Franken, Schwaben, Oberpfalz bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts : Erster Teil: Franken 3406048455

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Franken, Schwaben, Oberpfalz bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts : Erster Teil: Franken
 3406048455

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Handbuch der bayerischen Geschichte

HANDBUCH DER BAYERISCHEN GESCHICHTE DRITTER BAND-ERSTER TEILBAND

HANDBUCH DER BAYERISCHEN GESCHICHTE DRITTER BAND

FRANKEN, SCHWABEN, OBERPFALZ BIS ZUMAUSGANG DES 18. JAHRHUNDERTS In Verbindung mit Sigmund Benker, Laetitia Boehm, Walter Brandmüller, Tilmann Breuer, Rudolf Endres, Hanns Fischer f, Alois Gerlich, Johannes Janota, Andreas Kraus, Adolf Layer, Klaus Leder, Bruno Neundorfer, Hans Pörnbacher, Heribert Raab, Franz-Josef Schmale, Hans Schmid, Eckart Schremmer, Wilhelm Volkert, Hildegard Weiß, Walter Ziegler

Herausgegeben von

MAX SPINDLER em. 0. Professor an der Universität München ERSTER TEILBAND

C.H.BECK’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN

ISBN 3 406 04845 5 (Zwei Teilbände)

Zweite, verbesserte Auflage. 1979 Umschlagentwurf von Wolfgang Taube, München © C.H.Beck‫״‬sche Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck) München 1971

Druck der C. H. Beck’schen Buchdruckerei Nördlingen

Printed in Germany

VORWORT

Gemäß dem im Vorwort zum ersten Band (S. VIII) umrissenen Ziel des Gesamtwerkes wird im vorliegenden dritten Band die Geschichte jener Gebiete behandelt, die, von der Oberpfalz abgesehen, am Anfang des vorigen Jahrhunderts mit dem bayerischen Territorialstaat vereinigt worden sind, voran die Geschichte des heutigen bayerischen Franken und Schwaben. Sie wird im ersten und zweiten Abschnitt des Bandes erstmalig, zusammenfassend, in großem Rahmen und unter Einarbeitung der reichen, modernen Spezialliteratur dargeboten. In einem kleineren dritten Abschnitt folgt die Oberpfalz, die seit dem vierzehntenJahrhundert ein, sich schon im Namen verratendes, von Ober- und Niederbayern wegführendes, dynastisch bestimmtes Sonderschicksal erlebte, dessen Kreise sich erst im achtzehnten Jahrhundert wieder gänzlich schlossen. Auch ihre Geschichte ist noch nicht zum Gegenstand einer großeren geschlossenen Darstellung gemacht worden. Ein den Band abschließender Anhang enthält die jüngere Geschichte der drei altbayerischen Hochstifte (Freising, Regensburg, Passau) und der Reichsstadt Regensburg, die gleich Schwaben oder Franken erst nach 1800 in den bayerischen Territorialstaat eingeordnet wurden. Bei allen betrachteten staatlichen Einheiten ist versucht worden, ihrer eigenständigen und reichen Vergangenheit in vollem Umfang gerecht zu werden. Damit soll zugleich die unerläßliche Voraussetzung für das Verständnis des modernen Bayern gewonnen werden. Seiner Geschichte (von 1800 bis Gegenwart) wird der vierte und Schlußband des Werkes gewidmet sein. München, im Oktober 1971

Max Spindler

Um die Förderung und Vorbereitung des Werks haben sich durch namhafte Zuwendungen besonders verdient gemacht:

Allianz Versicherungs AG, München Bankhaus H. Aufhäuser, München Bayerische Gemeindebank, München Bayerische Hypotheken- u. Wechsel-Bank, München Bayerische Landesbodenkreditanstalt, München Bayerische Staatsbank, München Bayerische Vereinsbank, München Bayerische Versicherungsbank AG, München Bayerische Versicherungskammer, München Bayerische Wasserkraftwerke AG, München Robert Bosch GmbH, Werk Nürnberg Brown Boveri & Cie. AG Commerzbank AG, Filiale München Deutsche Bank AG, Filiale München Dresdner Bank AG, Filiale München Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte, Sulzbach-Rosenberg Roland Graf Faber-Castell, Dürenhembach b. Nürnberg Josef Ernst Fürst Fugger von Glätt, Schloß Kirchheim Fürst Thurn & Taxis Bank, München Josef Hebel, Bauunternehmung, Memmingen Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG Bankhaus Merck, Finck & Co., München Karl Friedrich Fürst zu Oettingen-Wallerstein, Wallerstein Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, München Bankhaus Reuschel & Co., München Rhein-Main-Donau AG, München Josef Riepl, Bauunternehmung, München Kugel-Fischer, Georg Schäfer & Co., Schweinfurt Dr. Karl Graf von Schönborn, Schloß Wiesentheid Siemens AG, München Süddeutsche Bodencreditbank AG, München Für die Vermittlung der Spenden wird vor allem Herrn Dr. Dr. Alfred Jamin, Präsident der Bayerischen Staatsbank i. R., ferner Herrn Dr. Dr. h. c. Carl Knott aufrichtiger Dank geschuldet. Die Anregung zur Spendensammlung ist Herrn Ministerialdirigenten a. D. Dr. Philipp Freiherrn v. Brand zu verdanken.

INHALT

Abkürzungen.......................................................................................................... XXI

ERSTER TEIL: FRANKEN A GRUNDLEGUNG: DIE EINGLIEDERUNG THÜRINGENS IN DAS

MEROWINGISCHE FRANKENREICH (BIS 716/19)

I. Die politische Entwicklung. Von

Franz-Josef Schmale

§ I. Franken bis zur Eroberung durch die Merowinger........................................................

5

a) Die Bevölkerung...............................................................................................................

5

b) Das Thüringerreich......................................................................................

‫ך‬

§ 2. Thüringen im Merowingerreich (531-716).......................................................................... 10

a) Die Zeit bis zur Errichtung des Herzogtums (ca. 632)................................................ 10 b) Das thüringische Herzogtum

1L Innere Entwicklung. Von

......................................................................................

12

Franz-Josef Schmale

§ 3. Siedlung und Bevölkerung. Recht und Verfassung............................................................. 18

a) Siedlung und Bevölkerung.............................................................................................. b) Recht und Verfassung

18

....................................................................................................... 19

§ 4. Christentum und Kirche............................................................................................................ 23

B

FRANKEN VOM ZEITALTER DER KAROLINGER BIS ZUM

INTERREGNUM (716/19-1257)

I. Die politische Entwicklung. Von

Franz-Josef Schmale

§ 5. Franken im Karolingerreich................................................................................................... 29

a) Christianisierung und kirchliche Organisation durch Bonifatius (716-741) . . b) Franken als karolingische Königsprovinz (741-817)

........................................... 37

29

VIII

Inhalt § 6. Das «Herzogtum» Franken (888-939)

......................................................................... 46

§ 7. Franken im ottonischen und salischen Reich......................................................................53

a) Festigung der Königsmacht (940-1002).......................................................................... 53 b) Die Gründung des Bistums Bamberg.............................................................................. 56 c) Die Zeit Konrads II. und Heinrichs III............................................................................. 60

d) Der Investiturstreit in Franken (1057-1125)................................................................. 63

§ 8. Das staufische Jahrhundert in Franken.............................................................................. 72 a) Franken nach dem Investiturstreit.................................................................................. 72

b) Vom Regierungsantritt Konrads III. bis zum Tode Heinrichs VI............................. 76 c) Von der Doppelwahl (1198) bis zum Tod Friedrichs II............................................... 84

II. Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Kirche. Von Franz-Josef Schmale § 9. Die karolingische Königsprovinz...................................................................................... 93

a) Die Königsherrschaft undihre Organisation............................................................ 93 b) Wirtschaft, Handel, Sozialentwicklung....................................................................101

§ 10. Vom Ausgang der Karolinger bis zum Ende der Staufcrzeit

................................. 103

a) Der Adel...........................................................................................................

103

b) Das Königtum.................................................................................................................. 107 c) Die Kirche.......................................................................................................................109

III. Das geistige Leben. Von Franz-Josef Schmale, Hanns Fischer, Johannes Janota, Tilmann Breuer, Hans Schmid § ii. Bildung und Wissenschaft, lateinische Literatur, geistige Strömungen (FranzJosef Schmale)....................................................................................................................... 113

a) Karolingische und ottonischc Periode........................................................................113 b) Die Bamberger Domschulc und das Kloster Michclsbcrg..................................... 127 c) Investiturstreit und Kirchenreform............................................................................ 141

§12. Die deutsche Dichtung von den Anfängen bis zum Ende der «mittclhochdcutsehen Blütezeit» (Hanns Fischer, Johannes Janota).............................................. 144 §13. Vorromanik und Romanik (Tilmann Breuer)...........................................................146

a) Karolingische Kunst......................................................................................................146 b) Bamberg und die ottonischc Kunst............................................................................ 148 c) Architektur und Plastik des zwölften Jahrhunderts.............................................. 150

d) Der Neubau des Bamberger Domes und sein Umkreis...................................... 152

§ 14. Musik 800-1200 (Hans Schmid).................................................................................... 156

Inhalt

IX

C

VOM INTERREGNUM BIS ZUM ENDE DES ALTEN REICHS UND ZUR BEGRÜNDUNG DES NEUEN BAYERISCHEN STAATES AM ANFANG DES 19. JAHRHUNDERTS

I. Von Rudolf von Habsburg bis zum Ende des Thronstreits 1322. Von Alois Gerlich

§ 15. Rcichsgutrcvindikationcn Rudolfs und Albrechts I. von Habsburg.................... 161 § ιό. Franken in der Zeit Kaiser Heinrichs VII. und während des Thronstreits (1314-1322)...........................................................................................................................166

II. Frankens Territoriahnächte zwischen Bayern und Böhmen. Von Alois Gerlich § 17. Die Zeit Kaiser Ludwigs IV............................................................................................... 170

§ 18. Der Thronstreit (1346-1349)............................................................................................. 173 § 19. Die Reichs- und Hausmachtpolitik Kaiser Karls IV. in Franken............................. 175

III. Franken im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern. Von Alois Gerlich § 20. Der Schwund der Königsmacht um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert 181

§ 21. Frankens Tcrritorialfürsten in derZeit des Konstanzer Konzils und der Hussitenkriege....................................................................................................................................186

IV. Von der Bildung des Fränkischen Reichskreises und dem Beginn der Reformation bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555. Von Rudolf Endres § 22. Der Fränkische Reichskreis. Die politische Lage vor der Reformation .... 193

§ 23. Die Ausbreitung der Reformation................................................................................ 196 § 24. Der Bauernkrieg

............................................................................................................. 200

§ 25. Die neue Kirchenverfassung

........................................................................................205

§ 26. Der zweite Markgräflerkricg........................................................................................ 208

V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg. Von Rudolf Endres

§ 27. Der Fränkische Reichskreis............................................................................................ 212 § 28. Die Festigung der neuen Lehre.................................................................................... 216 § 29. Die Gegenreformation..................................................................................................... 219

§ 30. Der Dreißigjährige Krieg................................................................................................. 223

Inhalt

X

VI. Franken in den Auseinandersetzungen der Großmächte bis zum Ende des Fränkischen Reichskreises. Von Rudolf Endres § 31. Franken nach dem Westfälischen Frieden................................................................... 231

§ 32. Franken im Spanischen Erbfolgekrieg

........................................................................235

§ 33. Die preußische Erbfolgefrage......................................................................................... 238 § 34. Franken während der Schlesischen Kriege und des Siebenjährigen Krieges . . 241 § 35. Das Ende des Fränkischen Reichskreises....................................................................... 245

VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens in Bayern. Von Rudolf Endres § 36. Die Koalitionskriege und der Reichsdeputationshauptschluß................................. 250

§ 37. Die Rheinbundzeit.............................................................................................................. 257 § 38. Die Folgen des Wiener Kongresses................................................................................ 261

D DIE INNERE ENTWICKLUNG VOM INTERREGNUM BIS 1800:

STAAT, GESELLSCHAFT, KIRCHE, WIRTSCHAFT

I. Staat und Gesellschaft. Erster Teil: Bis 1500. Von Alois Gerlich § 39. Grundlagen der Territorienbildung................................................................................ 268 § 40. Die Hochstifte

...................................................................................................................274

a) Mainz............................................................................................................................... 275 b) Würzburg.......................................................................................................................277 c) Bamberg........................................................................................................................... 283

d) Eichstätt....................................................................................................................... . 289 e) Der deutsche Orden...................................................................................................... 293

§ 41. Die Burggrafschaft Nürnberg (Markgraftümer Ansbach-Bayreuth).................... 295 § 42, Adel und Ritterschaft

...................................................................................................... 304

§ 43. Die Reichsstädte................................................................................................................... 323

II. Staat und Gesellschaft. Zweiter Teil: 1500-1800. Von Rudolf Endres § 44. Die «Staatlichkeit» in Franken.........................................................................................349

§ 45. Die geistlichen Fürstentümer......................................................................................... 353 § 46. Die Reichsstädte.................................................................................................................. 360 § 47. Die kleineren Fürsten und die Reichsgrafen............................................................... 369

§ 48, Die Reichsritterschaft - Die voigtländische Ritterschaft.......................................... 381

Inhalt

XI

§ 49. Deutscher Orden. Ballei Franken..................................................................................... 39! § jo. Die Markgraftümer.......................................................................................................... 396 § 51. Die preußische Ära (1791-1806).................................................................................... 406

III. Die kirchlich-religiöse Entwicklung von der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Von Klaus Leder, Walter Brandmüller § 52. Die evangelische Kirche (Klaus Leder)........................................................................ 416

a) Das Zeitalter der Orthodoxie 1555-1648............................................................... 416 b) Das Zeitalter des Pietismus 1648-1750....................................................................421

c) Die Zeit der Aufklärung 1750-1800........................................................................ 423

§ 53. Die katholische Kirche zwischen Tridentinum und Säkularisation. Das Zusammenleben der Konfessionen (Walter Brandmüller)..................................... 426 a) Der Wiederaufbau bis zum Westfälischen Frieden.............................................. 426 b) Die Schönbomzeit (1642-1746)................................................................................ 436

c) Die fränkischen Bistümer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts . . . . 443 d) Das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten in Franken nach dem Westfälischen Frieden................................................................................................. 450

IV. Das Agrarwesen vom Spätmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Von Hildegard Weiss § 54. Die rechtliche und soziale Lage der Bauern............................................................... 456 § 55. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse............................................................................ 472

V. Die Entwicklung der gewerblichen Wirtschaft und des Handels bis zum Beginn des Merkantilismus. Von Eckart Schremmer § 56. Die Wirtschaftsmetropole Nürnberg...........................................................................478

a) Der Handelsraum. Der Aufbau des Nürnberger Privilegiensystems .... 480 b) Die Handelsgüter und Handelswege....................................................................... 484 c) Die Nürnberger Handwerker..................................................................................... 492

d) Verfassung....................................................................................................................... 495

§ 57. Handel und Gewerbe in den Territorien.................................................................. 498

VI. Gewerbe und Handel zur Zeit des Merkantilismus. Von Eckart Schremmer § 58. Die wirtschaftliche Entwicklung der Reichsstadt Nürnberg................................. 505

a) Die Entwicklung des Gewerbes................................................................................. 505 b) Die Organisationsformen des Gewerbes....................................................................510

c) Die Organisation des Absatzes................................................................................ 511

§ 59. Die Gewerbeförderung in den Markgraftümern Ansbach und Bayreuth . . .512

a) Das Textilgewerbe.......................................................................................................... 516 b) Das metallverarbeitende Gewerbe............................................................................ 520

Inhalt

XII

c) Glasbearbeitende Gewerbe......................................................................................... 521 d) Der Eisenerzbergbau und das Montangewerbe.......................................................522

e) Die Manufaktur als betriebliche Organisationsform.............................................. 523

§ 60. Handelsmerkantilistische Bestrebungen in den Mainterritorien

VII. Die Juden in Wirtschaft und Handel.

525

Von Rudolf Endres

§ 61. Die Juden in Wirtschaft und Handel

530

E

DAS GEISTIGE LEBEN VOM 13. BIS ZUM ENDE DES

18. JAHRHUNDERTS

I. Wissenschaft und Bildung im Spätmittelalter bis 1450. Von

Franz-Josep

Schmale § 62. Bildungsstätten und kulturelle Zentren............................................................................ 535

§ 63. Würzburg............................................................................................................................... 539 § 64. Bamberg und Eichstätt...................................................................................................... 544 § 65. Klöster und Orden. Die Mystik......................................................................................... 546 § 66. Nürnberg................................................................................................................................552

II. Gestalten und Bildungskräfte desfränkischen Humanismus. Von Andreas Kraus § 67. Ausstrahlung des fränkischen Humanismus................................................................... 557 § 68. Humanistische Zentren. Geistliche und weltliche Residenzstädte............................. 569

a) Eichstätt

........................................................................................................................... 570

b) Bamberg........................................................................................................................... 572

c) Würzburg

....................................................................................................................... 575

d) Ansbach-Bayreuth und Coburg................................................................................ 580

§ 69. Die Reichsstadt Nürnberg................................................................................................. 582

a) Persönlichkeiten und Strömungen............................................................................ 583 b) Wissenschaftspflege zur Zeit des Humanismus....................................................... 594

III. Der Beitrag Frankens zur Entwicklung der Wissenschaften (1550-1800). Von Andreas Kraus § 70. Die Reichsstadt Nürnberg mit Altdorf............................................................................ 603

a) Die Reichsstadt Nürnberg............................................................................................. 603 b) Die Universität Altdorf................................................................................................. 608

Inhalt

XIII

§ 71. Die Fürstentümer und die übrigen Reichsstädte....................................................

615

a) Schulmänner, Beamte, Ärzte........................................................................................ 615 b) Die Universität Erlangen.............................................................................................623

§ 72. Das geistliche Franken......................................................................................................... 628 a) Das Hochstift Eichstätt................................................................................................. 628

b) Das Hochstift Würzburg.............................................................................................630 c) Das Hochstift Bamberg................................................................................................. 637 d) Die fränkischen Klöster................................................................................................. 640

IV. Das Hochschulwesen in seiner organisatorischen Entwicklung. Von Laetitia Boehm

§ 73. Territoriale, konfessionelle, bildungsgeschichtliche Grundlagen.......................... 644

§ 74. Hochschulinitiativen im katholischen Franken. Würzburg, Bamberg, Aschaffenbürg.................................................................................................................................... 653 a) Würzburg ................................................................................................................... 653 b) Bamberg........................................................................................................................ 660

c) Aschaffenburg............................................................................................................... 662

§ 75. Künstlerisch-technische und naturwissenschaftliche Akademiebestrebungen. Nürnberg, Würzburg, Schweinfurt............................................................................. 663 § 76. Hochschulpolitik im protestantischen Franken. Nürnberg-Altdorf und AnsbachBayreuth-Erlangen........................................................................................................... 666

V. Das Schulwesen (1500-1800). Von Klaus

Leder, Bruno Neundorfer

§ 77. Das evangelische Schulwesen (Klaus Leder)...............................................................678

a) Vor der Reformation..................................................................................................... 678 b) Im 16. Jahrhundert......................................................................................................... 681 c) Im 17. und 18. Jahrhundert.........................................................................................687

§ 78. Das katholische Schulwesen (Bruno Neundorfer).................................................. 690

a) Das gelehrte Schulwesen............................................................................................ 691 b) Das niedere Schulwesen.................................................................................................696

VI. Literatur, Kunst, Musik. Von Hanns Fischer, Johannes Janota, Hans Pörnbacher,

Tilmann Breuer, Sigmund Benker, Hans Schmid

§ 79. Die deutsche Dichtung vom Ende der «mittelhochdeutschen Blütezeit» bis zuin Ausgang des Mittelalters (Hanns Fischer/Johannes Janota)................................703 § 80. Literatur und Theater von 1550-1800 (Hans Pörnbacher)..................................... 707 a) Die Dichtung des Humanismus

................................................................................708

b) Dichtung in Nürnberg bis zum Ende des 18. Jahrhunderts................................. 709 c) Die Residenzstädte Ansbach, Bayreuth und Coburg im 18. Jahrhundert

. . 713

d) Die geistliche Literatur...................................................................................................715

Inhalt

XIV

§ 81. Gotik in Franken (Tilmann Breuer)............................................................................ 717

a) Anfänge

........................................................................................................................... 717

b) Die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts........................................................................ 718 c) Baukunst und Plastik der Parierzeit und des Weichen Stiles............................. 721

d) Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts........................................................................ 725

e) Plastik und Steinmetzkunst am Ausgang der Gotik.............................................. 728

f) Albrecht Dürer und sein Kreis..................................................................................... 735 § 82. Die Kunstentwicklung vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (Sigmund Benker)....................................................................................................................................741

a) Eindeutschung und Krise der Renaissance (ca. 1510-1530)................................. 742 b) Der Manierismus (ca. 1530-1590)................................................................................ 745 c) Später Manierismus (ca. 1580-1640)............................................................................ 751

d) Hochbarock (ca. 1640-1700).........................................................................................759

c) Spätbarock (ca. 1700-1740)......................................................................................... 764

f) Rokoko und Rationalismus (ca. 1740-1780)........................................................... 777

§ 83. Musik (Hans Schmid)

.................................................................................................... 787

a) 1200-1500........................................................................................................................... 787 b) 1500-1800..................................................................................................

790

ZWEITER TEIL: SCHWABEN A

VON DER LANDNAHME BIS ZUM ENDE DES FRANKENREICHS

I. Die politische Entwicklung.

Von Adolf Layer

§ 84. Die alamannische Landnahme............................................................................................. 804 § 85. Unter ostgotischer Schutzherrschaft................................................................................ 809 § 86. Merowingische Oberherrschaft und alamannisches Herzogtum.............................. 811 § 87. Die Karolinger und Ostschwaben.................................................................................... 813

II. Die Innere Entwicklung.

Von Adolf Layer

§ 88. Christianisierung und frühe kirchliche Organisation.................................................. 816 § 89. Siedlung und Bevölkerung in frühmittelalterlicher Zeit.............................................. 824 § 90. Die politische Struktur Ostschwabens in fränkischer Zeit.......................................... 831 § 91. Das kulturelle Erbe der frühmittelalterlichen Zeit.......................................................834

XV

Inhalt B

VON DER GRÜNDUNG DES SCHWÄBISCHEN HERZOGTUMS (911) BIS ZUM ENDE DER STAUFERZEIT (1268)

I. Die politische Entwicklung. Von Adolf

Layer

§ 92. Ostschwaben im Reich der sächsischen Könige........................................................... 841 § 93. Ostschwaben im Reich der salischcn Könige............................................................... 845 § 94. Die Staufer und Ostschwaben........................................................................................ 84S

II. Die innere Entwicklung. Von Adolf Layer § 95. Alte und neue herrschaftsbildcnde Kräfte

................................................................... 854

a) Das Königtum.................................................................................................................. 854 b) Der Adel...........................................................................................................................857 c) Die Kirche

...................................................................................................................... 869

§ 96. Kirchliche Gründungen und Reformen vor und nach der Jahrtausendwende . . 878

§ 97. Siedlung und Bevölkerung in der großen Rodungsperiode..................................... 882

III. Geistiges Leben. Von Adolf Layer § 98. Nach den Ungameinfällen................................................................................................. 890 § 99. Im Zeichen der Reform und der frühstaufischen Kulturblüte................................. 892

IV. Kunst. Von Tilmann Breuer § 100. Vor- und frühromanische Kunst.....................................................................................896 § 101. Das 12. und 13. Jahrhundert.............................................................................................897

C

OSTSCHWABEN IN DER REICHSGESCHICHTE SEIT DEM INTERREGNUM

I. Vom Interregnum bis zum Augsburger Religionsfrieden. Von

Adolf Layer

§ 102. Zwischen Interregnum und Reformation....................................................................... 903 § 103. Im Schwäbischen Reichskreis und im Reich............................................................911 § 104. Die Bauernunruhen und der Bauernkrieg................................................................... 915 § 105. Die Ausbreitung der Reformation.................................................................................... 918 § 106. Schmalkaldischer Krieg und Augsburger Religionsfricde.......................................... 924 II HdBG III, 1

XVI

Inhalt

II. Von der Gegenreformation bis zur Eingliederung in Bayern. Von Adolf Layer § 107. Katholische Reform und Gegenreformation............................................................... 928 § 108. Der Dreißigjährige Krieg................................................................................................. 931 § 109. Zwischen dem Westfälischen Frieden und dem Ende der alten Reichsordnung . 935 § 110. Die Eingliederung Ostschwabens in den bayerischen Staat (1802-1810) . . . . 943

D DIE TERRITORIALSTAATLICHE ENTWICKLUNG BIS UM 1800

I. Geistliche Herrschaftsbereiche. Von Adolf §

iii.

