Die Herkunft und die frühesten Auswanderungen der Germanen

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Die Herkunft und die frühesten Auswanderungen der Germanen

Table of contents :
I. Der Ursprung der Germanen 5
II. Der Kulturniedergang Skandinaviens beim Übergang zur Eisenzeit. Auswanderungen nach Norddeutschland. Wandalen und Langobarden 13
III. Auswanderungen in der Zeit 600—100 v. Chr. Gotländer. Burgundern Rugier. Cimbren. Teutonen 34
IV. Auswanderungen in der Zeit 100 v. Chr. — Chr. Geb. Goten. Gepiden 43
V. Schlusswort: Spätere Auswanderungen 59
Karte von Nordeuropa 63

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K UNGL. V IT T E R H E T S HISTORIE OCH A N T IK V IT E T S A K A D E M IE N S

HANDLINGAR TRETTIO FJÄRDE TREDJE

DELEN

FÖLJDEN

FÖRSTA DELEN HAFTE 5

STOCKHOLM PÅ

AKADEMIENS

FÖRLAG

I I I . F. K U N G L . V I T T E R H E T S AKADEMIENS

H I S T O R I E OCH A N T I K V I T E T S HANDLINGAR

I: 5.

D IE H E R K U N F T UND D IE FR Ü H ESTEN A U SW A N D E R U N G E N D ER GERM AN EN VON

BIRG ER NERMAN

STOCKHOLM

1924

T ryc k t hos BR Ö D ER N A LA G ERSTRÖ M BOKTRYCKARE ST O C K H O LM

1924

5

KAR I. DER URSPRUNG DER GERMANEN.

N L Ä N G S T V E R G A N G E N E N Z E IT E N I S T N O R D E U R O P A

I

vielmals von Eis bedeckt gewesen. Während der letzten Eiszeit erstreckte sich die Eisdecke über das ganze Skandinavien mit Aus­

nahme des südwestlichen Teiles von Jütland und vielleicht auch der Westküste Norwegens, ferner über Finnland, das Ostbaltikum und West­ russland; auch die nördlichsten Teile Deutschlands waren von E is be­ deckt. Südlich des Eises hatte in West- und Mitteleuropa der Mensch zu dieser Zeit schon während Epochen von ungeheurer Länge gelebt. Allmählich begann indessen das Eis zu schmelzen. Der schwedische Geolog De Geer hat durch eine geniale Methode nachweisen können, wann die Abschmelzung begonnen und wie lange Zeit es gedauert hait, bis das E is etwa auf sein jetziges Gebiet zurückgegangen war.1 Nach De Geer hat die Abschmelzung des Eises an der Südküste Schonens vor etwa 15,000 Jahren begonnen — die Abschmelzung im nördlichen Deutschland fand natürlich noch früher statt — und es hat etwa 5,000 Jahre in Anspruch genommen, bis das E is sich nach Jämtland zurück­ gezogen hat. Montelius hat in einer seiner letzten Arbeiten2 zu beweisen versucht, dass es nicht lange Zeit gedauert hat, bis die Menschen die ersten eis­ freien Gebiete besiedelten, und dass dann, je nachdem neue Gebiete eis­ frei wurden, diese bald besiedelt worden sind. Diese Menschen, die von West- und Mitteleuropa kamen, gehörten nach ihm der sog. Cro-MagnonRasse an, die wie alle bisher bekannten paläolithischen Rassen lang-

1 D e G eer , G. in Congrès géologique international. Compte rendu de la X I : e session, Stockholm 1910, S. 241. 2 M ontelius, O ., De mandeIforrniga flintverktygens ålder ( = Antikvarisk Tidskrift fö r Sverige 2 0 :6 ) ; vgl. auch ders. V erf., Paleeolithic Implements found in Sw edcn (in The Antiquaries Journal I, 1921, S. 98 ff.).

6 schädelig war. Indessen sind in Nordeuropa noch keine Schädel aus den ersten Jahrtausenden nach dem Beginn der Abschmelzung bekannt. Nach Montelius ist es die Cro-Magnon-Rasse, aus welcher die indoeuro­ päischen Völker sich entwickelt haben. In Skandinavien wäre nach ihm die Cro-Magnon-Rasse seit der ersten Besiedelung sesshaft geblieben. Montelius unterscheidet eine erste Periode der nordeuropäischen Steinzeit, wo nur Norddeutschland, Dänemark, die südlichen und west­ lichen Teile Schwedens sowie die südlichen und westlichen Teile Nor­ wegens eisfrei und besiedelt waren. E r bestimmt diese Zeit auf etwa 13.000— 'io.coo v. Chr. In diese Zeit verlegt er einige in Norddeutsch­ land und Dänemark gefundene Hacken aus Renntiergeweih und viele in allen den genannten Gebieten angetroffene sog. mandelförmige Feuer­ steingeräte, d. h. grosse, ovale, grob zugehauene, längs den Kanten mit feinen Retuschen versehene Geräte. E s kann jedoch nicht als endgültig bewiesen betrachtet werden, dass diese Gegenstände wirklich so alt sind. E s ist möglich, dass die Hacken erst der nachfolgenden Periode ange­ hören. Was die mandelförmigen Feuersteingeräte betrifft, halten viele Forscher sie für viel jünger. Nach Montelius folgt nun eine andere Periode, welche die Zeit etwa 10.000— 7,000 v. Chr. umfasst. E s ist die Zeit, in welcher das E is bis etwa zur jetzigen Grenze zurückgewichen ist. Aus dieser Zeit kennt man indessen kaum Funde; möglicherweise gehören jedoch die obengenann­ ten Hacken in die genannte Zeit. Gut bewiesen ist dagegen die nächste Periode, die nach Montelius die Zeit etwa 7,000—5,000 v. Chr. umfasst. Geologisch ist diese Epoche die Ancyluszeit (wenigstens schon ein Teil der vorhergehenden Epoche ge­ hört zur Ancyluszeit). Das Land, das bei dem Zurückweichen des Eises hervorgetreten war, zeigte ein wesentlich anderes Bild als das jetzige Nordeuropa. In Norddeutschland, Dänemark und Schonen lag das Land höher als jetzt, so dass Schonen in direkter Landverbindung mit Jütland und die westdänischen Inseln in solcher mit Norddeutschland standen. Dagegen lagen die mittleren und nördlicheren Teile Skandinaviens sowie die entsprechenden Teile des Ostbaltikums und das ganze Finnland nie­ driger als jetzt. Besonders in Norrland und Finnland stand das Wasser viel höher als heutzutage; so stand es im schwedischen Ångermanland etwa 280 m höher als jetzt, der höchste Wert, der beobachtet worden

7 ist. Die Ostsee stand nur durch einen engen Sund in den jetzigen Provin­ zen Närke und Västergötland mit dem Weltmeer in Verbindung, und das Wasser w ar darum süss. Zu dieser Zeit hatte der Mensch sich über fast ganz Nordeuropa verbreitet. E s waren spärliche Scharen von Jägern und Fischern, von einem Platze zum anderen ziehend, je nachdem der Bestand an Jagdwild und Fischen lockte, und wie die Wilden ohne Organisation lebend. Die wichtigsten Geräte dieser Zeit sind aus Knochen und Geweih verfertigt, und man hat daher diese Epoche ” die Knochenzeit” genannt. Die Typen der Knochenzeit sind in Norddeutschland, Dänemark, auf der skandina­ vischen Halbinsel bis in deren nördlichen Teilen, ferner im Ostbaltikum und in Finnland angetroffen worden. In Norddeutschland hat man nach Kossinna1 einige Menschenskelette mit erhaltenen Schädeln aus der Knochenzeit entdeckt. Sie sind teils langschädelig, teils kurzschädelig. Wenn dies richtig ist und wenn, wie Montelius meint, die älteste Bevölkerung Nordeuropas langschädelig gewesen ist, muss also später ein kurzschädeliges Volk nach Nordeuropa gekommen sein. Aus Skandinavien sind leider keine Schädel so voll­ ständig erhalten, dass man die Form bestimmen kann. Von grossem Interesse ist indessen, dass die zwei einzigen Skelette, beide auf Seeland gefunden, die hier näher studierbar sind, paläolithische Züge aufweisen, und dass das eine von Cro-Magnon-Typus ist.2 Diese Umstände, die Montelius unbekannt waren, bestätigen in auffallender Weise seine An­ sicht, dass die älteste Bevölkerung Skandinaviens der Cro-Magnon-Rasse angehört hat. Indessen traf um etwa 5,000 v. Chr. in Südskandinavien eine Senkung ein, wodurch der Öresund und die Belte entstanden; weiter nördlich fuhr die seit dem Abschmelzen fortgehende Landerhebung fort. Durch die entstandenen Sunde strömte das Salzwasser in die Ostsee hinein, die bald einen beträchtlich höheren Salzgehalt als in unseren Tagen erhielt. Man nennt die damalige Ostsee das Litorinameer und die Zeit die Litorinazeit. Das Klim a hatte zu dieser Zeit eine ganz wesentliche Veränderung 1 K o ssin n a , G-, D ie Indogermanen I (z= Mannus-Bibliothek N r. 26), S. 15 ff. 2 N ie l s e n , H . A ., Fun d 1 Sveerdborg og Mullerup M oser a f Skeletdele a f M en­ nesker fra den ældste Stenalder (in Aarbøgcr fo r nordisk Oldkyndighed og Historie 1921, S. 205 ff.).

8 erfahren, so dass es sogar nicht unbedeutend wärmer als heutzutage war. Ganz natürlich machte dieser Umstand Nordeuropa vom Gesichtspunkte der Besiedelung aus ziemlich anziehend. Besonders in den südlichen Gegenden entwickelt sich jetzt eine reiche Besiedelung. Durch das starke Zuströmen von Salzwasser gelangten in das Kattegatt grosse Mengen von Austern und anderen essbaren Schaltieren. W ir finden auch, dass zu dieser Zeit eine reiche Besiedelung an den damaligen Küsten Däne­ marks, vor allem Ost-Jütlands, und des südlichen und westlichen Schwe­ dens vorkommt. Oft gewaltige Haufen von Schalen bezeichnen diese Wohnplätze, die darum Muschelhaufen oder dänisch Kjökkenmöddinger benannt worden sind. Die Zeit wird nach ihnen die Zeit der Muschel­ haufen oder der Kjökkenmöddinger benannt. Sie umfasst nach Montelius etwa das 5. Jahrtausend v. Chr. In technischer Hinsicht bezeichnet die Zivilisation der Kjökkenmöd­ dinger einen wesentlichen Fortschritt, indem man den Feuerstein besser zu bearbeiten gelernt hatte. Aber in der Art der Besiedelung setzt sie die ältere Zivilisation fort, denn auch die Kultur der Kjökkenmöddinger ist eine Zivilisation von Jägern und Fischern ohne feste Ansiedelung. Die für die Kjökkenmöddingkultur typischen Feuersteingeräte finden sich zahlreich in Dänemark, Schonen und längs der schwedischen West­ küste. Längs der deutschen Ostseeküste kommen sie bis an die Oder spärlich vor ; in grosser Menge sind sie dagegen auf Rügen angetroffen worden. In Nordwestdeutschland sind die Typen ganz unbekannt; hier scheidet ein fundloses Gebiet das nordeuropäische Kulturgebiet von dem entsprechenden westeuropäischen ab. Auch in Mitteldeutschland fehlen die fraglichen Typen fast ganz. Dagegen kommen Exemplare in Litauen, Polen, Wolhynien und Mittelrussland vor. A u f der skandinavischen Halbinsel treten ausserhalb der erwähnten Gebiete die Typen der Kjökkenmöddingkultur nur in vereinzelten Exem ­ plaren auf. Jedoch hat diese Kulturform ihren Einfluss weiter erstreckt. In grossen Teilen Norwegens, in Götaland und Svealand, wo sich Feuerstein nicht oder nur spärlich vorfindet, wurden die Typen in ande­ ren Steinarten nachgebildet. Auch in Finnland, dem Ostbaltikum und Nordwestrussland kommen solche Nachbildungen vor, die vielleicht den osteuropäischen Feuersteintypen nachgebildet sind. In allen diesen Ge­ genden hat indessen auch die ältere Knochenkultur noch fortgelebt.

9 Weil man aus dieser Periode wie aus allen folgenden sowohl Lang­ schädel als Kurzschädel kennt, haben Montelius1 und Lindqvist2 gemeint, dass beim Übergang zur Zeit der Kjökkenmöddinger ein neues, kurzschädeliges Volk in Nordeuropa eingedrungen ist und sich mit dem alten vermischt hat. In Norddeutschland, Dänemark und Schonen hätte sich der fremde Einschlag stärker als in den mehr peripherischen Teilen geltend gemacht. Nach Montelius gäbe dies die Erklärung für die Tat­ sache ab, dass die Bevölkerung in Norwegen und Mittelschweden mehr langschädelig als in Dänemark und Südschweden ist. Nach Lindqvist wäre es das neuhinzugekommene Volk, das die Kultur der Kjökkenmöd­ dinger herausgebildet hat. Immerhin haben wir eben gesehen, dass mög­ licherweise schon in der Ancyluszeit Norddeutschland eine gemischt lang- und kurzschädelige Bevölkerung gehabt hat. Falls die ersten Besiedeler Nordeuropas wirklich durchgehends langschädelig gewesen sind, muss also vielleicht die Einwanderung der kurzschädeligen Bevölkerung schon in die Ancyluszeit fallen, eine Möglichkeit, womit Montelius auch rechnet. E s gibt auch viele Züge, die dafür sprechen, dass die Kultur der Kjökkenmöddinger eine direkte Entwicklung aus derjenigen der Kno­ chenzeit ist. E s ist sehr schwer zu entscheiden, ob zu dieser Zeit in Nordeuropa die Bevölkerung in anthropologischer Hinsicht noch ziemlich einheitlich gewesen ist, oder ob sich etwa schon jetzt verschiedene Rassen differen­ ziert haben. Die Kultur der Kjökkenmöddinger dauert, wie gesagt, bis etwa 4,000 v. Chr. Nun bricht eine neue Zivilisation über Nordeuropa herein, eine Zivilisation, die eine wirkliche Revolution mit sich führt. Ursprünglich aus dem Orient herstammend, ist sie längs der Westküste Europas nach Norden gekommen. Sie bringt aus den schon jetzt hochstehenden Mittel­ meerländern viele bedeutende Kulturelemente mit. In technischer Hin­ sicht vermittelt sie u. a. die wichtige Kenntnis des Schleifens des Feuer­ steins. Am wichtigsten ist jedoch, dass sie den Ackerbau und die Vieh­ zucht mitbringt. Auch in religiöser Hinsicht bezeichnet sie eine neue Zeit : der Mensch beginnt über ein Leben nach dem Tode nachzudenken, 1 M o n t e liu s , a. a. O., S. 57. 2 L in d q v ist , S., Nordens benålder och en teori om dess stenåldersraser (in Rig 1Ç118, S. 84).

IO und für das Leben des Toten im Grabe werden nun nach westlichen Vorbildern grosse Steinmonumente, die s. g. Megalithgräber, gebaut. Nach den Gräbern nennt man die Kultur die Megalithkultur. Diese Kultur bringt eine radikale Veränderung der Besiedelung mit sich. Die Strandwohnplätze werden aufgegeben, und die Bevölkerung zieht sich nach für den Ackerbau passenden Gemarkungen hin : der Jäger und Fischer wird Bauer. Damit erhält Nordeuropa zum ersten Mal eine feste Besiedelung. E s ist noch eine offene Frage, ob die Megalithkultur in den Norden von einem neuen Volke eingeführt worden ist, oder ob sie im grossen und ganzen nur ein Resultat von Einflüssen aus Westeuropa ist. Einige Anhänger der erstgenannten Ansicht haben angenommen, dass es die Megalithkultur ist, die die Indoeuropäer nach Nordeuropa gebracht haben; Sophus Müller1 dagegen hält es für möglich, dass diese Kultur durch eingewanderte Nicht-Indoeuropäer (Iberer u. ä.) eingeführt worden ist. Die Megalithkultur bemächtigt sich früh Norddeutschlands von der Elbe bis zur Oder (ziemlich früh auch Nordwestdeutschlands), Däne­ marks, der Küsten Schonens und Westschwedens sowie vereinzelter ande­ rer Gebiete der skandinavischen Halbinsel. In den übrigen Gebieten Skan­ dinaviens lebt noch die alte Zivilisation von Jägern und Fischern fort, obwohl man dort Einflüsse der Megalithkultur verspüren kann. Am Ende des 3. Jahrtausends dringt jedoch die Megalithkultur stark nach Nor­ den hin vor. Aber während der Zeit 2,500—2,000 v. Chr. tritt in Nordeuropa eine dritte Kulturform auf. Sie wird besonders durch gewisse Steinaxttypen, die sog. Streitäxte, charakterisiert. Auch die Grabform ist eine andere als diejenigen der Megalithkultur. Die Toten werden nicht in grosse Steingräber gelegt, sondern einzeln in Kiesanhöhen bestattet ; die Gräber liegen in flachem Boden oder unter kleinen Hügeln. Nach der Grabsitte nennt man diese Zivilisation die Einzelgrabkultur. Die Träger dieser Kultur sind wie die Megalithiker Ackerbauer. Diese Kultur tritt in Nord­ deutschland, im westlichen und inneren Jütland, in Schweden, vorzugs­ weise den östlichen Teilen, im Ostbaltikum, im südwestlichen Finnland

1 M ü l l e r , S., Sønderjyllands Stenalder (in Aarbøgcr fo r nordisk Oldkyndighcd og Historie 1913, S. 233 ff.).

II und auch in gewissen Teilen Russlands auf. Sie steht mit ähnlichen Kulturen in Mitteleuropa in Verbindung. Wie bei der Megalithkultur ist es auch hier eine offene Frage, ob die Formen der Einzelgrabkultur durch eingewanderte Fremde in Nord­ europa eingeführt worden, oder ob sie in erster Linie Resultate neuer Handelsbeziehungen sind. Mit dem Ende der Steinzeit, etwa der Zeit 2,000— 1,800 v. Chr., wird in den grössten Teilen Skandinaviens der Gegensatz zwischen verschie­ denen Kulturen aufgehoben, und Einheit tritt sowohl betreffs Typen als Grabformen ein. Die Zivilisation des Ackerbaues hat gesiegt. Nur in den nördlichsten Teilen hat man offenbar auf dem Standpunkte des Jägers und Fischers weiter gelebt, obwohl auch hier Einschläge der Ackerbau­ kultur vorzukommen scheinen. Die Kultur Norddeutschlands zwischen der unteren Elbe und der unteren Oder stimmt mit derjenigen Skandi­ naviens überein. Alle Forscher sind darin einig, dass zu dieser Zeit aus dem indoeuropä­ ischen Volke sich die Germanen herausgebildet haben, und dass die Bewohner der genannten Gebiete Germanen sein müssen. Was Skandi­ navien betrifft, muss die Besiedelung seit dieser Zeit ununterbrochen gewesen sein, und in den erwähnten Teilen Skandinaviens wohnen ja jetzt Germanen. Die meisten Forscher begrenzen das Land der Germa­ nen auf die genannten Gebiete.1 Da aber auch in anderen Gegenden Nordeuropas gewisse für das Germanengebiet typische Formen mehr oder weniger zahlreich sind, haben einige Forscher auch andere Gebiete zum Bereiche der Germanen rechnen wollen. So hat man auch Pommern und Westpreussen für germanisch gehalten.2 Und neuerdings hat ein schwedischer Forscher3 als das Germanengebiet zu Ende der Steinzeit nicht nur ganz Skandinavien und Norddeutschland, sondern auch ganz Finnland, das Ostbaltikum, Polen, Galizien und vielleicht auch gewisse andere südöstliche Gebiete bezeichnen wollen. Indessen sind nirgends im nördlichen Skandinavien, Finnland, dem Ostbaltikum und auf dem Kon­ tinent östlich der Oder die germanischen Züge so überwiegend, dass man die Kultur als unverkennbar germanisch bezeichnen kann. Die Grenze 1 So M o n teliu s , Germanernas hetn (in Nordisk Tidskrift 1917, S. 402 ff.). 2 L a B au m e , W ., Vorgeschichte -von Westpreussen, Danzig 1920, S. 12 ff. 8 E kh o lm , G., De arkculogisk-etnologiska problemen i Östersjöområdet (in Ymer 1923, S. 51 ff )-

