beitritt zur NSDAP damit zu entschuldigen suchte, er wolle ,den Führer fuhren' - ist das in der Konzeption [...] wirklich so völlig anders als Goethes Versuch, die bestehende Ordnung durch Lenkung des absolutistischen Herrschers zu ändern? Wenn Intellektuelle in der DDR sich darauf einließen, Gespräche über kulturelle Themen mit Vertretern des Staates zu führen, in der Hoffnung, deren (Kultur-)Politik zu ändern, im Gegenzug jedoch bereit waren, nicht nur sich selbst zensieren zu lassen, sondern auch Oppositionelle zu bespitzeln - ist das dann so ganz anders als Goethes politisch-ästhetische Beziehungen zum Herzog, denen er seine Freundschaften mit anderen ,Gelehrten' opferte?"

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Vgl. die Rezensionen von Manfred Agethen in: Das 18. Jahrhundert 17 (1993), S. 215f.; Ernst-Otto Fehn in: Arbitrium 11 (1993), S. 193-195; Michael Holtermann in: Zeitschrift für deutsche Philologie 112 (1993), S. 293-301; Dirk Kemper in: Aurora 53 (1993), S. 195-201; Jill Anne Kowalik in: Lessing Yearbook 25 (1993), S. 303-306; Hartmut Reinhardt (in: IASL 19 (1994), S. 176-180. Neben Repliken auf Kritiker und Aufsätzen zum Thema erschien 1999 die Abhandlung Unterirdische Gänge. Goethe, Freimaurerei und Politik, die im gleichen Jahr veröffentlichte die Studie Das Goethe-Tabu intervenierte gegen die „Mär von der Liberalität des Herzogtums Weimar" und kam nach Auswertung der im Thüringischen Hauptstaatsarchiv verwahrten Akten über Amtsvorgänge, an denen Goethe zwischen 1776 und 1805 beteiligt war, zu dem Schluss, dass „Goethes Symbiose mit der Macht, mit der feudalabsolutistischen Herrschaft tiefer war, als bisher vermutet"; W. Daniel Wilson: Das Goethe-Tabu. Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar. München 1999, S. 21 und 291. Seine (politische) Wirkungsabsicht legt Wilson im abschließenden Absatz offen: „Das Jahr 1999 [...] wäre die Gelegenheit, die politische Legende Weimar nicht weiter zu strapazieren, sondern zu verabschieden. Der Ruhm des klassischen Weimar ist nicht auf politischem Gebiet zu suchen, sondern auf ästhetischem, und das dichterische Erbe Goethes ist mächtig genug, um nicht auch noch für die Idee des starken Staates einstehen zu müssen. Es ist zu hoffen, dass das Tabu, mit dem der Name Goethe die Erforschung der unschmackhaften politischen Zustände im Herzogtum Weimar belegt hat, im neuen Jahrhundert ein verdientes Ende findet. Das wäre auch die Gelegenheit, die Erkenntnis zu vertiefen, dass das Volk in Deutschland nicht unbedingt .leichte gehorcht', wie der Weimarer Herzog vorschnell behauptete, sondern auf eine lange und starke Tradition politischer Aufmüpfigkeit zurückblicken kann. Sie richtete sich allerdings auch gegen die zentrale Ikone der deutschen Kultur." (Ebenda, S. 292f.)

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Einleitung

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Tradition aufweist: Er entwirft das Szenario einer Verschwörung. 16 Von der Annahme einer fundamentalen Differenz zwischen Schein und Sein, zwischen vorgetäuschten Absichten und „eigentlichen" verborgenen Intentionen ausgehend, liefert Wilson eine Deutung für das Handeln untereinander verbundener Akteure, die selbst konspirationistische Züge aufweist: Der Weimarer Herzog Carl August, Ernst II., Goethe und andere dem Orden Weishaupts beigetretene Repräsentanten des „aufgeklärten Absolutismus" gelten als Beobachter des Geheimbundwesens ihrer Zeit mit verheimlichten Interessen; ihre Äußerungen und Taten werden als Indizien für eine Kluft zwischen scheinbarer Liberalität und tatsächlichem Misstrauen ausgewertet. Und auch wenn der Autor seine Aussagen nach pointiert-apodiktischer Formulierung im Vorwort durch Vokabeln und Wendungen wie „vermuten" (95) und „Vermutung" (112), „hat den Anschein" oder „lassen wenigstens die Vermutung nicht ausschließen" (90) eher vorsichtig vorträgt, suggeriert seine Darstellung ein Bild diskreter Verabredungen, verdeckter Ermittlungen und gezielter Machinationen. Strukturell bedingte Entwicklungen und Zufalle sind in diesem Tableau ausgeschlossen. Mit dieser Modellierung komplexer Vorgänge verwendet die Darstellung ein (von Daniel Wilson selbst heftig attackiertes) Erklärungsmuster, das im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen wird: Es ist das Konzept eines auf innerweltliche Akteure bezogenen Konspirationismus, das zur Deutung und Erklärung individuenübergreifenden Handelns im Zusammenhang mit weitreichenden Umstellungen in Beobachtungsverfahren und Zurechnungsprinzipien seit der Frühen Neuzeit generiert, ausgestaltet sowie in vielfaltigen medialen Figurationen verbreitet wurde und im folgenden unter Konzentration auf ihre ideengeschichtliche Voraussetzungen, ihre Bezüge und Referenzen und die Ökonomie ihrer Zeichenverwendung untersucht werden soll. Als Verschwörungsszenarien gelten textuell formulierte bzw. vermittelte Interaktionsmodelle, die bei allen Unterschieden in Referenz und textsortenspezifischer Ausgestaltung ein gemeinsames Merkmal aufweisen: Sie beschreiben, deuten und erklären Ereignisse, Konstellationen und Entwicklungen in sozialen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen etc. Zusammen-

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So schon gesehen durch Hans-Jürgen Schings: Die Brüder des Marquis Posa. Schiller und der Geheimbund der Illuminaten, Tübingen 1996, S. 21: „Es scheint ihm [Wilson] entgangen zu sein, daß er, der erbitterte Feind aller .reaktionären' .Verschwörungstheoretiker' (es müßte wohl heißen: Anhänger der Verschwörungstheorie), selbst einer neuen Verschwörungstheorie huldigt." Ähnlich ders.: .Wilhelm Meister' und das Erbe der Illuminaten. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 43 (1999), S. 123-147, zitiert nach der durchgesehenen Fassung in: Walter Müller-Seidel, Wolfgang Riedel (Hrsg.): Die Weimarer Klassik und ihre Geheimbünde. Würzburg 2002, S. 177-203, hier S. 182, wo die „neue Verschwörungstheorie aus Berkeley" als Entfaltung einer bereits in Richard Friedenthals Goethe-Biographie ausgesprochenen Vermutung zurückgewiesen wird.

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Einleitung

hängen als Resultat des heimlich verabredeten und koordinierten Handelns von personalen Akteuren Ohne späteren Explikationen vorzugreifen, ergeben sich aus dieser Bestimmung drei spezifizierende Parameter. Unabhängig von Geltungsanspruch und Adressierung basieren die im folgenden als „konspirationistisch" bezeichneten Szenarien auf narrativen Konzeptualisierungen, die in der textuellen Konstruktion von personalisierenden Konnexions- und Kausalrelationen konvergieren: Beobachtbare Ereignisse und Vorgänge in der sozialen Welt werden als zusammenhängende Phänomene gedeutet und als Wirkungen verborgener Ursachen erklärt, wobei die Intentionen personaler Akteure sowie ihre heimlichen, d.h. der Öffentlichkeit bewusst vorenthaltenen Pläne und Machinationen als invisibilisierte Wirkursachen sichtbarer Ereignisse gelten. Ob für die schlechte Einrichtung der Verhältnisse oder für den geplanten Umsturz der bestehenden Ordnung verantwortlich: Koordiniert handelnden Akteuren im konfessionsoder gesellschaftspolitischen Raum (Jansenisten, Jesuiten, Illuminaten etc.), im Wissenschaftssystem (Franz Anton Mesmer und den Anhängern seiner Lehre vom „animalischen Magnetismus", den Teilnehmern an der „romantischen Gelehrtenverschwörung" etc.) oder im literarischen Feld werden Planungen sowie Aktionen zur Durchsetzung verborgener Absichten zugeschrieben, indem abduktiv von „sichtbaren" Ereignissen und Konstellationen auf „unsichtbare" Verursacher und versteckte Absichten geschlossen wird. In welcher Weise schon die Darstellung „sichtbarer" Ereignisse modellierenden Vorannahmen unterliegt, wird im Untersuchungsgang ebenso zu klären sein wie die Art und Weise des Rückschlusses auf „unsichtbare" und personal bestimmte Ursachen. Zur Offenlegung der heimlich verbundenen und koordiniert handelnden Akteure wie zur Mitteilung der so entdeckten Komplottstrukturen bedarf es stets auch einer Beobachterposition, die in konspirationistischen Szenarien auf unterschiedliche Weise präsent ist. In nicht-fiktionalen „Enthüllungsschriften" bzw. historischen Darstellungen agiert ein anonymer, pseudonymer oder namentlich bekannter Autor bzw. Herausgeber, der über angeblich „reale" Verschwörungen informieren will und sich dazu verschiedener Darstellungsfor-

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Die Konzentration auf Texte bzw. Textbestandteile schließt die Berücksichtigung anderer medialer Artefakte aus, obwohl insbesondere der Film das Motiv der Konspiration wie das Verfahren des initiatorischen Erzählens kennen und nutzen; vgl. u.a. Gregory S. Camp: Selling fear: Conspiracy theories and end-times paranoia. Grand Rapids 1997; Mark Fenster: Conspiracy theories: secrecy and power in American culture. Minneapolis 1999; Timothy Melley: Empire of conspiracy: the culture of paranoia in postwar America. Ithaca 2000; Peter Knight: Conspiracy culture: from the Kennedy assassination to the X-files. London 2000; Robert Alan Goldberg: Enemies within. The Culture of Conspiracy in Modern America. Yale 2001; Matthias Hurst: Im Spannungsfeld der Aufklärung. Von Schillers Geisterseher zur TV-Serie The X-Files: Rationalismus und Irrationalismus in Literatur, Film und Fernsehen. Heidelberg 2001.

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men bedient - Bericht und Kommentar, Dialog und literarisch-narrative Gestaltungen sind nur einige Muster, die später zu spezifizieren und zu untersuchen sind. Eine in unterschiedlichen Masken auftretende Autor- bzw. Herausgeberfunktion findet sich aber auch in explizit als fiktional markierten Texten, die Komplottstrukturen und heimliche Intrigen imaginieren, um zu unterhalten und ein symbolisches Probehandeln zu ermöglichen. Zugleich bewegen sich in diesen Textwelten narrative Aktanten, die in oftmals komplizierten Relationen zu geheimen Konspirateuren stehen, die „verkappten" oder „verlarvten" Verschwörer letztlich aber „demaskieren", „entlarven" oder entdecken können. Adressat aller dieser initiatorischen Narrationen ist ein (impliziter wie realer) Leser, der durch Nachvollzug der faktualen oder fiktionalen Geltungsansprüche auf ebenfalls zu klärende Weise zur Instanz der Beobachtung und Entlarvung maskierter Konspirateure wird.'8 Die für Konspirationsszenarien konstitutive Zuschreibung von verborgenen Intentionen, heimlichen Verabredungen und koordinierten Planungen erzeugt und katalysiert innerhalb der konstruierten Textwelten spezifische Differenzierungen, die ihre interne Ausgestaltung und Rhetorik bestimmen. Trügerische Oberfläche und verborgene Gründe, vorgetäuschtes Tun und tatsächliche Absichten der heimlich verabredeten und koordiniert handelnden Akteure treten in einer Weise auseinander, dass in diesen Projektionen n i c h t s ist, wie es s c h e i n t und nahezu jedes Element der so erzeugten Textwelt zum Träger von Bedeutung(en) werden kann. Ob es sich um die martin istische Chiffre „C - Η - R" handelt (die der Mitherausgeber der Berlinischen Monatsschrift Johann Erich Biester als Signum einer jesuitisch gesteuerten Sammlung der „Catholiques Romains" deutete) oder um eine Geste der literarischen Figur Wilhelm Meister, der bei seiner Aufnahme in die „Turmgesellschaft" zum Schutz vorm blendenden Sonnenlicht die Hand heben muss (und damit ein

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Dabei kann es durchaus zu Überschneidungen und Mehrfachbelegungen kommen. So enthält etwa die 1786 anonym erschienene und Johann August Starck zugeschriebene „Sammlung merkwürdiger maurerischer Briefe, für Freimaurer und die es nicht sind" Saint Nicaise eine umfängliche masonische Autobiographie des fiktiven Autors Saint Nicaise, die sich an den imaginierten Sohn Gaston (und zugleich an den Leser) wendet und vor diesem die Geschichte des Hochgradsystems der „Strikten Observanz" ausbreitet - mit deutlichen Hinweisen auf heimliche Absichten und Machinationen seiner Schöpfer. Der reale Autor, der in den 1760er und 1770er Jahren mit einem als „Klerikat" bezeichneten Ordenssystem die Hochgradmaurerei zu unterwandern versucht hatte und dabei gescheitert war, agiert hier als Erzeuger eines konspirationistischen Szenarios, in dessen Rahmen sich eine fiktive Figur als Teilnehmer am Verfall der Arkangesellschaften in den 1770er Jahren und als „Enthüller" ihrer verborgenen Hintergründe bewegt. Diese Adressierungen ermöglichen eine Einweihung von Textfiguren und Leser; vgl. 2.3.3. Ähnliche Mehrfachbelegungen praktizieren literarische Texte, die durch personale Erzählsituationen eine gemeinsame Perspektive bzw. Mitsicht von literarischer Figur und Leser und also eine kongruent voranschreitende „Initiation" in Verschwörungen erzeugen; siehe 3.1 und 3.3.

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Initiationsritual des Illuminatenordens nachvollzieht, dem der Autor des Romans angehörte): In dieser Perspektive können nahezu alle Attribute von textuell fixierten Welten als bedeutsame Zeichen erscheinen und eine „unbegrenzte Semiose" (Umberto Eco) in Gang setzen. Wenn nichts ist, wie es scheint, erweist sich jedes Detail der sozialen Welt als bedeutungsvolles Indiz, das mit tendenziell selektionsloser Sensibilität wahrgenommen und mit universalem Mistrauen ausgewertet werden muss. Resultat dieser seit der Aufklärung auf innerweltliche Akteure fokussierten und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts intensivierten Beobachtungs- und Deutungsverfahren ist eine kollektive Paranoia, die Immanuel Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht als „besondere Art mit Vernunft zu rasen" bestimmte und deren Folgen sowohl politische Theoriebildung und Geschichtsschreibung als auch das Literatur· und Wissenschaftssystem in nun zu klärender Weise beeinflussten. Den zeitlichen Rahmen der vorliegenden Untersuchung markieren zwei Daten. Chronologischer Einsatzpunkt ist das Jahr 1755 - das Jahr, in dem in Paris das zweibändige Werk La realite du projet de Bourg-Fontaine, demontree par I 'execution des Jesuiten Henri Michel Sauvage erschien. Durch deutsche Jesuiten übersetzt, wurde es 1764 in Augsburg und Freiburg lateinisch u.d.T. Veritas Consilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrata und 1793 auf deutsch als Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine veröffentlicht. Sauvages „Demonstration" suchte einen bereits 1654 veröffentlichten und in den nachfolgenden Jahrzehnten heftig umstrittenen Bericht über einen angeblich 1621 in der Kartause von Bourgfontaine veranstalteten Geheimkongress von Jansenisten - auf dem ein heimlicher Plan zur Einfuhrung der deistischen Vernunftreligion und zur Abschaffung der Ordensgeistlichkeit verabredet worden sei - durch Abgleich mit historischen Tatsachen zu beweisen und kann als ein erstes Zeugnis für die moderne Ausprägung konspirationistischer Kombinatorik gelten. Den zeitlichen Endpunkt bilden die Jahre 1850/51, in denen Karl Gutzkows Roman Die Ritter vom Geiste erschien. Der vieldiskutierte literarische Text, der schon auf seinen ersten Seiten an das Schicksal des 1307 aufgehobenen und durch Philipp den Schönen verfolgten Tempelritterordens erinnerte und mit zahlreichen Verweisen auf dessen 1313 in Paris verbrannten Großmeister Jacques de Molay eine noch immer geheimnisumwitterte Projektionsfläche aufrief, imaginierte die Begründung einer Assoziation von Gleichgesinnten unter den Bedingungen einer ausdifferenzierten bürgerlichen Gesellschaft, die nicht nur die Ideen von „Socialismus und Philanthropie", sondern auch die „Gespenster des Communismus" verarbeiten musste. Zwischen den rahmenbildenden Texten besteht nicht nur eine zeitliche Differenz. Unterschiede betreffen ebensowohl Gegenstandsbezug und Wirkungsabsichten. Erhob die „Beweisschrift" La realite du projet de Bourg-

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Fontaine den Anspruch, über ein „projet de seduire" bzw. „einen regelmäßigen Plan" für den „verruchten Anschlag wider die Kirche Jesu Christi" zu informieren und so die bislang verborgenen Ursachen für gegenwärtige und zukünftige Geschehnisse aufzudecken,19 wies sich Karl Gutzkows Text im Vorwort explizit als „neuer Roman" und „Roman des Nebeneinanders" aus, der eine „ Weltanschauung" ausbreiten und „die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen Brennpunkt sammeln" wollte.20 Formulierte Sauvages „Demonstration" den Anspruch, die innerweltliche Quelle des Bösen aufzudecken („Le source de ce mal, quelle est-elle?"), so betonte Gutzkow die Absicht, durch Darstellung „dieser unserer alten und neuen Welt" zu unterhalten, d.h. durch dauerhafte Mobilisierung der Einbildungskraft zu faszinieren und die „Freiheit der Individuen neben der Nothwendigkeit des bezweckten Themas einer Geschichte darzustellen".21 Eine zentrale Gemeinsamkeit aber weisen beide Texte auf: Sie stellen Ereignisse und Vorgänge als intendierte Folge bzw. Resultat des koordinierten Handelns von heimlich verabredeten menschlichen Subjekten dar. Die Verknüpfung von Geschehensmomenten zu einem kausal geordneten und durch den Leser nachvollziehbaren Zusammenhang basiert auf der vorausgesetzten und im Textverlauf indizienreich bestätigten Annahme, dass sich heimlich verabredete und koordiniert handelnde Akteure mit dem Ziel verbinden, ihre verborgenen, d. h. der Öffentlichkeit entzogenen Intentionen durch koordinierte Aktionen durchzusetzen. Wie erwähnt, gilt die textuell fixierte Kausalverknüpfung von Ereignissen und Vorgängen mit dem intentionalen Handeln von heimlich verabredeten Akteuren und ihren koordinierten Machinationen zur Durchsetzung von Geltungsansprüchen als Bedingung, um von einem Verschwörungsszenario zu sprechen. Noch vor einer weitergehenden Differenzierung in (a) nichtfiktionale und zumeist publizistisch vermittelte Verschwörungstheorien und (b) in literarischen Texten erzeugte bzw. verbreitete Verschwörungsfiktionen umfasst der Begriff jene narrativen Konzeptualisierungen, die auf einer mehrgliedrigen Relationierung von Akteuren und Handlungen in einem nichtöffentlichen Zusammenhang beruhen: Verschwörungsszenarien unterstellen die Existenz einer Gruppe von Akteuren, deren Intentionen und Verabredungen durch spezifizierte Sekretierungsformen einer (wie auch immer bestimm19

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[Henri Michel Sauvage:] La realite du projet de Bourg-Fontaine demontre par l'execution (1755). Nouvelle Edition. Paris 1787, S. vi. Die deutschen Zitate entstammen der Übersetzung: Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden. Augsburg 1793. Bd. l . S . IV. Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Hrsg. von Thomas Neumann. Frankfurt/M. 1998. Bd. 1, S. 9 und 10. Karl Gutzkow: Vorwort zur dritten Auflage der ,Ritter vom Geiste'. In: Ders.: Die Ritter vom Geiste. Leipzig 31854/55, S. XII-XXIV, hier S. XIX.

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ten) Öffentlichkeit entzogen sind und deren geheim gehaltene Absichten und koordinierte Aktionen auf die Durchsetzung eigener Intentionen (und partiell auch auf den Gewinn von offener oder versteckter Dominanz im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Feld) zielen. Zugleich existiert in diesen Szenarien zumindest implizit eine Instanz zur Wahrnehmung, Beobachtung und Bewertung dieser konspirativen Akteure und ihrer Aktionen, die durch „Aufdekkung" und „Entlarvung" der bedrohlichen Kräfte die gefährdete Ordnung wiederherstellt. Elemente dieser Szenarien sind in zahlreichen Texten zu entdecken. Eine gleichsam musterbildende Kombinatorik weisen die schon erwähnte „Beweisschrift" La realite du projet de Bourg-Fontaine von 1755 mitsamt der ihr vorausgehenden Relation juridique von Jean de Filleau aus dem Jahre 1654 und respondierenden jansenistischen und jesuitischen Polemiken auf: Intrakonfessionelle Opponenten stigmatisieren sich wechselseitig als „Secte" und „Zusammenverschwörung" und legen nicht nur die Konstruktionsprinzipien personalisierender Zuweisungen offen, sondern dokumentieren auch die Muster aktualisierender Übertragung und kontextsensitiver Verbreitung in unterschiedlichen Zusammenhängen. - Annahmen über heimliche Kollektivakteure und ihre Machinationen zirkulieren in der vielfältigen Publizistik zu den seit Mitte des 18. Jahrhunderts expandierenden Arkangesellschaften, deren Aktivitäten so vielfältigen waren, dass die Regensburger Reichstagszeitung 1785 in einem von der Berlinischen Monatsschrift nachgedruckten Beitrag feststellte: „Nie hat sich der Sektengeist tätiger gezeigt, als in unsern Tagen, welche man die aufgeklärten nennt."22 Auf den überbordenden Zeichenwahn masonischer, rosenkreuzerischer und illuminatischer Hochgradsysteme und ihre „unbekannten Oberen" antworteten „Enthüllungen" und „Verräterschriften", die einen „Staat im Staate" beschrieben und dabei eine Formel aufgriffen, die Joseph Marius Babo in seiner „Ersten Warnung" Ueber Freymaurer verschwörungstheoretisch ausgedeutet hatte. Die tiefgehende Krise des Aufklärungsprojektes, die nach dem Machtantritt von Monarchen wie Karl Theodor von Bayern und Friedrich Wilhelm II. von Preußen offenkundig wurde, rief auf Seiten der Befürworter des Toleranz- und Vernunftprinzips einen kollektiven Verfolgungswahn hervor, der als „Jesuitenriecherei" in die Geschichte der Spätaufklärung einging. Zugleich beförderten die Aktivitäten wie die Veröffentlichung von Papieren des 1785 verbotenen Illuminatenordens eine paranoide Furcht vor Unterwanderern der bestehenden Ordnung: Ernst August von Göchhausen veröffentlichte 1786 seine Enthüllung des Systems der Weltbürgerrepublik und deckte in seiner die Zeitgenossen nachhaltig irritierenden Darstellung nicht weniger als das „geheime Laboratorium" für „Römischjesuitisch cosmopoliti-

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Neuer Beitrag zu einiger Kenntnis verschiedener jetzt existierenden Geheimen Gesellschaften. In: Berlinische Monatsschrift vom Oktober 1785, S. 355-374, hier S. 357.

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sehe Zaubertränke auf'. 23 Karl von Eckartshausen, ebenso ehemaliges Mitglied in Weishaupts Orden und später mystizistischer Theosoph, veröffentlichte 1791 anonym sein Pamphlet Ueber die Gefahr, die den Thronen, den Staaten und dem Christenthume den gänzlichen Verfall drohet: durch das falsche Sistem der heutigen Aufklärung, und die kecken Anmassungen sogenannter Philosophen, geheimer Gesellschaften und Sekten. Der Theologe Johann August Starck verfasste mit dem zweibändigen und erstmals 1803 erschienenen Werk Der Triumph der Philosophie im Achtzehnten Jahrhunderte eine konspirationistisch fundierte Ideengeschichte, die als Geschichte der Verschwörung des Rationalismus gegen Religion und Kirche, Fürsten und Staaten mehrfach wiederaufgelegt wurde. Das sich ausdifferenzierende Literatursystem nahm diese Elemente in vielfacher Weise auf. Der Bundesroman, seit Jean Terrassons 1731 in Paris erschienenem Roman Sethos, tiree des monuments anectodes de l'ancienne Egypte; traduite d'un manuscrit grec als europaweit rezipiertes Genre präsent - bereits 1732 erschien eine englische Übersetzung; 1777/78 wurde eine von Mathias Claudius übersetzte deutsche Fassung veröffentlicht - nutzte Elemente aus konspirationistischen Szenarien zur Erweiterung der personalen Konfiguration von Erzähltexten. Das „Geheimnis", konstitutives Element für das Selbstverständnis wie fur die Fremddarstellung von Arkangesellschaften, bot neue Lizenzen zur Gestaltung des Wunderbaren. Scheinbar omnipräsente Bundesemissäre und omnipotente Agenten einer „geheimen Lenkung" bevölkerten zahlreiche Texte, unter denen Friedrich Schillers unvollendet gebliebener Fortsetzungsroman Der Geisterseher, Johann Wolfgang Goethes zum Paradigma des „Bildungsromans" erklärtes Werk Wilhelm Meisters Lehrjahre sowie Ludwig Tiecks multiperspektivischer Briefroman William Lovell herausragen und besondere Beachtung verdienen. Einen Höhepunkt in der Produktion von konspirationistischen Szenarien löste die Französiche Revolution aus. In der Wiener Zeitschrift deuteten Leopold Alois Hoffmann und seine zumeist anonymen Mitstreiter die revolutionären Ereignisse als Ergebnis des Wirkens heimlich verbundener Illuminaten und Jakobiner; das Periodikum Eudämonia wurde zur publizistischen Plattform von konservativen Aufklärungsgegnern, die den französischen Ex-Jesuiten Augustin Barruel mit Material belieferten und so zu dessen vierbändigen Memoires pour servir ä l'histoire du Jacobinisme beitrugen. 1797/98 in London und drei Jahr später u.d.T. Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus in Münster veröffentlicht, markierte dieses Werk im Verbund mit der von John Robison verfaßten Darstellung Proofs of a Conspiracy against all Religions and Governments of Europe und Starcks Triumph der Philosophie 23

[Emst August Anton von Göchhausen]: Enthüllung des Systems der WeltbürgerRepublik. In Briefen aus der Verlassenschaft eines Freymaurers. Wahrscheinlich manchem Leser um zwantzig Jahre zu spät publizirt. Rom [Leipzig] 1786, S. 445.

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im Achtzehnten Jahrhunderte die Muster konspirationistischer Kombinatorik in einer Weise, wie sie noch in den verschwörungstheoretischen Projektionen des 20. Jahrhunderts erkennbar sind. Nach 1800 veränderten sich die Bezugsbereiche konspirationistischer Szenarien. Eine „Verschwörung der Gelehrten" konstatierte Joseph von Eichendorff in seinen Erinnerungen an die Anfänge der Romantik und nahm damit ein Deutungsmuster auf, das schon frühzeitig für die Versuche der „neuen Schule" zur Markierung von Positionen im kulturellen Raum verwendet worden war. Die Begriffskombination knüpfte an beobachtbare Vorgänge innerhalb des sich ausdifferenzierenden Literatur- und Wissenschaftssystems an: Gruppenbildung mit provokativer Positionierung gegen kreisexterne Autoren, verrätselte Schreibweisen und doppeldeutige Text-Produktion (mit einer „exoterischen" Lesart flir das breite Publikum und einer „esoterischen" Variante für die Zirkelangehörigen) bildeten Distinktionsstrategien eines Kreises, der sich selbst als „Bund der Geister" mit „schönen Geheimnissen" (F. Schlegel) inszenierte und von der kulturellen Öffentlichkeit misstrauisch beobachtet wurde. Die Organisation in exklusiven Strukturen wie in der Berliner Gesellschaft naturforschender Freunde, im Nordsternbund, im Loeben-Kreis oder in der Christlich-deutschen Tischgesellschaft rekurrierte auf Bindungsmuster arkaner Gesellschaften und erntete entsprechende Reaktionen, die von der Verdächtigung als „Klub ästhetischer Maratisten"24 bis zur Gründung von Gegenbewegungen reichten. Die Ausbildung eines Zitationskartells sich wechselseitig rezensierenden Autoren und ein bellizistischer Stil der Auseinandersetzung mit Konkurrenten prägten die ersten Vorstöße der Brüder Grimm in das Gebiet der Philologie ebenso wie die Bündnisse Jüngerer" Romantiker zur Herstellung von Unterscheidbarkeit - und nährten Vermutungen, dass hier verabredete Gelehrte und Literaten zur Besetzung universitärer bzw. kultureller Positionen rüsteten. Die 1830er und 1840er Jahre führten schließlich zu einer Historisierung und fiktionalen Modellierung konspirationistischer Szenarien. Ludwig Tiecks späte Novellistik gestaltete den in den 1780er Jahren vielfaltig kolportierten Vorstellungskomplex von einer jesuitisch gesteuerten Verschwörung gegen die Aufklärung literarisch aus; Varnhagen von Ense erinnerte essayistisch an Franz Michael Leuchsenring, der in den 1780er Jahren wesentliche Impulse für den kollektiven Verfolgungswahn der Spätaufklärer gegeben hatte; Georg Büchners Dramenfigur Woyzeck phantasierte - mit den Füßen auf vermeintlich hohlem Boden stampfend - die Freimaurerei als fortwirkende untergründige Bedrohung. Einen Einschnitt bildet die Zeit um 1850: Zwei Jahre nach dem Manifest der Kommunistischen Partei mit einer im ersten Satz markierten

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Garlieb Helvig Merkel: Briefe an ein Frauenzimmer über die neuesten Produkte der schönen Literatur in Teutschland. Berlin 1800, S. 114.

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Reminiszenz an obskurantistische Projektionen („Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus"25) erschien in neun Büchern Karl Gutzkows Roman Die Ritter vom Geiste, der noch einmal die Faszinationsgeschichte einer Geheimgesellschaft aktivierte, um den Leser des vielseitigen Werkes zur Lektüre zu motivieren. Und auch wenn damit noch keinesfalls das Ende von Verschwörungsszenarien gekommen war - erinnert sei hier nur an die seit 1855 erscheinenden Sensations- und Enthüllungsromane des Herrmann Goedsche alias Sir John Retcliffe, die nahezu die gesamte Weltgeschichte als Produkt der Intrigen dreier straff organisierter Geheimbünde (ultramontaner, revolutionär-demokratischer und jüdisch-kapitalistischer Herkunft) darstellten und einen Textbaustein für die später wirkungsmächtigen Protokolle der Weisen von Zion liefern sollten - scheint mit Gutzkows Roman und der sich formierenden Gesellschaftstheorie marxscher Prägung eine Zäsur gegeben, die einen Abschluss der Untersuchung motiviert: Während der „Roman des Nebeneinander" das Textelement der diskreten Verabredung zur Artikulation politischer Ideen und Bewegungen nutzte, um in der visibilisierten Praxis der „neuen Templer" zu demonstrieren, wie die „Gespenster des Communismus" zu bannen waren, entzog der historische Materialismus mit seiner Einsicht in die komplexen sozial-ökonomischen Determinanten gesellschaftlichen Handelns jenen Vorstellungen den Boden, die auf der Annahme einer planvollen Steuerung der Verhältnisse durch personal verbundene Akteure beruhten. Die knappen Hinweise auf die Vielfalt und den Beziehungsreichtum konspirationistischer Projektionen haben zentrale Einsatzpunkte der nachfolgenden Untersuchung berührt. Ein erster Punkt ist das Bezugs- bzw. Referenzproblem von Verschwörungsszenarien, die als eine Variante zur Deutung und Erklärung zunehmend komplexer Verhältnisse nicht zufallig am Beginn des durch Reinhart Koselleck als „Sattelzeit" bestimmten Zeitraums zwischen 1750 und 1850 eine neue Qualität gewannen und in unterschiedlichen Bereichen der sich ausdifferenzierenden modernen Gesellschaft zirkulierten. Mit dem Geltungsanspruch als „wahr" bzw. „den Tatsachen entsprechend" markiert, erschienen sie in publizistischen Beiträgen sowie monographischen Darstellungen und beabsichtigten eine Kausalerklärung konfessions- und realpolitischer, wissenschaftlicher oder literarischer Entwicklungen. Das Spektrum dieser Textproduktion ist überaus weit gefächert - es reicht von „Enthüllungen" und „Beweisschriften" über Denkschriften und Pamphlete (etwa über die jesuitische Unterwanderung der Aufklärung und ihrer Arkangesellschaften) bis zu den in der Wiener Zeitschrift und im Periodikum Eudämonia verbreiteten „Aufschlüssen" über die Französische Revolution und ihre konspirativ wir-

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Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Berlin 1956ff. (im folgenden MEW) Bd. 4, S. 461.

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kenden Urheber. Diese Ausprägungen werden im folgenden als Verschwörungstheorien bezeichnet (wobei der Anspruch an Theoriehaftigkeit noch zu klären ist) und von Szenarien in Texten abgegrenzt, die durch spezifizierte paratextuelle Markierungen sowie interne Merkmale als fiktionale Texte identifizierbar sind. Diese Verschwörungsfiktionen imaginieren konspirative Akteure und heimliche Handlungen, um faszinierend zu unterhalten. Die Differenzierung zwischen nicht-fiktionalen Verschwörungstheorien einerseits und literarischen Verschwörungsfiktionen andererseits erweist sich also ebenso wichtige wie zu begründende Unterscheidung. Denn schon die als eine Initialzündung des modernen Verschwörungsdenkens zu analysierenden Schriften über die angebliche „Realite du projet de Bourg-Fontaine" zeigen ebenso wie die um 1900 entstandenen und nach 1919 global verbreiteten Protokolle der Weisen von Zion den imaginativen Charakter dieser mit Wahrheitsanspruch auftretenden Texte. Sowohl die auf Parlamentsbeschluss 1758 in Paris öffentlich von Henkershand zerrissene und öffentlich verbrannte Schrift des Jesuiten Henri Michel Sauvage als auch die bereits 1921 als Quellenfiktion entlarvten Protokolle behaupten zwar, den Tatsachen zu entsprechen und also „wahr" zu sein einem Abgleich mit den historischen Tatsachen halten sie jedoch nicht stand: Es gab weder einen Kongress von Jansenisten in der Kartause von Bourgfontaine, auf dem ein Geheimplan zur Einfuhrung der deistischen Vernunftreligion und zur Abschaffung der Ordensgeistlichkeit beschlossen wurde,26 noch geheime Zusammenkünfte während des Baseler Zionistenkongresses, in deren Rahmen die anwesenden Repräsentanten der Juden eine „Weltverschwörung" verabredet haben sollen.27 Die Deutung und Erklärung historischer Ereignisse

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Die Unhaltbarkeit dieses Verschwörungsszenarios geben ordenseigene Historiographien der Societas Jesu selbst zu: „[...] una fabula polemica sino una realidad" heißt es über die „Beweisschrift" La Realite du projet de Bourg-Fontaine in Charles E. O' Neill, Joaquin Μ. Dominguez (Directores): Diccionario Histörico de la Compania de Jesüs. T. 4. Rom, Madrid 2001, S. 3510. Ähnlich schon Ludwig Koch S. J.: Jesuiten-Lexikon. Die Gesellschaft Jesu einst und jetzt. Paderborn 1934, Sp. 245: „Die Erzählung [von der Jansenistenverschwörung in der Kartause von Bourg-Fontaine] ist eine Mystifikation. Sie wurde jedoch viel geglaubt und, auch von Jesuiten, im Kampf mit dem Jansenismus mit wenig .esprit de finesse' ausgebeutet. Dass Jansenisten Zusammenkünfte hielten, um sich über ihren Feldzugsplan zu beraten, ist zwar selbstverständlich; doch etwas anderes ist eine derartig unglaubliche Verschwörung mit so ungeheuren Zielen, unter so edel gesinnten Männern!" Das zeitgenössische Echo und die Forschungsliteratur zu den Protokollen füllt inzwischen eine kleine Bibliothek; vgl. das durch Alexander Baron erstellte und im WWW verfügbare Verzeichnis The Protocols of Zion: Chronological Bibliography; http://www.alexanderbaron.150m.com/proto_biblio_l.html (zuletzt überprüft am 26. August 2005). Die mittlerweile klassische Darstellung der Quellen und Rezeptionsgeschichte bietet das mehrfach übersetzte Buch von Norman Cohn: Warrant for Genocide. The Myth of the Jewish World-Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion. London, New York 1967; deutsch zuletzt u.d.T. „Die Protokolle der Weisen von Zion." Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung. Mit einer kommentierten Auswahl-

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durch Rückführung auf das intentionale Handeln heimlich verbundener und koordiniert operierender Akteure erweist sich als falsche und dennoch wirkungsmächtige Zuschreibung - und wirft eine Reihe von Fragen auf, die von der Möglichkeit zur Identifizierung solcher Projektionen über deren interne Logik bis hin zu den Funktionen historischer Zeugenschaft reichen. Doch tangiert das Referenzproblem auch explizit als „literarisch" markierte Texte. Denn zahlreiche Verschwörungsfiktionen (von Geheimbundromanen des 18. Jahrhunderts über Umberto Ecos 1988 erschienenen Roman II pendolo di Foucault bis zum 2003 veröffentlichten Trivial-„Thriller" The Da Vinci Code von Dan Brown) weisen eine solche Fülle von Verweisen auf „reale" Arkana und publizistisch vermittelte Wissens- und Vorstellungsbestände ihrer Entstehungs- und Handlungszeit auf, das eine Entscheidung über „Wirklichkeit" und „Fiktion", „authentisches Geschehen" und „fingierter Geschichte" frag-würdig wird. Das Spektrum dieser Referenzen reicht von mehr oder minder deutlichen Hinweisen auf eine jesuitisch gesteuerte Konjuration zur Manipulation eines protestantischen Prinzen in Friedrich Schillers Fortsetzungsroman Der Geisterseher über subtile Reminiszenzen an illuminatische Werbepraktiken und Initiationsrituale in Johann Wolfgang Goethes „Bildungsroman" Wilhelm Meisters Lehrjahre bis zu episch breit geschilderten Machinationen „unbekannter Oberer" und ihrer „magnetiserenden" Werkzeuge in Ludwig Tiecks Novelle Die Wundersüchtigen. Wenn im folgenden Beziehungssinn und Zeichenökonomie von Verschwörungsszenarien zu beschreiben, zu deuten und zu erklären ist, wird nach dem Geltungsanspruch und dem Bezugsproblem publizistisch vermittelter Konspirationstheorien ebenso zu fragen sein wie nach der Spezifik kulturellen Wissens, das sich in literarischen Texten entdekken lässt. Zu klären ist, unter welchen sozialhistorischen Umständen und mit welchen Funktionen konspirationistische Projektionen entstanden, in welchen medialen Figurationen sie ihre Wirkungsgeschichte entfalteten und zu welchen Veränderungen innerhalb des Literatur- und Wissenschaftssystems sie beitrugen. Mit der Frage nach den Bedingungen von Entstehung, Verbreitung und Wirkung kommt eine Dimension ins Spiel, die einen zweiten Einsatzpunkt der nachfolgenden Untersuchung betrifft und die ambivalenten Beziehungen zwischen Form und Funktion von Verschwörungsszenarien thematisiert. Konspirationistische Szenarien, so ein Gemeinplatz der bisherigen Forschung,

bibliographie von Michael Hagemeister. Baden-Baden, Zürich 1998. Zur seitdem erschienenen Literatur kritisch Michael Hagemeister: Der Mythos der „Protokolle der Weisen von Zion". In: Ute Caumanns, Mathias Niendorf (Hrsg.): Verschwörungstheorien: Anthropologische Konstanten - Historische Varianten. Osnabrück 2001, S. 89101. Eine kommentierte Ausgabe des Textes besorgte Jeffrey L. Sammons: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar. Göttingen 1998.

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fuhren komplexe ökonomische, politische, wissenschaftliche etc. Vorgänge und Entwicklungen auf koordinierte Aktivitäten heimlich verabredeter Akteure zurück und erlauben mit einer so v o l l z o g e n e n Simplifizierang amorpher bzw. undurchschaubarer Zusammenhänge deren Erklärung und Verarbeitung. 28 Ihren Konvergenzpunkt bildet ein personalistischer Dezessionismus: Verschwörungstheorien w i e literarische Fiktionen unterstellen die Existenz von personalen Subjekten, die intentional eine bestehende Ordnung zur Durchsetzung eigener Interessen umzugestalten suchen oder aber fur die (falsche) Einrichtung der Verhältnisse verantwortlich sind. Zumindest implizit vorhanden sind Bewahrer dieser Ordnung bzw. Retter vor dem Chaos, das b e i m Sieg der

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So der Tenor der Beiträge des Sammelbandes von Carl. F. Graumann, Serge Moscovici (Eds.): Changing Conceptions of Conspiracy. New York 1987; ähnlich auch die Beiträge von Kursbuch 124: Verschwörungstheorien. Berlin 1996; sowie die mit gebotener Vorsicht zur Kenntnis zu nehmende Monographie von Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. München 1998. - Die systematische Erforschung der Produktion, Distribution und Rezeption von nicht-fiktionalen Konspirationsszenarien ist ein noch immer überschaubares Forschungsgebiet, obwohl die mediale Verarbeitung der Geschehnisse des 11. September 2001 entsprechendes Material bereitstellt. Eine Verschränkung von theoretischer Erklärung und historischer Exploration des Verschwörungsdenkens bieten Johannes Rogalla von Bieberstein: Die These von der Verschwörung 1776-1945. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung. Frankfurt/M. u.a. 21978; unter Einbeziehung inzwischen erfolgter Forschungen ders.: Die These von der freimaurerischilluminatischen Verschwörung. In: Joachim Berger, Klaus-Jürgen Grün (Hrsg.): Geheime Gesellschaft. Weimar und die deutsche Freimaurerei. München, Wien 2002, S. 28-38; Leon Poliakov: La causalite diabolique. Bd. 1: Essai sur l'origine des persecutions. Paris 1980; Bd. 2: Du joug mongol a la victoire de Lenine, 1250-1920. Paris 1985; Ute Caumanns, Mathias Niendorf (Hrsg.): Verschwörungstheorien: Anthropologische Konstanten - Historische Varianten. Osnabrück 2001. Historische Überblicke entwerfen Jürgen Roth: Wer steckt dahinter? Die 99 wichtigsten Verschwörungstheorien. Köln 1998; ders., Kay Sokolowsky: Der Dolch im Gewände. Komplotte und Wahnvorstellungen aus zweitausend Jahren. Hamburg 1999 (= Konkret-Texte 20); Robert Anton Wilson, Miriam Joan Hill: Das Lexikon der Verschwörungstheorien: Verschwörungen, Intrigen, Geheimbünde. Hrsg. und bearb. von Mathias Bröckers. Frankfurt/M. 2000. Mathias Bröckers ist auch der Autor einer inzwischen zweibändigen Darstellung der Geschehnisse am 11. September 2001, die zahlreiche konspirationistische Deutungen fanden; dazu Dominik Cziesche u.a.: Panoptikum des Absurden. In: Der Spiegel 37/2003, S. 58-76. - Ernster zu nehmen sind die im englischen Sprachraum erfolgten Überlegungen, so u.a. bei Charles Pigden: Popper revisited, or what is wrong with conspiracy theories. In: Philosophy of the social sciences 25 (1995), pp. 3-34, ders.; Brian L. Keeley: Of conspiracy theories. In: Journal of Philosophy 96 (1999), pp. 109-126; ders.: Nobody Expects the Spanish Inquisition! More Thoughts on Conspiracy Theory. In: Journal of Social Philosophy 34 (2003), pp. 104-110; Jane Parish (Ed.): The age of anxiety. Conspiracy theory and the human sciences. Oxford 2001 (= Sociological review monographs); Lee Basham: Living with the conspiracy (Conspiracy theory, rational epistemology, knowledge theory). In: Philosophical Forum 32 (2001), pp. 265-280; ders.: Malevolent Global Conspiracy. In: Journal of Social Philosophy 34 (2003), pp. 91-103; S. Clarke: Conspiracy theories and conspiracy theorizing. In: Philosophy of the social sciences 32 (2002), pp. 131-150.

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Verschwörer droht. Mit dieser durch Personalisierung und Simplifizierung realisierten Komplexitätsreduktion verbinden sich jedoch stets auch Annahmen, die zu einer internen Komplexitätssteigerung fuhren. Indem die konspirationistische „Mentalität der heimlichen Hand" nahezu alle Phänomene der sozialen Welt als Indizien zur Bestätigung der eigenen Imagination identifiziert und einen „Beziehungssinn" erzeugt, fur den alle Elemente und Konstellationen zu Belegen für die vorausgesetzte Konjuration werden, erweitern sich die imaginierten Szenarien zu vielgestaltigen Weltbildern mit gegliederten Strukturen und dichtgesponnenen Verweisungszusammenhängen. In der Welt von Konspirationstheoretikern gibt es nicht nur eine Gruppe von maskiert bzw. mit falscher Identität auftretenden Verschwörern, sondern zugleich auch die partiell eingeweihten Handlanger und Exekutoren der geheimen Pläne. Gleichzeitig ist stets auch eine „Gegenmacht" präsent, die als einzeln bzw. in Gruppen agierende Verteidiger der „Ordnung" ein bestimmtes Wissen um die geheimen Machenschaften besitzen und deren Ziel in der Entlarvung des allumfassenden Komplotts besteht. Resultat der so vollzogenen Ausgestaltung einer personalistischen Weltdeutung ist ein paranoides Weltbild mit universalem Erklärungsanspruch und umfassendem Misstrauen: In der Maximierung der Diskrepanz zwischen täuschendem Anschein und „eigentlicher" Bedeutung avanciert jedes Phänomen der sozialen Welt zum Bestandteil und Indiz eines verborgenen Zusammenhangs, dessen omnipräsente und omnipotente Erzeuger die schlechten Geschicke nach genauem Plan lenken oder den Umsturz der herrschenden Zustände vorbereiten. Rettung kommt allein durch die Enthüllung des bewusst produzierten „Scheins" bzw. durch Beseitigung der „Maske". Die Komplementärbegriffe „Maske" und „Demaskierung", „Geheimnis" und „Enthüllung", „Schein" und „Entschleierung" bilden deshalb den Grundstock aller verschwörungstheoretischen Rhetorik - von der 1784 veröffentlichten „Ersten Warnung" Ueber Freymaurer, besonders in Bayern des Joseph Marius Babo über Ernst August von Göchhausens Enthüllung des Systems der Weltbürgerrepublik aus dem Jahre 1786 und dem Pamphlet Les conspirateurs demasque des Comte de Ferrand von 1790 bis zu Johann August Starcks konspirationistischer Ideengeschichte Der Triumph der Philosophie im Achtzehnten Jahrhunderte von 1803, die den „Philosophen" ein „allgemeines Umwälzungsprojekt" zuschrieb, das sie hinter der nun endlich gelüfteten „Larve der Duldung und der Menschenliebe" verbargen.29 - Angesichts dieser vorläufigen 29

[Johann August Starck:] Der Triumph der Philosophie im Achtzehnten Jahrhunderte. Germantown [Frankfurt/M.] 1803. Bd. 1, S. 5f. Nur hinzuweisen ist in diesem Kontext auf Kontinuitätslinien dieser konspirationstheoretischen Rhetorik bis ins 20. Jahrhundert: Die erste dt. Ausgabe der Protokolle erschien 1919 u.d.T. Die Geheimnisse der Weisen von Zion in dem Charlottenburger Verlag „Auf Vorposten"; Erich Ludendorff propagierte nach der Weltkriegsniederlage die Entmachtung der Freimaurerei durch Entlarvung ihrer Geheimnisse. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels veröffentlichte in der Wochenzeitung Das Reich Leitartikel wie Mimikry (20. Juli 1941) oder

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und nachfolgend zu präzisierenden Beobachtungen erwachsen weitere Fragen. Sie betreffen zum einen die internen Strukturen und den Beziehungssinn von Projektionen, die aufgrund ihrer „eigensinnigen hochrationalen und hochoperationalen Logik" die Wirklichkeit „an logischer Konsistenz und Kohärenz weit übertreffen"30 und in der Maximierung des Bedeutungs- und Konnexionspotentials von Zeichen und Zeichenkomplexen übereinstimmen. Und sie betreffen die sozialen Funktionen dieser Symbolsysteme, die vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Krisenerfahrungen eine in ihrer Faszinationskraft nicht zu unterschätzende Variante der Angstbewältigung darstellen. Wenn die z.T. hochgradig komplexen Szenarien zur konspirationistischen Deutung von Ereignissen als faszinierende Variante der Angstbewältigung und Komplexitätsreduktion beschrieben werden sollen, sind sie - und das stellt den dritten Einsatzpunkt der nachfolgenden Untersuchung dar - sowohl von textuell fixierten Zeugnissen eines individuellen Verfolgungswahns als auch von den Mustern einer teleologischen Weltdeutung abzugrenzen. Wie andere Varianten wahnhafter Erkrankungen des Wahrnehmungsvermögens beruht auch der als Krankheitsbild beschriebene Verfolgungswahn auf Abweichungen von „normalen", .d.h. konventionalisierten Bedeutungszuschreibungen: Einer „richtigen" Wahrnehmung wird eine „abnorme" Bedeutung beigelegt; „ein Gegenstand oder Vorgang wird zwar als das wahrgenommen, wofür ihn auch gesunde Menschen übereinstimmend halten; er hat aber eine besondere, nur für den Kranken gültige wahnhafte Bedeutung."31 Die bereits erwähnte Maximierung des Bedeutungs- und Konnexionspotentials von Zeichen ist auch für den individuellen Verfolgungswahn charakteristisch: Wahrgenommene Gegenstände und Ereignisse werden als Anzeichen und Indizien einer umfassenden

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Der Schleier fällt (6. Juli 1941) und „enttarnte" mit aufschlussreichen Attribuierungen die „internationale Verschwörung" des Judentums gegen das deutsche Volk (Die Juden sind Schuld! In: Das Reich vom 16. 11 1941). Im englischen Regierungssystem erkannte Goebbels eine „als Demokratie getarnte Plutokratie" (England und seine Plutokraten. In: Das Reich vom 5. Januar 1941); nach dem Überfall auf die Sowjetunion deckte er ein bislang geheim gehaltenes „Konkubinat zwischen Plutokratie und Bolschewismus" auf (Die alte Front. In: Das Reich vom 26. Juni 1941). Zur Verschmelzung verschwörungstheoretischer Komplexe und ihren Funktionen in der Medienkultur des NS-Staates vgl. Verf.: „Überstaatliche Mächte". Verschwörungsphantasien und -theorien in Publizistik, Literatur, Film des Dritten Reiches. In: Erhard Schütz, Gregor Streim (Hrsg.): Reflexe und Reflexionen von Modernität 1933-1945. Bern 2002, S. 125-172. Dieter Groh: Die verschwörungstheoretische Versuchung, oder: Why do bad things happen to good people? Zuerst in: Merkur 41 (1987), S. 859-878; englisch in: Carl. F. Graumann, Serge Moscovici (Eds.): Changing Conceptions of Conspiracy. New York 1987, S. 1-37; hier zit. nach dem Wiederabdruck in: D. Groh: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt/M. 1992, S. 267-304, hier S. 270 und 272; ähnlich auch ders.: Verschwörungen und kein Ende. In: Kursbuch 124: Verschwörungstheorien, S. 12-26, hierS. 14f. Rainer Tölle: Psychiatrie. Berlin 1991, S. 174.

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Bedrohung und Verfolgung gedeutet und in ein detailliert ausgestaltetes Tableau von Verweisungszusammenhängen integriert. 32 Ergebnis ist eine Paranoia, die schon Immanuel Kant in seiner 1798 veröffentlichten Anthropologie in pragmatischer Hinsicht als scharfsinnig „rasende Vernunft" 33 behandelte und deren medizinische Beschreibung Sigmund Freud in seiner Studie zu Daniel Paul Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken lieferte. 34 - Im Unterschied zum individuell erlebten und nur selten nach außen kommunizierten Verfolgungswahn des gleichsam monadisch verkapselten Paranoikers aber sind Verschwörungsszenarien auf k o m m u n i k a t i v e V e r m i t t l u n g angewiesen. Textuell fixiert und durch Drucklegung w i e buchhändlerische Verbreitung in einen umfassenderen Zirkulationszusammenhang eingespeist, müssen diese Szenarien ein Minimum an Konsistenz, Plausibilität und Rationalität aufweisen, um kommunikativ erfolgreich zu sein. Daraus erwachsen weitere methodologische Herausforderungen: Lassen sich zum individuellen Verfolgungswahn mit klinischem B e f u n d und D i a g n o s e medizinisch begründete Positionen

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Daneben gibt es weitere Strukturelelemente einer klinischen Paranoia, die zur Erklärung der im Sozialimaginären angesiedelten Verschwörungsszenarien beitragen können und später noch ausführlicher darzustellen sind: (a) eine Isoliertheit des Wahns hinsichtlich der Persönlichkeit des Wahnkranken und der betroffenen Lebensbereiche; (b) die Maximierung der Fähigkeit zur logischen Begründung des Wahns einerseits bei gleichzeitiger Unfähigkeit, die wahnhaften Prämissen eines solcherart logisch konstruierten Gedankengebäudes einer logisch fundierten Kritik zu unterziehen; (c) die „projektive Gefuhlsumkehr" (Sigmund Freud) als Abwehrmechanismus; vgl. Erich Wulff: Paranoic Conspiratory Delusion. In: Carl. F. Graumann, Serge Moscovici (Eds.): Changing Conceptions of Conspiracy, S. 171-190; historisch perspektiviert Torsten Hahn, Jutta Person, Nicolas Pethes (Hrsg.): Grenzgänge zwischen Wahn und Wissen. Zur Koevolution von Experiment und Paranoia 1850-1910. Frankfurt/M. 2002. Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. In: Kant's gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Bd. VII. Berlin 1907, S. 215. Das Krankheitsbild des Verfolgungswahns beschrieb Kant im Abschnitt „Von den Gemüthskrankheiten" als „Wahnsinn (dementia)" und attestierte seinen Trägem, sie seien „in ihrem unglücklichen Wahn oft so scharfsinnig in Auslegung dessen, was Andere unbefangen thun, um es als auf sich angelegt auszudeuten, dass, wenn die D a t a n u r w a h r wären, man ihrem Verstände alle Ehre müßte widerfahren lassen." (Hervorhebung im Original.) Ausfuhrlich im resümierenden Kapitel zum Teil II der vorliegenden Arbeit. Sigmund Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) [1911]. In: S. Freud: Gesammelte Werke. Frankfurt/M. 1999. Bd. 13, S. 317-352. Die Karriere des autobiographischen Grundlagentextes für Freuds Studie, die 1903 veröffentlichten Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken des Dresdener Senatspräsidenten a.D. Daniel Paul Schreber, ist beachtlich; sie reicht von Freuds Lektüre als authentisches Dokument einer Psychose über Elias Canettis Auswertung als Abbild der Perversionen politischer Macht bis zu einer Verwertung als Romansujet bei Roberto Calasso; vgl. Mario Erdheim: Einleitung. Freuds Erkundungen an den Grenzen zwischen Theorie und Wahn. In: Sigmund Freud: Zwei Fallberichte. „Schreber" (Paranoia) und „Haitzmann" (Teufelsneurose). Frankfurt/M. 1997, S. 7-94, hier S. 13f.

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beziehen, erweist sich ein angemessener Umgang mit kommunikativ orientierten und druckschriftlich zirkulierenden Verschwörungsszenarien als schwieriger. Vom Standpunkt des historisch distanzierten Beobachters können Verschwörungstheorien wie etwa die 1654 veröffentliche Relation juridique über einen angeblichen jansenistischen Geheimkongreß in der Kartause von Burgfontaine oder die publizistische Rückführung der Französischen Revolution auf geheime Verabredungen von Illuminaten und Jakobinern zwar leicht als irrationale Wahngebilde zurückgewiesen werden. Ungeklärt aber bleiben dabei ihre individual- und sozialpsychologischen Ursachen, die textuellen und medialen Figurationen ihrer Verbreitung wie die komplexen Strukturen ihrer Bedeutungszuweisungen, deren Wirkungsmächtigkeit sowohl für bestimmte politische Weltbilder als auch für das sich an „Neuheit" und „Sensation" orientierende Literatursystem im Verlauf der vorliegenden Untersuchung nachgewiesen wird. Ohne Klärung bleibt vor allem aber auch die zentrale Frage nach Ursachen und Verlaufsformen des Umschlags von historisch korrekten Beobachtungen in konspirationistische Paranoia. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass Aufklärer wie Adolph Freiherr von Knigge und Friedrich Nicolai durchaus hellsichtig die Erscheinungen einer tiefgehenden Aufklärungskrise erkannten und beschrieben - in ihrer Deutung und Erklärung aber einer verschwörungstheoretischen Logik folgten, die zur sozialneurotischen und bereits von so gegensätzlichen Zeitgenossen wie Georg Forster und Johann Georg von Zimmermann kritisierten „Jesuitenriecherei" führte. Um überzeugen und kommunikativ erfolgreich wirken zu können, müssen konspirationistische Szenarien jedoch nicht allein einen Bezug zu realgeschichtlichen Ereignissen aufweisen und auf der Beschreibungsebene zumindest punktuell nachvollziehbar sein. Sie müssen zugleich auch an bereits vorhandenen Wissensbeständen und Deutungsmustern partizipieren bzw. an diese anschließbar sein. Mit anderen Worten: Ohne den Rekurs auf bestimmte Vorstellungen von intentionalem Handeln, geschichtsmächtigen Akteuren und erfolgreich funktionierenden Organisationen sowie ohne kombinatorische Schlussverfahren zum Ausschluss von Kontingenz sind Verschwörungsszenarien nicht denkbar. Was wie eine Trivialität klingt, wird sich als nicht zu unterschätzender Faktor bei der Bestimmung der spezifisch neuen Qualität konspirationistischer Projektionen in der Aufklärung erweisen: Hätten es etwa die seit dem 17. Jahrhundert entwickelten Auffassungen von intentionsfähigen Individuen und der Bedeutung intentionalen Handelns in historischen Prozessen nicht gegeben, mit der man sich von Vorstellungen eines göttlichen Heilsplans emanzipierte, wäre die signifikante Auszeichnung geschichtsmächtiger personaler Akteure und ihrer Netzwerke nicht möglich gewesen. Ohne die Entfaltung hermetischer Signaturenlehren hätte die für Verschwörungsszenarien typische Maximierung des Bedeutungs- und Konnexionspotentials von Zeichen keinen fruchtbaren Boden gefunden. Zugleich aber - und das macht

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eine weitere Schwierigkeit im Umgang mit Verschwörungsszenarien seit der Aufklärungszeit aus - partizipieren personalistische Deutungsmuster an langfristig tradierten religions- wie konfessionsgeschichtlichen Vorstellungen, unter denen der stigmatisierende Verdacht gegenüber häretischen Sekten ähnlich weitreichende Wirkungen zeigte wie dämonologische Vorstellungen von einem Bündnis des Bösen im apokalyptischen Endkampf, die in den Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit systematisch entfaltet worden waren und im Glauben an verschworene Feinde des Heils zusammenliefen. Eine umfassende Erklärung konspirationistischer Szenarien kann also nur gelingen, wenn neben individual- und sozialpsychologischen Ursachen ihrer Entstehung die textuellen und medialen Figurationen ihrer Verbreitung sowie die komplexen Strukturen ihrer Bedeutungszuweisungen in ihren historischen Bedingungsgefügen rekonstruiert werden. Sie vermag dann zu überzeugen, wenn sie die zentrale Frage nach Ursache und Verlaufsformen des Umschlags von überprüfbaren Beobachtungen in unkorrigierbare Paranoia beantwortet. Damit stellen sich weitere Fragen, die das methodologische Instrumentarium der nachfolgenden Untersuchung betreffen. Im Umgang mit Verschwörungstheorien sind zum einen Konzepte und methodische Schrittfolgen erforderlich, mit deren Hilfe sich die Differenz zwischen (partiell korrekten) Beschreibungen von Phänomen und deren konspirationistischer Ausdeutung erfassen und erklären läßt. Zum anderen werden Konzeptualisierungen und methodische Schrittfolgen notwendig, um Textvorkommnisse beschreiben, deuten und erklären zu können, die einen nicht einlösbaren Geltungsanspruch behaupten und auf Ereignisse referieren, deren Status aufgrund mangelnder historischer Zeugnisse fragwürdig ist. Wenn etwa die 1766 in Augsburg und Freiburg veröffentlichte Schrift Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus als Beleg für ihre Aussagen über die „Zusammenverschwörung" der innerkatholischen „Sekte" einen Anhang unter dem Titel Geheime Satzungen des Jansenismus mit angeblich authentischen „Circularbriefen" aus der Feder der in Port Royal versammelten Geistlichen enthält, in denen das „Ziel des Bindnisses" wie die „Mittel" zur Zerstörung der Ordensgeistlichkeit offen ausgesprochen werden,35 stellt sich die Frage nach dem Status dieses Dokuments und dem Umgang damit - zumal prominente Jansensisten wie Antoine Arnauld die Urheberschaft sofort und energisch bestritten und keine unabhängige Instanz die Authentizität dieser angeblichen

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Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus, aufgedeckt in dem Hirtenbriefe des Herrn Bischofes zu Montpellier, aus Gelegenheit einer in seinem Kirchengebiethe nach dem Tod eines jansenistischen Pfarrers gefundenen Schrift. Nach der französischen Ausgabe von Montpellier in das Wälsche, und dann in das Deutsche übersetzt. Augsburg und Freiburg i. Br. 1766, Anhang S. 119-157: Kreisbriefe an die Herrn Lehijünger des heiligen Augustin um die Unwissenheit derer kennbar zu machen, so einer andern Lehre folgen, als zu der sich die Kirche bekennt.

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Quelle beglaubigte. Damit kommen weitere zahlreiche Fragestellungen ins Spiel, die von der Frage nach dem Status von Quellenfiktionen und Fälschungen bis zum Problem der Beglaubigung textuell vermittelter historischer Ereignissen reichen. Aus diesen weiter zu entfaltenden Dimensionen konspirationistischer Szenarien erwachsen zentrale Fragestellungen, (a) Entstehungsbedingungen: Wie und warum kam es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert - also in einer Periode, die von ihren Angehörigen selbst als „Zeitalter der Aufklärung"36 bezeichnet wurde und die „Vernunft" als den „obersten Gerichtshof aller Rechte und Ansprüche unserer Spekulation"37 einsetzte - zur Ausbildung und Verbreitung von Szenarien, die auf Basis einer Differenzierung zwischen „Schein" und „Sein" sichtbare Vorgänge und Ereignisse in kulturellen Bereichen auf das Wirken heimlich verabredeter Akteure zurückführten und dabei einen kollektiven Verfolgungswahn entwickelten? Auf welche gesellschaftlichen und kulturellen Problemlagen reagierten Kausalattributionen, die Entstehung und Durchsetzung neuer Geltungsansprüche in den sich ausdifferenzierenden Systemen Politik, Religion, Wissenschaft, Kunst als Formen kollektiver Devianz deuteten und zum Resultat verborgener, d.h. der Öffentlichkeit entzogener Intentionen erklärten? Welche internen und externen Beweggründe führten innerhalb des sich ausbildenden Literatursystems zur Aufnahme und Verarbeitung konspirationistischer Muster, die insbesondere in der aufsteigenden Gattung des Romans nachhaltigen Einfluss gewinnen und zur Entstehung von neuen Genres sowie initiatorischen Erzählverfahren fuhren sollten? (b) Strukturen: Welche interne Gliederung, Formprinzipien und Verweisungsstrukturen weisen die in Publizistik, Literatur- und Wissenschaftssystem zirkulierenden Konspirationsszenarien auf? Lassen sich übergreifende Muster erkennen; können spezifische Ausprägungen publizistisch bzw. literarisch vermittelter Szenarien ermittelt und beschrieben werden? Welche Funktionen bzw. Leistungen erfüllen diese Szenarien innerhalb ihrer jeweiligen Bezugssysteme bzw. in systemübergreifender Perspektive? (c) Entwicklungen: Wie veränderten sich Verschwörungsszenarien im Zusammenhang mit den sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Transformationsprozesse zwischen 1750 und 1850? Welche Wandlungen in Konfigurationen, Binnenlogik und Referenz lassen sich beobachten? Und wie können diese beobachteten Veränderungen gedeutet und erklärt werden?

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Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift vom Dezember 1784. Zitiert nach I. Kant: Werke in zwölf Bänden. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M. 1977. Bd. 11, S. 53-61, hier S. 59, Hervorhebungen im Original: „Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung." Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Zweite Aufl. [1787]. In: I. Kant: Werke in zwölf Bänden. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M 1977. Bd. 4, S. 582.

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N o t w e n d i g sind Einschränkungen im Vorfeld der Untersuchung. Wenn im folgenden die Zusammenhänge von „Poesie" und „Konspiration" in Publizistik, Literatur und Wissenschaft z w i s c h e n 1750 und 1850 untersucht werden sollen, richtet sich die Aufmerksamkeit nicht auf die Aktivitäten von Publizisten, Literaten und Wissenschaftlern in Arkangesellschaften und diskreten Assoziationen, die eine zentrale Rolle bei der Ausbildung einer kulturellen Öffentlichkeit spielten und das sich ausbildende Literatur- und Wissenschaftssystem beeinflussten. 3 8 Nur knapp und dem j e w e i l i g e n Themenkomplex entsprechend können realhistorische Entwicklung und utopische Potentiale von Arkangesellschaften behandelt werden. 3 9 38

Einen ersten Einsatzpunkt für die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Arkangesellschaften und der Entwicklung des neuzeitlichen Literatur- und Wissenschaftssystems bildete die Untersuchung von Ferdinand Josef Schneider: Die Freimaurerei und ihr Einfluss auf die geistige Kultur in Deutschand am Ende des 18 .Jahrhunderts. Prolegomena zu einer Geschichte der Romantik. Prag 1909. Ihr folgten an monographischen Untersuchungen Auguste Viatte: Les Sources Occultes du Romantisme. 2 Bde. Paris 1928; Hans Graßl: Aufbruch zur Romantik. Bayerns Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte 1765-1785. München 1968; Rolf Christian Zimmermann: Das Weltbild des jungen Goethe. Studien zur hermetischen Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts. 1. Bd.: Elemente und Fundamente. München 1969. 2. Bd.: Interpretationen. München 1979; Karl R. H. Frick: Die Erleuchteten. Gnostisch-theosophische und alchemistischrosenkreuzerische Geheimgesellschaften bis zum Ende des 18. Jahrhunderts - ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Neuzeit. Graz 1973; Michael W. Fischer: Die Aufklärung und ihr Gegenteil. Die Rolle der Geheimbünde in Wissenschaft und Politik. Berlin 1982; Michael Voges: Aufklärung und Geheimnis. Untersuchungen zur Vermittlung von Literatur- und Sozialgeschichte am Beispiel der Aneignung des Geheimbundmaterials im Roman des späten 18. Jahrhunderts. Tübingen 1987; Scott H. Abbott: Fictions of Freemasonry. Freemasonry and the German novel. Detroit 1991; Christopher Mcintosh: The rose cross and the age of reason. Eighteenth-century rosicrucianism in Central Europe and its relationship to the Enlightment. Leiden, New York, Köln 1992 sowie die bereits erwähnten Veröffentlichungen von W. Daniel Wilson. Mit der Auswertung archivalischer Quellen ist die Forschung in ein neues Stadium eingetreten; Beleg dafür sind die von Monika Neugebauer-Wölk initiierten Forschungen zur Sozietätenkultur des 18. Jahrhunderts (s.u.) sowie die Arbeiten von Hans-Jürgen Schings: Die Brüder des Marquis Posa. Schiller und der Geheimbund der Illuminaten. Tübingen 1996; Joachim Bauer, Gerhard Müller: „Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben." Tempelmaurerei, Aufklärung und Politik im klassischen Weimar. Rudolstadt, Jena 2000 sowie der bilanzierende Sammelband von Walter Müller-Seidel, Manfred Riedel (Hrsg.): Die Weimarer Klassik und ihre Geheimbünde. Oberflächlich und kompilatorisch ist die Habilitationsschrift von Linda Simonis: Die Kunst des Geheimen. Esoterische Kommunikation und ästhetische Darstellung im 18. Jahrhundert. Heidelberg 2002.

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Nach den materialreichen Darstellungen von Leopold Engel (Geschichte des Illuminaten-Ordens. Ein Beitrag zur Geschichte Bayerns. Vorgeschichte, Gründung, Beziehung zur Freimaurerei, Verfolgung durch die Jesuiten, Fortentwicklung bis zur Jetztzeit. Berlin 1906), Rene Le Forestier (Les illuminees de Baviere et le Franc-Maconniere allemand. Paris 1914; ders.: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. 4 Bde. Leimen 1987-92 [zuerst u.d.T. La franc-ma?onnerie templiere et occultiste aux XVIIIe et XIXe siecle. Hrsg. von Antoine Faivre. Paris, Löwen 1970])

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und Wolfgang Hofier (Das System des Illuminatenordens und seine soziologische Bedeutung. Diss. Heidelberg 1956) gab Reinhart Kosellecks 1959 veröffentlichte Dissertation Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt wesentliche Anstöße für eine gesellschaftsgeschichtliche Erforschung diskreter Assoziationen und ihrer Funktions- und Symbolsysteme. Die auf einem außerordentlich hohen Abstraktionsgrad arbeitende Studie Kosellecks wirkte jedoch erst nach ihrem Erscheinen als Taschenbuchausgabe (Frankfurt/M. 1973), die zeitgleich mit Rudolf Vierhaus' folgenreicher Studie Aufklärung und Freimaurerei in Deutschland (in: Rudolf Thadden u.a. (Hrsg.): Das Vergangene und die Geschichte. FS Reinhard Wittram zum 70. Geburtstag. Göttingen 1973, S. 23-41) veröffentlicht wurde. Die Gründe für die verzögerte Rezeption von Kosellecks Dissertation können hier nicht näher erörtert werden; ein wesentlicher Faktor war sicher der starke Einfluss des von Jürgen Habermas entwickelten Modells vom „Strukturwandel der Öffentlichkeit", in dem die Freimaurerlogen des 18. Jahrhunderts nur einmal erwähnt wurden (Struktur-wandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied, Berlin 1962, S. 51). Das von Rudolf Vierhaus entworfene Verständnis der Rolle der Freimaurerei im 18. Jahrhundert erweiterte den Blick einer sozialgeschichtlichen Forschung, in dem er die Arkangesellschaften in ein Spektrum aufgeklärter Sozietäten integrierte und auf ihre Bewertungen als Elemente der „Auflösung" und „Zerstörung" verzichtete, wie sie sich noch bei Koselleck fanden. Neben deutschen, literarischen und patriotischen Gesellschaften erschien die Freimaurerei nun in historischen Gesamtdarstellungen, so bei Ulrich Hof: Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung. München 1982, S. 163-171; Richard van Dülmen: Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland. Frankfurt/M. 1986. Ergebnisse der seitdem betriebenen Forschung sind u.a. Peter Christian Ludz (Hrsg.): Geheime Gesellschaften. Heidelberg 1979; Ludwig Hammermayer: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent von 1782. Ein Höhe- und Wendepunkt in der Geschichte der deutschen und europäischen Geheimgesellschaften. Heidelberg 1980 (= Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung V/2); Herbert Reinalter (Hrsg.): Aufklärung und Geheimgesellschaften. Zur politischen Funktion und Sozialstruktur der Freimaurerlogen im 18. Jahrhundert. München 1989; ders. (Hrsg.): Aufklärung und Geheimgesellschaften. Freimaurer, Illuminaten und Rosenkreuzer. Ideologie - Struktur - Wirkungen. Bayreuth 1992; Monika Neugebauer-Wölk: Esoterische Bünde und Bürgerliche Gesellschaft. Entwicklungslinien zur modernen Welt im Geheimbundwesen des 18. Jahrhunderts. Göttingen 1995; dies., Holger Zaunstöck (Hrsg.): Aufklärung und Esoterik. Hamburg 1999. Selbstverständlich stellen die genannten Titel und Forschungsschwerpunkte nur eine Auswahl dar; vgl. auch die Literaturberichte von Manfred Agethen: Aufklärungsgesellschaften, Freimaurerei, geheime Gesellschaften. Ein Forschungsbericht (1976-1986). In: Zeitschrift fur historische Forschung 14 (1987), S. 439463; Monika Neugebauer-Wölk: Absolutismus und Aufklärung. T. III: Studien zur Sozietätenforschung. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 11 (1998), S. 709717.- Einen wissenschaftshistorisch nicht uninteressanten Sonderfall bilden die zwischen 1939 und 1943 entstandenen und in der Buchreihe Quellen und Darstellungen zur Freimaurerfrage veröffentlichten Forschungen von Mitarbeitern des Reichssicherheitshauptamtes, die beschlagnahmtes Logen-Material auswerteten und in den Dienst der NS-Gegnerforschung stellten; hier erschienen Hans Schick: Das ältere Rosenkreuzertum. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Freimaurerei. Berlin: Nordland-Verlag 1942; Adolf Roßberg: Freimaurerei und Politik im Zeitalter der Französischen Revolution. Berlin 1942; Heinz Gürtler: Deutsche Freimaurer im Dienste napoleonischer Politik. Die Freimaurerei im Königreich Westfalen 1807-1813. Berlin 1942; Hans Riegelmann: Die europäischen Dynastien in ihrem Verhältnis zur Freimaurerei. Historischpolitische Untersuchungen auf genealogischer Grundlage. Berlin 1943. Dazu Verf.: Ge-

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Ebenso punktuell ist auch die Verbreitung kontroverser Geheimliteratur zu beleuchten, die einen Schwerpunkt der in den letzten Jahrzehnten intensiviert und interdisziplinär betriebenen Frühneuzeit-Forschung bildet. 40 Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht vielmehr in einer umfassenden und materialgesättigten Rekonstruktion konspirationistischer Szenarien, die als bzw. in Reaktion auf tiefgreifende Veränderungen in sozialen Systemen entstanden und in bislang erst w e n i g erforschter W e i s e auf Differenzierungsprozesse in politischer Theoriebildung, literarischer Produktion und Wissenschaftslandschaft wirkten. 41 Dass dabei die vielfaltige Faszinationsgeschichte von Arkangesellschaften in besonderer W e i s e zu berücksichtigen ist, braucht wohl nicht betont zu werden. D e n n der ambivalente Wirklichkeitscharakter diskreter Assoziationen, die das Changieren z w i s c h e n Verschweigen und Einweihung, z w i s c h e n Simulation und Dissimulation bewusst einsetzten und inszenierten, avancierte z u m faszinierenden Gegenstand für eine Publizistik, die sich mit ihrem „Eifer für

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heimgesellschaften im Visier. Geisteswissenschaftliche „Gegnerforschung" 1933-1945 zwischen Verschwörungsparanoia und Versachlichung. In: Gerhardt Kaiser, Matthias Krell (Hrsg.): Zwischen Resonanz und Eigensinn. Studien zur Geschichte der Sprachund Literaturwissenschaften im 20. Jahrhundert. Heidelberg 2005, S. 71-112. Die inzwischen nur noch schwer überschaubare Fülle von Detailuntersuchungen zur klandestinen Kommunikation kann an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise referiert werden; vgl. die von Alain Mothu erstellte und im WWW verfügbare Bibliographie clandestina mit Beiträgen aus der Fachzeitschrift La Lettre Clandestine sowie die elektronische Quellensammlung Clandestine Ε-Texts from the Eighteenth Century, http://www.vc.unipmn.it/~mori/e-texts. Übersichtsdarstellungen bieten Margaret C. Jacob: Clandestine Culture in the Early Enlightenment. In: Harry Woolf (Ed.): The Analytic Spirit. Essays in the History of Science. In Honor of Henry Guerlac. Ithaca, London 1981, S. 122-145; Jean Marie Goulemot: Gefahrliche Bücher. Erotische Literatur, Leser und Zensur im 18. Jahrhundert. Reinbek 1993; Robert Damton: The Forbidden Bestsellers of Pre-Revolutionary France. New York 1995; Jonathan Israel: Radical Enlightenment. Philosophy and the Making of Modernity 1650-1750. Oxford 2001. Für den deutschen Kontext vgl. Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts. StuttgartBad Cannstatt 1998; Martin Mulsow: Moderne aus dem Untergrund. Radikal Frühaufklärung in Deutschland (1680-1780). Hamburg 2002; zur Verbreitung Christine Haug: Geheimbündische Organisationsstrukturen und subversive Distributionssysteme zur Zeit der Französischen Revolution. In: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 7 (1997), S. 51-74; dies.: „Die kleinen französischen Schriften gehen zur Zeit ungleich stärker als aber andere solide Werke...". Der Buchhändler Johann Georg Esslinger (1710-1775) in Frankfurt am Main und sein Handel mit Geheimliteratur. In: Jahrbuch fur Kommunikationsgeschichte 4 (2002), S. 104-135. Die Wirkung von Verschwörungstheorien auf die politische Theoriebildung thematisieren Emst Manheim: Aufklärung und öffentliche Meinung. Studien zur Soziologie der Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert [1933]. Hrsg. von Norbert Schindler. Stuttgart 1979; Fritz Valjavec: Die Entstehung der politischen Strömungen in Deutschland 1770-1815. München 1951 (Nachdruck Kronberg 1978, mit einem Nachwort von Jörn Garber); Klaus Epstein: Die Ursprünge des Konservativismus in Deutschland. Der Ausgangspunkt: Die Herausforderung durch die Französische Revolution 1770-1806, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1973 [engl. 1966].

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die Wahrheit" und ihrer „Liebe zur Verbreitung nützlicher Aufklärung und zur Verbannung verderblicher Irrtümer"42 als Organ und Speerspitze einer kritischen Öffentlichkeit verstand. Die Unbestimmtheit des Arkanums mit seinem aus kollektiven Illusionen genährten Schein löste die Grenzen zwischen authentischem Handeln, Betrug und Selbstbetrug ebenso auf wie die Differenzen zwischen Beobachtung, Täuschung und Einbildung und befruchtete Entwicklungen des Literatursystems, von denen Textverfahren und Gruppenbildungsprozesse in noch näher zu bestimmender Weise profitieren sollten. Die Faszinations- bzw. Imaginationsgeschichte arkaner Assoziationen erweist sich als eine wesentliche Voraussetzung fur die Genese konspirationistischer Szenarien - wenn auch nicht als deren notwendige Bedingung, wie etwa die im 17. Jahrhundert entwickelte und bis ins 19. Jahrhundert kolportierte Theorie von einer Jansenistenverschwörung belegt. Die adäquate Beschreibung, Deutung und Erklärung der Entstehung, Verbreitung und Ausgestaltung personalisierender Reduktionen stellt eine ebenso zentrale methodologische Herausforderung dar wie die Analyse und Erklärung des Referenzproblems von historischen Narrationen, deren behaupteter Geltungsanspruch einer historischen Prüfung nicht standhält. Die dem Reichtum des historischen Materials verpflichtete Untersuchung will die Konfigurationen, Verknüpfungsprinzipien und Referenzen konspirationistischer Szenarien rekonstruieren. Um im Verbund von genauen Textbeobachtungen und umfassender Kontextualisierung begründete Aussagen über strukturelle Muster formulieren und Verlaufsformen modellieren zu können, erweisen sich fixierte Fragestellungen als sinnvoll, die an jedem Punkt der Untersuchung präsent gehalten werden und Nachvollziehbarkeit wie Vergleichbarkeit der Befunde sichern sollen. Denn um kontinuierliche Entwicklungen, aber auch Diskontinuitäten und Brüche von Deutungs- und Erklärungsmustern in epistemischen bzw. kulturellen Situationen beschreiben und erklären zu können, sind Schrittfolgen notwendig, die von der Auszeichnung einer Ausgangssituation bei der Erzeugung von Wissensansprüchen bzw. literarischen Mustern, einer ebenso spezifizierten Auszeichnung von Zwischengliedern bis zu einem Vergleich analoger Parameter von Anfangs- und Endpunkt reichen. Zugleich sind Kriterien anzugeben, die es erlauben, konspirationistische Szenarien zu identifizieren und in ihren divergierenden Ausprägungen zu klassifizieren. Dafür ist der grundlegende Begriff „Szenario" zu präzisieren. Unter Rückgriff auf Einsichten einer disziplinenübergreifenden Erzählforschung wird der Terminus einerseits analog zur narratologischen Kategorie „Geschichte" verwendet, unter der jenes textuell vermittelte Arrangement von Geschehensmo-

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Johann Erich Biester, Friedrich Gedike: Vorrede. In: Berlinische Monatsschrift vom Januar 1783, S. 1.

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menten zu verstehen ist, das durch Stiftung kausaler Zusammenhänge vorerst diffuse und sinnindifferente Partikel eines Geschehens funktional vereindeutigt.43 Noch vor der Realisierung in Form des narrativen Diskurses, der durch eine Erzählinstanz geleistet wird und sich mit verschiedenen Darstellungsstrategien an einen impliziten wie an einen realen Leser wendet, ordnet die Geschichte die Elemente bzw. Geschehensmomente auf einer Achse der (linearen) Sukzession und stellt zwischen diesen Momenten einen kausalen Zusammenhang her. Entscheidend für diese Kategorie und also auch fur den Begriff „Szenario" ist der terminologische Komplex der Handlung, der eine Sequenz von Zustandsveränderungen bündelt und heuristisch erfassen lässt: Gebunden an das Vorhandensein einer spatialen sowie temporalen Dimension und ausgeführt von einem anthropomorphen Subjekt, gilt Handeln hier als (intentionale) Überfuhrung einer gegebenen Situation in eine andere. Andererseits geht der Begriff „Szenario" über die Extensionen der narratologischen Kategorie „Geschichte" hinaus, umfasst er doch zugleich die Instanz einer Beobachtung, die kategoriale Ordnungen durch fortgesetzte Unterscheidungen vornimmt, in Texten fixiert sowie in druckschriftliche Zirkulationsmedien einspeist. Dementsprechend gilt „Szenario" hier und im folgenden als raumzeitlich markiertes Ordnungsschema der Narration, das drei untereinander verbundene Parameter aufweist: (a) eine beobachtende Instanz, die (b) intentionsfahige Figuren bzw. Akteure unterscheidet und mit ihnen verknüpfte Situations- und Zustandsveränderungen als zusammenhängende Phänomene deutet und (c) für die konstruktiv bzw. rekonstruktiv hergestellten Zusammenhänge zwischen Akteuren und Zustandsveränderungen ursächliche (handlungsintentionale) Gründe formuliert.44 43

Vgl. Verf.: Literaturwissenschaft. Begriffe - Verfahren - Arbeitstechniken. Berlin, New York 2004, S. 66-85. 44 Vgl. dazu aus der Fülle der vor allem in den 1970er Jahren geführten Diskussion um Beschreibungs- und Erklärungskategorien der Historik die Beiträge der Publikationsreihe Theorie der Geschichte, vor allem Jürgen Kocka, Thomas Nipperdey (Hrsg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte. München 1979. Die in den 1970er Jahren unter dem Einfluss der angloamerikanischen Erzähltheoretiker William B. Gallie, Arthur C. Danto und Louis O. Mink intensivierte Diskussion um narrative Verfahren skizziert Pietro Rossi in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Band Theorie der modernen Geschichtsschreibung (Frankfurt/M. 1987, S. 7-24); eine nützliche Quellensammlung bietet Gerhild Scholz-Williams: Geschichte und die literarische Tradition. Narrativik und Historiographie in der anglo-amerikanischen Forschung der letzten Jahrzehnte. Ein Bericht. In: DVjS 63 (1989), S. 315-392; zusammenfassend dazu Hermann Lübbe: Was sind Geschichten und wozu werden sie erzählt? In: Eberhard Lämmert (Hrsg.): Erzählforschung. Stuttgart 1982 (= Germanistische Symposien 4), S. 620-629; Arthur C. Danto: Erzählung, Erkenntnis und die Philosophie der Geschichte. Ebenda, S. 643-659. - Nicht näher einzugehen ist auf die postmodeme Wendung in der Narrativitätsdiskussion der Geschichtswissenschaften durch Hayden White, dessen 1973 erschienenes Buch Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe das Organisationsschema der genetischen Erklärung als rhetorisches Sprachspiel de-

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Vor diesem Hintergrund können die leitenden Fragestellungen nach Strukturen, Funktionen und Wirkungsweisen konspirationistischer Szenarien nun präziser formuliert werden. U m Verschwörungsszenarien identifizieren und segmentieren zu können, ist zuerst nach den Instanzen der Beobachtung s o w i e nach den regulierenden Elementen ihrer textuell formierten Aussagen zu fragen: Wer beobachtet w e n mit w e l c h e n Voraussetzungen und Verfahren? W e l che handlungstragenden Akteure (in faktualen Texten) bzw. Figuren (in fiktionalen Texten) werden mit w e l c h e n Attributierungen eingeführt? W i e werden Situations- bzw. Zustandsveränderungen beschrieben, zu Elementen eines Kausalzusammenhangs (um)gedeutet und als Resultate intentionaler Handlungen erklärt? 45 - N a c h einer so vorgenommenen und begründeten Klassifikation sind weitere Fragen zu klären, die zum einen die Entstehungsbedingungen und kulturgeschichtlichen Hintergründe, z u m anderen die interne Logik und Referentialisierungen der zu untersuchenden Szenarien betreffen: A u f w e l c h e konkreten konfessionellen, politischen, wissenschaftlichen oder literarischen Problemlagen reagiert das Szenario? W e l c h e denk- und wissensgeschichtlichen

klarierte: Geschichtliche Darstellungen sind demnach allenfalls „tropo-logische" Konstrukte, die keinen Bezug auf empirisch verifizierbare Daten aufweisen müssen und in fiktionalen Texten ebenso gut funktionieren wie in historiographischen. Die „philologische Abstinenz" dieses reduktiven Verfahrens, das archetypische Mythen als Muster voraussetzt, um sie in Geschichtswerken wiederaufzufinden, bemängelt Patrick Bahners: Hayden White liest Edward Gibbon. Zur Ironie der Rezeptionsgeschichte. In: Jöm Stückrath, Jürg Zbinden (Hrsg.): Metageschichte. Hayden White und Paul Ricoeur. Dargestellte Wirklichkeit in der europäischen Kultur im Kontext von Husserl, Weber, Auerbach und Gombrich. Baden-Baden 1997, S. 125-138; überzeugende Kritik an den Konsequenzen von Whites Programm in Form des New Historicism (der wissenschaftliche Ansprüche dispensiert und dafür Lizenzen als methodisch nicht nachvollziehbare Sprachspiele ausschöpft) übt Klaus Weimar: Der Text, den (Literar-)Historiker schreiben. In: Hartmut Eggert, Ulrich Profitlich, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von von Vergangenheit. Stuttgart 1990, S. 29-39. Den überzeugenden Nachweis, das bereits auf der Ebene des Erzählvorgangs historiographisches und fiktionales Erzählen unverwechselbar auseinandertreten und also zwei völlig verschiedene Arten von Gegenständen erzeugen, liefert die detailliert vorgehende Dissertation von Johannes Süssmann: Geschichtsschreibung oder Roman? Zur Konstitutionslogik von Geschichtserzählungen zwischen Schiller und Ranke (1780-1824). Stuttgart 2000. 45

Eine Präzisierung dieses Fragenkatalogs kann durch Anschlussfragen erfolgen, die den konstruktiven Charakter von konspirationistischen Szenarien zu berücksichtigen haben: Zu fragen ist nicht, wer mit welchen verborgenen, d.h. der Öffentlichkeit bewusst entzogenen Absichten und Intentionen handelt, sondern wie Beobachtungen und Deutungen vollzogen werden, die heimliche (d.h. der Öffentlichkeit entzogene) Intentionen und Machinationen aufdecken: Wie konstruieren textuelle Artefakte bzw. andere Zeichensysteme den Austausch und die Koordination von angeblich invisiblen Absichten und Plänen? Welche Unterscheidungen müssen getroffen werden, um Mittel und Methoden zur Realisierung geheimer Intentionen und Absprachen sichtbar zu machen? Welche Antizipationsleistungen realisiert ein Szenario, um den „Erfolg" konspirierender Akteure zu plausibilisieren?

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Voraussetzungen fundieren das jeweilige Handlungsmodell, das heimlich verbundene Akteure zu Auslösern und Antriebsmomenten von Entwicklungen machte? Mit welchen Schlussverfahren wird von „sichtbaren" Ereignissen und Entwicklungen auf „unsichtbare" Verursacher geschlossen; welche Elemente der außertextuellen Realität werden als „Indizien" und „Zeugnisse" herangezogen?44 - Der dritte Fragenkomplex berührt die Wahrnehmung und Verarbeitung von Konspirationsszenarien durch zeitgenössische Rezipienten. Hier ist zu ermitteln, welche Wirkungen konspirationistische Szenarien entfalten wobei zu berücksichtigen bleibt, dass deren Vielfalt nicht in allen Fällen umfassend dokumentiert werden kann. Konzentriert auf exemplarische Prägnanz soll jedoch gezeigt werden, in welch vielschichtiger und komplexer Weise die seit der Frühen Neuzeit zirkulierenden Vorstellungen von heimlich verabredeten Akteuren und ihren koordinierten Interaktionen die Produktion und die Rezeption komplexer Textwelten beförderten - sowohl in der nicht-fiktionalen Publizistik und im sich ausbildenden Wissenschaftssystem wie auch in der schönen Literatur. Diese Fragestellungen strukturieren die nachfolgende Untersuchung, die sich in sechs Teile gliedert. Der erste Teil behandelt ein erstmals 1654 formulierte und bis ins 19. Jahrhundert fortgeschriebenes Szenario, das als eine „Geburtsurkunde" des modernen Konspirationismus aufgefasst und analysiert werden kann. Am Beispiel dieser musterbildenden Präfiguration späterer Szenarien lassen sich weitreichende systematische wie historische Einsichten in den erkenntnistheoretischen Modus und den kulturgeschichtlichen Ort von Verschwörungshypothesen gewinnen. Zu zeigen ist dabei nicht nur, dass frühneuzeitliche Verschwörungsszenarien im Kontext wissensgeschichtlicher Umwälzungen entstanden, in deren Rahmen sich Vorstellungen über eine providentielle Lenkung und den göttlichen Heilsplan nachhaltig veränderten und durch komplexere Modelle intentionalen menschlichen Handelns in kausalen Zusammenhängen abgelöst wurden. Als pseudorationale „Erklärungsskizzen" korrespondierten diese personalisierende Szenarien zugleich auch den seit Mitte des 17. Jahrhunderts verfolgten Bemühungen, den Zufall aus der Betrachtung historischer Abläufe auszuschließen, was seinen wohl deutlichsten Ausdruck in Hegels Postulat fand, die philosophische Betrachtung habe „keine andere Absicht, als das Zufallige zu entfernen" und müsse deshalb „in der 46

Auch an dieser Stelle sind Präzisierungen nötig, die vor allem die Prinzipien der Bedeutungszuschreibung und die Formen ihrer sprachlichen Realisierung betreffen: Welche internen Referentialisierungen und Verknüpfungsleistungen vollzieht der Text? Mit welchen sprachlichen und rhetorischen Mittel werden Ereignisse auf koordinierte Handlungen heimlich verbundener Akteure und ihre abgesprochenen Intentionen zurückgeführt? Mit welchen textinternen Strategien wird eine Differenz bzw. Diskrepanz zwischen Wissensträgern (eingeweihten Konspirateuren und den partiell eingeweihten Exekutoren ihrer Pläne) und Nichtwissenden erzeugt? Welche sprachlichen bzw. rhetorischen Mittel zum Aufbau des „Geheimnisses" bzw. des „Geheimen" nutzt der Text?

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Geschichte einen allgemeinen Zweck aufsuchen".47 Was Hegel im Anschluss an eine von Kant geprägte Formel über die „List der Natur" als historisch aufzudeckende „List der Vernunft" bzw. als „List der Geschichte" bezeichnete, verrät schon durch die Wortwahl eine noch zu erläuternde Beziehung zu konspirationistischen Gedankenfiguren: Die Verknüpfung der menschlichen Eigenschaft der intentionalen Täuschung mit einer transpersonal gedachten „Vernunft", die im Durchgang durch ihre Objektivierungsformen zu enthüllen sei, partizipiert zumindest partiell an Vorstellungen über simulative Praktiken zur Invisibilisierung „eigentlicher" Absichten und Ziele und lässt sich als „Rationalisierung des Zufalls"48 wie als Erbe einer personalisierenden Teleologie beschreiben.49 Der erste Teil fragt zum anderen nach der spezifischen Qualität frühneuzeitlicher Konspirationsszenarien und entdeckt sie in der religionsgeschichtlich bedeutsamen Differenzierung zwischen Ecclesia visibilis universalis und Sekte, das sich mit dem neuzeitlichen Bewusstsein von der Geschichtsmächtigkeit personaler Akteure und sozialer Institutionen verband. Der zweite Teil rekonstruiert die konspirationistischen Reaktionen auf Differenzierungs- und Verfallsprozesse in den Arkanwelten im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, deren Vielfalt und Vielseitigkeit eine entsprechend umfassende Behandlung erforderlich macht. Überaus zahlreiche und aufeinander replizierende „Enthüllungen" und „Verräterschriften" beobachteten die als „Staat im Staat" wahrgenommenen Geheimgesellschaften und erzeugten angetrieben durch die Ausdifferenzierung einer Medienöffentlichkeit, die das „Neue" und „Sensationelle" präferierte - eine weitgehend phantasmatische Realität, die die „reale" Bedeutung diskreter Assoziationen überstieg und einen in unterschiedlichen Varianten ausgeprägten kollektiven Verfolgungswahn hervorrief. Zu rekonstruieren sind in diesem Zusammenhang die Szenarien von Aufklärern wie Johann Joachim Christoph Bode, Friedrich Nicolai, Adolph Freiherr von Knigge und Johann Erich Biester, die mit zum Teil überbordender Kombinatorik eine „kryptokatholische" Verschwörung gegen Aufklärung und Protestantismus zu entlarven suchten und dabei eine als „Jesuitenriecherei" bekannt gewordene Sozialneurose entwickelten. Zu rekonstruieren sind zum

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Die Vernunft in der Geschichte. Einleitung in die Philosophie der Weltgeschichte. Auf Grund des aufbehaltenen handschriftlichen Materials neu hrsg. von Georg Lasson. Leipzig 1944, S. 5. Reinhart Koselleck: Der Zufall als Motivationsrest in der Geschichtsschreibung. In: R. Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt/M. 1989, S. 158-175, hierS. 174. Pronociert Isaiah Berlin: Die Wurzeln der Romantik. [The Roots of Romanticism; 1999] Berlin 2004, S. 186, der die deutsche Romantik als Geburtsstunde einer Paranoia darstellt, „bei der man stets nach versteckten Feinden fahndet, manchmal auch nach weit größeren Zusammenhängen wie wirtschaftlichen Kräften, den Produktionskräften [sie] oder dem Klassenkampf (wie bei Marx) oder weitaus verschwommenere Vorstellung von der List der Vernunft oder der Geschichte (wie bei Hegel) entwickelt."

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anderen die nicht minder vielgestaltigen Szenarien von einer masonischen, illuminatischen bzw. „philosophischen" Konspiration gegen Geltungsansprüche des Absolutismus, die von Vertretern einer konfessionell wie weltanschaulich heterogenen „Gegenaufklärung" stammten. Näher einzugehen ist auch auf die von Aufklärern wie von Aufklärungsgegnern verbreiteten Szenarien, die den Erfolg des von Franz Anton Mesmer praktizierten Heilkonzepts des „animalischen Magnetismus" und die zur Verbreitung seiner Ideen begründeten „magnetischen Gesellschaften" unter Rekurs auf verschwörungstheoretische Vorstellungen deuteten. Die hier exemplarisch zu beleuchtenden Zuschreibungen dokumentieren das erklärungsbedürftige Faktum, dass die kollektive Akzeptanz devianter Wissensansprüche auch im „Jahrhundert des Lichts" personalistische Erklärungsmuster hervorrief und zu Szenarien führte, an deren Ausgestaltung und Verbreitung sich Aufklärer wie Gegenaufklärer beteiligten. Der dritte Teil widmet sich literarischen Modellierungen konspirierender Akteure in den 1780er und 1790er Jahren. Konzentriert auf ausgewählte Erzähltexte sollen die Entwicklungen innerhalb des sich ausdifferenzierenden Literatursystems umrissen und im Zusammenhang mit der Imaginationsgeschichte geheimer Gesellschaften untersucht werden. Unter besonderer Berücksichtigung ihres Zeicheninventars ist zu zeigen, dass auch die scheinbar „autonomen" Texte der Weimarer Klassiker und das Frühwerk Ludwig Tiecks in weit stärkerem Maße von konspirationistischen Projektionen ihrer Entstehungszeit geprägt waren, als bisher angenommen: Sowohl die exakt kalkulierten Intrigen zur Konversion eines protestantischen Prinzen in Friedrich Schillers Fortsetzungsroman Der Geisterseher als auch die „geheime Lenkung" durch die Turmgesellschaft in Goethes später zum Prototyp des „Bildungsromans" erklärten Prosatext Wilhelm Meisters Lehrjahre sind - so gilt es durch genaue Beobachtungen an Texten und Kontextdokumenten zu belegen - ein direkter Reflex zirkulierender Konspirationsszenarien ihrer Entstehungszeit. Zu zeigen wird sein, wie und warum narrative Texte ein noch näher zu spezifizierendes Wissen über Programme und Praktiken diskreter Gesellschaften aufnahmen und welche Konsequenzen sich daraus für die Modellierung fiktionaler Welten wie für das Literatursystem ergaben. Der vierte Teil verschränkt die Untersuchung publizistischer und literarischer Texte, in dem er verschwörungstheoretische Deutungen der Französischen Revolution und ihrer Ursachen in den Blick nimmt. Denn nicht nur in Friedrich Schillers Lied von der Glocke findet sich eine personalistische Anklage an heimlich verbundene Urheber der sozialen Eruption, die die bisherige Sozialordnung radikal erschütterte. In der Analyse von wirkungsmächtigen Szenarien aus dem deutschen Sprachraum sind Übereinstimmungen und Abweichungen zu markieren, um den nicht zu unterschätzenden Einfluss verschwörungstheoretischer Kausalerklärungen auf politische Theoriebildung und historische Deutungsmuster zu belegen.

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Der fünfte Teil widmet sich literarischen, publizistischen und wissenschaftlichen Strategien im Zeitalter der Romantik und den damit verbundenen Verschwörungsszenarien. Ein Zusammenhang zwischen poetischer Produktion und konspirativer Assoziation schien zeitgenössischen Beobachtern des kulturellen Feldes evident - denn die in Jena versammelten Frühromantiker präsentierten sich im polarisierten literarischen Feld selbstbewusst als „Geisterfamilie" und postulierten ihren Bund unter Rekurs auf eingeführte Begriffe als „unsichtbare Kirche" mit „schönen Geheimnissen". Zu fragen ist, mit welchen Strategien diese Positionierung als „Bund der Geister" vollzogen wurde, wie die Mit- und Umwelt auf die „Verschwörung der Gelehrten" (Joseph von Eichendorff) reagierte und welche Erfolge die betonte Exklusivität mit einer intendierten Differenzierung zwischen exoterischer und esoterischer Textproduktion durch eine bewusst erzeugte „Räthselsprache" (Friedrich von Hardenberg) hatte. Zugleich sind die Gestaltungen des personalen Zeicheninventars in ausgewählten Erzähltexten zu verfolgen, um nachzuweisen, dass noch die romantische Novellistik an spezifisch gewandelten konspirationistischen Konfigurationen partizipierte: Zentrale Texteigenschaften wie die maximierte Diskrepanz zwischen täuschendem Schein und verborgenem Sein, omnipotente Manipulatoren und heimliche Machinationen erzeugten eine spezifische Atmosphäre des Unheimlichen bzw. Unentscheidbaren und beförderten so die Entwicklung einer phantastischen Literatur, deren Erbe im 20. Jahrhundert Autoren wie Gustav Meyrink oder Leo Perutz antreten sollten. Der abschließende sechste Teil wendet sich der Aufhebung konspirationistischer Projektionen in Zeitroman und Gesellschaftstheorie der 1830er und 1840er Jahre zu. Auf exemplarische Beispiel aus Publizistik, Literatur und politischer Theoriebildung konzentriert, werden die Historisierung und Ästhetisierung von verschwörungstheoretischen Vorstellungen sowie die Reformulierungen von Entlarvungsfiguren in der sich formierenden marxistischen Gesellschaftstheorie vorgestellt und diskutiert. Die Anschlussmöglichkeiten an die hier vorgelegte Untersuchung sind vielfaltig. Von der materialgesättigten Rekonstruktion der mit hohem intellektuellem Aufwand und beeindruckendem Beziehungssinn erzeugten Szenarien kann sowohl eine sozial- und gesellschaftsgeschichtlich informierte Literaturgeschichtsschreibung als auch eine an Interpretationsprinzipien interessierte Literaturtheorie profitieren. Neues Licht fallt auf die Textproduktion literaturund kulturhistorischer Formationen, die als Aufklärung, Klassik, Romantik, Biedermeier und Nachmärz figurieren und deren Positionierungen zu konspirationistischen Projektionen eine prägnantere Konturierung ihrer SystemUmwelt-Beziehungen wie ihrer Zeichenhaushalte erlaubt. Zum anderen gestattet die historisch grundierte Ermittlung von Deutungs- und Erklärungsleistungen konspirationistischer Provenienz mitsamt ihrer „unbegrenzten Semiose",

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deviante Formen von Bedeutungszuweisung zu beschreiben und zu erklären und mit der Modellierung dieser Zuschreibungsprozesse auch das kulturelle Wissen einer Zeit in neuer und veränderter Weise zu erfassen. Zugleich ermöglichen die rekonstruktiven Leistungen einen Brückenschlag zur Gesellschafts- und Kommunikationsgeschichte. Denn die hier behandelten Szenarien entstanden und zirkulierten in einer Zeit, die im Anschluss an Reinhart Koselleck als „Sattelzeit" bezeichnet und als Periode folgenschwerer Umstellungen beschrieben werden kann. Die auf diese Veränderungen reagierenden Szenarien katalysierten Ausdifferenzierungsprozesse in einer Publizistik, die auf „Neuheit" und „Sensation" umstellte und sich dabei sachspezifisch segmentierte sowie politisch polarisierte; sie beförderten zugleich die Entwicklung einer Literatur, die das Interessante, Provokante und Schockierende entdeckte und sich mit der Gestaltung neuer Inhalte und Formen von didaktischer Zweckbestimmung wie von routinierter Regelfolge emanzipierte. Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2006/07 durch die Philosophische Fakultät II der Humboldt-Universität zu Berlin als Habilitationsschrift angenommen. Ohne vielfaltige Hilfe und Unterstützung wäre sie nicht entstanden. Zu danken habe ich Lutz Danneberg, an dessen Lehrstuhl ich unter ausgesprochen forderlichen Bedingungen arbeiten konnte und dessen Art der Problemstellung und -bearbeitung mich immer wieder anspornte. Für ihren Einsatz danke ich den Gutachtern Lutz Danneberg, Eric Achermann und Wolfgang Höppner; Anregungen und Unterstützung verdanke ich Michael Angele, Holger Dainat, Otto Eberhardt, Hermann Schüttler, Jakob Tanner, Yvonne Wübben, den Angehörigen des Oberseminars „Methodologie und Wissenschaftsgeschichte" sowie den Studenten meines Seminars „Verschwörungsszenarien in der Medienkultur der Weimarer Republik", das mir den Anstoß gab, den Wurzeln des im 20. Jahrhundert vielfaltig virulenten Konspirationismus nachzugraben. Die oftmals nicht unkomplizierte Sicherung der materialen Grundlagen übernahmen Mitarbeiter der Staatsbibliothek zu Berlin, der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität und des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, denen ich ebenso zu Dank verpflichtet bin wie der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln", die mir die Benutzung des Bode-Nachlasses gestattete. Technische Hilfe leistete Sänke Myrda. Der Beistand durch Freunde und Familie, vor allem durch Dorit, Gustav und Robert hat mich auch in schwierigen Momenten nicht verlassen. Besonderer Dank gilt den Herausgebern der Reihe „spectrum literaturwissenschaft" im Verlag Walter de Gruyter für die Bereitschaft, das vorliegende Werk in ihr Programm aufzunehmen; Cheflektor Heiko Hartmann danke ich herzlich für Umsicht und Unterstützung.