Layer

Hochstift und Domkapitel Augsburg............................................................................ 949 a) Das unmittelbar hochstiftischc Gebiet........................................................................950 b) Das Gebiet des Domkapitels Augsburg................................................................... 955

c) Inkorporierte Klöster und Stifte................................................................................ 957

d) Der innere Ausbau..................................

961

§ 112. Das Fürststift Kempten......................................................................................................963

§ 113. Die Reichsstifte

.................................................................................................................. 968

a) Ottobeuren....................................................................................................................... 968 b) St. Ulrich und Afra in Augsburg................................................................................ 970 c) Elchingen........................................................................................................................... 971

d) Irsee....................................................................................................................................971

e) Kaisheim........................................................................................................................... 972

f) Roggenburg....................................................................................................................... 973

g) Ursberg

........................................................................................................................... 974

h) Wettenhausen.................................................................................................................. 975

i) Buxheim........................................................................................................................... 976

§ 114. Die Güter der Ritterorden................................................................................................. 977

II. Weltliche Herrschaftsbereiche.

Von Adolf Layer

§ 115. Die habsburgischen Besitzungen.................................................................................... 981 § 116. Die wittelbachischen Erwerbungen vor 1800 ............................................................... 988

§ 117. Die Territorien der Grafen und Fürsten von Oettingen..........................................991

§118. Die Besitzungen der gräflichen und fürstlichen Familie Fugger.............................994 § 119. Sonstige hochadlige Territorialherrschaften................................................................... 999 § 120. Die Reichsritterschaft...................................................................................................... 1004

a) Ritterherrschaften des Kantons Kocher....................................................................1007

Inhalt

XVII

b) Ritterherrschaften des Kantons Donau................................................................... 1009 c) Ritterherrschaften des Kantons Hegau, Allgäu und am Bodensee.................... 1027

§ 121. Die Reichsstädte.................................................................................................................. 1030

a) Augsburg................................................................................................................... 1031 b) Donauwörth.................................................................................................................. 1033

c) Kaufbeuren

...................................................................................................................1035

d) Kempten............................................................................................................................ 1035 e) Lindau................................................................................................................................ 1037

f) Memmingen................................................................................................................... 1037

g) Nördlingen....................................................................................................................1038

E INNERE ENTWICKLUNG: SIEDLUNG, BEVÖLKERUNG, KIRCHE, WIRTSCHAFT

I. Siedlung und Bevölkerung.

Von Adolf Layer

§ 122. Siedlung und Bevölkerung von der Wüstungsperiode bis zur Binnenkolonisation im aufgeklärten Absolutismus............................................................................ 1043 § 123. Die Juden und ihre Niederlassungen............................................................................ 1055

II. Die innerkirchliche Entwicklung.

Von Adolf Layer

§ 124. Katholische und evangelische Kirche von der Gegenreformation bis zur Aufklärung............................................................................................................................... 1059

a) Katholische Kirche..................................................................................................... 1060 b) Evangelische Kirche..................................................................................................... 1065

III. Wirtschaft. Von Adolf Layer, Eckart Sciiremmer § 125. Die Landwirtschaft (Adolf Layer)............................................................................ 1067 § 126. Handel und Gewerbe bis zum Beginn des Merkantilismus (Eckart Schremmer) 1073

a) Die obcrschwäbischc Tcxtillandschaft................................................................... 1074 b) Die Wirtschaftsmctropolc Augsburg....................................................................... 1080 c) Regionale Warcnvertcilcrplätze im oberschwäbischen Raum und im Ries. 1096

§ 127. Handel und Gewerbe zur Zeit des Merkantilismus (Eckart Schremmer). . . 1100

a) Die wirtschaftliche Entwicklung der Reichsstadt Augsburg............................. 1101 b) Die wirtschaftliche Entwicklung im Allgäu, im obcrschwäbischcnLand und im Ries........................................................................................................................... 1107 11·

XVIII

Inhalt F DAS GEISTIGE LEBEN VOM 13. BIS ZUM ENDE DES

18. JAHRHUNDERTS

I. Wissenschaft und Bildung. Von Adolf Layer, Andreas Kraus, Laetitia Boehm § 128. Scholastik und Mystik (Adolf Layer)........................................................................ 1121 § 129. Der Humanismus (Adolf Layer)..................................................................................... 1126 § 130. Wissenschaftliches Leben (1550-1800) (Andreas Kraus).......................................... 1138

a) Herrschaften und kleine Reichsstädte........................................................................ 1138 b) Die Reichsstadt Augsburg............................................................................................. 1144

c) Das geistliche Schwaben............................................................................................. 1153

§ 131. Hochschulinitiativen. Augsburg-Dillingen (Laetitia Boehm)................................. 1163 § 132. Das höhere und niedere Schulwesen (Adolf Layer).............................................. 1166

II. Literatur, Kunst, Musik. Von Hanns

Fischer, Johannes Janota, Hans

PÖRNBACHER, T1LMANN BREUER, S1GMUND BENKER, HANS SCHMID

§ 133. Die mittelalterliche deutsche Dichtung (Hanns Fischer/Johannes Janota) .

1174

§ 134. Die Dichtung von 1500-1800 (Hans Pörnbacher).................................................. 1177

a) Die Literatur bis zum Ende des 17. Jahrhunderts.................................................. 1178 b) Das 18. Jahrhundert. Zeit der Aufklärung und der Klassik................................. 1186

§ 135. Die Gotik (Tilmann Breuer)......................................................................................... 1191 a) Der Augsburger Dom und die Zisterzienserkirche Kaisheim............................. 1191

b) Die Kirchen der schwäbischen Reichsstädte........................................................... 1193 c) Plastik und Malerei der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts................................. 1195 d) Die Altarwerkstättcn des 15. Jahrhunderts in den kleineren Reichsstädten

. 1196

e) Augsburger Spätgotik................................................................................................. 1198

f) Ausgang der Gotik in den Allgäuer Reichsstädten.............................................. 1205

§ 136. Die Kunstentwicklung vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (Sigmund Benker)............................................................................................................................... 1208

a) Die Übernahme der antiken Formen (ca. 1515-1530).......................................... 1208 b) Manierismus (ca. 1530-1590).................................................................................... 1211 c) Auf dem Wege zum Barock (ca. 1580-1640)...................................................... 1214

d) Der hohe Barockstil (ca. 1640-1700)....................................................................... 1220 e) Der Spätbarock in Schwaben (ca. 1700-1740)...................................................... 1223

f) Rokoko und Rationalismus (ca. 1740-1780)........................................................... 1229

§ 137. Musik (Hans Schmid)..................................................................................................... 1236

Inhalt

XIX

DRITTER TEIL: OBERPFALZ

A DIE POLITISCHE ENTWICKLUNG VOM 12. BIS ZUM 18. JAHRHUNDERT

I. Pfalz-Oberpfalz-Pfalz/Neuburg. Von

Wilhelm Volkert

§ 138. Namen und Begriffe..........................................................................................................1251

II. Die rheinische Pfalzgrafschafi bis zum Ende des 13. Jahrhunderts.

Von Wilhelm

Volkert

§ 139. DasPfalzgrafenamt und die Pfalzgrafschaft bei Rhein bis zumEnde des12.Jahrhunderts............................................................................................................................... 1254 § 140. Die Pfalzgrafen aus dem Hause Wittelsbach im 13. und 14. Jahrhundert . . 1258

§ 141. Die Territorialpolitik der Wittelsbacher auf dem Nordgau im 13. Jahrhundert 1264

III. Pfalz und Oberpfalz bis zum Tod König Ruprechts. Von Wilhelm Volkert § 142. Der Hausvertrag von Pavia 1329................................................................................ 1271 § 143. Kurpfalz und das «Neuböhmische Territorium»...................................................... 1273 § 144. Die territoriale Entwicklung von Pfalz und Oberpfalz im 14. Jahrhundert . . 1278 § 145. Ausbau und Niedergang «Neuböhmens»..................................................................1281 § 146. Ruprecht ΠΙ., Kurfürst von der Pfalz und deutscher König (1398-1410)

. . 1284

IV. Pfälzische Zersplitterung. Von Wilhelm Volkert § 147. Die Pfälzer Kurfürsten und die Oberpfalz bis zum Landshuter Erbfolgekrieg (1503/05)............................................................................................................................... 1289

§ 148. Der Ausklang der Heidelberger Kurlinie (1508-1556)......................................... 1299 § 149. Kurpfalz zwischen Luthertum und Calvinismus (1559-1620)............................. 1306

§ 150. Die Auswirkungen der Reformation auf die Kuroberpfalz................................. 1317

§ 151. Die pfälzischen Nebenlinien seit dem 15. Jahrhundert......................................... 1323 a) Pfalz-Neumarkt-Neuburg.........................................................................................1323 b) Pfalz-Mosbach.............................................................................................................. 1327

c) Pfalz-Simmem-Zweibrücken.................................................................................... 1329 d) Pfalz-Birkenfeld......................................................................................................... 1333

§ 152. Das Fürstentum Pfalz-Neuburg und seine Nebenlinien vom 16. bis zum 18. Jahrhundert.......................................................................................................................... 1335

Inhalt

XX

B DIE INNERE ENTWICKLUNG: STAAT, KIRCHE, WIRTSCHAFT

BIS ZUM 18. JAHRHUNDERT

I. Staat und Kirche.

Von Wilhelm Volkert

§ 153. Die kleineren Reichsstände im Gebiet der Oberpfalz.............................................. 1353

§ 154. Die staatliche Organisation.............................................................................................. 1357 § 155. Die kirchliche Organisation.............................................................................................. 1366

II. Wirtschaft. Von

Eckart Schremmer

§ 156. Das Oberpfälzer Montangebiet..................................................................................... 1371

a) Das Oberpfälzer Eisengebiet bis zum Beginn des Merkantilismus .... 1371 b) Das Montangewerbe der Oberpfalz zur Zeit des Merkantilismus.................... 1380

ANHANG I. Die altbayerischen Hochstifte Freising, Regensburg, Passau in der Zeit vom Tridentinum bis zur Säkularisation. Von Heribert Raab a) Die Hochstifte und Diözesen Freising und Regensburg.........................

. . . 1393

b) Hochstift und Diözese Passau...........................................................................................1411

II. Die Reichsstadt Regensburg.

Von Walter Ziegler

a) Die Reichsstadt im Mittelalter............................................................................................. 1423 b) Im Spätmittelalter................................................................................................................... 1429 c) Reformationszeit....................................................................................................................... 1432 d) Die Stadt der Reichstage.......................................................................................................... 1435 e) Das Ende der Reichsstadt...................................................................................................... 1438

III.

Die kleineren weltlichen Reichsstände im Bayerischen Reichskreis. Von Wir hei m Volkert

a) Ortenburg.................................................................................................................................... 1439 b) Hohenwaldeck......................................................................................................................... 1441 c) Haag.......................................................................................................................................... 1443 Verzeichnis der Bischöfe. Von Rudolf Endres, Adolf Layer, Walter Ziegler

.

1447

Stammtafeln. Von Wilhelm Volkert, Rudolf Endres................................................. 1455 Hilfsmittel, Quellen, Darstellungen 1. Franken. Von Rudolf Endres............................................................................................1457 2. Schwaben. Von Adolf Layer................................................................................................ 1467

3. Oberpfalz. Von Wilhelm Volkert................................................................................... 1477

Register

1489

ABKÜRZUNGEN AA.................................................. Abdr................................................. Abh................................................... Abh. Berlin, Göttingen, Leipzig, Mainz, München, Wien......... AbM .............................................. ADB .............................................. AGA .............................................. AGF................................................ AGHA ..........................................

AH.................................................. Akad. d. Wiss................................. AKG .............................................. AMK.............................................. Angermeier ................................. Anz................................................... AO ................................................ AÖG .............................................. Arch................................................. ARG................................................ AU ................................................ Augusta 955-1955 .......................

AV.................................................. AZ..................................................

BA.................................................. Baader, Gelehrtes Baiern............. Baader, Lexikon ......................... Backmund, Chorherrenorden .. Backmund, Kleinere Orden ....

Bad. Bibliogr.................................. Bader..............................................

Bauerreiss ......................................

Auctores antiquissimi Abdruck Abhandlungen)

Abhandlungen der Philosophisch-Historischen Klasse der Akad. d. Wiss. Altbayerische Monatsschrift, hg. vom Hist. Ver. v. Ob., 1-15, 1899-1919/26 Allgemeine Deutsche Biographie, hg. von der HK, 56 Bde. mit Registerbd., 1875/1912 Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg Allgäuer Geschichtsfreund Archiv für die Geschichte des Hochstifts Augsburg, im Auftrag des Hist. Vereins Dillingen hg. von A. Schröder, Bde. I-VI, 1909/29 Allgäuer Heimatbücher Akademie der Wissenschaften Archiv für Kulturgeschichte Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte H. Angermeier, Königtum und Landfriede in deutschen Spätmittelalter, 1966 Anzeiger Archiv für Geschichte und Altertumskunde von Oberfranken Archiv für österreichische Geschichte Archiv Archiv für Reformationsgeschichte Archiv des Historischen Vereins von Unterfranken und Aschaffenburg Augusta 9551955‫ ·־‬Forschungen u. Studien zur Kultur- u. Wirtschaftsgeschichte Augsburgs, hg. von H. Rinn, 1955 Abkürzungsverzeichnis zum Handbuch der bayer. Geschichte Archivalische Zeitschrift

Bezirksamt K. A. Baader, Das gelehrte Baiern s. HB II, AV K. A. Baader, Lexikon, s. ebd. N. Backmund, Die Chorherrenorden und ihre Stifte in Bayern, 1966 N. Backmund, Die kleineren Orden in Bayern und ihre Klöster bis zur Säkularisation, 1974 F. Lautenschlager, Bibliographie der badischen Geschichte, 4 Bde., 1929/63, Bde. III u. IV von W. Schulz K. S. Bader, Der deutsche Südwesten in seiner territorialstaatliehen Entwicklung, 1950 R. Bauerreiss, Kirchengeschichte Bayerns, 7 Bde., 1949/70, I 1958’

XXII

Abkürzungen

Baumann ..................................... F. L. Baumann, Geschichte des Allgäus, 3 Bde., 1883/94 Baumann, Forsch. ....................... F. L. Baumann, Forschungen zur schwäbischen Geschichte, 1899 Bayer. Archivinventare............... Bayerische Archivinventare, hg. im Auftrag des Generaldirektors der Staatl. Archive Bayerns, 1-32-, 1952-1970Bayer. Geschichtsatlas................. Bayerischer Geschichtsatlas, hg. v. Μ. Spindler, Redaktion G. Diepolder, 1969 Bayer. Lit. Gesch........................... Bayerische Literaturgeschichte in ausgewählten Beispielen, hg. v. E. Dünninger u. D. Kiesselbach, 2 Bde., 1965/67 Beih................................................. Beiheft Beil................................................... Beilage Beitr., Beitrr. ............................... Beitrag, Beiträge Beitrr. BK..................................... Beiträge zur Bayerischen Kirchengeschichte (Forts.: ZBKG) Beitrr. WGN............................... Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs, 2 Bde. (Beitrr. zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 11/I u. II) 1967 BF ................................................. J. F. Böhmer, Regesta Imperii V: 1198-1272, bearb. v. FickerWinkelmann, 4 Bde., 1881/1901 BHB ............................................. Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder, hg. von K. Bosl, 4 Bde., I 1967, III1968, IV 1970, II im Druck BHVB........................................... Bericht des Historischen Vereins für die Pflege der Geschichte des ehemaligen Fürstbistums Bamberg Bibi.................................................. Bibliothek Bibliogr........................................... Bibliographie zum Bauernkrieg u. seiner Zeit (Veröff. seit 1974), bearb. v. U. Thomas (Fachdok. Agrargesch. an d. Univ. Hohenheim) 1976/77 Bihlmeyer-Tüchle....................... K. Bihlmeyer-H. Tüchle, Kirchengeschichte, 3 Bde., I 1966■·, II 1968 * ’, III 1969' * BKD ............................................. Bayerische Kunstdenkmale BLF ............................................... Blätter des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde BLfD............................................. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege BlldLG ......................................... Blätter für deutsche Landesgeschichte Bll. f. pfälz. KG ........................... Blätter für pfälzische Kirchengeschichte BLVS ........................................... Bibliothek des litterarischen Vereins Stuttgart Bonifatius, Briefe......................... Die Briefe des hl. Bonifatius und Lullus, hg. v. Μ. Tangl (MG Epistolae selectae 1) 1916 de Boor-Newald ......................... H. de Boor-R. Newald, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart (s. HB I, AV); dazu IV 1: H. Rupprich, Das ausgehende Mittelalter, Humanismus u. Renaissance 1370-1520, 1970, IV 2: Das Zeitalter der Reformation 1520-1570, 1973 Bosl ............................................... K. Bosl, Die Reichsministerialität s. HB I oder Π, AV Bosl, Bayern ............................... Bayern (Handbuch der hist. Stätten Deutschlands 7), hg. von K. Bosl, 1965 * Bosl, Franken ............................... K. Bosl, Franken um 800. Strukturanalyse einer fränkischen Königsprovinz, 1959, 19692 Bosl, Frühformen ....................... K. Bosl, Frühformen der Gesellschaft im mittelalterlichen Europa. Ausgewählte Beiträge zu einer Strukturanalyse der mittelalterlichen Welt, 1964 Bosl, Würzburg........................... K. Bosl, Würzburg als Reichsbistum. Verfassungsgeschichtliche Grundlagen des staufischen Reichskirchenregiments (Aus Verfassungs- und Landesgeschichte, Festschr. Th. Mayer, I) 1954, 161-182

Abkürzungen

XXIII

Brandmüller.................................. W. Brandmüller, Das Wiedererstehen katholischer Gemeinden in den Fürstentümern Ansbach und Bayreuth (MThStud. I 15) 1963 Braun ............................................ P. Braun, Geschichte der Bischöfe von Augsburg, 4 Bde., 1813/15 Braun, Klerus............................... C. Braun, Geschichte der Heranbildung des Klerus in der Diözese Würzburg, II 1897 Briefe u. Akten ........................... s. HB II, AV Brunner.......................................... O. Brunner, Land und Herrschaft s. HB I oder II, AV Buchner, Eichstätt ....................... F. X. Buchner, Das Bistum Eichstätt. Historisch-statistische Beschreibung, 2 Bde., 1938 Buchner, Schulgcsch..................... F. X. Buchner, Schulgeschichtc des Bistums Eichstätt vom Mittelalter bis 1803, 1956 Büttner, Mainland....................... H. Büttner, Das mittlere Mainland und die fränkische Politik des 7. und frühen 8. Jahrhunderts (WDGB11. 14/15) 1952/53, 83-90 Bundschuh ....................................J. K. Bundschuh, Geographisches, statistisch-topographisches Lexikon von Franken, 6 Bde., 1799/1801, s. u. 1461 BVbll............................................... Bayerische Vorgeschichtsblätter 1931 ff. BWR.............................................. J. F. Böhmer, Wittclsbachische Regesten (1180-1340), 1854 egm.................................................. codex germanicus monacensis Conrad, Rechtsgesch..................... H. Conrad, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. I: Frühzeit und Mittelalter, 19632, Bd. II: Neuzeit bis 1806, 1966 Const................................................ Constitutiones et acta publica imperatorum et regum s. HB II AV

D (D) ........................................... Diplom(ata),DAm. (Diplom Arnulfs),DH. (DiplomHeinrichs), DK. (Diplom Konrads),DLdK. (Diplom Ludwigs d. Kindes), DO. (Diplom Ottos) DA.................................................. Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Daniel ............................................ Der Daniel. Heimatkundlich-kulturelle Vierteljahrsschrift für das Ries und Umgebung Dannenbauer................................. H. Dannenbauer, Die Entstehung des Territoriums der ReichsStadt Nürnberg, 1928 Diss. (Masch.)............................... Dissertation (maschinenschriftlich) Dobenecker ................................. O. Dobenecker, Regesta diplomatica neenon epistolaria historiae Thuringiae, 4 Bde., 1894/1939 Doeberl......................................... Μ. Doeberl, Entwicklungsgeschichte Bayerns, 3 Bde., 1906/31, I 19163, II 19283, III hg. v. Μ. Spindler 1931 Dokumente ................................. Dokumente zur Geschichte von Staat u. Gesellschaft in Bayern. Abt. I: Altbayern vom Frühmittelalter bis 1800. Bd. 2: Altbayern von 1180-1550, bearb. v. K.-L. Ay, 1977 Domarus....................................... Μ. Domarus, Würzburger Kirchenfürsten aus dem Hause Schönborn, 1951 DTB .............................................. Denkmäler der Tonkunst in Bayern (= Denkmäler Deutscher Tonkunst 2. Folge), veröffentl. durch d. Gesellschaft zur Herausgabe v. Denkmälern d. Tonkunst in Bayern unter Leitung v. A. Sandberger (36 Bde. 1900/31, 2. rev. Aufl. 1962 ff.), NF hg. v. d. Ges. f. Bayer. Musikgeschichte 1966 ff. Dümmler....................................... E. Dümmler, Geschichte des Ostfränkischen Reiches, 3 Bde., 1887/88, Neudruck 1960

XXIV

Abkürzungen

Duhr .............................................. B. Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge, 4 Bde., 1907/28 DVjschrLG.................................... Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte DWG.............................................. Darstellungen aus der Württembergischen Geschichte Epp................................................... Epistolae ebd....................................................ebenda Eberlein I ..................................... H. Eberlein, Grundriß der Heimatkunde des Landkreises Augsbürg, 1959 Eberlein II..................................... H. Eberlein, Grundriß der Heimatkunde des Landkreises Augsbürg, 2. Aufl. neu bearb. von H. Endrös und G. Krausse, 1969 Ehrismann...................................... G. Ehrismann, Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters, 4 Bde., 1918/3 5,119322, unver. Nachdrucke von Teilen 1965/66 Einzelarbeiten............................... Einzelarbeiten aus der Kirchengeschichte Bayerns Endres, Erbabreden ..................... R. Endres, Die Erbabreden zwischen Preußen und den fränkisehen Markgrafen im 18. Jahrhundert (JffL 25) 1965, 43-87 Erg.-Bd., Erg.-Heft(e) ................. Ergänzungsband, Ergänzungsheft(e) erseh................................................. erschienen Eubel............................................. C. Eubel, Hierarchia catholica medii et recentioris aevi, III 1913/232, IV 1935, V-VI Padua 1952/58, Neudruck PaIdua1960 ev(ang)............................................. evangelisch

F........................................................ Folge f., ff................................................. für, folgend(e) Faber du Faur............................... C. v. Faber du Faur, German Baroque Literature. A catalogue of the Collection in the Yale University, New Haven 1958 FdG ............................................... Forschungen zur deutschen Geschichte, 26 Bde., 1862/86, Neudruck 1968 Fehn................................................ K. Fehn, Siedlungsgeschichtliche Grundlagen der Herrschaftsund Gesellschaftsentwicklung in Mittelschwaben (StGBS 9) 1966 Fehn, Herrschaftsstruktur........... K. Fehn, Die Herrschaftsstruktur des nordöstlichen MittelSchwabens zwischen 1268 und 1806 (ZBLG 28) 1965, 151-189 Festschr............................................ Festschrift Festschr. Hl. Magnus................... Festschrift zum 1200jährigenJubiläum des Hl. Magnus, 1950 Festschr. Ottobeuren................... Ottobeuren, Festschrift zur 1200-Jahrfeier der Abtei, hg. von Aeg. Kolb und H. Tüchle, 1964 FGB................................................ Forschungen zur Geschichte Bayerns (vorher: FKLB), 16 Bde., 1893/1908 FKG................................................ Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte FKLB ........................................... Forschungen zur Kultur- und Literaturgeschichte Bayerns Forsch.............................................. Forschung(en) Forts................................................. Fortsetzung FRA............................................... Fontes rerum Austriacarum, österreichische Geschichtsquellen, hg. von der Historischen Kommission der österreichischen Akad. d. Wiss. s. HB II, AV frank................................................ fränkisch Fränk. Klassiker........................... Fränkische Klassiker. Eine Literaturgeschichte in EinzeldarStellungen mit 255 Abbildungen, hg. v. W. Buhl, 1971

Abkürzungen

XXV

Fredegar ........................................ Chronicarum quae dicuntur Fredegarii scholastici libri IV cum continuationibus, hg. v. B. Krusch (MG SS rer. Mer. 2) 1888,

1-193 FRG................................................ J. F. Böhmer, Fontes rerum Germanicarum, 4 Bde., 1843/68, Neudruck 1969 Friese .............................................. A. Friese, Studien zur Herrschaftsgeschichte des fränkischen Adels (7. bis 11. Jahrhundert), masch. Habil.-Schrift Bochum 1970 gedr.................................................. Ges.................................................... Gesch. GffG GG..................................................