12 ist am schärfsten durch die Oder, die Ostsee, den Bottnischen Meerbusen (Åland gehört dem germanischen Kulturkreise an) und Nordskandinavien gezogen, und so scheint es, dass das germanische Gebiet am ehesten in der gewöhnlich angenommenen Weise zu begrenzen ist. Eine andere Sache ist es, dass während der späteren Perioden der Steinzeit ger­ manische Kolonien in den genannten Gebieten errichtet worden sind; die Germanen sind jedoch hier offenbar Minoritäten gewesen.1 Die Bevölkerung im germanischen Gebiete muss zu Ende der Steinzeit sehr zahlreich gewesen sein. Besonders die südlichen Teile, Dänemark, Südschweden und Norddeutschland, müssen, dem ungeheuren Fund­ reichtum nach zu urteilen, einige der am dichtesten besiedelten Gebiete ganz Europas gewesen sein. Das Klima war noch wie in der Kjøkkenmøddingzeit und auch später in der Bronzezeit nicht unbedeutend wär­ mer als heutzutage. Auch technisch steht die Germanenkultur an allerer­ ster Stelle der Kulturen Europas. Während des grössten Teiles der älteren Bronzezeit (1800— 110 0 v. Chr.) scheint das Germanengebiet etwa dasselbe wie das der jüngsten Steinzeit gewesen zu sein. Nur westlich der unteren Elbe scheinen die Germanen in dieser Zeit weiter, bis zur Weser, zu gehen. Während (oder sogar etwas vor) der jüngeren Bronzezeit (110 0 —600 v. Chr.) breiten sich dagegen nach Kossinna2 die Germanen über Nordostdeutschland aus, das seit dieser Zeit in der Hauptsache als germanisch zu betrachten ist. Auch im Westen gehen die Germanen über die alten Grenzen hinaus ; sie reichen fast bis zum Rhein. Doch scheint die germanische Besiedelung westlich der unteren Weser mehr sporadisch gewesen zu sein. Allmählich bilden sich nun in Norddeutschland zwei grosse Gebiete heraus, ein westliches und ein östliches ; die Grenze läuft etwa längs der unteren Oder. So entstehen die Westgermanen und Ostgermanen. Die skandinavischen Germanen können als Nordgermanen bezeichnet werden. Auch während der Bronzezeit muss die Bevölkerung Germaniens, be­ sonders in den alten Zentren, sehr zahlreich gewesen sein. Rein tech­ nisch steht das Germanengebiet in dieser Zeit noch viel höher als in der jüngsten Steinzeit; in dieser Hinsicht können in Europa nur Griechen­ land und vielleicht Italien mit dem Germanengebiete verglichen wrerden. 1 M o n t e u u s , Germanernas hem, S. 405 f. 2 K o s s i n n a , G., Das IVeichsclland ein uralter Heimatboden der Germanen, Dan­ zig 1919, S. 14.

13

KAP. II. DER KULTURNIEDERGANG SKANDI­ NAVIENS BEIM ÜBERGANG ZUR EISENZEIT. AUSWANDERUNGEN NACH NORDDEUTSCH­ LAND. W ANDALEN UND LANGOBARDEN.

D

ie

jü n g e r e

St e in

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und

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Br o

n z e z e it

Skandinaviens zeigen lins also das Bild einer hohen tech­

nischen Blüte und einer zahlreichen Bevölkerung. In einem

scharfen Gegensatz hierzu steht das Bild, das uns der Über­ gang zur Eisenzeit und die älteste Eisenzeit selbst liefern ; hier begegnen wir einem technischen V erfall und einer grossen Fundarmut. W ir wol­ len diesen Kultumiedergang näher besprechen und zu erklären versuchen. W as den Niedergang in der Fundqualität betrifft, kann man ihn viel­ leicht z. T. als ein natürliches Resultat der bronzezeitlichen Formenent­ wicklung betrachten. Diese Entwicklung ist in hohem Grade durch eine Vergrösserung der Formen charakterisiert, ein Entwicklungsgang, der sehr gewöhnlich ist. Die übertrieben grossen Formen der jüngsten Bron­ zezeit (Montelius Per. V I, 750—600 v. Chr.) und der ältesten Eisen­ zeit (Montelius Per. I, 600—300 v. Chr.) können darum als ein natür­ liches Entwicklungsresultat betrachtet werden. Aber die Formen der jüngsten Bronzezeit und ältesten Eisenzeit sind nicht nur übertrieben gross. Die frühere Sicherheit und Schönheit ist verschwunden ; die For­ men werden grob und plump. Auch betreffs der Ornamente kann man denselben Niedergang wahrnehmen. E s scheint somit, als ob man den Qualitätsniedergang nicht einfach durch Hinweis auf die interne Ent­ wicklung erklären könne. Von besonderem Interesse ist es, den Niedergang in der Fundquantität zu studieren. Wenden wir uns zuerst den nördlichen Teilen Skandinaviens zu. Betrachten wir die Verhältnisse in Norwegen, so finden wir, dass die bronzezeitlichen Funde sozusagen über das ganze Land zerstreut sind.

14 Gustafson hat auf T af. II seiner 1906 erschienenen Arbeit Norges Oldtid die damals bekannten Funde wiedergegeben. Während der seit dieser Zeit vergangenen Jahre sind ja etliche neue Funde hinzugekommen, aber in der Hauptsache dürfte die T afel noch ein richtiges Bild von der Fund­ verteilung geben. Es ergibt sich, dass die Funde im Süden, besonders im Südwesten und Südosten, am zahlreichsten sind. Aber so weit nach Nor­ den hin wie am Trondhjems fjord sehen wir ein ausgeprägtes Fund­ zentrum. Der nördlichste Teil Norwegens ist in die Tafel nicht mitaufgenommen; indessen finden sich hier bronzezeitliche Funde bis zum höchsten Norden hinauf. Wie viele der norwegischen Funde zur Per. V I gehören, weiss ich nicht. Wenden wir uns nun der vorrömischen Eisen­ zeit (600 v. Chr. — Chr. Geb.) zu, so wird das Bild ein anderes. Die Zahl der Funde ist beträchtlich geringer. Wie aus der Karte in Sheteligs 19 14 erschienener Arbeit Den f ørromerske jernalder i Norge ( Oldtiden I I I ) hervorgeht, hat Norwegen zu dieser Zeit Funde fast ausnahmslos in den südlichsten Teilen, besonders den alten Hauptgegenden im Süd­ osten und Südwesten, aufzuweisen. Ausserhalb dieser Gegenden gibt es nur einige vereinzelte Funde. Die nördlichsten Funde reichen bei weitem nicht bis zum Trondhjems fjord hinauf. Im nördlichen Schweden, Norrland, sind die Verhältnisse ähnlich denjenigen im nördlichen Norwegen. Zwar ist die Bronzezeit hier sehr spärlich vertreten. Hallström erwähnt in seinem Aufsatz Bronsaldersfyn d i Norrland (Jämtlands läns Fornminne sfär. Tidskrift tg iy ) aus Norrland und Dalekarlien 20—2 1 Gegenstände, auf 15— 16 Funde ver­ teilt. Von diesen gehört nur einer, aus Dalekarlien, der Per. V I an. Trotz dieser Fundarmut der Bronzezeit bezeichnet doch die vorrömische Eisenzeit einen deutlichen Rückgang. Denn aus dieser Zeit kennt man bisher keinen einzigen Fund aus Norrland und Dalekarlien. Das ganze nördliche Skandinavien ist also bisher fundleer während der vorrömischen Eisenzeit. Und es verdient bemerkt zu werden, dass w ir östlich des Bottnischen Meerbusens ähnlichen Verhältnissen begeg­ nen. Nach der letzten Zusammenstellung der bronzezeitlichen Funde Finnlands1 kennt man etwa 70 Gegenstände aus etwa 60 Funden. Von diesen gehören nur ein paar Funde der Per. V I an. Wenden wir uns 1 H a c k m a n , A ., Om Nylands kolonisation under järnåldern och andra därmed sammanhängande frågor (in Historisk Tidskrift fo r Finland 1917, S. 208 ff.).

der vorrömischen Eisenzeit zu, so finden wir nur einen einzigen Fund, aus Satakunta, der mit Sicherheit dieser Zeit zugerechnet werden kann. Dazu kommen noch einige Funde einheimischer A rt aus dem südwest­ lichen Finnland, die möglicherweise aus dieser Zeit herrühren können, und vielleicht können ein paar Importgegenstände aus der jüngsten ost­ russischen Bronzezeit einer Zeit zugewiesen werden, die der skandina­ vischen vorrömischen Eisenzeit entspricht. Aber nicht nur die nördlichen Teile Skandinaviens, auch die mittleren und südlichen Gegenden haben einen beträchtlichen Niedergang in der Fundanzahl mit der letzten Periode der Bronzezeit oder der ersten Periode der Eisenzeit aufzuweisen. Die mittleren Teile Schwedens, das Svealand, haben eine reichere Bronzezeit als die nördlicheren. Aus Uppland kannte man 19 21 143 (146) Funde mit 229 Gegenständen,1 aus Västmanland 19 15 29 Funde mit 40 Gegenständen,2 aus Värmland 19 18 26 Funde mit 38 Gegenstän­ den ;s für Närke und Södermanland kann ich die Ziffern nicht mitteilen. Nur für Uppland sind genügende Aufschlüsse über die Verteilung der Funde auf die verschiedenen Perioden geliefert worden. Aus Ekholms Tabellen geht hervor, dass die Per. V die weitaus am zahlreichsten ver­ tretene ist. Zu dieser Periode gehören nicht weniger als 56 Funde mit 125 Gegenständen. Mit der Per. V I tritt ein beträchtlicher Niedergang ein; diese Periode ist nur durch 5 Funde mit 8 Gegenständen repräsen­ tiert. Wahrscheinlich ist auch im grossen und ganzen in Svealand die Per. V am reichsten, wohingegen die folgende Periode eine kräftige Ab­ nahme der Fundanz^ihl bezeichnet. Im ganzen Svealand herrscht nun während des grössten Teiles der vorrömischen Eisenzeit eine grosse Fundarmut. Ich glaube, dass man für dieses Gebiet kaum IO Gegenstände aus der Zeit 600— IOO v. Chr. auf zählen kann. Mit dem letzten Jahr­ hundert v. Chr. wächst die Fundanzahl; doch ist sie andauernd sehr unbedeutend. Die südlichen Teile Schwedens, das jetzige Götaland, haben eine viel 1 E kh o lm , G-, Studier i Upplands bebyggelsehistoria I I (— Uppsala Universitets Årsskrift 1921, Humaniora 3), Tab. I. II. 2 O l sso n , E., Västmanland under sten- och bronsåldern (in Västmanlands Forn­ minnesförenings Årsskrift V I I I , 1915, S. 18 ff.). N yg r en , E , Värmlands fornminnen (in E n bok om Värmland, Uppsala 1918,

s. 17).

i6 reichere Bronzezeit als das Svealand. Indessen ist das Material nur für Västergötland, das östliche Småland, Öland und Gotland zusammen­ gestellt. Aus Västergötland kannte Sahlström1 19 10 etwa 325 Funde ; die Zahl der Gegenstände wird nicht angegeben. Am reichsten ist die Per. V mit etwa 100 Funden. Die Per. V I bezeichnet einen deutlichen Nieder­ gang: 25— 30 Gegenstände (aus ebensovielen Funden?). Aber noch ärmer wird in Västergötland die Zeit 600— 100 v. Chr. ; ich kenne nur einige Funde, die hierherzurechnen sind. Mit dem letzten Jahrhundert v. Chr. wird die Fundanzahl Västergötlands wieder ziemlich gross. Aus dem östlichen Småland zählte Åberg2 19 15 78 bronzezeitliche Funde, aus Öland 237 solche Funde ; dazu kommen noch 10 Funde, die entweder dem östlichen Småland oder Öland zuzurechnen sind, und 26, von denen wahrscheinlich dasselbe gilt. Aus dem östlichen Småland zählt er der Per. V 26 Funde zu, aus Öland, wo diese Periode weitaus am zahlreich­ sten vertreten ist, etwa 110 — 11 5 Funde. Die Per. V I bezeichnet einen deutlichen Niedergang in den beiden Gebieten : aus dem östlichen Små­ land kennt Åberg nur 4, aus Öland etwa 10— 15 Funde, die dieser Periode zuzuweisen sind; indessen ist es möglich, dass auch einige andere Funde hierherzurechnen sind. Wenden wir uns nun der vor­ römischen Eisenzeit zu, so kennt man aus dem östlichen Småland bisher keine Funde aus dieser ganzen Zeit. Auch Öland bietet während des grössten Teiles dieser Zeit eine grosse Fundarmut dar. Åberg3 kannte 1923 nur i i Funde mit 13 Gegenständen, die er der Ter. I zuweisen will. Der Per. I I (300— 150 v. Chr.) kann mit Sicherheit kein einziger Fund zugezählt werden; jedoch ist es möglich, dass einige Halsringe und Fibeln dieser Periode zuzurechnen sind. Mit der Per. I I I (150 v. Chr. — Chr. Geb.), hauptsächlich während des letzten Jahrhunderts v. Chr., wird Öland wieder fundreich. W as schliesslich Gotland betrifft, so ist diese Insel nach den Mitteilungen, die cand. phil. Harald Hansson, der eine Darstellung der Bronzezeit Gotlands vorbereitet, mir 1923 gemacht hat, durch etwa 339 Funde mit etwa 550 Gegenständen repräsentiert. 1 S a h lstr ö m , K., Några ord om Västergötlands bronsåldersfynd (in Rig 191Q, S. 227 ff.). s Å berg , N., Kalmar läns bronsålder (— Meddelanden från Kalmar läns Forn ­ minnesförening IX, 1915). 3 Å berg , N., Kalmar läns förhistoria ( = Södra Kalmar län I), Kalm ar 1923, S.

78 ff.

17

Am reichsten sind die Per. V , V I mit zusammen etwa 177 Funden, bzw. 358 Gegenständen. Hansson hat nicht eine Verteilung auf die beiden Perioden durchgeführt, aber offenbar ist auch hier die Per. V die reichste. Auch auf Gotland sind die zwei ersten Perioden der Eisenzeit ziemlich fundarm im Verhältnis zur Bronzezeit.1 Aus der Per. I kenne ich etwa 35 Funde mit etwa 60 Gegenständen. Immerhin ist Gotland jedoch bei weitem reicher an Funden dieser Periode als irgend ein anderes Gebiet Schwedens. Dann folgt für die Periode I I eine fast vollständige Lücke; aus dieser Zeit kennt man nur 3 Gegenstände. Mit der Per. I I I wird Gotland wieder reich an Funden. Betreffs der übrigen Teile Götalands, für die das Material nicht zusammengestellt ist, kann jedoch gesagt wer­ den, dass auch hier mit der letzten Periode der Bronzezeit oder der ersten der Eisenzeit ein bedeutender Niedergang der Fundanzahl eintritt. Die Verhältnisse Östergötlands scheinen mit denjenigen Västergötlands ganz übereinzustimmen: aus den 2 ersten eisenzeitlichen Perioden sind die Funde sehr spärlich, während die Per. I I I reich vertreten is t Dals­ land, Bohuslän, Halland, die inneren Teile Smålands und Blekinge sind während der ganzen vorrömischen Eisenzeit fast ganz oder ganz fund­ leer. Sehr auffallend ist der Fundniedergang in Schonen. Diese Land­ schaft hat eine überaus reiche Bronzezeit; sicher ist das Material Scho­ nens grösser als dasjenige des ganzen übrigen Schwedens. Inwiefern ein Niedergang in der Fundquantität schon mit der Per. V I der Bronzezeit eintritt, kann ich nicht sagen; immerhin ist jedoch diese Periode noch reich vertreten. Aus der Per. I der Eisenzeit kennt man nur wenige Funde, und aus den Per. II, I I I sind fast keine Funde vorhanden. Wenden w ir uns schliesslich Dänemark zu, so kann ich keine Ziffern mitteilen. A u f Bornholm scheint der Niedergang nicht so stark zu sein, wenn hier überhaupt ein Niedergang wahrzunehmen ist. Dagegen ist der Niedergang für die westdänischen Inseln sehr auffallend. Diese Inseln bilden nebst Schonen das Zentrum der nordischen Bronzezeitkultur. Ob eine Abnahme der Fundanzahl schon während der Per. V I wahrzu­ nehmen ist, kann ich nicht sagen. Die vorrömische Eisenzeit ist dagegen nur schwach vertreten; Fünen ist jedoch in der Per. I I I etwas reicher. W as endlich Jütland betrifft, kann hier kein Niedergang in der Fund-

1A l m c r e n - N e r m a n , S. i ff., 139, 144-

Die ältere Eisenzeit Gotlands, I, II, Stockholm 1914, 1923,

i8 quantität beobachtet werden; die Funde sind hier in der älteren Eisen­ zeit andauernd sehr reich. Fassen wir die obigen Einzeldarstellungen kurz zusammen, so ergibt sich, dass in den meisten Gegenden Skandinaviens beim Übergang zur Eisenzeit ein starker Niedergang in der Fundanzahl eintritt. N ur aus den südwestlichen und südöstlichen Teilen Norwegens, Jütland, Born­ holm und Gotland sind die Funde fortgesetzt ziemlich reich, obwohl sie auch in gewissen dieser Gebiete spärlicher als vorher sind. In Västerund Östergötland, auf Öland und Fünen wird die Per. I I I jedoch wieder fundreich. Welches sind nun die Gründe dieses Kulturniedergangs? Man hat ihn in verschiedener Weise zu erklären versucht, und vielleicht können auch mehrere Umstände zusammen gewirkt haben. So hat man allgemein an Veränderungen in den Bestattungssitten gedacht. Während in der Bronzezeit grössere Hügel am gewöhnlichsten sind, liegen die Gräber der älteren Eisenzeit zum grossen Teil unter kleineren Hügeln oder im flachen Boden. Auch scheinen die Beigaben spärlicher zu wrerden. Dies hätte, meint man, das Entdecken der letzt­ genannten Gräber erschwert. Vielleicht kann der Übergang zu unansehn­ licheren und einfacher ausgestatteten Gräbern zur Fundarmut mitge­ wirkt haben. Jedoch muss betont werden, dass die Unansehnlichkeit und spärliche Ausrüstung der Gräber in gewissen Gegenden, z. B. in Jü t­ land und auf Bornholm, nicht gehindert haben, dass dort Bestattungen in grosser Ausdehnung entdeckt worden sind. Mit grösserer Berechti­ gung könnte man sagen, dass die Abnahme der Sitte, Depots niederzu­ legen, das Fundmaterial der vorrömischen Eisenzeit reduziert hat. Aber dadurch wird die Abnahme der Grabfunde in vielen Gegenden nicht erklärt. Auch hat man versucht, die Fundarmut durch die Expansion der Kelten über ganz Mitteleuropa im letzten Jahrtausend v. Chr. zu erklä­ ren.1 Durch diese Ausbreitung wäre Skandinavien gegen die Einflüsse von Mitteleuropa und den Mittelmeerländern her isoliert worden. Die Kelten hätten nach Lindqvist geradezu eine bewusste Isolierungspolitik gegen Skandinavien betrieben. Diese Ansichten scheinen nicht über1 S. M ü ller , V o r Oldtid, S. 472 und besonders S. Lrxnyvisr, Den keltiska Ifansan (in Fornvänncn 1920, S. 1 1 3 ff.).