1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus In seinem 1759 veröffentlichten Essai sur les elements de philosophie charakterisiert Jean Le Rond d'Alembert sein „Siecle de la Science" als Zeit eines „allgemeinen geistigen Aufruhrs" [„effervescence generale des esprits"], der zu „neuem Licht" [„nouvelle lumiere"] und „neuen Dunkelheiten" [„nouvelle obscurite"] gefuhrt habe: „Von den Prinzipien der Wissenschaften bis zu den Grundlagen der Offenbarungsreligion, von den Problemen der Metaphysik, der Musik und der Moral bis zu den Fragen der Wirtschaft und des Handels; von der Politik bis zum Natur- und Völkerrecht ist alles diskutiert, analysiert, aufgerührt worden. Neues Licht auf einige Sachverhalte, neue Dunkelheiten auf mehrere andere, waren die Frucht dieses allgemeinen Aufruhrs der Geister."1 Die „neuen Dunkelheiten" innerhalb einer „allgemeinen Gärung der Geister" waren nicht zu übersehen. Nur vier Jahre zuvor (und also vier Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes der Encyclopedie, deren Discours preliminaire d'Alembert verfaßt hatte) war in Paris das zweibändige Werk La rialiti du projet de Bourg-Fontaine dimontrie par I 'execution des Jesuiten Henri Michel Sauvage erschienen, das an eine 1654 veröffentlichte Relation juridique über einen angeblich 1621 in der Kartause von Bourg-Fontaine veranstalteten Geheimkongreß von Jansenisten anknüpfte und versprach, diesen schon von Antoine Arnauld und Blaise Pascal zurückgewiesenen Juristischen Bericht" über einen konspirativen Plan zur Einfuhrung der deistischen Vernunftreligion nun durch den historischen Abgleich mit seiner „Ausfuhrung" zu beweisen.2 Obwohl 1758 durch das Pariser Parlament verboten sowie von Henkershand öffentlich zerrissen und verbrannt, erschien Sauvages „Demonstration" in zahlreichen europäischen Sprachen und, von Augsburger Jesuiten ins Lateinische übersetzt, 1764 auch in Deutschland. Was unter dem Titel Veritas Consilii 1

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Jean Le Rond d'Alembert: Essai sur les Elements de philosophie, ou sur les Principles des Connaissance humaines, avec les Eclaircissements. In: (Euvres de d'Alembert. Tome Premier. Reprint Geneve 1967, S. 115-348, hier S. 123: „Ainsi depuis les principes des sciences profanes jusqu'aux fondemens de la revelation, depuis la metaphysique jusqu'aux matieres de goüt, depuis la musique jusqu'ä la morale, depuis les disputes scolastiques des theologiens jusqu'aux objets du commerce, depuis les droits des prince jusqu'ä ceux des peuples, depuis la loi naturelle jusqu'aux lois arbitraire des nations, en une mot depuis les questions quis nous touchent davantage jusqu'ä Celles qui nous Interessent le plus faiblement, tout a ete discute, analyse, agite du moins. Une nouvelle lumiere sur quelques objets, une nouvelle obscurite sur plusieurs, a ete le fruit ou la suite cette effervescence generale des esprits [...]." [Henri Michel Sauvage:] La realite du Projet de Bourg-Fontaine, demontree par l'execution. Paris M.DCC.LV, 2 vol. Nachdrucke erschienen ein Jahr später sowie 1764; eine „Nouvelle Edition" wurde 1787 in Paris veranstaltet.

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Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrata, seu verum systema Jansenismi et evolutio mysterii iniquitatis in Augsburg veröffentlicht wurde (und zahlreiche Polemiken sowie Apologien nach sich zog), bevor es 1793 als Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden in deutscher Sprache erschien, kann als signifikantes Zeugnis für die moderne Ausprägung konspirationistischer Kombinatorik gelten und wird im Zentrum der folgenden Überlegungen stehen. Der 1704 geborene Autor des französischen Originals, Henri Michel Sauvage, der vor seinem Eintritt in die Societas Jesu 1723 zwei Jahre Philosophie studiert hatte und sich als Angehöriger des Ordens der Mathematik zuwandte, 3 kündigte in der Vorrede zu seinem fast 900 Seiten starken Werk nicht weniger an als die Aufdeckung der „Quelle" („source de ce mal") fur das mit „starkem Schmerz" („extreme douleur") wahrgenommene Anwachsen von Gottlosigkeit und Verachtung der Religion. 4 Nach Aufzählung von Symptomen für „Γ impiete & l'irreligion prennent sans cesse de nouveaux accroissemens" und der rhetorischen Frage „Le source de ce mal, quelle est-elle?" lieferte er eine Erklärung mit charakteristischen Termini und Metaphernkomplexen: „Nous voyons au milieu de nous des Novateurs qui eloignent les Fidelles des Sacramens autant qu'ils le peuvent, qui leur inspirent la desobeissance ä l'Eglise par leurs ecrits & par leurs exemples, qui debitent dans des Livres multiplies & varies a l'infini, des principes propres a mener droit au libertinajge & au Deisme. Ce sont done ces Novateurs qui causent tant de maux ä l'Eglise: quelques soins qu'ils ayent pris jusqu'ä present de se deguiser, on a tant travaille ä les demasquer, qu'aujourd'hui on les connoit, & ils ne trompent plus que ceux qui veulent bien etres trompes."5

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Sauvage, der vier Jahre als Missonar gewirkt hatte, war von 1767 bis 1768 der letzte Rektor des Jesuiten-Collegs von Saint-Nicolas-de-Port. Er gilt auch als Autor der 1777 in Paris anonym publizierten Schrift Le Oui et le Non, ou Lettres sur la procedure faite contre les Jesuites au Chateau Saint-Ange, die über die juristische Verfolgung des Ordensgenerals Lorenzo Ricci nach Aufhebung der SJ im Jahre 1773 informierte. [Henri Michel Sauvage:] La realite du Projet de Bourg-Fontaine, demontre par l'execution [1755]. Nouvelle Edition. Paris 1787, S. iv. Als Symptome für eine signifikant anwachsende Irreligiosität wurden vermeintlich offensichtliche Phänomene aufgeführt: ,,L' usage des Sacramens s'abolit d'une maniere sensible: on ne connoit presque plus ce respect filial du au Pere commun des Fideles & aux Eveques: ou meprise les decision de 1' Eglise: le Deisme devient tous les jours plus a la mode: notre sainte Religion deperit ä vue d'oeil en France; eile es ä deux doigts de sa ruine." Ebenda, S. v. In der deutschen Übersetzung Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden (Augsburg 1793. Bd. 1, S. iii) lautet die Passage: „Wir sehen, und sehen schon lange unter Katholiken Neuerer, welche sich aus allen Kräften bestreben, die Gläubigen von dem Gebrauche der heiligen Sakramente zu entfernen, die denselben Ungehorsam

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Die strukturellen Muster dieser Aussage sind unschwer zu erkennen: Als Ursache für eine vorgängig beschriebene Krise des katholischen Glaubens und seiner Institutionen gelten personale Akteure, die als konfessionelle „Neuerer" („Novateurs") auftreten und mit vielfaltigen, vornehmlich publizistischen Mitteln die Prinzipien des „Deismus" und der „Libertinage" verbreiten würden. Zentrale Eigenschaft dieser koordiniert handelnden Akteure sei ihr maskiertes Wesen: Zwischen Schein und Sein, zwischen vorgetäuschtem Charakter und eigentlichen Intentionen bestehe eine Differenz, die eine Demaskierung ihrer verborgenen Absichten notwendig mache. Diese „Enthüllung" müsse so Sauvage weiter - „le projet de seduire les autres"6 und also den „regelmäßigen Plan, andere zu verführen"7 entdecken, mit dem die „Neuerer" seit über 100 Jahren die Kirche Jesu Christi zu zerstören suchten. Zwar hätte man die Repräsentanten des Jansenismus als die für die Glaubenskrise verantwortliche „Neuerer"-Bewegung schon einmal angegeben und von ihrem „projet" berichtet; eine genaue Untersuchung und Prüfung dieser Angaben aber habe noch nicht stattgefunden. Diese sollte durch das nun vorliegende Werk geleistet werden. Der Hinweis auf eine bereits erfolgte „Accusation" der „Novateurs" und ihres „projet" bezog sich auf eine Veröffentlichung, die als ein „rechtsförmiger Bericht" schon 1654 in Poitiers veröffentlicht worden war - die Relation juridique de ce qui s 'est passe ä Poitiers touchant la nouvelle doctrine des Jansenistes, die der königliche Parlamentsadvokat Jean de Filleau unter Berufung auf einen angeblichen Augenzeugen verfasst hatte und die einen weitreichenden, selbst vor Anhängern geheimgehaltenen Verschwörungsplan jansenistischer Geistlicher enthüllte.8 Diesem Bericht zufolge kamen 1621 in der Kar-

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gegen die Kirche durch ihre Schriften und Beyspiele einflößen, die in den unzähligen, und, zur Bergung des schädlichsten Giftes nach aller Kunst verschiedenen Werken, alle die Grundsätze verbreiten, welche gerades Weges zur zügellosesten Freyheit, und zum verderblichsten Deismus hinfuhren. Und diese Neuerer sind es, von denen so große Uebel in die Kirche Gottes eindrangen: so sehr sie sich auch alle erdenkliche Mühe gaben, ihren Wolfpelz, noch leider bis auf den heutigen Tag, unter den Schafskleidern zu verbergen, hat man sie denn doch ziemlich enthüllet, und allenthalben in der wahren Gestalt aufgestellet." Die deutsche Übersetzung ist durch im Anmerkungsapparat plazierte Anspielungen auf aktuelle Zeitereignisse angereichert, auf die später zurückzukommen ist, folgt aber im Haupttext Sauvages 1755 publiziertem Original La realite du projet de Bourg-Fontaine, demontreepar l'execution. Ein zweites Titelblatt verzeichnet den Titel Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine durch die Ausführung ihres Zweckes. [Henri Michel Sauvage:] La realite du projet de Bourg-Fontaine, S. vi. [Henri Michel Sauvage:] Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, S. iv. In der wörtlichen Wiedergabe von Filleaus Relation juridique de ce qui s 'est passe ä Poitiers touchant la nouvelle doctrine des Jansenistes in der deutschen Übersetzung Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine (Bd. 1, S. 4) heißt es: ,„Nun soll (spricht de Filleau) die Truppe der neuen Schwärmer (nämlich die Janseni-

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tause von Bourg-Fontaine - „16 Stunden von Paris entfernt im Wald von Villers-Coteret gelegen" - sieben Männer zusammen und verabredeten einen Geheimplan zur Zerstörung des Christentums und zur Einführung der deistischen Vernunftreligion. 9 U m die christliche Religion sukzessive zu untergraben und letztlich zu beseitigen, sollten die Lehren und Übungen des Jansenismus - einer innerkatholischen Reformbewegung, die nach ihrem Begründer Cornelius Jansen benannt wurde und während des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich und den Niederlanden aktiv war - verbreitet werden. Ein von der Verschwörung zurückgetretener Teilnehmer, ein ungenannt bleibender Priester, sollte dem Verfasser der Relation juridique den geheimen Plan mitgeteilt und die sechs anderen Teilnehmer durch Initialen bezeichnet haben: J.D.V.D.H. [Jean du Vergier du Hauranne]; C.J. [Cornelius Jansen]; P.C. [Philipp Cospean]; P.C. [Pierre Camus]; A . A . [Antoine Arnauld] und S.V. [Simon Vigor]. 1 0 Detailliert wurde im folgenden über die Planungen zur Durchsetzung

sten), die auf Irrwegen wandeln, herbeykommen. Ich will ihnen ein ihren Häuptern selbst verborgenes Geheimnis aufdecken. Alle, die sich Jansenisten nennen, und zu Bourgfontaine nicht bey den Unterredungen gewesen, sondern nur nach dem entworfenen Plane arbeiten, sollen ihren Irrthum einsehen, und sonnenklar erkennen, dass die Lehre, welcher sie den Beyfall geben, nichts, denn eine Lockspeise, um sie zu betrügen, und zum Deismus zu fuhren, sey. Ich werde ihnen den Endzweck der Stifter dieser neuen Lehre aufdecken, und zum Schrecken und Erstaunen aller heutigen Jansenisten beweisen, dass ihre Lehre nichts anders sey als ein heimliches Verständnis, die nur den äußem Schein von dem, was sie lehre, führe." 9

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So die Wiedergabe der Relation juridique in Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, S. 6: „Wollen sie den ächten Zweck dieser Leute wissen, ich will ihnen denselben offenbaren: ihre einzige Absicht ist, das Evangelium auszurotten, und den Glauben an die Erlösung der menschlichen Gesellschaft durch Jesum Christum (welches sie eine unterschobene Geschichte nennen) vollkommen zu tilgen." In Filleaus Relation juridique wurden die Initialen - bis auf den Namen des Abtes von Saint Cyran - nicht aufgelöst. Eine Dechiffrierung lieferte der Arnauld-Artikel in Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique, dessen deutsche Übertragung durch Johann Christoph Gottsched 1741 in Leipzig erschien: „Bey gewissen Umständen, womit diese Erzählung begleitet ist, und bey der Beschaffenheit gewisser Bücher, welche, wie man zu verstehen giebt, zu Folge der Verbindungen von Bourg-Fontaine herausgegeben worden, hat jedermann geglaubt, dass die Buchstaben des ersten Namens, Johann du Verger de Hauranne, Abt von St. Cyran, des andern, Cornelius Jansenius, Bischof zu Ypern; des dritten Philipp Cospean, Doctor der Sorbonne, Bischof zu Nantes, und hernach zu Lisieux, des vierten Peter Camus, Bischof zu Belley, des fünften Anton Arnauld, von welchem wir in diesem Artikel reden, und des sechsten Simon Vigor, Rath bey dem großen Rathe, bedeuteten. Herr Filleau versichert, dass bey dieser Versammlung beschlossen worden sey, die zwey Sacramente anzugreifen, welche von den Erwachsenen am meisten gebraucht würden, nämlich die Buße und das Nachtmahl; und dass man hierzu zu gelangen erwählt habe, jedermann davon abzuziehen, ohne Bezeigung des geringsten Vorsatzes, dass man dieselben weniger besucht haben wolle; sondern den Gebrauch derselben so schwer zu machen, und mit solchen Umständen zu begleiten, die sich zu den Umständen der Menschen dieser Zeit gar nicht schickten, damit man durch den Nichtgebrauch, der sich auf so schöne Anscheinungen gründete, den Glauben daran ganz und gar verlöhre. [...] Da es hier nicht Zeit ist, die Wahrheit und

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des geheimen Ziels berichtet. Der mit seinem vollen N a m e n genannte Jean du Vergier du Hauranne, bekannt als Abt von Saint-Cyran, sei als erster aufgetreten und habe für die o f f e n e Propaganda der v o n Cornelius Jansen entwickelten Gottesvorstellungen plädiert. N a c h dieser Auffassung besitzt Gott vollkommene Möglichkeiten, mit den Menschen nach seinem Willen zu verfahren und nur auserwählten Gläubigen Seligkeit zukommen zu lassen, während alle anderen der Verdammnis anheimfielen. Deshalb müsse man den Menschen die A u g e n ö f f n e n und ihre Unterweisung mit der Zerstörung der Glaubensgeheimnisse beginnen, namentlich mit der Destruktion des Mysteriums der Menschwerdung, das die Grundlage aller anderen Geheimnisse sei. Während Cornelius Jansen diese Ansicht bekräftigt und ergänzt habe, hätte sich Philipp Cospean

Falschheit dieser Verschwörung zu untersuchen, so will ich mich nur begnügen, zu sagen: dass Herr Arnauld dieß für die allergrößte Lästerung ausgegeben, die man jemals gehört hätte; und dass er sich ins besondere wegen der ihm beygemessenen Beschuldigung, als ob er sich bei der Unterredung dieser Deisten befunden hätte, unumstößlich gerechtfertigt." Pierre Bayle: Historisches und Critisches Wörterbuch. Nach der neuesten Auflage von 1740 ins Deutsche übersetzt; auch mit einer Vorrede und Anmerkungen versehen von Johann Christoph Gottsched. Leipzig 1741. Reprint Hildesheim, Zürich, New York 1997. Bd. I, S. 346. - Die angeblichen Konspirateure waren tatsächlich hochrangige Vertreter einer innerkatholischen Reformbewegung, die sich gegen die jesuitische Gnadenlehre, papalzentralistische Ansprüche und Ordensgeistlichkeit sowie gegen die jesuitische Sakramentspraxis wandte. Jean du Vergier du Hauranne (15811643), nach dem Ort seines Wirkens auch Abt von Saint-Cyran gennant, wurde als enger Freund des Cornelius Jansen (1585-1638) und namhafter Propagandist von dessen Lehre auf Befehl Richelieus von 1638 bis 1643 gefangen gehalten. Pierre Camus (15821652) und Philipp Cospean (-1646) wirkten als Bischöfe. Antoine Arnauld (1612-1694) war einer der Wortführer der Jansenisten im Kampf gegen den Jesuitenorden; seine Schrift: De la friquente communion (1643) bestritt die jesuitische Beicht- und Sakramentspraxis und forderte eine strenge Vorbereitung zur Kommunion. Seine Apologie pour les saints peres de l'Eglise versuchte die augustinische Gnadenlehre als herrschende Lehre des christlichen Altertums zu erweisen. Der Verfasser der Logik von Port Royal (1662) mußte 1679 Frankreich verlassen. Simon Vigor (1555-1624) unterstützte Jansens Gesinnungsgenossen als Jurist. Jansenistischer Mittelpunkt war das Zisterzienserinnenkloster Port Royal, in dessen Einsiedlerzellen u. a. Robert Arnauld und Simon Le Maistre, Pierre Nicole und Blaise Pascal lebten. Gegen den Jansenismus wandten sich die päpstlichen Bullen In eminenti (1641), Cum occasione (1653), Ad sacrum (1656) und Vineam Domini (1705), die fünf „Propositiones" aus dem Augustinus von Cornelius Jansen verurteilten - und zwar ausdrücklich „in sensu auctoris". Zeitweilig vom gallikanischen Königtum gestützt, wurden jansenistische Bischöfe im sog. Regalienstreit zu Verbündeten Roms gegen Paris, der bis zum sog. Kirchenfrieden zwischen Jansenismus und Papstkirche unter Clemens IX. führte. Als der Papst sich dann mit Ludwig XIV. verständigte, war der Jansenismus isoliert und wurde von beiden verfolgt: Die Bulle Unigenitus von 1703 verurteilte 101 Sätze aus Pasquier Quesnels Werk Le nouveau Testament Frangais avec des reflexions morales und verdammte den Jansenismus; auf Betreiben der Jesuiten ließ Ludwig XIV. im Jahre 1709 das Landkloster von Port Royal auflösen und 1710 alle seine Gebäude zerstören. Vgl. u.a. Gabriel Gerberon: Histoire generale du Jansenisme. 3 Bde. Amsterdam 1700; A. Gazier: Histoire generale du mouvement janseniste, 2 Bde. Paris 1924; W. Abercrombie: The Origins of Jansenism. Oxford 1936; Jean Orcibal: Les origines du Jansenisme. 3 Bde, 1947/48.

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dagegen ausgesprochen; auch die drei anderen Teilnehmer wären skeptisch gegenüber dem Vorschlag zur öffentlichen Forderung nach Abschaffung des Evangeliums gewesen. Ihrem Argument, dass die Lehre als gottlos gelten könne und behördliche Bestrafung drohe, hätten sich Saint-Cyran und Cornelius Jansen nicht entziehen können. So einigte man sich schließlich auf moderatere und weniger sichtbare Methoden, den Glauben an das Evangelium und seine Geheimnisse zu untergraben und beschloß eine Reihe von aufeinander abgestimmten Maßnahmen: (a) den Angriff auf die beiden für Erwachsene wichtigsten Sakramente Buße und Eucharistie, um deren Empfang allmählich zu verringern und den Glauben an sie zu untergraben; (b) die Darstellung der jansenistischen Gnadenlehre als allein richtige und unwiderrufliche Interpretation der Heiligen Schrift; (c) die Minderung des Einflusses von Beichtvätern durch Untergrabung des Vertrauens in sie (indem man zeigen wollte, welches Eigeninteresse diese verfolgten); (d) die Diskreditierung des Papstes durch Angriff auf die monarchistische Verfassung der Kirche und die päpstliche Unfehlbarkeit durch Forderungen nach einem allgemeinen Konzil; (e) die Benutzung des Namens des Kirchenvaters Augustinus, um unter dem Deckmantel dieser Autorität unbehelligt an der Untergrabung des Christentums zu arbeiten. Die Teilnehmer der Versammlung hätten diese Aufgaben unter sich verteilt. Cornelius Jansen und Saint-Cyran sollten eine antimolinistische Gnadenlehre entwickeln und als angebliche Fortfuhrung der augustinischen Lehre verbreiten; Antoine Arnauld verpflichtete sich zur Dekonstruktion der Sakramente; der Jurist Simon Vigor sollte durch Interventionen gegen die Unfehlbarkeit des Papstes und die Verfassung der Kirche den Gallikanismus befördern. Jean Pierre Camus de Pontcarre, 1608 von Heinrich IV. zum Bischof von Belley ernannt, sei die Aufgabe zugefallen, den Einfluss der Beichtväter zu untergraben. Da von allen Kirchenlehrern keiner mehr über göttliche Gnade geschrieben hätte als Augustinus und sich seine Schriften am leichtesten missbräuchlich auslegen ließen („wie auch schon vorher die Kalvinisten gethan haben"), wurde gleichfalls festgesetzt, sich als Verteidiger der augustinischen Lehre aufzuwerfen - um die Gläubigen leichter hintergehen und ihre tatsächlichen Absichten länger verhüllen zu können. „Dieser Schluß also", so folgerte die Relation juridique, „war die Ursache, warum Jansens Augustinus, und alle bey der Gelegenheit heraus gekommene, und eben gemeldete Bücher ans Tageslicht getreten sind". 11 Und sie resümierte: „Diese Versammlung war also eine Rathsversammlung wider die allerheiligste Person Jesu Christi, welche schon der Prophet vorhergesagt hat, sie sind eins geworden wider den Herrn und wider seine Gesalbten. Von diesem Augenblicke an nannten sie sich zum

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Zitiert nach der Wiedergabe von Filleaus Relation juridique in Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, S. 15.

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Schein Jansenisten, w o doch ihr ächter N a m e n Deisten ist, da ihr geheimer Z w e c k allein darinn besteht, dass sie nur allein den Glauben an einen Gott, ohne das Evangelium, ohne Erlöser, und ohne allen Sakramente einfuhren, w e l c h e alle unnöthig sind, w e g e n der vollkommenen Verwerfung (reprobatio positiva) in w e l c h e das menschliche Geschlecht w e g e n dem Falle des ersten Stammvaters gefallen ist, und Kraft welcher Gott das Recht hat, j e n e zu verdammen, w e l c h e er zur e w i g e n Verdammnis vorbestimmt (praedestiniret) hat." 12 D i e hier vorgenommene Bestimmung der „Jansenisten" als Verschwörerzirkel mit weitreichenden verborgenen Absichten wird vor dem Hintergrund verschärfter konfessioneller Auseinandersetzungen seit Beginn des 17. Jahrhunderts verständlich. 13 Tatsächlich waren z w i s c h e n 1621 - dem Jahr der angeblichen Verschwörung - und der Relation juridique 1654 theologische Werke und konfessionspolitische Stellungnahmen erschienen, die ein koordiniertes Handeln auf der Basis konkreter Absprache vermuten ließen: Cornelius Jansen arbeitete sein dogmatisches Hauptwerk Augustinus aus, das posthum 1640 und also im selben Jahr w i e die jesuitische „Festschrift" Imago Primi Saeculi Societatis Jesu'4 - veröffentlicht wurde. Saint Cyran verfertigte die unter dem

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Ebenda, S. 16. Das französische Original hatte den Bezug auf die Autorität der biblischen Überlieferung noch stärker herausgestellt: „Voilä comme a ete projetee cette cabale, poursuivit cet Ecclesiastique,& qu'en verite cette assemblee qui l'a formee, & a laquelle il avoit eu le malheur d' assister & de participer, mais aussi le bonheur d'y renoncer par apres,etoit un conventicule contre la Personne sacree de Jesus Christ, semblable ä celui qui avoit ete predit par le Prophete: Convenerunt in unum adversus Dominum & adversus Christum ejus, & que depuis, cette nouvelle doctrine a pris le nom de Jansenistes, ce n'est qu'un nom d'ecore & d'exterieur, & que la veritable denomination qui leur appartient est celle de Deistes, leur secrette intention & la finale etant d'introduire la seule creance d'un Dieu sans Evangile & sans Redempteur..." Hier zitiert nach der Wiedergabe von Filleaus Relation juridique in [Henri Michel Sauvage:] La realite du projet de Bourg-Fontaine demontre par l'execution. Nouvelle Edition. Paris 1787, S. 8; Hervorhebungen im Original.

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Ein markantes Datum bildet das Jahr 1618, in dem die Synode von Dordrecht stattfand. Der Sieg der Gomaristen über die Anhänger des Jacob Arminius führte nicht nur zur Enthauptung des Jan van Oldenbarneveldts, sondern auch zur lebenslangen Haftstrafe für Hugo Grotius (der er sich durch Flucht entzog) und zur Enthebung des Gerhard Johann Vossius von seinem Amt als Direktor des Leidener Statencollege. Dazu Wilhelm Neuser: Dogma und Bekenntnis in der Reformation: Von Zwingli und Calvin bis zur Synode von Westminster. In: Carl Andresen (Hrsg.): Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte. Bd. 2: Die Lehrentwicklung im Rahmen der Konfessionalität. Göttingen 1980, S. 165-352, hier S. 335-339. Die umfängliche Selbstdarstellung Imago Primi Saeculi Societatis Jesu präsentierte den Orden als militärisch geführte Vereinigung streitbarer Ritter; so etwa in der Abbildung S. 52, die den Orden in Gestalt eines von Kopf bis Fuß bewaffneten Ritters auf schnaubendem Streitross allegorisierte. Wie stark die 1640 veröffentlichte Schrift spätere Verschwörungsphantasien beförderte, verdeutlicht die durch Johann Joachim Christoph Bode übersetzte und kommentierte Schrift von Nicolas de Bonneville: Einerleyheit der vier Gelübde bey der Gesellschaft des heiligen Ignaz und der vier Grade in der Frey-

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Namen Petrus Aurelius erschienenen Schriften über die kirchliche Verfassung (Lettres chretiennes et spirituelles) und einen geheimen Rosenkranz für die Klosterfrauen von Port Royal. Antoine Arnauld publizierte 1643 die gegen häufigen Sakramentsempfang gerichtete Schrift De la frequente Communion, die in zwei Jahren fünf Auflagen erfuhr und zu einem signifikanten Rückgang des Sakramentenempfangs in Frankreich beitrug.15 Von den zahlreichen Schriften des Pierre Camus - der entsprechend der konspirativen Planungen gegen den Einfluss der Beichtväter vorzugehen hatte - richteten sich mehrere gegen das Mönchstum und insbesondere gegen die Bettelmönche; 1632 erschien die Schrift Le directeur spirituel desinteresse und 1633 die Schrift Saint Augustin de l 'ouvrage des moines (deren Verkauf Richelieu bei Todesstrafe verbieten ließ); der Jurist Simon Vigor - der die Verfassung der Kirche und die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellen sollte - veröffentlichte 1622 die gallikanische Schrift De l 'estat de gouvernement de l 'eglise: de la monarchie ecclesiastique, de l'infaillibilite, de la discipline ecclesiastique, des conciles,16 Als Bestätigung der unterstellten Konspirationsthese wertete die Relation juridique neben diesen Schriften den Briefwechsel zwischen Cornelius Jansen und Saint Cyran aus, der bei der Verhaftung des berühmten Abtes 1638 konfisziert und durch den Jesuiten Francis Pinthereau unter falschem Namen 1654 veröffentlicht worden war.17 Aus dieser Korrespondenz - in der Jansen seine Bedenken hinsichtlich einer zu raschen Veröffentlichung seiner Ansichten über Augustins Gnadenlehre artikuliert und sich mit seinem Korresponmäurerey des heiligen Johannes. Der Schottischen Maurerey Zweyter Theil. Leipzig 1788, S. 112f., in dem verschiedene Elemente aus dem „berüchtigten Buche" als Beweise fur die These von einer jesuitischen Machination der Freimaurerei angeführt wurden. Über den in der Imago Primi Saeculi Societatis Jesu exponierten Ring als Sinnbild des Ordensberufes hieß es hier (mit bezeichnendem Rekurs auf Lessings Trauerspiel Nathan der Weise): „Tausende unter den Freymäurem hätten sichs nicht beygehen lassen, im Imago primi saeculi der J e s u i t e n - V ä t e r den geheimen Ursprung ihres Ringes zu suchen."; Hervorhebungen im Original. 15 Die gegen die Seelsorgepraxis der Jesuiten geführte Polemik wiederholte Arnauld nachdrücklich im 1655 veröffentlichten Seconde lettre de Monsieur Arnauld ä une Due et Pair de France, in dem er den Herzog von Liancourt, einen Anhänger Jansens, im Widerstand gegen seinen Beichtvater bestärkte. Zugleich wies er die ein Jahr zuvor erschienene Relation juridique über die angebliche Versammlung von Bourg-Fontaine als jesuitische Erfindung zurück. 16 Vgl. dagegen Rene Francois Wladimir Guettee: Histoire des Jesuites: Composee sur document authentiques en partie inedits. Bd. 2. Paris 1858, S. 472: Die Schrift Vigors erschien 1621 schon in zweiter Auflage, so dass ihre Planung unmöglich auf der angeblich 1621 veranstalteten Geheimkonferenz von Bourg-Fontaine erfolgt sein kann. 17 La naissance du Jansenisme decouverte ä Monseigneur le Chancelier par le Sieur de Preville, ou lettres de Jansenius ä M. J. du Verger de Hauranne, abbe de Saint Cyran. Louvain 1654. Die Korrespondenz war durch Amtsmissbrauch des Untersuchungsrichters in die Hände der Jesuiten des Kollegs Clermont gelangt und wurde auszugsweise mit tendenziösen Kommentaren veröffentlicht; vgl. Jean Orcibal: Correspondance de Jansenius. Paris, Löwen 1947.

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denzpartner über Perspektiven fur m ö g l i c h e gemeinsame Publikationen beraten hatte - und der Mitteilungen eines angeblich beteiligten Zeugen kombinierte Filleau seine weitreichenden Schlüsse: „dass dieser Verschwornen [...] ihre Absicht nicht war, die ächten Grundsätze der Religion zu vertheidigen, sondern die Grundsätze, w e l c h e den wahren Glauben in die Welt gebracht, zu vernichten, das Evangelium und die christliche Kirche zu stürzen"; 18 „dass Jansen und St. Cyran der Versammlung zu Bourgfontaine b e y g e w o h n e t hatten"; 19 „dass Jansen, St. Cyran, und die übrigen im Jahre 1621 z w i s c h e n dem 5ten März und 4ten N o v e m b e r beysammen g e w e s e n " und dabei „das große Geschäft" beschlossen hätten; 20 dass „einer von denen, w e l c h e zu Bourgfontaine g e w e s e n , seine M e y n u n g ab(änderte), wodurch die übrigen sehr bestürzt

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Zitiert nach der Wiedergabe von Filleaus Relation juridique in: Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, S. 29. Als „Beleg" für diese weitreichende Aussage zitierte de Filleau den 16. Brief mit Jansens Worten: „Ich getraue mich nicht jemanden zu eröffnen, was meine Meinung nach den Grundsätzen des heiligen Augustin über viele Lehren unseres Zeitalters .. betritt, sey, bis nicht alles noch besser reif geworden, und sich eine gute Gelegenheit wird ergeben haben. Denn ich förchte, Rom möchte mit mir, wie mit andern verfahren." Weitere von de Filleau angeführte „Belege" waren aus dem Zusammenhang entnommene Zitate aus dem 5., 20, 21. und 23. Brief, in denen Jansen zur publizistischen Zurückhaltung und zur Sammlung von „ansehnlichen Männern" sowie zur Wahrung der Geheimnisse („Secretum meum mihi") aufgefordert hatte.

Ebenda, S. 32. Die am Anschluß vorgebrachten „Beweise" sind jedoch mehr als ungenau: „Dass Jansen und St. Cyran der Versammlung zu Bourgfontaine beygewohnet hatten, beweisen Jansens Briefe. Aus diesen erhellet ganz klar, dass Jansens und St. Cyran öfters zusammen gekommen sind, und sich einander ihre Rathschlüße entdecket haben: Dass Jansens nach Paris gekommen, und sich sowohl mit dem St. Cyran, als den übrigen über den allgemeinen Zweck gesprochen habe: Dass aber an der Bourgfontainischen Zusammenkunft schon lange sey gearbeitet worden, bezeugt das 13te Schreiben vom 14. Oktob. 1620 ganz klar: Ich habe mich entschlossen, auch diesen Winter nur allein schriftlich mit dir mich zu unterhalten, welches anstatt der schon von etlichen Jahren her unter uns festgesetzten mündlichen Unterredung dienen soll." 20 Ebenda, S. 33. Hier heißt es, ebenfalls als wörtliche Übernahme aus Filleaus Relation juridique markiert: „Dieses beweiset ganz klar das Schreiben vom 4ten Nov. 1621, wo er [Jansen] von der schmerzvollen Trennung Meldung macht [...] In demselben Schreiben meldet Jansen, dass sie noch ein andersmal zusammen gekommen, und sich mündlich gesprochen haben. [...] Den allerklärendsten Beweis von der Bourgfontainischen Zusammenkunft ... giebt das Schreiben vom 26. Februar 1622, in welchem Jansens dem St. Cyran das Amt eines Aufsehers über gewisse Klosterfrauen meistentheils und zwar hauptsächlich aus dem Grunde widerrathet, weil er das große Geschäft hiedurch vernachlässigen müßte. Du hast schon zu Ausführung des Entwurfs dein Wort gegeben, und bist dein gemachtes Versprechen zu halten verpflichtet, ich bitte dich derowegen, dass du uns in diesem Geschaffte nicht stecken lassest, nachdem du schon gesehen hast, wie glücklich der Anfang sey, und dich zugleich selbes auszufuhren aufs feyerlichste verbunden hast. Diese wechselweise Verbindung muß ganz gewiß zu Bourgfontaine geschehen seyn." Für den angegebenen Terminus ante quem der angeblichen Zusammenkunft wird jedoch kein Beleg geliefert.

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geworden sind". 2 ' - Wie Franz Heinrich Reusch 1894 feststellte, ergibt sich aus dem Briefwechsel jedoch nicht mehr als die Tatsache, dass Cornelius Jansen und St. Cyran 1621 zusammentrafen und etwas miteinander besprachen; „ohne Zweifel eine Verabredung über ihre schriftstellerische Thätigkeit". 22 Für eine geheime Verabredung zur publizistischen Vernichtung des Christentums bietet die Korrespondenz keine Anhaltspunkte; auch der im Schreiben vom 26. Februar 1622 ausgesprochene Rat Jansens an Saint-Cyran, die Leitung von Port-Royal nicht zu übernehmen, um sich ganz der „großen, ihm bekannten Aufgabe" zu widmen, bezog sich wohl eher auf die zu schreibenden Bücher und nicht auf einen konspirativen Plan zur Untergrabung der katholischen Religion. Doch sprechen noch weitere Argumente gegen die Glaubwürdigkeit von Filleaus Relation juridique. Schon Antoine Arnauld, der in Filleaus Bericht nur mit der Chiffre A. A. bezeichnet wurde, den zeitgenössischen Lesern aber rasch als „le Grand Arnauld" erkennbar war, hatte auf den wichtigen Umstand hingewiesen, dass zwischen dem Zeitpunkt der beschriebenen Konjuration und dem Zeitpunkt seiner öffentlichen Darstellung über 30 Jahre lagen. Warum schwieg Filleaus angeblicher Kronzeuge - ein namentlich nicht genannter Priester, der als siebter Teilnehmer der Versammlung beigewohnt hatte, dann jedoch zurückgetreten war - so lange, bis nur noch einer der angeblichen Konspirateure am Leben war? Warum veranlaßte diesen Zeugen nicht die Verhaftung Saint Cyrans im Jahre 1637 oder das Erscheinen von Arnaulds De la frequente Communion 1643 zur öffentlichen Darstellung seines angeblichen Wissens? Und weshalb wandte sich dieser Zeuge nicht an einflußreiche Personen wie an die von Jesuiten beeinflußte Königin Anna, sondern nur an einen königlichen Advokaten zu Poitiers?23 Und in seinem Seconde lettre de Monsieur Arnauld ä une Due et Pair de France verwies der prominente Theologe

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Ebenda, S. 39. Dabei bezog sich de Filleau auf Jansens Briefe vom 24. Februar und 4. März 1623, in denen der Bischof von Ypern geschrieben hatte, dass zur „Abänderung unsers Entwurfs" bzw. zur „Abänderung der genommenen Maaßregeln" eine „neue" bzw. „mündliche Unterredung" notwendig sei - „damit wir wissen, nach was für einen Zweck wir arbeiten sollen." Ursache für die hier verkündete „Abänderung unsers Entwurfs" war nach de Filleau das Ausscheiden des an der Zusammenkunft beteiligten Geistlichen de Razilly, der als „Augenzeuge" des konspirativen Treffens die angeblich authentische Quelle der Relation juridique bildete. Henri-Michel Sauvage korrigierte diese Auffassung später dahingehend, dass „diese Stelle auf niemand andern von der Verschwörung als den Herrn Cospean angewendet werden kann und muß"; ebenda, S. 40: „Weil Hr. Cospean, wie wir oben gesehen, gleich bey der ersten Versammlung feyerlich erkläret hat, er wolle an dieser Verschwörung keinen Theil nehmen, daher hat auch Cospean keiner Versammlung mer beygewohnt." Franz Heinrich Reusch: Die Versammlung zu Bourgfontaine. Eine Jesuitenfabel. In: Ders.: Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens. München 1894, S. 129. Antoine Arnauld: CEuvres. Paris 1775-83, ND Bruxelles 1964-67. Bd. 24, S. 630.

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darauf, dass er zum Zeitpunkt der angeblichen Verschwörung 1621 erst neun Jahre alt g e w e s e n sei. 24 A l s Antoine Arnauld nach der Publikation des Seconde lettre von der Theologischen Fakultät der Sorbonne ausgeschlossen wurde, kam ihm Blaise Pascal, seit 1646 Gesinnungsgenosse (doch nicht Angehöriger) der Schule von Port Royal, mit den 1656/57 pseudonym publizierten Lettres ä un provincial zu Hilfe. 2 5 N a c h vier Briefen, die sich mit den Vorgängen an der Sorbonne beschäftigten, folgten e l f g e g e n den Jesuitenorden gerichtete Episteln, in denen (mit übertriebener Schärfe und oftmals sinnentstellenden Zitaten aus den durch Antonio de Escobar y M e n d o z a im Liber theologiae moralis zusammengestellten Regeln) die Moral des Ordens als heuchlerisch und verlogen angegriffen wurden. Im 16. Brief fiel Pascal massiv über die Fabel v o n der Verschwörung auf Bourg-Fontaine her, die der Jesuitenpriester Bernard Meynieur in seiner Schrift Le Port Royal et Geneve d'intelligence contre le tres saint Sacrament de l'autel (Poitiers-Paris 1656) g e g e n Arnaulds Dementi verteidigt hatte. 26 Der 24 25

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Antoine Arnauld: Seconde lettre de Monsieur Arnauld ä une Due et Pair de France [1655], In: A. Arnauld: (Euvres. Bd. 19, S. 329. Blaise Pascal: Les provinciales ou les lettres ecrites par Louis de Montalte ä un provincial de ses amis et aux R.R.P.P. Jesuites [1656/57], In: ders.: (Euvres completes. I. Edition presentee, etablie et annotee par Michel Le Guern. Tom. I. Paris 1998, S. 579-816. Den theologischen Hintergrund der unter dem Pseudonym Louis de Montalte veröffentlichten Lettres Provinciales umreißt Walter E. Rex: Pascal's Provincial Letters: An Introduction. London 1977. Pascals Behauptung, er gehöre nicht zu Port-Royal, wurde mehrfach kommentiert und als Lüge bezeichnet, so noch bei Malcolm Hay: The Prejudices of Pascal: Concerning in Particular The Jesuit Order and The Jewish People. London 1962. Zu Darstellungsaspekten siehe Patricia Topliss: The Rhetoric of Pascal. Leicester 1966; Harald Weinrich: ,Parier avec verite, parier avec discretion ...'. In: Sprache im technischen Zeitalter 20 (1966), S. 320-326; Thomas More Harrington: Verite et Methode dans les ,Pensees' de Pascal. Paris 1972; Jürgen Grimm: Parier avec verite Parier avec Discretion. In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 79 (1979), S. 121-153; resümierend Albert R. Jonson, Stephen Toulmin: The Abuse of Casuistry: A History of Moral Reasoning. Berkeley, Los Angeles, London 1988, S. 231-249; Richard Parish: Pascal's Lettres provinciales: A Study in Polemic. Oxford 1989; Louis Marin: Secret, dissimulation et art de persuader chez Pascal. In: Ders.: Pascal et Port Royal. Paris 1997, S. 92-116. Zur Funktion der Pseudonymisierung siehe Pierre Kuentz: Un discours nomme Montalte. In: Revue d'histoire litteraire de la France 71 (1971), S. 195-206. Die gegen Arnauld gerichtete Schrift des Jesuitenpriesters Bernard Meynier unterstellte schon mit dem Titel Port-Royal und Genf im Einverständnis gegen das allerheiligste Sakrament des Altars eine Allianz von Jansenisten (die im Kloster von Port-Royal ihre zentrale Basis hatten) und Calvinisten (die in Genf beheimatet waren). Meynier verteidigte die Wahrheit von Filleaus „auf Befehl unserer großen König gedruckten juridischem Berichte", akzeptierte aber zugleich Antoine Arnaulds Aussage, dass dieser im Alter von neun Jahren nicht an einer solchen Verschwörung hätte teilnehmen können: „Aber er täuscht sich, wenn er meint, mit A. A. sei Antoine Arnauld gemeint. Ich sage ihm im Auftrage des Verfassers des juridischen Berichtes, dass diese Buchstaben einen anderen bezeichnen, der noch lebt und ein zu guter Freund des Herrn Arnauld ist, um ihm nicht bekannt zu sein. Er möge also [...] die Güte der göttlichen Vorsehung für die

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Jesuitenpater Meynieur und der für die Relation juridique verantwortliche Advokat aus Poitiers waren für Pascal die Exekutoren eines weitreichenden Planes, von dessen verborgenen Urhebern er Rechenschaft forderte: „Eine so ungeheuerliche Falschheit hätte sich jedoch nicht in den Händen befunden, die ihrer würdig sind, wäre sie in den Händen Eures guten Freundes Filleau geblieben, der sie auf Euer Geheiß in die Welt gesetzt hat. Daher hat Euer Orden sich öffentlich zu ihr bekannt, und Euer Pater Meynier hat noch kürzlich als eine ganz unbezweifelbare Tatsache behauptet, Port-Royal habe seit fünfunddreißig Jahren eine geheime Verschwörung angezettelt, deren Anführer Herr von Saint-Cyran und der Bischof von Ypern waren, um das Geheimnis der Inkarnation zu untergraben, das Evangelium als apokryphe Legende hinzustellen, die christliche Religion zu zerstören und auf den Trümmern des Christentums den Deismus zu errichten. Ist das alles, ehrwürdige Patres? [...] Doch wen hofft Ihr eigentlich auf Euer bloßes Wort, ohne jeden Schein eines Beweises und trotz aller nur erdenklichen inneren Widersprüche, davon zu überzeugen, dass Priester, die einzig die Gnade Jesu Christi, das reine Evangelium und die Verpflichtungen der Taufe verkünden, ihrer Taufe, dem Evangelium und Jesus Christus abgeschworen haben? Wer soll das glauben? Glaubt Ihr es denn selber, elende Lügner? In welch verzweifelte Lage habt Ihr Euch aber gebracht, da Ihr jetzt nicht anders könnt, als entweder zu beweisen, dass sie tatsächlich nicht an Jesus Christus glauben, oder als die gottverlassensten Lügner dazustehen, die es jemals gegeben hat! Rücken Sie also heraus mit ihren Beweisen! Nennen Sie den Namen jenes verdienstvollen Priesters, von dem Sie behaupten, er habe im Jahre 1621 der Versammlung zu Bourg-Fontaine beigewohnt und habe Ihrem Pater Filleau den Plan verraten, der dort gefaßt wurde, das Christentum zu vernichten. Nennen Sie die sechs Personen, die dort die Verschwörung gebildet haben sollen. Nennen Sie die mit den Buchstaben A.A. bezeichnete Persönlichkeit, die nach Ihrer eigenen Erklärung nicht Antoine Arnauld ist, da er davon Sie überzeugt hat, dass er damals erst neun Jahre alt war, sondern ein anderer, der noch am Leben sei und der Herrn Arnauld zu nahe stehe, als dass er ihn nicht kennen sollte. Sie kennen ihn somit, und wenn Sie nicht selber ohne Religion sind, so ist es Ihre Pflicht, diesen Frevler dem König und dem Gericht anzuzeigen, damit er die verdiente Strafe erhält. Sie müssen also reden, ehrw. Patres; Sie müssen ihn nennen oder die Schande auf sich nehmen, nur noch als Lügner zu gelten, die unwürdig sind, dass man ihnen glaubt. [...] Ihr Schweigen aber wird der endgültige Beweis dafür sein, dass es sich bei all dem um eine teuflische Verleumdung handelt."

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Kirche und für Frankreich bewundern, die zugelassen hat, dass ein Geistlicher, der dieser Versammlung zu Bourgfontaine beigewohnt hatte, den Eifer gehabt hat, das, was sich dort begeben, einem so verdienten und rechtschaffenen Beamten [Filleau] zu offenbaren, damit alle Welt davon Kenntnis erhalte." Blaise Pascal: Werke. Heidelberger Ausgabe. Bd. III: Briefe in die Provinz [Les Provinciales]. Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Karl August Ott. Heidelberg 1990, S. 341-343, Hervorhebungen im Original.

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Obwohl weder der Advokat Filleau noch der Jesuitenpriester Meynieur auf Pascals Polemik mit Beweisen fur die Richtigkeit ihrer Behauptungen antworteten, verbreitete sich das Szenario im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert weiter.28 Knapp einhundert Jahre nach Veröffentlichung der Relation juridique erschien in Paris der eingangs erwähnte zweibändige „Beweis" für die Richtigkeit der anti-jansenistischen Verschwörungstheorie: Henri Michel Sauvages 1755 veröffentlichtes Werk La rialite du projet de BourgFontaine, dimontrie par I 'execution. Auch wenn drei Jahre später durch das Pariser Parlament verboten und durch Henkershand öffentlich zerrissen und verbrannt, machte diese „Demonstration" doch den Weg durch Europa: 1764 erschien in Augsburg eine lateinische Übersetzung u.d.T. Veritas Consilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrata, 1789 wurde in Brüssel eine holländische Übertragung veröffentlicht; 1793 erschien eine deutsche und eine polnische Übersetzung. Eine italienische Ausgabe war bereits 1765 in Rom, in zweiter Auflage 1771 in Lucca gedruckt worden; eine 1787 in Assisi veröffentlichte dritte Auflage wurde verboten. Doch schon 1799 und 1800 wurden in Venedig neue Ausgaben produziert.29 Bevor die „Demonstration" sowie ihre Begleit- und Gegenschriften näher beleuchtet werden, sind begriffliche Explikationen vorzunehmen und wissensgeschichtliche Voraussetzungen zu klären. Denn die bislang verwendeten Begriffe zur Beschreibung des 1654 veröffentlichten Berichts über die angebliche Verschwörung jansenistischer Meisterdenker bedürfen ebenso der Klärung wie die zentralen Termini „Verschwörungsszenario", „Verschwörungstheorie" und „Verschwörungsfiktion". Von zentraler Bedeutung erweisen sich dabei vor allem Fragen nach den Konditionen verschwörungstheoretischer Zuschreibungen, die - so eine noch zu belegende These - im 17. Jahrhundert eine neue Qualität gewannen. Zu fragen ist nach den denk- und wissenschafts-

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Gegen Pascals Einspruch und trotz offenkundiger Widersprüche wurde der „Bericht" von der Jansenistenverschwörung auf Bourg-Fontaine im 17. Jahrhundert weiter kolportiert, so durch Franz Annat: Responses aux Lettres Provinciales. Liege 1657, S. 400; Moyse du Bourg: L'histoire du Jansenisme, contenant sa conception, sa naissance, son accroissement et son agonie. Bordeaux 1658, S. 26. Eine Modifikation unternahm der belgische Jesuit Cornelius Hazart in seinem Buch Triomph der Pausen van Roomen over alle hare benyeders ende bestryders (Antwerpen 1678/81), in dem er behauptete, mit dem Kürzel A. A. sei nicht Antoine Arnauld, sondern dessen älterer Bruder Robert gemeint, der sich gewöhnlich Amauld d'Andilly genannt habe. Dieser offenkundigen Reaktion auf Antoine Amaulds und Blaise Pascals Vorwürfe steht aber das Faktum entgegen, dass die dem chiffrierten Konspirateur A. A. zugeschriebenen Absichten und Werke nicht durch den nun ins Spiel gebrachten Robert Arnauld realisiert wurden: Dieser hatte als aszedetischer Schriftsteller einige fromme Bücher, aber keine gegen die Sakramente gerichteten Werke verfasst.

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Eine Auflistung der Ausgaben enthält Augustin und Aloys de Backer, Auguste Crayon: Bibliotheque de la Compagnie de Jesus. Nouvelle Edition par Carlos Sommervogel. Tome VII. Bruxelles, Paris 1896, Sp. 671-674.

1.1 Begriffliche Klärungen

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geschichtlichen Bedingungen, unter denen Vorstellungen von kollektiven Akteuren und ihren koordinierten Intentionen entstanden: Welche Konzeptualisierungen intentionalen Handelns, kausaler Prinzipien und organisatorischer Logik in sozialen Gemeinschaften mussten vorhanden sein, um konspirationistische Szenarien generieren und mit kommunikativem Erfolg verbreiten zu können? Auf welche Wissensbestände und Zuweisungsmuster griffen diese Szenarien zurück? Und wie veränderten sich diese Zuschreibungen mit der Modellierung innerweltlicher Akteure?

1.1 Begriffliche Klärungen Betrachtet man die 1654 veröffentlichte Relation juridique über den angeblichen Geheimkongress führender Jansenisten auf der Kartause von BourgFontaine und ihre vermeintlichen Planungen genauer, fallen Analogien zu Mustern und Elementen anderer Texte auf. Aussagen über heimliche Verbindungen von Personen, die koordinierte Handlungen zur Durchsetzung ihrer Ziele unter Ausschluss anderer Personen verabredeten, finden sich bereits im Alten und im Neuen Testament (Ri 9, 26-41; 1 Kön 16, 20; Es 2, 19-23; Apg 23, 12 u.ö.) sowie in Werken antiker Geschichtsschreiber, etwa der historischen Monographie Coniuratio Catilinae des Sallustius Crispus oder in den Annalen des Tacitus, die unter anderem über die von Calpurnius Piso initiierte Verschwörung gegen Nero informieren. 30 Topographische Angaben eines Ortes, an dem sich miteinander verbundene Akteure unter Verwendung eines fixierten Zeicheninventars und festgelegter Rituale vereinigten, lieferten seit der Antike zirkulierende Aussagen über Arkandisziplinen und Mysterienkulte ebenso wie päpstliche Bullen über häretische „sectatores daemonum" 3 ' oder 30

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Die mit diesen Zeugnissen verbundenen Probleme können an dieser Stelle nur angedeutet werden. Aus der Perspektive der Funktionseliten verfasst, kann etwa der Wahrheitsgehalt von Sallusts Bericht über die Verschwörung des Catilina oder der Aussagen über die Pisonische Verschwörung kaum überprüft werden. Quellen, aus denen sich unter Umständen ein anderes Bild gewinnen ließe, fehlen. Die 1233 verabschiedete Bulle Vox in rama von Papst Gregor IX. verlieh dem von den Kirchenvätern begonnenen Kampf gegen Häretiker, der in der Verfolgung der katharischen Gegenkirche im 12. und 13. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt gefunden hatte, durch folgenschwere Typisierungen eine neue Qualität: Größere Ketzerbewegungen wurden nicht mehr nur als kollektive Abweichungen vom rechten Glauben, sondern als Sekten von Teufelsdienem angesehen, die sich mit dämonischen Mächten verschworen hätten, um das Christentum zu unterwandern bzw. zu vernichten. Zur Bezeichnung dieser koordinierten Aktionen von Ketzern wurde der Terminus „coniuratio" verwendet, der im Mittelalter auch Schwurgemeinschaft in einer Gilde oder Kommune bedeuten konnte; vgl. Otto G. Oexle: Art. Verschwörung. In: Lexikon des Mittelalters. Stuttgart 1999. Bd. 8, Sp. 1581f.; ausfuhrlicher E. Ennen: Art. Coniuratio. Ebenda. Bd. 3, Sp. 135-137. Der für Verschwörungen im pejorativen Sinne verwendete Begriff „conspiratio" maximierte die Konnotationen des Bedrohlichen und

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

die Prozessakten über den 1119 durch Hugo de Payens gegründeten und 1312 durch Papst Clemens V. aufgehobenen Orden der Tempelritter.32 Als angeblich authentisches Dokument, das nur den Vorstehern von Kollegien unter der Bedingung größter Verschwiegenheit bekannt gemacht werden sollte, gerierte sich die erstmals 1612 veröffentlichte „Enthüllung" geheimer jesuitischer Ordensregeln, die unter den Titeln Privata

Monita bzw. Secreta Monita

Socie-

tatis Jesu bis ins 20. Jahrhundert kolportiert wurde und heute als Quellenfiktion gilt.33 Zumeist unter Folter erpresste „Geständnisse" beteiligter Akteure

32

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Geheimnisvollen; siehe Pierre Michaud-Quantin: Universitas. Expressions du mouvement communitaire dans le moyen äge latin. In: L'Eglise et l'Etat du moyen äge 13 (1970), S. 129-133. Weitere Bestimmungen der communis salutis hostes („Feinde des Gemeinwohls") und humanis generis inimicos („Feinde des Menschengeschlechts"), die sich als sectatores daemonum („Anhänger der Dämonen") an festgelegten Orten vereinigten, gaben die Bullen von Papst Johannes XXII von 1318 und 1320; vgl. dazu Anneliese Maier: Eine Verfügung Johannes XXII. über die Zuständigkeit der Inquisition für Zaubereiprozesse. In: Dies.: Ausgehendes Mittelalter. Gesammelte Aufsätze zur Geistesgeschichte des 14. Jahrhunderts. Rom 1967, S. 59-80. Die fratres militiae templi, deren Orden zum Schutz von Pilgern gegründet und nach ihrem Sitz in einem Teil des königlichen Palastes in Jerusalem beim Tempel Salomos benannt worden war, riefen aufgrund ihrer Machtpositionen und ihres grausamen Endes eine kaum überschaubare Flut von Veröffentlichungen hervor, die hier nicht zu referieren sind. Die als historische Quellen herangezogenen Prozessakten sind jedoch nicht unproblematisch, wurden doch die Geständnisse der 1307 auf Befehl Philipp IV. verhafteten Templer durch Tortur erzwungen und die nicht Geständigen verbrannt. In dem durch die Inquisition geführten und durch den in Avignon residierenden Papst Clemens V. autorisierten Prozeß lauteten die Anklagen auf Häresie, Idolatrie, widernatürliche Unzucht und schwarze Magie. Vor allem die außerhalb Frankreichs geführten Prozesse aber zeigten, dass die Anklagen nicht zutrafen; vgl. u.a. Malcolm Barber: The Trial of the Templars. Cambridge 1978; Peter Partner: The murdered Magicians. The Templars and their Myth. Oxford 1982; zur literarischen Verarbeitung des Motivs der Templerverschwörung siehe Werner Tschacher: „Die Templer sind immer im Spiel": Geschichtsfiktionen im Foucaultschen Pendel Umberto Ecos. In: Max Kerner, Beate Wunsch (Hrsg.): Welt als Rätsel und Geheimnis. Studien und Materialien zu Umberto Ecos Foucaultschen Pendel. Frankfurt/M. u.a. 1996, S. 48-74. Die Geschichte der Enthüllungsschrift, die erstmals 1612 unter dem Titel Aurea monita religiosissimae Societatis Jesu: in gratiam Politicorum & omnium, qui Jesum amant, pro studio edita a Theophilo Eulalio, Catholico Bohemo, Placentiae typis Eusebii Aganthandri Veronensis mit der Verlagsangabe Turnarii gedruckt wurde und als Textgrundlage der späteren, dem ehemaligen Jesuiten Hieronymus Zahorowski zugeschriebenen Monita Privata bzw. Monita Secreta Societatis Jesu gelten kann, wird detailliert in Kapitel 2.3 dargestellt. Hier nur zu erwähnen sind die Fülle von Nachdrucken und publizistischen Reaktionen, die von zustimmender Verbreitung unter Titeln wie De ontmaskerde Jesuit (Amsterdam 1717) und Der Jesuit in seiner Blosse (Lübeck 1774) bis zu Dementierungen als antijesuitischer Fälschung reichten, so in der mehrfach aufgelegten Schrift: Die geheimen Verordnungen der Gesellschaft Jesu, ein Schanddenkmal, welches die Feinde der Jesuiten sich selbst wiederholt errichtet haben. Ausführlich beleuchtet von einem katholischen Laien. Paderborn 1813; ähnlich: Die Monita Secreta Societatis Jesu, oder die geheimen Verhaltungsbefehle der Jesuiten, ein Lügenmachwerk, kurz bewiesen von Leonhard Alois Nellessen, Pfarrer zum Hl. Nicolaus. Aachen 1825.

1.1 Begriffliche Klärungen

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über einen angeblichen Teufelspakt verwerteten die Ankläger in Hexenprozessen, die zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert in Europa geführt wurden.34 Die durch inquisitorische Verfolger fixierten Anschuldigungen - die neben erzwungenen Aussagen öffentliches Gerede (publica fama oder fama communis) und dämonologische Lehrmeinungen heranzogen35 - enthielten nicht nur detaillierte Beschreibungen des „Hexen-Sabbat" als dem konspirativen Zentrum einer sektiererischen Verbindung, sondern auch Hinweise auf eine Differenz zwischen (täuschendem) Schein und tatsächlichem (kriminellem) Sein: Um ihren heimlichen Bund mit dem Bösen zu verbergen, sollten sich Hexen in der Öffentlichkeit als besonders gute Christen ausgeben, also demonstrativ häufig Messe und Beichte besuchen.36 Zugleich sind Ähnlichkeiten mit späteren Texten zu entdecken. Der gegenrevolutionären Publizistik, die dem Sturm auf die Bastille folgte, galt die Pariser Loge Les Amis Reunis als logistisches Zentrum diskreter Kommunikation, das durch Emissäre des Illuminatenordens 1787 aufgesucht und mit Weishaupts Gedankengut versorgt worden sei - was es erlaubte, die Revolution als ein Werk von Verschwörern und ihrer aus Deutschland exportierten Ideen zu deuten (vgl. 4.2). - Filippo Michele Buonarroti, einer der Aktivisten in Fran901s Noel Babeufs „Verschwörung der Gleichen", schilderte in seinem 1828 in Brüssel gedruckten Buch Conspiration pour l'egalite, dite de Babeuf die Vor-

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Dazu noch immer Wilhelm Gottlieb Soldan, Heinrich Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. Neu bearbeitet und herausgegeben von Max Bauer. München 1911. Aktuell u.a. Jonathan Barry u.a. (Eds.): Witchcraft in Early Modem Europe. Cambridge, London 1996; Robin Briggs: Witches and Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft. London 1996; Charles Burnett: Magic and Divination in the Middle Ages. Texts and Techniques in the Islamic and Christian World, Aldershot 1996. Zusammenfassend Gunther Franz, Franz Irsigler (Hrsg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung. Trier 1998; mit einer Übersicht der wichtigsten Neuerscheinungen Wolfgang Behringer (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. 4., überarb. und akt. Aufl. München 2000, S. 496-499. Bild- und Kontextmaterialien enthält der Ausstellungskatalog von Rosmarie Beier-de Haan u.a. (Hrsg.): Hexenwahn. Ängste der Neuzeit. Wolfratshausen 2002. Das Interesse der SSForschungseinrichtung Deutsches Ahnenerbe an der „Hexenforschung" rekonstruiert der Sammelband von Sönke Lorenz u.a. (Hrsg.): Himmlers Hexenkartothek. Das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung. Bielefeld 1999. Dazu Stuart Clark: The scientific Status of Demonology. In: Brian Vickers (Ed.): Occult and scientific Mentalities in the Renaissance. Cambridge 1984, S. 351-384; ders.: Thinking with Demons. The Idea of Witchcraft in Early Modem Europe. Oxford 1997. So etwa der frühe Hexentraktat Errores Gazariorum von 1431/38, ediert durch Joseph Hansen: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter. Bonn 1901, ND Hildesheim 1963, S. 118-122, hier S. 122. Vgl. auch die kritische Neuedition der Errores durch Kathrin Utz Tremp u.a. (Hrsg.): L'imaginaire du sabbat. Edition critique des textes les plus anciens (1430-c. 1440). Lausanne 1999 sowie die Forschungsposition von Andreas Blauert: Frühe Hexenverfolgungen. Ketzer-, Zauberei- und Hexenprozesse des 15. Jahrhunderts. Hamburg 1989, S. 73-76.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

gänge im 1795 begründeten „Club des Egaux", dessen Ziel im Sturz der Direktorialregierung, der Einziehung alles Besitzes zugunsten der Nation und der Herstellung eines kommunistischen, in Gütergemeinschaft und nationaler Arbeitsverteilung organisierten Staates bestand. - Einen genau bezeichneten Ort der heimlichen Verabredung zu verbrecherischen Zielen enthielt aber auch der 1868 unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe veröffentlichte „historischpolitische Roman" Biarritz des Kreuzzeitung-Rsdaklems Hermann Goedsche, der den Prager Judenfriedhof als Treffpunkt von Repräsentanten der 12 Stämme Israels imaginierte und die dort stattgefundenen Beratungen schilderte, die eine jüdische Eroberung der Weltherrschaft vorbereiten sollten. 1873 wurde diese Geschichte in einem in Basel erschienenen russischen Pamphlet abgedruckt, paratextuell nun jedoch so gerahmt, dass sie als reale Begebenheit erschien; 1881 veröffentlichte die französische Zeitschrift Le Contemporain den Text und behauptete als ihre sichere Quelle den angeblichen englischen Diplomaten Sir John Readclife. Später wechselte dieser ominöse Sir John Readclife die Seiten und wurde zum „Oberrabbiner John Readclif', den Franc i s Bouraard in seinem Buch Les juifs, nos contemporains von 1896 auftreten ließ. Die so montierte „Rede des Rabbiners" zirkulierte in diversen Veröffentlichungen durch Europa und bildete den Grundstock einer Artikelfolge, die vom 28. August bis zum 7. September 1903 in der St. Petersburger Zeitschrift Znamja (Das Banner) erschien und die angeblichen Beschlüsse einer heimlichen Zusammenkunft jüdischer Repräsentanten auf dem Baseler Zionistenkongreß darstellen sollte. Das hier wiedergegebene Programm zur Eroberung der Weltherrschaft bildet die wohl früheste textuelle Manifestation einer durch den Wanderprediger und religiösen Schriftsteller Sergej Alexandrovic Nilus 1905 veröffentlichten Quellenfiktion,38 die - nach der Oktoberrevolution durch 37

Sir John Retcliffe [Hermann Goedsche]: Biarritz. Historisch-politischer Roman in acht Bänden. Berlin 1868. Der Text dieser Szene ist wiedergegeben bei Jeffrey Sammons (Hrsg.): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar. Göttingen 1998, S. 119-127. Folgt man Umberto Eco, übernahm Goedsches Text eine trivialliterarische Vorlage aus Frankreich - und zwar eine Szene aus Alexandre Dumas' 1849 veröffentlichtem Roman Joseph Balsamo, das jenes Treffen zwischen Cagliostro als dem Chef der „Unbekannten Oberen" und anderen Erleuchteten schilderte, bei dem das Komplott mit dem Halsband der Königin geplant wurde; vgl. U. Eco: Im Wald der Fiktionen. München 1996, S. 178f.

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Die erste russische Buchausgabe der 1903 in der Zeitschrift Znamja publizierten Artikelfolge besorgte Gregory Vasil'evic Butmi, der sie in seinem Buch Fragt roda celoveceskogo (Die Feinde des Menschengeschlechts) als Protokoly sionskich mudrecov sowie in Broschüren für den rechtsextremen „Bund des russischen Volkes" herausgab. Größere Verbreitung erlangte die Quellenfiktion durch den orthodoxen Mönch Sergej Alexandrovic Nilus (1862-1929), der sie in der zweiten Auflage seiner mystischreligiösen Schrift Velikoe ν malom Hi antichrist, kak blizkaja politiceskaja vozmosnost' (Das Große im Kleinen oder der Antichrist als naheliegende politische Möglichkeit), die 1905 in Zarskoje Zelo bei St. Petersburg veröffentlicht wurde, als zwölftes Kapitel integrierte; dazu schon Herman Bernstein: The Truth about ,The Protocols of Zion'. A

1.1 Begriffliche Klärungen

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russische Emigranten nach Westeuropa exportiert - seit 1919 unter wechselnden Titeln als „Protokolle der Weisen von Zion" Verbreitung fanden.39 Obwohl rasch als Fälschung entlarvt,40 beeinflusste das angeblich authentische Dokument in nicht zu unterschätzender Weise die nationalsozialistische Propaganda und blieb trotz juristischer Verhandlungen mit dem Nachweis ihres fiktionalen Charakters eine Grundlage des modernen Antisemitismus.41 Complete Exposure. New York 1935; detailliert jetzt Michael Hagemeister: Sergej Nilus und die „Protokolle der Weisen von Zion". Überlegungen zur Forschungslage. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 5 (1996), S. 127-147; ders.: „Die ,Protokolle der Weisen von Zion" und der Basler Zionistenkongress von 1897. In: Heiko Haumann (Hrsg.): Der Traum von Israel. Die Ursprünge des modernen Zionismus. Weinheim 1998. S. 250-273. 39 Die erste deutsche Ausgabe erschien 1919 hg. von Gottfried zur Beek [Ludwig Müller] im Charlottenburger Verlag „Auf Vorposten" u.d.T. Die Geheimnisse der Weisen von Zion; eine gleichfalls zahlreich verbreitete Ausgabe besorgte Theodor Fritsch: Die Zionistischen Protokolle. Das Programm der internationalen Geheimregierung. Aus dem Englischen nach dem im Britischen Museum befindlichen Original. Leipzig 1920. 40 Den Nachweis, dass die vom ersten deutschen Herausgeber Gottfried zur Beek [Ludwig Müller] zur Beglaubigung der Echtheit der Protokolle herangezogene „Rede des Rabbiners" (die Francois Boumard in seinem Buch Les juifs, nos conlemporains 1896 abgedruckt hatte) „von Anfang bis zu Ende fast wortgetreu dem Kapitel ,Auf dem Judenkirchhof zu Prag' entnommen war, das in dem Ende der 60er Jahre erschienenen Roman .Biarritz' des [...] Kreuzzeitungsredakteurs Goedsche enthalten ist", führte bereits ein anonym erschienener Artikel ein Jahr nach Publikation der ersten deutschen Ausgabe: ,Die Geheimnisse der Weisen von Zion.' Der Schwindelbericht eines russischen Spitzels. In: Im Deutschen Reich. Zeitschrift des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Mai 1920. S. 146-153, hier S. 151. Der Theologe Hermann Strack formulierte noch deutlicher, dass auch die Protokolle selbst wohl dieser Quelle entstammten, und konstatierte, die „Annahme einer Abhängigkeit" sei „unabweisbar"; H. Strack: Jüdische Geheimgesetze? Zweite und dritte unveränderte Auflage. Berlin 1920, S. 33. Knapp anderthalb Jahre später veröffentlichte die Times - die die antisemitische Quellenfiktion zunächst ernst genommen hatte - einen Bericht ihres Korrespondenten in Konstantinopel, in dem dieser beschrieb, wie ihm von einem nicht näher benannten „Mr. X." ein französisches Buch ohne Titelseite und Buchdeckel überreicht worden sei. Dieser Text - bei dem es sich um den Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu aux XIXe siecle handelte, den der Franzose Maurice Joly 1864/65 anonym veröffentlicht hatte - wies direkte Parallelen zu den Protokollen auf, obwohl hier von Juden oder einer jüdischen Weltverschwörung mit keiner Silbe die Rede war. Dennoch ließ sich leicht zeigen, dass die Protokolle dem Dialogue in weiten Zügen entsprachen und Begriffe und Themen entsprechend verändert wurden, um Jolys gegen Napoleon III. gerichtete Satire antisemitisch zu verwerten; vgl. Philip Graves: The Truth about the Protocols. A Literary Forgery. In: The Times vom 16.-18. August 1921; http://www2.hnet.msu.edU/~antis/doc/graves/graves.a.html (zuletzt überprüft am 20. Juli 2001). Zum Gesamtkomplex: Norman Cohn: Warrant for Genocide. The Myth of the Jewish World Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion. London 1967, S. 42-140. 41

Dazu jetzt Wolfram Meyer zu Uptrup: Kampf gegen die , jüdische Weltverschwörung". Propaganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten 1919 bis 1945. Berlin 2003. Hinweise auch bei Johannes Rogalla von Bieberstein: Die These von der Verschwörung 1776-1945. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Die erwähnten Texte weisen bei gemeinsamer thematischer Referenz zahlreiche Differenzen auf. Zu unterscheiden sind (a) Texte, die das Wirken heimlich verabredeter Akteure als historisches Faktum behaupten und (b) Texte, die ein solches Wirken literarisch imaginieren, um Leser zu unterhalten. Weiterhin zu unterscheiden sind (ai) Texte, die fur ihre faktuale Behauptung eines konspirativen Zusammenhangs verifizierbare Nachweise erbringen können, und (a2) Texte, die eine Verschwörung als faktisch behaupten, ohne diese Behauptung durch überprüfbare Dokumente bestätigen zu können. Zu trennen sind zum anderen (bi) Texte, die in der literarischen Gestaltung eines heimlich verabredeten Handelns auf historisch überlieferte Fakten zurückgreifen und (b2) Texte, die ohne einen Bezug auf historische Ereignisse operieren und sich ausschließlich im Bereich der Fiktion bewegen. - Gemeinsam aber ist allen Texten der Bezug auf einen Handlungszusammenhang, dessen Spezifik in einem reglementierten Verhältnis von Inklusion und Exklusion personaler Akteure besteht: Als Verschwörungen gelten Verbindungen von (mindestens zwei) Personen, die sich unter Wahrung bestimmter Sekretierungsformen zu koordinierten Handlungen verabreden, um gemeinsame bzw. aufeinander abgestimmte Interessen durchzusetzen. Stark reglementierte Kommunikation und überdurchschnittliche Solidarität sowie der Ausschluss nicht zugehöriger Personen erweisen sich aufgrund des Zielcharakters der verbundenen Akteure als notwendig: Die intendierte Verletzung von geltenden, zumeist gesetzlich kodifizierten Normen und Regeln, die durch Institutionen beobachtet, kontrolliert und verteidigt werden, erzwingt ein Handeln im Verborgenen, d.h. unter bewusstem Entzug öffentlicher Beobachtung und Kontrolle. Während dieses intendierte Handeln im Verborgenen bereits die historische Beobachtung und Beschreibung „realer", d.h. historisch nachweisbarer Konspirationen erschwert, erweist sich der Umgang mit „imaginären", d. h. hypothetisch behaupteten Verschwörungen als noch schwieriger. Kann etwa die gegen Julius Caesar gerichtete Verschwörung, die dem Tyrannen 44 v. Chr. das Leben kostete, als ein durch übereinstimmende historische Dokumente beglaubigtes Faktum angesehen werden, über das historische Chroniken und Geschichtsbücher in anderer Weise informieren als etwa das Drama Shakespeares, besitzen textuelle Artefakte wie die erwähnte Relation juridique von 1654 oder die seit 1919 in Europa kursierenden Protokolle der Weisen von Zion eine davon abweichende und nun zu klärende Dignität. Übereinstimmend unternehmen sie einen faktische Geltung beanspruchenden Versuch zur Erklärung neuartiger Phänomene in sozialen Zusammenhängen - und finden diese Erklärung in der Konstruktion von Szenarien, die zwar die heimliche Verabredung personaler Akteure zur koordinierten Durchsetzung ihrer Ziele als eine gegen die Sozialordnung, S. 199-211; Armin Pfahl-Traughber: Der antisemitischantifreimaurerische Verschwörungsmythos in der Weimarer Republik und im NS-Staat. Wien 1993, S. 35-37, 39-41, 87-92 u.ö.

1.1 Begriffliche Klärungen

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reale Tatsache behaupten, für diese Aussagen jedoch weder überprüfbare Belege noch konsistente beglaubigende Aussagen erbringen können. Ihren explanativen Anspruch belegen bereits die verwendeten kausalitätsanzeigenden Termini: „Daher", „weil", „deshalb", „wurde hervorgerufen durch", „bewirkte" sind sprachliche Ausdrücke, die Vorgänge und Ereignisfolgen in der sozialen Welt als Folge bzw. Wirkung vorangegangener Vorgängen erklären. Diese Ausdrücke fungieren in den hier relevanten Texten jedoch nicht allein als Anzeichen für logische oder induktive Begründungen, sondern markieren unterstützt durch zusätzliche Textattribute - den Anspruch, für dargestellte Tatsachen umfassende und geschlossene Kausalbegründungen zu liefern. Wie stark bereits die „Darstellung" von „Tatsachen" modellierenden Vorannahmen unterliegt, wird später zu analysieren sein; an dieser Stelle sind die konstitutiven Elemente der im folgenden als Konspirationsszenarien bezeichneten Textvorkommnisse zu skizzieren und interne Differenzierungen vorzunehmen. (1) Als K o n s p i r a t i o n s s z e n a r i e n gelten in einem ersten umfassenden und später zu differenzierenden Zugriff textuell vermittelte Interaktionsprogramme, die durch übereinstimmende narrative Konzeptualisierung und thematischen Bezug gekennzeichnet sind: Unabhängig von Geltungsanspruch (Information, Unterhaltung etc.) und textsortenspezifischer Gestaltung (historische Chronik, Drama, Roman etc.) stellen sie raumzeitlich markierte Zustandsveränderungen (A —> B—• C) dar und beziehen sich thematisch auf ein Handeln von (mindestens zwei) personalen Akteuren, die unter Wahrung bestimmter Sekretierungsformen ein koordiniertes Handeln zur Durchsetzung eigener partikularer Ziele verabreden und realisieren.42 Unberücksichtigt bleiben in diesem Fall mediale Artefakte wie Filme oder Computerspiele, die in der Darstellung eines heimlichen, d.h. der Öffentlichkeit entzogenen Handelns von Akteuren ebenfalls konspirationistische Szenarien entwerfen. (2) Der für Konspirationsszenarien konstitutive thematische Bezug auf ein heimliches, der Öffentlichkeit entzogenes Handeln von personalen Akteuren läßt sich weiter differenzieren. Gegenstand können (a,) historische Ereignisse bzw. Ereigniskomplexe sein, die durch mehrere und zumindest in zentralen Punkten übereinstimmende Quellen dokumentiert sowie im Modus einer mit begründetem empirischem Geltungsanspruch auftretenden geschichtlichen Darstellung überliefert sind; Referenzobjekt können aber auch (a2) Ereignisse bzw. Ereigniskomplexe sein, deren Existenz zwar mit empirischem Geltungs-

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Dementsprechend ist terminologisch zu differenzieren. Als konspirativ gelten im folgenden Handlungen bzw. Handlungselemente (zumindest zweier) anthropomorpher Akteure, die sich unter Wahrung reglementierter Sekretierungsformen verabreden, um in kooordinierten Aktionen bestimmte partikulare Interessen durchzusetzen. Konspirationistisch (bzw. verschwörungstheoretisch) sind dagegen narrative Konzeptualisierungen, die diese konspirativen bzw. verschwörerischen Handlungsweisen in Texten oder Textbestandteilen modellieren.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

ansprach behauptet wird, die jedoch weder durch historische Quellenmaterialien noch durch Zeugenaussagen hinreichend bestätigt werden können. Exemplarische Beispiele fur diese nicht verifizierbaren (und nur bedingt falsifizierbaren) Konstraktionen - zu deren Benennung neben dem allgemein verwendeten Begriff „Verschwörangstheorie" auch Termini wie „These" (Johannes Rogalla von Bieberstein) oder „Verschwörungsmythos" (Armin PfahlTraughber) verwendet wurden - sind die im 17. Jahrhundert formulierte „Relation" über einen jansenistischen Geheimkongress in der Kartause von BourgFontaine, die im 18. Jahrhundert zirkulierenden Behauptungen von einer jesuitisch gesteuerten Unterwanderung der Aufklärung oder die seit dem 19. Jahrhundert verbreiteten Enthüllungen einer angeblichen ,jüdischen Weltverschwörang". Thema können schließlich imaginativ erzeugte Vorstellungen sein, die sich durch paratextuelle Markierungen und textinterne Merkmale als Fiktion ausweisen und das Motiv konspirativer Machinationen nutzen, um die Einbildungskraft von Lesern zu mobilisieren. Das Spektrum dieser fiktionalen Gestaltungen reicht von William Shakespeares Königsdramen bis zu Friedrich Schillers „republikanischem Trauerspiel" Die Verschwörung des Fiesco zu Genua; von Jean Terrassons 1731 erschienenem Roman Sethos bis zu Dan Browns (schlecht geschriebenen) Bestsellern. An späterer Stelle wird zu klären sein, in welchem komplexen Verhältnis literarische Modellierungen zu realhistorischen Vorlagen stehen. (3) Thematischem Bezug und Geltungsanspruch korrespondieren narrative Strakturprinzipien und Präsuppositionen. Erheben historische Darstellungen wie etwa Sallusts Coniuratio Catilinae oder Plutarchs Caesar-Biographie den Anspruch, post festum über geschehene Ereignisse zu berichten (und modellieren dabei ein von spezifischen Interessen, Perspektiven und Zugangsmöglichkeiten konditioniertes Bild der Vergangenheit), suchen „Verschwörungstheorien" zumeist eine Erklärung für die in ihrer Gegenwart beobachtbaren Phänomene und verwenden dazu Kausalattributionen, die den Schluss von sichtbaren Phänomenen auf unsichtbare Wirkursachen erlauben. Pars construens dieser Beobachtungs- und Schlussverfahren ist die Annahme, dass es für beobachtbare soziale Ereignisse bzw. Ereignisfolgen bewirkende Ursachen (causa efficiens) gibt, die zu ermitteln und aufzudecken sind. Pars destruens ist der Ausschluss von Prinzipien, die eine kausale Verbindung von beobachtbaren Phänomenen und verborgenen Wirkursachen dementieren oder in Frage stellen könnten: Göttliche Vorsehung bzw. Providenz wie auch Kontingenz oder strukturelle Gründe müssen - zumindest im Rahmen einer kontrafaktischen Imagination - ignoriert oder ausgeschlossen werden. Einen konspirationistischen Status gewinnen diese explanativen Szenarien, wenn zum Prinzip der Ursachenerklärung und des Rückgangs auf verborgene Wirkursachen die Überzeugung von der Rolle geschichtsmächtiger menschlicher Individuen hinzutritt: Als Wirkursachen für Ereignisse in politischen, kulturellen, wissen-

1.1 Begriffliche Klärungen

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schaftlichen und anderen sozialen Zusammenhängen gelten nicht mehr transzendente Instanzen, strukturelle Bedingungen oder zufällige Entwicklungen, sondern die Intentionen personaler Akteure, die sich in geheimen, d.h. der Öffentlichkeit entzogenen Absprachen zur Durchsetzung eigener partikularer Zwecke und Zielstellungen verbinden und in koordiniertem Handeln sichtbare Ereignisse hervorbringen oder bestimmen.43 Wie schwierig eine Unterscheidung zwischen Darstellungen „realer" Verschwörungen und konspirationstheoretischen Szenarien ist (die eine Verschwörung behaupten, ohne dafür überprüfbare Dokumente oder Zeugenaussagen erbringen zu können), zeigen nicht allein die divergierenden Deutungen der Ereignisse vom 11. September 2001. Auch zahlreiche Texte aus dem im Zentrum dieser Untersuchung stehenden Zeitraum lassen sich nicht umstandslos und aufgrund spezifizierbarer Parameter sortieren - denn gerade elaborierte Verschwörungstheorien nutzen paratextuelle Markierungen und textinterne Strategien historischer Dokumentationen, um ihren Anspruch auf faktuale Geltung zu untermauern. Wenn der Parlamentsadvokat Jean de Filleau sein 1654 veröffentlichtes Szenario von einem angeblichen jansenistischen Geheimkongress als Relation juridique titulierte, demonstrierte er einen ähnlichen Geltungsanspruch wie sein knapp 100 Jahre danach in Erscheinung tretender Landsmann Henri Michel Sauvage, der seine „Beweisschrift" unter dem Titel La realite du projet de Bourg-Fontaine demontre par I 'execution erscheinen ließ. Und wenn dem 1740 veröffentlichten Hirtenbrief des Bischofs von Montpellier Lettre pastorale au sujet d'un ecrit trouve dans son diocese (der 1766 in Augsburg und Freiburg u.d.T. Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus erschien) als Anhang die „geheime Schrift" Lettre circulaire des pretres de Port-Royal ä messieurs les disciples de S. Augustin angefügt wurde, die Antoine Arnauld schon 1655 als ein den Jansenisten untergeschobenes Dokument bezeichnet hatte, folgte diese Quel-

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Dass die Erklärung historischer Taten und Ereignisse durch Bezugnahme auf Ziele, Zwecke, Intentionen und Motive handelnder Personen ein Sonderfall der kausalen Erklärung ist, betont Wolfgang Stegmüller: Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie. Bd. I: Erklärung, Begründung, Kausalität. Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage. Heidelberg, New York 1983, S. 392: „Das Verhalten einer Person zum Zeitpunkt to kann weder erklärt werden durch ein zu diesem Zeitpunkt noch nicht verwirklichtes Ereignis der Zielerreichung, das erst zu dem späteren Zeitpunkt tl stattfindet, noch durch ein Ziel ,in abstracto', hinter dem keine realen Triebkräfte stecken. Vielmehr ist es zu erklären aus dem dieser Handlung zugrundeliegenden und bereits vor ihrer Verwirklichung vorhandenen Wunsch, dieses Ziel zu erreichen, verbunden mit gewissen Überzeugungen darüber, welche Mittel dafür zur Verfügung stehen und an welche moralischen und sonstigen Normen sich der Handelnde bei seinem Bemühen um Zielverwirklichung zu halten habe. Diese .teleologische Erklärung' ist also, falls man ihr keine mystische Deutung verleiht, keineswegs eine Erklärung sui generis, sondern ein spezieller Fall der kausalen Erklärung: einer kausalen Erklärung aus Motiven." (Hervorhebungen im Original.)

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

lenfiktion den analogen Zielstellungen und Mechanismen wie später die Herstellung der Protokolle der Weisen von Zion: Ein angeblich authentisches Dokument soll die verborgenen Ziele und Mittel krimineller Verschwörer direkt präsentieren und ihre Gefahr unmittelbar bezeugen. Ein ähnlich interessengeleitetes Beispiel ist der im Oktober 1918 veröffentlichte „Sisson Report" The German-Bolshevik Conspiracy, der durch das US-amerikanische Comittee on Public Information erstellt und verbreitet wurde: Der auch in deutscher Sprache erschienene „Report" behauptete die Existenz heimlicher Beziehungen zwischen der deutschen Heeresleitung, Großindustrie und Finanzwelt einerseits und dem bolschewistischen Flügel der Kommunistischen Partei Russlands unter der Führung Lenins andererseits und führte für diese Behauptung zur Diskreditierung der Oktoberrevolution 70 Dokumente und photographische Zeugnisse auf.44 Erweisen sich schon die Identifikation von konspirationistischen Szenarien und ihre Abgrenzung von historischen Darstellungen „realer" Konspirationen als Herausforderung, so werfen Falsifikation und Erklärung ihrer Strukturen weitere Probleme auf. Möglicherweise hilft die Erfassung ihrer konstruktiven Prinzipien und Zuschreibungsverfahren weiter - denn schon die erwähnten Beispiele zeigen, dass es sich bei diesen Szenarien um hochgradig aggregierte Formen der Fremdbeobachtung und -deutung mit spezifischen Projektionsmechanismen handelt. Im Anschluss an die bisherige Forschung sind deshalb textinterne Eigenschaften verschwörungstheoretischer Konzeptualisierungen zu skizzieren, die (a) die Charakterisierung personaler Akteure mitsamt ihren Organisations- bzw. Kommunikationsformen, (b) die Art und Weise des konspirativen Agierens in einer dualistisch gedachten Welt und (c) die Entlarvung konspirativer Pläne und Machinationen betreffen. Dem Historiker Dieter Groh folgend, kann die signifikante Auszeichnung einer besonderen Durchsetzungskraft personaler Akteure als das „handlungstheoretische Definiens" von Konspirationstheorien aufgefasst werden. Die zur Erklärung historischer Ereignisse und Verläufe generierten Verschwörungsszenarien setzen voraus, „dass sich die Intentionen von Handlungssubjekten, die als Verschwörer vorgestellt werden, im Verlauf der Geschichte beinahe oder gänzlich ungestört realisiert haben oder realisieren werden - wenn nicht eine Gruppe, die über die Machenschaften der Verschwörer aufgeklärt worden ist, ihnen entgegentritt, um die Ausführungen ihrer Absichten zu verhindern." 45 44

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Eine deutsche Ausgabe des im Oktober 1918 vorgelegten „Sisson Report" erschien u.d.T.: Die deutsch-bolschewistische Verschwörung. 70 Dokumente über die Beziehungen der Bolschewiki zur deutschen Heeresleitung, Großindustrie und Finanz, nebst einer Anzahl photographischer Reproduktionen. Hrsg. vom Comittee on Public Information der USA. Bern 1919. Dieter Groh: Die verschwörungstheoretische Versuchung, oder: Why do bad things happen to good people? In: ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt/M. 1992, S. 267-304, hier S. 270.

1.1 Begriffliche Klärungen

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Dieser Überzeugung von der Möglichkeit einer gleichsam unbegrenzten Durchsetzung personaler Intentionen korrespondiert eine Zuschreibungslogik, die personale Akteure zu gleichsam geschichtsbeherrschenden Subjekten erhebt: In der Perspektive ihrer Beobachter erscheinen verbundene Verschwörer als omnipotent und omnipräsent und damit kompetenter als andere historische Akteure und Gruppen. Die observierten konspirativen Subjekte zeichnen sich aus (1) durch eine überdurchschnittliche Solidarität, die sich gegenüber der Verbindung anderer historischer Akteure als „Gegensolidarität" konstituiert, (2) durch ein Agieren im Modus des Scheins, d.h. in Maske und Verkleidung sowie mit chiffrierter oder doppeldeutiger Kommunikation, (3) durch planvoll organisierte und hierarchisch gegliederte Strukturen, die neben „Führern" und „Repräsentanten" eines gleichsam „inneren Zirkels" auch partiell eingeweihte „Propagandisten" und nicht informierte „Exekutoren" aufweisen.44 Die in Verschwörungsszenarien generierte Welt, in der konspirative Akteure handeln, ist prinzipiell dualistisch konstruiert. Fundiert von Binäroppositionen wie „gut" und „böse", „rechtgläubig" und „ketzerisch", „progressiv" und „reaktionär" erfolgt eine Verteilung von Eigenschaften, die eine je spezifische Maximierungslogik aufweist. Wurde etwa das Hexereidelikt anfanglich (d.h. im frühen 15. Jahrhundert) noch im überlieferten kirchenrechtlichen Sinne als Häresie geahndet, so verfolgte man die als Teufelspakt bestimmte Hexerei nach 1436 als Apostasie im römisch-rechtlichen Sinne: als ein crimen laesae maiestatis, auf das die Todesstrafe stand.47 Eine signifikante 46

Vgl. Geoffrey Τ. Cubitt: Conspiracy Myths and Conspiracy Theories. In: Journal of the Anthropological Society of Oxford 20 (1989), S. 12-26. Mit „theoretischem" Anspruch auftretende Verschwörungsszenarien werden hier weitergehend in personalzentriert („conspirator centred") und planzentriert („plan-centred") differenziert: Werden beim ersten Typ bekannte Individuen einer Verschwörung bezichtigt oder Verschwörergruppen ohne individuelle Konkretion benannt, deutet der planzentrierte Typ soziale Ereignisse oder Prozesse durch Rekurs auf vorgängige Absprachen zur Handlungskoordination. Während für den personal bestimmten Typus von Verschwörungstheorien die Aufdeckung von Netzwerken und Verkehrsformen personaler Akteure wesentlich sei, suche der planzentrierte Typ nach zugrunde liegenden Verabredungen, die entweder aus der Interpretation von Ereignissen erschlossen werden oder aber in Form eines angeblich authentischen Dokuments verfugbar sind. Das Beispiel der angeblichen Jansenistenverschwörung zeigt jedoch, dass eine solche Klassifikation nicht immer exakt vorgenommen werden kann: Sowohl Jean de Filleaus Relation juridique von 1654 wie auch Henri Michel Sauvages „Beweisschrift" La Realite du projet de Bourg-Fontaine von 1755 führte bekannte Individuen auf, denen detaillierte Planungen zur Untergrabung der Offenbarungsreligion zugeschrieben wurden.

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Dazu konkret Pierrette Paravy: Zur Genesis der Hexenverfolgungen im Mittelalter: Der Traktat des Claude Tholosan, Richter in der Dauphine (um 1436). In: Andreas Blauert (Hrsg.): Ketzer, Zauberer, Hexen. Frankfurt/M. 1990, S. 118-159. Zum synkretistischen Charakter der „Hexenlehre", die in der Verschmelzung von älteren HäresieVorstellungen, populären und elitären Magiekonzepten und mittels medientechnischer Möglichkeiten nach Erfindung des Buchdrucks nun „Superverbrechen" verfolgte, vgl. Werner Tschacher: Vom Feindbild zur Verschwörungstheorie: Das Hexenstereotyp. In:

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Steigerung der vermeintlichen Konspirateuren zugewiesenen Parameter demonstrierten die Auseinandersetzungen um die angeblich in Port Royal konzentrierte „Deisten-Verschwörung" ebenso wie die Debatten um eine jesuitisch gesteuerte Unterwanderung der aufklärerischen Arkangesellschafiten, deren paranoide Resultate an späterer Stelle zu rekonstruieren sind. Die Verschwörergruppen zugeschriebenen Potenzen finden ihre Grenze im Moment der „Enthüllung" durch eine aufgeklärte bzw. aufklärende Instanz.48 Zentrales Mittel einer solchen Aufklärung ist die „Demaskierung" der Konspirateure durch Visiblisierung ihrer bewusst invisibilisierten Intentionen und Praktiken - was zumeist aber aufgrund einer binäre Ordnung der Selbstund Fremdwahrnehmung realisiert wird und durch keine Korrektive relativierbar oder modifizierbar ist: „Unverkennbare Merkmale, wenn einer sich nur erst die Augen zum Sehen ausgewischt hat", glaubte der Übersetzer und Freimauerer-Aktivist Johann Joachim Christoph Bode zu erkennen, als er sich in die Geschichte der Hochgradmaurerei versenkte und in ihr eine genau geplante Strategie der Gesellschaft Jesu zu entdecken meinte.49 „Alle geheimen Wege entdecken und das Dunkel aller Verbindungen entschleiern" wollten die Berliner Aufklärer Johann Erich Biester und Friedrich Gedike, die in ihrem Periodikum Berlinische Monatsschrift das durch Bode generierte Szenario von einer Jesuitenverschwörung gegen die Arkangesellschafiten der Aufklärung weiter ausgestalteten und zum Panorama einer umfassenden „kryptokatholischen" Aktion gegen den Protestantismus ausweiteten.50 Antriebsmoment und Ergebnis einer solchen vom Imperativ der Visibilisierung des Unsichtbaren geleiteten Beobachtung - die zumeist bestätigende Zeichen für vorgängig aufgestellte Behauptungen entdeckt - ist ein gleichsam universales Misstrauen, das sowohl in personalen Gruppenbildungen und Netzwerken als auch in der kollektiven Akzeptanz von Geltungsansprüchen heimliche Absprachen zur Durchsetzung partikularer Interessen erkennt und an dieser einmal gewählten Deutung unbeirrbar festhält.

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Ute Caumanns, Mathias Niendorf (Hrsg.): Verschwörungstheorien: Anthropologische Konstanten - Historische Varianten. Osnabrück 2001, S. 49-74. Die Gleichzeitigkeit von „Stärke" und „Schwäche", von virtueller Omnipotenz und durch Demaskierung erreichter Impotenz lässt sich mit Dieter Groh als „konspirationstheoretisches Paradox" bezeichnen; vgl. ders.: Die verschwörungstheoretische Versuchung, oder: Why do bad things happen to good people? In: ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt/M. 1992, S. 267-304, hier S. 270. Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken über das höchstverehrliche provisorische Circulaire S. M. S. O. ä Victoria, sub dato 19 Sept. 1780, einen allgemeinen ®[Orden]s. C[on]v[en]t betreffend. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, 5. 2. G 39, Nr. 99/53, S. 11. Akatholikus Tolerans [Johann Erich Biester]: Falsche Toleranz einiger Märkischen und Pommerschen Städte in Ansehung der Einräumung der protestantischen Kirchen zum katholischen Gottesdienst. In: Berlinische Monatsschrift 3 (1784), Februar, S. 180-192, hierS. 191.

1.1 Begriffliche Klärungen

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Die Verselbständigung und Verabsolutierung des durch Misstrauen konstituierten Weltbildes fuhrt über Zwischenstufen zum Verlust jeglichen Relativierungsvermögens und zu einem wahnhaften Weltbezug, 51 den der individuelle (und nur selten öffentlich kommunizierte) Verfolgungswahn und die (auf Vermittlung angewiesene) Verschwörungstheorie teilen. Soziale Wirklichkeit wird nicht mehr sukzessive erfahren, sondern als ganzheitlich gesetzte Totalität wahrgenommen, deren Verarbeitung durch doppelte Zentrierungen kanalisiert ist: In der Außenperspektive dominiert die Beobachtung der Verfolger bzw. Verschwörer; in der Innenperspektive herrscht ein extrem ego- bzw. gruppenzentrierter Standpunkt. In dieser spezifisch verengten Perspektive gewinnen disparate Sachverhalte, Ereignisse und Dinge eine veränderte Dignität: Wenn alle Bestandteile der sozialen Wirklichkeit in das Konzept einer dualen Weltsicht („bedrohliche Welt" vs. „bedrohtes Ich/ Wir") integriert werden, gibt es weder Zufalle noch Nebensächlichkeiten: Alles ist Zeichen mit einem (verborgenen) Sinn, der ausschließlich (und in zumeist bedrohlicher Weise) auf das eigene Ich bzw. die eigene Gruppe bezogen ist. V e r s c h w ö r u n g s t h e o r i e n lassen sich - so ein erster und noch zu schärfender Befund - dann mehr oder weniger sicher identifizieren, wenn eine genaue Beobachtung folgende Merkmale zu ermitteln vermag. (1) Es liegt ein Text bzw. Textbestandteil vor, der durch paratextuelle und/oder textinterne Merkmale einen faktualen Geltungsanspruch erhebt und spezifizierte Vorgänge bzw. Zustände in der sozialen Welt, d.h. in politischen, religiösen, kulturellen, wissenschaftlichen etc. Handlungszusammenhängen als erklärungsbedürftig auszeichnet, wobei diese Vorgänge und Zustände zumeist in der Gegenwart liegen, aber auch in der Vergangenheit oder in der Zukunft situiert werden können. (2) Der mit faktualem Geltungsanspruch auftretende Text bzw. Textbestandteil stellt zwischen Aspekten des erklärungsbedürftigen Zustandes - die zumindest tendenziell sichtbar und empirisch beobachtbar sein müssen - einen Zusammenhang her und weist diesem als Wirkung aufgefaßten Zusammenhangskomplex eine Ursache zu, wobei weder göttliche Vorsehung (Providenz) noch strukturelle Gründe oder Zufalle herangezogen werden. Die Ursachenerklärung erfolgt vielmehr durch Rekurs auf verborgene Absichten und planvoll koordinierte Handlungsweisen heimlich verbundener personaler Akteure, welche die beobachteten Ereignisse mit einem bestimmten Ziel erzeugen bzw. lenken. (3) Als Bestätigungen bzw. Beweise für die so fixierte Ursachenerklärung fungieren Zeichen, die in ein geschlossenes System aus Zirkelschlüssen integriert werden und entsprechend dem konspirationistischen Grundsatz, dass 51

Vgl. Paul Matussek: Wahrnehmung, Halluzination und Wahn. In: G. Bally et al. (Hrsg.): Grundlagen und Methoden der klinischen Psychologie. Berlin 1963 (= Psychiatrie der Gegenwart Bd. 1/2), S. 27-31, 40-49, 60-68; Ludwig Binswanger: Wahn. Beiträge zu seiner phänomenologischen und daseinsanalytischen Erforschung. Pfullingen 1965, S. 36-132; Rainer Tölle: Psychiatrie, S. 172-181.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

nichts ist, w i e es scheint, mit der j e benötigten Bedeutung versehen werden können: „Trauen Sie nie dem Schein!", appelliert der Kriegsrat N . in Ernst August Anton von Göchhausens Enthüllung des Systems der WeltbürgerRepublik an die Textfigur w i e an den Leser, „Ich w e i s sehr gut, dass man Ihnen immer nur eben so viel wird sehen lassen, als nöthig ist, um Sie - blind zu erhalten." 52 A u f der Basis einmal formulierter Prämissen konstruieren diese Szenarien ausgefeilte Begründungszusammenhänge, die mit Hilfe unterschiedlicher Immunisierungsstrategien g e g e n Einwände verteidigt werden; exemplarische Ausprägungen werden an späterer Stelle dokumentiert. (4) Innerhalb des Textes bzw. Textbestandteils existiert - zumindest implizit - eine aufgeklärte bzw. aufklärende Instanz, die eine „Entlarvung" der im M o d u s des Scheins agierenden Konspirateure leistet. D i e s e Entlarvung kann sich auf unterschiedliche Aspekte der behaupteten Konspiration beziehen: auf die Intentionen und Zielstellungen eines heimlichen Planes ebenso w i e auf die Mittel und Machinationen zu seiner Realisierung. Angesichts der so skizzierten Strukturmerkmale können nun die Funktionen konspirationistischer Szenarien näher bestimmt werden. D i e mehr oder weniger entfalteten Konstruktionen einer geheimen Lenkung der Geschicke nach einem genauen Plan verbundener Akteure übernahmen (und übernehmen) Deutungs- und Erklärungsaufgaben, die teleogischen Denkmustern zukamen. 5 3

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[Ernst August Anton von Göchhausen:] Enthüllung des Systems der WeltbürgerRepublik. In Briefen aus der Verlassenschaft eines Freymaurers. Wahrscheinlich manchem Leser um zwantzig Jahre zu spät publizirt. Rom [Leipzig] 1786, S. 183. Wie schon Nikolai Hartmann darlegte, geht die Vorstellung einer „zweckgeleiteten Gesamtordnung" auf anthropologisch tiefverwurzelte Sinn-, Orientierungs- und Entlastungsfunktionen zurück: Sie ist „aufgebaut auf der Grundanschauung, dass eine einheitliche, vernünftige, vorausschauend bestimmende Macht in der Welt waltet und alles in ihr, den Menschen mit eingeschlossen, auf ein sinnvolles Ziel hinlenkt"; Nikolai Hartmann: Teleologisches Denken. Berlin 21966, S. 36. Variationen in der inhaltlichen Ausgestaltung dieser basalen Überzeugung fallen nicht ins Gewicht; ebenda: „Es ist dafür relativ gleichgültig, ob die Gottheit in der Einzahl oder Vielzahl gedacht ist, ob sie schrankenlos oder durch einen mächtigen Gegenspieler (einen Zerstörer, Gegengott, Satanas usw.) gehemmt waltet, ob sie bloß Weltbaumeister, Erhalter und Lenker oder auch Weltschöpfer, ob sie Geber aller Gesetze des Seienden oder nur Geber von Geboten für den Menschen, Walter des Rechts und der Sitten ist. Auch die halb ohnmächtigen Götter des Olymp sind ein Versuch, Ordnung, Einheit und planvolles Walten in der gegebenen Welt zu erblicken; und der schon von den Alten gerügte Mangel an Einheit und Kraft ist schließlich kein frei erfundener, sondern nur eine Konzession an die verwirrende Mannigfaltigkeit und den Widerstreit der Welt." Nach Hartmann verbürgt vor allem ein strukturelles Element die Beständigkeit teleologischer Vorstellungen: Insbesondere religiös begründete Annahmen über providentielle Lenkung (etwa durch göttliche Fügungen) lassen sich aufgrund der in ihnen eingeschriebenen epistemologischen Differenz zwischen begrenzter menschlicher Einsicht und göttlicher Plannung in unendlichen Dimensionen und Zeiträumen nicht falsifizieren: „Und so scheint die Welt, im Ganzen wie im Teil und im privaten Leben doch annähernd sinnvoll verständlich, wennschon der Mensch nicht hoffen kann, die Zwecke der Gottheit im einzelnen zu durchschauen.