Goeters, KO XIV ....................... GP .................................................. v. Guttenberg...............................

v. Guttenberg I ........................... v. Guttenberg, Reg.......................

v. Guttenberg-Wendehorst II...

GWU ............................................

gedruckt Gesellschaft Geschichte Gesellschaft für fränkische Geschichte B. Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 2 Bde., 1891/92; 8. vollständig neubearb. Aufl. von H. Grundmann, 4 Bde., 1954/60, Bd. IV = Die Zeit der Weltkriege, von K. D. Erdmann, 1959; 9. neubearbeitete Aufl., hg. von H. Grundmann, 3 Bde. (bis zum ersten Weltkrieg) 1970 Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts: XIV (Kurpfalz) bearb. von J. F. G. Goeters, 1969 Germania Pontificia, hg. von A. Brackmann, I 1911, Ili 1923, II 2 1927, III 1935 E. v. Guttenberg, Die Territorienbildung am Obermain (BHVB 79) 1927, Nachdruck 1966 E. Frhr. v. Guttenberg, Das Bistum Bamberg, i.Teil: Das Hochstift Bamberg (Germania Sacra, 2. Abt., 1. Bd.) 1937 Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Bamberg, bearb. v. E. Frhr. v. Guttenberg (VGffG, R. 6, Bd. 2, 5 Lfgn.) 1932/1963 E. Frhr. v. Guttenberg-A. Wendehorst, Das Bistum Bamberg, 2. Teil: Die Pfarrorganisation (Germania Sacra, 2. Abt., 1. Bd.) 1966 Geschichte in Wissenschaft und Unterricht

,H. He.............................................. Heft, Hefte HA.................................................. Historischer Atlas HAB .............................................. Historischer Atlas von Bayern (s. HB I 591 f., Ergänzungen s. u. 1462, 1474, 1478) HA v. Bayer.-Schw...................... Historischer Atlas von Bayerisch-Schwaben, hg. v. W. Zorn (Veröffentlichungen der Schwäb. Forschungsgem. bei der KBL) 1955 Häusser .......................................... L. Häusser, Geschichte der rheinischen Pfalz nach ihren politisehen, kirchlichen und literarischen Verhältnissen, 2 Bde., 1856, Neudr. 1924 Hartung ........................................ F. Hartung, Geschichte des fränkischen Kreises I: Die Geschichte des fränkischen Kreises von 1521-1559, 1910 Hartung, Verfassungsgesch.......... F. Hartung, Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15.Jahrhundert bis zur Gegenwart, 1964 * Hauck ............................................ A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands, Bde. I-V 2, 1887/ 1920, 1952/5357‫־‬, Neudruck 1970 HB.................................................. Handbuch HBI, Π Handbuch der bayerischen Geschichte Bde. I und II

XXVI Heidingsfelder Hemmerle, Augustinerklöster .. Hemmerle, Benediktinerklöster .

Hg., hg............. Hist. Ver. (HV) HJb.................... HK................... Hofmann

Hofmann, Adelige Herrschaft ..

Hofmann, Deutschmeisterstaat..

Hofmann, Freibauern ...

HONB ........ HONB Schw. HStA............ HVjschr.......... HVN............. HZ

Jaffe V

Jahresber. Jänner .. Jb.,Jbb. Jb. Mir.

Jedin

JffL ... Jg‫׳‬jBß JGOR Jh. ... JHVD JHVS . JNÖSt........................... Jordan-Bürckstümmer

Abkürzungen F. Heidingsfelder, Die Regesten der Bischöfe von Eichstätt (VGffG, R. 6) 1938 J. Hemmerle, Die Klöster der Augustiner-Eremiten in Bayern (Bayer. Heimatforschung 12) 1958 J. Hemmerle, Die Benediktinerklöster in Bayern (Bayerische Heimatforschung 4) 1951 Herausgeber, herausgegeben Historischer Verein Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft Historische Kommission bei der Bayer. Akad. d. Wiss. München Η. H. Hofmann, Territorienbildung in Franken im 14. Jahrhundert (ZBLG 31) 1968, 369-420 Η. H. Hofmann, Adelige Herrschaft und souveräner Staat. Studien über Staat und Gesellschaft in Franken und Bayern im 18. u. 19. Jahrhundert (Stud. z. bayer. Verfassungs- u. Sozialgesch. 2) 1962 Η. H. Hofmann, Der Staat des Deutschmeisters. Studien zu einer Geschichte des Deutschen Ordens im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (ebd. 3) 1964 Η. H. Hofmann, Freibauern, Freidörfer, Schutz und Schirm im Fürstentum Ansbach. Studien zur Genesis der Staatlichkeit in Franken (ZBLG 23) 1960, 195-327 Historisches Ortsnamenbuch Historisches Ortsnamenbuch Schwaben Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Historische Vierteljahrsschrift 1898/1937 Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen und Umgebung Historische Zeitschrift

Ph.Jaffd, Bibliotheca rerum Germanicarum V: Monumenta Bambergensia, 1879, Neudr. 1964 Jahresbericht F.Janner, Geschichte der Bischöfe von Regensburg, 3 Bde., 1883/86 Jahrbuch, Jahrbücher Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken, vor 1956: Jahresber. H. Jedin (Hg.), Handbuch der Kirchengeschichte, IV 1967, V 1970 Jahrbuch für fränkische Landesforschung Jahrgang, Jahrgänge Jahrbuch für Geschichte der oberdeutschen Reichsstädte Jahrhundert(e) Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen Jahres-Berichte des historischen Kreis-Vereins im Regierungsbezirke von Schwaben und Neuburg Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik H. Jordan, Reformation und gelehrte Bildung in der MarkgrafSchaft Ansbach-Bayreuth (Quellen und Forschungen zur baye-

Abkürzungen

Just

JVAB

XXVII

rischen Kirchengeschichte), 1. Teil (bis gegen 1560) 1917, 2. Teil (1556-1742) hg. von Chr. Bürckstümmer 1922 Handbuch der deutschen Geschichte, begr. von O. Brandt, fortgef. von A. O. Meyer, neu hg. von L. Just, 4 Bde., 19572ff. Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte

Katalog katholisch Kommission für bayer. Landesgeschichte bei der Bayer. Akad. d. Wiss. Die Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern KDB KG . Kirchengeschichte Kist J. Kist, Fürst- und Erzbistum Bamberg, Leitfaden durch ihre Geschichte von 1007-1960, 1962’ Kirchenordnung (en) KO .. Kommission Komm. W. Kosch, Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisches und Kosch bibliographisches Handbuch, 4 Bde., Bem 1949/582, 1968 ff.2 Kraft-v. Guttenberg W. Kraft-E. Frhr. v. Guttenberg, Gau Sualafeld und Grafschäft Graisbach (JffL 8/9) 1943 Kraus, Vernunft u. Gesch. A. Kraus, Vernunft und Geschichte. Die Bedeutung der deutsehen Akademien der Wissenschaften für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im späten 18. Jahrhundert, 1963 Krausen, Zisterzienserorden .... E. Krausen, Die Klöster des Zisterzienserordens in Bayern (Bayerische Heimatforschung 7) 1953 Krauß R. Krauß, Schwäbische Litteraturgeschichte in zwei Bänden, 1897 u. 1899 Kat. kath. KBL

Lebensbilder Schw.

Leder, Altdorf LfD ............... LG................. Lieb, Fugger I

Lieb, Fugger II Liefg...................... Lindner............... Lit.......................... Lit.gesch............... Lkde...................... Lkr......................... Lkr. Dillingen .. Lkr. Donauwörth

Lkr. Mindelheim

Lebensbilder aus dem bayerischen Schwaben, hg. v. G. Frhr. v. Pölnitz, ab Bd. 9 v. W. Zom, 1-9-, 1952-1966- (Veröffentlichungen d. Schwab. Forschungsgein. bei der KBL, Reihe 3) K. Leder, Universität Altdorf. Zur Theologie der Aufklärung in Franken. Die Theol. Fakultät in Altdorf 1750-1809, 1965 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege Landesgeschichte N. Lieb, Die Fugger und die Kunst im Zeitalter der Spätgotik und frühen Renaissance, I 1952 N. Lieb, Die Fugger und die Kunst im Zeitalter der hohen Renaissance, II 1958 Lieferung(en) P. Lindner, Monasticon Episcopatus Augustani antiqui, 1913 Literatur Literaturgeschichte Landeskunde Landkreis Landkreis und Stadt Dillingen ehedem und heute, 1967 Landkreis Donauwörth. Werden und Wesen eines Landkreises, 1966 Der Landkreis Mindelheim in Vergangenheit und Gegenwart, 1968

XXVIII

Abkürzungen

LL .................................................. Leges Looshom........................................ J. Looshom, Die Geschichte des Bistums Bamberg, 7 Bde, (bis 1808), 1886/1910, Nachdr. I-III 1967/68 LThK ............................................ Lexikon für Theologie und Kirche, hg. v. Μ. Buchberger, 10 Bde., 2. Aufl. mit Reg.-Bd. hg. v. J. Höfer u. K. Rahner 1957/67 Lünig.............................................. J. C. Lünig, Teutsches Reichsarchiv, 24 Bde., Leipzig 1713/22 Lütge, Sozial- u.Wirtschaftsgesch. F. Lütge, Deutsche Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 19663

MA ................................................ Mittelalter Mainfr. H........................................ Mainfränkische Hefte, hg. von der Gesellschaft Freunde Mainfränk. Kunst und Geschichte, 1-55-, 1948-1971Mainfr. Jb........................................ Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst MAO ............................................ H. Lieberich, Beiträge zur Rechts-, Verfassungs- und Sozialgeschichte Altbayems, 37 Hefte, 1940/50 (Erschienen als Mitteilungen für die Archivpflege in Oberbayern, Masch., HStA) Mayer, Fürsten............................. Th. Mayer, Fürsten und Staat. Studien zur Verfassungsgeschichte des deutschen Mittelalters, 1950 Mayer, Mod. Staat ..................... Th. Mayer, Die Ausbildung der Grundlagen des modernen deutschen Staates im hohen Mittelalter (Herrschaft u. Staat, Wege der Forschung 2) 1960 MB ................................................ Monumenta Boica, hg. von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1763 ff. Merzbacher.................................... F. Merzbacher, Judicium provinciale ducatus Franconiae. Das kaiserliche Landgericht des Herzogtums Franken-Würzburg im Spätmittelalter (Schriftenreihe 54) 1956 MfA................................................ Mitteilungen für die Archivpflege inBayern Mfr................................................... Mittelfranken MG, MGH ................................... Monumenta Germaniae Historica, 1826 ff. MGB11............................................. Memminger Geschichtsblätter MGG.............................................. Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Unter Mitarbeit zahlreicher Musikforscher des In- und Auslandes hg. v. F. Blume, 14 Bde., 1949/68 MHA.............................................. Münchener Histor. Abhandlungen MHF .............................................. Münchner Histor. Forschungen MHStud.......................................... Münchener Histor. Studien, Abt. Bayer. Geschichte, hg. v. Μ. Spindler, 1955 ff. MIÖG............................................ Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, s. MÖIG Mitt.................................................. Mitteilungen) Mitt. Pfalz..................................... Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz MJBK ............................................ Münchener Jahrbuch der bildenden Kunst MÖIG............................................ Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung (Bde. 39-54, s. MIÖG) Mon. Zollerana ........................... Monumenta Zollerana, Urkundenbuch zur Geschichte des Hauses Hohenzollem, bearb. von R. v. Stillfried u. T. Märker, 8 Bde., 1852/90 Ms..................................................... Manuskript MThStud........................................ Münchener Theol. Studien MVGN.......................................... Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nümberg

Abkürzungen

XXIX

MW .............................................. Monumenta Wittelsbacensia, Urkundenbuch z. Geschichte des Hauses Wittelsbach, hg. v. F. Μ. Wittmann, 1. Bd. (1204 bis 1292) 1857 (= QE 5), 2. Bd. (1293-1397) 1861 (= QE 6)

NA ................................................ Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskünde (Forts.: DA) Nadler............................................ J. Nadler, Literaturgeschichte der deutschen Stämme und ]Landschaften, 4 Bde., 1929’ ff. NB11. Lindau ............................... Neujahrsblätter des Museumsvereins Lindau NDB .............................................. Neue Deutsche Biographie, hg. v. d. HK, 1953 ff, zuletzt IX (erscheint 1972, reicht von Heß bis Ende H) Neudr............................................... Neudruck Neujahrsblätter ........................... Neujahresblätter der Gesellschaft für fränkische Geschichte Newald.......................................... s. de Boor-Newald NF.................................................. Neue Folge NK ................................................ Neuburger Kollektaneenblatt. Jahresschrift des Heimatvereins (Historischen Vereins) Neuburg/Donau nr(r).................................................. Nummer(n) NS, n. s............................................ nova series OA ................................................ Ofr.................................................... Opf................................................... OS ..................................................

Oberbayerisches Archiv Oberfranken Oberpfalz Das obere Schwaben vom Illertal zum Mindeltal

Pastor ............................................ L. v. Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, 16 Bde. in 22 Teilen, 1885/1930, I 19277, II 192812, III 1924’, IV-XVI 1906/33 in vielen unveränd. Auflagen, Neudr. nach 1945 Pfalzatlas ........................................ W. Alter, Pfalzatlas, 1963 ff., s. u. 1478 phil.-hist. Kl.................................... philosophisch-historische Klasse v. Pölnitz, Julius Echter ............. Götz Frhr. v. Pölnitz, Julius Echter von Mespelbrunn, Fürstbischof von Würzburg und Herzog von Franken 1573-1617 (Schriftenreihe 17) 1934 QE.................................................. Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte s. HB I 571 f. QFGHW ...................................... Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg, hg. v. Th. Kramer, 1-23-, 1948-

1971QFGN............................................ Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Nürnberg (ab 1965 Quellen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nümberg), hg. im Auftrag des Stadtrats zu Nürnberg vom Stadtarchiv, 7 Bde., 1951/67 QFIAB .......................................... Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Zeitschrift des Preußischen bzw. Deutschen Hist. Instituts in Rom R........................................................ Rassow .......................................... RB .................................................. Reg...................................................

Reihe P. Rassow, Deutsche Geschichte im Überblick, 1962 * Regesta Boica s. HB I oder II, AV Regesten, Register

XXX

Abkürzungen

Reg. Augsb..................................... W. Volkert-F. Zoepfl, Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Augsburg, I 1 1955, I 2 1964 (Veröffentl. d. Schwäb. FG, R. 2 b) Reg. Pfalzgr.................................... Regesten der Pfalzgrafen am Rhein 1214-1508, bearb. von A. Koch und J. Wille, I (-1400), II (Liefg. 1-5) bearb. v. L. Gf. v. Obemdorff, Innsbruck 1912/19 Reicke ........................................... E. Reicke, Geschichte der Reichsstadt Nürnberg, 1896 RGG .............................................. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl. hg. von H. Gunkel u. L. Zschamack, 5 Bde. u. 1 Reg.-Bd. 1927/32, 3. Aufl. hg. v. K. Galling, 6 Bde. u. 1 Reg.-Bd. 1957/65 Rhein. Vjbfl.................................... Rheinische Vierteljahrsblätter RI....................................................J. F. Böhmer, Regesta Imperii s. HB I 570 Riezler............................................ S. Riezler, Geschichte Baiems, 8 Bde., 1878/1914, I 1927 * in 2 Halbbänden, Registerbd. bearb. v. J. Widemann 1932, Neudruck 1964 RL .................................................. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte s. HB II, AV Röder ............................................ Μ. Röder, Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Schwaben, 2 Bde., 1800/01 Rößler ............................................ H. Rößler, Fränkischer Geist - Deutsches Schicksal. Ideen Kräfte - Gestalten in Franken 1500-1800 (Die Plassenburg 4), 1953 ............................... H. Rößler-G. Franz, Sachwörterbuch zur deutschen Geschichte 1958 Rottenkolber................................. J. Rottenkolber, Geschichte des Allgäus, 1951 RQ .................................................. Römische Quartalschrift RTA .............................................. Deutsche Reichstagsakten, hg. von der HK, Ältere Reihe (1378-1444) 1-19T. 1-, 1867-1969RTA, Jüngere Reihe ................... Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V., hg. v. der HK, Bde. I-IV: 1519-1524, bearb. v. A. Kluckhohn u. A. Wrede, 1893/1905, Bd. VII I u. 2: 1527-1529, bearb. v. J. Kühn, 1935 (Neudr. 1962/63), Bd. Vm 1, bearb. v. W. Steglitz, 1970

Rößler-Franz

s......................................................... siehe Sax.................................................. J. Sax, Die Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt 745-1806, 2 Bde., 1884/85 Sax-Bleicher................................. J. Sax-J. Bleicher, Geschichte der Stadt und des Hochstiftes Eichstätt, 1927 SB Berlin, Heidelberg, München ... Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Klasse der Akad. d. Wiss. zu Sbl.................................................... Sammelblatt C. Scherzer................................... Franken. Land, Volk, Geschichte und Wirtschaft, hg. von C. Scherzer, 2 Bde., 1955,1 19622 Scherzer ....................................... Die Bayerische Ostmark. Land, Volk und Geschichte, hg. von H. Scherzer, 1940, 19432 (unter dem Titel: Gau Bayreuth, Land, Volk und Geschichte) Schiefler ....................................... Th. Schiefler, Winfrid-Bonifatius und die christliche Grundlegung Europas, 1954 Schlesinger ................................... W. Schlesinger, Die Entstehung der Landesherrschaft, Untersuchungen vorwiegend nach mitteldeutschen Quellen, 19642 -J. Schmale, Die Glaubwürdigkeit der jüngeren Vita BurSchmale, Glaubwürdigkeit........ F. chardi (JffL 19) 1959, 4583‫־‬

Abkürzungen

XXXI

Schmale, Würzburg ................... F.-J. Schmale, Das Bistum Würzburg und seine Bischöfe im früheren Mittelalter (ZBLG 29) 1966, 616-661 Schmidt, Herzogtum ................. G. Schmidt, Das würzburgische Herzogtum und die Grafen und Herren von Ostfranken vom 11. bis zum 17. Jahrhundert, 1913 Schottenloher............................... Bibliographie zur Deutschen Geschichte im Zeitalter der Glaubensspaltung 1517-1585, ‫ ך‬Bde., I-VI bearb. v. K. Schottenloher, 1956/58’, VII (Das Schrifttum von 1938-1960) bearb. v. U. Thürauf, 1966 Sehr.................................................. Schrift(en) Schreiber, Weltkonzil ............... G. Schreiber (Hg.), Das Weltkonzil von Trient. Sein Werden und Wirken, 2 Bde., 1951 Schremmer.................................... E. Schremmer, Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung. Bergbau, Gewerbe, Handel, 1970 Schriftenreihe............................... Schriftenreihe der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayer. Akademie der Wissenschaften Schröder ........................................ A. Schröder, Die staatsrechtlichen Verhältnisse im bayerischen Schwaben um 1801, 1907 (Erstveröffentlichung im Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 19, 1906) SchrVGB ...................................... Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung Schubert, Landstände ................. E. Schubert, Die Landständc des Hochstifts Würzburg (VGffG, R. 9, 23) 1967 Schw................................................ Schwaben Schwäb. (schwäb.)....................... Schwäbisch(e), schwäbisch(e) Schwäb. Bll..................................... Schwäbische Blätter für Volksbildung und Heimatpflege Schwäb. Mus.................................. Das Schwäbische Museum. Zeitschrift für Kultur, Kunst und Geschichte Schwabens Schweizer Beitrr............................ Schweizer Beiträge zur allgemeinen Geschichte Schw. FG ...................................... Schwäbische Forschungsgemeinschaft SGF ................................................ Schwäbische Geschichtsquellen und Forschungen SHK .. ........................................ Schwäbische Heimatkunde Simon ............................................ Μ. Simon, Evangelische Kirchengeschichte Bayerns, 2 Bde., 1942 (mit Quellenangaben), 1952’ (in einem Band ohne Quellenangaben) Simon, HAB ............................... Μ. Simon, Die Evangelische Kirche (HAB, kirchliche Organisation 1. Teil) 1960 Simon, KO................................... Die evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, hg. v. E. Sehling, fortgeführt v. Institut für evang. Kirchenrecht der Evang. Kirche in Deutschland zu Göttingen, XI1: Franken, bearb. von Μ. Simon, 1961 Simon, KO XIII ......................... Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts, XIII: Bayern, III. Teil Altbayem, bearb. von Μ. Simon, 1966 Slg(n)................................................ Sammlungen) s. o.................................................... siehe oben Sommervogel............................... C. Sommervogel, Bibliothique de la Compagnie de J6sus, 11 Bde., Bruxelles 1891/1932, Bd. 12, Supplement v. E. Μ. Riviire, 1911/30 Spindler, Aufsätze ....................... Μ. Spindler, Erbe und Verpflichtung. Aufsätze und Vorträge zur bayer. Geschichte, hg. von A. Kraus 1966 III HdBG III, 1