19 zeugend zu sein. M ag sein, dass die kriegerischen Verhältnisse, die die keltische Expansion mit sich brachte, zu gewissen Zeiten die Verbindun­ gen zwischen Nord- und Mitteleuropa erschwert oder gehindert haben, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass die Verhältnisse in Mitteleuropa mehr als ein halbes Jahrtausend hindurch so exzeptionell kriegerisch waren, dass sie während dieser ganzen Zeit solche Wirkungen gehabt hätten. Warum die Kelten, die während der Bronzezeit recht lebhafte Verbindungen mit Nordeuropa unterhielten, nun Anlass erhalten hätten, eine bewusste Isolierungspolitik gegen Nordeuropa zu betreiben, ver­ steht man durchaus nicht. Angriffen vom Norden her konnten sie wohl jetzt besser als vorher begegnen. Vielmehr scheint es, als hätten die Kelten Interesse daran haben müssen, durch Handelsbeziehungen Nord­ europa zu exploitieren. Die wahrscheinlichste Erklärung des Kulturniedergangs am Ende der Bronzezeit dürfte von den Naturforschern geliefert worden sein. Wie oben gesagt, war das Klima der späteren Steinzeit und der Bronze­ zeit nicht unbedeutend wärmer und trockener als das jetzige. Einige Geologen, vor allem Sernander, haben, speziell durch ein Studium der Torfmoore, zu beweisen versucht, dass zu einer gewissen Zeit das warme und trockene Klima in ein bedeutend kälteres und feuchteres übergegangen ist, und Sernander hat durch Kombination geologischer und archäologischer Verhältnisse die Klimaverschlechterung ins Ende der Bronzezeit datieren wollen.1 Die Klimaverschlechterung hätte sich während ein paar Generationen vollzogen. Nach gewissen Geologen hätte das Klima sich dann im grossen und ganzen unverändert bis zu unseren Tagen gehalten, nach Sernander wäre es allmählich etwas wärmer und trockener geworden. Die Klimaverschlechterung müsste eine in das Leben der Tflanzen, Tiere und Menschen tief eingreifende Umwälzung gewesen sein. Die Pflanzen und Tiere, die Wärme erfordern, verlegten ihre Nordgrenze weiter nach Süden hin. Der Wasserstand der Seen stieg. Die Wälder wurden zum Teil versumpft. Der Ackerbau mit seinen primitiven V er­ 1 Von S ern a n d fr s Arbeiten s. speziell Die schwedischen Torfmoore als Zeugen post glazialer Klimaschwankungen (in Die Veränderungen des Klimas seit dem Maximum der letalen Eiszeit. Eine Sammlung von Berichten, herausgeg. von dem Exekutivkomitee des elften Internationalen Geologenkongresses, Stockholm 1910).

20 hältnissen muss sehr gelitten haben; schwere Misswachsjahre müssen eingetroffen sein. Der Mensch verarmt. E r hat sich nicht diesen schnell erfolgten Klimaveränderungen anpassen können. Skandinavien hat nicht länger eine so zahlreiche Bevölkerung wie früher ernähren können. So ist eine Krise im Leben eingetreten, eine Krise, die nur in einer Weise gelöst werden konnte: nämlich durch grössere Auswanderungen. So beginnt nach Sernander eine grössere Serie Auswanderungen. E s sind diese Auswanderungen nebst der Armut, die nach ihm die Fundarmut und den Kulturniedergang Skandinaviens während des Endes der Bron­ zezeit und der vorrömischen Eisenzeit erklären. Besonders müssen die Armut und die Auswanderungen anfangs die nördlichsten Teile Skandi­ naviens sowie Finnland getroffen haben, was gut damit übereinstimmt, dass diese Gebiete ganz oder fast ganz fundleer sind. Selbstverständlich sind jedoch diese Gegenden nicht ganz menschenleer geworden. An ein­ zelnen Stellen sind wohl die Menschen geblieben, und man wird wohl in Zukunft noch einzelne Funde aus der genannten Zeit in diesen Ge­ genden antreffen, aber relativ spärlich dürften sie immer bleiben. Über die Frage, ob die geologischen Verhältnisse wirklich zur Annah­ me einer jähen Klimaverschlechterung zwingen, wage ich keine eigene Meinung auszusprechen. Im allgemeinen scheinen die Geologen Semander beizupflichten; jedoch nehmen einige eine langsamere Klimaver­ schlechterung an.1 W as die Datierung der geologischen Niveaus durch archäologische Gegenstände betrifft, so kann Sernander sich nur auf einen Fund be­ rufen, das aus 2 Hals- und 4 Armringen sowie 3 Nadeln bestehende Depot aus der V I. Periode der Bronzezeit, das in einem Torfmoore bei Mörkhult, Ksp. Ousby, Schonen, angetroffen wurde.2 Die Lage der Ge­ genstände im Moor scheint jedoch keine nähere Datierung der Klima­ verschlechterung zu erlauben; das Depot lag ziemlich tief in der Wald­ bodenschicht, die das trockene Klim a bezeichnet. Immerhin gibt die Theorie der Klimaverschlechterung eine sehr rea­ listische Erklärung der Fundarmut, besonders für die nördlicheren Ge­ genden. Der Kultumiedergang ist so auffallend, dass eben Verände1 V gl. besonders G. A n d ersso n in dem ebengenannten Werke. 8 K. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademiens Månadsblad 1903—05, S. 230 fi., Fig. 324—328 ; vgl. Sernander, a. a. O., S. 228.

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rungen in den Lebensbedingungen des Menschen ihn am besten erklären können. Von archäologischem Gesichtspunkt aus bietet die Erklärung keine Schwierigkeiten. Die Theorie von Auswanderungen aus Skandinavien beim Übergang zur Eisenzeit scheint durch die Verhältnisse in Norddeutschland be­ stätigt zu werden. In Nordwestdeutschland, zwischen Weser und Oder, sind die Funde fortgesetzt reich. Ich kann für dieses Gebiet keine Statistik mitteilen, aber ich glaube, dass man berechtigt ist, von einer Vermehrung der Funde zu Beginn der Eisenzeit zu sprechen. Ob auch weiter west­ lich die germanische Besiedelung jetzt zahlreicher geworden ist, ist schwer zu entscheiden; wie früher sitzt in West-Hannover, Oldenburg und im nördlichen Westfalen fast bis zum Rhein eine verhältnismässig spärliche Bevölkerung, vielleicht mit Kelten gemischt. A ls Südgrenze kann vielleicht eine Linie etwa von Dortmund bis Halle angegeben werden. Wenden wir uns nach Nordostdeutschland, so kann ich auch hier keine Fundstatistik liefern. Jedoch haben w ir hier Äusserungen von Archäo­ logen, die das fragliche Material eingehend studiert haben. Nach Kos­ sinna1 zeigt sich hier für die Per. V I der Bronzezeit eine starke V er­ mehrung der Fundanzahl. Und zwar verteilen sich die Funde in sehr interessanter Weise. Die früheren Funde gruppieren sich ziemlich gleichmässig zwischen der unteren Oder und der unteren Weichsel und er­ strecken sich auch östlich über den letztgenannten Fluss hinaus. Dage­ gen sammeln sich jetzt die Funde in ausgeprägtem Grade im Gebiete westlich der unteren Weichsel. Die Funde werden hier nun so reich, dass es nach Kossinna nicht nur die alte Bevölkerung zwischen Oder und Weichsel sein kann, die, seitdem sie sich in das Gebiet westlich der Weichsel gesammelt, zu dieser dichten Besiedelung Anlass gegeben hat. Kossinna meint, dass zu den alten Einwohnern wahrscheinlich auch Scharen von Einwanderern aus Skandinavien gekommen sind. In dem genannten Gebiete entwickelt sich jetzt eine eigenartige Kultur. Sie ist besonders durch ihre Bestattungssitte ausgezeichnet.2 Die während der 1 K o ssin n a , Das Weichselland, S. 14 ff. 2 Vgl. L is s a u e r , A ., Die prähistorischen Denkmäler der Prov. Westpreussen, Leipzig 1887, und Olshausen, Die Gesichtsurnen (in Verhandlungen der Berliner Gesellschaft fü r Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 1899, S. 129 ff.).

22 jüngeren Bronzezeit oft vorkommende Sitte, die weissgewaschenen ver­ brannten Knochen zusammen mit der spärlichen Grabausrüstung in eine Urne zu legen, die in eine Steinkiste gestellt wird, ist hier gewahrt. Indessen stellt man hier eine Mehrzahl, bis etwa 30, Urnen in dieselbe Kiste, weshalb im allgemeinen die Grösse der letzteren vermehrt werden muss. Die Kisten sind offenbar eine Art Familiengräber gewesen. Ge­ wöhnlich sind sie oberhalb der Erdfläche nicht bezeichnet. Die Tongefässe sind oft von einer sehr charakteristischen Form, indem der obere Teil das Aussehen eines Menschengesichtes, zuweilen auch mit Oberkör­ per, hat ; diese Urnen sind die sog. Gesichtsurnen. Allmählich und schon früh breitet sich nach Kossinna diese Kultur westlich über das östliche Hinterpommern, südlich über Posen und Teile von Schlesien und Polen aus und geht auch in Preussen östlich über die Weichsel hinaus. Im Laufe der Zeit degenerieren die Gesichtsurnen zu gewöhnlichen Urnen. Die Kultur der Steinkistengräber lebt noch bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. fort. An der östlichen Ostseeküste Deutschlands treten jetzt neue Kulturformen auf. Im südlichen Teile des Steinkis­ tengebietes, im südlichen Posen, in Gebieten Schlesiens und Polens, fährt dagegen die Entwicklung ununterbrochen fort, obwohl die Grab­ sitte geändert wird, indem die Urnen nicht länger in Steinkisten gestellt werden. * * * E s bietet grosse Schwierigkeiten, die Auswanderungen aus Skandina­ vien beim Übergang zur Eisenzeit näher zu verfolgen und die verschiede­ nen Germanenvölker schon zu dieser Zeit zu identifizieren. Indessen kann in diesen Beziehungen doch etwas gesagt werden. Kossinna hat versucht, den Träger der Steinkistengräber zu identifi­ zieren. Wenn wir nach Chr. Geb. durch die klassischen Autoren A u f­ schlüsse über die Völker südlich der Ostsee erhalten, finden wir, dass der Stamm, der die südlichen Teile der früheren Gebiete der Stein­ kistengräber besitzt, die W a n d a l e n sind, die vandili, wie sie bei dem 79 n. Chr. verstorbenen Plinius d. Ä. in seiner Naturalis Historia I V :28‘ genannt werden — später kommen auch die Formen vandilii und 1 D . D etlf .f s e n s Ausgabe der geographischen Bücher ( = Quellen und Forschungen zur alten Geschichte und Geographie, H. 9, 1904), S. 76.

23 griech. vandaloi vor. Kossinna meint daher, dass das Volk, welches die Kultur der Steinkistengräber ausbildet, das der Wandalen ist. Kossinna1 hat, wie schon frühere Forscher,2 in dem Namen Wandalen einen Beweis für die teilweise Herkunft der Wandalen aus Skandina­ vien finden wollen. F r hat den Volksnamen mit altdän. Vaendael, Vaendlesysael, das jetzige Vendsyssel im nördlichsten Jütland, zusammenge­ stellt. Später scheint er jedoch diese Meinung geändert zu haben und deutet in seinen letzten Arbeiten3 das Wort als ’Kaufieute’ ; vgl neu­ deutsch 'Handel und Wandel’. Einer der wandalischen Hauptstämme waren die S i 1 i n g e n. Der Name ist am frühesten um etwa 150 bei dem griechischen Schriftsteller Ptolemaios in seiner Geographie T I : i i 4 in der Form silingai belegt. Das Volk wohnte damals im jetzigen Schlesien, dessen Name auf slav. Siezt zurückgeht, das seinerseits eine Umänderung von germ. Silingia, eine Bildung zu germ. siling, ist. Kossinna5 hat den Namen silingai mit dem altnordischen Namen Seelands Selund (Silund) oder Seland zusammen­ gestellt. Man hat mehrere Beispiele davon, dass ein Völkemame auf -ing oder -ung zu einem Ortsnamen auf -und oder -and geformt worden ist. Man ist der Ansicht, dass die letzteren Suffixe 'reichliches Vorkommen einer Sache’ bezeichnen ; sie kommen besonders in Inselnamen vor. Was Sei- betrifft, sind manche Deutungsversuche auf gestellt worden; es mag erwähnt werden, dass Adolf Noreen6 es mit 'Haus, Wohnstätte’ über­ setzt (vgl. neudeutsch Saal m.). Seeland wäre somit 'die an Wohnstätten reiche Insel’. Gegen die Theorie, dass die Wandalen so früh ausgewandert wären, hat indessen Jahn7 Einwände erhoben. Besonders wendet er sich gegen die Annahme einer so frühen Auswanderung der Silingen. Dagegen stimmt er der Meinung bei, dass die Wandalen ihren Namen von dem 1 K o ssin n a , Die ethnologische Stellung der Qstgcrinanen (in Indogermanische Forschungen V I I , S. 281). 2 Vgl. Svenska Fornminnesföreningens Tidskrift IX , S. 330. 8 Z. B . in Das Weichselland, S. 16. 4 C. M ü l l e r s Ausgabe, Paris 1883, 1901, I. S. 261 f. 5 K o ssin n a in Indog. Forschungen V I I , S. 281. 6 N oreen , A ., Nordens älsta folk- och ortnamn (in Fornvänncn 1920, S. 39). 7 J ahn , M., Z u r Herkunft der schlesischen Wandalen (in 25 Jahre Siedlungsarchäologic = Mannusbibliothek, N r. 22, S. 78 ff.).

24 jütländischen Vendel, die Silingen von dem Inselnamen Seeland erhalten haben. Jahn konstatiert, dass ganz Schlesien während der 2. Periode der Eisenzeit noch vollständig fundleer ist. Die frühere Gesichtsurnenbe­ völkerung hätte sich nach ihm entweder zu ihren Stammesverwandten in Posen und Preussen zurückgezogen oder wäre nach Süden abgewan­ dert. Am Anfang der Per. I I I beginnen die Funde wieder in Schlesien. Die neuen Einwanderer können nach Jahn von der Gesichtsumenbevölkerung der angrenzenden nördlichen Gebiete stammen. Aber in Mit­ telschlesien, das später das Gebiet der Silingen war, brechen nach Jahn die Gräberfelder um Chr. Geb. ab, und die neuen Funde liegen auf neuen Friedhöfen. Jahn sucht, doch ohne dies zu motivieren, die mittelschle­ sische Fundgruppe, die um Chr. Geb. beginnt, aus einer älteren, von Eostrzewski1 konstatierten Gruppe herzuleiten, die am Anfang der Per. I I I im Kreise Freystadt, Schlesien, und in der Niederlausitz auftritt, und die eben um Chr. Geb. abschliesst. Die Silingen wären daher nach Jahn erst um Chr. Geb. nach Mittelschlesien aus der Niederlausitz ge­ kommen. Weiter kann er sie nicht verfolgen. Aber er betont, dass die mittelschlesische und auch die übrige schlesische Kultur der römischen Eisenzeit besonders nahe Beziehungen zu Seeland sowie auch zu Nord­ jütland haben, was fü r den Ursprung der Silingen aus Seeland und viel­ leicht auch fü r die Zusammenstellung der Wandalen mit Vendsyssel in Nordjütland sprechen könnte, und was die Auswanderungen aus Skan­ dinavien in ziemlich späte Zeit verlegen würde. Die Skelettgräber Mit­ telschlesiens im i . Jahrhundert nach Chr. haben entweder oberhalb des Kopfes oder unterhalb der Füsse des Toten einen freien Raum, in den Beigefässe und Geräte gestellt wurden. Diese Sitte kennt Jahn sonst nur aus Dänemark, vor allem Seeland. Doch kennt er sie dort erst aus dem 2. und besonders aus dem 3. Jahrh. n. Chr. Ferner bemerkt er, dass schon Almgren2 die 2 reichen Skelettfunde aus Schlesien, den aus dem 1. Jahrh. stammenden Fund von Wichulla, K r. Oppeln, Oberschlesien, und den aus der Zeit um etwa 300 n. Chr. stammenden Fund von Sackrau, Mittelschlesien, mit den reichen seeländischen Skelettgräbem zusammen­ 1 K o st r z e w sk i , J., D ie ostgermanische Kultur der Spdtlatineseit I (— Mannusbibliothek N r. 18), S. 2 33 ff. 8 A lm gren , O., Z u r Rugierfrage und Verwandtes (in Mannus X , S. 1 ff.).

25gestellt hat ; in den schlesischen wie in den seeländischen Gräbern kom­ men viele römische Gefässe vor. Endlich bemerkt Jahn, dass schon Kossinna1 erwiesen hat, dass die nordjütische Mäanderomamentik der rö­ mischen Eisenzeit mit der ostgermanischen übereinstimmt; aber Schle­ sien ist eben reich an Mäanderumen. W as nun zunächst die sprachliche Zusammenstellung von Wandalen und Vendsyssel, Silingen und Seeland betrifft, so ist die letztere sehr überzeugend. Dagegen scheint mir die erstere weniger beweisend zu sein, denn Plätze mit dem Namen Vendel oder mit Vendel- zusammen­ gesetzten Namen kommen in Skandinavien mehrfach vor, z. B. das Kirchspiel Vendel in Uppland, altschw. Vaendil. Auch der archäologische Beweis für die Auswanderung desjenigen Stammes aus Vendsyssel, der später den Wandalen den Namen gegeben hat, scheint mir nicht überzeugend. Die Mäanderomamentik kommt ja in der römischen Eisenzeit nicht nur auf dem wandalischen Gebiete in Ostdeutschland vor, sondern im ganzen ostgermanischen Gebiete. W as sodann die Beziehungen betrifft, die Jahn in seinem wertvollen Aufsatz zwischen den Silingen und Seeland konstatieren will, so schei­ nen sie nicht erhellend für die Frage des Ursprungs dieses Volkes zu sein. Gräber mit einem freien Raum oberhalb oder unterhalb des Ske­ lettes kommen auch ausserhalb Mittelschlesiens und Dänemarks v o r; vgl. das Grab Almgren-Nerman, Die altere Eisenzeit Gotlands, Fig. 156 aus dem 3. Jahrh. Die dänischen Gräber gehören ferner dem 2. und hauptsächlich dem 3. Jahrh. an, während die mittelschlesischen schon aus dem 1. Jahrh. stammen. Die Einwanderung der Silingen in die Niederlausitz sollte nach Jahn in den Anfang der Per. I I I fallen, also etwa um 150 oder 100 v. Chr. stattgefunden haben. Ziemlich unmittelbar vorher wären sie aus Seeland gekommen. Jahn weist jedoch keine Übereinstimmungen zwischen der seeländischen L a Tène-Kultur und der fraglichen Kultur in der Nieder­ lausitz während der Per. I I I nach. Auch scheint es grosse Schwierig­ keiten zu bereiten, die Auswanderung der Silingen so spät anzusetzen. Die grosse Fundarmut auf Seeland und den westdänischen Inseln über­ haupt tritt ja schon beim Übergang zur Eisenzeit ein; die ganze vorrö­ mische Eisenzeit ist auf Seeland sehr spärlich vertreten. Vom archäolo1 K

o ssin n a

in Zeitschrift fü r Ethnologie 1905, S. 392.