1.1 Begriffliche Klärungen

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Sie gaben und geben disparaten Geschehensmomenten einen Sinn, indem sie zu vermeintlicher Orientierung in einer verwirrenden und scheinbar undurchschaubaren Wirklichkeit verhelfen und entlasten so den Einzelnen w i e kollektive Gruppen vor den Zumutungen zunehmend komplexerer Beziehungen und kontingenter historischer Abläufe. 5 4 A u f diese W e i s e finden auch die Eigenschaftszuweisungen an die Adresse konspirierender Akteure eine Erklärung. Bestimmte Muster einer theistischen Weltdeutung bleiben erhalten und werden gleichsam umbesetzt; an die Stelle der lenkenden Vorsehung durch eine göttliche Instanz tritt die Planung durch menschliche Akteure. 55 Die ihnen zugeschriebenen überdurchschnittlichen Wirkungsmöglichkeiten resultieren aus dieser Integration intentional handelnder Subjekte in einen bislang heilsgeschichtlichen gedachten Zusammenhang. Damit ist eine Vermutung formuliert, die nachfolgend zu überprüfen bleibt: Aufbau und Ausgestaltung w i e die Attraktivität von Verschwörungsszenarien basieren auf Beständen eines teleologischen Denkens, das Vorstellung einer zweckgeleiteten Ordnung zu bewahren sucht und diese Deutungsmuster angesichts neuer Erkenntnisse verweltlicht. 5 6 D i e „Leistung" solcher Denkmuster

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Gerade dieses Nichtdurchschauenkönnen aber entlastet ihn weitgehend; denn was er nicht versteht oder von menschlichen Gesichtspunkten aus nicht billigen kann, das kann er so immer noch dem Walten höherer Weisheit, weiterer Planung und Zielsetzung zuschreiben, die ihm nicht mehr faßbar ist. Jedes Mißgeschick und jedes ungerechte Leiden kann ihm immer noch durch ,unerforschlichen Ratschluß' gerechtfertigt scheinen. Diese teleologische Theologie ist von Grund aus anthropomorph." (Ebenda, S. 36f.) Zu den Funktionen dieser „tiefsitzenden Bedürfnisse nach Weltorientierung" vgl. D. Groh: Die verschwörungstheoretische Versuchung, S. 273f., 284; ähnlich Ruth Groh: Verschwörungstheorien und Weltdeutungsmuster. Eine anthropologische Perspektive. In: U. Caumanns, M. Niendorf (Hrsg.): Verschwörungstheorien, S. 37-45. So schon Karl R. Popper: Versuch einer rationalen Theorie der Tradition [Towards a Rational Theory of Tradition; 1949], In: ders.: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis [Conjectures and refutations, 1963]. Τ. 1: Vermutungen. Tübingen 1994, S. 175-197, hier S. 179: „Homer sah die Macht der Götter so, dass alles, was auf dem Feld von Troja geschah, nur die verschiedenen Verschwörungen auf dem Olymp widerspiegelte. Die Theorie von einer Verschwörung in der Gesellschaft ist nur eine andere Version dieses Theismus, eines Glaubens an Götter, deren Launen und deren Wille alles beherrschen. Sie entsteht, wenn man Gott aufgibt, und dann fragt: ,Wer nimmt seinen Platz ein?' Sein Platz wird dann besetzt durch verschiedene mächtige Menschen und Gruppen - durch finstere Interessengruppen, denen dann unterstellt wird, dass sie die große Depression geplant haben und alle Übel, an denen wir leiden. [...] Der Verschwörungstheoretiker wird annehmen, dass Institutionen vollständig verstanden werden können als ein Ergebnis bewusster Gestaltung; und wie Kollektiven schreibt er auch den Institutionen eine Art Gruppenpersönlichkeit zu und behandelt sie wie Agenten einer Verschwörung, ganz als ob sie einzelne Individuen wären." Kritisch Charles Pigden: Popper revisited, or what is wrong with conspiracy theories. In: Philosophy of the social sciences 25 (1995), pp. 3-34. Prägnant Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften [Prediction and Prophecy and Their Significance for Social Theory; 1948]. In: ders.: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis [Conjec-

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

besteht in der Stiftung v o n Kausalkonstruktionen, die auf Regeln und Gesetzmäßigkeiten basieren und in ihrem Versuch, Zufall und Kontingenz auszuschließen, ein oftmals weitreichendes und umfassendes System v o n Aussagen, Argumenten und Indizien generieren. Eine Schwierigkeit im U m g a n g mit personalisierenden Zusammenhangskonstruktionen besteht darin, dass die ihnen zugrundeliegenden Regeln und Gesetzmäßigkeiten nicht ausdrücklich expliziert werden. W e n n sie sich so als „Erklärungsskizzen" im Sinne v o n Carl Gustav Hempel erweisen," ergibt sich für ihre retrospektive Rekonstruktion die Aufgabe, den „Bauplan" bzw. das Regelsystem dieser Konstrukte aufzufinden und ihre zugrundeliegenden Verknüpfungsregeln zu ermitteln. 58 N a c h diesen im weiteren Untersuchungsgang zu präzisierenden Erläuterungen zu Strukturen und Funktionen von Verschwörungstheorien ist zuletzt die Frage nach ihrem erkenntnistheoretischen Status zu klären: Sind Verschwörungstheorien nun „Erklärungen" oder „Pseudoerklärungen"? N a c h Carl Gustav Hempel und dem ihm folgenden W o l f g a n g Stegmüller ist eine trennscharfe Abgrenzung z w i s c h e n „Erklärungen" und „Pseudoerklärungen" schwierig. Mit

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tares and refutations, 1963]. Τ. II: Wiederlegungen. Tübingen 1997, S. 487-503, hier S. 495 die auf die „Verschwörungstheorie der Gesellschaft" bezogene Feststellung: „Sie ist älter als der Historizismus (den man auch als eine Abart der Verschwörungstheorie bezeichnen kann); und in ihrer modernen Form ist sie ein typisches Resultat der Säkularisierung religiösen Aberglaubens." Carl Gustav Hempel: Aspects of Scientific Explanation. New York, London 1965, S. 235ff. Die Unvollständigkeit (und Ergänzungsbedürftigkeit) dieser „Erklärungsskizzen" kann entweder die Antecedensbedingungen oder die relevanten Gesetzmäßigkeiten betreffen und sie kann mehrere Gründe haben: (a) Relevante Gesetze können in der gegebenen Erklärung implizit enthalten sein, so wie etwa in dispositionellen Erklärungen, mit denen geschichtliche Handlungen und Ereignisse auf Charaktereigenschaften und Motivationen beteiligter Personen zurückgeführt werden; (b) Generalisierungen, insbesondere wenn sie aus der alltäglich verwendeten Psychologie stammen, können stillschweigend als so selbstverständlich betrachtet werden, dass ihre ausdrückliche Thematisierung unterbleibt; (c) behandelte Details können dem Rezipienten zur weiteren Nachprüfung überlassen werden; (d) Zum Zeitpunkt der Formulierung einer Erklärung kann es noch gar nicht möglich sein, die durch das verfügbare Erfahrungsmaterial scheinbar bestätigten generellen Hypothesen, auf die sich die Erklärung gründet, präzise zu formulieren. In den Köpfen der Erklärungs-Konstrukteure gibt es nur ungefähre Vorstellungen von den zugrundeliegenden Regularitäten; die Gesetzmäßigkeiten können aufgrund ihrer Komplexität nicht angegeben werden. Wenn etwa für die Tatsache der zahlreichen zwischen 1621 und 1654 erschienen Schriften zur Propagierung des Jansenismus (und ihre Folgen wie etwa den verminderten Sakramentenempfang) die Erklärung gegeben wurde, dass es eine Geheimkonferenz auf der Kartause von Bourg-Fontaine mit der genauen Absprache koordinierter publizistischer Aktionen gegeben habe, so lassen sich mehrere implizite Generalisierungen entdecken, die etwa so ausgedrückt werden könnten: „Menschen streben danach, ihre Überzeugungen zu verbreiten und ihre Ziele zu realisieren." Dieser Satz ist empirisch nicht gestützt und nur schwer zu verifizieren. Selbst wenn man auf eine statistische Regelmäßigkeit ausweichen wollte, wäre es außerordentlich schwierig, diese so zu formulieren, dass sie hinreichend klar und empirisch gut bestätigt ist und die gegebene Begründung in ein korrektes statistisches Argument verwandelt.

1.1 Begriffliche Klärungen

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Stegmüller lässt sich eine „Erklärungsskizze" als zwar lückenhaftes, doch richtungsweisendes Anreizmoment für weitere Recherchen charakterisieren, die gewisse Minimalbedingungen erfüllt: Die im Explanans angeführten Aussagen müssen einen empirischen Gehalt besitzen und zum Zeitpunkt der Erklärung gut bestätigt sein; außerdem muss das erklärende Argument als rationales Argument gut akzeptabel sein.59 Eine „Pseudoerklärung" liegt dann vor, wenn das vorgeschlagene Explanans keinen empirischen Gehalt besitzt, so dass nicht angebbar ist, welche empirischen Daten es bestätigen oder erschüttern würden - so etwa in Bezugnahmen auf den göttlichen Willen, auf einen Heilsplan für die irdische Welt, auf den Sinn der Geschichte, auf historische Gerechtigkeit etc. Eine „Pseudoerklärung" liegt aber auch dann vor, wenn das Argument inkorrekt ist - was dazu zwingt, beim Vorkommen von Worten wie „also", „daher", „weil", „offenbar", „das Fazit war" etc. sorgfältig zu prüfen, wie das Explanans beschaffen ist und ob es das Explandandum im deduktiven oder im induktiven Sinne begründet. Publizistisch vermittelte und mit faktualem Geltungsanspruch auftretende Verschwörungstheorien besetzen, so die weitreichende These, eine paradoxale Zwischenposition zwischen „Erklärungsskizze" und „Pseudoerklärung": Einerseits basieren sie auf empirischen Beobachtungen, nehmen keinen göttlichen Willen bzw. einen Heilsplan für die irdische Welt in Anspruch und bieten eine Fülle von Anreizen für weitere Recherchen, können also durchaus als „Erklärungsskizzen" aufgefasst werden. Andererseits halten ihre erklärenden Argumente einer genaueren Überprüfung nicht stand: Weder die angebliche Jansenistenzusammenkunft von Bourg-Fontaine noch die in den Protokollen der Weisen von Zion angeblich fixierten Planungen zur Aufrichtung einer jüdischen Weltherrschaft wurden historisch bestätigt. Dennoch lassen sich Züge einer rationalen Erklärung finden: Auch konspirationistische Szenarien unterstellen Prinzipien eines rationalen Handelns durch vernünftige Personen auf der Grundlage bestimmter Überzeugungen und Zielsetzungen und erklären Verhaltensweisen von Individuen durch den Rückgang auf Gründe, die dieses Handeln (vermeintlich) motivierten. Zu diesen Gründen gehören Ziele, die handelnde Personen verfolgen ebenso wie Überzeugungen bzw. Glaubensannahmen über die Wege zum Erreichen dieser Ziele. Dieser auch als Informationsbasis des Handelnden bezeichnete Komplex entscheidet im Verbund mit den unterstellten Zielen darüber, ob eine Tätigkeit vernünftig (rational) oder unvernünftig (irrational) erscheint. Wolfgang Stegmüller hat darauf aufmerk-

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Vgl. Wolfgang Stegmüller: Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie. Bd. I: Erklärung, Begründung, Kausalität. Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage. Heidelberg, New York 1983, S. 403, der dazu auch anmerkt: „Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass die in der Erklärung nicht ausdrücklich enthaltene und dem Erklärenden nur undeutlich vorschwebende Regularität, falls sie formuliert wurde, durch die Erfahrung nicht gut bestätigt wird."

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

sam gemacht, dass diese Entscheidung einer „doppelten Relativität" unterliegt: Überzeugungen von Handelnden können ebenso wie seine Zielsetzung als gänzlich unsinnig erscheinen - und trotzdem können die daraus hervorgehenden Taten und Aktionen vernünftig sein, wenn die motivierenden Faktoren als gegebene Daten betrachtet werden.60 Deshalb können Aussagenverbindungen wie die hier zu analysierenden Verschwörungstheorien, in denen das Handeln angeblich heimlich verbundener Akteure eine (wie auch immer relativierte) vernünftige Basis aufweist, nicht umstandslos als irrational bezeichnet werden. Im Gegenteil: Schon die 1654 veröffentlichte Relation juridique des Parlamentsadvokaten Jean de Filleau ging von berechnenden Überlegungen heimlicher Verschwörer aus, die einen Bruch herrschender Normen und Regeln mit allen dafür notwendigen Mitteln und Wegen rational kalkuliert und zielorientiert realisiert hätten. Genau das aber ist der Punkt, auf den es im Weiteren ankommt. Wenn konspirationistische Szenarien auf den Prinzipien einer innerweltlich verankerten Teleologie beruhen, die sowohl religiöse Vorstellungen über einen transzendenten Heilsplan als auch Zufall bzw. Kontingenz - zumindest im Rahmen einer kontrafaktischen Imagination - verabschiedet und das rationale und koordinierte Handeln vernünftiger (wenn auch mit bösen Absichten handelnder) Akteure zur Basis ihrer Kausalerklärungen macht, ist nach den kultur- und wissensgeschichtlichen Voraussetzungen dieser Grundlagen zu fragen: Wann und aufgrund welcher Entwicklungen kam es zur Ablösung religiös begründeter Providenz-Vorstellungen durch eine auf das intentionale Handeln von Individuen bezogenen Teleologie? Welche Gründe motivierten die Konstruktionen von Kausalerkärungen, die verborgene, d.h. der Öffentlichkeit entzogene Planungen heimlich koordinierter Akteure zu den Antriebsmomenten innerweltlicher Abläufe und Geschehnisse erhoben? Und welche Folgen hatten die so formierten Szenarien fur die weitere Ausgestaltung des historischen Denkens und seine textuelle Repräsentation?

1.2 Entstehungsbedingungen Die Bezugsprobleme konspirationistischer Narrationen korrespondieren spezifischen Beobachtungsund Zuschreibungsmustern. Verschwörungstheoretische Szenarien entstehen als Versuch, die Entstehung, Verbreitung und Durchsetzung neuer Geltungsansprüche in sozialen Feldern wie Politik, Reli60

Vgl. Wolfgang Stegmüller: Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie. Bd. I: Erklärung, Begründung, Kausalität, S. 433. Die dafür benötigten Hypothesen machen einen Teil der Attraktivität von Verschwörungstheorien aus: Phänomene wie das gleichzeitige Auftreten von Vorstellungen, Überzeugungen, Handlungen etc. werden in suggestiver Weise als plausibel bzw. natürlich präsentiert.

1.2 Entstehungsbedingungen

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gion, Wissenschaft, Kunst zu deuten; einer dichotomischen Separation von „wahr"/ „unwahr", „richtig"/ „falsch", ,/egelkonform"/ „nonkonform" folgend, wollen sie eine Erklärung fur die Emergenz und kollektive Akzeptanz devianter Auffassungen geben. Der explanatorische Heterostereotyp heimlich geplanter und koordinierter Interaktionen zwischen Individuen erweist sich als Resultat einer Beobachtungsanordnung, in deren Rahmen deutungsmächtige Träger von Wissens- und Geltungsansprüchen die eigenen Anschauungen und Überzeugungen als gültige Prämissen auffassen und die individuenübergreifende Zustimmung zu davon abweichenden Meinungen als Ergebnis verborgener Absprachen modellieren. Wie verschieden dieser Rückgriff auf sekretierte Interaktionen zwischen Individuen ausfallen konnte, zeigt der Vergleich zweier Szenarien aus unterschiedlichen epistemischen Situationen: Während das auf einem dämonologischen Weltbild und theologischen Argumenten basierende Hexenstereotyp seine Zentralbehauptung eines häretischen Geheimbundes mit der außerweltlichen Instanz des Teufels verband,6' führten Jean de Filleaus Relation juridique von 1654 und die ihr folgenden Schriften offensichtliche Differenzierungs- und Separierungsprozesse innerhalb der katholischen Kirche auf eine Verschwörung jansenistischer Geistlicher und also auf das geheime Wirken menschlicher Akteure zurück. Damit fixierten sie einen innerweltlichen Konspirationismus, der trotz rhetorischer Anleihen am Vokabular der Heiligen Schrift ohne göttliche bzw. teuflische Erklärungselemente auskam.62 61

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Prägnant Wemer Tschacher: Vom Feindbild zur Verschwörungstheorie, S. 62: „Fundament der Hexenlehre war die feste Überzeugung der Dämonologen, dass die Hexen ein Bündnis mit dem kosmischen Gegenspieler Gottes und Feind des Menschengeschlechts, dem Teufel, geschlossen hätten, um ihre Mitmenschen durch Zauberei an Leben und Besitz zu schädigen und den christlichen Glauben zu vernichten. Der Teufel, die Dämonen und ihre irdischen Agenten waren nach christlicher Anschauung die Ursache für das Böse in der Welt: ein klassischer Fall von Komplexitätsreduktion im verschwörungstheoretischen Denken. Bei der Hexenlehre handelt es sich im Kem um den Glauben an eine metaphysisch begründete Verschwörung zwischen Mensch und Teufel." Die Frage nach einem signifikanten qualitativen Wandel konspirationistischer Szenarien ist umstritten. Während Daniel Pipes in seiner oberflächlichen Monographie Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen (München 1999, S. 99) die Entwicklung vollständig ausgeprägter Verschwörungstheorien seit der universalgeschichtlichen Zäsur zwischen vormoderner und modemer Zeit (1750-1850) verortet, vertritt Dieter Groh die These, dass Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien dadurch „offenbar nicht grundlegend beeinflußt" wurden; D. Groh: Die verschwörungstheoretische Versuchung, S. 282: „Dass dieser in fast sämtlichen Lebensbereichen zu registrierende fundamentale Kontinuitätsbruch in unserem Untersuchungszeitraum sich nicht in gleicher Tiefe ausgewirkt hat, ist umso erstaunlicher, als die mit ihm einhergehenden kognitiven Umorientierungen eigentlich das Verschwinden oder zumindest die konjunktuelle Rückläufigkeit von Konspirationstheorien erwarten lassen." Bereits vor 1750 habe es „Konspirationstheorien im eigentlichen Sinne" - also Konstruktionen, die nicht auf übersinnliche und theologische Elemente zurückgriffen und allein innerweltliche

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Diese neue Qualität gewannen konspirationistische Szenarien in der Frühen Neuzeit - und zwar im Zusammenhang komplexer kultur- und wissensgeschichtlicher Veränderungen, in deren Rahmen sich Vorstellungen über Kausalität und Teleologie wandelten. Bislang herrschende Vorstellungen von historischen Abläufen nach göttlichem Heilsplan und providentieller Lenkung wurden - zumindest im Rahmen kontrafaktischer Imaginationen - durch Vorstellungen über geschichtsmächtige menschliche Individuen modifiziert; zugleich kam es zu Bemühungen, den Zufall berechenbar zu machen und Kontingenz zu rationalisieren. Nicht zu unterschätzen sind zudem die Einflüsse von Klugheitslehren und Ordensregeln, die das Verhalten von Individuen innerhalb sozialer Gemeinschaftsräume regulierten und in der eloquentia corporis Formen der simulatio und dissimulatio als spezifische Weisen menschlichen Umgangs konditionierten. Folgt man Karl R. Poppers Überlegung, nach der sich Verschwörungstheorien als Transformationen einer theistischen Mythologie in innerweltliche Zusammenhänge auffassen lassen, dann sind diese Veränderungen nun genauer zu beschreiben. Zu fragen ist (a) nach Gründen und Verlaufsformen der wissensgeschichtlichen Vorgänge, in deren Folge bisherige Vorstellungen von göttlicher Providenz relativiert und intentional verbundene menschliche Individuen zu geschichtsmächtigen Aktanten erhoben wurden; (b) nach Veränderungen in der Bewertung des „Unsichtbaren" und „Verborgenen", die sich in den Beobachtungen von „Practicken" niederschlugen und zu einer „Modernisierung" mittelalterlicher Konjurationsvorstellungen führten; (c) nach den in Klugheits- und Morallehren fixierten Verhaltensregulativen, die noch geringste Abweichungen im Denken und Verhalten als Zeichen von Unaufrichtigkeit zu lesen und auf „tiefere" bzw. strategisch verborgene Gründe zurückzufuhren erlaubten und so zu einer Grundlage für konspirationistische Zuschreibungen werden konnten.

1.2.1 Kausalität, Kontingenz, Providenz Zentrales Konstruktionsprinzip konspirationistischer Szenarien sind Kausalattributionen, die intentional verbundene Individuen zu geschichtsmächtigen Akteuren und ihre „unsichtbaren", d.h. heimlich verabredeten HandlungskoorVerschwörer als Akteure gelten ließen - gegeben; ein historisches Beispiel sei die im Frankreich des 18. Jahrhunderts weitverbreitete Überzeugung, der König und seine Ratgeber hätten sich verschworen, um das Brot zu verteuern (ebenda, S. 283). Zugleich sei die These von der Entstehung von Konspirationstheorien im Zuge der universalgeschichtlichen Zäsur des 18. Jahrhunderts „auch systematisch schwer zu begründen: Verschwörer gehören auf jeden Fall dem Bereich des Sozialimaginären an, ob sie nun als Teufel oder Hexen in der Realität nie existiert oder als Freimaurer und Jakobiner tatsächlich existiert haben. Die erwähnte Zäsur ist in unserem Bereich nur als Übergang von metaphysischen zu innerweltlichen Verschwörungstheorien wahrnehmbar, obwohl letztere auch vorher existiert haben."

1.2 Entstehungsbedingungen

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dinationen zu Wirkursachen für sichtbare Ereignisse bzw. Ereignisfolgen erklären. Die Novität dieser Konstruktionsleistung gewinnt an Plastizität, wenn man sich die bis in die Frühe Neuzeit weitgehend ungebrochenen Vorstellungen über die Rahmenbedingungen menschlichen Handelns in einer göttlich bestimmten Welt vergegenwärtigt: zum einen die Providenz-Metaphysik der christlichen Religion und die ihr entsprechende Wirklichkeitsauffassung; zum anderen die Betrachtung des Zufalls. Stark vereinfacht lässt sich die durch Boethius, Augustinus und die Scholastik geprägte christliche Providenz-Idee und die ihr korrespondierende Wirklichkeitsauffassung als eine Ordnungssemantik charakterisieren, in der ein allmächtiger, weiser und gütiger Schöpfergott und seine Vorsehung den Sinn jedes einzelnen Schicksals im Universum verbürgt.63 Das Problem der Zufälligkeit und Willkür natürlicher Ereignisse und menschlicher Handlungen löste diese Providenz-Metaphysik, indem sie unter Aufnahme und Weiterbildung aristotelischer, stoischer und neuplatonischer Ideen empirische Erfahrung als unzulänglich und trügerisch disqualifizierte: Kontingenz und Sinnwidrigkeit galten als Eigenschaften einer vordergründigen und nur scheinhaften Wirklichkeit, die durch Transzendierung der Empirie und einen dem menschlichen Erkenntnisvermögen approximativ zugänglichen „außerweltlichen" bzw. „hinterweltlichen" Verweisungssinn zu überwinden seien. 64 So ließ sich die Welt der kontingenten Phänomene in Relation zur Existenz Gottes und seiner providentiellen Notwendigkeit deuten; die scholastische Lehre von der „distinctio realis" zwischen essentia und exi-

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Vgl. Joachim Konrad: Vorsehung. In. Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage [...] hrsg. von Kurt Galling [u.a.]. Bd. 6. Tübingen 1965, S. 1496-1499; Werner Frick: Providenz und Kontingenz. Untersuchungen zur Schicksalssemantik im deutschen und europäischen Roman des 17. und 18. Jahrhunderts. Tübingen 1988, S. 1 lf. Typisch ist etwa Augustinus' Kommentar zur Schöpfungsgeschichte, nach dem die Existenz „schädlicher" oder „gefährlicher" Tiere keine Bestätigung für den Gut-BöseDualismus der Manichäer sei, weil die Unterscheidung in „nützliche", „schädliche" und „überflüssige" Lebewesen allein ein Werk der mangelhaften menschlichen Erkenntnis sei. Auch widerwärtig oder überflüssig erscheinende Entitäten seien auf ihre Weise notwendig, denn sie vervollständigten das Ganze des Universums („completur hujus universitatis integratis"); Augustinus: De Genesi contra Manichaeos, I, 16, 26. In: ders.: Opera Omnia [...]. Paris 1887, Sp. 173-220, hier Sp. 185/186. Auch die protestantische Dogmatik hat im Anschluß an scholastische Traditionen das Vorsehungshandeln Gottes als Erhalten (conservatio), Begleiten (concursus) und Regieren (gubematio) beschrieben. Für Martin Luther war Gott hinter den „Larven" seiner Kreaturen am Werk und fügte in der Form der Zulassung (permissio), Unterbindung (impeditio), Leitung (directio) und Bestimmung (determinatio) alle Ereignisse. Dass nichts geschehen kann, was sich seiner Planung und seinem Regiment entziehen könnte, ist nur unserem beschränkten Blick nicht erkennbar, darf und soll aber dem Glauben tröstlich gewiss sein.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

stentia schuf „ein der ganzen Schöpfung h o m o g e n e s Strukturstigma". 65 B i s in das späte Mittelalter blieb das Grundschema einer metaphysisch-providentiell garantierten Realität ein Kerngedanke der christlichen Ontologie und erlaubte die Integration von Kontingenz- und Schicksalstraditionen aus der paganen Tradition (fatum, fortuna) in ein finalistisches Weltbild: D i e Vorsehung verbürgte Sinn und Verlaufsform jedes einzelnen Schicksals, sie eliminierte den Zufall und lenkte den Einzelnen w i e die Gemeinschaft. 6 6 Vorsehungsglaube und theonomes Wirklichkeitsverständnis gerieten (nicht erst, aber in besonders folgenschwerer W e i s e ) seit Beginn des 17. Jahrhunderts unter Plausibilitätsdruck. Während die Physik in der v o n Galilei und N e w t o n entwickelten Form als Beobachtungs- und Erfahrungswissenschaft den Erfolg einer empirisch und experimentell orientierten Naturforschung dokumentierte und es in einem komplizierten Prozess zu einer „Rationalisierung" bzw. „Naturalisierung" von bislang als transzendent aufgefassten Phänomenen kam, 67 markierten die - k e i n e s w e g s erst mit der Pascal-Fermat Kor-

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Hans Blumenberg: Kontingenz. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Tübingen 1959. Bd. III, Sp. 1793f. Eine besonders extreme Form des Glaubens an die göttliche Providenz stellte dabei die von Reformatoren wie Luther und Calvin vertretene Gegenüberstellung von göttlichem und menschlichem Willens dar. In seiner gegen Erasmus und dessen Verteidigung des freien Willens gerichteten Abhandlung De Servo Arbitrio von 1525 formulierte Luther das Credo eines pandeterministischen Fatalismus, der Zufälligkeit ausschloss: „Gott weiß nichts voraus, was Zufallen unterworfen ist, sondern er sieht und ordnet voraus und vollfuhrt alle Dinge durch einen unwandelbaren, ewigen und mächtigen Willen. Vor diesem Donnerkeile sinkt der freie Wille zerschmettert in den Staub." („Est itaque et hoc imprimis necessarium et salutare Christiano nosse, quod Deus nihil praescit contingiter, sed quod omnia incommutabilia et aeterna, infallibilique voluntate et praevidet et praeponit et facit. Hoc fulmine sternitur et conteritur penitus liberum arbitrium.") Martin Luther: De Servo Arbitrio, I, 10. In: Ders.: Kritische Gesamtausgabe. 18. Bd. Weimar 1908, S. 551-778, hier S. 615. Die Lehre Calvins und seiner Anhänger war ebenso deutlich. In calvinistischer Sicht war der Sündenfall mit allen seinen Folgen bereits Jahrtausende vor der Schöpfung vorherbestimmt und notwendige Folge dieser Vorbestimmung. Der Allmächtige, so Calvin in seiner 1552 gedruckten Schrift De aeterna dei praedestinatione, entscheide unwiderruflich über das Schicksal jedes einzelnen Individuums und habe Millionen zu ewiger Verdammnis vorbestimmt. Zu diesem Zweck habe Gott das Leben gegeben und zugleich den Beistand versagt, der allein die Verderbtheit der Natur verbessern könnte, mit denen er seine Geschöpfe erschuf. 3

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Eine Darstellung dieser komplexen und gern als „scientific revolution" apostrophierten Wandlungsprozesse kann an dieser Stelle nicht einmal im Ansatz unternommen werden. Gegen diskontinuierliche Deutungen vgl. Alexandre Koyre: Von der geschlossenen Welt zum offenen Universum. Frankfurt/M. 1969 [From the Closed World to the Infinite Universe; 1957]; systematische Überlegungen zur retrospektiven Konzeptualisierung dieser Vorgänge und historische Fallstudien bieten jetzt Lutz Danneberg, Sandra Pott, Jörg Schönert, Friedrich Vollhardt (Hrsg.): Zwischen christlicher Apologetik und methodologischem Atheismus. Wissenschaftsprozesse im Zeitraum von 1500 bis 1800. Berlin 2002 (= Säkularisierung in den Wissenschaften seit der Frühen Neuzeit Bd. 2); einen speziellen Fall rekonstruiert Lutz Danneberg: Die Anatomie des Text-Körpers

1.2 Entstehungsbedingungen

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respondenz 1654 einsetzenden - Zufalls- und Wahrscheinlichkeitsspekulationen eine Relativierung der Providenz-Metaphysik.68 Zwei Momente der von Newton geprägten Physik wirkten in besonderer Weise, da sie sich auf die

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und Natur-Körpers. Das Lesen im Uber naturalis und supernaturalis. Berlin 2003 (= Säkularisierung in den Wissenschaften seit der Frühen Neuzeit Bd. 3). Auch diese ebenso komplizierten wie in der Forschung kontrovers diskutierten Vorgänge sind hier nicht zu referieren. Denn bereits die Pionierleistung des Gerolamo Cardano (dessen 1565 entstandenes Liber de Ludo Alea erst 1663 veröffentlicht wurde) ist nicht unumstritten; vgl. etwa Edmund F. Byrne: Probability and Opinion. Α Study in the Medieval Presuppositions of Post-Medieval Theories of Probability. Den Haag 1968, S. 7; L. E. Maistrov: Probability Theory. A Historical Sketch. New York, London 1974, S. 18f.; A. Haid: A History of Probability and Statistics and Their Apllications before 1750. New York 1990, S. 36-39. In einer wirkungsreichen Studie suchte Ian Hacking nach dem „Ursprung" des neuzeitlichen Wahrscheinlichkeitsbegriffs und entdeckte, inspiriert durch Kuhns Begriff des „Paradigmenwechsels" und und Foucaults Diskursarchäologie, eine auf den Zeitraum 1650-70 datierte Epochenschwelle: Während das gesamte Mittelalter hindurch der Terminus „probabilitas" nirgends signifikante Verwendung gefunden hätte, um damit eine messbare Größe anzugeben (etwa einen Grad des Glaubens oder die Häufigkeit eines Ereignisses), sei es im 17. Jahrhundert zu einer internen bzw. induktiven Evidenz als Rationalisierungsbedingung der Wahrscheinlichkeit gekommen; vgl. Ian Hacking: The Emergence of Probability. Cambridge 1975, S. 31, 176. Ursprungsort dieser Idee sei - so Hacking im expliziten Anschluss an Foucaults Les mots et les choses - das Zeichenstudium der in der Scholastik nur gering geschätzten empirischen Disziplinen („low sciences"). Die Metapher vom „Buch der Natur" habe es der „Renaissance-Episteme" gestattet, natürlichen Zeichen eine autoritäre Wahrscheinlichkeit zuzuweisen und ihnen so den Aspekt der relativen Häufigkeit als ein vorher nicht verfugtes Merkmal zuzusprechen; ebenda, S. 39-41, 43. Die Transformation, die dieser zwischen Natur und Konvention changierende Zeichenbegriff noch habe durchmachen müssen, bevor er in die Idee von einer internen Evidenz führte, führte Hacking auf dieselbe semiotische Zäsur zurück die Foucaults „Vorher-Nachher"Szenario zwischen „äge classique" und „Renaissaince" einführte. Dieser Diagnose einer „conceptual revolution" widersprechen Daniel Garber, Sandy Zabell: On the Emergence of Probability. In: Archive for History of Exact Sciences 21 (1979), S. 33-53: Die von Hacking zu Merkmalen des modernen Wahrscheinlichkeitsbegriffs erklärten Elemente wie prognostische Zeichen seien bereits in der Antike und namentlich bei Cicero vorhanden gewesen; Topik, Rhetorik und Jurisprudenz hätten sich schon immer mit dem Zusammenhang von Zeichen und interner Evidenz befasst. Außerdem habe sich die vormoderne probabilitas nicht allein auf den Akzeptanzgrad von Meinungen bezogen, sondern den epistemischen Aspekt bereits mit der relativen Häufigkeit vereinbart. Ähnlich Larry Laudan: Ex-Huming Hacking. In: Erkenntnis 13 (1978), S. 417-435; zu den (seit Pierre Duhem und Anneliese Maier bekannten) Vorläufern des Induktionsproblems siehe Robert Brown: History versus Hacking on Probability. In: History of European Ideas 8 (1978), S. 655-673. Duhem hatte gezeigt, dass ausgerechnet die skeptischen Konsequenzen der Allmachtstheologen des 14. Jahrhunderts einen modernen, von starken Wahrheitsansprüchen entlasteten Theorietyp hervorbrachten und als Humes Vorläufer Theologen wie Nicolaus von Autrecourt, Johannes Buridan und Johannes von Mirecourt anzusehen seien, die zwischen deduktiver und nichtdeduktiver Evidenz systematisch unterschieden und „Wahrscheinlichkeit" explizit auch mit relativer Häufigkeit zusammendachten. Zur Kontinuität dieser Entwicklungen siehe Sven K. Knebel: Wille, Würfel und Wahrscheinlichkeit. Das System der moralischen Notwendigkeit in der Jesuitenscholastik 1550-1700. Hamburg 2000.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

menschliche Natur übertragen und zunehmend kompliziertere Sozialverhältnisse analog modellieren ließen: Z u m einen die A n n a h m e von einer Ordnung des Universums durch allgemeingültige Gesetze, die man entdecken könne (wobei das gleichzeitige Wirken mehrerer Gesetze komplexe und nur schwer zu entziffernde Resultate implizierte); z u m anderen die Annahme eines Zentrums, das mittels Schwerkraft wirke und eine Balance z w i s c h e n Anziehung und Fliehkraft herstelle - w a s etwa in Francis Hutchesons Moralphilosophie mit ihrer Formulierung v o n „axioms, or natural laws o f calm desire" in eine Analogisierung von Mechanik und Moral mündet und Tugend als ,just balance" im Widerspiel sozialer Kräfte bestimmen läßt. 69 Zugleich begannen theologisch-philosophische Bestrebungen die religiösen Gehalte zu entmystifizieren, sie „von aller Magie, allem Zauber, von M y then und Mysterien" zu befreien und zur „Vernunftreligion" zu läutern. 70 Ergebnis waren folgenschwere, hier nur anzudeutende Veränderungen im Verhältnis von sinnlicher Erfahrung (sensus), Vernunft (ratio) und Autorität (auctoritas) als den Quellen der Erkenntnis: Francis B a c o n bezeichnete in seinem Novum Organum die Wahrheit als „Tochter der Zeit"; 71 Blaise Pascal schränk-

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Vgl. Wolfgang Leidhold: Ethik und Politik bei Francis Hutcheson. Freiburg, München 1985, S. 122; zum Einfluß der newtonschen Physik auf die Diskussion bislang negativ bewerteter Leidenschaften vgl. Panjotis Kondylis: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus. München 1986, S. 210-248. So prononciert Herbert Dieckmann: Religiöse und metaphysische Elemente im Denken der Aufklärung. In: ders.: Studien zur europäischen Aufklärung. München 1974, S. 258-274, hier S. 266. Auch diese, sich auf Max Webers Begriffskombination von der „Entzauberung der Welt" beziehende Charakteristik einer frühneuzeitlichen Rationalisierung religiöser Überzeugungen verdeckt einen überaus komplizierten und von zahlreichen gegenläufigen Tendenzen gekennzeichneten Prozess, der mit Begriffen wie „Säkularisierung" und seinen Entgegensetzungen („Theologisierung", „Sakralisierang" etc.) nur dann zu erfassen ist, wenn übergreifende dynamische Elemente in jeweils benachbarten epistemischen Situationen beschrieben werden. Die Probleme einer historischen Rekonstruktion verdeutlicht Lutz Danneberg: Säkularisierung, epistemische Situation und Autorität. In: ders. u.a. (Hrsg.): Zwischen christlicher Apologetik und methodologischem Atheismus, S. 19-66. Die Widersprüchlichkeit dieser Wandlungsprozesse dokumentieren zum einen philologische Arbeiten des 16. und 17. Jahrhunderts, die im Spannungsfeld konfessioneller Auseinandersetzungen standen und Instrumente im Kampf um die „richtige" und „älteste" Tradition bildeten (zu erinnern ist hier nur an die kritische Behandlung des angeblich bis in die Zeiten Moses zurückgehenden Corpus Hermeticum durch Issac Casaubons oder an die Auseinandersetzungen um die Oracula Sibyllina), zum anderen die historischen Debatten um die biblische Erzählung der Frühgeschichte des Menschen, die sich mit einem erweiterten Erfahrungsraum nur mehr schwer vereinbaren ließ und zugleich die fortwährende Suche nach einer ursprünglichen, vollkommenen Weisheit (mitsamt einer davon getragenen Verbindung von historia sacra und heidnischen Texten) motivierte. Francis Bacon: Instauratio Magna. Novum Organum, sive Indicia vera de interpretatione naturae [1620]; Aphorismus 85, hier zitiert nach der Übersetzung von J. H. von Kirchmann. Berlin 1870, S. 135. Nicht zu thematisieren sind die skeptizistischen und relativistischen Ausdeutungen von Bacons Diktum, die sich bei einer genaueren Rekon-

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te in seinen zwischen 1656 und 1662 entstandenen Pensees sur la religion et sur quelques autres sujets den Geltungsanspruch der „alten Autoren" und der Heiligen Schrift auf das Gebiet der Theologie ein und behauptete für die sinnlich und rational zugängliche Welt die Zuständigkeit der eigengesetzlichen Vernunft. 72 Die komplexen und widerspruchsreichen Veränderungen im Wissenshaushalt des 17. Jahrhunderts beeinflussten auch die theoretische Modellierung sozialen Handelns. Hatten politische Klugheitslehren und die Ideen der Staatsräson eine rational begründete Politik projektiert und dazu Kenntnisse bzw. Verfahren zur Festigung und Erweiterung der im Souverän verkörperten Macht vermittelt, entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts soziale und politische Epistemologien, die Naturkörper und Staatskörper als analog zu rekonstruierende Aspekte auffassten: Der Rationalitätstypus von Mathematik, Physik und Medizin regulierte die Untersuchung des in gesellschaftlichen Bezügen agierenden Menschen; Bewegungsgesetze sozialen Handelns sollten nun ebenso ermittelt werden wie die Bahnen der Gestirne oder die Bauformen animalischer Körper.73 Die sich ausbildende Staats- und Gesellschaftstheorie suchte die Konstitution des „politischen Körpers" - dessen Erzeugung durch ,pacts and covenants" Thomas Hobbes in seinem Hauptwerk Leviathan mit dem göttlichen „Fiat" gleichsetzte74 - in gleichsam aufsteigender Linie durch analogisierende Beobachtung zu erfassen. Natur, Gesellschaft, Staat avancierten zum Gegenstandsbereich detaillierter Observationen, aus denen einheitliche Gesetze zu gewinnen waren. Entsprechend gliederte Hobbes seine zwischen 1642 und 1658 entstandenen Elementorum philosophiae in eine „Lehre vom Körper" (De corpore), „Lehre vom Menschen" (De homine) und „Lehre vom Bürger" (De cive) und postuliert als ihre methodische Grundlage „die natürliche menschliche Vernunft, die alle Dinge der Schöpfung sorgsam durchgeht, um über ihre Ordnung, ihre Ursachen und Wirkungen die schlichte Wahrheit

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struktion des Stellenkontexts erübrigen: Denn Bacons (auch bei Cartesianern beliebtes) Postulat basierte auf einer semantischen Verschiebung der Bedeutungen von „alt" und „neu" und entfaltete ein Fortschrittskonzept, das angesichts einer „ungeheuren Mannigfaltigkeit der vorhandenen Bücher" (Aphorismus 85) die mechanischen Künste (artes mechanicae) und nützlichen Werke (opera utilia) prämierte. Blaise Pascal: Pensees sur la religion et sur quelques autres sujets [1670]; 1,1. Vgl. mit Vorsicht Steven Shapin, Simon Schaffer: Leviathan and the air-pump. Hobbes, Boyle, and the experimental life. Princeton 1985, pp. 99-109; daran anschließend Joseph Vogl: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen. Zweite, durchgesehene und korrigierte Auflage. Zürich, Berlin 2004, S. 35-53. Th. Hobbes: Leviathan or the matter, forme and power of a common-wealth ecclesiastical and civil [1651]. In: The English Works of Thomas Hobbes of Malmesbury; now first collected and edited by Sir William Molesworth. Vol. III. London 1839, S. X, Hervorhebungen im Original: „Lastly, the pacts and covenants, by which the parts of this body politic were at first made, set together, and united, resemble that fiat, or the let us make man, pronounced by God in the creation."

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

zu suchen und zu berichten".75 Die berühmte „Introduction" zum 1651 veröffentlichten Hauptwerk bündelt die Voraussetzungen wie die Konsequenzen von Beobachtungs- und Erklärungsverfahren, die das staatlich organisierte Gemeinwesen als „künstlichen Menschen" („artificial man") bestimmen und dessen Attribute explizit mit menschlichen Körperfunktionen parallelisieren (nachdem diese zuvor mit einer automatischen Uhr analogisiert wurden): Um die Natur dieses „künstlichen Menschen" zu beschreiben, sei auf deren ,Material" („matter t h e r e o f ) und Konstrukteur" („artificer") zurückzugehen und ein Verfahren anzuwenden, das von nicht zu unterschätzender Bedeutung fur die Ursachen-Ermittlung in sozialen Zusammenhängen werden sollte: das „Lesen" in inneren, d.h. verborgenen Vorgängen, zu denen die Introspektion einen privilegierten Zugang habe (vgl. 1.2.2). Nicht Bücher, sondern Menschen seien zu studieren („not by reading of books, but of men"), um per Analogieschluß aus eigenen mentalen Vorgängen wie Denken, Meinen, Schließen, Hoffen, Fürchten die Beweggründe aller anderen Menschen bei gleichen Anlässen zu ergründen.76 Damit gelangen mehrere Aspekte in den Blick. Zum einen bildeten nun Staat und Gesellschaft den Gegenstand von Überlegungen, die angesichts konfessioneller Konflikte und Bürgerkriege nicht länger die Harmonie eines in sich ruhenden Ganzen studieren konnten, sondern Regularien aus veränderlichen Situationen erschließen mussten. Die leitenden Beschreibungs- und Erklärungsverfahren entstammten der empirischen Naturforschung und zielten auf Ermittlung einer kohärenten und in sich dynamisierten Ordnung hinter den disparaten Phänomenen: Gesetzmäßige Beziehungen zwischen scheinbar ungeordneten Bewegungen und Dingen wollte nicht nur die Mechanik erkennen, sondern auch Hobbes' „Lehre vom Bürger", die das Beispiel der sich selbst bewegenden Uhr als Analogon für die Analyse des Staates heranzieht.77 In 75

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Th. Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Erster Teil: Lehre vom Körper. Leipzig 1949, S. 3. Unmittelbar danach bestimmt Hobbes seine Methode: „Das Verworrene muß zerteilt und unterschieden werden und jegliches, nachdem es die ihm zukommende Bezeichnung erhalten hat, seinen festen Platz bekommen, d.h. es bedarf einer Methode, die der Schöpfung der Dinge selbst entspricht." Th. Hobbes: Leviathan ,S. Xf. Deutlich auch S. XI: „But there is another old saying [...], that is nosce te ipsum, read thyself, [...] to teach us, that for the similitude of the thoughts and passions of one man, to the thoughts and passions of another, whosoever looketh into himself, and considereth what he doth, when he does think, opine, reason, hope, fear &c. and upon what grounds; he shall tehreby read and know, what are the thoughts and passions of all other men upon the like occasions. " Vgl. Th. Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Zweiter und dritter Teil: Lehre vom Menschen und Bürger, S. 72: „Schon bei einer Uhr, die sich selbst bewegt, bei jeder etwas verwickelten Maschine kann man die Wirksamkeit der einzelnen Teile und Räder nicht verstehen, wenn sie nicht auseinandergenommen werden und die Materie, die Gestalt und die Bewegung jedes Teiles für sich betrachtet wird. Ebenso muß bei den Rechten des Staates und bei Ermittelung der Pflichten der Bürger der Staat zwar nicht aufgelöst, aber doch wie ein aufgelöster betrachtet werden, d.h. es muß die menschliche Na-

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Bernard Mandevilles wirkungsmächtiger Fable of the Bees fungieren anatomische Studien als Vorbild für eine Untersuchung jener Bestandteile und Verhältnisse im „sozialen Organismus bürgerlicher Gesellschaften", die „das ungewohnte Auge entweder übersieht oder doch nicht weiter beachtet" und die doch „die wichtigsten Organe [...] für die Erhaltung der Bewegung im ganzen Mechanismus unseres Leibes" wären.78 Die Bienenfabel führt zugleich exemplarisch vor Augen, was englische Philosophen, französische Moralisten und deutsche Naturrechtslehrer seit den frühneuzeitlichen Anfangen politischsozialer Theoriebildung praktizierten: Jede epistemologische Konstruktion sozialen Handelns ging von einer vorgängig bestimmten „Natur" des Menschen aus bzw. nahm zu ihr Stellung. Die damit verbundenen Deutungen in Gestalt „optimistischer" bzw. „pessimistischer" Anthropologien und die Situierung der menschlichen Natur vor oder in vergesellschaftete Zusammenhänge korrespondierten einer neuen, mehrfach dimensionierten Aufmerksamkeit, die sich einerseits auf ein (unterschiedlich definiertes) Gattungswesen und seine Verhaltensweisen, andererseits auf die sozialen Determinanten individuellen und individuenübergreifenden Handelns richtete. Die Folgen einer so sensibilisierten Wahrnehmung können vorerst nur angedeutet werden. Wenn nicht mehr „Geselligkeitstrieb", Sanftmut, Mitleid oder Wohlwollen des Menschen als die Voraussetzungen von Sozialität aufzufassen waren, sondern „gerade seine schlechtesten und am meisten verabscheuten Eigenschaften" als konstitutive Elemente großer „glücklicher und blühender Gemeinschaften" galten,79 wurden Differenzierungen sichtbar, die die Erforschung eines wechselhaften oder sogar feindseligen Verhaltens als Gründungsakt von Kultur zu einem anthropologischen Wissensgebiet avancieren ließen. In dieser Perspektive waren individuelle Akteure und ihre Verbindungen nicht mehr als unveränderliche Substanzen festzustellen, sondern als Schnittmengen aktueller Verhaltensweisen und Relationen zu beobachten, deren problematische Aspekte man in Konzepten wie „Selbstliebe" und „Selbsterhaltung" bearbeitete.80 Katalysator dieser komplexen und widerspruchsreichen Verschiebungen blieb ein Kausalitätsdenken, das nicht nur empirische Naturforschung und politische Epistemologie, sondern auch Logik und Hermeneutik regieren sollte. Die von Aristoteles als Ziel und Wesen jeder Erkenntnis bestimmte Ursacheneinsicht, die schon für seinen Lehrer Piaton Erkenntnis der bewirkenden

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tur untersucht werden, wieweit sie zur Bildung des Staates geeignet ist oder nicht, und wie die Menschen sich zusammentun sollen, wenn sie eine Einheit werden wollen; denn nur so kann hier die rechte Einsicht gewonnen werden." Bernard Mandeville: Die Bienenfabel [The Fable of the Bees, or: private vices, publick benefits; 1714], Berlin (DDR) 1957, S. 19. Ebenda. Vgl. Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. I. Frankftut/M. 1989, S. 178ff.; Friedrich Vollhardt: Selbstliebe und Geselligkeit. Tübingen 2002.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Ursachen war, leitete nun eine hermeneutica generalis, nach der etwas erst dann richtig verstanden war, w e n n man seine causa efficiens angeben konnte. Wurde ein Text als effectus bestimmt, dann waren zu seinem Verständnis der Autor und seine Intentionen (als bewirkende Ursachen) ebenso heranzuziehen w i e Entstehungsort und -zeit bzw. andere Nebenumstände. 8 1 In der philosophischen Seinslehre, in der christliche Ordnungsvorstellungen weiterhin wirksam blieben (und etwa dazu führten, dass auch Monstrositäten und Missbildungen als Bestandteile einer providentiellen Ordnung zu erklären waren 82 ), sollte das Kausalprinzip den Rückschluss von Phänomenen, die als Wirkungen aufgefasst wurden, auf bestimmbare Ursachen erlauben. 83 D o c h mehr noch. W e n n Baruch Spinoza in seiner more geometrico vorgehenden Ethik postulierte, „dass es von j e d w e d e m existierenden D i n g irgendeine bestimmte Ursache geben muss, w e s w e g e n es existiert, war damit ein Konditionalgefuge formuliert, dessen Akzeptanz die Ermittlung von bewirkenden Ursachen bzw. Gründen erforderlich machte. 84 D i e bewirkenden Ursachen bzw. Gründe waren j e d o c h nicht umstandslos zu erschließen. W i e schon Descartes wusste, ließ sich zwar aus gegebenen Wirkungen (effectus) auf die Existenz von Ursachen schließen - aber nur unter besonderen Voraussetzungen waren die bestimmten

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So etwa Johann Clauberg: Logica vetus & nova. Modum invendiendae ac tradendae veritatis, In Genesi simul & Analysi, facili mthodo exhibens [1654, 1658], hier zitiert nach Lutz Danneberg: Die Anatomie des Text-Körpers und Natur-Körpers, S. 81: „Warum ist die Kenntnis des Autors, des behandelten Gegenstands, der Zielsetzung, des Entstehungsorts und der Entstehungszeit einer Schrift sowie ähnlicher Nebenumstände fur die Ermittlung des wahren Sinns einer dunklen Rede nützlich, da doch all diese Faktoren außerhalb der Rede selbst zu liegen scheinen? Weil eine Wirkung erst in dem Moment vollkommen begriffen wird, wenn man ihre Wirkursache und alles übrige, was zu ihrer Hervorbringung beiträgt, erkennt. Nun aber ist der Autor die Wirkursache seiner Rede, und auch die übrigen Nebenumstände tragen zu ihrer Hervorbringung bei." Zu diesen Versuchen vgl. Lutz Danneberg: Die Anatomie des Text-Körpers und NaturKörpers, S. 82-87. Vgl. die Formulierung des Kausalprinzips durch Leibniz: Essais de Theodicee I, § 44. In: Die philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Hrsg. von Carl Immanuel Gerhardt. Bd. 6 Berlin 1885, S. 127: „Nichts geschieht, ohne dass es eine Ursache oder zumindest einen zureichenden Grund gäbe, d.h. etwas, das dazu dienen könnte, einen Grund a priori abzugeben, warum dieses existiert und nicht vielmehr nicht existiert und warum es so ist und nicht vielmehr irgendwie anders." Dagegen betont Spinoza die ontologische Relevanz: „Aus einer gegebenen bestimmten Ursache folgt mit Notwendigkeit eine Wirkung, und umgekehrt, wenn keine bestimmte Ursache gegeben ist, kann unmöglich eine Wirkung folgen." Baruch de Spinoza: Ethik. In geometrischer Weise behandelt in fünf Teilen. Hrsg. von Helmut Seidel. Leipzig 1975, S. 24. Ebenda, S. 31. Ermittlung und Benennung dieser bewirkenden Ursache wurde im Original noch stärker betont; vgl. Baruch de Spinoza: Ethica ordine geometrico demonstrata. In: Ders.: Opera. Im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hg. von Carl Gebhardt. Heidelberg o. J. Bd. 2, S. 52: „cuiuscunque rei assignari debet causa, seu ratio, tarn cur existit quam cur non existit". („Von jedem Dinge muß sich eine Ursache oder ein Grund angeben lassen, weshalb es existiert oder weshalb es nicht existiert".)

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wahren Ursachen zu ermitteln.85 Auf andere Weise formulierte es die newtonsche Physik: Zwar war von einer Ordnung des Universums durch allgemeingültige und erkennbare Gesetze auszugehen, doch implizierte das gleichzeitige Wirken mehrerer Gesetze komplexe und nur schwer zu entziffernde Resultate. Wenn für Ursache-Wirkung-Beziehungen ein definitiver Schluß von den (sichtbaren) effectus auf die (nicht sichtbaren) causae nicht möglich war, mußten Wege gefunden werden, um diese Lücke zu verringern. In der hermeneutica profana standen dafür, so hat Lutz Danneberg gezeigt, zwei Strategien zur Verfugung: Zum einen konnte ein Wissen über die „Ursachen" (eines Textes bzw. eines Artefakts) herangezogen werden, das gewiss war, jedoch auf anderen Quellen als auf gegebenen Effekten beruhte; zum anderen ließen sich spezielle hypothetische Annahmen über den Erzeuger einer Wirkung akzeptieren, die ein Autor-Konstrukt bildeten und die Möglichkeiten der Ursachenbestimmung präsumtiv limitierten.86 Eine solche hypothetische Annahme konnte etwa in der Unterstellung eines handlungsrelevanten Rahmens bestehen, in den ein Text unter Heranziehung einer Zweck-Mittel-Relation eingebettet wurde: Indem man einem Autor bestimmte Ausdrucksinteressen und einen spezifischen Adressatenkreis zuschrieb, gelang es, die Wahl seiner Mittel als situationsabhängiges Produkt von Intentionen und Konditionen zu erklären. Das per se unbegrenzte Potential von Bedeutungszuweisungen wurde so auf die Möglichkeiten eingeschränkt, die einem Autor unter den Voraussetzungen eines (rationalen) Handlungsmodells und einer gegebenen Situation zurechenbar waren. Während die unterstellte Zweck-Mittel-Relation in hermeneutischer Perspektive die Kluft zwischen effectus und causae überbrückte, erlaubte sie zugleich die Auffindung von verborgenen Wirkursachen für sichtbare Verwerfungen in real- und konfessionspolitischen, aber auch in kulturellen und wissenschaftlichen Zusammenhängen - indem sichtbare Ereignisse als zusammenhängende Wirkungen gedeutet und unter spezifischen Antezendenzbedingungen auf invisibilierte Ursachen zurückgeführt werden konnten. Eine wesentliche Bedingung für ein solches Schlussverfahren bestand in folgenschweren Veränderungen bislang gültiger Vorstellungen vom Wert „unsichtbaren" bzw. bewusst „verborgenen" Handelns und seiner Beobachtung. Ihnen ist nun nachzugehen.

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Zum Problem der fallacia consequents vgl. Lutz Danneberg: Erfahrung und Theorie als Problem moderner Wissenschaftstheorie in historischer Perspektive. In: Jürg Freudiger u.a. (Hrsg.): Der Begriff der Erfahrung in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. München 1996, S. 12-41; zum regressus als Versuch, diesen angestrebten Rückschluß von der Wirkung auf die Ursache zu erreichen, ders.: Die Anatomie des Text-Körpers und Natur-Körpers, S. 53-56. Siehe Lutz Danneberg: Zum Autorkonstrukt und zu einem methodologischen Konzept der Autorintention. In: Fotis Jannidis u.a. (Hrsg.): Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen 1999, S. 77-105.

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1.2.2 Beobachtung unsichtbaren Handelns Noch in Antike und neutestamentlicher Zeit waren die menschlicher Kenntnis verborgenen oder nur in exklusiver Weise zugänglichen Vorgänge und Verhältnisse überwiegend positiv konnotiert. In der theologischen Adaption eines von Heraklit antizipierten und durch Piaton formulierten Gedankens, der die ideelle oder transzendente Welt dem Unsichtbaren gleichsetzte, sah der Apostel Paulus die Christen dadurch ausgezeichnet, dass sie nicht auf das Sichtbare sehen, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken: „Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig" (2 Kor 4, 18). Unsichtbarkeit galt als Prädikat Gottes, der sich und sein unvergängliches Wesen in der sichtbaren Schöpfung offenbart habe.87 Auch intendierte Einschränkungen des Zugangs zu einem Wissens- oder Glaubensanspruch - die zwar äußerlich ähnliche Formen zur Darstellung und Kommunikation aufwiesen, in ihrer Struktur aber zu unterscheiden sind - konnten grundsätzlich positiv bewertet werden. Das Markus-Evangelium begrenzte die Einsicht in das Geheimnis des Gottesreiches auf einen abgesonderten Kreis,88 implizierte damit jedoch keine Formen der Sekretierung und des Verzichts auf Öffentlichkeit, sondern ein verborgenes Wissen (mysterion), das im Gegensatz zu einer scheinbar offenkundigen Sicht- und Wahrnehmbarkeit nur der eingeweihten Gemeinde zugänglich war.89 Auf diese Weise ließen sich auch anforderungsbezogene Limitationen bei der Verbreitung von Glaubenslehren, insbesondere in der Zeit der frühchristlichen Verfolgungen, rechtfertigen. Seit dem ausgehenden Mittelalter kam es zu folgenschweren Veränderungen und Umwertungen, deren Hintergründe und Konsequenzen an dieser Stelle nur knapp skizziert werden können. Einen ersten Impuls gaben die seit den Kirchenvätern geführten Auseinandersetzungen der nun als Ecclesia visibilis universalis auftretenden „Großkirche" mit häretischen Bewegungen sowie der Kampf gegen Geister- und Aberglauben, der sich auf eine von Augustinus begründete und durch Thomas von Aquin ausgebaute Dämonenlehre stützen

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Rom 1, 19f.: „Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit dass Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt [...]." Vgl. auch Kol 1, 15; l.Tim. 1, 17. So Mk 4, 11-12: „Euch ist's gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfahrt es alles nur durch Gleichnisse, auf dass sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören, und doch nicht verstehen." Vgl. auch die Anmerkung Martin Luthers zu Eph 5, 33: „Sacrament oder mysterium/ heisset Geheimnis oder ein verborgen ding/ das doch von aussen seine bedeutung hat. Also ist Christus vnd seine Gemeine ein Geheimnis/ ein gros heilig verborgen ding/ das man gleuben vnd nicht sehen kann."

1.2 Entstehungsbedingungen

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konnte.90 Besondere Wirkungen entfaltete dabei eine durch den Aquinaten ausdifferenzierte Dämonologie, die zwischen pacta expressa und pacta tacita unterschied und im sogenannten stillschweigenden Dämonenpakt ein Bündnis identifizierte, von dem der Ausübende nicht einmal wissen musste." Unter Rückgang auf die Zeichentheorie des Augustinus entwickelte Thomas eine erkenntnistheoretisch interessante Konstruktion, die fur Heinrich Kramers erstmals 1486 veröffentlichte Richtschnur einer „kodifizierten" Hexenverfolgung Malleus Maleficarum grundlegende Bedeutung gewinnen sollte und davon ausging, dass die Handlungen der Menschen oder die Erscheinungen in der Natur nie das sind, was sie scheinen, sondern Zeichen für himmlische oder dämonische Aussagen, die allerdings nicht eindeutig verständlich sind, sondern der Deutung erst noch bedürfen. Da das kanonische Recht und namentlich der Canon Episcopi im Decretum Gratiani jeder Form des Aberglaubens oder der Magie eine direkte materielle Wirksamkeit abgesprochen hatte, bediente sich der Hexenhammer und die ihm folgenden Hexen-Prozesse einer zweifachen Strategie, in deren Rahmen die Identifikation und Interpretation verborgener Verhältnisse eine zentrale Rolle spielten: Zum einen wurde mit einem sich auf Augustinus und Thomas berufenden Konditionalgefuge die menschliche Verantwortung für magische Operationen an einen (auch impliziten) Kommunikationsvertrag mit einem Dämon gebunden;92 zum anderen wurde

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Vgl. Roland Götz: Der Dämonenpakt bei Augustinus. In: Georg Schwaiger (Hrsg.): Teufelsglaube und Hexenprozesse. München 1987, S. 57-84. Augustinus (De doctrina Christiana. II, 30-40) definierte alle Formen des Götzendienstes und „magischer Künste" (Eingeweide- und Vogelschau, Astrologie etc.) ebenso wie Abmachungen („gleichsam Pakte einer treulosen und hinterlistigen Freundschaft") mit Dämonen als Sünde des verderblichen Aberglaubens und verurteilte sie scharf. Vgl. Thomas von Aquin: Summa theologiae. Bd. II/2, c. 92-96; ders.: Quaestiones disputatae de malo, quaestio 16, articulum 9. Hier weitete der Aquinate auch den Einflußbereich unsichtbarer Mächte aus: Die mit Gottes Erlaubnis handelnden Dämonen können auf Erden alles bewirken. Zu den Folgen vgl. Dieter Harmening: Superstitio. Berlin 1979, S. 308-317; drastisch Sigmund Riezler: Geschichte der Hexenprozesse in Bayern. Stuttgart 1896, S. 41f. mit dem Urteil, Thomas von Aquin müsse „als deijenige bezeichnet werden, der am meisten zur Festsetzung dieses Wahnwitzes [des Glaubens an omnipotente Dämonen und der mit ihnen verbündeten Hexen] beigetragen hat". Auf der Basis zahlreicher Belegstelle aus den Werken von Augustinus und des Aquinaten benannte da Hexenhammer drei Bedingungen für die Wirksamkeit von Hexerei: die Zulassung Gottes (Permissio Dei), die Mitwirkung des Teufels und den Willen des Menschen; siehe Heinrich Kramer (Institor): Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum [I486]. Hrsg. und eingel. von Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer. München 2000, S. 148: „Alles in allem ist daraus zu schließen, dass die Behauptung rechtgläubig und nur zu wahr ist, dass es Zauberer gibt, die mit Hilfe der Dämonen wegen des mit ihnen geschlossenen Paktes tatsächliche Wirkungen mit der Zulassung Gottes erzielen können, ohne auszuschließen, dass sie auch imstande sind, vorgespiegelte und phantastische Wirkungen durch Trugbilder zu bewerkstelligen." Erst wenn diese drei Bedingungen zusammenträfen, seien auch reale Schäden als Folge der Hexerei möglich. Allerdings glaubten die Hexen nur, dass sie diese Schäden selbst verursachen - in Wirk-

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die experientia des Inquisitors im U m g a n g mit der Macht eines (an seinen realen Wirkungen erkennbaren) Teufels in besonderer W e i s e exponiert. 93 Ein Ergebnis dieser, vor dem Hintergrund komplexer Umbrüche im Bereich der Rechtskultur stattfindenden Entwicklungen waren Beobachtungs- und B e w e i s ordnungen, die invisible Abmachungen und Machinationen zugänglich machen und belegen sollten: Theologisch angeleitete Ketzerprozesse wurden zu weltlich verantworteten Hexenprozessen, die von der Allgegenwart unsichtbarer D ä m o n e n ausgingen und den ausdrücklichen oder stillschweigenden Vertrag z w i s c h e n H e x e und Teufel durch Indizien, Befragung und Geständnis nachzuweisen suchten. 94 D o c h lässt sich die Professionalisierung und Verschriftlichung der Rechtsfindung - die im Zuge der Rezeption des römischen Rechts formale Beweismittel w i e Eid, Gottesurteil und Z w e i k a m p f als unsicher ablehnte und glaubhafte Indizienbeweise, Zeugenaussagen s o w i e die confessio des Beschuldigten forderte - nicht umstandslos als „Säkularisierung" oder gar „Rationalisierung" vormals „irrationaler" Prinzipien bezeichnen. Der

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lichkeit sei es der Teufel, der ihre magischen Operationen als Zeichen nehme, dass er tätig werden solle. Grundlage dieses Tätigwerdens sei ein Vertrag zwischen Hexe und Teufel, der entweder ausdrücklich (pactum expressum) oder aber stillschweigend (pactum taciturn) erfolgen könne. Nach Kramer trat dieser Teufelspakt regelmäßig bereits dann in Kraft, wenn jemand mit einem magischen Hilfsmittel etwas bewirken wollte: Da er um die Unmöglichkeit von Magie wisse, gehe er stillschweigend von einer Unterstützung durch einen Dämon aus. Vgl. Andre Schnyder: Malleus Maleficarum von Heinrich Institoris (alias Kramer), unter Mithilfe Jakob Sprengers aufgrund der dämonologischen Tradition zusammengestellt. Kommentar zur Wiedergabe des Erstdrucks von 1487. Göppingen 1993, S. 353-408. Schnyder arbeitete ca. 250 Exempel heraus, die in der Form ausführlicherer Erzählungen die reale Macht des Teufels und damit auch der Hexen beweisen sollten. Von diesen Exempeln stammten 75 aus zeitgenössischer Erfahrung, also aus Geschichten, die Kramer von vertrauenswürdigen Leuten gehört haben oder auf die er bei seiner Tätigkeit als Inquisitor gestoßen sein wollte. Zur Bedeutung erfahrungsgestützter Exempla in der Hexenliteratur und ihrer narrativen Modellierung siehe auch A. Schnyder: Der Inquisitor als Geschichtenerzähler. Beobachtungen zur Ausgestaltung des Exemplums im „Malleus maleficarum" (1487) von Institoris und Sprenger. In: Fabula 36 (1995), S. 1-24; ders.: Protokollieren und Erzählen. Episoden des Innsbrucker Hexereiprozesses von 1485 in den dämonologischen Fallbeispielen des „Malleus maleficarum" (1487) von Institoris und Sprenger und in den Prozeßakten. In: Der Schiern 68 (1994), S. 695-713. Zur experientia als Ausdruck eines „neuen Realismus" in der Rechtswissenschaft seit dem 13. Jahrhundert vgl. Knut Wolfgang Nörr: Ideen und Wirklichkeiten: zur kirchlichen Rechtssetzung im 13. Jahrhundert. In: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 82 (1996), S. 1-12; Zu den Unterschieden zwischen der Institution der bischöflichen und päpstlichen Inquisition, die durch einen zum „Inquisitor" ernannten Kleriker (oft Dominikaner) geleitet wurde, dem allgemeinen Prinzip des „Inquisitionsprozesses" als eines Ermittlungsverfahrens von Amts wegen, und dem im Gegensatz dazu stehenden „Akkusationsprozeß", der mit der Klage eines „privaten" Klägers begann, s. Winfried Trusen: Der Inquisitionsprozeß. Seine historischen Grundlagen und frühen Formen. In: Zeitschrift ffir Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung, Bd. 74 (1988), S. 168-230; Wolfgang Behringer (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, S. 72f.

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Begriff der „Hexerey", zum ersten Mal wohl 1419 in einem Strafprozess vor dem weltlichen Gericht der Stadt Luzern gebraucht,95 gewann seine neue und komplexe Bedeutung erst dadurch, dass die in der Ketzerverfolgung der Inquisition gewonnenen Erkenntnisse über Teufelsbündnisse mit populären Vorstellungen aus der Glaubenswelt der Bevölkerung kombiniert wurden, deren Wurzeln bis in den paganen Schamanismus zurückreichten.96 Hinzu kam ein weiteres Moment, das die Beobachtung und Verfolgung eines aufgrund seiner vermeintlichen Wirkungen erkennbaren Dämonenpaktes konditionierte. Da Indizien nur als Teilbeweise galten und im Falle des Hexereivorwurfs eine Kausalbeziehung zwischen magischer Manipulation und eingetretenem Schaden wegen der Heimlichkeit des Zusammenhangs nicht eindeutig nachweisbar war, ließ sich abschließende Sicherheit allein durch das Geständnis des Beschuldigten erlangen. Also rückte im Inquisitionsverfahren ein Prozessmittel in den Vordergrund, das in den Jahrhunderten zuvor kaum eine Rolle gespielt hatte: die Folter.97 Um eine als regina probationum (Königin der Beweise) geltende confessio zu erreichen, die für eine Verurteilung von Kapitalverbrechen notwendig war, wendete man bei der Verfolgung des „geheimen Superverbrechens" der Hexerei (crimen atrocissimum et occultissimum) oftmals extreme Gewalteinwirkung an.98 Mit größtem Nachdruck insistierten die Verfolger 95 96

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So E. William Monter: Witchcraft in France and Switzerland. The Boderlands during the Reformation. Ithaca, London 1976, S. 23f. Carlo Ginzburg: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Berlin 1990; Gabor Klaniczay: Schamanistische Elemente im mitteleuropäischen Hexenwesen. In: Ders.: Heilige, Hexen, Vampire. Vom Nutzen des Übernatürlichen. Berlin 1991, S. 29-50. Dazu umfassend Edward Peters: Folter. Geschichte der peinlichen Befragung. Hamburg 1991. Sanktioniert wurden die Verfahrensänderungen im Kanonischen Prozess auf dem vierten Laterankonzil 1215. Nach diesem Vorbild - und unter fortwährender Rezeption des römischen Rechts - fand das Inquisitionsverfahren mit seinem rationalen Beweisverfahren, aber auch schon mit Erwähnung der Folter als Prozeßmittel, unter Kaiser Friedrich II. ins weltliche Recht Eingang. Nachdem in der Mitte des 13. Jahrhunderts in Spanien und Frankreich königliche Dekrete die Tortur legalisierten, wenn es um Majestätsverbrechen (crimina laesae majestalis) ging, kam es - vorangetrieben durch erfolgreiche Bemühungen städtischer Instanzen, privilegierte Berechtigung zum Einsatz der Folter zu erlangen - im 14. und vor allem im 15. Jahrhundert zu immer stärkerem und relativ ungeregeltem Foltereinsatz im weltlichen Strafprozess, der jetzt auf die Erzielung formaler Geständnisse um jeden Preis und nicht auf den materiellen Nachweis des Verbrechens zielte und deshalb auch als „Geständnisprozess" bezeichnet wurde. Erst die großen Rechtsreformen Constitutio Criminalis Bambergensis und Constitutio Criminalis Carolina von 1532 schränkten die Folter durch Präzisierung von Kriterien und Ausbildung einer Indizienlehre ein; vgl. W. Trusen: Strafprozeß und Rezeption. Zu den Entwicklungen im Spätmittelalter und den Grundlagen der Carolina. In: P. Landau, F.Chr. Schroeder (Hrsg.): Strafrecht, Strafprozeß und Rezeption. Grundlagen, Entwicklung und Wirkung der Constitutio Criminalis Carolina. Frankfurt/M. 1984, S. 29-118. Die juristische Grundlage dafür bildete eine Art Notstandsrecht, welches die Hexerei zum crimen exceptum erklärte, für das normale Prozessbedingungen nicht galten: Im Extremfall sollte bloßer Verdacht zur Verhaftung führen und als Legitimation zur Fol-

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dabei auf der N e n n u n g v o n angeblichen „Genossen" und „Gespielen", u m so eine vermeintliche Verschwörung der H e x e n ganz aufdecken zu können - und erzeugten durch Androhung bzw. Zufugung von Schmerzen nicht nur umfassende Aussagen über Teufelsbuhlschaft, Flug, Sabbat und andere Attribute der Hexensekte, sondern zugleich auch einen Kreis angeblicher Mittäter und Mitwisser, die nun ihrerseits Ausgangspunkt weiterer prozessualer Verfolgung werden konnten." - U m einen durch weltliche Instanzen geführten Hexenprozess zu ermöglichen, bedurfte es j e d o c h nicht nur einer Modifizierung des Ketzerverfahrens im Zeichen des Indizien- und Beweisrechts. N ö t i g war zugleich die Inquisitionsmaxime, die eine Strafverfolgung von Amts w e g e n ermöglichte, 1 0 0 s o w i e eine Aufwertung des Gerüchts (Fama), das eine Zentralfunktion für die Klage übernehmen sollte. N o c h im sog. Akkusationsprozess war der Kläger ein hohes Risiko eingegangen, da die Beweislast gegenüber dem beklagten Täter bei ihm lag und im Falle des Scheiterns dem Kläger selbst Strafen drohten. In Inquisitionsprozessen genügte dagegen schon die Verbreitung von A u s s a g e n durch die öffentliche Meinung (publica fama) bzw. die Berufung auf das allgemeine Gerede (fama communis), um eine Strafverfolgung zu initiieren. 101 W e n n Kläger w i e schon im Ketzerprozess nun auch im teranwendung gelten. Die Folter sollte so lange, so oft und mit solchen Mitteln ausgeübt werden können, bis ein Geständnis erzielt war; so schon Heinrich Kramer (Institor): Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum, S. 678-685 (Über die Fortsetzung der Folter und die Vorsichtsmaßnahmen und Zeichen, an denen der Richter die Hexe erkennen kann). Zur systematischen Gestalt der Verfolgung vgl. Wolfgang Behringer (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, S. 268-313; zur Praxis von Anhörungen in unterschiedlichen Zusammenhängen jetzt Ralf-Peter Fuchs, Winfried Schulze (Hrsg.): Wahrheit, Wissen, Erinnerung. Zeugenverhörprotokolle als Quellen fur soziale Wissensbestände in der Frühen Neuzeit. Münster 2002. 99 Vgl. neben den Instruktionen von Heinrich Kramers Hexenhammer auch das vorgegebene Frageschema fur Hexenprozesse von 1590 (Kelheimer Hexenhammer), das detailliert nach den „Circa Complices" fragte; abgedruckt in Wolfgang Behringer (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, S. 279-284. Dazu auch Wolfgang Behringer: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit. München 1987, S. 145f. Welch weitreichende Folgen die umgreifende Verdachtslogik haben konnte, zeigt der Fall des Bürgermeisters der Bischofsstadt Bamberg, Johannes Junius, der 1628 selbst unter Anklage gestellt wurde, nachdem er übereinstimmend von sechs bereits der Hexerei geständigen Personen beschuldigt worden war. Aufgrund dieser erfolterten Denunziationen wurde der Mann verhaftet und dem Prozeß unterworfen; siehe Wolfgang Behringer: (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, S. 271 f., 306-311. 100 Die heute selbstverständliche Strafverfolgung von Amts wegen war bis zum vierten Laterankonzil von 1215 keine Selbstverständlichkeit. Denn bis dahin bedurfte es grundsätzlich eines Klägers, der eine Straftat durch Anklage (accusatio) vor Gericht zu bringen und das Verfahren zu betreiben hatte. Dagegen führte Papst Innozenz III. die Nachforschung (inquisitio) von Amts wegen in das Kirchenrecht ein. 101 Als exemplarisch für die Aufwertung der öffentlichen Meinung vgl. Heinrich Kramer: Der Hexenhammer, S. 267: „Keiner zweifelt daran, dass Hexen Erstaunliches an den männlichen Gliedern vollbringen, was nach Hören und Sehen sehr vieler [Leute] und

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Rahmen von Hexenprozessen als bloße Denunzianten oder Zeugen auftreten durften, steigerte dieses geminderte Risiko die Anzeigefreudigkeit drastisch, da jetzt anonym und risikolos missliebige Mitmenschen angezeigt und mit einem Gerichtsverfahren überzogen werden konnten. Das Gerücht, das als im Modus des Hörensagens verbreitete Nachricht sich darauf berief, „was alle sagen", gewann in diesem Zusammenhang aktive Dimensionen: Wurde das Zirkulationsmedium unbestätigter Aussagen nun ernst genommen und durch öffentlich anerkannte Autoritäten geprüft, erwies sich ein veränderter Umgang mit zumeist namenlosen Zeugnisgebern und kursierenden Behauptungen als notwendig, da unterschiedliche Auffassungen derselben Sache zusammenzuführen und zu validieren waren.102 In der Einheit von entgrenzter Distribution und der Mitteilung unbestätigter Botschaften wurde das Gerücht zum Medium für die Weitergabe und Entfaltung eines Geheimnisses, an dessen sozialer Dynamik es durch seine scheinbar exklusive Adressierung partizipierte. Sich auf Aussagen unbekannter und nicht identifizierter Zeugen beziehend, diese ergänzend und variierend, verbreiteten mündliche Kommunikation und Druckschriften die Gerüchte über verborgene Zusammenhänge in einer Weise, wie sie auch für die Distribution konspirationistischer Projektionen charakteristisch werden sollte und in der Äwwor-Forschung als levelling, sharpening, assimilation firmiert: Besonderheiten und Details zur spatialen oder temporalen Situierung eines Geschehens wurden nivelliert; Ambiguitäten oder Mehrdeutigkeiten durch Monosemierung ausgefiltert. Zugleich passte man die

vielmehr auch nach der Öffentlichen Meinung {publica famä) selbst hiervon feststeht, da durch den Sinn des Sehens oder Fühlens die Wahrheit bezüglich jenes Gliedes erkannt wurde." Die Bedeutung der publica fama fur den Einsatz der amtlichen Verfolgung belegt die Kurkölnische Hexenordnung. Bonn 1607, zitiert nach dem auszugsweisen Abdruck in Wolfgang Behringer (Hrsg.): Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, S. 237-240, S. 238f.: „Soll nun kein Cleger sich herfur thun, sonder der Obrigkeit dieß abscheulich Gotteslästerlich Zauberey Werck vel publica fama durch gemeine geschrey oder denunciando ueber etliche personen vorkommen, So will denselben Ambts und Obrigkeit wegen obliegen und gebueren ex officio nhotturfftige information darueber einzunehmen." 102 Vgl. Hans-Joachim Neubauer: Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Berlin 1998, hier S. 26f. zur „schmerzhaften hermeneutischen Prozedur" bei der Überprüfung eines ungesicherten Berichts im antiken Athen, die bereits Plutarch beschrieben hatte. Allgemein auch Ralph L. Rosnow, Gary Alan Fine: Rumor and Gossip. The Social Psychology of Hearsay. New York u.a. 1976; Jean-Noel Kapferer: Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt [Rumeurs; 1987], Leipzig 1996; Jean-Luc Evard: Die alltägliche Ökonomie des Gerüchts, oder: Das Rauschen des Sozialen. In: ders., Peter Klier (Hrsg.): Mediendämmerung. Zur Archäologie der Medien. Berlin 1989, S. 90-104; Edmund Lauf: Gerücht und Klatsch. Die Diffusion der „abgerissenen Hand". Berlin 1990; historische Fallstudien verzeichnet die oben angeführte Arbeit von Hans-Joachim Neubauer.

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Nachricht an soziale, mediale und medientechnische Konditionen ihrer Verbreitung an.103 Die dämonologisch fundierte Verfolgung angeblicher Teufelspakte und Hexereidelikte markiert jedoch nur einen Moment im frühneuzeitlichen Bedeutungswandel des Unsichtbaren. Neben einer fortlaufenden theologischen und philosophischen Wertschätzung des Verborgenen - erinnert hier sei nur an Luthers Hinweise auf die unsichtbare Kirche des Glaubens, die als „geistliche ewige Gottesstadt" jenseits allen äußeren Scheins stehe,'04 an Calvins Unterscheidung zwischen der Kirche „coram Deo" und der „sichtbaren Kirche", der auch Heuchler zugehörten oder an die 1510 bzw. 1531 publizierten Werke des Agrippa von Nettesheim und des Theophrastus Paracelsus über die Occulta philosophia105 - konnte das Unsichtbare jetzt zugleich auch als Inbegriff dubioser und der Öffentlichkeit entzogener „Praktiken" im sozialen Raum außerhalb der Familie verstanden und entsprechend misstrauisch beobachtet werden. Wie der Historiker Valentin Groebner an einer Fülle von Beispielen gezeigt hat, tauchten die im Deutschen deutlich negativ besetzten Termini Practick und practicieren erstmals in politischen Texten des ausgehenden 15. und frühen 16. Jahrhunderts auf, um - im Gegensatz zum neutralen italienischen pratticare für „Verhandeln" und „Aushandeln" - verdeckte, d.h. der 103 Vgl. Gordon W. Allport, Leo Postman: The Psychology of Rumor [1947]. New York 1965. In Laborstudien ermittelten die US-amerikanischen Forscher die zunehmende Eigensinnigkeit einer Nachricht bei wachsendem Abstand von ihrem Ursprung und bestätigten die von William Stern bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts angestellten Explorationen über die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen; W. Stern: Zur Psychologie der Aussage. Experimentelle Untersuchungen zur Erinnerungstreue. In: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 22 (1902), S. 315-330. 104 Martin Luther: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Weimar 1883ff. Bd. 2, S. 743; Bd. 18, S. 652. 105 Eine Geschichte des vielfach verwendeten Attributs, die seinen metaphorischen wie begrifflichen Gebrauch in den Kontexten seiner Verwendung rekonstruiert, steht noch aus. An dieser Stelle ist nur auf weiterreichende Wirkungen der positiven Akzentuierung des Unsichtbaren hinzuweisen, die sich noch in der durch Adam Smith popularisierten Metapher von der „invisible hand" zur Charakterisierung der Dynamik sozialer und ökonomischer Prozesse findet: Smith zufolge entsteht der Wohlstand einer Gesellschaft nicht intentional und sichtbar, sondern gleichsam durch unsichtbare Fügung als Resultat einer freien, nicht regulierten Interaktion ihrer Glieder, indem diese ihre j e eigenen Interessen verfolgten; A. Smith: Theory of moral sentiments [1759]. The Glasgow Edition of the Works and Correspondance of Adam Smith. Vol. I. Oxford 1984, p. 184f.; ders.: Am Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. The Glasgow Edition of the Works and Correspondance of Adam Smith. Vol. II. Oxford 1981, p. 181 f., 456. Hierzu Hans-Dietrich Kittsteiner: Naturabsicht und Unsichtbare Hand. Zur Kritik geschichtsphilosophischen Denkens. Frankfurt/M. 1980, S. 273f.; Raimund Ottow: Modelle der unsichtbaren Hand vor Adam Smith. In: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 19 (1991), S. 558-574. Aufgenommen wurde dieser Metaphernkomplex von Karl Marx, der von den „unsichtbaren Fäden" des Kapitals sprach, von denen die Produktionsverhältnisse gelenkt sind; Karl Marx: Das Kapital [1867]. MEW Bd. 23. Berlin 1962, S. 485, 599.

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Öffentlichkeit entzogene Absprachen und Manipulationen zu bezeichnen.106 „Practiciert" worden sei, so der Berner Stadtschreiber Thüring Fricker in seiner Chronik des Twingherrenstreits von 1471 durch heimliche Verabredungen bei der Wahl von städtischen Beamten; Kaiser Maximilians I. Propagandaschrift Der Weiss Kunig prangerte teuflische „Practick" wie lügnerische Versprechungen, falsche Voraussagen und Bestechungsgelder an, mit denen der als „blauer König" chiffrierte Ludwig XII. von Frankreich zum Verrat und Aufstand gegen ihn aufstacheln wollte.107 „Practick", so lassen sich zahlreiche Belege zusammenfassen, war stets das, was durch bewusste Techniken der Verschleierung für Außenstehende nicht sichtbar werden sollte: maskierte Werber für eine erneute Bundschuh-Verschwörung, vor denen der Landvogt von Hochberg im Februar 1514 die Stadt Freiburg warnte („mit fiel selzemer gestalt also zugerust, die ich nit alle benennen kann") ebenso wie „wesen, monier, anslag, losung und sunder zeichen" angeblicher Aufrührer, über die Markgraf Ernst von Baden im Herbst 1517 die Reichsstadt Straßburg informierte.108 Die hier gebrauchten Begriffe „fiel selzemer gestalt" und „losung und sunder zeichen" markieren eine wesentliche Bedingung zur Identifizierung und Durchkreuzung von „practick": Um invisibilisierte Manöver entdecken und unschädlich machen zu können, war das Erkennen von Zeichen notwendig, die als sichtbare Indizien einen Rückschluß auf ihre unsichtbaren Verursacher und deren verborgene Absichten ermöglichten. Diese auf die Identifikation und Interpretation von Zeichen bezogene Dimension des Begriffs verweist auf eine ältere Bedeutungsschicht. Denn in lateinischer Form erschien Practica seit dem 13. Jahrhundert in medizinischen Lehrbüchern - und zwar zur Benennung jener Textabschnitte, die sich mit den Funktionen und Symptomen des Körpers beschäftigten, während die als Theoretica bezeichneten Abschnitte die Behandlung innerer Krankheiten darstellten.109 Aus diesen medizinischen Lehrbüchern entnahmen die seit Ende des 15. 106 Valentin Groebner: Trügerische Zeichen. Practick und das politische Unsichtbare am Beginn der Neuzeit. In: Hans-Dietrich Kittsteiner (Hrsg.): Geschichtszeichen. 1999, S. 63-80, hier S. 71. 107 Thüring Frickhart: Twingherrenstreit. Hg. von Gottlieb Studer. Basel 1877, S. 80, 159f.; Maximilian I.: Der Weiss Kunig. Neudruck der Ausgabe Wien 1775. Weinheim 1985, S. 127f., 129, 133, 174f., 189, 219f., 226, 233, 235, 254f., 271, 276; dazu auch Jan-Dirk Müller: Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I. München 1982. 108 Zitiert nach Valentin Groebner: Trügerische Zeichen, S. 73. 109 Vgl. Andrew Wear: Explorations in Renaissance Writings on the Practise of Medicine. In: R. K. French (Ed.): The Medical Renaissance of the 16th Century. Cambridge 1985, S. 118-145; Nancy Siraisi: Medieval and Early Renaissance Medicine. Chicago, London 1987; Danielle Jacquart: Theory, Everyday Practice and the 15th Century Physician. In: dies., Michael McVeigh (Eds.): Renaissance Medieval Learning. The Evolution of a Tradition. Princeton 1990, S. 140-160. Auf die weiteren Differenzierungen der Salerner Unterteilung der Heilkunde in theorica und practica mitsamt ihren berufsspezifischen Segmentierungen, nach denen der Wundarzt (chirurgicus) wie der Apotheker

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Jahrhunderts massenhaft verbreiteten astrologischen Traktate der Kalenderliteratur den Terminus und verbreiteten ihn in einer W e i s e , dass schon Johan Fischart in seiner 1572 veröffentlichten (und durch Rabelais' Prognostication angeregten) Persiflage Aller Practic Grosmuter vor ihnen warnte und noch Johann Christoph Adelungs erstmals 1774-86 veröffentlichtes Grammatischkritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart den Terminus „Practik" als gleichbedeutend mit „Astrologie" und als „Practikenschreiber" einen „Astrologen oder Sternseher, und practicieren aus den Sternen weißagen" definierte." 0 D e n n neben Regeln zu den richtigen Zeitpunkten v o n Schröpfen, Baden, Aderlassen s o w i e Prophezeiungen zu Wetter und Himmelserscheinungen enthielten diese Traktate - die w i e der 1495 in Heidelberg gedruckte Almanach Practica super anno 1495 den Zentralbegriff im Titel fuhren - astrologische Voraussagen zu politischen Ereignissen, die in allegorischer Sprache verfasst waren und bewusst mehrdeutig mögliche Entwicklungen prognostizierten. 111

dem Handwerklichen der Eigenkünste verhaftet blieb, während dem Akademikerarzt (physicus) der Aufstieg in den Bereich der drei oberen Fakultäten gelang, ist hier nicht näher einzugehen; dazu Gundolf Keil, Bernd Moeller (Hrsg.): Der Humanismus und die oberen Fakultäten. Weinheim 1987. Wichtiger scheint die Parallelisierung von moralischer und körperlicher „Gesundheit", in deren Rahmen die medizinische Erkenntnis als Schließen von sichtbaren Zeichen auf Unsichtbares bzw. Verborgenes angesehen wurde und die sich bereits in Aristoteles' Nikomachischer Ethik (II, 2) fand. Die komplexen Veränderungen der epistemischen Situationen, in deren Gefolge die Medizin als ars practica zu einem paradigmatischen Muster für andere Disziplinen werden konnte, rekonstruiert Lutz Danneberg: Die Anatomie des Text-Körpers und Natur-Körpers, S. 100-112. An einer Fülle von Beispiel wird hier dokumentiert, wie man im 17. Jahrhundert fortfuhr, die Verfahren der „praktischen Disziplinen" mit den Tätigkeiten „des Mediziners zu parallelisieren, der die Symptome aufsucht, die Diagnose stellt, die Therapie bestimmt und die Mittel angibt, die zur ,Heilung' fuhren" (ebenda, S. 104). 110 Die Practik. In: Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Dritter Theil, von Μ - Scr. Zweyte vermehrte und verbesserte Ausgabe. Leipzig 1798, S. 821. Die groteske Verzerrung des magischen Raunens „prognostischer" Texte demonstrierte Fischarts 1574 stark erweitert gedruckte Schrift Aller Practic Grosmuter bereits im Nebentitel: Die dickgeprokte Pantagruelinische Blrugdicke Prokdik oder Pruchnastikaz, Lastafel, Baurenregel vnd Wetterbüechlin. 111 Zu einer zentralen Quelle dieser prognostischen, nicht immer von anderen mantischen Techniken abgrenzbaren Ausssagen auf Basis natürlicher Zeichen wurde die erstmals 1488 veröffentlichte Pronosticatio des Johannes Lichtenberger, die unterschiedliche Texte kompilierte und überaus erfolgreich war. Die Mixtur aus Prophezeiungen der erithräischen, kretischen und cumäischen Sybille, des Malachias, Methodius, Joachim von Fiore und Alexander von Roes mit konkreten astrologischen Ausdeutungen der großen Konjunktion von Saturn und Jupiter im November 1484 (die aus einem kurz zuvor erschienenen Traktat des Paul von Middelburg ohne Nennung des Urhebers kopiert wurde) erlebte zwischen 1488 und 1513 in lateinischer und deutscher Sprache 16 Auflagen; zwischen 1513 und 1527 folgten weitere 12 Auflagen sowie zahlreiche Auszüge, die zumeist unter dem Titel Practica erschienen. Bis zum 19. Jahrhundert stieg die Anzahl der Ausgaben auf mehr als 50, die der Teildrucke in Sammelprognostiken auf über 30. Der bekannteste Nachdruck der mit zahlreichen, ζ. T. schwer deutbaren Holzschnitten

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W e l c h e widerspruchsvollen B e w e g u n g e n sich dabei ergaben, kann an dieser Stelle nur knapp am Beispiel des Johannes Virdung, eines im Dienst der Heidelberger Pfalzgrafen Philipp und Ludwig V. stehenden Hoftnathematicus und Astrologen illustriert werden. Der den Humanisten nahestehende Gelehrte, der mit seinem erstmals 1532 veröffentlichten Hauptwerk Nova medicinae methodus ex mathematica ratione morbus curandi ein reichhaltiges Fachbuch über astromedizinische Grundprinzipien verfaßte und als Ersteller von Horoskopen (u.a. für Philipp Melanchthon und Franz von Sickingen) Ansehen erwarb, veröffentlichte seit 1487 Schriften astrologisch-prognostischen Inhalts, deren Zahl bis 1540 auf über 5 0 Veröffentlichungen anwuchs." 2 1503 erschien seine umfängliche Practica teutsch aujf das jar 1503 von der zukunftt eines neuwen propheten vnd anderer grösser geschieht-, 1513 folgte eine Practica über das Finsternis der Sunnen und im gleichen Jahr eine g e g e n Luca Gauric o s Sintflutprophetie gerichtete Invectiva wider die erdicht practica die der unwissende mensch Lucas uff das 1512. jar gemacht hat. N a c h d e m er 1514 und 1520 Himmelszeichen bei Urach und Wien beobachtet hatte und ihre als „erster Grundriß der meteorologischen Optik"" 3 geltende Deutung mehrfach drucken ließ, stand er in seiner erstmals 1521 gedruckten (und mehr als 15mal

ausgestatteten Pronosticatio war die Wittenberger Ausgabe in einer Übersetzung Stephan Rodts mit einer Vorrede Luthers, die die papst- und kirchenkritischen Partien der Prophezeiung ausdrücklich anerkannte, aber den Aussagewert astrologischer und anderer nicht-biblischer Prognostiken prinzipiell in Frage stellte; siehe Aby Warburg: Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten [1919]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 2. Leipzig, Berlin 1932, S. 545-550; Dieter Kurze: Johannes Lichtenberger (t 1503). Eine Studie zu Prophetie und Astrologie. Lübeck und Hamburg 1960; ders.: Popular Astrology and Prophecy in the 15th and 16th Century: Johannes Lichtenberger. In: Paola Zambelli (Ed.): Astrologi hallucinati. Stars and the End of the World in Luther's Time. Berlin 1986, S. 177-193; Ernst Zinner: Geschichte und Bibliographie der astronomischen Literatur in Deutschland zur Zeit der Renaissance. Stuttgart 21964, S. 98ff.; Maijorie Reeves: The Influence of Prophecy in the Later Middle Ages. Oxford 1969; Barbara Bauer: Die Rolle des Hofastrologen und Hoftnathematicus als fürstlicher Berater. In: August Buck (Hrsg.): Höfischer Humanismus. Weinheim 1989, S. 93-117. 112 Vgl. Karl SudhofT: Jatromathematiker vornehmlich im 15. und 16. Jahrhundert. Breslau 1902, S. 49-55; Max Steinmetz: Johannes Virdung von Hassfiirt. Sein Leben und seine astrologischen Flugschriften. In: Hans-Joachim Köhler (Hrsg.): Flugschriften als Massenmedium der Reformationszeit. Stuttgart 1981, S. 353-372, wieder in: Paola Zambelli (Ed.): Astrologi hallucinati, S. 195-214. Textproben enthält Peter Hans Pascher (Hrsg.): Praktiken des 15. und 16. Jahrhunderts. Klagenfurt 1980; bibliographische Nachweise liefert Joachim Teile: Johannes Virdung. In: Elmar Mittler (Hrsg.): Bibliotheca Palatina. Ausstellungskatalog, Textbd. Heidelberg 1986, S. 106-108. Zum Zusammenhang auch Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Astrologisch-magische Theorie und Praxis in der Heilkunde der frühen Neuzeit. Stuttgart 1985 113 So Gustav Hellmann: Beiträge zur Geschichte der Meteorologie 1. Berlin 1914, S. 14 zur 1520 in Oppenheim gedruckten Außlegung der zeichen (die zwischen dem 5. und 7. Januar 1520 bei Wien beobachtet wurden); schon 1515 erschien Außlegung vber die zaichen die do gesehen worden seind aujf dem Schloß hohen Vrach.

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wiederaufgelegten) Practica Teütsch - einer Adaption der Pronosticatio von Johann Lichtenberger - im Streit um die Sintflutprognose für das Jahr 1524 auf Seiten der besonneneren Partei. Alle diese Formen prognostischer Verfahren dokumentieren das in der Frühen Neuzeit mit Nachdruck verfolgte Streben, handlungsleitendes Wissen über das persönliche wie kollektive Schicksal zu erlangen und dabei auch per se unverfügbare Geschehnisse in der Zukunft vorhersehbar zu machen. Sie basierten auf der Überzeugung von einer zeichenhaft strukturierten Natur und ihrer Lesbarkeit durch den Menschen; zudem bezogen sie empirische Beobachtungen ein. Bedeutung für konspirationistische Vorstellungen gewann das so dimensionierte Unsichtbare durch seine Verbindung mit religiösen und politischen Zuschreibungen: Wenn etwa der Basler Buchdrucker Pamphilus Gengenbach in seinen nach dem Dezember 1513 entstandenen Flugblättern über den Bundschuh-Aufstand den Verschwörern neben anderen „haimlichen zeichen" einen Skorpion im grünen Feld als ihr „Sigel" zuwies, verknüpfte er ein Motiv aus der Johannes-Apokalypse, das als wirkungsmächtiges Bild zur Charakteristik von Ketzern als den Trägern unsichtbaren Giftes verwendet wurde (und bis in die anti-illuminatische Publizistik des 18. Jahrhunderts fortwirken sollte), mit einem astrologisch deutbaren Zeichenkomplex." 4 Damit aber wird noch einmal schlaglichtartig deutlich, welche neue Dignität das durch diverse „Practicken" der Sichtbarkeit entzogene Handeln von Individuen in der Wissensproduktion der Frühen Neuzeit erlangte und wie nachhaltig sich die Vorstellungen über die Erkennbarkeit menschlicher Handlungen und ihrer Rahmenbedingungen wandelten: Gemeinsamer Nenner von astrologischer Prognostik und der Rede über geheime Machinationen bzw. politische Täuschung war die Aufdeckung nicht sichtbarer Verbindungen, die durch Identifikation und Deutung sichtbarer Anzeichen zu erschließen waren. Das so erzeugte „Wissen" über die Gründe für die (schlechte) Einrichtung der Verhältnisse und die behaupteten Einsichten in künftige Entwicklungen waren Produkt wie Katalysator der Hoffnung, die sich zunehmend ausweitenden und kommunikationstechnisch vervielfältigten Konfliktfelder zwischen sozialen Gruppen, Konfessionen und Staaten erkennen und kontrollieren zu können." 5 Dabei invisibilisierten die mehrdeutigen Verheißungen der Sternendeuter ebenso wie die Angaben über heimliche Praktiken verschworener Aufrührer den konstruktiven und letztlich nicht falsifizierbaren Charakter ihrer Bedeutungszuweisungen: „Astrologen sind unblamierbar", 114 Pamphilus Gengenbach: Narrenschiff vom Bundschuh. In: Karl Goedecke (Hrsg.): Pamphilus Gengenbach. Hannover 1854, S. 28-31; 388f. 115 Prägnant Valentin Groebner: Trügerische Zeichen, S. 78: ,fracktxck ist an das Lesen der richtigen Zeichen gebunden. Die Zeichen sprechen vom Zukünftigen und seiner Kontrolle, und Pracktick hat daher immer den Charakter von Verheißung - politischer wie astrologischer. Die autoritative Vieldeutigkeit der so zu lesenden Zeichen entspricht dem Paradox, dass sie per Definition Unsichtbares signalisieren - wie jederman wyss, aber eben nicht jedermann lesen kann." (Hervorhebungen im Original.)

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brachte es Aby Warburg auf den Punkt und zeigte, wie ein und dieselbe astrologische Konstellation zu Beginn des 16. Jahrhunderts unter minimalen Modifikationen für unterschiedliche Ausdeutungen in Anspruch genommen werden konnte - zum einen als Beleg für die Entstehung der Syphilis aus giftigen Dünsten des Saturns, zum anderen als Ausweis für die Geburt eines bösen Propheten (als der Martin Luther figurierte, dem ein neues Geburtsdatum zugeschrieben wurde), zum dritten als Zeugnis für die Geburt eines guten Propheten (wobei Martin Luther nochmals ein veränderte Geburtsdatum erhielt)." 6 Eine neue Qualität gewannen diese Erkenntnisansprüche durch technische Innovationen, die ihre Distribution und Diskussion beschleunigten: Gedruckte Flugschriften verbreiteten Prodigien und Prognostiken ebenso wie Enthüllungen über politische „Practiken" und führten mit Repliken und Gegendarstellungen zu deren intensiv erweiterter Reproduktion.' 17 Ihre Novität resultierte zum anderen aus Techniken des Ermitteins und Entziffern von Zeichen, die das Unsichtbare und Verborgene nicht mehr allein auf das transzendente und ewige Dasein Gottes oder transzendente Ideen bezogen, sondern das „lichtscheue", d.h. planvoll der Öffentlichkeit entzogene Handeln menschlicher Individuen in erweiterten und zunehmend komplexeren Handlungszusammenhängen zu ergründen suchten. Hintergrund dieser für die Ausbildung von Konspirationsszenarien nicht zu unterschätzenden Umstellung waren Modelle sozialen Handelns, die ihre Fixierung in verhaltensregulierenden Klugheits- und Morallehren fanden und neuartigen Sichtweisen auf den Menschen korrespondierten. Ohne die Konzepte von „Aufrichtigkeit" und „Verstellung" sowie ihre komplizierten Veränderungen im 17. und 18. Jahrhundert detailliert erläutern zu können," 8 sind im folgenden einige Modelle abzugrenzen, die für konspirationistische Projektionen relevant wurden.

116 Aby Warburg: Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten, S. 487-535. 117 Die hier nur knapp umrissenen Neuerungen bedeuteten jedoch keine kulturelle Revolution oder den Beginn einer neuen Epoche des menschlichen Kommunikationsverhaltens, wie einige großangelegte Erklärungsszenarien suggerieren. Gutenbergs Erfindung beschleunigte vielmehr einen längerfristigen Prozeß, in dem Buch und Schrift zu alltäglichen Gebrauchsgegenständen wurden; vgl. die gegen die These vom grundlegenden medialen Wandel argumentierende Darstellung von Uwe Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch. Schriftlichkeit und Leseinteresse im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Quantitative und qualitative Aspekte. 2 Bde. Wiesbaden 1998. 118 Dazu jetzt L. Danneberg: Aufrichtigkeit und Verstellung im 17. Jahrhundert. Dissimulatio, simulatio und Lügen als debitum morale und sociale. In: C. Benthien, St. Martus (Hrsg.): Die Kunst der Aufrichtigkeit im 17. Jahrhundert. Tübingen 2005, S. 44-91.

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1.2.3 Verhaltenslehren, Ordensregeln, Logik des Verdachts Schon frühneuzeitliche Verhaltenstraktate wie Baldasarre Castigliones 1528 veröffentlichtes II Libro del cortegiano, Niccolo Machiavellis erstmals 1532 gedruckte Abhandlung II Principe und Baltasar Graciäns Oräculo manual y arte de prudencia von 1647 beschrieben die über die Familie hinausgehende Sozialwelt als feindliches Gebiet, in dem man achtsam und höflich zu sein habe sowie das Recht zu Unaufrichtigkeit und Verstellung besitze.119 Die seit dem 17. Jahrhundert zu beobachtende „Modernisierung" privatpolitischer Verhaltensregeln führte zum einen Vertrauen und Kritik ein, denn eine auf funktionale Gliederung umstellende Gesellschaft benötigte Beziehungen, die Zufälligkeiten und raschen Wechsel aushielten, um unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich zu machen. Sie fixierte zum anderen den Gedanken von der vertragsrechtlichen Bindung zwischen Individuen, die sich - so prägnant der 1651 erschienene Leviathan des Thomas Hobbes - im Naturzustand als potentielle Feinde gegenüberständen und ihr „gegenseitiges Misstrauen" bis zum „natürlichen" bellum omnia contra omnes steigerten.120 Wenn jedes Individuum danach strebe, „mit Gewalt oder List jedermann zu unterwerfen", wäre Selbsterhaltung radikal gefährdet - und deshalb erforderte gerade die konsequente Verfolgung des Selbsterhaltungstriebs die Preisgabe des Selbsterhaltungsrechts: Nur indem jedes Individuum auf sein natürliches und an sich legitimes Recht verzichtete, sich selbst mit allen verfugbaren Mitteln zu erhal119 Schon Castigliones 1528 veröffentlichtes II Libro del cortegiano beschreibt den „diskreten" Hofmann, der sein eigenes Verhalten sorgfaltig kalkuliert und möglichst viele der verborgenen Affekte seines Gegners entdeckt. Machiavellis II Principe empfiehlt dem Fürsten explizit Verstellung, Treuebruch und Heuchelei bei Glaube und Tugend sowie die Lüge, wenn es die necessitä erfordere: „Ein Herrscher braucht also all die [...] guten Eigenschaften nicht in Wirklichkeit zu besitzen; doch muß er sich den Anschein geben, als ob er sie besäße. Ja, ich wage zu behaupten, dass sie schädlich sind, wenn man sie besitzt und stets von ihnen Gebrauch macht, und dass sie nützlich sind, wenn man sich den Anschein gibt, sie zu besitzen"; Niccolo Machiavelli: Der Fürst. II Principe [1532], Übers, von Rudolf Zorn. Stuttgart 61978, XVIII (S. 73). Der Jesuit Baltasar Graciän postulierte die situationsangemessene Anpassung (versatilitas) an eine als bedrohlich wahrgenommene Welt für letztlich jeden Lebensbereich: „Mit offenen Karten spielen ist weder nützlich noch angenehm. [...] Sogar wo man sich herauslässt, vermeide man, offen zu sein, eben wie man auch im Umgang sein Inneres nicht jedem aufschließen darf." B. Graciän: Handorakel und Kunst der Weltklugheit [1647]. Deutsch von Arthur Schopenhauer. Stuttgart 1967, Nr. 3, 13 (S. 5, 9). 120 Thomas Hobbes' anthropologische Argumentation fußt nicht auf dem Gedanken einer menschlichen natura corrupta, sondern wie Machiavellis Fürstenspiegel auf der Idee eines in der menschlichen Natur verankerten Triebs zur Selbsterhaltung. Dieser basale Selbsterhaltungstrieb zwinge den Menschen dazu, den Mitmenschen von vornherein als potentiellen Feind aufzufassen und entsprechend zu handeln: „Und wegen dieses gegenseitigen Misstrauens gibt es für niemand einen Weg, sich selbst zu sichern, der so vernünftig wäre, wie Vorbeugung, das heißt, mit Gewalt oder List nach Kräften zu unterwerfen." Thomas Hobbes: Leviathan, S. 95.

