Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlegertypologie der Goethe-Zeit [Band 1 Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlegertypologie der Goethe-Zeit] 3110137976, 9783110137972

Georg Joachim Göschen (1752-1822) gehörte zu den bedeutendsten Leipziger Verlegern und Druckern; als Verleger von Goethe

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Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlegertypologie der Goethe-Zeit [Band 1 Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlegertypologie der Goethe-Zeit]
 3110137976, 9783110137972

Table of contents :
I. Vorbemerkungen zum Stand der Forschung
II. Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828
1. Die Anfänge des Verlages
1.1 Karl August Böttigers Verlagsgeschichte bis 1796
1.1.1 Karl August Böttiger
1.1.2 Edition der Verlagsgeschichte Böttigers
1.2 Göschens Ausbildungsjahre in Bremen und Leipzig
1.3 Die Buchhandlung der Gelehrten in Dessau
1.4 Die Verlagscasse der Gelehrten in Dessau
1.5 Göschens Verlagsgründung nach dem Umbruch der Buchhandlung der Gelehrten und der Verlagscasse
2. Die führenden Verlagspartner der ersten Geschäftsjahre
2.1 Huber - Körner - Schiller
2.1.1 Ein Startkapital mit Auflagen
2.1.2 „ daß ich bei Ihnen nicht als Kaufmann denke“. Die Verlagsverhandlungen zwischen Schiller und Göschen
2.1.3 Körner als Geschäftspartner Göschens
2.2 Bertuch - Wieland - Goethe
2.2.1 Bertuchs Vermittlung des Teutschen Merkur (1786-1799)
2.2.2 Wielands Sämmtliche Werke
2.2.3 Goethe auf dem Buchmarkt bis 1787
2.2.4 Goethes erste autorisierte Gesamtausgabe bei Göschen (1787-91)
3. Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig
3.1 August Wilhelm Iffland
3.2 Ein „Monumentum Typographicum“: Klopstocks Werke
3.3 Corpus scriptorum latinorum
3.4 Der Verlag in den Kriegsjahren 1805-1813
4. Die Geschäftsjahre 1815-1828
4.1 „Eine sehr unterhaltende Sündfluth“: Eine „Wende“ in der Verlagspolitik nach 1815
4.2 Verlagsverhandlungen mit neuen Autoren
4.3 Göschen als Verleger der Pseudoromantik
4.4 Erfolgsjahr 1825: Shakespeare und von Schliebens Atlas von Europa
4.5 „Ein Sohn des vorigen Jahrhunderts“. Göschens resignativer Rückblick im letzten Lebensjahr
III. Göschens verlegerische Tätigkeit
5. Lektorat und Textkonstitution im Verlag
5.1 Textkonstitution von Goethes Schriften (1787-1790)
5.2 Beispiele für die Normierung bei der ,geringen Ausgabe‘ (S2) von Goethes Schriften
5.3 Die Zusammenarbeit mit Johann Gottfried Seume
5.3.1 Der Lektor Seume
5.3.2 Der Autor Seume
5.4 Die Publikationen von Johann Baptist von Alxinger
5.4.1 Die verlegerische Betreuung
5.4.2 Seumes Überarbeitung
5.5 Göschens Bemühungen um die Steuerung der Literaturkritik
6. Göschens Verdienste um die klassizistische Typographie
6.1 Pracht-Ausgaben mit Didotschen Lettern
6.2 Griechische Lettern von Prillwitz
7. Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck
7.1 Ursachen und Strategien zur Bekämpfung
7.2 Leipzig und der Reichsbuchhandel. Zu Göschens Entscheidung, Schubart nicht zu verlegen
7.3 Der Rechtsstreit mit Christian Gottlieb Schmieder
7.4 Partnerschaft mit Wiener Verlegern
7.5 Der Prozeß zwischen der Weidmann’schen Buchhandlung und Georg Joachim Göschen wegen Wielands Sämmtlichen Werken
7.6 Hoffnungen auf den Wiener Kongreß 1815
7.7 Das Bureau der deutschen Classiker
7.8 Ein falscher Verdacht. James Bruce Reisen in das Innere von Afrika (1790/91)
8. Göschens Journalproduktion - vier Fallstudien
8.1 Pandora oder Kalender des Luxus und der Moden
8.2 Der Almanach aus Rom (1810/11)
8.3 Grimmaisches Wochenblatt Jur Stadt und Land
8.4 Amerika, dargestellt durch sich selbst (1818-1820)
IV. Der Verlag nach dem Tode des Gründers
9. Das Ende des Verlages in Familienbesitz
9.1 Versuchte Nachfolgeregelungen 1814-1822
9.2 Carl Friedrich Göschen-Beyer 1822-1827
9.3 Hermann Julius Göschen 1828-1838
10. Die Verlagshandlung Göschen, Leipzig, im Hause Cotta 1838-1868
10.1 Die Übernahme 1838 und die Änderungen im Programm
10.2 Das Klassikerjahr 1867
10.3 Die Verkaufsumstände 1868
V. Literaturverzeichnis
VI. Register

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Georg Joachim Göschen Ein Verleger der Spätaufklärung und der deutschen Klassik Band 1

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Walter de Gruyter • Berlin • New York • 1999

Stephan Füssel Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlegertypologie der Goethe-Zeit

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Walter de Gruyter • Berlin • New York • 1999

@ Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Georg Joachim Göschen, ein Verleger der Spätaufklärung und der deutschen Klassik / hrsg. von Stephan Füssel. - Berlin ; New York : de Gruyter Bd. 1. Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlegertypologie der Goethe-Zeit / Stephan Füssel. - 1999 ISBN 3-11-013797-6 © Copyright 1999 by Walter de Gruyter GmbH Sc Co. KG, D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany. Satz, Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert Sc Co. GmbH, Göttingen

Inhaltsverzeichnis

I.

Vorbemerkungen zum Stand der Forschung

II. Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828 1. Die Anfänge des Verlages 1.1 Karl August Böttigers Verlagsgeschichte bis 1796 1.1.1 Karl August Böttiger 1.1.2 Edition der Verlagsgeschichte Böttigers 1.2 Göschens Ausbildungsjahre in Bremen und Leipzig 1.3 Die Buchhandlung der Gelehrten in Dessau 1.4 Die Verlagscasse der Gelehrten in Dessau 1.5 Göschens Verlagsgründung nach dem Umbruch der Buchhandlung der Gelehrten und der Verlagscasse

1 19 19 21 21 25 44 46 50 54

2. Die führenden Verlagspartner der ersten Geschäftsjahre 63 2.1 Huber - Körner - Schiller 63 2.1.1 Ein Startkapital mit Auflagen 63 2.1.2 „... daß ich bei Ihnen nicht als Kaufmann denke". Die Verlagsverhandlungen zwischen Schiller und Göschen 67 2.1.3 Körner als Geschäftspartner Göschens 82 2.2 Bertuch - Wieland - Goethe 86 2.2.1 Bertuchs Vermittlung des Teutschen Merkur (1786-1799) 86 2.2.2 Wielands Sämmtliche Werke 91 2.2.3 Goethe auf dem Buchmarkt bis 1787 105 2.2.4 Goethes erste autorisierte Gesamtausgabe bei Göschen (1787-91) 106 3. Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig 126 3.1 August Wilhelm Iffland 127 3.2 Ein „Monumentum Typographicum": Klopstocks Werke 131 3.3 Corpus scriptorum latinorum 138 3.4 Der Verlag in den Kriegsjahren 1805-1813 148 4. Die Geschäftsjahre 1815-1828 4.1 „Eine sehr unterhaltende Sündfluth": Eine „Wende" in der Verlagspolitik nach 1815 4.2 Verlagsverhandlungen mit neuen Autoren 4.3 Göschen als Verleger der Pseudoromantik 4.4 Erfolgsjahr 1825: Shakespeare und von Schliebens Atlas von Europa

158 158 166 168 185

VI

Inhaltsverzeichnis

4.5

„Ein Sohn des vorigen Jahrhunderts". Göschens resignativer Rückblick im letzten Lebensjahr

III. Göschens verlegerische Tätigkeit

195 203

5. Lektorat und Textkonstitution im Verlag 5.1 Textkonstitution von Goethes Schriften (1787-1790) 5.2 Beispiele für die Normierung bei der ,geringen Ausgabe' (S 2 ) von Goethes Schriften 5.3 Die Zusammenarbeit mit Johann Gottfried Seume 5.3.1 Der Lektor Seume 5.3.2 Der Autor Seume 5.4 Die Publikationen von Johann Baptist von Alxinger 5.4.1 Die verlegerische Betreuung von Alxingers Bliomberis und Doolin 5.4.2 Seumes Überarbeitung von Alxingers Bliomberis 5.5 Göschens Bemühungen um die Steuerung der Literaturkritik . . . .

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6. Göschens Verdienste um die klassizistische Typographie 6.1 Pracht-Ausgaben mit Didotschen Lettern 6.2 Griechische Lettern von Prillwitz

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7. Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck 7.1 Ursachen und Strategien zur Bekämpfung 7.2 Leipzig und der Reichsbuchhandel. Zu Göschens Entscheidung, Schubart nicht zu verlegen 7.3 Der Rechtsstreit mit Christian Gottlieb Schmieder 7.4 Partnerschaft mit Wiener Verlegern 7.5 Der Prozeß zwischen der Weidmann'schen Buchhandlung und Georg joachim Göschen wegen Wielands Sämmtlichen Werken .. 7.6 Hoffnungen auf den Wiener Kongreß 1815 7.7 Das Bureau der deutschen Classiker 7.8 Ein falscher Verdacht. James Bruce Reisen in das Innere von Afrika (1790/91)

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8. Göschens Joumalproduktion - vier Fallstudien 8.1 Pandora oder Kalender des Luxus und der Moden 8.2 Der Almanach aus Rom (1810/11) 8.3 Grimmaisches Wochenblattfiir Stadt und Land 8.4 Amerika, dargestellt durch sich selbst (1818-1820)

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IV. Der Verlag nach dem Tode des Gründers 9. Das Ende des Verlages in Familienbesitz 9.1 Versuchte Nachfolgeregelungen 1814-1822 9.2 Carl Friedrich Göschen-Beyer 1822-1827 9.3 Hermann julius Göschen 1828-1838

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V.

Inhaltsverzeichnis

VII

10. Die Verlagshandlung Göschen, Leipzig, im H a u s e Cotta 1838-1868 . . . 10.1 Die Ü b e r n a h m e 1838 und die Änderungen im P r o g r a m m 10.2 D a s K l a s s i k e r j j h r 1867 10.3 Die Verkaufsumstände 1868

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Literaturverzeichnis

365

VI. Register

383

I Vorbemerkung

Wenn in Zukunft irgend einmal eine, des Gegenstandes würdige, deutsche Literaturgeschichte erscheinen sollte: so würde in derselben auch der Buchhandlungen mit Ruhm gedacht werden müssen, welche der Literatur und dadurch der fortschreitenden Ausbildung der Deutschen Nazion wesentliche Dienste geleistet haben. 1 Caroline L. F. Richter, die Witwe Jean Pauls, würdigt in ihrem Brief vom 26. Mai 1826 an die Cottasche Buchhandlung die Verdienste zeitgenössischer Verleger um das Autorenhonorar, den Buchpreis, die Buchausstattung und die Bekämpfung des Nachdrucks. In ihrem Resümee der Bedeutung, die den Verlagen bei der Literaturvermittlung zukommt, knüpft sie an Positionen von Perthes und Göschen an, die durch Denkschriften, aber auch durch ihr eigenes verlegerisches Handeln die deutsche Literatur nachhaltig befördert haben. Göschen sah es zeitlebens als seine Aufgabe an, Werken von überzeitlicher Bedeutung die ihnen gemäße buchkünstlerische Gestaltung zu verleihen, ferner den Autoren durch die Bekämpfung des Nachdrucks zu einem gerechten Honorar zu verhelfen und mit der Verbesserung der Ausbildung den Buchhändler zu einem gleichberechtigten Partner der Autoren aufzuwerten. Göschens Vorüberlegungen nahm im Jahre 1816 Friedrich Perthes in seine Denkschrift über den Deutschen Buchhandel als Bedingung des Daseyns einer deutschen Litteratur an prominenter Stelle auf. Die ausgeprägte buchhandelsgeschichtliche Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (vgl. vor allem die Geschichte des deutschen Buchhandels von Friedrich Kapp und Johann Goldfriedrich 1886 bis 1923) betonte die nationale Bedeutung des Buchhandels und regte Einzelforschungen zur Typographie, Illustration und Firmengeschichte an, für die die Historische Commission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit 1878 mit dem Archiv filr Geschichte des Deutschen Buchhandels einen Publikationsort zur Verfügung stellte.2

1 Ex. SNM Marbach, Cotta Archiv. Cotta Br.; Caroline Leopoldine Friederike Richter an die Cottasche Buchhandlung, Bayreuth, 26. Mai 1826, S.2. - Vgl. Cotta und das 19. Jahrhundert. Aus der literarischen Arbeit eines Verlages. Ausstellung und Katalog von Dorothea Kuhn. Marbach 1980, S. 57 f.; diese Denkschrift Caroline Richters publizierte Ludwig Fertig vollständig in seiner Untersuchung: „Ein Kaufladen voll Manuskripte". Jean Paul und seine Verleger. In: AGB Bd. 32 (1989), S. 273-395, hier S. 385-388. 2 AGDB B d . I - X X , 1878-1898, Bd. XXI, 1930; vgl. Hundert Jahre Historische Kommission des Börsenvereins. 1876-1976. Frankfurt 1976, hier S. 139-153 das Verzeichnis der Beiträger im AGDB. Im Rahmen der nachfolgenden Untersuchung wurden besonders die Arbeiten des Redakteurs des AGDB, F.Hermann Meyer, herangezogen, u.a. ,Die genossenschaftlichen

2

Vorbemerkung

Mit der Wiederbelebung der Forschungen zur Geschichte des Buchwesens durch die sozialhistorisch orientierte Literaturwissenschaft der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts trat dann an die Stelle eines antiquarisch-biographischen Interesses an den führenden Verlegerpersönlichkeiten eine fächerübergreifende gesamtkulturelle Fragestellung, die sich aus dem engeren buchhandelsgeschichtlichen Kontext löste. Fragen der Herstellung von Büchern, aber auch der Autor-Verleger Beziehung, der literarischen Wertung, der buchkünstlerischen Gestaltung, der Distribution und der Leserforschung rückten ebenso wie rechdiche Probleme in das Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Die neunziger Jahre sind durch einen deutlichen Aufbruch buchwissenschaftlicher Forschung im Rahmen einer integrativen Kulturwissenschaft gekennzeichnet 3 , auch in den Literaturwissenschaften ist eine stärkere Berücksichtigung der Medienrealität von Literatur zu erkennen. Die neue Medienkonkurrenz, die das Buch partiell gegenüber elektronischen Medien in Frage stellt und bewährte Kommunikationsebenen verändert, führt zu einer verstärkten Reflexion über die Vermittlungsinstanzen von Literatur. 4 Die Verlagsgeschichtsschreibung ist häufig stiefmütterlich behandelt worden, da sie nicht selten in bestellten Festschriften und durch Hauspublikationen der Verlage abgehandelt wurde; sie muß sich heute in ihrer Wissenschaftlichkeit in bezug auf die Quellenpräsentation, das methodische Vorgehen und die Wirkungsabsicht messen lassen. An dem historischen Fallbeispiel Göschen soll exemplarisch die „Vermittlungsinstitution Verlag" und ihre Bedeutung f ü r die Literatur, die Sprache, die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Rechtsgeschichte, die Personengeschichte und die Kulturgeschichte gezeigt werden. Bei kaum einer anderen historischen Betrachtung muß allerdings die Persönlichkeit des Verlegers in den Mittelpunkt der Untersuchungen gestellt werden, die in nicht wenigen Fällen prägend und gestaltend f ü r das Verlagsprofil verantwortlich ist. Erst wenn wir über weitere, aus den Quellen geschöpfte und detailliert geschilderte Verlagsgeschichten verfügen, wird es möglich sein, strukturelle Analysen über die Rolle des Buchmarktes in dieser Epoche zu verfassen. Die vorliegende Arbeit versteht sich mit der Rekonstruktion der Verlagskorrespondenz, der erstmaligen Erstellung der Verlagsbibliographie und der Auswertung dieser Archivalien als ein Baustein zur Buchgeschichte um 1800.

und Gelehrten-Buchhandlungen des achtzehnten Jahrhunderts', Bd.II, S.68-124, und ,Der deutsche Buchhandel gegen Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts', Bd. VII, S. 199-249. Aus den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts stammen auch die Arbeiten von Karl Buchner, die vielfältig die Verlagsbeziehungen Göschens berühren: Wieland und die Weidmannsche Buchhandlung. 1871; Zur Geschichte des Selbstverlags der Schriftsteller. 1874 ( = Beiträge zur Geschichte des Deutschen Buchhandels, H e f t 1); Wieland und Georg Joachim Göschen. 1874 (Ebd. H e f t 4). 3 Vgl. Stephan Fussel: Buchwissenschaft als Kulturwissenschaft. In: Ders.: Im Zentrum das Buch. Mainz 1997, S. 62-73 ( = Kleiner Druck der Gutenberg-Gesellschaft Nr. 112). 4 Vgl. Ders.: Gutenberg goes electronic. In: Gutenberg-Jahrbuch 1996, S. 15-22.

Vorbemerkung

3

Zum Stand der Forschung Das Verhältnis von „Buchhandel und Literaturwissenschaft" beschrieb erstmalig Herbert G. Göpfert 1965 in dem Sammelband Buchhandel und Wissenschaft.5 Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand die Frage, „inwieweit der Buchhandel nach seinem Wesen und in seiner wechselvollen Geschichte auf die Literatur eingewirkt hat und einwirkt". Diesen Gedanken nahm Paul Raabe in seinem grundsätzlichen Aufsatz aus Anlaß des 100-jährigen Bestehens der Historischen Kommission des Börsenvereins im Jahre 1976 auf und bezeichnete die Erforschung der Geschichte des Buchwesens als eine „wissenschaftliche und bildungspolitische Aufgabe ersten Ranges".6 Die Frage nach dem Verhältnis von Autor und Verleger (Verlagsverträge, Urheberrecht, Autorenhonorar u. ä.) sollte dabei im Vordergrund stehen: „Aufgabe künftiger Forschung wird es sein, auf Grund der erreichbaren Dokumente mehr über das Verhältnis des Autors zum Verleger, über Art und Wandlungen dieser Zusammenarbeit zu erfahren." Raabe nannte femer den Buchdruck, die Buchausstattung, den Vertrieb, aber auch die Buchkritik, die Rezeptionsgeschichte und die historische Leserforschung als zentrale Untersuchungsgegenstände. 7 Herbert G. Göpfert knüpfte 1977 in einem Aufsatzband mit dem programmatischen Titel Vom Autor zum Leser8 an ältere literaturwissenschaftliche Fragestellungen zu den Vermitdungsprozessen literarischen Lebens an und regte mit seinen Überlegungen vielfältige Forschungen zu Leihbibliotheken, 9 Lesegesellschaften, zur Schriftstelleremanzipation und zum Verlagswesen an. Zahlreiche dieser Arbeiten konnten im Archiv für Geschichte des Buchwesens (AGB) publiziert werden oder fanden Aufnahme in dem neugegründeten „Internationalen Archiv für Sozialgeschichte der deut-

5 Zusammengestellt von Friedrich Uhlig. Gütersloh 1965 ( = Schriften zur Buchmarkt-Forschung 5) S. 118-135. - Diese bibliographischen Notizen markieren wichtige Positionen, die in der vorliegenden Monographie berücksichtigt wurden. Forschungsberichte zu den Themen Buchillustration, Buchhandel, Zensur und Historische Lese(r)forschung sind in der Festschrift für Raul Raabe zum 60. Geburtstag zusammengefaßt: Die Erforschung der Buch- und Bibliotheksgeschichte in Deutschland. Hrsg. v. Werner Arnold, Wolfgang Dittrich und Bernhard Zeller. Wiesbaden 1987; vgl. femer den Forschungsbericht von Gerhard Sauder: Sozialgeschichtliche Aspekte der Literatur im 18. Jahrhundert In: IASL4 (1979), S. 197-241. 6 Paul Raabe: Was ist Geschichte des Buchwesens? In: Hundert Jahre Historische Kommission. Frankfurt 1976, S.9-45. 7 In Fortschreibung der weiterhin aktuellen zwanzigjährigen Ausführungen von Paul Raabe wäre heute nur die Frage der Medienkonkurrenz neu hinzuzufügen. 8 Herbert G. Göpfert: Vom Autor zum Leser. Beiträge zur Geschichte des Buchwesens. München 1977. 9 Vgl. besonders die Monographie zum Thema von Alberto Martino: Die deutsche Leihbibliothek. Geschichte einer literarischen Institution (1756-1914). Mit einem zusammen mit Georg Jäger erstellten Verzeichnis der erhaltenen Leihbibliothekskataloge. Wiesbaden 1990.

4

Vorbemerkung

sehen Literatur" und in den Literaturgeschichten 1 0 der siebziger und achtziger Jahre." Reinhard Wittmann wertete 1971 in seiner M ü n c h e n e r Dissertation 1 2 erstmals die Buchhändlerzeitschriften des 18. Jahrhunderts aus; er konnte so eine Topographie des deutschen Buchhandels um 1780 zeichnen, die grundlegenden Strukturveränderungen im buchhändlerischen Verkehr aufzeigen, die Bedeutung der süddeutschen Buchhändler stärker hervorheben und schließlich mit Perthes den Buchhandel als Bedingung einer Nationalliteratur charakterisieren. Zur Geschichte des literarischen Lebens im 18. Jahrhundert und z u m Problem des „freien Schriftstellers" arbeiteten grundlegend H a n s Jürgen H a f e r k o r n , H e l m u t Pape und W o l f g a n g von U n g e m Sternberg.' 3 v. U n g e r n - S t e m b e r g konzentrierte sich mit großem G e w i n n auf die Verlegerbeziehungen Wielands, die er aus den Quellen heraus nachzeichnete. 1 4 Ü b e r den Buchhandelsreformer Philipp Erasmus Reich handelten H a z e l Rosenstrauch und Mark Lehmstedt. 1 5 D i e Verlagsproduktion Friedrich Nicolais ( 1 7 3 3 - 1 8 1 1 ) ist von Paul Raabe rekonstruiert worden; in einer Wolfenbütteler Ausstellung zeigte er einen großen Teil der 422 Verlagswerke aus den Jahren 1759 bis 1811 und beschrieb gut die H ä l f t e nach Autopsie, zumeist aus dem Bestand der H e r z o g August Bibliothek, im Katalog. 1 6 D i e s e s Bücherangebot eines Aufklärungsverlegers 1 7 analysierte Paul

10 Vgl. u.a. Wolfgang von Ungern-Stemberg: Schriftsteller und literarischer Markt. In: Deutsche Aufklärung bis zur Französischen Revolution 1680-1789. Hrsg. v. Rolf Grimminger ( = Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur Bd. 3) München/Wien 1980, S. 133-185. 11 Vgl. den Forschungsbericht des Verf.s: Sozialgeschichten der deutschen Literatur. In: Buchhandelsgeschichte 1987/4, S. B 154-B 160. 12 Die frühen Buchhändlerzeitschriften als Spiegel des literarischen Lebens. Frankfurt/M. 1973 ( = Sonderdruck aus dem Archiv für Geschichte des Buchwesens (AGB) Bd. XIII). 13 Hans Jürgen Haferkorn: Der freie Schriftsteller. Eine literatur-soziologische Studie über seine Entstehung und Lage in Deutschland zwischen 1750 und 1800. In: AGB V (1964), Sp. 523-71 1. - Helmut Pape: Die gesellschaftlich-wirtschaftliche Stellung Fr. G. Klopstocks. Diss. phil. masch. Bonn 1962; Ders.: Klopstocks Autorenhonorare und Selbstverlagsgewinne. In: AGB Bd.X (1970), Sp. 1-268. - Wolfgang von Ungern-Sternberg: Chr. M. Wieland und das Verlagswesen seiner Zeit. In: AGB XV (1974), Sp. 1211-1534. 14 Nach der Prozeßakten stellte v. Ungern-Sternberg dabei auch den Verlagswechsel Wielands von der Weidmannschen Buchhandlung zu Göschen dar, vgl. u. Kap. 7.5. 15 Hazel Rosenstrauch: Buchhandelsmanufaktur und Aufklärung. Die Reformen des Buchhändlers und Verlegers Ph.E.Reich (1717-1787). Sozialgeschichtliche Studie zur Entwicklung des literarischen Marktes. In: AGB 26 (1986) S. 1-129. - Mark Lehmstedt (Bearb.): Philipp Erasmus Reich (1717-1787). Verleger der Aufklärung und Reformer des deutschen Buchhandels. Ausstellungskatalog hrsg. v. der Karl-Marx-Universität Leipzig. Leipzig 1989; die Ausstellung wurde 1988 in Leipzig und 1989 in Frankfurt/M. und Hannover gezeigt, vgl. den Ausstellungsbericht Philipp Erasmus Reich (1717-1787). Zur Ausstellung in Leipzig. Von Hazel E. Rosenstrauch. In: Aus dem Antiquariat 5/1988, S. A 211-A 213. Die ungedruckte Leipziger Dissertation über Ph. F.. Reich von Lehmstedt aus dem Jahr 1990 ist auf dem Fernleihweg nicht erhältlich. 16 Paul Raabe: Friedrich Nicolai. 1733-1811. Die Verlagswerke eines preußischen Buchhändlers der Aufklärung 1759-181 1 ( = Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek

Vorbemerkung

5

R a a b e d a n n in einem A u f s a t z Zum Bild des Verlagswesens in Deutschland in der Sp 'dtaufelärtmg Die dreihundertjährige Geschichte des Metzler-Verlages wurde 1982 von Reinhard Wittmann aus den Verlagsarchivalien aufgearbeitet und im K o n t e x t der gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen mit reichem Quellenmaterial umfaßend dargestellt. 1 9 Wittmann betont in seiner Arbeit die N o t w e n d i g k e i t , den buchhändlerischen Alltag im 18./19. Jahrhundert mit neuen (im K o n t e x t präsentierten) Quellen zu erhellen, um verfehlte, aber „längst etablierte Thesen" der älteren Buchhandelsgeschichte überwinden zu können. U b e r einen der bedeutendsten Verleger der D e u t s c h e n K]assik, Johann Friedrich Cotta (Verlagsinhaber 1 7 8 7 - 1 8 3 2 ) , sind wir durch ein hervorragendes Verlagsarchiv im Deutschen Literaturarchiv in Marbach a. N . , eine ständige Ausstellung, eine erste Verlagsgeschichte, Untersuchungen zur seiner politisch-publizistischen Bedeutung und eine Teiledition seines Briefwechsels weitreichend i n f o r m i e r t 2 0 D o r i s Fouquet-

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19 20

Nr. 38) Wolfenbüttel 1983. Eine wissenschaftsgeschichtlich wichtige Studie über die Rolle Nicolais bei der Begründung eines akademischen Rezensionswesens legte Ute Schneider 1995 vor: Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek als Integrationsmedium der Gelehrtenrepublik. Wiesbaden: Harrassowitz 1995 ( = Mainzer Studien zur Buchwissenschaft, Bd. 1). Zum Typus des Aufklärungsverlegers vgl. Herbert G.Göpfert: Bemerkungen über Buchhändler und Buchhandel zur Zeit der Aufklärung in Deutschland. In: Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung. Bd. 1. Bremen 1974, S.69-83, vgl. auch Paul Raabe: Der Buchhändler im 18. Jahrhundert. In: Ders.: Bücherlust und Lesefreuden. Beiträge zur Geschichte des Buchwesens im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Stuttgart 1984, S. 21-35. In: Buchhandel und Literatur. Festschrift für Herbert G.Göpfert zum 75. Geburtstag am 22. September 1982. Hrsg. v. Reinhard Wittmann u. Bertold Hack. Wiesbaden 1982, S. 129-153. - Zu Nicolai vgl. auch den Berliner Katalog von Peter Jörg Becker, Tilo Brandis u. Ingeborg Stolzenberg: Friedrich Nicolai. Leben und Werk. Ausstellung zum 250. Geburtstag 7.12.1983-4.2.1984 ( = Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge 21). Berlin 1983. Reinhard Wittmann: Ein Verlag und seine Geschichte. Dreihundert Jahre J. B. Metzler Stuttgart. Stuttgart 1982. Ulrich Riedel: Der Verleger Johann Friedrich Cotta. Diss. phil. masch. Heidelberg 1951; Liselotte Lohrer: Cotta. Geschichte eines Verlages. 1659-1959. Ludwigsburg 1959; Cotta. Dokumente, Handschriften, Bücher aus drei Jahrhunderten. Ausstellung der Stuttgarter Zeitung aus den Beständen der Cotta'schen Handschriftensammlung. Bearb. v. Liselotte Lohrer u. M. v. Tilman Krömer; Cotta und das 19. Jahrhundert. Aus der literarischen Arbeit eines Verlages. Ständige Ausstellung des Schiller-Nationalmuseums und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar. Katalog: Dorothea Kuhn. Marbach 1980; Karin Hertel: Der Politiker Johann Friedrich Cotta: Publizistische verlegerische Unternehmungen. In: AGB XIX (1978), Sp. 365-562; Daniel Moran: Toward the Century of words. Johann Cotta and the politics of the public realm in Germany, 1795-1832. Berkeley, Los Angeles, Oxford 1990; vgl. auch Henriette Krämer: Georg von Cotta (1796-1863) als Verleger (Diss. rer. pol. Erlangen) In: AGB Bd. 25 (1984), Sp. 1095-1275; Roger Münch: Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf (1764-1832). Ein Beitrag zur Berufsgeschichte der Verleger. Microfiche-Ausgabe. Engelbach/Köln/New York: Hänsel-Hohenhausen 1993.

6

Vorbemerkung

Plümacher und Doris Reimer verdanken wir erste, wertvolle Informationen zum Verlag von Georg Andreas Reimer; 21 neue Verlagsmonographien zu Reimer und zu Cotta sind jedoch aufgrund der bisher weitgehend ungehobenen Archivbestände weiterhin Desiderate der Verlagsgeschichtsschreibung. Bei Georg Joachim Göschen (1752-1828), dem ebenso prominenten Verleger von Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Seume, Iffland, Thümmel u. a., fehlt sowohl ein Verlagsarchiv als auch eine wissenschaftlich haltbare Verlagsgeschichte. Dies ist um so bedauerlicher, als Göschen von zentraler Bedeutung ist als Verleger (erste autorisierte Goethe-Gesamtausgabe, vierfache Wieland-Ausgabe, zeitgemäße Zeitschriften, historische und politische Traktate), als Drucker-Verleger (Reform der Typographie, gediegene Buchausstattung und Illustrierung, „Taschenausgaben"), als Repräsentant der Spätaufklärung (Schulbuchprogramm, Schriften zur Volksaufklärung: R. Z. Beckers , N o t h - und Hülfsbüchlein') und der frühen Klassik, als führender Journalverleger und in den letzten Lebensjahren als Verleger der Dresdner Pseudoromantik. Göschen prägte eine neue Partnerschaft zwischen Autor und Verleger (Erfahrungen im Selbstverlagsunternehmen „Buchhandlung der Gelehrten" in Dessau; Mitgestaltungsrechte der Autoren, Einsatz f ü r Urheberrechte und angemessenes Autorenhonorar; umfassender gelehrter Briefwechsel) und trat für eine Stärkung der Standesorganisation ein (Ausbildung der Buchhändler, Maßnahmen gegen den Nachdruck, Pläne für einen Börsenverein). Die vorliegende Studie sucht mit literatur- und buchwissenschaftlichen Fragestellungen diese Vermittlungsfunktionen Georg Joachim Göschens aufzuarbeiten. Da das Verlagsarchiv durch das wechselhafte Schicksal der „Göschenschen Verlagshandlung" nach dem Tode des Gründers 1828 weitgehend zerstreut und vernichtet worden war, damit auch sämtliche Rechnungsbücher u. ä. fehlen, mußten zunächst Göschens weitgestreute Korrespondenz gesammelt und die Verlagspublikationen ermittelt wer-

Goethe und Cotta. Briefwechsel 1797-1832. Hrsg. v. Dorothea Kuhn. Bd. 1-3,2. Stuttgart 1979-83; Schelling und Cotta. Hrsg. v. Horst Fuhrmann und Liselotte Lohrer. Stuttgart 1965. Der Leiter des Cotta-Archives in Marbach, Bernhard Fischer, bereitet zur Zeit eine Edition der Kontenbücher, des Briefwechsels und eine Verlagsgeschichte zu Cotta vor; vgl. bisher Bernhard Fischer: Wirtschaftshistorische Perspektiven der Verlagsgeschichtsschreibung am Beispiel Cottas. In: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte 1996, S. 1 -21; Helmuth Mojem: Der Verleger Johann Friedrich Cotta. Repertorium seiner Briefe. Marbach 1997. 21 Jede Idee kann einen Weltbrand anzünden. Georg Andreas Reimer und die preußische Zensur während der Restauration. In: AGB Bd. 29 (1989), S. 1-150; Dies.: Georg Andreas Reimer und Johann Friedrich Cotta. In: Von Göschen bis Rowohlt. Festschrift für Heinz Sarkowski. Hrsg. v. Monika Estermann u. Michael Knoche. Wiesbaden 1990, S. 88-102; Doris Reimer: „Der Druck muß mit Vollziehung des Contraktes beginnen . . V e r t r ä g e des Verlegers Georg Andreas Reimer aus der Zeit von 1802-1837. In: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 5(1995), S. 167-199; Dies.: Methoden der Verlagsgeschichtsschreibung: Der biographische Ansatz am Beispiel des Berliner Verlegers G. A. Reimer. In: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte 1997, S. 48-71. Doris Reimer bereitet eine Dissertation über ihren Vorfahren vor.

Vorbemerkung

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den. Die Ergebnisse der „Vorstudien" zu dieser Verlagsgeschichte findet der Leser als Band 2 und Band 3 der Göschen-Trilogie. 2 2 Göschens weitgestreute Korrespondenz, die - etwa im Unterschied zu der Cottas wesentlich mehr inhaltliche Aussagen zur Entstehungsgeschichte der Werke, zu seinen persönlichen Beziehungen, aber auch zur Textkonstitution, zu Honorar- und Absatzfragen, zur Buchausstattung bis hin zur Literaturkritik etc. enthält, konnte in wesentlichen Teilen (insgesamt 4.283 Briefe) ermittelt und ausgewertet werden. D a ß damit keine Vollständigkeit erreicht werden konnte, zeigt der Neufund eines Briefkopierbuches im Jahre 1999. 23 Dieser gelehrte Briefwechsel bildet - bei kritischer Reflexion der Gattung „Brief" - die wichtigste Grundlage in allen Fragen der Verlagsgeschichte und wird daher im folgenden ausführlich, und häufig erstmalig, zitiert. Es kam der Arbeit zu Gute, daß wichtige Briefe aus der Schiller-Korrespondenz in den letzten Jahren im Rahmen der Nationalausgabe ediert und zum Teil bereits kommentiert wurden. 24 Die für den Geschäftsverkehr mit Göschen wichtigen Briefe von Klopstock und Wieland sind bisher nicht vollständig im Rahmen der Briefausgaben erschienen, sie wurden daher im Original eingesehen. 2 5 Die chronologische Darstellung von „Christoph Martin Wieland. Leben und Werk" durch Thomas C. Starnes 26 erleichterte die Suche nach der Wieland-Göschen Korrespondenz. Es fehlt bisher eine wissenschaftliche haltbare Beschäftigung mit Göschen, im Gegensatz zu den zahlreichen - selbstverständlichen - Erwähnungen und Hochschätzungen in Literatur- und Buchhandelsgeschichten, Lexika und Standesorganen. Der

22 Stephan Fussel: Verlagsbibliographie Göschen (1785-1838). Berlin/New York: Walter de Gniyter 1998 ( = Georg Joachim Göschen. Ein Verleger der Spätaufklärung und der deutschen Klassik. Band 2); Repertorium der Verlagskorrespondenz Göschen (1783-1828). Hrsg. v. Stephan Füssel. Bearb. v. Sabine Doering unter Mitarbeit von Marion Marquardt, Felicitas Marwinski, Ulrich Nolte, Siegrid Stein u. Wolfgang Stein. Berlin/New York: Walter de Gruyter 1996 ( = Georg Joachim Göschen. Ein Verleger der Spätaufklärung und der deutschen Klassik. Band 3). 23 Das Briefkopierbuch 1800-1817 wurde während des Umbruchs dieser Untersuchung 1999 im Verlag de Gruyter wiedergefunden (s.u. Anm. 45). - Dagegen ist der Verbleib einiger Briefe aus dem Schloßmuseum Lützen (Göschen-Seume), die 1989 dort noch eingesehen werden konnten, heute unklar. 24 Schillers Werke. Nationalausgabe. Briefwechsel. Bd. 24 Schillers Briefe 17.4.178531.12.1787. In Verbindung mit Walter Müller-Seidel hrsg. v. Karl Jürgen Skrodzki. Weimar 1989. - Bd. 33/1. Briefe an Schiller. 1781-1790 (Text). Hrsg. v. Siegfried Seidel. Weimar 1989. - Bd. 34/1. Briefe an Schiller. 1.3.1790-24.5.1794 (Text). Hrsg. v. Ursula Naumann. Weimar 1991. - Bd. 40/1. Briefe an Schiller. 1.1.1803-17.5.1805 (Text). Hrsg. v. Georg Kurscheidt u. Norbert Oellers. Weimar 1987. - Bd. 40/11. Briefe an Schiller 1.1.180317.5.1805 (Anmerkungen). Hrsg. v. Georg Kurscheidt u. Norbert Oellers. Weimar 1995. 25 Zum Stand der Edition vgl. Siegfried Scheibe/Waltraud Hagen/Uta Motschmann: Zur Edition von „Wielands Briefwechsel". In: Wieland-Studien I. Sigmaringen 1991, S. 156-173. Zwischen Abschluß der Arbeit und Drucklegung erschienen die Textbände von Wielands Briefwechsel Bd. 10,1: April 1788 - Dezember 1790. Bearbeitet von Ute Motschmann. Berlin 1992 und Bd. 12,1: Juli 1793 - Juni 1795. Bearbeitet von Klaus Gerlach. Berlin 1993. 26 3 Bde. Sigmaringen 1987.

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Vorbemerkung

Artikel zum 200. Verlagsjubiläum 1985 im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" 27 von Georg Ramsegger ist mit seinen Fehlinformationen und Verzeichnungen symptomatisch für den Umgang mit diesem bedeutenden Verleger: das allgemeine Interesse ist groß, an grundlegender, detaillierter Forschung mangelt es jedoch bis heute. Hauptquelle ist bislang die materialreiche Monographie seines Enkels, Viscount George Goschen (London 1903, deutsch von Th.A.Fischer 1905), 28 der in der Tradition der „Life and Letters"-Publikationen Briefzitate aneinanderreihte, für die zunächst englischen Leser grundsätzliche Erläuterungen zur deutschen Literatur anfügte und chronologisch, mit deutlichem Schwerpunkt auf den ersten 15 Geschäftsjahren, ordnete. Die Arbeit, für die Goschen ca. 900 Briefe sammelte (die heute zum Teil mit schweren Kriegsschäden - im Deutschen Buch- und Schrift-Museum [DBSM] in Leipzig lagern), besitzt ihre Bedeutung für die verlagsgeschichtliche Forschung zu Beginn des Jahrhunderts, obwohl sie nicht frei ist von Gemeinplätzen und familiär-vertrauten Schlußfolgerungen, die die Grenze zum historischen Roman streifen. Gravierender wiegen zahlreiche Fehllesungen, Verkürzungen und Kompilationen der zitierten Briefe, die in der Literaturwissenschaft Eingang gefunden haben. D a f ü r seien einige Belege, die in der Untersuchung im Zusammenhang erörtert werden, hier bereits angeführt. Eine bloße Fehllesung 29 von Goschen brachte es z. B. mit sich, daß man bis in die Gegenwart davon ausgeht, Goethe hätte mit dem Verleger Unger bereits vor 1786 über eine eigene Gesamtausgabe verhandelt (vgl. unten Kapitel 2.2.3). Auch das Ende der Geschäftsbeziehungen zwischen Goethe und Göschen wurde von Goschen ungenau und in der Schlußfolgerung falsch wiedergegeben. Goethe ließ vorsichtig die Vermutung anklingen, daß Göschen einen „Sachverständigen" zur Beurteilung seiner Metamorphose der Pflanzen zu Rate gezogen und sie daraufhin abgelehnt habe. 30 Diese spätere Vermutung Goethes, die durch die Briefe Göschens eindeutig widerlegt wird (vgl. unten Kap. 2.2.4) berichtet sein Enkel als Tatsache und konkretisiert, daß Göschen einem „Botaniker" (Bd. 1, S. 201) das Manuskript zur Begutachtung vorgelegt habe, und es daher zum Bruch gekommen sei. 3 '

27 Frankfurter Ausgabe vom 12.3.1985, S. 641 f. 28 T h e Life and Times of Georg joachim Göschen. L o n d o n / N e w York 1903; Das Leben Georg Joachim Göschens von seinem Enkel Viscount Goschen. Deutsche, vom Verfasser bearbeitete Ausgabe, übersetzt von Th.A.Fischer. 2 Bde. Leipzig 1905. 29 Goschen/Fischer Bd.I, S. 106. - Der Brief liegt im Goethe und Schiller Archiv in Weimar, Bertuch-Nachlaß I, 1025, 28. Vgl. auch Quellen und Zeugnisse zur Druckgeschichte von Goethes Werken. I. Gesamtausgaben bis 1822. Bearbeitet von Waltraud Hagen. Berlin 1966 ( = Werke Goethes. Akademie Ausgabe. Erg.bd. 2, Teil 1) S. 7 f. 30 Goethe: Schicksal der Handschrift. In: Zur Morphologie, B d . I , Stuttgart und Tübingen, Cotta 1817, S . 6 1 - 7 9 : „... O b er [ = Göschen] sich nun überhaupt von meinen Arbeiten nicht mehr sonderlich viel versprochen oder ob er in diesem Falle, wie ich vermuten kann, bei Sachverständigen Erkundigungen eingezogen habe, .. 31 So z.B. von Siegfried Unseld: Goethe und seine Verleger. Frankfurt/M. u. Leipzig: Insel

Vorbemerkung

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Eine historische Fehleinschätzung ist Viscount Goschens Klage über den „größten Fehler" seines Großvaters, die Shakespeare-Ubersetzung Schlegels nicht in Verlag genommen zu haben. Tatsächlich wurde sie ihm aber gar nicht angeboten; in der umfangreichen erhaltenen Korrespondenz der neunziger Jahre gibt es dafür keine Hinweise. Zu dieser rein spekulativen Fehleinschätzung kam Goschen durch einen weiteren Brief August Wilhelm Schlegels, als dessen Adressaten er fälschlich seinen Großvater ansieht, da ihm nur Briefabschriften zur Verfügung standen. Sieht man sich den entsprechenden Brief vom 5. April 1800 von Schlegel im Original in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden an, so fällt zunächst die fehlende Adresse und der ältere, ungenaue Bleistifthinweis auf: „wohl an Goeschen". Schlegel dankt in dem Brief seinem Verleger für das Honorar „des Walpole". Goschen kann diesen Namen nicht identifizieren und erläutert: „Es läßt sich aber in dem Göschenschen Verlagskatalog kein Werk ,Walpole' finden" (Bd. 2, S. 160). Den Brief richtete Schlegel an seinen Leipziger Verleger Johann Friedrich Hartknoch, bei dem 1800 seine Übersetzung der Historischen, litterarischen und unterhaltenden Schriften von Horatio Walpole erschienen war. Trotz der offensichdichen Differenzen in der Zuschreibung zögert Goschen nicht, das weitere Zitat des Briefes: „Es ist mein Wunsch, die durch den Walpole angefangene Verbindung mit Ihnen, zu gemeinschaftlichen Geschäften zu kultivieren" auf Georg Joachim Göschen zu beziehen und ein gutes Einvernehmen zu behaupten. Dabei hatte Schlegel bereits am 11.10.1799 an Göschen geschrieben: „... unsere Correspondenz hat ja meistens darin bestanden, daß ich Ihnen einen Vorschlag nach dem anderen gethan und daß Sie ihn jedesmal verworfen haben". 32 Weitere Beispiele für ähnliche Fehlinformationen werden an den entprechenden Stellen in der Arbeit vermerkt. Es ist bei Goschen generell die Absicht zu spüren, die Entwicklungen für seinen Großvater positiv zu bewerten. Wenn Körner sich für Schiller nach einem Verleger umsieht, so stellt er diese Entwicklung genau umgekehrt dar, als ob Körner für den jungen Verleger einen passablen Autor suchte. Die Urteile werden aus einer familären, betroffenen Perspektive gefällt: Autoren, die Göschen verlassen, sind „undankbar", „unzuverlässig", sie handeln „enttäuschend". Vor allem richtete Goschen sein Augenmerk einzig auf die Zeit der Klassik und prägte damit das nur teilweise zutreffende Bild eines Klassikerverlegers; die zweite Lebenshälfte Göschens tut er mit der Bemerkung ab: „Es würde den Leser ermüden, wollte ich die Geschichte dieser letzten Jahre ausführlich erzählen" 33 . Dieser Sichtweise folgt dann u.a. das Lexikon des gesamten Buchwesens34 1990, das Göschen nach 1802 nicht kennt: gerade in diesen Jahren ist er aber als Verlegerpersönlichkeit

1991, S. 139, übernommen; erneut im Goethe-Handbuch. Bd. 4. Hrsg. v. Regine Otto und Hans-Dietrich Dahnke. Bd. 4, 2. Teilband, Artikel „Verlage", Stuttgart 1998, S. 1083-90. 32 Zitiert nach Oskar F.Walzel: Wilhelm Schlegel und Georg Joachim Göschen. In: Untersuchungen und Quellen zur germanischen und romanischen Philologie: Johann von Kelle dargebracht. Teil 2. Prag 1908, S. 125-147 ( = Prager deutsche Studien 9), hier S. 132. 33 Bd. 2, S. 326. 34 LGB, 2., völlig neu bearb. Auflage. Bd. III (1990), hier S. 200, Artikel von E.Henze.

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Vorbemerkung

vor allem greifbar, da er nicht mehr von Vermittlern wie in den Anfangsjahren abhängig 'st. Aufschlußreich für die Einschätzung der Arbeitsmöglichkeiten Viscount Goschens sind die Briefe, die er in der fast 30-jährigen Entstehungsgeschichte seiner Verlagsmonographie mit den damaligen Besitzern der G. J. Göschenschen Verlagshandlung führte. Diese Korrespondenz wird im DBSM in Leipzig aufbewahrt 3 5 und zeigt die mangelnde Bereitschaft des Buchhändlers Weibert zur Zusammenarbeit, da er eine eigene Verlagsgeschichte plante. Die falschen oder unzureichenden Informationen Weiberts, die in Goschens Publikation Eingang fanden, werden - sofern sie von ähnlichem Gewicht sind, wie die aufgeführten Beispiele - im folgenden richtiggestellt. Leider sind auch die Quellenpublikationen unbefriedigend; der von Luise Gerhardt 1911 edierte Briefwechsel zwischen Göschen und Böttiger ist für philologisch exakte Zitation unbrauchbar. Eine Überprüfung an den Orginalbriefen in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden bestätigte den schon von früheren Rezensenten geäußerten Verdacht 3 6 , d a ß die Ausgabe nicht nur fehlerhaft, sondern durchweg unzuverlässig ist. Gerhardt kompiliert (ohne Vermerke) unterschiedliche Briefe, läßt offensichtlich schwer lesbare Partien aus, fingiert Ubergänge und gibt nicht einmal die Fundorte der Briefe an. Ein sprechendes Beispiel: Am 2. Januar 1797 schreibt Göschen an Böttiger über die Xenien: „Reichard hat im Journal Deutschland auch Rache geschnoben. An G ö t h e wagt er sich nicht recht, desto verächtlicher geht er mit Schillern um. Mir blutet das Herz . . G e r h a r d t verändert in: „Reichard hat im Journal Deutschland Rache geschnoben. An Goethe wagte er sich nicht, aber desto vermesslicher geht er mit Schiller um. Der arme Schiller muß die Freundschaft mit Goethen teuer bezahlen, denn auf ihn fällt immer der Schuß, da man auf Goethe nur anlegt. - Mir blutet das Herz...". Neben den Fehllesungen ist der (hier kursivierte) Einschub für die Edition charakteristisch, der aus einem anderen, undatierten Brief im Zusammenhang mit Nicolais Gegenschrift stammt. Die Konsequenz konnte nur sein, nach Möglichkeit alle Zitate an den Orginalbriefen zu überprüfen. Hilfreich war die kleine Auswahl von Briefen durch Johann Goldfriedrich aus dem Jahre 1918: Aus den Briefen der Göschensammlung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig^1, die zentrale Briefe aus dem ViscountGoschen-Nachlaß mit Faksimile-Proben wiedergibt. Nützlich ist ebenso die verläßliche Edition der Quellen und Zeugnisse zur Druckgeschichte von Goethes Werken, die

35 Göschen-Sammlung, Gruppe D. 36 L[uise] Gerhardt: Schriftsteller und Buchhändler vor hundert Jahren. Karl August Böttiger und Georg Joachim Göschen im Briefwechsel. Leipzig 1911. - Vgl. u. a. die Rezensionen von B.A.Müller in der Berliner Philologischen Wochenschrift Nr.51 vom 21.12.1912, Sp. 18381840; Milkau, Fritz: Rezension zu L. Gerhardt. In: Deutsche Literaturzeitung 1912. Nr. 21 vom 25.5.1912, Sp. 1293-1295. 37 Goldfriedrich J.[Hrsg.]: Aus den Briefen der Göschensammlung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig. Leipzig 1918 ( = Jahresgabe der Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei f ü r das J a h r 1918). - Zu einigen Fehldatierungen vgl. im folgenden.