26 gischen Gesichtspunkt aus wäre die Auswanderung der Silingen am ehesten schon in die Zeit des Übergangs zur Eisenzeit zu setzen. Wahrscheinlich sind zu dieser Zeit aus verschiedenen Gebieten Skan­ dinaviens Scharen von Auswanderern nach Nordostdeutschland gekom­ men.1 Ob schon damals eine Gruppe Wandalen genannt wurde, kann nicht bestimmt werden, ebensowenig aus welchem Gebiete diese e\. Gruppe gekommen ist. Sind die Wandalen eine solche skandinavische Abteilung gewesen, so hat diese allmählich ihren Namen der nordost­ deutschen Bevölkerung aufgeprägt. Möglicherweise ist der Name je­ doch erst in Nordostdeutschland entstanden und hat, wie Kossinna in seinen letzten Arbeiten meint, die Bedeutung ’Kaufleute’. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit können wir annehmen, dass eine Gruppe der Ein­ wanderer die Silingen gewesen sind, und dass diese aus Seeland stamm­ ten. Die näheren Schicksale der Silingen können wir nicht verfolgen. Überhaupt ist das Material der Gesichtsurnenkultur sehr wenig bear­ beitet worden. Möglicherweise wird man bei einem näheren Studium dieses Materials die seeländische Herkunft und die Schicksale der Si­ lingen besser verfolgen sowie auch die teilweise Herkunft der Wandalen aus anderen Gebieten Skandinaviens als Seeland ermitteln können. Mit grösserer Sicherheit als betreffs der Wandalen glaube ich, dass man die Auswanderung eines anderen Volkes, der Langobarden, in den Übergang zur Eisenzeit datieren, sowie dass man ihr Ursprungsland bestimmen kann. Hier haben wir alte Überlieferungen, die von der Aus­ wanderung berichten. Die Langobarden treten um Chr. Geb. ins Licht der Geschichte. Im Jahre 5 n. Chr. wurden sie von Tiberius auf seinem Kriegszug in Germa­ nien an der unteren Elbe unweit des jetzigen Lüneburg südlich von Ham­ burg angetroffen. Aber das Gebiet, das die Langobarden zur Zeit des Tiberius bewohnten, w ar nicht ihre ursprüngliche Heimat. Ihre eigene

1 E kiio lm bemerkt in Ym er 1923, S. 74, dass keine Gesichtsurnen in Skandinavien angetroffen worden sind. Dies würde gegen die Theorie sprechen, dass skandina­ vische Scharen beim Übergang zur Eisenzeit nach Nord Ostdeutschland ausgewanderl wären und einen Bestandteil der Gesichtsurnenbevölkerung ausgemacht hätten, denn die Auswanderer müssten doch Beziehungen zu der alten Heimat unterhalten haben. Aber unmöglich scheint es wohl nicht, dass diese Beziehungen sehr bald nach der Auswanderung sich gelockert hätten.

27 Tradition wusste zu berichten, dass das Volk einst dorthin aus Skandi­ navien gekommen war. Die älteste Quelle, die die Langobardenauswanderung erwähnt, ist die fränkische sog. Fredegars Chronik,x geschrieben etwa um 640 n. Chr. Diese Chronik hat jedoch nur wenige Aufschlüsse zu liefern. Die Chro­ nik weiss nur, dass die Langobarden, ehe sie die Donau überschritten haben, einst aus ” Scathanavia, que est inter Danuvium et mare Ocianum” ausgewandert sind. Der Übergang über die Donau wird in eine Zeit nicht lange vor der .Regierung des Kaisers Justinus (518— 527) verlegt. Nähere Aufschlüsse gibt die nächste Quelle, die etwa um 670 geschrie­ bene Origo gentis Langobardorum,12 ein Zusatz zum langobardischen Gesetze, Edictum Rotharis. Die Origo bietet folgende Schilderung von der Auswanderung der Langobarden: ” Est insula qui dicitur Scadanan, quod interpretatur excidia, in parti­ bus aquilonis, ubi multae gentes habitant; inter quos erat gens parva quae Winnilis vocabatur. Et erat cum eis mulier nomine Gambara, habebatque duos filios, nomen uni Ybor et nomen alteri Agio ; ipsi cum matre sua nomine Gambara principatum tenebant super Winniles. Moverunt se ergo duces Wandalorum, id est Ambri et Assi, cum exercitu suo, et dicebant ad Winniles: ’Aut solvite nobis tributa, aut praeparate vos ad pugnam et pugnate nobiscum.’ Tune responderunt Ybor et Agio cum matre sua Gambara: ’Melius est nobis pugnam praeparare, quam Wandalis tributa persolvere.’ Tune Ambri et Assi, hoc est duces Wandalorum, rogaverunt Godan, ut daret eis super Winniles victoriam. Respondit Godan dicens: ’Quos sol surgente antea videro, ipsis dabo victoriam.’ Eo tempore Gambara cum duobus filiis suis, id est Ybor et Agio, qui prin­ cipes erant super Winniles, rogaverunt Fream, (uxorem Godam), ut ad Winniles esset propitia. Tune Frea dédit consilium, ut sol surgente venirent Winniles et mulieres eorum crines solutae circa faciem in sirnilitudinem barbae et cum viris suis venirent. Tune luciscente sol dum surgeret, giravit Frea, uxor Godan, lectum ubi recumbebat vir eius, et fecit faciem eius contra orientent, et excitavit eum. E t ille aspiciens vidit Win1 B. K huschs Ausgabe in Monumental Ccrmaniae historien: Scriptores rerum Merovingicarum I I (Hannover 1888), S. no. * Monumentet Gcrmaniae historien: Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. V I —I X (Hannover 1878), S. 2 f.

28 niles et mulieres ipsorum habentes crines solutas circa faciem; et ait: ’y u i sunt isti longibarbae?’ E t dixit Frea ad Godan: ’Sicut dedisti no­ rnen, da illis et victoriam.’ E t dedit eis victoriam, ut ubi visum esset vindicarent se et victoriam haberent. Ab illo tempore Winnilis Langobardi vocati sunt.1 E t moverunt se exhinde Langobardi, et venerunt in Golaidam, et postea possiderunt aldonus Anthnib et Bainaib seu et Burgundaib; et dicitur, quia fecerunt sibi regem nomine Agilmund, filium Agioni, ex genere Gugingus. E t post ipsum regnavit Laiamicho ex genere Gugingus. E t post ipsum regnavit Lethue, et dicitur, quia regnasset annos plus minus quadraginta. E t post ipsum regnavit Aldihoc, filius Lethue. E t post ipsum regnavit Godehoc. Illo tempore exivit rex Audoachari de Ravenna cum exercitu Alanorum, et venit in Rugilanda et inpugnavit Rugos, et occidit Theuvane re­ gem Rugorum, secumque multos captivos duxit in Italiam. Tune exierunt Langobardi de suis regionibus, et habitaverunt in Rugilanda annos aliquantos.” Ausführliche Aufschlüsse liefert auch der langobardische Geschicht­ schreiber Paulus Diaconus in seiner berühmten, in den achtziger Jahren des 8. Jahrh. geschriebenen Historia Langobardorum.2 E r berichtet zuerst, dass die Winnilen aus der Insel Scadinavia aus­ gewandert sind. Von dem Aussehen dieser Insel heisst es dann: ” Haec igitur insula, sicut retulerunt nobis qui eam lustraverunt, non tarn in mari est posita, quam marinis fluctibus propter planitiem marginum terras ambientibus circumfusa.” Der Anlass der Auswanderung wäre nach ihm, dass die Bevölkerung zu stark angewachsen wäre. Ein Drittel wird dann durchs Los zur Aus­ wanderung ausgewählt. Diese wählen zu Häuptlingen Ibor und Aio, die Söhne Gambaras. E rst ziehen die Winnilen nach einem Gebiete, das Scoringa genannt wird, wo sie einige Jahre verweilen. Hier werden sie 1 Diese Geschichte von der Entstehung des Namens Langobarden wird in Kürze und etwas verändert auch in Fredegars Chronik erzählt, aber hier wird sie auf die Kämpfe zwischen den Langobarden und einem Volke an der Donau, den Chuni, bezogen; der frühere Name winniles wird nicht genannt 8 L B e t h m a n n s und G. W a it z ’ Ausgabe in Monumenta Gennaniae historien: Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saee. V I —I X (Hannover 1878), S. 48 ff.

29 von den Wandalen unter Ambri und Assi angefallen. In diesem Zusam­ menhang wird gesagt, dass die Winnilen nicht zahlreich waren, weil sie ” unius non nimiae amplitudinis insulae tertia solummodo particula fuerint.” Dann erzählt Paulus etwa in derselben Weise wie die Origo die Geschichte von der Entstehung des Namens Langobarden, die er jedoch für erdichtet hält. Indessen können die Langobarden nicht in Scoringa verweilen, denn es entsteht Mangel an Brot. ” Qui magnam postmodum famis penuriam in eadem Scoringa provincia perpessi, valde animo consternati sunt.” Die Langobarden begeben sich nun nach Mauringa, wo sie nach einem Zweikampf zwischen einem ihrer Männer und einem der Assipitti einziehen können. Von dort ziehen sie nach Golanda, wo sie eine Zeit weilen, später nach Anthab, Banthaib und Vurgundaib, in wel­ chen Gebieten sie einige Jahre bleiben. Indessen starben Ibor und Aio. Die Langobarden wollten nun einen König haben und wählten dazu Agelmund, den Sohn des Aio. Dieser regierte 33 Jahre über die Langobarden. Dann folgen etwa dieselben Aufschlüsse wie in der Origo. A us dem Anfang des 9. Jahrhunderts stammt die nächstfolgende Quelle, die sog. Historia Langobardorum codicis Gothani.1 Nach dieser Quelle stammen die Langobarden nicht aus Skandinavien. ” Vindilicus dicitur amnis ab extremis Galliae finibus; iuxta eundem fluvio primis habitatio et proprietas eorum (cL h. der Langobarden) fuit.” Der Verfasser weiss, dass sie früher Winnilen hiessen, aber wegen ihres langen Bartes Langobarden genannt wurden. Von den Gestaden des Vindilicus zog das Volk nach Scatenauge an der Elbe. Von dort begaben sie sich nach Saxonia, wo sie lange wohnten. Dort wählten sie ihren ersten König Agelmund. Unter einem Nachfolger Wacho eroberten sie das Land der Beovinidis. Danach fuhren sie über Thrazien nach Panno­ nien, wo sie mit den Avaren kämpften und dann mit ihnen ein Vertrag schlossen, wonach sie 22 Jahre hindurch dort sassen. Dann wird be­ richtet, wie Odovakar die Rugier bekämpfte. Endlich gibt es auch eine nordische Quelle, die von der Auswanderung der Langobarden spricht. E s sind die berühmten Gesta Danorum2 des Saxo Grammaticus, geschrieben etwa um t200. 1 G. W a it z ’ Ausgabe in Monumenta Germaniae historica: Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. V I —I X (Hannover 1878), S. 8. 2 P . E . M ü ix e r s und I. M . V elsch o w s Ausgabe, I, II, København 1839—1858, S. 4 15 ff.

30 Saxo berichtet, dass einst ein König Snio über Dänemark herrschte. Vorher war Scania, d. h. Schonen, verloren gegangen, aber er gewann es zurück und unterwarf sich dann Gclhia, d. h. Götaland. Dann fährt Saxo fo rt: ” E a tempestate per summara coeli intemperantiam agrorum ubertate corrupta, ingens annonae caritas incidit. Cuinque oborta victualium raritate gravis plebem inedia la ceraret................... ” Der König, der bemerkte, dass viel Korn zur Herstellung von Ge­ tränken draufging, erliess ein wirkliches Alkoholverbot, und nun wird eine lustige Geschichte von einem Mann berichtet, der dies Verbot so witzig übertrat, dass der König es aufhob. Danach sagt Saxo, er wisse nicht, ob die Ursache der Hungersnot die gewesen sei, dass die Niederschläge allzu gering, oder dass die Erde an sich selbst allzu trocken gewesen wäre ( . . . . sive parum compluta humo seu nimium to r rid a ...........). Indessen vermochten zwei Brüder, Aggo und Ebbo, das Volk zu be­ reden, dass Alte und Kinder sowie andere nicht Waffentüchtige getötet werden sollten. Aber ihre Mutter, Gambaruc, fand dies unwürdig und schlug stattdessen vor, dass man durchs Los einen Teil des Volkes zur Auswanderung auswählen sollte. Dies geschah auch. ” Primum itaque Blekingiam advecti, ac deinde Moringiam praeternavigantes, ad Gutlandiam appulerunt, ubi, et Paulo teste, auctore F rig dea, Longobardorum vocabulum, quorum postea gentem condiderunt, traduntur adepti. Tandem ad Rugiam se applicantes, desertisque navigiis solidum iter ingresse, cum multam terrarum partern emensi armisque depopulati essent, post éditas late strages postremo, petitis in Italia sedibus, priscum gentis vocabulum suo nomine permutarunt. Interea Danorum tellus, rarescente cultorum opera sulcorumque vestigiis situ obductis, sylvestrem induit vultum, et quasi nativi cespitis amoenitate deposita, informi succrescentium nemorum densitate perhorruit.” Wie wir sehen, wissen alle Quellen, dass die Langobarden einst aus Skandinavien (Scathanavia, Scadanan, Scadinavia, Scatenauge) gekom­ men sind. Die späte Historia Langobardorum codicis Gothani nimmt ganz fehlerhaft an, dass Scatenauge an der Elbe liegt, und lässt das Gebiet nicht die ursprüngliche Heimat des Volkes sein. Fredegars Chro­ nik kennt nicht näher die Lage, dagegen weiss die Origo, dass Scadanan

3i eine Insel im Norden der Welt ist; auch Paulus nennt Scadinavia eine Insel, wie das in alten Zeiten ja immer die allgemeine Auffassung war. Skandinavien und Schonen, neuschw. Skåne, altschw. Skanø, sind ur­ sprünglich dasselbe Wort. Nach der Deutung v. Friesens, die am wahr­ scheinlichsten erscheint,1 ist das erste Glied identisch mit altschwed. skapi 'Schade’ ; Skandinavien würde demnach 'die Insel der Schäden, der Gefährlichkeiten’ bedeuten ; schon die Origo hätte also die richtige Etymologie erkannt. Das ursprüngliche Skandinavien wäre nach v. Frie­ sen nur der südwestliche Teil Schonens. Dort finden sich für die Seeleute sehr gefährliche Sandbänke, von denen der dortige Stadtname Skanör zeugt (ör bedeutet eben 'Sandbank’). Allmählich ist der Name auf den ganzen bekannten Teil der skandinavischen Halbinsel übertragen worden. Durch klassische Autoren weiss man, dass dies schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. geschehen ist. Auch die Origo und Paulus brauchen den Namen für ein grösseres Gebiet als Südwestschonen. Können w ir also nicht durch den Namen Skandinavien die nähere Heimat der Langobarden bestimmen, so lässt sich diese doch an der Hand einiger Aufschlüsse der Quellen ermitteln. Paulus gibt an, dass die Küsten niedrig sind, was ja unter den Gegenden der skandina­ vischen Halbinsel am allerbesten auf Schonen passt. A u f Schonen wer­ den wir auch durch Saxo geführt, denn die Langobarden wohnten ja nach ihm in Dänemark, und von den Teilen der skandinavischen Halb­ insel gehörte ja nur Schonen (und vielleicht die südliche Hälfte Hal­ lands) in alten Zeiten zu Dänemark. Bezüglich der Zeit, während der die Auswanderung stattgefunden hätte, haben die Quellen ganz fehlerhafte Vorstellungen. Die Origo und Paulus, die näher hierüber sprechen, geben an, dass die Auswanderung nur einige Generationen vor der Zeit Odovakars (Ende des 5. Jahrh.) vor sich gegangen wäre. Man hat offenbar nur die wenigen bekannten Generationen zusammengestellt. Jedenfalls muss ja die Auswanderung vor Chr. Geb. stattgefunden haben. Nach der Origo werden die Winnilen von den Wandalen angegriffen, während sie in Scadanan wohnen, nach Paulus erst nachdem sie nach Scoringa ausgewandert sind. Nach Paulus kommen sie dann nach Mauringa, von wo sie sich nach Golanda und dann nach Anthab, Banthaib 1 Diese Deutung ist in einem Vortm ge gegeben worden.

.32 und Vurgundaib begeben. Nach der Origo begeben sie sich von Scadanan unmittelbar nach Golaida und von dort nach Anthaib, Bainaib und Burgundaib. Zweifelsohne sind in der Tradition der Origo die Glieder Scoringa und Mauringa nur weggefallen. In Burgundaib erkennen wir ja den Namen der Burgunden, obwohl wir nicht nähere Aufschlüsse über die Lage bekommen. Welche Gebiete mit Scoringa, Mauringa, Golaida (Golanda), Antha(i)b und Bainaib (Banthaib) gemeint sind, kön­ nen w ir nicht sagen. Saxo, der Paulus zitiert, identifiziert Mauringa mit More (Moringia), dem südöstlichen Teile Smålands, und Golanda mit Gotland.1 Wie wir später sehen werden, kann möglicherweise ein Kern von Wahrheit in dieser Angabe von Gotland stecken. Nach Historia Langobardorum codicis Gothani liegt ja Scatenauge an der Elbe, und diese Quelle gibt daher andere Aufschlüsse über die Auswanderung: erst nach Saxonia, dann nach dem imbekannten Lande der Beovinidis, dann nach Thrazien und Pannonien. E s sind also hier spätere Wande­ rungen erwähnt. Nur Paulus und Saxo geben die Gründe der Auswanderung an. Pau­ lus spricht von Überbevölkerung in Scadinavia. In Scoringa entsteht nach ihm ein grosser Mangel an Brot. Saxo liefert nähere und sehr interessante Aufschlüsse: es treffen sehr schlechte Wetterverhältnisse ein, die Mangel an Korn und dadurch schwere Hungersnot herbeiführen. Nur Paulus und Saxo geben an, dass nicht das ganze Volk, sondern ein Teil auswandert. Paulus gibt ein Drittel an. Natürlich kann diese Ziffer erdichtet sein. Über solche Märchenmotive wie das von der Entstehung des Namens Langobarden brauchen wir nicht zu sprechen. E s ist ja natürlich, dass solche Motive im Laufe der Zeit der Tradition zugefügt worden sind. Aus den Traditionen können wir also ermitteln, dass die Langobarden aus Skandinavien, wahrscheinlich aus Schonen, stammen sollen. Wann sie ausgewandert sind, geht aus den Quellen nicht hervor, aber von klas­ sischen Schriftstellern wissen wir, dass dies vor Chr. Geb. stattgefunden haben muss. Die Wege der Wanderung kann ich nicht bestimmen. Der Grund der Auswanderung soll fehlgeschlagene Ernte gewesen sein. 1 Saxo gibt an, dass nach Paulus das Volk hier den Namen Langobarden bekom­ men hat, was indessen in Scoringa erfolgte.