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ten und seine Macht vollständig an einen souveränen Herrscher delegierte, ließe sich der natürliche Kriegszustand aufheben. 121 Wurden vertragstheoretisch begründete Beziehungen zum Regelfall, konnten auch vertrauliche Verhältnisse zur Normalität werden, da die interagierenden Subjekte weniger voneinander w i s s e n mussten, um erfolgreich handeln zu können. 122 S o w o h l vertrauliche w i e versachlichte Beziehungen schlossen an Formen der Selbst- und Fremdbeobachtung s o w i e an Assoziierungspraktiken an, die bereits in der alteuropäischen Privatpolitik und in frühneuzeitlichen Morallehren ausgebildet waren: Genaue Beobachtungsanordnungen sollten noch geringste A b w e i c h u n g e n im Verhalten als Zeichen von Unaufrichtigkeit lesen und auf „tiefere" Gründe zurückfuhren; die Vereinigung von Individuen wurde als dezessionistische Gruppenbildung zur Verteidigung legitimer Interessen („gut" vs. „böse") projektiert. Schon der Jesuit Baltasar Graciän - der das individuelle Dasein als „Krieg g e g e n die Bosheit des Menschen" 1 2 3 bestimmte - suchte sowohl eine verhaltensbezogene Kunst des Chiffrierens im Sinne einer Regelgebung für raffiniertes Verstellen und Verrätsein der eigenen Absichten w i e auch eine Kunst des Dechiffrierens zu vermitteln: „ [ . . . ] man lerne ein Gesicht entziffern und aus den Zügen die Seele herauszubuchstabieren". 124 Unterscheidungsfahigkeit [„discretio"] und Scharfsinn [„agudeza"] 121 Vgl auch Thomas Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Zweiter und dritter Teil: Lehre vom Menschen und Bürger. Leipzig 1918, S. 74 die als „unerschüttert" bezeichnete These, „dass der Zustand der Menschen außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft (den ich den Naturzustand zu nennen mir erlaube) nur der Krieg aller gegen alle ist, und dass in diesem Kriege alle ein Recht auf alles haben. Femer, dass alle Menschen aus diesem elenden und peinlichen Zustande vermöge ihrer natürlichen Triebe herauskommen wollen, sobald sie dessen Elend einsehen; dass dies aber nur möglich ist, wenn sie durch Eingehung von Verträgen ihr Recht auf alles aufgeben." 122 Vgl. Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. In: ders.: Werke. Gesamtausgabe. Hrsg. von Otthein Rammstedt. Bd. 11. Frankfurt/M. 1992, S. 393f. Die Bedeutung dieses „Vertrauens" bestand vor allem darin, Individuen zu kontrafaktischem Agieren zu befähigen: Bedrohliche Handlungsweisen konnten übersehen werden (so etwa in der Freundschaftstheorie oder in der Liebessemantik, wenn man bestimmte Veränderungen des Freundes oder Partners im Interesse einer Erhaltung dauerhafter Beziehungen ausblendete); Störungen ließen sich ignorieren; Intimität konnte auch über Abwesenheit und Entfernung gewahrt bleiben. Die sich modernisierende Gesellschaft fand paradoxalerweise aufgrund versachlichter Beziehungen zu spezifischen Formen intensivierter Emotionalität, so eine weitreichende These von Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. München 1999. 123 Baltasar Graciän: Handorakel und Kunst der Weltklugheit, 13 (S. 9): „Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen. Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten hinsichtlich ihres Vorhabens bedient. Nie tut sie das, was sie vorgibt, sondern zielt nur, um zu täuschen." 124 Graciän: Handorakel und Kunst der Weltklugheit, 273 (S. 115). Deren Herausforderungen benannte er deutlich: „Viel Kopf ist erfordert, um den Fremden auszumessen. Es ist wichtiger, die Gemütsarten und Eigenschaften der Personen als die der Kräuter und Steine zu kennen. Jenes ist eine der scharfsinnigsten Beschäftigungen im Leben. Am

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sind die Mittel, um in die verborgenen Tiefen der Mitmenschen einzudringen und das Innere selbst bei raffiniertesten Verstellungen zu erkennen. 125 D i e Leistungen dieser Dechiffrierung von Absichten und Zielen („contracifira de intentiones") wären groß; bedeutender aber sei, w e n n mehrere Männer mit solchen Fähigkeiten aufeinander treffen und sich mit ihren „mit gleichen Waffen der Aufmerksamkeit (bzw. Vorsicht) und des Z w e i f e l s " („con armas iguales de atencion y de reparo" 126 ) beim gegenseitigen Täuschen und Entlarven messen würden. In der wechselseitigen Sektion bis in die Eingeweide und der Bestimmung v o n Eigenschaften und W e s e n („anatomia de un sujeto hasta las entranas y luego le dinfinen pro propriedades y esencia"' 2 7 ) gelangten sie zu einer „Anatomie des Geistes" und zur „Prüfung des Verstandes" („anatomia del änimo, examen del caudal" 128 ). N o c h bedeutsamer als der gegenseitige Kampf mit gleichen W a f f e n aber wäre der Zugewinn, w e n n die großen D e c h i f frierer im Schutz von Freundschaft und Vertrauen zur Kooperation finden und ihr „Wissen" w e c h s e l w e i s e offenbaren könnten: „joh, lo que ensenan!, !oh, lo que illuminan!" 129

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Klang kennt man die Metalle und an der Rede die Menschen. Die Worte geben Anzeichen der Rechtlichkeit, aber viel mehr die Taten. Hier nun bedarf es der außerordenlichsten Vorsicht, der tiefen Beobachtung, der feinen Auffassung und des richtigen Urteils." Ebenda, 291 (S. 122). Zu den Ausdrücken cifra, contracifra bzw. descifrar siehe Hellmut Jansen: Die Grundbegriffe des Balthasar Gracian. Geneve, Paris 1958, S. 135-143. Gracian: El discrete [1647]. Ediciön, introducciön y notas de Aurora Egido. Madrid 1997,1 (S. 167) sowie V (S. 202). - Interessant, doch in diesem Zusammenhang nicht zu diskutieren ist die Behauptung, Gracian habe die jansenistischen Schriften Pascals und Nicoles gekannt und seinen Roman El Criticon explizit als antijansenistischen Text konzipiert, so Benito Pelegrin: Ethique et esthetique du baroque. L'espace jesuitique de Baltasar Gracian. Arles 1985, S. 27f., 225f.; dagegen Manfred Hinz: Zur Kritik einiger neuerer Publikationen über Baltasar Gracian. In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 11 (1987), S. 245-264, hier S. 253. Ebenda, S. 313. Ebenda, S. 314. Ebenda. Die Figur der wechselseitigen Steigerung erkennt Gracian auch im Verhältnis von Enthüllen und Verbergen: „Indem die Verstellung ihre Künste erkannt sieht, steigert sie sich noch höher und versucht nunmehr, durch die Wahrheit selbst zu täuschen: Sie ändert ihr Spiel, um ihre List zu ändern und läßt das nicht Erkünstelte als erkünstelt erscheinen, indem sie so ihren Betrug auf die vollkommenste Aufrichtigkeit gründet." Gracian: Handorakel 13 (S. 6). Gracian: El discrete, S. 314. Ziel dieses Weges sind Erkenntnisse, die verborgen bleiben sollten; die Mittel dazu sind Verstellung durch vorgetäuschten Unglauben, künstlicher Widerspruch und Zweifel, gespielte Geringschätzung oder provozierende Stichelei; vgl. etwa Gracian: Handorakel 37 (S. 16): „Stichelreden kennen und anzuwenden verstehen. Dies ist der Punkt der größten Feinheit im menschlichen Umgang. Solche Stichelreden werden oft hingeworfen, um die Gemüter zu prüfen, und mittelst ihrer stellt man die versteckteste und zugleich eindringlichste Untersuchung des Herzens an." Ähnlich auch 213 (S. 90): „Die wirksamste Daumenschraube ist die, welche die Affekte in Bewegung setzt; daher ist ein wahres Vomitiv für Geheimnisse die Lauheit im Glauben derselben; sie ist der Schlüssel zur verschlossenen Brust und untersucht mit großer

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Ein ähnliches Projekt formulierte auch die frühneuzeitliche Gesellschaftstheorie. Schon Francis Bacon unterschied in seinem Essay Of Simulation and Dissimulation strategische Verhaltensweisen der Vorsicht gegenüber differenzierten Formen von Verstellung. Implizierten „Closeness, Reservation, and Secrecy" die eingeschränkte Preisgabe seiner selbst und Verschwiegenheit (was zu Vertrauen führen konnte), beruhe die Verstellung „in the negative" also die dissimulatio - auf einer Diskrepanz zwischen äußerem Schein und eigentlichem Sein: „a man lets fall signs and arguments, that he is not that he is".130 Die durch „equivocations, or oraculous speeches" realisierte dissimulatio werde durch beabsichtigte Täuschung überboten. Diese simulatio will Bacon aber nur in Ausnahmefallen gelten lassen, zerstöre sie doch „the most principal instruments" des Handelns: „trust and belief. 1 3 ' War eine auf bewusster Verstellung beruhende „sort of politics" als Gefahr für Vertrauen und Glaubwürdigkeit noch weitgehend ausgeschlossen, änderten sich die Verhältnisse rasch; nicht zuletzt unter dem Eindruck der konfessionellen Bürgerkriege. Thomas Hobbes setzte „an erster Stelle" seiner Lehre vom Menschen den „allen durch Erfahrung bekannten und von jedermann anerkannten Grundsatz, dass der Sinn der Menschen von Natur so beschaffen ist, dass ... sie einander mißtrauen und einander fürchten würden, und dass jeder durch seine Kräfte sich mit Recht vor dem einzelnen schützen könne und gewiß auch wolle."132 In seiner nach dem Modell empirischer Naturerfahrung konzeptualisierten Gesellschaftstheorie spielte das „Lesen von Menschen" - expressis verbis vom „Lesen von Büchern" abgegrenzt - eine zentrale Rolle: Die an der Leitmetapher des Lesens entwickelte Observation mentaler Vorgänge und das Prinzip der Analogisierung sollte den „Schlüssel" bereitstellen, um aus sichtbaren Handlungen auf Absichten, Gedanken und Leidenschaften schließen zu können.133 Die Risiken aber seien groß. Da die „Inschriften des menschlichen Herzens" durch Heuchelei, Lügen, Nachahmung und Irrlehren „befleckt und durcheinander" wären, dürften sie „nur von demjenigen gelesen werden, der die Herzen erforscht". Da jedoch auch die Entzifferung der verborgenen Herzensschrift fehlschlagen und man „die Guten" von den „Bösen" nicht hinreichend unterscheiden könne,

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Feinheit den Willen und den Verstand. [...] Ein erkünsteltes Zweifeln ist der feinste Dietrich, dessen die Neugier sich bedienen kann, um herauszubringen, was sie verlangt." Francis Bacon: Of Simulation and Dissimulation. In: Essays or Counsels Civil and Moral [1612], In: Ders.: Works. Ed. by James Spedding u.a. Vol. VI. London 1890, S. 365-603, hier S. 388. Ebd., S. 389. Zu den Vorteilen von dissimulatio und simulatio gehört nach Bacon, dass ein Verbergen der eigenen Absichten („intentions") die Erfolgsaussichten des eigenen Handelns steigere. Darüber hinaus vermehre es das eigene Wissen. Th. Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Zweiter Teil: Lehre vom Menschen, S. 71 f. Th. Hobbes: Leviathan, Introduction, S. 6f. Hervorhebungen im Original.

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„müssen auch die Guten und Bescheidenen fortwährend Mißtrauen hegen, sich vorsehen, versorgen, sich verbinden und auf alle Weise sich verteidigen."134 Dem Imperativ, sich auf der Basis von „Mißtrauen" zu verbinden und „auf alle Weise zu verteidigen", folgte eine Gesellschaft, die seit ihrer Gründung im Jahre 1539 zum Vorbild wie zur Kontrafaktur nahezu aller zeitgenössischer Überlegungen zur zielbestimmten Vereinigung von Individuen aufstieg und deren lange Zeit geheim gehaltene Regeln eine Initialzündung für konspirationistische Zuschreibungen bilden sollten. Die sich nach anfanglichen Schwierigkeiten rasch ausbreitende Societas Jesu - im Jahr ihrer pompösen ersten Säkularfeier 1640 bestanden in Europa, Asien, Afrika und Südamerika 39 Provinzen mit 15.493 Mitgliedern135 - erlangte nicht allein wegen ihrer Omnipräsenz in katholischen Ländern und aufgrund ihrer radikal gegenreformatorischen Zielstellungen kontinentale Aufmerksamkeit. Das Gelübde strikten Gehorsams gegenüber dem Papst und den Vorgesetzten sowie die hierarchische Binnengliederung erzeugten schon frühzeitig das Heterostereotyp einer militärisch abgeschlossenen und unkontrollierbaren Gemeinschaft; 136 die in der Jesuitenscholastik entwickelten Konzepte des Probabilismus, der reservatio mentalis und der aequivocatio erregten immer wieder den Verdacht, unter scheinbarer Wahrung des strikten Lügenverbots ein nahezu uneingeschränktes Täuschen und Verstellen zu ermöglichen. Eine kaum zu unterschätzende Rolle spielten in diesem Zusammenhang die mehrfach erwähnten Lettres Provinciales des Blaise Pascal: Rhetorisch brillant wie polemisch verkürzt modellierten sie das Bild von Verhaltensnormen, die nicht allein eine autoritativ beglaubigte

134 Th. Hobbes: Grundzüge der Philosophie. Zweiter und dritter Teil, S. 73. Zugleich verwahrte sich Hobbes in diesem Zusammenhang gegen die Auffassung von der notwendig schlechten Natur des Menschen: „Aber es folgt keineswegs, dass die, welche schlecht sind, von Natur schlecht waren: denn wenn auch die Geschöpfe von Natur oder von ihrer Geburt ab so beschaffen sind, dass sie alles ihnen Angemessene begehren und vollbringen, soviel sie können, und dass sie den drohenden Übeln entweder aus Furcht entfliehen oder sie im Zorn von sich abhalten, so pflegt man sie deshalb doch nicht böse zu nennen; denn die Begierden, die aus der tierischen Natur herkommen, sind nicht selbst böse, sondern nur die daraus hervorgehenden Handlungen sind es bisweilen, nämlich wenn sie schädlich sind und zugleich gegen die Pflichten verstoßen." 135 Georg Schuster: Die geheimen Gesellschaften, Verbindungen und Orden. Leipzig 1906. Bd. 1, S. 476. 136 Der durch Ignatius von Loyola 1539 gegründete Orden, dessen Approbation durch Papst Paul III. 1540 in der Bulle „Regimini militantis ecclesiae" erfolgte, veröffentlichte seine Constitutiones societatis Jesu. Cum earum Declarationibus 1583 in einer fur Mitglieder gedruckten Fassung (In Collegio eiusdom societatis). 1581 wurden in Rom die Canones congregationum generalium societatis Jesu cum aliis nonnullio adpraxim pertinentibus gedruckt; 1582 die Regulae Societatis Jesu. Für einen limitierten Kreis erschienen auch Ratio atque institutio studiorum per ses patres ad id iussu r. p. praepositi generalis deputatos conscripta (Rom 1586), die 1635 in einer durch den Orden genehmigten Auswahl (Auctoritate septimae congregationis generalis aucta) in Antwerpen veröffentlicht wurde.

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„moralische Wahrscheinlichkeit" kannten und die Mehrdeutigkeit von Äußerungen erlaubten, sondern zugleich der Regel folgten, nach welcher der sittliche Charakter jeder einzelnen Handlung durch die dabei obwaltende Absicht bestimmt werde, so dass selbst eine verbotene Handlung bei guter Absicht gerechtfertigt sei (methodus dirigendae intentionis).'37 D i e vulgarisierte Formel, der (Ordens-)Zweck heilige j e d e s Mittel, galt seit Pascal als Kernstück jesuitischer Moral - o b w o h l sie in dieser buchstäblichen und uneingeschränkten Formulierung w o h l in keinem jesuitischen Lehrbuch zu finden war und in dieser Fassung wahrscheinlich keine Vertreter gefunden haben dürfte. Aber sie eignete sich im Zeitalter zugespitzter und blutig ausgetragener Konfessionskonflikte zur Reduktion und schlagwortartigen Verknappung von komplexen moraltheologischen Überlegungen, zumal sie der Losung des Ordens zu entsprechen schien, w o n a c h sein letzter Z w e c k die größere Ehre Gottes sei ( o m nia in majorem Dei gloriam) und sämtliche Mittel, sie zu vergrößern, daher gut sein müssten - w a s unter der Voraussetzung zu verstehen war, dass der Orden stets w i s s e , w a s der größeren Ehre Gottes dient. 138 Ohne der späteren

137 Dass Jesuiten hinsichtlich dieser Maxime (wie anderen Aspekten auch) Erben der Scholastik waren, ist hier nicht näher zu erötern; dazu u.a. Johann Theiner: Die Entwicklung der Moraltheologie zur eigenständigen Disziplin. Regensburg 1970; Edouardo Moore: La Moral en el siglo XVI y primera mitad del XVII. Ensayo de sintesis historica y estudio de algunos autores. Granada 1956; Servais Pinckaers: La theologie morale ä la periode de la grande scholastique. In: Nova et Vetera 52 (1977), S. 118-131; ders.: La theologie morale au declin di Moyen-age: le nominalisme. In: Ebenda, S. 209-221. 138 Den an dieser Stelle nur anzudeutenden Hintergrund der jesuitischen Morallehre bildeten Bestrebungen, den Handlungsspielraum von Individuen unter zunehmend komplexeren Bedingungen zu erweitern. So besagte die durch Pascal verkürzt dargestellte Lehre des Probabilismus, dass in Fällen, wo das Urteil über eine Sache Gründe für sich wie gegen sich hat, dasjenige ohne Gewissensnot und selbst gegen eigne Überzeugung geschehen und als „wahrscheinlich" richtig angenommen werden dürfe, was auch nur einige oder nur ein einzelner angesehener Theolog (doctor gravis et probus) billigten. Bei Eiden, Versprechungen oder Zeugnissen galten geheimer Vorbehalt (reservatio mentalis) und Zweideutigkeit des Ausdrucks (amphibologia oder locutio ambigua) als zulässig, wenn damit der Schutz rechtmäßiger Geheimnisse gesichert wurde. Zugleich führte die jesutische Kasuistik einen Unterschied zwischen dissimulatio und simulatio ein, der hinreichte, um beide moralisch unterschiedlich zu bewerten: Während das aktive Handeln des Vorspiegeins eine „Übertretung" (transgressio) darstelle, impliziere das Unterlassen bzw. Verbergen keinen Akt (absque omni actu) und stelle nur eine simplex negatio dar. Diesem sog. Laxismus gegenüber setzte sich die Auffassung durch, nur eine restrictio non pure mentalis könne ethisch erlaubt sein. Der wahre Sinn einer Rede brauche nicht schon durch den Sprachgebrauch erkennbar, müsse aber auf Grund der gegebenen Situation vermutbar sein; vgl. etwa das Handlexikon der katholischen Theologie für Geistliche und Laien. Begonnen von Joseph Schäffler, fortgesetzt von Joseph Sax. 4. Bd. Regensburg 1900, hier S. 9 die Differenzierung zwischen Restrictio pure mentalis (als einer Redeweise, „bei der man den Worten innerlich einen Sinn unterlegt, der entweder vernünftigerweise gar nicht damit verbunden werden kann und den Hörer nothwendig irreleitet") und Amphibologie („bei welcher man einen mehrdeutigen Ausdruck in Einem bestimmten Sinne nimmt"): „Erstere ist als directe Lüge zu bezeichnen

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

a u s f ü h r l i c h e n D a r s t e l l u n g zu d e n a u f den J e s u i t e n o r d e n b e z o g e n e n V e r s c h w ö r u n g s s z e n a r i e n v o r z u g r e i f e n , sei an dieser Stelle n u r k n a p p a u f die M ö g l i c h keiten einer k o n s p i r a t i o n i s t i s c h e n A u s d e u t u n g der so m o d e l l i e r t e n j e s u i t i s c h e n „ P r a k t i k e n " h i n g e w i e s e n , d e r e n ö f f e n t l i c h e E r ö r t e r u n g e n nicht erst mit d e r 1612 v e r ö f f e n t l i c h t e n „ E n t h ü l l u n g s s c h r i f t " Aurea monita religiosissimae Societatis Jesu u n d den d a r a u f f u ß e n d e n S c h r i f t e n Monita privata b z w . Monita Secreta Societatis Jesu b e g a n n e n u n d v o n vielfaltig kolportierten B e r i c h t e n ü b e r den v e r m e i n t l i c h e n E y j f l u s s j e s u i t i s c h e r B e i c h t v ä t e r a u f politische Ents c h e i d u n g s p r o z e s s e bis zu S c h u l d z u w e i s u n g e n f u r K ö n i g s m o r d e u n d T h r o n m a n i p u l a t i o n e n reichten. 1 3 9 B e s o n d e r s b e f e u e r n d f ü r I m a g i n a t i o n e n w i r k t e n die

und nie erlaubt; die andere kann aus wichtigen Gründen (z.B. Amtsgeheimnissen) gestattet sein." 139 Eine Auflistung der Ausgaben der erstmals 1612 erschienenen Enthüllungsschrift Aurea monita religiosissimae Societatis Jesu sowie der etwas später veröffentlichten und dem ehemaligen Jesuitenpater Hieronim Zaorowsky zugeschriebenen Monita Privata bzw. Monita Secreta Societatis Jesu enthält Augustin und Aloys de Backer, Auguste Crayon: Bibliotheque de la Compagnie de Jesus. Nouvelle Edition par Carlos Sommervogel. Tome XI: Histoire. Par Pierre Bliard, S.J. Paris 1932, Sp. 342-356; dazu ausführlicher Kapitel 2.3. Die in Sommervogels Bibliographie erfassten 129 Publikationen reichen jedoch nur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und sind durch Neuauflagen und Aktualisierungen im 20. Jahrhundert zu ergänzen. Schon vor dieser apokryphen Darstellung der geheimen Instruktionen waren zahlreiche Warnungen vor jesuitischen „Pracktiken" erschienen, so u.a. die mehrfach aufgelegte und ergänzte Schrift von Lucas Oslander: Warnung vor der Jesuiter blutdurstigen Anschlägen und bösen Practicken wider unsere ware Christliche Evangelische Religion, durch die gewaltigen dieser Welt in Werck zurichten. Tübingen 1584; [Anonym:] Wahre abconterfeyung der schädlichen und erschröcklichen Sect der Jesuiter, mit angehenckter Warnung an die löbliche teutsche Nation, sich vor jrer verborgenen List und Gifft zu schützen, o. O. 1596; [Anonym:] Mysterium, oder Geheymnuss vnd Ceremonien, welche die Jesuiter fumehmen vnd gebrauchen, wenn sie einen armen einfaltigen Menschen dahin beredt, dass er sich zum Mörder an Königen vnd andern Potentaten gebrauchen zu lassen, begeben vnd entschlossen. Männiglichen zum Spiegel dieser Mörderischen Sect [...]. ο. Ο. 1610; [Anonym:] Von der Jesuiten, wider König- vnd Fürstliche Personen Abscheuliche, Hochgefährliche Practicen, Anschläge vnd Thaten. Etliche schöne herzliche Politische und Historische Tractätlein, theils von Hoher-Oberkeit und Regiments-Rhat, theils von fürtreffenlichen Hoch vnd NiderstandsPersonen, in Französisch und Teutsch beschrieben, vnd jetzund vnd alles in Hochteutsch vbersetzt. Darinn auß der Jesuiten eigen Büchern, auß den Acten vnd Reichshandlungen, aus Gerichtlichen Processen, auch andern vnlaugbaren Beweisungen, ihre vn-Christliche, grausame, erschreckliche Mordlehr, vnd deren vbung, gründlich erwiesen und an tag gegeben wirdt. Hanau 1611. - Die Befürchtungen, dass Ordensangehörige Einfluß auf politische Entscheidungen gewinnen könnten, stützten sich auf Beobachtungen zum Einfluß jesuitischer Hofbeichtväter; vgl. Robert Briley: Maximilian von Bayern, Adam Contzen und die Gegenreformation in Deutschland 1624-1635. Göttingen 1975; ders.: Religion and Politics in the Age of Counterreformation. Emperor Ferdinand, William Lamormiani, and the Formation of Imperial Policy. Chapel Hill. 1981; Elisabeth Koväcs: Einflüsse geistlicher Ratgeber und höfischer Beichtväter auf das fürstliche Selbstverständnis, auf Machtbegriffe und politische Entscheidungen österreichischer Habsburger während des 17. und 18. Jahrhunderts. In. Cristianesimo della Storia 4 (1983), S. 79-102. Zum angeblich von Jesuiten geplanten

1.2 Entstehungsbedingungen

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den Ordensangehörigen zugeschriebenen Lizenzen für kriminelle Aktivitäten, die in den Debatten über die angeblich von Juan de Mariana formulierte und durch Robert Bellarmini bekräftigte Lehre von der Legitimität des Tyrannenmordes ein weitreichendes publizistisches Echo fanden. Sowohl die vermeintlich evidenten Resultate dieser angeblichen Ordenslehre wie auch die Diskussionen um Verständnis und Verbreitung ihrer textuellen Fixierung avancierten zu einem zentralen Einsatzpunkt kollektiver Schuldzuweisungen an die Adresse der Gesellschaft Jesu. Dabei ist die Ermächtigung zur Tötung tyrannischer Herrscher keineswegs eine jesuitische Erfindung: Obwohl die von dem Franzosen Jean Petit in der Justification du Due de Bourgogne 1408 vorgetragene Behauptung von der Legitimität des Tyrannenmordes schon auf dem Konzil von Konstanz 1415 verdammt worden war, verteidigten Katholiken und Protestanten auch später die bereits in der Antike diskutierte Ansicht, dass es unter Umständen erlaubt sei, einen usurpatorisehen Diktator zu töten.140 Die vor allem nach den Morden am Apostaten Heinrich III. und dem konvertierten Heinrich IV. vieldiskutierte Frage betraf die Funktion von Texten und ihr Verständnis als handlungsauslösende bzw. legitimierende Lehrmeinungen: Hatte der jesuitische Jurist Mariana in seinem 1599 in Toledo veröffentlichten Werk De rege et regis institutione libri tres die Ansicht von der Berechtigung des Königsmordes mit Genehmigung der Ordensoberen verteidigt oder äußerte er sich als Privatperson, deren Stellungnahme durch spätere Zensur seitens des Ordens in Übereinstimmung mit päpstlichen Direktiven korrigiert wurde?141

und ausgeführten Attentat auf den portugiesischen König 1759 vgl. Ricardo Krebs: Die iberischen Staaten von 1659 bis 1788. In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte. Bd. 4. Stuttgart 1968; Samuel J. Miller: Portugal and Rome c. 1758-1830. An aspect of the Catholic Enlightenment. Rom 1978. Zahlreiche Hinweise auf das zeitgenössische antijesuitische Schrifttum bietet Winfried Müller: Die Aufhebung des Jesuitenordens in Bayern. Vorgeschichte, Durchführung, administrative Bewältigung. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 48 (1985), S. 285-352. 140 Zu den Hintergründen der seit Archilochos' Begriffsprägung anhaltenden Diskussionen um Tyrannis, Widerstandsrecht und monarchomachische Theorien siehe Hans Friedel: Untersuchungen zum Tyrannenmord in Gesetzgebung und Volksmeinung der Griechen. Stuttgart 1937; Friedrich Schoenstedt: Der Tyrannenmord im Spätmittelalter. Studien zur Geschichte des Tyrannenbegriffs und der Tyrannenmordtheorie insbesondere in Frankreich. Berlin 1938; Jürgen Dennert: Beza, Brutus, Hotman. Calvinistische Monarchomachen. Köln 1968; Rebecca W. Bushnell: Tragedies of tyrants. Political Thought and theater in the English Renaissance. Ithaca, NY 1990; Manfred Piccolomini: The Brutus Revival. Parricide and tyrannicide during the Renaissance. Carbondale, 111. 1991; Stefan Bildheim: Calvinistische Staatstheorien. Historische Fallstudien zur Präsenz monarchomachischer Denkstrukturen im Mitteleuropa der Frühen Neuzeit. Frankfurt/M. 2001; Mario Turchetti: Tyrannie et tyrannicide de l'Antiquite ä nos jours. Paris 2001. 141 Vgl. dazu schon Franz Heinrich Reusch: Die Lehre vom Tyrannenmorde. In: Ders.: Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens, S. 1-58, hier S. 5, der nach Rekonstruktion der Druckgeschichte feststellte, das Buch sei von den Ordensoberen regelrecht appro-

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Und selbst wenn diese Korrekturen geschahen und das Werk Marianas nach der Ermordung Heinrichs IV. in Paris durch Henkershand verbrannt wurde: Stellten diese Akte eine glaubwürdige Änderung der Ordensmeinung dar oder waren sie allein ein geschicktes Manöver zur Täuschung einer Öffentlichkeit, die in zahlreichen Trakaten über die Hochgefährlichen Practicen, Anschläge vnd Thaten der „Jesuiter" informiert wurde?142 Zusätzliche Nahrung erhielt das publizistisch geschürte Mißtrauen, das mit Nachdrucken von Marianas umstrittenem Werk durch protestantische Verleger im deutschen Sprachraum verbreitet wurde, aufgrund weiterer Indizien, die sich in den interkonfessionellen Auseinandersetzungen instrumentalisieren ließen: Marianas Buch - das 1599 mit der Imprimatur des staatlichen Bücherzensors Petrus de Onna sowie mit spezieller Approbation des Ordensgenerals Claudius Aquaviva erschienen war und 1605 sowie 1611 in Mainz bzw. Frankfurt „mit kaiserlichem Privilegium und mit Erlaubnis der Oberen" erneut gedruckt wurde - gelangte trotz seiner Verurteilung weder auf den römischen noch auf den spanischen Index;143 die Ordenstheologen Robert Bellarmini, Adam Contzen und Francisco Suärez sollten in unterschiedlicher Ausformung der Theorie von der potestas indirecta die Auffassung vom Recht des Papstes entwickeln, einen renitent ketzerischen Fürsten absetzen und ihn als tyrannus ex defectu tituli behandeln lassen zu können. Die Reichweite der so fundierten, bis ins ausgehende 18. Jahrhundert kolportierten und durch „größte Verschwiegenheit und Geheimhaltung"144 seitens des Ordens nicht ausgeräumten Verdachtslogik kann hier nur knapp angedeutet

biert - „woraus freilich kein Vernünftiger den Schluß ziehen wird, es sei damit der Inhalt des Buches als Lehre des Ordens erklärt worden". 142 Vgl. dazu schon die in der Traktatsammlung Von der Jesuiten, wider König- vnd Fürstliche Personen Abscheuliche, Hochgefährliche Practicen, Anschläge vnd Thaten enthaltetenen Schriften, so u.a.: Bedencken und Censur der Theologischen Facultet zu Paris, Von der Jesuiten Lehr: Dass Vnterthanen erlaubt seyn soll, eigenes gewalts ihre Könige vnd Fürsten, wann die fur Tyrannen gehalten werden, vmzubringen (S. 13-16) und die gleichfalls abgedruckten Schriften, „in welchen bewisen wird, dass an der verrätherischen Mordthat König Heinrichen des Grossen niemandt anders als die Jesuiter schuldig seyen (54-82, 83-141). Hier gleichfalls abgedruckt war die Schrift: Vom Vrsprung der Assassiner, und Meuchel Mörder, wie und welcher Gestalt sie in Orient entstanden, und nachdem sie von den Tartarn ausgerottet worden, in Occident wider ersprungen, nach und nach verschiedene namen gehabt, entlich aber Jesuiten genennet worden (S. 183-191). 143 Heinrich Reusch: Die Lehre vom Tyrannenmorde, S. 15. Papst Paul V., der sich 1610 scharf gegen Marianas Buch De rege et regis institutione libri tres ausgesprochen hatte, setzte allerdings seine 1609 in Köln erschienene Schrift Tractatus septem tum theologici tum historici auf den Index; vgl. F. H. Reusch: Der Index der verbotenen Bücher. Bd. II. 1885, S. 343. 144 So die „Litterärische Notiz die Privata Monita und Secreta Monita betreffend" in: [Anonym:] Vorläufige Darstellung der Rosenkreuzerey, Proselytenmacherey und Religionsvereinigung. Deutschland 1786, S. 4 (gesonderte Paginierung).

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werden. Nachdem am 5. Januar 1757 der offenkundig geistig verwirrte RobertFranfois Damiens den französischen König Ludwig XV. niedergestochen hatte, brach ein Propagandakrieg außergewöhnlichen Ausmaßes los, bei dem sich Jansenisten und Jesuiten gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben suchten. Obwohl diverse Anzeichen für pro-jansenistische Sympathien des Attentäters sprachen, waren zahlreiche Pamphlete davon überzeugt, der (rasch zum Tode verurteilte und extrem grausam hingerichtete) Damiens sei nur ein „Werkzeug der römischen Geistlichen, die ihn als Handlanger benutzten".145 Ein späten Widerhall fand diese umfassende Logik des Verdachts in einem Artikel der Berlinischen Monatsschrift vom Juni 1793, der u.d.T. Eine Monarchieen-stiirmende Freimaurerei in Frankreich die „zugleich hinterlistigen und greuelvollen Verfahren der Jakobiner" als Indizien einer von „Unbekannten Oberen" jesuitischer Herkunft gesteuerten Verschwörung zu entlarven vorgab. Nach umfassender Auflistung kriminell-konspirativer Praktiken - die vom „blinden Gehorsam gegen die Befehle und Einhauchungen verborgener Obern" über einen „wüthenden Fanatismus für die in den geheimnißvollen Konventikeln eingesogenen Lehrsätze" bis hin zum „blutdürstenden Haß gegen alle Andersdenkende" und der „Anempfehlung des Meucheldolches und des Giftes" reichten - fragte der Pseudonyme Autor rhetorisch: „Wovor sollte deijenige noch zurückbeben, welcher in der Jesuitischen Schule den geheimen Vorbehalt des Herzens (Reservazio mentalis), die entschuldigende Kraft der schwächsten Vermuthung bei den einleuchtendsten Uebelthaten (Probabilismus), die Erlaubnis zu allen Mitteln bei einem erlaubten Endzweck, die Befugnis Böses zu thun, auf dass Gutes daraus erwachse, ja sogar die Rechtmäßigkeit von Hochverrath und Königsmord zum Besten des Ordens, gelernt hat?'"46 - Diese Zuschreibungen demonstrieren noch einmal das zentrale Konstruktionsprinzip konspirationistischer Projektionen, das nach dem Schlussprinzip causatum causae simile bestimmte Eigenschaften eines verborgenen Erzeugers auf sein „Werk" übertrug und von sichtbaren Wirkungen auf ähnlich strukturierte Ursachen schloss: Eine misstrauische, von Täuschung und Verstellung ausgehende Beobachter-Instanz erkannte in kriminellen Tatsachen das Resultat einer geheimen Wirkursache und folgerte aufgrund von Ähnlichkeitsrelationen zwischen öffentlichem Geschehen und vermeintlich verbrecherischen Verhaltensnormen einer exklusiven (und seit ihrer Aufhebung 1773 noch stärker als zuvor geheimnisumwitterten) Gruppe, dass zwischen diesen Faktoren ein determinierender Zusammenhang bestehen müsse. Mit anderen 145 So in der 1757 in London veröffentlichten Particular and Authentic Narration of the Life, Examination, Torture, and Execution of Robert Francis Damien, hier zitiert nach Philipp Blom: Das vernünftige Ungeheuer. Diderot, d'Alembert, de Jacourt und die große Enzyklopädie. Frankfurt/M. 2005, S. 268. 146 Misomystes: Eine Monarchieen-stürmende Freimaurerei in Frankreich. In: Berlinische Monatsschrift vom Juni 1793, S. 570-593, hier S. 574.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Worten: Die intendierte Exklusivität einer Assoziation, in deren Rahmen Geltungs- und Wissensansprüche durch spezifische Formen der Adressierung und Verschlüsselung nur innerhalb dieser Gruppe verbreitet und nicht allgemein verhandelt wurden, erzeugte unter den beschriebenen komplexen Bedingungen einer veränderten Handlungs- und Verantwortungszurechnung das Heterostereotyp einer konspirativen Vereinigung.147 Scheinbare Bestätigung erfuhr ein solches Schlussverfahren durch den Rekurs auf dokumentierte Überlegungen, den Schutz von „rechtmäßigen Geheimnissen" moralphilosophisch zu legitimieren, wie es in der jesuitischen Ausdeutung der reservatio mentalis geschehen sein sollte. Das erwähnte Schlussprinzip, nach dem Muster causatum causae simile einen determinierenden Zusammenhang zwischen sichtbaren Ereignissen und ihren unsichtbaren Ursachen herzustellen, ermöglicht die Überleitung zu einem weiteren zentralen Attribut des neuzeitlichen Konspirationismus. Die Versuche, providentielle Lenkung zu relativieren und kontingente Faktoren aus der Erklärung sozialer Abläufe auszuschließen, führten zum Aufbau deterministischer Modelle, welche die Intentionen heimlich verbundener und koordiniert handelnder Akteure als ausschließliche und direkt wirksame Einflussfaktoren politischer, kultureller, wissenschaftlicher etc. Entwicklungen exponierten und in ein Tableau sich wechselseitig stützender Belege und Beweise integrierten. Ermöglicht und vorangetrieben wurde ein solcher aktorialer Determinismus

147 Welche juristische Relevanz der hier nur angedeutete Zusammenhang von Kausalitätskonstruktionen und justitiabler Zurechnung aufweist, wird etwa im Fall der sog. Cupola, der geheimen hierarchischen Spitze der italienischen Mafia deutlich. Die Frage, ob es eine solche geheime Leitung des organisierten Verbrechens gebe, entzweite die italienische Justiz: Während Gerichte in erster Instanz zahlreiche Mafiosi allein wegen ihrer vermeintlichen Mitgliedschaft in der über „tutti i grande delitti" entscheidenden Cupola zu hohen Gefängnisstrafen verurteilten, haben Gerichte der höheren Instanz deren Existenz verneint und die „Paten" wieder auf freien Fuß gesetzt; vgl. Gunther Teubner: Die unsichtbare „Cupola": Kausalitätskrise und kollektive Zurechnung. In: Weyma Lübbe (Hrsg.): Kausalität und Zurechnung. Über Verantwortung in komplexen kulturellen Prozessen. Berlin, New York 1994, S. 91-143. Die dahinter stehende Frage betrifft unmittelbar auch die Frage nach den Bedingungen von Verschwörungsszenarien: Ist die Cupola ein Phantom bzw. ein imaginatives Erzeugnis von Richtern und Staatsanwälten oder ist sie eine soziale Realität, deren Existenz Juristen zur Kenntnis zu nehmen haben, um das organisierte Verbrechen bekämpfen zu können? Folgt man Teubner, so ist die Cupola weder Fiktion noch soziale Realität, sondern eine Konstruktion, die es erlauben soll, Individuen schon dann strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, wenn nur ihre Mitgliedschaft in dieser Quasi-Organisation juristisch bewiesen werden kann. Wer Mitglied der Cupola ist, wird zum Mittäter des mafiosen Delikts, ohne dass eine konkrete Tatbeteiligung nachgewiesen werden muß. Auf diese Weise hilft eine Konstruktionsleistung in der Krise der Kausalzurechnung, indem sie von den Schwierigkeiten des individuellen Kausalnachweises befreit und individuelle durch kollektive Zurechnung ersetzt. Ähnlich wie der Begriff der „associazione per delinquere e associazione di tipo mafioso" - deren Mitgliedschaft nach Artikel 416 des codice penale ebenfalls strafbar ist - überfuhrt der Begriff der Cupola Individual- in Kollektivhaftung.

1.3 La realite du projet de Bourg-Fontaine. Beweise und Folgen

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durch dezessionistische Beobachtungsanordnungen, die Alternativen aus noch zu betrachtenden Gründen ausschlossen und Ursachen eben nicht als sich verzweigende Anfange von Geschehensabläufen auffassten. 148 Vor diesem Hintergrund gewinnen Form und Funktion der Komplexitätsreduktionen in konspirationistischen Szenarien schärfere Kontur. Verschwörungsszenarien reagieren durch wachsende Selektionsleistungen auf gesteigerte Komplexionen äußerer Zusammenhänge, wobei der Zuwachs bedeutsamer Zeichen und nezessierender Attribute eine interne Komplexität und Plausibilität erhöht. Die so erzeugte Plausibilität aber bleibt Produkt von Suggestionsleistungen, deren textuelle Gestaltungsformen im folgenden zu rekonstruieren sein werden. Sie speist sich aus einer zirkulären Struktur, fur die bedeutsame Zeichen und nezessierende Attribute eine Doppelfunktion übernehmen: Als „Anzeichen" erlauben sie die Ermittlung von Kausalverbindungen zwischen offenkundigen Wirkungen und verborgenen Intentionen, die sie - insbesondere auch bei defizienten materialen Zeugnissen - zugleich auch bestätigen. 149 Die vorerst knapp benannten Parameter konspirationistischer Zuschreibungen prägten ein Werk, das erstmals 1756 erschien, zahlreiche Übersetzungen und Gegenschriften auf den Plan rief und als Auftakt des modernen Verschwörungsdenkens nun zu untersuchen ist.

1.3 La rial itέ du projet de Bourg-Fontaine. Beweise und Folgen Etwas mehr als 100 Jahre nachdem 1654 die Relation juridique des Parlamentsadvokaten Jean de Filleau erschienen war, die über den angeblich 1621 stattgefundenen Geheimkongress jansenistischer Geistlicher in der Kartause von Bourg-Fontaine berichtet hatte, veröffentlichte der Jesuit Henri Michel Sauvage die zweibändige Abhandlung La realite du projet de Bourg-

148 Vgl. Lorenz Krüger: Über die Relativität und die objektive Realität des Kausalbegriffs. In: Weyma Lübbe (Hrsg.): Kausalität und Zurechnung, S. 148-163, hier S. 149. 149 Die wohl präganteste Formulierung des damit verbundenen Problems lieferte eine dezidiert antisemitische Darstellung aus der Feder des für das Reichspropagandaminsterium arbeitenden Kurt Fervers: Berliner Salons. Die Geschichte einer großen Verschwörung. München 1940, S. 8f.: „Wir wissen nicht, von wo das erste Signal zum Beschreiten dieses Weges [zu jüdischer Dominanz] gegeben wurde, der dann tatsächlich in der Folgezeit von Erfolg zu Erfolg führte und mehr als ein Jahrhundert danach beinahe die jüdische Weltherrschaft gebracht hätte. Denn es ist heute kaum mehr möglich, in diese letzten Hintergründe einzudringen, nachdem weit über hundert Jahre hindurch ein in seinem vollen Ausmaß noch gar nicht erfaßter jüdischer Einfluß die Publikationen gelenkt, die Quellen verfälscht und verändert, die Bibliotheken revidiert und die Ueberlieferungen entstellt hat. Nur auf das eine deuten immer wieder alle Anzeichen hin: dass die von Juden und Judenfreunden so oft als lächerliches Märchen hingestellte geheime jüdische Regierung auch damals schon in irgendeiner Form gewirkt haben muß und in keiner Weise lediglich die Erfindung Fantasiebegabter sein kann."

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

Fontaine, demontree par I 'execution, die sich trotz raschen Verbots kontinental verbreitete. Das explizit formulierte Ziel des mathematisch ausgebildeten Autors bestand weniger in einer Bestätigung der durch Jean de Filleau in Umlauf gebrachten und von jansenistischer Seite scharf zurückgewiesenen Aussagen über personale Akteure, als vielmehr in einer Rekonstruktion des „Bourgfontainischen Lehrgebäudes", um das unterstellte Projekt einer „Verschwörung gegen die christliche Religion" durch den Nachweis seiner „Ausfuhrung" zu beweisen: „Es ist aber die Frage nicht, wer in Bourgfontaine zugegen gewesen, sondern ob jene, die zugegen gewesen, eine Verschwörung gegen die christliche Religion gemacht, der man sie beschuldiget. Ich gestehe derohalben den Jansenisten (oder heutigen Deisten) aufrichtig, dass mein Hauptgegenstand das Bourgfontainische Lehrgebäude sey. Dieses Lehrgebäude werde ich in seiner ganzen Blöße darstellen, seine Wirklichkeit werde ich beweisen. Ich mache auch Verzicht, wenn sie [die leugnenden Jansenisten] es begehren, auf alle bisher gemachten Beweise. Ich bin auch zufrieden, wenn sie die aktenmäßige Erzählung [Filleaus Relation juridique] für ein pur erdichtetes, und zur Verläumdung aufgebrachtes Märchen halten, wie sie schon seit hundert und mehr Jahren gethan haben. Mein ganzer Beweis soll sich auf einem Grundsatze fußen, auf einem Grundsatze - der sehr auffallend ist - den jedermann begreift einem Grundsatze, gegen den nichts kann eingewendet werden: nämlich: die Ausfiihrung dieses Lehrgebäudes. [...] Wollen Sie mich also widerlegen, und zwar gründlich, wie es ein so schweres ihnen aufgebürdetes Verbrechen erfodert, so müssen Sie, wie ich, die de Filleausche Erzählung auf die Seite setzen, und nur allein beweisen, dass sie zur Ausführung des gemeldeten Zweckes keinen Schritt gethan. Haben Sie dieses bewiesen, so geht alles übrige leicht, und ich selbst werde alle übrigen Einwürfe für unerheblich erklären: sollten Sie aber entweder nicht beweisen können, oder wollen, alsdenn werden rechtschaffene Männer mit größter Billigkeit folgenden Schluß machen können: Das Lehrgebäude, welches man zu Bourgfontaine im Jahre 1621 geschmiedet zu seyn vorgibt, ist nach allen ihren Abtheilungen ins Werk gesetzt worden; also kann man mit Grunde an der Wirklichkeit der Bourgfontainschen Versammlung nicht zweifeln."150 Diese Selbstverpflichtung war weitreichend. Unter explizitem Verzicht auf die Aussagen der vielfach dementierten Relation juridique aus dem Jahre 1654, die ein raumzeitlich markiertes Treffen personaler Akteure als Ausgangspunkt einer weitreichenden Verschwörungsthese exponiert hatte, sollte nun das „Lehrgebäude" des Jansenismus dargestellt und als Resultat des Wirkens eines konspirativ verabredeten und koordiniert handelnden Zirkels erwiesen werden. Nach der Maxime post hoc ergo propter hoc wollte Sauvage die zwischen

150 [Henri Michel Sauvage]: Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden. Augsburg 1793. Bd. 1, S. 58f., Hervorhebung im Original.

1.3 La realite du projet de Bourg-Fontaine. Beweise und Folgen

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1621 und 1756 erschienenen Schriften von Cornelius Jansen, Saint Cyran, Peter Camus, Gabriel Gerberon, Pierre N i c o l e , Blaise Pascals und Pasquier Quesnels als Ergebnisse eines folgerichtig und konsequent umgesetzten Planes identifizieren und so den „ B e w e i s " für die „Wirklichkeit der Bourgfontainschen Versammlung" erbringen. Damit hatte sich Henri Michel Sauvage viel vorgenommen: Denn zum einen war der interne Zusammenhang eines jansenistischen „Lehrgebäudes" zu rekonstruieren, zum anderen mussten B e l e g e für die weitreichende These erbracht werden, dass alle Veröffentlichungen genau so erschienen und in Wirkung getreten waren, dass nichts anderes als eine bindende Verabredung mit genauer Abstimmung aller Akteure vorausgegangen sein konnte. D i e Gründe für die spezifisch modifizierte Reaktivierung eines frühneuzeitlichen Konspirationsszenarios im „Zeitalter des Lichts" sind vielschichtig und komplex. Zum einen hatten sich die innerkonfessionellen Auseinandersetzungen um den Jansenismus nach den päpstlichen Bullen In eminenti (1641), Cum occasione (1653), Ad sacrum ( 1 6 5 6 ) und Vineam Domini ( 1 7 0 5 ) verschärft. D i e päpstliche Verdammung von fünf Propositionen aus Cornelius Jansens Augustinus als ketzerisch - und zwar ausdrücklich „in sensu auctoris" - rief vielfach Widerspruch hervor, obzwar nur w e n i g e Theologen den orthodoxen Charakter der durch R o m verurteilten Sätze behaupteten. 151 Hinzu ka151 Fast alle Verteidiger des Jansenismus erklärten, mit der Verdammung der fünf Sätze einverstanden zu sein - doch sei es nicht zutreffend oder zumindest nicht entscheidbar, dass bzw. ob Jansen die Sätze in dem verbotenen Sinne wirklich gelehrt hätte. Es handelte sich also weniger um einen Streit über die Rechtmäßigkeit der Verdammung von fünf Sätzen, als vielmehr um eine Diskussion der Frage, ob die Kirche bzw. der Papst mit Unfehlbarkeit auch darüber entscheiden könne, ob bestimmte Aussagen eines Schriftstellers in einem Buche mit einem bestimmten Sinn vorgetragen und beabsichtigt seien. Vgl. dazu [Anonym:] Kern der merckwürdigen Geschichte von dem Ursprung und dem Fortgang des zwischen Jansenio und seinen Freunden an einem, dann denen der Jesuiten und ihren Anhängern am andern Theil, sonderlich in Franckreich im vorigen Jahrhundert entstandenen Religions- und itzo noch währenden Constitutionsstreits. Worinnen die curieusesten Umstände desselben, das Leben des Jansenii und weltberühmten P. Quesnels [...] sorgfaltig zusammengetragen und aus sonderlichen Frantzösischen Nachrichten in Teutsche übersetzet worden. Franckfurth, Hamburg, Nürnberg und Leipzig 1721, S. 7: „Den das wolte allen redlichen und unpartheyischen Gemüthern, vielen Bischöffen und gelehrten Männern, nicht ein, dass der Pabst sich die Macht nahm, auch so gar von dem Sinn Jansenii, den er inwendig bey sich gehabt, zu urtheilen; als welches GOtt allein zukäme. [...] Auf solche Weise machte man den Pabst gar zu einem Hertzenskündiger und dem Sohn Gottes gleich. Demnach widersprach man der vorgeschriebenen Formul [...] Und also behielten die Jansenisten doch allezeit noch viel Freunde in der Sorbonne." Auf die Debatte reagierte Antoine Amauld mit der 1687 veröffentlichten Schrift Le fantome du Jansenisme, in dem er erklärte: Verstehe man unter der Ketzerei des Jansenismus das Beharren auf der Lehre der fünf verdammten Sätze, so sei das Ketzerei; doch kein nennenswerter Theologe halte an dieser Lehre fest. Nenne man aber diejenigen Jansenisten, die sich weigerten, zu beschwören, dass jene Irrtümer in dem Buch des Cornelius Jansen enthalten seien, so gebe es allerdings viele Jansenisten - allerdings könne man diese Weigerung noch keine Ketzerei

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men die vor allem von jesuitischer Seite vorgenommenen Schuldzuweisungen an Theologen, die sich gegen den Jansenismus positionierten, doch aufgrund ihrer Abweichung von molinistischen Prinzipien als jansenistisch bzw. ketzerisch verurteilt wurden: Seit dem Erscheinen von Antoine Arnaulds Buch De la friquente Communion und Pascals Lettres Provinciales agierten in den Augen der Jesuiten alle Vertreter „rigoristischer" Grundsätze als Jansenisten; seit 1682 pflegten sie auch die Gegner der päpstlichen Unfehlbarkeit und die Verteidiger gallikanischer Grundsätze als Jansenisten zu bezeichnen und als „Ketzer" zu verfolgen.152 Nach der Publikation der Bulle Unigenitus im Jahr 1703 - die 101 Sätze aus Quesnels Werk Le nouveau Testament Frangais avec des reflexions morales verurteilte - und der Zerstörung von Port Royal 1710 vermehrte sich die Zahl der Jansenisten in diesem Wortsinne weiter: Alle, die sich dem vom Kardinal Noailles und mehreren französischen Bischöfen erhobenen Protest gegen diese Bulle anschlossen und ein allgemeines Konzil forderten, wurden als „Appellanten" (im Gegensatz zu den „Acceptanten") bezeichnet und den Jansenisten zugerechnet. Schließlich dehnte man den Begriff „Jansenist" auch auf jene katholischen Aufklärer aus, die sich prinzipiell gegen kurialistische und jesuitische Tendenzen in der Kirche wandten. - Zu den hier nicht weiter nachzuzeichnenden konfessionsinternen Konflikten zwischen dem Gnaden- und Sakramentsrigorismus der Jansenisten, dem Laxismus der Jesuiten und dem realpolitisch orientierten französischen Staatskirchentum kamen Veränderungen in der Erzeugung und Verbreitung von Wissensansprüchen, die sich als Resultat wie als fortwirkender Antrieb einer emphatisch betriebenen „Aufklärung" bezeichnen lassen und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Kulminationspunkt erreichten. Seit 1751 erschien in Paris die Encyclopidie ou dictionnaire raisonne des sciences, des arts et des metiers, in deren berühmter Vorrede Discours preliminaire Jean Le Rond d'Alembert einen natürlichen Glauben von der Offenbarungstheologie abgetrennt und die Freiheit der Kritik gegenüber Religion und philosophischen Systemen behaupnennen. Der ersten Falle präsentiere eine Ketzerei ohne Ketzer, der zweite Fall zeige Ketzer ohne Ketzerei. 152 Dazu gehörte auch Enrico Noris, dessen Buch über die Gnadenlehre des Augustinus in Frankreich auf Betreiben des königlichen Beichtvaters Tellier (SJ) verboten wurde. Auf seine Beschwerden antwortete ihm Kardinal Bona: „Ihre Sache ist gerecht; aber so geht es jetzt: wer kein Molinist ist, ist ein Ketzer"; zit. n. Franz Heinrich Reusch: Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens, S. 148; vgl. auch Michael Klaus Wernicke: Kardinal Enrico Noris und seine Verteidigung Augustins. Würzburg 1973. Jansenisten hießen schließlich auch diejenigen katholischen Theologen, die die übertriebene Marienverehrung kritisierten, das Lesen des Neuen Testaments in der Volkssprache und den Gebrauch der Volkssprache bei der Sakramentenspendung empfahlen. Damit aber wuchsen nicht nur Anzahl und Verbreitung der Jansenisten (deren Präsenz in Belgien und Frankreich etwa Fenelon in seiner geheimen Denkschrift für den Papst von 1705 beklagte), sondern auch die Schwierigkeiten zur Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Fraktionen und Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche.

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tet hatte.1" Das Projekt der Enzyklopädisten basierte auf einem Prinzip, dem auch Henri Michel Sauvages „Beweisschrift" mit der Formel vom jedermann einsichtigen und unabweisbaren „Grundsatze" zu folgen schien: Wissensansprüche hatten sich einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen und sich vor einer regelhaft verfahrenden Vernunft ausweisen. Wenn das in Jean de Filleaus Relation juridique generierte Szenario von einem jansenistischen Geheimkongress nicht zu beweisen und also „auf die Seite [zu] setzen" war, dann musste - so der mathematisch spezialisierte Jesuit Sauvage weiter - das „Lehrgebäude" des Jansenismus „in seiner ganzen Blöße" rekonstruiert und seine „Ausfuhrung" als Bestätigung fur eine vorausgesetzte Verschwörung ausgewertet werden. Mit einem solchen Vorgehen schien die „Demonstration" des Henri Michel Sauvages zugleich einem Verfahren zu folgen, das Gottfried Wilhelm Leibniz als „hypothetische Methode" bezeichnet hatte und deren zentraler Gedanke darin bestand, zunächst ohne jeden Beweis „irgendwelche Ursachen" anzunehmen und zu zeigen, „dass das jetzt Geschehende geschehen muß, wenn man diese Ursachen voraussetzt".'54 Vor diesem Hintergrund ist zu untersuchen, wie und mit welchen Ergebnissen die von Henri Michel Sauvage angekündigte Rekonstruktion des jansenistischen „Lehrgebäudes" verfuhr.

1.3.1 Hypothetische Methode, monokausale Reduktionen Die Zielstellung seiner „Beweisschrift" La realite du projet de BourgFontaine, demontree par I 'execution hatte ihr Autor Henri Michel Sauvage deutlich benannt: In der Rekonstruktion des jansenistischen „Lehrgebäudes" sollte die Annahme bestätigt werden, dass alle Veröffentlichungen genau so erschienen und in Wirkung getreten waren, dass nichts anderes als eine bindende Verabredung mit genauer Abstimmung aller Akteure vorausgegangen sein konnte. Diese Unterstellung einer Ursache und die sich anschließende Demonstration der sich daraus notwendig ergebenden Wirkungen folgte einer Methode, die Gottfried Wilhelm Leibniz in Entwürfen zu einem Buch über Naturwissenschaften um 1680 unter charakteristischer Aufnahme des Bildes von der Dechiffrierung einer Geheimschrift formuliert hatte: „Die hypothetische Methode a priori geht von Hypothesen aus, indem sie zunächst ohne jeden Beweis irgendwelche Ursachen annimmt und indem sie

153 Zum 18. Jahrhundert als „Saeculum der Aufklärung" und seiner zeitlichen Gliederung vgl. etwa Werner Krauss: Vorbemerkung zur Periodisierung der Aufklärung. In: ders., H. Mayer (Hrsg.): Grundpositionen der französischen Aufklärung. Berlin 1955, S. XI. 154 Gottfried Wilhelm Leibniz: Aus den Entwürfen eines Buches über Naturwissenschaften [um 1680]. In: Ders.: Schöpferische Vernunft. Schriften aus den Jahren 1668-1686. Zusammengestellt, übersetzt und erläutert durch Wolf von Engelhardt. Marburg 1951, S. 299-329, hier S. 314.

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zeigt, dass das jetzt Geschehende geschehen muß, wenn man diese Ursachen voraussetzt. Eine solche Hypothese ist dem Schlüssel einer Geheimschrift gleich, und sie ist um so wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je mehr durch sie erklärt werden kann."155 Im gleichen Atemzug schränkte Leibniz die Geltungskraft dieser Methode wiederum unter Bezug auf divergierende Möglichkeiten zur Dechiffrierung einer Nachricht - ein: „Wie es aber möglich ist, einen Brief absichtlich so zu schreiben, dass er durch mehrere verschiedene Schlüssel erklärt werden kann, von denen ein einziger nur der wahre Schlüssel ist, so kann auch dieselbe Wirkung mehrere Ursachen haben. Deshalb kann aus dem Erfolg einer Hypothese kein sicherer Beweis abgeleitet werden. Doch will ich nicht leugnen, dass die Anzahl der Erscheinungen, die durch irgendeine Hypothese in glücklicher Weise erklärt werden, so groß sein kann, dass sie für moralisch gewiß angesehen werden kann. Hypothesen dieser Art genügen völlig für den praktischen Gebrauch."156 Betrachtet man den in sechs Teilen zu je fünf Paragraphen gegliederten Text von Sauvages „Beweisschrift" näher, fällt rasch auf, dass weniger eine Hypothese entfaltet und überprüft als vielmehr eine vorgängig formulierte These bestätigt werden sollte. Denn die von projesuitischer Seite als Jansenistische Teufelsgeißel"157 gelobte „Beweisschrift" ging zwar überaus planvoll und systematisch vor, markierte jedoch bereits in seiner Gliederung den Anspruch, alle Aspekte des jansenistischen „Lehrgebäudes" als eindeutige Resultate eines in der Kartause von Bourg-Fontaine paraphierten Geheimplanes zu erweisen. Schon der erste Paragraph lieferte eine an Jean de Filleaus Relation

155 Gottfried Wilhelm Leibniz: Aus den Entwürfen eines Buches über Naturwissenschaften, S. 314. 156 Ebenda. Den Bildkomplex des Dechiffrierens verglich Leibniz in seinen zwischen 1703 und 1705 entstandenen Nouveaux Essais sur Γ entendement humain mit der Kunst, Ursachen von Phänomene zu entdecken und knüpfte damit an eine bis Descartes zurückreichende Tradition an; vgl. dazu Lutz Danneberg: Die Anatomie des Text-Körpers und Natur-Körpers, S. 56-66. Zur Bedeutung von Geheimsprachen im Kontext vgl. Gerhard F. Strasser: Lingua universalis. Kryptologie und Theorie der Universalsprachen im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 1988; Simon Singh: Geheimen Botschaften. Die Kunst der Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeiten des Internet [The Code Book, 1999]. München, Wien 2000; Gertrud Maria Rösch (Hrsg.): Codes, Geheimtext und Verschlüsselung. Kryptographie als Kulturpraxis. Tübingen 2003. 157 [Anonym:] Der entlarvte Jansenist, Das ist: Briefe eines Freunds aus Frankreich an einen Freund in Deutschland von den Gräueln, Betrügen, und bösen Absichten der Jansenisten, die christliche Religion zu stürzen, und den Deismus oder Atheismus einzuführen, dem Deutschen zur höchstnöthigen Warnung übersetzt. Salem [Köln] 1768, S. 84; zweite Auflage o. O. 1780, S. 101. Dass es sich bei der erwähnten Jansenistischen Teufelsgeißel" um die Übersetzung von Sauvages Buch handelt, macht der wiedergegebene Titel deutlich: „Ich will es leicht errathen...: es ist gewiß die Wahrheit des zu Bourge Fontaine gehaltenen Conciliums. Ja antwortete der Kapellan: es ist das nämliche." (Hervorhebung im Original.)

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juridique angelehnte „Erzählung der Unterredungen in der bourgfontainischen Zusammenkunft, wie sie selbe bereits vor hundert Jahren ist gedruckt worden".158 Ihm folgten „Beweise, wodurch die Wirklichkeit dieser Winkelversammlung, und die Zeit, wann sie gehalten worden, dargethan wird"159 und eine „Auflösung der Einwände, welche die Jansenisten dagegen gemacht haben".160 Der folgende Paragraph informierte über den „Inhalt der bourgfontainischen Versammlung";161 abschließend gab § 5 eine „Eintheilung des Werkes" mit einer Übersicht über die „Beweisführung", die sich noch einmal explizit auf historische Dokumente und Quellen berief: „Die Jansenisten selbst werden mir so viele Hilfsmittel an die Hand geben, dass ich ihn [den „dem Leser versprochenen Beweis"] vollenden kann".162 Der zweite Teil „Die Bemühungen des St. Cyran selbst zur Ausführung seines Endzweckes" gab zuerst eine „Lebensbeschreibung"163 des berühmten Abtes und schilderte danach seine Angriffe gegen das Dogma von der Menschwerdung Jesu sowie seine Versuche, „den Gebrauch des allerheiligsten Altarssakraments und der Buße zu erschweren, oder vielmehr gar auszurotten".164 Schließlich wurde ein Abriss über die von St. Cyran angeblich unternommenen Bemühungen zur Beseitigung der christlichen Religion geboten: „St. Cyran fuhrt Lehren ein, welche nach und nach alle geoffenbarte Religion umstürzen";165 „St. Cyran sucht das

158 [Henri Michel Sauvage:] Veritas Consilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrate, seu verum systema Jansenismi et evolutio mysterii iniquitatis, opus gallico primum sermone conscriptum, nunc publicae utilitatis caussa latine redditum. Augustae Vindelicorum & Friburgi Brisg. [Augsburg und Freiburg] 1764. Tomus I, § I: Narratio gestorum in conventu, quem Jansenistae contra Religionem Jesu Christi Burgofonte celebrarunt, S. 5-20; Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine [...] Bd. 1,S. 3-24, ZitatS. 3. 159 Veritas [...], § II: Argumenta, quibus Veritas conventiculi Burgofontani ostenditur, S. 21-27; Beweis [..] Bd. 1, S. 24-42, Zitat S. 24. 160 Veritas [...], § III: Responsum ad ea, quae Jansenistae contra veritatem hujus conventiculi objiciunt, S. 27-43; Beweis [...] Bd. 1, S. 42-56, Zitat S. 42. 161 Veritas [...], § IV: Synopsis Consilii Burgofonte initi, S. 43-47; Beweis [...] Bd. 1, S. 57-67, Zitat S. 57. 162 Veritas [...], § V: Partitio totius reliqui operis, S. 47-51, hier S. 49; Beweis [...] Bd. 1, S. 67-69, Zitat S. 69. 163 Veritas [...], Pars II: Continens ea, quae Abbas Sancyranus ad inchoandam Burgofontani Systematis telam per se ipsum egit. Art. I: Compendium vitae Sancyrani, S. 51-61; Beweis [...] Bd. 1,S. 70-84. 164 Veritas [...] Pars II, Art. II: Sancyranus adoritur Mysterium Incarnationis, & viam obstruit ad frequentanda Sacramenta Poenitentiae & Eucharistae, S. 61-98; Beweis [...] Bd. 1, S. 84-121. 165 Veritas [...], Pars II, Art. III: S. Prava Sancyrani dogmata de gratia actuali & sanctificante, atque de morte a Jesu Christo pro solis electis obita, S. 99-114; Beweis [...] Bd. 1,S. 121-136.

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Ansehen der Beichtväter und Seelsorger zu schwächen";166 „St. Cyran arbeitet geradezu die Kirche zu stürzen".167 - Der dritte Teil widmete sich einem angeblich zentralen Anliegen der jansenistischen Reformbestrebungen: „Von der Ausrottung der Sakramente der Buße und des Altars nach dem bourgfontainischen Zwecke" überschrieben, wurde hier - ohne jede Reflexion des Widerspruches, den schon der beschuldigte Akteur und Blaise Pascal angemeldet hatten - Antoine Arnauld als weitere Schlüsselfigur der umfassenden deistischen Verschwörung exponiert. Ein erster Abschnitt gab eine „kurze Lebensbeschreibung des Anton Arnaud, welchen man zu diesem gottlosen Unternehmen wählte" und verfuhr im weiteren exegetisch: „Sein Buch von der öftern Kommunion wird zergliedert, und die künstlichen Ränke des Verfassers, die Christgläubigen bis an den Tod vom Empfange des heiligen Abendmahls abzuhalten, werden aufgedeckt".168 Abschnitt 2 behandelte die Versuche zur Wiedereinführung der öffentlichen Buße;169 die folgenden Kapitel entfalteten diese Vorwürfe durch Behandlung weiterer jansenistischer Schriften sowie durch „verschiedene Beyspiele, Gebräuche und Gewohnheiten für die zügellose Frechheit, mit welcher sie [die Jansenisten] gegen das heilige Altarssakrament denken und handeln".170 - Der vierte Teil „Von dem zu Bourgfontaine beschlossenen Entwurf, was man lehren soll, um die geoffenbarte Religion gänzlich zu stürzen und auszurotten" systematisierte die bislang vorgetragenen Vorwürfe. Der erste Artikel listete die „Widersprüche der fünf zu Bourgfontaine beschlossenen Lehrsätze gegen die ächte katholische Lehre" auf;171 der zweite Artikel bewies die These, „die fünf Sätze von Bourgfontaine" zielten „schnurgerade auf die Einfuhrung des Deismus und den Sturz der geoffenbar-

166 Veritas [...], Pars II, Art. IV: Sancyranus famam & authoritatem eripit conscientiarum Directoribus: praecipue Jesuitas, & eorum Patronos insectatur, S. 115-149; Beweis [...] Bd. 1,S. 137-169. 167 Veritas [...], Pars II, Art. V: Sancyranus directe nititur evertere Ecclesiam: Ejus sensa & dicta de Concilio Tridentino, & de Ecclesia hodierna, S. 149-173; Beweis [...] Bd. 1, S. 169-195. 168 Veritas [...], Pars III, § I: Antonii Amaldi ad impium hunc laborem & molitionem delecti indoles. Vitae ipsius compendium. Liber ejus de frequenti communione. Analysis hujus libri. Artificiosae fraudes authoris, ut Christi fideles usque ad mortem a sumenda SS. Eucharistia arceat, S. 177-224; Beweis [...] Bd. 1, S. 195-242. 169 Veritas [...], Pars III, § II: De Poententia publica, quam Amaldus, & ejus Sectatores instaurere se, & in Ecclesiam introducere professi sunt, S. 224-240; Beweis [...] Bd. 1, S. 242-256. 170 Veritas [...], Pars III, § V: Variis exemplis, ex usu & consuetudine Jansenistarum depromptis, impotens eorum contra SS. Eucharistae Sacramentum sentiendi & agendi licentia ostenditur, S. 308-326; Beweis [...], Bd. 1, S. 334-355. 171 Veritas [...], Pars IV: Quae agit de doctrina, quam Conventus Burgofontanus ad evertendam omnem religionem divinitus institutam tradi voluit, Art. I: Quinque Veritates Catholicae collatae cum quinque doctrinae capitibus, de quibus, ut traderentur fidelibus, Burgofonte conventum est, S. 330-334. Beweis [...] Bd. 1, S. 356-361.

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ten Vernunft ab".172 Während der dritte Artikel die angeblichen „fünf bourgfontainischen Lehrsätze" als „die reine Lehre des Jansens und seiner Anhänger" erweisen sollte,173 enthielt der vierte Artikel die Konklusion: „Die Jansenisten haben von 1621 allerhand Gattungen der Bücher bis auf itzige Zeiten herausgegeben, um das Gift der fünf Bourgfontainischen Sätze auszubreiten oder die fünf Sätze des Jansenius bey Leuten von allem Alter, Stande und Geschlechte einzuführen."174 - Die abschließenden Teile V und VI komplettierten die Anschuldigungen: Der fünfte Teil handelte „von dem dritten Hilfsmittel, welches die Jansenisten zur Einführung und Festsetzung der natürlichen deistischen Vernunft gebraucht haben: nämlich von den Ränken und Erdichtungen, durch sie den Beichtvätern und Gewissensräthen ihr Ansehen und Zutrauen bey den Beichtkindern zu benehmen gesucht haben" und polemisierte ausführlich gegen Pascals Lettres Provenciales; der sechste Teil widmete sich den „Bemühungen der Jansenisten vom Anfange bis auf den heutigen Tag, um die Gewalt der Kirche zu stürzen" und thematisierte neben den Schriften von Simon Vigor das indizierte Werk Le nouveau Testament Frangais avec des reflexions morales von Pasquier Quesnel. Erwies sich Sauvages „Beweisschrift" schon in ihrer Anlage als Dokument eines aufgeklärten Konspirationismus, schloss der Text selbst explizit an die seit dem 17. Jahrhundert zirkulierende Verschwörungsthese an, indem er Cornelius Jansen und seinen Mitstreitern einen strategischen Plan mit exakt verabredeten Schritten zur Destruktion der Offenbarungsreligion unterstellte: „Der erste war, den Deismus anstatt der von Jesu Christo geoffenbarten Religion einzuführen. Der zweyte: dieses so heimlich als möglich zu thun, damit es nicht scheine, als wolle man die christliche Religion stürzen, denn man fürchtete das Volk aufzubringen, und die Gefahr gestraft und eingesperrt zu werden. Es war mithin, um dieses auszuführen, nothwendig, dass man einige in der christlichen Religion gebräuchliche Wörter beybehielte, und sich anstellte, als wenn man etwas von christlichen Geheimnissen lehren wollte, da man doch wirklich nichts anders, als alle Pflicht, Gott zu dienen, aufzuheben trachte-

172 Veritas [...], Pars IV, Art. II: Quinque Burgofontanae doctrinae capita recta deducunt ad Deismum, & contemptum omnis religionis revelatae inspirant, S. 334-339; Beweis [...] Bd. l . S . 360-365. 173 Veritas [...], Pars IV, Art. III: Quinque Burgofontanae dogmata sunt ipsissima doctrina Jansenii & Jansenistarum. Synopsis vitae Jansenii, & mors. Liber ispius Augustinus dictus: damnatur ab Urbano VIII: quinque autem excerpta ex eo propositiones ab Innocentio X. Vociferationes Jansenistarum contra hujus Pontificis Bullam, & excogitatum effugium, quo illam eludere constituunt. Patrocinium Jansenistarum a Calviniano Ministro susceptum, S. 339-366; Beweis [...] Bd. 1, S. 366-396. 174 Veritas [...], Pars IV, Art. IV: Libri varii generis a Jansenistis ab anno 1621 ad hodiernum usque diem editi, ut venenum quinque Burgofontanorum dogmatum, seu quinque propositionum Jansenii in omnis conditionis homines transfundatur, S. 367-456; Beweis [...] Bd. 1, S. 397-498, Zitat S. 397.

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te."175 - Den Argumentationsgang zum „Beweis" dieser mehrfach wiederholten These demonstrierte der zweite Teil, der in der deutschen Übersetzung mit dem Titel „Die Bemühungen des St. Cyran selbst zur Ausführung seines Endzweckes" überschrieben war und bereits mit seinen ersten Sätze die Zentralbegriffe einer personalistischen Deutung der als „Häresie" klassifizierten Neuerungsbewegung zusammenführte: „Quoique l'heresie, qui, depuis plus d'un siecle, desole l'Eglise de France, tire son nom de Jansenius, Eveque d'Ypres, il n'en est cependant pas le Pere, c'est Γ Abbe de Saint Cyran. Cet Abbe, en qualite d'Auteur & de Chef du projet, qui a donne naissance ä cette heresie, a du se faire le modele de ses associes, les aider ä bien prendre son esprit, leur servier de guide dans le route tenebreuse oü il les avoit engages. Q'a. ete lä, en effet, sa continuelle occupation jusqu'au dernier soupir: II semble n'avoir vecu que pour mettre en ceuvre tous les moyens proposes ä Bourg-Fontaine, pour l'etablissement du Deisme."176 Das Verfahren zur Bestätigung dieses Deutungsmuster war zirkulär. Denn noch vor einer Prüfung der Anschauungen und Argumente wurde der Status des zu verhandelnden Gegenstandes markiert: Der Jansenismus galt als „heresie" („Ketzerey"), welche die Ordnung der französischen Kirche seit über einem Jahrhundert zerstört hätte. Die vorab als „häretisch" stigmatisierte Bewegung erschien als „projet" und Resultat von Planungen, deren „Auteur & C h e f mit einem Maximum an organisatorischen und leitenden Fähigkeiten ausgestattet wurde: Er war nicht nur personaler Urheber der ketzerischen Lehre („donne naissance ä cette heresie"), sondern auch Muster seiner Bundesgenossen („le modele de ses associes"), spiritus rector („prendre son esprit") und Führer auf „dunklen Pfaden" („guide dans le route tenebreuse"). Zugleich standen Ziel und Mittel bereits vor der eigentlichen Rekonstruktion fest: „Der abscheuliche Zweck, welchen St. Cyran zu Bourgfontaine festgesetzt, war also die Einfuhrung der natürlichen deistischen Religion, der Sturz des Evangeliums, und aller Geheimnisse der christlichen Religion, besonders aber der Menschwerdung des göttlichen Sohns. [...] Die Wege und Mittel, wodurch eine so abscheuliche Lehre sollte ausgebreitet werden, und zwar ganz unvermerkt, damit ihr ächter Zweck verborgen bliebe, sollten die vier folgenden 175 [H. M. Sauvage]: Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine. Bd. 1,S. 361. 176 [Henri Michel Sauvage]: La Realite du projet de Bourg-Fontaine, demontree par l'Execution. Nouvelle Edition. Paris 1787, p. 29. In der deutschen Übersetzung hieß es: „Jansen gab zwar den Namen der Ketzerey, welche in Frankreich seit mehr als hundert Jahren so viel Unheil anrichtet, doch war der Abt von St. Cyran ihr wahrer Stifter. Der St. Cyran war auch wirklich der Mann dazu, der Stifter einer solchen Lehre zu seyn, der ihnen zum Muster dienen, sie mit Rath und That unterstützen, und ihnen gleichfalls auf diesem finsteren Pfade zum Leiter dienen konnte. Das war auch wirklich sein Hauptgeschäft, und es gewann das Ansehen, als wenn er nur darum gelebt hätte, damit er sein ganzes Leben, und alle Arbeiten zur Erreichung des Bourgfontainischen Endzweckes richtete." Beweis [...], S. 69f.

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seyn, welche alle schnurgerade zur natürlichen Deistischen Religion fuhren."177 Die nachfolgend aufgelisteten „Wege und Mittel", die zur „ganz unvermerkten" Ausbreitung der „abscheulichen Lehre" dienen sollten, waren keine anderen als die angeblich in der Kartause von Bourgfontaine verabredeten Strategien zur Destruktion der Offenbarungsreligion, die schon Jean de Filleau in seiner Relation juridique aufgelistet hatte: (a) Entwöhnung der katholischen Christen von den wichtigsten Sakramenten der Buße und des Abendmahls; (b) Propagierung der jansenistischen Auffassung, dass die Gnade allein und ohne menschliches Zutun die Seligkeit bewirke sowie der Auffassung, dass Jesus Christus nur für die Auserwählten und nicht fur alle Menschen gestorben sei; (c) nachhaltige Diskreditierung der Beichtväter durch die Unterstellung, sie seien nur auf ihren Eigennutz bedacht; (d) massive Angriffe auf die institutionelle Form der Kirche und namentlich auf den Papst als ihr Oberhaupt. Ein anschließender biographischer Exkurs deutete das Lebenswerk dieser personalen Stifterfigur als Mittel zur Realisierung „des Bourgfontainischen Endzwekkes", dem „l'etablissement du Deisme" und machte die Rückführung komplexer konfessioneller und theologischer Entwicklungen auf die Intentionen personaler Akteure und ihre heimlich verabredeten Machinationen perfekt: Um ihre „abscheulichen Grundsätze" zu realisieren, hätten Cornelius Jansen, Saint Cyran und ihre in Port Royal versammelten Mitstreiter eine Massenproduktion von Texten initiiert und darin ihre weitreichenden Grundsätze in aufeinander abgestimmter sowie raffiniert versteckter Weise propagiert. Der auf das „Denkgebäude" des Jansenismus gerichtete „Beweis" basierte also nicht auf einer rationalen Rekonstruktion theologischer Argumente, sondern auf der Wiederholung und Bestätigung einer vorgängig formulierten Konspirationsthese. Wie schon die Relation juridique des Jean de Filleau rubrizierte auch Henri Michel Sauvages „Beweisschrift" den Kreis um Antoine Arnauld und Cornelius Jansen als Zirkel von Verschwörern, deren weitreichende geheime Planungen fur alle seit der Verabredung von Bourg-Fontaine eingetroffenen Ereignisse verantwortlich seien. „Jansenistae sunt rei conjurationis, quam invehendum Deismum conflasse dicuntur, si quantor ad consilii hujus executionem adjumenta Borgofonte proposita ac constituta, a prima Jansenismi origine ad hoc usque tempus adhibuerent," postulierte die Einfuhrung zur 1764 in Augsburg und Freiburg veröffentlichten Übersetzung Veritas Consilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrate, mit einer variierenden Bekräftigung schloß der zweite Band: „Ex his autem jam statui potest, an per calumniam insimulentur Jansenistae concepti propositi Deismum super ruinas Evangelii exstruendi ad normam systematis, quod ipso177 Ebenda, S. 60f. 178 Catholico in Germanai Lectori Interpres. In: [Henri Michel Sauvage:] Veritas Consilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrata [...]. Tomus I, o.S. Hervorhebung im Original.

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rum majores in Conventiculo Burgofontano fabricati sunt."179 - Die zirkuläre Struktur dieser Demonstration markiert einen zentralen Unterschied zur „hypothetischen Methode" eines Gottfried Wilhelm Leibniz, die Ursachen voraussetzte und das nachfolgende Geschehen als kausale Bestätigung dieser Annahme auswertete. Während Leibniz mehrere Ursachen fur eine Wirkung erwog und aus dem Erfolg einer Hypothese keinen sicheren Beweis ableiten wollte, bestätigte Sauvages „Beweisschrift" wortreich nur die bereits vorgängig feststehenden Zuschreibungen, die Personen und Kommunikationen auf Zurechnungspunkte für Kausalannahmen verkürzten. Die Rhetorik der Gefahrensmaximierung, die das Bild eines gefahrlichen und im verborgenen agierenden Gegners intensiv ausgestaltete, offenbarte zugleich die zugrundeliegende Struktur des dezidiert ad personam ausgerichteten Szenarios durch den Gebrauch einer Binäropposition, die in die vormodernen Bedingungen des neuzeitlichen Konspirationismus zurückreicht. Mit der Stigmatisierung des Jansenismus als „Häresie" und der Klassifikation seiner personalen Repräsentanten als ketzerischer „Sekte" nahm Sauvages Werk die religionsgeschichtlich bedeutsame Entgegensetzung zwischen der Ecclesia visibilis universalis und separatistischen Häretikern auf, die konfessionelle Abweichungen als Form kollektiver Devianz wahrnahm und misstrauisch verfolgte. Die hier praktizierte Bindung des Häresie-Vorwurfs an menschliche Akteure markiert zugleich einen qualitativen Unterschied zu früheren Vorstellungen: Während die im Mittelalter und noch in der Frühen Neuzeit übliche Rede von den sectatores daemonum gruppenspezifische Abweichungen vom rechten Glauben als Ergebnis bzw. Ausdruck eines Bundes mit dem Teufel angesehen und dämonologisch erklärt hatte, fixierte Sauvages „Demonstration" innerweltliche Handlungssubjekte, denen konspirative Verabredungen zur Durchsetzung eigener partikularer Geltungsansprüche vorgeworfen wurde.

179 [Henri Michel Sauvage:] Veritas Consilii Burgofonte [...]. Tomus II, S. 450.

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1.3.2 Ecclesia visibilis universalis und häretische Sekten Nicht ohne Grund war einer der am häufigsten gebrauchten Termini in Henri Michel Sauvages „Beweisschrift" der Begriff „Sekte", der schon in den konfessionellen Auseinandersetzungen mit der katharischen Gegenkirche eine Rolle gespielt und in der 1233 verabschiedeten Bulle Vox in rama von Papst Gregor IX. ein Einfallstor für konspirationistische Projektionen geboten hatte. Der hier fixierte Aufruf zur Verfolgung einer „Sekte" von sittenlosen Krötenund Kateranbetern beförderte die Identifikation von Häresie und Idolatrie und gewann dämonologische Grundlagen, nachdem Scholastiker wie Thomas von Aquin die auf Augustinus zurückgehende Lehrmeinung bekräftigt hatten, dass bestimmte Personen einen ritualisierten Pakt mit dem Teufel bzw. mit Dämonen einzugehen pflegten, um die Menschheit zu schädigen und zu vernichten.180 Die im Begriff der „Sekte" konvergierende Bestimmung netzförmig verwobener Gruppen von „Ketzern", „Hexen" und „Sodomitern"181 war Resultat einer Beobachtungspraktik, die nach Bestätigung vorausgesetzter Überzeugungen fahndete: Elemente einer gruppenspezifischen Sonderkultur, wie sie etwa Katharer und Waldenser mit Namenswechsel, exklusiver Binnenkommunikation und habitueller Absonderung praktizierten, erlaubten den inquisitorischen Schluss auf Zugehörigkeit zu einer extrakirchlichen Häresie; davon ausgehend, pressten kirchliche Verfolger seit Mitte des 13. Jahrhunderts den Suspizierten mit Hilfe der Folter die Namen von vorgeblichen Mittätern ab und weiteten auf diese Weise den Aktionsradius der Verfolgung ringförmig aus. Grundlage dieser Zuschreibungen waren folgenschwere Umdeutungen des Sektenbegriffs in neutestamentlicher Zeit. Enthielt der vom lateinischen sect a (von sequi, nachfolgen) entlehnte und neben dem latinisierten haeresis mit den Bedeutungen „Richtung", „Schule", „Partei" gebrauchte Begriff Sekte in der antiken Kultur vorerst nur die Vorstellung einer durch frei gewählte Devianz

180 Neben den bereits angeführten Stellen siehe auch Augustinus: De divinatione daemonum. Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum Academiae Vindobonensis. Wien 1866. Bd. 41, S. 597-618; Thomas von Aquin: Summa theologiae. Bd. II/2, c. 80, zum Dämonenpakt als Versuch, sich unzugängliches Wissen oder Macht zu verschaffen ebenda c. 92, 95. 181 Die als „Sodomia" bezeichnete Homosexualität hatten Theologen wie Albertus Magnus oder Wilhelm von Auvergne zur Maximalsünde erhoben und mit dem Vorwurf idolatrischer Praktiken belastet, was etwa die bereits erwähnte Verfolgung des Templerritterordens juristisch legitimierte. Während die „Sodomiter" in Urbanen Zentren wie Venedig, Florenz, Brügge und Köln im 15. Jahrhundert Ansätze zu gruppenspezifischen Verhaltensformen entfalten konnten, beruhte die phantasmatische Konstruktion der durch sexuelle Vereinigung an den Satan gebundenen „Hexen" (Maleficae), die in Mittel- und Westeuropa seit etwa 1440 zu Verfolgungen führte, allein auf theologisch inspirierten kollektiven Imaginationen. Gleichwohl unterstellte auch diese Fiktion ein kollektives Handeln: Zeichen der Zugehörigkeit zur „Hexen-Sekte" waren die Teilnahme am Hexensabbat, der dämonische Nachtflug, die Teufelsbuhlschaft etc.

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und soziale Exklusion gekennzeichneten Sondergruppe,'82 erhielten der Terminus Häresie und die ihm verbundenen Begriffe Dissensus und Irrlehre spezifisch negative Bedeutungen in der neutestamentlichen Anwendung auf innerchristliche Gruppierungen, die als eigenmächtige Störung der Einheit der Kirche galten.183 Der sich im Deutschland der Reformationszeit entwickelnde

182 Im klassischen Griechisch bezeichnet hairesis u.a. die Wahl und die Möglichkeit zu wählen sowie das Unternehmen, den auf ein Ziel ausgerichteten Vorsatz. Von dieser Bedeutung kommt es im Hellenismus zum Verständnis des Wortes im Sinne von „Lehre" und „Schule": hairesis als Philosophenschule oder philosophische Richtung. Der Begriffsumfang schloss immer auch die Wahl einer bestimmten Lebensweise sowie die Bereitschaft zur Akzeptanz von Wissensansprüchen (den dogmata) ein; er enthielt also das Moment der freien Entscheidung sowie die Abgrenzung gegen andere „Schulen". Missbilligende oder pejorative Urteile waren nicht damit verbunden. Vgl. die Rekonstruktion der Begriffsentwicklung bei Johannes Schwital: Großkirche und Sekte. Eine Studie zum Selbstverständnis der Sekte. Hamburg 1962, S. 21-24. 183 Den Umgang mit den Vertretern von Irrlehren regelten ausfuhrliche Anweisungen im Neuen Testament; so 1 Tim 1, 3, 20; 2 Tim 2, 25; Tit 1, 9-11; 3, lOf. Im Brief des Paulus an Titus wurde dekretiert, man solle einen „ketzerischen Menschen meiden, wenn er einmal und abermal ermahnt ist" (Tit 3, 10); ein „Ketzer" war also nur zu ermahnen und sollte bei hartnäckigem Festhalten an seiner Auffassung nur gemieden werden. In abweichenden Meinungen erkannte man zugleich auch eine Möglichkeit zur Prüfling des eigenen Glaubens, so wenn der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther schrieb, dass er von „Spaltung" gehört habe: „Denn es müssen Rotten vnter euch sein/ Auff das die/ so rechtschaffen sind/ offenbar vnter euch werden" (1 Kor 11, 18-20 in der Übersetzung Martin Luthers). In der revidierten Fassung von 1912 hieß es unter charakteristischer Veränderung: „Denn es müssen Parteien unter euch sein, auf dass die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden." Auch Augustinus fasste den Streit mit Häretikern positiv auf: „Aber die auf dem rechten Wege Fortschreitenden haben Nutzen davon, nach dem Wort des Apostels [...]. Denn vieles, was zum katholischen Glauben gehört, und was der hitzige und ruhelose Geist der Ketzer anficht, wird in ihrer Abwehr sorgfaltiger erwogen, klarer erkannt und nachdrücklicher verkündet, so dass das Aufrühren einer Streitfrage durch den Gegner Anlaß zum Lernen gibt." Augustinus: Vom Gottesstaat [De civitate Dei, 413-26]. Eingeleitet und kommentiert von Carl Andresen. München (1955) 1985, S. 279. In den Auseinandersetzungen mit Häretikern ließ sich so die Providentia Dei zu erkennen und eine anhaltende Herausforderung mit positiven Konsequenzen für den eigenen Glauben zu sehen; vgl. Herbert Grundmann: Oportet et hareses esse. Das Problem der Ketzerei im Spiegel der mittelalterlichen Bibelexegese. In: Archiv fur Kulturgeschichte 45 (1963), S. 129-164. - Zugleich verpflichteten die Apostelbriefe darauf, „Geister zu scheiden" (1 Kor 12, 10), dämonischen Paganismus zu brechen (2 Kor 11,14 f.), sowie Irrlehren zu entthronen (Rom 10, 9; 1 Kor 12, 3; Phil 2, 11). Am Maßstab dieser apostolischen Wahrheitsnorm wurden Irrlehren mit Beginn des Staatskirchentums zu staatlich zu ahndenden Vergehen, weil der Feind der Kirche auch als Reichsfeind galt. Seit dem 12. Jahrhundert wurde der Terminus „Ketzerei" gebräuchlich; die darauf basierende päpstliche Untersuchungsbehörde (Inquisition) definierte Häresien als Glaubensdelikte, die durch Rechtsnormen zu bestimmen und entsprechend zu verfolgen waren. Ihre justiziable Behandlung währte bis in die Zeit der Reformation: Während Calvin weltliche Strafen für Irrlehren billigte, wollte Luther Häresien - die er als durch Selbstgerechtigkeit bestimmten Fehlglauben ansah - geistlich bekämpft wissen, sofern sie nicht zu öffentlichem Aufruhr führten. Zugleich billigten er und seine reformatorischen Mitdenker die Bestrafung von Feindes der öffentlichen

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Rechtsbegriff der Sekte zur Bezeichnung christlicher Gemeinschaften, die ohne reichsrechtliche Legitimation neben den anerkannten (und sich gegenseitig der Häresie bezichtigenden) Konfessionskirchen standen, formierte sich im allgemeinen Sprachgebrauch zur Bezeichnung v o n Gruppen, die nicht den der Konvention als normal geltenden Formen des Kirchentums entsprachen und daher von minderer sozialer Geltung sein sollten. 184 D i e s e Begriffsbildung folgte historischen Separationen mit übereinstimmenden Mustern: Im Unterschied zur umfassenderen und mitgliederstarken Ecclesia visibilis universalis waren die als Sekten bezeichneten Assoziationen kleinzahlig; ihre Mitglieder agierten mit dem Selbstverständnis als Elite und hielten an speziellen Unterschieden oft scheinbar geringfügiger Natur s o w i e an charismatischer statt bürokratischer Führung fest, assimilierten sich langsamer und sahen die unter Umständen erlittene Verfolgung, rechtliche Diskriminierung oder sozialen Prestigeverlust als Bestätigung ihres W e g e s an. 185 Wurden personal bestimmte „Abweichler" v o m rechten Glaubens in interund intrakonfessionellen Auseinandersetzungen als Angehörige von „Sekten" bzw. „Schulsecten" rubriziert, ließen sich damit mehr oder weniger explizit drei Stigmatisierungen verbinden: (a) D i e zu einer „Sekte" zusammengefassten

Ordnung durch die Obrigkeit, was - gedeckt durch das bis 1648 gültige Reichsketzerrecht - zu Verfolgungen von Täufern, Sakramentariern und Antitrinitariem führte. 184 Nach evangelischem Kirchenrecht gelten Sekten als religiöse Sondergemeinschaften, die zwar grundsätzlich noch innerhalb des christlichen Raumes stehen, aber nicht Kirche im Sinne der Ecclesia visibilis universalis sind. Das katholische Kirchenrecht erkennt keine Sekten an; vgl. W. Metzger, R. Mayer: Kirche, Freikirche, Sekten. In: Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht 7 (1959/60), S. 128-186. 185 Vgl. Emst Troeltsch: Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit. In: P. Hinneberg (Hrsg.): Die Kultur der Gegenwart. I/IV, 1, [1906] 21909, S. 431-755; ders.: Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (1912) 31923, S. 358ff., 794ff. Innerhalb der christlicher Gemeinschaftsbildung lassen sich mit Troeltsch zwei (sich oftmals vermischende oder ineinander übergehende) Grundtypen unterscheiden: ein „reformerisches" und ein „spekulativ-prophetisches" Sektentum. Das „reformerische Sektentum" (wie etwa bei den Waidensem und den Täufern) strebte nach Wiederbelebung der „reinen", im jeweiligen Bild der „Urkirche" erscheinenden Gemeinde gegenüber einer Kirche, der Weltförmigkeit vorgeworfen wurde. Das Selbstverständnis als wiederhergestellte „wahre Kirche" dokumentierte sich in asketischer Weltentsagung oder „innerweltlicher Askese" (Max Weber) sowie in Formen einer offenkundigen Geistbegabung wie Prophetie, Ekstase, Zungenreden etc. Die Naherwartung der Parusie und entsprechende Apokalyptik sowie die Opposition gegenüber einer verflachten „Großkirche" verschärfte die Distanz zu gesellschaftlichen und politischen Instanzen, die bis zum bewussten Rückzug aus dem öffentlichen Leben (Apolitie) oder zum Versuch eines gewaltsamen Umsturzes bzw. zur Verbindung mit sozialen Bewegungen führen konnte. Das „spekulativ-prophetische Sektentum" wie z. B. in der Gnosis und bei den Katharer basierte dagegen auf einer neuen, die christliche Verkündigung als Ausgangspunkt oder Stoff benutzenden „Erkenntnis" der heilsgeschichtlichen oder apokalyptischen Lage ihrer Zeit. Gegenüber einer sich dieser „Erkenntnis" verschließenden Kirche verstanden sie sich als letztgültige Vollendung des geschichtlichen Christentums und traten mit mehr oder weniger betontem Offenbarungsanspruch auf.

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Vertreter devianter Auffassungen galten (im Gegensatz zu auch einzeln auftretenden Häretikern) als Kollektivsubjekte, die sich aufgrund gemeinsamer Überzeugungen von der Ecclesia visibilis universalis separiert hatte, (b) Die individuenübergreifende Separation von der sichtbaren und universalen Kirche war mit der öffentlichen Gemeinde unvereinbar, weil jene ihr Glaubensfundament durch ein „anderes Evangelium" und durch Versagen des Glaubensgehorsams in Frage stellte, (c) Die den Prinzipien der Großkirche per se zuwiderlaufenden Auffassungen würden der Öffentlichkeit verborgen und mit kriminellen Machinationen verfolgt. - Nur hinzuweisen ist in diesem Zusammen auf den Umstand, dass die Reichweite eines so dimensionierten „Sekten"Vorwurfs über konfessionelle Gruppen hinausging: Die 1751 durch Clemens XII. gegen die Freimaurerei erlassene päpstliche Bannbulle In eminenti apostolatus, die 1783 durch die Bulle Providas bestätigt wurde, verurteilte die masonischen Logen als „religiöse Sekten", die mit geheimgehaltenen Mitteln staatsgefahrdende Ziele verfolgten.186 Die stigmatisierenden Zuschreibungen erwiesen sich als austauschbar und wurden in den konfessionellen Kontroversen des 17. und 18. Jahrhunderts von zahlreichen Konfliktparteien genutzt. Sowohl die jesuitischen Opponenten des Jansenismus als auch Vertreter der innerkatholischen Reformbewegung belegten ihre Kontrahenten mit dem Vorwurf der „Sektiererei" und „Ketzerei".187 Indem man dem konfessionellen Gegner jene Fehler und Vergehen zuwies, deren man selbst bezichtigt wurde, verfestigten sich die Vorstellungen zu Klischees und Schlagworten: Jesuiten galten als „Majestätsverbrecher", „Tyrannenmörder" und „Obskuranten", Jansenisten als „Deisten".188 - Exemplarische Gestalt fand diese neue, sich im 18. Jahrhundert ausbildende Qualität eines Verschwörungsdenkens, das die Rubrizierung heimlicher Sektierer mit Bemühungen um authentische „Quellen" zur historischen Beglaubigung von Aussagen amalgamierte, in dem am 24. September 1740 veröffentlichten Hirtenbrief 186 Vgl. Helmut Reinalter: Die Freimaurerei zwischen Josephinismus und frühfranziszeischer Reaktion. Zur gesellschaftlichen Rolle und indirekt politischer Macht der Geheimbünde im 18. Jahrhundert. In: Ders. (Hrsg.): Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert in Mitteleuropa. Frankflirt/M. 1983, S. 35-84, hier S. 39. 187 Schon in seinem 1640 veröffentlichten Hauptwerk Augustinus hatte Jansen eine Parallele zwischen der Gnadenlehre der Semipelegianer und der Lehre der Jesuiten gezogen und gefolgert, dass die Societas Jesu eine fur die Kirche sehr gefahrliche Gesellschaft sei, weil sie die schon vor zwölfhundert Jahren verdammte Sprache der Ketzer wieder in die Theologie einführte. Die wenig zimperlichen Invektiven der Gegenseite und ihre Denunziationen des Jansenismus als „Sekte" werden im folgenden behandelt. 188 Zur Entstehung des „Schlagworts" im Kontext dieser Auseinandersetzungen vgl. Wilhelm Bauer: Das Schlagwort als sozialpsychische und geistesgeschichtliche Erscheinung. In: Historische Zeitschrift 122 (1920), S. 189-240; Wolfgang Stammler: Politische Schlagworte in der Zeit der Aufklärung. In: Ders. (Hrsg.): Lebenskräfte in der abendländischen Geistesgeschichte. Dank- und Erinnerungsgabe an Walter Goetz zum 80. Geburtstage am 11. November 1947. Marburg/Lahn 1948, S. 199-259.

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des Bischofs von Montpellier Lettre pastorale au sujet d'un ecrit trouve dans son diocese, der 1766 in Augsburg und Freiburg u.d.T. Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus erschien und eine heftige Polemik hervorrief.189 Eine dezessionistische Trennung von „wahren" und „falschen" Gläubigen fundierte weitreichende konspirationistische Zuschreibungen: Als „falsche Katholiken" zettelten die Jansenisten „eine Art bürgerlichen Krieges an, die unvergleichlich grausamer ist, als jene, die dieselbe von ihren erklärten Feinden auszustehen hat".190 Denn obwohl die ,jansenistische Sekte" von nichts anderem als von Vorschlägen zur Verbesserung und der Liebe Gottes reden würde, „hält sie sich hinter dem Berge; sucht ihre Lehrsätze zu verkleistern; verstellet oder verläugnet selbe nach Gelegenheit, und zeiget sie niemanden offenbar, dann ihren geheimen Vertrauten, und nur alsdann, wann sie von ihren blinden Vorurtheilen genügsame Versicherung hat".191 Dieses Sammelbecken der „verderblichsten Ketzereyen" sei vor allem deshalb besonders gefahrlich, weil seine Anhänger „ungeachtet ihrer Widerspänstigkeit gegen die Entscheidungen der Kirche noch so verwegen sind, dass sie in ihrem Schoose zu verbleiben suchen, damit sie ihre Kinder desto sicherer in den Untergang hinein liefern".192 Die weiteren Beschreibungen des jansenistischen „Gegners" und der von ihm ausgehenden Gefahren sollten auf einem angeblich authentischen Quellendokument beruhen - nämlich auf einer durch die „Vorsehung" übermittelten „geheimen Schrift", als deren Urheber „die ersten Häupter der zu Port Royal zusammen verstandenen Parthey" bezeichnet wurden und „worinn die verruchte Lehre des Jansenismus, und die Kunstgriffe, womit ihre Anhänger selbe zu befestigen suchen, auf einmal auf-

189 Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus, aufgedeckt in dem Hirtenbriefe des Herrn Bischofes zu Montpellier [Georges Lazarus Berger von Charaney], aus Gelegenheit einer in seinem Kirchengebiethe nach dem Tod eines jansenistischen Pfarrers gefundenen Schrift. Nach der französischen Ausgabe von Montpellier in das Wälsche, und dann in das Deutsche übersetzt. Augsburg und Freiburg i. Br. 1766, S. 5. - Von den Gegenschriften ist vor allem zu erwähnen die Polemik von Nikolaus Le Gros: Defense de la verite et de l'innocence outragees sans la Lettre pastorale de M. de Charaney, Eveque de Montpellier. Utrecht 1745, denn hier wurde zugleich eine weitere Version der Geschichte von der Jansenistenverschwörung auf Bourg-Fontaine widerlegt, die 1731 in der Histoire du Bajanisme ou l'heresie de Michel Bajus des Jesuiten Jean Baptiste du Chesne generiert wordern war. Chesne behandelte das Szenario von der Versammlung auf der Kartause von Bourg-Fontaine unter Berufung auf die Relation juridique von Filleau als historische Tatsache, verlegte den Zeitpunkt der Zusammenkunft aber in das Jahr 1627: In diesem Jahr habe der aus Spanien zurückkehrende Cornelius Jansen mit den von Jean de Filleau genannten Häuptern der antijesuitischen Bewegung die weitreichenden Verabredungen getroffen. 190 Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten und erzboshafte Lehren des Jansenismus, S. 6. 191 Ebenda, S. 8. 192 Ebenda, S. 5.