Vorbemerkung

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Waltraud Hagen 1966 vorlegte.38 Bei einer Überprüfung an den Originalen im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar zeigte sich aber auch hier, daß durch die ausschnittsweise Veröffentlichung (durch die Konzentration auf die Druckgeschichte) interessante Details unterdrückt wurden; die Verbreitung der Goethe-Gesamtausgabe etwa wird von Hagen nur summarisch erfaßt (S. 121 ff.), die genau rekonstruierbare Verteilung der ausgelieferten Exemplare über das ganze Reich ermöglicht demgegenüber wertvolle Aufschlüsse über die Verbreitung in bestimmten Regionen, gibt Hinweise auf Nachdruckprobleme u.v. a. m. In den zurückliegenden Jahren wurden mehrfach einzelne Briefe von und an Göschen publiziert, die interessante Einblicke in einzelne Problemfelder der Autor-Verleger-Beziehung oder des Verlagsprogrammes bieten.39 Zum Teil erschienen diese Briefe aber weitgehend unkommentiert - als Beispiel wäre die Veröffentlichung des Briefes von Rudolf Zacharias Becker an Göschen vom 14. Juni 1788 durch Bernhard Wendt im Archiv für Geschichte des Buchwesens40 zu nennen. Der Brief ist sicher eine erstrangige Quelle zum Verhältnis Becker-Göschen, zum Absatz und Vertrieb seines Noth- und Hülfsbüchleins u.v. a. m. - er blieb aber fast ohne jede Erläuterung. Erst mit der Arbeit von Reinhart Siegert: Aufklärung und Volkslektüre. Exemplarisch dargestellt an Rudolph Zacharias Becker und seinem ,Noth- und Hülfsbiichlein'41 konnte der Kontext erschlossen werden. Herbert G. Göpfert hat in einer weiteren

38 Hagen, wie Anm. 29. - Eine Rezension mit weiterführenden Perspektiven zur Druckgeschichte der Goetheschen Schriften gab Herbert G. Göpfert: Von Breitkopf zu Cotta. Zur Druckgeschichte von Goethes Werken. In: Buchhandelsgeschichte 1990/3, S. B 90-B114 ( = Beilage zum Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Frankfurter Ausgabe Nr. 76 vom 21.9.1990). 39 Blumenthal, Liselotte: Das glückliche Jahre 1790: Zwei unveröffentlichte Briefe Schillers an Göschen. In: Jb. d. Deutschen Schillergesellschaft 19 (Stuttgart 1975) S. 1-24. - Geiger, Ludwig: Drei Briefe Georg Joachim Göschens. In: Zeitschrift für Bücherfreunde 6 (1902/3) S. 418-421. - Samuel, Richard: Ein Brief Friedrich von Hardenbergs an den Verleger Georg Joachim Göschen: Transcription und Erläuterungen. In: Literatur als Dialog - Festschrift zum 50. Geburtstag von Karl Tober. Hrsg. v. Reingard Nethersole. Johannesburg 1979, S. 267-282. - Schelle, Hansjörg: Wielands Beziehungen zu seinen Verlegern. Neue Dokumente. Teil III. In: Lessing Yearbook IX (1977) S. 166-258. - Schelle, Hansjörg: Wielands Briefwechsel mit Christian Friedrich von Blanckenburg und zwei Briefe Wielands an Göschen. In: Lessing Yearbook. Vol. 17 (1985) S. 177-208. - Wartenburg, Hans Graf Yorck von: Zwei ungedruckte Briefe von Schiller an G. J. Göschen. In: Archiv für Litteraturgeschichte 7 (1878) S. 382-385. - Erdmann Weyrauch: „... jede Arbeit ist mir verhaßt bey der man nicht ein edler Mensch bleiben kann." Göschen an Archenholz. In: Wolfenbütteler Notizen zum Buchgeschichte XIII, 1988, S. 52-8. - Zeman, Herbert: Ein Goethe Autograph aus dem Besitz Konrad H. Lesters. In: Jahrbuch des Wiener Goethe-Vereins Bd. 81/82/83 (1977/78/79) S. 309-313 (Brief Goethes an Göschen vom 23.Juli 1789). 40 Berndt Wendt: Rudolf Zacharias Becker an seinen Verleger und Freund Georg Joachim Göschen. In: AGB 8 (1967), Sp. 1619-24. 41 In: AGB 19 (1978), Sp. 565-1348; zum Thema vgl. auch Reinhard Wittmann: Der lesende Landmann (1973), zitiert nach: Ders.: Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert. Beiträge zum literarischen Leben 1750-1880. Tübingen 1982, S. 1-45. - Zur Zeit erarbeiten

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Vorbemerkung

Briefedition 42 1987 Göschens frühes Interesse für die „lesenden Landleute" mit neuem Material belegen können. In einem Aufriß der Forschung zu Georg Joachim Göschen ist auch die Leipziger Diplomarbeit von Dietmar Debes über Die typographische Leistung des Verlegers (1965) zu erwähnen. Debes erzählt von den Bestrebungen Göschens um Buchschmuck, Typographie, Papierauswahl und die Bedeutung der eigenen Druckerei in Leipzig, später in Grimma. Leider verzichtet Debes fast durchgängig auf Belege der Forschung und seiner interessanten Quellen, die er stark normiert abdruckte.43 Anhand von Schlüsseldokumenten, die erstmals, vollständig und kommentiert in der Studie ediert werden, werden wichtige Stationen der Verlagsgeschichte chronologisch nachgezeichnet, dabei neue Erkenntnisse über die Anfänge des Verlages und Göschens Lehrjahre weitergegeben, die Schwerpunkte des Programmes 1785 bis 1800 aufgezeigt, schließlich die Geschichte des Verlages nach 1815 aus der Sicht der Quellen geschrieben. Die Schwierigkeiten seiner Söhne bei der Erhaltung des Verlages, die an der ökonomischen Praxis wie an der spezifischen Art der Verlagsführung des Vaters scheiterten, werden erstmals untersucht, ebenso die Fortführung des Teilverlages im Hause Cotta. In einem zweiten, analytischen Teil wird versucht, die Spezifika der Verlagsführung Göschens herauszuarbeiten, seine Bestrebungen um die deutsche Nationalliteratur, um typographische Vollkommenheit, fehlerfreien Druck und gediegene Lektoratsarbeit, schließlich seine Auseinandersetzung mit der Nachdruckproblematik und seine Tätigkeit als Journalredakteur vorzustellen.

Göschens Lebenswerk und seine Bedeutung für die Epoche Um die Jugend- und Ausbildungsjahre Göschens ranken sich zahlreiche Legenden, die teilweise von ihm selbst erzählt, teilweise von seinen Freunden hinzugedichtet wurden. Auch über seine Tätigkeit in der Buchhandlung der Gelehrten bzw. der damit verbundenen Verlagscasse in Dessau (1781-85) gab es bislang wenig gesichertes Material, was besonders bedauerlich ist, da diese Tätigkeiten eine wesentliche Rolle bei den Emanzipationsbestrebungen der Schriftsteller in der Umbruchsituation des konventionellen Buchhandels spielten. Diese Anfänge sind von Viscount Goschen mit

Holger Böning und Reinhart Siegert ein , Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850'; erschienen ist Band 1 von Holger Böning: Die Genese der Volksaufklärung und ihre Entwicklung bis 1780. Stuttgart-Bad Cannstatt 1990. 42 In: Euphorion 81 (1987) S. 5 8 - 6 5 ; Göpfert forderte darin eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Göschen und gab damit den Anstoß zur vorliegenden Untersuchung. 43 Bei Drucklegung erschien eine Schrift von Eberhard Zänker: Georg Joachim Göschen. Buchhändler/Drucker/Verleger/Schriftsteller. Beucha 1996, die starke lokalgeschichtliche Züge (Grimma) enthält und einige Aufsätze des Verfassers aus den Leipziger Börsenblatt der siebziger Jahre bündelt.

Vorbemerkung

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zahlreichen Anekdoten belastet worden, die sich auf seine H e r k u n f t , aber auch auf das persönliche Verhältnis zu Körner, Bertuch, G o e t h e und Schiller beziehen. Um diese beruflichen Anfänge und persönlichen Verflechtungen zu erhellen, wird einleitend eine bisher übersehene „Verlagsgeschichte in nuce" von Karl August Böttiger aus dem Jahre 1796, die sich in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden befindet, 4 4 kommentiert ediert. Dazu wurden neue Brieffunde der Jahre bis 1785, Geschäftszirkulare und die Ubergabeverhandlungen der Buchhandlung der Gelehrten hinzugezogen, die Kontakte mit den Autoren, die Änderung der Verlagsverträge auf neuer Grundlage u. a. erörtert. Die Anfänge sind durch die Vermittlungstätigkeit von Ludwig Ferdinand Huber, Christian Gottfried Kömer und Friedrich Justin Bertuch geprägt, die Verlagskontakte zu Schiller, Goethe und Wieland herstellten; zwar konnte Göschen Schiller und Goethe auf Dauer nicht an sich binden, doch bestimmten sie das Bild des Verlages im 18. Jahrhundert nachhaltig. Bedingt durch die oben skizzierte Darstellungsweise Viscount Goschens, der das Bild des bedeutenden Typographen und Klassikerverlegers Göschen prägte und die Jahre 1805 bis 1828 nur im Überblick streifte, wurde das Bild des Verlegers in der Verlagsgeschichtsschreibung einseitig und verkürzt wiedergegeben. Die Jahre des Wiederaufbaus des Verlages nach 1815 zeigen aber ein eigenständiges Profil G ö schens, das seinen persönlichen literarischen Ambitionen und Wertvorstellungen näher kommt als das Programm der Anfangsjahre. Die vorliegende Untersuchung widmet daher diesem Zeitraum ein besonderes Augenmerk, zumal durch die erstmalige Berücksichtigung der Unterlagen im Verlagsarchiv de Gruyter in Berlin aussagekräftige Quellen zur Verfügung standen. Im Verlagsarchiv haben sich zwei Briefkopierbücher der Jahre 1817-1824 und 1828-73 (Bruchstücke) erhalten, zudem die handschriftlichen Vorarbeiten zu einer Geschäftsgeschichte aus den ersten Jahren dieses Jahrhunderts von Herrmann Klenz. Die Veröffentlichung wurde mit dem Erscheinen der zweibändigen Verlagsgeschichte von Viscount Goschen 1 9 0 3 / 0 5 hinfällig, die der Darstellung von Klenz' in methodischer und perspektivischer Hinsicht bei weitem überlegen ist. Klenz konzentrierte sich auf eine räsonierende Aufzählung der Verlagsproduktion, die er im Bucharchiv des Verlages vorfand. Das Manuskript ist aber partiell als sekundäre Quelle von Nutzen, da Klenz noch Briefe, Briefkopierbücher und Vertragsunterlagen zur Verfügung standen, die heute verschollen sind. 45 Auch um das Ende des Verlages ranken sich Legenden: Die Übernahme durch Cotta 1838 wurde bisher als zielgerichteter Verkauf weitsichtiger Erben dargestellt. Das hier erstmals gesichtete Material aus dem Cotta-Archiv in Marbach zusammen

44 Zwölf engbeschriebene Oktavseiten; Sign.: Mscr. Dresden h 37, Vermischtes IX. 45 Während des Umbruchs dieser Verlagsgeschichte wurde bei Aufräumungsarbeiten im de Gruyter-Verlag das seit Jahrzehnten vermißte Briefkopierbuch 1800-1817 mit über 1.000 Einträgen wiedergefunden. Eine sofortige Durchsicht zeigte, daß in diesem Briefkopierbuch vor allem der technische Geschäftsverlauf dokumentiert wurde: Papierbestellungen, Buchlieferungen an Spediteure, Auslandsbuchhandel und das Sortimentsgeschäft Autorenkorrespondenz findet sich nur vereinzelt; sie wurde in vorliegender Untersuchung bereits nach dem Manuskript von Klenz erfaßt und kommentiert Verf. plant eine ergänzende Quellenpublikation.

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Vorbemerkung

mit den Briefkopierbüchern dieser Jahre im de Gruyter-Archiv zeigt die Hintergründe des verdeckten Kaufs in einem anderen Licht. Georg Joachim Göschen war es zu Lebzeiten nicht gelungen, Verlag und Druckerei einem seiner Söhne dauerhaft zu übertragen; bereits im Todesjahr 1828 trennte sich der bisher im Verlag mitarbeitende Carl Friedrich Göschen-Beyer von der Drukkerei; sein Bruder Herrmann Julius führte den Verlag ohne Fortune nur zehn Jahre weiter. Die Erben verkauften den Verlag mit allen Rechten über einen Mittelsmann an den ehemaligen Konkurrenten Cotta. Dieser war einzig an den Rechten der Werke von Klopstock, Lessing und Wieland interessiert und ließ das weitere Verlagsprogramm ohne jedes Engagement durch Treuhänder verwalten. Die Sicherung der Autorenrechte durch die G. J. Göschen'sche Verlagshandlung und der veränderte Umgang mit den einstigen Hausautoren wird nachgezeichnet, ebenso der Bankrott des Tochterunternehmens, der weder in der Göschen-, noch in der Cotta-Literatur bekannt geworden ist. Im Anschluß an die Chronologie der Verlagsgeschichte werden die systematischen Aspekte von Göschens verlegerischer Tätigkeit untersucht. Dabei steht die von ihm völlig neu bewertete Rolle des Lektorats mit den Fragen der Betreuung der Autoren, der Normierung von Texten und der Herstellung an erster Stelle. Sein prominentester Lektor Johann Gottfried Seume urteilte verzweifelt über ein zu redigierendes Gedicht: „Vortrefflich diätetisch und dichterisch. Aber die Grammatik!" Die Grammatik zu normieren und gleichzeitig ein hohes Stilniveau zu bewahren, war ein Anliegen des Verlegers und seines Lektors sowohl bei der Dichtung, etwa bei der „herkulischen Arbeit", Klopstocks Oden und Messias für den Druck vorzubereiten, als auch bei den wissenschafdichen Publikationen des Verlages. Bei der Rücksendung der Druckfahnen von Johann Heinrich Joerdens Abhandlung Uber die menschliche Natur (1797) rechtfertigt sich Seume in einem weiteren, bisher unpublizierten Brief: „Mehrere Druckfehler stehn gewiß im Manuskripte; einige sind wohl mea incuria, einige incuria des Setzers geblieben. Einige seiner Verbeßerungen der Druckfehler wären laut Adelung und laut andern guten deutschen Stilisten unter die Druckfehler zu setzen." 46 Der Göschen-Seume-Briefwechsel und die jeweilige Uberprüfung der beanstandeten Textpartien an den Drucken geben Aufschlüsse über eine angestrebte gleichförmige Rechtschreibung und die bewußte Anlehnung an Adelung in vielen aussagekräftigen Beispielen.47 Aber auch bereits vor der Zusammenarbeit mit Seume ist der normierende Einfluß eines Lektors/Setzers in Göschens Verlag nachzuweisen; am Beispiel der unautorisierten sog.,geringen' Ausgabe von Goethes Werken läßt sich die nachträgliche Besserung bei Interpunktion und Orthographie nach Adelung belegen. 48

46 Repertorium der Verlagskorrespondenz Nr. 2055; ebd. Faksimile des Briefes, S. XXVII. 47 Vgl. erste Hinweise bei Inge Stephan: Johann Gottfried Seume. Ein politischer Schriftsteller der deutschen Spätaufklärung. Stuttgart 1973, S. 31-35 und Heinz Härtl: Seume und Klopstock. In: Friedrich Gottlieb Klopstock. Werk und Wirkung. Hrsg. v. Hans-Georg Werner. Berlin 1978, S. 185-202. 48 Vgl. den Problemaufriß von Marie-Elisabeth Fritze: Untersuchungen zur vierbändigen „ge-

Vorbemerkung

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Das Hauptproblem der Autoren und Verleger um 1800, der Nachdruck 4 9 , erweist sich in vielfältiger Hinsicht als zentrales Thema auch bei Göschen: theoretisch wie praktisch versucht er, die Nachdrucker in ihre Schranken zu weisen, eine verbindliche rechtliche und berufsständische Regelung zu erreichen und gleichzeitig mit eigenen „wohlfeilen" Ausgaben das Geschäft der Nachdrucker zu unterlaufen. Er bringt von Gesamteditionen Einzelausgaben mit separaten Titelblättern heraus oder veranstaltet - ohne Goethes Wissen - eine eigene „geringe" Ausgabe (S 2 ) seiner Schriften (1787-90), die für fast ein Jahrzehnt den Nachdruck uninteressant machte

ringen" Ausgabe von Goethes Werken bei Göschen 1787-91. In: Goethe. N. F. des Jahrbuchs der Goethe-Gesellschaft 33 (1968), S. 255-269 und Waltraud Hagen: Die Ausgabe von Goethes „Schriften" im Verlage Göschen (1787-1790). Ihre Rolle in der Literatur- und Buchgeschichte. In: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie 117 (1990), S. 11-34. Vgl. auch Siegfried Unseld: Goethe und seine Verleger. Frankfurt/M. und Leipzig: Insel 1991; das Kapitel Goethe und Göschen, S. 75-155, handelt aber mehr über Charlotte von Stein und die italienische Reise als über die Verlagsbeziehungen, die durch die Brille von Viscount Goschen gesehen werden, inklusive der Fehllesung „Unger" und der Spekulation um einen „Botaniker", der die Metamorphosen abgelehnt habe. 49 Die Nachdruckproblematik ist seit Kapp/Goldfriedrich immer wieder thematisiert worden; die neuere Forschung fand ihren Problemaufriß bei Reinhard Wittmann: Der gerechtfertigte Nachdrucker. Nachdruck und literarisches Leben im 18. Jahrhundert. In: Ders.: Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert. Beiträge zum literarischen Leben 1750-1880 ( = Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 6), Tübingen 1982, S. 69-92 nach den Urheberrechtsforschungen von Ludwig Giesecke: Die geschichdiche Entwicklung des Urheberrechts. Göttingen 1957 ( = Göttinger Rechtswissenschaftliche Studien 22); Walter Bappert: Wege zum Urheberrecht. Frankfurt/M. 1962; Martin Vogel: Deutsche Urheber- und Verlagsrechtsgeschichte zwischen 1450-1850. Sozial- und methodengeschichtliche Entwicklungsstufen der Rechte von Schriftsteller und Verleger. In: AGB 19 (1978), Sp. 1-90; Heinrich Bosse: Autorherrschaft ist Werkherrschaft. Uber die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit. Paderborn 1981 ( = UTB 1147); vgl. ferner zum „ewigen Verlagsrecht" Martin Vogel: Urheberrechtsvertragsprobleme am Ende des 18. Jahrhunderts. In: Festschrift für Georg Roeber zum 10. 12. 1981. Hrsg. v. Wilhelm Herschel. Freiburg 1982, S. 243 ff; Ders.: Geschichte des Urheberrechts. In: Urheberrecht. Kommentar. Hrsg. v. Gerhard Schricker. München 1987, S. 73-84. Das Quellenmaterial stellte Reinhard Wittmann bereit: Der Nachdruck in der publizistischen Diskussion Pro und Contra. (= Quellen zur Geschichte des Buchwesens 8) München 1981; vgl. ferner Ernst Fischer: Der Buchmarkt der Goethezeit. Eine Dokumentation. 2 Bde. Hildesheim 1986 ( = Texte zum literarischen Leben um 1800. Bd. 15). - Wolfgang von Ungem-Stemberg: Christoph Martin Wieland: Schreiben eines Nachdruckers. An den Herausgeber des Teutschen Merkurs. Ein Beitrag zur Geschichte der Satire in der Spätaufklärung. In: Zwischen Aufklärung und Restauration. Sozialer Wandel in der deutschen Literatur (1700-1848). Festschrift für Wolfgang Martens zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Wolfgang Frühwald und Alberto Martino. Tübingen 1989, S. 177-210, bietet neben der Neubewertung der bekannten Satire einen detaillierten Aufriß der Nachdruckproblematik, im Unterschied zu dem fast gleichzeitigen Beitrag von Heike Pressier: Die Blütezeit des Nachdruckwesens. In: Aus dem Antiquariat. 1/1989, S. A 1-A 10, der lediglich bekannte Fakten referiert und dabei oft unzulässig verkürzt.

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Vorbemerkung

und auch textkritisch für die Goethe-Philologie von einschneidender Bedeutung wurde. Von Wielands Sämmtlichen Werken wurden gleichzeitig vier unterschiedliche Ausgaben gedruckt, die preiswerteste sollte auch „jeder Handlungsdiener" erwerben können. Göschen bietet Kiopstock bereits bei den ersten Verhandlungen zwei Ausgaben an, eine „auf dem schönsten Velin-Papier sehr splendid . . . für die Begüterten" und eine einfachere für die „unbemittelte größere Classe von Lesern sehr wohlfeil[,] um den Nachdruck zu steuern". 5 0 Die Arbeit thematisiert die Druckgeschichte dieser wohlfeilen Ausgaben, ihre Textkritik und Verbreitung, aber darüber hinaus auch bisher weitgehend unbeachtete Versuche, in direkten Absprachen mit Reichsbuchhändlern, u.a. mit Stahel in Wien, das Geschäft in Osterreich mit eigenen „Nachdrucken" zu kontrollieren. Göschens Auseinandersetzung um die Herausgabe von Wielands Sämmtlichen Werken mit der Weidmannschen Buchhandlung ist durch die Dissertation von Wolfgang von Ungern-Stemberg umsichtig aufgearbeitet worden; in den Akten der Büchereikommission im Stadtarchiv Leipzig fanden sich darüber hinaus weitere, bislang unausgewertete Prozeßakten zu Nachdruckklagen, in denen sich auch Göschen zu verantworten hatte; die ergiebigsten beziehen sich auf Ernst Wilhelm Cuhns Die merkwürdigsten Reisen nach den unbekannten Ländern von Afrika (1790/91). Die Auswertung dieser Bücherkommissionsakten ergab über Göschens eigene Verwicklungen hinaus wichtige Aspekte zur Arbeit dieser Kommission und zur Rechtspraxis der Zeit. „Ich wünsche, d a ß der Druck und das Ausere der Schrift Ihnen beweisen möge, wie hoch ich den neuren Wert derselben schäze", schrieb Göschen am 15. März 1805 an Carl Simon Morgenstern bei der Ubersendung von Exemplaren seiner Winckelmann-Würdigung. 5 1 Die Übereinstimmung von äußerem Erscheinungsbild und innerem Wert der Schriften wurde vom Verleger Göschen, dem „deutschen Bodoni", stets postuliert und erbrachte typographische Kunstwerke wie die in einer formvollendeten Antiqua (von Prillwitz nach Didot) gesetzte luxuriöse Wieland-Ausgabe, die Klopstock-Ausgabe, aber auch Alxingers Doolin von Maynz oder Neubecks Gesundbrunnen und zahlreiche wissenschaftliche Werke in gediegener Ausstattung; Werke, die zu den „Cimelien der typographischen Klassik" gehören, wie es Paul Raabe formulierte. 52 Die Sorge um eine vollendete Druckausstattung führte Göschen zur Gründung einer eigenen Druckerei zunächst 1793 in Leipzig und - da ihm dort nur der Druck mit

50 Göschen an Kiopstock mit Schreiben vom 3 . 3 . 1 7 9 5 , Zitat nach Pape, Helmut: Klopstocks Autorenhonorare und Selbstverlagsgewinne. In: AGB X (1969), Sp. 5-271, hier Sp. 83; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1573. 51 Ex.: Wiss. Bibliothek Tartu, Estland, Sign.: Mrg. CCCXLII; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2883; zum Kontext vgl. Stephan Füssel: „Ich versage mir jetzt das Vergnügen, Ihr Verleger zu sein ...". D e r Briefwechsel zwischen Georg Joachim Göschen und Carl Simon Morgenstern. In: V o n G ö s c h e n bis Rowohlt. Hrsg. v. Monika Estermann u. Michael Knoche. Wiesbaden: Harrassowitz 1990, S. 1-32. 52 Paul Raabe: Schiller und die Typographie der Klassik. In: Imprimatur. N. F. 2 ( 1 9 5 8 / 6 0 ) S. 152-171.

Vorbemerkung

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Lettern nach Didot gestattet wurde - seit 1797 in Grimma. Er kümmerte sich auf Geschäftsreisen (von denen er u. a. in seinem autobiographischen Briefroman Reise von Johann, 1793, berichtete) selbst um den Papiereinkauf, den Kontakt zu den führenden Zeichnern und Kupferstechern wie Chodowiecki, Ramberg oder Penzel, ließ von Prillwitz die Antiqua in klassizistischer Manier nach Didotschen Lettern nachschneiden und experimentierte mit Neuerungen der Druckerpresse. Ein bisher wenig beachtetes Kapitel von Göschens Verlagsgeschichte ist seine umfangreiche Joumalproduktion, die ihm in vielfacher Hinsicht als ökonomische Basis diente. Zunächst erbrachten die Abonnements feste Einkünfte bei geringen Investitionen und rascher Amortisierung des eingesetzten Kapitals, dann warben Vorabdrucke und umfangreiche Verlagsanzeigen für die verlegten Bücher. Die Zeitschriftenmitarbeiter konnten darüber hinaus in vielen Fällen für spätere Buchproduktionen im Verlag gewonnen werden, und schließlich ermöglichten die Almanache, Kalender und Journale eine Auslastung seiner Druckkapazität. Die Übernahme der Thalia legte den Grundstein für die Beziehung zu Schiller; der Teutsche Merkur brachte Wieland in den Verlag und sicherte für einige Jahre solide Einkünfte (Abrechnungsunterlagen in den Acta privata im Goethe und Schiller Archiv, Weimar); die Pandora, das Journal von Deutschen Frauen fiir Deutsche Frauen sowie die Selene sind kleine Meisterwerke der Typographie und des Buchschmucks. In ihrem literarischen und künstlerischen Niveau entsprechen ihnen im 19. Jahrhundert der Almanach aus Rom (1810/ 11) sowie der Kriegskalender (1809-11). Die Sonntagsstunden (1813), die Wintermonate (1814/15) und das Grimmaische Wochenblatt fiir Stadt und Land (1813 ff., im Verlag Bode bis 1945 fortgeführt) waren eher Verlegenheitsprodukte, um die Druckkapazität auszulasten. Da Göschen einige Zeitschriften selbst redigierte, lassen programmatische Aufsätze und Themenschwerpunkte Rückschlüsse auf eigene Positionen erkennen; am Beispiel von vier, bisher unbeachteten, Journalen wird Göschens redaktionelle und verlegerische Arbeit vorgestellt. Die nun im zweiten Band vorliegende, erstmalig vollständige Verlagsbibliographie 53 , die den gesamten Umfang von Göschens Verlags- und Druckproduktion (1785-1838) sichtbar macht, ermöglicht eine Einbindung der in der Monographie exemplarisch behandelten Werke und Autoren in den Kontext des Verlagsprogrammes und läßt verlegerische Entscheidungen zur Übernahme von bestimmten Einzeltiteln bzw. deren Ablehnung oder zeitliche Verschiebung in einem neuen Licht erscheinen; in der vorliegenden Verlagsgeschichte wird daher häufig auf die Bibliographie Bezug genommen. Die Bibliographie entlastet auf der anderen Seite auch die Darstellung, da auf eine vollständige Aufzählung der Jahresproduktionen verzichtet werden kann. Die Bibliographie ist chronologisch geordnet und wird durch mehrere Register (Autoren, Übersetzer, Zeitschriften, Widmungsempfänger, Kupferstecher, Druckorte, Nachdrucke) erschlossen. Die Titelaufnahme erfolgt diplomatisch getreu nach Autopsie und erhält daher wenigstens einen Besitz vermerk. Verzeichnet werden auch

53 S.o. Anm.22.

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Vorbemerkung

Format, Paginierung, typographische Besonderheiten, Kupfer, Vignetten, Drucker und Druckort ebenso wie zeitgenössische Preise, Widmungen, Rezensionen und ggf. Nachdrucke. Gleichzeitig wird exemplarisch die Zuverlässigkeit der Leipziger Messekataloge überprüft und späteres Erscheinen bzw. die Übernahme durch andere Verleger in einer eigenen Rubrik vermerkt. Die Arbeit an der Bibliographie ergab zahlreiche Nachweise von verschollenen Titeln, etwa der frühen Ubersetzung Seumes Honorie Warren aus dem Jahre 1788 (vgl. Bibliographie Nr. 136), die in der SeumeForschung als nicht mehr ermittelbar galt, aber für die Bewertung des revolutionären Charakters von Seumes Dichtung von ausschlaggebender Bedeutung ist (vgl. u. Kap. 5.3.2). * *



Zahlreiche Personen und Institutionen haben die Arbeit mit großem Engagement gefördert; mein Dank gilt Herbert G. Göpfert (München) für die Anregung und stetige Förderung, Hans Joachim Kreutzer (Regensburg) für vielfältige Unterstützung und Betreuung der Habilitationsschrift, Paul Raabe (Wolfenbüttel/Halle) für wichtige Impulse und hilfreiche Ratschläge, ebenso wie für die Gewährung eines Gaststipendiums in Wolfenbüttel und die Möglichkeit, mit den verwaisten Göschen-Materialien der Herzog-August-Bibliothek weiter zu arbeiten. Das Goethe- und Schiller-Archiv und die Zentralbibliothek der deutschen Klassik (heute Herzogin Anna Amalia Bibliothek) in Weimar, die Sächsische Landesbibliothek in Dresden, sowie die Universitätsbibliothek, das Staats- und das Stadtarchiv Leipzig und das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei in Leipzig (Lothar Poethe, Lieselotte Reuschel, Carola Staniek) haben meine Arbeiten der vergangenen Jahre, auch unter zunächst anderen politischen Rahmenbedingungen, bereitwillig gefördert. Freundlich aufgenommen wurde ich auch im Göschen-Haus in Grimma-Hohnstädt, das einige Briefe und zahlreiche Bücher aus dem Verlag Göschens besitzt, vor allem aber das geistige Ambiente zu bewahren sucht. Im Cotta-Archiv im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Dr. Jochen Meyer/ Dr. Bernhard Fischer) konnten neben der Verlagskorrespondenz auch Materialien von der Übernahme des Verlages 1838 und dem weiteren Schicksal der „ G . J . G ö schen'sehen Verlagshandlung" ermittelt werden; im de Gruyter-Archiv in Berlin (Dr. Christian Uhlig f / D r . H. R. Cram/Christian Winter) wurden die erhaltenen Briefkopierbücher und einige in öffentlichen Bibliotheken nicht mehr verfügbare Verlagspublikationen ausgewertet. Ermöglicht wurde die Forschungsarbeit durch ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1990/91); ihr gilt daher mein besonderer Dank. Die Drucklegung nahm durch die neue berufliche Inanspruchnahme am Mainzer Institut für Buchwissenschaft einige Zeit in Anspruch. Die Erstellung der Satzvorlage verdanke ich Josefa Hönig (Regensburg) und Jana Wörpel (Mainz). Dem Verlag de Gruyter, seit 1919 Rechtsnachfolger von Göschen, danke ich für die Verlagsübernahme beider Bände der Habilitationsschrift und des Repertoriums der Verlagskorrespondenz. Gewidmet ist die Arbeit meiner Frau Rita und unseren Kindern Daniela, Matthias und Benedikt.

II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

1 Die Anfänge des Verlages Um die Kindheits- und Ausbildungsjahre Georg Joachim Göschens ranken sich zahlreiche Anekdoten und verklärende Erzählungen, bis hin zu vorbildhaften Erzählungen in Schriften fiir die Jugend. Sie sind in erster Linie auf eigene, rückblickende Geschichten des alternden Göschen zurückzuführen, die von seinen Freunden nacherzählt wurden und ausführlich in der familiär-vertrauten Verlagsgeschichte seines Enkels Viscount Goschen Eingang gefunden haben. Die bekannteste Version nahm Hermann Adam von Kamp 1833 in seine Erzählsammlung Die Wege des Herrn mit verlassenen Kindern unter der Überschrift Fügungen Gottes. Aus dem Leben eines deutschen Mannes1 auf. Kamp beruft sich darauf, von einem Kollegen Göschens, dem Verleger Bädeker in Essen, der sie wiederum von Göschen selbst erzählt bekam, diese „authentische" Fassung erfahren zu haben. Das rührende Titelbild mit dem verlassenen Knaben kennzeichnet die sentimentale Aura dieser Geschichten. Sie sind auf die Kernaussage zu bringen, daß ein früh verwaister Knabe es mit Gottes Hilfe und viel Arbeit zu einem angesehenen Glied der Gesellschaft gebracht hat; nicht zufällig beschließt sein Enkel die Verlegermonographie mit einem Kapitel Der Mensch und der Bürger: „Von dem innigen Wunsche beseelt, dem energischen Begründer jenes ehrenfesten Hauses, dem einstigen Waisenknaben, der in die Welt hinausgestoßen wurde, um sich selbst einen Weg zu bahnen, der sich dann durch die Stärke seines Charakters einen großen Ruf erkämpfte und unter den Ersten seines Berufes genannt wurde, in diesen Bänden ein Denkmal der Dankbarkeit zu errichten, bin ich, sein Enkel, für den Augenblick zum Schriftsteller geworden."2 Die Kindheits- und Jugendjahre Göschens können in der vorliegenden Arbeit weitgehend unberücksichtigt bleiben, nur die entscheidenden Prägungen für seinen späteren Berufsweg sollen herausgearbeitet werden. Es wird der Weg über ein ausgesprochen reiches und detailliertes Zeitdokument gewählt, eine Verlagsgeschichte in nuce, die Göschens Freund und Vertrauter Karl August Böttiger 1796 nach einem gemeinsamen Besuch bei Wieland verfaßte, und in der er die Jugend- und die ersten zehn Geschäftsjahre Göschens Revue passieren läßt.

1 Essen: Bädeker 1833, S. 1-21. 2 Goschen, Bd. II, S. 377.

Abb. 1 Georg joachim Göschen (1752-1828). Göschen-Haus Grimma-Hohnstädt

1 Die Anfänge des Verlages

1.1 1.1.1

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Karl August Böttigers Verlagsgeschichte bis 1796 Karl August Böttiger

Böttiger ist nach den Verdikten, die seine Hauptkritiker Goethe und Schiller um 1800 gegen ihn vorbrachten, ein Gewährsmann, dessen Glaubwürdigkeit jeweils neu zu begründen ist. Nach seiner Schulzeit in Schulpforta und dem Studium an der Leipziger Universität wurde er Rektor des Gymnasiums in Guben (Niederlausitz), dann Gymnasialdirektor in Bautzen, bis ihn Herder 1791 als Rektor des Fürstlich Wilhelm Ernestinischen Gymnasiums und Oberkonsistorialrat für Schulangelegenheiten nach Weimar holte. Bereits während seiner Hauslehrerzeit (um das Studium zu finanzieren) war er mit dem Kammerherrn Joseph Friedrich von Räcknitz (1744-1818) in Kontakt gekommen und durch ihn 1791 in die Freimaurerloge aufgenommen worden. In den ersten Weimarer Jahren fand Böttiger daher in dem Logenbruder Johann Joachim Christoph Bode einen guten Freund und Protektor. Er freundete sich auch mit dem Legationsrat Friedrich Justin Bertuch, dem Verleger und Kaufmann 3 , an und publizierte in dessen Zeitschriften archäologische und klassisch-philologische Aufsätze. Seit einer Hamburgreise 1795 unterhielt er regen Briefwechsel mit Klopstock, 4 in dem es in den folgenden vier Jahren hauptsächlich um die Drucklegung seiner Werke bei Göschen ging. Mit Göschen stand Böttiger ebenfalls seit 1795 in vertrautem Briefwechsel und wurde im Verlauf der Jahre zu seinem engsten Berater. Der erhaltene Briefwechsel umfaßt 900 Briefe, die sich in der Sächsischen Landesbibliothek in

3 Bertuch (1747-1822) war Ubersetzer und Vermittler spanischer Literatur, Herausgeber zahlreicher führender Zeitschriften der Goethezeit (Mitherausgeber des Teutschen Merkur 178286, Hrsg. der Allgemeinen Literatur-Zeitung, Jena 1785-1803, Halle 1803 ff., des Journal des Luxus und der Moden, gemeinsam mit dem Maler und Stecher G. M. Kraus, der Pandora bei Göschen etc.), gleichzeitig Kaufmann und selbst Verleger des Landes-Industrie-Comptoirs seit 1791; von 1775 bis 1796 stand er in fürstlichen Diensten in Weimar, seit 1775 war er Karl Augusts Geheimsekretär, seit 1776 mit dem Titel eines „Herzoglichen Rats", seit 1785 als „Legationsrat". Vgl. u. a. Albrecht von Heinemann: Ein Kaufmann der Goethezeit Friedrich Johann Justin Bertuchs Leben und Werk. Weimar 1955; Gustav Bohadti: Friedrich Johann Justin Bertuch. Berlin und Stuttgart o. J. (1968); Siglinde Hohenstein: Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) - Bewundert, beneidet, umstritten. Katalog Gutenberg-Museum. Mainz 1985. Der Katalog wurde trotz zahlreicher, unverbesserter Fehler im Detail 1989 vom Verlag de Gruyter neu verlegt, vgl. dazu die Rezension von Eberhard Haufe in der Germanistik, Heft 111/1989, S. 1009: „... eine vertane Chance, kaum zu entschuldigen." Es wäre zu wünschen, daß - bei der Bedeutung Bertuchs für die Literatur und die Literaturvermittlung der Goethezeit - , die umfassenden Unterlagen im Bertuch-Nachlaß des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar fundiert aufgearbeitet werden, wie es z. Zt. im DFG-Sonderforschungsbereich 482 vorgesehen ist. 4 Der wesentliche Teil des Briefwechsels Klopstock-Böttiger befindet sich in der Sächsischen LB Dresden und im Klopstock-Nachlaß der SUB Hamburg; Harald Thomas Betteridge hatte in den sechziger Jahren eine Edition geplant, deren Vorarbeiten sich als Manuskript in der Klopstock-Arbeitsstelle in Hamburg und in der Abteilung für Buchgeschichte der Herzog August-Bibliothek in Wolfenbüttel befinden und dort eingesehen werden konnten; vgl. auch Betteridge, H. Th.: Klopstocks Briefe. Prolegomena zu einer Gesamtausgabe. Stuttgart 1963.

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

Dresden und in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg erhalten haben. In späteren Jahren berichtete Göschen seinem Freund nach Dresden mehrmals wöchentlich, so d a ß die Briefe tagebuchähnliche Züge annehmen und die Selbstreflexion durch Schreiben beinahe wichtiger wird als die Mitteilung an den Freund. Für die Verlagsgeschichtsschreibung bilden diese Briefe daher eine Quelle erster Ordnung. Sie sind bisher nur bruchstückhaft und unzureichend ediert worden.' In den neunziger Jahren wandte sich Böttiger in Weimar immer mehr der Mitarbeit an Journalen zu, besuchte die Buchmessen, schrieb darüber Artikel, berichtete über Neuerscheinungen und über die gesellschaftlichen Verflechtungen und wurde zum Hauptkritiker des Weimarer Hoftheaters. Mit Beiträgen zur antiken Kulturund Sittengeschichte zeigte er seine „Fähigkeit zur lockeren, populärwissenschaftlichen Präsentation antiker Kenntnisse". 6 In Bertuchs Journal des Luxus und der Moden berichtete er u. a. über Sabina, oder Morgenscenen im Putzzimmer einer reichen Römerin. Ein Beitrag zur richtigen Beurtheilung des Privatlebens der Römer und zum besseren Verständnis der römischen Schriftsteller, wie der vollständige Titel der späteren Buchausgabe in Göschens Verlag im Jahre 1803 lautete. Am Ende der neunziger Jahre war Böttiger bereits einflußreicher Mitarbeiter am Teutschen Merkur, am Journal des Luxus und der Moden sowie seiner eigenen Zeitschrift London und Paris, was ihm u.a. von Schiller den Beinamen magister ubique einbrachte. 7 Sowohl diese zentrale Rolle in der von ihm mitbeherrschten Literaturkritik als auch seine Indiskretionen über die Arbeit der Weimaraner, die seine Kenntnisse der Antike von Zeit zu Zeit nutzten, isolierten ihn in Weimar zusehends. Seit 1798 führte Böttiger zudem harte Attacken gegen Tieck und die Schlegel, die ihm im Athenäum deutlich antworteten. Er ergriff daher die Möglichkeit, ab 1804 am Dresdener Pageninstitut zu lehren, und lebte dann bis zu seinem T o d e in Dresden. 1814 wurde er zum Direktor der Antikensammlung ernannt und pflegte seine archäologischen Interessen; gleichzeitig war er der M o t o r des „Dresdener Liederkreises" mit Adolph Müllner und Friedrich Kind (vgl. unten Kap. 4.3). Er führte von dort aus weitreichende Korrespondenz, von der ca. 20.000 Briefe in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und 6000 Briefe im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zeugen, die sein Sohn, der Erlanger

5 Vgl. Gerhardt, Briefwechsel, 1911. 6 Sondermann, E m s t Friedrich: Karl August Böttiger. Literarischer Journalist der Goethezeit in Weimar. Bonn 1983 ( = Mitteilungen zur Theatergeschichte der Goethezeit, Band VII), S. 41. Sondermanns Arbeit ist die erste, die Böttiger als Literaturkritiker, Archäologen und Philologen in den Jahren 1797 bis 1804 auf der Grundlage des Briefwechsels mit Cotta kritisch würdigt; ihr fehlen allerdings Perspektiven auf Böttigers weitere Interessen, seine Aufgaben nach 1804 sowie die Berücksichtigung seiner vielfältigen persönlichen Verflechtungen. 7 Schiller an Goethe vom 1.3.1799; NA Bd. 30 (1961), Nr. 35, S.32f., mit dem Verdacht, d a ß Böttiger das Wallenstein-Manuskript veruntreut habe: „Auch erfuhr ich darinn [ in einem Brief von Schimmelmann ] zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß Wallensteins Lager in Coppenhagen ist [ . . . ] . Ich wüßte keinen andern Weg als von Weimar aus, und fürchte d a ß ubique auch hier seine H a n d wieder im Spiel habe. [ . . . ] Ubique hat neuerlich in Coppenhagen Mäckeley getrieben, und von seiner Indiskretion ist alles zu erwarten."

1 Die Anfänge des Verlages

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Professor Karl Wilhelm Böttiger, zusammen mit der Autographensammlung der Stadt N ü r n b e r g hinterlassen hat. Einzelne Briefwechsel daraus fanden bisher wissenschafliches Interesse; Böttiger ist aber vor allem als Literaturkritiker und als Archäologe noch neu zu entdecken (vgl. u.a. seine in drei Bänden herausgegebene Fachzeitschrift Amalthea9 [1820-25] bei Göschen). Auch seine biographischen Abrisse, die sein Sohn Karl Wilhelm unter dem Titel Literarische Zustände und Zeitgenossen 1831 in Auswahl herausgebracht hat, verdienen eine zünftige Edition mit fachgerechtem Kommentar, der Böttigers reiches Hintergrundwissen und seine beeindruckenden Detailinformationen kritisch würdigt. 10 Unsere Kenntnis über den Verleger und Übersetzer Johann Joachim Christoph Bode ist - zum Beispiel - bis heute von Böttigers Darstellung geprägt, einer verlagsgeschichtlichen Quelle erster Ordnung. Seine Schilderung / . / . C. Bodes literarisches Leben erschien 1795 in Michael Montaigne 's Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Ins Deutsche übersetzt. Mit einigen litterarischen Nachrichten über Bode11; sie wurde zur Hauptquelle für Meusel, 1 2 in der Monographie von Josef Wihan 1906 13 und bei Erich August Greeven, der Bode 1938 in der Zeitschrift Imprimatur würdigte. 14 In zeitlicher Nähe zu seinem Göschen-Porträt entstand Böttigers Reisebericht nach Wörlitz 1797, der seit einigen Jahren ediert und gut kommentiert vorliegt 1 5 Der Kommentar belegt, daß die dort berichteten Details über die Gartenanlagen, die Bau- und Kunstdenkmäler gut recherchiert und zuverlässig sind. Auch bei dem Bericht über die Verlagsgeschichte Göschens bis 1796 ist man über die Detailinformationen erstaunt, die Böttiger nach dem Gespräch in Wielands Haus im November 1796 mitteilt. Ihm sind wörtliche Redewendungen etwa aus Briefen Klopstocks an Göschen vertraut, wie im Kommentar nachgewiesen werden wird; interessant ist z. B. auch der erstmalige Erklärungsversuch für den Bruch zwischen Göschen und Goethe, daß nämlich die ablehnende Haltung Göschens Goethes zukünftigem Schwager Vulpius gegenüber mitentscheidend gewesen sein soll; ein interessantes Faktum, wie subjektiv dies auch von Göschen beurteilt worden sein mag.

8 Bernd Maurach: Der Briefwechsel zwischen August von Kotzebue und Carl August Böttiger. Bern / Frankfurt / N e w York / Paris 1987; vgl. die kritische Rezension in der Germanistik, H e f t I / 1990, S. 153, von Leif Ludwig Albertsen, der die Edition für „trivial und überflüssig" hält, zudem mit einem unzureichendem Kommentar ausgestattet. 9 Vgl. Verlagsbibliographie Nr. 843, 892 und 931. 10 Angekündigt von Klaus Gerlach und René Stemke im Berliner Aufbau-Verlag. 11 Sechster Band. Berlin 1795, S. III-CXLIV. 12 Nekrolog, Supplement, S. 350-418. 13 Johann Joachim Christoph Bode als Vermittler englischer Geisteswerke in Deutschland. Prag 1906. ( = Prager Deutsche Studien H e f t 3) 14 Imprimatur 8 (1938), S. 113-126: J o h a n n Joachim Christoph Bode. Ein Hamburger Ubersetzer, Verleger und Drucker". 15 Carl August Boettiger: Reise nach Wörlitz 1797. Aus der Handschrift ediert und erläutert von Erhard Hirsch. 4. erg. Auflage. Wörlitz 1982.

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1 7 8 5 - 1 8 2 8

Der weitere enge Kontakt zwischen Göschen und Böttiger belegt, wie sehr sich Göschen vom Urteil Böttigers, zum Beispiel gegenüber den Romantikern, abhängig gemacht hatte, obwohl er persönlich den Brüdern Schlegel sehr nahe stand. Zahlreiche geschäftliche Entscheidungen Göschens beruhten auf dem Rat Böttigers, mit dem er in zentralen Fragen der literaturgeschichtlichen Bewertung einer Meinung war. D e r ca. 800 Briefe umfassende Briefwechsel Göschens mit Böttigers spiegelt die Verlagsentwicklung mit sprechenden Details wider; Fragen der literarischen Bewertung, der Textkonstitution oder der Literaturkritik sind nur durch diesen Briefwechsel zu beantworten. Die nachfolgend edierte „Verlagsgeschichte in nuce" gehört von ihrer Anlage her zu den bisher nur fragmentarisch edierten Berichten über „literarische Zustände und Zeitgenossen" Böttigers. Sie stellt mit ihrer Detailkenntnis und ihren Angaben über Hintergründe, personelle Konstellationen und Sachzwänge eine einzigartige Quelle über die ersten Geschäftsjahre Göschens dar. Böttiger hat Wieland häufig in Oßmannstedt besucht, und über diese Besuche Gedächtnisprotokolle verfaßt. Einige hat sein Sohn Karl Wilhelm Böttiger 1838 herausgegeben, 1 6 so u.a. über die Treffen am 8. O k t o b e r 1791, 8. November, 29. November und 24. Dezember 1795. D e r Anlaß zu einem gemeinsamen Besuch mit Göschen Mitte November 1796 lag in ihren Überlegungen zur Fortführung des Teutschen Merkur.17 Böttiger hatte seit seiner Weimarer Zeit kontinuierlich für den Merkur geschrieben und war seit Herbst 1793 eine Art Assistent des Herausgebers, der Korrekturen las, die Anordnung überwachte etc. 1 8 Seit 1794 nahm die Vielfalt der Themen und damit auch die Unverbindlichkeit der Zeitschrift kontinuierlich zu, Wieland verlor das Interesse an der weiteren Herausgabe. Im August 1796 schrieb er von seiner Geschäftsreise aus Zürich an Böttiger, er beabsichtige den Merkur, der „injuria temporum und anderer Gründe wegen mit dem Dezember dieses Jahres sanft und selig einschlafen zu lassen". 1 9 Göschen, von Böttiger um Rat gefragt, bot an, den Vertrieb gratis zu übernehmen, was Wieland ablehnte, aber auf ein Honorarangebot von 1 Thaler, 18 Groschen je Exemplar ging er dann geme ein. 2 0 Böttiger bot weiterhin seine redaktionelle Hilfe an und führte die Redaktionstätigkeit de facto von 1796 bis zur Einstellung 1810. 2 1

16 Literarische Zustände und Zeitgenossen. In Schilderungen aus Karl Aug. Böttiger's handschriftlichem Nachlasse. Hrsg. v. K . W . Böttiger. Erstes Bändchen. Leipzig 1838. Reprint 1972. - D e r Sohn plante die Herausgabe weiterer Bände aus dem N a c h l a ß , die dann u . a . auch das Verhältnis zu G ö s c h e n erhellen sollten, wie er in d e r V o r r e d e zum 2. Bändchen schreibt; dazu kam es allerdings nicht mehr. 17 Vgl. Starnes II, S. 5 4 1 - 5 4 5 ; die gute R ü c k k e h r nach Leipzig bestätigt G ö s c h e n im B r i e f vom 1 7 . 1 1 . 1 7 9 6 an Böttiger; vgl. Sächsische L B Dresden, M s c r . h 3 7 ; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1824. 18 Buchner, Wieland und G ö s c h e n , S. 25 f. 19 Zitiert nach H a n s W a h l : G e s c h i c h t e des Teutschen M e r k u r . Ein Beitrag zur G e s c h i c h t e des Journalismus im achtzehnten J a h r h u n d e r t . Berlin 1914 ( = Palaestra C X X V I I ) , S . 2 2 7 . 2 0 Buchner, Wieland und G o e s c h e n , S . 6 . 21 Zur Beurteilung des Teutschen

Merkur

unter Böttigers Redaktion vgl. W a h l ,

Geschichte

1 Die Anfänge des Verlages

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Neben den verlagsgeschichtlichen Details ist in der nachstehenden Schilderung aus Anlaß dieser „Merkur-Planungsgespräche" vor allem Wielands, Böttigers und Göschens Ubereinstimmung in der literarischen Wertung beachtenswert. Das Manuskript hat sich in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden erhalten, der ich für die Erstellung einer Kopie und die Druckerlaubnis danke. 2 2 D e r Text - 12 eng beschriebene Oktav-Seiten - wird diplomatisch getreu ediert, fehlerhafte Interpunktion bei möglicher sinnentstellender Lesart in [J-Klammem ergänzt. Alle Angaben wurden nach Möglichkeit durch weitere archivalische oder briefliche Quellen belegt, um ihre Aussagekraft zu erhöhen. Die Kommentare in den Fußnoten werden im weiteren Verlauf der Arbeit bei den entsprechenden Sachkapiteln immer wieder herangezogen.

1.1.2 Edition der Verlagsgeschichte Böttigers [ l ] W a r hier in Weimar d. 12-14 Novembr. 1796 bey Wieland. Göschen 46 J a h r 2 3 a l t Göschens Vater war ein reicher Kaufmann in Bremen, der aber durch einen sonderbaren Unfall plötzlich um alles Vermögen kam und unsichtbar wurde. D e r junge G ö schen w a r bald bis zur Bettelarmuth herabgesunken, und bettelte in Nienburg als ein lOjähriger Knabe einen Bremer 2 4 an, der ihn erkannte, und ihn wieder mit nach Bremen nahm, wo er ihn zu einem reichen Verwandten von Göschen führte, ihn aber an d e r T h ü r e stehen ließ, als er oben viel Licht und ein großes Abendmal bemerkte. D e r K n a b e getraute sich nun auch nicht hinaufzugehn und lief auf den Marktplatz, w o er zuerst das Schreckliche seiner Lage lebhaft fühlte, und laut aufweinte. Dieß Weinen h ö r t e ein Vorübergehender, der auf ihn losgieng, ihn unter eine Laterne zog, und fragte: was es gebe? Als er sich zu erkennen gegeben hatte, fand sichs, d a ß Göschens V a t e r einst diesem Manne das Leben gerettet hatte. Dieser führte ihn also den folgend e n Morgen zum wackern Kaufmann Rulfs 2 5 , der ihn von nun an als seinen Pflege-

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S. 229-262. Göschen suchte sich des Merkur zu entledigen, der unter 750 verkaufte Exemplare gerutscht war; seit Januar 1800 wurde er durch die Gebrüder Gädicke in Weimar verlegt; vgl. unten Kap. 3.2. Nach dem Manuskript der Sächsischen LB Dresden: Mscr. Dresden h 37. - Meine Bibliotheksreise nach Dresden im Oktober 1988 ermöglichte ein Zuschuß der Horst-KliemannStiftung des Börsenvereins. Göschen war im November 1796 44 Jahre alt. Text der Bittschrift veröffentlicht bei Goschen Bd. I, S. 14 f. Friedrich Rulffs (1736-nach 1800) besaß in diesen Jahren in Bremen eine Tabakfabrik. Er siedelte später nach Mainz über, wo er Generaldirektor der allgemeinen Versorgungsanstalten der churfürstlichen Mainzischen Landen, 1791 wirklicher Hofkammerrath zu Mainz wurde. 1793 geriet er in Verdacht, zum Mainzer Jacobiner-Club zu gehören. Vgl. Heinrich Wilhelm Rotermund: Lexikon aller Gelehrten, die seit der Reformation in Bremen gelebt haben. 2. Theil 1818, zitiert nach dem Deutschen Biographischen Archiv, 1067, S.49.