XXXII

Abkürzungen

Spindler, Landesfürstentum .... Μ. Spindler, Die Anfänge des bayerischen Landesfürstentums (Schriftenreihe 26) 1937 Spindler, Primordia..................... Electoralis academiae scientiarum Boicae Primordia. Briefe aus der Gründungszeit der Bayer. Akad. d. Wiss., hg. v. Μ. Spindler unter Mitarbeit von G. Diepolder, L. Hammermayer, A. Kraus, 1959 SS.................................................... Scriptores in Folio (MGH) SS rer. Germ................................... Scriptores rerum Germanicarum (MGH) SS rer. Merov................................. Scriptores rerum Merovingicarum (MGH) StA.................................................. Staatsarchiv Städtechroniken........................... Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jh., hg. v. d. HK, 37 Bde., 1861 ff., Neudrucke 1961 ff. Stälin .............................................. Chr. F. Stalin, Wirtembergische Geschichte, 4 Bde., 1841/73, Neudruck 1971 Stamer............................................ L. Stamer, Kirchengeschichte der Pfalz, 3 Bde., 1936/59 StD ................................................ E. v. Steinmeyer, Althochd. Sprachdenkmäler s. HB I, AV StE.................................................. Staufisches Erbe im bayer. Herzogtum, Katalog des HStA zur Konradin-Ausstellung, 1968 Steichele, Arch............................... A. Steichele, Archiv für die Geschichte des Bistums Augsburg, 3 Bde., 1856/60 Steichele-Schröder ....................... A. v. Steichele, Das Bistum Augsburg, historisch und statistisch beschrieben. [Ab Bd. VII]: fortges. von A. Schröder, 1861/ 1932, Bd. IX v. F. Zoepfl 1934/39, Bd. X 1. u. 2. Liefg. 1940 (mehr nicht erschienen) Stein .............................................. F. Stein, Geschichte Frankens, 2 Bde., 1885/86, Nachdruck 1965 StFG .............................................. Studien zur Fuggergeschichte StGBS ............................................ Studien zur Geschichte des bayerischen Schwabens StMBO......................................... Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige Stud.................................................. Studien Sturm ........................................... H. Sturm, Staatsarchiv Neuburg a. d. Donau (Bayerische Archivinventare 1) 1952

ThQ .............................................. Theologische Quartalschrift (ab Jg. 141/1961: Tübinger theologische Quartalschrift) Tyroller, Geneal. Tafeln............. Genealogie des altbayerischen Adels s. HB I, AV UB.................................................. Universitätsbibliothek, Urkundenbuch UB Nürnberg ............................. Nürnberger Urkundenbuch, bearb. von G. Pfeiffer (QFGN 1)

1959 ÜBLE ............................................ Urkundenbuch des Landes ob der Enns, 10 Bde., Wien 1852/ 1906, ii. Bd. bearb. v. E. Trinks, Linz 1933/56 Ufr...................... ............................. Unterfranken Univ................................................. Universität UOS .............................................. Ulm und Oberschwaben. Zeitschrift für Geschichte und Kunst. Mitteilungen des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben Urk................................................... Urkunde(n) Urk. Augsb..................................... W. E. Vock, Die Urkunden des Hochstifts Augsburg 769-1420 (Veröffentl. d. Schw. FG, R. 2 a, Bd. 7) 1959 v. .................................................... Vers, von

Abkürzungen

XXXIII

Verein Verh................................................. Verhandlungen Verödend........................................ Veröffentlichung(en) Veröffentl. d. Schwäb. FG ......... Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte VF .................................................. Vorträge und Forschungen, hg. vom Institut für geschichtliche Landesforschung des Bodenseegebiets in Konstanz, ab Bd. 6 hg. vom Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschiehte, geleitet v. Th. Mayer, 1955 ff. VGffG............................................ Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte VHN.............................................. Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern VHOR .......................................... Verhandlungen des Historischen Vereins von Oberpfalz und Regensburg Vjbll................................................. Vierteljahrsblätter Vjschr............................................... Vierteljahr(e)sschrift VL .................................................. Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, 5 Bde., begr. von W. Stammler, ab Bd. III hg. von K. Langosch, 1933/55, Neuaufl. 1977ff. VSWG .......................................... Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Wachter ........................................ F. Wachter, General-Personalschematismus der Erzdiözese Bamberg 1007-1907, 1908 WDGB11.......................................... Würzburger Diözesangeschichtsblätter Weber............................................ H. Weber, Geschichte der gelehrten Schulen im Hochstift Bamberg von 1007 bis 1803, 2 Teile (BHVB 42-44) 1880/82 Wegele .......................................... F. X. Wegele, Geschichte der Universität Würzburg, 2 Teile, 1882, Neudruck 1919 Weller............................................ K. Weller, Geschichte des schwäbischen Stammes bis zum Untergang der Staufer, 1944 Wendehorst I............................... A. Wendehorst, Das Bistum Würzburg, Teil 1: Die Bischofsreihe bis 1254 (Germania Sacra NF 1) 1962 Wendehorst II ............................. A. Wendehorst, Das Bistum Würzburg, Teil 2: Die Bischofsreihe von 1254-1455 (Germania Sacra NF 4) 1969 Wendehorst III ........................... A. Wendehorst, Das Bistum Würzburg, Teil 3: Die Bischofsreihe von 1455 bis 1617 (Germania Sacra NF 13) 1978 Wendehorst, Würzburg............ A. Wendehorst, Das Bistum Würzburg. Ein Überblick von den Anfängen bis zur Säkularisation (Freiburger DiözesanArchiv 86) 1966 WF ................................................ Württembergisch Franken WH................................................ W. Wattenbach-R. Holtzmann, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Die Zeit der Sachsen und Salier, 3 Bde., Neuausgabe bes. v. F.-J. Schmale, 1967/71 Winkler ....................................... Bayern, Staat und Kirche, Land und Reich. Forschungen zur bayer. Geschichte, vornehmlich im 19. Jahrhundert. W. Winkler zum Gedächtnis, hg. von den staatl. Archiven Bayerns, 1961 Wiss................................................. Wissenschaft(en) WL ................................................ W. Wattenbach-W. Levison, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit und Karolinger, 4 Hefte mit Beiheft (He. 2-4 bearb. von H. Löwe, Beih.: Die Rechtsquellen, bearb. von R. Buchner) 1952/63 Württ. Vjhe.................................... Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 111·

XXXIV

Abkürzungen

Z....................................................... Zeile zu, zur, zum ZBKG........................................... Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte (vorher: Beitrr. BK) ZBLG ........................................... Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte ZDA ............................................. Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur ZDPh............................................... Zeitschrift für deutsche Philologie Zeumer......................................... K. Zeumcr, Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Reichs Verfassung in Mittelalter und Neuzeit, 19264 ZGO, ZGORh.............................. Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins ZHVS ........................................... Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben (und Neubürg) ZKG ............................................. Zeitschrift für Kunstgeschichte Zoepfl ........................................... F. Zocpfl, Das Bistum Augsburg und seine Bischöfe im Mittelalter (und) im Reformationsjahrhundert, 2 Bde., 1955/69 Zom, Augsburg........................... W. Zorn, Augsburg. Geschichte einer deutschen Stadt, 1956 Zorn, Bayerisch-Schwaben........ W. Zorn, Handels- und Industriegeschichte Bayerisch-Schwabens 1648-1870, 1961 ZRG ............................................. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rcchtsgcschichtc, Germanistische Abteilung ZRG KA (ZRG, Kan. Abt.) ... Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung Zschr................................................ Zeitschrift ZWLG........................................... Zeitschrift für württembergische Landesgeschichtc

ERSTER TEIL

FRANKEN

A

GRUNDLEGUNG: DIE EINGLIEDERUNG THÜRINGENS IN DAS

MEROWINGISCHE FRANKENREICH

(bis 716/719)

I

DIE POLITISCHE ENTWICKLUNG

Allgemein. Literatur s. HB I 73. Franken. Quellen: Es gibt keine Quellen, deren Gegenstand die Geschichte Frankens ist, und erst um das Jahr 1100 entstehen mit dem sogenannten Chronicon Wirziburgense und den WeltChroniken Frutolfs und Ekkehards die ersten bedeutenderen historischen Werke innerhalb dieses Gebietes, aber ihr Inhalt ist die Welt- und Reichsgeschichte. Man ist daher auf die Erzeugnisse der merowingischen und karolingischen Geschichtsschreibung und in der Zeit des mittelalterlichen Reiches auf die mehr oder weniger zufälligen Nachrichten in Werken angewiesen, die außerhalb Frankens entstanden. Die innerfränkische Überlieferung setzt zu Beginn des achten Jahrhunderts mit vereinzelten Urkunden ein, die aber zeitlich und räumlich nur punktuelle Einblicke gewähren. Es fehlen die großen Klöster und Stifter, die sich an Alter und Bedeutung mit den bayerischen messen könnten und etwa Traditionsbücher hervorgebracht hätten, wie sie in Tegernsee, Freising oder St. Emmeran entstanden. Die wichtigsten Materialien für Zustände und Vorgänge in Franken bieten auch im Rahmen derartiger Quellen wiederum Aufzeichnungen außerhalb Frankens, die Traditionsbücher von Fulda und Lorsch sowie die Urkunden der Könige und Kaiser. Auch eine fränkische Hagiographie hat sich erst langsam und in nur wenigen Zeugnissen frühestens seit dem Ende des achten Jahrhunderts entwickelt. Franken. Literatur: Moderne wissenschaftliche Darstellungen des gesamten Stoffes gibt es nicht. Stein (1 1-288, II 197-341) ist als einzige Zusammenfassung und wegen der Sammlung der Belegstellen immer noch wichtig und nützlich, aber doch vielfach überholt und ergänzungsbedürftig. B. Schmeidler (Franken u. d. deutsche Reich im MA. Stud. z. landschaftl. Gliederung Deutschlands u. seiner Entwicklung, Erlanger Abh. 7, 1930) und die einschlägigen Arbeiten von H. Weigel (Landesgeschichte; Begrenzung; Epochen, Ostfranken s. u. 10) behandeln einzelne Probleme oder sind nur erst Dispositionen zu einer Gesamtgeschichte, so wertvoll und hilfreich sie auch als solche sind. Für die Kirchengeschichte Gesamtfrankens ist man noch immer auf Hauck angewiesen; die Arbeiten zur Germania Sacra bieten zwar einen gewissen, aber vorerst noch unvollständigen Ersatz.

Der Name Franken bezeichnet heute ausschließlich ein zu Bayern gehöriges Gebiet, das in die Bezirke Unter-, Mittel- und Oberfranken gegliedert ist und sich von der deutsch-tschechischen Grenze beiderseits des Mains westlich bis jenseits des Mainvierecks erstreckt, auf der nördlichen Flußseite die Einzugsgebiete der Mainzuflüsse einschließt, nach Süden aber in der Form eines auf der Spitze stehenden gleichschenkligen Dreiecks beinahe bis an die Donau bei Ingolstadt reicht. Der Raum ist in seinen jetzigen Grenzen das Ergebnis eines ständigen Erweiterungs- und Schrumpfungsprozesses, der erst 1945 zu einem vorläufigen Abschluß gekommen ist, und hat keine volle Entsprechung im Mittelalter. Damals umfaßte er einerseits zeitweise Landschaften, die später zu selbständigen Territorien wurden oder in anderen politischen Gebilden außerhalb Frankens aufgingen; andererseits wurden Gebiete durch Kolonisation oder politische Eingliederung zu fränkischem Land, obwohl sie ursprünglich nicht dazu gehört hatten. Erst seit der Einrichtung des Fränkischen Kreises um 1500 ist der Umfang Frankens einigermaßen konstant. I‫׳‬

4

Franken: A. I. Die politische Entwicklung bis 716/19

Zu Beginn der Geschichte entbehrt der Raum einer einheitlichen Bezeichnung, weil ihm keine einheitliche politische Organisation entsprach.1 Er hatte mit Ausnahme eines kleinen südlichen Streifens, so weit nämlich der Limes den Lauf der Altmühl einschloß, niemals zum Römischen Reich, sondern zu Germanien gehört. Aber weder als Ganzes noch in seinem Kem wurde er zum Siedlungsgebiet eines einzigen germanischen Großstammes, der hätte namengebend werden können. Die zahlreichen geschlossenen Waldgebiete, die erst im Laufe des Hohen und Späten Mittelalters kolonisiert wurden, machten ihn großenteils siedlungsfeindlich und zunächst nur zum Durchzugsgebiet für die in das Römische Reich eindringenden Burgunder und Wandalen. Später wurde er in der Hauptsache von den Rändern her von den Großstämmen der Alamannen im Westen und Südwesten, der Bajuwaren im Süden und Südosten besiedelt oder auch zu einem erheblichen Teil von den Thüringern beherrscht, als diese vorübergehend ihren Einfluß bis an die Donau auszudehnen vermochten. So kann dieser Raum zunächst nur schwer als Einheit erfaßt und benannt werden. Am ehesten ist er negativ als dasjenige Gebiet zu umschreiben, das zwischen den Franken im Westen, den Sachsen und Thüringern im Norden und den Alamannen und Bajuwaren im Süden als gewissermaßen herrenlose Pufferzone ausgespart war. Dieser Umstand ist für die weitere Geschichte entscheidend geworden. Als Chlodwig 507 die Alamannen endgültig niedergeworfen und seine Söhne 531 das Thüringerreich zerstört hatten, gewannen die fränkischen Könige einen dünn besiedelten Raum entlang und südlich des Mains, der aber um der angrenzenden Großstämme willen nun von einer einheitlichen herrschaftlichen Gewalt erfaßt werden mußte. Diese Aufgabe übernahm der fränkische König selbst mit Hilfe von fränkischen Stammesangehörigen, die jetzt erstmalig für dauernd den Rhein überschritten und das Land bis zum Steigerwald, im achten Jahrhundert unter den Karolingern in einer neuen Welle auch über den Steigerwald nach Osten vordringend besiedelten.2 Seitdem stand Franken, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung seit der Mitte des sechsten bis zuin Anfang des siebten Jahrhunderts, stets unmittelbar unter der Herrschaft zunächst der fränkischen, dann ostfränkischen und schließlich deutschen Könige. Es dauerte einige Jahrhunderte, bis sich die politischen Verhältnisse auch in einer entsprechenden Benennung niederschlugen. Noch zu Anfang des achten Jahrhunderts als Thuringia bezeichnet,3 wurde zu Ende des Jahrhunderts der Würzburger Raum erstmalig «pars Australium [Francorum]» genannt;4 seit 830/835 wurden seine Bewohner zu den Franci occidentales et Australes gereclinet.5 Von der Reichsteilung im Jahre 843 an 1 E. Frhr. v. Guttenberg, Siedlungsgesch. in Franken als Programm (ZBLG1j) 1949, 83-90; K. G. Hugblmann, Stämme, Nation u. Nationalstaat im deutschen MA, 1950, 119ff.; E. Frhr. v. Guttenberg, Grundzüge d. tränk. Siedlungsgesch. (ZBLG 17) 1953, 1-12; Schreibmüller, Franken in Gesch. u. Namenweit, 1954; J. Dienemann, Der Kult d. hl. Kilian im 8. u. 9. Jh., 1955, 18 ff.; Bosl, Franken 10 ff.

2 v. Guttenberg, Siedlungsgeschichte 86 ff.; Ders., Grundzüge 3 ff. (s. Anm. 1). 3 Annales Mettenses priores, hg. v. B. Simson (MGH SS rer. Germ.) 1905, 26 u. 75. 4 Passio s. Kiliani (s. u. 15 Anm. 1) 4; zur Abfassungszcit vgl. u. 116 f. 9 Annales Bertiniani, hg. v. G. Waitz (MGH SS rer. Germ.) 1883.

§ 1. Franken bis zur Eroberung durch die Merowinger (F.-J. Schmale)

5

wurde dann alles Land nördlich und südlich des Mains zwischen Sachsen, Bayern und Alamannen, sowie auf dem linken Mittelrheinufer, soweit es nicht zu Lothringen gehörte, die Francia, Franken, schlechthin; zum Jahre 1053 ist dafür erstmalig der Name Franconia belegt1, und um diese Zeit erreicht es auch seine größte Ausdehnung. Franken schließt damals die Territorien der späteren Rheinpfalz im Westen, und der Grafschaften Hessen und Nassau im Norden mit ein. Als im zwölften Jahrhundert auch in Franken weltliche und geistliche Territorien sich verfestigten, wurde der Geltungsbereich des Namens Franken eingeschränkt, oder er trat doch in den Hintergrund gegenüber den Namen der Territorien. Vielleicht wäre er ebenso verlorengegangen wie der BegriffLothringen, wenn nicht der Bischof von Würzburg seinen Dukat wenigstens dem Anspruch nach zu einem Herzogtum in Franken umgedeutet hätte. So blieb eine übergreifende Bezeichnung wenigstens im östlichen Teil des ehemaligen Franken erhalten, an die bei der Bildung des Fränkischen Kreises innerhalb der Kreiseinteilung des Reiches im Jahre 1500 angeknüpft werden konnte. Der ganze Westen dagegen verlor seine Zugehörigkeit, wurde Pfalzgrafschaft, Kurmainz oder Hessen und war seit 1500 dem Oberrheinischen oder Kurrheinischen Kreis angeschlossen. Mit geringfügigen Abtretungen war es im wesentlichen der Fränkische Kreis, der seit 1802 zu Bayern kam (s. u. 263). Nur im Westen konnte ihm in der Pariser Konvention vom 3.Juni 1814 und in den bis 1817 folgenden Verträgen einiges Gebiet angeschlossen werden, das auch im Mittelalter schon einmal zu Franken gehört hatte, vor allem das Fürstentum Aschaffenburg im Mainviereck, das aus Teilen von Kurmainz hervorgegangen war. Seit 1837 bürgerte sich für die drei neuen bayerisch-fränkischen Kreise der Name Franken ein2

§ 1. FRANKEN BIS ZUR EROBERUNG DURCH DIE MEROWINGER

K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme, 1837; L. Schmidt, Die Westgermanen, II1970, 101 ff.; Weigel, Begrenzung (s. u. 10) 52 ff.; E. Schwarz, Thüringer, Angeln u. Warnen (JffL 12) 1953, 23-28; Ders., Die elbgermanische Grundlage d. Ostfränkischen (ebd. ij) 1955, 31-67; Ders., Germanische Stammeskunde zw. d. Wissenschaften, 1967, 55 ff.; H. Jakob, Feststellung oberfränk. Siedclplätze zw. Altsteinzeit u. MA. Ein Fundbericht (BHVB 95) 1957, 262-271; Ders., Siedlungsarchäologie u. Slawenfragc im Main-Pegnitz-Gebiet (ebd. 96) 1958, 217-248; P. Endrich, Vor- u. Frühgesch. d. bayer. Untermaingebietes (Veröffentl. d. Gesch.- u. Kunstkreises Aschaffenburg) 1961; R. Wenskus, Stainmesbildung u. Verfassung, 1961; Schlesinger.

a) Die Bevölkerung. Als die Kelten im ersten Jahrhundert die Mainlande verließen und sich hinter Donau und Rhein zurückzogen, benutzten die nachrückenden Germanen die gleichen Siedlungsgebiete. In Oberfranken fand man auf der Flur Grasmerken Zeugnisse aus dem Mesolithikum, der Jungsteinzeit, der Eisenzeit, aber auch Keramik des dritten Jahrhunderts.’ Auf der Kohlstadt bei Scheßlitz♦ lagen frühgeschichtliche > DH. III 303. 2 Schreibmüller (s. o. 4 Anm. 1) 3; Bay. Reg. Bl. 29. Nov. 1837; s. u. 804 u. HB IV. ’Jakob (s. ο.) 211 ff, auch zum folgenden.

♦W. Müller, Die geuuan. Siedclung d. Hermunduren in Scheßlitz (Fränk. Bll. 8) 1956, 9 f.; K. Schwarz, Bandkeramische u. kaiserzeitl. Funde in Scheßlitz (BHVB 95) 1956, 278.

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Franken: A. I. Die politische Entwicklung bis 716/19

Scherben bei einem germanischen Totenhaus. Die einzelnen Funde sind nicht jeweils einer bestimmten ethnischen Gruppe zuzuweisen; das Maingebiet wurde während der Völkerwanderung nicht für dauernd von bestimmten Stämmen besiedelt, sondern vielfach nur als Durchzugsgebiet benutzt. Die geringen schriftlichen und die nur in Grenzen aussagefähigen späteren sprachgeschichtlichen Zeugnisse lassen aber die Zugehörigkeit dieser Germanen hauptsächlich zu den swebischen Völkern erschließen.1 Unter Marbod herrschte amMain markomannischer Einfluß.1 23Tacitus nennt ein Jahrhundert später im Gebiet von Rheinfranken die Völker der Nemeter, der Vangionen nördlich davon und der Mattiaker zwischen Rhein, Main und Taunus, alle innerhalb des Limes,3*der von Miltenberg bis Seligenstadt entlang des Mains verlief und von da ab den unteren Flußlauf einschloß; das Zehntland dagegen soll von Nichtgermanen bewohnt worden sein. * Das übrige Land nördlich des Rätischen Limes, der auch ein Stück später fränkischen Gebietes einschloß, zwischen Limes Germaniae im Westen und den Naristen (Oberpfalz) und Markomannen (Böhmen) im Osten war dagegen in der Hand der swebischenHermunduren, die an der Saale an die Chatten grenzten.3 Um 213 traten am oberen und mittleren Main die swebischen Alamannen auf und durchbrachen von hier aus wenig später den Limes; in den nächsten Jahrzehnten besetzten sie das ganze Dekumatenland; vielleicht hatten sich ihnen auch Hermunduren angeschlossen.6 Im vierten Jahrhundert nennt Ammianus Marcellinus die Bukobanten am Untermain eine alamannische Völkerschaft.7 Der anonyme Geograph von Ravenna bezeichnete noch Ascapha (Aschaffenburg?) und Uburzis (Würzburg?) als alamannische Orte.8 Vielleicht sind die erstmals in karolingischer Zeit bezeugten Ortsnamen auf -ingen im Waldsassengau südwestlich Würzburg auf eine alamannisehe Besiedlung dieser Epoche zurückzuführen. Gleiches könnte von den -ingen-Orten im Süden, im Sualafeld um die Schwäbische Rezat, gelten, falls sie nicht erst der zweiten Epoche alamannischer Herrschaft in diesem Raum im späten fünften Jahrhundert angehören.· Auch die beiden Schwabach bei Nürnberg und Erlangen erinnem, wenn nicht an die Alamannen, so doch wenigstens an swebische Bevölkerung.10 Im dritten und vierten Jahrhundert sitzen am unteren Main die Burgunder; die Wandalen benutzten auf ihrem Marsch nach Gallien und Spanien den gleichen Weg. Aber beide Völker hinterließen keine sichtbaren Spuren. Ob es in dieser Zeit noch Alamannen am Untermain gab oder ob diese erst nach ihrer Verdrängung aus Gallien durch die Burgunder wiederum zurückkehrten, bleibt ungewiß. Sicher ist nur, daß der Druck der Alamannen nach dem Norden sich in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts verstärkte und ihr Einfluß sich bis in die Pfalz und das südliche Rhein1 Schwarz, Stammeskunde (s. o. 5) 65 ff. 2 Ebd. 34 ff. 3 Tacitus, Germ. c. 28. ♦ Ebd. c. 29. 3 Ebd. c. 41; Schlesinger 19; Schwarz, Stammeskunde (s. o.) 39 ff. 6 Schlesinger 19. 7 Rer. Gest. 1, 29, 4. 8J. Schnetz, Anonymi Ravennatis Cosmo-

graphia (Itineraria Romana 2) 1940, 4, 26; Ders., Alamannenorte d. Geographen v. Ravenna (AU 60) 1918,1-79; Ders., ZurBeschreibung d. Alamannenlandes beim Geographen v. Ravenna (ZGORh. 36) 1921. 0 Bosl, Franken 13; Weigel, Epochen (s. u. 10) j ff. 10 E. Schwarz, Schwabach (Beitrr. z. Namenforsch.) 1956, 247 ff.