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gedecket werden."193 Diese im Anhang des Hirtenbriefs abgedruckte „geheime Schrift" - eine Quellenfiktion unter dem Titel Lettre circulaire des pretres de Port-Royal ä messieurs les disciples de S. Augustin, auf die noch genauer eingegangen wird - dokumentiere eine konspirative Formation von „Glaubenserneuerern" und „Schwärmern" zur Durchsetzung theologischer Geltungsansprüche: „Wen mann nicht freywillig die Augen vor dem Lichte verschließt, muß man in diesem Briefe einer heimlichen Zusammenverschwörung gewahr werden, die in dem Schooße der französischen Kirche ausgebrütet, das Absehen hat den Irrthum des Jansenismus fortzupflanzen. Denn was fur einen andern Namen, als einer Zusammenverschwörung, kann man jener genauen Einigkeit geben, zu der sich die neuen Lehrjünger des Heil. Augustin einverstehen müssen."194 Als Indizien für die „heimliche Zusammenverschwörung" führte der Hirtenbrief eine Vielzahl von kriminellen Aktivitäten an: Eine Geldsammlung von „einer Million, und vier hundert tausend Pfund" sollte die „Notdürftigen der Parthey" finanziell unterstützen und die Anwerbung „neuer Glaubensbekenner" ermöglichen; entlaufene Mönche sollten rekrutiert und ein angeblich durch Cornelius Jansen entwickelter Plan zur Vereinigung der katholischen Flammländer mit reformierten Holländern zu einer freien Eidgenossenschaft nach Vorbild der Schweiz vollzogen werden. Zugleich würden die Jansenisten nach vertraglichen Verbindungen „mit allen Mächten von Europa" streben, um die „unter den Regenten über ihre Rechte obwaltenden Streitigkeiten beyzulegen" und so „ihre Lehre auf der ganzen Erde auszubreiten"195. Den stärksten „Beweis" für den konspirativen Charakter 193 Ebenda, S. 9. Diese „geheime Schrift" sei das Manuskript Constitutions ou secret du Jansenisme, Lettre circulaire des pretres de Port-Royal ä messieurs les disciples de S. Augustin, das sich im Nachlaß des Pfarrers Bonnery zu Lanfargues aufgefunden habe, der am 27. August 1736 als Appellant gestorben war. Die hier gelieferte Beschreibung der Wege des angeblichen Quellendokuments demonstriert die Bemühungen zum Nachweis historischer Authentizität: Von Pasquier Quesnel mit einem seiner Briefe im Jahre 1699 an eine Klosterfrau übergeben, sei die Schrift 1719 dem Erzbischof von Roan zugetragen worden und von diesem in die Hände des Herzogs von Orleans gelangt; dieser habe sie einem Bischof zur Untersuchung übergeben. Als „rechtliches Zeugniß" seien diese Kreisbriefe durch den Königlichen Notar zu Montpellier beglaubigt und an sich genommen worden, damit „sich jedermann wird erkundigen, und mit eignen Augen die Ueberzeugung von der Wahrheit einnehmen können, wenn er diese Schrift mit zweyen andern beglaubwürdigten Werken, die dort mit eingetragen sind, gegeneinander halten wird." Ebenda, S. 13f. - Die Papiere des Pasquier Quesnel, der 1685 nach Brüssel übersiedelt war und dort 1703 verhaftet wurde, dienten nach ihrer Überstellung nach Paris als Waffe im Kampf gegen den Jansenismus; vgl. dazu L. Ceyssens: Les Papiers de Quesnel saisis ä Bruxelles et transportes ä Paris en 1703 et 1704. In: Revue d'Histoire Ecclesiastique 44 (1949), S. 508-551. 194 Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus, S. 27f. 195 Ebenda, S. 37. Hier heißt es auch: „Die versammelten Häupter der Verschworenen haben sich entschlossen, an alle Gevollmächtigten zu setzen, und man ist bedacht, Vorstellungen an sie abzufertigen um selbe in den Handel der Appellanten mit einzuflech-

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stärksten „Beweis" für den konspirativen Charakter des Jansenismus stellten die angeblich durch Cornelius Jansen selbst ausgesprochen Forderungen nach Geheimhaltung seiner Grundsätze dar: „Secretum meum mihi (pflegte er zu sagen) Secretum meum mihi: occulte propter metum Judaeorum [...] Die Lehren des Jansenius müssen gleich jenen der Manichäer, niemand bekannt seyn, als nur einer geringen Anzahl der Auserlesenen: man muß sie verstecken, verstellen, rätselhaft vortragen, endlich gar verläugnen, wenn es kömmt, dass man in die Enge getrieben wird, ja auch nicht einmal ein Bedenken tragen, auf den Jansenismus zu fluchen, wenn es die Nothwendigkeit verfugt, dass man anders der Kirchenstrafen nicht entweichen kann: aber über alles ist es vonnöten, dass man die Kunstgriffe, die zu Ausbreitung der Sekte dienen, mit einem Deckmantel eines tiefen Geheimnisses einhülle..."'96 Wenn die Eigenschaft der Verstellung bei expliziter Trennung von exoterischer und esoterischer Lehre auch nicht charakteristisch fur alle Häretiker wäre, sei sie doch die gefahrlichste - denn sie ermögliche die schnelle Verbreitung von neuen Auffassungen ohne externe Intervention. Sorgfältig würden die „Versucher" die eigentliche Kernpunkte ihrer Lehre verbergen und bei Notwendigkeit sogar leugnen; sobald sie aber die „ergebene Unterwürfigkeit gegen die Aussprüche der Kirche zum wanken bringen und einstmals ihr Ziel sollten erreicht haben, werden sie ganz geschwind den dicken Vorhang aufziehen, hinter welchem sie ihre gottlosen Neuigkeiten schon in Bereitschaft gestellet haben."197 Kombinatorik und Rhetorik dieses Szenarios wie auch die vorgebrachten „Belege" weisen gleichsam musterhaft auf spätere Szenarien voraus. Die herausgestellte „Hauptregel der Verführer" 198 - im Kreis der Eingeweihten anders zu agieren als in der Öffentlichkeit, um durch Täuschung und Verstellung ihre sekretierten kriminellen Ziele durchzusetzen - sollte zu einer grundlegenden Denkfigur konspirationistischer Logik aufsteigen. Die gigantische Zahl von „einer Million, und vier hundert tausend Pfund" an Geldspenden gab einen Vorgeschmack auf die phantastischen Zahlen Cagliostros, der während seines

ten, wider die Jesuiten anzuspornen, die Mißbräuche des römischen Hofes in aller Größe abzuschildern, wider dessen Unternehmungen sie aufzuwickeln [...]" 196 Ebenda, S. 51 f. Die den konspirierenden Jansenisten zugeschriebene Diskrepanz zwischen Sein und Schein, öffentlichem Auftreten und verborgenen Intentionen wurde durch den Vergleich mit den Priscillianisten gesteigert, die dem Credo „Jura, peijura, secretum prodere noli" [Schwöre und schwöre auch falsch, nur bewahre dein Geheimnis] gefolgt wären: „Wenn sie bei Leuten waren, denen sie nicht traueten, brachten sie nichts vor, was nicht gut katholisch war. Um sich zu verstecken, machten sie kein Bedencken über den Priscillian selbst, und alles gegen was sie in der Sekte sonst Ehrerbietigkeit trugen, den Fluch zu sprechen und läugneten ohne Schamhaftigkeit die Sachen, die sie doch öffentlich lehrten, hinweg." Ebenda, S. 55. 197 Ebenda, S. 60f. 198 Ebenda, S. 61.

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Prozesses in R o m von 180.000 Freimaurern fabulierte, die jährlich 5 Louisd'or pro K o p f entrichteten, mit denen die L o g e n Anschläge auf die gekrönten Häupter Europas und sonderlich auf R o m vorbereiten würden. 199 U n d w i e in späteren Szenarien lautete die Schlussfolgerung im U m g a n g mit dem z u m Verschwörerkreis stigmatisierten Gegner: „Lernet also von nun an, ihnen zu mißtrauen. [ . . . ] Sehet zu, ob sie nicht die Fußtritte sowohl der alten, als der neuen Ketzer nachsetzen." 200 A l s historisches Dokument zur Beglaubigung des Szenarios folgte unter d e m Titel Geheime Satzungen des Jansenismus ein Abdruck der eingangs erwähnten Kreisbriefe an die Herrn Lehrjünger des heiligen Augustin. D i e s e „geheime Schrift", die das „Ziel des Bindnisses" darlegte und detaillierte Ausfuhrungen zu den verwendeten Mitteln lieferte, war j e d o c h nichts anderes als die Wiederauflage der Lettre circulaire des pretres de Ρort-Royal, addressee aux disciples de S. Augustin, die als Anhang eines anti-jansenistischen Pamphlets des Staatsrates Marande erstmals 1654 veröffentlicht worden waren 201 - und die Antoine Arnauld schon 1655 als ein den Jansenisten untergeschobenes Dokument bezeichnet hatte. 202 Über die besonderen konspirativen Qualitäten des Bundes informierte vor allem der

199 Diese Summen gebrauche man „zur Unterhaltung der Ordenshäupter, zur Besoldung der Emissarien, die an allen Höfen sich befanden, zur Unterhaltung der Schiffe und endlich zur Anschaffung alles dessen, was der Sekte benötiget wäre, und zur Belohnung derjenigen ..., welche irgend eine Unternehmung wider despotische Souverains wagten." Leben und Thaten des Joseph Balsamo, sogenannten Grafen Cagliostro. Nebst einigen Nachrichten über die Beschaffenheit der Freymaurersekten. Aus den Akten des 1790 in Rom wider ihn geführten Prozesses gehoben, und aus dem in der päbstlichen Kammerdruckerey erschienenen italienischen Original übersetzt. Zürich 1791, S. 87f. 200 Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus, S. 61. Begründet wurde der Imperativ des fortgesetzten Mißtrauens durch Kontinuitätskonstruktionen und Gefahrensmaximierungen. Der beobachtbare „Ketzerkrieg" sei „kein neuer, sondern ein gar alter Fund des Satans" (S. 62f.); die Flucht der französischen Jansenisten nach Holland („dem Mittelpunkte der Ketzerey") wäre zweifelsfreies Indiz fur eine Allianz der „Neuerungsstifter" mit allen Gegnern des römischkatholischen Glaubens (S. 75f.). Zugleich zeige sich eine „Steuerung" dieser neuen Kirche durch die „protestantischen Mächte" und damit eine noch weiterreichende Verschwörung: Man plante, „die Lutheraner, Calvinisten, Engländer, und abtrünnigen Griechen mit der Kirche zusamm zu kupeln, und die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die der römische Hof diesem Vergleich entgegen setzet" (S. 99). 201 Marande: Inconveniens d'estat procedans du Jansenisme avec la refutation du Jansenisme, avec la refutation du Mars Francois de M. Jansenius. Paris 1654. - Der Lettre circulaire wie auch die beigefügten Reglements et constitutions sollten laut Marande durch die Priester von Port-Royal verfasst und ihm durch einen bekehrten Jansenisten übermittelt worden sein. Man müsse, so Marande zur Bekräftigung der Echtheit des Dokuments, schlimmer als ein Teufel sein, um ein solches Stück seinen schlimmsten Feinden unterzuschieben. 202 Vgl. Antoine Arnauld: Seconde lettre ä une Due et Pair de France [1655]. In: Ders.: (Euvres. Bd. 19, S. 430; ausführlich derselbe im 1698 erschienenen achten Teil seiner Morale pratique des Jesuites, representee en plusiers histoires arrivees dans toutes les parties du monde. In: A. Arnauld: CEuvres. Bd. 35, S. 118f.

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vorletzte Abschnitt der angeblich authentischen Unterweisung unter der Überschrift „Wie sie sich untereinander selbst zu vertragen haben": Er forderte die „vereinigten Lehijünger des heiligen Augustin" explizit dazu auf, sich so fest und unverbrüchlich miteinander zu verbünden, „dass nichts von der Welt sie zu trennen vermöge" und die ihnen anvertraute Lehre „niemanden vor Augen kommen zu lassen, als nur jenen, von denen man gute Wissenschaft haben wird, dass sie in der Liebe zur Lehre und im Hasse wider unsre Gegner wohl steif und feste sind".203 Die Mittel zur Geheimhaltung und Verbreitung der eigenen Wissensbestände wurden genau bezeichnet: „Nur eine einzige Abschrift" der Lehrbriefe sollte an jedem größeren Ort des Reiches deponiert werden; den Auserwählten sollten auf unverdächtigen Spaziergängen „hin und wieder" etwas „zur Befestigung der Lehre" mitgeteilt werden; bei Disputen „wider die Gegner" sollten einige Lehijünger diskutieren und andere „geheime Lehrjünger" Gleichgültigkeit simulieren, um die „Zustände der Herzen, wie sie gegen die Lehre gemuthet sind, auszukundschaften". 204 Zugleich wurde die Anlegung eines „allgemeinen Seckel" gefordert, um aus gesammeltem Geld den Druck von Büchern und „fliegenden Blätern" bezahlen sowie diejenigen, „die man nicht anders gewinnen kann", bestechen zu können. Vor allem verpflichtete die angeblich echten Dokumente zur absoluten Diskretion: „unverbrüchliches Stillschweigen" sollte man nicht nur über den „gegenwärtigen Unterricht" bewahren, sondern auch über „alle Entschlüsse, und andre Begebenheiten, die man in besagten Zusammenkünften verabreden wird". Auch bei offenen Anfeindungen der jansenistischen Lehre durch Bischöfe und Priester sollten die Anhänger „nur kein Getös machen, sondern im geheimen fortarbeiten, und sich begnügen, die Gemüter allmählich zu Rechte zu bringen." 205 Die Funktionen dieser Quellenfiktion liegen auf der Hand: Das angeblich authentische Dokument aus dem inneren Zirkel der in Port Royal versammelten Jansenisten sollte nicht nur die Richtigkeit sekundärer Aussagen über die angeblich verschworenen Feinde des katholischen Glaubens belegen, sondern die Konspiration selbst bezeugen. Ein gleichsam als „Geständnis" verwertbares Schriftstück wurde fingiert, um die Enthüllung einer großangelegten Konspiration zu bestätigen und dem Leser durch einen materiellen Beweis ex officio ein eindeutiges Urteil zu ermöglichen - denn nach der durch Papst Innozenz III. vollzogenen juristischen Rationalisierung des gegen Kleriker bislang angewandten Infamationsverfahren war eine Verurteilung nur bei vollem Be-

203 Kreisbriefe an die Herrn Lehijünger des heiligen Augustin um die Unwissenheit derer kenntnbar zu machen, so einer andern Lehre folgen, als zu der sich die Kirche bekennt. In: Unerhörte Ränke der eigentlichen Jansenisten, und erzboshafte Lehren des Jansenismus, S. 150 und 151. 204 Ebenda, S. 151 und 152. 205 Ebenda, S. 153.

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weis, in der Regel durch Geständnis oder wenigstens zwei übereinstimmende Zeugenaussagen zulässig. Resultat war die Universalisierung eines Misstrauens, dem kein mutmaßlicher Parteigänger der so gedeuteten Lehre entkommen konnte. Explizite Dementierungen bestätigten die Partizipation an der verurteilten „Ketzerei" ebenso wie Schweigen oder erklärte Zustimmung - denn die allem Handeln unterstellte Diskrepanz zwischen täuschendem Schein und verborgenem Sein ließ jedes Verhalten als doppeldeutig erscheinen. Um einen solchen Akt der Fingierung eines Quellendokuments wie auch die Generierung konspirationistischer Deutungsmuster überhaupt möglich zu machen, bedurfte es wissensgeschichtlicher und mentalitätshistorischer Voraussetzungen, die bereits angedeutet wurden und im weiteren Untersuchungsgang zu entfalten sind: Die Verfügungsgewalt menschlicher Subjekte und kollektiver Gruppen über historische Abläufe musste zumindest partiell bzw. im Rahmen einer kontrafaktischen Imagination akzeptiert werden; die Auffassung von intentionalem menschlichen Handeln und der Realisierbarkeit seiner Zielstellung war zu teilen. Nötig war nicht zuletzt ein Deutungsverfahren, das von sichtbaren Wirkungen bzw. „Anzeichen" auf verborgene Ursachen schließen ließ und diese Wirkursachen in ein deterministisches Tableau integrierte.

1.3.3 Verbreitung und Diskussion Obwohl rasch nach der Veröffentlichung von Sauvages La realite du projet de Bourg-Fontaine eine über 1100 Seiten starke Gegendarstellung erschien206 und das Buch durch Beschluss des Pariser Parlaments vom 21. April 1758 verboten sowie öffentlich zerrissen und verbrannt wurde,207 trug eine 1764 in Augsburg 206 Eine zweibändige und mit 1143 Seiten überaus umfängliche Gegendarstellung veröffentlichte der Mauriner Charles Clemencet: La verite et l'innocence victorieuses de l'erreur et de la calomnie. Lettres a un ami sur la realite du projet de Bourgfontaine. Paris 1758. Daraufhin erschien eine Gegenschrift der Jesuiten u.d.T. Lettre ά l'auteur des huits lettres sur la realite du projet de Bourgfontaine, die Clement mit der Broschüre Vains efforts des benits Peres pour renouveler la fable de Bourgfontaine et les calomnies publiees dans la Realite du projet de Bourgfontaine beantwortete. Die jesuitische Gegenschrift Lettre ä l'auteur des huits lettres sur la realite du projet de Bourgfontaine erschien in deutscher Übersetzung u.d.T. „Schutzschrift des Werkes: Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine" im Anhang der zweibändigen Ausgabe [Henri Michel Sauvage:] Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden. Augsburg 1793. Bd. 2, S. 401-470. 207 Im Antrag des Generaladvokaten Omer Joly de Fleury an das Pariser Parlament hieß es: „Der Zweck des Buches ist nicht zu verkennen. Eine Fabel, die zuerst 1654 vorgebracht

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und Freiburg im Breisgau publizierte lateinische Übersetzung das Verschwörungsszenario weiter. Durch den Jesuiten Joseph Schwarz übertragen und vom Generalvikar des Fürstbischofs von Augsburg, Heinrich Sigismund von Fercher am 9. Februar 1764 approbiert, erschien sie unter dem Titel Veritas Consilii Burgofonte initi in ipsa hujus executione demonstrata. Knapp drei Jahrzehnte danach - der Jesuitenorden war seit 1773 aufgehoben, doch die Angehörigen des ehemaligen Jesuitenkollegs St. Salvator in Augsburg duften auf Bitten der Bürgerschaft in der Stadt bleiben und führten ihre propagandistische Arbeit weiter - druckte man in Augsburg eine deutsche Übersetzung unter dem dem Titel Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden. Die Beweggründe für die rasche lateinische und spätere deutsche Übertragung des durch das Pariser Parlament verbotenen Buches benannte die beiden Ausgaben vorangestellte Approbation: „Mit Recht hat der Übersetzer das Werk den katholischen Lesern in Deutschland gewidmet. Denn da die jansenistische Ketzerei die, wie wir namentlich in unserer Zeit fast mit Händen greifen, in Frankreich und anderswo so viel Unheil angerichtet hat, in ihrer Bosheit wie ein Krebsschaden sich weiter auszubreiten und auch die gesunden Teile anzugreifen strebt, so sind die Katholiken davor zu warnen, dass sie sich von dieser Pest nicht anstecken lassen. Möchte es auch in dem katholischen Deutschland solche geben, die sich durch eine verkehrte Zuneigung oder durch den trügerischen Schein der Frömmigkeit und der reineren Lehre, womit die jansenistischen Wölfe die Augen täuschen, haben blenden und irreführen lassen! Diese mögen aus diesem Buche ersehen, welches der Charakter der Jansenisten und wie verkehrt und gottlos die Pläne der Jansenisten und das Ziel dieser Pläne ist. Die von dieser Pest noch nicht berührten und braven Katholiken aber werden, wenn sie die Wirklichkeit des Planes von Bourgfontaine, den Deismus einzuführen, so augenscheinlich aus der Ausführung desselben nachgewiesen sehen, ohne Zweifel diese verbrecherischen Seelenverderber mit Vatinianischem Hasse verfolgen und sich gewissenhaft davor hüten, in die von ihnen gelegten Schlingen zu fallen."208 Die Approbation versammelte alte und neue Zentralbegriffe zur Stigmatisierung konfessioneller Opponenten. Begriffe wie „Ketzerei", „Unheil", „Boswurde und als eine der Verleumdungen anzusehen ist, an die sich jeder anständige Mensch nur ungern erinnert, taucht darin unter einer neuen Form wieder auf; es wird ein Plan vorgelegt, der nur in der Phantasie deqenigen existiert, die ein Interesse dabei haben, ihn für wirklich auszugeben; die Absicht, die Religion zu untergraben, wird erleuchteten Männern zugeschrieben, welche ihre Tugenden und schon ihre Stellung als Bischöfe, Priester und Beamte über jeden Verdacht erhebt." Zitiert nach Franz Heinrich Reusch: Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens, S. 154f. 208 Henricus Sigismundus de Fercher: Approbatio. In: [Henri Michel Sauvage:] Veritas Consilii Burgofonte initi in ipsa hujus executione demonstrata. Tomus I, o. S.; hier zitiert ist die deutsche Fassung in: Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine. Bd. II, o.S.

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heit" und „gottlose Pläne", metaphorische Ausdrücke wie „fortfressender Krebsschaden", „ansteckende Pest" , „täuschende Wölfe" und „verbrecherische Seelenverderber" entstammten dem Vokabular des Kampfes gegen Häretiker. Hinzu kamen Zeichenkomplexe, die eine Konspiration heimlich agierender Gegner nahe legten: Jansenisten würden „die Augen täuschen", „blenden und irrefuhren", vor allem aber unter dem „trügerischen Schein der Frömmigkeit und der reineren Lehre" etwas anderes tun als behauptet - nämlich planvoll den „Deismus" einfuhren. Ihre komplementäre Figur fanden diese aus dem visuellen Bereich stammenden Metaphern in der 1768 veröffentlichten Schrift Der entlarvte Jansenist, die das 1764 reaktivierte Szenario Sauvages als Jansenistische Teufelsgeißel" bezeichnete und seinen „zweyfachen Nutzen" herausstellte: „Erstens eröffnet es den Blinden die Augen, dass sie klar und gründlich, aus ihren eigenen Büchern, die Abscheulichkeit der Jansenisterey sehen. Zweytens tauget dieses Buch, als ein Probierstein, die wahren Katholiken von den heimlichen Jansenisten zu erkennen; denn kömmt ein wahrer Katholischer über dieses Buch, so lobet er die gründlichen Beweise, und danket dem Verfasser, dass er das Gift, zum Nutzen des gemeinen Wesens entdeckt habe: liest es aber ein heimlicher Jansenist, so schreyet er entsetzlich [...] und möchte gern dieses Buch aus aller Menschen Händen bringen."209 Vor dem Hintergrund dieser Würdigung gewinnt ein bereits angedeutetes Prinzip konspirationistischer Projektionen weiter an Plastizität: Die auf die Tätigkeit des Verbergens bezogenen Akte des Enthüllens erfüllten komplementäre Funktionen im Rahmen eines konstruktiven Verfahrens, das seinen zirkulären Charakter mit Hilfe einer Maximierungsrhetorik invisibilisierte. Einem personalen Akteur (bzw. einer Gruppe personaler Akteure) wurden genau jene heimlichen Zielvorstellungen und Machinationen zugeschrieben, die aufzudecken bzw. zu „entlarven" waren. Da der Wert einer solchen „Entlarvung" umso größer war, je weniger sichtbar die (vorgängig fixierten) Konspirateure agierten, erfolgten sukzessive Steigerungen. Begriffe aus dem Inquisitionsprozessrecht, das die crimen laesae majestatis divinae definierte, mischten sich mit Vokabeln der frühneuzeitlichen Sektenverfolgung und Termini zur Bezeichnung von crimina publica und führten zu einer rhetorischen Radikalisierung des Gegnerbildes. Doch trotz operativer Geschlossenheit blieben die so generierten Szenarien nicht ohne Bezug zu ihrer Umwelt. Im Gegenteil: Aufbau und Ausgestaltung korrespondierten in nahezu exakter Weise spezifischen Gruppenbildungs- und Austauschprozessen, in deren Rahmen neuartige bzw.

209 [Anonym]: Der entlarvte Jansenist, S. 84; zweite Auflage o.O. 1780, S. 101. Dass es sich bei der erwähnten ,jansenistischen Teufelsgeißel" um die lateinische Übersetzung von Sauvages Buch handelt, wird aus dem angeführten Titel ersichtlich: „Ich will es leicht errathen...: es ist gewiß die Wahrheit des zu Bourge Fontaine gehaltenen Conciliums. Ja antwortete der Kapellan: es ist das nämliche." (Hervorhebung im Original.)

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abweichende Geltungsansprüche zunehmend global kommuniziert und propagiert wurden. Im Fall des seit 1755 im europäischen Rahmen reaktivierten Szenarios von einer jansenistischen Verschwörung gegen die Offenbarungsreligion waren es zum einen die in Port Royal angestellten Überlegungen zur inneren Reform des Katholizismus, die in Opposition zum jesuitischen „Laxismus" und zu einer veräußerlichten gallikanischen Staatskirche eine „unsichtbare Kirche" jenseits strenger Hierarchien zu konstituieren suchten. Es waren zum anderen die beobachtbaren Verbindungen von Jansenisten, die nach der Zerstörung von Port Royal ein europäisches Netzwerk reformerisch eingestellter Katholiken ausbildeten. Eine besonders starke Gruppe hatte in den spanischen Niederlanden die „Kleine Kirche von Utrecht" gegründet, von der Einflüsse nach Wien, Spanien und Portugal, in die österreichische Lombardei und die Toskana sowie bis in das Collegium Germanicum nach Rom drangen. Publizistische Plattform der Utrechter Jansenisten waren die Nouvelles ecclesiastiques ou memoires pour servir ä l 'histoire de la Bulle Unigenitus, die in den genannten Ländern verbreitet wurden und in der Habsburger Monarchie namhafte Korrespondenten gewannen - u. a. die Mediziner Gerard van Swieten (der durch Maria Theresia 1745 als Leibarzt nach Wien geholt wurde und in seinen Bemühungen um Förderung der Wissenschaften und insbesondere der Medizin in Konflikt mit den Jesuiten geriet) und Anton de Haen (den man im Zuge von Swietens Bemühungen um die Wiener Medizinische Schule 1754 aus Leiden nach Wien berief und der hier die erste interne Klinik errichtete), den Weihbischof Simon Ambros von Stock und den Theologen Markus Anton Wittola (der nach Vorbild des internationalen Jansenistenorgans 1784 die Wienerische Kirchenzeitung gründen und hier ein Staatskirchentum josephinischer Prägung propagieren sollte).210 Korrespondenten der Nouvelles ecclesiastiques kamen aber auch aus Mainz, Köln, Trier, Würzburg, Fulda, Salzburg, Passau, Laibach und Brixen; konzeptionelle Verwandtschaft wies die italienische Jansenistenzeitschrift Novelle litterarie auf. 2 " Zu diesen im europäischen Rahmen beobachtbaren Verbindungen eines jansenistischen Netzwerkes kamen verschärfte Auseinandersetzungen zwischen katholischen Aufklärern und ihren jesuitischen Gegenspielern, die sich in Bayern besonders intensiv gestalteten und an dieser Stelle nur angedeutet 210 Vgl. Alexander Gigl: Gerard Swietens Berufung als Leibarzt. In: ÖsterreichischUngarische Revue. N. F. 6 (1888), S. 113-131; Peter Hersche: Gerard Swietens Stellung zum Jansenismus. In: Internationale Kirchliche Zeitschrift 61 (1971) S. 33-56; Erna Lesky: Swieten, Begründer des österreichischen Gesundheitswesens. In: Mitteilungen der Österreichischen Sanitätsverwaltung 73 (1972) Heft 7-8; dies.; Adam Wandruszka (Hrsg.): Gerard van Swieten und seine Zeit. Wien u.a. 1973; Karl Sablik: Die SwietenSchüler in Osteuropa. In: Wissenschaftspolitik in Mittel- und Osteuropa. Berlin 1976, S. 233-246. 211 Vgl. Wilhelm Deinhardt: Der Jansenismus in deutschen Landen. München 1929, S. 84f.

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werden können.212 Seit Beginn der 1760er Jahre verfolgte man in München das vor allem von französischen und österreichischen Einflüssen inspirierte Projekt staatskirchlicher Reformen, die in der Säkularisation ihren Höhepunkt erreichen sollten. Kurfürst Max III. Joseph, der entscheidenden Einfluss auf die katholische Kirche gewonnen hatte, dekretierte kirchliche und klösterliche Reformen, die von aufklärerisch orientierten Vordenkern entworfen worden waren.213 1759 wurde auf Initiative von Johann Georg von Lori und unter Schirmherrschaft des Regenten die Bayerische Akademie der Wissenschaften gegründet; ein 1768 gegründeter „geistlicher Rat" sollte die Maßnahmen koordinieren, wie sie Joseph II. in Österreich durchführte und die vor allem auf eine Neugestaltung der Schul- und Bildungspolitik zielten. Mit rationalistischen Argumenten suchten Benediktiner des Klosters Banz die päpstliche Autorität einzuschränken; zugleich wandte sich Anselm Desing, ein benediktinischer Reformer, gegen die „Starken Geister" in der Akademie und insbesondere gegen den bürgerlichen Aufklärer Peter Osterwald.214 Die zumeist dem Jesuitenorden angehörenden Gegner dieser Entwicklungen beobachteten diese Vorgänge sehr genau - und produzierten nicht nur die 1764 in Augsburg approbierte Übersetzung von Sauvages „Beweis" fur die These einer jansenistischen Verschwörung gegen die Offenbarungsreligion, sondern weitere Werke zur Diskreditierung ihrer Opponenten, die explizit auf das im 17. Jahrhundert generierte Konspirationsszenario Bezug nahmen. Die 1768 in Salem [Köln] gedruckte Schrift Der entlarvte Jansenist imaginierte 212 Ausführlich Hans Graßl: Aufbruch zur Romantik, S. 39-69; Richard van Dülmen: Antijesuitsmus und katholische Aufklärung. In: Historisches Jahrbuch 89 (1969), S. 52-80. 213 Zu diesen Vordenkern der durch Max III. Joseph begonnenen Reformen zählte neben dem Akademie-Gründer Johann Georg von Lori der unter dem Pseudonym Veremund Lochstein auftretende Peter von Osterwald, der mit der Programmschrift Gründe sowohl fiXr als wider die geistliche Immunität in zeitlichen Dingen (Straßburg 1766) hervorgetreten war und gallikanische und jansenistische Argumenten gegen den „Ultramontanismus" vorbrachte. 214 Anselm Desing wirkte nach Studium der Philosophie und Theologie als Lehrer am Ordensgymnasium in Weihenstephan und von 1737 bis 1743 als Professor an der Universität Salzburg, wo er sich für eine Lehr-Reform einsetzte, selbst Lehrbücher verfasste und Apparate für den experimentellen Physikunterricht erwarb. Maßgeblich an der Errichtung der Ritterakademie in Kremsmünster beteiligt, wurden dort nach seinen Plänen der „Mathematische Turm" erbaut und Kontakte zu den Sternwarten in Wien, Paris, Bologna und Rom aufgenommen. Eine Romreise 1750 gab den Anstoß zu einer Reihe von Veröffentlichungen gegen das rationalistische Naturrecht der Aufklärung, dem Desing vor allem eine mangelnde Berücksichtigung des göttlichen Willens vorwarf: Gott werde zwar als Urheber des Naturrechts anerkannt, das natürliche Recht erschöpfe sich aber in den „commoda" dieser Welt; im irdischen Rechtssystem finde das Gottesbewusstsein keinen hinreichenden Ausdruck mehr. Werde aber der göttliche Wille nicht mehr als oberstes Rechtsprinzip eingeführt, so löse sich der Zusammenhang zwischen Moral, Theologie und bürgerlichem Recht - alle Deduktionen des Naturrechts aus der menschlichen Vernunft seien deshalb revolutionär.

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einen dem Jansenismus beinah ins Garn gegangenen Abbe, der über seine Verfuhrung durch eine Lehre berichtete, die „nichts anderes, als der über einen neuen Leist geschlagene Calvinismus" sei.215 Wie schon in Filleaus Relation juridique wurden innerhalb der jansenistischen Bewegung zwischen eingeweihten Konspirateuren („welche den Deismus ihrer Glaubensväter gar wohl einsehen, und selbem auch steif anhangen"), partiell eingeweihten Exekutoren („welche zwar die öffentlichen Lehrsätze Jansenii wissen und vertheidigen, aber wohin selbe zielen, gar nicht begreifen") und „einfältigen" Mitläufern unterschieden. Eine „vierte Klasse" wäre die Gruppe der „Enthusiasten" bzw. „fanatischen Jansenisten", denen sich der erzählende Abbe unter dem Einfluss eines unbekannten „Doctor der Sorbonne" beinahe angeschlossen hätte - wenn ihm nicht eine Schrift die Augen geöffnet hätte: „Zu meinem Glücke kam ich ungefähr über das Buch des Herrn Filleau, ersten königlichen Advokaten zu Poitiers, welches er 1654 herausgegeben unter dem Titel: Juridische Erzählung dessen, was sich mit der neuen Lehre der Jansenisten zu Poitiers zugetragen. Ich las selbes mit großer Aufmerksamkeit, und nachdem ich alles genau überleget, fand ich, dass alles, was er dazumal, vorhinein, von ihrer Gottlosigkeit geschrieben, nun zu unsem Zeiten vollkommen eintreffe. Aus diesem schloß ich, dass entweder Filleau ein Prophet gewesen, welches gewiß niemand glauben wird; oder dass alles, was nunmehr von Seite der Jansenisten ausgeübet wird, schon dazumal, wie Filleau es erzählet, in ihrer Versammlung 21 fS

zu Bourge Fontaine, in das Werk zu setzen sey beschlossen worden. Da eine Widerlegung dieser Anschuldigungen nicht möglich gewesen wäre, hätten die Jansenisten eine besonders perfide Strategie zur Unterdrückung der Wahrheit verfolgt: Durch Bestechung würden sie „mächtige Männer" auf ihre Seite bringen und durch diese Druck, Verbreitung, Lektüre und Erwähnung von Filleaus Schrift wie Sauvages „Demonstration" verbieten lassen.2'7 Tatsächlich war das Buch Sauvages 1758 in Paris und unmittelbar nach seiner lateinischen Übertragung in München und Wien indiziert worden.2'8 Doch die im weiteren 215 [Anonym]: Der entlarvte Jansenist, S. 5. 216 Ebenda, S. 8f. Hervorhebung im Original. Im vierten Brief wurde der von Filleau vorgetragene Bericht über die „Winkelversammlung zu Bourge Fontaine" noch einmal ausfuhrlich dargestellt, wobei wie schon seit Meyniers Korrektur die Chiffre „A. A." als Arnauld d' Andilly identifiziert wurde. Gegen die Einwände der Jansenisten hieß es weiter: „Sie [die Jansenisten] beflissen sich zwar, ihn einer Unwahrheit zu beschuldigen; allein es war unmöglich, denn weil alles, was Filleau geschrieben, das in dieser Versammlung für das Künftige beschlossen worden, nachmals bis auf unsere Zeit genau zugetroffen, und von den Jansenisten bewerkstelligt worden, so müssen sie entweder sagen, Herr Filleau sey ein Prophet gewesen, und habe das künftige in dem Geiste vorgesehen: oder sie müssen gestehen, dass alles, was er geschrieben, in dieser Afterversammlung schon dazumal sey beschlossen worden." (Ebenda, S. 45f.) 217 Ebenda, S. 103. 218 Der französische Gesandte Folard, Freund und Helfer der Bayrischen Akademiker um Johann Georg von Lori und Peter Osterwald, intervenierte beim Bischof zu Augsburg

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Verlauf der Unterredungen vorgebrachten Unterstellungen ließen jede rationale Erwägung vermissen. Nun wurde den Anhängern des Cornelius Jansen alle nur möglichen Böswilligkeiten unterstellt; das Spektrum reichte von Ehrverletzung und Verleumdung bis zum Verbot der Beichte für die Klosterfrauen von Port Royal. Den Höhepunkt markierte die im Modus der Möglichkeit vorgetragene These von einem jansenistisch-jüdischen Komplott gegen den Jesuitenorden und das Christentum: „Ich denke, dass die Jansenisten noch nicht eher die schon durch hundert Jahre gesuchte Vertreibung der Jesuiten bewirken konnten, war die Ursache, weilen sie noch nicht genug Geld hatten [...] Nun aber ist gewiß, dass die Judenschaft wider die Jesuiten aufgebracht, weil selbe glaubet, die Jesuiten seyn Ursach, dass die Juden das Bürgerrecht, wo sie es gesucht, nicht erhalten haben. Bey solcher Ueberlegung fallet mir bey: ist es vielleicht nicht wahrscheinlich, dass sich nun die Jansenisten dieser Gelegenheit bedienet, und mit den Juden eine heimliche Bindniß gemacht? kraft welcher der jüdische Beutel die jansenistische Arglist unterstützen muß. Ich zweifle nicht, dass dieser Gedanke in Mitte das Ziele treffe; denn wo eine ganze Judenschaft, ist Geld genug, und wo Jansenisten, Betrügerei im Ueberfluß. Die wahren Jansenisten stimmen ja ohnehin mit den Juden in diesem Übereins, dass beyde das Christenthum zu stürzen suchen."2'9 Das Pamphlet Der entlarvte Jansenist entwickelte aber nicht nur die Idee von einem jansenistisch-jüdischen Geheimbund zum Sturz des Christentums. Mit apokalyptischen Termini beschrieb es zugleich die „Wanderungen des Jansenismus durch die katholischen Länder Europas", um vor diesem Hintergrund die Jesuiten als omnipotente Gegenmacht und Instanz zur Bewahrung der bedrohten Ordnung zu exponieren: „Diese kommen unter alle jansenistischen Geheimnisse, sie entdecken alle ihre Argliste, sie widerlegen alle jansenistische Grundsätze".220 - Die Universalisierung des innerkonfessionellen Gegners wie die Verklärung der Societas Jesu nutzten jedoch wenig. Nachdem peinliche Verflechtungen von Ordensangehörigen in Politik und Wirtschaft zu Interventionen seitens der bourbonischen Höfe und Ordensverboten in Portugal und Spanien gefuhrt hatten, hob Papst Clemens XIV. mit dem Breve Dominus ac redemptor noster am 21. Juli 1773 die Societas Jesu auf. Was projesuitische Publizisten als Bestätigung ihrer Szenarien von heimlichen Machenschaften gegen die SJ ansahen, galt Parteigängern des Jansenismus und katholischen Aufklärern als „Mirakel", das „Gott [...] sich selbst und seiner Treue schuldig" gewesen sei - da die Gesellschaft Jesu, „wenn sie noch länger bestanden wäre,

und sorgte für das Verbot des Buches Veritas Consilii Burgofonte in München; vgl. Wilhelm Deinhardt: Der Jansenismus in deutschen Landen, S. 74. In Österreich wurde das Werk durch das im Dezember 1768 eingerichtete Zensurgericht verdammt. 219 Ebenda, S. 31 f. 220 Ebenda, S. 80.

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die Kirche Gottes umgestürzet hätte". 221 Urheber dieses Wunder-Attests war der aus Österreich stammende katholische T h e o l o g e Markus Anton Wittola, der sich in seiner 1776 veröffentlichten Schrift Der Jansenismus, ein Schrekkenbildför Kinder explizit g e g e n die von Jesuiten bzw. Ex-Jesuiten ausgehenden Angriffe gegen jansenistische Geistliche s o w i e aufklärerisch eingestellte Akademiemitglieder wandte. 222 In diesem Zusammenhang behandelte er auch die lateinische Publikation Veritas Consilii Burgofonte mit ihrer „schon so oft ausgepeitschten und an sich selbst unglaublichen Fabel von der Zusammentretung in Bourgfontaine" und stellte sie - nun selbst konspirationistischen Mustern folgend - als ein Auftragswerk von J e s u i t i s c h e n Oberen" heraus: „Als der Jesuiten-Mißionarius zu (Dettingen in Bayern geprediget hat, dass der Bischof Thun zu Passau ein Jansenist sey, machte er die Bayern begierig, zu wissen, w a s das für ein Thier wäre, ein Jansenist. Der P. Luydl, ein anderer Jesuit zu München bekam also v o n seinen Obern den Befehl, den Jansenismus nach ihrer Methode, E. P. zu entlarven: und er ließ daher die Fabel von Bourgfontaine zu Augsburg im Jahre 1764 lateinisch drucken, unter dem Titel: Veritas Consilii Burgofontani." 223 D i e v o m Jesuitenorden entwickelte Lüge über

221 [Markus Anton Wittola:] Der Jansenismus, ein Schreckenbild für Kinder. Friedburg [München] bei August Aquinas seligen Erben 1776, S. 485f. Schon vorher bezeichnete Wittola die Jesuiten als „Aufwiegler, Störer, und Majestätsverbrecher" (S. 417). 222 Wittolas Schrift antwortete in Form und Inhalt auf die 1768 in Köln erschienene Schrift Der entlarvte Jansenist. In Briefen zwischen einem mit dem Jansenismus sympathisierenden Priester und seinem weltlichen Dialogpartner sollte ein Bedürfnis nach Klarheit gestillt werden, das der weltliche Befrager unter Bezug auf die antijansenistische „Enthüllungsschrift" ausgesprochen hatte: „Ich muß vielmehr gestehen, dass ich jetzt noch weniger als vor Zeiten weiß, was ein Jansenist sagen will, und ich wollte Eurer Hochwürden gebethen haben, mir ihn besser zu entlarven."; [Markus Anton Wittola:] Der Jansenismus, ein Schreckenbild für Kinder, S. 14, Hervorhebung von mir, R.K. Wittolas drei Jahre nach Aufhebung des Jesuitenordens erschienene Schrift reagierte zugleich auf die publizistischen Attacken von Augsburger Jesuiten gegen den jansenistischen Bischof Joseph Philipp von Spaur von Seckau, der Pierre Nicoles Abhandlung von der Liebe Gottes und dem christlichen Gebete übertragen hatte, sowie auf die massiven Vorwürfe gegen den Bischof Joseph Maria von Thun-Hohenstein. 223 [Markus Anton Wittola:] Der Jansenismus, ein Schreckenbild für Kinder, S. 93f. Die Parteinahme fur Thun hatte nicht zuletzt biographische Gründe: Bevor Wittola 1774 Pfarrer von Probstdorf bei Wien und Titularpropst von Bienco in Ungarn wurde, wirkte er als Seelsorger in Oberösterreich, das damals noch zum Bistum Passau gehörte. Die dortigen Bischöfe Josef Dominikus von Lamberg, Joseph Maria von Thun-Hohenstein und Leopold Firmian aber gehörten zu den Anhängern des Jansenismus; der gleichfalls in Passau wirkende Rat Bettini korrespondierte direkt mit der „Kleinen Kirche" von Utrecht. Durch Verbreitung von Büchem und persönlichen Verkehr machten sie aus Wittola - der nach dem Besuch einer Jesuitenschule 1757 zum Studium der Theologie nach Wien gekommen und bereits hier durch Weihbischof Simon Stock mit dem Jansenismus bekannt gemacht worden war - einen enthusiastischen Anhänger des jansenistischen Reformkatholizismus; vgl. Eduard Winter: Der Josephinismus und seine Geschichte. Beiträge zur Geistesgeschichte Österreichs. Brünn u.a. 1943, S. 177. Wittolas Aussage, der Münchener Jesuit Anton Luidl habe Sauvages Schrift übersetzt, wider-

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eine angebliche Jansenistenverschwörung sei „eitle Furcht [...] ein Schreckbild, das man ersonnen hat, um Kindern und nichts Wissenden Angst zu machen", damit die Jesuiten „mit ihrer Arglist und Staatskunst die ganze Welt beherrschen" könnten. Diese Figur der „Aufklärung" konspirationistischer Projektionen verdient nähere Beachtung. Denn sie illustriert das paradoxale Verfahren des beteiligten Beobachters, einer verschwörungstheoretisch argumentierenden Instanz konspirative Bestrebungen und Machinationen vorzuwerfen - und sich dabei selbst im Netz konspirationistischer Zuweisungen zu verstricken. Denn die Argumentation des Theologen Wittola, der hellsichtig das (angeblich typisch jesuitische) Muster erkannte, Opponenten genau jene Denk- und Verhaltensweisen zu unterstellen, nach denen man im geheimen selbst operierte, bestand aus drei Schritten. In einem ersten Schritt benannte er den instrumenteilen Charakter von Konstruktionen, die mit Hilfe einer „ausgeträumte[n] Ketzerei" von „eignen wesentlichen Irrlehren" ablenken sollten.226 In einem zweiten Schritt identifizierte er „Kinder" und „Unwissende" als Adressaten eines Szenarios, das Angst und Schrecken verbreiten und so den eigenen Anspruch auf Sicherung von Ordnung und Stabilität legitimieren sollte. Der dritte und abschließende Schritt bestand in einer Umkehr der konspirationistischen Vorwürfe, indem den kollektiv zusammengefassten Jesuiten nun unterstellt wurde,

spricht Franz Heinrich Reusch: Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens, S. 155, der den Jesuiten Joseph Schwarz als Übersetzer nennt. 224 Ebenda, S. 507. 225 Ebenda, S. 391. - Gegen die Ränke der Jesuiten setzte Wittola eine Phalanx der Aufgeklärten: „Denn kaum war die grobe Schmähschrift gedruckt, als der Französische Gesandte, Herr Ritter von Folard, Seine Durchlaucht, den verstorbenen Bischof zu Augsburg überwiesen hatte, dass es nichts als eine hundertmal schon in Frankreich widerlegte jesuitische Notlüghe sei. Worauf der Bischof, um das Aergerniß wieder gut zu machen, welches durch die Druckung eines so schlechten Buches entstanden war, ... eine rechtskräftige Erklärung von sich gab, in welcher er sagt: Dass diese grundlose Fabel, welche zu lesen er verbiethet, nur durch die Unachtsamkeit seiner Bücherrichter zum Drucke gekommen sei, derer Approbation er aber hiemit wiederrufet. Die Kaiserin Königin hat in Kraft einer Verordnung vom 15 Christmonats 1768 ein Censurgericht in zu Mayland aus Priestern und Weltlichen eingesezet. Eines aus den ersten Büchern, welche diese ehrwürdige Hofstelle verdammet hat, ist das besagte zu Augsburg und Freiburg 1764 gedruckte Concilium Burgofontanum." (Ebenda, S. 95) Ausfuhrlich zitierte Wittola aus dem 16. Provincialbrief von Blaise Pascal die Aufforderung, den mit „A. A." chiffrierten Konspirateur zu nennen und schloß: „Das heiße ich wohl aufs Gewissen reden. Was war leichter, als den Bösewicht zu nennen, und was war für die Jesuiten unerträglicher, als vor ganz Frankreich fur Lügner zu gelten. Doch ist das letztere geschehen, wie es euer P. Annat in seinen Antworten an den Sekretair von Port-Royal mit unvorsichtigen Seufzern selbst bestätiget." Ebenda, S. 97. 226 Vgl. ebenda, S. 418: „Um zu zeigen, dass der Jansenismus ein Kinderschreck sey, habe ich zeigen müssen, die Jesuiten haben diese ausgeträumte Ketzerei vonnöten gehabt, um ihre eignen wesentlichen Irrlehren in Ansehung des Glaubens, der Kirchenzucht und der christlichen Sittenlehre in Vergessenheit zu bringen."

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„mit ihrer Arglist und Staatskunst die ganze Welt beherrschen" zu wollen. Als Kern dieser nach dem Muster der Rückprojektion verlaufenden „Aufklärung" läßt sich also ein personalisierender Dezessionismus identifizieren, der sich auch in Wittolas ad Ao/m'we/w-Argumentation gegen die „teuflische Fabel" fand, wonach „fromme Bischöfe und Priester, welche nichts als Gnade Jesu Christi predigen, zu Bourgfontaine sich wider Jesum und sein Evangelium verschworen haben" sollten: Weil ein guter Baum keine bösen Früchte trage, die angeblichen Verschwörer aber nach dem Zeugnis aller kirchlichen Schriftsteller „eitel gute Bäume gewesen" wären, so ,Jcönnen sie die bösen Früchte der Gottverläugnung nicht gebracht haben".227 Zugleich verwies er auf Gründe, die diese Männer in den Augen der Jesuiten verdächtig machten. Neben der Ablehnung der molinistischen Gnadenlehre und der jesuitischen Sakramentspraxis hatte Cornelius Jansen als Bischof von Ypern die Schließung jesuitischer Schulen gefordert und durchgesetzt; in Port-Royal versammelte sich eine „Gesellschaft, welche durch keine andre als die Bande der Gottseligkeit und der Wahrheitsliebe zusamgehalten hat" und deren Entwicklung klar zeigte, „dass Gott diese Gesellschaft jener der Jesuiten entgegen zu sezen beschlossen habe".228 Es kann nicht verwundern, dass Wittolas 1776 gedruckte Schrift in der aufgeheizten Atmosphäre nach der Aufhebung des Jesuitenordens ein rasches Echo fand. Schon 1777 erschien anonym eine Gegenschrift u.d.T. Der Jansenismus ist kein Schreckenbild fiir Kinder, welche die verborgene Absicht der ein Jahr zuvor erschienenen Apologie klarzustellen vorgab und versprach, man werde gegen „Blendung" und „Verführung" nun „Beweise vor Augen stellen, die unumstößlich sind, und unverwerflich überzeugen, dass der Jansenismus was Wesentliches sey."2M Die „unumstößlichen Beweise" für die kriminellen Machinationen der ,jansenistischen Sekte" erschöpften sich freilich in der Wiedergabe einer böswilligen Intrige, die 1691 von Jesuiten mit dem Namen Antoine Arnaulds getrieben worden war.230 Ohne weitere exegetische Bemühungen zog die Schrift den (bereits als Prämisse festgesetzten) Schluss, „der feine Jansenismus" verleite „zu gänzlichem Umsturz des Evangeliums, zu der Deisterey, zu einer philosophischen Religion, endlich in alle Ungläubigkeit, welche an keine Hölle, an keinen Himmel und an keinen Gott mehr glaubt, 227 Ebenda, S. 133f. Hervorhebungen von mir, R. K. 228 Ebenda, S. 381 und 383. 229 [Anonym:] Der Jansenismus ist kein Schreckenbild für Kinder. o.O. 1777, hier zitiert nach der zweiten Auflage 1785, S. 8. Wittolas Schrift wollte, so die Gegendarstellung, „die jansenistische Sekte auch in katholischen Landen pflanzen unter dem Vorwande, dass jene keinen Irrthum sicher in sich fasse, weil man nur falsche Ideen von derselben bisher sich verfasset habe." Ebenda, S. 6. 230 Dazu ausfuhrlich Franz Heinrich Reusch: Der falsche Amauld. Eine Illustration des Satzes: Der Zweck heiligt die Mittel. In: Ders.: Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens, S. 169-195.

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sodann alles wagen kann, wohin eine sinnliche überwiegende, obschon unrechtmäßigste, Lust mit ihrer siegenden Macht hinreißt, ohne dass man derselben widerstehen kann."23' Die fur den aufgehobenen Jesuitenorden Partei nehmende Schrift wäre nicht weiter von Interesse, hätte sie nicht ein Prinzip der Zeichenverwendung in den intrakonfessionellen Auseinandersetzungen beschrieben, das bereits als konstitutiv für die Logik der Projektion benannt wurde - den Opponenten stets mit den Vorwürfen zu konfrontieren, denen man sich selbst ausgesetzt sah: „Die Glaubenserneuerer haben jederzeit ihre Ausflucht in diesem gesucht, dass sie, gleichsam als ein Recht der Wiedervergeltung, die Anschwärzung jener anwendeten, von welchen sie überwiesen worden, dass sie von der Religion und dessen wahren Glauben abwichen. Als man im 15ten Jahrhundert in diesem Stücke die Sektierer anpackte, haben sie schrecklich gelärmet wider die Sitten der römischen Kirche, auf eine scheußliche Art die Päbste und die Diener derselben geschildert. Als man die Irrthümer des Jansensius widerlegte, sind seine Anhänger mit voller Gewalt auf die Casuisten, sonderbar unter den Jesuiten gefallen, und haben, gleichwie die Sachwalter vor den Richterstühlen eine Klageschrift mit allem anzufüllen pflegen, was die Gegenparthey verhaßt machen kann, in ganz Europen einen Lärmen mit allem dem ausgebreitet, was sie gehört, oder ausgedichtet hatten, die Ehre und Achtung ihrer Widersacher niederzuschlagen. Alle Welt ist von ihnen mit grausamsten Stachelschriften, mit schimpfVollesten Bücher wider die Päbste, wider die Bischöfe, wider die öffentlichen Lehrer, wowohl weltlichen als geistlichen Standes, hauptsächlich wider die Jesuiten überschwemmet worden."232 Eine strukturell analoge Einsicht in den instrumentellen Charakter von Gefahrenzuschreibungen fand sich vier Jahre später in einer Schrift, die gleichwohl eine kollektive Gegnergruppe identifizierte und durch Nachweis ihrer bedrohlichen Qualitäten zu bekämpfen suchte. In Adolph Freiherr von Knigges 1781 unter Pseudonym veröffentlichter Schrift Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer, die später noch genauer zu beleuchten ist, waren es die Angehörigen des offiziell aufgehobenen, im Geheimen aber aktiver als je agierenden Jesuitenordens, die „beständig von Verbiethung gefahrlicher Bücher" reden und „Vorschläge zu Bücher-Verbothen und Inquisitionen" unterbreiten würden. Die permanente Beschwörung der Gefahren für Gottesfurcht und Religion bildeten dem Reorganisator von Adam Weishaupts Illuminatenorden zufolge jedoch nur ein Mittel fur weitreichende, doch verborgene Ziele: „Haben diese Klagen einmal Gehör gefunden; so haben sie nun ein offnes Feld, alle Menschen, welche sie hassen, und ihren Absichten im Wege sind, bey dem gemeinen Volk für Freydenker und Jansenisten auszuschreyen, sie bey den Fürsten selbst durch den sechsten, siebenten Mund anzuschwärzen, verdächtig zu machen, von ihren Aemtern zu verdrängen, und ihren Sturz zu 231 Ebenda, S. 49. 232 Ebenda, S. 52f.

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befördern. Steht ihnen niemand mehr im Lichte, was sollte sie denn hindern, Barbarey und Dummheit wieder einzuführen, und auf solche ihr Reich zu bauen und zu befestigen?"233

1.4 Ergebnisse Vier Jahre nach dem Sturm auf die Bastille erscheint in Augsburg - sehr wahrscheinlich durch Angehörige des auch nach Ordenaufhebung in der Stadt verbliebenen Jesuiten-Kollegs St. Salvator um Aloys Merz und Joseph Anton Weissenbach produziert - eine deutsche Übersetzung von Henri Michel Sauvages „Beweisschrift" unter dem dem Titel Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, wo die gräuelvollen Anschläge der Jansenisten zum Verderben des Christenthumes und zum Sturz der katholischen Staaten sind geschmiedet worden.™ Bereits die ersten Absätze der „Vorrede zur deutschen Auflage" verdeutlichen, in welchen aktuellen Kontext sich die Veröffentlichung stellt: „Filleau, ein königlicher Rath, und der gerichtliche Angeber dieser berüchtigten Zusammenkunft in Bourgfontaine mag nun ein wahrhafter Zeuge, oder aber ein wahrhafter Prophet gewesen seyn, mag aus der Völle des Herzens, was er von dieser Zusammenkunft wusste, gesagt, niedergeschrieben, oder mit dem Blicke eines Sehers in die Zukunft gelesen haben: Die Zeit hat es nun einmal entschieden: Frankreich ist nicht mehr das christlichste Reich, Frankreich ist ohne König und Glauben, eine Mördergrube, ein Scheusal aller Nationen. Die Jansenisten mögen sich nun der Mißgeburt freuen, die sie nach einem vollen Jahrhunderts auf die Welt gebracht haben."235

233 Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer. Hrsg. von Joseph Aloisius Maier, der Gesellschaft Jesu ehemaligen Mitgliede [Adolph von Knigge]. Leipzig 1781, S. 70. 234 Schon 1791 hatten die publizistisch überaus aktiven Ex-Jesuiten das 1787 in Italien erschienene Buches La lega della teologia moderna colla filosofia ai danni della chiesa di Gestt Cristo übersetzt; veröffentlicht wurde es u.d.T. Allianz der neuen Theologen mit der Philosophie wider die Kirche Jesu Christi in der von Aloys Merz redigierten Reihe Neueste Sammlung jener Schriften, die von einigen Jahren her über verschiedene wichtige Dinge zur Steuer der Wahrheit im Druck erschienen sind. 235 [Henri Michel Sauvage:] Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine [...] Bd. 1, S. V. Die Beschreibungen eines fundamentalen Werteverlustes glichen einer Dokumentation, die als Bekanntmachung eines Verschwörungsplanes gegen die allgemeine Ruhe von Europa an alle Mächte desselben seit dem Juli 1790 durch die deutschen Zeitschriften zirkulierte und etwas später als Quellenfiktion der gegenrevolutionären Propaganda erwiesen wurde. Hier hieß es u.a.: „Frankreich hat keine Religion mehr. Ihre Lehrsätze sind unter die Füße getreten; ihre Sittenlehre ist lächerlich gemacht [...] Frankreich hat keine Sitten mehr [...] Es hat keine Gesetze mehr [...]"; zit. n. dem Abdruck in: Journal von und fur Deutschland 7 (1790), Siebentes Stück, S. 3-12, hier S. 7. Ausfuhrlich 4. 2.

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Eine Steigerung der Inkriminierung wie des Verschwörungsverdachts vollzog der nachfolgende Absatz, in dem es hieß: „Die Nachwelt wird einst staunen, .. dass sich zahlreiche Völker, weitläufige Königreiche, einsichtsvolle Cabinette auf eine so sonderbare Art täuschen ließen, oder getäuscht zu seyn anstellten, gleich als hätten sie von einem wehrlosen Orden ihre gänzliche Umwälzung im Ernste gefurchtet, da sie inzwischen kein Auge hatten, dort, wo man wirklich drohte, Gefahr zu sehen, vielmehr eine heillose Sekte begünstigten, die, was sie mit Worten verwarf, im Werke allmählig bereitet hat. Aber uns, die wir diese Gräuel erlebet haben, würde ein müßiges Staunen nicht genügen. Lasset uns zuerst einen und den andern Ausspruch der erhabensten Männer Frankreichs mit mehr Aufmerksamkeit vernehmen, mehr beherzigen, und uns zu Nutze machen, als es die französischen Gerichtshöfe thaten, und dann jenen Schriftstellern, welche noch heutigen Tages den Jansenismus ein Hirngespinst, ein Schreckenbild zu nennen sich erdreisten, den gehörigen Plaz anweisen."236 Die Aussage über den „wehrlosen Orden", von dessen angeblicher Gefahr sich „zahlreiche Völker, weitläufige Königreiche, einsichtsvolle Cabinette auf eine so sonderbare Art täuschen ließen, oder getäuscht zu seyn anstellten", zielte auf die Gesellschaft Jesu, die durch Clemens XIV. im Juli 1773 aufgehoben worden war. Die „wirkliche" Gefahr durch eine angeblich konspirativ agierende „heillose Sekte" („die, was sie mit Worten verwarf, im Werke allmählig bereitet hat") bestand nach Aussage des Textes dagegen im Wirken der Jansenisten; die Aufforderung, „einen und den andern Ausspruch der erhabensten Männer Frankreichs" zu hören, sollte den Leser fur die nachfolgend zitierten antijansenistischen Stellungnahmen aus der Feder politischer und religiöser Autoritäten sensibilisieren. Die scharfe Wendung gegen ,jene Schriftsteller, welche noch heutigen Tages den Jansenismus ein Hirngespinst, ein Schrekkenbild zu nennen sich erdreisten", richtete sich eindeutig gegen die 1776 veröffentlichte Schrift Der Jansenismus, ein Schreckenbild fiir Kinder des katholischen Theologen Markus Anton Wittola und dessen Parteigänger. Mit charakteristischer Metaphorik setzte die Vorrede eine Gegnerbeobachtung fort, die sprachliche Figuren der Visibilisierung des Unsichtbaren mit religionsgeschichtlich vertrauten Begriffen zur Stigmatisierung kollektiver Häresie verband: „Wo man auch in unserm Deutschland immer hinblickt, wird man die Schlangentritte dieser heillosen Secte gewahr." 237 - Diesem Muster folgten im Haupttext zahlreiche weitere Anspielungen auf aktuelle Debatten innerhalb der deutschen Aufklärungsbewegung. Schon in der zweiten Anmerkung wurde die 1778 durch Gotthold Ephraim Lessing herausgegebene Abhandlung Zweck Jesu und seiner Jünger zum Werk eines „Deisten" erklärt und im Verbund mit der 1784 anonym veröffentlichten Bibelkritik Horns von Christian Ernst

236 [Henri Michel Sauvage:] Beweis [...] Bd. 1, S. VI. 237 Ebenda, S. VIII; Hervorhebungen von mir, R.K.

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Wünsch scharf verurteilt;238 an späterer Stelle galt Lessing mit „hundert andern ächten Maurern" als einer der „öffentlichen Deisten", die einen vermenschlichten Gott nicht zuliessen und die „Menschwerdung des göttlichen Wortes ... für eine unterschobene Geschichte hielten".239 Tolerant gesinnte Freimaurer wurden als „öffentliche Deisten" denunziert, die keine Gottesdienste besuchten; in masonischen Gesangbüchern und in Logenreden könne man den „klaren Deismus" anstaunen.240 Die wortreich behauptete, doch argumentativ nicht begründete Gleichsetzung von Jansenismus und Deismus einerseits und Deis238 Ebenda, S. 5, Anm. 2. Das 1784 im fingierten Verlagsort Ebenezer, „im Verlage des Vernunfthauses" anonym veröffentlichte Buch Horns oder Astrognostisches Endurtheil über die Offenbarung Johannis, und über die Weissagungen auf den Messias, wie auch über Jesum und seine Jünger hatte eine heftige Kontroverse hervorgerufen; noch im Erscheinungsjahr dieser radikalaufklärerischen Kritik an der Offenbarungsreligion publizierte der Ex-Jesuit Joseph Anton Weissenbach seine Kritik u.d.T. Der letzte Vorboth des neuen Heidenthums, Horns! (Basel 1784) und enttarnte hier Christian Ernst Wünsch als den verborgenen Verfasser; vgl. Michael Schaich: „Religionis defensor acerrimus". Joseph Anton Weissenbach und der Kreis der Augsburger Exjesuiten. In: Christoph Weiß, Wolfgang Albrecht (Hrsg.): Von „Obscuranten" und „Eudämonisten". Gegenaufklärerische, konservative und antirevolutionäre Publizisten im späten 18. Jahrhundert. St. Ingbert 1997, S. 77-126, hier S. 95 und 120. Im Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine hieß es gegen Wünschs Buch: „Der ganze gottlose Inhalt des Buchs Horns ist, die heil[ige] Bibel zum Fabelwerke zu machen, besonders aber die Apocalypse Johannis zu einem unsinnigen astrologischen Werke herabzusetzen, Christum den Herrn zum puren Menschen, zum Betrüger etc. Welche Lästerungen!!!" - Nach Veröffentlichung des von Hermann Samuel Reimarus verfassten und 1778 durch Lessing herausgegebenen „Fragment des Wolfenbütteischen Ungenannten" Von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger erschienen umgehend heftige Proteste, u.a. Beleuchtung der neuesten Angriffe auf die Religion Jesu besonders der Schrift : Von dem Zweck Jesu und seiner Jünger, aufgesetzt von Friedrich Wilhelm Mascho (Hamburg 1778); Kurze Wiederlegung der Schrifft von dem Zweck Jesu und seine Jünger, von Johann Philipp Burckhard Asbrand (Cassel 1779). In den Streit mischte sich auch Johann Salomo Semler mit seiner Beantwortung der Fragmente eines Ungenannten insbesondere vom Zweck Jesu und seiner Jünger (Halle 1779). 239 [Henri Michel Sauvage:] Beweis von der Wirklichkeit der Zusammenkunft in Bourgfontaine, S. 362. 240 Ebenda, S. 361, Anm. 67. Die zahlreichen aktualisierenden Anmerkungen folgten fast durchgehend diesem Prinzip einer Universalisierung der konspirationistischen Vorwürfe. Den kollektiv vorverurteilten Jansenisten wurden alle erdenklichen Formen von Bosheit und List zugeschrieben, die sie unter dem Deckmantel der „Freigeisterei" und „Aufklärung" verbargen. Bezeichnenderweise hieß es bereits in der ersten Anmerkung: „Schon von jeher behaupten die Anhänger des Jansenismus, oder des eigentlichen Deismus: Es gebe keine Jansenisten; und sie haben recht, dem Namen nach giebt es keine, denn itzt haben sie sich unter die allgemein beliebten Namen der Philosophen, der starken, der aufgeklärten, der schönen Geister verhüllet; unter diesen blendenden Namen fahren sie fort, den im Jahre 1621 zu Bourgfontaine durch einen Eid bekräftigten Schluß, die natürliche Religion, das ist, den ächten Deismus auszubreiten, zu vollziehen." (Ebenda, S. 3; Hervorhebungen im Original.) Damit gewann die Verschwörergruppe universale Züge: Zwischen Jansenisten, Deisten und Atheisten wurden alle Unterschiede verwischt; umstandslos galten sie als „Ketzer", „ketzerische Rotte" und Vertreter des „Bösen".

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mus und Aufklärungsphilosophie andererseits ermöglichte endlich einen Schluß, der das bereits 1654 generierte Szenario von einer Geheimkongreß in der Kartause von Bourg-Fontaine mit einer seit den 1740er Jahren kolportierten Rede von „philosophischen Sekten" verknüpfte und in die unmittelbare Gegenwart überführte: „Wer die heutigen Reformations-Broschuren und Bücher der Religionsreiniger und Aufklärer liest, mit welchen die christlichen Staaten gleich einer reissenden Wasserflut alltäglich überschwemmet werden, muß gestehen, dass die heutige philosophische deistische Sekte das ächte, wahre, und lebende Bild der Bourgfontainischen Verschwörung, nämlich jenes siebenköpfigen apokalytischen Thieres sey, von welchem im 13ten Kapitel der Offenbarung Johannis gehandelt wird."241 Die so vollzogene Aktualisierung eines im 17. Jahrhundert generierten Verschwörungsszenarios erlaubt mehrere Beobachtungen. Zum einen demonstriert die 1793 veröffentlichte Übertragung von Sauvages „Beweis" nochmals die explanative Funktion von Zuschreibungen, die mit personalisierenden Kausalattributionen die kollektive Akzeptanz von Wissensansprüchen zu erklären suchten und die Auffassung intellektueller Opponenten nicht als konträr und diskutabel, sondern als falsch bzw. abweichend wahrnahmen: Die Konstruktion einer Kontinuitätslinie zwischen dem stigmatisierten Reformanspruch der „Bourgfontainischen Verschwörung" und den „heutigen ReformationsBroschuren und Bücher der Religionsreiniger und Aufklärer" erklärte die massenhafte Verbreitung und den Erfolg von (aus der Beobachterperspektive signifikanten) Irrtümern bzw. Irrlehren durch ihre Rückführung auf verabredete Handlungskoordinationen von Subjekten, die an der Durchsetzung dieser Irrtümer ein eigenes (verborgenes) Interesse hätten. Die auf ethische Qualitäten der personalen Träger von Wissensansprüchen rekurrierenden Konstruktionen reagierten - und das erlaubt weitergehende Einsichten in funktionale Kontinuitäten von Verschwörungsszenarien - auf eine als „Gefahr" empfundene Renovierung bzw. Vervielfältigung von Wissensansprüchen im Rahmen epistemischer Situationen, in denen neue Auffassungen als destabilisierend bewertet wurden. Die Bedingungen für eine solche Bewertung waren überaus komplex und keineswegs nur ein Signum des angeblich finsteren Mittelalters. Wenn etwa das für jesuitische Bildungsstätten des 17. Jahrhunderts maßgebliche Regelwerk Ratio Studiorum in seiner Fassung von 1599 explizit vorschrieb, sich selbst dann vor neuen Lehren zu hüten, wenn diese keine Gefahr für Glauben und Frömmigkeit darstellten,242 war damit eine Basis geschaffen, von der aus die Theologische Fakultät der Pariser Universität ebenso sowie der am renommierten Jesuiten-Kolleg von La Fleche ausgebildete Theologe Marin

241 Ebenda, S. 63f. 242 A. Demoustier et al. (Eds. & Trans.): Ratio Studiorum. Plan raisonne et institution des etudes dans la Compagnie de Jesus. Paris 1997, S. 104.

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Mersenne und der Arzt und Astrologe Jean-Baptiste Morin (der nach Untersuchungen in transsylvanischen Bergwerken eine Nova Mundi sublunaris anatomia verfaßt hatte) in einer 1624 geführten Debatte um die Lehre des Aristoteles die dagegen opponierenden „neuen Philosophen" als Aufrührer, schlechte Charaktere und arrogante Gegner eingeführten Wissens disqualifizieren konnten.243 Die Gründe dieser Ablehnung sind hier nur anzudeuten: Sie resultierte zum einen aus der Bindungen an kanonische Autoritäten in der akademischuniversitären Wissensvermittlung; zum anderen aus der Erfahrung eines seit 1562 tobenden konfessionellen Bürgerkriegs, dessen in der BartholomäusNacht kulminierender Schrecken noch Michel Montaigne in der 1588 verfertigten Version seiner Essais vor den Folgen von „nouvellete" warnen lassen sollte.244 Doch mehr noch. Die seit Mitte der 1620er Jahre in Frankreich zu beobachtenden Polemiken gegen „libertins erudites" dokumentieren wie die späteren Angriffe auf die „sectes philosophiques" einen Prozeß, der als charakeristisch für die Ausgestaltung konspirationistischer Projektionen angesehen werden kann: Hatte man schon namhafte Repräsentanten abweichender Ideen wie den 1619 in Toulouse als „Athetisten" verbrannten Julius Caesar Vanini oder den 1624 in Paris angeklagten Poeten Theophile de Viau als bedrohliche „Freigeister" behandelt,245 wurden religiöse oder weltanschauliche Heterodoxien nun zunehmend als öffentliche Angelegenheit wahrgenommen, deren zu

243 Nachdem Jean Bitaud, Antoine Villon und Estienne de Clave am 23. August 1624 in Paris 14 gegen die aristotelische Philosophie gerichtete Thesen annonciert und zu einer öffentlichen Disputation eingeladen hatten, verbot das Pariser Parlament die Disputation und untersagte jede weitere Lehrtätigkeit, die sich gegen die Autoritäten richtete. Im Bericht der Theologischen Fakultät der Sorbonne an das Parlament hieß es explizit: „Nichts ist dem christlichen Gemeinwesen gefahrlicher und sollte, den Urteilen der Väter entsprechend, mit größerer Vorsicht behandelt werden als das Neue; besonders wenn dieses Neue offenkundig gegen das wahre Wissen und die eingeführten theologischen Lehren gerichtet ist." Hier zitiert nach dem Abdruck in Daniel Garber: Defending Aristotle / Defending Society in Early 17th Century Paris. In: Wolfgang Detel, Claus Zittel (Hrsg.): Wissensideale und Wissenskulturen in der frühen Neuzeit. Berlin 2002, S. 135-160, S. 156. Dazu auch Didier Kahn: Entre atomisme, alchimie et theologie: La reception des theses d'Antoine de Villon et Estienne de Clave contre Aristote, Paracelse et les 'cabalistes' (24-25 aoüt 1624). In: Annals of Science 58 (2001), S. 241-286. 244 Michel Montaigne: Essais. Paris 1962. Vol I, S. 126f. Zum konfessionellen Bürgerkrieg in Frankreich siehe Mark P. Holt: The French Wars of Religion, 1562-1629. Cambridge 1995; spezieller Barbara B. Diefendorf: Beneath the Cross: Catholics and Huguenots in Sixteenth Century Paris. Oxford 1991. Die nach der Ermordung von Heinrich IV. im Mai 1610 erneut aufflammenden Zwistigkeiten, die bis zu Richelieus Ernennnung zum Ersten Minister im Staatsrat von Ludwig XIII. im August 1624 andauerten, behandelt Victor L. Tapie: La France de Louis XIII et de Richelieu. Paris 1967. 245 Vgl. u.a. J. S. Spink: French Free-Thought from Gassendi to Voltaire. New York 1960, zu Vanini hier S. 28-42, zu Theophile de Viau S. 42-45; Emil Namer: Documents sur la vie de Jules-Cesar Vanini de Taurisano. Bari 1965; ders.: La vie et l'ceuvre de J. C. Vanini, Prince des Libertins, mort ä Toulouse sur le bücher en 1619. Paris 1980; Antoine Adam: Theophile de Viau et la libre pensee francaise in 1620. Geneva 1966.

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kollektiven Gruppen zusammengefaßten Vertretern man unterstellte, die „wahre Philosophie" unter d e m „Deckmantel v o n Sophismen" zu unterwandern und z u m „Atheismus" zu führen. 246 ( W i e weitreichend die aus dieser Verfolgung resultierende A n g s t vor freier Meinungsäußerung war, zeigen nicht zuletzt die von Rene Descartes 1644 veröffentlichten Principia Philosophiae: Bis heute ist ungeklärt, ob das von ihm gewählte Darstellungsverfahren eines rein hypothetischen Vortrags über die Prinzipien der körperlichen Dinge, die sichtbare Welt und die Erde seiner Einsicht in den notwendig hypothetischen Status unserer Erkenntnis korrespondierte oder gewählt wurde, um der Verfolgung durch die Inquisition zu entgehen. 2 4 7 ) In einem konfessionell ganz anders beschaffenen Zusammenhang erklärte der Latitudinarianer Joseph Glanvill 1676 das Erneuerungsbedürfnis religiöser Innovatoren zur Ursache für die Entstehung von Irrlehren und Anarchie. Der Verbund v o n „certain Zealous Persons [ . . . ] that pretended to extraordinary Illuminations, and to more purity, strictneß, and Spirituality, than other Christians" nehme für sich individuelle Erleuchtung in Anspruch, die aber - w i e Glanvill an der puritanischen Lehre v o m inner light zu demonstrieren versuchte - in den Zustand allgemeiner A u f l ö sung führe: „all places were fill'd with N e w Lights, and those Lights were so many Wild-Fires, that put all into Combustion". 248 246 So etwa Marin Mersenne: Quaestiones celeberrimae in Genesim. Paris 1623, col. 714; zit. n. Daniel Garber: Defending Aristotle [...] S. 145f.: „Ich warne jeden, sich vor neuen Meinungen in Acht zu nehmen, welche in diesen Tagen unter dem Deckmantel mancher Sophismen zur Subversion der wahren Philosophie und zum Atheismus führen. Verfolgst Du sie genau, so enthüllen sie ihre Schwäche; und du wirst rasch beurteilen können, dass sie einem schwachen Geist entspringen [...]" Ähnlich ders.: Impiete des deistes. Paris 1624, S. 239, zit. n. Daniel Garber: Defending Aristotle [...], S. 145, wo Mersenne den Atomisten Nicholas Hill, die Epikureer und prinzipiell alle AntiAristoteliker in einen Topf warf: „au bout du conte ils sont tous Heretiques". Es ist wohl kein Zufall, dass Mersenne in diesem Zusammenhang eine „Enzyklopädie des Irrtums" plante und darin Naturphilosophen wie Basso, Campanella und Hill im Verbund mit Deisten wie Bruno, Vanini und Cardano behandeln wollte. Eine Assoziierung von Naturphilosophie mit Atheismus und Häresie fand sich auch in England; vgl. John Channing Briggs: Bacon's science and religion. In: Marrku Peltonen (Ed.): The Cambridge Companion to Bacon. Cambridge 1996, S. 172-199, hier S. 174, 197. Als exemplarisch für die späteren Angriffe auf die „philosophischen Sekten" siehe Jean Baptiste Souchay: Memoire sur les sectes philosophiques. Paris 1743; dazu Arnos Hofmann: The origins of the theory of the „philosophe" conspiracy. In: French History 2 (1988), No. 2, S. 152-172. 247 Vgl. dazu jetzt die neu erstellte, terminologischen Unterscheidungen genau Rechnung tragende Übersetzung der Principia Philosophiae durch Christian Wohlers (Hamburg 2005), Einleitung. 248 Joseph Glanvill: Anti-fanaticall Religion, And Free Philosophy. In a Continuation of the New Atlantis. In: Ders.: Essays on Several Important Subjects in Philosophy and Religion. London 1676. Reprint Hildesheim 1979, S. 4f. Schon vorher wurde als Resultat der Tätigkeit puritanischer Sekten die „confusion of Independent Anarchy" bestimmt; so Simon Patrick: A Brief Account of the new Sect of Latitude-Men. Together with some reflections upon the N e w Philosophy. London 1662, S. 8. Als Reaktion auf

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Zu vermuten bleibt, dass die Generierung von Verdächtigungen gegen kollektiv verbundene Akteure eine Reaktion auf reale bzw. imaginierte Gruppenbildungen innerhalb eines zunehmend dichter vernetzten kulturellen Feldes war. Hatten schon die 1614/15 in Kassel erschienenen „RosenkreuzerManifeste" Fama Fraternitatis oder Entdeckung der Brüderschaft des hochlöblichen Ordens des R.C. und Confessio Fraternitatis, oder Bekenntniss der löblichen Brüderschaft des hochgeehrten Rosenkreuzes im Verbund mit der erstmals 1616 gedruckten Schrift Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz eine europaweit geführte Debatte über das angebliche Arkanwissen der geheimnisumwitterten Assoziation ausgelöst und nicht nur Rene Descartes zur (vergeblichen) Suche danach bewogen, 2 4 9 führten die im Sommer 1623 in Paris auftauchenden Ankündigungen einer französischen Rosenkreuzer-Sektion zu

die Sprachpraxis von Sekten, die sich in „phrases" und „Chymerical Ciothings" erschöpften, propagierte Glanvill einen piain style, der als ein Signum für den das 17. Jahrhundert prägenden Prozeß der Normierung und Differenzierung regulierter Rede aufgefaßt werden kann; orientierend dazu Richard Nate: Wissenschaft und Literatur im England der Frühen Neuzeit. München 2001, S. 130-139. 249 Die unmittelbar nach Erscheinen einsetzende Diskussion um die Existenz einer Rosenkreuzer-Bruderschaft wie auch die seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geführte Debatte um die Autorschaft der 1614 in Kassel erschienenen Fama Fraternitatis oder Entdeckung der Brüderschaft des hochlöblichen Ordens des R.C. und Confessio Fraternitatis, oder Bekenntniss der löblichen Brüderschaft des hochgeehrten Rosenkreuzes sowie der erstmals 1616 gedruckten Schrift Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz kann hier nicht nachgezeichnet werden. Erst spät, dann jedoch mit zunehmender Sicherheit wurde der Württembergische Theologe Johann Valentin Andreae (1586-1654) als Verfasser benannt. Andreae bekannte später selbst die Urheberschaft für die Chymische Hochzeit, die er als Jugendarbeit 1602/03 verfasst haben wollte, um das schon zu seiner Zeit virulente Streben nach Geheimwissen satirisch zu behandeln. Obwohl er mehrfach wiederholte, dass auch die beiden Erstschriften über die RosenkreuzerBrüderschaft nur Erdichtungen seien, blieb ein Bekenntnis einer eigenen Autorschaft dafür aus. Eine umfassende Gesamtdarstellung bietet Hans Schick: Das ältere Rosenkreuzertum. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Freimaurerei. Berlin 1942, wobei anzumerken ist, dass Schick - der sich mit dieser Arbeit 1942 an der Reichsuniversität Straßburg habilitierte - seit April 1934 als ein von Franz Alfred Six hoch geschätzter Spezialist im Amt II/1 („Weltanschauliche Auswertung") des Sicherheitsdienstes der SS wirkte, bevor er zum Leiter des RSHA-Referates VII Β 5 („Wissenschaftliche Bearbeitung von Inlandproblemen") avancierte. Schick klärte die umstrittene Verfasserfrage der anonymen Fama, Confessio und Chymische Hochzeit, in dem er ihnen mit Will Erich Peukert und gegen Richard Kienast den Tübinger Theologen Johann Valentin Andreae als Autor zuordnete. Der eigentliche Wert seiner Arbeit aber bestand in einer Rubrizierung der etwa 200 Schriften, die als Reaktion auf die Rosenkreuzer-Manifeste entstanden waren und in einer Rekonstruktion der Zusammenhänge, die zwischen der pansophischen Gedankenwelt Andreaes und der seit Ende des 17. Jahrhunderts hervortretenden masonischen Vorstellungswelt bestanden. Aktuell dazu Cimelia Rhodostaurotica: Die Rosenkreuzer im Spiegel der zwischen 1610 und 1660 entstandenen Handschriften und Drucke. Amsterdam 1995; zur Descartes' Suche siehe 2. 2. 2.

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einer intensivierten Reproduktion v o n Vermutungen und Spekulationen. 2 5 0 In England, w o bereits Francis B a c o n die „sons o f Science" als eine v o m allgemeinen Austausch abgegrenzte Gemeinschaft beschrieben hatte, verwahrten sich Assoziationen von empirisch orientierten Naturforschern g e g e n universalisierende Ansprüche radikaler Puritaner: Man experimentierte privat und diskutierte in der Regel per Korrespondenz, bevor sich Gleichgesinnte - nicht zuletzt unter dem Einfluss des Übersetzers und Gelegenheitsdiplomaten Theodor Haak, der gemeinsam mit Samuel Hartlib den legendenumwobenen England-Besuch des Pansophisten Jan Arnos Comenius im Jahre 1641 vorbereitet hatte - ab 1645 allwöchentlich versammelten und in diesem von Robert B o y l e als „invisible college" bezeichneten Gremium naturwissenschaftliche Experimente ebenso w i e Zahlenmystik und Sprachmagie disputierten. 25 ' A u s dieser Keimzelle ging die 1662 in London begründete und 1663 durch Karl II. als „Königliche privilegierte Gesellschaft" inkorporierte Royal Society Of London For the Improving of Natural Knowledge hervor. 252 U n d in Italien florierten seit die Geheimgesellschaften und Privatakademien der nobilitas litteraria und der societas erudita, zu denen während einer Reise ad fontes 1638/39 auch

250 Dazu jetzt Didier Kahn: The Rosicrucian Hoax in France. In: William R. Newmann, Anthony Grafton (Eds.): Secrets of Nature: Astrology and Alchemy in Early Modern Europe. Cambridge 2001, S. 235-344. 251 Vgl. Dorothy Stimson: Comenius and the Invisible College. In: Isis 23 (1935), S. 373-388; Charles Webster (Ed.): Samuel Hartlib and the Advancement of Learning. Cambridge 1970. 252 Vgl. Michael Hunter: Establishing the new science. The experience of the early Royal Society. Woodbridge 1989. Eine (programmatisch ausgerichtete) History Of The RoyalSociety Of London For the Improving of Natural Knowledge legte der später als anglikanischer Bischof wirkende Thomas Sprat schon 1667 vor; dazu Paul B. Wood: Methodology and Apologetics: Thomas Sprat's History of Royal Society. In: British Journal for the History of Science 13 (1980), S. 1-26. Eine alternative Deutung entwickelte Joseph Glanvil unter dem Baconschen Titel Plus Ultra: Or, The Progress and Advancement Of Knowledge Since the Days of Aristotle 1668; siehe dazu Klaus Reichert: Joseph Glanvil's Plus Ultra and Beyond: Or How to Delay the Rise of Modem Science. In: Y. Ezraki u.a. (Eds.): Technology, Pessimism, and Postmodernism. Dordrecht 1994, S. 39-52. - Nicht zu diskutieren ist in diesem Kontext die von Robert K. Merton erstmals 1937 formulierte und seitdem intensiv debattierte These, dass puritanische Wissenschaftlerzirkel den Aufschwung und die Professionalisierung der frühneuzeitlichen Wissenschaft bewirkten. Wichtiger scheint in diesem Zusammenhang ein anderer Bezug, der sich in Sprats wie Glanvils historischen Darstellungen fand: Als die Royal Society wegen angeblich irreligiöser Tendenzen durch die High Church angegriffen wurde, nutzten anglikanische Apologeten die Gedankenfigur der millenarischen Verheißung und beschrieben die Forschungsgemeinschaft als Verwirklichung des von Francis Bacon projektierten „House of Salomon" im Inselstaat Nova Atlantis; dazu K. Reichert: In diesem Herbst der Welt. Francis Bacons Begründung der Wissenschaft aus dem Geist der apokalyptischen Verheißung. In: W. Detel, C. Zittel (Hrsg.): Wissensideale und Wissenskulturen in der frühen Neuzeit, S. 239-257, hier S. 246.

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John Milton Zugang fand, der im Poem Paradise Lost eine Rebellion Satans gegen den göttlichen Heilsplan gestalten sollte.253 Das mehrfach transformierte Szenario von einer Jansenistenverschwörung in der Kartause von Bourg-Fontaine dokumentiert jedoch nicht nur die Funktionen konspirationistischer Narrationen, die als komplexitätsreduzierende Erklärungen abweichender Geltungsansprüche stets auch Aufgaben der Krisenbewältigung übernahmen. Die Ausgestaltungen einer erstmals 1654 formulierten und bis ins 19. Jahrhundert fortgeschriebenen Komplott-Unterstellung von Jean de Filleaus Relation juridique über Sauvages „Demonstration" bis zur Autorisierung durch angeblich authentische Dokumente aus dem innersten Zirkel der vermeintlichen Verschwörer - demonstrieren zugleich einen Formwandel, der von der Attraktivität eines scheinbar überzeugenden Musters zehrte und diese Konstruktion in divergierenden Figurationen entfaltete. Was Umberto Eco an den Variationen von Text-Bausteinen zu den seit 1919 in Westeuropa zirkulierenden Protokollen der Weisen von Zion beobachtet und knapp benannt hatte, kann als Merkmal des neuzeitlichen Konspirationismus seit seinen Anfangen bezeichnet werden: Verschwörungstheoretische Narrationen nehmen das Konzept einer dezessionistischen Konzeptualisierung sozialen Verhaltens auf, rekombinieren vorgefertigte Elemente und aktualisieren sie entsprechend den Parametern der gegebenen politischen, kulturellen und epistemischen Situation. In ihrer variieraden Distribution folgen sie ähnlichen Mustern, die sich den Pionieren der amerikanischen Äwwor-Forschung Gordon W. Allport und Leo Postman zufolge auch bei der Verbreitung von Gerüchten beobachten lassen. Die an William Sterns Untersuchungen zu den Formen des Auslassens, Veränderns und Hinzufügens von Nachrichten anschließenden Explorationen hatten levelling, d.h. die Einebnung von Besonderheiten und Details, sharpening, d.h. die monosemierende Ausrichtung der Botschaft auf eine konkrete und einprägsame Nachricht und assimilation, also die von Distributoren realisierte Anpassung der Nachricht an die Umstände ihrer Erzählung, als grundlegende Muster bezeichnet. Gleichzeitig betonen sie die Kontextabhängigkeit der Informationsweitergabe: Sozialer und emotionaler Situation von Sprecher und Hörer entsprechend, werden Aspekte exponiert, die bis zu einer umfassenden Modellierung des erzählten Geschehens durch narrative Instanzen führen können. Lassen sich Gerüchte so als „Projektion ganz und gar emotionaler Bedingungen" bestimmen,254 werden nun auch die projektionisti253 Vgl. Paolo Galuzzi: The Renaissance Academies. In: Tore Frängsmyr (Ed.): Solomon's House Revisited: The Organization and Institutionalization of Science. Canton 1990, S. 303-321; zu Miltons Einfuhrung in das Privatkolleg „dei Nobili" und die Akademie der „Oziosi" durch Giovanni Battista Manso siehe Horst Meiler: Der National-Epiker als Ireniker: John Miltons Themenwahl für sein Verlorenes Paradies im Kontext der konfessionspolitischen Bürgerkriege. In: Klaus Garber (Hrsg.): Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit. Tübingen 1989, S. 516-553, hier S. 522. 254 Gordon W. Allport, Leo Postman: The Psychology of Rumor, S. 43.

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1. Genese des neuzeitlichen Konspirationismus

sehen Elemente von Konspirationstheorien klarer benennbar: Vom Wissensund Kenntnisstand ihrer erzeugenden und verbreitenden Instanzen geprägt, kanalisieren und rationalisieren sie deren Vorstellungen, Befürchtungen und Ängste durch Konstruktionsleistungen, die - wie Sauvages zahlreich übersetzte „Beweisschrift" dokumentiert - gesteigerte Beobachtungsfahigkeit mit radikalen Reduktionen auf der Deutungs- und Wertungsebene verbanden. Verschwörungsszenarien verraten also nur relativ wenig über die in ihnen beobachteten und fixierten Bedrohungsmächte, doch viel über die kognitiven und rhetorischen Dispositionen ihrer Generatoren. Damit aber fallt neues Licht auf die Genese des Konspirationismus in der Frühen Neuzeit und seine Transformationen in einer Zeit, die sich selbst als „Jahrhundert des Lichts" verstand. Als zumindest rational konzipierte Verfahren partizipierten die bislang betrachteten Konspirationstheorien an einer Aufklärung, deren ambivalenter Charakter von der Forschung seit längerem thematisiert und diskutiert wird.255 Zugleich verweist der für konspirationistische Szenarien des 17. und 18. Jahrhunderts charakteristische Anschluss an vormoderne Separationen von Ecclesia visibilis universalis und häretischen Sekten auf subkutane Kontinuitätslinien, die im Zeitalter der Aufklärung weiterwirken und im Verbund mit der Fabel von der Jansenistenverschwörung auf Bourg-Fontaine bis in das 19. Jahrhundert kolportiert werden konnten. Denn als Karl August von Reisach der unter dem Einfluss des romantischen Staatstheoretikers Adam Müller zum katholischen Theologen gereift war und seit 1830 als Studienrektor am Kolleg der Propagandakongregation in Rom amtierte - in einer 1835 anonym erschienenen Schrift gegen katholische „Reformatoren" agitierte, erinnerte er mit charakteristischer Aktualisierung, doch ohne jede Reflexion der heftigen Diskussionen um ihren Wahrheitswert an die seit 1654 kursierende Fabel: „Wer kennt nicht die so berühmt gewordene Jansenisten-Verschwörung von Bourgfontaine vom Jahre 1621? [...] Hieraus kann man am besten ersehen, dass die Jansenisten stets die Verschworenen gegen Thron und Altar waren."256 Die in der Begriffskombination von der „Verschwörung gegen Thron und Altar" vollzogene Verknüpfung verschiedener konspirationistischer Vorstellungs-

255 Vor der Tendenz, die Selbstwahmehmungen zeitgenössischer Akteure zu verabsolutieren, warnte schon Max Wundt: Die deutsche Schulphilosophie im Zeitalter der Aufklärung. Tübingen 1945, N D Hildesheim 1964, S. 17. Zurückhaltung bzw. Skepsis gegen einen ungebrochen emphatischen Begriff von Aufklärung artikulieren jetzt u.a Rudolf Vierhaus: Was war Aufklärung? Göttingen 1995; Wolfgang Rod: Der Weg der Philosophie. Von den Anfangen bis ins 20. Jahrhundert. Bd. II: 17. bis 20. Jahrhundert. München 1996, S. 80; Robert Darnton: George Washingtons falsche Zähne oder noch einmal: Was ist Aufklärung? München 1996, S. 6; Werner Schneiders: Das Zeitalter der Aufklärung. München 1997, S. 7. 256 [Karl August von Reisach:] Was haben wir von den Reformatoren zu Offenburg, St. Gallen und anderen religiösen Stimmführern des katholischen Teutschlands unserer Tage zu halten? Mainz 1835, S. 88.

1.4 Ergebnisse

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komplexe aber war keineswegs eine Kreation des nach 1846 als Erzbischof von München und Freising wirkenden Kirchenmannes, der als Vorkämpfer eines ultramontanen Katholizismus agierte und 1855 zum Kurienkardinal in Rom ernannt wurde. In ihr verband sich vielmehr eine in der frühen Neuzeit ausgestaltete Verdachtslogik mit den seit der Französischen Revolution zirkulierenden Imaginationen über konspirierende Gegner der bestehenden staatlichen Ordnung. Ohne die Radikalisierung des Verschwörungsdenkens in der Zeit der Aufklärung aber wäre eine solche Kombination nicht möglich gewesen. Deshalb sind diese Entwicklungen jetzt genauer zu verfolgen.

2. Aufklärung und Gegenaufklärung „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung", dekretierte Immanuel Kant in seinem Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, der im Dezember 1784 in der Berlinischen Monatsschrift erschien und in eine durch den Rosenkreuzer Johann Friedrich Zöllner ausgelöste Debatte eingriff. 1 Nur wenige Seiten nach dieser berühmt gewordenen Bestimmung hieß es: „Ein Zeitalter kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine (vornehmlich so sehr angelegentliche) Erkenntnisse zu erweitern, von Irrtümern zu reinigen, und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten. Das wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nachkommen sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschlüsse, als unbefugter und frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen." 2

1

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift vom Dezember 1784. Zitiert nach I. Kant: Werke in zwölf Bänden. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M. 1977. Bd. 11, S. 53-61, hier S. 53. Zum Kontext vgl. Werner Schneiders: Die wahre Aufklärung. Zum Selbstverständnis der deutschen Aufklärung. Freiburg, München 1974; Norbert Hinske, Michael Albrecht (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Beiträge aus der Berlinischen Monatsschrift. Darmstadt 21977; HansDietrich Dahnke: „Was ist Aufklärung?" In: ders., Bernd Leistner (Hrsg.): Debatten und Kontroversen. Literarische Auseinandersetzungen in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts. Bd. 1. Berlin, Weimar 1989, S. 39-134; zum Gebrauch des horazischen Mottos vor Kant siehe F. Venturi: „Sapere aude!" In: ders.: Europe des lumieres. Recherches sur le 18e siecle. Paris, Den Haag 1971, S. 35-47. Wie die Auswertung des Wöllner-Nachlasses gezeigt hat, war der Initiator der 1783/84 in der BM geführten Debatte Johann Friedrich Zöllner ein Mitglied der Gold- und Rosenkreuzer; siehe Christina Rathgeber: Forschungsperspektiven zu dem Gold- und Rosenkreuzer-Orden in Norddeutschland. Ein Überblick. In: Helmut Reinalter (Hrsg.): Aufklärung und Geheimgesellschaften: Freimaurer, Illuminaten und Rosenkreuzer: Ideologie, Struktur und Wirkung. Internationale Tagung 22./23. Mai 1992 an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Bayreuth 1992, S. 161-166, hier S. 165.

2

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, S. 57f. Hervorhebungen von mir, R.K.

2. Aufklärung und Gegenaufklärung

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Was meinte der Königsberger Philosoph mit seiner Aussage über ein „Zeitalter", das sich „nicht verbünden und darauf verschwören" könne, einer nachfolgenden Zeit „Aufklärung" vorzuenthalten? Welchem Akteur schrieb er ein „Verbrechen wider die menschliche Natur" zu, gegen dessen „unbefugte" und in „frevelhafter Weise" gefassten „Beschlüsse" Widerstand „vollkommen berechtigt" sei? Formulierte er ein allgemeines Widerstandsrecht der Vernunft oder dachte er konkret an die von Friedrich Victor Leberecht Plessing und anderen Aufklärern übermittelten Berichte über eine Konjunktur von „Schwärmerei" und „Aberglauben", hinter der sowohl sein Schüler Plessing wie dessen Berliner Freunde Friedrich Nicolai, Johann Erich Biester und Friedrich Gedike den zwar seit 1773 aufgehobenen, angeblich aber im Geheimen aktiver denn je arbeitenden Jesuitenorden vermuteten? Eine Referenz auf aktuelle Ereignisse scheint durchaus möglich. Denn im Frühjahr des Jahres, in dem Kant seinen denkwürdigen Beitrag fur die Berliner Monatsschrift verfertigte, hatte er beunruhigende Post erhalten. Am 15. März 1784 schrieb Friedrich Victor Leberecht Plessing, der zwischen 1779 und 1783 in Königsberg Philosophie studiert hatte und nun in Wernigerode im Harz lebte, nach einer mit dem Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift Friedrich Gedike unternommenen Wanderung auf den Brocken an seinen ehemaligen Lehrer: „Durch Schwärmerei und Aberglauben steht uns allerdings (: traurigen Wahrscheinlichkeiten zufolge:) wieder große Einschränkung der Denk=Freiheit, ia, wohl noch was schlimmers bevor; und alle Rechtschaffne, die die Wahrheit lieben, zittern. Sie haben die eine Seite, von der Gefahr droht, gerathen: nur dass Sie sich dieselbe etwas zu gering vorstellen. Die Jesuiten sind vorzüglich diejenigen, welche, als Feinde der Vernunft und menschlichen Glückseeligkeit, itzt unter allen möglichen Gestalten und Konnexionen ihr Werk treiben. Dieser Orden ist mächtiger als jemahls, und er würkt allenthalben unter M-r-n, unter Katholiken und Protestanten; ein protestantischer König soll selbst heimlicher J-s-t sein: diese höllischen Geister haben die Herzen der Prinzen und Fürsten vergiftet; der Schein von Toleranz bei den Katholiken ist ein Werk, das von ihnen herkommt, und wodurch sie sogar die Protestanten suchen endlich unter den Katholicismus zu bringen. Geister bannen und dergleichen Schwärmereien, auch wohl Gold machen u.d.g. sind Dinge, die von den angesehensten Personen geglaubt werden: ich selbst habe zu Berlin in Gesellschaften von vornehmen Personen dergleichen gehört [...] So wie die Menschen immer wüthend gegen ihr eigen Heil, gegen Vernunft und Aufklärung gewesen, so geschieht dies nun auch gegenwärtig: die Protestanten suchen durch Errichtung von Gesellschaften, der Aufklärung (: wie sie sagen der Atheisterei, dem Werk des Teufels:) entgegen zu arbeiten: eine dieser Gesellschaften hat ihre Äste durch die Schweitz, Holland, Teutschland und Preußen ausgebreitet; sie ist auch in Königsberg: hier an diesem Ort, wo gesunde Vernunft auch gänzlich Kontre-Bande ist und lauter Abderiten leben, ist auch eine Loge dieser Gesellschaft (: Urlsperger von Augspurg hat sie gestiftet, in Berlin sind Silberschlag und Apitsch die bekannten Mitglieder davon , welche man öffent-

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung lieh nennen kann:), und hinter dergleichen Gesellschaften stekken sich auch die Jesuiten, um nur den Keim der Vernunft mehr zu erstikken, und den Saamen der Dummheit auszusäen." 3

Bei näherer Betrachtung von Plessings Schreiben fallen mehrere Parameter auf. Z u m einen finden sich bemerkenswert genaue A u s s a g e n über den Zustand und die Zukunftsaussichten des Projekts, d e m sich Lehrer und Schüler gemeinsam verbunden fühlten. D e n n eine folgenschwere Krise der Aufklärung, j e n e m großen Vorhaben zur Erlangung und Sicherung der „Denk=Freiheit", war schon seit Ende der 1770er Jahre nicht mehr zu übersehen. „Schwärmerei" und „Aberglauben", von Plessing explizit benannte Mittel zur Destruktion des selbständigen Vernunftgebrauchs, schienen wieder zu triumphieren, nachdem der katholische Pfarrer Johann Josef Gaßner 1774/75 als Teufelsaustreiber sensationellen Zulauf gefunden und die Erfolglosigkeit des aufklärerischen Kampfes g e g e n Teufels- und Wunderglauben demonstriert hatte. 4 Plessings Wandergefahrte und Stichwortgeber Friedrich Gedike hatte den vermeintlichen Verfall der aufgeklärten Vernunft in einem kurz zuvor gehaltenen Vortrag vor der Berliner Mittwochsgesellschaft markiert: „Überall wimmelt es von Theosophen und Chiliasten, Rosenkreuzern und Alchemisten, hermetischen Philosophen und Paracelsisten, Geistersehern und Geisterbannern, Inspirirten und apokalyptischen Träumern." 5 Kants Korrespondenzpartner aber ging weiter.

3

4

5

Friedrich Victor Leberecht Plessing an Immanuel Kant. Brief vom 15. März 1784. In: Kant's Briefwechsel. Bd. I 1747-1788. Berlin und Leipzig 2 1922 (= Kant's gesammelte Schriften. Hrsg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Abt. 2: Briefwechsel), S. 371 f., Orthografie und Zeichensetzung i.O. Am 15. Oktober 1783 hatte Plessing berichtet: „Leider stehen uns vielleicht bald wieder traurige Zeiten der Schwärmerei und Unwißenheit bevor; die Schwärmerei wandelt schon mit mächtigen Schritten heran; es ist nicht jedem bekannt, von welchen Seiten für den menschlichen Geist aufs neue solche Gefahren zu befürchten sind: allein es ist beinahe gefahrlich, seine aufrichtigen Gedanken hierüber einem Briefe anzuvertrauen" (S. 359), woraufhin der Königsberger Philosoph nähere Erklärungen erbat und im zitierten Schreiben erhielt. Im süddeutschen Raum und namentlich in Ellwangen, Klösterle, Regensburg und Sulzbach pilgerten über 40.000 Leidende zu dem Geistlichen, der den Exorzismus praktizierte und Krankheiten durch Beschwörungen im Namen Jesu zu heilen schien. Gaßners vorübergehende Erfolge - Ergebnis starker suggestiver und hypnotischer Fähigkeiten, die ihm selbst unbewusst waren - führten zu einer vehementen Diskussion mit einer Fülle von Streitschriften; an ihr beteiligten sich zuletzt auch Kurfürst Maximilian III. von Bayern, Kaiser Joseph II. und Papst Pius VI. Die theologischen Gegner Gaßners erreichten nach harten publizistischen Kämpfen schließlich das Verbot seiner Beschwörungen und Schriften; die Debatten dauerten freilich bis in die 1780er Jahre fort und wirkten - vermittelt durch Friedrich Nicolais Rezensionsorgan Allgemeine Deutsche Bibliothek, die 83 einschlägige Schriften über den „Teufelsbanner" besprach - auch auf die norddeutschen Aufklärer; dazu materialreich Hans Graßl: Aufbruch zur Romantik, S. 131-165. Friedrich Gedike: Über die heutige Schwärmerei. Staatsbibliothek Berlin, Ms. Boruss. Fol. 443, Bl. 223v; zitiert nach Norbert Hinske: Die Aufklärung und die Schwärmer Sinn und Funktionen einer Kampfidee. In: Aufklärung 3 (1988), S. 3-6, hier S. 6.

