Formationen der Praxis: Studien zu Darstellungsformen von Digital Humanities und Literaturwissenschaft [1 ed.] 9783737010955, 9783847110958

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Formationen der Praxis: Studien zu Darstellungsformen von Digital Humanities und Literaturwissenschaft [1 ed.]
 9783737010955, 9783847110958

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digilit Literatur und Literaturvermittlung im Zeitalter der Digitalisierung

Band 2

Herausgegeben von Matthias Beilein, Claudia Stockinger und Simone Winko

Friederike Schruhl

Formationen der Praxis Studien zu Darstellungsformen von Digital Humanities und Literaturwissenschaft

V& R unipress

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet þber https://dnb.de abrufbar. Dieses Buch ist die geringfþgig þberarbeitete Fassung der Dissertation, die im Dezember 2018 an der Georg-August-UniversitÐt Gçttingen eingereicht und im April 2019 an der Humboldt-UniversitÐt zu Berlin verteidigt wurde. Gefçrdert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, GRK 1787. Die Autorin spricht der DFG f þr die großzþgige Unterstþtzung ihren Dank aus.  2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Gçttingen Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich gesch þtzt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen FÐllen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Umschlagabbildung:  skaisbon / photocase.de Vandenhoeck & Ruprecht Verlage j www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com ISSN 2512-8930 ISBN 978-3-7370-1095-5

Inhalt

I. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen 2. Der literaturwissenschaftliche Alltag . . . . . . . . . . . . . . . 3. Praxeologisieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Konzeption und Anlage der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1 Skalierung von Forschungsprozessen . . . . . . . . . . . . . 4.2 Beobachtung von Darstellungsformen . . . . . . . . . . . . 4.3 Untersuchungsmaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.1 Call for Papers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.2 Aufsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.3 Rezensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3.4 Reflexion der Materialkomposition . . . . . . . . . . . 4.4 Aufbau der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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7 7 18 23 30 30 33 35 37 39 46 48 50

II. Prospektionen . . . . 1. Avisieren I . . . . . 2. Avisieren II . . . . 3. Zusammenfassung

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III. Inspektionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Die (postulierte) Resilienz des Interpretierens . . . 2. Zur Kritik des Interpretierens . . . . . . . . . . . . 2.1 Über den Status von Theorie . . . . . . . . . . 2.2 Die Problematizität von Normen und Standards 2.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Interpretieren I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Interpretieren II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1 Annotieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2 Quantifizieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Visualisieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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103 109 114 116 125 136 138 170 188 200 210

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Inhalt

5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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219 221 229 247 262 264

V. Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Materialverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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IV. Retrospektionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens 2. Rezensieren I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Rezensieren II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Rezensionsforschung revisited . . . . . . . . . .

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I.

Einleitung

1.

Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen

Die Germanistik sei in einer tiefen Krise, diagnostiziert Der Spiegel im Februar 2017.1 Das Fach nehme nur quantitativ zu, während seine Qualität seit Jahrzehnten rapide abnehme. Immer mehr uninteressierte Studierende, die aus immer schlechter werdenden Abiturjahrgängen entlassen würden, stünden immer weniger herausragenden Koryphäen gegenüber. Die meisten Vertreter2 des Fachs zitierten nur noch Forschungsarbeiten anderer, anstatt selbst Bahnbrechendes zu leisten und in der Öffentlichkeit als Großintellektuelle in Erscheinung zu treten. Das Studium sei miserabel, die Berufsaussichten ebenso – aber im Grunde bräuchte die Gesellschaft diese Studienabgänger sowieso nicht. Denn wenn sich Literaturwissenschaftler einmal außerhalb ihres Habitats äußerten, könnten ihnen andere ohnehin nicht folgen; zu hermetisch sei die »hochgezüchtete[] Fachsprache«3, zu weltfremd die Erkenntnisinteressen. Außerdem habe die Zersplitterung des Fachs in alle möglichen Kleinstteilbereiche zur Folge, dass keine gemeinsame »›Identität‹«4 mehr zu bestimmen sei. Die daraus resultierende zunehmende Unübersichtlichkeit würde entschieden dazu beitragen, dass die Disziplin mittlerweile vollständig an gesellschaftlicher Relevanz verloren habe. Der »Sinn und Zweck des Ganzen«5 sei nicht mehr zu

1 Vgl. Doerry : »Schiller war Komponist«. Die Kritik von Martin Doerry richtet sich bei genauerer Betrachtung allerdings nicht gegen die Germanistik insgesamt, sondern gegen die Neuere deutsche Literaturwissenschaft – auch wenn der Autor diese Differenzierung nicht expliziert. Die anderen beiden Teilbereiche der Germanistik, die Mediävistik und Linguistik, werden jedenfalls von ihm nicht adressiert. 2 Wenn hier und im Folgenden das generische Maskulinum verwendet wird, dann lediglich aus Gründen der Praktikabilität. Die Autorin [sic!] bedauert die sprachlichen Begrenzungen. 3 Doerry : »Schiller war Komponist«, S. 106. 4 Ebd., S. 104. 5 Ebd.

8

Einleitung

erkennen, so der Verfasser der Germanistenschelte Martin Doerry : Das Fach sei längst dem Untergang geweiht. Auf diesen Beitrag reagierte eine ganze Reihe von Germanisten mit Repliken, Kommentaren und Gegendarstellungen. Die erste Reaktion auf die Krisendiagnose kam drei Tage nach der Veröffentlichung des Spiegel-Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Steffen Martus.6 Vier Tage später meldeten sich die in Martin Doerrys Artikel zitierten und als »Stichwortgeber«7 missbrauchten Literaturwissenschaftler Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke auf die Grablegung der Germanistik, insbesondere der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, mit dem Gastbeitrag »Wir Todgeweihten grüßen euch!«8 zu Wort. Albrecht Koschorke gab dem Deutschlandfunk zusätzlich ein Interview.9 Es folgten weitere Kommentare zur Rettung der Disziplin von Klaus Kastberger in der ZEIT, von Frauke Berndt in der Neuen Zürcher Zeitung und Helmut Glück in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.10 Darüber hinaus richtete das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin auf seinem Blog die Reihe »Germanistik in der Kontroverse«11 ein, die von Eva Geulens »Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik«12 eingeleitet und durch drei Stellungnahmen von Doktoranden ergänzt wurde.13 Thomas Anz eröffnete die Februar-Ausgabe von literaturkritik.de mit »Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte«14, worauf wiederum weitere Germanisten mit Leserbriefen reagierten. Wenige Wochen nach der Veröffentlichung des SpiegelArtikels widmete sich eine 45-minütige Sendung des Südwestrundfunks der Frage »Steckt die Germanistik in der Krise?«15 und ließ die Literaturwissenschaftler Heinz Drügh, Nils Gelker und Sandra Richter miteinander diskutieren. In einem Zeitraum von sechs Wochen antworteten 14 Germanisten aus dem deutschsprachigen Raum in unterschiedlichen Medien auf den Beitrag von Martin Doerry, darunter neben Lehrstuhlinhabern auch Doktoranden und Post6 7 8 9 10 11 12 13 14 15

Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«. Drügh, Komfort-Hein, Koschorke: »Wir Todgeweihten grüßen euch!«, o. S. Vgl. ebd. Koschorke: »Zukunft der Germanistik [Interview]«. Kastberger : »Schluss mit dem Totentanz-Geraune«; Berndt: »Hier wird an der Zukunft gearbeitet«; Glück: »Deutschlehrer dringend gesucht«. Vgl. http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/03/01/germanistik-in-der-kontroverse/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. Geulen: »Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur«, o. S. Kuberg: »Deuteleien zur Krise der Germanistik«; Hamel: »Entunterwerfung«; Braun: »Die Unfügsamkeit, ich zu sagen«. Anz: »Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de«, o. S. Vgl. auch die unter diesem Beitrag aufgelisteten Leserbriefe. Vgl. https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/armer-dr-steckt-die-ger manistik-in-der-krise/-/id=660214/did=19220072/nid=660214/1d8glus/index.html [zuletzt aufgerufen am 10.12.18; nicht mehr online zugänglich; geprüft am 14.1.20].

Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen

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Docs. Der zentrale Vorwurf einer zu geringen öffentlichen Präsenz, einer zu niedrigen Responsivität und einer zu langsamen Reaktionszeit wurde damit in gewisser Weise schon performativ entkräftet. Auch inhaltlich lehnt die literaturwissenschaftliche Fraktion Martin Doerrys pauschale Kritik ab. Weder möchte man sich an seiner generalisierenden Studierendenbeschimpfung beteiligen noch seinem kulturpessimistischen Klagegesang anschließen. Das »Verlangen nach einer dominanten Person, nach einer Stimme, die über die Grenzen der Disziplin hinaus geachtet wird, nach Welterklärung und Allzuständigkeit«16 sei ebenso seltsam wie die Sehnsucht nach einem »vergoldeten Damals, als nur wenige große Männer viele große Bücher geschrieben haben«17. Die Vorstellung, dass früher alles besser und vor allem übersichtlicher gewesen wäre, sei mit Blick auf die Geschichte der Disziplin unhaltbar,18 die Artikulationen von Germanisten »im öffentlichen Raum […] als public intellectuals«19 sei nicht zu übersehen, der »Leistungskatalog«20 und der Verantwortungsbereich des Fachs seien mehr als umfassend. Selbst wenn Seminare oft überfüllt seien, manche Studierende sich unzureichend vorbereiteten und der Fachjargon bisweilen auch als problematisch eingestuft werden könne, kommt man daher geschlossen zu einem gegenteiligen Befund: Vom Untergang der Germanistik könne keineswegs die Rede sein. Einig sind sich zudem alle darin, dass die Rede von der Krise der Germanistik, insbesondere der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, nichts Neues sei.21 Im Gegenteil: ›Krise‹ sei »ein fast schon heimelig wohlvertrauter Begriff«22 ge-

16 Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«, o. S. 17 Berndt: »Hier wird an der Zukunft gearbeitet«, o. S. 18 Vgl. Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«, o. S. Siehe hierzu ebenso Drügh, Komfort-Hein, Koschorke: »Wir Todgeweihten grüßen euch!«, o. S. 19 Koschorke: »Zukunft der Germanistik [Interview]«, o. S. 20 Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«, o. S. Steffen Martus stellt vor, was zu diesem »Leistungskatalog« zählt: »Lehramtsausbildung von der Grundschule bis zum Gymnasium, Aufmerksamkeit für den Literatur- und Kulturbetrieb, Verfassen von Artikeln und Büchern für eine breite Öffentlichkeit, akribische Detailforschung mit höchstem philologischem Anspruch, Versatilität in allen möglichen Medien, Theoriekontexten und Künsten und dergleichen mehr« (ebd.). 21 Ebenso wenig ist die Rede von der Krise der Geisteswissenschaften – für welche die Neuere deutsche Literaturwissenschaft oftmals als Paradebeispiel herhalten muss – neu: »Nichts ist für die Geisteswissenschaften so beständig wie die Krise« (Spiewak: »Rettet euch selbst, sonst tut es keiner«, o. S.). Vgl. zum allgemeinen Krisendiskurs der Geisteswissenschaften etwa Schlaeger : »Krise der Geisteswissenschaften / in den Geisteswissenschaften«; Mittelstraß: »Krise und Zukunft der Geisteswissenschaften« sowie die Beiträge in Frühwald et al.: Geisteswissenschaften heute, insb. der Abschnitt »Legitimationskrisen der Geisteswissenschaften«, S. 81–90; Weingart et al.: Die sog. Geisteswissenschaften, S. 13ff. und aktuell Lamping: »Zur Lage der Geisteswissenschaften«. 22 Drügh, Komfort-Hein, Koschorke: »Wir Todgeweihten grüßen euch!«, o. S.

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Einleitung

worden, an die notorische »Dauerempörung«23 und die stabilen Krisenbeschwörungen habe man sich mit Blick auf das Spektrum der diagnostizierten Krisenauslöser der letzten Jahrzehnte nahezu gewöhnt. Mal sei als Grund für die Krise der »Verlust eines Kanons durch eine als unrein empfundene Gegenwartsliteratur (Emil Staiger), mal eine übersteigerte Werkimmanenz« angegeben worden, ein anderes Mal »eine nachlassende politische Schärfe, mal eine Übertheoretisierung, mal die unüberschaubare Ausdifferenzierung infolge verschiedenster kulturwissenschaftlicher turns samt drohendem Verlust philologischer Grundkompetenzen« festgestellt und als Ursache für den vermeintlich bedenklichen Zustand des Fachs geltend gemacht worden.24 Angesichts der kontinuierlichen und zugleich disparaten (Fremd- und Selbst-)Diagnosen sei die Krise eher als Dauer- und Normal- denn als Ausnahmezustand zu beobachten, so der Tenor der Fachvertreter. Tatsächlich sind – über den Spiegel-Artikel und die darauffolgenden Reaktionen hinaus – sowohl wissenschaftsexterne25 Beiträge als auch wissenschaftsinterne Auseinandersetzungen über die Krise, die unterschiedlichen Krisenphänomene, Krisenschauplätze, Krisensymptome, Krisentypen, Krisenverantwortungen oder Krisenzusammenhänge und die verschiedenen Krisenlösungsvorschläge noch nicht einmal ansatzweise in einer Fußnote unterzubringen.26 Neben einer »Bewusstseinskrise«27, »Chancen-Krise«28, »Einheitskrise«29, »Identitätskrise«30 23 Geulen: »Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur«, o. S. 24 Drügh, Komfort-Hein, Koschorke: »Wir Todgeweihten grüßen euch!«, o. S. Eine weitere Sammlung von Krisensymptomen findet sich darüber hinaus bspw. bei Horstmann: »Qualität und Qualitätsprüfung«, S. 210f. 25 Eine Vielzahl von wissenschaftsexternen Beiträgen, die eine ›Krise‹ der Germanistik ausrufen, werden – wie bspw. im Fall von Martin Doerry – von studierten Germanisten verfasst. Zu möglichen Antworten auf die Frage, warum gerade studierte Geistes-, mithin Literaturwissenschaftler im Feuilleton zu Krisenbeschwörern werden, siehe die Überlegungen von Schöttker: »Geisteswissenschaften im Visier des Journalismus«. 26 Auch diese Fußnote reicht für eine Auflistung in Frage kommender Beiträge nicht aus. Daher muss ein Verweis auf wenige exemplarische Publikationen genügen, denen weitere Literaturhinweise entnommen werden können. Für eine Zusammenstellung aktueller Überlegungen siehe Heise-Von Der Lippe, West-Pavlov : Literaturwissenschaften in der Krise; außerdem das DVjs-Sonderheft »Zur Lage der Literaturwissenschaft« (89/4, 2015). Vielfältige Krisenbesichtigungen wurden in den Vorträgen des Kolloquiums »Nach der Theorie, jenseits von Bologna, am Ende der Exzellenz? Perspektiven der Germanistik im 21. Jahrhundert« unternommen, welche online einsehbar sind: http://www.perspektiven-der-germanistik.de/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]; Jan Standke referiert in seiner Dissertation Krisenbeschreibungen des Feuilletons zwischen 1950 und 1990 und weist darauf hin, dass das Innsbrucker Zeitungsarchiv (https://www.uibk.ac.at/iza/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]) am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck die deutschsprachigen Feuilleton-Diskussionen seit den 1960er-Jahren über die Krise der Germanistik archiviert hat, siehe Standke: Resonanz und Krise der Theorie, S. 213ff. 27 Böhme: »Die Literaturwissenschaft«, S. 46.

Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen

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setzte sich die Disziplin in ihrer Geschichte bereits mit einer »Innovationskrise«31, »Legitimationskrise«32, »Leistungskrise«33, »Modernitätskrise«34, »Überproduktionskrise«35 u.v.a.m. auseinander. Solche Krisendiagnosen eint zumeist, dass sie angeblich vorkrisenhafte Situationen oder intakte Idealverfassungen imaginieren und somit einen vermeintlichen »Abstand zu nicht-krisenhaften Normalzuständen«36 markieren. Zudem beruhen sie – wie auch Martin Doerrys Klagen – in der Regel auf persönlichen Erfahrungen, die im Grunde genommen nur Aussagen über das Studien- bzw. Fachmilieu der jeweiligen Autoren zulassen. Typisch für die meisten Krisendiagnosen ist insofern, dass sie auf einzelne Beispiele oder Begebenheiten verweisen, die dann für das ›ganze‹ Fach stehen sollen. Singuläre Erfahrungen, einzelne Perspektiven oder individuelle Präferenzen werden dabei oftmals weniger in ihrer »Partialität« belassen, als vielmehr mit einer »Tendenz ins Prinzipielle« ausgestattet.37 Diesem Hang zur Verallgemeinerung wird auch dadurch Vorschub geleistet, dass Fach- oder Disziplinbeschreibungen zumeist mit dem präjudizierenden, aber alternativlosen Kollektivsingular ›die Germanistik‹ oder ›die Literaturwissenschaft‹ operieren und somit eine »Einheitsfiktion«38 suggerieren, welche mit dem Risiko einhergeht, die Aussagenreichweite der eigenen Beobachtungen zu überschätzen. Auf diese Weise geraten Krisendiagnosen und die Diagnosen der Krisendiagnosen in Gefahr, von partikularen Sozialisationserfahrungen auf allgemeine Aussagen über das ›gesamte‹ Fach zu schließen und ihre Beobachtungen des eigenen Milieus »unbemerkt zu Systemregeln [zu] generalisier[en]«39. Mit dieser Kritik an individuellen Krisenbeobachtungen soll hier aber selbstverständlich nicht gesagt sein, dass Erfahrungen grundsätzlich nicht getraut werden dürfe, sie zu ›subjektiv‹ oder gar ›unwissenschaftlich‹ seien. Eigene Erfahrungen sind wichtig; sie sind Ausdruck von langwierigen Sozialisationsprozessen; sie besitzen zweifelsohne auch einen Wahrheitswert und sind – insbesondere in ihrer Summe – von zentraler Bedeutung für die Selbstver28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39

Matuschek: »Welche Krise?«, S. 495. Standke: Resonanz und Krise der Theorie, S. 232. Riesenweber : Die Ordnungen der Literaturwissenschaft, S. 89. König, Müller, Röcke: »Vorwort«, S. VI. Vgl. Brackert, Stückrath: »Zur Legitimationskrise der Literaturwissenschaft«. Dainat: »Ein Fach in der ›Krise‹«, S. 270. Grimminger : »Krisen, Innovationen und andere Erbschaften«, S. 69. Strohschneider: »Germanistik als Disziplin«, S. 60. Ebenso (in Bezug auf die Geisteswissenschaften insgesamt) Kaube: »Mittlere Begabungen«, S. 2. Schlaeger : »Krise der Geisteswissenschaften / in den Geisteswissenschaften«, S. 240. Matuschek: »Welche Krise?«, S. 496. Strohschneider: »Germanistik als Disziplin«, S. 70. Ebd., S. 61.

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Einleitung

ständigung des Fachs. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass manche Beobachtungen zwar mit Blick auf bestimmte Zusammenhänge und Problemlagen, lokale Begebenheiten oder spezifische Fachmilieus stimmen können, aber nicht unbedingt für die Disziplin insgesamt zutreffend sein müssen. Die Problematik der iterativen Krisenausrufungen liegt demnach darin, dass sowohl die Zustimmung als auch die Ablehnung der Krisenbefunde bzw. ihrer jeweils diagnostizierten Ursachen und Folgen sowie der dazugehörigen Bewertungen bislang nur vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungshorizonte stattfindet. Wenn etwa Frauke Berndt aus Zürich in ihrer Replik auf Martin Doerry davon berichtet, dass ihre »Wahrnehmung« der Zürcher Germanistik mit ihrem spezifischen »Studienprogramm[]« keineswegs krisenhaft sei, wäre es durchaus denkbar, dass beispielsweise ein Kollege aus Bamberg, Kiel oder Wien in seinem Alltag andere Erfahrungen gemacht hat und diese dagegen halten könnte.40 Eine solche Pluralität unterschiedlicher Erfahrungen und Bewertungen ließe sich dann wiederum von den einen – in einer positiven Version – als Indiz für eine zu honorierende Aufgabenvielfalt und Verantwortungsbreite deuten und von den anderen – in einer negativen Version – als Indiz für ein vermeintlich uneinheitliches und unstimmiges Fach auslegen. Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, wie man mit den heterogenen Befunden über den Zustand des Fachs umgehen könnte bzw. wie sich die Disziplin in alternativer Weise fassen ließe: Wie könnte man überhaupt auch nur annährend zu einer »angemessenen Beschreibung eines ganzen Fachs«41 kommen? Wie könnte man die literaturwissenschaftliche Disziplin beobachten – und was könnte man den ihr attestierten Krisen (gegebenenfalls) entgegenhalten? Denn selbst wenn der Krisenbewältigungsumgang der Neueren deutschen Literaturwissenschaft – wie etwa im Fall des jüngsten Schlagabtauschs mit dem Spiegel – in seinem Reichtum an Gegenargumenten, Problemantworten und Ausweichmanövern als beeindruckend gelten kann, ist festzuhalten, dass den Auseinandersetzungen über die Disziplin schlichtweg empirische Daten über das fehlen, was eigentlich besprochen wird. Was wird denn in den Instituten Tag für Tag an Arbeit verrichtet, die in den Krisenbescheinigungen als defizitär, revisionsbedürftig oder gar überflüssig kritisiert wird? Was findet in den Büround Seminarräumen der Universitäten statt, was als krisenhaft oder nicht-krisenhaft gewertet wird? Welche Gegenstände werden gelehrt und erforscht? »Film, Comic und Computerspiel«, wie Martin Doerry befürchtet – oder doch »Goethe, Kleist und Kafka«?42 Woran zeigt sich die beklagte »Übertheoretisie40 Vgl. Berndt: »Hier wird an der Zukunft gearbeitet«, o. S. 41 Diese Frage wirft Steffen Martus in seiner alternativen Perspektive auf die persistente Krisendiagnostik auf, vgl. Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«, o. S. Siehe zudem Martus, Thomalla, Zimmer : »Die Normalität der Krise«. 42 Doerry : »Schiller war Komponist«, S. 104 und S. 109.

Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen

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rung«43 und worin die vermeintliche »Überforschung«44 ? Welche Aufmerksamkeiten werden verteilt, welche Fragen werden in welchen Kontexten vorrangig gestellt und welche werden vernachlässigt? Welche Perspektiven werden wann eingenommen und welches theoretische Vokabular wird von wem mit Blick auf welche Gegenstände und im Rahmen welcher Darstellungsformen privilegiert verwendet? Sind regionale, lokale, personelle, mediale etc. Relationen identifizierbar? Gibt es thematische Konjunkturen oder Zyklen in der Forschung? Und wenn ja, welche Faktoren bedingen diese und mit welchen Variablen korrelieren sie? Wie steht es um die kritisierte respektive geforderte »Internationalisierung«45, »Inter- und Transdisziplinarität«46 des Fachs – und auf welchen Ebenen sind sie jeweils zu suchen? Bevor also eine Krise ausgerufen, bestätigt oder negiert wird, Plädoyers bzw. Gegen-Plädoyers formuliert und die varianten Krisendiagnosen mit immer neuen programmatischen (Reform-)Vorschlägen beantwortet werden, müsste die Disziplin auf breiterer empirischer Basis beobachtet werden, um auf dieser Grundlage entsprechende Kritik an ihren Geschäften zu üben, zu bekräftigen, zu relativieren oder zurückzuweisen. Auch wenn man sich dann immer noch darüber streiten könnte, was in welcher Weise erhoben wurde und wie Befunde zu deuten sind, hätte man zumindest belastbarere Informationen, die über lokale Gegebenheiten, eigene Lesehorizonte, individuelle Forschungsbiographien, persönliche (Lehr-)Erfahrungen und den intersubjektiven Austausch mit dem jeweiligen Kollegenkreis hinausgehen – und könnte dem ewigen Kreislauf der Krisendiagnosen vielleicht tatsächlich etwas Neues hinzufügen.47 Hierfür läge es nahe, zunächst das zu erfassen, was Literaturwissenschaftler normalerweise tun, und das zu fokussieren, was so oft in den zitierten Krisendiagnosen angegriffen und kritisiert wird: der (attestierte) gewöhnliche Umgang mit den Gegenständen, die (anscheinend) verbreiteten Verhaltensweisen und die (vermeintlich) zu erwartenden Abläufe. Es ist der Alltag der Disziplin, der jeweils zur Disposition gestellt wird. Allerdings ist genau das, was Tag für Tag vollzogen wird und gewissermaßen selbstverständlich ist, latent. Routinierte Handlungsvollzüge sind so alltäglich, vertraut und unscheinbar, dass derjenige, der sie vollzieht, gewissermaßen ›betriebsblind‹ wird und derjenige, der sie 43 Vgl. Drügh, Komfort-Hein, Koschorke: »Wir Todgeweihten grüßen euch!«, o. S. 44 Geulen: »Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur«, o. S. Vgl. ebenso Martus: »Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht«, o. S. 45 Vgl. Berndt: »Hier wird an der Zukunft gearbeitet«, o. S. 46 Vgl. Geulen: »Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur«, o. S. 47 Dabei ist wichtig, zu betonen, dass ein solches (empirisch angelegtes) Unternehmen – wie es hier visioniert wird – nicht darauf zielt, die Selbstbeobachtungen der Akteure zu entlarven oder sie vorzuführen (und sich damit an den bekannten Überbietungsgesten zu beteiligen), sondern vielmehr darauf, den bisherigen (Krisen-)Beschreibungen der Disziplin eine alternative Perspektive gegenüberzustellen.

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Einleitung

beobachten möchte, sie nur schwer artikulieren und explizieren kann.48 Routinen sind nicht leicht zu greifen. Sie treten aber besonders dann hervor, wenn gewohnte Tätigkeiten, gängige Vorgehensweisen und normalisierte Verfahren gestört werden. »Störquellen«49 sind insofern ein potentieller »Anlass der Explikation«50, wie Rahel Jaeggi in ihrer Habilitationsschrift betont: Sobald »der ›Boden der Selbstverständlichkeiten‹ ins Wanken [gerät]«, tritt das hervor, was ansonsten unterhalb der »Aufmerksamkeitsschwelle« liegt.51 Störungen bieten damit die Chance zur Beobachtung von ›intuitiven‹ Selbstverständlichkeiten und ›stillschweigenden‹ Konventionen. Eine solche ›Störung‹ oder Irritation ist aktuell besonders deutlich mit Blick auf die Prozesse der Digitalisierung und ihrer antizipierten Folgen für die Geistesund mithin die Literaturwissenschaft wahrzunehmen. Elektronische Textverarbeitungs- und Literaturmanagementprogramme, computergestützte Volltextrecherchesysteme, digitale Annotationswerkzeuge und Visualisierungstechniken, quantitative Textanalyseverfahren und virtuelle Forschungsumgebungen bringen Alternativen für das alltägliche Geschäft ins Spiel. Sie tangieren geläufige Praktiken wie das Archivieren, Recherchieren, Lesen, Analysieren, Schreiben u.v.a.m. und lassen dadurch routinisierte Umgangsweisen, übliche Arbeitsabläufe und gebräuchliche Darstellungsformen besonders hervortreten. Durch diese ›praktischen‹ Irritationen wird der Normal- und Routinefall sowie seine epistemischen Implikationen erklärungsbedürftig. Dabei tauchen etwa folgende Fragen auf: Aus welchen Praxisvollzügen setzt sich der normale literaturwissenschaftliche Arbeitsalltag zusammen? Wie wird in der Regel gelesen, gefragt, analysiert, gedeutet, argumentiert, kontextualisiert oder dargestellt? Was zählt zu den stillen Gewohnheiten der Disziplin? Und an welchen Stellen im Forschungsprozess wird der Betriebsmodus durch digitale Integrationen gestört oder zumindest irritiert? Welche Modifikationen werden begrüßt oder zugelassen, welchen wird zögerlich oder gar mit Widerstand begegnet? Diese Irritationen der alltäglichen Praxis durch die »Computerwende«52, den »digital turn«53, die »digitale Transformation«54 oder die »digitale Revolution«55

48 Vgl. zur Routine insb. Luhmann: »Lob der Routine«. Eine kurze Überblicksdarstellung findet sich in: Sarasin: »Routine«. Für die vorliegende Fragestellung zentral: Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 89ff. 49 Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 127. Siehe dazu auch ihre weiterführenden Überlegungen auf S. 127–130. Rahel Jaeggi insistiert in der Tradition der Kritischen Theorie auf einer Explikation bzw. der Diskursivierung von Störungen und Irritationen. 50 Ebd., S. 127. 51 Ebd., S. 130 und S. 129. 52 Vgl. Berry : »Die Computerwende«.

Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen

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finden auch in den vielfältigen Zustands- und Lageberichten der Geistes- und Literaturwissenschaft Widerhall.56 Dabei geht es im Wesentlichen um die wissenschaftliche Institutionalisierung der Digitalisierung in Form der so genannten Digital Humanities,57 die as an academic subject or discipline with a distinct agenda; as a bundle of research methods; as a communication, information and publication infrastructure; as a practice that changes our epistemologies; or simply as a label to take part in funding programmes58

bzw. als »field«59, »Brücke«60 oder »movement«61 zwischen Informatik und Geisteswissenschaften verstanden werden.62 In den aktuellen disziplinären 53 Siehe bspw. die Kurzstatements zum Begriff ›digital turn‹ des Hochschulforums Digitalisierung: https ://hochschulforumdigitalisierung.de/de/kurzstatements-digital-turn [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 54 Vgl. Klinke: »Die digitale Transformation in den Geisteswissenschaften«. 55 Lauer : »Die digitale Vermessung der Kultur«, S. 99. 56 Eine illustrative Zusammenstellung der heterogenen Bewertungen der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften bildet die sechsteilige Bilanzreihe ›Digital Humanities‹ in der FAZ ab, welche im Frühjahr 2018 verschiedene Perspektiven aus den unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Fächern zu Wort kommen ließ. Vgl. Krischke: »Sprachwissenschaft«; Wiesenfeldt: »Zu viele Noten?«; Wagner : »Im Zoo des Sozialen«; Klaue: »Auf der Suche nach dem verlorenen Objekt«; Spreckelsen: »Der Teufel im Detail«; Schubert: »Wie die Nomaden in Athen entdeckt wurden«. Auf den digitalisierungs- bzw. Digital Humanities-kritischen Beitrag von Magnus Klaue reagierte Gerhard Lauer: »Lob der digitalen Philologie«. 57 ›Die‹ Digital Humanities sind sicherlich auch nur als Kollektivsingular zu verstehen. Auf ihre Pluralität verweisen nicht zuletzt ihre historischen Vorläufer wie etwa ›Humanities Computing‹, ›Computing in the Humanities‹, ›EDV in den Geisteswissenschaften‹ oder ›e-Humanities‹, die mit jeweils unterschiedlichen Akzentsetzungen verbunden werden können. Ihre jeweiligen ›Anfänge‹ sind nicht nur in dem mit Roberto Busa verbundenen Gründungsmythos um 1949 zu lokalisieren, sondern auch in informellen Arbeitsgruppen oder einzelnen Projekten. Eine vor allem für den deutschsprachigen Raum exemplarische und bislang unbeachtete Materialquelle stellen hierbei die Protokolle des ›Kolloquiums über die Anwendung der EDV in den Geisteswissenschaften‹ an der Universität Tübingen ab 1973 dar. Siehe: http://www.tustep.uni-tuebingen.de/kolloq.html [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. Vgl. für eine historische Perspektive die Arbeiten von Flinn, Nyhan: Computation and the Humanities; Thaller : »Controversies around the Digital Humanities«; Berry, Fagerjord: Digital Humanities, insb. das Kapitel »Genealogies of the Digital Humanities«, S. 25–39; Hockey : »The History of Humanities Computing«. Für einen ersten Überblick vgl. Thaller : »Geschichte der Digital Humanities«. 58 Kahlert, Prinz: »The Status Quo of Digital Humanities in Europe«, o. S. 59 Schreibman: »Digital Humanities«, S. 46. 60 Sahle: »Digital Humanities?«, o. S. Vgl. auch die Auseinandersetzungen auf der Jahrestagung des Digital-Humanities-Verbandes für den deutschsprachigen Raum: »Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme?‹«: http://dig-hum.de/jahresta gung-dhd-2014 [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 61 Berry, Fagerjord: Digital Humanities, S. 1. 62 Weitere Definitionen finden sich in folgendem Sammelband, der sich mit der Problematik des Definierens der Digital Humanities befasst: Nyhan, Terras, Vanhoutte: Defining Digital

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Einleitung

Selbst- und Fremdbeschreibungen nehmen die Bewertungen der Digital Humanities oftmals eine prominente Stellung ein und werden mit den kursierenden Krisenbeschreibungen verbunden.63 In den extremen Varianten dieser Diskurse wird die bestehende bzw. andauernde Krise durch die Digital Humanities kuriert oder gar gelöst respektive forciert oder intensiviert.64 Auf der einen Seite steht die Hoffnung auf eine anscheinend dringend benötigte, seit Ende der 1960erJahre immer wieder geforderte Szientifizierung der sogenannten ›weichen‹ geisteswissenschaftlichen Fächer, die Erwartung einer nützlichen Zusatzqualifizierung für den Arbeitsmarkt und damit auch einer neuen Daseinsberechtigung für die vermeintlich ›unsicheren‹ Disziplinen.65 Aus einer »›Wissenschaft im Elfenbeinturm‹ [soll] eine ›Wissenschaft für alle‹ mit einer freien Zugänglichkeit zu Ressourcen und Forschungsdaten werden«66, die Transparenz und kollektive Teilhabe oder gar soziale Gerechtigkeit und Demokratie verspräche.67 Als »Antwort«68 auf die multiplen Defizitdiagnosen ermöglichten die Digital Humanities aus Sicht ihrer radikalen Fürsprecher eine »Überwindung der immer wieder beschworenen Krise der Geisteswissenschaften«69. Auf der an-

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Humanities. Ein recht amüsantes Beispiel für die Definitionspluralität liefert die Website https://whatisdigitalhumanities.com/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]: Mit jeder neuen Aktualisierung der Seite erscheint eine von insgesamt 800 gesammelten Definitionen. Zum Zusammenhang von Krise und Digital Humanities vgl. etwa die Behauptung von Urs Hafner in der NZZ: »Der Aufruhr, den die Digital Humanities auslösen, rührt vor allem daher, dass ihre Anhänger das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften angreifen – und dass diese Wissenschaften in einer Krise stecken. Sonst würden sie gelassener reagieren« (Hafner : »Geist unter Strom«, o. S.). In ähnlicher Akzentuierung vgl. Gottschall: Literature, Science, and a New Humanities, S. XIff. Zur Reflexion von allgemeinen Krisendiagnosen und dem Interesse an Digital Humanities siehe auch Jockers: Macroanalysis, S. 11ff. Vgl. zu dieser Polarität bspw. Hafner : »Geist unter Strom«, o. S. Vgl. hierzu die ›Positionen‹ von Berry : »Die Computerwende«; Spiro: »This is why we fight«; Lauer : »Die digitale Vermessung der Kultur«. So die zugespitzte Beobachtung in Baum: »›Digital gap‹ oder ›digital turn‹?«, S. 320. Vgl. ebenso die Überlegungen in Dickel, Franzen: Wissenschaft im digitalen Wandel, S. 18ff. sowie die Präambel der Open Knowledge Foundation Deutschland: https://okfn.de/themen/ offene-wissenschaft/ [zuletzt aufgerufen am 10.12.18; nicht mehr online zugänglich; geprüft am 14.1.20]. Beispiele für einen solchen über die Geisteswissenschaft hinausgehenden, gesamtgesellschaftlichen Erwartungshorizont lassen sich in den mittlerweile zahlreichen Manifesten der Digital Humanities nachlesen. Vgl. etwa »Digital Humanities Manifesto 2.0«, »Young Researchers in Digital Humanities. A Manifesto« oder auch das »Vision Statement« in Svensson: »Envisioning the Digital Humanities« (o. S.), den »Call to Action« in Borgman: »The Digital Future is Now« (o. S.) sowie die Beiträge in dem Kapitel »Envisioning the Future of the Digital Humanities« in Gold: Debates in the Digital Humanities, S. 415–509. Vgl. den Blogbeitrag von Sarah Catherine Stanley, in dem sie Digital Humanities als »response to the fact that the academy has been largely non-self-reflective about its modes of production […], response to institutional structures […], response to (not a cause of) the neoliberal academy« und als »response to unsustainable infrastructures of the academy« deutet: http://scatherinestanley.us/2017/06/why-is-dh [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. So die kritische Rekonstruktion von Hagner, Hirschi: »Editorial«, S. 7.

Hinführung: Die Iterativität der Krise unter digitalen Vorzeichen

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deren Seite werden die Digital Humanities als ein »sozialutopisches Projekt«70, als »Hype«71 oder als naive Technophilie angesichts eines vorbeiziehenden Modetrends identifiziert, dem man nicht aufsitzen dürfe. Die Gegner der Digital Humanities halten digitale Interventionen für gefährlich, nutzlos, für Zeitverschwendung oder eine vorschnelle Anbiederung an Technologien, die mehr versprechen als sie halten können und grundsolider philologischer Arbeit im Wege stünden.72

Die Digital Humanities würden zu einer Empirisierung und Vernaturwissenschaftlichung führen, die als Entfremdung geisteswissenschaftlicher Solidität gedeutet wird. Die vermeintliche Ablösung der Hermeneutik durch standardisierte Methoden der Wissensproduktion und die »feindliche[] Übernahme […] durch die Dogmen der Informatik«73 steigern diese Stimmen zu einem Szenario über den Untergang der abendländischen Kultur insgesamt.74 Trotz ihrer konträren Positionen eint die oben skizzierten polaren Einschätzungen, dass sie sich an programmatischen Proklamationen orientieren und selbst normativ, präskriptiv und imperativistisch auftreten. Beide Positionen setzen unausgesprochen voraus, was geistes-, mithin literaturwissenschaftliche Forschung eigentlich ausmache und was angesichts ›der‹ Digitalisierung zu verteidigen respektive zu erneuern sei. Dabei ist gerade dies der blinde Fleck. Die Frage, auf welche Weise die Digitalisierung die Literaturwissenschaft (oder die Geisteswissenschaft insgesamt) verändere bzw. wie die jeweiligen Kontinuationen, Modifikationen oder Substitutionen zu deuten oder zu bewerten seien, ist deswegen so schwer differenziert zu beantworten, weil – darauf weisen auch die eingangs erwähnten Krisendiskurse ex negativo hin – der modus operandi der Disziplin auf breiter Basis unerforscht ist. Vor diesem skizzierten Problemhorizont – der Iterativität der Krisendiagnosen und der durch die Digitalisierung induzierten Explizierungschance des literaturwissenschaftlichen Alltags – nehmen die weiteren Überlegungen ihren Ausgang.75 70 Ebd. 71 Vgl. resümierend Sahle: »Digital Humanities?«, o. S. 72 Baum: »Digitale Netzwerke für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 120. Constanze Baum fasst in ihrem Beitrag die Kritik an den Digital Humanities pointiert zusammen. 73 Röhnert: »Feindliche Übernahme?«, o. S. 74 Vgl. hierzu exemplarisch Fish: »The Digital Humanities«; Kirsch: »Technology«; Brennan: »The Digital-Humanities Bust«. 75 Erste Ideen zu dieser Arbeit konnte ich in folgenden Publikationen vorstellen: Schruhl: »Literaturwissenschaftliche Wissensproduktion«, dies.: »Quantifizieren in der Interpretationspraxis« und dies.: »Objektumgangsnormen in der Literaturwissenschaft«. Auf überarbeitete Übernahmen dieser Aufsätze wird in den jeweiligen Kapiteln gesondert hingewiesen.

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2.

Einleitung

Der literaturwissenschaftliche Alltag

Im Zentrum der vorliegenden Studie steht die Beobachtung des »literaturwissenschaftlichen Alltagsgeschäfts«76. Es geht darum, seine unauffälligen Gewohnheiten, stillen Routinen und unscheinbaren Selbstverständlichkeiten zu untersuchen. So soll sowohl erfasst werden, was Literaturwissenschaftler »tun, wenn sie ihre jeweilige Forschung betreiben«77, als auch beobachtet werden, an welchen Stellen im Forschungsprozess und in welchen Praxiszusammenhängen digitaltechnologische ›Irritationen‹ auftreten. Der Fokus liegt dabei zum einen auf dem Forschungsalltag78 der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und zum anderen auf literaturwissenschaftlich affinen Teilbereichen der Digital Humanities.79 Um Kontinuationen und Modifikationen im Praxisgeschehen durch digitale Analyseverfahren, Softwareprogramme oder Tools überhaupt identifizieren und beschreiben zu können, gilt es zunächst, die literaturwissenschaftliche Normalität genauer zu erfassen. Mit einem solchen Vorhaben gehen spezifische Perspektivierungen einher. Dies betrifft primär die Aufwertung des (literatur-)wissenschaftlichen Alltags, in dem Praktiken ankern. Der Alltag mit seinen ›bloßen‹, ›reinen‹ oder ›lästigen‹ Routinen wird somit gerade nicht als banal, trivial oder nebensächlich betrachtet, sondern als erfahrungsgesättigt und voraussetzungsreich gefasst.80 Als Erster hat Peter J. Brenner die Bedeutung des literaturwissenschaftlichen Alltags betont.81 In dem von ihm 1993 herausgegebenen Sammelband Geist, Geld und Wissenschaft postuliert er, dass zwischen der »wissenschaftstheoretischen Grundlegung der Literaturwissenschaft« und ihrer »›Fachgeschichte‹« ein bislang »unerforschtes Niemandsland« läge: die »unbefragte ›Lebenswelt‹ jener Selbstverständlichkeiten, in denen sich die Literaturwissenschaftler in ihrem Handeln bewegen«.82 Peter J. Brenner zielt darauf, die »›kryptogenetischen‹ Vorgaben«83 wissenschaftlicher Tätigkeit zu erfassen, die »in der Regel sowohl unkontrolliert wie meist auch unreflektiert«84 den Forschungsalltag struktu76 77 78 79 80

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Brenner : »Die ›Lebenswelt‹ der Literaturwissenschaft«, S. 9. Rheinberger : Historische Epistemologie, S. 12. Nicht berücksichtigt werden somit Lehr- und Verwaltungskontexte. Zur genaueren Materialeingrenzung vgl. Kapitel I. 4.3. Vgl. den Schwerpunkt »Alltagswelt Universität« im Jahrbuch für Universitätsgeschichte und Hitzler, Honer: »Vom Alltag der Forschung«. Zur allgemeinen Soziologie des Alltags vgl. Hammerich, Klein: Materialien zur Soziologie des Alltags. Eine aktuelle Zusammenfassung der Forschungslage findet sich zudem in Lengersdorf, Reuter : »Der Alltag der Soziologie und seine praxistheoretische Relevanz«. Vgl. Brenner : Geist, Geld und Wissenschaft. Ders.: »Die ›Lebenswelt‹ der Literaturwissenschaft«, S. 8f. Ebd., S. 9. Ebd.

Der literaturwissenschaftliche Alltag

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rieren. Allerdings gibt er gleichzeitig zu bedenken, dass »für eine fundierte Diskussion solcher Probleme noch fast alle Voraussetzungen fehlen«85. Zwar können die in dem Band versammelten Beiträge diese Situation nicht durch systematische empirische Untersuchungen verbessern, doch liefern ihre praxeologisch fundierten Reflexionen zu Darstellungs- sowie zu Arbeits- und Organisationsformen wichtige Anknüpfungspunkte für weitere Analysen literaturwissenschaftlicher ›Lebenswelten‹, welche diese empirische Lücke auf Grundlage von teilnehmenden Beobachtungen und Leitfadeninterviews zu schließen versuchten. Hier lässt sich die Arbeitsgruppe »Science as Culture – Wissenschaftskulturen im Vergleich« einordnen, zu der sich am damaligen interuniversitären Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universitäten Graz, Klagenfurt und Wien zwischen 1999 und 2001 Vertreter unterschiedlicher Disziplinen zu einer Arbeitsgruppe zusammenschlossen, um die Alltagskultur verschiedener Disziplinen zu beobachten.86 Mithilfe vielfältiger sozialwissenschaftlicher Methoden wie beispielsweise der teilnehmenden Beobachtung von Lehrveranstaltungen, der Durchführung von leitfadengestützten Interviews mit Lehrenden und Studierenden sowie ergänzenden Textanalysen von Lehrbüchern und wissenschaftlichen Publikationen untersuchte das Projekt die Wissenschaftskultur der Biologie, Physik, Literatur- und Geschichtswissenschaft. Aus diesem Arbeitszusammenhang gingen der von Markus Arnold und Roland Fischer herausgegebene Sammelband Disziplinierungen. Kulturen der Wissenschaft im Vergleich sowie die Dissertation von Marie Antoinette Glaser Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur hervor.87 Diese Arbeiten bemühen sich um eine stärkere empirische Fundierung des wissenschaftlichen Alltagsgeschehens unter der Perspektive von (fach-)wissenschaftlichen ›Kulturen‹. Dabei konzipieren die Autoren Kultur als »eine mit anderen geteilte Art, die Welt zu sehen bzw. mit ihr umzugehen«88. Kultur setzt sich für sie aus »spezifischen von der Gemeinschaft geteilten und tradierten Wahrnehmungs-, Denk-, Bewertungs- und Handlungsmuster[n]«89 zusammen, die eine Disziplin stabilisieren, ohne eine invariable, geschlossene und klar abgrenzbare Einheit zu formieren.90 Markus Arnold, der in dieser Arbeitsgruppe die Konzeption und Leitung über85 Ebd., S. 10. 86 Für eine Einführung in die Geschichte der Erforschung von Wissenschaftskulturen vgl. Niemann: Wissenschaftssprache praxistheoretisch, S. 277ff. 87 Arnold, Fischer : Disziplinierungen; Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur. Vgl. auch den Konferenzband, der von Markus Arnold und Gert Dressel herausgegeben wurde: Arnold, Dressel: Wissenschaftskulturen. 88 Arnold: »Disziplin und Initiation«, S. 22. 89 Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur, S. 160, Anmerkung 13. Vgl. auch Huber: »Fachkulturen«. 90 Vgl. Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur, insb. S. 30f.

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Einleitung

nahm, formuliert im ersten Beitrag des Sammelbandes eine der zentralen Thesen der Studie: Das Lernen einer Wissenschaft verlangt mehr von den Studierenden als nur das Lernen der ›offiziellen‹ Theorien und Methoden. Denn die Identität einer Disziplin – und d. h. auch die Identität der Wissenschaftler – bildet sich nicht zuletzt durch ihre Traditionen und Bräuche, ihre wissenschaftlichen Praktiken, sowie durch die moralischen Normen und Regeln des Verhaltens, ebenso wie die Kenntnis des richtigen Umgangs mit den disziplinspezifischen sprachlichen und symbolischen Formen des Wissens wie auch der Kommunikation. Dies alles macht das aus, was man als ›Wissenschaftskultur‹ bezeichnen kann, also all das, was sich Studierende aneignen müssen, um anerkannte Mitglieder der disziplinären Community zu werden.91

Die Komplexität des Alltagsgeschehens zeigt sich also insbesondere dort, wo gewisse Erfahrungen und Voraussetzungen (noch) fehlen, wie beispielsweise am Übergang zwischen Schule und Studium.92 Dass die Anfangsphase des literaturwissenschaftlichen Studiums durch einen mühevollen und voraussetzungsreichen Enkulturationsprozess charakterisiert ist, demonstriert Marie Antoinette Glaser in ihrer Dissertation anhand der empirischen Untersuchung eines Einführungsmoduls am Institut für Deutsche Philologie der Universität Wien.93 Sie befragte die Seminarteilnehmer nach ihren Motiven, ein literaturwissenschaftliches Studium aufzunehmen und welche Erfahrungen sie in ihrem ersten Hochschulsemester gesammelt hätten. Dabei zeigte sich beispielsweise, dass Novizen – mitunter schmerzlich – erfahren, dass sich (Literatur-)Wissenschaft nicht allein über Theorie- und Methodenwissen aneignen lässt, dass das Einüben eines »literaturwissenschaftliche[n] Blick[s]«94 erst geduldig eingeübt werden muss, dass der »Übergang von der bisherigen Lektüreart zur literaturwissenschaftlichen Leseweise […] regelmäßig Abwehr«95 hervorruft und dass die Konfrontation mit ›unpassenden‹ Fragen, ›weniger interessanten‹ Textdetails oder ›verfehlten‹ Interpretationen im Seminar zu den elementaren und wichtigen Schlüsselszenen von Studierenden zählt.96 Um im wissenschaftlichen (Studien-)Alltag zu bestehen, sozial erfolgreich zu sein und zu einem Wissenschaftler zu werden,97 bedarf es demnach Sozialisationserfah91 Arnold: »Disziplin und Initiation«, S. 18. 92 Vgl. zu dieser Überlegung die inspirierenden Ausführungen von Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 91f. 93 Vgl. Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur. 94 Ebd., S. 119. 95 Ebd., S. 116. Vgl. hierzu auch dies.: »Grenz-Lektüren«. 96 Vgl. hierzu auch die empirische Studie von Apel: »Fachkulturen und studentischer Habitus«. 97 Was es überhaupt bedeuten mag, ein ›Literaturwissenschaftler‹ zu werden oder zu sein, ist schwer zu sagen: »Aber erfahrungsgemäß ist es entscheidend, dass man ›dazugehört‹ und ein Dazugehörigkeitsgespür für die eigene Wissenschaft ›als Lebensform‹ entwickelt« (Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 182).

Der literaturwissenschaftliche Alltag

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rungen, durch die bestimmte Praxisformen im Umgang mit Untersuchungsgegenständen, aber auch bestimmte Interaktionsrituale angeeignet werden. Erst durch trial and error und durch Imitationsverhalten erlernt man, wie man sich gegenüber Forschungsgegenständen, Forschungsliteratur und gegenüber anderen Forschern verhält und wie man sich im (geistes-, mithin literatur-)wissenschaftlichen Alltag bewegt.98 Auch wenn man diesen konkreten Befunden und verallgemeinernden Schlussfolgerungen intuitiv zustimmen mag und davon auszugehen ist, dass sich literaturwissenschaftliche Enkulturationsprozesse an anderen Orten in verwandter Weise vollziehen und in den literaturwissenschaftlichen Einführungskursen anderer Universitäten ähnliche Praxiszusammenhänge kontinuiert und angeeignet werden, handelt es sich um eine lokal begrenzte und damit um eine unifaktorale Fallstudie, die durch vergleichende Untersuchungen zu ergänzen wäre. Zumindest gilt es zu bedenken, dass die Studie lediglich einen spezifischen Ausschnitt untersucht hat – nämlich einen Einführungskurs in einem bestimmten Semesterjahrgang an der Universität Wien. In den vergangenen zehn Jahren wurden neben dem Studien- und Lehralltag vor allem der Forschungsalltag fokussiert und anhand von Praktiken in den Blick genommen. Schon 2008 sprach Steffen Martus davon, dass die »›Logik‹ der Literaturwissenschaft«99 in erster Linie praxeologisch zu fassen sei und dass sich die Disziplin nicht nur durch Sach- und Regelwissen, sondern auch durch Anwendungs- bzw. Praxiswissen konstituiert. Inspiriert von der Wissenschaftsforschung der Naturwissenschaften, insbesondere ihren Laborstudien,100 sowie 98 Vgl. zum Erlernen von Literaturwissenschaft die Forschungsbeiträge von Kämper-van den Boogaart, Martus, Spoerhase: »Entproblematisieren«; Martus, Spoerhase: »Eine praxeologische Perspektive auf ›Einführungen‹« sowie Kämper-van den Boogaart: »Literaturdidaktik und Praxeologie«. 99 Martus: »Philo-Logik«, S. 142. 100 Auch wenn auf die folgenden Studien eigentlich ausführlicher einzugehen wäre, seien hier zentrale Arbeiten der Science Studies und ihrer Vorläufer zumindest aufgeführt, die auf die sozialen (Fleck, Kuhn), lokalen (Woolgar, Latour), kulturellen (Knorr Cetina), dingbezogenen bzw. technischen (Rheinberger) und relationalen (Latour) Anteile wissenschaftlicher Forschungsprozesse hingewiesen haben: Fleck: Erfahrung und Tatsache; Ders.: Denkstile und Tatsachen; Ders.: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache; Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis; Dies.: Wissenskulturen; Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen; Ders.: Die Entstehung des Neuen; Latour : Elend der Kritik; Ders.: Die Hoffnung der Pandora; Ders.: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft; Ders.: Science in Action; Ders., Woolgar : Laboratory Life; Rheinberger : Experimentalsysteme und epistemische Dinge; Ders.: Epistemologie des Konkreten. Einen sehr guten Überblick über die naturwissenschaftlichen Laborstudien liefern Lengersdorf, Wieser : Schlüsselwerke der Science & Technology Studies; außerdem Liburkina, Niewöhner : »Laborstudien«, S. 173–197. Zur Diskussion, inwieweit die Perspektiven der Science Studies auf eine geistes- und literaturwissenschaftliche Wissenschaftsforschung übertragbar sind, vgl. Spoerhase: »Das ›Laboratorium‹ der Philologie?«, S. 57ff.

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Einleitung

von dem sogenannten practice turn101 in der Sozialtheorie etablierte sich eine Forschungsperspektive auf die Literaturwissenschaft, die darauf zielt, geläufige, normalisierte, internalisierte, selbstverständlich gewordene Arbeitsabläufe und die zumeist ›stillen‹ Alltagsroutinen zu beobachten. In verschiedenen Beiträgen102 der letzten Jahre widmeten sich Steffen Martus und seine Kollegen einer »praxisaffine[n] Erforschung der Wissenschaften«103. In dem ersten Diskussionspapier, das er zusammen mit Carlos Spoerhase 2009 in der Zeitschrift Geschichte der Germanistik vorlegte und das mittlerweile zu einer Art ›Programmtext‹ der literaturwissenschaftlichen Praxeologie avanciert ist, schreiben sie, dass das einer Disziplin Gemeinsame […] weniger auf der Ebene von geteilten Gegenstandsbereichen, Problemstellungen, Theorien oder Methoden zu finden [sei] als auf der Ebene eines geteilten Repertoires an Praktiken.104

In den Mittelpunkt geraten aus dieser Perspektive somit vorrangig »›handwerkliche[]‹ Wissensformen« und »Verfahrensroutinen«, die sich in Wissenschaftskulturen einschleifen und Disziplinen ein »spezifisches Gepräge verleihen«.105 Hierzu zählen etwa »Praxisformen des Textumgangs, der Begriffsbildung, der Themenfindung, der Wissensordnung, der Validierung und Darstellung von Wissensansprüchen«, die in langwierigen, zeitintensiven und mitunter Enttäuschungsresistenzen fordernden Inkorporierungsprozessen angeeignet werden, zu einer Art »›zweiten Natur‹« gerinnen und sich als Routinen irgendwann »›von selbst‹ versteh[en]«.106 Diese so unscheinbaren wie komplexen Praxiszusammenhänge lassen sich in ihrem »›Betriebsmodus‹«107 nur

101 Für eine knappe Darstellung des practice turn und weitere Literaturhinweise vgl. Stern: »The Practical Turn«. Ausführlichere Überlegungen finden sich in: Knorr Cetina, Schatzki, von Savigny : The Practice Turn in Contemporary Theory. 102 Vgl. die zahlreichen Arbeiten der letzten Jahre: Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«; Martus, Spoerhase: »Die Quellen der Praxis«; Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«; Martus: »Der Mut des Fehlens«; Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«; Martus, Thomalla, Zimmer : »Die Normalität der Krise«; Martus: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität aus praxeologischer Perspektive«; Martus: »Zur normativen Modellierung und Moderation von epistemischen Situationen«. Der Lehr- bzw. Studienalltag wurde in folgenden Untersuchungen ins Zentrum gerückt: Kämper-van den Boogaart, Martus, Spoerhase: »Entproblematisieren«; Martus, Spoerhase: »Eine praxeologische Perspektive auf ›Einführungen‹«; Spoerhase: »Das ›Laboratorium‹ der Philologie?«; Spoerhase: »Gegen Denken?«; Thomalla: »Das wissen wir also noch nicht«. 103 Martus, Spoerhase: »Die Quellen der Praxis«, S. 222. 104 Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 90. 105 Ebd., S. 89. 106 Ebd. 107 Ebd.

Praxeologisieren

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schwer identifizieren und explizieren. Sie operieren in gewisser Weise subkutan und prägen den wissenschaftlichen Alltag maßgeblich.108 An diese praxeologische Perspektive, die im Folgenden ausführlicher vorgestellt werden soll, knüpft die vorliegende Studie an.

3.

Praxeologisieren

Praktiken werden in den Geistes- und Sozialwissenschaften seit etwa drei Jahrzehnten in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen verstärkt mit Aufmerksamkeit bedacht.109 Dabei ist der sogenannte practice turn als Sammelbegriff für ein differentes Ensemble von Perspektiven zu verstehen.110 Praxeologische Arbeiten verfügen über eine weitverzweigte Herkunfts- bzw. Verwandtschaftsgeschichte. Sie knüpfen an so unterschiedliche Theorietraditionen wie die Habitustheorie Pierre Bourdieus, Anthony Giddens Theorie sozialer Strukturierung, Harold Garfinkels Ethnomethodologie, Judith Butlers Theorie des Performativen oder Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie an.111 Sie nutzen ein »äußerst heterogenes terminologisches Repertoire«112 und setzen entsprechend unterschiedliche Akzente.113 Zugleich stellen praxeologische Arbeiten familienähnliche Beziehungen zu »overlapping clusters of loosely connected and ambiguous terms« her, wie etwa:

108 Insofern eröffnet sich mit dieser praxeologischen Schwerpunktsetzung auch eine Alternative zu den bisherigen Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte der Literaturwissenschaft, die sich entweder mit einflussreichen Protagonisten der Disziplin, mit der Gründung von Seminaren, Instituten und Zeitschriften sowie dem Aufbau von Archiven und Sammlungen befassen oder aber Literaturwissenschaftsgeschichte in Form einer Ideen-, Programmoder Theoriegeschichte repräsentieren. Siehe hierzu Martus, Spoerhase: »Die Quellen der Praxis«, S. 221. 109 Für einen ersten Überblick über die Forschungsgeschichte der Theorie sozialer Praktiken, Praxistheorie oder Praxeologie sowie Literaturhinweise auf jüngste Publikationen vgl. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 14–16. Seit 2016 gibt es bspw. eine eigens eingerichtete, disziplin- und universitätsübergreifende Mailingliste »Praxistheorie«, die von dem Lehrstuhl »Vergleichende Kultursoziologie« der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder betreut wird: https://www.listserv.dfn.de/sympa [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 110 Vgl. bspw. Knorr Cetina, Schatzki, von Savigny : The Practice Turn in Contemporary Theory. 111 Vgl. hierzu den Überblick in Schäfer : Instabilität der Praxis, insb. S. 13ff. 112 Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 90. 113 Zu den unterschiedlichen Theoriehintergründen vgl. Alexandre, Gasparski: The Roots of Praxiology ; außerdem pointiert Schäfer: »Grundlagen, Rezeption und Forschungsperspektiven der Praxistheorie«, S. 10–14 und Füssel: »Praxeologische Perspektiven in der Frühneuzeitforschung«, S. 24.

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Einleitung

activity, […], performance, use, language-game, customs, habit, skill, know-how, equipment, habitus, tacit knowledge, presupposition, rule, norm, institution, paradigm, framework, tradition, conceptual scheme, worldview, background.114

Trotz der unterschiedlichen theoretischen Stichwortgeber sowie des »offene[n] Vokabular[s] mit relationalen Bezügen und unscharfen Rändern«115 konvergieren die verschiedenen Arbeiten darin, dass sie Praktiken als grundlegende Kategorien und als Ausgangspunkte der Beobachtung bestimmen. Praktiken werden etwa als »Bündel von Aktivitäten«116, »Vorgehensweisen und Handlungsmuster«117, »kulturelle eingelebte Gepflogenheiten«118, »know-how abhängige und von einem praktischen ›Verstehen‹ zusammengehaltene Verhaltensroutinen«119, »kollektive Handlungsgefüge«120 oder »körperlich lokalisierte Handlungskompetenzen«121 verstanden. Es handelt sich um »stabile[] Wiederholungsstrukturen des Alltagslebens, die zyklischen Muster von Gewohnheiten, das unspektakulär Repetitive«122, das sich in »robusten Routinen«123 und »sozial bedeutsame[n] Komplexe[n] ineinandergreifender Handlungen«124 zeigt. Versucht man diese unterschiedlichen Definitionsangebote zu systematisieren, um ein allgemeines Verständnis von Praktiken zu skizzieren, lassen sich folgende fünf Schwerpunkte – (1.) Praktiken versus Handlungen, (2.) der Wissensbestand von Praktiken, (3.) die soziale Strukturierung von Praktiken, (4.) die Temporalität von Praktiken und (5.) das Bindungspotential von Praktiken – exponieren. Zunächst sind Praktiken (1.) als »regelmäßige Handlungen, die über ihre Wiederholung miteinander verbunden sind«125, zu verstehen. Erst durch die Wiederholung transformieren sich ›bloße‹ Verhaltensweisen oder singuläre Handlungen zu Praktiken.126 Das heißt, dass Praktiken von Handlungen zu unterscheiden sind. Im Unterschied zum »intendierten Handeln[]«127 eines norm- oder zweckrationalen Individuums beruhen Praktiken auf Gewohnheiten 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125

Stern: »The Practical Turn«, S. 186. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 55. Reckwitz: »Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken«, S. 289. Certeau: Kunst des Handelns, S. 11. Hörning: Experten des Alltags, S. 157. Reckwitz: »Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken«, S. 289. Freist: »Diskurse – Körper – Artefakte«, S. 18. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 21 [Hervorhebung im Original]. Tanner : Historische Anthropologie, S. 102. Ebd. Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 102. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 19. Für ein »praxeologisches Wiederholungsverständnis« vgl. ebd., S. 321ff. 126 Siehe hierzu Reckwitz: Die Transformation der Kulturtheorien, S. 619. 127 Elias et al.: »Hinführung zum Thema und Zusammenfassung der Beiträge«, S. 4.

Praxeologisieren

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und Routinen.128 Sie sind daher in gewisser Weise präreflexiv und vorrational; sie laufen ›quasi-automatisch‹ ab. Dies meint auch, dass Praktiken (2.) nicht ausschließlich auf explizitem Sachoder Regelwissen gründen, sondern vorrangig mit »implizitem Wissen«129 verbunden sind. Dieses Wissen ist insofern implizit oder ›stillschweigend‹ (tacit), als es konstitutiv für die Ausführung der einzelnen Praktiken ist, aber nicht zwangsläufig verbalisiert oder expliziert werden muss bzw. überhaupt ›bewusst‹ verfügbar ist: Man kann etwas ›können‹, ohne es zu ›wissen‹.130 Zentrales Merkmal dieser Könnerschaft ist, »dass sie sich nicht in formalisierten Handlungsabläufen, sondern in informellen Verhaltensroutinen ausprägt«131. In der Gewohnheit der Praxis sind Normen eingelagert, ohne dass sie dem Akteur notwendig präsent sind.132 Praktiken sind also in hohem Maß normgesättigt.133 Grundsätzlich sind Praktiken (3.) »sozial verfasst«134. Mit ihnen gehen gewisse »›praktisch-inferentielle[] Verpflichtungen‹«135 einher, in denen soziale Erwartungen kontinuiert und stabilisiert werden. Praktiken werden mit Blick auf soziale Zusammenhänge ausgeführt, von anderen beobachtet und interpretiert, sowie vor dem Hintergrund antizipierter »Interpretationsschemata«136 vollzogen. Als »Verhaltensweisen der Vielen«137 werden sie »kollektiv geteilt, gemeinsam vollzogen und sind immer auf Dauer gestellt«138. Die ›Praxisdauer‹ hängt mit dem »Gewohnheitscharakter«139 und der Beharrungstendenz von Praktiken zusammen und verweist (4.) auf die nicht zu unterschätzende temporale Dimension. Als »konservative[] Agenten«140 lassen sich 128 Zur Unterscheidung von Handlung und Praxis vgl. Reckwitz: »Die Reproduktion und die Subversion sozialer Praktiken«, S. 42ff. Kritisch dazu: Schulz-Schaeffer : »Praxis, handlungstheoretisch betrachtet«; Habscheidt: »Handeln in Praxis«, S. 132ff. Zur »intellektualistischen Legende« von Handlungen siehe Neuweg: Könnerschaft und implizites Wissen, S. 59ff. 129 Vgl. Polanyi: Implizites Wissen. Zudem auch Reckwitz: »Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken«, S. 291ff.; Ernst, Paul: Präsenz und implizites Wissen; außerdem für eine kritische Reflexion Collins: Tacit and Explicit Knowledge; Pleasants: »Nothing is Concealed: De-centering Tacit Knowledge«. 130 Vgl. hierzu Polanyi: Implizites Wissen, S. 14ff.; Ryle: Der Begriff des Geistes, S. 26ff. 131 Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 90. 132 Dies verdeutlicht etwa Rahel Jaeggis Beispiel der Fahrpraxis: »Nicht umsonst spricht man davon, dass jemand nach bestandener Führerscheinprüfung noch ›Fahrpraxis‹ erwerben muss, um wirklich Autofahren zu können« (Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 125). 133 Vgl. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 32. 134 Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 96 [Hervorhebung im Original]. 135 Ebd., S. 115, Anmerkung 83. 136 Ebd., S. 106. 137 Lüdtke: »Alltagsgeschichte«, S. 560. 138 Haasis, Rieske: »Historische Praxeologie«, S. 33. 139 Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 123 [Hervorhebung im Original]. 140 James: Principles of Psychology, S. 121 [Zit. n. Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 123].

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Einleitung

Praktiken nicht so leicht irritieren und nur unter ausdauernden Bemühungen verändern. Sie sind vielmehr überindividuell bzw. »übersubjektiv[]«141 strukturiert, d. h. dass »Praktiken nicht nur von uns ausgeführt werden, sondern auch um uns herum und historisch vor uns existieren«142. Insofern sie »auf vorgängige Vollzugswirklichkeiten reagieren und selbst wieder künftige affizieren«143, ist man also nicht »Autor« einer Praxis, sondern vielmehr ein »Akteur« in einer Praxis.144 Zudem können Praktiken (5.) »nicht isoliert betrachtet«145, sondern nur als »›Praktiken-im-Zusammenhang‹«146 nachvollzogen und im Rahmen von Arrangements, Clustern, Ensembles oder Sets rekonstruiert werden.147 Sie sind »tendenziell holistisch«148. In dieser Logik sind Praktiken als hochgradig kontextsensitiv und insofern auch als »lokale Rationalitätsformen«149 zu verstehen. Ihre Ausprägungen können je nach Kontext, Zusammenhang und Anschluss an andere Praktiken (mitunter lokal) variieren. Daher sind Praktiken auch flexibel. Sie können unterschiedlich justiert und arrangiert werden. Allerdings sind sie »nicht beliebig miteinander kombinierbar«: »Praktiken implizieren einen Anschluss an bestimmte andere Praktiken und machen umgekehrt andere Anschlüsse unmöglich«.150 Sie besitzen eine »relative Offenheit« bei gleichzeitiger »Routine und Regelmäßigkeit«.151 Demnach sind Praktiken sozial verfasste, kollektiv geteilte und regelmäßige Handlungsvollzüge, die auf Dauer angelegt, übersubjektiv strukturiert und eminent kontextabhängig sind. Als Cluster sind sie in einer ›relativen Geschlossenheit‹ flexibel miteinander verbunden und verfügen über implizite Wissens- und Normenbestände. Perspektiviert man vor diesem Hintergrund die Literaturwissenschaft als sozialen Zusammenhang und nutzt den obenstehenden – hier sehr komprimierten – Katalog als Inspiration, um über literaturwissenschaftliche Praktiken nachzudenken, ergeben sich mitunter folgende Fragen: Welche Praxiszusammen141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151

Vgl. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 23. Ebd., S. 22 [Hervorhebung im Original]. Vgl. hierzu auch Rouse: »Practice Theory«, S. 645. Füssel: »Praktiken historisieren«, S. 269. Vgl. hierzu Knorr Cetina: »Theoretischer Konstruktivismus«, S. 42. Außerdem Füssel, Neu: »Doing Discourse«, S. 220ff. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 19. Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 104. Vgl. Stern: »The Practical Turn«, S. 186. Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 93 [Hervorhebung im Original]. Ebd. Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 115, Anmerkung 83. Haasis, Rieske: »Historische Praxeologie«, S. 17.

Praxeologisieren

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hänge prägen den Alltag der Literaturwissenschaft? Welche Praktiken gehören zum literaturwissenschaftlichen Forschungsprozess? Welche Handlungen sind so vertraut und werden so routiniert und regelmäßig vollzogen, dass sie nicht mehr eigens bemerkt bzw. reflektiert werden? Was zeichnet eine genuin literaturwissenschaftliche ›Könnerschaft‹ aus? Welche Normen- und Wissensbestände sind welchen Praxissets inhärent? Welche Normerwartungen gehen mit diesen Sets einher? Inwiefern lassen sich spezifische Praxiscluster und Normen bestimmten Stationen von Forschungsprozessen zuordnen? Welche Praktiken stehen mit welchen Praktiken in so enger Verbindung, dass sie andere Praktiken nahelegen bzw. ausschließen? Gibt es lokale Ausprägungen? Wie verhalten sich »communities of practices«152 zu konventionellen Disziplingrenzen? Solchen Fragen widmet sich das Programm einer praxeologischen Perspektive auf die Literaturwissenschaft, wie es in der vorliegenden Studie aufgenommen und fortgeführt werden soll. Dabei geht es keineswegs darum, eine ›eigenständige‹, ›substitutive‹ oder ›neue‹ Theorie zu entwerfen oder gar ein ›geschlossenes‹ Theoriegebäude zu erschaffen. Ebenso wenig zielt eine solche Perspektive darauf, zwischen ›Theorie‹ und ›Praxis‹ zu trennen. Obwohl ›Praxis‹ und ›Theorie‹ häufig als Kontrahenten oder sich gegenüberstehende Pole verstanden und streng voneinander unterschieden werden, sollen im Folgenden ›Praxis‹ und ›Theorie‹ in alternativer Weise aufeinander bezogen werden: Das ›Praktische‹ wird gerade nicht als etwas Unmittelbares, Verwertbares oder Brauchbares dem ›Theoretischen‹ als etwas Ideellem, intellektuell Avanciertem oder Übergeordnetem gegenübergestellt respektive das ›Praktische‹ als etwas Banales, Uninspiriertes oder ohnehin Selbsterklärendes gegenüber dem ›Theoretischen‹ als etwas Abgehobenem, Unbrauchbarem oder Realitätsfernem konturiert. Weder sollen die Klagen der Praktiker gegenüber ›abgehobenen‹, ›weltfremden‹ und ›zu abstrakten‹ Theoretikern noch die Vorhaltungen der Theoretiker gegenüber ›trivialen‹, ›zu sehr am Einzelfall orientierten‹ und ›ambitionslosen‹ Praktikern befördert werden.153 Genauso wenig sollen theoretische Reflexionen ›praktisch‹ überprüft und einem ›Stresstest‹ unterzogen werden.154 Vielmehr wird die Vorstellung eines hierarchischen Theorie-PraxisVerhältnisses verabschiedet und durch ein heterarchisches Modell ersetzt, in dem das Theoretisieren neben anderen Praktiken besteht. Denn unter einer praxeologischen Perspektive kann eine Theorie selbst nur als Theoretisieren aufgefasst werden – und ist damit nur eine von sehr vielen Praktiken, die keinen gleichsam ›natürlichen‹ Vorrang gegenüber anderen Praktiken erhalten muss. 152 Vgl. Cox: »What are Communities of Practice?«. 153 Siehe Wolff: »Wie kommt die Praxis zu ihrer Theorie?«, S. 234. 154 Vgl. Lengersdorf, Reuter : »Der Alltag der Soziologie und seine praxistheoretische Relevanz«, S. 365.

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Einleitung

Beim ›Praxeologisieren‹ sollen daher unterschiedliche Theorieangebote, theoretisch generierte Aufmerksamkeiten und theoretisch imprägnierte Vokabularien genutzt werden, um die Komplexität literaturwissenschaftlicher Aktivitäten erforschen und beschreiben zu können. Eine solche Perspektive bringt dem Praxisgeschehen besonderes Interesse entgegen. Sie richtet ihren Blick weniger auf die Darstellung der Spitzenergebnisse philologischer Forschung, sondern auch auf die Rekonstruktion der unspektakulären und deshalb meist unbeobachtet gebliebenen philologischen ›Unterseite‹ dieser Ergebnisse, d. h. auf die etablierte philologische Praxis mit ihren stillschweigenden Konventionen und normalisierten und internalisierten Arbeitsabläufen.155

Mit der ›Unterseite‹ des Forschens, die in dem Zitat die alltäglichen, nahezu unscheinbaren Routinen des literaturwissenschaftlichen Geschäfts bezeichnet, soll hier keineswegs ein Modell aufgerufen werden, das die Dualismen zwischen ›unten‹ und ›oben‹ bedienen möchte. Praktiken finden nicht ›unten‹ statt; Praxeologie ist keine Perspektive von ›unten‹ oder auf ein ›Unten‹, dem ein ›Oben‹ gegenüberstünde. Es gibt nichts ›oberhalb‹ oder ›unterhalb‹ der Praxis. Ebenso wenig lassen sich Praktiken in dualistischen Basis-Überbau- oder Mikro-Makro-Modellen einordnen.156 Vielmehr transzendieren praxeologische Perspektiven solche Dualismen, insofern das Konzept der Praxis sowohl Strukturen, die strukturzentrierte Theorien als fundierende und damit übergeordnete Instanzen fassen, als auch Handlungen, die akteurzentrierte und intentionalistische Theorien priorisieren, inkludiert. In Praktiken sind all diese Aspekte in komplexer Weise geronnen enthalten. Es gibt kein ›außerhalb‹ der Praxis:157 »[E]s gibt nur Praktiken«158. 155 Martus, Spoerhase: »Die Quellen der Praxis«, S. 221. 156 Zur Kritik an diesem Mikro-Makro-Dualismus vgl. bspw. Füssel: »Praktiken historisieren«, S. 272f. Grundlegend dazu Barnes: »Practice as Collective Action«; Coulter: »Human Practices«. Ein erhellendes Beispiel lieferte Bruno Latour mit dem Bild der ›russischen Puppe‹: »Das Makro beschreibt […] nicht eine umfassendere oder ausgedehntere Stätte, in der das Mikro wie eine Russische Puppe eingebettet ist […]« (Latour : Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, S. 304 [Hervorhebung im Original]). 157 Vor diesem Hintergrund irritieren Krisendiagnosen über die Geistes-, insb. die Literaturwissenschaft, welche ›die‹ Praxis vermissen oder gar mehr ›Praxisseminare‹ einfordern und damit suggerieren, ›die‹ Praxis würde erst außerhalb der universitären Mauern beginnen. Ähnlich seltsam mutet auch die geläufige Gegenüberstellung von ›Wissenschaft und Praxis‹ an. Anstelle einer ›praxisfernen‹ Literaturwissenschaft setzt sich auch Literaturwissenschaft aus Praktiken (aber eben aus spezifischen Praktiken bzw. aufeinander abgestimmten Praxissets) zusammen. Vgl. hierzu Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 180f. 158 Veyne: Foucault, S. 49. Zur viel diskutierten Differenz zwischen Praktiken und Diskursen ließe sich aus praxeologischer Perspektive folgende Antwort formulieren: Es ist zwar einerseits richtig, dass Praxis- und Diskurstheorien von unterschiedlichen theoretischen Prämissen ausgehen und vielfach als inkommensurable Kultur- und Sozialtheorien wahr-

Praxeologisieren

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Zugleich reflektiert eine praxeologische Perspektive das Problem, nicht eindeutig bestimmen zu können, was ein und dieselbe ›Praxis‹ bzw. eine ›Praktik‹ eigentlich ist. So kann etwa wissenschaftliches Lesen im Praxisgefüge der Literaturwissenschaft nicht nur als spezifische Praxis verstanden werden, sondern auch als Teilpraktik etwa innerhalb der Praxis des Schreibens (zum Beispiel einer Dissertation) ausgeführt werden, wo sie sich mit anderen Teilpraktiken (beispielsweise des Annotierens, Bibliographierens, Exzerpierens, Notierens etc.) verkettet.159 Erst in diesem ›literaturwissenschaftlichen Kontext‹ und in Kombination mit anderen Teilpraktiken avanciert die ubiquitär verfügbare Praktik des Lesens zu einem konstitutiven Element literaturwissenschaftlicher Praxis. Es ist diese Relationalität, die dazu führt, dass die Frage, was eine Praktik ist, nicht generalisierend, sondern nur kontextuell beantwortet werden kann. Hinzu kommt, dass Praktiken nicht nur in Bezug auf andere Praktiken und innerhalb verschiedener Praxen, sondern auch im Laufe von Forschungsprozessen variieren können. Eine praxeologische Perspektive berücksichtigt daher insbesondere die Kontext- und Prozessdimension von Praktiken. Zudem misstraut sie den Selbstbeschreibungen (und damit auch den Krisendiagnosen) der Akteure; sie ist skeptisch gegenüber programmatischen Behauptungen und schätzt Instruktionsleistungen von Theorien eher gering ein. Sie problematisiert auf diese Weise auch den Anspruch, vorzugeben, was eigentlich geschehen sollte und erhöht das Interesse daran, was schon geschieht. Ihr Fokus liegt – wie bereits mehrfach unterstrichen wurde – auf dem Alltag und auf seinen komplexen Routinen. Wie aber lassen sich der literaturwissenschaftliche Forschungsalltag und etwaige Veränderungen auf Ebene der Praxis konkret beobachten?160 Wie kann genommen werden. Praxistheoretiker fokussieren materiale Praktiken, denen implizite, also nicht diskursiv repräsentierte und demnach auch nicht diskursanalytisch rekonstruierbare Wissensbestände zugrunde liegen. Diskurstheoretiker konzentrieren sich dagegen auf bedeutungsgenerierende Repräsentationssysteme und betonen, dass Praxis diskursiv präfiguriert ist, insofern sie erst vor dem Hintergrund der Diskurse, die sie umgeben, intelligibel und damit als sinnhafte Handlung überhaupt erst möglich ist. Andererseits sind auch Diskurse als Praktiken rekonstruierbar. Denn auch Diskurse lassen sich als Serien von Praktiken beobachten. So verstanden operiert die Diskursanalyse keineswegs ›oberhalb‹ einer nicht-diskursiven, materialen Sphäre der Praxis, und Praxeologie nicht ›unterhalb‹ von sinnstiftenden, ideellen Diskursen. Vgl. hierzu auch Reckwitz: »Praktiken und Diskurse«, Scheiding: »Diskurse und Praktiken« sowie Füssel, Neu: »Doing Discourse«, insb. S. 222f. 159 Zum Zusammenhang der Praktiken Lesen und Schreiben vgl. die Beobachtungen von Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«. 160 Hierbei gilt es in Erinnerung zu behalten, dass der (literatur-)wissenschaftliche Forschungsalltag aus sehr unterschiedlichen Szenen besteht, so dass man bei der Beobachtung weniger mit ›dem‹ Alltag konfrontiert ist, sondern eher mit einer Vielzahl von alltäglichen Praxiszusammenhängen rechnen muss.

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man etwas über »diesen von Erkenntnisroutinen und Wissenspraktiken geprägten akademischen Routinebetrieb«161 erfahren, wenn man nicht auf sozialwissenschaftliche Verfahren wie teilnehmende Beobachtungen, Interviews oder Videoanalysen zurückgreifen möchte? Was könnte stattdessen als ›empirisches‹162 Beobachtungsmaterial für eine praxeologische Untersuchung verwendet werden, um Einblicke in Praktiken zu erhalten, Hinweise auf vollzogene Praktiken zu ermitteln und Rückschlüsse auf weitere Praktiken zu ermöglichen? Im Folgenden soll mit Blick auf die Konzeption und Anlage der vorliegenden Studie gezeigt werden, wie die Frage nach der (empirischen) Untersuchungsgrundlage einer praxeologischen Perspektive mit einer textbasierten Beobachtung von Praktiken beantwortet werden kann.

4.

Konzeption und Anlage der Studie

In der vorliegenden Arbeit soll Literaturwissenschaft in praxi beschrieben werden, um sowohl Normalitäten des literaturwissenschaftlichen Forschens rekonstruieren als auch Kontinuationen, Modifikationen oder Substitutionen im Alltagsgeschehen identifizieren zu können. Hierzu soll der Alltag der literaturwissenschaftlichen Forschung aus einer praxeologischen Perspektive anhand spezifischer Darstellungsformen beobachtet werden, die verschiedene Phasen des Forschungsprozesses repräsentieren.

4.1

Skalierung von Forschungsprozessen

Die »Produktion von Sekundärliteratur« ist die »wohl verbreitetste und wichtigste Tätigkeit« von Geistes- und mithin von Literaturwissenschaftlern.163 Sie 161 Martus, Spoerhase: »Die Quellen der Praxis«, S. 223. Zur Herausforderung der Identifizierung des ›passenden‹ Untersuchungsmaterials der Praxeologie vgl. die Beiträge in dem von Steffen Martus und Carlos Spoerhase herausgegebenen Schwerpunktheft »Historische Praxeologie: Quellen zur Geschichte philologischer Praxisformen. 1800–2000« der Zeitschrift für Germanistik. Vgl. zudem aus Sicht der Sozialtheorie Reckwitz: »Praktiken und Diskurse«, S. 197f. und aus Sicht der Ethnografie bspw. Lengersdorf: »Ethnografische Erkenntnisstrategien zur Erforschung sozialer Praktiken«, insb. das Unterkapitel »Methodologische Problemfelder«, S. 178ff. 162 Zur Vieldeutigkeit und der damit verbundenen Komplexität des Empirie-Begriffs vgl. Hediger, Stauff: »Empirie« sowie das Schwerpunktheft »Empirie« der Zeitschrift für Medienwissenschaft. 163 Arnold: »Disziplin und Initiation«, S. 29 [Hervorhebung im Original]. Markus Arnold bezieht sich an dieser Stelle zwar auf die »an den Universitäten institutionalisierten Kulturwissenschaften« (ebd.), seine Beobachtung ist aber sicherlich auf die Geisteswissenschaften insgesamt übertragbar.

Konzeption und Anlage der Studie

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produzieren in ihrem Forschungsalltag viele unterschiedliche Texte. Neben Aufsätzen und Monografien werden beispielsweise Abhandlungen, Abstracts, Ankündigungen, Anträge, Berichte, Call for Papers, Empfehlungen, Essays, Expos8s, Exzerpte, Feuilletonbeiträge, Gutachten, Kommentare, Notizen, Protokolle, Rezensionen, Vorträge, Vorworte u.v.a.m. geschrieben.164 Diese unterschiedlichen Darstellungsformen verweisen nicht nur auf einen breiten Tätigkeitskatalog und diverse Aktivitätsbereiche, sondern sind auch mit je unterschiedlichen Phasen im Forschungsprozess verbunden. An dessen einem Ende lassen sich prospektierende Texte wie Call for Papers, Anträge oder Expos8s verorten; an dessen anderem Ende können retrospektierende Texte wie Gutachten oder Rezensionen eingeordnet werden. Geht es in Call for Papers, Anträgen oder Expos8s vor allem darum, zukünftige Forschung zu initiieren oder zu lancieren, werden in Gutachten oder Rezensionen vorrangig die Ergebnisse der vollzogenen Forschung vorgestellt und evaluiert. Die Mitte einer solchen makroskopischen Skalierung des Forschungsprozesses und seiner Phasen repräsentieren etwa Darstellungsformen wie Monografien oder Aufsätze. Zugleich durchlaufen diese Darstellungsformen auch intern je eigene Produktionsphasen: Bei der Anfertigung eines Aufsatzes fallen etwa erste Notizen und Exzerpte an, es entstehen vorläufige Manuskriptversionen, die wiederholt bearbeitet werden und zum Schluss zu einer Publikation kondensieren.165 Die oben skizzierte Makroperspektive ist somit von einer Mikroperspektive zu unterscheiden, die nicht (überindividuelle) Forschungsprozesse, sondern (individuelle) »Textproduktionsprozesse«166 fokussiert.167 Wenngleich die einzelnen Darstellungsformen bereits in ihrer Herstellung von verschiedenen Pro164 Zieht man, neben dem hier aufgeführten Bereich der Forschung, noch jene Bereiche der Verwaltung und Lehre hinzu, erweitert sich das Textproduktionsspektrum um ein Vielfaches: (Literatur-)Wissenschaftler schreiben Skripte für ihre Seminare, verfassen Handouts, entwerfen Leitfäden für das Anfertigen von Hausarbeiten, sie reichen Förder- und Finanzierungsanträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein, verfassen gemeinsam mit Bibliothekaren und Archivaren Entwürfe für Verbundprojekte und deren Infrastruktur, legen dem Institutsrat Reformvorschläge vor u.v.a.m. Vgl. einführend Heinemann: »Textsorten des Bereichs Hochschule und Wissenschaft«, S. 702ff. Den Versuch einer möglichst umfassenden Auflistung wissenschaftlicher Textsorten hat Sigurd Wichter unternommen: Wichter : »Reihen (Teil 1)«, S. 201f. sowie ders.: »Reihen (Teil 2)«, S. 303f. Auch Rosemarie Gläser liefert eine »Typologie schriftlicher Fachtextsorten« (vgl. Gläser : Fachtextsorten, S. 50f.). Lutz Danneberg und Jürg Niederhauser listen zusätzlich wissenschaftliche »Begleittexte« (wie etwa Widmungen oder Motti) auf (vgl. Danneberg, Niederhauser : »Darstellungsformen der Wissenschaften«, S. 40). 165 Die epistemologische Bedeutung von Notizen für (natur-)wissenschaftliche Arbeiten hebt bspw. Hans-Jörg Rheinberger hervor. Vgl. Rheinberger : »Kritzel und Schnipsel«, S. 346f. 166 Vgl. hierzu Jakobs: »Textproduktionsprozesse in den Wissenschaften« sowie Perrin: »Textproduktions-Praxis empirisch erforscht«. 167 Zu dieser Mikroperspektive vgl. die Beobachtungen von Steffen Martus: »Zur normativen Modellierung und Moderation von epistemischen Situationen«, S. 222f.

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duktionsphasen geprägt sind, lassen sie sich auch unter einer Makroperspektive als Produkte mit bestimmten Stationen des Forschungsprozesses in Verbindung bringen. Das makroskopische Synchronisierungsmodell von Forschungsphasen und Darstellungsformen, das ein Spektrum zwischen prospektierenden und retrospektierenden Textsorten aufspannt, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass beispielsweise auch in Aufsätzen zukünftige Forschung initiiert oder bisherige Forschung evaluiert wird. Genauso können Calls retrospektiv auf Forschungsthesen verweisen, um ihre jeweiligen Projektierungen zu kontextualisieren und zu legitimieren. In ähnlicher Weise können die Retrospektionen von Rezensionen auf zukünftige Fragestellungen hinarbeiten. Ebenso wenig sollte die makroskopische Skalierung des Forschungsprozesses so gelesen werden, als würde die Forschung an dem einen Pol ›beginnen‹ und an dem anderen Pol ›enden‹: Weder eröffnen Call for Papers alleine Auseinandersetzungen der Forschung, noch werden diese von Rezensionen oder Gutachten endgültig abgeschlossen. Das Voraus- und Zurückverweisen lässt sich demnach nicht innerhalb einzelner Darstellungsformen oder strikt voneinander abgrenzbarer Phasen kasernieren. Die unterschiedlichen Darstellungsformen und Phasen sind vielmehr eminent aufeinander angewiesen und durchkreuzen sich als prozedural organisierte Zusammenhänge wechselseitig. Trotzdem lassen sich die einzelnen Darstellungsformen – unabhängig von den ihnen inhärenten prospektiven bzw. retrospektiven Bezügen – in heuristischer Absicht mit spezifischen Phasen des Forschungsprozesses verbinden. Dies zeigt sich auch daran, dass die unterschiedlichen Phasen des Forschungsprozesses wie auch die verschiedenen Darstellungsformen mit spezifischen Leitnormen assoziiert werden können. Es lässt sich etwa erwarten, dass Normen wie ›Vorläufigkeit‹ oder ›Offenheit‹ in früheren Phasen des Forschungsprozesses (wie zum Beispiel in Calls) höher rangieren als etwa in späteren Phasen (wie zum Beispiel in Monografien), die tendenziell eher mit einem »definiten Anspruch auf Wahrheit«168, ›Genauigkeit‹ und ›Abgeschlossenheit‹ verbunden sind. Gleichzeitig schließen sich diese Normen nicht wechselseitig aus. Auch wenn beispielsweise ›Vorläufigkeit‹ in Monografien keine priorisierte Norm darstellt, werden an einzelnen Stellen durchaus vorläufige Überlegungen oder offene Fragen akzeptiert. Insofern geht es weniger darum, welche Normen sich registrieren lassen, sondern vielmehr um deren interne Ordnung und Moderation, also darum, welche Normensets und -hierarchien in welchen Darstellungsformen privilegiert Geltung erhalten – und damit spezifischen Phasen des Forschungsprozesses zugeordnet werden können.

168 Ebd., S. 223.

Konzeption und Anlage der Studie

33

Ausgehend von diesen heuristischen Überlegungen werden in der vorliegenden Studie drei Darstellungsformen (Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen) untersucht, die exemplarisch für unterschiedliche Stationen des Forschungsprozesses stehen.

4.2

Beobachtung von Darstellungsformen

Im Zentrum stehen drei Darstellungsformen: Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen.169 Sie werden im Anschluss an die Textproduktionsforschung als »activity types«170 gehandhabt.171 Damit ist eine Perspektivverschiebung von der Bestimmung formaler Textklassifikationskriterien hin zu einer Konzentration auf textkonstituierende ›Aktivitätsprofile‹ von Darstellungsformen verbunden, die es ermöglicht, »Textsortenkonventionen«172 nicht bloß als triviale bzw. ›oberflächliche‹ Formatvorgaben zu verstehen, sondern als voraussetzungsreiche bzw. ›tiefgreifende‹ Routinen des Objektumgangs zu begreifen:173

169 Zur Begründung der Auswahl dieser drei Darstellungsformen siehe die nächsten beiden Unterkapitel. 170 Vgl. Levinson: »Activity Types and Language«. 171 Wissenschaftliche Textproduktion wurde in der Forschung bislang mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen verfolgt: Von Untersuchungen zur Spezifizität einzelner wissenschaftlicher Textsorten, Beiträgen zum Erlernen des wissenschaftlichen Schreibens an der Hochschule, Arbeiten zum literaturwissenschaftlichen Schreiben unter besonderer Berücksichtigung der Verwendung von Fachterminologie, der Argumentationsformen und der Lektüre-, Zitations- und Verweistechniken über Studien zur wissenschaftlichen Autorschaft bis hin zu vergleichenden Analysen zur Differenz zwischen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Darstellungsformen. Diese Forschungsbeiträge rücken je nach Disziplinzugehörigkeit, der theoretischen Perspektive und der Auswahl der Forschungsgegenstände unterschiedliche Aspekte ins Zentrum. In der Regel setzen sie keinen praxeologischen Schwerpunkt, liefern aber dennoch wertvolle Anschlüsse für die Beschreibung literaturwissenschaftlicher Praktiken der Textproduktion. Für eine allgemeinere Einführung in die Textproduktionsforschung siehe bspw. Jakobs, Perrin: Handbook of Writing and Text Production, insb. deren Einleitung in das Handbuch, das Schwerpunktheft »Schreiben in den Geisteswissenschaften« der Zeitschrift Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (einführend Erhart, Treichel: »Editorial«) sowie die einflussreichen Arbeiten von Hyland: »Researching Writing«; ders., Salager-Meyer: »Scientific Writing«. 172 Gruber : »Wissenschaftliches Schreiben«, S. 559. 173 Auf den Zusammenhang von Darstellungsformen und Routinen hat jüngst auch Robert Niemann hingewiesen. Für ihn zeigen sich in »wissenschaftlichen Textprodukten […] wiederkehrende Muster, von denen auf die Routinehaftigkeit der Textproduktion geschlossen« werden kann (Niemann: Wissenschaftssprache praxistheoretisch, S. 270).

34

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In research articles, monographs, textbooks, scientific letters, and popularizations, the ways writers present their topics, signal their allegiances, and stake their claims, display their professional competence in discipline-approved practices.174

Es handelt sich bei wissenschaftlichen Darstellungsformen also nicht nur um »Repräsentationen wissenschaftlichen Wissens«175. Sie sind vielmehr »Objekte einer Forschungspraxis, in und mit der dieses Wissen aktiv hergestellt wird«176. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen werden Darstellungsformen im Folgenden als Sedimentationen und als Dokumentationen von Praktiken gelesen. Sedimentation bezieht sich dabei auf die Materialisierung von Praktiken in den Texten. So weist beispielsweise eine Fußnote auf der Textoberfläche eines Zeitschriftenaufsatzes auf die Praxis des Fußnotensetzens hin. Ähnliches gilt etwa für eine kritisierende Textpassage in einer Rezension. Denn auch in diesem Fall hat sich eine Praxis, jene des Kritisierens, in der Darstellungsform niedergeschlagen und lässt sich dort unmittelbar beobachten. Die Rede von der Dokumentation von Praktiken meint dagegen, dass Texte Auskunft über vollzogene Praktiken geben bzw. interpretatorisch aus Texten rekonstruiert werden können. Texte indizieren ausgeführte Praktiken. So deuten Fußnotentexte, in denen eigene Aussagen auf einschlägige Forschungsliteratur gestützt oder zu bestimmten Forschungsstimmen in Beziehung gesetzt werden, beispielsweise darauf hin, dass Forschungsliteratur identifiziert, in bestimmter Weise systematisiert und organisiert wurde. Die analytische Differenzierung von Sedimentation und Dokumentation erlaubt es somit, anhand von Texten die unmittelbaren Einlagerungen von Praktiken als auch die mittelbaren Verweise auf weitere Praxiszusammenhänge zu beobachten. Als Sedimentationen respektive Dokumentationen von Praktiken und Praxiszusammenhängen liefern Call for Papers Hinweise auf die Praxis des Avisierens zukünftiger und potentieller Objektumgangsweisen; Aufsätze gewähren Einblicke in die Praxis des Interpretierens als spezifische Objektumgangsweisen; Rezensionen ermöglichen Beobachtungen der Praxis des Rezensierens ausgeführter Objektumgangsweisen. An diese Darstellungsformen lassen sich beispielsweise folgende Fragen adressieren: Wie lassen sich die Praxen des Avisierens, des Interpretierens und des Rezensierens beschreiben? Aus welchen Teilpraktiken setzen sie sich jeweils zusammen? Welche Gegenstände werden avisiert, interpretiert und rezensiert? Wie wird ein projektierter Forschungsaufwand legitimiert? Wie zeigt man, dass ein Gegenstand für weitere Bearbeitungen fruchtbar und wichtig wäre? Wie werden ausgeführte Bearbeitungsweisen bewertet? An welchen Stellen und in 174 Hyland, Salager-Meyer: »Scientific Writing«, S. 297. 175 Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«, S. 368. 176 Ebd.

Konzeption und Anlage der Studie

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welchen Hinsichten zeigen sich Modifikationen oder Kontinuationen beim Avisieren, Interpretieren oder Rezensieren, die mit digitalen Interventionen in Verbindung gebracht werden können? Werden etwa computergestützte Praktiken implementiert oder digitale Objekte zum Gegenstand gemacht? Befindet sich die Avisierungs-, Interpretations- und »Rezensionskultur im Umbruch«177 ? Bei der Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen gilt es allerdings, den von Jutta Schickore beschriebenen »mismatch between what scientists do and what they state they did«178 präsent zu halten. Dass zwischen »Forschungen und dem im Papier Berichteten Diskrepanzen bestehen«179, konnte die naturwissenschaftlich orientierte Wissenschaftsforschung bereits eingehend aufzeigen.180 Man kann davon ausgehen, dass es sich hierbei nicht um eine Spezifik naturwissenschaftlicher Laborarbeiten handelt, sondern auch für geistes-, mithin literaturwissenschaftliche Arbeiten gelten kann. Es ist also zu berücksichtigen, dass nicht alle Praktiken Eingang in die Verschriftlichung gefunden haben und zwangsläufig fixiert worden sein müssen. Praktiken können aus der Darstellung getilgt worden sein, ebenso wie manche Praktiken in der materiellen Überlieferung niedriger oder höher gewichtet werden können als sie in actu waren. Insofern kommt es jeweils darauf an, die unterschiedlichen Aussagenreichweiten des Untersuchungsmaterials und die Legitimität der eigenen Ableitung kritisch zu prüfen. Im Folgenden sollen die Auswahlkriterien für das Untersuchungsmaterial vorgestellt und anschließend reflektiert werden.

4.3

Untersuchungsmaterial

Als Untersuchungsmaterial wurden Darstellungsformen ausgewählt, denen man in wissenschaftlichen Kontexten »täglich[]«181 begegnet, die als »dominieren177 Vgl. Landes: »Die Schriften der Anderen – Rezensionskultur im Umbruch«. Vgl. ebenso Hyland: »Von Rezensionen, Kommentaren und den Chancen der wissenschaftlichen Buchbesprechung 2.0«; Henny-Krahmer et al.: »Ressourcen und Rezensionen in den Digital Humanities«. 178 Schickore: »Doing Science, Writing Science«, S. 323. 179 Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis, S. 177. 180 Vgl. hierzu auch die Überlegungen von Hans-Jörg Rheinberger. Er merkt an, dass »Entdeckungen eigentlich nie auf die Weise gemacht worden sind, wie sie […] dargestellt werden. Erhalten gebliebene Laborunterlagen fördern so manche Überraschung zutage und lehren uns immer wieder, dass die Ordnung der Entdeckung und die Ordnung der Darstellung in der Wissenschaft zwei verschiedene Dinge sind« (Rheinberger : »Über die Kunst, das Unbekannte zu erforschen«, o. S.). 181 Vgl. Baum: »Digitale Netzwerke für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 127 [in Bezug auf die Nachrichten der Mailingliste H-Germanistik].

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de[]«182 Publikationstypen angesehen werden, »auf dem wissenschaftlichen Sektor […] einen beachtlichen Teil der Publikationen«183 ausmachen, einen »festen Bestandteil wissenschaftlicher Kommunikations- und Publikationspraxis«184 bilden und welche unterschiedliche Phasen des Forschungsprozesses repräsentieren: Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen. Als institutioneller Rahmen der Erhebung fungieren insgesamt acht Zeitschriften und zwei Mailinglisten, welche die Bereiche der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und der literaturwissenschaftlich affinen Digital Humanities abdecken.185 Die Aufsätze und Rezensionen wurden den Zeitschriften entnommen, die Call for Papers den Mailinglisten. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1986 bis 2018. Ausgangspunkt der Untersuchung ist das Jahr 1986, da in diesem Jahr die Literary & Linguistic Computing186 als erste187 Fachzeitschrift mit computerphilologischem Schwerpunkt gegründet wurde, die bis heute besteht.188 Bei der Untersuchung unterscheiden sich die Kriterien zur Erstellung der jeweiligen Korpora (Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen). Sie werden in den untenstehenden Kapiteln detailliert vorgestellt. Alle Texte aus den jeweiligen Korpora eint jedoch, dass sie in einer Perspektive zweiter Ordnung gelesen werden. Es geht nicht darum, inhaltlich in die jeweiligen Diskussionen einzusteigen, Forschungsstimmen aufzugreifen und aus Problematisierungen eine Position mit Blick auf einen besprochenen Gegenstand zu entwickeln. Es soll gerade nicht ›eingegriffen‹, ›gewichtet‹, ›Stellung bezogen‹ oder gar ›evaluiert‹ werden. Stattdessen wird in gewisser Weise ›interessenlos‹ registriert, welche Objekte in welcher Weise avisiert, rezensiert oder interpretiert wurden. Vor182 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 282 [in Bezug auf wissenschaftliche Fachaufsätze]. 183 Klingenböck: »Textlinguistische und -pragmatische Überlegungen zur wissenschaftlichen Rezension«, S. 87 [in Bezug auf Rezensionen]. 184 Mey : »Elektronisches Publizieren – eine Chance für die Textsorte Rezension?«, S. 145 [in Bezug auf Rezensionen]. Vgl. zudem die Erhebungen in Weingart et al.: Die sog. Geisteswissenschaften, S. 305f. 185 Zur Vorstellung dieser acht Zeitschriften und der beiden Mailinglisten siehe die folgenden Unterkapitel zu Call for Papers, Aufsätzen und Rezensionen. 186 2014 wurde die Zeitschrift in Digital Scholarship in the Humanities umbenannt. 187 Vor der LLC erschien bereits seit 1966 die Zeitschrift Computers and the Humanities, die seit 2005 als Language Resources and Evaluation herausgegeben wird. Heute hat die Zeitschrift, die mittlerweile einen computerlinguistischen Schwerpunkt setzt, allerdings an Einfluss verloren und wurde daher in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt. Vgl. zur Zeitschriftengeschichte Thaller : »Geschichte der Digital Humanities«, S. 5. 188 Zugleich muss betont werden, dass die Geschichte der Digital Humanities selbstverständlich vor 1986 beginnt. Zeitschriftengründungen geht nicht nur die Bildung von Arbeitsgruppen, Fachgesellschaften und Verbänden voraus. Davor liegen weitaus komplexere Phasen der Herausbildung entsprechender Problematisierungszusammenhänge und privilegierter Fragestellungen, die sich unterhalb ›institutioneller‹ oder ›vor-institutioneller Zusammenhänge‹ konstituieren.

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rangig geht es darum, zu beschreiben, wie die jeweiligen Beobachtungen angestellt wurden, d. h. welche Praktiken in den Texten vollzogen werden und von welchen Praxiszusammenhängen die Texte jeweils berichten. Ein »Looking at« wird mit einem »Looking through« kombiniert.189 4.3.1 Call for Papers Mit dem Ziel, die Praxis des Avisierens zu untersuchen, wurden zwei von Redaktionen betreute und moderierte Mailinglisten ausgewählt, die über ihren Verteiler auch Call for Papers versenden. Für das erste Untersuchungskorpus wurde die Mailingliste H-Germanistik ausgewählt.190 Diese Liste ist zu einem elementaren Bestandteil disziplinärer Kommunikation und einer wichtigen Profilierungsfläche des Fachs avanciert.191 Sie kann als das zentrale Informationsorgan der Germanistik erachtet werden.192 Seit der Gründung dieser Mailingliste im Jahr 2005 kamen durchschnittlich 1000 Anmeldungen pro Jahr hinzu; 2013 betrug die Abonnentenzahl 9300, aktuell sind 10996 Abonnenten in die Liste eingetragen.193 »[E]ine Stagnation ist nicht in Sicht«194, resümierte Constanze Baum schon 2015. Diese Mailingliste wird von dem H-Net-Verbund (Humanities and Social Science online) gehostet, welcher als internationaler und interdisziplinärer Verbund von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern das »erklärte Ziel hat, das Potential des Internets für Forschung und Lehre nutzbar zu machen«195. Als »allgemein zugänglicher, kostenfreier Informationspool für deutsche, europäische und internationale Aktivitäten konzipiert«196, unterstützt und fördert H-Germanistik den Austausch von fachwissenschaftlichen Informationen zur deutschsprachigen Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart, einschließlich der Didaktik und Sprachwissen-

189 Jäger : »Störung und Transparenz«, S. 60. Vgl. Habscheid: »Das halbe Leben«, S. 17. 190 https://networks.h-net.org/h-germanistik [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 191 Zur Entwicklungsgeschichte von H-Germanistik vgl. Baum: »Digitale Netzwerke für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 119ff.; Dies., Dehrmann, Günther : »www.hgermanistik.de«, S. 85; Baum et al.: »H-Germanistik. Mailingliste für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 645f.; Baum et al.: »Bericht über Stand und Entwicklung von H-Germanistik«, S. 472ff. 192 Vgl. Baum et al.: »Bericht über Stand und Entwicklung von H-Germanistik«, S. 472. 193 Baum: »Digitale Netzwerke für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 129. Für die aktuellen Abonnentenzahlen [Stand: Dezember 2018] danke ich herzlich Constanze Baum. 194 Ebd. 195 Ebd., S. 126. 196 »Über uns«: https://networks.h-net.org/node/79435/pages/84573/%C3 %BCber-uns [zuletzt aufgerufen am 14.1.20].

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schaft sowie angrenzender komparatistischer, kulturwissenschaftlicher und interkultureller Gebiete mit germanistischem Bezug.197

Pro Werktag erhalten die Abonnenten etwa zwischen sechs bis acht Postings.198 Hierzu zählen etwa Veranstaltungsankündigungen (Konferenzen, Symposien, Workshops, Sommerschulen), Ausschreibungen (CFP für Veranstaltungen oder Publikationen), Stipendien und Jobangebote sowie Inhalte von literaturwissenschaftlichen Periodika (Fachzeitschriften, Jahrbücher), inzwischen auch Ankündigungen von Studiengängen und Tagungsberichte.199

Neben Konferenzankündigungen stellen Call for Papers unter diesen Rubriken prozentual den größten Anteil dar.200 Allein zwischen 2005 und 2016 wurden über 3500 als Call for Papers getaggte Einträge über diese Mailingliste versendet.201 Für das zweite Untersuchungskorpus wurde die sogenannte DHd-Mailingliste ausgesucht, die von dem 2013 gegründeten Verband DHd – Digital Humanities im deutschsprachigen Raum verwaltet und moderiert wird.202 Dieser Verband versteht sich als Forum und formelle Interessenvertretung für alle, die sich im deutschsprachigen Raum in Forschung und Lehre – unabhängig von der Fachdisziplin – im Arbeitsbereich der Digital Humanities engagieren.203

Zugleich ist dieser Verband nicht nur ein einzelner Regionalverband. Er ist mit der European Association of Digital Humanities und dem Dachverband Alliance of Digital Humanities Organizations assoziiert und führt die Interessen der digitalen Geisteswissenschaften auf nationaler und internationaler Ebene zusammen, indem er neben der Organisation von Tagungen und Konferenzen regelmäßig Call for Papers, Informationen zu neuen Studiengängen oder zu Publikationen über die Mailingliste versendet.204 In ihrer universitäts-, disziplin197 Ebd. 198 Baum: »Digitale Netzwerke für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 128 [Stand der Erhebung: 2015]. 199 Ebd., S. 130. 200 Vgl. die Erhebung aus dem Jahr 2014 in Baum: »Digitale Netzwerke für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer«, S. 131. 201 Leider ist die Suchfunktion des Archivs von H-Germanistik nur auf den Zeitraum zwischen 2005 und 2016 begrenzt. Vermutlich liegt die Zahl der bis 2018 veröffentlichten Call for Papers somit noch höher. 202 http://dig-hum.de/dhd-mailingliste [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 203 »Über DHd«: https://dig-hum.de/ueber-dhd [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 204 Vgl. zu den Zielsetzungen des Verbandes auch die online einsehbare Vereinssatzung: https://dig-hum.de/dhd-satzung [zuletzt aufgerufen am 14.1.20].

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und themenübergreifenden Ausrichtung kann diese Mailingliste innerhalb Deutschlands als singulär gelten. Der Untersuchungszeitraum dieser Mailingliste wurde auf die Jahre von ihrer Gründung im April 2013 bis zur Erhebung der Daten im Juli 2018 begrenzt. Es wurden nur jene Call for Papers aufgenommen, die sich entweder dezidiert an die Neuere deutsche Literaturwissenschaft richteten oder sie als Teil der Geisteswissenschaften einschlossen. Nicht registriert wurden Calls, die sich ausschließlich auf didaktische, linguistische oder mediävistische Teilbereiche bezogen. Auf Grundlage dieser Kriterien konnten insgesamt 40 Call for Papers in das Untersuchungskorpus aufgenommen werden. Derselbe Untersuchungszeitraum (April 2013 bis Juli 2018) wurde auch für die Call for Papers aus der Mailingliste H-Germanistik gewählt. Um dieses Korpus handhabbar zu halten, wurde immer nur der erste Call, der in einem Monat veröffentlicht wurde, aufgenommen.205 Ausgelassen wurden – entsprechend der bereits genannten Kriterien – Calls, die sich ausschließlich an didaktische, mediävistische oder linguistische Teilbereiche richteten. Somit konnten für dieses Untersuchungskorpus 63 Calls identifiziert werden. Das Korpus der Call for Papers umfasst damit zusammengenommen 103 Texte.

4.3.2 Aufsätze Im Unterschied zu den anderen in dieser Arbeit fokussierten Darstellungsformen, Call for Papers und Rezensionen, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass in ihnen vorrangig avisiert bzw. rezensiert wird, bilden Aufsätze praxeologisch betrachtet eine Art ›black box‹. Es kann keineswegs a priori gesetzt werden, dass die Darstellungsform ›Aufsatz‹ um eine bestimmte Praxis organisiert ist. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich Aufsätze aus einer praxeologischen Perspektive in weitere ›Subgenres‹ mit jeweils unterschiedlichen zentralen Praktiken differenzieren ließen, etwa in Theorieaufsätze, Interpretationsaufsätze etc. Auf eine solche Erforschung von ›Subgenres‹ zielt die vorliegende Arbeit jedoch nicht. Sie konzentriert sich auf die Praxis des Interpretierens und komponiert ein entsprechendes Korpus, das im Folgenden vorgestellt werden soll. Um herauszufinden, was innerhalb spezifischer »Prototypen wissenschaftlicher Texte«206 bzw. im »key genre of modern knowledge-creation«207 ›getan‹ 205 Mit Ausnahme des Monats August im Jahr 2013. In diesem Monat wurde kein Call for Papers verschickt. 206 Adamzik: »Textsortenvernetzung im akademischen Bereich«, S. 2. 207 Hyland: Disciplinary Discourses, S. 42.