§ 1. Franken bis zur Eroberung durch die Merowinger (F.-J. Schmale)

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Hessen erstreckte. Ihre weitere Expansion führte zum Zusammenstoß mit den fränkisehen Ripuariern. Erst durch Chlodwigs Sieg wurde es entschieden, «daß nicht ihnen, sondern den Franken die Aufgabe zufiel, die germanischen Stämme zwischen Alpen und Nordsee zur politischen Einheit zusammenzufassen» (Löwe) ;* einen Aufstand im Jahre 506 konnte Chlodwig schnell niederschlagen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt gehörten wenigstens der Westen Alamanniens - das linke Rheinufer - und der rechtsrheinische Norden von Neckar und Tauber an bis über den Main zum Frankenreich. Die unmittelbare Unterstellung der neugewonnenen Gebiete unter den fränkisehen König * entsprach nicht nur dem Charakter der Herrschaft Chlodwigs, sondern war auch durch weiterreichende Pläne bedingt, die allerdings erst unter seinen Söhnen verwirklicht werden konnten. Denn als 536/37 auch die südöstlichen und südlichen Teile Alamanniens dem Fränkischen Reich einverleibt wurden - sie hatten sich zunächst unter den Schutz Theoderichs des Großen gestellt, und die Franken hatten das zu Theoderichs Lebzeiten respektiert -, da blieb der früher alamannische Norden von dem Süden getrennt. Das spätere schwäbische Herzogtum konnte sich nicht mehr über diese Gebiete hinaus ausdehnen.

b) Das Thüringerreich.123 Östlich des schwäbischen und schwäbisch-fränkischen Gebietes hatten sich um diese Zeit im Raum der taciteischen Hermunduren neue Völkerschaften herausgebildet. In der Mitte des vierten Jahrhunderts begegnen nördlich der Donau die schwäbischen Juthungen, die 357 nach Rätien vorzudringen suchten;4 einen neuerlichen Einfall wies der Magister Aetius um das Jahr 430 ab.’ Wenig später tritt an der Donau das Volk der Thüringer auf. Thüringer werden zum ersten Mal um 400 erwähnt4*und Thüringer gehörten auch dem Heer an, das Attila 450/51 nach Gallien führte;7 wenig später sollen sie Passau bedrängt haben.8 Das heißt kaum, daß thüringische Herrschaft bis Passau reichte, ebensowenig wie man einen derartigen Schluß aus den Vorstößen der Alamannen bis Passau ziehen kann. Einzelne Beutezüge waren bei der dünnen Besiedlung nördlich der Donau möglich, ohne daß man deshalb von einem thüringischen Reich sprechen müßte, das sich so weit nach Südosten erstreckte. Immerhin bezeichnete aber der Geograph von Ravenna die Flüsse Bac (= Nab?) und Reganus (= Regen) als in thüringischem Land gelegen.’ Das Zentrum 1 GG 1109. 2 Gregor von Tours, Libri historiarum, hg. v. Krusch-Levison (MGH SS rer. Merov. I 1) 19512, II 30. 3 Zum folgenden Schlesingeb 26 ff.; H. Patze, Die Entstehung d. Landesherrschaft in Thüringen I (Mitteldt. Forsch. 22) 1962, 41 ff. 4 Ammianus Marcellinus, Rer. Gest. 17, 6, 1. ’ Wenskus (s. o. 5) 509; Schwarz, Stammeskunde (s. o. 5) 40 f. 4 Vegetius Renatus, Mulomedicina, ed. E. Lommatzsch (Bibi. Teub.) 1903, 33, 6, 3. 7 Apollinaris Sidonius VII v. 323 (MG AA 8, 211).

8 Eugippius, Vita Severini, hg. v.Th.MoMM(MGH SS rer. Germ.) 1898, c. 27. ’ Schlesingeb 29; Patze (s. o. Anm. 3) 9; vgl. auch Eugippius, Vita Sev., daß das Thüringerreich sich bis Regensburg erstreckt haben soll (Patze 42). Die Westgrenze des Thüringerreiches ist weniger gut belegt, auch hier ist sicher zwischen Siedlungs- und Einflußgebiet zu unterscheiden. Als Westgrenze thüringischer Siedlung ist oft die mittelalterliche Grenze zwischen Hessen und Thüringern angenommen worden, doch ist das höchst unsicher; vgl. Schlesinger 28 f., Patze 9 f. sen

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Franken: A. I. Die politische Entwicklung bis 716/19

der thüringischen Macht war dagegen damals ebenso wie später in der heutigen Landschäft Thüringen zu suchen. Das Gebiet unmittelbar nördlich des Donauknies war jedenfalls Jahrhunderte lang bayerisch.1 Das Volk der Thüringer muß sich spätestens im Laufe des vierten Jahrhunderts aus verschiedenen Völkerschaften gebildet haben, vor allem aus den Angeln und Warnen, die aber noch am Beginn des neunten Jahrhunderts unterschieden wurden. Von einem völligen Zusammenwachsen zu einem Stamm nach Art der übrigen deutschen GroßStämme kann daher kaum gesprochen werden? Völlig zu erhellen ist die Geschichte der Thüringer nicht. Durch die Ergebnisse der Sprachgeschichte wird soviel deutlich, daß die Mundart in der Hauptsache dem Swebischen, Elbgermanischen zuzurechnen ist.123 Ein Anteil der ehemaligen hermundurischen Bevölkerung ist also anzunehmen.4 Fraglich ist, ob in dem Namen der Thüringer der der Hermunduren weiterlebt oder ob es sich dabei um eine eigenständige Bezeichnung handelt.5 Für die letzte Annahme spricht der Titel des Thüringischen Volksrechts: Lex Angliorum et Werinorum, hoc est Thuringorum;6 die politische Führung des Volkes müßte demnach bei den Angeln und Warnen gelegen haben, nach Tacitus ursprünglich im Raum von SchleswigHolstein und Mecklenburg ansässigen Völkerschaften, die von der «Wanderlawine» der Sachsen verdrängt, zumindest mit Teilen nach Süden auswichen.7 Die Angeln wurden an der Unstrut seßhaft, wo der Engelingau an sie erinnert, in dem nach der sächsischen, aber glaubhaften Überlieferung der Thüringerkönig Herminafrid sich verteidigte;8 die Warnen werden noch am Ende des sechsten Jahrhunderts als Träger des Widerstandes gegen die Franken genannt.’ Angeln und Warnen zusammen trugen den Namen Thuringi und müssen als der prägende Kern der Thüringer verstanden werden. Von dem Zentrum an der Unstrut her hatte sich im Laufe des fünften Jahrhunderts nach dem Abzug der Burgunder der thüringische Einfluß nach Süden (und Westen?) vorgeschoben. Die Machtausweitung beruhte kaum auf Volkssiedlung, allenfalls auf einer großräumigen Verteilung einer zahlenmäßig geringen adligen Oberschicht. Darauf könnten dieGräber bei Staffelstein aus dem Anfang des sechstenJahrhunderts10 und bei Hammelburg aus dem fünften Jahrhundert deuten,11 deren erstes sicher, deren zweites mit großer Wahrscheinlichkeit als thüringisch angesprochen wird. Nur im Grabfeld, 1 Vgl. HB I 113 f. Wenn dort bayerische Herrschaft nördl. der Donau erst für die Zeit nach der Vernichtung des Thüringerreiches, das bis zur Donau gereicht haben soll, angenommen wird, so scheint doch die Festigkeit dieses «Reiches» zu hoch veranschlagt. Gegen eine Herrschaft der Thüringer in diesem Raum spricht wohl auch der Umstand, daß das Gebiet nördlich der Donau nicht fränkisch wird. 2 Schlesinger 16 ff. 3 Schwarz, Elbgerman. Grundlage (s. o. 5). 4 Schlesinger 25 f. 5 Gegen eine Gleichsetzung von Thüringern und Hermunduren Schlesinger 17 ff.

6 S. u. 19 f. 7 Schlesinger 20 ff. 8 Die Sachsengeschichte d. Widukind v.Korvei, hg. v. Lohmann-Hirsch (MGH SS rer. Germ.) 1935, I 9; Büttner, Mainland 83; Patze (s. o. 7 Anm. 3) 17. ’ Fredegar c. 15; über die Warnen auch Schlesinger 23 f. 10 H. Födisch, Ein Thüringergrab bei Staffelstein (Fränk. Bll. 1) 1948/49, 42 f. 11 H. Müller-Karpe, Das Hammelburger Kriegergrab d. Völkerwanderungszeit (Mainfr. Jb. 6) 1954, 203-216.

§ 1. Franken bis zur Eroberung durch die Merowinger (F.-J. Schmale)

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im Vorfeld des Thüringer Waldes, belegen Ortsnamenbildungen auf -ungen und dem wohl späteren -leben eine dichtere thüringische, wahrscheinlich wamische Besiedlung.1 Vereinzelt treten Ortsnamen dieses Typus bis in den Raum von Würzburg auf; eine genaue Datierung ist allerdings schwierig. Es ist aber möglich, daß die Thüringer zu Anfang des sechstenJahrhunderts die Mainlande bis westlich Würzburg beherrschten, während ihr dauernder Einfluß nach Süden hin in den unbesiedelten Waldgebieten versickerte. Um 500 war das thüringische Reich eine beachtliche und unter der Herrschaft von Königen konsolidierte Macht mit weitgespannten Beziehungen. Als Chlodwig den Krieg gegen die Westgoten vorbereitete, schrieb der Ostgotenkönig Theoderich an die Könige der Warnen, der Heruler und der Thüringer und erinnerte sie, wieviel Dank sie dem verstorbenen König Eurich (f 484) schuldeten, der sie verschiedentlich unterstützt habe, und er warnte, wenn auch vergeblich, vor den Folgen eines Sieges der Franken über die Westgoten, der den Bestand aller gefährde. Schließlich forderte er zu einem allgemeinen Angriff auf, falls Chlodwig sich nicht zum Frieden verstehe.2 Theoderich war also bemüht, auch die Thüringer in die Koalition zur Verteidigung des Status quo einzubeziehen. Das Bündnis wurde durch die Heirat seiner Nichte Amalaberga mit dem König Herminafrid gefestigt, der spätestens in den zwanziger Jahren des sechsten Jahrhunderts zusammen mit seinen Brüdern Baderich und Berthachar über die Thüringer herrschte.3 Die Heirat und die weiteren Ereignisse weisen Herminafrid als den bedeutendsten der Brüder aus. Zu Lebzeiten Theoderichs (f 526) erfüllte das Bündnis seinen Zweck, da die Franken nach dem energischen Eintreten Theoderichs für die Reste der Westgoten in der Provence ihre Expansion unterbrachen, um eine offene Auseinandersetzung mit den Ostgoten zu vermeiden. Aber unmittelbar nach Theoderichs Tod nahmen Chlodwigs Söhne die Eroberungspolitik wieder auf, und ihr erstes Opfer wurden die Thüringer. Es scheint, daß diese unklug genug waren, selbst den Anstoß dazu zu geben. Gregor von Tours berichtet, Herminafrid habe sich zunächst seines Bruders Berthachar entledigt, der mehrere Kinder, darunter die hl. Radegunde, hinterließ. Auf Anstiften seiner Gattin Amalaberga soll er sich sodann gegen seinen zweiten Bruder Baderich gewandt und den Frankenkönig Theuderich eingeladen haben, mit ihm gemeinsame Sache zu machen; Theuderich sollte dafür die Hälfte des Thüringerreiches erhalten. In der Schlacht sei zwar Baderich von den Franken getötet worden, aber Herminafrid habe den versprochenen Lohn vorenthalten. Trotz sagenhafter Züge ist der Erzählung zuverlässig zu entnehmen, daß Theuderich, der nach Chlodwigs Tod im Osten des Frankenreiches herrschte, einen Zug ins Thüringerreich unternahm (529 ?) und daß Baderich - vielleicht König im westlichen Thüringen vor dem Thüringer Wald ? - in der Schlacht fiel, Theuderich diesen Erfolg aber nicht gegen Her1 Diese Zuweisung ist heute fast allgemein anerkannt; vgl. Schwarz, Thüringer (s. o. 5) 23-28; Ders., Thüringer am oberen Main (JffL 22) 1962, 291-297; R.Fiesel, Gründlingszeit deutscher Orte m. dem Grundwort

«leben» (BlldLG90) 1953, 30 ff.; Bosl, Franken 13; Patze (s. o. 7 Anm. 3) 22 f. 2 Cassiodorus, Variae ΙΠ 3 ed. Th. Mommsen (MG AA 12) 1894, 79 £. 3 Gregor v. Tours (s. o. 7 Anm. 2) HI 4.

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Franken: A. I. Die politische Entwicklung bis 716/19

minafrid zu behaupten vermochte.1 Ein Unternehmen gegen das Thüringerreich bedurfte offenbar größerer Macht, als Theuderich allein aufzubieten vermochte. Darum rief er nicht nur seinen Bruder Chlothar zu Hilfe, sondern schloß auch ein Bündnis mit den Sachsen. Dieser Koalition erlag Herminafrid (531), wahrscheinlich bei BurgScheidungen. Er wurde zwar nicht völlig seiner Herrschaft beraubt - einer der Gründe könnte ein Streit der beiden fränkischen Brüder gewesen sein, ein anderer ein Aufstand in der Auvergne, der Theuderich zurückrief -, aber auf den Raum zwischen Harz und Thüringer Wald beschränkt. Die nördlichen Teile erhielten die sächsischen Bundesgenossen, das Gebiet westlich des Thüringer Waldes kam vermutlich unter unmittelbare fränkische Gewalt.2 Radegunde, die Tochter Berthachars, führte Chlothar mit sich und nahm sie zur Frau, ihren Bruder ließ er später töten.3 Als Herminafrid einem Ruf Theuderichs ins Frankenreich folgte, wurde auch er ermordet.4 Damit hatte ein selbständiges Thüringerreich zu bestehen aufgehört.

§2. THÜRINGEN IM MEROWINGERREICH (531-716)

E. Ewig, Die fränk. Teilungen u. Teilreiche 511-613 (Abh. Mainz 9) 1952, 651 ff.; Ders., Die fränk. Teilreiche im 7.Jh., 613-714 (Trierer Zschr. 22) 1953, 85 ff.; Stein I 13 ff., II 217 ff.; H. Weigbl, Begrenzung u. Gliederung d. fränk. Landesgesch. (JffL 1) 1935, 52-62; Ders., Epochen d. Gesch. Frankens (Mainfr. Jb. 5) 1953; Ders., Frankens Werden und Wesen. Ein geschichtl. Überblick (Frankenland NF 6) 1954, 10-15, 37160-168 ,133-141 .46‫ ;־‬Ders., Studien z. Ein derung Ostfrankens in d. merowingisch-karolingische Reich (HVjschr. 27) 1933, 449-502; Ders., Thüringersiedlung u. fränk. Staatsorganisation im westl. Obermainbogen (JffL 11/12) 1953, 29 ff; Schlesinger, 42 ff.; Bosl, Franken; Friese; R. Sprandel, Der merowingische Adel u. d. Gebiete östl. d. Rheins (Forsch, z. oberrhein. Landesgesch. 5) 1957.

a) Die Zeit bis zur Errichtung des Herzogtums (ca. 632). Nach der Beseitigung des thüringischen Königshauses geben nur vereinzelte Nachrichten oberflächliche Kunde. Sie konzentrieren sich auf Thüringen im engeren Sinn; die Mainlande bleiben im dunkeln, ebenso das Gebiet bis zur Donau. Von diesem läßt sich auf Grund der Ortsnamen und einiger späterer Zeugnisse nur annehmen, daß es in seinen südöstlichen Teilen unter den Einfluß der über die Donau vordringenden Bajuwaren geriet. Jenseits des Thüringer Waldes war der Widerstandswille noch nicht völlig gebrochen. 555/5 *5 mußte Chlothar I., einer der Sieger von 531, einen Aufstand der - wie es heißt - Sachsen niederschlagen.5 Möglicherweise handelte es sich dabei um die Sachsen in den abgetretenen nordthüringischen Gebieten, vielleicht sogar um den Sachsen unterstellte Thüringer. Jedenfalls beteiligten sich an dieser Rebellion auch Thüringer, denn deren Land wurde von Chlothar verwüstet. Im Jahre 595 erhoben * Ebd. III 4. 2 Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I 9 ff.; Annales Quedlinburgenses, ed. G. H. Pertz (MG SS 3) 1839, 32. Wenn dort nichts über das übrige thüringische Gebiet gesagt ist, so mag das mit dem sächsischen Standpunkt der Annalen Zusammenhängen.

3 Venanti Honori Clementiani Fortunati presbyteri Italici opera poetica, hg. v. F. Leo (MGH AA IV 1) 1881. 4 Gregor v. Tours (s. o. 7 Anm. 2) III 8. 3 Ebd. IV 10, 14.

§ 2. Thüringen im Merowingerreich 531-716 (F.-J. Schmale)

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sich die Warnen gegen die fränkische Gewalt, wurden aber von Childebert II. niedergeworfen.1 Zugleich war Thüringen mehrfach von außen gefährdet. Die Quellen sprechen von Angriffen der Awaren, wahrscheinlich sind darunter von Awaren beherrschte Slawen zu verstehen, die nach der Vernichtung des thüringischen Reiches nach Westen vordrangen. 561/62 konnte Sigebert I. sie an der Elbe schlagen,12 unterlag aber seinerseits 565/66 in derselben Gegend in einer zweiten Schlacht.3 Durch entsprechende Gegenleistungen erlangte er einen Vertrag, in dem ihm zeit seines Lebens Frieden zugesichert wurde. 596 konnte die Königin Brunichilde durch Tributleistung einen neuerlichen Angriffabwehren.4*In all diesen Fällen werden die MainlandeDurchzugsgebiet für die fränkischen Heere gewesen sein. Erst unter der Herrschaft Dagoberts I. tritt dieser Raum in helleres Licht. Nach einer Niederlage der Awaren vor Konstantinopel (626) hatte der fränkische Kaufmann Samo die sich jetzt aus dem Griff der Awaren lösenden Slawen von Böhmen bis Karantanien geeint und herrschte über sie als König. Als fränkische Kaufleute in seinem Reich erschlagen wurden und er die geforderte Genugtuung verweigerte, begann Dagobert im Bunde mit den Alamannen und Langobarden einen Krieg gegen ihn, wurde aber infolge Verrats der Austrasier in seinem Heer bei Wogastiburg (Bürberg bei Kaaden an der Eger?) geschlagen (631/32). Nun schlossen sich auch die Sorben dem Reich Samos an und fielen schon im nächsten Jahr in Thüringen ein, ebenso ins südlich vorgelagerte Franken.3 Die Verhältnisse erzwangen eine grundsätzlich neue Lösung. Dagobert mußte sich zwar wenig später (634) unter dem Druck des austrasischen Adels dazu verstehen, diesem in seinem Sohn Sigebert ΙΠ. einen eigenen König zu geben, Austrasien also den Austrasiem zu überlassen; aber Thüringen wurde trotz des Einspruchs der Austrasier an den neustrischen Reichsteil angeschlossen6 und erhielt in Radulf einen eigenen dux, der an Ort und Stelle die Verteidigung leiten sollte.7 1 Fredegar c. 15. 2 Gregor v. Tours IV 23; Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, hg. v. BethmannWaitz (MGH SS rer. Langob. et Ital.) 1878, II 10. 3 Gregor v. Tours (s. o. 7 Anm. 2) IV 29; Paulus Diac. (s. Anm. 2) II 10. 4 Fredegar c. 40; Büttner, Mainland 83 f.; GG 1 108. 3 Fredegar c. 68, 74; Büttner, Mainland 84. Zum Problem der Slawensiedlung in Ostfranken: v. Guttenberg 16 ff.; Ders., Kirchenzehnten als Siedlungszeugnisse im oberen Maingebiet (JffL 6/7) 1940/41, 40-129; E. Schwarz, Das Vordringen d. Slawen nach Westen (Zschr. f. Südostforsch. 15) 1956; Ders., Die slaw. Ortsnamen in Nordbayem u. ihr Verhältnis zum deutschen Landesausbau, dargelegt am Lkr. Kulmbach (Zschr. f. Ostforsch. 5) 1956, 350-363; Ders., Wenden beim Landesausbau in Deutschland (ebd. 7) 1958,

210-230; Ders., Die Stammeszugehörigkeit d. Slawen am oberen Main im Lichte d. Ortsnamen (Sybaris, Festschr. H. Krähe) 1958, 138-145; Ders., Die Stammeszugehörigkeit d. Mainwenden (Forsch, u. Fortschr. 32) 1958, 280-282; Ders., Sprachforschung u. Landesgesch. (BlldLG 99) 1963, 1-24; W. Emmerich, Stand u. Aufgaben II (AO 36) 1952, 52 f.; Jakob, Siedlungsarchäologie (s. o. 5) 217 ff.; Ders., Die Wüstung «Tragemarsdorf». Eine alte Slawensiedlung im Haßgau (Fränk. Land in Kunst, Gesch. u. Volkstum 5) 1957/58 nr. 2; Ders., Abgegangene Siedlungen d. Main- u. Regnitzwenden um Bamberg (Forsch, u. Fortschr. 32) 1958, 304-308; R. Fischer, Erkenntnisse u. Aufgaben d. slaw. Namenforschung (Ber. d. Sächs. Akad. d. Wiss. Leipzig, Phil.-hist. Kl. 105, 1) X959, 3 f.; Bosl, Franken 14 f. 6 Fredegar c. 76, Stemnote S. 159. 7 Ebd. c. 77.