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Wenn er die Jesuiten als die „höllischen Geister" dafür verantwortlich machte, die „Herzen der Prinzen und Fürsten vergiftet" zu haben, dachte er wohl an den von seinem jesuitischen Beichtvater Ignaz Frank abhängigen Karl Theodor von der Pfalz, der 1777 auf den bayerischen Thron gelangt war und sogleich eine Reihe von Reformen rückgängig machte, die sein Vorgänger Maximilian III. Joseph unter dem Einfluss josephinischer Neuerungen in Staat und Kirche eingeleitet hatte.6 Und er erinnerte an Lavaters Reise durch Bayern im Jahre 1778, die mit vielbesprochenen Besuchen beim Begründer der Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit Johann August Urlsperger in Augsburg und dem Jesuiten-Schüler Johann Michael Sailer in Ingolstadt eine neue Einheit religiöser Kräfte demonstriert hatte und eine Manipulation von Protestanten durch die katholische Kirche (mit dem Ziel einer von Sailers Lehrer Benedikt Stattler geforderten „demütigen Unterwerfung unter das untrügliche Urteil der Kirche in jeder Glaubensfrage") vermuten ließ. Unter Aufnahme einer konspirationistischen Zentralvokabel hieß es bei Plessing: „Der Schein von Toleranz bei den Katholiken ist ein Werk, das von ihnen [den Jesuiten] herkommt, und wodurch sie sogar die Protestanten suchen endlich unter den Katholicismus zu bringen." Nicht ausgesprochen, doch möglicherweise angedeutet wurden zugleich die Gefahren des in Preußen mit dem Ende Friedrich II. bevorstehenden Machtwechsels, der Kronprinzip Friedrich Wilhelm auf den Thron bringen sollte - einen überaus labilen und wundergläubigen Monarchen, dessen Verbindungen zum gegenaufklärerischen Orden der Gold- und Rosenkreuzer in Berlin und Potsdam Stadtgespräch waren.7 6

7

Vgl. Ludwig Hammermayer: Das Ende des Alten Bayern. Die Zeit des Kurfürsten Max III. Joseph (1745-1777) und des Kurfürsten Karl Theodor (1777-1799). In: Handbuch der Bayerischen Geschichte. Bd. II. München 1969, S. 985-1102; Richard van Dülmen: Zum Strukturwandel der Aufklärung in Bayern. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 36 (1973), S. 662-679; zur Unterwanderung des Zensurkollegiums durch den Exjesuiten Pater Frank siehe Richard Bauer: Der kurfürstlich geistige Rat und die bayerische Kirchenpolitik 1768-1802. München 1971, S. 224. Plessings Aussage über den protestantischen König, der „heimlicher J[e]s[ui]t" sein sollte, zielte möglicherweise auf den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der nach dem Tode seines Onkels Friedrich II. 1786 den Thron bestieg und von dem die Berliner Aufklärer um Johann Erich Biester und Friedrich Gedike verbreiteten, er sei heimlich zum Katholizismus konvertiert; vgl. Heinrich Mathias Marcard an Friedrich Nicolai. Brief vom 30. September 1786. Staatsbibliothek Berlin Nachlass Nicolai Bd. 47. Gegen das in Hannover und Pyrmont umlaufende Gerücht, „die Berliner, das heißt Nicolai, Biester, p." behaupteten, Friedrich Wilhelm „sey katholisch", intervenierte Marcard: „Meine Antwort war: das haben sie nicht geschrieben, sondern das haben ihre Feinde ausgesprengt, denen welchen daran gelegen wäre dass den Berliner Gelehrten die Preßfreyheit eingeschränkt werde, u[nd] möchten gern zu dem Ende den K[önig] gegen sich aufbringen." (Ebenda.) Die tatsächlichen Verhältnisse waren etwas komplizierter. Unter dem Ordensnamen Ormesus war Friedrich Wilhelm im Jahre 1781 in den Orden der Gold- und Rosenkreuzer aufgenommen worden, der aufgrund seiner dezidiert anti-aufklärerischen Ausrichtung als Werkzeug des aufgehobenen Jesuitenordens galt. Von Johann Rudolf von Bischoffswerder (der die Exhortation sprach) und Johann Chri-

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Neben Hinweisen auf die Gefahrdungen des Aufklärungsprojekts lieferte Plessing aber auch eine Deutung der beschriebenen Phänomene. Ursache und Katalysator der offenkundigen Aufklärungskrise war in seinem Tableau ein kollektiver Akteur, der heimlich und „unter allen möglichen Gestalten und Konnexionen" seine bösen Absichten zu verwirklichen suchte - der 1773 durch Papst Clemens XIV. aufgehobene Jesuitenorden. Dieser Drahtzieher hinter allen Rückschlägen der Aufklärung und Planer von noch bevorstehendem „Schlimmeren" trete nicht nur maskiert und in vielerlei Verbindungen auf, sondern sei auch in den Freimaurerlogen und in beiden Konfessionen präsent („würkt allenthalben unter M-r-n, unter Katholiken und Protestanten") und omnipotent („mächtiger als jemahls"). Er nutze „Goldmacher" und „Geisterbanner" wie den im weiteren Verlauf des Briefes erwähnten Johann Georg Schröpfer8, um die kritische Vernunft zu unterminieren; und er bediene sich dezidiert religiöser Gesellschaften wie Urlspergers „Christentumsgesellschaft" zur Erlangung seiner Ziele. Mit dieser Erklärung nahm Plessing ein Deutungsmuster auf, das eine längere Tradition aufwies, in der Zeit der Spätaufklärung aber eine neue Qualität gewinnen sollte: Er entwarf das Szenario eines heimlich koordinierten Kampfes konfessionell verbundener Akteure gegen eine bestimmte Einrichtung der Verhältnisse. Die Angehörigen des offiziell aufgehobenen, angeblich aber weiterhin aktiven Jesuitenordens galten als im Verborgenen operierende Täter, deren verborgene Intentionen und Machinationen die schlechten Geschicke des

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stoph Wöllner (der die Einsegnungsrede gehalten hatte) wurden dem Kronprinzen und späteren König fortgesetzt höhere Grade und tiefere Geheimnisse versprochen, wenn er die Ideen des Ordens zur Grundlage seiner Politik mache; dazu umfassend Johannes Schultze: Die Rosenkreuzer und Friedrich Wilhelm II. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte Berlins 46 (1929), S. 1-51; Johann Georg Schröpfer (1730-1774) stammte aus Nürnberg, stand im siebenjährigen Krieg als Husar in preußischen Diensten und wurde danach als Kaufhauswirt in Leipzig für spiritistische Seancen bekannt, in deren Rahmen Geisterzitationen unternommen wurden. Im Oktober 1774 erschoss er sich in Gegenwart von Freunden - darunter auch Hans Rudolf von Bischoffswerder - im Rosenthal bei Leipzig. Vorher hatte er diesen Freunden ein Wunder versprochen. Von Schrepfer soll Bischoffswerder eine Laterna Magica zur Geisterbeschwörung geerbt haben, die angeblich durch den sächsischen Kaufmann Christian Emanuel Froehlich von Leipzig nach Berlin transportiert und hier zur manipulativen Beeinflussung Friedrich Wilhelm II. eingesetzt wurde; vgl. Johannes Schultze: Die Rosenkreuzer und Friedrich Wilhelm II., S. 42, wo zugleich die der Gerüchte um den Transport von Schrepfers Laterna Magica als „Gerede" disqualifiziert werden. Schröpfer und der im bayerischen Ellwangen wirkende Teufelsaustreiber Johann Joseph Gaßner riefen ausgedehnte theologisch-naturwissenschaftliche Debatten hervor, an denen sich unter anderen auch der bekannte Theologe Johann Salomo Semler mit Sammlungen von Briefen und Aufsätzen über die Gaßnerischen und Schröpfirischen Geisterbeschwörungen mit eigenen vielen Anmerkungen (I. Stück Frankfurt und Leipzig 1775, II. Stück Halle 1776) beteiligte; ähnlich skeptisch auch Christian August Crusius: Bedencken eines bekannten Gelehrten über die Schröpferischen Geisterbeschwörungen. Berlin 1775.

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Toleranz- und Vernunftprojektes nach genauem Plan lenken sollten. Damit aber stand der Kant-Schüler nicht allein. Seit Beginn der 1780er Jahre häuften sich Schriften und Artikel, die ein konspiratives Wirken von Ex-Jesuiten, Katholiken und „Kryptokatholiken" für die unübersehbare Krise der Aufklärung verantwortlich machten. Neben Johann Joachim Christoph Bode (der seit 1780 das Hochgradsystem der „Strikten Observanz" als Erfindung der Loyoliten „enttarnte") und Adolph Freiherr von Knigge (der auf Anweisung Adam Weishaupts 1781 die Entlarvungsschrift Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosenkreuzer verfasste) waren es vor allem preußische Aufklärer um Friedrich Nicolai, Friedrich Gedike und Johann Erich Biester, die in der Berlinischen Monatsschrift - dem wichtigsten publizistischen Organ der deutschen Spätaufklärung - eine weitreichende Verschwörung gegen eine vernunftgemäße Einrichtung der Verhältnisse diagnostizierten. Im Wirken von „Goldmachern", „Geistersehern" und „magnetischen Gesellschaften", vor allem aber in der angeblichen Unterwanderung von Arkangesellschaften und der manipulativen Steuerung ihrer Mitglieder sah man Machinationen heimlich verbundener „Proselytenmacher" und Agenten des „Kryptokatholizismus" am Werk. In die von Aufklärern praktizierte „Obscurantisten-Jagd" und „Jesuiten-Riecherei" griffen aber auch konservative Publizisten wie Ernst August Anton von Göchhausen ein: In seiner 1786 veröffentlichten Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik erklärte er alle Bemühungen um Vernunftherrschaft und Aufklärung als Bestandteile eines großangelegten Planes des untergründig und in vielerlei Masken auftretenden „Jesuitism" zur Untergrabung aller staatlichen und religiösen Sicherheiten, um auf Grundlage der so produzierten „Anarchie" die ,Römische Weltherrschaft" errichten zu können. Keinesfalls zu unterschätzen sind zugleich die vielfaltigen Darstellungen einer illuminatischen Verschwörung gegen die Geltungsansprüche des Absolutismus, die seit Joseph Marius Babos Erster Warnung vor einem „Staat im Staat", vor allem aber nach den von der bayerischen Regierung veranlassten Publikationen von Originalschriften des Illuminatenordens zirkulierten. Schon im Jahrzehnt vor der Französischen Revolution und den ihr folgenden verschwörungstheoretischen Erklärungen produzierte das Zeitalter der Spät- und Gegenaufklärung eine Logik, die in ihrer Verfolgung der Verfolger neurotische bzw. sogar paranoide Züge annahm.

Im folgenden sollen die vielfaltigen konspirationistischen Projektionen in der Publizistik der 1770er und 1780er Jahre geordnet sowie in ihren Referenzen und in ihrer Zeichenökonomie beschrieben und erklärt werden. Dazu erweisen sich Segmentierungen als hilfreich. In einem ersten Abschnitt sind die Funktionen des Arkanums in den Reden von und über Geheimgesellschaften des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu skizzieren, bildet doch das im ambivalenten Modus von Verschweigen und Einweihung zirkulierende Wissen über

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diskret verbundene Akteure einen notwendigen Kontext zur Rekonstruktion konspirationistischer Szenarien. Die knappe Darstellung stützt sich auf die seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfolgten, im Anschluss an Reinhart Kosellecks Dissertation Kritik und Krise intensivierten Forschungen zu den Zielstellungen, Strukturen und Wirkungen von Geheimgesellschaften.9 In einem zweiten Schritt ist die neue Qualität der im deutschen Sprachraum seit etwa 1770 zirkulierenden Verschwörungsszenarien zu umreißen, um in einem dritten Schritt zentrale konspirationistische Vorstellungskomplexe im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zu separieren und detailliert zu rekonstruieren. Die separat zu bearbeitenden Komplexe fassen aus heuristischen Gründe z.T. divergierende Positionen innerhalb eines uneinheitlichen und überaus heterogenen Feldes zusammen. Konzentriert auf die Instanzen ihrer Erzeugung bzw. Verbreitung, die identifizierten Verschwörergruppen und die diesen zugeschriebenen Ziele und Mittel, lassen sich aus der Vielzahl von Textvorkommnissen folgende Vorstellungskomplexe ermitteln, die gesondert zu bearbeiten sind: (1) das von Aufklärern w i e Johann Joachim Christoph Bode, Adolph Freiherr von Knigge, Friedrich Nicolai, Johann Erich Biester und Friedrich Gedike entwickelte und in Einzelpublikationen sowie vor allem in der Berlinischen Monatsschrift verbreitete Szenario einer jesuitisch gesteuerten Verschwörung 9

Verzichtet wird dabei auf eine Diskussion der Frage, ob Kosellecks Dissertation selbst den Mustern ihres Gegenstandes folgte und ein Verschwörungsszenario entwickelte - so wie es Dieter Groh nahe legt, der in Kosellecks Promotionsschrift eine „höchst sublime Form von Konspirationstheorie" entdeckte: „Das Buch propagiert nämlich in bestechenden Formulierungen die Überzeugung, die Kritik der Aufklärungsphilosophen, der Prozeß, den sie im Namen der Vernunft und in geheimen Zirkeln gegen den absolutistischen Fürstenstaat und dessen arcana imperii angestrengt haben, hätte die Krise des Anden Regime ursächlich herbeigeführt und dann weiter verschärft. Letztlich sei auch die Französische Revolution, mit der die Pathogenese der bürgerlichen Welt' universal zu werden beginne, Folge der durch Kritik initiierten Krise." Dieter Groh: Die verschwörungstheoretische Versuchung, S. 278. Für eine im Hamburger Konkret-Verlag erschienene „Generalabrechnung" mit Verschwörungstheorien stellt Kosellecks Werk die „restaurative Antwort auf die Dialektik der Aufklärung und die vielleicht elaborierteste Fassung des Komplottdenkens" dar; Jürgen Roth, Kay Sokolowsky: Der Dolch im Gewände. Komplotte und Wahnvorstellungen aus zweitausend Jahren. Hamburg 1999 (= KONKRET Texte 20), S. 14. Dabei übersahen diese Zuweisungen den weiterreichenden Kontext von Kosellecks Dissertation. Schon 1938 hatte Carl Schmitt in seiner Schrift Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes den englischen Philosophen als Theoretiker des autoritären Staates gedeutet, der mit der Unterscheidung von Privatsphäre und Öffentlichkeit und der Billigung privater Freiheiten das Einfallstor zum Liberalismus aufgestoßen habe. Soziale Trägergruppen dieser die Einheit des Staates unterminierenden Bewegung waren fur Schmitt „Geheimbünde und Geheimorden, Rosenkreuzer, Freimaurer, Illuminaten, Mystiker und Pietisten, Sektierer aller Art, die vielen ,Stillen im Lande' und vor allem der rastlose Geist der Juden, der die Situation am bestimmtesten auszuwerten wusste, bis das Verhältnis von öffentlich und privat, Haltung und Gesinnung auf den Kopf gestellt war." Carl Schmitt: Der Leviathan in der Staatstheorie des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols. Hamburg 1938, S. 92.

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gegen Aufklärung und Protestantismus, in deren Rahmen die Unterwanderung bzw. manipulative Instrumentalisierung geheimer Gesellschaften, die Erzeugung von „Schwärmerei" und „Wundersucht" sowie „Proselytenmacherei" als relationale Ziele bzw. als Mittel exponiert wurden; (2) das von disparaten Repräsentanten der Gegenaufklärung wie den Augsburger Exjesuiten um Joseph Anton Weissenbach, dem protestantischen Konservativen Ernst August von Göchhausen, dem Darmstädter Oberhofprediger Johann August Starck und ehemaligen Illuminaten entworfene und in Einzelschriften sowie in Periodika verbreitete Szenario einer Verschwörung von Illuminaten, aufgeklärten „Philosophen" und deistischen Freimaurern gegen politischen Absolutismus, Offenbarungsreligion und Ordensgeistlichkeit; (3) das von Aufklärern wie von Gegenaufklärern entworfene Szenario einer in „magnetischen Gesellschaften" organisierten Konspiration zur Verbreitung und Durchsetzung von Wissensansprüchen, die mit dem von Franz Anton Mesmer entdeckten „animalischen Magnetismus" und dem von seinen französischen Schülern entdeckten „Somnambulismus" verknüpft waren. Vorerst nur anzudeuten ist die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse. Wie etwa Adolph Freiherr von Knigges Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosenkreuzer von 1781 und Ernst August von Göchhausens 1786 veröffentlichte Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik zeigen, konnte der Verdacht gegen den offiziell aufgehobenen, doch angeblich geheim weiterhin aktiven Jesuitenorden durch weltanschauliche Antipoden vorgetragen und mit einem dicht gewebten Netz von Verweisungszusammenhängen präsentiert werden. Während jedoch Knigge dem imaginierten Zentrum des Bösen eine Allianz aufgeklärter Gegner entgegenzusetzen suchte (die sich in Gestalt des Illuminatenordens seit 1776 formierte), erschien in Göchhausens Enthüllungsschrift (die aufgrund des Echos ein Jahr später ergänzt wurde) der „Jesuitism" als heimlicher und omnipotenter Drahtzieher in allen Arkangesellschaften und so auch in Adam Weishaupts Geheimbund, dem Göchhausen mit dem Ordensnamen „Nahor" selbst kurzzeitig angehört hatte. Ein weiteres Beispiel fur die Undurchsichtigkeit von Textwelten, in denen Verschwörer verschiedener Coloeur aufeinander prallten, ist die 1790 mit den fingierten Verlagsorten „Rom München - und Barby" gedruckte Schrift Geheimer Gang menschlicher Machinationen in einer Reihe von Briefen, die als „neue Zusammenstellung der Thatsachen" nicht weniger versprach als eine „fortschreitende Geschichte des Jesuitismus und der Bemühungen seiner Anhänger, die Welt in Dunkel zu hüllen".'0 Als Stellungnahme gegen das „übertriebene Geschrei über Jesuitis-

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[Anonym:] Geheimer Gang menschlicher Machinationen in einer Reihe von Briefen. Rom - München - und Barby 1790, S. Ulf.

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mus und Proselitenmacherei" wie gegen die ,jezt einreißende Gleichgültigkeit gegen alle Nachrichten dieser Art" angekündigt,11 bündelte die unter anderem von Johann Salomo Semler geschätzte Schrift nahezu alle in den 1770er und 1780er Jahren zirkulierenden Verschwörungstheorien über die Societas Jesu und vermengte Fakten und Fiktionen in fast unauflöslicher Weise: Der anonyme Autor schilderte die Entwicklung des geheimnisumwitterten Ordens und seine Aufhebung, kolportierte das Gerücht über das angeblich 1773 in Sicherheit gebrachte „rothe Buch" der Gesellschaft, das „die geheimsten Nachrichten von den Gesinnungen und Aeusserungen der Großen des Volks in allen Welttheilen" enthalten sollte, und berichtete mit namentlicher Konkretisation über den Fortbestand „mit geheimen Häuptern" und einem durch „Contoirs in ganz Europa" verwalteten Reichtum.12 Versuche zur Unterwanderung aufklärerischer Arkangesellschaften durch vermeintliche „Wundertäter" fanden sich im Text ebenso beschrieben wie koordinierte Angriffe auf „helle Köpfe" durch „ein paar Cagliostros, die solche durch vorgespiegelte Wunderkräfte oder andere Gaukeleien verdrehen - oder zu verdrehen suchen müssen".13 Ein historisches Faktum wie etwa die Bestrafung des Ingolstädter Professors Adam Weishaupt aufgrund seiner Anforderung von Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique ging nahtlos in die Konstruktion einer Verschwörungstheorie über, die den Aufenthalt der Jetzigen unbekannten Häupter der Jesuiten" in Bayern verortete und alle politischen Entscheidungsprozesse des absolutistisch regierten Staates auf ihre Pläne zurückführte.14 Vor diesem hier nur knapp umrissenen Hintergrund erweist sich eine materialgesättigte Rekonstruktion der Funktionen und Verfahren konspirationisti11 12

Ebenda, S. V (Vorbericht). Ebenda, S. 87. Namentlich bestimmte Akteure waren u.a. der Abbe Romberg von Konstanz als angeblich geheimer Nachfolger des 1773 in der Engelsburg arrestierten Ordensgenerals Lorenzo Ricci; die Brüder Schwarz als „seine Aßistenten" (S. 89f.). Genannt wurde auch Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais als „Geschäftsträger" des heimlich aktiven Jesuitenordens in Frankreich, der als „Günstling des Hofs und der Nation" „mit Jesuitengeld eine Buchdruckerei anlegte, um Voltaires Schriften zu verbreiten" (S. 88, Hervorhebung im Original). 13 Ebenda, S. 96. 14 Nachdem korrekt auf die Kassationsstrafe für die Bestellung von Bayles Dictionnaire und die Anweisung zur Benutzung des Lehrbuchs von Johann Christoph von Zabuesnig hingewiesen wurde (ebenda, S. 97), begann der Aufbau eines Verschwörungsszenarios mit der Klage über die Rückständigkeit „dieses unglücklichen Landes, dessen Regent die Zügel der Regierung in die Hände seines Beichtvaters übergab, und dessen Minister Affiliirte der Jesuiten sind". Die detaillierte Schilderung der Personalsituation an der Universität Ingolstadt, an der 1781 „die Jesuiten würklich 7 Kanzeln und 7 Stimmen im akademischen Senat erkämpft" hätten und „ein paar Jahre nachher den Professor Rainer - weil er über ein Lehrbuch des Prof. Feder gelesen - und den Prof. Weishaupt - weil er den Bayle verlangt - von der Universität wegzudrücken" vermochten, exemplifizierte nachfolgend die These vom heimlichen Fortbestand der SJ, die mit einem Zitat aus Adam Weishaupts Apologie der Iliuminaten „beglaubigt" wurde; ebenda, S. 106f.

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scher Kombinatorik als Herausforderung, die sowohl die Beschaffenheit der generierten Textwelten als auch ihre kontextuellen Bezüge ernst zu nehmen hat. Das im anonym veröffentlichten Kompendium Geheimer Gang menschlicher Machinationen ausgesprochene Credo, das „ganze Manoeuvre der Parthei, die einen so langwierigen und hartnäckigen Krieg gegen Wahrheit, Aufklärung und Vernunft fuhrt" wie „ihre Aliirte, Partheigänger und geheime Freunde" durch „That-Sachen" zu bezeichnen,15 demonstriert exemplarisch die Schwierigkeiten im Umgang mit einer Publizistik, die auf weltanschauliche und politische Polarisierungen ebenso zu reagieren hatte wie auf die Bedürfnisse eines diversifizierten Publikums, dessen Interesse an spektakulären „Enthüllungen" bekannt und zu bedienen war. Der „merkwürdige die ganze Menschheit interessierende Kampf zwischen Licht und Finsterniß, Aufklärung und Barbarei, Unglauben und Wunderglauben",16 den die Textwelten des ausgehenden 18. Jahrhunderts intensiv beobachteten und konspirationistisch ausdeuteten, erweist sich als mehrfach dimensionierte Konstruktionsleistung, die eine beschleunigte Reproduktion von textuell verfaßten Zeichensystemen voraussetzte wie hervorbrachte: Die Kontroversen um Wissens- und Geltungsansprüche - Resultat einer vervielfältigten Wissensproduktion, die sich stets im zirkulierenden Medium Text vollzog - bildeten Inhalt wie Form drucktechnisch prozessierender Kommunikationen, die jene Sphäre des freien Austausche von Auffassungen konstituierten, die in zeitgenössischer Wahrnehmung als „Publicität" und in der retrospektiven Beobachtung als „Öffentlichkeit" beschrieben wurde. Noch vor der Herausbildung einer (zumindest intentional) universal adressierten und unlimitiert zugänglichen Publizistik aber entstanden Formen von Öffentlichkeit in geheimen Gesellschaften, was nur dann als paradoxal erscheint, wenn der spezifische Charakter des „Geheimen" im absolutistischen Staat nicht berücksichtigt wird. Komplementär zu einer obrigkeitlich monopolisierten Öffentlichkeit organisiert, agierten diese Assoziationen in einem privaten Raum, der sich durch strenge (und satzungsmäßig fixierte) Scheidung von Moral und Politik konstituierte - und neben einer für die „Pathogenese der bürgerlichen Welt" folgenschweren Aushöhlung der „formalen Gehorsamsmoral"17 auch eine vielfaltige Faszinationsgeschichte initialisierte.

15 16 17

Ebenda, S. 1. Ebenda, S. 2. Reinhart Koselleck: Kritik und Krise [ 1959], S. 46.

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2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis Um die Zeichenökonomie von publizistisch und literarisch vermittelten Konspirationsszenarien im Zusammenhang mit den Arkanwelten des 18. Jahrhunderts beschreiben und erklären zu können, sind zunächst knappe Markierungen eines unübersichtlichen Feldes notwendig. Sie betreffen zum einen die „Realgeschichte" diskreter Gesellschaften, die seit Begründung der ersten Londoner Groß-Loge im Jahre 1717 und der rasanten Ausbreitung der Freimaurerei auf dem Kontinent eine kaum zu überschätzende Rolle bei der Ausbildung der verschlungenen Beziehungen von „Öffentlichkeit" und „Geheimnis" spielten; sie betreffen zum anderen die „Imaginationsgeschichte" dieser Assoziationen, die ein sich ausdifferenzierendes publizistisches und Literatursystem mit Stoffen und Formen belieferte. Bereits an dieser Stelle ist auf einen Umstand hinzuweisen, der später noch zu reflektieren sein wird: Sowohl über die Realhistorie wie über die Imaginationsgeschichte von Arkangesellschaften ist eine retrospektive Beobachtung allein durch Texte informiert, deren Intentionen, Darstellungsverfahren und subtextuelle Positionsmarkierungen stets berücksichtigt werden müssen, um das in ihnen zirkulierende „Wissen" zur Rekonstruktion nutzen zu können. Diese Forderung nach methodischer Reflexion des überlieferten Materials hat angesichts der zu behandelnden Materie besondere Konsequenzen, führte doch das fur Arkangesellschaften konstitutive Operieren im „Geheimen" wie das Reden über sie zu einer Textproduktion, deren Erzeugnisse zum Teil nur schwer eine trennscharfe Differenzierung zwischen „realer" und „imaginierter" Geschichte erlauben. Folgt man den Einsichten einer sozialhistorisch interessierten Geschichtsforschung, besetzten die durch das Prinzip des „Geheimnisses" organisierten Arkangesellschaften eine Zwischenstufe zwischen den Korporationen des Absolutismus - die als „nicht voluntaristische, sondern durch Geburt und Stand bestimmte, auf das Ganze des Lebens unspezifisch ausgedehnte Organisationen"18 die stratifikatorische Gliederung der vormodernen Gesellschaft stabilisierten - und Vereinen, die sich als „freier organisatorischer Zusammenschluß von Personen"19 im Zusammenhang mit einer bürgerlichen Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts herausbildeten. Konstitutiv für diese Gesellschaften, die in Deutschland seit Begründung der ersten Freimaurer-Loge 1737 in Hamburg existierten und sich (nicht zuletzt durch Unterstützung zahlreicher Monarchen) rasch ausbreiteten, war das Organisationsprinzip des „Geheimnisses", das mehrere und partiell 18

19

Thomas Nipperdey: Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Eine Fallstudie zur Modernisierung. In: ders.: Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte. Göttingen 1976, S. 174-205, hierS. 174. Ebenda.

2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis

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ses", das mehrere und partiell miteinander verbundene Funktionen aufwies. 2 0 Das Arkanum wirkte erstens als Schutzraum g e g e n Ansprüche des absolutistischen Staates und der Kirche, in dessen Rahmen eine Kommunikation über die Grenzen von Ständen und Konfessionen hinweg möglich werden sollte - die Hoffnungen, die etwa Lessing in seinen „Freimäurer-Gesprächen" Ernst und Falk auf eine „unsichtbare Kirche" zur Wiederherstellung einer Einheit des Menschengeschlechts artikulierte, werden von hier aus verständlich. 21 D a s Arkanum wirkte zweitens als Integrationsmoment zur Vereinigung und dauerhaften Bindung divergierender Einzelmotivationen. Eine streng gestufte Hierarchie der Geheimhaltung erzeugte eine permanente Erwartungsspannung und sicherte die Kohäsion von Gruppen, in denen sich sozial, konfessionell und intellektuell heterogene Elemente versammelten. N e b e n der Praxis von Freimaurer· und Rosenkreuzerlogen ist hier vor allem an den Illuminatenorden und sein detailliertes Programm der „Instructionen" durch „unbekannte Obere" bei

20

21

Dazu mit notwendigen Einschränkungen hinsichtlich zeitbedingter Wertungen noch immer Reinhart Koselleck: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt [1959]. Frankfurt/M. 1973 hier S. 57ff. zum Primat der „Funktion" des Geheimnisses vor seinem „Inhalt"; weiter Norbert Schindler: Freimaurerkultur im 18. Jahrhundert. Zur sozialen Funktion des Geheimnisses in der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft. In: Robert M. Berdahl et al. (Hrsg.): Klassen und Kultur. Sozialanthropologische Perspektiven in der Geschichtsschreibung. Frankfurt/M. 1982, S. 205-262. Zum hier thematisierten Zusammenhang zwischen „rationaler" Organisation und „irrationaler" Kultpraxis in arkanen Bünden vgl. Monika Neugebauer-Wölk: Die Geheimnisse der Maurer. Plädoyer für die Akzeptanz des Esoterischen in der historischen Aufklärungsforschung. In: Das achtzehnte Jahrhundert 21 (1997), S. 15-32. Vgl. Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer. In: G. E. Lessing: Werke. Hrsg. von Herbert G. Göpfert u.a. Bd. 8: Theologiekritische und philosophische Schriften. Bearb. von Helmut Göbel. München 1979, S. 465f., wo im zweiten Gespräch der den Dialog bestimmende Falk offen legt: „Wie, wenn es die Freimaurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammen zu ziehen?" - Zu Lessings masonischem Engagement vgl. Heinrich Schneider: Lessing und die Freimaurer. In: Ders.: Lessing: Zwölf biographische Skizzen. Bern 1951, S. 166-197; zu den „Freimäurer-Gesprächen" analytisch und historisch kontextualisierend GonthierLouis Fink: Lessings „Emst und Falk". Das moralische Glaubensbekenntnis eines kosmopolitischen Individualisten. In: Recherches germaniques 10 (1980), S. 18-64; umfassend Michael Voges: Aufklärung und Geheimnis, S. 146-188. Zu berücksichtigen bleibt, dass die Herstellung einer symmetrischen Kommunikation zwischen gleichberechtigten Partner innerhalb masonischer Logen ein Ideal war, das in der Realität nur sehr partiell eingelöst wurde. Zum einen war der Anteil des Adels anfangs sehr hoch; eine „Verbürgerlichung" setzte erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein. Deshalb ist fragwürdig, die Freimaurerorganisationen als frühe Institutionen einer egalitären „bürgerlichen Öffentlichkeit" zu bewerten, wie es Jürgen Habermas 1962 tat; dazu jetzt Ute Daniel: How bourgeois was the public sphere of the Eighteenth Century? Or: Why it is important to historicize Strukturwandel der Öffentlichkeit. In: Das achtzehnte Jahrhundert 26 (2002), S. 9-17.

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wechselseitiger Bespitzelung und Denunziation zu denken. 22 Z u m dritten setzte das Arkanum illusionsproduzierende Energie zur Erzeugung von Gegenwartsbeschreibungen und Zukunftsprojekten frei - w o b e i restaurativ-regressive Entwürfe ( w i e bei den preußischen Rosenkreuzern um Johann Christoph Wöllner und Johann Rudolf von Bischoffwerder) neben utopischen Plänen ( w i e bei den Illuminaten A d a m Weishaupt und Adolph v o n R n i g g e ) standen. 23 D a s Arkanum wirkte viertens als pädagogisches Attraktions- und Repressionsmittel, das sowohl zur Werbung und Anziehung als auch zur Unterwerfung und Lenkung der Adepten genutzt wurde - ein historisches Exempel, auf das später noch zurückzukommen sein wird, ist der Fall Friedrich W i l h e l m II., der

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Signifikant in der illuminatischen Instruction für den ganzen Regentengrad mit Regeln zur Inszenierung einer Geheimbundwirklichkeit, die gezielt für Werbungsversuche eingesetzt wurde (abgedruckt in Richard van Dülmen: Der Geheimbund der Illuminaten. Darstellung, Analyse, Dokumentation. Stuttgart-Bad Cannstadt 1975, S. 195f.) sowie in den durch Adam Weishaupt entworfenen Größere Mysterien für „Weltweise" (abgedruckt in Johann Joachim Christoph Bode: Journal von einer Reise von Weimar nach Frankreich im Jahr 1787. Hrsg. sowie mit einer Einleitung, Anmerkungen, einem Register und einem dokumentarischen Anhang versehen von Hermann Schüttler. München 1994, S. 361-394). Zur Entstehung und Deutung dieser Grade vgl. Martin Mulsow: Vernünftige Metempsychosis. Über Monadenlehre, Esoterik und geheime Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert, in: Monika Neugebauer-Wölk, Holger Zaunstöck (Hrsg.): Aufklärung und Esoterik. Hamburg 1999, S. 211-273; ders. „Steige also, wenn du kannst, höher und höher zu uns herauf." Adam Weishaupt als Philosoph. In: Walter Müller-Seidel, Manfred Riedel (Hrsg.): Die Weimarer Klassik und ihre Geheimbünde, S. 26-66. Umfassend dazu Manfred Agethen: Geheimbund und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung. München 1984, 21987, der zugleich die utopisch-eschatologischen und sektiererischen Elemente im Geheimbundwesen beschreibt.

23

Restaurative und in ihrer Kritik am selbständigen Vernunftgebrauch anti-aufklärerische Zielstellungen artikulierten die von Wöllner herausgegebenen Instruktionen Die Pflichten der G[old], und Rfosen], Cfreuzer] alten Sistems in Juniorats-Versammlungen abgehandelt von Chrysophorion, nebst einigen beigefügten Reden anderer Brüder (o.O. 1782); dazu Dirk Kemper: Obskurantismus als Mittel der Politik. Johann Christoph von Wöllners Politik der Gegenaufklärung am Vorabend der Französischen Revolution. In: Christoph Weiß, Wolfgang Albrecht (Hrsg.): Von „Obscuranten" und „Eudämonisten". Gegenaufklärerische, konservative und antirevolutionäre Publizisten im späten 18. Jahrhundert, St. Ingbert 1997, S. 193-220, hier S. 205-207. Wöllners restaurativer Position in religiösen Fragen gegenüber standen wirtschaftspolitisch liberale Bestrebungen, auf die Peter Weber nachdrücklich hingewiesen hat; vgl. ders.: Die Berlinische Monatsschrift als Organ der Aufklärung. In: Berlinische Monatsschrift (1783-1786). Auswahl. Leipzig 1985, S. 356-452, hier S. 360-362. Die Entwürfe des Adam Weishaupt und seiner Mitstreiter sind dokumentiert in Richard van Dülmen: Der Geheimbund der Illuminaten; Jan Rachold: Die Illuminaten. Quellen und Texte zur Aufklärungsideologie des Illuminatenordens (1776- 1785). Berlin 1984. Das Forschungsprojekt Utopie - Anthropologie - Politik. Strukturen und Strategien des Geheimbunds der Illuminaten im Kontext der Spätaufklärung,am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung der Universität Halle-Wittenberg hat die Veröffentlichung bislang unzugänglicher Originaldokumente des Bundes vorbereitet, deren erster Band jetzt vorliegt: Reinhard Markner, Monika Neugebauer-Wölk, Hermann Schüttler (Hrsg.): Die Korrespondenz des Illuminatenordens. Bd. I: 1776-1781. Tübingen 2005.

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als preußischer Kronprinz in die Hände der Gold- und Rosenkreuzer fiel. Unter dem Ordensnamen Ormesus im Jahre 1781 in die Bruderschaft aufgenommen, wurden ihm fortgesetzt höhere Grade und tiefere Geheimnisse versprochen, wenn er die Ideen des Ordens fest bewahre und zur Grundlage seiner Politik mache.24 Anders als in England, in dem sich 1717 vier Maurer-Logen zur ersten Londoner Groß-Loge zusammengeschlossen hatten und in zunehmend pragmatischer Weise eine symbolisch überhöhte Form geselliger Kommunikation und wissenschaftlich-kultureller Diskussion pflegten, suchte die sich seit 1737 in Deutschland ausbreitende Freimaurerei nach „tieferer" Weisheit: In Anlehnung an eine in Frankreich vollzogene Entwicklung zur sogenannten „Hochgradmaurerei" überzogen seit den 1750er Jahren differenzierte Gliederungen des Logenwesens die deutschen Länder. Während in der englischen Maurerei eine eher lockere Geselligkeit mit nur drei Johannes-Graden existierte, entwickelte das Hochgrad-System nicht nur eine Vielzahl neuer Stufen, sondern führte vor allem auch zum Eindringen hermetischer Traditionen. Geheimlehren der schwarzen und weißen Magie, der Alchemie, der Kabbala und der Theosophie beeinflussten die um 1743 entstandene und in Deutschland durch den Reichsfreiherrn Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau eingeführte „Strikte Observanz" sowie auch die Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer.25 Mystizismus wie pedantische Regelungs- und Titelwut dienten der Befriedigung heterogener Bedürfnisse: Wie Adolf von Knigge in seinem Beytrag zur neuesten Geschichte des Freymaurerordens von 1786 „mit Erlaubnis seiner 24

25

Vgl. Peter Weber: Die Berlinische Monatsschrift als Organ der Aufklärung, S. 358-367, 412-434; Karlheinz Gerlach: Die Gold- und Rosenkreuzer in Berlin und Potsdam (1779-1789). Zur Sozialgeschichte des Gold- und Rosenkreuzerordens in BrandenburgPreußen. In: Quatuor Coronati 32 (1995), S. 87-146; Dirk Kemper: Obskurantismus als Mittel der Politik; Hans-Joachim Neumann: Friedrich Wilhelm II. von Preußen unter den Rosenkreuzem. Berlin 1997. Als die Erhebung des 1786 zum König gekrönten Friedrich Wilhelm II. in den neunten Rang („Magus") nicht vollzogen werden konnte, da die angekündigte Ankunft eines Vertreters der „unbekannten Oberen" ausblieb, griffen Wöllner und Bischoffswerder zur bewussten Täuschung des geister- und wundergläubigen Monarchen; vgl. Monika Neugebauer-Wölk: Arkanwelten im 18. Jahrhundert. Zur Struktur des Politischen im Kontext von Aufklärung und frühmoderner Staatlichkeit. In: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte 15 (2003), S. 7-66, hier S. 58f. England war - mit Ausnahme Spaniens, wo die Freimaurerei im 18. Jahrhundert nur sporadisch auflebte - das wohl einzige europäische Land, das gegenüber der „Strikten Observanz" immun blieb. Allerdings ließen sich einige englische Logenmitglieder von der Templerlegende verführen; 1780 führte die Großloge von York oberhalb der drei symbolischen Grade und des Royal-Arch-Grades den Grad eines Knight-Templar ein; im gleichen Jahr gewährte sie der Loge von Rotherham die Verfassung einer „Lodge and Encampment of Knight-Templar"; vgl. Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Drittes Buch: Das System von Wilhelmsbad. Leimen 1990, S. 124.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Oberen" mitteilte, fand im System der „Strikten Observanz" - die als größte und erfolgreichste Hochgradorganisation des 18. Jahrhunderts nach dem Konvent von Altenberge 1764 einen geradezu explosionsartigen Mitgliederzuwachs verzeichnete26 - J e d e r etwas darin ..., das seinen Neigungen schmeichelte. Der Geldgeizige: Hoffnung, einst den Stein der Weisen zu finden; der Ehrgeizige: Gelegenheit zu herrschen, eine hohe Befehlshaberstelle in einem militärischen Ritterorden zu bekleiden; der rangsüchtige Bürger: den Vorzug, mit einem Ritterorden geziert unter den Adelichen in einer Reihe zu stehen; der Wißbegierige: Aussicht, höhere Kenntnisse zu erlangen; der Schwärmer: in die Tiefen mystischer Weisheit zu dringen."27 Schon hier ist anzumerken, dass die Ausprägung von Hochgradsystemen einen paradoxalen Effekt zeitigte: Ursprünglich mit der Intention verbunden, eine Alternative zur absolutistischen Gesellschaft darzustellen, glichen Arkangesellschaften mit ihren forciert ausgebauten Systemen der Initiation und den Stufen des Aufstiegs zu immer höheren Graden ihrem Gegenstück nun wie ein Spiegelbild - als „Staat im Staat" reproduzierten sie die Organisationsstrukturen des bürokratisierten Staates in ihrem Inneren. Die Anziehungskraft dieser Mixtur aus Mystizismus, Geheimnis-Glauben, Einweihungsstreben und gruppenspezifischem Zeichenwahn lässt sich allein vor dem Hintergrund komplexer gesellschafts- und geistesgeschichtlicher Entwicklungen der Spätaufklärung nachvollziehen. In historischer Distanz kann sie als Resultat eines wachsenden Unbehagens an versachlichten Zweckbeziehungen und an einer durch Wissenschaft und kritische Philosophie zunehmend entzauberten Welt gedeutet werden. Ergebnis war ein „Sektengeist", von dem die Regensburger Zeitung 1785 feststellte:

26

Vgl. Hermann Schüttler: Zum Verhältnis von Ideologie, Organisation und Auswanderungsplänen im System der Strikten Observanzen: Monika Neugebauer-Woelk, Richard Saage (Hrsg.): Die Politisierung des Utopischen im 18. Jahrhundert. Tübingen 1996, S. 143-168. Das um 1743 entstandene Hochgradsystem der „Strikten Observanz" arbeitete bis zum Wilhelmsbader Konvent von 1782; die Nachfolgeorganisation „Wohltätige Ritter der heiligen Stadt" existierte bis mindestens 1825. Die Vereinigung gewann in den etwa 40 Jahren ihrer Existenz mindestens 1375 Mitglieder, die als Ordensangehörige und zumeist auch als Funktionsträger namentlich bekannt sind. Der stärkste quantitativer Zuwachs vollzog sich nach dem Konvent von Altenberge 1764: Hatten bislang 20 aktive Mitglieder der „Strikten Observanz" angehört; waren es zwei Jahre später bereits 218 Personen, die dem „Heermeister" Freiherrn von Hund unbedingten Gehorsam schworen; bis 1782 stieg ihre Zahl auf 1375. Die Ordensmitglieder verteilten sich über den gesamten Kontinent; von den projektierten neun Provinzen arbeiteten jedoch nur fünf: Auvergne, Languedoc, Burgund sowie Nieder- und Oberdeutschland. Die Mitglieder waren in sog. Altschottischen Logen organisiert, von denen es insgesamt 34 gab, davon allein 24 in der VII. Provinz (Niederdeutschland), die das Kerngebiet der Vereinigung bildete.

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[Adolph von Knigge:] Beytrag zur neuesten Geschichte des Freymaurerordens in neun Gesprächen. Mit Erlaubniß meiner Obern. Berlin 1786, S. 67.

2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis

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„Nie hat sich der Sektengeist tätiger gezeigt, als in unsern Tagen, welche man die aufgeklärten nennt. Mit Mühe hatten wir den Gipfel der Vernunft erreicht und uns überzeugt, dass unser Geist nicht für alle Gegenstände empfänglich, und einem künftigen Leben die Vervollkommnung unserer Kenntnisse vorbehalten sei. Diese Leere gebar den Unglauben. Unzufrieden mit einer Lage, welche uns so viele Wünsche übrig läßt, stürzen wir uns in den tiefsten Grund des Aberglaubens und suchen durch die Greuel des mittleren Zeitalters und der scholastischen Philosophie neue Entdeckungen zu machen. Dieser fast allgemeine Hang zum Wunderbaren wird durch den alle Kräfte der Erwerbung übersteigenden Luxus, und durch das geschwächte Nervensystem der jetzigen Generation ungemein befördert. Unsere Großen suchen den Stein der Weisen, um unsterblich zu werden und durch die Geheimnisse der Alchemie Mittel, ihre Neigungen zu befriedigen. Der Umgang mit Menschen ist für ihre Wißbegierde nicht hinlänglich; einen Lambert, einen Kant zu studiren erfordert zu viele Präliminarkenntnisse, und eine ununterbrochene Anstrengung des Kopfes. Wir hoffen also durch den Umgang mit höheren Wesen, welche wir Geister nennen, neue Eroberungen in den Wissenschaften zu machen. Daher so viele neue Lehren im Glauben, in der Moral, und in der spekulativen Philosophie, deren Apostel entweder Betrüger oder Betrogene sind."28 Zugleich zeichnete sich eine Offensive unterschiedlicher Kräfte ab, die unter dem Begriff „Gegenaufklärung" zusammengefasst werden können. Gegen den bis in die 1770er Jahre scheinbar unaufhaltsamen Rationalismus formierte sich eine Bewegung, die als „Hang zum Wunderbaren" und „Schwärmerei" vielfache Ausprägungen und Sprachrohre fand. Johann Heinrich Jung, der sich selbst Jung-Stilling nannte, bekannte sich in seiner seit 1778/79 erscheinenden Autobiographie zum Glauben an die Existenz von Geistern und an die direkte Einwirkung der Vorsehung auf die individuellen menschlichen Geschicke. 29

28

Neuer Beitrag zu einiger Kenntnis verschiedener jetzt existierenden Geheimen Gesellschaften. In: Berlinische Monatsschrift vom Oktober 1785, 2, S. 355 - 374, hier S. 357. In einer Vorbemerkung benannten die Herausgeber F. Gedike und J. E. Biester als Quelle des „unverändert in Text und Noten" gegebenen Abdrucks die unter dem Titel Komitial-Nebenstunden erscheinende Regensburger Reichstagszeitung, 5. Jg., 28. und 29. Stück vom 25. August 1785: „Die genannte Zeitung wird von einem durch sein Amt und seine Kenntnisse angesehenen Manne geschrieben. Sie ist zwar nicht völlig unbekannt, indem noch neulich die Allgemeine Literaturzeitung und früher F. Nicolai davon geredet, indessen noch immer unbekannt genug, um voraussetzen zu können, dass die wenigsten unsrer Leser das folgende schon werden zu Gesicht bekommen haben." Eine satirische Abrechnung mit dem überbordenden Zeichenwahn in den Arkangesellschaften der 1780er Jahre enthält der 1793 veröffentlichte Schlüsselroman Kreuz- und Querzüge des Ritters Α bis Ζ von Theodor Gottlieb von Hippel; dazu umfassend Joseph Kohnen: „Kreuz- und Querzüge des Ritters Α bis Z". Theodor Gottlieb von Hippel als Kritiker der geheimen Gesellschaften des ausgehenden 18. Jahrhunderts. In: Aufklärung 3 (1988), S. 19-72.

29

Dazu jetzt Jacques Fabry: Johann Heinrich Jung-Stilling. Esoterisme chretien et prophetisme apocalyptique. Bem u.a. 2003; vgl. aber noch immer Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Er-

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Der „Magus in Norden" Johann Georg Hamann rühmte sich, übernatürliche Offenbarung empfangen zu haben. Der Dichter Matthias Claudius, Herausgeber des Wandsbecker Boten, veröffentlichte 1782 seine Übersetzung v o n Louis Claude de Saint-Martins geheimnisumwittertem Werk Des Erreurs et de la Viriti und ließ sich auch v o n dem Skandal nicht einschüchtern, den die Verbreitung eines katholischen Theosophen im orthodox-protestantischen Lager hervorrief. 30 A m deutlichsten schien der Züricher Pastor Johann Caspar Lavater den neu erwachenden Mystizismus zu verkörpern: W i e zahlreiche seiner Zeitgenossen suchte er nach materialen B e w e i s e n für die Existenz Gottes und strebte gemeinsam mit Michael Sailer eine Verschmelzung der beiden

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weckungstheologie. Basel 1963; Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Frankfurt/M. 1988; Hans Günter Krüsselberg, Wolfgang Lück (Hrsg.): Jung-Stillings Welt. Das Lebenswerk eines Universalgelehrten in interdisziplinärer Perspektive. Krefeld 1992; übersichtlich Rainer Vinke: Jung-Stilling-Forschung von 1983 bis 1990. In: Pietismus und Neuzeit 17 (1991), S. 178-228. Das Werk des Louis Claude de Saint-Martin, der als Sekretär des masonischen Systembegründers Martinez de Pasqually tätig gewesen war und sich intensiv mit Arkanwissenschaften sowie theurgischen Operationen beschäftigt hatte, bevor er nach Rückzug aus dem öffentlichen Leben 1774 als „Philosophe inconnu" in Erscheinung trat, beförderte die „mystizistische" Reaktion gegen Aufklärung und Vernunft nachhaltig; instruktiv dazu schon Fritz Lieb: Franz Baaders Jugendgeschichte. Die Frühentwicklung eines Romantikers. München 1926, S. 172-188; detailliert Antoine Faivre: L'esoterisme au XVIIIe siecle en France et en Allemagne. Paris 1973; ders.: Mystiques, theosophes et illumines au siecle de Lumiers. Hildesheim 1976; Gerhard Wehr: Louis Claude de SaintMartin. Der „Unbekannte Philosoph". Berlin 1995; Wilhelm Schmidt-Biggemann: Politische Theologie der Gegenaufklärung. Saint-Martin, De Maistre, Kleuker, Baader. Berlin 2004; jetzt auch Verf.: „Wer sich auf Chifern versteht, wird schwerlich glauben, daß dies von ungefähr ist." Saint-Martins Epistemologie der Gegenaufklärung im Widerstreit. In: Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.): Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Berlin, New York 2007 (im Druck). - Die von Matthias Claudius besorgte Übersetzung der 1775 mit irreführender Autor- und Ortsangabe veröffentlichten Schrift Des Erreurs et de la veriti ou les hommes rappelles au principe universel de la science erschien 1782 in Breslau u.d.T. lrrthümer und Wahrheit, oder Rückweiss fiir die Menschen auf das allgemeine Principium aller Erkenntniß; Verleger war der Breslauer Buchhändler Gottlieb Löwe, der als Logenbruder zuvor bereits andere Übersetzungsaufträge verteilt und auch den dritten und vierten Teil der Sämmtlichen Werke des Wandsbecker Bethen in Kommission genommen hatte. Über die Genese der Translation (die auch Reisen zum gleichfalls masonisch aktiven Christian August Heinrich Graf von Haugwitz umfasste, mit dem sich Claudius über auftretende Probleme beriet) informiert Urban Roedl [Bruno Adler]: Matthias Claudius. Sein Weg und seine Welt. Hamburg 31969, S. 259f.; Peter Berglar: Matthias Claudius in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1972, S. 65; allgemein auch Wolfgang Frühwald: Der Sonne und des Mondes Philosoph: Matthias Claudius in seiner Zeit. In: Friedhelm Debus (Hrsg.): Matthias Claudius: 250 Jahre Werk und Wirkung. Göttingen 1991, S. 13-40; Rainer Postel: Matthias Claudius und die norddeutsche Spätaufklärung. In: Ebenda, S. 41-59; Siobhan Donovan: Christlich-theologische und philosophische Anthropologie bei Matthias Claudius. In: Jürgen Barkhoff, Eda Sagarra (Hrsg.): Anthropologie und Literatur um 1800. München 1992, S. 98-119.

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Konfessionen an.31 Zugleich stimmten seine theologischen Postulate seit Ende der 1770er Jahre mit theosophischen Ideen des Martinez de Pasqually überein;32 seine Christologie wies eine enge Verwandtschaft mit der Christuslehre des vom „unbekannten Philosophen" Louis-Claude des Saint-Martin inspirierten und 1778 durch Jean Baptiste Willermoz gegründeten Orden der „Chevaliers Bienfaisants de la Cite Sainte" (Wohltätige Ritter vom neuen Jerusalem) auf.33 Die Attraktvität der so inspirierten Texte sollte nicht unterschätzt werden. Wie Rene Le Forestier festgestellte, wurden „alle diese Bücher, die einige Jahre früher keine Leser gefunden hätten, [...] von einer Öffentlichkeit gerade-

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Die Suche nach materialen Beweisen für die Existenz Gottes ergab sich aus einer Unzufriedenheit mit kausalen Gottesbeweisen bei gleichzeitigem Zweifel an einer rein geistigen Kommunikation zwischen Gott und Gläubigen. Der auf dem Kausalitätsprinzip beruhende Schluss, dass die Schöpfung notwendigerweise einen Schöpfer voraussetze, wurde nun ebenso hinterfragt wie die Prinzipien einer ekstatischen Mystik, die innere Erfahrung und Erleuchtung sowie eine nicht zu verbalisierende Intuition als Möglichkeiten des religiösen Verkehrs behauptet hatte. Deshalb suchte man nach Fakten, welche durch sinnliche Wahrnehmung überprüft werden konnten: Stimmen, Exorzismen, Heilungen durch die Kraft des Gebets oder durch Handauflegen, Prophezeiungen etc. So wird Lavaters intensive Sammlung von Berichten über wundersame Ereignisse wie die enttäuschend verlaufende Reise zum „Wunderheiler" Gassner verständlich. Im Kampf gegen den Bedeutungsverlust der Religion verband sich Lavater mit dem ehemaligen Jesuiten und Ingolstädter Bischof Johann Michael Sailer, dessen Vollständiges Lese- und Gebetbuch flir katholische Christen (München 1783) der Züricher Pastor seinen Gemeindemitgliedem lebhaft empfahl. Lavaters Aufenthalte in Bayern und sein Austauch mit Sailer wurden in der Öffentlichkeit aufmerksam registriert; vgl. Hans Graßl: Aufbruch zur Romantik, S. 165-172.

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Zum Tratte de Reintegration des Martinez de Pasqually, der in den Logen handschriftlich zirkulierte, bevor er 1899 und 1974 nach späteren Abschriften und erst 1995 in der von Saint-Martin überlieferten Fassung gedruckt wurde, vgl. Wilhelm SchmidtBiggemann: Politische Theologie der Gegenaufklärung, S. 24-35. Die innerhalb der Freimaurerei noch heute aktive Bewegung der „Martinisten" verdankt ihre Bezeichnung ursprünglich nicht Louis Claude de Saint-Martin (wie wegen seines Namens und seiner exponierten Stellung mitunter angenommen wird), sondern Martinez de Pasqually, der 1754 den Ritus der „Elus Coens", der Erwählten Priester begründet hatte und als dessen Sekretär Saint-Martin 1771/72 tätig war. Zu diesem Hochgradsystem, dessen Angehörige sich als Nachfolger des Aaronitischen Priestertums verstanden, vgl. Gerard van Rijnberk: Un thaumaturge au XVIIIe siecle. Martinez de Pasqually. Vol. I. Paris 1935, Vol. II Lyon 1938, N D Hildesheim 1982; Robert Ambelain: Le Martinisme. Histoire et Doctrine. Paris 1946; Robert Amadou: Tresor Martiniste. Paris 1969.

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Übereinstimmung zwischen dem katholischen Theosophen Saint-Martin und dem Züricher Prediger bestand vor allem in der Überzeugung, dass es ohne übernatürliche und doch sinnlich wahrnehmbare Erscheinungen des Göttlichen keinen wirklichen Glauben geben könne. Auch Lavater leugnete die Möglichkeit, sich ohne Offenbarung einen Begriff von Gott machen zu können; vgl. Auguste Viatte: Les Sources Occultes du Romantisme. 2 Bde. Paris 1928. Bd. 1, S. 25, 161; umfassend Horst Weigelt: Johann Kaspar Lavater. Leben, Werk und Wirkung. Göttingen 1991; Karl Pestalozzi, Horst Weigelt (Hrsg.): Das Antlitz Gottes im Antlitz des Menschen. Zugänge zu Johann Kaspar Lavater. Göttingen 1994 (= Arbeiten zur Geschichte des Pietismus 31).

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

zu verschlungen, die erneut von metaphysischer Angst befallen war."34 Zugleich wirkten langfristige Kontinuitätslinien bis in die „Tage, welche man die aufgeklärten nennt": Die Suche nach dem „Stein der Weisen" verwies auf eine fortwährende Attraktivität hermetischer Wissensbestände, die selbst kritische Geister wie Georg Christoph Lichtenberg in ihren Bann zu ziehen vermochten.35 In historischem Abstand lassen sich also Parameter benennen und präzisieren, die fiir die „realen" wie für die publizistisch erzeugten Arkanwelten der 1780er Jahre prägend wurden und den Hintergrund für eine neue und später noch zu spezifizierende Qualität konspirationistischer Szenarien bildeten: Ein gegen den aufgeklärten Deismus opponierender und in allen konfessionellen Lagern virulenter Mystizismus (der nach sinnlich wahrnehmbaren Gottesbeweisen suchte), das Streben nach „Einweihung" und „Aufstieg" in hierarchisch gegliederten Arkansystemen und ein gruppenspezifischer Zeichenwahn schufen eine Atmosphäre, in der nicht allein Systemschöpfer und „Wundertäter" (wie Rosa und Johnson, Cagliostro oder Saint-Germain) gedeihen konnten. Sie bildeten zugleich auch den Nährboden, auf dem „Enthüllungs-" und „Verräterschriften" - seit der kontinentalen Ausbreitung masonischer Logen eine beständige Begleiterscheinung der Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts eine verstärkte Anziehungskraft gewannen und sich in vielfach gegliederte Szenarien über konspirative Geheimnisträger und ihre heimlichen Machinationen transformieren konnten. Dieses unübersichtliche Gelände soll im folgenden genauer vermessen werden. Bevor die grundlegenden Szenarien segmentiert und detailliert rekonstruiert werden, sind thesenhaft verknappte Aussagen zur Modellierung von Arkanwelten in der sich ausdifferenzierenden publizistischen Berichterstattung zu formulieren. Im weiteren Untersuchungsgang zu schärfen und zu präzisieren, haben sie die Aufgabe, die weiterfuhrenden Beobachtungen zu strukturieren. (1) Das von diskreten Organisationen bewusst eingesetzte und inszenierte „Arkanum" avancierte zum faszinierenden Gegenstand für eine Publizistik, die sich inhaltlich segmentierte und politisch polarisierte. Neben Zeitschriften wie der von Friedrich Nicolai herausgegebenen Allgemeinen Deutschen Bibliothek und der Berlinischen Monatsschrift, die sich mit demonstrativem „Eifer für die Wahrheit" wie zur „Verbannung verderblicher Irrtümer" als Organ und Speerspitze einer kritischen Öffentlichkeit definierten,36 formierte sich in zunehmend

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Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und Jahrhundert. Drittes Buch: Das System von Wilhelmsbad, S. 124. Vgl. dazu Hermann Kopp: Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Ein Beitrag Kulturgeschichte. Heidelberg 1886. Zweiter Teil: Die Alchemie vom letzten Viertel 18. Jahrhunderts an, S. 10f. Zitate aus der Vorrede der Herausgeber Johann Erich Biester und Friedrich Gedike ersten Nummer der Berlinischen Monatsschrift vom Januar 1783, S. 1.

19. zur des zur

2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis

161

sichtbarer Weise ein vielstimmiges - doch keineswegs harmonisch abgestimmtes - Gegenprogramm, das mit publizistischen Mitteln „wahre Aufklärung" bzw. dezidiert gegenaufklärerische Positionen zu propagieren suchte.37 Sowohl für die Aktivisten des Projektes Aufklärung wie für ihre Opponenten gewann die „scheinhafte Realität" der geheimen Gesellschaften und ihr permanentes Changieren zwischen Simulation und Dissimulation eine Attraktionskraft, die sich an bereits am quantitativen Zuwachs von Darstellungen und insbesondere am Ausstoß von „Enthüllungen" und „Verräterschriften" nachweisen lässt. Die 1844 durch Georg Kloß erstellte Bibliographie der Freimaurerei und der mit ihr in Verbindung gesetzten geheimen Gesellschaften weist mehr als 200 selbständige publizistische Schriften nach, die zur Geschichte diskreter Assoziationen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschienen; die Zahl der hier verzeichneten Veröffentlichungen zu den Themenbereichen „Catholicismus, Proselytismus, Antijesuitismus" und „Kampf gegen geheime Gesellschaften" ist gleichfalls immens.38 Das Echo auf diese Textproduktion ließ nicht auf sich warten: 1785 richtete die Jenaische Allgemeine Literaturzeitung eine eigene Sparte zur Anzeige und Besprechung freimaurerischer Schriften ein; zwischen 1783 und 1796 erschienen in der Berlinischen Monatsschrift, dem wichtigsten theoretischen Organ der deutschen Spätaufklärung, über 50 Beiträge zum Wirken geheimer Gesellschaften, wobei die vermeintlichen Machinationen des 1773 aufgehobenen Jesuitenordens innerhalb dieser Organisationen einen besonderen und später noch näher zu beleuchtenden Schwerpunkt bildeten. Und während zwischen 1769-1779 nur 11 literarische Texte mit der Behandlung geheimer Gesellschaften erschienen, waren es in den 1780er Jahre bereits 40 Werke. In den 1790er Jahren steigerte sich die Produktion auf 77 Werke wobei in der hier zugrundegelegten bibliographischen Übersicht über Ordensund Bundesromane von Reinhold Taute auch Titel enthalten sind, die die Geheimbund-Motivik travestierten bzw. in autobiographischer Form über das

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Personal konzentriert ist der Sammelband von Christoph Weiß, Wolfgang Albrecht (Hrsg.): Von „Obscuranten" und „Eudämonisten". Gegenaufklärerische, konservative und antirevolutionäre Publizisten im späten 18. Jahrhundert, St. Ingbert 1997. Zentrale Vertreter (Saint-Martin, De Maistre, Kleuker, Baader) behandelt auch Wilhelm Schmidt-Biggemann: Politische Theologie der Gegenaufklärung. Berlin 2004. Vgl. Georg Kloß: Bibliographie der Freimaurerei und der mit ihr in Verbindung gesetzten geheimen Gesellschaften. Frankfurt/M. 1844. Folgt man der durch Kloß erstellten Rubrizierung und berücksichtigt also nicht die durchaus mögliche gleichzeitige Behandlung verschiedener Geheimgesellschaften innerhalb eines Textes, so erschienen 47 Titel über die Gold- und Rosenkreuzer; 33 Titel über die Asiatischen Brüder, 64 Titel über den Illuminatenorden, 43 Titel über den seit 1773 aufgehobenen Jesuitenorden, 16 Titel über die „Deutsche Union" und 18 Titel über „Geheime Gesellschaften zur Förderung des thierischen Magnetismus". In der Rubrik „Catholicismus, Proselytismus, Antijesuitismus" verzeichnete Kloß' Bibliographie 56 Titel; die Rubrik „Kampf gegen geheime Gesellschaften, in allen Ländern vom Jahre 1785 bis 1813" enthielt 90 Titel.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

eigene Engagement in diskreten Gesellschaften berichteten w i e Weishaupts Pythagoras von 1790 oder die Schriften A d o l f Freiherr von Knigges. 3 9 (2) „Unbekannte Obere", „Magier" und „Systemschöpfer", die innerhalb geheimer Gesellschaften agierten und nicht selten als Betrüger und Hochstapler enttarnt wurden, beförderten die Entwicklung einer auf Neuheit und Sensation umstellenden Publizistik und Literatur nachhaltig. Erinnert sei hier nur an z.T. bereits erwähnte historische Gestalten, die in der permanenten SelbstInszenierung des eigenen Wirkens zugleich aufmerksamkeitserregende w i e latent ästhetische Züge trugen, w a s sie zu Objekten einer später zu differenzierenden und separat zu untersuchenden publizistisch-literarischen Gestaltung werden ließ: der Geisterzitierer Johann Georg Schröpfer, den sowohl der frühe „Enthüllungsjournalismus" als auch der theologische Disput und die schöne Literatur traktierten, 40 der intensiv verhandelte Graf von Saint Germain 41 und vor allem der Sizilianer Joseph Balsamo, der als Graf Cagliostro durch Europa zog, bis er - nach vorgeblicher Verstrickung in die Halsbandaffare u m den französischen Kardinal Rohan, Prozeß und Freispruch - 1789 in die Fänge der Inquisition geriet. 42 In R o m zum Tode verurteilt, konnte er durch einen gran-

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Vgl. Reinhold Taute: Ordens- und Bundesromane. Ein Beitrag zur Bibliographie der Freimaurerei. Frankfurt/M. 1907. Kloß verzeichnete in seiner Bibliographie der Freimaurerei und der mit ihr in Verbindung gesetzten geheimen Gesellschaften insgesamt 77 „Ordensromane" und 40 „Ordensschauspiele", die vom (Andre Michael Ramsay zugeschriebenen) Roman Les Voyages de Cyrus (Paris 1727) bis zu August von Kotzebues 1818 veröffentlichtem Drama Die Freimaurer reichen. Neben publizistischen Stellungnahmen rief Schröpfer (wie der Exorzist Johann Joseph Gaßner) ausgedehnte theologisch-naturwissenschaftliche Debatten hervor, an denen sich auch der Theologe Johann Salomo Semler mit Sammlungen von Briefen und Aufsätzen über die Gaßnerischen und Schröpferischen Geisterbeschwörungen mit eigenen vielen Anmerkungen (I. Stück Frankfurt und Leipzig 1775, II. Stück Halle 1776) beteiligte. Eine besondere Rolle spielte Schröpfer in den 1780er Jahren, als sein Wirken in dem Johann August Starck zugeschriebenen Buch Saint Nicaise als Indiz für die Machinationen der „Strikten Observanz" exponiert wurde und das dagegegen opponierende Anti-Saint-Nicaise dann den Briefwechsel zwischen dem Oberhofprediger und „Klerikat"-Begründer Starck und dem durch Selbstmord geendeten Schröpfer publizierte. Dazu detailliert Kapitel 2.3.3: Eine Verschwörungstheorie vor Gericht; zum Einfluß des Schröpfer-Komplexes auf Friedrich Schillers Fortsetzungsroman Der Geisterseher siehe Kapitel 3.2. Dem Komplex der Geisterzitationen in der Zeit der Spätaufklärung widmet sich die Gießener Dissertation von Yvonne Wübben; vgl. auch ihre bereits vorliegende Studie: Von ,Geistersehern' und ,Proselyten'. Zum politischen Kontext einer Kontroverse in der Berlinischen Monatsschrift (1783-1789). In: Ursula Goldenbaum, Alexander Kosenina (Hrsg.): Berliner Aufklärung. Kulturwissenschaftliche Studien. Bd. 2. Hannover 2003, S. 189-220. Zum Grafen von Saint Germain, der angeblich 1000 Jahre alt und der Goldmacherei kundig war, vgl. Eugen Sierke: Schwärmer und Schwindler zu Ende des 18. Jahrhunderts. Leipzig 1874; Gustav Berthold Volz: Der Graf von Saint-Germain. Das Leben eines Alchimisten. Nach großenteils unveröffentlichten Urkunden. Dresden 1923. Die Literatur zu Cagliostro ist umfänglich; eine erste Orientierung verschafft die von Klaus H. Kiefer herausgegebene Quellensammlung Cagliostro. Dokumente zu Aufklä-

2.1 Öffentlichkeit und Geheimnis

163

diosen Schwindel seinen K o p f retten: In seinem 1790 geführten Prozess behauptete er, Freimaurer und Illuminaten hätten die Revolution in Frankreich geplant und bereiteten nun weitere Schläge „auf Italien und sonderheitlich auf Rom" vor. D e n Häuptern dieser Verschwörung ständen riesige Geldsummen zur Verfugung - denn 180.000 Maurer aus ganz Europa entrichteten jährlich 5 Louisd'or pro K o p f in eine gemeinsame Kasse. D i e s e Summen gebrauchte man „zur Unterhaltung der Ordenshäupter, zur Besoldung der Emissarien, die an allen H ö f e n sich befänden, zur Unterhaltung der Schiffe und endlich zur Anschaffung alles dessen, w a s der Sekte benötiget wäre, und zur Belohnung deijenigen ..., w e l c h e irgend eine Unternehmung wider despotische Souverains wagten." 43 D i e s e „Enthüllungen" boten eine kaum erwartete Unterstützung für die Gegner liberaler Arkangesellschaften und der Französischen Revolution; Cagliostros Aussagen wurden noch 1790 von der Päpstlichen Kammerdruckerei veröffentlicht und in zahlreichen Übersetzungen über den Kontinent verbreitet. In verschwörungstheoretischen Pamphleten der 1790er Jahre kehrten diese Daten wieder und befeuerten mit der Konstruktion angeblich omnipräsenter und omnipotenter Konspirateure j e n e Fiktionsstrukturen, w i e sie in den

rung und Okkultismus; über seine masonische „Karriere" als Begründer der „Mutterloge des Ägyptischen Ritus" informiert Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Viertes Buch: Die letzten Templer. Leimen 1992, S. 92-111; eine knappe Gesamtdarstellung liegt vor in Thomas Freller: Cagliostro. Die dunkle Seite der Aufklärung. Erfurt 2001. Schon frühzeitig wurde der angebliche Magier und Magnetiseur durch Vertreter des Literatursystems wahrgenommen: Goethes Interesse am Phänomen Cagliostro, das sich sowohl auf die faszinierende Persönlichkeit des charismatischen Hochstaplers und Menschenkenners als auch auf die Bedingungen seiner Wirksamkeit richtete, ist bis zum Jahr 1781 zurückdatierbar, in dem er der Weimarer Loge „Amalia" beitrat und im berühmten Brief an Lavater vor den Gefahren der „unterirdischen Gänge" warnte; vgl. Walter Müller-Seidel: Cagliostro und die Vorgeschichte der deutschen Klassik. In: Jürgen Brummack et al. (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Festschrift fur Richard Brinkmann. Tübingen 1981, S. 136-163; zu Goethes Studium der Akten des Cagliostro-Prozesses in Rom und seinen Recherchen in Palermo jetzt Joachim Bauer, Gerhard Müller: Von Johnsen zu Cagliostro. Freimaurerische .Hochstapler' und arkanpolitische Machtakkumulation im 18. Jahrhundert. In: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte 15 (2003), S. 67-104. Im Herbst 1791 beendete Goethe die Arbeit an der Komödie Der Großkophta, die die Halsbandaffare verarbeitete und in der die Gestalt des Conte di Rostro auf Cagliostro verweist. Während das im Dezember 1791 im Weimarer Hoftheater uraufgefuhrte Stück keinen großen Erfolg hatte, fand der 1803 veröffentlichte Roman von Goethes Schwager Christian August Vulpius Der Maltheser größere Resonanz; in die Figur des Zauberers Bartofano gingen Züge des Sizilianers ein. 1847 beendete Ludwig Tieck die Novelle Der Mondsüchtige, in der ein nach dem Vorbild des Cagliostro gestalteter Magier auftritt; 1858 imaginierte Theodor Mündt in der Novelle Cagliostro in Petersburg ein Treffen zwischen dem Titelhelden und dem Fürsten Potemkin. Die Rezeption des Hochstaplers in der Medienkultur der Weimarer Republik beleuchtet Robert Stockhammer: Von Cagliostro zu Hitler. In: Weimarer Beiträge 44 (1998), S. 575-599. 43

Leben und Thaten des Joseph Balsamo, sogenannten Grafen Cagliostro, S. 87f.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Geheimbundromanen der 1790er Jahre wieder auftauchen sollten - und die später noch genauer zu rekonstruieren sind. (3) Mit dem Schwinden der realen Bedeutung geheimer Gesellschaften im Zuge interner Zwistigkeiten und dem Verbot des Illuminaten-Ordens 1784/85 setzte sich die Konjunktur ihres Imaginationspotentials weiter fort. Als Gegenstand publizistischer Erörterungen und literarisch-fiktionaler Verarbeitung gewann die „Imaginationsgeschichte" von Arkangesellschaften weitaus größere Bedeutung als ihre „Realgeschichte". Das spätestens seit dem Konvent von Wilhelmsbad in einer tiefgehenden Orientierungskrise befindliche System der Hochgradmaurerei, der von Adam Weishaupt 1776 in Ingolstadt gegründete und neun Jahre später verbotene sowie durch Veröffentlichung seiner Originalschriften nachhaltig beschädigte Illuminaten-Orden sowie die Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer - für die ab 1787 ein „Silanum", d.h. eine Einstellung der Ordensarbeit galt - gewannen eine weitgehend phantasmatische Realität, bei der die Grenzen zwischen Gerüchten, publizistischer Berichterstattung und fiktionaler Gestaltung zunehmend durchlässiger wurden. Aggregiert aus Ordensschriften, journalistischen Berichten und den im Modus des Hörensagens weitergegebenen Nachrichten, befruchtete die zwischen Fakten, Fama und Fiktion changierende „Realität" der Arkanwelten wie kaum ein anderes Thema die Publizistik der 1770er und 1780er Jahre. Hinzu traten die überall vermuteten Machinationen des von Papst Clemens XIV. bereits 1773 aufgehobenen Jesuitenordens, dessen zahlreiche Angehörige und weit ausgebreitete Organisationsstrukturen nach Einschätzung vieler Zeitgenossen nicht einfach verschwunden sein konnten, sondern im geheimen weiter arbeiteten nun allerdings „verlarvt", „verkappt" und „in vielerlei Verkleidung". Schon im Jahrzehnt vor der Französischen Revolution waren alle Elemente einer konspirationistischen Kombinatorik vorhanden, die nach ihrem Ausbruch entweder systematische Ausgestaltung oder aber Verknappung zu (politisch verwertbaren) Kampfvokabeln und Schlagworten fanden. Was in den 1780er Jahren mit „Entlarvungsschriften" nach Art der 1784 publizierten „ersten Warnung" Ueber Freymaurer des Joseph Marius Babo begonnen hatte und sich in Ernst August von Göchhausens Enthüllung des Systems der Weltbürgerrepublik von 1786 fortsetzte, erreichte einen Höhepunkt in den publizistischen Reaktionen auf die Französische Revolution (namentlich in der von Leopold Alois Hoffmann herausgegebenen Wiener Zeitschrift) im Werk des französischen Jesuiten Augustin Barruel: Seine Memoires pour servir ä l 'histoire du Jacobinisme, die zu wesentlichen Teilen auf dem Material deutscher Publizisten basierten, markierten die Muster konspirationistischer Kombinatorik in einer Weise, wie sie noch in den verschwörungstheoretischen Projektionen des 20. Jahrhunderts erkennbar sind. (4) Zentrale epistemische Voraussetzungen für quantitative Zunahme und qualitative Ausgestaltung konspirationistischer Szenarien waren Umstellungen

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

165

in der Wissenskultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die neue Kenntnisse über den Menschen bereitstellten. Physiognomie und Anthropologie beförderten die Zuversicht, den eigenen wie den fremden Charakter beobachten und erkennen zu können. In diesem Rahmen gewannen rationale Verfahren neue Dignität: Galt bislang Gott als omnipräsente Instanz, die Täuschung wie Verstellung durchschauen, sollte eine neuartige „Erfahrungsseelenkunde" den menschlichen Observateur in die Lage versetzen, „in das Innerste des Herzens [zu] dringen".44 Wenn hier einschränkend vermerkt wurde, dass der „Menschenbeobachter" auf dem Wege in das „Innerste des Herzens" noch „viele Hindernisse zu überwinden" habe - namentlich den „Vorhang der sogenannten guten Lebensart", den „Vorhang der Lebensklugheit" und den „Vorhang der Selbstgefälligkeit" - waren damit zugleich auch Instanzen der Selbst- und Fremdtäuschung benannt, die als Quellen möglichen Irrtums zu berücksichtigen blieben. Ergebnis dieser hier nicht einmal anzudeutenden Perspektivgewinne sind komplizierte Wechselverhältnisse von wachsender Beobachtungsgenauigkeit und bedeutungsmaximierenden Zuschreibungsverfahren, deren Formen und Funktionen in konspirationistischer Projektionen nun präziser zu bestimmen sind.

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen Wie erwähnt, hatte es „Enthüllungen" und „Verräterschriften" zur öffentlichen Darstellung exklusiver Gruppen und separater Zirkel lange vor der kontinentalen Ausbreitung masonischer Logen gegeben. Seit der Herausbildung konkurrierender philosophischer „Schulen" und ihrer z.T. weitreichenden Abschließungsverfahren und insbesondere seit der Platonischen Differenzierung von „exoterischer" und „esoterischer Lehre" zog die intendierte Limitation und Partikularisierung von Wissens- und Geltungsansprüchen das Interesse der Außenstehenden auf sich: Legenden rankten sich schon um den Pythagoreischen Bund und die Figur seines Gründers, der auf eine Fixierung seiner Erkenntnisse verzichtete und seine Lehre nur an einen Kreis verbundener „Eingeweihter" weitergab, die neben seinen Ideen auch Habitus und systematische Lebensführung übernahmen.45 Piatons Unterscheidung zwischen seiner „exote44 45

Karl Philipp Moritz: Vorschlag zu einem Magazin einer Erfahrungs-Seelenkunde. In: Deutsches Museum 1 (1782), S. 485-503, hier S. 496. Über die legendenhaft ausgeschmückten Person des Pythagoras und seinen Kreis berichtete schon Diogenes Laertius De vitis clarorum philosophorum libri Χ, VIII, § 1-3, 45. Kritik an der bereits in der Antike einsetzenden Mythisierung übte u.a. Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu edierte Ausgabe hrsg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Frankfurt/M. 1979. Bd. 18, S. 219-235), der zugleich vom „Verein der pythagoreischen Schule" sprach, der sich noch nach dem Tod des charismatischen Begründers erhalten habe, wenn auch nicht mehr in der

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

rischen" und seiner „esoterischen Lehre" rief eine Vielzahl von Interpreten auf den Plan. 46 Antike und spätantike Mysterienkulte entwickelten allein den Initiierten vorbehaltene Geheimlehren, w i e sie etwa im De Mysteriis des Iamblichus Chalcidensis systematisiert wurden. 47 Separatistische Sekten und neuplatonische Autoren brachten im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert j e n e Texte hervor, die 1460 durch Leonardo de Pistoia aus Griechenland nach Italien transportiert und durch Marsilio Ficino ins Lateinische übertragen sow i e 1473 als Corpus Hermeticum veröffentlicht wurden - und die bis zur 1614 geführten Widerlegung durch Isaac Casaubon als Offenbarungen des Hermes Trismegestos, d.h. aus mosaischen Zeiten stammende ägyptische Weisheitslehren für Eingeweihte galten. 48 A u s den so tradierten 17 Schriften entwickelten

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rismatischen Begründers erhalten habe, wenn auch nicht mehr in der Förmlichkeit eines Bundes. Für Wilhelm Dilthey stellte das Wirken der „Pythagoreischen Schule" eine wesentliche Bedingung für die Entstehung des theoretischen Denkens dar; vgl. W. Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. In: W.D.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Bernhard Groethuysen u.a. Leipzig 1914. Bd. 1, S. 145f.; zum verbindlichen Lebensstil der Pythagoreer („bios pythagoreios") vgl. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Bd I: Altertum und Mittelalter. 12., verb. Aufl. Freiburg u.a. 1981, S. 24f. Eine Übersicht mit bibliographischem Verzeichnis der einschlägigen Arbeiten bietet Luc Brisson: Premises, Consequences, and Legacy of an Esotericist Interpretation of Plato. In: Ancient Philosophy 15 (1995), pp. 117-134; dazu auch Francisco J. Gonzalez: Introduction: A Short History of Platonic Interpretation and the 'Third Way'. In: Francisco J. Gonzalez (Ed.): The Third Way: New Directions in Platonic Studies. Lanham 1995, pp. 1-22. Zur Darstellungsform der Platonischen Dialoge allgemein Charles L. Griswold: Plato's Metaphilosophy: Why Plato Wrote Dialogues. In: Ders. (Ed.): Platonic Writings/ Platonic Readings. New York 1988, pp. 143-167; zu den Annahmen einer esoterischen Lehre und entsprechender Lesart siehe Konrad Gaiser: Plato's enigmatic lecture „On the Good". In: Phronesis 25 (1980), pp. 5-37; Charles J. Abate: Plato's Esoteric First Principle. In: Dialogos 14 (1979), pp. 29-42; John F. Miller: The Esoteric Unity of Plato's „Symposium". In: Apeiron 12 (1978), S. 19-25; Karl-Heinz Ilting: Platans 'ungeschriebene Lehren': Der Vortrag 'Über das Gute'. In: Phronesis 13 (1968), S. 1-31; Kurt von Fritz: Zur Frage der esoterischen Philosophie Piatons. In: Archiv fur Geschichte der Philosophie 49 (1967), S. 255-268; ders.: Die philosophische Stelle im Siebten Platonischen Brief und die Frage der esoterischen Philosophie Piatons. In: Phronesis 11 (1966); pp. 117-153. Dagegen Friedrich Wilhelm Niewöhner: Dialog und Dialektik in Piatons „Parmenides". Untersuchungen zur sogenannten Platonischen „Esoterik". Meisenheim a. Glan 1971; Wilfried Kuhn: Welche Kritik an wessen Schriften? Der Schluss von Piatons „Phaidros", nichtesoterisch interpretiert. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 52 (1998), S. 23-39. Dazu jetzt Beate Nasemann: Theurgie und Philosphie in Jamblichs De Mysteriis. Stuttgart 1991; zur Tradition Friedrich W. Cremer: Die chaldäischen Orakel und Jamblichs de mysteriis. Meisenheim/ Glan 1969. Isaac Casaubon wies im De rebus sacris et ecclesiasticis exercictationis XVI nach, dass die zum Corpus Hermeticum zusammengefaßten Schriften mehr neuplatonisches, gnostisch-christliches und jüdisches Gedankengut enthielten als ägyptisches und die Texte also nicht einem angeblich uralten Hermes Trismegestos zuzuschreiben seien, sondern frühestens dem 1. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung entstammten. Vergleichbare Argumente wurden aber bereits vor Casaubon genutzt; vgl. dazu schon Frederick Purneil: Francesco Patrizzi and the Critics of Hermes Tresmegistus. In: The Journal of

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

167

diverse Varianten frühneuzeitlicher Naturforschung ihre Grundlagen - auch wenn neuere historische Recherchen (vor allem durch Brian P. Copenhaver) zeigen konnten, dass ein vornehmliches durch Frances A. Yates entworfenes Bild von einer „hermetischen Renaissance-Philosophie" und ihrer kontinuierlichen Wirkung während der „Scientific Revolution" ergänzungs- und korrekturbedürftig ist.49 Die bereits fur den Hermetismus als literarischer Formation kennzeichnende Überzeugung von einem Wissen, das nur auserwählten Adepten zugänglich sei,50 erhielt neue Nahrung, als ab 1614 sog. RosenkreuzerManifeste erschienen, die eine geheime Bruderschaft solidarisch verbundener Gelehrten imaginierten und sofort zahlreiche Interessenten in ihren Bann zogen (vgl. 1. 4). Rene Descartes, der nach der vielfach beschriebenen Bruderschaft suchte, durchquerte vergeblich die deutschen Länder (und erlebte beim Mathematiker Johann Faulhaber in Ulm seine Schlüsselträume)51 - nach heutigem Wissensstand existierte diese frühneuzeitliche Geheimgesellschaft nur als imaginierter Verbund in Schriften ihrer angeblich eingeweihten Mitglieder.52 Medieval and Renaissance Studies 6 (1976), S. 155-178. Die intensiven Diskussionen über den Einfluß des Hermetismus im 16. und frühen 17. Jahrhundert, vor allem aber über Datierung und Echtheit des Corpus Hermeticum dokumentieren jetzt die Beiträge des Sammelbandes von Martin Mulsow (Hrsg.): Das Ende des Hermetismus. Tübingen 2002. An Detailuntersuchungen zuletzt Robert A. Segal: The Poimandres as Myth. Scholary theory and gnostic meaning. Berlin 1986; Jens Holzhausen: Der „Mythos vom anderen Menschen" im hellenistischen Ägypten. Eine Studie zum „Poimandres" (CH I), zu Valentin und dem gnostischen Mythos. Bodenheim 1994; Jonathan Peste: The Poimandres Group in Corpus Hermeticum: Myth, Mysticism and Gnosis in late antiquity. Göteborg 2002. 49

Breiten Einfluss erlangten die Thesen von Frances A. Yates vor allem aufgrund ihres erstmals 1964 erschienenen und in zahlreiche europäische Sprachen übersetzten Buches Giardano Bruno and the Hermetic Tradition, dem weitere Arbeiten folgten. Nach Brian P. Copenhaver hatte der angebliche Autorname Hermes Trismegestos aber bereits in der italienischen Renaissance-Philosophie die Funktion eines doxographischen Etiketts angenommen; zahlreiche mit dem Label „Hermetismus" versehene Wissensansprüche enthielten eher Ideen des Neuplatonismus als originär „hermetische" Züge; vgl. seine mehrfach aufgelegte Darstellung: Renaissance philosophy. Oxford 1992 sowie ders.: Hermetica: the Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a new English translation, with notes and introduction. Cambridge 1992.

50

Vgl. Wilhelm Kühlmann,: Der „Hermetismus" als literarische Formation. Grundzüge seiner Rezeption in Deutschland. In: Scientia Poetica 3 (1999), S. 145-157. Vgl. u.a. William R. She: Descartes and the Rosicrucian Enlightenment. In: Roger Stuart Woolhouse (Ed.): Metaphysics and Philosophy of Science in the Seventeenth and Eighteenth Centuries. Dordrecht, Boston, London 1988, S. 73-99; Kenneth L. Manders: Descartes et Faulhaber. In: Archives des Philosophie 58 (1995), Bulletin Cartesien, S. 1 - 1 2 ; Zolt Lazar: Rene Descartes' Rosicrucian Episode. In: Theoria 34 (1996), S. 173-182.

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52

So schon Hermann Kopp: Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Zweiter Teil, S. 3f.: „Viele glaubten [...] daran, dass ein derartiger Bund wirklich existire, obschon Nichts festzustellen war, was für die Richtigkeit des über die Stiftung und das Fortbestehen desselben Erzählten einen Beweis abgegeben hätte." Ebenso Roland Edighoffer: Die Rosenkreuzer. München 1995, S. 11-15.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Anders verhielt es sich mit der Freimaurerei als der wohl wichtigsten und auch quantitativ bedeutsamsten Arkangesellschaft des 18. Jahrhunderts. Nach der 1717 erfolgten Konstitution der Londoner Großloge wurde 1737 in Hamburg die erste deutsche Loge begründet, die als durchaus „reale" Assoziation die aus dem Zunftwesen der Architekten und Dombaumeister übernommenen Formen einer limitierten Weitergabe von Wissen aufnahm und weiter ausgestaltete. Voraussetzungen und Verfahren dieser durch spezifische Adressierungen und Regulierungen realisierten Formen von Exklusivität sind hier nicht näher darzustellen;53 auf eine rasch einsetzende Wirkung aber ist hinzuweisen: Bereits zwei Jahre nach der ersten deutschen Logengründung erschien in Hamburg die Enthüllungsschrift Von der Ankunft und Wachsthum einer Sekte, welche anjetzo viel Aufsehen erregt hat und markierte den Auftakt zu einer Serie von Schriften, welche die Geheimnisse der Maurerei und der ihr verwandten geheimen Gesellschaften der profanen Welt ausplauderten oder vor Angriffen zu verteidigen unternahmen.54 Die zahlreichen Publikationen mit Titeln wie Der Irrgarten der F.M. oder Der entdeckte und von allen seinen Geheimnissen entblößte F.M. oder Allgemeine und aufrichtige Beschreibung der Freimaurerei machten den ohnehin recht durchsichtigen Schleier, unter dem sich die diskrete Gesellschaft zu verbergen vorgab, noch durchlässiger. Denn die beabsichtigte Trennung der verschiedenen masonischen Systeme konnte - darauf hat Rene Le Forestier nachdrücklich hingewiesen - durch neugierige und beharrliche Brüder leicht überwunden werden. So war es stets möglich, die Legende, die Nomenklatur der Grade und die Zeremonien der Lehrarten, denen ein Maurer nicht angehörte, in Erfahrung zu bringen; „geheim" blieben meist nur Passworte und besondere Erkennungszeichen. Die Informationsquellen, deren sich ein Suchender bedienen konnte, waren ebenso zahlreich wie vielfaltig: Brüder aus anderen Provinzen oder aus dem Ausland, die während der Zechgelage der Tafelloge in vertrauensselige und also mitteilsame Stimmung versetzt worden waren; auf Reisen geknüpfte und durch Korrespondenzen aufrechterhaltene Kontakte; Abschriften der Ritualhefte eines Ritus, die sich die Oberhäupter einer Loge listenreich beschafften und publik

53

Wie andere Formen einer esoterischen bzw. hermetischen Kommunikation basierte auch der Verkehr in masonischen Logen auf der regelgeleiteten Trennung zwischen einer solidarisch verbundenen Gruppe der „Initiierten" von einer nichteingeweihten Umwelt. Die gezielte Erzeugung von Exklusivität wurde auf zwei Wegen realisiert - zum einen durch Praktiken zur Herstellung von Gruppenidentitäten (Initiations- und Aufstiegsritualen, Solidarisierungs- und Kontrollmechanismen etc.); zum anderen durch Verfahren zur Markierung von Geltungsansprüchen in Formen gemeinsamen Auftretens; Darstellung geteilter Normen und Wertvorstellungen, Abgrenzung von Gegenpositionen und Verteidigung gruppenspezifischer Ideale, Verrätselung von Ausdrücken, Mehrfachadressierung etc.

54

Vgl. Georg Kloß: Bibliographie der Freimaurerei, S. 21-29, der in der Rubrik „Schriften für, über und wider die Freimaurerei, 1717-1756" 108 Schriften auffuhrt.

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

169

machten, um einer konkurrierenden Loge die Anziehungskraft zu nehmen und nicht zuletzt der Handel mit Instruktionen durch bedürftige Logenbrüder, die ihr Schweigegelöbnis brachen. Hinzu kamen jene Maurer, die sich - ohne Rücksicht auf die Kosten der Aufnahme - in verschiedene Systeme hatten aufnehmen lassen.55 Mit dem Beginn der 1770er Jahre änderte sich die Situation grundlegend. Symptome einer tiefgehenden und von nahezu allen Zeitgenosssen empfundenen Krise der Aufklärung wurden bereits benannt: Signifikant anwachsende „Wundersucht" und „Schwärmerei", wie sie in den „Erfolgen" des Exorzisten Gassner und des Geisterzitierers Schröpfer zum Ausdruck kamen, ein zunehmender „Mystizismus" unter den Gebildeten, den etwa die Wirkungen des „unbekannten Philosophen" Saint-Martin belegten, vor allem aber die folgenschwere Lockerung des einstigen Bündnisses von Absolutismus und Toleranz durch neue Thronfolger in Preußen, Österreich und Bayern galten zeitgenössischen Beobachtern als deutliche Anzeichen dafür, dass „große Einschränkung der Denk=Freiheit" und „noch was schlimmers" bevorständen.56 Zugleich vollzogen sich innerhalb der Freimaurerei - dem einst als Zentrum von „Toleranz" und „Humanität" projektierten Binnenraum bürgerlichadliger Emanzipationsbestrebungen - weitreichende Differenzierungs- und Auflösungsprozesse. Skandale und Richtungskämpfe innerhalb des Hochgradsystems der „Strikten Observanz", das einen grotesken Pomp mit Harnisch, Helm und rot-weißer Templertracht entfaltete, sich über die „wahre" Struktur des Ordens und seine „eigentlichen" Geheimnisse jedoch nicht einigen konnte, führten zu einer Zersplitterung, die sich auch auf dem Konvent von Wilhelmsbad im Sommer 1782 nicht mehr einigen ließ.57 Diesem Prozess korrespondier55

56

57

Vgl. Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Drittes Buch: Das System von Wilhelmsbad, S. 137f., der dazu feststellt: „Wenn man die durchweg in französischer Sprache abgefaßten vertraulichen Briefe durchgeht, die zu dieser Zeit die deutschen, österreichischen, französischen, polnischen, italienischen, dänischen, schwedischen und russischen Freimaurer austauschten, muß man feststellen, dass zumindest im Hinblick auf Indiskretionen der kosmopolitische Anspruch kein leerer war." Friedrich Victor Leberecht Plessing an Immanuel Kant. Brief vom 15. März 1784. In: Kants Briefwechsel (1747-1788). Zweite Abtheilung. Bd.l, S. 371 f., Orthografie und Zeichensetzung im Original. Auf dem Konvent von Wilhelmsbad im Spätsommer 1782 setzte sich das Lyoner System der „Chevaliers de Bienfaisants de la Cite Sainte" des J. B. Willermoz durch, das der Freimaurerei eine mystisch-spiritualistische Grundlage verschaffen sollte; zehn Jahre nach dem Konvent führte der dort eingeführte „Orden der Ritter der Wohltätigkeit und der rektifizierten Freimaurerei" aber nur noch eine Randexistenz; vgl. Ludwig Hammermayer: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent von 1782. Ein Höhe- und Wendepunkt in der Geschichte der deutschen und europäischen Geheimgesellschaften. Heidelberg 1980. Eigentlicher Gewinner der Auseinandersetzungen zwischen mystizistischer und rationalistischer Richtung war der Illuminatenorden, dessen Reorganisator Adolph von Knigge seine Mandat abgegeben hatte und während der Verhandlungen in

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

te eine veränderte Praxis des Umgangs mit Ordensgeheimnissen, die hier nur anzudeuten ist: Hatte Gotthold Epraim Lessing noch in der imaginierten Diskussion von Ernst und Falk die idealen Prinzipien der „unsichtbaren Kirche" öffentlich machen wollen, um sie allgemein und jenseits besonderer Sekretierungsstrategien zu verbreiten, veröffentlichte der Darmstädter Oberhofprediger Johann August Starck 1785 anonym seine Schrift Saint-Nicaise oder eine Sammlung merkwürdiger maurerischer Briefe für Freymäurer und die es nicht sind, um in romanhafter Ausgestaltung das System der Strikten Observanz und ihre zwielichtigen Gründerfiguren zu entlarven - woraufhin in einer Fülle von Schriften sein eigener mißlungener Versuch enthüllt wurde, mit einem „Klerikat" das System der „Strikten Observanz" zu unterwandern. Unübersehbar waren schließlich die Interventionen einer neuausgerichteten absolutistischen Politik gegen Konsequenzen des Aufklärungsprojekts, die hier vorerst nur äußerst knapp benannt werden können: In Bayern ging der Staat seit 1785 massiv gegen die Mitglieder des von Adam Weishaupt gegründeten Illuminatenordens vor; in Preußen machte der nach dem Machtantritt von Friedrich Wilhelm II. zum Minister erhobene Wöllner die Religions- und Zensurerlasse des Voltaire-Freundes Friedrich II. rückgängig. Zur Deutung und Erklärung dieser folgenschweren Veränderungen entstanden seit Beginn der 1780er Jahre eine Vielzahl von Schriften, Zeitungsbeiträgen und Zeitschriftenartikeln, die bei divergierender inhaltlicher und formaler Ausgestaltung drei übereinstimmende Merkmal erkennen lassen: (1) Nahezu alle der in den 1780er Jahren erzeugten Zeitdiagnosen konstatierten - mit z.T. sehr genauen Beobachtungen - die Symptome einer Krise. Dabei fielen die Beschreibungen je nach Haltung des Beobachters unterschiedlich aus. Parteigänger einer rationalistischen Aufklärung erkannten eine anwachsende „Schwärmerei" und „Wundersucht", einen zunehmenden „Mystizismus" sowie eine kaum mehr übersehbare Konfusion innerhalb der Arkangesellschaften; Opponenten und Gegner einer rationalistischen Aufklärung konstatierten „Verachtung der Religion", „Unglauben" und „Anarchie" in „deistischen" Zirkeln und Assoziationen. (2) Die beschriebenen Phänomene erschienen nicht als disparate Ereignisse oder Vorgänge, sondern als Bestandteile eines größeren Zusammenhangs. Über Einzelaspekte hinausgehend, konstatierte man Beziehungen zwischen beobachteten „Fakten" und bewertete sie als Anzeichen einer Abweichung von einem durch geschichtsphilosophische bzw. theologische Vorannahmen bestimmten Ideal: Eine Gefahrdung ihres auf Selbstdenken, Mündigkeit und Toleranz gerichteten Projektes erkannten Vertreter der Aufklärung in den - ihrer Meinung nach konzertierten - Aktionen von Alchemisten, Geistersehern, hermetischen Philosophen und heimlichen Jesuiten;

Frankfurt am Main weilte, um die mit der Entwicklung unzufriedenen Maurer für Weishaupts Assoziation zu gewinnen.

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

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eine Unterhöhlung von Geltungsansprüchen der Religion und des Absolutismus entdeckten christlich-orthodoxe und konservative Publizisten in den Ideen von „Philosophen" und „geheimen Gesellschaften". (3) Die in ihren Symptomen abweichend beschriebene Krise fand ein mehrfach auftretendes Erklärungsmuster: Als Ursache der vermeintlich zusammenhängenden Vorgänge und Entwicklungen wurden verborgene Akteure ermittelt, die ihre der „Publizität" entzogenen Absichten in koordinierten Handlungen durchzusetzen suchten und sich dazu der bewussten Täuschung und Verstellung bedienten. Diese Erklärungen komplexer Vorgänge durch Rekurs auf das intentionale Handeln heimlich verabredeter Personengruppen folgte einer Kombinatorik, deren unterschiedliche Besetzungen und Ausprägungen sich im Anschluss an Christoph Hippchens Untersuchung zur publizistischen Darstellung des Illuminatenordens zwischen 1776 und 1800 in drei zentrale „Verschwörungsthesen" klassifizieren lassen: (a) eine „konfessionelle Verschwörungsthese", die von einer katholisch-jesuitischen Konspiration gegen den Protestantismus ausging;58 (b) eine „suprakonfessionelle Verschwörungsthese", die eine jesuitische bzw. von Ex-Jesuiten getragene Verschwörung gegen die Aufklärung behauptete;59 (c) eine „konservative Verschwörungsthese", die eine aufklärerische Verschwörung gegen die tradierte Staats- und Gesellschaftsordnung für die krisenhaften Ereignisse der 1780er Jahre und insbesondere für die Französische Revolution verantwortlich machte.60

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59

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Christoph Hippchen: Zwischen Verschwörung und Verbot. Der Illuminatenorden im Spiegel deutscher Publizistik. Weimar, Wien 1998 (= Kontext. Studien zur Literaturund Kulturgeschichte der Neuzeit 4), S. 158. Nach Hippchen formierte sich diese „Verschwörungsthese" im Anschluß an den unter dem Pseudonym Akatholikus Tolerans veröffentlichten Beitrag Johann Erich Biesters Falsche Toleranz einiger Märkischen und Pommerschen Städte in Ansehung der Einräumung der protestantischen Kirchen zum katholischen Gottesdienst in der Berlinischen Monatsschrift vom Februar 1784 (S. 180-192). Dieser „spezifischen Verschwörungstheorie" (Hippchen: Zwischen Verschwörung und Verbot, S. 151) gemäß bestand das Ziel der katholischen Kirche in der Rekatholisierung der protestantischen Gebiete, wobei der nur scheinbar aufgehobene Jesuitenorden die treibende Kraft darstellte. Mit seiner Hilfe sollten die bestehenden Geheimgesellschaften unterwandert werden, um deren Organisation anschließend zur Propaganda für die Konversion der protestantischen Bevölkerung auszunutzen. Ebenda, S. 158. Als Weiterfiihrung der „konfessionellen Verschwörungsthese" sei diese Vorstellung im Zuge der von Zeitgenossen intensiv wahrgenommenen Geschichte des Illuminatenordens entstanden, dessen Verbot dem Publikum als Folge einer jesuitischen Intrige präsentiert wurde. Ebenda, S. 158. Diese von einer „konservativen Bewegung" getragene „Verschwörungsthese" formierte sich laut Hippchen nach der Französischen Revolution als eine Deutung, „die in Geheimgesellschaften den gefahrlichsten Auslöser des Umsturzes und als deren alleiniges Ziel die Zerstörung überkommener Werte und der tragenden gesellschaftlichen Institutionen sah" (S. 155). Herausragenden Anteil an der Verbreitung dieser „konservativen Verschwörungsthese" hatte nach Hippchen die Wiener Zeitschrift des dezidierten Aufklärungsgegners Leopold Alois Hoffmann.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Diese Gliederung ist nicht ohne Berechtigung, doch präzisierungsbedürftig. Wie im folgenden zu zeigen, weisen die von Hippchen benannten Konspirationsszenarien eine längere und weitaus kompliziertere Geschichte auf, als seine Darstellung dokumentiert. Ein überaus umfängliches und dicht vernetztes Szenario, das den aufgehobenen Jesuitenorden und seine heimlich angeblich weiterhin aktiven Mitglieder für die Auflösungs- und Verwerfungsprozesse in der Hochgradmaurerei verantwortlich machte, hatte Johann Joachim Christoph Bode bereits im März 1781 niedergelegt. Im gleichen Jahr folgte Knigges „Enthüllungsschrift" Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer, die zentrale Punkte der von den Berliner Aufklärern Johann Erich Biester und Friedrich Gedike später kolportierten „konfessionellen" und „suprakonfessionellen Verschwörungsthesen" formulierte. Eine „konservative Verschwörungsthese" formierte sich nicht erst zur Erklärung der Geschehnisse in Frankreich, sondern ebenfalls lange vorher. Wie Fritz Valjavec und nach ihm Hans Graßl betonten, lassen sich bereits in der von Augsburger Ex-Jesuiten seit 1783 herausgegebenen Schriftenreihe Neueste Sammlung jener Schriften, die von einigen Jahren her über verschiedene wichtigste Gegenstände zur Steuer der Wahrheit im Drucke erschienen sind jene Begriffe und Deutungsmuster finden, die die Auflösung hierarchischer Verhältnisse einer verschworenen „Philosophen-Sekte" zuschrieb. Den Topos vom illuminatischen „Staat im Staate", der mit „unsichtbarem Gift" und durch Unterwanderung bestehender Institutionen die etablierten Ordnung bedrohe, verbreitete Joseph Marius Babos 1784 veröffentlichte „erste Warnung" Ueber Freymaurer und rief - noch vor der Publikation der Originalschriften des Illuminatenordens durch die bayerische Regierung - ein publizistisches Echo mit vielfaltigen und z.T. eindeutig konspirationistischen Deutungen hervor. Berücksichtigt man zudem ideengeschichtliche Dimensionen, lassen sich weitere Analogien aufzeigen, die es später detailliert zu rekonstruieren gilt - wie etwa die Ähnlichkeiten zwischen den seit Mitte des 17. Jahrhunderts verbreiteten Szenarien von einer angeblichen Jansenistenverschwörung und den seit Beginn der 1780er Jahre zirkulierenden Darstellungen von der „Deisten-" bzw. „Illuminatensekte" als konspirativer Assoziation zum Sturz der Offenbarungsreligion. Fragt man nach den Instanzen der Produktion und Distribution der vielfaltigen Szenarien, nach den in ihnen identifizierten Verschwörern bzw. Verschwörergruppen sowie nach den ihnen zugeschriebenen Zielen und Mitteln, lassen sich in historischem Abstand und starker Vereinfachung drei voneinander abgrenzbare Szenarien auszeichnen, deren ideengeschichtliche Voraussetzungen, Referenzbeziehungen und Zeichenökonomie nun zu untersuchen sind: (a) das durch Aufklärer wie Johann Joachim Christoph Bode, Adolph Freiherr von Knigge, Friedrich Nicolai, Johann Erich Biester und Friedrich Gedike entwickelte und in Einzelpublikationen bzw. in der Berlinischen Monatsschrift verbreitete Szenario einer Verschwörung von Jesuiten bzw. Exjesuiten, Katho-

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

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liken und „Kryptokatholiken" gegen protestantische Religion und Aufklärung, in deren Rahmen „Proselytenmacherei", die Unterwanderung bzw. manipulative Instrumentalisierung geheimer Gesellschaften sowie die Erzeugung von „Schwärmerei" und „Wundersucht" als relationales Ziel und/ oder Mittel exponiert wurden; (b) das von disparaten Repräsentanten der Gegenaufklärung wie den Augsburger Exjesuiten um Joseph Anton Weissenbach, dem protestantischen Konservativen Ernst August von Göchhausen, dem Darmstädter Oberhofprediger Johann August Starck oder ehemaligen Mitgliedern des Illuminatenordens - entworfene und in einer Fülle von Einzelschriften sowie dem Augsburger Periodikum Neueste Sammlung ... zur Steuer der Wahrheit verbreitete Szenario einer Verschwörung von aufgeklärten Philosophen, deistischen Freimaurern und Illuminaten gegen Geltungsansprüche des politischen Absolutismus, Offenbarungsreligion und Ordensgeistlichkeit; (c) das von Aufklärern wie von Gegenaufklärern entworfene Szenario einer in „magnetischen Gesellschaften" organisierten Konspiration zur Propagierung und Durchsetzung von Wissensansprüchen, die sich mit dem von Franz Anton Mesmer entdeckten „animalischen Magnetismus" und dem von seinen französischen Schülern entdeckten „Somnambulismus" verbanden. Vor der separaten Untersuchung dieser Szenarien sind knappe Hinweise zu den Ursachen dieser neuen Qualität konspirationistischer Szenarien im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts notwendig. Denn schon ein oberflächlicher Blick auf Zahl und Umfang der publizistischen Zeugnisse mit verschwörungstheoretischen Deutungs- und Erklärungsmustern zeigt eine signifikante Zunahme und Radikalisierung personalistischer Erklärungsansätze - wobei ihre Produktion und Verbreitung durch nahezu alle weltanschaulichen und politischen Lager verlief. An der Fabrikation und Verbreitung der Szenarien von einer jesuitischen bzw. „kryptokatholischen" Unterwanderung der aufklärerischen Arkangesellschaften war der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai ebenso beteiligt wie der weltliterarisch versierte Übersetzer Johann Joachim Christoph Bode und der Illuminatenwerber Adolph Freiherr von Knigge. Das Szenario von einer illuminatischen Konspiration gegen den absolutistischen Staat und seine Fundamente fand seine Ausgestalter in den Reihen von Katholiken (wie etwa beim bayrischen Archivrat und späteren Mystiker Karl von Eckartshausen, der die Formel von der „philosophischen Conjuration" prägen sollte) wie im protestantischen Aufklärungsgegner Emst August von Göchhausen. Ein erster Faktor für die Radikalisierung konspirationistischer Deutungsmuster und die Beteiligung dezidiert „aufgeklärter" Geister an ihrer Erzeugung und Verbreitung war eine seit etwa 1780 sichtbare Krise des Bündnisses zwischen Absolutismus und Aufklärung, das durch Monarchen wie Friedrich II. in Preußen, Joseph II. in Österreich, Max Joseph in Bayern garantiert schien. Der Wechsel an der Spitze der Monarchie bedeutete eine oftmals folgenschwere Kursveränderung, unter der vor allem die von Herrschern garantierten Prinzi-

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

pien der Toleranz zu leiden hatte. D i e Macht, die nachfolgende Monarchen w i e Friedrich W i l h e l m II. in Preußen, Leopold II. in Österreich oder Kurfürst Karl Theodor in Bayern in ihren Händen vereinten und die als labile Charaktere nicht selten durch konservative Ratgeber geführt und manipuliert wurden, begünstigte die Ausbreitung v o n Vermutungen über Ränke, Intrige und Machenschaften in einer Weise, auf die später detailliert einzugehen ist. D i e im „Kabinett" und im „Geheimen Conceil" praktizierte Arkanpolitik trug in nachfolgend noch genauer zu bestimmender W e i s e zur Genese von Vorstellungen bei, deren konstitutives Merkmal die Differenz z w i s c h e n täuschendem „Schein" und der Öffentlichkeit entzogenem „Sein" war - denn w e n n personale Akteure mit verborgenen Intentionen und koordinierten Machinationen (und nicht kollektive Willensträger w i e politische Parteien oder gesetzlich verankerte Prozeduren und Verfahren) über die Geschicke eines Landes bestimmten, lag die Möglichkeit einer Annahme von personalen Komplotten nah und wurde entsprechend genutzt. 61

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Exemplarisch dafür ist die anonym veröffentlichte Histoire Secrete de la Cour de Berlin, ou Correspondance d'un Voyageur francois, depuis le 5 Juillet 1776 [1786] jusqu'au 19 Janvier 1787, deren Verfasser Honore Gabriel de Riqueti de Mirabeau als diskreter Diplomat schon vorher in Großbritanien gewirkt hatte. In seiner Publikation, die verwirrte Reaktionen in Preußen und Frankreich hervorrief, berichtete Mirabeau detailliert über die Versuche zur Einflussnahme auf den preußischen Thronfolger sowie über die krisenhafte Verfassung des auf einen starken Monarchen ausgerichteten Staates nach dem Wechsel an der Staatsspitze: „Das ist ein Chaos! aber das Chaos der Ruhe. Alles stockt, Finanzen, Kriegs- und Civilstand. In einem wohleingerichteten Lande wäre diß denn freilich besser, als allzu scharfe Regierung; allein man ist hier zu sehr daran gewöhnt, dass der König arbeite, oder vielmehr, dass er alles thue. Man ist so wenig darauf eingerichtet, diese Arbeit zu ersetzen; man ist so weit entfernt davon, ihm zu sagen, dass Stockung eine gänzliche Verderbniß der Maschine sey; und was kann diß Verderbniß nicht in einem Staate werden, der so zerbrechliche Grundfesten hat [...]." Zitiert nach der deutschen Übersetzung: Geheime Geschichte des Berliner Hofes oder Briefe eines reisenden Franzosen geschrieben in den Jahren 1786 und 1787. o.O. 1789. Zweiter Theil, S. 33f. Der französische Diplomat konstatiert auch eine „Conspiration" der königliche Gunst genießenden „Schwärmer", womit er die Rosenkreuzer um Wöllner und Bischoffwerder meint; ebenda, S. 142f. Zu Mirabeaus Tätigkeit am Hofe von Friedrich II. und Friedrich Wilhelm II. vgl. Henri Welschinger: Mirabeau in Berlin als geheimer Agent der französischen Regierung 1786-1787 [La mission secrete de Mirabeau ä Berlin; 1900]. Nach Originalberichten in den Staatsarchiven von Berlin und Paris. Übertragen und bearb. von Oskar Marschall von Bieberstein. Leipzig 1900; die Hintergründe der Entsendung Mirabeaus entschlüsselt Erich Wild: Mirabeaus geheime politische Sendung nach Berlin. Heidelberg 1901, S. 5-28. Die Beobachtung der Rosenkreuzer-Umtriebe durch den französischen Grafen, den man auch als Verfasser der anonymen Geheimen Briefe über die Preußische Staatsverfassung seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm II. (Utrecht 1787) und der hier wiedergegebenen Berichte über Wöllners magische Seancen vermutete, dokumentiert jetzt Reinhardt Markner: Imakoromazypziloniakus. Mirabeau und der Niedergang der Berliner Rosenkreuzerei. In: Holger Zaunstöck, Markus Meumann (Hrsg.): Sozietäten, Netzwerke, Kommunikation. Tübingen 2003, S. 215-230.