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wird, wurden Fachzeitschriften als »kleine Archive«208 genutzt und Aufsätze als privilegierte Orte der Wissensproduktion gehandhabt. Insgesamt wurden dazu acht Zeitschriften in den Blick genommen und im Rahmen von zwei Korpora gruppiert. Für das erste Untersuchungskorpus wurden vier literaturwissenschaftliche Fachzeitschriften ausgewählt, die als disziplinär zugehörig und prägend gelten können, insofern sie über eine gewisse Resonanz innerhalb der Neueren deutschen Literaturwissenschaft verfügen. Sondiert wurden die Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, die Zeitschrift für Germanistik, die Zeitschrift für deutsche Philologie und das Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Mit einem Erscheinungszeitraum von 1923 bis heute gilt die Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte als die »führende Fachzeitschrift der deutschsprachigen Germanistik«, die ein »Forum für den fachlichen Austausch und gleichermaßen für die Diskussion weiter reichender Methodenperspektiven in den Literaturund Kulturwissenschaften« bieten möchte.209 Die Zeitschrift für Germanistik, die seit 1980 herausgegeben wird, versteht sich als »Forum der internationalen Germanistik«210. Ihrer Selbstbeschreibung nach diskutiert die Zeitschrift Probleme der Geschichte der deutschsprachigen Literatur und der Gegenwartsliteratur, geht neuen Theorieansätzen nach und beteiligt sich aktiv an den Diskussionen um die Perspektiven des Faches.211

Das Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, das seit 1957 einmal jährlich erscheint und vorwiegend Beiträge zur deutschsprachigen Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart publiziert, zählt zu den »renommiertesten [Organen] des Faches«212. Dasselbe gilt für die Zeitschrift für deutsche Philologie, die 208 Vgl. Frank, Podewski, Scherer : »Kultur – Zeit – Schrift. Literatur- und Kulturzeitschriften als ›kleine Archive‹«. Die Zeitschriftenforschung erhält in den letzten Jahren erhöhte Aufmerksamkeit – auch wenn oftmals literarische und weniger wissenschaftliche Zeitschriften erforscht werden. Vgl. den seit 2017 bestehenden Arbeitskreis »Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung« des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) und des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI). Für den Versuch, die Zeitschriftenforschung durch den Einsatz von computergestützten, quantitativen Verfahren zu erweitern, siehe Riddell: »How to Read 22,198 Journal Articles«. 209 So lautet zumindest ihre Selbstvorstellung: http://www.uni-konstanz.de/dvjs/editorial.htm [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 210 Selbstvorstellung: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/zfgerm [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 211 Ebd. 212 Vgl. Winko: »Autor-Funktionen«, S. 339. Simone Winko hat in ihrer luziden Studie Autorfunktionen in literaturwissenschaftlichen Interpretationen untersucht und hierzu folgende Zeitschriften sondiert: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Euphorion, Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft und Zeitschrift für Germanistik. Von dieser Auswahl wurde die vorliegende Arbeit inspiriert.

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mit ihrer 150-jährigen Publikationsgeschichte zu den ältesten germanistischen Fachzeitschriften gehört. Für das zweite Untersuchungskorpus wurden Zeitschriften ausgewählt, die entweder mit computerphilologischem Schwerpunkt innerhalb der germanistischen Literaturwissenschaft situiert sind, in Angrenzung an benachbarte Fachbereiche liegen oder sich dem disziplinären Verbund der Digital Humanities zuordnen lassen und literaturwissenschaftliche Arbeiten aufnehmen.213 Hierzu zählt die erste, bis heute bestehende Zeitschrift: Die Literary & Linguistic Computing, die 2014 in Digital Scholarship in the Humanities umbenannt wurde, ist das »longest standing journal in the field«214 und wird als »key publication for humanities computing for a long time«215 verstanden. Seit ihrer Gründung im Jahr 1986 gilt sie als eine der wichtigsten Publikationsorganen der literaturwissenschaftlich affinen Digital Humanities: This journal has clearly played an important role in establishing the field of humanities computing – not only in offering a publication venue, institutional structure and academic exchange but also in publishing self-reflective articles on the role, organization and future of humanities computing.216

Herausgegeben wird die Zeitschrift von dem ersten, seit 1972 bestehenden Fachverband im europäischen Raum, der sich bis 2011 Association for Literary and Linguistic Computing nannte und seit 2011 mit der European Association for Digital Humanities fusioniert.217 Dieser Verband bildet seit über 30 Jahren einen stabilen Publikationsrahmen für computergestützte »textual and text-based literary analysis«218. Neben der Zeitschrift Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities wurden drei weitere Zeitschriften ausgewählt. Dies sind die Zeitschriften Digital Humanities Quarterly, die Digital Studies / Le champ num8rique und das Journal of Digital Humanities. Die Digital Humanities Quarterly, die auch als »leading international«219 bzw. »flagship«220 Zeitschrift innerhalb der Digital Humanities verstanden wird, erscheint seit 2007 und wird von der Dachorganisation The Alliance of Digital Humanities Orga213 Dem naheliegenden Vorwurf, dass in den Arbeitsbereichen der Digital Humanities vorrangig Blogs als zentrale Kommunikationsräume fungieren und damit Zeitschriften eine eher marginale Stellung einnehmen, kann entgegengehalten werden, dass Zeitschriften oftmals einschlägige Blogbeiträge in Aufsatzform aufnehmen. Ein Beispiel hierfür ist das Journal of Digital Humanities. 214 Vanhoutte: »The journal is dead, long live the journal!«, o. S. 215 Svensson: »Humanities Computing as Digital Humanities«, S. 164. 216 Ebd., S. 166. 217 Vgl. die Website der Organisation: https://eadh.org/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 218 Svensson: »Humanities Computing as Digital Humanities«, S. 166. 219 Flinn, Nyhan: »Introduction«, S. 7. 220 Antonijevic´ : Amongst Digital Humanists, S. 20.

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nizations herausgegeben.221 Die Digital Humanities Quarterly »seeks to provide a forum where practitioners, theorists, researchers, and teachers in this field can share their work with each other and with those from related disciplines«222. An alle geisteswissenschaftlichen Fächer richtet sich ebenso die Zeitschrift Digital Studies / Le champ num8rique, die seit 1992 erscheint und sich selbst als »area for formal scholarly activity and as resource for researchers in the digital humanities«223 beschreibt. Das Journal of Digital Humanities erschien von 2011 bis 2014, zuerst als »experiment in sourcing and distributing scholarly communication on the open web«: The Journal of Digital Humanities selects content […], which highlights the best scholarship – in whatever form – that drives the field of digital humanities field forward.224

Diese Zeitschriften publizieren – mit Ausnahme der Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities – als open-access- und peer-reviewed- Veröffentlichungen ausschließlich online. Die Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities erscheint sowohl online als auch gedruckt. Damit decken die ausgewählten Zeitschriften nicht nur unterschiedliche Produktions- und Distributionswege ab, sondern repräsentieren mit ihren differenten Schwerpunkten und nationalen bis internationalen Ausrichtungen auch verschiedene Forschungszusammenhänge, die in einem Zeitraum von über 30 Jahren von den Anfangsphasen des Humanities Computing bis zu den Digital Humanities entstanden sind. Sie bilden damit den Hintergrund für das zweite Untersuchungskorpus. Um aus der hohen Anzahl von Aufsätzen in den ausgewählten Zeitschriften handhabbare Korpora zu generieren, wurde in der Komposition des ersten Untersuchungskorpus bei der Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, der Zeitschrift für Germanistik, der Zeitschrift für deutsche Philologie und dem Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft jeweils nur das erste und das letzte, nicht-mediävistische Heft der Jahrgänge 1986, 1996, 2006 und 2016 berücksichtigt.225 Da das Jahrbuch der Deutschen 221 Zur Gründungsgeschichte der ADHO in Tübingen siehe http://adho.org/about [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 222 »About«: http://www.digitalhumanities.org/dhq/about/about.html [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 223 »About«: https://www.digitalstudies.org/about/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 224 »About«: http://journalofdigitalhumanities.org/about/ [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. 225 Somit wurden folgende Ausgaben sondiert: DVjs: 60.1 (1986), 60.4 (1986), 70.1 (1996), 70.4 (1996), 80.1 (2006), 80.4 (2006), 90.1 (2016), 90.4 (2016); ZfG 7.1 (1986), 7.4 (1986), 6.2 (1996), 6.3 (1996), 16.1 (2006), 16.3 (2006), 26.1 (2016), 26.3 (2016); ZfdPh: 105.2 (1986), 105.4 (1986), 115.2 (1996), 115.4 (1996), 125.2 (2006), 125.4 (2006), 135.2 (2016), 135.4 (2016); JbDSG: 1986, 1996, 2006, 2016.

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Schillergesellschaft über keine Hefte verfügt, sondern nur einmal jährlich erscheint, wurde hier aus naheliegenden Gründen immer der entsprechende Jahrgang zur Durchsicht aufgenommen. Aus diesen Zeitschriften bzw. den einzelnen Heften und Jahrgängen wurden nur solche Beiträge in das Untersuchungskorpus aufgenommen, die erstens in der entsprechenden Rubrik der jeweiligen Zeitschrift veröffentlicht wurden oder aufgrund der spezifischen Anordnung innerhalb der Inhaltsverzeichnisse als Aufsätze (und nicht etwa als Buchbesprechungen, Miszellen, Forschungsberichte o. ä.) geführt werden.226 Ausgesondert wurden Aufsätze, die zweitens als didaktische, editionswissenschaftliche, linguistische, mediävistische, rezeptionsgeschichtliche, theoretische oder wissenschafts- bzw. disziplingeschichtliche Beiträge eingestuft werden können. Ausgewählt wurden dagegen Aufsätze, die drittens vorrangig darauf abzielen, literarische Texte zu interpretieren.227 Aufgenommen wurden also nur jene Aufsätze – und in dieser Auswahl folgt die Studie den von Simone Winko aufgestellten Kriterien zur Identifizierung von Interpretationen –, »in denen literarische Texte in einem weitgefassten hermeneutischen Sinne interpretiert und/oder in synchrone oder diachrone Beziehung zu anderen Texten oder Diskursen gesetzt werden«228. Es wurden demnach ausschließlich »Texte, in denen Vorschläge gemacht werden, wie literarische Texte oder Teile dieser Texte zu verstehen sind, was sie bedeuten oder welchen Sinn sie haben«229, in das Untersuchungskorpus einbezogen. ›Literarische Objekte‹ wurden als schriftlich fixierte, fiktionale Texte bestimmt.230 Ausgenommen wurden damit Beiträge, die sich mit Autobiografien, Briefen, Essays oder Filmen befassten. Auf der Grundlage dieser Kriterien wurden etwa Beiträge wie »Inspiration und Autorschaft. Ein Beitrag zur mediävistischen Autordebatte«231, »Edition und poeto226 Die Rubrik Aufsätze führen lediglich die Zeitschrift für deutsche Philologie und das Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft in vereinzelten Heften bzw. Jahrgängen. Wird die Rubrik nicht dezidiert mit einem entsprechenden Titel überschrieben, sind die jeweiligen Aufsätze allen anderen Beiträgen vorangestellt und werden versammelt vor Miszellen, Buchbesprechungen, Tagungsberichten, Forschungsberichten oder Ankündigungen abgedruckt. 227 Zur ausführlichen Diskussion der vagen und vieldeutigen Begriffe ›Interpretation‹ bzw. ›Interpretieren‹ siehe Kapitel III. Für die Auswahl der Aufsätze wurde obenstehende Definition verwendet. 228 Winko: »Autor-Funktionen«, S. 339. 229 Ebd., S. 340. 230 Vgl. zur Diskussion über Kriterien zur Literaturdefinition bspw. Weimar : »Literatur«, S. 443–448; Schneider: »Literatur und Text«, S. 1–23 sowie kritisch Mussil: »Der Begriff der Literatur«; Strube: »Die Grenzen der Literatur oder Definitionen des Literaturbegriffs«. Ein sehr guter Überblick über den Problemzusammenhang der Definition von Literatur findet sich in Jannidis, Lauer, Winko: »Radikal historisiert: Für einen pragmatischen Literaturbegriff«. 231 Klein: »Inspiration und Autorschaft. Ein Beitrag zur mediävistischen Autordebatte«.

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logische Reflexion. Axel Gellhaus’ Beitrag zur theoretischen Fundierung der Editionsphilologie«232 oder »Zur Bedeutung von Jacob Grimms Konzeption der philologischen Germanistik für die Entwicklung der Literaturwissenschaft«233 ausgeschlossen und Aufsätze wie beispielsweise »Poetik des Wassers. Theodor Fontanes Stechlin: Zur protagonistischen Funktion des See-Symbols«234, »Figurationen zwischen Eis und Wüste – Textgebiete bei Franz Kafka. Von Vampiren und anderen Kreaturen aus der Zwischenzone«235 und »Deichbau und Selbstopfer. Der Katastrophendiskurs in Theodor Storms Der Schimmelreiter«236 in das Korpus aufgenommen. Somit konnten anhand der genannten Kriterien für dieses Untersuchungskorpus 130 Beiträge ausgewählt werden. Für die Zusammenstellung des zweiten Untersuchungskorpus musste zunächst berücksichtigt werden, dass die Zeitschriften Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities, Digital Humanities Quarterly, Digital Studies / Le champ num8rique und das Journal of Digital Humanities interdisziplinär organisiert sind und deutlich weniger Beiträge enthalten, die sich nach den oben genannten Kriterien inkludieren ließen. Daher wurden für dieses Korpus zunächst alle Beiträge der vier oben genannten Zeitschriften in den entsprechenden Aufsatz-Rubriken237 zwischen 1986 und 2018238 sondiert und auch Supplementausgaben oder Vorveröffentlichungen (sog. Advance Articles) berücksichtigt. Auf die Begrenzungen einzelner Jahrgänge oder Hefte wurde somit gänzlich verzichtet. Ausgeschlossen wurden dagegen – entsprechend den Auswahlkriterien des ersten Untersuchungskorpus – Beiträge, die sich mit Autobiografien, Briefen, Essays oder Filmen o. ä. auseinandersetzen sowie didaktische, editionswissenschaftliche, linguistische, mediävistische, rezeptionsgeschichtliche, theoretische oder wissenschafts- bzw. disziplingeschichtliche Beiträge. Aufgenommen wurden nur Aufsätze, in denen literarische, d. h. schriftlich fixierte, fiktionale Texte mit Bedeutungszuschreibungen versehen und/oder die im Hinblick auf interpretatorische Ziele bzw. zukünftige Interpretationen ausgerichtet wurden. Auch wenn die Frage, ob die 232 Martens: »Edition und poetologische Reflexion«. 233 Rosenberg: »Zur Bedeutung von Jacob Grimms Konzeption der philologischen Germanistik«. 234 Amberg: »Poetik des Wassers«. 235 Küpper: »Figurationen zwischen Eis und Wüste«. 236 Weber : »Deichbau und Selbstopfer«. 237 Auch diese Zeitschriften verfügen in der Regel nicht über durchgehende Rubriknamen wie etwa Articles o. ä. Meist sind in den Zeitschriften Aufsätze einem Vorwort oder einem Editorial nachgestellt und allen anderen Beitragsformen, wie Reviews, Report, Case Studies, Posters usw., vorangestellt. 238 Für die vier Zeitschriften wurden demnach folgende Ausgabenzeiträume untersucht: DHQ (2007 1.1–2017 11.4); JDH (2011 1.1–2014 3.2); LLC (1986 1.1–DSH 2018 Advance Articles); DS (1992 1.1–2017 8.1).

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literaturwissenschaftlich affinen Digital Humanities überhaupt ›interpretierten‹ bzw. ob sich ihr Tun noch innerhalb eines Praxissets ›Interpretieren‹ fassen ließe oder ob sich das Praxissets des Interpretierens nicht vielmehr ausweitet, umstritten ist – dies wird in Kapitel III. eigens reflektiert –, soll für die vorliegende Studie das ›interpretatorische Anliegen‹ der sondierten Beiträge in den Fokus gerückt werden. Außerdem wurden für dieses Korpus entsprechend der multidisziplinären Anlage der Digital Humanities, nicht nur quer zu Fachgrenzen, sondern auch zu einzelsprachlich definierten Philologien zu operieren, auch Aufsätze zugelassen, die etwa der anglistischen oder romanistischen Literaturwissenschaft zugeordnet werden können, insofern sie den obengenannten Kriterien entsprachen. Wichtiger als die jeweilige (disziplinäre, nationalsprachliche oder institutionelle) ›Heimat‹ der Aufsätze, der Autoren oder ihrer Interpretationsgegenstände war die Tätigkeit des Interpretierens selbst. Zugleich soll mit einer solchen Auswahl nicht gesagt werden, dass es nicht auch fachkulturelle oder nationale Differenzen geben könnte, die sich auf der Ebene der Praxis zeigen. Ob sich damit verbunden Verschiebungen oder Privilegierungen beobachten lassen, muss als offene Frage behandelt werden, die im Rahmen dieser Studie aus forschungspragmatischen Gründen zurückgestellt wurde. Um überhaupt einschätzen zu können, ob es sich um eine Interpretation eines literarischen Textes oder mehrerer literarischer Texte handelt oder um Beiträge, die auf eine Interpretation zielen, wurden alle Aufsätze der Zeitschriften aus dem zweiten Untersuchungskorpus einem vierstufigen Auswahlprozess unterzogen: Ließen sich die Beiträge nicht anhand des Titels eindeutig zuordnen (1), wurden die Abstracts hinzugezogen (2). Lieferten die Abstracts keine oder zu wenige Informationen, wurden die Beiträge komplett gelesen und entsprechend einsortiert (3). Kein entscheidendes, aber ein orientierendes Kriterium bei Grenzfällen bildeten die Disziplinzugehörigkeiten der Autoren (4). Bei Grenzfällen wurde zugunsten einer Aufnahme in das Korpus entschieden.239 Aufgenommen wurden somit beispielsweise die Aufsätze »Vive la Diff8rence! Text Mining Gender Difference in French Literature«240, »An Enlightenment Utopia: The Network of Sociability in Corinne«241, »›Blue eyes and porcelain cheeks‹: Computational Extraction of Physical Descriptions from Dutch Chick Lit and Literary Novels«242, »Charles Brockden Brown: Quantitative Analysis and Literary In-

239 Grenzfälle waren vor allem Beiträge, die zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft situiert sind, wie etwa Burrows: »Modal Verbs and Moral Principles«, S. 23; ders.: »WordPatterns and Story-Shapes«. 240 Argamon et al.: »Text Mining Gender Difference in French Literature«. 241 Edmondson: »The Network of Sociability in Corinne«. 242 Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«.

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terpretation«243 oder »Patterns of Sentimentality in Victorian Novels«244. Nicht ausgewählt wurden dagegen beispielsweise die Beiträge »The End of the Irrelevant Text: Electronic Texts, Linguistics, and Literary Theory«245, »Cyberinfrastructure for Classical Philology«246, »Extending SGML Concurrent Structures: Toward Computer-Readable Meta-Dictionary«247, »New Technologies, New Formalisms for Historians: The 3D Virtual Buildings«248 oder »Streaming Video Theory«249. Insgesamt konnten auf der Grundlage der genannten Kriterien 81 Aufsätze erfasst werden.250 Das Korpus der Aufsätze umfasst damit zusammengenommen 211 Texte. 4.3.3 Rezensionen Um das Rezensieren praxeologisch zu untersuchen, wurden für das erste Untersuchungskorpus zunächst jene zwei literaturwissenschaftlichen Zeitschriften aus dem oben genannten Zeitschriftenkorpus sondiert, die Rezensionen über wissenschaftliche Publikationen enthalten.251 Dies sind die Zeitschrift für Germanistik und die Zeitschrift für deutsche Philologie. Aus diesen beiden Zeitschriften wurden aus den Rubriken Besprechungen bzw. Buchbesprechungen jeweils die erste Rezension des ersten und letzten (nicht-mediävistischen) Heftes aus den bereits bekannten Untersuchungsjahrgängen 1986, 1996, 2006 und 2016 entnommen, die sich nicht didaktischen, linguistischen oder mediävistischen 243 244 245 246 247 248 249 250

Stewart: »Charles Brockden Brown: Quantitative Analysis and Literary Interpretation«. Steger : »Patterns of Sentimentality in Victorian Novels«. Hoover : »The End of the Irrelevant Text«. Crane, Seales, Terras: »Cyberinfrastructure for Classical Philology«. Fought et al.: »Extending SGML Concurrent Structures«. Bonnett: »New Technologies, New Formalisms for Historians«. Hesemeier : »Streaming Video Theory«. Interessant ist, das sei nur nebenbei bemerkt, welche Zeitschriften nicht in das Korpus aufgenommen wurden. Hierzu zählt das Jahrbuch für Computerphilologie. Diese Zeitschrift, die für den deutschsprachigen Raum Ende der 1990er-Jahre eine Pionierstellung innehatte und als historisch bedeutsam einzustufen ist, konzentrierte sich auf die Vorstellung einzelner Editionsprojekte, verschiedener Softwareprogramme oder Theorien digitaler Literatur. Interpretationsarbeiten, die in der vorliegenden Arbeit fokussiert werden, liefert das Jahrbuch nicht. Wichtiger, so erscheint es, war in dieser Zeitschrift nicht die Bearbeitung von Gegenständen, sondern die Vorbereitung der Bearbeitungsprozesse, indem man sich darum bemühte, einen Diskussionszusammenhang zu schaffen, innerdisziplinäre Diskussionsbereitschaft zu stimulieren oder theoretische Grundlagen zu reflektieren. 251 Auf Rezensionsorgane, wie sie in der Germanistik etwa mit Arbitrium existieren, wurde für die vorliegende Untersuchung verzichtet, da vergleichbare, auf das Rezensieren spezialisierte Zeitschriften in den Digital Humanities fehlen. Etwaige Unterschiede auf Ebene der Praktiken hätten in einem solchen Vergleich auch auf die unterschiedlichen Publikationskontexte zurückgeführt werden können. Um einem solchen Problem zu entgehen, wurden die Rezensionen aus den genannten Fachzeitschriften entnommen.

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Bereichen zuordnen lassen und sich nicht auf die Besprechung von Editionen beziehen.252 Insgesamt wurden auf Grundlage dieser Kriterien 16 Rezensionen in das Untersuchungskorpus aufgenommen. Auch aus den literaturwissenschaftlich affinen Zeitschriften der Digital Humanities wurden für das zweite Untersuchungskorpus zwei Zeitschriften ausgewählt, in denen Rezensionen publiziert werden. Aus diesen beiden Zeitschriften, Digital Humanities Quarterly und Digital Studies / Le champ num8rique, wurde jeweils die erste Rezension eines Heftes in dem Erscheinungszeitraum der beiden Zeitschriften zwischen 1992 und 2017 aus den entsprechenden Rubriken aufgenommen. Anders als in den literaturwissenschaftlichen Zeitschriften werden in diesen beiden Zeitschriften nicht regelmäßig Rezensionen veröffentlicht. Aus diesem Grund wurden hier keine formalen Einschränkungen hinsichtlich der Hefte oder Jahrgänge getroffen. Die zentrale Herausforderung für die Komposition dieses Korpus lag darin, überhaupt literaturwissenschaftliche Rezensionen auszumachen. Die Frage, die es zu klären galt, war, woran man überhaupt literaturwissenschaftliches Rezensieren erkennt. Da die Zeitschriften transdisziplinär angelegt sind, boten sie hierfür kein zuverlässiges Orientierungskriterium. Deshalb wurden nur jene Rezensionen in das Untersuchungskorpus aufgenommen, die entweder von einem Literaturwissenschaftler verfasst wurden, oder – falls die disziplinäre Zugehörigkeit des Rezensenten nicht eindeutig bestimmt werden konnte bzw. in einem transdisziplinären Arbeitsumfeld unter Einschluss der Literaturwissenschaft zu verorten war – sich auf ein Rezensionsobjekt beziehen, das von einem Literaturwissenschaftler (oder mehreren) geschrieben wurde. Ausgeschlossen wurden auch hier Rezensionen, die sich didaktischen, linguistischen oder mediävistischen Bereichen zuordnen lassen oder Editionen besprechen. Das so generierte Untersuchungskorpus umfasst 13 Rezensionen. Die Entscheidung für eine solche Kombination aus mehreren Kriterien zur Erstellung eines Untersuchungskorpus ist vonnöten, weil nur schwer definiert werden kann, was eine ›literaturwissenschaftliche‹ Rezension ausmacht. Da die Gegenstände einer Rezension nicht der literaturwissenschaftlichen Disziplin entnommen sein müssen, sondern auch Publikationen aus der Soziologie, der Geschichte oder der Philosophie von Literaturwissenschaftlern besprochen werden können (und die Rezensionsobjekte somit gewissermaßen ›literaturwissenschaftlich‹ gelesen werden), kann ein disziplinäres Kriterium auf Ebene des Rezensionsobjekts nicht zielführend sein. Warum sollten Literaturwissenschaftler nur jene Publikationen rezensieren, die aus ihrem Fach kommen? Außerdem lässt sich auch die fachdisziplinäre Zuordnung von Rezensionsob252 Diese Bereiche wurden ausgegrenzt, weil ihre primären Interessen außerhalb des hier fokussierten Praxiszusammenhangs liegen.

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jekten oftmals gar nicht so leicht bestimmen. Transdisziplinäre oder interdisziplinäre Arbeiten unterminieren eine solche Eindeutigkeit. Auch wenn man, wie im vorliegenden Fall, die institutionelle Anstellung des Rezensenten bzw. des Autors als Kriterium geltend macht, darf dabei nicht vergessen werden, dass sich Praktiken (wie etwa das Rezensieren) nicht unbedingt an institutionelle oder disziplinäre Grenzen halten, bzw. etwaige Grenzen erst (empirisch) erforscht werden müssten. Zusammengenommen besteht das Untersuchungskorpus zu Rezensionen aus 29 Rezensionen. 4.3.4 Reflexion der Materialkomposition Das Untersuchungsmaterial der vorliegenden Studie setzt sich aus dreimal zwei Teilkorpora zusammen, die jeweils anhand unterschiedlicher Kriterien aus insgesamt acht Zeitschriften und zwei Mailinglisten entnommen wurden. Diese komplexe Komposition des Untersuchungsmaterials ist unmittelbar dem Interesse an Praktiken geschuldet. Es wurden Materialien identifiziert, die nicht nur institutionell, d. h. von Redaktionen, Herausgebern oder in peer-reviewVerfahren zertifiziert und damit als ›zugehörige‹ Elemente beglaubigt wurden, sondern auch quer zu gängigen Analyseeinheiten der literaturwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung liegen, wie beispielsweise bestimmten Instituten oder einzelnen Protagonisten. Sie legen den Blick auf Praktiken frei. Die ausgewählten Formate (acht Zeitschriften und zwei Mailinglisten) versammeln 343 Publikate verschiedener Autoren, enthalten Beiträge zu diversen Themen, setzen vielfältige Schwerpunkte, werden von unterschiedlichen Personen redaktionell betreut, an verschiedenen Orten herausgegeben und richten sich als Kommunikationsmedien an ein breites disziplinäres Publikum. Sie durchkreuzen lokale, personale und nicht zuletzt thematische Grenzziehungen. Sie eröffnen dadurch Einblicke in gemeinsam geteilte Verfahrensroutinen und bilden auf diese Weise ideale Archive für die Untersuchung von Praktiken und den ihnen immanenten Wissen- und Normbeständen. Durch diese universitäts-, zeitschriften-, autoren-, themen- sowie forschungsphasenübergreifende Zusammenstellung lässt sich der Problematizität unifaktorieller Fallstudien entgehen. Die Konzentration auf eine Zeitschrift, ein Institut, einen Protagonisten oder eine Phase im Forschungsprozess könnte dazu führen, Aussagen zu formulieren, die lediglich für die ausgewählte Zeitschrift, das untersuchte Institut, den erforschten Protagonisten oder die beobachtete Station im Forschungsprozess zutreffend sind. Zumindest könnte es sich bei den untersuchten Praktiken einer Zeitschrift, eines Instituts, einer Person oder einer Phase – trotz einer zu erwartenden Verankerung in breitere Praxiszusammenhänge – um je spezifische Ausformungen handeln. Solchen Studien ließe sich

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demnach vorwerfen, sich würden lediglich Zusammenhänge beschreiben, die typisch für die gewählte Zeitschrift, das jeweilige Institut oder den einen Protagonisten seien – nicht aber für das Fach insgesamt zutreffend sein müssen. Auch wenn davon auszugehen ist, dass sich literaturwissenschaftliche Praktiken nicht etwa von Ort zu Ort oder von Akteur zu Akteur unterscheiden, muss – da dies noch völlig unerforscht ist – in der Konzeption der Studie offengehalten werden, ob es gewisse lokale Rationalitäten auf Ebene der Praktiken (etwa in Form spezifischer Verkettungen oder in der Gewichtung einzelner Teilpraktiken) gibt. Die erfahrungsgestützte und theoretisch begründete Erwartung, dass Praktiken als bewährte Routinen in einer ›tieferliegenden‹253, allgemeineren Ebene verankert sind und als überzeitlich »zirkulierendes Repertoire«254 fungieren, darf gerade nicht dazu führen, vorschnell von partikularen Gegebenheiten auf allgemeine Befunde zu schließen. Die hier entworfene multifaktorielle Anlage zielt daher darauf, die Defizite von unifaktoriellen Herangehensweisen – wie sie ›Fallstudien‹255 der literaturwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung oftmals verfolgen – zu kompensieren. Sie soll Diversität gewährleisten und Beobachtungen ermöglichen, die über ›Einzelfälle‹ hinausgehen können. Zugleich verweist eine solche Materialkomposition auf die grundlegende Frage, wie man ›die‹ Literaturwissenschaft respektive ›die‹ Digital Humanities überhaupt fassen und im Rahmen einer praxeologischen Wissenschaftsforschung untersuchen kann. Mit dem Blick auf Praktiken verlieren nämlich institutionelle Grenzziehungen ihre Stellung als apriorische Ordnungsprinzipien. Jedenfalls wäre es nicht naheliegend, von scharfen disziplinären Grenzen auszugehen, denen sich Praxiszusammenhänge unterordnen würden. Stattdessen wäre noch zu erforschen, ob Disziplinen als emergierte Bündel von Praktiken rekonstruiert werden können oder ob disziplinäre Grenzen durch den Fokus auf Praktiken gewissermaßen vaporisieren und an ihrer Stelle spezifische Arbeitseinheiten hervortreten, die quer zu oder unterhalb von Disziplinen verlaufen.256 Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, warum die vorliegende Arbeit definitorische Bemühungen mit Blick auf ›die‹ Literaturwissenschaft respektive ›die‹ Digital Humanities zurückstellt und die Erforschung von Praxiszusammenhängen privilegiert.

253 Vgl. Daston: »Die unerschütterliche Praxis«, S. 25. 254 Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 323. 255 Vgl. exemplarisch die Anlagen der »Fallstudien zur Geschichte der Literaturwissenschaft 1890–1950« (S. 129–281) und der »Fallstudien zur Geschichte der Literaturwissenschaft 1950–1995« (S. 285–444), in: Schönert: Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung. 256 Vgl. Rheinberger : »Experimentalsysteme und epistemische Dinge«, S. 36f. sowie Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 50.

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Einleitung

Die multifaktorielle Zusammenstellung des Untersuchungsmaterials zielt daher auch nicht auf eine Repräsentation ›der‹ Literaturwissenschaft respektive ›der‹ Digital Humanities als geschlossenen Einheiten, sondern vielmehr darauf, Einblicke in bestimmte Praxiszusammenhänge zu ermöglichen, welche den Forschungsalltag beider Bereiche prägen. Folglich sind die ausgewählten Zeitschriften und Mailinglisten als forschungspragmatische Hilfskonstruktionen zu verstehen, um aussagekräftiges Material für eine praxeologische Untersuchung von Forschungsprozessen und Praxiszusammenhängen zu sondieren, in welche Literaturwissenschaftler und literaturwissenschaftlich affine Digital Humanists typischerweise involviert sind. Vor diesen Problemkomplexen wurde die Materialgenerierung der vorliegenden Studie vorgenommen. Ihr Aufbau wird im Folgenden erklärt.

4.4

Aufbau der Studie

Aus einer makroskopischen Perspektive auf literaturwissenschaftliche Forschungsprozesse lassen sich die drei Darstellungsformen Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen – wie bereits erläutert – unterschiedlichen Phasen des Forschungsprozesses zuordnen, die ihrerseits mit bestimmten Praxiszusammenhängen verbunden sind. Diese drei Koppelungen strukturieren den Aufbau der Arbeit. Das erste Hauptkapitel beschäftigt sich mit dem Avisieren, das zweite Hauptkapitel mit dem Interpretieren und das dritte Hauptkapitel mit dem Rezensieren. Dabei enthalten alle drei Teile jeweils zwei Studien. Da die Arbeit darauf zielt, die Normalität literaturwissenschaftlichen Arbeitens zu erfassen, um im Anschluss Fragen nach den Veränderungen im jeweiligen Praxisset beantworten zu können, gilt es, jeweils in einer ersten Studie einen ›Ist-Zustand‹ zu erarbeiten, vor dessen Hintergrund dann in einer zweiten Studie Modifizierungen oder Kontinuationen identifiziert werden können. Darum werden die Untersuchungen zum Avisieren, Interpretieren und Rezensieren jeweils in zwei Studien unterteilt. Die jeweils ersten Studien (Avisieren I, Interpretieren I und Rezensieren I) rekurrieren dabei auf Untersuchungsmaterialien aus der HGermanistik-Mailingliste bzw. der Zeitschriften Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, der Zeitschrift für Germanistik, der Zeitschrift für deutsche Philologie und des Jahrbuchs der Deutschen Schillergesellschaft. Die jeweils zweiten Studien (Avisieren II, Interpretieren II und Rezensieren II) beziehen sich jeweils auf die DHd-Mailingliste bzw. auf die Zeitschriften Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities, Digital Humanities Quarterly, Digital Studies / Le champ num8rique und das Journal of Digital Humanities. Die drei Hauptkapitel unterscheiden sich darin, dass sie an unterschiedliche Forschungssituationen anschließen können.

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Während die Untersuchungen zum Interpretieren und Rezensieren vor dem Hintergrund einer breiten Forschung situiert sind, gibt es zum Avisieren keine Arbeiten, an welche die Untersuchung anknüpfen könnte. Zudem favorisieren bzw. ermöglichen die verschiedenen Darstellungsformen und Praxiszusammenhänge unterschiedliche Schwerpunktsetzungen bei der Beobachtung. In dem Kapitel zu Call for Papers wird ein Hauptaugenmerk auf dokumentierte Praktiken gelegt, in dem Kapitel zu Rezensionen werden sedimentierte Praktiken fokussiert, und in dem Kapitel zu Aufsätzen wird das Interpretationsgeschehen insgesamt in den Blick genommen. Dabei handelt es sich jeweils um explorative Untersuchungen, die das Ziel verfolgen, anhand von Publikaten der Forschung Auskunft über Forschungspraktiken zu erhalten.

II.

Prospektionen

Rekonstruiert man den Forschungsprozess im Rahmen eines makroskopischen Modells257 in heuristischer Absicht, lässt sich ein ›Anfang‹258 wissenschaftlicher Auseinandersetzungen in den Appellen verorten, sich im Kontext einer Veranstaltung oder einer Publikation mit einem Beitrag zu beteiligen. Warum Forschungen überhaupt einsetzen, Fragen (erneut) gestellt und (wieder) verfolgt werden, bestimmte Gegenstände als bearbeitungswürdig identifiziert und kollektive Ereignisse, wie etwa eine Tagung oder eine Publikation, lanciert werden, ist allerdings nur schwer zu beantworten. Geht man davon aus, dass wissenschaftliche, mithin literaturwissenschaftliche Gegenstände nicht einfach »unbezweifelt ›da‹«259 sind und auch nicht »einfach so«260 der Forschung passieren, eröffnet sich eine Perspektive auf die komplexen Prozesse der Wissensproduktion: »Wie ›kommt man‹ auf Ideen, ›stößt man‹ auf Texte, ›findet‹ etwas, ›entdeckt‹ eine Textstelle?«261 Wie ›entsteht‹ die Ahnung, dass es sich bei einem Text, einem Zusammenhang oder einer Perspektive um einen für die Forschung lohnenden und erkenntnisreichen Gegenstand handelt, dem man sich auf einer Tagung oder im Rahmen einer Publikation eingehender widmen könnte? Warum und ab wann bemüht man sich mit welchem Risiko um etwas, von dem man »nicht genau weiss, was man nicht weiss«262 ? Wie ›ergeben sich‹ Diskussions- und mitunter Forschungszusammenhänge? Warum können manche Ideen Anstöße zu Großprojekten ›auslösen‹ und andere eher weniger?263 Woher 257 Vgl. Kapitel I. 4.1. 258 ›Anfang‹ ist hier in Anführungszeichen gesetzt, da es mitunter äußerst komplex ist von Forschungsanfängen zu sprechen. Ich komme darauf zurück. 259 Barner : »Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?«, S. 458. 260 Rheinberger : Experimentalsysteme und epistemische Dinge, S. 167. 261 Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 40. 262 Rheinberger : »Über die Kunst, das Unbekannte zu erforschen«, o. S. 263 Hierzu hat Ralf Klausnitzer folgendes Bild entworfen: »Ideen funktionieren als komplexitätsreduzierende und zugleich (intern) komplexitätssteigernde Problemlösungsvorschläge. Sie werden erfolgreich, wenn sie gleichsam als ›geprägte Münzen‹ die Identifikation des Ausgebers bzw. ›Emittenten‹ gestatten und so den Umlauf bzw. die Zirkulation

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Prospektionen

›weiß man‹, welche von der Forschungsgemeinde bisher nicht in den Blick genommenen Aspekte vermutlich als interessant, neu und innovativ geteilt werden? Ab wann muss man davon ausgehen, vielleicht nicht mehr ›verstanden‹ zu werden? Wie erzeugt man disziplinäres ›Vertrauen‹264 in ›neue‹ Forschungsfelder und -perspektiven? Welche historischen, medialen, räumlichen, sozialen und zeitlichen Faktoren beeinflussen die Generierung von Aufmerksamkeit? Warum werden eigentlich »gerade die einen und nicht die anderen Probleme erforscht«265 ? Auch der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn, der sich mit den revolutionären bzw. paradigmatischen Entwicklungsprozessen von Wissenschaft befasste, blieb dezidiert zurückhaltend in seinen Vermutungen, wenn er reflektierte, dass »ein ausreichender Hinweis auf eine spätere Artikulation« oder eine neue Idee »ganz plötzlich, manchmal mitten in der Nacht, im Geist eines tief in die Krise verstrickten Wissenschaftlers« auftauchen könnte.266 Letztlich aber, so resümiert Thomas S. Kuhn, müsse dieser Umstand in seinen vielfältigen Zusammenhängen »unerforscht bleiben und bleibt es vielleicht für immer«267. Obwohl es daher vermutlich als äußerst komplex gelten darf, zu bestimmen, warum Forschungsinvestitionen überhaupt (noch einmal) aufgenommen werden› ›beginnen‹ bzw. wo, in welchen Kontexten und in welcher Weise Wissenschaft ›anfängt‹, lassen sich Call for Papers zumindest als Quellen für die Rekonstruktion einer ›frühen‹268 Station in einem Forschungsprozess lesen, in der es vorrangig darum geht, für bestimmte zukünftige Bemühungen kollektiv zu

264

265 266 267 268

innovativer (bzw. Innovationen versprechender) epistemischer Güter auf Dauer stellen – auch wenn mit häufigem Gebrauch die Gefahr verbunden ist, sich abzuschleifen und unkenntlich zu werden. […] Entscheidend bleibt, dass erfolgreiche Ideen mit ihren einprägsamen und zum Teil suggestiven Formeln über Potentiale zur (rhetorischen) Reduktion von Komplexität bei gleichzeitigem Aufbau von Komplexität verfügen: sie haben also Fähigkeiten zu einer produktiven Problemverschiebung. Als unfertige oder versuchsweise artikulierte Problemlösungen sind sie zur Komplettierung prädestiniert; ihr Erfolg besteht in ihrer attraktiven Stimulierung weitergehender Forschung« (Klausnitzer : »Übersehene Ideen?«, S. 273f.). ›Vertrauen‹ wird hier – wie im Folgenden – nicht als individual-psychologische Kategorie, sondern als eine sozial generierte Ressource verstanden. Vgl. hierzu auch bspw. die einflussreichen und luziden wissenssoziologischen Untersuchungen von Karin Knorr Cetina zu »Vertrauensbahnen« in der Forschung (Knorr Cetina: Wissenskulturen, S. 282ff.). Raithel: Quantitative Forschung, S. 25. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 102. Thomas S. Kuhn bezieht sich in seinen Überlegungen allerdings vorrangig auf Entwicklungsprozesse naturwissenschaftlicher Forschung, insb. der Physik. Ebd., S. 102f. Mit einer ›frühen‹ Station im Forschungsprozess ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich nicht gemeint, dass Calls die Geschichte von Forschungsgegenständen unterschlagen würden. Ein Call situiert und legitimiert sich vor dem Hintergrund vorangegangener Forschung.

Prospektionen

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werben.269 Sie geben zwar nicht umfassend Auskunft über die Gründe von Forschung, aber dokumentieren die Stimulationen von Forschungsaktivitäten auf spezifische Weise. Der englischsprachige Ausdruck Call for Papers bezeichnet eine auxiliare bzw. direktive Darstellungsform, die für eine Aufforderung steht, ein Expos8 oder ein Abstract für mögliche Vorträge, Aufsätze oder andere Beiträge im Rahmen einer Konferenz oder einer Publikation einzureichen. Die deutschen Übersetzungen Beitragsersuch, Vortragsaufruf oder Aufforderung zur Beitragseinreichung bzw. Aufforderung zur Einsendung von Beitragsvorschlägen werden in der Regel nicht verwendet. In Call for Papers, so die Ausgangsthese für die folgenden Überlegungen, materialisiert sich die Praxis des Avisierens. Selbstverständlich finden sich Praktiken des Avisierens auch in anderen wissenschaftlichen Darstellungsformen. Angekündigt, initiiert, stimuliert und lanciert wird ebenso in Abstracts, Aufsätzen, Monografien oder Rezensionen. Mit der Konzentration auf Call for Papers soll daher nicht gesagt werden, dass das Avisieren ausschließlich hier stattfindet. In Calls geht es aber vorrangig darum, zukünftige Auseinandersetzungen zu initiieren, Fragestellungen und Perspektiven zu lancieren, Forschungsbemühungen zu innervieren und Forschungsabläufe zu rhythmisieren. Call for Papers bieten daher einen privilegierten Ort für die Beobachtung des Avisierens. Nichtsdestotrotz wurden Call for Papers bislang nicht als Forschungsobjekte berücksichtigt. Es gibt weder Studien zu dieser Darstellungsform noch zur Praxis des Avisierens. Insofern betritt die vorliegende Untersuchung Neuland und kann nicht auf bisherige Forschungen zurückgreifen oder auf wiederkehrende Aussagen und erprobtes Beobachtungsvokabular Bezug nehmen, sondern muss den Gegenstand explorativ erschließen. Mit der Konzentration auf 103 Call for Papers270, die über einen Zeitraum von insgesamt 64 Monaten zwischen 2013 269 In der Wissenschaftsforschung wurde in diesem Kontext wiederholt auf die epistemische Bedeutung von Tagebucheinträgen, Notizen, »Kritzel und Schnipsel« aufmerksam gemacht. Vgl. bspw. Rheinberger : »Kritzel und Schnipsel«, S. 347ff. Solche Dokumente eignen sich selbstverständlich hervorragend, um ›individuelle‹ Gedankenentwicklungsgänge nachzuzeichnen. Wenn man sich allerdings nicht für Forschungsprozesse (verstanden als Textproduktionsprozesse) unter einer mikroskopischen Perspektive, sondern vielmehr – wie in der vorliegenden Arbeit – unter einer makroskopischen Perspektive interessiert, ist man auf ›veröffentlichte‹ Dokumenttypen angewiesen. Dennoch sind das »Notieren, Skizzieren und alle Arten von Praktiken, die es ermöglichen, Ideen zu fixieren oder – gewissermaßen umgekehrt – Ideen überhaupt erst hervorzubringen« (Rheinberger : »Papierpraktiken im Labor«, S. 141), nicht zu unterschätzen. 270 Zitiert werden die Call for Papers im Folgenden immer mit einem vorangestellten ›CFP‹ und dem Namen der avisierten Veranstaltung bzw. der jeweiligen Publikation. Seitenzahlen können nicht angegeben werden – da Call for Papers naturgemäß nicht über solche verfügen. Ausführlichere Angaben findet sich im Materialverzeichnis.

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Prospektionen

und 2018 in zwei unterschiedlichen Mailinglisten (H-Germanistik und DHdMailingliste) veröffentlicht wurden,271 zielt die Arbeit auf eine erste Exploration der Darstellungsform ›Call for Papers‹ respektive der Praxis des Avisierens (des Ankündigens, Einführens, Bewerbens, Fragens, Informierens, Postulierens, Vorstellens etc.), deren Beobachtungen und Ergebnisse in breiter angelegten Studien entsprechend ergänzt, erweitert und gegebenenfalls korrigiert werden könnten.272 Im Zentrum der folgenden Untersuchungen stehen damit Fragen nach der Darstellungsform ›Call for Papers‹. Es geht einerseits darum zu beschreiben, welche Praktiken in diesen Texten sedimentiert liegen und welche Praktiken diese Texte strukturieren. Andererseits geht es darum, herauszufinden, welche Praktiken in den Texten dokumentiert werden. Welche Gegenstände werden in Call for Papers zur Bearbeitung vorgeschlagen, welche Perspektiven werden privilegiert verfolgt, welche Beteiligungsweisen werden eröffnet, von wem werden Calls versendet und an wen richten sich Calls? Und ändert sich – und wenn ja, in welcher Hinsicht – die Darstellungsform und die Praxis des Avisierens unter digitalen Vorzeichen?

1.

Avisieren I

Bereits mit einem kursorischen Blick auf die 63 Calls273 des ersten Untersuchungskorpus lassen sich zentrale Praktiken des Avisierens identifizieren: In den zwischen 500 und 800 Wörter umfassenden Calls wird beispielsweise angekündigt, beworben, eingeführt, gefragt, informiert, legitimiert, postuliert, problematisiert, verwiesen, vorgestellt oder vorgeschlagen. Wie sich dieses Set an Praktiken zusammensetzt, zeigt sich exemplarisch in dem Call zur Tagung »Hass/Literatur«274, die 2018 an der Freien Universität Berlin stattfand. Dem Fließtext des Calls werden zunächst der Titel und das Datum der Veranstaltung sowie deren Organisation und institutionelle Anbindung vorangestellt: CFP: ›Hass/Literatur‹. Internationale Tagung am DFG Sonderforschungsbereich 1171: ›Affective Societies‹, Freie Universität Berlin, 24.–26. Mai 2018 271 Ausführlichere Angaben und Begründungen zu dieser Auswahl finden sich in Kapitel I. 4.3.1. 272 Hierbei böte sich eine computergestützte quantitative Erhebung dieser – ohnehin digital vorliegenden und zugriffsfreien – Daten an. Es wäre reizvoll, mithilfe einer solchen breiteren Studie das Panorama (literatur-)wissenschaftlicher Avisierungen zu entwerfen und bspw. langfristige Konjunkturen, vorübergehende Trends oder Trendwenden auf dieser Ebene zu beobachten (und bspw. mit anderen Praxiszusammenhängen in Beziehung zu setzen). 273 Eine genaue Auflistung der 63 Calls findet sich im Materialverzeichnis. 274 CFP: Hass/Literatur.

Avisieren I

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Organisation: Prof. Dr. Jürgen Brokoff, Dr. Robert Walter-Jochum Institut für deutsche und niederländische Philologie/SFB ›Affective Societies‹ Teilprojekt C04: Gefühle religiöser Zugehörigkeit und Rhetoriken der Verletzung in Öffentlichkeit und Kunst.275

In dieser Passage wird die avisierte Tagung als Veranstaltung eines Teilprojekts (»Gefühle religiöser Zugehörigkeit und Rhetoriken der Verletzung in Öffentlichkeit und Kunst«) innerhalb eines Sonderforschungsbereichs (»Affective Societies«) präsentiert.276 Der Call lanciert somit nicht nur ein zukünftiges Ereignis, sondern verweist darauf, dass die Veranstaltung aus einem größeren Projektzusammenhang hervorgeht und auf diese Weise selbst in einen Forschungsprozess eingebunden ist. Diesem informativen Vorspann schließt sich der eigentliche Text des Calls an: Vom biblischen Brudermord Kains an Abel über den Hass der Antigone-Brüder Eteokles und Polyneikes aufeinander bis hin zur Hass-Propaganda in der Lyrik der Befreiungskriege und Kleists Hermannsschlacht oder zur Hassrede in Reenactments heutiger Tage hat sich der Hass als Affekt erwiesen, dessen Beziehung zur Literatur in vielerlei Hinsicht als folgenreich angesehen werden kann. Gerade weil er zuvörderst die Vernichtung des Gehassten anstrebt und damit jedes ›zivilisierte‹ Maß vermissen lässt, scheint er sich zu eignen, um Affekte des Außerordentlichen, den emotionalen Ausnahmezustand und Problemlagen, die nicht mehr im Rahmen des Dialogs aufgelöst werden können, anschaulich zu machen. Auf der anderen Seite ist argumentiert worden, dass dem Hass bei all seiner Fixierung auf das Vernichtende auch eine sozial ›produktive‹ Ebene innewohnt: So ist es bei Judith Butler ein wesentlicher Effekt der Hassrede, dass sie das gehasste Subjekt erst konstituiert und diesem so die Möglichkeit eröffnen kann, sich selbst im Widerstand und der Umdeutung zur Geltung zu bringen – die verletzende Anrufung ermöglicht es dem oder der so angesprochenen allererst, selbst die eigene Stimme zu finden. Wenn dem so ist, dann bildet Hass affektive Relationen, deren Verständnis für die Auseinandersetzung mit heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen unabdingbar ist. Seine Untersuchung trägt daher dazu bei, ›Affective Societies‹ zu analysieren und aus einer affekttheoretischen Perspektive in den sie konstituierenden Prozessen nachzuzeichnen. Literatur kann den Hass zum Thema machen, sie kann selbst Ausdruck von Hass sein, aber sie kann auch ein Medium bereitstellen, das Hass hinterfragbar, sichtbar und analysierbar werden lässt. Literarische Texte daraufhin zu befragen, wie sie sich dem Hass nähern, wie sie ihm Ausdruck verleihen, wie sie ihn aber auch textuell herstellen und nachvollziehbar werden lassen, ist das Ziel dieser Tagung.277

In diesem Teil wird in das Thema der Tagung eingeführt, indem ausgewählte Beispiele sowohl die Spannbreite des avisierten Zusammenhangs als auch seine 275 Ebd. 276 Ebd. 277 Ebd.

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Prospektionen

Aktualität veranschaulichen. Biblische, antike, fiktionale und nicht-fiktionale Auseinandersetzungen des Hasses stehen hier exemplarisch für die Geschichte und die Gegenwart dieses Gefühls. Als »Affekt des Außerordentlichen« ziele der Hass, so der Call, auf die radikale »Vernichtung des Gehassten«.278 In einem nächsten Schritt problematisiert der Call allerdings die Einseitigkeit dieser Perspektive und verweist mit der Bezugnahme auf Judith Butler auf die Produktivität des Hasses. Bislang vernachlässigt worden sei der performative Effekt des Hasses, durch den sich das gehasste Subjekt erst konstituiere. Dieses Spannungsverhältnis in literarischen Darstellungen zu reflektieren, soll das erklärte Ziel der Tagung sein. Dieses Ziel wird durch die Auflistung für die Tagung als relevant erachteter Fragen weiter konkretisiert: – Welche Rolle spielt der Hass als Gegenstand in der Literatur – etwa im Hinblick auf den Hass zwischen unterschiedlichen Figuren, als handlungsauslösender oder Figuren konstellierender Aspekt? – Wie finden außerliterarische ideologische Positionen des Hasses Eingang in Literatur? Welche Beziehungen ergeben sich zwischen Hassideologien und literarischen Texten, die sich mit ihnen auseinandersetzen? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen fiktionalen Hasskonstrukten und politischen Ideologien? – Welche Rolle kommt Hassenden und Gehassten in der Literatur zu? Gibt es historische Konjunkturen, die Erstere oder Letztere privilegieren? – Welcher Rhetorik bedienen sich literarische Hasstexte – wie sind sie gemacht und worauf zielt ihre rhetorische Strukturierung, sowohl im Hinblick auf die Faktur wie die Wirkungserwartung literarischer Texte? Gibt es jenseits des Ausdrucks individueller oder kollektiver Emotionen materielle Kennzeichen einer Sprache des Hasses? – Wie wird der starke Affekt des Hasses zum Prüfstein in moralisch-juristisch grundierten Debatten, etwa um Fragen des guten Geschmacks, des angemessenen Ausdrucks, aber auch der Kunst- und Meinungsfreiheit? Was ›darf‹ Kunst mit dem Hass tun, wo werden ihr zu welchen Zeiten und unter welchen Vorzeichen Grenzen des Hasses gesetzt? – Wie reflektiert Literatur Hassphänomene unserer Gegenwart, die nicht zuletzt von Fragen der religiösen Auseinandersetzung, der Verletzung von Gefühlen religiöser Zugehörigkeit und der ideologischen Zuspitzung religiös oder kulturell codierter Konflikte geprägt ist?279

Im Anschluss an diese Beispielfragen macht der Call Angaben zur Übernahme möglicher Kosten; er gibt Hinweise auf das geplante Vorhaben, die Beiträge zu publizieren; er enthält Auflistungen bereits erhaltener Zusagen von Teilnehmern und richtet an Interessierte die Bitte um Einsendungen von Abstracts samt beigefügter Kurzbiografien: 278 Ebd. 279 Ebd.

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Die Tagung ›Hass/Literatur‹ findet vom 24. bis 26. Mai 2018 am von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich ›Affective Societies‹ an der Freien Universität Berlin statt, Reise- und Hotelkosten werden übernommen, eine Publikation der Beiträge in einem Konferenzband ist fest geplant. Ihre Teilnahme an der Tagung zugesagt haben unter anderem bereits Rüdiger Campe (Yale), Petra Gehring (Darmstadt), Johannes F. Lehmann (Bonn), Lars Koch (Dresden), Kirk Wetters (Yale), Jakob Norberg (Duke) und Jörg Kreienbrock (Northwestern). Gesucht werden Beiträge, die sich mit dem skizzierten Feld verbinden – vornehmlich aus dem Bereich der Germanistik, aber auch aus angrenzenden Philologien und Disziplinen, die sich dem Thema widmen (etwa Philosophie, Medienwissenschaften, Soziologie). Wir bitten um die Einsendung von Abstracts (max. 300 Wörter), begleitet von einem kurzen CV, bis zum 1. 12. 2017 an die Veranstalter unter [email protected] und [email protected]

Dieser Call weist eine Textstruktur auf, die für die vorliegenden 63 Calls typisch ist: Im ersten Teil wird in das Thema eingeführt, im zweiten Teil wird die bisherige Forschung vorgestellt und problematisiert sowie die Ausrichtung der avisierten Veranstaltung oder Publikation anhand von Fragen konkretisiert. Im letzten Teil finden sich Informationen zur Organisation, Finanzierung und zur Beitragseinreichung.281 Über 85 Prozent der vorliegenden Calls sind durch dieses dreiteilige, stark »konventionalisierte Textablaufschema«282 gekennzeichnet.283 Die untersuchten Calls verfügen damit über ein relativ starres 280 Ebd. 281 Vgl. ebenso CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen; CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks; CFP: Angst und Selbstermächtigung im Kinderfilm; CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik; CFP: Der Vater-Sohn-Konflikt in der Weltliteratur; CFP: Im Abseits der Gruppe 47. Albert Vigoleis Thelen und andere ›Unzeitgemäße‹ im Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre; CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts; CFP: Im Visier des Staates; CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum; CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht; CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik; CFP: Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität; CFP: The Body and Mind Conflict in Current German Culture; CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since). 282 Gläser : Fachtextsorten, S. 55. Rosemarie Gläser bezieht sich in ihren Ausführungen nicht dezidiert auf Call for Papers, sondern interessiert sich für die allgemeinen Spezifika von Fachtextsorten. 283 Ausnahmen von dieser Struktur sind entweder sehr kurze Calls (CFP: Lenz-Jahrbuch: Lenz in Russland 1780–1792; CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen; CFP: Grimmelshausens Kleinere Schriften; CFP: Alman Dili ve Edebiyatı Dergisi – Studien zur deutschen Sprache und Literatur; CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Angst; CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Topos Österreich) oder sehr ausführliche Calls, die dem Fließtext bspw.

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Prospektionen

Praxisset, das sich in bestimmten Textteilsegmenten materialisiert.284 Während die sedimentierten Praktiken also aufgrund des hohen Konventionalisierungsgrads auf eine vergleichsweise geringe Komplexität auf Ebene des ›Textbauplans‹ verweisen,285 lassen sich aus den dokumentierten Praktiken und Praxiszusammenhängen Rückschlüsse auf ein komplexes Geflecht von Forschungsaktivitäten ziehen. Die untersuchten Call for Papers zeigen beispielsweise, dass sehr heterogene Objekte avisiert werden können. Im Zentrum stehen nicht nur einzelne Autoren wie Peter Hacks286, Johann Nestroy287, Jakob Michael Reinhold Lenz288 oder Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen289, sondern ebenso »Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film«290, »Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung«291, »Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria«292, »Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik«293, »Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida«294, »Funktionen des Erotischen in der Literatur«295, »Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik«296, »Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten«297, »Tierethik in Kultur, Literatur

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Angaben zur Forschungsliteratur hinzufügen (CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur ; CFP: Diskurs der Daten). Ob diese Beobachtung lediglich auf die vorliegenden 63 Calls zutrifft und damit nicht als allgemeines Merkmal von Call for Papers verstanden werden kann, lässt sich hier nicht feststellen. Stichproben mit anderen Calls der Mailingliste H-Germanistik zeigen aber, dass die hier gemachten Beobachtungen durchaus übertragbar sind. Vor allem in Kontrast mit heterogeneren ›Textbauplänen‹ beispielsweise von wissenschaftlichen Aufsätzen (insb. von Interpretationen) zeigt sich die vergleichsweise geringe Komplexität von Call for Papers auf Ebene der sedimentierten Praktiken. Für die »weniger standardisiert[e]« Form des wissenschaftlichen Aufsatzes vgl. Thielmann: »Wissenschaftliche Publikationskulturen und Texttypen«, S. 300. CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks. CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Internationale NestroyGespräche. CFP: Lenz-Jahrbuch: Lenz in Russland 1780–1792. CFP: Grimmelshausens Kleinere Schriften. CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film. CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung. CFP: Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria – A ›Minor‹ Literature? CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida. CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur. CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik. CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.

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und Unterricht«298 oder der »Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre«299. Im Zentrum der Calls stehen demnach Objekte bzw. bestimmte Objektbereiche, die durch unterschiedliche Ordnungen (Autoren, Epochen, Themen, Aspekte) konfiguriert werden. Inwiefern solche Objekte oder Objektbereiche für die Forschung überhaupt interessant sein könnten und weswegen die Auseinandersetzung mit ihnen lohnenswert wäre, warum also zeitliche, personale, räumliche, technische Ressourcen aufgebracht werden sollten, um sich mit etwas in einem Vortrag oder einem Beitrag zu beschäftigen, erfordert einen Legitimierungsaufwand, der von unterschiedlichen Faktoren abhängig ist.300 Dies zeigt sich exemplarisch in den Calls. Wenn etwa ein Laie oder ein Novize wie selbstverständlich davon ausgeht, dass sich die Literaturwissenschaft doch mit Goethe und Schiller befasse bzw. dass man für die Beschäftigung mit diesen Autoren keinerlei Legitimierungsaufwand betreiben müsse, liegt er falsch. Tatsächlich sind selbst Forschungsvorhaben zu hochkanonischen Texten von diesem Legitimierungszwang nicht entbunden. Sie haben den Auftrag, zu demonstrieren, warum sich die wiederholte oder erneute Beschäftigung mit diesen Texten lohne. Die Höhe des Legitimierungsaufwandes hängt zwar mit dem gewählten Objekt (und dessen Status innerhalb der Forschung) zusammen, allerdings kann das Objekt diesen Aufwand nicht vollständig aufheben. Eine Forschungsinvestition erklärt sich – gewissermaßen intern wie auch extern – niemals von alleine; sie ist nicht qua Objekt, Perspektive oder Kontext selbstverständlich. Vielmehr muss man sich darum bemühen, die Anschlussfähigkeit und Relevanz des jeweiligen Projekts zu vermitteln. Diese Bemühungen prägen das Avisieren der vorliegenden Calls. Um ihr avisiertes Vorhaben zu legitimieren, heben die Calls in der Regel damit an, die Aktualität des Veranstaltungs- oder Publikationsvorhabens zu postulieren. Ein anschauliches Beispiel liefert hierfür der Call zu der Tagung »Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik«301. In diesem Call ist im ersten Absatz zu lesen, dass »Figurationen des Gespenstischen nicht nur weite Teile der Populärkultur« durchdrängen, sondern auch »große Faszination auf intellektuelle und künstlerische Diskurse« ausübten: 298 CFP: Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich – Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht. 299 CFP: Im Abseits der Gruppe 47. Albert Vigoleis Thelen und andere ›Unzeitgemäße‹ im Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre. 300 Prospektiv sei hier darauf verwiesen, dass das Legitimieren nicht nur an dieser Stelle im Forschungsprozess und in diesem Praxiszusammenhang von Bedeutung ist (vgl. die Beobachtungen zum legitimatorischen Aspekt der Interpretationspraxis in Kapitel III. 3. bzw. 4.). 301 CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik.

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Gespenster-Metaphern geistern durch Politik, Ökonomie, Theorie, Film, Theater, Bildende Kunst und Populärkultur und gewinnen als Denkmodell und Wahrnehmungsdispositiv zur Auseinandersetzung mit offenen Fragen zur Gegenwart zunehmend an Bedeutung.302

Die Diagnose der allgemeinen Bedeutungszunahme des avisierten Gegenstands wird auch in den ersten Absätzen weiterer Calls gestellt, etwa im Call zu Entwicklungen im Kinderfilm.303 Mit einem Befund aus dem Feuilleton wird hier die Aktualität der Tagung unterstrichen. Derzeit würden, wie etwa eine im Call zitierte Autorin der Süddeutschen Zeitung festhält, »Untote, Geister und Monster«304 den Kinderfilm befallen. Was heute alltäglich geworden sei, hätte man sich »[v]or etwa dreißig Jahren […] noch keinesfalls vorstellen können«305. Heute wäre das »erlaubt, was früher – Ausnahmen bestätigen die Regel – unmöglich gewesen wäre«306. Diese »aktuelle Tendenz« nimmt die avisierte Tagung daher »zum Anlass, einen grundlegenden filmanalytischen Blick auf die Inszenierungen und die Evokation von Angst zu werfen und nach den entwicklungspsychologischen Potenzialen dieser Bilder zu fragen«.307 Ebenso wird im ersten Satz des Calls der Tagung zur »Musealisierung von Literatur« postuliert, dass das Museum »als eine zentrale Institution in der gegenwärtigen Kultur« gelte.308 Als solche soll dieser Ort in der Tagung untersucht werden. In ähnlicher Weise proklamiert der Call der Tagung zur »Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen«, dass [v]isuelles Erzählen als Teilbereich der Visual Studies […] in unseren modernen Gesellschaften, auch im Zuge der Globalisierung und der Dominanz multimodaler Erzählformen, eine immer größere Rolle

spielten.309 Auch der Call zur Tagung über die »Darstellung der Wehrmacht« unterstreicht die aktuelle Dringlichkeit seines Vorhabens durch die Mahnung, dass trotz zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Tagungen […] unkritische, populärwissenschaftliche Publikationen weiterhin ein bedeutendes Segment des Büchermarktes zur Wehrmacht, zur Waffen-SS und zum Zweiten Weltkrieg 302 303 304 305 306 307 308

Ebd. [Hervorhebung, F. S.]. Vgl. CFP: Angst und Selbstermächtigung im Kinderfilm. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd. CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. 309 CFP: Mediale Zeitenwende – Interdisziplinäre Forschungsansätze zu Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen.

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bildeten.310 Die in diesen Beispielen zitierten forschungsübergreifenden und allgemeinen Aktualitätsatteste des Tagungs- oder Publikationsanliegens werden dadurch flankiert, dass auf die jeweilige aktuelle Forschungssituation Bezug genommen wird. Bisher »wenig berücksichtigte«311, »weniger beachtete[]«312 Gegenstände, noch nicht »umfassend ausgemessene Forschungsfeld[er]«313 oder gar »blinde Fleck[en]«314 der Forschung sollen Aufmerksamkeit erfahren; diagnostizierte Forschungslücken sollen zukünftig gefüllt werden. Manche Calls stellen sich sogar als dezidierte Reaktionen auf aktuelle Bestrebungen der Forschung dar, indem sie klarstellen, dass sie mit ihren Beitragsaufrufungen Anschlussforschungen generieren möchten. So präsentiert sich der Call der Zeitschrift helden. heroes. h8ros beispielsweise als Antwort auf die »neue Konjunktur und Diskussion des Heroischen«315. Dem »in jüngster Vergangenheit« verstärkt zu beobachtenden Bemühen, »heroische Figuren im Kontext ihrer jeweiligen kulturellen, politischen und sozialen Sinnsysteme zu untersuchen«, möchte die Zeitschrift mit ihrem Call entsprechen.316 Ebenso will die Tagung »GeschlechterDramen in Literatur, Kunst, Musik und Film« eine »in der aktuellen Forschung immer häufiger gestellte Frage nach dem Verhältnis von Sex, Gender und Genre« beantworten.317 Auch der Call für die Tagung »Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht« bringt sein eigenes Vorhaben in Zusammenhang mit weiteren konjunkturellen Forschungsbestrebungen an Tier-Mensch-Beziehungen: Auch im wissenschaftlichen Bereich hat die Beschäftigung mit nichtmenschlichen Lebewesen durch das Aufkommen der Human-Animal-Studies neuen Aufwind erfahren. Im Zentrum des interdisziplinären Forschungsfeldes, das sich in der letzten Dekade auch in Deutschland etabliert hat, stehen kulturelle, soziale und gesellschaftliche Bedeutung nichtmenschlicher Tiere sowie die Vielfalt und Komplexität der Mensch-Tier-Beziehung. Das Interesse des akademischen Publikums zeigt sich derzeit in einem zunehmenden Tagungsangebot, einer Vielzahl von Publikationen und sich neu formierenden Netzwerken und Arbeitsgruppen.318

310 CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht. 311 CFP: eruditio – Institutionen, Medien und Wege frühneuzeitlicher Bildung. 312 CFP: Grimmelshausens Kleinere Schriften. Vgl. ebenso CFP: treibhaus: Das Theater der fünfziger Jahre. 313 CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen. 314 CFP: Mediale Zeitenwende – Interdisziplinäre Forschungsansätze zu Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen. 315 CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden. 316 Ebd. 317 CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film. 318 CFP: Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich – Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht.

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Diese Beispiele zeigen, dass Calls nicht nur in einem speziellen Rekurs auf bisherige Forschungslücken und bereits bestehende Forschungsarbeiten aufmerksam machen, sondern auch in einem allgemeinen Rekurs die disziplin- und wissenschaftsübergreifende Bedeutung ihres avisierten Vorhabens hervorheben (und mithin die gesellschaftliche Relevanz ausstellen), um möglichst hohe und breite Legitimation zu erzielen. In welcher Form und in welchen organisatorischen Zusammenhängen die potentiellen Interessenten ihren Beitrag liefern sollen, fällt dabei sehr unterschiedlich aus. In den 63 Call for Papers werden verschiedene Aktivitätsfelder avisiert. In der Regel werden Beiträge zu Tagungen, Konferenzen oder Symposien erbeten. Sie bilden in 70 Prozent der Calls den angekündigten Veranstaltungsrahmen.319 14 Prozent der Calls rufen zu Beitragseinreichungen für Aus319 Hierbei handelt es sich um folgende Calls: CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung; CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung; CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since); CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies; CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen; CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks; CFP: Angst und Selbstermächtigung im Kinderfilm; CFP: Conditions of Precarity. Life, Work, Literature; CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik; CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur ; CFP: eruditio – Institutionen, Medien und Wege frühneuzeitlicher Bildung; CFP: Im Abseits der Gruppe 47. Albert Vigoleis Thelen und andere ›Unzeitgemäße‹ im Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre; CFP: Life as a Work of Art; CFP: Listening to Literature 1900–1950; CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Internationale Nestroy-Gespräche; CFP: Peeling the Onion: Levels and Stratification in Germanic Literature and Linguistics; CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik; CFP: Urban Drama, Urban Theater ; CFP: German Studies Area; CFP: Grimmelshausens Kleinere Schriften; CFP: Hass/Literatur; CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst; CFP: Diskurs der Daten; CFP: Mediale Zeitenwende – Interdisziplinäre Forschungsansätze zu Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen; CFP: ReMEDIAting Flusser : From Print-Text to the Image-Flood; CFP: Visualizing War. The Power of Emotions in Politics; CFP: Literary Space in Modernist Literature 1890–1960; CFP: Oceans and Deserts; CFP: Patient Stories in Context; CFP: Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität; CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities; CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts; CFP: Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich – Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht; CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen; CFP: Der Vater-Sohn-Konflikt in der Weltliteratur; CFP: Extension and Enclosure; CFP: Im Visier des Staates; CFP: »Life is moving toward utopias«. Utopia and the Sciences in German Literature 1871–1945; CFP: Literarische Herrscherbilder zwischen Gerechtigkeit und Despotie; CFP: The Body and Mind Conflict in Current German Culture; CFP: Seelenlandschaften (Soul Landscapes) in German Children and Youth Novels; CFP: Sprache der Migration. Migration der Sprache. Sprachidentitäten und transkulturelle Literatur im Zeitalter der Globalisierungsprozesse; CFP: ZEITKRITIK. Eine Leerstelle in der Gegenwartsliteratur?; CFP: Towards a New World Literature.

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gaben einer Zeitschrift bzw. spezielle Themen- oder Sonderhefte auf.320 10 Prozent avisieren Workshops321, 5 Prozent die Publikation eines Sammelbands322 und 1 Prozent die Konzeption einer gesamten Vortragsreihe323. Anders als der Name ›Call for Papers‹ suggerieren mag, handelt es sich allerdings nicht nur um Aufforderungen zur Einreichung von ›Papieren‹, also von Aufsätzen oder Artikeln.324 In den 63 Call for Papers werden insgesamt 71 Beteiligungsweisen eröffnet. Am häufigsten werden Bewerbungen für Vorträge erbeten. Nahezu 70 Prozent aller untersuchten Calls adressieren diese Darbietungsweise.325 Weitere 17 Prozent zielen auf Aufsätze.326 Unter 5 Prozent liegen jeweils die Aufforderungen zur Gestaltung einer Veranstaltungsreihe, einzelner 320 Diese umfassen: CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Angst; CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen; CFP: Alman Dili ve Edebiyatı Dergisi – Studien zur deutschen Sprache und Literatur ; CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Topos Österreich; CFP: Lenz-Jahrbuch: Lenz in Russland 1780–1792; CFP: Raumsemiotik: Räume – Grenzen – Identitäten. Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik; CFP: Studien zur deutschen Sprache und Literatur ; CFP: treibhaus: Das Theater der fünfziger Jahre. 321 Folgende Calls avisieren Workshops: CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht; CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies; CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida; CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film; CFP: Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria – A ›Minor‹ Literature?; CFP: Stile des 21. Jahrhunderts. 322 Hierbei handelt es sich um diese Calls: CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum; CFP: Literarische Öffentlichkeit 1840– 1885; CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. 323 Dies ist folgender Call: CFP: DFG-Villa Vigoni-Gespräche in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2015. 324 Oftmals wird ›Call for Papers‹ mit ›Aufruf, Artikel einzureichen‹ übersetzt und etwa von einem ›Call for Participation‹ (›Aufruf zur Mitwirkung‹) abgegrenzt. 325 Vgl. z. B. CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung; CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since); CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies; CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen. 326 Diese umfassen: CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Angst; CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen; CFP: Alman Dili ve Edebiyatı Dergisi – Studien zur deutschen Sprache und Literatur ; CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Topos Österreich; CFP: Lenz-Jahrbuch: Lenz in Russland 1780–1792; CFP: Raumsemiotik: Räume – Grenzen – Identitäten. Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik; CFP: Studien zur deutschen Sprache und Literatur ; CFP: treibhaus: Das Theater der fünfziger Jahre; CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum; CFP: Literarische Öffentlichkeit 1840–1885; CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerischmedialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.

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Panels oder Workshops auf einer Tagung (4,2 Prozent)327, zum Halten von Kurzvorträgen bzw. sog. Lightning Talks (4,2 Prozent)328, zur Einreichung einer schriftlichen Diskussionsgrundlage (2,8 Prozent)329 oder zur Präsentation von Postern (2,8 Prozent)330. Abgesehen von fünf Ausnahmen offerieren die Calls nur eine Möglichkeit der Beteiligung.331 Mit weitem Abstand bildet also das Vortragen auf Tagungen die Normalität der avisierten Aktivitätsfelder und Beteiligungsweisen. Die Veranstaltungen sind größtenteils als ein- bis dreitägige Tagungen konzipiert, bei denen zwanzig- bis dreißigminütige Vorträge gehalten werden sollen.332 Diese sollen anschließend diskutiert werden, wobei dem Vortragsteil (zumindest in der Planung) mindestens doppelt so viel Zeit wie dem Diskussionsteil eingeräumt wird.333 Mit Blick auf die temporale Konzeption der untersuchten Calls erscheint die ausführliche Präsentation eines einzelnen Wissenschaftlers somit oftmals wichtiger als die gemeinsame Diskussion des Plenums. Unabhängig davon, ob man einen Vortrag halten, ein Panel organisieren oder einen Aufsatz schreiben möchte, wird in allen Calls darum gebeten, zuvor ein Abstract als Kurzzusammenfassung des geplanten Vorhabens einzureichen. Auf Grundlage dieses Abstracts werden dann die auf den Call antwortenden Bewerbungen reguliert und einzelne Einreichungsvorschläge ausgewählt.334 Das Abstract als »abgeleitete Textsorte[]«335 oder »Prä-Text«336 geht damit den pro327 Hierbei handelt es sich um folgende Calls aus dem Untersuchungskorpus: CFP: DFG-Villa Vigoni-Gespräche in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2015; CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung; CFP: Patient Stories in Context. 328 Das sind folgende Calls: CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida; CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities. 329 Diese umfassen: CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies; CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen. 330 Hierbei handelt es sich um diese Calls: CFP: Patient Stories in Context; CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities. 331 Bei den fünf Ausnahmen handelt es sich um folgende Calls: CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung; CFP: Diskurs der Daten; CFP: ReMEDIAting Flusser : From Print-Text to the Image-Flood; CFP: Patient Stories in Context; CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities. 332 Der Veranstaltungszeitraum liegt bei 68 Prozent der Calls zwischen einem Tag und drei Tagen. 36 Prozent dieser Calls erbitten Vorträge in der Länge zwischen 20 und 30 Minuten. 333 Vgl. solche Zeitverteilungen etwa in: CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film: »Die Dauer der Einzelvorträge wird sich auf ca. 30 Minuten belaufen (20 Minuten Vortrag, 10 Minuten Diskussion).« In ähnlicher Weise wird auch in folgendem Call der Zeitplan fixiert: »30 Minuten + 10 Minuten Diskussion«. Aus: CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Internationale Nestroy-Gespräche. 334 Vgl. zu der »gate-keeping-function« von Abstracts die Studie von Melander, Swales, Frederickson: »Journal Abstracts from three Academic Fields«, insb. S. 268. 335 Gläser : Fachtextsorten, S. 50. 336 Ebd., S. 117.

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jektierten Aktivitäten voraus.337 Insofern ist das »Abstracting«338 eine Praxis der »Verkürzung, Kondensation oder Rekapitulation«339, die den einzelnen Vorhaben des Präsentierens, Schreibens, Vorstellens und Vortragens vorgeschaltet ist und darauf zielt, disziplinäres Vertrauen in diese geplanten Unterfangen zu erhöhen. Das Abstract ermöglicht den Verantwortlichen im Voraus einzuschätzen, ob ein zukünftiger Beitrag als passend zu der Veranstaltung oder dem Publikationskontext, als lohnenswert oder interessant für den jeweiligen Zusammenhang eingestuft werden kann – und ob ein Vertrauensvorschuss gerechtfertigt wäre. Dieses spezifische Vertrauen wird maßgeblich dadurch generiert, dass es dem Bewerber gelingt, ein inhaltlich anschlussfähiges Vorhaben einem erhöhten »Formzwang«340 zu unterwerfen.341 Dieser durch die Vorgaben im Call induzierte Disziplinierungsakt zeigt sich zunächst in der Einschränkung der Länge bzw. den präzisen Angaben zur Wortanzahl in den geforderten Abstracts. Die Wortanzahl liegt in den untersuchten Calls zwischen 250 und maximal 500 Wörtern. Was (in welcher Gewichtung) allerdings in diesen 250 bis 500 Worten über das avisierte Projekt gesagt werden sollte, wird in keinem der 63 Calls angegeben. Auch hier zeigt sich, dass der Bewerber nur auf Grundlage vorangegangener Lektüreerfahrungen von Abstracts diese Textsorte bedienen kann.342 Daher ist es zum einen die Einhaltung der (implizit) vorgegebenen Standards und zum anderen die erfahrungsgebundene Konditionierung der eigenen Schreibweise beim Abstracting, welche als zweifache Disziplinierung der Vertrauensgenerierung Vorschub leistet. Zusätzlich zu dieser Demonstration der ›vorgegebenen‹ und ›freiwilligen‹ Unterwerfung von ›expliziten‹ und ›impliziten‹ Regeln wird der Vertrauensvorschuss dadurch abgesichert, dass im Call

337 Vgl. zur linguistischen Erforschung von Abstracts die Beobachtungen von Hyland: Disciplinary Discourses, S. 63ff. 338 Für eine allgemeine Einführung in das ›Abstracting‹ als einem »Genre and Set of Skills for the Twenty-First Century« vgl. Koltay : Abstracts and Abstracting. 339 Erwig, Hommer : »Abstract«, S. 18. 340 Thiel, Rost: »Wissenschaftssprache und Wissenschaftsstil«, S. 121. 341 An dieser Stelle muss man von einem erhöhten ›Formzwang‹ sprechen, weil davon auszugehen ist, dass auch andere Darstellungsformen durch je spezifische ›Formzwänge‹ gekennzeichnet sind. Allerdings ist dieser ›Formzwang‹ bei Abstracts sehr hoch: In wenigen Worten müssen die wesentlichen Inhalte eines projektierten Vorhabens anschlussfähig aufbereitet und präzise auf den Punkt gebracht werden. 342 Dass diese Texte eminent erfahrungsgebunden sind und sich gewissermaßen ›unbeobachtet‹ – und etwa im Vergleich zur Forschung über das Interpretieren und Rezensieren kaum kritisch reflektiert – aus der Praxis entwickelt und etabliert haben, konnten historische Studien überzeugend darlegen. Vgl. etwa Skolnik: »Historical Development of Abstracting«. Zur Frage, wie Wissen über Texte grundsätzlich entsteht, vgl. Graefen: Der wissenschaftliche Artikel, insb. das Kapitel »Wie entsteht Textartwissen?«, S. 63ff.

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– zusätzlich zum Abstract – die Einreichung des akademischen Lebenslaufs und einer Publikationsliste erbeten wird.343 Allerdings gibt es – auch das wird in den Calls dokumentiert – einzelne Referenten oder Teilnehmer, die dieses Bewerbungsverfahren über das Abstracting nicht durchlaufen müssen. Die Tagung »Diskurs der Daten«344 fügt ihrem Beitragsaufruf beispielsweise eine Liste persönlich eingeladener Redner an: Eingeladene Referent_innen: Prof. Dr. Joan Kristin Bleicher (Universität Hamburg), Prof. Dr. Wolf-Andreas Liebert (Universität Koblenz-Landau), Dr. Konstanze Marx (TU Berlin), Peter Schaar (Vorsitzender EAID, vormals Bundesbeauftragter für den Datenschutz), Michael Seemann (Autor und Blogger), Konstantin von Notz (Mitglied des Bundestages, Bündnis 90 / Die Grünen), Dr. Georg Weidacher (Universität Graz).345

Ebenso erwähnt der Call zu der Tagung zur »Musealisierung von Literatur und performativer Kunst« schon im Vorfeld angeworbene »Keynote-Speaker«.346 Für diese Veranstaltung, so ist es im Call zu lesen, konnten für die Plenarvorträge Prof. Dr. Heike Gfrereis (Museen des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Literaturmuseum der Moderne/Schiller Nationalmuseum) und Juniorprof. Dr. Susanne Foellmer (FU Berlin, Institut für Theaterwissenschaft/DFG-Projekt ›ÜberReste. Strategien des Bleibens in den darstellenden Künsten‹) gewonnen werden.347

Zusätzlich zu diesen Vortragenden wurden auch Diskutanten für eine öffentliche Podiumsdiskussion angefragt: Als TeilnehmerInnen sind u. a. vorgesehen Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken (Frankfurter Goethemuseum sowie Romantik-Museum, Frankfurt a. M.), Herr Prof. Dr. Hans Wißkirchen (Lübecker Museen) sowie Dr. Birte Lipinski (Buddenbrookhaus).348

343 Vgl. bspw. CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung; CFP: Der Vater-Sohn-Konflikt in der Weltliteratur ; CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur ; CFP: Im Visier des Staates. 344 CFP: Diskurs der Daten. 345 Ebd. 346 CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. Vgl. ebenso CFP: Oceans and Deserts; CFP: Patient Stories in Context; CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies; CFP: Conditions of Precarity. Life, Work, Literature; CFP: Listening to Literature 1900–1950; CFP: Peeling the Onion: Levels and Stratification in Germanic Literature and Linguistics; CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies; CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts; CFP: Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich – Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht. 347 CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. 348 Ebd.

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Auch die Veranstaltung zum Verhältnis von Hass und Literatur gibt in ihrem Call die Zusagen ausgewählter Wissenschaftler (unter Angabe ihres jeweiligen Dienstortes) an – wie bereits zitiert: Ihre Teilnahme an der Tagung zugesagt haben unter anderem bereits Rüdiger Campe (Yale), Petra Gehring (Darmstadt), Johannes F. Lehmann (Bonn), Lars Koch (Dresden), Kirk Wetters (Yale), Jakob Norberg (Duke) und Jörg Kreienbrock (Northwestern).349

Die Erwähnung ausgewählter Personen, die entweder Vorträge halten, als Diskutanten auftreten, ihre geplante Teilnahme bestätigen oder die lediglich angefragt worden sind, liefert den Adressaten des Calls zusätzliche Orientierung bezüglich der (inhaltlichen) Ausrichtung der Tagung. Ferner zeigt sie, welche Wissenschaftler von den Organisatoren als renommiert erachtet werden bzw. wessen Forschung für den avisierten Zusammenhang als wichtig oder relevant eingestuft wird. Diese Besetzungen wirken sich wiederum darauf aus, dass der Veranstaltung eine hohe bzw. geringe Attraktivität zugesprochen wird.350 Als Synthese der Gesamtkomposition ist die personale Komponente einer Veranstaltung daher nicht zu unterschätzen, da die eingeladenen Personen nicht nur als Forscherindividuen, sondern auch als Repräsentaten von bestimmten Denkrichtungen, Schulen etc. fungieren können. Auch wenn nicht alle Beitragenden, wie etwa die Keynote-Speaker, im Vorfeld ein Abstract einreichen müssen, macht dieses Format deutlich, dass ein Call Verkettungen unterschiedlicher Darstellungsformen und der damit verbundenen Praktiken auslöst: Ein Text (der Call) erbittet einen weiteren Text (das Abstract), welcher die Ermöglichungsbedingungen für die Entstehung und Vorbereitung weiterer Texte oder Textvorlagen (Vortrags- oder Präsentationsskripte, Aufsätze etc.) erschafft.351 Diese Verkettung wird dadurch erweitert, dass in den untersuchten Calls oftmals die (geplante) Veröffentlichung in Form eines gedruckten Sammel- bzw. Konferenzbandes352 oder einer Onlinepublikation353 349 CFP: Hass/Literatur. 350 Zugleich ließe sich darüber nachdenken, inwieweit diese bevorzugten Personen zur Entstehung und Stabilisierung von Netzwerken beitragen. Interessant wäre es, mithilfe von Netzwerkanalysen auf Grundlage von breiteren Datensätzen zu eruieren, welche Zentralitätswerte (Gradzentralität, Zwischenzentralität und Nähezentralität) Keynote-Speaker in den jeweiligen Netzwerken besitzen. Auf diese Weise könnte man fragen, wer eigentlich eingeladen wird und welche (Netzwerk-)Effekte mit Einladungen einhergehen können. 351 Vgl. die Zusammenfassungen aktueller Forschungsbemühungen zu Textsortennetzen, -feldern, -verbünden, Textallianzen, Textverbänden oder -verbünden in Adamzik: »Textsortenvernetzung im akademischen Bereich«, S. 3f. sowie S. 9ff. 352 Vgl. etwa CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung; CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since); CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik; CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen; CFP: eruditio –

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erwähnt wird. Mit Blick auf den Call wird ein Abstract formuliert; mit Blick auf das Plenum und die weiteren Vorträge wird der mündliche Vortrag konzipiert, der wiederum als Vorlage für die Publikation dient. Die einzelnen Bearbeitungsweisen werden also mit Bezug auf Folgepraktiken ausgeführt und müssen als verkettete Praktiken vorgestellt werden, welche die unterschiedlichen Phasen zwischen der Verfassung des Abstracts und der Veröffentlichung miteinander in Verbindung bringen. In den Calls zeigt sich damit eine Verkettung von maximal vier Darstellungsformen (bspw. Call – Abstract – Vortrag – Aufsatz),354 die je unterschiedliche Öffentlichkeiten adressieren, über disparate Reichweiten verfügen, diversen Reglementierungen unterworfen sind und verschieden lang überdauern. »Als Vorstufe zu einem Konferenzvortrag« hat etwa das Abstract ausgedient, wenn der »ausformulierte Vortragstext vorliegt und zur Veröffentlichung vorbereitet ist«.355 Ebenso wird der Call nach der Tagung oder der Veröffentlichung in der Regel nicht mehr zitiert oder verwendet. Komplexer wird es, wenn man bedenkt, dass in vielen Calls auf Websites verwiesen wird, auf denen sich weiterführende Informationen oder »more in-depth descriptions«356 zu den avisierten Veranstaltungen oder den Publikationen finden lassen. Diese Websites fungieren in der Regel nach den Veranstaltungen als ›stillgelegte‹ Speicherorte, die nicht nur weitere Verkettungen zwischen Darstellungsformen ermöglichen, sondern auch Calls archivieren und dokumentieren. Blickt man auf die Absender der Calls, ergibt sich folgendes Bild: 44 Prozent der Calls werden von Wissenschaftlern versendet, die sich ausschließlich universitären Einrichtungen (beispielsweise einem Institut, Sonderforschungsbereich, Cluster o. ä.) zuordnen.357 So erbitten etwa der Sonderforschungsbereich

353 354 355 356

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Institutionen, Medien und Wege frühneuzeitlicher Bildung; CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik; CFP: Hass/Literatur ; CFP: Patient Stories in Context; CFP: Stile des 21. Jahrhunderts; CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen. Vgl. bspw. CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film. Weniger als vier Darstellungsformenverkettungen lassen sich etwa bei Calls, welche sich auf Beitragseinreichungen von Zeitschriften oder Sammelbänden konzentrieren, ausmachen: Call – Abstract – Aufsatz. Gläser : Fachtextsorten, S. 117. CFP: Visualizing War : The Power of Emotions in Politics. Vgl. ebenso CFP: Conditions of Precarity. Life, Work, Literature; CFP: Urban Drama, Urban Theater ; CFP: ReMEDIAting Flusser : From Print-Text to the Image-Flood; CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Internationale Nestroy-Gespräche. Hierbei handelt es sich um folgende Calls: CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since); CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Angst; CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: Angst und Selbstermächtigung im Kinderfilm; CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur; CFP: Im Abseits der Gruppe 47. Albert Vigoleis Thelen und andere ›Unzeitgemäße‹ im Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre; CFP: Listening to Literature 1900–1950; CFP: Literarische Öffentlichkeit 1840– 1885; CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumenta-

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Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne358 der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg oder der Sonderforschungsbereich Affective Societies: Dynamiken des Zusammenlebens in bewegten Welten359 der Freien Universität Berlin sowie Wissenschaftler des germanistischen Instituts der Universität Duisburg-Essen360, des »research lab MDRN«361 der Universität Leuven, des Instituts für Germanistik der Universität Leipzig362 oder des Institute of Modern Languages Research der Universität London363 um Beiträge. Die restlichen 56 Prozent der Calls werden entweder von Arbeitskreisen, Gesellschaften, Vereinigungen oder Verbänden versandt oder gehen aus Kooperationen zwischen universitären und außeruniversitären Einrichtungen hervor.364 Der Arbeitskreis Militärgeschichte e. V.365, die Kulturwis-

358 359 360 361 362 363 364

tionsstrukturen bei Jacques Derrida; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen; CFP: Hass/Literatur ; CFP: Alman Dili ve Edebiyatı Dergisi – Studien zur deutschen Sprache und Literatur; CFP: Diskurs der Daten; CFP: Mediale Zeitenwende – Interdisziplinäre Forschungsansätze zu Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen; CFP: ReMEDIAting Flusser : From Print-Text to the Image-Flood; CFP: Visualizing War. The Power of Emotions in Politics; CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Topos Österreich; CFP: Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria – A ›Minor‹ Literature?; CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart; CFP: Lenz-Jahrbuch: Lenz in Russland 1780–1792; CFP: Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität; CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities; CFP: Raumsemiotik: Räume – Grenzen – Identitäten. Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik; CFP: Studien zur deutschen Sprache und Literatur; CFP: Stile des 21. Jahrhunderts; CFP: treibhaus: Das Theater der fünfziger Jahre; CFP: Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich – Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht; CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum. Vgl. CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen. Vgl. CFP: Hass/Literatur. Vgl. CFP: Im Abseits der Gruppe 47. Albert Vigoleis Thelen und andere ›Unzeitgemäße‹ im Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre. Vgl. CFP: Listening to Literature 1900–1950. Vgl. CFP: Diskurs der Daten. Vgl. CFP: Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria – A ›Minor‹ Literature? Diese umfassen: CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung; CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies; CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks; CFP: Conditions of Precarity. Life, Work, Literature; CFP: Der Vater-Sohn-Konflikt in der Weltliteratur; CFP: eruditio – Institutionen, Medien und Wege frühneuzeitlicher Bildung; CFP: Extension and Enclosure; CFP: Im Visier des Staates; CFP: Life as a Work of Art; CFP: »Life is moving toward utopias«. Utopia and the Sciences in German Literature 1871–1945; CFP: Literarische Herrscherbilder zwischen Gerechtigkeit und Despotie; CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Internationale Nestroy-Gespräche; CFP: Peeling the Onion: Levels and Stratification in Germanic Literature and Linguistics; CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik; CFP: »So war der deutsche Landser« – Die

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senschaftliche Gesellschaft366, die Peter-Hacks-Gesellschaft367, die Internationale Nestroy-Gesellschaft368 und die Hebbel-Gesellschaft369 rufen beispielsweise ebenso wie die Goethe Society of North America370 oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft371 zur Einsendung von Beiträgen auf. Der Call zur Tagung über »Musealisierung von Literatur und performativer Kunst«372 weist explizit darauf hin, dass die Veranstaltung gemeinsam von der Graduate School Practices of Literature der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, dem Buddenbrookhaus und dem Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung in Lübeck ausgerichtet wird. Auch der Call zu der Tagung über das »Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik«373 nennt als Veranstalter die Evangelische Akademie Frankfurt, das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main. Auffallend an diesen Verteilungen ist zunächst die Vielfalt an Institutionen und Organisationen, die Einladungen an die literaturwissenschaftliche Community aussprechen bzw. gemeinsame Veranstaltungen durchführen. Auch

365 366 367 368 369 370 371 372 373

populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht; CFP: The Body and Mind Conflict in Current German Culture; CFP: Urban Drama, Urban Theater ; CFP: German Studies Area; CFP: Grimmelshausens Kleinere Schriften; CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film; CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies; CFP: Literary Space in Modernist Literature 1890–1960; CFP: Oceans and Deserts; CFP: Patient Stories in Context; CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts; CFP: Seelenlandschaften (Soul Landscapes) in German Children and Youth Novels; CFP: Sprache der Migration. Migration der Sprache. Sprachidentitäten und transkulturelle Literatur im Zeitalter der Globalisierungsprozesse; CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen; CFP: ZEITKRITIK. Eine Leerstelle in der Gegenwartsliteratur?; CFP: Towards a New World Literature; CFP: DFG-Villa Vigoni-Gespräche in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2015; CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung; CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen; CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik; CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. Vgl. CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht. Vgl. CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung. Vgl. CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks. Vgl. CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Internationale Nestroy-Gespräche. Vgl. CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik. Vgl. CFP: Extension and Enclosure. Vgl. CFP: ZEITKRITIK. Eine Leerstelle in der Gegenwartsliteratur?; CFP: DFG-Villa Vigoni-Gespräche in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2015. Vgl. CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik.

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wenn mit Blick auf die Calls keine Rückschlüsse gezogen werden können, ob die Angebote tatsächlich angenommen werden, indiziert die Angebotsbreite für potentielle Kontakte die hohe Integrabilität und die zugeschriebene Anschlussfähigkeit literaturwissenschaftlicher Perspektiven in unterschiedlichen inter- und transdisziplinären sowie außeruniversitären Kontexten. Zudem sind die hier untersuchten Calls weitgehend als Produkte überlokaler, überregionaler sowie universitäts- und disziplinübergreifender Kooperationen zu deuten. Die Mehrzahl der Calls wird von Arbeitskreisen, Gesellschaften, Vereinigungen oder Verbänden verfasst und ist damit ein Resultat kooperativen Arbeitens. Darüber hinaus ist zu beachten, dass selbst jene Calls, die ausschließlich von universitären Einrichtungen ausgehen, oftmals von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Instituten geschrieben werden.374 Der Call zur Veranstaltung »Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since)« wird etwa von »S8an Williams (University of Bern) and Dagmar Paulus (University College London)« ausgerufen.375 Ebenso wird die Tagung zum Erotischen in der Literatur von »Dr. Juliane Blank (Universität des Saarlandes) und PD Dr. Anja Gerigk (Ludwig-Maximilians-Universität München)«376 gemeinsam veranstaltet. Hier zeigt sich, dass auch die ›universitären‹ Calls – die nicht als Produkt einer Kooperation von anderen Kultureinrichtungen, Gesellschaften o. ä. flankiert werden – häufig von instituts- und nationenübergreifenden Kooperationen geprägt sind. Explizite Kooperationen gehören somit in den Calls – und an dieser Stelle im Forschungsprozess – zur Normalität. Die untersuchten Call for Papers liefern zudem Indizien, welche Institutionen und Disziplinen zu den bevorzugten Kooperationspartnern der Literaturwissenschaft gehören. Konzentriert man sich auf jene Veranstaltungen oder Publikationen, die von einem Literaturwissenschaftler und mindestens einem Vertreter einer anderen Institution oder Disziplin gemeinsam organisiert bzw. konzipiert werden, sind es etwa Museen377, Theaterhäuser378 sowie die Geschichtswissenschaft379, Philosophie380, Theologie381, Kulturwissenschaft382

374 Vgl. etwa bei CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since); CFP: Literarische Öffentlichkeit 1840–1885; CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur. 375 CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since). 376 CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur. 377 Vgl. CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. 378 Vgl. CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. 379 Vgl. CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen.

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und die Soziologie383, die in den untersuchten Calls als Kooperationspartner oder Nachbardisziplinen privilegiert werden. Dieses Spektrum erweitert sich entsprechend, wenn man die Adressaten hinzuzieht, die in den Calls zu einem gemeinsamen Austausch und zukünftigen bzw. potentiellen Kooperationen aufgerufen werden. Zu den Adressatenkreisen werden in den Calls zumeist sehr vage Angaben formuliert, etwa wenn Beiträge »aus allen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen«384, aus »diverse fields«385 oder »a wide range of disciplines«386 erwünscht sind, die Einladung zur Beteiligung an »WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, aus den kulturwissenschaftlichen Fächern sowie aus Sozial- und Politikwissenschaft«387 ausgesprochen oder eine ganze Reihe an in Frage kommenden Disziplinen aufgezählt wird. In einem Call für Beiträge eines Sammelbandes zur Fanforschung werden beispielsweise Einreichungen aus der Medienwissenschaft, Publizistik, Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Theaterwissenschaft, Game Studies, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Pädagogik, Soziologie, Philosophie und Geschlechterforschung388

erbeten. Selbst wenn ein Schwerpunkt auf Beiträge »vornehmlich aus dem Bereich der Germanistik«389 gelegt wird, sind dezidiert auch Einreichungen »von angrenzenden Disziplinen, wie der Philosophie«390, oder benachbarter »Philo-

380 Vgl. CFP: Sprache der Migration. Migration der Sprache. Sprachidentitäten und transkulturelle Literatur im Zeitalter der Globalisierungsprozesse; CFP: Stile des 21. Jahrhunderts. 381 Vgl. CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida. 382 Vgl. CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung; CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. 383 Vgl. CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen. 384 CFP: CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden. Vgl. ebenso CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen; CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst; CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies; CFP: Raumsemiotik: Räume – Grenzen – Identitäten. Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik. 385 CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts. 386 CFP: Oceans and Deserts. 387 CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. 388 CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum. 389 CFP: Hass/Literatur. 390 CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik.

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logien und Disziplinen, die sich dem Thema widmen (etwa Philosophie, Medienwissenschaften, Soziologie)«391 willkommen. Allerdings werden die Adressatenkreise nur in wenigen Fällen disziplinär beschränkt, beispielsweise auf die »Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Komparatistik, Kultur- und Politikwissenschaft«392 oder auf »Bildungshistoriker, Literatur- und Kulturwissenschaftler sowie Wissenschaftshistoriker«393. In der Regel erscheint die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Disziplin in den meisten Calls nicht als das alleinige bzw. entscheidende Kriterium, um für den avisierten Zusammenhang als Bewerber in Frage zu kommen. Als wichtiger eingestuft wird eher die (tendenziell disziplinunabhängige) inhaltliche Anschlussfähigkeit oder relative Passgenauigkeit der einzusendenden Beiträge, wie etwa der Call zu der Tagung über Prekarität pointiert zum Ausdruck bringt: »[W]e invite contributions from the broad range of disciplines that can speak to our topic«394. In ähnlicher Weise verfährt auch der Call for Papers der Zeitschrift Studien zur deutschen Sprache und Literatur. Für diese Zeitschrift könnten disziplinäre und/oder interdisziplinäre, theoretische und/oder empirische wissenschaftliche Aufsätze aus den Fachgebieten Literatur-, Sprach-, Kultur-, Medien-, Übersetzungswissenschaft und Sprachvermittlung

eingereicht werden, insofern sie sich auf theoretische, empirische oder komparatistische Weise mit medialen Grenzüberschreitungen und Wechselwirkungen, mit medienästhetischen Verflechtungskonzepten, mit den damit verbundenen textuellen bzw. sprachlichen Transformationsprozessen, sowie mit der Rezeption verschiedener Erscheinungsformen der Intermedialität auseinandersetz[t]en.395

Zwar ist die disziplinäre Anbindung damit nicht völlig unwichtig; sie rangiert aber hinter thematischen oder inhaltlichen Kontaktstellen. Hand in Hand mit der geringen Gewichtung strikter disziplinärer Grenzziehungen geht demnach an dieser Stelle im Forschungsprozess die erhöhte Konzentration auf einen gemeinsamen Gegenstand bzw. eine gemeinsame Fragerichtung. Über Nationalgrenzen, Systemgrenzen, Institutionengrenzen und Disziplingrenzen hinweg soll das avisierte Forschungsobjekt aus möglichst vielfältigen Perspektiven untersucht werden, so der Tenor in auffällig vielen Call for Papers. Im Zentrum steht damit eine perspektivische (d. h. nicht primär, sondern allenfalls sekundär disziplinär gebundene) Segmentierung eines Ge391 392 393 394 395

CFP: Hass/Literatur. CFP: Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität. CFP: eruditio – Institutionen, Medien und Wege frühneuzeitlicher Bildung. CFP: Conditions of Precarity. Life, Work, Literature [Hervorhebung, F. S.]. CFP: Studien zur deutschen Sprache und Literatur.

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genstands (in der Regel ein Objekt, wie etwa ein oder mehrere Romane oder ein Thema, wie etwa eine Epoche oder ein bestimmter Zusammenhang). Bringt man diese Beobachtungen zu Calls, welche einen möglichst hohen Perspektivenreichtum der avisierten Veranstaltung anstreben, mit jenen Forschungsthesen in Verbindung, nach denen Tagungen in erster Linie der »Herstellung kohärenter Gruppen«396 dienten und als »Orte disziplinärer Selbstvergewisserung«397 fungierten, ergeben sich weitere Fragen. Wenn man davon ausgeht, dass die in den Calls dokumentierte Inter- bzw. Transdisziplinarität sich tatsächlich auch in den finalen Zusammensetzungen der Vortragenden und der Tagungsteilnehmer widerspiegelt, erscheinen solche Thesen erläuterungsbedürftig. Unklar bleibt etwa, auf welche Weise eine vermeintliche ›Kohärenz‹ einer Disziplin auf einer Tagung hergestellt werden kann, wenn ein Panel oder Podium beispielsweise mit einem Literaturwissenschaftler, einem Kunsthistoriker und einem Soziologen besetzt wird. Die hier erhobenen Zahlen zu den heterogenen Adressatenkreisen legen eher folgende Szenarien nahe: Wenn auf einer Tagung Vertreter unterschiedlicher Disziplinen zusammenkommen und sich miteinander austauschen, so können durch diesen Kontakt zu anderen Umgangsformen eigene Haltungen oder Routinen deutlich(er) werden und sich in Abgrenzung zu anderen Verhaltensweisen auch festigen. Unter dieser Perspektive könnte man tatsächlich den Forschungsmeinungen zustimmen, die sich von Tagungen »disziplinäre[] Selbstvergewisserung«398 erhoffen. Zugleich wäre es aber auch denkbar, dass an diesen Orten Gruppenbildungsprozesse entstehen, die gewissermaßen ›unterhalb‹ oder ›quer‹ zu disziplinären Grenzen liegen. Die diagnostizierte Offenheit bei der hohen Zulassungsbereitschaft bei Calls ließe sich demnach als bedeutsamer Teil der Konstituierung von Forscherkollektiven deuten, die sich nicht anhand disziplinärer Grenzen kasernieren lassen und welche die intrinsische Heterogenität bzw. Heterogenisierung von Disziplinen maßgeblich strukturieren.399 Mit dem hohen Grad der disziplinären Zulassungsbereitschaft korrespondiert auch die Demonstration der multiplen Befragungsfähigkeit des avisierten Objekts. Vor allem in der ersten Hälfte tendieren Calls dazu, das Anschlusspotential des fokussierten Gegenstands oder Gegenstandsbereichs auszustellen. Dies geschieht zum Beispiel, indem auf die Bedeutung des jeweiligen Zusam396 Tauschek: »Kongress«, S. 221. Markus Tauschek wählt für seinen Beitrag den Oberbegriff ›Kongress‹, worunter er aber auch Tagungen, Konferenzen etc. subsumiert. 397 Ebd., S. 219. 398 Ebd. 399 Zur Heterogenität bspw. der Literaturwissenschaft vgl. die Dissertation von Christina Riesenwerber : Die Ordnungen der Literaturwissenschaft. In ihrer Arbeit stellt Christina Riesenwerber die These auf, dass es ›die‹ Literaturwissenschaft nicht gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl unterschiedlicher literaturwissenschaftlicher Zusammenhänge.

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menhangs hingewiesen wird. Ein Beitragsaufruf der Zeitschrift helden. heroes. h8ros beginnt etwa mit folgender Passage: Helden und Heldinnen prägen das Orientierungswissen nicht nur europäischer Kulturen seit dem Altertum. Ob antike Heroen wie Odysseus und Achill, biblische Helden wie David und Judith, mittelalterliche Volkshelden wie Robin Hood und Jeanne d’Arc, nationale Revolutionshelden wie Danton und Marat, literarische Helden und AntiHelden wie Don Quijote und Faust oder zeitgenössische Figuren wie Lara Croft und Batman, immer schon dienen Helden und Heldinnen als Projektionsflächen und Identifikationsfiguren für Individuen, soziale Gruppen oder gar ganze Gesellschaften.400

Über die exemplarische Nennung von vielfältigen fiktiven und nicht-fiktiven Heldenfiguren, welche von der Antike über das Mittelalter bis in die Gegenwart reichen, adressiert der Call prinzipiell ein breites Spektrum an potentiellen Beiträgern. In der zweiten Hälfte des Calls wird der avisierte Zusammenhang (Helden und Heldinnen als orientierungsstiftende »Projektionsflächen und Identifikationsfiguren«401 für einzelne Menschen oder soziale Kollektive in krisenhaften oder katastrophalen Kontexten) präzisiert. Diese Präzisierung vollzieht der Call durch eine Enumeration von konkreten Fragestellungen wie etwa: Worin manifestiert sich heroische agency in Situationen von katastrophalen Ausmaßen? Woran scheitern HeldInnen in Katastrophen? Gegen wen oder was richtet sich heroische Agonalität? […] Wie verhalten sich HeldInnen in Katastrophen zu etablierten Strukturen von Macht, Autorität oder ethischen Codes? Wie sind dabei kulturelle Systeme wie Class, Gender, Race mit Entwürfen des Heroischen verschränkt? […] Welche HeldInnen gibt es in verschiedenen mythischen Modellen von Katastrophen – etwa der antiken ekpyrosis, der christlichen Apokalypse, in dystopischen Szenarien?402

Eröffnet der Call in der ersten Hälfte einen weiten Bezugsrahmen, wird jener in der zweiten Hälfte des Calls tendenziell begrenzt. Zwar werden in der Regel keine Fragen dezidiert ausgeschlossen, aber bestimmte Schwerpunktsetzungen durch die Auflistung von Fragen als privilegierte Perspektive nahegelegt. Die vorgebrachten Fragestellungen dienen somit gewissermaßen als Signal für einen von den Herausgebern präferierten Umgang mit Heldenfiguren – ohne jedoch spezifische Beobachtungen, Thesen oder Ergebnisse vorauszusetzen oder zu diktieren. In den untersuchten Calls gehören solche orientierenden bzw. lancie-

400 CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen. 401 Ebd. 402 Ebd.

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renden Beispielfragen403 zum festen Inventar des Avisierens. Sie werden zusätzlich von weiteren Einhegungsmarkierungen unterstützt, etwa indem »mögliche Vortragsthemen«404, »Leitthemen«405 oder »Ansatzpunkte«406 exemplarisch vorgeschlagen, theoretisch imprägnierte »Leitvokabeln«407 vorgebracht, »[p]ossible authors«408, »possible topics«409 oder »potential novels«410 erwähnt oder im Vorfeld fixierte Panels411, Sektionen412 oder Themenblöcke413 benannt werden. Allerdings sind diese Empfehlungen oder Ordnungen nicht als rigide Begrenzungen zu verstehen. Oftmals wird in den Calls darauf hingewiesen, dass auch nicht im Call genannte Aspekte als Forschungsthemen willkommen sind.414 Beiträge »können – müssen aber nicht –«415 den jeweiligen

403 Vgl. etwa CFP: Hass/Literatur ; CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst; CFP: Mediale Zeitenwende – Interdisziplinäre Forschungsansätze zu Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen; CFP: Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria – A ›Minor‹ Literature?; CFP: Oceans and Deserts; CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts; CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film. 404 CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks. Ebenso CFP: Diskurs der Daten. 405 CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht. 406 CFP: Im Visier des Staates. Ebenso CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Topos Österreich. 407 CFP: Diskurs der Daten. 408 CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies. Vgl. ebenso CFP: Literary Space in Modernist Literature 1890–1960; CFP: Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität. 409 CFP: Extension and Enclosure. Vgl. ebenso CFP: Patient Stories in Context. 410 CFP: Seelenlandschaften (Soul Landscapes) in German Children and Youth Novels. 411 Vgl. die verschiedenen Panelstrukturen etwa in: CFP: Angst und Selbstermächtigung im Kinderfilm: »Geplant sind grundlegende Tagungspanels: zum Diskurs über Angst im Kinderfilm, zur kinderfilmhistorischen Entwicklung der Angstbilder und zur Psychologie der Kinderängste. Der Hauptteil der Tagung ist der Filmanalyse gewidmet: Auf mehreren Panels soll in Einzelanalysen die Motivik der Angst einschließlich der damit verbundenen Inszenierungsstrategien zur Evokation von Angstlust behandelt werden. Zuletzt sollen die didaktischen Potentiale dieser Filme thematisiert werden. Davon ausgehend, dass derartige Filme eine große lebensweltliche Bedeutung für Kinder haben, liegt eine Integration in die Filmdidaktik nahe. Ein Panel ist dementsprechend den methodischen Ansätzen zur Vermittlung Angst evozierender Bilder im Unterricht gewidmet.« Vgl. ebenso CFP: German Studies Area. 412 Vgl. die unterschiedlichen Sektionen bspw. in: CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen. 413 Vgl. die Themenblöcke in: CFP: treibhaus: Das Theater der fünfziger Jahre. 414 Vgl. etwa CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks; CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart; CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities.

