Phänomenologie und Textinterpretation: Studien zur Theoriegeschichte und Methodik der Literaturwissenschaft 3110561840, 9783110561845

Die Phänomenologie hat in der Literaturwissenschaft vielfältige Spuren hinterlassen. Ihre Bedeutung für die literaturwis

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Phänomenologie und Textinterpretation: Studien zur Theoriegeschichte und Methodik der Literaturwissenschaft
 3110561840, 9783110561845

Table of contents :
Danksagung
Inhalt
1 Phänomenologische Literaturwissenschaft
2 Edmund Husserl, Roman Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie
3 Objektivationen des Geistes. Nicolai Hartmann und Emilio Betti über die Grundlagen der Geisteswissenschaften
4 Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation
5 Die phänomenologischen Grundlagen von Wolfgang Isers Theorie ästhetischer Wirkung
6 René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie
7 Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch
8 Phänomenologie: Ein toter Hund?
Literaturverzeichnis

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Jørgen Sneis Phänomenologie und Textinterpretation

Historia Hermeneutica Series Studia

Herausgegeben von Lutz Danneberg Wissenschaftlicher Beirat Christoph Bultmann · Fernando Domínguez Reboiras Anthony Grafton · Wilhelm Kühlmann · Ian Maclean Reimund Sdzuj · Jan Schröder Johann Anselm Steiger ·Theo Verbeek

Band 17

Jørgen Sneis

Phänomenologie und Textinterpretation

Studien zur Theoriegeschichte und Methodik der Literaturwissenschaft

Gedruckt mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf

ISBN 978-3-11-056184-5 e-ISBN (PDF) 978-3-11-056302-3 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-056196-8 ISSN 1861-5678 Library of Congress Control Number: 2018954594 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com

Danksagung Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2016/17 an der PhilosophischHistorischen Fakultät der Universität Stuttgart als Dissertation eingereicht. Für die Publikation wurde sie überarbeitet. Danken möchte ich an erster Stelle Prof. Dr. Andrea Albrecht für ihre Betreuung der Dissertation. Von unserem laufenden Dialog von der Entstehungsphase bis zur Abgabe und überhaupt von der produktiven Diskussionskultur in der Stuttgarter Arbeitsgruppe hat diese Arbeit zweifellos stark profitiert. Ganz herzlich danken möchte ich ebenfalls Prof. Dr. Lutz Danneberg für die KoBetreuung sowie für die Aufnahme der Arbeit in die Reihe Historia Hermeneutica. Für zahllose anregende Gespräche und für kritische Anmerkungen und Rückfragen bin ich auch Annika Differding, Katrin Hudey, Benjamin Krautter, Jens Krumeich, Kristina Mateescu, Sandra Schell, Alexandra Skowronski, Tilman Venzl, Marcus Willand und Yvonne Zimmermann zu großem Dank verpflichtet. Wertvolle Hinweise verdanke ich zudem Carlos Spoerhase. Wilhelm Schernus stand mir bei der Fertigstellung der Druckfassung mit Rat und Tat zur Seite. Auf der Internationalen Sommerschule des Deutschen Literaturarchivs Marbach sowie auf Doktorandenkolloquien in Berlin, Freiburg, Freudenstadt und Hamburg hatte ich in unterschiedlichen Stadien des Projekts Gelegenheit, einzelne Fragen mit den dortigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu diskutieren. Danken möchte ich schließlich der Gerda Henkel Stiftung, die das Dissertationsprojekt durch ein Promotionsstipendium und die Publikation der Arbeit durch einen Druckkostenzuschuss gefördert hat. Bielefeld und Spydeberg, im Sommer 2018 Jørgen Sneis

https://doi.org/10.1515/9783110563023-202

Inhalt Danksagung | V 1 1.1 1.2 1.3 1.4 2 2.1 2.2 2.3 2.3.1 2.3.2 2.3.3 2.3.4 2.3.5

2.4 2.5

Phänomenologische Literaturwissenschaft | 1 Zur Terminologie: Phänomenologie, Interpretation, Hermeneutik | 5 Die Phänomenologie als Bezugstheorie | 8 Wissenschaftshistorische und rationale Rekonstruktion | 10 Gang der Argumentation | 14 Edmund Husserl, Roman Ingarden und die phänomenologischontologische Literaturtheorie | 18 Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 21 Die Einheit und Identität des Werks. Ingardens Stratifikationsmodell | 31 Das Werk und seine Konkretisationen. Hermeneutische Problemfelder | 41 Das Primat der Bedeutung im Stratifikationsmodell. Ingardens Bedeutungsbegriff | 43 Textverstehen als Aktualisierungsverfahren und der Status der Autorintention. Ingardens Bedeutungstheorie | 46 Bedeutungszuschreibung und Bedeutungsermittlung. Ingardens Bedeutungskonzeption | 54 Unbestimmtheitsstellen und die Beschaffenheit der dargestellten Welt. Zum Verhältnis von Imagination und Interpretation | 63 Die Kohärenz des Textes, die Konsistenz der dargestellten Welt und die Ganzheit des Werks. Facetten des Interpretationsbegriffs | 69 Die Rekonstruktion des Werks als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 74 Die Rekonstruktion des Werks als die Interpretation des Textes | 83

VIII | Inhalt

3 3.1 3.2 4 4.1 4.2 5 5.1 5.2 5.3 5.4

6 6.1 6.2 6.3 6.4

7 7.1 7.2 7.3 7.4 7.5

Objektivationen des Geistes. Nicolai Hartmann und Emilio Betti über die Grundlagen der Geisteswissenschaften | 86 Nicolai Hartmanns Verstehensbegriff | 87 Emilio Bettis allgemeine Hermeneutik | 101 Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation | 111 ‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ als äquivoke Ausdrücke | 112 Stil und Welt. Emil Staiger liest Martin Heidegger | 120 Die phänomenologischen Grundlagen von Wolfgang Isers Theorie ästhetischer Wirkung | 134 Feindbild Interpretation | 135 Zur inhärenten Normativität von Isers Textbegriff | 144 Leerstellen im Text. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung | 153 Theoriebildung, Institutionengeschichte, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen | 161 René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie | 169 Die Seinsweise des literarischen Kunstwerks | 171 Die Normativität der Interpretation | 181 Das ‚Leben‘ des Werks: Eine Metapher bei Ingarden und Wellek | 191 Phänomenologie der Literatur als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 198 Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch | 202 Wider die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks. Bedeutung und Bedeutsamkeit | 204 Close reading als Lektüreideal des New Criticism | 211 Intentionalität und Bedeutung. Mit Husserl gegen Wimsatt/Beardsley | 219 Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 225 Methoden des Interpretierens und Prinzipien der Validierung | 241

Inhalt | IX

7.6 7.7 7.8

8

Horizontverschmelzung. Mit Husserl gegen Gadamer | 245 Späte Annäherung an Gadamer. Vom Umgang mit Bezugstheorien | 252 Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte | 258 Phänomenologie: Ein toter Hund? | 268

Literaturverzeichnis | 277

1 Phänomenologische Literaturwissenschaft „Phänomenologie – was ist das? Daß ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen von Husserls ersten Werken diese Frage zu stellen bleibt, mag seltsam erscheinen; und doch steht ihre Beantwortung aus.“1 Mit diesen Worten ließ Maurice Merleau-Ponty sein 1945 veröffentlichtes Hauptwerk Phänomenologie der Wahrnehmung beginnen. Was Merleau-Ponty hier aus philosophischer Sicht für die Phänomenologie im Ganzen diagnostiziert, gilt heute nicht weniger für eine phänomenologisch inspirierte Literaturwissenschaft. Dies dürfte nicht nur mit der komplexen Frage zusammenhängen, was man unter Phänomenologie nun eigentlich zu verstehen hat, sondern auch mit dem Facettenreichtum ihrer literaturwissenschaftlichen Rezeption. Die auf Edmund Husserl zurückgehende Phänomenologie gehört bekanntlich zu den Hauptströmungen der westlichen Philosophie im 20. Jahrhundert und hat auch in der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung vielfältige Spuren hinterlassen.2 So hat einerseits eine ganze Reihe von Literatur-, Kultur- und Kunsttheoretikern mit sehr unterschiedlichen Erkenntnisinteressen in Husserls Philosophie Anknüpfungspunkte gefunden (etwa Hans Blumenberg, Jacques Derrida, Michel Foucault, Käte Hamburger, Eric Donald Hirsch, Roman Jakobson, Emmanuel Lévinas, Maurice MerleauPonty, Paul Ricœur, Jean-Paul Sartre, Gustav Špet); andererseits ist bei mehreren Phänomenologen der zweiten und dritten Generation eine Transformation der Phänomenologie zu beobachten (etwa bei Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer, Roman Ingarden), die wiederum konzeptuelle Anstöße für die Literaturwissenschaft gegeben hat (wie etwa im Fall von Wolfgang Iser, Hans Robert Jauß, Emil Staiger, René Wellek). Aufgrund dieser – zum Teil sich kreuzenden und miteinander verwobenen – Rezeptionsstränge findet sich in der Literaturwissenschaft eine Vielzahl von Positionen, die ihrem Selbstverständnis und/ oder ihrer Genealogie nach als phänomenologisch zu bezeichnen sind und auch oftmals von ihren Repräsentanten selbst so bezeichnet werden. Viele dieser Ansätze gelten als moderne Klassiker. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Studien am Rande des etablierten Theoriekanons.3 Hierbei ist aber die Phäno-

|| 1 Merleau-Ponty 1945, S. 3. 2 Vgl. etwa Schmid 2010, S. 26: „Kaum zu überschätzen ist die Bedeutung von Husserls Phänomenologie für die moderne Literaturtheorie.“ 3 Vgl. etwa Pfeiffer 1931 (Dissertation über Das lyrische Gedicht als ästhetisches Gebilde bei Oskar Becker und Edmund Husserl); Pfeiffer 1936 (eine phänomenologisch, nicht zuletzt von Heidegger inspirierte Poetik; vgl. dazu Richter 2010a, S. 228–233); Martínez-Bonati 1960 (zur Narratologie); Poulet 1969 (als Beispiel für die Arbeiten der sogenannten Genfer Schule; vgl. https://doi.org/10.1515/9783110563023-001

2 | Phänomenologische Literaturwissenschaft

menologie keineswegs nur historisch von Relevanz. Auch diesseits der Jahrtausendwende ist ein anhaltendes bzw. neu auflebendes Interesse für die Phänomenologie zu beobachten, wobei die gegenwärtigen Reaktualisierungsbemühungen von ganz unterschiedlicher Art sind – sei es in Bezug auf den Begriff,4 die Funktionen,5 die Materialität6 oder Medialität7 der Literatur, im Bereich der gender studies,8 postcolonial studies9 oder cognitive poetics,10 in Bezug auf speziellere Fragen wie die nach dem Wahrheitswert von Literatur11 oder auf die Interpretation einzelner Werke.12 Festhalten lässt sich allemal: Die Phänomenologie ist aus der Literaturwissenschaft nicht mehr wegzudenken. Angesichts dieser Situation ist eine eigentümliche Forschungslage zu verzeichnen. Gemessen an der vielfältigen Rezeption und persistierenden Präsenz der Phänomenologie in der Literaturwissenschaft hat sich das Fach verhältnismäßig wenig um eine historische Aufarbeitung der phänomenologischen Theoriebildung gekümmert – etwa um die Frage, wie dieser Import aus der Philosophie die Disziplinengenese beeinflusst hat, welche methodischen Prägungen || dazu Magliola 1977, S. 19–56; Lawall 2012); Leibfried 1970 (zum literaturwissenschaftlichen Interpretieren; siehe dazu Kap. 4 dieser Arbeit); Lobsien 1975 (zur Illusionsbildung in der Literatur); Eykman 1977 (zur Interpretation von Literatur; siehe dazu Kap. 4 dieser Arbeit); Sandor 1979 (zum Werkbegriff); Smuda 1979 (zur Gegenstandskonstitution in der Literatur und bildenden Kunst); Kaelin 1999 (unter anderem zur ästhetischen Wertschätzung literarischer Texte). 4 Vgl. Lobsien 2012 (im Rekurs auf Husserl, Ingarden und Blumenberg). 5 Vgl. Felski 2008, bes. S. 16–19 (unter anderem im Rekurs auf Ricœur). 6 Vgl. Benne 2015, bes. Kap. 2.1 (im Rekurs auf Figal 2006; zu Figals Ansatz vgl. Thaning 2016). 7 Vgl. Polaschegg 2015; Polaschegg 2018 (im Rekurs auf Husserl und Iser). 8 Vgl. die Einschätzung von Anker 2013, S. 51: „[O]ne field that has consistently been receptive to Merleau-Ponty is feminist and gender studies.“ Vgl. etwa Butler 1988. Bereits in ihrer klassischen Studie Le Deuxième Sexe hatte sich Simone de Beauvoir auf den ‚phänomenologischen‘ Begriff vom Körper berufen (vgl. de Beauvoir 1949, S. 59). Die Unterscheidung zwischen Körper und Leib spielt schon in Husserls Spätwerk eine wichtige Rolle (vgl. dazu Zahavi 2009, S. 101– 113). 9 Vgl. etwa die Diskussion in Drabinski 2011 (mit Blick auf Lévinas). Zu „Levinas and Ethical Criticism in the 21st Century“ vgl. außerdem Amiel-Houser/Mendelson-Maoz 2014. 10 Vgl. Schneider 2015, bes. S. 252f. (im Rekurs auf Iser); ferner Hamilton/Schneider 2002. Siehe dazu auch Kap. 5 dieser Arbeit. Punktuelle Rückbezüge auf die Phänomenologie gab es bereits in der empirischen Literaturwissenschaft (S. J. Schmidt, N. Groeben). 11 Vgl. Geisenhanslüke 2015 (unter anderem im Rekurs auf Husserl, Derrida, Heidegger, Gadamer). 12 Vgl. die Beiträge in Sepp/Trinks 2003. – Von dem gegenwärtigen Interesse an der Phänomenologie zeugt beispielsweise auch die Neuübersetzung von Husserls Ideen I ins Französische (übers. von Jean-François Lavigne), die die bisherige Übersetzung von Paul Ricœur ersetzt.

Zur Terminologie: Phänomenologie, Interpretation, Hermeneutik | 3

daraus hervorgehen und was eine Phänomenologie auf literaturwissenschaftlichem Boden leisten soll bzw. tatsächlich leistet. Zum größten Teil hat die Vermessung dessen, was heute unter der Sammelbezeichnung ‚Phänomenologische Literaturwissenschaft‘ firmiert,13 innerhalb der phänomenologischen Theoriebildung selbst stattgefunden,14 naturgemäß durch eher punktuelle und von Eigeninteresse vorgezeichnete Rückbezüge auf Vorgängertheorien. Dadurch ist freilich nicht nur ein recht unvollständiges, sondern mitunter auch ein undifferenziertes Bild entstanden, das bis in die Gegenwart fortwirkt. So ist es z. B. bemerkenswert, dass bedeutende Literaturtheoretiker wie René Wellek und Eric Donald Hirsch gemeinhin nicht als phänomenologische Literaturtheoretiker gelten, obwohl sie sich ganz dezidiert auf die Phänomenologie berufen. Ein Gleiches gilt für die verbreitete (und äußerst klärungsbedürftige) Vorstellung, eine Phänomenologie der Literatur zeichne sich durch eine besondere Unmittelbarkeit oder Sachnähe aus. In der vorliegenden Arbeit soll es nicht darum gehen, eine eigene phänomenologisch fundierte Literaturtheorie oder Methode der Textinterpretation zu entwerfen. Vielmehr sollen ausgewählte Stationen der literaturwissenschaftlichen Appropriation phänomenologischen Gedankenguts rekonstruiert werden, und zwar mit besonderem Augenmerk auf die Interpretationstheorie. Im Fokus steht das theoretische Werk von Roman Ingarden, Nicolai Hartmann, Emilio Betti, Emil Staiger, Wolfgang Iser, René Wellek und Eric Donald Hirsch, mit einem Seitenblick auf Hans-Georg Gadamer. Diese Literatur- und Interpretationstheoretiker haben nicht nur gemeinsam, dass sie für die Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert Stichwortgeber gewesen sind und beträchtlich zu den methodologischen Diskussionen im Fach beigetragen haben. Sie haben sich auch in der einen oder anderen Weise mit der Phänomenologie auseinandergesetzt und versucht, diese für die Literaturwissenschaft oder auch für die Geis-

|| 13 Vgl. Schnackertz 2003. Phänomenologische Literaturwissenschaft wird hier definiert als eine „[a]n der Phänomenologie orientierte Betrachtungsweise von Literatur“ (S. 62). Vgl. auch Schnackertz 2013. 14 Vgl. Schnackertz 2003, S. 64. Wie Schnackertz zu Recht bemerkt, gibt es durchaus Ausnahmen, z. B. die relativ umfangreiche Ingarden-Forschung. Um eine Analyse des Einflusses der Phänomenologie auf die Literaturwissenschaft bemühen sich aus unterschiedlichen Perspektiven Apel 1955/57; Konstantinović 1973; Magliola 1977; Krenzlin 1979; Smuda 1983; Lobsien 1988; Magliola 1989; die Beiträge in Kreuzer 1975; die Beiträge in Vandevelde 2010. Weniger einschlägig ist (trotz des vielversprechenden Titels) Mueller-Vollmer 1979. – Da eine klare Grenze zwischen Untersuchungsgegenstand und Forschungsliteratur oftmals nur schwer zu ziehen ist, wird hier auf einen einleitenden Forschungsüberblick verzichtet. Verwiesen sei stattdessen auf die Ausführungen in den einzelnen Kapiteln.

4 | Phänomenologische Literaturwissenschaft

teswissenschaften im Allgemeinen fruchtbar zu machen. Die Bezugnahme auf die Phänomenologie gestaltet sich allerdings nicht immer gleich. Es werden, ganz grundsätzlich gesprochen, Elemente aus der Philosophie sowie aus anderen Theorien in die Literaturwissenschaft importiert, um bestimmte Probleme zu lösen. Die Funktion und der Stellenwert solcher Theorie-Elemente variieren aber stark in den verschiedenen Ansätzen, und zwar nicht nur mit dem wissenschaftshistorischen Kontext und dem zu lösenden Problem, sondern auch mit den jeweiligen Zielsetzungen und besonderen Vorannahmen der Akteure. In diesem Sinne wird es im Folgenden vor allem um die Frage gehen, wie spezifisch phänomenologische Theoreme und Begriffe, aber auch theoriegeleitete Metaphern aus der Philosophie in die Literaturwissenschaft eingewandert sind und hier in bestimmten epistemischen Situationen15 Begründungsfunktionen übernehmen konnten. Mit dieser historischen Rekonstruktionsarbeit verbindet sich ein systematisches Interesse, das auf die Charakteristika der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung selbst abhebt und auch die Auswahl der Fallstudien bedingt (dazu unten mehr). So verfolgt also diese Arbeit letztlich ein doppeltes Ziel, ein historisches und ein systematisches. Sie will einerseits einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert leisten.16 Wenn dabei die Interpretationstheorie im Zentrum steht, ist dies keine beliebige Eingrenzung. Denn jenseits aller Theorie- und Methodendebatten, Konjunkturen und turns, die es in der Literaturwissenschaft gegeben hat, gehörte die Interpretation von Texten stets zum Kerngeschäft der Disziplin.17 Somit wird die Wissenschaftsgeschichte der Literaturwissenschaft – zumindest zum Teil – als die Entwicklung von wissenschaftsfähigen Interpretationskonzeptionen fassbar: Mit den Normen der Rechtfertigung von Interpretationen verbinden sich Fragen nach den Aufgaben, dem Wissenschaftlichkeitsanspruch und dem Status des Faches. Dies ist auch der Punkt, an dem das systematische Interesse ansetzt. Denn indem Problemlösungsstrategien und Begründungsmodi in der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung kontextsensibel analysiert und vergleichend auf ihr theoretisches und methodisches Potential hin befragt werden, sucht diese Arbeit andererseits auch Teile der gegenwärtigen Theoriediskussion

|| 15 Zu diesem Begriff und zum dahinterstehenden Konzept einer historischen Epistemologie vgl. Albrecht et al. 2016, bes. S. 140; davor schon Danneberg 2006. 16 Hier kann an die Leistungen der bisherigen Fachgeschichtsschreibung angeknüpft werden. Einen Einblick bieten die entsprechenden Artikel im 2007 erschienenen Handbuch Literaturwissenschaft. 17 Dies ist immer wieder hervorgehoben worden. Vgl. etwa Kablitz 2013, S. 92.

Zur Terminologie: Phänomenologie, Interpretation, Hermeneutik | 5

einer Revision zu unterziehen und einen analytischen Beitrag zur aktuellen philologischen Hermeneutik zu leisten. Was damit im Einzelnen gemeint ist, wird in den Fallstudien und dem als Ausblick angelegten Schlusskapitel gezeigt.

1.1 Zur Terminologie: Phänomenologie, Interpretation, Hermeneutik Wie die eingangs zitierte Stelle bei Merleau-Ponty bezeugt, kann es nicht einmal unter den Phänomenologen als ausgemacht gelten, was unter dem Ausdruck ‚Phänomenologie‘ zu verstehen ist. So ist es kaum verwunderlich, dass er in der Literaturwissenschaft nicht einheitlich verwendet wird. Manchmal wird der Ausdruck mit Verweis auf einzelne Philosophen in einem streng terminologischen Sinne verwendet; manchmal aber auch in einem weniger strikten, wenn nicht sogar alltagssprachlichen Sinne, wobei dann meist – in nur punktueller Übereinstimmung mit der philosophischen Begriffsverwendung – so etwas wie eine Bestandsaufnahme, eine genaue Beschreibung von Beobachtungen oder auch die schlichte Hinnahme von Gegebenem gemeint ist. Wenn in dieser Arbeit von Phänomenologie die Rede ist, dann wird der Begriff stets einzelnen Philosophen zugeordnet, und zwar Philosophen jener Strömung, die auf Edmund Husserl zurückgeht. Diese Einschränkung ist insofern wichtig, als das Wort schon im 18. und 19. Jahrhundert im Gebrauch ist (etwa bei J. H. Lambert und Hegel) und auch im 20. Jahrhundert nicht notwendigerweise einen Rekurs auf Husserl markiert.18 Das Vorkommnis des Wortes ‚Phänomenologie‘ in einem

|| 18 Vgl. etwa Alexander Pfänders 1900 erschienene Phänomenologie des Wollens. Zu diesem Zeitpunkt konnte Pfänder, der später seine Logik Husserl widmen sollte, von den Logischen Untersuchungen und dem Siegeszug der Phänomenologie noch nichts wissen (vgl. dazu Ingarden 1967a, S. 1). Zur Begriffsgeschichte vgl. Thiel 1995, S. 115. Thiel unterscheidet zwischen einem weiten und einem engen Phänomenologie-Begriff: Die Phänomenologie im weiteren Sinne gehe auf die Wahrheitstheorie von J. H. Lambert in seinem Neuen Organon (1764) zurück; im engeren Sinne sei dagegen die von Husserl begründete philosophische Strömung gemeint. Im Husserl-Lexikon wird die Phänomenologie als eine philosophische Disziplin gefasst: „Die P[hänomenologie] verdient die Bezeichnung ‚Disziplin‘, weil sie ihre Eigenart nicht in erster Linie den intellektuellen Überzeugungen Husserls verdankt, sondern der Festlegung eines bestimmten Forschungsgebiets und der ihm angemessenen Methoden, die sich im Werk Husserls erstmals ausdrückt“ (Staiti 2010, S. 229).

6 | Phänomenologische Literaturwissenschaft

literaturtheoretischen Text impliziert also nicht, dass es sich um eine phänomenologische Literaturtheorie im hier gemeinten Sinne handelt.19 In einem für die Encyclopædia Britannica verfassten Artikel hat Husserl selbst die Phänomenologie wie folgt charakterisiert: „Phänomenologie“ bezeichnet eine an der Jahrhundertwende in der Philosophie zum Durchbruch gekommene neuartige deskriptive Methode und eine aus ihr hervorgegangene apriorische Wissenschaft, welche dazu bestimmt ist, das prinzipielle Organon für eine streng wissenschaftliche Philosophie zu liefern und in konsequenter Auswirkung eine methodische Reform aller Wissenschaften zu ermöglichen.20

In dieser kurzen – und nicht gerade bescheidenen – Bestimmung sind vier Kernbestandteile der phänomenologischen Philosophie benannt. Husserl fasst sie (1) als deskriptiv und (2) als apriorisch. Was dies zu bedeuten hat, wird deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, womit sich die Phänomenologie befasst. Husserl hatte die Phänomenologie als eine Methode der Bewusstseinsanalyse konzipiert. Als solche ist sie deskriptiv. Auf diesem Wege wollte er Bewusstseinsstrukturen aufdecken, die aller konkreten Erfahrung vorausliegen und diese Erfahrungen überhaupt erst ermöglichen. Insofern ist die Phänomenologie apriorisch. Schon zu Husserls Lebzeiten ist es freilich zu einer gewissen Verselbständigung des deskriptiven Elements gekommen. So bemerkt Martin Heidegger in Sein und Zeit, der Ausdruck ‚Phänomenologie‘ bezeichne zunächst eine „Behandlungsart“ und sei so primär ein „Methodenbegriff“.21 In diesem Sinne ist Husserls Phänomenologie nicht selten als eine „Deskriptionskunst“ aufgefasst worden.22 Nicht weniger wichtig war aber für Husserl selbst ihr apriorischer Charakter, wobei die Phänomenologie (3) das Organon einer wissenschaftlichen Philosophie abgeben sollte. Husserl hat sich ausdrücklich || 19 So bemerkt etwa Käte Hamburger in Die Logik der Dichtung, diese Logik sei eine „Phänomenologie der Dichtung“, wobei die Rede von Phänomenen jedoch nicht im Sinne von Husserl oder Hegel zu verstehen sei, sondern vielmehr im Sinne von Goethe (Hamburger 1957, S. 4). 20 Husserl 1927, S. 277. Zitiert wird hier nach der deutschen Originalfassung, nicht nach der recht freien und mitunter etwas unglücklichen englischen Übersetzung, die in der Encyclopædia Britannica erschienen ist. Auf diesen Lexikonartikel, der ein breiteres, nicht unbedingt philosophisch versiertes Publikum in die Phänomenologie einführen soll, ist in der Forschung immer wieder verwiesen worden. Vgl. Kockelmans 1994, Kap. 1, bes. S. 30–32; vgl. ferner die Einschätzung von Klaus Held: „Demjenigen, der eine kurze und gut lesbare Vorstellung der Phänomenologie aus Husserls eigener Feder sucht, sei der Encyclopaedia BritannicaArtikel empfohlen […]“ (Held 1985, S. 10). 21 Heidegger 1927, S. 27 (das Wort ‚Methodenbegriff‘ im Original kursiv). 22 Gadamer 1975, S. 481; Gadamer 1983, S. 102, 103; Gadamer 1985, S. 182. Vgl. bereits Gadamer 1960, S. 5.

Zur Terminologie: Phänomenologie, Interpretation, Hermeneutik | 7

dafür ausgesprochen, die Philosophie als „strenge Wissenschaft“ anzulegen,23 was unter anderem besagt, dass sie keine bloße Weltanschauungslehre sein soll,24 sondern vielmehr nach voraussetzungsloser,25 vorurteilsloser und letztbegründeter Erkenntnis zu streben hat – und in diesem Sinne soll die Phänomenologie auch (4) eine Grundlage für alle weiteren Wissenschaften bilden. Dem eigenen Anspruch nach müsste die Phänomenologie somit auch für die Literaturwissenschaft das Fundament liefern können. Entscheidend bleibt aber im Hinblick auf die literaturwissenschaftliche Theoriebildung, auf wessen Phänomenologie sich der jeweilige Literaturtheoretiker bezieht und welche Bestandteile der phänomenologischen Philosophie dabei aktiviert werden. Da bislang mehrmals von Interpretation und Interpretationstheorie, aber auch von Hermeneutik die Rede war, seien auch diese Begriffe hier kurz erläutert. Indem es in dieser Arbeit vor allem um Interpretationstheorie gehen soll, wird aber zur genaueren Bestimmung in den einzelnen Kapiteln immer wieder darauf zurückzukommen sein. Wenn im Folgenden von Interpretation die Rede ist, dann handelt es sich grundsätzlich um einen literaturwissenschaftlichen bzw. philologischen Interpretationsbegriff. Es geht also z. B. nicht um die Frage, inwiefern Interpretation eine intrinsische Eigenschaft von Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen überhaupt darstellt.26 Gemeint ist vielmehr eine Tätigkeit, die von professionellen Literaturwissenschaftlern in einem institutionellen Rahmen ausgeübt wird. Was den Ausdruck ‚Hermeneutik‘ betrifft, so ist es sinnvoll, zwischen der Singular- und Pluralform zu unterscheiden.27 Unter Hermeneutik (im Singular) wird eine Disziplin verstanden,28 die das Verstehen und Interpretieren zum Gegenstand hat, eine Geschichte hat und sich aus lauter Hermeneutiken (im Plural) zusammensetzt – oder wenn man so will: aus lauter Interpretationstheorien. In diesem Sinne werden die Adjektive ‚hermeneutisch‘ || 23 Husserl 1911. Vgl. auch Bernet/Kern/Marbach 1996, S. 11: „Husserls ganzes philosophisches Werk bewegt sich im magnetischen Feld des Begriffs der Wissenschaft.“ 24 In einer posthum erschienenen Selbstdarstellung heißt es: „Gegen die überhandnehmende Verwirrung der Ziele einer Weltanschauungsphilosophie […] und einer wissenschaftlichen Philosophie tritt Husserl für das ewige Recht der letzteren ein, ihren echten Sinn neu bestimmend“ (Husserl 1949, S. 250f.). Wie man inzwischen weiß, ist der als Selbstdarstellung deklarierte Artikel in Wirklichkeit von Husserls Assistent Eugen Fink verfasst worden; vgl. Husserl 1949, S. 245, Anm. 25 Vgl. hierzu auch Husserl 1901, S. 24. 26 Vgl. Kindt/Köppe 2008, S. 7–9 (im Rückgriff auf Spree 1995, S. 44–51). 27 Vgl. Köppe/Winko 2013, S. 6 (im Rückgriff auf Lamping 1996). 28 Von der Hermeneutik als Disziplin spricht auch Scholz 2015b, S. 778. Man könnte auch z. B. von einem Zweig der Erkenntnistheorie sprechen. Auf die genaue Verortung dieser Disziplin kommt es an dieser Stelle nicht an.

8 | Phänomenologische Literaturwissenschaft

und ‚interpretationstheoretisch‘ in dieser Arbeit weitgehend synonym verwendet, wenn auch mit dem Unterschied, dass der Ausdruck ‚hermeneutisch‘ oftmals die normative Dimension des Interpretierens herausstreichen soll. Dient der Ausdruck ‚Interpretationstheorie‘ als eine eher deskriptive und gleichsam technische Bezeichnung, so wird unter einer Hermeneutik eine Methodologie verstanden, also eine Interpretationstheorie, die zugleich ein bestimmtes Interpretationsziel sowie eine Verfahrensweise, wie dieses Ziel zu erreichen ist, empfiehlt. Mit der Zielsetzung geht eine Normativität einher, die zwischen gelungenen und weniger gelungenen Deutungen zu unterscheiden erlaubt. Dabei soll es im Folgenden, dem primären Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft entsprechend, um die Interpretation von Texten gehen, nicht etwa von Bildern oder anderen Artefakten. Sofern es primär um das disziplinär verankerte Interpretieren und Verstehen literarischer Texte geht, handelt es sich um eine literaturwissenschaftliche bzw. philologische Hermeneutik, nicht etwa um eine philosophische, theologische oder juristische.29

1.2 Die Phänomenologie als Bezugstheorie In einem jüngst erschienenen Handbuch zur Hermeneutik wird Husserl neben Luther, Schleiermacher, Boeckh, Dilthey und anderen als eine major figure in der Geschichte der Hermeneutik präsentiert.30 Dies ist insofern überraschend, als Husserl zur Hermeneutik als Disziplin keinen direkten Beitrag geleistet hat. Dem besagten Handbuch zufolge kommt ihm aber dennoch dieser Status zu, und zwar als einem wichtigen Impulsgeber für die Hermeneutik, sofern die von ihm begründete Phänomenologie in der Geschichte der Hermeneutik im 20. Jahrhundert vielfach Niederschlag gefunden habe.31 Ähnlich verhält es sich mit der Ästhetik, die ebenfalls bei Husserl selbst keine nennenswerte Rolle spielt.32 || 29 Wie sich etwa eine materiale Hermeneutik (vgl. Nassen 1979), eine kognitive Hermeneutik (vgl. Tepe 2007) oder eine naturalistische Hermeneutik (vgl. Madonna 2013) zu dieser disziplinären Zuordnung verhält, wäre im Einzelnen zu klären. 30 Vgl. Keane/Lawn 2016, Teil IV. 31 Vgl. Vandevelde 2016, S. 383. Die enge Verbindung zwischen Phänomenologie und Hermeneutik ist im Bereich der Philosophie oft herausgestellt worden, meist im Ausgang von Heidegger und Gadamer. Zu unterscheiden ist aber zwischen einer philosophischen und einer methodischen/philologischen Hermeneutik (vgl. Danneberg 1995). Die Bedeutung der Phänomenologie für die Entwicklung der philologischen Hermeneutik ist bislang nicht annähernd mit gleicher Aufmerksamkeit behandelt worden. 32 Vgl. jedoch den immer wieder gern zitierten Brief von Husserl an Hugo von Hofmannsthal vom 12. Januar 1907, in dem er ausführlich über die Ähnlichkeit zwischen einer ästhetischen

Die Phänomenologie als Bezugstheorie | 9

Mit spezifisch literaturwissenschaftlichen Fragestellungen hat er sich überhaupt nicht befasst. Bereits wenige Jahre nach dem Erscheinen der Logischen Untersuchungen, des 1900/1901 publizierten ‚Gründungswerks‘ der Phänomenologie, finden sich aber die ersten Versuche, das literarische Werk phänomenologisch zu fassen. So versucht etwa Waldemar Conrad in einem frühen Aufsatz, die Eigenart der Literatur (in seiner Terminologie: des Wortkunstwerks) im Rückgriff auf die Bedeutungstheorie zu beschreiben, die Husserl in den Logischen Untersuchungen entwickelt hatte.33 Damit ist Conrad der erste, der zu literaturtheoretischen Zwecken auf die Phänomenologie als Bezugstheorie rekurriert. Will man Rekurse wie diesen genauer analysieren, ist es sinnvoll, den Aufbau der betreffenden Theorie zu beschreiben. Wie Tilmann Köppe und Simone Winko ausgeführt haben, setzen sich Literaturtheorien aus verschiedenen „Bausteinen“ zusammen.34 In diesem Zusammenhang sprechen sie auch von Bezugstheorien, die der betreffenden Literaturtheorie selbst logisch vorausgehen: Als ‚Bezugstheorien‘ werden […] solche Theorien bezeichnet, die in anderen Disziplinen entwickelt worden sind und deren Annahmen oder Konzepte in eine Literaturtheorie übernommen werden. Literaturwissenschaftler importieren ihre Bezugstheorien am häufigsten aus der Soziologie, Psychologie, Philosophie und Linguistik. Diese Importe finden sich in Literaturtheorien z. B. in der Form von Annahmen über die Funktionsweise von Sprache und Gesellschaft, über die menschliche Psyche oder die Verlaufsgesetze von Geschichte. Sie zählen oft zu den Grundannahmen der Theorie und prägen deren Terminologie.35

Diese Art von Theorieimport gibt es grundsätzlich immer in der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung, mithin auch in Literatur- und Interpretationstheorien, sofern – mehr oder weniger bewusst – bestimmte Vorannahmen und allgemeine Überzeugungen im Spiel sind, die nicht im Rahmen der betreffenden || Einstellung und der Einstellung des Phänomenologen kontempliert: „Das phänomenologische Schauen ist also nahe verwandt dem ästhetischen Schauen in ‚reiner‘ Kunst; nur freilich ist es nicht ein Schauen um ästhetisch zu genießen, vielmehr darauf hin wieder zu forschen, zu erkennen, wissenschaftliche Feststellungen einer neuen (der philosophischen) Sphäre zu constituiren“ (zit. nach Husserl 1994a, S. 135). Ferdinand Fellmann hat diesen Gedanken aufgegriffen und versucht, die Phänomenologie als ästhetische Theorie zu beschreiben; vgl. Fellmann 1982, S. 57–65; Fellmann 1989. Zur Geschichte der phänomenologischen Ästhetik im engeren Sinne vgl. Ziegenfuß 1928; Bensch 1994; Sepp/Embree 2010. 33 Vgl. Conrad 1908/09, Teil II. 34 Köppe/Winko 2013, S. 11. 35 Köppe/Winko 2013, S. 11.

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Theorie selbst geklärt werden können. Ansonsten wäre letztlich jede Theorie für fast alles zuständig. Auch wenn der Literaturtheoretiker nicht unbedingt souverän über ‚fertig‘ ausformulierte Theorien aus anderen Disziplinen verfügen muss, bevor er sich zu Wort meldet, gibt es sehr wohl so etwas wie Möglichkeitsbedingungen der Argumentation im Rahmen einer Literaturtheorie – und diese Möglichkeitsbedingungen lassen sich rekonstruieren. In diesem Sinne ist hier die Rede von Bezugstheorien zu verstehen. Wie im Folgenden an einigen Beispielen zu zeigen ist, hat die Phänomenologie vor allem als Bezugstheorie in die Literaturwissenschaft Eingang gefunden, und nicht als eine Methode der Textanalyse, obwohl Husserl, Heidegger und andere die Phänomenologie im Rahmen der Philosophie als eine Methode beschrieben haben.36 Die literaturwissenschaftliche Rezeption der Phänomenologie zu untersuchen, heißt somit, sich mit jenen ‚Bausteinen‘ von Theorien zu befassen, also mit allgemeinen und gegenstandsspezifischen Vorannahmen etwa über Sprache, Kommunikation, Gesellschaft, Geschichte; über den Begriff und die Funktionen von Literatur; sowie über die Ziele und Methoden des literaturwissenschaftlichen Interpretierens.

1.3 Wissenschaftshistorische und rationale Rekonstruktion Die immer wieder geführte Diskussion über die gemeinsamen (oder fehlenden) Standards in der Literaturwissenschaft37 vermittelt neben einem anhaltenden Krisendiskurs38 und einer Vielzahl von turns39 das Bild einer gespaltenen Disziplin. Jenseits solcher Diskussionen über die Lage und Ausrichtung des Faches lassen sich aber einige Kernbereiche der literaturwissenschaftlichen Praxis identifizieren, die einigermaßen stabil sind: (1) Edition und Kommentierung (2) Interpretation (3) Literaturgeschichtsschreibung

|| 36 Gelegentlich ist in der Literaturwissenschaft tatsächlich von einer phänomenologischen Methode die Rede gewesen (vgl. etwa Grisebach 1970, S. 39–52), dies ist allerdings nicht mehr üblich (vgl. Fricke 1991a, S. 171f.; daran anschließend Vogt 2008, S. 207–209). 37 Vgl. etwa die Diskussion in Journal of Literary Theory 5.2 (2011); Germanisch-Romanische Monatsschrift 65.1 (2015). 38 Vgl. etwa die Diskussion in Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 89.4 (2015). 39 Vgl. etwa die Diskussion in Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Heft 172 (2013); die Beiträge in Liebrand/Kaus 2014.

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(4) Gegenstandstheorie und Methodologie (Literaturtheorie) als die theoretische Begründung und Konzeptualisierung von (1) bis (3). (5) Fachgeschichte als die historiographische Rekonstruktion und problemorientierte Reflexion von (1) bis (4).40 Die vorliegende Arbeit widmet sich der Rekonstruktion und problemorientierten Reflexion (5) von literaturwissenschaftlicher Gegenstandstheorie und Methodologie (4), und zwar im Hinblick auf das Interpretieren von Texten (2). Während dabei die Tätigkeitsbereiche (1) bis (3) und in anderer Weise auch (4) ihre Legitimität direkt aus dem angenommenen Wert der Literatur beziehen, speist sich die Legitimität von (5) aus dem angenommenen Wert der Literaturwissenschaft, in diesem Fall der Interpretationstheorie.41 Dieser Ebenenwechsel scheint wiederum andere Legitimationsfragen nach sich zu ziehen. Jörg Schönert bemerkt dazu: Sobald sich in den Philologien die Wissenschaft selbst zum Gegenstand wird, scheiden sich die Geister. Die einen sehen darin die Aktion einer dauerhaft notwendigen Selbstreflexion zur Selbstbestimmung und Weiterentwicklung der Disziplinen, die anderen verstehen solche Unternehmungen als Fahnenflucht vor dem ‚eigentlichen philologischen Auftrag‘.42

In dieser Arbeit wird für die erste Gruppe Partei ergriffen. Sie schließt sich der Ansicht an, dass Fachgeschichte zum „Stimulus der Selbstveränderung, der Selbsterneuerung und Selbstverbesserung der Literaturwissenschaft“ werden kann.43 Die Fachgeschichtsschreibung sollte aber, wie Schönert hervorhebt, nicht lediglich ‚rückwärtsgewandt‘ rekonstruieren, sondern auch grundsätzlich zum Ziel haben, „in die wissenschaftliche Praxis einzuwirken (‚zu intervenie-

|| 40 Diese Übersicht geht auf ein Thesenpapier von Jörg Schönert zurück, das er im November 2015 auf einem Stuttgarter Workshop vorgelegt hat. 41 Man könnte sagen: Die historiographische Rekonstruktion und problemorientierte Reflexion verfährt im Hinblick auf (4) methodologisch oder theoriegeschichtlich, im Hinblick auf (1) bis (3) dagegen praxeologisch. Diese Verfahrensweise deckt sich nicht mit dem inzwischen etablierten Praxeologie-Begriff; dazu grundlegend Martus/Spoerhase 2009. 42 Schönert 2000, S. XVII. In diesem Sinne hegt beispielsweise Rainer Warning den Verdacht, „daß man Wissenschaftsgeschichte dann zu betreiben beginnt, wenn einem zu dieser Wissenschaft selbst nichts Neues mehr einfällt“ (Warning 2003, S. 64). Nach Schönert ist die Fachgeschichte im engeren Sinne als Teilbereich einer fachbezogenen Wissenschaftsforschung zu verstehen; vgl. Schönert 2000, bes. S. 20f. 43 Weimar 1991, S. 156 (im Original zum Teil kursiv).

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ren‘) und Vorgaben für disziplinäre Entwicklungen zu erarbeiten“.44 Aber wie hat man sich genau eine Rekonstruktionsarbeit vorzustellen, die einerseits die historische Situiertheit von Theorien und die Komplexität der wissenschaftlichen Entwicklung ernst nimmt und andererseits eine intervenierende und regulierende Funktion beansprucht? In jeder Rekonstruktion steckt implizit die Annahme, dass dasjenige, was rekonstruiert werden soll, erläuterungsbedürftig ist. Zu klären bleibt aber, was eine Re-Konstruktion eigentlich beinhaltet. In der (analytischen) Philosophie und Wissenschaftstheorie, aber auch in Teilen der Ideengeschichte hat sich als Verfahren die sogenannte rationale Rekonstruktion von Theorien und Argumenten etabliert. Nach Wolfgang Stegmüller, auf den dieses Verfahren im Wesentlichen zurückgeht, gibt es grundsätzlich zwei Arten der Beschäftigung mit historisch überlieferten Theorien bzw. mit philosophischen Systemen: einerseits die „Direktinterpretation“, andererseits die „rationale[] Rekonstruktion“.45 Während dabei die Direktinterpretation auf dasjenige abzielt, „was ein Philosoph wirklich meinte“,46 wird die betreffende Theorie in der rationalen Rekonstruktion im Lichte der fortgeschrittenen bzw. aktuellen Rationalitätsstandards und des zwischenzeitlich erworbenen Wissens betrachtet. In diesem Sinne ist die rationale Rekonstruktion mit der Zielsetzung verbunden, die untersuchte Theorie zu aktualisieren und zu verbessern.47 Als Kriterien einer rationalen Rekonstruktion nennt Stegmüller (a) begriffliche Präzision, (b) logische Konsistenz und (c) Similarität, verstanden als eine Ähnlichkeit mit der Ausgangstheorie auf inhaltlicher Ebene.48 Am besten lässt sich dieses Similaritätskriterium als Zuschreibbarkeit verstehen: Die rekonstruierte Theorie muss der Ausgangstheorie in dem Sinne entsprechen, dass sie dem betreffenden Philosophen oder Theoretiker noch zugeschrieben werden kann. Auch wenn die drei Kriterien heterogen sind, handelt es sich in allen drei Fällen um Adäquatheitsbedingun-

|| 44 Schönert 2000, S. XX. Vgl. auch S. XXIV: „Wissenschaftsforschung sieht Wissenschaftsentwicklung als erklärbaren und beeinflußbaren Prozeß an; sie gewinnt Reflexionswissen und Wissen, das zugunsten der Steuerung von Wissenschaftsentwicklungen genutzt wird (bis hin zum besseren ‚Funktionieren‘ von Wissenschaft, zur Optimierung von Forschungsleistungen) […].“ 45 Stegmüller 1970, S. 1 (im Original jeweils kursiv). 46 Stegmüller 1970, S. 1. 47 Vgl. hierzu Bühler 2002, S. 117; Groeben/Pahlke 2016, S. 85. 48 Vgl. Stegmüller 1970, S. 2; dazu Groeben/Pahlke 2016, S. 85.

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gen, die die Rekonstruktionsarbeit anleiten sollen und nach denen sich die Rekonstruktion auch bewerten lässt.49 Die Unterscheidung zwischen Interpretation und Rekonstruktion ist durchaus sinnvoll, denn interpretiert werden vorerst einzelne Texte, rekonstruiert hingegen (textübergreifende) Theorien. Der Vorzug einer rationalen Rekonstruktion besteht ferner darin, dass vorliegende Theorien gleichsam auf den neuesten Stand gebracht und somit diskutierbar (kritisierbar oder anschlussfähig) gemacht werden können.50 Problematisch ist dieses Verfahren jedoch, sofern es ein anachronistisches Element enthält: In der Tat weichen wir […] bei der rationalen Rekonstruktion davon ab, was der Autor tatsächlich beabsichtigt hat und was er gedacht hat. Die rationale Rekonstruktion sagt uns, was der Autor hätte sagen sollen, wenn er gewusst hätte, was wir wissen, und wenn er in höherem Ausmaße rational gewesen wäre, als er es tatsächlich war. Sie ist natürlich anachronistisch, da sie Standards und Informationen benutzt, die dem Autor des Textes nicht bekannt waren oder nicht bekannt sein konnten.51

Als problematisch erweist sich vor diesem Hintergrund vor allem, wie die Zuschreibbarkeit von Argumenten und theoretischen Einsichten gewahrt bleiben kann.52 Wie Norbert Groeben und A. Florian Pahlke bemerken: „Rationale Rekonstruktion ist ein Instrument zur (präziseren, konsistenteren) Elaboration vorliegender Theorien, nicht zur eigenständigen Neukonstruktion (Stipulation)

|| 49 Vgl. dagegen Groeben/Pahlke 2016, S. 85: In Stegmüllers Kriterien komme zum Ausdruck, „dass die Rationale Rekonstruktion eine Verbindung von deskriptivem und präskriptivem Vorgehen realisieren muss (deskriptiv: ‚Rekonstruktion‘ mit dem Ziel der Similarität; präskriptiv: ‚Rational‘ mit den Zielen der Präzision und Konsistenz).“ 50 Vgl. Stegmüller 1970, S. 5: „Die Darstellung soll uns in die Lage versetzen, das Problem der Gültigkeit dieser Theorie zu diskutieren.“ Norbert Groeben und A. Florian Pahlke schließen sich hier an und sehen „die konstruktive wissenschaftspragmatische Funktion“ der rationalen Rekonstruktion darin, „dass die behandelten Ansätze […] besser (expliziter, argumentativ stringenter, weiterführender) zu diskutieren sind“ (Groeben/Pahlke 2016, S. 87). 51 Bühler 2002, S. 121. Jürgen Mittelstraß spricht von einer „bewußte[n] Veränderung“ des Gegenstandes, durch die sich die rationale Rekonstruktion von der Interpretation im üblichen Sinne unterscheide (Mittelstraß 1995, S. 551). 52 Zur Zuschreibbarkeit von Argumenten und zum (un)kontrollierten Gebrauch vom principle of charity vgl. Spoerhase 2007a, Kap. 6.1. Zum Verhältnis zwischen Hermeneutik und Rekonstruktion vgl. auch die Überlegungen von Janich 2008, etwa S. 374: „Die systematische, nämlich nach logischen oder methodischen Rekonstruktionen suchende Philosophie hat prinzipiell ein hermeneutisches Problem.“

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von Theoriegebäuden.“53 Dass das Similaritätskriterium vage ist, hat Stegmüller selbst zugegeben,54 und es bleibt eine Herausforderung der historischen Vorgehensweise, die Grenzen der Zuschreibbarkeit nicht zu überschreiten. Eine Rekonstruktion, die diesem Kriterium verpflichtet ist, birgt aber die Möglichkeit einer Ausweitung der heutigen Rationalitätsstandards auf Grundlage der historischen Forschung.55 Anders ausgedrückt: Wenn man davon ausgeht, dass historisch überlieferte Theorien vielleicht auf anderen Vorannahmen beruhen und mit anderen Begriffen operieren als heutige Theorien, aber nicht unbedingt weniger rational sind, dann besteht die Möglichkeit, aus der Beschäftigung mit diesen Theorien zu lernen.

1.4 Gang der Argumentation Diese Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel, gefolgt von einem kurzen Ausblick, in dem einige systematische und metatheoretische Folgerungen gezogen werden. Kapitel 2 widmet sich der phänomenologisch-ontologischen Literaturtheorie Roman Ingardens, die in intensiver Auseinandersetzung mit Husserls Philosophie entstanden ist und nach wie vor zu den umfassendsten und wirkungsmächtigsten phänomenologischen Literaturtheorien gehört. Es wird in diesem Kapitel dafür argumentiert, dass Ingardens Schichtenmodell, mit dem man ihn auch meist verbindet, zunächst als hermeneutisch neutral zu betrachten ist. Durch die Überzeugung, dass es ‚richtige‘ und ‚falsche‘ Lesarten eines literarischen Werks gibt, führt aber Ingarden ein normatives Element ein, womit sich der gesamte Ansatz – gleichsam gegen den Strich – auf seine hermeneutischen Implikationen hin lesen lässt. Hierbei wird gezeigt, dass Ingardens Versuch einer erkenntnistheoretischen Grundlegung der Literaturwissenschaft gegen diese hermeneutische Komponente keineswegs unempfindlich bleibt. Ingardens bereits in den 1930er Jahren formulierter Ansatz hat lange Zeit die Vorstellung davon geprägt, was eine phänomenologische Literaturtheorie sei. Nicht von ungefähr steht daher dieses Kapitel am Anfang. Innerhalb der Arbeit hat es aber darüber hinaus eine wichtige Funktion, da hier auf grundlegende phänomenologische, aber auch interpretationstheoretische Probleme und Begrifflichkeiten eingegangen wird, die auch in späteren Kapiteln eine Rolle spielen. || 53 Groeben/Pahlke 2016, S. 86. Vgl. auch Spoerhase 2007a, S. 312: „Werden […] die hermeneutischen Adäquatheitsbedingungen der rationalen Rekonstruktion nicht mehr berücksichtigt, so verliert die rationale Rekonstruktion ihren rekonstruktiven Charakter.“ 54 Vgl. Stegmüller 1970, S. 2. Dies bemerkt auch Bühler 2002, S. 124. 55 Eine ähnliche Position vertreten Groeben/Pahlke 2016, S. 86, 103.

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In Kapitel 3 wird gezeigt, wie die phänomenologisch inspirierte Philosophie Nicolai Hartmanns in der allgemeinen Hermeneutik Emilio Bettis zum Tragen kommt. Da auch Hartmann ein ontologisches Schichtenmodell entworfen hat, wurde sein Ansatz schon oft mit demjenigen von Ingarden verglichen. Eine grundsätzliche Vergleichbarkeit wird auch in diesem Kapitel angenommen, wenn auch weniger in Bezug auf das ontologische Modell selbst als vielmehr in Bezug auf das Verhältnis zwischen der Philosophie und den textinterpretierenden Geisteswissenschaften. Während Hartmann um eine philosophische, in erster Linie ontologische Grundlegung der Geisteswissenschaften bemüht ist, wird sein ontologisches Modell von Betti interpretationstheoretisch umgedeutet und erscheint nun als Bestandteil einer allgemeinen Hermeneutik (hermeneutica generalis), die ihrerseits als methodische Grundlage der Geisteswissenschaften dienen soll. In Kapitel 4 wird der Frage nachgegangen, welchen Anteil die Phänomenologie an der sogenannten werkimmanenten Interpretation hat. Gemäß dem Diktum „Zu den Sachen selbst!“, das auf Husserl zurückgeht, aber dem Wortlaut nach von Heidegger geprägt wurde, wird der werkimmanenten Interpretation oftmals eine enge Beziehung zur Phänomenologie nachgesagt. Für Unklarheit sorgt allerdings bis heute die Mehrdeutigkeit der Ausdrücke ‚Werkimmanenz‘ und ‚Phänomenologie‘. Anhand der Heidegger-Rezeption Emil Staigers wird dieser Zusammenhang präzisiert. Diskutiert werden dabei die zentralen Prämissen und somit auch die Anschlussfähigkeit von Staigers ‚Kunst der Interpretation‘. In Kapitel 5 steht Wolfgang Isers Theorie ästhetischer Wirkung im Fokus, die insofern neue Aktualität erlangt hat, als sie mit der kognitionswissenschaftlichen Rezeptionsforschung affirmativ in Verbindung gebracht worden ist. Dass Iser gegenüber autor- und werkzentrierten Ansätzen die Aktivität des Lesers betont hat und dass seine ‚Rezeptionsästhetik‘ der Phänomenologie, insbesondere der Literaturtheorie Roman Ingardens entscheidende Impulse verdankt, ist allgemein anerkannt. Hochgradig erläuterungsbedürftig ist es allerdings, inwieweit Iser überhaupt eine Leser- oder Wirkungstheorie vorgelegt hat und was genau daran phänomenologisch ist. Neben den dezidiert hermeneutischen Fragen, die sich mit seinen Ausführungen zum Textbegriff, zur Bedeutungskonstitution im Akt des Lesens etc. verbinden, lässt sich an Isers Ansatz noch zweierlei beobachten, was die Theoriebildung in der Literaturwissenschaft überhaupt betrifft: zum einen, wie Elemente aus verschiedenen Theorien (nicht nur aus der Phänomenologie) übernommen, kombiniert und zugleich mit dem veränderten Argumentationszusammenhang in signifikanter Weise umgedeutet

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werden; und zum anderen, wie ein Theorieangebot auch stark von institutionengeschichtlichen Entwicklungen abhängen kann. Kapitel 6 widmet sich René Welleks intrinsic approach zum literarischen Kunstwerk, also einem weiteren Ansatz, der gemeinhin als ‚werkimmanent‘ gilt. Bekannt ist Wellek wohl vor allem für seine gemeinsam mit Austin Warren verfasste Theory of Literature, durch die seine literaturtheoretischen Ansichten eine enorme Verbreitung finden sollten. Dabei ist Welleks Ansatz jedoch nicht im Kontext des amerikanischen literary criticism entstanden, sondern bereits in den 1930er Jahren im Umfeld des Prager Strukturalismus und unter Einfluss der Phänomenologie Husserls und Ingardens. Analysiert wird in diesem Kapitel unter anderem Welleks Werkbegriff; zudem eine Metapher, die Wellek von Ingarden übernimmt und die später wiederum von Eric Donald Hirsch kritisiert wird, nämlich die Metapher vom ‚Leben‘ des literarischen Werks. In dieser Metapher treffen Fragen nach der Analyse und Interpretation auf Fragen nach der Wirkungsgeschichte des Textes aufeinander. Damit lässt sich nicht nur diskutieren, inwieweit Welleks Ansatz als werkimmanent zu bezeichnen ist, sondern auch die Belastbarkeit von theoriegeleiteten Metaphern. Kapitel 7 hat die intentionalistische Interpretationskonzeption von Eric Donald Hirsch zum Thema. Sein Ansatz gehört zu den meistdiskutierten Interpretationstheorien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde aber oft missverstanden, weil sein Rekurs auf phänomenologische Theoreme nicht gewürdigt wurde. In diesem Kapitel wird rekonstruiert, welchen Stellenwert die Phänomenologie in Hirschs Ansatz hat, und unter anderem gezeigt, wie Hirsch durch den Rückgriff auf Husserls Intentionalitäts- und Bedeutungsbegriff gerade diejenigen Probleme zu umgehen versucht, die man normalerweise mit intentionalistischen Positionen verbindet. Es findet sich hier auch ein Seitenblick auf Hans-Georg Gadamers philosophische Hermeneutik, die Hirsch scharf kritisiert hat. Ausgehend von dem Umstand, dass Hirsch heute als maßgeblicher Vertreter eines (naiven) ‚faktischen‘ Intentionalismus gilt, wird die inzwischen fest etablierte Unterscheidung zwischen einem ‚faktischen‘ und einem ‚hypothetischen‘ Intentionalismus in den Blick genommen. Hierbei wird argumentiert, dass diese Unterscheidung sowohl theoretisch als auch in ihren methodischen Implikationen fragwürdig ist und somit in der Debatte um den hermeneutischen Status der Autorintention keine geeignete Diskussionsgrundlage bildet. Die einzelnen Kapitel dieser Arbeit stehen zwar für sich, sind aber letztlich auf einen Vergleich hin angelegt, der unterschiedliche Formen und Funktionen des Theorietransfers aus der Philosophie in die Literaturwissenschaft sichtbar macht. In der Literaturwissenschaft hat es sich eingebürgert, Interpretations-

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theorien danach zu klassifizieren, welche Instanz in einem pragmatischen Kommunikationsmodell (Autor – Text – Leser) für grundlegend gehalten wird.56 Die in dieser Arbeit untersuchten Theorien sind über das ganze Spektrum verteilt. So gilt z. B. der Ansatz von Eric Donald Hirsch als autorzentriert, der Ansatz von Wolfgang Iser hingegen als leserzentriert. Mit René Wellek und Emil Staiger sind zwei Spielarten der sogenannten werkimmanenten Interpretation vertreten. Betrachtet man allerdings die Theorien argumentationslogisch im Hinblick darauf, was überhaupt als die zu ermittelnde Bedeutung zu gelten hat und wie ‚fachfremde‘ Bezugstheorien – in diesem Fall aus der Philosophie – implementiert werden, um die Wissenschaftlichkeit oder epistemische Solidität einer bestimmten Interpretationskonzeption zu begründen, dann entstehen neue und zum Teil überraschende Nachbarschaften, die zu einer systematischen Neujustierung Anlass geben. Für den Aufbau dieser Arbeit war es ausschlaggebend, dass zwischen allen untersuchten Ansätzen entweder direkte Einflussbeziehungen oder auch auffällige systematische Parallelen bestehen. So wird etwa Ingarden sowohl von Wellek als auch von Iser rezipiert, Wellek wiederum von Hirsch, Staiger seinerseits sowohl von Ingarden als auch von Iser. Gadamer hat bei Hartmann studiert, auf den sich Betti bezieht. Hirsch bezieht sich seinerseits auf Betti, und beide wettern gegen Gadamer. So entfaltet sich ein Netz von Bezügen, die eine besondere Vergleichbarkeit gewährleisten. In der Zusammenschau, so die Devise, lässt sich die Logik der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung besonders gut analysieren.57

|| 56 Vgl. Fricke 2007. Siehe hierzu auch Kap. 8 dieser Arbeit. 57 Dieser systematische Zuschnitt hat freilich zur Konsequenz, dass französische, russische und andere Rezeptionsstränge nicht einzeln gewürdigt werden. So finden Theoretiker wie Paul Ricœur oder Gustav Špet in dieser Arbeit nur am Rande Erwähnung, obwohl sie sich sowohl mit der Phänomenologie als auch mit Fragen der Textinterpretation befassen. In all diesen Fällen ist die Forschungslage sehr unterschiedlich. Wenn man bei den genannten Beispielen bleibt: Während Ricœurs Beitrag zur Phänomenologie und Hermeneutik verhältnismäßig gut erforscht ist, lässt sich für Špet, dessen Texte nur zum Teil in deutscher oder englischer Übersetzung vorliegen, nicht annähernd dasselbe sagen. Aus systematischen Gründen sind in dieser Arbeit auch solche literaturtheoretischen Ansätze weitgehend ausgeklammert, die zwar als phänomenologisch zu bezeichnen sind, aber in denen Interpretation keine zentrale Rolle spielt oder in denen sogar bestritten wird, dass Interpretation überhaupt möglich ist (z. B. Jacques Derrida; vgl. dazu Spree 1995, Kap. 4); ferner phänomenologische Ästhetiken (z. B. Moritz Geiger, Mikel Dufrenne) und die als phänomenologisch deklarierte philosophische Hermeneutik (Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer), die in dieser Arbeit vor allem dann herangezogen wird, wenn sie als Bezugstheorie für die philologische Hermeneutik fungiert. Angesichts der Diversität phänomenologischer Traditionsspuren wäre es im Rahmen dieser Arbeit ohnehin vermessen gewesen, enzyklopädische Vollständigkeit anzustreben.

2 Edmund Husserl, Roman Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie Roman Ingardens 1931 erschienene Monographie Das literarische Kunstwerk ist in der deutschen Literaturwissenschaft rasch auf Resonanz gestoßen.1 Die Aufnahme wurde dabei sicherlich durch eine gewisse Empfänglichkeit für die Phänomenologie begünstigt, die sich schon vorher beobachten lässt. So bemerkt etwa Oskar Walzel im Jahr 1923: „Von allen Seiten ertönt angesichts von Kunstwerken jetzt das Wort ‚Phänomenologie‘ […].“2 Was das heutige Bild von Ingarden als Literaturtheoretiker betrifft, so ist es im Wesentlichen von zwei Rezeptionssträngen geprägt: einem ‚werkimmanenten‘ und einem ‚rezeptionsästhetischen‘, für die jeweils René Wellek und Wolfgang Iser als maßgebende Vertreter namhaft gemacht werden können.3 Diese beiden Rezeptionsstränge sind wohl nicht zuletzt deshalb so prägend gewesen, weil sie zu einem gewissen Teil zwei Kernbereichen von Ingardens Philosophie (wie auch der philosophisch ausgerichteten Ingarden-Forschung) entsprechen, nämlich der Ontologie und Ästhetik.4 Demgegenüber zielen die folgenden Überlegungen vor allem auf die hermeneutischen Aspekte von Ingardens Literaturtheorie.5 Sie gehen von seinem ontologischen Werkbegriff aus und haben auch den ästhetischen Charakter der Literatur zu berücksichtigen, laufen aber letztlich auf die Frage zu, was Ingarden unter Literaturwissenschaft versteht und wie er sich ihre erkenntnis|| 1 Vgl. neben den Rezensionen etwa Elbracht-Hülseweh 1935; Ploetz 1936; Müller 1939; Petersen 1939; ferner Kayser 1948; Wehrli 1951. 2 Walzel 1923, S. 325. In diesem Sinne spricht auch Rudolf Unger etwa zeitgleich von einer „heute für die geisteswissenschaftlichen disciplinen in wachsendem maße geltung gewinnenden methodischen richtung: der phänomenologischen ‚wesensschau‘ Husserls“ (Unger 1924, S. 78). 3 Zu Iser und Wellek siehe Kap. 5 und 6 dieser Arbeit. Auch in der Fiktionstheorie wird Ingarden rezipiert. Vgl. etwa mit Blick auf Ingarden, Hamburger, Genette, Cohn und Searle die (humoristische) Einschätzung von Zeuthen 2013, S. 159. Eine instruktive Gegenüberstellung von Ingarden und Alexius Meinong bietet Smith 1980. 4 Zu Ingardens Ontologie vgl. vor allem Haefliger 1994; die Beiträge in Chrudzimski [Hrsg.] 2005; Johansson 2013. Zu seiner Ästhetik vgl. Mitscherling 2012; die Beiträge in Galewicz/ Strożewski/Ströker 1994; Dziemidok/McCormick 1989; Graff/Krzemień-Ojak 1975. Der Zusammenhang beider Bereiche ist besonders gut sichtbar bei Mitscherling 1997. Zu Ingardens Erkenntnistheorie vgl. vor allem Chrudzimski 1999. 5 Einige Beobachtungen, die in diesem Kapitel präsentiert werden, finden sich bereits in Sneis 2015. https://doi.org/10.1515/9783110563023-002

Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 19

theoretische Grundlegung vorstellt, die er in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks, seiner zweiten umfangreichen literaturtheoretischen Monographie, explizit anstrebt.6 Hierbei soll herausgearbeitet werden, wie sich eine Literaturwissenschaft im Sinne Ingardens zur Textinterpretation als einer regelgeleiteten Bedeutungszuweisung an einen Text verhält.7 Diese interpretationstheoretische Perspektive ergibt sich nicht nur daraus, dass die Interpretation von Texten zu den Leitoperationen des Literaturwissenschaftlers gehört (und auch damals gehörte); sie drängt sich außerdem dadurch auf, dass die Bedeutung des literarischen Werks wie auch die adäquate Bedeutungszuschreibung seitens des Lesers ein zentrales Thema in Ingardens Literaturtheorie darstellt. So wird tatsächlich bei Ingarden eine Vielzahl von hermeneutischen Problemen angeschnitten, wenn auch nicht immer als solche ausgewiesen und zum Teil nur im Vorbeigehen behandelt.8 Dem Philosophen Roman Ingarden geht es nämlich

|| 6 Vgl. Ingarden 1968a, S. 1: „Die Betrachtung der verschiedenen Weisen, in welchen man das literarische Werk und insbesondere das literarische Kunstwerk kennenlernt und eventuell zu einer effektiven Erkenntnis bringt, fällt in das weite Gebiet der Erkenntnistheorie und bezieht sich auf eine besondere Gruppe von Problemen, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Ihre Lösung spielt eine wichtige Rolle einerseits für die erkenntnistheoretische Grundlegung der Literaturwissenschaft sowie – auf eine andere Weise – für die Wissenschaftslehre überhaupt, andererseits für die Begründung wenigstens eines Teils der Ästhetik und insbesondere für die Klärung der Frage, ob eine objektive Erfassung der künstlerischen und ästhetischen Werte im Bereich der literarischen Kunst überhaupt möglich ist.“ Wie hier zu sehen ist, hat Ingardens Ansatz auch eine wissenschaftstheoretische Stoßrichtung. Darauf wird unten noch zurückzukommen sein. Zum Versuch einer Grundlegung der Ästhetik vgl. auch Ingarden 1965a, S. XIX. In einem späten Aufsatz hat er die Reichweite der phänomenologischen Ästhetik abzustecken versucht; vgl. Ingarden 1975. – Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks war bereits 1937 auf Polnisch erschienen, wobei die deutsche Neu-Ausgabe allerdings keine strikte Übersetzung, sondern vielmehr eine überarbeitete Fassung darstellt (vgl. Ingarden 1968a, S. 439). 7 Zu den ‚Regeln‘ der Bedeutungszuweisung und dem Bedeutungsbegriff in der Literaturwissenschaft vgl. den Problemaufriss von Jannidis et al. 2003, bes. S. 3–8. Für weniger hilfreich halte ich inzwischen die Definition von Interpretation im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft als „das methodisch herbeigeführte Resultat des Verstehens von Texten in ihrer Ganzheit“ (Spree 2000, S. 168). Anzunehmen ist wohl eher, dass ein tieferes Verständnis das Resultat des Interpretierens ist. 8 Auch Robert R. Magliola weist auf einige „hermeneutical complications“ bei Ingarden hin, deren Behandlung jedoch „tantalizingly incomplete“ geblieben sei (Magliola 1977, S. 114). An Magliola, der Ingarden unter einem dezidiert hermeneutischen Gesichtspunkt untersucht, kann im Folgenden angeschlossen werden, auch wenn oft andere Aspekte betont werden. Instruktiv sind ferner die Erörterungen von Pasternack 1975, S. 56–66; Brenner 1998, S. 105– 110; Fieguth 1971. Eine tentative Annäherung an hermeneutische Fragen, vor allem im Hinblick auf die Autorintention, gibt es auch bei Mitscherling 1997, S. 202–206; Mitscherling 2005,

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nur bedingt um philologische Angelegenheiten. Seine Argumentation, die der Phänomenologie Edmund Husserls verpflichtet ist, richtet sich vielmehr auf eine bestimmte philosophische Fragestellung aus, wobei die hermeneutischen Implikationen seines Ansatzes gewissermaßen einen blinden Fleck bilden. Die beiden genannten Bücher gehören eng zusammen. Während Ingarden in Das literarische Kunstwerk „die Grundstruktur und die Seinsweise“9 des literarischen Werks aus ontologischer Perspektive aufzudecken versucht und sich so eine „Wesensanatomie“10 des Werks zum Ziel setzt, greift er diese Wesensbestimmung in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks wieder auf und untersucht nun die Literatur und Literaturwissenschaft aus erkenntnistheoretischer Perspektive. Damit bildet Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks, wie es Ingarden selbst formuliert, „ein Pendant und eine Ergänzung“ zu Das literarische Kunstwerk.11 Diese beiden Monographien bilden das Herzstück seines literaturtheoretischen Œuvres und werden hier entsprechend im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. In seinen zahlreichen Aufsätzen zur Poetik, Ästhetik und Ontologie der Kunst finden sich kaum Gedanken, die nicht letztlich auf Das literarische Kunstwerk zurückgehen.12 In Anbetracht der philosophischen Ausrichtung seiner Schriften ist es grundsätzlich nicht zu bestreiten, dass es Aspekte von Ingardens Literaturtheorie gibt, die sich nur schwer hermeneutisch oder in sonstiger Weise literaturwissenschaftlich operationalisieren lassen. Mit seinem Werkbegriff verbinden sich aber umgekehrt mindestens fünf hermeneutische Problemfelder, gegen die sein gesamter Versuch einer Grundlegung der Literaturwissenschaft nicht unempfindlich bleibt.

|| S. 147–153. Weniger einschlägig ist der Vergleich mit Gadamer und dessen philosophischer Hermeneutik; vgl. etwa Mitscherling 1997, S. 195–202; Rynkiewicz 2008, S. 308–311, 511–515, 557. 9 Ingarden 1931, S. V. 10 Ingarden 1931, S. 2 (im Original in Anführungszeichen). 11 Ingarden 1968a, S. 439. In Husserls Terminologie könnte man sagen: Das literarische Kunstwerk ist eher noematisch, Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks dagegen eher noetisch ausgerichtet; vgl. Taylor 1984, S. 16, 52. 12 Eine Ausnahme bilden Ingardens Überlegungen zum Poetikbegriff; vgl. Ingarden 1937a. Eine Revision der dort entworfenen Systematik findet sich in Ingarden 1940/41. Auf diesen Poetikbegriff ist Ingarden später nicht mehr eingegangen, weder in der zweiten Auflage von Das literarische Kunstwerk noch in der deutschen Fassung von Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks.

Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 21

2.1 Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk Auch wenn Ingarden heute wohl vor allem als Literaturtheoretiker bekannt ist, waren seine Überlegungen zum literarischen Werk nicht primär als Beitrag zur Literaturwissenschaft konzipiert, sondern bezogen sich vielmehr auf eine spezifische philosophische Fragestellung. So heißt es im Vorwort zu Das literarische Kunstwerk: Sosehr […] meine Untersuchungen das literarische Werk bzw. Kunstwerk zum Hauptthema haben, sind die letzten Motive, die mich zu der Bearbeitung dieses Themas bewogen haben, rein philosophischer Natur und gehen über dieses spezielle Thema weit hinaus. Sie stehen mit dem Problem Idealismus-Realismus, das mich seit Jahren beschäftigt, im engen Zusammenhang.13

Mit Blick auf dieses Idealismus-Realismus-Problem verweist Ingarden auf seinen Mentor Edmund Husserl, der – so Ingarden weiter – mit seinem transzendentalen Idealismus den Versuch unternommen habe, „die reale Welt und deren Elemente als rein intentionale Gegenständlichkeiten aufzufassen, die in den Tiefen des konstituierenden reinen Bewußtseins ihren Seins- und Bestimmungsgrund haben“.14 Diese Konstitutionsleistung bildet, im Zusammenhang mit dem Existenzbegriff, den Kern der Idealismus-Realismus-Frage, wie sie von Ingarden behandelt wird.15 Nach eigener Aussage ist er im Jahr 1918 zu der Überzeugung gekommen, dass er „den transzendentalen Idealismus Husserls bezüglich der Existenz der realen Welt nicht teilen“ könne.16 Von dieser Meinungsdifferenz zeugt auch sein mehrbändiges philosophisches Hauptwerk mit dem Titel: Der Streit um die Existenz der Welt.17 Seine Bedenken lassen sich mit || 13 Ingarden 1931, S. VI. 14 Ingarden 1931, S. VI. 15 Vgl. Ingarden 1918; Ingarden 1968c, S. 157; ferner etwa Ingarden 1939/63, S. 200; Ingarden 1967a, S. 129, 211f., 222f. 16 Ingarden 1964a, S. VII. Gemeint ist der sogenannte ‚Idealismus-Brief‘ an Husserl, in dem Ingarden seine Bedenken detailliert zur Sprache bringt (Ingarden 1918). 17 Neben dem ‚Idealismus-Brief‘ ist ein Aufsatz in der Festschrift für Husserl hervorzuheben, in dem Ingarden die Probleme zu skizzieren versucht, deren Lösung zu einer endgültigen Klärung des Idealismus-Realismus-Problems beitragen soll (Ingarden 1929). Die Behandlung der Idealismus-Realismus-Problematik gipfelt in dem unvollständig gebliebenen philosophischen Hauptwerk Der Streit um die Existenz der Welt. Des Weiteren dokumentieren zahlreiche kleinere Veröffentlichungen (versammelt in Ingarden 1998; vgl. außerdem Ingarden/Szylewicz 1915; Ingarden 1968c) wie auch die sogenannten Osloer Vorlesungen (Ingarden 1967a) den Stellenwert, den Husserl für Ingarden hatte. In Paratexten hat er in diesem Sinne den eigenen

22 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

Daniel von Wachter wie folgt zuspitzen: „Ingarden reconstructs Husserl’s idealist view as the view that all things are mind-dependent, quite like fictional objects.“18 Es mag vielleicht nicht sofort einleuchten, woran sich ein Streit um die Existenz der Welt entzünden könnte – zumal Husserl gar nicht mitgestritten,19 sondern vielmehr attestiert hat, dass die Existenz der Welt „vollkommen zweifellos“ ist.20 Tatsächlich ist Ingardens Formulierung etwas ungeschickt. Wesentlich an seinen Ausführungen ist nämlich, dass er den gängigen Existenzbegriff für unscharf hält21 und vor allem die Seinsweise eines Gegenstandes im Blick hat, wenn er von dessen Existenz spricht.22 Es lässt sich darüber diskutieren, inwieweit Ingardens Husserl-Kritik berechtigt ist,23 zumal Husserl selbst immer wieder betont, dass Ingarden den „tieferen Sinn der const[itutiven] Ph[änomenologie]“ nicht verstanden hat.24 Festhalten lässt sich aber, dass der Großteil von Ingardens Schaffen den Versuch darstellt, Husserls transzendentalen Idealismus als unhaltbar zurückzuweisen, doch unter Beibehaltung der Grundprin-

|| Werdegang immer wieder kommentiert. Vgl. vor allem Ingarden 1964a, S. VII–XIII; Ingarden 1968b. 18 Wachter 2005, S. 55. 19 Dies bemerkt auch Wallner 1987, S. 6 20 „Es ist nun aber auch nötig, ausdrücklich den grundwesentlichen Unterschied des transzendental-phänomenologischen Idealismus gegenüber demjenigen klarzumachen, der vom Realismus als sein ausschließender Gegensatz bekämpft wird. Vor allem: der phänomenologische Idealismus leugnet nicht die wirkliche Existenz der realen Welt […], als ob er meinte, daß sie ein Schein wäre […]. Seine einzige Aufgabe und Leistung ist es, den Sinn dieser Welt, genau den Sinn, in welchem sie jedermann als wirklich seiend gilt und mit wirklichem Recht gilt, aufzuklären. Daß die Welt existiert, daß sie in der kontinuierlichen immerfort zu universaler Einstimmigkeit zusammengehenden Erfahrung als seiendes Universum gegeben ist, ist vollkommen zweifellos“ (Husserl 1930, S. 152f.). 21 Vgl. Ingarden 1964a, S. 17f. 22 Vgl. Ingarden 1929; Ingarden 1964a, S. 61; Ingarden 1963, S. 277. 23 Eine differenzierte Diskussion findet sich bei Sokolowski 1977; Wallner 1987; Haefliger 1991. Im Anschluss an Sokolowski vertritt Wallner die Meinung, dass Ingarden eine Fehlinterpretation von Husserl vorgelegt hat. Dem widerspricht Haefliger. Jeff Mitscherling schlägt gewissermaßen einen Mittelweg ein und sagt geradezu diplomatisch, es spiele nicht unbedingt eine Rolle, ob Ingarden Husserl richtig verstanden hat oder nicht; seine Untersuchungen seien ohnehin sehr wertvoll (vgl. Mitscherling 1997, S. 6, 41–78). Wenig differenziert ist die Rede von „Ingardens Überwindung des transzendentalen Idealismus Husserls“ (Rynkiewicz 2008, bes. S. 619). 24 Brief von Husserl an Ingarden vom 19. August 1932, zit. nach Husserl 1968, S. 80 (die Zusätze in eckigen Klammern stammen von Ingarden als Herausgeber der Briefe); vgl. in diesem Sinne auch S. 73–75, 77–79, ferner S. 23, 55f., 63, 82.

Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 23

zipien und ursprünglichen Ziele einer phänomenologisch verfahrenden Philosophie.25 An dieser Stelle kommt auch die Literatur ins Spiel. Denn um überhaupt zu Husserls transzendentalem Idealismus Stellung nehmen zu können, so Ingarden weiter im Vorwort zu Das literarische Kunstwerk, ist es u. a. nötig, die Wesensstruktur und die Seinsweise des rein intentionalen Gegenstandes herauszustellen, um nachher nachzusehen, ob die realen Gegenständlichkeiten ihrem eigenen Wesen nach dieselbe Struktur und Seinsweise haben können. Zu diesem Zwecke suchte ich einen Gegenstand, dessen reine Intentionalität außer jedem Zweifel stünde und an welchem man die wesensmäßigen Strukturen und die Seinsweise des rein intentionalen Gegenstandes studieren könnte, ohne den Suggestionen zu unterliegen, die sich aus dem Hinblicken auf die realen Gegenständlichkeiten ergeben. Und da erschien mir das literarische Werk als ein besonders geeignetes Untersuchungsobjekt für diesen Zweck.26

Ingarden zielt also auf eine vergleichende Analyse von realen und sogenannten rein intentionalen Gegenständen. Durch diese Gegenüberstellung soll gezeigt werden, dass nur die rein intentionalen, nicht aber die realen Gegenstände im Bewusstsein konstituiert werden. Für dieses Unterfangen hat Ingarden einen Gegenstand gesucht, dessen reine Intentionalität nicht zu bezweifeln sei. Seine Wahl fiel auf das literarische Werk, das also primär als Repräsentant für rein intentionale Gegenstände in den Blick genommen wird.27 Dass es rein intentionale Gegenstände in einem ontologisch prägnanten Sinne überhaupt gibt und dass das literarische Werk tatsächlich in diese Klasse fällt, wird von Ingarden an keiner Stelle in Frage gestellt. In Das literarische Kunstwerk hat Ingarden darauf verzichtet, die philosophisch „sehr wichtigen Konsequenzen“ seiner Analysen darzulegen.28 Das Buch wird lediglich als eine Art Hinführung zu einem zunächst nicht näher spezifi-

|| 25 Zu den Zielen der Phänomenologie vgl. Ingarden 1957. Vgl. auch Schopper 1974, S. 126–128. Zur Kontinuität im philosophischen Schaffen Ingardens vgl. Haefliger 1991, bes. S. 107; Lobsien 2012, S. 36, Anm. 26 Ingarden 1931, S. VIf. 27 Dies ist bereits den Rezensenten aufgefallen; vgl. Noack 1932, S. 165. Hans H. Rudnick weist darauf hin, dass die Literatur auch für weitere Schüler von Husserl einen Sonderstatus hatte: „Ingarden and several other disciples (Moritz Geiger, W. Schepp [i. e. Schapp], J. Hering, and H. Conrad Martius) of Edmund Husserl […] worked under the premise that the literary work of art was the only form of human utterance that allowed human cognitive access to the principles of the ontological makeup of Being“ (Rudnick 1982, S. 247). 28 Ingarden 1931, S. VII.

24 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

zierten „metaphysische[n] Hauptproblem“ beschrieben.29 Bereits in seinem Vorwort deutet sich aber der Zusammenhang an, in dem diese Literaturtheorie gesehen werden muss: In erster Linie will Ingarden anhand der Literatur auf eine bestimmte ontologische Pointe hinaus,30 um dann – mit diesem Zwischenergebnis gewappnet – eine Binnenkritik an Husserl zu üben und sich gleichzeitig innerhalb einer Idealismus-Realismus-Debatte zu positionieren.31 Diese übergeordnete Zielsetzung bestimmt seine Argumentation in den literaturtheoretischen Schriften bis ins Detail. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich also Ingardens Annäherung an das literarische Werk, die losgelöst von dem philosophischen Erkenntnisinteresse und den damit verbundenen Vorannahmen kaum verständlich wäre.32 So wird z. B. von Ingarden als „erste Schwierigkeit“ die Frage behandelt, „zu welchen Gegenständen wir ein literarisches Werk rechnen sollen: zu den realen oder zu den idealen?“33 Diese Unterscheidung ist von Husserl übernommen, der in seinen Logischen Untersuchungen von Realität und Idealität als kontradiktorischen Gegensätzen ausgegangen war. Ein Gegenstand ist nach

|| 29 Ingarden 1931, S. VI. 30 Zum Verhältnis zwischen Ontologie, Metaphysik und Erkenntnistheorie vgl. vor allem Ingarden 1929. 31 Zur Idealismus-Realismus-Problematik im Kontext der Phänomenologie vgl. auch ConradMartius 1916 (beispielhaft für die Aufnahme der Ideen I im Göttinger Phänomenologen-Kreis); Scheler 1927. – Immer wieder hat Ingarden Das literarische Kunstwerk als integralen Bestandteil seines philosophischen Œuvres beschrieben: „Obwohl vordergründig nur der Erarbeitung der philosophischen Grundlagen einer Theorie des literarischen Kunstwerks gewidmet, bildete das Buch tatsächlich den ersten Schritt zu einer Gegenüberstellung realer und rein intentionaler Gegenständlichkeiten […]“ (Ingarden 1964a, S. VIII). Oder wie es an anderer Stelle heißt: Würde man Das literarische Kunstwerk als „eine bloße Grundlegung der Literaturwissenschaft“ betrachten, dann verlöre das Buch seinen „philosophischen Sinn und damit auch seinen Wert“ (Ingarden 1968c, S. 167). Vgl. hierzu auch Thomasson 2017: „As with so much of Ingarden’s philosophical work, he undertakes this study of the ontology of the literary work in part with the motive of utilizing its results to argue against transcendental idealism […].“ Diese Einschätzung ließe sich allerdings dahingehend korrigieren, dass Ingardens Ziel nicht zum Teil, sondern letztlich darin besteht, Argumente gegen Husserl zu finden. 32 Dies wäre nicht eigens zu betonen, wenn man in der Forschung nicht die Ansicht vertreten fände, dass die Idealismus-Realismus-Problematik „von vornherein in jeder heutigen literaturwissenschaftlichen Ingarden-Erörterung marginalisiert“ werden könne (Lobsien 2012, S. 36, Anm.). Vgl. dagegen z.B. Bojtár 1978, S. 47: „Will man die Ingardensche Literaturtheorie überblicken, muss man sich unweigerlich auch auf das Gebiet der Philosophie wagen.“ Zur Frage nach der Ablösbarkeit einzelner Philosopheme von der Idealismus-Realismus-Problematik vgl. Haefliger/Küng 2005, S. 9. 33 Ingarden 1931, S. 5.

Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 25

Husserl entweder real oder ideal, wobei dessen Zeitlichkeit als Unterscheidungskriterium fungiert. Real ist etwas, was individuell ist und in der Zeit existiert, d. h. zu einem bestimmten Zeitpunkt entsteht, sich gegebenenfalls verändert und irgendwann aufhört zu existieren. Es kann sich hierbei um physikalische Objekte handeln, aber auch um psychische Prozesse. Ideal sind dagegen ‚zeitlose‘ Entitäten, die in dem Sinne allgemein sind, dass sie keiner Individuation oder materiellen Manifestation bedürfen bzw. in jeder Individuation oder materiellen Manifestation mit sich selbst identisch bleiben – wie z. B. mathematische Gebilde.34 Diese Unterscheidung spielt im Zusammenhang mit Husserls Kritik am sogenannten Psychologismus eine wichtige Rolle.35 Im ersten Hauptteil seiner Logischen Untersuchungen, den 1900 erschienenen Prolegomena zur reinen Logik, wendet er sich gegen die damals weit verbreitete Auffassung, dass die Logik, verstanden als eine Lehre vom Denken, ihre Grundlagen in der Psychologie haben.36 Für Husserl sind nämlich logische Gesetze keineswegs so etwas wie psycho-logische Gesetzmäßigkeiten, da die Logik – wie auch die Mathematik – im Gegensatz zur Psychologie keine empirische Wissenschaft sei, sich also nicht mit real-existierenden Gegenständen befasse. Vielmehr sind logische Gebilde nach Husserl durch Idealität und apriorische Gültigkeit gekennzeichnet. Der Hauptfehler einer Fundierung der Logik in der Psychologie besteht für Husserl darin, dass nicht klar zwischen dem (realen) Akt des Erkennens und dem (in diesem Fall: idealen) Gegenstand der Erkenntnis unterschieden wird. Während der schlechthin einmalige psychische Akt in der Zeit verläuft, trifft dies nicht auf das logische Gebilde zu, also auf den Gegenstand, auf den der psychische Akt gerichtet ist. Wie Husserl betont, ist es sehr wohl möglich, in numerisch und qualitativ verschiedenen Akten auf denselben Gegenstand gerichtet zu sein. Wäre der Gegenstand im Erkenntnisakt fundiert, dann könnte es eine solche Wiederholung aber nicht geben. Streng genommen hätte man es dann in jedem

|| 34 Vgl. Husserl 1901, S. 129: „Real ist das Individuum mit all seinen Bestandstücken; es ist ein Hier und Jetzt. Als charakteristisches Merkmal der Realität genügt uns die Zeitlichkeit. Reales Sein und zeitliches Sein sind zwar nicht identische, aber umfangsgleiche Begriffe. […] Soll […] Metaphysisches ganz ausgeschlossen bleiben, so definiere man Realität geradezu durch Zeitlichkeit. Denn worauf es hier allein ankommt, das ist der Gegensatz zum unzeitlichen ‚Sein‘ des Idealen.“ Vgl. auch Husserl 1906/07, S. 141; Ingarden 1931, S. 6. 35 Zu Husserls Psychologismus-Kritik vgl. im Folgenden Zahavi 2009, S. 6–12. Zum Psychologismus um 1900 im Allgemeinen vgl. ferner Rath 1994; Kusch 1995; Picardi 1997; Wolénski 2003; Anderson 2005. 36 Zur Geschichte der Psychologie im 19. Jahrhundert im Verhältnis zur Philosophie vgl. Sachs-Hombach 1993; Schmidt 1995.

26 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

Akt mit einem neuen Gegenstand zu tun. Die Psychologismus-Kritik, die hier nur in wenigen Zügen skizziert ist, speist sich bei Husserl aus einer detaillierten Auseinandersetzung mit logischen Positionen des 19. Jahrhunderts sowie aus einer parallel laufenden Relativismus-Debatte. Sprechend ist beispielsweise die Überschrift des siebten Kapitels der Prolegomena zur reinen Logik: „Der Psychologismus als skeptischer Relativismus.“ Für Ingarden, der sich direkt im Vorwort zu Das literarische Kunstwerk der Psychologismus-Kritik emphatisch anschließt,37 ist es durchaus naheliegend, zuerst danach zu fragen, ob ein literarisches Werk ein realer oder idealer Gegenstand sei. Wichtig ist nun mit Blick auf Ingardens Kritik an Husserl, dass Husserl in den Logischen Untersuchungen die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks als etwas Ideales bestimmt hatte. Hier sind wiederum zwei Dinge im Auge zu behalten: die Intentionalität des Bewusstseins und den transitorischen Status der Bedeutung. Die Intentionalität – ein grundlegendes Konzept der Phänomenologie, das Husserl von seinem Lehrer Franz Brentano übernommen hat – bezeichnet die grundsätzliche Eigenschaft des Bewusstseins, immer Bewusstsein von etwas zu sein, wobei dieses Etwas als etwas erfasst wird.38 So ist jeder Bewusstseinsakt nach Husserl auf einen Gegenstand gerichtet. Mit einer oft zitierten Formulierung von Franz Brentano: „In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urtheile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. […].“39 Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass der phänomenologische Gegenstandsbegriff extrem weit ist. Zu Recht bemerkt Dan Zahavi: „[L]etztlich ist alles, wovon etwas prädiziert werden kann, ein Gegenstand.“40 Der Gegenstand, von dem Husserl spricht, ist also nicht einfach ein Ding, sondern in gewisser Weise ein formaler Platzhalter für Dinge, Menschen, Sachverhalte, Zustände, Prozesse, Handlungen, Verhalten etc. Da der Bewusstseinsakt einen derartigen Gegenstandsbezug immer schon in sich trägt, könnte man (metaphorisch) von einer polaren Beziehung von Akt und Gegenstand sprechen.41 Hierbei wird von Husserl der Akt wiederum über

|| 37 Vgl. Ingarden 1931, S. V. 38 Vgl. Husserl 1901, S. 186f. Vgl. ferner Bernet/Kern/Marbach 1996, S. 85–96; Merz/Staiti/ Steffen 2010. 39 Brentano 1874, S. 115. 40 Zahavi 2009, S. 36. Vgl. auch Ingarden 1931, S. 221. 41 Vgl. Held 1985, S. 23, 25. Dieser Konzeption zufolge weist das Bewusstsein gleichsam immer über sich selbst hinaus; es ist immer schon bei dem ‚Anderen‘. Vgl. dazu Ingarden 1931, S. 109. Just dieser Aspekt steht auch im Zentrum der Husserl-Rezeption des jungen Sartre (vgl. Sartre 1939; Sartre 1936, S. 44 u. ö.).

Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 27

die Intentionalität definiert: Ein Akt sei nichts anderes als ein intentionales Erlebnis.42 Was die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks betrifft, so ist sie nach Husserl weder mit dem Akt noch mit dem intentionalen Gegenstand gleichzusetzen. Vielmehr bezieht man sich mittels der Bedeutung auf den Gegenstand,43 weshalb er die Bedeutung auch als ein „Medium“44 im Rahmen der intentionalen Akt-Gegenstand-Beziehung bezeichnet: „In der Bedeutung konstituiert sich die Beziehung auf den Gegenstand. Also einen Ausdruck mit Sinn gebrauchen und sich ausdrückend auf den Gegenstand beziehen […] ist einerlei. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob der Gegenstand existiert oder ob er fiktiv, wo nicht gar unmöglich ist.“45 Auf den ontologischen Status des intentionalen Gegenstandes (real vs. fiktiv) wird noch zurückzukommen sein. Entscheidend ist an dieser Stelle, dass es den Gegenstandsbezug beim sprachlichen Ausdruck nur aufgrund einer „Bedeutungsintention[]“ bzw. aufgrund „bedeutungsverleihende[r] Akte“ gibt,46 dank derer der Ausdruck überhaupt eine Bedeutung trägt. In den Logischen Untersuchungen ist es Husserl in erster Linie um eine philosophische Grundlegung der Logik gegangen. Dass er diese Studie mit einer Zeichen- und Bedeutungstheorie begonnen hat,47 liegt daran, dass er die Logik unter anderem als „ein Denken auf Grund bloßer Bedeutungen“ begreift.48 Dabei kommt es ihm aber eben nicht – man denke an die Psychologismus-Kritik – auf den individuellen bedeutungsverleihenden Bewusstseinsakt an, sondern vielmehr auf dasjenige, was in der Wiederholung identisch bleibt. Was Husserl als Bedeutung bezeichnet, wird in Abstraktion von den einzelnen Akten gewonnen,49 wobei er sich zugleich mit erheblichem argumentativen Aufwand von konkurrierenden Abstraktionstheorien abgrenzt. Seine Position lautet: „Diese wahrhafte Identität, die wir hier behaupten, ist nun keine andere als die Identität der Spezies. So, aber auch nur so, kann sie als ideale Einheit die ver-

|| 42 Vgl. Husserl 1901, S. 469; ferner S. 359f.: „Die Dingerscheinung […] ist nicht das erscheinende Ding. […] Als dem Bewußtseinszusammenhang zugehörig, erleben wir die Erscheinungen, als der phänomenalen Welt zugehörig, erscheinen uns die Dinge. Die Erscheinungen selbst erscheinen nicht, sie werden erlebt.“ Vgl. hierzu auch Husserl 1909, S. 62. 43 Vgl. Husserl 1901, S. 45f., 54f. 44 Husserl 1908, S. 44, 95. 45 Husserl 1901, S. 59. 46 Husserl 1901, S. 44 (im Original gesperrt). 47 Mit dieser Zeichentheorie setzt sich bekanntlich Jacques Derrida in Die Stimme und das Phänomen auseinander (Derrida 1967). 48 Husserl 1908, S. 4. Vgl. auch Husserl 1901, S. 97f. 49 Vgl. Husserl 1901, S. 112.

28 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

streute Mannigfaltigkeit der individuellen Einzelheiten umspannen.“50 Somit bleibt die Bedeutung tatsächlich davon unberührt, ob der Ausdruck von ein und derselben Person oder auch von verschiedenen Personen wiederholt wird.51 Als Spezies ist sie etwas Ideales, wie z. B. auch ein mathematisches Gebilde: „Die bedeutungsverleihenden Akte sind flüchtige Erlebnisse, die Bedeutung selbst ist eine ideale Einheit, unzeitlich, mit sich identisch […].“52 Die Bedeutungstheorie in den Logischen Untersuchungen ist wohl nicht zuletzt auf den anti-psychologistischen Impetus dieser Schrift zurückzuführen. Betrachtet man die Beispiele, die Husserl gibt, so ist ihr jedoch eine gewisse Plausibilität nicht abzusprechen. Husserl, von Haus aus Mathematiker,53 bezieht nämlich seine Beispiele oft aus der Geometrie und Arithmetik, also aus Bereichen, in denen der Gegenstand ideal ist. Hier ist die strenge Identität der Bedeutung durchaus annehmbar. Schon wenige Jahre später hat Husserl aber seine Bedeutungstheorie modifiziert und erweitert, um sie dann im Spätwerk ganz zu verabschieden54 – und just in der Revision der Bedeutungstheorie im Spätwerk sieht Ingarden eine endgültige Entscheidung für den transzendentalen Idealismus. Im Hinblick auf die Idealismus-Realismus-Frage macht Ingarden drei Phasen im Werk Husserls aus. In den Logischen Untersuchungen habe sich Husserl zu dieser Frage neutral verhalten; hier gehe es zunächst um etwas anderes, nämlich um die Grundlagen der Logik. In den 1913 erschienenen Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (genannt Ideen I) habe sich Husserl – man müsste hinzufügen: in erkenntnistheoretischer, nicht in ontologischer Hinsicht! – für eine gegenstandskonstituierende Leistung des

|| 50 Husserl 1901, S. 105f. Vgl. auch Husserl 1908, S. 25. 51 Vgl. Husserl 1901, S, 49; Husserl 1908, S. 33. 52 Husserl 1908, S. 31. Vgl. auch Husserl 1901, S. 107: „Die Idealität des Spezifischen ist […] der ausschließende Gegensatz zur Realität oder Individualität.“ 53 Husserls Wissenschaftsverständnis ist dezidiert an der Mathematik orientiert. Vgl. Husserl 1887/88, S. 216–233, bes. S. 216. Zur Philosophie der Mathematik beim frühen Husserl vgl. Centrone 2010. 54 Er betont nun stärker die historische Situiertheit und intersubjektive bzw. soziale Konstitution von Bedeutung; vgl. etwa Husserl 1929, S. 207; Husserl 1939, S. 315f. Zu den Entwicklungsstufen von Husserls Bedeutungstheorie vgl. Bernet 1979. Vgl. auch Husserls Brief an Ingarden vom 21. Dezember 1930: „Eine frohe Überraschung war für mich Ihre Kritik meiner urspr[ünglichen] Lehre von den Bedeutungen als ‚idealen Spezies‘. […] Ich habe die Position der Log[ischen] U[ntersuchungen] schon in der letzten Göttinger Zeit aufgegeben, in den Bernauer Landaufenthalten ausführlicher behandelt. Ich war ja überhaupt in den L[ogischen] U[ntersuchungen] ein philosophisches Kind“ (Husserl 1968, S. 61–65, hier S. 63). – Auf Husserls Bedeutungstheorie rekurriert auch E. D. Hirsch. Siehe dazu Kap. 7 dieser Arbeit.

Ingardens Husserl-Kritik. Argumentationslinien in Das literarische Kunstwerk | 29

Bewusstseins ausgesprochen, wenn auch nur im Hinblick auf die reale Außenwelt.55 Spätestens in seiner 1929 erschienenen Formalen und transzendentalen Logik habe Husserl schließlich auch für die subjektive Konstitution derjenigen Gegenstände votiert, die er früher als ideal angesehen hat. Somit habe Husserl den transzendentalen Idealismus schrittweise auf alle Bereiche des Seins ausgeweitet.56 Die Ausgangslage lässt sich somit wie folgt beschreiben: Ingarden ist Husserls Psychologismus-Kritik sowie den meisten Grundannahmen der Phänomenologie verpflichtet, akzeptiert aber weder die Bedeutungstheorie in den Logischen Untersuchungen (die Bedeutung sei nicht ideal, sondern entspringe „subjektiven Bewußtseinsoperationen“57) noch den Konstitutionsbegriff ab den Ideen I (der transzendentale Idealismus sei unhaltbar).58 Zugleich argumentiert Ingarden gegen andere Vertreter einer phänomenologischen Ästhetik, insbesondere gegen Waldemar Conrad, der im Anschluss an Husserls frühe Bedeutungstheorie zu dem Schluss gekommen war, dass ein literarisches Werk ein idealer Gegenstand sei.59 Dies kann aber Ingarden zufolge nicht der Fall sein, da literarische Werke doch zweifellos irgendwann entstehen. Real seien sie aber auch nicht, sonst gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Werk und seinem materiellen Träger, d. h. den einzelnen Exemplaren des Buches. Also, was tun? Ingarden versucht zu zeigen, dass die „Scheidung aller Gegenstände in ideale und reale“60 nicht erschöpfend ist. Sofern es sich hier um kontradiktorische Gegensätze handeln soll,61 könnte man (gemäß dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten) glauben, dass ein jedwedes Etwas entweder real oder ideal sein müsste. Das ist aber Ingarden zufolge nicht der Fall, denn daneben gebe es eben auch die rein intentionalen Gegenstände, für die das literarische Werk ein besonders gutes Beispiel sein soll. Hinsichtlich der Seinsweise des literarischen Werks || 55 Dazu ist noch anzumerken: Ingarden spricht von der realen Welt und scheint damit die Summe aller realen Entitäten zu meinen. Bei Husserl hängt jedoch der Weltbegriff von vornherein mit der Konstitutionsthematik zusammen. Vgl. dazu Held 1985, S. 33f. Zu Husserls Weltbegriff vgl. außerdem Zahavi 2009, S. 50; Soldinger 2010. 56 Vgl. Ingarden 1932, S. 112f., 117f.; Ingarden 1939/63, S. 190–192; Ingarden 1967a, S. 12, 217, 263f. 57 Ingarden 1931, S. VIII. 58 Streng genommen kommt ein wichtiger Streitpunkt hinzu, nämlich der Status der Empfindungsdaten (der ‚hyletischen‘ Unterlage) in der Wahrnehmung, d. h. letztlich die subjektive Konstitutionsleistung in Bezug auf die reale Außenwelt. 59 Vgl. Conrad 1908/09, Teil II. In Das literarische Kunstwerk wird immer wieder auf Conrad verwiesen; vgl. etwa Ingarden 1931, S. 3, Anm. 60 Ingarden 1931, S. 5. 61 Vgl. Ingarden 1931, S. 6.

30 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

zielen Ingardens Ausführungen letztlich auf den Nachweis, dass ein literarisches Werk ein ‚seinsheteronomes‘ Gebilde ist, das auf ein doppeltes ontisches Fundament außerhalb seiner selbst zurückverweist: einmal auf die psychischen Akte des Autors, dem das Werk sein Entstehen verdankt, und einmal – in einem noch zu klärenden Sinne – auf die Sprache, der das Werk sein Bestehen wie auch die Möglichkeit einer intersubjektiven Identität verdankt.62 Dass dies der eigentliche Fluchtpunkt der Argumentation in Das literarische Kunstwerk ist, lässt sich an Bemerkungen wie dieser ablesen: „Wer […] die seinsheteronome Existenz der Sätze zugibt, der muß auch alle ihre seinsautonomen Fundamente annehmen und darf sich nicht auf die Annahme der reinen Bewußtseinsakte beschränken.“63 Durch das Herausarbeiten der wesenseigenen Grundstruktur des literarischen Werks sollen also die ontischen Fundamente des rein intentionalen Gegenstandes aufgezeigt werden, deren Existenz wiederum ein Argument gegen den Idealismus bilden soll. So schreibt Ingarden mit Verweis auf Husserls Phänomenologie in ihrer transzendentalphilosophischen Ausrichtung: Husserl hält jetzt alle, ehemals für ideal – in dem alten Sinne – gehaltenen Gegenständlichkeiten für intentionale Gebilde besonderer Art und gelangt dadurch zu einer universalen Erweiterung des transzendentalen Idealismus, während ich auch heute die strenge Idealität verschiedener idealer Gegenständlichkeiten […] aufrechterhalte und sogar in den idealen Begriffen ein ontisches Fundament der Wortbedeutungen sehe, das ihnen ihre intersubjektive Identität und seinsheteronome Seinsweise ermöglicht.64

Auch wenn es kontraintuitiv sein mag: Wenn Ingarden plausibel machen kann, dass bestimmte Entitäten in einem strikten Sinne ideal sind, dann soll dies ein Argument gegen den transzendentalen Idealismus sein, der Ingarden zufolge alle Entitäten unterschiedslos auf eine weltkonstituierende Subjektivität zurückführen will. Gerade mit diesem Ziel verbindet sich aber auch die prekäre Stellung der Hermeneutik in Ingardens Ansatz, sofern ideale ‚Begriffe‘ zugleich als Möglichkeitsbedingung einer intersubjektiven Identität von Bedeutung zu gelten haben.

|| 62 Vgl. Ingarden 1931, bes. S. 370–384. 63 Ingarden 1931, S. 378. 64 Ingarden 1931, S. VIII.

Die Einheit und Identität des Werks. Ingardens Stratifikationsmodell | 31

2.2 Die Einheit und Identität des Werks. Ingardens Stratifikationsmodell In Das literarische Kunstwerk verfolgt Ingarden die Absicht, „eine Grundstruktur herauszustellen, die allen literarischen Werken gemeinsam ist“.65 Hier soll es also zunächst keinen Unterschied zwischen Werk und Kunstwerk geben. Seine ‚Wesensanatomie‘ ist unabhängig von Kunstcharakter und etwaigen Wertzuschreibungen.66 Im Fokus stehen vielmehr ontologische Aspekte: [D]ie Ontologie des literarischen Werks [erforscht] den Inhalt der allgemeinen Ideen vom literarischen Werk und nicht einzelne literarische Individuen. Sie fragt, wie ein bestimmter Gegenstand gebaut sein muß, um etwas wie ein literarisches Werk zu sein; wie die notwendigen Verbindungen zwischen den Elementen und Momenten jedes beliebigen literarischen Werks beschaffen sind wie auch, welche Abwandlungen möglich sind, wenn seine allgemeine Struktur einmal festgelegt worden ist.67

Was Ingarden hier und an anderer Stelle als Ontologie, als die Erforschung des Inhalts und der allgemeinen Idee eines Gegenstandes bezeichnet, kommt Husserls Begriff der ‚eidetischen Reduktion‘ recht nahe. So spricht Ingarden auch selbst von einer „‚eidetischen‘ Analyse“ und meint damit „eine apriorische Analyse des Gehalts der allgemeinen Idee ‚Das literarische Kunstwerk‘“.68 Ihm geht es darum, die wesenseigenen von allen wechselnden und zufälligen, also von allen bloß akzidentellen Eigenschaften des Gegenstandes zu unterscheiden. Es handelt sich um nichts anderes als die berühmt-berüchtigte ‚Wesensschau‘, für die die Phänomenologie bekannt und auch oft kritisiert worden ist.69 Wie bereits in der Einleitung dieser Arbeit erwähnt, hat Husserl die Phänomenologie einerseits als eine deskriptive Methode der Bewusstseinsanalyse, andererseits als eine apriorische Wissenschaft konzipiert. Sie befasst sich – wie der Name schon nahelegt – mit Phänomenen, verstanden in einem sehr spezifischen Sinne als Erscheinungen. Wichtig ist hierbei, dass Husserl, vor dem Hintergrund der intentionalen Akt-Gegenstand-Beziehung, eine notwendige Korrelation zwischen Gegenstandsart und der Gegebenheitsweise des Gegenstandes

|| 65 Ingarden 1931, S. 4. 66 Vgl. Ingarden 1931, S. 4, 18. 67 Ingarden 1937a, S. 27; vgl. auch Ingarden 1940/41, S. 34. 68 Ingarden 1968a, S. 8, 9. Nebenbei erwähnt: Die ‚eidetische Reduktion‘ ist bei Husserl mit der sogenannten ‚transzendentalen Reduktion‘ in den Ideen I nicht zu verwechseln; vgl. hierzu Zahavi 2009, S. 45–48. 69 Zur eidetischen Reduktion und zur Phänomenologie als ‚Wesenswissenschaft‘ vgl. Bernet/ Kern/Marbach 1996, S. 74–84.