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Franken: A. I. Die politische Entwicklung bis 716/19

b) Das thüringische Herzogtum. Radulf gehörte einer der mächtigsten neustrisch-burgundischen Familien an, wenn es richtig ist, daß sein Vater Chamaro (= Kämmerer?)1 mit dem custos palatii Thesauros Rado identisch ist.1 2 Rado war 613 von Chlothar II. als Hausmeier in Austrasien eingesetzt worden.3 623 hatte er das Amt zwar an Pippin den Älteren abtreten müssen, war aber 629, als Dagobert Alleinherrscher des Gesamtreiches wurde, dessen Kämmerer geworden. Wenn Rado der Vater des dux Radulf war, dann war dieser mit den vornehmsten neustrischen Großen verwandt und befreundet, mit Burgundofara, mit dem Hausmeier Odo und dem Agilolfinger Fara, dessen Familie auch im fränkisch überschichteten Alamannien am Unterlauf des Mains reichen Besitz hatte. Diese Großen gehörten zu den wichtigsten Gegenspielern der um die Vorrangstellung kämpfenden Amulfinger, ihnen gegenüber fühlten sie sich als die eigentlichen Franci.4 Mit Radulf kam vorwiegend neustrischer Adel nach Thüringen5 und mit seiner Hilfe baute er eine erfolgreiche Verteidigung gegen die Slawen auf. Er schlug die Slawen in mehreren Schlachten und schloß FreundschaftsVerträge, brachte sie also wieder in ein vertragliches, loses Abhängigkeitsverhältnis.6 Fredegar berichtet zum Jahr 640, Radulf habe sich empört und König Sigebert - in Wirklichkeit dessen Hausmeier Grimoald - sei deshalb gegen ihn gezogen,7 und man hat gemeint, Radulf habe im Stolz auf seine Erfolge nach Unabhängigkeit gestrebt.8* Genau genommen offenbart der Fredegar-Tcxt hier nur die Tendenz des austrasisehen Bearbeiters,’ und ihr ist auch die Forschung lange gefolgt. Tatsächlich gehörte Thüringen zu dieser Zeit nicht zu Austrasien,10*wenn es auch das Interesse der Amulfinger erregt hatte. Schon Arnulf von Metz hatte mehrere Reisen, zum Teil gemeinsam mit König Dagobert, nach Thüringen unternommen,'1 und Pippins des Älteren Tochter Gertrud hatte in Karlburg ein Kloster gegründet.12 Ihre Interessen im Osten wurden jetzt durch die Stellung des Herzogs Radulf beeinträchtigt. Die Feindschaft mit Fara, dessen Vater von den Amulfingem erschlagen worden war, und der AnSpruch Austrasiens auf Thüringen, der von Radulf zurückgewiesen wurde, dürften zu dem Kriegszug geführt haben, der allerdings kläglich scheiterte. Wohl wurde Fara 1 Ebd. c. 77. 2 Vita Audoini, ed. W. Levison (MGH SS rer. Mer. 5) 1910, 354. Diese Hypothese hat A. Friese in seiner noch unveröffentlichten Bochumer Habil.-Schr. «Studien z. Herrschaftsgesch. d. fränk. Adels» aufgestcllt und m. E. gut begründet; sie vermag jedenfalls viele bisher unverständliche Vorgänge zu erklären, und ich habe dem Verfasser an dieser Stelle dafür zu danken, daß er mir sein Manuskript zur Verfügung stellte. Die von H. Büttneu, Frühes fränk. Christentum am Mittelrhein (AMK 3) 1951, 9-55, vertretene Ansicht, Radulf gehöre der Weissenburger Gründerfamilie an, kann sich erst auf die Verwandtschaft Herzogs Heden II. stützen und gilt allenfalls für ein kognatisches, nicht aber für ein agnatisches Verwandtschaftsverhältnis.

3 Hierzu und zum folgenden Friese 63 ff., wo die ältere Forschung aufgearbeitet und korrigiert ist. 4 Friese 68; Faras Vater Chrodoald war von einem Parteigänger der Amulfinger erschlagen worden (Fredegar c. 52). 3 Friese 39 ff. 6 Fredegar c. 87. 7 Ebd. 8 So vor allem W. Fritze, Untersuchungen z. frühslaw. u. frühfränk. Gesch. bis ins 7. Jh., Diss. Masch. Marburg 1932, 118. ’ WL in. 10 S. o. 11. 11 Vita s. Amulfi, ed. B. Krusch (MGH SS rer. Mer. 2) 1888, 436 f., c. 12;Fredegar c. 58. 12 Schmale, Glaubwürdigkeit 64 ff.

§ 2. Thüringen im Merowingerreich 531-716 (F.-J. Schmale)

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am Untermain überwunden,1 Radulf aber erwartete die Austrasier an der Unstrut und schlug sie vernichtend. Ihm kam die Sympathie zahlreicher Großer aus dem Mainzer Raum im austrasischen Heer zu Hilfe. Mit Recht hatte der Herzog darauf vertraut, daß diese keine Gewalt gegen ihn anwenden würden, weil sie sich mit der Alleinherrschäft ihrer amulfingisch-karolingischen Standesgenossen nicht einverstanden erklären konnten oder auch mit Radulf befreundet waren. Seitdem verhielt sich dieser wie ein König; er sagte sich zwar nicht ausdrücklich von Sigebert los, ließ aber doch keine wirkliche Herrschaft über sich gelten.1 2 Von Radulf selbst hört man danach nichts mehr; für sein angebliches Todesjahr 641/42 gibt es allerdings keine Anhaltspunkte. Auswirkungen seiner Herrschaft in den Mainlanden lassen sich nur mit aller Vorsicht feststellen: Oberer Main und Thüringen stehen erstmalig in einer intensiveren Verbindung mit dem westlichen Frankenreich. Namentlich bekannte Große erscheinen von nun an als Grundbesitzer, und in ersten Ansätzen ist die kirchliche Erfassung dieses Raumes durch die westfränkische Kirche erkennbar. Unter den Nachfolgern verstärkte sich der fränkische Charakter des Landes; denn wie in Austrasien die Amulfinger ihre Positionen ausbauten, so bildeten ihre neustrisch-burgundischen Gegner ein thüringisch-mainfränkisches Herzogtum, das ein knappes Jahrhundert Bestand hatte.3 Das bisherige Bild des thüringischen Herzogtums weist nur einzelne, nicht eindeutig verknüpfbar erscheinende Züge auf.45Die ältere Passio Kiliani nennt eine Herzogsreihe in Vater-Sohnesfolge: Hruodi, Heden der Ältere, Gozbert und dessen Frau Geilana, Heden der Jüngere;’ doch gilt die Passio als weithin unzuverlässig. Die älteste Bonifatiusvita kennt einen Herzog Theobald, den auch eine Inschrift in Nilkheim (Nilkheimerhof: Aschaffenburg) aus der Zeit des Bischofs Ricbert von Mainz nennt,6* und einen Heden (den Jüngeren).’ Der letzte ist Aussteller zweier Urkunden in den Jahren 704 und 716, die außerdem noch seine Gemahlin Theodrada und seinen Sohn Thuring erwähnen;8 aus anderer Quelle ist noch eine Tochter Immina bekannt.’ Ein Herzog Theobald scheint in Widerspruch zu der Reihe der Passio zu stehen, doch wurde auch schon - wohl zu Recht - die Identität von Theobald und Gozbert vermutet.10 Theobald, Theodrada, Immina weisen andererseits so eindeutig in die Gründerfamilie von Echternach und Oeren, daß man zum Unterschied von Radulf in besonderer Weise die fränkische Herkunft der letzten Herzöge betonen zu müssen glaubte und annahm, Theobald und Heden seien bereits Herzöge von Gnaden der Karolinger gewesen, nicht aber mehr Erben Radulfs." 1 Fredegar c. 87; von Radulfs Verhältnis zu Fara sagt Fredegar ebd.: unitum habebat consilium. 2 Fredegar c. 87. 3 S. u. 17. 4 Zum folgenden Schlesinger 43 f.; Patze (s. o. 7 Anm. 3) 44 f.; Büttner, Mainland 85 f. 5 Passio Kiliani (s. u. 15 Anm. 1) 723. 6 Vita Bonifatii auctore Willibaldo, ed. W. Levison (MGH SS rer. Germ.) 1905, 32 c. 9 mit Anm. 4.

’ Ebd. 32 c. 9. 8 Dobenecker I 3 f. nr. 5; 6 nr. 7. ’ Vita s. Burchardi (Die jüngere Lebensbesehr. d. hl. Burkhard, ersten Bischofs zu Würzbürg, hg. v. F. Bendel) 1912, 27; Schmale, Glaubwürdigkeit 70. 10 Stein I 22. 11 GG1152; Büttner, Mainland 86; dagegen mit Recht Friese passim.

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Schon die Einordnung Radulfs in den neustrisch-burgundischen Adel, deren Richtigkeit noch durch weitere Indizien unterstrichen werden kann,1 vertieft das bisherige Bild. Der Versuch, auf dieser Basis noch andere Quellen in die Betrachtung einzubeziehen, scheint die Geschichte des thüringischen Herzogtums noch weiter erhellen zu können. Nach Fredegar hat sich Radulf gegen den Angriff König Sigeberts und der Amulfinger an der Unstrut mitsamt Frau und Kindern verschanzt;12 demnach hatte Radulf mehrere Nachkommen. Identifiziert man den Hruodi der Passio Kiliani mit Radulf, dann ist es ganz unverdächtig, wenn Herzog Heden der Ältere als Sohn Radulfs bezeichnet wird, zumal Heden Nebenform des Namens Ado ist,3 der unter den Verwandten Rados, des vermuteten Vaters Radulfs, vorkommt.4*Herzog Heden wird aber auch in einer anderen Quelle erwähnt, die weitgehende Perspektiven eröffnet. Die wahrscheinlich im zwölften Jahrhundert entstandene Vita der hl. Bilihild, der Gründerin des Klosters Altmünster in Mainz,’ enthält einen alten, glaubwürdig erscheinenden Kem, in dem gesagt wird, ein Herzog Heden sei der Gatte der hl. Bilihild gewesen.6 Der merowingische König habe ihn eines Tages ins westliche Frankenreich gerufen und von dieser Reise sei er nicht mehr zurückgekehrt. Bilihild, die von Heden nur einen früh verstorbenen Sohn hatte, habe schließlich mit Unterstützung ihres Oheims, des Bischofs Ricbert von Mainz, das Kloster Altmünster gestiftet. Dieser Ricbert muß der Ricbert der Nilkheimer Inschrift sein, der Gatte Bilihild demnach Herzog Heden der Ältere. Die Vita läßt Bilihild aus Veitshöchheim stammen; richtig ist, daß Altmünster in Veitshöchheim und Hettstadt bei Würzburg Besitz hatte.7*Bilihilds Name könnte einen weiteren Hinweis auf ihre Herkunft enthalten. Bilihild war auch der Name, den die langobardische Prinzessin Appa als Gattin Theudeberts II. angenommen hatte. * Ihre Schwester Geila war mit dem Agilolfinger Chrodoald, dem Vater von Herzog RadulfsBundesgenossenFara verheiratet.’ Die Ermordung Appa/Bilihilds durch Theudebert Π. scheint dazu beigetragen zu haben, daß Chrodoald gegen Theudebert die Partei Theuderichs II. ergriff.10 Es wäre also nicht auszuschließen, daßHedens Gattin Bilihild nach Appa/Bilihild benannt und eine Angehörige der am Untermain begüterten Agilolfinger, genauerhin eine Verwandte (Tochter?) Faras war, die durch ihre Ehe mit Heden das Bündnis Radulfs mit den Agilolfingem festigen sollte. 1 Friese 72 ff.; s. u. 24 f. 2 Fredegar c. 87: cum uxorem et liberis. 3 Friese 76. 4 Ado hieß der Bruder Rados; vgl. Vita Columbani, ed. B. Keusch (MGH SS rer. Germ.) 1905, 209 f.; Friese 63 f. 3 Vita s. Bilehildis, ed. J. Gropp (Collectio novissima SS et rer. Wirceburgensium I) 1741, 774 f.; zu Altmünster F. Arens, Baugesch. d. Altmünster-Kirche, 1960;Ders.,Darstellungu. Kult d. hl. Bilhildis zu Veitshöchheim bei Würzburg (Mainfr. Jb. 13) 1961; F. Prinz, Frühes Mönchtum im Frankenreich. Kultur u. Gesellschaft in Gallien, den Rheinlanden u. Bayern am Beispiel d. monastischen Entwicklung (4.-8. Jh.), 1965, 188.

6 Vita s. Bilehildis (s. o. Anm. 5) 774. Für die Richtigkeit dieser Überlieferung sprechen die Einträge in der Würzburger Priscillian-Hs. aus dem 7-Jh. (Bischoff-Hofmann, Libri sancti Kijliani, die Würzburger Schreibschule u. d. Dombibliothek im VIII. u. IX. Jh., QFGHW 6, 1952, 89): Bilihilt ... pro eiemosina Etone. Diese Zusammenhänge bei Fbiesb 51, 83 ff. 7 Büttner, Mainland 88; Arens, Kult (s. o. Anm. 5) 63 ff. * Fredegar c. 35. ’Vita Columbani (s. o. Anm. 4) 201 ff.; Fredegar c. 35. 10 Vita Columbani I c. 22.

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Glaubt man der Nachricht, daß Heden der Ältere von Bilihild nur einen frühverstorbenen Sohn hatte, stellt sich die Frage nach der Fortdauer und Weitergabe der herzoglichett Gewalt. Fine politische Situation, die die willkürliche Einsetzung eines neuen Herzogs durch die Karolinger ermöglicht hätte, ist um die Mitte des siebten Jahrhunderts nicht erkennbar. Deshalb kann nicht ohne triftigen Grund ausgeschlossen werden, daß das Herzogtum in der Familie Radulfs blieb. Nimmt man die Identität des Herzogs Theobald der Bonifatiusvita und der Nilkheimer Inschrift mit dem Gozbert der Kilianspassio als gegeben an, dann ist zu prüfen, ob Theobald zu der Familie Radulfs gestellt werden kann. Nach Ausweis der Inschrift muß sich Theobalds Gewalt bis an den Untermain in die Finßußzone Faras erstreckt haben; mit aller Vorsicht kann auch auf ein gutes Verhältnis zu Bischof Ricbert, dem Oheim Bilihilds, geschlossen werden. Die Passio Kiliani bezeichnet Gozbert/Theobald als Sohn Hedens; aber nach der Bilihildvita müßte der Sohn Hedens früh verstorben sein, ohne das Herzogtum erlangt zu haben. Andererseits war nach der Passio Gozbert/Theobald mit der Witwe seines Bruders verheiratet.’ Diese bei den Franken und auch sonst bei den Germanen durchaus übliche Gepflogenheit wurde von Kilian gescholten. Das soll die Ursache für seinen Tod gewesen sein, aber auch zur Entlassung der Gattin Gozberts/Theobalds geführt haben. Ein Brief des Bischofs Megingoz von Würzburg aus dem Haus der Mattonen, die zu den Kognaten der hedenischen Herzöge gehörten,12*verteidigt so ausdrücklich die kanonische Zulässigkeit der zweitenEhe einer Frau, deren erster Mann in Gefangenschaft geraten ist und nicht mehr zurückkehrt, zu einem Zeitpunkt, der möglicherweise mit dem der Erhebung der Gebeine Kilians und der Entstehung der älteren Kilianspassio zusammenfällt, daß man sich an die Situation im thüringischen Herzoghaus erinnert fühlt und den Eindruck gewinnt, Megingoz verteidige in dieser Form die Herzogin und den Herzog gegen die in der Kilianspassio erhobenen Vorwürfe.’ Schließlich muß auch noch darauf hingewiesen werden, daß der Name von Gozbert/Theobalds Gattin Geilana an den Namen von Appa/Bilihilds Schwester Geila, der Frau des Chrodoald, erinnert. All diese Indizien im Zusammenhang mit der Tatsache, daß Radulf nach Fredegar mehrere Kinder hatte, lassen sich zwar nicht in einen unbedingt stringenten Zusammenhang bringen, doch scheinen sie die begründete Vermutung zuzulassen, daß Herzog Gozbert/ Theobald nicht der Sohn Hedens des Älteren, sondern dessen Bruder war und die Frau seines Bruders heiratete, als dieser nicht mehr von seiner Reise zurückkehrte.4 Diese Ehe wäre dann aufgrund der Vorhaltungen Kilians getrennt worden, und erst danach hätte Bilihild das Kloster Altmünster gegründet. Es wäre mehr als verständlich, wenn die Bilihildvita aus den Anschauungen einer späteren Zeit heraus, die eine Ehe zwischen Schwager und Schwä1 Passio Kiliani martiris Wirziburgensis, hg. v. W. Levison (MG SS rer. Mer. 5) 1910, 711-728. 2 Friese 63 ff. ’ Bonifatius, Briefe 272 f. nr. 134; vgl. auch u. 40. 4 Nach der Vita Bilehildis (s. o. 14 Anm. 5) 971 ff. soll Chlodwig Π. (f 657), auf den auch

die Gründungsurkunde von Altmiinster gefälscht ist (Mainzer Urkundenbuch I, bearb. v. Μ. Stimminc, Arb. d. Hist. Komm. £. d. VolksStaat Hessen, 1932, nr. 2b), Heden zu sich gerufen haben. Das Jahr 657 könnte durchaus als terminus post quem für die zweite Ehe Bilihilds akzeptiert werden.

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gerin für unkanonisch hielt, die zweite Ehe verschwieg, weil sie nicht in das Bild einer Heiligen zu passen schien. Theobald muß ebenso wie sein Sohn und Nachfolger Heden II. ein außerordentlich tatkräftiger Mann gewesen sein, der sich auch gegenüber dem fränkisch-thüringischen Grundbesitzeradel energisch durchzusetzen wußte. Wenn sich Nachrichten in Willibalds Bonifatiusvita, die allerdings nicht ganz sicher chronologisch einzuordnen sind, tatsächlich auf Theobald beziehen, müßte es in seiner Zeit zu Unruhen vor allem im eigentlichen Thüringen gekommen sein, die manchem Thüringer Tod und Vertreibung brachten.1 Vielleicht hing es mit solchen Unruhen zusammen, wahrscheinlicher aber doch mit der Ausweitung der Herrschaft bis an den Untermain, wenn Würzburg seit den achtziger Jahren des siebten Jahrhunderts als Hauptort des Herzogtums begegnet, als der Ire Kilian im Maingebiet auftrat. Ist die Identifizierung Kilians mit Kilena richtig,1 2 dann stand Kilian vorher bereits mit den neustrischen Kognaten Theobalds in Verbindung, die den Iren seit langem Sympathien entgegenbrachten. Es ist ausgeschlossen, daß Kilian am Herzogshof noch heidnische Verhältnisse vorfand, wie die Passio glauben machen will; richtig ist aber sicher, daß sie seinen rigorosen Anschauungen nicht entsprachen, vor allem nicht dieEhe Theobalds. Die näheren Umstände von Kilians angeblichem Märtyrertod in Würzburg müssen dagegen völlig offenbleiben.3 Um diese Zeit gingen im Westen entscheidende Veränderungen vor. In der Schlacht von Tertry (687) setzte sich der austrasische Hausmaier Pippin der Mittlere auch in Neustrien durch. Sehr viel schwieriger waren dagegen die karolingischen Ambitionen östlich des Rheins zu verwirklichen. Nichts spricht für eine Unterwerfung des thüringischen Herzogs oder dafür, daß Theobald oder sein Nachfolger Heden mit Pippin sympathisierten.4 Eher sind sie zu den duces zu zählen, die es wie der Alamannenherzog Gottfried ablehnten, den Karolingern zu gehorchen, und sich deshalb lieber abseits hielten, wenn sie den merowingischen Königen schon nicht mehr immittelbar unterstehen konnten.5 Die Heiratspolitik Theobalds, der seinen Sohn Heden mit Theodrada, der Enkelin des dux Theotar, des Vaters der Irmina von Oeren, verheira1 Vita s. Bonifatii auctore Willibaldo (s. o. 13 Anm. 6) 32 c. 9. Möglicherweise enthält die Stelle aber in einer gedrängten Zusammenfassung, deren Chronologie irrig ist, lediglich die Erinnerung an die erste Eroberung Thüringens durch die Merowinger, wenn davon die Rede ist, daß sich Thüringer wegen des harten Regiments Theobalds den Sachsen unterstellten. 2 Dafür tritt nachdrücklich Friese 86 Anm. 2jl ein; seine Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn das hedenische Herzogshaus von Rado abstammte, zu dessen Freundeskreis Burgundofara, der Förderer Kilenas von Aubigny, gehörte. Vgl. Vita s. Burgundofaronis (Faronis), ed. B. Krusch (MG SS rer. Mer. 5) 1910, 173; Dienemann (s. o. 4 Anm. 1) 23 ff., 108 f.

3 Vgl. u. 25. 4 So wird öfter ohne Rückhalt in den Quellen behauptet (GG I 152; Büttner, Mainland 86; Weigel, Ostfranken 134, s. u. 29 Anm. 1), weil Hedens II. Gattin Theodrada und seine Tochter Immina durch ihre Namen auf Verwandtschaft mit der Gründerfamilie von OerenPfalzel-Echternach weisen (abgeschwächt Schiefper 26). Selbstverständlich besteht kein Zweifel daran, daß sie Franken waren, aber das gilt eben auch schon von Radulf. 5 Liber Hist. Franc., ed. B. Krusch (MG SS rer. Mer. 2) 1888, 328: Cotefridus dux Alamannorum caeterique circumquaque duces noluerunt obtemperare ducibus Franchorum, eo quod non potuerint regibus Meroveis servire,... ideo se unusquisque secum tenuit.

§ 2. Thüringen im Merowingerreich 531-716 (F.-J. Schmale)

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tete,1 steht dem kaum entgegen; denn die Chrodoine können trotz der Heirat Piektruds, einer Tochter Irminas von Oeren, mit Pippin nicht einseitig als Freunde der Karolinger betrachtet werden. Irmina von Oeren, nach der Herzog Heden seine Tochter Immina benannte, mußte ebenso wie ihre Töchter Adela von Pfalzel und Regintrud, die Gemahlin Herzog Theodos von Bayern,1 2 der ebenfalls nicht als Freund der Karolinger zu erweisen sein dürfte, mit Plektrud und Pippin um Besitzungen streiten.3 Deshalb gehört Heden zusammen mit den Alemannen und Bayern in eine Koalition, die den Karolingern reserviert bis feindlich gegenüberstand.4 Von Herzog Heden II. sind zwei Urkunden aus den Jahren 704 und 716 überliefert, die in Würzburg beziehungsweise in Hammelburg ausgestellt sind.5 In beiden Fällen schenkte Heden mit Billigung seiner Gemahlin Theodrada und seines Sohnes Thuring in Gegenwart zahlreicher Großer dem hl. Willibrord Güter, in der ersten Besitz in Arnstadt, den Willibrord erst 726 an Echternach übertrug,6 in der zweiten Besitz an der fränkischen Saale und in Hammelburg, wo ein Kloster errichtet werden sollte. Die Möglichkeit, daß Heden sogar an die Gründung eines Bistums für Willibrord dachte, ist nicht auszuschließen, doch kam keiner der Pläne zur Ausführung.7 Die Urkunde von 716 ist das letzte Zeugnis über Heden und das Herzogtum Thüringen, Heden muß wenig später verstorben sein; er lebte nicht mehr, als Bonifatius 719 erstmals nach Thüringen kam.8 Sein Sohn Thuring hat nicht mehr die Nachfolge angetreten. Die Gründe für das plötzliche Ende des Herzogtums liegen im dunkeln. Die Annahme, Heden und Thuring seien in der Schlacht von Vincy (717) gefallen, entbehrt jeder Grundlage.’ Wahrscheinlicher ist es, daß die Großen des Mainlandes, die meist links und rechts des Rheins begütert waren, sich gegen die Fortdauer eines selbständigen Herzogtums wehrten, nachdem Karl Martell 717 in Vincy und endgültig 719 mit seinem Sieg überEudo von Aquitanien die Alleinherrschaft besaß, und der Hausmaier so leichtes Spiel hatte, das Herzogtum zu beseitigen. Wenn die Passio Kiliani behauptet, die Nachkommen Gozbalds seien aus der Herrschaft vertrieben worden, so mag sich darin noch eine Erinnerung an die tatsächlichen Vorgänge widerspiegeln, auch wenn diePassio alsGrund den Mord anKilian angibt.10 Für Karl Martclls Pläne rechts des Rheins war der Besitz Thüringens von größter Bedeutung, wenn nicht sogar die wichtigste Voraussetzung für deren Gelingen. Schon 718 unternahm er einen ersten Feldzug gegen die Sachsen. 1 Zur Familie zuletzt E. Hlawitschka, Die Vorfahren Karls d. Gr. (Karl d. Gr. I, s. u. 29) 78· 2 Nachweis bei K. A. Eckhardt, Mcrowingerblut (Deutschrechtl. Arch. 11) 1965, II133 f. 3 Friese 78 ff. Wie das Beispiel Theodos zeigt, kann aus Verwandtschaft nicht ohne weiteres auf politische Gleichschaltung geschlossen werden. 4 Wichtig erscheint, daß Heden II. die Urkünde von 716 nach dem Merowinger Chilperich II. datiert, den Karl Martclls Gegner, der neustrische Hausmaier Raganfred, eingesetzt a

HdBGlII, I

hatte, s. C. Wampach, Gesch. d. Grundherrschäft Echternach, 2 Bde., Luxemburg 1929/30, I 2, nr. 26. 5 Dobenecker I 3 ff. nr. 5, 6 nr. 7. 6 Ebd. I 7 nr. 15. 7 Wendehorst I 13. • Vita s. Bonifatii auctore Willibaldo (s. o. 13 Anm. 6) 32 c. 9. ’ So schon Schlesinger 43; für den Tod der letzten Hedcne bei Vincy zuletzt Bigelmair, Die Passio d. hl. Kilian u. seiner Gefährten (WDGB11. 14/15) 1952/53, 1-25. 10 Passio Kiliani (s. o. 15 Anm. 1) c. 9.