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Themengebieten entstammen. Sie können sich an den gesetzten Schwerpunkten orientieren, sind »jedoch keineswegs darauf festgelegt«416. Die Demonstration der potentiellen Gegenstandserweiterung bzw. die Ausstellung der vielfältig erweiterbaren Befragungsfähigkeit des jeweiligen Objekts geht in Calls somit mit einer gewissen Spezialisierungsanforderung einher, der die zukünftigen Bewerber in ihren Beiträgen gerecht werden müssen. Die anfängliche Öffnung wird somit an anderer Stelle über Fragen wieder diszipliniert, d. h. disziplinär begrenzt und kontrolliert. Konzentriert man sich auf diese Fragen, die als »Leitgedanke[n]«417 oder »Leitfäden«418 vorgestellt werden, fällt auf, dass es primär darum geht, Phänomene eingehender zu erfassen, Texte unter einer spezifischen Perspektive zu lesen oder Zusammenhänge und Verbindungen zwischen bestimmten Aspekten herzustellen. Typische Fragen lauten etwa: »Können literarische Herrscherbilder als historische Quellen oder als zeitgeschichtliche Dokumente angesehen werden?«419 ; »How are concepts related to family and identity represented in literature? What insights do different genres, including the Familienroman, lend to an understanding of ›family‹?«420 ; »Inwiefern sind Krisen der Weiblichkeit resp. der Männlichkeit verbunden mit der Herausbildung neuer Gattungen […]?«421; »Was charakterisiert die Darstellungs- und Wahrnehmungsmodalitäten des Gespenstischen?«422 ; »How does fictional sound relate to actual sound? Are there substantial differences in the treatment of sound within the period, for instance between modernism and the avantgarde, but also between authors, genres, generations?«423 Derlei Fragen zielen darauf, dass ausgewählte Aspekte miteinander ins Verhältnis gebracht, bestimmte (historische, theoretische, kulturelle etc.) Relationen identifiziert, charakteristische Darstellungsweisen erläutert oder spezifische Lektüren unternommen werden. Die Fragen impli415 CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum. 416 CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. Vgl. ebenso CFP: Peeling the Onion: Levels and Stratification in Germanic Literature and Linguistics. Vgl. auch CFP: The Body and Mind Conflict in Current German Culture; CFP: Visualizing War. The Power of Emotions in Politics. 417 CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht. 418 CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. 419 CFP: Literarische Herrscherbilder zwischen Gerechtigkeit und Despotie. 420 CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies. 421 CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film. 422 CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. 423 CFP: Listening to Literature 1900–1950.

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zieren damit zwar eine bestimmte Umgangsweise mit den jeweiligen Objekten, befragen aber selbst nicht diesen Umgang. In der Regel werden also direkte, objektbezogene Fragen gestellt: Es geht beispielsweise darum, zu ergründen, wie sich etwas innerhalb von etwas zeigt, wie sich etwas zu etwas Anderem verhält, wie man etwas verstehen oder deuten kann. Allerdings werden keine Fragen danach gestellt, wie man solche Fragen überhaupt bearbeiten könnte. Auf ›Meta‹-Fragen zu der Art des Objektumgangs oder ›methodologische‹ Fragen wird in den untersuchten Calls durchweg verzichtet. Das Wissen über den Umgang mit den avisierten Objekten wird demnach nicht explizit thematisiert oder als Fragestellung fokussiert, sondern implizit vorausgesetzt – und nicht als befragenswert porträtiert. Um herauszufinden, ob und wie sich das Fragestellen, aber auch die Gegenstände der projektierten Veranstaltungen oder Publikationen, ihre jeweilige Legitimierung, die Zusammensetzung der Adressaten und Absender der Calls, die aufgerufenen Aktivitätsfelder und Beteiligungsweisen sowie die den Calls immanenten Kooperationsstrukturen in den Call for Papers der Mailingliste des Verbandes DHd – Digital Humanities im deutschsprachigen Raum ändern, soll in der nächsten Studie untersucht werden.

2.

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In den 40 Call for Papers424 des zweiten Untersuchungskorpus wird ebenfalls angekündigt, berichtet, gefragt, geworben, informiert, lanciert, postuliert, vorgestellt u.v.a.m. Auch in diesen Calls geht es darum, auf das hinzuweisen, was als besprechungswürdig gilt und was in Zukunft die Aufmerksamkeit der Forschung gewinnen sollte. Allerdings zeichnen sich die sedimentierten Praktiken in den Calls aus dem zweiten Untersuchungskorpus im Unterschied zu jenen des ersten nicht in derselben Weise durch eine dreiteilige, konventionalisierte Textstruktur aus, in deren erstem Teil vorgestellt, eingeführt und problematisiert wird, in deren zweitem Teil die konkrete Ausrichtung des avisierten Zusammenhangs anhand von beispielhaften Fragen, geplanten Themenschwerpunkten oder projektierten Panels präzisiert und in deren drittem Teil organisatorische Hinweise gegeben werden. Während im ersten Untersuchungskorpus über 85 Prozent dem triadischen Muster folgten, sind es im zweiten lediglich 47,5 Prozent der Calls.425 Die restlichen 52,5 Prozent weisen andere Textablauf424 Eine genaue Auflistung dieser 40 Calls findet sich im Materialverzeichnis. 425 Das sind folgende Calls: CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: Computer-Based Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography ; CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Semantic Deep Learning; CFP: Digitale Literaturwissenschaft; CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on

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schemata auf.426 Ein Beispiel für eine alternative Struktur liefert etwa der Call für die Konferenz »The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities«427. Dieser Call hebt zunächst damit an, die verschiedenen, mit der Organisation der Veranstaltung betrauten Institutionen aufzuführen. Für die Ausrichtung der Konferenz zeige sich, so der Call, die Associazione per l’Informatica Umanistica e le Culture Digitali (AIUCD), das DigiLab der Universität Rom I und das Digital Scholarly Editions Initial Training Network (DiXiT) verantwortlich. Zudem sei die Veranstaltung nicht nur die »sixth edition« der jährlichen Verbandskonferenz, sondern auch die »third edition of the EADH Day« (European Association for Digital Humanities, ehemals Association for Literary and Linguistic Computing).428 Erst nach dieser Vorstellung der institutionellen Verankerung wird das Thema der avisierten Konferenz genannt: »The main topic of the AIUCD 2017 Conference is the use of big data methods, cultural analytics and distant reading in the Humanities.«429 Ohne in das Thema als solches einzuführen oder die avisierte Auseinandersetzung zu legitimieren, indem etwa wie im ersten Untersuchungskorpus auf die gesellschaftliche Ak-

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427 428 429

Transliteratures; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017; CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter ; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Corpus-Based Research in the Humanities; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review. Folgende Calls weisen keine feste dreiteilige Struktur auf: CFP: eHumanities Seminar; CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016; CFP: DHCommons; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Journal Signa; CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation; CFP: Digitisation Days; CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften; CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Methodological Intersections; CFP: Entwicklung und Nutzung interdisziplinärer Repositorien für historische textbasierte Korpora; CFP: Access / AccHs / Zugang. CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities. Ebd. Ebd.

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tualität oder die wissenschaftliche Relevanz hingewiesen wird, gibt der Call in der darauffolgenden Textpassage lediglich die Zielsetzung der Veranstaltung an: We would like to explore the methodological and epistemological impact of these methods, their application in the different fields of the Humanities and on various kinds of media and digital resources, their effects on our comprehension of cultural and historical phenomena and, finally, their consequences and repercussions on the social and public perceptions of the Humanities.430

Um diese Aspekte zu bedienen, werden eine Reihe möglicher »topics«431 stichwortartig vorgeschlagen: – Methodological and epistemological aspects of distant reading in the Humanities – Distant reading, close reading and scaled reading: relations and interactions between hermeneutical tradition, quantitative analysis and new computational methods – Interaction and integration of methods of statistical/quantitative analysis and formal logic methods, semantic web technologies and linked data – Quantitative and stylometry analysis, topic modelling and clustering for literary texts, archival documents and cultural objects – Authorship attribution and automatic text classification – Applications and experimentations of data mining methodologies in historical, artistic and archaeological research – Network analysis and sentiment analysis applied to the Humanities – Interaction between Natural Language Processing technologies and data mining – Computational analysis of multimedia resources: images, audio and video – Methods and techniques of visualization and their impact on knowledge transfer in the Humanities – Problems and strategies for sustainability of data produced during research activities in terms of persistence, provenance and authenticity – Cultural and social impact of humanity research produced with computational methods.432

Mit dieser Auflistung endet die inhaltliche Vorstellung der Veranstaltung. Es folgen ausführliche Angaben zu den unterschiedlichen Beteiligungsweisen (›long paper‹, ›short paper‹, ›panel‹, ›poster‹) und den verschiedenen Einreichungsmodalitäten. Außerdem werden grundsätzliche Anforderungen an die »proposals«433 genannt, mit denen sich potentielle Interessenten bewerben können:

430 431 432 433

Ebd. Ebd. Ebd. Ebd.

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Proposals must clearly present the goals of the paper, give a brief state of the art, specify and discuss the chosen methodology and, if appropriate, the results obtained or expected. Proposals should include a short bibliography. Dimensions vary depending on the type of proposal: – Long paper proposals should be at least 1000 words + bibliography ; – Panel proposals should be at least 500 words + 200 words for each of the presentations + bibliography ; – Short paper and poster proposals should be at least 800 words + bibliography.434

Im Anschluss wird nicht nur darauf aufmerksam gemacht, dass beteiligte Nachwuchswissenschaftler einen Preis (»›Giuseppe Gigliozzi‹ Conference Bursary Award«435) gewinnen können, sondern auch detailliert über das Auswahlverfahren informiert. Hat der Call mit dem Verweis auf die institutionelle Verankerung begonnen, endet er in gleicher Weise, indem er die 14 Mitglieder des internationalen Programmkomitees und ihre jeweilige Affiliierung namentlich aufzählt. Konzentriert man sich zunächst nur auf das in diesem Call abgebildete Textablaufschema, fällt auf, dass es sich nicht anhand der drei im ersten Korpus identifizierten ›Text- bzw. Praktikenphasen‹ rekonstruieren lässt, die von der Allgemeinheit des Themas zu konkreten Fragestellungen überleiten und mit knappen organisatorischen Hinweisen schließen. Die hier sedimentiert liegenden Praktiken konstituieren in ihrer Zusammensetzung und Gewichtung eine andere Ordnung. Auf das Angeben der institutionellen Verankerung folgt das Benennen des Themas und der Zielsetzung der Konferenz sowie das Anführen möglicher Fokusse. Danach wird über mögliche Beteiligungsformen, ihre jeweiligen formalen Anforderungen, die Preisvergabe und das dazugehörige Auswahlverfahren informiert. Der Call schließt mit dem namentlichen Auflisten verantwortlicher Wissenschaftler und ihrer institutionellen Anbindung. Während informative Angaben zur institutionellen Verankerung und den Bewerbungsmodalitäten sehr viel Raum einnehmen, werden hier – im Unterschied zu den Calls des ersten Korpus – keine Zusammenhänge (u. a. zur bisherigen Forschung) hergestellt oder Aspekte problematisiert. Ebenso wenig werden die vorgeschlagenen Themenfelder durch objektbezogene Beispiel- oder Leitfragen begrenzt. Diese strukturellen Verschiebungen lassen sich nicht nur in diesem Call beobachten. Die für das zweite Untersuchungskorpus charakteristische Heterogenität der Textablaufschemata ist mit unterschiedlichen Ausprägungen einzelner Teilpraktiken verbunden. In den meisten Calls wird mehr informiert und weniger problematisiert; es wird weniger an bestehende Forschungen angeschlossen und mehr auf institutionelle Anbindungen aufmerk434 Ebd. 435 Ebd.

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sam gemacht. 55 Prozent der Calls verwenden beispielsweise über die Hälfte des Textumfangs auf informative Hinweise zu Einreichungsmodalitäten und Auswahlverfahren.436 Die Modifikation der sedimentierten Praktiken (etwa die Ausweitung der Teilpraktik des Informierens und die Reduktion des Problematisierens und Kontextualisierens) zeigt sich somit auch in einer veränderten Textstruktur. Mit dieser strukturellen Heterogenität korrespondiert die formale Heterogenität der Calls. Manche Calls sind sehr lang (über 800 Wörter);437 einige Calls sind sehr kurz (unter 300 Wörter);438 andere bestehen nur aus wenigen vollständigen Sätzen und nennen hauptsächlich Stichpunkte;439 manche Calls begnügen sich damit, nur auf den ausführlicheren Beitragsaufruf der Veranstaltungswebsite hinzuweisen und lösen sich damit selbst als eigenständige Textsorte auf.440 Ob sich die formale und strukturelle Heterogenität der sedimentierten Praktiken in den Texten darauf zurückführen lässt, dass die Calls aus unterschiedlichen (u. a. disziplinär oder lokal organisierten) Arbeitsbereichen der Digital Humanities hervorgehen und sich damit möglicherweise aus verschiedenartigen Avisierungspraktiken zusammensetzen oder die Digital Humanities bislang nur über geringe konventionalisierte Textablaufroutinen verfügen, lässt sich an dieser Stelle – und vor dem Hintergrund fehlender Vergleichsstudien – nicht feststellen. Was sich allerdings mit Blick auf die strukturelle und formale Heterogenität der sedimentierten Praktiken registrieren lässt, ist die mit den dokumentierten Praktiken bzw. Praxiszusammenhän436 Diese 55 Prozent umfassen folgende Calls: CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: eHumanities Seminar ; CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte; CFP: DHCommons; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Journal Signa; CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften; CFP: Digitisation Days; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Methodological Intersections; CFP: Access / AccHs / Zugang; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation. 437 Vgl. bspw. CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information. 438 Vgl. etwa CFP: eHumanities Seminar. 439 Vgl. bspw. CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014. 440 Vgl. CFP: Innovation, Globalization and Impact: »The Call for Papers has been just launched and all the information is available at the conference website: http://www. hdh2015.linhd.es«.

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gen in Verbindung stehende Offenheit der Calls in Bezug auf die avisierten Objekte. Diese objektbezogene Offenheit bzw. Unbestimmtheit demonstrieren die projektierten Themenfelder der Calls. Im Unterschied zu den Calls des ersten Korpus werden die zu untersuchenden Objekte der avisierten Veranstaltung nicht begrenzt. Allenfalls werden zu sehr weiten thematischen Zusammenhängen Beiträge erwünscht. Diese werden in der Regel jedoch nicht eingehender erläutert oder durch Exemplifizierungen konkretisiert. Calls zu den Themen »Digitale Nachhaltigkeit«441, »Innovation, Globalization and Impact«442 oder »Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies«443 stecken lediglich einen groben Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Beiträge situieren sollen. Neben der fehlenden Limitierung der Objekte bzw. Objektbereiche lässt sich allerdings eine erhöhte Fokussierung auf (computergestützte) Umgangsweisen beobachten. Als Veranstaltungs- oder Publikationsthemen werden etwa das Lesen444, das Annotieren445, das Modellieren446, das Visualisieren447 oder spezifische Verfahren wie das »semantic deep learning«448 oder eine »computer-based analysis of drama«449 avisiert. Wenn konkrete Umgangsweisen nicht im Mittelpunkt der Veranstaltungen oder Publikationen stehen, dann zumindest die Reflexion der (computergestützten) Praktiken oder Praxisformen, wie beispielsweise die Calls »Methodological Intersections«450, »Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik«451 oder »Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und 441 CFP: Digitale Nachhaltigkeit. Vgl. ebenso CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software. 442 CFP: Innovation, Globalization and Impact. 443 CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies. 444 Vgl. CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter ; CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures. 445 Vgl. CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation. 446 Vgl. CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma. 447 Vgl. CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma. 448 CFP: Semantic Deep Learning. 449 CFP: Computer-Based Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography. 450 CFP: Methodological Intersections. 451 CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik. Vgl. ebenso CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften.

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Information«452 dokumentieren. Zusammenfassend lässt sich damit festhalten, dass im Zentrum der avisierten Aufmerksamkeit Praktiken stehen – und keine bestimmten Objekte oder Objektbereiche, spezifische Epochen oder ausgewählte Theorien (wie in den Calls des ersten Untersuchungskorpus). Die Gegenstände der Calls des zweiten Untersuchungskorpus sind (computergestützte) Umgangsweisen. Interessant ist zudem, dass in den Calls nur geringer Aufwand betrieben wird, diese avisierte Beschäftigung zu legitimieren. Zeichneten sich die Calls des ersten Untersuchungskorpus vor allem dadurch aus, dass sie die projektierten Investitionen mit Aktualitätsdiagnosen unter Bezugnahme auf die spezifische Forschungssituation begründeten und über diese Relevanzbehauptungen den Gegenstand der jeweiligen Veranstaltung oder Publikation einführten, verzichten die Calls aus dem zweiten Untersuchungskorpus zumeist auf solche Bemühungen. Das regelmäßig stattfindende »eHumanities Seminar«453 der Universität Leipzig etwa stellt sich als »forum for the discussion of digital methods applied within the Humanities« vor und verweist lediglich darauf, dass Beiträge zu Verfahren wie »text mining, machine learning, network analysis, time series, sentiment analysis, agent-based modelling, or efficient visualization of massive and humanities relevant data« erwünscht sind.454 Auf Begründungen, weswegen man sich überhaupt auf solche Weise mit Objekten befassen sollte, und auf Hinweise, ob es bisher schon Forschungen dazu gibt, wird verzichtet. Auch die Calls zu den Veranstaltungen »Digital Access to Textual Cultural Heritage«455, »Innovation, Globalization and Impact«456, »Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies«457, »International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage«458 oder »Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation«459 sehen von solchen Verweisen ab. In diesen Calls werden die avisierten Auseinandersetzungen nicht mit Blick auf die jeweilige Forschungssituation (ihre Konjunkturen oder Desiderate) begründet. Es wird allenfalls versucht, die Legitimation der projektierten Veranstaltung zu erhöhen oder zumindest abzusichern, indem ihre breite institutionelle Verankerung und die hohe personale Besetzung angezeigt wird – und damit der Hinweis gegeben 452 CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information. 453 CFP: eHumanities Seminar. 454 Ebd. 455 CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014. 456 CFP: Innovation, Globalization and Impact. 457 CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies. 458 CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage. 459 CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation.

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wird, dass die Idee des avisierten Vorhabens von zertifizierter Seite bereits als unterstützenswert erachtet wurde. 37,5 Prozent der Calls listen namentlich zwischen 7 und 59 Mitglieder ihres Programm- bzw. Organisationskomitees auf.460 Auch wenn diese Auflistungen nicht nur oder nicht primär die Erzeugung von Legitimation intendieren, haben sie gleichwohl das Potential, Vertrauen in das jeweils projektierte Vorhaben zu stiften. Wenn etwa hinter dem Programm des Workshops »Corpus-Based Research in the Humanities«461 43 Wissenschaftler stehen und ihr Interesse an bzw. ihr Engagement für die Veranstaltung manifest machen, kann dies das Vertrauen potentiell Interessierter in die Veranstaltung erhöhen und die avisierten Zusammenhänge legitimieren. Insofern lässt sich schlussfolgern, dass das explizite Legitimieren durch Verweise auf die Aktualität des Themas oder seine Relevanz für die Forschung hier durch das implizite Legitimieren durch Personal abgelöst wird. Bedeutende Unterschiede zum ersten Untersuchungskorpus lassen sich auch hinsichtlich der avisierten Aktivitätsfelder identifizieren. Zwar sind es ebenso Tagungen, Konferenzen oder Symposien, die prozentual den größten Anteil an den Calls ausmachen (52,5 Prozent)462. Allerdings hat sich der Anteil an Work460 Vgl. die folgenden Calls und die in Klammern stehende Anzahl der im Call genannten Mitglieder des jeweiligen Programm- bzw. Organisationskomitees: CFP: eHumanities Seminar (9); CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften (7); CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities (14); CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014 (24); CFP: Digitale Nachhaltigkeit (11); CFP: Semantic Deep Learning (19); CFP: Dialog in Digital Humanities 2015 (16); CFP: Dialog in Digital Humanities 2016 (22); CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies (18); CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage (22); CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation (16); CFP: Document Analysis Systems (59); CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016 (41); CFP: Corpus-Based Research in the Humanities (43); CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016 (29). 461 Vgl. CFP: Corpus-Based Research in the Humanities. 462 Diese umfassen: CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014; CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage; CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review ; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Digitisation Days; CFP: Digitale Literaturwissenschaft; CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP:

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shops nahezu verdoppelt (27,5 Prozent)463. 7,5 Prozent der Calls rufen zu Beiträgen für regelmäßig über einen gewissen Zeitraum stattfindende Veranstaltungen464 auf und 5 Prozent zu Bewerbungen für Masterclasses bzw. Schools465. Weitere 7,5 Prozent bitten um Vorschläge für Beiträge in Zeitschriften.466 Einreichungsgesuche für Sammelbände gibt es in diesem Korpus nicht. Damit lässt sich im Vergleich zum ersten Korpus eine Verschiebung zugunsten von workshopartigen Veranstaltungsformaten beobachten, die das gemeinsame Tun und Ausprobieren stärker fokussieren. Dieser explorativ angelegte, auf Vorläufigkeit abonnierte und vor Ort gemeinsam praktizierte Objektumgang findet sich allerdings nicht nur im Rahmen von Workshops. Betrachtet man die möglichen Beteiligungsweisen, die in den Calls eröffnet werden, zeigt sich, dass auch Tagungen oder Konferenzen längst nicht nur Vorträge als einzige Möglichkeit der Beteiligung vorschlagen, sondern vielmehr ein ganzes Spektrum an Präsentationsweisen anbieten. Lediglich 37,5 Prozent der Calls rufen nur zu einer Beteiligungsweise auf.467 Die restlichen 62,5 Prozent bieten mindestens zwei und

463

464 465 466 467

#Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter ; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Access / AccHs / Zugang. Hierbei handelt es sich um folgende Calls: CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: Computer-Based Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography ; CFP: Semantic Deep Learning; CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation; CFP: Corpus-Based Research in the Humanities; CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use; CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017; CFP: Entwicklung und Nutzung interdisziplinärer Repositorien für historische textbasierte Korpora. Dies sind: CFP: eHumanities Seminar ; CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016. Masterclasses oder Schools werden von folgenden Calls beworben: CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte; CFP: Methodological Intersections. Dies sind: CFP: DHCommons; CFP: Journal Signa; CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. Folgende Calls rufen jeweils nur zu einer Beteiligungsweise auf: CFP: eHumanities Seminar ; CFP: Computer-Based Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography ; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014; CFP: DHCommons; CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016; CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage; CFP: Journal Signa; CFP: Digitale Literaturwissenschaft; CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016; CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften; CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter ; CFP: Entwicklung und Nutzung interdisziplinärer Repositorien für historische textbasierte Korpora; CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften.

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maximal sieben Möglichkeiten der Beteiligung an.468 Standen im ersten Untersuchungskorpus 63 Call for Papers insgesamt 71 Beteiligungsweisen gegenüber, sind es in den 40 Call for Papers im zweiten Untersuchungskorpus insgesamt 84 Beteiligungsweisen. Damit entfallen im ersten Untersuchungskorpus durchschnittlich 1,13 Beteiligungsweisen auf einen Call; im zweiten sind es dagegen mit durchschnittlich 2,10 Beteiligungsweisen pro Call fast doppelt so viele. Hierzu zählen das Halten von Vorträgen (34,5 Prozent)469, das Präsentieren eines Posters (17,9 Prozent)470, das Organisieren eines Panels, einer Session oder eines 468 Vgl. exemplarisch die Vielzahl möglicher Beteiligungsweisen in folgenden Calls: CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: CorpusBased Research in the Humanities; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information. 469 Hierbei handelt es sich um folgende Calls: CFP: eHumanities Seminar ; CFP: ComputerBased Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography ; CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014; CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Semantic Deep Learning; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016; CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Corpus-Based Research in the Humanities; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017; CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter ; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Entwicklung und Nutzung interdisziplinärer Repositorien für historische textbasierte Korpora; CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage; CFP: Access / AccHs / Zugang. 470 Dies sind: CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Semantic Deep Learning; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Corpus-Based Research

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Workshops (13 Prozent)471, das Vortragen eines Kurz- oder Impulsvortrags (11,9 Prozent)472, das Vorführen einer Software (7,1 Prozent)473, die aktive Teilnahme ohne einen im Vorfeld vorbereiteten Beitrag, etwa bei einer »brainstorming session«474 (6 Prozent)475, das Einreichen einer schriftlichen Diskussionsgrundlage oder eines Positionspapiers (4,8 Prozent)476, das Schreiben eines Aufsatzes (3,6 Prozent)477 und das Abhalten von sogenannten ›Speed Geekings‹

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in the Humanities; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Methodological Intersections; CFP: Access / AccHs / Zugang. Diese umfassen: CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Access / AccHs / Zugang. Hierbei handelt es sich um diese Calls: CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review ; CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017; CFP: Access / AccHs / Zugang. Dies sind: CFP: Semantic Deep Learning; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017. Vgl. CFP: Methodological Intersections. Diese umfassen: CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation; CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte; CFP: Digitisation Days; CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use; CFP: Methodological Intersections. Dies sind: CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review ; CFP: Digitale Literaturwissenschaft; CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017. Hierbei handelt es sich um: CFP: DHCommons; CFP: Journal Signa; CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften.

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oder ›Fishbowls‹ (1,2 Prozent)478. Damit lässt sich im zweiten Korpus eine Vervielfältigung der offerierten Formate festhalten. Diese Pluralisierung der avisierten Aktivitätsfelder und Beteiligungsoptionen ist vor allem deswegen interessant, weil sich mit den jeweiligen Formaten nicht nur der Charakter einer Veranstaltung verändert, sondern weil sie auch Rückschlüsse auf die Privilegierung bestimmter Normen und Umgangsweisen zulassen. Wenn etwa die Veranstaltung zu »Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften« in einem »THATCamp-ähnlichen Format« durchgeführt werden soll, dann gibt es »keine vorbereiteten Vorträge, sondern es wird gemeinsam vor Ort über Programm und Ablauf entschieden«.479 Das Hauptaugenmerk dieser Veranstaltung soll, so der Call, auf »Austausch und Diskussion«480 liegen. Dies bedeutet, dass einzelnen, im Vorfeld ausgearbeiteten Beiträgen gegenüber der gemeinsamen Auseinandersetzung weniger Raum gegeben wird. Diese ostentativ ausgestellte Priorisierung des Kollektiven bildet sich auch in dem Call der Veranstaltung »Dialog in Digital Humanities«481 ab. Auf die 45-minütigen Vorträge sollen hier »45 minutes of discussion and student participation«482 folgen. Anders als in den Calls des ersten Korpus, in denen dem einzelnen Redner (zumindest in der Konzeption der Veranstaltung) deutlich mehr Zeit gegenüber der gemeinsamen Diskussion eingeräumt wurde, werden Präsentation und Diskussion hier offensiv beworben und gleich gewichtet. Ebenso zielen die »interaktiven Formate (Workshop, Roundtable, Fishbowl etc.)«483 und »brainstorming session[s]«484 darauf, dass nicht nur miteinander diskutiert wird, sondern auch spezifische Umgangsweisen ausprobiert, getestet und miteinander evaluiert werden können. Schließlich lässt sich die Präsenz dieser Formate auch als gewisse Akzeptanz oder gar Privilegierung des Vorläufigen lesen. Es wird dezidiert darauf hingewiesen, dass nicht nur Forschungsergebnisse, sondern auch der »Stand einzelner Projekte«485 als vorstellungs- und diskussionswürdig verstanden werden. Der Call zu der Veranstaltung »Dialog in Digital Humanities« setzt auf »Work-inProgress«;486 ein anderer Beitragsaufruf gibt an, dass »[c]ontributions reporting 478 Diese umfassen: CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information. 479 CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte. 480 Ebd. 481 CFP: Dialog in Digital Humanities 2016. 482 Ebd. 483 CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information. 484 CFP: Methodological Intersections. 485 CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma. 486 CFP: Dialog in Digital Humanities 2016.

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results from completed as well as ongoing research are welcome«487. Selbst in dem Call für schriftliche Beiträge der Zeitschrift »DHCommons« wird betont, dass besonders Einsendungen von »mid-stage digital projects« erwünscht seien, »who wish peer review and feedback that will contribute to the project’s development«.488 Es geht also nicht nur darum, die Vorläufigkeit der Forschung zu akzeptieren oder zu privilegieren, sondern auch kollektiv auf den Forschungsprozess einzuwirken. Insofern ist es auch nicht irritierend, dass in diesem Korpus lediglich in drei von 40 Calls Keynote-Speaker erwähnt werden, deren Vorträge in der Regel länger und weniger auf den direkten Austausch mit dem Plenum ausgerichtet sind.489 Auch wenn in den avisierten Aktivitätsfeldern und Beteiligungsweisen im zweiten Untersuchungskorpus im Vergleich zum ersten Untersuchungskorpus kollektive Praktiken wie das gemeinsame Diskutieren und Ausprobieren (und die ihnen inhärenten Normen der Vorläufigkeit und Offenheit) explizit hervorgehoben und präferiert werden, wäre es zu vorschnell, aus diesen Beobachtungen abzuleiten, dass sich nur im zweiten Untersuchungskorpus eine kollektive Forschung zeige und dass die Dichte von Einzelvorträgen des ersten Korpus indiziere, dass jegliche Form von Kollektivität grundsätzlich weniger wichtig sei. Zunächst wäre darauf hinzuweisen, dass in den avisierten Arbeitseinheiten des zweiten Korpus auffallend häufig Projekte privilegiert werden, die von einem einzelnen Wissenschaftler schlicht nicht mehr zu bewältigen sind, sondern nur noch in Forschungskollektiven verfolgt werden können. Digital Humanities-affine Vorhaben sind in der Regel kooperative Unternehmungen, in denen unterschiedliche Arbeiten verschiedener Personen aufeinander abgestimmt und verwaltet werden müssen. Die notwendige Akzentuierung des Kollektiven, wie man sie den Calls entnehmen kann, ist daher auch nicht allzu verwunderlich.490 Außerdem ließe sich vor dem Hintergrund des ersten Korpus argumentieren, dass Kollektivität in ausdifferenzierteren Arbeitsbereichen mit ihren stärker konventionalisierten und routinisierten Bearbeitungsweisen nicht notwendigerweise explizit aufgerufen und lanciert werden muss. Oder anders gesagt: Im ersten Korpus ›weiß‹ man, ›wie man es macht‹, man kann antizipieren, wie andere finden, ›was man macht‹, und man speist diese doppelte 487 CFP: Corpus-Based Research in the Humanities. 488 CFP: DHCommons. 489 In folgenden Calls werden »Keynote-« bzw. »invited Speaker« erwähnt: CFP: Corpus-Based Research in the Humanities; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016. 490 Hinzukommt in diesem Zusammenhang auch die nicht zu unterschätzende Nobilitierung der ›crowd intelligence‹, die das Autorschaftsverständnis entsprechend ergänzt, erweitert bzw. kontrastriert.

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Beobachtung als implizite Kollektivität in die Erarbeitung des eigenen Beitrags ein. Die Ausdifferenzierung eines Arbeitsbereichs, so die These, korreliert mit der Inkorporation des Kollektiven. Je höher der Grad an Ausdifferenzierung und Inkorporation, umso unwahrscheinlicher sind demnach auf direkte Interaktion angelegte Formate. Mit Blick auf die Calls der Digital Humanities ließe sich umgekehrt postulieren, dass sich die explizite Kollektivität, die sich in der Instituierung interaktiver Formate und deren provisorischer Anlage manifestiert, mit ihrer vergleichsweise jungen Geschichte und ihrer Konzentration auf gemeinsam zu erarbeitende, noch ungewohnte Umgangsweisen erklären lässt. Die mit dieser These in Verbindung stehende Diagnose, dass im zweiten Korpus eine geringere inkorporierte kollektive Stabilität vorherrscht, lässt sich auch aus den zahlreichen, in den Calls dokumentierten Bemühungen, gemeinsam eine Gruppe zu schaffen oder »networks«491 herzustellen, ex negativo ableiten. Der Call für den Workshop »Corpus-Based Research in the Humanities (CRH)« hebt etwa hervor, dass er in erster Linie spezifische Kollaborationen stärken möchte: The CRH workshop aims at building a tighter collaboration between people working in various areas of the Humanities (such as literature, philology, history, translational studies etc.) and the research community involved in developing, using and making accessible different kinds of corpora.492

Es geht darum, die »practice of interaction between literary studies, philology and corpus linguistics«493 zu unterstützen und zu fördern. Für diesen Workshop ist sogar ein »[s]pecial social event«494 geplant. Auch der Call der Konferenz »Visualization for the Digital Humanities« gibt an, dass die Veranstaltung vorrangig darauf zielt, »to intensify interdisciplinary collaboration between humanities and visualization researchers«.495 Der Call zu dem Workshop »Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature« wirbt ebenfalls für »more collaboration«.496 Ein weiterer Call gibt an, der projektierte Workshop »will aim at bringing together scholars from a variety of backgrounds who could develop shared research interests«497. Dabei ist Kollaboration in den Calls in der Regel nicht auf ein im Vorfeld festgelegtes, inhaltlich definiertes Ziel gerichtet. Es geht weniger darum zusammenzuarbeiten, um Thesen über ein bestimmtes, zuvor 491 492 493 494 495 496

Vgl. CFP: Innovation, Globalization and Impact. CFP: Corpus-Based Research in the Humanities. Ebd. Ebd. CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS. CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017. 497 CFP: Methodological Intersections.

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konturiertes Thema, ein bestimmtes Objekt oder einen Zusammenhang vorzubringen und zu diskutieren, sondern vorrangig darum, gemeinsam mit Umgangsweisen zu experimentieren, die alleine nicht zu bewältigen wären – unabhängig davon, auf welche Themen oder Thesen sich diese beziehen. Um sich für die jeweiligen Veranstaltungen oder Publikationen zu bewerben, muss man – ebenso wie in den Calls des ersten Untersuchungskorpus – in der Regel zuvor ein Abstract des geplanten Vorhabens verfassen und einreichen. Das Abstracting zählt auch in diesen Calls zu den notwendigen Hürden, die es zu meistern gilt, um sich für einen Beitrag (etwa einen Vortrag, ein Poster, einen Aufsatz etc.) zu qualifizieren. Gefordert werden beispielsweise ein »500-word abstract«498, ein »250-word abstract«499, ein »kurzes Expos8«500, ein Abstract von »max. 2 pages«501 oder »3 pages«502, »[a]bstracts of no more than 1000 words«503, »proposals of 600–900 words«504 oder Abstracts »mit einem Umfang von max. 1000 Wörter«505 oder »max. 400 Wörter«506. Da die meisten Veranstaltungen verschiedene Beteiligungsweisen offerieren, unterscheiden sich auch die Anforderungen an das Abstract, wie etwa der Call zu der Konferenz mit dem Thema »Access / AccHs / Zugang«507 demonstriert. Zu den jeweiligen Beteiligungsweisen gehören hier spezifische Abstractmodalitäten: Poster (Abstract von maximal 750 Wörtern) Kurzvorträge (Abstract von maximal 1500 Wörtern) Virtuelle Kurzvorträge (Abstract von maximal 1500 Wörtern) Langvorträge (Abstract von 1500 Wörtern) Sektionen mit mehreren Beiträgen, Podien eingeschlossen (normale Abstracts + eine Übersichtsdarstellung von ca. 500 Wörtern) – Vor der Konferenz stattfindende Workshops und Tutorien (Vorschlag von maximal 1500 Wörtern).508

– – – – –

Allerdings – in diesem Punkt differieren die Calls des ersten und des zweiten Korpus – gibt es auch Organisatoren, die sich nicht mit einer Kurzversion des geplanten Vorhabens begnügen, sondern vorab den gesamten Beitrag zur Begutachtung lesen möchten. Die Veranstaltung »Dialog in Digital Humanities« 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508

CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review. CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures. CFP: Digitale Literaturwissenschaft. CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage. CFP: Dialog in Digital Humanities 2016. CFP: eHumanities Seminar. CFP: Computer-Based Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography. CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter. CFP: Access / AccHs / Zugang. Ebd.

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stellt klar : »We invite submissions of complete papers […].«509 Anders als bei den Abstracts, bei denen die Länge der Texte begrenzt wird, gibt der Call zu dieser Veranstaltung an, dass es »no limitation in length«, aber ein »suggested minimum« von 5000 Wörtern gibt.510 Ebenso fordern fünf weitere Calls dazu auf, den ausformulierten Beitrag vorab zu senden.511 Geht man davon aus, dass Abstracts auf einen gewissen ›Vertrauensvorschuss‹ von Seiten der Organisatoren angewiesen sind – und zwar in dem Sinn, dass der Organisator nur auf der Basis einer Kurzversion des geplanten Unterfangens über die Zulassung eines Beitrags entscheidet und damit dem Bewerber gewissermaßen vertraut, dass er seine Ankündigungen in dem späteren Beitrag realisieren wird – lässt sich der Befund, dass einigen Organisatoren im Vorfeld der gesamte Beitrag vorgelegt werden muss, als mögliches Indiz einer nur schwach ausgeprägten Ausdifferenzierung und damit eines geringeren kollektiven disziplinären Vertrauens deuten. Dafür spricht auch die Tatsache, dass wenn in den Calls des zweiten Korpus Abstracts etwa für Vorträge gefordert werden, diese vielfach doppelt bis dreimal so lang sein müssen wie jene Abstracts für gleich lange oder sogar längere Vorträge des ersten Korpus. Während für Abstracts avisierter Vorträge im ersten Korpus maximal 500 Wörter angegeben wurden, fordert beispielsweise die Tagung »Digitale Nachhaltigkeit« für einen Vortrag »max. 1500 Wörter«.512 Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass die Calls des zweiten Untersuchungskorpus oftmals konkrete Angaben zur inhaltlichen Gestaltung des Abstracts liefern. Während solche Angaben im ersten Korpus durchweg fehlten, finden sich hier mithin detaillierte Informationen zum Aufbau und zu Bewertungskriterien des einzureichenden Abstracts: »Abstracts should be structured as follows: Introduction, State of the Art, Research methodology, Data, Results, Lessons learnt & further achievements (if applicable)«513. Ein weiterer Call weist auf Evaluationskriterien des Abstracts hin: – Relevance to the topic of the conference; consistency with the Digital Humanities and Digital Culture domains. – Originality, relevance, or innovative approach. 509 CFP: Dialog in Digital Humanities 2015. 510 Ebd. 511 Vgl. CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014; CFP: Semantic Deep Learning; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016. 512 CFP: Digitale Nachhaltigkeit. Dies gilt bspw. auch für folgende Calls: CFP: Digitale Literaturwissenschaft; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Access / AccHs / Zugang. 513 CFP: Dialog in Digital Humanities 2016.

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– Methodological rigour, accurate description of the methodology ; the research presented should be reproducible. – Adequacy of the theoretical and conceptual approach to the reference domain. – Consistency of arguments; clear definition and of the objectives; coherence between objectives and results. – Critical analysis of the literature; a bibliography. – Quality of any technical solutions proposed within the reference domain. – Good balance between the Humanities and Computer Science components of the research. – Structure of the text; quality of writing; ease of understanding; explanations of scientific language.514

Diese Liste stellt nicht nur die Transparenz der Auswahlkriterien aus. Sie ist vor allem auch eine wichtige Orientierungshilfe für die Praxis des Abstracting, insofern sie verrät, was der kondensierende Text leisten soll. Dass derlei Angaben sich ausschließlich in den Calls des zweiten Untersuchungskorpus identifizieren lassen, legt den Schluss nahe, dass diese Praxis nicht als selbstverständlich vorausgesetzt wird und zumindest aus Sicht einiger Absender der Calls nicht zu den ›stillen Textroutinen‹ gehört. Konzentriert man sich auf die Absender der Calls ergibt sich folgendes Bild: 20 Prozent der Calls des zweiten Untersuchungskorpus wurden von Wissenschaftlern verfasst, die sich ausschließlich einer universitären Einrichtung (Institut, Sonderforschungsbereich, Cluster o. ä.) zuordnen.515 80 Prozent der Calls werden entweder von Vereinen oder Verbänden versandt oder gehen aus Kooperationen zwischen universitären und außeruniversitären Organisationen hervor.516 Die avisierte Masterclass »Forschungsdaten in den Geisteswissen514 CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies. 515 Hierbei handelt es sich um folgende Calls: CFP: eHumanities Seminar ; CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures; CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter ; CFP: Methodological Intersections; CFP: Entwicklung und Nutzung interdisziplinärer Repositorien für historische textbasierte Korpora; CFP: Corpus-Based Research in the Humanities; CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation; CFP: ComputerBased Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography. 516 Diese umfassen: CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte; CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften; CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities; CFP: DHCommons; CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Semantic Deep Learning; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies; CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage; CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016; CFP: Journal Signa; CFP: Digitisation Days; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014; CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review ; CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016; CFP: Digitale Literaturwissenschaft; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche

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schaften: Nutzung und Konzepte«517 wird etwa von der Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities, dem Deutschen Historischen Institut in Paris, dem Institut national de recherche en informatique et en automatique und dem Projekt Humanities at Scale gemeinsam ausgerichtet. Auch die Spanish Association for Digital Humanities: Humanidades Digitales Hisp#nica518, das German National Committee to the ICSU Committee on Data for Science and Technology519, der Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum520 oder die Alliance of Digital Humanities Organizations521 übernehmen in den Calls die Verantwortung und Organisation von Veranstaltungen. Verglichen mit dem ersten Korpus, in dem 44 Prozent der Calls sich universitären Einrichtungen zuordnen ließen und 56 Prozent der Calls von Vereinen, Verbänden oder Kooperationen zwischen universitären und außeruniversitären Organisationen verschickt wurden, verschiebt sich hier das Verhältnis deutlich zugunsten letzterer. Beitragsaufrufe kommen in diesem Korpus demnach entsprechend häufig von Institutionen, die quer zur universitären und disziplinären Ordnung liegen und in der Regel überregional oder international organisiert sind, wie beispielsweise die Digital Humanities-Verbände oder Forschungsverbünde. Sie sind zwar im Vergleich zu universitären Einrichtungen (wie etwa Lehrstühlen oder Instituten) weniger tief verankert (bzw. finanziell abgesichert), aber durch ihre Mitglieder über Fach-, Universitäts- und Ländergrenzen hinweg breit aufgestellt. Sie bilden damit eine alternative Organisationsform zu etablierten universitären Institutionen. Indem sie beispielsweise in Calls bestimmte

517 518 519 520

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Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften; CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software; CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use; CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Document Analysis Systems; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016; CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Access / AccHs / Zugang; CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte. Vgl. CFP: Innovation, Globalization and Impact. Vgl. CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage. Vgl. CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma. Vgl. CFP: Access / AccHs / Zugang.

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Themen oder Auseinandersetzungen avisieren, können sie nicht nur Projekte bündeln und Kooperationen verstetigen, sondern auch eine Katalysatorfunktion für die Entstehung und Stabilisierung neuer Praxiszusammenhänge übernehmen, die sich im weiteren Verlauf auch materiell institutionalisieren können. Fokussiert man – unabhängig von der jeweiligen Organisationsform des Absenders – jene Veranstaltungen oder Publikationen, die von einem Literaturwissenschaftler und mindestens einem Vertreter einer anderen Institution oder Disziplin gemeinsam organisiert bzw. konzipiert werden, lassen sich vor allem Kooperationen zwischen Linguistik522, Bibliothekswissenschaft523, Mediävistik524, Geschichtswissenschaft525 und der Informatik526 feststellen. Neben Institutionen wie Bibliotheken527 oder Museen528 treten in diesem Korpus auch bislang eher ungewöhnliche Partner wie etwa die Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung mbH529, die Angewandte Informatikstechnik Forschungsgesellschaft mbH530, das Insight Centre for Data Analytics531 oder die Data Archiving and Networked Services532 hinzu. Vor diesem Hintergrund lassen sich – zumindest für die Absender der hier untersuchten Calls – auffällige Verschiebungen hinsichtlich der Austauschbeziehungen zu spezifischen Einrichtungen feststellen. Wurden im ersten Korpus ausschließlich Kooperationen zu kulturellen Einrichtungen (Museen533 und Theaterhäusern534) und geistes- bzw. sozialwissenschaftlichen Disziplinen (Geschichtswissenschaft535, Philosophie536,

522 Vgl. CFP: Corpus-Based Research in the Humanities. 523 Vgl. CFP: eHumanities Seminar. 524 Vgl. CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation. 525 Vgl. CFP: Digitale Nachhaltigkeit. 526 Vgl. CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften. 527 Vgl. CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik. 528 Vgl. CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften. 529 Vgl. CFP: Dialog in Digital Humanities 2015; CFP: Dialog in Digital Humanities 2016. 530 Vgl. CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation. 531 Vgl. CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016. 532 Vgl. CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016. 533 Vgl. CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. 534 Vgl. CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. 535 Vgl. CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden; CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen. 536 Vgl. CFP: Sprache der Migration. Migration der Sprache. Sprachidentitäten und transkulturelle Literatur im Zeitalter der Globalisierungsprozesse; CFP: Stile des 21. Jahrhunderts.

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Theologie537, Kulturwissenschaft538 und Soziologie539) gepflegt, lassen sich hier zusätzlich Nähen zu privatwirtschaftlichen Unternehmen und zu technischen bzw. angewandten Wissenschaften identifizieren. Diese Zusammenschlüsse sind vor allem deswegen potentiell folgenreich für literaturwissenschaftliches Arbeiten, weil die jeweiligen Partner auch eigene, für ihren Zusammenhang geltende Normen, Leitkriterien und Praktiken einbringen: Kooperationen mit Informatikern fordern von Literaturwissenschaftlern etwa technisierbare Operationalisierungen von Fragestellungen, die sich in reproduzierbaren und validen Analysen bearbeiten lassen. Für diese Kooperationen müssen sie sich wiederum mit Bibliotheken oder Archiven koordinieren, die das Textmaterial – oftmals in Zusammenarbeit mit Digitalisierungsunternehmen – entsprechend aufbereiten und zur Verfügung stellen. Solche Kooperationen werden mit den Calls lanciert und können die Praxisgefüge entsprechend variieren. Die Adressaten der Calls sind in der Regel »Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen«540. Mit den Calls sollen »all areas of the Humanities, including Classics, Philosophy, History, Literature, Law, Languages, Social Science, Archaeology and more«541, »various areas of the Humanities (such as literature, philology, history, translational studies etc.)«542 oder ein »audience with a background in one or more humanities subjects, including Classics, History, Philosophy or similar«543 angesprochen werden. Insbesondere gilt es, »Forschende[] aus den Geisteswissenschaften, den Digital Humanities und der Informatik«544 bzw. »humanists, digital humanists, librarians and computer scientists«545 zu adressieren. 537 Vgl. CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida. 538 Vgl. CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung; CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. 539 Vgl. CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen. 540 CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. Vgl. ebenso CFP: Digitale Nachhaltigkeit; CFP: Innovation, Globalization and Impact; CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik; CFP: Kritik der digitalen Vernunft; CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation; CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma; CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH – DH4VIS; CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information; CFP: Access / AccHs / Zugang. 541 CFP: Dialog in Digital Humanities 2015. 542 CFP: Corpus-Based Research in the Humanities. 543 CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use. 544 CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften. 545 CFP: Dialog in Digital Humanities 2016. Vgl. ebenso CFP: Methodological Intersections.

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Diese hohe disziplinäre Zulassungsbereitschaft ist wiederum eng mit der bereits erwähnten weiten inhaltlichen Ausrichtung der avisierten Veranstaltungen verbunden. Im Unterschied zu den Calls des ersten Untersuchungskorpus geht es nicht darum, konkrete, thematisch bzw. durch ein Untersuchungsobjekt begrenzte Fragen zu beantworten (beispielsweise die Darstellung von Familiarität und Identität in der Literatur zu untersuchen oder die Darstellungsund Wahrnehmungsmodalitäten des Gespenstischen herauszuarbeiten)546. Vielmehr geht es um die Beschäftigung mit spezifischen, oftmals methodischen »topics«, wie z. B. »text mining, machine learning, network analysis, time series, sentiment analysis, agent-based modelling, or efficient visualization of massive and humanities relevant data«.547 Die mit Blick auf das erste Untersuchungskorpus konstatierte Avisierung einer perspektivischen Segmentierung eines (fixierten, thematisch abgegrenzten) Objekts transformiert sich in eine Avisierung einer (beispielhaften, thematisch offenen) Anwendung oder Reflexion eines computerbasierten Objektumgangs. Dies zeigt sich als bedeutsamster Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Untersuchungskorpus.

3.

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Blendet man die Beobachtungen aus den beiden Studien in vergleichender Absicht übereinander, treten insbesondere folgende Aspekte hervor : Auf Ebene der sedimentierten Teilpraktiken fällt auf, dass die Calls des ersten Untersuchungskorpus strukturell homogener und die des zweiten strukturell heterogener sind. Die Calls des ersten Untersuchungskorpus entsprechen häufig einem triadischen Textablaufschema: Der erste Teil führt in das Thema ein, der zweite Teil präsentiert und problematisiert die jeweilige Forschungssituation, worüber der avisierte Kontext anhand von Beispielfragen konkretisiert wird. Im dritten Teil werden organisatorische Informationen geteilt. Während im ersten Untersuchungskorpus über 85 Prozent der Calls über diese konventionalisierte Darstellungsstruktur verfügen, sind es im zweiten Untersuchungskorpus lediglich 47,5 Prozent. Diese Verteilung lässt sich vor allem auf die unterschiedliche Ausprägung einzelner Teilpraktiken zurückführen, welche sich insbesondere bei der Reduktion der Teilpraktik des Problematisierens und Kontextualisierens und der Ausweitung der Teilpraktik des Informierens im zweiten Korpus zeigt. Dies korrespondiert mit den unterschiedlichen Legitimierungsweisen in den 546 Vgl. bspw. folgende Calls aus dem ersten Untersuchungskorpus: CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies; CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik. 547 Vgl. bspw. CFP: eHumanities Seminar.

Zusammenfassung

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beiden Korpora. Während die Calls im ersten Korpus einen hohen Legitimierungsaufwand dokumentieren, indem die avisierten Investitionen sowohl mit Blick auf Aktualitätsdiagnosen als auch im Rekurs auf eine zu erweiternde Forschungssituation begründet werden, lässt sich diese Legitimierungsweise in den Calls des zweiten Korpus nicht beobachten. Es lässt sich allenfalls festhalten, dass die informative Auflistung von bis zu 59 Personen umfassenden Organisationskommitees (die sich so in keinem Call des ersten Korpus findet) als implizite Legitimierung des avisierten Kontexts fungiert – das Informieren an dieser Stelle also die ›Sekundärleistung‹ des Legitimierens erbringt. Auf Ebene der dokumentierten Praktiken bzw. Praxiszusammenhänge ist zunächst auffällig, dass die Absender der Calls in den beiden Korpora variieren. Wurden im ersten Korpus 44 Prozent der Calls von Wissenschaftlern versandt, die sich ausschließlich universitären Einrichtungen (beispielsweise einem Institut, Sonderforschungsbereich oder einem Cluster etc.) zuordnen ließen, sind es im zweiten Korpus lediglich 20 Prozent. Hier sind Calls, die von Vereinen oder Verbänden sowie von Kooperationen zwischen universitären und außeruniversitären Organisationen verschickt wurden, wesentlich häufiger als im ersten Korpus. An den Calls des zweiten Untersuchungskorpus lässt sich somit ablesen, dass alternative, oftmals nationen-, universitäts- und disziplinübergreifende Organisationsformen wichtiger werden. Zudem treten im zweiten Untersuchungskorpus andere Kooperationspartner auf, mit denen die avisierten Veranstaltungen oder Publikationen geplant und durchgeführt werden. Waren es im ersten Untersuchungskorpus vor allem kulturelle Einrichtungen und geistesbzw. sozialwissenschaftliche Disziplinen, werden im zweiten Untersuchungskorpus nicht nur Austauschbeziehungen zu Bibliotheken und Archiven intensiviert, sondern auch zu privatwirtschaftlichen Unternehmen (der Datenverarbeitung etc.) und technischen bzw. angewandten Wissenschaften gepflegt. Solche Hinweise auf unterschiedliche Kooperationen sind nicht als triviale Verwaltungsangaben zu verstehen. Zu kooperieren bedeutet immer auch, Nähen zu den Praktiken, Normen und Gütekriterien etc. des Kooperationspartners einzugehen – und damit auch das Risiko möglicher Veränderungen in Kauf zu nehmen. Ein weiterer großer Unterschied zwischen den beiden Korpora besteht in dem epistemischen Status der Objekte bzw. der Objektbereiche. Zielen die Calls im ersten Untersuchungskorpus durchweg darauf, spezifische Objekte (etwa einzelne Autoren, Texte oder Epochen) näher, eingehender, unter ausgewählten Perspektiven oder mit Blick auf bestimmte Zusammenhänge zu untersuchen, sind es im zweiten Untersuchungskorpus spezifische (computerbasierte) Objektumgangsweisen, die zum Gegenstand gemacht werden. Diese Konzentration auf den Objektumgang, d. h. das konkrete Tun, spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Aktivitätsfeldern und offerierten Beteiligungsoptionen wider. Während die Calls des ersten Korpus hauptsächlich Vorträge für Ta-

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gungen einwerben und damit dem Vortragenden – zumindest in der Konzeption – deutlich mehr Zeit einräumen als der gemeinsamen Diskussion, dominieren in den Calls des zweiten Korpus vor allem interaktive Formate, wie Workshops und Roundtables, Fishbowls, Posterpräsentationen usw., welche auf das gemeinsame Ausprobieren zielen und das Vorläufige und Experimentelle nicht nur akzeptieren, sondern normalisieren. Diese ›Doing Culture‹ zeigt sich auch in den geforderten und als zentrale Ziele der avisierten Veranstaltungen formulierten ›Community-Building‹-Maßnahmen, die in den Calls des zweiten Korpus prominent beworben werden, während sie in den Calls des ersten Korpus nicht explizit erwähnt werden. Ex negativo kann die Nicht-Erwähnung von sozialen Aktivitäten als Ausdruck einer bereits etablierten Gruppe gelesen werden. In diese Richtung deuten auch die in den Calls des ersten Untersuchungskorpus gemachten Angaben zum Abstracting. Dass diese Informationen nicht nur deutlich knapper ausfallen, sondern die geforderten Abstracts im Schnitt auch deutlich kürzer sind als jene des zweiten Untersuchungskorpus, in dem einige Calls zusätzlich detaillierte Angaben zu Qualitätsmerkmalen des einzureichenden Abstracts machen, lässt sich als Indiz für ein vergleichsweise hohes implizites kollektives Vertrauen deuten. Die Studien zum Avisieren zeigen somit, dass Calls nicht schlicht auf subsidiäre Gebrauchstexte reduziert werden können, sondern bedeutsame Einblicke in einzelne Praxiszusammenhänge ermöglichen. Diese Beobachtungen sollen nun mit Blick auf weitere Darstellungsformen und Forschungsphasen fortgeführt werden. Nach der Konzentration auf die prospektierende Darstellungsform des Call for Papers und vor der Fokussierung auf die retrospektierende Darstellungsform der Rezension, sollen im Folgenden Aufsätze als Sedimentation und Dokumentation von Objektumgangsweisen – insbesondere des Interpretierens – untersucht werden. Im Unterschied zum Avisieren liegt zum Interpretieren bzw. zur Interpretation eine Vielzahl von Forschungsbeiträgen vor. Auch sie sollen im nächsten Kapitel berücksichtigt und vor dem Hintergrund einer praxeologischen Perspektive problematisiert werden.

III.

Inspektionen

In Aufsätzen gehen Literaturwissenschaftler auf vielfältige Weise mit Gegenständen um.548 Sie analysieren, begründen, behaupten, beobachten, beschreiben, beurteilen, differenzieren, erklären, erörtern, explizieren, fragen, führen aus, geben wieder, illustrieren, kontextualisieren, kritisieren, legen dar, ordnen, problematisieren, referieren, resümieren, sichten, sortieren, strukturieren, subsummieren, systematisieren, theoretisieren, untersuchen, verdeutlichen, vergleichen, widersprechen u.v.a.m. In den letzten Jahren sind weitere Umgangsweisen hinzugekommen bzw. in einzelnen Arbeitseinheiten verstärkt zu beobachten: Objekte werden annotiert, ausgewertet, berechnet, digitalisiert, formatiert, gemessen, getestet, gezählt, indexiert, kodiert, modelliert, operationalisiert, vektorisiert, visualisiert etc. Um solche Umgangsweisen bzw. deren Modifikationen und Kontinuationen zu beobachten, soll in diesem Kapitel der Fokus auf Aufsätze gerichtet werden.549 Hierbei geht es um Texte, in denen vorrangig interpretiert wird, d. h. um Beiträge, in denen sich die oben genannten Umgangsweisen innerhalb der Praxis des Interpretierens anordnen oder zu einer Praxis des Interpretierens amalgamieren. Im Zentrum steht also die Untersuchung des Interpretierens respektive der Interpretation. Allerdings ist es nicht unproblematisch oder zumindest nicht unmittelbar einsichtig, die ausgewählten Aufsätze unter dem Begriff ›Interpretation‹ zusammenzufassen. Denn angesichts der »langen Ge- und Verbrauchsgeschichte«550 der ›Interpretation‹, der »kaum absehbare[n] Menge konkurrierender Bedeutungen«551 und der mittlerweile nur noch schwer zu überblickenden Forschungslage lässt sich gar nicht so leicht sagen, was unter ›Interpretation‹ 548 In dieses Kapitel gingen Überlegungen ein, die ich in folgenden Publikationen bereits vorstellen durfte: Schruhl: »Literaturwissenschaftliche Wissensproduktion«; dies.: »Quantifizieren in der Interpretationspraxis« und dies.: »Objektumgangsnormen in der Literaturwissenschaft«. 549 Zur Auswahl der Aufsätze vgl. Kapitel I. 4.3.2. 550 Weimar : »Was ist Interpretation?«, S. 104. 551 Ebd.

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überhaupt verstanden werden kann. Was in der Literaturwissenschaft gemeinhin ›Interpretation‹ genannt wird, umfaßt gewöhnlich eine ganze Reihe von durchaus unterschiedlichen Verfahren und Vorgehensweisen, die von der semantischen Klärung ungewöhnlicher oder nicht mehr gebräuchlicher Wörter oder syntaktischer Wendungen, zum Beispiel in der Lyrik, bis hin zur Einordnung eines Textes in Werkzusammenhänge, Genres, literarische Epochen sowie soziale, historische oder ideengeschichtliche Kontexte aller Art reichen kann.552

So werden etwa [d]er Aufweis der Struktur eines Textes, das Ermitteln seiner ›Botschaft‹, die Bestimmung des Verhältnisses von ›Form und Inhalt‹, die Einordnung in einen literaturhistorischen Zusammenhang, die Zuschreibung von ästhetischem Wert, die Erklärung des Textes durch Bezug auf Autorintentionen oder gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge […] bisweilen als ›Interpretation‹ bezeichnet.553

Die meisten literaturwissenschaftlichen Studien über Interpretationen heben mit der Feststellung an, dass der »Ausdruck ›Interpretation‹«554 nicht nur »äußerst vielfältig«555, sondern auch »unscharf[]«556, »vage«557, »relativ«558, »mehrdeutig und zudem umstritten«559 oder gar in seiner Übertragbarkeit »problematisch«560 sei. Auch wenn sie sich in ihren jeweiligen Ausrichtungen und Akzentuierungen unterscheiden, operieren die meisten Forschungsbeiträge mit drei grundlegenden Verwendungsweisen des Begriffs.561 Erstens kann ›Interpretation‹ eine Aktivität bezeichnen, d. h. »etwas, das man tut«562. Um diesen Begriff der Interpretation genauer zu bestimmen, wurde in der bisherigen 552 Freundlieb: »Literarische Interpretation«, S. 25. 553 Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 23. 554 Tilmann Köppe und Simone Winko sprechen dezidiert nicht von einem Begriff, sondern von einem Ausdruck bzw. einer Bezeichnung, um der inhärenten terminologischen Unschärfe zu entgehen. Vgl. Köppe, Winko: »Zum Vergleich literaturwissenschaftlicher Interpretationen«, S. 305, Fußnote 1. 555 Gittel: »Die Bestätigung von Interpretationshypothesen«, S. 514. Vgl. ebenso Zabka: Pragmatik der Literaturinterpretation, S. 72ff.; Bühler : »Die Vielfalt des Interpretierens«, S. 122–129. Axel Bühler zählt bspw. siebzehn unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs ›Interpretation‹. 556 Spree: »Interpretation«, S. 167. 557 Hermer8n: »Interpretation. Types and Criteria«, S. 141 [dt. für »vague«]. 558 Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 24. 559 Köppe, Winko: »Zum Vergleich literaturwissenschaftlicher Interpretationen«, S. 305, Fußnote 1. 560 Büttner: »Beliebigkeit der Literaturwissenschaft?«, S. 571, Fußnote 23. 561 Vgl. hierzu die Beobachtungen in Dennerlein, Köppe, Werner : »Interpretation«, S. 4. Ausführlicher setzt sich Thomas Zabka mit diesen drei Verwendungsweisen in der Forschung auseinander. Vgl. Zabka: Pragmatik der Literaturinterpretation, S. 10ff. 562 Kindt, Köppe: »Moderne Interpretationstheorien«, S. 10.

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Forschung versucht, das Interpretieren terminologisch von anderen Umgangsweisen abzugrenzen: Interpretieren versus Analysieren563, Interpretieren versus Beschreiben564, Interpretieren versus Deuten565, Interpretieren versus Erklären566, Interpretieren versus Verstehen567. Zweitens benennt man auch das »Produkt[]«568, »Ergebnis«569 oder »Resultat«570 einer solchen Tätigkeit als ›Interpretation‹, »etwa, wenn von der Interpretation eines Verses von Goethe die Rede ist«571. Allerdings ist hierbei zu beachten, dass sich Interpretationen »nie ausschließlich aus interpretierenden Äußerungen«572 zusammensetzen: »Sie enthalten immer auch Äußerungen wie Zitate, Referate, Beschreibungen, Analysen usw., die selbst nicht interpretierend sind«573. Erst wenn jene »nicht interpretierenden Bestandteile«574 entsprechend im Rahmen einer Interpretation justiert werden, lassen sie sich als zur Interpretation zugehörig erkennen und bezeichnen. Drittens umfasst der Begriff ›Interpretation‹ auch die entsprechende Darstellungsform, deren »Exemplare – wenngleich nicht ausschließlich – aus Interpretationshandlungen hervorgegangen sind«575. Hierfür wurden in der Forschung unterschiedliche Darstellungstypen von Interpretationen und ihre 563 Vgl. Winko: »Textanalyse«, S. 598. Oliver Jahraus zielt dagegen auf ein ›Kooperationsmodell‹ zwischen Analyse und Interpretation, vgl. Jahraus: »Analyse und Interpretation«, insb. das Unterkapitel »Analyse und Interpretation als Umgangsformen mit Texten« (S. 12–16). Für eine ausführliche argumentative Auseinandersetzung vgl. Spoerhase: »Strukturalismus und Hermeneutik«, S. 19–25. Carlos Spoerhase macht in seinem Beitrag auf die Problematik einer unidirektionalen und zumeist hierarchisch angelegten Konzeption von ›Analyse versus Interpretation‹ aufmerksam und kritisiert ein solches Über- bzw. Unterordnungsmodell. 564 Vgl. Kindt, Müller : »Wieviel Interpretation enthalten Beschreibungen?«, insb. S. 287–295. Siehe zudem die unterschiedlichen Problematisierungen zu dieser Differenzierung etwa bei Kindt: »Deskription und Interpretation«, v. a. S. 95–102; Gittel: »Die Bestätigung von Interpretationshypothesen«, insb. das Unterkapitel »Vorbehalte gegenüber der Unterscheidung von Beschreibung und Interpretation« (S. 524–536). 565 Vgl. Spree: »Interpretation«, S. 169. 566 Vgl. Wieser : »Interpretationskulturen«, S. 40–44. 567 Vgl. Weimar : »Über die Grenzen der Interpretation«, S. 127; ders.: »Text, Interpretation, Methode«, S. 114ff. Kritisch wird diese Unterscheidung resümiert in Zabka: Pragmatik der Literaturinterpretation, S. 10–13. Für eine umfassendere Perspektive vgl. Detel: Geist und Verstehen, insb. S. 329ff. und S. 393ff. 568 Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 23. 569 Dennerlein, Köppe, Werner : »Interpretation«, S. 4. 570 Hermer8n: »Interpretation. Types and Criteria«, S. 142 [dt. für »result«]. 571 Kindt, Köppe: »Moderne Interpretationstheorien«, S. 10. 572 Zabka: Pragmatik der Literaturinterpretation, S. 13. Vgl. in ähnlicher Weise Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 23. 573 Zabka: Pragmatik der Literaturinterpretation, S. 13. Ausführlichere Beispiele formuliert Thomas Zabka in einem weiteren Aufsatz, vgl. Zabka: »Interpretationsverhältnisse entfalten«, S. 52. 574 Ders.: Pragmatik der Literaturinterpretation, S. 13. 575 Kindt, Köppe: »Moderne Interpretationstheorien«, S. 11.

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jeweiligen Ziele und Kriterien systematisiert,576 ihre (impliziten) Prämissen über Textualität, Sprache und Bedeutung diskutiert sowie die Indienstnahme einzelner Theoreme und ihrer Geltungsbereiche evaluiert.577 Ein Großteil der Forschung über das Interpretieren bzw. die Interpretation leistet damit Begriffsarbeit. Diese Studien zielen zumeist darauf, Verwendungsweisen des Interpretationsbegriffs voneinander zu unterscheiden und zu präzisieren. Weitaus seltener hat sich die Forschung bisher konkreten Praktiken des Interpretierens gewidmet, und damit Fragen danach, wie die Tätigkeit des Interpretierens überhaupt beobachtet und untersucht werden kann, welche Teilpraktiken eigentlich zum Interpretieren dazugehören, wie sich Interpretieren erlernen lässt und welche Formen der Anwesenheit für diese Aneignungsprozesse grundlegend sind, ob Interpretationsweisen je nach Institution, Disziplin, Teilbereich oder Arbeitseinheit spezifisch ausgeprägt sind und welche epistemischen Implikationen in den einzelnen mit dem Interpretieren verbundenen Praktiken enthalten sind. Auf diese Leerstellen in der Forschung wurde in den letzten Jahren vereinzelt aufmerksam gemacht.578 Forschungsbedarf sehen etwa Jan Borkowski, Stefan Descher, Felicitas Ferder und Philipp David Heine, wenn sie ihren Sammelband zum Interpretieren mit der Anmerkung eröffnen, dass das Interpretieren zwar eine zentrale, vielleicht sogar die zentrale Tätigkeit von Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern darstellt, dies aber […] in bemerkenswertem Kontrast zum großen Mangel an Untersuchungen dieser Praxis […] steht.579

Wenn man das Interpretieren auf Ebene der Praxis beleuchtet, hat man es allerdings »mit einem Sammelbegriff zu tun, unter den viele Einzelhandlungen fallen«580. Die »Tätigkeiten, die mit dem Terminus ›Interpretation‹ zusammengefasst werden«581, lassen sich kaum auf eine »eindeutig abgrenzbare Menge von Aktivitäten festlegen«582. Interpreten vollziehen viele unterschiedliche Praktiken, die vom Lesen, Nachschlagen, Notieren bis hin zum Argumentieren, Be576 Vgl. bspw. die Anlage folgender Studien: Hermer8n: »Interpretation. Types and Criteria«; Bühler : »Die Vielfalt des Interpretierens«; ders.: »Interpretieren – Vielfalt oder Einheit?«; Pettersson: »What is an Interpretation?«; Pettersson: »The Multiplicity of Interpretation«. 577 Vgl. bspw. Zabka: »Interpretationsverhältnisse entfalten«, S. 52ff.; Köppe, Winko: »Zum Vergleich literaturwissenschaftlicher Interpretationen«, S. 306–319; Willand: »Autorfunktionen«, S. 282ff. 578 Vgl. bspw. Albrecht et al.: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens und die praxeologische Schwerpunktsetzung des Bandes, den die Herausgeber in ihrer Einleitung betonen. Zum Problem der Didaxe des Interpretierens vgl. den Band Lessing-Sattari et al.: Interpretationskulturen. 579 Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 60. 580 Dennerlein, Köppe, Werner : »Interpretation«, S. 4. 581 Klausnitzer: »Wie lernt man, was geht?«, S. 155. 582 Freundlieb: »Literarische Interpretation«, S. 26.

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legen, Deuten, Verweisen u.v.a.m. reichen können. Da die Operationen des Interpretierens – wie viele andere Praktiken auch – »eine große Variationsbreite aufweisen, verhältnismäßig unscharf sowie (disziplinär u. a.) wenig spezifisch sind«, liegt die Vermutung nahe, dass sie »definitorisch nicht leicht zu fassen sein dürften«.583 Noch schwieriger wird es, wenn man jene Praxiszusammenhänge in den Blick nehmen möchte, in denen mithilfe computergestützter Verfahren, Programme oder einzelner Tools Texte oder Textdaten ›interpretiert‹ werden. Eine naheliegende kritische Frage wäre, ob in den Digital Humanities-nahen Bereichen der Literaturwissenschaft überhaupt ›interpretiert‹ wird oder inwieweit computergestützte Umgangsweisen nicht gerade darauf zielen, das ›Interpretieren‹ zu überwinden. Wird der letztere Aspekt in Anschlag gebracht, geht es zumeist darum, Normendichotomien wie etwa qualitativ versus quantitativ, explorativ versus kontrolliert, induktiv versus deduktiv, hermeneutisch versus empirisch zu (re-)aktivieren und die jeweils erste Norm als unzureichend, korrekturbedürftig oder unzuverlässig und die jeweils zweite als valide, objektiv und reliabel zu bestimmen.584 Unter einer solchen Perspektive wird oft postuliert, dass ein interpretatives Verfahren, das auf »Intuition und Tradition beruht«, nur so lange hinnehmbar sei, »solange es alternativlos ist«.585 Nun würden computergestützte Programme es jedoch zulassen, »Plausibilität in Prüfbarkeit zu überführen«: »Die bloße Behauptung, ein bestimmtes Beispiel sei signifikant«, sei unter diesen Vorzeichen in einer Interpretation nicht mehr akzeptabel, es gelte vielmehr, sie objektiv »zu erhärten«.586 Während solche Positionen das Potential epistemischer Größen – wie etwa der Intuition – unterschätzen und sogar abqualifizieren, das Interpretieren insgesamt als defizitär fassen und computergestützten Umgangsweisen einen vermeintlich nötigen Szientifizierungsschub für literaturwissenschaftliches Arbeiten zuschreiben, insistieren wiederum andere, dass es sich bei computergestützten Umgangsweisen zwar um wertvolle Testoder Optimierungsverfahren für bestimmte Softwareprogramme oder anschlussfähige Zähl- bzw. Rechenleistungen handele, die allerdings von jenen der Interpretation zu trennen seien. Auf einen solchen wiederholt vorgebrachten Kritikpunkt verweisen beispielsweise Eileen Gardiner und Ronald G. Musto:

583 Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 32. 584 Solche Binaritäten werden vielfach in Stellung gebracht. Vgl. die pointierte Zusammenfassung in Hoover: »Argument, Evidence, and the Limits of Digital Literary Studies«, o. S. 585 Braun: »Kodieren, Annotieren, Theoretisieren«, S. 88. 586 Ebd.

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One of the criticisms often raised against digital humanities projects is that, while they present much material in the digital form – gathering and manipulating it – they do not venture into analysis or interpretation.587

So eindeutig wie diese unterschiedlichen Beobachtungen suggerieren, liegt die Sache jedoch nicht.588 Gegen Positionen, die computergestützte Umgangsweisen lediglich als vor-interpretative Sammlungs- und Ordnungsaktivitäten einordnen, bringt etwa Manuel Braun vor, dass diese vielmehr als »eine andere Art des Interpretierens«589 verstanden werden sollten. »Das Ende der Interpretation«, so Manuel Braun, sei »mit ihnen […] nicht verbunden«, vor allem weil nicht vergessen werden dürfe, dass generell »alle Daten, die sich aus Korpora erheben lassen, der Interpretation [bedürfen]«.590 In ähnlicher Weise konstatiert Marcus Willand, dass in den Digital Humantities-nahen Arbeitsbereichen der Literaturwissenschaft »nicht nur der Primärtext selbst interpretiert wird, sondern auch die Ergebnisse seiner Analyse, etwa Graphen«591. Ebenso weist Matthew Jockers darauf hin, dass auch computergestützte Datenerhebungen mit Interpretationsaktivitäten verbunden sind: »We must […] interpret and explain that derivative data«592. Der »Einsatz quantitativer Methoden« – so pointiert Thomas Weitin – erfordere es, »verifikationskritisch« zu sein und folglich noch mehr in das Interpretieren zu investieren.593 Diese Überlegungen legen zumindest eine Ausweitung der Praxis des Interpretierens nahe. Um allerdings herauszufinden zu können, ob, wie und in welchem Maß sich die Praxis des Interpretierens, die Gegenstände der Interpretation, die einzelnen Teilpraktiken der Interpretation oder spezifische Interpretationsziele unter digitalen Vorzeichen tatsächlich modifizieren (oder kontinuieren), muss jedoch zunächst die Praxis des Interpretierens ohne implementierte computergestützte Teilpraktiken erfasst werden. Denn erst vor diesem Hintergrund können Veränderungen ausgemacht werden. Um diesen Fragen nachzugehen, wurden in der vorliegenden Studie 130 Aufsätze der Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, der Zeitschrift für Germanistik, der Zeitschrift für deutsche Philologie und aus dem Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft ausgewählt und 587 Gardiner, Musto: The Digital Humanities, S. 29. Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Studie von Gottschall: Literature, Science, and a New Humanities. 588 Vgl. hierzu die treffenden Überlegungen in Willand: »Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse«, S. 93. 589 Braun: »Kodieren, Annotieren, Theoretisieren«, S. 90. 590 Ebd. 591 Willand: »Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse«, S. 85. 592 Jockers: Macroanalysis, S. 30. 593 Weitin: »Digitale Literaturwissenschaft«, S. 655f.

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untersucht. Mit den dort angestellten Beobachtungen sollen im Anschluss 81 Aufsätze der Zeitschriften Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities, Digital Humanities Quarterly, Digital Studies / Le champ num8rique und des Journal of Digital Humanities analysiert werden.594 Dabei wird der Blick auf den Praxiszusammenhang des Interpretierens auch solche Teilpraktiken inkludieren, die für sich genommen nicht als interpretative Aktivitäten, sondern als »vor-interpretative[] Praktiken des Textumgangs«595 zu verstehen sind, aber im Rahmen eines Praxiszusammenhangs mit interpretatorischen Praktiken verkettet und mit Blick auf interpretatorische Aussagen ausgeführt werden. Das folgende Kapitel zur postulierten Resilienz des Interpretierens soll diese Untersuchung theoretisch vorbereiten, indem es die Spezifik und den potentiellen Mehrwert einer praxeologischen Perspektive auf das Interpretieren in Abgrenzung zu dominanten (interpretationskritischen) Forschungspositionen innerhalb der Literaturwissenschaft herausarbeitet. Denn bislang ungeklärt ist nicht nur die Frage, wie sich computergestützte Umgangsweisen der Digital Humanities zum Interpretieren verhalten, sondern auch, was die (postulierte) Resilienz des Interpretierens in der Literaturwissenschaft eigentlich ausmacht.

1.

Die (postulierte) Resilienz des Interpretierens

Als »Kernbereich«596, »wichtigste Tätigkeit«597 und »eigentliche[s] Geschäft«598 wird das Interpretieren gemeinhin zur »alltäglichen Praxis der Literaturwissenschaft«599 gezählt. Es bilde die »Hauptaufgabe«600, das »Kerngeschäft«601 sowie den »Mittelpunkt literaturwissenschaftlicher Reflexion«602 und stehe im »Zentrum […] der Literaturwissenschaft«603 : Beyond any doubt, interpretation […] is the core of critical activities and hence their pivotal question; and I am sure an overwhelming majority of test persons asked to 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603

Zu Auswahlkriterien dieser Aufsätze siehe Kapitel I. 4.3.2. Willand: »Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse«, S. 93. Vollhardt: »Einleitung. Auslegung und Deutung literarischer Texte«, S. 117. Spree: Kritik der Interpretation, S. 9. Neuhaus: »Wozu Literaturtheorie?«, S. 31; ebenso Danneberg, Müller: »Probleme der Textinterpretation«, S. 133. Frier, Labroisse: Grundfragen der Textwissenschaft [o. S., Vorbemerkung]. Vgl. Spree: »Interpretation«, S. 167. Liebrand, Kaus: »Interpretieren nach den turns«, S. 7; ebenso Nünning, Stauf, Strohschneider : »Kriterien und Standards der Literaturwissenschaft«, S. 8. Schutte: Einführung in die Literaturinterpretation, S. 1 [mit Verweis auf die erste Auflage des Bandes]. Böhme: »Einleitung. Konzepte und Exempel der Interpretation«, S. 231.

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define the duty and actual practice of literary scholars would answer : They do interpret!604

Oft werden Interpretationen als »Haupttätigkeiten«605 der Literaturwissenschaft vorgestellt, »und nichts [deute] darauf hin, daß sich das bald ändern wird«606. »Literaturwissenschaft ist Interpretationswissenschaft par excellence«607, pointiert etwa Oliver Jahraus. Die in diesen Zitaten proklamierte Prominenz des Interpretierens und die Beobachtung, dass das Interpretieren »die Mitte eines durch starke zentrifugale Kräfte gekennzeichneten disziplinären Gefüges kennzeichnet und womöglich stabilisiert«608, ist zunächst sowohl aus historischer Perspektive als auch mit Blick auf die Problemgeschichte des Interpretierens sowie aufgrund fehlender breiter empirischer Daten bemerkenswert. Erstens hat sich die Literaturwissenschaft erst »im 20. Jahrhundert wesentlich als Interpretationswissenschaft etabliert, auch wenn ihr daneben noch zahlreiche andere Aufgabenbereiche erhalten geblieben und neue zugewachsen sind«609. Vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen sich Tätigkeiten wie beispielsweise das Sammeln, Edieren und Kommentieren als disziplinäre Leitpraktiken beschreiben.610 Beispielhaft lassen sich solche Praxisverschiebungen an historischen Karriereverläufen ablesen. Etwa Wilhelm Scherer konnte zum »einflußreichste[n] Germanist des 19. Jahrhunderts«611 werden, ohne eine Interpretationsarbeit (i. e. S.) vorzulegen. Im Unterschied zu den Karriereprofilen heutiger Lehrstuhlinhaber, in deren Arbeits- und Publikationsalltag das Interpretieren in der Regel einen zentralen Stellenwert einnimmt,612 waren es die Praktiken des Edierens, Kommentierens und Kritisierens althochdeutscher Prosa, die Wilhelm Scherers

604 Schmidt: »Interpretation Today – Introductory Remarks«, S. 71. 605 Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 1. 606 Kablitz: »Theorie der Literatur und Kunst der Interpretation«, S. 221. Vgl. ebenso ders.: Kunst des Möglichen, S. 93. 607 Jahraus: »Die Unhintergehbarkeit der Interpretation«, S. 246 [Hervorhebung im Original]. 608 Strohschneider, Vollhardt: »Interpretation. Einleitung in den Thementeil«, S. 102. 609 Brenner: Das Problem der Interpretation, S. 65. 610 Vor diesem Hintergrund wäre es interessant, die wechselvolle Geschichte einzelner Praktiken zu untersuchen und darüber nachzudenken, welche Praktiken in der Geschichte der Literaturwissenschaft schon im Zentrum standen und wie sich diese zu der Disziplin-, Methoden- und Theoriegeschichte des Fachs verhalten. Zur wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive auf das Interpretieren vgl. Weimar : Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft, S. 349–412 [Kapitel »Kunst der Interpretation«]. 611 Müller : »Wilhelm Scherer«, S. 80. 612 Dieser Schluss liegt nahe, wenn man die Publikationslisten in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft durchsieht. Vgl. etwa die Publikationen der jeweiligen NdL-Lehrstuhlinhaber/innen der Universitäten in Berlin, Hamburg, München und Köln. Alle Lehrstuhlinhaber/innen publizieren regelmäßig und zu großem Anteil Interpretationsarbeiten.

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Laufbahn maßgeblich bestimmten.613 Auch wenn breitere Forschungsarbeiten hierzu bislang fehlen, deutet diese Beobachtung bereits darauf hin, dass das Interpretieren nicht seit jeher im Zentrum der Disziplin steht, sondern vor 1850 höchstens als Subpraktik beispielsweise innerhalb der Praxis des Kommentierens zu identifizieren wäre.614 Zweitens wurden in den letzten Jahrzehnten unterschiedliche Aspekte der Interpretation massiver Kritik ausgesetzt.615 Diese Kritik reichte von prominenten, über die Literaturwissenschaft weit hinausreichende Parolen wie »Against Interpretation«616 und »Stop making Sense«617, die gegen die »Allianz von komplexem Text und akademischer Lektüre als eine institutionell gesicherte Machtkonstellation«618 polemisierten und das Interpretieren »als repressiven Ausdruck des bürgerlichen Bildungsideals«619 deuteten, bis hin zu kritisch-rationalistischen620 und logisch-analytischen621 Validierungs- und Evaluationsprojekten, welche die vermeintlichen Defizite literaturwissenschaftlicher Interpretationen im Zuge der sogenannten ›Szientifizierungsbemühungen‹ zu überwinden versuchten.622 Die ausgemachten Mängel galten mitunter als so gravierend, dass sogar von der Interpretation als einer »Geschichte mit Ende«623 gesprochen wurde. Angesichts »unübersehbarer Sterilitätssymptome« sei offensichtlich, »daß die lange Herrschaft der Interpre613 Vgl. Müller : »Wilhelm Scherer«, S. 83. 614 Vgl. die Überlegungen in Weimar : »Interpretationsweisen bis 1850«. 615 Einzelne, im Folgenden zitierte Positionen wurden vor den 1980er-Jahren – und damit außerhalb des Untersuchungszeitraums – geäußert. Sie werden nur dann erwähnt, wenn ihre Beobachtungen spätere Entwicklungen nachvollziehbar werden lassen. 616 Vgl. Sonntag: Against Interpretation. Dieser Text könnte »als Ausgangspunkt eines Theorieschubs, in dessen Verlauf immer wieder die Abschaffung des zentralen literaturwissenschaftlichen Verfahrens der Textinterpretation gefordert wurde«, gesehen werden – auch wenn er, was hervorzuheben ist – sich nicht direkt an die Literaturwissenschaft richtet, sondern eher generell die Deutungen von Kunstwerken auch in nicht-akademischen Kontexten ins Zentrum rückt. Vgl. Spree: »Kritik der Interpretation«, S. 185. 617 Bolz: Stop Making Sense. 618 Assmann: »Einleitung«, S. 14. 619 Für eine Zusammenfassung jener kritischen Positionen vgl. Spree: »Kritik der Interpretation«, S. 185ff. 620 Eibl: Kritisch-rationale Literaturwissenschaft; Danneberg, Müller : »Probleme der Textinterpretation«; Pasternack: »Zur Rationalität der Interpretation«; Groeben, Pahlke: »Was kann und soll Rationale Rekonstruktion hermeneutischer Interpretationsansätze (nicht) leisten?«. 621 Göttner : Logik der Interpretation; Grewendorf: Argumentation und Interpretation; von Savigny : Argumentation in der Literaturwissenschaft; Schmidt: Literaturwissenschaft als argumentierende Literaturwissenschaft; Kindt, Schmidt: Interpretationsanalysen; Strube: Analytische Philosophie der Literaturwissenschaft. 622 Einen luziden Überblick über interpretationskritische Positionen bieten: Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, insb. S. 11–22. Die erste systematische Aufarbeitung der Forschungsarbeiten zur Interpretation übernahm Spree: Kritik der Interpretation. 623 Vgl. Schmidt: »Interpretation – Eine Geschichte mit Ende«.

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tation als Führungsfigur der Literaturwissenschaft ihrem Ende entgegengeh[e]«.624 Denn [w]er sich einmal die Mühe gemacht hat, Interpretationen berühmter Literaturwissenschaftler […] durchzusehen, dem wird sofort einleuchten, welche radikalen Veränderungen in der literaturwissenschaftlichen Arbeit sich vollziehen müssen […].625

Die Kritik ging mithin so weit, dass man von der »Unmöglichkeit bzw. Irrelevanz wissenschaftlicher Interpretation«626 ausging und grundsätzlich in Frage stellte, ob Interpretationen überhaupt »ein brauchbares Mittel sein könnten, um mit ihrer Hilfe zu soliden Erkenntnissen über ihren Untersuchungsgegenstand, die Literatur, zu gelangen«627. Demnach könne das Interpretieren »kein selbstverständliches Geschäft«628 für die Literaturwissenschaft sein, und der »Unvermeidlichkeit«629 oder »Unhintergehbarkeit«630 der Interpretation sei entschieden zu widersprechen. Vor dem Hintergrund solcher »wiederkehrenden Todeserklärungen der literarischen Interpretation«631 ist es beachtenswert, dass dem Interpretieren, wie in den anfangs genannten Zitaten, gleichzeitig (von anderer Seite) auch eine ›stabilisierende‹ und ›zentrale‹ Funktion für das ›disziplinäre Gefüge‹ zugeschrieben wird.632 Drittens ist auffällig, dass trotz der breiten, andauernden und kritischen Auseinandersetzungen über unterschiedliche Aspekte der Interpretation bislang empirisch belastbare Studien zur Aktivität des Interpretierens fehlen. Es existieren keine Erhebungen darüber, wer interpretiert, was interpretiert wird und wieviel interpretiert wird.633 Noch ungeklärt sind – auf Grundlage breiter empirischer Daten – beispielsweise Fragen danach, welche Tätigkeiten zum Interpretieren gehören, aus welchen Teilpraktiken sich das Interpretieren zusammensetzt, wie man Interpretationsbedürftigkeit ausstellt oder Interpretationsbereitschaft stimuliert, welche Gegenstände in welchen Teilbereichen vorrangig interpretiert werden, an welchen Orten privilegiert interpretiert wird, ob sich das Interpretieren in der Lehre von dem Interpretieren in der Forschung unterscheidet u.v.a.m. Der Gegenstand der

624 625 626 627 628 629 630 631 632 633

Schwanitz: »Literaturwissenschaft«, S. 13. Schmidt: Literaturwissenschaft als argumentierende Literaturwissenschaft, S. 72f. Eibl: »Sind Interpretationen falsifizierbar?«, S. 169. Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 37. Bucher : »Das Performative als Fokus und Problem der neueren Repräsentationstheorie«, S. 211. Kablitz: »Theorie der Literatur und Kunst der Interpretation«, S. 221. Vgl. Jahraus: »Die Unhintergehbarkeit der Interpretation«. Birus: »Einleitung zu ›Interpretation und Interpretationsmethoden‹«, S. 177. Vgl. Strohschneider, Vollhardt: »Interpretation. Einleitung in den Thementeil«, S. 102. Eine Ausnahme stellt Simone Winkos Untersuchung zu Autorfunktionen in literaturwissenschaftlichen Interpretationen dar. Vgl. Winko: »Autor-Funktionen«.

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Diskussionen – so könnte man auch sagen – ist demnach unter einer empirischen Perspektive weitgehend unbekannt. In einem empirischen Vorgriff auf das aus Fachaufsätzen literaturwissenschaftlicher Zeitschriften erstellte Untersuchungskorpus lässt sich an dieser Stelle konstatieren, dass von 214 sondierten Aufsätzen 130 Beiträge aus dem ersten Untersuchungskorpus als Interpretationstexte bestimmt wurden.634 60,7 Prozent der durchgesehenen Aufsätze interpretieren fiktionale Texte.635 Über die Hälfte der sondierten Aufsätze gruppieren sich demnach um eine einzige Praxis. Interpretationen sind also überdurchschnittlich häufig auszumachen. Bei den übrigen Aufsätzen handelt es sich um Theoriebeiträge, Editionsreflexionen, wissens-, wissenschafts-, disziplin- oder literaturgeschichtliche Auseinandersetzungen. Außerdem gilt es in Erinnerung zu halten, dass die Erhebung mediävistische Interpretationen sowie Interpretationen von Filmen, Briefen und Autobiografien ausschließt.636 Wären diese Texte hinzugezogen worden, wäre der Anteil an Interpretationen signifikant höher. So deutet schon dieser Befund darauf hin, dass den zu Beginn des Kapitels zitierten Proklamationen zur »Prominenz des Interpretierens«637 mit Blick auf das vorliegende erste Korpus zugestimmt werden kann. Neben der theoretisch beschworenen »Krise der Interpretation«638 und der andauernden Kritik am Interpretieren hat sich »eine breitgefächerte Interpretationspraxis unabhängig und davon relativ unbeeinflusst etabliert«639.

634 Vgl. zu den Auswahlkriterien Kapitel I. 4.3.2. 635 Simone Winko kam in ihrer Studie zu einem ähnlichen Ergebnis: Von den von ihr durchgesehenen 385 Aufsätzen aus den entsprechenden Rubriken der Zeitschriften Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Euphorion, Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft und Zeitschrift für Germanistik, welche zwischen 1996 und 2001 publiziert wurden, waren 229 Beiträge (59,5 Prozent) als Interpretationstexte zu kategorisieren. Vgl. Winko: »Autor-Funktionen«, S. 339f. 636 Vgl. die Kriterien der Korpusgenerierung dieser Studie. 637 Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 1. 638 Vgl. Spree: Kritik der Interpretation, S. 9. Ausführlicher siehe Levin: »The Crisis of Interpretation«. 639 Jahraus: »Die Unhintergehbarkeit der Interpretation«, S. 241. Vgl. ebenso die Überlegung von Ralf Klausnitzer. Er hebt hervor, dass das Interpretieren zwar »seit geraumer Zeit in Misskredit geraten scheint und Alternativprojekte von ›Lektüren‹ entwickelt wurden, um die Labilität von Sinnkonstitutionen in der Vielfalt unterschiedlicher Lesarten desselben Textes nachzuweisen […]«. Allerdings blieben aus seiner Perspektive »die Ermittlung von Bedeutung(en) und die Begründung von Bedeutungszuschreibungen nach wie vor zentrale kulturelle Aufgaben« (Klausnitzer : »Wie lernt man, was geht?«, S. 156). Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Beobachtungen in Freundlieb: »Literarische Interpretation«, S. 25ff.; Ibsch: »Die Interpretation und kein Ende«, S. 15 sowie Jahraus, Scheffer : »Vorwort«, S. 3.

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Was diese Praxis konkret auszeichnet, soll im Folgenden untersucht werden. Zuvor wird es aber darum gehen, die »Infragestellungen und teils polemischen Angriffe, denen das Interpretieren in den vergangenen Jahrzehnten ausgesetzt war«640, zu rekonstruieren, und zu skizzieren, in welcher Weise das Interpretieren in der literaturwissenschaftlichen Forschung häufig perspektiviert, diskutiert und kritisiert wurde. Die folgende Reflexion und Problematisierung der literaturwissenschaftlichen Interpretationsforschung dient dazu, die Konturen einer praxeologischen Perspektive auf das Interpretieren zu umreißen, die dann in den Untersuchungen der Aufsätze aus literaturwissenschaftlichen Zeitschriften und aus Zeitschriften der literaturwissenschaftlich affinen Digital Humanties angewandt werden soll.

2.

Zur Kritik des Interpretierens

Blickt man auf theoretisch-konzeptionelle und analytisch orientierte Forschungsbeiträge über das Interpretieren, fällt auf, dass sie zumeist evaluativ bzw. kritisch angelegt sind und häufig innerhalb von Krisendiskursen artikuliert werden. Im Zentrum stehen vorrangig Defizite oder Ungenauigkeiten literaturwissenschaftlicher Interpretationsarbeit, die behoben, reguliert oder verbessert werden müssten.641 Dabei werden vor allem zwei Kritikpunkte genannt: Erstens wird vielen literaturwissenschaftlichen Interpretationen vorgehalten, dass sie unzureichend differenziert, methodisch-analytisch ungenau oder theoretisch überfrachtet bzw. unterinformiert wären. Kurzum, dass sie ein – in welcher Hinsicht auch immer – unpassendes Theorie- bzw. Methodenverhältnis eingegangen seien.642 Zweitens wird angemerkt, dass für das Interpretieren verlässliche, d. h. allgemein verbindliche und explizit geltende Normen und Standards fehlten.643 Gesucht wird unter einer solchen Perspektive eine »phi640 Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 1. 641 Vgl. zu den folgenden Beobachtungen die grundlegenden Pointierungen von Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, insb. S. 50. 642 Vgl. dieselbe Diagnose bei Wennerscheid: »Literaturwissenschaft und Eigensinn«, S. 252f.; Bunia: »Das Handwerk in der Theoriebildung«, S. 154f. Zur Engführung von Interpretation und Theorie vgl. etwa Jahraus, Scheffer : »Vorwort«, S. 1; Vietta: »Kanon und Theorieverwerfungen«, S. 14ff. 643 Vgl. bspw. Schönert: »Zu Geltungsansprüchen und Durchsetzbarkeit von Standards für die Interpretation«, S. 318 und S. 333. Ebenso Danneberg, Müller : »Verwissenschaftlichung der Literaturwissenschaft«, S. 172: Dringend müsste »zur Lösung der auftauchenden Probleme ein Katalog von Kriterien formuliert werden«. Ein weiteres Beispiel liefert Joachim Küpper: Könnte sich die Literaturwissenschaft beim Interpretieren auf eindeutige Kriterien stützen, würde sie – so vermutet Küpper – »vorausgesetzt natürlich bei gleichen Leistungen im rein handwerklichen Verständnis, auf der Skala der Wissenschaftlichkeit gleich hoch rangieren wie unsere Kollegen aus den juristischen, den philosophischen, den

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lologische Rationalität« mit mindestens einem »Minimalkatalog von Kriterien, der es erlaubt, wirklichen Fortschritt – das heißt konjunkturresistente Ergebnisse – von leerem Theoriedesign zu unterscheiden«.644 Die beiden Positionen werden häufig nicht nur als Ursache für den »beklagenswerten Zustand«645 des Interpretierens gedeutet, sondern auch für die vermeintlich krisenhafte Verfassung der Literaturwissenschaft verantwortlich gemacht: Könnte die Literaturwissenschaft auf stabile theoretische Grundlagen zurückgreifen, so behaupten die einen, wäre sie nicht auf die Explizierung von Normen (u. a. für das Interpretieren) angewiesen; hätte die Literaturwissenschaft reliable Normen, so beschwichtigen die anderen, wüsste man, welche Theorien oder Methoden (u. a. für das Interpretieren) adäquat seien.646 Vor dem Hintergrund der Digitalisierung werden solche Diagnosen weiter verschärft, insofern betont wird, dass bisherige, als unzureichend bewertete Theorieverhältnisse mit Blick auf Big Data vollständig aufgekündigt werden könnten.647 Big Data fungiere als »Theorieersatz«648. Statt in »Theoriebildung«

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historischen und den theologischen Seminaren« (Küpper: »Zu den Schwierigkeiten einer Wissenschaft vom literarischen Text«, S. 12). Vollhardt: »Text und Kontext«, S. 31 in Anlehnung an Hempfer: »Überlegungen zur möglichen Rationalität(sform) literaturwissenschaftlicher Interpretation«. Eibl: Kritisch-rationale Literaturwissenschaft, S. 7. Die beiden genannten Kritikpunkte werden häufig mit dem Verweis auf Methoden (im Sinne von regelhaften, von Theorien instruierten Operationen) in Zusammenhang gebracht, bspw. bei Remigius Bunia: »Die Literaturwissenschaften haben nun nie eine Methode entwickelt, die es erlauben würde, essenzielle Schritte kontrolliert durchzuführen. Im Fehlen der Methode liegt der Mangel an Kriterien für die Richtigkeit von Ergebnissen« (Bunia: »Das Handwerk in der Theoriebildung«, S. 154). Vgl. ebenso bei Pasternack: Theoriebildung in der Literaturwissenschaft, S. 169ff.; Danneberg, Müller : »Verwissenschaftlichung der Literaturwissenschaft«, S. 169; Petraschka: »Der Schluss auf die beste Erklärung«, S. 141. Zusätzlich wird als »Hauptgrund dafür, warum ein Konsens in Bezug auf Kriterien und Standards in der Literaturwissenschaft bislang trotz einiger Fluchtpunkte in der Diskussion nicht zu erkennen ist«, angegeben, »dass selbst über eine zentrale Frage wie die, was eigentlich der Gegenstand der Literaturwissenschaft ist, keine Einigkeit besteht« (Nünning, Stauf, Strohschneider : »Kriterien und Standards der Literaturwissenschaft«, S. 7). Ebenso: »In einigen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gibt es tatsächlich nicht nur keinen Konsens über die Kriterien für gute und schlechte Wissenschaft, es gibt auch keinen Konsens mehr über die Gegenstände der Wissenschaft und die sinnvollerweise zu verwendenden Methoden. Die Germanistik, so einige ihrer Vertreter, sei hierfür ein besonders aussagestarkes Beispiel« (Herbert, Kaube: »Über Standards, Leistung und Hochschulreform«, S. 45). Auffallend an diesen Diagnosen des Mangels (an Methoden, Theorien, Kriterien, Gegenständen usw.) ist vor allem die Konstruktion wechselseitiger Kausalität, welche zumeist mit hohen Homogenitätserwartungen und Einheitsvorstellungen der Disziplin einhergehen. Vgl. hierzu pointiert Martus, Thomalla, Zimmer : »Normalität der Krise«, S. 520. Vgl. zu Big Data in der Literaturwissenschaft bspw. Ganascia: »The Logic of the Big Data Turn in Digital Literary Studies«, insb. das Unterkapitel »The Logic of Big Data«, o. S. Vgl. Ritschel, Müller : »Big Data als Theorieersatz«.

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zu investieren, gelte es, »Datenakkumulation« zu betreiben.649 Zudem wird häufig argumentiert, dass mit dem Einsatz von digitalen Verfahren ein erhöhtes Validierungspotential einhergehe, das bisherige, auf »subjektiven Präsuppositionen«650 und »intuitiven Einschätzungen«651 basierende Interpretationen zu ›objektiven‹ und ›überprüfbaren‹ Forschungsergebnissen veredle. Der angebliche Mangel an allgemeingültigen und verlässlichen Normen und Standards könne unter einer solchen Perspektive durch computergestützte Forschung vermeintlich ausgeglichen bzw. überwunden werden. Mit dem Ziel, eine praxeologische Kritik an einem solchen Verständnis von Theorien und Normen vorzubereiten, geht es in den nächsten beiden Kapiteln darum, den Status von Theorien in der Interpretationspraxis (Kap. 2.1) zu befragen und Bestimmungsversuche fixierter Normen und Standards (Kap. 2.2) zu problematisieren. Die Reformulierung dieser zwei Problemzusammenhänge erweist sich als grundlegend für eine praxeologische Perspektive auf das Interpretieren. Mit dem Blick auf Praktiken lassen sich, so soll gezeigt werden, die Anleitungserwartungen gegenüber Theorien und Normen relativieren, indem Theorien und Normen als praxisinhärent vorgestellt werden.

2.1

Über den Status von Theorie

Mit Blick auf Positionen, die literaturwissenschaftlichen Interpretationen theoretische Ungenauigkeiten, Verkürzungen oder Überfrachtungen vorwerfen, lässt sich die komplexe Anlage von Theorien innerhalb der literaturwissenschaftlichen Interpretationspraxis aufzeigen. Eine »typische Einschätzung« in der Forschung sei etwa, wie die Herausgeber eines aktuellen Sammelbandes zur Interpretation resümieren, dass die Interpretationspraxis in der einen oder anderen Weise defizitär sei, was u. a. auch daran liege, dass sich theoretische […] Reflexionen nur ungenügend in der tatsächlich ausgeübten Praxis niedergeschlagen hätten.652

Diese Kritiken basieren zumeist auf der Annahme, dass Theorien der (Interpretations-)Praxis übergeordnet seien und sie direkt anweisen würden.653 Wenn diese Erwartung enttäuscht wird, geraten die Befunde schnell zu Urteilen über ein ›unwissenschaftliches‹ Fach. Theorien würden nur inkonsistent angewandt, Röhle: »Big Data – Big Humanities?«, S. 167. Dimpel: »Der Computerphilologe als Interpret«, S. 341. Sabol: »Semantic Analysis and Fictive Worlds«, S. 97. Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 50 [Hervorhebung im Original]. 653 Vgl. bspw. Bunia: »Das Handwerk in der Theoriebildung«, S. 154ff.

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mangelhaft rezipiert oder stünden in einem falschen Verhältnis zur eigentlichen Aufgabe der Literaturwissenschaft.654 Aus dieser Perspektive wird die unzureichende Fundierung655 oder der »vortheoretische Zustand«656 des Interpretierens beklagt und die »mit der Interpretation von Texten befaßte Literaturwissenschaft als eine von Theoriebildung unberührte Fachdisziplin eingeschätzt«, welche allein »mit rigidesten Methoden einer ›Linguistisierung‹ oder ›Theoretisierung‹ auf den ›Stand einer theoretischen Disziplin‹ gebracht werden könne«.657 In einer Art »theoriefeindlichen«658 Gegenreaktion wurde Theorie »als finstere Verschwörung« beschrieben, »welche die Präzision historischphilologischer Detailarbeit an die Wand drückt«.659 Anstatt die »Röntgenbilder der Theorie« anzustarren, solle man »sich den lebendigen Körpern der Texte selbst zu[]wenden«.660 Der eigentliche Gegenstand der Disziplin gerate nämlich, so jene Positionen, angesichts »überbordender Theoriediskussion«661 ins Hintertreffen und würde ›verlorengehen‹. Nicht zuletzt müsse man einem anythinggoes-Theorie-Eklektizismus662 Einhalt gebieten, der jedem erlaube, sich »an dem theoretischen Überangebot […] wie im Gemüseladen [zu] bedienen oder auch darauf [zu] verzichten«663. Neben der Theorieskepsis stellte sich in der Folge eine »Theoriemüdigkeit«664 ein, die diesen Problematisierungen keinen »größeren allgemeinen Erregungswert«665 zuschrieb. Im Zuge der Digitalisierung war dann in abgeklärter Weise von »überholter Theorie«666 und vom »Ende der Theorie«667

654 Vgl. bspw. Ort: »Texttheorie – Textempirie – Textanalyse«, S. 107. 655 Vgl. etwa den Aufsatztitel von Torsten Hahn: »Wie man es auch dreht und wendet, es fehlt etwas (facheinheitliche Theorie)«. 656 Pasternack: Theoriebildung in der Literaturwissenschaft, S. 9. Dazu ebenso Danneberg, Müller : »Probleme der Textinterpretation«, S. 133; Grizelj, Jahraus, Prokic: »Einleitung: Phantasmen des ›Vortheoretischen‹«. 657 Resümierend Danneberg, Müller : »Verwissenschaftlichung der Literaturwissenschaft«, S. 163. 658 Vgl. die Situationsbeschreibung der 1990er-Jahre in Danneberg et al.: »Vorwort«, S. 7. 659 Pfeiffer : »Theorie als kulturelles Ereignis«, S. 10. 660 Koch: Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung, S. XII. 661 Vgl. zusammenfassend Horstmann: »Qualität und Qualitätsprüfung«, S. 215. 662 Vgl. Meierhofer, Scheufler : »Turns und Trends der Literaturwissenschaft«, S. 7ff. 663 Pointierend King, Reiling: »Das Text-Kontext-Problem in der literaturwissenschaftlichen Praxis«, S. 4. Vgl. hierzu auch die Beobachtungen in Bremer, Wirth: »Die philologische Frage«, S. 44. 664 Vgl. den Untertitel »Wider die Theoriemüdigkeit in den Geisteswissenschaften« in Grizelj, Jahraus: Theorietheorie sowie weiterführend Lepper : »Wissenschaftsgeschichte als Theoriegeschichte«, S. 33; Klausnitzer : »Koexistenz und Konkurrenz«, S. 39. 665 Vgl. die unterhaltsam-polemischen Beobachtungen hierzu in Hörisch: Theorie-Apotheke, S. 14. 666 Boellstorff: »Die Konstruktion von Big Data in der Theorie«, S. 107. 667 Vgl. Anderson: »Das Ende der Theorie«.

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bzw. von einem »›post-theoretical age‹«668 die Rede: »[T]he time of theory« und »the time for theory« sei endgültig vorbei.669 Diese – hier grob skizzierten und polemisch zugespitzten – Positionen zum Stellenwert von Theorien in der Interpretationspraxis sind auffallend disparat. Sie reichen von Einschätzungen, dass es zwar Theorien gebe, diese aber nicht adäquat angewendet würden, das Spektrum möglicher Theorieangebote viel zu weit sei und man ›eigene‹ Theorien benötige, dass die Konzentration auf Theorien ohnehin verfehlt sei und dass man gar keine Theorien brauche, bis hin zu Proklamationen, dass man zwar auf Theorien angewiesen sei, man aber gar nicht wisse, welche Theorie (in welcher Hinsicht und für welchen Teilbereich) ›angemessen‹ sei – oder dass man diese Überlegungen insgesamt doch einfach umgehen solle. Ob sich die literaturwissenschaftliche Interpretation – oder einzelne Teilbereiche, das ganze Fach oder die Geisteswissenschaften insgesamt – in einem Zustand »nach der Theorie«670 oder »vor der Theorie«671 befinde und ob ersteres oder letzteres bedauerns- oder wünschenswert sei (und ob diese Frage überhaupt relevant ist), blieb bislang offen.672 Jene »Oszillationsbewegung zwischen Theoriekonjunktur und Theorieabgesang, Theoriefeier und Theoriemüdigkeit, Theorieexplosion und Theorieverachtung«673 soll hier nicht aufgelöst werden, indem einzelne Positionen einer kritischen Lektüre unterzogen werden. Die zahlreichen heterogenen Beschreibungen sollen vielmehr insgesamt in den Blick genommen werden, um die Komplexität des Problemzusammenhangs zu entfalten.674 Woran könnte es lie668 Röhle: »Big Data – Big Humanities?«, S. 167. 669 Hall: »Has Critical Theory Run Out of Time for Data-Driven Scholarship?«, S. 129f. [Hervorhebung im Original]. 670 Vgl. bspw. Geisenhanslücke: Textkulturen. Literaturtheorie nach dem Ende der Theorie; ebenso Culler : The Literary in Theory. Zur Rede vom Ende der Theorie in einem weiteren Kontext vgl. Mitchell: Against Theory ; Docherty : After Theoy ; Butler, Guillory, Thomas: What’s left after theory ; Eagleton: After Theory ; Callus, Herbrechter : Post-Theory, Culture, Criticism. 671 Vgl. bspw. Grizelj, Jahraus, Prokic: Vor der Theorie; Lagaay : »Vor der Theorie«; Danneberg, Müller : »Wissenschaftstheorie, Hermeneutik, Literaturwissenschaft«, S. 177ff. 672 Vgl. den Beobachtungsbefund von Nikolaus Wegmann zum Umgang mit Theorie in der Literaturwissenschaft in Wegmann: »›Wer von der Sache nichts versteht, macht Theorie‹«, insb. S. 514f. 673 Grizelj, Jahraus: »Einleitung: Theorietheorie«, S. 9. 674 Ähnliches haben vermutlich auch Oliver Jahraus und Mario Grizelj im Sinn, wenn sie in Anlehnung an Jean Clam von »Theorietheorie« sprechen, um beobachten zu können, »wie Theorien funktionieren, die selbst beschreiben wollen, wie Theorien funktionieren« (Grizelj, Jahraus: »Einleitung: Theorietheorie«, S. 10). Vgl. Grizelj, Jahraus: Theorietheorie; Grizelj, Jahraus, Prokic: Vor der Theorie; Jahraus, Ort: Beobachtungen des Unbeobachtbaren. Aufschlussreich in einem weiteren Kontext Clam: »Unbegegnete Theorie«, S. 310.