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im Bewusstsein annimmt. Wie Klaus Held bemerkt, begreift Husserl diese Korrelation als „ein Gesetz, das sich mit unbedingter Allgemeinheit vorab zu aller Erfahrung, also ‚apriori‘, formulieren läßt. Die Gegenstände im Wie ihres Erscheinens in zugeordneten Gegebenheitsweisen sind die ‚Phänomene‘, die ‚Erscheinungen‘, von denen die danach benannte ‚Phänomenologie‘ handelt“.70 Das Bewusstsein ist nach Husserl also nicht so etwas wie ein Behälter, der mit einem Inhalt zu füllen wäre; vielmehr geht er davon aus, dass der Charakter eines Bewusstseinsaktes von der Beschaffenheit des zugehörigen intentionalen Gegenstandes abhängt.71 Umgekehrt kann uns ein bestimmter Gegenstand nur in ‚passenden‘ intentionalen Akten gegeben sein. Auch hier kommt es Husserl nicht auf das Empirische, Kontingente und Wechselnde in einzelnen Akten an, sondern vielmehr auf die allgemeine Verfasstheit des Gegenstandes, d. h. sein Wesen (εἶδος). Mit dieser eidetischen Bestimmtheit des Gegenstandes korrespondiert wiederum eine eidetische Bestimmung der intentionalen Akte – und gerade um die so verstandene Bewusstseinsstruktur, also um die notwendigen und allgemeingültigen Wesensgesetze, die aller konkreten Erfahrung vorausgehen, ist es Husserl hauptsächlich zu tun.72 Die Zurückführung der faktischen Eigenschaften intentionaler Akte auf ihre eidetische Verfasstheit nennt er dabei eidetische Reduktion.73 Dieses apriorisch-eidetische Element kehrt – wie gesehen – bei Ingarden wieder, was ihm von Literaturwissenschaftlern gelegentlich den Vorwurf einer ahistorischen und jeden Kontext vernachlässigenden Betrachtungsweise eingebracht hat. So schreibt beispielsweise Herbert Cysarz in einer Rezension zu Das literarische Kunstwerk: „Sein [i. e. Ingardens] Weg ist der phänomenologische; sein Ziel eine noch alle Kunst und Geschichte umspannende Universalerkenntnis.“74 Jenseits der Frage, ob diese Kritik berechtigt ist, deuten sich darin die || 70 Held 1985, S. 15f. In seiner Spätschrift Die Krisis der europäischen Wissenschaften schreibt Husserl rückblickend: „Der erste Durchbruch dieses universalen Korrelationsapriori von Erfahrungsgegenstand und Gegebenheitsweisen (während der Ausarbeitung meiner Logischen Untersuchungen ungefähr im Jahre 1898) erschütterte mich so tief, daß seitdem meine gesamte Lebensarbeit von dieser Aufgabe einer systematischen Ausarbeitung dieses Korrelationsapriori beherrscht war“ (Husserl 1936, S. 169, Anm.). 71 Vgl. hier und im Folgenden Held 1985, S. 24–26, 28f. 72 Ferdinand Fellmann weist auf einen wichtigen Punkt hin, wenn er den Strukturbegriff als einen „verdeckte[n] Leitbegriff“ der Phänomenologie beschreibt (Fellmann 2006, S. 33). 73 Zum Begriff der eidetischen Reduktion und zur ‚Wesensschau‘ vgl. auch Zahavi 2009, S. 39f. Wie er anmerkt, lässt sich die phänomenologische Wesensschau im Grunde genommen mit einer Begriffsanalyse vergleichen. 74 Cysarz 1931, Sp. 1597. Werner Strube beschreibt Ingardens Ansatz als eine ‚apriorische Poetik‘ (Strube 1981, S. 325, Anm.), wobei er sich auf folgende Stelle bei Edith Stein bezieht:

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Missverständnisse an, die sich aus den unterschiedlichen Perspektiven auf den gemeinsamen Gegenstand ergeben können. Eine phänomenologische Philosophie am Beispiel des literarischen Werks ist nicht dasselbe wie eine historisch operierende Literaturwissenschaft. Was das deskriptive Element der Phänomenologie anbelangt, so besteht es bei Ingarden (wie bei Husserl) darin, dass er sich beschreibend nur auf dasjenige konzentrieren will, was ihm tatsächlich erscheint bzw. in der Erfahrung gegeben ist. In diesem Sinne heißt es in Das literarische Kunstwerk: Solange man den Forschungsgegenständen gegenüber nicht die rein aufnehmende und auf das Wesen der Sache gerichtete Haltung des Phänomenologen eingenommen hat, ist man immer geneigt, das für sie Spezifische zu übersehen und […] auf etwas anderes, schon Bekanntes „zurückzuführen“. Das ist auch bei Betrachtungen des literarischen Werkes der Fall.75

Diese Rückkehr zu den ‚Sachen selbst‘ gehört zum Selbstverständnis des Phänomenologen.76 Gefordert wird von Ingarden eine „reine Einstellung auf den Gegenstand“ und eine „reine Erschauung der wirklich vorliegenden Sachlagen“.77 Um das Werk „in seinem Aufbau direkt ins Auge zu fassen“, muss also „alles aus dem Weg geräumt werden, was uns den Blick verlegt“.78 Hierzu gehört auch das gänzlich unzugängliche, selbst nicht erscheinende Innenleben des Autors, woraus man immer wieder den Schluss gezogen hat, dass es Ingarden um eine anti-intentionalistische Interpretationskonzeption zu tun ist. So bemerkt z. B. René Wellek: „Ingarden […] would sympathize with what William K. Wimsatt has called the ‚intentional fallacy‘. Intentions do not matter: only

|| „Die apriorische Poetik beschäftigt sich damit, was zu einem dichterischen Werk überhaupt gehört und welche Dichtungsformen a priori möglich sind“ (Stein 1922, S. 272f.). Strubes Bezeichnung ist zwar in gewisser Weise treffend, sofern die Ontologie für Ingarden in der Tat eine apriorische Disziplin ist (vgl. hierzu auch Ingarden 1929, S. 162); allerdings hat Ingarden selbst einen etwas andersartigen Poetik-Begriff (vgl. Ingarden 1937a; Ingarden 1940/41). 75 Ingarden 1931, S. 2f. 76 Vgl. Husserls „Prinzip aller Prinzipien“ in den Ideen I: „Am Prinzip aller Prinzipien: daß jede originär gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, daß alles, was sich uns in der ‚Intuition‘ originär, (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich da gibt, kann uns keine erdenkliche Theorie irre machen“ (Husserl 1913, S. 51). Dazu auch Ingarden 1967a, S. 70f. – Auf diese Maxime wird in Kap. 4 dieser Arbeit nochmals einzugehen sein. 77 Ingarden 1931, S. VI. Für eine etwas andersartige Verwendung des PhänomenologieBegriffs vgl. Ingarden 1925, S. 21, Anm. 78 Ingarden 1931, S. 16.

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the work.“79 Dies ist allerdings ein Kurzschluss. Seinen phänomenologischen Grundüberzeugungen gemäß geht es Ingarden vor allem darum, eine „Vermengung der beiden Arbeitsgebiete: der Ontologie des literarischen Werkes und der Psychologie des künstlerischen […] Schaffens“ zu vermeiden.80 Hinsichtlich der ontologischen Grundstruktur des Werks wird Ingardens Argumentation von der Annahme getragen, dass „ein jedes literarische [sic] Werk ein in sich identisches Etwas“ ist.81 Hierbei unterscheidet er streng zwischen einmaligen psychischen Akten und dem Gegenstand, dem die Akte gelten (in diesem Fall dem literarischen Werk). Diese Akt-Gegenstand-Unterscheidung betrifft Autor und Leser gleichermaßen und ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Aufgreifen und Fortführen von Husserls Psychologismus-Kritik. Dass ein Werk mit den unwiederbringlichen psychischen Akten des Autors zusammenfallen könnte, hält Ingarden schlicht für „absurd“, denn „[d]ie Erlebnisse des Autors hören ja gerade in dem Momente auf zu existieren, in welchem das von ihm geschaffene Werk erst zu existieren anfängt“.82 Und würde das Werk in der Psyche des Lesers seinen Sitz haben, dann müsste es ebenso viele Werke wie Leser und Akte des Lesens geben. Die Einheit des Werks ließe sich dann nicht begründen.83 Ferner ist das Werk für Ingarden mit seinem materiellen Träger, d. h. mit einem bestimmten Artefakt (oder allgemeiner: mit irgendeinem makrophysikalischen Objekt) nicht zu identifizieren. Ansonsten gäbe es ebenso viele Werke wie Exemplare des betreffenden Buches. Und nicht zu verwechseln sei schließlich das literarische Werk mit der „Sphäre der Gegenstände und Sachverhalte“, die „gegebenenfalls das Vorbild der in dem Werke ‚auftretenden‘ Gegenstände und Sachverhalte bilden“.84 Es ist noch einmal zu betonen, dass es sich hier um ontologische Feststellungen handelt. Wenn also Ingarden in einer oft zitierten Passage beteuert, dass „der Autor selbst samt allen seinen Schicksalen, Erlebnissen und psychischen

|| 79 Wellek 1981a, S. 57. Zu Wellek siehe Kap. 6, zum ‚intentionalen Fehlschluss‘ siehe Kap. 7 dieser Arbeit. 80 Ingarden 1931, S. 17 (im Original zum Teil gesperrt). Zu Ingardens Konzeption einer phänomenologischen Ontologie vgl. Haefliger 1994, Kap. 1. In einer ausführlichen Besprechung des ersten Bandes von Der Streit um die Existenz der Welt fragt Heribert Steinbach kritisch, ob Ontologie überhaupt als Phänomenologie möglich sei (Steinbach 1968). 81 Ingarden 1931, S. 12. 82 Ingarden 1931, S. 10. 83 Vgl. Ingarden 1931, S. 11; ferner S. 348: „Nur die theoretisierenden Literaturwissenschaftler verfallen auf den absonderlichen Gedanken, das literarische Werk ‚in der Seele‘ des Lesers zu suchen“. 84 Ingarden 1931, S. 22f. (im Original zum Teil gesperrt).

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Zuständen“85 keinen Teil des literarischen Werks bildet, dann ist dies zunächst kein Plädoyer für so etwas wie eine werkimmanente Interpretation.86 Ihm geht es dann nicht um den hermeneutischen Status der Autorintention, sondern vielmehr strikt um einen ontologischen Sachverhalt, nämlich dass das Schreiben mit dem Geschriebenen, das Lesen mit dem Gelesenen, das Verstehen mit dem Verstandenen etc. nicht identisch ist. Wäre dies der Fall, dann ließe sich die Einheit des Werks nicht begründen, was einen blanken Subjektivismus und Relativismus zur Folge hätte. Wie es auch darum bestellt sein mag, dass weder Autor noch Leser, weder das Artefakt in seiner Materialität noch die reale Welt als solche ontologisch gesehen zum literarischen Werk gehört: Es lässt sich daraus nicht direkt ableiten, inwieweit ein bestimmtes Wissen über Autor oder Leser, über das betreffende Artefakt oder die reale Welt für eine Interpretation des Werks relevant sein könnte.87 Dies muss auf anderem Wege entschieden werden, wobei zuallererst zu klären ist, worin für Ingarden die Grundstruktur des Werks besteht. Man kommt damit zum berühmten Stratifikationsmodell in Das literarische Kunstwerk,88 Ingardens „Querschnitt“89 durch das literarische Werk. Ingarden zufolge liegt die „wesensmäßige Struktur“ des Werkes darin, „daß es ein aus mehreren heterogenen Schichten aufgebautes Gebilde ist“.90 Insgesamt handelt es sich um vier Schichten: (1) die Schicht der Lautgebilde, (2) die Schicht der Bedeutungseinheiten, (3) die Schicht der dargestellten Gegenstände und (4) die Schicht der sogenannten schematisierten Ansichten. Die Heterogenität dieser Schichten steht dabei für Ingarden in keinem Widerspruch zur „phänomenalen Einheit“91 des Ganzen. Im Gegenteil: Das Werk sei durch einen „organischen Bau“ gekennzeichnet, „dessen Einheitlichkeit gerade in der Eigenart der einzel-

|| 85 Ingarden 1931, S. 18 (im Original gesperrt). 86 So ist diese Stelle oft verstanden worden; vgl. stellvertretend Gruber 2009, S. 771. 87 Etwas unspezifisch sind daher Formulierungen wie diese: „[…] Ingarden emphatically denies that the author’s ‚psychological states‘ have any bearing whatsoever on the reader’s own cognition of the literary work of art“ (Mitscherling 1997, S. 202). Kaum hilfreich sind ferner die Überlegungen von Krenzlin 1964, S. 1121; Konstantinović 1975, S. 25. 88 Im Folgenden wird keine umfassende Erörterung der einzelnen Schichten angestrebt. Das Nachzeichnen des Stratifikationsmodells gehört ohnehin zum Standardinventar der IngardenForschung (vgl. etwa Konstantinović 1973, S. 62–119; Falk 1981, S. 29–123). Eine differenzierte Darlegung findet sich bei Magliola 1977, S. 107–141. 89 Ingarden 1931, S. 315 (im Original in Anführungszeichen). 90 Ingarden 1931, S. 24. 91 Ingarden 1931, S. 25.

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nen Schichten gründet“.92 Ingardens Erörterung der einzelnen Schichten, ihr Verhältnis zueinander und ihre jeweilige Funktion im Werkganzen ist relativ umfangreich (sie umfasst knappe 300 Seiten). An folgender Stelle wird aber verhältnismäßig prägnant formuliert, wie die ersten drei Schichten zusammenhängen: [W]ird ein bestimmter Wortlaut durch ein psychisches Subjekt erfaßt, so führt diese Erfassung unmittelbar zu dem Vollzug eines intentionalen Aktes, in welchem der Gehalt einer bestimmten Bedeutung vermeint wird. Dabei wird diese Bedeutung nicht selbst gegenständlich gegeben, sondern sie wird in Funktion gesetzt und ihr In-Funktion-Treten führt seinerseits dazu, daß die entsprechende, zu der Wortbedeutung oder zu dem Satzsinne gehörige Gegenständlichkeit vermeint wird, womit die weiteren Schichten des literarischen Werkes zur Enthüllung gelangen.93

Wie Husserl geht Ingarden von der Intentionalität des Bewusstseins aus.94 Die einzelnen Schichten des literarischen Werks werden letztlich von der Intentionalität des Bewusstseinsaktes zusammengehalten. Oder anders gewendet: Die Schichten markieren sowohl bei Husserl als auch bei Ingarden Fundierungsverhältnisse im intentionalen Akt-Gegenstand-Gefüge.95 Was Ingarden in seinem Schichtenmodell beschreibt, ist im Grunde genommen nichts anderes als die Intentionalität des Bewusstseins bei signitiver, d. h. durch Zeichen vermittelter Gegebenheit des intentionalen Gegenstandes.96 Beim Erfassen und Verstehen eines Wortes geschieht nämlich zweierlei: Einerseits wird einem Lautgebilde (Schicht 1) im Bewusstseinsakt Bedeutung (Schicht 2) zugewiesen, und zwar entweder vom Autor selbst oder auch vom Leser, aber immer von einem tätigen Subjekt. So spricht auch Ingarden durchgängig von bedeutungsverleihenden Akten; entsprechend sei die Intentionalität des Ausdrucks eine vom Subjekt geliehene Intentionalität.97 Andererseits ist dieses Verleihen damit verbunden, dass man sich auf ein Etwas bezieht, d. h. auf den intentionalen Gegenstand

|| 92 Ingarden 1931, S. 24 (im Original zum Teil durch Sperrung hervorgehoben); vgl. auch S. 308. 93 Ingarden 1931, S. 57f. 94 Vgl. bes. Ingarden 1931, S. 120, Anm.; Ingarden 1965b, S. 194f. 95 Vgl. Husserl 1913, S. 225 u. ö. Vgl. auch Ingarden 1967a, S. 234. 96 Zur Intentionalität des Zeichens vgl. auch Ingarden 1972, S. 189. 97 Vgl. Ingarden 1931, S. 101: „[W]enn der Wortlaut die Bedeutung überhaupt trägt, so ist dies nur dadurch möglich, daß ihm diese Funktion sozusagen von außen her aufgezwungen, verliehen wird. Und diese Verleihung kann nur durch einen subjektiven Bewußtseinsakt zustandekommen. […] Die Intentionalität des Wortes ist eine von dem entsprechenden Akte geliehene Intentionalität.“

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(Schicht 3),98 das Intendierte als solches. Der so verstandene rein intentionale Gegenstand entspricht in etwa dem, was Husserl in den Ideen I als Noema bezeichnet.99 Ob es außerdem etwas Entsprechendes in der realen Welt gibt, mit dem der rein intentionale Gegenstand gleichsam zur Deckung gebracht werden kann, ist aber für Ingarden eine ganz andere Frage – wobei die Differenz zwischen reiner Intentionalität und der realen Welt in der Fiktion besonders deutlich zum Vorschein kommt. Hier kann die ontologische Differenz plausibel gemacht werden, ohne dass man eine Verwechslung beider Sphären zu befürchten hätte. In diesem Zusammenhang spielt wiederum die Bedeutung eine wichtige Rolle. Wie Husserl legt Ingarden großen Wert darauf, dass die Bedeutung des Ausdrucks weder mit dem bedeutungsverleihenden Akt noch mit dem intentionalen Gegenstand identisch ist. Sie wird eben „in Funktion gesetzt“ und hat so wie bei Husserl den Status eines Mediums, das selbst nicht gegenständlich gegeben ist. Dabei ist der Gegenstand insofern rein intentional, als er „ausschließlich von dem materialen Inhalt der […] Wortbedeutung“ abhängig ist.100 Ontisch besteht mithin eine absolute Aktdependenz, durch die sich der intentionale von einem realen Gegenstand unterscheidet. Der springende Punkt bei Ingarden liegt eben darin, dass der rein intentionale Gegenstand „in seinem gesamten Sein und Sosein […] auf das Sein und Sosein des zugehörigen Bewußtseinsaktes angewiesen ist“, womit auch „in strengem Sinne von seiner ‚Konstitution‘ in Bewußtseinsakten“ gesprochen werden könne.101 Denn: „Zum Wesen des intentionalen gegenständlichen Vermeinens gehört es […], daß durch dessen Vollzug ein von ihm selbst verschiedenes Etwas – der ‚intentionale Gegenstand‘ als solcher – ‚entworfen‘, in einem übertragenen Sinne ‚geschaffen‘ wird.“102 Dagegen sind Ingarden zufolge real-existierende Gegenstände völlig indifferent dagegen, ob sie zum „Treffpunkt“ eines Bewusstseinsaktes gemacht werden oder

|| 98 Vgl. Ingarden 1931, S. 64; ferner Ingarden 1968a, S. 36. Vgl. auch Husserl 1901, S. 386: „Ist [das] Erlebnis präsent, so ist eo ipso […] die intentionale ‚Beziehung auf einen Gegenstand‘ vollzogen, eo ipso ist ein Gegenstand ‚intentional gegenwärtig‘; denn das eine und andere besagt genau dasselbe.“ 99 Vgl. Chrudzimski 2002, S. 200. Zum Begriffspaar Noesis/Noema bei Husserl vgl. Steffen 2010. Eckhard Lobsien sieht in Ingardens Schichtenmodell zudem eine strukturelle Parallele zu Husserls frühen Analysen des Bildbewusstseins; vgl. Lobsien 1996, bes. S. 283–287. 100 Ingarden 1931, S. 65. 101 Ingarden 1931, S. 124. 102 Ingarden 1931, S. 64; vgl. auch S. 100f., 184, 186, 219, 285.

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nicht, womit sie nur in einer sekundären Weise als intentional gelten können.103 So hat bei Ingarden nicht lediglich die Bedeutung, sondern auch der rein intentionale Gegenstand eine Mediator-Funktion: Er ist eine Entität, die einen intentionalen Zugang zur real existierenden Welt vermittelt.104 Zur Konstitutionsproblematik gehört also für Ingarden von vornherein der ontologische Status des intentionalen Gegenstandes.105 In aufeinander aufbauenden Analysen schreitet Ingarden zunächst vom Zeichenbegriff zur Wortbedeutung fort. Dabei bildet aber nicht das einzelne Wort, sondern vielmehr der Satz das „wahrhaft selbständige“106 Sprachgebilde. Ein Satz sei keine bloße Wortmannigfaltigkeit, sondern vielmehr eine Bedeutungseinheit höherer Stufe, in der sich die Wortbedeutungen untereinander verbinden und gegenseitig modifizieren. Hierbei stellt der Satz für Ingarden „das Resultat einer subjektiven satzbildenden Operation“107 dar, die insofern als „ursprüngliche sprachbildende Operation“108 zu gelten hat, als das Einzelwort seine Bedeutung immer nur im Satzverbund erhält. Diese satzbildende Operation bildet nach Ingarden nun ihrerseits meist „nur eine relativ unselbständige Phase einer umfangreicheren subjektiven Operation, aus welcher nicht mehr einzelne zusammenhangslose Sätze, sondern ganze Satzzusammenhänge […] entspringen“.109 Man ist also meist nicht auf einzelne Sätze, sondern – mehr

|| 103 Vgl. Ingarden 1931, S. 119: „Unter einer rein intentionalen Gegenständlichkeit verstehen wir eine Gegenständlichkeit, welche durch einen Bewußtseinsakt bzw. eine Mannigfaltigkeit von Akten oder endlich durch ein Gebilde (z. B. Wortbedeutung, Satz), das die verliehene Intentionalität in sich birgt, ausschließlich vermöge der ihnen immanenten ursprünglichen oder nur verliehenen Intentionalität in einem übertragenen Sinne ‚geschaffen‘ wird und in den genannten Gegenständlichkeiten den Ursprung ihres Seins und ihres gesamten Soseins hat. […] Vorläufig soll die eben gegebene Bestimmung nur dazu dienen, die rein intentionale Gegenständlichkeit der Idee nach von den dem Bewußtsein gegenüber seinsautonomen Gegenständlichkeiten zu unterscheiden, für welche es durchaus zufällig ist (falls sie überhaupt existieren), daß sie zum Treffpunkt eines Bewußtseinsaktes und dadurch in einer sekundären Weise zu ‚auch intentionalen‘ Gegenständlichkeiten werden.“ 104 So auch Chrudzimski 2002, S. 200. Damit kommt Ingardens Begriff des rein intentionalen Gegenstandes dem Begriff der mentalen Repräsentation bei Franz Brentano recht nahe; vgl. hierzu Chrudzimski 2005a, S. 155; Chrudzimski 2005b, S. 101. 105 Vgl. Chrudzimski 2002, S. 200. Um ähnliche Probleme (sowie um die daraus zu ziehenden Konsequenzen für eine übergreifende Husserl-Interpretation) ging es im Übrigen in der sogenannten Noema-Debatte, die in den siebziger und achtziger Jahren in der Husserl-Forschung tobte. Vgl. als Auslöser der Debatte Føllesdal 1969; ferner Zahavi 2009, S. 60–63. 106 Ingarden 1931, S. 42. 107 Ingarden 1931, S. 112. 108 Ingarden 1931, S. 102. 109 Ingarden 1931, S. 104f.

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oder weniger bewusst – auf einen thematischen Zusammenhang eingestellt. Das gegenständliche Korrelat der einzelnen Sätze bezeichnet Ingarden als Sachverhalte, die sich wiederum zu komplexen ‚Gegenständlichkeiten‘ zusammenfügen. Gemeint ist damit in diesem Fall nichts anderes als die dargestellte Welt der literarischen Fiktion. So umfasst der Ausdruck ‚dargestellte Gegenständlichkeit‘ in Das literarische Kunstwerk „alles Dargestellte als solches“.110 Soweit die ersten drei Schichten. Die vierte und letzte Schicht, die Schicht der sogenannten schematisierten Ansichten, hängt ihrerseits unmittelbar von der dritten ab. Mit Blick auf die rein intentionalen Gegenstände nimmt Ingarden eine Binnendifferenzierung vor und unterscheidet zwischen ‚ursprünglich‘ rein intentionalen und ‚abgeleitet‘ rein intentionalen Gegenständen. Während die ersteren „den Ursprung ihres Seins und Soseins direkt in den durch ein Ich vollzogenen konkreten Bewußtseinsakten“ haben, verdanken die letzteren „ihr Sein und Sosein“ der geliehenen Intentionalität von Sprachgebilden.111 Anders als die ursprünglich rein intentionalen Gegenstände, die Ingarden zufolge „in dem Sinne ‚subjektive‘ Gebilde“ sind, dass sie „in ihrer Ursprünglichkeit nur dem einen Bewußtseinssubjekt unmittelbar zugänglich sind, welches die sie schaffenden Akte vollzogen hat“,112 besitzen die abgeleitet rein intentionalen Gegenstände den „Vorzug“,113 als Korrelate von Bedeutungseinheiten „intersubjektiv“114 zu sein. Dabei findet allerdings in der sprachlichen Bezugnahme auf die Gegenstände eine „Ablösung von den konkreten, in der ursprünglichen Lebendigkeit und Fülle vollzogenen Bewußtseinsakten“ statt,115 womit es zu einer gewissen „Schematisierung ihres Gehaltes“ kommt.116 Ingarden hat hier schlicht den Tatbestand vor Augen, dass die dargestellten Gegenstände im literarischen Werk durch Zeichen vermittelt sind und dass eine Abstraktion von der konkreten Merkmalsfülle mit der Zeichenhaftigkeit einhergeht: „Es bleibt von dem ursprünglich vermeinten rein intentionalen Gegenstand sozusagen nur ein Skelett, ein Schema übrig.“117 An dieser Stelle kommt die vierte Schicht ins Spiel, die gleichsam das Skelett mit Fleisch versieht und für die Schematisierung kompensiert.

|| 110 Ingarden 1931, S. 221. Vgl. ferner Ingarden 1964a, S. 79; Ingarden 1965b, S. 101f. 111 Ingarden 1931, S. 120. 112 Ingarden 1931, S. 128f. 113 Ingarden 1931, S. 128. 114 Ingarden 1931, S. 129 (im Original in Anführungszeichen). 115 Ingarden 1931, S. 129. 116 Ingarden 1931, S. 129. 117 Ingarden 1931, S. 130.

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Die Rede von Ansichten geht auf Husserls Analysen der visuellen Dingwahrnehmung zurück und besagt, dass ein Raumgegenstand nie vollständig, sondern streng genommen immer nur von einer ‚Seite‘ bzw. aus einer bestimmten Perspektive gegeben ist. Die gerade eingenommene Perspektive verdeckt dabei die weiteren, möglichen Perspektiven auf den Gegenstand; diese sind aber im Bewusstsein mitgegeben, so dass wir ihn gleichwohl in seiner Ganzheit wahrnehmen. Anders als Erlebnisse in der ‚inneren‘ Wahrnehmung sind in diesem Sinne die Dinge in der Außenwelt in ‚Ansichten‘ bzw. ‚Abschattungen‘ gegeben.118 Sie sind nicht einfach gegenwärtig, sondern ihre Gegebenheit im Bewusstsein beruht vielmehr auf dem geregelten Verweiszusammenhang zwischen dem aktuell Gegebenen und weiteren, möglichen Perspektiven auf den Gegenstand. Wenn ich etwa meinen Schreibtisch ansehe, so zeigt sich streng genommen nur eine Seite: Der Schreibtisch ist nur partiell gegeben. Die mir abgewandte Rückseite des dreidimensionalen Objekts ist aber dennoch im Bewusstsein präsent. So wäre ich etwa überrascht, wenn es sich beim Umrunden des Schreibtisches herausstellen sollte, dass er gar keine Rückseite hätte; oder wenn ich einen großen Tintenfleck entdecken sollte, von dem ich vorher nichts wusste. Ingarden spricht hier im Anschluss an Husserl von „unerfüllten Qualitäten“,119 die trotz ihrer Unerfülltheit qualitativ bestimmt und auch phänomenal anwesend sind.120 Dieses Prinzip der visuellen Dingwahrnehmung wird nun von Ingarden auf die Schicht der dargestellten Gegenstände, also auf die dargestellte Welt in der literarischen Fiktion übertragen: „Würden die Ansichten im Werke überhaupt fehlen, so müßten die dargestellten Gegenstände während der Lektüre nur leer vermeint, auf völlig unanschauliche Weise gedacht werden […]. Die dargestellten Gegenständlichkeiten wären dann leere, rein ‚begriffliche‘ Schemata […].“121 Dass die Lektüre nicht leer und unanschaulich sein muss, dürfte keine allzu gewagte These sein. Man denke etwa daran, wie sich die Handlung eines spannenden Romans vor dem inneren Auge abspielt. In diesem Sinne erlauben uns Ingarden zufolge die Ansichten, „die Gegenstände quasi zu ‚sehen‘“.122 In Analogie zur visuellen Dingwahrnehmung kompensieren die Ansichten für die Schematisierung, die die sprachliche Konstitution der dargestellten Gegenstän|| 118 Vgl. etwa Husserl 1913, S. 88. Zu Husserls Abschattungslehre vgl. auch die Einleitung zu den sogenannten Analysen zur passiven Synthesis (Husserl 1918–1926, S. 3–24). 119 Ingarden 1931, S. 263 (im Original in Anführungszeichen). 120 Zur Wahrnehmungstheorie vgl. ausführlich Ingarden 1926/27 (in enger Anlehnung an Husserl); vgl. auch Ingarden 1923. 121 Ingarden 1931, S. 284. 122 Ingarden 1931, S. 40.

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de mit sich führt. Mit seinem Schichtenmodell sucht Ingarden so sowohl der Sprachlichkeit als auch den anschaulichen Qualitäten der Literatur Rechnung zu tragen.123 Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Ansichten als eigene Schicht im literarischen Werk nach Ingarden selbst schematisiert sind, wenn auch nicht in derselben Art und Weise wie die signitiv gegebene intentionale Gegenständlichkeit. Mit Verweis auf Husserl bemerkt Ingarden, dass zu jeder dinglichen Eigenschaft ein System von möglichen Ansichten gehört. Es handelt sich hier um einen Verweiszusammenhang, der im Sinne der Korrelation von Gegenstandsart und Gegebenheitsweise apriorisch geregelt ist, also um gewisse „Idealisierungen“, die nicht mit den „einmalig erlebten und für alle Ewigkeit vergangenen Ansichten“ eines konkreten Wahrnehmungsaktes zu verwechseln sind.124 Nur als schematisierte Ansichten gehen für Ingarden die Ansichten in das einheitliche, mit sich selbst identische Werk ein.

2.3 Das Werk und seine Konkretisationen. Hermeneutische Problemfelder Das Stratifikationsmodell in Das literarische Kunstwerk entspringt Ingardens Bemühung, eine Grundstruktur herauszustellen, die allen literarischen Werken gemeinsam ist. Wie er mehrfach betont, geht es ihm nicht um „ein einzelnes Werk in seiner Individualität“, sondern um „den Gehalt der allgemeinen Idee eines jeden literarischen Werkes überhaupt“.125 Hierbei versucht er nicht in Abrede zu stellen, dass literarische Werke dem Inhalt oder der formalen Gestaltung nach sehr unterschiedlich sein können, und er leugnet auch keineswegs, dass verschiedene Leser mitunter sehr unterschiedlich mit ein und demselben Werk umgehen. Um eine „Subjektivierung“ und „Psychologisierung“ des Werks zu vermeiden,126 unterscheidet er aber sorgfältig zwischen dem ontologisch

|| 123 Vgl. Ingarden 1931, S. V; ferner S. 283, Anm. Was Ingarden hier diskutiert, entspricht in gewisser Weise Husserls Unterscheidung von Bedeutungsintention und Bedeutungserfüllung, verstanden als der Grad an anschaulicher Fülle im Bewusstseinsakt. Vgl. dazu Husserl 1901, S. 56f. u.ö. Das literarische Kunstwerk lässt sich aber auch als ein Beitrag zu einer Diskussion über die Anschaulichkeit von Sprachgebilden bzw. Literatur verstehen, an der ca. 1850–1950 zahlreiche Akteure partizipierten; vgl. Richter 2010b, bes. S. 174f. Ulrich Steltner schätzt die schematisierten Ansichten als die „eigentliche Entdeckung“ bei Ingarden ein (Steltner 2010, S. 374). 124 Ingarden 1931, S. 267f. (im Original zum Teil gesperrt). 125 Ingarden 1931, S. 348, Anm. 126 Ingarden 1931, S. 370; vgl. auch S. 379, 384.

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konzipierten Werk selbst auf der einen Seite und den ‚Konkretisationen‘ des Werks durch den Leser auf der anderen. So fasst Ingarden das Werk als ein „schematisches Gebilde“,127 dessen Einheit und Identität mit einer gewissen Unund Unterbestimmtheit erkauft wird. Das heißt: Er unterscheidet zwischen dem invarianten, schematischen Gehalt des Werkes selbst auf der einen Seite und den konkreten, mit jeder Lektüre variierenden Ausgestaltungen dieser Schemata auf der anderen. Von Schemata (im Plural) kann insofern gesprochen werden, als das Werk in zweierlei Hinsicht schematisiert ist: einmal in der dritten und einmal in der vierten Schicht. Die Konkretisation bildet hierbei die „Erscheinungsweise“128 des Werks. Zwar gilt die Intentionalität (in den meisten Fällen) dem literarischen Werk selbst und nicht der Art und Weise, wie es sich präsentiert, doch gegeben ist das Werk nur in konkreten Bewusstseinsakten. Mehr als einmal vergleicht Ingarden das literarische Werk mit einem Regenbogen, der nichts Haptisches ist, aber auch kein bloßes Hirngespinst, auch wenn es immer nur für ein Subjekt in concreto vorhanden ist.129 Aus interpretationstheoretischer Sicht ist die Unterscheidung von Werk und Konkretisation zunächst völlig neutral. Hermeneutisch valent (und brisant) werden Ingardens Ausführungen erst durch die Überzeugung, dass man als Leser „Konkretisationen zur Entfaltung bringen“ kann, die „das Werk nicht zu einer adäquaten Ausprägung bringen“.130 Denn damit stellt sich die Frage, worin diese Adäquatheit eigentlich besteht und inwieweit Ingarden tatsächlich Methoden an die Hand gibt, mit denen inadäquate Lesarten ausgeschlossen werden können. Vehement und immer wieder hebt Ingarden hervor, dass es bessere und schlechtere, dass es richtige und falsche Konkretisationen eines Werks geben kann. Damit ist aber zugleich ein dezidiert normatives Element eingeführt, womit sich Ingardens Ansatz gleichsam gegen den Strich auf seine || 127 Ingarden 1931, S. 271. Eine ähnliche Position vertritt im Übrigen der junge Georg Lukács. Vgl. die bündige Rekonstruktion von Sandor 1979, S. 481f. 128 Ingarden 1931, S. 343. 129 Gegen diese Analogie erhebt Emil Winkler in einer Rezension zu Das literarische Kunstwerk einen wohl nicht ganz unberechtigten Einwand. Er bemerkt, „daß der Regenbogen eine Angelegenheit der Strahlenbrechung ist, die sich unabhängig von der Psyche eines Beobachters vollzieht (weswegen man einen Regenbogen z. B. auch photographieren kann)“ (Winkler 1933, S. 242). Im Übrigen geht Winkler in seiner Rezension mit Ingarden hart ins Gericht, womöglich weil er sich in seinem 1924 erschienenen Buch Das dichterische Kunstwerk – auf das er immer wieder verweist – mit ähnlichen Themen befasst hatte (vgl. hierzu Richter 2010b, S. 173–176). 130 Ingarden 1931, S. 361. Dies wird auch von Gerhard Pasternack hervorgehoben: „Neben d[en] Konstitutionsfragen der Konkretisation und Aktualisierung literarischer Werke werden von Ingarden normative Fragen behandelt. Ihm geht es nicht allein um mögliche, sondern um adäquate Konkretisationen“ (Pasternack 1975, S. 63).

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hermeneutischen Implikationen hin lesen lässt. Es lassen sich mindestens fünf Problemfelder ausmachen.

2.3.1 Das Primat der Bedeutung im Stratifikationsmodell. Ingardens Bedeutungsbegriff Auch wenn die einzelnen Schichten in Ingardens Modell vermöge der Intentionalität des Bewusstseins aufs Engste miteinander verwoben sind, können sie – wie Ingarden auch selbst immer wieder betont – in konstitutiver Hinsicht nicht als gleichwertig gelten: Unter den Schichten gibt es „eine ausgezeichnete, nämlich diejenige der Sinneinheiten, die das strukturelle Gerüst für das ganze Werk bildet, indem sie alle übrigen Schichten ihrem Wesen nach fordert […]“.131 Die erste Schicht ist nichts anderes als der Text, dem Bedeutung zugewiesen wird. Die dritte und vierte Schicht konstituieren ihrerseits zusammen die dargestellte Welt und sind letztlich beide in der Bedeutung fundiert, sofern die dritte Schicht das gegenständliche Korrelat der Bedeutung bildet und die vierte Schicht ihrerseits von der dritten abhängt. Dieses Primat der Bedeutung in Ingardens Schichtenmodell hat nun zur Konsequenz, dass das (konkretisierte) Werk in seiner Ganzheit dem verstandenen Text gleichkommt.132 Ingardens Werkbegriff ist somit untrennbar mit Fragen nach dem Textverständnis verbunden. Sofern die Konkretisation die ‚Erscheinungsweise‘ des Werks sein soll, sind Verstehensfragen dem Werkbegriff inhärent. Es gehört zu den Besonderheiten von Ingardens Ansatz, dass er sich in einer Untersuchung des literarischen Werks an der gesprochenen Sprache orientiert. Seine Thesen lassen sich aber ohne Probleme auf den schriftlich fixierten Text übertragen. Jeder sprachliche Ausdruck besteht für Ingarden aus zwei Komponenten: „einerseits ein bestimmtes Lautmaterial […], andererseits den mit ihm ‚verbundenen‘ Sinn“.133 Dieses Lautmaterial ist freilich nicht der schlechthin einmalige Schall (oder analog dazu: die einmaligen Schriftzeichen auf dem

|| 131 Ingarden 1931, S. 24; vgl. auch S. 56, 189, 211, 373; ferner Ingarden 1968a, S. 351. 132 Völlig zu Recht spricht Herta Schmid mit Blick auf den Konkretisationsbegriff von einem „Verstehensakt, den das literarische Kunstwerk von seinem Rezipienten verlangt“ (Schmid 1970, S. 291). Vgl. auch die Verhältnisbestimmung vom (a) gesehenen, (b) gelesenen und (c) verstandenen Text von Weimar 1995, bes. S. 111. 133 Ingarden 1931, S. 30. Hier mag man sich an die Sprachauffassung Ferdinand de Saussures erinnert fühlen, wie man sie aus Einführungen in die Linguistik kennt. Ingarden hat aber dessen Modell (nicht ohne polemischer Schärfe) als psychologistisch zurückgewiesen; vgl. vor allem Ingarden 1948.

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Papier). Gemeint ist vielmehr „eine typische lautliche Gestalt“,134 die im Bewusstseinsakt dem konkreten Lautmaterial „oktroyiert“135 wird. Mit den Begriffen von Charles Sanders Peirce könnte man sagen, dass die typische lautliche Gestalt und das konkrete Lautmaterial sich zueinander verhalten wie type und token.136 Ein Wortlaut ist für Ingarden nur insofern ein Wort-Laut, als ihm in mehreren Fällen eine „identisch gemeinte Bedeutung“ zukommt.137 Er ist also bei gleichbleibender Bedeutung indifferent gegen ‚physikalische‘ Unterschiede in der materiellen Manifestation. Nur diese typische Gestalt geht für Ingarden in das Werk ein. In diesem Sinne ist die erste Schicht der Text, aber nur in seiner Zeichenhaftigkeit, nicht in seiner schlechthin individuellen Materialität.138 Dass nur die (stabile) Zeichenfolge, nicht aber die non- und paraverbalen, materiellmedialen Eigenschaften des betreffenden Artefakts139 für Ingarden zum literarischen Werk gehört, ist im Grunde genommen nur folgerichtig, sofern das Werk gerade nicht veränderlich, sondern mit sich selbst identisch sein soll. Zugleich kann aber die erste Schicht für Ingarden in keinem Werk fehlen, denn es bedarf immer eines „äußeren Stützpunkt[s]“, ohne den es gar nicht existieren könnte.140 Als Bestandteil des Werks ist also das Lautgebilde etwas Immaterielles, auch wenn das sprachliche Zeichen stets auf einen Zeichenkörper angewiesen ist, um überhaupt kommunizierbar zu sein. In diesem Sinne kann Ingarden behaupten, dass der materielle Träger des Textes (etwa ein Buch) nur ein „mittelbare[s]“ ontisches Fundament des Werks bildet,141 auf das ein Werk in durchaus anderer Weise angewiesen ist als z. B. auf die Bewusstseinsakte des Autors. Wenn man bedenkt, dass die Bedeutung die tragende Schicht im Schichtenmodell ist, mag es überraschen, dass Ingarden keine Definition der sprachlichen Bedeutung liefert.142 Sein Bedeutungsbegriff ergibt sich vielmehr aus der

|| 134 Ingarden 1931, S. 32. 135 Ingarden 1931, S. 34 (im Original in Anführungszeichen). 136 Vgl. Küng 1972, S. 205; Shusterman 1989, S. 138. 137 Ingarden 1931, S. 31. 138 In dieser Hinsicht ist Ingarden kaum anschlussfähig für die gegenwärtige Diskussion. Zur Frage nach der Textbedeutung im Lichte des aktuellen philologischen Materialitätsparadigmas vgl. Rockenberger/Röcken 2014. 139 Dieser Ausdruck ist hier übernommen von Rockenberger/Röcken 2014, S. 25 u. ö. 140 Ingarden 1931, S. 56. „Das eigentliche konstitutive Fundament des einzelnen literarischen Werkes liegt freilich in der Schicht der Bedeutungseinheiten […]. Aber die Bedeutungen sind wesensmäßig mit den Wortlauten verbunden. […] Zur Idee der Bedeutung gehört es […], mit irgendeinem Wortlaut (oder mit irgendeinem Wortzeichen visueller, akustischer, taktueller Art) verbunden und damit eben seine Bedeutung zu sein“ (S. 56f.). 141 Ingarden 1931, S. 382. Zur Materialität des Textes bei Ingarden vgl. auch Shusterman 1989. 142 Er ist sich dessen durchaus bewusst; vgl. Ingarden 1931, S. 60.

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Relation zu anderen Begriffen, nicht zuletzt dem Intentionalitätsbegriff. Man könnte sagen: Besteht die Intentionalität des Bewusstseins darin, immer Bewusstsein von etwas zu sein, so ist die Bedeutung dasjenige, was man wissen muss, um eine Verbindung zwischen dem Ausdruck und dem intentionalen Gegenstand herzustellen, d. h. um den Gegenstand überhaupt als just diesen Gegenstand intendieren zu können. Wie Ingarden in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks schreibt: „Der Sinn schafft […] einen Zugang zu den Gegenständen, von denen im Werk die Rede ist. Der Sinn ist, wie Husserl sagt, nur ein ‚Durchgangsobjekt‘, das man passiert, um zu dem gemeinten Gegenstand zu gelangen.“143 Auch wenn es nach Ingarden durchaus möglich ist, in ‚philologischer‘ Einstellung auf die Bedeutungsschicht des Werks besonders achtzugeben,144 ist man gewöhnlich dem Inhalt zugewandt.145 Das mehr oder weniger bewusst abgesteckte Ziel der Lektüre ist also nicht an und für sich die Zuschreibung von Bedeutung, sondern der Aufbau der dargestellten Welt.146 Aus dieser typischen Aufmerksamkeitsdisposition und dem besonderen Stellenwert der Bedeutung im Schichtenmodell ergibt sich eine grundlegende Frage zum Verhältnis von Werk und Konkretisation. Um die Einheit und Identität des Werks gegenüber der Mannigfaltigkeit seiner Konkretisationen zu bewahren, beschreibt Ingarden das Werk als ein schematisches Gebilde. Schematisch ist aber streng genommen nicht das Werk in seiner Gesamtheit. Vielmehr findet eine Schematisierung nur in den letzten beiden Schichten statt, die zusammen die dargestellte Welt ausmachen. Doch wie ist es um die Einheit und Identität der Bedeutung bestellt, von der alles andere doch letztlich abhängt? Und was heißt es eigentlich unter diesen Bedingungen, einen Text in angemessener Weise zu verstehen?

|| 143 Ingarden 1968a, S. 39. Vgl. auch Ingarden 1931, S. 191, Anm. 144 Vgl. Ingarden 1968a, S. 93: „Die Philologen haben Freude daran.“ 145 Vgl. Ingarden 1931, S. 297f.: „Tatsächlich richtet sich auch unsere aufmerksame Intention bei der Lektüre eines Werkes vor allem auf die dargestellten Gegenständlichkeiten. Wir sind auf sie eingestellt […], während wir an den übrigen Schichten bis zu einem gewissen Grade achtlos vorbeigehen und sie jedenfalls nur insofern nebenbei beachten, als es nötig ist, die Gegenstände thematisch zu erfassen.“ 146 Vgl. Ingarden 1931, S. 303f. Simone Winko und Fotis Jannidis unterscheiden hingegen zwischen der Bedeutungszuschreibung und dem Aufbau einer Textwelt als zwei verschiedene Ziele des Interpretierens; vgl. Winko/Jannidis 2015, S. 223f. Zum Begriff der Textwelt vgl. Anz 2007.

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2.3.2 Textverstehen als Aktualisierungsverfahren und der Status der Autorintention. Ingardens Bedeutungstheorie Im Hinblick auf die satzbildenden Operationen eines Subjekts, von denen oben bereits die Rede war, unterscheidet Ingarden streng zwischen Produzenten- und Rezipientenperspektive: Die satzbildende Denkoperation […] kann auf zwei grundverschiedene Weisen vollzogen werden. Entweder in der Form einer ursprünglichen wirklich satzbildenden Operation, oder nur in der Form einer der ursprünglichen entsprechenden und doch wesensmäßig modifizierten nachbildenden bzw. reaktualisierenden Operation. Nur der erstgenannte Modus der satzbildenden Denkoperation ist wirklich schöpferisch und erfordert zu seinem Vollzuge eine ganz spezifische spontane Aktivität des Bewußtseinssubjekts, wogegen der zweite nur reaktualisiert, was schon einmal geschaffen wurde […]. Dabei kann die bloß nachbildende, beliebig oft wiederholbare Denkoperation zu Sätzen führen, welche absolut denselben Inhalt und dieselbe Form haben, wie diejenigen, welche in der ursprünglich schöpferischen Operation gebildet wurden. Dabei ist es ganz irrelevant, ob die satznachbildenden Denkoperationen durch dasselbe Bewußtseinssubjekt, das den betreffenden Satz ursprünglich gebildet hat, oder durch ein anderes Subjekt vollzogen werden.147

Als Literaturwissenschaftler mag man hier vielleicht etwas misstrauisch werden. Kann Ingarden wirklich der Meinung gewesen sein, dass die verliehene Intentionalität des Autors mit derjenigen des Lesers ohne weiteres zusammenfällt? Er würde vehement verneinen, dass die subjektiven, schlechthin individuellen Bewusstseinsakte des Autors als solche zugänglich oder reproduzierbar wären. So spricht er sich auch entschieden gegen eine Identifikation vom Werk und den Bewusstseinsakten seines Urhebers aus. Ingarden ist aber offenbar der Meinung, dass eine Re-Aktualisierung und exakte Nachbildung von Bedeutung in neuen satzbildenden Operationen grundsätzlich gelingen kann. Diese Ansicht fußt auf einer besonderen Bedeutungstheorie, in der die eingangs genannten idealen Begriffe eine zentrale Rolle spielen.148 Ingarden unterscheidet nämlich zwischen Begriffen auf der einen Seite, verstanden als ‚Ideen‘,149 und Bedeutungen auf der anderen Seite, verstanden als die Aktualisierung eines Teils des idealen Gehalts, der im Begriff enthalten ist.

|| 147 Ingarden 1931, S. 104. 148 An anderer Stelle habe ich diesbezüglich von Ingardens Bedeutungskonzeption gesprochen (Sneis 2015, S. 467). Inzwischen neige ich dazu, diesen Begriff für eine besondere Art der Text-Kontext-Verknüpfung zu reservieren (siehe unten). 149 Vgl. hierzu Wachter 2005, bes. S. 76 (mit Verweisen auf Ingarden und weiteren Literaturhinweisen).

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Nur im Hinblick auf die Sinngehalte der idealen Begriffe vermag der Leser eines literarischen Werkes den Sinngehalt eines Satzes, der dem letzteren durch den Autor gegeben wurde, auf identische Weise zu reaktualisieren. Gäbe es keine idealen Begriffe und weiterhin auch keine idealen Qualitäten (Wesenheiten) und Ideen, so wären nicht bloß die Sätze […] unmöglich, sondern es wäre zugleich unmöglich, eine echte sprachliche Verständigung zwischen zwei Bewußtseinssubjekten, in welcher von beiden Seiten der identische Sinngehalt des Satzes erfaßt wird, zu erlangen.150

Die Teilhabe der Bedeutung an idealen, d. h. im strikten Sinne zeitlosen und unveränderlichen Begriffen soll also für die „intersubjektive Identität“ von Sprachgebilden bürgen.151 Ingardens Argumentation ist jedoch in dieser Hinsicht mehr als bemerkenswert. Es ist im Auge zu behalten, dass es ihm in Das literarische Kunstwerk letztlich um den Nachweis dieser idealen Begriffe geht. Er will die Existenz idealer Entitäten, die nicht in Bewusstseinsakten konstituiert sind, gegen Husserls transzendentalen Idealismus ins Feld führen. In seinem philosophischen Hauptwerk Der Streit um die Existenz der Welt hat Ingarden rückblickend darauf hingewiesen, dass er sich in seinen literaturtheoretischen Schriften dem „Problem der Möglichkeit des intersubjektiv gesicherten Erkennens des literarisch festgelegten Textes“ gewidmet habe, das ihm wiederum „als das Problem der Möglichkeit der intersubjektiv gesicherten Wissenschaft überhaupt erschien“.152 Ähnlich bemerkt der Ingarden-Herausgeber Rolf Fieguth mit Blick auf Das literarische Kunstwerk, dass „eine Leitfrage des Buches“ darin bestehe, „wie die Intersubjektivität von Textbedeutung theoretisch zu sichern sei“.153 Diese Beobachtung rührt zwar an einen wichtigen Punkt, aber streng genommen liegt bei Ingarden ein umgekehrtes Begründungsverhältnis vor. Dass eine Erfassung des identischen Sinngehalts tatsächlich möglich ist, wird nämlich von vornherein vorausgesetzt, wobei die idealen Begriffe, an denen die Bedeutung teilhaben soll, als Möglichkeitsbedingung dieses Faktums angeführt werden. Bemerkenswerterweise wendet sich Ingarden explizit gegen die Auffassung, dass Bedeutung durch die Konventionen der natürlichen Sprache gesichert sein könnte. Sein Haupteinwand lautet, dass man eine konventionell gesicherte Textbedeutung nicht annehmen kann, ohne zugleich in eine psychologistisch-relativistische Position zu verfallen.154 Und vor diesem Hintergrund

|| 150 Ingarden 1931, S. 378f. 151 Ingarden 1931, S. 374. 152 Ingarden 1964a, S. IX. 153 Fieguth 1976, S. XXV. 154 Vgl. vor allem Ingarden 1968a, S. 24.

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schließt er, gleichsam per Ausschlussverfahren, von der strengen Identität der Bedeutung auf die strikte Idealität von ‚dahinterliegenden‘ Begriffen.155 Eine gewisse Nähe zu Husserls Bedeutungstheorie in den Logischen Untersuchungen ist wohl nicht von der Hand zu weisen, allerdings mit einer ‚Verschiebung‘ der Idealität von der Bedeutung selbst auf deren ontisches Teilfundament, nämlich auf die idealen Begriffe. Gegenüber dem späten Husserl hält Ingarden deshalb an der Idealität fest, weil er in der subjektiven Konstitution der Bedeutung einen Rückfall in den Relativismus sieht.156 Vergegenwärtigen muss man sich an dieser Stelle, dass sich Ingardens Bedeutungstheorie keineswegs nur auf die ‚schöne‘ Literatur bezieht. Da sein Werkbegriff auch wissenschaftliche Werke umfasst, erhält die Bedeutungstheorie auch eine wissenschafts- und erkenntnistheoretische Dimension, die eine „verhältnismäßig belanglose Angelegenheit“ wie die Literaturwissenschaft bei weitem übersteigt:157 Wie stände es […] mit den Bedingungen der Möglichkeit einer erkenntnismäßig wertvollen Wissenschaft, wenn die Gebilde der wissenschaftlichen Arbeit lediglich derartige „Konkretisationen“ wären, wenn die Identität des Sinnes der wissenschaftlichen Behauptungen nur cum grano salis zu nehmen wäre und wenn jeder von uns es bei der Lektüre „eines“ wissenschaftlichen Werkes streng gesprochen mit anderen Sätzen, Beweisen, Theorien zu tun hätte? Ist das nicht der direkte Weg zum Skeptizismus oder wenigstens zum Bekenntnis, daß eine intersubjektive Wissenschaft unmöglich sei? Und was für einen Wert hätte eine Wissenschaft, welche nur für ein einziges Erkenntnissubjekt gültig wäre, wenn keine strenge Verständigung möglich wäre? Denn auf welchem anderen wissenschaftlichen Wege kann sich eine Verständigung unter den Erkenntnissubjekten vollziehen als vermittels der Sätze?158

|| 155 Vgl. freilich Ingarden 1931, S. 379: „So glauben wir die Gefahr der Subjektivierung der literarischen Werke bzw. die Reduzierung dieser Werke auf Mannigfaltigkeiten von Konkretisationen beseitigt zu haben. Allerdings nur unter der Annahme der Existenz idealer Begriffe. Zum vollständigen Erweis der Richtigkeit unseres Standpunktes würde eine Theorie der idealen Begriffe und ihrer Aktualisierung in Wortbedeutungen gehören. Aber das erforderte eine neue umfangreiche Abhandlung. Wem also die Annahme idealer Begriffe gefährlich zu sein scheint, wer ihr gegenüber eine abwartende Stellung einzunehmen geneigt ist, dem können wir nur vorschlagen, in dieser Annahme eine Hypothese zu sehen, ohne welche weder das literarische Werk als eine allen seinen Konkretisationen gegenüber identische Gegenständlichkeit noch das wissenschaftliche Werk und die intersubjektive Wissenschaft noch endlich die mannigfaltigen Konkretisationen literarischer Werke sich annehmen lassen.“ George G. Grabowicz deutet diese Stelle als Zweifel an der ontologischen Konzeption; vgl. Grabowicz 1973, S. lix. 156 Vgl. Ingarden 1932, S. 116; Ingarden 1939/63, S. 194. 157 Ingarden 1931, S. 373. 158 Ingarden 1931, S. 373.

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Am Sprach- und Textverstehen hängt für Ingarden insofern viel, als der wissenschaftliche Austausch und damit auch der wissenschaftliche Fortschritt sprachlich erfolgt. Doch auch wenn die Unmöglichkeit einer intersubjektiven Wissenschaft in der Tat beklagenswert wäre, ist dies an und für sich kein Argument für die Richtigkeit seiner Theorie. Er schließt hier von einer unerwünschten Konsequenz im Bereich der Wissenschaftstheorie auf die faktische Existenz von ‚Ideen‘, d. h. auf einen ontologischen Sachverhalt. Dass diese Position noch begründungsbedürftig ist, scheint sich Ingarden durchaus bewusst zu sein. Zumindest schreibt er: Es müßte […] gezeigt werden, wie es geschieht, daß zwei verschiedene Bewußtseinssubjekte, wenn sie einen Satz erfassen, identisch denselben Sinn erfassen, und wie sie sich darüber verständigen und volle Sicherheit gewinnen können, daß es wirklich der Fall ist. Dieser Weg würde uns aber in die schwierigsten Fragen der phänomenologischen Erkenntnistheorie führen, so daß eine ganz neue, umfangreiche Untersuchung unentbehrlich wäre.159

Letztlich entscheidet er sich aber dafür, dass es nicht nötig ist, diesen „Umweg“160 zu gehen. Das Problem könne vielmehr als gelöst gelten, „wenn es nur gelingt, das objektive, seinsautonome Seinsfundament des literarischen Werkes respektive der in es eingehenden Sätze zu finden“.161 Damit wird aber gerade dasjenige zugrunde gelegt, was man doch zu begründen hätte, nämlich die Möglichkeit einer vollständigen und in jeder Hinsicht fehlerfreien Verständigung. Dass eine Verständigung mittels Texte grundsätzlich gelingen kann, ist als Ergebnis sicherlich nicht abwegig. Ingardens Argumentation vermag aber kaum zu überzeugen: Es liegt hier eine petitio principii, eine Inanspruchnahme des Beweisgrundes vor. Ähnlich wie bei Husserl in den Logischen Untersuchungen scheint sich Ingardens Bedeutungstheorie aus einem reflexiven Gleichgewicht mit den Beispielen zu ergeben.162 Denn auch bei Ingarden stammen die Beispiele oftmals aus der Mathematik bzw. aus der (euklidischen) Geometrie, mithin aus einem Bereich, in dem der Gegenstand selbst ideal ist und ganz in seiner Definition aufgeht.163 Hierbei könnte man aber fragen: Handelt sich Ingarden nicht unnötig

|| 159 Ingarden 1931, S. 374. 160 Ingarden 1931, S. 374. 161 Ingarden 1931, S. 375. 162 Dieser Begriff wird hier in lockerer Anlehnung an John Rawls verwendet. 163 Zu Ingardens Beispielwahl vgl. Chrudzimski 2002, S. 203. Vgl. ferner Chrudzimski 2005b, bes. S. 101f.

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Probleme ein, indem er sich mit einem Gegenstand wie dem literarischen Werk befasst? Oder anders formuliert: Warum denn nun ausgerechnet Literatur? Die Antwort liegt – wieder einmal – in der philosophischen Zielsetzung. Um gegen Husserl und den transzendentalen Idealismus etwas in der Hand zu haben, braucht Ingarden einen rein intentionalen Gegenstand, dessen tatsächliche Existenz er ohne weiteres voraussetzen kann. Würde der rein intentionale Gegenstand nicht existieren, dann könnte man auch nicht auf die Existenz seiner ontischen Fundamente schließen. Dabei bietet sich jedoch nicht jeder rein intentionale Gegenstand in gleicher Weise an. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang folgende, eher beiläufige Bemerkung über die (geliehene) Intentionalität von bestimmten Nomina: „Es gibt natürlich Fälle, wo ein Name zwar einen rein intentionalen Gegenstand, aber gar keinen als sein Korrelat entsprechenden (zugehörigen) seinsautonomen Gegenstand besitzt, wie z. B. der Name: Zentaur. Da springt uns gerade die reine Intentionalität des Gegenstands klar ins Auge.“164 Hinsichtlich seiner reinen Intentionalität unterscheidet sich der Zentaur keineswegs von der dargestellten Welt der literarischen Fiktion, sehr wohl aber hinsichtlich seiner Existenz. Allerdings kommt es an dieser Stelle – und zwar unter der Hand – zu einer gewissen Verschiebung in Ingardens Argumentationsführung. Rein intentional soll nämlich nicht nur die fiktive Welt, also die Schicht der dargestellten Gegenstände im literarischen Werk, sondern auch das mehrschichtige Werk in seiner Gesamtheit sein. So heißt es in Das literarische Kunstwerk: „Wir stimmen alle überein, daß er [scil. Goethes Faust] seit seiner Entstehungszeit existiert, wenn wir auch nicht recht verstehen, was die Rede von seiner Existenz eigentlich besagen soll.“165 Bis zum Schluss wird dabei abgestritten, dass es sich hier um eine „unberechtigte Hypostasierung“166 oder etwa eine ‚Fiktion‘ im Sinne Hans Vaihingers handelt.167

|| 164 Ingarden 1968a, S. 28. 165 Ingarden 1931, S. 6. 166 Ingarden 1931, S. 372. 167 In seiner Philosophie des Als ob schreibt Hans Vaihinger eingangs: „So sei denn auch hier gleich zum Eingang die Frage klar und scharf formuliert, welche in diesem Buche aufgeworfen wird: Wie kommt es, dass wir mit bewusst falschen Vorstellungen doch Richtiges erreichen? Wir operieren mit ‚Atomen‘, obgleich wir wissen, dass unser Atombegriff willkürlich und falsch ist, und […] wir operieren glücklich und erfolgreich mit diesem falschen Begriff. […] Und so erkennt man denn auch, dass ein gemeinsames Band die Differentiale der Mathematik, die Atome der Naturwissenschaft, die Ideen der Philosophie und sogar die Dogmen der Religion umschlingt – die Einsicht in die Notwendigkeit bewusster Fiktionen als unentbehrlicher Grundlagen unseres wissenschaftlichen Forschens, unseres ästhetischen Geniessens, unseres praktischen Handelns“ (Vaihinger 1911, S. XII, XIX).

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Vielmehr hält Ingarden daran fest, dass ein einmal entstandenes Werk, das selbstverständlich nicht mit einer seiner eigenen Schichten identisch sein soll, auch dann existiert, wenn niemand es gerade liest.168 Diese Annahme ist tatsächlich grundlegend für Ingardens Ansatz. Unklar bleibt jedoch, warum sich die Bedeutungstheorie auf literarische oder wissenschaftliche Werke beschränken sollte. Streng genommen müsste man, wie bereits mehrere Rezensenten angemerkt haben, angesichts der idealen Begriffe die „Fortexistenz jedes beliebigen, etwa in einem Gespräch geäußerten Satzes“ annehmen.169 Aufgrund seiner Bedeutungstheorie fasst Ingarden durchgängig das Textverstehen als ein Aktualisierungsverfahren. Hingewiesen sei hier lediglich auf zwei besonders prägnante und zugleich besonders problematische Stellen, die eine genauere Erläuterung verdienen: Das sich […] vollziehende Auffinden der Bedeutungsintention ist im Grunde nichts anderes als eine Aktualisierung dieser Intention. Das heißt: indem ich einen Text verstehe, denke ich den Sinn des gelesenen Textes. Ich entnehme ihn sozusagen dem Text und verwandle ihn in die aktuelle Intention meines verstehenden Denkaktes, in eine Intention, welche mit der im Text auftretenden Wort-, bzw. Satzintention identisch ist. Dann wird der Text wirklich „verstanden“.170 [D]as literarische Kunstwerk [ist] kein seinsautonomer, sondern ein seinsheteronomer und insbesondere rein intentionaler Gegenstand, welcher sein Seinsfundament in den schöpferischen Bewußtseinsakten seines Autors hat. Die es bestimmenden Qualitäten […] sind ihm nicht im strengen Sinn immanent, sondern werden ihm durch entsprechende Bewußtseinsakte des Autors intentional nur zugewiesen und verliehen. Sobald es in einer intersubjektiv vorhandenen Sprache in irgendeinem physischen Material (durch Druck, Schrift, Magnetophon usw.) festgelegt wird, ist es im Prinzip dem beliebigen, die betreffende Sprache beherrschenden Leser erkenntnismäßig als vorgegebener Gegenstand zugänglich, es muß aber abgelesen und bei dieser Lektüre rekonstruiert werden.171

Einerseits scheint Ingarden davon auszugehen, dass es genügt, eine Sprache zu beherrschen bzw. den propositionalen Gehalt der einzelnen Wörter und Sätze zu verstehen, um einen gegebenen Text in dieser Sprache ‚wirklich‘ zu verstehen. Andererseits wirkt es jedoch an anderen Stellen so, als würde er mit alten hermeneutischen Problemen gleichsam ringen, ohne dass sie je thematisch würden. So heißt es etwa: „Eine gute Kenntnis der Sprache, in welcher das betreffende Werk geschrieben wurde und die in der Zeit der Entstehung des Wer-

|| 168 Vgl. Ingarden 1931, S. 374, 377. 169 Spiegelberg 1931, S. 386; vgl. auch Leon 1932, S. 104. 170 Ingarden 1968a, S. 30f. 171 Ingarden 1968a, S. 348.

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kes gebräuchlich war, kann […] die sich eröffnenden Schwierigkeiten bei der richtigen Erfassung des Werkes […] beseitigen helfen.“172 Um den Text ‚richtig‘ zu verstehen, reicht es also womöglich doch nicht aus, über Sprachkenntnisse allein zu verfügen. Unter Umständen muss man auch mit älteren Sprachstufen wie auch mit einem besonderen Sprachgebrauch (wenn man so will: mit dem bereits historisch gewordenen usus loquendi) vertraut sein.173 Dies erinnert an die klassische hermeneutische Regel, dass die zu eruierende Textbedeutung dem Sinnhorizont des Autors und seiner primären Adressaten zu entsprechen hat (sensus auctoris et primorum lectorum). In diesem Sinne schreibt etwa der Göttinger Altertumswissenschaftler Christian Gottlob Heyne 1778: „Jedes alte Kunstwerk muß mit den Begriffen und in dem Geiste betrachtet und beurtheilt werden, mit welchen Begriffen und in welchem Geiste der alte Künstler es verfertigte.“174 Ähnlich heißt es in Schleiermachers Hermeneutik und Kritik: „Alles, was noch einer näheren Bestimmung bedarf in einer gegebenen Rede, darf nur aus dem dem Verfasser und seinem ursprünglichen Publikum gemeinsamen Sprachgebiet bestimmt werden.“175 Und berühmt ist auch die Formulierung August Boeckhs in seiner Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften: „[M]an erkläre nichts so, wie es kein Zeitgenosse könnte verstanden haben.“176 Zahlreiche weitere Stellen dieser Art ließen sich anführen – und sind auch öfter angeführt worden mit Blick auf die historische Adäquatheit von Interpretationen.177 Auch wenn sich Ingarden nicht dezidiert dazu äußert, so spricht einiges dafür, dass die Adäquatheit einer Konkretisation daran zu bemessen ist, inwieweit es dem Leser gelingt, seine satzbildenden Operationen in ihrer Intentionalität an diejenigen des Autors anzugleichen (womit man es im Übrigen mit einer adaequatio im wörtlichen Sinne zu tun hätte).178 Wie bereits gesehen, spricht Ingarden explizit von satzbildenden und -nachbildenden Operationen. Der Autor gestaltet dabei in schöpferischen Bewusstseinsakten ein vorher nicht

|| 172 Ingarden 1968a, S. 359. 173 Vgl. hierzu auch Ingarden 1970a, S. 28. 174 Heyne 1778, S. 13. 175 Schleiermacher 1838, S. 101 (im Original kursiv). 176 Boeckh 1877, S. 106 (im Original gesperrt). 177 Vgl. etwa Klausnitzer 2015b (Rezension zu Limpinsel 2013). 178 So auch Pasternack 1975, S. 65: „Für die Konkretisation sieht er [i. e. Ingarden] in der Verfasserintention das normative Prinzip, das die ‚Richtigkeit und Treue der Konkretisation‘ wie auch den ‚ästhetischen Wert‘ sichern soll“ (Pasternack zitiert hier Ingarden 1968a, S. 55). Vgl. ferner Magliola 1977, S. 116.

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dagewesenes, einheitliches Ganzes;179 dagegen wird das Werk vom Leser ‚bloß‘ aktualisiert und konkretisiert. Damit weist freilich das Werk nicht nur ontisch auf den Autor als seine Entstehungsbedingung zurück, sondern wird auch qualitativ durch die Bewusstseinsakte des Autors bestimmt.180 Zwar mag man daran zweifeln, dass der Autor ein schematisches und kein konkretes Gebilde vor Augen hatte.181 Unmissverständlich sagt aber Ingarden, dass das Werk selbst auf den Autor und die Konkretisation des Werks – man achte auf den Genitiv – auf den Leser zurückgeht. Dasjenige, was dem Leser erscheint, wäre damit nichts anderes als das Werk, wie es vom Autor geschaffen wurde. Hierfür finden sich bei Ingarden keine ausgefeilten Argumente, aber zahlreiche verstreute Indizien. So erwägt er etwa die Möglichkeit, bei der Lektüre von der eigenen „geschichtlichen Bedingtheit“ zu abstrahieren, und bemerkt: „Dies ist zweifellos schwer durchzuführen, gleichwohl aber sehr angezeigt zur Erzielung objektiver Ergebnisse“.182 In Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks heißt es in ähnlicher Manier: Die Weise der Konkretisierung zeigt […], inwiefern eine bestimmte Konkretisation eines Werks „im Geist“ der künstlerischen Intentionen des Verfassers ist, ihnen nahe steht oder im Gegenteil von ihnen abweicht. Entweder ist das konkretisierte Werk dem Stil gemäß oder verwandt, in welchem es […] geschaffen wurde, oder es hat infolge einer bestimmten Art der Konkretisation diesen Stil verloren.183

Damit stellt sich natürlich die neue Frage, was genau man sich hier unter Stil vorzustellen hat und wie sich der Stilbegriff zum Bedeutungsbegriff verhält.184 Ingarden beschreibt die Konkretisationen als ein „Exponent des Verhältnisses“ zwischen dem Werk und dem Zeitgeist, von dem der Leser erfüllt ist.185 Damit sollte man glauben, dass der Zeitgenosse des Autors einen privilegierten Zugang zum Werk hätte. Dies scheint jedoch für Ingarden nicht immer der Fall zu || 179 Vgl. Ingarden 1931, etwa S. 100, 102, 103, 375, 378, 381. 180 Vgl. wieder Ingarden 1968a, S. 348. Vgl. in diesem Sinne auch Rudnick 1982, S. 247: „The literary work of art as an intentional object bestows its meaning on the reader as a reflection of the intentional thinking of its author.“ Die Vermittlung von Bedeutung kann Rudnick zufolge deshalb gelingen, weil die conditio humana Autor und Leser verbindet (vgl. S. 249f.). Vgl. ferner Mitscherling 1997, S. 153f., 202; Graff 1975, S. 73. Zur Abhängigkeit des Werks vgl. auch Thomasson 2005, bes. S. 124. 181 Vgl. Vodička 1941, S. 95: „Ingarden setzt als ideale Möglichkeit eine Konkretisation voraus, die den adäquaten Ausdruck des Werks darstellen würde […].“ 182 Ingarden 1937a, S. 11. 183 Ingarden 1968a, S. 54f. 184 Zum Stilbegriff vgl. Ingarden 1931, S. 216; Ingarden 1968a, S. 56. 185 Ingarden 1937a, S. 19. Er spricht hier von Epochenstil.

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sein: „Jahrhundertelang kann ein literarisches Werk nur in […] verdeckenden, es verfälschenden Konkretisationen zur Ausprägung gelangen bis sich endlich jemand findet, der das Werk richtig versteht und adäquat erschaut und anderen seine echte Gestalt auf diese oder jene Weise zeigt.“186 Qualifiziert kann also auch ein nachgeborener Interpret sein, der selbst nach Jahrhunderten der Fehldeutung den Text richtig zu verstehen und anderen zu erklären vermag. Der Maßstab der adäquaten Erklärung wäre nach wie vor das vom Autor Intendierte.

2.3.3 Bedeutungszuschreibung und Bedeutungsermittlung. Ingardens Bedeutungskonzeption Wie eingangs angemerkt, ist das gängige Bild von Ingarden als Literaturtheoretiker im Wesentlichen von zwei Rezeptionssträngen geprägt. Zum einen gilt er als Vorläufer der sogenannten werkimmanenten Interpretation, zum anderen als Wegbereiter der sogenannten Rezeptionsästhetik. Für beides gibt es Anhaltspunkte. In der Tat hat Ingarden versucht, die Struktur des literarischen Werkes herauszuarbeiten, ohne es auf etwas anderes zurückzuführen, z. B. auf die Psyche des Autors. Insofern ist es durchaus naheliegend, sein Ansatz als ergozentrisch zu verbuchen. Zudem hat er durch die Unterscheidung zwischen Werk und Konkretisation die Aktivität des Lesers unterstrichen. In Ingardens Modell ist das Werk stets auf eine ‚Vervollständigung‘ durch den Leser angewiesen.187 Der Leser ist hier kein bloßer Empfänger des textuell Codierten, sondern vielmehr ein aktiver ‚Mitschöpfer‘, der das Werk überhaupt erst zur Erscheinung bringt. Nach Ingarden sind die Bewusstseinsakte des Autors zwar unwiederbringlich verloren; insofern ist der Leser ganz auf sich gestellt.188 Gleichwohl

|| 186 Ingarden 1931, S. 352. 187 Vgl. Ingarden 1931, S. 368: „[E]ine jede Konkretisation geht […] über das literarische Werk notwendig hinaus.“ Vgl. auch Ingarden 1964b, bes. S. 199; ferner Takei 1984, S. 285: „One of his greatest achievements consists in not merely analyzing the literary work of art but also in investigating it on the premise that the reader can concretize the work. It is true that the work is primary, but the reader is not one who receives or perceives it merely passively.“ 188 Vgl. Ingarden 1968a, S. 348: „Dasjenige, was […] der Leser an den seinsautonomen in Betracht kommenden Gegenständen vorfindet, das sind lediglich – wenn es sich um ein gedrucktes Werk handelt – Druckzeichen, die ihn dazu bewegen, die entsprechenden Worte, d. h. Wortlaute und ihre Bedeutungen, intentional zu meinen. Im Grund wird also das ganze Werk in allen seinen Schichten auf Grund der richtigen Entzifferung der Druckzeichen und mit Hilfe der dem Leser bekannten und von ihm beherrschten Sprache vom Leser aus eigenen Kräften wie aufs neue rekonstruiert.“

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lässt sich behaupten, dass Ingardens Bedeutungs- und Interpretationskonzeption weder werk- noch leserzentriert, sondern in einem traditionellen Sinne autorzentriert ist. Bislang war einerseits von Ingardens Bedeutungsbegriff, andererseits von seiner Bedeutungstheorie die Rede. Der Bedeutungsbegriff wird hier als dasjenige gefasst, was unter dem Ausdruck ‚Bedeutung‘ verstanden werden soll.189 Er ist äquivalent mit einer Nominaldefinition. In einer Bedeutungstheorie ist hingegen der Bedeutungsbegriff von weiteren Annahmen über die Eigenart und Funktionsweise der Bedeutung umlagert. Es handelt sich um ein (möglichst kohärentes und konsistentes) System von Aussagen, die das Phänomen ‚Bedeutung‘ erklären sollen.190 Weder aus dem Bedeutungsbegriff noch eigentlich aus einer Bedeutungstheorie lässt sich aber das Ziel und mit dem Ziel ein Maßstab für die Adäquatheit der Interpretation ableiten – zumindest nicht direkt. So erscheint es sinnvoll, noch zusätzlich von einer Bedeutungs- und Interpretationskonzeption zu sprechen. Diese (komplementären) Begriffe werden hier von Lutz Danneberg übernommen. Als Bedeutungskonzeption wird eine bestimmte Art der Text-Kontext-Verknüpfung bezeichnet, die festlegt, was überhaupt als die zu eruierende Bedeutung gelten soll. Sie definiert einen Bereich von relevantem Kontextwissen und steckt so den ordo investigationis der Bedeutungsermittlung ab. In diesem Sinne liefert die Bedeutungskonzeption eine Richtschnur für die Interpretationskonzeption.191 Dazu ein paar Vorüberlegungen zum Text-, Kontext- und Interpretationsbegriff: Interpretation wird hier verstanden als die Zuweisung von Bedeutung an einen Text, indem man ihn mit etwas verknüpft, d. h. in einen Kontext stellt und vor diesem Hintergrund versteht.192 Dies wirft die Frage auf, was man jeweils unter Text und Kontext zu verstehen hat, aber auch welche Kontexte man beim Interpretieren als relevant gelten lässt. Ferner hängt dieser Interpretationsbegriff mit drei weiteren Vorannahmen zusammen:

|| 189 Für eine Analyse des Bedeutungsbegriffs vgl. Strube 2003. 190 Für einen Überblick über gängige Bedeutungstheorien und traditionelle Streitpunkte vgl. Speaks 2017; Meggle/Siegwart 1996; Lyons 1991. 191 Zur Bedeutungs- und Interpretationskonzeption vgl. hier und im Folgenden Danneberg 1999, bes. S. 101; Danneberg 1995, bes. S. 261f. Vgl. auch die Hinweise von Kindt/Köppe 2008, S. 20. Die beiden Begriffe wurden meines Wissens zuerst verwendet in Danneberg/Müller 1984a, S. 199. 192 Vgl. Danneberg 1999, S. 101. Eine Kritik an dem hier zugrunde gelegten Interpretationsbegriff findet sich bei Descher et al. 2015, S. 29. Gegenwärtig zeichnet sich eine Tendenz ab, den Kontextbegriff wieder stärker in den Blick zu nehmen. Vgl. etwa Borkowski 2015; Vollhardt 2015; die Diskussion in Journal of Literary Theory 8.1 (2014).

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Erstens wird ein enger Zusammenhang zwischen dem Interpretieren und Verstehen eines Textes angenommen. Ist das Verstehen, ganz allgemein gesprochen, als ein Erkennen von Zusammenhängen zu beschreiben,193 so ist das Interpretieren ein Herstellen der Zusammenhänge. Auf einer ganz elementaren Ebene ist also das Ziel des Interpretierens ein tieferes und besseres Verständnis des Textes.194 Von einem pragmatischen Gesichtspunkt aus lässt sich mit dem schwedischen Philosophen Göran Hermerén sagen, dass ein Text interpretationsbedürftig ist, wenn wir nicht richtig begreifen, was wir lesen, also wenn der Text zu komplex ist, um verstanden zu werden, oder wenn er uns inkohärent, ambig etc. vorkommt.195 Eine Auslegung erweist sich so als notwendig im Angesicht der etwaigen ‚dunklen‘ Stellen eines Textes. Dies entspricht nach Schleiermacher einer ‚laxeren‘ hermeneutischen Praxis, der jedoch eine ‚strengere‘ gegenübergestellt werden kann: Die laxere Praxis in der Kunst [scil. der Auslegung] geht davon aus, daß sich das Verstehen von selbst ergibt und drückt das Ziel negativ aus: Mißverstand soll vermieden werden. […] Die strengere Praxis geht davon aus, daß sich das Mißverstehen von selbst ergibt und das Verstehen auf jedem Punkt muß gewollt und gesucht werden.196

In der Literaturwissenschaft wird meist die ‚strengere‘ Praxis institutionell gefördert, und zwar aufgrund des zugrunde gelegten Literaturbegriffs. Im Sinne einer Polyvalenzkonvention197 wird meist zugrunde gelegt, dass der literarische Text grundsätzlich interpretationsbedürftig ist und mehrere (gleichberechtigte) Deutungen zulässt.198 Zweitens wird hier angenommen, dass die Bedeutung eines Textes nicht etwa in den sprachlichen Zeichen selbst enthalten ist, sondern dass sie stets dem Text zugewiesen wird, womit der Text also immer nur für jemanden Bedeu-

|| 193 Vgl. Scholz 2016; ferner Mink 1970, S. 553: „[C]omprehension is an individual act of seeing-things-together, and only that.“ 194 Zum Zielpluralismus beim Interpretieren vgl. aber Bühler 1999; Bühler 2003. Zur Mehrdeutigkeit und Komplexität des Interpretationsbegriffs vgl. Hermerén 1983a. 195 Vgl. Hermerén 1983a, S. 141: „[F]rom a pragmatic point of view an interpretation is required, when we do not quite understand what we see or read, when an action, text or picture is too complex to be grasped, appears to be incoherent, contains gaps or ‚Unbestimmtheitsstellen‘, is ambiguous, has to be supplemented in one way or other to make sense.“ 196 Schleiermacher 1838, S. 92 (im Original zum Teil kursiv). 197 Vgl. Schmidt 1991, S. 126–143. Dazu auch Jannidis 2003. 198 Zur Vorstellung von (genau) einer richtigen Interpretation vgl. etwa die Beiträge in Krausz 2002. Zur Frage nach einem (zulässigen) Relativismus in der Literaturwissenschaft vgl. Descher 2017.

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tung haben kann. Ob eine bestimmte Bedeutungszuweisung als legitim bzw. adäquat gelten kann, hängt dabei letztlich von verschiedenen Konventionen und Normen ab, die sich für eine bestimmte Interpretationsgemeinschaft spezifizieren lassen.199 Hieraus ergeben sich wiederum verschiedene ‚Stufen‘ der Interpretation, die jeweils unterschiedliche Probleme aufwerfen. Über die wörtliche Bedeutung, gesichert durch die Konventionen der natürlichen Sprache, dürfte es unter kompetenten Sprechern wohl nur in Ausnahmefällen zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Anders mag es sich hingegen verhalten, wenn sogenannte Bedeutungsübergänge (Metapher, Ironie, Allusion) zur Diskussion stehen. Auch wenn die wörtliche Bedeutung im Einzelfall natürlich unklar sein kann, wird man sich grundsätzlich in einer anderen Weise darüber verständigen als z. B. über die Bedeutung einer Metapher. Ähnliches gilt für die dargestellte Welt: Auf die grundlegenden Züge der Handlung, die grundsätzliche Beschaffenheit der dargestellten Welt etc. wird man sich in den allermeisten Fällen schnell einigen können. Anders mag es sich aber im Hinblick auf den Beispielwert des Dargestellten verhalten, also im Hinblick auf den ‚höheren‘ oder ‚tieferen‘ Sinn des Textes. In einigen Fällen kann man einen Wort- oder Sachkommentar zu Rate ziehen, in anderen Fällen ist hingegen eine Interpretation erforderlich.200 Drittens wird angenommen, dass der Text selbst in keiner Weise vorzugeben vermag, welche Kontexte einschlägig sind, um ihn angemessen zu verstehen.201 Wenn man beispielsweise als Interpret darum bemüht ist, dasjenige zu verstehen, was der Autor zu verstehen geben wollte, dann ist dies streng genommen ein Ziel, das man sich (mehr oder weniger bewusst) selber setzt. Die Gründe für diese Zielsetzung sind nicht mit dem Bedeutungsbegriff oder einer Bedeutungstheorie identisch. Vor diesem Hintergrund spricht nun einiges dafür, den Text schlicht als den vorgefundenen Gegenstand zu betrachten, dem man Bedeutung zuweist.202 Damit obliegt es zum einen dem Interpreten, diesen Gegenstand hinreichend zu

|| 199 Dieser Begriff wird hier in lockerer Anlehnung an Stanley Fish verwendet (vgl. Fish 1980), ohne seine theoretische Position im Ganzen zu übernehmen. In diesem Sinne auch Klausnitzer 2015a. 200 In diesem Sinne unterscheidet z. B. auch Peter Lamarque die Explikation der Wort- oder Satzbedeutung (explication) von der Erläuterung der dargestellten Welt (elucidation) und der Wertschätzung des Werks (appreciation); vgl. Lamarque 2002, S. 297–306. 201 Vgl. Danneberg 1999, S. 101: „Es gibt keinen in irgendeinem spezifischen Sinne natürlichen Kontext für einen zu interpretierenden Text […]; ein Text läßt sich grundsätzlich mit allem verbinden, was dem Interpreten einfallen mag.“ 202 Vgl. wieder einmal Danneberg 1999, S. 101.

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spezifizieren. So können z. B. zwischen zwei Fassungen oder auch zwei Ausgaben hermeneutisch relevante Unterschiede bestehen. Für die Wahl der Textgrundlage muss dann gegebenenfalls argumentiert werden, ohne dass die Identifikation des Untersuchungsgegenstandes deshalb ein begriffliches oder gar theoretisches Problem darstellen würde. Zum anderen lässt sich so eine Reihe von verwandten, aber ihrerseits recht voraussetzungsreichen Fragen isolieren und einzeln behandeln. Ist Kohärenz eine Texteigenschaft? Gehört die Materialität des betreffenden Artefakts zum Text? Wann darf aus editionsphilologischer Sicht überhaupt von einem Text gesprochen werden? Mit einem möglichst voraussetzungsarmen, rein methodologischen Textbegriff (Text als Interpretandum) entgeht man vor allem der Gefahr, bestimmte Kontexte in den Textbegriff von vornherein zu integrieren und so die Grenze zwischen Text und Kontext, zwischen Interpretandum und Interpretament zu verwischen.203 Für die Interpretation erweist es sich mithin als zentral, welche Kontexte man heranziehen bzw. über welches Wissen man verfügen muss, um den Text angemessen zu verstehen. Hierbei ist der Kontextbegriff ebenfalls funktional bestimmt, nämlich als „[d]ie Menge der für die Erklärung eines Textes relevanten Bezüge“.204 Die Bedeutungskonzeption, wie sie Danneberg beschreibt, bezeichnet nun die Auszeichnung eines primären Kontextes bzw. die Hierarchisierung von einschlägigen Kontexten, was wiederum eine Gewichtung von Argumenten erlaubt.205 So unterscheidet sich beispielsweise eine psychoanalytische von einer geistesgeschichtlichen Bedeutungskonzeption dadurch, dass im ersten Fall das Unbewusste des Autors den primären Kontext bildet, im zweiten

|| 203 Es ist also zu bestreiten, dass man nicht trennscharf zwischen texteigenen und dem Text zugeschriebenen Eigenschaften unterscheiden könnte. Vgl. Lamarque 2000, S. 96: „[B]ecause works and their appropriate mode of interpretation are constituted by convention-bound practices, it follows that no clear line can be drawn between properties ‚in‘ a work and those ‚imputed to‘ it through interpretive procedures endorsed by the practice.“ 204 Danneberg 2000, S. 333. „Unterscheiden lassen sich vier Kontextarten: (1) Intratextueller Kontext (auch Cotext […]) als Beziehung eines Teiles eines Textes zu anderen Ausschnitten desselben Textes in (a) thematischer oder (nur) (b) sequentieller Hinsicht; (2) infratextueller Kontext als Beziehung eines Textes oder eines Textabschnittes zum Textganzen; (3) intertextueller Kontext als Beziehung eines Text(ausschnitt)s zu (a) bestimmten Textklassen oder zu (b) anderen Texten bzw. Textausschnitten […]; (4) extratextueller Kontext als Beziehung eines Textes zu nichttextuellen Gegebenheiten […]. Zum intratextuellen Kontext gehört das Vorangehende und Nachfolgende (antecedentia und consequentia); zum infratextuellen Kontext der Skopus, d. h. der Bezugsbereich des Textausschnitts; zum intertextuellen Kontext der Wortoder Sachparallelismus; zum extratextuellen Kontext der Einfluß“ (S. 333f.). Zum Kontextbegriff vgl. ferner Danneberg 1990, bes. S. 101–103. 205 Vgl. hier und im Folgenden Danneberg 1995, S. 261f.

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Fall hingegen der ‚Zeitgeist‘, der sich im Text manifestiert. Ausschlaggebend ist dabei nicht die Zugänglichkeit des primären Kontextes: Weder das Unbewusste noch der ‚Zeitgeist‘ ist unmittelbar gegeben. Entscheidend ist vielmehr, was der Interpret oder die betreffende Interpretationsgemeinschaft überhaupt als die ‚richtige‘ Bedeutung zu akzeptieren bereit ist. Grundsätzlich ist mit Blick auf die Bedeutungskonzeption eher von einer (quasi-definitorischen) Festlegung als von einer eigentlichen Begründung zu sprechen, da man sich weder auf Empirie noch etwa auf logische Notwendigkeit berufen kann. Eine Bedeutungskonzeption kann natürlich sehr wohl zum Gegenstand rationaler Diskussion werden, aber die Argumente sind hier notwendigerweise von ganz anderer Art als bei der Klärung empirischer oder logischer Fragen.206 Was Ingarden anbelangt, so würde er sich vermutlich einigen von diesen Überlegungen anschließen, beschreibt er doch z. B. den intentionalen Bewusstseinsakt ausdrücklich als einen bedeutungsverleihenden Akt und die Psyche des Autors als ganz und gar unzugänglich. Dementsprechend lässt sich literarische Kommunikation nach Ingarden nur sinnvoll als inferenzbasierte Kommunikation beschreiben. Der Autor kann hier höchstens durch bestimmte Verfahren bestimmte Schlüsse nahelegen.207 Diese Schlüsse werden aber immer vom Leser selbst gezogen, indem er sein eigenes Wissen einbringt.208 Seit jeher ist der hermeneutische Grundsatz bekannt, man solle den Sinn aus dem Text gewinnen und nicht nach Gutdünken in den Text hineinlegen (sensus non est inferendus sed efferendus). In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass Sinngebung und Sinnfindung dem phänomenologischen Modell nach nur scheinbar im Widerspruch zueinander stehen. Die Bedeutungszuschreibung bezieht sich darauf, dass den sprachlichen Zeichen stets Bedeutung zugewiesen wird, entweder vom Autor selbst oder auch vom Leser. Die Bedeutungsermittlung trägt hingegen der Tatsache Rechnung, dass die Interpretation einem vorgefundenen Text gilt, der von einem anderen Menschen geschrieben wurde. Die Interpretationskonzeption fußt dabei auf der Bedeutungskonzeption und den Konventionen und Normen der betreffenden Sprach- und Interpretationsgemeinschaft. Es wurde oben zu zeigen versucht, dass die Angemessenheit einer Konkretisation bei Ingarden daran zu bemessen ist, inwieweit es dem Leser gelingt, seine satzbildenden Operationen in ihrer Intentionalität an diejenigen des Autors anzugleichen. Dies lässt sich nun weiter präzisieren. Eher beiläufig, aber

|| 206 Vgl. Kindt/Köppe 2008, S. 20. 207 In diesem Sinne auch Rockenberger/Röcken 2014, S. 40. Zum Unterschied zwischen codebasierter und inferenzbasierter Kommunikation vgl. Jannidis 2004, S. 44–52. 208 Vgl. hierzu Winko/Jannidis 2015.

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der Sache nach konsequent unterscheidet Ingarden zwischen dem „richtige[n] Verstehen des literarischen Werkes“ und der „getreue[n] ästhetische[n] Erfassung des literarischen Kunstwerks“.209 Die autorbezogene Bedeutungskonzeption ist dabei auf einen bestimmten Modus des Textverstehens, aber nicht unbedingt auf die ästhetische Wertschätzung des Kunstwerks zu beziehen. Zu trennen wäre somit bei Ingarden zwischen einer historisch-philologischen und einer ästhetischen Adäquatheit,210 wobei sich jedoch der historisch-philologische und ästhetische Zugang zum Werk natürlich nicht ausschließen müssen. Die ästhetische Wertschätzung des Kunstwerks lässt sich bei Ingarden am ehesten als eine Umgangsweise beschreiben, die dem Kunstcharakter des Werks verpflichtet ist, aber nicht oder nur eingeschränkt dem historischen Kontext.211 Sowohl die Zeitgenossen von Dante wie auch Dante selbst täuschten sich, wenn sie wirklich meinten, sie läsen den Text des Werks getreu, wenn sie in den Text verschiedene Informationen einführten, die in ihm nicht enthalten sind. […] Sie verstanden dieses Werk nicht besser als wir, die wir diese historischen Zusatzinformationen nicht haben, sondern schlechter, sie verfälschten es. […] Nicht notwendigerweise muß […] die Konkretisierung des Werks in der Weise vorgenommen werden, wie es der Autor oder seine Zeitgenossen getan hätten. Es ist dabei nicht ausgeschlossen, daß gerade eine Auffüllung [scil. von Unbestimmtheitsstellen], die anders ist als diejenige, die sich an die historischen Zusatzinformationen hält, mit der Ganzheit des Werks erheblich besser harmonisiert.212

Diese Verfälschung des Kunstwerks, die Ingarden zufolge auch dem Autor selbst unterlaufen kann, besteht im Wesentlichen darin, dass die dargestellte Welt als eine reine Spiegelung realhistorischer Verhältnisse und Begebenheiten verstanden wird. Diese Lesart ist insofern ästhetisch inadäquat, als das Kunstwerk (in seiner Fiktionalität) nicht als solches gewürdigt wird. In diesem Sinne lässt sich für Ingarden das Textverstehen von einer ästhetischen Wertschätzung tatsächlich ohne größere Probleme analytisch trennen.213 In anderer Hinsicht jedoch bildet das ästhetische Erlebnis – wie unten noch zu zeigen ist – die Voraussetzung für eine bestimmte Form der Interpretation.

|| 209 Ingarden 1968a, S. 53. 210 Vgl. Ingarden 1937a, S. 10. 211 Zu den gängigen ästhetisch fundierten Argumenten gegen eine intentionalistische Interpretationskonzeption vgl. Spree 1995, Kap. 2; Spoerhase 2007a, Kap. 2.4. 212 Ingarden 1937a, S. 9, 10. 213 Man könnte hier einwenden, dass der Aufbau der dargestellten Welt und somit auch deren ästhetische Erfassung als ein Resultat des Verstehens zu fassen ist. Ganz in diesem Sinne bemerkt Ingarden, dass ein literarisches Werk aufgrund der Sprachlichkeit im Kern ‚rational‘ ist (vgl. Ingarden 1931, S. 213; Ingarden 1970a, S. 25).

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Es bleibt zu klären, inwiefern die intentionalen Bewusstseinsakte des Autors eine methodische Grundlage für den Interpreten bilden können. Folgende Bemerkung über die schematisierten Ansichten lässt erkennen, was man sich nicht erhoffen darf: Die vorbestimmten Ansichtenschemata werden immer durch verschiedene Einzelheiten ergänzt und ausgefüllt, die eigentlich nicht zu ihnen gehören und welche der Leser aus den Gehalten anderer ehemals erlebter, konkreter Ansichten schöpft. […] Es ist somit unmöglich, daß der Leser ganz genau dieselben Ansichten aktualisiert, die der Autor des Werkes durch den Bau des Werkes vorbestimmen wollte. Hier zeigt es sich […], daß das literarische Werk ein schematisches Gebilde ist. Es ist aber notwendig, um dies einzusehen, es selbst in seiner schematischen Natur zu erfassen und das Werk nicht mit den einzelnen Konkretisationen, die bei den einzelnen Lesungen entstehen, zu vermengen.214

Die prinzipielle Uneinholbarkeit dessen, was der Autor vor Augen hatte, muss hier im rechten Sinne verstanden werden. Die konkreten ‚Bilder‘ vor dem inneren Auge entspringen nicht allein dem Textverstehen im engeren Sinne, sondern auch der Imagination des Lesers im Lichte seiner ehemaligen Erlebnisse.215 Dass der Leser „sozusagen aus eigenem Impuls“216 bestimmte Ansichten aktualisiert, steht so für Ingarden in keinem Widerspruch dazu, dass die dargestellten Gegenstände „auf eine durch das Werk selbst vorbestimmte Weise zur Erscheinung gebracht werden“.217 Im Hinblick auf dasjenige, was sich konkret, d. h. in einmaligen Bewusstseinsakten in den Köpfen der einzelnen Leser abspielt, lässt das schematisierte Werk eben Unterschiede zu. So ist der Leser „durch das Werk selbst nie völlig gebunden“.218 Dies heißt aber zugleich, dass jedes Werk ein breites Spektrum von nicht inadäquaten Konkretisationen zulässt. Vor allem in der vierten Schicht kann es mithin bei aller Werktreue so etwas wie eine „absolute Nähe“219 zum Werk nicht geben. Bezeichnenderweise hat Ingarden diejenige Stelle, an der er interpretationstheoretisch am modernsten wirkt, weder in Das literarische Kunstwerk noch in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks, sondern vielmehr in einer Fußnote im zweiten Band von Der Streit um die Existenz der Welt untergebracht:

|| 214 Ingarden 1931, S. 270f. 215 Vgl. Ingarden 1931, S. 167. 216 Ingarden 1931, S. 285. 217 Ingarden 1931, S. 284. 218 Ingarden 1968a, S. 57. 219 Ingarden 1968a, S. 407.

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Es ist […] zu beachten, daß der Ausdruck „der Dichter“ vieldeutig ist: es kann entweder den Dichter, als die reale Person, welche das Gedicht geschrieben hat, bedeuten, oder aber das durch den Gehalt der Dichtung selbst intentional bestimmte Subjekt der Dichtung, und insbesondere das lyrische Subjekt, oder endlich den auf Grund der Dichtung hypothetisch konstruierten „Verfasser“, dessen Fähigkeiten und andere Eigenschaften aus den Eigenschaften der Dichtung erschlossen werden.220

Von hier aus lassen sich problemlos Parallelen zum sogenannten impliziten Autor221 oder zum hypothetischen Intentionalismus,222 aber auch zu einem methodologischen Autorkonstrukt ziehen.223 Dabei ist Ingardens Ansatz zwar kompatibel mit einer Reihe von interpretationstheoretischen Positionen. Da er aber zu hermeneutischen Fragen nicht explizit Stellung bezieht, lässt sich im Grunde genommen nur spekulieren, wie er sich genau verorten würde. Man wäre damit wieder bei jenem ‚blinden Fleck‘ in Ingardens Literaturtheorie. Auch wenn Bedeutung wie auch die adäquate Bedeutungszuschreibung eine eminente Rolle spielt, wird kaum reflektiert, wann ein Text eigentlich als verstanden gelten kann. Wer beim Lesen eines Textes meint, etwas zu verstehen, versteht mit Sicherheit irgendetwas.224 Über die Adäquatheit des Verstandenen ist aber damit noch nichts ausgesagt. Auf der Strecke bleibt bei Ingarden vor allem, dass die Hierarchisierung und gegebenenfalls die Rechtfertigung von Lesarten ein normatives Geschäft ist.225 Sprechend ist seine Reaktion auf einen Aufsatz von René Wellek: „Meine Schichten-Auffassung wurde […] von René Wellek unter dem mir fremden und mißverständlichen Aspekt der ‚Norm‘ und des ‚Normensystems‘ dargestellt.“226

|| 220 Ingarden 1965b, S. 212, Anm. 221 Der ‚implizite Autor‘ lässt sich beschreiben als „das Konstrukt eines Autors durch den Leser, d. h. seiner Intention, seiner Merkmale usw., aufgrund eines bestimmten Textes“ (Jannidis 2002, S. 548). Zu diesem Konzept vgl. auch Kindt/Müller 2006. 222 Vgl. hierzu Spoerhase 2007a, S. 57–144; Spoerhase 2007b. 223 Vgl. Danneberg 1999, bes. S. 103. 224 So auch Hirsch 1967, S. 133. 225 Dies bemängelt auch Pasternack 1975, S. 66 (allerdings primär im Hinblick auf die ästhetische Adäquatheit). 226 Ingarden 1965a, S. XXI.

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2.3.4 Unbestimmtheitsstellen und die Beschaffenheit der dargestellten Welt. Zum Verhältnis von Imagination und Interpretation Der Ausdruck ‚Unbestimmtheitsstelle‘ ist, zumindest als literaturtheoretischer Begriff, von Ingarden geprägt worden. In der literaturwissenschaftlichen Diskussion hat sich freilich der Begriff von seiner spezifischen Verwendung bei Ingarden weitgehend gelöst, unter anderem durch seine Adaptation bei Wolfgang Iser. Bei Ingarden hängt die Unbestimmtheit mit dem Begriff des rein intentionalen Gegenstandes eng zusammen. Aufgrund der signitiven, also zeichenhaft vermittelten Gegebenheit des rein intentionalen Gegenstandes gibt es nach Ingarden immer Unbestimmtheitsstellen in der dritten Schicht des literarischen Werks. Der springende Punkt: In der realen Welt gilt der sogenannte Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Einem realen Gegenstand kommt notwendigerweise entweder die Eigenschaft A oder die Eigenschaft Non-A zu, wobei A und Non-A sich gegenseitig ausschließen. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.227 Dies verhält sich aber nach Ingarden in der literarischen Fiktion anders. Hier ist es sehr wohl möglich, dass ein Gegenstand weder die Eigenschaft A noch die Eigenschaft Non-A aufweist. Wenn es dazu im Text keine Angaben gibt, dann ist der Gegenstand im Hinblick auf A schlicht und einfach unbestimmt. Die Unbestimmtheitsstellen ergeben sich aus der spezifischen Seinsweise des rein intentionalen Gegenstandes. Wichtig ist zudem, dass dieser Gegenstand „durch eine endliche Anzahl von Bedeutungseinheiten verschiedener Stufe entworfen“ wird.228 Wie Ingarden hervorhebt, ist jedes physikalische Objekt dadurch charakterisiert, dass es „eindeutig“ und „allseitig“ bestimmt ist.229 Eindeutig bestimmt ist der Gegenstand, sofern er „in seinem Sosein keine Unbestimmtheitsstelle“ aufweist.230 Allseitig bestimmt ist er hingegen, sofern seine Eigenschaften zusammen „eine ursprüngliche konkrete Einheit“ bilden.231 Die einzelnen Eigenschaften können zwar aus dieser ursprünglichen und konkreten Einheit intentional isoliert und nacheinander erfasst und benannt werden, doch eine sukzessive Erfassung einzelner Eigenschaften müsste ins Unendliche fortgesetzt werden, um den Gegenstand allseitig zu bestimmen, da es prinzipiell immer möglich wäre, weitere Eigenschaften aufzuzählen. Da das Werk aus einer || 227 Vgl. hierzu Reicher 1998, S. 80f. (mit Verweis auf die Gegenstandstheorie von Alexius Meinong). Vgl. auch Ingarden 1970b, S. 541. Für eine Fiktionstheorie im Anschluss an Meinong, die die ‚Unvollständigkeit‘ der fiktiven Gegenstände betont, vgl. Haller 1986, etwa S. 75f. 228 Ingarden 1931, S. 250. 229 Ingarden 1931, S. 250 (im Original gesperrt). 230 Ingarden 1931, S. 250. 231 Ingarden 1931, S. 250.

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endlichen Anzahl von Sätzen besteht, die in linearer Abfolge eine endliche Anzahl von Sachverhalten konstituieren, enthält nach Ingarden die Schicht der dargestellten Gegenstände notwendigerweise eine unendliche Anzahl von Unbestimmtheitsstellen. Dies trifft streng genommen auch auf die Konkretisation zu, die ja ebenfalls ein rein intentionaler Gegenstand ist. Wie Ingarden betont, neigt man aber in der Lektüre (unbewusst) dazu, sich den rein intentionalen Gegenstand „formaliter als ein vollbestimmtes Individuum“232 vorzustellen, d. h. zumindest einige der unendlich vielen Unbestimmtheitsstellen gleichsam zu beseitigen, womit man den Gegenstand nicht als unbestimmt wahrnimmt.233 Die Konkretisation besteht somit nicht nur in einem Konkreter-Machen des Gesagten, sondern immer auch in einem Ergänzen um Nicht-Gesagtes.234 Ein einfaches Beispiel,235 auf das man in der Ingarden-Forschung immer wieder gern rekurriert, mag dies verdeutlichen. Ist in einem Text von einem Menschen die Rede, dann ist anzunehmen, gleichsam als default assumption,236 dass dieser Mensch Haare auf dem Kopf hat. Liest man in diesem Text, dass die betreffende Person sich gerade die Haare kämmt, dann ist die Sache ganz klar: Sie hat Haare auf dem Kopf, wobei ihr Haar notwendigerweise irgendeine Farbe haben muss. Die Haarfarbe selbst kann aber letztlich unbestimmt bleiben. Das Haar ist dann weder blond noch nicht-blond, weder grau noch nicht-grau etc. Wenn es sich im besagten Roman um eine alte Person handelt, dann wird man sich vermutlich die Haare als grau vorstellen. Diese Information ist aber streng genommen nicht im Werk selbst enthalten. Vielmehr ist die qualitative Bestimmtheit dann das Resultat einer Konkretisierung seines schematischen und gleichsam lückenhaften Gehalts durch ein Heranziehen von allgemeinem Weltwissen. Daraus ergeben sich zwei Problemkomplexe. Zum einen ist zu bedenken, dass eine Präsumption (default assumption) ihrerseits mehr oder weniger normativ imprägniert sein kann. Mit Präsumptionen geht eine Beweislastverschie-

|| 232 Ingarden 1931, S. 255. 233 Dass der Leser auszufüllen hat, was der Autor im Unbestimmten belässt (vgl. Bundgaard 2013, S. 171), ist zwar nicht ganz falsch, aber insofern missverständlich, als es immer unendlich viele Unbestimmtheitsstellen gibt. Natürlich kann es interpretationsrelevant sein, dass eine bestimmte Information fehlt bzw. ausbleibt. Dabei kann man womöglich auch begründet annehmen, dass sie vom Autor absichtlich ausgelassen wurde. Dies ist aber letztlich eine andere Frage. Anders als etwa Wolfgang Iser (siehe dazu Kap. 5 dieser Arbeit) geht es Ingarden zunächst nicht um die bewusste Distribution von Unbestimmtheit seitens des Autors. Vgl. allerdings Ingarden 1968a, S. 253f. Hierzu Bundgaard 2013, S. 187. 234 Vgl. Bundgaard 2013, S. 175. 235 Vgl. Ingarden 1968a, S. 409. 236 Vgl. Bundgaard 2013, S. 172.

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bung einher: Etwas wird so lange angenommen, bis das Gegenteilige erwiesen wird, muss aber selbst nicht begründet werden.237 Tatsächlich braucht überhaupt nichts für die Präsumption zu sprechen, solange nichts gegen sie spricht.238 Es können allerdings Annahmen hinzukommen, die in normativer Hinsicht nicht neutral sind. Ein bekanntes Beispiel ist die Unschuldsvermutung im Kontext des Strafrechts. Wenn man zugrunde legt, dass der Angeklagte unschuldig ist, bis das Gegenteilige bewiesen ist, dann tut man dies meist in der Annahme, dass es besser ist, einen Schuldigen gehen zu lassen, als einen Unschuldigen zu bestrafen. Diese normative Dimension lässt sich auch auf die Interpretation von Texten übertragen. Präsumptionen haben eine interpretationsanleitende Funktion, hängen aber ihrerseits von den Zielsetzungen, Überzeugungen und Präferenzen des Interpreten ab. Zum anderen stellt sich in Bezug auf die Unbestimmtheitsstellen die Frage nach ihrer Relevanz. Da die dargestellte Welt durch den Text überhaupt erst entworfen wird,239 lässt sich nicht direkt überprüfen, ob ein Gegenstand in der dargestellten Welt eine bestimmte Eigenschaft nun ‚wirklich‘ aufweist oder nicht. Hierbei dürfte bereits die Selektion aus der unendlichen Vielfalt aller Unbestimmtheitsstellen das Resultat von Verstehensprozessen bilden, die überaus komplex sein können. Insofern hat der Begriff der Unbestimmtheitsstelle eine intrinsische hermeneutische Komponente. Mit Blick auf Lessings Drama Minna von Barnhelm hat kürzlich Tilman Venzl dafür argumentiert, dass die Farbe von Major Tellheims Uniform, die im Text nicht explizit benannt wird, kein nebensächliches Detail, sondern von „hohe[r] Interpretationsrelevanz“ sei.240 In der 13. Szene des fünften Aktes von Lessings Drama spricht Graf von Bruchsall, der Oheim Minnas, zu Tellheim: GRAF. So recht, mein Sohn! Ich höre es; wenn dein Mund nicht plaudern kann, so kann dein Herz doch reden. – Ich bin sonst den Offizieren von dieser Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in welchem Kleide er will, man muß ihn lieben.

|| 237 Vgl. hierzu Scholz 2001, S. 151–153. 238 Zur Logik der Präsumption vgl. hier und im Folgenden Albrecht/Danneberg 2016, S. 18–20 (mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen). 239 Lutz Danneberg spricht von einem univialen Zugang zur dargestellten Welt, und zwar im Gegensatz zum multivialen Zugang zu der als real ausgezeichneten Welt (vgl. Danneberg 2013a, bes. S. 142f.). 240 Venzl 2017, S. 381.