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söhn aufnahm, bei einem Schwager auf dem Lande, dem Pastor Heeren 2 6 erziehen ließ, und zum Buchhandel bestimmte. Als daher jener andere Bremenser, der Göschen Abends auf dem Markte gefunden hatte, nach Halle ins Waisenhaus geschrieben u. dem jungen Göschen eine Freistelle dort ausgewirkt [2] hatte, weil Göschens Großvater einer der größten Wohlthäter des Waisenhauses geweßen war: so setzte sich Rulfs dagegen. Nein, sagte er, Ein Kopfhänger soll der Junge nicht werden, und zum Studieren gehört mehr Geld, als ich ihm geben kann 27 . Er brachte ihn darauf zum Buchhändler Cramer 28 in Bremen, wo er die Buchhandlung lernte, und von da kam er zu Crusius 29 nach Leipzig, von wo aus er nach einem zweyjährigen Aufent-

26 Heinrich Erhard Heeren (1728-1811) hatte in Göttingen und Jena Theologie studiert, wurde 1754 Subrektor an der Domschule zu Bremen, 1760 Pfarrer in Arbergen bei Bremen, 1775 dann Domprediger in Bremen. Göschen übernahm später zwei seiner zahlreichen theologischen Publikationen in Kommission, vgl. Bibliographie 1788, Nr. 140 und 1792, Nr. 286. Pastor Heeren erteilte Göschen Privatunterricht, gemeinsam mit seinem Sohn Arnold Herrmann Ludwig Heeren (1760-1848). Göschen blieb diesem „Mitschüler", der 1787 außerordentlicher und 1794 ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Göttingen wurde, zeitlebens verbunden. 1809 verlegte er dessen biographische Würdigung Johann Müller, der Historiker, Verlagsbibliographie Nr.672. Vgl. ADB 11 (1880), S.244-6; Rotermund, Bremen (Anhang); Hamberger/Meusel Bd.3 (1797), Bd.9 (1801). 27 Literarisch verbrämt findet sich diese tragische Kindheitsgeschichte, wie eingangs erwähnt, in einer Erzählsammlung von H. A. von Kamp: Die Wege des Herren mit verlassenen Kindern (Essen: Bädeker 1833), S. 1-21, unter der Überschrift Fügungen Gottes; aus dem Leben eines deutschen Mannes wieder. Kamp beruft sich darauf, von einem Kollegen Göschens, dem Verleger Bädeker, diese Version gehört zu haben. 28 Der Buchhändler Johann Heinrich (Hinrich) Cramer (1736-1804) eröffnete 1765 in Bremen eine Buchhandlung, die 1784 in Konkurs ging; gerade in den Jahren 1767-1770, in denen Göschen dort lernte, verlegte er allerdings einige interessante Stücke, u. a. Stemes Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien in der Ubersetzung von Johann Joachim Christoph Bode, mit dem er vielfältig zusammenarbeitete. Er übernahm in Kommission den Vertrieb von Bodes Hamburger Druckerei, u.a. von Lessings Hamburgischer Dramaturgie (1769). Göschen übernahm den Vertrieb 1787; vgl. Verlagsbibliographie Nr. 75. Cramer verlegte in diesen Jahren drei Titel von Klopstock (vgl. Boghardt, Die zeitgenössischen Drukke:) Nr. 3128: 1769 Hermanns Schlacht, Hamburg/Bremen: J.H. Cramer (gedruckt von J. J. Ch. Bode, s. Sickmann, Klopstock und sein Verleger, Sp. 1578-1585); Nr. 3268: 1770 Ueber Merkwürdigkeiten der Litteratur. Der Fortsetzung erstes Stück. Hamburg und Bremen bey Johann Hinrich Cramer; Nr. 3152: 1771 Der Hypochondrist, eine holsteinische Wochenschrift von Herrn Zacharias Jemstrup. Zweyter Theil, Zweyte verbesserte und vermehrte Auflage. Bremen und Schleswig bey Joh. Heinr. Cramer und Joach. Friedr. Hansen 1771. Vgl. Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler, Deutsche Buchdrucker. Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes. Bd. 1 Berlin 1902, Reprint Hildesheim/New York 1979, S.70f.; Ebd. Bd.II, Berlin 1903, Artikel Göschen, S.324-330, hier S.325: „In seinem 15. Jahre [ = 1767] kam Göschen zu Klopstocks erstem Verleger, dem Buchhändler Heinrich Cramer in Bremen in die Lehre, ging dann zu dem berühmten S. L. Crusius in Leipzig, bei dem er 13 Jahre verblieb. 1783 trat Göschen als Faktor in die .Buchhandlung der Gelehrten' in Dessau ein." 29 Göschen errichtete seinem Lehrer Siegfried Leberecht Crusius (1738-1824) in einem frühen

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halte nach Amsterdam kommen und dort durch Unterstützung eines reichen Amsterdammers im Stand gesetzt werden sollte, in Amsterdam eine deutsche Buchhandlung z u etabliren. Allein jener Amsterdammer starb, u. Göschen blieb bei Crusius, dem er bald so unentbehrlich wurde, daß diser [ihn] zum Compagnon der Handlung anzunehmen versprach, wenn er, Crusius, durch die erwartete Erbschaft eines alten, reichen Onkels in Besitz eines Rittergutes Gorm [?] u. völlige Unabhängigkeit gekommen seyn würde. Indeß etablirte sich die Gelehrtenbuchhandlung 30 in Dessau, wozu Göschen als Factor mit 500 Rth. engagirt wurde, aber auch gleich bei der ersten Revision des Waarenlagers versicherte, daß der Bankerott unvermeidlich sey. Hier lernte er Beckern kennen, und schoß ihm die ersten 200 Thaler zu seinem literarischen Unternehmen vor. 31 Nun etablirte sich Göschen selbst, wobey ihm Kömer in Dresden

Verlagswerk im Frühjahr 1786 ein bleibendes Denkmal mit einer sehr sprechenden Widmung: „Verzeihen Sie, verehrungswürdiger Mann, daß ich dem Triebe meines Herzens folge und Ihrer großen Güte gegen mich, Ihrer thätigen, und bey vielem Undank nie geschwächten, Menschenliebe, Ihrer seltenen Rechtschaffenheit ein kleines Denkmal in meiner Handlung errichte und Ihnen dies Verlagsbuch widme. Ihre väterliche Liebe und Ihr Beyspiel hat mir mein Herz gebildet, Ihr väterlicher Rath und Ihr Unterricht hat mich zu meinem Berufe geführt. Die Folgen davon werden sich durch mein ganzes Leben verbreiten und meine Dankbarkeit kann nur mit der Fackel dieses Lebens zugleich erlöschen. Georg Joachim Göschen." Vgl. [Florian, Jean Pierre: Claris de Nouvelles, deutsch:] Novellen des Ritters von St. Florian. Verteutscht von A. G. Meißner. Mit Musik von Herrn Capellmeister Schuster. Leipzig, bei G.J.Göschen, 1786. 8°, [8] u. 226 S. hier S. III; unsign. Titelkupfer [Amor], 4 Faltblätter Noten; Ex.: 70: C II 9/27; Rez.: ALZ Nr. 130 v. 31.5.1787, Sp. 426-428. Während Göschens Zeit bei Crusius verlegte dieser u. a. eine Ode Klopstocks, vgl. Boghardt Nr. 660 (Philantropische Gesellschaft Dessau und Leipzig: Crusius) Zweihundert und zehn Lider frölicher Geselschaft und einsamer Frölichkeit, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 32. Die Philantropische Gesellschaft, die bis 1779 in Dessau existierte (vgl. Jais, Buchhandlung der Gelehrten S. 36), arbeitete eng mit Crusius zusammen. Nach den Selbstverlagsversuchen von Bode und Lessing wurde Göschen mit einer weiteren Selbstverlagsidee vertraut gemacht. 1802 arbeitet Göschen mit Crusius in der Reformdeputation des Buchhandels zusammen, vgl. Goldfriedrich, Geschichte, 3. Bd. S.613. .30 Alle anderen Quellen und Briefzeugnisse sprechen stets von einer Tätigkeit als „Faktor" bei der „Verlags-Kasse" in Dessau; die Verlagskasse, ein Aktienunternehmen, finanzierte Selbstverlagsunternehmungen der Autoren; die Titel wurden durch die „Buchhandlung der Gelehrten" vertrieben. Vgl. u. a. Gerlind Jais: Die Buchhandlung der Gelehrten in Dessau 1781-1785. Magisterarbeit (Masch.) Universität München 1979; Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler, S. 325 f.; [Karl Christoph Reiche:] Nachricht und Fundations= Gesetze von der Buchhandlung der Gelehrten, die in der Fürstl. Anhalt. Residenzstadt Dessau errichtet ist Dessau 1781. Ex. Staatliche Bibliothek Regensburg; Nachdruck München 1981 (= Quellen zur Geschichte des Buchwesens. Hrsg. v. Reinhard Wittmann). - Vgl. auch die Berichte der allgemeinen Buchhandlung der Gelehrten 1781-1784. 31 Nach einerweiteren handschriftlichen Notiz Böttigers „Aus einer Unterredung mit Becker d. 11. März 1804", (Sächsische LB Dresden: Mscr. h 37, Verm. X, Nr. 3), geht hervor, daß Göschen Rudolph Zacharias Becker 400 [!] Thaler für die Herausgabe der Dessauische[n] Zeitung für die Jugend und ihre Freunde, Dessau 1782-5, borgte. In den Dessauer Jahren (seit

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2000 Thaler vorstreckte, u. ein Drittel des Gewinns verlangte, ihm aber doch nach 2 Jahren dieß schon erließ, und mit 4 p. C. Interessen vorliebnahm. Beituch, dem G ö schen die ersten Ideen des Buchhandels u. des dabey nothwendige Rechnungswesens gelehrt hatte 3 2 , verschaffte G ö t h e n s [ 3 ] Schriften, verlangte aber auch ein Drittel des G e w i n n s , 3 3 den er auf mehrere Jahre b e z o g , bis ihm G ö s c h e n auch dieß abkaufte. Man hatte eine ungeheure Auflage von 3 0 0 0 gemacht, an der G. noch immer verkauft. Es gehen jährlich zwischen 40 und 50 Exemplare. Dadurch daß G. in der Folge 2 Bände Opern von Vulpius 3 4 zu drucken abschlug, u. sich auf eine lateinische Botanik von G ö t h e , 3 5 die ihm Bertuch antrug, nicht einlassen wollte, fand sich G f o e t h e ] bewogen, zu U n g e m abzugehn. Er mußte, um Ruf zu bekommen, etwas Aufsehenerregendes drucken. T h ü m m e l 3 6 schrieb an ihn, und bot ihm seine Reisen an. Er wolle

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1782) reifte der Plan des gemeinsamen Verlages von Beckers Noth= und Hülfsbüchlein für Bauersleute, dessen Vorankündigung Göschen als eins der ersten eigenen Verlagswerke im Jahre 1785 herausgab und gemeinsam mit Becker 1788-90 ca. 100.000 Exemplare des Ratgebers verlegte. - Vgl. Siegert, Aufklärung und Volkslektüre (s.o. Vorbemerkung Anm.41); vgl. ferner Walter Hartmann: Volksbildung. Ein Kapitel Literaturgeschichte der Goethezeit. Stuttgart 1985 ( = Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 158). Bertuch lernte Göschen bei Crusius in Leipzig kennen und vermittelte wahrscheinlich die Anstellung in Dessau. Er war Aktionär bei der Verlagskasse und daher mit Göschens Plänen einer Übernahme der Buchhandlung der Gelehrten sehr einverstanden. 1785 übernahm Göschen die Schriften Bertuchs in Kommission; vgl. o. Anm. 3 u. Kap. 2.2; zur Person vgl. W. Feldmann: F. J. Bertuch. Ein Beitrag zur Geschichte der Goethezeit. 1902. Vereinbarung zwischen Bertuch und Göschen vom 11.6.1786; GSA, Bertuch-Nachlaß II 716; vgl. Hagen, QuZ 2.1, Nr.4 Christian August Vulpius (1762-1827), seit 1797 Sekretär und Registrator an der herzoglichen Bibliothek in Weimar, späterer Schwager Goethes. - 1788/89 lebte er als Schriftsteller und Privatier in Erlangen und Leipzig. Dort nahm sich Göschen im Herbst 1789 seiner an, vgl. Paul Raabe: Zwölf Goethe Briefe. In: Goethe. N.F. 20 (1958), S. 233-263, hier S. 244-6: Edition eines Billetts und einer Quittung Goethes vom 13.10.1789 (aus dem Schiller-Nationalmuseum Marbach), mit denen Goethe Göschen bittet, Vulpius 25 Taler auszuzahlen. Vulpius könnte Göschen im konkreten Fall die Veröffentlichung seiner geplanten zwei Bändchen „Operetten" angetragen haben, von denen nur Band 1 (1790 in Bayreuth und Leipzig, bei Johann Andreas Lübeck's Erben) in einem sehr unzureichenden Druck erschien (enthält Der Schleier, Bella und Fernando sowie Elisinde; Ex.: 703: 20 GK 9688 = 61.790-1), aber auch seine Opern, aus verschiedenen Sprachen übersetzt undfiir die Bühne bearbeitet Bd. 1. Die Hochzeit des Figaro, Bd. 2. Der betrogene Geizige, die 1794 in Leipzig bei Gleditsch herauskamen. Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären. Erstausgabe: Gotha, bey Carl Wilhelm Ettinger. 1790 (Hagen Nr. 211). Göschen bedauert im Brief vom 21.6.1790, daß es über die Metamorphosen zu Mißverständnissen gekommen ist, und schiebt diese darauf, daß sie nicht direkt, sondern nur über Mittelsmänner verhandelt hätten. Weitere schriftliche Zeugnisse über Göschens Ablehnungsgründe sind nicht aufzufinden, vgl. Hagen, QuZ 2.1, Nr. 423 und hier Kap. 2.2.4. Böttiger berichtet in einer anderen Aufzeichnung (Literarische Zustände und Zeitgenossen, hrsg. v. Karl Wilhelm Böttiger, Bd. I, S. 195) über die Gespräche mit Wieland und Göschen am 13.11.1796, daß sie Thümmels Reisen negativ beurteilten: „Thümmel habe weder durch

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sich einen Garten kaufen. Könne ihm Göschen die Summe (3000 Thaler) dazu geben: so solle er das Msct haben. Sonst werfe ers grade ins Feuer. Das Msct war eng geschrieben, und jeder Buchstabe schien mit Silber aufgewogen werden zu müssen. Aber er wagte es doch, traf aber dabey die Einrichtung, daß nachdem es Schütz in der A. L. Z. 3 7 nach Gebühr ausposaunt hatte, er bekannt machte, er gebe kein Exemplar eher aus, als bis er durch eine hinlängliche Zahl von Käufern, die sich sogleich zu melden hätten, gedeckt wäre. 38 Wirklich kamen von allen Seiten Briefe und Bestellungen und die Absicht wurde volkommen erreicht Jeder wollte das Buch gern zuerst haben. Zu gleicher Zeit hatte er sich selbst nachgedruckt, und die äuserst wohlfeile Ausgabe zu 8 Gr. an alle Reichsbuchhändler ohne Ort- und Druckanzeige in großer Menge geschickt Die dortigen Buchhändler schickten nun triumphirend diesen Nachdruck an Göschen. Er lachte sie alle aus, und trat bey der nächsten Messe als sein eigener Nachdrucker hervor. (Wieland misbilligte dieß listige Benehmen u. bemerkte, daß dieß seinem Namen Schaden gethan [4] haben müsse.) Wielands Liebe erwarb sich G. auf folgende Weise. W. wünschte seinem Schwiegersohn Reinhold den Antheil an dem Merkur zu verschaffen, den bisher Bertuch gehabt hatte. 39 Göschen trat als Unterhändler ein und bewirkte durch eine rührende Vorstellung daß Bertuch auf der Stelle zurück trat und seine Erklärung in einem Billet an W. schickte. Göschen war der Überbringer dieses Billets, das W. natürlich mit größter Begierde in G. Ge-

seine Wilhelmine noch durch seine Reisen einen bleibenden Ruhm erwerben können, weil sie beide zu schlüpfrig wären und ohne alle moralische Tendenz"; vgl. auch Stames II, S. 546. 37 Sehr lobende Rezension eines Vorausexemplars in der ALZ Nr. 347 vom 21.11.1790, Sp. 481 -5, die Thümmel als Verfasser nennt („der Sänger der Wilhelmine"); Rezensent resümiert Sp. 485: „In der gewissen Zuversicht, daß ein Werk, bey dessen Bildung das reichste Genie und der feinste Geschmack in solchem Grade gewetteifert haben, bald die allgemeine Unterhaltung aller Damen und Herren von Geist seyn wird, fügen wir nur noch hinzu, daß Hr. Göschen nicht gespart hat, um die äußere Gestalt dem innern Werthe desselben angemessen zu machen." 38 Erst vierzehn Tage nach der Rezension gab Göschen die ungewöhnlichen Lieferbedingungen im Intelligenzblatt der ALL Nr. 163 vom 8. Dezember 1790, Sp. 1352, bekannt: Er halte alle Exemplare (bis auf das Rezensionstück für die ALZ) zurück bis genügend Bestellungen vorlägen; ggf. könnte er dann den kalkulierten Preis noch einmal senken. Es handelt sich um eine höchst ungewöhnliche Form der Subskription, die darauf zielte, Einzelne zu scheinbar privilegierten Beziehern einer kleinen Auflage zu machen; die Rechnung ging in diesem Einzelfall auf, schadete jedoch Göschens Ansehen. 39 Am 6.10.1782 hatten Bertuch und Wieland einen Kontrakt geschlossen, daß ab dem 1.1.1783 der Merkur „gemeinsames Eigenthum" wurde; vgl. Wahl, Geschichte, S. 162. Bertuch brachte sein Kapital ein und übernahm mit seinen Mitarbeitern die technische Seite: Druck, Korrektur, Anzeigen, Abrechnung etc. Dafür stand Bertuch vom jährlichen Reinertrag ein Drittel zu. In den folgenden Jahren nahmen naturwissenschaftliche und geographische Beiträge zu. - Seit Juli 1784 arbeitete Karl Leonhard Reinhold (1758-1823) in der Redaktion mit, im Juli 1786 nahmen die Verstimmungen zwischen Wieland und seinem Teilhaber zu, der schließlich selbst am 7. Juli vorschlug - darauf scheint die nachfolgende Schilderung des „Billetts" anzuspielen - Reinhold an seine Stelle zu setzen, vgl. Wahl, Geschichte, S. 168 f. Der Antwortbrief Wielands am 8. Juli 1786.

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genwart sogleich durchlaß. Indem Wieland mit ganzer Seele auf dieß Papier geheftet war, trat die Hofräthin in die Stube. Der Hofrath, der bei gewissen Unterbrechungen erschrecklich böse werden kann, fuhr mit der sichtbarsten Ungeduld auf und zeigte seinen Mismuth. Dagegen that seine Frau nichts, als daß sie sich ganz unbefangen lächelnd verbeugte, und wieder davon schlich. Welch eine edle Gattin haben Sie! rief Göschen mit Begeisterung. Blitzschnell fuhr W. von seinem Sitz auf und ergriff G. mit dem herzlichstem Händedruck. Junger Mann, rief er mit einer Verklärung der Freude im Angesichte, daß Sie den Werth dieser Frau so schön erfassen und würdigen, macht Sie auf immer zu meinem Freunde.40 Und diese Freundschaft will ich Ihnen thätig beweisen, sobald Reich todt ist Göschen nahm diese Aeusserung mit Dank und Rührung auf, legte aber kein größeres Gewicht darauf, als er auf eine Ausströmung augenblicklicher Gutmüthigkeit legen zu müssen glaubte. Wie groß war daher sein Erstaunen, als er kurz nach Reichs Tod einen Brief von Wieland mit dem Manuscript des Peregrinus Proteus bekam. 41 [5] Göschen beschäftigt itzt in allem zusammen 60 Menschen, deren Vater und Versorger er ist. Alle seine Leute sind ihm auser ordentlich zugethan. Sie druckten, um ihm eine Freude zu machen, drei Nächte an Rodes Vitruv, 42 um diesen noch zur Messe fertig zu bekommen, und allen standen die Thränen im Auge, als sie ihn damit am Morgen überrascht hatten, und seine freudige Rührung bemerkten. Er hat bey der letzten Postulation eines Druckers ein eigenes Ritual entworfen und dieß auch drucken lassen, 43 welches algemeinen Beifall erhielt und mit der Freymaurerey verglichen wurde, worin doch Goeschen nicht eingeweiht ist. 44 Durch den Druck des

40 Diese Episode erzählt Wielands Biograph Johann Gottfried Gruber 1828 mit ähnlichem Verlauf und der gleichen Pointe, Göschen sagte nach Gruber: „ , H e r r H o f r a t h , welch einen Engel von Weibe haben Sie.' - Wieland sah ihn einige Augenblicke ernst an, stand auf, ging auf ihn zu, und sagte: J u n g e r Mann, Sie sind fähig, den Werth dieses Weibes zu erkennen; damit haben Sie auch mein Herz gewonnen. Hier meine H a n d ! Ist Reich gestorben, so wird kein anderer mein Verleger, als Sie.'" Vgl. J. G.Gruber, C. M. Wielands Leben, 1828, Vierter Theil, Siebentes Buch, S. 13; zitiert auch von Karl Buchner: Wieland und Göschen, S. 4. 41 Der Brief scheint nicht erhalten zu sein, über den Peregrinus Proteus korrespondieren beide während der Drucklegung am 20. und 26. Februar 1790 erstmalig, s. Wieland BW 10. Band, Nr. 388 u. 391. 42 (Vers.:) Des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst. Aus der römischen Urschrift übersetzt von August Rhode. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen. 1796. 4°, 2 Bde., Prillwitz-Antiqua. Ex.: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Sign.: Lh 4° 201, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 377. 43 (Vers.:) Einrichtung des Postulats in Göschens Officin. Bey der Aufnahme dreyer Mitglieder in die Buchdruckergesellschaft. Leipzig, den 22. November, 1795. 4 nicht gez. Bl.; Exemplar im DBSM, Leipzig, Börsenvereins-Bibliothek, Sign.: Bö B III, 734, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 339. - In Sachsen und Preußen wurde das Postulat 1810 abgeschafft, vgl. Goldfriedrich, Geschichte, Bd. 4, S. 26. 44 Göschen schreibt an Bertuch am 20.2.1786: „Man wird doch wenigstens einsehen, d a ß kein gescheuter, ehrlicher Mann jetzt Freymaurer werden kann. [...] Und des Wegen werd' ich nie ein Freymaurer", vgl. Archiv für Geschichte der Literatur, VIII, S.312-15, hier S.313, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 78. - Böttiger bedauert noch in späten Briefen, d a ß Göschen

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Racknitzischen Werkes 45 ist er dem Kurfürsten persönlich empfohlen, und erhielt daher sogleich die Erlaubniß, in Grimma eine Druckerey anlegen zu dürfen. 46 Er hat sich nemlich in Hohenstedt einem Dorfe bey Grimma ein Freigut gekauft, anfangs bloß zu seiner Gesundheit und um den Sonnabend und Sontag dort zubringen zu können. (Er bezahlt mit 800 Thr. ein Gebäude, was in Leipzig 8000 gekostet hätte) Bald aber knüpfte sich daran eine neue Speculation, eine große Druckerei dort anzulegen, weil es mit den wirthschaftlichen Unternehmungen so nicht recht fortwollte, die Haasen mehr als 300 lustig aufwachsende Acacienpflanzen abfraßen u. s. w. Ein Hauptpunct bey einer volkommenen Druckerei wäre die Vermeidung alles Staubes. In unsern gewöhnlichen Druckereien, selbst in der berühmten Dresdner Hofbuchdruckerei stehen die Setzer auf der einen, die Drucker mit den Pressen auf der andren Seite eines langen Saals. Wie könnte da Staub und Unreinlichkeit bey einem Zusammenfluß und den Bewegungen von 20 u. [6] mehrern Menschen vermieden werden. Hierzu kommt noch das zu vielen Misbräuchen und Störungen führende Plaudern und Schwatzen so vieler an einem Orte befindlichen mechanisch arbeitender Menschen. Dieß alles soll in der neu zu errichtenden Druckerei auf Göschens Gute dadurch vermieden werden, daß jeder Arbeiter seine eigene reinlich geweißte Zelle erhält, worinnen er ganz allein arbeitet, u. beim Eintritt allezeit ein ganz reines Gewand anlegt, wie in Champagne die Traubentreter. 47 Als Göschen im Jahre 92 die Reise durch Deutschland in die Schweiz machte, um die Vorbereitungen zur Wielandischen Ausgabe 48 zu machen, reißte er mit so frohem Herzen und philanthropischer Guthmütigkeit aus, daß er überal nur die gute Seite sehen wollte. Die Resultate dieser Reise enthält sein eigentlich nur für Freunde gedruckter Johann 4 9 . Man hat in Rezensionen 50 die drollige Laune des Helden dieses

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sich nicht zur Freimaurerei bekannt hat, u.a. im Brief vom 18.11.1808, vgl. Gerhardt, Briefwechsel, S. 213, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3090. Räcknitz, Joseph Friedrich Frhr zu: Darstellung und Geschichte des Geschmacks der vorzüglichen Völker; in Beziehung auf die innere Auszierung der Zimmer und auf die Baukunst Vier Hefte mit 40 ausgemalten Kupfern und vielen Vignetten. Leipzig 1796-9. 4°, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 373. Druckkonzession vom 14. Juli 1793 auf Göschens Petition vom 11.2.1793 durch Friedrich August, Kurfürst von Sachsen; vgl. Abschrift im DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe G, Kasten 3, Nr. 4. Diese technische Weiterentwicklung zum Wohle seiner Mitarbeiter hebt auch Klopstock in einem Schreiben an Göschen vom 15. Februar 1797 hervor: „Der russische Minister Alopeus war gestern bei mir. Er erzählte mir, dass Sie des Staubes wegen für die einzelnen Arbeiter hätten Zellen machen lassen. Ich brauche zwar keine neue Ueberzeugung mehr, dass Sie ihre Kunst sehr lieben; aber es war mir gleich wohl sehr angenehm jenes zu hören", vgl. Robert Boxberger: Ungedruckte Briefe von Klopstock. In: Archiv für Litteraturgeschichte 2 (1872), hier S. 347, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1894. Göschen an Wieland vom 7. August 1792 aus Leipzig (vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1215) mit der Ankündigung der Reise. Reise von Johann. Leipzig, bey G.J.Göschen, 1793. Ex.: StUB Augsburg: 01/GK 9951 G 678 R 3, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 292. ALZ Nr. 391 vom 15.12.1794, Sp. 573-6; Gothaische Gelehrte Zeitung vom 12.4.1794.

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Reisejournals gelobt (und diese mag w o h l ganz gut seyn. G ö s c h e n hat nur ein Lieblingsbuch, den Tristram Shandy, 5 1 dessen Manier auch in diese Schrift übergegangen ist): aber man hat die Hauptabsicht, die häußliche Glückseligkeit zum Mittelpunct aller übrigen Reisebemerkungen zu machen, nicht bemerkt, und d o c h ist es gerade diese Seite der Schrift, die dem Verf. selbst die liebste dabei ist. 5 2 Es waren gleichsam Briefe an seine Frau. 3 ' D i e darinnen v o r k o m m e n d e n Anecdoten sind alle wahr. Die rührendste ist die Szene am T o d t e n b e t t e eines alten von Buchhändlern gekränkten Rectors in Nürnberg, den er mit seinem Reisegefährten, dem D . Erhart[,] im Sterben besuchte 5 4 (ist w o h l nur n o c h N a c h a h m u n g der pathetischen Stelle in Tristram von Lefevers T o d . 5 5 M ü n c h e n machte er z u m Sitz [ 7 ] der Wollust, weil er es wirklich so fand. Ruheplatz für M ü d e im Park ein Bordell. 5 6 ) (Ein zweiter Theil sollte die Schweiz enthalten. D a der Verf. aber b l o ß die N a t u r loben, die Menschen und Verfassungen aber in der Schweiz bitter tadeln mußte: so hielt er Schweigen für nützlicher. D a f ü r arbeitet er seit einer geraumen Zeit an einem Lustspiel. 5 7 T h e a t e r war immer eine Lieblingspuppe. In D e s s a u spielte er oft selbst mit seinem Freunde Steinacker 5 8 auf d e m philanthropinischen T h e a t e r 5 9 ) dessen Hauptintrigue in einem M ä d c h e n besteht, das sich taub stellt, um die zudringlichen Anträge eines alten G e k -

51 Uber den Tristram Shandy von Lawrence Sterne sprach man auch am 12.-14.11. bei Wieland, vgl. Starnes II, S. 543 f. 52 In der Vorrede betont Göschen bereits, daß es sich um keine „gelehrte" Reiseliteratur handelt, sondern „um ein Bild meines Herzens", S. 5 f.; das Schlußkapitel ist überschrieben „Das häusliche Glück", S. 206 ff. 53 Die Briefe an seine Frau von dieser Reise haben sich ebenfalls erhalten, vgl. Goschen I, S. 334 ff.; II, S. 44 u. DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe B. 54 Reise von Johann, S. 68-71; seine letzten Worte richtet der Lehrer an Göschen: „Ich habe (...) in meinem Leben so manchen Schurken Ihres Standes kennen gelernt: bey meinem Sterbebette seh' ich den ehrlichen Mann" (S. 70). 55 Beim Tod Le Fevers im sechsten Buch, zehntes Kapitel des Tristram Shandy wird Onkel Toby als der gütige, großherzige und empfindsame letzte Besucher gezeigt, dessen Rolle Göschen in der Reise von Johann einnimmt. Der Erzählweise in Exkursen bei Göschen entspricht die Digression der Le Fever-Episode; aber auch die Szene selbst wird direkt nachgeahmt, vom Verlauf des Todeskampfes bis hin zum Motiv eines letzten, segnenden Blickes. 56 Reise von Johann, S. 102-5; diese Szene korrespondiert mit Göschens Klage über den allgemeinen Sittenverfall in den großen Städten, aber auch mit seiner Sorge über die zu „weiche" Regierung in Bayern im Unterschied zur fürsorglichen Regentschaft in Sachsen: „Mangel an Arbeitsamkeit und Industrie ist schuld, daß dieses gute Volk seine Kraft nur in Sinnlichkeit abnutzt (...). Der sanfte Charakter dieses Fürsten ist der Beförderung des Schönen weit günstiger als der Einführung des Nützlichen" (S. 143). 57 Erst 1800 erschien: Zweymal sterben macht Unfug. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen; vgl. Verlagsbibliographie Nr. 509. - Uber die Aufführung von Theaterstücken in Göschens Hause berichtet u. a. Schnorr von Carolsfeld in seiner handschriftlichen Autobiographie (Privatbesitz von Klaus Weimar, Zürich; Publikation in Vorbereitung). 58 Steinacker, Gabriel Wilhelm, Faktor in der Buchhandlung der Gelehrten in Dessau, der sich dort 1783 selbständig machte; späterer Kommissionär Göschens; vgl. „Berichte von der Buchhandlung der Gelehrten" 1783 / 5, S.593. 59 Theater an Basedows „Philantropin" in Dessau.

1 Die Anfänge des Verlages

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ken nicht hören zu dürfen. Iffland hat ihm durch seinen Commissär Walmann in der Aussteuer 60 einen gutmüthigen Polterer weggenommen, den er auch schon darinnen angebracht hatte. In Basel lernte er an dem Papierfabrikaten Imhof 6 1 einen trefflichen, edeln Menschen kennen, und besprach von [!] ihm das Schweizerpapier für seinen Wieland. 62 Kaum war G. nach Leipzig zurück: so erhielt er einen Brief von Imhof, worinnen ihm dieser entdeckte, daß er ein ruinierter Mann sey, u. dem Bankern« nicht entgehen könne, weil auf einmal alle seine Freunde ihre Vorschüsse gezahlt haben wollten, und er dieß durchaus nicht auf der Stelle leisten könne, obgleich sein Werk viel mehr werth sei. Göschen schrieb ihm mit rückgehender Post einen ostensibeln Brief, worinn er ihm große Vorschüsse, aber auch, wenn man ihn nicht schone, ein Etablissement in Sachsen versprach (denn ein Bankrutteur muß sich in der Schweiz durchaus expatriieren). Dieß bewirkte ihm beim Magistrat nicht allein Nachsicht, sondern auch einen sehr vortheilhaften Accord zu 25 p. C., so daß er auf einmal ein Mann von 200 000 Thaler in Vermögen wurde. Zur Dankbar[8]keit liefert ihm nun Imhof noch jetzt das Papier für denselben Preiß, wie vor 4 Jahren. Ein ungeheurer Vortheil! Lange dachte er über die Glättmaschine nach, die das Papier nicht allein glätte, sondern auch in seiner inneren Consistenz veredle. 63 Die gewöhnliche Art mit eiser-

60 Kommissär Wallmann agiert als geschwätziger Besserwisser, der aber schließlich doch alles zum Guten wendet, in Ifflands Die Aussteuer. Ein Schaupiel in fünfAufzügen, das am 2. Februar 1795 in Mannheim uraufgeführt wurde, und bei Göschen 1799 als Band 9 der Dramatischen Werke erschien; vgl. Verlagsbibliographie Nr. 475. - Vgl. auch Böttigers Darstellung: Entwicklung des Inländischen Spiels in 14 Darstellungen auf dem Weimarischen Hoftheater im Aprilmonat 1796. Leipzig 1796; vgl. Verlagsbibliographie Nr. 367. 61 Johann Christoph de Rudolf Imhof ( f l 8 0 0 ) war Buchhändler, Gerichtsherr und Inhaber von drei Papiermühlen in St. Albantal zu Basel; seine Witwe und sein Sohn Johann Rudolph führten die MUhle bis 1824 weiter; vgl. u.a. Edwin Wyler: Die Geschichte des Basler Papiergewerbes. Diss. Basel 1926. Basel 1927, S.48. 62 Göschen orderte Velinpapier mit Wasserzeichen „IC de R IMHOF", vgl. Wisso Weiß: Zum Papier der Wieland-Prachtausgabe. In: Gutenberg-Jahrbuch 53, Mainz 1978, S.26-31, hier S. 29 f. - Wieland schrieb am 2.7.1789 an Göschen (DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe A:) „Mich freuet, daß Sie sich von Zeit zu Zeit mit Voranstalten zu der Großen Ausgabe meiner Omnium gerne beschäftigen, und so schönes Pappier dazu ausfündig gemacht haben, welches aber vermuthlich auch nach Proportion seiner Schönheit kostbar seyn wird", vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 725. 63 Bei der Reise nach Basel erwarb Göschen von der Druckerei Wilhelm Haas eine eiserne Druckerpresse und ebenso eine Papierglättmaschine, d.i. eine Walzenpresse, ähnlich einer Kupferdruckpresse; vgl. dazu zeitgenössisch Johann Georg Krünitz: Ökonomisch-technologische Encyclopädie. Fortgesetzt von Friedrich Jakob Floerken, nunmehr von Heinrich Gustav Floerken. Bd. 106, Berlin 1807, S. 823 f. Haas hatte sich die Glättmaschine bei Bodoni in Paris angesehen und in Basel nachgebaut, „welche nicht nur der englischen und pariser Vollkommenheit im geringsten nichts nachgibt, sondern auch um einen merklich wohlfeilem Preis die nähmliche Arbeit liefern kann." Krünitz berichtet (S. 825) über maschinengeglättetes Papier bei der Jubilatemesse 1798: „Da dies immer mehr Beyfall erhielt, und besonders Herr Göschen in Leipzig in der Folge Klop-

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

nen Bolzen und Papierspänen zu pressen (was die Engländer hot-pressed nennen) läßt rauhe und unebene Flecken, da kein Papiermacher ein auf der ganzen Oberfläche liberal gleich starkes und gleich consistentes Papier liefern kann. Auch mit zwey Rollen, wie es Unger und Breitkopf versucht haben, geht es nicht. Im Nachdenken versunken sah Göschen einst auf seinem Wohnzimmer seine Frau plätten. Auf einmal fiel ihm ein, das Papier könne geplättet werden. Und darauf gründet sich nun auch der ganze Prozeß seines noch jetzt bloß durch Weiber und Mädchen betriebenen Papierglättens. Was bei der Wäsche der heiße Stein in der Plättglocke ist, ist hier eine Rolle, die horizontal über den gefeuchteten Bogen gezogen wird. Aber alles kommt nun dabei auf die Unterlage an, was bei den Plätterinnen eine Frießdecke 64 zu seyn pflegt. Diese Unterlage, die die widersprechendsten Eigenschaften Auftrocknen u. Anfeuchten mit einander verbinden muß, auszuklügeln, kostete ihm Jahre lange Anstrengung. Metall würde keine Feuchtigkeit halten. Ein Gewebe würde zu naß bleiben. Seit er diese Unterlage wirklich herausgebracht hat, ist er im Stande sein Papierglätten jeder ausländischen Art vorzuziehn. Selbst das prächtigste [,] was je gedruckt wurde, Bowyers Hume 65 hat ungleiche Flecken auf jedem Bogen. (Wir machten, als wir davon sprachen, selbst eine Probe an den bei Bensley66 mit Figgins67 Lettern gedruckten prächtigen Select Views of Mysore, 68 die ich eben bei mir hatte) Dieß ist auch das Einzige, was Göschen bei der ganzen Sache geheim [9] hält, weßwegen auch niemand, der als Zuschauer hinzutritt, die Unterlage zu betasten gestattet wird. Da die gedruckten Bogen geglättet werden: so mußte vor allen Dingen auch auf eine Druckerschwärze raffiniert werden, die durch die Hitze nicht roth würde. Wirk-

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stock's, Wieland's und Göthe's Werke auf solchem Papier erscheinen ließ, so wandten sich mehrere Buchhändler an Herrn Buschendorf in Leipzig, mit dem Ersuchen, eine wohlfeile und bequeme Papierglättmaschine anzugeben [...]" Grobe Wolldecke, nur halb gewalkt, dje um das Bügelbrett gewickelt wurde, vgl. Grimm 4,1,1, Sp. 203. David Hume (1711-76): The history of England, from the invasion of Julius Caesar to the revolution in 1668. London, printed by Thomas Bensley for Robert Bowyer. 1792-1806. Exemplar: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel. - Göschen schreibt am 11.12.1796 an Klopstock (SUB Hamburg, KN 48/312): „Hume history ist das beste Buch, das seit Erschaffung der Welt gedruckt ist. Ich bin so stolz zu behaupten, ich wolte es erreichen, wenn ich so große Unternehmen könte und nicht fürchten müste, ein mit solchen Lettern gedrucktes Werk würde für Deutschland zu theuer", vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1849 und Klopstock, Werke und Briefe IX, 1, Nr. 70. Thomas Bensley (ca.1760-1835) druckte für Robert Bowyer zahlreiche Prachtwerke, darunter die genannten, David Humes History of England, 1792-1806, und die Select views in Mysore, 1794. 1807 schloß er sich mit Friedrich König zusammen und druckte 1811 auf dessen Schnellpresse das erste ganz maschinell hergestellte Buch; vgl. Theodor Goebel: Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse. 2. Aufl. Stuttgart 1906, S.64-9. Vincent Figgins (1766-1844), Schriftgießer und Formschneider, seit 1793 in London mit eigenem Geschäft Home, Robert: Select views in Mysore, the country of Tippoo Sultan; from drawings taken on the spot by Mr. Home; with historical descriptions. London: Bowyer 1794. Ex.: BSB München u. HAB Wolfenbüttel.

1 Die Anfänge des Verlages

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lieh schillert die Schwärze in den ersten Bänden von Wieland noch etwas ins rothe. Durch die Leetüre einer Nachricht[,] daß sich in Petersburg durch Oel und Ruß eine Selbstentzündung ereignet habe, wurde auch hier Göschen zuerst zu einigen chymischen Versuchen geleitet, die ihm nun auf einem weit einfacheren Wege eben die zarte und schwarze Schwärze giebt, die Unger in Berlin durch Lampenruß erhält, wovon ihn freylich das Loth einen Louisd'or zu stehen kommt. Statt der hölzernen Stäbchen zur Einfassung der gesetzten Columnen, wo durch das Verschieben einzelner Buchstaben und Zeilen unvermeidlich wird, erdachte G. metallene, die diesem Uebelstand auf einmal abhelfen, fand aber hinter drein, daß Foumier in Paris 69 dieß Mittel auch schon gekannt habe, daher er diesem den Ruhm der Erfindung gern überläßt Bei seiner jetzigen Durchreise durch Jena hat er mit Griesbach einen splendiden Abdruck des N. Testaments verabredet, 70 wozu nun Prilwitz 71 griechische Lettern nach Bodoni sticht. Dieß soll Vorläufer einer ganzen Suite von griechischen Classikem werden. 72 Nicolovius 7 3 verlangte noch Zuschuß von Klopstock, wenn er alle seine Werke drucken sollte (wahr ist es, daß von seinen Trauerspielen Adam und David seit 8 Jahren die von Bode erkaufte Ausgabe 74 gegen 800 Exemplare noch völlig intact in Gö-

69 Pierre Simon Foumier (1712-1768), berühmter französischer Formschneiderund Schriftgießer; Berater von Gießereien in Frankreich, Schweden und Sardinien; er verfaßte zahlreiche Fachpublikationen, u.a. das Handbuch Manuel Typographique, Paris 1764-6. Seine Witwe (bis 1780) und sein Sohn Simon Pierre führten das Geschäft weiter, vgl. P. Beaujon: Pierre Simon Foumier und die Druckkunst des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Berlin 1928. 70 Erst 1803-07 erschien das griechische Neue Testament in der Ausgabe von Johann Jacob Griesbach bei Göschen in opulenter Ausstattung und neuer Griechisch-Type von Prillwitz (s. u. Kap. 6) in Gr. 4°; Ex.: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Bibel-Sammlung 252, 4°, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 588, 605, 619, 640 und 648. 71 Johann Carl Ludwig Prillwitz (1759-1801), Schriftgießer in Jena seit 1784; Göschen erwarb von ihm die Antiqua nach Didot; vgl. seine Ankündigung mit Schriftmusterblatt „Proben neuer Didotscher Lettern, welche bey dem Schriftgießer J. C. L. Prillwitz in Jena gefertiget werden". In: Journal des Luxus und der Moden, Mai 1790. - Mit Prillwitz entwickelte er auch neue griechische Typen; über die Entwicklung informiert der Briefwechsel Göschens mit Friedrich August Wolf in den Jahren 1801-03 ausführlich; vgl. Friedrich August Wolf: Ein Leben in Briefen. 1. Bd., bes. S. 317 ff; ein Beispiel ist der Disput über das kleine Chi und das große Delta in Griesbachs NT, das zunächst dem Lateinischen zu ähnlich war, vgl. ebd. S. 325. 72 Homeri opera omnia. Ex. recensione Frid. Aug. Wolfii. Vol. I. et II. Lipsiae, apud bibliopolam G. I. Göschen. 1804-7. Exemplar: SUB Göttingen, Auct gr. II, 280, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 598-600 und 645. 73 Friedrich Nicolovius (1768-1836) studierte in seiner Vaterstadt Königsberg, lernte seit 1787 in der Buchhandlung von Friedrich Hartknoch d.A. in Riga und eröffnete 1790 in Königsberg eine eigene Handlung, in der er u. a. Kant, Klinger und Voß verlegen konnte, vgl. W. Vergius: Die Buchhändler Kanter und Nicolovius. In: Neue Preußische Provinzialblätter Bd. 9 (1850), S. 284-95. - Die Forderung eines Druckkostenzuschusses ist sonst unbekannt; Pape, Autorenhonorar, Sp. 84 f., spricht von einem Honorar von 1000 Talern, das Nicolovius allein für die Oden bot; vgl. unten Kap. 3.2. 74 1787 übernahm Göschen die Verlagsproduktion von J. J. Ch. Bode, vgl. Katalog der Oster-

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

THE

HISTORY OF

Cnglanb, INVASION OF JULIUS C ^ S A R TO

TH»

REVOLUTION IN 1688,

D a b t d

t ) t t m c .

LONDON. PRINTED BY T . BENSLEY. UOLT-COCBT. nOBEltr

BOWER.

FLEET-STREET.

M t W M W -

1806.

Abb. 2 David Hume: The History of England, London 1806 Ex.: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

I Die Anfänge des Verlages

C HAP. WILLIAM

V.

K U I IIS.

\( ( T S S I O N OK W i l l I \M

RUFUS

C o N S I ' I K \CY \GAIN.ST T i l l I N V A S I O N Ol

37

KING

NORMAN.Oli

IUI

CRUSADES: ACQUISITION N O R M A N DY

Q l i \ 15R K I

VISSI L M I H K P R I M VI I •\NI> C H A R % C T I ' . R WILLIAM

Abb. 3

Of

W.ITH DEATH OF

RUl'US.

David Hume: The History of England, Kapitel V.

38

II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

299

ACCESSION PRINCE

OF HENRY.

1100.

Henry was hunting with Rufus in t h e new foreft when

intelligence of that monarch's death was brought h i m : and. being fenfible of the advantage attending the conjuncture, he hurried to Winehefter, in order to fecurc the royal treafure, which he knew to be a necefiary implement for facilitating his deflgils on the crown. He had ibarcely reached the place when William de Brcteuil, keeper of the treafure, arrived, and oppofed himfelf to Henry's pretenfions. This nobleman, who had been engaged in the fame party of hunting, had no fooner heard of his mailer's death than he lialiened to take care of his charge; and he told the prince that this treafure. as well as the crown, belonged to his elder brother, who was now his fovereign; and that lie himfelf. tor his part, was determined, in fpite of all other pretenfions, to maintain his allegiance to him. But Henry, drawing his fword, threatened him with irritant death if he dared to difobey him; and, as others of the late king's retinue, who came every moment to Winehefter, joined the prince's party, Brcteuil was obliged to withdraw his oppofition, and to acquiefce in this violence." Henry, without loiing a moment, haftened with the money to London; and, having aflemblcd fome noblemen and prelates, whom his addrefs, or abilities, or prefents, gained to his fide, he was fuddenly elected, or rather diluted, king; and immediate!) proceeded to the exercife of royal authority.

In lefs than

three days after his brother's death the ceremony of his coronation was performed by Maurice bilhop of London, who was perfuaded to officiate on that occafion:* and thus, by his courage and celerity, he intruded himfelf into the vacant throne. No one had fufficient fpirit or fenle of duty to appear in de-

Abb. 4

David Hume: The History of England, Beispielseite 299

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1 Die Anfänge des Verlages

SELECT

VIEWS IN

MYSORE, THE

COUNTRY

OF TIPPOO

SULTAN;

FROM

DRAWINGS TAKEN ON THE

SPOT

BY MR. H O M E ; WITH

HISTORICAL

DESCRIPTIONS.

L O N D O N : PUBLISHED

BY

ilB

BOIVYEB,

H I S T O R I C GALLERY, PALL MALL.

THE

LE TTER-PRESS

BI'

T.

BtiXSLET.

FROM FIGGINS'S TYTES.

1/04-

Abb. 5 Robert Home: Select views in Mysore. London 1794. Ex.: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

BANGALORE. -the capital of a province of the same name, in the kingdom of Mysore, is situated in latitude 12° f>7' 3o", and in longitude 77° 22' 17" east from Greenwich. From Madras it is distant two hundred and twenty-one miles, and from Seringapatam seventy-seven. Of the surrounding country the elevation is considerable; for the mercury in the barometer is always below twenty-seven inches. It's climate may justly be deemed temperate, as the thermometer commonly stands at 70% has been sometimes observed below 60°, and seldom rises higher than 85°. The soil is not deficient in fertility, being capable of producing most of the vegetables of Europe in abundance and perfection. BANGALORE,

The pettah, or town, is of considerable extent, being two thousand yards long, by seven hundred and fifty broad, within the fortifications, which consist of a rampart, a thick hedge, and a deep dry ditch. These do not completely surround the place, it being left open at the part opposite the fort, to the north of which it is situated. The fort is of an oval figure, extending somewhat more than nine hundred yards in it's longest diameter.

It is fortified with a broad

double rampart, about thirty semicircular bastions, or turrets, and five cavaliers.

Abb. 6 schlag

There are two entrances to it; one at each end.

That on

Robert Home: Select views in Mysore. 1794. Beispiel eines Kapitelanfangs mit Vor-

1 Die Anfänge des Verlages

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schens Waarenlager [10] aufliegen, und auch nicht ein einziges, Exemplar abgegangen ist), dadurch sprang Klopstock ab. Uebrigens hatte Nicolovius einen Plan von Göschen selbst zur Unternehmung zum Grunde gelegt. Nun fragte Gerning bei Göschen an. 75 Klopstock verlangte für alles 3000 Thaler. 7 6 Diese rechnet G. allein auf die Oden und den Messias. Erlebt Klopstock je das Ende dieser Abdrücke: so läßt sich dann immer sehen, ob der Druck der übrigen Schriften möglich sei. Kl. hatte 100 Thaler Vorschuß von Nicolovius genommen. 7 7 Diese drückten ihn, und er bat um ihre Abbezahlung bei Göschen, der sie sogleich leistete, und sich noch zu mehrerem erbot. Da die Oden weniger Platz greifen: so können hier die Zeilen noch besser, als in der Wielandischen Prachtausgabe, auseinander gehalten werden. Darum werden diese Oden an typographischer Schönheit alles vorige übertreffen. Einige Kupfer müssen dazu, 7 8 weil sie das Publikum durchaus verlangt. Aber die Anforderungen, die Kl. an die Künstler macht, sind gegen alle Begriffe der Kunst. 79 Als Cramer vorige

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messe 1787, S. 683, darunter David, ein Trauerspiel von Klopstock; vgl. auch Böttiger, Bode, S. 101 und die Verlagsbibliographie Göschen, Nr. 94-109. Vom Trauerspiel David waren Nachdrucke in Reutlingen bei Fleischhauer (1776, 1787), in Karlsruhe bei Schmieder (1776, 1781, 1790), in Troppau bei Traßler (1785) und in Wien bei Trattner (1785) erschienen, vgl. Boghardt Nr. 3110-3115. - Von Der Tod Adams ist keine Ausgabe bei Bode bekannt, vgl. Boghardt Nr. 3092-3108. Gerning an Göschen vom 15.1.1795; Ex.: DBSM Leipzig, Göschen-Sammlung, Gruppe A, Gerning Brief 1; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1553. Göschen schreibt daraufhin an Klopstock am 3. März 1795: „Herr Gerning hat mir den Antrag von Seiten Ew Wohlgeboren gemacht, welcher einen Wunsch begünstigt, den ich schon lange im Herzen trage, den ich aber aus Delicateße nie habe laut werden lassen. Sölten Dieselben geneigt seyn, mir den Verlag der neuen Ausgabe Ihrer Oden zu überlaßen, so bestätige ich das Honorar, welches Herr Gerning Ihnen melden wird, und gebe Ihnen die Versicherung im Voraus, daß ich aus Hochachtung für den unsterblichen Sänger alle meine Kräfte aufbieten werde, um diese Oden in Rücksicht der Typographie zu einem Denkmal meines Vaterlandes zu machen" (SUB Hamburg, Klopstock Nachlaß 48/303), vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1573. Honorar für die Gesamtausgabe, die 1798 bis 1817 in zwölf Büchern bei Göschen erschien; vgl. Brief Klopstocks vom 26.3.1796 im DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe A; Göschen bestätigt am 6.4.1796 Klopstock (SUB Hamburg, KN 48/305): „Wir sind einig; einig über die Summa des Honorars, einig in allen wesendichen Punkten [...]. Ich erwarte Ihre Bestimmung, wie viel Sie von den drey Tausend Rth. zu Ostern 1797 haben wollen, wie viel zu Michaelis 1797, und wie viel zu Ostern 1798", vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1740. Klopstock teilte dies Göschen am 12. Oktober 1796, unmittelbar vor seinem Treffen mit Böttiger und Wieland mit; er sprach allerdings von 25 Louisd'or ( = 125 Rthl.); vgl. Boxberger, Ungedruckte Briefe, hier S. 342, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1801. U. a. Kupfer von Schnorr von Carolsfeld und Füger. Göschen hatte gerade in den Monaten Oktober/November 1796 umfangreiche Korrespondenz mit Klopstock wegen der Abbildungen zu den Oden; Klopstock hatte sehr eigene Vorstellungen, ließ eigene Entwürfe stechen etc. Am 7.11.1796 schreibt ihm Göschen (SUB Hamburg, Klopstock-Nachlaß 48/310): „[...] Selmar und Selma im Gespräch giebt keine Handlung, und Handlung will der Mahler haben. - Doch geben Sie mir nur Ihre Idee, wie Sie die Gegenstände dieser Ode gemahlt zu sehen wünschen, in welchem Costum, in welcher Stellung, in welchem Lichte, in welchem Alter und mit welchem Ausdruck? - weiter brauche

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

Ostermesse in Leipzig war, trug er sogleich darauf an, daß Göschen auch seinen Commentar mit abdrucken müsse. 80 G. schrieb auf der Stelle an KJopstock, daß, wofern man auf diesem Ansinnen bestünde, das ganze Unternehmen aufgegeben werden müsse. 81 Kl. antwortete: „Ich bestehe nicht darauf. Aber sprechen Sie auch nie wieder davon. Denn Cramer ist mein Freund." 82 Die Venus Urania des H. v. Ramdohr 8 3 druckt Göschen auf des seel. Blankenburgs 84 Empfehlung, und giebt 1500 Thaler Honorar. Dieß war für 3 kleine [11] Bändchen stipuliert. Das Manuscript ist aber ungeheuer voluminös geworden. Darum

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ich nichts. An Füger habe ich wegen Zeichnung zu dem Meßias geschrieben", vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1816. Carl Friedrich Cramer (1752-1807), zu der Zeit Professor der griechischen und orientalischen Sprachen an der Universität Kiel, Bewunderer und Exeget Klopstocks, der mit ihm im engen Briefkontakt stand. Sein erstes Klopstock-Porträt mit fingierten Briefen Klopstock. In Fragmenten aus Briefen von Teltow an Elisa, Hamburg 1777-78, „stieß bei den meisten literarisch anspruchsvollen Zeitgenossen auf harte Kritik und auf Spott" (vgl. Klopstock-Briefe 1776-1782, Bd. 2., hrsg. v. Helmut Ruge, Berlin/New York 1982, S. 301 f.). Teil 2. u. 3 seiner weiteren Klopstock-Würdigung Klopstock. Er; und über ihn erschien in der Buchhandlung der Gelehrten in Dessau (Hamburg 1780 und Dessau 1771/2). „Das Urteil seiner Zeitgenossen über die kritiklos Klopstock huldigenden, in der Anordnung von ediertem und eigenem Text recht wirren Bücher war abermals überwiegend ablehnend, und man nahm es auch dem Dichter selbst übel, daß er diese Apotheosen eher förderte als verhinderte" (Ruge, ebd. S. 302). Göschen hatte die negative Erfahrung in Dessau mit Cramers Klopstock-Edition und Kommentar gemacht (vgl. vorhergehende Anmerkung); er schrieb daher, wie von Böttiger getreu referiert, am 18. May 1796 an Klopstock (SUB Hamburg, Klopstock-Nachlaß 48/307): „Ich habe einen Besuch von Herrn Cramer gehabt [auf der Ostermesse 1796] und Ihren Gruß an ihn ausgerichtet Er äuserte, da ich ihn mit unserer Verbindung bekant machte, den Wunsch, daß sein Commentar über ihre Werke in die Sammlung verwebt werden möchte. Ich konte es nicht übers Herz bringen, ihn disen Wunsch rund heraus abzuschlagen, auch hielt ich dieses nicht für meinen Beruf allein: Sie selbst können hier doch eigentlich nur zu geben oder verweigern. Doch gesteh ich gern, daß es mir nicht in den Sinn gekommen ist, oder vielmehr, daß ich nicht vermuten kann, die Werke zweyer Schriftsteller in einer Sammlung geben zu müßen. Gewiß werd ich den Cramerschen Commentar nicht drucken", vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1759. „Ich habe nichts dawider, daß Sie Cramers Wünsche nicht erfüllen wollen. Ich habe Sie zuerst durch Sie erfahren. Lassen Sie uns übrigens von der Sache schweigen. Cramer ist mein Freund." Beinahe wörtlich zitiert nach dem Brief Klopstocks an Göschen vom 4.6.1796 (DBSM, Göschen-Sammlung, Gr. A, Klopstock 1), vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1764 und Klopstock, Werke und Briefe, IX, 1, S. 71. F.W.B von Ramdohr. Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung. 1.-3. Theil in 4 Bdn, 351, 421, 439 und 358 S. Das umfangreiche Werk erschien erst 1798; die langatmige „Zettelkastenrevue" wurde weder von der Kritik noch vom kaufenden Publikum goutiert. Ein Exemplar befindet sich in der Thum- und Taxis'schen Hofbibliothek in Regensburg, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 452. Friedrich von Blanckenburg (1744-96); 1797 erschien bei Göschen noch seine Biographie Charakter und Lebensgeschichte des Herrn von Seydlitz, Preußischen Generals der Kavallerie, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 406.