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gen, dass der Stellenwert von Theorien so verschieden eingeschätzt wird? Gibt es auf diese Frage eine komplexere Antwort, als jene, die sich mit der Schlussfolgerung zufriedengibt, dass in der Interpretationspraxis unter ›Theorie‹ sehr Unterschiedliches verstanden wird, und die vermeintliche ›Lösung‹ in präziseren Definitionen zu suchen sei? Wird man den einzelnen Positionen gerecht, wenn man ihre Beobachtungen nur auf terminologische Inkorrektheiten reduziert bzw. gegen terminologische Korrektheiten konturiert und sich an theoretischen Überbietungsgesten beteiligt?675 Müsste man angesichts der heterogenen Stellenwerts- und Funktionszuschreibungen von Theorien nicht eher davon ausgehen, dass ›Theorie‹ in verschiedenen Umgangsweisen gepflegt, geformt werden und damit sehr Unterschiedliches leisten und anzeigen kann? Mit Blick auf die heterogenen Positionen der Forschung wäre es somit zunächst instruktiv, zu konstatieren, dass Theorien auf unterschiedliche Weise geltend gemacht und diverse Erwartungen an sie adressiert werden können. Es ließe sich etwa fragen, was von wem als ›Theorie‹ akzeptiert wird; wann, aus welchen Gründen, mit welchen Absichten, Funktions- und Leistungsvisionen sich ein Fach (oder eine ›Arbeitseinheit‹) dazu berufen fühlt, ›Theorie‹ zu betreiben oder zu fordern […].676

Worauf reagieren Forderungen ›nach mehr Theorie‹?677 Was gilt (für wen, wann und warum) als ›theoretisch‹, ›theoretisierbar‹ oder ›theoretisierungsbedürftig‹? Wie bewegen sich Theorien zwischen disziplinspezifischen »Explizierungsanforderungen und Funktionalisierungszumutungen«678 ? Wie lassen sich die »Trivialisierung, Normalisierung und Routinisierung von bestimmten Theoriebegriffen«679 verstehen? Wie verändern sich Theoriebezüge in Interpretationen? Welche Leistungserwartungen richten sich in welchen Forschungsprozessen und Arbeitseinheiten – insbesondere in Interpretationen – an Theorien?680 In welchem Verhältnis stehen Theorie und Interpretationspraxis zueinander?681 675 Vgl. Löschner : »Innovation oder Wiederkehr?«, S. 42f. und insb. S. 46f. 676 Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 188f. 677 Vgl. die pointierte Zusammenfassung von Dieter Lamping: »›Theorie‹ ist inzwischen auch in der Literaturwissenschaft eine gängige Vokabel. Sie hat spät Eingang in den Wortschatz der Philologen gefunden, dann aber schnell Karriere gemacht, auf deren Höhepunkt sie geradezu als eine Zauberformel gehandelt wurde. Seit der Zauber verflogen ist, lebt sie als Schlagwort weiter. ›Die Theorie‹ oder den ›theoretischen Aspekt‹ einzufordern, ist seither ein allgemein akzeptiertes Ritual auch literaturwissenschaftlicher Diskussionen geworden. Was genau damit gemeint ist, lässt sich allerdings meist nicht so einfach sagen« (Lamping: »Wie betreibt man Literaturtheorie?«, S. 7). 678 In Anlehnung an Baecker : Organisation als System, S. 77. 679 Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 27. 680 Komplexer werden die Fragen nach Theorieforderungen, wenn man nicht nur den Forschungsprozess reflektiert, sondern auch den jeweiligen Publikationskontext mitbedenkt:

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Mit dem Verhältnis zwischen theoretischen Überzeugungen und der Interpretationspraxis beschäftigte sich Simone Winko in einer materialreichen Studie. Sie zeigte, dass es zwischen den theoretischen Postulaten und der Verwendung von Autorschaftskonzepten in literaturwissenschaftlichen Interpretationen erhebliche ›Inkonsistenzen‹ gibt.682 Anhand ausgewählter »Interpretationstexte«683 fünf renommierter Fachzeitschriften684, die zwischen 1996 und 2001 publiziert worden sind, stellt sie dar, dass sich trotz der »unterschiedlichen theoretischen Positionen der Interpreten« die untersuchten Interpretationen »mit denselben argumentativen Strategien auf den Autor und unter Voraussetzung derselben Funktionen dieser Instanz für die Gegebenheitsweise des Textes« beziehen.685 Auch wenn also beispielsweise ein spezifisches Autorschaftskonzept in der Theorie abgelehnt wird, kann sich – so könnte man Pointe von Simone Winko praxeologisch reformulieren – jene theoretische Ausrichtung dennoch sehr beharrlich in der Interpretationspraxis halten. In einer weiteren Studie registrierte Simone Winko gemeinsam mit Gerhard Lauer und Fotis Jannidis, dass es ebenso eine »deutliche Diskrepanz zwischen den programmatisch vertretenen Literaturbegriffen und denen der Praxis«686 gibt. Mit Blick auf die »ausgeprägten und zum Teil vehement geführten Debatten über den erweiterten Literaturbegriff« konstatieren sie, dass »sich die tatsächlichen Erweiterungen in den Literaturgeschichten eher bescheiden« ausstel-

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Woran könnte es bspw. liegen, dass Einführungen in die Literaturwissenschaft meist mit einem Plädoyer für Theorie eröffnen? Vgl. exemplarisch etwa Schneider : »Plädoyer für eine theoriegeleitete Literaturwissenschaft«, S. 1. Vgl. die Bemerkungen von Olav Krämer: »Mit der Aussage, dass die Theorien oder Methoden in bestimmten Zeiträumen einflussreich waren, ist offensichtlich in der Regel auch gemeint, dass sie die literaturwissenschaftliche Interpretationspraxis beeinflussten. Dass dies in irgendeiner Weise und irgendeinem Maße der Fall war, dass sich die verschiedenen Richtungen also nicht allein in theoretischen Abhandlungen und Programmschriften manifestierten, dürfte wiederum unstrittig sein; in welcher Weise genau sie sich in der Interpretationspraxis niederschlugen, kann aber noch nicht als geklärt gelten« (Krämer : »Goethes Wahlverwandtschaften in Interpretationen«, S. 159). Winko: »Autor-Funktionen«. Vgl. die Fortführung dieser Studie in Willand: »Autorfunktionen« sowie das von Simone Winko geleitete DFG-Forschungsprojekt »Das Herstellen von Plausibilität in Interpretationstexten. Untersuchungen zur literaturwissenschaftlichen Argumentationspraxis« an der Georg-August-Universität Göttingen: http://www.uni-goet tingen.de/de/587821.html [zuletzt aufgerufen am 14.1.20]. Zu den genauen Auswahlkriterien und dem Aufbau des Untersuchungskorpus siehe Winko: »Autor-Funktionen«, S. 339f. Ausgewählt wurden folgende Zeitschriften: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Euphorion, Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, Zeitschrift für Germanistik. Winko: »Autor-Funktionen«, S. 353. Jannidis, Lauer, Winko: »Geschichte und Emphase«, S. 151.

Zur Kritik des Interpretierens

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len.687 Anhand einer stichprobenartigen, quantitativen Auswertung der Gegenstände, die in Beiträgen der Zeitschrift Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte seit den 1970er-Jahren interpretiert wurden, können sie zeigen, dass im Zentrum der Interpretationsarbeit Johann Wolfgang von Goethe, Franz Kafka und Thomas Mann stehen – selbst wenn sich die Autoren der jeweiligen Interpretation in den Theoriediskussionen für die Erweiterung des Kanons eingesetzt haben.688 Sieht man angesichts dieser vermeintlichen ›Inkonsistenzen‹ nun von entrüsteten Krisenausrufen,689 »pauschale[n] Praxisschelten«690 oder »diskurspolizeiliche[r] Überwachung der Forschung«691 ab, wie sie sich in etlichen analytischen Untersuchungen zum Verhältnis von Theorie- und Interpretationspraxis finden,692 und nimmt die Ergebnisse der Studien stattdessen in rekonstruktiver Absicht zur Kenntnis, ist festzuhalten, dass sich Theorie und Interpretation voneinander unterscheiden können, und dass es naheliegend ist, von einer Theoriepraxis (in der man sich beispielsweise theoretisch mit dem ›Tod des Autors‹ befasst oder für die Erweiterung des Kanons eintritt) auszugehen, die parallel neben einer Interpretationspraxis (in der man unter Rückgriff auf den Autor oder bevorzugt hochkanonische Texte interpretiert) existiert.693 Theorie und Interpretation – so lässt sich vor dem Hintergrund der zitierten Forschungsarbeiten schlussfolgern – stehen also nicht in einem festen hierarchischen Über- bzw. Unterordnungsverhältnis zueinander. Theorien leiten also weder die Praxis einfach an oder »kontrollieren«694 die Interpretation vollständig, noch treten sie in der Interpretationspraxis als »reine«695 Theorien auf.696 Folglich lässt sich die Suprematie der Theorie gegenüber der Interpretationspraxis bzw. die Inferiorität der Interpretationspraxis gegenüber der Theorie zurückweisen, um die überhöhten Leistungserwartungen an Theorien in In687 Ebd., S. 147. 688 Vgl. ebd., S. 147f. 689 Zur Beschreibung der Literaturwissenschaft als einer »Geschichte der gebrochenen Versprechen« vgl. Steinfeld: »In der heißen Luft der Abstraktion«. Zit. in: Jahraus: »Die Unhintergehbarkeit der Interpretation«, S. 251. 690 Jannidis et al.: »Rede über den Autor«, S. 22. 691 Vgl. kritisch Bogdal: »Theorien von Gewicht?«, S. 314. 692 Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf: Kindt, Schmidt: »Einleitung«, S. 9f. sowie die Studienanlagen von Göttner : Logik der Interpretation; Grewendorf: Argumentation und Interpretation; von Savigny : Argumentation in der Literaturwissenschaft. 693 Vgl. Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 187. 694 Kablitz: Kunst des Möglichen, S. 267. 695 Vgl. hierzu Strube: Analytische Philosophie der Literaturwissenschaft, S. 69. Zu »Unreinheiten der interpretatorischen Praxis« siehe Krämer : »Goethes Wahlverwandtschaften in Interpretationen«, S. 160f. 696 Vgl. Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 188f.

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terpretationen zu reduzieren (ohne die Insuffizienz der Theorien zu diagnostizieren) und die gering geschätzten Potentiale der Interpretationspraktiken zu erhöhen (ohne eine absolute Autarkie der Praxis zu behaupten). Die als Spannungsverhältnis vorgestellte Beziehung zwischen ›Theorie‹ und (Interpretations-)›Praxis‹ lässt sich vielmehr als »Praxis-Praxis«697-Differenz rekonzipieren.698 Denn die Praxis (der Interpretation) »ist nicht ein Stiefkind der Theorie«: »Theoretisieren ist eine Praxis unter anderen«.699 Theoriepraktiken existieren gleichberechtigt neben »Praktiken z. B. der Textanalyse oder Interpretation, sie beziehen sich darauf in vielfältiger Hinsicht, aber beide Praxen erweisen sich in gewisser Hinsicht als relativ geschlossen«700. Zwischen diesen Praxen kann es allerdings »funktionale Koppelungen«701 geben: Praktiken lassen sich auf unterschiedlichen Niveaus identifizieren – man könnte z. B. von Mikro- und Makropraktiken sprechen oder davon, dass es ubiquitär verfügbare oder ›wandernde‹ Praktiken (z. B. Lesen, Schreiben) gibt, die aber in der spezifischen Kombination mit anderen Praktiken eine besondere Funktion und einen besonderen Sinn bekommen und dann z. B. eine literaturwissenschaftliche Praxis bilden.702

Insofern lässt sich das Theoretisieren als Teilpraktik innerhalb einer Interpretationspraxis von dem Theoretisieren als Praxis unterscheiden.703 Man kann also theoretisieren, und man kann interpretieren. Zugleich kann man beim Theoretisieren aber beispielhaft interpretieren, um seine theoretischen Überlegungen zu veranschaulichen. Ebenso ist es möglich, beim Interpretieren theoretische Konzepte einzubeziehen, zu kritisieren oder weiterzuführen. Interpretieren und Theoretisieren können demnach als Praxen sowie als Teilpraktiken auftreten. Die Differenzierung zwischen dem Theoretisieren des Interpretierens und der Praxis des Interpretierens bedeutet demnach nicht, dass innerhalb der Praxis des Interpretierens nicht theoretisiert bzw. innerhalb der Praxis des Theoretisierens nicht interpretiert würde. Allerdings, darauf verweist die Formulierung der ›relativen Geschlossenheit‹, bilden sich literaturwissenschaftliche Praxen wie etwa jene des Interpretierens und des Theoretisierens aus spezifisch zu justierenden Verknüpfungen einzelner Teilpraktiken, die sich auf diese Weise 697 698 699 700 701 702 703

Vgl. ebd., S. 181. Siehe zu diesem Verhältnis Kapitel I. 3. Ryle: Der Begriff des Geistes, S. 28. Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 188. Ders.: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft«, S. 32. Ebd. Siehe hierzu Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 188; ders.: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 32; ders.: »Zur normativen Modellierung und Moderation von epistemischen Situationen«, S. 221ff. Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Beobachtungen von Kablitz: Kunst des Möglichen, S. 265 sowie Schmidt: »Theoretisieren«, S. 246ff.

Zur Kritik des Interpretierens

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schließen bzw. voneinander unterscheiden. Wird in einer Interpretation beispielsweise zu wenig ›am Text‹ gearbeitet und werden Beispiele nur als Anschauungsmaterial für theoretische Überlegungen verwendet, fungiert das Theoretisieren nicht mehr als Teilpraktik innerhalb der Praxis des Interpretierens. Sie avanciert zur übergeordneten Praxis. Wer also beim interpretativen Umgang mit einem Gedicht vorrangig Derrida erklärt, geht zwar nach wie vor mit Texten um, beteiligt sich aber weniger an ›Interpretation‹, sondern in erster Linie an ›Theorie‹.704 Wo wiederum das eine oder das andere beginnt bzw. endet, lässt sich mitunter nur schwer ermitteln. Auch deswegen, weil sich wissenschaftliche Beiträge in der Rezeption der Forschung auch zu Theorietexten ›entwickeln‹ können, obwohl sie nicht als solche konzipiert und verfasst wurden.705 Hierzu fehlen bislang Studien, die solche Entwicklungskarrieren reflektieren. Zusammenfassend lässt sich unter einer praxeologischen Perspektive allerdings festhalten, dass erstens eine Theoriepraxis von einer Interpretationspraxis zu unterscheiden, zweitens die Vorrangstellung von Theorie zurückzuweisen und drittens das Theoretisieren als eine mögliche Teilpraktik innerhalb der Interpretationspraxis zu registrieren ist.706 Solche Differenzierungen dienen nicht zuletzt dazu, die Frage zu lancieren, worin sich Theorizität in einem Interpretationsaufsatz eigentlich zeigen kann. In dem Aufsatz »Die Nacht des Bürokraten. Franz Kafkas statistische Schreibweise«707 von Burkhardt Wolf, der dem ersten Untersuchungskorpus entnommen ist, lässt sich beispielhaft beobachten, dass Theorizität in unterschiedlicher Weise zur Geltung gebracht und implementiert werden kann. Zunächst explizit durch Zitate und Verweise auf Theorietexte. Mit dem Ziel, Kafkas Schreibweise als »statistisch« zu begreifen, zitiert Burkhardt Wolf zum einen das von dem 704 Das Beispiel ist entlehnt von Klausnitzer: »Wie lernt man, was geht?«, S. 177. Wovon die angebrachte Theoriedosierung aber eigentlich abhängt – ob bspw. manche Gegenstände gewissermaßen theoretische Bearbeitungen ›einfordern‹ oder zumindest bestimmte Gegenstände höhere Grade an Theoretisierung ›erlauben‹ oder wo Theoretisieren anfängt und Interpretieren aufhört – müsste in diesem Zusammenhang (in Abgrenzung zu konstruktivistischen Thesen und im Hinblick auf weitere Faktoren) noch eingehender für die Literaturwissenschaft überlegt werden. Die Kollokationen zwischen Theorie und Gegenstand bilden bislang noch ein Desiderat in der literaturwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung. Vgl. hierzu die Überlegungen von Hans-Jörg Rheinberger : »Der Wissenschaftler ist autorisierter Sprecher, aber er ist nicht Herr des Spiels. Als bescheidenes Subjekt ist er gefangen in einem unauflösbaren inneren Ausschlussverhältnis zu seinen Objekten. Er macht sie, aber nur insofern die Objekte machen, dass er sie macht« (Rheinberger : Experimentalsysteme und epistemische Dinge, S. 284 [Hervorhebungen im Original]) sowie Bruno Latours Kritik der sog. fairy respektive fact position. Siehe Latour: Elend der Kritik, S. 36ff. Vgl. hierzu auch Böhme: Fetischismus und Kultur, S. 55 sowie S. 85f. 705 Vgl. bspw. Michel Foucaults Studie Überwachen und Strafen. 706 Vgl. Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 188f. 707 Wolf: »Die Nacht des Bürokraten«.

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politischen Theoretiker Jean-Luc Nancy geprägte Konzept der »Entwerkung«, das die Unmöglichkeit bezeichnet, »Gemeinschaft auf einem festen Prinzip zu gründen«.708 Zum anderen lenkt Burkhardt Wolf die Aufmerksamkeit – unter Verwendung des von FranÅois Ewald im Anschluss an Michel Foucaults Gouvernementalitätsstudien entwickelten Begriffs des ›Vorsorgestaates‹ – darauf, dass »Schuld und Gesetz […] bei Kafka vor dem Hintergrund dieses verwaltungstechnischen Verfahrens zu verstehen«709 seien. Neben diesen direkten Markierungen von Theorie findet sich auch ein Vokabular, das nicht im engen Sinn einer theoretischen Terminologie entspricht, aber sich als theorieinfiltriert beschreiben lässt und dadurch implizit auf bestimmte Perspektivierungen hinweist. Diese impliziten Implementierungen von Theorizität manifestieren sich bei Burkhardt Wolf etwa in Formulierungen wie »unpersönliches und heterogenes Diskursgefüge«710 oder »Archäologie der sozialstaatlichen Seinsweise«711. In diesem Beispiel ist der Implementierungsgrad und der Stellenwert von theoretischen Umgangsweisen flexibel. Theorizität ist hier innerhalb eines komplexen ›Verkettungssystems‹ mithilfe von spezifischen Fragehorizonten, bestimmten Signalwörtern, impliziten Markierungen oder distanzierten Verweisen in Fußnoten als thesenleitende Voraussetzung, erkenntnisförderndes Instrument, richtungsweisende Stimulanz, zusätzliche Argumentationsstütze oder additives Element der Interpretation visibilisiert worden.712 Die Leistungsfähigkeit von Theorie zeigte sich in dem Aufsatz von Burkhardt Wolf neben der Funktion zur »Erzeugung eines spezifischen Reflexionswissens«713 etwa darin, dass sie dabei zu Hilfe kam, den (breit erforschten) Gegenstand (erneut) als interessant anzuerkennen und als interpretationswürdig zu fassen. So ist es in Burkhard Wolfs Aufsatz insbesondere die Bezugnahme auf FranÅois Ewalds Begriff des ›Vorsorgestaats‹ und damit der theoretische Horizont von Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität, die der neuen bzw. erneuerten Perspektivierung von Kafkas Schreiben dienen. Dieses Aufsatzbeispiel eröffnet einen Einblick in das Spektrum möglicher Theorieimplementierungen innerhalb des Interpretierens und legt nahe, dass sich die variable Anlage von Theoriepraktiken nicht nur begrenzt innerhalb eines Beitrags, sondern auch kaum generalisierend fassen lässt.714 Im Rahmen 708 709 710 711 712

Ebd., S. 120. Ebd., S. 103. Ebd., S. 98. Ebd., S. 121. Vgl. hierzu Kalthoff: »Einleitung: Zur Dialektik von qualitativer Forschung und soziologischer Theoriebildung«, insb. das Kapitel »Theorie – aber welche?«, S. 11–15. 713 Klausnitzer: »Koexistenz und Konkurrenz«, S. 18. 714 Die besondere Variabilität von Theoriepraktiken in literaturwissenschaftlichen Arbeitsprozessen wird besonders im Vergleich mit anderen Disziplinen deutlich. In der Politikwissenschaft etwa werden Arbeiten oftmals von einer expliziten theoretischen Ausrichtung

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des Interpretierens sind Theoriepraktiken als äußerst variabel einzustufen: Die Implementierungen von Theorie können eine »verstärkte Sensibilität für die Fragwürdigkeit des wissenschaftlichen Gegenstandes«715 produzieren, »Inspirations-, Beweis- oder Kontrollfunktion[en]«716 ausüben, als »Erkundungsraum alternativer Sichtweisen«717 mitunter auch »Hinweise auf einen gangbaren Weg«718 bei der Interpretation geben. Nicht zuletzt können sie dabei helfen, Beobachtungen zu fixieren, zu kontextualisieren und innerhalb der Interpretation zu organisieren.719 Gleichzeitig können sie als flexible Verbindungselemente zwischen verschiedenen Wissenschaftskulturen fungieren und »Austauschbeziehungen mit anderen Fächern und Wissenschaftsklassen«720 katalysieren. Durch ihre Implementierungen können Nähen zu benachbarten Disziplinen hergestellt, Anschlusskommunikationen ermöglicht und kondensierte Hinweise gegeben werden, in welchem Kontext die Interpretation verortet und wie einzelne interpretative Aussagen verstanden werden können. Insofern decken sie unterschiedliche Funktions- und Leistungsbereiche ab, die wiederum mit spezifischen Normen korrelieren. An dieser Stelle knüpft das folgende Kapitel an. Es reflektiert, wie Normen und Standards im Rahmen einer praxeologischen Konzeption des Interpretierens vorgestellt werden können.

2.2

Die Problematizität von Normen und Standards

Normen und Standards lassen sich als »implizit geltende Übereinkünfte oder explizit vereinbarte Regeln«721 verstehen.722 Häufig werden sie dahingehend

715 716 717 718 719 720 721

flankiert; eigenständige ›Theorie- und Methodenkapitel‹ finden sich hier sehr häufig. Auch wenn in der Literaturwissenschaft in bestimmten Arbeitsbereichen selbstverständlich ›Theorie- und Methodenkapitel‹ vorkommen können, so ist diese Darstellungsweise nicht der Normalfall. Theoretische Bezugnahmen finden sich eher implementiert in literaturwissenschaftlichen Arbeiten (bspw. der Interpretation). Ein weiteres Beispiel wäre die Veränderung von Theorieexplizierung im Laufe von Projekten. Lässt sich davon ausgehen, dass zu Beginn (etwa einer Dissertation) vorrangig Theorien und deren jeweilige Passungen diskutiert werden, geraten solche Diskussionen in späteren Projektphasen zugunsten einer entsprechenden Gegenstandsjustierung in den Hintergrund. Jahraus: Literaturtheorie, S. 8. Richter : »Kondensierte Interpretationen in Poetik und Literaturtheorie«, S. 142. Culler : Literaturtheorie, S. 14. Detering: »Grundzüge der Literaturwissenschaft«, S. 11. Zur voraussetzungsvollen Anlage des Beobachtens vgl. Behrs, Gittel, Klausnitzer: Wissenstransfer, S. 85ff. sowie Klausnitzer : »Beobachter und Beobachtungskollektive an der modernen Universität«. Klausnitzer: »Koexistenz und Konkurrenz«, S. 18. Anz: »Norm«, S. 721.

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unterschieden, ob sie zur externen Beurteilung einer Interpretation herangezogen werden oder ob sie den Interpretationsprozess intern strukturieren.723 Diese Differenzierung führt allerdings nicht sehr weit, da sie unterschätzt, dass das Interpretieren selbst in einen Beobachtungszusammenhang eingebettet ist. Interpreten antizipieren, wie ihre Interpretation beobachtet wird und nach welchen Kriterien sie beurteilt werden könnte. Das Verfassen der Interpretation organisiert sich als komplexes Geflecht von ›Erwartungserwartungen‹, die aus wechselseitigen Beobachtungen resultieren.724 Impliziten Normen und expliziten Standards lässt sich also erst in dieser Verflechtung eine wichtige Rolle für das Interpretieren zuschreiben.725 Eine Vielzahl an interpretationskritischen Beiträgen bezieht sich häufig ausschließlich auf explizite Standards, wie etwa Reproduzierbarkeit und Objektivität, und beanstandet, dass Interpretationen diese Kriterien nur bedingt erfüllen können.726 Dieser Umstand wird oft als Problem oder Mangel bewertet.727 Allerdings können die vermeintlichen Defizite nicht einfach als Verdachtsmoment wissenschaftlicher Unzulänglichkeiten gelten, sondern liefern vielmehr Hinweise darauf, dass der Normenkatalog literaturwissenschaftlicher Interpretationsarbeit auf spezifische Weise strukturiert ist. Es geht nämlich um Beurteilungen, »die Komplexeres als die Feststellung von richtig oder falsch

722 Zum Unterschied zwischen Normen und Standards vgl. Nünning, Stauf, Strohschneider : »Kriterien und Standards der Literaturwissenschaft«, S. 1; Schönert: »Normen und Standards«, S. 235f.; ders.: »Zu Geltungsansprüchen und Durchsetzbarkeit von Standards für die Interpretation«, S. 322. Eine hilfreiche Definition mit einschlägigen Verweisen zum Stand der Forschung formuliert Simone Winko: »Standards literaturwissenschaftlichen Argumentierens«, S. 17–24. 723 Vgl. hierzu die grundsätzliche Unterscheidung von »implizite[m]« und »explizierte[m] Qualitätsbewusstsein« in Griem: »Standards für Gegenwartsliteraturforschung«, S. 97f. 724 Zum Begriff der Erwartungserwartung vgl. Luhmann: »Normen in soziologischer Perspektive«, S. 32 sowie die Ausführungen von Andreas Reckwitz: »Normen stellen externe Erwartungen dar ; sie sind mit Sanktionen verknüpft; sie setzen seinerseits ›Erwartungserwartungen‹ von Seiten der Normadressaten voraus« (Reckwitz: Struktur, S. 122). 725 Vgl. hierzu die Sammelbände Lack, Markschies: What the hell is quality?; Hempfer, Philipp: Zur Situation der Geisteswissenschaften in Forschung und Lehre. Vgl. außerdem die Beiträge der Schwerpunkthefte: Journal of Literary Theory 5.2 (2011): »Standards and Norms of Literary Studies«; Germanisch-Romanische Monatsschrift 65.1 (2015): »Kriterien und Standards der Literaturwissenschaft«. Instruktive Vorschläge finden sich auch in einzelnen Beiträgen, die anlässlich des Kolloquiums zu Ehren von Lutz Danneberg 2016 in Heidelberg verfasst wurden. Sie sind unter der Rubrik »Forschungsdiskussion« versammelt: Scientia Poetica (2016): »Zum Konzept historischer Epistemologie«. 726 Siehe bspw. Küpper: »Zu den Schwierigkeiten einer Wissenschaft vom literarischen Text«, S. 12f. 727 Vgl. die pointierte Zusammenfassung von Wiemer : »Ideen messen, Lektüren verwalten«, S. 263.

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verlangen«728. Das Spektrum literaturwissenschaftlicher Beurteilungskriterien arrangiert sich »mehr oder weniger locker um wissenschaftliche Zentralwerte wie Korrektheit, Richtigkeit oder Wahrheit«729. »Aussagen wie ›Das ist eine wahre Interpretation‹ finden sich höchst selten, nur wenig häufiger ›Die Interpretation ist richtig‹.«730 Zu literaturwissenschaftlichen Evaluierungsmaßstäben zählen beispielsweise »Evidenz, Plausibilität, Richtigkeit und Wahrscheinlichkeit, Einfachheit und Fruchtbarkeit, Konsistenz, Vollständigkeit«731 bzw. »[w]issenschaftliche (gelehrte) Solidität«, »intellektuelle Bedeutung bzw. Wichtigkeit«, »kritische Haltung«, »perspektivische Distanz und Geschmeidigkeit«, »Originalität«, »persönliche Stimme« und »Bedeutsamkeit«.732 Eine Interpretation kann »›interessant‹, ›anregend‹, ›überzeugend‹ oder ›plausibel‹«733 sein. Ebenso werden Kriterien wie »›anschlussfähig‹, ›brauchbar‹, ›passend‹, ›fruchtbar‹, ›weiterführend‹, ›illustrativ‹, ›plausibel‹, ›unterhaltsam‹, ›geeignet‹ etc.«734 ins Spiel gebracht. Zudem erscheinen […] Wahrscheinlichkeit, Vollständigkeit bzw. Umfassendheit, Genauigkeit bzw. Spezifizität, Korrektheit, Kohärenz, logische Konsistenz bzw. Widerspruchsfreiheit, Informativität, Einfachheit bzw. Ökonomie, Eleganz, Stimmigkeit, Klarheit, Komplexität, Interessantheit, Relevanz, Fruchtbarkeit bzw. Anschlussfähigkeit, Neuheit oder Originalität735

als mögliche Alternativen, um Interpretationen oder einzelne Teilaspekte einer Interpretation ›angemessen‹736 bewerten zu können. Thomas Wiemer bringt aus der Perspektive der Deutschen Forschungsgemeinschaft noch weitere Kriterien in den Diskussionszusammenhang ein, wie beispielsweise »thematische Relevanz«, »begriffliche und methodische Präzision«, »historische Neugier und Kompetenz, gepaart mit theoretischer Versiertheit«, »Ergebnisreichtum«, 728 Ebd., S. 270. Vgl. hierzu auch die Beobachtung von Mirco Limpinsel: »Die Frage ist dann nämlich nicht mehr, ob eine geäußerte Behauptung wahr oder falsch ist, sondern eher, ob und warum sie zu überzeugen vermag oder nicht« (Limpinsel: Angemessenheit und Unangemessenheit, S. 24). 729 Martus: »Der Mut des Fehlens«, S. 74. Ebenso zur literaturwissenschaftlichen Multinormativität vgl. ders.: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 33ff. 730 Winko: »Zur Plausibilität als Beurteilungskriterium«, S. 483. 731 Strube: »Über Kriterien der Beurteilung von Textinterpretationen«, S. 185. 732 Nünning, Stauf, Strohschneider : »Kriterien und Standards der Literaturwissenschaft«, S. 11. Diese Kriterien listen die Autoren in Anlehnung an das Arbeitspapier »What is Intellectual Quality in the Humanities? Some Guidelines« auf, das die Ergebnisse eines Workshops der Volkswagenstiftung 2014 enthält. 733 Winko: »Zur Plausibilität als Beurteilungskriterium«, S. 483f. 734 Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 48. 735 Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation«, S. 47. 736 Zur Angemessenheit vgl. die Studie von Limpinsel: Angemessenheit und Unangemessenheit sowie die Rezension dazu von Klausnitzer : »Lassen sich Interpretationen bewerten?«. Für eine kritisch-historische Perspektive vgl. Willand: »Historische Angemessenheit«.

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»Originalität des Forschungsbeitrags in thematischer und/oder methodischer Hinsicht« und »Neuigkeitswert und Wagnischarakter«.737 Mit diesen unterschiedlichen Aufzählungen738 soll zunächst deutlich gemacht werden, dass es nicht nur ein Kriterium gibt, »anhand dessen in einer Art Schwarz-Weiß-Entscheidung über das Geglücktsein von Textinterpretationen befunden werden könnte«739. Es gibt »eine Vielzahl von Beurteilungskriterien: die Kriterien des Zutreffend-, Plausibel-, Integrativseins usf.«740. Darüber hinaus gibt es heterogene Perspektiven, von denen aus multiplen Normen jeweils Relevanz zugeschrieben werden kann.741 Was »als riskant, aber plausibel, was als unplausibel oder uninteressant, was als relevant und was als originell gelten kann«742, ist etwa abhängig vom Gegenstand, der Fragestellung, dem Forschungsstand, der Phase des Forschungsprozesses, der Darstellungsweise u.v.a.m. und kann nicht im Vorfeld fixiert oder in Regelform festgehalten werden, sondern lässt sich nur ›praktisch‹ prozeduralisieren. Man ließe Wesentliches unbeachtet, käme man angesichts dieser Normenpluralität zu dem voreiligen Schluss, dass in der Literaturwissenschaft eigentlich Willkürliches möglich sei und man sich ohnehin nach nichts wirklich richten müsse. Ebenfalls nicht zufriedenstellend sind jene Positionen, die auf die grundsätzliche »Unabschließbarkeit« oder »Unerschöpflichkeit« von Litera-

737 Wiemer : »Ideen messen, Lektüren verwalten?«, S. 272. Hier finden sich auch zu allen von ihm genannten Kriterien kurze Ausführungen und Beschreibungen. 738 Weitaus länger würde die Liste möglicher Kriterien, wenn man die Lehr- und Verwaltungsaufgaben oder die ›Öffentlichkeitsarbeiten‹ (im Sinne von journalistischen bzw. feuilletonistischen Beiträgen) von Literaturwissenschaftlern zur Geltung bringen würde. Ich beziehe mich im Folgenden (wie schon in den vorherigen Kapiteln) jedoch ausschließlich auf die literaturwissenschaftliche Forschung und hier konkret auf die literaturwissenschaftliche Interpretation. 739 Strube: »Über Kriterien der Beurteilung von Textinterpretationen«, S. 200. 740 Ebd. [Hervorhebung im Original]. 741 Zur Multinormativität vgl. Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 33ff.; ders: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 185ff.; ders.: »Der Mut des Fehlens«, S. 71–74; ders.: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität«, S. 56ff.; ders.: »Zur normativen Modellierung und Moderation von epistemischen Situationen«, S. 223ff. und S. 228ff. Aus historischer Perspektive und im Anschluss an Steffen Martus vgl. Füssel: »Multinormativität in der Gelehrtenkultur?«. 742 Wiemer : »Ideen messen, Lektüren verwalten?«, S. 273. Vgl. hierzu die weiteren Ausführungen: »Es ist kein Geheimnis, dass die Definition von Forschungsqualität, so schwierig und umstritten sie im Einzelnen und speziell im geisteswissenschaftlichen Bereich sein mag, sozial determiniert ist und davon abhänge, wer mit welchen Zielen und welchen Erhebungsmethoden Forschung evaluiere. Regierungen verfolgen damit unter Umständen andere Interessen als Universitätsleitungen und diese wiederum andere als die betroffenen Wissenschaftlerinnen und Fachvertreter selbst, Akkreditierungsunternehmen agieren unter anderen Bedingungen als forschungsfördernde Institutionen« (ebd., S. 273).

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tur,743 die »Eigenlogiken des Literarischen«744 oder die historische Variabilität von Normen verweisen – und mit diesen Externalisierungen des Problems die Diskussion abkürzen möchten. Selbstverständlich gibt es eine gewisse ›Eigenlogik‹ des jeweiligen Objekts und sicherlich auch historische, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Entwicklungen, die mit bestimmten Normenkonjunkturen einhergehen bzw. Normensetzung beeinflussen können. Allerdings laufen diese Erklärungen Gefahr, die ›Eigenlogik‹ der literaturwissenschaftlichen Praxis zu unterschätzen oder gar aus dem Blick zu verlieren.745 Vielversprechender kann es daher sein, wenn man sich die spezifische Organisation dieser Normzusammenhänge in einer Interpretation vor Augen führt. Normen müssen nämlich in einer Interpretation nicht nur »zueinander passend«746 erfüllt werden, sondern sich auch ›intern‹ beweisen. In einer Interpretation sollen beispielsweise Begründungen ›nachvollziehbar‹, Beschreibungen ›genau‹, Deutungen ›zutreffend‹, Strukturierungen sollen ›logisch‹, Vergleiche ›angemessen‹, Zitationen sollten ›richtig‹ sein usw. Zugleich stehen diese Normen miteinander in Verbindung, wie etwa Werner Strube ausgeführt hat: In einer Interpretation kann eine Beschreibung empirisch zutreffend, relevant und angebracht sein; die Auslegung plausibel und historisch stimmig; die Deutung hinreichend umfassend, integrativ und spezifisch genug; die Argumentation widerspruchsfrei […].747

Noch komplexer wird es, wenn man weitere Kriterien hinzuzieht. Auch wenn die Beschreibung ›empirisch zutreffend‹, ›relevant‹ und ›angebracht‹ ist, kann sie als wenig ›originell‹ für den Gesamtzusammenhang der Interpretation eingeschätzt werden. Insofern können sich Normen gegenseitig kompensieren bzw. ausgleichen.748 Dies ist etwa dann der Fall, wenn in einer Interpretation zwar historisch ›ungenau‹ vorgegangen wurde, aber doch ›anschlussfähige‹ Beobach743 Vgl. diesen Aspekt etwa bei Klausnitzer : »Wie lernt man, was geht?«, S. 156f. und insb. S. 159. Literaturwissenschaftsgeschichtlich ließe sich hier auch die Formel von Emil Staiger und der ›unerschöpflichen Tiefe der Kunst‹ anführen, um die Tragweite einer solchen Perspektive zu skizzieren. Zum Vieldeutigkeitsparadigma vgl. Kurz: Vieldeutigkeit. 744 Nünning, Stauf, Strohschneider : »Kriterien und Standards der Literaturwissenschaft«, S. 11. Vgl. ebenso die Bemerkung von Arnulf Deppermann: »Die Komplexität des Gegenstands […] erzwingt eine notwendige und legitime Vielfalt der Zugänge« (Deppermann: »Worin besteht das Germanistische der Germanistik«, S. 188). 745 Vgl. zur ›Eigenlogik der Praxis‹ die Reflexionen in Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 10. 746 Zur »Passungsrichtung« von Normen vgl. Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 145f. Darin auch weiterführende Literaturhinweise zu der Auseinandersetzung des direction of fit, siehe S. 146, Fußnote 9. 747 Strube: »Über Kriterien der Beurteilung von Textinterpretationen«, S. 201 [Hervorhebungen im Original]. 748 Vgl. Martus: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität«, S. 56ff.

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tungen entstanden sind. Ein anderes Beispiel hierfür wäre, dass in einer Interpretation ›zu wenig‹ am Text selbst gearbeitet wurde, aber die theoretischen Überlegungen ›innovativ‹ waren – oder andersherum, dass neben der ›präzisen‹ Detailarbeit am Text theoretische Überlegungen ›zu kurz‹ kamen. Insofern ist nicht nur die »implizite[] Relevanzhierarchie«749 spezifischer Normen sowie deren Geltungsansprüche und Gültigkeitsdauer in einer Interpretation zu berücksichtigen, sondern auch die jeweilige Positionierung im Normenset. Aussagen wie etwa ›Diese Beobachtung gehört doch eher in eine Fußnote‹ besagen, dass die Beobachtung nicht ›falsch‹ oder ›unwichtig‹ ist, sondern eher einen anderen Status innerhalb der Interpretation erhalten sollte. Normengefüge sind somit eminent abhängig von Darstellungsformen (Aufsatz, Bericht, Monografie, Rezensionen etc.), ihrer jeweiligen Position innerhalb der jeweiligen Darstellungsform (Einleitung, Schluss, Fußnote usw.) sowie von der Station im Forschungsprozess (beispielsweise am Anfang oder am Ende eines Projektes). Sie verfügen über enorme interne Bindungskräfte. Gleichzeitig sind sie in ihrer Ordnung mutabel, in ihrer Zusammensetzung flexibel und in ihrer Hierarchisierung variabel. Besonders deutlich wird das Spektrum möglicher Normenhierarchisierungen – und die umkämpfte Relevanz bestimmter Normenordnungen – anhand der Beobachtung der postulierten turn-Abfolgen seit den 1980er-Jahren. Auf die Ausrufung des linguistic turns folgten die Proklamationen des performative, postcolonial, transnational, iconic, pictorial, spatial, topographical, material, medial, pragmatic, emotional, cognitive, aural, visual, cultural, philological ebenso wie des practical und des computational bzw. digital turns.750 Unabhängig von der Frage, ob und bis zu welchem Grad diese diskursiv behaupteten turns tatsächlich praxisrelevant wurden oder sich institutionell niederschlugen, fokussierten sie jeweils spezifische Akzentuierungen und Perspektivierungen und formulierten alternative Normenrangfolgen des Textumgangs. So zielte etwa der linguistic turn darauf, sprachliche Strukturen genauer als bisher zu untersuchen, mit dem material turn sollte eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Materialität der Forschungsgegenstände einhergehen und der postcolonial turn forderte, dass vor allem die eurozentristische Kanonisierung etwa bei der Wahl der Gegenstände problematisiert werden sollte – und umgekehrt: bestimmte Aspekte, Zugänge oder auch Gegenstände sollten entprivilegisiert oder als weniger ›relevant‹, ›interessant‹ oder ›wichtig‹ qualifiziert werden. Turns ließen sich somit eher als Postulate unterschiedlicher Konkurrenzen zwischen bestimmten Hierarchisierungen, Reihenfolgen oder Gewichtungen von Umgangsweisen reformulieren, anstatt – ihren eigenen Deklarationen folgend – als re749 Winko: »Lektüre oder Interpretation?«, S. 135. 750 Vgl. die Auflistung in Bleumer et al.: »Vorwort«, S. 7.

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volutionäre und globale Paradigmenwechsel, welche die multiperspektivische und multinormative literaturwissenschaftliche Normalität unterschätzen würden. Insofern ist die deutsche Übersetzung des ›turns‹ mit einer ›Wende‹ meist zwangsläufig mit Enttäuschungen verbunden. Mit einer ›Wende‹ ist allzu oft die Erwartung verknüpft, dass sich die ›ganze‹ Disziplin ›wenden‹ müsste bzw. dass sich die vielen unterschiedlichen Arbeitseinheiten der Disziplin überhaupt so einfach überschauen ließen, dass man erkennen könnte, ›wovon‹ sie sich jeweils abwendet und ›wohin‹ sie sich wendet oder wenden soll.751 Diese Enttäuschungen münden dann allzu oft in Fachauflösungsszenarien oder Instabilitätsdiagnosen. Man sorgt sich darum, dass »jede Wende mit dem Vergessen der Vorherigen erkauft wird und sich das Fach und seine Teildisziplinen aufzulösen scheinen«752 und wirft einen »eher kritisch gefärbte[n] Blick auf die schnelle Abfolge interpretatorischer ›Moden‹«753. Unter einer praxeologischen Perspektive ließen sich turns dagegen als proklamierte temporäre und lokale Privilegierungen spezifischer Normenhierarchien deuten, die eben nicht ganze Facheinheiten destruieren, sondern bestimmte Schwerpunkte bewerben. Allerdings – und vor diesem Hintergrund sind auch die emphatisch vorgebrachten Kritikpunkte nachzuvollziehen – können erstens bestimmte Normenbevorzugungen durchaus mit gewissen Annäherungen an andere Fächer, Perspektiven, Gütekriterien, Gegenstände usw. einhergehen – und dadurch Widerstände erzeugen. Zweitens können die anfangs nur temporären und lokal begrenzten Normenprivilegierungen durch (kollektive) Verstetigungsprozesse auch größere Arbeitseinheiten auf nicht zu unterschätzende Weise modifizieren.754 Insofern lässt sich in Bezug auf turns für die Interpretationspraxis festhalten, dass zwar vieles parallel, aber eben nicht alles auf Dauer risikofrei umgesetzt werden kann – und Aushandlungsprozesse daher mit der Proklamation von ›turns‹ Hand in Hand gehen. In diesem Kontext muss auch die Rede von »weichen Normen«755 entsprechend korrigiert werden, die als Hilfsvokabel in Abgrenzung zu den vermeint-

751 752 753 754

Vgl. Pethes: »Catastrophic Turns«, S. 44f. Bleumer et al.: »Vorwort«, S. 7. Liebrand, Kaus: »Interpretieren nach den turns«, S. 7. Auch hier ließe sich weiterer Forschungsbedarf ausmachen. Es wäre interessant, anhand einer breiten Datenbasis die Einflüsse, Entstehungen, Verschiebungen und Konstellationen von turns in der Literaturwissenschaft zu untersuchen sowie ihre tatsächlichen Umsetzungen in der Interpretationspraxis. 755 Vgl. etwa Schneider: »Plädoyer für eine theoriegeleitete Literaturwissenschaft«, S. 4ff.; Scherer : »Die Evidenz der Literaturwissenschaft«, S. 153; Lessing-Sattari: »Hermeneutischer Zirkel reloaded«, S. 71.

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lich ›harten‹ Normen der naturwissenschaftlichen Fächer formuliert wurde.756 Zwar deutet die Umschreibung ›weich‹ auf die prinzipielle Verformbarkeit von Normen hin und verweist damit auch auf die Variabilität und Flexibilität des literaturwissenschaftlichen Normengefüges. Zugleich ruft sie jedoch irreführende Assoziationen hervor: Normen sind nicht ›weich‹ im Sinne eines anything goes. Literaturwissenschaftliche Normzusammensetzungen (u. a.) in Interpretationen können keineswegs als ›beliebig‹, ›folgenlos‹ oder gar ›willkürlich‹ beschrieben werden. Sie sind in vielfältiger Weise voneinander abhängig, äußerst kontextsensitiv und ›bedeutungsvoll‹757 miteinander verbunden – und zugleich flexibel hinsichtlich ihrer Position und Relevanz innerhalb eines jeweiligen Normengefüges. Insofern sind Umschreibungen der »textinterpretierenden Disziplinen als ›weiche Wissenschaften‹«758 mit ihren »weichen, den Humanities angemessenen Kriterien für Wissenschaftlichkeit«759 bzw. »›weiche[n]‹ Standards«760 in ihrer »›weiche[n]‹ Rationalität«761 als unglückliche Abkürzungen bzw. folgenreiche ›Verweichlichungen‹ zu verstehen, die den voraussetzungsvollen Normengebilden nicht mehr gerecht werden. Ähnliches müsste für die »weichen Wissenschaften«762 mit ihrem »›weiche[n]‹ Wissensbegriff«763 und »›weichen‹ Forschungsrichtungen«764, »die ›weichen‹ Disziplinen der Geistes- und Kulturwissenschaften«765, die »›weichen‹ Fächer«766 mit ihrem »›weichen‹ Grund- oder Begleitstudium«767, ihrem »›weichen‹ Wissensbestand«768, ihrer »›weiche[n]‹ Theorie«769 und ihren »weichen Interpretationen«770 756 Vgl. hierzu auch meine ersten Überlegungen in »Objektumgangsnormen in der Literaturwissenschaft«, o. S. Zudem darf selbst in Bezug auf ›die‹ Naturwissenschaften in Zweifel gezogen werden, ob es jene ›harten‹ Normen (in welcher Hinsicht und für wen) überhaupt gibt. Vgl. die Laborstudien der Geisteswissenschaften, bspw. Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis, S. 200ff. 757 Praktiken und ihre inhärenten Normen können sehr beharrlich ›stumme Lasten‹ transportieren, wodurch einerseits die Stabilität und die ›Beharrungskraft‹ von Praxisgefügen gewährleistet wird, andererseits Veränderungen oder auch nur Explizierungen entscheidend erschwert werden. 758 Danneberg: »Einführende Überlegungen«, S. 467. 759 Willand: »Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse«, S. 88 [Hervorhebung im Original]. 760 Spoerhase: »Kontroversen: Zur Formenlehre eines epistemischen Genres«, S. 68. Spoerhase resümiert hier die Position von Marcelo Dascal. Angaben hierzu siehe ebd. 761 Ebd. 762 Krajewski: »Genauigkeit«, S. 214. Ebenso Ajouri, Mellmann, Rauen: »Einleitung«, S. 16; Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur, S. 159. Vgl. weiter Pollock: »Future Philology?«; Latour : »Der Pedologenfaden von Boa Vista«, S. 214. 763 Pethes: »Literatur- und Wissenschaftsgeschichte«, S. 183. 764 Bogdal: »Theorien von Gewicht?«, S. 312. 765 Werle: »Jenseits von Konsens und Dissens?«, S. 132. 766 Schernus: Verfahrensweisen historischer Wissenschaftsforschung, S. 354. 767 Matuschek: »Welche Krise?«, S. 504. 768 Glaser : Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, S. 145.

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– und nicht zuletzt für den »›weichen‹ Computereinsatz«771 in der Literaturwissenschaft gelten. Das Adjektiv ›weich‹ sollte daher vorrangig als ein Hinweis auf die komplexe Anlage von Normen gedeutet werden – und als Indiz für die Schwierigkeit, solche Zusammenhänge überhaupt zu explizieren.772 Explizierungsherausforderungen in Bezug auf Normenzusammenhänge in der Interpretationspraxis treten außerdem besonders deutlich in Publikationen hervor, »die disziplinäres Wissen kodifizieren«773 und verständlich machen wollen, wie Interpretationen vollzogen und welche Normen hierbei erfüllt werden müssen.774 An ihnen lässt sich sowohl das interne, holistische Bezugssystem von Normen als auch ihre voraussetzungsvolle Lern- und Lehrbarkeit beispielhaft ablesen. Studien- bzw. Lehrbücher, Einführungen oder Modellinterpretationen stellen in Aussicht, »Wissen über literaturtheoretische Modelle und methodologische Verfahren zu vermitteln«775 und »das heuristische Versprechen einzulösen, das theoretische Annahmen und Perspektivierungen«776 geben. Sie rekonstruieren »idealtypisch theoretische Positionen und methodische Verfahren«777 und generieren nicht zuletzt »Wissen über den interpretierten Gegenstand«778. Allerdings geraten sie an ihre Grenzen, wenn es darum geht, »situativ flexible und hochgradig kontextsensitive Praktiken«779 und die ihnen 769 Bogdal: »Theorien von Gewicht?«, insb. S. 311ff. Ebenso Lagaay : »Vor der Theorie«, S. 96; Bogdal: »Anleitung zum Erlernen des Ungenauen«. Für einen weiteren Zusammenhang vgl. Iser: How to Do Theory, S. 5. 770 Ebeling: »Zur Aktualität des Archäologischen«, S. 18. Ebenso Meister : »Zur Methodologie einer computergestützten Analyse von Handlungsstrukturen«, S. 139. 771 Krause, Pethes: »Scholars in Action«, S. 106. 772 Irritierenderweise wird die Schwierigkeit, solche komplexen, impliziten Normsetzungen zu explizieren, oftmals nicht anerkannt, sondern – im Gegenteil – mit der Formulierung eines »Schweigekartells« zum Vorwurf gemacht. Vgl. Herbert, Kaube: »Über Standards, Leistung und Hochschulreform«, S. 41. Ebenso Griem: »Standards für die Gegenwartsliteraturforschung«, S. 98: »Während wir uns in unserer täglichen Arbeit bei der Korrektur von Hausarbeiten und in Rezensionen, in Disputationen, Habilitations- und Berufungsverfahren und Gutachten auf viele der oben angeführten Kriterien verlassen, um Forschungsqualität bewertend und nachvollziehbar zu prüfen, ziehen wir es im Rahmen wissenschaftspolitischer Debatten um Kriterien und Instrumente von Forschungs-Evaluation immer noch vor, diese Bewertungen möglichst implizit und informell, im überschaubaren Kollegenkreis oder im Konsens der disziplinären Gemeinschaft vorzunehmen« [Hervorhebung, F. S.]. 773 Schönert: »Zu Geltungsansprüchen und Durchsetzbarkeit von Standards für die Interpretation«, S. 324 sowie ders.: »Normen und Standards«, S. 238ff. 774 Zur gegenwärtigen Konjunktur von Einführungen vgl. Sittig, Standke: »Lehren aus der Konjunktur«. Weiterführend zur Rolle von Kodifikationen vgl. Glaser : »Kommentar und Bildung«, S. 152ff. 775 Sittig: »Zur Praxis von literaturwissenschaftlichen Modellinterpretationen«, S. 375f. 776 Ebd., S. 376. 777 Ebd. 778 Ebd. 779 Martus, Spoerhase: »Eine praxeologische Perspektive auf ›Einführungen‹«, S. 34.

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immanenten Normen adäquat zu vermitteln. Denn ungeachtet der vielfältigen Anforderungen, denen Einführungs- und Überblicksliteraturen genügen müssen, und den Leistungen, die sie eher als »modellhafte Interpretationsprodukte [denn] als Modellierung von Interpretationsprozessen«780 im Spannungsverhältnis zwischen Forschung und Erziehung, Lernbarkeit und Lehrbarkeit sowie Reproblematisierungspotenzialität und Entproblematisierungsaufgabe erbringen,781 können diese kodifizierenden Publikationen die Praxis der Interpretation nur zu geringem Teil vermitteln. Denn die stumme Lektüre von »Gestaltungsund Bewertungsanweisungen«782 kann die (kollektive) Aneignung von Umgangsweisen und die damit verbundene Enkulturation zwar unterstützen, aber nicht ersetzen.783 So kann anhand von Musterinterpretationen zwar nachvollzogen werden, welchen Normen die Interpretation gerecht zu werden versucht, allerdings folgt aus dieser Darstellung nicht, dass die gewählten Normen in jedem anderen Fall dieselbe Relevanz besitzen. Zudem reicht es nicht, zu wissen, welche Normen im jeweiligen Zusammenhang wichtig sein könnten. Es gilt auch, zu wissen, auf welche Weise, an welcher Stelle und in welcher Ausführlichkeit ihnen Platz eingeräumt werden sollte. Modellinterpretationen in Einführungswerken divergieren oftmals zusätzlich in bedeutsamer Weise »von den alltäglichen Routinen der Interpretationspraxis«784 : Die Ansprüche an argumentative Komplexität und Plausibilität der Argumentation sind ebenso reduziert wie die Beleg- und Nachweispflichten oder die im Regelfall geforderte Dialogizität der Darstellung, die zum Beispiel über Fußnoten realisiert wird.785

Nicht nur diese gravierenden formalen Unterschiede verweisen darauf, dass Modellinterpretationen in der Lehre nicht mit Interpretationen der literaturwissenschaftlichen Forschung zu verwechseln sind (und die Praxis des Interpretierens insofern eminent kontextabhängig ist, verschiedene Adressierungsformen beinhalten kann und dadurch unterschiedliche Normen zur Geltung kommen können), sie verweisen auch darauf, dass Normen nicht ›einzeln‹ und ›rein‹ oder ›abstrakt‹ auftreten, sondern in routinisierten und inkorporierten

780 Wieser : »Interpretationskulturen«, S. 51f. [Hervorhebungen im Original]. 781 Vgl. Kämper-van den Boogaart, Martus, Spoerhase: »Entproblematisieren«, S. 15. 782 Schönert: »Zu Geltungsansprüchen und Durchsetzbarkeit von Standards für die Interpretation«, S. 322. 783 Vgl. Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur, S. 145f. 784 Sittig: »Zur Praxis von literaturwissenschaftlichen Modellinterpretationen«, S. 368. 785 Ebd., S. 377. Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Beobachtungen von Hyland: Disciplinary Discourse, S. 122 und im Anschluss Martus, Spoerhase: »Eine praxeologische Perspektive auf ›Einführungen‹«, S. 36. Ebenso Spoerhase: »Das ›Laboratorium‹ der Philologie?«, S. 74, Fußnote 73.

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Praktiken als komplexe Normenbündel eingelagert liegen.786 Ebenso wie der Novize mit Ausdauer, Geduld und nicht zu unterschätzenden Enttäuschungsresistenzen in einem sozialen Zusammenhang (beispielsweise des Seminars787) lernen muss, welche Frage in Bezug auf welchen Gegenstand auf welche Weise von der Gemeinschaft als ›interessant‹ nobilitiert wird, wie (beispielsweise in einer Hausarbeit788) ›anschlussfähige‹ Perspektiven dargestellt, begründet oder kritisiert und in Zusammenhang gebracht werden, müssten sich Kodifikationsschriften darum bemühen, solche Verknüpfungsleistungen (zumindest) anzuzeigen.789 In Einführungen werden die einzelnen interpretativen Zugriffe und Umgangsweisen häufig getrennt voneinander vorgestellt und suggerieren damit eine vermeintliche Ordnung, die so für die Praxis des Interpretierens nicht zutrifft. Auch wenn man poststrukturalistische Theorien aufmerksam und intensiv rezipiert hat und konzise wiedergeben kann, garantiert dies alleine noch keinen ›gelungenen‹ Theoriegebrauch in der Interpretation. Zu wissen, wie man ›ordentlich‹ bibliographiert, bedeutet nicht zwangsläufig zu wissen, an welcher Stelle eine Fußnote ›wichtig‹, ›relevant‹ und ›nötig‹ – oder völlig fehl am Platz – wäre. Das Bibliographieren ist nämlich im Funktionszusammenhang eines komplexen disziplinären Feldes lokalisiert, da es zweckhaft im Hinblick auf andere Praxisformen organisiert ist, nur unter Bedingungen der Anschlussfähigkeit von bibliographischen Praktiken und weiteren Forschungspraktiken sinnvoll ist und damit die ›Ahnung‹ eines größeren, von Forschungsinteressen strukturierten Praxiszusammenhangs impliziert.790

786 Zum Zusammenhang von Normen und Praktiken vgl. Schäfer : Instabilität der Praxis, S. 32 und S. 364ff. 787 Erst durch die Teilhabe an einer Institution, die gemeinsame Aufmerksamkeitsszenen installiert und Beobachtungssituationen pflegt, können Aneignungs- bzw. Enkulturationsprozesse überhaupt stattfinden. Vgl. hierzu Spoerhase: »Das ›Laboratorium‹ der Philologie?« sowie die Anmerkungen von Lorraine Daston: »Praktiken werden selten in Lehrbüchern überliefert; das Seminar […] – ist der Ort, wo die Anfänger lernen, indem sie in die Praxis eingeführt werden« (Daston: »Die unerschütterliche Praxis«, S. 21). Vgl. in einem weiteren Zusammenhang auch Neuweg: »Über die Explizierbarkeit flexibler Muster«. 788 Zur zur Genealogie der Hausarbeit aus historischer Perspektive vgl. Kruse: »The Origins of Writing in the Disciplines«; Pohl: Die studentische Hausarbeit; Dehrmann, Spoerhase: »Die Idee der Universität: Friedrich August Wolf und die Praxis des Seminars«. Für einen weiteren Zusammenhang des Erlernens wissenschaftlichen Schreibens vgl. Gruber et al.: Genre, Habitus und wissenschaftliches Schreiben. Eine empirische Untersuchung studentischer Texte; Pohl: Studien zur Ontogenese wissenschaftlichen Schreibens. 789 Vgl. Martus, Spoerhase: »Eine praxeologische Perspektive auf ›Einführungen‹«, S. 33. 790 Ebd., S. 34.

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Dieses Praxiswissen können Kodifikationen nicht transportieren.791 Damit zeigen sie ex negativo, dass Interpretationen weit mehr als die Einhaltung von expliziten »Schrittfolgen zur Formulierung und Plausibilisierung von Deutungshypothesen«792 oder die Applikationen von festgelegten Standards und Normen sind. Bis hierhin lässt sich zusammenfassend festhalten, dass die Literaturwissenschaft und ihre Interpretationspraxis erstens durch sehr viele unterschiedliche Normen geprägt sind und dass diese Normen nur als komplexer, kontextsensitiver und situativer Zusammenhang rekonstruiert werden können. Insofern sind Klagen über fehlende Standards und Forderungen nach allgemeingültigen Normen nicht nur deswegen irritierend, weil der Diagnose des Mangels, wie oben gezeigt werden sollte, nicht zugestimmt werden kann, sondern auch, weil der Wunsch nach ›einheitlichen‹ oder ›eindeutigen‹ Normen das komplexe Normengefüge der Literaturwissenschaft, insbesondere der Interpretationspraxis, verfehlt.793 Zweitens können Normen aufgrund ihrer situativen Operabilität keineswegs die Funktion übernehmen, Interpretationen regelhaft anzuleiten. Ebenso wenig, wie Theorien umfassende Anleitungsfunktionen übernehmen, können also Normen den Gang von Interpretationen in einer Weise organisieren, dass sie Text- oder Interpretationsentscheidungen vollständig vorstrukturieren. Zudem ist drittens in Rechnung zu stellen, dass Normen nur in der theoretischen Reflexion abstrakt auftreten und sie sich erst als ›Normenimplementierungen‹ in der Interpretationspraxis erfüllen. Die Beschäftigung mit den multinormativen Arbeitszusammenhängen der Literaturwissenschaft setzt somit die Beobachtung ihrer Praxis voraus.

2.3

Zusammenfassung

In den vorangegangenen Unterkapiteln ging es zunächst darum, sich dem Interpretieren aus unterschiedlichen Perspektiven zu nähern und Reflexionen über den Status und die Relevanz des Interpretierens zu konturieren. Dabei fiel auf, dass den meisten – selbst interpretationskritischen – Positionen gemein ist, 791 Interessante und sicherlich auch auf Wissenschaftskulturen übertragbare Überlegungen zu ›Transportschwierigkeiten‹ von Kodifizierungen formuliert Pierre Bourdieu: »Die Kodifizierung«, insb. S. 103ff. 792 Klausnitzer: »Wie lernt man, was geht?«, S. 156. 793 Aus diesem Grund sind Bemühungen, einzelne Normen der Literaturwissenschaft zu beschreiben, nur aus begriffsgeschichtlicher oder analytischer Perspektive aufschlussreich. Vgl. Winko: »Zur Plausibilität als Beurteilungskriterium«. Hier auch weitere Beispiele für solche Isolationsversuche für ›interessant‹, ›anregend‹ oder ›überzeugend‹ (S. 484, Fußnote 6).

Zur Kritik des Interpretierens

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dass dem Interpretieren ein wichtiger, zumeist zentraler Stellenwert im Praxisgefüge der Literaturwissenschaft eingeräumt wird. Diese zugeschriebene Zentralität ist aus drei Gründen bemerkenswert. Erstens ist mit Blick auf die Anfänge der Disziplin zu konstatieren, dass die Zentralität des Interpretierens keineswegs originär und damit selbsterklärend ist. Betrachtet man zweitens die vielfältige Kritik des Interpretierens, seiner Begriffe, Grundlagen, Ziele etc., beeindruckt die Resilienz dieser Praxis. Drittens fehlen bislang empirische Studien, welche die postulierte Zentralität des Interpretierens stützen könnten. In einem weiteren Schritt wurde jene Kritik beleuchtet, die sich zumeist auf Mängel oder Defizite literaturwissenschaftlicher Interpretationen konzentriert. Hierbei erwiesen sich zwei in der Forschung intensiv diskutierte und zur Ursachenklärung des vermeintlich unzureichenden Zustandes des Interpretierens immer wieder in Anschlag gebrachte Zusammenhänge als weite Problemkomplexe. Die prominente Engführung von Theorie und Interpretieren bzw. Normen und Interpretieren zeigte sich als reproblematisierungsbedürftig hinsichtlich ihrer hierarchisierenden Theorie-Praxis-Differenzierung respektive hinsichtlich ihrer Konzeption von Normen als universell gültigen, fest fixierten Regeln und Maßstäben für die Interpretationspraxis. Stattdessen ist unter einer praxeologischen Perspektive Theoretisieren als eine Teilpraktik des Interpretierens zu nivellieren, wodurch der Erwartungsdruck und die Enttäuschungssicherheit gegenüber Theorien als Handlungsanleitungen für die Interpretationspraxis reduziert werden können. Ebenso lässt sich der Diagnose des Mangels an Normen die multinormative Dimension literaturwissenschaftlichen Arbeitens entgegenhalten. Interpretieren kann somit nicht durch die Abstrahierung oder Isolierung einzelner Normen prospektiv geleitet oder retrospektiv bewertet werden. Interessiert man sich also für die ›Regelhaftigkeit‹ des Interpretierens und das, was Literaturwissenschaftler normalerweise tun, wenn sie interpretieren, gilt es in Erinnerung zu halten, dass die Tätigkeit des Interpretierens nicht direkt und vor allem nicht ausschließlich durch »Theorien oder andere explizite Normen, Anweisungen etc.«794 gelenkt wird. Zudem ist es auch nicht zielführend, einen verallgemeinerbaren Kriterienkatalog für Interpretationen zu fixieren, ohne den normativen Gehalt miteinander verketteter Praktiken zu berücksichtigen. Die ›Überverantwortung‹ angeblicher ›Führungsrollen‹ von Theorien (die mir vollständig sagen, was und wie ich interpretieren soll) und einzelner, allgemeingültiger Normen (die meine Interpretation vollumfänglich anleiten bzw. mir sagen, wie ich das Interpretierte zu bewerten habe) wird also mit Blick auf die hohe ›Belastungstoleranz‹ und ›Transportfähigkeit‹ von Praktiken (u. a. ihrer Implementierung des Theoretisierens sowie ihrer Materialisierung kom794 Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 32.

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plexer und multipler Normengefüge) abgegeben bzw. reduziert und die Problemkomplexität entsprechend erhöht. Diese Perspektivverschiebung unternimmt das nächste Kapitel.

3.

Interpretieren I

Aus einer praxeologischen Perspektive zeigt sich das Interpretieren als eine »so komplexe wie komplizierte Tätigkeit«795 : Woher ›wissen‹ Literaturwissenschaftler, welche Objekte oder Aspekte von Objekten für eine Interpretation überhaupt lohnenswert sein könnten? Wie wird man einem Gegenstand oder einer Perspektive ›gerecht‹? Wie lässt sich die Interpretationsbedürftigkeit eines Gegenstandes ausstellen? Welche Praktiken gehören zum Interpretieren, wie werden sie aufeinander abgestimmt, in Verbindung zueinander und gemeinsam zur Geltung gebracht? Woher ›weiß‹ man, was und wieviel ›noch zu tun ist‹ – und »wann Schluss ist«796 ? Das Gespür für das ›richtige Maß‹ an Zitationen, Verweisen, Perspektivierungen, Fußnotensetzungen, Fragestellungen, Beispielen etc. in einer Interpretation lässt sich – wie die vorangegangenen Kapitel zeigen sollten – nicht durch die Befolgung expliziter Regeln oder theoretischer Axiome aneignen. Literaturwissenschaftliche ›Vereinbarungen‹ für das Interpretieren enthalten zwar Regeln (wie beispielsweise formale Richtigkeit) und sind ohne die Beherrschung expliziten Wissens (beispielsweise über historische Zusammenhänge, theoretische Konzepte etc.) nicht vorzustellen. Prägend und zugleich weitaus voraussetzungsreicher sind jedoch jene ›stillschweigenden Konventionen‹, die nicht vorgegeben werden können, aber das ausmachen, was das ›Interpretieren‹ im Kern fixiert.797 »[W]ann man was wie wo sagen kann bzw. muss«798, lernt man erst durch die Teilhabe an einem langwierigen, zumeist diskret ablaufenden Sozialisationsprozess und zeigt sich in der Aneignung von Verfahrensroutinen. Um dieses ›Können‹ konkreter in den Blick zu nehmen, werden im Folgenden ausgewählte Aufsätze praxeologisch untersucht. Es geht u. a. darum, zu beschreiben, wie Literaturwissenschaftler in der Regel beim Interpretieren verfahren: Welche Fragen werden privilegiert gestellt, wie werden Perspektiven 795 Jannidis, Winko: »Wissen und Inferenz«, S. 221. 796 Vgl. Klausnitzer: »Wie lernt man, was geht?«, S. 176. Vgl. in diesem Zusammenhang auch Luhmann: »Schwierigkeiten mit dem Aufhören«. 797 Ralf Klausnitzer spricht von expliziten und impliziten Regularien, »die von spezifisch organisierten Kommunikationsgemeinschaften in konkreten epistemischen und sozialen Zusammenhängen erworben und eingeübt, angewendet und weitergegeben werden« (Klausnitzer : »Wie lernt man, was geht?«, S. 153 [Hervorhebungen im Original]). 798 Arnold: »Disziplin und Initiation«, S. 37 [Hervorhebungen im Original].

Interpretieren I

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angelegt, auf welche Weise wird Forschungsbedarf und Anschlussfähigkeit ausgestellt, wie wird auf andere Forschungen Bezug genommen und welche Gegenstände werden für die Untersuchungen identifiziert? Blickt man vor diesem Hintergrund auf die ausgewählten 130 Beiträge799, fällt zunächst der relativ homogene Gegenstandsbereich auf. In der Regel bilden kanonisierte800 Texte, vorrangig aus den Bereichen der Epik, den Gegenstand von Interesse.801 In beispielhafter und ungeordneter Nennung sind dies etwa Theodor Fontanes Stechlin,802 Lutz Seilers Kruso,803 Stefan Georges Buch der Hängenden Gärten,804 Ingeborg Bachmanns Malina und Irmtraud Morgners Trobadora Beatriz und Amanda,805 Gustav Freytags Die Journalisten,806 Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften,807 Wilhelm Hauffs Das Wirtshaus im Spessart,808 Joseph Roths Hiob,809 Gottfried Kellers Kleider machen Leute,810 Bettina von Arnims Goethes Briefwechsel mit einem Kinde,811 Friedrich Hölderlins Thränen,812 Friedrich Schillers Jungfrau von Orleans,813 Christoph Ransmayrs Die letzte Welt,814 E.T.A. Hoffmanns Sandmann,815 Franz Kafkas Poseidon,816 Thomas Manns Doktor Faustus817 oder Adalbert Stifters Die Mappe meines Urgroßvaters818. Die am häufigsten untersuchten Texte innerhalb der 799 Zur Auswahl der Beiträge vgl. Kapitel I. 4.3.2. 800 Ob Objekte als kanonfern bewertet bzw. zum Forschungskanon gezählt wurden, entnehme ich den Objektpräsentationen innerhalb der untersuchten Beiträge selbst. Wenn sie als ›nicht-kanonzugehörig‹ gelten, wird dies in den Beiträgen explizit hervorgehoben. Auf diese von den jeweiligen Autoren vorgenommenen Zuordnungen stütze ich mich. Vgl. zur Komplexität des Kanonbegriffs die Beiträge in Beilein, Stockinger, Winko: Kanon, Wertung und Vermittlung. 801 Dieses Beobachtungsergebnis ist auch im Hinblick auf die intensiv geführten Auseinandersetzungen zum Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft bemerkenswert, die von der Sorge begleitet wurden, dass der ›eigentliche‹ Gegenstand der Literaturwissenschaft abhandengekommen sei. Vgl. die Diskussionsbeiträge der Jahrbücher der Deutschen Schillergesellschaft 1997, 1998, 1999; Erhart: »Grenzen der Germanistik. Vorbemerkung«. 802 Amberg: »Poetik des Wassers«. 803 Bach: »Ästhetisches Probehandeln, progressive und kritische Intertextualität«. 804 Arbogast: »Stefan Georges Buch der Hängenden Gärten«. 805 Liebertz-Grün: »Wege zu einer postpatriarchalen Ästhetik«. 806 Beaton: »Gustav Freytags Die Journalisten«. 807 Bergengruen: »Moosbrugger oder die Möglichkeiten der Paranoia«. 808 Böhn: »Ökonomisches Wissen«. 809 Bruyker : »Narratologie der Vergewaltigung«. 810 Fabr8: »Wirklichkeit über pari«. 811 Greiner : »Echo-Rede und ›Lesen‹ Ruths«. 812 Groddeck: »Über das ›Wortlose‹«. 813 Harrison: »Heilige oder Hexe?«. 814 Hinz: »Im Banne Roms«. 815 Kicaj: »Der Nachklang eines Mythos«. 816 Liska: »Stellungen«. 817 Schubert: »Das Ende der bürgerlichen Vernunft?«. 818 Wirtz: »Schrift und Familie«.

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untersuchten 30 Jahre stammen von Friedrich Schiller819, Johann Wolfgang von Goethe820, Franz Kafka821, Heinrich von Kleist822 und Robert Musil823. Diese Gruppe macht 28,5 Prozent des Untersuchungskorpus aus.824 Die übrigen 71,5 Prozent setzen sich aus Texten von Autoren zusammen, die im Untersuchungskorpus nur ein bis dreimal vorkommen, sich jedoch – mit wenigen Ausnahmen825 – ebenfalls dem Kanon zuordnen lassen. So werden beispielsweise Texte von Bettina von Arnim, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Clemens Brentano, Georg Büchner, Paul Celan, Annette von Droste-Hülshoff, Joseph von Eichendorff, Theodor Fontane, Friedrich Hebbel, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Friedrich Hölderlin, Peter Huchel, Gottfried Keller, Wolfgang 819 In folgenden Beiträgen stehen Friedrich Schiller bzw. seine Texte im Zentrum: Alt: »Ästhetik des Opfers«, Borkowski: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein«, Harrison: »Heilige oder Hexe?«, Haumann: »Schiller, das Vertrauen und die Gemeinschaft der Freien«, Koopmann: »Denken in Bildern«, Oberlin: »Die Mechanik des Bösen«, Schnyder : »Schillers ›Pastoraltechnologie‹«, Sieg: »Evidenz und Recht«, Simons: »Die Lesbarkeit der Geheimnisse«, Stockinger : »Der Leser als Freund«, Werber : »Technologien der Macht«, Zanucchi: »Schicksal und Tragik in Schillers Wallenstein«. 820 Johann Wolfgang von Goethe bzw. seine Texte werden in diesen Interpretationen behandelt: Kittstein: »Gottgleiche Allmacht und ewige Dauer?«, Kablitz: »Frühlingsklänge«, Mayer: »Dichten zwischen Paradies und Hölle«, Reiss: »Goethe, Möser and the Aufklärung«, Riedel: »Eros und Ethos«, Schmitt: »Ein weiterer Deutungsversuch zu Goethes DivanGedicht Selige Sehnsucht«, Vaget: »Eros und Apoll«. 821 Franz Kafka und seine Texte stehen in folgenden Beiträgen im Mittelpunkt: Engel: »Außenwelt und Innenwelt«, Hohoff: »Die Kapiteleinteilung im Romanfragment Das Schloß«, Kluwe: »Antizipation des Widerspruchs als psychopathologisches Symptom und literarische Bewältigungsmethode bei Franz Kafka«, Küpper: »Figurationen zwischen Eis und Wüste«, Liska: »Stellungen. Zu Franz Kafkas Poseidon«, Neumeyer : »Von der Selbstverleugnung der Beamten«, Wolf: »Die Nacht des Bürokraten«. 822 Heinrich von Kleist bzw. seine Texte werden in folgenden Aufsätzen interpretiert: Fischer : »Der Ernst des Scheins«, Greiner : Kleists erzählender Entwurf des Erhabenen, Haase, Freudenberg: »Power, Truth, and Interpretation«, Hansen: »Prinz Friedrich von Homburg und die Anthropologie des animalischen Magnetismus«, Moll, Björn: »Substitution und Repräsentation in der Marquise von O…«, Zeller : »Kleists Prinz Friedrich von Homburg auf dem Hintergrund der literarischen Tradition«, Zeyringer: »Eine ›Lustspielfigur par excellence‹«. 823 Robert Musil bzw. seine Texte werden in folgenden Interpretationen untersucht: Bergengruen: »Moosbrugger oder die Möglichkeiten der Paranoia«, Gittel: »Drei Arten der Fiktionalisierung von weltanschaulicher Reflexion«, Meisel: »Zur Zeitproblematik in Musils Mann ohne Eigenschaften«, Willemsen: »Dionysisches Sprechen«. 824 In den 130 Interpretationen lassen sich folgende Häufigkeiten festhalten: Friedrich Schiller (12), Johann Wolfgang von Goethe (7), Franz Kafka (7), Heinrich von Kleist (7) und Robert Musil (4). Die in Klammern stehende Zahl hinter den Namen der Autoren steht für die Anzahl an Aufsätzen, die sich mit den jeweiligen Autoren bzw. deren Texten befassen. 825 Dies sind Dove: »Karl Otten, Heinz Schöffler und die Neuentdeckung des literarischen Expressionismus«; Ervedosa: »Die Verfremdung des Fremden«; Görner : »Sprachlichtarbeit«; Krämer: »Paul Heyses Novellentheorie«; Kurbjuhn: »Knebels Autonomie«; Weiershausen: »Boulevardtheater und Streitkultur«; Nehring: »Jagdlust und Erotik«; Neuhuber : »Richard Dehmels Gedicht Ein Heine-Denkmal«.

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Koeppen, Gotthold Ephraim Lessing, Thomas Mann, Eduard Mörike, Adalbert Stifter, Theodor Storm oder Robert Walser untersucht. Nur 8 von 130 Beiträgen konzentrieren sich auf Texte bislang (in der Forschung) ›unbedeutender‹ Autoren.826 Allerdings werden selbst die Texte ›vernachlässigter‹ Autoren in den Interpretationen ebenso in ›kanonischer‹ Umgebung situiert. Charlotte Kurbjuhn weist beispielsweise darauf hin, dass es erstaunlich sei, dass Carl Ludwig von Knebel »kaum zum Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Auseinandersetzung« erklärt wurde, obwohl »die beachtliche Zahl an frühen Briefeditionen und der sich darin abzeichnenden Relevanz von Knebels Korrespondenzen« die bedeutende Stellung des Autoren nahelegten.827 Dabei ist es gerade der von Charlotte Kurbjuhn dokumentierte briefliche Austausch mit Johann Wolfgang von Goethe, der dazu dient, Carl Ludwig von Knebel mit dem Kanon in Verbindung zu bringen. Auch wenn vieles darauf hindeutet und mit Blick auf weitere Studien828 konstatiert werden kann, dass in der literaturwissenschaftlichen Interpretationsarbeit vorrangig »hoch kanonisierte disziplinäre Leitautoren und -werke«829 untersucht werden, gilt es, in Erinnerung zu halten, dass in der vorliegenden Arbeit nur Beiträge spezifischer Zeitschriften ausgewählt wurden, welche die Beschäftigung mit ›zentralen‹ Gegenständen (mindestens) privilegieren. Mit Blick auf das Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft ist die Beobachtung eines ›Schiller‹-Schwerpunktes jedenfalls nicht überraschend. Die Frage wäre an dieser Stelle, ob in anderen Fachzeitschriften oder auch in anderen Darstellungsformen alternative Gegenstände untersucht werden; wie also mithin Publikationsformate und Darstellungsformen mit Gegenstandsbereichen korrelieren. Ebenso könnte sich die Beobachtung zum Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft verschieben, wenn man weitere Praktiken oder Kontexte der Literaturwissenschaft in den Blick nimmt. So ließe sich etwa fragen, ob sich Lehrgegenstände von Forschungsgegenständen hinsichtlich ihrer Kanonizität unterscheiden.830 Für den hier untersuchten Praxiszusammenhang – dem Interpretieren in ausgewählten Zeitschriften innerhalb eines bestimmten Zeit-

826 Vgl. die Aufzählung in Fußnote 825. Diese Beiträge präsentieren ihre Objekte als von der Forschung bislang weitgehend ungesehen und porträtieren sie damit als kanonferne Texte. 827 Kurbjuhn: »Knebels Autonomie«, S. 244. Vgl. in ähnlicher Weise Neuhuber : »Richard Dehmels Gedicht Ein Heine-Denkmal«, S. 561. 828 Vgl. etwa die Beobachtungen von Jannidis, Lauer, Winko: »Geschichte und Emphase«, S. 147ff.; Martus, Thomalla, Zimmer : »Zur Normalität der Krise«, S. 517. 829 Martus, Thomalla, Zimmer : »Zur Normalität der Krise«, S. 517. 830 Um diese Frage zu beantworten, müsste man bspw. Seminarankündigungen in Vorlesungsverzeichnissen unterschiedlicher literaturwissenschaftlicher Institute untersuchen und etwa mit den hier vorliegenden Ergebnissen vergleichen.

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raums831 – lassen sich folgende Beobachtungen festhalten: Neben der Konzentration auf bestimmte hochkanonische Autoren lassen sich auch nahezu alle anderen Gegenstände dem Kanon zuordnen. Mit Blick auf die Gegenstände der untersuchten Beiträge stellt sich daher die Frage, wen oder was die Klage über die ›Vervielfältigung der Gegenstände‹ und die Befürchtung des ›Gegenstandverlustes‹ eigentlich zu adressieren meint. Die vermeintlichen Pluralisierungsprozesse scheinen die Praxis des Interpretierens und ihre Priorisierung von bestimmten Gegenständen jedenfalls nicht zu affizieren. Die enge Gegenstandsauswahl lässt sich allerdings mit dem äußerst weiten Perspektivenspektrum kontrastieren: Es geht um die Funktion des See-Symbols,832 um intertextuelle Bezüge,833 um die werkinterpretatorische Relevanz von Wiederholungsstrukturen,834 um De- bzw. Rekonstruktionen postpatriarchaler Ästhetik,835 um die Metapher des Schwebens und ihre Wirkungsgeschichte für die Frühromantik,836 um die Bedeutung spezifischer politisch-sozialer Kontexte,837 um Sigmund Freuds Konzept der Paranoia,838 um die textuelle Integration von Schwarz-Weiß-Fotografien und ihrer poetologischen Reflexion,839 um den Zusammenhang von Literatur und Wissen840 u.v.a.m. Neben der relativen Homogenität der Gegenstände ist somit eine Heterogenität an Perspektiven und Akzentuierungen auszumachen. Viele der untersuchten Beiträge heben damit an, ihren Gegenstand mit dem Verweis auf bisherige Forschungsarbeiten der disziplinären Gemeinschaft vorzustellen und die eigene Aufmerksamkeitsinvestition damit zu legitimieren.841 Aspekte, die bisher nur »auffällig wenig beachtet«842, »arg vernachlässigt[]«843, »übersehen«844 bzw. »nicht wahrgenommen«845 wurden oder denen bisher 831 Ich untersuche nur einen Praxiszusammenhang. Dieser Verweis erscheint mir an dieser Stelle wichtig. Denn leider wird allzu oft aus Beobachtungen einzelner Kontexte der Literaturwissenschaft ungerechtfertigter Weise auf die gesamte Disziplin der Literaturwissenschaft geschlossen. Die hierdurch entstandenen und entstehenden Missverständnisse sind leider gravierend, wie man etwa an den in der Einleitung zitierten Krisendiagnosen ablesen kann. 832 Amberg: »Poetik des Wassers«. 833 Bach: »Ästhetisches Probehandeln, progressive und kritische Intertextualität«. 834 Arbogast: »Stefan Georges Buch der Hängenden Gärten«. 835 Liebertz-Grün: »Wege zu einer postpatriarchalen Ästhetik«. 836 Hühn: »Das Schweben der Einbildungskraft«. 837 Beaton: »Gustav Freytags Die Journalisten«. 838 Bergengruen: »Moosbrugger oder die Möglichkeiten der Paranoia«. 839 Hoffmann, Rose: »Zur Poetik der Fotografie bei W.G. Sebald«. 840 Böhn: »Ökonomisches Wissen«. 841 Vgl. zur Generierung von Akzeptabilität die Überlegungen von Struck: »Akzeptanz in der Literaturwissenschaft«. 842 Groddeck: »Über das ›Wortlose‹«, S. 626. 843 Nölle: »Die unterdrückte ›Auferstehung‹«, S. 204. 844 Alt: »Ästhetik des Opfers«, S. 178.

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»kaum«846 oder »wenig Relevanz«847 zugesprochen wurde, sollen in den jeweiligen Beiträgen in den Mittelpunkt gerückt werden. Auf Fragen, die »selten oder nur beiläufig gestellt«848 worden sind und somit ein »Desiderat der Forschung«849 bilden, soll nun mit besonderer Konzentration eingegangen werden. Dass etwa »die Kombination von Text und Bild zu den Markenzeichen von Sebalds Werk gehört«, sei auch der »literaturwissenschaftlichen Forschung nicht verborgen geblieben […]«.850 Darum sei es umso »erstaunlicher«, dass die »herausragende Bedeutung der Bilder zwar oft betont wird, die Funktionen der Wort-BildKombination aber kaum einmal gezielt analysiert worden sind«.851 Ebenso »unerklärlich[]«852 sei auch die Vernachlässigung zentraler Aspekte in der Erforschung des Prinz Friedrich von Homburg. Forschungslücken seien »nicht zu übersehen«853 und weitere Bemühungen um den jeweiligen Gegenstand daher »dringend«854 nötig. »[E]rstaunlicherweise« seien auch die begriffsgeschichtlichen Studien von Reinhart Koselleck von der »differenzierten und weitverzweigten Forschung zu Schillers Wallenstein bisher nicht eingehender rezipiert worden«.855 Auch wenn einzelne Deutungen schon »bestens bekannt« seien, wären sie »bisher nicht ausführlich genug« behandelt worden.856 »Ergänzend zur bisherigen, auf Schillers Sicht auf Geschichte fokussierten Forschung« möchte etwa Jan Borkowski zeigen, »dass es die um 1800 entstehende, sattelzeitliche Geschichtskonzeption ist, die als für das Drama in hohem Maße relevant angesehen werden [könne]«.857 Vorzuführen, warum es sich »lohnen«858 könnte,

845 Greiner : »Echo-Rede und ›Lesen‹ Ruths«, S. 49. Ebenso Zeyringer : »Eine ›Lustspielfigur par excellence‹«, S. 554. 846 Pusch: »Hölderlins ›Lucan‹«, S. 324; ebenso Küpper : »Figurationen zwischen Eis und Wüste«, S. 453; Todorow : »Publizistische Reiseprosa als Kunstform«, S. 138. 847 Krah: »Autorschaft vor der Geburt des Autors«, S. 532; ebenso Haumann: »Schiller, das Vertrauen und die Gemeinschaft der Freien«, S. 212, Fußnote 2; Riedel: »Eros und Ethos«, S. 147. 848 Ohl: »Thomas Manns Selbstdeutungen«, S. 670. 849 Ebd. Vgl. zudem Weder : »Zensur wird Literatur«, S. 272, Fußnote 17. 850 Hoffmann, Rose: »Zur Poetik der Fotografie bei W.G. Sebald«, S. 581. 851 Ebd. 852 Hansen: »Prinz Friedrich von Homburg und die Anthropologie des animalischen Magnetismus«, S. 48. 853 Klopschinski: »Über eine ›wunderliche Begebenheit mit einem Kopf‹«, S. 601. 854 Köhn: »Die Schrecken des Modernen«, S. 611, Fußnote 4. Lothar Köhn verweist hier auf den Appell von Jolles: Theodor Fontane, S. 29. Ebenso Keppler: »Zu einer Leitfigur der klassisch-modernen Lyrik«, S. 235. Stefan Keppler bezieht sich in seiner Diagnose auf Kraß: »Gebet«, S. 662. 855 Borkowski: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein«, S. 220f. 856 Ebd., S. 221. 857 Ebd., S. 220.

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einem Gegenstand Aufmerksamkeit zu schenken, hängt somit eng mit der jeweils zu justierenden Forschungssituation zusammen. Interessant ist dabei, dass ein Gegenstand alleine nicht selbstverständlich die (erstmalige oder erneute) Beschäftigung der Forschung einfordern kann. Auch der Verweis auf die literarische »Hochschätzung«859 aufgrund seines »außerordentlichen künstlerischen Rangs«860 reicht nicht dazu aus – wie etwa Fachfremde vermuten könnten –, einen Gegenstand für die literaturwissenschaftliche Forschung auszuweisen. Erst der entsprechende Anschluss an die Forschung generiert einen ›Gegenstand von Interesse‹. So schickt beispielsweise Jörg Villwock schon im ersten Satz seiner Untersuchung die Diagnose der Forschungskonjunktur seines Gegenstandes voraus: »Seit einigen Jahren ist in der philologischen Forschung das Interesse an Deutung und Darstellung von Lessings Literaturkritik neu erwacht«861. Auch Benjamin Gittel eröffnet seinen Beitrag über Fiktionalisierungsweisen von Reflexion am Beispiel des Erlösungsdiskurses anhand ausgewählter Texte von Hermann Broch, Georg Luk#cs und Robert Musil mit einem status quo der Forschung: Während es seit Langem bekannt ist, dass der Essay im Zeitraum von 1890 bis 1933 im deutschen Sprachraum eine Konjunktur erfährt, wurde in jüngerer Zeit auch das eng damit zusammenhängende Phänomen der Fiktionalisierung von Reflexion, d. h. die extensive ›Übertragung‹ von Reflexion auf fiktive Figuren bzw. Erzählinstanzen inspirierend beschrieben.862

Ebenso leitet Maximilian Bergengruen seine Interpretation der Figur Christian Moosbrugger aus Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften im ersten Satz mit einem Verweis auf die »Forschungsdebatte der letzten Jahrzehnte«863 ein. Diese habe gezeigt, dass sich eine »Auseinandersetzung mit der Figur Moosbrugger« explizit mit »drei Bereichen« beschäftigen und diese »in ein Verhältnis bringen [müsse]«: den psychiatrischen Kategorien, ihrer Jurisdiktion sowie den in der Figur angelegten Bezügen zur apophatischen Mystik.864 Dass Gegenstände gleich zu Beginn eines Beitrags privilegiert über Forschungsverweise eingeführt werden, wie die vorangegangenen Beispiele deutlich machen sollten, lässt sich in

858 Andreas Böhn formuliert es ganz direkt, wenn er mit Blick auf die Hauff-Forschung seine Interpretation mit den Worten einleitet: »Es sollte sich also lohnen [Hervorhebung, F. S.], der Frage nachzugehen«. Vgl. Böhn: »Ökonomisches Wissen«, S. 504. 859 Stadler : »Die Aussicht als Einsicht«, S. 499. 860 Ebd. 861 Villwock: »Lessings Fabelwerk«, S. 60. 862 Gittel: »Drei Arten der Fiktionalisierung von weltanschaulicher Reflexion«, S. 213. 863 Bergengruen: »Moosbrugger oder die Möglichkeiten der Paranoia«, S. 545. 864 Ebd.

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einer Vielzahl der untersuchten Beiträge zeigen.865 Hier zeigt sich das komplexe Verhältnis zwischen Gegenstand, Forschung und Interpretation. Der Rekurs auf Forschungsarbeiten, der sich in den zitierten ersten Sätzen lediglich besonders prominent zeigt, durchzieht die Beiträge in vielfältiger Weise. Dies lässt sich etwa an der Fußnotensetzung ablesen.866 Im Schnitt kommen die Beiträge aus dem Untersuchungskorpus insgesamt auf 60,34 Fußnoten.867 Bei einer durchschnittlichen Seitenlänge868 von 21,83 pro Beitrag beträgt dies 2,76 Fußnoten pro Seite. Aus den erhobenen Daten lassen sich folgende Ergebnisse errechnen: Pro Aufsatz innerhalb eines Zeitschriftenorgans wurden 1986 durchschnittlich 24,38 Seiten verfasst und 58,1 Fußnoten gesetzt, 1996 durchschnittlich 19,35 Seiten und 51,63 Fußnoten, 2006 durchschnittlich 21,58 Seiten und 61,21 Fußnoten und 2016 durchschnittlich 22,29 Seiten und 72,52 Fußnoten. Dies entspricht für das Jahr 1986 2,38 Fußnoten pro Seite, für 1996 2,67 Fußnoten pro Seite, für 2006 2,84 Fußnoten pro Seite und für 2016 3,26 Fußnoten pro Seite. Diese Ergebnisse korrespondieren mit den Beobachtungen von Steffen Martus, Erika Thomalla und Daniel Zimmer. Sie kommen zu dem Befund, dass in ihren untersuchten Beiträgen der Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte durchschnittlich 70 Fußnoten pro Artikel auszumachen sind, die Anzahl der Fußnoten innerhalb der Artikel zwischen 10 und über 100 Fußnoten variiert und die gesamte Fußnotenzahl pro Artikel sukzessive steigt. Auch in der Zusammenstellung des hier untersuchten Korpus ist das Fußnotenspektrum enorm breit. Die niedrigste Fußnotenanzahl 865 Weitere Beispiele wären: Böhn: »Ökonomisches Wissen«, S. 504; Briese: »Nur Narr? Nur Dichter?«, S. 187; Hutchinson: »Die Leichtigkeit der Schwermut«, S. 457; Keppler : »Zu einer Leitfigur der klassisch-modernen Lyrik«, S. 235; Klopschinski: »Über eine ›wunderliche Begebenheit mit einem Kopf‹«, S. 600; Krah: »Autorschaft vor der Geburt des Autors«, S. 532; Küpper: »Figurationen zwischen Eis und Wüste«, S. 453; Kurbjuhn: »Knebels Autonomie«, S. 243; Lönker : »Das Spiel der Bilder«, S. 262; Nölle: »Die unterdrückte ›Auferstehung‹«, S. 204; Osborne: »Vision, Supervision and Resistance«, S. 67; Weiershausen: »Boulevardtheater und Streitkultur«, S. 316; Zeyringer : »Eine ›Lustspielfigur par excellence‹«, S. 552. 866 Zur Fußnotenforschung vgl. Rieß, Fisch, Strohschneider : Prolegomena zu einer Theorie der Fußnote; Cahn: »Die Rhetorik der Wissenschaft«; Brand: »Fußnoten und Anmerkungen«; Grafton: The Footnote; Eckstein: Fußnoten; Stanitzek: »Zur Lage der Fußnote«; Bunia: »Fußnote«. Ebenso Glaser : »Kommentar und Bildung«, S. 141ff. Für einen unterhaltsamen Einblick in das Fußnotensetzen vgl. das fiktive Gespräch zwischen einer Leserin und Karin Knorr Cetina (Knorr Cetina: Wissenskulturen, S. 73). 867 Diese Fußnoten müssten in einer weiterführenden Untersuchung unterschieden werden: In welchen Fällen handelt es sich um Quellenbelege, wann um Bezüge auf Forschungen, wann – wie in dieser Fußnote – um Zusatzhinweise zum Fließtext? Ließen sich vielleicht auch die Forschungsfußnoten weiter ausdifferenzieren? Vgl. hierzu die Überlegungen in Sakran: Footnotes in Academic Written Discourse. 868 Die Seitenlänge ist nur ein relatives Maß. Es wäre valider, wenn man von der Zeichen- oder Wortanzahl ausginge. Eine solche Zählung kann die vorliegende Arbeit händisch jedoch nicht leisten.

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liegt bei 5 und die höchste Fußnotenanzahl bei 163 innerhalb eines Artikels.869 Zudem werden, wie die oben errechneten Fußnotenzahlen pro Seite anzeigen, historisch immer mehr Fußnoten gesetzt.870 Blickt man auf die einzelne Fußnotenverteilung in den Beiträgen und typologisiert die Fußnoten in ein grobes Schema, bei dem man sich ausschließlich auf zwei Arten der Fußnote (›literaturwissenschaftlicher Forschungsverweis‹ und ›Quellenbeleg‹) konzentriert, fällt auf, dass sowohl literaturwissenschaftliche Forschungsverweise als auch dem jeweiligen Gegenstand entnommene Zitate in durchgehender Weise in den Beiträgen auftreten.871 Exemplarisch wurde diese Untersuchung an insgesamt 16 Beiträgen durchgeführt. Für diese Stichprobe wurde immer der erste Beitrag aus einem der vier Untersuchungsjahrgänge (1986, 1996, 2006, 2016) ausgewählt.872 Das Ergebnis dieser Pilotstudie lautet, dass sich innerhalb dieses Fußnotensetzungsverhalten keine übergeordnete Struktur der zwei gewählten Kategorien (›literaturwissenschaftlicher Forschungsverweis‹ und ›Quellenbeleg‹) erkennen lässt. Auch wenn in einigen Beiträgen an bestimmten Stellen beispielsweise die Dichte an Quellenbelegen anstieg, war es mit Blick auf die gewählten Beiträge auffällig, dass Quellenbelege und literaturwissenschaftliche Forschungsverweise in der jeweiligen Fußnotenchronologie nicht lokal signifikant, sondern in der Regel gleichmäßig verteilt und abwechselnd vorkamen. Diese Verteilung liefert Hinweise auf die komplexe Organisation des Arrangements zwischen Interpretationsgegenstand und Forschung. Die Forschung wird nicht innerhalb eines Unterkapitels ›zum Stand der Forschung‹ vollständig ›abgearbeitet‹. Die untersuchten Beiträge verzichten

869 Mit Blick auf das Fußnotensetzungsverhalten ließe sich auch weiterer Forschungsbedarf formulieren: Korrelieren Gegenstände (und ihr jeweiliger Kanonizitätsgrad), Theorien, u. a. mit (einer bestimmten Art von) Fußnoten, ihren Längen oder Häufigkeiten? Wie könnte man solche etwaigen Ergebnisse deuten? 870 Um diese Entwicklung zu deuten, müsste man die unterschiedlichen Fußnoten klassifizieren und etwa zwischen literaturwissenschaftlicher Forschungsliteratur, ›disziplinexterner‹ Forschungsliteratur und Quellenverweisen unterscheiden. Auf diese Weise ließe sich u. a. die Selbstreferenzialität der Disziplin beobachten. 871 Wurde in den Beiträgen mit Siglen im Text anstatt mit Quellenbelegen in den Fußnoten gearbeitet, wurden diese Verweise zusätzlich berücksichtigt. 872 Bei vier Zeitschriften und vier Jahrgängen sind dies folgende 16 Beiträge: Borkowski: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein«; Briese: »Nur Narr? Nur Dichter?«; Greiner: »Echo-Rede und ›Lesen‹ Ruths«; Hansen: »Prinz Friedrich von Homburg und die Anthropologie des animalischen Magnetismus«; Kaufmann: »Wienerische Literaturkonzepte«; Maes, Philipsen: »Der Vormärz als ›ausgelesenes‹ Buch«; Neumann: »Der Blick des Anderen«; Pusch: »Hölderlins ›Lucan‹«; Schenkel: »Zur Dialektik der bürgerlichen Aufklärung«; Schmitt: »Ein weiterer Deutungsversuch zu Goethes Divan-Gedicht Selige Sehnsucht«; Simons: »Die Lesbarkeit der Geheimnisse«; Vaget: »Eros und Apoll«; Villwock: »Lessings Fabelwerk«; Weber : »Deichbau und Selbstopfer«; Wegmann: »Über das Haus«; Wolf: »Die Nacht des Bürokraten«.

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sogar vollständig auf eigenständige Kapitel zur Forschungssituation.873 Ebenso wenig wird der Gegenstand dann in einem von der Forschung ›befreiten‹, von dem jeweiligen Autor ›alleine‹ verfassten Abschnitt innerhalb des Beitrags untersucht. Die etwaige Vorstellung, dass Forschungen in einem ersten Schritt ›fremde‹ Leistungen präsentieren und dann in einem davon abgetrennten, zweiten Schritt zu ihren ›eigenen‹ Arbeiten kommen, gilt es also für die Interpretationspraxis als zu unterkomplex zu verwerfen. Vielmehr wird das Verhältnis zwischen Forschung und Gegenstand permanent verwaltet. Mit dieser permanenten Verwaltungsleistung wird zugleich auch die Multivocität874 bzw. Dialogizität der Forschung deutlich. Dies lässt sich exemplarisch anhand des Beitrags von Torsten Hoffmann und Uwe Rose über die »Poetik der Fotografie bei W.G. Sebald«875 beobachten. Vor dem Hintergrund der Diagnose, dass »Systematisierungsbemühungen« bislang »ein Desiderat in der Wort-BildForschung« bildeten, aber nach Ansicht der Autoren »die Voraussetzung für eine produktivere Vernetzung insbesondere der zahlreichen Einzelstudien zu diesem Komplex« seien, zielen sie auf eine »Funktions-Typologie der für Sebalds Arbeiten wichtigsten Wort-Bild-Relationen«.876 Hierzu versammeln sie zu Beginn ihres Beitrags in einer Fußnote eine Reihe von Studien, die sich mit der »FotoText-Relation«877 befassen. In dieser Fußnote konturieren die Autoren eine Forschungssituation, an die ihr Beitrag anschließt bzw. mit der sich ihr Beitrag auseinandersetzt. Aus diesen Forschungsbeiträgen zitieren die Autoren im weiteren Verlauf des Beitrags einzelne Passagen und bringen damit die ›Stimmen‹ der anderen Forscher in ihren Text. Ihre These, dass die Fotografien bei W.G. Sebald im Vergleich zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur außerordentlich komplex seien, flankieren sie mit Verweisen und Zitaten aus der Forschungsliteratur. Sie stimmen beispielsweise Christian Scholz zu, der davon spricht, dass bei Sebald im Vergleich etwa mit Foto-Text-Kombinationen bei Rolf-Dieter Brinkmann, Klaus Theweleit oder Alexander Kluge (die Sebald in dieser Hinsicht als Anregung nennt) »visuelle Momente auf eine völlig neue Ebene« gehoben würden (Sebald/Scholz [Anm. 1], S. 2; vgl. Löffler [Anm. 39], S. 136).878

Im Gegensatz zu den Beobachtungen von Erwin Koppen, der behaupte, »dass in ›ernsthafter‹ Literatur der Einsatz von Fotos nach wie vor ›verschmäht‹ werde 873 Vgl. hierzu auch die Beobachtung von Steffen Martus, Erika Thomalla und Daniel Zimmer, dass es seit 1999 in der DVjs keinen genuinen Forschungsbericht mehr gibt: Martus, Thomalla, Zimmer : »Zur Normalität der Krise«, S. 515. 874 Zum Zusammenhang von ›Stimme‹ und ›Forschungszitation‹ vgl. Menke: »Zitieren als Exzitation«, S. 168ff. 875 Hoffmann, Rose: »Zur Poetik der Fotografie bei W.G. Sebald«. 876 Ebd., S. 582. 877 Ebd., S. 582, Fußnote 8. 878 Ebd., S. 593, Fußnote 44.

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(Koppen: Über einige Beziehungen [Anm. 8], S. 240)«, habe aus ihrer Sicht »die Verwendung von Fotografien in Erzähltexten in den letzten Jahren Konjunktur […]«.879 Dass »Sebalds Texte vermutlich nicht ganz unschuldig« daran seien, belegt auch die Arbeit von Silke Horstkotte, die »Sebald eine ›key role‹ […] (Horstkotte [Anm. 13], S. 27)« in dieser Entwicklung zuschreibe.880 Durch das Einbeziehen von Forschung und das Setzen von Fußnoten, wie in dem Aufsatzbeispiel von Torsten Hoffmann und Uwe Rose, wird also die Multivocität bzw. Dialogizität der Forschung repräsentiert – und zwar in einem doppelten Sinn. Zum einen fungieren das Einbeziehen von Forschung und das Setzen von Fußnoten als Abbildung dessen, was schon ›da‹ ist, und zum anderen als (Re-)Konstruktion eines Forschungszusammenhangs, der durch die Repräsentation in dieser Form erst entsteht.881 ›Stimmen‹ der Forschungsgemeinde werden ›ausgewählt‹ und in eine »interaction through citation«882 gebracht.883 Erscheint das erste Verständnis naheliegend, verweist das zweite auf ein weitaus komplexeres Verhältnis. ›Forschungssituationen‹, ›Forschungslagen‹ oder auch ›Forschungszusammenhänge‹ sind nämlich nicht ›einfach da‹. Auch wenn einzelne Forschungspositionen leicht identifiziert und zitiert werden können, ist die entsprechende ›Versammlung‹ und die Organisation differenter Forschungspositionen eine entscheidende und voraussetzungsvolle Leistung in einer Interpretation.884 Sie stiftet den Rahmen und bildet das Gerüst der Interpretation, das mit Blick auf die eigene Lektüre errichtet wird. Um einen Gegenstand und seine jeweilige Perspektivierung als interpretationswürdig zu präsentieren und ihn ›interessant‹ zu halten, bedarf es somit einer entsprechenden Reorganisation der Forschungslage. Man muss nicht nur wissen, was unter welcher Perspektive schon erforscht wurde, sondern auch, inwieweit Anschlüsse zu bestimmten Arbeiten relevant und wichtig sind, an welchen Stellen ausführlich und genau auf die Forschung eingegangen werden muss, wo ein vager Verweis oder eine weiterführende Andeutung ausreichend oder angemessen ist bzw. welche Aussagen mit Fußnoten belegt werden sollten. Hierbei ist wichtig, dass das »Fußnotensetzen nicht nur der pflichtschuldige 879 Ebd. 880 Ebd. 881 Zum vielbesprochenen Begriff der Repräsentation, vgl. die wissenschaftsgeschichtlichen Problematisierungen in Hagner : »Zwei Anmerkungen zur Repräsentation in der Wissenschaftsgeschichte«, S. 339ff.; Rheinberger : »Von der Zelle zum Gen«, S. 265ff.; grundlegend Lynch, Woolgar : »Sociological Orientation to Representational Practice in Science«, S. 1ff. 882 Hyland: Disciplinary Discourses, S. 20. 883 Vgl. zur Vielstimmigkeit von Forschung: Fløttum, Dahl, Kinn: Academic Voices. 884 Vor allem im Kontrast zu Hausarbeiten von Novizen wird die Leistung dieser ›Versammlung‹ relevanter Forschung deutlich. Studienanfänger können in der Regel nicht ohne Weiteres einschätzen, wer ›dazu gehört‹ bzw. wer genannt oder zitiert werden sollte.

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Hinweis dafür ist, im eigenen Text stamme eine Textpassage von jemand anderem (einem anderen Forscher)«885. Jenseits dieser Belegfunktion können Fußnoten als Materialisierungen komplexer, vielfach eher intuitiv getroffener ›Entscheidungen‹886 vorgestellt werden, wodurch eine Reihe weiterer Fragen auftauchen: Wann werden in welchem Zusammenhang welche Fußnoten gesetzt? Wann erscheinen sie als notwendig, wann als fakultativ und wann als redundant? Welcher Erfahrung bedarf es, um das Handwerk der Fußnotensetzung virtuos zu beherrschen? Was ›fehlt‹, wenn Fußnoten nicht gesetzt werden oder zu lax mit ihnen umgegangen wird? Das »Leistungsspektrum der Fußnote«887 ist demnach beachtlich: End- oder Fußnoten ›wirken‹ wissenschaftlich und geben Signale der Rezeptions- und Produktionsmoral; sie situieren den/die Literaturwissenschaftler/in ›im Betrieb‹; sie erzeugen ein komplexes Arrangement von Quellen und Forschungen, eigenen und fremden, starken und schwachen, grundlegenden und weiterführenden, eher definitiven und eher vorläufigen Überlegungen u.v.a.m.888

Damit übernehmen sie als »Graphem der Wissenschaft«889 jene epistemische Modalisierung und Vermittlung von Wissensansprüchen, […] jene Abstraktion von konkreten Produktionsbedingungen und jenes Management von Überkomplexität und struktureller Überforderung, die wissenschaftliches Arbeiten und die entsprechende soziale Interaktion spezifizieren.890

Die Frage nach der Fußnotensetzung verweist also nicht nur auf die »methodologische Herausforderung einer philologischen Bestätigungstheorie bzw. Rechtfertigungstheorie, sondern auch auf die nicht ohne ›Takt‹ beantwortbare Frage, was überhaupt eines Belegs bedarf«891. Beim Interpretieren geht es also auch darum, ein Gespür dafür zu besitzen, welche Aspekte noch ›offen‹ sind, welche Fragen gestellt werden können und welche Kontexte zu (re-)problematisieren sind – und ebenso einzuschätzen, welche Zusammenhänge problemlos mitgeführt und von der Scientific Com885 Spoerhase: »Das ›Laboratorium‹ der Philologie?«, S. 74, Fußnote 73. 886 Vgl. hierzu die Position von Christoph Dennerlein, Tilmann Köppe und Jan C. Werner, die Interpretationen als »Verkettung aufeinander bezogener und in Begründungsstrukturen eingebetteter Entscheidungssituationen« (Dennerlein, Köppe, Werner : »Interpretation«, S. 6) rekonstruieren. Auch wenn diese Perspektive die Relevanz des Zusammenhangs unterschiedlicher Teilpraktiken andeutet, ist völlig unklar, wie sich solche ›Entscheidungen‹ dem Interpreten zeigen – ohne dass man auf die Kategorien des impliziten Wissens u. ä. zu sprechen kommt. 887 Martus, Thomalla, Zimmer : »Die Normalität der Krise«, S. 513. 888 Ebd. 889 Cahn: »Die Rhetorik der Wissenschaft«, S. 96. 890 Martus, Thomalla, Zimmer : »Die Normalität der Krise«, S. 513. 891 Spoerhase: »Das ›Laboratorium‹ der Philologie?«, S. 74, Fußnote 73.

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munity vorausgesetzt werden können.892 Das »Verhältnis von Epistemizität und Technizität von Dingen und Objekten«893 muss entsprechend justiert werden. Exemplarisch zeigt sich das in der Interpretation zu Theodor Storms Schimmelreiter von Christoph D. Weber.894 Er befasst sich mit den »Bewältigungsstrategien gegen verheerende Flutkatastrophen« in der Novelle und setzt diese in Verbindung mit dem »Katastrophendiskurs[] des 18. Jahrhunderts«.895 Dabei ist auffällig, dass er den zentralen und sogar titelgebenden Begriff des ›Diskurses‹ in seinem Beitrag weder im Fließtext noch in einer Fußnote definiert, einordnet oder zumindest rückbindet. Dies wurde ihm jedoch sicher nicht als ›Fehler‹ oder ›Fahrlässigkeit‹ vorgeworfen, denn – und dies ist nun entscheidend – der Begriff ›Diskurs‹ kann mittlerweile als technisches Objekt verstanden werden, das den Hintergrund oder die »Folie«896 für seine Beobachtungen bildet und um die sich der Autor ›nicht mehr bemühen muss‹. Er kann gewissermaßen erwarten, dass die Forschungsgemeinde einschätzen kann, was mit ›Diskurs‹ gemeint ist, und kann darauf bauen, dass seine Interpretation ›verstanden‹ wird, auch wenn er auf Begriffsdefinitionen verzichtet.897 Technische Objekte können sich somit als etwas »Stabiles« erweisen, auf das man »vertrauen« kann, und die man »gewissermaßen als hardware in die eigene Experimentierapparatur einbauen kann«,898 um sich mit jenen Aspekten zu befassen, die »noch unbestimmt, noch nicht festgelegt«899 sind.900 Interessant ist hierbei, die unterschiedlichen Konjunkturen oder den »Statuswechsel«901 von epistemischen Dingen und technischen Objekten zu registrieren.902 So können »ausreichend stabilisierte epistemische Dinge […] als technische Bausteine«903 in der Forschung fortbestehen oder »in einem veränderten wissenschaftlichen Kontext ganz unbedeutend werden«904. Dies meint selbstverständlich nicht die 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904

Siehe hierzu Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 27. Ebd. Weber : »Deichbau und Selbstopfer«. Ebd., S. 109 [Abstract]. Vgl. die Beobachtungen zur Technizität von Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 30ff. Vielleicht ließe sich der Verzicht auf Begriffsdefinitionen bzw. das Bemühen um Begriffsdefinitionen vor diesem Hintergrund als ein Indiz für konjunkturelle Verschiebungen operationalisieren. Rheinberger : »Papierpraktiken im Labor«, S. 146. Nordmann, Schwarz: »Alte Objekte, neue Dinge«, S. 299. Ludwik Fleck etwa spricht von einer »aktiven und passiven Koppelung« bzw. »aktiven und passiven Elementen« bei der Erkenntnisproduktion. Vgl. Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 109ff. Rheinberger : »Papierpraktiken im Labor«, S. 146. Vgl. Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 26ff. Rheinberger : Experimentalsysteme und epistemische Dinge, S. 29. Ebd., S. 283. Allerdings muss dies nicht zwangsläufig passieren: »Epistemische Dinge können in technische Objekte übergehen, müssen es aber nicht« (Rheinberger : »Über den

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›Gegenstände an sich‹, sondern die »epistemisch konfigurierten Objekte«905. Die Verwaltung von epistemischen Dingen und technischen Objekten in einer Interpretation beruht daher auf einer nicht zu unterschätzenden Leistung, die Beobachtungen erster, zweiter und dritter Ordnung kombiniert. Um Technizität und Epistemizität von Objekten bzw. Dingen zu ermessen, beobachtet ein Interpret seinen Gegenstand; zugleich beobachtet er, wie andere den Gegenstand beobachten und dessen Technizität/Epistemizität konstruieren; schließlich muss er prospektiv beobachten bzw. antizipieren, wie andere seine Gegenstandsbeobachtung und seine Justierung der Technizität/Epistemizität voraussichtlich beobachten werden. Hiermit in Zusammenhang steht auch das herauszuarbeitende (Re-)Problematisierungspotential eines (bisher nicht, kaum oder intensiv erforschten) Gegenstands. Um dieses auszustellen, gilt es, zwischen der Erzeugung und der Reduktion von Komplexität changieren zu können. Wann legt man gleichsam ›unproblematisch‹ einen direkten Anschluss an die »bisherige Forschung«906, die bestimmte Aspekte »bereits ausführlicher erörtert«907 oder »detailliert«908 untersucht hat? Wann kann man sich mit einem »knapp[en]«909 Überblick oder »kursorischen Hinweisen«910 begnügen? Wo lässt sich dagegen ein »komplexerer Zusammenhang«911 ausmachen? Was stellt man als ›unproblematisch‹ aus und wo befasst man sich mit ›Problemstellen‹?912 Oder anders formuliert: Worauf kann man ›bauen‹, wo gilt es, etwas Neues ›anzulegen‹, an welchen Stellen muss man ›Ausbauarbeiten‹ leisten, welche ›Verstrebungen‹ lassen sich ersetzen und auf welche ›stützt‹ man sich, um die ›Statik‹ einer Interpretation zu gewährleisten? Die Pointe an diesen ›Baumaßnahmen‹ ist, dass Forscher, mithin literaturwissenschaftliche Interpreten, sich nicht allein durch ihre »Problematisierungsfähigkeit« auszeichnen, »sondern durch Praktiken der in bestimmten

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Eigensinn epistemischer Dinge«, S. 148). Interessant wäre es demnach, die Geschichte spezifischer epistemischer Dinge, ihr Verschwinden oder ihre Verwandlung in technische Objekte wissenschaftsgeschichtlich nachzuvollziehen – und zu fragen: Woran liegt es, dass Ding A über Jahrzehnte als fruchtbar, interessant und anschlussfähig gilt und Ding B sich nur in bestimmten Auseinandersetzungen eine Zeit lang behaupten kann? Korrelieren die Konjunkturen von epistemischen Dingen mit ideengeschichtlichen oder institutionsgeschichtlichen Beobachtungen? Welche Beispiele ließen sich für die epistemischen Dinge in der Literaturwissenschaft ausmachen? Ebd. Mojem: »Unedle Zivilisierte«, S. 284, Fußnote 9. Ebd. Kühlmann: »Das Ende der ›Verklärung‹«, S. 440, Fußnote 50. Villwock: »Lessings Fabelwerk«, S. 80. Mojem: »Unedle Zivilisierte«, S. 284, Fußnote 9. Todorow : »Publizistische Reiseprosa als Kunstform«, S. 164. Vgl. zu der Frage nach ›Problemen‹ die Beobachtungen von Spoerhase: »Was ist kein Problem?«.