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Wie jede Uniform hat wohl auch Tellheims Uniform eine Farbe. Welche Farbe sie hat, bleibt aber bei Lessing unbestimmt. Dabei sei die Farbe von Tellheims Uniform insofern wichtig, als sich daran ablesen lasse, welche militärische Einheit er repräsentiert – und gerade in diesem Sinne hebt der Graf die Farbe der Uniform hervor. In seiner Kontextrekonstruktion kann Venzl plausibel machen, dass Tellheims Uniform nicht blau, sondern vielmehr grün sein müsse. Denn Tellheim gehöre nicht einfach zur preußischen Armee, sondern zu einem besonderen Kavallerieregiment, das einen ganz bestimmten Ruf hatte und gerade an der grünen Uniform zu erkennen war. In diesem Detail spiegeln sich nach Venzl mithin Teile der damaligen Gesellschaft und so wird anhand der zunächst unbestimmten Farbe der Uniform eine Gesamtinterpretation des Dramas entwickelt.241 An diesem Beispiel kommt etwas zum Vorschein, was in Ingardens Ansatz nicht eigens reflektiert wird, aber für eine interpretationstheoretische Anschlussreflexion wichtig ist, nämlich das Verhältnis zwischen Imagination und Interpretation. Zwar steht es jedem Leser zu, sich Tellheims Uniform als blau oder grün vorzustellen (oder auch als rot, violett, gelb etc.), doch die Argumente, die man im Rahmen einer Deutung für die eine oder andere Alternative vorbringt, können mehr oder weniger überzeugend sein und hängen letztlich in komplexer Weise von der Bedeutungskonzeption ab. Eine erste Schwierigkeit dürfte, wie bereits angedeutet, in der Entscheidung bestehen, welche Unbestimmtheitsstellen man für interpretationsrelevant erachtet. Denn in Anbetracht der unendlichen Anzahl an Unbestimmtheitsstellen ist es prinzipiell möglich, unendlich viele irrelevante, d. h. interpretationsneutrale Fragen an einen Text zu stellen.242 In diesem Sinne ist z. B. über die Kinder von Lady Macbeth spekuliert243 und über die Schuhgröße von Hamlet viel gewitzelt worden. Bei Ingarden verkompliziert sich diese Sachlage noch zusätzlich durch eine etwas gewagte Analogie. Das von Husserl übernommene Prinzip der Mitgegebenheit in der visuellen Dingwahrnehmung, wie es in der Schicht der schematisierten Ansichten zum Tragen kommt, beschränkt Ingarden nämlich nicht lediglich auf Visuelles. Dieses Prinzip erstreckt sich bei Ingarden unter anderem auch auf die weiteren Sinne sowie auf das Innenleben der Figuren.244 Dass man etwa von dem Gesichtsausdruck eines Menschen auf seine Gemütslage schließen kann, wird wohl niemand ernsthaft bezweifeln. Hinsichtlich der Interpreta-

|| 241 Vgl. Venzl 2017, S. 380f. 242 Vgl. hierzu Danneberg 2013a, bes. S. 137f. 243 Diese Diskussion geht meines Wissens zurück auf Knights 1933. 244 Vgl. Ingarden 1931, S. 278–283, 286.

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tion eines Textes hat allerdings diese Übertragung zur Konsequenz, dass sich der Kreis dessen, was mitgemeint und mitgegeben sein kann, beträchtlich erweitert. Letztlich gibt es damit fast nichts, was im Leserbewusstsein nicht phänomenal anwesend und qualitativ bestimmt sein kann trotz ‚eigentlicher‘ Abwesenheit und Unbestimmtheit. Zudem gehört für Ingarden zur dargestellten Welt, was eine „eindeutige Voraussetzung“ dessen oder auch eine „eindeutige Folgerung“ aus dem ist, „was im Text effektiv gesagt wird“.245 Dabei soll es sich allerdings nicht um Unbestimmtheitsstellen im dargelegten Sinne handeln, sondern vielmehr um implizite Informationen anderer Art. Ingarden sucht dies anhand der Novelle Tristan von Thomas Mann klarzulegen. Auch wenn es – so Ingarden – nicht expressis verbis gesagt wird, sei hier eindeutig vorausgesetzt, dass das Sanatorium, das eingangs geschildert wird und in der die Handlung meistenteils spielt, auf der Erdoberfläche liegt. Außerdem folgt nach Ingarden eindeutig aus dem Gesagten, dass Frau Klöterjahn am Ende ihrer Lungenerkrankung erliegt: Das ergibt sich einerseits aus den früheren Informationen über den Verlauf der Krankheit […], aus den Worten der Frau Spatz zu Herrn Klöterjahn und endlich aus jenem am hellen Nachmittag „verhängten Fenster“ – wenn man die Sitte kennt, nach dem Tode einer Person die Vorhänge in ihrem Sterbezimmer zuzuziehen. Es ist […] etwas Nichtgesagtes, das aber keine Unbestimmtheitsstelle ist, sondern eine eindeutige Folgerung aus dem, was im Text effektiv gesagt wird. Es braucht auch nicht gesagt zu werden, da es eine entbehrliche Information wäre.246

Von Eindeutigkeit zu sprechen, ist in diesem Fall deshalb unpassend, weil man doch die erwähnte Sitte kennen und für relevant befinden muss, um darin ein Indiz für den Tod der Figur zu sehen. Die vom Leser gezogenen Schlüsse hängen von seinem Wissensstand, von seinen kognitiven und kulturellen Voraussetzungen ab.247 Die meist unbewusst mitgeführten Vorannahmen über die Beschaffenheit der dargestellten Welt werden von Ingarden nicht problematisiert, zumindest nicht im Hinblick auf das Verstehen und Interpretieren. Er spricht aber explizit von einem „Realitätshabitus der dargestellten Gegenstände“,248 der darin besteht, dass die fiktive Welt tendenziell der realen Welt entspricht, auch wenn sie sich nicht unbedingt an die Schranken unserer physischen Realität halten || 245 Ingarden 1968a, S. 252. 246 Ingarden 1968a, S. 252. 247 Dies bemerkt auch Eugene H. Falk, scheint aber darin kein Problem zu sehen (vgl. Falk 1981, S. 179). Im Gegensatz dazu Bundgaard 2013, bes. S. 177f. 248 Ingarden 1931, S. 222–224 (§ 33).

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muss.249 Die Entsprechungen, um die es Ingarden geht, sind im Wesentlichen ontologischer Natur. So muss z. B. eine geometrische Figur, die ihrem Wesen nach etwas Ideales ist, auch als Teil der Fiktion ideal sein. Um noch eine geometrische Figur zu sein, könnte sie nicht einfach ihr Wesen ablegen und ihren Seinsmodus wechseln.250 Dies gilt nach Ingarden in ähnlicher Weise für andere Bereiche, etwa für die Kontinuität von Raum und Zeit, die uns überhaupt erlaubt, von einer einheitlichen dargestellten Welt zu sprechen. So ist z. B. jeder dargestellte Raum für Ingarden nur ein Raumausschnitt, der einer Welt voller kopräsenten, aber nicht dargestellten Gegenstände angehört.251 Überhaupt sollen in dieser Welt dieselben apriorischen Gesetzmäßigkeiten wie in der realen Welt gelten.

|| 249 Vgl. Ingarden 1931, S. 257 250 Ingarden unterscheidet strikt zwischen der existentialen Charakterisierung und der existentialen Position des dargestellten Gegenstandes: „So meint z. B. der Name ‚Hamlet‘ (im Sinne der Gestalt des Shakespeareschen Dramas) zwar einen Gegenstand, der nie realiter existierte bzw. existieren wird, der aber, falls er existierte, zu den Gegenständlichkeiten des existentialen Modus ‚Realität‘ gehören würde. Es gibt somit in der vollen Bedeutung dieses Namens ein existentiales Charakterisierungsmoment, die real-existentiale Position fehlt aber in ihm durchaus. Der Ausdruck ‚Hauptstadt Polens‘ kann dagegen so verwendet werden, daß in ihrer Bedeutung neben dem existentialen Charakterisierungsmoment auch die real-existentiale Position auftritt. Sein Gegenstand wird dann nicht bloß als ein seinem Seinsmodus nach realer, sondern zugleich als ein tatsächlich realiter existierender vermeint. Aber auch der Ausdruck ‚Hamlet‘ kann so verwendet werden, daß in ihm neben dem existentialen Charakterisierungsmoment noch das Moment einer eigentümlichen existentialen Position enthalten ist, das den zugehörigen Gegenstand zwar nicht in der faktisch existierenden raum-zeitlichen Realität, aber doch in der fiktiven, durch den Sinngehalt des Shakespeareschen Dramas geschaffenen ‚Wirklichkeit‘ setzt“ (Ingarden 1931, S. 69; zu den apriorischen Gesetzmäßigkeiten, auf denen Bedeutungsmerkmale beruhen, vgl. S. 61–70). 251 Vgl. Ingarden 1931, S. 225, 240: „Nehmen wir z. B. an, daß in einem Roman eine Situation zur Darstellung gelangt, die sich in einem bestimmten Zimmer abspielt, und daß mit keinem Worte angedeutet ist, ob es außerhalb dieses Zimmers noch irgend etwas gibt. Dann kann man freilich nicht sagen, daß es außer dem Raumausschnitt, der durch die Wände dieses Zimmers begrenzt ist, absolut keinen Raum und somit nur ein völliges Nichts gebe. Aber andererseits wäre es auch falsch zu sagen, daß es einen dieses Zimmer umgebenden Raum gebe, der durch entsprechende Bedeutungseinheiten bestimmt bzw. durch entsprechende Sachverhalte positiv dargestellt wäre. Wenn der wirklich dargestellte Raum (innerhalb des Zimmers) nicht dort endet, wo die Wände des Zimmers stehen, so ist es nur deswegen, weil es zum Wesen des Raumes überhaupt gehört, keinen Abbruch zu haben. Nur durch diese Unmöglichkeit des Raumabbruchs wird der Raum außerhalb des Zimmers mitdargestellt; der Raum innerhalb des Zimmers dagegen wird dadurch zu einem Raumausschnitt. […] Wie der Raum, leidet auch die Zeit – ihrem Wesen nach – keinen Abbruch.“

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In dem, was Ingarden als den Realitätshabitus des Dargestellten bezeichnet, ist eine gewisse Parallele zu den Prinzipien der Konstitution von fiktiven Welten zu beobachten, wie sie in der Fiktionstheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diskutiert worden sind. Zu nennen sind vor allem das sogenannte Realitätsprinzip (principle of minimal departure) und das sogenannte Prinzip der allgemeinen Überzeugungen (principle of mutual beliefs).252 Das Realitätsprinzip besagt im Kern, dass die fiktive Welt grundsätzlich so nah wie möglich an der realen Welt zu konstituieren ist – es sei denn, etwas spricht explizit dagegen. Demgegenüber besagt das Prinzip der allgemeinen Überzeugungen, dass die Konstitution der fiktiven Welt sich primär an historisch und kulturell bedingten (und somit variablen) Auffassungen von Wirklichkeit zu orientieren hat. Es lässt sich wiederum nur spekulieren, wie sich Ingarden hier positionieren würde. In Anbetracht seiner Ausführungen zum ‚Realitätshabitus‘ der dargestellten Gegenstände lässt sich vermuten, dass er zumindest eine gewisse Sympathie für das Realitätsprinzip hegen würde. Damit wäre aber vorerst nur eine Präsumption genannt, die beim Imaginieren der dargestellten Welt wirksam ist, und nicht zwingend ein Argument für eine bestimmte Lesart im Rahmen einer Interpretation.

2.3.5 Die Kohärenz des Textes, die Konsistenz der dargestellten Welt und die Ganzheit des Werks. Facetten des Interpretationsbegriffs Wie oben bereits erwähnt, geht Ingarden davon aus, dass man meist nicht auf einzelne Sätze, sondern vielmehr auf einen ganzheitlichen Zusammenhang eingestellt ist, wenn man einen Text schreibt oder in nachbildenden Operationen einen Text liest. Ein solcher Zusammenhang liegt Ingarden zufolge dann vor, wenn es wirklich gelungen ist, ein Bedeutungselement des einen Satzes an den Sinngehalt des anderen Satzes (bzw. an ein Bedeutungselement dieses Satzes) anzuknüpfen und wenn infolgedessen auch die zugehörigen rein intentionalen Korrelate in eine vollzogene Verbindung miteinander eingehen. Ja, der Zusammenhang zwischen zwei Sätzen ist nichts anderes als eine derartig gelungene Anknüpfung eines Satzsinngehaltes an einen anderen.253

|| 252 Zum principle of minimal departure vgl. Ryan 1980, bes. S. 406. Zum principle of mutual beliefs vgl. Margolin 1992, bes. S. 110. Hierzu auch Zipfel 2001, S. 84–88. 253 Ingarden 1931, S. 155.

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Diese gelungene Anknüpfung, die vollzogene Verbindung ist nichts anderes als eine Kohärenzstiftung seitens des Lesers. So schreibt Ingarden auch an anderer Stelle: „Sind die Zusammenhänge zunächst unsichtbar, so sucht man sie zu finden und man ist verwundert, wenn man sie – wie z. B. im Falle einer irrsinnigen Rede – nicht vorfindet“.254 Diese Verbindungen werden nach Ingarden nicht lediglich auf der sprachlichen Oberfläche hergestellt (Kohäsion). Vielmehr beruht der Zusammenhang zwischen den Sätzen auf einem „sachliche[n] Seinszusammenhang“255 der Satzkorrelate, d. h. der rein intentionalen Gegenstände. Diese liegen „nicht isoliert und fremd nebeneinander, sondern schließen sich […] zu einer einheitlichen Seinssphäre zusammen“, und so bilden sie immer einen Ausschnitt aus einer nicht näher bestimmten, aber ihrem Seins- und Soseinstypus nach festgelegten Welt, und zwar einen Ausschnitt, dessen Grenzen nie scharf gezeichnet sind. Es ist immer nur so, als ob ein Lichtkegel uns einen Teil einer Gegend beleuchtete, deren Rest im unbestimmten Nebel verschwindet, aber in seiner Unbestimmtheit doch da ist. […] [E]in mehr oder weniger bestimmter Hintergrund, der mit dem dargestellten Gegenstande eine Seinssphäre bildet, ist immer vorhanden.256

Wie Ingarden immer wieder betont, ist die fiktive Welt mit der unsrigen nicht identisch, sondern eine „Welt für sich“.257 Mit der Konsistenz dieser Welt (Schicht 3 und 4) korreliert aber letztlich die Kohärenz des Textes (Schicht 1), wobei die Bedeutung (Schicht 2) als Bindeglied fungiert. Dabei hebt Ingarden im Sinne einer Konsistenzpräsumption hervor, dass die aufgefüllten Unbestimmtheitsstellen „im Einklang mit den schon festgelegten Bestimmtheiten der dargestellten Gegenstände“ zu stehen haben.258 Dass ein solches In-EinklangBringen eine erhebliche interpretatorische Anstrengung bedeuten kann, hat das Beispiel von Tellheims Uniform in Lessings Minna von Barnhelm gezeigt. Zu bedenken ist noch, dass die Kohärenzstiftung des Lesers, die mit den satzbildenden Operationen offenbar verwandt oder gar deren Verlängerung ist, von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein kann. Ingarden würde bestreiten, dass die satzbildenden Operationen qua subjektive Bewusstseinsoperationen zur Struktur des Werkes selbst gehören, geht es ihm doch mit der Unterscheidung zwischen Werk und Konkretisation gerade um die Entsubjektivierung des Werkes. Sofern das Werk aus Bewusstseinsoperationen hervorgeht und auf sie zu|| 254 Ingarden 1931, S. 150. Bemerkenswerterweise spricht Ingarden an einer Stelle von Klarheit als Texteigenschaft; vgl. Ingarden 1931, S. 214–216. 255 Ingarden 1931, S. 163. 256 Ingarden 1931, S. 220. Vgl. auch S. 370. 257 Ingarden 1931, S. 176. 258 Ingarden 1931, S. 257. Vgl. auch Ingarden 1968a, S. 53.

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rückweist,259 gehört aber mit der Kohärenzstiftung ein Variabilitätsfaktor zum Werk, der sich von dessen schematischem Gehalt grundsätzlich unterscheidet. Ingarden hat dieses Problem durchaus erkannt. Jedenfalls argumentiert er in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks gegen die Auffassung, dass ein „sich im schlichten Lesen vollziehende[s] Verstehen […] dazu ausreicht, die Schicht der […] dargestellten Gegenständlichkeiten […] zu konstituieren“.260 In diesem Zusammenhang führt er eine Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Lesen ein. Sofern das Lesen eine bewusst ausgeübte Tätigkeit ist, verläuft es nach Ingarden zwar nie in völliger Passivität. Es kann aber in dem Sinne aktiv vor sich gehen, dass man „den Sinn der gelesenen Sätze“ mit einer „eigentümlich ursprünglichen Urwüchsigkeit und Aktivität denkt, mit der man sich in einer mit-schöpferischen Einstellung in das Gebiet der durch die Satzsinne bestimmten Gegenstände versetzt“.261 Das aktive, synthetisierende Lesen bildet so in gewisser Weise eine gesteigerte Form der Kohärenzstiftung und wird auch von Ingarden eindeutig höher gewertet als das bloß passive.262 Besteht einerseits ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis von der Kohärenz des Textes und der Konsistenz der dargestellten Welt, so soll andererseits das Werk durch Einheit und Ganzheit charakterisiert sein. Im Sinne der Unterscheidung zwischen Bedeutungen und idealen Begriffen fasst Ingarden die satzbildenden Operationen als „die Aktualisierung der Sinneselemente entsprechender idealer Begriffe und die Gestaltung eines einheitlichen Ganzen aus diesen Aktualisationen“.263 Dies betrifft zunächst den Autor, aber durchaus auch den Leser.264 Diese Ganzheit des Werks ist weder mit der Kohärenz des Textes noch mit der Konsistenz der dargestellten Welt zu verwechseln. Aus der Ganzheitsvorstellung folgt vielmehr vor allem, dass jedes einzelne Element eine Funktion im Werkganzen erfüllt, weshalb man auch als Leser sämtliche Aspekte des Werks zu berücksichtigen hat: „Erst dann, wenn es uns gelingt, alle Faktoren, die der Text liefert, zu nutzen und zu aktualisieren, sowie das organisierte sinnvolle Ganze des betreffenden Werkes im Einklang mit den in ihm selbst, in seiner Bedeutungsschicht enthaltenen Sinnintentionen zu konstituieren, ver-

|| 259 Vgl. Ingarden 1931, S. VIII u. ö. 260 Ingarden 1968a, S. 36. 261 Ingarden 1968a, S. 39. Ein ähnlicher Gedanke findet sich – nebenbei bemerkt – bei Schleiermacher, dem zufolge „die Aufgabe der Hermeneutik“ darin besteht, „den ganzen inneren Verlauf der komponierenden Tätigkeit des Schriftstellers auf das vollkommenste nachzubilden“ (Schleiermacher 1829, S. 321). 262 Zur Kohärenzbildung und Interpretation vgl. Kablitz 2013, Kap. 4. 263 Ingarden 1931, S. 375. 264 Vgl. Ingarden 1931, S. 375–377; vgl. außerdem Ingarden 1972, S. 200.

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stehen wir wirklich den Inhalt des Werkes.“265 Dass hier vom Inhalt des Werkes die Rede ist, heißt nicht, dass es lediglich um den Nachvollzug der Handlung ginge. In einer zugehörigen Fußnote schreibt Ingarden: „Der ‚Inhalt‘ des literarischen Werkes wird als das organisierte Sinnganze des Werkes genommen, das die Bedeutungsschicht des Werkes bildet.“266 Wenn Ingarden Einheit, Einstimmigkeit und Ganzheit als Eigenschaften des Werks hervorhebt, geht es ihm nicht primär um die Frage, inwieweit gute Literatur durch kompositorische Geschlossenheit o. Ä. gekennzeichnet ist – auch wenn er durchaus der Meinung ist, dass hohe Kunst sich durch eine gewisse kompositorische Ökonomie auszeichnet.267 Gemeint ist in erster Linie die ontologische Verfasstheit des Werks,268 was aber auch interpretationstheoretisch von höchster Relevanz ist. Grundsätzlich gibt es sehr gute Gründe dafür, die Einheit des zu interpretierenden Textes methodisch zu unterstellen. Ohne eine angenommene Einheit ließen sich die einzelnen Elemente des Textes weder aufeinander noch auf das Textganze beziehen. Der Text wäre letztlich nicht als ein Text interpretierbar.269 Dies muss aber nicht unbedingt heißen, dass sämtliche Eigenschaften des Textes einen innigen Zusammenhang bilden, was man sich z. B. anhand etwaiger ‚Fehler‘ in der Fiktion vergegenwärtigen kann. Man denke beispielsweise an die berühmte Armbanduhr, die es in dem Film Ben Hur geben soll. Diese Armbanduhr ist nicht nur ein Anachronismus, sondern offensichtlich auch ein Lapsus, der sich als solcher ohne größere Probleme einklammern lässt.270 Ähnlich verhält es sich grundsätzlich mit allen Einzelheiten, die sich (aus welchen Gründen auch immer) nicht ohne Weiteres in das (wie auch immer gedachte) Gesamtbild fügen. Die Ganzheit des Werks soll aber eben besagen, dass alle Elemente des Textes eine innige, gleichsam gesteigerte Einheit bilden. Schreibt man in diesem Sinne einem Text, bewusst oder unbewusst, ein Höchstmaß an Kohärenz zu, dann kann jedes noch so kleine Detail bedeutungsträchtig und potenziell zum Kristallisationspunkt des Ganzen werden – und so erklärt sich auch die manch-

|| 265 Ingarden 1968a, S. 33f. 266 Ingarden 1968a, S. 34, Anm. 267 Vgl. etwa Ingarden 1972, S. 196–199, bes. S. 197. 268 Ontologische Einheit (veritas, unitas und vor allem perfectio) spielt auch in der Ästhetik A.G. Baumgartens eine zentrale Rolle. Vgl. die konzisen Hinweise von Mirbach 2007, S. XLV, LII–LIX. 269 Bekannte Problemfälle sind seit jeher etwa die Bibel oder die homerischen Epen. Vgl. dazu Spoerhase 2018, S. 459–511. 270 Zu ‚Fehlern‘ in der Fiktion vgl. etwa Huemer 2010, bes. S. 211.

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mal schier immense philologische Aufmerksamkeitsinvestition in einzelne Texte.271 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Ingarden die Ganzheit des Werks mitunter als das Resultat eines ästhetischen Erlebnisses beschreibt: „Das ästhetische Erlebnis führt zur Konstitution eines eigenen – des ästhetischen – Gegenstandes […].“272 Dieser Konzeption zufolge hat das ästhetische Erlebnis einerseits Widerfahrnischarakter (es stellt sich ein, gleichsam von selbst), andererseits aber auch eine „aktiv-schöpferische“ Komponente.273 Im Hinblick auf diese Konstitution des ästhetischen Gegenstandes spricht Ingarden von einem „innerlich zusammenhängenden Ganzen“ sowie von „eine[m] qualitativen, strukturierten Ganzen“ und verwendet dabei auch den Begriff „Gestalt“.274 Nicht nur das Erlebnis selbst soll also in dem Sinne ganzheitlich sein, dass es sich als eine Einheit von dem stetig fließenden Erlebnisstrom abhebt. Auch der intentionale Gegenstand bildet eine Ganzheit,275 der ein Höchstmaß an Strukturiertheit und Kohärenz zukommt. Somit erscheint das ästhetische Erlebnis bei Ingarden teils als das Ergebnis der Lektüre, teils aber auch als eine Voraussetzung für die Literaturwissenschaft, sofern sie den ästhetischen Gegenstand als Untersuchungsgegenstand hat.276 Man kann an dieser Stelle zwei Facetten des literaturwissenschaftlichen Interpretationsbegriffs unterscheiden. Betrachtet man Literatur vornehmlich als Kommunikation, die sich vielleicht medial und graduell, aber nicht kategorisch von der face-to-face-Kommunikation unterscheidet, dann erscheint aufgrund der Kontextsensibilität sprachlicher Äußerungen vor allem die Historisierung (oder allgemeiner: die Kontextualisierung) als ein zentrales Merkmal des Interpretierens. Betrachtet man hingegen den Text primär als ein Kunstwerk im emphatischen Sinne, dann ist es gerade seine Ganzheit, die es uns erlaubt, in philologischer Kleinstarbeit sämtliche Elemente des Textes aufeinander zu beziehen und als Beweis für dessen ästhetische Qualität zu deuten. Die letztere Variante ist nichts anderes als die ‚werkimmanente‘ Interpretationskonzeption,277 die bei Ingarden also ein ästhetisches Erlebnis zur Voraussetzung hat.

|| 271 Zum Werkbegriff und zur philologischen Aufmerksamkeitsdisposition vgl. Martus 2007a. 272 Ingarden 1937c, S. 3. 273 Ingarden 1937c, S. 6. 274 Ingarden 1937c, S. 6 (das Wort ‚Gestalt‘ im Original in Anführungszeichen). 275 Zum ästhetischen Erlebnis als Erlebnis von Ganzheit vgl. auch Hiergeist 2014, S. 288f. 276 Vgl. Fieguth/Swiderski 1997, S. XXI–XXVI. Zur Geschichte des Konzepts ‚ästhetisches Erlebnis‘ vgl. auch Tatarkiewicz 2003, S. 448–485. 277 Vgl. dazu Kap. 4 dieser Arbeit.

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2.4 Die Rekonstruktion des Werks als Aufgabe der Literaturwissenschaft Mit seiner Literaturtheorie hat Ingarden versucht, ein bestimmtes philosophisches Teilproblem zu lösen, zugleich aber explizit den Anspruch erhoben, eine philosophische bzw. erkenntnistheoretische Grundlegung der Literaturwissenschaft zu liefern. Das Verhältnis zwischen Philosophie und Literaturwissenschaft hat er dabei am prägnantesten in einem Text dargelegt, der 1937 als Anhang zur polnischen Erstausgabe von Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks erschienen war und erst nach seinem Tod ins Deutsche übertragen wurde. Dieser Anhang trägt den Titel: „Gegenstand und Aufgaben des ‚Wissens von der Literatur‘“. Der in Anführungszeichen gesetzte Ausdruck ‚Wissen von der Literatur‘ entspricht nach Angabe des Übersetzers dem polnischen Ausdruck wiedza o literaturze, der auch mit ‚Literaturwissenschaft‘ wiedergegeben werden könnte. Allerdings soll es sich hierbei um eine Literaturwissenschaft im weiteren Sinne handeln, sofern der Ausdruck ‚Wissen von der Literatur‘ bei Ingarden einen Oberbegriff bildet, und zwar für (a) eine allgemeine Philosophie des literarischen Werks; (b) die Wissenschaft von der Literatur (nauka o literaturze), mithin eine Literaturwissenschaft im engeren Sinne; (c) die sogenannte literarische Kritik,278 die in der deutschen Ausgabe von Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks auch als literarische Wertung bezeichnet wird. Unter Literaturwissenschaft im weiteren Sinne versteht Ingarden alle „begründete[n] Erkenntnisresultate, die sich auf das literarische Werk beziehen, ungeachtet des Aspekts, unter dem es behandelt wird, sowie ungeachtet der Methode und der Erkenntnismittel, die für sein Erkennen verwendet werden“.279 Was dagegen die Literaturwissenschaft im engeren Sinne betrifft, so ist ihr Gegenstand nach Ingarden „vor allem gewisse faktisch existierende Individuen: die einzelnen literarischen Werke“.280 Damit fällt die Literaturwissenschaft im engeren Sinne für Ingarden in den Bereich der sogenannten Tatsachenwissenschaften, deren Gegensatz die sogenannten apriorischen Wissenschaften bilden (z. B. formale Ontologie, Mathematik, Logik).281 Was man von dieser Einteilung der Wissenschaften auch halten mag: Wichtig ist hier, dass eine Philosophie der Literatur der Literaturwissenschaft im engeren Sinne vorgelagert ist: „Die Be-

|| 278 Vgl. Ingarden 1937a, S. 1, Anm. 279 Ingarden 1940/41, S. 29. 280 Ingarden 1937a, S. 2. 281 In den Ideen I unterscheidet auch Husserl zwischen Ontologie/Eidetik und Tatsachenwissenschaft.

Die Rekonstruktion des Werks als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 75

stimmung eines Forschungsgebietes in einer Wissenschaft stützt sich immer mehr oder weniger bewußt auf gewisse allgemeine philosophische Voraussetzungen, welche das Wesen des Forschungsgegenstands betreffen.“282 Dem Philosophen fällt so die Aufgabe zu, die gegenstandsbezogenen Präsuppositionen, die die Praxis einer Wissenschaft strukturieren, durch Wesensanalyse zu klären und gegebenenfalls zu korrigieren. Insofern hat die Philosophie „eine Reihe von allgemeinen Behauptungen“ bereitzustellen, die „bei […] Einzelforschungen als Direktiven verwendet werden können“.283 Zur Philosophie der Literatur gehören für Ingarden mehrere Sparten, „z. B. die Theorie vom Erkennen des literarischen Werks, die Ontologie des literarischen Werks, die entsprechenden Abteilungen der Ästhetik, der Kulturphilosophie […]“.284 Grundsätzlich räumt er aber der Ontologie eine privilegierte Stellung ein, mit Blick auf die Literatur wie auch mit Blick auf die Philosophie im Allgemeinen.285 Bereits in Das literarische Kunstwerk hatte er bemängelt, dass die Literaturwissenschaftler „gewöhnlich keine klar gestellte Frage nach dem Wesen des literarischen Werkes“ formulieren, „als ob es sich um eine allen bekannte und ganz unwichtige Angelegenheit handelte“.286 Spezifisch literaturwissenschaftliche Probleme ließen sich aber, so Ingarden weiter, „nie restlos lösen […], wenn man über das Wesen des literarischen Werkes im unklaren bleibt“.287 In Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks hat Ingarden aus erkenntnistheoretischer Perspektive auf seine ‚Wesensanatomie‘ in Das literarische Kunstwerk zurückgegriffen. In der Einleitung hebt er hervor, dass die Analyse eines bestimmten Erkenntnisvorgangs viel leichter durchzuführen sei, „wenn man sich die allgemeine Grundgestaltung des betreffenden Gegenstandes zum Bewußtsein bringt“.288 Er beruft sich hier auf Husserl, dessen Logische Untersu-

|| 282 Ingarden 1937a, S. 6. 283 Ingarden 1937a, S. 27. Vgl. auch Ingarden 1940/41, S. 51 (hier in Bezug auf die Poetik): „Die Literaturphilosophie, insbesondere die Ontologie des literarischen Kunstwerks, liefert der Poetik die Grundbegriffe und -behauptungen, die die Grundlage und die Richtlinien ihrer Forschung bilden“; vgl. ferner S. 79: „Eine wissenschaftliche Methode muß der grundsätzlichen Natur der Forschungsobjekte angepaßt sein, natürlich sofern sie leistungsfähig sein und zu wissenschaftlich wertvollen Ergebnissen führen soll.“ 284 Ingarden 1937a, S. 27. 285 Zur systematischen Vorrangstellung der Ontologie vor der Metaphysik und Erkenntnistheorie vgl. Ingarden 1929. 286 Ingarden 1931, S. 2. 287 Ingarden 1931, S. 2. 288 Ingarden 1968a, S. 7.

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chungen gezeigt hätten, „daß eine besondere Korrelativität zwischen der Erkenntnisweise und dem zu erkennenden Gegenstand, vielleicht sogar eine Anpassung des Erkennens an diesen Gegenstand besteht“.289 Gemeint ist damit jene apriorische Korrelation zwischen Gegenstandsart und Gegebenheitsweise, von der oben bereits die Rede war. Hieraus zieht Ingarden den Schluss: „Die Konfrontation der Analyse der Erlebnisse, in welchen sich die Lektüre vollzieht, mit den wesensnotwendigen strukturellen Momenten des literarischen Kunstwerks wird uns […] besser zu verstehen erlauben, warum eigentlich jene Erlebnisse in sich so kompliziert sind und gerade in dieser wesenstypischen Weise verlaufen.“290 Ihm geht es somit weder um eine Methode der literaturwissenschaftlichen Textanalyse noch etwa um die empirische Analyse eines faktischen Lektürevorgangs. Vielmehr will Ingarden unter Berücksichtigung der apriorischen Grundstruktur des literarischen Werks den wesenstypischen Bewusstseinsverlauf beim Lesen literarischer Werke analysieren. Dies soll insofern eine vor-methodische, erkenntnistheoretische Grundlegung sein, als eine solche Analyse überhaupt erst die Fragen generieren soll, die sinnvollerweise an ein Werk zu stellen sind. In diesem Sinne geht es hier um die „Möglichkeit einer ‚Literaturwissenschaft‘“ überhaupt.291 Dementsprechend werden in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks zunächst solche Bewusstseinsoperationen untersucht, die allen Arten des Lesens gemeinsam sind, etwa das Verstehen der einzelnen Wörter und Sätze, das Auffüllen von Unbestimmtheitsstellen etc. Hierzu gehören auch umfangreiche phänomenologische Zeitanalysen, in denen unter anderem das Verhältnis zwischen dem Verstehen und dem Gedächtnis des Lesers umrissen wird. Dann unterscheidet Ingarden zwischen vier Arten des Erkennens eines literarischen Kunstwerkes: (1) „Die nicht- oder außer-ästhetischen Erlebnisse des literarischen Konsumenten“; (2) „das ästhetische Erlebnis eines literarischen Konsumenten“; (3) „das vor-ästhetische Erkennen des literarischen Kunstwerks in der Forschungseinstellung“;

|| 289 Ingarden 1968a, S. 6. 290 Ingarden 1968a, S. 10. 291 Ingarden 1931, S. 17 (im Original gesperrt); vgl. auch Ingarden 1968a, S. 2. Die Anführungszeichen mögen hier ein wenig irritieren, sind aber an dieser Stelle wohl als Hinweis darauf zu versehen, dass die Literaturwissenschaft im engeren Sinne gemeint ist. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass Ingarden die Anführungszeichen bewusst gesetzt hat; vgl. Ingarden 1972, S. 189.

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(4) „das sich auf Grund eines ästhetischen Erlebnisses vollziehende, in der Forschungseinstellung durchgeführte Erkennen einer ästhetischen Konkretisation des literarischen Kunstwerks“.292 Während er auf Punkt (1) nicht näher eingeht, wird Punkt (2) im Rahmen einer allgemeinen Theorie des ästhetischen Erlebnisses relativ ausführlich behandelt. Mit Blick auf Punkt (3) und (4) ist ein Einstellungswechsel zu verzeichnen. Hier geht es ausdrücklich um eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem literarischen Werk. Während Punkt (3) der Literaturwissenschaft im engeren Sinne gilt, bezieht sich Punkt (4) auf die literarische Wertung, die Ingarden zum „Forschungsfeld der Literaturwissenschaft“ rechnet und für die er eine „wissenschaftlich geprüfte Grundlage“ zu schaffen sucht.293 Anders als die literarische Wertung, die sich mit einzelnen Konkretisationen befasst, hat Ingarden zufolge die Literaturwissenschaft im engeren Sinne das Werk selbst zum Gegenstand. Das Ziel einer ‚vor-ästhetischen‘, im engeren Sinne literaturwissenschaftlichen Betrachtung des literarischen Werkes ist für Ingarden die Rekonstruktion des Werkes in seinem schematischen Gehalt. Diese Rekonstruktion bildet einen „Grenzfall“ der Konkretisation,294 bei dem man sich aller Konkretisierung, Aktualisierung und Auffüllung von Unbestimmtheitsstellen enthält, um Wissen über das Werk selbst zu erlangen. Die Bezeichnung ‚vor-ästhetisch‘ ist allerdings etwas missverständlich, denn das Vor-Ästhetische ist nicht etwa zeitlich, sondern gewissermaßen räumlich gedacht.295 Wie Ingarden betont, erfolgt zwar die wissenschaftliche, forschende Betrachtung des Textes immer auf Grundlage einer „schlichte[n], in ästhetischer Einstellung durchgeführte[n] Lektüre“.296 Das liegt daran, dass der Untersuchungsgegenstand ein rein intentionaler Gegenstand ist, der sich in Bewusstseinsakten zuallererst konstituiert. Diese logische Priorität, die keine temporale Abfolge impliziert, ist aber an dieser Stelle nicht gemeint. Die wissenschaftliche Betrachtung bleibt vielmehr in dem Sinne vor-ästhetisch, dass sie gleichsam an der Schwelle der Konkretisation stehenbleibt und den Raum möglicher Konkretisationen ausmisst. Eine derartige „analytische Betrachtung“ kann Ingarden zufolge „einen Überblick über die Mannig-

|| 292 Ingarden 1968a, S. 231. 293 Ingarden 1968a, S. 440. In einem späten Aufsatz hat Ingarden bemerkenswerterweise das Wertproblem als das Hauptproblem der Literaturwissenschaft bezeichnet (vgl. Ingarden 1970a, S. 31). 294 Ingarden 1968a, S. 350, Anm. 295 Vgl. Steltner 2010, S. 376. 296 Ingarden 1968a, S. 294.

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faltigkeit der möglichen Interpretationen geben, ohne selbst diese Konkretisationen zu realisieren“.297 Diese synonyme Verwendung der Ausdrücke ‚Konkretisation‘ und ‚Interpretation‘ ist auffällig,298 denn sie wird keineswegs strikt durchgehalten. In der Einleitung zu Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks hat Ingarden bemerkenswerterweise auf Emil Staigers Kunst der Interpretation als das „einzige wichtige Werk“ verwiesen, „das in seiner Thematik mit einem Teil der hier zu entwickelnden Probleme verwandt ist“299 – wobei er in einer Fußnote hinzusetzt: „Es handelt sich da aber wirklich um ‚Interpretation‘ und nicht um das Kennenlernen und Verstehen des literarischen Kunstwerks – also um Probleme, welche mit verschiedenen möglichen Konkretisationen eines und desselben Kunstwerks zusammenhängen.“300 Überhaupt bezieht sich Ingarden sowohl in der überarbeiteten zweiten Auflage von Das literarische Kunstwerk als auch in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks wiederholt auf Emil Staiger. Das Credo lautet: „Neigt man zu entschieden dazu, nur eine Deutung zu bevorzugen, dann bekommt man eben eine ‚Interpretation‘ – um das Wort von Emil Staiger zu benutzen – aber kein richtiges, kein volles Verständnis des Gedichts […].“301 Der entscheidende Punkt besteht hier darin, dass das Werk in seinem schematischen Gehalt für Ingarden intersubjektiv zugänglich ist, die Konkretisation hingegen ein „monosubjektiver Gegenstand“.302 In diesem Sinne ist sein wiederholter Hinweis zu verstehen, dass das Problem der Interpretation darin bestehe, dass die Vielfalt der möglichen Konkretisationen nicht berücksichtigt wird.303

|| 297 Ingarden 1968a, S. 299. 298 Zur Konkretisation als Interpretation vgl. Głowiński 1975. 299 Ingarden 1968a, S. 2. 300 Ingarden 1968a, S. 3, Anm. 301 Ingarden 1968a, S. 369. 302 Ingarden 1937a, S. 11f. 303 Vgl. Ingarden 1968a, S. 71f. Mit Verweis auf Wolfgang Iser und die Rezeptionsästhetik deutscher Provenienz bemerkt Michał Głowiński Ende der 1970er Jahre, dass Ingardens Konkretisationsbegriff dem recht nahekommt, was man in der aktuellen Diskussion als Lesen bezeichnet: „[M]uch of what is referred to by reading today is treated by Ingarden under another heading: concretization. […] It can thus be said that, to use contemporary terminology, Ingarden’s problematic of concretization is a problem of reading“ (Głowiński 1979, S. 75). Anschließend schlägt er aber eine Brücke zum Interpretationsbegriff: „Reading, accompanied by self-reflection, ceases to be reading in the ordinary sense; it begins to resemble the type of activity which characterizes the interpretation of literary works“ (S. 76). Siehe hierzu auch Kap. 5 dieser Arbeit.

Die Rekonstruktion des Werks als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 79

Ingardens Auseinandersetzung mit Staiger gibt aber zugleich in anderer Weise Aufschluss über sein Verständnis von Literaturwissenschaft und der Erlernbarkeit einer wissenschaftlichen Betrachtung: Man spricht jetzt oft unter der Suggestion von Emil Staigers Werken von der „Kunst der Interpretation“. Man sollte aber vor allem von der Kunst des Lesens literarischer Kunstwerke sprechen, und zwar von einer Kunst, die nicht notwendig Gabe des Talents, des sozusagen nicht zu erlernenden Genies ist, sondern von einer „Kunst“, die eben – wie ein gutes Handwerk – erlernbar ist und auch ausgeübt werden kann.304

Bekanntlich hatte Staiger – wenn auch in einem häufig missverstandenen Sinne – „[d]as allersubjektivste Gefühl“ zur „Basis der wissenschaftlichen Arbeit“ zu machen versucht.305 Dabei fordert er zwar explizit, dass man sich Informationen über Autor, Epoche etc. als eines heuristischen Mittels bedient,306 doch letztlich kommt die Interpretation bei Staiger ohne ein bestimmtes, selbst nicht vermittelbares Empfindungsvermögen des Interpreten nicht aus. Dagegen scheint sich Ingarden von einer wissenschaftlichen Praxis abgrenzen zu wollen, die sich aus einer (elitären) ästhetischen Empfindungskompetenz speist.307 Dasjenige, was Staiger als eine ‚Kunst der Interpretation‘ bezeichnet, würde für Ingarden vermutlich eher zur literarischen Wertung als zur Literaturwissenschaft im engeren Sinne gehören, also zu einer wissenschaftlichen Betrachtung der ästhetisch gewonnenen Konkretisation, nicht aber des Werks selbst. Allerdings gibt es einige Unstimmigkeiten in Ingardens Argumentation, die wohl darauf zurückzuführen sind, dass es ihm nicht unbedingt um hermeneutische Fragestellungen geht. „Auf welche Einzelheiten“, fragt er, „richtet sich […] diese vorästhetische Betrachtung des Kunstwerks? Es ist klar, daß sich da gar keine Regeln vorschreiben lassen.“308 Ein gewisses ‚Feingefühl‘ scheint nämlich für Ingarden erforderlich zu sein, um das Werk in seinem schematischen Gehalt zu rekonstruieren: Das Werk wird erst dann gut in seiner Sprache erkannt, wenn der Leser nicht bloß feinfühlig genug für das bloße Vorhandensein der Vieldeutigkeiten ist, sondern auch erkennt, welche verschiedenen Deutungen des Textes durch denselben zugelassen, welche dagegen durch die weiteren Teile des Textes eliminiert werden. Und er muß sich auch darüber orientieren, welche von diesen durch die Vieldeutigkeit zugelassenen Deutungen ein Vor-

|| 304 Ingarden 1968a, S. 320f. 305 Staiger 1951a, S. 10. Dazu mehr in Kap. 4 dieser Arbeit. 306 Vgl. Danneberg 1996, bes. S. 317. 307 Vgl. Fieguth 1971, S. 145f. 308 Ingarden 1968a, S. 250.

80 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

recht vor anderen möglichen Deutungen („Interpretationen“?) haben oder ob alle bei der Lektüre gleichmäßig zur endgültigen Ausdeutung des Textes in Betracht gezogen werden dürfen.309

Wie hier deutlich zu sehen ist, impliziert die Rekonstruktion des Werks für Ingarden sehr wohl eine Hierarchisierung von Lesarten. Dass ein normatives Element hier zum Tragen kommt, scheint aber Ingarden nicht zu bedenken. Insofern ist das Fragezeichen hinter dem Wort ‚Interpretation‘ durchaus symptomatisch. Außerdem wird gewissermaßen durch die Hintertür das ‚Feingefühl‘ des Interpreten, also eine subjektive Kompetenz, wieder eingeführt, indem akzentuiert wird, dass in Bezug auf die Rekonstruktion des Werkes „gar keine Regeln“ anzugeben seien. Damit kommt Ingarden jedoch Staigers ‚Kunst der Interpretation‘ de facto viel näher, als ihm selber lieb sein dürfte. Doch zugleich betont Ingarden an mehreren Stellen, dass man einerseits zur Kunst, andererseits zu einer Wissenschaft über Kunst ‚erzogen‘ werden muss.310 Hierbei können offenbar auch literaturwissenschaftliche Forschungsergebnisse eine sozialisierende Funktion haben.311 Was Ingarden vorschwebt, lässt sich wohl am ehesten mit dem vergleichen, was man in hermeneutischer Terminologie gewöhnlich als Takt bezeichnet.312 Hierüber schreibt beispielsweise August Boeckh in seiner Enzyklopädie und Methodenlehre der philologischen Wissenschaften: Durch mechanische Anwendung hermeneutischer Vorschriften wird das Talent nicht entwickelt; vielmehr müssen die Regeln, deren man sich beim Auslegen selbst lebendig bewusst wird, durch Uebung so geläufig werden, dass man sie bewusstlos beobachtet, und sich doch zugleich zu einer bewussten Theorie zusammenschliessen, welche allein die Sicherheit der demonstrativen Auslegung verbürgt. Bei dem ächten hermeneutischen Künstler wird diese Theorie selbst in das Gefühl aufgenommen, und es entsteht so der richtige Takt, der vor spitzfindigen Deuteleien bewahrt.313

Einerseits kommt Ingardens ‚Kunst des Lesens‘, die wie ein gutes Handwerk erlernbar sein soll, einer ars bzw. τέχνη gleich, d. h. einer regelgeleiteten Praxis, deren Regeln man aber nicht unbedingt explizieren oder deutlich vor Augen

|| 309 Ingarden 1968a, S. 366. 310 Vgl. Ingarden 1931, S. 362f. Vgl. auch Ingarden 1968a, S. 305, Anm., 437f. (diese letzte Passage bildet eine Art Appell zum Abschluss des ganzen Buches). 311 Vgl. Ingarden 1931, S. 362. 312 Zum Takt-Begriff vgl. Danneberg 2007a, S. 98–107; ferner in interdisziplinärer Perspektive Danneberg 2011. 313 Boeckh 1877, S. 87.

Die Rekonstruktion des Werks als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 81

haben muss, um das Handwerk erfolgreich auszuüben.314 Andererseits versucht er aber sehr wohl konkrete Anweisungen zu geben, mit denen „Fehler“315 in der Rekonstruktion vermieden werden können. So wird beispielsweise ausführlich beschrieben, wie man als Literaturwissenschaftler mit den Unbestimmtheitsstellen des Werkes umzugehen hat.316 Man könnte dies vielleicht eine gewisse argumentative Inkonsistenz nennen. Diese Inkonsistenz lässt sich aber als Ausdruck einer generellen hermeneutischen Crux verstehen, die bei Ingarden stets präsent bleibt, auch wenn die Hermeneutik als solche nicht thematisch wird. Wenn man sich die anti-psychologistische und somit auch anti-relativistische sowie die dezidiert wissenschaftstheoretische Stoßrichtung von Ingardens Ansatz vor Augen führt, dann verwundert es kaum, dass er sich ausführlich mit der Frage nach der Objektivität der Erkenntnis befasst hat. Sein Anspruch auf Objektivität und strenge Wissenschaftlichkeit erstreckt sich hierbei auch auf die Literaturwissenschaft, und zwar vor allem auf jene Rekonstruktion des Werks in seinem schematischen Gehalt: Vor allem ist zu bemerken, daß die Möglichkeit eines […] rein forschenden Erkennens des literarischen Kunstwerks für die Möglichkeit bzw. für die Existenz der Literaturwissenschaft als einer Wissenschaft von literarischen Kunstwerken außerordentlich wichtig ist. Denn erst die Ergebnisse dieses Erkennens erlauben es, das literarische Kunstwerk selbst den verschiedenartigen und insbesondere seinen ästhetischen Konkretisationen gegenüberzustellen. Sie können wenigstens im Prinzip das objektive Wissen vom einzelnen Werk liefern, welches in allen Konkretisationen in seinem schematischen Aufbau identisch enthalten bleibt. [...] Die vor-ästhetische, forschende Betrachtung eines literarischen Kunstwerks wird gewöhnlich unternommen, um – wie man sagt – eine „objektive“ Erkenntnis von ihm selbst zu erzielen. [...] Es wird vielleicht genügen, hier zu sagen, daß die hier zu charakterisierende Erkenntnis dann „objektiv“ wird, wenn es ihr gelingt, die dem literarischen Werk selbst zukommenden Eigenschaften und strukturellen Eigenheiten zu entdecken, welche als solche von den Wandlungen unabhängig sind, denen das Erkennensverfahren unter verschiedenen Umständen unterliegt – je nachdem, wer dieses Erkennen durchführt und unter welchen äußeren Bedingungen es geschieht.317

Ingardens Objektivitätsbegriff besagt im Wesentlichen, dass die Erkenntnis unabhängig von subjektiven und situativen Faktoren sein soll.318 In diesem

|| 314 Nach einem traditionellen Wissenschaftsverständnis gehört dagegen zur Wissenschaft eine Herleitung aus unumstößlichen Grundsätzen: Scientia est certa cognitio ex certis. 315 Ingarden 1968a, S. 355. 316 Vgl. Ingarden 1968a, S. 300–303, 346–382, hier insbes. S. 351–353. 317 Ingarden 1968a, S. 242, 243. 318 Vgl. auch Ingarden 1967b, bes. S. 34, 254–260. Auf diesen Aufsatz zum Problem der Objektivität wird auch in Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks immer wieder verwiesen.

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Sinne sei die Rekonstruktion des Werks in seinem schematischen Gehalt „von grundlegender Bedeutung“319 für die Literaturwissenschaft als Wissenschaft. Diese vor-ästhetische Betrachtung werde „mehr oder weniger bewußt durch die Idee geleitet, daß in ihm die Erkenntnis des betreffenden Kunstwerks als ‚objektives‘ Wissen von ihm erzielt werden soll. Anders gesagt: man strebt letzten Endes danach, eine Anzahl zusammenhängender und begründeter wahrer Urteile über dieses Werk zu gewinnen“.320 Zu diesem Ziel gelangt man nach Ingarden in drei Schritten. Sie betreffen die Werktreue der Konkretisation, die als solche nicht vermittelbar ist; die Objektivität der Merkmale, die man dem Werk zuschreibt; und schließlich die Vermittlung der Erkenntnisresultate. In höherem Maße als die Konkretisation hat sich eine ‚umfassende‘ Rekonstruktion nach Ingarden „von vornherein unter einer gewissen Kontrolle (und auch Vorsicht) des Lesenden“ zu vollziehen.321 Werktreue liegt hierbei vor, wenn die Rekonstruktion „in jeder Hinsicht dem Werk selbst gleicht, so daß in ihr dieses Werk in allen seinen Einzelheiten zur Enthüllung kommt“.322 Sofern der zu rekonstruierende Gegenstand auf subjektive Bewusstseinsakte zurückgeht, ist hier keine absolute Gewissheit zu erreichen. Dies ist aber für Ingarden nicht besonders problematisch. Diese prinzipielle Unsicherheit, die der Forschende einfach auszuhalten hat, sei vielmehr in allen Tatsachenwissenschaften gleich und kein Verstoß gegen die Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft.323 Besteht so für Ingarden die Werktreue in der kontrollierten Anpassung von einem intentionalen Gebilde an ein anderes, so kann freilich nicht die Anpassung selbst, sondern nur ein Erkenntnisresultat objektiv sein. Die Objektivität bezieht sich mithin nicht auf den Grad an Werktreue, sondern auf die Eigenschaften, die dem rekonstruierten Objekt zugewiesen werden.324 Wenn diese Eigenschaften als objektiv ausgewiesen wer|| 319 Ingarden 1968a, S. 294. 320 Ingarden 1968a, S. 346. 321 Ingarden 1968a, S. 350. 322 Ingarden 1968a, S. 350. 323 Vgl. Ingarden 1968a, S. 371: „Wir können keine absolute Gewähr haben, daß die von uns gewonnene Rekonstruktion eines untersuchten literarischen Kunstwerks ihm absolut getreu ist […]. Diese Tatsache verstößt nicht gegen den wissenschaftlichen Charakter der Literaturforschung. Das Erkennen des literarischen Kunstwerks, das zu einer bestimmten Rekonstruktion desselben führt, bildet nur einen Spezialfall des empirischen Erkennens überhaupt, in welchem wir nie eine absolute Gewähr für die Objektivität der erzielten Ergebnisse gewinnen können.“ – Zum Konzept der Werktreue, wie es um 1800 entsteht, vgl. Goehr 1989. 324 Vgl. Ingarden 1968a, S. 371, 372: „Das Getreusein einer Rekonstruktion eines literarischen Werkes ist ein Fall und auch ein Grad der Ähnlichkeit zwischen dem Werk und der Rekonstruktion […]. Das Erkenntnisergebnis ist ein von uns erworbenes Wissen von einem Gegenstand.

Die Rekonstruktion des Werks als die Interpretation des Textes | 83

den können, dann wäre man in gewisser Weise am Ziel. Soll eine gemeinsame Wissenschaft funktionieren, müssen aber nach Ingarden die Erkenntnisresultate auch anderen Forschenden mitgeteilt werden. Die wissenschaftliche Darstellung soll hierbei nicht etwa selbst künstlerisch gestaltet sein, sie tritt nach Ingarden in keiner Weise in ein Konkurrenzverhältnis zum literarischen Werk. Adäquatheit auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft läuft in diesem Sinne nicht auf ein Angleichen der Sekundärliteratur an den Untersuchungsgegenstand hinaus.325 Die wissenschaftliche Darstellung ist in etwa mit dem vergleichbar, was man aus der klassischen Hermeneutik als subtilitas explicandi kennt, also die Kunst, anderen den ermittelten Sinn zu erklären. Sie wird von Ingarden als ebenso notwendig für das Funktionieren einer Wissenschaft erachtet wie die subtilitas intelligendi, also die ihr vorausgehende Bedeutungsermittlung selbst.326

2.5 Die Rekonstruktion des Werks als die Interpretation des Textes Es stellt sich die Frage, ob die Rekonstruktion des Werkes in seinem schematischen Gehalt der Sache nach nicht genau dasjenige ist oder umfasst, was man gewöhnlich unter einer Interpretation versteht. Eine Interpretation ist in aller || Indem es sich auf ihn bezieht, schreibt es ihm gerade diejenigen Eigenschaften (allgemeiner: Merkmale) zu, die er an sich selbst ohne Rücksicht auf den Vorgang des Erkanntwerdens besitzt. […] Während es sich bei einer Rekonstruktion um eine getreue Nachbildung des Werkes, Satz um Satz, mit ihren entsprechenden intentionalen Korrelaten handelt, trachten wir bei einer betrachtenden Erkenntnis dieses Werkes danach, ein System von Urteilen über dieses Werk […] zu erzielen […].“ 325 Vgl. Ingarden 1968a, S. 378: „Jede wissenschaftliche Darstellung eines individuellen literarischen Kunstwerks mit Hilfe eines Systems von Urteilen ist diesem Kunstwerk selbst nicht adäquat, sie ist auch kein Äquivalent des Kunstwerks und kann es gar nicht ersetzen. Aber das allein ist noch kein Mangel oder Fehler dieser Darstellung. Sie soll auch gar kein solches Äquivalent sein, man darf es ihr also nicht vorwerfen, wenn sie es nicht ist.“ – Dies mag selbstverständlich klingen, vgl. aber das Karl-May-Experiment in Fricke 1981; Fricke 1984; Fricke 1991b. 326 Gemeint ist hier nicht die vermeintlich auf Johann Jakob Rambach zurückgehende Trias von Verstehen (subtilitas intelligendi), Auslegen (subtilitas explicandi) und Applikation (subtilitas applicandi), von der Hans-Georg Gadamer spricht (vgl. Gadamer 1960, S. 312). Dies aus zwei Gründen: Erstens verweist Gadamer hier auf eine Trias, die es bei Rambach in dieser Form gar nicht gibt. Zweitens würde ein Applikationsbegriff im Sinne Gadamers hier in die Irre führen. Gemeint ist vielmehr der Wortgebrauch im 18. Jahrhundert, vor allem bei Johann August Ernesti. Vgl. zu diesem Themenkomplex Danneberg 2006, S. 203–207.

84 | Husserl, Ingarden und die phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie

Regel mit dem Anspruch verbunden, über die Wiedergabe der wörtlichen Bedeutung hinauszugehen. Sie soll dabei keine bloß subjektive oder willkürliche Bedeutungszuschreibung zum Ausdruck bringen, sondern folgt unterschiedlichen, mehr oder weniger klar umrissenen Regeln, die in einer umfassenderen Literatur- bzw. Interpretationstheorie verankert sind.327 Dies trifft alles auf Ingardens Ansatz zu. Im Rückgriff auf die klassische Hermeneutik lässt sich sagen: Rekonstruktion und Konkretisation verhalten sich zueinander wie Bedeutungsermittlung auf der einen Seite zur Applikation (applicatio, accommodatio) auf der anderen. Die Rekonstruktion impliziert insofern eine interpretatorische Leistung, als sie nicht einfach der Text ist, sondern vielmehr eine Ermittlung und Hierarchisierung derjenigen Konkretisationen, die das Werk adäquat zum Ausdruck bringen. Sie ist damit keine determinative Interpretation, die ein für alle Mal bestimmen will, was der Text bedeutet, lässt sich aber als eine explorative Interpretation beschreiben, die systematisch herausarbeitet, was der Text bedeuten kann.328 Die Rekonstruktion hat somit keine klar bedeutungsbestimmende, aber sehr wohl eine bedeutungslimitierende Funktion.329 Ingarden hat die Ansicht vertreten, dass nicht alle Konkretisationen „in gleichem Maß eine rechtmäßige Fundierung im betreffenden Kunstwerk haben, oder anders gesagt, daß nicht alle Konkretisationen eine […] richtige Interpretation des betreffenden Werkes sind“.330 Ob es überhaupt so etwas wie richtige Interpretationen eines literarischen Textes gibt, sei dahingestellt. Dass es bessere und schlechtere oder gar falsche Interpretationen geben kann, würden aber die wenigsten Literaturwissenschaftler ernsthaft bestreiten.331 Wollte man mit Ingarden über Ingarden hinausgehen, könnte man sagen: Durch eine ‚vorästhetische‘ Rekonstruktion des literarischen Werks ließen sich unterschiedliche Konkretisationen hinsichtlich ihrer Adäquatheit bewerten.332 Ingardens Versuch einer erkenntnistheoretischen Grundlegung der Literaturwissenschaft ist sicherlich mit Problemen und Unklarheiten behaftet, konvergiert aber durchaus mit dem heutigen Wissenschaftlichkeitsanspruch der Disziplin. Verwiesen sei etwa auf das Kapitel zur Textanalyse und Textinterpre-

|| 327 Vgl. Spree 2000, S. 168; ferner Weimar 2002; Matthews 1977. 328 Diese beiden Begriffe sind hier übernommen von Levinson 1999. 329 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 125. 330 Ingarden 1968a, S. 299. 331 Vgl. hierzu Strube 1993, Kap. 7; Matthews 1977. Beide vertreten die Ansicht, dass Beschreibungen sehr wohl wahr oder falsch sein können, Interpretationen aber nicht. Hier müsse man auf andere „Wertwörter“ (Strube 1993, S. 114) zurückgreifen: plausibel, historisch adäquat, zutreffend, widerspruchfrei, fruchtbar etc. 332 Hierzu auch Steltner 2010, S. 385.

Die Rekonstruktion des Werks als die Interpretation des Textes | 85

tation im Handbuch Literaturwissenschaft, dem ein einführender Überblick über die „Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische[n] Grundlagen“ vorangestellt ist.333 Dass sich Ingardens Ansatz in der Literaturwissenschaft nicht durchgesetzt hat, ist wohl unter anderem auf die recht speziellen Vorannahmen über Bewusstsein, Sprache, Bedeutung etc. zurückzuführen.334 In Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks versucht er, den ‚wesenstypischen‘ Bewusstseinsverlauf beim Lesen literarischer Texte freizulegen und damit eine vor-methodische Basis für die Literaturwissenschaft bereitzustellen, um so einem epistemischen Relativismus vorzubeugen.335 Doch indem er zwischen richtigem und falschem, zwischen mehr oder weniger adäquatem Verstehen unterscheidet, ist eine normative Komponente eingeführt, die keine (empirische oder phänomenologische) Analyse des Verstehensvorgangs einzuholen vermag. Er hat damit bereits das weite Feld der Hermeneutik betreten und seine phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie liest sich dann dementsprechend auch als eine Interpretationstheorie.

|| 333 Fricke 2007. 334 Vgl. Fricke 2007, S. 41. 335 Vgl. Ingarden 1968a, S. 1f.

3 Objektivationen des Geistes. Nicolai Hartmann und Emilio Betti über die Grundlagen der Geisteswissenschaften Die zu Lebzeiten breit rezipierte und in den letzten Jahren wieder verstärkt wahrgenommene Philosophie Nicolai Hartmanns fristet in gewisser Weise ein Dasein am Rande der ‚phänomenologischen Bewegung‘.1 Im Jahr 1907 war Hartmann von Hermann Cohen und Paul Natorp an der Universität Marburg promoviert worden. Die Habilitation, ebenfalls in Marburg, erfolgte zwei Jahre später. Seine frühen Arbeiten, vornehmlich zur antiken Philosophie, standen ganz im Zeichen des Marburger Neukantianismus. In den 1910er Jahren wandte er sich aber zunehmend gegen die Philosophie Cohens und Natorps und entwickelte stattdessen eine sogenannte ‚neue Ontologie‘ auf Grundlage eines ‚kritischen Realismus‘,2 unter anderem in Auseinandersetzung mit der Phänomenologie Edmund Husserls und der materialen Wertethik Max Schelers.3 Da Hartmann im Zuge dessen ein ontologisches Schichtenmodell entworfen hat und dieses auch für ästhetische Fragen fruchtbar macht, wurde er zudem oft in die Nähe von Roman Ingarden gerückt.4 Eine ausgeprägte literaturwissenschaftliche Hartmann-Rezeption hat es zwar nicht gegeben.5 Bemerkenswert ist aber eine doppelte Beziehung zur Her-

|| 1 Zu Hartmann und der Phänomenologie vgl. Spiegelberg 1969, S. 357–391; Möckel 2012; ferner Landmann 1943; Landmann 1951, S. 39–84. 2 Diese ‚neue Ontologie‘ bildet neben der Ethik einen Schwerpunkt der Hartmann-Forschung. Einen guten Überblick über das Gesamtwerk mit einem Fokus auf die Ontologie und die realistische Grundposition bieten Morgenstern 1997; Werkmeister 1990. Zu Hartmann und dem Marburger Neukantianismus vgl. Breil 1996. Mit Blick auf die philosophische HartmannRezeption vgl. die Einschätzung von Schnädelbach 1983, S. 259: Hartmann habe „zwar seine Epoche bestimmt, aber nicht – wie Heidegger – Epoche gemacht“. Was die HartmannForschung betrifft, so ist gegenwärtig so etwas wie eine „kleine Renaissance“ (Hähnel 2013, S. 452) zu beobachten. Vgl. etwa Poli/Tremblay/Scognamiglio 2011; Hartung/Wunsch/Strube 2012; Peterson/Poli 2016. 3 Vgl. Hartmann 1949a, S. 454. 4 Vgl. etwa Tymieniecka 1957; Ruttkowski 2007; weniger informativ Mecklenburg 1972, S. 32f. Zu diesem Thema unten mehr. 5 Eher als Ausnahmen zu betrachten sind Staiger 1939, S. 13; Hamburger 1968, S. 48. Vgl. ferner Carlsson 1939 (dazu Vierhaus [Hrsg.] 2005, S. 288); Carlsson 1952. Mit Bezug zu Goethe vgl. Wechssler 1942. Er hat zudem die Ansicht vertreten, die Ontologie Nicolai Hartmanns sei die eigentliche Angelegenheit aller Fachgelehrten, auch des Philologen (vgl. Wechssler 1940, S. 3). https://doi.org/10.1515/9783110563023-003

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meneutik, die insofern an Brisanz gewinnt, als Hartmann explizit – teils mit, teils gegen Dilthey – den Anspruch erhebt, eine philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften zu liefern: Auf der einen Seite stand der junge HansGeorg Gadamer unter dem Einfluss Hartmanns, bevor er sich in den 1920er Jahren persönlich und philosophisch stärker Martin Heidegger zuwandte. Auf der anderen Seite spielt Hartmanns Philosophie eine grundlegende Rolle bei Emilio Betti, der seinerseits zu den bedeutendsten Vertretern einer spezifisch geisteswissenschaftlichen Hermeneutik im 20. Jahrhundert gehört und die philosophische Hermeneutik Heideggers und Gadamers scharf kritisiert hat.6 Auf Husserl, aber eben auch auf Betti hat sich wiederum Eric Donald Hirsch berufen, wobei auch er Gadamer offen angreift.7 In Hartmanns Philosophie und Bettis Hartmann-Rezeption kreuzen sich somit phänomenologische und hermeneutische Rezeptionsstränge in intrikater Weise. Wie sich hier Hermeneutik und Phänomenologie genau zueinander verhalten, erschließt sich freilich nicht auf den ersten Blick, sondern bedarf einer eingehenderen Rekonstruktion.

3.1 Nicolai Hartmanns Verstehensbegriff Auch wenn sich Hartmann explizit auf Husserl bezieht und immer wieder den Ausdruck ‚Phänomenologie‘ verwendet, gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen Husserls und Hartmanns Phänomenologiebegriff. Für Hartmann bildet nämlich die Phänomenologie, verstanden schlicht als eine Beschreibung in einem eher alltagssprachlichen Sinne, nur den ersten von insgesamt drei Schritten einer philosophischen Untersuchung: Auf eine möglichst unbefangene Beschreibung eines Sachverhalts (Phänomenologie) folgt nach Hartmann eine Ausformulierung und Zuspitzung der deskriptiv erfassten Problemlage (Aporetik), woraufhin man schließlich als Philosoph einen erkenntnistheoretischen

|| 6 Zu Betti, auch zu Bettis Hartmann-Rezeption, liegt zwar verhältnismäßig viel Forschung auf Italienisch vor, auf Deutsch und Englisch jedoch relativ wenig. Zu Recht bemerkte kürzlich Luca Vargiu, es sei in Bezug auf Betti noch „viel zu tun“ (Vargiu 2017, S. 19). In diesem Sinne bemerkte auch Susan Noakes vor drei Jahrzehnten, Betti sei „little known“ (Noakes 1988, S. 51). Nach wie vor ist er „rarely read“ (Rubini 2017, S. 370). Eine vorwiegend rekapitulierende Erörterung von Bettis Hermeneutik bieten Funke 1960; Leibfried 1980, S. 41–48; Eßmann 1992. Kritischer sind dagegen Hufnagel 1976, S. 128–148; Grondin 2001, S. 174–178. Zur Aufnahme der Hermeneutik Bettis im deutschsprachigen Raum vgl. Anderle 1967; Malter 1978. 7 Zu Gadamers Hermeneutik wie zur Gadamer-Kritik von Betti und Hirsch vgl. Kap. 7 dieser Arbeit.

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Standpunkt einzunehmen und zu begründen hat (Theorie).8 Dieser Phänomenologiebegriff wie auch das zugrunde gelegte Philosophieverständnis entbehrt einer ganzen Reihe von Grundannahmen, die Husserl für zentral hält – so z. B. die Intentionalität des Bewusstseins.9 In diesem Sinne hat Husserl in einem Brief an Ernst Cassirer mit Blick auf Hartmanns Ausführungen von einer „völlig missverstandene[n] Phänomenologie“ gesprochen.10 In vergleichbarer Weise spricht Ingarden von einer „merkwürdigen Abart der Phänomenologie“.11 Jenen ‚kritischen Realismus‘, auf dem Hartmann eine ‚neue Ontologie‘ aufbauen will, hat er in seinen 1921 erschienenen Grundzügen einer Metaphysik der Erkenntnis begründet.12 Direkt auf der ersten Seite wird hier festgehalten, dass Erkenntnis „nicht ein Erschaffen, Erzeugen oder Hervorbringen des Gegenstandes ist, wie der Idealismus alten und neuen Fahrwassers uns belehren will, sondern ein Erfassen von etwas, was auch vor aller Erkenntnis und unabhängig von ihr vorhanden ist“.13 Der Erkenntnisgegenstand bei Hartmann ist somit vergleichbar mit dem realen Gegenstand bei Ingarden, der höchstens in einer sekundären Weise als intentional gelten kann: Er ist dagegen völlig indifferent, ob er zum ‚Treffpunkt‘ von Bewusstseinsakten gemacht wird oder nicht. Der inkriminierte Idealismus ist hier allerdings nicht der transzendentale Idealismus Edmund Husserls, sondern der Neukantianismus in seiner Marburger Ausrichtung, insbesondere nach Art Hermann Cohens, der in der Tat – wohlgemerkt: in erkenntnistheoretischer, nicht in ontologischer Hinsicht – von einem Erzeugen des Gegenstandes gesprochen hatte.14 Noch radikaler als Ingarden

|| 8 Vgl. Hartmann 1921, S. 34–44; bündig zusammengefasst von Morgenstern 1997, S. 34. Es drängt sich hier die oft diskutierte Frage nach der Möglichkeit einer ‚theoriefreien‘ Beobachtung und Beschreibung auf. Zu Hartmanns Konzeption von Aporetik und Problemgeschichte vgl. Hartmann 1909; Hartmann 1936. Mögliche Modelle der Problemgeschichte diskutiert Werle 2006; vgl. auch die Diskussion in Scientia Poetica 13 (2009) und 14 (2010); ferner Werle 2014. 9 Zu Husserls Phänomenologie-Begriff siehe Kap. 1 und 2 dieser Arbeit. 10 Brief von Edmund Husserl an Ernst Cassirer vom 3. April 1925, zit. nach Husserl 1994b, S. 5. 11 Ingarden 1967a, S. 55. Die Herausgeber der Ingarden-Ausgabe ersetzen das Wort ‚Abart‘ durch ‚Variante‘ (vgl. S. 55, Anm.). Ingarden zufolge hat sich Hartmann selbst als Phänomenologe verstanden; vgl. Ingarden 1939/63, S. 170, Anm. 12 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die (unverhältnismäßig) kritische Rezension von Gadamer 1923/24. 13 Hartmann 1921, S. 1. 14 Cohen leugnet aber keineswegs das Vorhandensein von Dingen „ausserhalb der menschlichen Gehirne in selbsteigener Gegebenheit ihres Daseins“ (Cohen 1883, S. 126). Hartmanns Angriff auf den Idealismus bzw. Neukantianismus diskutiert Cassirer 1927, bes. S. 79–91. Eugene Kelly spricht mit Blick auf Hartmanns Abwendung vom Neukantianismus von einer „negative over-reaction“ (Kelly 2011, S. 6). Symptomatisch ist etwa der Briefwechsel zwischen Hart-

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lehnt Hartmann hierbei ab, dass reale Gegenstände auf eine subjektive Konstitutionsleistung zurückgehen können. Dies ist eine wichtige Prämisse für Hartmanns Philosophie des Geistes, die er vor allem in Das Problem des geistigen Seins entwickelt hat – einer umfangreichen Studie aus dem Jahr 1933, die dem Untertitel nach eine Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften anstrebt. Hartmann lässt sein Vorwort folgendermaßen beginnen: Den Gegenstand der Geisteswissenschaften zu bestimmen, soweit er sich besondert in Literatur, Kunst, Sprache, Wissen, Religion, Moral, Recht u.a.m., ist Sache dieser Wissenschaften selbst. Darüber hinaus, sofern er in dieser Mannigfaltigkeit eine Einheit bildet und Erscheinungen zusammenfaßt, die in gemeinsamem Gegensatz zur Welt des Materiellen und zu dem kaum weniger mannigfaltigen Gegenstande der Naturwissenschaften stehen, liegt seine Bestimmung weit über die Kompetenz und Methode der Geisteswissenschaften hinaus und bildet ein Thema philosophischer Untersuchung. Die besonderen Wissenszweige können wohl zeigen, wie ein bestimmter geschichtlicher Gang literarischer oder künstlerischer Entwicklung sich gestaltet, aber nicht, welche Seinsweise die Entwicklung selbst hat, und wie sie sich grundsätzlich zum gröberen Sein der dinglichen Welt verhält, in die sie ontisch eingebettet ist.15

Auffällig ist hier zunächst die scharfe Trennung von materiellem und nichtmateriellem Sein sowie von Natur- und Geisteswissenschaften. Auffällig ist außerdem die Sonderstellung der Philosophie, die allein die Einheit der verschiedenen Geisteswissenschaften zu bestimmen vermag. Just darin besteht für Hartmann die im Untertitel angekündigte Grundlegung. Hierbei ist nach Hartmann die Verbindung zwischen den Geisteswissenschaften und der Geschichtsphilosophie darin zu sehen, dass allein das nicht-materielle, ‚geistige‘ Sein als der gemeinsame Gegenstand aller Geisteswissenschaften geschichtlich ist bzw. einer historischen Entwicklung unterliegt.16 Um eine Grundlegung der Geschichtsphilosophie soll es sich insofern handeln, als diese Entwicklung in ihrer Seinsweise und ontischen Einbettung geklärt wird. Die doppelte Grundlegung der Geisteswissenschaften und der Geschichtsphilosophie ist also ontologisch gedacht. Diese Frage nach der Seinsweise und der ontischen Einbettung ist für Hartmann überaus wichtig, denn eine Analyse der konkreten Träger der Geschichte habe den Vorteil, dass sie phänomenologisch – sprich: deskriptiv –

|| mann und Heinz Heimsoeth kurz nach dem Erscheinen von Cohens Ästhetik des reinen Gefühls (vgl. Hartmann/Heimsoeth 1978, S. 100). 15 Hartmann 1933, S. III. 16 Vgl. Hartmann 1933, S. 1: „Wohl […] hat aller Geist seine Geschichtlichkeit […]. Das geistlose Sein hat keine Geschichte.“

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durchgeführt werden könne. Dies soll vor allem geschichtsphilosophischen Spekulationen vorbeugen: „Halten lässt sich in der Philosophie nur, was die Phänomene bestätigen.“17 Dieser Wahlspruch klingt wie eine Parteinahme für Husserl, dürfte aber tatsächlich eher gegen Hegel und den zeitgenössischen Neu-Hegelianismus gerichtet sein. Nicht von ungefähr ist Das Problem des geistigen Seins aus einer Beschäftigung mit Hegel und dem deutschen Idealismus entstanden.18 Einem „nüchterne[n] Respekt vor den Tatsachen“19 gemäß sucht Hartmann die Struktur solcher Gebilde herauszuarbeiten, die geistig und damit auch geschichtlich sind.20 Oder genauer noch: Es sollen die „Bedingungen der Struktur des Geschichtsprozesses“21 freigelegt werden, die selbst nicht geschichtlich sind, womit sich Hartmanns Philosophie des Geistes nicht zuletzt als eine Reaktion auf „das […] Problem des Historismus“ erweist.22 Was Hartmann (ähnlich wie etwa Heinrich Rickert oder Ernst Troeltsch) hier beunruhigt, ist eine umfassende Historisierung der Erkenntnis, die für ‚absolute‘ Tatsachen keinen Platz mehr hat und somit in einen geschichtlichen Relativismus mündet.23 So erweist sich also wieder einmal die Relativismus-Problematik als zentral für die geisteswissenschaftliche Theoriebildung.24 Den grundlegenden Begriff ‚Geist‘ hat Hartmann nicht im strikten Sinne definiert. In lockerer Anlehnung an Hegel, Dilthey und Hans Freyers 1923 erschienener Studie Theorie des objektiven Geistes unterscheidet er aber zwischen (a) personalem, (b) objektivem und (c) objektiviertem Geist.25 Die drei „Seinsformen des Geistes“ sind dabei insofern „koordiniert“,26 als zwischen ihnen kein hierarchisches Verhältnis oder auch Fundierungsverhältnis besteht. Als ein „Grundgesetz alle[n] geistigen Seins“ gilt aber, „daß es nicht frei schwebend bestehen

|| 17 Hartmann 1933, S. 17; vgl. auch S. 19. 18 Vgl. Hartmann 1933, S. IV; ferner Hartmann 1929. 19 Hartmann 1933, S. 56. 20 Vgl. Hartmann 1933, S. 19. 21 Hartmann 1933, S. 37. 22 Hartmann 1933, S. 22. 23 Zum Relativismus vgl. Rickert 1920, S. 69; Troeltsch 1925, S. 318. 24 Zu Hartmanns 1936 gestellter Preisfrage nach den „inneren Gründe[n] des philosophischen Relativismus und d[er] Möglichkeit seiner Überwindung“ vgl. Danneberg 2013b, S. 3, 346–479. 25 Hartmanns Begriff vom Geist wurde bereits von den Zeitgenossen und später auch in der Forschung immer wieder diskutiert. Vgl. vor allem die (zum Teil kritischen) Stellungnahmen von Plessner 1933; Groos 1937; Spranger 1952; Haering 1957; Flach 1971; Bollnow 1982; Zimmermann 1982; Da Re 2001. 26 Hartmann 1933, S. 63.

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kann, sondern nur aufruhend auf anderweitiger Seinsgrundlage vorkommt“.27 An dieser Stelle kommt Hartmanns Schichtenmodell zum Tragen. Er unterscheidet vier ontologische Schichten, wobei jede Schicht in der jeweils darunterliegenden fundiert ist und ohne dieses Fundament nicht existieren kann: das Anorganische, das Organische, das Psychische und das Geistige. Als oberste Schicht ist also Geist nach Hartmann immer auf einen mehrfach gestuften und letztlich materiellen Träger angewiesen. ad (a): Personaler Geist gehört nach Hartmann der Einzelperson an. Sein Träger ist also das menschliche Individuum. Um dessen Psyche soll es sich nach Hartmann aber nicht handeln, unterscheidet er doch strikt zwischen psychischem und geistigem Sein. Diese Unterscheidung beruht auf der Annahme, dass ein geistiger Gehalt vom Individuum ablösbar ist, ein psychischer Akt hingegen nicht. Hierbei dürfte es sich um einen Einfluss von Husserl handeln, denn wiederholt – wenn auch ohne Husserl explizit zu nennen – weist Hartmann darauf hin, dass es „seit der Überwindung des Psychologismus eine wohlbekannte Tatsache“ ist, dass „das Reich des geistigen Seins in dem des seelischen […] nicht aufgeht. Weder die logische Gesetzlichkeit noch das Eigentümliche von Erkenntnis und Wissen hat sich psychologisch ausschöpfen lassen“.28 Den grundsätzlichen Unterschied zwischen Psychischem und Geistigem bringt Hartmann immer wieder auf die folgende Formel: „Der Geist […] verbindet, das Bewußtsein isoliert.“29 ad (b): Der objektive Geist ist für Hartmann „Geschichtsträger im strengen und primären Sinn“.30 Anders als der personale Geist ist er überindividuell. Es handelt sich hier, wie es Hartmann später in seiner Ästhetik formuliert, um „das gemeinsame geistige Leben ganzer Völker und Zeitalter“.31 Als objektiver Geist gilt für Hartmann etwa „Recht, Sitte, Sprache, politisches Leben nicht weniger als Glaube, Moral, Wissen, Kunst.“32 Ein besonders gutes Beispiel sieht er dabei in der Sprache, an deren Beispiel man „in nuce die Grundmomente des objektiven Geisteslebens alle beisammen finden“ könne.33 Die Sprache ist für Hartmann mehr als das jeweils Gesprochene, aber nicht die Summe der individuellen Sprechakte, sondern dasjenige, was diese Sprechakte verbindet. Wie Hartmann bemerkt, schafft sich der Einzelne keine Privatsprache, sondern fin|| 27 Hartmann 1953, S. 83. 28 Hartmann 1933, S. 14. 29 Hartmann 1933, S. 61. u. ö. 30 Hartmann 1933, S. 63. 31 Hartmann 1953, S. 83. 32 Hartmann 1933, S. 161. 33 Hartmann 1933, S. 189. Vgl. zu diesem Aspekt S. 182–190.

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det eine gemeinsame Sprache vor und übernimmt sie. Zwar könne dabei jeder zum Wandel der gemeinsamen Sprache beitragen, aber nur in minimalem Maße und ohnehin erst nachdem man sie erlernt hat. So könne eine Sprache zwar tradiert, aber nie vererbt werden. Entscheidend ist darüber hinaus, dass das Beherrschen einer Sprache für Hartmann letztlich auch ein Beherrschtsein von der Sprache bedeutet: Alles Gedachte, Empfundene und Ausgesprochene sei von der zunächst vorgefundenen Sprache geformt.34 In diesem Sinne „erweisen sich Worte und Wendungen als die Vehikel geistiger Inhaltsformungen, als eine unübersehbare Fülle von Kategorien der Auffassung, des Denkens, Begreifens selbst“.35 Aus diesem Grund ist für Hartmann die Sprachwissenschaft als „eminente Geisteswissenschaft“36 zu betrachten. Grundsätzlich gilt aber: „Was sich an der Sprache aufzeigen ließ, findet sich mutatis mutandis auf allen Gebieten des Geistes wieder.“37 ad (c): Objektivierter Geist ist für Hartmann die „Herausstellung eines geistigen Gehalts in die Gegenständlichkeit“.38 Als besonders gute Beispiele nennt er „Schöpfungen des Schrifttums und der Künste“.39 So sei es z. B. im Fall eines Kunstwerks „evident, daß es Geisteserzeugnis ist und etwas von dem erzeugenden Geiste, der es geschaffen, in sich hat“.40 Gemeint ist aber letztlich jedes Artefakt, das – im Gegensatz zu Naturgegenständen – zwei Gebilde von heterogener Seinsweise in sich verbindet: das physikalische Ding und der darin ‚festgehaltene‘ Geist.41 Nach Hartmann ist der objektivierte Geist seiner Seinsweise || 34 Vgl. Hartmann 1933, S. 187: „Wäre die Sprache nichts als die äußere Konvention der Mitteilung, so wäre mit dem Übernehmen und Übergeben des Sprachschatzes nichts mehr als die Mitteilungsfähigkeit des Individuums und die Möglichkeit geistigen Konnexes überhaupt gegeben. Das wäre zwar nicht wenig, aber der die Sprache Erlernende bliebe doch in der inneren Formung seines Denkens, Überlegens, Empfindens, Begreifens unberührt. Dem ist nun keineswegs so. Sprache ist unabtrennbar von der inneren Formung der erfaßten Mannigfaltigkeit, die sie ausspricht.“ 35 Hartmann 1933, S. 187. 36 Hartmann 1933, S. 188. 37 Hartmann 1933, S. 190. 38 Hartmann 1953, S. 83. In der Ästhetik finden sich Hartmanns Überlegungen zum objektivierten Geist bündig zusammengefasst; vgl. Hartmann 1953, S. 82–93. Um der Prägnanz der Zitate willen wird im Folgenden zum Teil aus der Ästhetik zitiert. 39 Hartmann 1933, S. 349. 40 Hartmann 1953, S. 82. 41 Vgl. Hartmann 1953, S. 83: „Objektivation ist […] jedes […] Produkt, das der Menschengeist hervorbringt, vom Werkzeug und vom selbsterfundenen Gerät bis zum Schriftwerk. Alles, was vom Geiste früherer Zeiten geschichtlich in den veränderten Geist der Gegenwart hineinragt und von der Gegenwart als ein Zeugnis von ihm empfunden wird, hat die Form der Objektivation.“

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nach nicht real, aber auch nicht etwa ideal im Sinne Husserls, sondern vielmehr ‚irreal‘: Er sei eben objektiviert und somit dem kontinuierlichen Wandel enthoben, dem alles Reale unterliegt. Dafür sei der objektivierte Geist stets auf zweierlei Trägerschaft angewiesen: einmal auf ein „Realgebilde[] von Dauer“, d. h. auf einen materiellen Träger, und einmal auf ein „verstehendes oder wiedererkennendes Bewußtsein, dem er, vermittelt durch das Realgebilde, erscheinen kann“.42 Die Parallele zu Ingarden (siehe Kap. 2 dieser Arbeit) liegt auf der Hand, wenn auch mit zwei entscheidenden Unterschieden. Ähnlich wie der rein intentionale Gegenstand bei Ingarden ist der geistige Gehalt bei Hartmann ‚seinsheteronom‘, sofern er stets auf anderwärtige ontische Fundamente angewiesen ist. Anders als bei Ingarden ist aber die Existenz des geistigen Gehalts bei Hartmann diskontinuierlich: Der betreffende, vom Individuum ablösbare geistige Gehalt existiert für Hartmann im eigentlichen Sinne nur, wenn er gerade einem Subjekt erscheint. Außerdem kommen Ingarden und Hartmann nicht auf dieselben ontischen Fundamente, auch wenn sie im Grunde genommen dasselbe, ganz und gar inferenzbasierte Kommunikationsmodell voraussetzen. Hartmann schreibt: Der produzierende Geist formt die Materie; er gibt ihr dadurch den geistigen Gehalt mit, verschließt ihn aber auch in ihr, so daß der empfangende Geist in seiner Zeit ihn erst wieder „erschließen“, d. h. aus ihr zurückgewinnen muß; daran wird klar, daß der empfangende Geist seinerseits auch einen spontanen Einsatz zu leisten hat: er muß innerlich im Verstehen und in der Schau das von jenem Produzierte wiedererstehen lassen, muß es reproduzieren. Dieser Einsatz und diese Leistung bringen es erst dahin, daß ihm der geistige Gehalt „erscheint“.43

Wies bei Ingarden das literarische Werk als intentionaler Gegenstand unter anderem auf die schöpferischen Bewusstseinsakte des Autors zurück, so bleibt in Hartmanns Modell der Autor ausgeklammert. Als ontisches Fundament lässt er einerseits den materiellen Träger gelten (etwa ein Buch), in dem der geistige Gehalt niedergelegt ist (in Form von Schrift); andererseits das Individuum (den Leser), das etwas versteht und dem infolgedessen etwas erscheint. Die Parallele zwischen Ingardens Versuch einer Grundlegung der Literaturwissenschaft und Hartmanns Versuch einer Grundlegung der Geisteswissenschaften besteht so eigentlich nicht in erster Linie darin, dass beide ein ontologisches Schichten-

|| 42 Hartmann 1953, S. 84. 43 Hartmann 1953, S. 85f.

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modell entwerfen,44 sondern vielmehr darin, dass das genuin hermeneutische Problem, das bei Ingarden zu sehen war, bei Hartmann in aller Schärfe wiederkehrt. Wie lässt sich beim Lesen eines Textes das Hineingelesene als etwas im Text Liegendes rechtfertigen? Dies bleibt bei Hartmann eigentümlich in der Schwebe. Jenes innerliche Verstehen, mit dem der geistige Gehalt zur Erscheinung kommt, bestimmt er als ein Wiedererkennen im Sinne des griechischen Verbs ἀναγιγνώσκειν,45 unterlässt es aber, diesen Begriff genauer zu erläutern. Vermutlich handelt es sich hier um eine Bezugnahme auf Platons Erkenntnisbegriff, vermittelt durch die Platon-Studien von Natorp (möglicherweise auch um eine Bezugnahme auf Aristoteles, was durchaus nicht dasselbe wäre). Beachtenswerterweise spielt der Begriff aber auch in der klassischen Hermeneutik eine wichtige Rolle, so z. B. bei August Boeckh.46 Festhalten lässt sich jedenfalls, dass ein Problemkomplex, den Hartmann als ontologisch deklariert, sich bei genauerem Hinsehen auch als hermeneutisch erweist. Da das Verstehen, als ein Wiedererkennen konzeptualisiert, auch aus Hartmanns Perspektive in den einzelnen historischen Geisteswissenschaften einen eminenten Stellenwert haben dürfte, hängt in seinem Versuch einer philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften nicht wenig an diesem Begriff. Auch wenn Hartmann den ἀναγιγνώσκειν-Begriff nicht genauer erläutert hat, finden sich zahlreiche Indizien dafür, wie er sich die geisteswissenschaftliche Verstehensleistung vorstellt. Wichtig ist hier zunächst seine Konzeption von Geschichtlichkeit. Geschichte ist für Hartmann ein „Zusammenhang im Geschehen“, nicht ein „bloßes Aufeinanderfolgen der Geschehnisse“.47 Ein solcher Zusammenhang liegt vor, wenn das Vergangene „nicht absolut vergangen und verschwunden, nicht durchaus tot ist, sondern im Gegenwärtigen noch irgendwie lebendig bleibt“.48 Dabei ist der objektivierte, also fixierte Geist von einst

|| 44 Wie gesehen in Kap. 2 dieser Arbeit, verweist bei Ingarden (wie auch bei Husserl) die Rede von Schichten auf Fundierungsverhältnisse im intentionalen Akt-Gegenstand-Gefüge. Die Intentionalität spielt dagegen in Hartmanns Modell keine Rolle. Er führt diese Idee vielmehr auf die antike Philosophie zurück. Vgl. Hartmann 1943. Dazu Brelage 1956. Zum Schichtengedanken in der antiken Philosophie vgl. ferner Solmsen 1955; Happ 1969; Granger 1984. Die Schichtenmetapher ist auch unabhängig von etwaigen philosophischen Konzeptualisierungsversuchen im Gebrauch; vgl. etwa Emrich 1943, bes. S. 35. 45 Vgl. Hartmann 1953, S. 84; ferner S. 197. 46 Vgl. Boeckh 1877, bes. S. 16. 47 Hartmann 1933, S. 30. 48 Hartmann 1933, S. 30.

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erfassbar „für jedermann, der ihn […] zu sehen vermag“49 – was allerdings auch umgekehrt heißen könnte: Der Geist ist nur für denjenigen zugänglich, der ihn zu sehen vermag. Aber was ist dafür erforderlich? Mit Verweis auf Wilhelm Dilthey und dessen Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen als Erkenntnismodi in den Natur- und Geisteswissenschaften beschreibt Hartmann das geisteswissenschaftliche Verstehen als „ein intuitives Verstehen“, das „in mehr als einer Hinsicht der künstlerischen Schau nahekommt“.50 An dieser Stelle verbindet sich so sein gesamter Grundlegungsversuch, der zunächst in der Ontologie und Philosophie des Geistes verortet war, mit der Ästhetik. Seine umfangreichen Schriften zur Ästhetik gewinnen mithin den Status einer nachträglichen Ausführung des Verstehensbegriffs. Intuition fasst Hartmann dabei grundsätzlich, wie es in seiner posthum erschienenen Ästhetik heißt, „in jenem prägnanten Sinne der visio, die schon in alten Zeiten als der cogitatio überlegen galt“.51 Und aus dieser Vorrangstellung zieht Hartmann wiederum den ersten von mehreren Schlüssen, die zu einem Vergleich mit Gadamer geradezu einladen: Erlernbare Methoden könne es in den Geisteswissenschaften nicht geben.52 Diese Ablehnung von Methode dürfte im Übrigen auch an eine bestimmte Vorstellung von der Individualität des geisteswissenschaftlichen Untersuchungsgegenstandes gekoppelt sein, der sich (anders als in den Naturwissenschaften oder in der Logik) keinem allgemeinen Gesetz unterordnen lasse.53 Was aber die Struktur des Gegenstandes im Verhältnis zum Betrachter anbelangt, nimmt Hartmann, vermutlich in Anlehnung an Husserl, eine strenge Korrelation zwischen dem subjektiven Bewusstseinsakt und dem Gegenstand an:

|| 49 Hartmann 1933, S. 349. 50 Hartmann 1933, S. 24. 51 Hartmann 1953, S. 66. Ein erster Entwurf von Hartmanns Ästhetik findet sich in dem 1926 erschienenen Aufsatz „Über die Stellung der ästhetischen Werte“. Ihre volle Ausformulierung findet seine Ästhetik in Das Problem des geistigen Seins wie auch vor allem in der 1945 verfassten, aber erst posthum erschienenen Ästhetik. Vgl. hierzu Brodbeck 2012, S. 408. Zur Entstehungsgeschichte von Hartmanns Ästhetik siehe Frida Hartmanns Nachwort (Hartmann 1953, S. 477). Ein Abriss von Hartmanns ästhetischer Theorie gibt es in Hartmann 1949a; Hartmann 1949b. Die Protokolle von Hartmanns philosophischem ‚Disputierkreis‘ (vgl. dazu Hartmann 1933, S. IV) zeigen, dass er sich ab den frühen zwanziger Jahren eingehend und immer wieder mit ästhetischen Fragen beschäftigt hat. So wurde z. B. im Sommersemester 1922 über die Struktur des ästhetischen Gegenstandes diskutiert. 52 Vgl. Hartmann 1933, S. 24–28. Mirko Wischke spricht von einem ‚stillen Einfluss‘ auf Gadamer (vgl. Wischke 2010, S. 135; ausführlicher Wischke 2001, S. 119–195). Zu Hartmann und Gadamer vgl. außerdem Rohm 2008. 53 Vgl. Hartmann 1953, S. 2f.

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„[J]edem Aktmoment entspricht ein Gegenstandsmoment.“54 Im Hinblick auf die ästhetische Schau (visio) ist hierbei vor allem wichtig, dass – in Hartmanns Terminologie – eine Schau erster und zweiter Ordnung mit einem realen Vordergrund und einem irrealen Hintergrund des Gegenstandes korrelieren. Was damit gemeint ist, lässt sich an einem Beispiel aus der bildenden Kunst verdeutlichen. Wenn man eine Statue betrachtet, dann ist streng genommen nur ein Stein mit einer bestimmten Form zu sehen. Dies ist der reale Vordergrund, gesehen in einer Schau erster Ordnung. Gegeben ist einem Betrachter in ästhetischer Einstellung aber durchaus mehr, etwa eine zur Darstellung gebrachte Bewegung, innere Befindlichkeiten des dargestellten Menschen etc. Dies ist der irreale Hintergrund, der sich nur einer Schau höherer Ordnung eröffnet. Der ästhetische Wert besteht dabei für Hartmann im Erscheinen des irrealen Hintergrundes im betreffenden materiellen Artefakt.55 Anzumerken ist in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung der Ästhetik in Hartmanns Philosophie, die eine bemerkenswerte Rückwirkung auf den Verstehensbegriff hat. Anders als der Gegenstand der Erkenntnis, der ja nach Hartmann dagegen indifferent ist, ob er zum Objekt eines Bewusstseinsaktes gemacht wird oder nicht, konstituiert sich der ästhetische Gegenstand erst als Gefüge von Vorder- und Hintergrund mit einer Schau höherer Ordnung: „Ohne das Zutun des Schauenden gibt es […] den ästhetischen Gegenstand nicht.“56 In der ästhetischen Schau gibt es also „kein bloß hinnehmendes Auffassen mehr, sondern […] eine Seite produktiven Erschaffens, wie sie das Erkenntnisverhältnis weder kennt noch kennen darf“.57 Somit gilt tatsächlich für Hartmann in der Ästhetik, und zwar nur in der Ästhetik, was er mit Blick auf die Erkenntnistheorie vehement zurückweist, nämlich dass der Gegenstand von einem Subjekt konstituiert wird und somit „nur intentional[]“ sei.58 Welche Konsequenzen dies für den Untersuchungsgegenstand in den historischen Geisteswissenschaften hat, die mit ästhetischen Artefakten auf wissenschaftliche Weise operieren, wird von Hartmann nicht näher erörtert. Findet man diesen Gegenstand vor oder konstituiert er sich vielmehr in der Auseinandersetzung mit ihm?

|| 54 Hartmann 1953, 74. 55 Hartmanns Erscheinungsbegriff ist hierbei nicht an Husserl, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern vielmehr an Kant angelehnt. Vgl. Hartmann 1926, S. 316. 56 Hartmann 1953, S. 96. 57 Hartmann 1953, S. 4. 58 Hartmann 1953, S. 79. Reinhold Breil weist darauf hin, dass Hartmanns Ästhetik „wesentliche Elemente“ enthält, „die neukantianischer Herkunft sind“ (Breil 1996, S. 38). Zu Hartmanns Ästhetik vgl. ferner Brodbeck 2012; Resch 1940. Ausführlicher zum Verhältnis von Ästhetik und Ontologie vgl. Lörcher 1972.

Nicolai Hartmanns Verstehensbegriff | 97

Unklar bleibt auch, ob die von Hartmann explizit hergestellte Verbindung zwischen dem Verstehensbegriff und der ästhetischen visio zur Folge haben soll, dass die Frage nach der Subjektivität der ästhetischen Konstitutionsleistung zugleich eine Frage nach der Subjektivität jener ‚intuitiven‘ Verstehensleistung in den Geisteswissenschaften ist. Wenn dies der Fall ist, dann wird Hartmanns ‚Hermeneutik‘ tatsächlich größtenteils im Rahmen der Ästhetik diskutiert. Hierbei hebt er in der mathematisch geprägten Terminologie des Marburger Neukantianismus hervor, dass der ästhetische Gegenstand keine reine „Funktion des Aktes“ sein kann.59 Sonst könnte der irreale Hintergrund schlicht ein Produkt der Imagination sein, womit der Gegenstand selbst, also das betreffende Artefakt als der einzig in Frage kommende gemeinsame Gegenstand, im Grunde genommen überflüssig wäre. So besteht nach Hartmann in der ästhetischen Schau ein inniges Verhältnis zwischen Vorder- und Hintergrund: Der Hintergrund, wenn auch „hinzu-erschaut“,60 soll eben „nicht beliebig hineinprojiziert“ sein, „sondern steht in deutlicher Abhängigkeit vom sinnlich Geschauten“.61 Dass der Hintergrund durch die sinnlichen Reize lediglich „veranlaßt“, im Übrigen aber „nur als Vorstellung für das schauende Bewußtsein“ besteht,62 soll dem keinen Abbruch tun. Wie oben bereits angedeutet, gehört es zu Hartmanns Grundüberzeugungen, dass die künstlerische Schau von jeglicher Verstandestätigkeit abgekoppelt ist.63 Damit steht er in einer langen Tradition, in der das Ästhetische (mit wechselnden Bewertungen und Hierarchisierungen) in Abgrenzung von der Logik, vom Begrifflichen und von den Formen einer propositionalen Erkenntnis konzeptualisiert wird.64 Man könnte an dieser Stelle die grundsätzliche Frage aufwerfen, was eigentlich das Ästhetische an der Literatur ist.65 Ferner bietet sich wieder einmal ein Vergleich mit Ingarden an, dem zufolge das literarische Werk

|| 59 Hartmann 1953, S. 32. 60 Hartmann 1953, S. 75. 61 Hartmann 1953, S. 33. 62 Hartmann 1953, S. 18. 63 Vgl. Hartmann 1953, bes. S. 18f., 66, 75. 64 Bereits A. G. Baumgarten hatte bekanntlich die Ästhetik in Analogie zur Logik bzw. als kleine Schwester der Logik konzipiert; vgl. Baumgarten 1750, §§ 1, 13. 65 So bemerkt z. B. Andreas Kablitz, dass das „zugrunde liegende Interesse“ philosophischer Ästhetiken die Ästhetik „nicht unbedingt für eine Theorie der Literatur“ qualifiziert; vielmehr müsse die Frage aufgeworfen werden, ob die Ästhetik die Literatur „nicht an Problemstellungen bindet, die Literatur gar nicht unmittelbar betreffen und darum ihre spezifischen Eigenheiten gerade verfehlen“ (Kablitz 2013, S. 57; ferner S. 19f.). Eine gegenteilige Auffassung vertritt etwa Jan Urbich, der von einer literarischen Ästhetik spricht (Urbich 2011, bes. S. 23–26).

98 | Nicolai Hartmann und Emilio Betti über die Grundlagen der Geisteswissenschaften

aufgrund seiner Sprachlichkeit im Kern ‚rational‘ ist: In der Literatur impliziert die αἴσθησις immer eine Verstandestätigkeit.66 Aus Hartmanns Perspektive unterscheidet sich ein Kunstwerk seiner Grundstruktur und ontischen Einbettung nach nicht von anderen Objektivationen des Geistes. Es zeichnet sich aber durch eine besondere und besonders enge Verzahnung von Vorder- und Hintergrund aus, die eben nicht begrifflich gestützt sein soll. Um nun den „große[n] Unterschied zwischen den verschiedenen Arten und Stufen der Objektivation“67 zu verdeutlichen, stellt Hartmann das ästhetisch erschaute Kunstwerk dem philosophischen terminus technicus gegenüber. So sei z. B. das aristotelische Begriffssystem „längst nicht mehr das unsrige“, lasse sich aber rekonstruieren, „und zwar so genau, daß man deutlich Konsequenz und Inkonsequenz darin unterscheiden kann“.68 Dazu müsse man jedoch „den ganzen ursprünglichen Zusammenhang wieder herstellen; was natürlich nur auf Grund der geschichtlichen Quelle […] geschehen kann. Und das ist schwierig, ein ganzes Studium gehört dazu“.69 In der begrifflich arbeitenden Philosophie kommt man nach Hartmann also ohne eine hermeneutische Anstrengung nicht aus, wenn man den Begriff ‚richtig‘ verstehen und im Sinne des einst Gemeinten verwenden will.70 Ganz anders soll es sich hingegen mit dem Kunstwerk verhalten: [I]m Gegensatz hierzu [scil. zum Begriff] rückt das Wesen der künstlerischen Objektivation ins rechte Licht. Das Kunstwerk eben ist von ganz anderer Stabilität, von unvergleichlich höherer geschichtlicher Beharrungskraft. Der Grund davon liegt in der festen und eigenständigen Bindung zwischen Vordergrund und Hintergrund in ihm. Denn diese Bindung ist hier weder eine konventionelle noch eine von außen her (von größeren Systemzusammenhängen her) bedingte, sondern eine rein innerliche, auf sich selbst gestellte. Sie wendet sich darum auch nicht an das Begreifen, sondern an die Anschauung; und innerhalb der Anschauung hat sie die Form des engsten Zusammenhanges zwischen der sinnlichen Schau (Wahrnehmung) und den höheren Formen der Schau. Das Kunstwerk eben gibt in der Formung des Realgebildes das ganze Detail mit, in dem der geistige Gehalt erscheint. Darum ist der Gehalt an diesem Detail des Vordergrundes jederzeit wiedergewinnbar, und

|| 66 Vgl. Ingarden 1931, S. 213; Ingarden 1970a, S. 25. 67 Hartmann 1953, S. 89. 68 Hartmann 1953, S. 91. 69 Hartmann 1953, S. 91f. 70 Vgl. Hartmann 1953, S. 91: „Das Realgebilde des Begriffs ist der Terminus; der aber besagt von sich aus so gut wie nichts über den geistigen Gehalt. Man muß diesen schon von anderwärts kennen, um ihn richtig einsetzen zu können. Es gilt, den Begriff mit Anschauung zu erfüllen – denn sein Wesen besteht darin, ein Mittel höherer Schau zu sein (sei es des Durchschauens oder des Zusammenschauens) – und zwar nicht mit beliebiger, sondern mit der richtigen, in seinem Fall gemeinten Anschauung.“

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es bedarf dazu keiner Rekonstruktion weit ausgreifender Zusammenhänge. […] Nicht der mitgebrachten Sachkenntnis erschließt sich der geistige Gehalt, sondern der Schau […].71

Kurz: Im Bereich der propositionalen Erkenntnis rechnet Hartmann mit mannigfachen Arten und Graden des Andersverstehens, Falschverstehens und Nichtverstehens, wobei jenes Wiedererkennen (ἀναγιγνώσκειν) stets „auf andere Hilfsquellen“ angewiesen ist.72 Im Gegensatz dazu gibt es im „künstlerischen Verstehen […] keine eigentlichen Abstufungen“.73 Es stellt sich gleichsam von selbst ein und kommt ohne Kontextwissen aus. Eine Interpretation von Kunstwerken, verstanden als ein Hinzuziehen von Kontexten zum Zwecke eines besseren Verständnisses, erweist sich damit als überflüssig – zumindest aus der Sicht einer philosophischen Ästhetik, die an dieser Stelle die Verantwortung für den Verstehensbegriff wieder der Philosophie des Geistes überträgt. Denn die Ästhetik, so Hartmann in Das Problem des geistigen Seins, bemüht sich nur um die Struktur des schauenden Aktes, in gewissen Grenzen vielleicht sogar um die des schaffenden, und sie analysiert diese Struktur. Aber das gemeinsame Geistesleben, das die Struktur hervorgetrieben und den Strukturwandel dauernd hervortreibt, ist nicht ihr Problem. Weit eher faßt noch die Kunstgeschichte – desgleichen Musik- und Literaturgeschichte – etwas vom „Leben des Stiles“; wenigstens setzt sie es voraus und wird ihm dadurch gerecht. Sie eben ist Geistesgeschichte, ihre Problemebene ist die des objektiven Geistes.74

Dass die Geisteswissenschaften sich im Gegensatz zur Ästhetik mit Stilgeschichte befassen und in diesem Sinne „Wissenschaft[en] vom objektiven Geist“ sind,75 ist kein nebensächlicher Hinweis. Solche Wissenschaften kann es Hartmann zufolge nur deshalb geben, weil alle Artefakte „die Grundstrukturen eines bestimmten geschichtlichen Geistes, der sie hervorgebracht hat – gleichsam sein geistiges Koordinatensystem – noch an sich haben und einem anderen lebenden Geiste, sofern er sich verstehend verhält, immer wieder vermitteln können“.76 Gemeint ist mit diesem hervorbringenden Geist nicht lediglich der Autor, sondern auch der objektive Geist, den Hartmann als überindividuell beschreibt: Die Individualität des Autors ist gleichsam von vornherein mit etwas

|| 71 Hartmann 1953, S. 92f. 72 Hartmann 1933, S. 411. 73 Hartmann 1933, S. 411. 74 Hartmann 1933, S. 205f. 75 Hartmann 1933, S. 445. 76 Hartmann 1933, S. 357.