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wollte nun auch R. viel mehr Honorar zur Erkaufung eines Gartens haben. Aber G. bewieß ihm, daß er grade nun noch weniger geben könne. Wegen der Annahme dieses Mscts ist der gute Göschen in wahrer Verlegenheit und sagte laut bei Wieland, daß er dadurch den dümmsten Streich gemacht habe, dessen er sich in seinem Leben schuldig fühle. 8 5 Musterhaft ist die kärgliche Sobrietät, womit Göschen beym Anfang seines Selbstetablissements sich durchmühte, oft trocken Brot aß, um nur die bestimmte Summe zusammenzugeizen, sich nirgends in öffentlichen Vergnügungsplätzen sehen ließ, und dadurch bey seinen Mitbürgern algemeines Zutrauen erhielt Dabei hat denn freilich auch seine Gesundheit gelitten. Besonders belästigt ihn ein gewaltiger Schluchzer, auf welchem endlich der Auswurf von etwas zähem Schleim erfolgt Dieser überfiel ihn sonst zuweilen gerade bey wichtigen Geschäften, während der Mahlzeit u .s. w. Jetzt hat er das Mittel dagegen erfunden, daß er alle Morgen nach dem Aufstehen einige Minuten auf einem Stuhl reitet und durch diese Bewegung den Abgang des Schleimes befördert, der einmal täglich abgeführt werden muß. Seine drey Söhne 8 6 sollen die Typographie im ganzen Umfange lernen u. eine typographische Gesellschaft formieren. Der eine soll sich besonders auf die Formschneiderkunst legen, wodurch vielleicht auch einmal originell deutsche Lettern erfunden werden könnten, [12] die ohne den ursprünglichen Charakter zu verleugnen, doch so schön wären, als die schönsten lateinischen. Gern bestimmte er den einen zum Schriftgießer, denn dieß ist das Fundament von allem. Aber die aufgelößten Blei- und Antimonialdämpfe sind giftig, und eine solche Bestimmung wäre grausam von einem Vater. Seinen Wohlthäter Rulfs, der nach einer Verkettung der scheußlichsten Cabalen endlich seines Arrests, als Clubbiste entlassen worden ist, unterstützt er großmüthig, während er in Cronenberg bei Maynz sich aufhält, und noch immer sein Recht sucht. 8 7 R. schickte ihm ein Vertheidigungsmemoir zu, das doch in Sachsen nicht gedruckt werden konnte. Die jetzige Schlegel, vormals verwitwete Böhmer, 8 8 hielt sich ein J a h r lang ganz

85 Noch ein halbes Jahr später klagt Göschen gegenüber Böttiger: „Gleich nach der Meße komt die Urania in Druck. Ich habe sie bis dahin verschoben. Sie wird immer noch zu früh kommen", Brief vom 22. Februar 1798; Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. h 37, Bd. 59, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2113. 86 Im Herbst 1796 lebten drei Söhne: 1. Carl Friedrich, »28.6.1790 in Leipzig, f 1881 in Görlitz, wurde Buchhändler und Buchdrucker in Grimma, half seit 1815 im Verlag, wirtschaftete von 1822-27 mit einem Teil des Verlages selbstständig („Göschen-Beyer"), s. u. Kap. 9.2. 2. Georg joachim, *24.10.1791, f 16.7.1855 in Wien, wurde Kaufmann in Triest. 3. Wilhelm Heinrich, *3.7.1793, f29.7.1866, wurde Kaufmann in London. 87 S.o. Anm.25; er hatte der „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" angehört und befürchtete nach der Rückeroberung von Mainz 1793 Arrest. 88 Caroline, *2.9.1763, Tochter des Göttinger Orientalisten Johann David Michaelis, heiratete am 15. Juni 1784 den Bergarzt Johann Franz Wilhelm Böhmer aus Clausthal im Harz, mit dem sie zwei Kinder, Auguste und Therese, hatte. Böhmer starb 1788, Therese 1789. 1792 siedelte sie nach Mainz zu ihrer Jugendfreundin Therese Forster, geb. Heyne um (s. nachfol-

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incognito bei G ö s c h e n in Leipzig auf. 8 9 Er hält sie für das geistreichste Weib, die er je kennen lernte. D e r K ö n i g befahl eigenhändig ihre Entlassung aus dem Gefängnis, da ihr Bruder, der Arzt Michaelis, die Unerschrockenheit gehabt hatte, bis zum König vorzudringen, u. ihm die Ungerechtigkeit gegen seine Schwester deutlich zu be90

weisen. Ueberhaupt ist G. einer der edelsten Menschen, durch Kampf mit Armuth gebildet, ipse miser miseris succurrere didicit,91 Er hat die mit mercantilischer Speculation fast unzertrennliche, nimmersatte H a b s u c h t glücklich bekämpft, und mehr, absichtlose Edelmuth ist ihm in hundert Fällen einträglicher, als die studierteste Erwerbskunst anderer. Sie leihet ihm die Kraft und Einsicht der Edelsten seiner Zeitgenossen und schafft ihm - was d e m Kaufmann alles werth ist - Zutrauen.

1.2

G ö s c h e n s Ausbildungsjahre in Bremen und Leipzig

D i e stilisierte Erzählung der Jugendjahre G ö s c h e n s durch Böttiger macht den frühen Verlust des eigenen Elternhauses deutlich, zeigt aber auch die Atmosphäre der Erziehung im H a u s e eines erfolgreichen Kaufmanns, des Tabakfabrikanten Friedrich

gende Anmerkungen). Am 1. Juli 1796 heiratete sie August Wilhelm Schlegel (nach der Scheidung am Jahr 1803 heiratete sie Schelling). Sie starb auf einer Reise in Maulbronn am 7.9.1809. 89 Nach der Freilassung aus dem Gefängnis (s. nächste Anm.) im Juli 1793 nahm sich August Wilhelm Schlegel ihrer an und brachte sie zunächst zu Göschen nach Leipzig; dann auf dessen Vermittlung nach Lucka bei Leipzig zu einem verschwiegenen Arzt. Dort gebahr sie am 3. November 1793 einen Sohn Wilhelm Julius von dem französischen Offizier Jean-Baptiste Dubois-Crance (das Kind starb im April 1795). Göschen und seine Frau waren „halb eingeweiht" und kümmerten sich intensiv um Caroline, wie aus den Briefen der Brüder Schlegel und aus den Briefen Carolines zu ersehen ist. U. a. schreibt Friedrich an Wilhelm am 16. September 1793: „Göschen hat mit untadelhafter Anspruchslosigkeit und Verschwiegenheit gehandelt", vgl. Friedrich Schlegels Briefe an seinen Bruder August Wilhelm. Hrsg. v. Oskar F.Walzel. Berlin 1890, Nr. 32, S. 116, hier S. 113. - Caroline schreibt an ihren Brieffreund Meyer am 15. August 1793: „Göschen scheint so redlich, wie er diensteifrig ist, und sie ist gewiß ein gutes, aus Güte wirkendes Weib", vgl. Caroline. Briefe aus der Frühromantik. Nach Georg Waitz vermehrt hrsg. v. Erich Schmidt. 1. Bd. Leipzig 1913, Nr. 133, S. 306-8, hier S. 306. 90 Caroline war, seit 1792 bei Therese (geb. Heyne) und Georg Forster in Mainz wohnend, im Verdacht, mit den Franzosen zu sympathisieren, am 8. April 1793 von preußischen Truppen gefangengenommen und erst nach der Festung Königstein und dann nach Kronberg ins Gefängnis gebracht worden; ihr Bruder Philipp Michaelis überreichte persönlich dem König eine Bittschrift durch Vermitdung von Sophie Bethmann. Caroline wurde am 11. Juli auf das Kgl. Rescript vom 4. Juli entlassen, vgl. Gisela F. Ritchie: Caroline Schlegel-Schelling in Wahrheit und Dichtung. Bonn 1968 ( = Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, Bd. 50), S. 16-23, hier S. 23. 91 Selbst unglücklich hat er gelernt, Unglücklichen zu Hilfe zu eilen.

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Rulffs, und die Prägung durch die Erziehung im protestantischen Pfarrhaus, in dem er von dem späteren Bremer Domprediger Heinrich Erhard Heeren gemeinsam mit dessen Sohn Arnold Herrmann Ludwig Unterricht erhielt. Göschen erwarb gediegene Kenntnisse in der englischen Sprache - nach Ausweis seiner nicht geringen eigenen englischen Korrespondenz und der umfangreichen Übersetzungsarbeit für die von ihm redigierte Zeitschrift Amerika, dargestellt durch sich selbst (1818-20) - ebenso in den historischen Disziplinen und im Lateinischen. Wenn er auch in der Geschäftskorrespondenz mit Altphilologen bisweilen mit seinen geringen Kenntnissen kokettiert, war er durchaus im Stande, lateinische Texte zu redigieren. Dieser Privatunterricht schuf die Grundlage für eine Buchhandelslehre bei dem Bremer Buchhändler Johann Heinrich Cramer, der gerade in den Jahren von Göschens Lehrzeit, 1760-1770, Kontakte zu bedeutenden Autoren pflegte. Cramer übernahm nämlich in Kommission den Vertrieb von Johann Joachim Christoph Bodes Hamburger Druckerei, u.a. dessen Ubersetzung von Lawrence Sternes Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien (1768), Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Ugolino92 (1768) sowie 1769 Lessings Hamburgische Dramaturgie.93 Cramer verlegte auch drei Schriften Klopstocks in den Jahren 1769-71: Hermanns Schlacht (Hamburg/Bremen: Cramer, gedruckt bei J. J. Ch. Bode) sowie Ueber Merkwürdigkeiten der Litteratur (Hamburg/Bremen bey J. H. Cramer) und Der Hypochondrist, eine holsteinische Wochenschrift von Herrn Zacharias Jemstrup. Zweyter Theil, zweyte verbesserte und vermehrte Auflage (Bremen und Schleswig bey Joh. Heinr. Cramer und Joach. Friedr. Hansen 1771). Auf der Grundlage dieser Erfahrungen vertiefte er seine Kenntnisse bei dem angesehenen Leipziger Buchhändler und Verleger Siegfried Leberecht Crusius, der in den siebziger Jahren u.a. auch Klopstock verlegte und mit der Philanthropischen Gesellschaft in Dessau eng zusammenarbeitete. 94 Im Hause Crusius konnte sich Göschen dann auch die Kontakte schaffen, die ihm zu Beginn seiner eigenen geschäftlichen Tätigkeit von großem Nutzen waren. Er nahm aber zunächst den Umweg über die „Verlagscasse der Gelehrten" in Dessau, deren „Faktor" er 1783 wurde. 95

92 Zur Verlagsgeschichte des Ugolino bei J. J . C . B o d e vgl. die Studie von Reinhard Wittmann: Zur Verlegertypologie der Goethezeit. Unveröffentlichte Verlegerbriefe an Heinrich Wilhelm von Gerstenberg. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik Jg. 8 (1976) H e f t 1, S. 9 9 - 1 3 1 , hier bes. S.106f. 93 Vgl. u.a. Otto Reiner: Lessing als Verleger. In: Imprimatur. Ein Jahrbuch f ü r Bücherfreunde. J g . l . Hamburg 1930, S. 18-26. 94 Zweihundert und zehn Lider frölicher Geselschaft und einsamer Frölichkeit, gesamlet von Wolke. Dessau, 1782. In der philantropischen Buchhandlung und in Commission bei S. L. Crusius in Leipzig; vgl. Boghardt Nr. 660; darin u.a. Klopstocks Die frühen Gräber, S. 191. 95 Nicht schon 1781, wie Goschen I, S.34, schreibt.

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1.3

D i e B u c h h a n d l u n g der Gelehrten in D e s s a u

D i e „ B u c h h a n d l u n g der Gelehrten" und die „Verlagscasse der Gelehrten" in D e s s a u sind aus d e m P r o z e ß der Schriftstelleremanzipation heraus z u verstehen, der d e n Autoren d i e Rechte an ihrem geistigen Eigentum, an e i n e m angemessenen H o n o r a r , sow i e M i t s p r a c h e an der Ausstattung ihrer Schriften einräumte. 9 6 B e k a n n t e Beispiele sind die Selbstverlagsversuche von K l o p s t o c k s Gelehrtenrepublik, und B o d e s in H a m b u r g 9 7 und W i e l a n d s eigener Vertrieb des

die P l ä n e Lessings Teutschen

Merkur

(1773-85).98 D i e B u c h h a n d l u n g der G e l e h r t e n w a r d a g e g e n „eine Vertriebsorganisation für den Selbstverlag Dritter" 9 9 ; sie ü b e r n a h m von den A u t o r e n o d e r Künstlern verkaufsfertige Bücher, M u s i k a l i e n o d e r Kupferstiche in K o m m i s s i o n und besorgte Vertrieb und A b r e c h u n g ; die Rechte blieben bei den U r h e b e r n . 1 0 0 D i e Autoren k o n n t e n auch

96 Der Prozeß dieser Emanzipationsbewegung ist zum Ende des 19. Jahrhunderts bereits erkannt und dargestellt worden; seit den sechziger Jahren liegen kritische Untersuchungen vor, vgl. u.a. Karl Buchner: Beiträge zur Geschichte des Deutschen Buchhandels. 1. H e f t : Zur Geschichte des Selbstverlages der Schriftsteller. Gießen 1871; Hermann F.Meyer: Die genossenschaftlichen und Gelehrten-Buchhandlungen des achtzehnten Jahrhunderts. In: A G D B 2 (1879), S.68-124; H a n s Jürgen H a f e r k o r n , Der freie Schriftsteller. In: AGB V (1964), Sp.523-712; Gunter Berg: Die Selbstverlagsidee bei deutschen Autoren im 18. Jahrhundert. In: AGB VI (1966), Sp. 1371-1396; Wolfgang von Ungern-Sternberg: Schriftstelleremanzipation und Buchkultur im 18. Jahrhundert. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik VIII, H e f t 1 (1976), S. 72-98. 97 Vgl. im Überblick Berg, Selbstverlagsidee, Sp. 1378-80. 98 Göschen entlarvte später (1789) gemeinsam mit J . J . C h . Bode Carl Friedrich Bahrdts Geheimgesellschaft „Die Deutsche Union", die vorgab, das ganze literarische Leben kontrollieren zu wollen. Lesegesellschaften und ein Intelligenzblatt sollten „Vorstufen dazu sein, damit der Bund „nach und nach [ . . . ] den Buchhandel" an sich ziehen könne; vgl. Berg, Selbstverlagsidee, Sp. 1388. Ca. 350 nahmhafte Autoren hatten sich dazu bekannt, unter ihnen auch Bertuch, bis der „Geheimbund" um 1790 enttarnt wurde, vgl.: Mehr Noten als Text oder die Deutsche Union der Zwey und Zwanziger eines neuen geheimen Ordens zum Besten der Menschheit. Aus einem Packet gefitndener Papiere zur öffentlichen Schau gestellt durch einen ehrlichen Buchhändler. Leipzig, bei Georg Joachim Göschen 1791. Im Briefwechsel Göschen-Böttiger, Sächsische LB Dresden, Mscr. Dresd., Bd. 59, Nr. 50, findet sich Göschens Hinweis vom 16.7.1799: „Der verstorbene Geheimerath Bode in Weimar ist Verfasser der Schrift Mehr Noten. Ich habe meinen Theil an der Schrift selbst; nur wenige Zeilen der Vorrede sind von mir", vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2287. 99 Gerlind Jais: Die Buchhandlung der Gelehrten in Dessau 1781-1785. Magisterarbeit (masch.) München 1979, S. 109. Ich danke der Verf.in f ü r die Möglichkeit einer Einsichtnahme in ihre Magisterarbeit, die die „Berichte der Buchhandlung der Gelehrten" auswertet und wichtige Hinweise auf die Archivalien im Historischen Staatsarchiv Oranienbaum in Dessau bietet. Eine erste gründliche Vorstellung nach den Berichten gab F. Hermann Meyer: Die genossenschaftlichen und Gelehrten-Buchhandlungen (wie Anm. 90); zuvor Karl Buchner: Zur Geschichte der Dessauer Gelehrtenbuchhandlung und Verlagscasse. In: Beiträge zur Geschichte des Deutschen Buchhandels. 1. Heft. 1873, S. 17-42. 100 Nachricht und Fundations-Gesetz (wie nächste Anm.), S. 23: Es wird festgesetzt, d a ß „die

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druckfertige Manuskripte einreichen, deren Herstellung dann die Buchhandlung der Gelehrten „unentgeltlich und auf das pünktlichste besorgt". 10 ' Über den Zweck der Organisation und den Verlauf der Geschäfte sind wir durch zwei Publikationen der Buchhandlung selbst gut informiert: die Nachricht und Fundations-Gesetze von der Buchhandlung der Gelehrten, die 1781 erschienen, und das Periodikum Berichte der allgemeinen Buchhandlung der Gelehrten, das von 1781 bis 84 mit je zwölf Stücken herauskam. Die Buchhandlung wurde am 18. Januar 1781 vom Fürsten Leopold Friedrich Franz offiziell privilegiert 102 , die Berichte erschienen bis zum Dezember 1784; 1785 ist der „Erfinder", der Magister Reiche, noch mit den Geschäften der Buchhandlung befaßt. 1 0 3 Karl Christoph Reiche (1739-1793) aus Neubrück studierte in Frankfurt/Oder und erwarb 1767 in Göttingen den theologischen Magistergrad, von 1768 bis 1773 wirkte er als Pastor, nach seiner Demission 1 0 4 seit 1775 als Lehrer und Ökonom an Basedows Philanthropin in Dessau. Bis 1774 publizierte er zu theologischen, seit 1774 in erster Linie zu pädagogischen Themen. Von 1781 bis 1786 wirkte er in der offiziellen Position eines „Faktors" an der Buchhandlung der Gelehrten; 1788 finden wir ihn in Philadelphia (Vereinigte Staaten) als Herausgeber einer deutschen Zeitung Wöchentlicher General-Postbote an die Teutsche Nation in Amerika; den Kontakt nach Philadelphia hatte er gleich im Unabhängigkeitsjahr 1783 mit dem Exportgeschäft der Buchhandlung nach Amerika geschaffen; 1 0 5 1 793 starb er dort „im äußersten Elende", wie Meusel berichtet. 106

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Buchhandlung zu keiner Zeit ein Eigenthumsrecht an den Werken überkomme, die ihr zum Verkaufe anvertrauet sind." Nachricht und Fundations= Gesetz von der Buchhandlung der Gelehrten, die in der Fürstl. Anhalt. Residenzstadt Dessau errichtet ist. Dessau, in der Buchhandlung der Gelehrten. 1781. Ex: Staatliche Bibliothek Regensburg. Reprint München 1981 (Anhang zu Bd. 1 der „Berichte der allgemeinen Buchhandlung der Gelehrten, vom Jahre 1781-4." Reprint München 1981. [ = Quellen zur Geschichte des Buchwesens. Hrsg. v. Reinhard Wittmann]), hier S. 17. Historisches Staatsarchiv Oranienbaum, Abtl. Dessau C 9 e, Acta, die allhier in Deßau errichtete allgemeine Buchhandlung der Gelehrten betr., Bd. I, Bl. 2 u. 3. Reiche beschwert sich am 22. März 1785 beim Fürsten, daß sich die Verlagskasse wieder einmal nicht an die Vereinbarung gehalten, und ihre Publikationen nicht über die „Buchhandlung der Gelehrten" abgewickelt habe; zur sachlichen Erläuterung siehe im folgenden; vgl. Buchner, Geschichte, S. 32 f. Über die Gründe wurde viel spekuliert, nach eigener Darstellung in den Berichten, 1781, 3. Stück, Umschlagseite III, hat er freiwillig demissioniert; nach Erhard Hirsch: Progressive Leistungen und Tendenzen des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises in der Rezeption der aufgeklärten Zeitgenossen (1770-1815). Diss. phil. masch. Halle 1969, zitiert nach Jais, Buchhandlung, S. 40, wurde er wegen „unverhohlenem Rationalismus" abgesetzt. Berichte 1783, 1. Stück, S.378-380: Über die Ausdehnung des Vertriebs in die USA; vgl. Robert E. Cazden: Karl Christoph Reiche and America. In: German American Studies Bd. 5 (1972), S.56-67; Bd.6 (1973), S.73. Meusel, Bd.XI, S. I I I .

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Reiche erklärt in der Eröffnungsschrift, Nachricht und Fundations-Gesetze, daß es ihm darum gegangen sei, „dem Buchhandel eine andere Richtung zu geben" und die Autoren gegenüber den Buchhändlern, „die etwan wider vermuthen unbillig genug seyn sollten, den Gelehrten und den Künstlern die Vortheile, die ihnen von Gott und Rechtswegen gebühren, nicht zu gönnen, sondern sie von dem Genüsse derselben abzuhalten, in die gehörigen Schranken zurück zu bringen". 107 Ein wichtiger Fortschritt war, daß dem Autor das alleinige Nutzungsrecht an seinem geistigen Eigentum zugestanden wurde. Durch die Buchhandlung der Gelehrten werde es den Autoren erstmals ermöglicht, „die Früchte ihres Fleißes völliger als bisher" zu genießen (S. 14). Die Gesellschaft schulde das Honorar den Gelehrten als ein Äquivalent; es handele sich um eine rechtmäßige Belohnung, „die der Künstler und der Schriftsteller von einer billig denkenden Welt mit Recht erwarten kann". Reiche vertritt damit Positionen in der Auseinandersetzung von Schriftstellern und Verlegern, die etwa Wieland 1791 in seinen „Grundsätzen, woraus das merkantilische Verhältniß zwischen Schriftsteilem und Verleger bestimmt wird" neu formulierte und in denen er den Autoren ein unveräußerbares, naturrechtlich begründetes geistiges Eigenthum zugesteht 1 0 8 Reiche argumentierte gegen einzelne Verleger, die auf Kosten der Autoren sich „Paläste bauten", nicht aber gegen die Buchhändler insgesamt, mit denen er zusammenarbeiten wollte. Zwei Drittel des Ladenverkaufspreises sollte der Autor erhalten, 27% der Buchhändler und nur 6 Vi% die „Buchhandlung der Gelehrten" (i. e. Vi Groschen von jedem verdienten Thaler). Das Eigentumsrecht blieb in jedem Fall beim Verfasser, auch das Recht auf mögliche Neuauflagen etc. Die Kontrolle über das Institut gewährleisteten zwei Hofbeamte, die Räte Leopold Hermann und L. de Marees; angestellt wurden zudem ein Inspektor, der Kandidat der Theologie Carl Siegmund Ouvrier, und ein Faktor, Gabriel Wilhelm Steinacker, der als einziger „mit dem Buchhandel lange schon beschäftiget" war. Die „Buchhandlung der Gelehrten" unterhielt in Leipzig ein Warenlager bei Johann George Wolf, „der mit Materialwaaren in Leipzig Handel treibt" und beschickte die Leipziger Messen. Allein durch den Besuch der Messen, so bekennt Reiche, habe er sich mit dem Buchhandel vertraut gemacht. 1 0 9 Der Erfolg der ersten Messe in Leipzig zu Ostern war „kläglich", nur wenige Taler blieben bei der Buchhandlung; 110 bereits zur Michaelismesse mußte Reiche die Konditionen verändern, die Buchhandlung erhielt nun 8 16%, die Buchhändler daher nur noch 25%, um den Autoren weiterhin 66 V)% einräumen zu können. Dies war für die Buchhändler, die 33% Rabatt gewohnt waren, kein Anreiz zur Zusammenarbeit; daher gewährte Reiche jetzt auch ein halbes Jahr Kredit und Kommissionsübernahme. Zur Ostennesse 1782 wurde Reiche Leipziger Bürger und eröffnete ein Ladengeschäft in Leipzig; im September 1783 verlegte er auch das Hauptlager nach Leipzig.

107 Nachricht und Fundations-Gesetze, S. 25. 108 In §§ 5 u. 6 räumt Wieland das Recht auf Selbstverlag ausdrücklich ein; zur naturrechtlichen Begründung des geistigen Eigentums vgl. Vogel, Geschichte des Urheberrechts, hier S. 77 f. 109 Berichte, 1781, 2. Stück, S. 124. 110 Berichte, 1783, 6. Stück, S . 6 4 6 .

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Zu den „Herren, die wir als Freunde und Beförderer verehren", zählen die Berichte^'11 1781 in Berlin unter anderen Daniel Chodowiecki, Professor Johann Bernoulli, in Göttingen die Professoren Heyne, Lichtenberg und Schlözer, in Jena Griesbach und Schütz, in Riga den Buchhändler Hartknoch, in Weimar Bertuch, Goethe, Herder, Kraus und Wieland, in Zürich schließlich Lavater. Die Berichte bieten von 1781 bis 1783 insgesamt 732 Titel an, darunter zählen zum Beispiel: - Archenholtz, Johann Wilhelm von: Litteratur- und Völkerkunde 1 1 2 - Basedow, Johann Bernhard: Philanthropische Grundlage der Sittenlehre und des christlich Glaubens. 1 1 3 - Bernoulli, Johann: Sammlung kurzer Reisebeschreibungen, 12 Bde. 1 1 4 - Bertuch, Friedrich Justin: Theater der Spanier und der Portugiesen. 1 1 5 - Cramer, Carl Friedrich: Klopstock. Er; und über ihn. 1 1 6 - Gleim, Johann Wilhelm: Episteln. 1 1 7 - Herder, Johann Gottfried von: V o m Geist der ebräischen Poesie. 2 Theile. 1 1 8 - Lavater, Johann Caspar: Betrachtungen über die wichtigsten Stellen der Evangelien: ein Erbauungsbuch für ungelehrte nachdenke Christen, nach den Bedürfnissen der jetzigen Z e i t 1 1 9 - Matthisson, Friedrich von: Lieder. 1 2 0 - R o c h o w , Friedrich Eberhard von: D e r Kinderfreund. 1 2 1

111 1781, 9. Stück, S. 799-84. 112 Kirchner Nr. 1129; Bd. 1-6, Juli 1782 - Juni 1785 in „Dessau. Auf Kosten der Verlagskasse für Gelehrte und Künstler, und zu finden in der Buchhandlung der Gelehrten"; seit dem 7. Band (Julius bis December 1785) im Verlag von Georg Joachim Göschen, vgl. Verlagsbibliographie Nr. 1. 113 Dessau: Buchhandlung der Gelehrten 1781. 96 S. Ex: ULB Halle. 114 Johann Bemoullis Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zur Erweiterung der Länder und Menschenkenntniß dienender Nachrichten. Berlin: beim Herausgeber; Altenburg bei G. F. Richter; Dessau und Leipzig: Buchhandlung der Gelehrten. Ex.: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Cc 521. 115 Magazin der Spanischen und Portugiesischen Literatur, Bd. 3.; Bde 1 u. 2 waren bei Carl L. Hoffmann 1780 in Weimar erschienen; von ihm wurde 1782 in Dessau auch anonym verlegt: Wie versorgt ein kleiner Staat seine Armen und steuert die Betteleyvgl. Hohenstein, Bertuch, Kat. Nr. 78; in Kommission bei Göschen seit 1785, vgl. Verlagsbibliographie S. 25. 116 Theil 2. Dessau: Gelehrten Buchhandlung 1781, vgl. Boghardt Nr. 126. 117 Nachzuweisen ist nur die Ausgabe Leipzig, gedruckt bei Breitkopf 1783, 108 S., Ex.: BSB München. 118 Deßau: Auf Kosten der Verlagskasse und zu finden in der Buchhandlung der Gelehrten 1782-3. 8°. Ex.: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Le 75. 119 Dessau, Leipzig: Buchhandlung der Gelehrten 1783. 8°. Ex: ULB Halle; Bd. 2 erschien bei Steiner in Winterthur. 120 Matthisson, Friedrich von: Lieder. Verm. Aufl. Dessau 1783. Auf Kosten der Verlagskasse für Gelehrte und Künstler, und zu finden in der Buchhandlung der Gelehrten. Ex.: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Lo 5284. 121 Rochow, Friedrich Eberhard von: Der Kinderfreund. Ein Lesebuch zum Gebrauch in

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- LaRoche, Sophie von: Moralische Erzählungen. 122 - Schütz, Christian Gottfried: Doctrina particularum Latinae linguae. 123 - Wieland, Christoph Martin: Horazens Briefe.124 Ein Gesamtverzeichnis mit 950 Positionen, darunter auch Musikalien und Kupferstiche, erschien zur Ostermesse 1784 und bildet die wichtigste Quelle für das weite Verlagsprogramm. 12 5

1.4

Die Verlagscasse der Gelehrten in Dessau

Die „Verlagscasse für Gelehrte und Künsder" war formal von der Buchhandlung der Gelehrten vollständig getrennt; es handelte sich um eine Aktiengesellschaft, die Gelder für den Druck eines Werkes zur Verfügung stellte und darüber hinaus einen „Vorschuß" bis zu vier Talern pro Bogen zahlte, vergleichbar dem Honorar eines Verlegers. Die angebotenen Titel wurden - im Unterschied zum Usus der Buchhandlung der Gelehrten - in der Verlagscasse geprüft und lektoriert; d. h. hier fand eine erheblich stärkere Auswahl statt als in der Buchhandlung der Gelehrten. Von den 220 angebotenen Titeln der Buchhandlung der Gelehrten im Jahre 1782 stammten nur 24 von der Verlagscasse, im Jahre 1783 von 361 Titeln nur 23. 126 Weniger als 10% der von der Buchhandlung vertriebenen Bücher wurden daher durch die Verlagscasse vorfinanziert. Die erhaltene Schlußabrechung der Verlagscasse vom 1. November 1786 zeigt, daß alle Autoren, deren Manuskripte angenommen wurden, den „Vorschuß" (also das vorgestreckte Honorar) annahmen; diese Kosten machten mehr als die Hälfte der Verbindlichkeiten bei der Schlußbilanz aus (8558 Taler „Vorschuß" bei einer Bilanzsumme von 13820 Talern) und konnten in den meisten Fällen nicht

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Landschulen. 4. Aufl. Dessau: Buchhandlung der Gelehrten 1781. 216 S. - Ex.: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Pb 654. Nur nachzuweisen: Speier 1783, Ex: UStB Köln. (Vers.) Christ. Godofr. Schütz Eloqv. et poes. Prof. Ord. in Acad. Ienensi Doctrina particvlarvm Latinae lingvae. Accedit ratio consecvtionis temporvm ac modorvm latini sermonis. Nvnc primvm plene exposita. Dessaviae et Lipsiae in bibliopolio ervditorvm, impensis societatis typographicae Dessaviensis. 1784. 8°; Ex.: HAB Wolfenbüttel: Kg 278 (Teil 1); BSB München: L. Lat. 774. Horazens Briefe. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit historischer Einleitung versehen von C. M.Wieland. Theil. 1.2. Dessau: Buchhandlung der Gelehrten 1782. 2 in 1 Bd. 8°. Exemplar: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Lh 1050. Erstes vollständiges Verzeichniß aller Bücher, Musikalien und Kupferstiche, die in der Buchhandlung der Gelehrten seit ihrer ersten Entstehung bis jetzt oder seit Oster-Messe 1781 bis Oster-Messe 1784 zu haben sind. Ex: Bibliothek des Börsenvereins Frankfurt/M. Vgl. Jürgen Hespe: „Müssen also nicht sehr viele Schriften ungekauft und ungelesen bleiben?" Die Dessauer Buchhandlung der Gelehrten und ihr Gesamtverzeichnis von 1784. In: Buchhandelsgeschichte 1998/3, S. B 152 - B 160. Nach einer Berechnung der Ankündigungen in den Berichten bei Jais, Buchhandlung, S. 125-7.

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wieder eingetrieben werden. In der Bilanz wird d a h e r ihr t a t s ä c h l i c h e r , v o l l s t r e c k b a rer Wert mit weniger als 5 0 % angenommen ( 4 0 0 0 T a l e r ) . 1 2 7

Die Gutachterkommission entschied über Annahme oder Ablehnung der Manuskripte jeweils ohne Begründung, wie bei der Vorstellung der Usancen der Verlagscasse in den Berichten eigens betont wurde.128 Der Autor erhielt 55% des Ladenverkaufspreises - allerdings erst, wenn die Deckungsauflage der „Verlagskosten" (Satz und Druck) erwirtschaftet war; in einer Beispielrechung war dies nach dem Absatz von 316 Exemplaren der Fall; 33 Vi% erhielt der Buchhandel, die Verlagscasse 112A% für ihre Tätigkeiten. Falls ein Honorar in Form eines „Vorschusses" gewährt wurde, wird dieses ebenfalls zunächst von den 55% Autorenanteil einbehalten. Es liegen leider keine detaillierten Rechnungen über Satz, Druck und Absatz mehr vor, aus denen rekonstruiert werden könnte, ob bei diesem Modell jemals ein Autor mehr Gewinn erhielt als bei einem „normalen" zeitgenössischen Verlagsvertrag. 12 ' Wenn es sich auch bei der Verlagscasse und der Buchhandlung der Gelehrten um „Schwesterinstitute" handelte, ging man doch im Hausorgan, den Berichten, nicht zimperlich miteinander um; z. B. machte die Buchhandlung der Gelehrten gleich im ersten Jahr 1781 Vorschläge,130 wie „nicht begüterte Verfasser" auch ohne die Verlagscasse, ohne sich der „Prüfung unbekannter Männer unterwerfen" zu müssen, zu einer Publikation ihrer Werke kämen, nämlich durch Pränumeration bei der „Buchhandlung der Gelehrten", die zu ihrer Ankündigung die Berichte kostenlos zur Verfügung stellte. „Wirkliche Schriftsteller" würden sich kaum unter die „Vormundschaft" der Gutachterkommission begeben und hätten auch nicht die 11%% für die Kosten der Verlagscasse übrig. Gleichzeitig werden die Auswahlkriterien der Gutachter scharf kritisiert, sie achte nur auf „große Namen", „auffallende Titel" und die „Art wie die Sachen in dem Werke vorgestellt werden, um den Beyfall zu erzwin™, f M , wm i.9Mr r C t o i t

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Abb. 13 C.M. Wielands Sämmtliche Werke. Erster Band. Leipzig 1794. Ex.: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

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Abb. 14 Frontispiz „Hippias" zum 1. Band von C. M. Wielands Sämmtlichen Werken : Geschichte des Agathon. Erster Theil. 1794

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Landgut, das er nach dem „Sabinum" des H o r a z sein „Oßmantium" nannte. Göschen verschaffte ihm neben dem H o n o r a r eine Anleihe von 3000 Talern ohne Hypothek. Wieland schrieb ihm zurück:

Das Gut [...] ist ein achtes Horazisches Sabinum; vortreffliche Aussichten, reine Luft, große Mannigfaltigkeit des Terrains, viel Grün, viel Bäume, kurz alles, was eine für mich reizende Situation ausmacht, und mir die Illusion, als ob ich wieder auf den mir so lieben Muckenbühl eine Stunde von Zürich versetzt sey, verschaffen kann [...] Kurz, lieber Göschen, Sie können sich die Freude und den Jubel meiner Familie, besonders meiner Frau und Töchter über alle diese Herrlichkeiten, und über diese Versetzung aus dem einförmigen und etwas langweiligen häuslichen Leben in der Stadt in das thätige Leben einer wohleingerichteten Landwirtschaft nicht genug vorstellen.133 Die zeittypische Idealisierung des Landlebens findet sich, versetzt in eine antike, arkadische Landschaft in den zwischen 1797 und 1802 in Oßmannstedt geschriebenen bzw. überarbeiteten Texten des Aristipp und des Agathodämon wieder. Dieser in Briefform geschriebene Roman erzählt von der Utopie glücklichen Lebens unter vernünftigen Menschen in den Gärten eines Landhauses (vgl. den Kupferstich von Friedrich John nach einer Zeichnung von Hans Veit Schnorr von Carolsfeld für Wielands Agathodämon im Jahre 1799). Auch Göschen kaufte sich 1797 ein Gut, in Hohnstedt bei Grimma; dies kann neben anderen Faktoren als ein Zeichen für sein wirtschaftliches Wohlergehen in der Mitte der neunziger Jahre angesehen werden. 1815 spricht er davon, vor den kriegerischen Wirren bis 1806 jährlich „30.000 Tahler ins Land gezogen" zu haben. 134 Diese Zahl wird nicht durch weitere Belege gestützt; da die'rekonstuierbaren Umsatzzahlen zwischen 1795 und 1805 aber höher gelegen haben dürften, könnte diese Formulierung tatsächlich den Handel mit außersächsischen Staaten betreffen. Obwohl seine Gewinnspanne nicht sehr hoch war, wie er immer wieder anklingen läßt, kann mit dieser Angabe aber auf eine gewisse Konsolidierung seines Geschäftes geschlossen werden. Den Kauf seines Landsitzes erläutert er Böttiger in einem Brief vom 13. April 1797, um möglichen damit verbundenen Spekulationen über einen Rückzug aus dem Geschäft entgegenzutreten: „Ich werde mein Handwerk nie verlaßen [...]. Der Handel soll mich ernähren und das Land erfreuen. Ich habe deshalb auch nicht nach einem Rittergut getrachtet, sondern habe an meinem Bauerngut volle Genüge [...]. Nein, das Arbeiten in meinem Beruf soll erst recht angehen [...]. a135 Neben dem Landgut errichtet er im gleichen Jahr eine Druckerei im benachbarten Grimma, wo er 133 Wieland an Georg Joachim Göschen vom 6. Februar 1797, zitiert nach: Gärten in Wielands Welt. Bearbeitet von Heinrich Bock und Hans Ratspieler. Marbacher Magazin 40 (1986), hier S. 47 f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1886. 134 Göschen an Böttiger vom 12. Januar 1815; Ex.: Sächsische LB Dresden Mscr. Dresden h 37, Bd. 59; vgl. Gerhardt, Briefwechsel, S.276f. 135 Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. Dresd. h 37, Bd.59, Brief 17; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1937.

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durch eine neue Konzession des Kurfürsten nun nicht mehr auf den Satz mit Didotschen Lettern wie in Leipzig beschränkt war. 136 In seiner Grimmaer Druckerei konnte er dann die auf sechsunddreißig Bände und sechs Supplementbände angewachsene Ausgabe Wielands zu Ende führen. Dieses Monument für einen Dichter zu Lebzeiten, die Pracht und der Umfang des Vorhabens sowie die damit verbundene Dauer der Herausgabe von Wielands Werken brachten Göschen ein bissiges Xenion, vermutlich aus der Feder Schillers, ein: Göschen an die Deutschen Dichter. Ist nur erst Wieland heraus, so kommts an euch Übrigen alle, Und nach der Location! habt nur einstweilen Geduld! 137 In ihrem „gemeinsamen satirischen Feldzug gegen den Leipziger Buchmarkt" 138 wandten sich Goethe und Schiller gegen die immer noch tonangebende Generation der Aufklärer, als deren Repräsentant Wieland zu Recht galt. Sengle wertet diese Auflehnung als „Dokument eines Generationskampfes", 139 wie er in der Analyse von Wielands Replik in seiner Rezension Die Musenalmanache fiir das Jahr 1797 näher belegen kann, der die Ideen von Toleranz und Humanität gegen die Angriffe der „Duumviren" verteidigte. Nach Hölderlin und Schlegel brachten nun Goethe und Schiller pointiert die Gefahr einer übergroßen Verherrlichung der aus ihrer Sicht abgeschlossenen Literatur der Aufklärung zum Ausdruck. Die zunächst vorgesehenen 30 Bände konnten in der Fürstenausgabe bis zum Jahre 1797 erscheinen. Im Jahre 1798 kamen zusätzlich sechs Bände Supplemente in gleicher Ausstattung auf den Markt, von 1799 bis 1802 eine Fortsetzung der Sämmtlichen Werke mit den neuen Werken Agathodämon und Aristipp. Diese Fortsetzung stieß nicht unbedingt auf die Gegenliebe von Wieland und auch nicht auf die aller Subskribenten, was Göschen zu einer Klage über eine Nation veranlaßte, die kein Nationalgefühl habe. 140 Diese Quisquilien am Ende minderten aber nicht die große Bedeutung dieser Edition für die Literaturgeschichte, die Nationalgeschichte, die Typographie und die Verlegergeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Niemand Geringerer als Klopstock war aufgrund der herausragenden Qualität dieser Werkausgabe seit 1796 Göschens Autor geworden; seine Schriften sowie die Ausgaben antiker Klassiker konnte Göschen als weitere Beispiele dafür heranziehen, daß es einem Verleger gelänge, Werke von überzeidicher Bedeutung in der ihnen gemäßen buchkünstlerischen Gestaltung zu verbreiten.

136 Konzession Friedrich Augusts vom 1. November 1797; Kopie im Göschen-Haus in Hohnstedt, weitere zeitgenössische Abschrift im Verlagsarchiv de Gruyter. 137 Vgl. Xenien 1796. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs herausgegeben von Erich Schmidt und Bernhard Suphan. Weimar 1893 ( = Schriften der Goethe-Gesellschaft, 8. Bd.), Nr. 428, S.48. 138 Vgl. Friedrich Sengle: Die ,Xenien' Goethes und Schillers als Dokument eines Generationskampfes. In: Unser Commercium. Goethes und Schillers Literaturpolitik. Hrsg. v. Wilfried Bamer u. a. Stuttgart 1984, S. 55-78, hier S. 55. 139 Vgl. ebd. den programmatischen Titel seines Aufsatzes. 140 Vgl. Buchner, Göschen und Wieland, S.48.

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2.2.3 Goethe auf dem Buchmarkt bis 1787 Goethes Erfahrungen mit dem Buchhandel waren bis 1786 nicht sehr positiv, 141 zwar waren Einzelschriften in hoher Auflage (vor allem vom Werther und Götz von Berlichingen) auf dem Markt, auch gab es zehn mehrbändige „Gesamtausgaben" von fünf Nachdruckern zu kaufen, doch erhielt er in den meisten Fällen kein Honorar. Sein „bester" Nachdrucker war der Berliner Verleger Christian Friedrich Himburg, dessen Ausgaben Goethe sogar mehrfach selbst erwarb, verschenkte und sie zum Teil als Satzvorlage für seine Ausgabe bei Göschen verwendete. 142 Weitere Sammlungen hatten die Verleger Heilmann 1775/6 in Biel (Schweiz), Schmieder in Karlsruhe und Fleischhauer in Reutlingen herausgegeben. 143 Himburg publizierte drei Auflagen einer dreibändigen Werkausgabe: 1775/6, 1777 und 1779.144 Dessen zweite Auflage von 1777 druckte der Karlsruher Buchhändler und bekannte Nachdrucker Christian Gottlob Schmieder 1778-80 nach, mit dessen Verlagspraktiken sich auch Göschen vielfach auseinandersetzen mußte. 145 Johann Georg Heischhauer, der mit Schmieder zusammenarbeitete, brachte ebenfalls seit 1778 eine dreibändige Ausgabe heraus, die er 1784 noch einmal auflegen konnte. 146 Goethe hatte den Götz zunächst anonym und im Selbstverlag mit Johann Heinrich Merck 1773 herausgegeben, 1774 erschien eine zweite, rechtmäßige Auflage im Verlag der Eichenbergischen Erben in Frankfurt; 147 es folgten mindestens fünf Raubdrucke der Jahre 1773-76. 148 Von den Leiden des jungen Werther waren etwa 9000 Exemplare bis 1785 erschienen, 149 darunter zwei „ächte" Auflagen 1774 und 1775 bei Weygand in Leipzig und mindestens neun Raubdrucke. 150 Diese Beispiele zeigen,

141 Aus der Fülle der Literatur seien hier angeführt: Otto Friedrich Vatemahm: Goethe und seine Verleger. Diss. phil. Heidelberg. Frankfurt 1916; Hans-Dieter Steinhilber: Goethe als Vertragspartner von Verlagen. Diss. rer. oec. Hamburg 1960; Ian C. Loram: Goethe and his publishers. University of Kansas Press, Lawrence, 1963; besonders anschaulich schildert Reinhard Wittmann Goethes Verhältnis zu seinen Verlegern im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe Nr.27 vom 30.3.1982, S. 821-25: „Die Buchhändler sind alle des Teufels". 142 Himburg hatte Goethe ein Exemplar der dreibändigen Ausgabe übersandt, vgl. „Dichtung und Wahrheit", Buch 16, vgl. WA, Bd. 29, S. 15 f. 143 Vgl. Waltraud Hagen: Goethes Werke auf dem Markt des deutschen Buchhandels. Eine Untersuchung über Auflagenhöhe und Absatz der zeitgenössischen Goethe-Ausgaben. In: Goethe-Jahrbuch 100 (1983), S. 11-58, hierS. 17. 144 Die Drucke von Goethes Werken. Bearbeitet von Waltraud Hagen. Zweite, durchgesehene Auflage. Berlin / Weinheim 1983, Nr. 2-4. 145 Vgl. Bernd Breitenbruch: Der Karlsruher Buchhändler Christian Gottlieb Schmieder und der Nachdruck in Südwestdeutschland im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. In: AGB IX (1969), Sp. 643-732. 146 Hagen, Drucke, Nr. 9 u. 10. 147 Hagen, Drucke, Nr. 46 u. 49. 148 Hagen, Drucke, Nr. 47, 48, 50, 51, 54 u. 55. 149 Hagen, Goethes Werke auf dem Markt, S. 21. 150 Hagen, Drucke, Nr. 80-90.

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daß die Hauptwerke des jungen Goethe mit sehr hohen Auflagenziffern in rascher Folge verbreitet worden waren. Für die Druckgeschichte von Goethes Werken ist die Zeit vom Ende der siebziger Jahre bis Anfang der achtziger Jahre von geringerer Bedeutung: der Markt war weitgehend erschöpft, neue, größere Werke wurden nicht fertig. Goethe befaßte sich in dieser Zeit vor allem mit „amtlichen Schriften" als Mitglied des Geheimen Consiliums und mit geologischen Studien. Daneben schrieb er Gedichte und kleinere Schauspiele wie die Geschwister, Der Triumph der Empfindsamkeit und Die Vögel. Die Fertigstellung von Egmont, Tusso oder Faust ließ auf sich warten, auch die geplante Umarbeitung der Iphigenie stand aus; Goethe selbst schrieb am 26.9.1785 an Fritz Jacobi: „Ich bin auf allerley Art fleisig ohne viel zu fördern". 151 Die erste autorisierte Gesamtausgabe Goethes bei Göschen bot daher die Chance, Bisheriges zu sammeln, zu überarbeiten und gleichzeitig Neues vorzustellen. Für Göschen stellte daher das von Bertuch übermittelte Angebot (s.u.), für sechs der acht Bände neue Texte oder grundlegende neue Überarbeitungen zu erhalten, ein wichtiges verlegerisches Signal dar. Der Markt mit den Werken des jungen Goethe war abgeschlossen, es galt, ihn neu zu beleben.

2.2.4 Goethes erste autorisierte Gesamtausgabe bei Göschen (1787-91) Der erste Hinweis auf den Plan Goethes, eine Gesamtausgabe seiner bisherigen Werke selbst zu veranstalten, findet sich in Bertuchs Allgemeiner Literaturzeitung vom 31. Mai 1786, in der der Herausgeber selbst anzeigt: „Der Herr Geheimerath v. Göthe zu Weimar arbeitet an einer neuen Ausgabe seiner sämmtlichen Werke, welche nicht allein seine schon bekannten, obgleich ohne sein Wissen und seinen Willen gesammelten und zusammengedruckten Arbeiten, sondern auch seine noch ungedruckten enthalten, und wahrscheinlich bald erscheinen wird. Eine Nachricht, die dem Publico gewiß angenehm ist". 152 Dies war der Versuch, mit der öffentlichen Bekanntmachung einer autorisierten Ausgabe eine weitere Nachdruckausgabe von Christian Friedrich Himburg zu verhindern, der Bertuch von einem solchen Plan bei der Ostermesse 1786 erzählt hatte. 153 Goethe übertrug daraufhin Bertuch die Herausgabe, der sich umgehend an Göschen wandte. „Also, mein Freund, habe ich jezt ein wichtiges Kleinod für einen Buchhändler in den Händen. Daß ich es keinem andern vor der Hand als Ihnen zugedacht habe, können Sie von meiner Freundschaft erwarten." 154 Bertuch drängt Göschen, sofort nach Weimar zu kommen, da Goethe plane, am 23. Juni nach Karlsbad zu reisen:

151 Vgl. WA, IV. Abtig., 7. Bd., 1891, Nr. 2167, S. 101 f., hier S. 102. 152 A L Z N r . l 2 9 v o m 3 1 . 5 . 8 6 , Sp.411. 153 So berichtet es jedenfalls Bertuch an Göschen im Schreiben vom 5. Juni 1786, GSA, Zeitgenossen III 2,4; vgl. Hagen, QuZ Nr. 3, hier S. 4; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 132. 154 Ebd.