II

INNERE ENTWICKLUNG

5 3· SIEDLUNG UND BEVÖLKERUNG. RECHT UND VERFASSUNG

Bosl, Franken 9 ff.; Schlesinger 16 ff., 39 ff.

a) Siedlung und Bevölkerung. Über die Besiedlung und Bevölkerung Frankens, deren Bedeutung für die «Verfrankung» evident ist, fehlen schriftliche Quellen gänzlich; urkundliche Nennungen von Ortsnamen setzen erst vereinzelt zu Beginn des achten, hauptsächlich aber erst seit der Mitte des achten Jahrhunderts ein. Alle Aussagen müssen sich daher auf ein lückenhaftes archäologisches Material sowie auf die Interpretation von Orts- und Landschaftsnamen stützen und bleiben daher nur innerhalb weiter Grenzen verläßlich. Ethnische Zugehörigkeit oder Zusammenhang mit bestimmten Herrschaftsverhältnissen sind nur gelegentlich sicher, meist nur mehr oder weniger wahrscheinlich; die zeitliche Schichtung ist vielfach fraglich. Die erst späten urkundliehen Nennungen lassen nach rückwärts einen Zeitraum von gelegentlich mehreren hundert Jahren. Nur in diesem weiten Rahmen können Aussagen über Bevölkerung und Siedlung in der Merowingerzeit in Franken gemacht werden. In erster Linie interessiert an dieser Stelle, in welchem Umfang die merowingische Eroberung das Siedlungs- und Bevölkerungsbild in Thüringen und am Main verändert hat. Wichtigstes Indiz stellt in diesem Zusammenhang die verhältnismäßig zahlreiche Gruppe der orientierten, sachbezogenen oder personennamenbestimmten -heim-Orte dar. Dieser Typus findet sich vor allem im fränkischen Kerngebiet westlieh des Rheins. Im Altsiedelland am Main bis in das Grabfeld tritt er massiert auf. An vielen Orten mit -heim-Namen findet man Königsgut oder Franken, Angehörige der fränkischen Führungsschicht, als Grundbesitzer. Trotz gelegentlich einschränkender Stellungnahmen scheinen diese Ortsnamen mit der fränkischen Herrschaft über dieses Land in Zusammenhang zu stehen und als Beleg für die Verfrankung dieses Raumes gewertet werden zu müssen.1 Der zeitliche Ablauf bleibt aber im Ungewissen. Angesichts der Quellenlage muß jeder Versuch, vor 750 einen Ortsnamen dieses Typus und das Vordringen der fränkischen Königsmacht oder fränkisch-adeliger Grundherren zu datieren, hypothetisch bleiben. Die Lage innerhalb der Mainlande und deren Verhältnis zum Frankenreich im sechsten Jahrhundert können von den Quellen her so wenig erhellt werden, daß jede bestimmte Äußerung unterbleiben muß. Erst im siebten Jahrhundert, seit dem Herzogtum Radulfs, ist die Anwesenheit 1 Im einzelnen s. u. 93 ff.

§ j. Siedlung und Bevölkerung. Recht und Verfassung (F.-J. Schmale)

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fränkischen, vor allem neustrisch-burgundischen Adels am Main und in Thüringen bezeugt (Agilolfinger, Hedene, Mattonen?),1 läßt sich Königsgut gelegentlich vermuten (Karlburg)12 und kann daher fränkische Überschichtung beschrieben werden. Sicher hat aber keine fränkische Volkssiedlung stattgefunden. Dazu war der fränkische Stamm zahlenmäßig kaum in der Lage, und die Sprachforschung hat gezeigt, daß der ostfränkische Dialekt dem Elbgermanisch-Oberdeutschen angehört, nicht aber dem Fränkischen.3 Dieser Umstand bleibt von Gewicht, selbst wenn im einzelnen Fall Bedenken gegen die Auswertung sprachlicher Zeugnisse für eine weiter zurückliegende Zeit angemeldet worden sind.4 Die Ortsnamen mit -heim können daher erst im Zusammenhang mit reicher fließenden Quellen, das heißt in der karolingischen Zeit, ausgewertet werden.5 So sind für diese Zeit nur wenig differenzierte Aussagen zu machen. Neben einer alamannischen Bevölkerung am unteren Main, einer alamannisch-bayerischen nördlieh der Donau und einer thüringischen im Grabfeld und an der Wem mit einigen Splittern weiter südlich ist eine in der Hauptsache alteingessessene swebisch-elbgermanisehe Bevölkerung anzunehmen, die in einzelnen Fällen, wahrscheinlich erst seit dem siebten Jahrhundert, von fränkischem Adel überschichtet wird. Für größere, die Situation grundsätzlich verändernde Siedlungs- und Bevölkerungsbewegungen, vor allem für eine von Westen her vordringende fränkische Volkssiedlung fehlt jede eindeutige Spur. Die «Verfrankung» vollzieht sich in der Hauptsache auf dem Gebiet der politischen und organisatorischen Erfassung und der kirchlichen Entwicklung der Mainlande. b) Recht und Verfassung. Zur Zeit der Eroberung durch die Franken standen die Thü— ringer zumindest in der zweiten Generation unter der Herrschaft von Königen. Neben Herminafrid, Baderich und Berthachar ist auch deren Vater Bysinus als König bezeugt.6 Es ist ein erbliches Königtum, in das sich einerseits mehrere Söhne teilen können,7 das andererseits aber auch wieder mit Hilfe von Mord unangefochten in einer Hand vereint werden kann. Es gleicht dem Königtum bei den Germanen überhaupt. Über Intensität und Grundlagen der Königsherrschaft sagen die Quellen nichts aus. Widukind erwähnt eine Burg Scheidungen, in der Herminafrid sich verteidigte;· reicher Grundbesitz ist sicher anzunehmen. In die übrigen Verhältnisse gewährt die Lex Thuringorum einen gewissen Einblick. Sie ist in der vorliegenden Form zwar erst 802/3 aufgezeichnet worden,’ muß aber in ihren ersten Teilen noch nicht von 1 S. o. 11 ff. 1 H. Daul, Karlburg. Eine frühfrank. Königsmark, Diss. Würzburg 1961; s. auch u. 20, 2j. 3 S. o. 8. 4 Weigel, Ostfranken (s. u. 29 Anm. 1) 131 m. Anm. 12. 5 S. u. 95. 6 Gregor v. Tours (s. o. 7 Anm. 2) Π 12; Venantius Fort., Carmina (s. o. 10 Anm. 3) 278 App. I; Schlesinger 26 f. 2'

7 Die Herrschaft der Brüder erstreckte sich über eine jeweils eigene regio; Gregor v. Tours (s. o. 7 Anm. 2) ΠΙ 4. • Ebd. ΙΠ 7; Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I 9, S. 13. ’ MG Fontes iur. Germ., ed. CI. Frhr. v. Schwerin, 1918, J7ff.; R.Buchner, Die Rechtsquellen (Beiheft zu WL) 1933, 41.

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Franken: A. II. Die innere Entwicklung bis 716/19

fränkischen Vorstellungen beeinflußtes altes Recht repräsentieren. Danach gab es, abgesehen von dem in diesen ältesten Teilen nicht erwähnten König, einen von den übrigen Freien durch den dreifachen Wer- und Bußgeldsatz abgehobenen Adel (Adalingi), der durch vornehme Geburt ausgezeichnet war. Die Vermutung, die Stellung der Adalingi müsse der der Edelinge bei den Sachsen geglichen haben, erscheint nach wie vor richtig. In ihnen sind die Besitzer der von der Archäologie nachgewiesenen Burgen zu sehen,1 und ihnen darf auch der bei Staffelstein bestattete vornehme Thüringer zugerechnet werden.12 Neben der Königsherrschaft war für Thüringen eine sich auf Grundbesitz und Burgen stützende Adel- oder Fürstenherrschaft charakteristisch, die von den Königen noch nicht vollkommen überwunden war. Die fränkische Eroberung beseitigte das thüringische Königtum, brachte aber zunächst kaum tiefergreifende Veränderungen. Das Verhältnis der Thüringer und der in dem von ihnen beeinflußten Raum lebenden Bevölkerung zum Frankenreich ist zwar kaum genau zu bestimmen, unterworfen in dem Sinne einer Minderung der RechtsStellung des einzelnen wurden die Thüringer aber sicher ebensowenig wie irgendein sonst von den Franken besiegtes Volk. Sie scheinen nur als Gesamtheit zu einem Schweinezins verpflichtet worden zu sein, der im elften Jahrhundert erwähnt wird, aber in die fränkische Zeit zurückreichen soll.3 Einzelne Thüringer im gallischen Frankenreich erscheinen als Freie den Franken gleichgestellt. * Zwischeninstanzen zwischen dem König und den Thüringern sind nicht erkennbar. In der Origo Langobardorum wird König Agilolf (590-615), zweiter Gemahl der Königin Theudelinde, vorher Herzog vonTurin.zwar alsAgilolfus duxThuringus bezeichnet.5*Diegelegentliehe Vermutung, er könne Herzog von Thüringen gewesen sein, scheint jedoch abwegig, so lange sonstige Hinweise fehlen und Thuringus sinnvoll als «von Turin» interpretiert werden kann.4 Darum muß es auch offenbleiben, ob die thüringischen Aufstände von 534 und 595 durch das Verhalten königlich-fränkischer Beauftragter veranlaßt wurden. Ohne Bedenken kann aber geschlossen werden, daß der fränkische König den früheren thüringischen Königen im Besitz nachfolgte. Der von König Dagobert eingesetzte Herzog Radulfverteidigte sich gegen Sigebert und Grimoald im gleichen Raum an der Unstrut wie einst Herminafrid; Radulf und Heden II. verschenkten Besitz im Inneren Thüringens und bei Hammelburg,7 wo bald darauf die karolingischen Könige als Eigentümer erschienen; Karolinger sitzen schon im siebten Jahrhundert in Karlburg bei Würzburg.8 Das weist darauf hin, daß es sich dabei wenigstens zum Teil um ehemals thüringisches Königsgut handelt, in das Herzog Radulf bei seinem Amtsantritt eingewiesen wurde und das die karolingischen Hausmaier und 1 H. Dannenbauer, Adel, Burg u. Herrschäft bei den Germanen. Grundlagen d. deutsehen Verfassungsentwicklung (Grundlagen d. mittelalterl. Welt) 1958, iji ff. 2 S. o. 8. 3 Thietmar, Chronicon, hg. v. R. Holtzmann (MGH SS rer. Germ. NS 9) 1935, Neudr. 1955, V 14; Annalista Saxo (MG SS 6) 649, 687; Schlesinger 41.

* Büttner, Mainland 84. 5 MG SS rer. Langob. 1878, 5; HB 1103. 4 L. Μ. Hartmann, Gesch. Italiens im MA Π 1, 1900, 121 Anm. 4. 7 S. u. 21. 8 Schmale, Glaubwürdigkeit 64 ff.; Daul (s. 0. 19 Anm. 2).

§ 3· Siedlung und Bevölkerung. Recht und Verfassung (F.-J. Schmale)

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Könige nach dem Tod Hedens II. wieder übernahmen. Ist das richtig, müßte es auch im sechsten Jahrhundert eine Königsgutsverwaltung gegeben haben, die indessen nicht vor dem achten Jahrhundert genauer erkennbar ist. Mit dem Herzogtum der Hedene beginnt eine besser erhellbare Epoche. Das Herzogtum ist als ein Amtsherzogtum mit vizeköniglicher Gewalt gedacht, das im Auftrag des Königs die Aufgaben der Verteidigung gegen Samo und seine Slawen leisten soll. Nach dem Tode Dagoberts I. gehörte es zum neustrischen Reichsteil unter der bis in die Mitte des achten Jahrhunderts verwendeten Bezeichnung Thuringia. SeinGeltungsbereich erstreckte sich im Osten wahrscheinlich bis zur Saale, im Westen bis an den mittleren Main, unter dem Herzog Theobald bis in den Raum von Aschaffenburg; Nord- und Südgrenze sind dagegen nicht zu bestimmen. Die dingliche Machtgrundlage bildet neben Burgen (Scheidungen, Hammelburg, Würzburg, Erfurt) ein über den ganzen Raum verteilter, in Grundherrschaften organisierter Besitz, der vielfach in Verbindüng zu einer Burg steht. In einer Urkunde von 704 schenkt Heden Π. die Curtes Amstadt undMonra sowie Güter bei dem Kastell Mühlberg an Willibrord. Alle Schenkungen liegen nahe beieinander und lassen einen ausgedehnten Güterkomplex erkennen, von dem nur Teile vergeben wurden. Im einzelnen werden bei Mühlberg drei Höfe übertragen mit einhundert Tagwerken und Manzipien, von der Curtis Monra sieben Hufen, sieben Knechte, vierhundert Tagwerke, ein Drittel des dazugehörigen Waldes, Wiesen mit fünfzig Fuder Ertrag, fünfzig Schweine mit zwei Hirten und zwölf Kühe mit zwei Hirten.1 Auch in Hammelburgwerden im Jahre716zum Kastell gehörigeGüter tradiert.12 WeitereTeile des Herzoggutes um Arnstadt können aus den Bemühungen Erzbischofs Hinkmars von Reims erschlossen werden, der sich um die Mitte des neunten Jahrhunderts um die Sicherung von Reimser Besitz in Thüringen bemühte,3 der nach einer einleuchtenden Vermutung vielleicht schon von Radulf geschenkt wurde: Die Villa Elleben (Helisleiba) bei Arnstadt, die Villae Schonstett und Alterstett bei Bad Langensalza und Nordhus (Nordhausen?).4 Vielleicht gehört auch Töpfleben hierher, das der Kirche von Chälons-sur-Mame zu eigen war.5 Schließlich kann auch in den thüringischen Besitzungen des Klosters Weißenburg, dessen Gründerfamilie Hedens II. Gattin Theodrada entstammte, ehemals herzogliches, beziehungsweise kötägliches Gut gesehen werden, das noch vor dem Auftreten des Bonifatius, vielleicht sogar noch durch Dagobert I. an Weißenburg gelangte, spätestens aber unter Heden II. Nach einer auf Dagobert ΙΠ. gefälschten Urkunde, die aber im Kern für echt gelten muß, soll die Burg in Erfurt (Merwiggesburg) mit Wald, Fischwasser, Getreidezins «et cetera omnia mea in Thuringia» an das Peterskloster auf der Burg geschenkt worden sein. Das Kloster selbst wurde nach dieser Tradition unter Aufsicht eines Weißenburger Mönchs Trutchind errichtet.· Weißenburg hatte überdies Besitz bei 1 Dobeneckeb I 5; patze (9. o. 7 Anm. 3) 45 f. 2 Dobeneckeb I 7. 3 Ebd. I 3. 253. 4 Ebd. I 253; II 25, 79; Friesh 73 f. 3 Dobeneckeb I 265.

· Ebd. I 6; Ann. 9. Petri Erphesfurtensis antiqui, Auctarium Ekkeh. (Monumenta Erphesfurtensia, ed. O. Holdeb-Eggeb, MG SS rer. Germ.) 1899, 25; H. Büttner, Weissenburger Studien (ZGO 54) 1941, 573 ff.; Ders.; Mainland 86 f.; J. Semmler, Studien z. Früh-

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Franken: A. II. Die innere Entwicklung bis 716[ 1p

Hammelburg, in Westheim, Aschach, Fuchsstadt und in Schweinfurt.1 In all diesen Fällen handelte es sich kaum um Allodialgut der Hedene, sondern um als Amtsgut genutztes Königsgut, über das die Herzöge nach Erbrecht verfügten.2 Der ursprüngliehe Amtscharakter des Herzogtums scheint sich infolge der innerfränkischen Wirren und des Gegensatzes zu den Amulfingem sehr schnell verflüchtigt zu haben. Schon Radulf trieb selbständige Außenpolitik, die von Fredegar als Folge der Niederlage Sigeberts und Grimoalds gekennzeichnet wird, und seine Stellung geht nicht nur an seine Nachkommen über, sondern wird von diesen auch noch räumlich nach Westen erweitert. Es ist zutreffend, wenn Fredegar diese Stellung damit kennzeichnet, daß Radulf sich König dünkte. Den Königstitel haben die Herzöge aber sicher nicht geführt. Noch Heden Π. bezeichnet sich mit dem seit der Merowingerzeit amtlichen Titel für eine Stellung, wie er sie innehatte, als vir illuster, beziehungsweise vir illuster dux.3 Reicher Besitz bedurfte der Verwaltung. Bei dem allgemeinen Mangel an Quellen ist sie jedoch kaum zu erkennen. In den Urkunden Hedens II. von 704 und 716 und der Erwähnung eines als Schreiber fungierenden Priesters sind vielleicht die Ansätze einer Kanzlei zu sehen. In der Urkunde von 716 werden als Zeugen zwei Grafen genannt: Cato comes, Sigeric comes. Das ist die einzige Nachricht über comites innerhalb des thüringischen Herzogtums, und sie ist daher schwer deutbar. Während Cato lediglich ein Name bleibt, gehört Sigeric mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso wie der in der Urkunde zuvor genannte, aber titellose Hereric einer Familie an, deren Mitglieder im achten und neunten Jahrhundert mehrfach Besitz im Grabfeld, vor allem im Raum von Münnerstadt (Munirihesstat [Muniric?]), in der Wingarteiba und bei Bingen tradieren, aber auch in Zentralfranken nachzuweisen sind und mit den Agilolfingem in Beziehungen stehen.4 Sigeric gehört damit dem gleichen fränkischen Adel an wie das Herzogshaus selbst. Die Vorfahren des Sigeric sind daher wahrscheinlich etwa gleichzeitig mit den Hedenen nach Thüringen gekommen und vor allem im Grabfeld ansässig geworden. Daraus ist aber kaum auf die Einführung königlicher fränkischer Grafen in den Mainlanden zu schließen. Näher liegt es, wenigstens um 716, in Sigeric einen herzoglichen Beauftragten zu sehen, dessen Wirkungskreis entsprechend der Massierung des Familienbesitzes um Münnerstadt im Grabfeld gelegen haben müßte. Er war eher ein «herzoglicher» als ein im politischen Sinn «fränkischer» Graf.9 Mit Vorsicht darf aus der Existenz des comes Sigeric auf herzogliche «Verwaltungsbezirke» (Pagi) geschlossen werden, in diesem Fall das Grabfeld. gesch. d. Abtei Weissenburg (Bll. f. pfälz. KG 24) 1957. I ff·; Fbibsb 74 f. 1 Patzb (s. o. 7 Anm. 3) 46. 2 Schlesinger 46 f. 3 Vgl. Dobenecker I 5, 7; der Titel in den schon oft angezogenen Urkunden entspricht den Formulae Marculfi 14 d u. 17 (MG Formulae) 52, 54. 4 Schlesinger 47 drückt sich zum Problem

der Grafen nicht ganz eindeutig aus, wenn er sagt: «daß Cato und Sigeric ... thüringische Grafen waren, wird durch nichts erwiesen». An den Grafen Cato erinnert der comes Cato, der 802 als Mitbesitzer der Eigenkirche zu Kölleda erscheint (UB Hersfeld nr. 21). Zu Sigeric, Hereric und ihren Kognaten Friese 109 ff. 9 HB I 175.

§ 4. Christentum und Kirche (F.-J. Schmale)

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In Umrissen wird damit wenigstens zu Anfang des achten Jahrhunderts der Charakter des thüringischen Herzogtums erkennbar. Die Herzöge handeln autonom und schließen selbständig außenpolitische Verträge. Sie stützen sich auf ausgedehnte Grundherrschaften und Burgen und werden unterstützt von weiteren Angehörigen der fränkischen Führungsschichten, die in den Mainlanden zu Besitz gelangen, der sicher meist auf königlicher oder herzoglicher Erbleihe beruhte, aber auch Besitz thüringischer Großer gewesen sein kann. In Pagi, in denen ihre Grundherrschaften liegen, üben sie Funktionen von Grafen aus. Eine zahlenmäßig vielleicht kleine Gruppe fränkischer Adeliger mit dem Herzog an der Spitze besitzt unter Verwendung fränkischer Verfassungselemente die politische Führung. In ihrer Herkunft und in den von ihnen angewendeten Organisationsformen liegen, bei sonstiger Selbständigkeit Thüringens, die Elemente der Verfrankung. Das Verhältnis des Herzogs und dieser Führungsschicht zur übrigen Bevölkerung sowie deren Gliederung ist kaum zu klären; vor allem nicht das Schicksal des thüringischen Adels. Daß es ihn gegeben hat, steht außer Zweifel; noch der Biograph des Bonifatius spricht von comites der Thüringer, unter denen thüringische Große verstanden werden müssen.1 Der Biograph will aber auch wissen, daß eine größere Zahl dieser Adeligen, der Adalingi (?), unter den Herzögen beseitigt oder ausgesiedelt, das heißt wahrscheinlich über das Herzogtum verstreut wurde. Gewiß ist diese Schicht nicht völlig ausgerottet worden. Die gleiche Stelle der Vita läßt nämlich auch den Schluß zu, daß Angehörige dieses Adels noch im achten Jahrhundert oder schon wieder zu den «seniores plebis populique principes» * gehörten, wenn sie auch die nicht immer leichte Hand der Herzöge zu spüren hatten. Die Kennzeichnung dieser Schicht mit einem Bibelzitat1 23 erlaubt es allerdings nicht, in ihnen tatsächlich «Fürsten» zu sehen. Die thüringischen Adressaten des Gregor-Briefes Asulfus, Godulavus, Villareius, Gundharius, Alwoldus können Angehörige dieser Schicht und Stammesmäßig Thüringer gewesen sein;4 fränkisch-thüringische Versippung erscheint nicht ausgeschlossen.