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Überindividuellem (einem ‚Stil‘, dem ‚Zeitgeist‘) durchsetzt, das seine Denkund Ausdrucksweise beherrscht. Nicht nur ein bestimmter geistiger Gehalt, sondern auch eine bestimmte „Sehweise“ bzw. die „Auffassungsweise“77 des Autors ist somit im betreffenden Artefakt verschlossen. Vor diesem Hintergrund hätte man nun den Verstehensbegriff und die Aufgabe der einzelnen historischen Geisteswissenschaften erheblich präzisieren können, etwa als eine ‚transintentionalistische‘ Interpretation, im Gegensatz zu einer strukturbestimmenden oder im engeren Sinne intentionalistischen Interpretation.78 Es hätte zu den mitunter äußerst intensiv geführten Diskussionen in den einzelnen Geisteswissenschaften (etwa in der Literaturwissenschaft) mannigfache Berührungspunkte gegeben. Es bleibt allerdings bei Hartmann ein wunder Punkt, inwieweit sein Versuch, für die Geisteswissenschaften eine philosophische Grundlage zu schaffen, tatsächlich anschlussfähig ist. Die Annahme, dass der objektive Geist, also jenes geistige ‚Koordinatensystem‘ im Artefakt erhalten bleibt, wird nämlich im Laufe seiner Untersuchung in eigentümlicher Weise wieder relativiert. Durch die Auseinandersetzung mit einem Text wird Hartmann zufolge „das alte geistige Gut, so wie es in der Objektivation fixiert und aufgehoben war, […] zugleich in seiner Reinheit preisgegeben“.79 Sobald man sich mit den Objektivationen des Geistes auseinandersetzt, ist also Hartmann zufolge der geistige Gehalt schon nicht mehr das, was er bei seiner Niederlegung war. Ohne die Auseinandersetzung kann aber der geistige Gehalt aufgrund seiner ontischen Struktur gar nicht erscheinen, womit es ihn in gewisser Weise gar nicht gibt. In Bezug auf die Literatur bemerkt Hartmann, dass es eine „unentscheidbare Streitfrage“ bleiben muss, ob z. B. eine dramatische Figur deformiert, mißverstanden, verfehlt wird, ja inwieweit sie grundsätzlich mißverstehbar ist. […] Nicht auf Streitfragen dieser Art kommt es hier so sehr an. In erster Linie ist nur die Tatsache wichtig, daß überhaupt Gestalten der Dichtung in der Schau und im Verstehen der Nachwelt sich nicht unwesentlich abwandeln. […] Die Gestalten der Dichtung sind […] dem lebenden Geiste ausgeliefert. Sie sind seiner Rückwirkung ausgesetzt, müssen sich mit ihr verändern. Sie werden […] zu dem, was er aus ihnen macht.80

|| 77 Hartmann 1953, S. 82. 78 Zu diesem Begriff vgl. Strube 2000, S. 43. 79 Hartmann 1933, S. 419. 80 Hartmann 1933, S. 420f. Vgl. auch S. 421f.: „Die Humanisten lasen die Dichtungen der Alten nicht, wie die Alten sie gelesen, und wir Heutigen lesen sie wieder anders. Wohl lassen die Verse wieder und wieder die alten Gestalten erstehen, aber sie erstehen jeder neuen Art des Sehens verändert. Dieselben Fresken Michelangelos, dieselben Porträtköpfe Rembrandts – wer

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Was Hartmann hier beschreibt, ist eine Form der accommodatio, die die Möglichkeit eines historischen Verstehens nicht mehr zulässt. Die Auslieferung der Artefakte an den ‚lebenden Geist‘ und seine Applikationen überantwortet ihre Bedeutung ihrer jeweiligen Wirkung. (Auch hier böte sich im Übrigen ein Vergleich mit Gadamer und dessen Konzeption von Tradition und Wirkungsgeschichte an.) So ist es symptomatisch, dass Hartmann hermeneutischen Fragen grundsätzlich ausweicht und etwa von einem „Rätsel der Objektivation“ spricht,81 sobald sie dringlich werden. Das geisteswissenschaftliche Verstehen wird von Hartmann in die Ästhetik gleichsam ausgelagert, von dort aus aber nicht mehr an die Geisteswissenschaften rückgebunden. Daher ist es durchaus verständlich, wie Emil Utitz über Hartmann das Urteil fällen konnte, es gebe zwischen dessen Ästhetik und den historischen Kunstwissenschaften „keine gangbare Brücke“.82

3.2 Emilio Bettis allgemeine Hermeneutik Wie Frithjof Rodi und Hans-Ulrich Lessing in einer Materialsammlung zur Philosophie Wilhelm Diltheys bemerken, „ist die Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Dilthey-Schule und Phänomenologie […] der komplexeste Vorgang innerhalb der Wirkungsgeschichte Diltheys“.83 Nicht weniger komplex und entsprechend schwer zu bestimmen ist der Einfluss Husserls auf den späten Dilthey.84 Einer gängigen, hauptsächlich auf Ludwig Landgrebe und Otto Friedrich Bollnow zurückgehenden Deutung zufolge hat Dilthey in Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910) die eigene Konzeption einer Revision unterzogen, und zwar in Auseinandersetzung mit Husserls Logischen Untersuchungen und Hegels Begriff vom objektiven Geist.85 In diesem Sinne schreibt z. B. Christoph König: „Das Verhältnis von Erleben, Ausdruck

|| wollte behaupten, daß sie unserem Sehen noch wirklich dieselben sind wie den Meistern selbst und ihren Zeitgenossen? […] Jede Zeit hat ihre Art zu hören, wie sie ihre Art zu sehen und zu lesen hat. Wir hören anderes heraus, weil wir anderes hineinhören.“ 81 Hartmann 1933, S. 66. 82 Utitz 1955, S. 244. Von einem „hermeneutischen Vorstoß zu einer Zeichentheorie“ (Morgenstern 1997, S. 122) kann somit nicht die Rede sein. 83 Rodi/Lessing 1984, S. 15. Ein frühes und besonders prominentes Beispiel bietet Misch 1931; vgl. dazu Ströker 1997/98. 84 Auf die nach wie vor bestehende Schwierigkeit, die wechselseitige Beeinflussung von Dilthey und Husserl zu bestimmen, verweist Mezzanzanica 2013, S. 79. 85 Vgl. Landgrebe 1928; Bollnow 1936. Anderer Auffassung ist Riedel 1970, S. 54.

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und Verstehen zeichnete in den Augen Diltheys die Geistes- und Kulturwissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften aus. Erst nachdem Husserl in seinen Logischen Untersuchungen […] gezeigt hatte, daß es von den Erlebnisakten keinen Weg zu den Erlebnisinhalten, also vom Nacherleben zum Verstehen gab, führte Dilthey – als Brücke zwischen Erleben und Verstehen – die ‚Objektivationen des Geistes‘ ein, die die Bedeutung des Erlebten in sich tragen.“86 Wie dem im Einzelnen auch sei: Wenn Nicolai Hartmann von Objektivationen des Geistes spricht, dann tut er dies nicht in der Absicht, deren Bedeutung zu akzentuieren oder aus hermeneutischer Sicht zu problematisieren. Überhaupt ist der Anschluss an Dilthey wie auch an Hegel nur punktuell. Ihm geht es vielmehr – wie gesehen – um die ontologische Struktur der Träger von Geschichte, womit eine Geschichtsphilosophie auf realistischem Boden errichtet werden soll. Eine solche Geschichtsphilosophie wird nun von Emilio Betti nicht ins Visier genommen. In seiner allgemeinen Hermeneutik, die dezidiert als methodische und nicht als philosophische Grundlage der Geisteswissenschaften konzipiert ist,87 spielen aber Objektivationen des Geistes im Sinne Hartmanns eine fundamentale Rolle. Denn der in sogenannten sinnhaltigen Formen (ital. forma reppresentativa) objektivierte Geist ist bei Betti der Gegenstand des Verstehens und der Auslegungsarbeit.88 Betti begreift „[d]as epistemologische Problem des Verstehens als Ausschnitt des allgemeinen Problems des Erkennens“,89 die Hermeneutik mithin als einen Zweig der Erkenntnistheorie. Als „Hauptproblem“ einer allgemeinen Hermeneutik macht er dabei „die Stellung des interpretierenden Geistes gegenüber dem zu interpretierenden Objekt“ aus, dem allerdings ein allgemeineres, epistemologisches Problem vorgelagert ist, nämlich die „Stellung des Geistes gegenüber der Objektivität“.90 Hier unterscheidet er zwischen zwei Arten der Objektivität: einer realen und einer idealen. Die reale Objektivität, die „die Gegebenheit der Erfahrung ausmacht“,91 umfasst gleichsam die ‚harten Fakten‘ der geteilten Welt, also den vorgefundenen Gegenstand der Interpretation mit seinen empirisch überprüfbaren, ‚objektiven‘ Eigenschaften. Die ideale Objektivität beschreibt Betti hingegen im Sinne Kants als apriorische Möglichkeitsbedingung der Erkenntnis. Auch wenn an dieser Stelle eine an Hartmann und Scheler

|| 86 König 1993, S. 201, Anm. 87 So auch Hufnagel 1976, S. 128: Betti geht es um „methodologische[] Utilität“. 88 Vgl. Betti 1955, S. 42f., 44 u. ö. 89 Betti 1955, S. 42. 90 Betti 1955, S. 1. 91 Betti 1955, S. 1.

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orientierte Wertphilosophie ins Spiel kommt, ist im Wesentlichen nichts anderes als jener überindividuelle, objektive Geist gemeint, wie ihn auch Hartmann beschrieben hatte.92 So betont auch Betti, dass die Sprache (als Beispiel für den objektiven Geist einer Gemeinschaft) kein bloßes Werkzeug der Mitteilung ist, sondern vielmehr eine eminent epistemische, das Denken strukturierende Funktion hat.93 Diese überindividuell fundierte Möglichkeitsbedingung der Erkenntnis durch Sprache sei allerdings nicht zu verwechseln mit der faktischen Empfänglichkeit eines bestimmten Individuums für die Bedeutung einer bestimmten sprachlichen Äußerung: Über die nötigen Voraussetzungen kann man im Einzelfall verfügen oder auch nicht.94 Wichtig ist vor allem, dass Betti (mit Dilthey und im Gegensatz zu Kant) jene Möglichkeitsbedingungen der Erkenntnis als historisch wandelbar begreift, was für die Hermeneutik von großer Tragweite sei.95 Wie Hartmann nimmt Betti an, dass ein geistiger Gehalt (welcher Art auch immer) einer doppelten Vermittlung bedarf. Um erscheinen zu können, bedarf der geistige Inhalt zum einen einer materiellen Manifestation, also einer Objektivation in sinnhaltigen Formen; zum anderen aber auch einer Aufnahme durch irgendein Subjekt. Vorausgesetzt wird also in Bettis Hermeneutik die ontologische Struktur von Artefakten, so wie sie Hartmann in seiner Ontologie und Philosophie des Geistes dargelegt hatte.96 Die zahlreichen Verweise auf Hartmann lassen hierbei keinen Zweifel daran, dass mehr als eine bloße Ähnlichkeit in der theoretischen Modellierung besteht. In Bettis Hermeneutik wird Hartmanns Philosophie als Grundlage implementiert. Zugleich weicht aber Betti in einigen entscheidenden Punkten von Hartmann ab.97 So verbindet sich etwa für Betti mit der ontologischen Struktur des Artefakts eine Kommunikationssituation, in

|| 92 Vgl. Betti 1955, S. 4–10, 25f. 93 Vgl. Betti 1955, S. 33f. 94 Vgl. Betti 1955, S. 24f. 95 Vgl. Betti 1955, S. 24. 96 Vgl. Betti 1955, S. 88: „Die Objektivation des Geistes hat […] eine komplexe Seinsart, die sich auf drei Wesenheiten stützt: a) eine materielle, wahrnehmbare Stütze; b) eine geistige Ausstattung als sinnhaltige Form, deren Träger diese Stütze ist; c) ein aktueller, lebendiger und denkender Geist, der dazu berufen ist, diese Form wiederzufinden und zu erkennen […].“ In einer Fußnote setzt Betti hinzu: „Der Leser gestatte uns, auf diesem Leitmotiv unserer Untersuchung zu bestehen“ (S. 88, Anm.). Um ein Leitmotiv handelt es sich in der Tat; vgl. etwa S. 50, 70, 76, 252. 97 Gelegentlich ist Betti vorgeworfen worden, seine Begrifflichkeit nicht hinreichend expliziert (vgl. etwa Allemann 1956, S. 382) bzw. theoretisch begründet zu haben (vgl. etwa Hufnagel 1976, S. 132). Diese Irritation könnte daher rühren, dass der Anschluss an und die Abweichung von Hartmann nicht erkannt wurden.

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der die sinnhaltige Form den Status eines Vehikels erhält, und zwar in durchaus anderer Weise als bei Hartmann. Von dieser Form geht nach Betti eine Art Anforderung aus, just denjenigen geistigen Gehalt wiederzugewinnen, den jemand darin niedergelegt hat. Diese Rückbindung an den Autor hängt zwar mit den Grundannahmen über die ontische Fundierung von Geist zusammen, ergibt sich aber letztlich auch aus allgemeineren Vorstellungen von Kommunikation und menschlichem Zusammenleben sowie aus dem Stellenwert der Hermeneutik innerhalb der Erkenntnistheorie. Betti geht es dezidiert um sinnhaltige Formen, „in denen sich ein anderer Geist objektiviert hat“.98 Das Vordringen zu diesem anderen Geist, d. h. zu dem „virtuell gegenwärtig[en]“ Autor,99 ist einerseits für Betti eine ethische Angelegenheit,100 rührt aber andererseits auch an den Kern des fraglichen Auslegungsbegriffs und des geisteswissenschaftlichen Verstehens als Erkenntnismodus. „[D]aß ein Geist zu einem andern spricht“, gilt für Betti schlicht als eine „Grundvoraussetzung des Auslegens und des Verstehens […].“101 Aus dieser Rückbindung des objektivierten Geistes an den Autor ergibt sich für Betti die Aufgabe der Hermeneutik, nämlich „die vermittelten und weitergegebenen sinnhaltigen Formen in den Sinngehalt zurückzuübersetzen, dem ihre Darstellungsfunktion dienstbar gemacht wurde“.102 Mit diesem Sinngehalt ist ausdrücklich nicht die Absicht des Autors als solche gemeint (auch wenn sich bestimmte Absichten womöglich aus dem Gesagten erschließen lassen), sondern dasjenige, was der Autor inhaltlich durch die sinnhaltigen Formen ‚sagen‘ bzw. zu verstehen geben wollte.103 Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass die Rückbindung an den Autor weder im Sinne einer psychologischen104 noch im Sinne einer kausalen, ‚naturwissenschaftlichen‘ Erklärung zu nehmen ist, sondern vielmehr im Sinne des Satzes vom zureichenden Grunde.105 Zutreffender wäre es vermutlich, mit Crusius und Kant von dem bestimmenden Grund

|| 98 Betti 1955, S. 4. 99 Betti 1955, S. 139. 100 Vgl. Betti 1955, S. 194. 101 Betti 1955, S. 61. 102 Betti 1955, S. 36. 103 Vgl. Betti 1955, S. 49. Es ist also zu widersprechen, dass der Gegenstand der Auslegung bei Betti die mens auctoris sei (vgl. Woidich 2007, S. 227). 104 Vgl. Betti 1955, S. 60. 105 Vgl. Betti 1955, S. 53: „Die Aufgabe des Auslegenden ist nicht die, die Entstehung der Objektivation auf das Kausalitätsverhältnis zu reduzieren, sondern die, ihre Faktoren aufzudecken und in ihnen ihren zureichenden Grund wiederzufinden“; vgl. auch S. 160.

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zu sprechen,106 sofern der Autor in Bettis Modell diejenige Instanz ist, die festlegt, was überhaupt als die zu eruierende Bedeutung zu gelten hat. Die Aufgabe des Interpreten besteht so für Betti in einer „Umkehrung des Schöpfungsvorgangs“107 – nicht um diesen subjektiven Vorgang nachzuerleben, sondern um den betreffenden Sinngehalt nachzukonstruieren und somit nachzuvollziehen.108 Bettis allgemeine Hermeneutik ist somit grundsätzlich auf den Autor ausgerichtet, nicht etwa ‚trans-intentionalistisch‘ oder stilgeschichtlich, wie sie bei Hartmann hätte sein können. Der objektive Geist, der gleichsam durch den Autor wirkt und sich in dessen Werk niederschlägt, ist bei Betti nicht Ziel und Endpunkt der Interpretation, sondern vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass es so etwas wie erfolgreiches Interpretieren und Verstehen geben kann.109 Entscheidend ist hier einmal mehr, dass das Denken und Empfinden des Einzelnen von vornherein von dem überindividuellen, objektiven Geist geprägt ist. Der objektive Geist ist also nach Betti in dem Sinne gemeinschaftsstiftend und für die Hermeneutik essentiell, dass eine Partizipation am selben objektiven Geist eine intellektuelle (und emotionale) Nachbarschaft und einen kongenialen Nachvollzug ermöglicht.110 Wichtig ist also, dass Betti den Sinn der sinnhaltigen Formen vom objektiven Geist her denkt, also beispielsweise von der gemeinsamen Sprache, die man vorfindet und in die man gleichsam hineinwächst, indem man sie lernt. In die|| 106 Vgl. Kant 1755, S. 427 (mit explizitem Verweis auf Crusius): „Denn das Wort zureichend ist, wie derselbe vollauf deutlich macht, zweideutig, weil nicht sofort ersichtlich ist, wie weit er zureicht; bestimmen aber heißt, so zu setzen, daß jedes Gegenteil ausgeschlossen ist, und bedeutet daher das, was mit Gewißheit ausreicht, eine Sache so und nicht anders zu begreifen.“ 107 Betti 1955, S. 179; vgl. auch S. 182. Betti schließt hier wohl an Schleiermacher an: „Die Zusammengehörigkeit der Hermeneutik und Rhetorik besteht darin, daß jeder Akt des Verstehens die Umkehrung eines Aktes des Redens ist […]“ (Schleiermacher 1838, S. 76). Stefanie Woidich stellt hingegen einen Bezug zu Vico her; vgl. Woidich 2007, S. 234, 237. 108 Vgl. Betti 1955, S. 158, 165, 183. Vgl. auch die in Kap. 2 dieser Arbeit bereits zitierte Einschätzung von Schleiermacher 1829, S. 321: „[W]enn die Aufgabe der Hermeneutik darin besteht, den ganzen inneren Verlauf der komponierenden Tätigkeit des Schriftstellers auf das vollkommenste nachzubilden […].“ 109 Zum Interpretieren als Handlung und zum Verstehen als dem mehr oder weniger erfolgreichen Ergebnis dieser Handlung vgl. Betti 1955, S. 101f., 191. 110 Vgl. hierzu Betti 1955, S. 71, 81f., 88, 91f., 141. Vgl. in diesem Sinne auch Dilthey 1910b, S. 178: „[D]er einzelne erlebt, denkt und handelt stets in einer Sphäre von Gemeinsamkeit, und nur in einer solchen versteht er. Alles Verstandene trägt gleichsam die Marke des Bekanntseins aus solcher Gemeinsamkeit an sich. Wir leben in dieser Atmosphäre, sie umgibt uns beständig.“

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sem Sinne ist für Betti die „Mitteilbarkeit“ stets ein „Faktor und Bestandteil d[er] Bedeutung“.111 Da die sinnhaltige Form erst aus einer grundsätzlichen Gemeinschaftlichkeit ihren Sinn gewinnt, würde eine gänzlich subjektive Privatbedeutung gar nicht erst in den Bereich der Hermeneutik fallen. Eine hermeneutische Anstrengung wäre in diesem Fall zwecklos, die Bedingungen des Verstehens wären nicht erfüllt.112 Eine nicht ganz unwichtige Konsequenz einer solchen Modellierung ist eine gewisse Nachprüfbarkeit von Bedeutung, die für Betti wiederum erforderlich ist, damit man überhaupt von Erkenntnis sprechen kann.113 Das Verstehen in den Geisteswissenschaften muss von einer bloßen Stipulation oder spekulativen Konstruktion unterscheidbar sein. Als zentrales Bestandstück seiner allgemeinen Hermeneutik hat Betti eine Typologie der Ziele entwickelt, die man beim Interpretieren verfolgen kann. Er unterscheidet zwischen drei Typen der Auslegung, die wiederum aus Untergruppen bestehen: (1) einer wiedererkennenden Auslegung „im Dienst der reinen Erkenntnis“,114 die wiederum philologisch oder historisch sein kann; (2) einer reproduktiven, nachbildenden oder darstellenden Auslegung, zu der etwa die Übersetzung eines Textes, aber auch eine dramatische oder musikalische Umsetzung gehört; (3) einer mit normativem Anspruch aktualisierenden Auslegung, etwa einer theologischen oder juristischen, die ggf. zur Handlungsgrundlage gemacht werden kann.115 Unter diesen drei Typen genießt allerdings die wiedererkennende Auslegung eine Vorrangstellung: „Die erste Funktion, die sich in jeder Art von Auslegungsprozeß findet, ist diejenige, die wir als die rein erkenntnismäßige oder wiedererkennende (rekognitive) kennzeichneten. Die […] andern ergeben sich daraus, daß zu ihr eine weitere, auf ein spezifisches Ziel abstellende […] begleitend hinzukommt.“116 Sowohl reproduktive als auch aktualisierende Interpretationen sind für Betti insofern sekundär bzw. derivativ, als hier das Verstehen „kein Selbstzweck“ ist, „sondern das Mittel zu einem

|| 111 Betti 1955, S. 140. 112 Ähnlich wie Betti wird im Übrigen auch später E. D. Hirsch argumentieren, und zwar im Rahmen einer Diskussion, in der die Möglichkeit einer solchen Privatbedeutung verstärkt gegen eine autorintentionalistische Interpretationskonzeption ins Feld geführt wird. Siehe dazu Kap. 7 dieser Arbeit. 113 Vgl. Betti 1955, S. 174. 114 Betti 1955, S. 255. 115 Streng genommen spricht Betti im letzteren Fall einfach von einer normativen Auslegung, was jedoch insofern missverständlich ist, als jede hermeneutische Zielsetzung eine normative Komponente in sich trägt. Zur Typologie vgl. Betti 1955, S. 256–716; bündig zusammengefasst in Betti 1954, S. 64–68. 116 Betti 1954, S. 64.

Emilio Bettis allgemeine Hermeneutik | 107

Zweck“.117 In beiden Fällen handelt es sich um eine Form des Verstehens, der ein wiedererkennendes, rein erkenntnismäßiges Verstehen logisch vorausgeht. Beachtenswert ist hier zum einen, dass auch Betti von einem Wiedererkennen spricht, aber anders als Hartmann diesen Begriff auf seinen hermeneutischen Stellenwert hin expliziert. Beachtenswert ist zum anderen auch, dass Bettis Zielpluralismus auf einer autorzentrierten Interpretationskonzeption aufbaut. Die Ermittlung des sensus auctoris et primorum lectorum ist hier nicht einfach ein gleichberechtigtes Ziel neben anderen, sondern vielmehr eine Art Basis für jede weitere Zielsetzung. Hierbei erscheint die philologische Auslegung in gewisser Weise als die reinste Form der wiedererkennenden Auslegung. Anders als der Historiker, der mittels einer Quelle einen Ausschnitt der Vergangenheit verstehen will, behandelt der Philologe die sinnhaltigen Formen nicht eigentlich als Quellen: Er versucht lediglich, den Sinn selbst zu verstehen. Die wiedererkennende Auslegung, aber insbesondere die philologische Auslegung ist nach Betti in dem Sinne intransitiv, dass sie „prinzipiell auf keinen Durchgang abzielt“.118 Ihr Ziel ist schlicht – mit der berühmten Formulierung August Boeckhs – ein Erkennen des Erkannten,119 das nicht von vornherein auf Aktualisierung, Vermittlung oder Anwendung abhebt. Wie oben bereits gesehen, ergibt sich bei Betti aus dem ontologischen Grundmodell, dass der objektivierte Geist auf die Aufnahme durch irgendein Subjekt angewiesen ist – wobei man hinzufügen muss: durch irgendein selbsttätiges Subjekt. Für Betti steht es nämlich außer Frage, dass die Psyche des Autors nicht erscheint und dass die ‚stummen‘, aber allein zugänglichen sinnhaltigen Formen ergänzungsbedürftig sind und vom Leser zum ‚Sprechen‘ gebracht werden müssen.120 Ähnlich wie bei Ingarden wird also bei Betti der Leser zum aktiven Mitschöpfer des geistigen Gehalts. Unter diesen Bedingungen lässt sich die Frage stellen, ob ein echtes Verstehen überhaupt möglich ist. Hartmann scheint diese Frage zu verneinen. Am Beispiel des Dramas hatte er die Ansicht vertreten, dass es zu dem wird, was der Leser daraus macht. Dagegen geht Betti von der grundsätzlichen Möglichkeit des Verstehens aus, und zwar mit einem Verstehensbegriff, der nicht auf eine strikte Identität, sondern vielmehr auf eine Korrelation bzw. Übereinstimmung der Bewusstseinsakte des Autors und Lesers

|| 117 Betti 1954, S. 64. 118 Betti 1955, S. 259. Dies soll allerdings für die wiedererkennende Auslegung überhaupt gelten. 119 Vgl. Boeckh 1877, bes. S. 10, 11, 53. 120 Vgl. Betti 1955, S. 29f., 45, 70f., 142, 228, 239, 249f.

108 | Nicolai Hartmann und Emilio Betti über die Grundlagen der Geisteswissenschaften

abhebt.121 Die Subjektivität des Verstehens hat also für Betti ausdrücklich nicht einen Solipsismus oder Subjektivismus zur Folge.122 Jenes „Hauptproblem“ der Hermeneutik, nämlich „die Stellung des interpretierenden Geistes gegenüber dem zu interpretierenden Objekt“, ist also für ihn kein unüberwindliches Problem, das eine Hermeneutik überhaupt unmöglich machte. Gleichwohl ist aber die Aufgabe des Interpreten davon unmittelbar betroffen. Denn die epistemische Abhängigkeit des Subjekts vom objektiven Geist betrifft sowohl den Autor als auch den Leser.123 Wenn Autor und Leser nicht derselben geistigen ‚Atmosphäre‘ angehören und deshalb unterschiedliche epistemische Voraussetzungen haben, dann wird dies das Verstehen erheblich erschweren. Oder anders gewendet: Diese „hermeneutische Schwelle“,124 nämlich die empfundene Fremdheit des objektivierten Geistes lässt nach Betti das Verstehen überhaupt als Problem ins Bewusstsein treten. Die Aufgabe des Interpreten lässt sich somit spezifizieren als ein Überbrücken der Standortgebundenheit von Autor und Leser mit der jeweiligen Abhängigkeit vom objektiven Geist, wobei man aber (vorerst) nicht den Autor in die Gegenwart holt, sondern vielmehr sich als Leser zurückversetzt. Im Grunde genommen erweist sich damit Interpretation vor allem als Kontextualisierungsarbeit, wobei die Kontinuität oder Diskontinuität des objektiven Geistes wesentlich darüber entscheidet, wieviel Aufwand der Leser betreiben muss. Interessanterweise hat Betti in diesem Zusammenhang Hartmanns Unterscheidung zwischen philosophischem Begriff und Kunstwerk aufgegriffen, ebenfalls am Beispiel des Aristoteles. Auf der einen Seite stimmt er Hartmann völlig zu: „[W]er den ursprünglichen Sinn gewisser aristotelischer Begriffe rekonstruieren will, [muß] darauf abzielen, sie in die Reihe der Probleme einzufügen, deren Lösung sie bieten, und dabei lernen, sie in der Einheit der aristotelischen Schau wiederzuerkennen.“125 So weist Betti eben nachdrücklich darauf hin, „daß der echte Sinngehalt einer Theorie nur im Lichte ihres Entstehungsgangs wiederentdeckt werden kann, indem die Theorie in jene weiteren Gedanken- und Handlungszusammenhänge, aus denen sie geboren ist, hineingestellt wird“.126 Auf der anderen Seite besteht er aber darauf, dass der von Hartmann so stark akzentuierte „Unterschied zwischen Kunst- und Gedankenwerk“ nur ein || 121 Vgl. Betti 1955, S. 45, 103, 109f., 231f., 236. 122 Vgl. Betti 1955, S. 226, 745. 123 Zur Standortgebundenheit des Lesers vgl. Betti 1955, S. 228. Vgl. auch Thulstrup 1967, S. 30. 124 Betti 1955, S. 192. 125 Betti 1955, S. 723. 126 Betti 1955, S. 724.

Emilio Bettis allgemeine Hermeneutik | 109

„vermeintliche[r]“ Unterschied ist.127 Beim objektivierten Geist besteht für Betti ganz grundsätzlich eine Kontextsensitivität, der eine Interpretation Rechnung tragen muss. In der Gegenüberstellung von Hartmann und Betti lässt sich beobachten, wie ein und dasselbe erkenntnistheoretische Modell sehr unterschiedlich funktionalisiert werden kann. Einmal wird eine philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften angestrebt, einmal wird daraus eine allgemeine Hermeneutik entwickelt, die als methodische Grundlage der Geisteswissenschaften dienen soll. Im Stil Schleiermachers formuliert nämlich Betti auf Grundlage des bisher Erörterten ein System von allgemeinen Regeln (Kanons),128 die allerdings nicht einfach wie ein Kochrezept befolgt werden können, um sicher zum Ziel zu gelangen, sondern vor allem eine restriktive bzw. bedeutungslimitierende Funktion haben sollen. Eine Orientierung an diesen Regeln soll eine planvolle und wohlbegründete Vorgehensweise sichern, die bestimmte Formen des Miss- oder Falschverstehens ausschließt.129 Überhaupt ist es auffällig, dass Betti Hartmann hermeneutisch liest130 und gewissermaßen all jene hermeneutischen Schlüsse zieht, die Emil Utitz bei Hartmann vermisst. Schließlich mündet Bettis Hermeneutik und mit ihr seine Konzeption von Geisteswissenschaften überhaupt sogar in ein Plädoyer für einen „Geist der Toleranz im Kulturzusammenleben“.131 Gefordert wird von Betti eine „Erziehung des Menschengeschlechts zum historischen Sinn“,132 nicht weniger aber eine Aufgeschlossenheit gegenüber unseren Mitmenschen und die Fähigkeit, „fremde Haltungen von ihrem Standpunkt aus zu beurteilen“.133 Das historische Verstehen, entsprungen aus der Bemühung, eine andere Person zu verstehen, erscheint nicht zuletzt als eine moralische Angelegenheit mit charakterbildender Kraft. Anzumerken ist noch, dass Betti sich mitnichten nur auf Hartmann bezogen hat. In seinen zahl- und umfangreichen Fußnoten lässt sich eine Vielzahl an Referenzen ausmachen, die als Bezugstheorien in Frage kommen.134 Es gibt aber

|| 127 Betti 1955, S. 724. 128 Vgl. Betti 1955, S. 204–254. 129 Zum Miss- und Falschverstehen vgl. Betti 1955, S. 114–117. 130 Explizit in Betti 1955, S. 29, Anm. 131 Betti 1955, S. 751. Es wäre einer Untersuchung wert, wie Bettis Hermeneutik zu seinen politischen Ansichten passt. Vgl. die Andeutungen von Noakes 1988, bes. S. 51. 132 Betti 1955, S. 750. 133 Betti 1955, S. 753. 134 In der Verlagsankündigung der deutschen Übersetzung heißt es: „In engem Anschluß an die deutsche Geistesgeschichte von Herder, Hegel, W. v Humboldt, Schleiermacher, Droysen, Nietzsche, Dilthey, Husserl, Nicolai Hartmann u. a. bis in die Gegenwart faßt Betti […].“ Vgl in

110 | Nicolai Hartmann und Emilio Betti über die Grundlagen der Geisteswissenschaften

eine rekonstruierbare Gewichtung dieser Referenzen.135 So lassen sich z. B. viele Parallelen zu den hermeneutischen Positionen Schleiermachers und Diltheys identifizieren, ohne dass diese Positionen deshalb als Voraussetzung bestimmter Argumente übernommen werden. In diesem Sinne gibt es auch bei Betti zahlreiche Verweise auf Husserl, wobei der Phänomenologie aber nicht im eigentlichen Sinne eine Begründungsfunktion zukommt, wie es z. B. bei Ingarden der Fall war. Vielmehr dient die Bezugnahme einer punktuellen Erläuterung innerhalb eines bereits abgesteckten Rahmens. Bemerkenswerterweise wird sich dies bei E. D. Hirsch ändern, auch wenn er eine Reihe von Grundeinsichten von Betti übernimmt. So spricht Hirsch etwa nicht von Objektivationen des Geistes, sondern von der Bedeutung von Texten, wobei die Phänomenologie Edmund Husserls genau dasjenige begründen soll, was bei Betti der objektive Geist begründet, nämlich dass die Ermittlung der vom Autor intendierten Bedeutung ein prinzipiell erreichbares Ziel ist.

|| diesem Sinne auch Wagner 1956, S. 259; Baeumler 1963, S. 113: „[D]ie Anmerkungen unter dem Text nehmen unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch […]. Aus dem Chor der Namen klingt uns so etwas wie eine Geschichte der Interpretationstheorien des 19. Jh. entgegen. B[etti] ist ein Grandseigneur der Allegation. Von Schleiermacher, Humboldt, Hegel, Boeckh, Droysen bis zu Dilthey, Riegl, Wölfflin, Unger, Rothacker, N. Hartmann, Husserl, Scheler fehlt kaum ein Name.“ Zu Betti und Droysen vgl. Wagner 1956. Zu Betti und Vico vgl. Noakes 1988; Woidich 2007, S. 226–246. Zur wechselseitigen Rezeption von Betti und Hans Sedlmayr vgl. Vargiu 2017. 135 Die Zentralstellung von Hartmanns Ansatz betonen z. B. auch Flach 1969, S. 25; Hufnagel 1976, S. 128.

4 Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation „Kaum zu überschätzen ist die Bedeutung von Husserls Phänomenologie für die moderne Literaturtheorie“ – diese Einschätzung stammt aus der Einleitung einer jüngeren Einführung in die Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts.1 In dieser Einführung, die im Rückblick auf ein „Jahrhundert der Literaturtheorien“2 eine Bilanz ziehen will, wird die Phänomenologie neben dem Marxismus, der Linguistik, Nietzsches Sprachphilosophie und der Psychoanalyse zu den „Großnarrative[n] der Moderne“ gezählt.3 Völlig zu Recht wird hier die Phänomenologie als wichtiger Impulsgeber für die literaturwissenschaftliche Theoriebildung hervorgehoben. Zugleich wird sie aber in eigentümlicher Weise mit einer Klassifikation von Literaturtheorien verwoben: Grundsätzlich lassen sich die meisten spezifischen Interpretationsansätze zwei Traditionslinien zuordnen, nämlich einerseits der werkimmanenten Deutung, andererseits der werktranszendenten Deutung. Die werkimmanenten Ansätze konzentrieren sich auf den Text, seine Faktur, die in ihm gegebene Bewusstseinsstruktur. Die werktranszendenten Ansätze verstehen das Kunstwerk grundsätzlich als Ausdruck eines außerliterarischen Inhalts.4

Dass hier nicht mehr von Literaturtheorien, sondern vielmehr von Interpretationsansätzen die Rede ist, sei nur nebenbei erwähnt. Wichtiger ist zunächst die Einteilung in zwei Großklassen: Werkimmanenz auf der einen Seite und Werktranszendenz auf der anderen. Hierbei werden Formalismus, Strukturalismus und Narratologie, aber auch Hermeneutik, Dekonstruktion und Intertextualität zu den werkimmanenten Ansätzen gezählt. Über ihren gemeinsamen Nenner heißt es: „Alle werkimmanenten Ansätze leiten sich von einem phänomenologischen Literaturverständnis her. Der Text wird hier als Bewusstseinsinhalt gefasst, dessen Struktur sich nach streng objektiven Maßstäben analysieren lässt.“5 Durch diese Einteilung in Werkimmanenz und -transzendenz und durch die Engführung von Werkimmanenz und Phänomenologie wird nun allerdings die

|| 1 Schmid 2010, S. 26. 2 Schmid 2010, S. 9. 3 Schmid 2010, S. 32. 4 Schmid 2010, S. 32. 5 Schmid 2010, S. 32. https://doi.org/10.1515/9783110563023-004

112 | Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation

Phänomenologie mit einer Vielzahl von literaturtheoretischen Positionen in Verbindung gebracht, die man meist nicht als phänomenologisch zu bezeichnen pflegt: Die Phänomenologie wendet sich insbesondere gegen eine psychologisierende Betrachtungsweise: Es geht ihr nicht darum, das Werk eines Autors als Ausdruck geheimer Wünsche seiner Psyche zu deuten. Sie will im Gegenteil den Autor als subjektive Größe so weit wie möglich aus dem Prozess der Interpretation ausblenden. Die berühmten Aufsätze von Roland Barthes („La mort de l’auteur“, dt. „Der Tod des Autors“) und Michel Foucault („Qu’est-ce qu’un auteur?“, dt. „Was ist ein Autor?“) haben ihren Ursprung in dem phänomenologischen Bestreben, den überindividuellen Bewusstseinsinhalt des Werks gegen die Individualität des Autors auszuspielen.6

Weder Barthes noch Foucault hat sich auf die Phänomenologie berufen, zumindest nicht in den hier genannten Aufsätzen.7 Es drängt sich also die Frage auf: Was haben die Ausdrücke ‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ jeweils zu bedeuten? Auf diese Einführung in die Literaturtheorie wird nicht nur deshalb verwiesen, weil sie einigermaßen aktuell ist und der Textsorte nach literaturwissenschaftliches Konsenswissen zu repräsentieren beansprucht. Sie wird auch deshalb exemplarisch herangezogen, weil hier eine Begriffsverwendung sichtbar wird, die durchaus typisch ist. Gemeint ist das Zusammenführen zweier äquivoker Ausdrücke: Phänomenologie und Werkimmanenz – und diese Zusammenführung ist keineswegs neu. Im Folgenden wird eine fachhistorische Verhältnisbestimmung dieser beiden Begriffe angestrebt. Aus Gründen, die nach und nach ersichtlich werden sollten, wird die Heidegger-Rezeption Emil Staigers im Fokus stehen, insbesondere der Stilbegriff, der in seiner ‚Kunst der Interpretation‘ eine zentrale Rolle spielt.

4.1 ‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ als äquivoke Ausdrücke Wie in der Einleitung dieser Arbeit bereits erwähnt, finden sich in der Literaturwissenschaft für den Ausdruck ‚Phänomenologie‘ grundsätzlich zwei Verwendungsweisen. Auf der einen Seite wird der Begriff eng gefasst im Sinne einzelner Philosophen, z. B. im Sinne Edmund Husserls oder Martin Heideggers. || 6 Schmid 2010, S. 28. 7 Zu Foucaults Verhältnis zur Phänomenologie vgl. aber Iyer 2017 (Husserl und Foucault); Saar 2013 (Heidegger und Foucault).

‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ als äquivoke Ausdrücke | 113

Entscheidend ist dann, was der betreffende Philosoph unter Phänomenologie versteht und welche Philosopheme für die literaturwissenschaftliche Arbeit gerade fruchtbar gemacht werden sollen. Auf der anderen Seite wird aber auch nicht selten in einem weniger verbindlichen Sinne von Phänomenologie gesprochen. Gemeint ist dann meist so etwas wie eine Bestandsaufnahme, eine Beschreibung oder eine schlichte Hinnahme von Gegebenem.8 Ähnliches gilt für den Ausdruck ‚Werkimmanenz‘, der ebenfalls in der Literaturwissenschaft unterschiedlich verwendet wird.9 Werkimmanent wird erstens eine Interpretationsweise genannt, die literarische Texte unter (vermeintlicher) Ausblendung aller außerliterarischen Bezüge deutet. Eine solche Vorstellung von Werkimmanenz, verstanden als eine angemessene ‚Sachnähe‘, prägt sicherlich die Haltung des Literaturwissenschaftlers gegenüber seinem Untersuchungsgegenstand, ist aber in interpretationstheoretischer Hinsicht äußerst klärungsbedürftig. Als werkimmanent kann man zweitens eine ‚strukturbestimmende‘ Interpretation bezeichnen, wie sie Werner Strube im Gegensatz zu einer ‚stilbestimmenden‘, ‚psychologischen‘ oder ‚literaturhistorischen‘ Interpretation beschrieben hat.10 Gemeint kann drittens jene literaturwissenschaftliche Interpretationskonzeption sein, die in den 1950er Jahren Konjunktur hatte und mit der man vor allem die Namen Emil Staiger und Wolfgang Kayser verbindet. Im Folgenden soll es ausschließlich um Phänomenologie in einem engeren, philosophischen Sinne und um die wissenschaftshistorisch lokalisierbare werkimmanente Interpretation im Sinne Staigers und Kaysers gehen. Die sogenannte werkimmanente Interpretation hatte bekanntlich ihre Blütezeit in den ersten anderthalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Programmatische Äußerungen finden sich aber bei Staiger bereits in den 1930er Jahren.11 In seinem 1951 gehaltenen und im selben Jahr veröffentlichten Vortrag Die Kunst der Interpretation spricht er dann explizit von einer „Stilkritik oder immanente[n] Deutung der Texte“.12 Die Bezeichnung ‚werkimmanente Interpretation‘ setzte sich allerdings erst allmählich im Laufe der 1950er und 1960er Jahre durch, und zwar nicht als Selbstbeschreibung von Staiger oder Kayser, sondern vielmehr als abwertende Etikettierung seitens ihrer Kritiker – von denen es in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren immer mehr gab.13 Diese

|| 8 Was an und für sich natürlich kein Problem sein muss; vgl. etwa Spoerhase 2007a, S. 1–7. 9 Vgl. im Folgenden Spree 2003. 10 Vgl. Strube 1993, bes. S. 67–96. 11 Vgl. Staiger 1939, S. 9–18. 12 Staiger 1951a, S. 7. 13 Vgl. Spree 2003, S. 835.

114 | Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation

Interpretationskonzeption hat das Fach, das sich nach dem Ende des Nationalsozialismus neu zu formieren hatte, nachhaltig geprägt. Was ihre Forschungsgeschichte betrifft,14 lassen sich drei Schwerpunkte ausmachen: die Explikation ihrer theoretischen Voraussetzungen;15 die Analyse ihrer Argumentationsweise;16 und die Aufarbeitung ihrer Vorgeschichte, also das Feststellen von Vorläufern, konkreten Einflüssen und etwaigen Kontinuitäten.17 Vor allem im Hinblick auf ihre Vorgeschichte und theoretischen Voraussetzungen ist die werkimmanente Interpretation wiederholt mit der Phänomenologie in Verbindung gebracht worden. Im Artikel „Methode“ im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft heißt es beispielsweise: Nicht zuletzt als Reaktion auf die Funktionalisierung der […] kontextualisierenden Methoden durch die nationalsozialistische Wissenschaft wird in den 40er Jahren, und besonders nach 1945 in der westlichen Literaturwissenschaft, eine textzentrierte Methode etabliert: die im Rahmen der Phänomenologischen Literaturwissenschaft begründete ‚werkimmanente Methode‘.18

Diese teils historische, teils im engeren Sinne wissenschaftshistorische Einordnung ist zentral. Nach Jahren der politischen und ideologischen Vereinnahmung von Literatur und Literaturwissenschaft lässt sich weder die Motivation für eine ‚Rückbesinnung‘ auf den Text noch die Akzeptanz für ein entsprechendes Theorieangebot von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen trennen. Zu beachten sind noch die distanzierenden einfachen Anführungszeichen, die vermutlich signalisieren sollen, dass die werkimmanente Interpretation nicht unbedingt als eine Methode der Textinterpretation zu betrachten ist. Was die Phänomenologie betrifft, so finden sich keine weiterführenden Literaturhinweise. Dafür gibt es aber einen Querverweis auf den Artikel „Phänomenologische Literaturwissenschaft“, die ihrerseits im entsprechenden Eintrag als eine „[a]n der Phänomenologie orientierte Betrachtungsweise von Literatur“ beschrieben wird.19 Dabei wird die Phänomenologie offenbar im engeren, philosophischen

|| 14 Vgl. hierzu Spree 2003, S. 836. 15 Vgl. vor allem Danneberg 1996; Strube 1979; Strube 2000, S. 45–52; Klauk/Köppe 2017. Aufschlussreich, wenn auch nur indirekt einschlägig, sind die Überlegungen von Burckhardt 1967. Wenig hilfreich dagegen Kaleri 1999. 16 Vgl. Fricke 1977; die Interpretationsanalysen in Kindt/Schmidt 1976. 17 Vgl. Müller 2010; ferner Berghahn 1979; Hermand 1968, bes. S. 140–147. Zur Wirkung und Aktualität der werkimmanenten Interpretation vgl. die Beiträge in Rickes/Ladenthin/Baum 2007. 18 Winko 2000, S. 583. 19 Schnackertz 2003, S. 62.

‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ als äquivoke Ausdrücke | 115

Sinne verstanden. Bemerkenswerterweise findet hier wiederum die werkimmanente Interpretation keine Erwähnung. In dem zitierten Artikel zur „Methode“ ist ebenfalls zu beachten, dass die werkimmanente Interpretation in der Phänomenologie begründet sein soll. Etwas vorsichtiger hat es Wilhelm Voßkamp formuliert: Bei der „werkimmanenten Interpretation“, die in den fünfziger Jahren dominiert (vgl. Emil Staiger, Wolfgang Kayser), handelt es sich um keine neue literaturwissenschaftliche Richtung und Methode, sie ist vielmehr seit Roman Ingarden […] in der Tradition der Phänomenologie und einer ästhetisch orientierten Kunstwissenschaft angelegt.20

Die Frage, ob die werkimmanente Interpretation in der Phänomenologie begründet oder angelegt sei, ist tatsächlich mehr als bloße begriffliche Haarspalterei. Und es fragt sich auch, inwieweit hier Ingarden tatsächlich der Bezugspunkt ist. In einem jüngeren Aufsatz zur Genealogie der werkimmanenten Interpretation weist Hans-Harald Müller darauf hin, dass ein unmittelbarer Einfluss von Ingarden auf die werkimmanente Interpretation bislang nicht nachgewiesen worden ist.21 Auch wenn ‚harte‘ Belege für einen direkten Einfluss in der Tat fehlen, scheinen aber viele nach wie vor von einer Anregung oder grundsätzlichen Vergleichbarkeit auszugehen, so z. B. Bettina Gruber in einem 2009 erschienenen Handbuchartikel zur „Werkimmanente[n] Literaturwissenschaft“ und zum „New Criticism“. Hier werden Ingarden, Kayser und Staiger der Reihe nach vorgestellt, womit zweifellos ein Zusammenhang suggeriert wird. Worin dieser Zusammenhang besteht, wird allerdings nicht expliziert.22 Umgekehrt findet man in der Ingarden-Forschung und in philosophischen Nachschlagewerken dieselben Einflussthesen. So wird z. B. in einem 2010 erschienenen Handbuch zur phänomenologischen Ästhetik dargelegt, dass René Wellek, Käte Hamburger und Wolfgang Iser, aber auch etwa Emil Staiger und Wolfgang Kayser in substantieller Weise von Ingarden beeinflusst worden seien.23 Auch hier wird ausgespart, worin der Einfluss besteht. Weitere Beispiele sind nicht schwer zu finden. In Einführungen in die Methoden der Literaturwissenschaft erfährt man, dass die werkimmanente Interpretation sich aus der Phänomenologie Husserls und Heideggers speist.24 In der

|| 20 Voßkamp 1990, S. 242. 21 Vgl. Müller 2010, S. 271, Anm. 22 Vgl. Gruber 2009, S. 772–774. 23 Vgl. Sepp/Embree 2010, S. xx. 24 Vgl. Baasner 1996, S. 67–70.

116 | Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation

jüngsten Auflage der Deutschen biographischen Enzyklopädie liest man über Wolfgang Kayser: „In seinem 1948 erschienenen Hauptwerk Das sprachliche Kunstwerk […] lieferte er eine Phänomenologie der Dichtung, deren zugrunde liegende Methodik, Dichtung als ‚in sich geschlossenes sprachliche Gefüge‘ zu verstehen (Werkimmanenz), für die Germanistik nach 1945 lange Zeit maßgeblich war.“25 Sogar die Schüler Emil Staigers haben eine enge Verbindung zwischen der Phänomenologie und der Interpretationskonzeption ihres Lehrers gesehen. So bemerkt Beda Allemann, dass die „Stilkritik“ im Sinne Staigers „[a]m entschiedendsten […] de[n] phänomenologische[n] Ruf zu den Sachen zurück […] aufgenommen“ habe.26 Und auch für Peter Szondi steht fest, dass die werkimmanente Interpretation „in ihren Ursprüngen der Philosophie verbunden“ sei, „nämlich der Husserlschen Phänomenologie, die eine Rückkehr zu den Dingen fordert“.27 Es scheint also im Großen und Ganzen kein Zweifel darüber zu bestehen, dass die werkimmanente Interpretation entweder selbst als phänomenologisch zu bezeichnen ist oder auf die Phänomenologie zurückgeht. Die Frage bleibt aber: Wie lässt sich das Verhältnis von Phänomenologie und werkimmanenter Interpretation genauer bestimmen? Die Bemerkungen von Allemann und Szondi geben einen Fingerzeig. Das Schlagwort „Zu den Sachen selbst!“ stammt dem Wortlaut nach aus Heideggers Sein und Zeit,28 geht aber auf Husserls Logische Untersuchungen zurück.29 Es handelt sich um eine vielfach kolportierte Formel, die bald entkontextualisiert wurde und auch heute oft für den Inbegriff der Phänomenologie überhaupt gehalten wird. Mitte der 1970er Jahre schreibt in diesem Sinne Christoph Eykman in einem Aufsatz mit dem Titel „Phänomenologie und Interpretation“: Erst in jüngster Zeit hat die Literaturwissenschaft begonnen, die Lehren der Husserlschen Phänomenologie ernstlich auszuwerten. An die Stelle der ebenso oberflächlichen wie nichtssagenden Bezeichnung „phänomenologisch“, mit der man gewöhnlich dasselbe wie „werkimmanent“ meinte (nach dem Leitwort: „Zu den Sachen selbst!“), ist eine differenziertere Betrachtungsweise getreten […].30

|| 25 Vierhaus [Hrsg.] 2006, S. 551 (mit Verweis auf das Internationale Germanistenlexikon). 26 Allemann 1957, S. 74. Allemann entwickelt in dieser Schrift Über das Dichterische seine Position in dezidiertem Anschluss an Staiger und Heidegger. 27 Szondi 1974, S. 271. Über die „Zürcher Art der Interpretation“ finden sich auch verstreute Hinweise in Szondis Briefwechsel (Szondi 1993, S. 18; vgl. z. B. auch S. 24, 31). 28 Vgl. Heidegger 1927, S. 9, 27, 34, 38. 29 Vgl. Husserl 1901, S. 10. 30 Eykman 1976, S. 21.

‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ als äquivoke Ausdrücke | 117

Die von Eykman beanstandete synonyme Verwendung der beiden Ausdrücke ‚phänomenologisch‘ und ‚werkimmanent‘ findet sich etwa in Manon MarenGrisebachs Kompendium Methoden der Literaturwissenschaft, das erstmals 1970 erschien, in den folgenden zehn Jahren sieben Auflagen erfuhr und seit den 1990er Jahren in der zehnten Auflage vorliegt. Dass Maren-Grisebach trotz Verweise auf Husserl und Heidegger keinen philosophischen PhänomenologieBegriff zugrunde legt, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass sie Max Kommerell als ersten Vertreter einer phänomenologischen Methode in der Literaturwissenschaft nennt.31 Zitiert wird dabei folgende Stelle aus Kommerells 1940 erschienener Studie Geist und Buchstabe der Dichtung: „Bei der Vielheit der ausgebildeten Methoden […] scheint ein Zurückgehen auf das Einfachste, wenn auch nicht Leichteste, rätlich: auf das unbefangene Befragen des Gegenstands.“32 Für Eykman, der mit Husserls Phänomenologie sowie mit Ingardens phänomenologischer Literaturtheorie bestens vertraut ist,33 ist es oberflächlich und nichtssagend, in dieser Form von Phänomenologie zu sprechen. Für ihn reicht eine nicht näher spezifizierte Rückkehr zu den Sachen selbst nicht aus, um eine Literatur- oder Interpretationstheorie phänomenologisch zu nennen.34 Dass die werkimmanente Interpretation gemeinhin mit der Phänomenologie assoziiert wurde, ist jedoch nicht weiter verwunderlich. In seinem programmatischen Essay „Von der Aufgabe und den Gegenständen der Literaturwissenschaft“, der 1939 den Analysen in Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters als Einleitung vorangestellt wurde, streicht Emil Staiger eine Grundannahme der werkimmanenten Interpretation heraus: dass das spezifisch Dichterische nicht kausal aus etwas anderem abgeleitet, also nicht als die Wirkung

|| 31 Von einer phänomenologischen Methode zu sprechen, wie es Manon Maren-Grisebach tut, ist in der Literaturwissenschaft nicht mehr üblich. Vgl. Fricke 1991a, S. 171f. Daran anschließend Vogt 2008, S. 207–209. 32 Kommerell 1940, Vorwort (zit. nach Grisebach 1970, S. 41). Diese Vorstellung hält sich hartnäckig; vgl. etwa Kaleri 1999, S. 237f. 33 Vgl. auch Eykman 1977. 34 Wenn Eykman von einer neuen, differenzierteren Betrachtungsweise der Phänomenologie in der Literaturwissenschaft spricht, so scheint er vor allem die 1970 erschienene Dissertation von Erwin Leibfried vor Augen zu haben. Leibfried hatte dort in kritischer Auseinandersetzung mit Staiger und in dezidiertem Rückgriff auf Husserl eine phänomenologisch fundierte Hermeneutik als Grundlage der Literaturwissenschaft zu entwickeln versucht (vgl. Leibfried 1970). Zugleich betont aber Eykman, dass Ingardens Das literarische Kunstwerk nach wie vor die „einzige breitangelegte, in Husserls Sinne phänomenologische Literaturtheorie“ sei (Eykman 1976, S. 26). Auch Gerhard Pasternack sieht Mitte der 70er Jahre in Ingarden und Leibfried die wichtigsten Vertreter einer phänomenologischen Literaturwissenschaft (vgl. Pasternack 1975, S. 56–70).

118 | Zu den Sachen selbst! Phänomenologie und werkimmanente Interpretation

einer Ursache erklärt werden könne.35 Seine Literaturauffassung hat somit einen anti-positivistischen Grundzug. Ebenso vehement wendet er sich aber gegen die Geistesgeschichte, wie sie von seinem Züricher Mentor Emil Ermatinger vertreten wurde, d. h. vor allem gegen die Vorstellung, dass das Werk aus der Weltanschauung des Dichters heraus verstanden werden müsse.36 Staiger zufolge verzichtet nämlich die Literaturwissenschaft auf ihre Autonomie, sobald sie überhaupt ihren Gegenstand auf etwas anderes zurückzuführen versucht: „[W]as den Literaturhistoriker angeht, ist das Wort des Dichters, das Wort um seiner selbst willen, nichts was irgendwo dahinter, darüber oder darunter liegt. […] [W]as uns der unmittelbare Eindruck aufschließt, ist der Gegenstand literarischer Forschung; daß wir begreifen, was uns ergreift, das ist das eigentliche Ziel aller Literaturwissenschaft.“37 Doch wenn man das Dichterische – so Staiger weiter – nicht erklären kann, wie hat man dann als Literaturwissenschaftler eigentlich zu verfahren? In diesem Zusammenhang beruft er sich bemerkenswerterweise auf das ontologische Schichtenmodell Nicolai Hartmanns. Ihm geht es dabei nicht – wie Emilio Betti – um eine theoretische Implementierung von Hartmanns Ontologie, sondern lediglich um dasjenige, was Hartmann im Rahmen seines Modells als die relative Autonomie der einzelnen Seinsschichten bezeichnet hatte. Hartmann hatte nämlich hervorgehoben, dass jede ontologische Schicht ein ‚kategoriales Novum‘ aufweist, womit sie trotz ihrer ontischen Abhängigkeit nicht qualitativ auf ihr ontisches Fundament zurückgeführt werden könne. So ist es z. B. für Hartmann unmöglich, Leben (Schicht 2) aus unorganischem Sein (Schicht 1) abzuleiten oder zu erklären, auch wenn es Leben ohne unorganisches Sein nicht geben kann. Staiger zitiert folgende Stelle aus Das Problem des geistigen Seins: Erklären […] läßt sich nur das Zusammengesetzte und Heteronome. Der Geist aber hat unbeschadet seines Aufruhens und seiner Daseinsabhängigkeit den Charakter der vollsten Eigengesetzlichkeit. ‚Erklären‘ kann man ihn überhaupt nicht. Man kann an ihm nur beschreibend seine Wesenszüge aufzeigen.38

Aus einer Zurückweisung von kausalen Erklärungen im Bereich der Literatur ergibt sich so für Staiger eine deskriptive Vorgehensweise: „Hier öffnet sich […]

|| 35 Vgl. Staiger 1939, S. 12f.; ferner Staiger 1963, S. 10: „Jeder phänomenologisch Gebildete […] weiß, was von den theoretischen, postulierten und konstruierten Kausalitäten zu halten ist“; außerdem Staiger 1951a, S. 17; Staiger 1952, S. 4. 36 Zum Verhältnis von Staiger und Ermatinger vgl. Weimar 2003. 37 Staiger 1939, S. 11. Vgl. auch Staiger 1951a, S. 7. 38 Hartmann 1933, S. 54 (zit. nach Staiger 1939, S. 13).

‚Phänomenologie‘ und ‚Werkimmanenz‘ als äquivoke Ausdrücke | 119

der Weg, auf dem wir der Verlegenheit entgehn: Beschreiben statt erklären!“39 Und was der Literaturwissenschaftler zu beschreiben hat, ist nichts anderes als „das Wort des Dichters selbst, das Wort, der Anfang und das Ende seiner Wissenschaft, die stark genug ist, in sich selbst zu ruhen“.40 Wenn Staiger auf Hartmann zurückgreift, dann greift er auf einen Philosophen zurück, der in dieser Zeit breit rezipiert und auch weithin als Phänomenologe wahrgenommen wurde. Noch entscheidender ist aber hier die Tatsache, dass Staiger in programmatischer Weise von einer phänomenologischen Schlüsselvokabel Gebrauch macht: Es soll in der Literaturwissenschaft um Deskription gehen. Zudem zitiert Staiger affirmativ eine Passage aus Heideggers Sein und Zeit, wobei er das Zitat aufgreifend hinzusetzt: „‚Aus den Sachen selbst!‘ So gehen auch wir an die Untersuchung heran […].“41 Wenige Zeilen darauf spricht er im Hinblick auf den eigenen Ansatz explizit von einer „Phänomenologie der Literatur“.42 Später, nämlich in seiner 1946 erschienenen Studie Grundbegriffe der Poetik hat sich Staiger an exponierter Stelle auf Husserl berufen.43 Also: Dass man die werkimmanente Interpretation mit der Phänomenologie assoziiert hat, ist nicht weiter verwunderlich. Geklärt ist aber damit tatsächlich noch lange nicht, ob und ggf. in welcher Weise die Phänomenologie in interpretationstheoretischer Hinsicht als Bezugstheorie fungiert. Denn die Attraktivität einer ‚phänomenologischen‘ Vorgehensweise muss nicht unbedingt theoretischer oder methodologischer Natur sein. Im Hinblick auf die „Rückkehr zur Autonomie-Ästhetik“44 nach 1945 dürften die politischen und gesamtgesellschaftlichen Umstände eine wichtige Rolle gespielt haben. Wenn man hier den interpretationstheoretischen Stellenwert der Phänomenologie eruieren will, dann bleibt einem also nichts anderes übrig, als die einzelnen ‚werkimmanenten‘ Interpretationskonzeptionen zu rekonstruieren. Diese Interpretationskonzeptionen überhaupt zu identifizieren, wird freilich dadurch erschwert, dass der Ausdruck ‚werkimmanent‘ äquivok ist. Auch wenn es in diesem Sinne vielleicht nicht von vornherein als ausgemacht gelten kann, wodurch eine ‚werkimmanente‘ Interpretationskonzeption gekennzeichnet ist, so gibt es „zumindest zwei verläßliche Wegweiser zur Bestimmung des werk-

|| 39 Staiger 1939, S. 13. Eine erkenntnistheoretische Wende von der Erklärung zur Deskription gibt es im Übrigen nicht nur in den Geisteswissenschaften. Vgl. hierzu Majer 1985, S. 47. 40 Staiger 1939, S. 13. 41 Staiger 1939, S. 18. 42 Staiger 1939, S. 18. 43 Vgl. Staiger 1946, S. 8. 44 Spree 2003, S. 836.

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immanenten Interpretierens“,45 nämlich Emil Staiger und Wolfgang Kayser. Mit Blick auf die Rezeption der Phänomenologie kommt aber eigentlich nur Staiger in Frage, da sie beim Eklektiker Wolfgang Kayser keine tragende Funktion hat.46 Der Titel seines Hauptwerks – Das sprachliche Kunstwerk – könnte als Reminiszenz an Ingardens Das literarische Kunstwerk zu verstehen sein. Wirklich belastbar ist diese Assoziation allerdings nicht. In den 1920er Jahren erscheinen nämlich mehrere Poetiken mit ähnlichen Titeln, etwa Emil Ermatingers Das dichterische Kunstwerk (1921), Emil Winklers Das dichterische Kunstwerk (1924) und Oskar Walzels Das Wortkunstwerk (1926).47 Kaysers Titelwahl lässt sich also nicht ohne weiteres als Anspielung auf Ingarden, geschweige denn auf die Phänomenologie identifizieren. Zwar lassen sich gewisse Ähnlichkeiten zwischen Ingardens und Kaysers Literaturauffassungen feststellen, diese sind aber nicht spezifisch phänomenologisch, sondern zeugen eher allgemein von einem ähnlichen Kunstverständnis. Überhaupt wird Ingarden in Das sprachliche Kunstwerk nur ein einziges Mal erwähnt, und zwar an einer eher marginalen Stelle, die ihn kaum als zentralen Einflussfaktor ausweist.48 Bei Staiger hingegen verhält es sich anders. In seiner Gattungspoetik und Interpretationstheorie spielt die Phänomenologie sehr wohl eine Rolle. Aber welche Rolle? Und welche Phänomenologie?

4.2 Stil und Welt. Emil Staiger liest Martin Heidegger In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1959, der Martin Heidegger zum 70. Geburtstag gewidmet ist, berichtet Emil Staiger, dass ihm im Jahr 1936 eine Erkenntnis gekommen sei, die ihn seither in allen seinen literaturwissenschaftlichen Arbeiten begleitet habe: „daß die Zeit, wie Heidegger sie in ‚Sein und Zeit‘ und in ‚Kant und das Problem der Metaphysik‘ als Wesen des menschlichen Daseins darstellt, als Einbildungskraft des Dichters der Grund sei, aus dem sich die Einheit im Mannigfaltigen einer Dichtung verstehen lasse […].“49 In diesem retrospektiven Bekenntnis deutet sich nicht nur an, welche Bedeutung Heideggers Philosophie bereits in den 1930er Jahren für Staiger hatte. Es ist darüber hinaus in zweierlei Hinsicht aufschlussreich: Zum einen bildet nämlich diese || 45 Danneberg 1996, S. 314. 46 Zu Kayser als Eklektiker vgl. Richter 2010a, S. 242–245. 47 Zu diesen Poetiken vgl. Richter 2010b. 48 Vgl. Kayser 1948, S. 17; ferner den bibliographischen Eintrag auf S. 389. Eine Verbindung zur Phänomenologie wird hergestellt etwa von Heydebrand/Winko 1996, S. 259. 49 Staiger 1959b (ohne Paginierung).

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„Einheit im Mannigfaltigen“ – in einem noch zu klärenden Sinne – eine grundlegende Prämisse von Staigers Interpretationskonzeption; und zum anderen weist Staiger hier auf den (oft vernachlässigten) Umstand hin, dass seine literaturwissenschaftlichen Arbeiten tatsächlich in einem übergreifenden Zusammenhang stehen. So sei Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters aus dem Jahr 1939 zunächst ein Versuch gewesen, die sogenannten ‚Zeitekstasen‘ in Heideggers Sein und Zeit zur Grundlage der Interpretation einzelner Texte zu machen.50 Schon in der Überschrift seines Buches – so Staiger weiter – kündigte sich aber auch „der Glaube“ an, „daß Martin Heidegger durch die Erhellung der ursprünglichen Zeit ein zuverlässiges Fundament der Geisteswissenschaften gelegt und also geleistet habe, was Wilhelm Dilthey noch schuldig geblieben war“.51 Damit waren Staiger zufolge „[z]wei große Aufgaben“ gestellt, zum einen im Hinblick auf „die historische […] Interpretation poetischer Werke“, zum anderen im Hinblick auf „die systematische Literaturwissenschaft“,52 was in diesem Fall Gattungspoetik heißt. Eine Gattungspoetik hat Staiger 1946 mit seinen Grundbegriffen der Poetik vorgelegt. In Anspielung auf Heideggers ‚Fundamentalontologie‘ in Sein und Zeit spricht er hier von einer „Fundamentalpoetik“.53 Sein gattungstheoretisches Ziel besteht darin, das Wesen des Lyrischen, Epischen und Dramatischen als „a priori erfaßte Ideen“ zu bestimmen,54 wobei er diese Begriffe wiederum als „literaturwissenschaftliche Namen für fundamentale Möglichkeiten des menschlichen Daseins überhaupt“ betrachtet.55 In diesem Sinne hat Staiger seine Gattungspoetik als „ein[en] Beitrag der Literaturwissenschaft an die philosophische Anthropologie“ konzipiert.56 Hier berührt sie sich auch, wie Staiger selbst hervorgehoben hat, mit den Analysen in Die Zeit als Einbildungskraft des || 50 Hierauf verweist auch Wögerbauer 2000, S. 243, Anm. Streng genommen verhält es sich aber bei Staiger umgekehrt: Die Texte werden nicht mit Heidegger interpretiert, vielmehr soll die Textinterpretation die temporale Grundstruktur des menschlichen Daseins illustrieren. Vgl. Staiger 1939, S. 212: „Nicht Brentano, Goethe oder Gottfried Keller sind die Gegenstände unserer Untersuchung, sondern Abwandlungen der Zeit.“ 51 Staiger 1959b (ohne Paginierung). Wenig plausibel erscheint vor diesem Hintergrund die Ansicht, dass der Heidegger-Bezug bei Staiger lediglich von sekundärer Bedeutung ist (vgl. Böschenstein 1996, S. 269). 52 Staiger 1959b (ohne Paginierung). 53 Staiger 1946, S. 10. 54 Staiger 1946, S. 143. Gerade mit Blick auf die Idealität der Bedeutung der drei Ausdrücke ‚lyrisch‘, ‚episch‘ und ‚dramatisch‘ bezieht sich Staiger auf Husserls Logische Untersuchungen. Vgl. dazu Kaleri 1993, S. 117; ferner Allemann 1987. 55 Staiger 1946, S. 148. 56 Staiger 1946, S. 10.

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Dichters,57 wo es eingangs heißt: „Die Literaturgeschichte steht, wie alle Geisteswissenschaften, unter der Frage: ‚Was ist der Mensch?‘“58 Diese mit Heideggers Phänomenologie imprägnierte Gattungstheorie/Anthropologie lässt sich nun allerdings von Staigers Interpretationstheorie weitgehend abkoppeln. In ganz anderer Weise hat nämlich seine Heidegger-Lektüre in der ‚Kunst der Interpretation‘ Niederschlag gefunden. Natürlich dürften grundsätzlich die Ziele des Interpreten betroffen sein, wenn über jeder Beschäftigung mit Literatur die Frage schwebt, was überhaupt der Mensch sei.59 Staigers Interpretationstheorie setzt aber nicht etwa die Gattungspoetik systematisch voraus. Die genannten „große[n] Aufgaben“ der Literaturwissenschaft sind bei Staiger zwar verwandt, lassen sich aber analytisch voneinander trennen. So betont er auch selbst: Wer seine Gattungspoetik im Hinblick auf die „anthropologische Frage liest, kommt sicher besser zurecht, als wer sich fragt, wie eine solche Poetik bei literaturhistorischen Arbeiten nützlich werden kann“.60 Sowohl in Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters als auch in Die Kunst der Interpretation hat Staiger mit Blick auf den hermeneutischen Zirkel auf Heideggers Sein und Zeit verwiesen. Wie Andrea Polaschegg überzeugend herausgearbeitet hat, ist hier jedoch die Bezugnahme auf Heidegger mit einem Fragezeichen zu versehen.61 Längst hat uns die Hermeneutik gelehrt, daß wir das Ganze aus dem Einzelnen, das Einzelne aus dem Ganzen verstehen. Das ist der hermeneutische Zirkel, von dem wir heute nicht mehr sagen, daß er an sich ‚vitiosus‘ sei. Wir wissen aus Heideggers Ontologie, daß alles menschliche Erkennen sich in dieser Weise abspielt. […] Wir haben den Zirkel also nicht zu vermeiden; wir haben uns zu bemühen, richtig in ihn hineinzukommen. Wie vollzieht sich der hermeneutische Zirkel der Literaturwissenschaft?62

In Sein und Zeit war Heidegger davon ausgegangen, dass der Mensch sich immer schon handelnd und verstehend in der Welt bewegt, bevor er überhaupt

|| 57 Vgl. Staiger 1946, S. 10. Vgl. hierzu auch Böschenstein 1996, bes. S. 268; Richter 2010a, S. 240. 58 Staiger 1939, S. 9. Auch wenn hier die Bezugnahme auf Heidegger eindeutig ist, verbindet man die Formulierung meist mit Kant. Vgl. die berühmten vier Fragen in der Einleitung zur Logik: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? 59 Vgl. hierzu auch Staiger 1963, S. 14. 60 Staiger 1948, S. 294. Es handelt sich hier um einen Vortrag, der in der zweiten Auflage der Grundbegriffe der Poetik als Nachwort aufgenommen wurde. 61 Vgl. im Folgenden Polaschegg 2007, S. 87–92. 62 Staiger 1951a, S. 9.

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etwas Spezifisches erkennt und versteht. Die Pointe an seinem Verstehens- und Auslegungsbegriff ist so gerade, dass es kein Außerhalb der durchweg prozessualen Zirkelhaftigkeit des Verstehens gibt, womit es auch unsinnig wäre, in den hermeneutischen Zirkel richtig hineinkommen zu wollen.63 Staiger legt hier eigentlich eine Vorstellung vom hermeneutischen Zirkel zugrunde, die mit Heideggers Philosophie recht wenig zu tun hat. Überhaupt nimmt er ein Problem in den Blick, für das sich Heidegger nicht wirklich interessiert. Staigers Konzeption vom hermeneutischen Zirkel ist diejenige von Wilhelm Dilthey.64 Als unauflösliche Beziehung von Teil und Ganzem ist sie gerade nicht von Heideggers Fundamentalontologie her gedacht. Vielmehr hat Staiger ein Textganzes vor Augen, das interpretiert und verstanden werden soll. Vermutlich beruft er sich hier auf Heidegger, weil dieser ja gezeigt habe, dass die wechselseitige Bedingtheit von Teil und Ganzem kein Problem sei: Zirkelhaft gestalte sich schließlich jedes Erkennen. Mit Heidegger im Rücken kann Staiger so in gewisser Weise ein Strukturmoment des Verstehens entproblematisieren, um so ungestört den rechten Einstieg zu finden – wenn nicht in den hermeneutischen Zirkel, so zumindest in seine eigene Argumentation. Jenseits der Frage nach konkreten Bezugstheorien hat Lutz Danneberg die tragenden theoretischen Vorannahmen der werkimmanenten Interpretation rekonstruiert. Als zentral stellt Danneberg vor allem den ästhetischen Charakter des zu interpretierenden Werks heraus, wobei ein Bündel von Maximierungsannahmen zur Orientierung der Interpretation wirksam werde. Das heißt: Dem Text werden von vornherein ästhetische Eigenschaften zugeschrieben, wobei die Maximierung der vorausgesetzten ästhetischen Eigenschaften zum Kriterium für den richtigen Interpretationsweg wird.65 Diese ästhetischen Eigenschaften machen für Staiger in gewisser Weise die Literarizität der Literatur aus. Sie bilden den Kern dessen, was nicht abgeleitet, was nicht kausal auf etwas anderes zurückgeführt werden kann. „Nur wenn das Gebilde Mängel aufweist“, schreibt Staiger, „sind wir genötigt, Gründe zu nennen. Wenn dem Dichter sein Werk geglückt ist, trägt es keine Spuren seiner Entstehungsgeschichte mehr an

|| 63 Diese Formulierung gibt es bemerkenswerterweise auch bei Heidegger selbst. Andrea Polaschegg spricht diesbezüglich nicht ohne Ironie von einem „Kollateralschaden des rhetorischen Überschwangs“ (Polaschegg 2007, S. 90). Zu Heideggers philosophischer Hermeneutik vgl. Grondin 2001, Kap. V. 64 Vgl. Staiger 1939, S. 17. 65 Vgl. Danneberg 1996, bes. S. 316–318. Danneberg rekonstruiert die Bedeutungszuschreibung als ein komplexes Verfahren metaphorischer Exemplifikation und weist zugleich auf die Schwierigkeiten hin, die sich mit diesem Verfahren verbinden.

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sich.“66 Erklären lassen sich für Staiger also nur die Fehler, die schlechter Literatur anhaften, nicht aber die Eigenschaften des ästhetisch wertvollen Kunstwerks. Sie werden vielmehr vorausgesetzt, durch Beschreibung aufgezeigt und dann wiederum als Beleg für die ästhetische Qualität des Textes gewertet. Dass der ästhetische Charakter der Literatur im Zentrum steht, bedeutet für Staiger allerdings nicht, dass die Historizität des Textes keine Rolle spielt. Immer wieder hat Staiger betont, dass es „barer Hochmut“ sei, „sich […] auf den Text beschränken zu wollen“.67 Das gesamte Kontextwissen über den Autor, die Entstehungszeit des Werks, die konkreten Entstehungsbedingungen etc. soll allerdings nur eine heuristische Funktion haben.68 Letztlich wird also die Interpretationsarbeit nicht als eine historisierende Text-Kontext-Verknüpfung konzeptualisiert. Das Kontextwissen kann Staiger zufolge nur „bis zur Pforte des Dichterischen geleiten“, wobei „die eigentlich literaturwissenschaftliche Arbeit erst beginnt, wenn wir bereits in die Lage eines zeitgenössischen Lesers versetzt sind“.69 Erst in der Verknüpfung von Textbeobachtungen, im Herausarbeiten von Form-Inhalt-Korrespondenzen, von kompositorischer Raffinesse etc. zeigt sich die berühmt-berüchtigte ‚Kunst der Interpretation‘. In seiner Interpretationstheorie ist Staiger nicht zuletzt darum bemüht, die Literaturwissenschaft auf einem Fundament zu errichten, das „dem Wesen des Dichterischen gemäß ist“.70 Bekanntlich soll es sich hierbei um ein „unmittelbare[s] Gefühl“, sogar um „[d]as allersubjektivste Gefühl“, um einen „unmittelbaren Sinn für Dichtung“ handeln.71 Diese Auffassung hat Staiger viel Kritik eingebracht. Selten wurde aber beachtet, dass sie aufs Engste mit der weit weniger kontroversen Annahme zusammenhängt, dass das spezifisch Literarische, nämlich das Ästhetische an der Literatur nicht kausal aus etwaigen Entstehungsbedingungen abgeleitet werden könne. In Die Kunst der Interpretation fragt Staiger rhetorisch:

|| 66 Staiger 1951a, S. 17. Vgl. zu diesem Aspekt Danneberg 1996, S. 325. 67 Staiger 1951a, S. 14; vgl. auch S. 15. Vgl. ferner Staiger 1952, S. 8; Staiger 1961, bes. S. 355– 357; Staiger 1962, S. 1; Staiger 1963, S. 7f. 68 Vgl. Danneberg 1996, S. 317: „Das gesamte zum Interpretandum angesammelte Wissen erfüllt für den werkimmanenten Interpreten in zweifacher Weise eine (lediglich) heuristische Aufgabe: Es soll ihn zu Bedeutungs- und Formelementen der analysierten Dichtung führen, aber auch seine interpretatorische Willkür beschränken.“ 69 Staiger 1939, S. 12. 70 Staiger 1951a, S. 10. 71 Staiger 1951a, S. 10. Zu Staiger und der ‚Emotionsgeschichte‘ der Literaturwissenschaft vgl. Martus 2007b.

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Was nehmen wir denn bei der ersten Begegnung mit Dichtungen wahr? Es ist noch nicht der volle Gehalt, den erst ein gründliches Lesen erschließt. Es sind auch nicht nur Einzelheiten, obwohl sich Einzelnes sicher schon einprägt. Es ist ein Geist, der das Ganze beseelt und – wie wir deutlich fühlen, ohne daß wir schon Rechenschaft ablegen könnten – sich rein in den einzelnen Zügen bewährt. „Rhythmus“ nenne ich dieses Gefühl, und zwar in dem besonderen Sinn, den Gustav Becking in seinem Buch ‚Der musikalische Rhythmus als Erkenntnisquelle‘ dargestellt hat.72

Entscheidend ist hier eigentlich nicht vorwiegend die Frage, ob sich subjektive Gefühle mit Wissenschaftlichkeit vertragen. Entscheidend ist vielmehr, was der Gegenstand des Gefühls ist und was nicht, worauf sich also jener unmittelbare Sinn für Dichtung bezieht. Der Gegenstand des Gefühls ist nach Staiger „ein Geist, der das ganze beseelt“ – womit man wieder bei der „Einheit im Mannigfaltigen“ wäre, von der Staiger später in seinem Geburtstagsgruß an Martin Heidegger sprechen sollte. Aufschlussreich ist hier außerdem der Verweis auf Gustav Becking. In dem von Staiger genannten Buch73 präsentiert der Philosoph und Musikwissenschaftler Becking eine Stiltypologie bzw. eine stilorientierte Klassifikation von Komponisten. Wenn man etwa Werke – so Becking – von Händel, Beethoven oder Wagner hört und sich von ihnen ganz erfüllen lässt, wird man unwillkürlich den Taktstock zu schwingen beginnen, aber je nach Stil immer anders. Die Aufzeichnung der vom Taktstock gezeichneten Linie nennt Becking eine ‚Schlagfigur‘, und wie jeder Komponist einen eigenen ‚Rhythmus‘ habe, so wird er auch eine charakteristische Schlagfigur haben. Diese Schlagfigur ist, wie Staiger hierzu schreibt, „der sichtbar gewordene Rhythmus, der eine Fuge oder Sonate durchherrscht“,74 also in gewisser Weise eine Chiffre für den Personalstil des jeweiligen Komponisten. Denn gemeint ist eben „nicht eine Folge von Schlägen […], sondern die Art des ‚Schlagens‘ selbst“, verstanden als eine „Urbewegung des Daseins, die nicht weiter erklärbar ist, weil sie ihrerseits alles erklärt“.75 Bei Becking findet sich folgende Tabelle, in der verschiedene Schlagfiguren gruppiert und die betreffenden Komponisten mit Blick auf ihren Stil verglichen werden:

|| 72 Staiger 1951a, S. 11. 73 Becking 1928. 74 Staiger 1951a, S. 11. 75 Staiger 1945, S. 191. Zum Rhythmusbegriff vgl. auch Allemann 1957, S. 9, 11, 23, 42–45, 72– 82. Eine ähnliche Funktion scheint im Übrigen der Rhythmusbegriff schon bei Dilthey in Das Erlebnis und die Dichtung, insbesondere im dortigen Hölderlin-Aufsatz, zu haben, wenn wiederholt vom „Rhythmus des Lebens“ die Rede ist (Dilthey 1910a, etwa S. 276).

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Abb. 1: Becking 1928.

Den Rhythmusbegriff von Becking sucht nun Staiger (mit entsprechenden Modifikationen) auch für die Literaturwissenschaft bzw. für die Interpretationstheorie fruchtbar zu machen. Wesentlich ist dabei die Auffassung, dass der Personalstil des Dichters „den Aufbau, ja die ganze innere Struktur von Kompositionen bestimmt“.76 Diese innere Struktur des einzelnen Werks, die mit dem Rhythmus/Personalstil nicht identisch ist, nennt Staiger einfach Stil: „Auf dem Rhythmus also beruht der Stil einer musikalischen Schöpfung. Und ebenso beruht auf dem Rhythmus der Stil eines dichterischen Gebildes.“77

|| 76 Staiger 1951a, S. 11. 77 Staiger 1951a, S. 11. Der Stil gründet zwar in gewisser Weise im Rhythmus (vgl. etwa Staiger 1963, S. 20; Staiger 1959a, S. 474), es wäre aber missverständlich zu behaupten, dass der Stil aus dem Rhythmus abgeleitet wird (vgl. Polaschegg 2007, S. 99). Inkonsistent wäre es auch, den Rhythmus mit dem Gefühl zu identifizieren, auch wenn Staigers eigene Formulierung dies nahelegt. Staigers Begriffsverwendung ist nicht ganz einheitlich. Er unterscheidet aber grundsätzlich zwischen dem Stil eines einzelnen Werks, dem Stil eines Autors und dem Stil einer

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Auf eine rhetorische Frage, was nun der Stil eigentlich sei, antwortet Staigers wie folgt: „Wir nennen Stil das, worin ein vollkommenes Kunstwerk […] übereinstimmt.“78 Oder wie es an anderer Stelle heißt: „Im Stil ist das Mannigfaltige eins. […] Kunstgebilde sind vollkommen, wenn sie stilistisch einstimmig sind.“79 Vor diesem Hintergrund bestimmt Staiger dann die Zielsetzung des Interpreten folgendermaßen: „Ich habe nachzuweisen, daß und wie es [scil. das Kunstwerk] in sich selber stimmt. Der Gegenstand meiner Interpretation ist sein unverwechselbar eigener Stil.“80 Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass der Stil als einheitsstiftendes Prinzip selbst nicht zu beobachten ist. Er ist vielmehr das „Unaussprechlich-Identische meiner Beobachtungen“.81 Als Interpret kann man somit lediglich, mit einer Formulierung von Werner Wögerbauer, die „wechselseitige Resonanz der Erscheinungen“ aufzeigen,82 d. h. beschreibend auf den Fluchtpunkt hindeuten, in dem die heterogenen Elemente des Textes in eins sind. Auch wenn also die Einstimmigkeit selbst keine beobachtbare Texteigenschaft darstellt, ist sie nach Staiger jedoch dem Gefühl zugänglich – und just in diesem Sinne hat das Gefühl des Interpreten als Basis der wissenschaftlichen Interpretation zu fungieren. Ohne ein initiales Gefühl kommt die Interpretationsarbeit nicht ins Rollen, wissenschaftlich wird die Interpretation für Staiger aber erst mit dem Nachweis, „wie alles im Ganzen und wie das Ganze zum Einzelnen stimmt“.83 Das zunächst undeutliche, sowohl fehlbare als auch korrigierbare Gefühl ist hier insofern unentbehrlich, als es die Wahrnehmung lenkt und die Analyse anleitet: „Ohne die erste noch vage Begegnung nähme ich überhaupt nichts wahr. Ich sähe die Ordnung des Kunstwerks nicht. Ich wüßte nicht, was bedeutsam ist.“84 Letztlich erweist sich die Interpretation dann als richtig, wenn sich die Einstimmigkeit mit Evidenz einstellt.85 || Epoche (vgl. Staiger 1963, S. 11; Staiger 1968, S. 1). Zu Stil und Rhythmus vgl. auch Salm 1970, S. 77. 78 Staiger 1951a, S. 11. 79 Staiger 1951a, S. 12. 80 Staiger 1951a, S. 15. Vgl. auch Staiger 1952, S. 8. Zu Staigers Stilbegriff vgl. ferner Stockinger 2007, S. 70; Lüders 2011, S. 61–63; Kaleri 1993, Kap. 5.1; Kurz 1999, bes. S. 56. 81 Staiger 1951a, S. 19 82 Wögerbauer 2000, S. 244. 83 Staiger 1951a, S. 12; wenige Zeilen davor heißt es: „Auf dieser Stufe scheidet sich der Forscher von dem, der nur Liebhaber ist.“ Vgl. außerdem Staiger 1952, S. 11. 84 Staiger 1951a, S. 12. 85 Vgl. Staiger 1951a, S. 16: „Bin ich auf dem rechten Weg, hat mein Gefühl mich nicht getäuscht, so wird mir bei jedem Schritt, den ich tue, das Glück der Zustimmung zuteil. Dann fügt sich alles von selber zusammen. Von allen Seiten ruft es: Ja! Jeder Wahrnehmung winkt eine

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Während Staiger den Rhythmusbegriff von Gustav Becking übernimmt, ist der Stilbegriff an Martin Heideggers Weltbegriff angelehnt. In einem 1945 erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Versuch über den Begriff des Schönen“ bemerkt Staiger mit explizitem Verweis auf Heidegger, „dass die Ontologie Welt nennt, was in der Ästhetik ‚Stil‘ heisst. Stil ist Welt in ästhetischer Hinsicht“.86 Auch wenn der Titel von Staigers Aufsatz eher philosophisch anmutet, tritt er mit aller Deutlichkeit als Literaturwissenschaftler auf. Unmissverständlich heißt es eingangs: „Ich gehe aus von der gegenwärtigen Lage der Literaturwissenschaft.“87 Den Weltbegriff, auf den sich Staiger bezieht, hat Heidegger vor allem in zwei Vorträgen entwickelt: „Vom Wesen des Grundes“ (1929) und „Der Ursprung des Kunstwerks“ (1935). Letzteren hat Heidegger auch im Januar 1936 in Zürich gehalten, mit Staiger im Publikum.88 Bei Heidegger gehört dabei der Weltbegriff mit einem weiteren Begriff untrennbar zusammen: Erde. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1944 über „Die neuere Entwicklung Martin Heideggers“ hat Staiger diese beiden Begriffe folgendermaßen beschrieben: „‚Welt‘ bedeutet […] den Sinnzusammenhang, in dem das Seiende erst vernehmlich wird […]. ‚Erde‘ bedeutet das Seiende, in dem sich dieser Sinn erfüllt.“89 Ähnlich heißt es ein Jahr später im „Versuch über den Begriff des Schönen“: „Alles Seiende ist nur innerhalb einer bestimmten Welt zugänglich. ‚Welt‘ bedeutet nicht die Summe des Seienden überhaupt, sondern den Sinnzusammenhang, in dem es artikulierbar wird“.90 || andere zu. Jeder Zug, der sichtbar wird, bestätigt, was bereits erkannt ist. Die Interpretation ist evident. Auf solcher Evidenz beruht die Wahrheit unserer Wissenschaft.“ Zum Gefühl als Basis der Interpretation vgl. auch Staiger 1942, S. 5; Staiger 1948, S. 285f. Zur Einstimmigkeit des Werks vgl. Staiger 1945, S. 192, 193; Staiger 1961, S. 357. Zur Evidenz als Richtigkeitskriterium vgl. Staiger 1961, S. 358; Staiger 1963, S. 8, 14. Vgl. auch den bekannten, eng an Staiger angelehnten Ansatz von Szondi 1962, etwa S. 280: „Evidenz […] ist […] das adäquate Kriterium, dem sich die philologische Erkenntnis zu unterwerfen hat.“ Aufgeriffen von Scherer 2005; Scherer 2006. Für eine Problematisierung der Evidenz als kulturwissenschaftliche Kategorie vgl. die Beiträge in Lethen/Jäger/Koschorke 2015. 86 Staiger 1945, S. 190. 87 Staiger 1945, S. 185. 88 Vgl. Wögerbauer 2000, S. 242f. 89 Staiger 1944 (ohne Paginierung). 90 Staiger 1945, S. 189. Man liest weiter: „Ich brauche nicht zu sagen, dass dieser Weltbegriff eine Erweiterung des Kantischen a priori darstellt. Kants a priori bezieht sich nur auf die Mathematik und die Naturwissenschaft. Seit Husserl und Scheler wissen wir aber, dass keine Erkenntnis, auch keine gefühls- oder stimmungsmässige, ohne a priorische Daten möglich ist. Und was die Phänomenologie in ausgebreiteter Forschung erarbeitet hat, schliesst Heideggers Weltbegriff einfach zusammen“ (Staiger 1945, S. 190). In diesem Sinne soll es sich – wie Staiger im Rekurs auf Max Scheler schreibt – um mehr als eine bloße „Bilderbuchphänomenologie“

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Analog zu Heideggers Weltbegriff ist der Stil bei Staiger ein Sinnzusammenhang, eine einstimmige Ordnung, die die einzelnen beobachtbaren Elemente des Textes überhaupt erst wahrnehmbar werden lässt. Erst im Hinblick auf diesen Zusammenhang gewinnen sie ihre Signifikanz.91 In einem bislang nicht publizierten, im Staiger-Nachlass in Zürich verwahrten Manuskript mit dem Titel „Der Begriff des Stils“ hat Staiger rückblickend darauf hingewiesen, dass Heideggers Weltbegriff für ihn persönlich an die Stelle des geistesgeschichtlichen Weltanschauungsbegriffs (im Sinne Ermatingers) getreten sei.92 Die eigentliche Pointe an diesem Stilbegriff ist dabei, dass sämtliche Elemente des Textes in gleicher Weise dem Stil unterliegen: Statt mit „warum“ und „deshalb“ zu erklären, müssen wir beschreiben, beschreiben aber nicht nach Willkür, sondern in einem Zusammenhang, der ebenso unverbrüchlich und inniger ist als der einer Kausalität. Wir finden den Stil in der sprachlichen Fassung; wir finden ihn in der Idee, im Motiv. Der stilistische Sinn der Weltanschauung hat keinen Vorrang vor dem des Reims, doch ebensowenig umgekehrt. Je vollkommener eine Dichtung ist, desto eher wird jede Erscheinung allen anderen ebenbürtig sein. Doch jede gewinnt ihren eigentümlichen Sinn nur im Zusammenhang.93

Mit dem Stilbegriff wendet sich Staiger so nicht zuletzt gegen eine bestimmte Auffassung von Form und Inhalt, gegen die „leidige Vorstellung eines Gefässes, in das ein Inhalt gegossen wird“.94 Staiger zufolge ist es eben nicht so, dass eine mehr oder weniger abstrakte Idee oder Weltanschauung im Werk ihren geformten Ausdruck findet: „Zur reinen Form der Anschauung ist der Weg vom Sprachlichen nicht weiter als vom Gedanken aus.“95 In einem kürzlich erschienenen Aufsatz haben Tobias Klauk und Tilmann Köppe die Rolle der ästhetischen Erfahrung in Staigers Interpretationskonzeption in den Vordergrund gerückt. Sie rekonstruieren das Gefühl im Sinne Staigers als eine ästhetische Erfahrung und betonen, dass „die ästhetischen Erfahrun-

|| handeln (Staiger 1948, S. 293; im Original in Anführungszeichen). Zum Weltbegriff vgl. ferner Staiger 1959a, S. 476f. 91 Zum Stil als „innere Kohärenz und Harmonie von Elementen eines Ganzen“ vgl. auch Betti 1955, S. 244 (mit Verweis auf Utitz 1911). 92 Vgl. hierzu Wögerbauer 2000, S. 245. Zur Gegenüberstellung von Welt und Weltanschauung vgl. auch Staiger 1945, S. 190. 93 Staiger 1951a, S. 17. 94 Staiger 1945, S. 191; vgl. auch S. 194. Zum Stilbegriff und zur Form-Inhalt-Problematik vgl. außerdem Staiger 1939, S. 16; Staiger 1944 (ohne Paginierung); Staiger 1951a, S. 16; Staiger 1959b (ohne Paginierung). 95 Staiger 1939, S. 206.

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gen eine Voraussetzung der Interpretation“ seien.96 Klauk und Köppe weisen auf einen wichtigen Punkt hin, wenn sie zeigen, dass der ästhetische Wert – und man müsste hinzufügen: die Ganzheit – des Textes in der ästhetischen Erfahrung angezeigt wird.97 Daraus folgt aber nicht, dass die Ganzheit in der ästhetischen Erfahrung ihre (einzige) Quelle hat. Wann man dazu berechtigt ist, eine ästhetische Einstellung einzunehmen und diese Ganzheit von vornherein zu unterstellen, bleibt bei Staiger offen.98 Gerade darauf kommt es aber an: dass es sich um eine unterstellte suprasummative Ganzheit handelt, um ein vorausgesetztes Maximum an Geschlossenheit und Kohärenz, die etwaige Form-InhaltHierarchien einebnet und dem Interpreten erlaubt, sämtliche Elemente des Textes (und deren Zusammenspiel) als Beweis für dessen ästhetische Qualität heranzuziehen. Staigers Rekurs auf Beckings Schlagfiguren und Heideggers etwas eigentümliche Terminologie mag aus literaturwissenschaftlicher Perspektive seltsam erscheinen, ist aber in gewisser Weise symptomatisch für das Problem, dass der Personalstil des Dichters (Rhythmus) und die Ganzheit des einzelnen Werks (Stil) sich nur schwer auf den Begriff bringen lassen. Dieses Problem hat Staiger genau gesehen.99 Im Nachwort seiner dreibändigen Goethe-Monographie hält er mit Blick auf seine Vorgehensweise fest: „Wir haben Goethe betrachtet in ständigem Hinblick auf eine Gesetzlichkeit, ein Allgemeines, das alles Besondere aufnimmt und zum Ganzen fügt, und zwar im Hinblick auf die Struktur der schöpferischen Einbildungskraft des Dichters, den ‚Rhythmus‘ seiner Existenz, der künstlerisch sich im ‚Stil‘ ausprägt.“100 Diese Gesetzlichkeit bei Goethe nennt Staiger Augenblick. Dass es sich um ein Zeit-Wort handelt, ist kein Zufall. Mit Heidegger und Kant begreift Staiger die – transzendentalphilosophisch, nicht objektiv-physikalisch verstandene – Zeit als die „allgemeinste Form der Anschauung“,101 weshalb er gerade temporale Begriffe für geeignet hält, den Stil eines Textes oder den Rhythmus des Dichters zu benennen. Diese Zeit-Wörter bilden ein Analogon zu den Schlagfiguren bei Becking, sind also lediglich „un-

|| 96 Klauk/Köppe 2017, S. 151. 97 Vgl. Klauk/Köppe 2017, S. 142. 98 Nicht aber die Frage, ob die Ganzheit dem Interpretandum oder der ästhetischen Erfahrung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Klauk/Köppe 2017, S. 146). Die Ganzheit wird bei Staiger dem Gegenstand zugeschrieben. 99 Vgl. Staiger 1951a, S. 16: „Den Stil des Gedichts an sich, der unser Gegenstand ist, vermögen wir […] nicht unmittelbar in Begriffe zu fassen.“ Vgl. auch Staiger 1959a, S. 479; Staiger 1963, S. 11. 100 Staiger 1959a, S. 474. 101 Staiger 1968, S. 2. Vgl. auch Staiger 1939, S. 206, 207, 212.

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entzifferte Hieroglyphen“ und „Symbol[e] für die schwebende Einheit des Gedichts“.102 In diesem Sinne ist im Übrigen auch der Titel Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters zu verstehen. Hier spricht Staiger ebenfalls vom Augenblick bei Goethe, zudem von einer reißenden Zeit bei Clemens Brentano und einer ruhenden Zeit bei Gottfried Keller. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Staiger sich vielfach von Heidegger hat inspirieren lassen.103 Mit Blick auf seine ‚werkimmanente‘ Interpretationskonzeption lässt sich dies nun weiter spezifizieren. Hier ist vor allem der Stilbegriff in Analogie zu Heideggers Weltbegriff zentral. Es fragt sich jedoch, inwieweit man davon sprechen kann, dass eine Phänomenologie im Sinne Heideggers – mitsamt allen Vorannahmen und etwaigen Implikationen – tatsächlich als Bezugstheorie implementiert wird. Denn die Unterstellung von Ganzheit könnte im Grunde genommen auch unabhängig von Heideggers Philosophie erfolgen. Letztlich handelt es sich hier wohl eher um isolierte Ähnlichkeitsrelationen, um ein flexibles Analogiedenken, wobei es nicht maßgeblich ist, ob bestimmte Begriffe (Sein, Zeit, Welt, Erde) im philosophischen Ursprungskontext tatsächlich belastbar sind. Einwände gegen Heideggers Ansatz im Rahmen der Philosophie würden sich nicht eo ipso auf die Plausibilität oder NichtPlausibilität von Staigers literaturwissenschaftlichem Ansatz auswirken. Was Heidegger und Staiger gemeinsam haben, ist eigentlich etwas anderes, nämlich so etwas wie ein Urvertrauen in die philosophische Leistungskraft und lebenserschließende Funktion der Kunst. Beide sehen die Kunst in einzigartiger Weise dazu befähigt, das Verhältnis zwischen Welt (Sinn) und Erde (Seiendem) auszuloten.104 Bereits in Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters hatte Staiger nicht ohne Emphase bemerkt: „[E]in Dichter überliefert seine Welt in seinem Wort.“105 Weil dem so ist, rechtfertigt sich gewissermaßen der genuin ästhetische Zugriff auf den Text, der keine kausale Erklärung und keine Ableitung aus den Entstehungsbedingungen duldet.106 An diesem Kunstverständnis hängt bei

|| 102 Staiger 1951a, S. 16. Vgl. auch Staiger 1959a, S. 478; Staiger 1963, S. 12. 103 Zu nennen sind hier auch zwei Aspekte, über die bereits viel geschrieben worden ist: der Briefwechsel zwischen Staiger und Heidegger über den Schlussvers von Mörikes Gedicht Auf eine Lampe (vgl. etwa Wild 2007; Wild 2012; Gelley 1962) sowie ihr jeweiliger Stimmungsbegriff (vgl. Wellbery 2003, S. 724–730). Hier gibt es auch eine Brücke zu aktuellen Diskussionen, da der Stimmungsbegriff zurzeit wieder Konjunktur hat (vgl. etwa Gumbrecht 2011; die Beiträge in Gisbertz 2011). 104 Vgl. Staiger 1959a, S. 476f. (mit Verweis auf Heidegger 1935). 105 Staiger 1939, S. 13; vgl. auch S. 15. 106 Bereits in seiner Züricher Antrittsvorlesung hatte Staiger folgendes Bekenntnis abgelegt: „Wir bekennen uns zu der Ueberzeugung, daß die Literaturwissenschaft überhaupt eine prak-

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Staiger letztlich die vielbeschworene Autonomie der Literaturwissenschaft. Es wurde oben die Frage aufgeworfen, inwieweit man sagen kann, dass die werkimmanente Interpretation in der Phänomenologie begründet oder angelegt ist. Die Antwort könnte nun etwa lauten: Auch wenn es sich um eine Hinwendung oder Rückkehr ‚zu den Sachen selbst‘ handeln mag, ist diese Rückkehr nur bedingt und nur in einem sehr spezifischen Sinne als phänomenologisch zu bezeichnen. Es besteht grundsätzlich Einigkeit darüber, dass Staigers Die Kunst der Interpretation ein „bedeutendes Dokument der germanistisch-literaturwissenschaftlichen Fachgeschichte“ darstellt,107 das allerdings der Vergangenheit angehört und kaum noch als anschlussfähig gelten kann. So wird es mitunter schlicht als „selbstverständlich“ angesehen, dass die werkimmanente Interpretation „bestenfalls von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse sein kann“.108 In der Tat würden wohl die wenigsten heutzutage ein subjektives Gefühl zur Grundlage der Literaturwissenschaft erheben wollen. Die Vorstellung, dass ein literarisches Werk vor allem ein ästhetisches Gebilde sei, ist aber keineswegs passé. Mit Blick auf das ästhetische Interesse an der Literatur weist Staigers Ansatz durchaus Ähnlichkeiten mit wertmaximierenden Interpretationskonzeptionen auf, die in der jüngeren Theoriedebatte eine große Rolle spielen.109 Und überholt ist auch nicht die Frage, was es heißt, die Einstimmigkeit oder Ganzheit des Interpretandums zu unterstellen. Sie ist vielmehr interpretationstheoretisch von höchster Relevanz und spielt auch eine wichtige Rolle in den aktuel-

|| tische Sendung habe, daß sie nicht nur für sich selbst, für Gelehrte und Literaten da sei, sondern nicht minder als jedes andere Schaffen im Dienste der Menschheit stehe – um dieses einst so große und heute so ausgelaugte Wort zu gebrauchen –, im Dienste Gottes, besser gesagt, des Geistes, der lebendig macht, in dem der wahre und ewige Teil dieser fraglichen Menschheit ruht“ (Staiger 1935, ohne Paginierung). An anderer Stelle bezeichnet Staiger den Stil als „die Seinsart des Lebens im Bereich der Kunst“ und fügt hinzu: „Alles andere ist Ballast, den über Bord zu werfen uns längst die Phänomenologie und Ontologie gelehrt hat“ (Staiger 1951b, S. 122). 107 Klauk/Köppe 2017, S. 135. 108 Polaschegg 2007, S. 108. Vgl. auch Teichert/Dutt 2015, S. 442: „Für Wissenschaftshistoriker der Germanistik […] wäre es zwar nicht abwegig, wohl aber wenig ergiebig, Emil Staigers Mörike-Interpretation daraufhin durchzusehen, wie sie die inzwischen auch längst zur Vergangenheit gewordene deutschschweizer Gegenwart der frühen 1950er Jahre mit der ihrerseits schwäbischen 1840er Jahren entstammenden ‚Welt‘ des Gedichts ‚Auf eine Lampe‘ vermittelt. Auch bei der angestrengtesten Bereitschaft wird man da nicht viel Interessantes finden […].“ Für eine fachgeschichtliche Einordnung der werkimmanenten Interpretation vgl. Klausnitzer 2007, S. 125–130. 109 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 229f. Zu den betreffenden Ansätzen vgl. vor allem S. 95–105.

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len Diskussionen um den Text- und Werkbegriff in den Philologien.110 In Staigers Interpretationskonzeption werden also Grundlagenprobleme sichtbar, die das Fach nach wie vor umtreiben. Inwieweit Heideggers Philosophie auch heute noch eine attraktive Bezugstheorie darstellt, wäre freilich eine eigens zu behandelnde Frage.111

|| 110 Vgl. die Beiträge in Danneberg/Gilbert/Spoerhase 2018. Für die Aktualität der werkimmanenten Interpretation argumentiert in anderer Weise auch Stockinger 2007, bes. S. 64. 111 Zu Heideggers Einfluss auf die Literaturwissenschaft vgl. Haverkamp 2013. Während die Forschung zu Heideggers Einfluss auf die im weitesten Sinne poststrukturalistische Literaturtheorie kaum mehr zu überblicken ist, wurde die frühe literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Heidegger bislang kaum aufgearbeitet (vgl. Richter 2010a, S. 220). Plausibel scheint aber vorerst folgende Beobachtung zu sein: „Solange er [scil. Heidegger] sich als Fundamentalontologe wenig oder gar nicht um Literatur bekümmerte, hat man ihm Aussagen über den Gegenstand der Literaturwissenschaft abverlangt. Doch sobald er sich über Dichtung äußerte und als Interpret in Erscheinung trat, da war er plötzlich nur noch Konkurrent beim Interpretieren, bewundert viel und viel gescholten“ (Weimar/Jermann 1984, S. 114).

5 Die phänomenologischen Grundlagen von Wolfgang Isers Theorie ästhetischer Wirkung Gleichsam unverhofft hat Wolfgang Iser in den letzten Jahren neue Aktualität erlangt, teils durch die Aufarbeitung seines Nachlasses,1 teils durch Diskussionen über die Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“,2 in theoretischer Hinsicht aber wohl vor allem durch die Bezugnahme auf die Konstanzer Rezeptionsästhetik im Rahmen der cognitive poetics. Da die „Annahmen der phänomenologischen Rezeptionsästhetik“ – so Ralf Schneider – durch diese an der Kognitionswissenschaft und der empirischen Leseforschung orientierte Forschungsrichtung „nicht revidiert, sondern präzisiert“ worden seien, sei „eine Neuformulierung der Rezeptionsästhetik als ‚kognitive Rezeptionstheorie‘ möglich geworden“.3 Gemeint ist hier jedoch nicht die Rezeptionsästhetik im Ganzen, sondern in erster Linie der Ansatz Wolfgang Isers.4 Dass Iser entscheidende Impulse von der Phänomenologie, insbesondere von Roman Ingarden empfangen hat, ist immer wieder akzentuiert worden, und zwar nicht erst in der literaturwissenschaftlichen Sekundärliteratur,5 sondern auch von Iser selbst, merkt er doch z. B. im Vorwort zu Der Akt des Lesens an, dass Ingarden für das dort anvisierte Unterfangen überhaupt erst das nötige „Diskussionsniveau“ geschaffen hätte.6 Im Vorwort zur englischen Übersetzung hat Iser dieses Buch als „a book of Germanic phenomenology“ bezeichnet,7 was auch insofern passend ist, als er explizit von einer „Phänomenologie des Le-

|| 1 Vgl. Iser 2013. 2 Vgl. zuletzt Boden/Zill 2017 (mit weiterführenden Hinweisen auf S. 10, 16); Amslinger 2017. 3 Schneider 2015, S. 253. Vgl. auch Hamilton/Schneider 2002. 4 Zur Rezeptionsästhetik: Gemeint ist damit meist jene literaturtheoretische Strömung, die sich Ende der 1960er Jahre an der neugegründeten Reformuniversität Konstanz herausbildete und als deren Hauptvertreter Wolfgang Iser und Hans Robert Jauß gelten. Als „literaturwissenschaftliches Programmwort“ (Pfeiffer 2003, S. 286) wurde der Ausdruck zuerst 1967 von Jauß verwendet. Kanonisierend dürfte die gleichnamige Textsammlung gewirkt haben, die 1975 von Rainer Warning herausgegeben wurde und in der sowohl Jauß als auch Iser mit mehreren Beiträgen vertreten sind. 5 Die Ansätze von Ingarden und Iser sind mehrfach miteinander verglichen worden, neulich von De Bruyn 2012, S. 95–147. Vgl. auch Zima 1991, S. 237–258; Ray 1984, S. 27–40; Brinker 1980. 6 Vgl. Iser 1976, S. 10. 7 Iser 1980, S. xii. Ob dies dem englischsprachigen Publikum gegenüber als eine ironische Geste intendiert war (vgl. De Bruyn 2012, S. 102), sei dahingestellt. https://doi.org/10.1515/9783110563023-005

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sens“ spricht.8 Neben Ingarden hat sich Iser auch auf Husserl sowie auf weitere phänomenologisch orientierte Philosophen und Wissenschaftler wie Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Paul Ricœur, Mikel Dufrenne, Georges Poulet und Alfred Schütz berufen. In Interviews hat er rückblickend seine Auseinandersetzung mit der Phänomenologie als besonders prägend hervorgehoben.9 Und dennoch ist es tatsächlich alles andere als evident, was an Isers Ansatz als phänomenologisch zu gelten hat, mithin worin etwa eine Verbindung von phänomenologischer Rezeptionsästhetik und kognitionswissenschaftlicher Leseforschung bestehen könnte. Denn Iser übernimmt und kombiniert auch Theoreme aus zahlreichen anderen Bereichen, z. B. aus der Sprechakttheorie, Systemtheorie, Gestaltpsychologie und strukturalistischen Linguistik.10 Wie im Folgenden zu zeigen ist, drängt sich hierbei die Frage auf, inwieweit der Theorieimport auch hermeneutische Implikationen hat und wie sich die Phänomenologie zu einem eventuellen interpretationstheoretischen Substrat von Isers Wirkungstheorie verhält.