33 Wie stellt sich nun das archäologische Material zu diesem aus den litterarischen Quellen hervorgegangenen Resultate? Man hat aus den Zeiten um Chr. Geb. an der unteren Elbe, besonders in der Lüneburger Gegend, sehr zahlreiche Gräberfelder, die man ganz sicher den Langobarden zuschreiben kann. Nach Schwantes,1 der die fraglichen archäologischen Verhältnisse am besten kennt, kann jedoch diese Gräbergruppe nicht sehr lange vor Chr. Geb. datiert werden. Die Gruppe beginnt etwa um ioo v. Chr. ; die Gräber der vorhergehenden Zeit liegen durchgehends an anderen Plätzen. E s müssen also die Lango­ barden etwa um ioo v. Chr. an der unteren Elbe eingewandert sein. Indessen findet Schwantes die Voraussetzungen der langobardischen Pundgruppe an dem rechten Elbufer in Mecklenburg; besonders für die Umenformen findet er hier die Prototypen. Dort müssen die Lango­ barden lange gesessen haben ; er leitet die Keramik bis in seine sog. Tasdorfstufe, die der Zeit von 600—300 v. Chr. entspricht, hinauf. Wei­ ter verfolgt er nicht die Langobarden. Wenn die Langobarden aus Schonen gekommen sind, muss dies also schon beim Übergang zur Eisenzeit oder in der ältesten Eisenzeit ge­ schehen sein. Aber dies stimmt eben ausgezeichnet mit den archäolo­ gischen Verhältnissen Schonens überein. Wie wir oben gesehen haben, hat Schonen eine überaus reiche Bronzezeit, wohingegen mit der Peri­ ode I der Eisenzeit eine sehr grosse Fundarmut eintritt — aus den Perio­ den I I und I I I kommen sogar fast keine Funde vor. Vielleicht wird es bei einer näheren Untersuchung möglich sein, Ein­ flüsse von Schonen her auf die mecklenburgischen Altertümer beim Übergang zur Eisenzeit zu konstatieren, was wegen ungenügender M a­ terialpublikationen zurzeit unmöglich ist. Ich glaube also, dass man annehmen kann, dass die Langobarden beim Übergang zur Eisenzeit, d. h. vor oder um die Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr., aus Schonen ausgewandert sind. Dies ist die Zeit der Klimaverschlechterung. E s ist da von beson­ derem Interesse, dass Saxo von einer Verschlechterung der Wetterver­ hältnisse als Ursache der Auswanderung spricht. W äre es zu kühn, in Saxos Angabe eine Erinnerung an die Klimaverschlechterung zu sehen? 1 S c h w a n t es , G., Vorgeschichtliches sur Langobardenfrage (— Nachrichtenblatt fü r Niedersachsens Vorgeschichte, 1921, Nr. 2).

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KAP. III. AUSWANDERUNGEN IN DER ZEIT 600— 100 V. CHR. GOTLÄNDER. BURGUNDEN. RUGIER. CIMBREN. TEUTONEN.

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M E N D E D E R B R O N Z E Z E IT U N D B E IM Ü B E R G A N G zur Eisenzeit fand sich, wie wir gesehen haben, eine dichte germanische Besiedelung in Norddeutschland zwischen Weser

und Oder. Weiter westlich, in West-Hannover, Oldenburg und im nördlichen Westfalen musste auch fast bis zum Rhein eine manische Bevölkerung gesessen haben, obwohl diese mehr spärlich und vielleicht mit Kelten gemischt gewesen war. Wie weit nach Süden hin die Germanen zu dieser Zeit vorgedrungen waren, liess sich nicht mit grösserer Sicherheit bestimmen. Als Südgrenze könnte vielleicht eine Linie etwa von Dortmund bis Halle angegeben werden. In Nordost­ deutschland hatte sich, wie oben erwähnt, nach Kossinna die Bevölkerung westlich der unteren Weichsel stark konzentriert. W ie in Norddeutschland zu dieser Zeit die Bevölkerung in verschie­ dene Völkergruppen mit bestimmten Namen auf geteilt gewesen ist, könnten w ir fast gar nicht entscheiden. W as wir oben über die Wan­ dalen, Silingen und besonders über die Langobarden gesagt haben, dürfte das Sicherste in dieser Beziehung sein. Während der zwei ersten Perioden der Eisenzeit (600—300 v. Chr. und 300—'150-100 v. Chr.) müssen die Germanen immer weiter, haupt­ sächlich in südlicher Richtung, gezogen sein. W as die östlicheren Teile betrifft, so haben w ir schon gesehen, dass die am Ende der Bronzezeit westlich der unteren Weichsel ausgebildete Kultur der Steinkistengräber sich schon früh südlich über Posen und Teile von Schlesien und Polen ausgebreitet hat, sowie dass sie auch öst­ lich über die Weichsel hinausreicht.

35 In Mittel- und Westdeutschland hat man in dem archäologischen Ma­ terial Andeutungen davon, dass die Germanen in den Perioden I und I I der Eisenzeit westlicher und südlicher sich angesiedelt haben, aber etwas näher darüber zu sprechen, ist kaum von Interesse, da die Verhältnisse allzu unsicher und ungenügend studiert sind. E s ist möglich, dass die Germanen schon in der Per. I I Teile von Holland, Belgien und Nord­ westdeutschland westlich vom Rhein besiedelt und sich dort in grösserer oder geringerer Ausdehnung mit den Kelten gemischt haben. Aber auch viel weiter südwärts in Europa als in die schon behandelten Gebiete müssen zu diesen Zeiten Germanenstämme ausgewandert sein. In Südrussland, in den Gouvernements Kiev und Cernigov, hat man auf Umenfeldern unter flachem Boden Gefässe gefunden, die wahr­ scheinlich dem Anfang der Eisenzeit angehören und mit solchen aus Schlesien, Mecklenburg, Dänemark und Schonen verwandt sind.1 Auch hat man dort ein paar sog. Kronenhalsringe aus derselben Zeit (oder der Per. I I) gefunden;1 dieser Ringtypus ist germanisch. Ob indessen die erwähnten germanischen Typen von eingewanderten Germanen oder nur von Handelsverbindungen mit den Germanen zeugen, bleibt ungewiss. Sicher ist, dass etwa um 200 v. Chr. zwei Germanenvölker, die Bas­ tarnen und die Skiren, am Schwarzen Meere auftreten. Fü r diese Zeit wird erwähnt, dass die reiche griechische Handelsstadt Olbia in der Nähe des jetzigen Nikolajev von ihnen bedroht wird. Arne2 hat die Frage aufgeworfen, ob nicht gewisse Gräber und Altertümer germani­ scher A rt der zwei letzten Jahrhunderte v. Chr. in Südrussland den Bastarnen und Skiren zugeschrieben werden können. Jedenfalls ist es noch nicht möglich zu bestimmen, aus welcher Gegend Germaniens diese beiden Völker ursprünglich gekommen sind. Wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, können wir die Auswande­ rungen aus den kontinentalgermanischen Gebieten nur sehr schlecht ver­ folgen. Viel besser können wir die Auswanderungen aus Skandinavien während der Zeit 600— 100 v. Chr. studieren. Wie wir gesehen haben, sind es gewisse Gegenden Skandinaviens, wo beim Übergang zur Eisenzeit die Fundanzahl noch ziemlich gross ist, obwohl auch in einigen derselben der Niedergang in der Fundquantität 1 A r n e , T. J., Det stora Svitjod, Stockholm 1917, S. 4. * A r n e , a. a. O., S. 5 ff.

36 ziemlich bedeutend ist. E s sind dies die südöstlichen und südwestlichen Teile Norwegens, Jütland, Bornholm und Gotland. In diesen Gegenden wären also die Auswanderungen nicht so stark wie in anderen gewesen. Dann ist es natürlich, dass, wenn grössere Auswanderungen während der folgenden Jahrhunderte fortgedauert haben, diese besonders die Gegenden betroffen haben, wo noch eine zahlreichere Bevölkerung vor­ handen gewesen ist. In dem Masse, wie die Bevölkerung sich hier ver­ mehrte, machte sich das Bedürfnis auszuwandern geltend. Eben diese Gegenden sind es auch, aus welchen wir in den letzten Jahrhunderten der vorrömischen Eisenzeit Auswanderungen konstatieren können. Am frühesten scheinen die Gotländer ausgewandert zu sein. Wie oben erwähnt, hat Gotland, obwohl beim Übergang zur Eisenzeit ein beträcht­ licher Niedergang in der Fundquantität zu konstatieren ist, doch ziem­ lich zahlreiche Funde aus der ersten eisenzeitlichen Periode aufzuwei­ sen. Man kennt aus dieser Zeit etwa 35 Funde mit etwa 60 Gegenständen. Dagegen kennt man, wie schon oben erwähnt, aus Per. I I nur 3 verein­ zelte Gegenstände. Gewiss sind bei der Erklärung der Fundarmut der Per. I I verschiedene Möglichkeiten zu berücksichtigen. So könnte man versucht sein, die Fundarmut dieser Periode durch Annahme einer Bestattungssitte mit unansehnlicheren Gräbern und spärlicheren und ver­ gänglicheren Beigaben als während der I. und III. Periode zu erklären. Aber solange keine Gräber der betreffenden Zeit bekannt sind, kann diese Erklärung nur eine rein theoretische Möglichkeit darstellen. Und da man weiss, dass eben während der vorrömischen Eisenzeit grössere Aus­ wanderungen aus Skandinavien stattgefunden haben, scheint es am mei­ sten verlockend, die Fundarmut durch Annahme einer grösseren Aus­ wanderung zu erklären. Jedenfalls haben wir von diesen ev. Auswanderern bislang keine wei­ teren Spuren ; dass es nicht die Goten sein können, wird unten besprochen werden. In erster Linie möchte man an eine Wanderung in südwestlicher Richtung, nach dem südlichsten Jütland und nordwestlichen Deutsch­ land, denken. Schon während der Per. I zeigt die Formenwelt Gotlands eine ausgeprägte Orientierung nach Nordwestdeutschland und Jütland.1 Auch die 3 Gegenstände der Per. II. weisen nach Südwesten hin.1 Die Fibel Almgren-Nerman, Die ältere Eisenzeit Gotlands, Fig. 3 1 ist mit 1 A lm gren - N f.r m a n , a. a. O., S. 139.

37 den nordwestdeutschen sog. Flügelfibeln und Flügelnadeln verwandt ; am allernächsten stimmt sie mit der Fibel Svenska Fornminnesföreningens Tidskrift IX , S. 170, Fig. 6 aus Schonen überein. Die Bronzeplatte Almgren-Nerman, Fig. 32 erinnert am meisten an Almgren-Nerman, Text­ figur 6 aus Schonen und mehr entfernt an spätere jütländische Stücke. Endlich ist die Fibel Almgren-Nerman, Fig. 33, wahrscheinlich aus Nord­ westdeutschland oder Bornholm importiert worden. Noch am Anfang der Per. I I I ist Gotland, wie es Almgren-Nerman S. 140 näher besprochen haben, deutlich nach Südwesten, nach Nordwestdeutschland und Süd­ jütland, orientiert. Erst gegen Chr. Geb. nimmt die Orientierung nach Südwesten hin ab und wird durch starke Verbindungen mit Nordost­ deutschland ersetzt. Die gotländischen Funde der Perioden I, II und des früheren Teiles der Per. I I I zeugen also von Verbindungen mit Schonen und Nordwest­ deutschland—Südjütland. Man könnte geneigt sein, dies mit der Erzäh­ lung Saxos, dass die Langobarden, die aus Schonen stammen, über Got­ land nach Nordwestdeutschland gezogen sind, in Verbindung zu setzen. Liegt in Saxos Erzählung eine Reminiszenz an diese alten Verbindungen teils zwischen Schonen und Gotland, teils zwischen Gotland und Nord­ westdeutschland? LTnd liegt gar in der erwähnten Erzählung die Reminiszenz einer Auswanderung von Gotland nach Nordwest­ deutschland beim Übergang zur Per. II, eine Auswanderung, die in der Tradition Saxos „ mit der früheren Langobardenauswanderung aus Schonen nach Nordwestdeutschland kombiniert worden ist? Auch könnte man in diesem Zusammenhang die seit alters bekannte Tatsache heran­ ziehen, dass das gutnische Recht nahe Beziehungen zum langobardischen zeigt. Dies könnte sehr gut verständlich sein, wenn von Gotland aus eine grössere Auswanderung nach den Gegenden der Langobarden oder nach angrenzenden Gebieten stattgefunden hat. Entweder könnte dann das Recht der ausgewanderten Gotländer auf das Recht der Langobarden eingewirkt haben, oder es haben die Auswanderer Momente des lango­ bardischen Rechtes aufgenommen, die dann durch die Beziehungen zu den Stammesverwandten auf Gotland zu diesen gebracht worden sind. Ein wenig später kommt von Bornholm her eines der berühmtesten Germanenvölker, die B u r g u n d e n. Diese werden am frühesten im 1. Jahrh. n. Chr. von Plinius in seiner

38 Naturalis Historia I V :2s1 erwähnt. E s geht aus dieser Arbeit hervor, dass die burgondiones in Nordostdeutschland wohnen. Nach Ptolemaios, Geographie I I : n , 2 sitzen die bourgountes zwischen Oder und Weichsel, ein wenig südlich der Küste. Seit alters hat man indessen den Völkernamen Burgunden mit dem Inselnamen Bornholm zusammengestellt. Die Insel hiess noch im 13. Jahrh. altbornh. Burgundarholm, altdän. Borghundarholm, und noch im 14. Jahrh. altwestnord. Borgundarholmr, d. h. die Insel Borgund. Das letztgenannte Zusammensetzungsglied kommt noch als Ortsname in Skandinavien vor. W ir erinnern uns, dass -und 'Stelle, die reich an irgend etwas ist’, bedeutet und oft in Inselnamen vorkommt. Borg bedeutet ursprünglich 'Anhöhe, steiler Hügel, Terrasse’. Aus dem Orts­ namen ist der Völkername Burgunden gebildet worden. Eine angelsäch­ sische Quelle aus der Zeit um 900 n. Chr., König Alfreds Übersetzung von Orosius’ Weltgeschichte,3 nennt die Einwohner Bornholms burgendas. Man kann archäologisch die Auswanderung der Burgunden nach Nordostdeutschland sehr wohl verfolgen.4 A u f der kleinen Insel tritt im Laufe der vorrömischen Eisenzeit eine typische Grabform, die Brand­ grube, auf. Man legte ganz einfach die Reste des Scheiterhaufens, auf dem der Verstorbene verbrannt worden war, also die verbrannten Kno­ chen, Kohlen und die Reste der Ausrüstung des Verstorbenen, in eine Grube. Diese Begräbnissitte ist ursprünglich von Mitteleuropa nach Norddeutschland und Skandinavien gekommen, aber sie wird nirgends so allgemein wie auf Bomholm. Hier wird die Brandgrube die typische Grab form schon am Anfang der Per. II. In Nordostdeutschland ist diese Bestattungssitte ganz unbekannt während dieser Periode. Hier herrscht, wie wir uns erinnern, die Kultur der Steinkistengräber. Aber am Anfang der Per. I I I verschwinden die Steinkisten. Im südlichen Teile dieses Gebietes werden sie im allgemeinen durch gewöhnliche U r­ nengräber ersetzt, wobei die verbrannten Knochen reingewaschen in ein 1 D e t l e fsk n s Ausgabe, S. 76. * M ü l l e r s Ausgabe, S. 259. 8 K ing A lfre d ’s Orosius I , edited by H . Sw eet, London 1883 ( = Early engl, text society, Nr. 79), S. 19 f. 4 S. besonders K o ssin n a , G., Versierte Eisenlansenspitsen als Kennseichen der Ostgermanen (in Zeitschrift fü r Ethnologie 1905, S. 3 9 1); ders. Verf., Das Weichselland, S. 16 ff. ; K o st r z e w sk i , a. a. O., S. 6 f. und mehrmals.

39 Gefäss, gewöhnlich von Ton oder Holz, niedergelegt werden, zuweilen zusammen mit einem oder einigen, in der Regel verbrannten Gegenstän­ den. Im nördlichen Teile des genannten Gebietes dagegen, in Hinter­ pommern, Wcstpreussen, dem nördlichen Posen und einem Teile Polens, werden die Steinkisten im allgemeinen durch die Brandgruben abgelöst, wohingegen die Urnengräber hier seltener sind; eine Mischform sind die Urnen brandgräber, wo die reingewaschenen verbrannten Knochen in einer Urne und die anderen Reste des Scheiterhaufens ausserhalb dersel­ ben oder die Knochen nebst diesen Resten in der Urne und gewöhnlich gleichzeitig auch noch ausserhalb der Urne sich befinden. Zu derselben Zeit zeigen sich auch, wie besonders Kostrzewski in Einzelheiten bewie­ sen hat, in der Formenwelt des letzterwähnten Gebietes starke Einflüsse aus Bomholm. So z. B. ist nach Kostrzewski die gewöhnlichste aller Fibelformen des ostgermanischen Gebietes während der Per. I II , die sog. geknickte oder dreieckige Fibel, auf Bomholm entstanden. Auch die ostgermanischen Fibeln mit halbkugeligen Bronzeknöpfen leitet Kostr­ zewski von Bornholmer Fibeln her. Ferner kann erwähnt werden, dass Kostrzewski in den für Bomholm charakteristischen zweiteiligen Gürtel­ haken, wovon auch 3 E x . in Ostdeutschland gefunden sind, das V or­ bild der ostdeutschen dreiteiligen Gürtelhaken sieht. Aus den hier er­ wähnten archäologischen Gründen haben Kossinna und Kostrzewski die Einwanderung der Burgunden in Nordostdeutschland in den Übergang zur Per. I II , d. h. in die Zeit um 150 n. Chr. oder während der letzten H älfte des 2. Jahrh. v. Chr., verlegt. Indessen ist Bornholm durch diese Auswanderung nicht menschenleer geworden. Die hunde beweisen, dass noch eine zahlreiche Bevölkerung auf der Insel geblieben ist. Während der folgenden Jahrhunderte schei­ nen keine grösseren Auswanderungen stattgefunden zu haben, bis, wie wir später sehen werden, gegen das Ja h r 300 n. Chr. eine grosse und allgemeine Auswanderung eingetreten ist, die die Insel fast ganz men­ schenleer gelassen hat. Etwa in derselben Zeit wie die Burgunden muss aus dem südwest­ lichen Norwegen ein anderes Volk, die R u g i e r , nach Nordostdeutsch­ land gekommen sein. Diese werden am frühesten von dem berühmtesten der römischen Ge­ schichtschreiber, Tacitus, in seiner 98 n. Chr. geschriebenen Arbeit Ger-

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mania, erwähnt.1 Nach Tacitus Kap. 44 wohnten die m gii an der Süd­ küste der Ostsee. Ein viel späterer Autor, der um 550 n. Chr. schreibende Gote Jordanes, berichtet in seiner Gotengeschichte De origine actibusque getarum, mit der wir uns später beschäftigen werden, dass bei der An­ kunft der Goten an der Weichselmündung die nlmerugi, d. h. 'Inselrugier’, dort sassen.2 W ir werden sehen, dass die Goten etwa um Chr. Geb. nach Nordostdeutschland gekommen sind. Man hat den Namen rugi(i) mit dem Inselnamen Rügen zusammen­ gestellt, obwohl diese Zusammenstellung nicht als sicher betrachtet wird, weil der letztere Name gewöhnlich als slavisch und von anderer Wurzel als der erstere aufgefasst wird. Sicher ist dagegen, dass der Name rugi(i) identisch ist mit dem Völkemamen rugi, womit Jordanes3 die Rygen, altwestnord, rygir, rygjar, in dem alten Rogaland, jetzt R yfylke im südwestlichen Norwegen, bezeichnet. Rogaland gehört eben zu der einen der zwei Gegenden Norwegens, wo während der vorrömischen Eisen­ zeit eine verhältnismässig zahlreiche Bevölkerung geblieben ist. Hier werden schon im 9. Jahrh. als eine Abteilung des Volkes die Holmrygen, altwestnord, holmrygir, die Einwohner der Inseln an der Küste, eine direkte Entsprechung zu den ulmerugi des Jordanes, erwähnt. Aus dem Völkemamen ist der Ortsname Rogaland entstanden, der somit 'das Land der Rygen’ bedeutet. Der Völkemame selbst dürfte nach Noreen4 aus einem älteren Landschaftsnamen Rugiland mit der Bedeutung 'das Land des Roggens’ entstanden sein. Die Rygen nannten selbst das Reich, das sie im 5. Jahrh. n. Chr. in Österreich errichteten, mit diesem Namen, den sie also von Norwegen nach Nordostdeutschland und von dort nach Süden hin mitgebracht hätten. Man hat versucht, die Schicksale der Rugier archäologisch zu verfol­ gen; jedoch herrscht hier noch viel Unklarheit. Blume5 hat den Ulme­ rugier und den Rugier in den Gräberfeldern an der Weichselmündung und im östlichen Hinterpommem während der Per. I I I wiederfinden 1 C. H a l m s Ausgabe (Teubnerserie, Leipzig 1912), S. 245. * T h . M o m m sen s Ausgabe in Monumentet Germaniae historien, Auctores antiquissimi: V :i, Berlin 1882, S. 60. 8 J ord a n e s , a. a. O., S. 60. 4 N oreen , a. a. O., S. 36. 4 B l u m e , E., D ie germanischen Stämme und die Kulturen zwischen Oder und Passarge zur römischen Kaiscrzcit I, II (— Mannusbibliothek Nr. 8, 14).