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Bereichen der ›scientific community‹ akzeptierten Verschränkung von Problematisierung und Entproblematisierung«.913 Ein gutes Beispiel hierfür liefert etwa Mario Zanucchi. Er befasst sich in seiner Interpretation mit dem Stellenwert des Schicksals in der Tragödie: Dieses Problem gilt in der neueren Wallenstein-Forschung allgemein als geklärt: eine doppelte Motivation des tragischen Fehlers gibt es in Wallenstein nicht, weil das Schicksal nichts anderes als eine subjektive Vorstellung des durch seinen astrologischen Glauben verblendeten Helden darstellt. Darin ist sich die Mehrheit der Forscher einig.914

Wie schafft es nun Mario Zanucchi, diese »alte Streitfrage«915 zu reproblematisieren? Wie kann es gelingen, dass die Forschungsgemeinde Interesse an einer vermeintlich geklärten Frage aufbringen soll? Zunächst liest man in seiner Interpretation auf den ersten drei Seiten die communis opinio. Die Forschungen von Peter Andr8 Alt, Klaus F. Gille und John Neubauer werden ausführlich zitiert; sie zielen alle darauf, dass es keine Doppelfunktion des astrologischen Motivs und damit des Schicksals im Wallenstein gibt.916 Mario Zanucchi qualifiziert diese Interpretation als »im Grunde korrekte Einschätzung«917. Allerdings vernachlässigten sie – so der Autor – bestimmte Aspekte zur klassizistischen Formgebung des Dramas, denen er in seiner Interpretation erhöhte Komplexität zuschreibt. Diese dezenten Verschiebungen, die sowohl den (u. a. auf Kritik ausgerichteten) Anschluss an bisherige Forschungen im Blick behalten, als auch Ergänzungen und Erweiterungen der Forschung forcieren, rekonfigurieren »epistemisch konfigurierte Objekte«918. Mario Zanucchi reduziert Komplexität, indem er die ›zum Teil‹ richtigen Auffassungen übernimmt und ihre Problemlösungsvorschläge akzeptiert; er erhöht Komplexität, indem er weitere Kontexte hinzufügt, welche spezifische Aspekte der Problemlösung mit Problematizität versehen. Zugleich geraten dadurch andere Kontexte und Aspekte in den Hintergrund. Die ›Leistung‹ der Interpretation liegt also nicht nur in der Deutung des Wallensteins, sondern auch in der (Re-)«Generierung von Problematizität»919 913 Kämper-van den Boogaart, Martus, Spoerhase: »Entproblematisieren«, S. 14 [Hervorhebung, F. S.]. 914 Zanucchi: »Schicksal und Tragik in Schillers Wallenstein«, S. 150. 915 Ebd. 916 Vgl. ebd., S. 150–152. 917 Ebd., S. 152. 918 Rheinberger : Experimentalsysteme und epistemische Dinge, S. 283. 919 Kämper-van den Boogaart, Martus, Spoerhase: »Entproblematisieren«, S. 11. Vgl. die Beobachtungen von Pethes, Krause: »Scholars in Action«, S. 78: Philologen ginge es in der Regel nicht um die »Auflösung der Komplexität ihres Gegenstandes«, sondern sie zielten darauf, jene Komplexität zu »bewahr[en]«. Indem Nicolas Pethes und Marcus Krause von

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und der damit verbundenen Verschiebung von Komplexität. Dies wird jedoch nicht nur für die eigene Interpretation hergestellt bzw. in jener ›erschöpfend‹ oder ›entproblematisierend‹ behandelt. Es gilt, die Problematizität auch mit Blick auf zukünftige Interpretationen latent zu halten.920 Mario Zanucchi hält etwa fest, dass »[o]ffen bleibt […], warum Schiller so viel Wert darauf gelegt hat, den Anschein zu erwecken, dass das Schicksal an der Katastrophe beteiligt ist«921. Ebenso will Hans Rudolf Vaget mit seiner Interpretation zu Johann Wolfgang von Goethes Künstlers Morgenlied »einer längst überfälligen Revision der Kunst-Thematik in den sogenannten Künstlergedichten vorarbeite[n]«922, die sich an seine Problematisierungen des ästhetischen Diskurses anschließen sollen. Auch Wilhelm Kühlmann gibt zu bedenken, dass bisherige Studien noch in »mentalitätsgeschichtlicher Hinsicht auszuwerten und zu ergänzen«923 seien. Die »Miterzeugung von Forschungsbedarf gehört zum Geschäft der wissenschaftlichen, mithin auch der literaturwissenschaftlichen Arbeit«924 : Forschung und Interpretationen haben also nicht den Sinn, ein Objekt gleichsam zu erschöpfen, sie dienen zumindest nicht allein dazu, Antworten und Ergebnisse zu produzieren, sondern sie dienen dazu, ein epistemisches Ding weiterhin erforschenswert und interpretierenswert zu halten.925

Nur durch die wiederholte (Re-)Problematisierung können epistemische Dinge ›am Leben‹ bleiben. Es geht also auch immer darum, mit der eigenen Interpretation darauf aufmerksam zu machen, dass der gewählte Gegenstand »die Fähigkeit zur Erzeugung weiterer Bedeutung«926 in sich trägt. Diese prospektive Haltung, Forschungsgegenstände nicht in der eigenen Interpretation ›erschöpfend‹ abzuhandeln, sondern sie für weitere und zukünftige Forschungen bereitzustellen, ist verbunden mit der Multioptionalität und Offenheit interpretativer Bearbeitungsweisen. Diese Multioptionalität manifestiert sich u. a. in der ausgestellten Tentativität des eigenen Zugriffs: Jan Borkowski bezieht sich in seinem Beitrag lediglich auf »die vielleicht hervorstechendsten Textbefunde«927; Hans Rudolf Vaget proklamiert, dass seine »Ausführungen […]

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»bewahren« sprechen, verweisen sie auf eine Mystifizierung des Gegenstandes, um die es unter der hier dargestellten Perspektive nicht gehen soll. Dies verweist wiederum auf den kollektiven Anteil literaturwissenschaftlichen Interpretierens. Zanucchi: »Schicksal und Tragik in Schillers Wallenstein«, S. 174. Vaget: »Eros und Apoll«, S. 196. Kühlmann: »Das Ende der ›Verklärung‹«, S. 418, Fußnote 2. Martus: »Epistemische Dinge in der Literaturwissenschaft?«, S. 26. Ebd. Rotman: Signifying Nothing, S. 102. Borkowski: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein«, S. 221.

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als ein Versuch«928 verstanden werden sollen. Gerhard Oberlin gibt an, dass »die bisher kaum erforschte, für die Gesamtdeutung aber überaus erhellende Mündigkeits- und Abhängigkeitsproblematik in der Figur des Vaters Maximilian von Moor […] nur angedeutet [wird]«929. Die Multioptionalität wird dabei in doppelter Weise verwaltet: Es geht nicht nur darum, die jeweilige Interpretation und die gewählte Perspektivierung oder Akzentuierung als eine Option des Objektumgangs vorzuführen, sondern auch intern weitere Optionalitäten ins Spiel zu bringen. Alternative Interpretationsszenarien werden zwar nicht ständig aufgerufen, aber doch immer wieder beiläufig erwähnt.930 In den untersuchten Interpretationen wird in der Regel darauf hingewiesen, dass neben den gewählten auch alternative Beispiele hinzugezogen werden könnten.931 Bernd Fischer betont etwa, dass seine Interpretation einen differenzierteren Eindruck vom Prozeß dieser komplexen Erzählhaltung vermitteln soll, wobei die widersprüchliche Konnotationsbreite, die sich in fast jedem Satz auftut, freilich nur an einzelnen Beispielen deutlich gemacht werden kann.932

Auch Almut Todorow konzipiert Wolfgang Koeppens Reiseprosa als »ein Beispiel«933 für die moderne Reisebeschreibung. Sie wählt lediglich ein »[e]indrucksvolles Beispiel«934 für jenen Kontext aus. Jörg Villwock stellt zu Beginn klar, dass er »[a]us der Fülle der Beispiele« aus Gotthold Ephraim Lessings Fabeln nur auf fünf ausgewählte Stücke, nämlich »Der Löwe und der Tiger, Die Grille und die Nachtigall, Die Gans, Die Eiche und das Schwein, Die Wespen«, eingehen kann.935 Jürgen Söring gibt zu verstehen, dass sich neben seinen gewählten Beispielen »eine Vielzahl bisweilen bizarrer Beispiele anführen ließe«936, um Elias Canettis Bildsprache vertiefend zu behandeln. Vor allem Fußnoten werden häufig als Reservoir für zusätzliche Beispiele genutzt. So deutet Jan Borkowski etwa in einer Fußnote darauf hin, dass zusätzlich zu seinen ausge928 Vaget: »Eros und Apoll«, S. 196. 929 Oberlin: »Mechanik des Bösen«, S. 113. 930 Insofern ist Mirco Limpinsel zu widersprechen, wenn er behauptet, dass Interpretationen prinzipiell behaupten würden, dass nur und ausschließlich die gewählte Interpretation möglich sei. Vgl. Limpinsel: Angemessenheit und Unangemessenheit, S. 349. 931 Zur Beispielforschung vgl. einführend Pethes, Ruchatz, Willer : Das Beispiel. Epistemologie des Exemplarischen. Hilfreich für weiterführende Studien könnte die 2009 installierte und demnächst mit annotierter Volltextsuche ausgestattete »Datenbank zur Erforschung des Beispielgebrauchs in der Moderne« sein, in der man etwa bei der Suche zwischen Ausgangsbeispielen, Belegbeispielen, Gegenbeispielen, Pseudo-Beispielen, Schlüsselbeispielen, Substitutionsbeispielen u.v.a.m. differenzieren kann: http://www.deutschestextarchiv. de/clarin-kooperationen [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]. 932 Fischer : »Der Ernst des Scheins«, S. 214. 933 Todorow : »Publizistische Reiseprosa als Kunstform«, S. 136. 934 Ebd., S. 157. 935 Villwock: »Lessings Fabelwerk«, S. 77. 936 Söring: »Die Literatur als ›Provinz des Menschen‹«, S. 662.

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wählten Beispielen sich auch schon »an früheren Stellen der Handlung Beispiele«937 identifizieren ließen. Bernhard Greiner hält in einer Fußnote fest, auf welchen Seiten »weitere Beispiele«938 stehen; Christian Neuhuber fügt ein »weniger bekanntes Beispiel«939 in den Fußnoten hinzu, und Thomas Weitin liefert »weitere Beispiele für die Ambivalenz der Signifikantenerlebnisse«940 in einer ausführlichen Anmerkung. Beim Interpretieren gilt es also, den eigenen Zugriff nicht als ›alternativlos‹ zu präsentieren. Den Gegenstand einerseits weiterhin erforschenswert bzw. ›offen‹ zu halten und andererseits die ›Angemessenheit‹ oder ›Richtigkeit‹ der eigenen Interpretation zu markieren, erweist sich somit als Herausforderung für die Praxis des Interpretierens. Die »wissenschaftlich[e] Aktivität« konstituiert sich aus eben »solchen Alternativen« als »reversiblen Repräsentationsketten«.941 Diese auf Multioptionalität abonnierte Interpretationspraxis zeigt auch den prozessualen Charakter der Forschung an. Die Arbeit an einer Interpretation erschöpft sich nicht in den Ergebnissen des eigenen Beitrags. Sie bemüht sich ebenso um die Instandhaltung und Erweiterung des Interpretationszusammenhangs bzw. der jeweiligen Forschungssituation. Zugleich verweisen eine Vielzahl der untersuchten Beiträge darauf, dass die Interpretation selbst aus einem Forschungsprozess hervorgegangen ist, dessen ›Anfang‹ etwa in einem Vortragsmanuskript lag.942 Fred Lönker bietet eine »[ü]berarbeitete Fassung eines Vortrags«943 ; Wilhelm Kühlmann reicht eine »[a]usgearbeitete Fassung eines in Trier gehaltenen Vortrags«944 ein, ebenso wie Peter-Andr8 Alt eine »[e]rweiterte und überarbeitete Fassung eines Vortrags«945 vorlegt, den er »in Berlin, Köln, Hamburg, Rom und Prag gehalten habe«946. Günter Oesterle markiert, dass sein »Aufsatz […] aus einem Vortrag hervorgegangen ist, mit 937 Borkowski: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein«, S. 234, Fußnote 48. Ebenso S. 240, Fußnote 56 und S. 242, Fußnote 57. 938 Greiner : »Echo-Rede und ›Lesen‹ Ruths«, S. 60, Fußnote 36. 939 Neuhuber : »Richard Dehmels Gedicht Ein Heine-Denkmal«, S. 571, Fußnote 43. 940 Weitin: »Tagebuch und Personalausweis«, S. 484, Fußnote 7. 941 So ließen sich folgende Überlegungen übertragen: Rheinberger : »Von der Zelle zum Gen«, S. 267. 942 Vgl. hierzu die Beobachtungen von Kornelia Engert und Björn Krey : »Nicht selten nutzen Wissenschaftler Tagungen, um erste forschungsbezogene Gehalte zuzuschneiden und auszuprobieren. Insofern nimmt der wissenschaftliche Vortrag als Anlass zur Herstellung eines Vortragsmanuskripts eine wichtige Funktion ein, um Wissensobjekte herauszuarbeiten, auf ein Publikum auszurichten und auf bestimmte Rahmungen und Aspekte zu fokussieren; und nicht selten stellt dies den zentralen Produktionsschritt hin zu einem späteren Artikel dar« (Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«, S. 369). 943 Lönker : »Das Spiel der Bilder«, S. 262, Anmerkung. 944 Kühlmann: »Das Ende der ›Verklärung‹«, S. 417, Anmerkung. 945 Alt: »Ästhetik des Opfers«, S. 176, Anmerkung. 946 Ebd.

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dem am 9. November 2014 die Marbacher Passagenausstellung Mörikes Dinge eröffnet wurde«947. Ausgearbeitete, erweiterte oder überarbeitete Versionen von Vorträgen stellen auch die Interpretationen von Achim Küpper948 und Christine Ivanovic´949 dar. Eine beachtliche Anzahl an Beiträgen bilden zudem die überarbeiteten Manuskripte von Antritts- und Habilitationsvorträgen. So gibt Nicolas Pethes zu erkennen, dass sein Beitrag zugleich seine »Habilitationsvorlesung am 2. November 2005 vor der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln«950 war ; Thomas Wegmanns Beitrag basiert auf seiner »Antrittsvorlesung an der Universität Innsbruck, 4. 12. 2012«951; Anselm Haverkamps Interpretation ist aus seiner »Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz vom 9. Juli 1984«952 hervorgegangen; Gerhard Neumann publiziert nahezu zehn Jahre nach seiner »Antrittsvorlesung an der Ludwig-Maximilians-Universität München« seinen Vortragstext in »leicht überarbeitete[r]« Form;953 Wolfgang Riedel stellt seinen Beitrag als »[e]rweiterte[n] Habilitationsvortrag« vor, den er »am Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin, 5. 7. 1995« gehalten hat.954 Ebenso gründen die Beiträge von Harald Neumeyer955 und Ulrich Kittstein956 auf ihren Antrittsvorlesungen. Veröffentlicht wurde beispielsweise auch der Beitrag von Hubert Arbogast, dessen Aufsatz »als Nachwort zu einer Einzelausgabe des Buches der Hängenden Gärten konzipiert [wurde], die aus äußeren Gründen nicht erscheinen konnte«957. Ohne an dieser Stelle auf die unterschiedlichen Profile der Zeitschriften einzugehen, die sich mitunter als Dokumentationsarchive literaturwissenschaftlicher Karrieren zeigen und damit wertvolles, bislang ungewürdigtes Beobachtungsmaterial für die Wissenschaftsforschung zur Verfügung stellen, sind die unterschiedlichen Arbeits- und Projektzusammenhänge interessant, aus denen die Interpretationen stammen. Ulrich Hohoff verweist darauf, dass sein Beitrag »aus einem Kolloquium über die kritische Ausgabe von Kafkas Das

947 Oesterle: »Die Choreographie der Dinge«, S. 291, Fußnote 1. 948 Küpper: »Figurationen zwischen Eis und Wüste«, S. 453, Fußnote 1: »Der Beitrag stellt die erweiterte Fassung eines Vortrags dar […]«. 949 Ivanovic´ : »Schmerz und Gedächtnis bei Paul Celan«, S. 403, Fußnote 1: »Überarbeitete Fassung eines Vortrags […]«. 950 Pethes: »Die Melancholie des Zitierens«, S. 518, Fußnote 1. 951 Wegmann: »Über das Haus«, S. 40, Anmerkung. 952 Haverkamp: »Die neueste ›Krankheit zum Tode‹«, S. 667, Anmerkung. 953 Neumann: »Der Blick des Anderen«, S. 87, Anmerkung. 954 Riedel: »Eros und Ethos«, S. 147, Anmerkung. 955 Neumeyer : »Von der Selbstverleugnung der Beamten«, S. 479, Fußnote 1: »Beim vorliegenden Aufsatz handelt es sich um die ausgearbeitete Antrittsvorlesung.« 956 Kittstein: »Gottgleiche Allmacht und ewige Dauer?«, S. 80, Fußnote 1: »Der vorliegende Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung meines Habilitationsvortrags.« 957 Arbogast: »Stefan Georges Buch der Hängenden Gärten«, S. 493, Anmerkung.

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Schloß hervorgegangen [ist]«958, wie auch Manfred Engel markiert, dass sein Beitrag »aus einem Hauptseminar Ulrich Fülleborns zu Walsers und Kafkas Romanen hervorgegangen [ist]«, in dem er assistierte.959 Größere Projektzusammenhänge werden etwa bei Charlotte Kurbjuhn sichtbar, wenn sie daran erinnert, dass ihr Beitrag im »Zusammenhang einer umfangreicheren Studie«960 verfasst wurde, wie auch Gerhard Oberlin darauf verweist, dass seine »Untersuchung im Rahmen einer größeren Arbeit angelegt [ist]«961. Olaf Briese koppelt seinen Beitrag an den »von der DGF geförderten Sonderforschungsbereich[] Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste an der Freien Universität Berlin«962, innerhalb dessen er seinen Beitrag im Rahmen eines Unterprojekts verschriftlichte. Auch hier zeigt sich, dass ein wissenschaftlicher Text nur selten »einem einzigen praktischen Zweck zuzuordnen [ist]«963 und er sich nicht immer auf ein einzelnes, isoliertes Vorhaben reduzieren lässt, sondern vielmehr von vorausgehenden Forschungsaktivitäten stimuliert, dann zu einer ›Publikation‹ avanciert und mit Blick auf weitere Forschungsprozesse lanciert wird. Insofern sind auch Interpretationen als besondere Form des wissenschaftlichen Fachaufsatzes nur als »Abschnitte innerhalb längerer Handlungssequenzen«964 zu verstehen. Die Prozessualität und die Multioptionalität, die sich in den Interpretationen abbilden und zumeist Forschungs- bzw. Interpretationsgemeinschaften auf vielfältige Weise adressieren, indizieren nicht zuletzt den kollektiven und kooperativen Anteil literaturwissenschaftlichen Arbeitens.965 Mit Blick auf die Interpretationspraxis wird deutlich, dass die Behauptung, literaturwissenschaftliche Forschung sei stets Individualforschung,966 in die Irre führt, weil ihr die Komplexität der verschiedenen Grade und Intensitäten von Kollektivität

Hohoff: »Die Kapiteleinteilung im Romanfragment Das Schloß«, S. 571, Anmerkung. Engel: »Außenwelt und Innenwelt«, S. 533, Anmerkung. Kurbjuhn: »Knebels Autonomie«, S. 243, Fußnote 2. Oberlin: »Die Mechanik des Bösen«, S. 113. Briese: »Nur Narr? Nur Dichter?«, S. 187, Anmerkung. Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«, S. 369. Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 6. Zur literaturwissenschaftlichen Kooperativität siehe Martus: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität« sowie Kolk, Dainat: »›Geselliges Arbeiten‹«; Schönert: »Konstellationen und Perspektiven kooperativer Forschung«; ders.: »Zu Nutz und Frommen kooperativer Praxis«. 966 Vgl. etwa bei Schernus: Verfahrensweisen historischer Wissenschaftsforschung, S. 11: »Während in den natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen kooperative Forschung gängige Praxis ist, herrscht in den Geisteswissenschaften die Individualforschung vor.« Jörg Schönert verweist auf die »vermeintlich[e] Alternativentscheidung zwischen kooperativer Wissenschaftspraxis und Individualforschung« und deutet damit die verhängnisvolle Gegenüberstellung an (Schönert: »Es muß nicht immer ein ›turn‹ sein«, o. S.). 958 959 960 961 962 963 964 965

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zumeist entgeht.967 Auch wenn Literaturwissenschaftler in der Regel alleine Interpretationen verfassen, verweist ihre Arbeit auf vielfältige Kongregationsarenen, in denen unterschiedliche Formen von Kollektivität und Kooperativität zentrale Rollen übernehmen. Kollektivität lässt sich dabei als ›gemeinsames Anliegen‹ fassen, das entweder direkt adressiert (explizite Kollektivität) oder imaginiert (implizite Kollektivität) wird.968 Unter Kooperativität lässt sich eine besondere Form von Kollektivität verstehen. Als ›Zusammenarbeit mit Blick auf das ›gemeinsame Anliegen‹ wird sie entweder unmittelbar umgesetzt (manifeste Kooperativität) oder mittelbar einbezogen (latente Kooperativität).969 Diese Ausformungen von Kollektivität und Kooperativität können unterschiedlich intensiv sein und in differierenden Graden kombiniert innerhalb verschiedener Phasen eines Forschungsprozesses vorkommen.970 Forschungen, mithin literaturwissenschaftliche Interpretationenen, bemühen sich in der Regel um eine spezifische Form der Akzeptanz971 und integrieren auf vielfältige Weise die Stimmen der Forschungsgemeinde: Ein Interpret in-

967 Vgl. Schönert: »Zu Nutz und Frommen kooperativer Praxis«, S. 313ff.; Martus: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität«, S. 49. 968 Beispiele für implizite Kollektivität wären etwa die ›vermuteten‹ Adressaten oder Leser einer Interpretation, deren Erwartungen und Wissensbestände antizipiert werden. Explizite Kollektivität meint dagegen bspw. eine dezidierte Fortführung oder Abgrenzung von Forschungspositionen und damit die Demonstration ›Wir haben das gleiche bzw. ein anderes Anliegen‹, etwa in Formulierungen wie ›Ich beziehe mich in meinen Beobachtungen auf die Überlegungen von Andreas Reckwitz und sein Konzept von Praxeologie‹ oder ›Im Unterschied zu Andreas Reckwitz bin ich eher skeptisch, was eine gemeinsame Artikulation von Diskursanalyse und Praxeologie betrifft‹. 969 Manifeste Kooperativität wird etwa durch gemeinsame Autorschaften, aber auch durch größere Kollaborationsprojekte, wie zum Beispiel Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereiche oder Cluster, angezeigt. Latente Kooperativität meint hingegen eine Art der Zusammenarbeit, die zwar zu Teilen explizit ist, aber im Wesentlichen ›unbeobachtbar‹ verläuft. Solche Formen der ›Zusammenarbeit‹ könnten etwa Flurgespräche oder Diskussionen mit Kollegen sein, welche die eigene Arbeit beeinflusst haben, bspw., weil man sich in einer Unterhaltung einer ›gemeinsamen Sache‹ gewidmet hat (und somit an einem Gedanken gemeinsam ›gearbeitet‹ hat), aber in so niedrigschwelliger oder informeller Weise, dass man nicht von einer manifesten Kooperativität sprechen könnte. 970 Vgl. Schönert: »Zu Nutz und Frommen kooperativer Praxis«, S. 299. 971 Es ist relativ schwierig zu sagen, was diese ›spezifische Form‹ der Akzeptanz meint. Mir scheint, dass es in Interpretationen nicht darum geht, dass man ›hofft‹, dass die ›anderen‹ den Gegenstand ›genauso‹ interpretiert hätten. Man zielt also nicht auf eine (unkritische) Affirmation oder (völlige) Bejahung der eigenen Arbeit, sondern bemüht sich darum die »Zustimmungsbereitschaft« der ›anderen‹ (die Kritik, Widerspruch u. ä. beinhalten kann) zu stimulieren, um ein gewisses ›Lizenzierungsgefühl‹ für den eigenen Umgang mit dem Gegenstand herzustellen. Überlegungen hierzu finden sich etwa bei Struck: »Akzeptanz in der Literaturwissenschaft«; Klausnitzer: »Wie lernt man, was geht?«, S. 166f.; Martus: »Zur normativen Modellierung und Moderation von epistemischen Situationen«, S. 233.

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terpretiert immer mit Blick auf eine epistemische Gemeinschaft.972 Seine Überlegungen sind von einer »community-based orientation«973 durch die Integration der »role of the other«974 bzw. durch die »Hereinnahme der Haltungen und Handlungen Anderer in das eigene Tun, d. h. einer ›internalisierten‹ Konversation mit sich selbst als Anderem […]«975 geprägt: »Wir schauen mit den eigenen Augen, aber wir sehen mit den Augen des Kollektivs […]«976. So versucht ein Interpret, sein Interesse so zu formulieren, dass es von der Gemeinschaft beispielsweise als ›interessant‹ anerkannt wird.977 Beim Schreiben antizipiert er mögliche Lektüren seiner Interpretation.978 Er schließt seine Arbeit an vorherige Forschungen an und bemüht sich darum, selbst zitierfähig zu werden, »sein Produkt für Beobachtetwerden verfügbar zu machen«979 und in »Form eines zitierfähigen Elements«980 für zukünftige Forschungen zu bringen.981 Die Imagination der ›Augen‹ und des ›Tuns‹ von anderen, d. h. die Vision potentieller Leseweisen, die Integration vorangegangener Beiträge sowie die erfahrungsgesättigte Kalkulation zukünftiger Bezugnahmen sind elementare Bestandteile der Interpretationspraxis. Hierin zeigen sich die Formen der expliziten und impliziten Kollektivität. Manifeste Kooperativität zeigt sich dagegen im gemeinsamen Schreiben einer Interpretation. Diese Form der Kooperativität ist im vorliegenden Untersuchungskorpus äußerst selten zu identifizieren.982 Von den 130 Interpretationen 972 Interessante Überlegungen, was eigentlich unter der Scientific Community konkret verstanden werden kann, lieferte Karin Knorr Cetina. Anstatt von Wissenschaftlergemeinden auszugehen, die sich hinsichtlich eines gemeinsamen Spezialgebietes bspw. über Zitationsbeziehungen oder geteilte Überzeugungen o. ä. konstituieren, spricht sie von »transepistemischen bzw. transwissenschaftlichen Handlungsarenen« (Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis, S. 154ff.), da der wissenschaftliche Diskurs zugleich mehr und weniger sei als die Fiktion einer idealen Scientific Community : »Weniger, weil er in aller Regel schlicht lokal begrenzt stattfindet, und mehr, weil er eben Alltagsrationalitäten und relevante außerwissenschaftliche Instanzen mit einschließt« (Hitzler, Honer : »Vom Alltag der Forschung«, S. 29). 973 Hyland: »Disciplinary Differences«, S. 19. 974 Mead: Mind Self and Society, S. 153. 975 Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«, S. 368. 976 Fleck: »Schauen, Sehen, Wissen«, S. 400. 977 Ralf Klausnitzer spricht in Anlehnung an Stanley Fish auch von »Interpretationsgemeinschaften« (Klausnitzer : »Wie lernt man, was geht?«, S. 155ff). Vgl. ebenso den Begriff »Interpretationskultur« in Lessing-Sattari et al.: Interpretationskulturen. 978 Vgl. Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«, S. 368f. 979 Luhmann: Politik der Gesellschaft, S. 312f. 980 Stichweh: Wissenschaft, Universität, Professionen, S. 65. 981 Vgl. hierzu weiterführend Jakobs: Textvernetzung in den Wissenschaften. 982 Jürgen Fohrmann spricht mit Blick auf die Literaturwissenschaft insgesamt davon, dass nur äußerst selten Co-Autorschaften von zwei oder mehreren Autoren in der Literaturwissenschaft üblich seien. Vgl. Fohrmann: »Publikationsverhalten in den Literaturwissenschaften«, S. 52.

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werden nur drei Beiträge nicht von einem Autor allein, sondern maximal zu zweit geschrieben.983 Allerdings entstammen die untersuchten Interpretationen Zeitschriften – und sind damit immer in größere kommunikative und koordinierte Begutachtungsprozesse eingebunden. Innerhalb eines bestimmten Zeitraums (etwa vom Call oder der Anfrage bis zur Veröffentlichung) wird die Interpretation angefertigt, möglicherweise von Kollegen vor der Abgabe gegengelesen und kommentiert und schließlich von den Herausgebern oder Gutachtern – gegebenenfalls mit Verbesserungsvorschlägen und einer Fristverlängerung bedacht – für die Publikation zugelassen. Manifeste Kooperativität zeigt sich bei den Interpretationen also in der Regel nicht im gemeinsamen Verfassen bzw. der gemeinsamen Arbeit am Gegenstand, sondern in abgeschwächter Form in der auf bestimmte Phasen bezogenen, zumeist nicht explizit erwähnten Zusammenarbeit mit Herausgebern, Gutachtern oder Verlagsmitarbeitern mit Blick auf die Publikation. Zudem zeugen Interpretationen in hohem Maße von latenter Kooperativität, worauf beispielsweise Danksagungen984 hindeuten. Jörg Schönert verwies schon 1993 darauf, dass eine »genauere Untersuchung von Danksagungen […] einige Aufschlüsse über Stand und Art der Kooperation in den Geisteswissenschaften liefern [könnte]«985. Danksagungen verweisen dezidiert auf bestimmte Personen oder Institutionen. In der Regel bleibt aber offen, bis zu welchem Grad ihre Anregungen, Hilfestellungen oder Unterstützungen die Interpretationsarbeit tatsächlich beeinflusst oder mitbestimmt haben. Ben Hutchinson bedankt sich etwa bei Christina Riess für die »anregenden Diskussionen«986 ; Hans-Georg von Arburg dankt »Murray Fraser, Kira Jürjens, Benedikt Tremp und Elias Zimmermann« für ihre »Anregung und Kritik einer früheren Fassung des vorliegenden Aufsatzes und Rachel Falconer für ihre Hilfe bei der englischen Übersetzung des Abstracts«987; Richard Dove dankt Ellen Otten, die »wertvolle Einblicke in die Entstehung der expressionistischen Sammelbände« und die »ersten Anregungen« zu seiner Studie lieferte.988 Christine Weder dankt für eine Textempfehlung Jörg Marquardt;989 Thomas Wegmann zeigt sich einem Hinweis von Erhard Schütz erkenntlich;990 Christian Benne dankt Ulrich Breuer und Martina 983 Vgl. Haase, Freudenberg: »Power, Truth, and Interpretation«; Hoffmann, Rose: »Zur Poetik der Fotografie bei W.G. Sebald«; Maes, Philipsen: »Der Vormärz als ›ausgelesenes‹ Buch«. 984 Solche Danksagungen finden sich nahezu ausschließlich in Anmerkungen – entweder der ersten oder der letzten. Siehe die folgenden Beispiele. 985 Schönert: »Konstellationen und Perspektiven kooperativer Forschung«, S. 407, Fußnote 6. 986 Hutchinson: »Die Leichtigkeit der Schwermut«, S. 457, Anmerkung. 987 Arburg: »Elementares Bauen im Exil«, S. 600, Fußnote 1. 988 Dove: »Karl Otten, Heinz Schöffler und die Neuentdeckung des literarischen Expressionismus«, S. 375, Anmerkung. 989 Weder : »Zensur wird Literatur«, S. 268, Fußnote 3. 990 Wegmann: »Über das Haus«, S. 42, Fußnote 11.

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Wagner-Egelhaaf für ihre »nützlichen Hinweise«991; Benjamin Gittel erhielt »wertvolle Kritik«992 von Andrea Albrecht, Jürn Hecht und Olav Krämer ; Astrid Lange-Kirchheim dankt »Herrn Müller-Seidel für seine freundlichen Literaturhinweise«993 ; Robin Harrison ist »Annemarie Künzl-Snodgrass zu großem Dank verpflichtet«994 ; Jan Borkowski dankt »für hilfreiche Hinweise«995 Simone Winko und Stefan Descher ; Burkhardt Wolf dankt »Joseph Vogl für seine nützlichen Hinweise, Benno Wagner für seine zahlreichen Anregungen und Kommentare«996. Charlotte Kurbjuhn dankt »Dr. Bernhard Fischer, Dr. Silke Henke, Dr. Elke Richter und vielen MitarbeiterInnen des GSA [Goethe- und Schillerarchiv, F. S.]«, vor allem aber »Dr. Ariane Ludwig […] für viele wertvolle Hinweise (und Blicke auf einzelne Textstellen mit einem zweiten Augenpaar)«; ohne »Dr. Alexander Rosenbaum wäre »manches nie entdeckt« worden; »[t]äglich waren Karin Ellermann, Barbara Hampe und Marita Prell von großer Hilfe«.997 In diesen vielfältigen Danksagungen zeigt sich nicht nur, dass zu einer wissenschaftlichen Persona neben vielen anderen epistemischen Tugenden, wie beispielsweise Genauigkeit, Solidität, Strenge, Redlichkeit, Aufmerksamkeit und Vermittlungsfähigkeit, auch soziale Tugenden gehören bzw. dass diese an bestimmten Stellen im Forschungsprozess extrapoliert werden. In Danksagungen tritt also die soziale Einbettung der Akteure und die kollektive Abhängigkeit ihrer Arbeiten deutlich hervor. Von hier aus betrachtet ist es mindestens befremdlich, wie oft das literaturwissenschaftliche Arbeiten pauschal als Einzelforschung gefasst wird und irritierend, wenn Individualforschung einfach gegen Kollegialforschung konturiert wird.998 Diese triviale Kontrastierung geht nur auf, wenn man sich auf ein schlichtes Verständnis von Kollektivität beschränkt und allen weiteren, weitaus komplexeren Formen der Implementierung von Kollektivität in Forschungsprozessen keinerlei Raum gibt. Auch wenn etwa die manifeste Kooperativität in Interpretationen gering ist, zeigt der hohe Grad an impliziter Kollektivität und latenter Kooperativität, dass das literaturwissenschaftliche Interpretieren nur als gemeinsamer Zusammenhang zu erfassen ist.999 »[E]ingebettet in kommu991 Benne: »Autobiographie und Moderne Lyrik«, S. 428, Fußnote 1. 992 Gittel: »Drei Arten der Fiktionalisierung von weltanschaulicher Reflexion«, S. 244, Fußnote 117. 993 Lange-Kirchheim: »Der Arzt und die Dichterin«, S. 244, Fußnote 2. 994 Harrison: »Heilige oder Hexe«, S. 265, Anmerkung. 995 Borkowski: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein«, S. 242, Fußnote 61. 996 Wolf: »Die Nacht des Bürokraten«, S. 97, Fußnote 1. 997 Kurbjuhn: »Knebels Autonomie«, S. 243, Fußnote 2. 998 Vgl. etwa Schernus: Verfahrensweisen historischer Wissenschaftsforschung, S. 11. 999 So auch die Feststellung von Ralf Klausnitzer : »Interpretationen lassen sich […] nur verstehen als kommunikative Tätigkeiten in Interpretationsgemeinschaften« (Klausnitzer :

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nikative Konstellationen des Austausches mit anwesenden ebenso wie mit abwesenden Anderen«1000 kann man angesichts der aufgeführten Beispiele nicht davon sprechen, dass die Literaturwissenschaft – mit Blick auf ihr ›Hauptgeschäft‹, das Interpretieren – eine ›einsame‹ Sache sei, selbst wenn man u. a. beim Verfassen der Interpretation – und damit in einer Phase des Arbeitsprozesses – ›alleine‹ am Schreibtisch sitzt. Das Interpretationsgeschäft besteht somit nicht nur aus unterschiedlich kollektiv geteilten bzw. in dieser Weise dokumentierten Arbeitsphasen, sondern setzt sich zugleich aus sehr verschiedenen, mit den jeweiligen Prozessen korrelierenden Teilpraktiken zusammen, die im Hinblick auf einen Problemzusammenhang, eine Fragestellung, ein Erkenntnisinteresse etc. zusammengefügt werden. Außerdem werden diese einzelnen Handlungen »nicht in je zufälliger, sondern in routinierter und somit bis zu einem gewissen Grad regelmäßiger Weise vollzogen«1001. Hierzu zählen beispielsweise das Finden von Fragestellungen und die Auswahl relevanter Textstellen, die Einschätzung der Begründungsbedürftigkeit einzelner Deutungsschritte, der zitierende und argumentierende Umgang mit der Forschung, die Disposition, die rhetorische Gestaltung und das ›Aufschreiben‹ des Interpretationstextes.1002

Diese Tätigkeiten lassen sich allerdings nur heuristisch voneinander trennen. Dass Interpretieren als geregelte Abfolge innerhalb einer Stufenlogik (1. Quelle »Wie lernt man, was geht?«, S. 159 [Hervorhebung im Original]). Allerdings unterschlagen Positionen, die so weit gehen, dass sie die Scientific Community als »eigentliches Subjekt« der Forschung fassen, die Leistung des einzelnen Forschers, Kollektivität auch imaginär zu stiften. Das Subjekt der Forschung ist etwa nach Ludwik Fleck eine Gemeinschaft, die »im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung« zueinander steht und als »Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes« fungiert (Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 54f. [Hervorhebung im Original]). Auch Thomas S. Kuhn ging in Anlehnung an Ludwik Fleck davon aus, dass »wissenschaftliche Erkenntnis wesentlich ein Gruppenereignis ist« (Kuhn: Die Entstehung des Neuen, S. 43 [Hervorhebung im Original]). Daher müssten – so Ralf Klausnitzer – »wissenschaftliche Gemeinschaften und nicht Individuen als Subjekte der Erkenntnisproduktion und -distribution« verstanden werden (Klausnitzer : »Wie lernt man, was geht?«, S. 165 [Hervorhebung im Original]). 1000 Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«, S. 368. Vgl. ebenso Cahn: »Die Rhetorik der Wissenschaft«, S. 91f. Er bezieht sich hierbei auf Forschungen von Elizabeth Eisenstein. 1001 Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 2. Vgl. dazu auch die Beobachtungen von Regeln der literaturwissenschaftlichen Argumentationspraxis, die von Georg Meggle und Manfred Beetz im Rückgriff auf Eike von Savigny festgehalten wurden: »Mitglieder von dieser Gruppe (a) weichen nur selten offen von dieser Praxis ab; (b) sie sind, falls sie offen von dieser Praxis abweichen, Sanktionen ausgesetzt; und (c) sie akzeptieren diese Sanktionen im Allgemeinen.« In: Meggle, Beetz: Interpretationspraxis und Interpretationstheorie, S. 7. 1002 Albrecht et al.: »Einleitung: Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens«, S. 2.

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lesen, 2. Forschungsliteratur lesen, 3. Interpretation ›runterschreiben‹) zu konzipieren sei, darf als unzutreffend verabschiedet werden.1003 Die Auswahl und die Verkettung all jener in Frage kommenden Einzelpraktiken für eine Interpretation entzieht sich einer strengen, formal-logischen oder ›rationalgeplanten‹ Struktur bzw. geht weit über sie hinaus. Blickt man auf drei zufällig ausgewählte Absätze, die Interpretationen der Jahre 19861004, 19961005 und 20161006 aus unterschiedlichen Zeitschriften entstammen, deutet sich das weite Spektrum möglicher Verkettungen von Teilpraktiken in exemplarischer Weise an. So interpretiert etwa Nacim Ghanbari in ihrem Beitrag ein Drama von J.M.R. Lenz und seine spezifische literarischen Behandlung von Patronage und Freundschaft. Im folgenden Absatz verbindet sie unterschiedliche Teilpraktiken miteinander : Die Freunde machen den Philosophen dramatisiert die ständische Verortung des Reinhold Strephon durch einen besonderen Umgang mit dem ›kleinen Zimmer‹ als Handlungsort und damit zusammenhängend durch eine ›Auftrittsstruktur‹, die in neueren literaturwissenschaftlichen Arbeiten als Grammatik der dramatischen Handlung gilt. Die Beobachtung, dass das Drama ›höchst konventionell mit gleitenden Szenenübergängen gearbeitet‹ ist, trifft nur teilweise zu, da die sechste und letzte Szene des ersten Aktes, auf den sich dieser Befund bezieht, mit der klassizistischen Regel der liaison des scHnes bricht.1007

Nacim Ghanbari bildet eine These, sie wählt Aspekte aus, sie verwendet eine spezifische Terminologie, sie bindet ihre Beobachtung an die bisherige Forschung, sie problematisiert und kritisiert die Forschung. Ebenso vielfältig hinsichtlich der ausgeführten Teilpraktiken stellt sich ein Abschnitt aus dem Beitrag von Martin von Koppenfels zu Friedrich Hölderins Zugang zur Antigonä dar : Ein erster Blick auf die Antigonä zeigt, daß hier im Prozeß des Übersetzens Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge intervenieren, die eine Abgrenzung der Begriffe ›Übersetzung‹ und ›Dichtung‹ voneinander erschweren. Die Übersetzung der Antigone nimmt die Reflexion auf Dichtung in sich auf, dafür nähern sich stellenweise die Anmerkungen zur Antigonä dem Sprachcharakter von Hölderlins Übersetzung mimetisch an; dies kann nun aber gerade nicht heißen, daß Hölderlins Anverwandlung der Antigone als ›theoretische‹ Quelle zu erschließen, daß umgekehrt sein Kommentar 1003 Vgl. hierzu die Positionen von Tom Kindt und Hans-Harald Müller. Sie behaupten, dass »die Philologie« davon »träume«, dass »Interpretationen von Texten auf einem Fundament festumrissener und wohlgeordneter Strukturbeschreibungen [ruhten], deren Falsifikation das Gebäude der Interpretation unweigerlich zum Einsturz bringen würde« (Kindt, Müller : »Wieviel Interpretation enthalten Beschreibungen?«, S. 286). Interessant ist auch die Selbstkritik dieser Darstellung in Kindt: »Deskription und Interpretation«, S. 106f. 1004 Beaton: »Gustav Freytags Die Journalisten«. 1005 Koppenfels: »Der Moment der Übersetzung«. 1006 Ghanbari: »Zur literarischen Semantik von Patronage und Freundschaft«. 1007 Ebd., S. 493.

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zu der Tragödie in einer als ›lyrisch‹ mißverstandenen Vieldeutigkeit zu lesen sei. Vielmehr verflechten sich Dichtung und Selbstdeutung zu einem Text, der, während er einen tragischen Prozeß darstellt, einen zweiten Prozeß mit seiner eigenen Sprachlichkeit führt. Vieles (nicht zuletzt Hölderlins Hervorhebung des Hermeneuten par excellence, des Deuters Tiresias) deutet darauf, daß die Übersetzung der Tragödie auch eine Tragik der Übersetzung einschließt – und zwar bis in die Katastrophe, den Abbruch der Hermeneia.1008

Auch hier werden Thesen gebildet, Forschungen bzw. Übersetzungen kritisiert, Aspekte identifiziert, alternative Deutungen skizziert und Begriffsarbeit vorbereitet. In einem Abschnitt aus Bruce Beatons Interpretation zu Gustav Freytags Komödie Die Journalisten werden zusätzlich weitere Teilpraktiken ausgeführt: Die Journalisten wurde am 8. Dezember 1852 in Breslau uraufgeführt. Anfang Januar 1853 folgte eine Inszenierung in Karlsruhe, für die Freytag einige Kürzungen vorgenommen hatte. Entstanden waren die meisten Szenen 1849, wie bereits Lindau entgegen der Angabe in Freytags Erinnerungen gezeigt hat. Christa Barth hält es für sicher, daß der Entwurf schon 1848 skizziert wurde. Das Stück ist also, um Goethes Ausspruch über Minna von Barnhelm abzuwandeln, die wahrste Ausgeburt der revolutionären Bewegung. Da sich alle Kritiker in diesem Punkt einig sind, ohne daß sie allerdings näher darauf eingingen, wenden wir uns zunächst einmal den Ursachen und dem Verlauf der Revolution und Freytags Reaktion auf diese Ereignisse zu.1009

Bruce Beaton historisiert, kontextualisiert, revidiert, setzt Fußnoten, bezieht sich auf Forschungsmeinungen und identifiziert Forschungsbedarf. Schon in einzelnen, kürzeren Abschnitten, wie den hier zitierten, zeigt sich somit, dass sich die Praxis des Interpretierens aus unterschiedlichen Teilpraktiken zusammenfügt, die im Hinblick auf weitere Praktiken ausgeführt werden. In nuce sieht man dies in den oben zitierten Beispielen. Problematisierungen werden im Hinblick auf Thesenbildungen verfasst, das Verwenden spezifischer Terminologie und das Aufrufen bestimmter Forschungspositionen antizipiert weitere Anschlusshandlungen. Die Reihenfolge bzw. Platzierung und die damit in Verbindung stehende Hierarchisierung von einzelnen Praktiken ist dabei nicht zu unterschätzen. Zudem sind (Teil-)Praktiken nicht ohne Weiteres miteinander kombinierbar.1010 Da sie zueinander in einer »innere[n] oder qualitative[n] Beziehung«1011 stehen und mit ihnen »praktisch-inferentielle[] Verpflichtungen«1012 einhergehen, hängen sie radikal voneinander ab. Sie können weitere 1008 Koppenfels: »Der Moment der Übersetzung«, S. 350. 1009 Beaton: »Gustav Freytags Die Journalisten«, S. 517. 1010 Vgl. Martus: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 193; Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 115ff. 1011 Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 109. 1012 Ebd., S. 115, Fußnote 83. Rahel Jaeggi bezieht sich hier auf Brandom: Expressive Vernunft.

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Praktiken (und die ihnen inhärenten Normen) nahelegen oder auch ausschließen; sie werden im Hinblick auf weitere Praktiken ausgeführt und erschließen sich erst in Bezug auf andere Praktiken.1013 Diese können wiederum eine potentielle Nähe zu weiteren Praktiken und damit auch zu anderen Institutionen, Disziplinen und deren Erkenntnisinteressen, Gütekriterien, Akteuren und Gegenständen besitzen. Sie affizieren und durchdringen sich wechselseitig. Folglich können Praktiken (u. a. in Interpretationen) auch nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Sie erfassen sich nur in ihren komplexen Verkettungen als ›Zusammenhang‹ und sind auch nur als solcher rekonstruierbar : Die einzelnen Praktiken sind auf den Zusammenhang ausgerichtet und gewinnen aus diesem heraus Bedeutung; umgekehrt sind es aber die Praktiken selbst, die diesen Zusammenhang ausmachen.1014

Bezogen auf das Interpretieren zeigt sich, dass es erst die entsprechend miteinander verbundenen Praktiken sind, die das Gefüge ›Interpretation‹ entstehen lassen. Zugleich erhalten die einzelnen Praktiken (beispielsweise das Kontextualisieren oder Historisieren) erst ›innerhalb‹ dieses ›Gefüges‹ einen spezifischen Gehalt. ›Außerhalb‹ des Interpretierens könnte das Kontextualisieren oder Historisieren in anderer Weise zur Geltung kommen und mit anderen Normen einhergehen. Mit anderen Worten: Die einzelnen Teilpraktiken erhalten ihren Mehrwert erst, wenn sie ›innerhalb‹ der Interpretation entsprechend zusammengeschlossen werden. ›Außerhalb‹ des Interpretationsgefüges könnten es ›triviale‹ Handlungen sein. Man denke etwa an das Anstreichen von Textpassagen. Innerhalb einer Interpretationsaktivität avancieren solche Handlungen aber zu voraussetzungs- und gehaltvollen Praktiken, auf die i. d. R. weitere Praktiken aufbauen Insofern verfügen die einzelnen Teilpraktiken erst über eine Normativität durch den Zusammenschluss mit anderen Teilpraktiken. Ob eine Kontextualisierung ›interessant‹, eine Theoretisierung ›aufschlussreich‹ oder eine Problematisierung ›angemessen‹ ist, lässt sich nur durch den routinierten Zusammenschluss herstellen bzw. rekonstruktiv erfassen. Aus diesem Grund kann auch die Substituierung, die Integration oder auch Umgewichtung einzelner Teilpraktiken das ›Ganze‹ einer Interpretation massiv beeinflussen und verändern. Solche Ersetzungen im Praxisgefüge gehen allerdings wiederum nicht ›einfach‹ von statten. Dies hängt u. a. mit dem »Trägheitsmoment«1015 von Praktiken zusammen. Es ist jener dichte Zusammenhang von Praktiken, der ihre 1013 Ein Beispiel wäre hierfür das Bibliographieren, Lesen, Exzerpieren, Schreiben etc. Aufschlussreich erscheint in diesem Zusammenhang folgende Studie: Engert, Krey : »Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen«. 1014 Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 109. 1015 Vgl. hierzu ebd., S. 119ff.

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Beharrungskraft sowie ihre Sensitivität gegenüber Modifikationen begründet und für die Resilienz von (disziplinären, subdisziplinären oder auch auf einzelne Arbeitszusammenhänge bezogenen) Praktiken sorgt. Als »konservative Agenten«1016 basieren Praktiken auf Gewohnheiten und Routinen, die sich nur unter ausdauernd hoher und wiederholter Anstrengung irritieren und verändern lassen. Damit ist auch gesagt, dass Praxisgefüge sich prinzipiell verändern können; allerdings weder ›einfach‹ noch ›plötzlich‹ oder ›vollständig‹. Veränderungen sind daher immer als subkutan, dezent, diskret und nur unter vielfältigen (kollektiven) Bemühungen stattfindend vorzustellen. Entsprechend schwer sind sie zu beobachten. Nicht zuletzt bedarf es für Verschiebungsleistungen und Zusammenschlüsse (u. a. beim Interpretieren) eines durch Erfahrung erworbenen »impliziten und ›disziplinenspezifischen Gefühls‹«1017, das auch häufig mit Ausdrücken wie »Wahrheitsgefühl«1018, »Takt«1019 oder »gelehrte[m] Ton«1020 umschrieben wurde. Dieses »Näschen«1021 ist schwer durch etwas anderes zu ersetzen, wie Kendall Walton hervorhebt: For purposes of divining fictional truths there is no substitute for a good nose: a combination of imagination and common sense, leavened within limits by charity and informed by familiarity with the medium, genre, and representational tradition to which the work in question belongs as well as by knowledge of the outside world – all of this combined, of course, with sensitivity of the most subtle features of the work itself.1022

Erst mit einer »Sicherheit des Gefühls« ließen sich Situationen ›entscheiden‹, in denen keine Regeln helfen, und man »selbstständig das Richtige, d. h. das ihrem Sinn oder ihrer Bestimmung Gemäße« treffen müsse.1023 Diese Umschreibungen indizieren, dass sich die Fertigkeiten und Fähigkeiten des Interpretierens – insbesondere mit Blick auf das angemessene Verhältnis einzelner Teilprakti1016 James: Principles of Psychology, S. 121. Zit. n. Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 123. Konservativ ist hier im Sinne eines ›Bewahrens‹ gemeint. 1017 Wieser : »Interpretationskulturen«, S. 52. 1018 Vgl. Albrecht: »Zur Konstitution, Funktion und Kritik ›epistemischer Gefühle‹«, S. 191ff. 1019 Vgl. Petraschka: »Takt als heuristische Kategorie«. Zudem Danneberg: »Geschmack, Takt, ästhetisches Empfinden«; ders.: »Dissens, Ad-personam-Invektiven und wissenschaftliches Ethos«, insb. S. 98–107; Klausnitzer: »Wie lernt man, was geht?«, S. 158. 1020 Vgl. Spoerhase: »Prosodien des Wissens. Über den gelehrten ›Ton‹«; ders.: »Zur prosodischen Dimension einer moralischen Ökonomie des Wissens«. 1021 Vgl. Walton: Mimesis as Make-Believe, S. 184. Zit. n. Borkowski et al.: »Probleme der Interpretation von Literatur«, S. 43, Fußnote 116. 1022 Ebd. 1023 Jhering: Der Zweck im Recht, S. 44f. Rudolph von Jhering formuliert diesen Aspekt mit Blick auf die Jurisprudenz, aber sie lässt sich auch auf das philologische Können beziehen. Vgl. zur Übertragung Limpinsel: Angemessenheit und Unangemessenheit, S. 352.

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ken – der Inkorporation einer spezifischen Praxiserfahrung verdanken. Nur mit dem entsprechenden Gespür kann man dem proportionalen Aspekt einer Interpretation gerecht werden. Das jeweilige Set an Teilpraktiken muss mit Blick auf das epistemische Ding ›angemessen‹ sein, die einzelnen Teilpraktiken müssen in ein ›entsprechendes‹ Verhältnis zueinander gebracht werden und in ›bestimmter‹ Weise hierarchisiert werden. Sie werden also nicht nur im Verhältnis ›zur Sache‹ und im Verhältnis ›zueinander‹ geformt. Diese Konvenierungen und »Passungsverhältnisse«1024 sind kaum explizierbar.1025 Sie lassen sich aber ablesen, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, dass in einer Interpretation Zusammenhänge ›unterkomplex‹ dargestellt oder einzelne Aspekte ›überinterpretiert‹ wurden.1026 Dies kann als Hinweis gelesen werden, dass einzelnen Teilpraktiken zu wenig oder zu viel Gewicht in einer Interpretation beigemessen wurde, und adressiert Vorstellungen von »›Überlegungsgleichgewicht‹«1027 bzw. ›Proportionalität‹. In einer Interpretation könnte beispielsweise zu wenig historisiert oder kontextualisiert oder aber zu viel theoretisiert und zu wenig ›am Text selbst‹ gearbeitet worden sein. Während die ›Unterinterpretation‹ in der Forschung wenig kontrovers besprochen wurde, verhält es sich bei der ›Überinterpretation‹ komplizierter.1028 So weist Klaus Weimar darauf hin, dass unklar sei, was »das Suffix Über- anzeigen soll, ein Zuviel oder ein Zuweit«, und dass schwer zu erklären sei, »worin das eine oder das andere bestehen soll«.1029 Aus handlungstheoretischer bzw. rationalistischer Perspektive versucht Thomas Zabka, »mögliche Ursachen für Überinterpretation« zu erfassen, indem er eine Typologie der Überinterpretation entwirft, die »totalitäres«, »detektivisches«, »positivistisches« und »quasi-theologisches Interpretieren« unterscheidet und deren jeweiliges ›Fehlverhalten‹ auf inkonsistente Schlussfolgerungen zurückführt.1030 Zwar macht Thomas Zabka auf problematisierungsbedürftige interpretative Aussagen aufmerksam und zeigt, ›was in Interpretationen nicht geht‹; sein Ansatz kann aber nicht restlos klären, ›woher man eigentlich weiß, was geht‹, ›wieviel geht‹ bzw. ›wann Schluss ist‹.1031 Der »intellektualistischen Le1024 Jaeggi: Kritik an Lebensformen, S. 114ff. 1025 Lernbar ist jenes Gespür vermutlich nur anhand von Imitationen, »peinlichen« ›Fehlern‹ oder ›Fehltritten‹. Vgl. Martus: »Der Mut des Fehlens«, S. 66ff.; Arnold: »Disziplin und Initiation«, S. 37ff. Dieser Aspekt verweist auf die Relevanz von Anwesenheit. Vgl. hierzu Martus: »Geht einfach alle heim« und Thomalla: »Das wissen wir also noch nicht«. 1026 Zu solchen auf die Proportionalität der einzelnen Teilpraktiken bezogenen Kritikpunkte vgl. meine Beobachtungen zur Praxis des Rezensierens in Kapitel IV. 2 und IV. 3. 1027 Dennerlein, Köppe, Werner : »Interpretation«, S. 7. Sie beziehen sich hierbei auf einen Terminus von John Rawls. 1028 Vgl. Culler : »Ein Plädoyer für die Überinterpretation«; Eco: »Überzogene Interpretation«. 1029 Weimar : »Über die Grenzen der Interpretation«, S. 133 [Hervorhebung im Original]. 1030 Zabka: »Zur Überinterpretation von Buchstaben und Satzzeichen«, S. 19–21. 1031 Vgl. Klausnitzer : »Wie lernt man, was geht?«, S. 176; Arnold: »Disziplin und Initiation«, S. 37.

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gende«1032 bzw. vielmehr ›rationalistischen Legende‹ ist auch hier mit Skepsis zu begegnen. Stattdessen lässt sich an dieser Stelle erkennen, warum sich Interpretationen nur bis zu einem gewissen Grad handlungstheoretisch erklären lassen (und worin sich die Praxeologie wesentlich von Handlungstheorien unterscheidet).1033 Die ›richtige Mitte‹ oder das ›angemessene Maß‹ zu finden,1034 verweist auf die »Nichtformalisierbarkeit«1035 und die Erfahrungsgebundenheit des proportionalen Aspektes, der zumindest mit so voraussetzungsvollen Konzepten wie dem Tacit Knowledge oder dem Knowing How in Verbindung steht.1036 Auch wenn die Relationen zwischen dem Explicit Knowledge und Knowing That mit dem Tacit Knowledge und dem Knowing How in literaturwissenschaftlichen Forschungsprozessen und in ihren jeweiligen Arbeitseinheiten konkreter untersucht werden könnten und über die von Michael Polanyi ins Spiel gebrachten »proximalen«1037 und »distalen«1038 Abstandsmaße noch nachzudenken wäre, lieferten sie für aktuelle Studien zur Wissenschaftsforschung der Literaturwissenschaft wichtige Impulse. Die vielfach zitierte Pointe bei Michael Polanyi, nach der wir »mehr wissen, als wir zu sagen wissen«1039, könnte sich dahingehend verschieben lassen, dass »wir mehr können, als wir zu sagen wissen«1040. Bezogen auf das Interpretieren würde dies bedeuten, dass zu dem explizierbaren Wissensbestand ein nicht zu unterschätzendes implizites, nur durch Anwesenheit und Teilnahme erwerbbares und somit dezidiert soziales, partizipatives und kollektives »Erfahrungswissen« hinzukommt, das erst im Vollzug identifiziert werden kann. Auch wenn das Interpretieren ›beherrscht‹ wird, muss die Kenntnis aller Implikationen dieser Praxis und seines Praxiszusammenhangs nicht jederzeit und jedem bewusst sein. Dieser »›Modus impliziter Selbstverständlichkeit‹«1041 leistet einen erheblichen Beitrag, um die »Trägheit«1042 von Praktiken und damit auch die Stabilität des Praxisgefüges des Interpretierens zu verstehen. Allerdings – so vermutet Rahel Jaeggi – ist das, »[w]as man nicht explizit kennt, […] nicht

1032 Ryle: Der Begriff des Geistes, S. 34–35. 1033 Vgl. hierzu meine Erläuterungen zum Unterschied von Praxis- und Handlungstheorie in Kapitel I. 3. 1034 Zur beeindruckenden Geschichte dieser Topoi vgl. Limpinsel: Angemessenheit und Unangemessenheit, S. 35ff. sowie 337ff. 1035 Vgl. Neuweg: »Zur Einführung in den vorliegenden Band«, S. 11. 1036 Vgl. Polanyi: Implizites Wissen, insb. S. 13–31; Ryle: Der Begriff des Geistes, insb. S. 30– 36. Im Anschluss daran: Gersholm: »On Tacit Knowledge in Adademia«. 1037 Polanyi: Implizites Wissen, S. 19 [Hervorhebung im Original]. 1038 Ebd. [Hervorhebung im Original]. 1039 Ebd., S. 14 [Hervorhebung im Original]. 1040 Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 37. 1041 Jaeggi (in Rekurs auf Ludwig Wittgenstein): Kritik von Lebensformen, S. 126. 1042 Vgl. ebd., S. 127.

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so leicht [zu] ändern«1043. Ob diese Einschätzung zu Modifikationen unterhalb der Aufmerksamkeitsgrenze im Praxisgefüge der Interpretation zu teilen ist, wird im Folgenden zu klären sein. Die Untersuchungen der 130 Interpretationen sollen im nächsten Kapitel um weitere 81 Beiträge ergänzt werden, die entweder selbst interpretieren oder mögliche Interpretationen vorbereiten.1044 Die Beiträge wurden dabei jenen Teilbereichen der Digital Humanities entnommen, die sich der Literaturwissenschaft zuordnen lassen und in der Regel an deren interpretative Orientierung anschließen. Auch wenn es vielfach nicht darum geht, eine ›vollständige‹ Interpretation zu liefern und das Praxisset der Digital Humanities nicht mit jenem des literaturwissenschaftlichen Interpretierens identisch ist, werden die Beiträge in Hinblick auf interpretative Operationen ausgeführt und lassen sich damit innerhalb eines Interpretationsprozesses einordnen. Hierbei ist es wichtig, zu betonen, dass es unter einer praxeologischen Perspektive nicht sinnvoll wäre, von einem Interpretieren vor und nach ›der‹ Digitalisierung zu sprechen – und damit technischen Innovationen so viel Einfluss zuzuschreiben, dass sie alleine ganze Praxisgefüge aufbrechen und vollständig reorganisieren könnten. Ebenso wenig sollen die zwei Korpora schlicht gegeneinander konturiert werden, um den Eindruck zu vermeiden, ein ›Zwei-Kulturen‹-Modell1045 zu plausibilisieren oder gar Grabenkämpfen zwischen einem technikfeindlichen, rückwärtsgewandten und einem progressiven, fortschrittsoptimistischen Lager respektive zwischen elaborierten, erfahrenen Philologen und naiv-technikgläubigen Irrläufern zu forcieren. Das folgende Kapitel zielt dezidiert nicht auf eine Gegenüberstellung von zwei geschlossenen, in sich homogenen Praxisgefügen. Es geht vielmehr darum, die beiden Textsammlungen aufeinander zu beziehen, um den durch die Digital Humanities ›verfremdeten‹ Blick auf die Normalität des literaturwissenschaftlichen Interpretationsgeschäfts zu richten, und darum, die Innovationen der Digital Humanities für das literaturwissenschaftliche Interpretationsgeschäft zu erfassen. ›Vertraute‹ Bearbeitungsweisen sollen vor dem Hintergrund ›unvertrauter‹ Bearbeitungsweisen beobachtet und beschrieben werden, wie auch ›unvertraute‹ Bearbeitungsweisen mit den ›vertrauten‹ Bearbeitungsweisen in Beziehung gesetzt werden sollen.

1043 Ebd. 1044 Zu den Auswahlkriterien und ihrer Reflexion vgl. Kapitel I. 4.3.2. 1045 Vgl. Snow : The Two Cultures.

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Mit Blick auf die 81 ausgewählten Beiträge1046 des zweiten Untersuchungskorpus fällt zunächst auf, dass die Hälfte der Beiträge mindestens zu zweit und maximal zu acht geschrieben wurden.1047 In dem ersten Korpus, das 130 Interpretationen umfasste, lag die Anzahl von gemeinsam verfassten Aufsätzen bei drei. Die manifeste Kooperativität, die sich in der »number of co-authors on papers«1048 prominent zeigt, ist somit deutlich höher. Diese kooperativ angelegten Arbeiten bewegen sich in der Regel nicht innerhalb disziplinärer Grenzen. Über 40 Prozent der untersuchten Beiträge wurden von Autoren verfasst, die sich unterschiedlichen Disziplinen zuordnen lassen.1049 Zusammenarbeiten finden etwa zwischen Literaturwissenschaftlern und Informatikern statt, wie das Beispiel der drei Wissenschaftlerinnen Stefania Forlini, Uta Hinrichs und Bridget Moynihan zeigt: The work we present is the result of the collaboration between […] scholars in both literary studies and computer science.1050

Zugleich finden sich in den untersuchten Beiträgen viele Hinweise auf latente Kooperativität, so etwa in Form von Danksagungen. David Robey beispielsweise hebt in der ersten Anmerkung seines Textes hervor: I must here thank the following for help with this project: Susan Hockey and Louis Burnard of the Oxford University Computing Service; Professor G. Nencioni and the Accademia della Crusca, and Professor A. Zampolli of the Laboratories di Linguistica Computazionale, Pisa, for making available a machine-readable text of the Divine Comedy.1051

Auch Wayne McKenna und Alexis Antonia bedanken sich u. a. dafür, dass sie von einem Kollegen einen maschinenlesbaren Text für ihre Untersuchung erhielten. We are also grateful for the support and assistance of our colleagues in the University of Newcastle’s Centre for Literary and Linguistic Computing: Em. Professor J. F. Burrows, Associate Professor D. H. Craig, Mr J. Lambert, and Mrs N. Cox. We also express our 1046 Zur Auswahl der Beiträge vgl. Kapitel I. 4.3.2. 1047 Von den 81 Beiträgen werden 41 von einem Autor verfasst, 17 von zwei Autoren, 12 von drei Autoren und 11 von vier oder mehr Autoren. 1048 Vgl. die Studie von Cronin: »The Hand of Science«. 1049 Vermutlich liegt die Zahl noch deutlich höher. Nicht in jedem Fall konnte die Disziplinzugehörigkeit der Autoren recherchiert werden, vor allem einzelne Autoren der älteren Zeitschriftenausgaben (zwischen 1986 und ca. 2000) sind mitunter nicht mehr online ausfindig zu machen. Somit finden sich in den erwähnten 40 % nur jene Autoren, deren disziplinäre Herkunft eindeutig identifiziert werden konnte – etwa weil sie in der Zeitschrift abgebildet wurde oder online zu recherchieren war. 1050 Forlini, Hinrichs, Moynihan: »The Stuff of Science Fiction«, o. S. 1051 Robey : »Sound and Sense in the Divine Comedy«, S. 115, Anmerkung 1.

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thanks to Professor H. W. Gabler, who supplied us with a machine-readable text of Ulysses.1052

Die Hilfe, die sie von Kollegen erhalten haben, würdigen auch Mary DeForest und Eric Johnson: We are grateful to Professor John O’Neill of Hamilton College, Professor John Greppin of Cleveland State University, Joy King of the University of Colorado, Bob Johnson, and Danelle Kerber, for their many suggestions in editing this paper. […] Christopher Johnson gave us help with the statistics.1053

Interessant sind ferner die Felder, in denen die Autoren Unterstützung erhielten. Mary DeForest und Eric Johnson beziehen sich etwa auf Statistik; Karina van Dalen-Oskam verweist auf Hilfe beim Tagging und dem Einsatz von Visualisierungstools: Many thanks to David L. Hoover, whose help was invaluable in making the whole procedure of tagging a lot more efficient. The Excelsheet with macros he designed for this purpose is a great help in visualizing what kind of tools are needed for this kind of analysis. Our discussions about the stylistic functions of names and related topics in computational stylistics were also very inspiring.1054

Peter Fink dankt »Professor John Burrows, Stephen Duchesne and Dr Joseph Pimbley for their helpful advice on the ideas contained in this paper«1055. Vor allem die Relevanz von gemeinsamen Diskussionen wird in den Danksagungen explizit hervorgehoben: »The authors would like to thank Erik Simpson, Blaine Greteman, Steve Andrews, Tim Arner, and Bill Ingram for their input and useful discussions along the way.«1056 Auch Maciej Eder dankt »Sally Wyatt, Andrea Scharnhorst, and Karina van Dalen-Oskam for the many inspiring discussions«1057. Insbesondere Diskussionen, die über disziplinäre Grenzen hinweg geführt wurden, erwähnen Regula Hohl Trillini und Sixta Quassdorf: We are profoundly grateful for the openmindedness and insight which Balz Engler and Annelies Häcki Buhofer brought to the stimulating cross-disciplinary discussions that made this article happen. John Lavagnino’s comments further helped us to refine our conceptions. We also thank Sonja-Irene Grieder for her careful proofreading.1058

1052 McKenna, Antonia: »›A Few Simple Words‹ of Interior Monologue«, S. 65. In ähnlicher Weise: Sabol: »Semantic Analysis and Fictive Worlds«, S. 101. 1053 DeForest, Johnson: »The Density of Latinate Words«, S. 389f., Anmerkung 1. 1054 Dalen-Oskam: »Names in Novels«, S. 370. 1055 Fink: »The Evolution of Order«, S. 282. 1056 Lee, Lee: »Shakespeare’s Tragic Social Network«, o. S. 1057 Eder : »Visualization in Stylometry«, S. 63. 1058 Hohl Trillini, Quassdorf: »A ›Key to all Quotations‹?«, S. 283.

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Viele weitere Beispiele ließen sich hier anführen.1059 An ihnen ist bemerkenswert, dass sich Grade an Kooperativität abzeichnen lassen, die anzeigen, dass selbst wenn ein Text alleine geschrieben worden ist – wie beispielsweise bei David Robey, Karina van Dalen-Oskam, Peter Fink oder Maciej Eder –, die Integration in kollektive Zusammenhänge einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit darstellt. Die erwähnten Projekte verweisen darauf, dass Arbeitszusammenhänge aus dem Umfeld der Digital Humanities schlicht nicht mehr nur von einer Person erfüllt werden können. Zudem indizieren diese Angaben latente Formen der Kooperativität und geben Hinweise darauf, in welcher Hinsicht und an welchen Stellen die Unterstützung durch andere als wichtig bzw. nötig eingestuft wurde und somit auch darauf, wo die Grenzen der eigenen Fähigkeiten erweitert oder verschoben wurden. Diese »little direct collaboration with others […]«1060 findet zwar ›unterhalb‹ oder ›außerhalb‹ von gemeinsamen Autorschaften statt, liefert zugleich jedoch Einblicke in komplexe Netzwerke der Forschung.1061 Vielleicht sind es vor allem solche Formen der Kollektivität, die den structural drift einer Disziplin in nicht zu unterschätzendem Maße vorbereiten, insofern sie den konkreten Arbeitsalltag ihrer Mitglieder betreffen. Auch wenn – wie oben ausgeführt – die Formen manifester Kooperativität zunehmen, sollte nicht vergessen werden, dass die Geisteswissenschaften, mithin die Literaturwissenschaft, seit jeher durch unterschiedliche Kollektivitätsformen und -grade geprägt sind, und dass nicht etwa die Digitalisierung die Wissenschaftler aus dem einsamen ›Elfenbeinturm‹ befreie, in den sie sich anscheinend zuvor eingemottet hätten.1062 Wenn Tanja Lange davon spricht, dass es vor dem Hintergrund der Digitaltechnologie darum ginge, zu »gemeinschaftlicher Arbeit aufzufordern«1063, ruft sie damit jene Positionen auf den Plan, die in der Literaturwissenschaft nur Formen dezidiert kooperativen Arbeitens in den Blick nehmen. Neben dem »ereignishaften Geschehen in der Wissenschaft«, wie etwa Konferenzen, wären aus ihrer Perspektive nun auch »Arbeitsprozesse, die dahin führen und daran angeschlossen werden, kooperativ anzulegen«.1064 Der 1059 Etwa Burrows: »Modal Verbs and Moral Principles«, S. 23; ders.: »Word-Patterns and Story-Shapes«, S. 70; Edmondson: »The Network of Sociability in Corinne«, o. S.; Waugh, Adams, Tweedie: »Computational Stylistics«, S. 196. 1060 Siemens et al.: »Methods of Interaction and Collaboration«, o. S. Vgl. ebenso Siemens: »An Exploration of Research Teams«. 1061 Es wäre eine Überlegung wert, ob solche latenten Kooperationsformen nicht auch in Netzwerkstudien übernommen werden könnten, um auch jene Zusammenarbeit sichtbar zu machen, die sich nicht nur in dezidierten Ko-Autorschaften abbildet. Vielleicht ließen sich hieran auch die Entwicklungen von Fragestellungen, Ideen und das ›Wandern‹ von Praktiken ablesen. 1062 Vgl. Dainat, Kolk: »›Geselliges Arbeiten‹«; Martus: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität«. 1063 Lange: »Vernetzte Wissenschaft?«, S. 271. 1064 Ebd.

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»isoliert agierende Einzelwissenschaftler« gehöre der Vergangenheit an, »moderne Wissenschaft« ziele auf das »in vielfältige nationale und internationale, disziplinäre und interdisziplinäre Bezüge eingebundene Forschungsteam«.1065 Auf eine derart trivialisierende Gegenüberstellung von ›Individualforschung‹ und ›Kollegialforschung‹ bezieht sich auch Jörg Schönert, wenn er die Kritik von Modernisierungsforderungen teilt, wie sie Peter J. Brenner mit Verweis auf die »Entindividualisierung und Kollektivierung der Forschung«1066 vorgetragen hat, und betont, dass er Kooperativität »nicht für den Königsweg« halte und Individualforschung »heute und in Zukunft unabdingbar zum Leistungsprofil der Geisteswissenschaften« zähle.1067 Diese unbefriedigende Dichotomie unterstützen auch die ›DH-Manifeste‹, welche dazu aufrufen, »kollaboratives Arbeiten« im Zuge der Digitalisierung flächendeckend zu fördern, und gleichzeitig suggerieren, die prädigitale Normalforschung sei nicht-kollektive Individualforschung.1068 Obgleich computergestützte Arbeiten tatsächlich in deutlich höherem Maße von manifesten Kooperationen geprägt sind – und die Forderungen nach einer verstärkten Aufmerksamkeit für kollektive Prozesse keineswegs illegitim sind –, erweist sich die Kontrastierung, welche diese Forderung rahmt, als unterkomplex. Wenn solche Postulate geltend gemacht werden, zielen sie zumeist auf die Realisierung »kollaborativen Arbeitens«1069. John Unsworth etwa spricht von einem »process of shifting from a cooperative to a collaborative model«1070 und Anne Burdick, Johanna Drucker, Peter Lunenfeld, Todd Presner und Jeffrey Schnapp perspektivieren »collaboration« als ein »key theme« gegenwärtiger Forschung.1071 Aus einer praxeologischen Perspektive heraus lässt sich Kollaborativität als spezifische Form der manifesten Kooperativität deuten, in der es nicht nur darum geht, eine ›Zusammenarbeit mit Blick auf das gemeinsame Anliegen‹ zu forcieren, sondern diese Zusammenarbeit in Form von 1065 Tanja Lange zitiert hier die Förderlinien der DFG, vgl. ebd. S. 275. 1066 Vgl. Brenner: »Das Verschwinden des Eigensinns«, S. 42ff. 1067 Schönert: »Zu Nutz und Frommen kooperativer Praxis«, S. 317 und S. 318. Vgl. ebenso ders.: »Konstellationen und Perspektiven kooperativer Forschung«, insb. das Unterkapitel »Herkömmliche Individualforschung – zeitgemäße Kollegialforschung?«, S. 384–386. 1068 So etwa das erste DH-Manifest von 2011, dessen 12. Punkt folgende Stellungnahme enthält: »Wir engagieren uns für die Erarbeitung von kollektiven Kompetenzen, die sich auf ein gemeinsames Vokabular stützen, und die aus der gemeinsamen Arbeit aller Akteure hervorgehen«; ebenso das DH-Manifest von 2013, das die Forderung eines »[f]rühen Training[s] kollaborativen Arbeitens« enthält. Beide Manifeste, übersetzt in zahlreiche Sprachen, erschienen auf: https://tcp.hypotheses.org/category/manifeste [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]. 1069 Ebd. Für einen Überblick über die unterschiedlichen Problemzusammenhänge im Kontext des kollaborativen Arbeitens in den Digital Humanities vgl. den Sammelband Deegan, McCarty : Collaborative Research in the Digital Humanities. 1070 Unsworth: »The Humanist: ›Dances with Wolves‹ or ›Bowls alone‹?«, o. S. 1071 Burdick et al.: Digital_Humanities, S. 137.

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synchronem gemeinsamem Arbeiten zu organisieren. Ein plastisches Beispiel für eine solche kollaborative Zusammenarbeit liefert Geoffrey Rockwell: The idea is simple. Two people do text analysis together with only one person on the computer and the other directing and commenting (and typing a meta-narrative on another computer). This means that all decisions have to be discussed and negotiated which means that one is forced to reflect on what one is doing, which was the point for us. It takes longer, but you get a better result and you are forced to reflect on what you are doing […] Extreme Text Analysis, as we practiced it, was more a reflective practice, that used experiments in small text analysis to reflect on methodology and technology.1072

Kollaborativität ließe sich in diesem Fall nicht anhand von Papierzeugnissen ablesen. Um Kollaborativität beobachten zu können, müsste man den gesamten Forschungsablauf berücksichtigen. Allerdings sollte in Bezug auf kollaboratives Arbeiten davon ausgegangen werden, dass auch diese Form nur bestimmte Phasen des Forschungsprozesses abdeckt und nicht etwa als einziges Ideal von Zusammenarbeit gefasst werden kann, auch wenn diese Vision die meisten Deklarationen der Digital Humanities durchzieht.1073 Insofern gilt es – auch mit Blick auf das erste Korpus und die Kooperationsgeschichte der literaturwissenschaftlichen Disziplin –, daran zu erinnern, dass unterschiedliche Formen und Grade an Kollektivität verschiedene Phasen des Forschungsprozesses prägen, und hervorzuheben, dass sich durch computergestütztes Arbeiten spezifische Formen der Kollektivität (insbesondere die manifeste Kooperativität bis hin zur Kollaborativität) erhöhen – nicht aber, dass Kollektivität als solche sich durch Digitalisierungsprozesse überhaupt erst bildete. Mit der Erhöhung der manifesten Kooperativität steht auch die besondere Akzentuierung der Projekthaftigkeit der Forschung in Verbindung. Es ist auffallend, wie viele Beiträge auf ihre finanzielle Förderung aufmerksam machen und (u. a.) damit ihren Beitrag als ›Projekt‹ verstanden wissen wollen. Während im ersten Korpus finanzielle Förderungen nicht erwähnt werden, wird dies im zweiten Korpus explizit ausgestellt.1074 So wurden etwa Wayne McKenna und Alexis Antonia von dem »Australian Research Council, and the University of Newcastle, NSW«1075 finanziell für ihre Forschung unterstützt; Gregory Lessard 1072 Rockwell: »What is Extreme Text Analysis?«, o. S. 1073 Vgl. Hayles: »Transforming Power and Digital Technologies«, S. 51–54; Spiro: »Defining the Values of the Digital Humanities«, S. 25f. 1074 Beispiele sind etwa: Brown et al.: »Reading Orlando«, o. S.; Burrows: »Word-Patterns and Story-Shapes«, S. 70; Clement et al.: »Distant Listening to Gertrude Stein’s Melanctha«, S. 600; Dimmit et al.: »Exploring the Intersection of Personal and Public Authorial Voice«, S. i41; Weingart, Jorgensen: »Computational Analysis of the Body«, S. 414 u.v.w. 1075 McKenna, Antonia: »›A Few Simple Words‹ of Interior Monologue«, S. 65.

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und Jean-Jacques Hamm geben an, die Forschung für ihren Artikel »was funded by the Social Sciences and Humanities Research Council of Canada and by the Office of Research Services, Queen’s University«1076. Christof Schöch verweist darauf, seine Arbeit »on this paper was supported by funding received from the German Federal Ministry for Research and Education«1077; der Beitrag von Grace Muzny, Mark Algee-Hewitt und Dan Jurafsky »was supported by the National Science Foundation«1078 ; Marine Riguet und Suzanne Mpouli erhielten finanzielle Unterstützung für ihre Forschungen »by French state funds managed by the ANR within the Investissements d’Avenir programme […]«1079. Der Anstieg der explizit erwähnten Projekthaftigkeit1080 ist mit einer »bestimmte[n] Form der Selektivität«1081 verbunden: Projekte legen zeitliche Fristen fest, verlangen nach einer mehr oder weniger genauen Einschränkung der Forschungsprobleme, legen Teamarbeit nahe, können externe Logiken vermitteln etc.1082

Insofern ist mit der Auslagerung von Projekten und ihrer externen finanziellen Entlohnung nicht nur eine besondere (symbolische) Gratifikation verbunden, wenn sich etwa die »Qualifikations- mit einer ›Projektkarriere‹«1083 eines Wissenschaftlers ergänzt. Zugleich geht mit Projektierungen eine Risikoreduzierung möglicher symbolischer, personeller, inhaltlicher etc. ›Folgekosten‹ für den Forscher selbst, die Universität, das Institut oder den Lehrstuhl einher. Projekte ermöglichen demnach strukturelle Kopplungen, auf die sich andere disziplinäre Einheiten nicht einlassen müssen. Sie sind nur zeitweise organisiert.1084 Damit verhindern Projekte »die Wissenschaft nicht und blockieren auch nicht ihre Entfaltung, wohl können sie aber einige Forschungsrichtungen begünstigen«1085. Neben diesen expliziten Verweisen auf finanzielle Forschungsförderung innerhalb eines bestimmten Zeitraumes für ein Projekt machen viele der Beiträge auf ihre Einbettung in größere Forschungszusammenhänge aufmerksam, aus denen ihre Aufsätze hervorgehen. Corina Koolen und Andreas van Cranenburgh geben etwa an, ihre Forschung sei »conducted in the context of a larger project, 1076 1077 1078 1079 1080 1081 1082 1083 1084 1085

Lessard, Hamm: »Computer-aided Analysis of Repeated Structures«, S. 250. Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S. Muzny, Algee-Hewitt, Jurafsky : »Dialogism in the Novel«, S. ii51. Riguet, Mpouli: »Comparison as a Figure of Dialogism«, S. ii76. Zur Historizität der Projekthaftigkeit vgl. Torka: Die Projektförmigkeit der Forschung, S. 88ff. Besio: Forschungsprojekte, S. 307. Ebd. Torka: »Die Projektfömigkeit der Forschung«, S. 64. Vgl. zur ›zeitlimitierten Ordnung‹ von Projekten die Beobachtungen von Niklas Luhmann: »Die Zeitform des Projekts durchdringt alle Forschungsbereiche, alle Disziplinen des Wissenschaftssystems« (Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 338). Besio: Forschungsprojekte, S. 308.

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The Riddle of Literary Quality«1086. Inger Leemans, Janneke M. van der Zwaan, Isa Maks, Erika Kuijpers und Kristine Steenbergh heben explizit hervor, dass ihre Arbeit auf einem größeren Projektzusammenhang basiert: This article is based upon the research project Embodied Emotions, conducted at Vrije Universiteit Amsterdam, Netherlands Escience Centre (Amsterdam), and Meertens Institute (Royal Netherlands Academy of Arts, Amsterdam).1087

Ebenso erwähnt Mark Olsen das ARTFL’s French Women Writers Project, auf dem sein Beitrag gründet.1088 Auf diese Weise integrieren sich die Beiträge in vorangegangene, parallel oder zukünftig stattfindende Forschungsprozesse – und situieren sich in einer Umgebung, die selbst schon als Forschungsvorhaben legitimiert worden ist. Der eigene Beitrag wird somit immer auch als ›Ausschnitt‹ eines einzelnen Forschungsvorhabens und als ›Teil‹ eines größeren Forschungszusammenhangs verstanden. Mit dem Verweis auf die Projekthaftigkeit sind somit reduzierte Legitimierungsbemühungen verbunden. Wird auf die Projekthaftigkeit verwiesen, tritt auch der prozessuale Charakter der Forschung deutlich hervor. Corina Koolen und Andreas van Cranenburgh formulieren diesen Aspekt pointiert: »This article can therefore be seen as a preparatory study.«1089 Vorläufiges und Unabgeschlossenes wird hier nicht als ›ungenügend‹ qualifiziert – sondern im Gegenteil als epistemisch wertvolle Phase des Forschungsprozesses gewichtet, in der es darum geht, Fragen aufzuwerfen, Ideen zu entwickeln, Aspekte auszuprobieren, Perspektiven provisorisch anzulegen und weitere Forschungen anzuregen. Neben der »quality of results« sollen auch jene »steps by means of which results are obtained as a form of publication of comparable value« gewürdigt werden.1090 Da Forschungsphasen mit bestimmten Normenhierarchien korrelieren, sorgt die mithin detaillierte Rekonstruktion der frühen Forschungsphasen (in ihrer Vorläufigkeit und Fehlerhaftigkeit) auch dafür, dass Normen der Prospektivität in arrivierten Darstellungsformen Eingang finden. Die Beiträge beschreiben sich als »first step«1091, als »test case«1092 oder »case study«1093 und markieren, dass sie weder als singulär noch als abschließend oder

1086 Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«, S. 70, Anmerkung 2. 1087 Leemans et al.: »Mining Embodied Emotions«, o. S. 1088 Olsen: »Pcriture f8minine«, S. 150. 1089 Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«, S. 70, Anmerkung 2. 1090 Presner, Schnapp, Lunenfeld: »The Digital Humanities Manifesto 2.0«, S. 5. 1091 Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«, S. 59. 1092 Leemans et al.: »Mining Embodied Emotions«, o. S. Vgl. in ähnlicher Weise: Gemma, Glorieux, Ganascia: »Operationalizing the Colloquial Style«, S. 314; Stewart: »Quantita-

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umfassend verstanden werden wollen. Es geht darum, kleine Schritte oder erste Fragen in mögliche Forschungsrichtungen zu lancieren. »In this way, we can hope to take further useful steps in handling some of the complex material we have untertaken to study.«1094 Auch Marissa Gemma, Fr8d8ric Glorieux und Jean-Gabriel Ganascia betonen ihre auf Prospektivität und Unabgeschlossenheit abonnierte Forschungspraxis: Though we are far from fully capturing the colloquial with a study of any single trait, these promising results about repetition suggest that, in tracing the growth and behavior of repetition over time, we may be glimpsing one part of that more complex and still-elusive whole that critics refer to as ›style‹. Filling in the rest of the picture, adding features and further dimensions to our current sketch, is the task that lies ahead.1095

Es geht folglich darum, eine »spur to further research«1096 zu legen oder die eigene Forschungsagenda weiterzuentwickeln: »The results of this process will be the subject of a later publication.«1097 Zugleich wird betont, dass weitere Forschungen zumeist nötig oder zumindest wünschenswert wären. Auf zusätzlichen Forschungsbedarf weisen etwa Grace Muzny, Mark Algee-Hewitt und Dan Jurafsky hin, wenn sie hervorheben: »[T]his relationship is complex and as such remains a study for future work«1098. Anastasia Bonch-Osmolovskaya und Daniil Skorinkin setzen ebenso auf Folgeforschungen, um ihre Forschungsfrage zukünftig besser handhaben zu können: »We hope that further research will help us gain more insights into the ›literary technique‹ of Tolstoy […].«1099 Zudem informieren sie über eigene geplante Forschungsvorhaben: We also plan to pay special attention to the instances of direct speech within the novel since Tolstoy himself placed high emphasis on developing ›character-specific language‹. Our goal is to find out whether each character actually possesses his personal style of speech. Then we hope to broaden the scope of the study and include other authors to allow comparison between their writing styles and techniques.1100

In ähnlicher Weise geben Stefania Forlini, Uta Hinrichs und Bridget Moynihan ihre weiteren Forschungsschritte an, die sich an eine ›breitere Interessengemeinde‹ richten:

1093 1094 1095 1096 1097 1098 1099 1100

tive Analysis and Literary Interpretation«, S. 130; Dalen-Oskam: »Epistolary Voices«, S. 444. Roberts: »Rhythm in Prose«, S. 33. Hohl Trillini, Quassdorf: »A ›Key to all Quotations‹?«, S. 283 [Hervorhebung im Original]. Gemma, Glorieux, Ganascia: »Operationalizing the Colloquial Style«, S. 328f. [Hervorhebung, F. S.]. Argamon et al.: »Text Mining Gender Difference in French Literature«, o. S. Leemans et al.: »Mining Embodied Emotions«, o. S. Muzny, Algee-Hewitt, Jurafsky : »Dialogism in the Novel«, S. ii37. Bonch-Osmolovskaya, Skorinkin: »Text Mining War and Peace«, S. i17. Ebd., S. i24.

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As we continue our work, our team will be providing the latest iteration of this visualization online and soliciting more feedback on the tool from a wider audience to continue to tailor the tool to the needs of different audiences and to allow for possible collaborations with expert amateurs in future research projects on this unique collection. For now, however, we hope we have begun to show the value of an exploratory, fan-driven approach to the great unread of early SF [d.i. Science Fiction, F. S.], and of open-ended, interactive information visualization tailored to the content and aesthetic characteristics of a unique collection.1101

Man hofft auf weitere Forschung, zielt auf weitere Forschung und kündigt eigene Anschlussforschungen an, wie etwa Richard S. Forsyth: »Further work along these lines is planned.«1102 Der Forschungsprozess ist demnach nicht nur ›nach vorne‹ offen, sondern zeigt sich selbst als hochgradig variant. Damit geht auch einher, dass ein Experimentierstatus nicht nur zugelassen, sondern vielmehr priorisiert wird.1103 Eine beeindruckend hohe Anzahl der 81 Beiträge deklariert ihre jeweiligen Vorhaben als »experiment«1104. »The language of experimentation runs throughout the digital humanities […]«1105, fasst Lisa Spiro die Situation zusammen. Zu diesem Experimentierverhalten gehören »trial-and-error procedures«1106 und damit Versuche, deren Ergebnisse nur bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar sind.

1101 Forlini, Hinrichs, Moynihan: »The Stuff of Science Fiction«, o. S. 1102 Forsyth: »Stylochronometry with Substrings«, S. 477. Karina van Dalen-Oskam und Joris van Zundert zielen ebenso auf »future work«: Dalen-Oskam, Zundert: »Modelling Features of Characters«, S. 301. Ebenso Plamondon: »Virtual Verse Analysis«, S. 139f.; Frontini, Boukhaled, Ganascia: »Mining for Characterising Patterns in Literature«, o. S. 1103 Zum Anschluss der Digital Humanities an die Experimental Studies der Naturwissenschaften vgl. McCarty : »Essential Problems, Experimental Practice«. 1104 Vgl. etwa Argamon et al.: »Gender, Race, and Nationality in Black Drama«, o. S.; Argamon et al.: »Text Mining Gender Difference in French Literature«, o. S.; Bonch-Osmolovskaya, Skorinkin: »Text Mining War and Peace«, S. i20; Brown et al.: »Reading Orlando with the Mandala Browser«, o. S.; Brunner: »Automatic Recognition«, S. 569; Clement et al.: »Sounding for Meaning«, o. S.; Dalen-Oskam: »Epistolary Voices«, S. 443; Dimmit et al.: »Exploring the Intersection of Personal and Public Authorial Voice«, S. i37; Edmondson: »The Network of Sociability in Corinne«, o. S.; Frontini, Boukhaled, Ganascia: »Mining for Characterising Patterns«, o. S.; Fuller, O’Sullivan: »Structure over Style«, o. S.; Hoover : »The Microanalysis of Style Variation«, S. ii28; Leemans et al.: »Mining Embodied Emotions«, o. S.; Murrieta-Flores, Donaldson, Gregory : »GIS and Literary History«, o. S.; Rhody : »Topic Modeling and Figurative Language«, o. S.; Rybicki: »Tracing the (Authorial) Gender Signal«, S. 747; Steger : »Patterns of Sentimentality in Victorian Novels«, o. S.; Waugh, Adams, Tweedie: »Computational Stylistics«, S. 191. 1105 Spiro: »Defining the Values of the Digital Humanities«, S. 28. 1106 Ricci et al.: »Clues. Anomalies. Understanding«, o. S. In diesem Beitrag versucht die Forschungsgruppe um Bruno Latour das AIME-Projekt mit Praktiken der Digital Humanities zu verbinden und legt dabei einen besonderen Schwerpunkt auf ›Experimentation‹.

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What is the effect of modeling the data in a particular way? What happens when we visualize data or use text mining tools to discover patterns in it?1107

Methoden, die verwendet werden, werden als »imperfect«, aber »not at all ineffectual or unproductive« beschrieben.1108 »Misclassifications«1109 werden dezidiert aufgeführt und enttäuschte Erwartungen dargestellt. Ergebnisse zeigten sich etwa Corina Koolen und Andreas van Cranenburgh »[c]ontrary to [their] expectations«1110. Die prinzipielle »Charakterisierung der Forschung als Präferenz für das Scheitern von Anfangserwartungen«1111 wird mit der erhöhten Fehlertoleranz unterstrichen. Experimente müssen nicht ›aufgehen‹, sie müssen sich auch nicht so ›verhalten‹ wie erwartet, sie führen unter Umständen zu ›Problemen‹, die man vorher gar nicht hatte und können ›ganz‹ andere Schlussfolgerungen bewirken. Darauf weist vor allem Thomas Weitin hin: Mit digitalen Tools zu arbeiten, heißt auch zu experimentieren und zum Beispiel auszuprobieren, ob auf ein bekanntes Problem, eine bekannte Frage hin tatsächlich das erwartete Ergebnis eintritt. Meistens ist das nicht hundertprozentig der Fall, gerade die ›Ausreißer‹ in den Ergebnissen quantitativer Analysen sind interessant, führen […] zu Anschlussfragen oder möglicherweise zu einem neuen Problem, das zu Beginn gar nicht zur Debatte stand.1112

Mit einer solchen ›Enttäuschungserfahrung‹ leitet Jan Rybicki seinen mit »Results« überschriebenen Abschnitt ein: The first thing to check was whether the gender signal was at all visible the easy way, i. e. in simple most-frequent-word analysis. Some hope in that respect can be garnered from Pennebaker, but it should be borne in mind that the list of most frequent words for any collection of texts is rarely identical to one made up a priori of function words alone. But no: most frequent words revealed nothing in terms of gender.1113

Insofern wird die Kategorie des fruchtbaren oder nützlichen Fehlers offensiv verteidigt. Fehler sind demnach accepted as a useful result in the digital humanities, since it indicates that the experiment was likely high risk and means that we collectively learn from failure rather than reproducing it (assuming that the failure is documented).1114

Vergegenwärtigt man sich angesichts dieses deklarierten Fehlerethos die Normalität des Fehlermachens in der Literaturwissenschaft, fallen mehrere Aspekte 1107 1108 1109 1110 1111 1112 1113 1114

Spiro: »Defining the Values of the Digital Humanities«, S. 28. Jockers: »The Ancient World in Nineteenth-Century Fiction«, o. S. Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«, S. 67. Ebd., S. 59, Abstract. Torka: »Die Projektförmigkeit der Forschung«, S. 73. Weitin: »Digitale Literaturwissenschaft«, S. 655. Rybicki: »Tracing the (Authorial) Gender Signal«, S. 750 [Hervorhebung im Original]. Spiro: »Defining the Values of the Digital Humanities«, S. 29.

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auf. Zwar ist es tatsächlich so, dass in dem ersten Korpus die Rekonstruktion von Fehlern oder die Darstellung von Enttäuschungen weitaus weniger prominent proklamiert werden. In der Darstellungsform des (Interpretations-)Aufsatzes werden Fehler etwa des Lesens, Verstehens, Analysierens oder Interpretierens nicht erwähnt. ›Fehler‹, so könnte man auch sagen, wurden aus dieser Publikationsstufe getilgt. In den Aufsätzen aus dem ersten Korpus wurden die Interpretationen also vom Endergebnis dokumentiert; in den Aufsätzen aus dem zweiten Korpus findet sich die Dokumentation des Ergebnisprozesses, was wiederum mit einer spezifischen Akzentuierung von Projekthaftigkeit und Vorläufigkeit korreliert. Allerdings bedeuten diese Beobachtungen nicht, dass in den Interpretationen des ersten Korpus Fehler grundsätzlich ausgeschlossen oder gar nicht erst produziert würden. Literaturwissenschaftliches Arbeiten, mithin das Interpretieren vollzieht sich über Zwischenstufen des Ausprobierens, des testenden Arrangierens, des noch nicht publikationsreifen Ausformulierens etc., die zwischen dem Forschungsgegenstand und der fertigen Analyse liegen. Dies kann sich etwa auf eine Forschungsarbeit (einen Aufsatz, eine Monographie, einen Vortrag etc.) beziehen oder auf ein Projekt, auf einen Forschungszusammenhang, der sich aus mehreren Beiträgen (von einer oder mehreren Personen) zusammensetzt.1115

Es sind eben jene Phasen, in denen ›Fehler‹, fehlgeleitete Deutungen, fehlende Kenntnisse oder fehlerhafte Überlegungen ihr epistemisches Potential entfalten. Vor allem mit Blick auf Lehr-Lern-Kontexte unterhält die Literaturwissenschaft »ein durchaus entspanntes Verhältnis zu Fehlern«1116. Sie sind ohne Fehler nicht denkbar, Fehler gelten gemeinhin als pädagogisch wertvoll und gehören zur alltäglichen Situation des (meist fehlerhaften) Einübens beispielsweise des Fragestellens, des Problematisierens, des Zitierens usw. Nur in aufwändigen Lernprozessen, die charakteristischerweise fehlerhaft, irrtümlich, umwegig und auf eine normale Art unkontrollierbar verlaufen, entwickelt man ein Gespür dafür, was relevant ist oder sein könnte, was man wissen bzw. was man nicht oder nicht unbedingt wissen muss, was relevant ist und was nicht, was passt und sich fügt, was fruchtbar sein könnte oder hilfreich etc.1117

Auch in Prüfungs- oder Evaluationssituationen können Fehler – in entsprechend fehlerreduzierendem Bezugsrahmen – als ›produktiv‹, ›interessant‹ oder sogar ›weiterführend‹ gelten. Die untersuchten Beiträge zeigen, dass Fehlereingeständnisse innerhalb der Publikationen typisch für das zweite Untersuchungskorpus, aber für das erste ungewöhnlich sind. Außerhalb von Publikationen 1115 Martus: »Der Mut des Fehlens«, S. 72. 1116 Ebd., S. 61. 1117 Ebd., S. 73.

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werden Fehlern jedoch auch einen hohen Stellenwert in anderen – mit spezifischen Normen korrelierenden – Phasen oder Einheiten des Forschungsprozesses zugeschrieben.1118 Die Beispiele, mit denen in den Aufsätzen des zweiten Untersuchungskorpus experimentiert wird, sind dabei meist ›zufällig‹ oder ›beliebig‹ ausgewählt: The first and last three chapters of each of the novels were tagged as was a representative but random sampling of entire chapters from the main body of the narrative.1119

Ebenso gibt Helmut Ilsemann zu verstehen, dass die Auswahl seiner Beispiele »arbitrary«1120 war. Richard S. Forsyth untersuchte ein »random sample«1121. Richard Frautschi verweist darauf, dass er ›zufällige‹ Textabschnitte in ›ungefähr‹ gleicher Länge ausgewählt hat: I have taken two 500-plus word samples randomly selected from each of four texts which are of approximately similar length; Balzac’s Eugenie Grandet (1833), Flaubert’s Madame Bovary (1857), Zola’s Germinal (1885), and Proust’s Du Cit8 de chez Swann (1913), the first segment of A la recherche du temps perdu.1122

David L. Hoover führt sogar pragmatische Auswahlkriterien für seine Beispiele ins Feld: »The choice of novels was a matter of convenience; these are two novels I had divided into narrative and dialogue for other projects.«1123 Diese ausdrückliche Austauschbarkeit der Gegenstände macht deutlich, dass es in diesen Beiträgen primär darum geht, die gewählten Umgangsweisen zu prüfen und herauszufinden, ob sie überhaupt lohnenswert sein könnten: It is argued here that stylochronometric methods should be extensively tested on unproblematic texts before being used in disputed cases. As part of such testing, the present study applies a novel technique […].1124

Richard S. Forsyth will demnach ›testen‹1125, ob mit bestimmten Verfahren oder Erhebungen ein generalisierbarer Erkenntnisgewinn zu erzielen ist. Diese Priorisierung der Umgangsweise gegenüber dem Gegenstand zeigt sich entsprechend in den jeweiligen Anschlussbemühungen, die sich weniger auf Forschungen zu den ausgewählten Gegenständen konzentrieren, sondern vielmehr 1118 Vgl. hierzu bspw. die empirischen Beobachtungen zur Produktivität von ›Fehlverhalten‹ bei Glaser : Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur, S. 116. 1119 Snelgrove: »A Method for the Analysis of the Structure of Narrative Texts«, S. 221. 1120 Ilsemann: »Computerized Drame Analysis«, S. 11. 1121 Forsyth: »Stylochronometry with Substrings«, S. 470. 1122 Frautschi: »Focal Patterns in Textual Samples«, S. 274. 1123 Hoover : »The Microanalysis of Style Variation«, S. ii20. 1124 Forsyth: »Stylochronometry with Substrings«, S. 467. 1125 Vgl. Dalen-Oskam, Zundert: »Modelling Features of Characters«, S. 289. Vgl. auch die Angaben zu den »next steps«, ebd., S. 300f.; Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«, S. 61.

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Zugänge zu Arbeiten legen, die in ähnlicher Weise mit ihren Gegenständen umgegangen sind.1126 Jene Forschung legitimiert sich dadurch, dass geprüft wird, ob Forschungen in bestimmte Richtungen zukünftig vielversprechend wären. Oder anders formuliert: Die Legitimierungsbemühungen beziehen sich auf die Prüfung der Legitimität potentieller computergestützter Umgangsweisen. Damit korrelieren auch weitere Bearbeitungsmodi. Basierend auf den bisherigen Forschungsergebnissen sollen etwa Hypothesen aufgestellt und gegebenenfalls revidiert werden. Christof Schöch formuliert beispielsweise diesen Umgang mit der Forschung folgendermaßen: Based on what we know about the history of French drama on the one hand, and the basic principles of Topic Modeling on the other hand, we can formulate a number of hypotheses or questions concerning the relations between topics and dramatic genres and subgenres.1127

Ein solches Vorgehen konzeptualisiert auch Berenike J. Herrmann in Form eines vierstufigen Modells: (1.) »Hypothesis Generation from Literary Criticism«, (2.) »Quantitative Hypothesis Testing«, (3.) »Quantitative Exploration« und (4.) »Qualitative Text Analysis«.1128 In ihrem Projekt zur stilistischen Erforschung der Prosa von Franz Kafka geht es im ersten Schritt darum, »from literary criticism converging evidence for a relatively broad assumption about Kafka’s style« zu extrahieren, um in einem zweiten Schritt auf Grundlage einer »wider data basis (comparing Kafka’s texts to texts by more than 20 other German authors across time)« die von der Forschung stimulierte Frage, »is Kafka’s style solitary?«, zu testen. Hierfür benutzt sie ein »standardized aggregate measure of most frequent words, Delta […] and cluster analysis«. Anhand dieser ersten Ergebnisse ergänzt sie in dem darauffolgenden dritten Schritt die Erhebungen mit »another frequency-based measure, keyness, to explore the stylistic patterns possibly underlying the results from the cluster analysis«, und vergleicht »Kafka’s word use to four authors belonging to the same literary epoch […]«. Im Rekurs auf eine vorherige Studie kategorisiert sie die »top 100 overrepresented word forms into (potential) word classes« und kommt zu dem Schluss, dass Kafkas Prosa im Vergleich zu anderen Autoren des Modernismus von einer »high frequency of lemmas that may perform ›modal‹ functions in the dis1126 Vgl. etwa Muzny, Algee-Hewitt, Jurafsky : »Dialogism in the Novel«, S. ii37; Oakes: »Computer Stylometry of C. S. Lewis’s The Dark Tower«, S. 644; Burrows: »Word-Patterns and Story-Shapes«, S. 70. Ebenso Frontini, Boukhaled, Ganascia: »Mining for Characterising Patterns in Literature«, o. S.; Steger : »Patterns of Sentimentality in Victorian Novels«, o. S. 1127 Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S. 1128 Herrmann: »In a Test Bed with Kafka«, o. S. Alle weiteren Zitate im Folgenden bis zur nächsten Fußnote entstammen ebd.

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course« geprägt ist. Obwohl sie deutlich macht, dass weitere Forschungen nötig wären, um ihre Ergebnisse präziser zu deuten, stellt sie aus: »[T]he analysis has shown that an exploration of quantitative patterns in terms of single words is quite useful«. Diese Erkenntnisse macht sie in einem vierten Schritt, einem »digital type of close reading« der Novelle Das Urteil fruchtbar, in dem sie sich auf »just two potential modal particles derived from the previous step« konzentriert: ›ja‹ und ›doch‹. Mithilfe des KWIC-Tools (Keyword in Context) schlussfolgert sie: [I]t may be stated that the use of two specific modal particles indeed seems to contribute to the ›elevated everyday language‹ described as typical of Kafka’s style.

Ihre Ergebnisse sollen erste Schritte sein, um mögliche Umgangsweisen vorzubereiten, auch wenn sie mehrfach betont, dass »more (quantitative and qualitative) analysis is needed«. Entscheidend ist nun, dass dieser ›Versuchsaufbau‹ nicht nur als besondere Darstellungsform zu verstehen ist, sondern auch normative Setzungen beinhaltet, die mit der Privilegierung bestimmter Fragestellungen, Perspektiven und Erkenntnisinteressen einhergehen. Das Beispiel von Berenike J. Herrmann zeigt exemplarisch eine spezifische Form der Integration und Modalisierung von Forschung und die Herstellung von referenziellen Bezugsgrößen, die sich auch in vielen weiteren Beiträgen beobachten lassen. Zunächst ist die insgesamt geringe Integration von Forschungsliteratur auffallend. In den untersuchten Beiträgen des zweiten Korpus finden sich nur wenige direkte Zitate, die der Forschungsliteratur entnommen sind. In der Regel werden keine einzelnen Aspekte der Forschung ausgewählt, eingehend diskutiert oder gegeneinander konturiert, welche in Form von Reproblematisierungsleistungen etwa das erste Korpus permanent durchziehen. Vielmehr gilt es, auf einzelne, möglichst ›einschlägige‹ Standardwerke oder etablierte Thesen Bezug zu nehmen, um jene als Ausgangspunkt der eigenen Arbeit zu funktionalisieren. Diese werden zumeist nicht ausführlich vorgestellt, sondern in groben Zügen skizziert oder gar als bekannte ›Grundpositionen‹ vorausgesetzt. Wenn Forschungen vorgestellt werden, dann entweder in Form von ›ungenauen‹ Angaben, wie etwa bei Marc R. Plamondon (»Some noteworthy attempts are by Logan (1982), Hayward (1991, 1996a, 1996b), and Hartman (1996)«1129), oder aber, wie exemplarisch der Beitrag von C. Ruth Sabol zeigt, ›unterhalb‹ oder ›außerhalb‹ des Textes in den Anmerkungen.1130 Diese Darstellungsweise ist nicht als schlicht ›oberflächlich‹ abzutun, sondern verweist auch auf ein bestimmtes Normensetting. Der genaue, kritische oder ausführliche Umgang mit Forschungsliteratur wird zugunsten 1129 Plamondon: »Virtual Verse Analysis«, S. 128. 1130 Vgl. etwa Sabol: »Semantic Analysis and Fictive Worlds«, S. 102, Anmerkung 10.