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„Er ist ein eigensinniger Sterblicher, den man bey der guten Laune faßen muß, wenn er sie hat. Vorläufig ein Paar Worte über das Arrangement. Es sollen 8 Bändchen a 16 Bogen werden. 3 Bände, ganz neue, und noch ungedruckte Wercke. 3 Bände schon gedruckte, aber ganz neue bearbeitete. 2 Bände Vermischte Gedichte, theils schon gedr[uckt] theils neu." Ein persönliches Treffen von Göschen und Goethe kam in den nächsten Tagen nicht zustande, ob Göschen Bertuch traf, ist ebenfalls nicht überliefert, aber möglich, denn nur sechs Tage später schlössen beide einen Vertrag: Wir Endes Unterzeichnete verbinden uns hierdurch auf Treue und Glauben zur gemeinschaftlichen Entreprise und Verlag der Götheischen sämtlichen Wercke auf gleiche Kosten, Gewinn und Verlust, und zwar dergestalt daß ich, Georg Joachim Göschen, wegen des Aßocie meiner Handlung, dabey für zwey Drittheile und ich Friedrich Justin Bertuch für einen Drittheil von Kosten Gewinn und Verlust stehe. Dieß haben wir als Männer von Ehre überlegt, verabredet und geschloßen. 155 Göschen hatte für seinen Geschäftspartner Körner mitunterzeichnet und das Dreierbündnis besiegelt. Die weiteren formalen und inhaltlichen Vorbereitungen schritten rasch voran; aus Goethes Briefen an Charlotte von Stein wissen wir, daß er im Juni den Triumph der Empfindsamkeit überarbeitete und parallel dazu die Iphigenie an Wieland und Herder mit der Bitte um erste Durchsicht w e i t e r r e i c h t e . B e r t u c h berichtete Göschen am gleichen Tage, daß Wieland Goethe zu diesem Vertragsabschluß zugeraten habe. Wieland habe ihm versichert, „dass er sich über den vortheilhaften accord seiner Schriften sehr Glück wünschen könne". 157 Im Jahre 1821 erzählte Göschen seinem Autor Ernst von Houwald, daß Goethe „Wielanden die ersten 8 Bände seiner Schriften revidiren ließ, in dem was Grammatik, Orthographie und 58 Prosodie betraf Diese grundlegende Mithilfe Wielands an der Überarbeitung aller acht Bände und seine Unterstützung auch in metrischen Fragen war bisher in der Literatur nicht bekannt. Die finanziellen Forderungen von Goethe waren nicht gering. In einem ersten Vertragsentwurf von Bertuch verlangt er 3 Louisdor pro Bogen ungedruckter Werke, 2 Louisdor für bereits gedruckte und insgesamt 40 Freistücke. Gleichzeitig behält Goethe sich alle Rechte vor und verlangt bei einer möglichen zweiten Auflage 1 Vi Louisdor für unveränderte und wiederum 3 Louisdor für veränderte Bogen. Göschen schreibt daraufhin an Bertuch: „In derThat ist 3 Louisdor alles mögliche, was Göthe erwarten kann. In der That ist es schon etwas hart für U[ns]. Und wenn Göthe mit 2 Carldor zufrieden ist, so haben w[ir] es immer noch nicht wohlfeil - Doch nehmen

155 GSA, Bertuch-Nachlaß II, 761; Hagen, QuZ Nr. 4, S.5f. 156 Goethe an Charlotte von Stein am 15. Juni 1786, WA, IV. Abtig., Bd. 7, S. 229-31. 157 Bertuch an Göschen vom 15. Juni 1786; vgl. Ludwig Geiger: Aus Göschens und Bertuchs Korrespondenz. In: Goethe-Jahrbuch 2 (1881), S. 395-409, hier S.395; das Datum von Juli in Juni korrigiert nach Hagen, QuZ, S.6; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 133. 158 Vgl. Göschen an Houwald vom 28. Januar 1821; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.3963; ediert bei Lehmann, Briefwechsel, Nr. 22, S. 200; zum Kontext vgl. unten Kap. 4.3.

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müßen w[ir] es auch zu 3 Ld'or und müßen nachher desto lauter und anhaltender trommeln." 159 Die Abkürzungen dieses Briefes hat Viscount Goschen ohne Rücksicht auf die Schreibgewohnheiten Göschens, den inhaltlichen Kontext und die grammatische Richtigkeit folgenschwer falsch aufgelöst und „U" als „Unger" gelesen, und, um dem Satz dann einen Sinn zu geben, auch das „w" in „Unger" aufgelöst und die Verben gebeugt, ohne die Eingriffe zu kennzeichnen. 160 In der Folge wird in der Goethe-Literatur bis heute von einer ersten Verhandlung Goethes mit Unger gesprochen, von der in diesen Jahren keine Rede sein kann. 161 Eine mündliche Intervention Bertuchs bei Goethe am 27. Juni brachte kein Nachgeben in der Honorarfrage; Goethe forderte jetzt ein Pauschalhonorar von 2000 Rthlr, da auch die überarbeiteten Stücke „so gut wie ganz neu sind" und er „auf eine 2te Auflage so gut als nicht rechne". Dagegen war er bereit, bei der Auflagenhöhe keine Beschränkung zu geben und für eine „gute Auflage in gr. 8°" nichts zusätzlich zu verlangen. Durch Bertuch übermittelte Goethe auch seinen Teil der geplanten Vorankündigung, einen fiktiven Brief an den Verleger. Bertuch schlug eine große Auflage dieses „Avertissements" vor: Er „dächte 20 000 wären nicht zuviel, weil sie durchaus bey e t l i chen] der gangbarsten Zeitungen sowohl Gelehrte als politische] mit beyschlagen laßen müßen. Göthe allein will 1000 Stck. ins Carlsbad zum Vertheilen haben." 162 Die weiteren, unterschiedlichen Interessen zwischen dem Vermittler Bertuch und dem Verleger Göschen sind aus dem von Göschen annotierten Brief Bertuchs vom 29. Juni 1786 im Goethe- Schiller-Archiv ersichtlich: 163 Bertuch schlägt eine Auflage von 3000 Exemplaren vor, Göschen ändert in 4000; Bertuch schlägt als Subscriptionspreis 5 und als Ladenpreis 6 Rthlr. vor, Göschen korrigiert in 8 und 8 Rthlr. 16 Gr. Bertuch spricht hier erstmals eine „Reserve-Ausgabe auf DruckPapier" an: „Sie muß äußerst wohlfeil, und von der Ord. Edition darinn unterschieden seyn, daß die Zeilen etwas enger zusammengeruckt und die Collumnen also umbrochen werden, wenn die ord. Auflage abgedruckt ist, damit sie mit dieser nicht gleiche Seiten und BogenZahl hält." 164 Bertuch schlägt vor, davon 1500 Exemplare zu drucken und die

159 GSA: 06/626, 28; Hagen, QuZ, Nr. 8, S.7f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 134. 160 Goschen, I, S. 106: „.. .in der That ist es schon etwas hart für Unger und wenn Goethe mit 2 Carld'or zufrieden ist, so hat U. es immer noch nicht wohlfeil. Doch nehmen muß U. es auch zu 3 Louisd'or und muß nachher desto lauter und anhaltender trommeln."- Geiger hatte im Goethe-Jb. 2/1881 (!) bereits richtig transkribiert; „wir" ist in der Handschrift unverkennbar, das „U" ein internes Kürzel, das aus der Schreibgewohnheit unzweideutig aufgelöst werden kann. 161 Vgl. u.a. Otto Deneke: Goethes Schriften bei Göschen 1787-1790. Der Göttinger Beiträge zur Goethebibliographie Vierter. Göttingen 1909, S. 1; Vaternahm, Goethe und seine Verleger (1916), S. 30. 162 Ebd. S. 397. 163 GSA, Bertuch-Nachlaß I, 1025, 29; vgl. auch Hagen, QuZ, Nr. 12, S. 9-13; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 138. 164 Die spätere geringe Ausgabe S 2 wurde allerdings neu gesetzt und nicht nur der Durchschuß verändert, wie hier kostensparend vorgeschlagen wurde.

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Firma nicht auf dem Titelblatt zu vermerken, Göschen wiederum korrigiert in 2000 Exemplare und notiert: „Wir behalten sie 1 Jahr gänzlich zurück ohne sie zu gebrauchen, wenigstens sagen wir nichts davon in der Ankündigung]." Ebenso interessant wie die „Reserveauflage", mit der man den Nachdruck durch eine eigene „wohlfeile" Ausgabe unterlaufen wollte, ist die Randbemerkung Göschens zu Bertuchs Frage: „Macht man die gute Edition in Gr. 8° noch ?", die Göschen eindeutig mit „nein" beantwortet, obwohl sie im späteren Vertragstext vom Juli 165 im §7 noch aufgenommen ist. Zustimmung finden Bertuchs Vorschläge, ein Kaiserliches und ein Sächsisches Privileg zu erwirken („Soll geschehen"), die Namen des Subskribenten zu drucken („Recht sehr"): „denn ich bin sicher[,] daß in diesem Falle gerade Mancher und Manche aus Eitelkeit und Verhältnißen mit subscribirt, wenn er weiß[,] daß er gedruckt wird." (Göschen am Rand „Ganz richtig !"). Nach diesen detaillierten Vorabsprachen wendet sich Göschen am 1. Juli brieflich direkt an Goethe, 166 bestätigt alle über Bertuch getroffenen Verabredungen, bittet aber noch einmal, über das Honorar zu verhandeln: „Die Lage des Buchhandels ist gegenwärtig so, daß ich bey einem Honorario von 2000 rth alle meine Zeit, alle meine Kräfte anwenden muß[,] um meine entreprise zu sichern und mir einen soliden Gewinn dabey zu verschaffen". Er bittet vor allem, bei einer möglichen 2. Auflage („Denn der Abgang ist alsdann langsamer und der deutsche Geist ist nicht aus daurend im Ankauf seiner großen Schriftsteller") die Forderungen zu senken; der Nochjunggeselle Göschen formuliert: „Redete ich hier blos für mich[,] so würd ich keine Bitte äusern, aber für die Nachkommenden Besitzer meiner Handlung; vieleicht für ein geliebtes Weib, vieleicht für ein Kind, bitt ich." Dies ist der einzige Punkt, in dem Goethe auf Göschens Vorschläge eingeht, allerdings kam es zu dieser zweiten Auflage später nicht mehr. 167 Für den Verleger war wichtig, dem Publikum eine wirklich „neue" Goethe-Ausgabe anzubieten, die nicht nur die bisherigen Werke in autorisierter Form, sondern zum großen Teil grundlegend überarbeitet und ergänzt, beziehungsweise erstmals vollendet enthalten sollte. Er bat Goethe daher über Bertuch, diese Argumente in einem fiktiven Brief vorzustellen, den er dann in die Werbeanzeige aufnehmen wollte. Der Brief mußte Göschen enttäuschen, da Goethe nur ankündigte, er wolle nach Möglichkeit, „wo nicht sämmtlich doch zum Theil vollendet" liefern. 168 Diese sehr vorsichtige Versprechung war ein wichtiger Grund bei der Zurückhaltung des kaufenden Publikums. In dem in hoher Auflage gedruckten und verbreiteten Avertissement leitet Göschen den fiktiven Brief Goethes ein: „Es sind eigene Veranlassungen, welche den Herrn

165 Originalvertrag zwischen Goethe und Göschen, GSA, Goethe-Akten 297, 23, 26-27. 166 GSA, Goethe-Akten 297, 3-6. 167 Goethe schreibt an Charlotte von Stein am 6. Juli (WA, IV. Abtig., Bd. 7, S. 237): „Mit Göschen bin ich wegen meiner Schrifften einig, in Einem Punckte habe ich nachgegeben, übrigens hat er zu allem ja gesagt [...]." 168 Hagen, QuZ Nr. 23, S. 22-27, hier S. 25.

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Geheimen Rath von Göthe zu dem Entschluß bewegen, sich der Kinder seiner Muse selbst anzunehmen, und dem Publiko die erste, ächte und vollständige Ausgabe seiner sämmdichen Werke von eigner Hand, zu schenken. E r erklärt sich selbst ausführlich darüber in einem Briefe an einen Freund, und es ist mir erlaubt[,] von folgender Stelle daraus öffendichen Gebrauch zu machen" 1 6 9 . Goethe begründet die Herausgabe zunächst mit dem zu befürchtenden neuen Nachdruck, den dadurch zu erwartenden neuen Druckfehlern und Mängeln sowie der Tatsache, daß von Teilen seiner ungedruckten Stücke lediglich Abschriften kursierten, und fährt fort: [ . . . ] Da ich nicht viel geben kann, habe ich immer gewünscht das Wenige gut zu geben, meine schon bekannten Werke des Beyfalls, den sie erhalten, würdiger zu machen, an diejenigen, welche geendiget im Manuscripte daliegen, bei mehrerer Freyheit und Muse den letzten Heiß zu wenden, und in glücklicher Stimmung die unvollendeten zu vollenden. Allein dieß scheinen in meiner Lage fromme Wünsche zu bleiben; ein Jahr nach dem andern ist hingegegangen, und selbst jetzt hat mich nur eine unangenehme Nothwendigkeit zu dem Entschluß bestimmen können, den ich dem Publiko bekannt gemacht wünschte. Sie erhalten in dieser Absicht eine Vertheilung meiner sämmtlichen Arbeiten in acht Bänden. Erster Band. Zueignung an das deutsche Publikum. Die Leiden des jungen Werthers. Zweyter Band Götz von Berlichingen. Die Mitschuldigen. Dritter Band. Iphigenie. Clavigo. Die Geschwister. Vierter Band. Stella. Der Triumph der Empfindsamkeit. Die Vögel. Fünfter Band. Claudine. Erwin und Elmire. Lila. Jeri und Bätely. Die Fischerin. Sechster Band. Egmont, unvollendet. Elpenor, zwey Akte. Siebenter Band. Tasso, zwey Akte. Faust, ein Fragment. Moralisch politisches Puppenspiel. Achter Band. Vermischte Schriften und Gedichte. Von den vier ersten Bänden kann ich mit Gewißheit sagen, daß sie die angezeigten Stücke enthalten werden; wie sehr wünsche ich mir aber noch so viel Raum und Ruhe um die angefangenen Arbeiten, die dem sechsten und sie-

169 Ebd. S. 23 f.

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benten Bande zugetheilt sind, wo nicht sämmtlich doch zum Theil vollendet zu liefern [...]. Göschen verspricht in dem Werbeschreiben, alles zu tun, „daß diese vortreflichen Werke auch ein ihrem innern Werthe entsprechendes Aeussere erhalten. Der Herr Verfasser hat klein Oktav zum Format gewählt. Sie sollen daher in solchem Format mit ganz neuen deutschen Schriften gedruckt, mit 8 Kupfern von Chodowiecki und 8 Vignetten von Meil geziert werden." Um die „Räuberey unserer ehrlosen Nachdrukker" zu unterlaufen, beschreitet er den Weg der Subskription: „Ich bin gewiß, der vortrefliche Herr Verfasser hat zu viele Freunde und Verehrer in und außer Teutschland, als daß nicht Viele davon, deren Zeit und Geschäfte es erlauben, ihm dies Zeichen ihrer Hochachtung gern geben, Subscribenten zu Sicherung dieser Ausgabe sammlen, und mir gütigst melden sollten." Der Verleger reiste nach Karlsbad, um seinen Autor persönlich kennen zu lernen und alle weiteren Schritte zur Drucklegung zu besprechen. Doch die Ankunft Goethes verzögerte sich, und Göschen mußte zu einer geplanten Reise nach Wien aufbrechen: „8 Tage hab ich im Carlsbade nach Göthen in tödlicher Unruhe ausgesehen. Endlich fand ich eine Gelegenheit nach Prag; und am nehmlichen Tage[,] da ich abgereist bin, ist Göthe angekommen", schrieb er am 24. August 1786 aus Wien an Bertuch. 170 Diese Geschäftsreise nach Wien wurde für Göschen von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung seines jungen Verlages; hier lernte er die Josephinischen Schriftsteller kennen, die er später verlegte, hier fand er auch einen Weg, den berüchtigten, vom Kaiser geförderten Wiener Nachdruck zu unterlaufen. Er verabredete mit dem Wiener Buchhändler Joseph Stahel, künftig verschiedene Titel, u. a. auch die Goetheschen Schriften, mit einem gemeinsamen Titelblatt zu vertreiben und die Bücher damit „inländisch" zu machen und so vor dem Nachdruck zu schützen. Da es aber nicht zum persönlichen Kontakt mit Goethe in Karlsbad gekommen war, mußte die gesamte satz- und drucktechnische Abwicklung über Mittelsmänner erfolgen, zumeist über Goethes „Diener", den Kammer-Kalkulator Philipp Friedrich Seidel, 171 und über Herder sowie über Bertuch auf Seiten Göschens. Dadurch war der Keim für viele Mißverständnisse gelegt, zumal Herder und Bertuch sich in dieser Zeit nicht besonders freundlich begegneten. 172 Es kam zu unterschiedlichen Bewertungen in Fragen der Satzeinrichtungen, der Illustration, schließlich in der Bewertung der Druckqualität Die ersten Manuskripte übersandte Goethe über Seidel am 2. September noch aus Karlsbad mit detaillierten „Bemerkungen" zur Satzgestaltung: Hr. Göschen wird ersucht, die Packete mit einiger Bedächtlichkeit aufzumachen, weil hie und da Blätter eingelegt sind; [...] Diejenigen Stücke, die in

170 GSA, Bertuch-Nachlaß I, 1025, 36; Hagen QuZ Nr.28; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 160. 171 Vgl. Walter Schleif: Goethes Diener. Berlin und Weimar 1965 ( = Beiträge zur Deutschen Klassik Bd. 17), S.25ff., hier bes. S. 55 ff. 172 Vgl. Vatemahm, Goethe und seine Verleger, S. 41.

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das gedruckte Exemplar der vorigen Ausgabe korrigirt sind, werden von einem sorgfältigen Setzer zu setzen sein. Sie sind theils korrigirt, als wenn es ein Korrektur-Exemplar eines im Druck befindlichen Werks wäre, theils auch ohne die gewöhnlichen Zeichen, als wenn es blos Manuscript wäre: man hofft aber, d a ß alles deutlich seyn wird. [...] Alles[,] was in jenem Exemplare [i.e. Gö/z] mit rother Dinte korrigirt und nicht wieder ausgestrichen ist, wird ebenso angesehn, als wenn es mit schwarzer Dinte korrigirt wäre; eben so werden auch die Worte, so mit rother Dinte unterstrichen sind, mit andern Lettern gedruckt, eben als wenn sie mit schwarzer Dinte unterstrichen wären. 1 7 3 Diese Zitate zeigen bereits die Schwierigkeiten mit den höchst unterschiedlichen Satzvorlagen, bei denen es sich zum Teil um Manuskripte aus den Federn Seidels und Christian Georg Vogels mit eigenen Korrekturen und den Verbesserungen Herders und Goethes handelte, zum Teil um die Himburgischen Nachdrucke (1775 und 1779), in die Änderungen und Satzanweisungen mit unterschiedlichen Tinten eingetragen wurden. Es war daher nötig, d a ß Goethe noch die generelle Anweisung gab: „Im Ganzen ist die Absicht: der Adelungischen Rechtschreibung vollkommen zu folgen, ein sorgfältiger Korrektor wird also bey jedem zweifelhaften Fall sich nach derselben zu richten haben." 1 7 4 Darüber hinaus wird dem Korrektor im Begleitschreiben freie H a n d gegeben: „ein kluger Korrektor muß am Ende doch das beste thun." Die Satzarbeiten in Göschens Verlag waren daher sehr weitreichend und wurden f ü r die Goethe-Philologie von entscheidender Bedeutung; z. B. lassen sich beim Werther über 1300 normierende Eingriffe im Vergleich zum Manuskript nachweisen, darunter in 900 Fällen bei der Interpunktion, die gemäß Adelungs Regeln zumeist verstärkt wurde. Da die davon abhängige „Reserveausgabe" (S2) von Goethe selbst wiederum als Vorlage f ü r die erste Ausgabe bei Cotta (1806-1810, „A") verwendet wurde, prägte diese Ausgabe die Orthographie und die Interpunktion der Goetheschen Texte nachhaltig (vgl. die eigene Untersuchung im Kap. 5 „Göschens verlegerische Tätigkeit"). Während Goethe die Druckvorlagen für die ersten vier Bände, die 1787 erscheinen konnten, nach und nach über Seidel, zum Teil aus Italien, übersandte, suchte der Verlag die Zahl der Abonnenten zu steigern, den Satz zu betreuen und die gewünschten Illustrationen in Auftrag zu geben. Die Subskription verlief nur sehr schleppend, was Göschen auf die sehr zurückhaltenden Versprechungen Goethes in der Anzeige schob: „Göthe hat mir durch das Avertißement[,] die Schriften unvollendet zu liefern, einen bösen Streich gespielt. Es thut mir bei der Subscription viel Schaden.. ,". I 7 S

173 Hagen, Q u Z Nr. 34 u. 34 a, S. 30-34; Goethes Werke IV, Bd. 8, Nr. 2501; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 162. 174 Ein Exemplar von Adelungs Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart (1774-86) bezog Goethe übrigens durch Göschen, der Goethe am 8.1 1.1788 den 5. Band mit einer Rechnung übersendet, vgl. GSA, Goethe-Akten 297,65; Hagen, Q u Z Nr. 328, S. 156; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 589. 175 GSA, Bertuch-Nachlaß I, 1025, 42.

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Göschen warb daher im Oktober 1786 noch einmal im Journal des Luxus und der Moden und in der Allgemeinen Literatur Zeitung]7b und bat, bis zum Januar 1787 zu subskribieren, „weil die Herren Subscribenten die ersten Abdrücke von den Chodowiecky- und Meilischen Kupfern erhalten, und ihre Namen vorgedruckt werden sollen. [...] Die Subscription auf alle acht Bände ist 6 Rthlr. 16 gr. Die ersten 4 Bände theils neuer theils schon gedruckter Wercke erscheinen auf Ostern 1787." Die erfolgreiche Umarbeitung der Iphigenie in eine Versfassung, die Goethe im J a nuar 1787 in Rom fertigstellen konnte, 1 7 7 ermutigte ihn, nun doch auch die anderen vorgesehenen Werke zu „endigen", wie er in gehobener Stimmung am 13. J a n u a r aus Rom an Göschen schrieb: „... so mögen denn die vier ersten Theile ins Publikum treten. Was die vier letzten betrifft; so hat sich die schwache H o f f n u n g [ , ] die ich hatte, mehr Fleis auf dieselben wenden zu könnenf,] realisirt[,] und ich bin fest entschloßen[,] meine besten Kräffte anzuwenden, nichts stückweise und ungeendigt herauszugeben." 1 7 8 Göschen hat eine entsprechende Erklärung Goethes „an das Publikum" der Lieferung der ersten vier Bände beigegeben; man findet sie in zahlreichen Fällen trotz des Buchbinderhinweises: „Dieses Blatt wird beym Binden weggeschnitten" dem 1. Band beigebunden: „... ich darf jetzt hoffen, d a ß ich wenigstens keine ungeendigten Stücke, keine Fragmente dem Publico werde mittheilen dürfen." 1 7 9 Auch Göschen äußert sich in Briefen an Bertuch und an Wieland im Januar 1787 recht zufrieden über den Fortgang der Drucklegung; Wieland schreibt er am 17. J a nuar: „Ich habe noch immer grosse H o f f n u n g f , ] mit Göthe gut zu fahren", und am gleichen Tage Bertuch: J e t z t rückt es gut mit Göthe. Der Werther wird bald fertig sein". 180 Goethe schreibt aus Rom vom weiteren guten Fortgang und spricht sogar davon, d a ß möglicherweise zehn Bände (statt der vereinbarten acht) erscheinen könnten. 1 8 1 Göschen müht sich derweil mit den Korrekturen, die er seinem Korrektor Lorentz übergibt, aber auch selbst betreut: „Göthe liegt mir so nahe am Herzen. Ich lese jeden Bogen selbst und werde mich ängstigen[,] den Buchd[ruckern] die Sache allein anzuvertrauen." 1 8 2 Er bleibt auch optimistisch, was die Zahl der Subskribenten betrifft: „Ich laße rüstig drucken. Doch so[,] d a ß wir keine Sudeleyen bekommen. Dieses ist die H a u p t sache. [...] Wir werden in der Ostermeße 1000 absetzen zum Subscrip[tions]pr[eis], das ist gewiß; oder mein Calcul müste gewaltig trügen."

176 ALZ Nr.256 vom 26.10.1786, Sp.175 und Journal des Luxus und der Moden, Intelligenzblau Nr. 11, 1786. 177 Vgl. die ausführliche Darstellung in der „Italienischen Reise", WA, Bd. 30, S. 244-50. 178 Hagen, QuZ Nr. 94, S. 54 f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 236. 179 Ex. Herzog August Bibliothek, Sign.: Wa 1704. 180 Vgl. Hagen, QuZ Nr. 99 u. 98, S.57f.; Wieland-BW 9.1, Nr. 284; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 241. 181 Goethe an Göschen vom 20.2.1787, WA, IV. Abtlg. Bd.8, S. 198f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 259. 182 Göschen an Bertuch, GSA, Bertuch-Nachlaß I, 1025, 67; Hagen QuZ Nr. 123; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 266.

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Göschen ließ 3000 Exemplare drucken, davon 1000 f ü r Subskribenten und ein weiteres Tausend f ü r Separatausgaben, die, außer von Stella183 und den kleineren Schriften des 8. Bandes, von allen einzelnen Werken erschienen. Sie tragen die Bogennorm der Werkausgabe, haben aber ein eigenes Titelblatt, das sie als „ächte" Ausgaben ausweist; es existieren davon zahlreiche Titelblattvarianten, die trotz der J a h reszahl „1787" vielfach aus den folgenden J a h r e n , sogar aus dem f r ü h e n 19. J a h r h u n dert stammen. 1 8 4 Als die Subskription z u r Ostermesse abgeschlossen w u r d e , hatten sich nur 623 Bezieher gemeldet, deren N a m e n in Band 1 u n d 4 veröffentlicht wurden. 1 8 5 Schlechter aber noch erwies sich der Absatz von einzelnen Bänden und d e r Separatausgaben. Am 20. September 1789, nach dem Erscheinen von 6 Bänden, erstellt Göschen eine Zwischenabrechung f ü r Bertuch, die über den konkreten Fall hinaus wichtige Einblicke in sein Vertriebsnetz und die mit ihm verbundenen Buchhandlungen liefert. 1 8 6 Es ergibt sich folgendes Bild:

Bd. 1 - 8 (Subskribenten) Bd. 1 - 4 Bd. 5 Bd. 8 Bd. 1 - 2 (ger. Ausgabe) Werther Götz Clavigo Iphigenie Die Mitschuldigen Triumph der Empfindsamkeit Vögel Claudine v. Villa Bella Erwin und Elmire Die Geschwister Egmont

Ausgelieferte Exemplare 6 9 2 187 602 518 417 131 320 20 17 405 403 374 343 150 155 404 534

Remittenden

Verkaufte Exemplare

9 66 40 0 35 56 0 0 93 94 124 145 34 30 112 157

603 536 478 417 96 264 20 17 312 309 250 198 116 125 292 377

183 In der Abrechung an Bertuch (s. u.) heißt es dazu: „Die Stella, welche gar keine wesentl. Veränderung hat, und bey Mylius privilegirt ist, wurde nicht besonders gedruckt." 184 Vgl. Hagen, Drucke Nr. 169 ff. 185 In der Zwischenabrechnung, die Göschen für Bertuch am 20. September 1789 erstellte, sind 683 Subskribenten verzeichnet, von denen 603 zahlten und 80 die Ausgabe als Geschenk erhielten, vgl. GSA, Bertuch-Nachlaß II, 761. 186 Vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 776; vgl. Hagen, QuZ Nr. 446, S. 211 ff. leider nur stark verkürzt ediert. Die detaillierten Angaben über das von Göschen belieferte Buchhandelsnetz werden in der vorliegenden Monographie mehrfach nach dem Original ausgeweitet. 187 Inklusive 80 verschenkter Exemplare.

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Von der 3000er-Auflage waren demnach gut zwei Jahre nach Erscheinen der Bände 1-4 noch ca. 1700 Exemplare am Lager und von der lOOOer-Auflage für die Separatdrucke nur zwischen 17 Exemplare des Clavigo oder 377 des Egmont verkauft. Von der 2. Fassung des Werther und der Versfassung der Iphigenie waren z. B. sowohl als Einzelausgabe wie auch in der Werkausgabe zusammen nur etwa 1600 Exemplare abgesetzt. Die finanzielle Seite sah für Göschen daher bedrückend aus; anläßlich der „Hauptberechnung" am 20. September 1789 (bei noch ausstehendem 7. Band) standen sich Ausgaben für Honorar, Satz, Druck, Bindung, Porto etc. von 7087 Rthlr, 19 Groschen, 2 Pfennig und Einnahmen (hochgerechnet zur Ostermesse 1790) von 5367 Rthlr, 4 Groschen gegenüber. Der rechnerische Verlust von 1720 Rthlr wurde zwar durch den hohen Wert des Lagerbestandes ausgeglichen, doch hatte Göschen damit keinen Spielraum für dringend benötigte neue Verträge. Während der Drucklegung der ersten Bände war ein schwieriges Finanzierungsproblem dazu gekommen, das zwar Göschen mit einem Federstrich zum selbständigen Unternehmer machte, ihm aber erhebliche finanzielle Belastungen auferlegte. Sein Freund und Mäzen der ersten zwei Geschäftsjahre, Christian Gottfried Körner, bat Göschen am 28. Juli 1787, sofort als Associe aussteigen zu dürfen, da sich sein investiertes Kapital nicht rasch genug amortisiere: „Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mir vom Buchhandel einen unrichtigen Begriff gemacht habe, der mich eine frühere Ernte hoffen ließ." 188 Körner war aber bereit, sein Kapital stehen zu lassen, bei einer rückwirkenden Verzinsung von 5%. Göschen muß sofort eingewilligt haben, denn bereits am 17. August bedankt sich Körner für die Übersendung 189 der Schuldverschreibung über 5500 RthJr und die gute Aufnahme seines Vorschlages. An Schiller schreibt er erleichtert: „Von Göschen habe ich Antwort. Er ist vollkommen mit mir zufrieden. Die Societät ist ihm selbst drückend gewesen, nur hat er sich nicht getraut, mir die Aufhebung vorzuschlagen. Er hat meine Vorschläge angenommen, und die Sache ist auf dem besten möglichen Fuße. Es freut mich[,] daß ich seinen Wunsch erfüllt habe[,] in dem ich für mich sorgte." 190 Ein finanzielles Debakel mit der Goethe-Ausgabe schien sich zunächst abwenden zu lassen; die Tagesschwierigkeiten, etwa die mißratenen Kupferstiche von Chodowiecki, die Göschen empört als „Sauereien" 191 ablehnte, und für die auf Vermitdung Goethes Angelika Kaufmann und Johann Heinrich Lips in Rom Ersatz fertigten, 192

188 Kömer an Göschen vom 28.7.1787; vgl. Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst. Jg. 40. 1. Quartal. Leipzig 1881, S. 163f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.348. vgl. oben im Zusammenhang Kap. 2.1.3. 189 Ebd. S. 165; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 360. 190 Schillers Werke, NA, 31. Bd, Teil 1, Briefwechsel. Hrsg. v. Siegfried Seidel. Weimar 1981, Brief Nr. 115, S. 137-141, hier S. 141. 191 So mehrfach bei Göschen; unter dieser Bezeichnung tauchen sie sogar in der „Hauptabrechnung" vom 20.9.89 an Bertuch auf. An Wieland schreibt Göschen am 22.6.1787: „die Chodowieckischen Kupfer [ . . . ] sind abscheulich", vgl. Hagen, QuZ Nr. 149, S. 77. 192 Zunächst hatte Goethe die Sujets für die Stiche nicht früh genug mitgeteilt; Chodowiecki und Meil hatten daraufhin andere Arbeiten angenommen (Göschen an Böttiger vom

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aber auch die Sorge um die „richtigen" Rezensionen bestimmten den Geschäftsalltag. Beim Herausgeber der Allgemeinen Literaturzeitung Bertuch beschwert sich Göschen am 21.8.87 und legt den Tenor der von ihm gewünschten Rezension dar: Unser Schütz 193 macht ein wenig lange mit der Rezension von Göthe. Sie können etwas bey der Sache thun. Ich wünschtef,] daß in der Rezension auf die Absicht[,] die mann bey der Typographie gehabt hat[,] gewinkt würde. Mann hat nicht Pergament artiges Papier nehmen wollen [,] keine überflüssigen Verzierungen anbringen wollen. Simplizität, Correcktheit und Niedlichkeit sollte erreicht werden und die Ausgabe solte eine Edition portatif seyn[,] damit der Freund der Goethischen Muse solche bequem allenthalben bey sich führen könnte. Eine prächtige Ausgabe soll es nicht seyn. In dieser Rücksicht beurtheilt[,] wird unsere Ausgabe die Critik aushalten. 194 Die Rezension in der Allgemeinen Literatur Zeitung erschien am 8. Oktober und Göschen konnte damit zufrieden sein, denn Schütz betonte: „der Verleger hat sich bestrebt, das Aeußere dieser Sammlung ihrem innern Gehalt einigermassen entsprechend zu machen. Druck und Papier ist schön, und von der Kupfern hat er drei mehr geliefert als er versprochen hatte". 195 Mehr noch entsprach die anonyme Rezension in der Gothaischen Gelehrten Zeitung Göschens „Vorgaben": Wir haben einige Personen klagen hören, daß diese Ausgabe nicht prächtig genug gedruckt wäre. Eine Klage, die nicht unbilliger seyn kann. Diese Ausgabe sollte nichts anders seyn, als eine bequeme und nette Handausgabe, und wenn man den äusserst mäßigen (Pränumerations) Preis von 20 gl. für den Band erwägt, so muß man gestehen, daß der Verleger alles gethan hat, was sich bey einem solchen Preise thun ließ. Auf dem beyliegenden Blatte lesen

17.1.1787; vgl. Hagen, QuZ Nr. 98, S. 57); die dann von Chodowiecki gelieferten entsprachen in keiner Weise Göschens Erwartungen. Mit diesem „elenden Zeug" möchte er die Bücher nicht versenden (Göschen an Bertuch am 23. Mai 1787, vgl. Hagen, QuZ Nr. 136, S. 71), muß dann aber doch an die Subskribenten ausliefern, um nicht weiter in Verzug zu kommen. Er hilft sich mit dem genialen Schachzug, den Subskribenten mitzuteilen, daß er aus „Dankbarkeit" und „Achtung, welche ich dem Publico sowohl als dem Verfasser schuldig bin, [ . . . ] außer diesen noch ein paar andere Kupfer zu dem ersten und zweyten Bande in 14 Tagen, mit dem vierten Bande" nachliefern werde. Zahlreiche erhaltene Exemplare enthalten daher sowohl die Titelvignetten und Kupfer nach Ramberg und Oeser, von Geyser und Grögory als auch die technisch und künstlerisch mißratenen Kupfer Chodowieckis, u. a. die Exemplare der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sign. WA 1704 (Bd. 1 u.2.) und Lo 2008 (Bd. 3-8). Vgl. auch unten, S. 326. - Den Titelkupfer des 3. Bandes sowie zwei Textvignetten zur Iphigenie hatte Goethe in Rom von Johann Heinrich Lips stechen lassen und am 13.1.1787 übersandt, vgl. Hagen QuZ, Nr. 94, S.54f. 193 Göschen meint den Mitherausgeber der Allgemeinen Literatur-Zeitung, den Jenaer Professor der Beredsamkeit Christian Gottfried Schütz. 194 DBSM Leipzig, Göschen-Sammlung, Gruppe A, Kasten 5, Göschen 3; vgl. auch den Auszug bei Goldfriedrich, Aus den Briefen, S. 54; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 362. 195 ALZ Nr. 241 vom 8.10.1787.

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wir, daß der Dichter keine Fragmente liefern, sondern die als Fragmente angekündigten Stücke sämmtlich vollenden wird. Eine Nachricht, die allen Freunden der Götheischen Muse äusserst angenehm seyn, und den Wert dieser Ausgabe sehr erhöhen wird. 196 Allerdings war der Autor mit diesen von Göschen selbst gemachten Einschränkungen einer einfacheren „Handausgabe" nicht einverstanden. Am 27. Oktober schrieb ihm Goethe aus Rom unmißverständlich: Ich kann nicht sagen, daß der Anblick der drey Exemplare meiner Schriften, welche zur rechten Zeit in Rom anlangten, mir großes Vergnügen verursacht hätte. Das Papier scheint eher gutes Druckpapier als Schreibpapier, das Format schwindet beym Beschneiden gar sehr zusammen, die Lettern scheinen stumpf, die Farbe ist wie das Papier ungleich, so daß diese Bände eher einer ephemeren Zeitschrift als einem Buche ähnlich sehen, das doch einige Zeit dauren sollte. Von ohngefähr war ein Exemplar der Himburgischen Ausgabe hier, welches gegen jene wie einem Dedikations Exemplar ähnlich sah. Dieß ist nun aber geschehen und nicht zu redreßieren. Auch finde ich in einigen Stücken, die ich durchlaufen, Druckfehler und Auslassungen, kann aber nicht entscheiden, ob es am Manuscripte oder am Correcktor liege. 197 Göschen erhielt dieses vorwurfsvolle Schreiben Mitte November offen über Seidel von Bertuch zugesandt Bertuch nannte im Begleitschreiben gleich einen Schuldigen: „Die Klage vornherein [...] ist sicher ein Wiederhall vom gelbsüchtigen Herder, und hat nichts auf sich." 198 Bertuch hatte sich offensichtlich auch mit dem korrekten Seidel bereits über die Anschuldigen unterhalten: „Zu den Druckfehlern und Auslaßungen, vermuthet Seidel selbst, daß das Mscpt. Anlaß gegeben habe." Uber die persönliche Antipathie zwischen Bertuch und Herder hinaus 199 ließ schon eine frühere Äußerung Herders diesen Verdacht aufkommen. Er hatte Göschen am 11. Juni 1787 geschrieben: „Mich dauert es sehr, daß in so Manchem die Ausgabe nicht so ausgefallen ist, als ich aus warmem Eifer für den Verfasser und den Werth der Schriften selbst wünschte." 200 Diese Einschätzung stand freilich im Gegensatz zu Herders Einschätzung der Probebogen, die er im November 1786 noch als „gut und schön im Druck" bezeichnet hatte. 201 Nun war zwar, wie wir an der Diskussion um die Rezensionen gesehen haben, Göschen selbst mit der Druckausführung bei Solbrig nicht einverstanden. Vom Autor aber so unverhüllt gescholten zu werden und noch dazu eine Raubdruckausgabe als vorbildlich genannt zu bekommen, war jedoch eine sehr herbe Enttäuschung. Er klagt Bertuch gegenüber unumwunden:

196 Stück 84 vom 20.10.1787, S. 681-687, hier S. 687. 197 Goethe an Göschen, nach einem römischen Notizbuch vom 27. Oktober 1787; vgl. Hagen, QuZ Nr. 215, S. 102-5; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 395. 198 Hagen, QuZ Nr.228, S . l l O f . 199 Vgl. dazu u.a. Vaternahm: Goethe und seine Verleger, S.41. 200 Herder-Briefe. 5. Bd., Weimar 1979, Nr.218, S.232f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.321. 201 Herder-Briefe, 5. Bd., Nr. 171, S. 193: Herder an Bertuch von Anfang November 1786.

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So ein Brief wie der von Goethe kann den Frohmuth sehr niederschlagen. Mit der Schrift ist vorher keine Zeile gedruckt worden und sie soll stumpf sein! Das Papier[,] welches weiss ist und nicht stark, um bequeme Bände zu bekommen, soll Druckpapier sein, - mag es doch ! Herder soll nur die Auflage seiner Schriften damit vergleichen [...]. Druckfehler und Auslassungen können nicht in den Werken sein, sie müssen im Manuscripte stehn [...] Ich versichere Ihnen heilig, hätt' ich Herdern und Göthen von der Seite gekannt, als ich sie jetzt kenne, sie hätten mich nicht so glücklich machen sollen, ihre Werke zu verlegen. Sind denn 2000 Rthlr. ein Kinderspiel?202 Am gleichen Tag schreibt er mit ähnlichem Sachargumenten an Philipp Seidel, auf dessen nüchternes Urteil er setzt: „Ich wünsche Ihnen die Empfindungen eines Verlegers nicht, welcher seinen Schriftsteller von ganzer Seele verehrt, und die Zufriedenheit deßelben nicht erhalten h a t Mit den Lettern ist vorher keine Zeile gedruckt gewesen; jeder Bogen ist viermahl durch 3 Correktoren corrigirt worden [...] Thun Sie mir den Gefallen und vergleichen Sie die bey Ettingern gedruckte Schriften des Herrn Herders mit den meinigen und fällen Sie Ihr Urtheil über Papierf,] Lettern und Druck nach der Wahrheit und Ihrem Gefühl." 203 Weitere fünf Tage später, am 27. November 1787, schreibt Göschen dann einen moderaten Rechtfertigungsbrief an Goethe: Die Gewogenheit welche inir Ew. Hochwohlgeb. bisher erwiesen haben[,] stärkt mich in dem Vertrauen: Dieselben werden nicht daran zweifeln[,] daß das Misvergnügen über die äusere Gestalt Ihrer Werke mich niedergeschlagen hat. Dieses Wohlwollen last mich auch hoffen[,] daß Sie mir einige Entschuldigungen gütigst erlauben werden. Diese erleichtern das Herz. Mit der Schrift, welche zu dieser Ausgabe genommen ist, war vorher noch keine Zeile gedruckt. Hr. G[eneral] S[uperintendent] Herder gaben zu der Wahl derselben ihren Beyfall. Viel hätt ich darum gegeben, hätt ich sie Ihnen Selbst vorher in der Probe zeigen können! Klein Format war in unsem Contrackt bestimmt und der Geschmack unserer Zeit rechnet breite Ränder und kleine Columnen zur Schönheit der Typographie. Die mehrsten Liebhaber baten mich: bequeme Bändgen zu liefern. Mann nimt, sagten sie, den Dichter gern mit sich herum. Deswegen wählte ich ein dünnes aber reines Papier. Der Preiß deßselben aus der ersten Hand ist 17 rth wofür ich ein weit stärkeres Papier hätte bekomen können. Die Auflage ist 3000. Geringer dürft ich sie nicht machen. Sonst hätt ich Ihren Wunschf,] daß mir dieses Werk zum Seegen gedeihen möchte selbst vereitelt [...] Zu einer solchen Auflage gehört nun viel Papier. Auf keiner Mühle fand ich den ganzen benöthigten Vorrath. Es waren Bestellungen nöthig. Witterung

202 GSA, Bertuch-Nachlaß I, 1025,87; erste Edition bei Ludwig Geiger: Aus Göschens und Bertuchs Correspondenz. In: Goethe-Jahrbuch 2 (1881), S.395-414, hier S.404f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 403. 203 Hagen, QuZ Nr. 231; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 404.

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und Zufälle haben auf die Fabrikatur des Papiers so vielen Einfluß, daß mich das böse Schicksal traf[,] einige Ballen ungleich an Weiße zu erhalten. Diese Ungleichheit hat mir einen unvergeßlichen Verdruß veruhrsacht. Darum hab ich mich denn auch entschloßen von der nehmlichen Auflage 500 auf holländisches Papier von den künftigen Theilen abdrucken zu laßen. Die ersten Vier laß ich aufs neue setzen. Die Kosten dieses Satzes und die übrigen, welche der Druck dieser Ausgabe erfordern wird mich vollkommen rechtfertigen^] daß nicht Gewinnsucht sondern Ehre und Ew. Hochwohlgeb. Beyfall dabey mein Zweck ist Es ist also dieser Abdruck nicht eine neue Ausgabe. So viele Ex. als Dieselben wünschen stehen dann zu Befehl: Denn ich bin Ihnen unendlich für mannichfaltige Güte verpflichtet. Und wüste ich, wodurch ich im Stande wäre[,] meine Dankbarkeit auf eine, Ihnen angenehme Weise, an den Tag zu legen, beträfe es das Liebste was ich auf der Welt habe, es solte mir nicht zu theuer seyn. Für Auslaßungen kann ich Bürge sein; aber für Druckfehler will ich nicht stehen. Jeder Bogen ist vier mahl corrigirt und von drey Correktoren gelesen. Dennoch will ich nicht behaupten: es haben sich keine Fehler eingeschlichen. Mein Glaube an ein Buch ohne Druckfehler ist nun nicht mehr fest; wiewohl ich noch so eifrig nach der Möglichkeit strebe als wäre mein Glaube daran so orthodox als Götzens Glaube an die Dogmatik. Hr. Herder muß es bezeugen, daß einer meiner Correktoren kein Mann ohne Kenntniße u. ohne Sorgfalt ist Für eine ordinaire Ausgabe dächt ich könnte sich diese Edition allenfalls mit Ehren zeigen. Es solte neben ihr eine splendide Ausgabe erscheinen, welche die Raubsucht der Nachdrucker und die Kargheit der Nation, so sie gegen alle ihre guten Schriftsteller beweist, jetzt erst vernichtet haben. Kommt es dereinst dazu, so werd ich sie gewiß nicht ohne Ihre völlige Einwilligung und Zufriedenheit unternehmen f.. .]. 204 Göschen rechtfertigt im verbindlichen Ton die Wahl der Satztypen, gesteht den Mangel des Papiers ein, will aber den Vorwurf nachlässigen Lektorierens nicht gelten lassen. Die umfangreichen normierenden und korrigierenden Eingriffe in die zum Teil unzulänglich vorbereiteten Satzvorlagen wurden bereits erwähnt und werden unten im Kapitel 5 eigens thematisiert Insgesamt ist Göschen aber um Ausgleich mit seinem Autor bemüht; er bietet daher sogar an, einen Teil der Auflage (bei kostspieligem Neusatz der ersten vier Bände!) auf holländischem Papier zu drucken. Exemplare dieser Teilauflage ließen sich allerdings - bis auf die vereinbarten 20 Freistücke auf holländischem Papier für Goethe - nicht nachweisen. 205 In einer Anzeige in der ALZ bietet er diese Ausgabe zur erweiterten Subskription an: „Wer dieselbe auf starkes holländisches Papier verlangt, beliebe sich bei mir zu melden [...] Eine prächtige Ausgabe werde ich alsdann liefern, wenn ich mit mehrerer Sicherheit den Enthusiasmus meiner Nation für ihre guten Schriftsteller berechnen kann." 206

204 Hagen, QuZ Nr. 233; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 407. 205 Vgl.-u. a. Deneke, Goethes Schriften (Vierter), S. 21 f. 206 Intelligenzblatt Nr. 10 / 1788 und auch im Teutschen Merkur vom März 1788.

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Zu einer „prächtigen" Ausgabe von Goethes Werken kommt es bei Göschen nicht; allerdings gibt es in der Korrespondenz einige Hinweise darauf, daß der Verleger Einzelbände der Iphigenie oder des Tusso „auf schönes Papier mit lateinischen Lettern von Didot zu drucken" beabsichtigte, 207 und zwar als einen Probeband für Goethes und Wielands[!] Werke: „Die Didotschen Lettern, welche Unger gebraucht, sind schon für mich bestell. Ich werde sie gebrauchen zu geraden Zeilen und Sylben und mit Gleichheit der Schwärze im Auftragen der Farbe. Da ich Wieland seine sämtlichen Werke bald drucken werde, so wolt ich die Iphigenie als eine Probe drucken, um mich darauf bey meiner Unternehmung dieser Werke und einer prächtigen Ausgabe der Ihrigen zu beziehen." 208 Diese „Prachtausgaben" wurden aber nicht verwirklicht. Die weitere Korrespondenz verläuft moderat; Goethe hatte auf Göschens Rechtfertigung versöhnlich geantwortet: „Ich glaube gern, daß Ihnen manches selbst Mißvergnügen gemacht hat und weiß recht gut, daß bey einem solchen Unternehmen sich manche Hindemiße in den Weg legen." 209 Die neuen Hindernisse lagen dann vor allem daran, daß Goethe seine zeitlichen Versprechungen nicht einhalten konnte, da er, nach der Rückkehr aus Italien, in Weimar „von mancherley Zerstreuungen umgeben" 210 war. Die Gesamtausgabe kam insgesamt in Verzug; der 5. Band (mit dem vollendeten Egmont) erschien im Mai 1788, der achte - vorgezogene - Band mit den „vermischten Gedichten" und kleineren, fertigen Schriften, die Goethe „bald zusammengestoppelt" 211 hatte, zur Ostermesse 1789, der sechste mit dem vollendeten Tasso kam im Januar 1790 auf den Markt und der letzte, der siebente Band, mit dem stark erweiterten Faust-Fragment zur Ostermesse 1790. Der Termindruck, verbunden mit dem Wunsch, doch so viele Schriften wie möglich zu vollenden, lastete zum Schluß schwer auf Goethe; nach der Fertigstellung bekannte er aufatmend dem Herzog: „Da mein letzter Band gedruckt ist, scheine ich mir erst ein freyer Mensch, in der letzten Zeit druckte dieses Unternehmen doch zu stark auf mich." 212 Für einen Verleger sind Terminüberschreitungen von zwei Jahren bei einem Subskriptionsunternehmen höchst unangenehm; doch konnte Göschen dank Goethes Arbeit den Lesern zum Schluß erheblich mehr an neuen Schriften, vollendeten und erweiterten Werken, bieten, als zu Beginn versprochen worden war. Eine solche posi-

207 Göschen an Goethe vom 17.6.1789, GSA, Goethe-Akten 297,77; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 712; gleichzeitig schreibt er Goethe aber, daß er die Lettern noch nicht erhalten habe. 208 Göschen an Goethe vom 12. Mai 1789; GSA, Goethe-Akten 297, 75; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 698. 209 Goethe an Göschen vom 9. Februar 1788; Hagen, QuZ Nr.263, S. 125f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 449. 210 Goethe an Göschen vom 15. Juli 1788; vgl. ebd Nr.293, S. 141 f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 529. 211 Goethe an die Herzogin Anna Amalia v. 19. September 1788, Goethe-Briefe, WA. IV. Abtig., Bd. 9, S. 25. 212 Goethe an Carl August vom 1.7.1790; Goethe-Briefe, WA, IV. Abtig., Bd. 9, S.212.

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tive Schlußbilanz z i e h t G ö s c h e n in seiner A n z e i g e im Journal

des Luxus

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und der

Mo-

den vom Mai 1790 n a c h Erscheinen d e s letzten B a n d e s : 2 1 3

Das Publikum kann nun berechnen, was es darin erhält, und wird mit dieser Rechnung nicht unzufrieden seyn. Die ehemals schon erschienenen Schriften sind in dieser Ausgabe theils gänzlich umgearbeitet, theils vermehrt und verändert. Claudine von Villa Bella, Erwin und Elmire könnte man ganz neue Werke nennen; die Leiden Werthers haben beträchtliche Zusätze; Götz von Berlichingen, Stella, Clavigo die lezte Revision erhalten. In der Ankündigung dieser Ausgabe konnte der Verleger die neuen, vorher noch nicht erschienenen Werke des Herrn von Göthe zum Theil nur als Fragmente versprechen. Der Herr Verfasser hat sich aber geneigt finden lassen, den größten Theil derselben zu vollenden. Die Gestalt, worin die unsterblichen Werke: Iphigenie, Tasso und Egmont gegeben sind, werden allein den Verzug entschuldigen, welche bey der Erscheinung der einzelnen Theile der Sammlung nothwendig war, wenn der Herr Verfasser die lezte Hand an dieselbe legen wollte. Neue Stücke hat das Publikum überhaupt darin erhalten. 1. Zueignung an das teutsche Publikum. 2. Die Mitschuldigen 3. Iphigenie 4. Die Geschwister 5. Der Triumph der Empfindsamkeit 6. Die Vögel 7. Lila 8. Jeri und Bätely 9. Die Fischerin 10. Egmont 11. Tasso 12. Faust 13. Vermischte Schriften und Gedichte 214 14. Scherz, List und Rache. Göschen erläutert im Anschluß daran noch einmal seine Absicht, dem Publikum eine preisgünstige Taschenausgabe zu präsentieren, und bietet erneut eine Vorzugsausgabe auf holländischem Papier zu 12 Rthlr an, zu der es aber offensichtlich nicht mehr gekommen ist. Gleichzeitig kündigt er - und dies ist für die weitere Auseinandersetzung mit Goethe wichtig - öffentlich eine „ganz wohlfeile Ausgabe auf Druckpapier mit einigen Kupfern in 4 Bänden" an, da es nicht für „jeden Liebhaber der Göthischen Schriften" leicht sei, 8 Rthlr für die Normalausgabe zu zahlen. Diese preisgünstige Ausgabe, deren erste zwei Bände bereits erschienen waren (mit Jahreszahl

213 Intelligenzblatt Nr. 5, May 1790, S. LX-LXII. 214 Vgl. dazu die detaillierte Ubersicht von 56 neuen Gedichten bei Werner Heck: Die Erstdrucke in Goethes Schriften bei Göschen 1788-1790. In: Das Antiquariat. V. Jg. Wien 1949, S. 68-69.