5.1 Feindbild Interpretation „In place of a hermeneutics we need an erotics of art“ – mit diesem Satz aus Susan Sontags Essay Against Interpretation ließ Wolfgang Iser 1969 seine Konstanzer Antrittsvorlesung Die Appellstruktur der Texte beginnen. In Anspielung auf Emil Staiger und die mit ihm assoziierte werkimmanente Interpretation wendet sich Iser hier gegen eine „Kunst der Interpretation“,11 die einerseits Be-

|| 8 Iser 1976, Kap. III. Vgl. auch Iser 1972b (The Reading Process. A Phenomenological Approach). Iser hat diesen Aufsatz als eine Vorstudie bezeichnet; vgl. Iser 1976, S. 11. 9 Vgl. Boden 2003, S. 166, 167. 10 Vgl. Richter 1996, S. 521: „‚Der Akt des Lesens‘ ist in der Darstellung weder sehr bündig noch sehr klar. Zwar erweckt der enorme begriffliche Aufwand den Eindruck großer Genauigkeit, bei schärferem Hinsehen zeigt sich aber oft eine eigentümliche Vagheit. Die Frage, was Iser mit Zentralbegriffen wie ‚Textrepertoire‘, ‚impliziter Leser‘ oder ‚Leerstelle‘ genau meint, zwingt den Leser zu mühsamen Rekonstruktionen. Außerdem bezieht sich Iser, um seine Ideen zu entwickeln, auf eine Fülle heterogener Theorien und Denkmodelle und nötigt den Leser dadurch, die Begriffsoptik ständig neu zu justieren. So entwickelt Iser seine Überlegungen zum kommunikativen Status fiktionaler Texte mit Hilfe der Sprechakttheorie; Funktion und Wirklichkeitsbezug fiktionaler Texte erläutert er mit Hilfe der Luhmannschen Systemtheorie; zur Beschreibung der Sinnbildung im Leserbewußtsein benutzt Iser Konzepte der Gestaltpsychologie und Phänomenologie (in enger Anlehnung an Husserl und Ingarden).“ In diesem Sinne auch Gumbrecht 1977, S. 531f.; Zima 1991, S. 250, 257f. 11 Iser 1970, S. 229 (im Original in einfachen Anführungszeichen).

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deutung als etwas behandelt, was im Text selbst verborgen und dem Text einfach zu entnehmen wäre, und andererseits den Text auf die gehobene Bedeutung reduziert. Dagegen hält Iser fest: „Bedeutungen literarischer Texte werden überhaupt erst im Lesevorgang generiert; sie sind das Produkt einer Interaktion von Text und Leser und keine im Text versteckten Größen, die aufzuspüren allein der Interpretation vorbehalten bleibt.“12 Diese Feststellung ist zugleich Programm. Seine Antrittsvorlesung hat Iser als eine „Problemskizze“ bezeichnet,13 die dann 1976 in Der Akt des Lesens ihre theoretische Ausformulierung finden sollte. Zum Problem gehört dabei für Iser eine Textumgangsform namens Interpretation, weshalb auch von einem „Nachruf auf die klassische Interpretationsnorm“ die Rede ist.14 Es gehört nun sicherlich zur Logik einer jeden Programmatik, gewisse Unzulänglichkeiten der zu überwindenden Tradition herauszustellen, um so erst recht einen Erneuerungsbedarf sinnfällig zu machen.15 Sofern es Iser weiterhin um Textbedeutung zu tun ist, wenn auch dezidiert um „die Konstitution von Sinn und nicht ein[en] bestimmte[n], durch Interpretation ermittelte[n] Sinn“,16 stellt sich allerdings die Frage, ob seine Theorie ästhetischer Wirkung – so der Untertitel von Der Akt des Lesens – eine interpretationstheoretische Alternative präsentiert, die sich nicht in Programmatik erschöpft.17

|| 12 Iser 1970, S. 229. 13 Iser 1975, S. 325, 330, 331; Iser 1976, S. 9. 14 Iser 1975, S. 330: „Kaiser hat seine Kritik meiner Problemskizze mit der Frage überschrieben: Nachruf auf die Interpretation? Nun, als Nachruf auf die klassische Interpretationsnorm könnte man sie durchaus verstehen“. 15 Vgl. Müller 1988, S. 455. Mit Blick auf das wissenschaftshistorische Schicksal der literaturwissenschaftlichen Rezeptionsforschung, wie sie in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik florierte, weist Müller darauf hin, dass „eine Reihe von programmatischen Manifesten“ (S. 458) dieser Forschungsrichtung zu ihrem Aufstieg verhelfen konnte. Was die rhetorischen Strategien dieser Texte betrifft, fügt er hinzu: „Solche Manifeste lösen in der Disziplin keine Probleme, sondern produzieren neue […]“ (S. 458). Zu den programmatischen und zugleich problemerzeugenden Manifesten, die in dieser Zeit entstehen, gehören die Antrittsvorlesungen von Jauß und Iser, aber auch etwa Harald Weinrichs 1967 erschienener Essay „Für eine Literaturgeschichte des Lesers“. Begrifflich ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen der Konstanzer Rezeptionsästhetik und einer eher empirisch orientierten Rezeptionsforschung. Vgl. hierzu Groeben 2003. 16 Iser 1976, S. 36. 17 Eine vergleichbare, aber letztlich doch etwas anders gelagerte Fragestellung verfolgt Marcus Willand, der Isers Konzept des impliziten Lesers in einem „praxeologischen Belastungstest“ auf seine theoretische und methodologische Tragfähigkeit hin untersucht (Willand 2015). Zu literaturwissenschaftlichen Lesermodellen überhaupt vgl. Willand 2014.

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Ausschlaggebend für Isers Kritik ist die Grundannahme, dass die Bedeutung eines Textes erst durch den Leser hervorgebracht wird und nicht unabhängig von dessen Aktivität im Text selbst steckt.18 In diesem Sinne spricht er von einer Interaktion zwischen Text und Leser. Trotz einer auffälligen Tendenz zur Agentisierung des Textes19 geht es aber Iser nicht etwa darum, den Text als zweiten Akteur neben dem Leser zu installieren. Gemeint ist vielmehr schlicht, dass der Leser dem Text Bedeutung zuschreibt und eine für ihn sinnvolle Lesart konstruiert – oder genauer: dass literarische Kommunikation nicht codebasiert, sondern inferenzbasiert ist, womit also der Leser auf Grundlage des Textes bestimmte Schlüsse zieht, anstatt den Text nach einem vorab festgelegten Code zu entschlüsseln.20 So wird in Der Akt des Lesens ausdrücklich angemerkt, dass literarische Kommunikation „dem informationstheoretischen Modell von Sender und Empfänger“ nicht entspricht, denn dies würde „einen gemeinsamen, inhaltlich stark definierten Code voraussetzen, der den Empfang der Mitteilung sicherstellt, da in einem solchen Vorgang die Kommunikationsrichtung eingleisig vom Sender zum Empfänger verläuft“.21 Wie bei Ingarden (aber auch bei Betti und E. D. Hirsch) wird bei Iser der Leser als aktiver Mitgestalter und nicht lediglich als passiver Empfänger konzeptualisiert. Nicht minder wichtig für Isers Problemaufriss ist freilich der zugrunde gelegte Literaturbegriff. So ist die Inkriminierung der ‚Kunst der Interpretation‘ eigentlich weniger eine Spitze gegen Staiger als vielmehr gegen eine Literaturauffassung, die den literarischen Text zum bloßen Veranschaulichungsmaterial einer vorgelagerten „Botschaft“ degradiert,22 in der dann der Text restlos aufginge:

|| 18 Vgl. Richter 1996, S. 517: „Grundlegend für alle Richtungen der Rezeptionstheorie scheint die Auffassung, daß die Bedeutung eines Textes nicht einfach in ihm enthalten ist wie etwa ein bestimmter Stoff in einer chemischen Verbindung, der gleich von wem und unter welchen Umständen mithilfe einer einschlägigen Analyseprozedur herausgelöst werden kann. Vielmehr werde die Bedeutung immer erst während der Rezeption gebildet, und zwar im Wechselspiel zwischen dem Text und der Aktivität des Lesers.“ In diesem Sinne auch Kindt 2007, S. 335. 19 Vgl. hierzu Schwab 2000, S. 77; Hamilton/Schneider 2002, S. 643f., 653. 20 Zum Unterschied zwischen code-basierter und inferenzbasierter Kommunikation vgl. Jannidis 2004, S. 44–52. Hier unterscheidet sich also Isers Ansatz z. B. von einer Akteur-NetzwerkTheorie, die tatsächlich versucht, Dinge als Akteure zu konzeptualisieren. 21 Iser 1976, S. 39. An anderer Stelle spricht er auch von einer „Einbahnstraße vom Text zum Leser“ (Iser 1976, S. 176). Nach Hannelore Link ist der Einsatz des Lesers bzw. des Angesprochenen „bei jedem Kommunikationsvorgang“ gefragt: „[D]er Empfänger muß eine kodierte Nachricht selbst dekodieren, d. h. ihre Bedeutung für sich erzeugen“ (Link 1973, S. 548). 22 Iser 1976, S. 17 u. ö.

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Wäre ein literarischer Text wirklich auf eine bestimmte Bedeutung reduzierbar, dann wäre er Ausdruck von etwas anderem – von eben dieser Bedeutung, deren Status dadurch bestimmt ist, daß sie auch unabhängig vom Text existiert. Radikal gesprochen heißt dies: Der literarische Text wäre die Illustration einer ihm vorgegebenen Bedeutung.23

Die dem Text vorgelagerte Botschaft nennt Iser Bedeutung. Die Ermittlung einer derartigen Bedeutung nennt er Interpretation. Nicht ganz zu Unrecht ist gegen Iser der Einwand erhoben worden, dass er sich damit nur noch einer „polemisch verkürzte[n] Vorstellung von Hermeneutik“ bedient.24 Festhalten lässt sich aber, dass er mit dem Ausdruck ‚Interpretation‘ konsequent eine Tätigkeit bezeichnet, die Literatur in ein Konsumgut verwandelt. Wenn es gelingt, so Iser in Der Akt des Lesens, die Bedeutung „als den eigentlichen Kern des Werks aus dem Text herauszulösen, dann ist das Werk verbraucht, weshalb die Interpretation mit der Konsumierbarkeit der Literatur zusammenfällt“.25 Die beiden Ausdrücke ‚Bedeutung‘ und ‚Interpretation‘ sind bei Iser zweifelsohne ebenso negativ besetzt wie der Verbrauch von Literatur. Zugleich wird aber an Formulierun-gen wie der soeben zitierten erkennbar, dass eigentlich weniger eine bestimmte Interpretationskonzeption als vielmehr eine reduktionistische Literaturbetrachtung hier zum Gegenstand der Kritik wird.26 Im Sinne einer Polyvalenzkonvention soll sich der Leser vielmehr auf den Text in seiner ganzen Komplexität einlassen. Damit ist schon im Wesentlichen benannt, wogegen sich Iser abgrenzt, um den eigenen Ansatz zu konturieren.27 Die Vorstellung von einer nicht-reduktionistischen, vom Leser erst hervorgebrachten Textbedeutung wird aber noch zusätzlich von einem historischen Narrativ überlagert, das in Die Appellstruktur der Texte nur angedeutet ist, in Der Akt des Lesens aber breiter ausgeführt wird. In diesen historischen Ausführungen wird eigentlich kein neues Argument eingeführt. Sie haben vielmehr die Funktion, die Dementierung des Bedeu-

|| 23 Iser 1970, S. 230. 24 Kaiser 1971, S. 269. Vgl. auch Link 1973, S. 549: „Die ‚Kunst der Interpretation‘ wird von Iser […] etwas pauschal dafür verantwortlich gemacht, daß sie in ihrem Bemühen, die Bedeutung der Texte zu erklären, der Auffassung Vorschub leiste, es gebe das, was die Texte bedeuten, eigentlich auch unabhängig von ihnen.“ 25 Iser 1976, S. 14. 26 Vgl. Hamilton/Schneider 2002, S. 642: „The most loaded word in Iser’s lexicon is reduction […].“ 27 Vgl. etwa Iser 1970, S. 228: „Besäßen die Texte wirklich nur jene von der Interpretation hergestellten Bedeutungen, dann bliebe für den Leser nicht mehr viel übrig. Er könnte sie nur annehmen oder verwerfen. Doch zwischen Text und Leser spielt sich ungleich mehr als nur die Aufforderung zu einer Ja/Nein-Entscheidung ab.“

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tungs- und Interpretationsbegriffs historisch zu untermauern. Durch das Freilegen ihrer historischen Wurzeln versucht Iser zu zeigen, dass ‚Interpretation‘ als Verfahrensweise nicht nur reduktionistisch, sondern außerdem überholt sei. Iser erzählt eine Geschichte des „Auseinanderfallen[s] von gegenwärtiger Kunst und überlieferter Interpretationsnorm“.28 Seine These, die sich einerseits auf die Funktionsgeschichte der Literatur, andererseits auf die Geschichte der Hermeneutik bezieht, besagt im Wesentlichen, dass moderne Kunst bzw. Kunst in der Moderne sich in besonderer Weise gegen Interpretation (im dargelegten Sinne) sträube.29 Im 19. Jahrhundert, so Iser, hat sich in Korrelation mit einer besonderen sinnstiftenden Funktion von Kunst eine bestimmte Interpretationsnorm herausgebildet: Die miteinander konkurrierenden Erklärungssysteme von der Theologie bis zur Wissenschaft schränkten ihren Geltungsanspruch wechselseitig immer wieder ein, so daß sich proportional zu einer solchen Einschränkung die Bedeutung der Fiktion als Bilanzierung erzeugter Wissens- und Erklärungsdefizite auszuweiten begann. […] Kein Wunder, daß man die Literatur nach Botschaften absuchte, denn die Fiktion bot gerade diejenigen Orientierungen an, die sich aus den von den Erklärungssystemen hinterlassenen Problemen als notwendiges Bedürfnis ergaben.30

Angesichts einer Partikularisierung der Wissenschaften und des Schwindens einer übergreifenden Sinntotalität habe man sich von der Kunst Orientierungshilfe versprochen. Die Reduktion der Kunst auf eindeutige ‚Botschaften‘ habe dabei einem Bedürfnis nach Halt entsprochen. Demgegenüber ist aber Iser zufolge die Kunst in der Moderne insofern partial geworden, als nun auch sie keine Sinntotalität mehr zu repräsentieren versucht. Angesichts der fragmentarisch gewordenen Lebenswelt des modernen Menschen bestehe ihre Funktion nur noch im „Aufdecken, aber vielleicht auch im Bilanzieren der Defizite […], die von den epochal herrschenden Geltungen erzeugt worden sind.“31 Die Literatur funktioniert so nach Iser vor allem wie eine Art Gegendiskurs,32 der nicht mehr eine ‚heile Welt‘ in sinnstiftender Weise zur Darstellung bringt, sondern

|| 28 Iser 1976, S. 25. 29 In Die Appellstruktur der Texte heißt es dazu nur kurz: „Daß Texte Inhalte haben, die ihrerseits Träger von Bedeutungen sind, ließ sich bis zum Anbruch moderner Kunst schwer bestreiten, so daß eine Interpretation stets legitimiert war, wenn sie die Texte auf Bedeutungen reduzierte“ (Iser 1970, S. 228). 30 Iser 1976, S. 17f. 31 Iser 1976, S. 29. 32 Dieser Begriff wird hier in lockerer Anlehnung an die frühen Arbeiten Michel Foucaults verwendet.

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Normen und Wahrnehmungsweisen in ihrer Begrenztheit durchschaubar werden lässt.33 Dass die veränderte Funktion der Literatur nicht ohne Rückwirkungen auf den Umgang mit den Texten bleiben kann, ist Iser zufolge allmählich spürbar geworden. In seiner eigenen Gegenwart registriert er „das Ende einer naiven Hermeneutik in der Literaturbetrachtung“,34 wobei es gerade durch die Konfrontation mit moderner Literatur zu einer „Entzauberung“ der „hermeneutischen Unschuld“ gekommen sei.35 Zugleich konstatiert er aber ein beharrliches Weiterwirken der im 19. Jahrhundert entstandenen Interpretationsnorm und meint sogar eine „entgegengesetzte Entwicklung von Kunst und ihrer Interpretation“ beobachten zu können: „[J]e mehr die Kunst einen partialen Charakter anzunehmen begann, desto universalistischer wurde der Erklärungsanspruch der ihr gewidmeten Interpretation.“36 In Anbetracht des Funktionswandels der Literatur in der Moderne ist dies nun aus Isers Sicht natürlich alles andere als angemessen. Tangiert ist von diesem historischen Narrativ eigentlich nicht die weitaus berühmtere literaturhistorische These, „daß die Unbestimmtheit in literarischen Texten seit dem 18. Jahrhundert ständig im Wachsen begriffen ist“,37 auch wenn die Geschichte der Literatur, die Geschichte ihrer Funktionen und die Geschichte ihrer Auslegung bei Iser sicherlich konvergieren (dazu unten mehr). Es wäre eine Aufgabe für sich, Isers Streifzüge durch die Geschichte der Hermeneutik auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Zugleich stellt sich aber die Frage, ob es hier überhaupt auf Stichhaltigkeit ankommt. Der Versuch, sich von Emil Staiger abzugrenzen, ist dafür ein gutes Beispiel. Schon früh ist darauf hingewiesen worden, dass bei Iser „eine wissenschaftsgeschichtliche Ungenauigkeit“ zu verzeichnen ist, denn „die ‚Kunst der Interpretation‘ war zunächst eine Besinnung darauf, die Texte als Texte zu lesen, und stand eben dadurch in mehr

|| 33 Vgl. etwa auch Iser 1976, S. 12: „[I]n der Regel antworten fiktionale Texte zeitgenössischen Situationen, indem sie etwas hervortreiben, das von den geltenden Normen zwar bedingt ist, zugleich aber von ihnen nicht mehr gefaßt werden kann.“ 34 Iser 1976, S. I. 35 Iser 1976, S. II. Vgl. auch S. 23: „Die Reduktion fiktionaler Texte auf eine diskursive Bedeutung darf zumindest seit dem Anbruch moderner Kunst als eine historische Phase der Interpretation bezeichnet werden. Dieses Bewußtsein beginnt heute mehr oder minder deutlich auch in die literaturwissenschaftlichen Interpretationen einzudringen. Parolen wie Against Interpretation oder Validity in Interpretation zeugen sowohl im Angriff als auch in der Apologetik davon, daß die Interpretationsverfahren ohne Reflexion auf ihre jeweiligen Reduktionsakte nicht mehr auskommen.“ 36 Iser 1976, S. 26. 37 Iser 1970, S. 241. Ausgeführt bzw. erprobt in Iser 1972a.

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oder weniger explizitem Gegensatz zu den ihr von Iser angelasteten Spielarten des Textverständnisses“.38 Nicht viel anders als Iser hatte ja Staiger auf der Irreduzibilität des Literarischen insistiert, und tatsächlich finden sich Passagen in Die Appellstruktur der Texte, die auch von Staiger hätten stammen können. So weist Iser etwa kritisch darauf hin, dass der literarische Text bald als Zeugnis des Zeitgeistes, bald als Ausdruck von Neurosen seiner Verfasser, bald als Widerspiegelung gesellschaftlicher Zustände und als anderes mehr gelesen [wurde]. Nun soll gar nicht geleugnet werden, daß literarische Texte ein historisches Substrat besitzen. Doch allein die Art, in der sie dieses konstituieren und mitteilbar machen, scheint nicht mehr ausschließlich historisch determiniert zu sein.39

Dass das spezifisch Literarische nicht Ausdruck von etwas anderem ist und nicht erklärt, d. h. nicht kausal aus den Entstehungsbedingungen abgeleitet werden kann, war ja gerade Staigers Argument, mit dem er seinerseits eine ‚gefühlsbasierte‘ Interpretationskunst zu legitimieren und sich von Positivismus und Geistesgeschichte abzusetzen versuchte. Auch wenn es im Übrigen nicht allzu viele Berührungspunkte zwischen Staiger und Iser geben mag, kommt es einem fast wie eine Reminiszenz an Staiger vor, wenn Iser unterstreicht, der Sinn eines literarischen Textes sei „nicht […] erklärbar, sondern nur als Wirkung erfahrbar“.40 Es fragt sich also, ob es nicht weniger auf Argumentation denn auf rhetorische Überzeugungskraft und Suggestion ankommt, wenn Iser im Jahr 1969 Susan Sontag gegen Staiger ins Feld führt. Gewiss: Mit seiner Kritik am Interpretationsbegriff knüpft Iser nahtlos an Sontag an.41 Der Sache nach hätte sich Iser aber z. B. ebenso gut (wenn auch vielleicht weniger effektvoll) auf Cleanth Brooks berufen können, der sich mit seinem 1947 erschienenen Essay „The Heresy of Paraphrase“ gegen einen reduktionistischen Bedeutungsbegriff ausgesprochen hatte.42 Bemerkenswert ist hierbei, dass der eventuelle Ertrag von Isers Wirkungstheorie von etwaigen wissenschaftshistorischen Ungenauigkeiten nicht wirklich betroffen ist. Klar ist bis hierhin eigentlich nur, was Iser nicht will: eine „Reduktion fiktionaler Texte auf diskursive Bedeutung“.43 Doch wie sieht der Gegenentwurf aus?

|| 38 Link 1973, S. 549. 39 Iser 1970, S. 230. 40 Iser 1976, S. 22. 41 Vgl. Iser 1976, S. 23f. Zu Sontags Essay als ästhetisch fundierter Interpretationskritik vgl. Spree 1995, S. 59–89; ferner die konzisen Hinweise von Kindt/Köppe 2008, S. 172–175. 42 Vgl. Brooks 1947, Kap. 11. 43 Iser 1976, S. 16.

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In Opposition zu dem als reduktionistisch gebrandmarkten Bedeutungsbegriff führt Iser einen Sinnbegriff ein, der dadurch charakterisiert ist, dass er nicht diskursiv, sondern ästhetisch sei. Die Diskursivität der Bedeutung besteht für Iser darin, dass sie „merkmalsbestimmt“ ist und „ihre Legitimation erst durch ihr Bezogensein auf einen außerhalb des Textes liegenden Referenzrahmen“ gewinnt.44 Bedeutung gehe so in Denotation im Sinne Gottlob Freges auf.45 Diesem Bedeutungsbegriff entsprechend wird das „klassische Interpretationsmodell“ als ein „Referenzmodell“ bezeichnet,46 das Iser aus zwei Gründen nicht für gegenstandsadäquat hält. Zum einen geht es ihm darum, das Kunstwerk vor einer Subordination unter den Begriff zu schützen. Er wendet sich gegen eine logozentrische Ästhetik à la Hegel, die die Kunst zu einer bloßen Manifestation einer präexistenten Idee herunterstuft.47 Zum anderen wird nach Iser mit einem derartigen Bedeutungsbegriff gleich wieder nivelliert, was durch den literarischen Text erst hervorgebracht worden ist.48 Dass literarische Texte in der Lebenswelt keine Entsprechung haben, sondern ihren Gegenstand zuallererst konstituieren und somit etwas Neues in die Welt bringen, hält Iser schlicht für selbstverständlich.49 In diesem Sinne widmet sich seine Wirkungstheorie nicht zuletzt dem „Problem, wie ein bislang unformulierter Sachverhalt [...] verstanden werden kann“.50 Hier griffe jenes Referenzmodell zu kurz, weil damit der Text „durch das immer schon Gewußte ratifiziert“ werde.51 Anders verhält es sich nach Iser dann mit dem ästhetischen Sinnbegriff. Den Ausdruck ‚ästhetisch‘ sieht Iser vor allem dadurch gekennzeichnet, dass er „eine Verlegenheit

|| 44 Iser 1976, S. 42. 45 Vgl. Iser 1976, S. 41, 244. 46 Iser 1976, S. 30, Anm. 47 Vgl. Iser 1976, S. 29. Dazu Zima 1991, S. 249. Vgl. auch die berühmte Definition des Schönen in Hegels Vorlesungen über die Ästhetik (in der wirkungsmächtigen, aber in den Text mitunter stark eingreifenden Edition von Heinrich Gustav Hotho): „Das Schöne bestimmt sich […] als das sinnliche Scheinen der Idee“ (Hegel 1970, S. 151). 48 Vgl. Iser 1976, S. 23. 49 Vgl. Iser 1970, S. 231. Vgl. auch Iser 1976, S. 50. 50 Iser 1976, S. 8. 51 Vgl. Iser 1970, S. 228: „Der klassifikatorische Eifer […] beruhigte sich [scil. vor dem Anbruch moderner Kunst] in der Regel erst dann, wenn die Bedeutung des Textinhalts ermittelt und ihre Geltung durch das immer schon Gewußte ratifiziert worden war. Das Zurückholen der Texte auf bereitstehende Bezugsrahmen bildete ein nicht unwesentliches Ziel dieser Interpretationsweise, durch das die Texte zwangsläufig entschärft wurden. Wie aber läßt sich dann Aufregendes beschreiben? Texte haben ohne Zweifel stimulierende Momente, die beunruhigen und damit jene Nervosität verursachen, die Susan Sontag als die Erotik der Künste bezeichnen möchte.“

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diskursiver Rede“ zum Ausdruck bringt.52 Der Sinn sei dementsprechend nicht etwas Begriffliches, sondern habe vielmehr „Bildcharakter“.53 Dieses Bildhafte entspringt Iser zufolge der Vorstellungskraft des Lesers und ist insofern „nur als Wirkung erfahrbar“.54 Letztlich stellen Diskursivität und Bildlichkeit „zwei voneinander unabhängige[] und daher kaum aufeinander reduzierbare[] Weltzugriffe“ dar.55 Damit scheint sich jedoch für den Literaturwissenschaftler ein Problem zu verbinden, denn die außerordentliche Labilität des Sinns scheint dem Anspruch einer Wissenschaft auf Intersubjektivität – oder gar Objektivität – zu widerstreben. Wenn der Sinn nicht begrifflich zu fixieren ist, sondern sich dem Leser nur als „Ereignis[]“ bzw. „Geschehen“ darbietet,56 wie hat man dann wissenschaftlich damit umzugehen?57 Nach Iser beginnt der Sinn gerade dann seinen ästhetischen Charakter zu verlieren, wenn man ihn zu versprachlichen bzw. in Begriffe zu überführen versucht: „In diesem Augenblick hört er auf, sich selbst zu bedeuten und damit ästhetische Wirkung zu sein“.58 Dies ist aber für Iser insofern nebensächlich, als seine Theorie ästhetischer Wirkung ohnehin nicht der Diskursivierung, sondern vielmehr Konstitution von Sinn gilt. Ihm geht es also nicht um die Prinzipien, nach denen Interpretationshypothesen formuliert oder bewertet werden (sollen). Stattdessen versucht er, die „Bedingung[en] der Sinnkonstitution“59 freizulegen, womit er zugleich einem unwissenschaftlichen Subjektivismus zu entgehen meint: „So individuell […] auch die Färbungen des konstituierten Sinnes im Einzelfall sind, so besitzt der Konstitutionsakt selbst angebbare Charakteristika, die den je individuellen Realisierungen des Textes zugrundeliegen und folglich intersubjektiver Natur sind.“60 Im Fokus steht also

|| 52 Iser 1976, S. 41. 53 Iser 1976, S. 20. 54 Iser 1976, S. 22; vgl. auch S. 21: „Das Bild […] entzieht sich [der] Referentialisierbarkeit. Denn es bezeichnet nicht etwas, das schon vorhanden wäre; vielmehr verkörpert es eine Vorstellung dessen, was nicht gegeben bzw. in den gedruckten Seiten des Romans sprachlich nicht manifestiert ist.“ 55 Iser 1976, S. 21. 56 Vgl. Iser 1976, S. 41 u. ö. Vgl. auch Iser 1991, S. 45. 57 Vgl. in diesem Sinne auch Ray 1984, S. 56: „If one defines literary meaning as an imaging intention, one reduces it to an ephemeral event, a uniquely self-present intuition. Such a model may explain the euphoria associated with aesthetic experience, but it also closes the door on intersubjective communication about a work’s meaning. If each intuition is an event unique unto itself, no conceptual account can hope to preserve it for examination.“ 58 Iser 1976, S. 43. 59 Iser 1976, S. 36. 60 Iser 1976, S. 42.

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nicht das jeweils Verstandene, sondern der Akt des Lesens selbst, den es zu einem „Forschungsgegenstand der Literaturwissenschaft“ zu erheben gelte.61

5.2 Zur inhärenten Normativität von Isers Textbegriff Wie Hans-Harald Müller bemerkt hat, bildete sich in den 1970er Jahren allmählich „so etwas wie eine opinio communis darüber heraus, worin die wesentliche Grundannahme der Rezeptionsforschung bestünde. Allgemein wurde angenommen, das entscheidend Neue […] sei […], daß der Leser einen entscheidenden Beitrag zur Bedeutungskonstitution literarischer Werke liefere.“62 Was Iser betrifft, so ist eine derartige Beschreibung zutreffend und irreführend zugleich. Denn auch wenn der Leser bei Iser zweifelsohne ins Zentrum gestellt wird, führt die Akzentuierung der Leseraktivität tatsächlich nicht zu einer Ausklammerung des Autors. Vielmehr versucht Iser ein umfassendes Modell literarischer Kommunikation zu entwickeln, in dem Autor, Text und Leser gleichermaßen zum Tragen kommen.63 An dieser Stelle kommt auch die Phänomenologie ins Spiel, insbesondere Ingardens Unterscheidung zwischen dem Werk und dessen Konkretisationen.64 Hierbei handelt es sich zunächst um einen eher allgemeinen Impuls zu einer Berücksichtigung der Leseraktivität. So habe nämlich die phänomenologische Kunsttheorie mit allem Nachdruck darauf aufmerksam gemacht, daß die Betrachtung eines literarischen Werks nicht allein der Gegebenheit der Textgestalt, sondern in gleichem Maße den Akten seiner Erfassung zu gelten hat. Ingarden stellte daher dem Schichtenaufbau des literarischen Werks die Weisen seiner Konkretisation gegenüber. […] Daraus ließe sich folgern: das literarische Werk besitzt zwei Pole, die man den künstlerischen und den ästhetischen Pol nennen könnte, wobei der künstlerische den vom Autor geschaffenen Text und der ästhetische die vom Leser geleistete Konkretisation bezeichnet.65

|| 61 Iser 1975, S. 330f. 62 Müller 1988, S. 462. 63 Dies bemerkt auch Willand 2015, bes. S. 252. 64 Zu Ingarden siehe Kap. 2 dieser Arbeit. 65 Iser 1976, S. 38. Vgl. auch Iser 1972b, S. 279: „The phenomenological theory of art lays full stress on the idea that, in considering a literary work, one must take into account not only the actual text but also, and in equal measure, the actions involved in responding to that text. Thus Roman Ingarden confronts the structure of the literary text with the ways in which it can be konkretisiert […].“

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Aufschlussreich ist mit Blick auf Isers Phänomenologieverständnis auch eine Stelle aus dem 2006 erschienenen Kompendium How to Do Theory, in dem es mit expliztem Verweis auf Ingarden heißt: „Just as the author perceives given (even imaginary) things and fashions them into the work, the work in turn is given to the reader, who has to fashion the author’s communication of the world perceived. This is the basis for a phenomenological theory of art.“66 An Zitaten wie diesen wird deutlich, dass Isers Phänomenologiebegriff von dem philosophischen Phänomenologiebegriff eines Husserl oder Ingarden erheblich abweicht. Eine Kommunikationssituation ist für Iser phänomenologisch, wenn sie Sender (Autor) und Empfänger (Leser) als „zwei Pole“ des Kommunikats (des Textes) einschließt. Es wäre also ein doppelter Kurzschluss, Isers Ansatz einfach als leserorientiert und die Orientierung am Leser als phänomenologisch zu bezeichnen. Vielmehr hat die ‚phänomenologische‘ Kommunikationssituation in Isers Theorie eine strukturierende Funktion. Denn die Analyse der Sinnkonstitution in Der Akt des Lesens richtet sich gerade nach der polaren Beziehung zwischen dem Künstlerischen und Ästhetischen, d. h. zwischen dem vom Autor geschaffenen Text und der vom Leser geleisteten Konkretisation. In einem „dialektischen Dreischritt“ entwirft Iser zunächst ein „[f]unktionsgeschichtliches Textmodell“ (Autor-Text-Pol), um dann eine „Phänomenologie des Lesens“ ins Visier zu nehmen (Text-Leser-Pol), bevor er sich schließlich der „Interaktion von Text und Leser“ zuwendet.67 In Bezug auf Ingarden wurde in Kapitel 2 dieser Arbeit die Ansicht vertreten, dass die Unterscheidung zwischen dem Werk selbst und seinen einzelnen Konkretisationen an und für sich hermeneutisch neutral ist. Es wurde dafür argumentiert, dass Ingardens Ansatz erst durch die Überzeugung, es gebe ‚richtige‘ und ‚falsche‘, d. h. mehr oder weniger adäquate Konkretisationen, eine hermeneutische Komponente erhält. Denn damit ist in Bezug auf die einzelnen Konkretisationen ein normatives Element eingeführt, das dem ontologischen Schichtenmodell gleichsam übergestülpt wird – und über diese Normativität vermag keine Analyse des Verstehensvorgangs Aufschluss zu geben, weder eine empirische noch eine phänomenologische. Bei Iser ist nun eine vergleichbare Sachlage zu beobachten, auch wenn er nicht in

|| 66 Iser 2006, S. 14f. Auf die Konstanz von Isers Position über die dreieinhalb Jahrzehnte hinweg verweist Kindt 2007, S. 359, Anm. 67 Vgl. Iser 1976, S. 8, 5f. Matthias Richter zufolge ist Der Akt des Lesens „in zwei komplementär aufeinander bezogene Teile gegliedert: eine Texttheorie und eine Verstehenstheorie“ (Richter 1996, S. 522). Dem ist insofern zu widersprechen, als der Text- und Verstehensbegriff sich keineswegs komplementär zueinander verhalten.

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gleicher Weise die Frage nach Angemessenheitskriterien provoziert, indem er expressis verbis von Angemessenheit spricht. Vorwegnehmend lässt sich sagen, dass der Autor-Text-Pol bei Iser normativ aufgeladen und so von vornherein hermeneutisch besetzt, der Text-Leser-Pol hingegen an und für sich hermeneutisch neutral ist. Was schließlich die ‚Interaktion‘ zwischen Text und Leser anbelangt, so ist sie wiederum in ganz anderer Weise hermeneutisch besetzt, und zwar durch die Besonderheiten von Isers Unbestimmtheitsbegriff. Isers Textbegriff ist hochgradig voraussetzungsreich und theoretisch nicht minder problematisch.68 Überhaupt fällt es auf, dass er nicht einfach vom Text, sondern von einem Textmodell spricht, konzipiert als ein „Zugang“ zum Text, der ein ganzes „Bezugssystem“ einschließt.69 Dahinter steckt die Annahme, dass der Text, der dem Leser gegeben ist, immer schon ein in dieser oder jener Weise aufgefasster Text ist. Wenn Iser vom Text spricht, ist also nicht einfach eine bestimmte Folge von sprachlichen Zeichen gemeint, die man so oder so verstehen kann, sondern vielmehr der bereits verstandene Text. Das Bezugssystem, das den Zugang zum Text regelt, sieht Iser dabei in der Sprechakttheorie ausformuliert. Dies hat tatsächlich weitreichende Implikationen für seine eigene Theorie, und zwar aus zwei zusammenhängenden Gründen: Zum einen verbindet sich bei Iser die Sprechakttheorie mit einer weiteren grundlegenden Vorannahme, nämlich dass der literarische Text unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden soll, „Kommunikation zu sein“.70 Auf metalinguistischer Ebene impliziert das, dass etwas kommuniziert wird, und zwar von jemandem, der sich an einen (mehr oder weniger klar identifizierbaren) Adressaten wendet. Ähnlich wie bei Ingarden weist so bei Iser der Text auf den Autor zurück, allerdings nicht ontisch aufgrund seiner ‚Seinsheteronomie‘, sondern vielmehr als Kommunikat. Mit Verweis auf die Sprechakttheorie geht Iser davon aus, dass der literarische Text in einem kommunikativen Akt aufgeht, der gelingen oder auch misslingen kann. Diese Möglichkeit des Misslingens ist insofern wichtig, als damit – ähnlich wie bei Ingarden – eine dezidiert normative Komponente eingeführt ist.71 Man hat den Text im Sinne des Autors zu verstehen, sonst muss der Sprechakt als gescheitert gelten. Anders als bei Ingarden ist aber diese Normativität gleichsam in den Textbegriff selbst (in das Textmodell) hin|| 68 Dies bemerkt auch Kindt 2007, S. 356, Anm. (allerdings ohne genauer auf den Textbegriff einzugehen). 69 Iser 1976, S. 87. Der Ausdruck ‚Textmodell‘ hat sich in der Literaturwissenschaft nicht durchgesetzt. Vgl. aber aus linguistischer Sicht Motsch 1983; Motsch 1986; Motsch/Viehweger 1991. 70 Iser 1976, S. 7. 71 Dies bemerkt auch Pany 2000, S. 20.

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einverlagert. Insofern kann von einer inhärenten Normativität gesprochen werden. Zum anderen spielt der Sprechakttheorie zufolge der Kontext einer Äußerung eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung der Äußerungsbedeutung – so auch bei Iser, der den Text nicht einfach als ein linguistisches Gebilde betrachtet, sondern von vornherein als eine Äußerung, die erst durch ihre Verwendung in einem gegebenen Kontext ihren Sinn erhält. Mit Verweis auf John L. Austin nennt er folgende Gelingensbedingungen von Kommunikation: Die Äußerung des Sprechers muß sich auf eine Konvention berufen, die auch für den Empfänger gilt. Die Verwendung der Konvention muß situationsangemessen sein, und das heißt, sie muß von akzeptierten Prozeduren gesteuert werden. Schließlich muß die Bereitschaft der Beteiligten, sich auf eine Sprachhandlung einzulassen, in dem gleichen Maße gegeben sein, in dem die Situation definiert ist, in der sich eine solche Handlung vollzieht.72

Diese Bedingungen gelten nach Iser grundsätzlich für alle Sprechakte, auch für literarische Texte. Diese unterscheiden sich jedoch von der „gebrauchssprachliche[n] Rede“ in einem wesentlichen Punkt: Es fehlt ihnen „der Situationsbezug, dessen hohe Definiertheit im Sprechaktmodell vorausgesetzt ist, wenn die Sprachhandlung gelingen soll“.73 Im Vorwort zur zweiten Auflage von Der Akt des Lesens hat Iser seinen Ansatz daraufhin präzisiert, das dem Text als Kommunikationsangebot des Autors eine „Erwartung von Sinnkonstanz“ seitens des Lesers entgegengebracht wird: „[W]o immer Sprache gesprochen und verwendet wird, erwarten wir Sinn.“74 Diese Erwartung ist insofern fundamental, als sie beim Ausbleiben von Sinn eine „Kontextarrangierung“ bewirkt,75 die so lange betrieben wird, bis sich Sinn einstellt. Eine solche Staffelung von Kontexten zum Zweck der Sinnkonstitution ist Iser zufolge nicht spezifisch für das Lesen und Verstehen fiktionaler Texte. Sie ist aber, wie man hinzufügen müsste, auch nicht weniger dringlich als in anderen Fällen, auch wenn der fiktionale Text

|| 72 Iser 1976, S. 92. 73 Iser 1976, S. 104. Zu diesem Situationsbezug bzw. zur kontextuellen Einbettung von Äußerungen vgl. S. 101: „Sprachliche Äußerungen fallen immer in einer Situation. Sie sind daher ebenso Reaktionen auf situative Gegebenheiten, wie sie ihrerseits von solchen verursacht werden. Dieser Situationsrahmen bewirkt und konditioniert die Äußerung zugleich. So ist das, was wir sagen und wie wir es sagen, von dem Situationsbezug gesteuert, in dem sich die Rede ereignet.“ 74 Iser 1976, S. VI. 75 Iser 1976, S. VI. Friedrich Vollhardt zufolge ist diese Erwartung von Sinnkonstanz vergleichbar mit dem sogenannten principle of charity (vgl. Vollhardt 2003, S. 200).

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keinen Anspruch auf Referenzialisierbarkeit erhebt und somit partiell entpragmatisiert ist.76 Angesichts der textuell vermittelten und somit ‚zerdehnten‘ Kommunikationssituation,77 die bestimmte Verständigungs- und Rückversicherungsmöglichkeiten der face-to-face-Kommunikation entbehrt, könnte man glauben, dass die Aufgabe des Lesers darin bestünde, den Text zu re-pragmatisieren, d. h. die relevanten Kontexte zu rekonstruieren, um so aus dem Text angemessene Schlüsse ziehen zu können und folglich die Äußerung im Sinne des Autors zu verstehen.78 Zum Gelingen des Sprechaktes gehörte dann die Interpretation des Textes. Iser schätzt aber die Sache anders ein: Was in umgangssprachlicher Verwendung der Sprechakte vorab gegeben sein muß, gilt es im Blick auf fiktionale Rede erst aufzubauen. Folglich müssen fiktionale Texte alle jene Elemente mit sich führen, die das Konstituieren einer Situation zwischen Text und Leser erlauben. Im Blick auf die von Austin geforderten Postulate heißt dies, der fiktionale Text muß selbst ‚Konventionen‘ und ‚Prozeduren‘ enthalten […].79

In Isers Textmodell werden also die Kontexte, die für das Verstehen wesentlich sind, nicht vom Leser an den Text herangetragen aufgrund etwaiger Konventionsmarker, sondern gewissermaßen in den Text selbst integriert, der diese Kontexte „mit sich führen“ soll. Damit wird schon auf begrifflicher Ebene die Grenze zwischen Text und Kontext in eigentümlicher Weise verwischt.80

|| 76 Zur Entlastung von Referenzialisierbarkeit in der Fiktion vgl. Gabriel 1975. Zur Literatur als ‚situationsunabhängige‘ Rede vgl. auch Schutte 2005, S. 33. Mit Blick auf den Werkbegriff vgl. Thomé 2003, S. 833: „[D]as Werk [ist] allen äußeren Zwecksetzungen (im Sinne einer Vermittlung von Wissen oder Handlungsanweisungen) enthoben.“ 77 Zur Vorstellung einer ‚zerdehnten‘ Kommunikationssituation vgl. Ehlich 1984. Eine Kritik an dieser Konzeption findet sich bei Oesterreicher 2008. Vgl. hierzu außerdem Borkowski 2015, S. 64. 78 Vgl. Iser 1976, S. 109: „Was der gebrauchssprachlichen Verwendung der Rede vorgegeben sein muß, gilt es hier [scil. in der Interaktion zwischen Text und Leser] erst zu erstellen.“ 79 Iser 1976, S. 114. 80 Vgl. Hamilton/Schneider 2002, S. 643: „Also perplexing in The Act of Reading is the endless menu of items that Iser feels exist only ‚in the text‘ […], never in our minds. Among them are the wandering viewpoint; theme; horizon; blanks or gaps; connections or connectability; images of the first and second order; image-building processes; consistency-building processes; strategies; and repertoire. […] In the end, we never know what to make of all of Iser’s structures. Iser follows Ingarden in holding to the belief that ‚the structure of the literary text consists of a sequence of schemata‘ […], but he apparently thinks that these schemata are mindindependent while assuming at the same time that our recognition of them makes their ‚realization‘ possible. More importantly, we never know what these structures or schemata mean for real people reading real books.“

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Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass jene Gelingensbedingungen von Sprechakten, die Iser mit Verweis auf Austin nennt, selbst theoretisch ausgebaut und von weiteren Begriffen überlagert werden. Was Iser zunächst Konventionen genannt hatte, bezeichnet er ebenfalls als Repertoire; und was er Prozeduren genannt hatte, bezeichnet er ebenfalls als Strategien. Hierbei werden Repertoire und Strategien wiederum in Analogie zu dem beschrieben, was Roman Jakobson Selektion und Kombination nennt und im Sinne der strukturalistischen Linguistik jeweils der paradigmatischen und syntagmatischen Achse des Textes zuordnet.81 Nach Iser geht eine Selektion (Konventionen, Repertoire, paradigmatische Achse) insofern in den Sprechakt ein, als der Autor ausgewählte Elemente aus der wirklichen Welt in den literarischen Text Eingang finden lässt: Im Repertoire präsentieren sich insofern Konventionen, als hier der Text eine ihm vorausliegende Bekanntheit einkapselt. Diese Bekanntheit bezieht sich nicht nur auf vorangegangene Texte, sondern ebenso, wenn nicht sogar in verstärktem Maße, auf soziale und historische Normen, auf den sozio-kulturellen Kontext im weitesten Sinne, aus dem der Text herausgewachsen ist […]. Das Repertoire bildet jenen Bestandteil des Textes, in dem die Immanenz des Textes überschritten wird.82

Die paradoxe Konsequenz, dass der Text sich selbst überschreitet und so nicht einfach der Text ist, wird hier sogar von Iser selbst artikuliert. Ausdrücklich setzt Isers Textbegriff eine dem Text vorausliegende Bekanntheit voraus. Dies gilt nicht weniger für die Organisationsverfahren (Prozeduren, Strategien), nach denen die selegierten Elemente auf der syntagmatischen Achse kombiniert werden.83 Zum Text selbst gehört so bei Iser nicht weniger als die Gesamtheit des Wissens, das für das Verstehen des Textes erforderlich ist. Schon dem Begriff nach erscheint also der Text gleichsam als Ergebnis seiner eigenen Interpretation. Das Ganze verkompliziert sich noch zusätzlich durch Isers Wirklichkeitsund Literaturbegriff. Denn selegiert und eingekapselt im Text sollen einerseits weitere Texte, andererseits Elemente der extratextuellen Wirklichkeit sein, wobei die Wirklichkeit nach Iser immer schon interpretierte Wirklichkeit ist, d. h.

|| 81 Zum Jakobson-Bezug vgl. Iser 1976, S. 162. 82 Iser 1976, S. 115. 83 Vgl. Iser 1976, S. 116, 132, 143; Iser 1970, S. 241. Vgl. ferner die Einschätzung von Ray 1984, S. 50f.: Iser „goes to great lengths to locate the impetus for specific concretizations in the textual structure.“ Vgl. auch Richter 1996, S. 524: „In jedem Fall konstituiert sich Isers ‚Textrepertoire‘ aus abstrakten und interpretationsintensiven Elementen, deren Identifikation interpretativer Anstrengung und sprachlich-kulturellen Wissens bedarf.“

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ein System, in dem „Kontingenz und Weltkomplexität reduziert und ein je spezifischer Sinnaufbau der Welt geleistet ist“.84 An dieser Stelle kommt wiederum der Literaturbegriff ins Spiel, sofern es ja gerade die Funktion der Literatur sein soll, im Sinne eines Gegendiskurses die Defizite solcher Sinnsysteme aufzuzeigen. Dies trifft auf den gerade zu lesenden Text zu, wohl aber auch auf diejenigen Texte, die in ihm eingekapselt sein sollen. So setzt Isers Textbegriff nicht nur ein bestimmtes, womöglich sehr umfangreiches linguistisches, historisches und kulturelles Kontextwissen voraus, sondern außerdem komplexe Inferenzen. Dies wäre alles theoretisch nicht weiter problematisch, wenn Iser nicht großen Wert darauf legen würde, dass die Sinnkonstitution des Lesers vom Text vorstrukturiert ist.85 Die Frage nach den Bedingungen der Sinnkonstitution birgt und verbirgt bei Iser von Anfang an die interpretationstheoretische Frage nach der Kenntnis und Hierarchisierung von Kontexten, also nach den Relevanzkriterien für herangezogenes Wissen. Wenn der Leser mit den einschlägigen Kontexten nicht vertraut sein sollte, dann wird er eine Äußerung wohl kaum im Sinne des Autors verstehen, womit der Sprechakt als misslungen gelten muss, und zwar aufgrund einer Unzulänglichkeit seitens des Lesers. Wie Iser beteuert, geht es ihm in seiner Theorie ästhetischer Wirkung um die Bedingungen möglicher Wirkung.86 Hierbei orientiert sich allerdings die ‚Interaktion‘ zwischen Text und Leser von vornherein in einem sehr traditionellen Sinne an dem, was der Autor mit dem Text ‚sagen‘ wollte.87

|| 84 Iser 1976, S. 118. Mit Blick auf den Wirklichkeitsbegriff orientiert sich Iser einerseits an Luhmann, andererseits an Blumenberg; vgl. hierzu De Bruyn 2012, Kap. 3, bes. S. 98. 85 Vgl. etwa Iser 1976, S. VI, 264. 86 Vgl. Iser 1976, S. 36. 87 Besonders prägnant formuliert in Iser 1972b, S. 293: „In a process of trial and error, we organize and reorganize the various data offered us by the text. These are the given factors, the fixed points on which we base our ‚interpretation‘, trying to fit them together in the way we think the author meant them to be fitted.“ Entsprechend Iser 1976, S. 231; vgl. ferner S. 165, 266; außerdem Iser 1972a, S. 82f. Dieser Aspekt ist der Forschung natürlich nicht entgangen; prägnant formuliert es Holub 1992, S. 31: „[D]espite all the talk about the reader, the – perhaps unwitting – consequence of Iser’s theory is to reassert the primacy of the author.“ Siehe ferner die grundlegende Kritik von Link 1973; außerdem Willand 2015, S. 241–255. Mit Verweis auf Ingarden bemerkt Brinker 1980, S. 210: „[…] Iser’s reader is subject to intentional structures set up by the author no less than Ingarden’s reader.“ Zu Isers Text- und Ingardens Rekonstruktionsbegriff vgl. Ray 1984, S. 52: „We might say that Iser falls into the same trap as his predecessor. […] Like Ingarden, he needs access to his object. But since the object in his case is the reader, not the work, and since the text, not the concretization, is available to his scrutiny, he must assign that text all of the referential force Ingarden grants the reconstruction.“

Zur inhärenten Normativität von Isers Textbegriff | 151

Flankiert wird dieser Textbegriff bei Iser noch mit einem Werkbegriff, der für den Fall reserviert wird, dass eine Sinnkonstitution tatsächlich stattgefunden hat: „Das Werk ist das Konstituiertsein des Textes im Bewußtsein des Lesers.“88 Damit verhalten sich Text und Werk bei Iser zueinander wie Werk und Konkretisation bei Ingarden. Etwas schleierhaft ist es daher, wenn Iser gelegentlich von den Konkretisationen des Werks (und nicht des Textes) spricht, was in etwa einer Konkretisation der Konkretisation gleichkäme. Unklar bleibt es außerdem, wie sich dieser Werkbegriff zu jenem ästhetischen Sinnbegriff verhält, den Iser in Opposition zum Bedeutungsbegriff eingeführt hatte. Das Werk sieht Iser jedenfalls durch eine gewisse Virtualität charakterisiert,89 indem es weder mit dem Text noch mit dem Akt des Lesens identisch sein soll. Dabei ist die Pointe an diesem Begriff eigentlich dieselbe wie am Textbegriff: Erst im Werk verwandeln sich Text und Leser in „Pole einer Beziehung“.90 Wenn dabei in Bezug auf den Leser-Pol ausdrücklich von einer Phänomenologie des Lesens die Rede ist, so scheint eine Beschreibung von den Bewusstseinsstrukturen und Informationsverarbeitungsmechanismen des Lesers gemeint zu sein. Iser rekurriert hier unter anderem auf Husserl und dessen Analyse des inneren Zeitbewusstseins, die nun für eine Analyse des Lesevorgangs fruchtbar gemacht wird.91 So wird bei Iser mit Husserls Begriffspaar Retention/Protention die ständige Neuordnung des Gelesenen und die Modifikation von Erwartungen bei fortschreitender Lektüre beschrieben. Beschreibungen wie diese sind an und für sich hermeneutisch neutral, sofern sie nur auf die Struktur, Eigenart und Funktionsweise des Verstehensvorgangs abzielen, ohne die Frage nach der Angemessenheit des Verstandenen zu tangieren. Involviert sind also vorerst keine interpretatorischen Zielsetzungen und keine Normen, nach denen gelungene von weniger gelungenen Lesarten unterschieden werden. Wenn man nun Isers Phänomenologie des Lesens mit der empirischen,

|| 88 Iser 1976, S. 39. Vgl. hierzu Willand 2015, bes. S. 243. 89 Vgl. Iser 1976, S. 38f. 90 Iser 1976, S. 39. 91 Vgl. Iser 1972b, S. 281: „The question now arises as to how far such a process [scil. the interaction between text and reader] can be adequately described. For this purpose a phenomenological analysis recommends itself, especially since the somewhat sparse observations hitherto made of the psychology of reading tend mainly to be psychoanalytical, and so are restricted to the illustration of predetermined ideas concerning the unconscious.“ Vgl. auch Iser 1976, S. 177; vgl. zudem die Rezension von Gumbrecht 1977, S. 529: „Daß der Leser den Text erfassen, ihn in sein Bewußtsein überführen kann, verdankt er einem unhintergehbaren Mechanismus jeder Bewußtseinstätigkeit.“ Iser hat mit Blick auf den eigenen Ansatz von einem „Beitrag zur Phänomenologie der Einbildungskraft“ gesprochen (Iser 1975, S. 333).

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kognitionswissenschaftlichen und psycholinguistischen Leseforschung in Verbindung setzen will, so scheint es sinnvoll, den Vergleich auf Isers Leser-Pol zu beschränken, d. h. auf seine Phänomenologie des Lesens im engeren Sinne. Denn aufs Ganze gesehen bringt sein Ansatz eine Reihe von Fragen und Problemen mit sich, die eher in den Bereich der Hermeneutik als in die cognitive poetics fallen. Dies betrifft vor allem den Textbegriff. Im Rahmen der cognitive poetics ist der Untersuchungsgegenstand aus guten Gründen das „Ergebnis der Interaktion zwischen den physischen Signalen […] des materiellen Textsubstrats einerseits und den mentalen Operationen des Lesers bei der Verarbeitung dieser Signale andererseits“.92 Legt man allerdings in der ‚traditionellen‘ Literaturwissenschaft denselben Textbegriff an (der Text nicht als das Gelesene, sondern als das Ergebnis von individuellen Akten des Lesens), dann sieht man sich auf einmal mit einer Situation konfrontiert, in dem verschiedene Leser keinen gemeinsamen Untersuchungsgegenstand mehr haben. Damit droht die Normativität des (wissenschaftlichen) Interpretierens durch einen Textbegriff verdeckt zu werden, der auf die Faktizität des Verstehens ausgerichtet ist. Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass es sich bei Isers Leser-Pol um die Bewusstseinsstrukturen und Informationsverarbeitungsmechanismen des realen Lesers handelt. Dies ist insofern hervorzuheben, als es bei Iser bekanntlich auch noch den impliziten Leser gibt, verstanden als eine „im Text ausmachbare Leserrolle, die aus einer Textstruktur und einer Aktstruktur besteht“.93 Im Rahmen dieses Konzepts färbt die inhärente Normativität des Textes sehr wohl auf die Aktstruktur ab, indem sich Text- und Aktstruktur zueinander wie „Intention“ und „Erfüllung“ verhalten.94 Immer wieder ist in der Forschung darauf hingewiesen worden, dass Isers Konzept des impliziten Lesers mehr Probleme generiert, als es zu lösen vermag. Eine gewisse Unschärfe kommt schon dadurch zustande, dass der implizite Leser in verschiedenen Zusammenhängen recht unterschiedlich charakterisiert wird. So spricht Iser mal von einer

|| 92 Schneider 2015, S. 253. Hier liest man auch: „Mit Hilfe von Erkenntnissen der Textverstehensforschung lassen sich heute genauere Aussagen darüber machen, wie die Interaktionen zwischen Text und Leser sich im Einzelnen vollziehen. Im Rahmen der Weiterentwicklung der Kognitionspsychologie und der kognitiven Linguistik hat diese Forschungsrichtung ab den 1970er Jahren immer feiner operationalisierte und durch zahlreiche theoretische und empirische Arbeiten gut begründete Modelle derjenigen mentalen Prozesse vorgelegt, die für das Textverstehen konstitutiv sind. Diese Modelle lassen es zu, die Parameter des Textverstehens genauer zu benennen, so dass man spezifische Hypothesen darüber generieren kann, unter welchen Umständen Leser bestimmte Rezeptionshandlungen vollziehen“ (S. 252f.). 93 Iser 1976, S. 66. 94 Iser 1976, S. 63; vgl. auch S. 175.

Leerstellen im Text. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung | 153

„den Texten eingezeichnete[n] Struktur“; mal von der „Gesamtheit der Vororientierungen, die ein fiktionaler Text seinen möglichen Lesern als Rezeptionsbedingungen anbietet“; mal von einem „Rollenangebot des Textes“; mal von einem „Übertragungsvorgang, durch den sich die Textstrukturen über die Vorstellungsakte in den Erfahrungshaushalt des Lesers übersetzen“.95 Vor allem soll es sich aber um „ein transzendentales Modell“ handeln, „durch das sich allgemeine Wirkungsstrukturen fiktionaler Texte beschreiben lassen“.96 Wohl nicht ganz zu Unrecht ist hier die Vermutung geäußert worden, der implizite Leser sei letztlich Iser selbst, dessen eigene Lesegewohnheiten zum Modell des Lesens überhaupt erhoben werden.97

5.3 Leerstellen im Text. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung Bislang war von den beiden Polen Autor/Text und Text/Leser die Rede. Im dritten und letzten Teil von Der Akt des Lesens widmet sich Iser der ‚Interaktion‘ zwischen Text und Leser. Streng genommen werden hier keine Folgerungen aus dem Vorhergehenden gezogen. Erörtert werden vielmehr „die notwendigen Voraussetzungen für den Konstitutionsvorgang des Textes im Vorstellungsbewußtsein des Lesers“.98 Damit knüpft Iser direkt an seine Antrittsvorlesung an,

|| 95 Iser 1976, S. 60, 64, 67. Vgl. zu diesem Aspekt Willand 2015, S. 243. 96 Iser 1976, S. 66. 97 Vgl. Richter 1996, S. 534: „Iser glaubt den realen Leser aus seinem Modell ausklammern zu können, neigt aber dazu, die Position des impliziten Lesers mit der realen Figur des […] akademisch-objektivistischen und auf maximale Texttreue bedachten Lesers zu besetzen und außerdem – nicht in seiner Theorie, aber in seinen Analysebeispielen – überhaupt zu übersehen, daß jede Aussage über einen Text die Aussage eines realen Lesers ist, dessen Behauptungen von Anfang an von seiner Standortgebundenheit, seiner Subjektivität und seinem Weltwissen beeinflußt sind. Der Fluchtpunkt, auf den hin alle diese Bemerkungen orientiert sind, ist Isers eigene Subjektivität.“ Richter bemerkt ferner, der Ausdruck ‚impliziter Leser‘ scheine bei Iser letztlich „sowohl die Gesamtheit aller gedanklichen Operationen, die ein Text für eine adäquate Rezeption vom Leser fordert, als auch die entsprechenden kognitiven Operationen und die textlichen Grundlagen selbst“ zu bezeichnen (Richter 1996, S. 526). Differenzierte Analysen zum impliziten Leser finden sich auch bei Willand 2015; ferner bei Vollhardt 2003, S. 196; Groeben 1982, S. 282; Kindt 2007, S. 357, 367; Kindt/Müller 2006, S. 141–143; Ray 1984, S. 55; Link 1973, S. 547. Auf die Allgemeinheit und mangelnde Operationalisierbarkeit von Isers Modell verweist Gumbrecht 1977, S. 533; aufgegriffen von Bonnemann 2008, S. 96. 98 Iser 1976, S. 8. Vgl. auch S. 257.

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wobei vor allem der Unbestimmtheitsbegriff eine zentrale Rolle spielt, den er dort in Anlehnung an Ingarden eingeführt hatte.99 Zur Erinnerung: Ingarden hatte im Zusammenhang mit seinem Schichtenmodell von Unbestimmtheitsstellen in der Schicht der dargestellten Gegenstände gesprochen. Dieser Begriff besagt, dass die Gültigkeit des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten in der literarischen Fiktion suspendiert ist. Diese Suspension beruht auf der signitiven, d. h. durch sprachliche Zeichen vermittelten Gegebenheit der dargestellten Welt in einer endlichen Abfolge von Sätzen. Anders als reale Gegenstände, denen notwendigerweise entweder die Eigenschaft A oder die Eigenschaft Nicht-A zukommt, ist es nach Ingarden möglich, dass eine bestimmte Entität in der literarischen Fiktion weder die Eigenschaft A noch die Eigenschaft Nicht-A besitzt, womit sie im Hinblick auf A eben unbestimmt ist. Sie weist eine Unbestimmtheitsstelle auf, die der Leser (mehr oder weniger bewusst) in der Konkretisation auffüllen kann. Da die fiktive Welt mit der realen nicht zur Deckung zu bringen ist, sondern durch den Text zuallererst entworfen wird, kann allerdings nicht direkt überprüft werden, ob die betreffende Entität die Eigenschaft A nun ‚wirklich‘ aufweist oder nicht. Wie gezeigt in Kapitel 2 dieser Arbeit, handelt es sich dabei um ein interpretationstheoretisches Problem. Dies wird von Iser insofern übernommen, als er sowohl die Unbestimmtheit selbst als auch die Ursache für die Unbestimmtheit in literarischen Texten anerkennt. So legt er z. B. großen Wert darauf, dass die „Möglichkeit des Überprüfens“ in der Fiktion verweigert ist: „An diesem Punkt entsteht ein Unbestimmtheitsbetrag, der allen literarischen Texten eigen ist.“100 Zugleich streitet er aber ab, dass die Leseraktivität als ein Auffüllen von Unbestimmtheitsstellen zu beschreiben ist.101 Es kommt bei Iser zu einer Umakzentuierung: Statt von Unbestimmtheitsstellen in der dargestellten Welt spricht er einfach von Unbestimmtheit, und zwar – zumindest in Der Akt des Lesens – als einem „Orientierungsbegriff“,102 unter den drei Begriffe subsumiert werden: Leerstelle, Negation und Negativität. Wie zentral der Unbestimmtheitsbegriff für Iser ist, lässt sich gleich am Untertitel seiner Antrittsvorlesung ablesen: Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa. Hier ist noch nicht von Negation und Negativität, sehr wohl

|| 99 Spuren der Ingarden-Lektüre finden sich bei Iser schon früher (vgl. De Bruyn 2012, S. 102, Anm.). Siehe Iser 1957; Iser 1961; Iser 1969. 100 Iser 1970, S. 232. 101 Vgl. Iser 1976, S. 267–280. 102 Iser 1975, S. 333.

Leerstellen im Text. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung | 155

aber von Leerstellen die Rede, die gleichsam als der ‚Prototyp‘ literarischer Unbestimmtheit bei Iser gelten können. Im Folgenden soll dementsprechend der Begriff der Leerstelle im Fokus stehen. Entscheidend ist hierbei, dass der Gegenstand, der die wirkungsbedingende Unbestimmtheit aufweist, nicht (wie bei Ingarden) eine Entität unter anderen in der dargestellten Welt ist, sondern vielmehr der Text und das vom Leser Imaginierte in seiner Gesamtheit.103 Um die Gegebenheit dieses Gegenstandes zu beschreiben, greift Iser auf Ingarden und dessen Begriff der schematisierten Ansichten zurück: Die Beziehungen, die zwischen solchen […] Ansichten bestehen, werden in der Regel vom Text nicht ausformuliert, obgleich die Art, in der sie sich zueinander verhalten, für die Intention des Textes wichtig ist. Mit anderen Worten: Zwischen den „schematisierten Ansichten“ entsteht eine Leerstelle, die sich durch die Bestimmtheit der aneinander stoßenden Ansichten ergibt. Solche Leerstellen eröffnen dann einen Auslegungsspielraum für die Art, in der man die in den Ansichten vorgestellten Aspekte aufeinander beziehen kann. […] Die Leerstellen eines literarischen Textes sind nun keineswegs, wie man vielleicht vermuten könnte, ein Manko, sondern bilden einen elementaren Ansatzpunkt für seine Wirkung. […] Der Leser wird die Leerstellen dauernd auffüllen beziehungsweise beseitigen. Indem er sie beseitigt, nutzt er den Auslegungsspielraum und stellt selbst die nicht formulierten Beziehungen zwischen den einzelnen Ansichten her.104

Während bei Ingarden die Unbestimmtheitsstellen (wie auch die schematisierten Ansichten) den Eigenschaften von fiktiven Entitäten in der dargestellten Welt galten, bezeichnet bei Iser die Leerstelle eine Beziehung zwischen Textsegmenten. Die Leerstelle befindet sich so in gewisser Weise zwischen den Sätzen.105 Für Iser bietet sich der Text als ein Geflecht von möglichen Verbindungen dar,106 das insofern einen Auslegungsspielraum gewährt, als es dem Leser obliegt, zwischen den Textsegmenten einen Zusammenhang herzustellen. In die-

|| 103 Vgl. Iser 1975, S. 327: „[E]s geht schließlich in einem literarischen Text darum, einen imaginären Gegenstand hervorzubringen, der in der Lebenswelt nicht sein Identisches hat und nur über die Instruktionen gebildet werden kann, die die Schemata des Textes bereitstellen.“ Auch wenn es nicht ausdrücklich vermerkt wird, scheint es sich dabei um einen intentionalen Gegenstand im ‚phänomenologischen‘ Sinne zu handeln. Zumindest spricht Iser in Der Akt des Lesens von einem „perzeptuelle[n] Noema“ (Iser 1976, S. 197). An anderer Stelle spricht Iser auch explizit von Intentionalität im phänomenologischen Sinne. Vgl. Iser 2003, S. 26; Iser 1985, S. 226. Dazu auch De Bruyn 2012, S. 109, Anm. 104 Iser 1970, S. 235. 105 Dies bemerkt auch Ray 1984, S. 37. 106 Vgl. Iser 1970, S. 237. Später hat Iser diesen Gedanken mit der Phänomenologie in Verbindung gebracht (vgl. Iser 1975, S. 335).

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sem Sinne ist ein „Beteiligungsangebot“107 an den Leser im Text strukturell verankert, das zugleich die Adaptierfähigkeit des Textes begründet – und gerade dies gehört zu Isers Kernanliegen: die Sinnkonstitution des Lesers als Struktureigenschaft des Textes zu beschreiben.108 Pointiert heißt es im Vorwort zu Der Akt des Lesens: „Eine Wirkungstheorie ist im Text verankert – eine Rezeptionstheorie in den historischen Urteilen der Leser.“109 In diesem Sinne hat Iser seine Theorie ästhetischer Wirkung ausdrücklich als eine Texttheorie verstanden, die bewusst die Rezeptionszeugnisse von „historisch ausmachbaren Lesern“ außen vor lässt.110 Im Vergleich zu Ingarden ist in der oben zitierten Passage noch eine weitere Verschiebung zu verzeichnen. Was Iser dort vor Augen hat, ist wohl vor allem als Kohärenzstiftung zu beschreiben und entspricht somit nicht der dritten oder vierten Schicht in Ingardens Modell, sondern vielmehr einem Tatbestand, den Ingarden in Bezug auf die sogenannten satzbildenden Operationen diskutiert hatte: dass man beim Lesen eines Textes meist nicht auf einzelne Sätze, sondern vielmehr auf einen ganzheitlichen Zusammenhang eingestellt ist. Überhaupt besagt der landläufige Textbegriff, dass ein Text kein bloßes Aggregat von verschiedenen Wörtern oder Sätzen ist. In diesem Sinne wird meist gerade die Kohärenz als ein zentrales Textualitätsmerkmal betrachtet.111 Wenn Iser nun mit Ingarden von schematisierten Ansichten spricht und so ein Prinzip der visuellen Dingwahrnehmung auf das Verstehen sprachlicher Zeichen überträgt,

|| 107 Iser 1970, S. 236. 108 Vgl. Iser 1970, S. 248: „Zunächst dürfen wir sagen, daß der Unbestimmtheitsbetrag in literarischer Prosa – vielleicht in Literatur überhaupt – das wichtigste Umschaltelement zwischen Text und Leser darstellt. Als Umschaltstelle funktioniert Unbestimmtheit insofern, als sie die Vorstellungen des Lesers zum Mitvollzug der im Text angelegten Intention aktiviert. Das aber heißt: Sie wird zur Basis einer Textstruktur, in der der Leser immer schon mitgedacht ist.“ 109 Iser 1976, S. 8. 110 Iser 1976, S. 8. Vgl. die Elaboration im Vorwort zur zweiten Auflage: „Was heute Rezeptionsästhetik genannt wird, ist gewiß nicht von jener Einheitlichkeit, wie es eine solche Klassifizierung nahezulegen scheint. Im Prinzip verbergen sich hinter diesem Begriff zwei unterschiedliche Orientierungen, die sich trotz der Wechselseitigkeit ihrer Beziehungen voneinander abheben. Rezeption im strengen Wortgebrauch nimmt die Phänomene dokumentierter Textverarbeitung in den Blick und ist folglich in starkem Maße auf Zeugnisse angewiesen […]. Wirkung und Rezeption bilden […] zentrale Forschungsansätze der Rezeptionsästhetik, die angesichts ihrer verschiedenen Zielrichtungen jeweils mit historisch-soziologischen (Rezeption) beziehungsweise texttheoretischen (Wirkung) Methoden arbeitet. Rezeptionsästhetik kommt dann in ihre volle Dimension, wenn die beiden unterschiedlich orientierten Zielrichtungen aufeinander bezogen werden“ (Iser 1976, S. I). 111 Dazu grundlegend Beaugrande/Dressler 1981, S. 1–14, 88–117.

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dann dürfte es ihm vor allem darum gegangen sein, den Text nach der Logik von Gegebenheit und Mitgegebenheit als einen geregelten Verweiszusammenhang zu fassen. So lautet sein eigener Explikationsversuch: Leerstellen sind Kommunikationsbedingung des Textes […]. Sie markieren das Aneinanderstoßen der Textschemata, indem sie deren Anschließbarkeit aussparen. Wenn ich die Aussparung solcher sprachlich nicht manifestierten Anschließbarkeiten als Leerstellen bezeichnet habe, so ist damit eine Systemreferenz impliziert; denn Leerstellen gibt es nicht als solche, sondern nur innerhalb eines Systems, und der literarische Text ist ein sinnkonstituierendes System. Gleichzeitig ist damit gesagt, […] daß solche Leerstellen als Unterbrechungen die Bedingung dafür bilden, sich das vorstellen zu müssen, was ausgespart ist.112

Das Entscheidende ist hier der unterstellte Systemcharakter des Textes. Nur aufgrund der Geschlossenheit des Systems kann das Gegebene Verweischarakter gewinnen und das Nicht-Gegebene als integraler Bestandteil des Ganzen konzipiert werden.113 Damit wäre man gewissermaßen schon bei einem weiteren wichtigen Punkt. Denn wenn Iser die Leerstelle als eine ausgesparte oder nicht ausformulierte Beziehung konzipiert, die auch noch für die Intention des Textes wichtig sein soll (siehe wieder die oben zitierte Passage), dann wird außerdem deutlich, dass die Leerstelle weit mehr als die Kohärenzstiftung des Lesers im engeren, ‚textlinguistischen‘ Sinne umfasst. So versteht Iser Unbestimmtheit nicht lediglich als eine Wirkungsbedingung, sondern auch als eine produktionsästhetische Kategorie und als Bestandteil eines bestimmten Literaturbegriffs: „Soll die Aktivität des Lesers am Vollzug des Geschehens gesteigert […] werden, so darf das im Text Gesagte nicht so gemeint sein, wie es formuliert ist.“114 In Der Akt des Lesens wurde dieser Sachverhalt auf die oft zitierte Formel gebracht: „Wirkung entsteht aus der Differenz zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, oder, anders gewendet, aus der Dialektik von Zeigen und Ver|| 112 Iser 1975, S. 326. Iser geht es in diesem Text ausdrücklich um eine „Präzisierung der wirkungsästhetischen Perspektive“ (S. 324). Vgl. auch Iser 1970, S. 234: „[L]iterarische Gegenstände kommen dadurch zustande, daß der Text eine Mannigfaltigkeit von Ansichten entrollt, die den Gegenstand schrittweise hervorbringen und ihn gleichzeitig für die Anschauung des Lesers konkret machen. Wir nennen diese Ansichten im Anschluß an einen von Ingarden geprägten Begriff ‚schematisierte Ansichten‘, weil eine jede von ihnen den Gegenstand nicht in einer beiläufigen oder gar zufälligen, sondern in einer repräsentativen Weise vorstellen möchte.“ 113 In diesem Sinne spricht Eckhard Lobsien von der Leerstelle als einer „positive[n] Texteigenschaft“ (Lobsien 2010, S. 214). 114 Iser 1970, S. 240. Hier heißt es auch: „Das Formulierte darf die Intention des Textes nicht ausschöpfen.“ Vgl. auch S. 243.

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schweigen“.115 Was die Intention des Textes betrifft, dürfte zweierlei gemeint sein: zum einen sein allgemeiner Zweck, ästhetisch zu wirken,116 und zum anderen eine bestimmte, vom Autor intendierte Wirkung, die durch eine kalkulierte Distribution von Unbestimmtheit erzielt werden soll.117 So erscheint die Leerstelle bei Iser nicht als „ausgesparte Anschließbarkeit“ überhaupt,118 hat man doch in jedem Text die Textsegmente aufeinander zu beziehen, um einen Zusammenhang herzustellen, sondern als eine interpretationsrelevante Beziehung zwischen den Textsegmenten.119 Mehr oder weniger gezielte Aussparungen seitens des Autors sollen gewissermaßen die Hypothesenbildung des Lesers ankurbeln,120 dessen Aufgabe nun darin besteht, den „archimedischen Punkt“ auszumachen, der im Text selbst nicht genannt ist, aber in dem die Textsegmente „konvergieren“.121 Iser spricht in diesem Zusammenhang vom Text als „Abschattung“ eines verschwiegenen „Konstitutionsgrund[es]“,122 den der Leser zu finden bzw. zu entdecken hat,123 ferner schlicht von der „zentralen Intention des Textes“.124 Wie Iser in Der Akt des Lesens präzisiert, bezeichnen die Leerstellen (ganz anders als bei Ingarden) keine „Bestimmungslücke des intentionalen Gegenstandes“, sie zeigen keine „Komplettierungsnotwendigkeit“, sondern vielmehr eine „Kombinationsnotwendigkeit“ an.125 Gemeint ist die Bildung eines „Einbettungszusammenhang[s]“126 mit einer Integrationskraft, die hinreichend groß ist, um alle Elemente des Textes zu einer konsistenten Einheit zu vereinen. Iser

|| 115 Iser 1976, S. 79. Vgl. auch S. 97. Pointiert von einer Dialektik von Zeigen und Verschweigen spricht z. B. Lobsien 2012, S. 14. 116 Vgl. etwa Iser 1976, S. 50. 117 Iser spricht explizit, wenn auch nicht sehr klar, von einer Steuerung von Lesereaktionen durch Unbestimmtheit; vgl. Iser 1970, S. 238. 118 Iser 1976, S. 284 (als Kapitelüberschrift). 119 Vgl. Richter 1996, S. 530, 533 (mit Verweis auf Link 1973; Titzmann 1977, S. 230–247). 120 Vgl. Richter 1996, S. 528. 121 Iser 1970, S. 242. 122 Iser 1970, S. 244. 123 Wie Gerhard Kaiser bemerkt, scheint die Leseraktivität bei Iser auf nichts anderes als die inkriminierte ‚Interpretation‘ hinauszulaufen, wenn betont wird, dass man als Leser den Sinn des Textes zu entdecken habe (vgl. Kaiser 1971, bes. S. 269). 124 Iser 1970, S. 244. 125 Iser 1976, S. 284. 126 Iser 1976, S. 285.

Leerstellen im Text. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung | 159

spricht hier von einer Gestalt im Sinne der Gestaltpsychologie Ernst Gombrichs. Beachtenswert ist dabei: Nur so kann ein Text für Iser als verstanden gelten.127 Nolens volens rückt Iser somit tatsächlich wieder in die Nähe von Emil Staiger. Dass es einen nicht beobachtbaren Konvergenzpunkt gibt, in dem die heterogenen Elemente des Textes zusammenkommen, war ja gerade, was Staigers Stilbegriff besagen sollte. Eine gewisse Nähe gibt es außerdem zu jüngeren interpretationstheoretischen Debatten. In den letzten Jahren wurde wiederholt die Frage gestellt, ob es so etwas wie die Gesamtbedeutung eines Textes überhaupt gibt. So meint z. B. Peter Lamarque, man könne nicht analog zur Bedeutung eines Wortes oder Satzes von der Bedeutung eines Textes sprechen. Stattdessen müsse von dem Thema des Textes gesprochen werden.128 Mit seiner an Susan Sontag geschulten Kritik am Bedeutungsbegriff verwehrt sich Iser nicht zuletzt dagegen, den literarischen Text auf eine griffige Paraphrase, auf eine bloße Benennung des Themas zu reduzieren. Auch Staiger hatte im Übrigen dieses Problem gesehen und deshalb mit Gustav Becking von ‚Schlagfiguren‘ als bloße Zeichen für den begrifflich nicht zu fixierenden Stil gesprochen.129 Beide gehen indessen davon aus, dass der Text in dem Sinne einheitlich ist, dass ein gegebenes Textsegment nicht unvereinbar mit dem Kotext und dem restlichen Text ist. Was Staiger, Iser und Lamarque jeweils Stil, Einbettungszusammenhang und Thema nennen, lässt sich mit dem vergleichen, was man aus der klassischen Hermeneutik als Skopus (σκοπός) kennt.130 Hierbei scheinen jedoch alle drei zu übersehen, dass eine Benennung des Themas nicht den Endpunkt der Lektüre markieren muss, sondern ihrerseits als Ausgangspunkt für neue Inferenzen hermeneutisch produktiv gemacht werden kann. Wenn man z. B. mit Blick auf einen Roman plausibel machen kann, dass Liebe das zentrale Thema des Textes sei, und ein bestimmtes Ereignis sodann in einer bestimmten Weise auslegt, weil es im besagten Roman um Liebe geht, dann kann dies durchaus zu einem besseren Verständnis des Textes beitragen.

|| 127 Vgl. Iser 1976, S. 33 (Konsistenzbildung als Verstehensbedingung), außerdem S. 94–97 (Gestalt als das perzeptuelle Noema des Textes). 128 Vgl. Lamarque 2002, etwa S. 298: „Metacritics are so used to speaking of ‚the meaning of a work‘ that they have failed to reflect on its oddity. Often – not always – the phrase is taken to mean ‚the themes of the work‘ or what it is ‚about‘.“ Vgl. auch Stout 1982; Scholz 2012; Detel 2016, Kap. 4. 129 Siehe dazu Kap. 4 dieser Arbeit. 130 Vgl. Strube 1993, S. 67, 107 (mit dazugehörigen Anmerkungen auf S. 169, 181). Der SkopusBegriff hat eine lange Tradition in der Rhetorik und (theologischen) Hermeneutik; vgl. den Abriss von Stoellger 2007.

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Wie gesehen wird bei Iser Unbestimmtheit als eine Wirkungsbedingung literarischer Texte charakterisiert. Hinzu kommt allerdings, dass ein gewisses Maß an Unbestimmtheit bei Iser auch als Merkmal von guter Literatur erscheint und dabei sogar die Lust am Lesen begründet. So bestehe der „Reiz“ an der Lektüre darin, „daß […] der Leser die unausformulierten Anschlüsse selbst herstellen muß“,131 wobei „bestimmte Erwartungen […] nicht restlos eingelöst werden [dürfen]“, wenn der Text „etwas taugen“ soll.132 Ähnlich wie bei den russischen Formalisten bildet so bei Iser die gezielte Vorstellungserschwerung ein zentrales ästhetisches Prinzip.133 Damit wird vor allem sichtbar, dass sein Begriff der Leerstelle keineswegs wertneutral ist, sondern eine quasi-präskriptive Komponente besitzt. Dies hindert ihn aber nicht daran, den Unbestimmtheitsbegriff wiederum als eine Beschreibungskategorie zu verwenden, um eine literaturhistorische These zu begründen, nämlich dass die Unbestimmtheit in literarischen Texten seit dem 18. Jahrhundert stetig zugenommen habe.134 Im Gegensatz zu Ingardens Begriff der Unbestimmtheitsstelle, der per definitionem keine graduelle Abstufung zulässt, wird Unbestimmtheit bei Iser als etwas Graduelles aufgefasst und konzeptuell mit einem bestimmten, historisch gewachsenen Literaturbegriff sowie mit einer interpretatorischen Polyvalenzkonvention zusammengeführt.

|| 131 Iser 1970, S. 237. Vgl. auch Iser 1976, S. 176. 132 Iser 1970, S. 237. Vgl. auch S. 236: „Sinkt der Leerstellenbetrag in einem fiktionalen Text, dann gerät er in Gefahr, seine Leser zu langweilen […].“ Es finden sich bei Iser zahlreiche weitere Stellen dieser Art. Vgl. etwa Iser 1972b, S. 280: „If the reader were given the whole story, and there were nothing left for him to do, then his imagination would never enter the field, the result would be the boredom which inevitably arises when everything is laid out cut and dried before us. A literary text must therefore be conceived in such a way that it will engage the reader’s imagination in the task of working things out for himself, for reading is only a pleasure when it is active and creative. In this process of creativity, the text may either not go far enough, or may go too far, so we may say that boredom and overstrain form the boundaries beyond which the reader will leave the field of play.“ Die entsprechende Stelle in Der Akt des Lesens lautet: „[D]as Lesen wird erst dort zum Vergnügen, wo unsere Produktivität ins Spiel kommt, und das heißt, wo Texte eine Chance bieten, unsere Vermögen zu betätigen. Für eine solche Produktivität gibt es ohne Zweifel Toleranzgrenzen, die überschritten werden, wenn uns alles deutlich gesagt wird oder wenn das Gesagte in Diffusion zu verschwimmen droht, so daß Langeweile und Strapaziertwerden Grenzpunkte verkörpern, die in der Regel unser Ausscheiden aus der Beteiligung anzeigen“ (Iser 1976, S. 176). 133 Vgl. Iser 1976, S. 291, 293. Vgl. hierzu auch Pany 2000, S. 61; Zima 1991, S. 252. 134 Diese literaturhistorische These entspricht in etwa Umberto Ecos Auffassung vom offenen Kunstwerk (vgl. Eco 1962).

Theoriebildung, Institutionengeschichte, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen | 161

5.4 Theoriebildung, Institutionengeschichte, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen Bei Iser lässt sich eine konzeptuelle Anregung von der Phänomenologie, insbesondere von Ingardens phänomenologischer Literaturtheorie auf zwei verschiedenen Ebenen beobachten. Einerseits hat Ingardens Unterscheidung zwischen Werk und Konkretisation, zwischen dem Künstlerischen und Ästhetischen bei Iser eine strukturierende Funktion. Daraus ergibt sich das zugrunde gelegte Kommunikationsmodell bzw. die ‚Pole‘ der literarischen Kommunikation. Andererseits werden bestimmte Begriffe oder Theoreme übernommen und zum Teil auch erheblich umgedeutet, so z. B. der Unbestimmtheitsbegriff oder die sogenannten schematisierten Ansichten. In Wolfgang Isers Antrittsvorlesung Die Appellstruktur der Texte findet sich eine lange Anmerkung, die mit den folgenden Worten beginnt: „An dieser Stelle müßte eine Auseinandersetzung mit dem von Ingarden gebrauchten Begriff der ‚Unbestimmtheitsstellen‘ erfolgen, damit die hier vorgetragene Auffassung von einer scheinbar verwandten Problemstellung deutlich unterschieden werden kann.“135 Iser verspricht, diese Abgrenzung von Ingarden zu einem späteren Zeitpunkt zu explizieren, lässt aber hier schon deutlich erkennen, worauf seine Kritik abhebt, nämlich auf Ingardens Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Konkretisationen: Das Auffüllen der „Unbestimmtheitsstellen“ tendiert auf eine Komplettierung der polyphonen Harmonie, die für Ingarden eine Grundbedingung des Kunstwerks verkörpert. Bestimmt sich die Ergänzung als Vervollständigung des Weggelassenen, so wird ihr undynamischer Charakter sichtbar. Offensichtlich vermag die polyphone Harmonie richtige und falsche Ergänzungen voneinander zu sondern und damit die Ergänzung durch den Leser zu bestätigen oder entsprechend zu korrigieren. Hinter einer solchen Auffassung steht die klassische Konzeption des Kunstwerks, so daß es konsequenterweise für Ingarden richtige und falsche „Konkretisierungen“ gibt.136

Isers Ingarden-Kritik ist oft dahingehend aufgefasst worden, dass er eine kategorische Unterscheidung zwischen richtigem und falschem Verstehen ablehnt, um stattdessen den Auslegungsspielraum des Textes zu akzentuieren. Dies mag aufs Ganze gesehen nicht ganz falsch sein, verfehlt aber das eigentliche Argument, das Iser gegen Ingarden vorbringt. Entscheidend sind diesbezüglich zwei Dinge: zum einen, dass ein bloß ergänzendes Auffüllen von Unbestimmtheits-

|| 135 Iser 1970, S. 250, Anm. 136 Iser 1970, S. 251, Anm.

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stellen (eine bloße „Vervollständigung des Weggelassenen“) für Iser ein „unilineares Gefälle vom Text zum Leser“137 bedeuten würde, was in scharfem Kontrast zu seiner Vorstellung von einem Interaktionsverhältnis zwischen Text und Leser steht; und zum anderen, dass die Kritik sich ausdrücklich auf die „polyphone Harmonie“ bezieht, d. h. auf eine bestimmte Konzeption des Kunstwerks, der Ingarden verpflichtet sei. Bei Ingarden war es gerade die Unterscheidung zwischen ‚richtigen‘ und ‚falschen‘ Konkretisationen, die seinen Ansatz hermeneutisch valent werden ließ. Isers Ingarden-Kritik ist aber keineswegs interpretationstheoretischer Natur, sondern gilt vor allem dessen Kunstverständnis, aus dem sich konsequenterweise die richtig/falsch-Alternative ergeben haben soll. Im Wesentlichen geht es hier wieder um jene überholte Interpretationsnorm, die sich laut Iser im 19. Jahrhundert an einem „klassischen Kunstideal“ herausgebildet hatte.138 Diese Interpretationsnorm hatte Iser zufolge zur Voraussetzung, dass im literarischen Werk eine Sinntotalität zur Erscheinung kommt, die „zu ihrer angemessenen Repräsentation der Stimmigkeit der Formen bedurfte“.139 In diesem Sinne spricht er auch von „Ordnung, Ausgleich, Versöhnung, Stimmigkeit und Gefügtsein der Teile zu einer Einheit“.140 Was Ingardens Schichtenmodell betrifft, so sieht Iser dieses Modell „noch ganz auf die symbolische Repräsentationsleistung hin konzipiert, die sich in der polyphonen Harmonie der Schichten erfüllt“.141 Neben der polyphonen Harmonie hebt er hier auf dasjenige ab, was Ingarden gleichsam als Nachklapp zu seinem Schichtenmodell metaphysische Qualitäten genannt hatte, nämlich eine spezifische Differenz des literarischen Kunstwerks gegenüber dem ontologisch verstandenen Werk. Gemeint ist damit eine „spezifische Atmosphäre“,142 von der die fiktive Welt gleichsam durchtränkt ist. Eine solche Atmosphäre in ihrer ganzen lebensbeherrschenden Kraft lässt sich nach Ingarden zwar nicht richtig begreifen, in

|| 137 Iser 1976, S. 271. 138 Iser 1976, S. 27. 139 Iser 1976, S. 35. 140 Iser 1976, S. 26. 141 Iser 1975, S. 328. Ingardens Begriff der polyphonen Harmonie ist nicht mit demjenigen von Michail M. Bachtin zu verwechseln, sondern entspricht eher dem, was bereits in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts unter der Bezeichnung ‚ästhetischer Reichtum‘ (ubertas aesthetica) firmiert. Vgl. etwa Meier 1748, S. 50: „Jederman weis, daß, wenn sonst alles seine Richtigkeit hat, eine Musik unendliche mal schöner ist, wenn viele Instrumente von verschiedener Art zugleich gespielt werden […], als wenn ein einziger, auf einem einzigen Instrumente, nur blos die Hauptnoten […] spielt“; zu diesem Konzept auch Baumgarten 1750, Sec. VIII. 142 Ingarden 1931, S. 300.

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der Kunstbetrachtung aber in besonderer Weise erschauen, da man selbst nicht betroffen ist. Diese inhaltlich bestimmten, metaphysischen Qualitäten deutet Iser nun als das Telos von Ingardens Modell. Sie geben Iser zufolge dem literarischen Werk eine „Finalität“,143 die als Norm „im Konkretisationsakt entweder erfüllt oder verfehlt wird“.144 Aufschlussreich ist wieder einmal das IngardenKapitel in How to Do Theory: What appears to be the crux of Ingarden’s theory […] consists in the qualification of the intentional object a as representative of metaphysical qualities, which marks a break in the logic of his argument. The stratified model is a frame for observation und thus strictly formal by nature, whereas the intentional object is content-laden.145

Aus Isers Sicht bilden also die metaphysischen Qualitäten bei Ingarden „Bedingung und Zielpunkt derjenigen Norm, die die richtige Konkretisation kontrolliert“.146 Damit sei aber Ingarden gerade in das überholte ‚Referenzmodell‘ zurückgefallen, sofern das Werk bloß einen Inhalt zum Ausdruck bringe, der dem Werk selbst vorausliegt. Überhaupt kann nach Iser in der modernen Literatur von so etwas wie einer polyphonen Harmonie gar nicht mehr die Rede sein, weshalb sich auch eine zeitgemäße Methode des Interpretierens aus Ingardens Modell nicht ableiten lasse.147 Was die interpretationstheoretische Tragfähigkeit von Isers eigenem Ansatz betrifft, so hat sich vor allem die Verwischung der Grenze zwischen Text und Kontext als problematisch herausgestellt. Anzumerken ist allerdings, dass gerade diese Grenzverwischung für Isers Fiktionsbegriff mitsamt dem spezifischen Erkenntnispotential und der anthropologischen Aussagekraft der Fiktion äußerst wichtig ist. Bei Iser werden Fiktion und Wirklichkeit ausdrücklich nicht ontologisch als Gegensätze aufgefasst. Vielmehr versteht er Fiktion als Wirk-

|| 143 Iser 1976, S. 269. 144 Iser 1976, S. 270. 145 Iser 2006, S. 20f. 146 Iser 1976, S. 271. 147 Vgl. Iser 2006, S. 22: „The organization of the layered structure is at best polyphonic, but hardly ever harmonious. The method of interpretation derived from such a theory is bound to focus on the contrasts, the contradictions, the ambivalences, the ambiguities, the conflicts, the interplay between what is said and concealed, and finally on the drama that develops between the strata out of which the individuality of the intentional object arises. The more disturbances there are between the relationships of the strata, the more protracted becomes the perception of the intentional object. Suspended harmony, then, prolongs the recipient’s efforts to come to grips with what the intentional object is meant to be, and this leads to a more intimate relationship between the intentional object and the recipient.“

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lichkeitsvermittlung,148 wobei der Leser gerade durch fiktionale Texte ein neues Verhältnis zur eigenen Wirklichkeit gewinnen soll. Hier wird sogar großer Wert darauf gelegt, dass der Leser sich am Autor orientiert, so dass das Lesen von Literatur eine Fremderfahrung beinhaltet.149 So besteht für Iser der Wert der Literatur/Fiktion vor allem darin, dass eine „Einstellungsdifferenzierung des Lesers“ bewirkt wird.150 Wenn der Leser den vollzogenen Einstellungswechsel auf seinen eigenen Habitus rückzubinden vermag, also wenn er eine gewisse Distanz zu den herrschenden Normen der eigenen Lebenswelt gewinnen kann, dann übt die Literatur die ihr eigene Funktion als Gegendiskurs aus.151 Mit einer treffenden Formulierung von Jens Bonnemann: „Der Schwerpunkt liegt nicht auf der Offenheit des Textes, sondern […] viel eher auf dessen emanzipatorischer Wirkung, insofern der Leser sich einer Korrektur seiner bisherigen Überzeugungen […] unterziehen soll.“152 Paradoxerweise erhält fast alles, was Isers Theorie ästhetischer Wirkung in interpretationstheoretischer Hinsicht besonders problematisch macht, in Bezug auf seinen Literatur- bzw. Fiktionsbegriff sowie in seiner später ausformulierten literarischen Anthropologie eine tragende Funktion.153 So mag hier der interpre-

|| 148 Vgl. Iser 1976, S. 88. Vgl. hierzu auch Pany 2000, S. 21. 149 Vgl. etwa Iser 1970, S. 249; Iser 1975, S. 338; Iser 1976, S. 9, 85f. 150 Iser 1976, S. 328. 151 Vgl. Iser 1976, S. 338; ferner S. 293: „So läuft die Vorstellungserschwerung darauf hinaus, den Leser von habituellen Dispositionen abzulösen, damit er sich das vorzustellen vermag, was durch die Entschiedenheit seiner habituellen Orientierungen vielleicht unvorstellbar schien.“ Vgl. hierzu Strasen 2008, S. 343; kognitionswissenschaftlich umgedeutet von Schneider 2015, S. 260. 152 Bonnemann 2008, S. 93. In vergleichbarer Weise spricht Paul Ricœur von einer Redeskription bzw. Refiguration des Wirklichen durch poetische Sprache; vgl. Ricœur 1995, S. 41f., 68f. 153 Zu Isers Fiktionsbegriff und literarischer Anthropologie vgl. seine Beiträge in Iser/Henrich 1983; Iser 1991. Zu Isers Begriff des Imaginären, der in seiner literarischen Anthropologie dem Begriff des Fiktiven an die Seite gestellt wird, vgl. kritisch Ströker 1983; ferner Kablitz 2013, S. 189–194; Werle 2007, S. 37f. – Nach Winfried Fluck ist es Iser nicht um eine Methodologie des Interpretierens, sondern um eine Theorie ästhetischer Erfahrung zu tun gewesen (vgl. Fluck 2000, bes. S. 201, Anm.). Ben De Bruyn hält dagegen den Bedeutungsbegriff bei Iser für einen Schlüsselbegriff (vgl. De Bruyn 2012, S. 6, 253–257). Es ist in der Tat nicht ganz leicht, Isers Zielsetzung genau zu identifizieren. Wohlwollend könnte man sagen, dass es sich um eine heterogene Fragestellung handelt (vgl. De Bruyn 2012, S. 96). Oder man könnte es wie Stanley Fish in seiner vielzitierten Kritik an Iser pointierter – das heißt: mit Spitze – formulieren: „As the claims for literature expand to include the fostering of self-consciousness, so do the claims for Iser’s theory which is now not only an aesthetic, an ontology, and a history, but a psychology and an epistemology as well. Indeed the range of problems that Iser apparently solves is remarkable; but even more remarkable is the fact that he achieves his solutions with-

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tationstheoretische Ertrag tatsächlich eher mager ausfallen. Im Hinblick auf die Logik der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung bildet aber Isers Ansatz einen überaus interessanten Fall. Zum einen lässt sich hier mit besonderer Klarheit beobachten, dass eine Identifikation von Einflussspendern oder Vorläufertheorien (wie z. B. die Phänomenologie) noch lange nicht dazu ausreicht, den theoretischen Stellenwert von übernommenen Begriffen oder Theoremen in dem neuen argumentativen Kontext zu bestimmen.154 Zum anderen schlagen sich bei Iser ganz heterogene Vorannahmen in seiner Literaturtheorie nieder. Viele dieser Vorannahmen sind gegenstandsspezifisch, gelten also im engeren Sinne der Literatur. Andere Vorannahmen speisen sich hingegen aus bildungspolitischen Interessen, gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und sonstigen Faktoren. Wie Dorit Müller zur Geschichte der Literaturwissenschaft nach 1968 bemerkt hat, kann die Rezeptionsästhetik „als der wichtigste Beitrag der deutschsprachigen Literaturwissenschaft zur internationalen Methodendiskussion nach 1945 bezeichnet werden“.155 Für die Resonanz, auf die Isers Ansatz vor allem in der englischsprachigen Welt gestoßen ist, gibt es mehrere Gründe. Allgemein wurde die Aufnahme sicherlich durch das Aufkommen der sogenannten reader response theory begünstigt. So konnten sich Isers Überlegungen in eine laufende Debatte einzufügen.156 Außerdem dürfte die Tatsache, dass Iser als Anglist auf Englisch publizierte und auf Beispiele aus der englischsprachigen Literatur || out sacrificing any of the interests that might be urged by one or another of the traditional theoretical positions. His theory is mounted on behalf of the reader, but it honors the intentions of the authors; the aesthetic object is constructed in time, but the blueprint for its construction is spatially embodied; each realization of the blueprint is historical and unique; but it itself is given once and for all; literature is freed from the tyranny of referential meaning, but nevertheless contains a meaning in the directions that trigger the reader’s activities; those activities are determined by a reader’s ‚stock of experience‘ […], but in the course of their unfolding, that stock is transformed. The theory, in short, has something for everyone, and denies legitimacy to no one“ (Fish 1981, S. 6). 154 Vgl. hierzu die Einschätzung von Müller 1988, S. 456: „[…] Listen von Vorläufern werden in wissenschaftshistorischen Darstellungen selten zum Gegenstand einer kritischen Prüfung gewählt, die sich z. B. darauf erstrecken könnte, ob es sich bei der Anführung von Vorläufern um simples name-dropping handelt, ob es um die Entlehnung des einen oder anderen attraktiven Terminus oder tatsächlich um eine konzeptionelle Anregung für eine neue Forschungsrichtung geht.“ 155 Müller 2007, S. 169. 156 Robert C. Holub weist auch auf die Veränderungen durch den Transfer aus einem Wissenschaftssystem in ein anderes hin; vgl. Holub 2003, S. 128; ausführlich dargestellt in Holub 1984; Holub 1992. Zur Rezeption der Rezeptionsästhetik in der DDR vgl. Danneberg/Schernus/ Schönert 1995; Adam/Dainat/Schandera 2003; Funke 2004.

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zurückgriff, für größere Anschlussfähigkeit gesorgt haben.157 Zugleich scheint aber seine Theorie ästhetischer Wirkung mit ihrem besonderen Entstehungskontext untrennbar verbunden zu sein. Mitte der 1960er Jahre fand „eine der wichtigsten Umbruchsphasen der deutschen Literaturwissenschaft im 20. Jh.“ statt.158 Die Konstanzer Rezeptionsästhetik bildete sich so in einer Zeit heraus, in der die Literaturwissenschaft – auch ihrem Selbstverständnis nach – in einem tiefgreifenden Wandel begriffen war. Diese Umbruchsstimmung spiegelt Isers Theorie in gleich mehrfacher Hinsicht. Im Vorwort zur zweiten Auflage von Der Akt des Lesens weist er rückblickend darauf hin, dass die Rezeptionsästhetik sich aus „der geschichtlichen Situation deutscher Universitäten in den 60er Jahren“ entwickelte, wobei der Versuch einer Neuausrichtung „sowohl durch eine wissenschaftsgeschichtliche als auch eine politische Perspektive bedingt“ war.159 Was die wissenschaftsgeschichtliche Perspektive anbelangt, beschreibt er die Rezeptionsästhetik als Reaktion auf eine als antiquiert empfundene Interpretationsweise.160 So gewinnt Isers Ansatz sein Profil zum Teil in Abgren-

|| 157 Dies hat auch Iser selbst bemerkt; vgl. Boden 2003, S. 159. 158 Müller 2007, S. 148. Man liest hier weiter: „Als Indizien für die Umwälzung sind zu nennen: der Aus- und Neubau der Hochschulen, die Erweiterung der Stellen im öffentlichen Dienst, die rasant steigenden Studierendenzahlen, die Reform der Lehrerausbildung sowie die Modernisierung der Fächer, ihrer Gegenstände und Methoden.“ Vgl. auch S. 147f.: „Zeitgleich [scil. Ende der 1960er Jahre] wandelte sich […] in der Bundesrepublik das wissenschaftliche Selbstverständnis der Literaturwissenschaften. Bedingt durch vielfältige Faktoren bildungspolitischer, institutioneller und konzeptueller Art erfuhr die Wissenschaftslandschaft im Laufe der 1960er Jahre eine radikale Umstrukturierung: Die Gründung der Literaturwissenschaft auf dem Begriff der ‚Nation‘ wurde verabschiedet; dementsprechend demokratisierten und pluralisierten sich die Umgangsweisen mit Literatur. Eine programmatische ‚Verwissenschaftlichung‘ und der Anschluss an international geführte Theoriediskussionen erweiterten [die] Forschung […].“ 159 Iser 1976, S. I. Zu dieser Vorrede vgl. Vollhardt 2003, S. 191f. 160 Man habe sich gegen eine „Betrachtungsart“ gewendet, „die nach der Intention des Autors, nach der Bedeutung beziehungsweise der Botschaft des Werkes, aber auch nach dem ästhetischen Wert als dem harmonischen Zusammenklang der Figuren, Tropen und Schichten des Werkes fragte. […] So hat das klassische Interesse an der Intention des Textes dasjenige nach seiner Rezeption hervorgetrieben. Die vorherrschende semantische Orientierung, die der Bedeutung galt, ist in eine Ermittlung der ästhetischen Gegenständlichkeit des Textes umgeschlagen. Schließlich hat die Wertfrage diejenige nach der Inanspruchnahme menschlicher Vermögen durch das Kunstwerk aktuell werden lassen“ (Iser 1976, S. II). In der Fachgeschichtsschreibung wird gelegentlich in diesem Sinne der Bruch mit dem ‚alten‘ Paradigma, öfter aber eine übergreifende Kontinuität akzentuiert. Vgl. etwa Lämmert 2003.

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zung von „abgelebte[n] Interpretationsnormen“,161 konvergiert aber zugleich mit einem allgemeinen Stimmungswandel, mit der Demokratisierung im universitären und öffentlichen Leben Mitte der 1960er Jahre. Wie die Konstanzer Reform überhaupt ist auch Isers Wirkungstheorie einem ganzen „Bündel von Faktoren“ entsprungen.162 Erst vor diesem Hintergrund erklärt sich vollends die aus interpretationstheoretischer Sicht gleichsam umgekehrte Problemlage, die bei Iser zu beobachten ist. Dass verschiedene Leser ein und denselben Text unterschiedlich verstehen, hat man immer schon gewusst – und in gewisser Weise liegt gerade darin die Quelle aller hermeneutischen Bemühung. Anstatt zu fragen, wie die ‚richtige‘ Textbedeutung zu ermitteln ist oder ‚falsche‘ Interpretationen identifiziert und ausgeschlossen werden können, gilt es aber nun bei Iser zu begründen, warum Texte nicht stets in gleicher Weise aufgefasst werden.163 In Der Akt des Lesens setzt er sich zum Ziel, individuelle Realisierungsvorgänge von Texten sowie deren Interpretation durchschaubar und im Blick auf die in sie eingegangenen Voraussetzungen diagnostizierbar zu machen. Eine Wirkungstheorie soll daher die intersubjektive Diskutierbarkeit individueller Sinnvollzüge des Lesens sowie solche der Interpretation fundieren helfen.164

Dass ihm dies nur bedingt gelungen ist, hat mehrere Gründe. Isers Wirkungstheorie ist eigentlich nicht in dem Sinne ‚transzendental‘, dass Möglichkeitsbedingungen des Verstehens und Interpretierens identifiziert werden, und es handelt sich auch nicht um einen metatheoretischen Ansatz, der zu klären versucht, welche Interpretationsansätze es gibt oder prinzipiell geben könnte.165 Überhaupt liegt eine Methodologie des wissenschaftlichen Interpretierens bei Iser nicht vor, da er zwischen dem Lesen von Literatur im Allgemeinen und dem

|| 161 Iser 1976, S. III. Bereits im Vorwort zur ersten Auflage hatte Iser von einer „sich einstellenden Überzeugung“ gesprochen, „daß die Selbstgenügsamkeit der Textinterpretation an ihr Ende gekommen ist“ (Iser 1976, S. 8). 162 Boden 2003, S. 163. 163 Vgl. Iser 1976, S. I. Vgl. außerdem Barner 1981, S. 102: „Daß ein literarisches Werk, eine Werkgruppe, auch ein Autor und sogar eine Epoche im Lauf der geschichtlichen Entwicklung nicht immer in gleicher Weise aufgefaßt und interpretiert werden, bedeutet an sich keine neue Erkenntnis. Neu dagegen […] ist die programmatische These, daß Rezeptions- und Wirkungsgeschichte ein notwendiger und integraler Bestandteil des historischen Arbeitens mit Literatur sein soll.“ 164 Iser 1976, S. 8. 165 Zu der Unterscheidung zwischen objekttheoretischen und metatheoretischen Ansätzen vgl. Kindt/Köppe 2008, S. 10.