2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

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Damit verbunden ist ein zweiter Faktor, der die „reale", d.h. historisch rekonstruierbare Macht und Einflussmöglichkeiten arkaner Assoziationen im ausgehenden 18. Jahrhundert betrifft. Illustriert werden kann er an Beispielen, die durch neuere Forschungen bekannt geworden sind. Wie Werner Troßbach bei seinen Arbeiten zu Wirtschafts- und Rechtskonflikten in der Grafschaft Neuwied entdeckte, existierte eine geheime Verbindung zwischen illuminatischen Geheimräten des Grafen von Wied-Neuwied und Mitgliedern des Ordens, die der Assesorenschaft des Reichskammergerichts angehörten und deren koordiniertes Handeln einen Prozess zur Absetzung des regierenden Fürsten möglich machte. 62 Die Rekonstruktion dieser in ihrer Bedeutung weit über die niederrheinische Landesgeschichte hinausgehende Konstellation gestattet zum einen Folgerungen über die Wirksamkeit des Illuminatenorden am höchsten Reichsgericht; 63 zum anderen erlaubt sie tiefergehende Einsichten in die Reichweite und Einflussmöglichkeiten von Arkangesellschaften überhaupt, 64 deren Spezifik eben nicht nur als symbolisches „Machtspiel der Machtlosen" 65 zu begreifen ist. Auch wenn die These von Monika Neugebauer-Wölk, dass „das Wirken von Logen und Geheimbünden im 18. Jahrhundert grundsätzlich eine konkrete politische Komponente aufweist", 66 präzisierungsbedürftig bleibt, ist der Diagnose von den nicht zu unterschätzenden Einflussmöglichkeiten arkaner Bünde innerhalb der Gesellschaft der Aufklärung zuzustimmen. Diese Möglichkeiten ergaben sich aus einem Organisationsprinzip, das eine besonders dichte Kommunikation zwischen den Gliedern diskreter Zirkel gewährleistete. Eine vernetzte Struktur, die eine weit dichtere und verbindlichere

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Vgl. Werner Troßbach: Der Schatten der Aufklärung. Bauern, Bürger und Illuminaten in der Grafschaft Wied-Neuwied. Fulda 1991, Kap. 5; ders.: Illuminaten am Reichskammergericht. In: Bernhard Diestelkamp (Hrsg.): Die politische Funktion des Reichskammergerichts. Köln, u.a. 1993, S. 135-156. Vgl. die zeitgleich mit Troßbachs Buch entstandene Arbeit von Monika NeugebauerWölk: Reichsjustiz und Aufklärung. Das Reichskammergericht im Netzwerk der Illuminaten. Wetzlar 1993, die einen Strukturvergleich zwischen freimaurerischer und illuminatischer Präsenz am zentralen Ort der Reichsverfassung liefert und konstatiert, dass die 1782 durchgeführte Reform der Gerichtsorganisation zu einer signifikanten Anwesenheit von Ordensmitgliedern im Zweiten Senat gefuhrt hatte. Dagegen Karl Härter: Soziale Unruhen und Revolutionsabwehr. Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Rechtsprechung des Reichskammergerichts. In: B. Diestelkamp (Hrsg.): Das Reichskammergericht am Ende des Alten Reiches und sein Fortwirken im 19. Jahrhundert. Köln u.a. 2002, S. 43-104, hier S. 53, 81-88. Zum politischen Einfluß von Gesandten aus verschiedenen Logen vgl. Monika Neugebauer-Wölk: Das Alte Reich und seine Institutionen im Zeichen der Aufklärung. Vergleichende Betrachtungen zum Reichskammergericht und zum Fränkischen Kreistag. In: Jahrbuch fur fränkische Landesforschung 58 (1998), S. 299-326. So Wolfgang Hardtwig: Genossenschaft, Sekte, Verein in Deutschland. Bd. 1. München 1997, S. 332. Monika Neugebauer-Wölk: Arkanwelten im 18. Jahrhundert, S. 22f.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Qualität a u f w i e s als die nicht-arkanen Gesellschaften der Aufklärung, 67 potenzierte z u m einen die Möglichkeiten des Transports von intellektuellen Inhalten, politischen Informationen, diplomatischen Aktivitäten etc. 68 Sie steigerte z u m anderen Erwartungen und Mutmaßungen und führte zu publizistischen Produktionen, die auf arkane Praktiken und arkanpolitische Dimensionen mit einem z.T. überbordenden „Beziehungssinn" reagierten. A l s dritter Faktor für die besondere Qualität von Konspirationsszenarien in der Spätaufklärung lässt sich die spannungsvolle Beziehung z w i s c h e n der Arkanpraxis „realer" Geheimgesellschaften und dem aufklärerischen Drang nach „Publizität" s o w i e rationaler Prüfung aller „wichtigen Dinge" benennen. 6 9 Thesenhaft verknappt formuliert: D i e Konfrontation v o n „Geheimnis" und 67

Die besondere Qualität arkaner Kommunikation innerhalb der vielfaltigen Vergesellschaftsformen in der Aufklärung rekonstruiert Holger Zaunstöck: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen. Die mitteldeutschen Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert. Tübingen 1999, hier v.a. S. 200-250. Die auf prospographischen Verfahren basierende Analyse der Verbindungen einzelner Mitglieder deckte ein Beziehungssystem zwischen den jeweiligen Assoziationen auf, das auf der Ebene gruppenspezifischer Erhebungen nicht sichtbar wird. Weitergeführt wird dieser Ansatz in H. Zaunstöck, Markus Meumann (Hrsg.): Sozietäten - Netzwerke - Kommunikation. Neue Forschungen zur Vergesellschaftung im Jahrhundert der Aufklärung. Tübingen 2003. Der zentrale Unterschied zwischen arkanen Logen und nicht-arkanen Gesellschaften ergibt sich aus Differenzen in Organisationsgrad sowie aus Dichte und Verbindlichkeit der Kommunikation: Gehörte etwa eine einzelne Lesegesellschaft keiner übergeordneten Gesamtorganisation an, war die masonische Loge als „Bauhütte" stets Tochtergründung einer Großloge. Die einzelnen Logen wurden zu Orden zusammengefasst, die eine ortsübergreifende organisatorische Plattform bildeten und von den Einzelmitgliedern genutzt werden konnten; siehe Holger Zaunstöck: Die vernetzte Gesellschaft. Überlegungen zur Kommunikationsgeschichte des 18. Jahrhunderts. In: Joachim Berger, Klaus-Jürgen Grün (Hrsg.): Geheime Gesellschaft. Weimar und die deutsche Freimaurerei. München, Wien 2002, S. 147-153, hier S. 152.

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Das betont auch die auf das Freimaurersystem der „Strikten Observanz" bezogene Darstellung von Gerhard Müller: Freimaurerei und politische Führungseliten. Die „Strikte Observanz" in den thüringischen Staaten (1764-1782). In: J. Berger, K.-J. Grün (Hrsg.): Geheime Gesellschaft, S. 169-175, hier S. 169: „Mit ihrer Vielzahl von Logen in ganz Europa schuf die Strikte Observanz eine arkane Kommunikationsstruktur der Eliten in Staat und Gesellschaft. Sie war das Medium, das den intellektuellen Diskurs ebenso transportierte wie politische Informationen oder klandestine Aktivitäten der Diplomatie." Die Möglichkeiten dieses Netzwerkes reichten von der Weitergabe sensibler Nachrichten über die Manipulation von Botschaften bis zu gezielter Desinformation; dazu Joachim Bauer, Gerhard Müller: „Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben." Tempelmaurerei, Aufklärung und Politik im klassischen Weimar. Jena 2000, S. 21f. Die Vorstellung nahezu unbegrenzter Potenzen einer aufgeklärten Vernunft und ihren Möglichkeiten zu kritischer Reflexion überlieferter und rational nicht legitimierter Ordnungen formulierte der Hallenser Theologe und Radikalaufklärer Carl Friedrich Bahrdt: Über Aufklärung und Beförderungsmittel derselben, von einer Gesellschaft. Leipzig 1789, S. 45: „Und sonach besteht das absolute Wesen der Aufklärung in einer festen Entschlossenheit und Gewöhnung, in wichtigen Dingen nichts für untrüglich wahr zu halten, was 1. keiner deutlichen Begriffe, 2. keiner gründlichen und eignen Überzeugung empfanglich und wo 3. keine Zusammenstimmung der Weisen vorhanden ist."

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2.2 Spezifikationen, Segmentierungen

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„Aufklärung", d.h. von Arkanpraxis im politischen Kabinettssystem einerseits und Öffentlichkeit in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft andererseits setzte divergierende Zeichenbestände frei, deren Irritationspotential Deutung und Erklärung erforderten und erzeugten. In Reaktion auf diese Irritationen wurden unter nun zu klärenden Bedingungen jene Szenarien entwickelt, die allgemein beobachtbare Phänomene als Krisensymptome deuteten und den Intentionen und Machinationen heimlich verbundener und koordiniert handelnder Urheber zuschrieben. Voraussetzung für die Konfrontation von „Geheimnis" und „Öffentlichkeit" war neben der Verpflichtung zu aufklärender Publizität die Aufnahme und Weiterfuhrung eines Ideenkomplexes, der nach Michael Stolleis „eine heute fast vergessene Formel" darstellt - die „arcana imperii" als traditionsreiche Lehre über den Gebrauch geheimen Wissens und geheimer Kunstgriffe zur Herrschaftsausübung, die auch Effekte der Simulation und der Täuschung einbezog. 70 Ohne der bis in die Antike zurückreichenden Ideengeschichte nachgehen zu können, seien an dieser Stelle knappe Hinweise auf ein Begriffsfeld gegeben, das zwar bereits fur die historiographische Rekonstruktion des Wirkens von Geheimgesellschaften im 18. Jahrhundert, doch noch nicht für die Erklärung der Genese von Verschwörungsvorstellungen fruchtbar gemacht wurde. 71 Seit Arnold Clapmarius' 1604 abgeschlossenem und posthum veröffentlichtem Werk De arcanis rerum publicarum war die Lehre von den „arcana imperii" keine Theorie zur Rechtfertigung tyrannischer Selbstbehauptung, sondern eine Lehre von der Legitimität aller Mittel, die dem Erhalt und dem Nutzen des Staates dienen. Die aus dem „Staatswohl" bzw. der „Staatsraison" erwachsende Legitimation dieser Herrschaftsmittel schloss den Entzug von 70

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Michael Stolleis: Arcana Imperii und Ratio Status. Bemerkungen zur politischen Theorie des frühen 17. Jahrhunderts. In: Ders.: Staat und Staatsräson in der frühen Neuzeit. Frankfurt/M. 1990, S. 37-72, hier S. 37. Die Wechselbeziehung von „absolutistischer Arkanpolitik des Hofes, die in der Fassade öffentlicher Repräsentation verborgen wird" und „feierlicher Selbstdarstellung des freimaurerischen Geheimbundes" betont schon Norbert Schindler: Freimaurerkultur im 18. Jahrhundert. Zur sozialen Funktion des Geheimnisses, S. 216: „Repräsentative Öffentlichkeit, wie sie die höfische Gesellschaft vorexerziert und die Loge okkupiert, lebt von der unaufhebbaren Spannung zwischen extensiver ritualisierter Selbstdarstellung und dem allen Beteiligten präsenten Wissen darum, dass die Entscheidungen hinter den Kulissen fallen. In dieses widersprüchliche Spiel, in dem absolute Herrschaft sich legitimationswirksam auszubalancieren sucht, griff die geheime Organisationsform der Freimaurerei ein. Die äußerlichen Analogie mit den Techniken und Verlaufsformen höfisch-absolutistischer Herrschaftsdarstellung dürften erheblich zu der Faszination beigetragen haben, die sie auf die Oberschichten ausübte." Auf den Illuminatenorden und seine politischen Absichten bezieht sich Manfred Agethen: Geheimbund und Utopie. IIluminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung. München 1984, S. 241: „Natürlich muß das hier offenbar werdende Politikverständnis als bedrohliche Konkurrenz im Bereich der ,arcana imperii', der Staats- und Regierungskünste, empfunden werden." Umfassend auch Monika Neugebauer-Wölk: Arkanwelten im 18. Jahrhundert, S. 7-66.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Öffentlichkeit - also den Gebrauch geheimen Wissens und geheimer Mittel ebenso ein wie die Täuschung der Menschen über Ziele und Wege der Macht. Wenn auch die rechtstheoretische Diskussion um Arkanpolitik und Staatsraison zu Beginn des 18. Jahrhunderts endete,72 vollzog sich Regierungspolitik weiterhin in vorgeprägten Bahnen, also in „Geheimrat" und „Kabinett", unterstützt durch „Geheimdienste" und verschlüsselte Nachrichten.73 Um die Voraussetzungen fur eine solche arkane Politik zu schaffen, bedurfte es eines nicht unerheblichen Aufwandes. Insbesondere Herrscher kleinerer Staaten stießen beim Aufbau eines eigenen Netzes geheimer Diplomatie schnell an Grenzen. Die sich seit 1717 ausbreitenden Freimaurerlogen halfen: „In den masonischen Sozietäten boten sich Organisationsformen an, die von allen, die sich dort engagierten, für entsprechende Ziele genutzt werden konnten".74 Die Arkangesellschaften des 18. Jahrhunderts verfugten über ausgebreitete Kommunikationsnetze sowie über elaborierte Techniken zur Sekretierung von Nachrichten und damit über nicht zu unterschätzende infrastrukturelle Möglichkeiten fur Bereiche der geheimen Politik.75 Zugleich besaßen sie - zumindest in ihrer Selbstdarstellung - jene Kompetenzen, die auch „aufgeklärte" Herrscher und ihre Zeitgenossen noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beeindruckten: Als Assoziationen, die der esoterischen Bewegung der Frühen Neuzeit eine gesellschaftlich organisierte Struktur gaben, versprachen sie einen konkreten Weg zu „höherem" Wissen durch Initiation und gradweisen Aufstieg.76 72

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1710 erschien in Deutschland der letzte einschlägige Titel; vgl. Michael Stolleis: Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Bd. 1: Reichspublizistik und Policeywissenschaft 1600-1800. München 1988, S. 202. Dass die Verschlüsselung von Nachrichten „nicht gelehrte Spielerei, sondern praktische Notwendigkeit" war, betont Michael Stolleis: Arcana Imperii und Ratio Status, S. 70f. Monika Neugebauer-Wölk: Arkanwelten, S. 31. So konnte etwa ein Fürst, der keine Diplomaten an anderen Höfen unterhielt, dort Vertraute seines Ordens nutzen. Im Freimaurersystem der „Strikten Observanz" wurden Chiffreschriften verwendet, die z.T. bis heute nicht entschlüsselt sind; im Orden der Gold- und Rosenkreuzer führte jeder Grad eine besondere Geheimschrift. Vgl. Art. „Geheimschrift". In: Eugen Lennhoff, Oskar Posner: Internationales Freimaurerlexikon. Zürich, Leipzig, Wien 1932, S. 579f.; August Wolfstieg: Bibliographie der freimaurerischen Literatur. Bd. 1. Magdeburg 1911. ND Hildesheim, Zürich, New York 1992, S. 988f. Dazu Monika Neugebauer-Wölk: Arkanwelten im 18. Jahrhundert, S. 40: „Die Arcanaimperii-Lehre eröffnete für die Sphäre des Regierungshandelns bisher unbekannte geheime Möglichkeiten, aber die lagen eben nicht nur im Bereich von rational nachvollziehbaren amoralischen Verfahrensweisen wie Betrug, Täuschung oder Verstellung; sie lagen nicht nur im Aufbau eines Corps von Geheimdiplomaten oder in der Verwendung von Geheimtinte und Geheimschrift. Politische geheime Kunst in ihrer höchsten Vollendung war esoterisch gedacht - als die Beherrschung magischer Mittel zur Förderung des Staatswohls." - Zu den ideengeschichtlichen Traditionen vgl. dies.: ,Höhere Vernunft' und .höheres Wissen' als Leitbegriffe in der esoterischen Gesellschaftsbewegung. Vom Nachleben eines Renaissancekonzepts im Jahrhundert der Aufklärung. In: Dies. (Hrsg.): Aufklärung und Esoterik, S. 170-210; Rudolf Schlögl: Die Moderne auf der Nachtseite der Aufklärung. Zum Verhältnis von Freimaurerei und Naturphilosophie.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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Diese Dimension der von Arkangesellschaften suggerierten „magischen" Kompetenzen ist vor allem aufgrund der historischen und intellektuellen Differenz zum esoterischen Hintergrund dieses Denkens noch einmal zu betonen: Nur wenn man den Einfluss berücksichtigt, den esoterische und hermetische Wissensbestände und Kommunikationsstrukturen seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert gewannen und die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Intervention gegen eine vereinseitigte rationalistische Aufklärung wieder auflebten, werden die Konsequenzen für eine „magische" bzw. „okkulte" Arkanpolitik mitsamt dem Engagement von Repräsentanten des europäischen Hochadels in den Logen des 18. Jahrhunderts verständlich.77 - Es kann nicht verwundern, dass diese komplexen Zusammenhänge bereits die Zeitgenossen intensiv beschäftigten und zu faszinierenden Gegenständen für publizistische Berichterstattung und literarische Simulation avancierten. Nachfolgend sind die zentralen konspirationistischen Szenarien, die in der Publizistik der 1780er Jahre zirkulierten, separat zu untersuchen - um materialgesättigt zu rekonstruieren, wie und warum sowohl die einer „Verbreitung nützlicher Aufklärung" verpflichteten Publizisten wie ihre dezidiert gegenaufklärerischen Antipoden einem personalistischen Beziehungswahn verfielen.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung Im Januar 1785 erscheint in der Berlinischen Monatsschrift ein anonymer Artikel, der über ein scheinbar unglaubliches Geschehen zu berichten verspricht. Der Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei in-

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In: Das achtzehnte Jahrhundert. Mitteilungen des der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts 21 (1997), S. 33-60, hier S. 34f. Gegen die „Standarderklärung", die ein masonisches Engagement von Adelsgruppen auf konkrete machtpolitische Defizite zurückführte, betont Monika Neugebauer-Wölk (Arkanwelten im 18. Jahrhundert, S. 42f.) eine völlig andere Situation „im Bereich der esoterischen Kommunikation": „Hier geht es nicht darum, ein nicht finanzierbares Netz von Geheimdipolmaten zu ersetzen, Surrogate von Macht in Form hoher masonischer Positionen zu erringen oder andere Defizite der realen Welt in anderen Sphären auszugleichen. In der esoterischen Kommunikation geht es um Qualitäten, die die reale Welt des ,profanen' Wissens gar nicht zu bieten hatte: um die Erkenntnis des Verborgenen im Sinne okkulter Kompetenzen, um die Fähigkeit zur Ausübung magischer Macht." Die zur Stützung dieser weitreichenden These angeführten Beispiele für „esoterische Politik" sind zwei relativ gut erschlossene Episoden aus den 1770er und 1780er Jahren: Zum einen die Offensive des schwedischen Königshauses zur Besetzung von Führungspositionen innerhalb der „Strikten Observanz", die nach Neugebauer-Wölk dadurch motiviert waren, „dass Gustav III. offenbar den Plan faßte, ein unsichtbares esoterisches Reich unter schwedischer Führung in Europa zu errichten und seinen ältesten Bruder, Karl von Södermanland, an seine Spitze zu stellen" (ebenda, S. 45); zum anderen die manipulativen Operationen der Gold- und Rosenkreuzer um den preußischen Kronprinz und späteren König Friedrich Wilhelm II.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

formiert unter mehrfacher Berufung auf namentlich ungenannte Zeugen und mündlich zugetragene Informationen nicht nur über den Umstand, dass die „sehr in geheim betriebene" Ausbreitung der katholischen Religion in vollem Gange sei und „verlarvte katholische Geistliche herumschleichen" würden, um „allenthalben die Begriffe ihrer Kirche auszubreiten".78 Er behauptet auch, dass es unter Protestanten bereits „wirklich heimliche Katholiken" gebe und mit Erlaubnis des Papstes nicht nur Protestanten, sondern auch Juden auf heimliche Weise der alleinseligmachenden Kirche zugeführt worden seien und nun mit einer Doppelexistenz lebten. Der anonyme Autor kennt und benennt zugleich die Mittel zur Erreichung des Zieles. Es werde „alles zu Hilfe genommen", um protestantische Seelen für den Katholizismus zu gewinnen „politische Vortheile, Aussichten zur Erlangung gewisser sonst nur schwer zu erreichender Zwekke, Bestechungen", aber auch „Versprechungen geheimer Wissenschaften, wornach unser so aufgeklärt sein sollendes achtzehntes Jahrhundert so lüstern ist." Neben der Beeinflussung schwacher Fürsten nutze man „die Larve der Beförderung der Religion", deren Wirkungen durch drastische Schilderungen eines drohenden Atheismus gesteigert werde: „Damit fangt man gute fromme Leute unter den Protestanten, welche eifrig die geoffenbarte Religion lieben, und wegen der überhand nehmenden Freigeisterei in ängstlichen Sorgen sind; bei diesen gewinnen die Emissarien dadurch Eingang, dass sie die Gefahr der Freigeisterei recht schrecklich vorstellen, sich selbst aber als eifrige Christen, deren einziger Meister Christus sein soll, angeben."79 - Doch mehr noch. Um das „Werk der Finsterniß" zu vollenden, bedienten sich die Werkzeuge der katholischen Propaganda bestehender oder neu zu installierender Geheimgesellschaften, die sie gegen „Vernunftgebrauch" und „Aufklärung" ausrichteten. Exponierten schon die ersten Passagen die heimlichen, bewusst der Öffentlichkeit entzogenen Absichten maskierter und „in allen Arten von Kleidung" handelnder Akteure unter Betonung ihrer kaum absehbarer Konsequenzen,80 maximierten die 78 79

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[Anonym:] Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei. In: Berlinische Monatsschrift vom Januar 1785, S. 59-80, hier S. 60f. Ebenda, S. 62f. Deutlicher wurden Angriffe ad personam S. 65: „Hier hat der gute Lavater durch die fanatischen und dunkeln mystischen Begriffe, die er bei den Protestanten wieder hat geltend zu machen gesucht, unendlich viel mehr Uebels gestiftet, als er sich je wird vorstellen können, weil er in der That die Welt nicht kennet, und selbst in einem dunkeln seligen Gefühl seiner Einbildungen lebt. Die schleichenden Emissarien nehmen gar zu gern die mystische Sprache an; und ich habe Beispiele, dass sie sich auch die besondere Lavaterische Sprache ziemlich haben zu eigen zu machen gewusst." In dieser Weise wurde die „Sprache des frömmelnden Mysticismus" als eine Maske beschrieben, die „listige Menschen [...] annehmen, und sich unter ehrliche fromme Leute mengen, um dadurch Absichten auszufuhren." Vgl. ebenda, S. 60f.: „Allein dies Werk der Finsterniß wird sehr in geheim getrieben, hat aber itzt schon seine Folgen, wovon sich Niemand, der die Umstände nicht weiß, einen Begriff machen kann. Verlarvte katholische Geistliche schleichen herum, und su-

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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weiteren Aussagen ein unbestimmtes Gefahrenpotential durch rhetorisch forcierte Hinweise auf deren raffinierte Strategien: „Es wird allen denen unglaublich scheinen, die nicht wissen, was für eine Menge geheimer schädlicher Gesellschaften itzt in Deutschland vorhanden sind, Gesellschaften, wo man es sich zur Pflicht macht, den Gebrauch der Vernunft als eine Versuchung des Teufels vorzustellen, und der blindesten Schwärmerei eine Sanktion zu geben, ja sie zu einer Bedingung der Erlangung höherer vermeinter Stufen zu machen. Wer diese Gesellschaften nicht etwas näher kennt, wird die Wirkungen derselben, wozu diese Geschichte gehört, für unmöglich halten. Dennoch ist die Geschichte, so unglaublich sie manchen scheinen möchte, gänzlich wahr. Aus gewissen Rücksichten verschweige ich noch einige nähere Umstände, welche den ganzen Vorgang in einem viel wahrscheinlichem Lichte zeigen würden. Die Leute, welche in Geheim durch die unverantwortlichsten Mittel ihre Absichten durchsetzen, verlassen sich eben darauf, dass sie ihre Maaßregeln so gut genommen haben, dass man nicht alles entdekken, nicht sie ganz entlarven kann, indem demjenigen, welcher aus Eifer fur die gesunde Vernunft und fur das wahre Wohl des menschlichen Geschlechts reden wollte, immer von einer gewissen Seite der Mund verschlossen wird. Aber ich hoffe gewiß, die Zeit wird kommen, dass man ganz und völlig das Geheimniß der Bosheit wird entdekken können [...] Vielleicht ist diese Zeit nicht so weit entfernt; denn man merkt, dass die obersten immer unbekannt bleiben wollenden Stifter und Anführer dieser Rotte, welche die Stärke und die Schwäche ihrer Intrigue am besten kennen, und zuverläßig eben so feig als hinterlistig und rachsüchtig sind, nun schon selbst einzusehen scheinen, dass sie nicht ganz unentdeckt geblieben sind, welches sie immer so sehr gesucht haben. Sie fangen an, die beleuchtende Fakkel der Wahrheit, die, wie sie wohl merken, ihnen immer näher riikt, zu scheuen; und dass sie feig sind, sieht man daraus, weil sie denen, welche jene Fakkel ihnen ins Gesicht halten, unbestimmte und bestimmte Drohungen entgegensetzen..."81 Mit diesem allgemeinen Bedrohungsszenario - nachfolgend konkretisiert von einer als „unglaublich" und dennoch „gänzlich wahr" angekündigten Fallgeschichte, auf die noch einzugehen ist - schloss sich die Berlinische Monatsschrift einer Kampagne an, die zu einer kaum überschaubaren Papierflut führte

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chen allenthalben die Begriffe ihrer Kirche auszubreiten. In Gegenwart eines meiner Bekannten entfuhr noch im Monat Julius v. J. einem Dominikaner zu Frankfurt am Main die Aeußerung: ,Wir haben viele heimliche Glieder unsers Ordens in Dänemark, Schweden und Rußland.' Ich weiß aus zuverlässigen Nachrichten, dass Franziskaner und Minoriten, ganz in bürgerlicher Kleidung, nach Holland gehen, und, mit vielerlei Dispensationen versehen, das Bekehrungsgeschäft nicht ohne Erfolg treiben. Die Jesuiten unvergessen, die man allenthalben, in allen Arten von Kleidung antrifft." Ebenda, S. 64-67. Als „unbestimmte Drohungen" identifizierte der anonyme Beiträger „gewisse Stellen in dem Buche: Tableau des rapports entre Dieu l'Homme & l'Univers, einem ebenso schändlichen Buche, als das Des Erreurs & de la Verite, und welches aus derselben Quelle kömmt" (S. 67) und bezog sich damit auf die von Louis-Claude des Saint-Martin 1782 veröffentlichte Schrift, deren deutsche Übersetzung u.d.T. Über das natürliche Verhältniß zwischen Gott, dem Menschen und der Welt (2 Bde., Reval 1783-85) erschienen war.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

und als „Jesuitenriecherei" in die Geschichte der deutschen Aufklärung eingegangen ist. Noch der „Walpurgisnachtstraum" in Goethes Faust nahm die Bewegung satirisch aufs Korn, indem ein „Neugieriger Reisender" - deutlicher Hinweis auf Friedrich Nicolai und dessen vielbändige Reisebeschreibung - mit charakteristischen Attributen eingeführt wurde: „Sagt, wie heißt der steife Mann?/ Er geht mit stolzen Schritten./ Er schnopert, was er schnopern kann./ ,Er spürt nach Jesuiten.'"82 Der ironische Seitenhieb auf die beschränkten Wahrnehmungskapazitäten einer „steifen" Aufklärung griff einen Begriff auf, den wohl der Hannoveraner Leibarzt Johann Georg von Zimmermann geprägt hatte und dessen Resonanz weitreichend war.83 Durch das Kompositum „Obscurantenjagd" ergänzt, diente er zur pejorativen Bezeichnung denunziatorischer Verfolgung; analog sprach man im ausgehenden 18. Jahrhundert von „Deistenriecherei" und im 19. Jahrhundert von „Demagogenjagd" und „Glaubensschnüffelei".84 - Wenn Goethe Drama den Präzeptor des literarischkulturellen Lebens der 1770er und 1780er Jahre auch als „Proktophantasmist" verspottete und seinen Kampf gegen „Geistesdespotismus" persiflierte,85 dann aus gutem Grund: Seit seiner umfassend dokumentierten Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781 kolportierte Friedrich Nicolai die These von der „Fabrizierung" geheimer Gesellschaften durch Jesuiten „in Federhüten und Ordensbändern, die den Thron umzingeln";86 sein Rezensionsorgan Allgemeine Deutsche Bibliothek druckte eine Vielzahl analog gerichteter Besprechungen; engagiert beteiligte er sich an den Auseinandersetzungen der BMHerausgeber Johann Erich Biester und Friedrich Gedike mit dem Darmstädter Oberhofprediger und angeblichen „heimlichen Jesuiten" Johann August Starck, die bis zu einem vielbeachteten Prozess vor dem preußischen Kammergericht führten. Doch produzierten nicht allein Nicolai, Biester und Gedike Szenarien, deren konstitutives Element in der „Entdeckung" bzw. „Entlarvung" einer „sehr in Geheim" agierenden „Rotte" und ihrer „obersten immer 82 83

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Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 4319-4322. Vgl. Johann Georg von Zimmermann: Über Friedrich den Großen und meine Unterredungen mit ihm. Carlsruhe 1788, S. 89f., wo zugleich ein falscher Urheber dieser Kampagne benannt wird: „Jesuitenriecherei oder Argwohn einer unter der Herrschaft und Leitung unbekannter Obern, allenthalben, unsichtbar wie die Pest, im Finstern schleichende Allmacht [...] dies alles ist die Erfindung eines Herrn Leuchsenring." (Hervorhebung im Original.) Otto Ladendorf: Historisches Schlagwörterbuch. Straßburg, Berlin 1906, S. 146-148. Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 4158-4167: „Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört./ Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!/ Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel./ Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel./ Wie lange hab' ich nicht am Wahn hinausgekehrt,/ Und nie wird's rein; das ist doch unerhört! [...] Ich sag's euch Geistern ins Gesicht,/ Den Geistesdespotismus leid' ich nicht/ Mein Geist kann ihn nicht exerzieren." Friedrich Nicolai: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781. Bd. 6. Berlin und Stettin 1785, S. 729.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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unbekannt bleiben wollenden Stifter und Anfuhrer"87 bestand. Innerhalb dieses Feldes bewegten sich ebenfalls der Ordensverwalter und weltliterarisch versierte Übersetzer Johann Joachim Christoph Bode (der die Gesellschaft Jesu seit den 1760er Jahren fur die entfaltete Hochgradmaurerei verantwortlich machte), der Reorganisator des Illuminatenordens Adolph Freiherr von Knigge (der in mehreren Publikationen ein Bündnis aus untergründig wirkenden Jesuiten und deutschen Rosenkreuzern aufdeckte), der Apologet der „Strikten Observanz" Keßler von Sprengseysen (der in zahlreichen Schriften gegen den angeblichen „Krypto-Katholiken" und „heimlichen Jesuiten" Johann August Starck polemisierte und dabei eine konspirative Verbindung zwischen Starcks „Klerikat" und bayrischen Illuminaten konstruierte) sowie der Hofmeister und „Wanderapostel" Franz Michael Leuchsenring, der fur sich die Urheberschaft der These von einer Jesuitenverschwörung reklamierte und seine Spekulationen über geheime Gesellschaften so abstruse Blüten treiben ließ, dass selbst Friedrich Nicolai öffentlich Abstand nahm und ein toleranter Historiker wie Johannes von Müller seine „Einbildungen" zurückwies.88 Im folgenden sind Ausgangsbedingungen, Strukturen und Resultate der in diesem unübersichtlichen Feld generierten Szenarien zu rekonstruieren. Die Untersuchung begibt sich damit in ein Gebiet, dem seit von Jean Blums Untersuchung zu Johann August Starck eher ausgewichen wurde.89 Dabei sind die

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[Anonym:] Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei, S. 67. Vgl. den Kommentar zu Leuchsenrings Enthüllungen von Johannes von Müller im Brief an Friedrich Heinrich Jacobi vom 3. Juni 1786, in: Johannes von Müller: Sämmtliche Werke. Sechzehnter Theil. Hrsg. von Johann Georg Müller. Tübingen 1814, S. 253: „Welch sonderbarer Kopf; ihm ist alles durch geheime Gesellschaft geschehen; aufs Wenigste das alte Testament, Mosis Bücher zumal, hat eine solche geschrieben, welche an Cyrus Hof die Spekulation ersonnen, den Juden ein Zentrum zu geben, wohin sie aus aller Welt steuern sollen; das Gesetz war von gestern, und die geheime Gesellschaft macht ihnen weiß, es seye tausend Jahre alt, nachmals wurde ein David und Salomo erdacht, weil doch die Römer einen Romulus und Numa hatten... So alles; ich könnte ein Buch schreiben von seinen Einbildungen, das unglaublich scheinen würde: die geheimen Gesellschaften sind nun der Modegedanke, der sich überall eindringt; nun haben sie alles gethan, thun alles." Jean Blum: J. A. Starck et la querelle du cryptocatholicisme en Allemagne 1785-1789. Paris 1912. Eine Kurzfassung der antijesuitischen Kampagne mit einer Auflistung der gegen die Schriften von Louis Claude de Saint Martin gerichteten Artikel in der Berlinischen Monatsschrift enthält Fritz Lieb: Franz Baaders Jugendgeschichte. Die Frühentwicklung eines Romantikers. München 1926, S. 172-188. Eine umfassendere Darstellung gibt Peter Webers Nachwort Die „Berlinische Monatsschrift" als Organ der Aufklärung in der von ihm besorgten Auswahlausgabe: Berlinische Monatsschrift (17831796). Leipzig 1985, S. 356-452, hier S. 369-371, S. 412-434. Symptomatisch für eine Verweigerung genaueren Nachfragens ist das Urteil von Michael Voges: Aufklärung und Geheimnis, S. 132: „Es erübrigt sich, die einzelnen Etappen dieses aufklärerischen Nachhutgefechts im einzelnen darzustellen." Auch Wilhelm Kreutz umgeht unter Verweis auf Blums korrekturbedürftige Schrift das schwierige Gelände; vgl. Wilhelm Kreutz: „L'inscription qu'on pourra mettre sur les ruines des thrönes, [...] peut etre

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Konsequenzen und Folgen der hier entwickelten Kombinatorik kaum zu unterschätzen - sie reichen über vielfältige Wirkungen auf Publizistik und Literatur hinaus bis zu einer Verhandlung des Verschwörungsvorwurfs vor dem Königlichen Kammergericht zu Berlin. Denn die Injurienklage, die der Darmstädter Oberhofprediger Johann August Starck im Oktober 1786 gegen die Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift einreichte, zielte auf nicht weniger als auf die juristischen Behandlung der durch Biester, Gedike und Nicolai kolportierten Behauptungen, der Begründer des „Klerikats" sei als „Krypto-Katholik" und „heimlicher Jesuit der vierten Klasse" aktiv an einer umfassenden Konspiration gegen den Protestantismus beteiligt. Um die vielfaltigen konspirationistischen Projektionen angemessen beschreiben und erklären zu können, sind Segmentierungen notwendig. In einem ersten Abschnitt werden die durch Johann Joachim Christoph Bode und Adolph von Knigge entwickelten Szenarien skizziert, die als Auftakt und Muster der nachfolgenden Projektionen gelten können. Ein zweiter Abschnitt thematisiert die Szenarien der „Berlinisten" Friedrich Nicolai, Johann Erich Biester und Friedrich Gedike, die zu einer beschleunigten Zirkulation aufeinander verweisender Zeichen führten und die Selbstreferentialität konspirationistischer Kombinatorik nachhaltig steigerten. In einem dritten Abschnitt ist schließlich die juristische Behandlung des spätaufklärerischen Konspirationismus in den Blick zu nehmen; rekonstruiert werden Vorgeschichte, Verlauf und Ergebnis des Gerichtsprozesses, den ein angeblicher „Jesuit vierter Klasse" und „kryptokatholischer" Verschwörer gegen seine vermeintlichen „Entlarver" führte. Zuvor aber bedarf es einer knappen Erinnerung an die langfristige Faszinationsgeschichte jenes Referenzobjekts, auf das sich die Verschwörungstheorien von Aufklärern bezogen. Die bereits wenige Jahre nach der Ordensgründung einsetzenden und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kulminierenden Spekulationen um den Jesuitenorden und seine „Geheimnisse" hatten wesentliche Stichpunkte fur die im „Jahrhundert des Lichts" quantitativ wie qualitativ conpue dans ces deux mots: ,L'ouvrage de l'Illuminatisme!'. Johann August Starck und die .Verschwörungstheorie'. In: Christoph Weiß, Wolfgang Albrecht (Hrsg.): Von „Obscuranten" und „Eudämonisten", S. 269-304, hier S. 276. Oberflächlich bleibt Harro Zimmermann: Despotie der Aufklärung. Die antijesuitische Verschwörungstheorie in der .Berlinischen Monatsschrift'. In: H. Zimmermann: Aufklärung und Erfahrungswandel. Studien zur deutschen Literaturgeschichte des späten 18. Jahrhunderts. Göttingen 1999, S. 65-112; ähnlich auch Taro Saito: Verschwörungstheorien im Spiegel der .Berlinischen Monatsschrift' in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts. In: Josef Fürnkäs (Hrsg.): Zwischenzeiten - Zwischenwelten. FS für Kozo Hirao. Frankfurt/M., Berlin u.a. 2001, S. 387-419. Die Chance zur detaillierten Rekonstruktion vergibt auch die quellennah arbeitende Dissertation von Sigrid Habersaat: Verteidigung der Aufklärung. Friedrich Nicolai in religiösen und politischen Debatten. Würzburg 2001, die die Kontroversen der Berliner Aufklärer nur in einer vom Nachlassmaterial bestimmten Perspektive darstellt.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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ausgeweiteten Unterstellungen geliefert - insbesondere in Gestalt einer angeblichen „Enthüllungsschrift" und ihren Derivaten, die seit der Erstpublikation im Jahre 1612 zu vielfachen publizistischen Reaktionen herausgefordert hatten. D i e Aurea monita religiosissimae Societatis Jesu galt mit der v o m Exjesuiten Hieronymus Zahorowski verfassten und 1614 in Krakau gedruckten „Popularisierung" Monita Privata bzw. Monita Secreta Societatis Jesu nahezu allen Gegnern der römisch-katholischen Kirche als authentische Quelle für die verborgenen Ziele und Mittel des Ordens, da sich die Texte selbst als schriftliche Fixierung streng g e h e i m gehaltener Regeln und Vorschriften darstellten. 90 Obwohl von den Jesuiten Jacob Gretser und A d a m Tanner umgehend zurückgewiesen, 9 1 beförderte der erklärte Jesuitenfeind Caspar Scioppius schon 1633 eine neue Ausgabe dieser angeblichen Geheim-Instruktionen in seiner Anatomia Societas Jesu zum Druck; 92 1666 fugte Elias Hasenmueller sie in die Sammlung Jesuitarum Privilegia, Disciplina, Doctrina [...] ein. 93 Drei Jahre zuvor war eine erste deutsche Übersetzung als Anhang zum Buch Der Jesuiterischen Rathschläge entdekte Haushaltung erschienen; 94 eine weitere, 1747 in Frankfurt und Leipzig veröffentlichte deutsche Version wurde in Harenbergs Pragmatische Geschichte des Ordens der Jesuiten von 1760 aufgenommen. 9 5 90

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Schon im 19. Jahrhundert wurde der Charakter der Schrift Aurea monita religiosissimae Societatis Jesu: in gratiam Politicorum & omnium, qui Jesum amant, pro studio edita a Theophilo Eulalio, Catholico Bohemo, Placentiae typis Eusebii Aganthandri Veronensis und ihre Popularisierungen als Quellenfiktion erkannt und ihre Echtheit nur noch vereinzelt verteidigt, so von Friedrich Hochstetten Die geheimen Instruktionen der Jesuiten. Stuttgart 1901. Vgl. dagegen Franz Heinrich Reusch: Der Index der verbotenen Bücher. Bonn 1885. Bd. 2, S. 280; Johannes B. Reiber: Monita secreta. Die geheimen Instruktionen der Jesuiten verglichen mit den amtlichen Quellen des Ordens. Augsburg 1902; Bernhard Duhr: Jesuitenfabeln. Freiburg 41904; Pilatus [Viktor Naumann]: Der Jesuitismus. Regensburg 1905. Jacobus Gretserus: Contra famosum libellum, cuius inscriptio est Monita Privata Societatis Jesu libri 3 apologetici. Ingolstadt 1618. Caspari Scioppii Anatomia Societas Jesu, seu Probatio Spiritus Jesuitarum. Item arcana imperii Jesuitici, cum instructione secretissima pro Superioribus ejusdem & Delicarium Jesuiticarum Specimina. Tandem divina oracula de Societatis exitu. Ad excitandam Regum & Principum Catholicorum attentionem utilissima. o.O. 1633. Elias Hasenmueller: Jesuitarum Privilegia, Disciplina, Doctrina, Magistri, Discipuli, Religio, Politica Negotia, Opiniones, Apophthemata, Miracula & Mors, Olim ä Pio Viro Septem epistolis comprehensa: Nunc autem denuö in lucem edita; Accedunt Monita privata ejusdem societas. o.O. 1666. Der Jesuiterischen Rathschläge entdekte Haushaltung: oder Erinnerungen an die Fuersten von der Jesuiter Uebung und Anordnung, durch einen Geistlichen erstlich italiänisch beschrieben, hernach lateinisch ausgegeben, nunmehro aber der ganzen Christenheit zum gemeinen Besten deutsch mitgeheilt. Samt angefügter Jesuiter-Politica, oder geheimen Vermahnungen der also genannten Gesellschaft Jesu. In dem Helikon gedrukt 1663. Die 1747 in Frankfurt und Leipzig veröffentlichte Übertragung erschien mit dem Titel: Geheime Erinnerungen der Gesellschaft Jesu, in dero Archiv zu Glaz gefunden, aus dem lateinischen Original ins Deutsche übersezt, und mit einigen Anmerkungen verse-

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Diese Ordensgeschichte verzeichnete auch eine inhaltlich mit den Monita Privata identische Schrift Arcana Societatis Jesu, bono publico vulgata, die angeblich 1635 in Antwerpen erschienen und von Benedict Gratios, dem Editor des 1717 in Amsterdam gedruckten Machiavellismus Jesuiticus, seu Tractatus in quo arcana, artes et tarn consilia quam monita secreta societatis Jesu comprehendur als materiale Grundlage seines Werkes benannt worden war.96 Begleitet von ausufernden Spekulationen über Macht und Reichtum des Ordens, der als Hort der Hofbeichtväter einen unkontrollierbaren Zugang zu politischen Entscheidungsträgern besaß und dessen Einflussmöglichkeiten selbst die bourbonischen Höfe zu Interventionen veranlasste, erfuhr die öffentliche Verbreitung der angeblich authentischen Instruktionen seit den 1750er Jahren eine signifikante Steigerung. Nachdem 1760 eine mehrfach aufgelegte italienische Übersetzung mit dem bezeichneten Titel I Lupi Smascherati erschien, wurden 1762 ohne Angabe des Druckortes Privaterinnerungen der Gesellschaft Jesu veröffentlicht; 1782 - schon nach Aufhebung der SJ - folgte eine Ausgabe Geheime Vorschriften des Jesuiten-Ordens und 1786 der Abdruck der vermeintlichen Quellendokumente im anonymen Band Vorläufige Darstellung der Rosenkreuzerey, Proselytenmacherey und Religionsvereinigung. Unverhohlenen Stolz auf eine durch Aufmerksamkeit und Buchdruck hergestellte Öffentlichkeit artikulierte die „Litterärische Notiz die Privata Monita und Secreta Monita betreffend" zur 1786 besorgten Ausgabe: „Beide Schriften, welche, wie leicht einzusehen, nicht bestimmt waren, der Welt durch den Druck bekannt zu werden, sondern nur in Abschriften den Vorstehern der Collegien und zwar unter der Bedingung der größten Verschwiegenheit und Geheimhaltung mitgetheilt werden sollten, konnten dem ohngeachtet der Publicität nicht entgehen."97

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hen. Mit angeblichen Verbesserungen findet sie sich auch in Johann Christoph Harenberg: Pragmatische Geschichte des Ordens der Jesuiten. Halle und Helmstädt 1760. Theil 2, S. 1556-1573. Eine deutsche Übersetzung erschien 1725 in Halle u.d.T.: Machiavellismus politicus, oder ein besonder historisch-politischer Tractat, in welchem die Geheimnisse und Kunstgriffe, wie auch alle heimliche Anschläge und besondre Lehren der Jesuiten enthalten sind; ehemals seiner Rarität wegen zum bessern Gebrauch der ganzen Jesuitergeseilschaft in lateinischer Sprache publizirt von Benedicto Gratioso [...]. Litterärische Notiz die Privata Monita und Secreta Monita betreffend. In: [Anonym:] Vorläufige Darstellung der Rosenkreuzerey, Proselytenmacherey und Religionsvereinigung. Deutschland 1786, S. 4 (Extrapaginierung).

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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2.3.1 Jesuitische Unterwanderung arkaner Gesellschaften Urheber der Erklärung, die 1773 offiziell aufgehobene Societas Jesu sei verantwortlich für die seit den 1770er Jahren immer mehr ins öffentliche Bewusstsein tretende Krise der Aufklärung im allgemeinen und der Arkangesellschaften im besonderen, waren im deutschen Sprachraum Johann Joachim Christoph Bode, der die Jesuiten seit 1767 für Fehlentwicklungen in der Freimaurerei verantwortlich gemacht hatte, und Adolf Freiherr von Knigge, der die Loyoliten in mehreren Beiträgen und vor allem in der 1781 pseudonym veröffentlichten Schrift Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer als Drahtzieher eines weitreichenden Komplotts zu enttarnen suchte. Auch wenn der hessen-darmstädtische Hofrat Franz Michael Leuchsenring die Rolle eines Urhebers beanspruchte und im Kreis um Johann Kaspar Lavater als Erfinder der Theorie von einer „Jesuitenverschwörung" galt,98 waren es doch wohl vor allem der historisch interessierte Ordensverwalter Bode und der masonischilluminatische Aktivist Knigge, die ein systematisch ausgestaltetes Szenario von konspirativen Machenschaften der Gesellschaft Jesu entwickelten."

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Franz Michael Leuchsenring hatte während seiner Berliner Aufenthalte zwischen 1782 und 1785 seine Thesen über die heimlichen Aktivitäten ehemaliger Jesuiten zur Ausbreitung des katholischen Glaubens verbreitet; nach ihm existierte in protestantischen Kreisen ein Geheimbund, der an der Ausbildung von „Kryptokatholiken" arbeitete. Nach dem Bruch mit Moses Mendelssohn verließ er die Stadt und wandte sich nach Zürich, von wo Friedrich Nicolais Korrespondent Heinrich Korrodi am 2. Februar 1785 berichtete, Leuchsenring behaupte inzwischen, „dass über 40 geheime Gesellschaften in Deutschland existiren, auf welche die Jesuiten gröstentheils Einfluß haben sollten"; Staatsbibliothek Berlin, Nachlass Nicolai, Bd. 42, hier zitiert nach Sigrid Habersaat: Verteidigung der Aufklärung. Friedrich Nicolai in religiösen und politischen Debatten. Würzburg 2001, Teil 1, S. U l f . Am 7. Februar 1787 meldete Heinrich Mathias Marcard aus Hannover, „das Leuchsenring geradeheraus sagt, er sey der erste gewesen der Idee von der Gefahr vor der catholischen Proselytenmacherey, vor Jesuiten, Rosenkreuzern u.s.w. nach Berlin gebracht hat", woraufhin sich Nicolai im Einverständnis mit Biester und Gedike öffentlich von Leuchsenring distanzierte; Friedrich Nicolai: Anmerkungen über das zweyte Blatt von Herrn J. C. Lavaters Rechenschaft an seine Freunde, und über Herrn P. J. M. Sailers zu Dillingen Märchen. In: F. Nicolai: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781. Bd. 8. Berlin und Stettin 1787, S. 186f., separat Berlin und Stettin 1787, S. 189f. Als Johann Georg Zimmermann am 17. April 1788 an Nicolai schrieb, Leuchsenring reklamiere die These vom konspirierenden Jesuitismus für sich („das alles wisse man in Berlin durch ihn, und er habe zuerst die Berliner darauf aufmerksam gemacht"), protestierte Nicolai am 3. Mai 1788: „Hat L[euchsring] der Fürstin v. Dessau 1786 von den Jesuiten gesprochen, so überlegen Sie nur dass ich schon 1783 davon geschrieben habe"; zitiert nach Sigrid Habersaat: Verteidigung der Aufklärung. Teil 2, S. 162 und 167.

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Schon der umfangreiche Bode-Nachruf klärte die Prioritätsfrage und wies zugleich Behauptungen einer Verbindung zwischen Bode und Leuchsenring zurück. Bis 1787 sei das Verhältnis „gespannt" gewesen; erst während eines zufalligen Treffens im Mai 1787 in Hanau und beim Austausch „über Jesuitismus und Lavaterianismus" habe sich der Unwille Bodes verloren; so Friedrich Schlichtegroll: Den 13. December 1793 starb

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Um ihre weitreichenden und vielgegliederten Darstellungen zu verstehen, die als Musterbeispiel für intensiv verdichtete Verweisungszusammenhänge gelten können, ist ein knapper Rekurs auf das Verhältnis der deutschen Freimaurerei zum Katholizismus notwendig. Der Aufklärung nahestehende Logenangehörige - die sich in Gotthold Ephraim Lessings „FreimäurerGesprächen" Ernst und Falk porträtiert fanden und in Anlehnung an Rene Le Forestier als „Rationalisten"100 bezeichnet werden können - verstanden sich als Bewahrer der in England entstandenen masonischen Tradition, in der man den Eid auf die Bibel leistete und Christus als Messias Gottes verehrte. Als Verkünder von Toleranz und Menschenliebe war Jesus Christus in diesen Vorstellungen ein menschenfreundlicher Philosoph; der „Große Baumeister aller Welten" verkörperte ein Kausalitätsprinzip, das kein vernünftiger Mensch leugnen konnte. Die seit etwa 1752 beobachtbaren Anstrengungen des Freiherrn Karl Gotthelf von Hund und Altengrottkau, eigene Logen zu begründen bzw. bereits bestehende Verbindungen zu unterwandern, bedienten sich einer weitaus geheimnisvolleren Legende: Der Orden der Freimaurer sei der im Verborgenen weitergeführte Templerorden und die Freimaurerei arbeite daran, diesen in der Zukunft in voller Pracht und vollem Glanz wieder in seine alten Rechte einzusetzen. Mit einer aus taktischen Gründen vollzogenen Instrumentalisierung der existierenden Freimaurerei entstand das später als „Strikte Observanz" bezeichnete Hochgradsystem."" Deren Zeremonien und Instruktionen aber weckten Zweifel und Unruhe, schienen doch die Ritualhefte verschiedener Hochgrade eine mystische und dem katholischen Ritus nahestehende Reli-

zu Weimar Joh. Joachim Christoph Bode, Fürstl., Hessen-Darmstädtischer Geheimer Rath. In: Nekrolog für die Jahre 1790, 1791, 1792 und 1793, Supplementband. Gotha 1798, S. 350-418, hier S. 374. Ähnlich Claus Werner: Die französische und deutsche Freimaurerei des 18. Jahrhunderts und ihr Verhältnis zur Aufklärung. Diss. Masch. Berlin (DDR) 1966, S. 165f. 100 Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Drittes Buch: Das System von Wilhelmsbad, S. 157. 101 Zur noch immer nicht vollständig aufgeklärten Vorgeschichte der unter dem Namen „Hoher Orden vom Heiligen Tempel zu Jerusalem" firmierenden „Strikten Observanz" vgl. Hermann Schüttler: Zwei freimaurerische Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts im Vergleich: Strikte Observanz und Illuminatenorden. In: Zwei freimaurerische Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts im Vergleich: Strikte Observanz und Illuminatenorden, in: Erich Donnert (Hrsg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Bd. 4: Deutsche Aufklärung. Weimar 1997, S. 521-544. Nach Schüttler zielte das Projekt des Ordensgründers Karl Gotthelf von Hund zunächst nicht auf eine Wiederherstellung des Templerordens, sondern auf die Rekrutierung finanzieller, organisatorischer und personeller Mittel zur Gründung einer ordenseigenen Kolonie in Form einer prädemokratischen Adelsrepublik auf nordamerikanischem Boden. Um 1752 begannen der Freiherr von Hund und seine ersten Mitarbeiter mit der Begründung eigener Logen und stifteten dazu die Templer-Legende; mit der Nutzung existierender Freimaurerlogen zu eigenen Zwecken bzw. der organisatorischen Verschmelzung entstand die „Strikte Observanz" als freimaurerisches Hochgradsystem.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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giosität zu demonstrieren.' 02 Der Verdacht protestantischer Logenbrüder verstärkte sich angesichts viel versprechender „Emissäre", die seit den 1760er Jahre auftraten und die Mitglieder der „Strikten Observanz" mit unterschiedlichsten Mitteln für ihre Systeme zu gewinnen suchten. Übereinstimmend erklärten sie sich zu Schülern „Unbekannter Oberer" oder zu Gesandten geheimnisvoller „Eingeweihter", die im katholischen Italien residieren sollten: In der Ewigen Stadt wollte der Rastätter Regierungsrat Gottlieb Freiherr von Gugomos seinen „geistigen Vater" gefunden haben; nach ihm waren der Papst und die dortigen Mönche die Inhaber einer Geheimwissenschaft, für die er zahlreiche Anhänger rekrutierte, bevor er in aufsehenerregender Weise als Schwindler entlarvt wurde. Der Hofzeremonienmeister von Plommenfeldt, der den schwedischen Prinzen Karl von Södermanland folgenreich manipulierte, gab vor, schon 1766 in Florenz in ein „Klerikat" aufgenommen worden zu sein, dessen Obere ihre Kenntnisse dem Hochkapitel des griechischen Ritus in Smyrna verdankten. Und der Stuttgarter Advokat Carl Eberhard Wächter, der die okkultistisch interessierten Fürsten Ferdinand von Braunschweig und Karl von Hessen beriet, berichtete nach der Rückkehr aus Italien 1778 über seine angebliche Initiation durch in Florenz ansässige „Obere", die „absolutes Wissen" besäßen und dem templerischen System helfen würden, das wahre Ziel der Freimaurerei zu erreichen - wenn man ihm die höchsten Grade übertrage. Alle diese Schöpfungen variierten ein Muster, das der protestantische Geistliche Johann August Starck mit seinem „Klerikat" - einem detailliert ausgestalteten System der neutemplerischen Freimaurerei - entfaltete. In ihm mischten sich masonische und rosenkreuzerische Überlieferungen, Alchemie, Kabbala, Magie und Astrologie mit Elementen der Papstkirche: Das Streuen von Weihrauch und das Sprengen von Weihwasser sowie die Prozessionen bei Kerzenlicht und lateinischen Chorälen erinnerten an katholische Rituale; die Soutanen der Ordensoberen (violett für den Initiator und den Conductor Noviciorum; rot für die Stiftsherren des Tempels) ahmten Priestergewänder nach. Dabei war der protestantische Theologe Starck, der in seinem „Klerikat" das Amt des Magiers beanspruchte, kein heimlicher Katholik, wie Beiträge in der Berlinischen Monatsschrift später behaupteten und damit eine Debatte auslösten, auf die noch zurückzukommen sein wird. Im römischen Kultus glaubte der spätere Darmstädter Oberhofprediger vielmehr ein Vermächtnis der zeremoniellen Magie vorzufinden. Diese schrieb den stereotypen Formeln und

102 Vgl. Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Drittes Buch, S. 158: „Man muß auch zugeben, dass etwa der Schottische Lehrling und der Ritter vom Rosenkreuz mit ihrem mystischen Abendmahl für den lutherischen oder kalvinistischen Freimaurer einen äußerst anrüchigen, päpstlichen Beigeschmack haben mußten, und erst recht die jakobitische und templerische Maurerei, die ihre Gründung einem katholischen Fürsten zuschrieb und gleichzeitig einen Mönchsorden fortbestehen lassen wollte."

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Anrufungen, den eintönigen Beschwörungen und rituellen Handlungen, dem Lichteinsatz und den Inzensationen bannende Macht über spirituelle Mächte zu und lehrte zugleich, dass es einer mystischen Weihe bedürfe, um eine Verbindung von Gottheit und Magier herzustellen. Indem Starck bestimmte äußerliche Formen des im katholischen Kultus üblichen Gottesdienstes wie liturgische Gebete, geistliche Lieder und Sakramente gebrauchte, wollte er ihnen ihre „wirkliche", vom römischen Klerus vermeintlich vergessene Bedeutung wiedergeben. Wurde so die katholische Konfession in Beziehung zur magischen Tradition als der einzig möglichen Verbindung zwischen sinnlicher und transzendentaler Welt gebracht, ist doch keineswegs ein Umstand zu vergessen, auf den Rene Le Forestier aufmerksam gemacht hat: Wie alle Mystiker positionierte Starck sich in pectore außerhalb der positiven Religion, die fur die breite Masse gemacht und deren Fassungsvermögen angepasst sei.103 Starcks Versuch zur Begründung eines „Klerikats" hatte ähnliche Beweggründe wie die bereits erwähnte Wendung zu Mystizismus und Okkultismus, deren Renaissance in den 1770er und 1780er Jahren unübersehbar schien: Die Dominanz eines eingeschränkten Rationalismus rief den Widerstand einer unbefriedigten Phantasie und die Hinwendung zu mystischen und okkulten Phänomenen auf den Plan; den orthodox-protestantischen Warnungen vor der römisch-katholischen Religion als angeblich von Magie befleckter Kulthandlungen folgte ein heimliches Interesse an deren Praktiken. So konnte es geschehen, dass in der deutschen Freimaurerei in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neben mystizistischen und alchemistischen Strömungen auch eine untergründige katholische Bewegung existierte, die dazu führte, dass römische Riten in masonische Zusammenhänge eingingen.' 04 Während für Starck und andere „Systemschöpfer" die Aufnahme von Elementen aus dem katholischen Ritus bzw. die Berufung auf „unbekannte Obere" aus Jerusalem, Rom oder Zypern ein eher zweckgebundenes Spiel mit bislang tabuisierten Themen war, nahmen gläubige Protestanten und rationalistische Freimaurer diese Bewegung mit Misstrauen wahr. Verstärkt wurde ihr Argwohn durch Gerüchte, die bereits kurz nach Entstehung des neuen Systems entstanden waren und in der neutemplerischen Maurerei ein Werkzeug des römischen Katholizismus erkennen wollten: So erzählte man sich, dass der Begründer der „Rektifizierten Freimaurerei" Karl Freiherr von Hund und Altengrottkau sich 1763 öffentlich zum Katholizismus bekannt hätte; Baron Weiler, von Hund zu seinem Botschafter a latere ernannt, sollte am Collegium Clementinum in Rom studiert und dort in Gegenwart zweier Benediktiner zum Tempelritter geschlagen worden sein. Der „Klerikat"-Begründer Starck hätte dem Protestantismus im Februar 1766 in der

103 Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Erstes Buch: Die Strikte Observanz, S. 226. 104 Vgl. J. Blum: J. A. Starck et la querelle du cryptocatholicisme en Allemagne, S. 177.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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Kirche von Saint-Sulpice abgeschworen, nach seiner Rückkehr nach Deutschland jedoch wieder die protestantische Religion praktiziert.105 - Den entscheidenden Baustein für die Konstruktion von Szenarien, die sichtbare Dissoziationen in den Arkanwelten des 18. Jahrhunderts mit dem vermeintlichen Expansionsstreben des Katholizismus verknüpften, lieferte die „Entdeckung" eines personal bestimmten Mittelgliedes: Der 1773 durch Papst Clemens XIV. aufgehobene Jesuitenorden, dessen Angehörige im Geheimen weiterwirkten, habe nicht nur ominöse „Systemschöpfer" wie Hund, Gugomos, Starck und Wächter als seine Handlanger und (unwissenden) Werkzeuge instrumentalisiert, sondern zugleich die Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer reaktiviert, um unter diesem Deckmantel das bestehende Logenwesen zu unterwandern. Stützen konnten sich diese Verdächtigungen auf bereits im 17. Jahrhundert hergestellte Beziehungen zwischen Jesuiten und Rosenkreuzem, 106 aber auch auf aktuelle Analogieschlüsse hinsichtlich ihrer Mittel und Verfahren: Einem zeitgenössischen Beobachter zufolge glichen sich beide Organisationen „vor allem im blinden Gehorsam den Oberen gegenüber, in der Ausspähung und in den Mitteln, sich der Geheimnisse anderer zu bemächtigen". 107 - Noch bevor Adolph Freiherr von Knigge im Auftrag Adam Weishaupts seine analog argumentierende Enthüllungsschrift Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer veröffentlichte, hatte der in Weimar lebende Übersetzer, Publizist und masonische Aktivist Johann Joachim Christoph Bode - innerhalb der „Strikten Observanz" unter dem Ordensnamen Eques a Lilio Convallium tätig - aus den zunächst nur vagen Beschuldigungen und Gerüchten ein komplexes Szenario kompiliert, das er in Form einer „Denkschrift" in seiner Weimarer Hausdruckerei vervielfältigte und als ordensinternes Dokument zirkulieren ließ. Die am 12. März 1781 veröffentlichte Abhandlung mit dem Titel Anbe-

fohlenes Pflichtmässiges Bedenken über das höchstverehrliche provisorische Circulaire S. M. S. O. ä Victoria, sub dato 19 Sept. 1780, einen allgemeinen ®s. Cvt. betreffend. Abseiten Fr. Christoph Eques α Lilio Convallium reagierte auf die Ankündigung eines Freimaurer-Kongresses durch Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, in dessen Rahmen Entstehung und Zweck der

105 Siehe Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Drittes Buch: Das System von Wilhelmsbad, S. 160. 106 Schon 1620 war in Prag eine Broschüre erschienen, die eine Beteiligung der Gesellschaft Jesu an der von Johann Valentin Andreae entworfenen „Fraternitatis" vermutete; [Anonym:] Rosa Jesuitica, oder Jesuitische Rottgesellen, das ist eine Frage ob die zween Orden der genandten Ritter von den Heerscharen Jesu und der Rosenkreutzer ein einiger Orden sey, darinnen der Vrsprung aller beeden Orden, auch ihr thun vnd vorhaben klärlich für Augen gestellet wird, von J. P. D; siehe Hermann Kopp: Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Zweiter Teil, S. 121. 107 Denkwürdigkeiten des Barons Carl Heinrich von Gleichen. Eine Reihe aus seiner Feder geflossener Aufsätze über Personen und Verhältnisse aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Leipzig 1847, S. 209f.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

„Strikten Observanz" endgültig geklärt werden sollten. Hintergrund dieses lange geplanten, doch erst am 16. Juli 1782 beginnenden Kongresses war der nach dem Tod von Karl Gotthelf Freiherr von Hund und Altengrottkau im November 1776 offen ausgebrochene Streit über Legitimität und historische Wurzeln der Freimaurerei, an dem sich nicht zuletzt Lessing mit seinem Dialog Ernst und Falk beteiligt hatte.108 Bereits 1761 in die Hamburger Loge „Absalom" aufgenommen und 1764 zur „Strikten Observanz" übergetreten, in der er bis zum Procurator Generalis der VII. Provinz aufstieg, galt Johann Joachim Christoph Bode „dem Bunde der Geweihten als ein mutiger Bekämpfer des Trugs und Irrtums und als ein eifriger Beförderer des Lichts im Verborgenen". 109 Als ein solcher „Bekämpfer des Trugs und Irrtums" verfasste er im Winter 1780/81 sein Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, das Zielstellungen und Methodik ohne Umschweife aussprach: „Es kommt bei dem vorhabenden wichtigen Werke allerdings sehr darauf an, dass wir der wahren Einsicht dessen, was wir waren, was wir gewesen, was wir sind, durch wessen Veranlassung, und durch welche Palingenesien wir durchgegangen sind, und durchgehen sollten, um dem Zwecke unserer ©s.Schöpfer zu entsprechen, so nahe zu kommen suchen, als durch die einfachste und aneinanderhängendste Erklärung der bildlichen, schriftlichen und traditionellen Symbolen und Hieroglyphen, ohne anerkannte Schlüsse, aber mit Bestärkung der gesunden Vernunft, und der öffentlichen Begebenheiten der Welt zu kommen nur immer möglich ist."110

108 Der seit 1772 unter dem Ordensnamen Eques a Victoria residierende Großmeister der „Strikten Observanz" Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg - dem Lessing seine 1778 veröffentlichten „Gespräche für Freimäurer" gewidmet hatte - versandte am 19. September 1780 sein „provisorisches Circulair" genanntes Schreiben, in dem er seine Absicht zur Einberufung eines Convents aussprach und zugleich Brüder der höheren Grade namentlich aufforderte, „pflichtmäßige Bedenken" über seinen Rundbrief niederzulegen. Das stachelte auch Adolph Freiherm von Knigge zu reformatorischem Eifer an; am 18. November 1780 veröffentlichte er in Frankfurt am Main seine Denkschrift Entwurf derjenigen Vorschläge, welche auf dem hier zu veranstaltenden allgemeinen Freymaurer Convent zum Vortrag gebracht werden könnten', wiederveröffentlicht in Adolph Freiherr Knigge: Sämtliche Werke. In Zusammenarbeit mit Emst-Otto Fehn, Manfred Grätz, Gisela von Hanstein und Claus Ritterhoff hrsg. von Paul Raabe. Bd. 13. München, London, New York, Paris 1992/93. 109 Friedrich Schlichtegroll: Den 13. December 1793 starb zu Weimar Joh. Joachim Christoph Bode, S. 350. 110 Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken über das höchstverehrliche provisorische Circulaire S. M. S. O. ä Victoria, sub dato 19 Sept. 1780, einen allgemeinen ©s. Cvt. Betreffend. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, 5. 2. G 39, Nr. 99/53, S. 8f. Hervorhebungen im Original. Ein Auszug aus Bodes umfangreicher Denkschrift erschien unter dem Titel: Wer war eigentlich der Ritter mit der rothen Feder? Beantwortung dieser, fur die Geschichte der Maurerei nicht unwichtigen Frage aus den Papieren eines verstorbenen Bruders. Von A******d. In:

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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Um „bis zum höchsten Grade der Wahrscheinlichkeit" von Wissen über Ursprung und Entwicklung des Systems der Freimaurerei und insbesondere der „Strikten Observanz" zu gelangen, verfolgte Bode die verschiedenen Entwicklungsstufen des Ordens und ging dazu bis 1314 - das Jahr des Feuertodes von Jacques de Molay und der angeblichen Flucht verfolgter Tempelritter nach England - zurück. Das von ihm entwickelte Erklärungsschema über Ursprünge und Entwicklung der Freimaurerei war trotz scharfsinniger Beobachtungen und partiell historisch korrekter Aussagen letztlich aber nichts als ein vielgliedriges Verschwörungsszenario." 1 Geleitet von der Frage nach „Zweck" und „Veranlassung" der Ordensgründung und -entwicklung, stellte Bode die These auf, die „Römische Kirche oder Hierarchie" und namentlich die Anhänger Loyolas hätten im 17. Jahrhundert die Freimaurerei erfunden, um den in England mit Cromwell triumphierenden Protestantismus zu bekämpfen." 2 Die „unter symbolischer Hülle verborgene Fortpflanzung des T[empler] 0[rdens]" sei, so Bodes zentraler Gedanke, „niemals genetischer Zweck", sondern immer „Mittel" heimlicher Aktivisten der Gegenreformation und der Gegenaufklärung gewesen. Nach der Glorious Revolution hätten die Loyoliten die Schottische und später die Templerische Hochgradmaurerei errichtet, um unter diesem Mantel auf die Wiedereinsetzung des Hauses Stuart hinzuarbeiten und die Hegemonie des katholischen Glaubens auf den britischen Inseln zu restituieren. Damit ihre Umtriebe gegen den Protestantismus in den anderen europäischen Staaten unbemerkt blieben, breiteten sie das Hochgradsystem auf dem Kontinent aus; nach 1773 nutzten sie die von ihnen infiltrierten Logen und

Zeitschrift fur Freimaurerei. Als Manuscript gedruckt für Brüder 1 (1823), 2. Heft, S. 207-245. 111 So erklärte Bode korrekt, die Freimaurerei sei keinesfalls eine „Erfindung Morgenländischer oder Egyptischer Magier" und wandte sich damit gegen die im mehrfache Versuche, die Geschichte der Logen bis ins 3. und 4. Jahrtausend v. Chr. zurück zu verlängern. Für seine Aussage berief sich Bode auf „zween Factis" (das Fehlen von Dokumenten bis zum Ende des 17. Jahrhunderts und die Existenz „merklicher Spuren" seit den 1730er Jahren) sowie auf den Verfasser der „Freimäurer-Gespräche" Ernst und Falk·. „Auch deucht mich, könne man sich bey Anfuhrung historischer Thatsachen wohl ziemlich auf Leßing verlassen, wenn auch seine darauf gebauten Schlüsse und Folgerungen irrig seyn sollten." Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, S. 9f. Hervorhebungen im Original. 112 Vgl. ebenda, S. 10, Hervorhebungen im Original: „Dass der Zweck, den die Stifter der Symbolischen] Graden zu erreichen suchten, immer derselbe seyn und bleiben müssen, den man bey demjenigen © nachstrebte, welchen man aus wichtigen Ursachen in England unter dieser Hülle verbergen mußte: scheint mir mehr als blosse schimmernde Vermuthung. Dass dieser Zweck, als der vornehmste Punkt bey der Sache, durch ein bestimmendes Symbol angedeutet seyn müsse, scheint gleichfalls keinem Zweifel unterworfen zu seyn. Ich meinestheils bin innigst überzeugt, dass dieser Zweck nicht undeutlich durch das Bauen im Tempel ausgedrückt ist, und durch das, was ich in der Folge beybringen werden, hoffe ich, soll es einleuchten, dass dies Bauen im Tempel richtig durch Befestigung der Römischen Kirche oder Hierarchie in England übersezt werde."

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Systeme, um die illegale Existenz ihres Ordens zu verbergen. Hund und die „Rektifizierte Maurerei", Starck und sein „Klerikat", Wächter und das „Erleuchtete Kapitel" von Schweden seien ihre Komplizen oder ihre unwissenden Werkzeuge. Zur Stützung dieser Erklärung führte Bode zahlreiche Beweise an, die eine weitreichende Einflussnahme der Jesuiten auf die rituellen Praktiken der Freimaurerei belegen sollten. Schon das Initiationsritual und der Dialog zwischen dem Meister vom Stuhl und dem Ersten Aufseher, aber auch die Sinnbilder und Formeln der drei symbolischen Grade verrieten eine jesuitische Urheberschaft: Die Antworten „Mittag" und „Mitternacht", die beim Öffnen und Schließen der Loge auf die Frage des Meisters nach der Zeit gegeben wurden, wiesen darauf hin, dass die Jesuiten aufgrund eines 1543 vom Papst verliehenen Privilegs das Recht hatten, die Messe vor Sonnenaufgang und nach Mittag zu lesen. Die auf dem Logenteppich abgebildeten Zeichen von Sonne, Mond und Sterne stellten die Märtyrer des katholischen Glaubens dar; die Säulen Jakin und Boas spielten auf den Jesuiten- und Benediktinerorden an, die als die Stützen wahrer Religion galten. Schließlich enthielte auch die symbolische Gründungslegende einen Hinweis auf den Katholizismus: Der Tempelbaumeister Hiram, der von zwei rebellierenden Gefährten getötet wurde, repräsentiere die römische Hierarchie, die von Luther und Calvin zerstört worden sei.113 In ähnlich bedeutungsmaximierender Weise behandelte Bode die Symbole und Rituale der „Schottischen Maurerei". Die Bundeslade allegorisiere das Bündnis zwischen dem Jesuitenorden und dem Haus Stuart; der Aaronstab in der Lade stelle die Forderung nach Wiedergewinnung der römischen Vorherr-

113 Zu beachten ist die Rhetorik der Darstellung, in der sich vorsichtige Formulierungen und apodiktische Aussagen vermengen, vgl. etwa ebenda, S. 11: „Geistliche ©s.Männer waren die Stifter gewiss. Der aufzunehmende Lehrling wird alles Metalls beraubt, und in den Stand gesezt, worinn jeder aufzunehmender No viz eines regulairen geistlichen] ©s. versezt wird, dadurch, dass er allem Eigentum in der Welt, seinem eigenen Willen und seinen eigenen Einsichten entsagt. Er thut sein Gelübde vor einem Altar, entkleidet und baarfuß, an einem heiligen Orte, der eine Kirche (Tempel) vorstellt. Das Gelübde legt er ab auf die Bibel, auch nicht etwa auf das Capitel im alten Testament, wo vom Tempelbau die Rede ist, sondern auf das Evangelium St. Joh. des Lieblings Jesu, des angewiesenen Sohnes der Maria und des ersten Schutzheiligen der regulairen Geistlichen. Der Cordon auf dem Teppiche, das bekannte Zeichen der Einigkeit der römischen Bischöffe. Sonne, Mond und Sterne, unter welchen in der römischen Kirche, nach Anleitung einiger biblischer Ausdrücke aus der Offenbarung Johannis die Heiligen und Märtirer angedeutet werden. Der flammende oder leuchtende Stern, welcher die Weisen aus dem Morgenlande τα Jesu führt [...] Die 3. Schläge, Trinitas. Das Sic transit, welches bekanntlich einen Theil der Ceremonie bey der Krönung des Oberhaupts der Kirche ausmacht; das erste Licht [...] = alles dies sind zusammengenommen sichere Beweise, nicht nur davon, dass der © von Geistlichen] Brüdern gestiftet ist, sondern auch, dass er einen religiösen Endzweck haben müsse, welchen man den Neuling hat wollen ahnden lassen. Fast unverkennbare Merkmale, wenn einer sich nur erst die Augen zum Sehen ausgewischt hat [...]."

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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schafit dar. Die in die Tempelritter-Legende eingeschriebene Topographie sei gleichfalls eine Chiffre: Gelobtes Land und Jerusalem ständen stellvertretend für England und London; die Kreuzzüge symbolisierten den Kampf der Jesuiten für den katholischen Glauben. Die vier „Schottischen Meister", die nach der Freimaurerlegende im Grundstein des Tempels drei Schalen gefunden haben sollten, seien Mitglieder der Gesellschaft Jesu, welche nach dem Schwur von vier Eiden den Grad eines Professen erlangt hätten; die drei Schalen selbst trügen mehrfache Bedeutung: Die aufgeprägten Schriftzeichen J-GO könnten als „Jacobus glorificabit Ordinem" oder „Jesuitae gubernant orbem" entschlüsselt werden." 4 Auch die Legende von der Vertreibung aus dem Heiligen Land erfuhr durch Bode ihre konspirationistische Dechiffrierung: Als die Sarazenen (= Wilhelm von Oranien und die Protestanten) sich des Heiligen Landes (= Großbritannien) bemächtigt hatten, wären Tempelschatz bzw. Bundeslade (= Symbole für die Allianz zwischen Jesuitenorden und StuartDynastie) nach Schottland (= Frankreich) gebracht worden, wo sie in Edimburg (= Saint-Germain-en-Laye, wo Jakob II. bis zu seinem Tode 1702 residierte) aufbewahrt würden. Völlige Klarheit wollte Bode über die alchemistischen Symbole in bestimmten Graden der „Schottischen Maurerei" gewonnen haben. Auch hier folgte er der grundlegenden Entschlüsselungsfigur, die hinter dem oberflächlichen Schein weitreichende Absichten geheimer Lenker aufdeckte. Die Rede von der Zubereitung des lapis philosophorum, der Leben verlängern und Metalle von ihren unreinen Bestandteilen läutern sollte, um sie in Gold und Silber zu verwandeln, wäre allegorisch und drücke aus, dass allein die Herrschaft des Katholizismus ewige Glücksseligkeit garantieren, da nur so die Protestanten von ihren Irrtümern geheilt werden und zum wahren Glauben zurückkehren könnten. Der in alchemistischen Versuche eingesetzte Behälter Athanor, in dem die Bestandteile der Chrysopoeia vermischt und erhitzt wurden, verweise gleichfalls auf politische Absichten der die Re-Katholisierung Europas anstrebenden Jesuiten: Er symbolisiere die Schiffe, mit denen die antiprotestantischen Kämpfer nach England segeln würden. Die alchemistische Instruktion,

114 Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, S. 21. Nach dem Clermontschen System der Freimaurerei, das 1754 durch den Chevalier de Bonneville in Paris begründet worden war und für dessen Verbreitung in Deutschland Philipp Samuel Rosa sorgte, trugen die drei Schalen, die im Fundament des Tempels zu Jerusalem gefunden worden seien, eine alchemistische Bedeutung: Der Buchstabe J auf der ersten Schale zeige das Salz an, das G auf der zweiten Schale stehe für den Schwefel, die ohne Bezeichnung gebliebene dritte Schale verweise auf Mercerius oder allgemeinen Weltgeist. Da nach der paracelsischen Chemie alle physikalischen Körper dieser Welt in diese Stoffe zerlegt werden konnten, bildeten sie die Grundbestandteile bzw. Materialien zum „philosophischen Bau" und mussten nach den fünf Meisterpunkten bearbeitet werden; vgl. Hermann Kopp: Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Zweiter Teil, S. 250f.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

den Turm von Babel durch Hinzufugen neuen Baumaterials zu erhöhen, sei eine Erinnerung an die Notwendigkeit, das katholische Expeditionskorps nach Beginn der militärischen Aktionen permanent zu verstärken. Der „Flammende Stern" schließlich - in den Traktaten der masonischen Alchemie ein Symbol für den im Feuer geläuterten Stein der Weisen - verweise auf konfessionelle und politische Zielstellungen: Zum einen bedeute er die Fähigkeit eines einzigen Gläubigen, Tausende von Irregeleiteten überzeugen zu können; zum anderen enthalte er die allegorische Ankündigung, dass eines Tages ein Mitglied des Hauses Stuart ruhmreich über England herrschen werde. Unter Rekurs auf koordinierte Machinationen jesuitischer Urheber erklärte Bode schließlich die Entstehung der „Strikten Observanz" in Deutschland. Der Begründer der „Rektifizierten Freimaurerei", Karl Freiherr von Hund und Altengrottkau, sei von Jesuiten mit der Aufgabe betraut worden, die templerische Maurerei zu etablieren - doch von ihnen im Stich gelassen worden, als die Niederlage der Jakobiten bei Culloden und der Frieden von Aix-laChapelle den Kampf um eine Wiederherstellung des Katholizismus zumindest vorerst sinnlos machte.115 Die wenigen Details, die Hund über seine angeblich 1743 vollzogene Aufnahme in den Templerorden in Paris verlauten ließ, seien Indizien für eine jesuitische Steuerung - denn Ordensname und Habitus des „Verborgenen Oberen" Eques a Penna Rubra (Ritter der Roten Feder) lasse auf die Identität mit dem Jesuitenoffizier Pater Lenamez schließen, der in der Schlacht zwischen den spanischen Alliierten der Portugiesen und den Truppen von Paraguay am 1. Oktober 1759 einen Helm mit roter Feder getragen hatte und von dem Johann Christoph Harenbergs Pragmatische Geschichte des 115 In seiner Erklärung für die jesuitische Steuerung der „Strikten Observanz" durch Manipulationen eines systembildenden „Agenten" griff Bode auf ad-hominem-Argumente zurück: Aus „Hauptzügen des Charakters des ab Ense [Freiherr von Hund], deren Wahrheit jeder bestätigen wird, der ihn einigermaßen in der Nähe kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat, erhellet, dass er nicht aus solchen Eigenschaften zusammen gesetzt war, die sich bei einem Erfinder eines weitschichtigen Systems, oder bei einem solchen Manne allemal finden müssen, der sich mit verschloßner Brust und eisernem Muthe zum Haupte einer Parthei aufwirft." Ebenso wenig finde man „in irgend einem Umstände seines Lebens" ein Motiv für solche Aktivitäten. Aus diesem Grunde sei alles, was der Begründer der „Strikten Observanz" gelehrt und vermittelt habe, „empfangen" worden - und zwar von einer Instanz mit weitreichenden Interessen: „Bei einem jungen Mann von sanguinischem Temperament, von leichtem, offenen Gemüthe, konnte es den Jesuiten gar nicht schwer fallen, ihn zu ihren Absichten zu bereden, und es mußte ihnen, außer ihren allgemeinen Grundsätzen auch deswegen der Mühe werth seyn, einen reichen Cavalier an sich zu ziehen, weil sie gerade um die Zeit noch angelegentlicher wie gewöhnlich, nach solchen Associirten zu trachten Ursache hatten." Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, S. 8; im auszugsweisen Abdruck von Johann Joachim Christoph Bodes Anbefohlenem pflichtmäßigem Bedenken in: Wer war eigentlich der Ritter mit der rothen Feder? Beantwortung dieser, für die Geschichte der Maurerei nicht unwichtigen Frage aus den Papieren eines verstorbenen Bruders. Von A******d. In: Zeitschrift für Freimaurerei. Als Manuscript gedruckt fur Brüder 1 (1823), 2. Heft, S. 207-245, hier S. 228f.

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Ordens der Jesuiter berichtete." 6 D o c h nicht nur die Entstehung, sondern auch der gegenwärtige Zustand der Freimaurerei war nach B o d e ein Werk der Jesuiten. A l s diese den Erfolg des von ihnen projektierten Systems der TemplerMaurerei feststellen konnten, hätten sie wiederholt obskure Innovatoren w i e Starck, G u g o m o s und Wächter entsandt, um unter den Logenmitgliedern die Sehnsucht nach dem Wunderbaren und nach magischen Operationen wachzuhalten. Unmerklich sollten so protestantische Seelen von der reinen evangelischen Lehre distanziert und in die N e t z e der römischen Theokratie g e z o g e n werden, denn: „Die Absicht der ©s.-Väter bey der unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollenden Ausbreitung der Symbol Gr[ade] und der von ihnen erfundenen oder bewirkten geheimen Fortpflanzung des T[empelherren] 0 [ r d e n s ] war g e w i s s immer noch die alte, Selbsterhaltung nämlich und Ausbreitung der Römischen Hierarchie." 117

116 In Johann Christoph Harenbergs Pragmatischer Geschichte des Ordens der Jesuiter hatte Bode die im letzten Kapitel enthaltene „Neueste Relation von der Schlacht in Paraguay" zwischen den spanisch-portugiesischen Alliierten und Jesuiten am 1. Oktober 1759 gefunden, aus der die Spanier siegreich hervorgegangen waren. Nach Hardenbergs Bericht trug einer der beiden Jesuiten, den die Sieger gefangen nahmen, im Kampf einen Helm mit roter Feder, eine Husarenuniform mit Überärmeln und eine Goldkette. Bode kombinierte Hunds Mitteilung, ein Eques a Penna Rubra habe ihn in den Tempelritterorden aufgenommen, mit der historischen Darstellung und schloss, dass der 1760 gefangengenommene Pater Lenamez offensichtlich der geheimnisvolle „Ritter der Roten Feder" sei, der auf dem Feldzug nicht nur den bezeichnenden Helm, sondern auch die Halskette der Oberen der „Strikten Observanz" und den Mantel des Präfekten getragen habe; Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, S. 28f.; im auszugsweisen Abdruck von Johann Joachim Christoph Bodes Anbefohlenem pflichtmäßigem Bedenken in: Wer war eigentlich der Ritter mit der rothen Feder?, S. 235f. Mit geringfügigen Modifikationen und ohne Quellennachweis gab Friedrich Schiller das Kapitel aus Harenbergs Jesuiter-Geschichte unter dem Titel Jesuitenregierung in Paragaya im Teutschen Merkur vom Oktober 1788 wieder, lenkte die Aufmerksamkeit der Leser dabei aber vor allem auf das bei den angeblich gefangengenommenen Jesuitenpatern gefundene Buch in unbekannten Chiffren, das „die Hauptstücke der Religion" enthalten haben sollte, „die der Orden seinen indianischen Untertanen einzupflanzen gesucht hatte". Der durch einen beigefugten „Schlüssel in lateinischer Sprache" dechiffrierte Text enthielt 31 Gebote, die unbedingten Gehorsam gegenüber den Jesuiten forderten. 117 Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, S. 36, Hervorhebungen im Original. - Die Ergebnisse seiner „Denkschrift" faßte Bode in einer anonym veröffentlichten Broschüre zusammen, die wenige Wochen vor der Eröffnung des Wilhelmsbader Konvent erschien: Einige der Beherzigung aller deutschen BBr. des mit der Fry. Mry. verbundenen I. Ordens, besonders derer welche an der Direction dieses Ordens mittel- oder unmittelbar Theil haben, vorgelegte Fragen und Gedanken. Derweile es noch Zeit ist (Weimar 1782). In einer dritten, nun in französischer Sprache veröffentlichten Schrift griff er die Lyoner Mystiker um Jean Baptiste Willermoz als angebliche Komplizen der Jesuiten an, indem er Saint-Martins vieldiskutiertes Buch Des Erreurs et de la Verite als ein Werk interpretierte, das in allegorischer Schreibweise die geheime Einflußnahme der Societas Jesu auf die Freimaurerei propagiere: Examen impartial du Livre intitule des Erreurs et de la Veriti etc. Par un Frere laique en

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Fragt man nach den Hintergründen und der Logik der Zeichenverwendung von Bodes elaboriertem Szenario zur genetischen Erklärung der Hochgradmaurerei, stößt man auf einen mehrfach dimensionierten Komplex von Beweggründen und Konstruktionsprinzipien, dessen Auflösung nicht einfach ist. Einen Hinweis auf den Anstoß zur Erzeugung seines Szenarios gab Bode selbst: „Aus meinem schuldigen Berichte von meinem Entrevue mit dem ä Cygno Triumphante zu Baden im folgenden Jahre erhellet, dass ich damals glaubte, die Jesuiten suchten ihren abolirten ® mit dem Unsrigen zu vereinigen, oder ihn hinter der Hülle des Unsrigen fortzusetzen. Da ich zugleich dabey dachte, meine protestantischen Gründe gegen eine solche Vereinigung könnten möglicher Weise von anderen Motiven der Mehrheit überwogen werden; so hielt ich eine sehr ernsthafte Untersuchung fur nöthig, ob ich im Fall einer solchen Vereinigung für meine Person ein theilnehmendes Mitglied des ®s. bleiben dürfte. Um also nähere Kenntnisse von dem Ofrden] der Jesuiten zu erlangen, (denn zwei Societäten können sich nicht mischen, ohne dass sie sich, wie zwey ineinander ergossene Flüsse von ihren Eigenschaften einander mittheilen) Schafte ich mir einen kleinen Vorrath von Büchern an, die dahin einschlagen und fieng an zu lesen. Ebenso offenherzig aber sage ichs, dass ich beym Anfang dieser Leetüre aufmerksamer auf die letztern Zeiten der Geschichte dieses ©s. war, als auf seine Erstem." 118 Den Ausgangspunkt von Bodes Kombinationen bildete also die persönliche Erfahrung des Zusammentreffen mit Gottlieb Freiherr von Gugomos, der als „Ritter zum triumphierenden Schwan" aufgetreten war und vorgegeben hatte, in Rom durch ein Mitglied des „Hochheiligen Stuhles von Jerusalem" namens Petrus a Clave Sancta in die Geheimnisse des Templerordens eingeweiht worden zu sein. Als Gugomos und Bode kurz vor dem Wiesbadener Konvent 1776 konferierten, weckten Auftreten und Aussagen des adligen „Schwanenritters" das Mißtrauen des historisch geschulten Bürgers Bode, der in dem angeblichen Initiierten einen Betrüger erkannte - was durch nachfolgende Enthüllungen über die Betrügereien des Rastätter Regierungsrates bestätigt wurde: Harnisch, Schwert, Zepter, Kommandostab, Rauchfass und Kruzifix, die Gugomos bei seiner Initiation erhalten haben wollte und dem Konvent vorlegte, hatte ein Straßburger Goldschmied angefertigt; das Siegel des angeblich in Zypern beheimateten Ordens war in Rastatt graviert worden; fait de sciences (Unparteiische Prüfung des Buches betitelt Des Erreurs et de la Verite etc., von einem Laienbruder in Sachen Wissenschaft). Als zentrale Beweisschrift für seine Hypothese von der jesuitischen Generierung und Steuerung der Hochgradmaurerei verfertigte Bode in seiner Weimarer Druckerei auch die Schrift Abstract der Gesetze für die Gesellschaft der Royal=Arch=Fmrei, die mit 62 Anmerkungen versehen war und in einigen Geheimarchiven deutscher Logen aufbewahrt gewesen sein soll. Sie konnte jedoch nicht ermittelt werden. 118 Johann Joachim Christoph Bode: Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken, S. 29, Hervorhebungen im Original; orthographisch modifiziert im auszugsweisen Abdruck von Johann Joachim Christoph Bodes Anbefohlenem pflichtmäßigem Bedenken in: Wer war eigentlich der Ritter mit der rothen Feder?, S. 232f.

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die verschiedenen Dokumente, Vollmachten und Blankopatente hatte ein Student kalligraphiert."9 Die erlebte Diskrepanz zwischen Schein und Sein, zwischen täuschender Maskerade und verheimlichter tatsächlicher Existenz leitete im folgenden Bodes „sehr ernsthafte Untersuchung", deren Beobachtungen nahezu umstandslos in personalistische Extrapolationen umschlugen. Wenn Bode den Jesuiten und ihrem „abolirten Orden" unterstellte, sie wollten ihre Aktivitäten „hinter der Hülle des unsrigen fortzusetzen", übertrug er seine Erfahrungen mit einem individuellen Akteur auf eine kollektive Größe und vollzog zugleich folgenschwere Konditionierungen seiner Wahrnehmung: Einerseits schrieb er einer individuenübergreifenden Verbindung eindeutige Intentionen zu, fasste ihre Mitglieder also zu einer willensgesteuerten Körperschaft zusammen. Andererseits erhob er die „heimliche" Existenz der offiziell aufgehobenen, d.h. im juristischen Sinne nicht mehr existenten Gesellschaft Jesu zu einem Faktum, das durch historische Studien mit einem „kleinen Vorrath Bücher [...], die dahin einschlagen" zu erweisen war.'20 Das Ergebnis dieser Zuschreibungen bestand in der Konstruktion eines heimlich 119 Gugomos hatte 1773 die Prinzen von Hessen-Darmstadt auf eine Suche nach den ihm angeblich bekannten „wahren Templern" durch Frankreich und Italien gelockt, die erfolglos und mit Schulden in Höhe von 36.000 Gulden endete; vgl. Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Erstes Buch: Die Strikte Observanz. Leimen 1987, S. 318-337. In Rom wollte der allein zurückgebliebene Gugomos dann durch ein Mitglied des „Hochheiligen Stuhles von Jerusalem" namens Petrus a Clave Sancta in die Geheimnisse des Templerordens eingeweiht worden sein und präsentierte dafür zwei Urkunden: Eine in lateinischer Sprache abgefaßte Bestätigung seiner Aufnahme in den geistlichen Orden und die Gesellschaft der Templer; ein französisches Manifest des Großmeisters an die Freimaurer Europas. Nachdem der durch das Direktorium der „Strikten Observanz" entsandte Johann Joachim Christoph Bode im Juni 1776 durch die Auskünfte des neuen Hierophanten nicht befriedigt wurde, entdeckte man nach dem Konvent von Wiesbaden - auf dem Gugomos seinen Plan zur Errichtung eines „Adytum sacrum" verkündet und die Unterstützung zahlreicher Brüder gefunden hatte - im September 1776 schließlich die Werkzeuge seiner betrügerischen Machinationen. Im Oktober 1776 ließ der Rechercheur dieser Erkenntnisse, Rosskampf, ein weitreichendes Flugblatt drucken; Anfang 1777 erschien eine Enthüllungsschrift auf der Basis von Zeugenaussagen, die alle Getäuschten belehrte. Das masonische Engagement des Gugomos war mit der daraufhin erfolgenden Flucht nach Holland beendet - wenn auch der Berliner Rosenkreuzer Bischofwerder weiterhin fest davon überzeugt war, mit dem angeblich templerisch Initiierten noch eine Reise nach Zypern unternehmen zu können. 120 Der von Bode erwähnte Vorrat an einschlägigen Büchern war aber keineswegs klein. Wie aus Friedrich Schlichtegrolls Nachruf hervorgeht, hatte Bode „nach und nach eine Freymaurerbibliothek von ungefähr 800 Bänden zusammengebracht, in welchen die seltensten Schriften über alle geheimen Ordensverbindungen aller Zeitalter aus allen Ländern, vorzüglich auch über die Jesuiten, denen er den grössten Einfluss auf die Einrichtung und Fortpflanzung der englischen und deutschen Maurerey zuschrieb, befindlich waren. Durch Hülfe dieser Sammlung von Schriften und Urkunden, sowie durch ununterbrochene scharfsinnige Beobachtung des Ganges der Dinge war er im Stande einen sehr wichtigen Aufsatz darüber zu verfassen." F. Schlichtegroll: Joh. Joachim Christoph Bode, S. 371.