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1787), kostete 3 Rthlr, 16 Groschen. Diese Ausgabe (S2) war zwar nicht im Vertrag mit Goethe vereinbart, aber bereits in den ersten Briefen zwischen Bertuch und Göschen als „Reserve-Edition", um den Nachdruck zu steuern, verabredet worden. 215 Goethe beklagt sich erst 15 Jahre später, im Zusammenhang mit der Vorbereitung der neuen Ausgabe seiner Werke bei Cotta, Schiller gegenüber: „Außerdem bemerke ich[,] daß Göschen eine Ausgabe in 4 Bänden unter den falschen Jahreszahlen 1787 und 1791 gedrucktf,] wovon niemals unter uns die Rede war." 216 Der gute Abschluß der Schriften litt aber zunächst unter der Weigerung Göschens, Goethes Metamorphose der Pflanzen als Einzelschrift zu drucken. Goethe hatte ihm offensichtlich - wieder über Mittelsmänner - den Druck angeboten, wie es vertraglich vereinbart worden war, Göschen war darauf aber nicht eingegangen. Um diese Episode ranken sich zahlreiche Geschichten, die nicht durch Quellen belegt sind, vor allem Viscount Goschens Version, Göschen habe das Manuskript von einem „Botaniker" begutachten lassen und dann abgelehnt 2 1 7 Erhalten sind aber nur zwei Briefe, die diesen Streitfall erwähnen. Ein Brief von Göschen an Goethe vom 25. Juni 1790 macht deutlich, daß die Ablehnung recht schnell und wohl unüberlegt erfolgte, und beschreibt die entscheidende Schwierigkeit ihres Verlagsverhältnisses: Goethe und Göschen haben sich nie persönlich kennengelernt, sondern stets nur über Dritte miteinander verkehrt. Göschen schreibt: [...] Ich sage Ihnen nun nochmals den verbindlichsten Dank[,] daß Sie mich mit dem Verlag derselben beehret haben[,] wodurch das Ansehen meiner Handlung sehr gewonnen hat. Sölten Ew. Hochwohlgebohrnen in Ihrer gütigen Gesinnung gegen mich fortfahren und mich auch in der Zukunft würdig finden[,] mich zu den Geschäftsträger zu machenf,] wenn Sie das Publikum wieder mit Etwas beschenken wollen; so kann vieleicht bey zunehmenden merkantilischen Kräften mehr geleistet werden als der Anfänger leisten konnte. Durch Mittelspersohnen entstehen so oft Misverständniße. Darf ich mir alsdann Dero Befehl unmittelbar erbitten. Es entstehen durch Mittelspersohnen so leicht Mißverständniße! wie der Fall bey der Methamorphos[e] der Pflanzen gewesen ist. Ich muß bitten mir zu erlauben daß ich erst künftigen Sontag den Rest meiner Schuld nebst den Intereßen für die verfloßene Zeit übersenden darf. 8000 rth welche mir in letzter Meße zurück geblieben

215 Vgl. Bertuch an Göschen vom 29.6.1786; GSA, Bertuch-Nachlaß I, 1025,29; vgl. auch Geiger, Goethe-Jb. 2, S. 396f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 138. 216 Goethe an Schiller am 19. April 1805; vgl. Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1784 bis 1805. Hrsg. v. Manfred Beetz ( = Münchener Ausgabe Bd. 8.1) Brief 1008, S. 998 f. 217 Goschen, I, S. 201 folgt einer späten Vermutung Goethes, die nach Göschens eigenem Schreiben höchst unwahrscheinlich ist; Goethe äußerte den vagen Verdacht in einem Aufsatz zum „Schicksal der Handschrift" in: Zur Morphologie. Bd. 1, Heft 1. Stuttgart und Tübingen: Cotta 1817, hier zitiert nach WA, II. Abthlg. Naturwissenschaftliche Schriften. Bd. 6, S. 113: „Ob er [ = Göschen] sich nun überhaupt von meinen Arbeiten nicht mehr sonderlich viel versprach oder ob er in diesem Falle, wie ich vermuten kann, bei Sachverständigen Erkundigung eingezogen habe [ . . . ] will ich nicht untersuchen ..

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sind und wovon mir einige Posten in künftiger Woche eingehen[,] haben mich bisher ein wenig genirt. 2 1 8 Die doppelte Nennung der „Mittelspersonen", durch die „Mißverständniße" entstehen, ist auffällig. Goethe geht freundlich auf diesen Hinweis ein, kann aber seiner Entscheidung, die Metamorphose bei Ettinger in Gotha zu publizieren, nun nicht mehr rückgängig machen: „Es that mir leid[,] daß Sie den kleinen Versuch der Metamorphose ausschlugen[,] und ich war genötigt[,] mich nach einem andern Verleger umzusehen und Verbindungen einzugehen^] die ich sogleich nicht lösen kann." 2 1 9 Seine Erläuterungen zeigen, daß Göschen Goethe in einer entscheidenden Umbruchphase seiner Arbeiten nicht unterstützte. Er lehnte in Goethes Augen nicht nur eine vom U m f a n g her kleine Schrift ab, sondern erweckte den Eindruck, eine ganz neue Beschäftigungsrichtung nicht mit zu tragen. Goethe erläuterte: „Wahrscheinlich werd ich in der Folge ebensoviel in der Naturlehre als in der Dichtkunst arbeiten, ich habe von beyderlei Manuscripten manches vorräthig[,] das aber erst ausgeführt und nur zur rechten Zeit ausgegeben seyn will. Auf Michael werde ich eine neue Theorie der Farben ins Publicum wagen. Ich kann Ihnen aufrichtig versichern^] daß ich sehr gewünscht hätte[,] alles in Einer H a n d zu sehen." 2 2 0 Böttiger hat 1796 in seiner oben edierten Verlagsgeschichte die mangelnde Unterstützung Göschens für Goethes (künftigen) Schwager Christian August Vulpius als Grund für das Zerwürfnis beider benannt; wenn es überhaupt eine Rolle spielte, kann dieses Argument nur marginal gewesen sein. 1789 hatte Goethe Göschen mehrfach gebeten, sich um Vulpius zu kümmern. 2 2 1 Am 22. Juni ersuchte er Göschen, Vulpius „Rath und Beistand zu gewähren", 2 2 2 im August dankte er für die Unterstützung. 2 2 3 In der gleichen Zeit wandte sich Goethe auch an Breitkopf und Fleischer in Leipzig mit ähnlichen Bitten. Am 13. Oktober beauftragte Goethe Göschen, Vulpius 25 Taler aus dem Honorar für den 6. Band seiner Schriften auszuzahlen. Göschen erfüllte diese Gefälligkeiten, lehnte es aber ab, die „ O p e m " von Vulpius zu drucken. 2 2 4 D a Goethe sich „rührend" 2 2 5 um Vulpius kümmerte, ist es möglich, daß ihn diese Ablehnung enttäuschte; daß sie aber zur Ursache für das Zerwürfnis zwischen Goethe und Göschen wurde, wie es Böttiger in seiner Verlagsgeschichte nahelegt, ist sicherlich überzeichnet.

218 Hagen, QuZ Nr.423, S. 190f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.916. 219 Goethe an Göschen vom 4.7.1791; vgl. Hagen, QuZ Nr.435, S. 194-6; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1079. 220 Ebd. 221 Vgl. Paul Raabe: Zwölf Goethe-Briefe. Mit einigen kritischen Bemerkungen über die Editionen der Briefnachträge zur Weimarer Ausgabe. In: Goethe NF 20 (1958), S. 233-263, hier bes. S. 244-6. 222 WA, IV. Abtig., 9. Bd., S. 134. 223 Ebd. S. 148 f.; Brief vom 20.8.1789. 224 Vgl. oben die Edition der Böttiger-Verlagsgeschichte, besonders S. 28 mit Anm. 34. 225 Raabe, Zwölf Goethe-Briefe, S.245.

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Auch die weiteren Kontakte fanden wieder nur über Mittelspersonen statt! Anfang 1805 vermittelte Schiller den Druck von Goethes Ubersetzung von Diderots Rameaus Neffe.226 Am 18. Oktober 1805 beschied Cotta Göschen, daß er keine Rechte mehr an der Gesamtausgabe Goethes besitze, die dann in überarbeiteter und erweiterter Form 1806-1810 bei Cotta erschien. 227 Bisher übersehen wurde ein Versuch Göschens, im Jahre 1815 durch Vermittlung von Karl Ludwig v. Knebel noch einmal eine kleine Ausgabe von Gedichten Goethes herauszugeben. Göschen bat Knebel, Goethe zu einer Sammlung von Gedichten zu bewegen, da die meisten der Gedichte bei ihm erschienen und noch immer im Lager vorrätig wären. Er schrieb am 13.11.1815 aus Leipzig: Göthes lyrische Gedichte und Romanzen sind, besonders bey den Frauen, so beliebt, daß es wirklich zu beklagen ist, daß man, außer einigen unrechtmäßigen Nachdrucken, keine besondere Sammlung davon hat, und durchaus keine, deren äußere Gestalt mit dem inneren Werthe nur einigermaßen im Verhältniß wäre. Frauen schaffen sich Göthes Werke nicht an; aber diesen Theil seiner Gedichte wünscht sich manche seiner stillen Verehrerinnen, und wenn Göthe zu bewegen wäre eine solche Sammlung etwa unter dem unmaßgeblichen Titel: Vermächtnis an meine Freundinnen oder dgl. zu veranstalten, so würde er sich, besonders von dem schönen Geschlecht, manchen Dank verdienen. Ich würde durch schönen Druck und durch Kupfer von unsern besten Meistern für ein schönes Außeres sorgen, und so würden wir eine Weihnachtsgabe für nächstes Jahr bereiten, die gewiß willkommen seyn würde. Der größte Theil der lyrischen Gedichte ist in der Sammlung der Schriften enthalten, die bey mir erschienen ist, und da ich davon leider ! noch einen sehr großen Vorrath habe, so hätt ich die Gedichte wohl ohne Ungerechtigkeit oder Indiscretion da herausnehmen können, wenn dadurch nicht mein Hauptzweck, ein schönes Außere, und überdieß die Vollständigkeit verfehlt würde. [...] Vielleicht ließe Göthe sich um unsrer alten Verhältnisse willen geneigt finden, mir eine solche Sammlung zu übergeben, besonders wenn ich mich Ihrer gütigen Fürsprache erfreuen dürfte .. , 228 Wie im Falle der Weidmannschen Buchhandlung bei Wieland glaubte sich Göschen im Recht, weiterhin Einzeldrucke von Goethes Werken herausgeben zu können. Dies implizierte aber nicht das Recht, neue Sammlungen ohne Einverständnis des Autors zusammen zu stellen. Wir erfahren durch diesen Brief, daß Goethes Werke noch immer vorrätig waren, aber auch einiges über Göschens Einschätzung von Goethes Ly226 Vgl. den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Hrsg. v. Siegfried Seidel. München 1984, Bd. 2, S. 499-501 u. 503-505. 227 Vgl. die Edition des Briefes bei Kuhn, Goethe und Cotta, Bd. 1, S. 129f.; Cotta weist Göschen auf seine eigene Auseinandersetzung mit der unterlegenen Weidmannschen Buchhandlung hin und konstatiert, d a ß gegen eine erweiterte und überarbeitete Sammlung rechtlich nichts einzuwenden sei; vgl. dazu auch Steinhilber, Vertragpartner, S. 64 ff. 228 D B S M Leipzig, Göschen-Sammlung, Gruppe B, Knebel-Brief 4, Seite 2 f.; hier erstmals publiziert; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3352.

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rik, die er in einem J a h r des Wiederaufbaus nach den Kriegsjahren - ähnlich den Bänden der Selene (s. u. Kap. 4.1) - einer Zweitverwertung zuführen wollte. Goethe erklärte sich jedoch nicht damit einverstanden und verwies über Knebel (wohl persönlich, da keine betreffenden Briefe erhalten sind) auf sein jetziges Verhältnis zu Cotta. Göschen war enttäuscht, daß wiederum mit Goethe kein Einvernehmen zu erzielen war, und klagte Knebel am 9. Dezember: Ich kann aber nicht leugnen, daß ich mich nicht ganz in ihn finden kann; denn ich sehe gar nicht ein, wie ihn jetzt sein Verhältnis zu Herrn Cotta in Verlegenheit setzen kann, da er sich früher so leicht über die Verhältnisse mit mir wegsetzte. Auch verlangte ich erstaunlich wenig, und noch dazu etwas, was ich größtentheils ohne Erlaubniß des Verfassers thun dürfte; denn er kann mir durchaus nicht wehren, die Gedichte, die ich früher gedruckt habe (und das ist der größte Theil) zu drucken sooft ich will. Aber ich möchte gern etwas Gutes, Vollständiges liefern, und dies mit vollkommner Zustimmung des Verfassers. 2 2 9 Goethe äußert sich in späteren Bemerkungen durchweg positiv über den Verleger seiner ersten autorisierten Gesamtausgabe und zeigt auch Verständnis für den mangelnden Absatz in einer für ihn schwierigen Rezeptionsphase: »Mit Herrn Göschen, dem Herausgeber meiner gesammelten Schriften, hatte ich alle Ursache zufrieden zu seyn; leider fiel jedoch die Auflage derselben in eine Zeit, wo Deutschland nichts mehr von mir wußte, noch wissen wollte, und ich glaubte zu bemerkenf,] mein Verleger finde den Absatz nicht ganz nach seinen Wünschen." 2 3 0

229 DBSM Leipzig, Göschen-Sammlung, Gruppe B, Kasten 4; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3353. 230 Goethes Aufsatz Zur Morphologie, erschienen 1817, zitiert nach Hagen, QuZ, Nr. 436, S. 196.

3 Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig Die weitere Entwicklung des Verlages und der Druckerei Göschens war in vielfältiger Weise abhängig von den Handelsbeschränkungen und den kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitteleuropa während der Koalitionskriege, von dem Sieg Napoleons bei Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806, vom Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und der damit verbundenen Neuorientierung der einzelnen Staaten, von der Erhebung des Kurfürstentums Sachsen zum Königtum, der Kontinentalsperre gegen den englischen Handel, den Reformen in Preußen, die auch Neuordnungen der Gewerbefreiheit mit sich brachten, sowie schließlich vom Krieg Napoleons gegen Rußland und den Deutschen Befreiungskriegen 1813/14, die mit der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 und der Auflösung des Rheinbundes ihren Höhepunkt fanden. War der sächsische Buchhandel zunächst nur indirekt von den kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen, kam er in den Jahren zwischen 1808 und 1813 fast völlig zum Erliegen.1 In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts ist die Verlagsgeschichte Göschens von einer zunehmenden Abwendung der Autoren der Weimarer und Jenaer Klassik gekennzeichnet. Goethe und Schiller unterhielten nur noch lockere Verbindungen zum Verlag, die Zusammenarbeit mit Bertuch ging zurück. Im Mittelpunkt der neunziger Jahre stand die vierfache Ausgabe der Werke Wielands.2 Da Göschen aus diesem Anlaß in Leipzig eine eigene Druckerei eingerichtet hatte, in der er nach der Konzession des Kurfürsten nur die Antiquatype nach Didot verwenden durfte, bestimmten auch die Fragen nach der Auslastung der Druckerei das weitere Programm. Nicht zuletzt aus diesem Grund nahm Göschen Verhandlungen mit Klopstock auf, dessen Verlagsrechte er zum Teil durch die Übernahme des Verlages Bode 1787 erworben hatte. Auch die seit 1796 bekannten Pläne für eine Klassiker-Bibliothek der

1 Zur Situation des Buchhandels zur „Zeit der Fremdherrschaft" vgl. Goldfriedrich, Geschichte, Bd. 4, S. 1-50; zur wirtschaftlichen Situation vgl. François Crouzet: Kriege, Kontinentalsperre und wirtschaftliche Veränderungen in Europa 1792 bis 1815. In: Napoleon und Europa. Hrsg. v. Heinz-Otto Sieburg. Köln, Berlin 1971, S. 231 -250; zur politischen Situation u.a. Heinz-Otto Sieburg: Die Auswirkungen des napoleonischen Herrschaftsystems auf die Verfassungsentwicklung in Deutschland. In: ebd., S. 201- 230; vgl. zur Quellenfrage ferner: Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten. Hrsg. v. Eckart Kleßmann. Düsseldorf 1965; Deutschland und die französische Revolution 1789-1806. Hrsg. v. Theo Stammen u. Friedrich Eberle. Darmstadt 1988 ( = Quellen zum politischen Denken der Deutschen im 19. u. 20. Jh. Bd. 1). 2 Über die Affinitäten Wielands zur Weimarer Klassik handelte zuletzt Sven-Aage Jorgensen: Ist eine Weimar Klassik ohne Wieland denkbar? In: Unser Commercium, S. 187-197.

3 Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig 127

römischen und griechischen Antike werden durch Göschens Bemühungen um eine klassizistische Typographie mitbefördert.

3.1

August Wilhelm Iffland

1791 taucht ein Name im Verlagsprogramm auf, der paradigmatisch die weitgehende Trennung von der Weimarer Klassik zeigen kann und dessen dramatische Werke einen Großteil des Verlagsprogrammes des kommenden Jahrzehnts ausmachen: August Wilhelm Iffland (1759-1814). Iffland stand 1791 bereits auf dem Höhepunkt seiner Erfolge als Dramatiker: Am 7. Mai 1791 eröffnete Goethe das Weimarer Nationaltheater mit einer Aufführung von Ifflands „ländlichem Sittengemälde" Die Jäger. Der Sohn eines Registrators bei der Königlichen Kanzlei in Hannover hatte sich dem Wunsch des Vaters entzogen, Theologie zu studieren, und eine Karriere als Schauspieler begonnen. An dem neubegründeten Deutschen Nationaltheater in Mannheim trat Iffland dann sowohl als Schauspieler3 als auch als Dramatiker hervor. 1784 wurde sein erstes „Familiengemälde" Verbrechen aus Ehrsucht mit großem Erfolg aufgeführt Den Titel dieses Stückes verdankte Iffland den Mannheimer Disputen mit Schiller, dem er wiederum riet, sein bürgerliches Trauerspiel Luise Millerin in Kabale und Liebe umzuändern.4 In Ifflands bürgerlichen Dramen steht die Stabilität der Gesellschaftsordnung im Mittelpunkt. Helden sind zumeist „gute Fürsten", welche die durch „Bösewichter" in Unordnung gebrachte Welt der Bürger ordnen und zur Harmonie führen. In seinem berühmtesten Lustspiel Die Hagestolzen (1791) thematisiert er den Gegensatz von ländlicher Idylle und städtischer Immoralität Stereotyp wird im Sinne eines trivialisierten Rousseauismus vermittelt, daß Stadt und Hof den Menschen ins Verderben führen, während das Landleben bessert. Daß seine Stücke zur „Stabilisierung des Selbstgefühls der staatstragenden Schichten"5 führen sollten, bekennt Iffland selbst in seiner bei Göschen erschienenen Autobiographie Uber meine theatralische Laufbahn. Sein erstes bei Göschen erschienenes Trauerspiel Die Kokarden, habe er im Auftrag Kaiser Leopolds verfaßt mit der Auflage, „gegen gewaltsame Staatsumwäl-

3 Vgl. Goethes Porträtskizze des jungen Schauspielers: „Besuch von Iffland, auf meiner Reise über Mannheim nach der Schweiz im Jahre 1799", zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe. Wirkungen der Französischen Revolution. 1791-1797. Bd.2. Hrsg. v. Klaus H.Kiefer u.a. (Münchener Ausgabe Bd. 4.2). München 1986, S.507. 4 Vgl. Alois Wierlacher: August Wilhelm Iffland. In: Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Hrsg. v. Benno von Wiese. Berlin 1977, S. 911-930; Bengt A.Sorensen: Herrschaft und Zärtlichkeit München 1984. Vgl. ferner Ifflands Autobiographie Über meine theatralische Laujbahn. Leipzig 1798, Reprint der Ausgabe Heilbronn 1886 (Hrsg. v. Hugo Holstein), Nendeln 1968; das Urteil der Zeitgenossen stellte Karl-Heinz Klingenberg: Iffland und Kotzebue als Dramatiker. Weimar 1962, zusammen. 5 Wierlacher, Iffland, S.912.

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zungen ein Schauspiel zu schreiben."6 Auch als erfolgreicher Dramaturg und seit 1796 als Direktor des Königlich-Preußischen Nationaltheaters in Berlin agierte Iffland weiterhin beinahe täglich als Schauspieler, dessen Spiel den Zeitgenossen ein „unendliches Vergnügen" 7 bereitete. 1792 erschienen bei Göschen die drei Dramen Frauenstand, Elise von Wahlberg und der Herbsttag. Auf seiner Reise in die Schweiz 1792, die Göschen in seinem Briefroman Reise von Johann zum Teil beschrieben hat, traf er Iffland in Mannheim. Die seit diesen Tagen beginnende Korrespondenz zwischen dem Autor und seinem Verleger 8 zeigt bereits, trotz des lakonischen Briefstils Ifflands, eine herzliche Verbundenheit; sie ist aber auch gekennzeichnet durch die kriegerischen Wirren, die Mannheim 1794 und 95 besonders hart trafen. Im September 1794 wurde Mannheim von den Franzosen eingenommen, im Oktober des gleichen Jahres von den Österreichern zurückerobert. Als die Franzosen sie im Sommer 1796 erneut besetzten, floh Iffland mit seiner Frau nach Hannover. 9 Er besuchte im August 1796 Göschen in Leipzig, mit dem er einen umfassenden Vertrag über die Herausgabe seiner sämtlichen Werke und aller weiteren Stücke abschloß. Uber diesen Vertrag und vor allen Dingen die dabei ausgehandelte Honorarsumme ist vielfach spekuliert worden, nachdem Viscount Goschen 10 pauschal von 6000 Reichstalern Honorar, einer unerhört hohen Summe, gesprochen hatte, die sich der Größenordnung von Wielands Honorar für seine Sämtlichen Werke näherte. Der Vertrag hat sich in einer Abschrift im Deutschen Buch- und Schriftmuseum erhalten 11 ; die wesentlichen Faktoren sollen referiert werden, da der Vertrag nicht nur in Fragen des Honorars, sondern auch in Fragen des Vertragsrechtes eines besondere Stellung einnimmt. Göschen hatte bei seiner Argumentation gegenüber der Weidmannschen Buchhandlung bei der Herausgabe von Wielands Werken ein „ewiges Verlagsrecht" negiert und, gemäß der Lehre vom geistigen Eigentum,

6 7 8 9

Iffland, Über meine theatralische Laufoahn, Ausgabe 1886, S. 90. Vgl. Wierlacher, Iffland, S. 917. Exemplare im DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe A. Iffland schreibt Göschen am 13. Juli 1796 und erbittet die Antwort nach Hannover, „wohin mich wieder die Franzosen jagten. Mein Eigenthum in Mannheim mußte ich zurücklaßen", vgl. Briefauszug im Katalog Stargardt 513 (1954), S.279. Der Brief befindet sich heute im Städtischen Reiss-Museum in Mannheim; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1773. - Am 26. Juli teilt Göschen Böttiger (Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. h 37, Bd. 59, Nr. 6; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1779) diese Flucht mit und fährt besorgt fort: „Freylich machet uns die Lage der Dinge besorgt, sie macht auch meine Vorsicht zur Pflicht. Aus Vorsicht laß ich alle Gedanken an neue Unternehmungen fahren und führe blos aus, wozu ich mein Wort gegeben habe [...]. Der ganze Strich von Düßeldorf bis Basel, sonst für unsern Debit so nützlich, sind [!] jetzt für uns verlohren. Verlieren wir noch Österreich dazu; so können wir die Bude zu machen [...]. Ich danke Gott [,] daß ich mit Wielands Werken so weit bin. Ausgeführt werden sie nun gewiß, aber mein Gewinn ist zu Waßer geworden, weil die oben genannten Gegenden abgesprungen sind und sich nicht so schnell wieder erholen werden um kostbare Bücher zu kauffen. Die Himmel gebe Friede!" 10 Bd. 2, S. 103. 11 DBSM, Göschen-Sammlung, Verträge, Iffland; daraus die nachfolgenden Zitate.

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jedem Autor das Recht zugestanden, über neue Ausgaben ihrer Schriften jeweils eigens disponieren zu können. In dem Vertrag, den Iffland am 4. August 1796 in Hannover unterfertigte, räumt er Göschen und dessen Erben die Exklusivrechte für alle seine bisherigen und künftigen Schriften ein. Er überträgt Göschen in §1, Abs. 1 seine theatralischen Werke: „Alle Stücke, welche der Herr Verfasser für das Theater, oder überhaupt in dramatischer Form geschrieben hat, oder noch schreiben wird." Iffland garantiert, „daß der Herr Verfaßer und seine Erben, bey keinem anderen Menschen, weder die Theatralischen Werke, noch ein einzelnes Stück daraus, unter keinem anderen Titel, noch in keinerley Gestalt oder Form, werdend als ein Ganzes für sich, noch als einzelnes Teil eines anderen Ganzen, eine andere Ausgabe veranstalten dürfen, ohne Einwilligung des Verlegers, [...] und daß der Verleger die Stücke in Lieferungen, Bänden oder einzeln verkaufen kann wie er will." Göschen sichert sich damit das Recht, das ihm bei dem Vergleich mit der Weidmann'schen Buchhandlung nicht zugestanden worden war, neben der Gesamtausgabe der Werke auch beliebig viele Einzelausgaben daraus herstellen und verkaufen zu können. Im § 2 verspricht der Verfasser, dem Verleger jedes Jahr vier Wochen vor Ostern das Manuskript »von Vier Bänden, worinnen Zwölf Stücke enthalten sind und zwar, Neun schon gedruckte umgearbeitete, und Drey neue Stücke" zu liefern. Wenn alle älteren Stücke gedruckt sind, so überläßt Iffland „dem Buchhändler G. J. Goeschen das Verlagsrecht seiner neuen Stücke (...) und giebt alsdann die neuen Stücke nicht mehr einzeln, sondern in Bänden, deren jeder Drey Stücke enthält, heraus, und darf der Herr Verfaßer ohne Einwilligung des Verlags kein neues Stück bey irgendeinem anderen Menschen herausgeben." Göschen zahlt Iffland für jeweils vier Bände, die neun alte und drei neue Stücke umfassen, 1650 Reichstaler. Er zahlt diese Summe „Ein für Allemahl und der Herr Verfasser und seine Erben haben für die folgenden Auflagen nichts mehr an ihn zu fordern." Es wird aber auch an die Regelung der Zukunft gedacht: „Wenn der Vorrath von älteren Stücken beendigt ist", zahlt Göschen Iffland für jeden Band mit drei neuen Stücken 600 Reichstaler bzw. für ein einzelnes Stück (mit fünf Akten) 200 Reichstaler. Bei einer zweiten Auflage dieser neuen Werke erhält der Autor fünf Reichstaler pro gedrucktem Bogen. Während der Verfasser seine Werke, auch seine künftigen, unter keiner Bedingung einem anderen Verleger offerieren kann, wird Göschen im § 5 das Recht zugestanden, mit jeder Lieferung aufzuhören, wenn er einen finanziellen Schaden bei der Unternehmung erleiden sollte; auch seine Erben können gegebenenfalls mit der weiteren Veröffentlichung „einhalten, wenn sie nicht Lust und Kräfte haben". Im umgekehrten Fall, wenn Iffland stirbt, „so sind die Erben desselben verbunden dem Buchhänder G. J. Göschen oder seinen Erben". Diese Regelung bezieht auch alle Stücke aus dem eventuellen Nachlaß ein. Der Vertrag schließt mit den juristischen Formulierungen, daß beide Vertragspartner mit diesen Bedingungen „vollkommen zufrieden gewesen" seien und auf jede Rechtsbehelfe verzichteten. Mit diesem Vertrag sicherte sich Göschen nicht nur die Herausgabe der sämtlichen Werke Ifflands, sondern band den Autor auch für alle Zeiten an sich.

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Die Herausgabe von Ifflands Dramatischen Werken begann zur Ostermesse 179812, der 16. Band erschien zur Ostermesse im Jahre 1802. Diese Werkausgabe wurde aus separat paginierten Einzeldrucken zusammengesetzt, so daß in einem Druckvorgang auch die einzelnen Titel mit hergestellt werden konnten. Die Zugehörigkeit zur Werkausgabe läßt sich daher heute bei Einzeldrucken jeweils nur erschließen. Der erste Band enthielt Ifflands autobiographische Schrift Uber meine theatralische Laufbahn, in der er ausführlich erläuterte, warum er 1796 Mannheim verlassen und die Anstellung in Berlin angenommen hatte. Er widmete diesen ersten Band dem königlich-preußischen Staatsminister Freiherrn von Hardenberg. Die Herausgabe der Werke wurde 1802 abgeschlossen, nachdem die 16 Bände mit insgesamt 48 Stükken einen Großteil der Verlagsproduktion der Jahre 1798 bis 1802 ausgemacht hatte. Zu einer persönlichen Begegnung zwischen Iffland und Göschen führte ein Auftritt des Schauspielers in Leipzig, der in der Rolle des Wallenstein in Schillers gleichnamiger Tragödie agierte. Die Aufführung war kein großer Erfolg, auch Göschen konnte an der Schauspielkunst Ifflands in dieser Rolle nur partiell Gefallen finden: „Einige Sachen, einige Situationen hat Iffland trefflich gegeben; er hat das Ganze so gegeben, daß man seinen Ruhm nicht schmälern kann." Gravierender ist an dieser Stelle jedoch die Kritik Göschens an Schillers Drama, da ihm die Bearbeitung des Stoffes nicht gelungen scheint: Diese Sprache in diesem Jahrhundert Wallensteins, diese Gedanken in einem Menschen in dieser Lebensart, in dieser Situation und in dieser Erziehung, auf dieser Stufe der Menschheit: Das kann nicht seyn! Man sieht das Bestreben des Dichters, einen zweideutigen Charakter zu einem festen Charakter zu machen; man sieht das Bestreben, durch gute Züge das tragische Interesse an seinem Schicksal zu erwecken, und doch fühlt man, daß er noch mehr hätte thun können, wenigstens es glücklicher hätte ausbilden können. In keinem Stücke Schillers sieht man mehr die Seele Schillers statt der Seele des dargestellten Charakters. Deshalb ist Wallenstein treflich zu lesen, aber es ist nicht ein ganz gelungenes dramatisches Stück.13 Kritische Äußerungen Göschens über Schillers Können, etwa auch in bezug auf seine Metrik, finden sich in späteren Briefen immer wieder. Mit dem erfolgreichen Dramatiker Iffland hingegen stand Göschen in der Einschätzung der gesellschaftspolitischen Situation, etwa in der Sorge um den Verfall der Familien bzw. der Staatengemeinschaft, 14 in Einklang und war auch mit dem Verkaufserfolg seiner Stücke rundherum zufrieden. Im Jahre 1827/28 gab Göschen noch

12 Vgl. Verlagsbibliographie Nr. 428 ff. 13 Zitiert nach: Goschen, Bd. 2, S. 105. 14 Am 18.10.1808 schreibt Iffland an Göschen: „Was soll ich schreiben? Häusliches Glück ist nicht mehr in Mode. Die Freundschaft ist verächtlich geworden. Welches menschliches Gefühl wird jetzt nicht mehr für vulgär gehalten?", Ex.: DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe A, 34.

3 Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig 131 eine Auswahl in elf Bänden von Ifflands theatralischen Werken heraus, deren Verlagsrechte er innehatte. 15 3.2

Ein „Monumentum Typographicum": Klopstocks Werke

1787 hatte Göschen das Verlagsrecht der Oden Friedrich Gottlieb Klopstocks durch den Ankauf des Verlages von Johann Joachim Christoph Bode an sich gebracht. Die Restexemplare Bodes verkaufte er noch im gleichen Jahr mit einem neuen Titelblatt: Oden. Von Klopstock. Aechte Ausgabe. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 178 7.16 Im Jahr danach wandte sich Karl Friedrich Cramer an Göschen und bot ihm eine Geschichte des Siebenjährigen Krieges aus der Feder Klopstocks. 17 Göschen lehnte aber das Angebot ohne Einsichtnahme in das Manuskript ab: „Ich bin zwischen Publikum und Verfassern der Mittelsmann. Sehe ich das Manuscript nicht, so könnte ich höchstens 500 Exemplare drucken lassen davon [...]." , s Nach der nur von Cramer überlieferten Version soll Klopstock danach das Interesse an der Herausgabe dieser Geschichte des Siebenjährigen Krieges verloren haben. Unmittelbar nachdem Göschen in Leipzig seine eigene Druckerei eröffnet hatte, wandte er sich am 19. Oktober 1793 an Klopstock mit dem Angebot, die Oden neu herauszugeben: „Ich habe eine Druckerey angelegt, welche mit den schönsten Werken der Engländer und Franzosen wetteifern soll. In wiefern ich meinen Wunsch erreicht habe, davon sind die Proben von Wielands Werken, welche Dieselben bey dem Herrn von Archenholz sehen können[,] ein Beweiß. Jenes Wielandische Werk ist zu voluminös, um mit der möglichsten Pracht und doch dem Beutel der deutschen Bücherliebhaber angemeßen heraus geben zu können. Ein Werk von der Stärke Ihrer Oden würde mir Gelegenheit geben[,] ein Monumentum Typographicum dieses Jahrzehends zu liefern, welches durch kein Werk des vergangenen Zeitalters in unserm Vaterlande übertroffen werden solte."19 Trotz der werbenden Diktion dieses Schreibens ging Klopstock zunächst nicht auf das Angebot ein. Ein gutes Jahr später übernahm Klopstock allerdings die Initiative und beauftragte seinen Vertrauten, den Legationsrat Jakob Isaak von Gerning, Göschen ein Angebot zu unterbreiten: „Haben Sie nun Lust, Klopstocks Oden, zwei Bände, die Hälfte neue, mit Erläuterungen am Ende - ohne Pracht - in Groß-8vo zu drucken, so können Sie darüber mit mir negozieren; es wäre ein Ihrer würdiges Unternehmen; sonst muß ich andre Erbietungen deswegen ergreifen."20

15 Vgl. Verlagsbibliographie Nr. 993-994 u. 1006-1010. 16 Vgl. die zeitgenössischen Drucke von Klopstocks Werken. Eine deskriptive Bibliographie von Christiane Boghardt, Martin Boghardt und Rainer Schmidt (zitiert: Boghardt). Bd. 1. Berlin 1981, Nr. 44, hier S. 74. 17 Vgl. Helmut Pape: Klopstocks Autorenhonorare und Selbstverlagsgewinne. Frankfurt am Main 1969 (Sonderdruck aus dem AGB, Bd.X), S.94f. 18 Ebd., S. 95. 19 SUB Hamburg, Klopstock-Nachlaß (KN) 48/302; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1362. 20 Gerning an Göschen vom 15.1.1795 aus Jena, Ex.: DBSM, Leipzig, Göschen-Sammlung,

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Göschen ging sofort auf dieses Angebot ein und bot über Gerning 20 Reichstaler Bogenhonorar an, ein „selbst angesichts der veränderten Verlagsverhältnisse der neunziger Jahre als überdurchschnittlich hoch zu bezeichnendes" Honorar. 21 Göschen wandte sich aber auch parallel dazu direkt an Klopstock: Er bestätigte ihm noch einmal das Honorar und gab ihm vor allen Dingen die Versicherung, „daß ich aus Hochachtung für den unsterblichen Sänger alle meine Kräfte aufbieten werde, um diese Oden in Rücksicht der Typographie zu einem Denkmal meines Vaterlandes zu machen. Es kann vielleicht mancher meiner Collegen mehr mit Reichthum zwingen als ich; aber gewiß übertrift mich keiner in dem Enthusiasmus für unsere Literatur und in der thätigen Achtung für die Männer, denen unser Deutschland seine Würde verdankt." 22 Neben diesem Bekenntnis seiner Bewunderung unterbreitet Göschen Klopstock aber auch bereits konkrete Vorschläge, die die Typographie, die Buchausstattung und die Steuerung des Nachdrucks betreffen: Ich würde bitten, mir zu erlauben, diese Oden mit lateinischen Lettern zu drucken. Weil 1. wenn man mit Engländern und Franzosen weteifern will, man auch eben so schöne Formen zu den Lettern nehmen muß wie Sie. Unsere deutschen Lettern werden immer eckigt bleiben und entfernen sich von den Rundenund Schlangenlinien weit mehr als die lateinischen. 2. Weil die Ausländer gewohnt sind, lateinische Lettern zu lesen. Gesner war der erste Schriftsteller, welcher mit lateinischen Lettern gedruckt wurde, und er ist im Auslande am bekanntesten geworden. Ich würde 2 Ausgaben eine in Quarto und eine in 8° auf dem schönsten Velinpapier sehr splendid und von jeder nur wenige Exemplaria für die Begüterten drucken. Überdieses eine Ausgabe für die unbemittelte größere Claße von Lesern sehr wohlfeil, um den Nachdruck zu steuern. Vorsorglich weist Göschen darauf hin, daß danach kein anderer Verleger diese Oden mehr in die Ausgabe der Sämtlichen Werke Klopstocks aufnehmen dürfe. Trotz dieser in jeder Beziehung sehr weitgehenden Angebote Göschens ließ Klopstock über seine vertrauten Mitarbeiter mit anderen Verlegern verhandeln. Unger war aber nur bereit, die Oden in Verlag zu nehmen, wenn er kein Honorar zu zahlen brauchte. 23 Der Königsberger Verleger Matthias Friedrich Nicolovius aber bot 1000 Reichstaler und stellte sogleich einen Vorschuß von 125 Talern zur Verfügung. Göschen erfuhr davon durch einen eher launigen Brief von Gerning am 28. Juni 1795: „Herzl. leid war u. ist mir's, daß es mit der Klopst. Spekulation zu spät war. Auch Unger beGruppe A, Gerning, Brief 1, S. 2; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1553. - Pape, Autorenhonorare, Sp. 82 f., kennt diesen Brief nicht und schreibt daher, daß Göschen erneut über Gerning die Initiative ergriffen habe. 21 Pape, Autorenhonorare, Sp.83. 22 SUB Hamburg, K N 48/303; Klopstock, Briefe IX, 1, Nr. 3; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1573. 23 Vgl. Pape, Autorenhonorare, Sp. 84.

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kommt nicht den Kranz, sondern Nicolovius bot 1000 rth, wie Sie schon wissen werden. Aber Sie [,] Sie sollten der Classicus vor Allen seyn und sinds auch schon und werden's auch immer mehr, wenn Sie nurerst'mal würdig abgewielandet haben." 24 Trotz dieser unerwarteten Entwicklungen ging Göschen auf ein neues Verlagsanerbieten Klopstocks ein, das ihm dieses Mal der Leipziger Professor Christian August Heinrich Clodius im Auftrag des Dichters unterbreitete. Schon bald kann Clodius an Klopstock über den guten Verlauf der Verhandlungen berichten: Anfangs schien er [ = Göschen] mir etwas darüber empfindlich, daß ihm Nikolovius vorgezogen worden war. Aber ich fand bald, nur Eifer und Enthusiasmus (seine eigenen Worte) für Klopstocks Werke, verbunden mit dem wahren Wunsche, sie zu verlegen, sey davon die Ursache [...]. Er gedächte dann eine Ausgabe mit aller typographischen Schönheit, und hier nächst eine wohlfeilere zu veranstalten. Durch seine ersten Versuche [ i. e. bei der Wieland-Ausgabe^ sey er in vielen Stücken gewitziget worden, daher würde diese gewiß noch besser ausfallen, als die vorigen, wenn ihm nur erlaubt würde, lateinische Lettern zu nehmen, da nach seiner Ueberzeugung in keiner anderen Schrift derselbe Grad von Schönheit erreichbar seyn würde. 25 Da Göschen sehr ungern über Mittelsmänner verhandelte, was nicht nur im Falle Goethes zu unangenehmen Folgen geführt hatte, wandte er sich selbst am 21. März 1796 an Klopstock, um die Verhandlungen mit Clodius noch einmal direkt zu bestätigen: „Der Herr Doktor Clodius hat mich [!] in Ewer Wohlgebohrnen Namen die Frage vorgelegt, ob ich Ihre Werke zu verlegen noch gewilliget wäre. Ich bin so frey, Ihnen Selbst diese Frage mit ja zu beantworten und zugleich die Versicherung zu geben, daß ich wünsche Ihnen durch die Ausführung dieses Unternehmens Beweise meiner Verehrung geben zu können und das Lob zu erlangen: ich sey kein unwürdiger Verleger eines der ersten Schriftsteller der Nation geworden." 26 Göschen bittet Klopstock dann um ein genaues Verzeichnis der aufzunehmenden Werke und fordert ihn auf, sein Honorar selbst zu bestimmen. Er schlägt vor, wie bei Wieland ein Pauschalhonorar zu vereinbaren: „Eine Krähmerei nach Bogen ist für uns Beyde unwürdig." Göschen empfiehlt noch einmal nachdrücklich, Antiqualettern zu verwenden, die namentlich im Ausland besser gelesen werden könnten. Göschen führt hier dieses wichtige Argument zum ersten Mal ausführlich aus: Schon der einzige Grund, daß Sie mehr als irgend ein deutscher Schriftsteller von den Engländern gelesen werden, außerdem, daß die Wielandischen Werke, trotz aller Furcht wegen der lateinischen Lettern, über meine Erwartung gehen, auch Ramlers Werke jetzt mit lateinischen Lettern gedruckt werden,

24 Ex.: DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe A, Gerning, Brief 2, S. 1; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1615. 25 Ex.: SUB Hamburg, KN 48/139, Erstveröffentlichung bei Pape, Klopstock, Sp. 169f. 26 Ex.: SUB Hamburg, K N 48/304; Klopstock, Werke und Briefe IX, 1, Nr. 40; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1728.

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neigen mich zu der Wahl der lateinischen Lettern. Nach den Regeln der Schönheit können wir das eckigte und kolbige der deutschen Lettern dem Runden der lateinischen unmöglich vorziehen; charakteristisch für Deutschland ist sie auch nicht: denn die Engländer haben die nemliche Schrift gehabt und verworffen. Man hat behauptet, die deutschen Lettern wären beßer für die Augen, die lateinischen schädlich; aber beyde müssen nur gut gedruckt werden, so, daß der zarte Strich zart und der starke Strich mit voller Kraft, das ist von Farbe ganz bedeckt und doch scharf dastehet, und die Abwechslung von starken und schwachen Strichen wird dem Auge mannichfaltig und wohltuend, in der lateinischen so gut als in der deutschen Schrift Aber diese Art zu drucken ist schwehr und wenig Buchdrucker verstehen sie. Göschen zeigt sich optimistisch, den Druck von Wielands Werken bereits 1797 abschließen zu können und schlägt Klopstock vor, dann sofort seine sämtlichen Werke zu veröffentlichen. Die Zusage erfolgte postwendend am 26. März. Klopstock antwortete kurz, aber verbindlich: „Ihr Brief hat mir Vergnügen gemacht. Ich habe Sie zwar nicht verkannt; aber ich habe Sie durch Ihren heutigen Brief als einen Mann kennen gelernt, der meiner Hochachtung werth ist. Ich bitte Sie, sich als den Verleger meiner Schriften anzusehen. Denn ich bin überzeugt, daß wir, ohne Schwierigkeiten, wegen unsers Kontrakts werden einig werden." 27 In einer Ergänzung zu diesem Schreiben entscheidet sich Klopstock sofort für die Antiqua, 28 bittet jedoch, die Spatien zwischen den einzelnen Buchstaben zu verringern im Unterschied zu den Proben aus Wielands Schriften: „Der Abdruk meiner Schriften wird dadurch schöner als der Wielandischen werden, daß kein Wort mit weiter aus einanderstehenden Lettern (ich habe vergessen, wie es die Drucker nennen) vorkommen soll." Er wünscht Kupfer aufzunehmen, will aber ihre Zahl dem Verleger überlassen. Als Honorar erbittet er 3000 Taler. Am 6. April 1796 bestätigt Göschen Klopstock diese Verabredungen. 29 Doch schon einen Monat später tauchen Schwierigkeiten auf. In einem ausführlichen Schreiben vom 18. Mai 1796 teilt Göschen Klopstock unmißverständlich mit, daß er nicht bereit sei, Kommentare und Anmerkungen von Carl Friedrich Cramer mit in die Ausgabe aufzunehmen, wie es ihm dieser bei einem Besuch auf der Messe angeboten habe. 30 Gravierender noch aber war, daß sich der Autor nicht um die Klärung seiner Verlagsrechte bemüht hatte und sich nun seine früheren Verleger, Karl August Schwetschke, der Teilhaber der

27 Klopstock, Werke und Briefe IX, 1, Nr. 43; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1733. 28 Klopstock hatte bereits 1750 seinen Verleger Hemmerde gebeten, für die Messias-Ausgabe „lateinische Lettern" zu verwenden, war aber auf Grund von Bedenken Hemmerdes wegen mangelnder Absatzchancen von seinem Vorschlag abgerückt, vgl. den Briefwechsel Klopstocks und seiner Eltern mit Karl Herrmann Hemmerde und Georg Friedrich Meier. Mitgetheilt von Franz Muncker. In: Archiv für Literaturgeschichte Bd. 12 (1884), S. 225-288, hier S. 239. 29 Ex.: SUB Hamburg, K N 48/305; Klopstock, Werke und Briefe IX, 1, Nr. 45; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1740. 30 Vgl. dazu Böttigers Bemerkung in seiner Verlagsgeschichte, Kap. II, 1, Anm. 81.

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Hemmerdeschen Buchhandlung, und der Hamburger Verleger Benjamin Gottlob Hoffmann an Göschen mit Schadenersatzforderungen gewandt hatten. Göschen lehnt es ab, mit seinen Kollegen selbst zu verhandeln: „Ich bin mit diesen beyden Handlungen zu sehr in Geschäften verflochten; ich bin überhaupt mit zu vieler Arbeit belastet, um mit Ruhe und Glück einen Prozeß über Verlagsrecht aus zu führen. Wieland hatte ausdrücklich der Weidemannischen Handlung in vorigen Zeiten erklärt: er verkaufe ihr seine Werke nur für eine Auflage und ließ sich deshalb für seine schönsten Geistesfrüchte nur einen bis zwey Ducaten für den Bogen bezahlen. (...) Daher muß ich Sie bitten, es zu einer Bedingung gelten zu lassen, daß ich Ihre sämtlichen Werke nur dann drucke, wenn kein Buchhändler Ansprüche daran machen kann." 31 Diese ungeklärte Rechtssituation führte fast ein Jahr lang zu einem umfangreichen, rechtlich diffizilen Briefwechsel, in den sich zum Schluß auch Göschen einschaltete. 32 Parallel dazu beginnen aber bereits im September 1796 die ersten Satzarbeiten. Die sehr umfangreiche Korrespondenz zwischen Göschen und Klopstock, zwischen Göschen und Böttiger, der Korrekturbogen las und Anmerkungen für die Oden erstellte, zwischen Böttiger und Klopstock selbst, zwischen Göschen und seinem zuständigen Lektor Seume sowie zwischen Seume und Klopstock, um nur die wichtigsten Beteiligten zu nennen, verdient eine eigene, detailliertere Darstellung, als sie in diesem Rahmen geboten werden kann. 33 Die entscheidenden Phasen der Zusammenarbeit werden jedoch im folgenden skizziert, wobei verschiedene Briefe erstmals publiziert werden. Der Briefwechsel kreist um drei Probleme, zunächst um Fragen der Orthographie, dann um Fragen der typographischen Gestaltung und schließlich um Fragen der Kommentierung einzelner Passagen. Der unter der Last der Ansprüche leidende Lek-

31 Ex.: SUB Hamburg, KN 48/307; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1759. 32 Diese Verhandlungen zeichnet Pape, Autorenhonorare, Sp. 171-177 nach. 33 Die Briefe sind bisher nicht in der Klopstock-Briefausgabe erschienen. Sie befinden sich zu einem großen Teil in der SUB Hamburg, Klopstock-Nachlaß; weitere Briefe im Nachlaß von Viscount Goschen im DBSM in Leipzig. Goschen hatte für seine Arbeit Abschriften von den Briefen erstellen lassen und zum Teil (wohl um die eigene Lektüre zu vereinfachen) zahlreiche Briefe setzen lassen. In der Göschen-Briefsammlung im DBSM befinden sich daher auch zwei Druckbogen mit 32 Briefen Klopstocks oder seiner Frau an Göschen. - Der Briefwechsel zwischen Klopstock und Böttiger befindet sich darüber hinaus in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und im Böttiger-Nachlaß im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Der Briefwechsel Klopstock-Böttiger ist von Harald Thomas Betteridge zu Beginn der siebziger Jahre ediert worden. Das Manuskript der bisher nicht veröffentlichten Briefedition befindet sich in der Abteilung Buchgeschichte der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Es müßte grundlegend revidiert und ergänzt werden, wenn es heute publiziert werden sollte. Das Verhältnis Klopstocks zu seinen Verlegern bedürfte, auch über die Arbeiten von Pape und Ludwig Sickmann (Klopstock und seine Verleger Hemmerde und Bode. In: AGB III, 1961, Sp. 1473-1610) hinaus, einer eigenen fundierten Untersuchung, vergleichbar der Arbeit von Ungern-Sternbergs über Wielands Verhältnis zu seinen Verlegern. Die von Christiane Boghardt in den siebziger Jahren begonnene Dissertation zu diesem Thema wurde leider nicht zu Ende geführt.