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eines forschungsgesättigten Verweissystems zurückgestellt. Während im ersten Korpus die Beiträge ihre Deutungen durchweg in Beziehung zu anderen Forschungsaussagen setzen, sich von diesen abgrenzen, sich an diese anschließen, diese fortführen oder verschieben etc., wird Forschung im zweiten Korpus hypothesenartig kondensiert, eher an den Anfang gesetzt, als ›Grundlage‹ verwendet und operationalisiert.1131 Mit dieser Tendenz korrespondiert auch die Installation referenzieller Bezugsgrößen. Aussagen über den untersuchten Gegenstand bzw. die untersuchten Gegenstände werden häufig in Referenz zu Beobachtungen aus einem Vergleichskorpus generiert. Hierzu werden oftmals größere Korpora erstellt und untersucht, um dann auf der Grundlage von (Zwischen-)Ergebnissen ein kleineres Korpus entsprechend analysieren zu können. Ebenso wie Berenike J. Herrmann ihre Stiluntersuchungen zu Franz Kafka in ein größeres Datensetting einbettet, um vor diesem Hintergrund (und nicht etwa primär in Bezug auf den Forschungszusammenhang) ihre Erhebungen deuten zu können,1132 bezieht sich auch Jan Rybicki auf eigens erstellte Korpusvergleiche: These texts [forty-six novels written between 1723 and 1830, F. S.] were compared with two reference corpora: one contained the more famous female rivals: Austen, Radcliffe, Burney, Edgeworth, Shelley (a total of 22 novels); the other, the famous male writers of the era: Swift, Johnson, Richardson, Fielding, Sterne, Smollett, Goldsmith, Beckford, Peacock (21 novels).1133

Man erschafft »training sets and testbeds to interpreting the results of the machine classifications«1134, denn »[e]rst durch den Vergleich werden Korpusdaten 1131 Dabei wird die – sicherlich als voraussetzungsvoll zu beschreibende – Hypothesenableitung aus der Forschung in der Regel nicht ausführlich vorgestellt, problematisiert oder diskutiert. Dies könnte nun damit zusammenhängen, dass die meisten Beiträge des zweiten Korpus sich Fragestellungen nähern, die in der Nähe zu linguistischen und damit hoch terminologisierten und hypothesenfreundlichen Teilbereichen der Literaturwissenschaft zu verorten wären. Dennoch müsste man an dieser Stelle zumindest mitbedenken, was Thesen in der Literaturwissenschaft überhaupt sind bzw. wie sich Thesen (oder Unterthesen) in der Literaturwissenschaft überhaupt aus Forschungstexten ableiten ließen – wenn sie sie nicht in einer schlichten Form explizit machen. Meine Vermutung wäre, doch dies müsste man ausführlicher untersuchen, dass literaturwissenschaftliche Forschungsarbeiten in vielfältiger Form als Thesenbildungsprozesse zu fassen wären, die durch unterschiedliche Teilpraktiken (des Argumentierens, Kritisierens, Plausibilisierens, Problematisierens u.v.a.m.) gebildet werden und von ihnen nur schwer zu trennen sind. In der Regel sind literaturwissenschaftliche Forschungsbeiträge nicht auf ›die‹ oder nur ›eine‹ These ausgerichtet. Eine Idee wäre es vielleicht, spezifische Forschungsbeiträge, die deutliche Thesenexplikationsmerkmale aufweisen (bspw. analytische Forschungen) oder gegen ›starke‹ Thesen vorgehen (bspw. die Genderforschung), unter dieser Fragestellung exemplarisch zu untersuchen. 1132 Vgl. Herrmann: »In a Test Bed with Kafka«, o. S. 1133 Rybicki: »Tracing the (Authorial) Gender Signal«, S. 749. 1134 Steger : »Patterns of Sentimentality in Victorian Novels«, o. S.

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interpretierbar«1135. Um Häufigkeiten von Worten, die Anzahl und Kombination von Ausdrucksverbindungen oder Verhältnisbestimmungen zwischen Worten und dem Umfang des Wortschatzes nicht nur zu ermitteln, sondern auch interpretationsfähig zu machen, bedürfen nämlich solche Daten »in der Regel des Vergleichs mit einem weiteren Vergleichskorpus, eventuell mit einem Referenzkorpus im engeren Sinne einer umfangreichen repräsentativen Textsammlung«1136 : Manche Daten (z. B. die Ermittlung von Über- und Unterverwendungen im Wortschatz eines Korpus, sogenannte Keywords) können sogar nur aufgrund eines Vergleichskorpus ermittelt werden. Selbst relative Merkmalsfrequenzen (z. B. die ›Type-Tokenratio‹) werden erst durch den Vergleich mit entsprechenden Verhältnissen in anderen Korpora aussagekräftig.1137

Diese Vergleiche dienen nicht nur den Identifizierungen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen zwei oder mehreren Korpora, sondern auch dem »Kontrollieren der Reichweite von Behauptungen, verbunden mit der Möglichkeit einer Revision bisheriger Kategorien und Typologien«1138. Entsprechend befinden sich Praktiken des Vergleichens und Praktiken des Erhebens in einer engen Beziehung zueinander. Sie wirken wechselseitig aufeinander ein und sind nur heuristisch voneinander zu trennen. Blickt man vor diesem Hintergrund auf die Gegenstände, die in den Beiträgen im Mittelpunkt stehen, fällt zunächst auf, dass die Größenordnungen der Korpora in den untersuchten Beiträgen eher kleinen bis mittelgroßen Korpora entsprechen und in der Regel kaum ›unlesbare‹ large-scale- oder Big-Data-Dimensionen erreichen. Von 81 Beiträgen gehen 43 Beiträge mit einem oder bis zu 20 Texten um; 20 Beiträge beziehen sich auf 20 bis 100 Texte und 18 Beiträge registrieren über 100 Texte.1139 Das Spektrum an ›Korpusgröße‹ liegt zwischen einem Text1140 und 4500 Texten1141. Dabei sind die Texte zumeist nicht dem »Great Unread«1142 entnommen bzw. organisieren sich gar nicht anhand solcher ›kanonischer‹ Grenzen. Selbst wenn die zu untersuchenden Texte von etablierten Autoren wie Jane Austen, Honor8 de Balzac, Gustave Flaubert, Charles Dickens, Klimek, Müller : »Vergleich als Methode?«, S. 70. Ebd., S. 69. Ebd. Ebd., S. 60. Die Erhebung orientierte sich an jenen in den Abstracts erwähnten Gegenständen, die in den jeweiligen Beiträgen untersucht wurden. Lieferte das Abstract keine oder keine ausreichende Information, wurde der gesamte Beitrag konsultiert. 1140 Bspw. Cordell: »The Reprinting and Reauthorship of Hawthorne’s Celestial Railroad«. 1141 Rhody : »Topic Modeling and Figurative Language«, o. S. 1142 Moretti: »Mutmaßungen über Weltliteratur«, S. 47 im Anschluss an Cohen: The Sentimental Education of the Novel, S. 23. 1135 1136 1137 1138 1139

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Emily Dickinson, Victor Hugo, James Joyce, Franz Kafka, George Orwell, Marcel Proust, William Shakespeare, Lew Nikolajewitsch Tolstoi oder Pmile Zola stammen,1143 werden sie in einer Weise arrangiert, welche die Auflösung etwa autoren-, epochen- oder genrespezifischer Gegenstandsgrenzen zugunsten der Herstellung alternativer Gegenstandszusammenhänge in Kauf nimmt. Alan Roberts beispielsweise extrahiert Auszüge aus drei Romanen von Joyce Cary, um sie miteinander in Beziehung zu setzen: »As a case study, extracts from three Joyce Cary novels were chosen, each told in the first person, with the narrators distinctly different characters.«1144 Auch Richard Frautschi konstruiert aus Balzacs Eugenie Grandet, Flauberts Madame Bovary, Zolas Germinal und Prousts Du Cit8 de chez Swann »two 500-plus word samples randomly selected from each of four texts which are of approximately similar length«1145. Lisa Pearl, Kristine Lu und Anousheh Haghighi beziehen sich in ihrem Beitrag auf den Briefroman Clarissa von Samuel Richardson und ›zerlegen‹ diesen für die Interpretation in Einzelteile, in »789 letters, comprising 918,624 words total«1146. James Lee und Jason Lee reorganisieren William Shakespeares dramatische Werke, indem sie ein Netzwerk aus jenen Szenen generieren, in denen »characters interact by responding to one another (i. e. if character A speaks, and character B replies, the program counts this as a reciprocal exchange of language) and how frequently the two characters interact by this response mechanism«1147. Diese Gegenstandsformierungen fallen nicht mit etablierten Einheiten zusammen, sondern konstituieren sich aus unterschiedlichen Textelementen (Wörter, Worthäufigkeiten, Wortfelder, Wortfolgen, grammatikalische Strukturen, etc.).

1143 Vgl. Anderson, McMaster : »The Emotional Tone of Foreground Lines«; Anderson, McMaster, Mitchell: »Computer Assisted Enhancement of Emotional Tone Accuracy«; Bonch-Osmolovskaya, Skorinkin: »Text Mining War and Peace«; Burrows: »Modal Verbs and Moral Principles«; ders.: »Word-Patterns and Story-Shapes«; DeForest, Johnson: »The Density of Latinate Words«; Elliott: »Vocabulary Decay«; Estill, Meneses: »Topic Modeling Shakespeare’s Plays«; Frautschi: »Focal Patterns in Textual Samples«; Frontini, Boukhaled, Ganascia: »Mining for Characterising Patterns in Literature«; Herrmann: »In a Test Bed with Kafka«; Jackson: »Pause Patterns in Shakespeare’s Verse«; Lee, Lee: »Shakespeare’s Tragic Social Network«; Lessard, Hamm: »Computer-aided Analysis of Repeated Structures«; Mas&as et al.: »Exploring the Prominence of Romeo and Juliet’s Characters«; McKenna, Antonia: »›A Few Simple Words‹ of Interior Monologue«; McKenna, Antonia: »The Statistical Analysis of Style«. 1144 Roberts: »Rhythm in Prose«, S. 33. 1145 Frautschi: »Focal Patterns in Textual Samples«, S. 274. 1146 Pearl, Lu, Haghighi: »The Character in the Letter«, S. 357. 1147 Lee, Lee: »Shakespeare’s Tragic Social Network«, o. S.

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Zudem werden viele Gegenstandszusammensetzungen bzw. Korpuszusammenstellungen nicht explizit gemacht.1148 Auch hierin zeigt sich die Privilegierung der Umgangsweise und die simultane Entprivilegierung des einzelnen Gegenstands. Maciej Eder untersucht 66 Romane, ohne deren genaue Titelangaben in dem Beitrag zu erwähnen;1149 Richard S. Forsyth untersucht »a random sample of 142 poems by W. B. Yeats«1150 – welche dies genau sind, bleibt offen. Zwar gibt Berenike J. Herrmann an, dass sie ausgewählte Texte von Kafka mit »more than 20 other German authors across time«1151 vergleicht, aber welche Autoren hier konkret gemeint sind, wird nicht expliziert. Vor allem bei größeren Korpora wird darauf verzichtet, Angaben darüber zu machen, welche Texte überhaupt untersucht wurden. So weist Marc R. Plamondon lediglich kurz darauf hin, dass das zugrunde gelegte »Representative Poetry Online (http://rpo. library.utoronto.ca) corpus of poems«1152 etwa »4,700 English poems by 723 poets«1153 enthält. Marc Olsens Korpus umfasst »300 French literary texts by male and female authors written between the 16th and 20th centuries […]«1154, ohne die Autoren oder die Texte zu benennen. Bei Ted Underwood und Jordan Seller stehen 4275 Dokumente »meist in Buchlänge«1155 im Mittelpunkt. Auch sie machen keine genaueren Angaben. Allerdings könnte man online auf »a tabular summary of the metadata for the whole collection«1156 zugreifen. Auch wenn sie keine Rechte zur Nutzung oder Weiterverteilung der Dokumente besitzen, ließe sich die Sammlung anhand von »three sources – eighteenth-century documents from ECCO-TCP, documents in the period 1700–1850 from the Brown Women Writers Project, and a collection of nineteenth-century books selected by Jordan Sellers, available as a .zip file (350MB)«1157 – rekonstruieren. Ebenso gibt Mark Olsen an, dass seine Studie is based on the creation of two samples of 300 texts roughly balanced by genre, collection, and time period driven by available texts by French women writers. The female 1148 Vgl. zur Praxis der Kopruszusammenstellung die Überlegungen in Klimek, Müller : »Vergleich als Methode?«, S. 71f. 1149 Vgl. Eder: »Visualization in Stylometry«. 1150 Forsyth: »Stylochronometry with Substrings«, S. 470. 1151 Herrmann: »In a Test Bed with Kafka«, o. S. 1152 Plamondon: »Virtual Verse Analysis«, S. 127. 1153 Vgl. https://rpo.library.utoronto.ca/content/online-editors-introduction [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]. Da der Beitrag von Marc R. Plamondon aber 2006 geschrieben wurde, ist vermutlich davon auszugehen, dass sein Korpus nicht der aktuellen Onlineversion entspricht, da das Korpus stets erweitert wird. 1154 Olsen: »Pcriture f8minine«, S. 147. 1155 Vgl. die Anmerkung der Autoren, dass sie »4,275 documents (mostly book-length)« untersuchen. In: Underwood, Sellers: »The Emergence of Literary Diction«, o. S. 1156 Ebd. 1157 Ebd. Leider wurden die Links mittlerweile eingestellt, d. h. auch diese Verweise auf den konkreten Inhalt des Korpus sind nicht mehr dienlich.

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texts are taken from the following collections: TLF/Frantext (60 texts), ARTFL FWW (99 texts), BASILE (Champion, 32 texts), and BibliothHque des Lettres (Bibliopolis, 109 texts). For each of the 300 texts by 67 female authors, I selected the chronologically closest male document by genre and, where available, by collection, leading to a comparison collection of 300 texts by 170 authors.1158

Kenntnisse über den konkreten Korpusinhalt ließen sich, darauf weist Mark Olsen in einer Anmerkung außerhalb des Fließtextes hin, erst über einen weiteren Websitezugriff ermitteln: In addition to tables found in this paper, there are a number of additional tables, too large to be suitable for print publication all of which are found at: http://www.lib.uchicago.edu/efts/ARTFL/mark/papers/ACH2003/tables/. The list of female authors can be found at http://www.lib.uchicago.edu/efts/ARTFL/mark/papers/ ACH2003/tables/fem-auth-frq.html and male authors at .1159

Ebenso erwähnt Julius Laffal in seinem Text nur das »sampling of twenty-one of Poe’s tales and poetry collections«1160. Erst in einer Tabelle, außerhalb des Fließtextes, findet man die genaue Aufzählung der untersuchten 21 Texte.1161 Diese Reduktion von konkreten Quellenangaben geht einher mit der gesteigerten Konzentration auf computergestützte Umgangsweisen mit den Gegenständen. Diese Modifizierung zeigt sich u. a. auch darin, dass neue Teilpraktiken in das Praxisset migrieren bzw. dass sich bekannte Teilpraktiken neu formieren. Im Folgenden sollen drei dieser Teilpraktiken genauer untersucht werden, die sich unter digitalen Vorzeichen gebildet haben bzw. gehäuft auftreten: Das Annotieren, Quantifizieren und Visualisieren.

4.1

Annotieren

Wie kann man sich eine konkrete Arbeitssituation eines Literaturwissenschaftlers im 21. Jahrhundert vorstellen? Angenommen, ein Literaturwissenschaftler bereitet gerade einen Aufsatz zu Erzählungen von Franz Kafka vor, welchen er den Herausgebern einer Zeitschrift versprochen hat: Er sitzt am Schreibtisch, er liest Vor dem Gesetz, er notiert sich etwas mit dem Bleistift auf einem vor ihm liegenden Papier, er blättert in der Werkausgabe, die bereits mit Post-its versehen ist, und scrollt durch Forschungsbeiträge. Er markiert Textabschnitte in einer PDF-Datei und färbt manche Abschnitte rot, andere gelb, und 1158 1159 1160 1161

Olsen: »Pcriture f8minine«, S. 151f. Ebd., S. 152, Anmerkung 7. Laffal: »Union and Separation in Edgar Allan Poe«, S. 1. Ebd. S. 5, Tab. 3.

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setzt eigene Kommentare. Er umkreist einzelne Begriffe und unterstreicht Passagen in ausgedruckten Texten, manche unterkringelt er, an anderen Stellen zieht er einen Strich am Textrand. Dort finden sich bereits Notizen in Form von Symbolen. Ein Fragezeichen setzt er an jenen Abschnitten, wo er nicht einverstanden ist, ein Ausrufezeichen markiert einen wichtigen Aspekt. An anderen Stellen formuliert er stichwortartig seine Beobachtungen. Immer wieder unterbricht er seine Lektüre, löscht Geschriebens, fügt es wieder ein, verbessert, korrigiert, blickt auf seine Notizen und schreibt mit der Tastatur seines PCs an seinem Manuskript. Diese vorgestellte Szene ist inspiriert durch die ethnographische Studie von Smiljana Antonijevic´, die anhand von qualitativen Interviews den ›workflow‹ von Geistes- und Sozialwissenschaftlern rekonstruiert und sich u. a. mit unterschiedlichen Formen des Annotierens, des Notierens, Unterstreichens, Markierens oder Anmerkens beschäftigt hat.1162 Dabei konnte Smiljana Antonijevic´ zeigen, dass das Spektrum an händischen und computergestützten Annotationsweisen breit ist.1163 Manche Interviewpartner gaben an, dass sie keine »digital annotation tools«1164 verwendeten, sondern am liebsten handschriftlich annotierten. Andere hingegen berichteten, dass sie bei der Lektüre verschiedene digitale »note-taking techniques«1165 einsetzten.1166 Beispielsweise verwendeten sie Softwaretools, die das analoge Anheften von Notizzetteln nachbilden oder mithilfe von Stift-Icons Markierungen in den Dateien ermöglichen. Am häufigsten wurde jedoch – wie in der oben imaginierten Szene skizziert –, die »fusion of digital and ›pen and paper‹ practices«1167 genannt. Neben händischen Annotationen würden ebenso Exzerpte in Word geschrieben oder Notizen in die jeweiligen Dateien eingearbeitet. Insofern lässt sich im Anschluss an Smiljana Antonijevic´ festhalten, dass spezifische Annotationsweisen ins Digitale transferieren, andere – vor allem zu 1162 Antonijevic´ : Amongst Digital Humanists. 1163 Vgl. ergänzend zu der Arbeit von Smiljana Antonijevic´ die Reflexionen über die vielfältigen Typen des Annotierens und ihre unterschiedlichen Funktionen bspw. Rapp: »Manuelle und automatische Annotationen«, S. 254ff. sowie Blustein, Rowe, Graff: »Making Sense in the Margins. A Field Study of Annotation«, S. 256; Bender et al.: »Wissenschaftliche Annotationen«, o. S.; Marshall: »Annotation. From Paper Books to the Digital Library«, S. 137f. sowie Waller : »Functionality in Digital Annotation«, o. S. 1164 Antonijevic´ : Amongst Digital Humanists, S. 56. 1165 Ebd., S. 56f. 1166 Beispiele für solche digitalen Annotationstools sind etwa Evernote, Scrivener oder Penzu. Ein interessantes Beispiel liefert Pliny. Dieses Programm wurde 2006 bis 2017 von John Bradley speziell für die Geisteswissenschaften entwickelt. Vgl. Bradley : »Pliny«; ders.: »Thinking about Interpretation«; ders.: »Towards a Richer Sense of Digital Annotation«. Für einen detaillierten Überblick zu ausgewählten Annotationstools vgl. Hastreiter et al.: »Digitale Annotation im akademischen Kontext«, S. 122. 1167 Antonijevic´ : Amongst Digital Humanists, S. 58.

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Beginn des Forschungsprozesses – oftmals ›in der Hand‹ bleiben, aber gleichzeitig von digitalen Umgebungen gerahmt werden.1168 »In the humanities and social sciences, handwriting is often the first step of reflexive writing, followed by the use of digital tools.«1169 Schließlich, und hierauf geht die Forschung von Smiljana Antonijevic´ bedauerlicherweise nicht weiter ein, bilden sich in einzelnen Arbeitseinheiten bestimmte Annotationsweisen heraus, die einen erhöhten Formalisierungs-, Operationalisierungs- und Standardisierungsaufwand einfordern und zu einem signifikanten »Ausmaß der Prozessierungsstufen«1170 bzw. zu langen »Bearbeitungsketten«1171 führen. Um Texte oder Textmengen überhaupt computergestützt untersuchen zu können, müssen sie zuvor kodiert und in möglichst einheitlichen Formaten annotiert werden.1172 Prominente Richtlinien, die »sowohl maschinenlesbar als auch für den Menschen noch gut lesbar sind«1173, wurden hierfür von der Text Encoding Initiative (TEI) vorgeschlagen. Hervorgehoben wird, dass TEI technisch gesehen auf dem weit verbreiteten Standard xml (Extensible Markup Language) basiert; dass in TEI der Text selbst, Annotationen einzelner Passagen und dokumentbezogene Metadaten gemeinsam vorliegen; und dass die Richtlinien der TEI seit 1987 von einer wissenschaftlichen Gemeinschaft entwickelt werden.1174

Auf Grundlage dieser Kollektivempfehlung und ihrem hohen Grad an Konventionalisierung werden in TEI einzelne Zeichen und die Struktur eines Textes (wie etwa Absätze, Anmerkungen, Fußnoten, Kapitelstrukturen, Strophen, Szenen, Paratexte, Überschriften, Umbrüche usw.) kodiert. Ebenso werden Dokumente mit weiteren Metadaten (wie Autornamen, Datum und Ort der Veröffentlichung, Gattungszugehörigkeit, Verlagsangaben etc.) angereichert. Erst nach diesen Arbeiten können komplexere Annotationsverfahren angewendet werden, die auch Wortarten, Wortfelder oder Relationen der einzelnen Gruppen identifizieren, um »bestimmte gezielte, zum Teil sehr avancierte Aktionen auszuführen«1175. Von solchen komplexeren Annotationen zeugen die untersuchten Bei1168 1169 1170 1171 1172

Vgl. ebd., S. 59. Ebd. Willand: »Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse«, S. 79. Vgl. Lüngen, Hebborn: »Linguistische Annotationen«, S. 171f. Vgl. die Übersicht von PDF-, TXT-, DOC-, ODT-, HTML-, XHTML-, ePUB-, TEI-, XMLund TCF- Formaten bei Schöch: »Ein digitales Textformat für die Literaturwissenschaft«, S. 328ff. und insb. der Vergleich zwischen den unterschiedlichen Formaten auf S. 334. 1173 Rapp: »Manuelle und automatische Annotationen«, S. 262. 1174 Schöch: »Ein digitales Textformat für die Literaturwissenschaft«, S. 327. Zum Aktivitätsbereich der TEI, zu dem eine Jahreskonferenz und eine eigene Zeitschrift gehören, vgl. www.tei-c.org [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]; Burnard: »What is the Text Encoding Initiative?«; Jannidis: »TEI in a Crystal Ball«. 1175 Rapp: »Manuelle und automatische Annotationen«, S. 256.

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träge des zweiten Untersuchungskorpus. Sie verweisen auf vielfältige Formen des Annotierens und ihre Bedeutung für das Forschungsvorhaben. Blickt man auf die ausgewählten 81 Beiträge, die computergestützte Umgangsweisen in ihr Praxisset integrieren, verwenden die meisten davon – häufig durch andere Projekte1176 – bearbeitete Korpora, in denen die zu untersuchenden Texte digitalisiert und kodiert wurden.1177 Jene Beiträge sind somit direkt verknüpft mit vorangegangenen Anstrengungen, Texte oder Textsammlungen in bestimmter Weise ›vorzubereiten‹. Sie beziehen sich auf Objekte, die von unterschiedlichen Institutionen wie etwa Bibliotheken oder Archiven, im Rahmen von verschiedenen Projekten und durch diverse Auszeichnungsverfahren bearbeitet wurden. Diese Bearbeitungsketten sind nicht nur die ›Vorbedingungen‹, um überhaupt computergestützt mit den Objekten umgehen zu können. Sie strukturieren vielmehr den Forschungsprozess, insofern durch Annotationen bestimmte Arbeiten erst ermöglicht oder nahelegt werden.1178 Exemplarisch lässt sich dies anhand der Untersuchung von Inger Leemans, Janneke M. van der Zwaan, Isa Maks, Erika Kuijpers und Kristine Steenbergh zeigen.1179 Sie interessieren sich für eine Geschichte der emotionalen Sprache in 280 Dramen zwischen 1600 und 1800. Hierfür greifen sie auf Digitalisate zurück, welche von der Digital Library of Dutch Literature und dem Nederlab Project zur Verfügung gestellt wurden.1180 Dadurch, dass die Texte bereits in xml und nach TEI- Standards formatiert vorlagen, konnte auf die Differenzierung von Szenen, Protagonisten, Sprecherwechseln sowie von Haupt- und Nebentext zurückgegriffen werden. Zunächst wurden 29 Texte aus unterschiedlichen dramatischen Genres (Tragödie, Komödie und Farce) und verschiedenen Epochen innerhalb ihres Untersuchungszeitraumes (Renaissance, Klassizismus, Aufklärung) ausgewählt und ›Emotionen‹ händisch annotiert. Um einschlägige Textstellen zu identifizieren, verwendeten sie eine in der Forschung häufig zitierte Definition von »Emotion« als

1176 Vgl. Sahle: »Digitale Edition«, S. 244: »Digitale Editionen werden fast immer als private Vorhaben (z. B. im Rahmen einer Dissertation), als öffentlich geförderte Drittmittelprojekte oder als Teil der Grundaufgaben von bestimmten Institutionen (Forschungseinrichtungen, Bibliotheken, Archiven) durchgeführt.« Vgl. im vorliegenden Korpus etwa bei Muzny, Algee-Hewitt, Jurafsky : »Dialogism in the Novel«, S. ii33; Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S. 1177 »Dabei ist digital nicht gleich digital, sondern es existiert eine Vielzahl sehr unterschiedlicher, digitaler Repräsentationsformen von Text«, gibt Christoph Schöch zu bedenken. In: Schöch: »Ein digitales Textformat für die Literaturwissenschaft«, S. 325 [Abstract]. 1178 Zum Zusammenhang zwischen Interpretation und Annotation vgl. einführend Hockey : Electronic Texts in the Humanities, S. 75–77. 1179 Leemans et al.: »Mining Embodied Emotions«, o. S. 1180 Ebd.

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strong feeling deriving from one’s circumstances or relationships with others involving cognitive appraisal, bodily symptoms, (a readiness for) action, motoric expression (for instance in face or voice) and subjective awareness.1181

Auf dieser Grundlage bildeten sie fünf Annotationskategorien: »emotion, body part, bodily process, emotional action, body sensation«1182, die sie je eigens definieren und mit Ankerbeispielen illustrieren. Anhand dieser Operationalisierung von Emotionalität wurden die 29 Texte von einer »group of experienced readers of early modern Dutch (theatre) texts«1183 annotiert. Mit dem Ziel, die Konsistenz und Reliabilität der zuvor festgelegten Annotationskategorien zu testen, wurde anhand von zwei Textbeispielen von jeweils ungefähr 1100 Sätzen eine vergleichende Studie zwischen fünf Annotatoren durchgeführt. Das Ergebnis dieser Vorstudie, dass vor allem in Bezug auf zwei Kategorien »different annotators are likely to choose different«1184, führte dazu, dass von den vorherigen fünf Kategorien nur noch drei weitergeführt wurden. Stimmten die Annotationen in den Kategorien »emotion«, »body part« und »sensation« zu 73, 73 und 61 Prozent überein, lieferten die Kategorien »bodily process« und »emotional action« keine zufriedenstellenden Ergebnisse.1185 Für die weitere Untersuchung konzentrierten sich die Autoren daher nur auf jene Kategorien, deren Übersetzungen in Annotationen eine gewisse Übereinstimmungssituation innerhalb des Annotatorenkollektivs anzuzeigen vermochten. Diese verglichen sie mit zwei bereits etablierten, aber aus ihrer Sicht limitierten Softwareprogrammen zur Detektion von Emotionen in Texten,1186 um ihre bislang noch händischen Annotationen zukünftig in verbesserte, automatisierte Annotationen überführen zu können. Dieses Beispiel ist aus mindestens fünf Gründen illustrativ für die Praktik des Annotierens. Erstens handelt es sich beim Annotieren um eine voraussetzungsreiche, auf bisherige Forschungen gründende und zukünftige Forschungen vorstrukturierende Bearbeitungsweise, die explorativ erarbeitet und präzisiert wird. Dort, wo annotiert wird, wird auch definiert, operationalisiert und formalisiert. Dabei ist es wichtig, in Erinnerung zu halten, dass sich diese Praktiken wechselseitig affizieren und bedingen. Allerdings, dies lässt sich an diesem Beispiel exemplarisch beobachten, handelt es sich hierbei nicht um einen stufenförmigen Forschungsprozess, in dem erst definiert, als nächstes operationalisiert und dann annotiert wird. Vielmehr zeigt sich, dass die gemeinsam 1181 1182 1183 1184

Ebd. Siehe ebenso Scherer : »What Are Emotions?«, S. 703–705. Leemans et al.: »Mining Embodied Emotions«, o. S. Ebd. Ebd. Die disparaten Annotationsweisen beruhen dabei zu hohem Anteil auf unterschiedlichen Einschätzungen was die Relevanz des Kontextes betrifft. 1185 Ebd., o. S. 1186 Die Programme heißen WordNetAffect und Linguistic Inquiry and Word Count.

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ausgeführte Praktik der Annotation auf die Operationalisierung zurückwirkt, letztere angepasst, justiert und in eine überarbeitete Annotationsweise überführt wird. Zweitens sind solche Annotationsprozesse kollaborativ organisiert. Es geht darum, partikulare Auszeichnungen so zu generalisieren, dass ein reliables Schema entsteht, welches sich automatisiert prozeduralisieren lässt. Annotationen sind somit in der Regel als kollektive Aktivitäten zu denken – wie das Beispiel der fünf Annotatoren zeigt.1187 Drittens handelt es sich beim Annotieren nicht nur um eine gemeinsame, kollektiv angelegte und kollaborativ organisierte Arbeit, sondern auch um eine zeit- und arbeitsintensive Phase des Forschungsprozesses. Ein Annotationssystem zu entwerfen, bedeutet, dass man unterschiedliche Umgangsweisen oder Definitionskriterien ausprobieren und testen muss: Man muss sich einig werden, problematische Kategorien modifizieren oder streichen, sie wiederholt prüfen und evaluieren. Zudem muss man immer wieder abschätzen, ob sich der jeweilige Arbeitsaufwand (mit Blick auf das Forschungsinteresse) überhaupt lohnt oder lohnen könnte. Das Annotieren ist somit in gewissem Sinn ›holistisch‹1188. Im »Modus der Antizipation« gilt es, im Vorfeld abzuschätzen, welcher Annotationsaufwand sich »im Rahmen eines größeren Praxisfeldes« (beispielsweise einer Interpretation) als lohnenswert, interessant oder anschlussfähig herausstellen könnte.1189 Viertens wird an diesem Beispiel deutlich, dass Annotationen nicht lediglich als mit Informationen angereicherte Dokumente, als abgeschlossene »Ergebnisse von Forschungsund Erschließungsprozessen« oder als einfache »Zwischenschritt[e] in Forschungsprozessen, auf [die] weitere Verarbeitungsverfahren (Analysen, Visualisierungen usw.) aufsetzen«, verstanden werden können.1190 Vielmehr zeigt sich, dass Annotationspraktiken »iterative Prozesse [sind], in denen Speicherung, Publikation und Verarbeitungsverfahren mehrfach aufeinander folgen«1191. Fünftens wird mit der Explikation des Annotierens nicht nur auf eine spezifische Praktik aufmerksam gemacht, sondern es werden auch besondere Phasen im Forschungsprozess privilegiert repräsentiert. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Beobachtungen des zweiten Korpus mit dem ersten Korpus vergleicht. Mit dem Annotieren sind spezifische Arbeitsphasen verbunden, die im zweiten Korpus in den Vordergrund und im ersten Korpus in den Hintergrund treten bzw. überhaupt nicht auftauchen. Im ersten Untersuchungskorpus finden sich in den 130 Beiträgen keinerlei Hinweise auf Annotierungsprozesse. Auch wenn, wie beispielsweise Gerhard Lauer festhält, etwa das Interpretieren auf vorangegangene Praktiken angewie1187 1188 1189 1190 1191

Vgl. Hanna: »Annotation as Social Practice«. Im Anschluss an: Martus, Spoerhase: »Praxeologie der Literaturwissenschaft«, S. 93. Vgl. ebd. Bender et al.: »Wissenschaftliche Annotationen«, o. S. Ebd.

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sen sei und neben »dem Sammeln der Daten (seien es Texte oder Dinge), dem Katalogisieren […]« oder »dem Ordnen überhaupt« auch mit dem »Auszeichnen« in enger Verbindung stehe,1192 werden solche Praktiken in der Regel nicht eigens dokumentiert.1193 Wie Geistes-, mithin Literaturwissenschaftler ihre Gegenstände ›vor-‹ bzw. ›aufbereiten‹, welchen Anteil das An- und Unterstreichen für die Herausbildung von Fragestellungen hat und in welcher Verkoppelung mit anderen Praktiken der ›bloße‹ Strich am Rand zu einer epistemisch wertvollen Annotation avancieren kann, lässt sich daher nicht anhand der Bearbeitungsresultate ablesen. Jene Arbeitsweisen finden sich nur ›außerhalb‹ des jeweiligen Beitrags.1194 Anders als in den Beiträgen der Digital Humanities, welche den Praktiken des Annotierens eine hohe Relevanz attestieren und sie ausführlich in ihren Publikationen dokumentieren sowie explizieren, lassen sich diese Umgangsweisen aus den Beiträgen des ersten Untersuchungskorpus nicht unmittelbar rekonstruieren. Dieser Unterschied zwischen den beiden Korpora mag darin begründet liegen, dass die Beiträge aus dem ersten Untersuchungskorpus in der Regel nicht auf die Ausarbeitung eines objektiven, reliablen und validen Annotationssystems zielen.1195 Solche Annotationen müssen nicht allgemeingültigen Standards oder Richtlinien genügen. Annotationen aus dem zweiten Untersuchungskorpus werden dagegen häufig mit Blick auf ihre Übertragungsfähigkeit in semi-automatische oder automatische Verfahren (etwa dem machine learning1196) ausge-

1192 Lauer : »Die digitale Vermessung der Kultur«, S. 101. Vgl. hierzu auch die Fallbeispiele in Coburger: »Sammlungsordnungen und Wissenskonstruktion«. 1193 Vgl. ebenso die Anmerkungen von Marcus Willand: »Die vor dem eigentlichen Forschungsprozess getroffenen Entscheidungen, zum Beispiel bzgl. der Lagerung und Zugänglichkeit von Forschungsobjekten (Daten, Server, Bücher, Regale) sind ein ziemlich folgenreiches Komfortproblem, das in erheblichem Ausmaß die Umsetzung einer Forschung ermöglichen oder verunmöglichen kann, unabhängig davon, ob sie digital oder analog funktioniert […]« (Willand: »Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse«, S. 79, Fußnote 11 [Hervorhebung im Original]). 1194 Zum Unterschied zwischen der Dokumentation dieser Bearbeitungsweisen innerhalb des Untersuchungsgegenstandes (als Annotation) oder außerhalb des Untersuchungsgegenstandes (als Exzerpt) vgl. Giuriato: »Lesen als Kulturtechnik (Annotieren und Exzerpieren)«. 1195 Dennoch sollte nicht einfach zwischen ›objektiven‹ und ›subjektiven‹ Annotationsweisen unterschieden werden. Obwohl es hierzu noch kein empirisches Material gibt, könnte man vermuten, dass Annotationsweisen, welche nicht auf die strenge Einhaltung von allgemeinen Regelsets oder fixierten Standards ausgerichtet sind, in hohem Maß von kollektiven oder milieuspezifischen Denkstilen geprägt werden – und sie daher weitaus weniger ›individuell‹ oder ›subjektiv‹ eingestuft werden könnten als bisherige Gegenüberstellungen nahelegen. 1196 Vgl. die ausführliche Darstellung zwischen händischen Annotationen und machinelearning-Verfahren bspw. in: Koolen, van Cranenburgh: »Computational Extraction of Physical Descriptions«, S. 61ff.; Brunner : »Automatic Recognition«, S. 567ff.

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führt und müssen daher zumeist hohen Formalisierungsanforderungen genügen.1197 So hält etwa Annelen Brunner fest, dass the manual annotation not only gives empirical insight into the surface structures […], but also serves as training material for machine-learning approaches […].1198

Bei solchen Annotationen gilt es, ein »Höchstmaß an Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit«1199 zu sichern und zu gewährleisten, dass sie »zitierfähig, transparent, überprüfbar und gegebenenfalls wiederholbar«1200 sind. So annotieren häufig, wie in dem oben skizzierten Beitrag von Inger Leemans, Janneke M. van der Zwaan, Isa Maks, Erika Kuijpers und Kristine Steenbergh, »mehrere Personen […] parallel und unter Umständen wiederholt denselben Datenbestand«1201. Anschließend wird ihre Inter- und Intra-Annotatorenübereinstimmung (das annotator agreement) mithilfe des kappa-Koeffizienten oder Krippendorffs alpha sogar gemessen.1202 Solche Vorgehensweisen lassen sich im ersten Untersuchungskorpus nicht beobachten. Ebenso wenig werden andere Annotationsweisen in den Beiträgen expliziert. Ohne auf breite empirische Befunde an dieser Stelle zurückgreifen zu können, liegt es (auch mit Blick auf die Forschungen zur Geschichte des Annotierens1203) allerdings nahe, davon auszugehen, dass unterschiedliche Phasen literaturwissenschaftlicher Arbeitsprozesse von Annotationsweisen geprägt sind – auch wenn sie in bestimmten Darstellungsformen nicht erwähnt werden. Dass das händische oder computergestützte ›Lesen mit Bleistift‹ zu den »ältesten und allgegenwärtigsten wissenschaftlichen Praktiken«1204 gehört und zu den zentralen und komplexen »scholarly primitives«1205 zählt, können aus einer historischen Perspektive etwa die Marginalienforschungen1206 bezeugen und gegenwärtig solche Angebote wie die Funktion der online-Annotation des 1197 Vgl. die Feststellung von Heike Zinsmeister : »Gute Annotation beruht auf Annotationsrichtlinien (Guidelines), die nicht nur erklären, wie die Annotationsangaben, z. B. Lemmaformen oder Kategorien (im Sinne eines Tagsets), definiert sind, sondern die diese Definitionen auch durch testbare Kriterien in einer Weise operationalisieren, dass zuerst die Annotatoren und später die Korpusnutzer nachvollziehen können, warum eine bestimmte Instanz eine bestimmte Annotation erhält« (Zinsmeister : »Chancen und Grenzen von automatischer Annotation«, S. 86 [Hervorhebung im Original]). 1198 Brunner: »Automatic Recognition«, S. 564. 1199 Rapp: »Manuelle und automatische Annotation«, S. 257. 1200 Ebd., S. 258. 1201 Ebd., S. 257. 1202 Vgl. hierzu ausführlich Zinsmeister : »Chancen und Grenzen von automatischer Annotation«, S. 87ff. 1203 Vgl. bspw. Agosti, Bonfiglio-Dosio, Ferro: »A Historical and Contemporary Study on Annotations«; Hauptman: Documentation. A History and Critique of Attribution. 1204 Lordick et al.: »Digitale Annotationen in der geisteswissenschaftlichen Praxis«, S. 187. 1205 Unsworth: »Scholarly Primitives«, o. S. 1206 Vgl. Fajkovic, Björneborn: »Marginalia as Message«; Jackson: Marginalia.

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Sammelbandes Debates in the Digital Humanities1207 verdeutlichen, bei dem es möglich ist, digital Markierungen und Kommentare zu setzen, die Notizen anderer zu lesen und die gesamte Annotationsdichte eines Textes bzw. eines Satzes einzusehen.1208 Zudem dokumentieren unterschiedliche empirische Studien, dass das Annotieren fest im wissenschaftlichen Betrieb verankert ist.1209 So annotieren etwa zwischen 71 und 91 Prozent der Studierenden beim Lesen wissenschaftlicher Texte.1210 Nicht zuletzt demonstrieren die Paragraphen zum Verbot von Annotationen in den Benutzerordnungen von Staats- und Universitätsbibliotheken ex negativo,1211 dass das Unterstreichen, Anstreichen, Mar1207 Vgl. http://dhdebates.gc.cuny.edu/ [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]: »The Debates in the Digital Humanities platform was launched in 2013 in conjunction with the open-access edition of the first Debates in the Digital Humanities volume. Since then, the platform has expanded to include features that allow readers to interact with the material by marking passages, and adding terms to a crowdsourced index; the platform also includes atom feeds and APIs.« 1208 Die Weiterentwicklung solcher online-Annotationsweisen verfolgt auch das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt »DARIAH-DE. Aufbau von Forschungsinfrastrukturen für die e-Humanities«. Das Cluster »Fachwissenschaftliche Annotationen« hält folgendes Desiderat in dem Report »Digitale Annotationen: ›Best Practices‹ und Potentiale« fest: »Das Notieren von Fundstellen und Anmerkungen, das ›Festhalten‹ des Entdeckten, Erkannten oder Entzifferten – essentielle Merkmale des wissenschaftlichen Arbeitens – wollen direkt in der digitalen Online-Quelle angemerkt werden können, also dort platziert, wo sie eigentlich auch hingehören: an das referenzierte Dokument. Denn so lassen sich beliebige Quellen durch bidirektionale und punktgenaue Verknüpfungen zuverlässig vernetzen« (Becker et al.: »Digitale Annotationen: ›Best Practices‹ und Potentiale«, S. 8f.). 1209 Für den wissenschaftlichen Arbeitsalltag vgl. Antonijevic´ : Amongst Digital Humanists, S. 56–60. Bisher nur kursorisch ausgewertet wurde die Studie »practices4humanities. Forschungspraxis in den Geisteswissenschaften«. Erste Erhebungen zeugen aber von der hohen Annotationsnormalität in den Geisteswissenschaften, vgl. hierzu Müller-Birn: »Softwarenutzungsmuster in der digitalen Forschungsarbeit«, o. S. Auch wenn die Tätigkeit des Annotierens für den wissenschaftlichen Forschungsalltag noch nicht ausreichend empirisch untersucht worden ist, finden sich einige Studien zur gängigen Annotationspraxis von Studierenden. Vgl. Blustein, Rowe, Graff: »Making Sense in the Margins. A Field Study of Annotation«; B8langer : The Annotative Practices of Graduate Students; Lonka, Lindblom-Ylänne, Maury : »The Effect of Study Strategy«; Palmatier, Bennett: »Notetaking Habits of College Students«. Vgl. auch die weiterführenden Überlegungen in Meter, Yokoi, Pressley : »College Students’ Theory of Notetaking« und Neuwirth, Wolfe: »The Future of Annotation«. 1210 Vgl. die Ergebnisse von Lonka, Lindblom-Ylänne, Maury : »The Effect of Study Strategy« und Palmatier, Bennett: »Notetaking Habits of College Students«. Allerdings beziehen sich diese Studien nicht ausschließlich auf Studierende aus literaturwissenschaftlichen Fächern. Disziplinäre Untersuchungen stehen in diesem Feld noch aus. 1211 Vgl. etwa die Benutzungsordnung der Staatsbibliothek zu Berlin (Stand 2013): »Eintragungen und Unterstreichungen, Durchpausen, die Verwendung selbstklebender Zettel und sonstige Veränderungen sind untersagt« (§ 5, Abschnitt 2). Ebenso hält die Benutzungsordnung der Humboldt-Universität zu Berlin (Stand 2004) fest: »Das Bibliotheksgut ist schonend zu behandeln. Hineinschreiben, An- und Unterstreichen, Markieren sowie

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kieren etc. – trotz Verboten – zu alltäglichen Umgangsweisen zählt, auf die einige selbst bei ausgeliehenen Büchern nur schwer verzichten wollen.1212 Die geringe Publizität des Annotierens innerhalb der Beiträge im ersten Korpus sollte daher nicht vorschnell als grundsätzliche Geringschätzung von Annotationspraktiken verstanden werden. Nur weil man von jenen Praktiken nicht in den Beiträgen berichtet, folgt daraus nicht zwangsläufig, dass sie in allen Phasen des Forschungsprozesses als unwichtig oder gar als bedeutungslos eingestuft werden müssen. Vielmehr macht die absente Darstellung des Annotierens im ersten Untersuchungskorpus im Kontrast mit der ausführlichen Präsentation des Annotierens im zweiten Untersuchungskorpus auf die variable und flexible Dokumentativität von Praktiken und die mit ihnen verbundenen Forschungsprozesse aufmerksam. Gehören Annotationspraktiken im ersten Korpus zwar zum Forschungsprozess dazu, werden sie jedoch nicht eigens erwähnt oder gar problematisiert. Sie können als »discrete activities«1213 gelten, welche in der Regel nur selten als dokumentationswürdig eingestuft, aber extensiv ausgeführt werden: »Marginalia are officially non-existent, and yet, every day library users open library books only to find comments, marks and highlights made by previous readers«1214. Im zweiten Korpus verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf jene ›frühen‹ oder ›elementaren‹ Operationen, die infolgedessen nicht nur publiziert, sondern auch als epistemologisch wertvolle

Durchpausen sind nicht gestattet« (S. 11). Auch die Benutzungsordnung des Bibliothekssystems der Universität Heidelberg (Stand 2009) besagt: »Bibliotheksgut ist bestimmungsgemäß zu gebrauchen und sorgfältig zu behandeln, insbesondere Eintragungen und Unterstreichungen […] sind nicht gestattet« (§ 9, Abschnitt 9). Vgl. hierzu folgende Studie: Dahlström: »A Book of One’s Own. Examples of Library Book Marginalia«. 1212 Notizen oder Unterstreichungen gelten allerdings weder schon immer noch in jedem Fall als störend, »messy« (Jackson: Marginalia, S. 235) oder gar als »crime against the book« (ebd., S. 74). Interessant sind vor allem jene historischen Fallbeispiele, in denen Annotationen Bücher oder Texte nobilitieren und so zu Wertsteigerungen beitragen. Heather J. Jackson macht in ihrer Studie auf solche Zusammenhänge aufmerksam (vgl. Jackson: Marginalia). Für einen prägnanten historischen Überblick vgl. Fajkovic, Björneborn: »Marginalia as Message«, S. 902ff. Zum »cult of the clean book« vgl. Sherman: Used Books, S. 157. 1213 B8langer : The Annotative Practices of Graduate Students, S. 4. Marie-Eve B8langer fasst das Annotieren als nahezu ›unsichtbare‹ oder ›unscheinbare‹ Praxis, vgl.: »While the research process and information activities of scholars have been at the core of multiple research projects in the last few decades (specifically centered on the broad topics of reading, researching and writing), other more discrete scholarly activities have been poorly addressed by research. These discrete activities are the building blocks of significant boundary practices normally ensconced between larger, more recognized academic functions (e. g., reading, researching, writing). These practices, such as annotation and note-taking, are ingrained in scholarly practice« (Ebd.). 1214 Fajkovic, Björneborn: »Marginalia as Message«, S. 919.

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Phasen nobilitiert werden.1215 Eine Folge dieser Vorgehensweise ist die »Aufwertung von Annotationen von einem häufig sekundären Forschungsdesiderat hin zu einem gleichberechtigten und selbstständigen Forschungsergebnis«1216. An dieser unterschiedlichen Dokumentativität des Annotierens im ersten und zweiten Untersuchungskorpus zeigt sich u. a., dass Forschungsbeiträge verschiedene Prozesse abbilden oder vernachlässigen können. Ein Beitrag hält somit nicht schlichtweg alle Praktiken fest, die während der Forschung umgesetzt oder vollzogen wurden. Insofern kann das Publikat nicht als triviale Nacherzählung oder akkurate Beschreibung der Forschungsprozesse gelten. Auf diese Differenz haben Untersuchungen der naturwissenschaftlich orientierten Science Studies schon vor einiger Zeit aufmerksam gemacht.1217 Karin Knorr Cetina konnte für die Bereiche der Chemie, Physik, Biologie und Ökonomie in ihrer Studie zur Fabrikation von Erkenntnis1218 etwa auf die Unterschiede zwischen den tatsächlich stattgefundenen Forschungsprozessen und den in den jeweiligen wissenschaftlichen Beiträgen dargestellten Abläufen hinweisen. Ihr zufolge stelle das »wissenschaftliche Papier« eine »bereinigte Residualbeschreibung« dar,1219 in der nur bestimmte Überlegungen, Aspekte oder Phasen der Forschung erwähnt würden. Obwohl sich diese Beobachtungen der naturwissenschaftlichen Laborstudien sicherlich nicht ohne Weiteres übertragen lassen, legen sie nahe, nicht nur von einer schlichten Gleichsetzung zwischen geistes-, mithin literaturwissenschaftlicher Arbeitsweisen und ihrer jeweiligen Publikate Abstand zu nehmen, sondern auch Fragen danach zu stellen, welche Praktiken in welchen Phasen (innerhalb welcher Arbeitseinheiten und Darstellungsformen) an Dokumentativität einbüßen oder gewinnen. Warum wird manchen Praktiken (während des Forschungsprozesses oder zu Beginn des Forschungsprozesses) eine hohe Relevanz zugeschrieben, die aber nicht in dem Forschungsresultat abgebildet wird? Mit welchen Faktoren korrelieren solche Verschiebungen? Rekonstruiert man unter solchen Fragestellungen nochmals die Beiträge aus den beiden Untersuchungskorpora, zeigt sich, dass das Annotieren vor allem in jenen Aufsätzen expliziert wird, in denen quantifiziert und/oder visualisiert wird, wie sich exemplarisch an dem Beitrag von Francesca Frontini, Mohamed

1215 Allerdings bleiben auch hier spezifische, mit dem Annotieren in enger Verbindung stehende Praktiken unerwähnt. Vgl. etwa die Praktik des Programmierens. Hierzu aus einer praxeologischen Perspektive aktuell Schmidt: »Praktiken des Programmierens«. 1216 Lordick et al.: »Digitale Annotationen in der geisteswissenschaftlichen Praxis«, S. 187. 1217 Vgl. Latour, Woolgar : Laboratory Life; Knorr Cetina: Wissenskulturen; Rheinberger: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. 1218 Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. 1219 Ebd., S. 216.

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Amine Boukhaled und Jean-Gabriel Ganascia zeigt.1220 Sie untersuchen den »literary style«1221 von vier Romanen (Notre Dame de Paris von Victor Hugo, Eugenie Grandet von Honor8 de Balzac, Madame Bovary von Gustave Flaubert und Le ventre de Paris von Emile Zola), indem sie »interesting differences in the use of syntactic structures«1222 identifizieren und miteinander vergleichen wollen. Ihre Herangehensweise fassen sie in »5 steps«1223 zusammen: »1. data annotation, 2. pattern extraction, 3. pattern filtering, 4. correspondence analysis and visualization, 5. pattern extraction«1224. Diese ›Schrittfolge‹ ihrer Untersuchung lässt sich auch als Verkettung der einzelnen Praktiken reformulieren. Durch das Annotieren (1.) lassen sich computergestützt Muster extrahieren (2.) und filtern (3.), welche danach visualisiert (4.) werden können, um im Anschluss auf Grundlage dieser Visualisierungen weitere Muster zu bestimmen (5.). Hierbei zeigt sich, dass einzelne Praktiken auf bestimmten Praktiken aufbauen oder sie zumindest voraussetzen.1225 Um Häufigkeiten oder Muster quantitativ erfassen und visualisieren zu können, müssen Daten zuvor annotiert worden sein. Je nach Annotationsweise können sich unterschiedliche Muster oder »rankings«1226 ergeben. Das Quantifizieren und Visualisieren erfordert demnach eine erhöhte Dokumentativität des Annotierens. Diese Abhängigkeit von anderen Praktiken ist es auch, welche die Versatilität des Annotierens erheblich prägt, beeinflusst oder gar einschränkt. Anders als Dirk Roorda und Charles van den Heuvel visionieren, ist es daher zu hoch gegriffen, Annotationen als ›freie‹ und ›offene‹ »carriers of scholarship«1227 zu bestimmen. Annotationen sind – wie andere Praktiken auch – eng mit weiteren Praktiken verbunden und erfüllen sich erst im Kontext bestimmter Praktiken. So ist beispielsweise schon die jeweilige Annotationsweise eng mit der Hinzufügung spezifischer Metadaten verknüpft, deren Aufnahme wiederum Einfluss auf Möglichkeiten der Erforschung nimmt. Die Frage danach, warum im zweiten Untersuchungskorpus das Annotieren – im Gegensatz zum ersten Untersuchungskorpus – so ausführlich vorgestellt und diskutiert wird, lässt sich praxeologisch demnach nur unter Beobachtung des Praktiken-Kontextes erfassen und mit dem Verweis auf den ›dichten Zusammenhang‹ von Praktiken erklären. Für das Annotieren geraten hierbei vor

1220 1221 1222 1223 1224 1225

Frontini, Boukhaled, Ganascia: »Mining for Characterising Patterns«. Ebd, o. S. Ebd. [Hervorhebung im Original]. Ebd. Ebd. Vgl. den »Zusammenhangscharakter« von Praktiken in Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 104ff. 1226 Frontini, Boukhaled, Ganascia: »Mining for Characterising Patterns«, o. S. 1227 Roorda, van den Heuvel: »Annotation as a New Paradigm«, S. 4.

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allem zwei Praktiken in den Fokus: das Quantifizieren und Visualisieren. Sie sollen im Folgenden näher untersucht werden.

4.2

Quantifizieren

Das zweite Untersuchungskorpus unterscheidet sich von dem ersten Untersuchungskorpus schon auf den ersten Blick.1228 Blättert man durch die Aufsätze des ersten Korpus, reihen sich Sätze um Sätze. Im zweiten dagegen finden sich innerhalb der Beiträge eine Vielzahl an Formeln, Zahlen, Diagrammen, Tabellen oder Visualisierungen. Auch wenn solche Hinweise auf quantitatives Arbeiten im ersten Korpus nicht identifiziert werden konnten, können quantitative bzw. »zählende, messende, mathematische, statistische und computergestützte Verfahren«1229, die in den Zahlen, Formeln und Graphiken materialisiert und dokumentiert liegen, in den Geisteswissenschaften durchaus auf eine gewisse prädigitale Tradition zurückblicken. Darauf verweisen etwa Fotis Jannidis und Gerhard Lauer : [T]here is in fact a long scholarly tradition in literary studies and linguistics that makes use of such techniques as counting words or calculating patterns. Established traditions of lexicometry, research on authorship attribution, stemmatology, concordance, and phylometry have existed for over one hundred years, although they constitute but a very small fraction of humanities scholarship.1230

Jene Verfahren etablierten sich demnach – wenn überhaupt – nur in wenigen Teilbereichen der Literaturwissenschaft. Die historische Randständigkeit bzw. den Mangel an disziplinärem Vertrauen in quantitative Operationen führt beispielsweise Toni Bernhart auf die wechselseitige Distanzierung von Literaturwissenschaft und Linguistik zurück. Quantitative Verfahren seien mit Blick »auf relevante Fragestellungen des Fachs«1231 nur unzureichend gepflegt und fortgeführt worden, wodurch die mit quantitativen Bearbeitungsweisen verbundenen Theoriediskurse als ›uninteressant‹ oder ›unpassend‹ wahrgenommen und häufig abgelehnt oder ignoriert worden seien. Ebenso kritisiert Toni Bernhart die fehlenden Anschlussbemühungen der Textstatistiker der 60er- und 70erJahre, die sich in ihren Arbeitsweisen ausschließlich auf eine »syntaktische Textästhetik«1232 konzentriert hätten, ohne Verbindungen zur Semantik herzu1228 Dieses Unterkapitel beinhaltet stark überarbeitete Auszüge aus Schruhl: »Quantifizieren in der Interpretationspraxis«. 1229 Bernhart: »Quantitative Literaturwissenschaft«, S. 217. 1230 Jannidis, Lauer : »Burrow’s Delta«, S. 31. 1231 Bernhart: »Quantitative Literaturwissenschaft«, S. 219. 1232 Bense: Theorie der Texte, S. 38. Zit. nach Bernhart: »Quantitative Literaturwissenschaft«, S. 220.

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stellen.1233 Folglich seien »quantitative Verfahren pauschal als leistungsschwach abgelehnt«1234 und rezeptions-, theorie- und wirkungsgeschichtlich kaum reflektiert worden. Betont Toni Bernhart vor allem die unzureichenden Integrationsbemühungen der letzten 50 Jahre, durch welche das Quantifizieren ins disziplinäre Abseits geraten sei, verweist Thomas Weitin auf das gegenwärtige »literaturwissenschaftliche[] Unbehagen an der vermeintlichen Unkultur der Quantifizierung«1235. Dieses stünde, so Thomas Weitin, häufig mit dem Vorbehalt in Verbindung, dass die Vision einer quantifizierenden Arbeitseinheit, Disziplin oder Wissenschaft darin läge, dass nur noch »dasjenige zählen, als wissenschaftlich gelten und politisch wie institutionell unterstützt werden soll, was sich quantifizieren lässt«1236. In solchen Positionen bilde sich Thomas Weitin zufolge ein »Bedrohungsgefühl«1237 ab, dass mit dem steigenden »Veränderungsdruck auf Fächer wie die Literaturwissenschaft durch die Verbreitung digitaler Analyseverfahren«1238 einhergehe. Auch wenn tatsächlich die finanziellen Förderungen beispielsweise von Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft für quantitativ angelegte Projekte mittlerweile enorm sind und das ›Bedrohungsgefühl‹ daher nicht von ungefähr kommt,1239 ließe sich zum einen entgegenhalten, dass einige Arbeitseinheiten – nach wie vor – sehr gut ohne Quantifizierungspraktiken auskommen. Außerdem wäre es vor dem Hintergrund der ›heterogenen Normalität‹ der Literaturwissenschaft ohnehin nicht naheliegend, darauf zu beharren, dass jede Fragestellung oder jedes Problem quantitativ bearbeitet werden muss.1240 Zum anderen sind mit dem oben skizzierten »Unbehagen«1241 häufig spezifische Vorbehalte gegenüber dem Quantifizieren verbunden. Mit dem Quantifizieren werden oft bestimmte Einstellungen, Erwartungen oder Haltungen verknüpft,

1233 Vgl. ebd. 1234 Ebd., S. 219. Diesem Desiderat widmet sich Toni Bernhart nun in dem DFG-geförderten Forschungsprojekt Quantitative Literaturwissenschaft am Institut für Literaturwissenschaft und am Stuttgart Research Centre for Text Studies der Universität Stuttgart. 1235 Weitin: »Digitale Literaturwissenschaft«, S. 653. 1236 Ebd., S. 652. 1237 Ebd., S. 651. 1238 Ebd., S. 653. 1239 Vgl. die vielfältigen Finanzierungsangebote der DFG im Rahmen der Sektion »Digitaler Wandel in den Wissenschaften«: http://www.dfg.de/foerderung/grundlagen_rahmenbe dingungen/digitaler_wandel/ [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]. 1240 Vgl. zur homogenen literaturwissenschaftlichen Heterogenität die Beobachtungen in Martus, Thomalla, Zimmer : »Die Normalität der Krise«. Zudem die Beobachtungsthese in Riesenwerber : Ordnungen der Literaturwissenschaft: »Die Literaturwissenschaft gibt es nicht«, S. 1 [Hervorhebung im Original]. 1241 Weitin: »Digitale Literaturwissenschaft«, S. 653.

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die sich mit Blick auf Bruno Latours und Vincent L8pinays Überlegungen zur Quantifizierung differenzieren und verschieben ließen. Die beiden Sozialwissenschaftler verweisen mit ihrem – in den Digital Humanities auffallend häufig zitierten – Essay über den Soziologen Gabriel Tarde auf die Notwendigkeit und Produktivität einer alternativen Beschreibung quantifizierender Forschungspraktiken und -prozesse.1242 Gabriel Tarde, den Bruno Latour und Vincent L8pinay als ›Vorfahren‹ der Science Studies und als den eigentlichen Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie betrachten, würdigen die Autoren darin, dass er spezifische »Irrtümer«1243 identifiziert habe, die häufig fälschlicherweise mit Quantifizierungsvorhaben einhergingen.1244 Diese epistemologischen ›Irrtümer‹ lägen darin begründet, dass mit dem Quantifizieren explizite wie implizite normative Erwartungshaltungen verbunden seien, die quantitatives Arbeiten und qualitatives Arbeiten als Gegensatz betrachten. Das Quantifizieren gelte häufig als objektiveres, mithin unpersönlicheres, gültigeres, überprüfbareres und wissenschaftlicheres Vorgehen, das vor subjektiven – und damit persönlichen, ungültigen, unüberprüfbaren und unwissenschaftlichen – Deutungen schütze.1245 Quantitatives Arbeiten würde unter einem solchen Blickwinkel durch die binären Begriffspaare empirisch versus theoretisch, analytisch versus interpretativ, makro versus mikro sowie objektiv versus (inter-)subjektiv strukturiert. Das »Vertrauen in Zahlen«1246 besage, dass, je mehr man quantifiziere, die »Leidenschaften zur Vernunft«1247 übergingen und das irrationale ›Vor-Urteil‹ zur rationalen Einschätzung veredelt würde. Für Gabriel Tarde dagegen, das machen Bruno Latour und Vincent L8pinay deutlich, liegen Quantifizierungen nicht außerhalb der subjektiven Einschätzung, sondern »innerhalb«1248 : Gabriel Tarde ginge es nicht lediglich darum, zu beklagen, dass quantitative Arbeiten etwa die »moralischen, affektiven, ästhetischen und

1242 Latour, L8pinay : Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen. Diskutiert und zitiert wurde dieser Essay bspw. in Berry : »Die Computerwende«, S. 58; Boyd, Crawford: »Big Data als kulturelles, technologisches und wissenschaftliches Phänomen«, S. 195ff. 1243 Latour, L8pinay : Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen, S. 19. Vgl. ebenso ebd. S. 23. 1244 Vgl. Latour : »Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen«, S. 39 sowie die Bemerkungen in Latour, L8pinay : Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen, S. 17, Fußnote 3 und S. 23. 1245 Treffende Gegenbeispiele liefert bspw. Daston: Wunder, Beweise und Tatsachen. Zur Geschichte der Rationalität, S. 161ff. (Unterkapitel: »Quantifizierungen«). Vgl. ebenso die Studie zur Objektivität von Daston, Galison: Objektivität. 1246 Vgl. die Studie von Porter : Trust in Numbers sowie dazu Heintz: »Zahlen, Wissen, Objektivität«, S. 65ff. 1247 Latour, L8pinay : Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen, S. 36. 1248 Ebd., S. 16 [Hervorhebung im Original].

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sozialen Dimension[en]«1249 unterschlügen. Die Stoßrichtung seiner Schrift ziele vielmehr darauf, quantitative Vorgehensweisen nicht in Oppositionen zu den oben genannten Attributen qualitativen Arbeitens vorzustellen. Seine Reflexionen legen den Blick frei auf die konkrete Praxis des Quantifizierens, die sich weder in dem dichotomen Begriffskorsett qualitativ/ quantitativ noch in deren synthetischen Überwindungsversuchen einhegen lässt.1250 Es sind vor allem letztere, die sich in den Digital Humanities nahestehenden Teilbereichen der Literaturwissenschaft finden lassen. Dort wird oftmals dafür geworben, »verstehendes Lesen mit den digitalen Analysen des Computers in konkreten Analysen synergetisch«1251 zu kombinieren. Konzepte wie das Scalable Reading, mit denen »qualitativ-hermeneutische und quantitativ-statistische Methoden«1252 verbunden werden, reflektieren dieses Ziel. So einleuchtend und in vielerlei Hinsicht produktiv der Vermittlungsversuch zwischen quantitativen und qualitativen Arbeiten zu ›quali-quantitativen‹ Vorgehensweisen auch sein mag, aus einer praxeologischen Perspektive ist der Blick auf das Quantifizieren selbst zu richten, bevor man Synthetisierungsversuche anbietet oder sich auf zu rigide Dualismen konzentriert, deren vermeintliche Lösungen demselben binär-strukturierten »Megaproblem«1253 verhaftet bleiben. Die Praktiken in den vorliegenden Korpora unterwandern die lediglich an zwei Polen orientierte Modellierung auf vielfältige Weise. Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden das Quantifizieren als Bündel von Aktivitäten, beispielsweise des Zählens, Rechnens und Messens, gefasst werden.1254 Bei ihnen handelt es sich um spezifische Umgangsweisen, die – in einer gewissen Distanz im (u. U. computergestützten) Zugriff – eine große Menge an annotierten Texten (oder Daten) verarbeiten und zumeist darauf zielen, Ähnlichkeiten, Häufigkeiten oder Regelmäßigkeiten zu identifizieren. Innerhalb des Aktivitätsbereichs des Quantifizierens können dabei unterschiedliche responsive Teilpraktiken variabel miteinander kombiniert werden. Es kann gezählt, aber nicht gerechnet werden; es kann gemessen werden und gerechnet werden; es kann auch nur gezählt werden usw. Auf diese Variabilität des Quantifizierens verweist etwa Lorraine Daston, wenn sie betont, dass

1249 Gabriel Tarde zit. n. ebd., S. 21. 1250 Vgl. hierzu die pointierten Überlegungen in Weitin, Gilli, Kunkel: »Auslegen und Ausrechnen«, S. 112ff. 1251 Weitin: »Thinking slowly«, S. 9. 1252 Ebd., S. 2. 1253 Weitin, Gilli, Kunkel: »Auslegen und Ausrechnen«, S. 112. 1254 Damit soll selbstverständlich nicht gesagt werden, dass dies die einzigen Praktiken sind, die zum Quantifizieren gehören. Es sind lediglich jene Teilpraktiken, die im Folgenden in den Fokus genommen werden.

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abstrakte mathematische Modelle […] an Messungen oder überhaupt an Beobachtungen gebunden sein können oder auch nicht […]; Messungen […] mit einem mathematischen Modell der untersuchten Phänomene verknüpft sein können oder auch nicht […].1255

Die Beobachtungen, dass sich unterschiedliche (Teil-)Praktiken miteinander verbinden können ›oder auch nicht‹, deuten auf die multiplen Verkettungsoptionen von Praktiken hin. Jede dieser einzelnen Teilpraktiken kann so – oder auch anders – zusammengeschlossen sowie hierarchisiert werden und jeweils unterschiedlichen Normen folgen: Es kann »hundertprozentig genau« gezählt werden; es kann »unparteilich« erhoben und geschätzt werden; es kann »unbestechlich« gemessen und »präzise« gerechnet werden etc.1256 Werden diese einzelnen Teilpraktiken mit ihren inhärenten Normen aufeinander abgestimmt, in Bezug zueinander und in den Kontext weiterer Umgangsweisen gesetzt, können sie Stabilisierungseffekte erzeugen, welche nachhaltig Forschungsprozesse strukturieren und die Lancierung ›neuer‹ Gegenstände ermöglichen. Dies soll mit Blick auf das zweite Untersuchungskorpus gezeigt werden. Von den ausgewählten 81 Beiträgen wird in 78 Beiträgen quantifiziert, d. h. gezählt, gerechnet und/oder gemessen.1257 96 Prozent aller Beiträge aus diesem Korpus integrieren quantifizierende Umgangsweisen und demonstrieren dies beispielsweise bei der Präsentation ihrer Gegenstände. So bearbeiten beispielsweise Ted Underwood und Jordan Sellers 4275 Dokumente, Matthew Jockers analysiert über 3500 Romane und Christof Schöch untersucht 391 Dramen.1258 Dabei sind ihre Gegenstände nicht die in der Zusammenstellung enthaltenen einzelnen Texte – die jeweiligen Titel und Verfasser der Gedichte, Dokumente oder Romane werden in den Beiträgen nicht einmal explizit gemacht.1259 Der eigentliche Gegenstand ist die gesamte Menge der Texte. Beispielsweise erklärt Matthew Jockers in seiner Studie zu literarischen Repräsentationsweisen von Orten aus dem 19. Jahrhundert die hohe Anzahl an Romanen in seinem Untersuchungskorpus damit, dass es nicht darum ginge, zu fragen:

1255 Daston: Wunder, Beweise und Tatsachen, S. 161. Vgl. auch Dastons weitere Ausführungen zur moralischen Ökonomie der Quantifizierung bzw. zum ›Ethos der Exaktheit‹ in: ebd., S. 166ff. 1256 Vgl. ebd., S. 164–166. 1257 In den folgenden drei Beiträgen wird nicht gezählt, gerechnet oder gemessen: Kirtz: »Computers, Comics and Cult Status«; Howell et al.: »A Digital Humanities Approach to Narrative Voice in The Secret Scripture«; Johnston: »J. M. Coetzee’s Work in Stylostatistics«. 1258 Vgl. Underwood, Sellers: »The Emergence of Literary Diction«; Jockers: »The Ancient World in Nineteenth-Century Fiction«; Schöch: »Topic Modeling Genre«. 1259 Vgl. ausführlicher zu diesem Aspekt Kapitel III. 4.

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»[H]ow is Ireland depicted by the Irish author Maria Edgeworth?«1260, sondern zu eruieren: »[H]ow is Ireland depicted in the 19th century Irish novel?«1261. Or to use another example, when authors are writing about slavery in the American South, what words do they employ that express perspective, attitude, or sentiment; and even more importantly for literary history, how, if at all, do these representations change over time, across author genders, and across author nationalities.1262

Um solche Fragen zu beantworten, müssen viele Texte summiert werden. Der Gegenstand der Forschung bei Matthew Jockers ist daher die Zusammenstellung (möglichst) vieler Romane aus dem 19. Jahrhundert.1263 Die Angabe, dass er 3500 Romane untersucht, ist daher nicht so zu verstehen, dass er jeden dieser Romane als einzelne Untersuchungseinheit betrachtet und separat analysiert oder interpretiert und im Anschluss entsprechend viele Analysen oder Interpretationen miteinander verrechnet. Selbst wenn einzelne Stellen oder Textsegmente extrahiert und untersucht werden, werden ihre Ergebnisse oder Deutungen nicht in Beziehung zu dem Text, aus dem sie stammen, gesetzt, sondern in Relation zu der Gesamtheit der im Korpus enthaltenen Texte betrachtet. Erst innerhalb dieses Bezugssystems kann Matthew Jockers beispielsweise festhalten, dass ›Irland‹ in seinem Romankorpus sehr oft mit Wortfeldern um ›Trunkenheit‹ in Beziehung steht – allerdings weniger in Romanen von irischen Autoren, sondern vorrangig in Romanen von amerikanischen Autoren.1264 »So, at least in terms of this corpus, it would seem that a good deal of the blame for the stereotype of the hard drinking Irish sits squarely on American shoulders.«1265 In einem oder mehreren Texten hätte er die Häufigkeit oder die Struktur dieser alteritären Stereotypisierung vermutlich nicht so einfach registrieren können. Um die »representation of place on a broad scale«1266 zu erfassen, formiert er daher einen Gegenstand, der aus 3500 Romanen besteht. Durch diese Zusammenstellungen bildet sich ein ›neues‹ epistemisches Ding heraus. Es seien sogar »vollkommen neue Objekte«1267 für die Literaturwissenschaft, betont Franco Moretti: »Die neue Größenordnung verändert unser Verhältnis zu unserem Gegenstand, ja in Wirklichkeit verändert sie den Gegenstand selbst.«1268 Es seien, so Moretti weiter, »künstlich (von Wissenschaft1260 1261 1262 1263 1264 1265 1266 1267 1268

Jockers: »The Ancient World in Nineteenth-Century Fiction«, o. S. Ebd. Ebd. Zur Zusammenstellung und Auswahl von Datensammlungen sowie ihrer jeweiligen Aussagenreichweite vgl. Jannidis: »Quantitative Analyse literarischer Texte«, S. 25. Jockers: »The Ancient World in Nineteenth-Century Fiction«, o. S. Ebd. Ebd. Moretti et al.: Literatur im Labor, S. 163 [Hervorhebung im Original]. Ebd., S. 251 [Hervorhebung im Original].

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lern) geschaffene abstrakte Objekte«1269. Dass es ›künstliche‹ Objekte sind, wird vor allem vor dem Hintergrund klar, dass die Textkonvolute in der Regel für die Bearbeitung ›zerlegt‹ werden. Ted Underwood und Jordan Sellers konzentrieren sich beispielsweise in ihrer Untersuchung, in der sie sich mit den Kennzeichen einer genuin literarischen Sprache und ihrer historischen Entwicklung zwischen 1750 und 1850 befassen, auf die zehntausend häufigsten Worte ihrer »collection of 4,275 (mostly book-length) documents«1270. Ihr ›künstliches‹ Objekt sind demnach Worte, die nicht mehr in Bezug zu ihren jeweiligen Kontexten, sondern in Bezug zu den anderen Worten aus der gesamten Textmenge von 4275 Dokumenten gesetzt werden.1271 Die zitierten 4275 Dokumente, 3500 Romane, 391 Dramen, 442 Texte stehen damit nicht zuletzt für aufwändige Erhebungs-, Programmierungs- und Auswertungspraktiken, die mit Quantifizierungen einhergehen. Die statistische Beschreibung von Textsammlungen, die Häufigkeit einzelner Textelemente im Verhältnis zu großen Textkorpora, die Gruppenbildung auf der Grundlage von Ähnlichkeitsfaktoren, die Klassifikation von Texten und Autoren oder die Darstellung semantischer Felder erfordert die »Diskretisierung«1272 von Textkonvoluten in Daten. Stehen die oben genannten Zahlen damit implizit für Bearbeitungsprozesse, die vom Erheben, Auswählen, Sammeln, Zusammenführen, Annotieren bis hin zum Verfügbarmachen der Dokumente reichen,1273 bilden sich in Form von Prozentangaben, Rechnungen, Formeln, Listen, Tabellen, Diagrammen oder Kurven explizit weitere Quantifizierungspraktiken ab. Sie signalisieren als Belege ausgeführter Praktiken, dass in den Beiträgen mit den Gegenständen auf spezifische Weise umgegangen wurde. Mark Olsen führt in seinem Beitrag beispielsweise 18 unterschiedliche Abbildungen an, welche seine Ergebnisse der verschiedenen Erhebungs- und Auszählungsarbeiten zu Worthäufigkeiten, Mustern oder Verhältnisbeziehungen dokumentieren.1274 Ebenso präsentieren Marine Riguet und Suzanne Mpouli in ihrem Beitrag über 15 Tabellen, die ihre unterschiedlichen Messungen, Relationsbestimmungen oder Zählungen vorführen.1275 Jede dieser Abbildungen steht damit für die Ausführung spezifischer Quantifizierungspraktiken. Bei ihnen handelt es sich allerdings keineswegs um schlichte Resultate ausschließlich computergestützter Operationen. Die gängige Vorstellung, »quan1269 1270 1271 1272 1273

Ebd., S. 253. Underwood, Sellers: »The Emergence of Literary Diction«, o. S. Vgl. hierzu die Überlegungen in Kapitel III. 4. Heintz, Huber : »Der verführerische Blick«, S. 16. Vgl. die Zusammenfassung solcher Arbeitsschritte bei Schöch: »Aufbau von Datensammlungen«, insb. S. 225–233. 1274 Vgl. Olsen: »Pcriture f8minine«, S. 151–163. 1275 Vgl. Riguet, Mpouli: »Comparison as a Figure of Dialogism«, S. ii62–ii74.

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titative Analysen ließen ›einfach Algorithmen über Texte laufen‹, missachtet den intellektuellen Aufwand der ›Operationalisierung‹ von Forschungsfragen […]«1276, der Forschungswissen sowie Textkenntnis voraussetzt.1277 Denn ohne die genaue Lektüre, ohne literaturgeschichtliches Quellenstudium, ohne kulturwissenschaftliche Kontextkompetenz können Forschungsfragen nicht abstrahiert und konzeptionalisiert werden, sodass sie sich für den Einsatz digitaler Tools operationalisieren lassen.1278

So demonstrieren gerade diejenigen Arbeiten, die bestimmten quantitativen Verfahren zur literaturwissenschaftlichen Korpusanalyse zum Durchbruch verholfen haben, dass die AutorInnen ihr Korpus jeweils sehr gut kannten.1279

In der Regel werden daher Korpora untersucht, über welche der jeweilige Literaturwissenschaftler viel weiß; »sei es durch die Kenntnis bestimmter Texte, durch historisches Kontextwissen oder durch systematische Kenntnisse über Gattungen, Formen, Intertextualität usw.«1280 : Das gilt zum Beispiel für John Burrows, der das nach ihm benannte Delta-Verfahren zur Bestimmung der stilometrischen Distanz zwischen Texten an einem Korpus mit 25 englischen Autoren des 17. Jahrhunderts erprobte, oder für Matthew Jockers, der sein Korpus irisch-amerikanischer Literatur dank überragender Kenntnisse in dieser speziellen Literaturgeschichte zum idealen Studienobjekt von Macroanalysis machen konnte.1281

Erst eine entsprechende (durch vorherige eigene Forschungen oder die Beschäftigung mit fremder Forschung erbrachte) ›Nähe zum Gegenstand‹ kann damit die mit Quantifizierungspraktiken einhergehende »Entfernung (distance) vom Text«1282 ausgleichen oder zumindest reduzieren. Diese Forschungskenntnisse bilden sich im Unterschied zum ersten Untersuchungskorpus allerdings nicht direkt in den Beiträgen beispielsweise anhand von Zitaten aus der Forschung oder Fußnoten bzw. Anmerkungen mit Verweisen

1276 Weitin: »Thinking slowly«, S. 6. 1277 Zum Begriff der Operationalisierung vgl. Moretti: »›Operationalisieren‹«. Ein ausführliches Beispiel für die Anforderung an das Operationalisieren liefern Gemma, Glorieux, Ganascia: »Operationalizing the Colloquial Style«, insb. S. 317f. 1278 Weitin: »Digitale Literaturwissenschaft«, S. 654. 1279 Ders.: »Scalable Reading«, S. 2. 1280 Weitin, Herget: »Falkentopics«, S. 33. 1281 Ebd. Vgl. ebenso die Hinweise bei Moretti: »Mutmaßungen über Weltliteratur«, S. 50. 1282 Moretti: »Mutmaßungen über Weltliteratur«, S. 49 [Hervorhebung im Original].

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auf die Forschung ab.1283 Dies verdeutlicht etwa der Aufsatz von Christof Schöch.1284 Er interessiert sich in diesem Beitrag, wie schon in früheren Studien,1285 für das »French Classical and Enlightenment Drama« und mithin dafür, herauszufinden, welche Themen will be most distinctive of comedies and tragedies: for instance, will they be clearly thematic topics, or will the semantic commonalities of topic words be of some other type? Will they be topics which we would expect to be characteristic of tragedies and comedies written in the seventeenth and eighteenth centuries (such as royalty vs. bourgoisie, honor vs. love, etc.), or will they be unexpected?1286

Für seinen Beitrag hat er 391 französischsprachige Theaterstücke (»150 comedies, 189 tragedies, and 52 tragicomedies in verse or in prose«1287) untersucht, die zwischen 1630 und 1789 veröffentlich wurden. Obwohl sein Beitrag angibt, auf dem zu basieren, »what we know about the history of French drama«1288, führt er in seiner Bibliografie von insgesamt 40 Einträgen nur 5 Forschungsbeiträge zu seinem Untersuchungsgegenstand (das französische Drama) auf. Auf diese Studien verweist Christof Schöch zwar in seinem Beitrag, allerdings ohne konkret auf die darin enthaltenen Beobachtungen, Überlegungen, Argumente oder Thesen einzugehen, wie es beispielsweise in den Beiträgen des ersten Untersuchungskorpus gängig war. Es werden keine Zitate oder direkte, mit Seitenangaben versehene Bezugnahmen zu Studien über Komödien, Tragödien oder Tragikomödien in seinem Text gesetzt. Zugleich fungieren ›fundamentale‹1289 Beobachtungen der Forschung als Ausgangspunkt für seine Untersuchung: We know that on a very fundamental level, comedies and tragedies from the period studied here are distinguished by their typical plot patterns: tragedies tend to have a final act in which a lot of the protagonists are defeated or die, with conflictual powerrelations and violent crime dominating. Comedies tend to have a final act leading up to one or several marriages, that is with a triumph of socially accepted love relationships and happiness.1290

1283 Vgl. für die spezifische Form der Integration und Modalisierung von Forschung auch die Überlegungen in Kapitel III. 3. 1284 Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S. 1285 Vgl. die Publikationsliste von Christof Schöch: https://christof-schoech.de/pub/ [zuletzt aufgerufen am 17.1.20]. 1286 Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S. 1287 Ebd. 1288 Ebd. 1289 Vgl. ebd. 1290 Ebd.

Interpretieren II

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Auf Grundlage dieser Beziehung zwischen »topic and genre« möchte er mithilfe des Topic Modeling1291 bisherige Genrezuschreibungen prüfen bzw. modifizieren und zugleich jene Perspektive »from a priori categories and their distinctive characteristics« mit einer datengeleiteten Herangehensweise ergänzen, um zu untersuchen, whether such groupings confirm traditional genre-related divisions or diverge from them, and how they compare to groupings based not on topic scores, but directly on word frequencies.1292

Hierbei dient die (Auseinandersetzung mit der) Forschung nicht der (Re-)Problematisierung der Gegenstände, wie es im ersten Untersuchungskorpus die Regel war. Vielmehr wird ›Forschung‹ in spezifischer Weise in Quantifizierungspraktiken implementiert, beispielsweise bei der Modellierung der Daten anhand von »abstract and concrete types of topics«, »topics related to love«, »topics by subgenre, sorted by decreasing standard deviation across subgenres« oder »high and low overall topic probability«.1293 Denn erst, wenn man sich ›in‹ der Forschung befindet und schon Erfahrung mit dem Korpus sammeln konnte, lassen sich anschlussfähige Identifikatoren für Häufigkeiten oder Strukturen entsprechend bestimmen oder interpretieren. Denn »there are no meanings, no functions, no concepts in corpora – corpora are (usually text) files […]«1294. Es darf daher als forschungsinformierte Tätigkeit gelten, zu bestimmen, welche Daten auf welche Weise mit welchem Forschungsinteresse, Zeitaufwand oder Erkenntnisinteresse erhoben, errechnet oder gezählt werden könnten: Sind es Themen oder Worte, ihre Relationen oder Häufigkeiten? Welche Worte, Wortarten, Textsegmente etc. können automatisiert identifiziert und (computergestützt) quantifiziert werden? Welche Fragen lassen sich auf Grundlage welcher Daten stellen oder beantworten? Forschungsbestände werden demnach weniger (re)problematisiert, sondern zunächst geprüft und als Voraussetzung für weitere Arbeiten verwendet. Neben der auffälligen Prominenz von Quantifizierungspraktiken im zweiten Untersuchungskorpus fällt die Absenz von spezifischen Teilpraktiken auf, die im ersten Untersuchungskorpus zentral waren. Das Historisieren und Theoretisieren gerät beispielsweise im zweiten Korpus deutlich in den Hintergrund. In den Beiträgen des zweiten Korpus geht es kaum darum, ausführlich historische Bezüge herzustellen, zu reflektieren oder zu problematisieren. Ebenso wenig 1291 Topic Modelling ist eine »unsupervised method used to discover latent semantic structure in large collections of texts« (Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S.). Für eine knappe Einführung siehe Blei: »Probabilistic Topic Models«. 1292 Schöch: »Topic Modeling Genre«, o. S. 1293 Ebd. 1294 Gries: »What is Corpus Linguistics?«, S. 1226.

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werden Bemühungen aufgestellt, bestimmte Überlegungen zu theoretisieren oder an größere Theoriediskurse anzubinden. Mit der Konzentration auf das Quantifizieren geht somit auch einher, dass andere Teilpraktiken weniger gepflegt werden und dass dadurch bestimmte Entfernungen von weiteren Praktiken und Praxiszusammenhängen entstehen können. Gleichzeitig kann mit der Bevorzugung spezifischer Praktiken auch der Kontakt zu anderen Praktiken und Praxiszusammenhängen sowie ihren inhärenten Gütekriterien und Normen entsprechend erhöht werden. Diese eingegangene Nähe und die entstandenen Distanzen sind folglich nicht zu unterschätzen. Je aufwändiger Erhebungen sind, umso öfter werden die Ergebnisse der Quantifizierungen in Visualisierungen überführt. Sie werden im nächsten Kapitel genauer untersucht.

4.3

Visualisieren

Liest man einen Forschungsbeitrag aus dem Kontext der Digital Humanities, wird die Linearität der Textlektüre immer wieder durch die Lektüre von Visualisierungen unterbrochen.1295 Zwischen den Zeilen finden sich immer wieder – für das auf Fließtext konditionierte geistes- bzw. literaturwissenschaftliche Auge ungewohnte – Abbildungen von Baumstrukturen, Balken-, Geo-, Kreis-, Linien-, Punkt- oder Säulendiagrammen, Clustern, Datenkarten, Zeitkarten etc. Solche Visualisierungen erklären sich nur in wenigen Fällen von selbst. Zumeist müssen diese Abbildungen aufmerksam studiert werden und fordern nicht zuletzt statistische Grundlagenkenntnisse ein.1296 Beim Nachvollziehen der jeweiligen Darstellungen und der daraus abgeleiteten Ergebnisse stellen sich etwa folgende Fragen: Welche Quantitäten wurden in die Visualisierungen überführt, welche Zusammenhänge und Korrelationen signifizieren die x- und y-Achsen bei Graphen, wie verteilen sich die Mengenverhältnisse in Diagrammen, welche Topographien zeigen die Kartographierungen an, welche Beziehungen modellieren die Netzwerke, wie ist die Lage eines Knotens im Netzwerk aufzufassen, welche Abweichungen werden ausgewiesen und wie lassen sie sich mithin deuten u.v.a.m. Diagramme, Graphen, Koordinatensysteme, Netze, Raster oder Tabellen können nämlich sehr unterschiedliche Zusammenhänge repräsentie1295 Dieses Unterkapitel beinhaltet überarbeitete Auszüge aus Schruhl: »Quantifizieren in der Interpretationspraxis«. 1296 Die Kompetenz, Visualisierungen herstellen, verwenden und/oder verstehen bzw. statistischen Angaben folgen zu können, ist nicht selbstverständlich. Sonja Klimek und Ralph Müller verweisen darauf, dass »der Statistikunterricht […] auch heute keine Rolle in literaturwissenschaftlichen Grundausbildungen [spiele]« (Klimek, Müller : »Vergleich als Methode«, S. 62).

Interpretieren II

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ren.1297 Johanna Drucker weist auf die Komplexität der ›visuellen Lektüre‹ und die Vielzahl von Visualisierungsoptionen hin: We can also organize […] the forms of visualization using several different parameters: graphical format (map, table, timeline, tree, bar chart, network diagram), intellectual purpose or function (mapping, navigating, record keeping, calculation), the type of content they express (qualitative, spatial, temporal, quantitative, interpretative), the way they structure meaning (by analogy, connection, comparison, using nodes/lines, vectors, columns, bi- and multivariate axes, point of view systems, etc.), or their disciplinary origins (bar diagrams from statistics, trees from genealogy, maps from exploration, and flow charts from management or electrical circuits). Many visualization programs give advice about which chart or graph to use based on the kinds of data and relations among variables being graphed.1298

Unabhängig davon, welche Beziehungen oder Merkmale graphisch dargestellt werden, dienen Visualisierungen in der Regel dazu, »1. eine Idee in eine grafische Form zu überführen, um sie verständlicher zu machen, 2. statistische Ergebnisse zu präsentieren oder 3. Daten zu explorieren«1299. In Forschungsbeiträgen aus dem Umfeld der Digital Humanities wird insbesondere »der dritten Funktion großes Potenzial zugeschrieben: Mit visuellen Analysemethoden sollen große, komplexe und manchmal unstrukturierte Daten so hergerichtet werden, dass sie aus Distanz ›gelesen‹ werden können«1300. Visualisierungen seien »effective enabler for exploratory analysis, making it a powerful tool for gaining insight into unexplored data sets«1301. Mittlerweile nehme, so proklamiert Roxana Kath, die »primäre Form der Wissensgenerierung« in den Digital Humanities »die Form von Visualisierungen« an.1302 Für die »automatisierte Textanalyse« in den Digital Humanities wären Visualisierungen von herausragender Bedeutung, denn aufgrund der Größe der analysierten Korpora (Big Data) sind zumeist nur noch abstrakte visuelle Repräsentationen (text-)statistischer Analysen möglich, die sich jedoch einer direkten und unmittelbaren visuellen Interpretation entziehen.1303

Doch wie lassen sich Diagramme oder Graphen überhaupt deuten, »wie interpretiert man visuelle Zusammenhänge inhaltlich? Und wie berücksichtigt man 1297 Zur Auflistung und Reflexion möglicher Visualisierungsarten vgl. Jessop: »Digital Visualization as Scholarly Activity«, S. 282ff. 1298 Drucker : Graphesis, S. 65f. 1299 Bubenhofer: »Drei Thesen zu Visualisierungspraktiken«, S. 351. 1300 Ebd. 1301 Seifert et al.: »Visual Analysis and Knowledge Discovery for Text«, S. 190. 1302 Zu dieser These siehe Kath: »Für eine Neue Visuelle Hermeneutik in den Geisteswissenschaften«, S. 98. Vgl. hierzu auch die Thesen von Keim et al.: Mastering the Information Age. 1303 Dumm et al.: »New Visual Hermeneutics«, S. 28 [Hervorhebung im Original].

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angemessen die Tatsache, dass keine Form der Visualisierung erkenntnistheoretisch neutral ist?«1304 Wie lassen sich Visualisierungspraktiken in der Analyse transparent machen? Wie geht man mit der Polyvalenz von Visualisierungen und mithin mit der Frage um, dass man auch in anderer Weise spezifische Phänomene visuell aus- oder abwählen, explorieren, rekonfigurieren, rekodieren, zusammenfassen oder vertiefen, filtern oder verbinden könnte?1305 Wie können und sollen visuelle Analysemethoden in den Analyseprozess integriert werden? Welche Möglichkeiten und Beschränkungen gibt es? Wie können Visualisierungen interpretiert werden, ohne vorschnell der visuellen Evidenz zu erliegen? Wie verändern sich die Praktiken der Visualisierung […] und welche Auswirkungen hat das auf den Forschungsprozess? Welche Auswirkungen hat der Kanon von Visualisierungsformen (Linien-, Balken-, Punktdiagramme etc.) und dessen Ausweitung (unterschiedliche Graphentypen, Interaktivität) auf die Praxis der visuellen Analyse?1306

Solche und ähnliche methodologischen Fragen werden derzeit insbesondere im Forschungsumfeld der Visual Analytics1307 unter dem Begriff »New Visual Hermeneutics«1308 verhandelt. Dieser Begriff reflektiert »in einer Analogie zum New Criticism und New Historicism die klassische Hermeneutik«1309. Denn – so die Grundannahme – »visualization tools work like hermeneutical theories«1310. »[R]elevantes neues Wissen« ergäbe sich erst aus einer »hermeneutischen Interpretation«, welche auf der Kenntnis des gesamten Forschungsabläufe und seiner Pfadabhängigkeiten basiert.1311 Die »Neue Visuelle Hermeneutik« richtet ihr Hauptaugenmerk damit auf eine »integrative[] Betrachtung des gesamten Prozesses der Visualisierung und differenziert unter Erweiterung einer in der Visual Analytics allgemein akzeptierten Grundstruktur vier distinkte, aber in konstitutiver Verbindung stehende Arbeitsschritte«.1312 Sie perspektiviert vor allem »vier Phasen des Forschungsprozesses« und

1304 1305 1306 1307

1308 1309 1310 1311 1312

Kath: »Für eine Neue Visuelle Hermeneutik in den Geisteswissenschaften«, S. 103. Vgl. zu dieser Auflistung Rehbein: »Informationsvisualisierung«, S. 340. Bubenhofer, Scharloth: »Maschinelle Textanalyse«, S. 16f. Dumm et al.: »New Visual Hermeneutics«, S. 33. Vgl in diesem Zusammenhang auch folgende Definition: »Visual Analytics is an interdisciplinary field based on information visualization, knowledge discovery and cognitive and perceptual sciences, which deals with designing and applying interactive visual user interfaces to facilitate analytical reasoning« (Seifert et al.: »Visual Analysis and Knowledge Discovery for Text«, S. 190.) Siehe zudem: Rehbein: »Informationsvisualisierung«, S. 330 und Keim et al.: Mastering the Information Age, S. 7ff. Vgl. Dumm et al.: »New Visual Hermeneutics«, insb. S. 30 und S. 43ff. Kath: »Für eine Neue Visuelle Hermeneutik in den Geisteswissenschaften«, S. 110. Ramsay, Rockwell: »Developing Things«, S. 79. Dumm et al.: »New Visual Hermeneutics«, S. 33 [Hervorhebung im Original]. Kath: »Für eine Neue Visuelle Hermeneutik in den Geisteswissenschaften«, S. 109f.

Interpretieren II

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verdeutlicht, wie interdependent die sonst distinkt betrachteten Phasen des Datasampling (1), der algorithmenbasierten Analyse der Daten (2) sowie der konkreten Visualisierung (3) für die Interpretation dieser Visualisierungen (4) sind.1313

Da »jede Visualisierung das Ergebnis eines mehrstufigen Prozesses mit mehrfachen Datentransformationen ist«, ist die »Gesamtkenntnis für die Validität der Interpretation einer Visualisierung entscheidend«.1314 Als Resultate eines aufwändigen Herstellungs- und Abstraktionsprozesses stehen Visualisierungen nämlich am Ende einer langen Kette von Annotierungs- und Quantifizierungspraktiken.1315 Sie sind »graphische Abkürzungsverfahren für komplexe Schematisierungen«, die dabei helfen, zu verstehen, »wovon die Rede ist« bzw. wovon die Rede sein könnte.1316 In der Regel ist es allerdings nicht so, dass ›die‹ Interpretation der Visualisierungen ›auf der Hand liegt‹. Das »Aufzeigen einer Struktur oder Konfiguration« ist »das Anzeigen von Rekonfigurationsmöglichkeiten«.1317 Wenn in den Forschungen zur Diagrammatologie1318 vielfach davon ausgegangen wird, dass Visualisierungen eine entproblematisierende Funktion besitzen, indem sie »simplifizieren« und »das Komplexe […] leichter verständlich [machen]«, so ist dies sicherlich nur eine Seite der Medaille.1319 Zwar haben Visualisierungen den Vorteil »gegenüber Zahlenkolonnen […] daß sie riesige Datenmengen auf ein kompaktes Format komprimieren [können]«1320 und daher die Identifikation von möglichen Mustern überhaupt erst zulassen. Allerdings sind solche Identifizierungen auch stark fehleranfällig: Vielleicht täuschen die visuellen Strukturen? Vielleicht treten irrelevante Faktoren aus unerheblichen Gründen signifikant auf ? Vielleicht sind Zählwerte nicht korrekt angegeben worden – oder vielleicht ›liest‹ man die Visualisierungen nicht richtig? Visualisierungen sind daher auch mit dem Risiko verbunden, dass einzelne Faktoren ungerechtfertigterweise erhöhte (visuelle respektive interpretative) Aufmerksamkeit erhalten und dass diese Signale folglich überbewertet werden. Zudem gäbe es, so proklamiert Johanna Drucker, »eine starke Tendenz, ein Artefakt, das in einer Datenvisualisierung entsteht, so zu betrachten, als ob es das Phänomen selbst

1313 1314 1315 1316 1317 1318

Ebd. Ebd., S. 98. Vgl. Heintz, Huber : »Der verführerische Blick«, S. 13. Stetter : »Bild, Diagramm, Schrift«, S. 125. Bauer, Ernst: »Einleitung«, S. 10 [Hervorhebung im Original]. Vgl. Krämer: »Operative Bildlichkeit«; Mitchell: »Diagrammatology«; Stjernfelt: Diagrammatology sowie als jüngstes Beispiel Wöpking: Elemente einer Theorie epistemischen Diagrammgebrauchs. 1319 Schneider: »Operationalität und Optimieren«, S. 184. 1320 Heintz, Huber : »Der verführerische Blick«, S. 13.

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sei«1321. Eine Visualisierung sei aber – darauf weist sie explizit hin – ein »Artefakt«: Es handelt sich um die Hervorbringung eines Sets selektiver Prozesse, die eine Teilauswahl einer Teilinformation aus einem Datensatz sind, dessen Vollständigkeit man wiederum nicht einmal prüfen kann, weil er verborgen gehalten wird. Man bekommt ein Resultat, das sich jedoch wie aus einem Guss präsentiert.1322

Es gelte in erhöhtem Maß beobachtungs- und aussagenskeptisch zu sein. Auch Rainer Perkuhn und Marc Kupietz sensibilisieren dafür, dass mit Visualisierungen keine »Fakten«, sondern »zu interpretierende Hinweise angeboten werden«.1323 Diese können nämlich »in verzerrender Weise zu Unrecht überspitzt sein, sie können auch weniger relevant sein als andere, die nicht in den Vordergrund gerückt wurden«1324. Visualisierungen sind also immer als »Konstruktionen«1325 zu verstehen. Dies müsse – so Roxana Kath in ihrer programmatischen Publikation Für eine Neue Visuelle Hermeneutik in den Geisteswissenschaften – »fortwährend betont werden«, da Visualisierungen »eine außergewöhnliche Suggestivkraft innewohnt, die Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten für die BetrachterIn in Fakten überführt«.1326 Der Verifizierungszwang der »power of visual evidience«1327 und damit auch die Interpretationsbedürftigkeit von Visualisierungen sind folglich nicht zu unterschätzen. Die oben zitierte Annahme, dass Visualisierungen in den Digital Humanities von hoher Bedeutung für die Wissensgenerierung sind, kann mit Blick auf das hier untersuchte Korpus nahezu ausnahmslos bestätigt werden. Die Sichtbarkeit der Objekte wird in den Beiträgen des zweiten Untersuchungskorpus nicht – wie etwa im ersten Korpus – durch Quellenzitate präsent gehalten. Im Text treten die Objekte (und ihre differenten Bearbeitungen) in Form von Zahlen, Formeln oder Visualisierungen auf. In 79 von 81 Beiträgen finden sich Visualisierungen, in welche annotierte, erhobene und quantifizierte Daten umgewandelt wurden.1328 Über 97 Prozent der untersuchten Beiträge des zweiten Korpus inhärieren demnach Visualisierungspraktiken. Auch die Komplexität von Visualisierungen für die Interpretation, wie sie etwa die »New Visual Hermeneutics« betonen, reflektieren viele der untersuchten Beträge. So verweist Jan Rybicki beispielsweise dezidiert auf die visuelle ›Täuschung‹ seiner Daten. In seiner Untersu1321 1322 1323 1324 1325 1326 1327 1328

Drucker : »Digital Humanities als epistemische Praxis [Interview]«, S. 121. Ebd. Kupietz, Perkuhn: »Visualisierung als aufmerksamkeitsleitendes Instrument«, S. 87. Ebd. Kath: »Für eine Neue Visuelle Hermeneutik in den Geisteswissenschaften«, S. 114. Ebd. Rieder, Röhle: »Digital Methods«, S. 73. Folgende zwei Beiträge enthalten keine Visualisierung: Johnston: »J. M. Coetzee’s Work in Stylostatistics«; Kirtz: »Computers, Comics and Cult Status«.

Interpretieren II

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chung werden »multivariate analysis of word frequencies« genutzt, um »the gender of authors in a corpus of 18th- and early 19th-century English sentimentalist and Gothic fiction« zu bestimmen.1329 Auf Grundlage von Wortlisten demonstriert er in einer cluster-analysis-tree-Visualisierung, dass automatisierte Genderzuschreibungen in seiner Studie über insgesamt 284 englischsprachige Autoren bzw. Autorinnen »with near-perfection«1330 erfolgten, allerdings mit einer Ausnahme: William Beckford. Sein Roman »Azemia remains on the female part of the cluster analysis tree«1331. Diese Abweichung deutet Jan Rybicki als Täuschung. Der Text erscheint als Element des ›weiblichen‹ Musters – nicht weil der Text etwa doch von einer Frau geschrieben wurde –, sondern weil der Text von William Beckford als eine »parody of ›female‹ writing of the time«1332 konzipiert wurde. Dieser visuelle ›Ausreißer‹ zeigt, dass ›weibliches Schreiben‹ nicht notwendigerweise mit weiblicher Autorschaft verknüpft ist bzw. dass auch ›Ausreißer‹ interpretativ eingehegt werden müssen. Wird die Komplexität der unübersichtlichen Daten mithilfe von Visualisierungen entsprechend reduziert, erhöht sich also die Problematisierungs- und infolgedessen die Interpretationsbedürftigkeit der Visualisierung. Auch Karina van Dalen-Oskam hält in ihrem Beitrag zu den Briefromanen der niederländischen Autorinnen Elisabeth Wolff und Agatha Deken fest, dass es bei Visualisierungen von Ähnlichkeitsbeziehungen wichtig sei, voreilige Schlüsse zu vermeiden.1333 Um herauszufinden, welche der Autorinnen welche der Briefe verfasst hat, versucht sie, stilistische Ähnlichkeitsrelationen zu rekonstruieren. Nachdem sie verschiedene bootstrap consensus trees anhand unterschiedlicher most frequent words visualisiert hat, stellt sie fest, dass »trees analysing up to 1,000 most frequent words were more stable in form than those only using up to 100 or 500 most frequent words«1334. Auf Grundlage der Visualisierungen kommt sie zu dem Ergebnis, dass »Wolff ’s style may be prevalent in the letters attributed to the main characters Sara Burgerhart, her women friends Aletta and Anna, and her husband-to-be Hendrik«1335. Dagegen legen die bootstrap consensus trees nahe, dass Agatha Deken »responsible for some of the bad characters in the novel, such as Cornelia Slimpslamp and Zuzanna Hofland«1336, sei. Allerdings – so Karina van Dalen-Oskam – sei es »too soon to conclude this; it is unsafe to

1329 1330 1331 1332 1333 1334 1335 1336

Rybicki: »Tracing the (Authorial) Gender Signal«, S. 746 [Abstract]. Ebd., S. 752. Ebd. Ebd. Dalen-Oskam: »Epistolary Voices«, S. 444ff. Ebd., S. 445. Ebd., S. 446. Ebd.

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compare samples of different length to each other«1337. Obgleich die Visualisierung ein klares Ergebnis der Autorenattribution zulässt, reflektiert die Autorin, dass diese vermeintliche Eindeutigkeit aufgrund der nur bedingt vergleichbaren tokens täuscht. Die Autorin hält fest: When I use sampling (2,000 tokens per sample), the picture is rudely disturbed and no clear distinction can be found (Fig. 4). Many of the samples are directly connected to the root, which means the software could not convincingly cluster them to any other sample.1338

An dieser Stelle wird deutlich, dass die Praxis des Visualisierens (hier in Form von bootstrap consensus trees) einerseits vermeintlich klar voneinander abgrenzbare Samples erzeugt und es somit zulässt, die gestellten Fragen zu beantworten, die Eindeutigkeit der gewonnenen Ergebnisse andererseits jedoch radikal von dem ›Versuchsaufbau‹ abhängt. Die Visualisierung – und mit ihr die Autorschaftsattribution – changiert, wenn die Untersuchungseinheiten anders zusammengestellt werden. Dieses ›Fehlerpotential‹ wird von Karina van DalenOskam reflektiert, indem sie, mit unterschiedlichen Samples experimentiert und die so gewonnenen bootstrap consensus trees gegenüberstellt. Erst der Vergleich mehrerer, durch die Modifizierung von Variablen generierter Visualisierungen ermöglicht also, die Autorschaftsattribution zu prüfen und gegebenenfalls zu validieren. Auch in den anderen Beiträgen werden unterschiedliche Visualisierungen – zu einer Fragestellung – miteinander verglichen. Wenn also visualisiert wird, dann gleich mehrfach. Der Fall, dass nur eine Visualisierung in einem Aufsatz abgebildet wird, findet sich im vorliegenden Korpus nur dreimal.1339 In der Regel werden unterschiedliche Visualisierungen aufeinander bezogen und gedeutet. Zudem verweist diese Beobachtung auch darauf, dass sich nicht jede Form der Visualisierung in gleicher Weise für spezifische Fragestellungen und Untersuchungsaspekte eignet.1340 Es geht somit auch immer darum, in explorativen Schritten adäquate Formen der visuellen Repräsentationen ausfindig zu machen. Die Praxis des Visualisierens – so ließen sich die hier gemachten Beobachtungen zusammenfassen – ist eine inhärent komparatistische, welche »als Brücke zwischen der Dokumentation und Analyse der in digitaler Form verfügbaren Daten einerseits und ihrer Interpretation im wissenschaftlichen Diskurs ande-

1337 Ebd. 1338 Ebd. 1339 Folgende drei Beiträge enthalten jeweils nur eine Visualisierung: DeForest, Johnson: »The Density of Latinate Words«; Jackson: »Pause Patterns in Shakespeare’s Verse«; Estill, Meneses: »Is Falstaff Falstaff ? Is Prince Hal Henry V?«. 1340 Vgl. Dumm et al.: »New Visual Hermeneutics«, S. 41.

Zusammenfassung

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rerseits fungieren kann«1341. Visualisierungen sind demnach Gegenstände einer Darstellung ›zweiter Ordnung‹. Sie haben nicht den Status eines anschaulichen Belegs oder additiven Arguments. Sie sind Interpretationsobjekte, die in der Regel nicht für sich selbst sprechen. Die Interpretation ist der Visualisierung also »nicht nachgeschaltet, sondern Herstellung und Interpretation sind Prozesse, die sich wechselseitig durchdringen«1342. Erst in der komplexen Verbindung mit anderen Teilpraktiken avanciert das ›bloße‹ Visualisieren – ebenso wie das ›reine‹ Annotieren oder ›schlichte‹ Quantifizieren – zu einem epistemischen Element der Interpretationspraxis.

5.

Zusammenfassung

Zunächst lässt sich anhand der beiden Korpora darauf aufmerksam machen, dass das komplexe Interpretationsgeschehen durch eine voraussetzungsvolle Verwaltungsleistung unterschiedlicher Zusammenhänge bestimmt ist. Es gilt jeweils, spezifischen Legitimationsaufwand zu betreiben, eine Scientific Community als potentielle Leser zu imaginieren, Reorganisationen von ›Forschungssituationen‹ durchzuführen, (Re-)Problematisierungsleistungen zu erfüllen, einem Proportionalitätsgefühl gerecht zu werden u.v.a.m. Vergleicht man die Beobachtungen aus der ersten Studie mit jenen der zweiten, lassen sich insbesonders folgende Unterschiede hervorheben. Eine erste Differenz betrifft die manifeste Kooperativität. In dem ersten Korpus wurden von 130 Beiträgen lediglich drei Beiträge von mehreren Autoren zusammen geschrieben; im zweiten Untersuchungskorpus wurde dagegen die Hälfte der 81 Beiträge mindestens zu zweit und maximal zu acht geschrieben. Dabei sind es häufig interdisziplinäre Autorenteams, die einen Aufsatz gemeinsam verfassen. Dies korrespondiert mit der besonderen Akzentuierung der Projekthaftigkeit im zweiten Korpus. Forschungsbeiträge entstehen hier oftmals vor dem Hintergrund von Forschungsprojekten und werden als ›Ausschnitte‹ von größeren Forschungszusammenhängen vorgestellt und legitimiert. Infolgedessen wird im zweiten Korpus die Prozessualität von Forschung ausgestellt. Im Unterschied zu den Beiträgen des ersten Korpus wird hier in den Beiträgen selbst auf verschiedene Forschungsphasen aufmerksam gemacht, die entweder durchlaufen wurden oder aber noch zu durchlaufen sind. Ein vorläufiger Status, ein Zwischenergebnis oder fortzuführende Überlegungen gehören zur Normalität dieser Arbeitseinheiten. Eine solche explizit gemachte, dezidierte Vorläufigkeit konnte im ersten Korpus nicht ausgemacht werden. Was für die Beiträge des ersten Un1341 Schöch, Wolf: »Die Visualisierung von Varianten«, S. 190. 1342 Heintz, Huber : »Der verführerische Blick«, S. 22.

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tersuchungskorpus von zentraler Bedeutung ist, ist dagegen die Einbindung von Forschungsliteratur. Während die Beiträge des zweiten Korpus oftmals lediglich in der Einleitung thesenartig kondensierter Form auf Forschungsliteratur Bezug nehmen, beziehen die Beiträge des ersten Korpus permanent Forschungsliteratur mit ein. Sie orchestrieren die Vielstimmigkeit von Forschung, um ihr Anliegen zu legitimieren und Zusammenhänge infrage zu stellen. Hier wird das epistemische Ding in einem fortlaufenden Dialog zwischen Autorstimme und Forschungsliteratur bearbeitet und problematisierungsbedürftig gehalten. Im zweiten Untersuchungskorpus lässt sich dagegen ein anders gelagerter Umgang mit den Gegenständen ausmachen. Im Zentrum steht nicht etwa ein einzelnes Objekt und auch nicht mehrere einzeln zu behandelnde Objekte. Die Objekte werden vielmehr flexibel arrangiert und über Autoren-, Werk-, Epochen- oder Genregrenzen hinweg zu neuen Untersuchungsobjekten zusammengefügt. Schließlich geraten Teilpraktiken wie etwa das Historisieren und das Theoretisieren in den Beiträgen des zweiten Korpus in den Hintergrund. Im Gegenzug wird das Praxisset des Interpretierens durch die Teilpraktiken des Annotierens, Quantifizierens und Visualisierens erweitert und ergänzt. Hierin liegt eine zentrale Modifikation. Denn wenn solche Tätigkeiten zu Teilpraktiken eines Praxiszusammenhangs avancieren, verändert sich der Praxiszusammenhang als Ganzes.1343 Da Praktiken mit anderen Praktiken in funktionalen sowie responsiven Beziehung stehen und immer im Hinblick auf andere Praktiken ausgeführt werden – Digital Humanists beispielsweise Gegenstände aufbereiten, um sie Visualisierungen zuzuführen – , affiziert die Integration neuer Teilpraktiken die anderen Teilpraktiken des Praxissets. Man könnte auch sagen, dass sich das ganze Praxisset ›in Bewegung setzt‹. Um solche ›Bewegungen‹ konkreter in den Blick nehmen zu können, konzentriert sich die letzte Studie dieser Arbeit auf sedimentierte Teilpraktiken. Anhand des Rezensierens versucht sie in explorativer Weise das Aktivitätsgefüge des Rezensierens – und seine jeweiligen ›Bewegungen‹ – zu erheben.

1343 Vgl. hierzu auch Jaeggi: Kritik von Lebensformen, S. 115.

IV.