41 wollen. E r und Almgren1 haben für die römische Eisenzeit (Chr. Geb. — 400 n. Chr.) an der Odermündung ein Kulturgebiet unterschieden, das sie den Rugiern zuschreiben. Die genannten Verfasser haben klargelegt, dass das Rugiergebiet an der Oder sehr nahe Beziehungen teils zu den westdänischen Inseln, teils aber eben zu Rogaland zeigen. Alle diese Gegenden bilden nach Almgren während der römischen Eisenzeit fast ein einheitliches Kulturgebiet. Nach den letzten Äusserungen Kossinnas2 sind die Rugier etwa in derselben Zeit wie die Burgunden nach Deutsch­ land gekommen. Sie nahmen bald die Bestattungssitte derselben an, wes­ halb es Schwierigkeiten darbietet, die beiden Völker voneinander zu scheiden. Die Rugier Hessen sich an der unteren Weichsel und im öst­ lichen Hinterpommern nieder, während die Burgunden den westlichen Teil Hinterpommems, das südliche Westpreussen, das nördliche Posen und einen Teil Polens einnahmen. A ls die Goten gegen Chr. Geb. in den Gegenden der Weichselmündung ankamen, sollen nach Kossinna die Rugier, die am Südende der Danziger Bucht wohnten, sich im allge­ meinen ihnen unterworfen haben, während die Rugier an dem Putziger Wiek und in Hinterpommern ihre Heimat verliessen; wir werden im Zusammenhänge mit den Goten näher über diese Verhältnisse sprechen. Die letzteren Rugier zogen nach dem westlichen Hinterpommem. Die dort wohnenden Burgunden brachen da ihrerseits auf und zogen zu den Burgunden am Weichselknie. — Archäologisch hat man bisher keine direkten Beweise für die Herkunft der Rugier aus Rogaland geliefert, aber es scheint nicht unmöglich, dass solche aufzufinden wären. Was endlich Jütland betrifft, so sind von hier Auswanderungen vor sich gegangen, die historisch allbekannt sind. E s sind die Wanderzüge der C i m b r e n und T e u t o n e n . Von vielen klassischen Schriftstellern aus der Zeit um Chr. Geb. oder während des 1. Jahrh. n. Chr. wissen wir, dass diese Völker in Jütland wohnten. Dieses Gebiet wird seit dem 2. Jahrh. n. Chr. von den klassi­ schen Autoren 'die cimbrische Halbinsel’ genannt, und ihre Nordspitze, Skagen, trägt schon im I. Jahrh. bei ihnen den Namen 'die cimbrische Landspitze’. E s ist wohlbekannt, dass die Cimbren und Teutonen um 120 v. Chr. aus Jütland auswanderten. Siegreich zogen sie in Europa, 1 A lmgren , O., Z u r Rugierfrage und Verwandtes (in Mannus X , S. 1 ff.). * K o ssin n a , Das Weichselland, S. 16 ff.

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in den Ländern an der Donau und am Rhein, in Gallien und Spanien umher, bis sie endlich, das Zentrum des römischen Imperiums bedrohend, von Marius gründlich besiegt wurden, die Teutonen 102 v. Chr. bei Massilia, die Cimbren das nächstfolgende Jah r im nördlichen Italien. Schon seit langem hat man die Namen dieser Völker in den Namen zweier grösseren Gebiete Jütlands wiedergefunden. Der Name Cimbren hängt mit altdän. Himbersysael, dem jetzigen Himmerland, dem Gebiet südöstlich vom Lim fjord, zusammen (latein c in cimbri wurde k aus­ gesprochen und entspricht germ. ch, das später in h übergegangen ist). Der Völkername ist aus einem früheren Simplex Himber entstanden, das nach Noreen1 'Lichtung’ bedeutet und auf dünnen Waldbestand geht. Teut- in latein. teutoni entspricht germ. peup-, altwestn. pjcib f. 'Volk', und ist identisch mit dem Ortsnamen altdän. Thiuth, dem jetzigen Thy, der Landschaft nordwestlich vom Limfjord. (Es gibt viele Beispiele da­ von, dass eine Bezeichnung 'Volk, Familie’ usw. in einen Ortsnamen übergeht). Die Teutonen sind somit ’das Volk aus Thiuth’. Gewiss würde man die Auswanderung der Cimbren und Teutonen archäologisch verfolgen können, aber das Material ist noch nicht näher studiert und publiziert worden. Auch andere Stämme sind zu diesen Zeiten von der jütischen Halbinsel hergekommen. So erwähnen klassische Autoren, dass die H a r u d e n, lat. harudes, die auf Seiten des swebischen Königs Ariovist gegen Caesar in Gallien kämpften, früher in Jütland gewohnt hatten, und man hat seit alters ihren Namen mit altdän. Harth, Harthesysael, dem jetzigen Harsyssel südwestlich des Limfjordes, zusammengestellt. Harth ist aus umord. */uzrub ’Wald’ (vgl. deutsch Harz) entstanden. Haruden bedeu­ tet somit ’das Volk von Harth’. Ferner sei erwähnt, dass man angenom­ men hat, die A m b r o n e n , lat. ambrones, welche die Teutonen beglei­ teten, stammten von den Inseln westlich von Schleswig her, wo noch die Insel Amrum, altdän. Ambrunt, eine Erinnerung an sie bildet. Noch andere kleinere Völker sollen aus Jütland gekommen sein. 1 N oreen , a. a. O.,

S.

24.

43

KAP. IV. AUSWANDERUNGEN IN DER ZEIT ioo V. CHR.— CHR. GEB. GOTEN. GEPIDEN.

W

Ä H R E N D D E S L E T Z T E N JA H R H U N D E R T S v. Chr. fahren die germanischen Völkerbewegungen fort.

Dank den klassischen Autoren, vor allem Caesar, ha­

ben wir für diese Zeit gute Aufschlüsse über die Völ­ kerverhältnisse an den westlichen und südlichen Grenzen Germaniens. So wissen wir, dass jetzt mehrere Germanenstämme westlich des Rheins angesiedelt sind. Bekannt ist, dass der Swebenkönig Ariovist, aus den Gegenden östlich des Rheins kommend, etwa um 75 v. Chr. sich mit seinen Scharen im Elsass und in der Pfalz niederliess, wo er jedoch von Caesar im Jahre 58 v. Chr. völlig besiegt wurde; sein Volk wurde sodann bald keltisiert. Ebenso ist es bekannt, wie die Ubier, von den Sweben bedroht, im Jahre 38 v. Chr. aus dem Gebiete des unteren Mains auswanderten und von den Römern am linken Rheinufer in der Gegend des jetzigen Köln neue Wohnplätze erhielten. Auch im Gebiete zwischen unterem Main und Donau finden wir jetzt Germanen. Dorthin zogen schon in der Zeit um 100 v. Chr., als die keltischen Helvetier das Land verliessen, ein Teil der Sweben, die hier den Namen Markomannen erhielten. E s ist wohlbekannt, wie diese, als die Römer gegen Chr. Geb. ihre Grenzen bis an den Rhein und die Donau ausdehnten, unter ihrem Könige Marbod aufbrachen und neue Wohnplätze in Böhmen fanden. Dieses Land war zu der genannten Zeit ziemlich entvölkert, weil die dort früher sesshaften keltischen Boier um 60 v. Chr. nach Pannonien und Gallien ausgewandert waren. In Böhmen errichteten die Markomannen ein mächtiges Reich, das mit den Römern enge Verbindungen anknüpfte, und von wo nach den westlichen und

44 nördlichen Germanen hin lebhafte Einflüsse ausgingen. Zu derselben Zeit wie die Markomannen zogen auch Mainsweben nach Mähren, wo sie als Quaden bekannt sind. W as Skandinavien betrifft, so sind ja die historischen Aufschlüsse nicht so gut wie für das kontinentalgermanische Gebiet. W ir besitzen keine Quellen aus dem letzten Jahrhunderte v. Chr., die über Aus­ wanderungen in dieser Zeit aus Skandinavien berichten. W ie für die früheren Zeiten sind wir daher auf spätere Traditionen, sprachliche Verhältnisse und archäologische Tatsachen angewiesen. Das archäologische Material scheint anzudeuten, dass die Auswande­ rungen aus Skandinavien im letzten Jahrhunderte v. Chr. ziemlich un­ bedeutend gewesen sind. W ir finden, dass jetzt in mehreren Gegenden Skandinaviens das Fundmaterial wieder beträchtlich zahlreicher wird. Auch aus historisch-philologischen Gründen haben w ir nicht Anlass, grössere Auswanderungen in dieser Zeit anzunehmen. Von dieser Regel gibt es jedoch eine wichtige Ausnahme: in die Zeit gegen oder um Chr. Geb. muss die Auswanderung des berühmtesten aller skandinavischen Völker, der G o t e n , fallen. W ir wollen hier dieses Problem näher be­ sprechen.1 Die Goten werden am frühesten von Plinius, in Naturalis Historia I V :28,2 erwähnt. E s geht aus dieser Arbeit hervor, dass die gutones zu seiner Zeit im nordöstlichen Deutschland wohnten. In dieselbe Gegend werden die gotones von Tacitus in Germania, Kap. 44, verlegt.34 Die Stammessage der Goten wusste indessen davon zu berichten, dass das Volk ursprünglich aus Skandinavien gekommen war. Die Stammessage der Goten ist bei Jordanes, in seiner oben erwähn­ ten, um 550 geschriebenen Arbeit De origine actibusque Getarum* er­ wähnt. Die Gotengeschichte des Jordanes ist in der Hauptsache nur ein Auszug aus jetzt verloren gegangenen Quellen, darunter vor allem einer 1 Vgl. N erm a n , Goternas äldsta hem (in Fornvännen 1923, S. 165 ff.). 8 D e t l e f s e n s Ausgabe, S. 76. 8 H a l m s Ausgabe, S. 245. 4 Die gotische Stammessage hat die Goten mit dem thrakischen Volke der Geten, die schon vor 400 v. Chr. westlich des Schwarzen Meeres im jetzigen Bulgarien, später und noch nach Chr. Geb. in Dacicn wohnten, wo sie als Volk untergingen, identifiziert.

45 Geschichte über das Gotenvolk von Cassiodorus, dem Minister Theoderichs des Grossen, einige Jahrzehnte früher verfasst. Über die Auswanderung aus Skandinavien, den Aufenthalt im nörd­ lichen Deutschland und die Auswanderung von dort berichtet Jordanes an zwei Stellen seiner Arbeit. Der erste Passus (Mommsen, S. 60 f.) lautet: ” E x hac igitur Scandza1 insula quasi officina gentium aut certe velut vagina nationum cum rege suo nomine Berig Gothi quondam memorantur egressi : qui ut primum e navibus exienles terras attigerunt, ilico no­ rnen loci dederunt. Nam odieque illic, ut fertur, Gothiscandza vocatur. Unde mox promoventes ad sedes Ulmerugorum, qui tune Oceani ripas insidebant, castra metati sunt eosque commisso proelio propriis sedibus pepulerunt, eorumque vicinos Vandalos iam tune subiugantes suis aplicavere victoriis. Ubi vero magna populi numérositate crescente et iam pene quinto rege régnante post Berig Filimer, filio Gadarigis, consilio sedit, ut exinde cum familiis Gothorum promoveret exercitus. Qui aptissimas sedes locaquae dum quereret congrua, pervenit ad Scythiae terras, quae lingua eorum Oium vocabantur . . . Nec mora ilico ad gentem Spalorum adveniunt consertoque proelio victoriam adipiscunt, exindeque iam velut victores ad extremam Scytiae partern, que Ponto mari vicina est, properant.” Später (Mommsen, S. 82 f.), wo die Rede von den Gepiden ist, kommt Jordanes auf die Auswanderung von Scandia und die älteren Schicksale der Goten und Gepiden zurück : ” Meminisse2 debes me in initio de Scandzae insulae gremio Gothos dixisse egressos cum Berich rege suo, tribus tantum navibus vectos ad ripam Oceani citerioris, id est Gothiscandza. Quarum trium una navis, ut adsolet, tardior nancta nornen genti fertur dedisse ; nam lingua eorum pigra gepanta dicitur. Hinc factum est, ut paulatim et corruptae nomen eis ex convicio nasceretur Gepidas. Nam sine dubio ex Gothorum prosapie et hi trahent originem; sed quia, ut dixi, gepanta pigrum aliquid tardumque designat, pro gratuito convicio Gepidarum nomen exortum est, quod nec ipsud credo falsissimum : sunt etenim tardioris ingenii et graviores corporum velocitate. Hi ergo Gepidae tacti invidia, dum Spe1 Scandza ist eine Schreibung für Scandia. 2 Jordanes spricht 711 dem Manne, dem seine Arbeit gewidmet ist.

46 sis provincia commanerent in insulam Visclae amnis vadibus circumactam, quam patrio sermone dicebant Gepedoios. Nunc eam, ut fertur, in­ sulam gens Vividarii incolit ipsis ad meliores terras meantibus. Qui Vividarii ex diversis nationibus ac si in unum asylum collecti sunt et gentem fecisse noscuntur. Ergo, ut dicebamus, Gepidarum rex Fastida quietam gentem excitans patrios fines per arma dilatavit. Nam Burgundzones pene usque ad intemicionem delevit aliasque nonnullas gentes perdomuit. Gothos quoque male provocans consanguinitatis foedus prius inportima concertatione violavit superba admodum elatione iactatus, crescenti populo dum terras coepit addere, incolas patrios reddidit rariores.” (Hiernach folgt eine Schilderung seiner Käm pfe mit dem Gotenkönig Ostrogotha.) Die Erzählung von der Auswanderung der Goten aus Scandia darf nicht a priori als historisch unwahrscheinlich betrachtet werden. Ein Zug von geringerer Bedeutung, dass die Goten auf drei Schiffen ge­ kommen wären, ist allerdings nur ein deutliches Märchenmotiv. Ebenso darf man natürlich kein Gewicht auf die Spekulationen über die Her­ kunft des Gepidennamens legen. Aber das Wesentliche in der Tradition, dass die Goten einst unter einem König aus Scandia nach der Weichsel­ mündung gekommen sind, dass dabei ein Zweig von ihnen, die Gepiden, später angelangt sind und den Inseln (der Insel) in der Weichselmün­ dung den Namen Gepedoios ( = die Gepederinseln) gegeben haben, dass ferner die Goten bei ihrer Ankunft die an der Küste wohnenden Ulmerugier vertrieben und vor ihrer Auswanderung zum Schwarzen Meere auch die Wandalen unterjocht haben, während die Gepiden vor ihrer Auswanderung von der Ostseeküste die Burgunden besiegt haben, diese Angaben hat man von vornherein keinen Grund, auf ihre Wahrheit hin zu bezweifeln. E s sind das einfache Sachangaben, wie sie sich sehr wohl im Munde des Volkes während längerer Zeit, als wir in diesem Falle vorauszusetzen brauchen, korrekt haben erhalten können. Auch die Namen der Könige brauchen nicht erdichtet zu sein. Wenn man aus sprachlichem Gesichtspunkte das Problem der Her­ kunft der Goten betrachtet, so bleibt man zunächst bei dem Namen der Goten stehen. Dieser lautete in der gotischen Sprache gutans. E s ist derselbe Name wie neuschwed. gutar, die Einwohner Gotlands, altschwed. gutar (zuweilen gotar). Indessen ist der Gotenname auch mit neuschwed.

47 götar, den Einwohnern Götalands, altschwed. gÇtar identisch; es ist hier jedoch nicht der Ort, die ziemlich verwickelte Frage, wie die beiden Formen sich zu einander verhalten, zu behandeln.1 Der eigene Name der Goten deutet also darauf hin, dass sie entweder aus Gotland oder aus Götaland gekommen sind. Dabei ist zu bemerken, dass Götaland in älteren Zeiten nur Öster- und Västergötland umfasst hat. Zu Västergöt­ land wurde jedoch während der Völkerwanderungszeit (400—800 n. Chr.) auch Daisland und wenigstens das südliche Bohuslän, möglicher­ weise auch das nördliche Bohuslän und das nördliche Halland, gerechnet, und wir müssen die Möglichkeit offen halten, dass dies schon bei der Auswanderung der Goten auch der Fall gewesen ist. Vielleicht kann auch Östergötland zu derselben Zeit einen Teil des nördlichen und öst­ lichen Smålands umfasst haben. Was die sprachliche Seite der Frage der ältesten Heimat der Goten im übrigen betrifft, so hat man noch nicht nachweisen können, dass die gotische Sprache so besonders nahe Verwandtschaft mit etwa einer speziellen nordischen alten Sprache zeigt, dass daraus hervorgehen würde, aus welchem Gebiete des Nordens die Goten gekommen sind. Die Über­ einstimmungen zwischen der gotischen und der gutni sehen Sprache, die Sophus Bugge2 nachgewiesen oder nachweisen zu können geglaubt hat, hält er selbst nicht für genügend, um den Ursprung der Goten aus Got­ land zu beweisen. Wenden w ir uns nun der Darstellung des Jordanes zu, so ist zunächst zu beachten — was man nicht genügend getan hat — dass Jordanes eine wichtige Angabe betreffs der Zeit für die Auswanderung der Goten aus Scandia hat. E r berichtet, dass Berig etwa der 5. Vorgänger des Königs Filimer war, unter welchem die Auswanderung nach den Gegenden am Schwarzen Meere stattgefunden hatte. Jordanes weiss also nicht ganz exakt, welcher in der Reihenfolge von Filimers Vorgängern Berig ge­ wesen ist, aber so viel ist klar, dass er der Ansicht ist, der letztere habe nicht viel früher als der erstere gelebt; wir können uns nicht gut vor­ stellen, dass er geglaubt hat, Berig habe mehr als 150— 175 Jahre vor 1 Ich verweise besonders auf die Auseinandersetzungen Brätes in Zeitschrift fü r deutsche Wortforschung X II , S. 1 12 f. * B ugge , S., Norges Indskrifter med de aldre Runer I, Christiania 1891—1903, S. 154 ff.