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tor Seume schrieb: „Ich halte es für eine meiner herkulischen Arbeiten, daß ich Klopstocks Oden noch so gemacht habe, wie sie gemacht worden sind, denn sie sind in jeder Rücksicht das schwerste Werk der Typographie im Hinblick auf Korrektheit, ausgenommen mathematisches Zahlenwerk." 34 Das Bestreben um möglichste Korrektheit zieht sich durch die Verlagsgeschichte der Werke Klopstocks. Bereits in der Selbstverlagsanzeige seiner Messias-Ausgabe von 1753 kündigte Klopstock an: „Da diese Ausgabe unter der Aufsicht des Verfassers gedruckt wird, so dürfte sie vielleicht die correcteste seyn, die jemals gemacht wird." 35 In dem Subskriptions-Plan zu seiner Deutschen Gelehrtenrepublik von 1773 verspricht Klopstock „so correcte" Ausgaben, „daß, wenn man fortfährt, wie ich anfangen will, Correction künftig das Unterscheidungszeichen der Subskriptionsbücher und der Verlagsbücher seyn wird." Das Problem der weitgehend ungeregelten Orthographie ist Grund zur ständigen Klage bei allen Betroffenen, auf Seiten von Klopstock wird auch noch Professor Clodius in das Korrekturverfahren eingeschaltet. Generell gibt Klopstock die Direktive: „Man muß sich gleich bleiben. Wenn man z. E. einmal Strohm geschrieben hat, so muß man andernwärts nicht Strom schreiben." 36 Göschen plädiert für eine konservative Orthographie, die so wenig wie möglich Neuigkeiten aufnimmt: „In Rücksicht der Orthographie bin ich ein verstockter Ketzer. Ich glaube, sobald eine Nation an ihre Orthographie gewöhnt ist, muß man sie dabey laßen und durch keine Neuerung Stohren, sonst stöhret der todte Buchstabe den Geist." 37 Göschen ist in dieser Zeit ja nicht nur mit der Drucklegung der Werke Klopstocks befaßt, sondern hat auch Mü hen mit den Manuskripten anderer Autoren. Ironisch schreibt er an seinen Freund Böttiger im Dezember 1796:38 „Alxinger schreibt mir heute über Voß ,Er wird mit seinem Griegischen Deutsch alle Tage närrischer - und er räusperte Blut aus, purpurnes' - Voß schreibt ein Deutsch jetzt, elendes." Schwierigkeiten bereitete Göschen allerdings nicht nur die Orthographie, sondern auch der Text selber. Am 25. Februar 1797 bittet er Böttiger um Aufklärung über einige Oden: „Die Oden von 1782 sind schwehr an Gehalt, aber auch schwehr zu verstehen. Das muß ein dunkles Jahr gewesen seyn und dem armen Klopstock viele Krämpfe gemacht haben. Die Ode Delphi soll freylich ein dunkles Orakel seyn; aber was zu arg ist, ist doch zu arg. Die Singularen und Pluralen liegen da so verwirrt durcheinander, es fehlen so viele Artikel, Verbindungen, daß man nicht weis, woran man sich zu halten hat. Ich habe dise Ode abgeschrieben und Klopstock gefragt, was die Pythia wohl meint in drey oder vier Strophen?" 39 An Klopstock wendet er sich dann am 11. März 1797 mit der Bitte um einige Verdeutlichungen: „Ich meinestheils

34 Vgl. Planer/Reißmann: Johann Gottfried Seume, S. 200. 35 Zitiert nach Pape, Autorenhonorare, Sp. 217. 36 Klopstock an Göschen vom 15.10.1796, Klopstock, Werke und Briefe IX, 1, Nr. 59; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1802. 37 Göschen an Klopstock vom 22.11.1796, Ex.: SUB Hamburg, KN 48/311; Klopstock Werke und Briefe IX, 1, Nr. 67; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1832. 38 Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. Dresd. h 37. 39 Göschen an Böttiger vom 25. Februar 1797, Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. Dresd. h 37, Bd. 59, Nr. 14; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1900.

3 Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig 137 weiß, als Bremer, recht gut was Kielholen, Eule, Lotse ist; aber ich wette in ganz Sachsen sind nur wenige, die das auch wißen. Sie haben die Oden nicht für mich gedichtet, das begreife ich; aber ich versteh sie doch alle bis auf eine. Diese möcht' ich doch auch ganz verstehen, da sie mir, nach dem, was ich davon verstehe zu urtheilen, eine götliche Ode ist. Es ist die 37. Delphi." Die Fragen selbst sind leider nicht erhalten, da sie auf einem Beilageblatt lagen. Eine entsprechende Antwort Klopstocks hat sich nach meiner Kenntnis ebenfalls nicht erhalten. In der Korrespondenz gewinnen die detaillierten Angaben über die Arbeit der Kupferstecher im Laufe des Jahres 1797 immer mehr an Gewicht Klopstock ist auch in diesem Punkte sehr genau, und übt Kritik an einzelnen Körperhaltungen, Blickrichtungen u. a. 40 Mitten in der Arbeit an den Oden kam der Umzug der Druckerei von Leipzig nach Grimma, direkt nach der Ostermesse. Auf eine Mahnung von Klopstock nach neuen Bogen antwortet Göschen am 28. Juni 1797: „Ich besitze einen Bauernhof bey der Stadt Grimma, drey Meilen von Leipzig. Dort lebt den Sommer über meine Familie, und ich suche dort immer während dem Sommer Erholung durch reine Bergluft und durch Arbeiten im Felde, Wald und Garten. Um das ohne Vernachläßigung meines eigentlichen Berufes genießen zu können, hab ich diesen Tagen meine ganze Druckerey nach Grimma verpflanzt [...] Bald sollen Sie wieder Bogen Oden und schönere Bogen haben." 4 1 Der Ort Grimma inspiriert Göschen auch zu einem ungewöhnlichen Vorschlag, um die Druckfehlersuche noch erfolgreicher durchführen zu können. Er überlegt, die Druckbogen öffentlich in der Grimmaischen Fürstenschule anschlagen zu lassen und bei den Schülern der Prima Preise für jeden gefundenen Druckfehler auszusetzen. Dieses ungewöhnliche Verfahren fand aber nicht die Billigung der dortigen Lehrer. 42 Gerade rechtzeitig zur Ostermesse 1798 erschien die Ausgabe der Oden. Klopstock dankte mit einem Schreiben vom 22. Mai: „Ich habe es Ihnen, LG., schon mehr als Einmal gesagt, aber es ist mir angenehm, es zu wiederholen: Ihre große Ausgabe ist vortreflich. Sie wissen's gewiß auch noch genauer als ich, daß nicht wenig andere dieser meiner Meinung sind." 43 Trotz der Freude über den ersten erschienenen Band enthält der Brief gleich wieder eindringliche Klagen über den Lektor Seume, der einen „gigantischen Druckfehler" übersehen hatte. 44 Und Göschens erstes Schreiben

40 Vgl. dazu u. a. Robert Bocksberger: Ungedruckte Briefe von Klopstock. In: Archiv für Litteraturgeschichte II (1872), S. 345-354. 41 Ex.: SUB Hamburg, KN 48/320; Klopstock Werke und Briefe IX, 1, Nr. 112; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1981. 42 Dieser Vorschlag war auf die Gegenliebe von Klopstock gestoßen, der am 7. Februar 1798 Göschen sein volles Einverständnis mit diesem Verfahren mitteilt; Ex.: DBSM, GöschenSammlung, Gruppe A, Klopstock, 24; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.2107. 43 DBSM, Göschen-Sammlung, Druckbogen der Briefe Klopstocks; Klopstock, Werke und Briefe EX, 1, Nr. 201; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2153. 44 Der Fehler ist nicht exakt rekonstruierbar, da sich Klopstock in seinen Briefen oft auf Korrekturbogen bezieht, die nicht erhalten sind. Klopstock fährt in seiner Klage fort: „Ich hatte ja so flehentlich gebeten, die Ode aufzusuchen, zu der die Anmerkung gehörte. Diese Bitte steht, mich deucht mehr als einmal, in den Briefen an Sie".

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nach der erfolgreichen Publikation beginnt mit dem Versprechen: „Der Meßias soll beßer werden als die Oden. Denn ich habe eine noch viel zartere angenehmere Schwärze zur Druckerfarbe herausgebracht." 4 5 D e r Anfangsverkaufserfolg von Klopstocks Quartausgabe war nicht gut. Im August 1798 teilt Göschen Klopstock mit, d a ß er bis jetzt erst 45 Exemplare verkauft habe. D e r Absatz der Oktavausgabe muß in den ersten Monaten allerdings besser gewesen sein, denn es existieren mehrere Doppeldrucke, die Göschen wohl hatte anfertigen lassen, um eine gesteigerte Nachfrage decken zu können. 4 6 Die vier Bände des Messias erschienen im J a h r e 1800, der siebte (und letzte) Band der Quartausgabe 1804. D e r e i f t e und zwölfte Band der Oktavausgaben konnten erst 1816 und 1817 erscheinen. Göschen hatte lange J a h r e vergeblich gehofft, die Hinterlassnen Schriften der M e t a Klopstock gemeinsam mit einer Vita Klopstocks aus der Feder von Carl Simon Morgenstern veröffentlichen zu können. 4 7 Nach Klopstocks T o d im J a h r e 1803 erbat seine Witwe auf Vermittlung von Christoph Daniel Ebeling einen neuen Vertrag, um die weitere Edition festzuschreiben und eine mögliche zweite Auflage zu vereinbaren. Obwohl Göschen dazu vertraglich nicht verpflichtet war, willigte er ein, den Erben erneut 500 T a l e r zu zahlen. 4 8 1823 gab Göschen noch einmal eine Ausgabe von Klopstocks Sämtlichen Werken im Sedez-Format als sogenannte wohlfeile Taschenausgabe in 16 Bänden und in Fraktur heraus.

3.3

Corpus scriptorum

latinorum

Meine Verbesserungen der Typographie möchte ich nun gern praktisch zeigen in einer Bibliothek der lateinischen Klassiker für den Mann von Geschmack, nicht für den Philologen; ich muß hinzusetzen: für den begüterten Mann von Geschmack, der gern seine Meubles und seine Wohnung, mithin auch seine Bibliothek gern elegant hat. Ich höre Sie arbeiten an dem Terenz. Haben Sie dazu schon einen Verleger, so schweig ich; haben Sie noch keinen, so frag ich, ob Sie ihn für diese Bibliothek bestimmen wollen. 4 9

45 Göschen an Klopstock vom 4. Juli 1798, SUB Hamburg, KN 48/334; Klopstock, Werke und Briefe IX, 1, Nr.208; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.2175. 46 Vgl. Boghardt, Die zeitgenössischen Drucke, Nr. 9. 47 Vgl. dazu Füssel, „Ich versage mir jetzt das Vergnügen, Ihr Verleger zu sein...", S. 20. 48 Vgl. den Vertrag Klopstock/Göschen vom 27.9.1803 im DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe G. - Vgl. Pape, Autorenhonorar, Sp. 185 ff. - Nach dem Abschluß schrieb Göschen am 27. Okober an Böttiger: „Die Frau Klopstock hat mir auch Krämpfe genug gemacht. Endlich bin ich mit ihr aufs Reine, und bin des herzlich froh", vgl. Gerhardt, Briefwechsel, S. 158; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2746. 49 Göschen an Böttiger vom 4. März 1796; Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. h 37, Bd. 59, Nr. 3; Kopie im DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe B; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1721.

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In diesem Brief vom 4. März 1796 teilt Göschen seinem Freund Böttiger zum ersten Male etwas von dem Plan mit, neben der Wieland- und der gerade beginnenden Klopstock-Ausgabe nun auch die „vorzüglichsten Werke der lateinischen und griechischen Classiker" in verschiedenen Ausgaben zu verlegen. Göschen ist sehr optimistisch, eine solche Ausgabe römischer Dichter rasch verwirklichen zu können, da ihm Christian Viktor Kindervater eine Ausgabe des Lukrez und August Wilhelm Schlegel die Herausgabe von Catull, Tibull und Properz angeboten hätten. Göschen erfüllt sich mit dieser Ausgabe selbst einen Lebenstraum: „O, wie wohl ist mir, wenn ich manchmal des Abends nach der Arbeit noch mein beatus ille qtti procul negotiis50 in meiner Laube zusammenstoppeln kann! und wie schmerzt es mich, daß mein Konrektor nicht mehr Latein in einem ganzen Jahr in mich hineingebläuet hat" 5 1 Böttiger teilte Göschens Begeisterung. Sein Brief ist nicht erhalten, am 15. März antwortete ihm aber Göschen erfreut: „Sie, mein verehrungswürdiger Freund, haben meinem rohen Projekt einen schönen Geist eingehaucht und es meiner innigsten Liebe würdig gemacht. Mit dieser Liebe will ich - das ist nun fest beschlossen - dasselbe ausfuhren, wenn Sie die Redaktion des ganzen Geschäfts übernehmen wollen." Göschen bietet damit Böttiger die Herausgabe der Klassiker-Ausgaben an und konkretisiert seine Überlegungen über die mögliche Buchgestaltung: „In Rücksicht der Typographie haben Didot und Bodoni unendlich viel geleistet; aber sie sind zu teuer. Der Horaz von Bodoni kostet jetzt 70 Dukaten. Meine Absicht ist daher, keine Prachtausgaben, sondern elegante Ausgaben zu liefern, die zwar ohne Luxus sind, aber in dem Geiste der Alten Simplicität, Schönheit und Korrektheit haben. - Ausgaben, zu denen der sparsame Deutsche, welcher Mittel hat, solche anzuschaffen Lust bekommt" 5 2 Die Einschränkungen im Handel durch die Wirren des ersten Koalitionskrieges ließen Göschen vor zu splendider Ausstattung zurückschrecken, dennoch plante er die Werke in typographischer Vollendung: „Es muß dabey deutsche Geduld und Fleiß bemerkbar, aber keine Pracht seyn. Einfach, nett, schöne Farbe, gute Lettern, schwarz und kräftig gedruckt auf schönes Papier, das ist das was ich zu leisten gedenke." 53 Göschen denkt dabei an eine kleine Auflage von ca. 350 Exemplaren, die er in der oben beschriebenen Zielgruppe der begüterten Laien sicher abzusetzen h o f f t Er möchte sich mit dieser Ausgabe nicht in erster Linie an ein Fachpublikum wenden

50 „Glücklich ist der, der fern vom geschäftlichen Leben ist"; Horaz, Epoden 2,1. 51 Göschen an Böttiger vom 4. März 1796, S. 3. 52 Göschen an Böttiger vom 15. März 1796; Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. h 37, Bd. 59, Nr. 4; Kopie im DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe B; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1724. 53 Göschen stellt hier die Kriterien für ein gut gestaltetes Buch zusammen wie sie vergleichbar Giambattista Bodoni in seinem Manuale Tipografico niedergelegt hatte: Regelmäßigkeit der Typen, gutes Papier, gleichmäßige Farbgebung und satte Schwärze des Druckes. Daher sprechen deutsche Bewunderer auch von „bodonischer Schwärze" bei Göschen als höchste Auszeichnung, vgl. Wulf D. von Lucius: Anmut und Würde. Zur Typographie des Klassizismus in Deutschland. In: Von Göschen bis Rowohlt. FS für Heinz Sarkowski. Wiesbaden 1990, S. 33-63, hier S.38f.

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und spricht daher zunächst nur von Übersetzungen ohne Apparat. Er äußert Böttiger gegenüber auch die Hoffnung, Wieland zur Übersetzung des Cicero zu gewinnen. In einer Zweitverwertung möchte er dann einfachere Ausgaben auf billigerem Papier herstellen. Als im Sommer 1796 aber große Teile von West- und Süddeutschland von den Franzosen besetzt werden, muß er seine Pläne überdenken: „Der ganze Streifen Deutschlands, von Düsseldorf bis Basel, ein sonst für uns so nützliches Absatzgebiet, ist jetzt für uns verloren, und wenn Osterreich uns obendrein verloren geht, können wir gerade so gut den Laden zuschließen und als Hausirer Knüttelverse verkaufen, wenn wir Brot zu essen haben wollen." 54 Im stillen wächst jedoch bei Göschen die Idee einer solchen Klassiker-Bibliothek weiter, er plant sogar darüber hinaus eine Ausgabe griechischer Texte. In der eingangs edierten Verlagsgeschichte Böttigers vom November dieses Jahres ist zu lesen, daß Göschen bei der Reise nach Oßmannstedt in Jena mit dem Klassischen Philologen Johann Jakob Griesbach eine Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes verabredet hat, zu der Prillwitz neue griechische Lettern nach Bodoni entwerfen soll: „Dieß soll Vorläufer einer ganzen Suite von griechischen Classikern werden." Die Ausgabe des griechischen Neuen Testaments von Johann Jacob Griesbach verzögerte sich noch einige Jahre, sie konnte erst 1803 bis 1807, dann allerdings in der neuen Griechischtype und in opulenter Ausstattung erscheinen. Mit Böttiger verabredet sich Göschen im am 22. Februar 1798 zu einem weiteren Planungsgespräch: „In der Ostermeße werden wir nun recht ausführlich von unsern römischen Claßikern schwätzen müssen. Haben Sie die Güte doch bey Zeiten sich darauf vorzubereiten." 55 Da Böttiger die Herausgabe nicht allein übernehmen wollte, wandte sich Göschen an den Jenaer Philologen Heinrich Karl Abraham Eichstädt mit der Bitte um Mitarbeit, ohne aber damit die Verhandlungen mit einzelnen Bandherausgebern aus der Hand zu geben. In der Universitätsbibliothek Jena haben sich 34 Briefe Göschens an Eichstädt aus den Jahren 1800 bis 1804 zu diesem Thema erhalten, ebenso eine hochinteressante Setzeranweisung für die Druckerei, die von Eichstädt, Göschen und Christian Gottfried Schütz gemeinsam erarbeitet worden ist.56 Zu den möglichen Herausgebern, mit denen Göschen verhandelte, gehörte der junge Professor Karl Simon Morgenstern, der gerade eine Stelle am Athenäum in Danzig angetreten hatte. Göschen schreibt ihm am 28. Juni 1799: Meine schwerfälligen Unternehmungen mit Wielands und Klopstocks Werken sind jezt ziemlich beendiget und ich rüste mich nun zu der Ausgabe der Claßiker. Erlauben Sie mir, daß ich dabey mich zuerst der Güte erinnere, mit welcher Sie den Horatz zu übernehmen mir Hoffnung machten. [...] Ich bin so frey, anjezt anzufragen, ob Ihre Muße Ihnen erlaubt hat, schon einige Vorbereitungen zu der Ausgabe des Horatz zu machen und, in welcher Zeit

54 Göschen an Böttiger vom 26.7.1796; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1779. 55 Sächsische LB Dresden, Mscr. Dresd. h 37, Bd. 59, Nr. 36; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.2113. 56 Universitätsbibliothek Jena, Sign.: EN 18. 102-104; 107-112; 113-140; vgl. Verlagskorrespondenz, passim.

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meine Hoffnung, disen Schmuck der Römischen Litteratur aus Ihren Händen zu erhalten durch Ihre Güte erfüllt werden kann? [...] Ein schöner Anfang macht die Fortschritte leicht, und ich wünsche, daß der Horatz von Ihnen gleich an der Spitze meiner Unternehmung stünde. 57 Göschens besonderes Interesse an einer Mitarbeit Morgensterns wird dadurch deutlich, daß er ihn auffordert, sein Honorar nach Selbsteinschätzung zu bestimmen. Das Interesse an Morgenstern war nicht unbegründet, da er als ein höchst begabter Nachwuchswissenschaftler galt Er hatte in Halle bei Johann August Eberhard und Friedrich August Wolf studiert und war 1794 zum Doktor promoviert worden; er habilitierte sich noch im gleichen Jahr ebenfalls in Halle. Diese Arbeiten erschienen unter dem Titel Commentationes tres de Piatonis republica; sie wurden unter anderem von Christian Gottlob Heyne in den Göttingischen gelehrten Anzeigen gerühmt und fanden auch die Anerkennung Wielands. 58 Die Hoffnung auf eine baldige Mitarbeit Morgensterns wurde aber enttäuscht, wie sich auch das gesamte Vorhaben zum Teil durch die Wirren des zweiten Koalitionskrieges und zum Teil durch die langsame Arbeit der Editoren um mehrere Jahre verzögerte. In der Korrespondenz Göschens mit dem Hauptherausgeber Eichstädt legt Göschen im April 1801 einen Plan für die Klassiker-Ausgaben in den Jahren 1802 bis 1808 vor. Eichstädt sagte zu, eine Ausgabe Tibulls zu besorgen. Göschen zeigt sich darüber hocherfreut, daß der Reihenherausgeber selbst einen Band übernahm und fordert ihn auf, mit gutem Beispiel für die anderen Beiträger voranzugehen: „Eine unbeschreibliche Freude und neuen Muth geben Sie mir durch das Versprechen des Tibulls. Seyen Sie überzeugt, daß erst von da an, daß Sie erscheinen, Leben, Harmonie, Wetteifer in das ganze Unternehmen kommen wird." 59 Dem klassischen Philologen Karl Friedrich Martini, der unter dem Pseudonym Johannes Alois Martyni-Laguna publizierte, war die Herausgabe von Ciceros Briefen übertragen worden, Ciceros Opera rhetorica hatte Schütz übernommen, den römischen Geschichtsschreiber Eutropius versprach der Rektor Karl Heinrich Tzschucke zu edieren. Die Gelehrten arbeiteten aber langsam. Die umfangreiche Korrespondenz der Jahre 1801 bis 1803 zwischen dem Verleger und seinem Hauptherausgeber Eichstädt, der, ohne die entsprechende Leistung zu erbringen, jährlich 200 Taler erhielt, ist von Sorgen über das verspätete Eintreffen der Manuskripte, der immer wieder thematisierten Frage einer für alle Beiträger verbindlichen Satzanweisung und den Nachrichten über die Fortschritte des Schriftschneiders Prillwitz bei der Verfeinerung seiner Antiqua bestimmt. Göschen beklagt

57 Dieser und 16 weitere Briefe Göschens an Morgenstern haben sich in der Handschriftensammlung der wissenschaftlichen Bibliothek in Tartu erhalten, Sign.: Mrg. CCCXLII, F. 3.; neun weitere Briefe im Archiv der Universitätsbibliothek Tartu: Sign.: F. 4. nim 1 s. Zum Kontext vgl. meinen Aufsatz: „Ich versage mir jetzt das Vergnügen, Ihr Verleger zu sein 58 Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen. 111. Stück vom 12.7.1794, S. 1113-1117; 99. Stück vom 20.6.1795, S. 993-1000. Böttiger kolportiert Wielands Einschätzung vom 30. April 1798: „Er ist mir gerade recht: er ist ein rechtschaffender Mann von feinem Sinn, ein gelehrter Mann", vgl. Stames, Wieland, Bd. II, S.642. 59 Ex.: UuLB Jena, undatiert.

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sich vielfach, d a ß die Professoren ihr H o n o r a r als Vorschuß erhalten hatten und nun mit der Lieferung der Manuskripte im Rückstand blieben. Einzig Karl Heinrich Tzschucke lieferte f ü r 200 Taler H o n o r a r sein Manuskript des Eutropius rechtzeitig. Doch Göschen wußte natürlich, d a ß das Interesse f ü r diesen Geschichtsschreiber weder beim lesenden Publikum noch bei den Lehrern für den Schulunterricht besonders hoch war. E r mahnt daher im April 1801 Eichstädt, möglichst rasch den Tibull fertigzustellen: „Eutropius allein wünscht ich nicht zum Anfange zu geben; sondern in Begleitung eines bedeutenden Dichters. Über dieses halt ich Sie beym Wort: d a ß Sie an die Spitze treten." 6 0 Martyni-Laguna strapazierte in besonderem M a ß e die Geduld und den Geldbeutel Göschens. Enerviert schreibt der Verleger seinem Herausgeber: „Auf Martyni-Laguna rechne ich nicht. Seine Launen und seine Erwartungen erheben ihn über das praktische Leben und über die Kraft eines deutschen Buchhändlers." 6 1 Martyni-Laguna beugt sich aber auch nicht den Empfehlungen des Herausgebers f ü r eine Normierung des lateinischen Textes. Mit Hinweis auf antike Inschriften weigert er sich unter anderem, causa zu schreiben, da es Zeugnisse gebe, d a ß Cicero caussa geschrieben habe. Auch ist er nicht bereit, Differenzierungen von u und v oder i und j in den lateinischen Text aufzunehmen. In zahlreichen Punkten muß ihm Göschen recht geben: „Unterscheidungen von Buchstaben, die die Römer nicht kannten, sollte man ihnen auch nicht aufdrängen [ . . . ] Ich muß jedem seinen Willen lassen. M. L. drucke ich, wie er will; Ihnen [!] wie Sie wollen." 62 Auf Bitten des für die Klassiker-Ausgabe zuständigen Lektors, Magister Gottfried Heinrich Schäfer, stellen Eichstädt, Schütz und Göschen eine sehr detaillierte Setzeranweisung zusammen, die von dem Gebrauch der Kommata, der Schriftgrößen, der Auszeichnungsformen usw. bis zur Normierung des Satzspiegels oder der Einrichtung des Schmutztitels alle Fragen regelt. 63 Am 19. Januar 1803 teilt Göschen Eichstädt erfreut mit, daß Prillwitz nun die neue Schrift geliefert habe: „Alles ist zum Anfange bereit." 64 Auf besonderen Wunsch von Göschen (und Klopstock, wie wir gesehen haben) hatte Prillwitz den Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben eines Wortes verringert. Schütz hatte dies Eichstädt am 2. Oktober 1802 erläutert: „Sowie verschiedene Worte durch deutliche Spaden getrennt werden müssen, so glaubt er dagegen, d a ß es dem Auge wohlthue, d a ß die Lettern eines und desselben Wortes scharf aneinanderstoßen." 6 5 Der Idee einer vollkom-

60 Ex.: UuLB Jena, Göschen an Eichstädt vom 8. April 1801; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2454. 61 Ebd., S. 3; die Klagen Göschens über die Sonderwünsche Martyni-Lagunas bieten genug Stoff für eine Gelehrten-Satire. 62 Göschen an Eichstädt vom 2. Februar 1803, Ex.: UuLB Jena; in diesem Brief teilt Göschen die Bedenken Martyni-Lagunas Eichstädt in vielen Beispielen mit. Der Brieftext ist von dem zuständigen Lektor für die Klassiker-Ausgabe, Magister Schäfer, geschrieben und von Göschen unterschrieben worden. Von Göschens Hand stammt auch der Eintrag, Zeile 31, daß auch Friedrich August Wolf den Buchstaben j im Lateinischen „verwirft". 63 UuLB Jena, ohne Datum, Sign.: E N 18. 102-104. 64 Ex.: UuLB Jena, E N 18. 135; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2686. 65 Ex.: UuLB Jena, Schütz an Eichstädt vom 2.10.1802.

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menen Symmetrie der Seiten und der Harmonie innerhalb der Typographie kamen diese neuen Lettern sehr entgegen. Neben dem Manuskript des Eutropius treffen im Jahre 1803 die Manuskripte von Ciceros Briefen von Martyni-Laguna und der Opera rhetorica von Christian Gottfried Schütz ein. Auch die Edition von Vitruvs De architectura libri decem von Johannes Gottlob Schneider wurde angekündigt. Göschen wünscht aber, seiner alten Idee folgend, daß zunächst die römische Dichtung in dieser Reihe erscheinen sollte: „Der Vitruv hat im Grunde noch keine Eile. Er ist für wenige Leser und kann in der Folge kommen." 66 Er drängt daher den Herausgeber, die versprochene Ausgabe des Tibull zu liefern: »Aber wann wird nun Ihr Tibull kommen? In der That ist die spöttelnde Bemerkung meiner Correspondenz nicht ungegründet, daß der Redacteur an die Spitze treten müsse, um zu zeigen, daß seine Forderungen ausführbar sind und wie sie ausgeführt werden sollten. Bevor ich nicht einen Autor von Ihnen habe, und zwar einen Dichter, kann ich keinen glücklichen Ausgang unserer Unternehmung hoffen." 67 Göschen verweist auf die guten Fortschritte bei der Edition griechischer Texte: „Da lob ich mir Wolf, der hat es noch nie an Manuskript fehlen lassen und deshalb hab ich rasch an seinem Homer fortdrucken können; so daß zu Michaelis schon die Ilias erscheint." Zur Ostermesse 1803 konnte der erste Teil des neuen griechischen Testamentes in der Edition von Johann Jacob Griesbach mit den neuentworfenen griechischen Lettern in einer Prachtausgabe erscheinen. Der erste Band enthält die Evangelien von Matthäus und Markus und wird mit dem Frontispiz „Maria mit Jesuskind" nach Carlo Dolci von A. W. Böhm eröffnet. Zur Ostermesse 1804 erschien die Ilias-Ausgabe von Friedrich August Wolf in einer vierfachen Ausgabe: In einer Prachtausgabe in Klein-Folio, in einer Schulausgabe in Oktav, in einer Taschenausgabe in Oktav auf geglättetem Velin-Papier mit Kupfern sowie in einer Handausgabe auf „sogenanntem geleimten englischen Papier" ebenfalls mit Kupfern. Zu dieser Messe kündigte Göschen in einem eigenen Prospekt den Beginn des Erscheinens des „Corpus scriptorum latinorum" an. Entgegen seiner langjährigen Planung eröffneten nun die Opera rhetorica und die Epistolae Ciceros sowie die Ausgabe des Eutropius die Klassiker-Bibliothek. Göschen wirbt dafür in dem Prospekt: Jetzt ist die erste Lieferung der von Herrn Ober-Consistorialrath Böttiger und Herrn Hofrath Eichstädt angekündigten Ausgaben römischer Classiker erschienen, und wird, wie ich mit Zuversicht hoffen darf, die gerechten Hoffnungen aller unpartheyischen Kenner befriedigen, nicht bloß durch die äußern Vorzüge derselben, sondern auch vornehmlich durch ihren innern Werth. Der Text ist von den gelehrten und scharfsinnigen Herausgebern mit ungemeiner Sorgfalt nicht ohne bedeutenden Gewinn für Sinn und Latinität, kritisch behandelt, wobey zum Theil Handschriften, zum Theil andere noch nicht genutzte Hülfsmittel gebraucht worden sind. Als Beweis dieser Versi-

66 Ex.: UuLB Jena, 18. 107, undatiert [1803]; vgl. Verlagskorrespondenz 2766. 67 Ex.: UuLB Jena, 18. 109 undatierter Brief [1803]; vgl. Verlagskorrespondenz Nr.2765.

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cherung darf ich vorläufig anzeigen, daß Herr Martyni-Laguna den Text der 16 Bücher der vermischten Ciceronischen Briefe in mehr als dreytausend Stellen berichtiget hat. Göschen weist sein Publikum darauf hin, daß der wissenschaftliche Apparat jeweils separat erscheinen soll, es gehe nicht um eine Ausgabe für Philologen, sondern für Verehrer der alten Literatur, welche den Schriftsteller um seiner Gedanken und um des Vortrages willen, nicht mit den Absichten des eigentlichen Philologen, lesen und studiren wollen. 68 Göschen kündigt auch hier jeweils verschiedene Ausgaben an, sowohl eine Ausgabe in Quart „auf sehr schönem geglätteten Velinpapier mit breitem Rande" und kleinere Ausgaben in Taschenformat auf drei verschiedenen Papieren, die preiswerteste Ausgabe für Schulen, die allein den Text enthält Von Eutropius und den Opera rhetorica Ciceros erschienen nur die Oktavausgaben, vom ersten Band der Epistolae Ciceros konnte er aber eine Prachtausgabe anbieten (vgl. Abb.). Die Rezension in der ALZ 69 fiel sehr positiv aus: Offenbar ist die Verspätung nicht zum Nachtheil des Unternehmens ausgeschlagen. Die Reife, welche in der vor uns liegenden dreyfachen Probe herrscht, in welcher die erregten Erwartungen auf eine vollkommen befriedigende Weise erfüllt werden, ist eine günstige Vorbedeutung für ein Unternehmen, das unserem Vaterlande, wo es jetzt allein ausgeführt werden konnte, einen festen und dauerhaften Ruhm verspricht [...]• Von dem Aeußeren dieser Ausgabe zu reden, von der geschmackvollen Einfachheit, welche die grössern, der gefälligen Zierlichkeit, welche die kleinem schmückt, von der Reinlichkeit, die auch in den wohlfeilsten herrscht, endlich von der Correcktheit des Drucks, über welchen die bekannte Genauigkeit des gelehrten Herrn Magister Schäfer wacht, alles dieses möchte bei der bekannten Vortrefflichkeit der Göschenschen Officin unnütz scheinen, und es wird hinreichend sein, mit Einem Wort zu rühmen, was uns jedermann auf unser Wort glauben wird. Diese verheißungsvolle Aufnahme beim kritischen Publikum konnte aber doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der eigentliche Plan, die römischen Dichter in Leseausgaben zur Verfügung zu stellen, durch die Nachlässigkeiten des Hauptherausgebers weiterhin nicht zustande kam. Am 12. Juni 1804 wandte sich Göschen daraufhin an Eichstädt und kündigte ihm seine Zusammenarbeit auf. Die jährlich gewährten 200 Taler Herausgeberhonorar schienen ihm nicht mehr gerechtfertigt. In seinem höflichen Briefstil formulierte es Göschen: „Ich bin weit entfernt zu glauben und zu sagen, daß Sie die ersten 400, die ich bezahlt habe, nicht ver-

68 Verlagskatalog Göschen zur Ostermesse 1804; Ex.: DBSM, Börsenvereinsbibliothek, Sign. Bö D VII 1574. 69 Nr.205 vom 27.8.1804, Sp.385-392; Nr.206, Sp.393-398.

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Abb. 15 Frontispiz zu Cicero: Epistolae. Leipzig 1804. Ex.: H e r z o g August Bibliothek, Wolfenbüttel

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dient haben, aber ich sage bestimmt, daß das, was ich erhalten habe, nicht was Sie getan haben, damit bezahlt ist und daß ich dafür nicht mehr geben kann, weil ich noch nicht weiß, ob ich mit der ersten Lieferung etwas verdienen werde oder nicht, ob ich für meine Arbeit, für mein Capital und für meine Sorgen 200 Reichsthaler verdienen werde." 70 Eichstädt hatte wohl in einem nicht erhaltenen Brief die von ihm geführte Herausgeberkorrespondenz als seinen Beitrag geltend gemacht Göschen nimmt darauf Bezug: Sie bringen die Briefe, die Sie geschrieben haben, mit in Anschlag bey den ersten 400 Reichsthalern. Diese Briefe sind aber bloß die Einleitung zum Geschäft überhaupt, eine Arbeit, die Sie, wie ich die meinige, nebst meinem Aufwand wagen mußte, um zu sehen, ob das Unternehmen gelingen würde, [...]. Sie haben allerdings ein wenig Schuld, daß die Sache so langsam geht, wären Sie mit irgendeinem Autor hervor getreten, die Sache wäre anders gegangen. Wie steht es nun aber eigentlich mit unserm Institut? Ich kann davon noch nichts sagen, die nächste Ostermeße wird es entscheiden. Gelingt sie, so bin ich weder Chikaneur noch feig. Gelingt sie nicht, so hören wir auf. Göschen betont im weiteren Verlauf, daß er nicht gewillt ist, Eichstädt für nicht erbrachte Leistungen zu besolden. Auch würden ihm keine Honorare für künftig erscheinende lateinische Texte zustehen, die er nicht selbst für den Verlag eingeworben habe. Zur Ostermesse 1805 konnte der zweite Band von Ciceros Opera rhetorica in der Oktavausgabe erscheinen, ebenso eine Ausgabe des Empedokles von Friedrich Wilhelm Sturz, deren jeweilige Fortsetzungen zur Ostermesse 1806. 1807 und 08 erschien dann die Ausgabe von Vitruvs De architectura in einer Prachtausgabe, besorgt von Johannes Gottlob Schneider. Die Ausgabe der römischen Dichter konnte Göschen nicht verwirklichen. Er unternahm aber noch einige Versuche, Autoren für sein Vorhaben zu gewinnen. 1805 schreibt er wieder an Morgenstern: „Der Horatz erscheint in meiner Suite der Classiker nicht eher, als bis Sie ihn herausgeben. Eichstädt liefert nichts, weil er zu viel liefern wollte [...]. Ihren Horaz aber möchte ich mit Macht treiben, wenn mich nicht die Achtung zurückhielte, Ihnen etwas zu zu muthen, was Sie belästigen könnte." 71 Um Morgenstern für diesen Plan geneigt zu stimmen, gab Göschen seine ablehnende Haltung auf, weitere seiner jährlichen in Dorpat gehaltenen Festreden zu drucken, von denen er bereits 1805 seine Rede über Winkelmann gedruckt hatte. Im Sommer 1808 erschienen seine Reden der Jahre 1804/05 unter dem Titel Johannes Müller oder Plan im Leben nebst Plan im Lesen und von den Grenzen der weiblichen Bildung.72

70 Göschen an Eichstädt vom 12. Juni 1804, Ex.: UuLBJena, E N 18. 139; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2804. 71 Ex.: Wiss. Bibliothek Tartu, Sign.: Mrg. CCCXLII F3. 72 Ex.: Thum- und Taxis'sche Hofbibliothek Regensburg, Sign.: AW 772; vgl. Verlagsbibliographie 656.

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Göschen begrüßte diesen Text als eine sinnvolle Ergänzung seiner Klassiker-Bibliothek. Mit den von Morgenstern vorgetragenen Thesen über die Bedeutung der Klassiker für die allgemeine Bildung stimmte er vollkommen überein. Im Plan im Lesen warnt Morgenstern die Studenten vor der allgemeinen „Lesewut": „... die Deutschen bilden die ,erste der schreibenden und lesenden Mächte Europens'. Aber was lesen Sie? Doch ihre Classiker? Wie Wenige thun's unter so vielen! Tretet nur auf ein Viertelstündchen in eine Leihbibliothek: ihr werdet hören, was man fordert Blättert nur ein wenig in Meßverzeichnissen und im Intelligenzblatt, welche Bücher öftere Auflagen erleben: ihr werdet sehn, wie weit Verbreitung des Geschmacks unter den Deutschen reicht im Vergleich mit der Vorliebe der Italiener, Franzosen und Engländer für ihre immerfort neu aufgelegten Hauptautoren. Wohl gibt es, was auch August Wilhelm Schlegel sagen mag, eine deutsche Literatur: ein deutsches Lesepublicum giebt es nicht, trotz der Lesewuth. Vor dieser nun soll der Studierende gewarnt seyn von dem Lehrer." Morgenstern ermahnt seine Studenten, nur die besten, die klassischen Autoren zu lesen, wobei er ihnen eine einprägsame Definition gibt: „Classisch hieß hernach alles, was in seiner Art als das Höchste gelten darf: bald in Hinsicht auf das, was da ist wenn man den Begriff steigern wollte, mit Hinsicht auf das, was da seyn soll." Klassische Schriftsteller sind die, „welche rein menschliches Interesse haben, indem sie den ursprünglichen Menschensinn für das Wahre, das Gute, das Schöne, unmittelbar, und nicht jeden besonders, sondern den dreyfachen Sinn zugleich beschäftigen; den Menschen im Menschen aus eignem, höhern Leben zu höherm Leben bilden" (S.67f.). In der Beispielliste finden sich Homer, Sophokles, Pindar, Theokrit, Virgil, Horaz und Terenz, dann Dante, Petrarca, Corneille und Shakespeare, schließlich Klopstock, Goethe, Schiller und Wieland. Bei den Historiographen nennt er nach Herodot, Thukydides, Caesar, Livius und Sallust den Zeitgenossen und Geschichtsschreiber Friedrichs d. Großen, Johannes Müller. Diesem hatte Morgenstern im Jahr zuvor eine eigene Rede gewidmet. Müller diente ihm dabei als Exempel für seine didaktische These, daß das gesamte Leben nach einem festen, unumstößlichen Plan zu organisieren sei. Müller „wußte, was er wollte, und war ganz, was er sein wollte" (S. 37), er hatte früh die Bedeutung seines Lebens erkannt und sich dann - „dürstend nach Verdienst und nach unsterblichem Ruhme" (S. 19) - vollkommen in den Dienst der Historiographie gestellt Morgenstern kam aber selbst nicht dazu, seine Klassikeredition voran zu bringen oder in den ausländischen Bibliotheken wissenschaftlich zu arbeiten, wie er in der Vorrede zu seinem Italien-Reisebericht bekennt: In blühenderen Lebensjahren freylich hoffte der Verf., wenn ihm einst der lang gehegte Wunsch einer literarischen Reise zu befriedigen gewährt würde, dann einen großen Theil seiner Muße während der Reise in Aufsuchung und Vergleichung von Handschriften solcher alten Schriftsteller zu verwenden, mit denen er schon in früheren Jahren vorzugsweise sich beschäftigt hatte: hauptsächlich der Werke Platon's, der philosophischen Werke Cicero's und der Satiren und Episteln des Horatius. Später sah er ein, daß dazu, außer größerer Geduld und einer weniger lebhaften Empfänglichkeit für gewisse andere Gegenstände, als ihm von der Natur zugetheilt wurden, besonders

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ein ungleich längeres Verweilen in fremden Ländern gehöre, sollen Beschäftigungen dieser Art wirklich fruchtbar werden. 73 Göschens ursprünglicher Plan vom Jahre 1796, in seiner auf Antiqua-Satz spezialisierten Leipziger Druckerei eine elegante Leseausgabe der römischen Dichter herzustellen, konnte nicht verwirklicht werden. Zwar konnte er die Typographie verfeinem, sie aber schließlich nur bei den Epistolae Ciceros und Vitruvs De architectura einsetzen. Sowohl die von den Wissenschaftlern edierten Fachprosa-Texte wie auch die Zeitumstände sprachen dagegen; die Prachtausgaben wurden schließlich zugunsten der Oktavausgaben für den Schulunterricht ganz aufgegeben.

3.4

Der Verlag in den Kriegsjahren 1805-1813

„Es ist sehr schwer, jetzt ein Buch in Umlauf zu bringen. Wer kann kaufen, da das Geld für das Brot kaum hinreicht?" 74 Diese resignierten Worte schrieb Göschen am 8. Dezember 1805 an seinen Freund Böttiger, an dem Tag, an dem in Leipzig die Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz eingetroffen war, in der die russischen und österreichischen Armeen von Napoleon geschlagen wurden. Göschen glaubte, daß dieser Sieg Napoleon vor weiteren Eroberungszügen abhalten und sich die Lage in Mitteleuropa wieder stabilisieren werde. 75 Zunächst traten im Jahre 1806 sechzehn süddeutsche Fürsten aus dem alten Reichsverband aus und schlössen sich unter Napoleons Protektorat zum Rheinbund zusammen. 76 Preußen stellte sich auf die Seite Rußlands und Österreichs und zog in einen Krieg gegen Frankreich, der mit dem französischen Sieg in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1807 zur vernichtenden Niederlage Preußens führte. Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen war zuvor dem Rheinbund beigetreten. Zum Lohn wurde Sachsen in ein Königreich umgewandelt und erhielt von Preußen die zum Großherzogtum Warschau geschlagenen polnischen Landesteile.77 Im September 1808 wurde beim Fürstentag in Erfurt der Versuch gemacht, zu einem Ausgleich zwischen den Großmäch-

73 Vorrede der Auszüge aus den Tagebüchern und Papieren eines Reisenden. Erster Band. Dorpat auf Kosten des Verfassers gedruckt bey M. G. Grenzius; Leipzig, in Kommission bey P.G.Kummer 1811-13; Ex.: Thum- und Taxis'sche Hofbibliothek Regensburg, Sign.: LK 1170/1. 74 Göschen an Böttiger vom 8. Dezember 1805, Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. h 37, vgl. Verlagskorrespondenz Nr.2948; vgl. Gerhard, Briefwechsel, S. 185. - Zur Situation des Buchhandels vgl. Goldfriedrich, Geschichte, 4. Bd.S. 1-50; Goschen, 2. Bd., S. 267-288. 75 Vgl. den Nachsatz zum Schreiben vom 8.12.: „Nachdem dieser Brief geschrieben war, erschallen hier Siegesnachrichten, die uns den Napoleon vor der Hand wohl vom Leibe halten." 76 Vgl. die zeitgenössische Darstellung von Karl Heinrich Ludwig Pölitz: Der Rheinbund. Leipzig bei Hinrichs 1811, hier S. 240 ff. 77 Vgl. Monika Senkowska-Gluck: Das Herzogtum Warschau. In: Napoleon und Europa. Hrsg. v. Heinz-Otto Sieburg. Köln/Berlin 1971, S. 221-230.

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ten in Europa zu kommen. Trotz verschiedener Friedensbemühungen lag der Handel in diesen Jahren weitgehend darnieder; die Geldgeschäfte wurden schwieriger, da die Konvertierbarkeit der Münzen nicht mehr sichergestellt war. 78 Die französischen Behörden übten eine harsche Zensur, die den Buchhandel zusätzlich bedrückte. Göschen wußte, daß sich in diesen Zeiten mit einem Klassikerprogramm griechischer und römischer Autoren wenig Geschäfte machen ließen: „... daß ich nicht viel Heil von dem Terenz erwarten kann, das lehren mich die Brüder und der Properz." 79 Zur Michaelismesse 1805 war eine Übersetzung der Lustspiele des Terenz in zwei Bänden erschienen; die Komödie Die Brüder war bereits separat 1802 publiziert worden. Die von Göschen angesprochene Übersetzung der Elegien des Properz von Karl Ludwig von Knebel war 1798 erschienen und, nach dieser Bemerkung, kein Verkaufserfolg. Zur Ostermesse 1805 hatte er die verschiedenen Homer-Ausgaben von Friedrich August Wolf angekündigt, deren Erscheinen sich aber nun bis zur Ostermesse 1807 verzögerte. Daneben verlegte Göschen Ciceros Opera rhetorica, eine Empedokles-Ausgabe, den dritten Band von Griesbachs Griechischem Testament und die Briefausgabe des Plinius. In einem Brief an eine unbekannte Dame vom 12. November 1806 kommentiert Göschen sarkastisch sein Verlagsprogramm: er drucke nichts mehr als „griechisch und lateinisch, daß heißt mit andern Worten, ich höre auf ein Verleger und Buchhändler zu seyn [...]. Meine Söhne mögen an eine Pulvermühle oder an eine Gewehrfabrik denken [...]. Mit Bücher, Journale und Zeitungen schlägt man und erobert man nicht; sonst wären wir Deutschen, die mehr als Überfluß in allen diesen Dingen haben, die Herren der Welt" 8 0 Auch die Herausgabe von Klopstocks Werken verzögerte sich. Der neunte und zehnte Band der Oktavausgabe konnten 1806 erscheinen, aber erst der siebte Band der Prachtausgabe in Großquart. Göschen entschuldigt sich in Anzeigen bei seinem Publikum: „Die für ein solches Unternehmen so ungünstigen Zeiten sind schuld daran, daß diese Ausgabe von Klopstocks sämtlichen Werken mit der wohlfeilen Ausgabe nicht gleichen Schritt hält." 81 Der Oktober 1806 mit der Doppelschlacht von Jena und Auerstädt brachte den Handel völlig zum Erliegen. Göschens Autoren in Jena, Halle oder Weimar waren persönlich betroffen: „Froh war Wolf eben nicht, aber muthig. Er ist nicht geplündert. Desto ärger der gute Schütz! Reinhard hatte alles beiseite weggeschafft. Als er den ersten Schuß hörte, fuhr er davon, und die Franzosen fanden ein leeres Haus, leer von Menschen, leer von Geräth, nur die Mauern [.. .]." 82 Die Folgen waren noch im Dezember zu spüren. Göschen berichtet an Böttiger weiter:

78 Vgl. Crouzet, Kriege, Kontinentalsperre, S. 246f. 79 Brief an Böttiger vom 8.12.1805, S. 2, Ex.: Sachs. LB Dresden, Mscr. h 37; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2948. 80 Ex.: Universitätsbibliothek Amsterdam, Sign.: 70 P 3; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2998. 81 Vgl. die Verlagsanzeige Göschens in: Karl Ludwig von Woltmann: Geschichte des Westfälischen Friedens. Zweyter Theil, 1809, Anhang. 82 Göschen an Böttiger vom 10. Dezember 1806, Ex.: Sächsische LB Dresden, Mscr. h 37; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2999; vgl. Gerhardt, Briefwechsel, S. 190 f.

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II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

Ich lebe noch in einer toten Handlung. Seit den unglücklichen Tagen des Oktober ist der Buchhandel geschlossen. Als ein ehrliebender Bürger habe ich am Zahltage meine Schulden bezahlt. Nach dem Zahltage sollte ich einnehmen. Aber niemand schickt mir Geld, und borgen kann man nicht. Zu weich, um meine verheirateten Setzer und Drucker betteln zu lassen, behielt ich sie, in der Hoffnung, daß doch nicht alle Zahlungen aufhören könnten. Jetzt hab ich dafür die Sorge. An neue Unternehmungen ist nicht zu denken. 83 1796 hatte Göschen die Zusammenarbeit mit Carl Friedrich Cramer verweigert, der Kommentare zur Klopstock-Ausgabe beisteuern wollte. Bei einer Briefausgabe, die dieser ihm 1806 anbot, hätte Göschen in anderen Zeiten vielleicht doch zugestimmt, so aber sagte er ihm wieder unmißverständlich ab: „Als >ch Ew. Wohlgeb. Brief erhielt, verbreitete sich zugleich die Nachricht von dem politischen Ungewitter, welches über Deutschland schwebt. Ich wollte es erst erwarten, bevor ich antwortete. Jezt nur ist es ziemlich zum Ausbrechen. Bevor dieser Himmel nicht wieder rein ist, kann ich keine Verbindlichkeit eingehen, da ich nicht weis, ob sie zu erfüllen ist Ich kann nicht sagen, ob ich Ostern 1807 noch existire. Meine baufällige Gesundheit kann nicht viele Stürme aushalten. Meine kostbaren Unternehmungen sind alle in einen unglücklichen Zeitpunkt gefallen, und ich habe wenig dabei gewonnen, wenngleich nichts verloren. Ich lebe von meiner Arbeit, und wenn meine Arbeit gehemmt wird, so bin ich arm, bis ich wieder arbeiten kann. Sie sehen aus allem diesem, daß bis Ostern 1807 mit mir nichts anzufangen ist. Wird dann Friede; so werd ich wieder thätig werden." 84 Auch anderen seiner Autoren muß Göschen Absagen erteilen; Carl Simon Morgenstern, der Göschen um eine zweite Auflage seiner Festrede über Johann Winkelmann, die 1805 in gediegener Ausstattung und in der Prillwitz-Antiqua bei Göschen erschienen war, nachsucht, bescheidet Göschen negativ: „Auf dise 2te Auflage mache ich keine Ansprüche. Sie haben völliges Recht, damit zu schalten und zu walten nach Ihrem Belieben."85 Er werte es als ungünstiges Zeichen, daß die Klassiker-Ausgabe, die ein vergleichbares Publikum anspreche, zur Zeit keine Käufer finde. Die Quartausgabe müsse er wohl einstellen, „da das Publikum mich nicht im Geringsten dabey unterstützt. Vielleicht eröffnet sich Absaz nach England, wenn Frieden wird." Bei dieser Einschätzung der resignativen äußeren Situation verwundert eine verlegerische Entscheidung von Göschen kaum, die in der Forschungsliteratur einiges Kopfschütteln verursacht hat. Durch einen Brief-Neufund können wir eher verstehen, warum Göschen 1808 die Herausgabe von Heinrichs von Kleist Phoebus abgelehnte. Kleist hatte sich mit einem Schreiben vom 7. Mai 1808 an ihn gewandt. 86 Göschen hatte Kleist im Februar 1803 persönlich kennengelernt, als er mit einem rühmenden

83 Ebd., S. 191. 84 Göschen an Friedrich Cramer vom 4. Oktober 1806; Ex. angeboten in der Auktion 252 von Hauswedell und Nolte, Nr. 934; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2994. 85 Ex.: Wissenschafdiche Bibliothek Tartu, Sign.: Mrg. CCXLII, F 3; 9. Uber den Zusammenhang vgl. Verf.: „Ich versage mir jetzt das Vergnügen, Ihr Verleger zu sein S.lOf. 86 Bayerische Staatsbibliothek München, Brief Kleists vom 7. Mai 1808, Sign.: Autogr. Cim.