Retrospektionen

Rezensionen sind – etwa im Gegensatz zu Call for Papers – etablierte Gegenstände der Forschung. Allerdings wurde die (literatur-)wissenschaftliche Rezension von wissenschaftlichen Texten – abgesehen von einigen wenigen historischen oder systematisierenden Studien1344 – bislang vornehmlich aus linguistischer Perspektive erforscht.1345 In der Linguistik gibt es zahlreiche texttypologische Beiträge, die formale Merkmale von Rezensionen identifizieren,1346 sowie kontrastiv angelegte Studien der Fachsprachenforschung, die Rezensionen wissenschaftlicher Texte in unterschiedlichen Sprachen1347 und 1344 Vgl. etwa die Arbeiten zu Rezensionsjournalen im 18. Jahrhundert, bspw. Schneider: »Die Funktion wissenschaftlicher Rezensionszeitschriften«; Urban: Kunst der Kritik. Die Gattungsgeschichte der Rezension. Zur historischen Erforschung der fachwissenschaftlichen Rezension als einer »Forschungslücke« vgl. den Sammelband von Scheutz, Sommerlechner : Rezensionswesen. Erkundungen in einer Forschungslücke; außerdem die instruktiven Beiträge von Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen« und Thomalla: »Second-Class Citizens. Zur Lage des Rezensionswesens«. Weiterführende Angaben zur Forschungssituation bietet das Unterkapitel »The Book Review Genre« in: Hyland: Disciplinary Discourses, S. 42ff. 1345 Etwa im Gegensatz zu den vergleichsweise abundanten Studien zum Rezensieren von literarischen Texten. Vgl. zum aktuellen Stand der Forschung den Sammelband von Bartl, Behmer : Die Rezension. Aktuelle Tendenzen der Literaturkritik; insb. die Einleitung von Bartl, Behmer : »Die Rezension. Aktuelle Tendenzen der Literaturkritik«, S. 12ff. 1346 Vgl. z. B. Zillig: »Textsorte Rezension«; Dallmann: »Die Rezension. Zur Charakterisierung von Texttyp, Darstellungsart und Stil«. 1347 Vgl. die interlingualen Vergleiche von Rezensionen zwischen Deutsch und Bulgarisch (Petkova-Kessanlis: »Emotionales Bewerten in wissenschaftlichen Rezensionen: Ein kontrastiver Vergleich Deutsch–Bulgarisch«; Petkova-Kessanlis: »Formulierungsmuster zum Vollzug von Bewertungshandlungen«); Deutsch und Chinesisch (Liang: »Zu soziokulturellen und textstrukturellen Besonderheiten wissenschaftlicher Rezensionen: Eine kontrastive Fachtextanalyse Deutsch/Chinesisch«); Deutsch und Englisch (Kresta: Realisierungsformen der Interpersonalität in vier linguistischen Fachtextsorten; Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen im Deutschen und Englischen«); Deutsch und Finnisch (Piitulainen: »Zur Selbstbezeichnung in deutschen und finnischen Textsorten«); Deutsch und Französisch (Dalmas: »Empfehlen und Ablehnen in wissenschaftlichen Rezensionen«; Bastian, Filleau: »Wissenschaftliche Rezensionen: Analyse

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Retrospektionen

Wissenschaftskulturen1348 vergleichend untersuchen. Diese Forschungen konzentrieren sich in der Regel auf lexikalische, phraseologische oder syntaktische Aspekte der Textsorte ›Rezension‹ und ihre jeweiligen textpragmatischen Funktionen. Selbst die handlungstheoretisch orientierten linguistischen Beiträge liefern häufig nur Einblicke in einzelne, vom Handlungszusammenhang des Rezensierens isolierte Teilhandlungen. Auch wenn die meisten dieser Forschungsbeiträge zwar grundsätzlich darin übereinstimmen, dass zu einer Rezension sehr unterschiedliche Aktivitäten, wie das »Berichten, Beschreiben, Referieren, Zitieren, Zusammenfassen […] sowie Erörtern, Empfehlen, Argumentieren und Beurteilen«1349 oder das »Ablehnen«1350, »Abraten«1351, »Anerkennen«1352, »In-einen-größeren-Zusammenhang-stellen«1353, »Informieren und Bewerten«1354, »Kritisieren«1355, »Vorstellen«1356 und »Wiedergeben«1357 gehören, konzentrieren sich diese Studien in ihren Analysen in der Regel jeweils auf ausgewählte Teilaktionen im Kontext eines interfachkulturellen bzw. interlingualen Vergleichs und untersuchen die einzelnen Handlungen lediglich auf einer sprachlich-lexikalischen Ebene.1358 Zudem wird oftmals die Isolierung einzelner Teilhandlungen (wie etwa das Ablehnen oder Empfehlen) mit der Fokussierung auf ihre textstrukturelle Realisation innerhalb bestimmter Textsegmente bzw. Teiltextsegmente (wie beispielsweise des Anfangs oder des

1348

1349 1350 1351 1352 1353 1354 1355 1356 1357 1358

einer Textsorte im Deutschen und im Französischen«); Deutsch und Italienisch (Foschi Albert: »Kulturspezifische Züge schriftlicher Textsorten am Beispiel italienisch- und deutschsprachiger wissenschaftlicher Rezensionen«); Deutsch und Spanisch (Krüger : »Überlegungen zu Strategien des Zustimmens und Ablehnens in spanischen und deutschen Rezensionen wissenschaftlicher Publikationen«). Vgl. die interdisziplinären Vergleiche von Rezensionen in Hyland: Disciplinary Discourses (insb. S. 41–62); Diani: »Reporting and Evaluation in English Book Review Articles: A Cross-Disciplinary Study«; Motta-Roth: »Same Genre, Different Discipline: A Genre-Based Study of Book Reviews«. Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 112. Vgl. Dalmas: »Empfehlen und Ablehnen in wissenschaftlichen Rezensionen«. Bastian, Filleau: »Wissenschaftliche Rezensionen: Analyse einer Textsorte im Deutschen und im Französischen«, S. 405. Petkova-Kessanlis: »Formulierungsmuster zum Vollzug von Bewertungshandlungen«, S. 121. Bastian, Filleau: »Wissenschaftliche Rezensionen: Analyse einer Textsorte im Deutschen und im Französischen«, S. 405. Vgl. Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 112. Petkova-Kessanlis: »Formulierungsmuster zum Vollzug von Bewertungshandlungen«, S. 121. Bastian, Filleau: »Wissenschaftliche Rezensionen: Analyse einer Textsorte im Deutschen und im Französischen«, S. 405. Ebd. Dalmas: »Empfehlen und Ablehnen in wissenschaftlichen Rezensionen«; Krüger: »Überlegungen zu Strategien des Zustimmens und Ablehnens in spanischen und deutschen Rezensionen wissenschaftlicher Publikationen«; Petkova-Kessanlis: »Formulierungsmuster zum Vollzug von Bewertungshandlungen«.

Das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens

221

Schlusses einer Rezension) kombiniert.1359 Fragen danach, welche Teilpraktiken die Praxis des Rezensierens stabilisieren und fixieren, in welchen Relationen diese einzelnen Teilpraktiken zueinander stehen und welche epistemologischen Implikationen mit ihnen einhergehen, wurden kaum gestellt.1360 Ebenso wenig wurde erforscht, wie die normative Variabilität literaturwissenschaftlichen Arbeitens bei retrospektierenden Darstellungsformen verwaltet wird, wie also evaluativ damit umgegangen wird, dass man Untersuchungsgegenstände der Literaturwissenschaft auf viele unterschiedliche Arten und Weisen beobachten, befragen und problematisieren kann.

1.

Das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens

Mit dem Ziel, das skizzierte Forschungsdesiderat zu erfüllen und nicht nur einzelne Teilhandlungen des Rezensierens zu beobachten, sondern den Praxiszusammenhang des Rezensierens zu beschreiben, soll Rezensieren im Folgenden als relationales Aktivitätsprofil erfasst werden. Hierzu werden 29 ausgewählte Rezensionen praxeologisch exploriert. Im Zentrum stehen 16 Rezensionen aus zwei literaturwissenschaftlichen Zeitschriften (der Zeitschrift für deutsche Philologie und der Zeitschrift für Germanistik) und 13 Rezensionen aus zwei literaturwissenschaftlich affinen Digital Humanities-Zeitschriften (der Digital Humanities Quarterly und der Digital Studies / Le champ num8rique), die innerhalb der jeweiligen Zeitschriften unter den Überschriften Reviews, Besprechungen oder Buchbesprechungen publiziert wurden.1361

1359 Vgl. als ein besonders prägnantes Beispiel etwa Dalmas: »Zum Schlusswort in Rezensionen«. 1360 Eine Ausnahme stellt hier die Studie von Matthias Hutz dar. Er befasst sich mit der Häufigkeit und Abfolge einzelner Sprachhandlungen sowie grundlegenden Handlungsmustern in wissenschaftlichen Rezensionen, wie z. B. dem Bewerten, Relativieren, Vergleichen etc. Vgl. Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«. 1361 Zur Auswahl dieser Rezensionen vgl. Kapitel I. 4.3.3. Ich konzentriere mich im Folgenden auf die Rezension in Fachzeitschriften. Rezensiert wird aber selbstverständlich auch in anderen Darstellungsformen oder Publikationskontexten. Für transdisziplinäre, quantitative Forschungsarbeiten könnte zukünftig auch die Untersuchung der IBR-Online-Datenbank (Internationale Bibliographie der Rezensionen geistes- und sozialwissenschaftlicher Zeitschriftenliteratur) interessant sein. Die IBR-Online listet seit 1983 internationale, vornehmlich aus den Geistes- und Sozialwissenschaften stammende Rezensionen in wissenschaftlichen Zeitschriften und umfasst mittlerweile über 1,67 Millionen Einträge. Jährlich kommen ca. 60 000 Rezensionen aus aktuell 7 000 ausgewerteten Zeitschriften hinzu. Siehe weitere Hinweise zu dieser Datenbank auf folgender Website: https://www.de gruyter.com/databasecontent?dbid=ibr& dbsource=%2Fdb%2Fibr [zuletzt aufgerufen am 17.1.20].

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Retrospektionen

Fokussierten die vorangegangenen Studien zu Call for Papers und zu Aufsätzen vor allem die dokumentierten Teilpraktiken, sollen in der folgenden Studie zu Rezensionen vorrangig die sedimentierten Teilpraktiken im Zentrum stehen – und damit die Frage, aus welchen Teilpraktiken sich das Rezensieren in seiner Textform materialisiert.1362 Hierbei fungieren aus der Linguistik bekannte Vorgehensweisen zur Untersuchung von Rezensionen als inspirierendes Vorbild.1363 Um das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens über die sedimentierten Teilpraktiken zu erfassen und zu erforschen, ob und inwiefern sich die Zusammensetzung und die Ausformung einzelner Teilpraktiken im zweiten Korpus verändert, sollen 29 Rezensionen1364 auf ausgewählte, von der Forschung wiederholt in Anschlag gebrachte Grundoperationen des Rezensierens hin untersucht werden. Durch diesen Rückgriff auf ausgewählte Forschungsbeiträge lässt sich ein Zirkelschluss vermeiden, bei dem man im eigenen Untersuchungskorpus nur jene Operationen erfasst, die man zuvor anhand desselben Korpus induktiv bestimmt hat – und damit die zuvor ermittelten Kategorien lediglich bestätigt.1365 Allerdings lässt sich über die Bezugnahme auf die Forschung auch nur mittelbar auf Praktiken schließen. Die Forschungsbeiträge zum Rezensieren liefern nämlich keinesfalls unmittelbar anschlussfähige und scharf voneinander abgrenzbare Kategorien für Kernpraktiken des Rezensierens, mit denen sich Erhebungen durchführen ließen. Insofern müssen die unterschied1362 Ein solches Vorgehen wurde auch in dem Forschungsseminar von Steffen Martus, Fotis Jannidis und Simone Winko im Sommersemester 2018 an der Humboldt-Universität zu Berlin am Beispiel von Interpretationen erprobt. Dieser Arbeits- und Diskussionszusammenhang lieferte den Anstoß für das hier angewandte Verfahren. Den Beteiligten dieses Seminars sei an dieser Stelle herzlich gedankt. 1363 Vgl. das »funktional-integrative Analyseraster« von Matthias Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 114ff. sowie die einflussreichen Studien von Desir8e Motta-Roth. Sie entwarf in den 1990er Jahren ein Erhebungsverfahren, die »Structural Move Analysis«, welche bis heute in der linguistischen Erforschung von Rezensionen übernommen wird. Vgl. Motta-Roth: »Book Reviews and Disciplinary Discourses«, S. 8ff. und die Anwendung des Verfahrens in Nodoushan, Montazeran: »The Book Review Genre: A Structural Move Analysis«. 1364 Ich zitiere die Rezensionen aus Gründen der Übersichtlichkeit nur mit dem Verweis auf den Nachnamen der Rezensentin oder des Rezensenten. Da die meisten Rezensionen keinen Titel verwenden, sondern die rezensierten Objekte als Titel führen, würde es – zumal bei Sammelrezensionen – andernfalls zu sehr unübersichtlichen Titelzitationen kommen. Da Jörn Münkner in meiner Materialauswahl mit zwei Beiträgen vertreten ist, zitiere ich seinen ersten Beitrag als ›Münkner (a)‹ und seinen zweiten Beitrag als ›Münkner (b)‹. Ebenso gilt dies für Johanna Drucker, Manuel Portela und Shawna Ross, die jeweils mit zwei Rezensionen in der zweiten Studie vertreten sind. Genaue bibliografische Angaben finden sich im Materialverzeichnis der vorliegenden Arbeit. 1365 Diesem Operationalisierungsproblem entgehen größer angelegte Studien etwa dadurch, dass sie Annotatorengruppen bilden und anhand von zwei oder mehreren Testkorpora Kategorien bestimmen, die sie in einem weiteren Schritt auf das Untersuchungskorpus anwenden. Auf ein solches (kollektives) Vorgehen wurde in dieser Arbeit verzichtet.

Das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens

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lichen Forschungsbeiträge über das Rezensieren zuvor daraufhin durchgesehen werden, von welchen Operationen des Rezensierens wiederholt ausgegangen wird, um aus den genannten Operationen Teilpraktiken des Rezensierens deduktiv ableiten zu können. In der Forschung wird das Rezensieren in der Regel als »komplexe und äußerst variationsreiche«1366 Aktivität vorgestellt, mit der weitere Operationen in Verbindung stehen. Dort, wo rezensiert wird, wird beispielsweise auch informiert, kritisiert oder bewertet. Die unterschiedlichen Teilpraktiken können dabei allerdings je nach Ausrichtung als wichtiger oder weniger wichtig ins Spiel gebracht werden: Some [reviews] are more focused on providing a general view of how the book is organized rather than an actual evaluation. A number of reviewers situate the book in the field while others concentrate on making topic generalizations or informing about the author or potential readership.1367

Auch wenn Rezensionen als dezidiert options- und variantenreiche Texte vorgestellt werden,1368 insofern sie aus einem flexibel zusammensetzbaren Set aus Teilpraktiken bestehen, gilt es in der Forschung als strittig, welche der Teilpraktiken höher gewichtet werden müssten, welche Teilpraktiken mithin als konstitutiv und welche als fakultativ gefasst werden sollten. Vor allem Informieren und Bewerten wurden als dominante Kernoperationen bzw. »konstitutive Textakte«1369 geführt.1370 Werner Zillig betont insbesondere das Informieren; Jörg Pätzold, Martha Ripfel, Ken Hyland und Wolfgang Harms legen besonderes Gewicht auf das Bewerten.1371 Sabine Bastian und Nicole Filleau nennen das Vorstellen und Wiedergeben als »obligatorisch« für das Rezensieren.1372 Günter 1366 Stegert: »Die Rezension. Zur Beschreibung einer komplexen Textsorte«, S. 89. 1367 Nicolaisen: »The Scholarliness of Published Peer Reviews«, S. 130. 1368 Vgl. etwa die Definition in Ripfel: »Fachtextsorten der Wissenschaftssprachen II: Die wissenschaftliche Rezension«, S. 491: »Abschließend kann als Zusammenfassung der textsortenkonstituierenden Merkmale die folgende Definition gegeben werden: Wissenschaftliche Rezensionen sind öffentliche, monologische Texte, in denen ein wissenschaftlich relevanter Rezensionsgegenstand beschrieben und bewertet wird. Weitere […] charakteristische, aber nicht notwendige Merkmale oder Merkmalkombinationen können hinzutreten«. 1369 Zillig: »Textsorte Rezension«, S. 197. 1370 Vgl. Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 112; Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 277. 1371 Vgl. Zillig: »Textsorte Rezension«, S. 199; Pätzold: Rezensionen wissenschaftlicher Publikationen, S. 118; Ripfel: »Fachtextsorten der Wissenschaftssprachen II: Die wissenschaftliche Rezension«, S. 490; Hyland: Disciplinary Discourses, S. 44; Harms: »Rezension«, S. 282. 1372 Vgl. Bastian, Filleau: »Wissenschaftliche Rezensionen: Analyse einer Textsorte im Deutschen und im Französischen«, S. 405.

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Retrospektionen

Mey erachtet als »Rahmenelement«1373 – neben dem Informieren und dem Bewerten – das Kontextualisieren. Ute Schneider untersucht – abgesehen vom Informieren, dem Bewerten und dem Einbeziehen des aktuellen Forschungskontextes – das Darlegen des »in der Abhandlung gewonnenen Erkenntnisfortschritt[es]«1374. Matthias Hutz fügt dem Informieren und Bewerten noch das Zusammenfassen hinzu: »Der Rezensent – im Regelfall ein Experte des behandelten Themenbereichs – übernimmt […] die Aufgabe, die wichtigsten Inhalte der Rezensionsvorlage zusammenzufassen und zu bewerten.«1375 In ähnlicher Weise definieren Martin Huber, Peter Strohschneider und Herfried Vögel die germanistische Fachrezension als eine sich aus »Information und expliziertem Urteil konstituierende kritische Berichterstattung«1376. Neben »detaillierte[n] bibliografische[n] Angaben zum besprochenen Gegenstand« wird eine »ausreichende Information«, eine »kritische Evaluation« sowie eine »im Kontext des Forschungsfeldes […] abschließende[] Gesamteinschätzung« als Kernanlage des Rezensierens bestimmt.1377 Eine vergleichsweise1378 umfassende Skizze idealbzw. prototypischen Rezensierens (wissenschaftlicher Monografien) findet sich in dem von Thomas Anz herausgegebenen Handbuch Literaturwissenschaft: Das Buch ist nach Zielsetzung und Anlage vorzustellen, der Publikationstypus ist zu umreißen (z. B. Fachbuch, ›Laufbahnschrift‹, Lehrbuch) und die Zielgruppe näher einzugrenzen (Wissenschaftler, Studierende, die sog. breite Öffentlichkeit). Nach einer inhaltlichen Zusammenfassung des Textes wird überprüft, ob die Zielsetzungen der Publikation erfüllt wurden. Zentrale Thesen werden herausgestellt und kritisch bewertet, die Untersuchungsmethode und ihre empirische Umsetzung wird dargestellt und daraus der Standpunkt des Autors im Fach entwickelt. Um den innovativen Wert einer Publikation bestimmen zu können, vergleicht der Autor einer Rezension diese mit anderen Publikationen und versucht, sie im weiteren wie engeren Forschungsfeld zu verorten. Besonders gelungene Teile werden hervorgehoben und Entwicklungspotentiale skizziert, aber auch auf Schwachstellen und Defizite hingewiesen. In die Gesamteinschätzung, die zum abschließenden Urteil in Form einer Empfehlung zu Lektüre oder Kauf (oder deren Gegenteil) führt, fließen auch Aspekte der Lese(r)freundlichkeit, systematische Suchmöglichkeiten (Sach- und Autorenregister), Layout und Druckqualität mit ein.1379

In dieser Definition werden vor allem das Vorstellen, Zusammenfassen, Kritisieren, Vergleichen, Kontextualisieren und Evaluieren hervorgehoben. AllerMey : »Elektronisches Publizieren – eine Chance für die Textsorte Rezension?«, S. 152. Schneider: »Rezension«, S. 347. Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 111. Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 279. Huber : »Rezension«, S. 317. Etwa das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft enthält nur äußerst kursorische Informationen zum Rezensieren wissenschaftlicher Texte. Vgl. Harms: »Rezension«. 1379 Huber : »Rezension«, S. 317.

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Das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens

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dings darf man mit Blick auf eine solche Definition nicht vergessen, dass sie Angaben darüber enthält, was beim Rezensieren getan werden sollte. Die vorliegende Untersuchung verzichtet auf eine solche normative Setzung. Sie zielt vielmehr darauf, die sedimentierten Teilpraktiken des Rezensierens in rekonstruktiver Absicht zu ermitteln. Um ein solche Zielstellung zu verfolgen und ein Erhebungsset zu konstruieren, wurden die in den skizzierten Forschungsbeiträgen erwähnten und mitunter als zentral beschriebene Teilpraktiken aufgegriffen. Aus diesen Teilpraktiken wurden in heuristischer Weise sechs Teilpraktiken für die Erhebung abgeleitet, unter denen die oben genannten Grundoperationen subsumiert werden können: Das sind das Informieren (Angaben zum Autor, zum Titel und zum Entstehungskontext des rezensierten Objekts)1380, das Vorstellen (allgemeine Einführung in das Thema und die Zielsetzung des rezensierten Objekts)1381, das Zusammenfassen (formal: Angaben zur Gliederung und zum Aufbau; inhaltlich: Wiedergabe zentraler oder wesentlicher Aussagen z. T. mit direkten Zitaten aus dem rezensierten Objekt)1382, das Einbetten des rezensierten Objekts in die jeweilige Forschungssituation (Verweise auf andere Forschungsarbeiten; Verweise auf Forschungsdesiderate)1383, das Kritisieren1384 (Hinweise auf einzelne Mängel und Fehler oder 1380 Ankerbeispiele für das Informieren sind die folgenden Textpassagen aus dem Untersuchungskorpus: »Der vorliegende Band geht auf eine Arbeitstagung des Jahres 2002 an der Berliner Humboldt-Universität zurück« (Kugler, S. 123); »Aus dem Archiv für Antikerezeption haben die beiden Herausgeber eine Art Festschrift zum 75. Geburtstag von Günter Kunert zusammengestellt […]« (Stephan, S. 658). 1381 Ein Beispiel hierfür ist etwa folgende Textstelle aus dem Untersuchungskorpus: »[D]er Autor [möchte] erneut größere Zusammenhänge sichtbar hervortreten lassen; sein Leitfaden bleibt die Frage nach dem Verhältnis zwischen Realismus und Idealismus bei Schiller – ein in doppelter Hinsicht zentrales Thema, das Weltbild und Darstellungskunst des Dramatikers gleichermaßen zu berühren, nicht zuletzt deren spannungsvolle Verknüpfung zu erfassen verspricht« (Alt, S. 296). 1382 Beispiele für das Zusammenfassen sind etwa: »Gegliedert ist das Werk in sieben Hauptkapitel: I. ›Von der Wende des 12./13. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts‹. II. ›Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts‹. III. ›Das 14. Jahrhundert‹. IV. ›Das 15. Jahrhundert‹. Die neuere und neueste Zeit ist in dem Kap. ›18.–19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert bis 1933‹ zusammengefasst« (Nowak, S. 438); »Am König Ödipus arbeitet Menke die Grundfigur tragischer Erfahrung heraus. Sie ›besteht darin, daß [Ödipus] selbst es ist, der ihn in den ›Wirbel furchtbaren Unheils hineingerissen‹ hat – daß er also selbst sein Schicksal ist‹« (Gailus, S. 609). 1383 Folgende Textpassage wurde bspw. als eine Einbettung in die Forschung ausgezeichnet: »In dieser Hinsicht schließt die Monographie an die Arbeiten Jonathan Sheehans an, der in seinem im Jahr 2005 erschienenen Buch The Enlightenment Bible die Rolle pietistischer Übersetzungen der Heiligen Schriften als konstitutiv für die Darstellung der Bibel als einer universellen Quelle der Kultur beschrieben hat. An diese Argumentation anschließend, zeigt die Autorin, wie religiöse Narrative der Kontemplation Eingang ins Werk so zentraler Autoren wie Rousseau und Goethe fanden […]« (Almog, S. 308); »Zukünftige Studien könnten diese Überlegungen weiter entfalten, etwa indem sie aufklärerische, und vor allem

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Retrospektionen

auf gelungene Beobachtungen etc.)1385 sowie das Evaluieren (summarische Gesamtbeurteilung des rezensierten Objekts)1386. Selbstverständlich können Rezensionen weitere Teilpraktiken enthalten; im Folgenden sollen jedoch lediglich jene von der Forschung als Kernaktivitäten verstandenen Teilpraktiken erfasst und untersucht werden.1387 Als Untersuchungseinheiten wurden Absätze bestimmt. Jeder Absatz in einer Rezension wurde auf die sechs Teilpraktiken durchgesehen und entsprechend ausgezeichnet. Fußnoten wurden inkludiert und den jeweiligen Absätzen zugeordnet. Falls in einem Absatz keine der sechs Aktivitäten ausgemacht werden konnte, wurde dieser als ›nicht zuordenbar‹ bestimmt. Pro Absatz wurde jede Teilpraktik nur einmal erfasst, auch wenn sie wiederholt vorkam. Es wurde also nicht nach Häufigkeiten unterschieden, sondern das absatzweise Vorkommen registriert. Allerdings lassen sich die genannten Teilpraktiken auf der Textoberfläche in einigen Fällen nicht trennscharf voneinander unterscheiden, da sie sich gegenseitig bedingen und ineinander übergehen. So kann die Einbettung in eine Forschungssituation beispielsweise als Vorstellung des Themas oder als (positive oder negative) Kritik konzipiert werden, genauso wie zusammenfassende Passagen auch als Evaluationen fungieren können. Um solche Fälle zu entscheiden und innerhalb des Analyserasters zuordnen zu können, wurde der Kontext der Textpassage einbezogen und die inhaltliche Gewichtung rekonstruiert. Die folgende Abbildung soll das Auszeichnungsvorgehen illustrieren. Auf der linken Seite wird ein exemplarischer Absatz aus einer Rezension von Stephan

1384 1385

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ästhetische, Praktiken unter Berücksichtigung von inter-religiöser Kommunikation in den Blick nähmen« (Dies., S. 309). Kritisieren wird im Folgenden als neutraler Begriff verwendet. Unter Kritisieren fallen hier also positiv akzentuiertes Loben, Würdigen, Anerkennen etc. genauso wie negativ akzentuiertes Bemängeln, Infragestellen oder Problematisieren etc. Folgende Zitate illustrieren als Ankerbeispiele das Kritisieren: »Schaut man sich die den kurzen Erläuterungen zu den Personen, Texten und Werken beigegebenen bibliographischen Blöcke näher an, entdeckt man viele Fehler« (Nowak, S. 439); »Morschs Textbeobachtungen sind detailliert und geistreich« (Kugler, S. 126); »Rösch kann sein Weiterwirken bis ins 20. Jahrhundert zudem eindrucksvoll durch die Verknüpfung mit verschiedenen Gattungs- und Theoriediskussionen nachweisen« (Kraft, S. 299). Als Evaluieren wurde etwa folgende Passage bestimmt: »Ganz auf der Höhe der zeitgenössischen Benjamin- und Kafka-Rezeption ist der Autorin eine Studie gelungen, die sowohl wesentliche, noch verschüttete Zusammenhänge der Kafka-Lektüre Benjamins als auch noch ungedachte philosophische und theologische Hintergründe des Benjaminschen Denkens selbst freizulegen vermag« (Hirsch, S. 632). Der Anspruch, Rezensionen in ihren Teilaktivitäten ›umfassend‹ erforschen zu können, setzt voraus, dass man weiß, welche Teilpraktiken eigentlich grosso modo in Rezensionen enthalten sind. Das hier vorgestellte Untersuchungsvorgehen, das sich lediglich auf den von den bisherigen Forschungsarbeiten über das Rezensieren abgeleiteten ›Praxiskern‹ bezieht, könnte für eine solche Erhebung erste Indizien liefern.

227

Das relationale Aktivitätsprofil des Rezensierens

Kraft aufgeführt, der sich mit der Habilitationsschrift von Gertrud Maria Rösch Clavis Scientiae. Studien zum Verhältnis von Faktizität und Fiktionalität am Fall der Schlüsselliteratur auseinandersetzt; auf der rechten Seite werden die zugeordneten Teilpraktiken angegeben: Ausgangspunkt von Röschs historischem Durchgang vom 17. – 20. Jahrhundert sind die barocken Schlüsselromane und hier vor allem Barclays Argenis, Anton Ulrichs Römische Octavia und Hunolds Der Europäischen Höfe Liebes- und Heldengeschichte. Dieses Unterkapitel wird von der Verfasserin vor allem dazu genutzt, das weitgehend ungebrochene Funktionieren und die Akzeptanz des Prinzips Schlüssel im 17. Jahrhundert zu demonstrieren, wobei man allerdings gerade am gewählten Beispiel der Römischen Octavia mit Hilfe von konkreten Lektürezeugnissen, etwa Liselottes von der Pfalz, auch hätte zeigen können, dass ein Verständnis für die Widersprüchlichkeiten des Genres im 17. Jahrhundert durchaus schon existiert hat. Auch eine Einbeziehung der Forschungen von Olaf Simons auf diesem Feld hätte zu einem differenzierteren Blick führen können.1388

Zusammenfassen

Kritisieren

Einbetten in die Forschungssituation

In diesem Absatz wurden das Zusammenfassen, das Kritisieren und das Einbetten in die Forschungssituation als Teilpraktiken des Rezensierens identifiziert. Das Zusammenfassen wurde ausgewählt, da es sich um eine subsummierende Darstellung eines Unterkapitels der rezensierten Studie handelt, in welcher der Rezensent die Gegenstände und die Kernaussage, nämlich das »weitgehend ungebrochene Funktionieren und die Akzeptanz des Prinzips Schlüssel im 17. Jahrhundert«1389, rekapituliert. Da er bemängelt, dass die Autorin ausgehend von einem ihrer Untersuchungsgegenstände sich nicht mit den »Widersprüchlichkeiten des Genres im 17. Jahrhundert«1390 auseinandersetzt, wurde die Kategorie ›Kritisieren‹ vergeben. Diese Kritik wird mit dem Hinweis auf weitere Forschungsarbeiten (»Forschungen von Olaf Simons«1391) erweitert, welche der Autorin »zu einem differenzierteren Blick«1392 verholfen hätten. Für diese Passage wurde das Einbetten in die Forschungssituation als Teilpraktik bestimmt. Anders als in dem oben aufgeführten Beispiel gab es auch Absätze, in denen bestimmte Passagen nicht einer der sechs Teilpraktiken zugeordnet werden konnten. So zum Beispiel bei der Rezension von Karlheinz Barck über die Sammelbände Der Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie. Wissenschaftsge1388 1389 1390 1391 1392

Kraft, S. 299. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd.

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Retrospektionen

schichte als Innovationsvorgabe und Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie: Sammelbände stehen im Allgemeinen nicht in der Gunst der – Leser. Sie sind durch die Buchbindersynthesen in Mißkredit geraten. Nützlich sind sie freilich immer dann, wenn ein Dachthema von problemorientierter Aktualität in verschiedenen Zugängen und Perspektiven entfaltet wird, wenn sie dem Leser als work in progress Einblicke und Einsichten in die Werkstätten kollektiver Erkenntnisfindung ermöglichen. Diese idealen Eigenschaften kann man den beiden Sammelbänden (52 Texte) ohne Vorbehalte Evaluieren zusprechen. Es handelt sich um die für den Druck Informieren bearbeiteten Referate zweier internationaler Kolloquien, die 1981 und 1983 am Inter-University-Center in Dubrovnik stattgefunden haben.1393

Bei dem ersten Teil des Absatzes handelt es sich um eine allgemeine Beobachtung des Rezensenten zur Wahrnehmung von Sammelbänden als eher gering geschätzter Publikationsform. Als solche konnte die Passage nicht unter den sechs Teilpraktiken erfasst werden. Gleichzeitig leitet sie die summarische Gesamtbeurteilung ein, die den beiden Sammelbänden »ideale Eigenschaften«1394 attestiert und in eine Information über den Entstehungskontext der rezensierten Objekte mündet. Nicht zuordenbare Passagen wurden nur dann in die quantitative Auswertung aufgenommen, wenn sie einen gesamten Absatz umfassten. Dieses beispielhaft skizzierte Vorgehen zielt – im Unterschied zu den erwähnten linguistischen Untersuchungen – nicht darauf, idealtypische »Textbaupläne wissenschaftlicher Rezensionen«1395 zu ermitteln, sondern vielmehr zu erforschen, inwiefern die Praxis des Rezensierens – zumindest mit Blick auf die vorliegenden Rezensionen – über die sechs Teilpraktiken realtypisch näher erfasst werden kann. Im Zentrum steht also nicht die Reihenfolge oder Struktur von isolierbaren Handlungen innerhalb der Rezensionen, sondern das Praxisgefüge des Rezensierens, das sich als Ensemble von Teilpraktiken in den Texten sedimentiert. Die Untersuchung konzentriert sich, wie eingangs erwähnt, allerdings lediglich auf insgesamt 29 Rezensionen aus vier Zeitschriften in einem Zeitraum von fast 30 Jahren. Die Ergebnisse sind daher einerseits stark exemplarisch, können aber andererseits erste Indizien für die Praxis des Rezensierens wissenschaftlicher Texte liefern, da das ausgewählte Untersuchungsmaterial unterschiedliche Autoren, unterschiedliche Zeitschriften und unterschiedliche Zeiträume umfasst und damit personen- bzw. gruppenspezifische, institutio1393 Barck, S. 98. 1394 Ebd. 1395 Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 113.

Rezensieren I

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nelle bzw. disziplinäre, temporäre und lokale Grenzziehungen kreuzt. Dennoch können die folgenden Untersuchungen der sechs Teilpraktiken in 29 Texten innerhalb eines bestimmten Publikationstyps (Rezensionen in Fachzeitschriften) nur eingeschränkt repräsentativ für ›das‹ Rezensieren schlechthin sein. Sie müssten zukünftig in weiteren Studien ergänzt und erweitert werden. Bevor allerdings die Erhebungsergebnisse zum relationalen Aktivitätsprofil der untersuchten Rezensionen präsentiert und die sedimentierten Teilpraktiken und ihre internen Zusammenhänge ins Zentrum gerückt werden, sollen Überlegungen zu den dokumentierten Rezensionsgeschehen angestellt werden.

2.

Rezensieren I

Monografien, Sammelbände und Laufbahnschriften (in Form von Dissertationen und Habilitationen): Diese Publikationstypen werden in den vorliegenden 16 Rezensionen des ersten Untersuchungskorpus1396 behandelt. Von 16 Rezensionen befassen sich zwei mit Sammelbänden und zwölf mit Monografien, davon drei mit Dissertations- und zwei mit Habilitationsschriften. Hinzu kommen zwei weitere Rezensionen, die sich nicht nur auf eine Publikation beziehen, sondern als Sammelrezension zwei oder mehrere Publikationen besprechen. Diese zwei Sammelrezensionen stellen insgesamt acht Sammelbände und eine Monografie ins Zentrum.1397 Es werden demnach durchweg Buchpublikationen rezensiert und beispielsweise keine einzelnen Aufsätze – obwohl der wissenschaftliche Aufsatz landläufig als wichtigste und »dominierende[] Publikationsform«1398 verstanden wird.1399 Diese Beobachtung trifft nicht nur auf die ausgewählten Rezensionen zu. Auch Martin Huber, Peter Strohschneider und Herfried Vögel kommen in ihrer Studie zum gleichen Befund und halten fest, dass der »Gegenstand der germanistischen Fachrezension […] das veröffentlichte Buch [ist]«1400. Martin Huber postuliert in einem weiteren Beitrag: »Grundsätzlich nicht rezensiert werden einzelne Aufsatzpublikationen in Zeit1396 Eine genaue Auflistung dieser 16 Rezensionen findet sich im Materialkorpus. 1397 Die genaue Erhebung lautet: Laufbahnschrift (Dissertation): Hirsch, Kurscheidt, Münkner (b); Laufbahnschrift (Habilitation): Kraft, Heine; Monografie: Alt, Sievert, Nowak, Münkner (a), Gailus, Almog, Kiesant; Sammelband: Dierks, Kugler. Sammelrezensionen schreiben Stephan (insg. sechs Sammelbände und eine Monografie) und Barck (zwei Sammelbände). 1398 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 282. Auf die Dominanz der Darstellungsform ›Aufsatz‹ weist auch Kirsten Adamzik hin. Vgl. Adamzik: »Textsortenvernetzung im akademischen Bereich«, S. 2. 1399 Vgl. Hyland: Disciplinary Discourses, S. 42. 1400 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 277.

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schriften.«1401 Um die Aufmerksamkeit einer Rezension und damit die zeitlichen, personellen und institutionellen Ressourcen der Scientific Community überhaupt zu erhalten, muss – so ließe sich diese erste Beobachtung deuten – im Vorfeld eine besonders zeit- und arbeitsintensive Leistung erbracht worden sein. Erst ein gewisser Arbeitsumfang (wie etwa bei einem Monografie- oder Sammelband-Projekt) rechtfertigt demnach weitere disziplinäre Anschlussbemühungen in Form einer Rezension. Die ökonomische Losung lautet: Je kleiner der Arbeitsumfang, umso unwahrscheinlicher ist die Kreditierung durch Rezensionen. Aufmerksamkeit konnten in den ausgewählten Rezensionen beispielsweise Publikationen über Friedrich Schillers Dramen1402, Walter Benjamins KafkaLektüre1403, Robert Walsers Schriften1404, die christlichen Adversus-JudaeosTexte und ihr »literarisches und historisches Umfeld«1405, »[k]inästhetische Wahrnehmung und Probehandeln in virtuellen Welten«1406 oder die »Ästhetik des Kunstlosen«1407 auf sich verbuchen. In der Regel werden Publikationen aus der Germanistik besprochen. Vereinzelt werden allerdings auch anschlussfähige Monografien rezensiert, die sich der Philosophie1408, Theologie1409 oder Geschichte1410 zuordnen lassen. So stellt etwa Heike Sievert zu Beginn ihrer Rezension über »Erotik in der Gartenkunst«1411 fest, dass ein »Buch mit diesem Titel […] nicht dafür prädestiniert [sei], in einer germanistischen Fachzeitschrift rezensiert zu werden«, und dass es, »[w]enn es trotzdem geschieht, […] gute Gründe dafür geben [müsse]«.1412 Diese »Gründe« manifestieren sich laut der Rezensentin darin, dass der Autor neben »Beispiele[n] aus der bildenden Kunst aus fast zwei Jahrtausenden«, »historische[n] Zeugnisse[n]« und einzelnen, noch »vorhandenen Gärten« auch »literarische Texte« untersucht.1413 »Letzteres begründet in erster Linie das germanistische Interesse an diesem Buch.«1414 Tatsächlich wird die Rezensionswürdigkeit bzw. Anschlussfähigkeit

1401 1402 1403 1404 1405 1406 1407 1408 1409 1410 1411 1412 1413 1414

Huber : »Rezension«, S. 317. Vgl. Alt. Vgl. Hirsch. Vgl. Kurscheidt. Vgl. Nowak. Vgl. Kugler. Vgl. Heine. Vgl. Gailus. Vgl. Nowak. Vgl. Almog und Kiesant. Vgl. Sievert. Ebd., S. 654. Ebd., S. 654f. Ebd., S. 655.

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von Publikationen aus benachbarten Fächern häufig damit erklärt, dass literarische Texte als Materialquellen verwendet werden.1415 Außerdem lässt sich beobachten, dass die ausgewählten Rezensionen – im Unterschied zu Feuilletonrezensionen wissenschaftlicher Publikationen – nicht unmittelbar nach dem Erscheinen des rezensierten Objekts veröffentlicht wurden. Im Untersuchungskorpus gibt es keine Rezension, die im selben Jahr wie das rezensierte Objekt publiziert wurde. Von 14 Einzelrezensionen und zwei Sammelrezensionen, die das Untersuchungskorpus umfasst, werden in zehn Fällen Rezensionen im auf die Publikation des rezensierten Objekts folgenden Jahr veröffentlicht; in weiteren zehn liegt mehr als ein Jahr zwischen der Publikation des rezensierten Textes und jener der Rezension; in drei Fällen mehr als zwei Jahre.1416 Wenn wissenschaftlichen Rezensionen attestiert wird, dass es sich um eine »wesentlich von der Aktualität bestimmte Fachtextsorte«1417 handle, die »neue bzw. relativ rezente Publikationen«1418 zur Diskussion stelle, so ist damit eine wissenschaftsspezifische ›Aktualität‹ gemeint, die auf die besondere Temporalität der wissenschaftlichen Rezension hinweist. Rezensionszeiträume folgen damit nicht vorrangig oder ausschließlich den Terminen von Neuerscheinungen. Auch wenn in den Zeitschriften Wert darauf gelegt wird, Neuerscheinungen zeitnah zu rezensieren, unterliegen wissenschaftliche, mithin literaturwissenschaftliche Rezensionen nicht derselben Temporalität wie Rezensionen im Feuilleton. Diese unterschiedlichen zeitlichen ›Verkehrsabläufe‹ des Rezensierens liegen schlichtweg darin begründet, dass (literatur-)wissenschaftliche Zeitschriften weder täglich noch monatlich, sondern in der Regel in einem Turnus von drei bis sechs Monaten erscheinen und damit zwangsläufig einem langsameren Publikationsrhythmus folgen als Tages- oder Wochenzeitungen. Zudem richten sich Rezensionen in wissenschaftlichen Zeitschriften zusätzlich in verstärkter Weise nach forschungskonjunkturellen Faktoren: Rezensiert wird hier nicht nur etwas ›Neues‹, sondern vor allem etwas für die Forschung ›Relevantes‹. So leitet etwa Inge Stephan ihre Sammelrezension zu sieben Publikationen im Kontext der antiken Mythenrezeption mit der Bemer1415 Vgl. ebenso bei Gailus, Nowak, Almog und Kiesant. 1416 Die genauen Angaben zum Verhältnis zwischen Veröffentlichungsjahr des Rezensionsobjekts (VJ RO) und der Rezension (VJ R) lauten: Almog 2015 (VJ RO), 2016 (VJ R); Alt 1994 (VJ RO), 1996 (VJ R); Barck 1983, 1985 (VJ RO), 1986 (VJ R); Dierks 1983 (VJ RO), 1986 (VJ R); Gailus 2005 (VJ RO), 2006 (VJ R); Heine 2015 (VJ RO), 2016 (VJ R); Hirsch 1995 (VJ RO), 1996 (VJ R); Kiesant 1983 (VJ RO), 1986 (VJ R); Kraft 2004 (VJ RO), 2006 (VJ R); Kugler 2004 (VJ RO), 2006 (VJ R); Kurscheidt 1985 (VJ RO), 1986 (VJ R); Münkner (a) 2014 (VJ RO), 2016 (VJ R); Münkner (b) 2015 (VJ RO), 2016 (VJ R); Nowak 1994 (VJ RO), 1996 (VJ R); Sievert 1995 (VJ RO), 1996 (VJ R); Stephan 2004, 2004, 2004, 2004, 2005, 2005, 2005 (VJ RO), 2006 (VJ R). 1417 Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 112. 1418 Scheutz, Sommerlechner: »Einleitung«, S. 1.

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kung ein, dass »die Antike und ihre Rezeption nach wie vor ein Forschungsfeld sind, das zu wissenschaftlicher Auseinandersetzung reizt«1419. Dies demonstrierten »die vielen Publikationen, die jährlich zu diesem Themenkomplex kontinuierlich erscheinen«1420. Der Blick auf die verstärkten Forschungsbemühungen der letzten Jahre legitimiert – und delegitimiert nicht etwa – ihre eigene rezensive Investition. Thematische Halbwertszeiten erscheinen im wissenschaftlichen Kontext der Zeitschriftenrezension daher deutlich länger zu sein als im Feuilleton. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, einen ergänzenden Blick auf Rezensionen wissenschaftlicher Publikationen im Feuilleton zu richten. Sie werden in der Regel von etablierten Wissenschaftlern (vornehmlich Lehrstuhlinhabern) verfasst.1421 Diese Rezensionen stellen wissenschaftliche Neuerscheinungen in den großen deutschen Zeitungen wie etwa der FAZ, der SZ oder der ZEIT vor und attestieren ihrem jeweiligen Rezensionsobjekt Relevanz über die konkrete disziplinäre Forschung hinaus. Diese Entwicklung ist auch im Hinblick auf die Geschichte der Fachrezension bemerkenswert, insofern sie auf eine strukturelle Ausdifferenzierung des Rezensierens hinweist.1422 Eine Hypothese wäre, dass mit dem Reputationsgrad eines Wissenschaftlers die Erweiterung potentieller (disziplin- und systemübergreifender) Rezensionsorte einhergeht: Etablierte Wissenschaftler rezensieren nicht nur in disziplinären Fachzeitschriften, sondern auch im Feuilleton namhafter Wochenzeitungen wissenschaftliche Publikationen. Inge Stephan und Peter-Andr8 Alt, die als (ehemalige) Lehrstuhlinhaber in dem Untersuchungskorpus mit Rezensionen vertreten sind, publizieren beispielsweise Rezensionen in Fachzeitschriften und zugleich im Feuilleton. Inge Stephan führt etwa in ihrem online einsehbaren Publikationsverzeichnis dezidiert ihre »[l]angjährige Rezensententätigkeit in der Frankfurter Rundschau« neben ihrer »[r]egelmäßige[n] Rezensententätigkeit für die Germanistik, Arbitrium und Lenz-Jahrbuch« auf.1423 Reputierte Wissenschaftler – so ließe sich diese Beobachtung verallgemeinern – können demnach unterschiedliche Re1419 Stephan, S. 656. 1420 Ebd. 1421 Stichproben in den Rezensionsteilen der FAZ, der SZ oder der ZEIT aus dem Jahr 2018 legen nahe, dass wenn Wissenschaftler in diesen Zeitungen wissenschaftliche Publikationen besprechen, es zu großen Anteilen Lehrstuhlinhaber sind. 1422 Vgl. zu der historischen Bedeutung von Rezensionen bspw. Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 272ff. und für gegenwärtige Entwicklungen der Rezension Thomalla: »Second-Class Citizens. Zur Lage des Rezensionswesens«, insb. S. 143. Anschlussfähige Vergleiche zu strukturellen Veränderungen des Rezensierens zwischen 1890 und 2005 zieht auch FranÅoise Salager-Meyer, die sich in ihrer Studie allerdings mit medizinhistorischen Rezensionen befasst: »Academic Book Reviews and the Construction of Scientific Knowledge«, insb. S. 42ff. 1423 Vgl. https://www.literatur.hu-berlin.de/de/ehemalige-institutsmitarbeiterinnen/1684066 [zuletzt aufgerufen am 17.1.20].

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zensionsorte nutzen und damit alternative Reichweiten für ihre Überlegungen generieren. Im Untersuchungskorpus wurden sechs Rezensionen von Lehrstuhlinhabern und zehn von Nachwuchswissenschaftlern1424 geschrieben. Eine Vergleichsprobe mit allen Rezensionen (n = 217) aus der Zeitschrift für Germanistik und der Zeitschrift für deutsche Philologie der letzten drei Jahre (2016 bis 2018)1425 ergibt ein ähnliches Bild der Verfasser von Rezensionen. Sie zeigt, dass 34,1 Prozent von Lehrstuhlinhabern, Vertretungsprofessoren, Juniorprofessoren oder emeritierten Professoren verfasst wurden und 44,7 Prozent der Rezensionen von Doktoranden oder promovierten Wissenschaftlern geschrieben wurden.1426 Auch wenn Rezensionen »mehrheitlich von Nachwuchswissenschaftlern bedient werden«1427, wäre es – auf Grundlage der hier gewonnen Daten – zu vorschnell, davon auszugehen, dass »viele etablierte Wissenschaftler die wichtigen Organe ihrer Disziplin kaum noch mit Rezensionen beliefern«1428. Immerhin ist jede dritte Rezension (34,1 Prozent) der beiden untersuchten Zeitschriften zwischen 2016 und 2018 entweder von einem Lehrstuhlinhaber, Vertretungsprofessor, Juniorprofessor oder einem emeritierten Professor verfasst worden. Zudem gilt es bei diesen Zahlen in Rechnung zu stellen, dass es deutlich mehr Nachwuchswissenschaftler als Professoren gibt. Das bedeutet: Die Gruppe der Professoren (Lehrstuhlinhaber, Vertretungsprofessoren, Juniorprofessoren bzw. emeritierten Professoren) ist bei den untersuchten Rezensionen der sondierten Zeitschriften faktisch überproportional vertreten. Die These, dass etablierte Wissenschaftler im Laufe ihrer Karriere als Rezensenten aus Fachzeitschriften vollständig abwandern würden,1429 kann mit Blick auf die hier erhobenen Daten also nicht geteilt werden. Ebenso wenig wie der rigorosen Aussage zugestimmt werden kann, dass das »Feuilleton […] die wissenschaftliche Zeitschrift als Ort der relevanten, viel diskutierten Besprechungen« komplett ersetze, wodurch sich die Rubrik ›Rezension‹ in der Fachzeitschrift gänzlich in eine »Gattung von Nachwuchswissenschaftlern« transformiere.1430

1424 Als Nachwuchswissenschaftler werden hier Doktoranden sowie promovierte Wissenschaftler verstanden. 1425 Ausgenommen wurden mediävistische Schwerpunkthefte. Damit wurden die zwischen 2016 und 2018 publizierten 14 Hefte der beiden Zeitschriften untersucht. 1426 Von 8 Rezensenten (3,7 Prozent) konnte der akademische Status – zum Zeitpunkt der Rezension – nicht recherchiert werden. 38 Rezensionen (17,5 Prozent) wurden von Privatdozenten und sog. außerplanmäßigen Professoren verfasst. 1427 Thomalla: »Second-Class Citizens. Zur Lage des Rezensionswesens«, S. 138. 1428 Ebd., S. 143. 1429 Vgl. ebd. 1430 Ebd., S. 140 und S. 143.

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Gleichzeitig ist die hohe Anzahl an Nachwuchswissenschaftlern durchaus bemerkenswert. Als »initiation in publishing for junior scholars«1431 versteht Desir8e Motta-Roth das Rezensieren: [B]ook reviews can be written by a wider range of academic staff who would not be in a position to write longer, and often more laborious texts, such as the research article for refereed journals.1432

Rezensionen böten eine »important platform for graduate students, early career researchers and scholars working in resource-poor contexts, who might otherwise find it difficult to add their own voices to current debates in their own specialist fields«1433. Da in der Regel keine aufwändigen Begutachtungsverfahren für Rezensionen von Zeitschriften-Redaktionen durchgeführt werden und Rezensionen im Gegensatz zu wissenschaftlichen Fachaufsätzen vielfach ›zulassungsfrei‹ sind, können sie vergleichsweise ›einfach‹ eingereicht und publiziert werden. »[B]ook reviews open the door to junior scholars […].«1434 Sie liefern Nachwuchswissenschaftlern »institutional credit and a publication profile«1435, indem sie ihnen die Möglichkeit bieten, sich über eine Veröffentlichung eines anderen Wissenschaftlers mit einer eigenen Publikation in ein disziplinäres Teilgebiet zu integrieren bzw. ihre Integrabilität entsprechend zu erhöhen.1436 Was mitunter hierfür getan wird, welche sedimentierten Teilpraktiken in den ausgewählten Rezensionen eingelagert sind, soll im Folgenden untersucht werden. Um das relationale Aktivitätsprofil der 16 Rezensionen zu untersuchen, wurden die Rezensionen in 152 Absätze aufgeteilt und mit Blick auf die sechs Teilpraktiken sondiert. Auffallend war dabei zunächst, dass in 13 der untersuchten 16 Rezensionen1437 jede der sechs Teilpraktiken mindestens einmal vorkam und die sechs Teilpraktiken – Informieren, Vorstellen, Zusammenfassen, Einbetten des rezensierten Objekts in die Forschungssituation, Kritisieren und Evaluieren – die Rezensionen nahezu vollständig abdeckten.1438 Mit anderen Worten: In Rezensionen findet wenig anderes statt. Allerdings variieren das Vorkommen und die Reihenfolge, in der sich diese Operationen im Text abbil1431 Motta-Roth: »Same Genre, Different Discipline: A Genre-Based Study of Book Reviews«, S. 102. 1432 Ebd. 1433 Groom: »Phraseology and Epistemology in Academic Book Reviews«, S. 125. 1434 Motta-Roth: »Book Reviews and Disciplinary Discourses: Defining a Genre«, S. 3. 1435 Diani, Hyland: »Introduction: Academic Evaluation and Review Genres«, S. 2. 1436 Zur Diskussion weiterer Funktionen des Rezensierens siehe Kapitel IV. 5. 1437 Ausnahmen bilden Dierks, Hirsch, Gailus. 1438 Die Kategorie n (= nicht den sechs Teilpraktiken zuordenbar) für einen gesamten Absatz kam nur dreimal im Untersuchungskorpus vor. Vgl. Barck (Absatz 4, 12); Sievert (Absatz 10).

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den, deutlich. Auch wenn also jeweils dieselben Teilpraktiken in den Rezensionen Verwendung finden, ist ihr Auftreten nicht an eine bestimmte Kombination oder ein spezifisches Verkettungsschema gebunden. Außer die für die Einleitungssequenz typischen Teilpraktiken des Informierens und des Vorstellens, welche überdurchschnittlich häufig in den ersten Absätzen einer Rezension vorkommen,1439 sind die weiteren Teilpraktiken nicht fest lokalisiert. Dieser Befund deckt sich mit den Beobachtungen von Matthias Hutz. In seiner Untersuchung kommt der Linguist ebenfalls zu dem Schluss, dass sich »[f]este Abfolgemuster […] innerhalb der Bereiche Einleitung, Hauptteil und Schlussteil kaum erkennen [lassen]«1440 und hebt mit Bezug auf ähnliche Ergebnisse aus den Forschungen von Martina Hintze1441, Rita Klauser1442 und Yong Liang1443 hervor, dass eine Rezension nicht notwendigerweise durch eine lineare Progression hierarchisch angeordneter Teiltexte determiniert sein muss, sondern durch vielfältige Textentfaltungsmöglichkeiten gekennzeichnet sein kann.1444

Auch im vorliegenden Untersuchungskorpus setzt sich das Rezensieren zu großen Teilen aus einem nahezu festen Kerninventar1445 an Teilpraktiken zusammen, die allerdings in ihrem jeweiligen Vorkommen variabel und ihrer Anordnung flexibel sind. Der Behauptung, dass das Rezensieren eine Praxis »weitgehend anarchischer Aktionen und Operationen« sei und »im Grunde keine Regeln und kein Gesetz« kenne, muss daher entschieden widersprochen werden.1446 Die Regelhaftigkeit des Rezensierens zeigt sich deutlich auf Ebene der Praktiken. 1439 In 13 Rezensionen findet sich das Informieren im ersten Absatz. Das Vorstellen lässt sich in 14 Rezensionen innerhalb der ersten drei Absätze identifizieren. 1440 Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 118. 1441 Hintze: »Zur Untersuchung von Fachtextsorten, dargestellt an der wissenschaftlichen Rezension«, S. 142. 1442 Klauser : Die Fachsprache der Literaturkritik, S. 122f. 1443 Liang: »Zu soziokulturellen und textstrukturellen Besonderheiten wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 297. 1444 Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 118. 1445 An dieser Stelle muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass mit diesen Untersuchungen lediglich das ›Kerninventar‹ identifiziert wurde. Es soll nicht ausgeschlossen werden, dass zusätzlich zu diesem Kerninventar weitere Teilpraktiken eine Rolle spielen können. Um das vollständige Set an Rezensionspraktiken zu erfassen, müsste anhand eines offeneren Erhebungsrasters vorgegangen und jeder Satz ausgezeichnet werden. Die vorliegende Studie könnte für eine solche größer angelegte Untersuchung erste Hinweise liefern. 1446 So fasst Frank Bardelle pointiert die zentralen Vorwürfe gegenüber dem Rezensionswesen zusammen und verweist in seinen soziologischen Ausführungen dezidiert auf Regelhaftigkeiten und Muster des Rezensierens. Vgl. Bardelle: »Formen der kritischen Auseinandersetzung«, S. 54.

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Ein erster praxeologischer Schluss aus diesen Ergebnissen ist, dass es beim Rezensieren folglich relativ klar zu sein scheint, was zu tun ist: Das Set an Teilpraktiken ist robust.1447 Allerdings – darauf weisen die unterschiedlichen Reihenfolgen, Kombinationen und Verkettungen an Teilpraktiken hin – ist das Rezensieren inhärent dynamisch. Die jeweiligen Teilpraktiken können sehr unterschiedlich angelegt und verbunden werden. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Literaturwissenschaftlerin Ursula Klingenböck, die in ihrer Studie Rezensionen aus der Zeitschrift Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung zwischen 1920 und 1939 untersucht hat. Auch wenn es sich bei Rezensionen um »weitgehend schematisierte«1448 und »stark konventionalisierte Formate«1449 handle, so Ursula Klingenböck, sei die »relative Offenheit« des Rezensierens bemerkenswert, welche sich durch die »hohe Durchlässigkeit« zwischen den einzelnen Teilpraktiken und ihrer »inhaltliche[n], strukturelle[n] und funktionale[n] Inhomogenität« ausmachen ließe: Information, kritische Auseinandersetzung und Meta-Information sind oft verschieden lang, wechseln hochfrequent und weisen insgesamt einen hohen Diskontinuitätsgrad auf.1450

Um die signifikante Varianz, die Ursula Klingenböck in ihrer Studie dem Rezensieren attestiert, anhand der vorliegenden 16 Rezensionen genauer untersuchen zu können, wurden – wie oben erläutert – nicht die Häufigkeiten, sondern lediglich das Vorkommen pro Absatz registriert. In einem Absatz wiederholt identifizierte Teilpraktiken wurden also nur einmal annotiert und gezählt. Es ging demnach nicht darum, festzustellen, wie oft eine Teilpraktik innerhalb eines Absatzes vorkommt, sondern ob sie überhaupt vorkommt. Diese Vorgehensweise ermöglicht folgende Beobachtungen: In 115 der 152 Absätzen werden der Aufbau sowie zentrale Aussagen des rezensierten Objekts zusammengefasst, in 67 Absätzen wird (positiv wie negativ) kritisiert, in 35 Absätzen wird in einer allgemeinen Einführung das Thema und die Zielsetzung des Rezensionsobjekts vorgestellt, in 34 Absätzen wird das rezensierte Objekt bilanzierend evaluiert, in 27 Absätzen wird das Rezensionsobjekt in die Forschungssituation eingebettet und in 23 Absätzen wird über den Autor, den Titel und den Entstehungskontext des rezensierten Objekts informiert. Das Zusammenfassen ist also jene Teilpraktik, die am häufigsten durchgeführt wird. Diese Beobachtung scheint nicht nur auf das vorliegende Untersuchungskorpus zu1447 Zumindest gilt dies für die vorliegenden 16 Rezensionen. Stichproben mit Rezensionen anderer Fachzeitschriften zeigen aber, dass diese Rezensionen keine Ausnahmen bilden. 1448 Klingenböck: »Textlinguistische und -pragmatische Überlegungen zur wissenschaftlichen Rezension«, S. 88. 1449 Ebd., S. 89. 1450 Ebd., S. 93. Vgl. ebenso Gläser : Fachtextsorten, S. 113.

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zutreffen – auch weitere Studien konnten die privilegierte Stellung des Zusammenfassens in anderen Rezensionstexten nachweisen. Matthias Hutz, der 60 deutsch- bzw. englischsprachige Rezensionen wissenschaftlicher Buchpublikationen aus dem Bereich der Linguistik und der Psychologie untersucht hat, hält etwa ebenso fest, dass die Inhaltszusammenfassung »mit großem Abstand den meisten Spielraum [einnimmt]«1451. Auch das Kritisieren ist – erwartungsgemäß – eine der wichtigeren Textpraktiken in Rezensionen und lässt sich im vorliegenden Untersuchungskorpus nach dem Zusammenfassen als zweithäufigste Teilpraktik identifizieren.1452 Das Einbetten in die jeweiligen Forschungssituationen nimmt in den untersuchten Rezensionen dagegen erstaunlich wenig Platz ein. Selbst kursorische Verweise, wie etwa Anmerkungen auf weitere Forschungen oder im Fließtext in Klammern gesetzte Referenzen, waren in den untersuchten Rezensionen die Ausnahme.1453 Nur selten werden solche direkten Anschlüsse zur Forschung gelegt wie in Knut Kiesants Rezension über eine Monografie zum »literarischen Werdegang«1454 Johann Michael Moscheroschs, wenn er darauf verweist, dass der in der Forschung »zu den Literaturverhältnissen im 17. Jahrhundert belegte Umstand der vereinheitlichenden, traditionsbefestigenden und normierenden Funktion der Bildungsinstitutionen« durch die Untersuchungen von Wilhelm Kühlmann und Walter E. Schäfer mit den an dem »konkreten Beispielfall Straßburg ablesbaren differenzierten Wandlungs- und Entwicklungsprozesse[n] [ergänzt wird]«, und sich dabei in einer Fußnote auf konkrete Angaben von Studien bezieht.1455 Häufig werden nur vage Andeutungen zum Forschungsstand gegeben, indem (ohne konkrete Angaben) festgestellt wird, dass das jeweilige Rezensionsobjekt beispielsweise als »erste sorgfältige Studie«1456 zur Rolle der Religion in der frühen Neuzeit und im 18. Jahrhundert verstanden werden könne, den »verbreiteten«1457 Schiller-Interpretationen widerspräche, direkt an den »weitgehenden Konsens in der Walser-Interpretation«1458 anschlösse oder einzelne Aspekte zur Mythenrezeption in »neue Kontexte«1459 stelle. Nur indirekt lässt sich schließen, dass es wohl weniger ›sorgfältige‹ Studien gibt, ›verbreitete‹ Interpretationsmeinungen zu Schiller vorliegen, ein ›weitgehender Konsens‹ in der Walser-Rezeption existiert 1451 Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 117. 1452 Vgl. die Definition von Ute Schneider: Die »zentrale Grundfunktion der Rezension [ist] neben der kritischen Beurteilung die zuverlässige inhaltliche Information über eine wissenschaftliche Abhandlung« (Schneider : »Rezension«, S. 346). 1453 Vgl. bspw. Barck, S. 101; Kurscheidt, S. 623. 1454 Kiesant, S. 487. 1455 Ebd., S. 488. 1456 Almog, S. 309. 1457 Alt, S. 299. 1458 Kurscheidt, S. 622. 1459 Stephan, S. 656.

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und ›bestimmte‹ Aspekte in der Mythen-Forschung zuvor nicht gesehen wurden – auch wenn offen bleibt, welche Aspekte beispielsweise gewöhnlich die Aufmerksamkeit der Forschung erhalten, worin die Interpretationen zu Schiller in der Regel übereinstimmen oder welchen Konsens die Walser-Forschung bislang erarbeitet hat. Auch wenn die jeweiligen Rezensionsobjekte somit vor dem Hintergrund bisheriger Forschungen kontextualisiert werden, werden diese Forschungen in der Regel nicht dezidiert erwähnt oder in Fußnoten aufgerufen. Dieser reduzierte Umgang mit Forschungsliteratur zeigt sich auch in den kaum vorhandenen Fuß- bzw. Endnoten in den Rezensionen.1460 In sechs Rezensionen werden keine Fuß- oder Endnoten gesetzt. In weiteren fünf Rezensionen werden unter drei Fuß- bzw. Endnoten und in fünf Rezensionen zwischen drei und sechs Fuß- bzw. Endnoten gesetzt. Dabei wird in 20 der insgesamt 30 Fuß- bzw. Endnoten in dem Untersuchungskorpus lediglich kursorisch und ohne konkrete Seitenangaben auf weitere Publikationen verwiesen. Nur in drei Fuß- bzw. Endnoten finden sich Verweise auf Forschungsliteratur mit direkten Seitenzahlen. Die restlichen sieben Fußnoten beinhalten lediglich Angaben zu dem Rezensionsobjekt bzw. zum Gegenstand der Rezension.1461 Im Fließtext der Rezensionen wird lediglich an zwei Stellen in Klammern auf weitere Forschung vergleichend (und ohne genaue Seitenangabe) verwiesen.1462 Das Einbeziehen von Forschungsliteratur und das Einbetten in spezifische Forschungssituationen fordert damit weitaus weniger Kapazitäten als etwa in Fachaufsätzen.1463

1460 Das Setzen von Fuß- oder Endnoten wird den Rezensenten in beiden Zeitschriften freigestellt und ist demnach nicht redaktionell vorgegeben. Ich bedanke mich für diese Informationen bei den Redaktionen der beiden Zeitschriften. 1461 Die Erhebungen der Fuß- bzw. Endnoten (abgekürzt im Folgenden mit FN bzw. EN) lauten: Almog (0); Alt (0); Barck (insg. 6 FN; 4 FN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben; 2 FN mit Seitenangaben aus Forschungspublikationen); Dierks (insg. 1 FN; 1 FN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben); Gailus (insg. 1 FN; 1 FN ohne Forschungsverweis, bezogen auf den Gegenstand der Rezension); Heine (0); Hirsch (insg. 4 FN; 4 FN ohne Forschungsverweis, bezogen auf den Gegenstand der Rezension); Kiesant (insg. 6 FN; 5 FN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben; 1 FN mit Seitenangabe aus Forschungspublikationen); Kraft (insg. 5 FN; 4 FN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben; 1 FN ohne Forschungsverweis, bezogen auf den Gegenstand der Rezension); Kugler (0); Kurscheidt (0); Münkner (a) (insg. 2 EN; 1 EN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben; 1 EN ohne Forschungsverweis, bezogen auf den Gegenstand der Rezension); Münkner (b) (insg. 1 EN; 1 EN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben); Nowak (insg. 3 EN; 3 EN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben); Sievert (insg. 1 EN; 1 EN mit Forschungsverweis ohne Seitenangaben); Stephan (0). Zusätzlich zu den Fußnoten bzw. Endnoten zitieren (mit direkten Seitenangaben) folgende Rezensenten aus ihren Rezensionsobjekten im Fließtext: Almog (5); Alt (14); Barck (8); Gailus (12); Heine (15); Hirsch (2); Kiesant (11); Kraft (6); Kugler (12); Kurscheidt (42); Münkner (b) (4); Nowak (10); Sievert (2); Stephan (10). 1462 Vgl. Kurscheidt, S. 623f. 1463 Vgl. in der vorliegenden Arbeit die Überlegungen in Kapitel III. 3. und 4.

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Indirekte Verweise oder vage Referenzen zu bisherigen Forschungen genügen vielfach. Allerdings wäre es vorschnell, daraus abzuleiten, dass für das Rezensieren der Bezug zur Forschung keine Bedeutung hätte bzw. dass man beim Lesen der Rezension kein Gefühl dafür entwickeln könnte, wie sich das rezensierte Objekt zur Forschungssituation verhält. Auch ohne eine konkrete oder gar ausführliche Auseinandersetzung mit anderen Untersuchungen lässt sich etwa auf die Attestierung einer eher geringen bzw. hohen Innovativität oder einer Anschlussfähigkeit für die Forschung schließen. Selbst wenn also – wie in den genannten Beispielen – nicht deutlich wird, worin sich das Rezensionsobjekt explizit von der vorangegangenen Forschung unterscheidet, entsteht der Eindruck einer Forschungssituation, vor dem das Rezensionsobjekt besteht bzw. nicht besteht. Gleichzeitig wird über das kursorische, in der Regel allgemein gehaltene Aufrufen einer Forschungslage oftmals positive oder negative Kritik vorbereitet. Peter-Andr8 Alt beispielsweise qualifiziert in seiner Rezension den Autor Karl S. Guthke als »souveräne[n] Sachkenner«, der »die Leser an einem transparent gehaltenen Argumentationsprozeß teilhaben läßt, ohne sogleich mit jenen festen Urteilen aufzuwarten, die im Fall der Schiller-Forschung rasch zu Klischees zu gerinnen pflegen«.1464 Durch die Konturierung einer Forschungssituation, aus der sich Karl S. Guthke aus Sicht des Rezensenten positiv hervortut, wird der Autor als »Sachkenner«1465 nobilitiert. Ohne zu konkretisieren und explizit darzulegen, welche Schiller-Forschung, welche konkreten ›Urteile‹ und welche – anscheinend zurückzuweisenden – ›Klischees‹ eigentlich gemeint sind, ruft der Rezensent mit diesem zugleich ungenauen bzw. nicht belegten und dennoch stark evokativen Verweis einen Forschungshintergrund auf, vor den die Arbeiten von Karl S. Guthke gestellt werden. Beim Rezensieren, so ließe sich schlussfolgern, ist die Einbettung in eine Forschungssituation zumeist weniger eine explizite, genaue oder ausführliche Auseinandersetzung mit der Forschung, wie man es etwa aus wissenschaftlichen Aufsätzen oder Monografien kennt. Rezensionen verfügen demnach einerseits über spezifische »Lizenzen, darunter jene der Suspendierung von den Nachweis- und Kohärenzzwängen monographischer Argumentation«1466. Andererseits schaffen sie mit vagen Hinweisen auf ein nicht genauer konturiertes und ausführlicher beschriebenes Forschungsfeld eine ›Ausgangssituation‹, die es erlaubt, andere Teilpraktiken des Rezensierens zu lancieren. Das Einbetten in eine Forschungssituation im Rahmen des Rezensierens ist demnach mit weiteren Teilpraktiken – insbesondere jener des Kritisierens – eng verkettet. 1464 Alt, S. 296f. 1465 Ebd. 1466 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 287.

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Die Teilpraktik des Kritisierens lässt sich in 43 Prozent der Absätze registrieren und zählt damit zum inneren Kernset des Rezensierens. Zeigt sich die Operation des Einbettens in Forschungssituationen als zugleich vage und evokativ, so zeichnet sich die Teilpraktik des Kritisierens vor allem durch eine spezifische Relationalität negativer und positiver Aspekte aus. Finden sich etwa im Feuilleton auch vergleichsweise ›harte‹ Verrisse oder uneingeschränkt positive Besprechungen, sind solche eher unipolaren Kritiken bei wissenschaftlichen Rezensionen die absolute Ausnahme.1467 Zumeist kann das rezensierte Objekt in spezifischen Hinsichten überzeugen, wohingegen andere Aspekte bemängelt werden.1468 In der Regel ist demnach weder alles richtig noch alles falsch. Die Teilpraktik des Kritisierens manifestiert sich darin, dass zum Kritisieren zugehörige Aktivitäten wie Anerkennen, Loben, Würdigen und Bemängeln, Problematisieren, Infragestellen miteinander kombiniert und aufeinander bezogen werden. Exemplarisch zeigt sich das etwa in der Rezension von Hartmut Kugler, wenn er festhält, dass die »allzu großzügige historische Kontextualisierung […] den ansonsten lesenswerten Beitrag von Sarah Romeyke in seinen Schlussfolgerungen problematisch [mache]«1469. Ebenso in der Rezension von Peter-Andr8 Alt, in der er angibt, dass die Kapitel in der Monografie von Karl S. Guthke zu Maria Stuart und der Jungfrau von Orl8ans »[d]urchaus belebende (wenngleich nicht vollends neue) Einsichten«1470 lieferten. In diesen beiden Beispielen ziehen die Rezensenten positive wie negative Kritikpunkte zusammen. Auch wenn eine als zu ausführlich kritisierte »historische Kontextualisierung« zu »problematischen« Rückschlüssen führt, kann ein Beitrag dennoch »lesenswert« erscheinen.1471 Selbst wenn einer Interpretation »belebende«1472 Impulse attestiert werden, kann deren Innovativität zugleich eingeschränkt werden. Die Relationalität von Kritik geht hier mit einer Relativierung einher. Diese Relativierung von positiver bzw. negativer Kritik zeigt sich oftmals in der Verwendung von approximativen Partikeln.1473 Wenn Stephan Kraft in seiner Rezension über die Habilitationsschrift von Gertrud Maria Rösch konstatiert, dass die Autorin mit ihrer Interpretation zur Lektürepraxis eine »wichtige Ar1467 Eine Ausnahme bilden in den untersuchten Rezensionen Kurscheidt und Nowak. In beiden Rezensionen überwiegen (im Verhältnis zu den anderen Rezensionen) die negativen Kritikpunkte deutlich. 1468 Zu diesem Ergebnis kam auch Ursula Klingenböck in ihrer Studie. Vgl. Klingenböck: »Textlinguistische und -pragmatische Überlegungen zur wissenschaftlichen Rezension«, S. 97f. 1469 Kugler, S. 216. 1470 Alt, S. 298. 1471 Kugler, S. 216. 1472 Alt, S. 298. 1473 Vgl. hierzu die linguistischen Untersuchungen von Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 120ff.

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beit« vorlegt, zugleich aber suggestiv fragt, ob die Autorin »nicht doch ein wenig über das Ziel hinausschießt«, und anmerkt, dass ein »gelegentlich noch distanzierterer Blick auf das Phänomen« hilfreich gewesen wäre, attestiert er dem rezensierten Objekt prinzipiell ein hohes Maß an Relevanz und problematisiert gleichzeitig partiell die eingenommene Perspektive.1474 In ähnlicher Weise kritisiert Alfred Hirsch in seiner Rezension Young-Ok Kims Forschungen zu Walter Benjamins Kafka-Lektüre. Die zentrale, titelgebende Idee des »Selbstporträts im Text des Anderen«, das Walter Benjamin in seiner Aneignung der Texte Franz Kafkas anfertige, erscheine ihm grundsätzlich erwägenswert und erlaube »erstaunliche« Beobachtungen – zumal die Autorin diese Idee aus Sicht des Rezensenten hervorragend umsetze und ihr »[g]anz auf der Höhe der zeitgenössischen Benjamin- und Kafka-Rezeption […] eine Studie gelungen [sei]«.1475 Zugleich benennt der Rezensent aber problematisierungsbedürftige Aspekte: Die Diagnose dieser nicht ganz unproblematischen Rede vom ›Selbstporträt‹ Benjamins im Text Kafkas kulminiert in der Frage nach dem ›Scheitern‹ Benjamins und demjenigen – allein aus logischen Gründen von diesem nicht mehr zu trennenden – Kafkas.1476

Hier wird deutlich, wie der Rezensent die untersuchungsleitende These als zustimmungswürdig geltend macht und seine grundsätzlich positive Kritik gleichzeitig in spezifischen Hinsichten relativiert. Auch wenn er Young-Ok Kims Deutung prinzipiell folgt, stimmt er der Autorin nicht in allen Aspekten zu. Diese Relationalität und Relativität des Kritisierens zeigt sich auch an anderer Stelle bei Alfred Hirsch. Der Rezensent bezieht sich auf einen von Walter Benjamin zitierten Satz von Franz Kafka (»Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung – nur nicht für uns«1477), der für die Autorin einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Kafka-Rezeption Benjamins bildet, und kritisiert die Schlussfolgerungen der Autorin: Mag man nun hieraus – und sicher stützbar auf spätere briefliche Äußerungen Benjamins – den Schluß ziehen, wie Kim es tut, daß dadurch deutlich werde, daß Benjamin nun selbst auch ein ›Gescheiterter‹ sei, da er bei Kafka eine Hoffnung auf Erlösung ›für uns nicht‹ mehr entdecken könne, so legt dies doch nur die halbe Wahrheit der Benjaminschen Kafka-Lektüre frei.1478

Hier wird die Deutung der Autorin zunächst affirmiert. Auch »spätere briefliche Äußerungen Benjamins«1479 könnten ihre Interpretation stützen. Gleich im 1474 1475 1476 1477 1478 1479

Kraft, S. 298 [Hervorhebung, F. S.]. Hirsch, S. 632. Ebd., S. 633 [Hervorhebung, F. S.]. Zit. n. ebd., S. 634. Ebd. Ebd.

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Anschluss problematisiert der Rezensent ihre Überlegungen in einer bestimmten Hinsicht und schlägt eine ergänzende Alternative vor, die berücksichtige, dass »Benjamins Kritikverfahren selbst Umsetzung und Vollzug einer Absage an eine einheitliche Sinnzuweisung und eine auf Identität zielende Interpretation [sei]«1480. In diesem Beispiel relativieren weitere Materialquellen (spätere Briefe Benjamins) zu einem gewissen Grad die Kritik der vorgeschlagenen Deutung. Gleichzeitig bringt die Passage die Kritik und die alternative Lektüre des Rezensenten pointiert zum Ausdruck. Es nicht eine scheiternde Existenz, sondern das Scheitern von Identität, um die es bei Kafka und Benjamin ginge. In anderen Rezensionen wird der jeweiligen Bearbeitungsweise durch den Publikationskontext Geltung zugesprochen. So etwa in der Rezension von Heike Sievert über die Monografie von Michael Niedermeier zur »Erotik in der Gartenkunst«1481: Daß die theoretische Reflexion über das methodische Vorgehen des Autors weitgehend fehlt, ist sicher der repräsentativen Gestaltung des großformatigen und reich bebilderten Bandes geschuldet, dessen Zielgruppe ein nicht unbedingt germanistisch geschultes, sondern ein sehr breites, kulturgeschichtlich interessiertes Publikum ist, dem differenziertere theoretische Ausführungen ohnehin eher gleichgültig sein dürften.1482

In diesem Beispiel wird ein rezeptionsbezogener Aspekt in den Blick gerückt, um die jeweilige Umgangsweise des Autors mit seinem Gegenstand zu rechtfertigen. Das fast vollständige Fehlen einer »theoretische[n] Reflexion über das methodische Vorgehen« wird auf die Erwartungen eines »germanistisch geschulte[n]« Lesers bezogen und entsprechend kritisch angemerkt.1483 Dennoch wird diese Auslassung aber nicht etwa als zu bemängelndes Versäumnis des Autors geltend gemacht.1484 Vielmehr liefere das ›breitere‹ Zielpublikum der Publikation gute Gründe für die Vernachlässigung des Theoretisierens. Ebenso gibt die Rezensentin an, dass die zentrale Bedeutung der Gartenkultur als Gegenentwurf eines durch die »technologisch motivierte Bearbeitung und Ausbeutung der Natur« induzierten »Harmonieverlustes« mit Blick auf »das 20. Jahrhundert sicher ausführlicher zu diskutieren wäre, als das im Rahmen dieses Bandes offensichtlich möglich war«.1485 Der spezifische Darstellungsrahmen des »großformatigen und reich bebilderten Bandes« gleiche aber die

1480 1481 1482 1483 1484 1485

Ebd. Vgl. Sievert. Ebd., S. 655. Ebd. Ebd. Ebd., S. 655f.

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von der Rezensentin für zu kurz befundene Diskussion der historischen »Relevanz« aus.1486 An diesen Beispielen lässt sich erkennen, dass Relationalität und Relativität nicht nur anhand objektinterner, sondern auch anhand objektexterner Bezugsgrößen hergestellt werden kann. So wird das Rezensionsobjekt neben der Auseinandersetzung mit der gewählten Umgangsweise zusätzlich in einen multifaktoriellen Bezugsrahmen eingelassen. Berücksichtigt werden etwa der Rezeptionskontext, die Darstellungsform oder hinzugezogene Quellen wie die Briefe Walter Benjamins. Weitere Komplexität erfährt das Kritisieren – das Anerkennen, Loben, Würdigen und Bemängeln, Problematisieren, Infragestellen etc. – in Form einer flexiblen Rangierung einzelner Kritikpunkte, also dadurch, dass die angeführten Aspekte gegeneinander abgewogen werden. Inge Stephan kommt etwa zu dem Schluss, dass »ungeachtet der Tatsache, dass viele der Beiträge interessante Aspekte aufgreifen«, der von Olaf Hildebrand und Thomas Pittrof herausgegebene Sammelband über keine ausreichend »leitende Fragestellung« verfüge.1487 Auch wenn also viele Beiträge »interessante Aspekte« liefern, sieht sich die Rezensentin nicht bereit, das von ihr bemängelte Fehlen einer »leitenden Fragestellung« damit auszugleichen.1488 Dass Kohärenz in der Zusammenstellung von Aufsätzen in Sammelbänden grundsätzlich höher rangiere als Interessantheit, lässt sich daraus allerdings nicht schlussfolgern. Karlheinz Barck erwähnt in seiner Rezension noch nicht einmal die Organisation der Beiträge in den von ihm rezensierten Sammelbänden, sondern fokussiert nur ihren »gedanklichen Reichtum«1489. Kurt Nowak bezieht sich in seiner Rezension weder auf Kohärenz noch auf Interessantheit, sondern gewichtet Genauigkeit in den bibliographischen Angaben seines Rezensionsobjektes so hoch, dass er seine Rezension sogar mit der »Mahnung eines renommierten Romanisten« schließt: »Verifiez tout!«1490 Welche Aspekte oder Akzentuierungen des rezensierten Objektes gegeneinander in Stellung gebracht werden, welche davon höher oder niedriger rangieren als andere, welche Fehler oder Mängel ausgeglichen werden können oder gar zu vernachlässigen sind, lässt sich daher nicht generalisierend bestimmen, sondern nur operativ festhalten bzw. rekonstruieren. Fragen, etwa danach, bis wohin eine avisierte Leserschaft fehlendes Theoretisieren entschuldigen kann, an welchem Punkt man über »Druckfehler«1491 und »Druck-

1486 1487 1488 1489 1490 1491

Ebd., S. 655. Stephan, S. 658. Ebd. Barck, S. 101. Nowak, S. 439. Vgl. ebd.

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versehen«1492 nicht mehr hinwegsieht oder ab wann einzelne als positiv hervorgehobene Aspekte nicht mehr ausreichen, um eine Publikation insgesamt als anschlussfähig zu evaluieren, lassen sich kaum pauschal beantworten. Vielmehr werden solche Taxierungen (die Relationierung und Relativierung von Kritik sowie die flexible Rangierung der Kritikpunkte) in jeder einzelnen Rezension vorgenommen – und zwar zumeist mit dem Ziel, die Teilpraktik des Evaluierens vorzubereiten. Das Kritisieren ist eng mit dem summarischen bzw. bilanzierenden Gesamturteil des rezensierten Objektes verbunden. Auffallend sind die überwiegend positiven Gesamturteile. Fast 70 Prozent der untersuchten Rezensionen sind insgesamt positiv.1493 Der zumeist positive Tenor beim Evaluieren in Rezensionen, der auch im vorliegenden Untersuchungskorpus auszumachen ist, wurde in der Forschung wiederholt diskutiert. Eine der ersten Studien legten die Soziologen Dean J. Champion und Michael F. Morris in den 1970er-Jahren vor.1494 Darin untersuchen sie 2378 Rezensionen, die in den Zeitschriften American Journal of Sociology, American Sociological Review und Social Forces zwischen 1949 und 1971 publiziert wurden, um den Anteil von positiven und negativen Evaluationen zu bestimmen. Was für die 16 Rezensionen der vorliegenden Arbeit gilt, halten auch die beiden Soziologen für ihr Forschungsmaterial fest: »Nearly 70 % of the reviews for these years expressed positive attitudes toward the books, less than 20 % were negative […].«1495 Das Ergebnis,1496 die beobachtete Tendenz, dass Rezensionen in der Regel »overwhelmingly positive«1497 seien, deuten die Soziologen als Indiz für eine (antizipierte) wechselseitige Abhängigkeit zwischen Rezensent und Autor, die dazu führe, dass negative Evaluationen in Rezensionen zur Ausnahme gerieten und positive Evaluationen als Ausdruck von Kritiklosigkeit und bloßer Affirmation gewertet werden müssten.1498

1492 Vgl. ebd. 1493 Folgende Rezensionen kommen zu einem insgesamt positiven Gesamturteil: Almog, Alt, Barck, Heine, Hirsch, Kiesant, Kraft, Kugler, Münkner (b), Sievert. Inge Stephan rezensiert insgesamt sieben Publikationen und evaluiert fünf davon insgesamt positiv. 1494 Siehe Champion, Morris: »A Content Analysis of Book Reviews«. 1495 Ebd., S. 1256. Die restlichen knapp zehn Prozent führten keine (positive oder negative) Kritik auf, sondern fassten lediglich die jeweiligen Rezensionsobjekte zusammen. 1496 Dass in Rezensionen eine Tendenz zur positiven Evaluation vorherrscht, wurde schon in unterschiedlichen Studien (und bezogen auf verschiedene Wissenschafts- bzw. Fachkulturen) nachgewiesen: Vgl. bspw. Bilhartz: »Academic Book Reviewing«; Wheeler, Natowitz: »The Appearance of Praise«; Snizek, Fuhrman: »Some Factors Affecting the Evaluative Content of Book Reviews«. 1497 Champion, Morris: »A Content Analysis of Book Reviews«, S. 1261. 1498 Vgl. zu dieser Deutung auch Thomalla: »Second-Class Citizens. Zur Lage des Rezensionswesens«, S. 140.

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Obwohl positive Evaluationen in der Studie von Dean J. Champion und Michael F. Morris sowie in der Erhebung der hier untersuchten Rezensionen deutlich überwiegen, negative Evaluationen sicherlich mit einem erhöhten Risiko einer sozialen Sanktionierung einhergehen und soziale Interdependenzen eine wichtige Rolle spielen mögen, lässt sich aus diesen Befunden nicht zwangsläufig ableiten, dass das Rezensieren insgesamt affirmativ, bejahend bzw. unkritisch sei. Zu dieser Einschätzung kann man nur gelangen, wenn man das Evaluieren als Teilpraktik des Rezensierens überschätzt – und das Kritisieren als Teilpraktik des Rezensierens unterschätzt. Im vorliegenden Untersuchungskorpus zeigt sich demnach deutlich, dass positiv evaluierte Rezensionsobjekte durchaus (und nicht selten zu hohen Anteilen) negativ kritisiert werden. Auch wenn die meisten Rezensionen zu einem positiven Gesamturteil kommen, geht diesen Evaluationen eine spezifische Form des Kritisierens voraus, in der sowohl anerkannt, gelobt und gewürdigt als auch bemängelt, infrage gestellt und problematisiert wird. In allen untersuchten Rezensionen konnten diese Relationierungen und die damit verbundenen Relativierungen und Taxierungen beobachtet werden. So hält etwa Inge Stephan evaluierend fest, dass auch wenn der »ambitionierte komparatistische Aspekt« nicht in allen Beiträgen in dem von Monika Schmitz-Emans und Uwe Lindemann herausgegebenen Sammelband Komparatistik als Arbeit am Mythos eingehalten würde, die Publikation »als Ganzes gesehen« dennoch »ein wichtiger Mosaikstein in den aktuellen Mythos-Debatten« sei.1499 Auch Peter-Andr8 Alt gibt zu verstehen, dass »Guthkes Vorsatz, die psychologische Kompetenz des Dramatikers Schiller deutlicher als bisher herauszuarbeiten«, nicht in »sämtlichen Fällen« aufginge, aber grosso modo »stets anregende Lektüren« garantiere.1500 Ebenso bilanziert Hartmut Kugler, dass der von ihm kritisch rezensierte Sammelband von Christina Lechtermann und Carsten Morsch insgesamt als »hilfreich und anregend«1501 zu bewerten sei. Auch Stephan Kraft kommt zu dem Schluss, dass trotz der vereinzelten Beanstandungen, welche »das Projekt nicht im Kern« träfen, mit der Habilitationsschrift von Getrud Maria Rösch eine wichtige und Neuland erschließende Arbeit nicht nur zur Schlüsselliteratur im Besonderen, sondern auch – so ließe sich der Untertitel der Studie vielleicht etwas treffender reformulieren – zur Geschichte der Verhandlungen über das Verhältnis von Faktizität und Fiktionalität im Allgemeinen [vorliege].1502

Auch Heike Sievert hält am Ende ihrer Rezension fest, dass nur insoweit »der Gefahr begegnet wird, Literatur im Stil der Kulturgeschichten des 19. Jahrhun1499 1500 1501 1502

Stephan, S. 657. Alt, S. 296. Kugler, S. 127. Kraft, S. 298.

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derts zur bloßen Geschichtsillustration zu degradieren oder beides gar zu verwechseln«, der Ansatz der von ihr rezensierten Publikation über die Gartenkunst als »außerordentlich produktiv und anregend« bewertet werden könne.1503 Selbst wenn überwiegend negative Kritik geäußert wurde, wie etwa in der Rezension von Andreas Gailus zu Christoph Menkes Gegenwart der Tragödie,1504 kommt der Rezensent zu dem Gesamturteil, dass es sich dabei um ein »kluge[s]« und »großartige[s]« Buch handle.1505 Evaluationen können gleichsam überraschend zu den vorangegangenen Teilpraktiken ausfallen.1506 Zwar wird die Teilpraktik des Kritisierens beim Rezensieren mit Blick auf ein zutreffendes Gesamturteil ausgeführt – Kritik und Evaluation sind also miteinander verbunden. Indes lässt sich diese Verbindung nicht als Ergebnis einer ›Rechnung‹ vorstellen, in der alle positiven und alle negativen Kritikpunkte lediglich addiert werden, so dass der höhere Anteil den Ausschlag für die Gesamtbewertung gibt. Weder können alle (positiven wie negativen) Kritikpunkte gleich gewichtet werden, noch gibt es stabile Koeffizienten, anhand derer man dem jeweiligen Kritikpunkt ein allgemein gültiges ›Gewicht‹ zusprechen könnte (etwa in dem Sinn, dass Schlüssigkeit mehr als Stil wiege, aber niedriger als innovative Schlussfolgerungen rangiere etc.). Vielmehr muss zunächst das jeweilige proportionale Verhältnis erfasst werden (eine historisch uninformierte Argumentation kann beispielsweise auch die innovativsten Schlussfolgerungen konterkarieren). Hinzu kommt, dass das Evaluieren nicht vollständig durch das Kritisieren (und die in Anschlag gebrachten Normen als Maßstäbe der Kritik) determiniert ist. Es ist demnach zu kurz gegriffen, angesichts überwiegend positiver Evaluationen auf eine insgesamt ›unkritische‹ und ›affirmative‹ Haltung und damit auf strukturelle Defizite des Rezensionswesens (oder gar eines Fachs) zu schließen.1507 Nicht nur vor dem Hintergrund der Relevanz des Kritisierens, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass lediglich ein bestimmtes Segment an Veröffentlichungen rezensiert wird – jene nämlich, welche »die Vermutung für sich [haben], […] rezensionswürdige Bücher zu sein«1508 –, ist die hohe Anzahl an positiven Evaluationen nicht allzu verwunderlich. Ob sich diese Beobachtungen und das Set an sedimentierten Teilpraktiken – das Informieren, das Vorstellen, das Zusammenfassen, das Einbetten des rezensierten Objekts in die Forschungssituation, das Kritisieren und das Evaluieren – sowie ihre Verkettungen, die Rezensionsobjekte und ihre Rezensenten in 1503 1504 1505 1506

Sievert, S. 656. Vgl. Gailus. Ebd., S. 613. Zu diesem ›Überraschungseffekt‹ vgl. auch die Überlegungen von Klingenböck: »Textlinguistische und -pragmatische Überlegungen zur wissenschaftlichen Rezension«, S. 98. 1507 Vgl. solche Positionen zusammenfassend bei Mey : »Wozu Rezensionen?«, o. S. 1508 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 284.

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Rezensionen der Zeitschriften Digital Humanities Quarterly und Digital Studies / Le champ num8rique auffallend verändert haben bzw. in welchen Hinsichten in dieser Phase des Forschungsprozesses Modifikationen oder Verschiebungen mit Aspekten der Digitalisierung in Verbindung stehen, soll in der nächsten Studie untersucht werden.

3.

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Nähert man sich vor dem Hintergrund der Beobachtungen der ersten Studie den Rezensionen aus dem zweiten Untersuchungskorpus1509, fallen zunächst die Ähnlichkeiten auf Ebene der Objektauswahl auf. Im Zentrum der Rezensionen aus dem zweiten Untersuchungskorpus stehen auch Monografien. In den untersuchten 13 Rezensionen handelt es sich bei den insgesamt 15 Rezensionsobjekten um 13 Monografien und zwei Sammelbände.1510 Datenbanken, Datensätze, Software oder Textkorpora kamen als Rezensionsobjekte im vorliegenden Korpus nicht vor.1511 Auch in diesen Rezensionen stehen gedruckte Bücher im Mittelpunkt. Rezensiert wurden literaturgeschichtliche Publikationen,1512 medienphilosophische Theoriearbeiten,1513 wissenschafts- bzw. disziplingeschichtliche Veröffentlichungen1514 und einzelne Analysen digitaler Objekte, wie etwa »elektronische Literatur«1515, »digitale Lyrik«1516 oder Computerspiele1517. Konzentrierten sich die Rezensionen aus dem ersten Untersu1509 Die genaue Auflistung der Rezensionen des zweiten Untersuchungskorpus findet sich im Materialverzeichnis. 1510 Die genaue Erhebung lautet: Monografie: Drucker (a), Drucker (b), Egan, Guzetta, Hoskins, Pinto, Portela (a), Portela (b), Reside, Ross (a), Ross (b), Schneider; Sammelbände: Clavert, Pinto. Auf die Differenzierung der Monografien in Qualifikationsschriften musste verzichtet werden, da im amerikanischen und britischen Hochschulsystem Habilitationsleistungen nicht zwangsläufig mit einer als solcher ausgezeichneten Qualifikationsschrift einhergehen. Lediglich Dissertationen lassen sich eindeutig identifizieren. Diese kamen im vorliegenden Untersuchungskorpus aber nicht vor. 1511 Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch Rüdiger Hohls in einem Vortrag, der sich mit dem Rezensieren digitaler Medien bei H-Soz-Kult (einer moderierten Informations- und Kommunikationsplattform für Historikerinnen und Historiker) beschäftigte: »Auf H-SozKult wurden seit 2003 mehr als 14.000 gedruckte Bücher rezensiert. Demgegenüber sind digitale Ressourcen als Rezensionsobjekte wesentlich weniger vertreten: Seit 2003 wurden rund 173 Webseiten rezensiert, seit 1999 insgesamt rund 200 digitale Veröffentlichungen, womit vor allem CD-ROMs gemeint sind.« Vgl. die Zusammenfassung seines Vortrags in Henny-Krahmer et al.: »Ressourcen und Rezensionen in den Digital Humanities«, o. S. 1512 Vgl. Egan, Guzetta, Hoskins, Ross (a), Ross (b). 1513 Vgl. Drucker (b), Portela (b), Schneider. 1514 Vgl. Drucker (a), Pinto, Reside. 1515 Vgl. Portela (a). 1516 Vgl. Portela (b). 1517 Vgl. Reside.

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chungskorpus allerdings auf Publikationen, die im Titel konkrete Objekte benennen – etwa Friedrich Schillers Dramen1518, Walter Benjamins Kafka-Lektüre1519 oder Robert Walsers Schriften1520 –, fokussieren die Rezensionen aus dem zweiten Untersuchungskorpus Publikationen, deren Titel auf allgemeinere oder breitere Zusammenhänge deuten: »Reading Tomorrow : From Ancient Manuscripts to the Digital Era«1521, »Electronic Literature: New Horizons for the Literary«1522 oder »Digital Methods and Literary History«1523. Diese Beobachtungen könnten dahingehend gedeutet werden, dass die Titel der Rezensionsobjekte aus der ersten Studie Ausdruck eines hohen objektbezogenen Spezialisierungsgrads sind, welcher sich einerseits in einer starken Konzentration auf einzelne Gegenstände und Forschungsbereiche abbildet und sich andererseits durch die Sekundarisierung der jeweiligen Umgangsweisen mit diesen Gegenständen im Titel zeigt. Dagegen verweisen die Titel der Rezensionsobjekte in der zweiten Studie auf einen eher niedrigen objektbezogenen Spezialisierungsgrad. Dieser deutet sich in einer geringen Konzentration auf einzelne Gegenstände und Forschungsbereiche bei gleichzeitiger Priorisierung der Umgangsweisen an. Diese unterschiedlichen Fokussierungen lassen sich auch – darauf wird in den weiteren Ausführungen zurückzukommen sein – in weiteren Praxiszusammenhängen beobachten. Auffällig ist zudem, dass auch diese Rezensionen nicht unmittelbar nach dem Erscheinen der Rezensionsobjekte veröffentlicht wurden. Sieben Rezensionsobjekte wurden im Jahr nach der Veröffentlichung besprochen, sechs wurden zwei Jahre nach ihrer Publikation rezensiert, ein Rezensionsobjekt sogar über zwei Jahre später. Nur ein Rezensionsobjekt wurde direkt im Jahr der Veröffentlichung vorgestellt.1524 Dass diese Ergebnisse keineswegs als Ausnahme gelten können oder als lediglich für die vorliegenden Zeitschriften typisch zu verstehen sind, zeigen die Erhebungen von Eileen L. McGrath, Winifred Fordham Metz und John B. Rutledge.1525 In ihrer Studie untersuchen sie – ohne 1518 1519 1520 1521 1522 1523 1524

Vgl. Alt. Vgl. Hirsch. Vgl. Kurscheidt. Vgl. Clavert. Vgl. Portela (a). Vgl. Egan, Guzetta. Die genauen Angaben zum Verhältnis zwischen Veröffentlichungsjahr des Rezensionsobjekts (VJ RO) und der Rezension (VJ R) lauten: Clavert 2012 (VJ RO), 2014 (VJ R); Drucker (a) 2005 (VJ RO), 2007 (VJ R); Drucker (b) 2008 (VJ RO), 2009 (VJ R); Egan 2013 (VJ RO), 2016 (VJ R); Guzetta 2013 (VJ RO), 2013 (VJ R); Hoskins 2012 (VJ RO), 2014 (VJ R); Pinto 2013 (VJ RO), 2015 (VJ R); Portela (a) 2008, 2008 (VJ RO), 2010 (VJ R); Portela (b) 2012, 2012 (VJ RO), 2013 (VJ R); Reside 2009 (VJ RO), 2010 (VJ R); Ross (a) 2013 (VJ RO), 2014 (VJ R); Ross (b) 2014 (VJ RO), 2014 (VJ R); Schneider 2011 (VJ RO), 2012 (VJ R). 1525 McGrath, Fordham Metz, Rutledge: »H-Net Book Reviews: Enhancing Scholarly Communication with Technology«.

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disziplinäre Faktoren hinzuzuziehen oder listenbezogene Einschränkungen vorzunehmen – alle englischsprachigen Rezensionen, die zwischen dem 1. Mai und dem 15. Juni 2003 auf der Diskussionsplattform H-Net – Humanities and Social Sciences Online publiziert wurden, und kommen zu sehr ähnlichen Ergebnissen. In diesem Untersuchungszeitraum wurden 106 Rezensionen veröffentlicht. Diese Rezensionen beziehen sich zu über 60 Prozent auf Publikationen, die ein Jahr nach ihrem Veröffentlichungstermin besprochen wurden. Bei 23 Prozent lagen zwischen der Rezension und dem Publikationsdatum des Rezensionsobjekts zwei Jahre. Nur knapp drei Prozent aller Rezensionen erschienen im selben Jahr, in dem auch das Rezensionsobjekt veröffentlicht wurde.1526 Obwohl wiederholt angemahnt wurde, dass eine erhöhte »Publikationsgeschwindigkeit für den Bereich der Rezensionen« zunehmend wichtiger sei und der »beträchtliche[] Zeitverzug« zwischen der Veröffentlichung einer Publikation und einer Besprechung mithilfe digitaler Kommunikations- und Publikationswege zu reduzieren sei, liefern die Ergebnisse aus der ersten Studie und aus der zweiten Studie keine signifikanten Unterschiede.1527 Die Annahme, dass die Veröffentlichungen von Rezensionen durch »das elektronische Publizieren unter Bedingungen des Open Access«1528 näher an den Publikationszeitpunkt des Rezensionsobjekts rücken würden, bewahrheitet sich – zumindest für die vorliegende Untersuchung und die Studie von Eileen L. McGrath, Winifred Fordham Metz und John B. Rutledge – nicht. Der zeitliche Abstand zwischen dem Erscheinen einer Publikation und einer dazugehörigen Rezension wird – trotz der diagnostizierten technologischen Beschleunigung des Rezensionswesens1529 – demnach nicht radikal verkürzt. Auch Eileen L. McGrath, Winifred Fordham Metz und John B. Rutledge geben mit Blick auf die Erwartungen an das Rezensionstempo von H-Net an, die Erhebungsergebnisse seien »still […] a disappointment to some«1530. Sie weisen allerdings zugleich darauf hin, dass »[b]ook reviewing« aufgrund unterschiedlicher Faktoren als langwieriger und mitunter zeitintensiver »multistep process« verstanden werden muss: First, books must be identified for review and qualified reviewers found. Next, books are sent to the reviewers, who then must read and ponder the books before writing their reviews. What technology has not been able to abbreviate is the ›think time‹ required by scholars to read a book and write a credible review of it. Reviewers have to fit reviews into their professional schedules. Deadlines are missed for e-reviews, just as they are for 1526 Vgl. zur genauen Auflistung ebd., S. 12f. 1527 Horstkemper, Landes: »Die wissenschaftliche Rezension auf dem Weg ins Web 2.0«, S. 248. Vgl. in ähnlicher Akzentuierung Helmberger : »Historische Rezensionen im Internet«, o. S. 1528 Horstkemper, Landes: »Die wissenschaftliche Rezension auf dem Weg ins Web 2.0«, S. 248. 1529 Vgl. die Thesen in: Helmberger : »Historische Rezensionen im Internet«, o. S. 1530 McGrath, Fordham Metz, Rutledge: »H-Net Book Reviews: Enhancing Scholarly Communication with Technology«, S. 13.

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print journals. Then, an editor must evaluate each review. Any back-and-forth between editor and reviewer can further delay publication of the review.1531

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass auch wenn »technology can speed the distribution of reviews, it has not radically altered the way reviews are created«1532. Die technologische Option einer erhöhten Publikationsgeschwindigkeit geht damit nicht zwangsläufig mit einer gesteigerten Praxisgeschwindigkeit einher.1533 Die Praxis fügt sich nicht der technisch bedingten Beschleunigungsmöglichkeit – und auch nicht Beschleunigungspostulaten. Vielmehr zeigt sich auch hier die spezifische Temporalität wissenschaftlicher Rezensionen. Allerdings lässt sich im vorliegenden Korpus eine Verschiebung der Rezensenten hinsichtlich ihres akademischen Status ausmachen. Wurden im ersten Untersuchungskorpus zehn Rezensionen von Doktoranden bzw. promovierten Wissenschaftlern und sechs Rezensionen von Lehrstuhlinhabern verfasst, wurden im zweiten Untersuchungskorpus nur zwei Rezensionen von ›full professors‹ geschrieben. Die restlichen elf Rezensionen stammen von Rezensenten, die entweder noch nicht promoviert waren, promoviert waren und als Post-Docs arbeiteten oder sich auf einem Qualifizierungsstatus unterhalb des ›full professorships‹, beispielsweise als ›associate‹ oder ›assistant‹, befanden. Diese Ergebnisse könnten u. a. darauf zurückgeführt werden, dass die Zeitschriften des ersten Untersuchungskorpus (Zeitschrift für Germanistik und Zeitschrift für deutsche Philologie) verglichen mit den beiden Zeitschriften des zweiten Untersuchungskorpus (Digital Humanities Quarterly und Digital Studies / Le champ num8rique) als weniger etabliert im bestehenden Institutionengefüge gelten können und reputierte Wissenschaftler diese Publikationsformate tendenziell eher privilegieren. Diese Schlussfolgerung korrespondiert mit den Beobachtungen der quantitativen Analyse von Eileen L. McGrath, Winifred Fordham Metz und John B. Rutledge.1534 Mit Blick auf die Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft halten sie fest, dass Rezensenten aus der (etablierten) Zeitschrift Journal of Southern History eher »older, more experienced, and higher up in the academic hierarchy« seien, wohingegen Rezensenten des weniger etablierten (ausschließlich online erscheinenden) Rezensionsorgans H-

1531 Ebd. 1532 Ebd. 1533 Ausgehend von dieser Beobachtung wäre es sicherlich lohnenswert, über die unterschiedlichen Temporalitäten verschiedener literaturwissenschaftlicher Arbeitsphasen (Veränderungsgeschwindigkeiten, Wiederholungsstrukturen, Beschleunigungsfaktoren, disziplinäre Rhythmen etc.) nachzudenken. 1534 Vgl. McGrath, Fordham Metz, Rutledge: »H-Net Book Reviews: Enhancing Scholarly Communication with Technology«, S. 14f.

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South »younger, less established, and somewhat more itinerant« seien.1535 Überraschend ist dieser Befund vor dem Hintergrund, dass gerade jüngere, weniger etablierte Wissenschaftler mit einer Publikation (in diesem Fall einer Rezension) in etablierten Zeitschriften ihre Karrierechancen stärker maximieren können als mit Publikationen in weniger etablierten Zeitschriften. Vor allem in Bezug auf Rezensionen, die – auch in anerkannteren Zeitschriften – im Vergleich zu Artikelbeiträgen mit geringeren Zulassungskriterien verbunden sind, erscheinen diese Ergebnisse als erstaunlich. Zugleich gilt es allerdings in Erinnerung zu halten, dass es in dem Bereich der Digital Humanities insgesamt weitaus weniger Lehrstuhlinhaber gibt als in vergleichbaren anderen disziplinären Kontexten – und der Befund zum akademischen Status der Rezensenten angesichts dessen in gewisser Hinsicht zu relativieren ist. Blickt man auf das Aktivitätsprofil der 13 Rezensionen und ihrer insgesamt 167 Absätze, ergibt sich folgendes Bild: Am häufigsten werden der Aufbau und die Gliederung sowie zentrale Aussagen des rezensierten Objekts zusammengefasst. Diese Operation lässt sich in 106 von 167 Absätzen identifizieren. In 72 Absätzen wird (negativ bzw. positiv) kritisiert, in 43 Absätzen wird das Rezensionsobjekt in Bezug zur jeweiligen Forschungssituation gesetzt, in 27 Absätzen wird das Rezensionsobjekt bilanzierend evaluiert, in 17 Absätzen wird über den Autor, den Titel und den Entstehungskontext des rezensierten Objekts informiert und in 15 Absätzen in einer allgemeinen Einführung das Thema und die Zielsetzung des Rezensionsobjekts vorgestellt. Lediglich acht Absätze konnten nicht anhand der sechs Teilpraktiken erfasst werden.1536 Insgesamt verfügen zehn Rezensionen über alle sechs Teilpraktiken,1537 nur in drei Rezensionen fehlte entweder das Vorstellen, Evaluieren oder Einbetten in die Forschung.1538 Diese Ergebnisse sind aus mehreren Gründen bemerkenswert. Auch mit Blick auf dieses Korpus lässt sich eine auffallende Stabilität des Kernsets an Teilpraktiken diagnostizieren. Über 75 Prozent der untersuchten Rezensionen verfügen über alle sechs erhobenen Teilpraktiken. Die Praktiken Informieren, Vorstellen, Zusammenfassen, Einbetten in die Forschungssituation, Kritisieren und Evaluieren prägen das Rezensieren nach wie vor maßgeblich. Außerdem sind – wie im ersten Untersuchungskorpus auch – keine festen Verkettungsmuster der Teilpraktiken erkennbar. Zwar wird oftmals in den ersten Absätzen informiert und vorgestellt, die weiteren Teilpraktiken sind aber in ihrer Verknüpfung untereinander variabel. Insofern ist die Rezensionspraxis in den vier 1535 Ebd., S. 15. 1536 Dies sind: Egan (Absatz 1–3, 13); Portela (a) (Absatz 14, 18, 20–21). 1537 Vollständig erfasst werden konnten: Clavert, Drucker (a), Drucker (b), Guzetta, Hoskins, Pinto, Portela (a), Portela (b), Reside, Ross (a). 1538 Anhand der sechs Teilpraktiken konnten folgende Rezensionen nicht vollständig erfasst werden: Egan, Ross (b), Schneider.

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Zeitschriften über einen Zeitraum von fast 30 Jahren auffallend stabil, wenngleich das Spektrum möglicher Verkettungen der sechs Teilpraktiken sehr weit ist. Zum inneren Kernset des Rezensierens zählt auch im zweiten Untersuchungskorpus das (positive bzw. negative) Kritisieren. Wie schon im ersten Untersuchungskorpus konnte die Teilpraktik des Kritisierens in 43 Prozent der Absätze identifiziert werden. Die im ersten Untersuchungskorpus skizzierte Relationierung und Relativierung von Kritik sowie die flexible Rangierung einzelner Kritikpunkte ist auch für die vorliegenden Rezensionen prägend. Manuel Portela würdigt und problematisiert beispielsweise zugleich die Analyseweise von Katherine Hayles in ihrer von ihm rezensierten Monografie über »electronic literature«: By using electronic works as tools for her interrogation of computation and digitality, Hayles is sometimes close to the point where her readings turn into allegories of her own media theory – a reading practice that is all too frequent in professional readers. This can be a productive conceptual move – as she has brilliantly demonstrated here and elsewhere – but it can also obscure other issues, particularly if the works are read as symptoms of a certain media regime or if they are treated as autonomous objects.1539

Die Analysen von Kathrine Hayles ließen sich an manchen Stellen als ›allegorisch‹ beschreiben, was einerseits in konzeptioneller Hinsicht und bezogen auf ihre ›brillant‹ veranschaulichte Medientheorie produktiv sei, aber andererseits einer gewissen Unklarheit vor dem Hintergrund spezifischer Fragestellungen Vorschub leisten könne. Frederic Clavert gibt zu verstehen, dass in der von ihm rezensierten Publikation der interessanteste Teil des Sammelbandes zugleich der inkohärenteste sei: »This part, although made up of very interesting chapters, is probably the most incoherent in the book, unfortunately, mixing chapters of very different nature.«1540 Diese an beiden Beispielen ablesbare Relationalität von Kritik wird zusätzlich mit einer Relativierung kombiniert. Nur ›manchmal‹ sei Katherine Hayles’ Analyse, aus Sicht des Rezensenten, nah an einem Punkt, an dem ihre Beobachtungen Gefahr laufen, ins Allegorische überzugehen: »By using electronic works as tools for her interrogation of computation and digitality, Hayles is sometimes close to the point where her readings turn into allegories […].«1541 ›Vielleicht ein wenig zu viel‹ setze Willard McCarty auf die Beweiskraft der analytischen Philosophie in seiner Monografie Humanities Computing: »McCarty makes perhaps too much of the authority of logic […].«1542

1539 1540 1541 1542

Portela (a), o. S. Clavert, o. S. Portela (a), o. S. [Hervorhebung, F. S.]. Drucker (a), o. S. [Hervorhebung, F. S.].