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Interpretieren in einem institutionellen Kontext nicht unterscheidet.166 Das grundlegende interpretationstheoretische Problem, wie Beliebigkeit bei der Sinnzuweisung zu vermeiden ist, wird bei Iser kaum intersubjektiv diskutierbar gemacht, geschweige denn gelöst, sondern gleichsam in den Textbegriff hineinverlagert und so entproblematisiert. Wenn er also ein imposantes Theoriegebäude errichtet, um die Leseraktivität zur Geltung kommen zu lassen, handelt es sich nicht zuletzt um eine Neuverteilung und Neubesetzung von Rollen in einem Feld von ungelösten Grundlagenproblemen.167

|| 166 Vgl. Kindt 2007, S. 365; ferner Hamilton/Schneider 2002, S. 653: „Iser never defines reading as a goal-oriented or intentional action.“ 167 Vgl. Erhart 2003, S. 32, 36f. (im Rückgriff auf Klaus Weimar).

6 René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie Bekannt ist René Wellek wohl in erster Linie für die gemeinsam mit Austin Warren verfasste Theory of Literature, die 1949 herauskam und in den folgenden zwei Jahrzehnten eine immense Wirkung entfalten sollte, zunächst und vor allem in den USA, aber auch im deutschsprachigen Raum.1 Dieses Buch wurde vielfach als ein nachgeliefertes theoretisches Manifest des sogenannten New Criticism angesehen,2 der amerikanischen Entsprechung der ‚werkimmanenten Interpretation‘, die in den 1930er und 1940er Jahren allmählich an Bedeutung gewann und in den 1950er und frühen 1960er Jahren zum dominierenden Paradigma wurde, sowohl im Literaturunterricht an den Universitäten als auch für das Selbstverständnis der Disziplin.3 Die Brücke zum New Criticism ist sicherlich nicht grundlos geschlagen worden. Wellek und Warren hatten in ihrer Theory of Literature ausdrücklich eine Form von ‚Werkimmanenz‘ (intrinsic approach) propagiert, die im Kern der Literaturauffassung und dem Lektüreideal des New Criticism (close reading) entsprach.4 Auf einige führende Vertreter des New Criticism hatten Wellek und Warren sogar explizit Bezug genommen.5 Zudem sollte gerade Wellek später zum Verteidiger des New Criticism werden, als dieser schon längst im Zuge der fortlaufenden disziplinären Selbstverständigung von fast allen Parteien zum Lieblingsgegner geworden war.6 Also, eine gewisse Nähe zum New Criticism ist schwerlich von der Hand zu weisen. Allerdings liegen die Wurzeln von Welleks Literaturtheorie nicht in der amerikanischen Literaturwissenschaft (literary criticism). Seine Grundeinsichten stammen vielmehr aus der Prager Zeit und wurden, wie er selbst mehrfach betont hat,7 || 1 Lepper 2006, S. 37 spricht von einem „Grundbuch für viele Studienjahrgänge jenseits und diesseits des Atlantik“. Vgl. in diesem Sinne auch Ickstadt 1985. 2 Vgl. Wenzel 2013, S. 563. 3 Vgl. Leitch 2010, S. 21–51; Reinhart 2003. Sprechend ist der Titel von Frank Lentricchias Studie zum amerikanischen literary criticism der späten 1960er und 1970er Jahre: After the New Criticism (Lentricchia 1980). 4 Zum close reading als literaturwissenschaftlichem Verfahren vgl. DuBois 2003; Weitz 1995. Vgl. auch den Hinweis von Zittel 2015, S. 96, Anm.: „Zum close reading als Verfahren gibt es überraschend wenige metatheoretische Überlegungen“. 5 Vgl. Wellek/Warren 1949, S. 140, 322, 365f. Die Bezugnahme hatte es freilich schon acht Jahre zuvor gegeben; vgl. Wellek 1941a, S. 97, 227. 6 Vgl. Wenzel 2013, S. 563. Siehe vor allem Wellek 1978. Warren hat sich selbst als einen „old New Critic“ bezeichnet; vgl. dazu Drake 1996, S. 851. 7 Vgl. Wellek 1981a, S. 56f.; Wellek 1977, S. 203; Wellek 1969, S. 276. https://doi.org/10.1515/9783110563023-006

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bereits in einem Aufsatz formuliert, der drei Jahre vor seiner Emigration in die USA erschienen ist: „The Theory of Literary History“ (1936). Der dort entwickelte Ansatz wurde in den folgenden Jahren in weiteren Aufsätzen erweitert und vertieft, vor allem in „The Mode of Existence of a Literary Work of Art“ (1942).8 Zusammen bilden diese beiden Aufsätze den Angelpunkt von Welleks Literaturtheorie, die freilich erst durch Theory of Literature eine große Verbreitung finden sollte. So ist beispielsweise das zentrale zwölfte Kapitel von Theory of Literature, in dem jene ‚werkimmanente‘ Interpretationsweise theoretisch begründet wird, eine nur geringfügig überarbeitete Version von Welleks bereits 1942 erschienenem Aufsatz. Wer Welleks Literaturtheorie auf den Grund gehen will, blickt also besser nicht in die USA, sondern am ehesten nach Prag. Wellek hat eine bewegte Biographie.9 Er wurde 1903 in Wien geboren. Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns im Jahr 1918 zog die Familie nach Prag, der ursprünglichen Heimat des Vaters. Hier studierte Wellek an der KarlsUniversität und schloss das Studium 1926 mit der Promotion ab. Nach einem Fellowship in Princeton war er als Hochschullehrer tätig, zunächst am Smith College, dann wieder in Princeton. 1930 kehrte er nach Prag zurück, wo er sich mit einer Arbeit zur Kant-Rezeption in England habilitierte. Bis 1935 blieb Wellek in Prag. Da hier die Chancen auf eine Professur eher gering waren, nahm er eine Stelle in London an. Als deutsche Truppen 1939 in Prag einmarschierten, emigrierte Wellek in die USA. Die fünf Jahre in Prag zwischen 1930 und 1935 waren für die Entstehung von Welleks Literaturtheorie besonders prägend. Rückblickend berichtet er: „When I arrived in Prague after my absence, I learned that the Linguistic Circle had been founded. I joined immediately and took part in its sessions.“10 Wellek lernt hier Roman Jakobson, der bereits 1920 aus Moskau nach Prag gekommen war, sowie Jan Mukařovský und die anderen Mitglieder der Gruppe kennen. Nicht von ungefähr merkt Wellek in dem bereits erwähnten Aufsatz „The Theory of Literary History“ an: „This paper uses throughout the work of J. Mukařovský a[nd] R. Jakobson while trying to supplement and correct it in a few points […]. My profound indebtedness to their work and to the stimulating atmosphere of the ‚Prague Linguistic Circle‘ can be best expressed by critical collaboration.“11 || 8 Vgl. außerdem Wellek 1941a; Wellek 1941b; Wellek 1943; Wellek 1946. 9 Zu Welleks Biographie vgl. Bucco 1981, S. 13–53; ferner den autobiographischen Abriss in Wellek 1979b. 10 Wellek 1979b, S. 307. 11 Wellek 1936, S. 191, Anm. Vgl. hierzu auch Welleks Brief an Lothar Fietz vom 3. November 1975: „Was meine Beziehungen zum Prager Kreise betrifft, so ist das sehr einfach biographisch zu erklären. Ich habe bei Vilém Mathesius Anglistik studiert (er war mein Doktorvater […]), und

Die Seinsweise des literarischen Kunstwerks | 171

Zu diesen Ergänzungen und Nachbesserungen gehört die Einbeziehung von Husserls Intentionalitätskonzept und Ingardens Werkbegriff. Überhaupt lässt sich Welleks Literaturtheorie beschreiben als eine Synthese aus dem Prager Strukturalismus und der Phänomenologie Husserls und Ingardens.12

6.1 Die Seinsweise des literarischen Kunstwerks In seinem Aufsatz „The Mode of Existence of a Literary Work of Art“ fragt René Wellek – wie der Titel schon sagt – nach der Seinsweise des literarischen Werks. So heißt es eingangs: This abstruse-something title is the best name I can think of for a problem which is, in all sorts of disguises, widely discussed and of far-reaching importance both for critical theory and practice. What is meant by saying that a certain person does not understand the real poem? What is the real poem, where should we look for it, how does it exist? A correct answer to these questions must solve several critical problems and open a way to the proper analysis of a work of art. It, at least, will dispose of many pseudo-problems. We shall not, of course, find an answer to the question whether a given poem is good or bad, but we might find an answer which would tell us where to look for the genuine poem and how to avoid the pitfalls into which criticism has frequently fallen because of a lack of clarity on some of these fundamental semi-philosophical questions.13

Wie diese Passage zeigt, ist es Wellek dem philosophisch anmutenden Aufsatztitel zum Trotz nur bedingt um philosophische Gesichtspunkte zu tun. Eine

|| ich wurde sein Assistent nach meiner Rückkehr aus Amerika im Jahre 1930. Während meiner Abwesenheit in Amerika wurde der Zirkel begründet […]. Ich kannte besonders Roman Jakobson, Havránek und Mukařovský sehr gut und sympathisierte mit ihnen“ (zit. nach Fietz 1979, S. 506). Der Prager Linguistenkreis wurde 1926 gegründet; die Initiative zur Gründung hatte dabei vor allem Vilém Mathesius ergriffen (vgl. Gal 2013, S. 623). Einen guten Überblick über die systematischen Ziele des Prager Strukturalismus bietet Fietz 1998, S. 44–104. Aufschlussreich ist mit Blick auf die Genese des Prager Strukturalismus und das Verhältnis zum russischen Formalismus nach wie vor Striedter 1976, S. IX–LIX. Vgl. außerdem Wellek 1969, bes. S. 275–279. 12 Vgl. Welleks eigene Einschätzung: „[…] coming as I did from the Prague school and the phenomenology of Ingarden, a student of Husserl“ (Wellek 1979b, S. 308). Wie noch zu zeigen ist, spielt aber auch Husserl selbst eine wichtige Rolle. Zu nennen wäre auch die Auseinandersetzung mit Kant; vgl. hierzu Holquist 2010, S. 172. 13 Wellek 1942, S. 735. Dass an dieser Stelle zunächst von einem Gedicht die Rede ist, braucht einen nicht weiter zu irritieren. Gemeint ist ausdrücklich jedes literarische Werk überhaupt. Vgl. Wellek 1942, S. 735 (im Anschluss an die zitierte Passage); ferner Wellek/Warren 1949, S. 141.

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Klärung der als semi-philosophisch titulierten Frage nach dem ontologischen Status des Werks soll hier vor allem dem Literaturwissenschaftler dazu dienen, notorische Fehler (Pseudo-Probleme) im Umgang mit dem Kunstwerk zu vermeiden. Wellek knüpft hier direkt an Ingarden an, was nicht nur aus dem Thema des Aufsatzes hervorgeht, sondern auch aus einer Anmerkung zum Titel, in der Wellek explizit auf seine Gewährsleute hinweist: auf den Prager Linguistenkreis sowie auf Husserl und Ingarden. Gegenüber Ingarden ist aber eben auch eine Akzentverschiebung zu verzeichnen. Die philosophischen Aspekte, für die sich Ingarden in erster Linie interessierte, lässt der Literaturwissenschaftler Wellek weitgehend außen vor. Wellek zufolge kann zwar eine kohärente Literaturtheorie immer nur auf einer philosophischen Grundlage formuliert werden,14 zugleich scheint er aber Ingardens Literaturtheorie von dem philosophischen Ursprungskontext ein Stück weit lösen zu wollen. Jedenfalls sucht er die Frage nach der Ontologie des Werks für die Analyse und Interpretation einzelner Werke operationalisierbar zu machen. Bezeichnenderweise trug in Theory of Literature das zwölfte Kapitel zuerst die Überschrift „The Analysis of the Literary Work of Art“. Erst in der zweiten Auflage wurde das Kapitel wieder mit dem ursprünglichen Aufsatztitel überschrieben: „The Mode of Existence of a Literary Work of Art“. Bezeichnend ist auch, dass die Frage nach der Seinsweise des Werks bei Wellek von vornherein auf das Verstehen des Textes ausgerichtet ist. Noch einmal das Zitat: „What is meant by saying that a certain person does not understand the real poem? What is the real poem, where should we look for it, how does it exist?“ Bei Wellek war die Frage nach der Seinsweise des literarischen Kunstwerks zunächst in eine Betrachtung der Ziele der Literaturgeschichtsschreibung eingebettet. Dies ist vor allem deshalb im Auge zu behalten, weil in diesem Zusammenhang besonders deutlich wird, worauf sich eine Analyse des Werks in erster Linie zu beziehen hat. In dem bereits erwähnten Aufsatz „The Theory of Literary History“ bemängelt Wellek, dass die meisten Literaturgeschichten entweder als „histories of civilization“ oder auch als „collections of critical essays“ daherkommen; in beiden Fällen verfehle man aber die besondere Geschichtlichkeit der literarischen Kunst als Kunst: „The one type is not a history of art, the other not a history of art“.15 Im ersten Fall, so Wellek, dient die Literatur bloß zur Illustration von sonstigen historischen Prozessen, im zweiten Fall dagegen werden Einzelbeobachtungen bloß aneinandergereiht, ohne die intrinsische Entwicklung der Literatur zu berücksichtigen. Gerade die Beschreibung einer

|| 14 Vgl. Wellek 1936, S. 176. 15 Wellek 1936, S. 175.

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solchen intrinsischen ‚Evolution‘ wird nun von Wellek ins Visier genommen, womit er im Übrigen eine Vorstellung aufgreift, die im russischen Formalismus und auch im Prager Strukturalismus weit verbreitet war.16 In diesem Zusammenhang fragt Wellek nach der Möglichkeit einer Analyse von literarischen Kunstwerken überhaupt – oder genauer: nach der Möglichkeit einer Analyse von Werken in ihrer ästhetischen Funktion. Diese ästhetische Funktion ist nach Wellek nicht nur von den weiteren Funktionen, die ein literarisches Werk haben kann, äußerst schwer zu isolieren, sondern auch viel schwerer zu analysieren als die Relationen des Werks zu externen Faktoren wie dem Entstehungskontext oder der Autorpsyche: How can the investigation of works of art be strictly directed to an analysis of the aesthetic function? This is not an easy task and requires isolation of this function which is difficult to accomplish in practice. Obviously a work of art has other functions as well. These other functions are much more accessible to treatment in terms of intellectual concepts than the aesthetic function and preference is therefore given to an examination of the external relations of a work of art to the social context to which it refers, to the psychology of its author, to its communicative contents. […] The problem of analysing a work of art in its aesthetic function which alone makes it a work of art begins only beyond these questions of external relationship.17

Bereits an dieser Stelle zeichnet sich ab, worin Welleks ‚Werkimmanenz‘ besteht. Die literaturwissenschaftliche Analyse hat sich allein auf das Ästhetische an der Literatur, auf die ästhetische Funktion des Werks zu richten,18 d. h. auf dasjenige, was einen literarischen Text zum Kunstwerk macht – und dies lässt sich Wellek zufolge nicht kausal aus etwas anderem ableiten oder auf die Entstehungsumstände zurückführen. Ausdrücklich wird hervorgehoben: „Any causal explanation of a work of art by some external activity necessarily must ignore the actual integrity, coherence, and also intrinsic value of a work of literature.“19

|| 16 Vgl. dazu Günther 1971; ausführlicher Günther 1973. 17 Wellek 1936, S. 176. 18 Zur ästhetischen Funktion bei Wellek vgl. Fietz 1979, bes. S. 507f. 19 Wellek 1941a, S. 101. Vgl. auch Wellek 1963, S. 49: „All determinism, all causal explanation seems to fail in the study of literature. It is never successful in establishing what one would consider the first requirement of any causal relationship: ‚When X occurs, Y must occur‘. I am not aware that any literary historian has ever given proof of such a necessary relationship. The reduction of a work of art to its causes is impossible because works of art are wholes, conceived in the free imagination, whose integrity and meaning are violated if we break them into sources and influences.“

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Damit übernimmt Wellek eine anti-psychologistische und anti-positivistische Haltung der russischen Formalisten und Prager Strukturalisten, der zufolge das literarische Kunstwerk weder als Ausdruck der Autorpsyche noch als Abbild der wirklichen Welt zu verstehen ist und schon gar nicht mechanistisch daraus herzuleiten wäre.20 Bereits 1921 hatte Roman Jakobson die Meinung vertreten, dass nicht einfach die Literatur, sondern die Literarizität als eigentlicher Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft zu gelten habe.21 Damit ging es ihm nicht zuletzt darum, den Kompetenzbereich der Literaturwissenschaft als Wissenschaft abzustecken.22 Unter Literarizität wurde dabei vor allem die Autoreflexivität des sprachlichen Zeichens verstanden.23 In diesem Sinne hat Jakobson später in seinem berühmten Aufsatz „Linguistik und Poetik“ die poetische Funktion der Sprache als eine Fokussierung der Sprache um ihrer selbst willen beschrieben.24 Es handelt sich hier bekanntlich um eine Erweiterung des sogenannten Organon-Modells Karl Bühlers, der in Publikationen aus den frühen 1930er Jahren drei Sprachfunktionen unterschieden hatte. Jakobson hat Bühlers Kommunikationsmodell übernommen, aber zugleich um drei Funktionen erweitert, unter anderem um die poetische Funktion. Wenn von Roman Jakobson und den Funktionen der Sprache die Rede ist, dann hat man meist diesen Aufsatz aus dem Jahr 1960 im Sinn. Die Diskussion über Funktionen der Sprache war allerdings bereits in den 1930er Jahren im Prager Kreis allgegenwärtig, wobei die Beteiligten auch im persönlichen Kontakt zu Bühler standen. So hat z. B. Bühler 1936 auf dem sechsten Kongress des Prager Zirkels vorgetragen, wo auch Wellek seine Überlegungen zur Methodologie der Literaturgeschichtsschreibung präsentierte.25 Mit Blick auf die ästhetische Funktion des literarischen Werks hebt Wellek in „The Theory of Literary History“ explizit Bühlers zwei Jahre zuvor erschienene Sprachtheorie als besonders anregend hervor.26 Nicht weniger wichtig dürften aber die etwa zeitgleich entwickelten Überlegungen Jan Mukařovskýs zum selben Thema gewesen sein. Mukařovský bestimmt, ebenfalls in Anlehnung an Bühler, die ästhetische Funktion des Kunstwerks in Abgrenzung von allen wei-

|| 20 Vgl. Fietz 1998, S. 45. 21 Vgl. Jakobson 1921, S. 31. 22 Vgl. Jakobson 1921, S. 33 (unter Bezugnahme auf Viktor Šklovskijs einflussreichen Aufsatz „Kunst als Verfahren“): „Wenn […] die Literaturwissenschaft eine Wissenschaft werden will, ist sie genötigt, das ‚Verfahren‘ als ihren einzigen ‚Helden‘ zu akzeptieren.“ 23 Zur Autonomieästhetik im Prager Kreis vgl. Zima 1991, S. 183–190. 24 Vgl. Jakobson 1960, S. 151. 25 Ihre Aufsätze sind auch im selben Band erschienen (vgl. Bühler 1936). 26 Vgl. Wellek 1936, S. 192, Anm.

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teren Funktionen, die ein Werk haben kann. Diese fasst er zusammen als „praktische[] Funktionen“27 bzw. als „Mitteilungsfunktionen“,28 wobei er die ästhetische Funktion des autonomen Kunstwerks als die „dialektische Verneinung jeder praktischen Funktion“ bezeichnet.29 Eine Explikation der ästhetischen Funktion, die mit derjenigen von Jakobson oder Mukařovský vergleichbar wäre, gibt es bei Wellek nicht.30 Was man beobachten kann, ist aber eine klare Differenz zu Ingarden, der mit seiner ‚Wesensanatomie‘ des literarischen Werks eine Grundstruktur herausstellen wollte, die unabhängig von Kunstcharakter und etwaigen Wertzuschreibungen allen literarischen Werken gemeinsam ist. Dagegen geht es Wellek ganz dezidiert um Kunstwerke im emphatischen Sinne, womit er auch die Literaturwissenschaft mitsamt der Literaturgeschichtsschreibung von vornherein als eine Kunstwissenschaft konzipiert. Wellek, auf dessen Strukturbegriff gleich noch zurückzukommen sein wird, kritisiert Ingarden sowie die Phänomenologie überhaupt dafür, Struktur und Wert zu trennen. Eine solche Trennung ist aber Wellek zufolge schon deshalb nicht statthaft, weil allein die Wahrnehmung oder Klassifikation von Literatur als Literatur eine Wertung impliziert.31 Es ist der Fokus auf eine intrinsische, nicht-deduzierbare ästhetische Funktion der Literatur, der die für René Welleks Ansatz charakteristische Abgrenzung von werkimmanenten und werkfremden Verfahrensweisen (intrinsic/extrinsic approach) begründet.32 Und hierauf bleibt auch letztlich die Frage nach der Seinsweise des Werks bezogen.33 || 27 Mukařovský 1936/38, S. 48 (vgl. zu den Funktionen der Sprache überhaupt S. 47–51). 28 Mukařovský 1936/38, S. 51. 29 Mukařovský 1936/38, S. 49. Vgl. auch Mukařovský 1932, S. 40; Mukařovský 1942, bes. S. 113, 128, 130, 134, 137. 30 Wenn Wellek überhaupt Hinweise gibt, sind diese eher knapp; vgl. etwa Wellek 1979a, S. 121. In einer Rezension zu Theory of Literature bemängelt Elisio Vivas, dass „the authors do not really have a fully worked out and consistent aesthetic of their own“ (Vivas 1950, S. 162). 31 Vgl. Wellek 1936, S. 180: „We cannot comprehend and analyse any work of art without reference to values. The very fact that I recognize a certain structure as a ‚work of art‘ implies a judgment of value. The error of pure phenomenology (in Husserl’s sense) is the assumption that such a dissociation is possible, that values are superimposed on structure, ‚inhere‘ on or in structures. This error of analysis vitiates the penetrating book of Roman Ingarden, Husserl’s Polish pupil, who tries to analyse the work of art without reference to values. The root of the matter lies, of course, in the phenomenologist’s assumption of an eternal, non-temporal order of ‚essences‘ to which the empirical individualizations are added only later.“ 32 Vgl. Fietz 1979, S. 507: „[…] Welleks Klassifizierung der Forschungsrichtungen in ‚extrinsic‘ und ‚intrinsic‘ ist nicht denkbar ohne diese wertende Vorentscheidung für die Literarizität als Untersuchungsgegenstand“; vgl. auch S. 512: „René Wellek hat an der formalistischen Typologie von zwei antithetischen Zeichenfunktionen festgehalten, und nur so erklärt sich die Gliederung der Theory.“ Peter V. Zima hebt in diesem Zusammenhang auch Husserls Begriff der

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Der Aufsatz „The Mode of Existence of a Literary Work of Art“ gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil, einer pars destruens, werden vier mögliche Antworten auf die Frage nach der Seinsweise des Werks diskutiert und der Reihe nach zurückgewiesen. Vor diesem Hintergrund versucht er dann im zweiten Teil, der pars construens, die Frage selbst positiv zu beantworten. Es ist insofern lohnend, die vierfache refutatio im ersten Teil des Aufsatzes Revue passieren zu lassen, als hier in bündiger Weise ein zentraler Aspekt von ontologischen WerkKonzeptionen überhaupt sichtbar wird, nämlich dass die Frage nach der Seinsweise des literarischen Werks zugleich eine Frage nach seiner Einheit und Identität ist. Ein literarisches Werk ist nach Wellek erstens kein Artefakt unter anderen, und zwar in dem Sinne, dass es in seiner Materialität nicht aufgeht. Das Werk sei mit dem einzelnen Exemplar bzw. mit seinem materiellen Träger nicht identisch, ansonsten gäbe es ebenso viele Werke wie Exemplare. Zweitens sei das Werk aber auch nicht etwa mit seiner Deklamation zu verwechseln, da man schließlich ein und dasselbe Werk mehrmals vorlesen könne. Drittens sei das literarische Werk mit den konkreten Erlebnissen bzw. mit den mentalen Vorgängen des Lesers nicht gleichzusetzen. Zwar hat man Wellek zufolge Zugang zum Werk nur in individuellen Erlebnissen, doch diese Erlebnisse seien nicht identisch mit dem Gegenstand, auf den sie bezogen sind, also mit dem Werk selbst. Dasselbe gilt nach Wellek, viertens, mutatis mutandis für die Erlebnisse des Autors: Hätte das Werk seinen Sitz in der Psyche des Autors, dann wäre es für den Leser unmöglich, in direkten Kontakt mit dem Werk zu treten – eine Schlussfolgerung, die Wellek offenbar für irrig hält.34 Überhaupt kommt er zu dem Schluss, dass ein literarisches Werk weder etwas Reales wie ein physikalisches Objekt oder ein mentaler Vorgang noch etwas Ideales wie eine geometrische Figur oder gar wie eine platonische Idee sein kann. Es sei vielmehr ein Erkenntnisobjekt sui generis mit einem besonderen ontologischen Status. Die Parallele zu Ingarden ist nicht zu übersehen. Im Hinblick auf die Entkräftung konkurrierender Positionen und das daraus gezogene Fazit lesen sich

|| (ästhetischen) Einstellung hervor: „Er trägt wesentlich zur Stärkung der Beobachter- oder Rezipientenperspektive bei und richtet das Augenmerk auf die ‚Form‘ oder die Ausdrucksebene“ (Zima 1991, S. 181, mit Verweis auf Holenstein 1976, S. 60). Eine Kritik an der extrinsicintrinsic-Opposition findet sich bei Rees 1984. 33 Vgl. Wellek 1936, S. 178. „This is an abstruse problem, which must, however, be tackled in order that the whole position here upheld may be comprehensible.“ 34 Vgl. Creed 1983, S. 641: „[H]e [scil. Wellek] briefly considers and rejects physicalism, which locates the literary work in its physical medium, and psychologism, which locates it in the experiencing subject […].“

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Welleks Ausführungen geradezu wie eine Zusammenfassung von jenem Abschnitt in Das literarische Kunstwerk, in dem Ingarden aus ontologischer Perspektive die Identität des Werks diskutiert und dabei die Autor- und Lesererlebnisse wie auch die Materialität des betreffenden Artefakts und überhaupt die ganze reale Welt aus dem literarischen Werk exkludiert.35 Dies ist kein Zufall: Wellek, der Ingardens phänomenologisch-ontologische Literaturtheorie früh zur Kenntnis genommen hatte,36 hat sogar mehrmals betont, über weite Strecken mit Ingarden übereinzustimmen und von ihm viel gelernt zu haben.37 Nicht ohne eine gewisse Verärgerung (und wohl auch nicht zu Unrecht) hat Ingarden darauf hingewiesen, dass es aus Welleks Zitierverhalten nicht unbedingt ersichtlich wird, wie eng dessen Behandlung der Seinsweise des Werks an Das literarische Kunstwerk tatsächlich angelehnt ist.38 Im Detail weicht aber Welleks Argumentation durchaus von der Vorlage ab, wobei gerade an diesen Abweichungen deutlich wird, dass Wellek – im Gegensatz zu Ingarden – das literarische Werk aus einer dezidiert literaturwissenschaftlichen Perspektive und nicht als Philosoph betrachtet. Seine Argumente speisen sich nicht nur aus einer allgemeinen Ontologie, sondern auch aus der literaturwissenschaftlichen Praxis und den besonderen Problemen des Literaturwissenschaftlers. Wie Ingarden setzt Wellek die Schriftzeichen auf dem Papier mit dem literarischen Werk nicht gleich. Beide nehmen an, dass das betreffende Artefakt als materieller Träger nur der Fixierung des Werks dient. Dafür spricht nach Wellek unter anderem der Umstand, dass ein Text korrupt sein kann, was nicht in gleicher Weise vom betreffenden Artefakt gesagt werden kann. So sei etwa die Emendation eines (noch nie gelesenen) Textes wie auch das Vornehmen von Konjekturen nicht nur möglich, sondern durchaus legitim und wichtig.39 Hier wird zum einen deutlich, dass Wellek weit eher als Ingarden von vornherein die ‚handwerklichen‘ Aspekte der Philologie im Blick hat; und zum anderen wird

|| 35 Siehe dazu Kap. 2 dieser Arbeit. 36 Das früheste Zeugnis ist meines Wissens Welleks Bericht über den internationalen Kongress für Philosophie, der 1934 in Prag abgehalten wurde. Hier scheint Wellek Das literarische Kunstwerk bereits zu kennen. Vgl. Wellek 1934a, S. 14; ferner Wellek 1981b, S. 21. 37 Vgl. Wellek 1981a, S. 55; Wellek 1991, S. 379. 38 Vgl. Ingarden 1965a, S. XX, Anm. 39 Vgl. Wellek 1942, S. 736f.: „The very fact that we are able to correct printer’s errors in a text which we might not have read before or, in some rare cases, restore the genuine meaning of the text shows that we do not consider the printed lines as the genuine poem. […] [W]e do not give rein to our imagination nor do we correct and criticize the author as we should if we would change the color of a painting or chip off a piece of marble from a statue. We know that we have restored the genuine poem and that we have corrected a way of recording.“

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den materiell-medialen Objekteigenschaften letztlich doch ein etwas anderer Status als bei Ingarden beigemessen. Als gewissenhafter Ontologe streitet Ingarden ab, dass das individuelle materielle Artefakt einen Bestandteil des mit sich selbst identischen Werks bildet. Graphische Elemente gehören für Ingarden als Eigenschaften des materiellen Trägers nicht zum literarischen Werk. Dagegen zieht Wellek an unterschiedlichen Beispielen in Erwägung, inwieweit nichtlinguistische, aber sinntragende Elemente als integrale Bestandteile des literarischen Werks gelten können. Auch hier zeigt er sich ganz als Literaturwissenschaftler. Er nennt unter anderem Bildgedichte, die schwarze Seite in Laurence Sternes Tristram Shandy, die Anordnung von Texten in Strophen und Versen, Wortspiele (puns) und ‚optische‘ Reime (eye-rhymes). So seien literarische Texte in vielen Fällen eben nicht nur für das Ohr, sondern auch für das Auge geschrieben. Die Position, dass Artefakte wie Bücher nur der Fixierung von an sich immateriellen Werken dienen, wird dadurch freilich relativiert – was auch eine bemerkenswerte Konsequenz hat. Denn so treten Welleks Beispiele mit dem ontologischen Modell gleichsam in ein Konkurrenzverhältnis. Im Sinne einer umgekehrten Proportionalität könnte man sagen: Je plausibler die Beispiele bei Wellek, desto weniger belastbar der strikt ontologische Werkbegriff. Anders als Ingarden hebt Wellek den Unterschied zwischen Werk und Vortrag besonders hervor. Dies lässt sich durchaus als eine Richtigstellung und implizite Kritik verstehen. Wie in Kapitel 2 dieser Arbeit bereits erwähnt, orientiert sich Ingarden in seiner Charakterisierung der einzelnen Schichten primär an der gesprochenen Sprache. Damit wird allerdings an vielen Stellen das Werk selbst mit dem vorgetragenen Werk, also mit einer Konkretisation, verquickt. Der Unterschied zwischen Werk und Vortrag ist nach Wellek vor allem daran zu erkennen, dass man ein und dasselbe Werk mehrmals vorlesen kann. Hierin unterscheidet sich die Literatur z. B. nicht von der Musik. Wichtig ist allerdings, dass dem Vortrag ein Verstehen logisch vorausgeht, womit die Art des Vortragens nicht zuletzt ein Symptom für das Verständnis des Vortragenden ist. Dieser Gedanke kann Ingarden nicht völlig fremd gewesen sein. Gelegentlich beschreibt er nämlich die Eigenschaften der ersten Schicht, also der Schicht der Lautgebilde, als „Reflex[e] der Bedeutung“.40 Damit hat er aber den Bereich der Ontologie eigentlich bereits verlassen. Streng genommen handelt es sich hier um Merkmale der Konkretisation, die der ersten Schicht des Werks zugesprochen werden. Was die Unmöglichkeit einer Situierung des Werks in der Psyche des Lesers oder Autors betrifft, schließt sich aber Wellek der Psychologismus-Kritik nahtlos || 40 Ingarden 1934, S. 105.

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an, wie sie von Husserl und auch von Ingarden vorgebracht worden war. Explizit spricht er von „Husserl’s arguments against psychologism“,41 die er mit Blick auf die Frage nach der Seinsweise des literarischen Werks übernommen habe. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass Wellek mit Husserls Philosophie bereits vertraut war, als er Ingardens Das literarische Kunstwerk Anfang der 1930er Jahre las, denn im Prager Kreis war der Verfasser der Logischen Untersuchungen kein unbeschriebenes Blatt. So bemerkt z. B. der Mukařovský-Schüler Miroslav Červenka rückblickend über die „Grundkategorien“ des Prager Strukturalismus: „Der programmatische Antipsychologismus und – allgemeiner – die Betonung der Nicht-Identität des Produkts mit der Faktizität seiner Genese reiht die Prager Schule in die antipositivistischen Strömungen der Geisteswissenschaft des 20. Jahrhunderts ein, die sich Husserls Kritik am Psychologismus zunutze machen.“42 Tonangebende Vertreter des Prager Kreises hatten sich intensiv mit Husserls Philosophie auseinandergesetzt, vor allem Roman Jakobson,43 aber auch Jan Mukařovský44 und Welleks Doktorvater Vilém Mathesius.45 Professoren wie Ludwig Landgrebe (ein ehemaliger Assistent von Husserl) und Emil Utitz dürften ebenfalls zur Verbreitung phänomenologischen Gedankenguts in Prag beigetragen haben. Von einer allgemeinen Wertschätzung von Husserl im Prager Kreis zeugt auch die Tatsache, dass er 1935 persönlich eingeladen wurde.46 Wie nicht anders zu erwarten wäre, geht Wellek in seinen literaturtheoretischen Aufsätzen auf die philosophische Debatte um die Grundlagen der Logik nicht ein. Stattdessen akzentuiert er die Konsequenzen einer ‚psychologistischen‘ Konzeption des literarischen Werks für die Literaturwissenschaft. Als Leser hat man nach Wellek zwar Zugang zum Werk nur in individuellen Erlebnissen, aber diese Erlebnisse des einzelnen Lesers sollten mit dem Werk selbst

|| 41 Wellek 1977, S. 203. 42 Červenka 1973, S. 142f. 43 Zu Jakobsons Husserl-Rezeption vgl. Holenstein 1975, bes. S. 55; Holenstein 1976, S. 13–55. Wichtig für die Verbreitung von Husserls Philosophie in Russland war sicherlich Gustav Špet, der bei Husserl in Göttingen studiert hatte. Vgl. die Hinweise von Holenstein 1975, S. 18; Erlich 1955, S. 69f., 192f. Zu Špet als Phänomenologe vgl. auch Haardt 1991; Haardt 1993. Zu Špet als Literatur-, Kultur- und Kunsttheoretiker vgl. zudem die Beiträge in Tihanov 2009; HansenLöve/Obermayr/Witte 2013. 44 Mukařovský beschreibt interessanterweise die Phänomenologie als eine Alternative zu Induktion und Deduktion: Sie deduziere „aus dem Wesen der Funktion“ (Mukařovský 1942, S. 125). 45 Vgl. Stawarska 2015, S. 177; ferner Holquist 2010, S. 169f. Zur Rezeption der Phänomenologie im Prager Kreis vgl. Mathauser 2010. Zur Ingarden-Rezeption, insbesondere bei Felix Vodiča, vgl. Schmid 1970; Herman 1997. 46 Vgl. Ehlers 2005, S. 206–208.

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nicht verwechselt werden. Ansonsten müsste man annehmen, es gebe ebenso viele Werke wie Leser und Akte des Lesens, d. h. in ontologischer Hinsicht die Einheit des Werks verwerfen, was wiederum auf einen Subjektivismus und Relativismus hinausliefe. Dieses Argument beruht, wie bei Ingarden, auf der ‚phänomenologischen‘ Unterscheidung zwischen Bewusstseinsakt und -gegenstand. Der Subjektivismus, den Wellek skizziert, wäre eine direkte Folge aus der Fundierung des Werks in einmaligen mentalen Akten.47 Hinzu kommt aber noch ein interpretationstheoretisches Argument. Eine Multiplikation des Werks durch die Vielzahl der Leser hat für Wellek nämlich auch die unerwünschte Konsequenz, dass man zwischen besseren und schlechteren Lesarten nicht mehr unterscheiden kann,48 wobei im Grunde genommen aus den unerwünschten Konsequenzen einer Multiplikation der Bedeutung auf den ontologischen Status des Werks geschlossen wird. In ähnlichen Bahnen verläuft die Argumentation, wenn Wellek davor warnt, das Werk mit den psychischen Akten des Autors zu identifizieren: „In practice this conclusion has the serious disadvantage of putting the problem into a completely inaccessible and purely hypothetical x which we have no means of reconstructing or even of exploring. Beyond this insurmountable practical difficulty, the solution is also unsatisfactory because it puts the existence of the poem into a subjective experience which already is a thing of the past.“49 Auch hier schließt Wellek von den unerwünschten Konsequenzen || 47 Vgl. hierzu die Kritik, die Wayne C. Booth in den 1970er Jahren in einem Brief an Wellek äußert: „[A]s you know, the world is now being flooded with many kinds of criticism which locate the poem in ‚the reader‘. Most of these efforts seem to me simple-minded, though I know of none that is quite as simple as the one you refute in Theory of Literature. A more careful reconstruction of why some critics have thought it reasonable to ‚place‘ the poem in the reader might have raised the level of some recent efforts to repudiate the placement which you argued for“ (Booth 1977, S. 205). 48 Vgl. Wellek 1942, S. 741: „The view that the mental experience of a reader is the poem itself leads to the absurd conclusion that a poem is non existent unless experienced and that it is recreated in every experience. There thus would not be one Divine Comedy but as many Divine Comedies as there are and were and will be readers. We end in complete scepticism and anarchy […]. If we should take this view seriously it would be impossible to explain why one experience of a poem by one reader should be better than the experience of any other reader and why it is possible to correct the interpretation of another reader.“ In diesem Sinne auch Wellek 1936, S. 178f.: „Every individual state of conscience has something instantaneous and purely individual in it which makes it inaccessible and incommunicable. The theory that the existence of a work of art is identical with the reactions excited in individual consciousnesses must lead to complete subjectivism and ultimately to barren scepticism. All ‚psychology‘ of the listener and reader, however interesting as such, remains out of touch with the relevant problem: the artistic meaning of a work of art.“ 49 Wellek 1942, S. 744.

Die Normativität der Interpretation | 181

im Bereich der Interpretation auf einen ontologischen Sachverhalt – nach dem Motto: Da man weder die Zeit zurückdrehen noch in den Kopf des Autors hineinsehen kann, wäre es unmöglich, in direkten Kontakt mit dem Werk selbst zu treten, weshalb das Werk dort nicht seinen Sitz haben kann. So fasst Wellek zusammen: „The whole psychological approach through states of mind whether of the reader […] or the author raises more problems than it can possibly solve.“50 Im ersten Teil von „The Mode of Existence of a Literary Work of Art“ versucht Wellek zu zeigen, was nicht zum literarischen Werk gehört. Im zweiten Teil macht er sich dann zur Aufgabe, den eigenen Werkbegriff zu umreißen. Eine philosophisch satisfaktionsfähige Antwort auf die Frage nach der Seinsweise des Werks wird aber eigentlich auch hier nicht angestrebt.51 Vielmehr wird Philosophie nur soweit betrieben, als es für eine Fundierung der literaturwissenschaftlichen Fragestellung unentbehrlich ist. So lässt Wellek tatsächlich die ontologische Perspektive weitgehend in den Hintergrund treten, um die Normativität der Interpretation herauszustreichen. Die Unterscheidung zwischen besseren und schlechteren Konkretisationen, die Ingarden eingeführt, in der Folge aber vernachlässigt hatte, wird hier von Wellek aufgegriffen und neu modelliert.

6.2 Die Normativität der Interpretation Im Sinne Ingardens, der streng zwischen dem Werk und seinen einzelnen Konkretisationen unterschieden hatte, begreift Wellek, der auch von „concretizations“52 spricht, das literarische Werk als „a potential cause of experiences“.53 Als Quelle und Bezugspunkt von Erlebnissen sei das Werk „somehow between author and reader“ angesiedelt.54 Dieses Dazwischen ergibt sich gerade aus der anti-psychologistischen Grundhaltung, d. h. aus der Unmöglichkeit einer Identifikation des Werks mit den psychischen Akten des Autors oder der Leser. Wie oben bereits angedeutet, ist diese Identifikation nach Wellek auch deshalb

|| 50 Wellek 1942, S. 744f. 51 Vgl. Wellek 1942, S. 750: „To deal with this matter properly we should have to solve such questions as those of nominalism versus realism, mentalism versus behaviorism, in short, all main problems of epistemology. For our purposes it will be, it seems, sufficient to steer clear of two opposite pitfalls, of the Charybdis of Platonism and the Scylla of extreme Nominalism […].“ 52 Wellek 1942, S. 752. 53 Wellek 1942, S. 745. 54 Wellek 1979a, S. 121.

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nicht tragfähig, weil man dann die Normativität der Interpretation nicht mehr zu erklären vermag: Definition in terms of states of mind fails because it cannot account for the normative character of the genuine poem, for the simple fact that it might be experienced correctly or incorrectly. In every individual experience only a small part can be considered as adequate to the true poem. Thus, the real poem must be conceived as a system of norms, realized only partially in the actual experience of its many readers. Every single experience (reading, reciting, and so forth) is only an attempt – more or less successful and complete – to grasp this set of norms or standards.55

In dieser kurzen Passage werden mehrere zentrale Annahmen formuliert: Erstens kann Wellek zufolge nicht jede Lesart als gleich angemessen gelten und gerade darin besteht die Normativität der Interpretation. Zweitens betrachtet Wellek das literarische Kunstwerk als ein System von Normen. Mitunter spricht er auch von einer Struktur: „a structure of norms.“56 Drittens nimmt Wellek an, dass dieses System dem Leser immer nur partiell gegeben sein kann: Keine Lektüre ist in dem Sinne adäquat, dass sie das Werk in seiner Ganzheit erfasst. Eine Parallele zur strukturalistischen Linguistik im Sinne Ferdinand de Saussures soll dabei verdeutlichen, wie man sich die Normativität des Kunstwerks vorzustellen hat. Werk und Konkretisation verhalten sich nach Wellek zueinander wie langue und parole, d. h. wie die Sprache als abstraktes, auf Konventionen beruhendes und als Norm sich äußerndes System zu den individuellen Akten des Sprechens, in denen die Konventionen und Restriktionen der betreffenden Sprache zwar nicht aufgehen, aber wirksam sind und auch verletzt werden können. Gemeint sind hier nicht explizit formulierte Vorschriften, sondern implizite Regeln, die sich nur aus der parole, d. h. aus den konkreten Äußerungen (oder auf das Werk bezogen: aus den einzelnen Konkretisationen) extrahieren lassen. Doch wie sich die langue als System hinsichtlich der Funktionen und Relationen ihrer Elemente beschreiben lässt,57 so lässt sich nach Wellek auch das Werk selbst beschreiben. Die Analogie zwischen Werk/Konkretisation und langue/parole ist eben das: eine Analogie. So betont zwar Wellek immer wieder die Zeichenhaftigkeit

|| 55 Wellek 1942, S. 745. 56 Wellek/Warren 1949, S. 151. Dieses Kapitel stammt von Wellek; vgl. S. VI. Zur Zusammenarbeit an Theory of Literature vgl. Wellek 1976. Zum System- und Strukturbegriff bei Wellek bemerkt Lothar Fietz treffend: „Der Begriff des Systems steht im Wellekschen Argument immer in nächster Nähe zum Begriff der Struktur“ (Fietz 1979, S. 515). In einer zugehörigen Anmerkung wird auf Mukařovský weiterverwiesen. 57 Wellek spricht von „workings“ und „operations“ (Wellek 1942, S. 746, 747).

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des Kunstwerks,58 womit er im Übrigen mit Mukařovský auf einer Linie ist.59 Die Analogie zwischen Werk und langue gilt aber ausdrücklich der Seinsweise des Werks und nicht der Tatsache, dass es aus Zeichen besteht bzw. selbst sprachlich verfasst ist. Diese Analogie bringt zum Ausdruck, dass das Werk wie auch die Sprache etwas Intersubjektives ist, was seiner Seinsweise nach von einem Kollektiv getragen wird. An dieses Kollektiv ist dann letztlich auch die Normativität des Systems (langue, Werk) rückgebunden.60 Anders als dieses System, das als solches durch eine fundamentale Konsistenz und Einheitlichkeit gekennzeichnet ist,61 müssen seine Konkretisationen (parole) stets in dem Sinne ‚unvollständig‘ bleiben, dass sie mit den Regeln ihrer Hervorbringung nie zur Deckung gebracht werden können.62 Interpretationstheoretisch hat Welleks Werkbegriff im Wesentlichen drei Facetten: Erstens ist der Werkbegriff durch die Analogie zur langue an einen bestimmten, nämlich strukturalistischen Systembegriff rückgebunden, für den wiederum der Funktionsbegriff wichtig ist. An dieser Stelle kommt so jene ästhetische Funktion des Werks wieder ins Spiel. Wenn das Ästhetische als der eigentliche Zweck des Werks ausgezeichnet wird, so erscheint das Werk als ein System von ästhetisch valenten Eigenschaften. Bezogen auf die Konkretisation heißt dies wohl vor allem, dass die Angemessenheit einer Konkretisation daran gekoppelt ist, inwieweit das Ästhetische als Hauptfunktion des Werks zur Geltung kommt. Man könnte sagen: Wenn es dem Literaturwissenschaftler nicht gelingt, das Ästhetische am Werk (die Literarizität) herauszustellen, dann hat er seine eigentliche Aufgabe verfehlt. Zweitens folgt aus der Analogie zwischen Werk und langue, dass die Normen, die richtiges und falsches Verstehen regulieren, erst durch ihre Verletzung erkennbar werden.63 So unterscheidet sich das literarische Werk nach Wellek || 58 Vgl. etwa Wellek 1936, S. 177. 59 Zur Auffassung von der Zeichenhaftigkeit der Kunst im Prager Strukturalismus vgl. Fietz 1998, S. 49. 60 Vgl. Wellek 1942, S. 753. Er rekurriert hier vor allem auf Roman Jakobson; vgl. Wellek 1936, S. 179f. 61 Vgl. Wellek 1942, S. 746. 62 Vgl. hierzu auch Wellek 1936, S. 180: „A system of actual norms (langue) is materialized only in the individual pronouncements (parole), but only the existence of this system of norms makes the individual pronouncements possible and comprehensible.“ 63 Vgl. Wellek 1942, S. 747: „Beyond a certain point, for instance, mispronunciation will make a given sound or word incomprehensible, wrong grammar or syntax will change or obscure the meaning of a sentence, the use of a word in a sense wide off its established scope of lexicographical definitions will be misleading. (By wrong grammar or pronunciation I do not mean, of course, standards imposed by rigid purist, but the actual oversteppings of the limits of com-

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z. B. nicht von einem Phonem, das insofern Unterschiede zulässt, als es alle lautlichen Vorkommnisse umfasst, die im Rahmen des Systems dieselbe distinktive Funktion haben. Wie bei Ingarden ist bei Wellek die Konkretisation die ‚Erscheinungsweise‘ des Werks: Es ist immer nur in individuellen Bewusstseinsakten gegeben. Wenn man Welleks Analogie ernst nimmt, dann muss wohl gefolgert werden, dass Unterschiede in den einzelnen Konkretisationen grundsätzlich kein Problem darstellen, solange jedes einzelne Element des Werks in seiner bestimmten, unverwechselbaren Funktion mit Blick auf das ästhetisch organisierte Ganze erkannt wird. Die Grenzen des Zulässigen werden dabei sichtbar, indem man sie überschreitet. Drittens ist nach Wellek, wie gesehen, das literarische Werk dem einzelnen Betrachter immer nur partiell gegeben. Wie die langue die Möglichkeitsbedingung der parole bildet und sich somit darin nie vollständig abbildet, kann man nach Wellek das Werk selbst in einzelnen Konkretisationen nie vollständig erfassen. Was man zu erfassen hat, ist aber nicht völlig willkürlich. Immer gebe es nämlich „some ‚structure of determination‘ in the object which makes the act of cognition not an act of arbitrary invention of subjective distinctions, but the recognition of some norms imposed on us by reality“.64 Damit wird ein neues Konzept eingeführt. Diese Struktur der Bestimmtheit (structure of determination), die durch Anführungszeichen als Zitat markiert ist, verweist auf § 19 von Husserls Cartesianischen Meditationen. Husserl diskutiert dort die Abschattungslehre, also dieselben Prinzipien der visuellen Dingwahrnehmung, die auch Ingardens Konzept der schematisierten Ansichten zugrunde liegen.65 Anders als Ingarden geht es aber Wellek nicht um die Anschaulichkeit sprachlicher Gebilde oder um Gegebenheit der dargestellten Welt in der Imagination. Vielmehr will er darauf hinaus, dass die Einheit, Identität und qualitative Bestimmtheit eines Erkenntnisobjekts nicht gefährdet sind, auch wenn es dem einzelnen Subjekt notwendigerweise perspektivisch und immer nur partiell

|| prehensibility.) In each such case a system of norm has been violated: we are able to recognize these norms precisely on the basis of a study of false or imperfect realizations or the violations of the norms.“ 64 Wellek 1942, S. 747. 65 Vgl. Husserl 1931, S. 82, 83: „[Z]u jeder äußeren Wahrnehmung gehört die Verweisung von den eigentlich wahrgenommenen Seiten des Wahrnehmungsgegenstandes auf die mitgemeinten, noch nicht wahrgenommenen, sondern nur erwartungsmäßig und zunächst in unanschaulicher Leere antizipierten Seiten – als die nunmehr wahrnehmungsmäßig kommenden, eine stetige Protention, die mit jeder Wahrnehmungsphase neuen Sinn hat. […] Die Vorzeichnung selbst ist zwar allzeit unvollkommen, aber in ihrer Unbestimmtheit doch von einer Struktur der Bestimmtheit.“

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gegeben ist.66 Die Analogie zwischen einem physikalischen Objekt und dem literarischen Werk soll so in erster Linie besagen, dass die Bestimmtheit des Kunstwerks selbst eine grundsätzliche Erkennbarkeit in verschiedenen Erfassungsakten ermöglicht. Darin soll sich das literarische Werk von anderen Erkenntnisobjekten nicht unterscheiden.67 Auch Ingarden hatte die Ansicht vertreten, dass ein Werk in einer einzelnen Konkretisation nicht vollständig erfasst werden kann. Er spricht diesbezüglich von perspektivischen Verkürzungen, hat aber dabei vor allem die Aufmerksamkeitsdispositionen des Lesers vor Augen. Insbesondere bei einem komplexen Gegenstand, so das Hauptargument, kann es einem Subjekt nie gelingen, alle Eigenschaften in gleicher Weise wahrzunehmen. Immer bleibt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte gerichtet. Dem würde Wellek nicht widersprechen.68 Die Pointe an seiner Konzeption ist aber eine andere. Nach Wellek ist es letztlich die determinierte Struktur des Werks, die eine interpretatorische Willkür eindämmen soll. So schreibt er über die Normen, von denen oben bereits die Rede war, sie seien „conceived of […] as ‚structures of determination‘, a term from Husserl which in literature would include any constraints, however implied, conventions, traditions, and assumptions imposed by the text. The formula attempts to put theoretical limits on interpretation […].“69 Im Hinblick auf

|| 66 Vgl. Wellek 1936, S. 180: „Because we see a work of art from our own individual point of view, and only from our own point of view, we still see it and our knowledge is valid as such. To deny this validity and to draw purely relativistic conclusions from it is just as fallacious as if we drew sceptical conclusions from the fact of individual visual perspectives which would invalidate our knowledge of any given visual object.“ 67 Vgl. Wellek 1942, S. 747: „The very same situation is actually exhibited in every single act of cognition. We shall never know an object in all its qualities, but still we can scarcely deny the identity of objects even though we may see them from different perspectives. […] I shall always realize it [scil. a work of art] imperfectly, but in spite of some incompleteness, a certain ‚structure of determination‘ remains, just as in any other object of knowledge.“ Vgl. auch Creed 1983, S. 648: „Like a natural object or phenomenon, the work consists of definable characteristics that give it its identity as literature, characteristics that it possesses in itself, independently of the author’s intentions and the reader’s responses.“ 68 Vgl. Wellek 1981a, S. 66. 69 Wellek 1979a, S. 121f. Man liest weiter: „[…] surely one of the most urgent problems of literary study today, when total wilfulness has been running riot, not only in France.“ Der Seitenhieb dürfte auf den Einzug des Poststrukturalismus bzw. der Dekonstruktion in die amerikanischen literary studies zu beziehen sein. Vor allem in Yale, Welleks ‚Heimatuniversität‘, stand die Dekonstruktion hoch im Kurs. Bemerkenswert ist dabei, dass die dekonstruktivistisch orientierten Yale critics nicht zuletzt in Derrida einen Gewährsmann hatten, der seinerseits maßgeblich von Husserl beeinflusst war. Zieht man die Genealogie der jeweiligen Positionen in

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den Werkbegriff und die Normativität der Interpretation kommt es also bei Wellek zu einer Überblendung zweier Bezugstheorien: der strukturalistischen Linguistik und Husserls Abschattungslehre. Mit der Struktur, sofern sie determiniert und somit nicht beliebig zu füllen ist, gehen Restriktionen einher, die uns erlauben, inadäquate Konkretisationen als solche zu identifizieren. Worin diese Restriktionen bestehen, lässt sich aber von vornherein nicht sagen, sondern hängt wiederum von den vorherrschenden Normen ab. Im Grunde genommen werden bei Wellek nicht zwei, sondern drei Bezugstheorien verquickt: die strukturalistische Linguistik und zwei Spielarten der Phänomenologie. Speisen sich nämlich auf der einen Seite die normativen Aspekte von Welleks Werkbegriff aus der strukturalistischen Linguistik und Husserls Abschattungslehre, so wird auf der anderen Seite in Bezug auf das Werk als System der strukturalistische Systembegriff auch mit Ingardens Schichtenmodell verschränkt. A closer analysis of a work of art will show that it is best to think of it as not merely one system of norms, but rather a system which is made up of several strata, each implying its own subordinate group. There is a system of norms implied in the sound-structure of a literary work of art and this, in turn, implies units of meaning based on the sentence patterns, and these units in their turn construct a world of objects to which the meaning refers.70

Zum Schichtenbau des literarischen Werks hat sich Wellek in „The Mode of Existence of a Literary Work of Art“ nur sparsam geäußert. Dafür finden sich aber reichlich Parallelstellen in seinen weiteren literaturtheoretischen Schriften. Wellek übernimmt Ingardens Stratifikationsmodell nicht in toto, wohl aber in seinen Grundzügen, wobei vor allem das interne Abhängigkeitsverhältnis zwischen den ersten drei Schichten für ihn zentral zu sein scheint. Im Sinne Ingardens hebt er auch hervor, dass die dargestellte Welt aufgrund ihrer sprachlichen Verfasstheit mit Unbestimmtheitsstellen durchsetzt ist.71 Im Gegensatz zu Ingarden will aber Wellek nicht primär auf eine Wesensbestimmung des literarischen Werks hinaus. Stattdessen werden die einzelnen Schichten als Subsysteme bzw. -strukturen konzeptualisiert, mit denen eigene und jeweils andere Normen einhergehen. Dabei scheint die Attraktivität von Ingardens Modell für

|| Betracht, so hätte man hier in gewisser Weise einen Fall von Husserl vs. Husserl. Aber das wäre eine andere Geschichte. 70 Wellek 1942, S. 746. An der entsprechenden Stelle in Theory of Literature wird auch explizit auf Ingarden verwiesen (Wellek/Warren 1949, S. 152). 71 Vgl. Wellek 1942, S. 750.

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Wellek in erster Linie darin zu bestehen, dass diese Subsysteme zueinander in einem Fundierungsverhältnis stehen (die Bedeutung als tragende Schicht) und sich trotzdem zu einer Ganzheit fügen. In Ingardens Schichtenmodell sieht Wellek nämlich nicht zuletzt die Überwindung der althergebrachten Dichotomie zwischen Form und Inhalt: „The advantage of all these distinctions of strata is that they supersede the age-old superficial and misleading distinction of content and form. The content will reappear in close contact with the linguistic substratum, in which it is implied and on which it is dependent.“72 In den späten 1930er Jahren hatte sich Ingarden (zunächst auf Polnisch, dann auf Deutsch) dem „Form-Inhalt-Problem im literarischen Kunstwerk“ gewidmet.73 Diese Untersuchung scheint für Wellek jedoch nicht von Belang zu sein.74 Vielmehr wird Ingarden in ein Narrativ eingebunden, das Wellek mit dem russischen Formalismus und dessen profundem Einfluss auf den Prager Strukturalismus beginnen lässt, wobei das Bindeglied zwischen russischem Formalismus, Prager Strukturalismus und Ingardens Phänomenologie in gewisser Weise Wellek selbst ist. Im russischen Formalismus wurde – so Wellek – die untrennbare Einheit von Form und Inhalt erstmals deutlich herausgestellt. Die Form wurde hier nicht mehr als ein Behälter eines an sich formlosen Inhalts betrachtet. Stattdessen wurde aber eine neue Unterscheidung eingeführt, nämlich zwischen einem nicht-ästhetischen Material und der Summe der ästhetischen Verfahren.75 Die weitere Entwicklung fasst Wellek wie folgt zusammen: [W]hen Russian formalism was exported to Poland and Czechoslovakia in the period between the two wars it came into contact with the German tradition of Ganzheit, Gestalt, wholeness, totality and with the philosophical insights into the nature of the object of contemplation which can be found in Husserl’s phenomenology or in a different way, in the philosophy of symbolic forms of Cassirer. The Czech group around the Prague Linguistic Circle […] called the doctrine „structuralism“ rather than „formalism“ because they felt that the term „structure“ […] does more justice to the totality of the work of art and is less weighed down by suggestions of externality than „form“. They saw that „form“ cannot be studied merely as a sum of devices […]. The Polish phenomenologist Roman Ingarden has, in his Das literarische Kunstwerk (1931), given the most coherent account of a theory which sees that the work of art is a totality but a totality composed of different heterogeneous strata. Such a concept of the literary work of art avoids two pitfalls: the extreme of organi-

|| 72 Wellek 1942, S. 750. 73 Ingarden 1937b. 74 Vgl. Wellek 1958, S. 2. 75 Vgl. Wellek 1958, S. 10: „non-aesthetic materials and the sum of artistic devices.“ Gemeint sind just jene Verfahren, von denen Šklovskij spricht.

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cism which leads to a lumpish totality in which discrimination becomes impossible, and the opposite danger of atomistic fragmentation. […] A concept of stratification, developed also in my (and Austin Warren’s) Theory of Literature (1949), allows us to return to concrete analytical work without having to surrender the basic insights into the wholeness, totality and unity of content and form.76

In Prag treffen also russische und deutsche Theorietraditionen aufeinander. Die Rezeption der Phänomenologie in Prag in der Zwischenkriegszeit und die Bedeutung Husserls für den Prager Strukturalismus wäre dabei ein Thema für sich.77 Bemerkenswert ist aber in Welleks Narrativ zunächst, dass Ingardens Schichtenmodell systematisch bzw. im Hinblick auf die Form-Inhalt-Dichotomie gleichsam an die Stelle des Strukturbegriffs der Prager Schule tritt. Dies hat zwei Gründe: Zum einen ist es Wellek um eine integrative Ganzheit zu tun, die keine bloße Summe von künstlerischen Verfahren sein soll. In seiner einflussreichen Theorie der Prosa hatte bekanntlich Viktor Šklovskij die Ansicht vertreten, dass das literarische Kunstwerk als die Summe aller darin angewandten stilistischen Mittel anzusehen ist.78 Im Angesicht einer ideologisch aufgeladenen, inhaltlich orientierten Lektürepraxis der damaligen Zeit betonte Šklovskij die bis dahin vernachlässigte formale Seite und spezifische Faktur des Werks. Wellek legt aber nun seinerseits, ganz im Sinne der Prager Strukturalisten überhaupt, größten Wert darauf, dass nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt ästhetisch valent ist,79 und gerade an dieser Stelle kommt der Strukturbegriff ins Spiel, der zugleich ein Systembegriff ist.80 Im Wesentlichen handelt es sich hier um den-

|| 76 Wellek 1958, S. 10f. 77 Vgl. die Einschätzung von Mukařovský 1940, S. 27: „Die philosophischen Voraussetzungen lieferten besonders die Philosophie Hegels (die dialektische Auffassung von den inneren Widersprüchen in der Struktur und ihrer Entwicklung) sowie Husserls und Bühlers Erkenntnisse von der Komposition der Zeichen im allgemeinen und der sprachlichen im besonderen.“ Zu den theoretischen Anleihen des Prager Strukturalismus (bei Ferdinand de Saussure, Karl Bühler, Max Dessoir, Emil Utitz, Broder Christiansen, Ernst Cassirer) vgl. Wellek 1969, S. 279. 78 Wellek hat im Übrigen die von Mukařovský eingeleitete Übersetzung von Šklovskijs Theorie der Prosa rezensiert (vgl. Wellek 1934b). 79 Vgl. etwa Wellek 1936, S. 176f. 80 Vgl. hierzu auch Wellek 1981b, S. 26: „I use it [scil. the word ‚structure‘] in the sense with which it was introduced in the Prague Linguistic Circle in about 1930, as a term for Gestalt, Ganzheit, whole, totality, or pattern. But in the Prague structuralists the concept of structure is set off from the usual implication of wholeness by emphasizing that the mutual relations of its parts are not only positive relations, agreements, and harmonies, but also contradictions and conflicts. […] It was adopted to replace the term ‚form‘ which had become, under Marxist influence, a pejorative term for preoccupation with the trivialities of external form.“

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selben Systembegriff, der in der Begriffsopposition System/Aggregat bereits um 1800 intensiv diskutiert wurde.81 Gemeint ist eine gegliederte, aber einheitliche Ordnung, in dem Teile zu einem Ganzen gefügt sind, also eine intakte und besonders innige Einheit, deren Teile keine bloße additive Reihe bilden, sondern jeweils eine eigene Funktion und einen genau zugewiesenen Platz im Systemganzen haben. Für Wellek wird dieser Strukturbegriff bemerkenswerterweise von Ingardens Stratifikationsmodell gleichsam übertroffen, sofern dieses Modell sowohl die intakte, suprasummative Ganzheit des Werks als auch die Heterogenität seiner einzelnen Elemente berücksichtige. Diese Vorstellung hat sich sogar in der Kapitelstruktur von Theory of Literature niedergeschlagen82 und sollte somit nicht ohne Folgen für die literaturwissenschaftliche Praxis bleiben. Wellek zufolge hat man bei der Analyse und Interpretation stets die Ganzheit des Werks, „its unity and integrity“,83 im Blick zu behalten. Gleichzeitig hat aber die Konzeptualisierung des Werks als Schichtengefüge zur Konsequenz, dass die einzelnen Schichten, verstanden als normativ aufgeladene Subsysteme, unterschiedliche Analyseverfahren verlangen.84 Ging es Ingarden letztlich um eine philosophische Idealismus-Realismus-Problematik, so geht es Wellek letztlich um eine Verbesserung der literaturwissenschaftlichen Praxis. Zum anderen versucht Wellek mit Ingarden die Bedeutung des Kunstwerks stärker zu akzentuieren, als es etwa bei Mukařovský der Fall war. Wellek schließt sich der Meinung an, dass man nicht zwischen Form und Inhalt unterscheiden sollte, sondern zwischen ästhetisch valenten und ästhetisch indiffe-

|| 81 Vgl. hierzu Spoerhase 2018, S. 459–462 (mit weiteren Literaturhinweisen). Bekannt ist wohl vor allem folgende Passage aus Kants Kritik der reinen Vernunft: „Ich verstehe […] unter einem System die Einheit der mannigfaltigen Erkentnisse unter einer Idee. […] Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle Teile und in der Idee desselben auch unter einander beziehen, macht, daß ein jeder Teil bei der Kentniss der übrigen vermißt werden kann und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe der Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmte Grenzen habe, stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert […] und nicht gehäuft […]; es kann zwar innerlich […], aber nicht äußerlich […] wachsen, wie ein tierischer Körper, dessen Wachsthum kein Glied hinzusezt, sondern, ohne Veränderung der Proportion, ein jedes zu seinen Zwecken stärker und tüchtiger macht“ (Kant 1781, S. 696, A 833). Zur „Mereologie der Prager Schule“ vgl. Doležel 1999, S. 176–179. 82 Vgl. etwa Wellek/Warren 1949, S. 159, 234. 83 Wellek 1941a, S. 97. 84 Vgl. Wellek 1960, S. 410, 417. Vgl. auch Wellek 1963, S. 49: „A conception of the work of art as a stratified structure […] will work with linguistic and stylistic methods as long as we are concerned with the sound-stratum […] and the units of meaning […]. But literary study cannot be reduced to stylistics. […] Criticism must also go beyond language to the ‚world‘ of the poet […].“

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renten Elementen, wobei das Strukturprinzip des Kunstwerks, also das Organisationsprinzip des ganzen Systems, seine ästhetische Funktion ist: „Structure is a concept including both content and form as far as they are organized for aesthetic purposes. The work of art is, then, considered as a whole dynamic system of signs or structure of signs serving a specific aesthetic purpose.“85 Indem er die Zeichenhaftigkeit des Kunstwerks betont, versucht Wellek, Mukařovskýs Forderung nach einer semasiologischen Konzeption der Literatur nachzukommen.86 Zugleich verbindet er aber diese Konzeption mit Ingardens Schichtenmodell,87 weil dieser „the problems of meaning“ deutlicher als die Prager Strukturalisten erkannt habe.88 Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass die Bedeutung (Schicht 2) in Ingardens Modell in konstitutiver Hinsicht die tragende Schicht ist, womit der Inhalt des Werks, also die Begebenheiten in der dargestellten Welt (Schicht 3 und 4), aber z. B. auch die klanglichen Elemente von Gedichten (Schicht 1) auf die Bedeutungsschicht zurückgeführt werden können.89 Mit der Irreduzibilität des Ästhetischen und der Autoreflexivität der poetischen Sprache verbinden sich also bei Wellek immer auch Fragen der Bedeutungszuschreibung. Überhaupt ist sein Changieren zwischen Strukturalismus und Phänomenologie meist einem ausgeprägten hermeneutischen Problembewusstsein geschuldet.

|| 85 Wellek 1936, S. 177. Hier heißt es auch: „It would be better to rechristen all the aesthetically indifferent elements ‚materials‘, while the manner in which they acquire aesthetic efficacy may be styled ‚structure‘. This distinction is by no means a simple re-naming of the old twins of content and form. It cuts right across the old boundary lines. ‚Materials‘ include elements formerly considered part of the content, and parts formerly considered formal.“ 86 Vgl. Mukařovský 1934; Mukařovský 1940, S. 24. 87 Vgl. Wellek 1936, S. 178. 88 Wellek 1936, S. 178: „Owing to its close association with Russian formalism […], ‚structuralism‘ has not altogether escaped the danger of underrating the problems of meaning of a work of art. […] Here plenty of thinking still remains to be done, but Roman Ingarden’s acute analysis in ‚Das literarische Kunstwerk‘ has shown the way […].“ 89 Vgl. Wellek 1941a, S. 98: „[A] careful differentiation between the different strata of a work of art leads from a consideration of sound patterns and units of meaning to the objects represented […]. Thus the problem of the ‚idea‘ or the ‚world-view‘ in a work of art is reintroduced without the risk of the usual intellectualistic pitfalls.“ In diesem Sinne auch Wellek 1936, S. 178. Vgl. zudem Wellek 1942, S. 739f.: „[T]he importance of sound-patterns […] has also been frequently overrated for several reasons. One is the fact that most critics in speaking about the sound of poetry actually refer to effects induced by meaning.“

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6.3 Das ‚Leben‘ des Werks: Eine Metapher bei Ingarden und Wellek In Das literarische Kunstwerk bespricht Ingarden im 13. Kapitel das ‚Leben‘ des literarischen Werks.90 Mit Blick auf die vorangegangene, mehr als 300 Seiten umfassende phänomenologisch-ontologische ‚Wesensanatomie‘ birgt dieses Kapitel nicht zuletzt ein gewisses Irritationspotential. Ingarden ist es hier vor allem darum zu tun, das zunächst nur unter ontologischen Gesichtspunkten analysierte Werk „in […] Kontakt mit dem Leser zu bringen“.91 Dankbarerweise sagt er dabei expressiv verbis, wie er die Rede vom ‚Leben‘ des Werks verstanden wissen will. Nach Ingarden lässt sich ganz allgemein vom Leben sagen, dass es eine Zeit lang dauert, nämlich von der Geburt bis zum Tod, wobei jedes Lebewesen sich ständig in einer arttypischen Weise verwandelt. Dies soll auch für das literarische Werk gelten, allerdings mit der Einschränkung, dass das einmal entstandene Werk sich nicht verwandeln muss – und damit wäre man schon beim besagten Irritationsmoment. Zur Erinnerung: In Das literarische Kunstwerk wird Ingardens gesamte Argumentation von der Annahme getragen, dass „ein jedes literarische [sic] Werk ein in sich identisches Etwas“ ist.92 Um eine Subjektivierung und Psychologisierung des Werks zu vermeiden, unterscheidet er hierbei streng zwischen dem Werk selbst als einem schematischen Gebilde und seinen einzelnen Konkretisationen, die die „Erscheinungsweise“ des Werks bilden.93 Im 13. Kapitel spricht Ingarden jedoch an exponierter Stelle, nämlich in einer Zwischenüberschrift, vom „‚Leben‘ des literarischen Werkes in seinen Konkretisationen“ und von dessen „Verwandlungen infolge der Wandlungen der letzteren“.94 Sofern die Konkretisation die Erscheinungsweise des literarischen Werks bildet, mag es zwar einleuchten, dass ein Werk nicht an und für sich, sondern – wenn überhaupt – nur in seinen Konkretisationen ‚leben‘ kann. Doch da das Werk gerade ein schematisches, also stabiles und mit sich selbst identisches Gebilde sein soll, ist es nicht ohne weiteres ersichtlich, warum nun auf einmal das Werk selbst als wandlungsfähig beschrieben wird. Ingardens Position ist auch tatsächlich als widersprüchlich, bestenfalls als unklar zu bezeichnen. So soll der Wandel zunächst darin bestehen, dass der Leser die Konkretisationen „verabsolutiert“: Er „identifiziert sie mit dem Werke

|| 90 Vgl. Ingarden 1931, S. 342–370. 91 Ingarden 1931, S. 342. 92 Ingarden 1931, S. 12. 93 Ingarden 1931, S. 343. 94 Ingarden 1931, § 64.

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und ist in naiver Weise auf das so vermeinte Werk intentional gerichtet. Dann wird dem Werke alles zugedeutet, was zu dem Gehalte der gegebenen Konkretisation gehört.“95 Wohl nicht ganz zu Unrecht ist dagegen folgender Einwand erhoben worden: „[W]hat changes here (if anything) are the concretizations of the work, not the work itself.“96 Gleichwohl finden sich bei Ingarden mehrere Stellen, an denen er fest davon auszugehen scheint, dass das Werk im Laufe der Zeit die Konkretisationen gleichsam in sich aufnehmen und auf diesem Wege seine Gestalt verändern kann.97 So spricht er in Bezug auf das ‚Leben‘ des Werks bald von einer „unleugbaren Tatsache“,98 um dann aber bald wieder die Unveränderlichkeit des Werks zu betonen.99 Auf die Frage, wie man sich die Veränderung des Werks vorzustellen hat, hält eigentlich weniger Ingarden selbst als vielmehr René Wellek eine Antwort bereit. Auch er spricht dabei vom ‚Leben‘ des Werks, und zwar in dezidiertem Anschluss an Ingarden:100 It has something which can be called „Life“. It arises at a certain point of time, changes in the course of history and may perish. […] This development is nothing but the series of concretizations of a given work of art in the course of history which we may, to a certain extent, reconstruct from the reports of critics and readers about their experiences and judgments and the effect of a given work of art on other works. Our consciousness of earlier concretizations (readings, criticisms, misinterpretations) will affect our own experience: earlier readings may educate us to a deeper understanding or may cause a violent reaction against the prevalent interpretations of the past. 101

Das ‚Leben‘ des Werks ist nicht mit dem zu verwechseln, was Wellek literarische Evolution nennt. Beim Konzept der literarischen Evolution geht es, wie oben

|| 95 Ingarden 1931, S. 367. 96 Juhl 1976, S. 155. 97 Vgl. Ingarden 1931, S. 358, 366, 368. 98 Ingarden 1931, S. 384. 99 Vgl. Ingarden 1962, bes. S. 115, 128, 134 (hier freilich in Bezug auf das analog konzipierte musikalische Kunstwerk); zum Zusammenhang mit Das literarische Kunstwerk vgl. S. VII–IX. Ingardens schwankende Position ist klar gesehen worden von Reicher 1998, S. 104–106. Zum ‚Leben‘ des Werks vgl. auch Juhl 1976; Steltner 2010, S. 385. Weniger hilfreich sind die Ausführungen von Mitscherling 2005; Takei 1984. 100 Vgl. Welleks Brief an Lothar Fietz vom 3. November 1975: „[…] obwohl ich von Konkretisationen und dem ‚Leben‘ (à la Ingarden) eines Werkes sprach […]“ (zit. nach Fietz 1979, S. 516). 101 Wellek 1942, S. 752.

Das ‚Leben‘ des Werks: Eine Metapher bei Ingarden und Wellek | 193

schon gesehen, um die Prinzipien literaturhistorischer Entwicklung.102 Die Lebensmetapher gilt hingegen der Aufnahme des einzelnen Werks. Sowohl bei Ingarden als auch bei Wellek stellt sie letztlich den Versuch dar, eine diachrone Perspektive auf das ontologisch konzipierte Werk zu eröffnen, wobei sich die Metapher auf die faktische Rezeption, also auf die Wirkungsgeschichte des Textes bezieht. Dazu gehört bei beiden als Minimalbedingung, dass das Werk immer weiter tradiert werden muss. Es wird gewissermaßen im sozialen Gedächtnis am Leben gehalten, indem die Reihe der Konkretisationen nicht abbricht. Der konkrete Lebenslauf des Werks bildet sich dann in den immer neuen Konkretisationen aus, die gegen vorhergehende Konkretisationen keineswegs unempfindlich sind. Können also die Konkretisationen eines Werks spätere Konkretisationen beeinflussen, so können sie nach Wellek aber auch das Werk selbst verändern.103 Dies ist einerseits eine Konsequenz aus der spezifischen Seinsweise des Werks, das von einem Kollektiv getragen wird, andererseits aber auch aus dem angelegten Systembegriff. Als System ist das Werk stets durch Geschlossenheit und innere Konsistenz gekennzeichnet, womit aber nicht ausgeschlossen sein soll, dass das System als Ganzes dynamisch ist.104 In diesem Sinne spricht Wellek auch von einer Dynamik des Werks: „[I]t changes throughout the process of history while passing through the minds of its readers, critics and fellow artists.“105 Damit drängt sich allerdings die Frage auf: Kann Relativismus vermieden werden, wenn das Werk in ständiger Bewegung ist? Im Hinblick auf die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks bei Ingarden und Wellek hat Peter D. Juhl zwischen zwei Formen von Veränderlichkeit unterschieden: einer ‚starken‘ Form, der zufolge die Textbedeutung mit jeder einzelnen Konkretisation variiert, und einer ‚schwachen‘ Form, der zufolge die Textbedeutung sich mit der betreffenden Sprache oder Kultur wandelt.106 Dass Juhl von der Veränderlichkeit der Textbedeutung und nicht des Werks spricht, ist durchaus

|| 102 Vgl. hierzu auch Wellek 1941a, S. 104: „A work of art is not simply the embodiment of experience, but always the last number in a series of works; it is a drama, a novel, or a poem determined, as far as it is determined at all, mainly by literary tradition.“ 103 Vgl. etwa Wellek 1981a, S. 63: „If meaning changes, it changes in history. One can argue that a work of art has a ‚life‘ in history, in two figurative senses. It lives ‚while it is expressed in a manifold of concretizations‘ and it lives while it undergoes changes as a result of ever new concretizations“ (Wellek zitiert hier Ingarden). Dass Wellek hier teils vom Werk, teils aber auch von dessen Bedeutung spricht, ist durchaus symptomatisch. Dazu unten mehr. 104 Zur „Dynamik des strukturellen Ganzen“ vgl. auch Mukařovský 1940, S. 11. 105 Wellek 1942, S. 753. 106 Vgl. Juhl 1976, bes. S. 133.

194 | René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie

symptomatisch. Zum Ausdruck kommt darin die eigentümliche Überblendung von Werk- und Bedeutungsbegriff bei Ingarden und Wellek, mit der sich auch eine hermeneutische Problematik verbindet. Nach der Rekonstruktion von Juhl liegt bei Ingarden die starke Form von Veränderlichkeit vor, bei Wellek sowohl die starke als auch die schwache. Gegen die starke Form erhebt Juhl folgenden Einwand: Wenn die Bedeutung des Textes sich mit den einzelnen Konkretisationen verändert, dann ist es nicht mehr möglich, den Text falsch zu verstehen. Jede Lesart ist dann eo ipso korrekt, sofern sich die ‚richtige‘ Bedeutung der einzelnen Lesart anpasst. Gegen die schwache Form wendet Juhl ein: Wenn die Textbedeutung sich mit der betreffenden Sprache oder Kultur wandelt, dann lässt sich der Text nicht mehr im Sinne einer literarischen Kommunikation als eine Äußerung des Autors verstehen. Diese Prämisse darf man aber Juhl zufolge nicht fallen lassen: „If an interpretation of a literary work is (at least in part) an explanatory hypothesis […], then we cannot deny that a literary work is (the record of) a speech act of its author; for otherwise very little that is relevant to a literary interpretation can be explained.“107 Juhls Vorbehalte sind im Allgemeinen mehr als berechtigt. Was Wellek anbelangt, ist aber eine Präzisierung vonnöten. Aus der Analogie zwischen Werk und Sprachsystem (langue) folgt nur, dass das Werk sich wie eine Sprache verändert, nicht aber, dass es sich mit der betreffenden Sprache verändert. Die Analogie gilt bei Wellek der Seinsweise des Werks, nicht seiner Sprachlichkeit. Die Angemessenheit einer Interpretation ist damit bei Wellek tatsächlich in dem Sinne relativ, dass sie von den vorherrschenden Normen der Interpretationsgemeinschaft abhängt. Innerhalb einer Interpretationsgemeinschaft mit geteilten Normen kann aber eine Hierarchisierung von Lesarten problemlos erfolgen. In diesem Sinne dürfte es auch zu verstehen sein, wenn Wellek behauptet, dass die Veränderlichkeit des Werks dessen normativem Charakter keinen Abbruch tut: [T]his dynamic conception does not mean mere subjectivism and relativism. All the different points of view are by no means equally right. It will always be possible to determine which point of view grasps the subject most thoroughly and deeply. A hierarchy of viewpoints, a criticism of the grasp of norms is implied in the concept of the adequacy of interpretation.108

|| 107 Juhl 1976, S. 150. 108 Wellek 1942, S. 753. Folgende Kritik von Roman Landau muss also als verfehlt gelten: „Entweder hat das Kunstwerk einen normativen Charakter und ist über die Normen objektivierbar oder es unterliegt dem historischen Prozeß und ist dann nur über die addierte Subjekti-

Das ‚Leben‘ des Werks: Eine Metapher bei Ingarden und Wellek | 195

Wellek besteht vor allem darauf, dass die Interpretation von Texten ein normatives Geschäft ist, benennt aber keine konkreten Normen, die die Angemessenheit von Interpretationen regulieren. In Bezug auf die Veränderlichkeit der Textbedeutung hat Juhl, der selbst eine intentionalistische Position vertritt, auf eine paradoxe Konsequenz hingewiesen, nämlich dass eine Interpretation, die zu einem gegebenen Zeitpunkt korrekt ist, später vielleicht inkorrekt sein kann: It is clear that this thesis has important implications not only for the theory but also for the practice of literary criticism. For if – to consider only the weaker version – the meaning of a work may change according to changes in the language or culture, then an interpretation of a work may be correct for a certain time, t1, and incorrect for another time, t2.109

Dies scheint zunächst ein schlagendes Argument zu sein. Nicht unproblematisch ist es allerdings, von korrekten und inkorrekten Interpretationen zu sprechen. So wird Welleks Ansatz z. B. dem Umstand gerecht, dass es so etwas wie einen (veränderlichen) Deutungskanon geben kann. Damit spricht man allerdings nicht mehr im strikten Sinne von Richtigkeit (oder gar von Wahrheit), sondern von wechselnden Erkenntnisinteressen und von der periodischen Stabilität von historisch gewachsenen Standards. Mit seinem ‚dynamischen‘ Werkbegriff vertritt Wellek ausdrücklich einen Perspektivismus, mit dem „[t]he unsound thesis of absolutism and the equally unsound antithesis of relativism“ vermieden werden soll.110 Über die Angreifbarkeit seiner Position ist er sich dabei durchaus im Klaren. So schreibt er in Bezug auf das ‚Leben‘ des Werks: „All this […] leads to difficult questions about the nature and limits of individuality. How far can a work of art be said to be changed and still remain identical?“111 Auf diese Frage gibt Wellek keine definitive Antwort. Mit Husserls Abschattungslehre versucht er aber die Determiniertheit und Veränderlichkeit des Werks zusammenzudenken. Jene Prinzipien der visuellen Dingwahrnehmung, mit denen die perspektivische Gegebenheit des Werks für den einzelnen Interpreten erklärt werden sollten, werden nämlich auch auf die Veränderlichkeit des Werks über die Zeiten hinweg übertragen.112 || vität der Rezeptionsweisen in den Griff zu bekommen. […] Solange Wellek die Idee des richtigen Lesens nicht aufgibt, bleibt sein Modell widersprüchlich“ (Landau 1988, S. 3, 52). 109 Juhl 1976, S. 133. 110 Wellek/Warren 1949, S. 157; vgl. auch Wellek 1936, S. 185; Wellek 1975, S. 398. 111 Wellek 1942, S. 752. 112 Vgl. Wellek 1975, S. 398: „I recognize the impossibility of upholding a rigid absolutism in view of the historical changes of taste and styles, but I also reject relativism which has been

196 | René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie

In diesem Sinne bildet Wellek zufolge – in der Terminologie der strukturalistischen Linguistik – jeder synchrone Einschnitt nur eine Perspektive unter anderen auf das diachron sich entwickelnde Werk.113 Nach Wellek ist das literarische Kunstwerk durch eine besondere Geschichtlichkeit gekennzeichnet, die zunächst eine präsentische Umgangsweise zu begünstigen scheint. Es gehöre zwar seiner Entstehungszeit an, könne aber im Gegensatz zu einem historischen Ereignis „become again and again effective“.114 Dies liegt nach Wellek gerade an der ästhetischen Funktion: „There is a common humanity which makes all art, however remote in time and place, accessible to us.“115 Hervorzuheben ist allerdings, dass weder diese besondere Geschichtlichkeit der Kunst noch Welleks Konzeption des Kunstwerks als einer wandlungsfähigen Formation von Normen eine historisierende Betrachtungsweise ausschließen soll. Im Gegenteil: Wellek warnt sogar ausdrücklich vor einem naiven, präsentistisch-anachronistischen Zugriff auf den Text: „In practice, we simply apply, instinctively, the standards we derive from our presentday usage. But such standards may be largely misleading. In the reading of much older poetry, we need shut out our modern linguistic consciousness. We must forget the modern meaning […].“116 Und dennoch wendet sich Wellek dezidiert gegen die ‚klassische‘ Bedeutungskonzeption des sensus auctoris et primorum lectorum. Seine Bedenken richten sich dabei zum einen auf die Möglichkeit eines historischen Verstehens, zum anderen aber auch auf die Frage, ob ein historisches Verstehen überhaupt wünschenswert ist. Ein Sich-Hineinversetzen im eigentlichen Sinne, etwa in den Autor, ist Wellek zufolge nicht möglich. Gerade auf der Annahme, dass Bewusstseinsakte

|| considered the necessary consequence of these changes. ‚Perspectivism‘ is suggested by the analogy of our seeing, say, a house, very differently from different angles while we still admit that there is a house out there of definite dimensions, layout, material, colors, and so on, which can be ascertained accurately and objectively.“ 113 Bemerkenswerterweise hat Wellek von hier aus den Bogen zurück zu Ingardens Werkbegriff geschlagen (vgl. Wellek 1975, S. 398; Wellek 1981a, S. 63, 72). Auch bei Ingarden – so Wellek – gibt es eine stabile, determinierte Struktur, die uns zu sagen erlaubt, ob eine Interpretation angemessen ist oder nicht. Dies ist allerdings insofern nicht ganz stimmig, als bei Ingarden das literarische Werk gerade ein schematisches Gebilde sein soll; das Werk selbst ist bei Ingarden eben nicht determiniert, sondern unterbestimmt. 114 Wellek 1936, S. 183. 115 Wellek 1975, S. 400. Vgl. hierzu Pfeiffer 1974, S. 113: „‚The concept of adequacy of interpretation‘ stützt sich bei Wellek allein auf ‚a common humanity‘ und deren ‚universal art‘.“ 116 Wellek/Warren 1949, S. 180. Dieses Kapitel stammt von Wellek; vgl. S. VI. Vgl. ferner Wellek 1942, S. 749: „The phonemic approach also teaches us not to transfer modern criteria to times in which different systems prevailed.“

Das ‚Leben‘ des Werks: Eine Metapher bei Ingarden und Wellek | 197

nicht wiederholbar sind, beruht ja der gesamte Anti-Psychologismus, den Wellek zugrunde legt. Dies ist aber – wie Wellek betont – insofern kein Problem, als die konkreten, mal mehr, mal weniger direkt auf das Werk bezogenen Bewusstseinsakte des Autors ohnehin nicht interpretationsrelevant sind.117 Hielte man sie für einschlägig, könnte man sich in absurden Spekulationen verlieren, etwa über die Relevanz der Zahnschmerzen des Autors während des Schreibens.118 Auch Selbstkommentare des Autors bringen Wellek zufolge den Interpreten nicht weiter, da sie nicht als eine ‚Abkürzung‘ auf dem Weg zur richtigen Bedeutung, sondern vielmehr selbst im Lichte des betreffenden Werks zu betrachten seien. Dies entspricht der Grundannahme, dass man das spezifisch Literarische nicht aus etwas anderem ableiten kann, etwa aus der Psyche oder Biographie des Autors. Scheidet somit die Autorintention als möglicher Bezugspunkt aus, kann nach Wellek ein Sich-Zurückversetzen in die Lage der primären Adressatengruppe aber auch nur bedingt gelingen. Mit Blick auf Homers Ilias bemerkt er: „Even assuming that we know the identical text, our actual experience must be very different.“119 An Stellen wie dieser wird sichtbar, dass der Text und das ontologisch konzipierte Werk bei Wellek offenbar nicht identisch sind. Eine historische Rekonstruktion des Werks sieht Wellek dabei zum Scheitern verurteilt, denn „we cannot forget the associations of our own language, the newly acquired attitudes, the impact and import of the last centuries“.120 Doch auch dies ist für Wellek nicht sonderlich problematisch, und zwar aufgrund der Vorstellung einer sich historisch akkumulierenden Gesamtbedeutung: The total meaning of a work of art cannot be defined merely in terms of its meaning for the author and his contemporaries. It is rather the result of a process of accretion, i. e., the history of its criticism by its many readers in many ages. It seems unnecessary and actually impossible to declare, as the historical reconstructionists do, that this whole process is irrelevant and that we must return only to its beginning.121

|| 117 Vgl. Wellek 1936, S. 179: „One cannot reconstruct this state of mind [scil. of the creative artist] which will remain for ever [sic] inaccessible and, besides, the state of mind of the author does not matter very much for the interpretation of a work of art.“ 118 Vgl. Wellek/Warren 1949, S. 150; davor schon Wellek 1942, S. 744. 119 Wellek 1942, S. 752. 120 Wellek/Warren 1949, S. 34. Dieses Kapitel stammt von Wellek; vgl. S. VI. Vgl. außerdem S. 155. 121 Wellek/Warren 1949, S. 34; vgl. auch Wellek 1941a, S. 105: „The work of art is an objective construct whose full meaning can be exhausted only by generations of readers.“

198 | René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie

Damit erhält die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks einen ganz anderen Stellenwert als bei Ingarden. Was Wellek hier beschreibt, ist nicht nur eine Veränderung des Werks infolge der faktischen Rezeption, sondern ein Bedeutungszuwachs durch die Rezeption. Nicht umsonst hat daher Hans Robert Jauß in Welleks Ansatz einen Vorläufer seiner Rezeptionsästhetik gesehen.122 Das Konzept einer veränderlichen Textbedeutung ist insofern nicht ganz unproblematisch, als es eine Pluralisierung der Bedeutung impliziert und so zu einer Aufweichung der Normativität des Interpretierens führt. Aus diesem Grund wird später Eric Donald Hirsch in kritischer Auseinandersetzung mit Wellek darauf bestehen, dass nur die Intention des Autors die Bedeutung zu determinieren und so eine normative Grundlage der Interpretation zu bilden vermag. In Welleks Ansatz gilt der Autor nicht unbedingt als bedeutungsbestimmende Instanz. Gefragt ist vielmehr „[a] proper historical sense“ seitens des Interpreten.123 An die Stelle von Methode tritt somit Takt, im Vertrauen auf die eigene Urteilskraft und die Urteilskraft der betreffenden Interpretationsgemeinschaft.

6.4 Phänomenologie der Literatur als Aufgabe der Literaturwissenschaft In der Forschung wird gelegentlich insinuiert, dass Ingarden den New Criticism beeinflusst habe.124 Dies mag vielleicht nicht vollkommen falsch sein, ist aber aus mehreren Gründen differenzierungsbedürftig. So war z. B. der New Criticism keine homogene Schule mit einem einheitlichen theoretischen Profil. Aber wichtiger noch: Ingardens literaturtheoretische Schriften wurden erst in den 1970er Jahren ins Englische übersetzt. Man kannte ihn grundsätzlich nur aus zweiter Hand und es war vor allem Wellek, der Ingarden in die amerikanische Debatte einführte.125 Zu unterscheiden wäre somit zwischen direktem oder indi-

|| 122 Vgl. Jauß 1970. Juhl sieht auch eine Parallele zu Gadamer, an dem sich Jauß bekanntlich stark orientiert (vgl. Juhl 1976, S. 136). 123 Wellek 1975, S. 400; vgl. auch S. 398. 124 Vgl. etwa Thomasson 2017 [unpaginiert]: „His work The Literary Work of Art has been widely influential in literary theory as well as philosophical aesthetics, and has been crucial to the development of New Criticism and Reader Response Theory.“ 125 Vgl. Cassedy 1990, S. 189. Dieser Meinung ist Wellek auch selbst gewesen. Vgl. Wellek 1981b, S. 21; Wellek 1991, S. 392. Sprechend ist die Einschätzung von Eliseo Vivas in der bereits erwähnten Rezension zu Theory of Literature: „For a justification of this doctrine we are sent to an article by the Polish philosopher Ingarden, who arrives at his solution by using the methods of Husserl’s ‚Phenomenology‘. Nothing more can legitimately be asked of the authors, al-

Phänomenologie der Literatur als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 199

rektem Einfluss, Anregungen allgemeiner Art und bloß konvergierenden Literaturauffassungen.126 In einem bereits 1941 erschienenen Aufsatz und erneut im zwölften Kapitel von Theory of Literature bemerkt Wellek: The natural and sensible starting point for work in literary scholarship is the interpretation and analysis of the works of literature themselves. After all, only the works themselves justify all our interest in the life of an author, in his social environment and the whole process of literature. […] In recent years a healthy reaction has taken place which recognizes that the study of literature should, first and foremost, concentrate on the actual works of art themselves.127

Was diese Konzentration auf die Texte selbst anbelangt, konstatiert Wellek Ähnlichkeiten zwischen der französischen explication de textes, dem Formalismus eines Heinrich Wölfflin oder Oskar Walzel, dem russischen Formalismus, dem Prager Strukturalismus, Ingardens Phänomenologie und dem New Criticism mitsamt seinen englischen und amerikanischen Vorläufern.128 Über seine eigene Ingarden-Rezeption schreibt er dabei rückblickend: „Ingarden’s original scheme of the strata of a work of art seems to me a major contribution to literary theory. Also the way Ingarden defined the mode of existence of a literary work of art and thus determined its relation to psychology, biography, sociology, etc. seems to me convincing.“129 Für die Behauptung, dass Ingardens Phänomenologie in vergleichbarer Weise auch von anderen Vertretern des New Criticism konsultiert wurde, scheint es indessen wenig Anhaltspunkte zu geben. Sowohl bei Ingarden als auch bei Wellek ist das literarische Werk bzw. Kunstwerk mit seiner besonderen Seinsweise etwas mehr und etwas anderes als der Text. In beiden Fällen handelt es sich um ein recht voraussetzungsreiches Konzept, das vielfach mit Fragen nach Bedeutung und Textverstehen korrespondiert. Entwickelt und verteidigt wird der Werkbegriff jedoch aus jeweils unterschiedlichen Gründen. Hatte Ingardens Ansatz in erster Linie eine philo-

|| though the reference to Ingarden is a bit esoteric for our public“ (Vivas 1950, S. 165). Zu Wellek als Vermittler zwischen dem russischen Formalismus und Prager Strukturalismus einerseits und dem amerikanischen literary criticism andererseits vgl. Fietz 1979, S. 500–506; ferner Lawall 1984; Lawall 1988. Grundsätzlich ist zuzustimmen, dass „Ingarden Welleks und damit des N[ew] C[riticism] theoretischer Gewährsmann ist […]“ (Pfeiffer 1974, S. 7, Anm.). 126 Vgl. hierzu Fietz 1979, bes. S. 503. Zhang Jin-Yan spricht mit Blick auf Ingarden und dem New Criticism von einer Familienähnlichkeit im Sinne Wittgensteins (vgl. Jin-Yan 1990, S. 90). Zum Einflussbegriff vgl. Danneberg 1997. 127 Wellek/Warren 1949, S. 139f. Vgl. auch Wellek 1941a, S. 95–97. 128 Vgl. Wellek 1941a, S. 97; ferner Wellek/Warren 1949, S. 140. 129 Wellek 1981a, S. 72.

200 | René Welleks Literaturtheorie zwischen Strukturalismus und Phänomenologie

sophische Stoßrichtung, so geht es Wellek um spezifisch literaturwissenschaftliche Formen des Umgangs mit Texten.130 Letztlich beziehen sich Welleks Überlegungen weniger auf die Ontologie des Werks als auf die Analyse und Interpretation einzelner Texte.131 Im Jahr 1963, als Welleks und Warrens Theory of Literature schon längst zum Standardwerk avanciert war,132 erschien in The Times Literary Supplement eine Reihe von Artikeln über die Lage und Sendung der Literaturwissenschaft (literary criticism). Auch Wellek war hier mit einem Beitrag vertreten. In seiner knappen Erläuterung des Gegenstandes und der Aufgaben der Literaturwissenschaft133 sticht ein Satz besonders hervor, gleichsam als Abbreviatur seiner Literatur- und Wissenschaftsauffassung: „The task || 130 Die Philosophie spielt bei Wellek zwar eine grundlegende, aber dem Erkenntnisziel nach eine nur untergeordnete Rolle; vgl. Wellek 1942, S. 753: „Our interpretation of the literary work of art as a system of norms has served its purpose if it has suggested an argument against the insidious psychological relativism which must always end in scepticism and finally mental anarchy. It may also have demonstrated the truism – of which we cannot be reminded too frequently – that all problems, pursued far enough, even in such an apparently concrete and limited field as literary criticism, lead to ultimate questions and decisions about the nature of reality and truth, the processes of our cognition and the motives of our actions.“ 131 Vgl. etwa Wellek 1941a, S. 117: „Literary criticism has not yet developed satisfactory methods which would enable us to describe a work of art purely as a system of signs. [...] One reason for this backwardness in our faculties of analysis is that we employ erroneous conceptions of the ‚ontological situs‘ of a work of art, to use a somewhat pretentious philosophical term.“ In einer zugehörigen Anmerkung verweist Wellek auf Ingarden. 132 Vgl. etwa Hamlin 1996, S. 42: „When I was a sophomore at Harvard in 1955, I took two graduate seminars in the German Department. In the first, a proseminar taught by Henry Hatfield to introduce graduate students to literary theory and critical method, the only assigned text was Theory of Literature by Wellek and Warren, which we worked through systematically, chapter by chapter, week by week.“ 133 Vgl. Wellek 1963, S. 49: „Literary criticism in the most widely accepted sense is judgment of books, reviewing, and finally the definition of taste, of the tradition, of what is a classic. […] But there is another concept of criticism which equates it with a scheme of principles, with poetics, with a theory of literature. This has been my own preoccupation. […] If we want to arrive at a coherent theory of literature, we must do what all other sciences do: isolate our object, establish our subject-matter, distinguish the study of literature from other neighbouring disciplines. It seems obvious that the work of literature is the central subject-matter of a theory of literature; not the biography or psychology of the author nor the social background nor the affective response of the reader. In Theory of Literature, published by Austin Warren and myself in 1949, I tried to draw a distinction between ‚intrinsic‘ and ‚extrinsic‘ methods in the study of literature and to emphasize the need of an intrinsic approach, i. e. an analysis of the work of art itself as a linguistic structure, as a system of meaningful signs.“ Vgl. in diesem Sinne auch Wellek 1979a, S. 121: „Defining the literary work of art as […] a system of intersubjective norms, achieves what must be considered a first step in any theory of a discipline: a definition of its object“.

Phänomenologie der Literatur als Aufgabe der Literaturwissenschaft | 201

of criticism will be a phenomenology of literature. It will be primarily concerned with an analysis of a literary work which will go beyond the usual impressionisms and the old dualism of content and form.“134 Damit beschreibt er jedoch kaum die Literaturwissenschaft im Ganzen, ja nicht einmal die Ko-Autorschaft mit Warren, sondern vor allem seine eigene, in Prag entstandene Theorie, die sich als eine Synthese aus Strukturalismus und Phänomenologie präsentiert.

|| 134 Wellek 1963, S. 49.

7 Autorintention und Intentionalität. HusserlRezeption bei Eric Donald Hirsch Die intentionalistische Interpretationstheorie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Eric Donald Hirsch gehört zu den meistdiskutierten Interpretationstheorien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In seinem 1960 erschienenen Aufsatz „Objective Interpretation“, der sieben Jahre später auch in Validity in Interpretation als Anhang abgedruckt wurde und in dem seine ganze Theorie bereits in nuce enthalten ist,1 schreibt Hirsch: The relation between an act of awareness and its object Husserl calls „intention“, using the term in its traditional philosophical sense, which is much broader than that of „purpose“ and is roughly equivalent to „awareness“. (When I employ the word subsequently, I shall be using it in Husserl’s sense.)2

Was Hirsch hier in Klammern hinzufügt und der Sache nach in „Objective Interpretation“, Validity in Interpretation und The Aims of Interpretation auch konsequent durchhält, führt direkt ins Zentrum seines Ansatzes, wurde aber in der bisherigen Diskussion kaum gewürdigt. In gewisser Weise kann Hirsch als ein Einzelgänger bezeichnet werden, der zwischen zwei Autorschaftsdebatten steht. In beiden Debatten ist es zu fundamentalen Fehleinschätzungen seiner Position gekommen, weil sein Anschluss an zwei Theorietraditionen nicht hinreichend beachtet wurde: einerseits an die Phänomenologie Edmund Husserls, andererseits an die hermeneutische Tradition von Schleiermacher und Boeckh über Dilthey bis hin zu Emilio Betti.3 In der älteren Autorschaftsdebatte, die vor allem durch William K. Wimsatts und Monroe C. Beardsleys These vom ‚intentionalen Fehlschluss‘ (intentional fallacy) ausgelöst wurde, war Hirsch insofern

|| 1 Frank Lentricchia bezeichnet „Objective Interpretation“ in diesem Sinne als „the protoessay for Validity in Interpretation“ (Lentricchia 1980, S. 270). Kritisch zur Inkorporierung dieses Aufsatzes in Validity in Interpretation sind Dickie 1968b, S. 552; Margolis 1968, S. 413. Zu der Funktion des Wiederabdrucks äußert sich Hirsch nur spärlich. Er betrachtet aber offensichtlich das Ganze als eine thematische Einheit. Vgl. Hirsch 1967, S. xii. Im Folgenden wird der Aufsatz nach dem Wiederabdruck zitiert, da Hirsch hier eine wichtige terminologische Änderung vorgenommen hat, nämlich in Bezug auf das Begriffspaar meaning/significance. In der Erstfassung hatte er von meaning und relevance gesprochen. 2 Hirsch 1960, S. 218. 3 Dies ist selbst bei ausgewiesenen Kennern der phänomenologischen Tradition der Fall. Vgl. Mitscherling/DiTommaso/Nayed 2004, S. 77. (Jeff Mitscherling ist der Verfasser einer Monographie zu Ingardens Ontologie und Ästhetik.) https://doi.org/10.1515/9783110563023-007

Wider die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks. Bedeutung und Bedeutsamkeit | 203

ohne Vorgänger, als er als einziger auf die Hermeneutik des 19. Jahrhunderts rekurrierte.4 Allein deshalb mag sein Ansatz auf Unverständnis gestoßen sein. Darauf deutet zumindest das Urteil eines Rezensenten hin: „[…] Mr. Hirsch has his [bearings] in what he may be surprised to learn was new to me, something called ‚hermeneutic tradition‘. I can’t say I’m anxious to master the field.“5 Andere haben bemängelt, dass zentrale Begriffe nicht hinreichend expliziert wurden, etwa der Intentions- und Bedeutungsbegriff,6 die beide von Husserl übernommen werden.7 In der jüngeren Autorschaftsdebatte hingegen, wie sie seit den 1990er Jahren geführt wird, gilt Hirsch als maßgeblicher Vertreter eines (naiven) ‚faktischen‘ Intentionalismus.8 Weitgehend außer Acht gelassen wurde aber auch hier ein Kernbestandteil seines Ansatzes: Wenn Hirsch von Intention spricht, meint er weder das unzugängliche Innenleben des Autors noch so etwas wie einen Plan oder eine Absicht, die im Text mehr oder weniger adäquat umgesetzt werden kann. Gemeint ist vielmehr Intentionalität im Sinne Husserls, also ein philosophischer terminus technicus. Tatsächlich versucht Hirsch mit seinem Rekurs auf die Phänomenologie gerade diejenigen Probleme zu lösen, die meist gegen einen ‚faktischen‘ Intentionalismus ins Feld geführt werden. Zutreffend ist daher die Beobachtung: „Much of the strength and weakness (and ambiguity) of Hirsch’s hermeneutics rests […] on his employment of Husserl’s austere intentional theory of human consciousness.“9

|| 4 Vgl. Danneberg/Müller 1983, S. 104f. 5 Rockas 1968, S. 212f. 6 Vgl. Peckham 1968, S. 191: „‚Intention‘ is an enormously puzzling word, one that has suffered a great deal in the past generation; but again we are [scil. bei Hirsch] simply presented with the term and offered no penetrating analysis, or indeed scarcely any analysis at all, scarcely anything more than mere assertion.“ 7 Nicht ganz zutreffend ist es also, dass Hirsch für eine „Neubeschreibung einiger Begriffe“ plädiert, unter anderem des Intentions- und Bedeutungsbegriffs (Köppe 2007, S. 309). 8 Vgl. etwa Irvin 2006, S. 116; ferner Köppe 2012, S. 114: „Hirsch gilt heute vielfach als intentionalistischer Hardliner, und die Diskussion um den interpretatorischen Intentionalismus hat sich deutlich weiterentwickelt.“ Vgl. auch Descher et al. 2015, S. 15, 17, 33f. Es ist zudem symptomatisch, dass Carlos Spoerhase in seiner Rekonstruktion der jüngeren Autorschaftsdebatte den faktischen Intentionalismus allein anhand der Position von Hirsch rekonstruiert; vgl. Spoerhase 2007a, S. 106–123. 9 Lentricchia 1980, S. 271. Vgl. auch Jannidis et al. 2000, S. 154.

204 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Dass Hirsch sich auf Husserl bezieht, ist zwar öfter bemerkt worden, in Rezensionen10 wie auch in Forschungsbeiträgen.11 Eine Kritik an Hirsch, die die grundlegende Funktion phänomenologischen Gedankenguts nicht berücksichtigt, greift aber gewissermaßen ins Leere. Ohne in Abrede zu stellen, dass Hirsch zum Teil etwas eigenwillig mit seiner Bezugstheorie umgeht, soll im Folgenden herauspräpariert werden, wie Hirsch an Husserl, aber auch an die Hermeneutik des 19. Jahrhunderts anknüpft, um sich in den literatur- und interpretationstheoretischen Debatten seiner Zeit zu positionieren. Zudem wird auf seine Auseinandersetzung mit der philosophischen Hermeneutik HansGeorg Gadamers eingegangen, da hier, vor allem mit Blick auf den phänomenologischen Horizontbegriff, die Charakteristika einer ‚philologischen‘ Appropriation der Phänomenologie in besonderer Weise sichtbar werden. Ausgehend von Hirschs Ansatz wird schließlich die Unterscheidung zwischen einem ‚faktischen‘ und einem ‚hypothetischen‘ Intentionalismus in den Blick genommen, die sich in jüngerer Zeit als Diskussionsrahmen und in der akademischen Lehre fest etabliert hat. Ohne für oder gegen einen ‚faktischen‘ oder ‚hypothetischen‘ Intentionalismus zu argumentieren, wird in diesem Kapitel die Meinung vertreten, dass diese Unterscheidung selbst im Kontext der Literaturwissenschaft nicht dazu geeignet ist, den hermeneutischen Status der Autorintention zu diskutieren.