3 Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig 151

Empfehlungsschreiben von Wieland („Ich lernte ihn näher kennen, fand an ihm einen jungen Mann von seltnem Genie, von Kenntnissen und von schätzbaren Karakter") 87 bei ihm vorsprach. Christian Gottfried Körner hatte sich darüber hinaus am 17. Februar 1807 an Göschen gewandt mit dem Angebot, Kleists Amphitryon und „zwei andere" Stücke zu verlegen. Körner spart nicht mit lobenden Worten: „Herr von Kleist [...] hat einen Amphitryon in Jamben gemacht, der sich besonders durch den Schwung und die Hoheit auszeichnet, womit die Liebe Jupiters und der Alkmene dargestellt ist Auch ist das Stück reich an komischen Zügen, die nicht von Plautus oder Moliere entlehnt sind. Der Verfasser ist jetzt als Gefangener in eine französische Provinz gebracht worden, und seine Freunde wünschen das Manuskript an einen gutdenkenden Verleger zu bringen, um ihm eine Unterstützung in seiner bedrängten Lage zu verschaffen." 88 Der Absagebrief Göschens an Kleist ist nicht erhalten. Als eine mögliche Erklärung kann neben den allgemeinen Zeitumständen aber ein bisher unbeachteter Brief 89 Göschens an Böttiger gelten, in dem er sich sehr kritisch über literarische Höhenflüge auf dem Hintergrund der trostlosen Realität aussprach: „Ich fühle es lebendig, daß alles Bestreben, uns in einen kalten Schatten zu versetzen, vergeblich seyn wird, wenn uns nicht eigene Thorheiten blind machen. Dafür wollen wir uns hüten. Über dieses erscheint ja Phoebus mit seinen Pfeilen und in seiner Gesellschaft ein Dutzend anderer Götter und Halbgötter aufs Neue am papiernen Himmel. Ich fürchte fast, wir werden von der Strahlenmasse geblendet werden, ein Theil der Menschen ist schon blind geworden, und tappt im Schönen herum wie die Kinder bei der blinden Kuh." 90 Es ist mehr als die vermeindiche Arroganz der Schriftsteller gegenüber der traurigen Realität, die Göschen zu dieser kritischen Einstellung f ü h r t Das Selbstverständnis der Herausgeber des Phoebus ließ keine andere Zeitschrift daneben gelten, sie unterstellten sie direkt der universalen Zuständigkeit des Gottes der Künste und dem Musenführer Apollo. 91 Sie nahmen für sich in Anspruch, die Kunst als Ganzes zu repräsentieren: Heinrich von Kleist war für die Poesie zuständig, der Maler Ferdinand Hartmann für die bildende Kunst und für die kunsttheoretisch-philosophischen Bei-

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Kleist; abgedruckt in: Heinrich von Kleist Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Helmut Sembdner. 2. Bd.7. Auflage, München 1984, Brief Nr. 133, S. 811 f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3058. Wieland an Göschen vom 24.2.1803, vgl. Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente zu Kleist Hrsg. von Helmut Sembdner. Bd. 1. Frankfurt 1984, Nr. 85, S. 80; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2699. Vgl. Heinrich von Kleists Lebensspuren, Bd. 1, Nr. 169, S. 133 f.; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3009. Der Brief ist Hermann F. Weiss entgangen, der u. a. in der Sächsischen Landesbibliothek danach recherchierte, vgl. Weiss: Neuentdeckte Phöbus-Spuren. In: ZfdPh 108 (1989), S. 162179; über die Reaktion Böttigers auf den Phoebus vgl. ebd. S. 163-7. Ex.: Sächsische LB Dresden, Mcsr. h 37, Bd.60, Nr. 138, vom 1.2.1808; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3045. Vgl. Ernst Osterkamp: Das Geschäft der Vereinigung. Über den Zusammenhang von bildender Kunst und Poesie im Phoebus. In: Kleist-Jahrbuch 1990, S. 51-70.

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träge Adam Müller. Göschen mußte es befremden, daß die in der klassizistischen Kunsttheorie selbstverständliche Grenze zwischen bildender Kunst und Poesie überschritten wurde, was schon bei den ersten Phoebus-Anzeigen zu deutlicher Kritik geführt hatte. Gerade sein Freund Carl August Böttiger hatte bereits am 16. Januar 1808 in einer Satire in der Spenerschen Zeitung zum Schutz gegen den Phoebus einen Schirm empfohlen, zu dessen Anfertigung „die veraltete Kritik der reinen Vernunft und die ungelesenen Lessingschen und Winkelmannschen Schriften angewendet" werden sollten. 92 Adam Müllers Vorlesungen über das Schöne im Phoebus sieht Göschen besonders kritisch, dazu die Intention der Herausgeber, alle anderen klassischen und romantischen Zeitschriften zu übertreffen, die mit nicht minderem Selbstverständnis sich bereits Pantheon, Hören, Propyläen oder Athenaeum nannten. In einer Zeit, in der Göschen vielen Autoren absagen mußte, da er ihre Werke nicht absetzen konnte, entschied er sich zur Herausgabe von drei unterschiedlichen Almanachen und Kalendern, um seine Druckerpressen in Grimma zu beschäftigen und das Publikum mit aktueller, kurzweiliger Lektüre zu unterhalten. Sein Almanach fiir Weintrinker erschien 1811 in nur einem Jahrgang mit geistreichen Scherzen und historischen Exkursen zur Geschichte des Trinkens. Sein Grimmaisches Wochenblatt fiir Stadt und Land, das er seit 1813 mit zunehmendem Erfolg herausgab, entwickelte sich zu einem Informationsblatt von lokaler Bedeutung (vgl. unten Kap. 8.3). Zunächst aber brachte Göschen zur Michaelismesse 1809 einen Kalender mit dem mutigen Titel Kriegs-Kalender fiir gebildete Leser aller Stände heraus. 93 In einer Vorre de zum ersten Jahrgang führt Göschen als Herausgeber aus, daß ihn die Zeichnungen seines Freundes Johann Heinrich Ramberg der „vornehmsten ausländischen Truppen" zu diesem Kalender angeregt hätten. Der Kalender solle sowohl historische Informationen geben als auch die kriegerischen Begebenheiten der Gegenwart kommentierend begleiten. Im historischen Teil findet der Leser einen Kalender der Ereignisse 1792-94 sowie eine Darstellung der Geschichte Finlands von Friedrich Rühs aus Greifswald, ein Vorabdruck (ohne Anmerkungen) aus Rühs Buch Finland und seine Bewohner, das zur Ostermesse 1809 vollständig bei Göschen erschien. 94 Unmittelbaren Gegenwartsbezug hatte dagegen der Aufsatz Ueber die Ursachen des Verlustes der Schlachten vom 14. Oktober 1806 von Rühle von Lilienstern.95 Göschen hebt in seiner Vorrede hervor, daß dieser Bericht von einem „unparteiischen Augenzeugen" verfaßt worden sei. Rühle betont zunächst die welthistorische Bedeutung dieser Schlacht: „An einem einzigen blutigen Tage ward das Schicksal von Preußen, von Deutschland, von Frankreich, von Europa, vielleicht für Jahrhunderte entschieden." 96 Er übt dann deutlich Kritik an der preußischen Politik: „Ohne sich selbst geholfen zu haben,

92 Heinrich von Kleists Lebensspuren, Nr. 212. 93 Vgl. Verlagsbibliographie Nr. 674, 685 u. 694; er erschien auch unter dem Titel Jahrbuch der Weltbegebenheiten 1809-1811; vgl. die Faksimile-Edition, Leipzig 1984, mit einem Kommentar von Konrad Kratzsch. 94 Vgl. Verlagsbibliographie Nr. 676. 95 Kapitel 5, separat paginiert, 80 S. 96 Ueber die Ursachen, S. 4.

3 Verlag und Druckerei in politischen Krisenzeiten bis zur Völkerschlacht bei Leipzig 153

schadet man allen andern, und machte sich ganz Europa verhaßt und verächtlich" und schließt mit der Beurteilung: „Das Unglück ist geschehen. Möchte es dazu gedient haben, denen die Augen zu öffnen, welchen es annoch vergönnt ist, aus fremdem Unglück zu lernen." 97 Kolorierte Aquatintaradierungen nach Vorzeichnungen Rambergs zeigen Uniformen verschiedener Truppen: Spanier, Russen, Franzosen, Polen, Engländer, Kosaken. Daneben finden sich auf Falttafeln Karikaturen ebenfalls von Ramberg, die in deutlicher Anlehnung an die Bildsatiren Hogarths die Eigenheiten des Soldatenlebens parodieren (vgl. Abb.). Der zweite Jahrgang 1810 nimmt mehrere kleinere Beiträge auf und wird stärker als der erste Jahrgang von Beiträgen des Herausgebers Göschen selbst geprägt. Nach zwölf farbigen Radierungen folgt ein Bericht über die Begegnung Napoleons mit Wieland am 6. und 7. Oktober 1808 in Weimar aus der Feder Böttigers. 98 Dieser Artikel ist von einer glühenden Wieland-Verehrung gekennzeichnet, der diesem von beiden Gesprächspartnern deutlich den ersten Rang zubilligt: „Kannte der Kaiser Napoleon den Mann, der da vor ihm stand, ganz? Wußte er, wie groß, auf der Waagschale des Geistes gewogen, sein Gehalt und Gewicht sei?"99 Es wird berichtet, daß Wieland das Kreuz der Ehrenlegion erhielt, aber voll patriotischem Stolz gefragt: „Schmücken hier die Orden den Mann, oder schmückt der Mann die Orden?" 100 Wieland selbst war von der Lobeshymne nicht angetan, besonders mißfiel ihm die farbige Aquatintaradierung von J. B. Hoesel nach Schnorr von Carolsfeld, wie Böttiger Göschen enttäuscht mitteilt 101 Göschen kontert aber professionell, daß dies das Schicksal von Berühmtheiten sei, so dargestellt zu werden. 102 Der nächste Beitrag von Karl August Böttiger enthält eine panegyrische Verherrlichung von Friedrich August, König von Sachsen, Herzog von Warschau. Wie auch Göschen bei vergleichbaren Gelegenheiten preist Böttiger Friedrich August als einen guten Landesvater, der „unablässig bemüht ist, seine Kinder zu trösten, ihnen zu helfen, sie zu beglücken, sich selbst durch Künste und Wissenschaften zu vergnü« 103

gen . Weitere historische Beiträge gaben der Historiker Karl Ludwig von Woltmann und Göschens Jugendfreund, der Göttinger Historiker Arnold Hermann Heeren, bei. Ein literarischer Beitrag war Jean Pauls Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziehringen, der bei Göschen zum ersten Mal gedruckt wurde und später in seine Sammlung Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche, 1817 bei Cotta, aufgenommen wurde. Auch der dritte Jahrgang 1811 brachte wiederum eine Mischung von historischen, zeithistorischen und literarischen Beiträgen. Jean Paul gab eine weitere Satire über 97 Kriegs-Kalender, S. 80. 98 Zweiter Jahrgang 1810. Napoleon und Wieland. S. 1-33. 99 Ebd., S.5. 100 Ebd., S. 32. 101 Böttiger an Göschen vom 28.1.1810; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3181; Gerhard, Briefwechsel, S.241 f. 102 Göschen an Böttiger vom 10.3.1810; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 3189. 103 Vgl. S. 33-48, hier S. 47.

154

II Studien zur Verlagsgeschichte 1785-1828

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Abb. 24 Griesbachs griechisches Neues Testament. Evangelium nach Johannes, S. 161 ; Beachte die Versalien Omikron Vs. 32; Kappa Vs. 34; Jota Vs. 35; Sigma Vs. 38; Rho Vs. 39; Eta Vs. 40; Omega, Vs. 40.

6 Göschens Verdienste um die klassizistische Typographie

261

war; als Fremdkörper empfand er auch das Omega, das eine Vergrößerung des gewohnten Kleinbuchstaben war. 42 Die Schwierigkeiten bei den Versalien veranlassen Wolf, für eine generelle Kleinschreibung zu plädieren: „Alles spricht dafür - auch typograph. Schönheit, daß die Zeilen mit kleinen Buchstaben anfangen. Ich bin ganz dafür." 4 3 Mit diesem Vorschlag setzt er sich aber nicht durch, und auch in seiner Homer-Ausgabe finden sich die monierten Versalien. Man beachte My und Alpha in der ersten Zeile sowie Delta in der fünften und neunten Zeile, hier nach den ersten Seiten der Folio-Ausgabe der Uias (Editio splendidissima, 1806). Die Lettern fanden aber auch viel Zuspruch. Johann Gottfried Herder, der Probebogen des Neuen Testamentes begutachtet hatte, schrieb an Böttiger mit höchster Anerkennung: „Die mir auf H m . Göschens Verlangen zugesendeten Bogen der Prachtausgabe des Neuen Testaments habe ich genau durchgesehn, und kann den Typen und der ganzen Einrichtung nicht Lobes genug sagen. Eine so ungezwungene Leichtigkeit und Deutlichkeit legt sich dem Auge dar, mit so viel Symmetrie, Wohlgeschmack und Eleganz verbunden, daß dieser griechische Druck den schönsten in dieser Art den Vorzug streitig machen wird." 44 Der Briefwechsel zwischen Griesbach, Wolf und Göschen zeigt in einzigartiger Weise, wie die Diskussionen um inhaltliche Aspekte und ihre adäquate äußere Gestaltung eine unverbrüchliche Beziehung miteinander eingehen. 45 Beide Gelehrte schätzen den fachkundigen Rat Göschens und sind mit den Ergebnissen überaus einverstanden. Griesbach gratuliert Göschen am 23. Juni 1806 zu der Homer-Ausgabe Wolfs: Wahrlich, etwas prächtigeres und dabey geschmackvolleres von griechischem Druck als dieses Ensemble hat man noch nicht gesehen. Indem Sie durch ein solches vollendetes Kunstwerk hohe Ehre bey der Mitwelt und Nachwelt Sich selbst erwerben, machen Sie zugleich unsrer armen Nation große Ehre, die es so sehr bedarf, daß man ihr zu einiger Ehre behülflich sey. Möge dann auch diese Nation, so viel sie kann, und da sie jetzt leider! so wenig kann, mögen andre Nationen - welche jene so arg teils mißbraucht haben teils noch mißhandeln - sich so dankbar gegen Sie erweisen, wie es so große Aufopferungen für die Ehre der Kunst und der Literatur, unter solchen Zeitumstän-

42 Vgl. Friedrich August Wolf an Göschen vom 9. Dezember 1803; Ex.: Staatsbibliothek zu Berlin, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2760: „Was mich nun noch allein chicaniert, ist das C für I , so wenig ich auch das letztre leiden kann". 43 Ebd. am linken Rand der ersten Seite nachgetragen. 44 Vgl. Johann Gottfried Herder. Briefe. Achter Band. Jan. 1799 - Nov. 1803. Weimar 1984. Bearb. v. Wilhelm Dobbeck und Günter Arnold, S.652. 45 In der Vorrede zum Neuen Testament errichtete Griesbach dem Schriftgießer ein Monument: „Deinde nobis illud contigit, ut scalptore literarum aenearum uteremur Prillwizio, qui Jenae hanc artem summa cum laude exercet, homine acerrimae diligentiae, indolisque ad artem istam excolendam perficiendamque prorsus egregiae", vgl. Novum Testamentum Graece. Lipsiae: Göschen 1803. Tomus primus; vgl. Verlagsbibliographie Nr. 588.

262

III Göschens verlegerische Tätigkeit

den gemacht, verdienen. Ich, mein würdiger Freund, kann Ihnen nur meinen innigen herzlichen Dank sagen. 46 Auch die Homer-Ausgabe Wolfs wurde wohlwollend aufgenommen; Göschen hatte auf Bitten des Herausgebers ein Exemplar der Prachtausgabe der Uias in Folio-Format an den König von Preußen gesandt Wolf erhielt umgehend ein Dankschreiben des Königs mit dem Auftrag, „durch den Verleger baldmöglichst den Landes-Universitäten, zu Halle, Frankfurt, Königsberg, Erlangen und Göttingen, einer jeden ein Exemplar dieser herrlichen Prachtausgabe zusenden zu lassen". 47 Diese hohe Anerkennung blieb natürlich den Zeitgenossen nicht verborgen, die daraufhin Wolf und Göschen gratulierten. Schütz schrieb an den Verleger: „Dafür lobe ich Sie, mein trefflicher deutscher Bodoni-Didot-Ibarra! 48 Was für ein süperbes opus ist ihre Prachtausgabe des Homer! Es ist doch schön, daß unser König allen Universitäten ein Exemplar geschenkt hat. Wenn doch alle Fürsten und Könige der ganzen Welt, und alle Republiken (wenn es noch welche gibt) ebenso dächten; und ihren Universitäten ein dito zum Präsent machten." 49 Schütz veröffentlichte auch eine lobende Besprechung des griechischen Neuen Testaments in der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung, die die Charakteristica der neuen, auf Harmonie und Ebenmaß ausgerichteten Typographie eingehend würdigt. Sie zeige runde, fließende Züge, ohne Ecken, Winkel und gerade Züge, die sich im Schreiben bequem und leicht mit den vorhergehenden und folgenden Buchstaben verbinden ließen; mit rechtshin geneigter Stellung der Buchstaben, um das Steife der geraden Richtung zu vermeiden, mit der nöthigen Proportion derselben unter sich und zur Harmonie des Ganzen, mit der regelmäßigen Vertheilung des Lichts und Schattens in den Zügen einzelner Buchstaben, mit der gehörigen Reinheit der Spaden zwischen den Zeilen, mit möglichster Vermeidung der Verlängerung einzelner Buchstaben über die Höhe und unter die Basis der Zeilen u.s.w. Daraus ist, was sich auch über das Einzelne möchte erinnern lassen, eine im Ganzen vortreffliche Schrift, voll Geschmack, Ebenmaaß, Bestimmtheit und Deutlichkeit erwachsen, und ein eleganter herrlicher Druck, der dem Auge wohlthut, durch seine Reinheit der Zwischenräume zwischen den Zeilen, durch seine Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen, durch seine regelmäßige Vertheilung des Lichts und

46 Griesbach an Göschen vom 23. Juni 1806, Ex.: DBSM Leipzig, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2984. 47 Zitiert nach Goschen, Bd. II. S. 189. 48 Diese Trias verkörpert die herausragende europäische Druckkunst des 18. Jahrhunderts. Neben dem schon mehrfach erwähnten Italiener Bodoni und dem Franzosen Didot wird hier der bedeutendste spanische Drucker Joaquin Ibarra y Marin genannt, der seit 1753 in seiner eigenen Madrider Werkstatt die schönsten spanischen Drucke der Zeit fertigte; vgl. I. Ruiz Lasala: Joaquin Ibarra y Marin. Zaragoza 1968. 49 Ex.: DBSM Leipzig; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2985, Christian Gottfried Schütz an Göschen vom 28. Juni 1806.

6 Göschens Verdienste um die klassizistische Typographie

263

Schatten, dessen Wirkung durch das schöne geglättete Papier noch erhöhet wird: ein Prachtstück, das erste in seiner Art, das aus einer teutschen Presse gekommen ist, und eines der ersten, wenn man es mit den Prachtausgaben des Auslandes vergleicht. 50

50 Jenaer Allgemeine Literatur Zeitung, Nr. 2 (1804).

7 Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck

7.1.

Ursachen und Strategien zur Bekämpfung

Die Verlagsgeschichte Göschens berührt in vielen Fällen die Problematik des Büchernachdrucks. Bereits in seinen ersten Geschäftsjahren mußte der Verleger erleben, daß ein Großteil seiner Publikationen noch im gleichen Jahr nachgedruckt wurde. Die Auseinandersetzung mit dem Nachdrucker Schmieder in Karlsruhe nimmt daher in seiner Korrespondenz einen breiten Raum ein; seinen Unmut über die Nachdruckpraxis gibt er auf vielfältige Weise kund: Er beklagt sich beim Markgrafen von Baden, er legt Beschwerde beim Reichskammergericht in Wien ein, er thematisiert sie ständig in seiner weitreichenden Korrespondenz mit Gelehrten aller Fakultäten und nimmt schließlich auch publizistisch zu dem Problem Stellung. Zum Meilenstein der Entwicklung eines gerechten Urheberrechts, das den Autoren das Recht an ihrem geistigen Eigentum einräumt, wird Göschens Prozeßführung mit der Weidmann'schen Buchhandlung über die Herausgabe der Sämmtlichen Werke Christoph Martin Wielands. Ebenso schaltet er sich in die Reformdiskussion zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinen Gedanken über den Buchhandel ein und gibt auch Cotta, der 1814 als Vertreter der deutschen Verleger zum Wiener Kongreß fährt, grundlegende, neue Gedanken mit auf den Weg. Aber nicht nur in seinen Schriften, sondern auch in seiner Verlagspraxis geht Göschen neue Wege, um das Übel des Nachdruckes für seinen Geschäftsbereich zu umgehen. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee, mit Buchhändlern anderer Länder zu kooperieren, um damit die Werke jeweils „inländisch" zu machen. Auch verfolgt er nicht die Theorie vieler seiner Kollegen, mit teureren Büchern die Verluste des Nachdruckes auszugleichen, sondern geht dazu über, in vielen Fällen selbst „wohlfeile" Ausgaben auf den Markt zu bringen, um Exemplare mit einfacherem Papier und ohne Bildschmuck an nichtbegüterte Kunden zu verkaufen. Zu dieser Verlagspraxis bekennt er sich in Werkvorreden und in einem programmatischen Aufsatz in der von ihm selbst redigierten Zeitschrift Amerika, dargestellt durch sich selbst (1818-20).' Die nachfolgenden Ausführungen über Göschens Umgang mit dem Nachdruck wurden aus den zeitgenössischen Quellen heraus gewonnen, vor allem wurden die Akten der Leipziger Büchereikommission gesichtet, die bisher nur in Wolfgang von Ungern-Sternbergs Untersuchung über Göschens Prozeß mit der Weidmann'schen Buchhandlung berücksichtigt wurden. Die Durchsicht der Büchereikommissionsakten im Stadtarchiv Leipzig erbrachte Informationen über die Buchhandelssituation,

1 Siehe u. Kap. 8.4.

7 Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck

265

Zensur und die staatliche Aufsicht in Leipzig. Ein interessanter Fall, in dem G ö s c h e n selbst des N a c h d r u c k s bezichtigt wurde, wird erstmals vorgestellt. D i e weiteren A k ten entstammen dem H a u s - , H o f - und Staatsarchiv in Wien. G ö s c h e n suchte beim Reichshofrat sowohl um eigene Privilegien nach, klagte d o r t a b e r auch gegen den N a c h d r u c k Schmieders in Karlsruhe.

Eine sehr pointierte Stellungnahme gegen den zeitgenössischen Nachdruck findet man in Göschens Briefroman Die Reise von Johann (1792). Dort klagt ein sächsischer Buchhändler auf der Reise nach Schwaben dem Protagonisten sein Leid. Er antwortet auf die Frage, ob denn der Nachdruck wirklich soviel schade: Unendlich! mir und dem Publikum, dem Schriftsteller und der Literatur. Aus Mangel einer Hauptstadt, wie Paris und London, wo die ganze Auflage eines Buchs in einigen Monaten vergriffen wird, brauchen wir ganz Deutschland, um in mehreren Jahren eine mäßige Auflage von einem vortrefflichen Buche absetzen zu können. Nun ist aber kaum ein gutes Buch erschienen, so fallen die Nachdrucker sogleich darüber her, und unterdessen ich von dem Werk eines der ersten Schriftsteller der Nation seit drei Jahren noch nicht eine kleine Auflage verkauft habe, sind von dem Nachdrucke desselben in Schwaben allein 3000 abgesetzt.2 Göschen beschreibt hier die Folgen für den Nachdruck durchaus differenziert. Die Hauptursache bilde die territoriale Zersplitterung des Deutschen Reiches, die keine literarischen Zentren entstehen läßt und auch, dem merkantilistischen Denken folgend, nur den jeweiligen lokalen Handel begünstige. Göschen verwendet bereits in den 90er Jahren ein Argument, das erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die allgemeine Diskussion Eingang findet, nämlich das Bedauern über das Fehlen einer deutschen Nationalliteratur, die durch die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen verhindert wird. Göschen hatte mit seiner Schilderung nicht übertrieben, in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts wurden im süddeutschen Raum mehr Nachdrucke verkauft als im übrigen Deutschland Originalausgaben.3 Die Originalverleger waren in ihren rechtlichen Möglichkeiten zumeist machtlos; noch ganz dem Geist des Privilegienzeitalters verhaftet, schützten die einzelnen Landesherren ihre Händler und förderten zum Teil den Nachdruck bewußt.4

2 Göschen, Reise von Johann, S. 156 f. 3 Vgl. Wolfgang von Ungem-Sternberg: Schriftsteller und literarischer Markt. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 3. Deutsche Aufklärung bis zur Französischen Revolution 1680-1789. Hrsg. von Rolf Grimminger. München 1980, S. 133-185, hierS. 156. 4 Neben den ökonomischen standen z. T. auch aufklärerische Interessen. Reinhard Wittmann hat in seiner Dissertation „Die frühen Buchhändlerzeitschriften" (1971) gezeigt, daß das Nachdruckwesen aus der Sicht der Rezipienten nicht nur negativ beurteilt werden kann, da es die Zahl der Leser deutlich erhöhte. Ahnlich argumentierte bereits Walter Bappert: Wege zum Urheberrecht. Frankfurt/M. 1962, S. 265: Der Nachdruck habe „in erheblichem Umfang dazu beigetragen, das Buch einem breitesten Publikum nahezubringen, den Absatz zu beleben

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III Göschens verlegerische Tätigkeit

Am bekanntesten ist die Beauftragung der Kaiserin Maria Theresia des Wiener Verlegers Johann Thomas Trattner im Jahre 1750: Unterdessen aber, lieber Trattner, sagen Wir Ihm, daß es unser Staatsprinzip sei, Bücher hervorbringen zu lassen, es ist fast gar nichts da, es muß viel gedruckt werden. Er muß Nachdrücke unternehmen, bis Originalwerke Zustandekommen. Drucke er nach. Sonnenfels soll ihm sagen Was !5 Die Blütezeit des Wiener Nachdrucks dauerte von etwa 1765 bis in die 90er Jahre. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der von Philipp Erasmus Reich federführend konzipierten Umgestaltung der Leipziger Messe, die vom Change-Handel auf den reinen Nettohandel umstellte, den Rabatt auf höchstens 25 %, bei knappen Zahlungsterminen, begrenzte und das Kommissionsgeschäft ablehnte. 6 Diese Regelungen begünstigten eindeutig den ortsansässigen Leipziger Handel, dem nur verhältnismäßig geringe Transport- und Lagerkosten entstanden. Als die norddeutschen Buchhändler die Bücherpreise dann noch überproportional verteuerten, trennten sich viele der sogenannten „Reichsbuchhändler" von der Leipziger Messe. Die Überlegenheit des sächsischen Verlagswesens beeinträchtigte zudem die Außenhandelsbilanzen der kleineren Länder. Zum Schutz des inländischen Handels unterstützten daher verschiedene Regenten den einheimischen Nachdruck und untersagten die Einfuhr ausländischer Originalausgaben/

und den im Zeichen des Aufklärungszeitalters wie der aufblühenden Nationalliteratur erwachenden Lern- und Bildungsdrang zu befriedigen". 5 Zitiert nach Ursula Giese: Johann Thomas Edler von Trattner. Seine Bedeutung als Buchdrucker, Buchhändler und Herausgeber. In: AGB 3 (1961), Sp. 1013-1454, hier Sp. 1019. Eine Spezialbibliographie zu diesem Thema stellte Hellmut Rosenfeld zusammen: Zur Geschichte von Nachdruck und Plagiat Mit einer chronologischen Bibliographie zum Nachdruck von 1773 bis 1824. In: AGB 11 (1971), Sp. 337-372; zur Kritik an der Bibliographie vgl. Reinhard Wittmann: Der gerechtfertigte Nachdrucker? Nachdruck und literarisches Leben im 18. Jahrhundert. Zitiert nach Reinhard Wittmann: Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert Beiträge zum literarischen Leben 1750 bis 1880. Tübingen 1982, S.69-92, hier Anm. 2. 6 Vgl. Mark Lehmstedt: „Ein Strom, der alles überschwemmt". Dokumente zum Verhältnis von Philipp Erasmus Reich und Johann Thomas von Trattner. In: Bibliothek und Wissenschaft 25 (1991), S. 176-267, hier S. 260. 7 Neben Österreich ist Baden zu benennen, da der Markgraf in seiner Residenzstadt Karlsruhe den Buchdrucker und Verleger Schmieder besonders unterstützte, vgl. Bernd Breitenbruch: Der Karlruher Buchhändler Christian Gottlieb Schmieder und der Nachdruck in Südwestdeutschland im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. In: AGB 9 (1969), Sp.643-732. Zur Bedeutung von Philipp Erasmus Reich und dem sächsischen Reformbuchhandel vgl. Hazel Rosenstrauch: Buchhandelsmanufaktur und Aufklärung. Die Reformen des Buchhändlers und Verlegers Ph. E. Reich (1717-1787). Sozialgeschichtliche Studie zur Entwicklung des literarischen Marktes. In: AGB 26 (1985), S. 1-129. Johann Goldfriedrich hatte in seiner Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. 3, Leipzig 1909, das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts als „Nachdruckzeitalter" bezeichnet, dessen Ende erst mit einem Beschluß der Versammlung des deutschen Bundes im Jahre 1835 anzusehen ist; vgl. auch die rechtshistorischen Untersuchungen von Ludwig Gieseke: Die geschichtliche Entwicklung des Urheberrechts. Göttingen 1957

7 Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck

7.2.

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Leipzig und der Reichsbuchhandel. Zu Göschens Entscheidung, Schubart nicht zu verlegen

Die Schwierigkeiten mit dem Absatz von in Sachsen gedruckter Literatur im Gebiet der „Reichsbuchhändler" zeigt ein Ablehnungsschreiben Göschens an Ludwig Albrecht Schubart, den Sohn von Christian Friedrich Daniel Schubart, der hier erstmals ediert wird. 8 Der junge, 1765 geborene Schriftsteller hatte Göschen die Herausgabe der von seinem Vater ( f 1791) begründeten Chronik und seiner Vermischten Schriften angetragen. 9 Er war zu diesem Zeitpunkt bereits mit seinen Jugendgedichten, einigen Erzählungen, Ubersetzungen von Shakespeares Dramen und einer Biographie U l richs von Hutten 1 0 hervorgetreten. Göschen antwortet ihm am 20. Februar 1792: Empfangen Sie mein theuerster Freund meinen herzlichsten D a n k für das Geschenk welches ich an Ihren Geburtstage von Ihrem Herzen empfangen habe. Ich freue mich Ihres Lebens. Erst 26 Jahr, und zu welchen Hofnungen haben Sie Deutschi, bereits berechtiget! D i e Musen und die Grazien sollen Sie mit ihren lieblichsten Geschenken und Amor Ihre T a g e mit süßen Stunden segnen. [ . . . ] Ich habe eine Stund lang nachgedacht ob ich würklich der Mann bin

( = Göttinger Rechtswissenschaftliche Studien 22); Ders.: Vom Privileg zum Urheberrecht Göttingen 1995; Walter Bappert: Wege zum Urheberrecht. Die geschichtliche Entwicklung des Urheberrechtsgedankens. Frankfurt/Main 1962; Martin Vogel: Deutsche Urheber- und Verlagsrechtsgeschichte zwischen 1450 und 1850. Sozial- und methodengeschichdiche Entwicklungsstufen der Rechte von Schriftsteller und Verleger. In: AGB 19 (1978), Sp. 1-190; Heinrich Bosse: Autorschaft ist Werkherrschaft. Uber die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit. Paderborn, München, Wien, Zürich 1981. Mit zwei besonders pointierten zeitgenössischen Stellungnahmen zur Nachdruckproblematik befaßte sich Wolfgang von Ungern-Stemberg: „G. E. Lessing: , Leben und leben lassen. Ein Projekt für Schriftsteller und Buchhändler*. Datierungsproblem, buchhandelsgeschichtlicher Kontext, Interpretation." In: Buchhandel und Literatur. Festschrift für Herbert G.Göpfert zum 75. Geburtstag am 22. September 1982. Wiesbaden 1982, S. 55-128; Ders.: Christoph Martin Wieland: Schreiben eines Nachdruckers. An den Herausgeber des Teutschen Merkurs. Ein Beitrag zur Geschichte der Satire in der Spätaufklärung. In: Zwischen Aufklärung und Restauration. Sozialer Wandel in der deutschen Literatur (1700-1848). Festschrift für Wolfgang Martens zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Wolfgang Friihwald und Alberto Martino. Tübingen 1989, S. 177-210. 8 Göschen an Ludwig Albrecht Schubart vom 20. Februar 1792; Exemplar: Hannover, Stadtarchiv: 622; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1165. 9 Schubart an Göschen vom 17. Februar 1792; Hannover, Stadtarchiv: 2047; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1164. 10 Aus einem Brief des Vaters an Ludwig vom 16.2.1791 erfahren wir, daß er sich für seinen Sohn bei Göschen um die Drucklegung dieser Schrift bemüht hatte: „Wegen Deines Ulrich von Hutten, auf den ich mich sehr freue, schreibe ich selbst an Göschen nach Leipzig"; vgl. Christian Friedrich Daniel Schubart: Briefe. Hrsg. v. Ursula Weitheim und Hans Böhm. München 1984, S. 322 f. Dieser Brief Schubarts an Göschen ist nicht erhalten.

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III Göschens verlegerische Tätigkeit

welcher der Verleger der vermischten Schriften sein kann? Nicht wahr, 24 Bogen für 12 Sachs ist immer ein wohlfeiler Preis. Und doch sind dise 12 schon 54 Xer Reichsgeld. Ein Nachdrucker aber [2] liefert die 24 Bogen für 30 Xer. Die Bittersucht der Reichsbuchhändler noch mehr gereitz durch den Umstand daß ein Leipziger ein Reichsprodukt druckt, wird die Nachdrucker tapfer auffordern [...]. Ich nehme den Maasstab des Absazes sehr ungewiß zu 1000 an. Sez ich 1000 ab so verdin ich bey 36 Xer nichts. Mehr aber bleibt mir von 54 Xer. nicht, weil ich den Buchhändlern 33 Vi pc Rabatt geben muß. Komt mir aber ein Nachdrucker noch dazu so verliehr ich augenscheinlich. Auser dem Reich aber ist nicht viel zu hoffen. Die Chronik wird hier fast gar nicht gelesen. Mit 200 Ex will ich das Übrige Deutschland ganz versorgen. [3] So scheint mir die Natur der Sache einen Reichsverleger zu erfordern, welcher, gesichert vor dem Nachdruck mit dem Debit im Reich beßer bekant ist als ich [•••]• Mir fält ein daß vieleicht ein Mittel wäre Ihre Wünsche in Absicht des Honorar» zu erfüllen, wenn man die Schriften im Reich auf Praenumeration ä 45 Xer das Alphabeth ankündigte. Bekommen wir 1000 Praenumeranten, so zahl ich Ihnen 10 Rthl. für den Bogen. Da man aber den Collecteueren 16 pc geben mußen wir wohl den Preiß 45 Xer sezen. Es ist jezt noch Zeit und wir könten den Versuch machcn. Aber das ist weitläuftig für Sie. Vieleicht kann ein Reichsbuchhändler Ihnen unbedingt 10 Rthl. geben. Finden Sie ihn so nehmen Sie keine [4] Rücksicht auf mich. Finden Sie ihn nicht, so können wir beyde weiter von der Sache sprechen und uns arangiren. So denk ich müßen Freunde miteinander handeln. Ich melde Ihnen meine Bedenklichkeiten; rathe Ihnen einen Versuch zu machen ob Sie Ihre Wünsche erreichen können; und bin wieder da, wenn Sie mich ruften. [...] Hab ich eine zu kleine Idee von dem Absatz im Reich, so belehren Sie mich. Meine Verlagsartikel werden im Nachdruck gekauft. Ich weiß also im eigentlichen Verstände gar nichts davon wie die Sache geht." Göschen lehnt die Übernahme der Vaterländischen Chronik12 ab, da er wirkliche Verkaufschancen für Schubart nur im Reich, d.h. mehr in Süddeutschland, sieht. Durch die Umrechnung des sächsischen Geldes kann er aber im übrigen Reichsgebiet nicht mehr konkurrieren, zumal er den Buchhändlern, wie von ihm allgemein üblich und späterhin auch immer wieder öffentlich gefordert, 33 Vi Prozent Rabatt ein-

11 Vgl. Anm. 8. 12 Vgl. Charlotte Katharina Smith: Christian Daniel Schubart: Dichter, Journalist und Rebell. Diss. phil. masch. University of California 1977, die sich ausführlich mit der Deutschen Chronik (1774-77) und der Vaterländischen Chronik (1787-91) befaßt, diese Publikationsgeschichte aber nicht kennt; zur älteren Literatur vgl. Erich Schairer: C. F. D. Schubart als politischer Journalist. Tübingen 1914.

7 Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck

269

räumt. Als einzige Möglichkeit sieht er, wie in vielen Fällen, die vom Nachdruck gefährdet sind, den Weg über eine Subskription. Einen knappen Monat später antwortet Ludwig Schubart auf die Absage Göschens; er zeigt in seinem Brief Verständnis für die Gründe, die der Leipziger Verleger angeführt hat. Neben dem Bedauern, daß Göschen sich nicht bereitfinden konnte, die Vermischten Schriften seines Vaters zu übernehmen und die Deutsche Chronik fortzuführen, mischt sich auch das Bedauern, daß zwischen den sächsischen Verlegern und den Reichsbuchhändlern eine solche Diskrepanz bestehe, die die Entstehung einer Nationalliteratur behindere. Schubart schlägt Göschen vor, mit einem Reichsbuchhändler zu kooperieren, um dadurch dem Nachdruck zu entgehen. Wie aus Göschens Absagebrief seien auch aus dieser Stellungnahme Schubarts einige zentrale Passagen ediert, die exemplarisch sind für die Situation deutscher Schriftsteller und Verleger in den 90er Jahren: Ihr Brief, edler Göschen, hat mir seines freien offenherzigen Tons wegen Freude gemacht, ob ich gleich die abermalige Discrepanz zwischen uns beiden bedauern mußte. Die Gründe, so Sie mir darin gegen die vorgeschlagene Uebemahme der vermischten Schriften meines seeligen Vaters anführten, sind freilich von Bedeutung, und fallen bei einem soliden Reichsbuchhändler fast durchgehends weg. Ich werde mich daher, Ihrem und dem Rate anderer Freunde zufolge, an einen dergleichen wenden, und sehen, daß ich mit meinem Projekt sobald möglich aufs Reine komme. Mannheim, Frankfurt, Zürich sind allenfalls Orte, wo ich einen solchen Mann zu finden hoffe. Ungeachtet Sie sich so schnell unter Ihren Kollegen emporgeschwungen, und Deutschlands beste Köpfe seit einem Jahrfünft wie durch einen Zauber an sich gezogen haben; so scheint doch Ihrer aufblühenden Handlung durch den gefräßigen Nachdruck ein großer Schaden erwachsen zu seyn; und dieß ist wohl die Ursache, warum Sie seit einigen Messen so wenig drucken. Ich bedaure Sie, edler Mann; sollte aber doch denken, daß Sie sich künftig dadurch einigermaßen von diesen Harpyen im Reich sichern könnten, wenn Sie mit einem dasigen Buchhändler in nähere Verbindung träten, und von jedem Hauptartikel eine eigne Ausgabe für die geldarmen Reichslande veranstalten ließen. Man sagt mir, daß manches Buch aus Ihrem Verlage dem Nachdrukker mehr abgeworfen haben müßte, als Ihnen - dem Eigenthümer. Glauben Sie, daß in den Reichsländern weitmehr gelesen wird, als man sich bei Ihnen vorstellt und würdigen Sie daher meinen Vorschlag Ihrer reifsten Beherzigung. 13 Der Briefwechsel von Schubart und Göschen wird in den nächsten 15 Jahren recht intensiv fortgesetzt, obwohl Göschen keine Schrift Schubarts in Verlag nimmt 1 4 Die Briefe Schubarts sind aber von hervorragendem literaturwissenschaftlichen Interesse,

13 Exemplar: DBSM, Göschensammlung, Gruppe C,Schubart vom 23. März 1792. 14 Vgl. 17 Briefe Schubarts im DBSM, Göschensammlung, Gruppe A. In den Jahren 1805 und 06 bietet Schubart Göschen eine Ossian-Übersetzung an, die Göschen aber nicht über-

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III Göschens verlegerische Tätigkeit

da sie das Verlagsprogramm Göschens mit einem wachen Blick auf die literarische Situation der Zeit begleiten. In den 90er Jahren steht die regelmäßige Kommentierung der Wieland-Werkausgabe im Mittelpunkt seiner Briefe, aber auch die Herausgabe von KJopstocks Werken, von Ifflands Dramen oder die Ausgabe der antiken Klassiker finden Schubarts Interesse. Bereits bei der Ankündigung der Wieland-Ausgabe spricht Schubart von der „größten bisherigen Buchhändlerentreprise in Deutschland." 15 Schubart verfolgt die Auseinandersetzung Göschens mit der Weidmann'schen Buchhandlung und kommentiert: Die Schriftsteller der Britten und Franzosen sehen sich nie einer so ärgerlichen Verlegenheit ausgesetzt, wie unser Wieland; denn sie machen ihre Contrakte mit Buchhändlern schriftlich, stipuliren aufs genauste die Auflage, mit der Clausel: daß bei jeder neuen Edition auch ein neuer Contrakt gemacht werden müsse. 16 Am 23. April 1798 feiert Schubart Göschen als den Verleger der deutschen Nationalliteratur: Ihren Unternehmungsgeist bewundere ich, und jauchze meine patriotische Freude unter die Menge, daß Ihnen Ihre ächt brittische Unternehmung mit Wieland so treflich gelungen ist. Sonst würden Sie sicher nicht den Epiker Klopstock auf eigenen Schultern ins Publikum tragen. Seitdem Sie die Losung Opera Omnia ad modum Anglorum, Gallorum etc. gegeben haben, primi Autores Nationis Germanicae idem meditantur.' 7 Am 6. Juli 1805 rühmt er die Klassikerausgaben Göschens und nimmt auch betrübt zum Tode Schillers Stellung: Auch die klassischen Ausgaben Ihrer Officin habe ich seitdem eingesehen, und mich ihrer Schönheit, Eleganz und Correctheit gefreut (...) Von Schillers Tode wag ich nichts zu sagen um den unerträglichen Schmerz nicht zu erneuern, der mich bei dieser Nachricht befiel. Nur soviel glaub ich mit Gewißheit annehmen zu können, daß sich sein Ruhm, wie Mozart's nach seinem Tode noch vermehren und wie ein Lichtstrom durch das In- und Ausland verbreiten werde. Daß man Schillers Tod jetzt überall durch Mozart's Requiem feiert, hat unendlich viel Rührendes und Bedeutendes für mich. 18

15 16 17 18

nimmt; auch das Angebot vom 6. September 1808, sein Manuskript von Heinrich VIII. als Taschenbuch „mit Ihren schönen Lettern zu drucken", findet bei Göschen keine Gegenliebe. Brief aus Nürnberg vom 12. Juli 1793, D B S M , Göschensammlung, Gruppe A, Schubart 4; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1329. Schubart an Göschen aus Nürnberg vom 23. August 1794, D B S M , Göschensammlung, Gruppe A, Schubart 5, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 1503. Schubart an Göschen aus Nürnberg vom 23. April 1798; Exemplar: D B S M , Göschensammlung, Gruppe A, Schubart 8; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2143. Schubart an Göschen aus Stuttgart vom 6. Juli 1805; Exemplar: D B S M , Göschensammlung, Gruppe A, Schubart 12; vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 2915.

7 Göschens Auseinandersetzung mit dem Nachdruck

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In der Korrespondenz mit dem Schwaben Schubart zeigt sich eindringlich die Diskrepanz zwischen dem Wunsche nach einer einheitlichen deutschen Nationalliteratur und den Schwierigkeiten, die sich im praktischen verlegerischen Leben mit der Nachdruckgesetzgebung der einzelnen Territorialstaaten ergeben.

7.3.

Der Rechtsstreit mit Christian Gottlieb Schmieder

Göschen beschrieb in seinem Reiseroman die Situation des Nachdrucks gerade in Schwaben zutreffend, denn zur Messe 1787 hatte der Karlsruher Schmieder gleich sechs seiner Erfolgstitel nachgedruckt Göschen wendet sich entrüstet an die Öffentlichkeit und läßt eine „Nachricht" in der Leipziger Litteratur-Zeitung einrücken: Christian Gottlieb Schmieder in Carlsruhe hat die beispiellose Bosheit begangen und sechs neue Bücher aus meinem Verlage von einer Messe auf einmal nachgedruckt Ich klage diesen Menschen hiermit öffentlich eines unerhörten Raubes an und warne jedermann, der so unglücklich ist, mit diesem Manne in Geschäften zu stehen oder Verhältnisse zu kommen, sich für diesen Bösewicht wohl in Acht zu nehmen. Ein Mann ohne Redlichkeit, ohne Ehre und Gewissen, ist ein gefährlicher Mann in jedem Verhältniß des Lebens. Ich hoffe, daß jeder redliche Buchhändler gegen diese That den größten Unwillen fassen wird. Sollte sich aber jemand mit dem Verkaufe dieser Nachdrucke befassen, so werde ich, sobald ich Beweise davon in Händen habe, ihn in öffentlichen Blättern als Helfershelfer und Mitgenossen dieses Diebes namentlich vorzeigen. 19 Diesen Text hatte Göschen auch Wieland zum Abdruck im Teutschen Merkur übersandt. Er traf dort aber kurz nach Redaktionsschluß ein, so daß ihm Wieland zunächst um verbale Mäßigung b a t Er solle doch „diesen in der ersten Bewegung einer nur allzu gerechten Empfindlichkeit aufs Papier geworfenen ,appel au puplic" noch einmal modifizieren. 20 Wieland bemüht sich - bei allem Verständnis in der Sache Göschen deutlich zu machen, daß die Rechtslage in Deutschland eben nicht eindeutig ist: Armer, liebster Freund, wie wir auch die Sache selbst definiren, so lange kein positives Gesez gegen den Nachdruck unter uns existiert und der Kayser selbst denselben begünstiget und sogar authorisiert, solange dürfen wir keine Nachdrucker öffendich einen Dieb schelten, ohne zu risquieren, daß er uns einen Injurien-Prozeß an den Hals wirft, den wir, vor einem der höchsten Reichsgerichte wenigstens, allemal verlieren würden. Denn wie ungerecht, unbillig, für die Gelehrten und für den Buchhandel verderblich das Nach-

19 Leipziger Litteratur-Zeitung, August 1787, zitiert nach Goschen Bd. I, S. 168. 20 Wieland an Göschen aus Weimar vom 3. September 1787, nach dem Exemplar im GoetheMuseum Düsseldorf, Signatur 4719, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 368.

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III Göschens verlegerische Tätigkeit

drucken auch immer seyn mag, so kömmt doch leider! den Nachdruckern der bekannte Grundsaz zustatten: Alles was nicht verboten ist, ist erlaubt. 21 Wieland hatte daraufhin diesen Text von Göschen weder in das Septemberheft des Teutschen Merkur aufgenommen noch in eine der nächsten Ausgaben. Am gleichen Tag, dem 5. September, an dem Göschen diesen bedenkenswerten Brief von Wieland erhielt, wendet er sich aber an Bertuch in der Hoffnung, damit noch einen Skandal und möglicherweise auch einen Prozeß erreichen zu können: Helfen wird mir die Anzeige für jetzt nichts; allein ich muß so los ziehen, 1. damit andere sehen, daß ich keck bin und damit der, welcher noch ehrlich ist, nicht zu tolerante Gesinnung bekommt. 2. weil ich wünsche, daß ich verklagt werde, damit die Sache lauter und lauter wird und es endlich zu einem Gesetz kommt. Jede Entwendung des Eigenthums ist Diebstahl, braucht es Gesetze wider jede besondere Arten der Entwendung ? [.. .] 22 Da er aber ernsthafte Zweifel hegte, angeklagt zu werden, habe er sich parallel dazu an den Minister in Dresden gewandt und auch direkt an den Markgrafen von Baden geschrieben „sehr submiß ... in einem anständigen Ton, ohne Schimpfwörter": Ich habe dem Markgrafen die Unmöglichkeit vorgestellt, daß ich mich wieder erholen kann, wenn Schmieder mir künftig alles aufs neue wieder nachdruckt und habe ihn angefleht, um Mittel und Schutz diesem Unglück zu entrinnen [...] Ich habe ihn [den Brief] an Rath Becker gesandte und ihn gebethen, es durch Bekanntschaft in Carlsruhe dahin zu bringen, daß der Brief dem Markgrafen eigenhändig übergeben wird. [...] Um Schaden Ersatz habe ich nicht gebethen: ich würde keinen erhalten haben, auch läst sich der Schaden nicht bestimmen. Die Anzeige kann ich nicht zurück nehmen; sie ist an alle Zeitungen versandt. Auch sollen alle sechs Autoren losziehen. Ich verspreche Ihnen, ich ruhe nicht bis wir Buchhändler Bürgerlichen Schutz genießen und solt ich das Leben darüber einbüßen. Bei den sechs nachgedruckten Titeln handelte es sich um: - Johann Baptist von Alxinger: Doolin von Mayntz. Ein Rittergedicht. Wien und Leipzig 1787, das Schmieder als Band 161 seiner „Sammlung" nachdruckt. Dabei übernimmt er sogar das Titelkupfer von Penzel seitenverkehrt (s. Abb.) und hält sich auch im Zeilen- und Seitenumbruch weitgehend an die Vorlage, nur das Druckverfehlerverzeichnis auf S. 393 benötigt er nicht, da er die Druckfehler verbesserte 23 .

21 Ebd. 22 DBSM, Göschen-Sammlung, Gruppe B, Kasten 4; Göschen an Bertuch vom 5.9.1787, Bl. 70-71, vgl. Verlagskorrespondenz Nr. 369. 23 Exemplare in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Göschen Sign.: Lo 63; Schmieder: Lo 62; Verlagsbibliographie Nr.48.

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- Robert Dodsley: Die Weisheit an die Menschen durch einen begeisterten Braminen. (Ubersetzt von J. J. Ch. Bode). 3. Auflage. Leipzig, bei Georg Joachim Göschen 1787, den Schmieder im gleichen Jahr als Einzelveröffentlichung nachdruckt. 24 - Henry Fielding: Geschichte des Thomas Jones eines Findelkindes. Ubers, v. J. J. Ch. Bode. 6 Bände. Leipzig, bei Georg Joachim Göschen 1786-88, bei Schmieder 1787-8. 25 - [Christian Leberecht Heyne:] Erzählungen von Anton= Wall nach Marmontel. Leipzig, bei Georg joachim Göschen 1787.26 - Friedrich Schiller: Dom Karlos. Leipzig, bei Georg Joachim Göschen 1787, den Schmieder im folgenden Jahr als Band 162 seiner „Sammlung" nachdruckt und 1792 noch einmal. 27 - Christian und Friedrich Leopold von Stolberg: Schauspiele mit Chören. 1787, die Schmieder als Band 154 seiner „Sammlung der besten deutschen prosaischen Schriftsteller und Dichter" im gleichen Jahr nachdruckt 2 8 Göschen schrieb an den Markgrafen, Schmieder habe ihm „durch den Nachdruck von sechs Büchern von einer Messe auf einmahl eine unheilbare Wunde geschlagen". 29 Die markgräfliche Regierung forderte Schmieder zu einer Stellungnahme auf und teilte anschließend Göschen mit, daß sich Schmieder auf ein Kayserliches Privileg berufen könne, das es ihm erlaube, „die besten deutschen Schriftsteller in seine Sammlung aufzunehmen". Sie machte allerdings die wichtige Einschränkung, ... wenn aber der Buchhändler Schmieder, außer seiner kayserlich privilegierten Sammlung privilegirte Verlagsschriften nochmalen drucken und besonders herausgeben würde, auf diesfalsige Beschwerde nach Beschaffenheit der Umstände alle Gerechtigkeit und Satisfaktion würden angedeihen lassen. 30 Schmieder hatte am 21. September 1775 vom Reichshofrat in Wien ein Privileg erhalten für eine „Sammlung der besten deutschen prosaischen Schriftsteller und Dichter" und obwohl zahlreiche Originalverleger, unter ihnen Philipp Erasmus Reich und die Witwe Dyck aus Leipzig, dagegen protestierten, hatte der Kaiser das Privileg 1784 erneuert und damit Schmieders Nachdruckpraxis im Nachherein legitimiert. 31

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Verlagsbibliographie Nr. 52. Verlagsbibliographie Nr. 31 u. 53. Verlagsbibliographie Nr. 71 u. 72. Breitenbruch: Der Karlsruher Buchhändler Christian Gottlieb Schmieder und der Nachdruck in Südwestdeutschland im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. In: AGB 9 (1969), Sp.643-732, hier Sp. 719; vgl. Verlagsbibliographie N r . 8 0 u . 83. Verlagsbibliographie Nr. 88. Göschen an den Markgrafen von Baden; Ex. im Badischen Generallandesarchiv in Karlsruhe, Abteilung 206, Faszikel 702G, zitiert nach Breitenbruch, Schmieder, Sp.684, Badisches Generaliandesarchiv, Abt. 206, Fsz. 702. Breitenbruch, Schmieder, Sp.650f. und 688.

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III Göschens verlegerische Tätigkeit

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