48 Filimer gelebt. Wie wir später näher darlegen werden, sind nun die Goten bald nach 150 n. Chr. nach Südrussland gezogen. Die Tradition der Goten setzt also voraus, dass die Goten im grossen und ganzen in der Zeit um Chr. Geb. an der Weichselmündung angekommen wären. — Zwar hat, wie schon erwähnt, die durch Jordanes vertretene Tradition die Goten mit dem thrakischen Volke der Geten am Schwarzen Meere verwechselt und dadurch die Wanderung der Goten nach dem Schwarzen Meere in viel ältere Zeiten, bis zurück in die Tage des trojanischen Krieges verlegt, aber diese offenbar irrtümliche Verknüpfung der beiden Völkemamen bedeutet nichts; das Wesentliche ist, wie lange vor der in die zweite Hälfte des 2. Jahrh. n. Chr. fallenden Wanderung nach dem Schwarzen Meere die Auswanderung aus Scandia sich ereignet haben soll. Dass die Goten um Chr. Geb. im nördlichen Deutschland wohnten, scheint aus der Angabe der Geographie Strabons 7 :3 hervorzugehen, wonach die Goten dem Bunde germanischer Staaten angehörten, der unter der Oberhoheit des Markomannenhäuptlings Marbod stand, ebensowie aus der Angabe bei Tacitus, Annales 2:62, wonach der Marko­ mannenedling Catualda, ehe er im Jahre 19 n. Chr. Marbod in Böhmen stürzte, landesflüchtig bei den Goten lebte. E s scheint, dass man nicht gut solche Beziehungen zwischen Markomannen und Goten voraussetzen könnte, wenn die letzteren so weit von den ersteren entfernt wie auf der skandinavischen Halbinsel gewohnt hätten. Mit der auf Jordanes’ eigene Angaben gegründeten Zeitbestimmung der Auswanderung der Goten aus Scandia stimmt nicht die in der wissenschaftlichen Litteratur bisweilen vorkommende Annahme überein, dass die Goten schon viele hundert Jahre v. Chr. aus Skandinavien aus­ gewandert wären. Diese Ansicht stützt sich auf eine bei Plinius, Natura­ lis historia 37:35, mitgeteilte Angabe des um 300 v. Chr. lebenden Pytheas aus Massilia. Derselbe berichtet, dass ein germanisches Volk gutones eine Tagesreise von einer Insel entfernt wohne, wo der Bernstein vom Meere ausgeworfen wird. Da nun Bernstein auf Samland in Ostpreussen vorkommt, hat man gemeint, dass die Goten schon zu Pytheas’ Zeit im nordöstlichen Deutschland gewohnt hätten. Indessen geht aus den Angaben Pytheas’ klar hervor, dass er mit seiner Bernsteininsel das andere reiche Bernsteingebiet im nördlichen Europa, die Westküste Jü t­ lands, bezeichnet, und dass die gutones an der Nordseeküste in der Nähe

49 von Jütland gewohnt haben (unweit der Bernsteininsel wohnen Teu­ tonen, und ferner wird berichtet, dass die gutones an einem aestuarium wohnen). Erwähnt sei auch, dass neben der Form gutonibus bei Plinius auch die Form guionibus vorkommt, welch letztere Lesart, obwohl vielleicht nicht ursprünglich, doch der früheren vorzuziehen zu sein scheint. Mit der Insel Scandia bezeichnet Jordanes die skandinavische Halb­ insel. Man darf aber kaum voraussetzen, dass die Tradition des Jordanes so klare Begriffe von den Verhältnissen Nordeuropas gehabt hat, dass sie Gotland als eine besondere Insel, von der grösseren ” Insel” Scandia unterschieden, gekannt hat. Meiner Meinung nach muss auch einer der Stämme, die Jordanes als auf Scandia wohnend erwähnt, vagoth, die Gotländer bedeuten. Der Name Scandia für die Heimat der Goten macht es darum nicht unmöglich, dass diese Gotland sein könnte. Dagegen kommt bei Jordanes eine andere Angabe vor, die dagegen spricht. Von den Goten heisst es, dass sie unter einem K ö n i g e ausge­ wandert seien. Nun hat es, soviel man weiss, auf Gotland niemals Könige gegeben. Die alten nordischen Sagas, die so reich an Angaben über Könige in manchen Gegenden Schwedens sind, schweigen vollständig betreffs gotländischer Könige. Es verdient auch beachtet zu werden, dass die in anderen Gegenden Skandinaviens, z. B. in Östergötland und V äs­ tergötland, so gewöhnlichen Ortsnamen auf K ung(s)-, Konung(s)- auf Gotland ganz fehlen. Eine Zusammenstellung sprachlicher Gesichtspunkte und Jordanes’ eigener Angaben führt somit zu dem Resultate, dass die Goten nicht aus Gotland, sondern aus dem alten Götaland, Öster- und Västergötland, aus­ gewandert sind, und dass diese Auswanderung etwa in der Zeit um Chr. Geb. stattgefunden hat. Wie stellt sich nun das archäologische Material zu dieser Ansicht? Kossinna1 hat versucht, archäologische Beweise dafür zu liefern, dass die Auswanderung in der Zeit um oder etwas vor Chr. Geb. stattgefunden hat. E r weist darauf hin, dass, während früher lange Zeit hindurch 1 S. besonders seine oben erwähnten Arbeiten: Versierte Eisenlansenspitsen (1905), S. 39t ff. und Das Wcichselland (1919), S. 19 f. sowie seine Abhandlung: Die deutsche Vorgeschichte ( = Mannusbihliothek Nr. 9), 2. Aufl., Würzburg 1914.

S. 14s ff. 4

,

50 Brandbestattung bei den Germanen fast alleinherrschend gewesen ist, um Chr. Geb. in gewissen Gegenden des germanischen Gebietes Skelett­ gräber wieder auftauchen. Aber nirgends findet die Beerdigung, welche Sitte die Germanen von den Kelten übernommen zu haben scheinen, solchen Eingang wie in Skandinavien. Da nun im nördlichen Deutsch­ land um Chr. Geb. die Skelettgräber am zahlreichsten an der Weichsel­ mündung auftreten, erscheint die Kultur dort mit der skandinavischen eng verknüpft. Die Weichselmündung ist aber das Gebiet, wo die Goten im i. Jahrh. n. Chr. sitzen. Kossinna findet also, dass die Gotenkultur an der Weichsel um Chr. Geb. engen Zusammenhang mit Skandinavien hat. In früheren Arbeiten setzt er voraus, dass die Goten von Skandina­ vien her nach der Weichselmündung ein wenig vor oder um Chr. Geb. gekommen seien und zu dieser Zeit die Sitte, die Toten unverbrannt zu bestatten, mitgebracht hätten. In seinen letzten Arbeiten setzt er die An­ kunft der Goten teilweise früher an. In Die deutsche Vorgeschichte, 2. Aufl., 1914, ist er der Ansicht, dass die Goten während der Jahrzehnte v. Chr. Geb. angekommen und dass um Chr. Geb. neue Scharen angelangt seien, wobei er auch auf die Erzählung des Jordanes hinweist, dass die Gepiden später kamen. In Das Weichselland setzt er die Ankunft der Goten ” seit etwa Mitte des letzten Jahrhunderts vor Christi an” . W ie die Verwandten in Schweden führen, nach der neuen Auffassung Kossinnas, die Goten an der Weichselmündung um Chr. Geb. die Beerdigung ein, ein Beweis dafür, dass zu dieser Zeit lebhafte Beziehungen zwischen dem Mutterlande und der Tochterkolonie bestanden. Kossinna meint, dass die Hauptmasse der Goten aus Gotland gekommen seien, dass aber ein Teil von ihnen aus anderen Gebieten des südlichen Schwedens her­ rührte. In Das Weichselland präzisiert er seine Ansicht betreffs dieser Frage folgenderweise: ” Der führende Stamm der Goten kam wahr­ scheinlich von der Insel Gotland, doch werden wohl auch festländische Schwedenstämme, insonderheit die Ost- und Westgauten im heutigen Götalande, sich ihnen angeschlossen haben.” E . Blume1 hat die Ansicht Kossinnas näher entwickelt. Blume legt das ganze reiche Material aus der römischen Eisenzeit vor und will dadurch in Einzelheiten den geographischen Um fang der verschiedenen Stämme und ihre Beziehungen zu einander während der hier fraglichen

1 B lu m e , a. a. O.

5i Zeiten klarlegen. Blume stellt nun fest, dass in der Zeit um Chr. Geb. eine bedeutende Veränderung betreffs der Gräberfelder an der Weichselmündung eintritt. Einige der alten Brandgräberfelder hören auf, auf anderen dauern die Brandgräber fort, aber auf den meisten der letztgenannten Gräberfelder treten nun auch Skelett­ gräber auf, endlich werden jetzt neue Gräberfelder angelegt, auf welchen sowohl Skelett- als Brandgräber Vorkommen. Blume deutet diese Verhältnisse so, dass in der Zeit um Chr. Geb. die Goten, bei denen Beerdigung existiert, von Gotland nach der Weichselmündung angelangt sind. Ein Teil der alten Bevölkerung — es waren dies die Ulmerugier des Jordanes — wurde vertrieben, und ihre Wohnplätze wurden von den Goten nicht besetzt. An anderen Stellen unterwarfen die Goten die Bevöl­ kerung und nahmen im allgemeinen ihre Wohnplätze ein. Endlich legten sie eigene Wohnplätze an. Die Rugier, die am südlichsten Teile der Danziger Bucht wohnen, unterwerfen sich, wie schon oben gesagt, im allgemeinen den Goten, während die Rugier im Küstengebiete am Put­ ziger Wiek und im östlichen Hinterpommern aufbrechen. Blume versucht ferner zu beweisen, dass das archäologische Material die Angaben des Jordanes über die Schicksale der Goten im nördlichen Deutschland bestätigt. E r meint archäologische Belege dafür zu finden, dass die Goten einen Teil der Wandalen unterworfen haben, meint ferner durch die Funde zeigen zu können, dass die Gotenkultur sich in zwei Zweige teilt, indem ein Teil der Goten — es sind diejenigen, die in späteren Zeiten den Gotennamen behalten — nach Ostpreussen hinüber­ gehen, während andere — die Gepiden genannten — an der Weichsel­ mündung sitzen bleiben, dass ein grosser Teil der Bevölkerung Ostpreussens in der Zeit 150—200 n. Chr. nach dem Schwarzen Meere wandert, dass die Weichselgoten dagegen an der Weichselmündung bleiben, von wo aus sie ihr Gebiet vergrössem, u. a. auf Kosten der südlich wohnen­ den Burgunden, und dass die Gepiden am Anfang des 4. Jahrh. fast sämt­ lich auswandem. Von den hier referierten Resultaten betreffs der Schicksale der Goten, die Blume aus dem archäologischen Material im Lichte der litterarischen Quellen herauslesen zu können glaubt, brauchen wür in diesem Zusam­ menhänge uns nur mit denjenigen zu beschäftigen, welche die Frage des skandinavischen Ursprungs der Goten berühren.

52 Es ist unverkennbar, dass um Chr. Geb. bedeutende Störungen auf den Gräberfeldern an der Weichselmündung stattgefunden haben. Sehr ansprechend ist es daher, mit Kossinna und Blume anzunehmen, dass zu dieser Zeit ein neues Volk eingewandert wäre, und dabei hat man in erster Linie mit den Goten zu rechnen, von denen man weiss, dass sie dort ein wenig später gewohnt haben. W ir haben ja auch gesehen, dass die Tradition des Jordanes voraussetzt, dass die Goten zu dieser Zeit nach der Weichselmündung gekommen sind. A u f die Frage, wie die erwähnte archäologische Erscheinung näher zu deuten ist, brauchen wir hier nicht einzugehen. Da die Bestattungssitte an der Weichselmündung während des i. Jahrh. n. Chr. besonders an Skandinavien anknüpft, ist die Schlussfolgerung Kossinnas, dass die Goten von dort her gekommen seien, sehr ansprechend, dies um so mehr, als sie in Übereinstimmung mit der Tradition des Jordanes steht. Kossinna und Blume suchen die Heimat der Goten zunächst auf Got­ land. Irgend welche archäologische Beweise dafür haben sie jedoch nicht liefern können. Die Skelettgräber an der Weichselmündung knüpfen, wie Almgren in seiner Besprechung1 der Arbeit Blumes her­ vorgehoben hat, die Goten nicht näher an Gotland als an gewisse andere Teile Skandinaviens an, denn Skelettgräber treten zu derselben Zeit wie auf Gotland auch anderswo, z. B. in Östergötland und auf Öland, auf. Almgren betont stark, dass man unmöglich an eine grössere Aus­ wanderung von Gotland in der Zeit um oder etwas vor Chr. Geb. denken kann. Eine grössere Auswanderung müsste sich in einer Abnahme des Fundmaterials kundgeben, aber das gotländische Material des i. Jahrh. n. Chr. zeigt stattdessen eine starke Vermehrung, so dass diese Zeit be­ treffs der Zahl der bekannten Gräber eine der aller reichsten während der älteren Eisenzeit ist. Etwas anderes ist, dass vereinzelte Gotländer zu dieser Zeit nach der Weichselmündung haben auswandern können. Dass dies der Fall gewesen ist, findet Almgren durch ein Frauengrab bei Neu­ städterfeld unweit Elbing erwiesen, in welchem am Kopfe des Skelettes ein Bestand solcher für Gotland charakteristischen Pailletten zu einer Haube wie Almgren-Nerman, Die ältere Eisenzeit Gotlands, Fig. 145— 147, angetroffen wurde. Zu diesem Einwande Almgrens gegen die Ansicht, dass die Haupt1 M annus V, S. 150 f., V III, S. 290 ff.

53 masse der Goten von Gotland um Chr. Geb. ausgewandert wäre, kann ferner hinzugefügt werden, dass die Gräber Gotlands sowohl in dem letzten Jahrhundert vor wie in dem ersten nach Chr. sich deutlich von denjenigen an der Weichselmündung unterscheiden. Die gotländischen Gräber sind, allerdings kleine, Hügel aus Erde und Steinen, während die gleichzeitigen Gräber an der unteren Weichsel sich unter flachem Boden befinden — zuweilen kann ein aus der Erdfläche ein wenig emporragen­ der Stein das Grab markieren. Ferner haben die gotländischen Brand­ gräber eine ausgebreitete Brandschicht, während die Brandgräber an der unteren Weichsel entweder Urnengräber oder gewöhnlicher Brand­ gruben oder Urnenbrandgruben sind. Almgren hebt hervor, dass, wenn die Goten von Gotland ausgewandert sind, dies früher stattgefunden haben muss, und er weist auf die fast vollständige Lücke in dem gotländischen Fundmateriale für die Per. I I (300— 150 v. Chr.) hin. Für den Anfang dieser Periode würde man also dem gotländischen Fundmateriale nach eine Auswanderung an­ nehmen können. Wie w ir indessen gesehen haben, setzt die gotische T ra­ dition voraus, dass die Auswanderung von Scandia in der Zeit um Chr. Geb. stattgefunden hat, und archäologische Verhältnisse wiesen ja in dieselbe Richtung. W ir haben auch gesehen, dass die archäologische Situation an der Weichselmündung keine grössere Einwanderung von Gotland her um 300 v. Chr. erlaubt, sowie dass eine ev. Auswanderung von Gotland zu dieser Zeit sich am wahrscheinlichsten nach Nordwest­ deutschland und Südjütland gerichtet hat. Aber, fährt Almgren fort, wenn die Goten erst um Chr. Geb. nach der Weichselmündung ausgewandert sind, dann muss ihre Hauptmasse nicht von Gotland, sondern von dem Festlande Südschwedens gekommen sein. Almgren ist bei dieser allgemeinen Bemerkung stehen geblieben. Ich glaube jedoch, dass man von der archäologischen Seite her der Frage nach dem Ursprung der Goten näher kommen kann. Oben ist hervorgehoben worden, dass, wenn die Goten vom Festlande Schwedens gekommen sind, dies bedeutet, dass die Hauptmasse von ihnen aus Östergötland und Västergötland ausgewandert ist. E s wird nun die Aufgabe sein, zu untersuchen, wie das archäologische Material sich zu einer solchen Möglichkeit stellt. Wie oben erwähnt, ist Östergötland in den zwei ersten eisenzeitlichen

54 Perioden sehr fundarm, während in der Per. I I I eine beträchtliche Ver­ mehrung des Fundmaterials eintrifft. E s scheint somit, dass die Be­ völkerung sich in der Zeit 150 v. Chr.— Chr. Geb. stark vermehrt hat. Eine ganze Reihe von Gräberfeldern aus der letztgenannten Zeit ist, hauptsächlich in den letzten 20 Jahren, ans Licht gekommen, und die meisten von ihnen sind systematisch untersucht worden.1 Am wichtigsten ist das grosse Gräberfeld von Alvastra. Andere sind z. B. Sjögestad, Ksp. Sjögestad, K reis Valkebo, und Halleby, Ksp. und Kreis Skärkind. Noch sind die systematischen Untersuchungen, von denjenigen bei Alvastra abgesehen, nicht sehr umfassend gewesen, und da hierzu kommt, dass die meisten Gräber nicht Gegenstände enthalten, die näher datiert werden können, so ist das Fundmaterial aus dem letzten Jahrhunderte v. Chr. noch nicht auffallend gross. Die östgötischen Gräber des genannten Jahrhunderts werden gewöhn­ lich in Kiesrücken angetroffen und sind in der Regel ganz unter flachem Boden belegen. Die Grabformen sind Brandgruben, Umenbrandgruben und mehr spärlich Umengräber. Bei Halleby kommen über den Gräbern Steinhügel, runde Steinpläne oder einzelne Steine vor, welche Grabmonu­ mente jetzt gewöhnlich in der Erdfläche nur unbedeutend sichtbar sind, aber deutlicher in der ursprünglichen Bodenfläche hervorgetreten sind. Steinpläne oder einzelne Steine sind auch von einigen anderen Gräber­ feldern her bekannt. Die Brandgräber dieser Typen kommen in Östergötland auch noch eine beträchtliche Zeit n. Chr. weiter vor, wie lange, wage ich nicht zu entscheiden. Indessen treten, wie gesagt, um Chr. Geb. Skelettgräber auf. Diese sind gleichfalls unter flachem Boden belegen.2 Bisweilen ist das Skelett von einer mehr oder weniger vollständigen Steinsetzung um­ geben ; auch kommt eine Decke von Steinen über dem Skelette vor. W ir sehen somit, dass die östgötischen Gräber im Jahrhunderte vor und im Jahrhunderte nach Chr. Geb. mit den gleichzeitigen an der 1 Siehe Meddelanden från Östergötlands Fornminnes- och Museiförening 1903 ff. ; M o n t f liu s , Östergötland under hednatiden (in Svenska Fornminnesförenin­ gens Tidskrift X II , S. 268 ff.) ; A r n e , T . J., Den senare förromerska järnåldern 1 Sverige (in F omvännen 1919, S. 190 f., 206 ff.) ; ferner in diesen Arbeiten ange­ führte Litteratur. 2 Möglicherweise treten auch zuweilen niedrige Hügel über den Skeletten, wie auch vielleicht über Brandgräbern auf.