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›Zuweilen‹ entferne sich die von Markku Eskelinen entworfene Theorie der cybertext poetics von der ästhetischen Praxis: [T]his multiplication of categories is also gesturing towards a closed system whose internal formal logic and taxonomical coherence may sound, at times, divorced from actual works, aesthetical experiences, and cultural practices.1543

Es ist demnach nicht nur so, dass gewisse Aspekte in spezifischen Hinsichten gleichzeitig positiv wie auch negativ kritisiert werden können, zugleich können sie relativiert werden. Mithilfe von Approximatoren (etwa about, around, some), Häufigkeitsadverbien (z. B. often, sometimes, rarely, occasionally) oder Abtönungspartikeln (wie z. B. possibly, presumably, perhaps, somewhat, a bit, rather) werden – wie in den aufgeführten Beispielen – Kritikpunkte zusätzlich verstärkt oder abgeschwächt.1544 Gleichzeitig kann den verschiedenen Kritikpunkten auch unterschiedliches Gewicht beigemessen werden. So heben einige Rezensenten etwa positiv hervor, dass die von ihnen rezensierten Objekte in ihrer allgemeinen Einführungsleistung des jeweiligen Themas für ein »broad audience«1545 nützlich, hilfreich oder anregend seien, wohingegen andere Rezensenten nicht bereit sind, diesen Aspekt gegen die nicht erfüllten Erwartungen einer spezialisierten Auseinandersetzung aufzurechnen.1546 Die flexible Rangierung einzelner Kritikpunkte wird auch in den vorliegenden Rezensionen deutlich. Auch in diesen geht es somit nicht darum, einzelne Beobachtungen oder Thesen des Rezensionsobjekts als schlicht falsch oder uneingeschränkt richtig zu kritisieren, sondern vielmehr in manchen Bezügen und unter verschiedenen Perspektiven als diskussionswürdig, einleuchtend, interessant, problematisch, überdenkenswert oder überzeugend zu präsentieren. Auch die Beobachtung zum Evaluieren, dass in der Regel – trotz negativer Kritik – insgesamt positiv evaluiert wird, lässt sich im zweiten Untersuchungskorpus bestätigen. Keine der untersuchten Rezensionen kommt zu einem insgesamt negativen Gesamturteil. Jim Egan bemängelt in seiner Rezension ausführlich die von ihm als unterkomplex und »old-school categories« beschriebenen Konzepte, welche Matthew Jockers seinen Analysen in Macroanalysis zugrunde lege, und hält sogar fest: »[I]t [is] disappointing that Jockers chose not to engage with some of the most recent works that offer rather complex analyses, theories, meditations, etc. […]«.1547 Seine Bilanz lautet aber dennoch:

1543 1544 1545 1546 1547

Portela (b), o. S. [Hervorhebung, F. S.]. Vgl. die Auflistung in Hutz: »Zur Kulturspezifik wissenschaftlicher Rezensionen«, S. 121. Vgl. etwa Ross (b), o. S. Bspw. Hoskins oder Guzetta. Egan, o. S.

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In spite of these differences in emphases, I found Macroanalysis to offer a clear and engaging argument for the possibilities of data mining for literary scholars. I hope many scholars take up his call.1548

Auch Britt Hoskins betont in ihrer Rezension von Katherine Bodes Reading by Numbers trotz ihrer massiven Kritik, dass etwa die von ihr als »day-to-daymethods«1549 umschriebenen Vorgehensweisen der Autorin vielfach nicht explizit genug dargelegt würden und dass es sich bei dem Rezensionsobjekt nicht um ein Buch über australische Literatur handle, sondern über den australischen Buchmarkt: Overall, Reading by Numbers is a stimulating book that brings new quantitative methods to bear on longstanding questions and assumptions in Australian publishing history.1550

In ähnlicher Weise kommt Isabel Pinto zu dem Schluss, dass der von ihr rezensierte Sammelband zur Intermedialität in den Digital Humanities sich selbst zwar als »a comprehensive guide towards intermedial studies« präsentiere, sein Aufbau diese Anlage aber nur mangelhaft reflektiere. Insgesamt sei er dennoch sehr zu empfehlen: On the whole this is a useful volume for those interested in conceptualizing the aesthetics of our global world, one in which different mediums, media and mediatization converge in the reinvention of communication probes.1551

Das positive Evaluieren ist demnach sowohl für das erste als auch das zweite Untersuchungskorpus charakteristisch. Kontrastiert man dieses Ergebnis zusätzlich mit dem akademischen Status der Verfasser der Rezensionen, welche im ersten Untersuchungskorpus häufiger von reputierten Wissenschaftlern und im zweiten Untersuchungskorpus eher von Nachwuchswissenschaftlern geschrieben wurden, ließen sich auch Thesen in Frage stellen, die einen Zusammenhang zwischen positiven bzw. negativen Evaluationen und dem jeweiligen akademischen Rang der Rezensenten vermuten. Walter Hirsch und Ronald T. Potter-Efron untersuchten beispielsweise 100 Rezensionen aus den Zeitschriften American Political Science Review, American Economics Review und Philosophical Review und stellten fest, dass »low-status reviewers would tend to evaluate positively« und »high-status reviewers would tend to evaluate negatively«.1552 Für die hier vorliegenden 29 Rezensionen lassen sich solche Korrelationen allerdings nicht feststellen. Un1548 1549 1550 1551 1552

Ebd., o. S. Hoskins, o. S. Ebd., o. S. Pinto, o. S. Hirsch, Potter-Efron: »Book Reviews and the Status of Authors and Reviewers«, S. 520.

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abhängig von ihrem akademischen Status evaluierten die Rezensenten ihre Rezensionsobjekte fast durchweg positiv. Studien, wie etwa der von Walter Hirsch und Ronald T. Potter-Efron, liegt oftmals die Annahme zugrunde, dass Nachwuchswissenschaftler karrieretechnisch mehr zu verlieren hätten und daher stärker auf wechselseitige Benevolenz angewiesen seien, wohingegen etablierte Wissenschaftler (i. d. R. Lehrstuhlinhaber) keine ›Höflichkeitsrezensionen‹ mehr schreiben müssten und gewissermaßen ›rücksichtslos‹ agieren könnten, weil sie auf ihrem Karriereweg nichts mehr zu befürchten hätten. Allerdings ließe sich fragen, ob der etablierte Wissenschaftler nichts mehr zu verlieren hätte, würde er Kollegen in einer Rezension negativ evaluieren, auf dessen Gewilltsein er beispielsweise bei einem nächsten Begutachtungsverfahren oder Projektantrag angewiesen sein könnte. Könnte es nicht sein, dass sich die wechselseitige Abhängigkeit erhöht, je länger man sich in dem entsprechenden disziplinären Feld bewegt? Aus dieser Perspektive wäre es naheliegender zu erwarten, dass negative Evaluationen von Rezensenten mit einem höheren Reputationsgrad eher unwahrscheinlich sind. Außerdem könnte eine zu positiv evaluierende Rezension eines Nachwuchswissenschaftlers als unzureichende Kritikfähigkeit oder mangelhafte Expertise ausgelegt werden. Sind zu positive Evaluationen daher für Nachwuchswissenschaftler nicht riskanter als für reputierte Wissenschaftler? Vermutlich ist der Zusammenhang zwischen Reputationsgraden, sozialen Abhängigkeitsverhältnissen und Risiko(minimierungs-)strategien weitaus komplexer, als es die oben genannte Formel Je höher der akademische Rang, umso wahrscheinlicher sind negative Evaluationen bzw. umgekehrt Je niedriger der akademische Rang, umso wahrscheinlicher sind positive Evaluationen suggeriert. Eine wichtige Veränderung lässt sich hinsichtlich der Teilpraktik des Einbettens in die Forschungssituation ausmachen. Kam diese Teilpraktik im ersten Untersuchungskorpus lediglich in 17 Prozent der untersuchten Absätze vor, kann sie im zweiten Untersuchungskorpus in 25 Prozent der Absätze registriert werden. Diese Zunahme des Bemühens, das Rezensionsobjekt in einen spezifischen Forschungskontext zu setzen und Anschlüsse zu anderen Arbeiten zu legen, korrespondiert mit dem deutlichen Anstieg an Fuß- bzw. Endnoten und vor allem den im Fließtext in Klammern gesetzten Forschungsverweisen.1553 Innerhalb des Fließtextes wird in den untersuchten Rezensionen siebzigmal vergleichend auf Forschungspublikationen verwiesen, zusätzlich wird fünfzehnmal aus weiteren Arbeiten direkt zitiert. Weitere sechs Forschungsverweise (ohne genaue Seitenangabe) konnten in den Anmerkungsapparaten der Re-

1553 Auch in diesen Rezensionen ist es den Rezensenten selbst überlassen, Fuß- oder Endnoten bzw. Anmerkungen zu setzen. Redaktionell wird hierauf kein Einfluss genommen.

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zensionen identifiziert werden.1554 Shawna Ross beispielsweise zitiert in ihrer Rezension über die Monografie Distant Reading von Franco Moretti achtmal Forschungspublikationen (mit genauen Seitenangaben) und verweist fünfmal auf weitere Arbeiten (ohne genaue Seitenangaben).1555 Sie bettet Distant Reading zunächst in eine Diskussion über die Integrabilität der Digital Humanities in die Geisteswissenschaften ein, indem sie aus drei Publikationen direkt zitiert und unterschiedliche Positionen zu dem »optimism of early digital literary studies and its perils«1556 gegeneinander konturiert. Zudem problematisiert sie den dem ›close reading‹ oftmals gegenübergestellten Begriff des ›distant reading‹ in seiner für die Rezensentin zu radikalen »all-or-nothing-rhetoric«1557 und bezieht auch hier andere Forschungspositionen mit ein: Though Moretti’s all-or-nothing rhetoric is extreme and […] he is not alone contrasting new DH methods with close reading; Lev Manovich has called databases and narratives ›natural enemies‹ [Manovich 2001, 225], while Edward Whitley coolly assumes that literary critics ›value close reading over the broad brushstrokes of information visualization‹ [Whitley 2011, 188], and Matthew Wilkens serenely owns that ›we’ll almost certainly become worse close readers‹ [Wilkens 2012, 256].1558

Auch Manuel Portela misst in seiner Sammelrezension über die zwei Monografien Cybertext Poetics: The Critical Landscape of New Media Literary Theory von Markku Eskelinen und New Directions in Digital Poetry von Chris T. Funkhouser den Anschlussbemühungen an die Forschung einen hohen Stellenwert bei. So hebt seine Rezension damit an, den Titel von Markku Eskelinens Monografie über die terminologischen Überlegungen von Espen J. Aarseth zum Cypertext einzuführen: In order to understand the implications of Eskelinen’s title, we should recall the specific meaning of cybertext, which he adopts from Aarseth’s 1997 study : cybertexts are works that have ergodic features, i. e., works whose material and verbal instantiation is not completely determined until an extranoematic intervention by the user/reader occurs.1559 1554 Folgende Rezensionen führen im Fließtext in Klammer gesetzte Forschungsverweise mit genauen Seitenangaben (FF SA) bzw. ohne Seitenangaben (FF) auf: Clavert: 0 (FF SA), 5 (FF); Drucker (a): 0 (FF SA), 4 (FF); Drucker (b): 0 (FF SA), 0 (FF); Egan: 0 (FF SA), 0 (FF); Guzetta: 1 (FF SA), 1 (FF); Hoskins: 1 (FF SA), 1 (FF); Pinto: 0 (FF SA), 1 (FF); Portela (a): 1 (FF SA), 18 (FF); Portela (b): 0 (FF SA), 18 (FF); Reside: 0 (FF SA), 1 (FF); Ross (a): 8 (FF SA), 5 (FF); Ross (b): 2 (FF SA), 8 (FF); Schneider : 2 (FF SA), 8 (FF). Zusätzlich verfügen Rezensionen über Anmerkungen (i.R. als Endnotenapparate): Clavert: (1); Ross (b): (5). 1555 Siehe Ross (a). 1556 Ebd., o. S. 1557 Ebd., o. S. 1558 Ebd., o. S. 1559 Portela (b), o. S. Ein sehr ähnliches Beispiel findet sich auch bei Drucker (a), o. S.

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Neben der begrifflichen Nähe zu den Arbeiten Espen J. Aarseths verbindet der Rezensent die Monografie Cybertext Poetics mit weiteren Publikationen aus der Forschung, indem er die Monografie von Markku Eskelinen in eine Reihe ähnlich angelegter, arrivierter Arbeiten stellt und sie sogar als ›Alternative‹ nobilitiert: Eskelinen’s cybertext poetics expands Espen Aarseth’s cybertext theory, and can be seen as an alternative to N. Katherine Hayles’s recursive intermediation [Hayles 2008], Philippe Bootz’s procedural model [Bootz 2010], and Noah Wardrip-Fruin’s expressive processing [Wardrip-Fruin 2008], [Wardrip-Fruin 2009].1560

Ebenso schlägt Isabel Pinto in ihrer Rezension vor, den von ihr rezensierten Sammelband zur Intermedialität in den Digital Humanities parallel zu der Monografie von Julie Klein zur Interdisziplinarität zu lesen: Additionally, by revising the boundaries between cultural studies and digital humanities, the book can easily be read in dialogue with other recent contributions, such as Interdisciplining Digital Humanities: Boundary Work in an Emerging Field [Klein 2015].1561

Die Einbettung in die Forschung materialisiert sich – wie in den oben genannten Beispielen – somit oftmals weniger in Form einer kritischen und ausführlichen Auseinandersetzung mit einzelnen Beobachtungen oder konkreten Thesen aus der Forschung (wie sie etwa für Fachaufsätze charakteristisch wäre). Ebenso wenig zeigt sie sich als Abbildung einer nicht weiter präzisierten Forschungssituation, vor deren Hintergrund die Rezensionsobjekte konturiert und kritisiert werden (wie oftmals in den Rezensionen aus dem ersten Untersuchungskorpus). Vielmehr werden konkrete Angaben zu anschlussfähigen Forschungsarbeiten aus dem thematischen Umfeld des Rezensionsobjekts aufgelistet. Konnten im ersten Untersuchungskorpus vor allem dann Bezüge zur Forschung registriert werden, wenn über den Forschungsverweis (positive oder negative) Kritik vorbereitet werden sollte, dienen die Einbettungen der Forschung im zweiten Korpus eher der Legitimierung des Gegenstandes sowie der jeweiligen Investition – und sind daher enger mit der Teilpraktik des Vorstellens verbunden. Forschungsverweise finden sich auffallend häufig in allgemeinen Einführungen in das Thema und die Zielsetzung des rezensierten Objekts.1562 Sie werden im zweiten Untersuchungskorpus in der Regel nicht genutzt, um bestimmte Beobachtungen oder Aspekte des Rezensionsobjekts zu kritisieren oder zu problematisieren bzw. zu würdigen oder zu honorieren, sondern um die prinzipielle Beschäftigungsweise der jeweiligen Autoren mit einem bestimmten 1560 Ebd., o. S. 1561 Pinto, o. S. 1562 Exemplarisch bei Schneider, o. S.

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Gegenstand zu rechtfertigen, indem die singulären Investitionen im Umfeld anderer, konkret benannter Forschungsarbeiten situiert werden. Ein gutes Beispiel hierfür liefert Giorgio Guzetta, der in seiner Rezension über die Publikation von Matthew Jockers Macroanalysis. Digital Methods and Literary History auf die Geschichte spezifischer literaturhistoriographischer Fragestellungen hinweist: Among the questions that can be addressed in new ways, the most important one is probably that of literary influence and creativity, asked first and foremost by Bloom’s Anxiety of Influence (1997), but still in need of a more cogent, coherent, and focused approach.1563

Durch die Bezugnahme auf Anxiety of Influence erhöhen sich die Chancen auf Zustimmungsbereitschaft seitens der Scientific Community in Bezug auf die als »new way of thinking about our object of study«1564 präsentierte Studie von Matthew Jockers. Diese Studie soll somit keinesfalls als disziplinärer ›Ausreißer‹ oder ›Irrläufer‹ verstanden werden, sondern vielmehr als eine Art Fortführung vorangegangener Forschungen oder zumindest als ein Projekt, das auch auf den Überlegungen anderer Forscher beruht oder an sie anschließt. Der Rekurs auf Forschung kann daher in Zusammenhang mit der Legitimierungsbedürftigkeit des jeweiligen Aufmerksamkeitsinvestments gebracht werden. So gehen die Legitimierungsbemühungen in den Rezensionen vielfach einher mit den Innovationsproklamationen der Rezensionsobjekte. Schon die Titel der Rezensionsobjekte verweisen auf ein hohes Innovativitätsversprechen: Jessica Pressman nennt ihre Monografie Making it New in New Media1565, Katherine Hayles schreibt über New Horizons for the Literary1566 und Chris T. Funkhouser befasst sich mit New Directions in Digital Poetry1567. Diese Proklamationen, etwas dezidiert ›Neues‹ vorzustellen bzw. etwas ›Neues‹ zu tun, werden in den Rezensionen durchweg affirmiert. Die Rezensionsobjekte lieferten »›new knowledge‹ about larger trends in literary history«1568, setzten eine »new methodology«1569 um, perspektivierten »literary history from a new vantage point«1570, legten eine »new vision of the intellectual and artistic history of new media and technology«1571 vor, gingen mit »new standards for the theory and 1563 1564 1565 1566 1567 1568 1569 1570 1571

Guzetta, o. S. Ebd., o. S. Rezensiert in Ross (b). Rezensiert in Portela (a). Rezensiert in Portela (b). Egan, o. S. Guzetta, o. S. Hoskins, o. S. Ross (b), o. S.

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analysis of digital texts«1572 einher, fokussierten »new questions and old assumptions«1573, beschäftigten sich mit »new and creative forms of fiction«1574 »›new‹ fields«1575 oder einem »new way of reading new media«1576. Als »innovative discussion of literary influence«1577 oder »innovative approach to analyzing electronic literature«1578 werden die Studien gewürdigt. Vor allem im Kontrast zum ersten Untersuchungskorpus fällt im zweiten auf, dass die Norm, einen ausdrücklich ›neuen‹ Gegenstand einzuführen oder ›neue‹ Umgangsweisen vorzuschlagen und zu vollziehen, sowohl in den Rezensionsobjekten proklamiert als auch in den Rezensionen privilegiert wird. Die Adjektive ›neu‹ oder ›innovativ‹ kommen in den Titeln der Rezensionsobjekte im ersten Untersuchungskorpus nicht vor. Lediglich in vier Rezensionen konnte das Adjektiv ›neu‹ in Zusammenhang mit den evaluierten Qualitäten des Rezensionsobjekts identifiziert werden.1579 Inge Stephan hebt die »neue[n] Lesarten«1580 unterschiedlicher mythischer Figuren in dem Sammelband Komparatistik als Arbeit am Mythos hervor; Peter Andr8 Alt gibt an, dass Karl S. Guthkes Monografie »neue Einblicke«1581 in Friedrich Schillers Dramen ermögliche; Knut Kiesant weist darauf hin, dass die Studie zum literarischen Werdegang Johann Michael Moscheroschs nicht nur »neu aufgefundene Texte Moscheroschs«1582 enthalte, sondern ebenso »neue Erkenntnisse«1583 liefere; Manfred Dierks hält fest, dass der von ihm rezensierte Sammelband von Götz Großklaus und Ernst Oldemeyer in »neuartig[er]« Weise das »alte Konzept von Natur als Gegensatz zur Kultur […] um den Befund von Ambivalenz in der Einschätzung dieses Gegensatzes« erweitere: Der Gegenstand ›Natur‹ werde »mit ganz neuen Seiten (sogar als technologisch abzuschaffender) oder in neuer Beleuchtung (etwa als vermittelt durch wechselnde semiotische Erfassungscodes)« präsentiert.1584 Bezieht sich ›neu‹ im ersten Untersuchungskorpus damit auf einen Erkenntnisgewinn (»neue Erkenntnisse«1585, »neue Einblicke«1586), Konzeptualisierungen

1572 1573 1574 1575 1576 1577 1578 1579 1580 1581 1582 1583 1584 1585 1586

Portela (b), o. S. Hoskins, o. S. Clavert, o. S. Ross (b), o. S. Reside, o. S. Vgl. ebenso Schneider, o. S. Guzetta, o. S. Ross (b), o. S. Das sind: Alt, Dierks, Kiesant, Stephan. Stephan, S. 656. Alt, S. 300. Kiesant, S. 489. Ebd., S. 488. Dierks, S. 293. Kiesant, S. 488. Alt, S. 300.

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(ein »neuartig[es]«1587 Konzept von Natur) oder auf noch ungesehenes Zusatzmaterial bekannter Objekte (»neu aufgefundene Texte Moscheroschs«1588), wird ›neu‹ im zweiten Untersuchungskorpus nicht nur in Verbindung zum bisherigen Wissensstand, etablierten Konzeptualisierungen oder zu weiteren Gegenstandsbereichen (»›new knowledge‹ about larger trends in literary history«1589, »new and creative forms of fiction«1590, »›new‹ fields«1591 etc.) gesetzt, sondern vor allem in Relation zu unvertrauten Umgangsweisen (»new forms of analysis«1592, »new way of reading new media«1593, »new readings«1594, »new ways of reading«1595, »new methodology«1596, »new quantitative methods«1597, »new DH methods«1598, »the use of new tools for textual criticism«1599 etc.). Diese Befunde sind in mehrfacher Hinsicht interessant. Erstens sind demnach dezidierte Innovativitätsbehauptungen (der Rezensionsobjekte) sowie Innovativitätsbescheinigungen (der Rezensionen) – im Gegensatz zum ersten Untersuchungskorpus – für das zweite Untersuchungskorpus kennzeichnend.1600 Aus diesen Beobachtungen nun den Schluss zu ziehen, dass sowohl Rezensionsobjekte als auch die dazu gehörigen Rezensionen der Zeitschriften Zeitschrift für deutsche Philologie und Zeitschrift für Germanistik prinzipiell weder auf Innovativität zielen, noch Innovativität in ihrer Kritik präferieren, wäre zu vorschnell. Zwar wird das Vorhaben, etwas ›Neues‹ zu leisten bzw. geleistet zu haben, tatsächlich im zweiten Untersuchungskorpus auffallend häufig proklamiert (etwa in den Titeln der Rezensionsobjekte) und dieses Vorhaben in den Rezensionen mehrheitlich (und in den meisten Fällen auch würdigend) abgebildet.1601 Trotzdem wäre es unzutreffend, den Rezensionen (und Rezensionsobjekten) des ersten Untersuchungskorpus aufgrund zurückhaltender oder geringer Innovationsproklamationen eine grundsätzliche

1587 1588 1589 1590 1591 1592 1593 1594 1595 1596 1597 1598 1599 1600

Dierks, S. 293. Kiesant, S. 489. Egan, o. S. Clavert, o. S. Ross (b), o. S. Ross (a), o. S. Reside, o. S. Vgl. ebenso Schneider, o. S. Egan, o. S. Portela (b), o. S. Guzetta, o. S. Hoskins, o. S. Ross (a), o. S. Portela (a), o. S. Ob solche Postulate auch mit (fach-)kulturspezifischen Faktoren korrelieren, muss an dieser Stelle offenbleiben. Es wäre jedenfalls möglich, dass die expressive Darstellung von ›Neuigkeiten‹ in manchen Wissenschaftskulturen eher gepflegt wird als in anderen. 1601 Ein sehr gutes Beispiel liefert etwa Egan.

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»Neuerungsneigung«1602 oder einen Neuerungsanspruch abzusprechen. Der Neuheitswert der Rezensionsobjekte (ihrer jeweiligen Gegenstände, Fragestellungen und Umgangsweisen etc.) wird in den Rezensionen des ersten Untersuchungskorpus eher mittelbar und weniger proklamativ ausgedrückt. In diesen Rezensionen und ihren Objekten wird verstärkt auf Variation und Modifikation gesetzt. Es sind daher eher diskrete Verschiebungen oder Ergänzungen, die als ›neu‹ qualifiziert werden. Knut Kiesant stellt etwa aus, dass die Studie zu Johann Michael Moscherosch aufgrund zusätzlicher Texte des Autoren ›neue‹ Einsichten ermögliche; Manfred Dierks attestiert der Erweiterung bekannter Naturkonzepte Innovationspotential.1603 Zweitens ist die Konzentration auf eine ›neue‹ – in der Regel computergestützte – Umgangsweise im zweiten Untersuchungskorpus bemerkenswert. Es ist weder der Import ›neuer‹ Theorien noch der Gebrauch von ›innovativem‹ Vokabular, welche vorrangig in den Rezensionen hervorgehoben werden. Es sind die ungewohnten Umgangsweisen, die im Zentrum der rezensiven Aufmerksamkeit stehen und von denen man sich verspricht, dass »many, many, many new readings of canonical and non-canonical works«1604 möglich, »new patterns in literary history«1605 ersichtlich und »new ways of reading that open up new multiplicities«1606 wahrscheinlich würden. Im ersten Untersuchungskorpus werden Umgangsweisen auch quittiert, reflektiert, honoriert oder kritisiert; sie werden aber nicht vorrangig in Verbindung mit der Norm der Innovativität gebracht. Diese Rezensionen fokussieren eher die Proportionalität der jeweiligen Umgangsweisen. Den Rezensionsobjekten wurde etwa attestiert, zu viel oder zu wenig theoretisiert, zu ausführlich oder zu knapp kontextualisiert, zu verkürzt oder zu detailliert historisiert zu haben.1607 Steht demnach in den Rezensionen des ersten Untersuchungskorpus das im Rezensionsobjekt verwendete Set an Umgangsweisen und ihre jeweiligen gegeneinander abzuwiegenden proportionalen Anteile, also der spezifische Umgang, im Mittelpunkt, konzentrieren sich die Rezensionen im zweiten Untersuchungskorpus vielmehr auf die (computergestützte) Umgangsweise (und ihre damit in Zusammenhang stehende proklamierte und bescheinigte Innovativität). Aus diesem Grund erfährt man in den Rezensionen aus dem zweiten Untersuchungskorpus vergleichsweise wenig über den konkreten Umgang der Rezensionsobjekte mit dem jeweiligen Forschungsgegenstand. Wie genau erhoben, gerechnet, experimentiert, pro1602 1603 1604 1605 1606 1607

Vosskamp: »Das Neue als Verheißung«, S. 257. Vgl. Kiesant, Dierks. Egan, o. S. Hoskins, o. S. Schneider, o. S. Vgl. exemplarisch für die Kritik einer korrekturbedürftigen Proportionalität etwa Alt, S. 299; Barck, S. 101; Sievert, S. 655.

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grammiert, quantifiziert, visualisiert o. ä. wird, bleibt in diesen Rezensionen in aller Regel offen.1608 Vielmehr wird die generelle Umgangsweise vorgestellt und zur Diskussion gestellt. Somit ist es ohne Weiteres denkbar, dass Rezensionsobjekten, die bekannte Beobachtungen oder Thesen lediglich bestätigen und kaum ›neue‹ Erkenntnisse liefern, trotzdem ein hoher Grad an Innovativität zugeschrieben wird – weil sie bislang ungewohnte Umgangsweisen praktizieren oder mindestens vorschlagen. Nicht zuletzt liegt vermutlich hierin ein Grund, weswegen die wiederkehrende Frage, was die Digital Humanities nun an ›neuer‹ Erkenntnis brächten, nicht unbedingt leicht oder den Erwartungen entsprechend beantwortet werden kann. Im Folgenden sollen die Beobachtungen aus der ersten und aus der zweiten Studie nochmals miteinander verglichen werden, um im Anschluss daran weitere Überlegungen zu formulieren, die an zentrale Thesen der Rezensionsforschung anschließen sollen.

4.

Zusammenfassung

Versucht man nun, die Beobachtungen aus den beiden Studien nochmals miteinander in Verbindung zu bringen und konzentriert sich dabei zunächst auf die Unterschiede zwischen den beiden Untersuchungskorpora, können insbesondere vier Punkte hervorgehoben werden: Erstens unterscheiden sich die beiden Korpora in Bezug auf die Rezensionsobjekte. Werden im ersten Untersuchungskorpus eher Studien mit einem dezidiert hohen objektbezogenen Spezialisierungsgrad und damit einer starken Konzentration auf einzelne Gegenstände rezensiert, stehen im zweiten Untersuchungskorpus vorrangig Titel mit einem niedrigen objektbezogenen Spezialisierungsgrad bei gleichzeitiger Privilegierung der jeweiligen Umgangsweise im Zentrum. Zweitens waren die Rezensenten aus dem ersten Untersuchungskorpus zum Zeitpunkt der Rezension gemessen an ihren Qualifikationsgraden und Anstellungsverhältnissen etablierter als die Rezensenten des zweiten Korpus. Drittens divergieren die beiden Korpora hinsichtlich der Relevanz der Teilpraktik des Einbettens in die jeweilige Forschungssituation. Ist diese Teilpraktik im ersten Korpus von geringerer Bedeutung, nimmt sie im zweiten Korpus signifikant zu. Damit steht viertens die Korrelation zwischen Anschluss- und Legitimierungsbemühungen in den Rezensionen und den Innovationsproklamationen der Rezensionsobjekte in Zusammenhang. Lenkt im ersten Untersuchungskorpus eher die Norm der Proportionalität den jeweiligen Umgang mit den Rezensionsobjekten, ist es im 1608 Eine Ausnahme ist die Rezension von Britt Hoskins. Sie setzt sich darin relativ ausführlich mit dem Vorgehen der Autorin auseinander. Vgl. Hoskins.

Zusammenfassung

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zweiten Untersuchungskorpus die Norm der Innovativität hinsichtlich der ›neuen‹ Umgangsweisen, die in den Rezensionsobjekten umgesetzt oder vorgeschlagen wurden. Auffallend ähnlich sind die beiden Untersuchungskorpora vor allem mit Blick auf folgende fünf Punkte: Die erste Gemeinsamkeit betrifft die hohe Relevanz des Kritisierens, der Relationierung und Relativierung von Kritik sowie der flexiblen Rangierung der jeweiligen Kritikpunkte. In allen 29 Rezensionen nimmt das Kritisieren einen zentralen Stellenwert im Rezensionsgefüge ein, die drei Aspekte des Kritisierens lassen sich ebenfalls in allen Rezensionen identifizieren. Grundsätzlich enden nahezu alle Rezensionen mit einer positiven Bilanz und sprechen sich (z. T. trotz massiver negativer Kritik) für die Relevanz des Rezensionsobjekts aus. Die überwiegend positiven Gesamtevaluationen bilden damit die zweite Gemeinsamkeit. Drittens fällt auf, dass sowohl im ersten als auch im zweiten Untersuchungskorpus ausnahmslos gedruckte Bücher die Aufmerksamkeit der Rezensenten erhalten. Es werden weder Software oder Datenbanken noch E-Books o. ä. rezensiert. Die materiale Beschaffenheit der Rezensionsobjekte ändert sich nicht. Dass der zeitliche Abstand zwischen der Veröffentlichung eines Rezensionsobjekts und dem Erscheinen einer Rezension – unabhängig davon, ob die Rezension digital oder analog publiziert wurde – in den beiden Korpora konstant bleibt, lässt viertens Rückschlüsse auf die gleichbleibende Geschwindigkeit der Rezensionspraxis zu. Fünftens ändert sich nicht die Stabilität des Kernsets an Teilpraktiken. Nach wie vor ist das Set an Teilpraktiken zugleich robust und inhärent dynamisch: Das Rezensieren setzt sich maßgeblich aus den sechs erhobenen Teilpraktiken zusammen, die in unterschiedlicher Weise miteinander verkettet werden können. Auch im zweiten Untersuchungskorpus kommt keine neue computerbasierte Teilpraktik hinzu. Die oftmals monierten fehlenden Regeln oder Standards des Rezensierens stehen also einer stark ausgeprägten Regelhaftigkeit auf der Ebene der Praktiken gegenüber.1609 Das Praxisset des Rezensierens, so könnte man diese Befunde deuten, ändert sich durch technologische Interventionen nicht. Innerhalb dieses Sets lassen sich aber sehr wohl spezifische Verschiebungen ausmachen. Einzelne Teilpraktiken wie das Einbetten in die Forschungssituation nehmen an Bedeutung zu. Auch die den Praktiken inhärenten Normengebilde verändern sich. Wichtiger als die Proportionalität der einzelnen Teilpraktiken in den Rezensionsobjekten zueinander ist im zweiten Korpus die Innovativität der jeweiligen ›neuen‹ Umgangsweisen. Mit Blick auf die untersuchten Rezensionen lässt sich somit

1609 Vgl. die pointierte Zusammenstellung dieses Vorwurfs der fehlenden Standards in Bardelle: »Formen der kritischen Auseinandersetzung«, S. 54.

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Retrospektionen

konstatieren, dass Modifikationen ausschließlich innerhalb des routinisierten Praxissets stattfinden.

5.

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Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen lassen sich die vielfältigen Funktionszuschreibungen, die an das Rezensieren respektive das Produkt des Rezensierens, die Rezension, adressiert werden, in spezifischer Weise problematisieren. Ohne sich auf breite empirische Beobachtungen zu stützen, werden dem Rezensieren in der Forschung oftmals bedeutende Funktionen zugeschrieben. Häufig wird die – anscheinend – zunehmend wichtiger werdende Orientierungsfunktion1610 der Rezension hervorgehoben.1611 Denn [f]ür die einzelnen, meist hochspezialisierten Fachwissenschaftlerinnen ist es seit Beginn der Moderne kontinuierlich problematischer geworden, sämtliche Neuerscheinungen des eigenen Gebietes […] zu lesen oder Publikationen der Nachbardisziplinen auch nur zur Kenntnis zu nehmen.1612

Die »Orientierungsfunktion des disziplinären Rezensionssystems«1613 sei auch deswegen so bedeutsam, weil Rezensionen einen der nicht eben häufigen Zusammenhänge [bildeten], in welche[m] der einzelne Forscher ein stark expandierendes und sich zunehmend differenzierendes Fach noch als eines wahrnehmen und überblicken könnte.1614

In Anbetracht »steigender Publikationszahlen auch im wissenschaftlichen Sektor«1615 sei es daher eine Grundfunktion des Rezensierens, »Orientierung zu geben«1616, und eine »Verständigungsleistung im Fach«1617 zu übernehmen. Damit einher ginge die »Integrationsfunktion« des Rezensierens, insofern Rezensionen spezialisierte Forschung und generalisierte Problemkomplexe aufeinander beziehbar mach[t]en und ein bedeutsames Medium der Informationsvermittlung zwischen den Teildisziplinen der Germanistik darstell[t]en.1618

1610 1611 1612 1613 1614 1615 1616 1617 1618

Vgl. Mey : »Wozu Rezensionen?«, o. S. Vgl. hierzu Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 284ff. Schneider: »Rezension«, S. 346. Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 285. Ebd., S. 286. Mey : »Wozu Rezensionen?«, o. S. Ebd. Schneider: »Rezension«, S. 347f. Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 287.

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Folglich ließen sich Rezensionen »als essentielle Instrumente der Wissenschaftskommunikation und des akademischen Austausches«1619 begreifen: Therefore, the review, as part of an academic journal, is an essential genre in not only defining and legitimizing the discipline, but also in legitimizing participation in the professional culture of the discipline.1620

Das Schreiben, Lesen und Erhalten von Rezensionen könne als »Teil der ›Beziehungsarbeit‹«1621 gesehen werden. Das Rezensieren spiele demnach eine wichtige Rolle »in supporting both the manufacture of knowledge and the social cohesiveness of disciplinary communities«1622 : Together they comprise a crucial, and highly visible, role in academic disciplines as they assess the value of research and provide a platform for members in a community to engage with each other’s ideas and analyses in conventional fora.1623

Als »Medium der wissenschaftlichen Kommunikation, das der Positionierung und Rangzuweisung von Autor und Text in der scientific community dient«1624, übernähmen Rezensionen zudem eine »Kontrollleistung« in Form von institutionalisierte[n] Bestandteile[n] wissenschaftlichen Arbeitens, mit denen die Einhaltung sowohl allgemeiner wissenschaftsethischer Werte als auch spezifisch disziplinengebundener Regeln wissenschaftlichen Arbeitens und Publizierens überprüft wird.1625

Als »Steuerungsinstrument«1626 hätte das Rezensieren eine nicht zu unterschätzende »forschungslenkende Bedeutung«1627. Das Rezensieren bzw. die Rezension wird demnach ausdrücklich als »noteworthy sub-genre of academic writing«1628 geltend gemacht. Sie nähme einen »important part in academic life«1629 ein und spiele eine »significant role«1630 für den disziplinären Zusammenhalt. 1619 Ottner : »Zwischen Referat und Recension«, S. 41. 1620 Jalilifar, Tanavar: »In Search of the Generic Identity of the Book Review«, o. S. 1621 Klingenböck: »Textlinguistische und -pragmatische Überlegungen zur wissenschaftlichen Rezension«, S. 107. 1622 Hyland: Disciplinary Discourses, S. 43. 1623 Diani, Hyland: »Introduction: Academic Evaluation and Review Genres«, S. 1. 1624 Scheutz, Sommerlechner: »Einleitung«, S. 2. 1625 Schneider: »Rezension«, S. 347. 1626 Mey : »Elektronisches Publizieren – eine Chance für die Textsorte Rezension?«, S. 145. Zur »Steuerungsfunktion« von Rezensionen vgl. ebenso Huber: Rezension, S. 318. 1627 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 288. 1628 Bal-Gezegin: »A Corpus-Based Investigation of Metadiscourse in Academic Book Reviews«, S. 714. 1629 Hartley : »Reading and Writing Book Reviews«, S. 1194. 1630 Hyland: Disciplinary Discourses, S. 43; ebenso Bal-Gezegin: »A Corpus-Based Investigation of Metadiscourse in Academic Book Reviews«, S. 714.

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Retrospektionen

Angesichts dieser proklamierten Funktionszuschreibungen und Leistungserwartungen ist es in gewisser Weise erstaunlich, dass andere Forscher die Rezension als »Textsorte minderer Qualität«1631 oder als »second-class citizen of scientific literature«1632 porträtieren.1633 Das Rezensieren sei »– verglichen mit anderen publikatorischen Aktivitäten – innerhalb der scientific community wenig anerkannt«1634. Als »Leistungsdaten«1635 zählten Rezensionen eher weniger. Diese Sekundarisierung1636 bilde sich etwa auch darin ab, dass Rezensionen ohne eigenständige Titelangabe auskommen: »Für wissenschaftliche Rezensionen gilt, daß sie fast nie eine Überschrift haben, das Hauptthema, zumindest das, worüber gesprochen wird, ist aber explizit angegeben durch die Nennung des rezensierten Werkes.«1637 Das Rezensieren friste vielfach ein »Aschenputtel[-]«1638 bzw. »Schattendasein«1639. Rezensionen seien »Gelegenheitsarbeiten«, die lediglich als »Zweckpublikationen von geringer wissenschaftlicher Wertigkeit« zu verstehen seien, keinen »Beitrag zum Erkenntnisfortschritt« leisteten und kaum Anteil an der »Reputationsverleihung für Autoren und Rezensenten« hätten.1640 Letztlich seien Rezensionen immer schon »zu spät«, entstünden ohnehin »mehr oder weniger zufällig« und wären insgesamt einfach »zu schwach, um etwas zu bewirken«.1641 Die Stellung des Rezensierens bzw. der Rezension ist damit auffallend ambivalent. Attribuieren die einen dem Rezensieren – sogar oftmals mit Blick auf ein nicht näher bestimmtes ›Ganzes‹ der Disziplin – konstitutive, kommunikative, kulturelle oder organisatorische Funktionen, weisen die anderen diesem eine lediglich marginale Position zu. Sind Rezensionen tatsächlich »misunderstood«1642 ? 1631 Mey : »Elektronisches Publizieren – eine Chance für die Textsorte Rezension?«, S. 148. 1632 So kritisch resümierend Riley, Spreitzer : »Book Reviewing in the Social Sciences«, S. 361. 1633 Ab wann und aus welchen Gründen sich die Wertzuschreibungen über das Rezensieren verändert haben, müsste noch erforscht werden. Erika Thomalla datiert in ihrem Beitrag zum Rezensionswesen die Umbruchstelle etwa in die 1960er-Jahre. Nach 1960 hätten Rezensionen einen »massiven Geltungsverlust« erfahren. Vgl. Thomalla: »Second-Class Citizens. Zur Lage des Rezensionswesens«, S. 138. 1634 Mey : »Wozu Rezensionen?«, o. S. 1635 Ebd. Günter Mey verweist darauf, dass Rezensionen oftmals nicht als relevante Veröffentlichungen für universitäre Begutachtungskommissionen gewertet würden. 1636 Häufig werden in der Fachtextforschung Rezensionen auch als Sekundärtextsorten von Primärtextsorten wie z. B. Aufsätzen unterschieden. Vgl. Heinemann: »Textsorten des Bereichs Hochschule und Wissenschaft«, S. 705. 1637 Ripfel: »Fachtextsorten der Wissenschaftssprachen II: Die wissenschaftliche Rezension«, S. 491. 1638 Ebd., S. 492. 1639 Mey : »Elektronisches Publizieren – eine Chance für die Textsorte Rezension?«, S. 144. 1640 Spinner : »Information, Gegeninformation, Desinformation«, S. 115f. 1641 Ebd., S. 120f. 1642 Adams: »Re-Viewing the Academic Book Review«, S. 202.

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Diese paradoxale Ausgangslage lässt sich durch eine praxeologische Reformulierung der Zustandserfassungen des Rezensierens verschieben. Wenn etwa postuliert wird, dass sich durch die Lektüre von Rezensionen »ein stark expandierendes und sich zunehmend differenzierendes Fach noch als eines wahrnehmen und überblicken«1643 ließe, so stellt sich die Frage, wie viele Rezensionen gelesen werden müssten, um eine solche ›Orientierung‹ mit Blick auf eine vermeintlich homogene Einheit des Faches überhaupt erhalten zu können. Ist es möglich, anhand einer einzigen Textsorte ein derart heterogenes Fach wie die Germanistik mit ihren unterschiedlichen Teilbereichen der Linguistik, Mediävistik und Neueren deutschen Literaturwissenschaft sowie den diversen lokalen Arbeitseinheiten insgesamt zu überblicken? Lösen Lektüreerfahrungen von Rezensionen eine solche Leistungserwartung überhaupt ein? Die Überlegung, dass im Zuge eines immer größer werdenden Fachs Rezensionen der Bekämpfung der unübersichtlich gewordenen »Publikationsflut«1644 dienten, vermag ebenfalls nicht vollends zu überzeugen. Es mutet in gewisser Weise paradox an, mit dem Ziel eine als zu hoch empfundene »Publikationsdichte«1645 zu verwalten, noch mehr Texte zu produzieren. Auch der zugeschriebenen Funktion der interdisziplinären Informationsvermittlung könnte man entgegenhalten, dass Rezensionen in der Regel in spezialisierten und thematisch vorstrukturierten Zeitschriften veröffentlicht werden, die zumeist von ebenso spezialisierten Wissenschaftlern gelesen werden – und eben nicht inter- oder transdisziplinär angelegt sind. Allerdings soll nicht in Abrede gestellt werden, dass Rezensionen wichtige Funktionen erfüllen: Sie können die zeitaufwändige Lektüre einer Studie partiell ersetzen; sie helfen dabei, schneller eigene Urteile über einzelne Thesen bilden zu können; sie informieren, welche Neuerscheinungen gerade als besprechenswert gelten etc. Aus einer praxeologischen Perspektive lässt sich der Leistungskatalog von Rezensionen jedoch präzisieren. Von hier aus betrachtet muss man zunächst fragen, was sich erkennen lässt, wenn man, wie im vorliegenden Fall, 29 Rezensionen gelesen hat. Man stelle sich vor, man hätte diese Rezensionen einer disziplinfremden Person zu lesen gegeben, so würde diese im Anschluss an die Lektüre wohl kaum von sich behaupten, nun zu wissen, wie das gesamte Fach funktioniere und worauf es genau ankomme. Viel wahrscheinlicher wäre es, dass diese Person angesichts der vielfältigen, in den Rezensionen vorgestellten und different bewerteten Möglichkeiten mit Gegenständen umzugehen, schlicht irritiert wäre. Durch das Rezensieren wird deutlich – das zeigt die Untersuchung der 29 Rezensionen –, dass man nicht nur sehr heterogene 1643 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 286. 1644 Ebd., S. 282. 1645 Vgl. hierzu Mey : »Wozu Rezensionen?«, o. S.

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Retrospektionen

Gegenstände zur Bearbeitung auswählen und mit diesen unterschiedlich umgehen kann, sondern diese jeweiligen Umgangsweisen darüber hinaus in verschiedenen Hinsichten als gelungen oder misslungen bewertet werden können. Im epistemologischen Zentrum des Rezensierens stehen damit die Multioptionalität und Multinormativität (literatur-)wissenschaftlichen Arbeitens. Der multioptionale Umgang mit ›umgegangenen‹ Gegenständen und dessen multinormatives Spektrum zeichnen somit die Rezensionen aus. Insofern wirken Rezensionen durchaus »normstabilisierend«1646. Sie spielen tatsächlich eine zentrale Rolle »in helping to define and redefine the core epistemological values of particular disciplinary discourses«1647. Allerdings nicht in dem Sinn, dass eine oder mehrere Normen durch rezensive Praktiken fest fixiert würden und nach der Lektüre von Rezensionen klar sei, welche konkreten, »im Fach geltende[n] Normen«1648 in diesem Zusammenhang stabilisiert werden. Hierzu ist die Arretierung von Normen viel zu komplex. Nicht nur das Set von Normen kann in Rezensionen unterschiedlich zusammengestellt werden, auch die darin enthaltenen Normen selbst können sehr unterschiedlich gewichtet werden. So bringen etwa manche Rezensenten die Normen Gründlichkeit der Recherche, sachliche Zuverlässigkeit, Objektivität […], Fairneß im Umgang mit der Forschung, logischer Aufbau der Argumentation, Konzentration auf das Problem, schließlich Genauigkeit der Diktion1649

zur Geltung, wohingegen andere diese Kriterien gar nicht erst ins Spiel bringen, sondern eher »Interessantheit, strukturelle Übersichtlichkeit, Lesbarkeit, Stil«1650 (in unterschiedlicher Gewichtung) präferieren. Was also in Rezensionen stabilisiert (bzw. produziert und im Hinblick auf die Rezensionsgegenstände reproduziert)1651 wird, sind nicht konkrete, in ihren jeweiligen Gewichtungen fest fixierte und in jedem Zusammenhang gültige Normen. Vielmehr ist es die Stabilisierung einer variablen Anlegung von Normensets und deren flexible Gewichtung. Was in den Rezensionen deutlich zu Tage tritt, ist die Norm der Multinormativität.1652 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 280. Groom: »Phraseology and Epistemology in Academic Book Reviews«, S. 125. Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 280. Für diese Normenzusammenstellungen vgl. ebd. Ebd. Vgl. hierzu auch die Beobachtungen von Normen in anderen Arbeitszusammenhängen in Kapitel III. 2.2. 1652 Vgl. zur Multinormativität folgende Beiträge: Martus: »Epistemische Dinge der Literaturwissenschaft?«, S. 33ff.; ders.: »Wandernde Praktiken ›after theory‹?«, S. 185ff.; ders.: »Der Mut des Fehlens«, S. 71–74; ders.: »Literaturwissenschaftliche Kooperativität«, S. 56ff.; ders.: »Zur normativen Modellierung und Moderation von epistemischen Situationen«, S. 223ff. und S. 228ff.

1646 1647 1648 1649 1650 1651

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Entsprechend geht es auch nicht vorrangig oder ausschließlich darum, Orientierung über die vermeintlich aktuellsten oder wichtigsten Ergebnisse zu vermitteln (im Sinn der oben adressierten Orientierungsfunktion) und die Qualität des Rezensionsobjekts anhand fixierter Normen zu prüfen (wie es etwa die zugeschriebene Kontrollfunktion fordern würde). Vielmehr geht es darum, den konkreten Umgang mit dem Gegenstand nachzuvollziehen und mit alternativen Möglichkeiten in Beziehung zu setzen. Hätte man selbst an gewissen Stellen mehr kontextualisiert, historisiert oder exemplifiziert? Wann wären mit Blick auf welche Rezensionsobjekte intensivere Theoretisierungen nötig oder fehl am Platz gewesen? In Rezensionen zeigt sich, dass man Gegenstände auf sehr unterschiedliche Weise problematisieren kann. Neben der Multinormativität gilt es daher, die Multioptionalität zu verwalten. Registriert man diese zwei voraussetzungsreichen Aufgaben der Rezensionspraxis, könnte man demnach durchaus zu dem Schluss gelangen, dass sich im Rezensionswesen »das Fach über sich selbst [verständige]«1653 bzw. dass Rezensionen in ihrem »Modus der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung«1654 als »Meta-Kommunikationsform«1655 verstanden werden könnten. Interessanterweise – und dies ist wohl die bedeutsamste Pointe beim Rezensieren – werden diese beiden anspruchsvollen Aufträge, den unterschiedlichen Normsetzungen (der Multinormativität) und den damit in Verbindung stehenden verschiedenen Umgangsweisen (der Multioptionalität) der Rezensionsobjekte in den Besprechungen gerecht zu werden, innerhalb einer hoch formalisierten – und dadurch wenig kreditierten Textsorte – durchgeführt. Aufgrund dieser Anlage wird das Rezensieren gleichzeitig (in Bezug auf die Kultivierung komplexer Normen und die Regulierung vielfältiger Praxisoptionen) nobilitiert und (mit Blick auf die Konventionalität bzw.die relative Trivialität der textuellen Ebene) marginalisiert. In dieser letzten Beobachtung zeigt sich demnach noch einmal exemplarisch der komplexe Zusammenhang zwischen Darstellungsform und Praxisset, den die vorliegende Arbeit in unterschiedlicher Weise herausgearbeitet hat. Darstellungsformen lassen sich als Materialisierungen von Praktiken lesen. Sie sind geronnene Praxis, berichten von oder lassen Rückschlüsse auf vollzogene Praktiken und die ihnen inhärenten Normen zu. Zugleich sind sie als mehr oder weniger stark konventionalisierte Textsorten in Forschungsprozesse und Praxiszusammenhänge eingebunden. Das heißt nicht, dass Darstellungsformen das Forschungsgeschehen vollständig kontrollieren oder strukturieren könnten, aber dass sie die Praxis des Forschens in gewisser Weise mitgestalten, insofern 1653 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 285. 1654 Huber : »Rezension«, S. 318. 1655 Huber, Strohschneider, Vögel: »Rezension und Rezensionswesen«, S. 279.

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Retrospektionen

das Erfahrungswissen um eine Darstellungsform bestimmte Praktiken ›aktiviert‹ und bestimmte Verkettungen privilegiert.

V.

Fazit und Ausblick

»Unbestreitbar verändern die digitalen Technologien gerade grundlegend die Art und Weise, wie wir Forschung betreiben.«1656 Dieser Proklamation von David M. Berry lassen sich viele ähnliche Behauptungen hinzufügen.1657 So gehen beispielsweise Johanna Drucker und Constanze Baum davon aus, dass die Integration von Software, Programmen oder Tools »in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften längst zum Forschungsalltag«1658 gehöre und dass der Forschungsprozess »in zunehmendem Maße von diesen Entwicklungen«1659 beeinflusst werde. Christof Schöch und Lars Schneider halten ebenso fest, dass »mittlerweile der gesamte Prozess der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung in je anderer Form und in je unterschiedlichem Ausmaß von der Digitalisierung geprägt [sei]«1660. Gerhard Lauer resümiert, dass die Digitalisierung »ziemlich viele Lebensbereiche« verändere, vor allem »auch die Geisteswissenschaften«.1661 In gleicher Weise betonen Noah Bubenhofer und Joachim Scharloth, dass die Digitalisierung »die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften und insbesondere ihren Umgang mit Texten«1662 grundlegend modifiziere. Was in diesen Aussagen allerdings unklar bleibt, ist, was überhaupt unter ›der‹ Digitalisierung, ›dem‹ Forschungsalltag und ›dem‹ Forschungsprozess verstanden werden kann bzw. ob jene durch die Digitalisierung induzierten Modifikationen zu großen Teilen abgeschlossen und schon alltäglich geworden sind oder sich in einem status nascendi befinden. Bevor pauschalisierend radikale oder umfassende Veränderungen des gesamten Forschungsprozesses 1656 Berry : »Die Computerwende«, S. 47. 1657 Vgl. zusätzlich zu den genannten Arbeiten bspw. die Ausführungen in Meyer, Schroeder : Knowledge Machines. 1658 Drucker : »Digital Humanities als epistemische Praxis [Interview]«, S. 115. 1659 Baum: »›Digital gap‹ oder ›digital turn‹?«, S. 316. 1660 Schneider, Schöch: »Literaturwissenschaft im digitalen Medienwandel«, S. 5. 1661 Lauer : »Die digitale Vermessung der Kultur«, S. 99. 1662 Bubenhofer, Scharloth: »Maschinelle Textanalyse«, S. 1.

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Fazit und Ausblick

durch ›die Digitalisierung‹ diagnostiziert und prognostiziert werden (wie etwa in den oben zitierten Passagen), wären genauere Beobachtungen des wissenschaftlichen Forschungsalltags ratsam. Einer solchen ›Entdramatisierung‹ hat sich die vorliegende Arbeit verpflichtet. Sie ging zunächst von der Beobachtung aus, dass die Herausforderungen, vor welche ›die‹ Digitalisierung ›die‹ Literaturwissenschaft stellt, schwer zu fassen sind. Denn es lässt sich gar nicht so leicht bestimmen, was ›die Literaturwissenschaft‹ ist bzw. was sich durch ›die‹ Digitalisierung im literaturwissenschaftlichen Arbeits- bzw. Forschungsalltag eigentlich verändert. Dies liegt nicht nur darin begründet, dass der Einsatzbereich der Digitaltechnologie und ihr Gebrauchswert innerhalb von Forschungsprozessen variiert, sondern auch, dass noch relativ unklar ist, was den literaturwissenschaftlichen Alltag eigentlich prägt. Diese Unklarheit, so die Ausgangsthese, lässt sich auf die zuweilen schwache oder fehlende Sensibilität gegenüber der Explikation wissenschaftlicher Praktiken zurückführen. Um diesem Desiderat zu begegnen, wurden in der vorliegenden Arbeit insgesamt 343 Texte praxeologisch untersucht. Mit dem Ziel, verschiedene Stationen der Forschung zu beobachten und ihre jeweiligen Praxissets zu beschreiben, wurde der Forschungsprozess in heuristischer Absicht zunächst in unterschiedliche Phasen parzelliert. Für die jeweiligen Phasen wurden typische Darstellungsformen identifiziert (Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen), anhand derer sedimentierte und dokumentierte Praktiken erfasst und Praxiszusammenhänge (Avisieren, Interpretieren und Rezensieren) rekonstruiert wurden. Die 103 Call for Papers, 211 Aufsätze und 29 Rezensionen wurden dabei zwei Materialkomplexen entnommen, die Einblicke in literaturwissenschaftliche sowie literaturwissenschaftlich affine Arbeitsbereiche der Digital Humanities erlauben. Mit Blick auf Call for Papers stellte sich primär die Frage, wie ausgewählte Gegenstände als interessant, diskussions- und bearbeitungswürdig avisiert werden; mit Blick auf Aufsätze die Frage, wie spezifische Gegenstände beforscht und interpretiert werden; mit Blick auf Rezensionen die Frage, wie besprechungswürdige Publikate evaluiert werden. Ausgehend von solchen Überlegungen wurden die jeweiligen »Praxisgeschehen«1663 beschrieben und insbesondere ihre kollektiven, kooperativen, multioptionalen, multinormativen, proportionalen, prozessualen und zeitlichen Dimensionen herausgearbeitet. Es ging darum, sowohl Kontinuationen als auch Modifikationen der jeweiligen Praxissets unter digitalen Vorzeichen zu eruieren. Hierfür wurde auf Grundlage einer multifaktoriellen Anlage des Untersuchungsmaterials eine Perspektive erarbeitet, die sich – im Unterschied zu den in der Einleitung erwähnten dis-

1663 In Anlehnung an: Schäfer : »Instabilität der Praxis«, S. 23.

Fazit und Ausblick

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ziplinären Selbstbeschreibungen und Krisendiskursen – nicht auf partikulare Erfahrungen und singuläre Fallstudien stützen muss. Im Zentrum dieses Vorgehens stand somit der Versuch, aus Tiefenbohrungen in Darstellungsformen Praxiszusammenhänge zu rekonstruieren. Dabei wurden die Kollektivsingulare die Literaturwissenschaft und die Digital Humanities gerade nicht als gegebene Entitäten präskribiert, sondern als Praxisgefüge deskribiert. Anhand der drei ausgewählten Darstellungsformen wurde gezeigt, auf welche Weise sich ›Digitalisierungen‹ in den Praxiszusammenhängen des Avisierens, des Interpretierens und des Rezensierens materialisieren. Eine zentrale Beobachtung der Studie liegt darin, dass die mit der Digitalisierung verbundenen Veränderungen sich auf der Ebene der Praxis weder als eruptiv noch als substitutiv zeigen. So konnte mit Blick auf das Avisieren dargelegt werden, dass sich zwar die projektierten Gegenstände der beiden Korpora unterscheiden – anstelle von Objekten oder Objektbereichen werden im zweiten Korpus privilegiert Objektumgangsweisen projektiert –, das Avisieren sich jedoch nach wie vor aus einem stabilen Kernset an Praktiken zusammensetzt, auch wenn sich innerhalb des Praxissets die Relevanz einzelner Teilpraktiken verschiebt. Auch im Praxisset des Interpretierens lassen sich hinsichtlich der interpretierten bzw. auf Interpretationen hin bearbeiteten Objekte Differenzen zwischen den beiden Korpora ausmachen. Sie unterscheiden sich zwar nicht hinsichtlich der Kanonizität der untersuchten Objekte, denn in beiden Korpora überwiegen hochkanonische bzw. breit erforschte Objekte. In den Beiträgen des zweiten Untersuchungskorpus werden diese jedoch im Unterschied zu jenen des ersten in spezifischer Weise zusammengestellt und arrangiert. Zusätzlich konnten im zweiten Korpus drei Teilpraktiken identifiziert werden, die im ersten nicht vorkamen: das Annotieren, Quantifizieren und Visualisieren. Diese Teilpraktiken erweitern bzw. modifizieren das Praxissets des Interpretierens im zweiten Korpus. Sie lösen damit Veränderungen aus, die den gesamten Praxiszusammenhang betreffen, insofern einzelne Teilpraktiken in den Hintergrund geraten, während andere in den Vordergrund rücken. Hier zeigt sich die Logik der Verkettung von Teilpraktiken, denn die Teilpraktiken des Annotierens, Quantifizierens und Visualisierens wirken sich auf andere Teilpraktiken des Praxissets aus – allerdings ohne diesen Zusammenhang vollständig aufzulösen. Konnten mit Blick auf die Aufsätze damit Einfügungen auf Ebene der Praktiken identifiziert werden, kamen im Praxisset des Rezensierens keine weiteren Praktiken hinzu. Das Kernset an Teilpraktiken ist in beiden Korpora sehr stabil, obgleich im zweiten Korpus bestimmte Teilpraktiken relevanter werden. Zudem werden unterschiedliche Rezensionsobjekte ausgewählt. Im ersten Korpus werden vorrangig Publikationen besprochen, die sich primär auf Objekte oder Objektbereiche konzentrieren, wohingegen im zweiten Korpus vor allem Veröffentlichungen rezensiert werden, die spezifische Objektumgangsweisen fo-

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Fazit und Ausblick

kussieren. Diese Fokussierung von (computergestützten) Objektumgangsweisen ließ sich in allen drei Praxissets in den jeweils zweiten Korpora identifizieren. Eine praxeologische Perspektive auf literaturwissenschaftliches Arbeiten reagiert damit auch indirekt auf die durch die Digital Humanities forcierte Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Praktiken innerhalb von Forschung. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass unter digitalen Vorzeichen nicht etwa ganze Praxissets ausgetauscht werden, sich aber dennoch weitreichende Veränderungen und Verschiebungen registrieren lassen.1664 Diese Prozesse vollziehen sich – anders als es die in der Einleitung skizzierte Rede von einem digital turn suggeriert – allerdings keineswegs schnell oder plötzlich, sondern in diskreten Schritten, die ihrerseits wiederum durch die Integration neuer Teilpraktiken vorbereitet, angebahnt und mitunter sukzessive konventionalisiert werden. Modifikationen sind damit weder umfassend noch radikal. Sie brechen nicht ›über uns‹ hinein. Sie laufen subkutan ›innerhalb von Praktiken‹ ab. Infolgedessen reduziert sich die Problematizität von computergestützten Objektumgangsweisen, insofern die Veränderungen nicht von ›außen‹ durch eine ›unkontrollierte‹ Übernahme der Digitaltechnologie ›geschehen‹. Zugleich erhöht diese Perspektive aber die Komplexität, indem sie für die Verkettungen und wechselseitigen Abhängigkeiten von Teilpraktiken sensibilisiert. Dass bestimmte Praktiken zum Einsatz kommen, lässt sich nicht auf individuelle Entscheidungen reduzieren, die mit Blick auf ein konkretes Erkenntnisinteresse zweckrational getroffen werden. Die konzeptuelle Trias von Praxis, Praktik und Teilpraktik verweist vielmehr darauf, dass Praxissets aus gemeinsam geteilten, miteinander verwobenen und routinehaft ausgeführten Praktiken bestehen, was ihre relative Trägheit bzw. konservative Beharrungskraft begründet und zugleich meint, dass ihnen Anschlussoptionen an andere Teilpraktiken inhärent sind. Der praxeologische Verweis auf die Nicht-Bewusstheit und Routinehaftigkeit von Praktiken bedeutet dabei gerade nicht, dass Praktiken gewissermaßen wie ›auf Schienen‹ verliefen und ausschließlich auf die Stabilisierung von immer gleichen Abläufen abonniert seien. In der vorliegenden Studie wurde vielmehr gezeigt, dass Praxiszusammenhänge aufgrund der Verwobenheit ihrer Teilpraktiken immer auch die Möglichkeit von Variation, Transformation und Verschiebung einschließen. Wenn Lorraine Daston in ihrem viel beachteten Aufsatz zur »unerschütterlichen Praxis« also den Aspekt der Stabilität betont und postuliert, dass die Krisenbeschwörungen lediglich »Turbulenzen an der Oberfläche« seien, wohingegen in der »Tiefe«, wo Wissenschaftler »ihrem Geschäft nachgehen […] das Wasser weiterhin ruhig vor sich [flösse]«, dann stimmt das sicherlich für die 1664 Ausführliche Zusammenfassungen finden sich jeweils am Ende der Kapitel zum Avisieren, Interpretieren und Rezensieren.

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Diskrepanz zwischen Krisenproklamationen und der Kontinuität des normalen Arbeitsalltags.1665 Sowohl in der von Lorraine Daston fokussierten Geschichtswissenschaft als auch in der Literaturwissenschaft (und vielleicht in der Geisteswissenschaft insgesamt) stehen die Krisenbehauptungen konträr zu einem robusten Alltag, der sich in der vorliegenden Arbeit beispielsweise in den stabilen sedimentierten Praktiken des Avisierens und Rezensierens manifestiert. Allerdings suggerieren ihre Überlegungen auch, dass ›in der Tiefe‹ der Praxis keine Differenzen auftauchen würden, die den ›ruhigen Fluss‹ des alltäglichen Geschäfts irritierten bzw. störten. Diese These lässt sich angesichts der Digitalisierung nicht aufrechterhalten. Wie gezeigt wurde, evoziert die Digitalisierung Irritationen und Störungen, die sich gerade auf der von Lorraine Daston beschriebenen ›tiefen‹ Ebene der ›stillschweigenden‹ Praxis lokalisieren lassen und den ›gewohnten Fluss‹ betreffen.1666 Zugleich sind sie aber so gelagert und eingebunden, dass sie den ›Fluss der Praxis‹ nicht abrupt umlenken oder gar austrocknen, aber eben doch zum Mäandrieren bringen können. Digitaltechnologisch begründete Modifikationen provozieren damit eine gewisse Unruhe. Zugleich lassen sie sich nur schwer beobachten und beschreiben, weil sie gewohnte Routinen betreffen und das selbstverständlich gewordene Tun affizieren – und gerade diese alltäglichen Vorgänge nur selten expliziert werden. In der vorliegenden Arbeit wurden diese Verschiebungen anhand von Korpora untersucht, die unterschiedliche Darstellungsformen und Praxiszusammenhänge aus verschiedenen Stationen des Forschungsprozesses abdecken. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit von dem Außergewöhnlichen zum Alltäglichen und von der Ausnahme zur Regel verlagert, so dass sowohl Reproduktionen und Kontinuationen als auch Variationen und Transformationen beschrieben werden konnten. Der Verweis auf Häufigkeiten, wie er in den vorangegangenen Kapiteln entweder durch ausführliche Fußnotenapparate, direkte Zahlenwerte und konkrete Prozentangaben oder durch indirekte Heckenausdrücke wie ›meistens‹, ›oftmals‹, ›zumeist‹ oder ›in der Regel‹ getätigt wurde, lanciert quantitativ-empirische Fragestellungen nach Verteilungen, Regelmäßigkeiten, Verhältnissen und Korrelationen. Insofern unterhält eine Praxeologie der Literaturwissenschaft eine Art Wahlverwandtschaft zu computerbasierten Erhebungsverfahren, die es erlauben, solche Quantitäten zu ermitteln.1667 Was die vorliegende Studie ›händisch‹ und in Bezug auf ausgewählte Praxissets und spezifische Stationen des Forschungsprozesses untersuchte, ließe 1665 Daston: »Die unerschütterliche Praxis«, S. 25. 1666 Zur grundsätzlichen Veränderbarkeit von Praktiken siehe die luzide – und in dieser Arbeit häufig zitierten– Dissertation von Schäfer : Die Instabilität der Praxis. 1667 Vgl. pointiert dazu Ramsay : Reading Machines, S. 16.

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Fazit und Ausblick

sich zukünftig in größerem Rahmen computergestützt erforschen. Somit versteht sich diese Studie auch als Anstoß für eine stärkere Empirisierung einer textbasierten Praxeologie der Literaturwissenschaft, die datenzentriert operiert und auf eine quantitative Erforschung von Praktiken zielt. Ein solches Projekt setzte sich aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen zusammen, welche die vorliegende Arbeit bereits in Verbindung brachte. Zukünftige Forschungen könnten diese Verknüpfungen intensivieren, indem sie mit Bibliotheken, Archiven und Verlagen kooperierten und darauf drängten, dass diese ihre Bestände in maschinenlesbarer sowie in einer software- und systemunabhängigen Weiterbearbeitung zulassenden Form aufbereiten und der Forschung zugänglich machen. Erst auf Grundlage ›reiner‹ Daten könnte ein solches, breiter angelegtes Projekt arbeiten. Um Aussagen treffen zu können, die sich nicht lediglich auf eine Zeitschrift, einen Verlag, eine Darstellungsform, ein Institut oder einen bestimmten Zeitraum beziehen, ist für ein solches Projekt eine komplexe Materialzusammenstellung zentral, die sich aus unterschiedlichen Publikationstypen verschiedener Provenienz zusammensetzt und sich über einen möglichst langen Zeitraum erstreckt. Des Weiteren wäre es mit Blick auf die Rekonzeptualisierung von Darstellungsformen als Materialisierungen von Praktiken förderlich, Teilbereiche der Linguistik, insbesondere der wissenschaftlichen Textproduktionsforschung, zu integrieren, um von der Erfahrung zu profitieren, wie Texte segmentiert und die so gewonnenen Textsegmente im Rahmen von konsensuellen Annotationsverfahren kodiert werden können. Zudem bedürfte es Kooperationen mit Informatikern – oder Digital Humanists –, die in der Lage sind, Häufigkeiten, Relationen und Strukturen anhand des Datenmaterials zu identifizieren, Verteilungen zu modellieren, zu visualisieren und in algorithmenbasierte Analysen zu überführen. Aus einem solchen visionierten Projektzusammenhang könnten Fragen, die in der vorliegenden Arbeit mit Blick auf einen bestimmten Zeitraum (1986 bis heute) und spezifische Darstellungsformen (Call for Papers, Aufsätze und Rezensionen) bearbeitet wurden, auf breiterer Datengrundlage adressiert werden: Welche Praxisensembles charakterisieren eigentlich den literaturwissenschaftlichen Alltag insgesamt? Aus welchen Praktiken setzen sich Verwaltungs-, Lehrund Forschungstätigkeiten zusammen? Welche Texte bieten privilegierte Einblicke in die unterschiedlichen Praxiszusammenhänge? Welche Praktiken finden sich dagegen nicht in der schriftlichen Materialisierung wieder? Um die Geschichte von spezifischen Praktiken – ihrem Umfang, ihrer Tiefe und ihrer Dauer – zu beobachten, müsste man sich fragen, welche Praktiken langfristig überdauern, welche eher über kurze Karrieren verfügen, welche sich ins Zentrum des disziplinären Praxisgeschehens geschoben haben und welche eine eher marginale Stellung einnehmen. Mit welchen lokalen, personellen oder technischen Faktoren korrelieren Modifikationen der Praxis? Welche Verkettungen

Fazit und Ausblick

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von Praktiken sind identifizierbar? Zugleich ließe sich fragen, was Literaturwissenschaftler lesen und was sie schreiben. Welche Themen werden gelehrt und welche beforscht? Welche Fragen stellen sie in den Mittelpunkt? Welche Zusammenhänge werden privilegiert behandelt? Welche Theorievokabeln werden mit Blick auf welche Gegenstände an welchen Orten und zu welchen Zeiten verwendet? Welche Austauschbeziehungen und Nähen zu welchen Disziplinen oder Arbeitsbereichen würden ersichtlich, wenn man die Literaturwissenschaft anhand von Praktiken kartographiert? Wie ließen sich diese Überlegungen operationalisieren? Welche digitaltechnologischen Verfahren wären anschlussfähig, um solche Normalitäten im Rahmen von large-scale-readings der Literaturwissenschaft zu erfassen? Und welche Regelmäßigkeiten ließen sich corpus driven erkennen? Solche Fragen werden im Augenblick kaum gestellt. Bislang steht (höchstens) die quantitative Erforschung von Literatur im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wenn jedoch Franco Moretti darauf verweist, dass mithilfe computergestützter Verfahren alternative Literaturgeschichten zu ermitteln sind, dann lässt sich diese Überlegung auch auf die Literaturwissenschaft übertragen: Welche »Kurven, Karten und Stammbäume«1668 ließen sich mit Blick auf die Disziplin erstellen? Was würde ein »Distant Reading«1669 der Literaturwissenschaft identifizierbar machen und wie würde eine »Literaturwissenschaft im Labor«1670 aussehen? So gesehen, wäre nicht nur die Literaturgeschichte noch zu entdecken,1671 sondern auch die Literaturwissenschaft selbst.

1668 1669 1670 1671

Vgl. Moretti: Kurven, Karten, Stammbäume. Vgl. Ders.: Distant Reading. Vgl. Ders. et al.: Literatur im Labor [Kursiv gesetzte Hinzufügung, F.S.]. Diese Forschungsakzentuierung forciert etwa die Ausschreibung des DFG-Schwerpunktprogramms »Computational Literary Studies«: http://www.dfg.de/foerderung/info_ wissenschaft/2018/info_wissenschaft_18_30/index.html [zuletzt aufgerufen am 17.1.20].

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1672 In dieser Studie wurden in den Fußnoten alle Titel mit Kurztiteln zitiert. Enthielt ein Titel ein vorangestelltes Zitat, wurde der Kurztitel aus dem Haupttitel entnommen. In diesem Verzeichnis finden sich die vollständigen Angaben. Zudem wurden alle hier erwähnten Links das letzte Mal am 17. 01. 2020 geprüft.

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Websites Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO): http://adho.org/about. Bibliotheksordnung Heidelberg: https://www.ub.uni-heidelberg.de/allg/profil/jurbasics/ ordnung.html. Bibliotheksordnung der Staatsbibliothek zu Berlin: https://staatsbibliothek-berlin.de/fi leadmin/user_upload/zentrale_Seiten/benutzungsabteilung/pdf/Benutzungsordnung. pdf. Bibliotheksordnung der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin: https://www.ub.hu-berlin.de/shared/dokumente/bibliothek-benutzen/regelungen/be nutzungsordnung/view. Blog von Jason Heppler: https://whatisdigitalhumanities.com/. Blog von Sarah Catherine Stanley : http://scatherinestanley.us/2017/06/why-is-dh. Blog der Symposienreihe »Digitalität in den Geisteswissenschaften« der Universität Bayreuth: http://digitalitaet-geisteswissenschaften.de/. Blog des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin: http://www.zflprojekte.de/ zfl-blog/2017/03/01/germanistik-in-der-kontroverse/. Datenbank zur Erforschung des Beispielgebrauchs in der Moderne: http://www.deutsches textarchiv.de/clarin-kooperationen. Deutsche Nationalbibliothek: http://www.dnb.de/DE/Service/DigitaleDienste/Digitalisie rung/digitalisierug_node.html [nicht mehr aufrufbar ; Stand: 17. 01. 2020]. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte: http:// www.uni-konstanz.de/dvjs/editorial.htm. DFG-Schwerpunktprogramm »Computational Literary Studies«: http://www.dfg.de/foer derung/info_wissenschaft/2018/info_wissenschaft_18_30/index.html. DHd-Mailingliste: http://dig-hum.de/dhd-mailingliste. Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (»Über DHd«): https://dig-hum.de/ ueber-dhd.

320

Literaturverzeichnis

Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (Satzung): https://dig-hum.de/dhd-sat zung. Digital Humanities Quarterly (»About DHQ«): http://www.digitalhumanities.org/dhq/ about/about.html. Digital Humanities Manifesto 2.0: http://www.humanitiesblast.com/manifesto/Manifes to_V2.pdf. Digital Studies / Le champ num8rique (»About«): https://www.digitalstudies.org/about/. European Association for Digital Humanities: https://eadh.org/. Finanzierungsangebote der DFG im Rahmen der Sektion »Digitaler Wandel in den Wissenschaften«: http://www.dfg.de/foerderung/grundlagen_rahmenbedingungen/digita ler_wandel/. H-Germanistik: https://networks.h-net.org/h-germanistik. H-Germanistik (»Über uns«): https://networks.h-net.org/node/79435/pages/84573/%C3 %BCber-uns. Hochschulform Digitalisierung: https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/kurzstate ments-digital-turn. IBR-Online-Datenbank: https://www.degruyter.com/databasecontent?dbid=ibr& dbsour ce=%2Fdb%2Fibr. Innsbrucker Zeitungsarchiv : https://www.uibk.ac.at/iza/. Internationales Colloquium »Perspektiven der Germanistik«: http://www.perspektivender-germanistik.de/. Jahrestagung des DHd 2014: http://dig-hum.de/jahrestagung-dhd-2014. Journal of Digital Humanities (»About«): http://journalofdigitalhumanities.org/about/. Mailingliste »Praxistheorie«: https://www.listserv.dfn.de/sympa/info/praxistheorie. Open Knowledge Foundation Deutschland: https://okfn.de/themen/offene-wissenschaft/ [nicht mehr aufrufbar ; Stand: 17. 01. 2020]. Projekt »Das Herstellen von Plausibilität in Interpretationstexten. Untersuchungen zur literaturwissenschaftlichen Argumentationspraxis«: http ://www.uni-goettingen.de/ de/587821.html. Projekt »Representative Poetry Online«: https://rpo.library.utoronto.ca/content/onlineeditors-introduction. Publikationsverzeichnis von Inge Stephan: https://www.literatur.hu-berlin.de/de/ehemali ge-institutsmitarbeiterinnen/1684066. Publikationsliste von Christof Schöch: https://christof-schoech.de/pub/. SWR2 (Programm): https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/armerdr-steckt-die-germanistik-in-der-krise/-/id=660214/did=19220072/nid=660214/1d8 glus/index.html. [Sendung ist nicht mehr online verfügbar ; Stand: 17. 01. 2020]. Tübinger Kolloquium zur Anwendung der EDV in den Geisteswissenschaften: http:// www.tustep.uni-tuebingen.de/kolloq.html. Young Researchers in Digital Humanities: A Manifesto: https://dhdhi.hypotheses.org/ 1855. Zeitschrift für Germanistik: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/zfgerm.

Materialverzeichnis1673

I.

Call for Papers1674

Untersuchungskorpus 1: Call for Papers aus der Mailingliste H-Germanistik: CFP: »Lernen, mit den Gespenstern zu leben.« Das Gespenstische als Figur, Metapher und Wahrnehmungsdispositiv in Theorie und Ästhetik, Frankfurt am Main (20. 05. 2013). CFP: Listening to Literature 1900–1950, Leuven (01. 07. 2013). CFP: helden. heroes. h8ros: Herausforderung Helden, Freiburg (01. 07. 2013). CFP: ReMEDIAting Flusser: From Print-Text to the Image-Flood, Storrs (01. 09. 2013). CFP: eruditio – Institutionen, Medien und Wege frühneuzeitlicher Bildung, SulzbachRosenberg (30. 11. 2013). CFP: Konsumieren, partizipieren, kreieren: Beiträge zur Fanforschung im deutschsprachigen Raum (01. 12. 2013). CFP: Forum Junge Vormärz Forschung: Neue Arbeiten zum Vormärz – Vorträge und Diskussionen, Wuppertal (15. 12. 2013). CFP: Conditions of Precarity. Life, Work, Literature, New Haven (31. 01. 2014). CFP: Towards a New World Literature, Kansas City (10. 02. 2014). CFP: Extension and Enclosure, Pittsburgh (20. 03. 2014). CFP: DFG-Villa Vigoni-Gespräche in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2015, Menaggio (15. 04. 2014). CFP: Mediale Zeitenwende – Interdisziplinäre Forschungsansätze zu Formierung und Wirkung des narrative turn in den visuellen Narrationen, Köln (15. 04. 2014). CFP: Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur, Saarbrücken (28. 07. 2014). 1673 In diesem Verzeichnis aufgeführten Links wurden das letzte Mal am 17.1.20 geprüft. 1674 Die hier aufgeführten Calls können auf folgenden Webseiten der H-Germanistik-Mailingliste sowie der DHd-Mailingliste eingesehen werden: https://networks.h-net.org/h-ger manistik sowie https://dig-hum.de/content/dhd-mailingliste. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden bei den hier genannten Calls auf Links verzichtet. Das in Klammern angezeigte Datum hinter dem Titel und dem Ort steht für die Einreichungsfrist des jeweiligen Calls. Eine Ortsangabe wurde nur hinzugefügt, wenn es sich bei dem jeweiligen Call um eine Veranstaltung handelte – und nicht etwa um den Call einer Zeitschrift.

322

Materialverzeichnis

CFP: Im Visier des Staates, Shanghai (31. 07. 2014). CFP: Visualizing War. The Power of Emotions in Politics, Odense (01. 09. 2014). CFP: Literarische Herrscherbilder zwischen Gerechtigkeit und Despotie, Shanghai (15. 10. 2014). CFP: Literarische Öffentlichkeit 1840–1885 (15. 10. 2014). CFP: Der Vater-Sohn-Konflikt in der Weltliteratur, Shanghai (30. 11. 2014). CFP: Peeling the Onion: Levels and Stratification in Germanic Literature and Linguistics, Bloomington (10. 12. 2014). CFP: Auslandsgermanistik: The Academy and Anglo-German Relations around 1900 (and since), London (19. 01. 2015). CFP: Raumdimensionen in der zeitgenössischen Dramatik, Kos´cielisko/Zakopane/Krakau (31.01.2015). CFP: Angst und Selbstermächtigung im Kinderfilm, Delmenhorst (30. 03. 2015). CFP: »Mein bester Wurf ist Eva«. Geschlechterverhältnisse bei Hacks, Berlin (15. 04. 2015). CFP: Relative to What? Exploring Concepts of Identity and Family in Germanic Studies, Madison, Wisconsin (22. 05. 2015). CFP: Urban Drama, Urban Theater, Hartford (07. 06. 2015). CFP: Im Abseits der Gruppe 47. Albert Vigoleis Thelen und andere ›Unzeitgemäße‹ im Literaturbetrieb der 1950er und 60er Jahre, Essen (01. 07. 2015). CFP: Life as a Work of Art, Cambridge (23. 09. 2015). CFP: The Body and Mind Conflict in Current German Culture, Hartford (27. 09. 2015). CFP: Diskurs der Daten, Leipzig (15. 11. 2015). CFP: »Wahre Festivitäten« und »abgeschmacktes Alltagsleben«. Nestroy-Gespräche, Schwechat (30. 11. 2015). CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Angst (15. 12. 2015). CFP: Alman Dili ve Edebiyatı Dergisi – Studien zur deutschen Sprache und Literatur (31.12. 2015). CFP: Das Immaterielle ausstellen. Interdisziplinäre Tagung zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst, Lübeck (15. 01. 2016). CFP: »Life is moving toward utopias«. Utopia and the Sciences in German Literature 1871– 1945, San Diego (08. 02. 2016). CFP: »So war der deutsche Landser« – Die populärwissenschaftliche Darstellung der Wehrmacht, München (11. 03. 2016). CFP: Geschlechter-Dramen in Literatur, Kunst, Musik und Film, Paderborn (01. 07. 2016). CFP: Grimmelshausens Kleinere Schriften, Gelnhausen (30. 07. 2016). CFP: Patient Stories in Context, Tromsø (19. 08. 2016). CFP: Literary Space in Modernist Literature 1890–1960, Utrecht (23. 09. 2016). CFP: helden. heroes. h8ros: HeldInnen und Katastrophen (30. 09. 2016). CFP: German Studies Area, San Diego (01. 10. 2016). CFP: Raumsemiotik: Räume – Grenzen – Identitäten. Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik (15. 11. 2016). CFP: Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität, Erlangen (30. 11. 2016). CFP: Oceans and Deserts, Tuscon (10. 12. 2016). CFP: Converging Narratives: Besieged and Transgressive Bodies, Chicago (12. 01. 2017).

Call for Papers

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CFP: Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich – Tierethik in Kultur, Literatur und Unterricht, Landau (10. 03. 2017). CFP: Autobiographik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung / On autobiographical writing and exile, resistance, persecution and camp experiences, Wien (15.05.2017). CFP: On the Move: Rethinking Migration in German- and Dutch-Speaking Contexts, Madison, Wisconsin (31. 05. 2017). CFP: Stile des 21. Jahrhunderts / The Styles of the 21st Century, Zürich (31. 05. 2017). CFP: Texturen zwischen Tradition und Freundschaft. Schreibweisen und Argumentationsstrukturen bei Jacques Derrida, Kiel (31. 08. 2017). CFP: DFG-Symposion: Vergleichende Weltliteraturen / Comparative World Literatures (01.09. 2017). CFP: Questioning models: Intersectionality and Digital Humanities, Köln (15. 09. 2017). CFP: NeMLA: Seelenlandschaften (Soul Landscapes) in German Children and Youth Novels, Pittsburgh (30. 09. 2017). CFP: Contemporary Jewish Women’s Writing in Germany and Austria – A ›Minor‹ Literature?, London (13. 11. 2017). CFP: Hass/Literatur. Internationale Tagung am DFG Sonderforschungsbereich 1171: »Affective Societies«, Berlin (01. 12. 2017). CFP: Lenz-Jahrbuch: Lenz in Russland 1780–1792 (15. 02. 2018). CFP: Körperbewegungen in (Nach-)Kriegszeiten. Zu künstlerisch-medialen Repräsentationsformen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (31. 03. 2018). CFP: treibhaus: Das Theater der fünfziger Jahre (31. 03. 2018). CFP: Ästhetische Praxis und kulturwissenschaftliche Forschung, Hildesheim (20. 04. 2018). CFP: Studien zur deutschen Sprache und Literatur (20. 04. 2018). CFP: Germanistentag 2019 – Panel: ZEITKRITIK. Eine Leerstelle in der Gegenwartsliteratur?, Saarbrücken (31. 07. 2018). CFP: Sprache der Migration. Migration der Sprache. Sprachidentitäten und transkulturelle Literatur im Zeitalter der Globalisierungsprozesse, Palermo (30. 09. 2018). CFP: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft: Topos Österreich / Topos Austria (31. 12. 2018).

Untersuchungskorpus 2: Call for Papers aus der DHd-Mailingliste: CFP: eHumanities Seminar, Leipzig (15. 08. 2013). CFP: Digital Humanities – methodischer Brückenschlag oder ›feindliche Übernahme‹? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik, Passau (15. 12. 2013). CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2014, Madrid (07. 01. 2014). CFP: DHCommons (15. 08. 2014). CFP: Computer-Based Analysis of Drama and its Uses for Literary Criticism and Historiography, München (30. 09. 2014). CFP: Scholarship in Software, Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review, Bern (11. 10. 2014).

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Materialverzeichnis

CFP: Von Daten zu Erkenntnissen: Digitale Geisteswissenschaften als Mittler zwischen Information und Interpretation, Graz (10. 11. 2014). CFP: Journal Signa (15. 03. 2015). CFP: Dialog in Digital Humanities 2015, Göttingen (20. 03. 2015). CFP: Innovation, Globalization and Impact, Madrid (15. 04. 2015). CFP: Reading wide, Writing wide in the Digital Age: Perspectives on Transliteratures, Madrid (15. 04. 2015). CFP: Digital Humanities Hackathon on Text Re-Use, Göttingen (15. 05. 2015). CFP: Methodological Intersections. Digital Humanities Autumn School, Trier und Luxemburg (17. 08. 2015). CFP: Document Analysis Systems, Santorini (04. 09. 2015). CFP: #Lesen – Transformationen traditioneller Rezeptionskonzepte im digitalen Zeitalter, Göttingen (30. 09. 2015). CFP: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung: Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma, Leipzig (15. 10. 2015). CFP: Entwicklung und Nutzung interdisziplinärer Repositorien für historische textbasierte Korpora, Leipzig (31. 01. 2016). CFP: Dialog in Digital Humanities 2016, Göttingen (15. 02. 2016). CFP: Jenseits der Daten – Nachhaltigkeit für Forschungsanwendungen und Software, Hamburg (17. 04. 2016). CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities 2016, Berlin (01. 05. 2016). CFP: Text Encoding Initiative Consortium 2016, Wien (15. 05. 2016). CFP: Digital Access to Textual Cultural Heritage 2016, Poznan (16. 05. 2016). CFP: Digitale Nachhaltigkeit, Bern (01. 08. 2016). CFP: Access / AccHs / Zugang, Montr8al (01. 11. 2016). CFP: The Reverse Telescope: Big Data and Distant Reading in the Humanities, Rom (15. 11. 2016). CFP: Chancen und Grenzen digitaler Geisteswissenschaften, Passau (20. 11. 2016). CFP: Digitale Literaturwissenschaft, Menaggio (31. 12. 2016). CFP: Digitisation Days, Göttingen (13. 01. 2017). CFP: Semantic Deep Learning, Portoroz (03. 03. 2017). CFP: International Interdisciplinary Conference on Digital Cultural Heritage, Berlin (27. 03. 2017). CFP: Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities & Computational Linguistics for Literature 2017, Vancouver (21. 04. 2017). CFP: Modellierungsfragen in den digitalen Geisteswissenschaften, Chemnitz (30. 04. 2017). CFP: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften: Nutzung und Konzepte, Paris (01. 06. 2017). CFP: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (01. 06. 2017). CFP: Kritik der digitalen Vernunft, Köln (25. 09. 2017). CFP: Cultural Heritage in the Digital Age. Memory, Humanities and Technologies, Bari (10. 10. 2017). CFP: Corpus-Based Research in the Humanities (CRH) with a Special Focus on Space and Time Annotations, Wien (15. 10. 2017).

Aufsätze

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CFP: 1st Shared Task on the Analysis of Narrative Levels Through Annotation (SANTA), Hamburg (15. 06. 2018). CFP: Visualization for the Digital Humanities: VIS4DH–DH4VIS, Berlin (04. 07. 2018). CFP: Geisteswissenschaft stärken: Aufbruch in ein neues Zeitalter der Digitalisierung und Information, Salzburg (15. 07. 2018).

II.

Aufsätze

Untersuchungskorpus 1: Aufsätze aus den Zeitschriften Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, Zeitschrift für deutsche Philologie und Zeitschrift für Germanistik: Alt, Peter-Andr8: »Ästhetik des Opfers. Versuch über Schillers Königinnen«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 176–204. Amberg, Andreas: »Poetik des Wassers. Theodor Fontanes Stechlin: Zur protagonistischen Funktion des See-Symbols«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.4 (1996), S. 541–559. Arbogast, Hubert: »Stefan Georges Buch der Hängenden Gärten«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 493–510. Arburg, Hans-Georg von: »Elementares Bauen im Exil: Semper und Stifter (Abdias)«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 90.4 (2016), S. 599–618. Bach, Oliver : »›Er spürte die unvergleichliche Wärme des Erzählens‹. Ästhetisches Probehandeln, progressive und kritische Intertextualität in Lutz Seilers Kruso«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.4 (2016), S. 581–606. Beaton, Bruce: »Gustav Freytags Die Journalisten: Eine ›politische‹ Komödie der Revolutionszeit«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.4 (1986), S. 516–543. Benne, Christian: »Autobiographie und moderne Lyrik. Vorüberlegungen am Beispiel Peter Huchels«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 428–456. Bergengruen, Maximilian: »Moosbrugger oder die Möglichkeiten der Paranoia. Psychiatrie und Mystik in Musils Der Mann ohne Eigenschaften«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.4 (2016), S. 545–568. Böhn, Andreas: »Ökonomisches Wissen in Wilhelm Hauffs zyklischer Rahmenerzählung Das Wirtshaus im Spessart«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 16.3 (2006), S. 504–512. Borkowski, Jan: »Ein neuer Zugang zur Geschichtskonzeption von Schillers Wallenstein und ihrer Funktion«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 217– 242. Braun, Michael: »›Ein kläglicher Prophet in seinem Fisch‹. Stefan Andres und die Probleme der inneren Emigration«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.2 (1996), S. 262–278. Briese, Olaf: »Nur Narr? Nur Dichter? Stationen eines Krisenberufs im 19. Jahrhundert«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.2 (2006), S. 187–208.

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Materialverzeichnis

Brittnacher, Hans Richard: »Zigeunerinnen, Eros und Schicksal in Mörikes Maler Nolten«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 263–285. Bruyker, Melissa de: »Narratologie der Vergewaltigung. Der Erzähler und die Ikonografie der Tochter in Joseph Roths Hiob«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 16.1 (2006), S. 77–88. Daub, Adrian: »›Ein Blitz, Für Uns‹: Stefan George’s Queer Dynasty«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 90.1 (2016), S. 135–159. Dotzler, Bernhard J.: »›Seht doch wie ihr vor Eifer schäumet…‹ Zum männlichen Diskurs über Weiblichkeit um 1800«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 339–382. Dove, Richard: »›Im Vertrauen auf Ihre Einfühlungsgabe …‹. Karl Otten, Heinz Schäffler und die Neuentdeckung des literarischen Expressionismus in Deutschland«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 375–402. Egger, Irmgard: »Mehrsprachigkeit. Zu einem Motiv der österreichischen Literatur am Beispiel von Ingeborg Bachmann«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.4 (1996), S. 692–706. Engel, Manfred: »Außenwelt und Innenwelt. Subjektivitätsentwurf und moderne Romanpoetik in Robert Walsers Jakob von Gunten und Franz Kafkas Der Verschollene«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 533–570. Ervedosa, Clara: »Die Verfremdung des Fremden: Kulturelle und ästhetische Alterität bei Yoko Tawada«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 16.3 (2006), S. 568–580. Fabr8, Sven: »Wirklichkeit über pari. Zu Gottfried Kellers Kleider machen Leute«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.4 (2016), S. 523–544. Fischer, Bernd: »Der Ernst des Scheins in der Prosa Heinrich von Kleists: Am Beispiel des Zweikampfs«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.2 (1986), S. 213–234. Ghanbari, Nacim: »Allen alles werden. Zur literarischen Semantik von Patronage und Freundschaft in J.M.R. Lenz’ Die Freunde machen den Philosophen«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 90.4 (2016), S. 487– 500. Gittel, Benjamin: »›Niemals aber sagt ein lebendiger Mensch zu einem anderen … ›Sei mein Erlöser!‹‹ Drei Arten der Fiktionalisierung von weltanschaulicher Reflexion bei Broch, Luk#cs und Musil«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.2 (2016), S. 213– 244. Görner, Rüdiger : »Sprachlichtarbeit. Zu einer poetologischen Figur in Max Dauthendeys ästhetischer Selbstpositionierung«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 399–422. Greiner, Bernhard: »Echo-Rede und ›Lesen‹ Ruths. Die Begründung von Autorschaft in Bettina von Arnims Roman Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.1 (1996), S. 48– 66. Greiner, Bernhard: »›Das ganze Schrecken der Tonkunst‹. ›Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik‹: Kleists erzählender Entwurf des Erhabenen«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.4 (1996), S. 501–520. Grevel, Lieselotte: »›Beim Wort genommen‹: Minna von Barnhelms Gesprächsstrategie im Spiegel aufklärerischer Vernunftkonzeption«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.4 (1996), S. 481–500.

Aufsätze

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Grill, Oliver : »Unvorhersehbares Wetter? Zur Meteorologie in Alexander von Humboldts Kosmos und Adalbert Stifters Nachsommer«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 26.1 (2016), S. 61–77. Grimm, Reinhold: »Die deutsche ›Ursache‹ des Camus’schen Fremden«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 594–639. Groddeck, Wolfram: »Über das ›Wortlose‹ in Hölderlins Ode Thränen«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 80.4 (2006), S. 624– 639. Haase, Donald P.; Rachel Freudenberg: »Power, Truth, and Interpretation: The Hermeneutic Act and Kleist’s Die heilige Cäcilie«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.1 (1986), S. 88–103. Hähnel, Klaus-Dieter : »›In der kunst glauben wir an eine glänzende wiedergeburt‹. Stefan Georges Gedichte Im windes-weben und Komm in den totgesagten park und schau«, in: Zeitschrift für Germanistik 7.4 (1986), S. 420–434. Hansen, Uffe: »Prinz Friedrich von Homburg und die Anthropologie des animalischen Magnetismus«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 47–79. Harrison, Robin: »Heilige oder Hexe? Schillers Jungfrau von Orleans im Lichte der biblischen und griechischen Anspielungen«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 265–305. Haumann, Wilhelm: »Schiller, das Vertrauen und die Gemeinschaft der Freien«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 212–233. Haverkamp, Anselm: »Die neueste ›Krankheit zum Tode‹: Das Werthersyndrom in der Verständigungsliteratur der siebziger Jahre: Fritz Zorn, Mars. Mit einem Nachwort über Fiktion und Wirklichkeit«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.4 (1986), S. 667–696. Hinz, Ole: »Im Banne Roms. Zur literarischen Darstellung des Ausnahmezustands in Christoph Ransmayrs Die letzte Welt«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.2 (2016), S. 245–265. Hoffmann, Torsten; Uwe Rose: »›quasi jenseits der Zeit‹. Zur Poetik der Fotografie bei W.G. Sebald«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.4 (2006), S. 580–608. Hoffmann, Volker : »Zum wilden Mann. Die anthropologische und poetologische Reduktion des Teufelspaktthemas in der Literatur des Realismus am Beispiel von Wilhelm Raabes Erzählung«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 472– 492. Hohoff, Ulrich: »Die Kapiteleinteilung im Romanfragment Das Schloß. Ein Zugang zu Franz Kafkas Arbeitsweise«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 571–593. Honold, Alexander : »Die Wiener D8cadence und das Problem der Generation«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.4 (1996), S. 644–669. Hühn, Lore: »Das Schweben der Einbildungskraft. Zur frühromantischen Überbietung Fichtes«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.4 (1996), S. 569–599. Hutchinson, Ben: »Die Leichtigkeit der Schwermut. W.G. Sebalds ›Kunst der Levitation‹«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 457–477.

328

Materialverzeichnis

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Aufsätze

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Küpper, Achim: »Figurationen zwischen Eis und Wüste – Textgebiete bei Franz Kafka. Von Vampiren und anderen Kreaturen aus der Zwischenzone«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 453–478. Kurbjuhn, Charlotte: »Knebels Autonomie. Elegien und Epikureismus im klassischen Weimar (1798–1800)«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 243–276. Lange-Kirchheim, Astrid: »Der Arzt und die Dichterin. Zu einer Verserzählung der Droste (mit einem Blick auf Kafka)«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 244–261. Liebertz-Grün, Ursula: »Wege zu einer postpatriarchalen Ästhetik. Ingeborg Bachmanns Malina und Irmtraud Morgners Trobadora Beatriz und Amanda«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 324–347. Liska, Vivian: »Stellungen. Zu Franz Kafkas Poseidon«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.2 (1996), S. 226–238. Loescher, Jens: »Ein neues Feld, ein alter Habitus und eine Erfindung: ›Gruppen‹ in der jüngeren, ostdeutschen Literatur«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.2 (2006), S. 276–297. Lönker, Fred: »Das Spiel der Bilder in Grillparzers Jüdin von Toledo«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 262–276. MacLeod, Catriona: »Still Alive: Tableau Vivant and Narrative Suspension in SacherMasoch’s Venus im Pelz«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 80.4 (2006), S. 640–665. Maes, Sientje; Bart Philipsen: »Der Vormärz als ›ausgelesenes‹ Buch. Grabbes historische Dramen als ›zum Theater gewordene Tragödien‹«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.2 (2016), S. 189–211. Maurach, Martin: »J. M. R. Lenzens ›Guter Wilder‹. Zur Verwandlung eines Topos und zur Kulturdiskussion in den Dialogen des Neuen Menoza«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 123–146. Mayer, Mathias: »Dichten zwischen Paradies und Hölle. Anmerkungen zur poetologischen Struktur von Goethes Elegie von Marienbad«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.2 (1986), S. 234–256. Meisel, Gerhard: »›Während einer Zeit, für die es kein Maß gibt‹. Zur Zeitproblematik in Musils Mann ohne Eigenschaften«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.1 (1996), S. 98–119. Mende, Fritz: »Resum8 1847. Heines Vorwort zu Weills Sittengemälde aus dem elsässischen Volksleben«, in: Zeitschrift für Germanistik 7.1 (1986), S. 26–32. Meuthen, Erich: »›…Denn er selbst war hier anders.‹ Zum Problem des Identitätsverlusts in Ludwig Tiecks Sternbald-Roman«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 383–403. Mojem, Helmuth: »Unedle Zivilisierte. Zur Zielrichtung der Satire in Nestroys Häuptling Abendwind«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 277–296. Moll, Björn: »›FORT, DA‹. Substitution und Repräsentation in der Marquise von O…«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.4 (2016), S. 507–521. Nehring, Wolfgang: »Jagdlust und Erotik: Zur Metaphorik der Jagdszenen bei Eduard von Keyserling«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.4 (1996), S. 560–575.

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Neuhuber, Christian: »›Der kranke Jude und der große Künstler‹. Richard Dehmels Gedicht Ein Heine-Denkmal«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.4 (2006), S. 561– 579. Neumann, Gerhard: »Der Blick des Anderen. Zum Motiv des Hundes und des Affen in der Literatur«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 87–122. Neumeyer, Harald: »›Das ist alles was ich Ihnen zu sagen habe‹. Von der Selbstverleugnung der Beamten und der Undurchsichtigkeit der Behörde. Franz Kafkas Das Schloß und die Bürokratie-Debatte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 479–500. Niefanger, Dirk: »Colberg. Kontext, Poetik und Struktur von Paul Heyses Geschichtsdrama«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 319–344. Nölle, Volker : »Die unterdrückte ›Auferstehung‹. Hebbels Agnes Bernauer im Lichte von Bachofens Mutterrecht«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.2 (1996), S. 204– 225. Oberlin, Gerhard: »›Wenn die Kultur ausartet‹. Die Mechanik des Bösen in Schillers Räubern«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 107–133. Oesterle, Günter : »›Phantastische Burleske‹? Die Choreographie der Dinge in Mörikes Märchen Das Stuttgarter Hutzelmännlein«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 291–318. Ohl, Hubert: »Der Erfolg heiligt die Mittel oder Den Sinn liefert die Zeit. Thomas Manns Selbstdeutungen am Beispiel von Fiorenza«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.4 (1996), S. 670–691. Ortheil, Hanns-Josef: »Stille Heimlichkeit. Zur Regine-Erzählung in Gottfried Kellers Sinngedicht« in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 453–471. Osborne, John: »Vision, Supervision, and Resistance Power. Relationships in Theodor Fontane’s L’Adultera«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.1 (1996), S. 67–79. Peiter, Anne D.: »Von der ethnologischen ›Peripherie‹ zum ›Zentrum‹ europäischer Gewalt. Die Auseinandersetzung mit der Shoah in Elias Canettis Masse und Macht«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 16.3 (2006), S. 555–567. Pethes, Nicolas: »›Das war schon einmal da! wie langweilig!‹ Die Melancholie des Zitierens in Georg Büchners dokumentarischer Poetik«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.4 (2006), S. 518–535. Pikulik, Lothar: »Langeweile oder die Krankheit zum Kriege. Bemerkungen zu einem nicht nur literarischen Thema«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.4 (1986), S. 593–618. Prümm, Karl: »Berglinger und seine Schüler. Musiknovellen von Wackeroder bis Richard Wagner«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.2 (1986), S. 186–212. Pusch, Annekathrin: »Hölderlins ›Lucan‹«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 6.2 (1996), S. 324–336. Reiss, Hans: »Goethe, Möser and the Aufklärung: The Holy Roman Empire in Götz von Berlichingen and Egmont«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.4 (1986), S. 609–644. Riedel, Wolfgang: »Eros und Ethos. Goethes Römische Elegien und Das Tagebuch«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 147–180.

Aufsätze

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Röttger, Evelyn: »Schriftstellerisches und politisches Selbstverständnis in Ernst Tollers Exildramatik«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.2 (1996), S. 239–261. Ruhl-Anglade, Gabriele von: »Vom Kreuzberg zum Drachenfels. Heines Die Nacht auf dem Drachenfels«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.4 (1986), S. 481–498. Schenkel, Martin: »›Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren.‹ Zur Dialektik der bürgerlichen Aufklärung in Lessings Emilia Galotti«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.2 (1986), S. 161–186. Schmidt, Ernst A.: »Thomas Mann und Richard Beer-Hofmann. Eine neue ›Quelle‹ zu Aschenbachs Traum in der Novelle Der Tod in Venedig«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 349–354. Schmitt, Irene: »›Ein für allemal tot?‹ Ein weiterer Deutungsversuch zu Goethes DivanGedicht Selige Sehnsucht«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.2 (1996), S. 176– 192. Schnyder, Peter : »Schillers ›Pastoraltechnologie‹. Individualisierung und Totalisierung im Konzept der ästhetischen Erziehung«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 234–262. Schubert, Bernhard: »Das Ende der bürgerlichen Vernunft? Zu Thomas Manns Doktor Faustus«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.4 (1986), S. 568–592. Schulz, Kristin: »Die DDR in den Alpen oder Der Müllberg der Geschichte. Heiner Müllers Positionierungen gegenüber der DDR 1949–1995«, in: Zeitschrift für Germanistik 26.1 (2016), S. 92–109. Selbmann, Rolf: »Selbstmord als Literatur. Zur geschichtlichen Einordnung des expressionistischen Dichterbewußtseins bei Johannes R. Becher«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 511–532. Sieg, Christian: »›Klar wie der Tag!‹ – Evidenz und Recht in Friedrich Schillers Maria Stuart«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.4 (2016), S. 481–505. Simons, Oliver: »Die Lesbarkeit der Geheimnisse. Schillers Don Carlos als Briefroman«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 16.1. (2006), S. 43–60. Söring, Jürgen: »Die Literatur als ›Provinz des Menschen‹: Zu Elias Canettis Aufzeichnungen«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.4 (1986), S. 645–666. Stadler, Ulrich: »Die Aussicht als Einsicht. Zu E.T.A. Hoffmanns später Erzählung Des Vetters Eckfenster«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105.4 (1986), S. 498–515. Stockinger, Claudia: »Der Leser als Freund. Das Medienexperiment ›Dom Karlos‹«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 16.3 (2006), S. 482–503. Stockinger, Claudia: »Storms lmmensee und die Liebe der Leser. Medienhistorische Überlegungen zur literarischen Kommunikation im 19. Jahrhundert«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 286–315. Todorow, Almut: »Publizistische Reiseprosa als Kunstform: Wolfgang Koeppen«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.1 (1986), S. 136–165. Vaget, Hans Rudolf: »Eros und Apoll. Ein Versuch zu Künstlers Morgenlied«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 196–217. Valk, Thorsten: »Vom Hochzeitslied zum Höllenbrand. Mörikes Novelle Mozart auf der Reise nach Prag im Interferenzbereich zwischen biedermeierlicher Musikkultur und

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romantischer Musikästhetik«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.4 (2006), S. 536–560. Vellusig, Robert: »Ein ›Wiederspiel des Lebens, das wir führen‹. Fontane und die Authentizität des poetischen Realismus«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.2 (2006), S. 209–234. Villwock, Jörg: »Lessings Fabelwerk und die Methode seiner literarischen Kritik«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.1 (1986), S. 60–87. Weber, Christoph Daniel: »Deichbau und Selbstopfer. Der Katastrophendiskurs in Theodor Storms Der Schimmelreiter«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 90.1 (2016), S. 109–133. Weder, Christine: »Zensur wird Literatur: Fiktionale Fußnoten in Irmtraud Morgners Lügenroman Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers (1972)«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 135.2 (2016), S. 267–288. Wegmann, Thomas: »Über das Haus. Prolegomena zur Literaturgeschichte einer affektiven Immobilie«, in: Zeitschrift für Germanistik NF 26.1 (2016), S. 40–60. Weiershausen, Romana: »Boulevardtheater und Streitkultur. Akademikerinnenlustspiele um 1900«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 316–348. Weigel, Sigrid: »›Kein philosophisches Staunen‹ – ›Schreiben im Staunen‹. Zum Verhältnis von Philosophie und Literatur nach 1945: Benjamin, Adorno, Bachmann«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.1 (1996), S. 120–137. Weigel, Sigrid: »Gershom Scholem und Ingeborg Bachmann. Ein Dialog über Messianismus und Ghetto«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.4 (1996), S. 608–616. Weitin, Thomas: »Tagebuch und Personalausweis. Zur Codierung von Individualität im Anton Reiser«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 125.4 (2006), S. 481–498. Werber, Niels: »Technologien der Macht. System- und medientheoretische Überlegungen zu Schillers Dramatik«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 210–243. Wesemann, Lorenz: »Y – Heine, Nächtliche Fahrt«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 60 (2016), S. 277–290. Willemsen, Roger : »Dionysisches Sprechen. Zur Theorie einer Sprache der Erregung bei Musil und Nietzsche«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60.1 (1986), S. 104–135. Wirtz, Thomas: »Schrift und Familie in Adalbert Stifters Mappe meines Urgroßvaters«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 115.4 (1996), S. 521–540. Wolf, Burkhardt: »Die Nacht des Bürokraten. Franz Kafkas statistische Schreibweise«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 80.1 (2006), S. 97–127. Zanucchi, Mario: »Die ›Inokultation des unvermeidlichen Schicksals‹. Schicksal und Tragik in Schillers Wallenstein«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 50 (2006), S. 150–175. Zeller, Rosemarie: »Kleists Prinz Friedrich von Homburg auf dem Hintergrund der literarischen Tradition«, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 404– 416.

Aufsätze

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Zeyringer, Klaus: »›Wo kömmt der Witz mir her?‹ Eine ›Lustspielfigur par excellence‹. Zu den Sosias-Szenen in Kleists Amphitryon«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70.4 (1996), S. 552–568.

Untersuchungskorpus 2: Aufsätze aus den Zeitschriften Digital Humanities Quarterly, Digital Studies / Le champ num8rique, Literary & Linguistic Computing bzw. Digital Scholarship in the Humanities und Journal of Digital Humanities: Anderson, Clifford. W.; George E. McMaster ; Terrance A. Mitchell: »Computer Assisted Enhancement of Emotional Tone Accuracy in Translated Narrative«, in: Literary & Linguistic Computing 2.1 (1987), S. 1–6. Anderson, Clifford. W.; George E. McMaster: »The Emotional Tone of Foreground Lines of Poetry in Relation to Background Lines«, in: Literary & Linguistic Computing 5.3 (1990), S. 226–228. Argamon, Shlomo; Jean-Baptiste Goulain; Russell Horton; Mark Olsen: »Vive la Diff8rence! Text Mining Gender Difference in French Literature«, in: Digital Humanities Quarterly 3.2 (2009): http://www.digitalhumanities.org/dhq/vol/3/2/000042/000042. html. Argamon, Shlomo; Charles Cooney ; Russell Horton; Mark Olsen; Sterling Stein; Robert Voyer : »Gender, Race, and Nationality in Black Drama, 1950–2006: Mining Differences in Language Use in Authors and their Characters«, in: Digital Humanities Quarterly 3.2 (2009): http://www.digitalhumanities.org/dhq/vol/3/2/000043/000043.html. Bonch-Osmolovskaya, Anastasia; Daniil Skorinkin: »Text Mining War and Peace: Automatic Extraction of Character Traits from Literary Pieces«, in: Digital Scholarship in the Humanities Suppl. 1 (2017), S. i17–i24. Brown, Susan; Stan Ruecker ; Jeffery Antoniuk; Sharon Farnel; Matt Gooding; St8fan Sinclair ; Matt Patey ; Sandra Gabriele: »Reading Orlando with the Mandala Browser : A Case Study in Algorithmic Criticism via Experimental Visualization«, in: Digital Studies / Le champ num8rique 2.1 (2010): https://www.digitalstudies.org/articles/10. 16995/dscn.257/. Brunner, Annelen: »Automatic Recognition of Speech, Thought, and Writing Representation in German Narrative Texts«, in: Literary & Linguistic Computing 28.4 (2013), S. 563–575. Burrows, John F.: »Modal Verbs and Moral Principles: An Aspect of Jane Austen’s Style«, in: Literary & Linguistic Computing 1.1 (1986), S. 9–23. Burrows, John F.: »Word-Patterns and Story-Shapes: The Statistical Analysis of Narrative Style«, in: Literary & Linguistic Computing 2.2 (1987), S. 61–70. Clement, Tanya: »›A thing not beginning and not ending‹: Using Digital Tools to DistantRead Gertrude Stein’s The Making of Americans«, in: Literary & Linguistic Computing 23.3 (2008), S. 361–381. Clement, Tanya: »Distant Listening or Playing Visualisations Pleasantly with the Eyes and Ears«, in: Digital Studies / Le champ num8rique 3.2 (2012): https://www.digitalstudies. org/articles/10.16995/dscn.236/.

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