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agierenden Kollektivsubjekts mit weitreichenden kriminellen Absichten und Potenzen zur Durchführung wie zur Verschleierung dieser Pläne: Eine vorgängig kriminalisierte Gruppe wurde als im Verborgenen mit gleichsam einem Willen handelndes Subjekt observiert; das Geheimnis ihrer Bosheit konnte nur durch Visibilisierung ihrer der Öffentlichkeit entzogenen Ursprünge, Wege und Ziele aufgedeckt werden. Diese Zuweisungen weisen mehrfach dimensionierte Bezugspunkte auf. Sie speisen sich zum einen aus Beobachtungen über das tatsächliche Wirken masonischer „System-Schöpfer", deren Ankündigungen und Versprechen zumeist rasche Entlarvung fanden und ihre Urheber als Betrüger und Scharlatane auswiesen: „Es war natürlich, dass, da B[ode] Mitglied der ältesten Loge in Deutschland und Zeuge von Rosa's, Johnsons und andrer Schwärmereyen und Betrügereyen war, ein Kopf wie der seinige auf den Grund jedes neuen Systems zu kommen suchte und manche geheime Winkelzüge entdeckte".121 Sie speisen sich zum anderen aus dem für die Zeitgenossen kaum glaubhaften Umstand, dass eine Institution wie der global agierende Jesuitenorden durch eine päpstliche Bulle aufgehoben werden und verschwinden konnte. Der Glaube an Macht und Einfluss des Ordens - den seine Angehörigen vor 1773 nicht selten selbst erzeugt und befördert hatten - nahm unter den Bedingungen des offiziellen Verbots veränderte Gestalt an. Der entscheidende „Funke", der nach Aussage des „sehr gut unterrichteten Freundes" Friedrich Schlichtegroll in Bode „ein Licht anzündete" und ihm die Idee eingab, dass Jesuiten als „unbekannte Obere" die Hochgradmaurerei lenkten, war eine Kombination schon länger zirkulierender Vorstellungen über das Fortleben der Tempelritter mit den im Modus des Gerüchts kolportierten Aussagen über jesuitische Transaktionen vor der Ordenaufhebung: Das „Zusammentreiben grosser Geldsummen aus allen Logen im siebenjährigen Krieg" und das „Flüchten der Jesuiten, die sich in dem nemlichen Zeitpunkte grosse Besitzungen in Paraguay kauften, da sie aus vielen Ländern Europas vertrieben wurden",122 analogisierte Bode mit dem Schicksal des 1307 aufgehobenen und angeblich in England heimlich weiterexistierenden Ordens der Tempelritter und schloss so auf das heimliche Fortleben der Societas Jesu unter der „Hülle des unsrigen Ordens". Anders gesagt: Die seit dem Spätmittelalter fortgeschriebene Legende von einer geheimen Existenz der Templer nach dem Ordensverbot durch Philipp den Schönen begründete die Imaginationen Bodes und seiner aufgeklärten Mitstreiter, auch der Jesuitenorden sei trotz offizieller Aufhebung im Untergrund aktiv. Denn es war genau diese Gedankenfigur, der man folgte: „Aufgehoben ist der Orden, aber erloschen ist er nicht", behauptete Adolph Freiherr von Knigge

121 So Friedrich Schlichtegroll: Joh. Joachim Christoph Bode, S. 372. 122 Ebenda, S. 373.

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und beschwor in dichter Folge seine zahlreichen „Masken" und „Larven";123 eine ex-jesuitische gesteuerte „Proselytenmacherei" durch krypto-katholische Agenten innerhalb der Arkangesellschaften verfolgten die Berliner Aufklärer um Friedrich Nicolai. Da für die weitreichenden Behauptungen zumeist nur wenige stichhaltige Beweise zu erbringen waren, verbanden sich die in allen Szenarien anzutreffenden Zuschreibungen der Heimlichkeit und der Täuschung mit dem Postulat von der Omnipotenz geheimer Akteure zu einer Denkfigur, die als zentrales Mittel zur intensiv erweiterten Reproduktion der Szenarien wie zu ihrer Immunisierung gegen Einwände genutzt wurde: Die Macht (und damit auch die Gefährlichkeit) heimlicher Verschwörer sei umso größer, je weniger sichtbar sie agierten - denn mit ihrer heimlichen Macht würden Möglichkeit wie Notwendigkeit ihrer verborgenen Machinationen wachsen. Daraus ergaben sich weitreichende Konsequenzen für ein universales Misstrauen: Alle beobachtbaren Phänomene konnten als Zeichen für die Existenz eines großen Plans gelten; selbst das Fehlen von Beweisen wurde zum Indiz für die Macht der heimlichen Verschwörer. Die Wirkung von Bodes Kombinatorik sollte nicht unterschätzt werden. Schon der arkanpolitisch versierte Adolph Freiherr von Knigge war von diesen historischen „Recherchen" so beeindruckt, dass er ihren Urheber für den Illuminatenorden anwarb.124 Trotz einer später markierten Reserve gegenüber den willkürlichen Beobachtungen und weitreichenden Folgerungen von Bodes „Lieblingshypothese" griff der Reorganisator von Weishaupts Geheimbund auf Muster dieses Szenarios in einer Weise zurück, der im folgenden nachzugehen ist.125 Auch wenn Bodes Memorandum auf dem Konvent von Wilhelmsbad 1782 keinen durchschlagenden Erfolg hatte, fand die von ihm generierte Verschwörungstheorie dennoch so allgemeine Verbreitung, dass man im ausgehenden 18. Jahrhundert, „wenn von der B o d e ' s c h e n H y p o t h e s e gesprochen wurde, schon wusste, wovon die Rede war".126 Dazu trugen nicht zuletzt 123 [Adolph von Knigge:] Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer. Hrsg. von Joseph Aloisius Maier, der Gesellschaft Jesu ehemaligen Mitgliede. Leipzig 1781, S. 14. 124 Unter dem Ordensnamen „Aemelius" durchlief Bode den kleinen und den großen Illuminatengrad, bevor er zum Provinzialoberen ernannt wurde; vgl. Renate Endler: Zum Schicksal der Papiere von Johann Joachim Christoph Bode. In: Quator coronati 27 (1990), S. 9-35, hier S. 9f. 125 Deutlichen Vorbehalt gegenüber Bodes Szenario artikulierte Knigge in dem 1786 anonym veröffentlichten Beytrag zur neuesten Geschichte des Freymaurerordens, wo es S. 62f. ohne Namensnennung, doch dem Leser verständlich hieß: ,,[D]aß man einzelne Hieroglyphen und Anfangsbuchstaben, woraus sich alles machen läßt, an den Haaren herbeyzerrt, um eine Lieblingshypothese zu begründen, beweiset nichts, ist vielmehr ein schwaches Kinderspiel, woraus kein verständiger Geschichtsforscher eine historische Thatsache zu documentieren verlangen wird." 126 Wer war eigentlich der Ritter mit der rothen Feder?, S. 243, Sperrung im Original. Die Wirkungsgeschichte der „Bode'schen Hypothese" reicht bis ins 19. Jahrhundert:

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Bodes über die Grenzen Deutschlands hinausgehende Vermittlungsaktivitäten bei: Während der gemeinsam mit Christian Wilhelm von dem Bussche 1787 unternommenen Reise nach Paris - die ihrerseits verschwörungstheoretische Ausdeutungen finden und zu einem „Beweis" für die These von einer konspirativen Kooperation deutscher Illuminaten und französischer Jakobiner aufsteigen sollte127 - trug der als Repräsentant der Illuminaten geltende Bode seine These von einer jesuitischen Konspiration vor und beeinflußte u.a. Nicolas de

Als die 1823 begründete Zeitschrift flir Freimaurerei in ihrem zweiten Heft einen auszugsweisen Abdruck des Anbefohlenen pflichtmäßigen Bedenken veröffentlichte, schloss der Editor mit einer „durch alle chronologische Momente genau bewährten Überzeugung": „Der Freiherr von Hund war Betrogener, und nicht Betrüger. Die Jesuiten hatten in ihm ein ihren Zwecken entsprechendes, zugleich blindes Werkzeug entdeckt und benutzt. Sie hatten den Plan, sich in Deutschland durch das damalige Irren in der M[aure]rei eine Parthei zu bilden, die ohne sie zu kennen, doch flir sie bildsamer und brauchlicher Stoff seyn könne. Hund wusste, dass er Jesuiten diente; allein er hielt es, als Katholik, für Recht, und sein Eid band ihm die Zunge. Der Ritter von der rothen Feder war V. Lenamez, der umso mehr ein jesuitisches Oberhaupt seyn mochte, und es zu seyn verdiente, als er wohl in der dreifachen Beziehung als Hofmann beim Prätendenten, als hoher M[aure]r und vielleicht Beichtvater von Hund, und als SoldatenGeneral in Paraguay immer wacker im Sattel saß." Trotz „Bedenken" gegen die These von der jesuitischen Steuerung der Freimaurerei hielt man an der Plausibilität dieser personalistischen Deutung fest: „Allein wir finden trotz dem gar keinen Widerspruch, sondern vielmehr eine zur Evidenz gediehene Überzeugung darin, dass sich auf einige Zeit, bei den damaligen Verirrungen in dem Logenwesen, die Jesuiten in solches geschlichen, den Freiherrn von Hund in solches impulsirt und durch ihn über 20.000 gute deutsche Brüder düpiert haben. [...] Ohne also der Sache Gewalt anzuthun, ohne ihr mehr einzuräumen, als ihr die Kritik einräumen kann, darf wohl behauptet werden, dass die Jesuiten Hund mißbrauchten, und der geheime Ritter von der rothen Feder, der so manches Kopfzerbrechen verursacht, niemand anders als ein kühner und schlauer Jesuit war." (Ebenda, S. 244f.) Die Darstellung der jesuitisch gelenkten Vergangenheit nutzte der chiffrierte Autor zur Warnung vor jesuitischen Umtrieben in der Gegenwart: „Wer weiß nicht, dass, indem dieses geschrieben wird, die Jesuiten in Wien nicht geduldet werden, und welcher letzte Bürger am Spitz oder in der Alster-Vorstadt weiß es nicht so gut als der heilige Vater, dass die Redemtoristen, denen Gottesdienst, Kirche und Collegium eingeräumt worden, niemand anders als: d i e J e s u i t e n sind." (Ebenda, S. 244f., Sperrung im Original.) 127 Gegen die von Ludwig Adolf Christian von Grolman generierte und zuerst in Leopold Alois Hoffmanns Wiener Zeitschrift vom April 1793 verbreitete These, die deutschen Illuminaten und namentlich Bode wären ideelle Proliferanten der Jakobiner und damit direkt verantwortlich für den Ausbruch der Französischen Revolution polemisierte schon Friedrich Schlichtegroll: Den 13. December 1793 starb zu Weimar Joh. Joachim Christoph Bode, S. 380f.: „Man hat ausgeklügelt, dass dieses eine apostolische Reise gewesen sey, um den Ill[uminaten] Ofrden] nach Paris zu verpflanzen ... Man hat Bode und seinen Reisegesellschafter nach einer sehr gesunden Logik, weil sie nicht lange vor der französischen Staatsumwälzung nach Paris reisten, für die eigentlichen Stifter dieser Umwälzung ansehen wollen. Aber sein Reisegefährte beschäftigte sich in Paris mit ganz andern Dingen als mit Ordens- und Staatsangelegenheiten, und Bode's maurerisches Thun beschränkte sich fast ganz darauf, Beyträge zu seinen historischen Untersuchungen zu sammeln." Vgl. dazu ausfuhrlich Kapitel 4. 2.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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Bonneville und Jean Jacques Mounier.128 Das 1788 erschienene Buch Les Jesuites chassis de la Magonnerie, et leur poignard brise par les maqons des Lessing-, Goethe- und Schiller-Übersetzer Bonneville übertrug und kommentierte Bode umgehend für das deutsche Publikum129 - und legte in seiner Vorrede Der Uebersetzer an den deutschen Leser nicht nur Identität und Logenzugehörigkeit des Verfassers offen, sondern strich zugleich die besondere Qualität des Buches durch mehrfache Hinweise auf notwendige Geheimhaltungsmaßnahmen heraus.130 128 Eine direkte Einflussnahme behauptete die 1795 anonym veröffentlichte Schrift Fragmente zur Biographie des verstorbenen Hofraths Bode in Weimar, die Ludwig Adolf Christian von Grolman zuzuschreiben ist: Sie erklärte, Bode habe zu Bonnevilles Schrift „selbst Materialien geliefert" (S. 43f.). In Friedrich Schlichtegrolls Nekrolog hieß es über Bodes „sehr wichtigen Aufsatz" Anbefohlenes Pflichtmässiges Bedenken·. „Bode übersetzte seine deutsche Abh[andlung] in der Folge selbst ins Französische und schickte sie, da man auf einem maurerischen Convent in Paris an einer Verbesserung der M[aure]rey arbeitete, dahin. Dieser französische] Convent zerschlug sich aber, aus Mangel an thätigen Mitarbeitern, sehr bald, ohne viel ausgerichtet zu haben." Im Zusammenhang mit Bodes Übersetzung und Kommentierung von Bonnevilles Werk heißt es zugleich: „Wiewohl die Anmerkungen deutlich zeigen, dass er nicht immer Bonneville's Meinung war: so stimmte doch seine Hypothese im Wesentlichen mit der Bonnevillischen überein und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Bonneville aus dem oben erwähnten Memoire, das Bode nach Paris schickte, geschöpft hat." F. Schlichtegroll: Den 13. December 1793 starb zu Weimar Joh. Joachim Christoph Bode, S. 374. Der Auffassung, Bode hätte seine theosophisch ausgerichteten Gesprächspartner in Paris illuminatisch beeinflussen können, widerspricht Johannes Rogalla von Bieberstein: Die These von der Verschwörung, S. 104f., wo zugleich die „konterrevolutionäre Behauptung", Nicolas de Bonneville habe dem Illuminatenorden angehört, als „unbewiesen und mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch" zurückgewiesen wird. - Aus Bodes handschriftlichem Aufsatz schöpfte nach eigener Aussage auch die gegen verschwörungstheoretische Deutungen der Französischen Revolution gerichtete Darstellung von J[ean] J[acques] Mounier: De l'influence attribuee aux philosophes, aux franc-ma?ons et aux illumines sur la revolution de France. Tübingen 1801, p. 141 f., die Bodes Hypothese über den Ursprung der Freimaurerei aufnahm und an dessen Idee anschloss, der Jesuitenorden hätte sich der Logen bedient, um zum Vorteil des schottischen Thronprätendenten und der katholischen Religion zu wirken. 129 [Nicolas de Bonneville:] Die Schottische Maurerey verglichen mit den drey Ordens=Gelübden und das Geheimnis der Tempelherrn aus dem vierzehnten Jahrhunderte. Aus dem Französischen, mit Anmerkungen des Uebersetzers [J. J. Chr. Bode]. 1. Theil. Leipzig 1788; [ders.]: Einerleyheit der vier Gelübde bey der Gesellschaft des heiligen Ignaz und der vier Grade in der Freymäurerey des heiligen Johannes. Der Schottischen Maurerey Zweyter Theil. Leipzig 1788. Den französischen Titel übersetzte Bode mit: Die Jesuiten vertrieben aus der Freymäurerey und ihr Dolch zerbrochen durch die Freymäurer (in der deutschen Ausgabe nach den Titelblättern der Einzelbände). 130 [Nicolas de Bonneville:] Die Schottische Maurerey, S. XI. Auch wenn initiierte Leser „vermuthlich errathen, wer der Uebersetzer sey: und so wenig ich Ihnen daraus ein Geheimnis machen möchte", sollten sie ihn nicht öffentlich nennen oder „bis zum Kennen bezeichnen" (S. VIII). Der Verfasser Nicolas de Bonneville habe „wenn er wirklich ein Franzos ist", wie er, „nach seinem Style zu urtheilen", zu sein scheine, „nicht Unrecht, wenn er sich verborgen hält": „Ich würde es kaum einem Deutschen rathen, ein solches Buch zu schreiben, und drucken zu lassen" (S. XI). Charakteristisch fiir das öffentliche

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Bonneville beanspruchte zwar nicht weniger als „die ganz neue Entdekkung einer unterirdischen Politik", bei der er sich auf „sehr schätzbare Untersuchungen und wichtige Akten" stützte, die ihm durch „fremde Gelehrte" übermittelt worden waren.131 Das vor dem Leser ausgebreitete Szenario aber war keinesfalls neu: Wie vor ihm Bode behauptete auch Bonneville, die Jesuiten hätten die „Gesellschaft der Freymäurer" zerstört, indem sie das ursprünglich „allegorische System der ersten Wohlthäter des Menschengeschlechts" durch Erfindung der Tempelherrenlegende und der mystischen Hochgrade in ihr Gegenteil verkehrten. „Unter der Hülle einer mysteriösen Geschichtserzählung" sei „ein Anderes, das erniedrigend und grausam ist", in die Freimaurerei eingedrungen und habe ihre Mitglieder zu Werkzeugen der Jesuiten gemacht: „Statt der Allegorien, welche freylich dunkel waren, aber durch ihr Alterthum doch wenigstens anreizten, darüber zu denken, hat man Millionen von Männern die Hoffnung gegeben, einst die Aufschlüsse von einer Menge wichtiger Geheimnisse zu verdienen, wozu der Schlüssel, wie man sagt, sich in den Händen der Unbekannten Obern befindet."132 Diese „Unbekannten Obern" aber waren - so der Übersetzer und Kommentator Bode in einer Fußnote - ,jSuperieurs Inconnus. S. /.", also Angehörige der Societas Jesu.133 Auch die Logik zum Nachweis der weitreichenden Zuschreibung war nicht neu, sondern durch Bode vorgeprägt. Denn auch wenn Bonneville versprach, sich „statt der so leichten, und bey unsern schöngeisterischen Kritikern so beliebten Compendiumsmethode, der strengen Methode der Analysis zu bedienen",134 so folgte

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Interesse an Enthüllungen ist auch Bodes Aufforderung zur Schaffung einer „Anstalt [...], vermittelst welcher eine Auswahl von geprüften Brüdern, sich solche Notizen, die für die Wahrheit der Geschichte des Ordens so wohl, als gegen das T r e i b e n u n b e f u g t e r G e h e i m n i ß k r ä m e r nützlich wären, mittheilen könnten, ohne dass solche, vermittelst ö f f e n t l i c h e n D r u c k e s durch die Hände eines Publikum zu gehen brauchten, das solche theils nicht verstehen, und theils keinen Gebrauch davon machen kann"; S. VIII, Sperrung im Original. Die Forderung nach dem Ausschluss von Öffentlichkeit und Publizität begründete Bode mit der Möglichkeit zur Beendigung „öffentlichen Zankens" und der Abwehr der „unter der Erde wühlenden Maulwürfe". [Nicolas de Bonneville:] Die Schottische Maurerey, S. XV. Die angekündigte „ganz neue Entdeckung einer unterirdischen Politik" verband sich mit der Metaphorik der erhellenden Aufklärung: Die „Fackel der Vernunft" werde ein „helles Licht über die neure Geschichte der Spaltungen unsers Europa verbreiten" (S. XV) und Verblendungszusammenhänge zerreißen: „ E s w e r d e L i c h t ! Laßt uns einen Zipfel des ehrwürdigen Vorhangs aufheben, hinter welchem Gaukler und Intriguenmacher in sicherer Schadenfreude ihr Wesen treiben, und eine unzählige Schaar, ja wirklich die besten Menschenklassen unsers Europa, als Blinde leiten!" (S. XVI, Sperrung im Original.) Ebenda, S. 6f. Ebenda, S. 7, Hervorhebung im Original. Hier schaltete der Translator nach Betonung der Echtheit dieser „unübersetzlichen" Stelle und Hinweisen auf die Gefährlichkeit dieser Entschlüsselung eine Instruktion für seine Rezipienten ein: „Indessen bitte ich meine Leser, in der Folge, wo U n b e k a n n t e O b e r n steht, sich dieses S. I. des Originals hinzuzudenken, ohne dass ich es hinzusetzen dürfe." Ebenda, S. 18.

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sein Vorgehen doch dem bekannten Verfahren, alle Zeichen als Belege für eine vorgängig aufgestellte Prämissse auszudeuten.135 Ein Novum aber war die Vielfalt von Formen, deren sich Bonneville zum Beweis seiner konspirationistischen These bediente: Neben historischen Aussagen zum Wirken des Jesuitenordens im 16. und 17. Jahrhundert fanden sich zahlreiche kryptographische und ikonographische Dechiffrierungen, deren bedeutungsmaximierender Charakter an dieser Stelle nur zu illustrieren ist:

Nicolas de Bonneville: Einerleyheit der vier Gelübde bey der Gesellschaft des heiligen Ignaz und der vier Grade in der Freymäurerey des heiligen Johannes. Der Schottischen Maurerey Zweyter Theil. Leipzig 1788

Den Höhepunkt einer so geleiteten Beobachtung bildete die „umständliche Beschreibung" des aus Samuel Prichards Masonry dissected (1732) entnommenen Kupferstichs, in der durchgehend alle Bildelemente als Indizien fiir eine jesuitische Konspiration ausgedeutet wurden:

135 Die Zirkularität seines Verfahrens war Bonneville offenkundig selbst bewusst, denn unmittelabr nach der Ankündigung der „strengen Methode der Analysis" hieß es: ,,[E]s sind keine C o n j e c t u r e n , die aus Thatsachen gezogen wären; sondern jede ist ein vollkommnes Bild v o n d e n Z ü g e n u n d d e m C h a r a k t e r einer verborgenen Wahrheit, deren leichte Zusammenstellung hinreicht, um sie durchaus kenntlich zu machen; gleich wie man im Dunkeln die Rückkehr eines abwesenden Freundes aus seinem Tritt und Gange vermuthen, aber nicht mehr an seiner Heimkunft zweifeln wird, sobald man seine Stimme vernimmt."

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3 POIGNARD.DES. JESUITESJOETHDUVE. DftNSJJJS.TENEBRKS „Die Worte Metropolis of Scotland, College Heredon VHd, welche man um die Sinnbilder her gestochen hat, können uns überzeugen, dass die Jesuiten keinesweges auf ihre Absichten auf Großbritannien Verzicht gethan haben; sie kündigen hier sogar ihre standhafte Entschließung an, sich in der Hauptstadt Schottlands einen Berg Heredon zu befestigen, um den gänzlich zerstörten Berg ihrer Geistlichkeit zu Paris, ihr Collegium de Cler-Mont, wieder zu ersetzen. Mitten auf dem Blatte merkt man eine gekrönte Sonne, deren Stralen allenthalben sichtbar sind, obgleich ihre Scheibe hinter der Hülle der Freymäurerey verborgen ist. Ich habe schon gezeigt, dass die Sonne das Enblem des Jesuiten=Ordens sei. Die Krone der Sonne hat sieben Spitzen, und auf jeder Spitze befindet sich ein Stern. Die sieben Spitzen geben das G. oder den Namen, General des Ordens; das Licht des Ordens; den Gott des Ordens. Auf der linken Seite sieht man den Vogel Jupiters, des Donnergottes, in stolzer Stellung, das Auge auf den General geheftet, gleichsam seinen Befehl erwartend, ob er den Donnerkeil auf ein verbranntes Haupt herab schleudern soll. Der Adler Jupiters ist das Sinnbild eines königlichen, eines göttlichen Ordens. Der Endzweck des Ordens ist, eine Universal=Monarchie zu errichten, welche durch die verborgene Sonne regiert werden soll. Um diesen Endzweck des Ordens kun zu thun, hat man zur Rechten der Sonne ein Zepter gestellt, auf dessen Spitze die Weltkugel gleichsam befestigt ist. Die ganze Welt soll nächstens in den Händen des Jesuiten=Generals nur ein Spielball seyn! Und um auszudrücken, dass er solche schon ein wenig, mit u n s i c h t b a r e r H a n d , nach seinem Willen regiere: ist der Griff des Zepters hinter dem wohl vorbereiteten Vorhange verborgen, womit er sein Antlitz verdeckt hat. Hinter dem Zepter sieht man den Thurm eines festen Schlosses. Der Thurm hat eine Mauer mit Schießscharten. An denselben ist eine Lanze mit ihrer Spitze gelehnt, deren Handhabe in der Sonnensphäre verborgen ist. Dieß Emblem will soviel sagen, dass es in der Macht der Sonne stehe, alles in Bewegung zu setzen, was in dem Thurme verschlossen ist. Mehr vorwärts steht eine abgebrochene Säule, wovon das Capital mit einem Theile vom Schaft herabgestürzt ist. Die Inschriften, welche diese Säule fuhrt, lassen sich, vermittelst des von den Jesuiten angenommenen Chiffres sehr leicht erklären.

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Oben an dieser abgebrochenen Säule ließt man die Inscrition: 5. R. I. Das heißt: Societas Regia lesuitarum. Königliche Gesellschaft der Jesuiten. Unter dem Buchstaben R befindet sich ein stralendes Dreyeck, Sinnbild des Jehovah oder der Sonne; welche ihrer Seits wieder ein Sinnbild des Generals des Ordens ist. Dieses neue Symbol deutet an, dass man die Buchstaben versetzen solle, um darin den Titel des Generals zu lesen. R. S. I. Rex Societatis lesuitarum. König der Gesellschaft der Jesuiten. Unter diesem stralenden Dreyeck entdeckt man die Figur H, die dafür bekannt ist, dass sie die Gesellschaft Jesu symbolisirt. Diese Figur findet man nochmals durch eine untenstehende Figur erklärt. Dieses ist ein Η auf dem ein Α steht, welches sagen will: Hiram Abif, der erschlagene Meister, der erschlagene Orden, der noch lebt, der sich selbst aufrichtet; der nur Beystand begehrt. Η giebt 8 und A giebt 1 = Summa 9 oder den Buchstaben I, wovon ich es wirklich überdrüssig werde, die jesuitische Bedeutung zu schreiben. I. Auf dem herunter gefallenen Stück vom Schaft, unter dem Capital hat man das berüchtigte G oder General gestochen; und unter dem G die beyden Anfangsbuchstaben des Beatus Ignatius. Diese drey Buchstaben haben folgende Lage gegeneinander: G - Β - I um anzuzeigen, dass der General seine Augen auf die Gesellschaft des gebeneideten Ignatius gerichtet haben solle, und dass die Gesellschaft Loyola platterdings auf nichts anders sehen soll, als auf die Befehle des Generals. Gegen unten auf dem Bilde, immer noch in der Sphäre der Sonne, sieht man einen großen Dolch, der auf einem Palmzweige liegt. Ein Sinnbild ewigen Krieges. Kein Frieden ist zu hoffen! Zwischen dem Dolche und dem Palmzweige hat man ein Band gezeichnet [...] Rechts lieset man auf diesem Bande die Worte des Teufels: Dieu le veut! G o t t w i l l es! G o t t w i l l es! Im achtzehnten Jahrhunderte! G o t t w i l l es! Ein höllischer Spruch, der schon im eilften und zwölften Jahrhunderte, in klein Asien, einen Abgrund öffnete, der die Hälfte von Europa verschlang. [...] Die Dolche und die übrigen Gräuel der Jesuiten sind hinlänglich genug, um zu entdecken, welches der Gott seyn kann, den sie fürchten und lieben! Da sie keinen andern Gott haben, als ihren General: so ist der über dem Palmenzweige liegende Dolch ein schreckenvolles Sinnbild. Es will so viel sagen: man soll, es koste was es wolle, eine allgemeine souveraine Macht zu erhalten suchen, welche allein den Frieden und die Dauer des Ordens sichern könne. Sollten Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen seyn, so ist da ein Dolch, mit dem unbedingten Befehle: G o t t w i l l s ! Alsdann wird der blinde Gehorsam den General zum A l l m ä c h t i g e n (Tout-Puisant) machen. Das ist eben das große Ziel der Superieurs Incoimus. Dieser Plan aber soll verborgen bleiben. Dieserhalb hat man die hauptsächlichsten Symbolen mit einem neuen Freymäurer=Teppich bedeckt."136

Und nach einer Deutung der zwei Adler als deutliche Hinweise auf das „russische Reich, w o die Jesuiten öffentlich zu M o h i l o w ein N o v i z h a u s haben", hieß es abschließend: „Alles Überige, w a s sich noch auf dem Teppiche befindet, enthält weiter nichts als solche Hieroglyphen und Allegorien, die im Laufe dieses Werks schon hinlänglich erklärt sind. Unsre europäischen Freymäurer sind darauf beständig Schild und Speer des Ordens der Jesuiten." 137 Das aber war nicht alles. W i e schon sein Stichwortspender B o d e wollte auch Bonneville „Millionen verführter und betrogener Menschen" auf den rechten Pfad zurückfuhren - und schlug dazu die Rückkehr zu der angeblich von Francis Bacon inaugurierten Sozietät der „ersten Rosenkreuzer in England" vor, die „mit treuer Anhänglichkeit an die Vorschriften Bakon's sich aufs innigste verbunden hatten, der Natur auf ihren geheimsten W e g e n nach-

136 Nicolas de Bonneville: Einerleyheit, S. 138-143; Hervorhebungen im Original. 137 Ebenda, S. 144.

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zugehen."138 In seinen Schriften habe der englische Naturforscher „eine neue Welt geschaffen, eine unsichtbare Welt, eine Erde, auf welcher der Segen lag"; aber Priestertrug durch verschworene Pfaffen habe diese Welt zunichte gemacht und ihre vormals „glückseligen Geschöpfe" in „ausgeartete Sklaven" verwandelt. Die notwendige Umkehr in den „Tempel der Natur", um sich dort an den „Straten der Sonne der Vernunft" zu erwärmen, sollten „weise und großmüthige Männer" anleiten, „die uns väterliche Hände darreichen" und eine neue Avantgarde gleichberechtigter Theosophen ausbilden sollten: „Sie werden nicht unsre Obern, sie werden unsre Brüder seyn; und wir bedürfen, unsrer Seit, nur ihre Verdienste zu kennen, um ihrem Rathe zu folgen und sie als unsere Väter zu ehren. Sie werden uns lehren, den Allmächtigen in der unermeßlichen Schöpfung wieder [zu] finden. Sie werden uns lehren uns selbst [zu] kennen, und uns selbst und unsres Gleichen als Wesen [zu] schätzen, denen der Schöpfer eine hohe Bestimmung gab."139 -Nur anzudeuten ist, dass Bonneville nicht bei einer schriftlichen Forderung stehen blieb: Sein Ruf nach einer „Gesellschaft [...], deren Hauptendzweck auf das Glück ihrer Nebenmenschen abzielte, und deren Vorsteher niemals die allgemeine Vervollkommnung aus den Augen ließen" wie seine knappe historische Skizze von Sozietäten „rechtschaffener Männer", die „Feinde der Tyrannei waren und Verfolgung fürchteten" und deshalb „ihre Versammlungen den Augen des gemeinen Haufens entzogen", kann als Legitimation einer theosophischantiklerikalen Geheimorganisation mit politischen Implikationen gelesen werden. Und tatsächlich begründete Nicolas de Bonneville, der am 14. Juli 1789 am Sturm auf die Bastille beteiligt war und die Totenrede auf die Gefallenen gehalten hatte, gemeinsam mit Claude Fauchet den Cercle social und erstrebte eine universale Vereinigung masonischer Systeme.140 Die durch Bode entfalteten personalistischen Deutungsmuster und die strategische Zielstellung, Aufklärungsaktivisten zu sammeln und dauerhaft zu binden, prägten auch die seit März 1781 erschienenen Schriften des Adolph Freiherrn von Knigge, der nach Mitgliedschaften in diversen Arkangesell138 Ebenda, S. 168. 139 Ebenda, S. 170. Die hier geforderte Verbindung der Naturforschung Francis Bacons mit einer neuen „Science de Dieu" knüpfte an philosophische Vorstellung von Louis Claude de Saint-Martin an, die Johann Friedrich Kleuker in der Schrift Magikon oder das geheime System einer Gesellschaft unbekannter Philosophen (Frankfurt und Leipzig 1784) systematisiert hatte. Die im „Beschluß" von Bonneville anti-jesuitischer Enthüllungsschrift ausgesprochenen martinistischen Vorstellungen, die den Menschen als „etre aimant", d.h. als brüderliches Wesen und angefüllt mit der spirituellen Macht des ursprünglichen Christentums dachten, prägten auch die Confederation des Amis de la Verite. 140 Der von Bonneville und Fauchet intendierter Ausgleich zwischen Katholizismus, Freimaurerei und Revolution gelang aber nicht: Nach anfanglichen Erfolgen brach der Cercle social, dessen Versammlungen in den Gärten des Palais Royal stattfanden und 4.000 Besucher anzogen, unter den Anklagen der Jakobiner schon 1791 zusammen.

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schaften im Juli 1780 unter dem N a m e n „Philo" in den Illuminatenorden aufg e n o m m e n worden war und rasch z u m „eigentlichen Organisator des Ordens"' 41 aufstieg. Mitglieder des Ordens sandten ihm Dokumente zu, w e l c h e die materiale Basis für eine Reihe von Artikeln bildeten, die in der von August Ludwig Schlözer herausgegebenen Zeitschrift Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts gedruckt wurden. 142 D i e s e s Material ging in die 1781 ohne Namensnennung gedruckte Broschüre Neueste Beyträge zu der Geschichte der Jesuiten aus wahrhaften Urkunden ein; weiteres aus dem Illuminatenorden zugespieltes Material nutzte Knigge fur den 1781 anonym veröffentlichten Brief eines Reisenden herausgegeben zur Warnung an die deutschen Fürsten Jesuiten=Gift und Dolche betreffend,143 A l s Frucht dieser Sammlungen von „Facta" 144 erschien im selben Jahr die unter d e m Pseudonym Aloisius Maier, „der Gesellschaft Jesu ehemaligen

141 So Rene Le Forestier: Die templerische und okkultistische Freimaurerei im 18. und 19. Jahrhundert. Drittes Buch: Das System von Wilhelmsbad, S. 171. Der Edelmann ohne Ländereien und Vermögen war in Hamburg Mitglied eines Studentenordens und einiger androgyner Vereinigungen gewesen, bevor er in Kassel der Rektifizierten Loge „Zum Gekrönten Löwen" beitrat und unter dem Namen Eques a Cygno zum Inneren Orden zugelassen wurde. Hier suchte er vergeblich nach hermetischer Unterweisung; enttäuscht bewarb er sich bei der Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer, wurde aber abgelehnt. Nun plante er eine Reform der Freimaurerei und antwortete mit weitausgreifenden Vorschlägen zur Neugliederung der Gesellschaft auf das Rundschreiben Herzog Ferdinands vom 19. September 1780. Doch die Oberen der neutemplerischen Maurerei brachten seinen Vorschlägen nicht die erwartete Begeisterung entgegen. Als Knigge in dieser Situation in Frankfurt den Marquis de Costanzo, einen unter dem Namen „Diomedes" firmierenden Gesandten der Bayerischen Illuminaten, traf und von diesem über Ordensgründung und -ziele informiert wurde, ließ er sich unter dem Namen „Philo" aufnehmen und sorgte nun für die weitere Ausgestaltung der Ordenshierarchie wie für die weitere Ausbreitung des Bundes in Norddeutschland. 142 Erschienen sind die Artikel: Ex Jesuitische Versuche, die Barberei und den JesuiterOrden in Baiem wiedereinzusetzen. In: Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts 9 (1781), Heft XIXL, S. 6f.; ExJesuiten in Mähren. Ebenda, S. 106f.; Abermaliger Bericht der theologischen Facultät in Ingolstadt vom 20. August 1778: die dortigen ExJesuiten betreffend. Ebenda, S. 113f.; vgl. Ernst August Knigge: Knigges Werke. Eine Bibliographie der gedruckten Schriften, Kompositionen und Briefe Adolph, Freyherm Knigge. Göttingen 1996, S. 22f.; zur Rolle bei der Übermittlung der Dokumente an Schlözer siehe Emst-Otto Fehn: Geheime Verbindungen. In: Ob Baron Knigge auch wirklich todt ist? Ausstellungskatalog zum 225. Geburtstag des Adolph Freiherrn Knigge. Bearbeitet von Ernst-Otto Fehn u.a. Wolfenbüttel 1977, S. 81. Schon im erstgenannten Artikel hieß es, die Jesuiten wirkten „ganz in der Stille" und verfolgten „boshafte, höchstgefahrliche Plane fur die ganze Welt, noch immer durch die feinsten Ränke" (S. 7). 143 Nach Angabe Schlözers war das in Amsterdam gedruckte Kompilat „mit patriotischer Wut geschrieben"; in seiner Zeitschrift wurde deshalb „ein blosser gemäßigter Auszug daraus mitgetheilt", Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts 10 (1782), Heft LIX, S. 330-344. 144 So der Herausgeber der Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts August Ludwig Schlözer in seiner Anmerkung zum Abdruck des von Knigge zugesandten Arti-

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Mitgliede" herausgegebene Schrift Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer. D i e noch im Erscheinungsjahr drei Mal nachgedruckte und mehrfach rezensierte Schrift war nach Knigges späterer Aussage auf Anordnung Adam Weishaupts selbst geschrieben. 145 Sie ging davon aus, dass der Jesuiten-Orden zwar aufgehoben, aber nicht erloschen sei. Seine „boshaften und geheimen Grundsätze" würden „in anderen Kleidern nach dem alten Systeme" nur umso sicherer praktiziert. Die wichtigsten Kampfmittel der im Geheimen wirkenden Jesuiten wären die Verleumdung der Aufklärung als Freigeisterei, die Kooperation mit dem Gold- und Rosenkreuzerorden und die Verdummung des Volkes durch Unterstützung von Betrügern und Schwärmern. Das Ziel des untergründig agierenden Ordens bestehe in der Restauration despotischer und gegenreformatorischer Verhältnisse durch die Beeinflussung schwacher, wankelmütiger Fürsten, die vor dieser „in allerley Kleidern" auftretenden Gefahr unbedingt zu warnen seien: „Aufgehoben ist der Orden, aber erloschen ist er nicht. Man traue fest darauf, dass er in der Stille fortgesetzt wird; dass sogar in America Emissarien von dieser Bande herumschleichen; dass Leute in allerley Kleidern Mitglieder davon sind und bleiben; dass sie alles anwenden, ihre Monarchie wieder aufzurichten; dass sie mehr Anhänger haben, als man glaubt, Anhänger, welche den Thronen nahe sind, den Fürsten die Augen zuhalten, vielleicht öffentlich gegen den Orden reden, und doch heimlich die Grundsätze predigen, auf welche desselben ganze Macht ruht, endlich dass es sehr der Mühe werth ist diese Rotte, die im Finstern schleicht, und vorzüglich in Baiern, der Pfalz am Rhein,

kels ExJesuitische Versuche, die Barberei und den Jesuiter-Orden in Baiern wiedereinzusetzen, S. 6: „Solche erstaunlichen Facta, wie [...] folgende sind, brauchen keine Darstellungs-Kunst, brauchen keine Anmerkungen; man muß sie blos erzälen! Und je kälter erzält, desto besser..." 145 Briefe von der Hand- und Unterschrift des Philo. In: Nachtrag von weitern Originalschriften, welche die Illuminatensekte überhaupt, sonderbar aber den Stifter derselben Adam Weishaupt, gewesenen Professor zu Ingolstadt betreffen, und bey der auf dem Baron Bassusischen Schloß zu Sandersdorf, einem bekannten Illuminaten-Neste, vorgenommenen Visitation entdeckt, sofort auf Churfürstlich höchsten Befehl gedruckt, und zum geheimen Archiv genommen worden sind, um solche jedermann auf Verlangen zur Einsicht vorlegen zu lassen. Zwo Abtheilungen. I. München 1787, S. 112: „Auf Spartacus Geheiß habe ich gegen Exjesuiten und Rosenkreutzer geschrieben, Leute verfolgt, die mich nie beleidigt hatten; die stricte Observanz in Unordnung gebracht; die Besten daraus an uns gezogen; ihnen von der Würde des •[Illuminatenordenjs, von seiner Macht, seinem Alter, der Vortrefiflichkeit seiner Cheffs, der Untadeligkeit der höhern Mitglieder, der Wichtigkeit der Kenntnisse, und der Redlichkeit der Absichten grosse Begriffe gemacht; diejenigen unter uns, welche jetzt so wirksam für uns sind, aber sehr an Religiosität kleben, bey ihrer Furcht, man habe die Absicht Deismus auszubreiten, zu überzeugen gesucht, die höheren Oberen hätten nichts weniger als diese Absicht." Vgl. dagegen die spätere relativierende Aussage in [Adolph von Knigge:] Philo's endliche Erklärung und Antwort, auf verschiedene Anforderungen und Fragen, die an ihn ergangen, seine Verbindung mit dem Orden der Illuminaten betreffend. Hannover 1788, S. 48f.

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in Augsburg, in der Schweitz in Lucern, Solothurn und Freyburg, und an vielen andern Orten operirt, bey der Wurzel anzugreifen."146 Die hier in wenigen Zeilen kondensierte Projektion eines unsichtbaren und deswegen besonders gefahrlichen Gegners verdient nähere Aufmerksamkeit. Denn nicht allein die Formulierung von der „Rotte, die im Finstern schleicht" - die in abgewandelter Form im vielzitierten Brief Goethes über die von „unterirdischen Gängen, Kellern und Cloaken" unterminierte „moralische und politische Welt" wiederkehrte 147 - konnte auf eine lange Tradition zurückblikken. Was der Psalm 91, 4-6 in Martin Luthers Übersetzung als „Pest, die im Finstern schleicht" umschrieb, war das im Schutz der Dunkelheit agierende Böse, dessen „Schleichen" in zahlreichen Äußerungen über vermeintlich konspirative Umtriebe aufgerufen wurde. 148 Im Verbund mit dem Topos von der

146 [Adolph von Knigge:] Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer. Hrsg. von Joseph Aloisius Maier, der Gesellschaft Jesu ehemaligen Mitgliede. Leipzig 1781, S. 14. Die Absicht, Fürsten und politisch einflußreiche Kreise vor einer drohenden Gefahr zu warnen, wurde später noch einmal explizit ausgesprochen: „Es ist also Pflicht, die Fürsten, und jeden, der etwas Gutes würken kann, auf das Unglück, welches uns bevorsteht, aufmerksam zu machen. Das ist nun der Zweck dieser Blätter [...]" Ebenda, S. 15. 147 Johann Wolfgang von Goethe an Johann Caspar Lavater. Brief vom 22. Juni 1781. In: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe. IV. Abteilung: Goethes Briefe. Bd. 5, S. 149f.: „Was die geheimen Künste des Cagliostro betrift, bin ich sehr mistrauisch gegen alle Geschichten, besonders von Mfitau] her. Ich habe Spuren, um nicht zu sagen Nachrichten, von einer großen Masse Lügen, die im Finstern schleicht, von der du noch keine Ahndung zu haben scheinst. Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Cloaken miniret, wie eine große Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang, und ihrer Bewohnenden Verhältniße wohl niemand denkt und sinnt; nur wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein Rauch aus einer Schlucht aufsteigt, und hier wunderbare Stimmen gehört werden. Glaube mir, das Unterirdische geht so natürlich zu als das Überirdische, und wer bei Tage und unter freyem Himmel nicht Geister bannt, ruft sie um Mitternacht in keinem Gewölbe." Zum Kontext dieses Briefes jetzt W. Daniel Wilson: Unterirdische Gänge. Goethe, Freimaurerei und Politik. Göttingen 1999, S. 20-24. Aus dem Umstand, dass der Herzog das Buch Knigges erst im Oktober 1781 erwarb, folgert Wilson, dass es für Goethes Formulierungen im Brief an Lavater wohl keine Rolle gespielt haben wird, aber vielleicht für seine weiteren arkangesellschaftlichen Erkenntnisse; ebenda, S. 84f. 148 So im Brief von Johann Joachim Christoph Bode an Friedrich Nicolai vom 4. Dezember 1784, Staatsbibliothek Berlin, Nachlaß Nicolai, Bd. 85, Bl. 29r und 29v, in dem Bode den „Einbruch der im finstern schleichenden Feinden [sie] des gesunden MenschenVerstandes" und ihre „heimlich und im finsrn schleichendefn] Zwecke und Operationen" konstatiert. Ähnlich der Beitrag von Johann Erich Biester: Verbreitung des Katholicismus. In: Berlinische Montsschrift vom Mai 1786, S. 436-457, wo es über die „im Dunkeln herumschleichenden gar zu geheimen Gesellschaften" hieß: „Die Leute, welche sich in solche Gesellschaften haben verwickeln lassen, opfern sich ihnen ganz auf, und entziehen sich dem, was offenbar bleiben soll und muß: nemlich der Religion im ächten Verstände." (S. 438). Noch die anonyme Schrift Geheimer Gang menschlicher Machinationen in einer Reihe von Briefen von 1790 beanspruchte die Versammlung

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maskierten, „in allerley Kleidern" auftretenden Omnipräsenz des heimlichen Jesuiten-Netzwerks und der Unterstellung einer Diskrepanz zwischen öffentlichem Schein und heimlichem Sein fixierte Knigges Aussagenkomplex jene für Konspirationstheorien konstitutive Denkfigur, nach der der bedrohliche Feind umso gefahrliche sei, je weniger sichtbar und identifizierbar er in Erscheinung trete. Zur Bekräftigung seiner Behauptung über die vom aufgehobenen Jesuitenorden ausgehenden Gefahren führte Knigge neben ausfuhrlichen Zitaten aus Pascals Lettres Provinciales und dem dem von Caradenc de la Chalotais veröffentlichten Bericht über die Verfassung der Jesuiten (u.a. zur Stellung des Ordensgenerals und zur Legitimität des Tyrannenmords) eine Fülle von historischen Belegen an, die den konspirativen Charakter der Gesellschaft in der Vergangenheit dokumentieren sollten: Um besser die weltlichen Geschäfte beherrschen zu können, habe der Orden nicht nur aus sichtbaren und durch das Ordenskleid identifizierbaren Mitgliedern bestanden, sondern installierte „in allen Familien, in allen Ständen ... heimliche Jesuiten, welche beständig über alles wachen, alles berichten mußten, was dem Orden nützlich seyn konnte."149 Zugleich müßten sich die Mitglieder untereinander beobachten, belauschen und die Oberen über das Verhalten der ausspionierten Ordensbrüder informieren; ebenso waren sie zu Rechenschaftsberichten über „politische Angelegenheiten" verpflichtet, die „zum Theil mit geheimen Zeichen geschrieben" waren.150 Konspirationistischer Logik folgte die Unterstellung, der Orden operiere in wechselnden Gestalten zur Durchsetzung seiner finsteren Absichten: „Man sah, wie dieser Orden in allen Ländern Aufruhr und Verwirrung erregte, Macht, Zutrauen, Reichthum, Handel - Kurz! alles andern Menschen aus den Händen riß, und sich zueignete, wie er alle übrigen geistlichen Orden unterdrückte, wie er sich in alle geistlichen Gestalten umformte, bald als MönchsOrden geistliche Privilegien, bald als weltlicher Staat Provinzen, bald als Fürsten-Diener die ersten Bedienungen, bald als Handlungs-Gesellschaft jüdische Procente zu erobern verstand."'51 Für die Aussage, der seit 1773 aufgehobene Orden sei weiterhin und im verborgenen höchst aktiv, argumentierte Knigge ebenfalls personalistisch: Zum einen besäßen die Jesuiten auch nach der Clementinischen Bulle „die nemlichen listigen Köpfe [...], die zuvor am Ruder gesessen, also auch noch dieselben politischen Grundsätze"; zum anderen verfugten sie weiterhin über ihre „ungeheuren Reichthümer", da sie ihre Schätze nach der Ordensvon „Thatsachen" zum Nachweis der „ausgebreiteten Bemühungen einer im finstem schleichenden Rotte, und ihrer auf einen Punkt gerichteten Wirksamkeit" (S. 259; Hervorhebung im Original). 149 [Adolph von Knigge:] Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer, S. 31. 150 Ebenda, S. 32. 151 Ebenda, S. 49.

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Aufhebung „den listigsten Leuten, selbst unter Protestanten" anvertraut hätten.'52 Zudem verfugten sie (zumindest in einigen Ländern) über Positionen als Inhaber von Predigerstellen und Beichtväter von Monarchen und würden „Bischöfe und Fürsten durch Religion und Finanz-Operationen" gewinnen; sie strebten nach „Hinderung der Aufklärung", in dem sie „Bücher-Verbote und Inquisitionen" erwirkten und anti-jesuitische Schriften unterdrückten.153 Vor allem aber nützten sie wie zur Zeit der Ordensbegründung die Religion als „Hülle", um ihre eigentlichen Absichten zu verbergen: Sie würden die Jetzigen Zeiten" als „höchst gefährlich für den Glauben" beschreiben, um eine „Vereinigung der Protestanten mit der römischen Kirche" zu erreichen.154 Für dieses große (und auch vom Papst gewünschte) Vorhaben machten sie mit den Protestanten Waffenstillstand, predigten Toleranz („aber nur in Worten, denn in Thaten zeigten sie das Gegenteil"), bereisten protestantische Universitäten, führten mit deren Gelehrten Briefwechsel und suchten Zeitschriften und deren Verfasser für sich zu gewinnen.155 Komplizen der „römischen Miliz" seien die in der Gegenwart beobachtbaren Gold- und Rosenkreuzer, die mit den Ideen der Fama Fraternitatis des 17. Jahrhunderts nichts zu tun hätten und als eine mit manipulativen und betrügerischen Absichten geschaffene Vereinigung nur dem Zweck dienten, „eine große Gemeinschaft, die für ihre Weisheit und Tugendhaftigkeit berühmt ist, in den Dienst der Jesuiten zu stellen" - also die Organisation der Freimaurer zu unterwandern.156 152 Ebenda, S. 63. 153 Ebenda, S. 66. Hier benannte Knigge auch das bereits beobachtete Verfahren der Universalisierung des Gegners: „Sie [die Angehörigen des aufgehobenen Jesuitenordens] ... machen aus ihren Feinden Religions-Feinde, hetzen das Volk gegen dieselben auf, schreyen laut: der Glaube falle zusammen, alles gehe zu Grunde; beschuldigen Leute, die ihnen im Wege sind, schlechter Sitten und Irreligiosität, verläumden durch den sechsten, siebenten Mann, entziehen ihrem Feinde die Mittel sich zu vertheydigen." 154 Ebenda, S. 68. 155 Ebenda, S. 69. 156 Vgl. [Adolph von Knigge:] Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosencreutzer, S. 120-124: „Diese Gesellschaft [der Fama und der anderen Rosenkreuzerschriften] war also gänzlich verschwunden, als die Neugier einiger Freymaurer in Frankreich, und hernach auch in Deutschland, welche unwissend in dem Verstände der wahren maurerischen Hieroglyphen waren, die Erklärung derselben und ihren Ursprung in der Geschichte älterer mystischer Gesellschaften suchten, und daher natürlich auch auf die Rosencreutzer fiel. Einige Betrüger machten sich dies zu Nutze, behaupteten noch mit dieser noch immer existirenden verborgenen Gesellschaft in Verbindung zu seyn, machten die Leute glauben, die Freymaurerei habe von Anfang an mit der Rosencreutzerey in Gemeinschaft gestanden, und zogen auf diese Art Leichtgläubige, Neugierige und Schwärmer auf ihre Seite. [...] Endlich nützten vor wenig Jahren ein Paar Aventuriers diesen Wahn, traten in ein enges Bündnis zusammen, formirten eine neue Gesellschaft, gaben diese für eine ächte Fortsetzung der alten Rosencreutzer aus". Als zentrale Eigenschaften der manipulativ-betrügerischen Rosenkreuzerei führte Knigge auf: (a) die unbekannte und verborgene Identität von Oberen und Ordensmitgliedem, (b) die Verpflichtung der „in alle Provinzen zerstreueten Leute" zur Ausforschung, Spionage und

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Der Verschwörung des als höchst umtriebig beschriebenen Jesuitenordens könne, so Knigges Fazit, nur durch eine „Gegenverschwörung" begegnet werden: „Wenn eine Gesellschaft der besten Menschen nach einem eben so vorsichtigen Plane zusammenträte, ihre Zöglinge ebenso zur Tugend bildete, wie die Jesuiten die ihrigen zur Bosheit abrichteten, wenn sie dieselben statt des Fanatismus von ihrer ersten Jugend an mit Liebe zu dem Menschengeschlechte, mit Begierde edle große Grundsätze zu verbreiten und im Großen zum Wohle der Welt würksam zu seyn erfüllte - Was würde diese Gesellschaft nicht leisten können."157 Die so beschworene Gesellschaft aber existierte bereits: Es war Adam Weishaupts Illuminatenorden, der die Unterwanderung bestehender Logen und politischer Institutionen durch aufklärerisch erzogene sowie dem Orden absolut ergebene Adepten plante. Dennoch lässt sich Knigges Schrift nicht mit dem Hinweis auf propagandistische Zielstellungen erledigen. Das hier entfaltete Bedrohungsszenario diente zwar der Konsolidierung der Ordensgemeinschaft, indem es durch Darstellung einer bedrohlichen Umwelt interne Strategien der Exklusion und Kontrolle nahe legte bzw. legitimierte. Eine ausschließlich instrumentalistische Deutung scheint auch deshalb nicht gerechtfertigt, da der Autor in seiner 1788 veröffentlichten Erklärung und Antwort über seine Verbindung mit den Illuminaten neben dem Willen von Ordensmitgliedern den eigenen „Eifer für die gute Sache der Vernunft und Freyheit" als Motivation für die Abfassung seiner konspirationistischen Vorwürfe herausstellte.158 Es müssen weitere Gründe für die Entwicklung eines Berichterstattung über „alles..., was zu ihrem Zwecke dienen kann"; (c) die Erhaltung der Mitglieder in dauerhafter Abhängigkeit durch die „lächerlichsten Schwärmereyen", „religiöse Träume und Fanatismus", „Geistersehen" und „alchymische Processe". 157 Ebenda, S. 33. Damit zog Knigge eine Konsequenz, die auch die 1790 anonym veröffentlichte Schrift Geheimer Gang menschlicher Machinationen in einer Reihe von Briefen nahelegte. Ohne eine formale Vereinigung von Gegnern der obskurantistischen Offensive zu propagieren, forderte man hier abschließend ein „vereinigtes wirksames Bestreben wahrer Freunde der Menschheit und Aufklärung" durch „Männer wie Nikolai, Gedicke, Biester, Thomas Akatholikus, Klaproth, Zedlitz, die auf jeden der Menschheit gespielten Betrug Jagd machen" (S. 260). Die so ausgebildete Avantgarde trage durch permanenten Kampf mit dem weltanschaulichem Gegner zur Mehrung der Wahrheit bei: „Dann mögen unsere geschäftigen Loyolisten [sie] immer fortwirken, und die Hefe des Volkes auf ihre Seite ziehen; es wird sich immer eine ehrwürdige Elite biederer Männer erhalten, die die Vormünder der minder vernünftigen Menge sein werden. Der fortgesezte Kampf zwischen Licht und Finsterniß wird die Freunde der Wahrheit wachend und in den Waffen erhalten, und mancher Vorteil wird aus diesen fortdauerenden Friktionen entspringen." (S. 261) 158 Vgl. [Adolph von Knigge:] Philo's endliche Erklärung und Antwort, auf verschiedene Anforderungen und Fragen, die an ihn ergangen, seine Verbindung mit dem Orden der Illuminaten betreffend. Hannover 1788, S. 48f.: „Damals schien den Mitgliedern in München die Parthey der Jesuiten und die der deutschen Rosencreutzer für den Orden und für die Welt gleich gefährlich. Man schickte mir daher Documente, die gegen erstere zeugten, und welche ich in Schlözers Briefwechsel einrücken ließ und nachdem man mich mit noch genauem Nachrichten versehen, und ich Chalotais Werk und andre ge-

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kollektiven Verfolgungswahns im Lager der auf „Vernunft und Freyheit" verpflichteten Aufklärer ermittelt werden - doch dazu an späterer Stelle. Vorher sind die verschwörungstheoretisch munitionierten Gefechte nachzustellen, die Verbündete bzw. Freunde der illuminatischen Aktivisten Bode und Knigge in ihrem Kampf gegen eine vermeintliche Allianz aus verborgenen Jesuiten und heimlichen Katholiken führten und die schon Bodes erster Biograph als haltlose Übersteigerung konpirationistischer Projektionen bewertete.159

2.3.2 „Kryptokatholizismus" und „Proselytenmacherei" Unter dem sprechenden Pseudonym Akatholikus Tolerans veröffentlichte Johann Erich Biester in der Berlinischen Monatsschrift vom Februar 1784 einen Artikel, der den Auftakt einer folgenschweren Verdächtigungsoffensive markierte. Ausgangspunkt seiner Stellungnahme, die sich mit dem umständlichen Titel Falsche Toleranz einiger Märkischen und Pommerschen Städte in Ansehung der Einräumung der protestantischen Kirchen zum katholischen Gottesdienst gegen eine aus Bernau gemeldete Praxis wandte, war die Überzeugung vom „heimlichen" und bewusst „täuschenden" Charakter des Katholizismus, der nichts von seiner Aggressivität aufgegeben habe und jegliche Toleranz von anderer Seite zur Mission ausnutze: „Keine Glaubenspartei [außer dem Katholizismus] lehrt so offenbar den Satz, dass nur ihre Kirche die alleinseligmachende sei; und übt so heimlich alle Kunstgriffe, dass sie wenigstens hier auf Erden die alleinherrschende werde. [...] Toleranz ist ihnen [den Katholiken] ein Täuschungswort, unter dessen Schutz sie immer festern Fuß zu gewinnen trachten."160 Träger dieser Mission sei der Jesuitenorden, dem trotz „scheinbarer" Aufhebung neue und potenzierte Möglichkeiten zugeschrieben wurden: Es sei sicher, „dass die Exjesuiten ihre mächtige äußerst wirksame, nur scheinbar aufgehobne, Gesellschaft nicht nur immer fortsetzen, sondern mit sichern bald langsamen bald schnellen Schritten, um ein großes erweitern."161 Biesters Artikel markierte jedoch nicht allein einen kollektiven Akteur und seine angeblichen Eigenschaften der Omnipotenz und Omnipräsenz. Er sammelte Nachrichte genützt hatte, schrieb ich das Büchelchen Ueber Jesuiten, Freymaurer und teutsche Rosencreutzer - gewiß nur aus Eifer für die gute Sache der Vernunft und Freyheit, denn ich hatte damals wissentlich nie in meinem Leben einen Jesuiten gesprochen, und mit den teutschen Rosencreutzern nie das Geringste, weder im Guten noch Bösen, zu schaffen gehabt." 159 Vgl. Friedrich Schlichtegroll: Den 13. December 1793 starb zu Weimar Joh. Joachim Christoph Bode, S. 374 die Einschränkung, dass Bode über die angeblich jesuitischen Gefahren „nie in dem Grade dachte [...] wie Biester und Nicolai'' (Hervorhebungen im Original). 160 Akatholikus Tolerans [Johann Erich Biester]: Falsche Toleranz, S. 189f. 161 Ebenda, S. 191.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

verdichtete zugleich das Gefühl einer latenten Bedrohung zu einer Verdachtslogik, die zwischen disparaten Beobachtungen kausale Relationen herzustellen hatte und in der Aufdeckung sekretierter Zusammenhänge überfordert zu sein schien: „denn wer kann alle geheimen Wege entdecken, und das Dunkel aller Verbindungen entschleiern?"162 - Der so formulierte Zweifel aber war rhetorischer Natur. Denn das Ziel, „alle geheimen Wege entdecken" und „das Dunkel aller Verbindungen entschleiern" zu können, bildete einen wesentlichen Bestandteil im Programm der Berliner Publizisten Friedrich Nicolai, Johann Erich Biester und Friedrich Gedike, mit allen Mitteln die „Verbreitung nützlicher Aufklärung" und die „Verbannung verderblicher Irrtümer"163 zu befördern. Dazu rekurrierte man auf bereits zirkulierende Vorstellungen über finstere Verschwörer katholischer bzw. jesuitischer Provenienz - und intensivierte sie in einer Weise, dass die beteiligten Akteure als „Jesuitenriecher" in die Geschichte der Aufklärung eingingen und die Mechanismen ihres Handelns bis in Ludwig Tiecks 1831 veröffentlichte Novelle Die Wundersüchtigen literarisch präsent blieben. Das Streben nach „Publizität" und „Wahrheit" führte zu einer erweiterten Reproduktion personalisierender Szenarien, deren Ausgestaltung und Verbreitung sich proportional zur Beobachtung einer vermeintlich fortschreitenden Gefahrdung des Aufklärungsprojektes steigerte. Die wichtigsten Stichworte fur die vorrangig in der Berlinischen Monatsschrift geführten Kampagne hatte Friedrich Nicolai geliefert. Schon in seiner zwölfbändigen Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781 berichtete er über den Zustand des Aufklärungsprojekts sowie seine Bedrohungen und kolportierte hier die These von der „Fabrizierung" geheimer Gesellschaften durch Jesuiten „in Federhüten und Ordensbändern, die den Thron umzingeln".164 Als Beichtväter von Herrschern sicherten sich Jesuiten bzw. Exjesuiten eine unkontrollierbare Macht über politische Entscheidungen;165 die „unbeschreibliche Bekehrungssucht" des Ordens sowie das Streben nach absoluter Herrschaft innerhalb der Kirche habe aufgrund des ungebrochenen Einflusses auf Erziehungsanstalten, seiner dichten Vernetzung 162 Ebenda, S. 191. 163 So die bereits zitierte Vorrede der Herausgeber Johann Erich Biester und Friedrich Gedike in der ersten Nummer der Berlinischen Monatsschrift vom Januar 1783, S. 1. 164 Friedrich Nicolai: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781. Bd. 6. Berlin und Stettin 1785, S. 729: „Die Jesuiten lassen ihre Brüder, die nichts als Werkzeuge sind, immer nach dem vorgeschriebenen Plan fortarbeiten, schmeicheln, drohen, Lärm machen, verdummen, Kompendien schreiben, Vereinigungsplane machen, Intrigen ausspinnen, geheime Gesellschaften fabrizieren und was es sonst ist. [...] Ein Mann, der die katholische Welt sehr wohl zu kennen scheint, redet von Jesuiten in Federhüten und Ordensbändern, die den Thron umzingeln (siehe Winkopps Bibliothek für Denker, II. Band, 5. St., S. 542), und diese sind gewiß in allen Ländern, auch in protestantischen vorhanden." 165 Friedrich Nicolai: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781. Bd. 2, S. 647, Bd. 5, 162 u.ö.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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und seines „Esprit de Corps" gefahrliche Dimensionen angenommen.166 Nicolais Beschreibung eines jesuitischen Netzwerks als Instrument einer päpstlich gesteuerten Gegenaufklärung stützte sich auf Berichte seiner zahlreichen Informanten, die in engem persönlichen Kontakt mit ihm standen und zahlreiche, zum Teil diskret zu behandelnde Beobachtungen mitteilten. Durch diese Verbindungen über die Vorgänge in Bayern und Österreich besonders gut informiert, hatte sich sein Rezensionsorgan Allgemeine Deutsche Bibliothek mit der Besprechung von 83 einschlägigen Schriften bereits an der publizistischen Debatte um den „Teufelsbanner" Gaßner beteiligt, zu dessen Verteidigung fuhrende Jesuiten und Rosenkreuzer aufgetreten waren. Schon der Fall Gaßner schien eine direkte Kooperation gegenaufklärerischer Kirchenmänner mit der Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer zu dokumentieren, die sich auch bei den späteren Illuminatenverfolgungen auswirken sollte: Wie Benedikt Stattler von der ehemaligen Jesuiten-Universität Ingolstadt (der 1788 einen zweibändigen Anti-Kant vorlegen sollte) propagierte der Sulzbacher Leibarzt Bernhard Joseph Schleiß von Löwenfeld, der bei der Formierung des Gold- und Rosenkreuzerordens eine Hauptrolle spielte, die Heilungserfolge Gaßners als christliche Wunder. Die Umgestaltung der alten, auf Naturerkenntnis und magische Naturbeherrschung zielenden Rosenkreuzertradition zu einer betont religiösen Bewegung berief sich auf den Gaßnerianismus; in ihren Ordensgesetzen und hierarchischen Strukturen folgte die „Fraternität der goldenen Rosenkreuzer" jesuitischen Prinzipien und zielte frühzeitig auf politische Einflußnahme.167 Auch der Fall des 1780 gemaßregelten Andreas Zaupser, dessen Ode auf die Inquisition der Kurfürst Karl Theodor verboten hatte, schien die Konsequenzen einer Allianz aus jesuitischer Geistlichkeit und rückständiger Politik zu manifestieren: Für Nicolai - der mit Zaupser zwischen 1777 und 1791 korrespondierte und von diesem über den „geheimen Raths-Befehl" zu seiner Zensur ebenso informiert wurde wie über die späteren Repressionen des Illumina-

166 Ebenda, Bd. 4, S. 567 mit zahlreichen Beispielen fur die „unbeschreibliche Bekehrungssucht"; zum Korpsgeist ebenda, Bd. 5, S. 163, zum Herrschaftsstreben ebenda Bd. 4, S. 885. 167 Direkte Beziehungen zwischen Jesuitenorden und Rosenkreuzerbruderschaft waren aufgrund der undurchsichtigen Geschichte des Gold- und Rosenkreuzerordens schon für die Zeitgenossen Gegenstand schwer nachweisbarer Vermutungen und Spekulationen. Jesuitische Einflüsse entdeckte man in der von Samuel Richter verfassten Schrift Die wahrhafte und vollkommene Bereitung des philosophischen Steins der Brüderschaft aus dem Orden des Gülden- und Rosen-Creutzes von Sfincerus] R[Renatus], Breslau 1710 und 1714, die auch Ordensgesetze mit jesuitischen Prinzipien enthalten sollte. Als „fraglos vorbildlich" für die Statuten des 1777 in Sulzbach formierten Rosenkreuzerordens gelten diese Ordensgesetze noch in Georg Schuster: Die geheimen Gesellschaften, Verbindungen und Orden, S. 116.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

tenordens - und für seine Berliner Freunde bestätigten diese Vorgänge die These von einer kollektiven Verfolgung der Aufklärung. 168 Entscheidende Hinweise zur Ausgestaltung seines Szenarios empfing Friedrich Nicolai zugleich von Johann Joachim Christoph Bode, der ihm seine Denkschrift Anbefohlenes, pflichtmäßiges Bedenken sowie einen „Schlüssel" zu Saint-Martins Buch Des Erreurs et de la Verite zukommen ließ. Die umfassenden „Beweise" für die These von einer jesuitischen Steuerung der Hochgradmaurerei nahm Nicolai auf und vermittelte sie nicht allein seinen Berliner Freunden, sondern in informeller Kommunikation auch weiteren Gesprächspartnern wie dem Naturforscher Georg Forster, der gemeinsam mit Samuel Thomas Sömmering zwischen 1780 und 1784 der Kasseler Rosenkreuzerloge angehört und hier intensiv an der Herstellung des lapis philosophorum laboriert hatte. Aufschlussreich für die inhaltliche Ausgestaltung wie für die kommunikative Verbreitung des „berlinistischen" Verschwörungsszenarios sind die brieflichen Berichte Forsters aus dem Mai 1784, in denen er Sömmering über seine Leipziger Begegnung mit Friedrich Nicolai unterrichtete: „Diesen Augenblick erst kam Nicolai zu mir, mit mir zu sprechen. Wenig sagte er mir, und versprach, heut' Abend die Unterredung fortzusetzen. Alle unsere Vermuthungen sind völlig richtig. Superiores incogniti oder S. J. ist von jeher eins und dasselbe gewesen (Societas Jesu). Überall in allen Sekten ohne Ausnahme stecken sie, und sind das primum mobile. Mehr davon im nächsten Briefe auf den Du gut passen mußt."169 In dem so angekündigten Brief vom 22. Mai 1784 hieß es dann: „Alle Hieroglyphen bedeuten die J[esuiten], alle Passworte beziehen sich auf sie, alle Teppiche gehen dahin, mit einem Schlüssel, den man im Augenblick lernt, versteht man den ganzen Plunder des Erreurs et de la Verite, des Buches des Rapports qui existent entre Dieu (dem General), l'homme (dem J[esuitenorden]) et l'Univers (der übrigen Welt), des Buches Diademe des Sages. Alle so vielfältige, so widersprechend scheinende Sectenstifter, Thaumaturgen, und Gaukler und Schwärmer seien von ihnen ausgesandt, und würden von ihnen je nachdem es ihre Absicht erfordert, dirigirt, unterstützt oder fallen gelassen u.s.w. [...] Auch von den Ill[uminaten] glaubt er, dass sie auf eben

168 Vgl. Thomas Bremer: Spanische Inquisition und bayrische Aufklärung. Der .Fall Zaupser' (1780) und die Folgen. In: Titus Heydenreich, Peter Blumenthal (Hrsg.): Glaubensprozesse - Prozesse des Glaubens? Religiöse Minderheiten zwischen Toleranz und Inquisition. Tübingen 1989. Bd. 1, S. 177-207; zur Korrespondenz zwischen Nicolai und Zaupser siehe Sigrid Habersaat: Verteidigung der Aufklärung, S. 55-57, wo sich auch Hinweise auf erwogene Sekretierungsstrategien finden. Im April 1784 - die „Erste Warnung" Über Freymaurer, besonders in Bayern des Joseph Marius Babo war gerade erschienen - schlug Zaupser Chiffren für Begriffe „Illuminaten", „Jesuiten" etc. vor. 169 Georg Forster an Samuel Thomas Sömmering. Briefe vom 20. und 22. Mai 1784. In: Hermann Hettner (Hrsg.): Georg Forster's Briefwechsel mit Samuel Thomas Sömmering. Braunschweig 1877, S. 44-48, hier zitiert nach dem berichtigenden Abdruck in Hermann Kopp: Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Zweiter Teil, S. 121f.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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die Art Maschine wären, doch ist er's nicht gewiß und bekennt, dass ihm diese Secte unter allen noch die unschuldigste scheine. Es ist unsäglich, mit wie vieler Mühe und Fleiß und Belesenheit er alles zusammengetrommelt hat, alles verglichen und in allem Spur und Beweis seines Satzes gefunden hat."170 Vor diesem Hintergrund können Aufnahme, Weiterentwicklung und Verbreitung längerfristig zirkulierender Verschwörungsvorstellungen durch namhafte Vertreter der Berliner Spätaufklärung als mehrfach dimensionierte Versuche zur Behauptung ihrer Deutungsmacht innerhalb eines zunehmend unübersichtlichen Feldes konturiert werden. Sie zeigen zum einen die konstruktiven Muster zur Generierung und Ausgestaltung von Erklärungsmustern, die Vorstellungen vom aufklärungsfeindlichen Katholizismus radikalisierten und mit Imaginationskomplexen vom kriminellen Jesuitenorden als seinem Agenten verknüpften. Sie dokumentieren zum anderen die druckschriftlich beschleunigte Kommunikation dieser Erklärungen, die in der Reaktion auf öffentlich artikulierte Einwände zu einer gesteigerten und intensivierten Reproduktion bereits vorgeprägter Muster führten und wiederum zu kritischer Stellungnahme herausforderten. Die fortschreitende öffentliche Diskussion markiert eine neue Qualität des aufgeklärten Konspirationismus: Seit dem im Januar 1785 in der Berlinischen Monatsschrift veröffentlichten Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei erschienen in rascher Folge Gegenstimmen und replizierende Bekräftigungen, die zu einem „viele Jahre fortgesetzten Kampf" 7 1 bzw. zu einem „gelehrten Krieg"172 führten. Nach bellizistischer Polemik (die dem Rosenkreuzer und späteren Minister Johann Christoph Wöllner zugeschrieben wurde), intervenierten Christian Garve und Georg Forster in besonnenem Ton; Biester und anonym bleibende Mitstreiter aber brachten immer neue Belege fur ihre Verschwörungstheorie vor. Zu dem von Bode und Knigge generierten Modell, das die sichtbare „ A n a r c h i e " j n den Arkanwelten des ausgehenden 18. Jahrhunderts als Ergebnis jesuitischer Steuerung erklärte, fugten die Berliner Aufklärer ein Element hinzu, das die Szenarien religionspolitisch auflud und konfessionell verschärfte: die These von einer katholischen Unterwanderung der protestantischen Aufklärungskultur durch „Proselytenmacherei". Um die Dynamik dieser Kontroverse zu dokumentieren, werden zuerst die zentralen Texte der Debatte vorgestellt, um

170 Ebenda, S. 122. Forsters Folgerung in Bezug auf die „gesamte Maurerei" folgte im Brief an Sömmering vom 27. Mai 1784, vgl. ebenda: „Da sie ganz und gar, mit allen Branchen, Secten und Systemen ein Werk der J[esuiten] ist, so ist sie auch ganz und gar verwerflich, und ich mache mir gar kein Bedenken, dies bei solchen Leuten, wo es gut angebracht ist, und bei Gelegenheit, wo es nicht schaden kann, mit aller Aufrichtigkeit zu behaupten. Weg mit dem Allem!" 171 Karl Varnhagen von Ense: Leuchsenring. In: Ders.: Vermischte Schriften. 1. Teil. Leipzig 21843, S. 494-533, hier S. 514. 172 [Anonym:] Der Berlinismus oder Freundschaftsgespräch über Doktor Stark und seine Gegner. Templin und Ephesus [Leipzig] 1788, S. 45.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

anschließend die juristische Behandlung der hier entwickelten Verschwörungsvorwürfe zu dokumentieren und in einem dritten Schritte Erklärungen zu formulieren. Der bereits erwähnte Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei aus dem Januar-Heft der Berlinischen Monatsschrift von 1785 enthielt nicht nur konspirationistische Zentralvokabeln wie „Larve", „Maske"; „heimliche Mittel" etc. Er lieferte auch ein detailliert ausgemaltes Exempel fur die verborgenen Machinationen zum Gewinn von heimlichen Propagandisten der römisch-katholischen Religion.173 Der anonym veröffentlichte Beitrag -

173 [Anonym:] Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei. Auszug eines Schreibens aus **. In: Berlinische Monatsschrift vom Januar 1785, S. 59-80. Die detailliert ausgeführte Fall-Geschichte sollte die angebliche Gefährlichkeit „verlarvter" Proselytenmacher und die von Geheimgesellschaften, mystizistischen Propheten und ihren „dunklen Worten" ausgehenden Gefahren durch einen konkreten Tatsachenbericht beweisen, dessen Zentrum ein namentlich nicht genannter Diakon aus einer gleichfalls nicht genannten Stadt war. Infiziert von der „Meinung einiger Lavaterischer Schwärmer", sei er „von heimlichen katholischen Missionarien als ein Werkzeug, um durch ihn zu wirken, ausersehen" worden - nicht zuletzt deshalb, „weil seine fromme Einfalt eben so weit von Mißtrauen, als von untersuchendem Prüfungsgeist entfernt war" (S. 68). Durch sorgfältig geplante Täuschungen, vor allem durch eine simulative Verwendung der „gesalbten Sprache [...], die der gute Mann so sehr liebte", wusste man ihn („der weder Kirchengeschichte studirt, noch jemals sorgfältig sich um richtige philosophische oder gesunde exegetische Begriffe bemüht hatte") mit zentralen Vorstellungen des Katholizismus vertraut zu machen: „dass nicht alles, was den Christen zu wissen nöthig, in der Bibel deutlich aufgeschrieben wäre, sondern dass sich viele Sätze und Nachrichten von den Zeiten der Christen her durch Tradition erhalten hätten." (S. 69) Diese gegen das protestantische sola-scriptura-Vnnzvp gerichtete Auffassung wurde durch Lockung mit einer arkanen, die Geheimnisse der Urkirche bewahrenden Gemeinschaft verbunden: „Man offenbarte ihm endlich im anscheinend engsten Vertrauen: ,Es sei noch itzt eine geheime Gesellschaft unbekannter Väter vorhanden, welche seit den Zeiten der ersten Christen in ununterbrochener Folge fortgesetzet worden. Durch dieselbe und ihre unausgesetzte Dauer sei nicht allein die wahre Tradition von den geheimen Kräften, vermittelst welcher Christus und die Apostel Wunder gewirkt hätten, völlig erhalten; sondern es sei auch diese geheime Gesellschaft in dem Besitz eines Theils dieser Wunderkräfte, wodurch sie nicht nur die Natur erkennen, sondern auch mit Hülfe des Geistes oder des geistigen Rauches in derselben die wichtigsten Wirkungen hervorbringen könnten." (S. 69f.) In diese auratische Geheimgesellschaft aufgenommen, sei der Diakonus vollends zum Instrument „unbekannter Oberer" degrediert, die ihn mit „thörichten Einbildungen" und immer neuen Versprechungen von Wunder-Erfahrungen zur Konversion überreden wollten. Die vorgeblichen Aufstiegsstufen umfassten auch die Einweihung in angeblich magische Vokabeln, wie sie auch im Orden der Gold- und Rosenkreuzer gepflegt wurden: „[...] und man lehrte ihn nach und nach, unter vieler angeblichen Behutsamkeit und Vorsicht, die großen Worte Emhimphoreth und Chexaphchaphar kennen." (S. 71) Unter dem „Siegel unverbrüchlicher Verschwiegenheit" seien ihm schließlich Dokumente zur Weckung von Zweifeln an der protestantischen Kirche vorgelegt worden; anfängliches subtiles Lob für den Protestantismus hätte sich mit „hinterlistiger" Überredung zur Priesterweihe gepaart. Resultat dieser Manipulationen sei der heimliche Übertritt gewesen, der den Diakon konfessionell gespalten habe denn nun befand er sich „unter den Katholischen, zu denen er vermöge der geheimen

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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durch Karl Varnhagen v o n Ense d e m „Wanderapostel" Franz Michael Leuchsenring zugeschrieben und zum Auslöser fur das jahrelange „verwirrte Geschrei über Krypto-Jesuitismus und Krypto-Katholizismus erklärt"174 - kann zugleich als Initialzündung fur eine intensivierte publizistische Produktion und Diskussion konspirationistischer Szenarien verstanden werden. Bereits im April 1785 mußte BM-Herausgeber Johann Erich Biester auf die Zusendung eines mit „ T * * * * y " [Pater Twardy?] gezeichneten Aufsatzes u.d.T. Unbefangene Bemerkungen über den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei reagieren und verfugte trotz deutlich gemachter Z w e i f e l seinen vollständigen Abdruck in der Berlinischen MonatsschriftDie Vorwürfe des

Weihe, als unter den Protestanten, zu denen er vermöge seines öffentlichen Amtes gehörte" (S. 73). Entdeckt wurde der Verblendungszusammenhang infolge der Expansionsbemühungen der „Unbekannten Oberen": Nachdem mehrere Protestanten des Ortes in den „geheimen Orden" aufgenommen worden waren und ein „denkender K o p f die versprochenen Wunder in Frage stellte, habe der Befehl der Oberen, ein Ordenszeichen insgeheim auf der bloßen Brust an einem Bande zu tragen, die bislang verborgenen Absichten kenntlich gemacht. Denn was als Erkennungsmarke und „Symbol der hohem Wissenschaft" ausgegeben wurde, sei ein von „magischen Buchstaben" umgebenes Marienbild gewesen, das an jesuitische Säulen der unbefleckten Empfängnis erinnerte. Dieses Ordenszeichen aber bestätigte den „gerechten Verdacht, dass weit aussehende unlautere Absichten im Hinterhalt verborgen lägen" (S. 76). Ein im Gewissenskampf ausbrechendes Fieber nach Entdeckung von Tonsur und „bedenklichen Korrespondenzen" sowie öffentliche Reue führten die Textfigur zu einer Überzeugung zurück, die der Beitrag der Berlinischen Monatsschrift abschließend explizit aussprach: „dass man bei hellem Lichte den Weg besser sehen kann, den man wandelt, dass auch die Vernunft ein Geschenk Gottes ist, und dass Religion mit derselben nicht streitet, sondern vielmehr mit derselben in edler Harmonie bleiben müsse." (S. 80) 174 Karl Varnhagen von Ense: Leuchsenring, S. 514: „Der Aufsatz erschien [...] und machte ein unglaubliches Aufsehen. Mit ihm begann der viele Jahre fortgesetzte Kampf und das verwirrte Geschrei über Krypto-Jesuitismus und Krypto-Katholizismus, woran auf der einen Seite Nicolai und Biester mit ihrem ganzen Anhang, auf der andern Jacobi, Lavater, Johann Georg Schlosser und ihre Freunde den heftigsten Anteil nahmen. Die Berliner Aufklärer, welche schon viele Feinde hatten, auch in ihrem Argwohn zu weit gingen, und im Einzelnen große Blöße gaben, waren ihren geistreichen Gegnern nicht gewachsen, unterlagen später in andern literarischen Kämpfen, wo sie allerdings seicht und geistlos erschienen, und wurden bald als Jesuitenriecher verschrieen und lächerlich gemacht, der ganze Kram aber fur ein Märchen, für eine Erfindung Leuchsenrings erklärt." 175 [Johann Erich Biester; T****y:] Ueber den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei. In: Berlinische Monatsschrift vom April 1785, 1, S. 316-391. In der Vonede zum Abdruck des Beitrags Unbefangene Bemerkungen über den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei markierte Biester noch einmal die Intentionen seines im Januar veröffentlichten Aufsatzes: „[OJhne Zweifel wollte der uns unbekannte Verfasser desselben auf der einen Seite die (nach seiner Angabe) im Finstem schleichenden Herrschsüchtigen schrecken, und auf der andern Seite die nichts argwohnenden Gutmüthigen warnen." (S. 316) Nach Darlegung der eigenen Skrupel hinsichtlich der Publikation eines Textes, dessen wesentliches Charakteristikum eine entschiedene Stellungnahme gegen die Berlinische Monatsschrift sei, rechtfertigte Biester die Entscheidung für den Abdruck: „So bestätige sich denn auch hierin die - fast

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

anonymen Autors, hinter dem der Freimaurerei-Historiker Nettelbladt den Rosenkreuzer Johann Christoph Wöllner vermutete,176 sind ein Musterbeispiel für bellizistische Polemik. Mit dezidierter Argumentation ad hominem wurde hier der Despotismus selbsternannter „Zionswächter" attackiert. Es sei „von jeher das eigentliche Geschäft an Kopf und Herz verschrobener Menschenkinder gewesen, und noch gegenwärtig nach dem herrschenden persistirenden Ton unsers mit Aufklärung sich brüstenden Zeitalters, das süße Tagewerk aller Schwachköpfe, die sich Kraftmänner dünken: die mit entscheidendem Ton und wichtiger Mine über alles herfahren, wunderseltsam deklamieren, persistiren, was nicht in ihrem armseligen (oder wie sie es wohl zu nennen belieben, philosophischen) Kram dient, und das jenige geradezu für Unfug oder wohl gar schändliche Dinge erklären, was die hochgelahrten Herren nicht verstehen, wofür sie ganz keinen Sinn haben."177 „Aufgeklärte Kraftmännerchen" und „genialische Köpfe" nutzten die „Maske der Philosophie", um „den Leuten Sand in die Augen zu streuen". Damit aber wurde das von Biester genutzte Schema verschwörungstheoretischer Unterstellungen umgekehrt: Nicht religiöse Toleranz oder Irenik seien die Maske konspirativer Dunkelmänner, sondern die Philosophie einer verflachten Aufklärung und Vernunft.178 Dem anonymen Autor der vermeintlichen „Entlarvung" über einen arkangesellschaftlich ins Werk gesetzten Seelenfang hielt er vor, „dass er den Leuten die beleuchtende Fakkel der Wahrheit ins Gesicht halten will" - und dabei furchte ich doch zu strenge und gewissenhafte - Unparteilichkeit der Berlinischen] Monatsschrift; so freue sich der Verfasser und seines Gleichen über die Heftigkeit des hier folgenden Aufsatzes; und so mögen auch die anderen Leser [...] den Aufsatz als ein Phänomen itziger Zeit ansehn" (ebenda, S. 319). Biester fixierte zugleich eine Immunisierungsstrategie, die nachfolgend nahezu jede Stellungnahme der „Berolinisten" im Streit um ihre „Jesuitenriecherei" prägen sollte: „Wer sollte glauben, wenn es nicht auf solche Art documentiert würde, dass es noch immer Leute unter uns giebt, die bei der öffentlichen Rügung augenscheinlicher Mißbräuche so ganz aus ihrer Fassung kommen, sobald dabei einige Punkte berührt werden, die durchaus geheim sein sollen, und die zum Besten der Menschheit nicht öffentlich genug können bekannt gemacht werden; die so voll Groll werden, sobald man ihren Grundsätzen widerspricht, die sie so gern allgemein einführen wollen? Wie kann man den uns so nahen und doch so unbekannten, den so thätigen und doch so verborgenen Geist geheimer Verbindungen besser vor Augen legen, als durch solche Aeußerungen derselben?" 176 Christian Carl Friedrich Wilhelm von Nettelbladt: Geschichte freimaurerischer Systeme in England, Frankreich und Deutschland. Berlin 1879, S. 543; dazu Dirk Kemper: Obskurantismus als Mittel der Politik, S. 200. 177 T****y; Unbefangene Bemerkungen über den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei. In: Berlin. Monatsschrift vom April 1785, S. 321-342, hier S. 322f. 178 Ähnlich auch ebenda, S. 324: ,,[Ü]berall wollen sie Aberglauben unterdrükken, um unter der Hand gar säuberlich den Unglauben unterzuschieben [...] Ueberall wollen sie die Fakkel der reinen geläuterten Vernunft anstekken; und sind selbst die größten Adversarien des wahren Menschenverstandes; werfen ums dritte Wort mit Schwärmerei um sich ... und schwärmen selbst in der diksten Finsterniß bei allen ihren Klügeleien umher!"

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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jedoch „selber ärger als ein Maulwurf in dem Dunst der Finsterniß umher tappt".179 Auch wenn die gewählte Sprache glauben mache, „dass nichts als allgemeines Wohlwollen, eifrige Menschenliebe, und wahre Anhänglichkeit an die protestantische Religion ihre Feder geleitet haben", seien „in vielen andern Stellen gar zu deutliche Widersprüche enthalten, wo hinter dem Schaafskleide der Wolf nur gar zu merklich hervorgukt".' 80 Denn es sei zwar nicht zu bestreiten, „dass verlarvte Jesuiten und dergleichen hin und wieder umherschleichen, und ihr Gift unter der Maske ihrer sogenannten Religion, nicht aber die wahren ursprünglichen Begriffe ihrer Kirche auszubreiten suchen";181 der Behauptung über eine massive Bedrohung der Aufklärungskultur durch ein „Werk der Finsterniß" aber müsse widersprochen werden.182 Der Beitrag ziele vielmehr auf eine nachhaltige Diskreditierung des Freimaurerordens, indem er die bekannteste aller Arkangesellschaften zu einer „Schule des Jesuitismus, des gröbsten Aberglaubens und des Menschen entehrendsten Fanatismus" erklärte.' 83 Diese These grundierte die nachfolgenden Angriffen, die nun zu einer direkten Anrede des anonymen Verfassers und seiner Dämonisierung übergingen: Die massive Beschädigung masonischer Logen sei Resultat „Ihres satanisch angelegten Plans"; „Schaudern und Entsetzen" stellten sich „bei Ihrem schwarzen boshaften Plan" und angesichts des Umstandes ein, „dass ein Mensch iahig sein kann, solche Teufeleien unter der Larve der Bonhommie, der äußersten Redlichkeit, der wahren Liebe zum Guten, und des Eifers für wahre Religion an den Tag zu legen."184 Wenn „solch ein Mensch" es zudem noch wage, „einem frommen Lavater" und also einem „Manne nach dem Herzen Gottes" sowie „einem edlen Claudius" warnende Belehrungen erteilen zu wollen, sei das Maß voll: „All dieser schreckliche Frevel war es, welcher mich vermochte, die Feder zu ergreifen, um dem Buben die Larve vom Gesicht zu reißen, womit er ganz Deutschland zu täuschen gedenkt, in dem er vor Täuschungen warnt; womit er eine Gesellschaft zu schmähen sucht, die den Allmächtigen im Geist und in der Wahrheit anbetet und verehrt, die die wahre

179 180 181 182

Ebenda, S. 331 f. Ebenda, S. 326. Ebenda, S. 328. Ebenda, S. 328. Die im Beitrag mitgeteilte Geschichte vom Breslauer Juden, der mit Erlaubnis des Papstes seine katholische Religion geheim halte, sei eine „offenbare derbe Legende", die der Verfasser aus eigener Anschauung widerlegen könne: „Ich habe diesen Juden, welcher ein abgefeimter Betrüger war, in Polen gesehen und gesprochen. Wahr ist's, er führte eine Dispensation bei sich, die aber ebenso falschlich geschmiedet, als überhaupt sein ganzer Katholicismus Betrug war." Auch der als „Beweis" vorgetragene Bericht über die mittels einer Geheimgesellschaft ins Werk gesetzte Unterwanderung protestantischer Seelen sei unverkennbar „ein Gewebe von Allfanzereien, Sophistereien und Lügen", das deshalb keiner Widerlegung bedürfe; ebenda, S. 337.

183 Ebenda, S. 330. 184 Ebenda, S. 331.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

Glückseligkeit ihrer Mitmenschen zu befördern sich aus allen Kräften bemühet, die dem Staat getreue Unterthanen, gute Bürger und nützliche Glieder zu bilden sich angelegen sein läßet, und deren innigstes Bestreben endlich dahin gehet, den Geist der Wahrheit, der Weisheit und der Liebe unter den Menschen zu verbreiten."185 Die angekündigte „Entlarvung" der absichtlichen Täuschungsabsichten bestand im wesentlichen aber nur aus weiteren Vorwürfen und Invektiven an die Adresse der „hochweisen Herren von der Aufklärungssekte". Die dabei gewählten Strategien polemischer Auseinandersetzungen können als Musterbeispiel für intellektuelle Konfliktverschärfungen durch Angriffe ad hominem gelesen werden. Wer den Werken des „unbekannten Philosophen" SaintMartin „Schändlichkeit" zuschreibe, handele „eben so ungereimt, als niedrig und boshaft" und zeige ein „stumpfes Gehirne, welches für den Inhalt derselben gar keinen Sinn hat".186 Die in Saint-Martins Büchern niedergelegten Geltungsansprüche seien durch ein „allumfassendes Genie" wie dem „Warner" vor unbekannten Proselytenmachern „mit seiner hochgepriesnen Vernunft" und durch die „Rotte unserer Modephilosophen" nicht verstanden worden; ihre Disqualifikation als „schrecklicher mystischer Unsinn" offenbarte jedoch nur den begrenzten Horizont der so Urteilenden.187 Selbstverständlich sei es nötig, „Aberglauben gründlich zu vernichten, wahre Mißbräuche aller Art zu unterdrükken, selbst die Charlatanerie eines St. Germains und eines Mortezini an dem verdienten Pranger zu stellen, den würklich schändlichen Frevel eines Schröpfers und eines Frölichs zu rügen, und auf solche und ähnliche Weise moralische und politische Aufklärung unter seinen Nebenmenschen zu verbreiten"; die unreflektierte Anwendung scheinbar allgemeingültiger Vernunftprinzipien „über alle Dinge ohne Ausnahme" aber bedeute eine folgenschwere

185 Ebenda, S. 332. 186 Ebenda, S. 333. 187 Mit ähnlicher Vorsicht auch [Adolph von Knigge:] Beytrag zur neuesten Geschichte des Freymaurerordens, S. 87f., wo es wie in der Berlinischen Monatsschrift hieß, man solle sich nicht „von gewissen Schreyern im Publico verleiten lassen, die mit unerhörter Intoleranz alles für Unsinn erklären, was nicht grade in ihr System paßt oder was sie, wenn sie es in ihren Verdauungsstunden überlesen, nicht gleich verstehen." Auch Knigge plädierte für eine mehrmalige Lektüre von Saint Martins Des erreurs & de la verite, legte aber keine konspirationistisch dechiffrierende Lesart nahe: „Dass Manches, wenn man es nur Einmal lieset, dunkel, verwirrt, ja! sogar widersprechend scheinet, ist mir auch also vorgekommen; allein ich habe mich die Mühe nicht verdrießen lassen, es mehrmals durchzustudieren, und da habe ich dann den Zusammenhang sehr bestimmt gefunden. Das ganze System weicht von unsern gemeinen Schullehren gänzlich ab, doch ist es darum nicht ganz neu. Sehr viele Ideen findet man hier wieder, welche schon die alten Philosophen einzeln und zerstreuet gehabt haben; in viel Stücken bin ich gar nicht derselben Meinung; hie und da habe ich dort große und neue Blicke in die Natur der Dinge gefunden." Hervorhebung im Original.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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Universalisierung partikularer Überzeugungen.188 Abschließend wurde der angeblich authentische Bericht über den manipulierten Diakon als „Gewebe von Allfanzereien, Sophistereien und Lügen" zurückgewiesen und der Verfasser aufgefordert, Beweise vorzulegen. Die direkte Appellation an den anonymen Beiträger, „mit hinlänglich geprüften und einleuchtenden Gründen und Beweisen alles dasjenige, was er mit so erstaunender Frechheit in seinem Beitrag äußert, zu rechtfertigen und zu bestätigen" und dazu „die Geschichte des betrogen sein sollenden Diakonus mit glaubwürdigen Urkunden zu verificieren" sowie „dessen schändliche Verfuhrer [...] öffentlich mit Namen an den wohlverdienten Pranger zu stellen",189 verhallte jedoch unbeantwortet. Denn Biester replizierte auf fast 50 Seiten im Anschluss an den „unbefangenen Bemerker" mit einer Auflistung der verwendeten Schimpfworte, erklärte den Beitrag selbst aber als „weder des Spottes noch des Ernstes werth".190 Der polemische Ton der Entgegnung verweise jedoch auf ein tieferliegendes Problem: Er zeige, „welcher giftige Haß, welche Verläumdungs- und Verfolgungslust noch immer in machen Gemüthern herrscht, und welche Tumulte entstehn, wenn die Publicität sich gewissen Wespennestern naht".191 Den geforderten „Beweis" für die Richtigkeit des Berichts wollte Biester nicht erbringen, dafür versuchte er, sich von dem Anschein der Komplizenschaft bzw. der Identität mit dem Autor des Verschwörungsszenarios befreien: „öffentlich" und „auf Ehre und Gewissen" erklärte er, „dass der Verfasser jenes Aufsatzes, und dessen Einsender, und wir Herausge-

188 T****y: Unbefangene Bemerkungen über den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei, S. 334. Deutlich auch der Appell für „wahre" bzw. „wesentliche" Aufklärung: „Allein, meine Herren Aufklärer, nur nicht immer das Kind mit sammt dem Bade verschüttet; nur nicht alles in einen Brei geworfen; nur nicht mit so unmäßigem Eigendünkel Ihrer Vernunft so außerordentliche Dinge zugetrauet; und ohne Anstand, meist ohn alle sachkundige vernünftige Prüfung und Untersuchung, den unbefugten entscheidenden Ausspruch, das richterliche Endurtheil über alle Dinge ohne Ausnahme gefallt, die eben darum, weil sie nicht zu ihrem hochgelahrten Lieblingssystem passen, und außer Ihrem so weise sich dünkenden Gesichtskreise liegen, das gewaltige Unglück haben Ihnen zu mißfallen!" - Das unmittelbar anschließende Lob für den „tiefdenkenden Mendelssohn", der den „gemeinen Haufen unsrer christlichen sophistischen Aufklärer" zutiefst beschäme, verband sich mit der Empfehlung, sich „die wahren Mittel zu wesentlicher Aufklärung ... eher zu eigen zu machen, als auf dem jetzt fast allgemein eingeschlagenen Wege alles fur Unsinn zu erklären, was man nicht verstehet..." Ebenda, S. 335. 189 Ebenda, S. 340f. In diesem Zusammenhang stellte der Autor ein Credo auf, das sich auch Goethe (nach befristetem Engagement in der Weimarer Freimaurer- und Illuminatenloge) im Umgang mit Geheimgesellschaften zu eigen machen sollte: „Sicher ist freimüthige Publicität das wirksamste Mittel in solchen Fällen." Ebenda, S. 341. 190 Johann Erich Biester: [Replik auf T****y:] Unbefangene Bemerkungen über den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei]. In: Berlinische Monatsschrift vom April 1785, S. 343-391, hier S. 344. 191 Ebenda, S. 344.

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

ber, drei von einander ganz verschiedene Parteien sind".192 Ohne erst auf „Nachrichten jener Männer" - also des weiterhin ungenannten Autors und des Einsenders - warten zu wollen, wollte er noch einmal die „Hauptpunkte des Streits" darlegen sowie „nicht genug bekannte Wahrheiten allgemeiner zu verbreiten, und den Leser zu besserer Beherzigung und Prüfung der Hauptsache selbst in den Stand zu setzen".193 Im folgenden lieferte Biester eine Ausgestaltung der These von der jesuitischen Unterwanderung der Aufklärung, die sich auf Friedrich Nicolais Behauptungen stützte und mit Informationen aus zweiter Hand zu untermauern suchte.194 Die Beweisführung war denkbar simpel: Für die vom „römischen H o f betriebene „offenbare oder heimliche Ausbreitung seines Systems" wie für die „offenbare oder heimliche Unterdrükkung alles Andersdenkenden" hätten sich die Jesuiten („welche man seit einigen Jahren Exjesuiten nennt") stets als die „treuesten Gehülfen" gezeigt. Da die katholische Kirche als „ein einziges, unwiderrufenes, ja leider sogar unwiderrufbares System" anzusehen sei, stehe die Folgerung fest: Die Jesuiten, „die von Dresden bis Sina, von Südamerika bis China, unter allerlei Gestalten sich und ihre Lehrsätze annehmlich zu machen wussten",195 handelten auch weiterhin noch „völlig dem Geist der römischen Kirche gemäß"196 und hätten - insbesondere bei der Beeinflussung schwacher Fürsten - Erfolg.197 - Zugleich wies Biester die Unterstellung, er habe Freimaurerlogen für eine heimliche Proselytenmacherei verantwortlich machen wollen, zurück und stimmte seinem Kontrahenten in der Würdigung von masonischer Toleranz und Wohltätigkeit zu. Von seiner These einer jesuitischen Mission zur Zerstörung der Aufklärung wich er jedoch nicht ab. Das dazu genutzte Werkzeug wären „an-

192 Ebenda, S. 345. Durch diese öffentliche Bekanntmachung wolle er weder dem Verfasser noch dem Einsender vorgreifen, doch den eigenen Anteil relativieren: „Ohne dieselben konnte ich doch auch eine solche Abhandlung unmöglich in die Welt schikken, die wohl gar die Herausgeber selbst eines bösen Komplots und hinterlistiger Absichten verdächtig machen könnte." 193 Ebenda, S.345f. 194 Biester selbst bekannte, alle seine Informationen „durch glaubwürdiges Hörensagen" erlangt zu haben und forderte seine Leser zur Einsendung von Hinweisen auf; ebenda, S. 381. 195 Ebenda, S. 361. 196 Ebenda, S. 364. 197 Ebenda, S. 364. Weiter hieß es: „Vorzüglich aber sehe man die Geschichte Deutschlands, und bedenke, wie listig viele Fürsten, bei ganz protestantischen Ländern, bei ganz entgegengesetztem Interesse, dennoch vermocht wurden, zur katholischen Kirche zu treten. Zum Uebergang zu derselben wurden bekanntlich vermocht: Kursachsen, Kurpfalz, Pfalz-Zweibrük, Baden-Baden, Hessen-Kassel, Hessen-Rheinfels, Prinzen aus dem Hause Hessen-Darmstadt, Würtemberg-Stuttgard, Prinzen vom Hause Holstein und viele andere." Unter Berufung auf Berichte „katholischer Erzähler" demonstrierte Biester dann die „Kunstgriffe", bei denen „vorzüglich Jesuiten thätig waren".

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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dere geheime Gesellschaften", sogenannte „Innere Orden", von denen Biester - nun schon ausdrücklich im Modus des Gerüchts - verlauten ließ: „Die meisten dieser Gesellschaften beschäftigen sich, so viel man davon hört und liest, mit seltsamen Dingen, auf eine seltsame Art, in einer seltsamen ihnen oft selbst nicht ganz deutlichen Verbindung mit Andern. Ich glaube, dass ganz unsägliche Mißbräuche sich eingeschlichen haben; und ich will hierüber nur etwas anführen, das ich seit mehrern Jahren aus Gesprächen mit allerlei Menschen, die Deutschland und Frankreich wohl kannten, geschöpft habe [...] Seit der Aufhebung des Jesuiterordens sind in Europa die vielen geheimen Verbindungen zu gewissen mystischen Arbeiten recht wieder in Gang gekommen, und dauren, wie jeder weiß, noch itzt in vollem Gange fort. Die Jesuiten sind seit jener Aufhebung natürlich viel zerstreuter, und viel emsiger sich zu stützen und Verbindungen zu schaffen; und so trifft man seitdem auch allenthalben unbekannte Menschen, die, sobald sie bei Jemand besondere Neigung zu innigen vertrauten Verbindungen bemerken, aus ihrem Dunkel hervortreten und sich anbieten. Wohin die Grille fuhrt, ist ihnen einerlei: sie können mit allem dienen. Will man Alchymie, Magie, Gnosis, Religionsverbindung, Erneuerung ehemaliger Einrichtungen; immer findet man freiwillige Gefährten, die versichern, schon lange den Weg gesucht zu haben, und andere zu kennen, die ihn schon lange gewandelt haben. So kömmt man unvermuthet in eine große Gesellschaft, von der man vorher nichts wusste, und nach deren Leitung man nun blind arbeitet."198 Nach einer umfangreichen Beschreibung der Gefahren, die vom vermeintlich verborgen fortarbeitenden Jesuitenorden ausgingen, schloß Biester mit weiteren Angriffen auf das Werk des „unbekannten Philosophen". 199 Wie 198 Ebenda, S. 377f. Die nachfolgenden Erklärungen führten die These von einer heimlichen Instrumentalisierung der geheimen Gesellschaften weiter aus, indem die beobachtbaren Verwerfungen in der Arkankultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts unmittelbar auf das Wirken der illegal aktiven Societas Jesu zurückgeführt wurden, ebenda, S. 378: „Vorzüglich pflegt auch das oft so laute Geschrei über neue Erscheinungen oder neue Entdeckkungen oder Einführung neuer Systeme in diesen Inneren Orden jedesmal alsdann recht laut zu werden, wenn der aufgehobne Jesuiterorden einen günstigen oder ungünstigen Stoß oder irgend eine Art von Revolution erfahrt." Hier nicht genannte Referenzpersonen waren „Systemschöpfer" wie Philipp Samuel Rosa, Johnson und Starck, deren Entlarvung zu (meist auch öffentlich wahrgenommenen) Skandalen geführt hatte. Wie erläutert, hatten deren angeblich in Italien oder in Frankreich vorgenommenen „Einweihungen" sowie die „katholischen" Elemente ihrer Systeme zu besonderem Mißtrauen auf Seiten protestantischer Beobachter geführt. Als extrem perfide wurde schließlich eine Strategie zur Manipulation „großer Herren" herausgestellt: Die Missionare der SJ würden ihnen die Zeremonien der katholischen Kirche als „Enbleme und Symbole vorstellen, wovon nur der gemeine Mann das Aeußere kenne, sie aber die innere geheime Deutung erfahren sollten; so dass ihre Neubegierde wie zu Mysterien angespannt, und und ihr Uebergang zu einer Art von Initiation wird; so dass hier nicht sowohl der Katholicismus sich in geheime Gesellschaften einschleicht, als vielmehr die ganze katholische Religion selbst zu einem inneren Orden gemacht wird." Ebenda, S. 378. 199 Der Kritiker des im Januar erschienenen Beitrags zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei, P. Twardy, hatte Christian Garve als Autorität für einen vorsichtigen Umgang mit dem Werk des „unbekannten Philosophen" aufgeboten. Garve

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2. Aufklärung und Gegenaufklärung

schon der Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei unterstellte er dessen Texten eine doppelte Lesart: In exoterischer Gestalt würden sich diese Bücher an ein breites, nach theosophischer Weisheit strebendes Publikum wenden; in ihrer esoterischen Variante seien sie an ein spezifisch eingeschränktes, mit einem „Schlüssel" versehenes Publikum adressiert. Er selbst habe, so Biester wiederum ohne Nennung von Namen, „einst von der Güte eines durchreisenden Fremden einen im J[ahr] 1782 „nur für Wenige" gedrukten Schlüssel des Buches Des Erreurs auf eine halbe Stunde in der Hand; aber nach diesem zu urtheilen, möchten diese Schriften wohl höchst bedenklich, und eher den weitaussehenden Absichten einer gewissen Gesellschaft, als dem wahren Besten des Menschengeschlechts, gemäß sein; - oder das Wort Mensch (homme) müßte in derbesondern Chifersprache des Ph[ilosophe] Inc[onnu] etwas ganz anders bedeuten, als wir andern Erdensöhne darunter verstehen."200 Dieser „nur für Wenige gedruckte Schlüssel" von Saint-Martins Buch war nichts anderes als die von Johann Joachim Christoph Bode 1781 verfertigte und im Sommmer 1782 gedruckte Schrift Examen impartial du Livre intitule des Erreurs et de la Viriti etc. Par un Frere laique en fait de sciences, die aber keineswegs die im Titel versprochene „unparteiische Prüfung" durch einen „Laienbruder in Sachen der Wissenschaft" enthielt, sondern auf Basis der Überzeugung von einer jesuitischen Steuerung der gesamten Hochgradmaurerei eine detaillierte „Dechiffrierung" des Textes vornahm.

aber gab in seinem Beitrag Ueber die Besorgnisse der Protestanten in Ansehung der Verbreitung des Katholizismus (in: Berlinische Monatsschrift vom Juli 1785, S. 19-67, hier S. 19f.) dem Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift Recht, indem er schrieb: „Ich kann in dem Buche Des Errreurs &c. das nicht schätzen, was ich nicht verstehe; ich kann nicht anders als mißbilligen, dass dem ganzen Publikum ein unverständliches Buch vorgelegt wird, ohne ihm den Schlüssel dazu zu geben; ich muß unwillig werden, dass der Autor deutliche und sichere Aufschlüsse, welche uns von den größten Männern aller Jahrhunderte über die wichtigsten Gegenstände unsrer Kenntnisse gegeben worden, verachtet, indeß er an die Stelle derselben nichts als anscheinende Ungereimtheiten setzt." 200 Johann Erich Biester: [Replik auf T****y:] Unbefangene Bemerkungen über den Beitrag zur Geschichte itziger geheimer Proselytenmacherei], S. 384.

2.3 Verschwörungstheorien der Aufklärung

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