7.1 Wider die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks. Bedeutung und Bedeutsamkeit Der bereits erwähnte Aufsatz „Objective Interpretation“ setzt mit einer Bestandsaufnahme ein: „The fact that the term ‚criticism‘ has now come to designate all commentary on textual meaning reflects a general acceptance of the doctrine that description and evaluation are inseparable in literary study.“12 Diese Beobachtung ist insofern zutreffend, als Werturteile in der Tat – damals wie heute – im amerikanischen literary criticism eine wichtige Rolle spielen.13

|| 10 Vgl. Carrithers 1968, S. 195; Efron 1968, S. 225; Huntley 1968, S. 249; Bateson 1968, S. 338; Margolis 1968, S. 413; Rebing 1971, S. 230. 11 Vgl. Weberman 2000, S. 59; Holub 1995, S. 279; Leddy 1986, S. 618f.; Freiburg 1985, S. 150f., 161f., 201; Ray 1984, bes. S. 90f.; Danneberg/Müller 1981, S. 165, Anm.; Hoy 1978, S. 25, 29f.; Hamm 1970, S. 152. 12 Hirsch 1960, S. 209. 13 Vgl. etwa Wellek 1963, S. 49: „Literary criticism in the most widely accepted sense, is judgment of books, reviewing, and finally the definition of taste, of the tradition, of what is a clas-

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Dieser Ausrichtung des Faches stellt sich Hirsch jedoch in einer Hinsicht skeptisch entgegen. Denn durch eine übergreifende und undifferenzierte Verwendung des Ausdrucks ‚criticism‘ sieht er den grundlegenden Unterschied zwischen interpretation und criticism unterminiert: [T]here is clearly a sense in which we can neither evaluate a text nor determine what it means „to us, today“ until we have correctly apprehended what it means. Understanding (and therefore interpretation, in the strict sense of the word) is both logically and psychologically prior to what is generally called criticism. It is true that this distinction between understanding and evaluation cannot always show itself in the finished work of criticism – nor, perhaps, should it – but a general grasp and acceptance of the distinction might help correct some of the most serious faults of current criticism (its subjectivism and relativism) and might even make it plausible to think of literary study as a corporate enterprise and a progressive discipline.14

Criticism ist für Hirsch nicht lediglich eine Bezeichnung für das Fach. Als zwei Arten des Umgangs mit Literatur (textual commentary) entsprechen interpretation und criticism für Hirsch zwei unterschiedlichen geistigen Tätigkeiten, nämlich dem Verstehen (understanding) und dem Urteilen (judgment);15 und damit korrelieren wiederum zwei Arten von Textbedeutung, nämlich die ‚eigentliche‘ Bedeutung (meaning) und die variable Bedeutsamkeit (significance) des Textes.16 Deutlich wird so die disziplinäre Einbettung der bekannten Unterscheidung zwischen Bedeutung und Bedeutsamkeit, die in Hirschs Theorie als Leitunterscheidung fungiert.17 Der Bedeutungsbegriff zielt darauf ab, einem drohenden Subjektivismus und Relativismus in der Literaturwissenschaft entgegenzuwirken. Wenn Hirsch also von einer logischen und psychologischen Priorität der Interpretation und somit auch der Bedeutung (meaning) spricht, dann geht es ihm vor allem darum, dass der Literaturwissenschaftler als professioneller Leser herausfinden muss, was ein Text ‚tatsächlich‘ bedeutet, bevor ein zuverlässiges Urteil über dessen situativ bedingte Bedeutsamkeit getroffen werden

|| sic“. In den literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerken der Zeit wird criticism ähnlich definiert, unter anderem als „[t]he conscious evaluation or appreciation of a work of art, either according to the critic’s personal taste or according to some accepted æsthetic ideas“ (Shipley 1953, S. 81). Aus heutiger Sicht vgl. auch Carroll 2009, S. 11–47: „Criticism as Evaluation.“ 14 Hirsch 1960, S. 209. 15 Vgl. Hirsch 1967, S. 143. 16 Vgl. Hirsch 1960, S. 211. Im Hinblick auf die deutsche Begrifflichkeit folge ich Spoerhase 2007a, S. 109, Anm. Dazu unten mehr. 17 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 110: „Die Unterscheidung von Bedeutung und Bedeutsamkeit fungiert in Hirschs Bedeutungskonzeption und Interpretationstheorie als Leitunterscheidung, die das gesamte interpretationstheoretische Vokabular organisiert.“

206 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

kann: „If criticism is to be objective in any significant sense, it must be founded on a self-critical construction of textual meaning, which is to say, on objective interpretation.“18 Die Frage, die der Unterscheidung zwischen Bedeutung und Bedeutsamkeit zugrunde liegt, ist im Kern die Frage nach der Veränderlichkeit der zu eruierenden Bedeutung. Hirsch diskutiert diese Frage in Auseinandersetzung mit René Wellek und dessen Metapher vom ‚Leben‘ des Werks, von der im vorigen Kapitel dieser Arbeit bereits ausführlicher die Rede war. Wie Hirsch betont, bildet Welleks und Warrens Theory of Literature „the most influential and representative statement of modern theory“,19 und gerade deshalb habe er dieses Buch zum Gegenstand der Kritik gemacht.20 Zur Erinnerung: Sowohl bei Ingarden als auch bei Wellek dient die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks dazu, eine diachrone Perspektive auf das ontologisch konzipierte Werk zu gewinnen. Gemeint ist die faktische Rezeption bzw. die Wirkungsgeschichte des einzelnen Werks, wobei der konkrete ‚Lebenslauf‘ sich in den immer neuen Konkretisationen ausbildet. Während diese Metapher bei Ingarden für die Bedeutungs- und Interpretationskonzeption keine nennenswerte Rolle spielt, schlägt sie sich bei Wellek insofern in der Bedeutungskonzeption nieder, als damit eine sich akkumulierende ‚Gesamtbedeutung‘ des Textes beschrieben werden soll. Was Hirsch betrifft, so bezieht er die Lebensmetapher nicht mehr auf den Werkbegriff, sondern strikt auf die Interpretation und sieht darin widersinnige Konsequenzen. Mit Verweis auf das zwölfte Kapitel von Theory of Literature hält er Wellek entgegen: While the „life“ theory does serve to explain and sanction the fact that different ages tend to interpret texts differently, and while it emphasizes the importance of a text’s present relevance, it overlooks the fact that such a view undercuts all criticism, even the sort which emphasizes present relevance. […] The „life“ theory really masks the idea that the reader construes his own, new meaning instead of that represented by the text. […] But is it proper to make textual meaning dependent upon the reader’s own cultural givens? It may be granted that these givens change in the course of time, but does this imply that textual meaning itself changes? As soon as the reader’s outlook is permitted to determine

|| 18 Hirsch 1960, S. 210. Ausgeschlossen ist diesem konditionalen Argument zufolge nicht, dass man auch noch andere Ziele verfolgen kann: „[O]nce we have self-critically understood the text, there is little reason to exclude valuable or pleasant associations which enhance ist significance. However, it is essential to exclude these associations in the process of interpretation, that is, in the process of understanding what a text means“ (Hirsch 1960, S. 215). 19 Hirsch 1960, S. 212. 20 Alles in allem scheint Hirsch aber Wellek sehr zu schätzen, sowohl fachlich als auch persönlich. Vgl. Hirsch 1960, S. 212; Hirsch 1967, S. xii.

Wider die Metapher vom ‚Leben‘ des Werks. Bedeutung und Bedeutsamkeit | 207

what a text means, we have not simply a changing meaning but quite possibly as many meanings as readers.21

Die Vorstellung vom ‚Leben‘ des Werks führt Hirsch zufolge deshalb in die Irre, weil sie eine Pluralisierung der Bedeutung und infolgedessen eine Pluralisierung der möglichen Zielsetzungen des Interpreten impliziert. Somit trägt sie letztlich einen epistemischen Relativismus in sich. Was sich verändert, ist Hirsch zufolge nicht die Bedeutung des Textes, sondern seine Bedeutsamkeit. Eine Pluralisierung der Bedeutung ist für Hirsch insofern problematisch, als damit die Grenze zwischen angemessenen und unangemessenen Lesarten verwischt wird: „If textual meaning itself could change, contemporary readers would lack a basis for agreement or disagreement.“22 Gäbe es keine Instanz, die die Textbedeutung ein für alle Mal determiniert, so gäbe es nach Hirsch kein gemeinsames Ziel der Interpretation mehr, keine normativ verbindliche Grundlage, auf der sich entscheiden ließe, ob unter zwei konkurrierenden Lesarten die eine als plausibler, aussagekräftiger etc. gelten kann. Diese bedeutungsbestimmende Instanz ist bei Hirsch bekanntlich der Autor – denn wenn der Leser nicht mehr in Frage kommt, könne es sich nur um den Autor handeln: „This permanent meaning is, and can be, nothing other than the author’s meaning.“23 Geklärt ist aber damit noch nicht, warum die Veränderlichkeit der Textbedeutung, ausgedrückt in der Metapher vom ‚Leben‘ des Werks, für Hirsch letztlich jede Form von criticism untergräbt. Entscheidend ist hier wieder die logische und psychologische Priorität des Verstehens vor dem Urteilen und der Bedeutung vor der Bedeutsamkeit, die sogar eine direkte Abhängigkeit des Bedeutsamkeitsbegriffs vom Bedeutungsbegriff beinhaltet. Zwischen Bedeutung und Bedeutsamkeit hatte bereits Emilio Betti unterschieden,24 auf den sich Hirsch auch in mehrfacher Hinsicht bezieht. Als Gewährsleute führt Hirsch diesbezüglich aber nicht Betti, sondern vielmehr August Boeckh und Gottlob Frege an. So gewinnt das zentrale Begriffspaar Bedeutung/Bedeutsamkeit durch eine doppelte Parallelisierung an Kontur: zum einen zu Boeckhs Unterscheidung zwischen Hermeneutik und Kritik, zum anderen zu Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung. Folgt man Boeckh, ist das philologische Verstehen „einerseits absolut, andererseits relativ, d. h. man hat jedes Object einerseits an sich, andererseits im || 21 Hirsch 1960, S. 213. 22 Hirsch 1960, S. 214. Zur Frage nach der Veränderlichkeit der Textbedeutung vgl. auch Juhl 1976. 23 Hirsch 1960, S. 216. 24 Besonders prägnant in Betti 1962, S. 27f.

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Verhältniss zu andern zu verstehen“.25 Hieraus ergibt sich für Boeckh eine klare Arbeitsteilung: „Das absolute Verstehen behandelt die Hermeneutik, das relative die Kritik.“26 Im Gegensatz zur Hermeneutik bildet die Kritik mithin diejenige „philologische Funktion, wodurch ein Gegenstand nicht aus sich selbst und um seiner selbst willen, sondern zur Festsetzung eines Verhältnisses und einer Beziehung auf etwas Anderes verstanden werden soll, dergestalt, dass das Erkennen dieses Verhältnisses selbst der Zweck ist“.27 Diese Bestimmung der Kritik macht Hirsch für den Bedeutsamkeitsbegriff geltend. Die Bedeutsamkeit soll nichts anderes als die Bedeutung des Textes sein, wiewohl nicht an und für sich, sondern „in its bearing on something else (standards of value, present concerns, etc.)“.28 In diesem Sinne hat die Bedeutsamkeit für Hirsch stets einen relationalen Charakter: „Significance always implies a relationship, and one constant, unchanging pole of that relationship is what the text means.“29 Was die Bedeutsamkeit betrifft, also den wandelbaren Pol dieser Beziehung, gibt es Hirsch zufolge prinzipiell keine Einschränkungen. Die Bedeutung könne grundsätzlich zu allem in Beziehung gesetzt werden.30 Damit weicht er aber interessanterweise von Boeckh wieder etwas ab. Für Boeckh und Hirsch gilt gleichermaßen, dass die historisch lokalisierte Textbedeutung zu etwas ins Verhältnis gesetzt wird. Es geht eben darum, dass eine Relation als solche in den Blick genommen wird. Für Boeckh soll allerdings die Kritik ganz dezidiert „im Verein mit der Hermeneutik die historische Wahrheit ausmitteln“,31 was z. B. die Anwendung der Textbedeutung auf „present concerns“ nicht umfasst. Auch wenn Hirsch sich auf Boeckh beruft, greift er im Grunde genommen auch eine andere, altehrwürdige hermeneutische Unterscheidung auf, nämlich diejenige zwischen dem sensus proprius und einer Applikation.32 So ist es tatsächlich nur folgerichtig, wenn er gelegentlich die Begriffe significance und applicatio synonym verwendet.33 Die Ermittlung der ‚eigentlichen‘ Textbedeutung unterscheidet sich von einer Applikation zum einen in Bezug auf das Wissen, über das der Interpret verfügen muss; zum anderen in Bezug auf die Fähigkeit, sich zurück- oder in je-

|| 25 Boeckh 1877, S. 55. 26 Boeckh 1877, S. 55. 27 Boeckh 1877, S. 170. 28 Hirsch 1960, S. 211. 29 Hirsch 1967, S. 8. 30 Vgl. Hirsch 1967, S. 63: „[S]ignificance is by nature limitless […].“ 31 Boeckh 1877, S. 175. 32 Vgl. hierzu Danneberg 2006, S. 203f. 33 Vgl. Hirsch 1976, S. 19, 156.

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manden hineinzuversetzen, d. h. von dem eigenen Standpunkt zu abstrahieren. Während eine Applikation kein spezielles Wissen voraussetzt, muss der Interpret bei der Ermittlung der ‚eigentlichen‘ Textbedeutung womöglich ein bestimmtes (linguistisches, historisches, kulturelles) Wissen erwerben und zugleich von anderen Wissensbeständen absehen.34 Dies trifft auf Hirschs Unterscheidung zwischen Bedeutung und Bedeutsamkeit zu. Wichtig ist aber auch, dass in seinem Ansatz die Bedeutsamkeit des Textes per definitionem an die Bedeutung rückgebunden bleibt, um Bedeutsamkeit im ‚strengen‘, literaturwissenschaftlichen Sinne von einem bloßen Falschverstehen zu unterscheiden. Als Gegenstand von criticism soll die Bedeutsamkeit eben nicht dasjenige sein, was man mit Jerrold Levinson als ludic meaning bezeichnen könnte: „interpretive play constrained by only the loosest requirements of plausibility, intelligibility, or interest.“35 Wie Hirsch bemerkt, mag die aktuelle Bedeutsamkeit eines Textes ungleich ‚wichtiger‘ sein als die gleichsam antiquierte Bedeutung, die erst in mühevoller philologischer Arbeit gewonnen wird.36 In seiner Interpretationstheorie blendet aber Hirsch die Bedeutsamkeit des Textes im Großen und Ganzen aus und konzentriert sich stattdessen auf deren Grundlage, d. h. auf die aus seiner Sicht vernachlässigte Bedeutung des Textes und die praxisstrukturierenden Normen des Interpretierens. Es gehört nun zu den Besonderheiten von Hirschs Theorie, dass das Begriffspaar Bedeutung/Bedeutsamkeit nicht lediglich mit August Boeckhs Unterscheidung zwischen Hermeneutik und Kritik, sondern zugleich mit Gottlob Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung erläutert wird – zum einen, weil Hirsch hier tatsächlich ein Fehler unterläuft; und zum anderen, weil über Frege eine Brücke zu Husserls Phänomenologie geschlagen wird. Der Fehler von Hirsch besteht darin, dass er seine Unterscheidung zwischen meaning und significance zu Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung analog setzt, aber irrtümlicherweise meaning mit Sinn statt mit Bedeutung identifiziert. Man denke an das berühmte Beispiel, das Frege in seiner Abhandlung Über Sinn und Bedeutung anführt: Die beiden Ausdrücke ‚Morgenstern‘ und ‚Abendstern‘ bezeichnen ein und dasselbe Objekt, nämlich den Planeten Venus. Nach Frege bleibt hier die Bedeutung (die Extension, Venus) gleich, auch wenn

|| 34 Vgl. hierzu Danneberg 2015, S. 446. Danneberg verwendet hier allerdings nicht den Ausdruck ‚Applikation‘, sondern spricht von einer „kontrafaktischen Imagination der Vergegenwärtigung“. 35 Levinson 1992, S. 223. 36 Vgl. Hirsch 1967, S. 144; ferner S. 4.

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der Sinn (die Intension, Abendstern/Morgenstern) variiert.37 Dass Hirsch die Begriffe falsch zuordnet und somit Freges Begriffspaar gewissermaßen auf den Kopf stellt,38 ist im englischen Originaltext zunächst nicht sonderlich störend, da er dort meist nicht die deutschen, sondern seine eigenen, englischen Begriffe verwendet. Für einige Diskussion hat aber die Rückübersetzung der Begriffe ins Deutsche gesorgt. In einer frühen Übertragung von „Objective Interpretation“ hatte Adelaide Anne Späth den Fehler von Hirsch übernommen und (textgetreu) meaning mit ‚Sinn‘ übersetzt. Als diese Übersetzung später in die Anthologie Texte zur Theorie der Autorschaft aufgenommen wurde, merkten die Herausgeber die Fragwürdigkeit der Übersetzung an,39 nahmen aber für den Neuabdruck keine Korrekturen vor. Auf diese unbefriedigende Übersetzungslage weist etwa Carlos Spoerhase in seiner Studie Autorschaft und Interpretation hin,40 ohne jedoch auf den initialen Fehler von Hirsch näher einzugehen. Überhaupt hat die terminologische Unklarheit dazu geführt, dass in der deutschsprachigen Forschungsliteratur seit jeher konkurrierende Übersetzungsvorschläge für Hirschs Termini kursieren.41 Am treffendsten ist wohl das Begriffspaar Bedeutung/Bedeutsamkeit, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil man es dann nicht mehr mit Frege assoziiert. Was Hirsch tatsächlich theoretisch implementiert, d. h. als belastbare Grundlage seiner eigenen Theorie verstanden wissen will, ist nämlich nicht Freges Logik bzw. Semantik, sondern vielmehr Husserls Phänomenologie. Einem offenbaren Anachronismus zum Trotz (Husserls phänomenologische Schriften sind nach der genannten Abhandlung von Frege entstanden) wird Freges Begriffspaar unter Husserls Bedeutungs- und Horizontbegriff subsumiert oder zumindest von der Phänomenologie her gedacht: „Frege’s distinction, now widely accepted by logicians, is a special case of Husserl’s general distinction between the inner and outer horizons of any meaning.“42 Später hat Hirsch die Unterscheidung zwischen Bedeutung und Bedeutsamkeit überhaupt nicht mehr auf Frege, sondern ausdrücklich auf Husserl zurückgeführt: „The structure of this distinc-

|| 37 Vgl. Frege 1892, bes. S. 27. 38 Dieser Lapsus ist mehrmals konstatiert und zum Teil recht kritisch bewertet worden. Vgl. Magliola 1977, S. 97–106, bes. S. 97–99; Seeburger 1979, bes. S. 249, 254; Hoy 1978, S. 22; ferner Danneberg/Müller 1983, S. 115, Anm. 39 Vgl. Jannidis et al. 2000, S. 154: „Freges ‚Bedeutung‘ übersetzt Hirsch mit meaning, und dieser für Hirsch zentrale Begriff wurde mit ‚Sinn‘ ins Deutsche rückübersetzt“. 40 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 109, Anm. 41 Hans Eichner spricht von Sinn (meaning) und Bedeutsamkeit (significance); vgl. Eichner 1971, S. 73. Aufgegriffen von Danneberg/Müller 1983, S. 115. 42 Hirsch 1960, S. 211.

Close reading als Lektüreideal des New Criticism | 211

tion I owe to the writings of Husserl […].“43 Nicht nur der Intentionsbegriff, sondern auch der Bedeutungsbegriff ist also bei Hirsch phänomenologischer Herkunft.

7.2 Close reading als Lektüreideal des New Criticism Es war gewiss ein Schwimmen gegen den Strom, als Hirsch 1960 seine interpretationstheoretischen Überlegungen lancierte.44 Zum einen war der Autor in der intensiv geführten Debatte um den sogenannten ‚intentionalen Fehlschluss‘ (intentional fallacy) in Verruf geraten. Zum anderen befand sich Hirsch mit seiner Verteidigung der Autorintention aber auch auf Kollisionskurs mit dem New Criticism, also mit der zu diesem Zeitpunkt noch maßgeblichen Strömung der amerikanischen Literaturwissenschaft, die eine genaue, auf ästhetische Feinheiten achtende Explikation von ‚texteigenen‘ Eigenschaften (close reading) als Lektüreideal propagierte. Dessen war sich Hirsch durchaus bewusst. Später hat er seinen Ansatz sogar als einen Angriff auf den New Criticism bezeichnet.45 Als paradigmatisch für die Literaturauffassung, die in dieser Zeit vorherrschend war, kann das von Wellek verfasste 12. Kapitel der Theory of Literature gelten, auf das sich Hirsch – wie gesehen – explizit bezieht.46 Wellek betrachtet hier das literarische Werk als ein ästhetisches Gebilde, das insofern autonom zu nennen sei, als es nicht im Rückgang auf etwas anderes bzw. im Sinne einer Kausalitätsbeziehung erklärt werden könne. Seine Literaturauffassung ist einerseits anti-psychologistisch, andererseits anti-positivistisch: Weder ein (vermeintlicher) Einblick in die Psyche des Autors noch irgendeine Ansammlung von Fakten zur Entstehungsgeschichte könnte, so Wellek, über die ästhetische Eigenart des literarischen Werks Aufschluss geben, um die es dem Literaturwissenschaftler in erster Linie zu tun sei. Die damit verbundene Absage an die Autorintention ist zwar eindeutig, aber keineswegs pauschal. Vielmehr ruft Wellek

|| 43 Hirsch 1976, S. 163, Anm. Vgl. auch S. 2: „I first encountered the distinction [scil. between meaning and significance], as I remember, in Husserl’s illuminating book, Erfahrung und Urteil, expressed by him as the ‚inner and outer horizons‘ of any act of knowing.“ 44 Ohne die Metapher zu sehr belasten zu wollen, vgl. die Einschätzung von Dostal 2016, S. 417: „Against the mainstream, he [scil. Hirsch] proposed and defended an ‚objectivist‘ hermeneutics.“ Vgl. auch Lentricchia 1980, S. 257. 45 Vgl. Hirsch 1983a, S. 79. Zu Hirschs Distanzierung vom New Criticism vgl. Holub 1995, bes. S. 276f., 278; ferner Korpan 1969. 46 Zu Wellek, aber auch zum New Criticism und zum close reading siehe Kap. 6 dieser Arbeit.

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zwei gängige Vorstellungen von Intention auf, die er prüft, aber für die Belange der Literaturwissenschaft als unzulänglich zurückweist. Zum einen identifiziert er Intention mit dem fließenden Bewusstseinsstrom, d. h. mit den konkreten psychischen Akten des Autors. Wie Wellek betont, sind diese Akte einmalig und daher für immer unzugänglich. Ein Sich-Hineinversetzen in den Autor kann es nach Wellek so im eigentlichen Sinne des Wortes nicht geben, womit die Rekonstruktion der Autorintention zu einer unmöglichen Aufgabe wird. Dies stellt für ihn jedoch insofern kein Problem dar, als diese mal mehr, mal weniger direkt auf das Werk bezogenen Akte ohnehin nicht interpretationsrelevant seien. Hielte man sie für relevant, dann ließen sich absurde Spekulationen methodisch nicht ausschließen, etwa über die Relevanz der Zahnschmerzen eines Autors während des Schreibens. Zum anderen identifiziert Wellek die Intention des Autors mit expliziten Äußerungen über das eigene Werk. Solche Selbstaussagen können Wellek zufolge zwar einen hohen heuristischen Wert haben, müssen aber stets im Lichte des zu interpretierenden Textes betrachtet werden und sind so letztlich nicht verbindlich: „Intentions“ of the author are always „rationalizations“, commentaries which certainly must be taken into account but also must be criticized in the light of the finished work of art. The „intentions“ of an author may go far beyond the finished work of art: they may be merely pronouncements of plans and ideals, while the performance may be either far below or far aside the mark.47

Solche Selbstaussagen mögen nach Wellek über etwaige Absichten Aufschluss geben, nicht aber über die Eigenschaften des Werks selbst, also darüber, ob diese Absichten tatsächlich umgesetzt wurden. Im Hintergrund steht hierbei eine programmatische Hinwendung zum Text, die sich wissenschaftshistorisch erklären lässt. Selbst hat Wellek von einer Revolte gegen den Positivismus gesprochen.48 Im Fokus habe das Kunstwerk selbst zu stehen, nicht die Psyche oder Biographie des Autors oder die Umstände, unter denen das Werk entstanden ist. Diese Grundeinstellung teilt Wellek mit den meisten Literaturwissenschaftlern seiner Zeit, unter anderem mit den Vertretern des New Criticism. Festhalten lässt sich also, dass Hirsch sich dezidiert gegen den disziplinären Konsens wendet, was wiederum seine argumentative Strategie bedingt. Im Rahmen seiner Theorie versucht er im Wesentlichen zwei Dinge plausibel zu

|| 47 Wellek/Warren 1949, S. 148. Vgl. hierzu auch Wellek 1942, S. 743: „‚Intentions‘ of the author are always a posteriori ratiocinations […].“ 48 Vgl. Wellek 1946.

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machen: dass es besonders erstrebenswert ist, die vom Autor intendierte Bedeutung zu eruieren, und dass dieses Ziel tatsächlich auch erreichbar ist.49 Dass man als Literaturwissenschaftler versuchen sollte, die vom Autor intendierte Bedeutung zu ermitteln, wird von Hirsch teils ethisch und teils disziplinenpolitisch begründet. Dass es tatsächlich möglich ist, die vom Autor intendierte Bedeutung zu ermitteln, begründet Hirsch mit Husserls Phänomenologie. Im Zentrum des ethischen Arguments steht „the double-sided, interpersonal character of linguistic acts“.50 Nicht umsonst schließt „Objective Interpretation“ – im Übrigen ganz im Sinne Emilio Bettis – mit einem Hinweis auf „the half-forgotten truism that interpretation is the construction of another’s meaning“.51 Das disziplinenpolitische Argument ist dagegen etwas verwickelter und hängt vor allem mit dem normativen Charakter der Interpretation zusammen, verstanden als „those notions which concern the nature of a correct interpretation“.52 Wie Hirsch bemerkt, sieht man sich als Literaturwissenschaftler mit solchen Normen konfrontiert, sobald man den Anspruch erhebt, einen Text verstanden und erklärt zu haben: „As soon as anyone claims validity for his interpretation (and few would listen to a critic who did not), he is immediately caught in a web of logical necessity. If his claim to validity is to hold, he must be willing to measure his interpretation against a genuinely discriminating norm […].“53 Hierbei legt Hirsch großen Wert darauf, dass der Text selbst in keiner Weise vorzugeben vermag, welche Bedeutungskonzeption als die ‚richtige‘ zu

|| 49 Vgl. Hirsch 1976, S. 8: „The two important questions are: (1) whether he [scil. the reader] should try [scil. to realize the author’s intended meaning], and (2) whether he could succeed if he did try.“ Auf diesen wichtigen Unterschied verweisen auch Danneberg/Müller 1981, S. 153. 50 Hirsch 1967, S. 26. 51 Hirsch 1960, S. 244. Vgl. auch Hirsch 1967, S. 142; ferner Hirsch 1976, S. 90: „Kant held it to be a foundation of moral action that men should be conceived as ends in themselves, and not as instruments of other men. This imperative is transferable to the words of men because speech is an extension and expression of men in the social domain, and also because when we fail to conjoin a man’s intentions to his words we lose the soul of speech, which is to convey meaning and to understand what is intended to be conveyed.“ Zur ethischen Begründung von Interpretationszielen vgl. zudem Hirsch 1976, S. 8, 78. In Validity in Interpretation geht Hirsch „the powerful moral arguments for re-cognitive interpretation“ nicht weiter nach (Hirsch 1967, S. 27). Vgl. aber Hirsch 1969, S. 58. Die ethische Rechtfertigung der Bedeutungskonzeption bei Hirsch ist meines Wissens erstmals von Lutz Danneberg und Hans-Harald Müller eingehender problematisiert worden (vgl. Danneberg/Müller 1984b; dazu auch Hirsch 1984b). Vgl. außerdem Gelder 1985, bes. S. 26, 57; Mitscherling/DiTommaso/Nayed 2004, bes. S. 75, 88; Mitchell 2008, S. 21–51. 52 Hirsch 1960, S. 212. 53 Hirsch 1967, S. 26.

214 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

gelten hat. Es sei immer dem Leser überlassen, ob er die vom Autor intendierte Bedeutung zu eruieren versucht oder nicht. So verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die Zielsetzungen, für die sich der Interpret entscheidet.54 Hirsch ist sich also dessen durchaus bewusst, dass eine intentionalistische Interpretationstheorie nicht an und für sich als überlegen anzusehen ist.55 Wenn er aber dennoch für eine intentionalistische Interpretationstheorie plädiert, dann beruht seine Argumentation auf zwei Vorannahmen: Zum einen geht Hirsch davon aus, dass man nur dann von Verstehen und Missverstehen sprechen kann, wenn die zu ermittelnde Bedeutung determiniert ist. Gelungene wie verfehlte Interpretationen könne es nur dann geben, wenn man etwas Bestimmtes zu eruieren hat.56 Würde also die Textbedeutung eine beliebige Anzahl von nicht-hierarchisierten Möglichkeiten umfassen, dann wäre im Grunde genommen jede Lesart gleich angemessen – was insofern, wie Hirsch bemerkt, der Erfahrung widerspricht, als es de facto Deutungskontroversen gibt. Zum anderen legt Hirsch zugrunde, dass der Text selbst, verstanden als eine Anordnung von sprachlichen Zeichen, nicht hinreichend determiniert ist, da beispielsweise ein und dieselbe Textstelle als metaphorisch oder wörtlich, als ironisch oder nicht-ironisch, als allusiv oder nicht-allusiv aufgefasst werden kann.57 Das heißt: Unter Berücksichtigung linguistischer Konventionen allein bleibt die Bedeutung unbestimmt und die Aufgabe des Interpreten offen.

|| 54 Vgl. Hirsch 1967, 24f.: „Since it is very easy for a reader of any text to construe meanings that are different from the author’s, there is nothing in the nature of the text itself which requires the reader to set up the author’s meaning as his normative ideal. Any normative concept in interpretation implies a choice that is required not by the nature of written texts but rather by the goal that the interpreter sets himself. It is a weakness in many descriptions of the interpretive process that this act of choice is disregarded and the process described as though the object of interpretation were somehow determined by the ontological status of texts themselves. […] On the contrary, the object of interpretation is no automatic given, but a task that the interpreter sets himself. He decides what he wants to actualize and what purpose his actualization should achieve.“ Vgl. auch Hirsch 1983a, S. 81. – Man mag hier im Übrigen einen Seitenhieb auf Wellek erkennen, der in seiner ontologischen Werkkonzeption das Werk als etwas versteht, was von vornherein normativ aufgeladen ist, indem es seiner Seinsweise nach von einem Kollektiv getragen wird. Siehe dazu Kap. 6 dieser Arbeit. 55 Vgl. Hirsch 1967, S. 24; Hirsch 1983a, S. 81. Hierzu auch Spoerhase 2007a, S. 57–59. 56 Vgl. Hirsch 1967, S. 11; ferner S. 44f., 47. 57 Vgl. Hirsch 1983a, S. 49; Hirsch 1983b, S. 744. Interpretationstheoretisch liefert die so verstandene Unbestimmtheit linguistischer Einheiten ein starkes Argument für eine intentionalitische Position. Bedeutungsübergänge wie Metapher, Ironie oder Allusion lassen sich in der Tat schwer erklären, wenn man nicht eine Instanz annimmt, der man Intention zuschreiben kann.

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Der Bedeutungsbegriff, der hier im Spiel ist, hat somit zwei Facetten: Auf der einen Seite hebt Hirsch hervor, dass sprachliche Bedeutung (verbal meaning) immer von den Konventionen der natürlichen Sprache ko-determiniert ist.58 Diese Konventionen bilden eine notwendige Voraussetzung für die Mitteilbarkeit (sharability) der Textbedeutung. Auf der anderen Seite hält er aber diese Konventionen nicht für restriktiv genug, um die Bedeutung des Textes zu bestimmen. Formal bedarf es noch „the determining will of an author or interpreter“,59 d. h. der bedeutungsverleihenden psychischen Akte eines tätigen Subjekts. Hier ist Hirsch mit Husserl ganz auf einer Linie. Deutlich wird aber an dieser Stelle auch, dass Hirschs Intentionalismus nicht auf die sogenannte Identitätsthese hinausläuft. Dieser Ausdruck geht auf Monroe C. Beardsley zurück und bezeichnet den (hypothetischen) Fall, dass die Absicht des Autors und die Bedeutung des Textes identisch sind, mithin dass der Text eine bestimmte Bedeutung hat, nur weil der Autor es behauptet.60 Dieser Auffassung zufolge wäre also die Textbedeutung allein vom Autor determiniert, gegebenenfalls unter (bewusster) Missachtung der Konventionen der natürlichen Sprache. In Reinform ist die Identitätsthese von Humpty Dumpty vertreten worden, der in Lewis Carrolls Roman Through the Looking-Glass im Gespräch mit Alice sagt: „When I use a word […] it means just what I choose it to mean – neither more nor less.“61 Nach Hirsch gehört indessen alles, was sich mit den Konventionen der natürlichen Sprache nicht vereinbaren lässt und somit in einem Text nicht mehr mitteilbar ist, per definitionem nicht mehr zu der Bedeutung, um die es allein beim literaturwissenschaftlichen Interpretieren gehen soll.62 Wie er betont, können die Grenzen des Mitteilbaren sehr weit gefasst sein. So lassen sich nach Hirsch etwa Emotionen, Haltungen etc. sehr wohl sprachlich kodieren.63 Letztlich bleibt aber sein Bedeutungsbegriff auf beides angewiesen: sowohl auf Mitteil-

|| 58 Vgl. Hirsch 1967, etwa S. 27, 29, 31. Dies hat man in der Forschung oft vernachlässigt. Vgl. aber z. B. Warnke 1987, S. 44f.; Davies 1999, S. 152. 59 Hirsch 1967, S. 27. Dies wird abgestritten von Beardsley 1968, S. 170. Vgl. auch Efron 1968, S. 221. Nebenbei sei angemerkt, dass Bestimmtheit für Hirsch Polyvalenz nicht ausschließt; vgl. Hirsch 1960, S. 230; Hirsch 1967, S. 44f. Vgl. dazu die (wohl nicht ganz berechtigte) Kritik von Crosman 1980, bes. S. 156. 60 Vgl. Beardsley 1968, S. 169; ferner Iseminger 1992, S. 92. 61 Carroll 1872, S. 124. Dieses Beispiel wurde meines Wissens in die interpretationstheoretische Diskussion eingebracht von Wimsatt/Beardsley 1943. 62 Vgl. Hirsch 1967, S. 18. 63 Vgl. Hirsch 1967, S. 31.

216 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

barkeit durch intersubjektive Konventionen als auch auf den Autor als bedeutungsbestimmende Instanz. Vor diesem Hintergrund wird die Skepsis verständlich, mit der Hirsch der ‚werkimmanenten‘ Interpretationsweise des New Criticism gegenübersteht. Zwar hält Hirsch jene Hinwendung zum Text ausdrücklich für begrüßenswert,64 zugleich konstatiert er aber, dass man gerade durch diese Fokussierung auf den Text einige hermeneutische Tugenden aus den Augen verloren hat: „What had not been noticed in the earliest enthusiasm for going back to ‚what the text says‘ was that the text had to represent somebody’s meaning – if not the author’s, then the critic’s.“65 In diesem Sinne hat nach Hirsch die vermeintliche Explikation von ‚texteigenen‘ Eigenschafen einem Subjektivismus in der Literaturwissenschaft Vorschub geleistet: „[O]nce the author had been ruthlessly banished as the determiner of his text’s meaning, it very gradually appeared that no adequate principle existed for judging the validity of an interpretation. By an inner necessity the study of ‚what a text says‘ became the study of what it says to an individual critic.“66 Hirsch hält es schlicht für kontingent und für eine falsche Alternative, sich entweder für den Autor oder für den Text entscheiden zu müssen: „[N]o logical necessity compels a critic to banish an author in order to analyze his text.“67 So will er keineswegs zurück zu einer ‚positivistischen‘ Literaturbetrachtung oder gar auf eine genaue Lektüre verzichten.68 Sehr wohl versucht er aber etwas in Angriff zu nehmen, was aus seiner Sicht in der zeitgenössischen Theoriebildung vernachlässigt wurde: „the problem of establishing norms and limits in interpretation.“69 Es wurde bereits angedeutet: Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass Hirsch die Bedeutung nicht als Eigenschaft des Textes, sondern ganz im Sinne der Phänomenologie als ein Bewusstseinsphänomen auffasst: [M]eaning is an affair of consciousness not of words. […] A word sequence means nothing in particular until somebody either means something by it or understands something from it. There is no magic land of meanings outside human consciousness. Whenever meaning is connected to words, a person is making the connection […].70

|| 64 Vgl. Hirsch 1960, S. 212. 65 Hirsch 1967, S. 3. 66 Hirsch 1967, S. 3. 67 Hirsch 1967, S. 2. 68 Vgl. Hirsch 1960, S. 212. 69 Hirsch 1960, S. 212. 70 Hirsch 1967, S. 4.

Close reading als Lektüreideal des New Criticism | 217

Abgestritten wird also, dass „linguistic signs can somehow speak their own meaning“.71 Kritisch spricht Hirsch von ‚semantischer Autonomie‘, und zwar mit einer deutlichen Spitze gegen den New Criticism. Denn für Hirsch ist ein Text einfach „a mute array of inscrutable signs“,72 die nur für jemanden Bedeutung haben kann: „No meaning represented by a verbal sign is manifest; all meanings must be construed […].“73 Dass man die Bedeutung immer ‚konstruieren‘ muss, ist allerdings weit weniger ‚konstruktivistisch‘ gemeint, als es vielleicht klingen mag. Es besagt lediglich, dass dem Text stets Bedeutung von jemandem zugewiesen wird, woraus sich wiederum die Frage ergibt, wer überhaupt die ‚richtige‘ Bedeutung festlegt und unter welchen Bedingungen die Bedeutungszuweisung als gerechtfertigt gelten kann. Es ist also nur folgerichtig, wenn Hirsch die Dichotomie zwischen intrinsic und extrinsic criticism als unhaltbar zurückweist. Eine ‚werkimmanente‘ Interpretation im Sinne einer Explikation von texteigenen Merkmalen kann es für ihn streng genommen gar nicht geben.74 Auch wenn Hirsch die Vorstellung von ‚semantischer Autonomie‘ attackiert, wendet er sich jedoch nicht eigentlich primär gegen einzelne Vertreter des New Criticism, sondern eher allgemein gegen einen Subjektivismus und Relativismus in den literary studies wie auch überhaupt gegen skeptizistische Positionen.75 Diese doppelte Stoßrichtung lässt sich wie folgt beschreiben:76 Auf der einen Seite argumentiert Hirsch gegen Literaturwissenschaftler, die zwar nicht leugnen, dass man zwischen gerechtfertigten und nicht-gerechtfertigten Lesarten unterscheiden kann, aber dabei verneinen, dass die Autorintention ein entsprechendes Unterscheidungskriterium abgibt. Dies ist vor allem in „Objec-

|| 71 Hirsch 1967, S. 23. 72 Hirsch 1967, S. 165; vgl. auch S. 26, 99, 190. 73 Vgl. Hirsch 1967, S. 61; ferner S. 3, 4, 13, 14, 23, 24, 37, 43, 47, 48, 134, 165. Dies lässt sich nach Hirsch etwa daran ablesen, dass man einen Text in einer fremden Sprache nicht versteht. Vgl. Hirsch 1967, S. 134: „The definitive proof that understanding requires an active construction of meaning and is not simply given by the text is the obvious fact that no one can understand an utterance who does not know the language in which it is composed.“ Vgl. außerdem Hirsch 1960, S. 210: „Textual meaning is not a naked given like a physical object. The text is first of all a conventional representation like a musical score, and what the score represents may be construed correctly or incorrectly“; in diesem Sinne auch S. 216, 225, 236. Vgl. außerdem Hirsch 1976, S. 44, 48, 75. 74 Vgl. Hirsch 1960, S. 241f., 244; Hirsch 1967, S. 189, 193. Eberhard Lämmert hat in einem anderen Zusammenhang den Ausdruck ‚werkimmanente Interpretation‘ als in sich widersprüchlich bezeichnet (vgl. Lämmert 2003, S. 30). 75 Hirsch spricht immer wieder von ‚dogmatischem Relativismus‘ und ‚kognitivem Atheismus‘. Vgl. Hirsch 1976, S. 3, 5, 9, 12, 13, 36, 49. 76 Vgl. hierzu Patey 1978, S. 219.

218 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

tive Interpretation“ und Validity in Interpretation der Fall. Auf der anderen Seite argumentiert Hirsch gegen Philosophen und andere Interpretationstheoretiker, die valides Interpretieren in seinem Sinne für unmöglich halten. Dies ist vor allem in The Aims of Interpretation der Fall. Der Umstand, dass die Bedeutung des Textes nicht in den sprachlichen Zeichen selbst, sondern vielmehr im menschlichen Bewusstsein ihren Sitz hat, birgt für Hirsch eine überaus wichtige Konsequenz, nämlich dass im Rahmen der literarischen Kommunikation nur zwei Instanzen als bedeutungsbestimmend in Frage kommen: einerseits der Autor, andererseits der Leser.77 Wenn man zulässt, dass die Textbedeutung vom Leser festgelegt wird, dann wäre man nach Hirsch – wie auch im Fall der Metapher vom ‚Leben‘ des Werks – mit einer veränderlichen Textbedeutung konfrontiert, mithin mit einer Pluralisierung der Bedeutung, die den normativen Charakter des Interpretierens aufweicht. Per Ausschlussverfahren bleibt so für Hirsch nur der Autor übrig, der im Hervorbringen des Textes die Bedeutung ein für alle Mal determiniert. In diesem Sinne bildet die Orientierung an der Autorintention für Hirsch tatsächlich die einzig mögliche Norm, die übergreifend und stabil ist: „[T]he only compelling normative principle that has ever been brought forward is the old-fashioned ideal of rightly understanding what the author meant.“78 Dies legt für Hirsch wiederum nur eine Schlussfolgerung nahe: „On purely practical grounds, therefore, it is preferable to agree that the meaning of a text is the author’s meaning.“79 Aus der Stabilität dieser Norm wird also aus pragmatischen Gründen auf die Überlegenheit einer intentionalistischen Interpretationstheorie geschlossen. Für dieses Räsonnement hat Hirsch viel Kritik geerntet. Vor allem ist die Alternativlosigkeit bestritten worden, die ihm als tragende Prämisse dient.80 In der Forschung wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass die pragmatische Begründung des Intentionalismus vor allem disziplinenpolitisch motiviert sei. Mit seinem Versuch einer normativen Fundierung der Interpretation verbinde sich der Versuch einer Verwissenschaftlichung und erkenntnistheoretischen Aufwertung der Literaturwissenschaft.81 Oder anders: Im Angesicht eines drohen-

|| 77 Vgl. Hirsch 1967, S. 23: „[M]eaning is an affair of consciousness and not of physical signs or things. Consciousness is, in turn, an affair of persons, and in textual interpretation the persons involved are an author and a reader. The meanings that are actualized by the reader are either shared with the author or belong to the reader alone.“ 78 Hirsch 1967, S. 26. 79 Hirsch 1967, S. 25. 80 Vgl. Cain 1977, bes. S. 338; Patey 1978; Spoerhase 2007a, S. 59, Anm.; Danneberg/Müller 1983, S. 129f. Vgl. außerdem Juhl 1980, S. 20–23. 81 Zu den Verwissenschaftlichungsstrategien bei Hirsch vgl. Gelder 1985.

Intentionalität und Bedeutung. Mit Husserl gegen Wimsatt/Beardsley | 219

den Relativismus (und damit einhergehend: eines drohenden Legitimitätsverlusts des Faches) werde die Überlegenheit einer intentionalistischen Bedeutungs- und Interpretationskonzeption aus den Auswirkungen abgeleitet, die sie auf institutioneller Ebene haben soll.82 Dies ist zweifellos zutreffend. Zugleich ergibt sich aber die Alternativlosigkeit für Hirsch tatsächlich direkt aus seinen erkenntnistheoretischen Basisannahmen. Die Verortung der Bedeutung im Bewusstsein des einzelnen Lesers hat für ihn zur Konsequenz, dass Relativismus nur durch eine intentionalistische Interpretationskonzeption vermieden werden kann.

7.3 Intentionalität und Bedeutung. Mit Husserl gegen Wimsatt/Beardsley Aus dem bisher Gesagten ergibt sich die Aufgabe des Literaturwissenschaftlers: „a precisely defined task, namely, to discover the author’s meaning.“83 Mit Emilio Betti spricht Hirsch hier von ‚wiedererkennender Interpretation‘ (re-cognitive interpretation).84 Demensprechend wird die ‚Richtigkeit‘ einer Interpretation für Hirsch zu einer Frage der Korrespondenz zwischen der vom Autor intendierten und der vom Leser zugeschriebenen Bedeutung,85 wobei diese Zielsetzung auch die interpretatorische Praxis strukturiert bzw. anleitet: „When the critic clearly conceives what a correct interpretation is in principle, he possesses a guiding idea against which he can measure his construction. Without such a guiding idea, self-critical or objective interpretation is hardly possible.“86 Zu zeigen hat aber Hirsch noch auf theoretischer Ebene, dass dieses Ziel tatsächlich erreichbar ist.87 Hier kommt Husserls Phänomenologie ins Spiel. Wie eingangs bereits erwähnt, beruft sich Hirsch im Hinblick auf den Intentionsbegriff auf Husserl und dessen Intentionalitätsbegriff. Ganz im Sinne der Psychologismus-Kritik in den Logischen Untersuchungen unterscheidet Hirsch strikt zwischen einem Bewusstseinsakt und demjenigen Gegenstand, dem die-

|| 82 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 58 (mit Verweis auf Rabinowitz 1995, S. 392); ferner Cain 1977, S. 339; Crosman 1980, S. 158. 83 Hirsch 1960, S. 235. 84 Vgl. Hirsch 1967, S. 24, Anm. 85 Vgl. Hirsch 1967, S. 10: „Validity implies the correspondence of an interpretation to a meaning which is represented by the text […].“ 86 Hirsch 1960, S. 212. 87 Vgl. Hirsch 1967, S. 27: „Even though only one compelling normative principle exists, it is still necessary to show that it is a viable principle.“

220 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

ser Akt gilt.88 Ausdrücklich setzt er Intention gleich Intentionalität, verstanden als das Gerichtetsein von Bewusstseinsakten auf einen Gegenstand, der dadurch als ein intentionaler Gegenstand qualifiziert ist.89 Die erste Pointe ist nun einfach genug: Hirsch will darauf hinaus, dass es möglich ist, denselben intentionalen Gegenstand in (numerisch und qualitativ) verschiedenen Akten zu intendieren. All events of consciousness […] are characterized by the mind’s ability to make modally and temporally different acts of awareness refer to the same object of awareness. An object for the mind remains the same even though what is „going on in the mind“ is not the same. The mind’s object therefore may not be equated with psychic processes as such; the mental object is self-identical over against a plurality of mental acts.90

Wie Hirsch hervorhebt, handelt es sich hierbei um einen Grundzug des menschlichen Bewusstseins, den Husserl besonders deutlich herausgearbeitet hat, nicht um eine artifizielle Konstruktion zu interpretationstheoretischen Zwecken.91 Theoretisch attraktiv ist für ihn der phänomenologische Intentionalitätsbegriff aus zwei Gründen. Einerseits will er damit erkenntnistheoretisch begründen, dass die Textbedeutung reproduzierbar ist: An unlimited number of different intentional acts can intend (be averted to) the very same intentional object. Since meaning, like anything else that consciousness is averted to, is an intentional object (that is, something there for consciousness), and since verbal meaning is a meaning like any other, the point can be made more specific by saying that an unlimited number of different intentional acts can intend the same verbal meaning. This is, of course, the crucial point in deciding whether it is possible to reproduce a verbal meaning. Like any other intentional object, it is in principle reproducible.92

Dies ist insofern wichtig, als Hirsch die Reproduzierbarkeit der Textbedeutung als eine notwendige Bedingung für die Möglichkeit der Interpretation betrachtet: „Reproducibility is a quality of verbal meaning that makes interpretation

|| 88 Zu diesen Grundbegriffen der Phänomenologie siehe Kap. 2 dieser Arbeit. 89 Vgl. etwa Hirsch 1967, S. 38: „In phenomenology, the philosophical tradition that has most fully explored the distinction between mental objects and mental acts, this object-directedness of consciousness has been called ‚intentionality‘ – a word that must be accepted for want of a better.“ 90 Hirsch 1960, S. 217f. 91 Hirsch 1967, S. 38: „This distinction between what is ‚going on in the mind‘ on the one hand, and what the mind is averted to on the other, is not […] a special conception devised for its convenience in defending the self-identity of verbal meanings.“ 92 Hirsch 1967, S. 38.

Intentionalität und Bedeutung. Mit Husserl gegen Wimsatt/Beardsley | 221

possible: if meaning were not reproducible, it could not be actualized by someone else and therefore could not be understood or interpreted.“93 Dies betrifft auch insofern den Bedeutungsbegriff selbst, als es Hirsch zufolge widersinnig wäre, von einer gänzlich ephemeren Bedeutung auszugehen: „[V]erbal meaning is, by definition, meaning that can be shared […]. Obviously, its very existence depends upon its reproducibility.“94 Andererseits soll der phänomenologische Intentionalitätsbegriff den Interpreten von der unmöglichen Aufgabe befreien, die Absicht (purpose) des Autors bzw. die mens auctoris zu rekonstruieren: Since we cannot get inside the author’s head, it is useless to fret about an intention that cannot be observed, and equally useless to try to reproduce a private meaning experience that cannot be reproduced. […] But as I suggested, the irreproducibility of meaning experiences is not the same as the irreproducibility of meaning. The psychologistic identification of textual meaning with a meaning experience is inadmissible. Meaning experiences are private, but they are not meanings.95

Indem Hirsch also die Textbedeutung als Bewusstseinsphänomen und enger noch als einen intentionalen Gegenstand bestimmt, versucht er sich gegen einen Vorwurf zu immunisieren, der gerne gegen intentionalistische Interpretationskonzeptionen erhoben wird, nämlich dass die Intention des Autors unzugänglich sei und daher nicht als Leitlinie der Interpretation fungieren könne. Der Rekurs auf Husserl impliziert aber, dass die zu eruierende Bedeutung zwar formal auf schlechthin individuelle und somit unwiederbringliche psychische Akte zurückgeht, aber diesen Akten transzendent ist. Kurz: Die zu eruierende Bedeutung ist nicht in den psychischen Akten des Autors enthalten und schon gar nicht mit ihnen identisch.96 Zu erwähnen ist noch in diesem Zusammenhang, dass der Rekurs auf Husserl einen weiteren, nicht ganz unerheblichen Nebeneffekt hat. Mit dem phänomenologischen Intentionalitätsbegriff erübrigt sich nämlich für Hirsch die ganze Frage nach dem sogenannten ‚intentionalen Fehlschluss‘. In ihrem erstmals 1946 publizierten Aufsatz „The Intentional Fallacy“ hatten William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley (unter anderem) zu zeigen versucht, dass eine Interpretation, die die Bedeutung eines Textes aus der Intention des Autors ableiten will, einem Fehlschluss unterliegt. Diese These löste eine heftige Dis|| 93 Hirsch 1967, S. 44. 94 Hirsch 1967, S. 39f. 95 Hirsch 1967, S. 16. 96 Vgl. Hirsch 1967, S. 48: „While the author’s will is a formal requirement for any determinate verbal meaning, it is quite evident that will is not the same as meaning“; ferner Hirsch 1960, S. 225.

222 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

kussion über den Status der Autorintention beim Interpretieren literarischer Texte aus.97 Ein zentrales und entsprechend oft zitiertes Argument in Wimsatts und Beardsleys Aufsatz lautet wörtlich: One must ask how a critic expects to get an answer to the question about intention. How is he to find out what the poet tried to do? If the poet succeeded in doing it, then the poem itself shows what he was trying to do. And if the poet did not succeed, then the poem is not adequate evidence, and the critic must go outside the poem – for evidence of an intention that did not become effective in the poem.98

Auf den ersten Blick scheint hier ein schwerwiegender Einwand gegen den Intentionalismus vorzuliegen. So wäre es sicherlich absurd, die zu eruierende Bedeutung eines Textes mit einer nicht realisierten Absicht gleichzusetzen.99 Dabei baut aber die Argumentation von Wimsatt und Beardsley auf einem bestimmten Intentions- und Bedeutungsbegriff auf, den Hirsch mit ihnen nicht teilt. In ihrem Aufsatz verweisen Wimsatt und Beardsley eingangs auf einen gemeinsam verfassten Lexikonartikel, der drei Jahre zuvor erschienen war. Dieser Lexikonartikel ist insofern aufschlussreich, als dort eine Unterscheidung getroffen wird, die später zwar vorausgesetzt, aber nicht mehr eigens expliziert wird.100 Über die Bedeutung des Textes schreiben Wimsatt und Beardsley: „In referring to the meaning of a literary work, one should distinguish between (1) the meaning of the work itself, and (2) the meaning that the author intended to express in the work. These two meanings are here called ‚actual‘ and ‚inten-

|| 97 Im deutschsprachigen Raum wurde die Debatte um den ‚intentionalen Fehlschluss‘ erstmals umfassend aufgearbeitet von Danneberg/Müller 1983. Auch wenn diese Diskussion bereits Mitte der siebziger Jahre einen vorläufigen Abschluss findet (vgl. Hough 1976, S. 224; Skinner 1975, S. 218), markiert sie einen Wendepunkt in der angloamerikanischen Interpretationstheorie und ist auch als solcher im Bewusstsein geblieben. Vgl. etwa Stecker 2008, S. 35: „The philosophical debate over the nature of literary interpretation began with the argument for the intentional fallacy. Since then the topic of interpretation has become enormously complex, but the problem about the role of intention in literary interpretation has not gone away.“ Aus der jüngeren Forschung vgl. Spoerhase 2007a, S. 68–79; Birke/Butter 2013; Shusterman 1997; Iseminger 1998. Die Position von Beardsley wird noch verteidigt von Dickie/Wilson 1995 (vgl. auch Dickie 1968a); dazu Carroll 1997. Zum späteren Schlagabtausch zwischen Beardsley und Hirsch vgl. Köppe 2007. 98 Wimsatt/Beardsley 1946, S. 469. 99 Gerade deshalb plädiert z.B. Robert Stecker für einen moderaten faktischen Intentionalismus (vgl. Stecker 2006a, S. 272). Dazu unten mehr. 100 Dies bemerken auch Dickie/Wilson 1995, S. 234.

Intentionalität und Bedeutung. Mit Husserl gegen Wimsatt/Beardsley | 223

tional‘ respectively.“101 Mit diesen beiden Arten von Bedeutung (actual vs. intentional meaning) korrespondieren nun bei Wimsatt und Beardsley zwei Arten von Belegmaterial, das eine Interpretation stützen oder schwächen kann. Sie sprechen von text-internem im Gegensatz zu text-externem Belegmaterial (internal vs. external evidence). Letztlich umfasst hierbei das text-interne Belegmaterial deutlich mehr als den Text selbst.102 Es unterscheidet sich aber Wimsatt und Beardsley zufolge vom text-externen Belegmaterial in einem entscheidenden Punkt, nämlich dadurch, dass es nicht bloß privat und idiosynkratisch ist. So gilt umgekehrt für das text-externe Belegmaterial, es sei „not a part of the work as a linguistic fact“, sondern: „it consists of revelations (in journals, for example, or letters or reported conversations) about how or why the poet wrote the poem – to what lady, while sitting on what lawn, or at the death of what friend or brother.“103 Jenseits der Frage, ob es sich beim ‚intentionalen Fehlschluss‘ tatsächlich um einen Fehlschluss im logischen Sinne handelt,104 lässt sich die Position von Wimsatt und Beardsley wie folgt rekonstruieren: Die beiden Arten von Bedeutung sind strikt auseinanderzuhalten,105 wobei ein intentionaler Fehlschluss dann vorliegt, wenn man sie gleichsam zusammenfallen lässt und auf textexternes Belegmaterial (external evidence) rekurriert, um die Textbedeutung

|| 101 Wimsatt/Beardsley 1943, S. 326f. 102 Vgl. Wimsatt/Beardsley 1943, S. 327: „Evidence that the work has a certain actual meaning is derived from a study of the work itself, the words in which it is written and their syntax. Included in the meaning of the words will be their whole history as far as determinable, and all the uses and associations of the words that went to make up their value when the work was produced.“ Vgl. auch Wimsatt/Beardsley 1946, S. 477: „[I]t [i. e. what is internal] is discovered through the semantics and syntax of a poem, through our habitual knowledge of the language, through grammars, dictionaries, and all the literature which is the source of dictionaries, in general through all that makes a language and culture […].“ 103 Wimsatt/Beardsley 1946, S. 477f. Die Unterscheidung internal vs. external evidence ist vergleichbar mit der Unterscheidung intrinsic vs. extrinsic criticism bei Wellek/Warren 1949. Dies bemerkt auch Spoerhase 2007a, S. 73. In ihrem Aufsatz verweisen Wimsatt und Beardsley in der allerersten Fußnote auf eine von Wellek verfasste Rezension (vgl. Wimsatt/Beardsley 1946, S. 468, 487, Anm.), in der wiederum verwiesen wird auf Wellek 1936; Wellek 1942 (vgl. Wellek 1944, S. 262, Anm.). 104 Dass der Intentionalismus nicht logisch oder empirisch falsch ist, gilt in der Forschung als unstrittig. Vgl. mit Blick auf den ‚intentionalen Fehlschluss‘ zuletzt Birke/Butter 2013, S. 341; ferner Walton 2000, S. 271: „Fallacies are common types of arguments that have a strong tendency to go badly wrong […].“ 105 Vgl. Dickie/Wilson 1995, S. 234.

224 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

(actual meaning) zu eruieren.106 Bei Wimsatt und Beardsley entsprechen die beiden Arten von Bedeutung zwei unterschiedlichen Verwendungsweisen des englischen Verbs to mean. Auf der einen Seite: what the word means. Auf der anderen Seite: what I mean.107 Auf diese Weise kann die Textbedeutung potentiell mit der vom Autor intendierten Bedeutung in Konflikt geraten. Von der theoretischen Anlage her verhält sich dies bei Hirsch ganz anders. Wenn er von Intention spricht, hat er eben nicht so etwas wie eine Absicht vor Augen, die im Text mehr oder weniger erfolgreich verwirklicht werden kann;108 und bezeichnet wird mit diesem Ausdruck auch nicht das – wie er betont: unzugängliche – Innenleben des Autors, sondern eine intentionale Akt-Gegenstand-Beziehung: Although Husserl’s term is a standard philosophical one for which there is no adequate substitute, students of literature may unwittingly associate it with the intentional fallacy. The two uses of the word are, however, quite distinct. As used by literary critics the term refers to a purpose which may or may not be realized by a writer. As used by Husserl the term refers to a process of consciousness. Thus in the literary usage, which involves problems of rhetoric, it is possible to speak of an unfulfilled intention, while in Husserl’s usage such a locution would be meaningless.109

Hirsch versucht damit im Grunde genommen die ganze Debatte zu umgehen. Von unerfüllter Intentionalität zu sprechen, wäre in der Tat sinnlos, sofern es sich um eine Korrelation von Akt und Gegenstand, von Intention und Intendiertem handelt. Nach Hirsch soll es beim Interpretieren eben nicht um eine Absicht gehen, sondern vielmehr um einen Text, wie er wahrscheinlich vom Autor gemeint war.110 In diesem Sinne kann er behaupten: „[T]he intentional fallacy has

|| 106 Vgl. Iseminger 1998, S. 516; „[T]he intentional fallacy may be regarded as an inference appealing to, among others, a premise providing ‚external evidence‘ (e. g., diaries, first drafts, correspondence) of the meaning that the author intended to express in the work (what Wimsatt and Beardsley call the ‚intentional meaning‘, as contrasted, significantly, with the ‚actual meaning‘) and concluding with a judgment of the value of the work as proportional to its success in carrying out those intentions. […] Wimsatt and Beardsley’s diagnosis of what is fallacious about the intentional fallacy depends crucially on the distinction between actual meaning and intentional meaning […].“ 107 An anderer Stelle unterscheidet Beardsley dementsprechend zwischen textual meaning und authorial meaning (vgl. Beardsley 1968). Zu diesen Verben im Französischen, Englischen und Deutschen vgl. im Übrigen auch Ricœur 1971, S. 194. 108 Vgl. Wimsatt/Beardsley 1946, S. 469: „Intention is design or plan in the author’s mind.“ 109 Hirsch 1960, S. 218, Anm. 110 Das Wort ‚wahrscheinlich‘ steht hier nicht von ungefähr. Dazu unten mehr.

Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 225

no proper application whatever to verbal meaning.“111 Somit zeigt sich, dass der Dissens zwischen Hirsch und Wimsatt/Beardsley nicht (nur) auf der Ebene liegt, auf der er von späteren Kommentatoren meist lokalisiert worden ist – oder anders: dass es sich hier nicht lediglich um einen paradigmatischen Fall von Intentionalismus vs. Anti-Intentionalismus handelt. Vielmehr treffen hier zwei unterschiedliche Positionen aufeinander, die sich gegen eine pauschale Gegenüberstellung geradezu sperren.

7.4 Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? Freilich bleibt unter Berücksichtigung der Akt-Gegenstand-Unterscheidung ein wichtiges Problem ungelöst. Wie Hirsch bemerkt, wird in der Literaturwissenschaft relativ selten über dasjenige gestritten, was in einem Text explizit gesagt wird. Vielmehr gehen die Meinungen meist dann auseinander, wenn es zu bestimmen gilt, was damit gemeint oder mitgemeint ist, also was das Gesagte alles impliziert.112 Hirsch bemerkt dazu: „[T]he interpreter has to distinguish what a text implies from what it does not imply […]. For hermeneutic theory, the problem is to find a principle for judging whether various possible implications should or should not be admitted.“113 Das Prinzip, das Hirsch hier im Sinn hat, ist nicht mit dem zu verwechseln, was der Autor beim Schreiben bewusst vor Augen hatte. Dies sei nämlich gar nicht ausschlaggebend. Möglicherweise handelt es sich hier erneut um eine Antwort auf Wellek, der im zwölften Kapitel von Theory of Literature schreibt: If we could have interviewed Shakespeare he probably would have expressed his intentions in writing Hamlet in a way which we should find most unsatisfactory. We would still quite rightly insist on finding meanings in Hamlet (and not merely inventing them) which were probably far from clearly formulated in Shakespeare’s conscious mind.114

Bei Wellek ist dies zweifellos als Argument gegen den Intentionalismus gemeint. Was nun Hirsch betrifft, so geht auch er davon aus, dass die Textbedeutung solche ‚unbewussten‘ Aspekte umfassen kann, aber integriert sie dann in seine intentionalistische Interpretationskonzeption. Wie man manchmal – so || 111 Hirsch 1967, S. 12. 112 Vgl. Hirsch 1960, S. 220: „Generally, the explicit meanings of a text can be construed to the satisfaction of most readers; the problems arise in determining inexplicit or ‚unsaid‘ meanings.“ 113 Hirsch 1960, S. 219. 114 Wellek/Warren 1949, S. 148. Vgl. bereits Wellek 1942, S. 743.

226 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Hirsch – etwas tut, ohne sich dessen voll bewusst zu sein, so ist es auch möglich, einen Text zu schreiben, ohne auf jeden erdenklichen Teilaspekt der Bedeutung zu achten.115 Auch wenn es etwas befremdlich sein mag, im Rahmen einer intentionalistischen Interpretationskonzeption von ‚unbewusster‘ Bedeutung zu sprechen, ist dieser Befund keineswegs neu. So schreibt beispielsweise Johann Martin Chladenius 1742 in seiner Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften: [W]eil die Menschen nicht alles übersehen können, so können ihre Worte, Reden und Schrifften etwas bedeuten, was sie selbst nicht willens gewesen zu reden oder zu schreiben: und folglich kan man, indem man ihre Schrifften zu verstehen sucht, Dinge, und zwar mit Grund dabey gedencken, die denen Verfassern nicht in Sinn kommen sind.116

Und bei dem Schleiermacher-Schüler August Boeckh heißt es etwa ein Jahrhundert später in der Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften: Der Schriftsteller componirt nach den Gesetzen der Grammatik und Stilistik, aber meist nur bewußtlos. Der Erklärer dagegen kann nicht vollständig erklären ohne sich jener Gesetze bewusst zu werden; denn der Verstehende reflectirt ja; der Autor producirt […] Hieraus folgt, dass der Ausleger den Autor nicht nur eben so gut, sondern sogar besser noch verstehen muss als er sich selbst. Denn der Ausleger muss sich das, was der Autor bewusstlos geschaffen hat, zu klarem Bewusstsein bringen, und hierbei werden sich ihm alsdann auch manche Dinge eröffnen […], welche dem Autor selbst fremd gewesen sind.117

In all diesen Fällen haben die ‚unbewussten‘ Aspekte der Textbedeutung mit dem Unterbewusstsein des Autors und den Zielen einer psychoanalytisch ver-

|| 115 Vgl. Hirsch 1967, S. 22: „That a man may not be conscious of all that he means is no more remarkable than that he is not conscious of all that he does. There is a difference between meaning and consciousness of meaning […].“ Zu ‚unbewussten‘ Absichten und dem Intentionsbegriff in der Literaturwissenschaft vgl. auch Köppe/Winko 2013, S. 134f. 116 Chladenius 1742, S. 87 (§ 156). 117 Boeckh 1877, S. 87. Von dieser asymmetrischen Aufmerksamkeitsverteilung zwischen Autor und Leser aus ist kein weiter Weg zu der hermeneutischen Maxime des ‚Besserverstehens‘ (vgl. dazu Danneberg 2003; Strube 1999; Bollnow 1940). Wie hier bei Boeckh deutlich zu sehen ist, speist sich das ‚Besserverstehen‘ nicht etwa aus einem besonders ausgeprägten psychologischen Einfühlungsvermögen, d. h. in der Terminologie von Schleiermacher: nicht aus der ‚Divination‘, sondern vielmehr aus der ‚Comparation‘. Hirsch scheint zumindest zum Teil an Schleiermacher und Boeckh anzuschließen, wenn er schreibt: „[T]here are usually components of an author’s intended meaning that he is not conscious of. It is precisely here, where an interpreter makes these intended but unconscious meanings explicit, that he can rightfully claim to understand the author better than the author himself“ (Hirsch 1967, S. 21).

Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 227

fahrenden Literaturwissenschaft nichts zu tun.118 Gemeint ist, was Hirsch anbelangt, auch nicht die Rechtfertigung einer symptomatischen Lektüre, was hier mit dem phänomenologischen Intentionalitäts- und Gegenstandsbegriff ohnehin nicht vereinbar wäre. Doch wie lässt sich diese ‚unbewusste‘ Bedeutung integrieren, wenn die Autorintention als bedeutungsbestimmende Instanz fungieren soll? Wie soll der Autor die Bedeutung festlegen, wenn er sich dieser Bedeutung nicht einmal bewusst ist? Aus diesem Dilemma ergibt sich für Hirsch die Notwendigkeit, das Verhältnis zwischen impliziter und unbewusster Bedeutung zu klären: „The first step […] in discovering a principle for admitting and excluding implications is to perceive the fundamental distinction between the author’s verbal intention and the meanings of which he was explicitly conscious.“119 Zur Lösung des Problems wird ein neues Philosophem eingeführt: Husserls Horizontbegriff. Um den Stellenwert der Phänomenologie bei Hirsch zu bestimmen, lohnt sich ein Vergleich zwischen „Objective Interpretation“ und Validity in Interpretation. Auch wenn diese beiden Texte in allen Kernaussagen miteinander übereinstimmen, kommt es in Validity in Interpretation zu einigen Verschiebungen und Modifikationen, unter anderem in Bezug auf den Horizont als bedeutungslimitierendes Prinzip. Das Ergebnis lässt sich gleich vorwegschicken: Mit Husserl betrachtet Hirsch die Textbedeutung als einen intentionalen Gegenstand, der – zumindest in „Objective Interpretation“ – von einem Horizont umgrenzt ist. Systematisch tritt aber dann in Validity in Interpretation, vor allem in Anlehnung an Ernst Cassirer, ein Typusbegriff an die Stelle des phänomenologischen Horizontbegriffs, wobei es allerdings zu einer Überlagerung der beiden Bezugstheorien kommt, da die Textbedeutung offenbar weiterhin als ein intentionaler Gegenstand im Sinne Husserls zu gelten hat. Um die Grenzen der Bedeutung zu bestimmten, rekurriert Hirsch in „Objective Interpretation“ auf Husserls Abschattungslehre, also auf die phänomenologische Analyse der visuellen Dingwahrnehmung, von der in dieser Arbeit bereits mehrmals die Rede war. Nach Husserl ist jedes Ding dem wahrnehmenden Subjekt in Abschattungen gegeben. Das heißt: Auch wenn streng genommen immer nur eine ‚Seite‘ des Gegenstandes in der Wahrnehmung gegeben ist, sind vermöge eines geregelten Verweiszusammenhangs die weiteren, möglichen Perspektiven auf den Gegenstand im Bewusstsein mitgegeben, so dass wir ihn gleichwohl in seiner Gesamtheit wahrnehmen. Diese Logik von Gegebenheit und Mitgegebenheit soll nun nach Hirsch in analoger Weise für die Textbedeu-

|| 118 Vgl. Hirsch 1967, S. 51f. 119 Hirsch 1960, S. 220f.

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tung gelten, wie sie teils ‚bewusst‘, teils ‚unbewusst‘ vom Autor intendiert wurde: „The author’s verbal intention (his total verbal meaning) may be likened to my ‚intention‘ of a box. Normally, when I perceive a box, I am explicitly conscious of only three sides, and yet I assert with full confidence (although I might be wrong) that I ‚intend‘ a box, an object with six sides. Those three unseen sides belong to my ‚intention‘ in precisely the same way that the unconscious implications of an utterance belong to the author’s intention. They belong to the intention taken as a whole.“120 Man hat es also Hirsch zufolge mit einem Teil-Ganzes-Verhältnis zu tun: Was zählt, ist nicht, ob bestimmte Teilaspekte der Bedeutung ‚bewusst‘ oder ‚unbewusst‘ intendiert wurden, sondern vielmehr die vom Autor intendierte Textbedeutung in ihrer Ganzheit. Aber wie – so Hirsch weiter – lässt sich feststellen, welche ‚unbewussten‘ Teilaspekte implizit vorhanden sind? Seine Antwort lautet: In Husserl’s analysis, they are present in the form of a „horizon“, which may be defined as a system of typical expectations and probabilities. […] It is an inexplicit sense of the whole, derived from the explicit meanings present to consciousness. Thus, my view of three surfaces, presented in a familiar and typically box-like way, has a horizon of typical continuations; or, to put it another way, my „intention“ of a whole box defines the horizon for my view of three visible sides. The same sort of relationship holds between the explicit and implicit meanings in a verbal intention. The explicit meanings are components in a total meaning which is bounded by a horizon. Of the manifold typical continuations within this horizon the author is not and cannot be explicitly conscious, nor would it be a particularly significant task to determine just which components of his meaning the author was thinking of. But it is of the utmost importance to determine the horizon which defines the author’s intention as a whole, for it is only with reference to this horizon, or sense of the whole, that the interpreter may distinguish those implications which are typical and proper components of the meaning from those which are not.121

Mit dem phänomenologischen Horizontbegriff will Hirsch vor allem plausibel machen, dass die Textbedeutung mehr als das ‚bewusst‘ Intendierte umfasst, aber gleichzeitig klar umgrenzt ist. Seitens des Lesers wird aus dem explizit Gesagten, d. h. aus dem Text in seiner wörtlichen bzw. konventionell gesicherten Bedeutung, ein Horizont abgeleitet, der wiederum in Bezug auf die Bedeutungszuweisung die Grenzen des Zulässigen festlegt. Diesen Horizont bestimmt Hirsch wiederum als ein System von typischen Erwartungen und Wahrschein-

|| 120 Hirsch 1960, S. 221. 121 Hirsch 1960, S. 221.

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lichkeiten.122 Dass somit der Akzent für den Interpreten ganz auf dem Typischen und Wahrscheinlichen liegt, ist insofern wichtig, als man ja Hirsch zufolge eben nicht wissen kann, was dem Autor faktisch durch den Kopf ging. Man sieht hier also erneut, dass es Hirsch ausdrücklich nicht um die Rekonstruktion der mens auctoris geht.123 Vor diesem Hintergrund leuchtet es nicht ein, warum Hirsch in der gegenwärtigen interpretationstheoretischen Diskussion meist als Vertreter eines ‚faktischen‘ Intentionalismus angesehen wird. Zutreffender wäre es wohl, ihn zu den Vertretern einer probabilistischen Hermeneutik zu zählen.124 Denn wie Hirsch betont, kann man nie mit absoluter Gewissheit, sondern nur mit relativer Wahrscheinlichkeit behaupten, den Text wirklich im Sinne des Autors verstanden zu haben: „[N]o one can establish another’s meaning with certainty. The interpreter’s goal is simply this – to show that a given reading is more probable than others. In hermeneutics, verification is a process of establishing relative probabilities.“125 Da der bedeutungslimitierende Horizont nichts anderes als ein System von typischen Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten sein soll, hängt die tatsächliche Horizontbildung entscheidend von dem Kenntnisstand des Interpreten ab, also von seiner Fähigkeit, das Typische und Wahrscheinliche einzuschätzen. So schreibt Hirsch: „The probability that I am right in the way I educe implications depends upon my familiarity with the type of meaning I consider.“126 An dieser Stelle kommt nun allerdings eine eigentümliche Verschiebung zum Vorschein. Der Analogie zur Dingwahrnehmung entsprechend bezieht sich der Horizontbegriff bei Hirsch zunächst auf die Textbedeutung, verstanden im Sinne Husserls als intentionaler Gegenstand. In „Objective Interpretation“ spricht Hirsch aber mitunter auch vom Horizont des Autors: „The interpreter’s aim […] is to posit the author’s horizon and carefully exclude his own accidental

|| 122 Hirsch bezieht sich hier auf Husserls Spätschrift Erfahrung und Urteil; vgl. Hirsch 1960, S. 221, Anm. 123 Vgl. Hirsch 1960, S. 223: „The importance of the horizon concept is that it defines in principle the norms and limits which bound the meaning represented by the text. But, at the same time, the concept frees the interpreter from the constricting and impossible task of discovering what the author was explicitly thinking of. Thus, by defining textual meaning as the author’s meaning, the interpreter does not, as it is so often argued, impoverish meaning; he simply excludes what does not belong to it.“ 124 Elaborierte Ansätze finden sich schon im 18. Jahrhundert, etwa in der Logik von Christian August Crusius. 125 Hirsch 1960, S. 236. Dass die Geltungsprüfung auf Wahrscheinlichkeitstheorie basiert, bemerkt auch Freiburg 1985, S. 184. 126 Hirsch 1960, S. 222.

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associations.“127 Wenn Hirsch vom Horizont des Autors spricht, scheint der Begriff auf der einen Seite nicht mehr strikt im phänomenologischen, sondern eher im alltagssprachlichen Sinne verwendet zu werden. Die alltagssprachliche Begriffsverwendung ist etwa daran abzulesen, dass Hirsch statt vom Horizont des Autors auch von dessen Standpunkt (stance) und Perspektive (outlook) spricht. Auf der anderen Seite scheint aber der phänomenologische Horizontbegriff insofern noch wirksam zu sein, als es auch hier um etwas Typisches gehen soll: „The interpreter’s job is to specify the text’s horizon as far as he is able, and this means, ultimately, that he must familiarize himself with the typical meanings of the author’s mental and experiential world.“128 Oder wie es an anderer Stelle heißt: „[W]e have to posit the most probable horizon for the text, and it is possible to do this only if we posit the author’s typical outlook, the typical associations and expectations […].“129 Gleichsam unter der Hand hat sich damit der Horizontbegriff in ein Prinzip der Kontextbildung verwandelt. Dabei unterscheidet Hirsch, weiterhin mit Verweis auf Husserl, zwischen einem Innen- und einem Außenhorizont, die als Kontexttypen wiederum mit der Bedeutung (meaning) und Bedeutsamkeit (significance) des Textes korrespondieren: The horizon which grounds and sanctions inferences about textual meaning is the „inner horizon“ of the text. It is permanent and self-identical. Beyond this inner horizon any meaning has an „outer horizon“; that is to say, any meaning has relationships to other meanings; it is always a component in larger realms. This outer horizon is the domain of criticism.130

Diese Analogie ist freilich etwas schief. Wenn Husserl im Kontext der Abschattungslehre vom Innenhorizont spricht, dann ist lediglich das einzelne, in Abschattungen gegebene Ding gemeint. Hingegen ist der Außenhorizont ein „Horizont zweiter Stufe“, der auch für die Umgebung gilt, also für die Beziehung des Gegenstandes zu weiteren Gegenständen, „denen ich zwar im Augenblick nicht zugewendet bin, denen ich mich aber jederzeit zuwenden kann“.131 Wegen dieser Analogie könnte man nun auf die Idee kommen, dass der Text nur hinsichtlich der Bedeutsamkeit (significance) in Zusammenhang mit etwas gesehen

|| 127 Hirsch 1960, S. 222. 128 Hirsch 1960, S. 223. 129 Hirsch 1960, S. 238. 130 Hirsch 1960, S. 224. 131 Husserl 1939, S. 28. Zum Horizontbewusstsein bei Husserl vgl. auch Held 1985, S. 33; Held 1986, S. 14.

Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 231

wird, während die Bedeutung (meaning) an und für sich, gleichsam ‚kontextlos‘ verfügbar wäre. Das ist jedoch mitnichten der Fall und wäre auch widersinnig, wenn man bedenkt, dass es Hirsch zufolge so etwas wie intrinsic criticism gar nicht geben kann.132 Dass die Bedeutungsermittlung für Hirsch vielmehr gerade in einer angemessenen Kontextualisierung besteht, wird an Stellen wie dieser deutlich: „The interpreter’s primary task is to reproduce in himself the author’s ‚logic‘, his attitudes, his cultural givens, in short, his world.“133 Interpretation stellt sich so für Hirsch vor allem als eine Frage des Wissens und der Wissensaneignung dar. Um nur einen einzigen Text angemessen verstehen zu können, muss man womöglich sehr viel wissen.134 In diesem Sinne heißt es in Validity in Interpretation: „All serious students of texts from the past […] are historians.“135 Hirsch spricht in diesem Zusammenhang von ‚psychologischer Rekonstruktion‘ (was dazu beigetragen haben könnte, dass sein Ansatz als eine naive Spielart des ‚faktischen‘ Intentionalismus eingestuft wurde),136 und zwar im Rückgriff auf Dilthey und dessen Konzept des Sich-Hineinversetzens.137 Explizit wird der Anspruch erhoben, eine Hermeneutik im Sinne Diltheys in Husserls Phänomenologie zu fundieren.138 Wie bereits gesehen, geht die Textbedeutung bei Hirsch insofern formal auf die bedeutungsverleihenden psychischen Akte des Autors zurück, als die Bedeutung allein unter Berücksichtigung der Konventionen der natürlichen Sprache unterbestimmt bliebe. Was die ‚psychologische Rekonstruktion‘ anbelangt, so wird sie ihrerseits von der (phänomenologischen) Annahme getragen, dass die Textbedeutung qualitativ in intentionalen

|| 132 Von einem ‚Textobjektivismus‘, wie ihn etwa Marcus Willand beschreibt, kann so nicht die Rede sein. Vgl. Willand 2014, S. 186–194, 254f.; ferner Knauth 1981, S. 32–42, 51. 133 Hirsch 1960, S. 242. 134 Vgl. Hirsch 1967, S. 139f.: „My purpose in defining understanding and meaning is not to suggest that the task of understanding is easily managed but to show that it is a determinate task that can be distinguished from other tasks.“ Vgl. auch Beaugrande 1983, S. 107: „Theoretically, the investigator obeying Hirsch’s ethical mandate incurs a historical, biographical and psychological task of staggering dimensions.“ Dazu würde Hirsch vermutlich sagen: Ja. 135 Hirsch 1967, S. 138. 136 Vgl. Hirsch 1960, S. 239. 137 Vgl. Hirsch 1960, S. 242, Anm. 138 Vgl. Hirsch 1960, S. 242, Anm.: „In fact, my whole argument may be regarded as an attempt to ground some of Dilthey’s hermeneutic principles in Husserl’s epistemology and Saussure’s linguistics.“ Auf Ferdinand de Saussure bezieht sich Hirsch im Hinblick auf die Determiniertheit der Textbedeutung, und zwar in dem Sinne, dass der Text eine tatsächliche Äußerung des Autors (parole) repräsentiert, nicht einfach ein System oder Spektrum von Möglichkeiten (langue).

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Akten bestimmt wird, wobei eine Korrelation zwischen dem intentionalen Bewusstseinsakt und dem intentionalen Gegenstand besteht. Um als Leser den ‚richtigen‘ intentionalen Gegenstand intendieren zu können, sind so lediglich intentionale Akte der richtigen Art erforderlich, nicht aber der Zugriff auf die konkreten psychischen Akte des Autors: „To recall Husserl’s point: a particular verbal meaning depends on a particular species of ‚intentional act‘, not on a single, irreproducible act.“139 Diese intentionalen Akte können Hirsch zufolge evoziert werden, indem man sich in die Lage des Autors versetzt, d. h. den Text in den ‚richtigen‘ Kontext stellt.140 Die ‚psychologische Rekonstruktion‘ beinhaltet also nicht so etwas wie eine Innenschau, sondern besagt vor allem, dass man – wenn notwendig – vom eigenen Standpunkt absehen und den Standpunkt des Autors einnehmen muss: „Of course, the reader must realize verbal meaning by his own subjective acts (no one can do that for him), but if he remembers that his job is to construe the author’s meaning, he will attempt to exclude his own predispositions and to impose those of the author.“141 Zu beachten ist allerdings, dass das Moment des Typischen in der ‚psychologischen Rekonstruktion‘ einer wesentlichen Einschränkung unterliegt. Denn angestrebt wird zwar „a deliberate reconstruction of the author’s subjective stance“, aber lediglich „to the extent that this stance is relevant to the text at hand“.142 Doch wie muss man sich dieses Relevanzkriterium vorstellen? Nach Hirsch hat sich der Interpret nicht für die Subjektivität des Autors in jeder erdenklichen Hinsicht zu interessieren (eventuelle Zahnschmerzen wären so vermutlich irrelevant), sondern nur insofern, als das betreffende Interpretandum

|| 139 Hirsch 1960, S. 235, Anm. 140 Vgl. Hirsch 1960, S. 238, Anm.: „The author’s verbal meaning or verbal intention is the object of complex intentional acts. To reproduce this meaning it is necessary for the interpreter to engage in intentional acts belonging to the same species as those of the author. (Two different intentional acts belong to the same species when they ‚intend‘ the same intentional object.) That is why the issue of ‚stance‘ arises. The interpreter needs to adopt sympathetically the author’s stance (his disposition to engage in particular kinds of intentional acts) so that he can ‚intend‘ with some degree of probability the same intentional objects as the author. This is especially clear in the case of implicit verbal meaning, where the interpreter’s realization of the author’s stance determines the text’s horizon.“ Vgl. auch S. 241: „The intentional object represented by a text is different from the intentional acts which realize it. When the interpreter posits the author’s stance, he sympathetically reenacts the author’s intentional acts, but although this imaginative act is necessary for realizing meaning, it must be distinguished from meaning as such. In no sense does the text represent the author’s subjective stance: the interpreter simply adopts a stance in order to make sense of the text […].“ 141 Hirsch 1960, S. 236. 142 Hirsch 1960, S. 238.

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auf ihn zurückgeht. Terminologisch unterscheidet er zwischen author und speaking subject und hält fest: „[F]or the process of interpretation, the author’s private experiences are irrelevant. The only relevant aspect of subjectivity is that which determines verbal meaning […].“143 Mit anderen Worten: „In construing […] verbal meaning, only the speaking subject counts.“144 Als das Ergebnis einer bewussten Reduktion des Autors auf eine einzige Tätigkeit, nämlich auf die Tätigkeit der Textproduktion, entspricht das speaking subject in etwa dem, was Wayne C. Booth als den ‚implizierten Autor‘ bezeichnet hat.145 Aber wichtiger als solche Parallelen ist die Tatsache, dass der Autor (genauer: das speaking subject) bei Hirsch sich bei genauerem Hinsehen als ein methodisches Autorkonstrukt erweist.146 Dies ist an seinen Erwägungen zur Interpretation anonymer Texte besonders deutlich zu erkennen: On the surface, it would seem impossible to invoke the author’s probable outlook when the author remains unknown, but in this limiting case the interpreter simply makes his psychological reconstruction on the basis of fewer data. Even with anonymous texts it is crucial to posit not simply some author or other, but a particular subjective stance in reference to which the construed context is rendered probable. That is why it is important to date anonymous texts.147

Der Autor hat bei Hirsch in methodischer Hinsicht die Funktion, die Textbedeutung historisch und sozio-kulturell zu fixieren. Mit allen verfügbaren Informationen gilt es sodann den Kontext zu rekonstruieren, aus dem heraus der Text zu verstehen ist. In diesem Sinne ist das speaking subject vor allem eine Instanz, an der sich die Relevanz von Wissensbeständen messen lässt.148 Als knappe Zwischenbilanz lässt sich festhalten: In „Objective Interpretation“ beschreibt Hirsch die Textbedeutung im Rekurs auf Husserl als einen inten-

|| 143 Hirsch 1960, S. 243. 144 Hirsch 1960, S. 244. 145 Zu diesem Konzept vgl. Kindt/Müller 2006; ferner Jannidis 2002. Im Deutschen sollte man wohl eher von einem ‚implizierten‘ als von einem ‚impliziten‘ Autor sprechen (vgl. Jannidis et al. 2000, S. 138). Hirschs Unterscheidung zwischen author und speaking subject ist keineswegs einzigartig; analoge Unterscheidungen sind häufiger vorgenommen worden. So unterscheidet etwa Alexander Nehamas zwischen writer und author (vgl. Nehamas 1986, bes. S. 685), Daniel O. Nathan zwischen actual artist und implied artist (vgl. Nathan 1982, bes. 255) und Matías Martínez zwischen Urheberschaft und Autorschaft (vgl. Martínez 1999, bes. S. 474, 479). 146 Zu diesem Begriff vgl. Danneberg 1999, bes. S. 103. 147 Hirsch 1960, S. 240. 148 Wie diese Instanz genauer zu bestimmen ist, also inwiefern das speaking subject als eine Konstruktion des Interpreten etwa mit ästhetischen, juristischen und sonstigen Vorstellungen korreliert, bleibt bei Hirsch offen.

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tionalen Gegenstand umgrenzt von einem Horizont. Damit versucht er das Problem der ‚unbewussten‘ Intention zu lösen, vor allem im Hinblick auf die Bedeutung, die im Text ‚implizit‘ vorhanden ist. Zudem spricht Hirsch metaphorisch und eher alltagssprachlich vom Horizont des Autors, wobei dann die Kontextbildung beim Interpretieren gemeint ist. Problematisch ist allerdings sein Rekurs auf die Phänomenologie in mindestens zweierlei Hinsicht: Zum einen sind einige Unsauberkeiten und terminologische Unstimmigkeiten zu verzeichnen, wenn Hirsch sich auf die Bedeutungstheorie in den Logischen Untersuchungen bezieht. Mit Husserls Phänomenologie will Hirsch nicht zuletzt die Reproduzierbarkeit der Textbedeutung begründen, da die Möglichkeit einer solchen Reproduzierbarkeit für seinen Ansatz essentiell ist. In Validity in Interpretation heißt es diesbezüglich: „If, as experience shows, the same meaning can be intended by the different intentional acts of one person at different moments in time, then that is a reasonable warrant for the hypothesis that the same meaning can be intended by the different intentional acts of different persons.“149 Was hier vor allem wie eine ziemlich gewagte Schlussfolgerung klingt, hätte Hirsch mit Husserl genauer erläutern können – zumindest mit dem frühen Husserl. Wie in Kap. 2 dieser Arbeit bereits gesehen, fasst Husserl in den Logischen Untersuchungen die Bedeutung als eine ideale Spezies, d. h. von den bedeutungsverleihenden Akten ausgehend (noetisch) als dasjenige, was in der Wiederholung identisch bleibt. Hier ist die Bedeutung in der Tat davon unberührt, ob der Ausdruck von ein und derselben Person oder auch von verschiedenen Personen wiederholt wird. Der intentionale Gehalt des einzelnen Aktes ist hier, mit einer Formulierung von Dan Zahavi, die „Individuation eines idealen intentionalen Inhalts, der ebensogut in anderen Akten derselben Art auftreten könnte“,150 und gerade diese Vorstellung liegt ja bei Hirsch der ‚psychologischen Rekonstruktion‘ zugrunde. Wenn die Bedeutungstheorie in den Logischen Untersuchungen in Anschlag gebracht wird, dann stimmt allerdings Hirschs Begriffsverwendung nicht mehr mit derjenigen von Husserl überein. Er paraphrasiert Husserl wie folgt: First, there is the object as perceived by me; second, there is the act by which I perceive the object; and finally, there is (for physical things) the object which exists independently of my perceptual act. The first two aspects of the event Husserl calls „intentional object“ and „intentional act“ respectively. Husserl’s point, then, is that different intentional acts (on different occasions) „intend“ an identical „intentional object“. The general term for all intentional objects is meaning. Verbal meaning is simply a special kind of intentional ob-

|| 149 Hirsch 1967, S. 39. 150 Zahavi 2009, S. 26.

Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 235

ject, and like any other one, it remains self-identical over against the many different acts which „intend“ it.151

Während Husserl großen Wert darauf legt, dass die Bedeutung eines Ausdrucks weder mit dem bedeutungsverleihenden Akt noch mit dem intentionalen Gegenstand identisch ist, werden meaning und intentional object von Hirsch nicht genau auseinandergehalten.152 Dies hängt einerseits mit einer Entwicklung von Husserls Bedeutungstheorie zusammen, die Hirsch nicht zu berücksichtigen scheint, andererseits aber auch mit der Übersetzbarkeit der beiden Ausdrücke ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘. In der Zeichen- und Bedeutungstheorie der Logischen Untersuchungen verwendet Husserl diese beiden Begriffe synonym.153 Später reserviert er aber den Bedeutungsbegriff für sprachliche Bedeutung und den Sinnbegriff für dasjenige, was er in den Logischen Untersuchungen teils Auffassungssinn, teils Aktmaterie und in den Ideen I auch Noema nennt, nämlich den (vorprädikativen) „Gegenstand, so wie er intendiert ist“.154 Das wäre gerade „the object as perceived by me“, von dem Hirsch spricht, aber – wenn man Husserl folgt – nicht mehr die noetisch gewonnene sprachliche Bedeutung, sondern deren noematisches Korrelat.155 Was hierbei den Horizontbegriff betrifft, bezieht sich Hirsch auf Husserls spät entstandene und erst posthum erschienene Schrift Erfahrung und Urteil. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Husserl von dem Bedeutungsbegriff in den Logischen Untersuchungen schon längst verabschiedet. Zum anderen (und gravierender noch) verquickt Hirsch Bedeutungstheorie und Abschattungslehre. Zwar weist er darauf hin, dass er nur aus darstellungstechnischen Gründen auf ein Prinzip der visuellen Dingwahrnehmung zurückgreift. Literarische Beispiele, so Hirsch, wären nämlich selbst interpretationsbedürftig und deshalb ungeeignet, seine Theorie zu illustrieren.156 Gleichzeitig scheint er aber davon auszugehen, dass die Abschattungslehre tatsächlich auf die Textbedeutung übertragbar und auf hermeneutische Probleme anwendbar ist. Dies könnte auf die terminologische Engführung von meaning und intentional object zurückzuführen sein. Hirsch behauptet, dass meaning die Bezeichnung für alle intentionalen Gegenstände ist, wobei er verbal meaning unter

|| 151 Hirsch 1960, S. 218. 152 Hierauf verweist auch Staten 1989, bes. S. 36f. 153 Vgl. Husserl 1901, S. 58: „Bedeutung gilt uns […] als gleichbedeutend mit Sinn“ (Kursivierungen im Original; das Wort ‚gleichbedeutend‘ ist im Original gesperrt). 154 Husserl 1901, S. 414 (im Original gesperrt). 155 Zu den Begriffen ‚Aktmaterie‘ etc. vgl. Husserl 1901, S. 425–440; Husserl 1908, S. 30–38, 142–144; Husserl 1913, S. 202–205. 156 Vgl. Hirsch 1960, S. 217, Anm.; ferner Hirsch 1967, S. x.

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meaning subsumiert und folglich als intentionalen Gegenstand auffasst. Dabei scheint er anzunehmen, dass alle intentionalen Gegenstände ohne Unterschied im erfassenden Bewusstseinsakt einer Abschattungslogik unterworfen sind. Davon kann aber aus Sicht der Phänomenologie Edmund Husserls keine Rede sein. Der Autoritätsverweis auf Husserl fällt damit im Grunde genommen flach und das eigentliche interpretationstheoretische Problem wird durch die Analogie zur Dingwahrnehmung eher verdeckt als erläutert.157 Vielleicht steht gerade deshalb die Abschattungslehre in Validity in Interpretation nicht mehr im Vordergrund. Auf den Horizontbegriff wird hier ganz verzichtet. Stattdessen wird die Bedeutung nun als ein ‚intendierter Typ‘ (willed type) bestimmt.158 Zu beachten ist jedoch, dass Hirsch die Textbedeutung nach wie vor als einen intentionalen Gegenstand im Sinne Husserls auffasst, und zwar aus denselben Gründen.159 Wie der Horizontbegriff bezieht sich der Typbegriff vor allem auf die Grenzen der Bedeutung sowie auf die Frage, inwieweit der Autor alle Facetten der Textbedeutung ‚bewusst‘ vor Augen gehabt haben muss: „[T]he principle for including or excluding implications is not what the author is aware of, but whether or not the implications belong to the type of meaning that he wills.“160 Dieser Typbegriff besagt im Kern, dass die Bedeutung einer Subsumptionslogik unterliegt.161 Die vom Autor intendierte und vom Interpreten zu eruierende Bedeutung wird als eine Gattung aufgefasst, wobei alles, was sich unter diese Gattung subsumieren lässt, zur betreffenden Bedeutung gehört, und zwar unabhängig davon, welche Teilaspekte der Autor tatsächlich konkret und ‚bewusst‘ vor Augen hatte. Funktional wird so die phänomenologische Abschattungslogik durch eine Subsumptionslogik ersetzt: Als Interpret hat man aus

|| 157 Vgl. hierzu die Kritik von Hoy 1978, S. 30. 158 Vgl. Hirsch 1967, S. 49: „[V]erbal meaning can be defined […] as a willed type which an author expresses by linguistic symbols and which can be understood by another through those symbols. It is essential to emphasize the concept of type since it is only through this concept that verbal meaning can be (as it is) a determinate object of consciousness and yet transcend (as it does) the actual contents of consciousness.“ 159 Zur Zusammenführung vom Typ- und Intentionalitätsbegriff vgl. Hirsch 1967, S. 32f., 37– 39, 132, 265f., 272; Hirsch 1984a, S. 203f. Mit aller wünschenswerten Explizitheit Hirsch 1983a, S. 82. 160 Hirsch 1967, S. 124. Es ist zu vermuten, dass dies auch eine kritische Stoßrichtung gegen die Individualitätsemphase hat: Konstruierbarkeit wie auch Rekonstruierbarkeit hängt am Typischen, so dass auch im Produktionsakt womöglich weniger Subjektives als vielmehr Typisches ins Werk gebracht wird. 161 Hirsch spricht mitunter auch von einer Exemplifikationsrelation; vgl. dazu Staten 1989, S. 34f.

Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 237

dem Text nicht mehr einen Horizont, sondern den intendierten Bedeutungstyp abzuleiten, der als solcher klar umgrenzt ist. Dazu drei Anmerkungen: Erstens spricht Hirsch in Validity in Interpretation nicht mehr metaphorisch vom Horizont des Autors oder vom Innen- und Außenhorizont des Textes. Das Prinzip der Kontextbildung bleibt aber gleich, sofern der Autor nach wie vor als bedeutungsbestimmende Instanz zu gelten hat: „[T]he acceptability of a submeaning depends upon the author’s notion of the subsuming type whenever this notion is sharable in the particular linguistic circumstances.“162 Für den Interpreten folgt daraus nach wie vor, dass er sich im Sinne einer ‚psychologischen Rekonstruktion‘ mit dem Standpunkt des Autors vertraut machen muss: An implication belongs to a meaning as a trait belongs to a type. For an implication to belong to verbal meaning, it is necessary that the type be shared, since otherwise the interpreter could not know how to generate implications […]. And there is only one way the interpreter can know the characteristics of the type; he must learn them. […] Implications are derived from a shared type that has been learned, and therefore the generation of implications depends on the interpreter’s previous experience of the shared type. The principle for generating implications is, ultimately and in the broadest sense, a learned convention.163

Die erlernten Konventionen, von denen hier die Rede ist, sind nicht die Konventionen der natürlichen Sprache, sondern weitere, gegenstandsspezifische Konventionen, die man auch kennen muss, um einen Text ‚richtig‘ verstehen zu können.164 Damit wäre man wieder bei der Zentralstellung des Wissensbegriffs in Hirschs Ansatz. Hirsch zufolge besteht das Textverstehen, durchaus im Sinne der kognitionswissenschaftlichen Leseforschung,165 nicht lediglich in einer datengesteuerten Informationsaufnahme und -verarbeitung (bottom-up processing). Da der Leser dem Text Bedeutung zuweist und eine sinnvolle Lesart überhaupt erst konstruiert, ist die Informationsverarbeitung stets konzeptgesteuert (top-down processing). Das heißt: Etwaige Inferenzen, die der Leser zieht (z. B. mit Blick auf die ‚implizite‘ Bedeutung des Textes), hängen von den betreffenden Konzepten, also von den kognitiven und kulturellen Voraussetzungen des

|| 162 Hirsch 1967, S. 49. Zur Mitteilbarkeit der Textbedeutung vgl. auch S. 66f.: „The willed type must be a shared type in order for communication to occur. This is another way of saying that the willed type has to fall within known conventions in order to be shared – an exigency that was implicit from the start in the concept of sharability.“ 163 Hirsch 1967, S. 66. 164 Vgl. Hirsch 1967, S. 71. 165 Vgl. im Folgenden die bündige Darstellung von Winko 2007, S. 240f. (mit Verweis auf Viehoff 1988; Christmann/Groeben 1999); ferner Scheider 2015, S. 256–259.

238 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Lesers ab. Aus diesem Grund kann beispielsweise Evidenz für Hirsch kein Maßstab für die Angemessenheit einer Interpretation sein. Wenn sich das Gelesene in vorhandene Wissensbestände integrieren und mit vorhandenen Konzepten fassen lässt, dann stellt sich Evidenz ein. Es entsteht beim Leser der Eindruck, den Text verstanden zu haben. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass man den Text tatsächlich im Sinne des Autors verstanden hat.166 Hirsch spricht in diesem Zusammenhang von selbst-bestätigenden Interpretationshypothesen: Weil man als Leser selbst in gewisser Weise die Daten generiert, die eine Deutungshypothese stützen sollen, wird man in einem Text meist die Hypothese bestätigt finden, von der man ausgegangen ist.167 Weil in diesem Sinne eine als evident empfundene Lesart durchaus unangemessen sein kann, wird für Hirsch die Kontextbildung zum entscheidenden Faktor: „The best way to show that one reading is more plausible and coherent than the other is to show that one context is more probable than the other.“168 Folglich muss man sich nach Hirsch womöglich sehr viel Wissen aneignen, um dasjenige verstehen zu können, was der Autor zu verstehen geben wollte.169 Nicht umsonst heißt es im allerersten Absatz von Validity in Interpretation: „[E]ach interpretive problem requires its own distinct context of relevant knowledge.“170 Zweitens unterscheidet Hirsch terminologisch zwischen type und genre, wobei er genre als eine Art von Typ definiert. Damit unterliegt wiederum der genre-Begriff derselben Subsumptionslogik wie der Typbegriff: I have already argued that every particular linguistic meaning […] is type-bound, and that an implication belongs to an utterance as a trait belongs to a type. I called these submeanings or traits „implications“, in contradistinction to the larger type they belong to, which I called „the meaning of the utterance“. But since these implications are not only traits of a

|| 166 Gilbert Ryle zufolge ist das Verb ‚verstehen‘ ein sogenanntes Erfolgsverb, das nicht nur den psychologischen Vorgang des Verstehens bezeichnet, sondern auch ein Urteil über das Gelingen des Verstehens beinhaltet (vgl. Ryle 1949, S. 149–153). Dem ist zu widersprechen. Die Rede vom Verstehen umfasst meist unterschiedliche Arten und Grade des Verstehens. Vgl. zu diesem Thema Rosenberg 1981; Scholz 2001, Teil III; Scholz 2010. Für eine Analyse des Verstehensbegriffs vgl. Strube 1985. Ähnliches gilt im Übrigen für andere sogenannte Erfolgsverben. So schließt z.B. die Rede vom Definieren nicht aus, dass ein circulus in definiendo vorliegt. 167 Vgl. Hirsch 1960, S. 237f.; Hirsch 1967, S. 164–169; ferner Hirsch 1965, S. 261f. Zu diesem Thema vgl. auch die Überlegungen von Stegmüller 1986; dazu Hinz 2008. 168 Hirsch 1960, S. 239. 169 Vgl. Hirsch 1967, S. 83. 170 Hirsch 1967, S. vii.

Die Grenzen der Bedeutung: Horizont oder Typus? | 239

type but also types themselves, it will be convenient to call that type which embraces the whole meaning of an utterance by the traditional name „genre“ […].171

Dieser genre-Begriff, den Hirsch im Rekurs auf Schleiermacher und Boeckh prägt,172 hat somit vorerst nichts gemeinsam mit dem Gattungsbegriff, wie er traditionellerweise in der Literaturwissenschaft verwendet wird.173 Es handelt sich um einen dezidiert interpretationstheoretischen Begriff, der funktional dem Horizontbegriff in „Objective Interpretation“ entspricht. Drittens ist der Typbegriff insofern nicht ganz unproblematisch, als auch er zu einer eigentümlichen Vergegenständlichung der Textbedeutung führt. Dies liegt freilich zum Teil an den nicht gerade gelungenen Beispielen, die Hirsch wählt. So ist er etwa der Meinung, dass das Wort ‚Toyota‘ unter Umständen auch ‚Datsun‘ bedeuten könnte, wenn der Sprecher eigentlich ‚Datsun‘ sagen wollte. Der Unterschied zwischen Toyota und Datsun ist für Hirsch in diesem Fall unerheblich, weil sie unter denselben intendierten Typ fallen: japanisches Auto.174 Damit verbindet sich einerseits die fundamentale Frage, wie abstrakt die subsumierende Gattung sein darf.175 Hierzu hat sich Hirsch nur vage geäußert. Andererseits hat er sich damit von dem interpretationstheoretischen Problem, das er ursprünglich mit dem Horizontbegriff lösen wollte, ziemlich weit entfernt. Mit dem Horizont- und dann mit dem Typbegriff wollte Hirsch die Grenze der Textbedeutung festlegen, vor allem im Hinblick auf ihre ‚unbewusst‘ intendierten und ‚impliziten‘ Elemente. Im genannten Beispiel behandelt Hirsch jedoch explizite Textvorkommnisse als etwas, was nach Gattung und Art klassifiziert wird. Seine Grundintuition, dass die Textbedeutung gleichsam ‚typisiert‘ ist und stets mehr als das explizit Genannte oder gar ‚bewusst‘ Intendierte umfasst, ist keineswegs unplausibel. Im Gegenteil: Auch in der Leseforschung besteht Konsens darüber, dass Wahrnehmung und Verstehen von Texten durch sogenannte ‚Schemata‘ gesteuert sind. Schemata werden als kognitive Strukturen definiert, die unsere Wahrnehmung organisieren und leiten […]. Sie filtern Informationen, kanalisieren die Informations-, also auch die Textverarbeitung und geben den Rahmen vor, innerhalb dessen wir überhaupt

|| 171 Hirsch 1967, S. 71. 172 Vgl. Hirsch 1965, S. 263; Hirsch 1967, S. 10. 173 Dies bemerkt auch Lentricchia 1980, S. 270. Für eine Diskussion von Hirschs genre-Begriff vgl. Hempfer 1973, S. 92–97; Frank 1977, S. 248–262, bes. S. 256. 174 Vgl. Hirsch 1984a, S. 220f. Zu diesem Beispiel siehe auch Spoerhase 2007a, S. 114f. 175 Vgl. hierzu Spoerhase 2007a, S. 115; Weinsheimer 1985, bes. S. 141.

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verstehen können. Schemata stellen abstrakte Repräsentationen unserer Erfahrungen dar, werden also im Verlauf unserer Sozialisation ausgebildet.176

Die Textbedeutung als ein vom Autor intendierter Typ lässt sich in diesem Sinne durchaus mit diesem Schemabegriff in Verbindung bringen. (In der Sprachwissenschaft ist meist von scripts und frames die Rede.) Da es vage bleibt, wie der Typbegriff beim Interpretieren literarischer Texte operationalisierbar gemacht werden kann, ist er aber letztlich nicht weniger problembehaftet als der zunächst in Anschlag gebrachte Horizontbegriff.177 Wie oben bereits dargelegt, will Hirsch in seiner Interpretationstheorie vor allem zwei Dinge zeigen: dass es ein besonders erstrebenswertes Ziel ist, die vom Autor intendierte Bedeutung zu eruieren, und dass dieses Ziel tatsächlich auch erreichbar ist. Letzteres soll im Rückgriff auf die Phänomenologie erkenntnistheoretisch begründet werden.178 Hierbei geht es ihm auch um die Frage, ob genuines Wissen aus Texten bezogen werden kann, und somit letztlich um nicht weniger als die Legitimität der Geisteswissenschaften überhaupt. Immer wieder hat Hirsch seine Überzeugung kundgetan, dass man nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den textinterpretierenden Wissenschaften valide Ergebnisse erreichen kann.179 So heißt es in der Einleitung zu Validity in Interpretation: „At stake ultimately is the right of any humanistic discipline to claim genuine knowledge. Since all humane studies, as Dilthey observed, are founded upon the interpretation of texts, valid interpretation is crucial to the validity of all subsequent inferences in those studies.“180

|| 176 Winko 2007, S. 241. 177 Vgl. etwa die Kritik von Danneberg/Müller 1981, bes. S. 158f. (im Hinblick auf die Tendenz der Interpretationshypothesen, sich selbst zu bestätigen); ferner Danneberg/Müller 1983, S. 130. Wenig überzeugend ist die Kritik von Jospeh Margolis, die sich auf die ‚unbewusst‘ intendierte Bedeutung richtet. Vgl. Margolis 1968, bes. S. 408–410; außerdem Kaleri 1999, S. 240–246, bes. S. 243. Einen Vergleich der Interpretationskonzeptionen von Hirsch und Margolis bietet Krausz 1992. 178 Zum Verhältnis von Interpretationstheorie und interpretatorischer Praxis vgl. Hirsch 1967, S. xf. wie auch die Kritik von Beaugrande 1983, bes. S. 102, 107. 179 Vgl. Hirsch 1967, S. xi: „The principles set forth and the distinctions drawn in this book (particularly the crucial distinction between meaning and significance) serve to support the conclusion that valid interpretation can indeed be achieved“; vgl. auch S. 163, 206. Vgl. ferner Hirsch 1976, S. 1, 12. 180 Hirsch 1967, S. viii. Vgl. auch Dilthey 1900, S. 317, 331, 333.