55 Weichselmündung übereinstinimen : auch dort waren ja die Gräber unter flachem Boden belegen, und die Brandgräber bestanden aus Brand­ gruben, Urnenbrandgruben und Urnengräbern ; auch dort traten um Chr. Geb. Skelettgräber auf. E s bestehen also aus dem Gesichtspunkte der Bestattungssitte keine Hindernisse, eine Auswanderung von Östergöt­ land nach der Weichselmündung um Chr. Geb. anzunehmen. Da die Zahl der östgötischen Gräber, die in das letzte Jahrhundert v. Chr. datiert werden können, noch verhältnismässig gering ist, bietet es Schwierigkeiten, mit Bestimmtheit konstatieren zu können, ob ein Nie­ dergang in der Bevölkerungsmenge um Chr. Geb. eingetroffen ist. In­ dessen zeigt das jetzt bekannte Fundmaterial eine deutliche Abnahme um Chr. Geb. A u f den meisten Gräberfeldern fällt der grösste Teil der untersuchten Gräber in die Zeit vor Chr. Geb. So kann z. B. erwähnt werden, dass von den etwa 40 Gräbern des Gräberfeldes bei Sjögestad mit grösserer Sicherheit etwa 10 der Ter. III und nur 1 der Per. IV zu­ gewiesen werden dürfen. Von den etwa 30 Gräbern, die auf dem Gräber­ felde bei Halleby ausgegraben worden sind, können 3 mit Sicherheit und etliche mit grosser Wahrscheinlichkeit der Per. I II , keine der Per. IV zugerechnet werden. Erwähnt sei auch, dass von den meisten Gräber­ feldern nur oder fast nur Brandgräber bekannt sind, was andeutet, dass sie zum wesentlichen Teil in die Zeit v. Chr. fallen. A u f dem grossen Gräberfelde bei Alvastra überwiegen jedoch die Skelettgräber. Hier sind 285 Gräber untersucht worden, wovon 109 Brand- und 176 Skelettgräber. Diejenigen Brandgräber, die näher datiert werden können, haben sich als dem 1. Jahrh. v. Chr., vorzugsweise dessen zweiter Hälfte, angehörig erwiesen, während die Skelettgräber sich von Chr. Geb. bis in das 3. Jahrh. hinein erstrecken. A u f dem Gräberfelde bei Alvastra ist indessen eben das 1. Jahrh. n. Chr. auf­ fallend schwach vertreten. Während ziemlich viele Gräber dem letzten Jahrh. v. Chr. und ebenso dem 2. Jahrh. n. Chr. zuzuweisen sind, dürfte kaum mehr als ein einziges Grab (Nr. 161 ) mit Sicherheit in das 1. Jahrh. n. Chr. datiert werden können. Überhaupt sind ziemlich wenige sicher bestimmbare Gräber aus dem letztgenannten Jahrh. in Östergötland be­ kannt, beträchtlich weniger als aus dem vorhergehenden und dem nach­ folgenden Jahrhunderte.

Die archäologischen Verhältnisse sprechen also deutlich dafür, dass die Goten aus Östergötland herstammen. Wenden wir uns dann nach Västergötland, so erinnern wir uns, dass auch hier die Fundarmut der zwei ersten eisenzeitlichen Perioden mit der Per. I II durch grösseren Fundreichtum abgelöst wird. Etliche Gräber­ felder sind auch hier, hauptsächlich während der letzten 20 Jahre, ans Licht gekommen.1 Die Anzahl ist jedoch kaum so gross wie in Öster­ götland, und fachmännische Untersuchungen sind in geringerer Aus­ dehnung als in dieser Landschaft betrieben worden. Unter den Gräber­ feldern mögen genannt werden : Järnsyssla, Landgemeinde Skara, Kreis Skåning; Saleby Rasagården, Ksp. Saleby, Kreis Skåning; Kleva-Gumsegården, Ksp. Kleva, Kreis Kinne. Die Bestattungssitte ist dieselbe wie in der Per. I I I in Östergötland: Brandgruben, Umenbrandgruben und L mengräber unter flachem Boden. Zuweilen kann ein Stein über die ursprüngliche Bodenfläche emporragen. Möglicherweise kommen auch Steinpläne vor. Wie lange nach Chr. Geb. die genannten Gräbertypen in Västergöt­ land reichen, ist schwer zu entscheiden. E s ist indessen bemerkenswert, dass alle näher datierbaren Brandgruben. Umenbrandgruben und Um en­ gräber der Per. I I I angehören. Diejenigen Gräberfelder, die Gräber aus dem letzten Jahrh. v. Chr. besitzen, haben, soviel ich weiss, keine sicheren Gräber aus dem 1. Jahrh. n. Chr. geliefert; wahrscheinlich ist wohl in­ dessen, dass auf diesen Gräberfeldern einige der nicht näher datierbaren Gräber in die Zeit nach Chr. Geb. fallen. Überhaupt kenne ich keinen sicheren västgötischen Fund aus dem 1. Jahrh. n. Chr. Man weiss daher auch nicht, ob Skelettgräber in Västergötland um Chr. Geb. auftreten. Dagegen kennt man västgötische Skelettgräber aus dem 2. Jahrh. n. Chr. Auch für Västergötland bestehen also aus archäologischem Gesichts­ punkte keine Schwierigkeiten, eine Auswanderung nach der Weichsel­ mündung um Chr. Geb. anzunehmen. Auch aus Bohuslän, Dalsland und Värmland kennt man einige Gräber­ felder der Per. III. von derselben Art wie die västgötischen, mit den Gräbern ganz unter flachem Boden belegen oder durch einen Stein in der Bodenfläche markiert.2 Von einem värmländischen, Granhagen, Ksp. 1 Vgl. A r n e , a. a. O., S. 191, 202 ff. und dort angeführte Litteratur.

2 A r n e , a. a. O., S. 199, 201 f., 209 f.

57 und Kreis Grums, ist ein Hügel über einer Urnenbrandgrube zu er­ wähnen, und Steinpläne, die jedoch nicht Funde gegeben haben, kommen dort vor. Aus Närke liegen einige Gräberfelder mit Gräbern der hier fraglichen A rt vo r;1 die bisher bekannten Gräber sind über der Erdfläche durch einen Stein, eine Setzung oder einen niedrigen Hügel markiert (es ist jedoch unsicher, ob die Gräber mit Steinsetzung oder Hügel zur Per. I I I und nicht zur Per. I V gehören). Aus Uppland2 kennt man einige Gräberfelder wie die gewöhnlichen öst- und västgötischen. Aus den übrigen Landschaften Svealands kennt man bisher keine Grabfunde der Per. III. Dass wir aus Norrland keine Funde der Per. I I I wie überhaupt keine Funde der ganzen vorrömischen Eisenzeit ken­ nen, ist schon oben erwähnt worden. Erstaunlich ist, dass dem Festlande des südlichsten Schwedens Grä­ ber der Per. I I I fast ganz abgehen. Aus Småland ist kein Fund be­ kannt, aus Halland und Blekinge soll je ein Hügel Gegenstände der Per. I II geliefert haben.3 Wie schon oben erwähnt, ist Schonen während der ganzen vorrömischen Eisenzeit sehr arm an Funden; an einigen Stellen scheinen Brandgruben der Per. I II vorzukommen.4 Eine Fülle von Grabfunden dieser Periode liegt dagegen aus Öland vor.5 Hier wie auf Gotland hat sich eine spezielle Grabform ausgebildet. Die Gräber dieser Periode werden über der Erdfläche von runden oder viereckigen Steinhügeln markiert. Die Hügel decken hier gewöhnlich eine grössere Brandschicht, aber die verbrannten Knochen liegen doch im allgemeinen nicht im Kohlenbette zerstreut, sondern, mit Altertümern zu­ sammen, wenn solche Vorkommen, für sich in einem Gefässe von Bronze oder Ton — das Gefäss braucht sich nicht in der Brandschicht selbst zu befinden — oder in einem Haufen ohne Gefäss gesammelt. Die Brand­ gräber dieser Art dauern auch während der Per. IV fort, wie lange kann ich nicht sagen. In der Per. I II scheinen auch Beispiele von Umengräbern unter flachem Boden vorzukommen. Um Chr. Geb. treten auch Skelettgräber auf, in Steinhügeln der eben genannten A rt oder unter 1 A r n e , a. a. O., S. 197 f., 20x. 2 A r n e , a. a. O., S. 199 f. 8 A r n e , a. a. O., S. 196 f. 4 A r n e , a. a. O., S. 210. * A rn e , a. a. O , S. 19 1 ff., 209.

58 flachem Boden; das Skelett kann in einer Steinplattenkiste, innerhalb einiger losen Steinplatten oder ohne Schutz liegen. W ir sehen somit, dass Öland gleichwie Gotland betreffs der Be­ stattungssitte durchaus von dem Gebiete an der Weichselmündung in den Jahrhunderten um Chr. Geb. abweicht. Aus Öland kann also ebensowenig wie aus Gotland die Hauptmenge der Goten gekommen sein. Ein Studium der Altertumstypen scheint keinen Anhalt für die Lösung des Problems der ältesten Heimat der Goten zu liefern. Dies beruht vor allem darauf, dass diejenigen Typen an der unteren Weichsel um und nach Chr. Geb., die für Veränderungen in der Entwicklung am emp­ findlichsten sind, solche allgemeine Typen sind, die über grosse Gebiete des nördlichen und mittleren Europas hin Vorkommen. Die Hauptmenge der Goten ist also aus Öster- und Västergötland um Chr. Geb. ausgewandert.

59

KAP. V. S C H L U S S W O R T : SPÄTER E

AUS­

WANDERUNGEN.

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Aus­

wanderungen der Germanenvölker bis um Chr. Geb. ver­ folgt und somit das eigentliche Thema unserer Dar­

stellung erledigt. Als Abschluss wollen w ir nur einige Worte über die späteren Auswanderungen hinzu fügen. Diese sind ent­ weder seit alters oder durch die geschichtlichen, philologischen und archäologischen Resultate der neueren Forschung wohlbekannt. Wie im letzten Jahrh. v. Chr. scheinen auch während der zwei ersten Jahrh. n. Chr. die Germanenvölker im grossen und ganzen ruhig in ihren Wohnsitzen verblieben zu sein. Natürlich haben kleinere Auswande­ rungen und Völkerverschiebungen mehrmals stattgefunden, aber solche können wir hier übergehen. In den meisten Gegenden Germaniens zeigt sich auch während dieser Zeit eine beträchtliche Vermehrung des archäo­ logischen Materials. Aus dem i. Jahrh. n. Chr. und der ersten Hälfte des 2. Jahrh. kennen w ir keine grösseren Auswanderungen. In die zweite Hälte des 2. Jahrh. fällt dagegen die grosse Auswanderung der Goten aus Ostpreussen nach Südrussland, die schon oben erwähnt worden ist. Indessen bleibt ein Teil der Goten in der Heimat zurück. Ebenso bleibt der andere Haupt­ zweig der Goten, die an der Weichselmündung wohnenden Gepiden, in Norddeutschland sitzen. Ferner zieht in derselben Zeit ein Teil der Wan­ dalen nach Dacien. Mit dem 3. und 4. Jahrh. ändern sich die Verhältnisse. Jetzt brechen die Germanen in grosser Ausdehnung auf und ziehen südwärts. Am umfassendsten sind die Auswanderungen der Ostgermanen. Etwa um 300 n. Chr. oder im Anfang des 4. Jahrh. brechen fast sämtliche der ostgermanischen Völker, die Wandalen, Burgunden, Gepiden und R u­

6o gier, auf und ziehen nach verschiedenen Gegenden Mitteleuropas. Nur die Goten bleiben in Ostpreussen sitzen. Diese Tatsachen, die im all­ gemeinen schon aus historischen Angaben hervorgehen oder gefolgert werden können, werden durch das archäologische Material in klarster Weise bestätigt: mit Ausnahme von Ostpreussen wird ganz Ostdeutsch­ land östlich der Elbe zu der genannten Zeit fast völlig fundleer. Nur spärliche Funde dauern in gewissen Gegenden fort. Ostdeutschland ist dann während mehrerer Jahrhunderte fast völkerleer gewesen, bis end­ lich die Slaven das Land besiedeln. Auch unter den Westgermanen sind zu dieser Zeit grosse Verände­ rungen vor sich gegangen. Den archäologischen Verhältnissen nach zu urteilen, muss in der Zeit um 200 n. Chr. die Hauptmenge der westlich der unteren Elbe wohnenden Langobarden aufgebrochen sein, obwohl man ihre Wanderungen während der nächstfolgenden Jahrhunderte nicht verfolgen kann. Die an der deutschen Nordseeküste wohnenden Franken ziehen im 3. und 4. Jahrh. südwärts und unterwerfen sich die meisten Stämme im jetzigen Nordwestdeutschland und Holland bis zum Rhein und Main, sogar über den unteren und mittleren Rhein nach Westen hinüber. Die alten Stammsitze der Langobarden und Franken werden hauptsächlich von den früher in Holstein sitzenden Sachsen eingenommen, die allmählich noch weiter nach Süden Vordringen. Die an der Nordseeküste westlich der Em s wohnenden Friesen erweitern ihre Herrschaft nach Westen hin im jetzigen Holland und bevölkern offenbar auch den westlichen Teil des früheren Frankengebietes. End­ lich ziehen die Alemannen, die ursprünglich im Gebiete der Spree und Havel wohnten, südwärts, zuerst nach der Gegend südlich des Thüringer­ waldes, wo wir sie im Anfänge des 3. Jahrh. finden, später um 300 n. Chr. nach dem jetzigen Südwestdeutschland. Auch aus Skandinavien finden, obwohl in geringerer Ausdehnung als aus dem kontinentalgermanischen Gebiete, zu dieser Zeit Auswande­ rungen statt. Von den westdänischen Inseln bricht etwa um 250 n. Chr. ein Teil der Herulen auf, durch die aus dem mittleren Schweden, Svea­ land, kommenden Dänen vertrieben.1 Die Herulen ziehen sowohl in südwestlicher als in südöstlicher Richtung; in der 2. H älfte des 3. Jahrh. finden wir sie sowohl an der Küste Galliens als am Schwarzen Meere. 1

N e f m a n , Härstamma danerna ifrån Svealand? (in Fom vänncn 1922, S. 129 ff.).

6i In Skandinavien verschmelzen die zurückbleibenden Herulen mit den herrschenden Dänen, die wahrscheinlich nur eine Minorität gebildet ha­ ben, und nehmen deren Namen an. Zu derselben Zeit, gegen das Jah r 300 n. Chr., als die Burgunden Nordostdeutschland verlassen, brechen auch, wie bekanntlich Stjem a nachgewiesen hat, die Burgunden auf Bornholm auf, und folgen ihren kontinentalen Verwandten nach Süden; Bornholm wird durch diese Auswanderung fast menschenleer. Im Jahre 375 n. Chr. fallen die Hunnen aus Asien in Südrussland ein, die Goten zum Aufbruch zwingend, und damit fängt die eigentliche Völkerwanderungszeit an. E s ist die grosse Zeit der Germanen, wo sie zum ersten Mal eine weltgeschichtliche Rolle spielend hervortreten, wo sie das römische Reich besiegen und mächtige Reiche in Europa errichten. Über diese wohlbekannten Ereignisse, da die Westgoten, Ost­ goten und Langobarden nacheinander Italien, die Westgoten, Wandalen, Burgunden und Franken verschiedene Teile Galliens erobern, bis endlich die letztgenannten den fränkischen Staat errichten, da die Westgoten und Wandalen Spanien besetzen, die letzteren auch Teile von Nordafrika, da die Alemannen ein grosses Reich am mittleren Rhein und in den Alpenländern begründen, da die Sachsen, die aus Schleswig und Nordjüt­ land kommenden Angeln und Juten Britannien besiedeln, über diese wohlbekannten Ereignisse brauchen wir hier nicht näher zu sprechen. Während dieser Zeiten sind, was sowohl aus geschichtlichen Notizen wie aus den archäologischen Verhältnissen hervorgeht, die skandina­ vischen Germanen in grosser Ausdehnung zu den Verwandten im Süden gewandert und haben an den Kämpfen und Eroberungen derselben teil­ genommen. Diese Auswanderer haben offenbar in beträchtlichem Grade Beziehungen zu Skandinavien aufrechterhalten und sind wohl zum Teil wieder nach der Heimat zurückgewandert. In Skandinavien kann man zu derselben Zeit jedenfalls eine grössere Auswanderung konstatieren; gegen das Jah r 500 zieht, wie ich zu beweisen versucht habe,1 ein grosser Teil der Bewohner Gotlands nach dem Ostbaltikum und Westrussland, vielleicht bis nach dem oströmischen Reich. Mit dem 7. und 8. Jahrhundert treten ruhigere Verhältnisse ein. Die Germanen verschmelzen mit den alten Bewohnern der besiedelten Län-

1 N e rm a n , E n utvandring från Gotland etc. (— Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademiens Handlingar III, 114 ).

62 der und gehen in grosser Ausdehnung als Germanen unter; von den in der Völkerwanderungszeit ausgewandert en Germanenstämmen leben hauptsächlich nur die Angelsachsen als ein Germanenvolk weiter. Auch aus Skandinavien scheinen in der Zeit 600—800 keine grösseren Aus­ wanderungen stattgefunden zu haben. Indessen sind die germanischen Auswanderungen mit der Völker­ wanderungszeit nicht zu Ende. Man kann die Wikingerzüge als eine Fort­ setzung der germanischen Völkerwanderungen betrachten, die skandina­ vische Kolonien nach verschiedenen Teilen West- und Osteuropas führte, im letztgenannten Gebiete mit der Errichtung des russischen Reiches als wichtigstem Resultat. Und wie bekannt hat Germanien in späteren Zeiten immer neue Völkerwellen ausgesandt, ein Völkererguss, der in der Kolo­ nisation Amerikas, Australiens und anderer Gebiete der Welt durch die Anglosachsen seinen Höhepunkt gefunden hat.

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

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Kap. I- Der Ursprung der G erm anen .................................................. „

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II. Der Kulturniedergang Skandinaviens beim Übergang zur Eisenzeit. Auswanderungen nach Norddeutschland. Wanda­ len und Langobarden ............................................................... . . 13

„ III. Auswanderungen in der Zeit 600— 100 v. Chr. Gotländer. Burgundern Rugier. Cimbren. Teutonen ................................ 34 „ IV . Auswanderungen in der Zeit 100 v. Chr.— Chr. Geb. Goten. Gepiden ............................................................................................. 43 „

V. Schlusswort: Spätere Auswanderungen ................................ 59 Karte von N ordeuropa.................................................................... 63