Methoden des Interpretierens und Prinzipien der Validierung | 241

7.5 Methoden des Interpretierens und Prinzipien der Validierung Der Ausdruck ‚Interpretation‘ ist bekanntlich systematisch mehrdeutig. So wird damit z. B. eine Handlung (das Interpretieren) bezeichnet, die ihrerseits aus vielen unterschiedlichen Teilhandlungen bestehen kann. Interpretieren ist etwas, was man tut, vor allem wenn man den Text nicht versteht, also wenn eine Textstelle oder auch der ganze Text ‚dunkel‘ ist. Zugleich bezeichnet der Ausdruck ‚Interpretation‘ das Ergebnis dieser Handlung, also den fertigen Text (das Buch, den Aufsatz) des Literaturwissenschaftlers. So intuitiv einleuchtend und theoretisch sinnvoll diese Unterscheidung auch ist,181 ändert sie nichts an der Tatsache, dass Literaturwissenschaftler meist an der Argumentation in ihren Publikationen gemessen werden. Während etwa in den experimentierenden Wissenschaften zwischen dem methodisch-kontrolliert durchgeführten Experiment im Labor (doing science) und der Darstellung der Ergebnisse im Protokoll (writing science) relativ klar unterschieden werden kann,182 liegt in den textinterpretierenden Wissenschaften erst recht nur das Endergebnis einer Handlung vor, die sich vielleicht aus dem Text rekonstruieren lässt, aber selbst nicht zu beobachten ist. Hier ist es außerdem unklar, welche Handlung überhaupt gemeint ist. Die Text-Kontext-Verknüpfung im Kopf? Das Lesen von Büchern? Der Gang ins Archiv, das Exzerpieren und das Abtippen von Notizen? Die Sprechakte im Text, die sich als Sprach-Handlungen beschreiben ließen? Diese Überlegungen haben insofern etwas mit Hirsch zu tun, als er sich, ganz im Sinne der auf Hans Reichenbach zurückgehenden Unterscheidung zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang, nicht für das Interpretieren als Handlung oder den Prozess des Verstehens interessiert, sondern nur für die rationale Rechtfertigung (in seiner Terminologie: die Validierung) des Verstandenen. Hirsch ist es also nicht um eine methodische Anleitung des Interpreten zu tun (Entdeckungszusammenhang), sondern vielmehr um ein Prinzip der Geltungsprüfung von Aussagen (Begründungszusammenhang):

|| 181 Zur Interpretations- und Handlungstheorie vgl. Lumer 1992; Dennerlein/Köppe/Werner 2008. 182 Vgl. zu dieser Unterscheidung Schikore 2008 (etwas problematisch ist dieser Aufsatz jedoch insofern, als die Unterscheidung zwischen Tun und Schreiben von einer Unterscheidung zwischen Tun und Behaupten gleichsam überlagert wird; vgl. S. 323). Zum Verhältnis zwischen den Teilpraktiken des Forschens und der Darstellung der Forschungsergebnisse vgl. Danneberg 1993; Krämer 2016.

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[F]rom the standpoint of interpretation as a discipline, the psychological process of understanding is neither a theoretical nor a practical problem. Everybody who thinks he understands an utterance certainly does understand some meaning or other. The appropriate subject for this discussion, therefore, is not how to understand but how to judge and criticize what one does understand. The problem is to decide whether one’s understanding is probably correct. This is ultimately the problem of validation […].183

So ist es nach Hirsch eben nicht wichtig, wie man auf eine Interpretationshypothese gekommen ist. Was zählt, ist lediglich, wie sich diese Hypothese rational begründen lässt: „The activity of interpretation can lay claim to intellectual respectability only if its results can lay claim to validity.“184 Dieser Fokus auf die Evaluation von Interpretationshypothesen statt auf die Methoden des Interpretierens ergibt sich für Hirsch unter anderem aus der Unmöglichkeit, die divinatorische, oftmals nur intuitiv verlaufende Interpretationshandlung in ein Regelkorsett zu zwängen.185 Außerdem lassen sich nach Hirsch vorab keine Regeln formulieren, die auf alle Texte einer Klasse, z. B. auf alle literarischen Texte, anwendbar wären, weil letztlich keine Klasse klar ab-

|| 183 Hirsch 1967, S. 133f. Vgl. auch S. 170: „The exigencies of validation should not be confused with the exigencies of understanding. […] The systematic side of interpretation begins where the process of understanding ends. Understanding achieves a construction of meaning; the job of validation is to evaluate the disparate constructions which understanding has brought forward. Validation is therefore the fundamental task of interpretation as a discipline, since wherever agreement already exists there is little practical need for validation.“ 184 Hirsch 1967, S. 164. 185 Hirsch 1967, S. x: „The divinatory moment is unmethodical, intuitive, sympathetic; it is an imaginative guess without which nothing can begin. The second, or critical, moment of interpretation submits the first moment to a ‚high intellectual standard‘ by testing it against all the relevant knowledge available. Thus, although the critical moment is dependent and secondary, it has the indispensable function of raising interpretive guesses to the level of knowledge. […] The only methods advocated in this book are those for weighing evidence.“ Vgl. auch S. 203f.: „The act of understanding is at first a genial (or a mistaken) guess, and there are no methods for making guesses, no rules for generating insights. The methodical activity of interpretation commences when we begin to test and criticize our guesses. These two sides of the interpretive process, the hypothetical and the critical, are not of course neatly separated when we are pondering a text, for we are constantly testing our guesses both large and small as we gradually build up a coherent structure of meaning. We want to be sure that we are getting the matter right, and we are constantly asking ourselves whether a guess is probable in the light of what we know about the text so far. But the fact that these two activities require and accompany one another in the process of understanding should not lead us to confuse the whimsical lawlessness of guessing with the ultimately methodical character of testing. Both processes are necessary in interpretation, but only one of them is governed by logical principles.“

Methoden des Interpretierens und Prinzipien der Validierung | 243

grenzbar sei.186 Daher spricht er sich für eine allgemeine Hermeneutik aus,187 und zwar zu Ungunsten einer bereichsspezifischen Hermeneutik, die sich mit einer Gruppe von mehr oder weniger ähnlichen Texten befasst. Um dem einzelnen Text gerecht zu werden, ist nach Hirsch kein Regelwerk nötig, nur einschlägiges Wissen: A lawyer usually interprets the law better than a literary critic not because he applies special canons of statutory construction but because he possesses a wider range of immediately relevant knowledge. […] The proper sphere of generalization is the domain of principles, not methods, and the determination of general principles is properly the concern of general hermeneutic theory.188

Wenn man Richard E. Palmer folgt, ist Validity in Interpretation „the first fulldress treatise in general hermeneutics written in English“.189 Hirsch schließt hier wohl vor allem an Betti an, der ebenfalls eine allgemeine Hermeneutik vorgelegt hatte. Was dabei den titelgebenden Validitätsbegriff betrifft, sei noch auf drei Aspekte hingewiesen: Erstens: Wie oben bereits erwähnt, ist Validität für Hirsch nicht dasselbe wie absolute Gewissheit: „Since genuine certainty in interpretation is impossible, the aim of the discipline must be to reach a consensus, on the basis of what is known, that correct understanding has probably been achieved.“190 In diesem Sinne betrachtet Hirsch eine Interpretationshypothese als „a probability judgment that is supported by evidence“.191 Entscheidend ist dabei, dass die Interpretationshypothese auf Grundlage aller verfügbaren Daten gebildet werden soll, also einerseits unter Berücksichtigung des Textes in seiner Gesamtheit,192 andererseits aber auch unter Berücksichtigung aller (relevanten) Kontextinformationen.193 Das Ziel des Interpreten ist Hirsch zufolge so ein ‚objekti-

|| 186 Vgl. Hirsch 1967, S. vii: „No matter how narrow the class becomes (law, civil law, criminal law; or poetry, epic poetry, lyric poetry) the borderlines between the groupings remain fuzzy.“ 187 Vgl. Hirsch 1967, S. viii; ferner Hirsch 1976, S. 17. 188 Hirsch 1967, S. vii, viii. 189 Palmer 1969, S. 60. Aufgegriffen von Meiland 1978, S. 23. Irrtümlicherweise lässt Hirsch selbst die Geschichte der hermeneutica generalis mit Schleiermacher und nicht im 17. Jahrhundert beginnen (vgl. Hirsch 1976, S. 17–20). Zur allgemeinen Hermeneutik im 17. und 18. Jahrhundert vgl. die Auswahlbibliographie von Bühler/Madonna 1996, S. XCII–XCVI. 190 Hirsch 1967, S. 17. Vgl. auch S. ix: „Certainty is not the same thing as validity, and knowledge of ambiguity is not necessarily ambiguous knowledge.“ 191 Hirsch 1967, S. 180. 192 Vgl. Hirsch 1960, S. 236. 193 Vgl. Hirsch 1967, S. 189–193, 197; ferner Hirsch 1965, S. 263f.

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ves‘ Wissen über relative Wahrscheinlichkeiten.194 Wie jede Hypothese sei aber eine Interpretationshypothese letztlich fallibel.195 Zweitens: Für den einzelnen Interpreten besteht die Hauptaufgabe darin, den intendierten Typ qua subsumierende Gattung möglichst genau zu spezifizieren: „In the course of making […] probability judgments, the interpreter’s chief concern is to narrow the class; that is to say, his chief concern is to find out as much as he can about his text and all matters related to it.“196 In diesem Sinne hieß es auch in phänomenologischer Terminologie in „Objective Interpretation“: „The aim of interpretation is to specify the horizon as far as possible.“197 Ganz in den Hintergrund tritt damit dasjenige, was im New Criticism und auch in der werkimmanenten Interpretation in Deutschland im Fokus stand, nämlich das Nach- und Aufweisen der ästhetischen Eigenschaften des Textes. So kann etwa Emil Staiger zufolge das Kontextwissen nur „bis zur Pforte des Dichterischen geleiten“, wobei „die eigentlich literaturwissenschaftliche Arbeit erst beginnt, wenn wir bereits in die Lage eines zeitgenössischen Lesers versetzt sind“.198 Hingegen geht es Hirsch hauptsächlich darum, den Text historisch zu kontextualisieren und vor diesem Hintergrund in Bezug auf die Bedeutungszuweisung die Grenzen des Zulässigen zu prüfen. Drittens: Auf disziplinärer Ebene, d. h. im Hinblick auf die Literaturwissenschaft als Sozial- und Wissenschaftssystem hat sich für Hirsch eine Interpretationshypothese nach dem ‚Popper-Prinzip‘ zu bewähren: „Since we can never prove a theory to be true simply by accumulating favorable evidence, the only certain method of choosing between two hypotheses is to prove that one of them is false.“199 Gemeint ist wohl nicht eine Falsifikation im strengen Sinne. Die Güte einer Interpretation soll aber nicht nur an dem Interpretandum, sondern auch an konkurrierenden Interpretationshypothesen gemessen werden. Damit wird Dissens zum dezidierten Motor des wissenschaftlichen Fortschritts, wobei es wiederum so etwas wie Fortschritt nur deshalb geben kann, weil eine gemeinsame Aufgabe besteht, nämlich die vom Autor intendierte Bedeutung zu eruieren.

|| 194 Vgl. Hirsch 1967, S. 172; vgl. auch S. 173. 195 Vgl. Hirsch 1967, S. 170. 196 Hirsch 1967, S. 198; vgl. auch S. 197. 197 Hirsch 1960, S. 222. 198 Staiger 1939, S. 12. 199 Hirsch 1967, S. 180; vgl. auch S. 169–172, 207; ferner Hirsch 1976, S. 151f.

Horizontverschmelzung. Mit Husserl gegen Gadamer | 245

7.6 Horizontverschmelzung. Mit Husserl gegen Gadamer Neben Emilio Betti gehört Hirsch zu den schärfsten Kritikern von Hans-Georg Gadamers philosophischer Hermeneutik.200 Die Kritik hat er vor allem in seiner erstmals 1965 erschienenen, nicht minder als 20 Seiten umfassenden Besprechung von Gadamers Wahrheit und Methode formuliert, die dann ebenfalls in Validity in Interpretation als Anhang aufgenommen wurde. Bemerkenswert an Hirschs Gadamer-Kritik ist nun, dass es sich hier um zwei konfligierende Ansätze handelt, die sich beide als phänomenologisch begründete Hermeneutiken verstehen.201 Auffällig ist außerdem folgende Konstellation: Indem Hirsch auf die Hermeneutik des 19. Jahrhunderts rekurriert, namentlich auf Schleiermacher, Boeckh und Dilthey, bringt er just jene ‚romantischen‘ Hermeneutiker ins Spiel, deren erkenntnistheoretische Prämissen Gadamer für naiv hält und durch Heideggers Phänomenologie überwunden sieht.202 Dabei versucht Hirsch selbst, eine Hermeneutik nach dem Vorbild Diltheys in Husserls Phänomenologie zu fundieren, wobei er an einer Stelle sogar Husserl gegen Gadamer ausspielt.203 Im Hinblick auf die fundamentalen Unterschiede zwischen den hermeneutischen Positionen Hirschs und Gadamers hat Christopher E. Arthur zu Recht bemerkt: „The difficulty in reconciling the views of Hirsch and Gadamer […] ultimately comes down to the presuppositions both men have about the meaning of knowledge and the workings of the human mind.“204 Synoptisch lässt sich sagen: Hirsch entwickelt eine philologische Hermeneutik im Rückgriff auf Husserl, Gadamer hingegen eine philosophische Hermeneutik im Rückgriff auf Heidegger. Auch wenn es in Gadamers Wahrheit und Methode erklärtermaßen um Verstehen und insbesondere um das Verstehen von Texten geht,205 stellt seine Hermeneutik bekanntlich keine „Methodenlehre der Geisteswissenschaften“ dar, sondern den „Versuch einer Verständigung über das, was die Geisteswissenschaften über ihr methodisches Selbstbewußtsein hinaus in Wahrheit sind und

|| 200 Streng genommen schießt Betti vor allem gegen Heidegger. Aufschlussreich sind aber Gadamers Reaktionen: Gadamer 1961, bes. S. 389, 392–395; Gadamer 1965, bes. S. 437f., 441; Gadamer 1972, bes. S. 453, 457 (hier mit Verweis auf Hirsch); Gadamer 1978. 201 Im Vorwort zur zweiten Auflage von Wahrheit und Methode schreibt Gadamer: „Das ist wahr, mein Buch steht methodisch auf phänomenologischem Boden“ (Gadamer 1965, S. 446). 202 Vgl. Gadamer 1960, S. 177–269, bes. S. 246–269. 203 Vgl. Hirsch 1965, S. 248: „It will not do to invoke Husserl as an ally on this point […].“ 204 Arthur 1976, S. 194. 205 Vgl. Gadamer 1960, S. 389, 394, 395.

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was sie mit dem Ganzen unserer Welterfahrung verbindet.“206 Das Verstehen fasst Gadamer im Sinne der Fundamentalontologie Martin Heideggers in Sein und Zeit als „die Seinsart des Daseins“,207 womit ihm die Hermeneutik zu einem „universale[n] Aspekt der Philosophie“ wird.208 Dessen ist sich Hirsch durchaus bewusst: […] I have adversely criticized H.-G. Gadamer’s treatise on interpretation because his conception cannot provide any satisfactory norm of validity. In making this objection I was perfectly aware that Gadamer was not much interested in the problem of validity, that he was concerned with quite another sort of problem, namely, how the historicity of understanding affects the conduct of interpretation.209

Die Kritik an Gadamer ist also nicht primär philosophisch motiviert. Vielmehr scheint Hirsch in Gadamers Hermeneutik ein Konkurrenzunternehmen gesehen zu haben. Mit Verweis auf die breite Wahrnehmung von Gadamers Ansatz, auch in den USA, bemerkt er: „Wahrheit und Methode has been welcomed […] as a philosophical justification for ‚vital and relevant‘ interpretations that are unencumbered by a concern for the author’s original intention.“210 Die Kritik an Gadamer, die ganz dem Standpunkt in „Objective Interpretation“ entspricht, bezieht sich also auf die Implikationen von Gadamers Ausführungen für die Literaturwissenschaft, nicht primär auf die Legitimität einer philosophischen Hermeneutik.211 Darüber hinaus will Hirsch aber auch auf einige „inner conflicts || 206 Gadamer 1960, S. 3. Hier heißt es auch: „Wenn wir das Verstehen zum Gegenstand unserer Besinnung machen, so ist das Ziel nicht eine Kunstlehre des Verstehens, wie sie die herkömmliche philologische und theologische Hermeneutik sein wollte.“ Vgl. auch S. 1: „Verstehen und Auslegen von Texten ist nicht nur ein Anliegen der Wissenschaft, sondern gehört offenbar zur menschlichen Welterfahrung insgesamt. Das hermeneutische Phänomen ist ursprünglich überhaupt kein Methodenproblem. Es geht in ihm nicht um eine Methode des Verstehens, durch die Texte einer wissenschaftlichen Erkenntnis so unterworfen werden, wie alle sonstigen Erfahrungsgegenstände. Es geht in ihm überhaupt nicht in erster Linie um den Aufbau einer gesicherten Erkenntnis, die dem Methodenideal der Wissenschaft genügt […].“ – Zu Gadamers Hermeneutik liegt eine Fülle von Untersuchungen vor. Wichtige Theoreme sind bündig zusammengefasst von Grondin 2001, S. 152–172; Limpinsel 2012, S. 149–153. 207 Gadamer 1960, S. 264. 208 Gadamer 1960, S. 479 (im Original kursiv gesetzt). Vgl. auch Gadamer 1965, S. 446: „Ich habe […] den Begriff ‚Hermeneutik‘, den der junge Heidegger gebrauchte, festgehalten […].“ 209 Hirsch 1967, S. 153. Weiter heißt es: „Therefore my criticism is extrinsic – particularly since I deny some of the basic assumptions on which his inquiry was conducted.“ 210 Hirsch 1965, S. 246. 211 Vgl. Hirsch 1965, S. 247: „[T]he new hermeneutics Gadamer offers to replace the tradition of Schleiermacher, Humboldt, Droysen, Boeckh, Steinthal, Dilthey, and Simmel may be more destructive in its implications than he had reckoned.“ Zu beachten ist allerdings, dass Gada-

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and inconsistencies“212 bei Gadamer aufmerksam machen. Dies betrifft vor allem den Horizontbegriff. Mit Emilio Betti unterscheidet Hirsch zwischen drei Auslegungstypen: (1) der philologischen oder historischen wiedererkennenden Auslegung „im Dienst der reinen Erkenntnis“;213 (2) der reproduktiven Auslegung, zu der etwa die Übersetzung eines Textes, aber auch eine dramatische oder musikalische Umsetzung gehört; (3) der aktualisierenden, etwa theologischen oder juristischen Auslegung.214 Wie bei Betti hat bei Hirsch die sogenannte wiedererkennende Interpretation eine Vorrangstellung. Sowohl die reproduktive als auch die aktualisierende Interpretation seien insofern sekundär, als hier das Verstehen „kein Selbstzweck ist, sondern das Mittel zu einem Zweck“.215 In beiden Fällen handelt es sich um Anwendungen, denen ein rein erkenntnismäßiges Verstehen logisch vorausgehe. Bei Gadamer verhält es sich nun genau umgekehrt: Er sieht in der Applikation (nach Hirsch: significance) das grundlegende Moment allen Verstehens und macht sich demensprechend zur Aufgabe, „die geisteswissenschaftliche Hermeneutik von der juristischen und theologischen her neu zu bestimmen“.216 Mit Verweis auf die pietistische Hermeneutik des 18. Jh. (Johann Jakob Rambach) unterscheidet Gadamer zwischen drei Momenten des Verstehensvorgangs: subtilitas intelligendi, subtilitas explicandi und subtilitas applicandi, gefasst (zu Recht oder Unrecht) als Verstehen, Auslegen und Applikation.217 In zwei Schritten führt Gadamer sodann die drei subtilitates auf die Applikation zurück. Im ersten Schritt lässt er das Verstehen und Auslegen zusammenfallen: „Auslegung ist nicht ein zum Verstehen nachträglich und gelegentlich hinzukommender Akt, sondern Verstehen ist immer Auslegung, und Auslegung ist daher die explizite Form des Verstehens.“218 Anders ausgedrückt: „Die Voll-

|| mer durchaus auch nach den „Konsequenzen“ fragt, „die Heideggers grundsätzliche Ableitung der Zirkelstruktur des Verstehens aus der Zeitlichkeit des Daseins für die geisteswissenschaftliche Hermeneutik hat“ (Gadamer 1960, S. 270). 212 Hirsch 1965, S. 247. 213 Betti 1955, S. 255. 214 Zu Betti siehe Kap. 3 dieser Arbeit. Vgl. auch Hirsch 1967, S. 24, Anm., 121. 215 Betti 1954, S. 64. 216 Gadamer 1960, S. 316 (im Original in Kursiv); vgl. auch S. 333. 217 Vgl. Gadamer 1960, S. 312. Vgl. dazu Danneberg 2006, S. 203–207. 218 Gadamer 1960, S. 312; vgl. auch S. 188, 403. Dazu auch Hirsch 1965, S. 253: „With [a] highly insubstantial argument Gadamer has set out to topple one of the firmest distinctions in the history of hermeneutic theory, that between the subtilitas intelligendi and the subtilitas explicandi – the art of understanding a text and the art of making it understood by others.“

248 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

zugsweise des Verstehens ist die Auslegung.“219 In einem zweiten Schritt lässt Gadamer weiter das Verstehen und Auslegen auf der einen Seite mit der Applikation auf der anderen zusammenfallen. Entscheidend ist hierbei die Standortgebundenheit des Interpreten, die Gadamer zufolge nicht wegzudenken, geschweige denn aufzuheben ist.220 Anders als in den Naturwissenschaften sei in den historischen Geisteswissenschaften ein „unmittelbares Zugehen“ auf den Untersuchungsgegenstand ausgeschlossen;221 vielmehr konstituiere sich dieser Gegenstand erst durch das Erkenntnisinteresse des Forschenden,222 dessen Zugriff auf den Gegenstand so vom Gegenstand selbst nicht mehr abzulösen sei. In diesem Sinne betont Gadamer im Vorwort zur zweiten Auflage von Wahrheit und Methode, dass das Verstehen „zum Sein dessen gehört, was verstanden wird“.223 Im Anschluss an Martin Heidegger geht er davon aus, dass jeder Akt des Verstehens von einem historisch bedingten Vorverständnis geleitet ist, das unter keinen Umständen eliminiert werden kann. In diesem Sinne ist das bekannte Diktum gemeint, „daß man anders versteht, wenn man überhaupt versteht“.224 Damit soll freilich nicht einer subjektiven Projektionswillkür Tür und Tor geöffnet sein.225 Vielmehr geht es Gadamer um einen strukturellen Anteil der Applikation an jedem Akt des Verstehens: „Einen Text verstehen, heißt immer schon, ihn auf uns selbst anwenden.“226 Indem der Untersuchungsgegenstand in den historischen Geisteswissenschaften nicht unmittelbar gegeben und das Verstehen stets von einem historisch bedingten Vorverständnis geleitet sein soll, gewinnt die Wirkungsgeschichte bei Gadamer einen besonderen Stellenwert: Das Verstehen sei „niemals ein subjektives Verhalten zu einem gegebenen ‚Gegenstande‘“, sondern zu dessen „Wirkungsgeschichte“.227 Gemeint ist damit vor allem, dass der Interpret

|| 219 Gadamer 1960, S. 392 (im Original kursiv). 220 Vgl. Gadamer 1960, S. 304f.: „Die Naivität des sogenannten Historismus besteht darin, daß er […] im Vertrauen auf die Methodik seines Verfahrens seine eigene Geschichtlichkeit vergißt. […] Ein wirklich historisches Denken muß die eigene Geschichtlichkeit mitdenken.“ 221 Gadamer 1960, S. 332. 222 Vgl. Gadamer 1960, S. 289: „Bei den Geisteswissenschaften ist […] das Forschungsinteresse, das sich der Überlieferung zuwendet, durch die jeweilige Gegenwart und ihre Interessen in besonderer Weise motiviert. Erst durch die Motivation der Fragestellung konstituiert sich überhaupt Thema und Gegenstand der Forschung.“ 223 Gadamer 1965, S. 441. 224 Gadamer 1960, S. 302. 225 Vgl. Gadamer 1960, S. 338; ferner S. 273f. 226 Gadamer 1960, S. 401; vgl. auch S. 301, 329, 345, 346; ferner Gadamer 1965, S. 442. Das Lesen bzw. Verstehen ist für Gadamer im Kern immer eine Applikation. 227 Gadamer 1965, S. 441.

Horizontverschmelzung. Mit Husserl gegen Gadamer | 249

nie völlig unvoreingenommen einem historischen Sachverhalt gegenübertreten kann. In der Auseinandersetzung mit dem Überlieferten ist nach Gadamer vielmehr das Vorverständnis des Interpreten von vornherein von der Wirkungsgeschichte geprägt, womit sie eine hermeneutisch produktive Dimension gewinnt.228 Wie die Applikation wird so für Gadamer die Wirkungsgeschichte zu einem „allgemeine[n] Strukturmoment des Verstehens“,229 was wiederum zur Konsequenz hat, dass die „Ausschöpfung des wahren Sinnes […], der in einem Text oder in einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist“, zu einem „unendliche[n] Prozeß“ wird.230 Diese Idee hat sich bekanntlich auch Hans Robert Jauß im Rahmen seiner Rezeptionsästhetik zu Eigen gemacht.231 In gewisser Weise wäre man damit wieder bei Wellek und der Metpaher vom ‚Leben‘ des Werks.

|| 228 Vgl. Gadamer 1960, bes. S. 287, 298, 301f., 305f. 229 Gadamer 1965, S. 443. Einige Zeilen darauf heißt es: „Die These meines Buches ist nun, daß das wirkungsgeschichtliche Moment in allem Verstehen von Überlieferung wirksam ist und wirksam bleibt, auch wo die Methodik der modernen historischen Wissenschaften Platz gegriffen hat und das geschichtlich Gewordene, geschichtlich Überlieferte zum ‚Objekt‘ macht […].“ 230 Gadamer 1960, S. 303. 231 Jauß stellt aber gewissermaßen Gadamers Ansatz auf dem Kopf. Auch er geht von einer „produktive[n] Funktion des fortschreitenden Verstehens“ aus (Jauß 1970, S. 189), doch anders als bei Gadamer wird die Gesamtbedeutung bei Jauß nicht in einem unendlichen Annäherungsprozess gewonnen, sondern vielmehr in einem unendlichen Entfaltungsprozess (vgl. hierzu Kablitz 2013, S. 97–106). Explizit spricht er von einer „sukzessive[n] Entfaltung eines im Werk angelegten, in seinen historischen Rezeptionsstufen aktualisierten Sinnpotentials […]“ (Jauß 1970, S. 186). Wie Kablitz konzise zeigt, lässt sich diese Sichtweise auf zwei Grundannahmen zurückführen: Zum einen legt Jauß zugrunde, dass ein literarisches Werk einer unendlichen Auslegung fähig ist, womit es zum anderen gerade die Geschichte braucht, „um ein entgrenztes Sinnpotential […] zur Wirkung kommen zu lassen“ (Kablitz 2013, S. 103). In diesem Sinne erscheint bei Jauß die Wirkungsgeschichte gleichsam als „Existenzform des literarischen Werkes selbst“ (Kablitz 2013, S. 103). Hinsichtlich der schon oft bemerkten interpretationstheoretischen Probleme, die die Ansätze von Gadamer und Jauß mit sich bringen, weist Rainer Warning zu Recht darauf hin, dass die Normativität des Interpretierens sowohl bei Gadamer als auch bei Jauß sich letztlich in Geschichtlichkeit auflöst (vgl. Warning 2003, S. 65). Jauß hat dieses Problem sehr wohl gesehen und mit dem Begriff des Erwartungshorizonts zu lösen versucht, den er selbst als das „methodologische[] Kernstück“ (Jauß 1970, S. 9) seines Ansatzes bezeichnet. Zu Jauß und zu diesem Begriff vgl. auch die Beobachtungen von Pasternack 1975, S. 142; Anz 1976; Wünsch 1984, S. 904f.; Hempfer 1983, S. 9. Vgl. ferner Jauß 1975, S. 337; Jauß 1982, S. 657–671.

250 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Was Gadamer übersehen hat, ist Hirsch zufolge die Unterscheidung zwischen meaning und significance.232 Davon kann allerdings nicht die Rede sein.233 Vielmehr ist es gerade die Pointe an Gadamers Ansatz, dass es die Unterscheidung in dieser Form nicht geben könne. Den beiden Ansätzen liegen schlicht inkommensurable Basisannahmen zugrunde. Mit Blick auf das Verstehen von Kunstwerken und somit auch von literarischen Texten geht Gadamer von einer grundsätzlichen Nichtunterscheidbarkeit zwischen Vermittlung und dem Werk selbst aus.234 Jede Wiederholung ist Gadamer zufolge dem Werk gegenüber gleich ursprünglich,235 wobei sich das ursprüngliche Werk selbst nicht wiederherstellen lässt.236 Was Hirsch betrifft, so bestreitet er keineswegs, dass der Interpret an seinen geschichtlichen Standort gebunden ist oder dass die Bedeutsamkeit wandelbar ist. Er meint aber mit Husserl begründet zu haben, dass die Bedeutung reproduzierbar und intersubjektiv zugänglich ist. Für Hirsch ist Gadamers Ansatz nicht zuletzt deshalb unplausibel, weil er zutiefst skeptizistische Implikationen berge, nämlich dass ‚echte‘ Verständigung durch Texte nicht möglich sei.237 Bei Hirsch und Gadamer zeigen sich die divergierenden Grundannahmen auch im Hinblick auf den Horizontbegriff. Wenn Gadamer vom Horizont spricht, hat er nicht in erster Linie die Abschattungslehre vor Augen, auch wenn er explizit auf Husserl Bezug nimmt.238 Der Begriff bezieht sich vielmehr auf jene Standortgebundenheit des Verstehenden bzw. auf den Horizont des Autors: Alle endliche Gegenwart hat ihre Schranken. Wir bestimmen den Begriff der [scil. hermeneutischen] Situation eben dadurch, daß sie einen Standort darstellt, der die Möglichkeiten des Sehens beschränkt. Zum Begriff der Situation gehört daher wesenhaft der Begriff des Horizontes. Horizont ist der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist.239

|| 232 Vgl. Hirsch 1965, S. 255. 233 Vgl. Köppe 2012, S. 125, Anm. Christopher E. Arthur zufolge ist Hirschs Angriff auf Gadamer „not well founded“ (Arthur 1976, S. 195). David Weberman hat ausgehend von Gadamers Hermeneutik dafür argumentiert, dass eine Trennung von meaning und significance grundsätzlich nicht möglich sei; vgl. Weberman 2000, bes. S. 58, 61. 234 Vgl. Gadamer 1960, S. 125. An dieser Stelle geht es streng genommen um die Aufführung von Kunstwerken, nicht spezifisch um das Verstehen von Texten. Die Pointe bleibt aber überall gleich, da Gadamer sein Verstehensbegriff am Beispiel der Kunst entwickelt. 235 Vgl. Gadamer 1960, S. 127. 236 Vgl. Gadamer 1960, S. 172, 396. 237 Vgl. Hirsch 1965, S. 256f. 238 Vgl. Gadamer 1960, S. 250. 239 Gadamer 1960, S. 307.

Horizontverschmelzung. Mit Husserl gegen Gadamer | 251

Wie Hirsch metaphorisch vom Horizont des Autors (statt des intentionalen Gegenstandes) gesprochen hatte, verwendet Gadamer den Begriff eher umgangssprachlich. Wichtig ist dabei, dass der Horizont, verstanden als die Gesamtheit dessen, was ein Subjekt ‚überblickt‘, nach Gadamer mit der sich ständig in Bewegung befindlichen Gegenwart mitwandert. „Die Aufgabe des historischen Verstehens“, schreibt er in diesem Zusammenhang, „schließt die Forderung ein, jeweils den historischen Horizont zu gewinnen, damit sich das, was man verstehen will, in seinen wahren Maßen darstellt.“240 Damit verbinden sich aber für Gadamer zwei Probleme: Einerseits sei streng genommen die Bildung eines historischen Horizonts aufgrund der Standortgebundenheit eines jeden Subjekts nicht möglich; andererseits sei in der jeweiligen Gegenwart die Horizontbildung immer im Werden, und zwar nicht zuletzt durch eine immer neue Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Daher gibt es für Gadamer „so wenig einen Gegenwartshorizont für sich, wie es historische Horizonte gibt, die man zu gewinnen hätte. Vielmehr ist Verstehen immer der Vorgang der Verschmelzung solcher vermeintlich für sich seiender Horizonte.“241 Als Interpret kann man nach Gadamer somit nur einen historischen Horizont nach bestem Wissen und Gewissen entwerfen, um ihn dann in möglichst kontrollierter Weise mit dem eigenen Horizont verschmelzen zu lassen.242 In der Horizontverschmelzung, sofern er kontrolliert vollzogen wird, drückt sich so für Gadamer ein angemessenes historisches Verständnis aus, nicht aber in dem Versuch, dasjenige zu eruieren, was Hirsch Bedeutung (meaning) nennt. Die Inkonsistenz, die Hirsch Gadamer nachweisen will, setzt im Grunde genommen die Unterscheidung zwischen meaning und significance schon voraus. In seiner Besprechung von Wahrheit und Methode merkt er an: „How can an interpreter fuse two perspectives – his own and that of the text – unless he has somehow appropriated the original perspective and amalgamated it with his own? How can a fusion take place unless the things to be fused are made actual, which is to say, unless the original sense of the text has been understood?“243 Dieser Einwand ist zwar schlagend, berücksichtigt aber nicht (sofern man Gadamer nach Maßgabe seiner eigenen Prämissen beurteilen will), dass die Horizonte nur vermeintlich für sich bestünden. Was man von Gadamers philosophischer Hermeneutik im Allgemeinen, von seinem Wissenschaftsverständnis und Wahrheitsbegriff, von seiner Aversion gegen Methodologie, von seiner

|| 240 Gadamer 1960, S. 308. 241 Gadamer 1960, S. 311. 242 Vgl. Gadamer 1960, S. 311f. Vgl. auch S. 380. 243 Hirsch 1965, S. 254.

252 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Inthronisierung traditionsbasierter Autoritätsansprüche etc. auch halten mag: In diesem Punkt ist sein Ansatz keineswegs inkonsistent. Festhalten lässt sich so vor allem, dass die Ansätze von Hirsch und Gadamer auf inkommensurablen Vorannahmen fußen und unterschiedliche Ziele verfolgen. Geht es Gadamer als Philosoph um die Struktur des faktischen Verstehens und sogar, im Sinne Heideggers, um das Verstehen als „de[n] ursprüngliche[n] Seinscharakter des menschlichen Lebens selber“,244 so ist es Hirsch um die Normen des Interpretierens und die rationale Rechtfertigung des Verstandenen in einem spezifisch literaturwissenschaftlichen Kontext zu tun (wobei die normative Basis des wissenschaftlichen Interpretierens bei Gadamer in der Tat verloren geht). Dabei greifen sie auf zwei verschiedene Versionen der Phänomenologie zurück, womit auch deutlich wird, dass Phänomenologie nicht gleich Phänomenologie sein muss: „Hirsch accuses Gadamer of disregarding the author’s intention; Gadamer accuses Aristotelians like Hirsch of falsely denying the existence of presuppositions […] about a literary work in their own minds. The debate repeats elements of an earlier debate between fellow phenomenologists, Husserl and Heidegger.“245

7.7 Späte Annäherung an Gadamer. Vom Umgang mit Bezugstheorien Bereits in „Objective Interpretation“ hatte Hirsch hervorgehoben, dass der phänomenologische Intentionalitätsbegriff eine Historisierung der Bedeutung zur Folge hat. Er fasst hier die Bedeutung eines Textes mit Husserl als einen intentionalen Gegenstand, als das Korrelat eines bedeutungsverleihenden Bewusstseinsaktes, den ein Subjekt (der Autor) notwendigerweise zu einem bestimmten Zeitpunkt vollzieht: „Husserl’s view is […] essentially historical, for even though

|| 244 Gadamer 1960, S. 264. 245 Vgl. Arthur 1976, S. 192. Jenseits der von Hirsch geäußerten Kritik an Gadamer lässt sich noch die Frage stellen, inwieweit eine spezifisch philologische Hermeneutik von der philosophischen Hermeneutik eines Heidegger oder Gadamer tangiert ist. Dies hängt wohl im Wesentlichen von den weiteren Vorannahmen des Interpretationstheoretikers ab. Durch entsprechende Zusatzannahmen – z. B. dass man nur etwas Vergangenes verstehen kann, wenn man die Gegenwart tatsächlich verlässt; dass man nur eine andere Person verstehen kann, wenn man diese Person ist (vgl. die Diskussion von Spoerhase 2007a, S. 187–189) – lässt sich Gadamers philosophische Hermeneutik ohne Probleme in eine skeptizistische Position verwandeln. Umgekehrt lässt sich aber gerade aus der Standortgebundenheit des Interpreten auch die Notwendigkeit eines methodisch-kontrollierten Umgangs mit Texten ableiten.

Späte Annäherung an Gadamer. Vom Umgang mit Bezugstheorien | 253

he insists that verbal meaning is unchanging, he also insists that any particular verbal utterance, written or spoken, is historically determined. That is to say, the meaning is determined once and for all by the character of the speaker’s intention.“246 Auch später wird Hirsch daran festhalten, dass eine phänomenologische Bedeutungstheorie die Unterscheidung zwischen einer historisch fixierten Bedeutung und einer wandelbaren Bedeutsamkeit notwendigerweise nach sich zieht: „If one accepts Husserl’s view that meaning is an intentional object, then the distinction between meaning and significance becomes inevitable.“247 Zugleich ist er aber nach und nach zu der Überzeugung gekommen, dass eine strikte Beschränkung auf die historisch verankerte Textbedeutung zu restriktiv sei. Dieser Bedeutungsbegriff sei nämlich unvereinbar mit Intentionen, die auf die Zukunft gerichtet sind. In vielen Texten, etwa in Gesetzestexten oder auch in literarischen Texten,248 sei aber ein Angepasstwerden an künftige Verhältnisse intendiert (Hirsch bedient sich hier des theologischen Ausdrucks aggiornamento),249 auch wenn der Autor die Zukunft selbst natürlich nicht kennen kann. Im Großen und Ganzen will Hirsch seine Leitunterscheidung zwischen meaning und significance beibehalten,250 aber gleichzeitig auf folgende Frage hin revidieren: „[H]ow can meaning be historically constrained by an author’s original intention, yet not be limited to the contents of that original intention?“251 Die Antwort auf diese Frage besteht für Hirsch in einer ‚verantwortlichen‘ Interpretationsweise, die sich letztlich wenig von dem unterscheidet, was Wellek als „a proper historical sense“ bezeichnet hatte:252 „Interpreters sometimes need to imagine what a text from the past would mean if it were being reauthored in the present. If they could not conceive such a possibility, they could not conduct responsible interpretations of texts. By ‚responsible‘ interpretations I mean ones that remain true both to the spirit of older texts, and to the realities of the present time as well.“253 Auf die Probleme, die in einer solchen ‚Verant-

|| 246 Hirsch 1960, S. 219. 247 Hirsch 1984a, S. 204. 248 Vgl. Hirsch 1984a, S. 209: „Literature is typically an instrument designed for broad and continuing future application.“ 249 Vgl. Hirsch 1983a, S. 97f. 250 Vgl. Hirsch 1984a, S. 204. 251 Hirsch 1983a, S. 82. 252 Zu Wellek siehe Kap. 6 dieser Arbeit. 253 Hirsch 1988, S. 55. Vgl. auch S. 61: „A responsible interpreter (a) tries to understand the original meaning; (b) tries to accommodate that meaning to present circumstances; (c) tries to

254 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

wortlichkeit‘ stecken, wurde in der Forschung bereits hingewiesen (weshalb die Argumente hier nicht ausführlich wiederholt werden müssen): Da Hirsch letztlich keine verlässlichen Kriterien angibt, anhand derer sich beurteilen ließe, ob eine Akkommodation im Sinne des Autors wäre oder nicht, verliert der Bedeutungsbegriff die Funktion, die ihm ursprünglich zugedacht war, nämlich zulässige von unzulässigen Bedeutungszuschreibungen unterscheidbar zu machen.254 Präzisierend lässt sich noch zweierlei hinzufügen: Zum einen ist die Revision des Bedeutungsbegriffs bei Hirsch in theoretischer Hinsicht äußerst fragwürdig. Damit die bedeutungsbestimmende Intention des Autors auch auf die Zukunft gerichtet sein kann, sieht sich Hirsch – nicht ohne mit sich selbst in Widerspruch zu geraten – dazu gezwungen, den phänomenologischen Intentionalitätsbegriff zu verabschieden.255 Dies ist zwar folgerichtig: Was der Autor nicht kennen kann, weil es in der Zukunft liegt, kann auch unter keinen Umständen zum intentionalen Gehalt seiner Bewusstseinsakte werden, d. h. in voller qualitativer Bestimmtheit. Der Autor intendiert eben, was er intendiert, und nicht, was er in der Zukunft womöglich hätte intendieren können. So versteht Hirsch unter einer zukunftsorientierten Intention nun tatsächlich eine Absicht (purpose), d. h. einen Plan im herkömmlichen Sinne des Wortes,256 die sich aber nicht mehr auf die Bedeutung des Textes bezieht, sondern auf den Wunsch, künftig verstanden zu werden. Indem er den Intentionalitätsbegriff verabschiedet, wird der Unterscheidung zwischen meaning und significance, für die Hirsch weiterhin Geltung beansprucht, ihre erkenntnistheoretische Grundlage entzogen. Dies scheint Hirsch nicht als Problem erkannt zu haben, was insofern etwas verwundert, als er einst mit viel argumentativem Aufwand zu zeigen versucht hatte, dass die Textbedeutung just aufgrund der Intentionalität des Bewusstseins reproduzierbar ist.257 Zudem vermengt er, wie || distinguish between an accommodation that remains true to the spirit of the original and one that does not.“ 254 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 116–123, bes. S. 122. Die Probleme wurden auch klar gesehen von Battersby/Phelan 1986, bes. S. 611; Leddy 1986. 255 Vgl. Hirsch 1983a, bes. S. 87. An anderer Stelle behauptet Hirsch aber, dass er nach wie vor Husserls Intentionalitätsbegriff zugrunde legt (vgl. Hirsch 1986, S. 629). Henry Staten weist darauf hin, dass Hirschs Aufsätze aus den achtziger Jahren eine Re-Lektüre seiner frühen Schriften gleichsam erzwingt (vgl. Staten 1989, S. 35f.). Auf diesem Wege macht Staten rückblickend auf einige Probleme in „Objective Interpretation“ und Validity in Interpretation aufmerksam. 256 Vgl. Hirsch 1984a, S. 206: „A future-directed intention is an explicit plan with areas of inexplicitness.“ 257 Hirsch bezieht sich nun auf Saul Kripke und Hilary Putnam statt auf Husserl, allerdings in einer nicht ganz unproblematischen Art und Weise. Vgl. dazu Spikes 1990; Freundlieb 1991.

Späte Annäherung an Gadamer. Vom Umgang mit Bezugstheorien | 255

angedeutet, zwei Verwendungsweisen des Ausdrucks ‚Intention‘, wobei er gleichsam vergessen zu haben scheint, dass nicht jede Form von Intention als gleich relevant für die Interpretation eines Textes gelten kann. Die (nichtlinguistische, kommunikative) Absicht, künftig verstanden zu werden, wenn auch in einer noch unbestimmten Weise, ist nicht identisch mit demjenigen ‚Teil‘ der Autorintention, die die Bedeutung eines Textes festlegt.258 Bei Hirsch werden aber diese beiden Aspekte im Hinblick auf die zukunftsorientierte Intention verschränkt.259 Grenzfälle, wie etwa die prophetische Rede in der theologischen Hermeneutik, vermögen seinen neuen Bedeutungsbegriff für die philologische Hermeneutik wohl kaum zu retten. Zum anderen findet durch die Zukunftsoffenheit des neuen Bedeutungsbegriffs eine eigentümliche Annäherung an Gadamer statt. Eigentümlich ist diese Annäherung vor allem im Angesicht der Schärfe, mit der Hirsch Wahrheit und Methode kritisiert hatte. Entgegen seiner früheren Position ist Hirsch nun der Ansicht: „It is the nature of textual meaning to embrace many different future

|| 258 Der Ausdruck ‚kommunikative Absicht‘ wird hier verwendet im Sinne von Bühler 1993, S. 513. Grundsätzlich besteht Konsens darüber, dass man zwischen verschiedenen Arten der Intention unterscheiden kann. Kindt/Köppe 2010, S. 216 unterscheiden (mit Verweis auf Jerrold Levinson und John Searle) zwischen „‚categorical‘ intentions (which determine whether a text is meant to be read as a literary work of art, or, for instance, as a manual or textbook); ‚semantic‘ intentions (an intention to mean something by making use of a particular string of words); and ‚non-lingusitic‘ intentions (which aim at determining further ‚perlocutionary effects‘ of a linguistic action)“. Zu der Unterscheidung zwischen ‚kategorialer‘ und ‚semantischer‘ Intention und ihrer Bedeutung für den hypothetischen Intentionalismus vgl. Levinson 1992, bes. S. 222; direkt dazu Petraschka 2013. Zum Intentionsbegriff vgl. außerdem Hermerén 1975. 259 Bereits in The Aims of Interpretation zeichnet sich mit Blick auf den Bedeutungsbegriff eine Verschiebung ab. In der Einleitung schreibt Hirsch: „Before I outline the general argument of the essays that are to follow, it may be useful to some readers if I give an account of the relations between the present book and my previous one on the same general subject, Validity in Interpretation […]. One purpose of this book is to amplify important subjects that were dealt with only briefly in the earlier one. […] [T]hese essays do not, in any respect that I am aware of, represent substantive revisions of the earlier argument“ (Hirsch 1976, S. 6f.). Diese Einschätzung entspricht allerdings nicht ganz den Tatsachen. Vgl. S. 79: „When I first proposed this distinction [scil. between meaning and significance] my motivation was far from neutral; I equated meaning simply with original meaning, and I wished to point up the integrity and permanence of original meaning. This earlier discussion I now regard as being only a special application of a conception that is in principle universal. For the distinction between meaning and significance (and the clarifications it provides) are not limited to instances where meaning is equated with the author’s original meaning; it holds as well for any and all instances of ‚anachronistic meaning‘.“ Vgl. hierzu Spoerhase 2007a, S. 122; außerdem Leschert 1992, S. 184; Cain 1977, S. 339–341.

256 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

fulfillments without thereby being changed.“260 Hatte er in seinen früheren Schriften Applikation mit significance identifiziert, so verortet er nun die Applikation gleichsam zwischen meaning und significance,261 wobei er in einigen, aber nicht in allen Fällen die Applikation der ‚eigentlichen‘ Textbedeutung (meaning) zuschlägt: „[C]ertain present applications of a text may belong to its meaning rather than to its significance.“262 Auch wenn Hirsch nach wie vor nicht gutheißen will, dass die Applikation strukturell in jedem Akt des Verstehens steckt, geht er nun mit affirmativem Verweis auf Gadamer davon aus, dass der Bedeutungsbegriff eine Applikation nicht ausschließt. Von der Kehrtwendung legen Stellen wie die folgende Zeugnis ab: „[…] I am now very much in agreement with Gadamer’s idea that application can be part of meaning.“263 Wie Hirsch auch selbst angemerkt hat, ist die späte Revision des Bedeutungsbegriffs im Grunde genommen als ein neuer Theorieentwurf zu bewerten.264 Dieser neue Ansatz löst dabei freilich nicht die Probleme, mit denen der alte behaftet war; vielmehr kommen hier neue, noch schwerwiegendere hinzu. Völlig zu Recht haben James L. Battersby und James Phelan bemerkt: „[T]he principles underlying the new theory may unwittingly commit him [scil. Hirsch] to giving up that part of the old theory he most wants to maintain, that is, that meanings can be fixed securely enough to persist through time.“265 An Hirschs später Revision des Bedeutungsbegriffs wird wieder einmal deutlich, welchen zentralen Stellenwert Husserl in seinem (ursprünglichen) Ansatz hat. Wo in der Forschung bislang ausführlicher auf die Rezeption der Phänomenologie bei Hirsch eingegangen wurde, geschah dies meist mit dem Ziel, Fehldeutungen von Husserls Philosophie nachzuweisen,266 nicht selten aus

|| 260 Hirsch 1984a, S. 210. 261 Vgl. Hirsch 1984a, S. 215: „My present account has […] split the realm of application between meaning and significance.“ 262 Hirsch 1984a, S. 210. Vgl. dazu auch S. 214: „In my account, the identity of meaning in different applications is preserved only when the application is an instance subsumed by the original intention-concept.“ 263 Hirsch 1984a, S. 212. Vgl. auch S. 214: „The chief divergence is that Gadamer argues for the necessity of differentness of meaning, and I for the possibility of sameness of meaning, in different applications of a text.“ Vgl. außerdem Hirsch 1994, S. 552: „Despite my criticisms of much in Gadamer’s account of hermeneutics, I have come to believe that he was deeply right to argue, against Boeckh and Schleiermacher, that the application of a text is a legitimate part of its meaning.“ 264 Vgl. Hirsch 1984a, S. 223. 265 Battersby/Phelan 1986, S. 605; vgl. auch Leddy 1986, bes. S. 625; Weinsheimer 1985. 266 Vgl. Staten 1989, S. 28f., 35–37; Carlton 1984, S. ii–vii, 1–77; Magliola 1977, S. 97–106.

Späte Annäherung an Gadamer. Vom Umgang mit Bezugstheorien | 257

einer Vorliebe für Gadamers philosophischer Hermeneutik heraus.267 Die eigentlich interessante Frage ist aber wohl eher, welche Konsequenzen es für Hirschs Interpretationstheorie hat, wenn man ihm solche Fehldeutungen nachweisen kann. Aufschlussreich ist hier eine Gegenüberstellung mit Roman Ingarden einerseits und Emil Staiger andererseits. Ingarden und Hirsch greifen beide auf Husserl zurück, auf dessen Intentionalitätsbegriff sowie – wenn auch in unterschiedlicher Art und Weise – auf dessen Bedeutungstheorie. Außerdem spalten beide das Werk bzw. die Textbedeutung in einen stabilen und einen variablen Teil auf (Werk vs. Konkretisation, meaning vs. significance), allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass bei Ingarden das Werk ein schematisches Gebilde und somit unterbestimmt ist, während Hirsch großen Wert darauf legt, dass die Textbedeutung determiniert und eben deshalb reproduzierbar ist. In einem nicht allzu streng zu nehmenden Sinne könnte man sagen, dass das Werk im Sinne Ingardens als Textbedeutung bei Hirsch wiederkehrt.268 Ferner gehen sowohl Ingarden als auch Hirsch davon aus, dass die Bedeutung stets dem Text zugewiesen wird, entweder vom Autor selbst oder auch vom Leser, woraus sich im Grunde genommen dieselbe hermeneutische Konstellation ergibt. Zugleich kommt aber die Bezugstheorie – Husserls Phänomenologie – in ganz unterschiedlicher Weise zur Geltung. So versucht Ingarden mit seiner Literaturtheorie die Bezugstheorie zu modifizieren. Er will in erster Linie mit der Phänomenologie anhand der Literatur auf eine ontologische Pointe hinaus, um dann bestimmte Aspekte von Husserls Philosophie zu kritisieren. Das ist bei Hirsch ganz anders: Er greift gezielt auf Husserl zurück, um ein vorgefundenes interpretationstheoretisches Problem zu lösen. Dabei wird Husserls Philosophie gewissermaßen als ‚wahr‘ vorausgesetzt und erkentnistheoretisch implementiert. (Rückwirkungen auf die Bezugstheorie gibt es dabei nicht und es soll auch keine geben.) Gerade deshalb gerät Hirschs gesamtes Theoriegebäude ins Wanken, sobald er die phänomenologischen Grundlagen verwirft. Wiederum anders verhält sich die Bezugnahme auf die Phänomenologie bei Staiger. Er greift auf Heideggers Weltbegriff zurück, aber ohne Heideggers Philosophie mitsamt ihren spezifischen Vorannahmen tatsächlich vorauszusetzen. Vielmehr handelt es sich mit Blick auf den Welt-

|| 267 Vgl. Tatar 1998, bes. S. 3–24; Madison 1978, bes. S. 402–405; in anderer Weise auch Weberman 2000; Palmer 1969, S. 60–65. William Irwin argumentiert hingegen mit Hirsch gegen Gadamer; vgl. Irwin 1999, Kap. 4. 268 Dies bemerkt auch Ray 1984, S. 90: „[H]e [scil. Hirsch] reiterates Ingarden’s tactic by splitting meaning into two consecutive phases and distinct types of knowledge.“ Vgl. außerdem Knauth 1981, S. 33, Anm.

258 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

und Stilbegriff um eine Analogie, um eine punktuelle Ähnlichkeitsrelation zwischen dem Stil des Kunstwerks und der Welt im Sinne Heideggers, die keine Begründungsfunktion im eigentlichen Sinne übernimmt. Dass die Übernahme von bestimmten Begriffen (oder auch Metaphern) nicht notwendigerweise eine Implementierung der entsprechenden Vorannahmen beinhaltet, ist auch am phänomenologischen Horizontbegriff besonders deutlich zu sehen. Die Vorstellung, dass etwas streng genommen nicht gegeben, aber trotzdem mitgegeben und somit phänomenal vorhanden ist, hat auf die Ästhetik und Literaturtheorie eine große Faszinationskraft ausgeübt.269 Husserls Abschattungslehre, die auch in seinen Konstitutionsanalysen eine herausragende Rolle spielt,270 ist wohl deshalb so intensiv rezipiert worden, weil sie intuitiv einleuchtet. Nicht unproblematisch ist es allerdings, dieses Prinzip der visuellen Dingwahrnehmung auf einen Text, d. h. auf sprachliche Zeichen und deren Bedeutung zu übertragen. Denn was hier mitgegeben sein soll, ist keineswegs klar, zumindest nicht in derselben Art und Weise wie beim Sehen eines Gegenstandes. Daher ist auch der Horizontbegriff in der Literaturtheorie oftmals nur metaphorisch verwendet worden, also in nur lockerer Anlehnung an den von Husserl geprägten Begriff. Gerade diese metaphorische Fortschreibung der Phänomenologie in der Literaturwissenschaft lässt die Notwendigkeit einer kontextsensitiven Rekonstruktion hervortreten. Mit der bloßen Identifikation eines Begriffs, eines Theorems oder einer Metapher ist noch relativ wenig darüber gesagt, wie sie argumentativ zum Tragen kommen und theoretisch zu belasten sind.

7.8 Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte In Bezug auf den hermeneutischen Status der Autorintention beim Interpretieren literarischer Texte waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem zwei Diskussionen prägend: zum einen die Diskussion um den ‚intentionalen Fehlschluss‘, zum anderen die Diskussion um den sogenannten ‚Tod des Autors‘. Parallel zu diesen Diskussionen wurde zudem von ganz unterschiedlicher Warte aus die Forderung erhoben, die Autorintention als Richtschnur für

|| 269 Vgl. in neuerer Zeit etwa Lobsien 2012. 270 Vgl. Held 1986, S. 14.

Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte | 259

die Analyse und Interpretation von Literatur zu verabschieden.271 Inzwischen ist jedoch die Rede von der Rückkehr des Autors ebenso verbreitet wie einst die Rede von seinem Tod.272 Seit etwa zweieinhalb Jahrzehnten steht bekanntlich die Autorintention sowohl in der (englischsprachigen) analytischen Ästhetik als auch in der (deutschsprachigen) Literaturwissenschaft wieder hoch im Kurs. Mit diesem wiedergewonnenen Interesse für den Autor geht eine allgemeine Revitalisierung der Hermeneutik einher, auf die gelegentlich mit dem Ausdruck ‚Neohermeneutik‘ verwiesen wird.273 Die philologische Interpretationstheorie, wie sie gegenwärtig betrieben wird, umfasst eine Reihe von recht heterogenen Fragestellungen. Gleichsam als Binnendifferenzierung innerhalb des hermeneutischen Intentionalismus hat sich aber die Unterscheidung zwischen einem ‚faktischen‘ und einem ‚hypothetischen‘ Intentionalismus fest etabliert.274 Wie eingangs bereits erwähnt, bildet Hirsch, der als prominenter Vertreter eines ‚faktischen‘ Intentionalismus gilt, in gewisser Weise ein Bindeglied zwischen der älteren und neueren Autorschaftsdebatte. So ist es z. B. symptomatisch, dass Gary Iseminger, der in den 1990er Jahren selbst stark dazu beigetragen hat, die Autorschaftsfrage auf die Tagesordnung zu setzen,275 im Jahr 1998

|| 271 Vgl. etwa Spoerhase 2007c, S. 276: „Etwa zeitgleich [i. e. mit den beiden erwähnten Diskussionen] werden auch aus anderen literaturtheoretischen Richtungen umfassende Kritiken an der Verwendung von Autorbegriffen in den Geisteswissenschaften formuliert: Ansätze, die beanspruchen, sich von den tradierten Autorbegriffen zu lösen, sind unter anderem die Intertextualitätstheorie, die Diskursanalyse, die Dekonstruktion, die Semiotik und die Empirische Literaturwissenschaft.“ 272 Beizupflichten ist hier Wilde 2016, S. 207. Gemeint ist der wegweisende Sammelband von Jannidis et al. 1999. Bereits 1990 konstatierte Gregory Currie in seinem Buch The Nature of Fiction, dass die anti-intentionalistische Hysterie vorbei sei, und brachte damit eine neu gewonnene theoretische Offenheit für den Autor im Umgang mit literarischen Texten zum Ausdruck (vgl. Kindt/Köppe 2010, S. 213; mit Verweis auf Currie 1990, S. 109). Seitdem ist bekanntlich sowohl in der anglophonen Ästhetik und Interpretationstheorie als auch in der Literaturwissenschaft deutscher Provenienz eine kaum mehr zu überblickende Fülle an Büchern und Aufsätzen erschienen, die sich in der einen oder anderen Weise mit der Autorinstanz befassen. Einen Eindruck vermittelt die Bibliographie zur Autorschaftsdebatte nach der Jahrtausendwende bei Schaffrick/Willand 2014, S. 122–148. 273 Vgl. vor allem Köppe/Winko 2013, S. 133–148; ferner Berensmeyer 2010. 274 Dies lässt sich unter anderem daran ablesen, dass sie schon längst in Handbücher und Einführungen Eingang gefunden hat (vgl. etwa Köppe/Winko 2007, S. 314f.). Seit geraumer Zeit wird von einem ‚Streit‘ zwischen dem faktischen und hypothetischen Intentionalismus gesprochen (vgl. Carroll 2000). Wie Carlos Spoerhase schon vor mehr als zehn Jahren bemerkt hat, werden die entsprechenden Konzepte „als entproblematisiertes Theoriewissen“ verwendet (vgl. Spoerhase 2007b, S. 85; mit Verweis auf Dittrich 2005, S. 594). 275 Vgl. Iseminger [Hrsg.] 1992.

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in einem Lexikonartikel zum ‚intentionalen Fehlschluss‘ schnell auf Hirsch zu sprechen kommt, dessen Position er zugleich als „starting point for most recent discussions“ markiert.276 Die Interpretationstheorie von Hirsch ist insofern instruktiv, als man hier deutlich erkennen kann, dass die Intentionalismusdebatte – damals wie heute – mit Argumenten geführt wird, die zum Teil auf völlig heterogenen Vorannahmen beruhen, wobei diese Vorannahmen ihrerseits nicht immer zwingend zusammenhängen und deshalb gesondert und separiert diskutiert werden sollten. Es lassen sich mindestens vier Aspekte unterscheiden: (a) der vorausgesetzte Bedeutungsbegriff; (b) der vorausgesetzte Intentionsbegriff; (c) die Zielsetzungen des Interpreten und ihre jeweiligen Begründungen; (d) methodische Richtlinien. In diesem Sinne soll noch im Folgenden gezeigt werden, dass die Argumente, mit denen die Gliederung in einen ‚faktischen‘ und einen ‚hypothetischen‘ Intentionalismus stattgefunden hat, recht divers sind. Im Zuge dessen wird auch bestritten, dass diese Unterscheidung einer philologischen Hermeneutik bzw. einer literaturwissenschaftlichen Methodologie zuträglich ist. Als Gegenbegriff zu einem actual intentionalism geht der Ausdruck hypothetical intentionalism auf einen 1992 erschienenen Aufsatz von Jerrold Levinson zurück.277 Levinson entwickelt hier seine Position in Auseinandersetzung mit William Tolhurst. Im Hintergrund steht bei beiden die Kommunikationstheorie von Paul Grice, die letztlich dem hypothetischen Intentionalismus sein spezifisches Gepräge verleiht. Denn als Interpretationskonzeption zielt der hypothetische Intentionalismus – ausgehend von Grice – auf eine kontextuell eingebettete Äußerungsbedeutung (utterance meaning), und zwar im Gegensatz zu der bloß konventionell gesicherten Bedeutung der einzelnen Wörter und Sätze (word sequence meaning) und der tatsächlich intendierten Bedeutung des Sprechers bzw. Autors (utterer’s meaning). So wird im Rahmen des hypothetischen Intentionalismus die tatsächliche Intention des Autors für irrelevant erklärt.278 Zur bedeutungsbestimmenden Instanz wird stattdessen die intendierte Leserschaft (Tolhurst) bzw. ein idealer Leser (Levinson) erhoben. Als konstitutiv für

|| 276 Vgl. Iseminger 1998, S. 516. 277 Levinson 1992 (erneut erschienen in leicht überarbeiteter Form als Levinson 1996). Die Forschung zum Intentionalismus ist kaum mehr zu überblicken. Diskussionsbestimmend sind aber tatsächlich relativ wenige Akteure. Vgl. zum Folgenden auch Iseminger 1996; Kante 2001; Trivedi 2001; Lintott 2002; Carroll 2002; Levinson 2002; Currie 2004, bes. Kap. 6; Kiefer 2005; Livingston 2005, bes. Kap. 6; Stecker 2006a; Stecker 2006b; Nathan 2006; Irvin 2006; Davies 2006; Spoerhase 2007b; Levinson 2010; Stecker/Davies 2010; Kindt/Köppe 2010; Huddleston 2012; Reicher 2013; Petraschka 2013; Trivedi 2015. 278 Vgl. Spoerhase 2007b, S. 84.

Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte | 261

die Bedeutung hat nun die beste (Levinson) bzw. die am besten begründete Hypothese (Tolhurst) über die Autorintention zu gelten, nicht aber die Autorintention selbst – und gerade darin soll sich der hypothetische Intentionalismus vom faktischen unterscheiden. Auch wenn diese Konzeption nicht überall auf Akzeptanz gestoßen ist, hat sich die Unterscheidung als überaus wirkmächtig erwiesen. Dies lässt sich allein daran ablesen, dass sowohl der hypothetische als auch der faktische Intentionalismus in vielen verschiedenen Spielarten vertreten wird.279 Zu Recht ist in der Forschung darauf hingewiesen worden, dass die Konjunktur, die der hypothetische Intentionalismus erlebt hat und immer noch erlebt, auf einer Unzufriedenheit mit bisherigen intentionalistischen Ansätzen beruht – wenn auch vor dem Hintergrund, dass eine intentionalistische Interpretationskonzeption grundsätzlich einer anti-intentionalistischen vorzuziehen ist. So stellt der hypothetische Intentionalismus nicht zuletzt den Versuch dar, die traditionell mit dem Intentionalismus assoziierten Probleme zu lösen, ohne die intentionalistische Grundposition aufzugeben.280 Freilich hat man dabei zugleich in überzeugender Weise zeigen können, dass der hypothetische Intentionalismus sich nicht unbedingt durch eine besondere Problemlösungskapazität auszeichnet, sondern vielmehr selbst mit vielen Unklarheiten und theoretischen Problemen behaftet ist.281 Klärungsbedürftig sei unter anderem, wie sich die jeweils beste oder am besten begründete zu einer gültigen Deutungshypothese verhält. Zu den Problemen am hypothetischen Intentionalismus gehöre außerdem die Begriffsbildung, die insofern irreführend sei, als sich das Attribut actual auf den ontologischen Status der Autorintention, das Attribut hypothetical dagegen auf den epistemologischen Status der Intentionszuschreibung bezieht. Differenzierungen, so das Fazit, würden die Unterscheidung überflüssig machen und den etablierten Begriff des hypothetischen Intentionalismus als ein „theoretisches obstacle épistémologique“ erscheinen lassen.282 Dem ist im Ergebnis zuzustimmen. Im Folgenden wird aber die Argumentation etwas anders verlaufen: nicht über eine Rekonstruktion und Kritik des hypothetischen, sondern über eine Sichtung der Haupteinwände gegen diejenige Form von Intentionalismus, die gegenwärtig als faktisch bezeichnet wird. Hierbei soll es nicht darum gehen, den faktischen Intentionalismus als solchen zu verteidigen. In der Überzeugung, dass die traditionell erhobenen Einwände

|| 279 Vgl. den Systematisierungsvorschlag von Spoerhase 2007b, S. 101–103. 280 Vgl. Spoerhase 2007b, S. 82. 281 Vgl. hier und im Folgenden Spoerhase 2007b, S. 93–100, 104f. 282 Spoerhase 2007b, S. 105.

262 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

gegen den Intentionalismus keineswegs so schwerwiegend sind, wie sie vielleicht erscheinen mögen, gilt es vielmehr, die Quelle des hypothetischen Intentionalismus aufzuspüren und auf diesem Wege die Unterscheidung selbst in Frage zu stellen. (1) Verwiesen sei zunächst auf ein Argument, das immer wieder gern gegen intentionalistische Interpretationskonzeptionen erhoben wird, nämlich dass die Intention des Autors unzugänglich ist und daher nicht als Richtschnur für die Interpretation fungieren kann. Dass die Innenwelt des Autors nicht zugänglich ist, zumindest nicht in derselben Art und Weise wie die eigene, dürfte als vollkommen unstrittig gelten. Daher hat auch noch kein einziger Interpretationstheoretiker ernsthaft behauptet, er hätte einen direkten Zugang zur Psyche des Autors. Allerdings stützen sich intentionalistische Interpretationskonzeptionen nicht auf die Annahme, dass das Innenleben des Autors zugänglich ist. Die Minimalfunktion eines methodologischen Autorkonstrukts besteht vielmehr darin, den Text historisch und soziokulturell zu verorten, damit etwa anachronistische Bedeutungszuschreibungen in begründeter Weise ausgeschlossen werden können.283 Mit Verweis auf die Autorintention lässt sich z. B. auch begründen, weshalb man eine bestimmte Textstelle als metaphorisch oder wörtlich, als ironisch oder nicht-ironisch, als allusiv oder nicht-allusiv liest (dies wäre sonst kaum zu erklären). Es geht nicht darum, ob die Absicht oder das Innenleben des Autors tatsächlich zugänglich ist oder ob man mit Gewissheit sagen kann, dass man den Text wirklich im Sinne des Autors verstanden hat. Im Angesicht eines vorgefundenen Textes, den man verstehen und ggf. erklären will, geht es vielmehr um ein Prinzip, nach dem sich Kontexte auswählen und hierarchisieren und die Relevanz von Wissensbeständen messen lassen. (2) Eine weitere Stellungnahme gegen den Intentionalismus im Allgemeinen hängt mit der sogenannten ‚Identitätsthese‘ zusammen, von der oben bereits die Rede war. Die Ansicht, dass der Autor die Bedeutung des Textes determiniert, ist in der Tat weit verbreitet.284 Damit ist aber nicht gesagt, dass die Textbedeutung, wie im Fall von Humpty Dumpty, allein vom Autor determiniert wird. So ist beispielsweise schon in der ‚klassischen‘ Bedeutungskonzeption des sensus auctoris et primorum lectorum285 der primäre Adressatenkreis und somit auch die Kommunizierbarkeit der Textbedeutung inbegriffen. Intentionen und Konventionen stehen damit nicht in einem konträren Verhältnis zueinander.

|| 283 Vgl. Danneberg 1999, S. 103f. 284 Vgl. etwa Irwin 1999, Kap. 3 (im Anschluss an Hirsch); Knapp/Michaels 1982; Reicher 2013. 285 Zu dieser Bedeutungskonzeption vgl. Danneberg 2007b, S. 6–10; Danneberg 2015.

Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte | 263

Vielmehr gehen die meisten Intentionalisten davon aus, dass der Autor sich (nolens volens) bestimmter Konventionen bedient, um kommunikative Absichten zu verfolgen.286 Wer also die Identitätsthese gegen den (faktischen) Intentionalismus ins Feld führt, trägt in gewisser Weise ein Scheingefecht aus.287 Aber selbst wenn sich jemand finden sollte, der diese Position vertritt,288 stellt sich immer noch die Frage, ob die Identitätsthese an und für sich plausibel ist. So leuchtet es vor allem nicht ein, weshalb überhaupt eine Identität von Intention und Bedeutung in Frage kommen sollte. Zwischen beiden Begriffen besteht sicherlich ein Zusammenhang, der möglichst genau zu bestimmen ist. Deckungsgleich sind sie aber wohl kaum. (3) Der nächste Einwand kreist um die Frage, inwieweit es dem Autor gelungen ist, seine Absicht im Text umzusetzen, und wie man dies als Interpret ggf. wissen kann. Diese Problematik gilt als ein gravierendes Argument gegen den faktischen Intentionalismus289 und spielt bei Proponenten und Opponenten gleichermaßen eine Rolle. So hat z. B. Robert Stecker, ein prominenter Vertreter eines moderaten faktischen Intentionalismus, eine entsprechende Klausel in seinen Bedeutungsbegriff eingebaut: Nach Stecker wird die Textbedeutung vom Autor determiniert, sofern es ihm gelungen ist, seine Intention im Text zu realisieren.290 Damit soll nicht zuletzt die unbefriedigende Konsequenz vermieden werden, dass die zu eruierende Bedeutung eines Textes einer nicht realisierten Absicht gleichkommt.291 Dem Argument nach liegt hier eine Parallele zum ‚intentionalen Fehlschluss‘ vor. Zu bemerken ist aber erneut, dass die Frage nach der gelungenen Umsetzung von Intentionen von weiteren Vorannahmen abhängt. Gewiss drücken sich Intentionen in Handlungen aus, wobei ein Text wohl vernünftigerweise als das Resultat einer Handlung zu beschreiben ist; und gewiss garantiert ein bloßes Intendieren nicht die erfolgreiche Umsetzung des

|| 286 Vgl. Kindt/Köppe 2010, S. 217. 287 Vgl. Rosebury 1997, S. 19: „No intentionalist I am aware of is committed to the obviously false view that authorial intention is the sole determinant of meaning, which would entail that it can make a sentence bear a meaning that is incompatible with any literal meaning available to it at the time of writing […].“ 288 In Frage kommen wohl am ehesten Knapp/Michaels 1982. 289 Vgl. die Einschätzung von Reicher 2013, S. 46: „The most serious objection against actual intentionalism is that actual intentionalism does not have an adequate explanation for communicative failures.“ 290 Vgl. Stecker 2006b, S. 429. 291 Vgl. Stecker 2006a, S. 272.

264 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Intendierten.292 Es ist aber durchaus nicht einerlei, ob man dem Autor Intentionen oder dem Text Bedeutung zuschreiben will. Gerade dies bleibt jedoch in der Theoriediskussion oftmals vage.293 Es gibt sehr wohl Positionen, die sich klar dafür aussprechen, Interpretation als die Rekonstruktion der Autorintention zu betrachten.294 Es fragt sich aber, ob ein solcher Interpretationsbegriff dem neuzeitlichen Literaturbegriff und der tatsächlichen literaturwissenschaftlichen Praxis entspricht. Denn meist interessiert sich der Literaturwissenschaftler heute nicht primär für die Absichten des Autors, sondern für die Bedeutung des Textes. So wird meist (mehr oder weniger bewusst) zugrunde gelegt, dass Literatur sich zwar nicht kategorisch, aber sehr wohl graduell von der Alltagskommunikation unterscheidet. Wird in der face-to-face-Kommunikation das Kommunikat gleichsam ‚verbraucht‘, um unseren Mitmenschen zu verstehen, so weist man dem literarischen Text als einem fiktionalen und ästhetischen Gebilde zumindest ein gewisses Maß an Autonomie zu, womit sich der Fokus von dem Autor auf den Text verschiebt.295 In dem oben bereits erwähnten Aufsatz hatte Levinson diese (relative) Autonomie des Textes als Argument gegen einen faktischen und für einen hypothetischen Intentionalismus herangezogen.296 Dazu zwei Anmerkungen: Zum einen ist dieses Argument von ganz anderer Art als die Annahme, dass die Möglichkeit einer Absichtverfehlung seitens des Autors eine unüberwindliche methodische Schwierigkeit für den faktischen Intentionalismus darstellt. Hier ist deutlich zu sehen, dass die Argumente in der Intentionalismusdebatte zum Teil auf unterschiedliche Fragen zielen, die systematisch voneinander zu unterscheiden sind. Zum anderen lässt sich bezweifeln, ob eine bestimmte Interpretationskonzeption in dieser Form aus dem Literaturbegriff abgeleitet werden kann. Ob man sich bei der Kontextbildung an der

|| 292 Vgl. Spoerhase 2007a, S. 69: „Es gehört trivialerweise zu der Logik des handlungstheoretischen Intentionsbegriffs, dass das bloße Intendieren einer Handlung nicht schon die Realisierung dieser Intention verbürgt; gehörte es zur Logik des Intentionsbegriffs, dass Intentionen per se realisiert werden, wäre der Intentionsbegriff überflüssig […]. Im Intentionsbegriff ist also immer die Möglichkeit des Scheiterns der Realisierung der Intention ‚eingebaut‘ […].“ 293 So scheint z.B. Levinson die beiden Begriffe ‚Intention‘ und ‚Bedeutung‘ gleichzusetzen; vgl. etwa Levinson 1996, S. 191. Vgl. dazu auch Hempfer 2015, S. 55. 294 Vgl. etwa Bühler 2010, bes. S. 179. 295 Ich beziehe mich hier zunächst auf die Interpretation von neuzeitlicher Literatur. Wenn es sich um ältere Literatur oder auch um andere Texte handelt, können natürlich andere Vorannahmen im Spiel sein. – Die Rede von der Autonomie der Literatur, des literarischen Werks etc. ist weit verbreitet, wobei dieser Ausdruck jedoch in vielen Fällen sehr unterschiedlich verwendet wird (und daher in besonderem Maße einer Explikation bedarf). Vgl. hierzu die knappen Hinweise von Köppe/Winko 2013, S. 40; ferner Hermerén 1983b, Kap. 4. 296 Vgl. Levinson 1992, S. 236f. Dazu auch Iseminger 1996, S. 322f.

Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte | 265

Autorintention orientiert oder nicht, bleibt eine Entscheidung des Interpreten. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Autoren manchmal inadäquate Mittel wählen, um ihre Absichten zu realisieren. Aus methodologischer Sicht ist dies allerdings nicht unbedingt problematisch, zumindest nicht von vornherein. Als default mode bietet es sich vielmehr an, dem Autor Zweckrationalität zu unterstellen, etwa nach dem Grundsatz: Wenn jemand sich die Mühe macht, einen Text zu verfassen, dann wird er wohl darum bemüht sein, dasjenige zu schreiben, was er schreiben will. Dies ist dann jedoch im Sinne einer widerleglichen Präsumtion zu nehmen.297 Wenn es im Einzelfall starke Indizien dafür gibt, dass ein Autor etwas anderes wollte, als er umzusetzen imstande war, dann wäre dies fallspezifisch zu beschreiben. (4) Der letzte Einwand hängt sachlich mit dem vorigen eng zusammen und verläuft in etwa wie folgt: Wenn man wissen will, ob es dem Autor gelungen ist, seine Absicht im Text zu verwirklichen, dann ist man auf weitere Zeugnisse mit Absichtserklärungen angewiesen, z. B. auf Selbstkommentare, Briefe, Tagebücher etc. Diese Zeugnisse dokumentieren aber dann die Absicht des Autors womöglich besser als der betreffende Text selbst, womit man in gewisser Weise auf diesen Text nicht mehr angewiesen ist. In diesem Sinne wurde der Intentionalismus oftmals als eine ‚Vermeidungsstrategie‘ angesehen, als eine unzulässige Abkürzung, die den eigentlichen Untersuchungsgegenstand in seiner ganzen Komplexität aus dem Blickfeld geraten lässt.298 Bereits Wimsatt und Beardsley, die den Rekurs auf external evidence ablehnen, hatten die Unumgänglichkeit des Textes hervorgehoben; und in vergleichbarer Weise spricht etwa Gregory Currie von der Zentralität des Textes.299 Freilich ist auch hier zu hinterfragen, ob überhaupt ein wirkliches Problem vorliegt. Sofern es darum gehen soll, einen bestimmten Text zu interpretieren, dann ist wohl die Zentralität dieses Textes (des Interpretandums) unumstritten. Dokumente wie Briefe oder Tagebücher gehören dann zum Kontext, sind also Interpretamente, die möglicherweise relevant, aber nicht für bare Münze zu nehmen sind. Sie sind vielmehr stets im Lichte des betreffenden Textes zu betrachten und sorgfältig auf ihre Erklärungskraft hin zu prüfen. Außerdem sind die Selbstkommentare, Briefe, Tagebücher etc. selbst Texte, die als solche womöglich interpretationsbedürftig sind. Die Unterscheidung zwischen einem faktischen und einem hypothetischen Intentionalismus hat einen Rahmen geschaffen, der – so die Behauptung – für den Literaturwissenschaftler nicht dazu geeignet ist, den hermeneutischen

|| 297 Vgl. dazu die Hinweise von Scholz 2001, S. 151–153. 298 Vgl. hierzu Spoerhase 2007b, S. 82f. 299 Vgl. Currie 1993, S. 419. Hierauf verweist auch Spoerhase 2007b, S. 82f.

266 | Autorintention und Intentionalität. Husserl-Rezeption bei Eric Donald Hirsch

Status der Autorintention zu diskutieren. In dieser kategorialen Gegenüberstellung werden ganz unterschiedliche theoretische Vorannahmen und Problemkomplexe miteinander verschweißt, die besser auseinandergehalten und einzeln diskutiert werden sollten. Die Absichten des Autors waren wohl kaum hypothetisch, sondern faktisch da, auch wenn sie dem Literaturwissenschaftler unzugänglich sind. Und über eine Interpretation lässt sich wiederum sagen, dass sie den Status einer (explanativen) Hypothese hat, die als solche fallibel und revidierbar ist; sie ist ein Erklärungsangebot, für das man gegebenenfalls argumentieren muss.300 Der Intentionalismus selbst ist aber weder faktisch noch hypothetisch, weshalb es ausreicht, vom Intentionalismus im Singular zu sprechen. Entscheidend bleibt, ob man sich bei der Text-Kontext-Verknüpfung letztlich an der vom Autor intendierten Bedeutung orientiert oder ob eine andere Kontexthierarchie normativ ausgezeichnet ist. Diese Überlegungen sind zunächst und vor allem theoretischer Natur, haben aber insofern Auswirkungen auf die literaturwissenschaftliche Praxis, als die Vertreter des faktischen und hypothetischen Intentionalismus divergierende Auffassungen von der Zulässigkeit von Belegmaterial haben. Um die faktische Autorintention auszuklammern, wird im Rahmen des hypothetischen Intentionalismus – wie gesehen – die intendierte Leserschaft bzw. ein idealer Leser zur bedeutungsbestimmenden Instanz erhoben. Zulässig sind dementsprechend nur solche Kontextinformationen, die dieser Leserschaft bzw. diesem Leser zugänglich sind. In diesem Sinne darf man dem hypothetischen Intentionalismus zufolge nicht auf private, etwa erst später zugänglich gewordene Aufzeichnungen wie Briefe, Tagbücher und dergleichen rekurrieren. Hingegegen darf man dem faktischen Intentionalismus zufolge prinzipiell alles heranziehen, was zu einem besseren Verständnis des Textes bzw. der Autorintention beitragen kann.301 Die theoretische Vorentscheidung schlägt sich damit direkt in der Kontextbildung, d. h. in der Interpretationspraxis, nieder und zeitigt so unter Um-

|| 300 Diese Ansicht muss man nicht teilen. Man könnte auch sagen, dass der Zielpluralismus gerade in der Frage besteht, was überhaupt als das Explanandum der Interpretation gelten kann. 301 Vgl. Carroll 2000, S. 78: „Epistemologically, what this comes down to is that the hypothetical intentionalist permits the interpreter to use all the sorts of information publicly available to the intended, appropriate reader of a text, while debarring information not publicly available to said reader, such as interviews with the artist as well as his or her private papers. Since modest actual intentionalism is open to the circumspective use of such information, this is where hypothetical intentionalism and modest actual intentionalism part company most dramatically.“

Faktischer Intentionalismus? Hirsch und die neuere Intentionalismusdebatte | 267

ständen unterschiedliche Interpretationsergebnisse, auf jeden Fall aber unterschiedliche Rechtfertigungsstrategien. Zur Diskussion steht hier auch, ob und wie theoretische Erwägungen an die Effekte zurückgebunden werden sollten, die sie für die literaturwissenschaftliche Praxis haben. Sofern die Literaturtheorie nicht Selbstzweck, also sofern die Theorie eine klärende und praxisanleitende Funktion haben soll, ergeben sich Folgefragen, die das philologische ‚Handwerk‘ überhaupt betreffen: Ist der Gang ins Archiv eine Tugend oder ein methodischer Fehler? Ist eine Briefedition ein sinnvolles Unterfangen? Wenn die Alternative zwischen dem faktischen und hypothetischen Intentionalismus in Wirklichkeit eine Scheinalternative sein sollte (und dafür wurde hier zu argumentieren versucht), dann wären solche Fragen auf anderer Grundlage zu diskutieren.

8 Phänomenologie: Ein toter Hund? Pünktlich zur Jahrtausendwende wurde die Phänomenologie von dem Kultursoziologen Andreas Reckwitz in seiner breit angelegten kulturtheoretischen Studie Die Transformation der Kulturtheorien als „tote[r] Hund[]“ bezeichnet.1 Dieses Urteil bezieht sich in erster Linie auf die Tauglichkeit der Phänomenologie als Grundlagendisziplin.2 Als solche wird sie von Reckwitz disqualifiziert, und zwar aufgrund ihres ‚subjektivistischen‘ und ‚mentalistischen‘ Zuschnitts.3 Wie in der Einleitung dieser Arbeit bereits erwähnt, lässt sich in der Literaturwissenschaft jedoch ein anhaltendes und zurzeit sogar wieder aufblühendes Interesse an der Phänomenologie beobachten. Insofern ist wohl zu konstatieren, dass dieser totgesagte Hund – um im Bild zu bleiben – nach wie vor am Leben ist. Noch grundsätzlicher ist allerdings die Frage, ob es wünschenswert ist, die Phänomenologie in der Literatur- und Kulturtheorie noch am Leben zu halten, und ob man auch künftig mit ihr als einem treuen Gefährten rechnen sollte. In den einzelnen Kapiteln dieser Arbeit wurde die literaturtheoretische, insbesondere interpretationstheoretische Appropriation der Phänomenologie in sechs eng verwandten Fällen theoriegeschichtlich rekonstruiert und auch in mehrfacher Bezugnahme auf aktuellere Diskussionen auf ihre theoretische und methodische Problemlösungskapazität hin befragt. Teils wurden phänomenologische Versuche einer Grundlegung der Literaturwissenschaft und der Geisteswissenschaften auf ihre hermeneutischen Elemente hin untersucht, teils wurde in umgekehrter Richtung analysiert, wie die Phänomenologie in die Hermeneutik Eingang gefunden hat und welche Funktionen sie hier übernimmt. Immer wieder wurde dabei zu zeigen versucht, dass in diesen Theorien – trotz einer oftmals ungewöhnlichen Fragestellung und zum Teil antiquiert wirkenden Terminologie – bereits ein hohes Reflexionsniveau erreicht ist. Erst eine kontextsensible Rekonstruktion legt dieses Niveau frei und macht die Theorien anschlussfähig für heutige Debatten. Unter dem Etikett ‚Neo-Hermeneutik‘ ist schon seit einiger Zeit eine Revitalisierung der Hermeneutik in der Literaturwissenschaft zu beobachten. Dabei hat man sich bislang stark an der analytischen Ästhetik im anglo-amerikanischen Sprachraum orientiert. Ergänzend dazu versucht die vorliegende Ar-

|| 1 Reckwitz 2000, S. 645 (im Original in einfachen Anführungszeichen). 2 Vgl. Šuber 2008, S. 109. 3 Vgl. Reckwitz 2000, S. 413, 645; dazu wieder Šuber 2008, S. 109. https://doi.org/10.1515/9783110563023-008

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beit, eine weitere, nämlich die phänomenologische Theorietradition (zumindest in Teilen) aufzuarbeiten und für die gegenwärtige Diskussion fruchtbar zu machen. Als Ausblick seien noch einige systematische und metatheoretische Überlegungen präsentiert, die sich aus der konkreten historischen Rekonstruktionsarbeit ergeben. Die Liste der im Folgenden aufgeführten Aspekte erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ist also offen für Ergänzungen. Die einzelnen Punkte sind auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen angesiedelt: (1) auf der Ebene der Interpretationspraxis, (2) auf theoretischer Ebene und (3) auf metatheoretischer Ebene. Viele von ihnen berühren sich aber in der Frage, was die Phänomenologie mitsamt ihren literatur- und interpretationstheoretischen Ablegern an Aktualisierungspotential besitzt. (1a) Phänomenologie als Kontext beim Interpretieren – Ein nicht theoretischer, sondern genuin praktischer Zusammenhang zwischen Phänomenologie und Interpretation ist dann zu verzeichnen, wenn die Phänomenologie als Kontext bei der Interpretation einzelner Texte herangezogen wird. Ein gutes Beispiel dafür bieten die vielen Interpretationen von Rilkes sogenannten Ding-Gedichten, die dessen Ding-Konzeption zu Husserls phänomenologischer Abschattungslehre ins Verhältnis setzen.4 Kontextbildungen wie diese müssen keineswegs darauf hinauslaufen, Husserl als Einflussspender und direktes Vorbild für Rilke zu identifizieren, sondern können beispielsweise dazu dienen, unterschiedliche Formen der Partizipation am zeitgenössischen ‚Ding-Diskurs‘ aufzuzeigen und diese Erkenntnisse für die Interpretation fruchtbar zu machen.5 (1b) Phänomenologie als Heuristik, ihre Begriffe als Beschreibungssprache – Auf der Ebene der Interpretationspraxis kann die Phänomenologie auch, wie letztlich jede Theorie, die Interpretation insofern anleiten, als man sie als Heuristik anlegt und den Text (oder auch Teile davon) als eine Exemplifikation phänomenologischer Theoreme liest.6 Dazu gehört in den meisten Fällen auch eine entsprechende Beschreibungssprache, die an der philosophischen Terminologie orientiert ist. Eine solche Perspektive auf den Text kann durchaus neue Erkenntnisse zutage fördern, nicht zuletzt in Form von neuen Beobachtungen und Interpretationshypothesen, die freilich je nach Bedeutungskonzeption in einem zweiten Schritt hermeneutisch einzuholen und zu plausibilisieren wären.

|| 4 Diese Deutungstradition geht meines Wissens auf Käte Hamburger zurück. Vgl. Hamburger 1965; zudem etwa Trawny 1996; Müller 1999; Fischer 2015; Tobias 2015; Stone 2017. Natürlich sind auch andere AutorInnen mit der Phänomenologie interpretiert worden. 5 Zu den Arten der Kontextbildung und Zwecken der Kontextverwendung vgl. Danneberg 1990. 6 Zum Exemplifikationsbegriff vgl. Goodman 1968, S. 59f.

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(2a) Hermeneutische Grundbegriffe: Intention und Bedeutung – Trotz der Vielfalt an hermeneutischen und anti-hermeneutischen Positionen in der Literaturwissenschaft scheint es eine Reihe von Grundbegriffen zu geben, die insofern unabdingbar sind, als sie ‚Systemstellen‘ besetzen, die in einer Diskussion über das Verstehen und Interpretieren von Texten nicht ohne weiteres eliminiert werden können: Autor, Leser, Text, Werk, Intention, Bedeutung etc. Wie diese Grundbegriffe jeweils bestimmt sind und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, kann erhebliche Konsequenzen für den Zuschnitt einer Theorie haben. So hat sich beispielsweise in den Ausführungen zu Hirsch in dieser Arbeit gezeigt, dass es keineswegs gleichgültig ist, ob man von einem handlungstheoretischen Absichtsbegriff oder einem phänomenologischen Intentionalitätsbegriff ausgeht. In vergleichbarer Weise ist darauf hingewiesen worden, dass nicht wenige interpretationstheoretische Debatten sich am Bedeutungsbegriff entzünden.7 Was die Klärung oder Ausgestaltung dieser hermeneutischen Grundbegriffe betrifft, stellt die Phänomenologie in doppelter Hinsicht eine reichhaltige Ressource dar. Zum einen finden sich zu diesen Begriffen in diversen phänomenologischen Literaturtheorien ausführliche Reflexionen. Zum anderen sind vor allem der Intentions- und Bedeutungsbegriff zwei Grundbegriffe der phänomenologischen Philosophie überhaupt. In den Bereich der Bedeutungstheorie im weiteren Sinne fällt z. B. auch die Metapherntheorie, ein Thema (it goes without saying) mit „höchste[r] poetische[r] Reputation“.8 (2b) Aufbau der dargestellten Welt im Leserbewusstsein – In gewisser Weise kommt die noetisch-noematische Doppelstruktur der phänomenologischen Bewusstseinsanalyse der Arbeitsweise des Literaturwissenschaftlers entgegen, der mal die Bedeutung von Wörtern und Sätzen, mal die dargestellte Welt in den Blick nimmt. Jedenfalls gehört seit jeher die Gegenstandskonstitution (in diesem Fall: der Aufbau der dargestellten Welt) zu den Kerngebieten der phänomenologischen Philosophie und Literaturtheorie. Hierzu gehört beispielsweise auch die Konstitution von Raum und Zeit, also Themen, die gegenwärtig in der Ästhetik und Literaturwissenschaft (wieder) intensiv diskutiert werden.9 (2c) Form und Inhalt, Ganzheit: Die Konstanz hermeneutischer Basisannahmen – Neben den genannten hermeneutischen Grundbegriffen haben sich im

|| 7 Vgl. etwa Stout 1982. 8 Peil 2013, S. 517. Zur Metapher als Modell und ‚Hauptproblem‘ der Hermeneutik vgl. im Übrigen Ricœur 1974. 9 Der spatial turn mag inzwischen durch andere abgelöst worden sein. Vgl. aber z. B. das laufende DFG-Schwerpunktprogramm „Ästhetische Eigenzeiten“ oder „Zeit“ als Thema des Germanistentages 2019.

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Verlauf dieser Arbeit auch mehrere, eher gegenstandsbezogene hermeneutische Grundannahmen und -probleme als erstaunlich konstant erwiesen. Grundsätzlich ist es wohl gerade diese Konstanz der hermeneutischen Grundlagenprobleme,10 die uns erlaubt, Theorien vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte mit heutigen Diskussionen in Verbindung zu bringen. Ein gutes Beispiel für solche hermeneutische Basisannahmen sind Annahmen über die Korrespondenz von Form und Inhalt im literarischen Text, über die hohe hermeneutische Relevanz solcher Korrespondenzen und (damit zusammenhängend) über die Einheit/ Ganzheit des Textes, die sich in aristotelischer Tradition als forma interna konzeptualisieren lässt.11 In gewisser Weise gehen die Einheit und Interpretierbarkeit eines Textes Hand in Hand, sofern die unterstellte Einheit überhaupt erst die Grenzen dessen festlegt, was interpretiert werden soll. In diesem Sinne wäre es gewiss ein Defizit, wenn man einen Text interpretiert, ohne den ganzen Text zur Kenntnis zu nehmen. Es bleiben aber damit noch große Spielräume in Bezug auf die Frage, wie man sich den Zusammenhang zwischen den einzelnen Textteilen sowie zwischen Teil und Ganzem vorzustellen hat; weshalb und unter welchen Bedingungen ein solcher Zusammenhang angenommen werden darf; und was man überhaupt auf formaler und inhaltlicher Ebene als hermeneutisch relevante Teile eines Textganzen gelten lässt. Diese hermeneutisch gewendete Mereologie hat einerseits theoretisch, andererseits aber auch für die literaturwissenschaftliche Interpretationspraxis weitreichende Konsequenzen. Fasst man den (literarischen) Text als eine besonders innige Einheit von höchstmöglicher Stimmigkeit, dann gibt es an ihm nichts Nebensächliches mehr. Alles ist dann potentiell gleich wichtig und darf/sollte gleich intensiv ausgedeutet werden. Die Einheit und Ganzheit des literarischen Werks spielen in mehreren phänomenologischen Literatur- und Interpretationstheorien eine zentrale Rolle. Zu erwähnen ist aber auch, dass die dritte von Husserls sechs Logischen Untersuchungen in der Philosophie und Wissenschaftstheorie als ein Grundlagentext der Mereologie gilt,12 wobei Husserl selbst sogar diese dritte Untersuchung als Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit der Phänomenologie überhaupt empfohlen hat.13 || 10 Zur Stabilität von Grundlagenproblemen und zum Nutzen einer problemorientierten Rekonstruktion vgl. (zunächst mit Blick auf die Philosophie) die überzeugenden Argumente von Perler 2006. 11 Vgl. hierzu Albrecht 2018 (mit Fokus auf Georg Lukács). 12 Zur Mereologie vgl. die bündige Darstellung von Lorenz 1995; ferner Libardi 1994. Mit Blick auf die Diskussionen in Literatur und Philosophie um 1800 vgl. Spoerhase 2018, S. 459–511. 13 Vgl. Gibson 1928, S. 78. Dazu Panzer 1984, S. XLI. Normalerweise gelten die fünfte und sechste Untersuchung als die Kernbestandteile der Logischen Untersuchungen, da dort unter

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(2d) Ästhetische Erfahrung, Wertschätzung, Interpretation – Interpretation und ästhetische Wertschätzung (appreciation) wurden in der theoretischen Diskussion der letzten zweieinhalb Jahrzehnte oftmals als grundverschiedene Tätigkeiten und als entgegengesetzte Ziele im Umgang mit literarischen Texten beschrieben. Daneben finden sich aber auch Versuche, die Rolle des Verstehens für die ästhetische Wertschätzung und die Anteile der ästhetischen Wertschätzung an der Interpretation zu bestimmen. Anknüpfungspunkte für eine solche Verhältnisbestimmung bietet die phänomenologische Ästhetik, die unter anderem die Struktur und die Voraussetzungen der ästhetischen Erfahrung analysiert. (3a) Phänomenologie als Theorie und Methode – Wie in der Einleitung dieser Arbeit bereits erwähnt, wurde die Phänomenologie von Edmund Husserl einerseits als deskriptive Methode der Bewusstseinsanalyse, andererseits als philosophische ‚Wesenswissenschaft‘ konzipiert. Mit dem Transfer aus der Philosophie in die Literaturwissenschaft geht nun allerdings eine Statusveränderung einher: Die Phänomenologie, sofern sie etwas anderes als eine Beschreibung sein soll, lässt sich hier kaum noch sinnvoll als eine Methode der Textanalyse oder -interpretation fassen, sondern dient vielmehr der theoretischen Fundierung des Literaturbegriffs, des Intentions- und Bedeutungsbegriffs, der ‚poetischen‘ Einbildungskraft etc. Am Beispiel der Phänomenologie lässt sich so in besonderer Weise problematisieren, welche Bedingungen in einem bestimmten Bereich erfüllt sein müssen, damit etwas als eine Theorie oder als eine Methode gelten kann. Dies betrifft auch den Wissenschaftlichkeitsanspruch der Literaturwissenschaft, sofern eine methodische, also planvolle, kontrollierte und begründete Vorgehensweise zur Wissenschaftlichkeit einer Interpretation gehört. Grundsätzlich lässt sich zwischen wissenschaftlichen Methoden im Allgemeinen und spezifisch philologischen Methoden unterscheiden, z. B. zwischen der hypothetisch-deduktiven Methode auf der einen Seite und der Parallelstellenmethode auf der anderen.14 Wenig sinnvoll scheint es jedoch, von der Her-

|| anderem die Intentionalität behandelt wird. Allerdings bildet nach Husserl selbst die dritte „eine wesentliche Voraussetzung für das volle Verständnis der folgenden Untersuchungen“ (Husserl 1900, S. 14). In seiner hier entwickelten „Lehre von Ganzen und Teilen“ versucht Husserl, Einheit und Selbständigkeit phänomenologisch als eine Frage der Fundierung zu formulieren. Vgl. etwa Husserl 1901, S. 286: „Alles wahrhaft Einigende […] sind die Verhältnisse der Fundierung. Folglich kommt auch die Einheit selbständiger Gegenstände nur durch Fundierung zustande.“ 14 Vgl. Scholz 2015, S. 157. Zum Methodenbegriff in der Literaturwissenschaft vgl. Winko 2000.

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meneutik als einer Theorie oder Methode neben anderen zu sprechen,15 wie es nicht selten in Einführungen in die Literaturwissenschaft der Fall ist. Wenn es um das Interpretieren von Texten geht, ist die Hermeneutik diejenige Disziplin, die für die theoretische Reflexion dieser Tätigkeit mitsamt ihren Zielsetzungen zuständig ist. Dabei steht eine bestimmte Interpretationstheorie bzw. Methodologie auf einer Stufe mit anderen Interpretationstheorien/Methodologien, nicht aber mit Theorien oder Methoden überhaupt.16 Präzisierungsbedürftig ist hier auch die Annahme, eine Methode solle sich aus einer Theorie ableiten lassen. Eine Methode ist vorerst an Ziele gebunden. Dass die Zielsetzung des Interpreten auf etwaige Bezugstheorien (z. B. auf Husserls Phänomenologie) zurückgeführt wird, lässt sich wohl kaum von vornherein als Forderung aufstellen. (3b) Kompatibilität mit anderen bewährten Theorien – In dieser Arbeit wurde die Phänomenologie primär als Bezugstheorie im Kontext der literaturwissenschaftlichen Theoriebildung untersucht. Zu den wichtigsten metatheoretischen Gütekriterien, nach denen sich Theorien bewerten lassen, gehört neben ihrer Widerspruchsfreiheit bzw. logischen Konsistenz auch ihre Kompatibilität mit anderen bewährten Theorien. Gerade auf eine fehlende Kompatibilität mit heutigen Leittheorien scheint sich die oben referierte Kritik von Reckwitz zu beziehen, wenn er die ‚subjektivistischen‘ und ‚mentalistischen‘ Elemente der Phänomenologie in Anschlag bringt und diese für die geringe Anschlussfähigkeit an aktuelle kulturtheoretische Modellbildungen, etwa an diejenigen von Bourdieu und Foucault, verantwortlich macht. Gilt dies aber auch für andere Theoriestränge? Im Rahmen der philologischen Hermeneutik drängt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen phänomenologischer und empirischer Leseforschung in besonderer Weise auf. Es wäre für eine literaturwissenschaftliche Interpretationstheorie durchaus ein Problem, wenn sie mit Annahmen über das Lesen operiert, die mit den Ergebnissen der empirisch ausgerichteten, psycholinguistischen und kognitionswissenschaftlichen Leseforschung nicht kompatibel sind. Wie bereits mehrfach angesprochen, besteht auf diesem Feld grundsätzlich Einigkeit darüber, dass man beim Lesen eines Textes nicht lediglich die dargebotenen Informationen aufnimmt und verarbeitet, sondern konzeptgesteuert auf Grundlage dieser Informationen eine sinnvolle Lesart konstruiert. Auch in der phänomenologischen Theoriebildung wird diese Aktivität des Lesers hervorgehoben, so z. B. in der Wirkungsästhetik Wolfgang Isers, aber tatsächlich nicht weniger von Roman Ingarden, Emilio Betti oder Eric Donald Hirsch. Überhaupt steht es aus phänomenologischer Perspektive außer Frage,

|| 15 Vgl. Fricke 1991a; Kablitz 2009. 16 Zur Begrifflichkeit sei verwiesen auf Kap. 1 dieser Arbeit.

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dass der Leser dem Text die Bedeutung zuschreibt. Daran lassen bereits Husserls Logische Untersuchungen keinen Zweifel. Inwieweit hier eine ‚subjektivistische‘ Grundannahme im Gegensatz zu einer empirischen im Spiel ist, scheint somit eine schief gestellte Frage zu sein, auch wenn es natürlich richtig ist, dass Reflexion, Introspektion etc. in der phänomenologischen Philosophie einen hohen Stellenwert haben. Die interpretationstheoretisch relevante Annahme, nämlich dass es sich beim Lesen und Interpretieren um Bedeutungszuschreibungen an den Text handelt (womit auch die kognitiven und kulturellen Voraussetzungen des Lesers ins Blickfeld rücken), haben phänomenologische und empirisch orientierte Ansätze gemeinsam. Der entscheidende Unterschied dürfte eher darin bestehen, dass empirisch orientierte Ansätze vom Einzelfall ausgehen, während phänomenologische Ansätze vom Einzelfall abstrahieren. In beiden Fällen wäre aber noch zu klären, wie sich die Leseraktivität zur Normativität des Interpretierens verhält. (3c) Metatheoretische Klassifikationsmodelle: Wie soll man über Literaturtheorie diskutieren? – In der Literaturwissenschaft ist es inzwischen gängig, Interpretationstheorien danach zu klassifizieren und daraufhin zu vergleichen, welche Instanz in einem (modifizierten) pragmatischen Kommunikationsmodell für besonders wichtig gehalten wird.17 Auch wenn dies zweifellos Vorteile hat,18 legt eine solche Orientierung am Kommunikationsmodell eine Sortierung in autor-, text-, leser- und kontextorientierte Ansätze nahe,19 die aus mindestens zwei Gründen problematisch ist. Zum einen ist jede Interpretationstheorie gewissermaßen per definitionem kontextorientiert, sofern man Interpretation (und dafür wurde in dieser Arbeit plädiert) als eine Text-Kontext-Verknüpfung begreift. Wenn hier jedoch eine Auszeichnung bestimmter Kontexte gemeint sein sollte, dann wird eine womöglich recht voraussetzungsreiche Vorselektion in das Klassifikationsgerüst gleichsam eingebaut. Ein interpretationstheoretisches Problem wird dann durch eine metatheoretische Klassifikation verdeckt. Zum anderen sind die Kriterien, nach denen Interpretationstheorien als autor-, textoder leserzentriert eingeschätzt werden, nicht nur überaus komplex, sondern auch äußerst heterogen. Dies hat sich in den einzelnen Fallstudien dieser Arbeit immer wieder gezeigt. So gelten z. B. die Ansätze von Hirsch und Iser jeweils || 17 Vgl. Fricke 2007. 18 Vgl. Kindt/Köppe 2008, S. 19: „Frickes Vorschlag lenkt das Augenmerk der metatheoretischen Rekonstruktion […] auf einen Aspekt von Interpretationstheorien, der von deren jeweiligen Vertretern zumeist nicht in den Blick genommen wird: auf den zugrunde gelegten Literaturbegriff sowie auf weitere Rahmenannahmen oder erkenntnisleitende Voraussetzungen, von denen Interpretationstheorien ausgehen […].“ 19 Vgl. Kindt/Köppe 2008, S. 19.

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(aus ganz unterschiedlichen Gründen) als autor- und leserzentriert, also in gewisser Weise als konträr. Im Hinblick auf die Bedeutungskonzeption, den Stellenwert der Autorintention und die Rolle des Lesers stimmen aber die beiden Ansätze tatsächlich im Wesentlichen miteinander überein. Ähnliches lässt sich über die ‚werkimmanenten‘ Ansätze von Staiger und Wellek sagen, die nicht von ungefähr meist parallelisiert werden, da beide den ästhetischen Charakter der Literatur in den Vordergrund rücken. Dass sie einen ähnlichen Literaturbegriff zugrunde legen, impliziert aber nicht unbedingt, dass sie auch eine ähnliche Interpretationskonzeption haben. Je nachdem, unter welchem Gesichtspunkt man die Theorien vergleicht, entstehen neue Nachbarschaften, die eine Pluralisierung der Klassifikation nach sich ziehen und somit immer mehr den Zweck der Klassifikation untergraben. Die Tatsache, dass eine bestimmte Interpretationstheorie gemeinhin als autor-, text- oder leserzentriert gilt, scheint also an und für sich keine besondere analytische Aussagekraft zu haben. Als sinnvoll erscheint vor diesem Hintergrund eine Neuverständigung darüber, wie möglichst ohne Reibungsverlust im Fach über Literatur- und Interpretationstheorien diskutiert werden kann. Im Übrigen dürfte es kein Zufall sein, dass gerade phänomenologische Ansätze über das ganze Kommunikationsmodell verteilt sind. Denn die Bandbreite der literaturwissenschaftlichen Rezeption der Phänomenologie ist gewissermaßen in einem phänomenologischen Grundbegriff selbst angelegt, nämlich in dem Intentionalitätsbegriff: „Since it authorizes viewing the literary work as an act of consciousness and as a structure, intentionality can be used to underwrite reader-response criticism and ‚author intention‘ readings as well as formalistic close reading and structural approaches that objectify the text.“20 Je nach Akzentsetzung lassen sich in einem phänomenologischen Bezugsrahmen alle Instanzen der literarischen Kommunikation in den Blick nehmen. Möglicherweise wird auch die künftige Attraktivität der Phänomenologie in dieser Flexibilität liegen.

|| 20 Ray 1984, S. 8f.

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