§4. CHRISTENTUM UND KIRCHE

Die Ostgotin Amalfreda, Gemahlin Herminafrids, hat als arianische Christin wenigstens dem thüringischen Königshaus die erste nachweisbare Berührung mit dem Christentum gebracht. Ihre Nichte Radegunde, Geisel und später Gemahlin Chlothars I., schließlich Gründerin eines Klosters in Poitiers, scheint bereits im christlichen, wahrscheinlich arianischen Glauben aufgezogen worden zu sein.4 Weitere Nachrichten über die religiöse Situation in Thüringen liegen bis zur Mitte des siebten Jahrhunderts nicht vor. Die Bevölkerung als Ganzes war sicher noch heidnisch, und der fränkische 1 Vita s. Bonifatü auctore Willibalde (s. o. 13 Anm. 6) 32. 2 Ebd. 23, 32. 3 Exod. 2, 14 u. ö.

4 Bonifatius, Briefe I 33 nr. 19. 3 Venantius Fort., Vita (MG SS rer. Mer. 2) 364 fr.

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Franken: A. II. Die innere Entwicklung bis 716)19

Sieg von 531/32 hat daran kaum etwas geändert. Auch die Franken waren damals erst zum Teil Christen, und missionarische Tendenzen gingen den Merowingern ab. Die zahlreichen Martins- und Marienkirchen auf Königshöfen, die erst mit den Sehenkungen an das Bistum Würzburg nachzuweisen sind, können kaum bis in diese Zeit zurückdatiert werden. Erst mit dem Amtsantritt Radulfs wird eine spürbare Verchristlichung begonnen haben; jedenfalls gibt es erst frühestens seit dieser Zeit entsprechende Belege. War Rado der Vater Radulfs, dann hatten bereits dessen Großeltern Authari und Aiga um 610 den hl. Columban beherbergt;1 Audoin, der Bruder Rados, war Bischof von Rouen und Metropolit Neustriens;12*ein anderer Verwandter Ado (=Heden) gründete 630 das Kloster Jouarre an der Marne;’ und Rado selbst soll das Kloster Rueil (Radolium) gestiftet haben.4*Rado, Audoin und Ado beteiligten sich um 635 gemeinsam an der Gründung des kolumbanischen Klosters Rdbais-en-Brie durch Dagobert I., dessen erster Abt Agilus vielleicht ein Agilolfinger war.’ Ein Verwandter von Radulfs Bundesgenossen Fara war Bischof Ricbert von Mainz,4 der die Kirehe von Nilkheim bei Aschaffenburg dotierte. Mit Männern wie Radulf und Fara sowie weiteren fränkischen Adeligen kamen Christen als Herrschaftsträger und Grundherren in das bis dahin weitgehend sich selbst überlassene Land. Vielleicht noch zur Zeit Radulfs, spätestens unter Theobald wurde unter Leitung des Trutchind aus Weißenburg auf der Burg in Erfurt das Peterskloster gegründet;7 es trägt das Patrozinium von Weißenburg. Angeblich soll dort vorher bereits eine Kirche des hl. Blasius gestanden haben, an der ein Incluse Adeodatus lebte, der seinen ganzen Besitz dem Kloster übertrug. Das Remigiuskloster in Reims hatte umfangreichen Besitz im Gebiet nördlich von Erfurt, der am ehesten im siebten Jahrhundert geschenkt worden sein dürfte. Auch die Besitzrechte der Kirche von Chälons-sur-Mame in Töpfleben bei Gotha stammen vielleicht aus der Zeit, als Thüringen noch die zentrale Landschaft des Herzogtums war.8 Die Schenkungen an Weißenburg im Raum von Hammelburg können dagegen auch noch später erfolgt sein. Nimmt man jede der Nachrichten für sich, erscheinen derartige Gründungen oder Schenkungen als Einzelmaßnahmen und sicher nicht als Bestandteile einer zielbewußten Kirchenpolitik. Aber religiöse Aufgeschlossenheit der Herzöge, Bereitschaft und Wille, in dem gefährdeten thüringisehen Gebiet auch die Kirche zu interessieren, sind unübersehbar. Die Bonifatiusvita 1 Vita Columbani (s. o. 14 Anm. 4) I 26 S. 209; Prinz, Frühes Mönchtum (s. o. 14 Anm. 5) 122; Friesb 63. 2 Friese 69. ’ Vita Columbani (s. o. 14 Anm. 4) I 26 S. 210; Vita Audoini (s. o. 12 Anm. 2) III 5; Vita Agili (AA SS Ordinis s. Benedicti 2, cd. J. Mabillon, 1669) 307; Friese 66. 4 Vita Agili 307; zum Wert der Vita s. WL 138. ’ Prinz, Frühes Mönchtum (s. o. 14 Anm. 5) 125. 4 Wenn die Vermutung richtig ist, daß Bili-

hild eine Verwandte des Agilolfingers Fara war (s. o. 14). 7 Oben 21. - Für die Zeit Dagoberts und Radulfs spräche der Anteil, den die Erfurter Überlieferung einem rex christianissimus Dagobert zuschreibt, unter dem sicher Dagobert I. verstanden werden muß, nicht aber ein König Dagobert, den es um 706 gar nicht gab. Für die Zeit Herzog Theobalds spräche der Anteil seines Zeitgenossen Bischofs Ricbert von Mainz; vgl. Ann. s. Petri (s. o. 21 Anm. 6) 25. 8 S. o. 21 Anm. 5.

§ 4· Christentum und Kirche (F.-J. Schmale)

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bestätigt diese Haltung, wenn sie Theobald und Heden als religiosi duces bezeichnet; sie behauptet sogar, daß sie mit Härte vorgingen.1 Es lag nahe, sich bei solchen Bemühungen der Hilfe der fränkischen (neustrischen )Kirche (Reims, Chälon, Mainz?), blutsverwandter kirchlicher Würdenträger und des von Verwandten gegründeten Klosters Weißenburg zu bedienen. Auch Dagobert I. scheint seine Unterstützung dazu geliehen zu haben. Am mittleren Main ist seit der Mitte des siebten Jahrhunderts das Eindringen von Christentum und Kirche belegt. Nach im Kem glaubhafter Tradition lebte vorübergehend Pippins des Älteren Tochter Gertrud, später Äbtissin von Nivelles (f 659), in einem Kloster zu Karlburg am Main, dessen Existenz durch eine Nachricht aus dem Anfang des achten Jahrhunderts erwiesen ist.2 Karlburg war königlicher Besitz, in dessen Nutznießung die Karolinger ebenso gekommen sein können, wie die übrigen Franken in den Mainlanden Besitz erwarben. Ein solcher Versuch, mit Hilfe eines Klosters im Altsiedelland am Main Fuß zu fassen, wie es auch andere Adelsfamilien taten, würde sich in die allgemeine Situation einordnen und gehörte noch im achten Jahrhundert zu den gebräuchlichsten Elementen karolingischer Politik.3 In die letzte Zeit Herzog Hedens I. und in den Anfang der Regierung Theobalds muß das Auftreten des irischen Wanderbischofs Kilian fallen, der in der Hagiographie und im Bewußtsein der Nachwelt als Begründer des Christentums am Main, als Frankenapostel, weiterlebt. Die zu Ende des achten, beziehungsweise in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts entstandenen wichtigsten Quellen über Kilian, die Passio minor und die Passio maior, sind von legendarischen Elementen und bewußten Tendenzen entstellt und lassen den echten Kem und die tatsächliche Rolle Kilians nur schwer erkennen.4 An der Person des Heiligen und seinem Erscheinen am Herzogshof in Würzburg braucht nicht gezweifelt werden. Schließlich mag auch zutreffen, daß Kilian - und nach der Passio minor auch noch die Gefährten Totnan und Kolonat - den Tod fand. Aber cs ist ausgeschlossen, daß der irische Bischof sich in Rom zur Mission beauftragen ließ,5 falsch, wenn der Herzogshof als noch heidnisch dargestellt wird, kaum glaubhaft, daß die Herzogin, wahrscheinlich die hl. Bilihild, den Bischof erschlagen ließ. Von einem missionarischen Wirken am Main fehlt jede Spur, und der Zeitpunkt von Kilians Tod, den die Würzburger Bischofskataloge auf 687/88 datieren, bleibt ganz ungewiß; er ist eher zu spät als zu früh angesetzt. Es muß erstaunen, daß nach glaubwürdiger Tradition erst zu Anfang des achten Jahrhunderts von Herzog Heden II. eine Kirche gegenüber Würzburg auf dem heutigen Marienberg errichtet worden sein soll, bei der er später für seine Tochter Immina ein Eigenkloster stiftete.4 Man möchte vermuten, daß bereits damals in Würzburg * Vita s. Bonifatii auctore Willibaldo (s. o. 13 Anm. 6) 32. 2 Schmale, Glaubwürdigkeit 64 ff. 3 S. u. 40. 4 S. o. 15; u. 46,116f. 3 Einen etwas anderen Aspekt erhielte die von der Passio berichtete Romreise, wenn Kilian mitKilena von Aubigny identisch wäre,

von dem ebenfalls eine Romreise, allerdings eine Pilgerreise, berichtet ist; vgl. o. 16 Anm. 2. 4 Vita Burchardi (s. o. 13 Anm. 9) II 27, 30; Schmale, Glaubwürdigkeit $9 ff., 70. Zur Marienkirche, deren heutiger Bau nach kunsthistorischem und archäologischem Befund eher in das 10., 11. oder 12. Jh. zu datieren ist,

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Franken: A. II. Die innere Entwicklung bis 716/19

auf der rechten Mainseite eine Kirche bestand, als 704 Willibrord bei Heden weilte und ihm ein Priester Laurentius die von Heden ausgestellte Schenkungsurkunde schrieb.1 Aus der Urkunde von 716 ist die Absicht Hedens ersichtlich, ein Kloster in Hammelbürg zu stiften. Dieser Plan ist aber ebensowenig wie die vermutbaren weitergehenden Pläne, Willibrord an das thüringische Herzogtum zu binden und ihm ein neues Wirkungsfeld zu öffnen, aus dem sich eine kirchliche Organisation des Herzogtums hätte entwickeln können, zur Ausführung gekommen. Aber man kann bei aller Spärlichkeit der Nachrichten annehmen, daß es den Herzögen gelungen war, Thiiringen zu einem ah christlich erscheinenden Land zu machen. Als Bonifatius 719 erstmals hier auftrat, fand er es nicht mehr heidnisch, sondern nur in «häretischem» Irrtum befangen.1 F. H. Oswald, Untersuchungen z. Sakralarchitektur Würzburgs im 11. u. 12. Jh., Diss. Masch. Würzburg 1959, 5 ff.; G. Mildenbebgeb, Ausgrabungen auf d. Marienberg in Würzburg (Mainfr. Jb. 16) 1964, 1-8. 1 Zu dem noch immer strittigen Problem der Lage des castrum Wirciburgense und vor allem der in den Würzburger Bestätigungsurkunden genannten Marienkirche vgl. zuletzt Wende-

I 11 f., der für linksmainische Lage und Identität mit der Marienkirche auf dem Marienberg, und Schmale, Würzburg 619 ff. (vgl. auch Ders., Glaubwürdigkeit 57 ff.), der für eine Marienkirche im rechtsmainischen Castrum eintritt, die von der linksmainischen Marienkirche zu unterscheiden ist. 2 Vita s. Bonifatü auctore Willibaldo (s. o. 13 Anm. 6) 33. hobst

FRANKEN VOM ZEITALTER DER KAROLINGER BIS ZUM INTERREGNUM

(716/19-1257)

I DIE POLITISCHE ENTWICKLUNG

Allgemein. Literatur: G. Tellenbach, Europa im Zeitalter d. Karolinger (Historia mundi 5)

1956; Ders., Kaisertum, Papsttum u. Europa im hohen MA (ebd. 6) 1958; A. Nitschkb, Frühe christl. Reiche (Propyläen Weltgesch. V); F. L. Ganshof, Das Hochmittelalter (ebd.); G. Barraclough, Die mittelalterl. Grundlagen d. modernen Deutschland, 1952z; H. Löwe, Das Zeitalter d. Karolinger (GGI); J. Fleckenstein, Das Reich d. Ottonen im 10. Jh. (GGI); M.-L. Bulst-Thiele, Das Reich vor d. Investiturstreit (GGI); K.Jordan, Investiturstreit u. frühe Stauferzeit (GGI); H. Grundmann, Wahlkönigtum, Territorialpolitik u. Ostbewegung im 13. u. 14.Jh. (GG1); K. Jordan, Deutsches Reich u. Kaisertum (Just I); F. Steinbach, Das Frankenreich (Just I); E. Ewig, Die Karolingerzeit (Rassow); H. Beumann, Die Ottonen (ebd.); Th. Schieffer, Das Zeitalter d. Salier (ebd.); P. Rassow, Stauferzeit (ebd.); HB 1183. Franken. Quellen: Bis zum Ende des 11. Jhs. gilt grundsätzlich unverändert das oben (3) Gesagte; nur in Eichstätt entwickelt sich um die Mitte des 11. Jhs. eine lokale Geschichtsschreibung beim Anonymus Haserensis. Zunehmend an Bedeutung und Zahl wachsen dagegen die Urkunden der Bischöfe und Klöster. Literatur: siehe die einzelnen Kapitel.

§ 5. FRANKEN IM KAROLINGERREICH

Abel-Simson, Jbb. d. fränk. Reichs unter Karl d. Gr., I 18822; II 1883; B. Simson, Jbb. d. fränk. Reichs unter Ludwig d. Fr., I 1874; II 1876; Dümmler; G. Tellenbach, Vom karolingischen Reichsadel zum dt. Reichsfürstenstand (Adel u. Bauern im Staat d. MA, hg. v. Th. Mayer) 1943, 22 ff.; Ders., Die Entstehung d. deutschen Reiches, 1943 *; Karl d. Gr., Lebenswerk u. Nachleben, hg. v. W. Braunfels, 3 Bde., 1965/66; Stein I 25 ff.; II 227 ff; Weigel, Begrenzung; Ders., Epochen; Ders., Frankens Werden u. Wesen (s. o. 10); Schlesinger 44 ff.; Bosl, Franken.

a) Christianisierung und kirchliche Organisation durch Bonifatius (716-741) Schieffer; H. Löwe, Bonifatius u. d. fränk.-bayer. Spannung. Ein Beitr. z. Gesch. d. Beziehungen zw. d. Papsttum u. d. Karolingern (JffL 15) 1955, 85-127; Wendehorst I; Heidingsfelder.

Für Karl Martells Pläne östlich des Rheins besaß das mainfränkisch-thüringische Gebiet eine politische und strategische Schlüsselstellung, die sich nicht mit einem selbständigen Herzogtum vereinbaren ließ. Die direkten Folgen der Veränderungen nach Hedens Π. Abtreten sind allerdings bei dem fast völligen Quelleninangel für die Zeit Karl Martells nicht zu beschreiben. Sicher war das Land jetzt unmittelbar dem Hausmeier unterstellt, muß das Herzogsgut weitestgehend in die Verfügung der Karolinger gekommen sein, müssen «Königshöfe» entstanden und deren Verwaltung organisiert worden sein.1 Das ist aus späteren Quellen, nicht aber in seinem Werden zu beob1 H. Weigel, Ostfranken im frühen MA (BlldLG 95) 1959, 133 ff; Ders., Eingliederung (s. o. 10) 23 ff.

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Franken: B. I. Die politische Entwicklung 716/19-1257

achten. Wenn in der Zeit von Karl Martells Söhnen Karlmann und Pippin das Bistum Würzburg mit 25 Kirchen auf Königshöfen ausgestattet wurde, wovon der größte Teil im mainfränkischen Gebiet lag, dann muß ihre Entstehung natürlich weiter zurückliegen, und sie sind mit einiger Sicherheit das Werk Karl Martells. Dafür würde auch die Lage dieser Kirchen, beziehungsweise der Königshöfe und des sonstigen Königsgutes sprechen, das meist an den großen Straßen in beinahe regelmäßigen Abständen gelegen war. Die Funktion der Königshöfe und des Königsgutes als Rastorte und Verwaltungsmittelpunkte ist offensichtlich.1 Man darf daher von der Bedeutung der Regierung Karl Martells für die weitere Gestaltung und Rolle der Mainlande überzeugt sein, kann sie jedoch nicht konkret fassen. Es ist eine Folge der Quellenlage, wenn in derZeit Karl Martells nicht die politische Entwicklung, sondern die der kirchlichen Verhältnisse in den Mainlanden unter dem Einfluß der Tätigkeit des Bonifatius ganz und gar in den Vordergrund tritt. Im Jahre 719 kam Bonifatius erstmals nach Thüringen.2 Er wandte sich an die thüringisch-fränkischen Großen, um sie auf den rechten Weg des Glaubens zurückzuführen, und suchte gleichzeitig die hier tätigen Priester auf die Canones, die römisehen Vorschriften zu verpflichten. Nach kurzer Tätigkeit in Friesland kehrte er in das rechtsrheinische Germanien zurück und gründete in Amoeneburg das erste Kloster. Nach solchen Erfolgen rief ihn Papst Gregor II. erneut zu sich, weihte ihn zum Bischof (30. November 722) und erteilte ihm entsprechende Vollmachten (1. Dezember 722). Gleichzeitig erging an fünf namentlich genannte thüringische Große, von deren Glaubenstreue Gregor erfahren hatte, ein päpstliches Mahnschreiben, das um Hilfe für Bonifatius warb.3 Ebenso wurde ein Empfehlungsschreiben mit der Bitte, den Bischof bei seinem Wirken östlich des Rheins zu schützen und zu unterstützen, an Karl Martell gerichtet.4 Karl willfahrte und stellte in der Form einer merowingischen Königsurkunde einen Schutzbrief aus.’ Wieder wandte sich Bonifatius der Mission der Hessen zu. Mit der Fällung der Donareiche in Geismar bei Fritzlar setzte er ein Zeichen für die Macht des christlichen Gottes und gewann weitere zahlreiche Anhänger für seinen Glauben. Doch geriet er bald in Konflikt mit Bischof Gerold von Mainz. Dieser hatte sich bisher kaum um die Gebiete östlich seines Bischofssitzes gekümmert, nahm sie aber jetzt für seine Diözese in Anspruch. Obgleich Papst Gregor II. Bonifatius in seinem Tun bestärkte und auch Karl Martell um Hilfe gegen Bischof Gerold (724 Dezember 4) * bat, war Bonifatius zu diesem Zeitpunkt doch schon entschlossen, der unmittelbaren Konfrontation mit Mainz auszuweichen und sich zu den Thüringern zu begeben, denen er in einem päpstlichen Schreiben neuerlich empfohlen wurde.7 1 Den., Straße, Königscentene u. Kloster im karolingischen Ostfranken (J££L 13) 1953,7-33; W. Göbich, Rastorte an alter Straße (Festschr. E. E. Stengel) 1953, 473 ff. 2 Nach der grundlegenden Darstellung von Schieffe» 114 ff, 300 ff. können im folgenden die Einzelbelege auf das Notwendigste beschränkt werden.

3 4 9 4 7

Bonifatius, Briefe 33 nr. 19. Ebd. 33 f. nr. 20. Ebd. 36 ff. nr. 22. Ebd. 41 ff. nr. 24. Ebd. 43 f. nr. 2J.

§ 5· Franken im Karolingerreich (F.-J. Schmale)

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Bonifatius begann seine Tätigkeit östlich des Thüringer Waldes und gründete ein Kloster in Ohrdruf bei Gotha; daß er bald auch die Mainlande in seine Tätigkeit einbezog, kann allenfalls vermutet werden. In Thüringen hatte sich Bonifatius weniger der Heidenmission als der Festigung und der Korrektur eines schon grundsätzlich eingeführten Christentums zu widmen. Willibald berichtet in der Bonifatiusvita von vier Priestern, Torchtwine, Berechtere, Eanbercht und Hunraed, Männern von schlechtem Lebenswandel, die unter dem Vorwand der Religion Häresien verbreitet hätten. Den Namensformen nach könnte es sich um Angelsachsen gehandelt haben; ihre schwer deutbare Häresie dürfte am ehesten in Gewohnheiten bestanden haben, die nicht mit den römischen kirchenrechtlichen Vorstellungen übereinstimmten. Sie wurden von Bonifatius zur Rechenschaft gezogen. Die Zustände, wie sie hier anklingen, waren vornehmlich durch den Priestermangel in einer nur erst roh im Christentum unterwiesenen Bevölkerung zu suchen. Die Mainzer Vita des Heiligen behauptet sogar, in Thüringen östlich der Weser (= Werra) habe es überhaupt nur einen einzigen Priester Winfried gegeben, der allerdings wenigstens mütterlicherseits schon dem thüringischen Stamm angehört zu haben scheint.1 Mögen solche Behauptungen auch übertrieben sein, sicher war es die Hauptaufgabe des Bonifatius, dem Priestermangel abzuhelfen, und die priesterlichen Gehilfen, die er nun nach und nach an sich zog, waren naturgemäß zunächst ebenfalls Angelsachsen. Unter ihnen befanden sich Wigbert, der spätere Abt von Fritzlar, der einige Jahre dem Kloster Ohrdruf vorstand, Lull, der Nachfolger des Bonifatius auf dem Stuhl von Mainz, Burchard, der erste Bischof von Würzburg. Daneben gelang es auch schon, Angehörige des mainfränkisch-thüringischen Adels für den priesterlichen Beruf zu gewinnen. Aus der Familie der Mattonen stammte Megingoz, der zweite Bischof von Würzburg? Wahrscheinlich zu Anfang des Jahres 732 rief Papst Gregor III. Bonifatius erneut nach Rom, ernannte ihn zum Erzbischof, übersandte ihm das Pallium und beauftragte ihn, Bischöfe zu weihen. Dazu kam es jedoch noch nicht, wohl aber zur Gründung von Frauenklöstern in Tauberbischofsheim, Kitzingen und Ochsenfurt,3 deren vornehmster Zweck die Ausbildung eines einheimischen Klerus war.4 Die Nonnen und Vorsteherinnen der Klöster waren zum größten Teil aus England herbeigeholt worden: Lioba als Äbtissin von Tauberbischofsheim, deren Verwandte und Schülerin Thecla als geistliche Leiterin von Kitzingen und Ochsenfurt. In Thüringen wirkte Cunihilt, eine Tante Lulls. Als Schenker des Ausstattungsgutes und nomineller Gründer trat der mainfränkische Adel auf.’ Hadeloga, die Gründerin von Kitzingen und vielleicht eine Mattonin, wurde Laienäbtissin ihrer Stiftung. Vielleicht war aber in Kitzingen auch Karl Martell beteiligt; Kitzingen gehörte zu einem umfangreichen Königsgutkomplex, noch im hohen Mittelalter wurde es als regale monasterium bezeichnet, und späte Überlieferung machte die Gründerin Hadeloga zu einer Tochter Kari Martells.41 2 1 Vita quarta Bonifatü auctore Moguntino, ed. W. Levison (MG SS rer. Germ.) 1905, 95 c. 3. 2 Wendehorst I 25 ff.; Bosl, Franken 64 ff.

3 Bosl, Franken 120 ff. 4 Vita quarta (s. o. Anm. 1) 9$. ’ Bosl, Franken 120 f. 6 Friese 31 ff.; Bosl, Franken 64 ff.

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Im Jahre 737 brach Bonifatius zu seiner dritten Reise nach Rom auf und blieb dort fast ein ganzes Jahr. £r traf mit Franken, Bayern und eigenen Landsleuten zusammen, aus deren Reihen er weitere Mitarbeiter, so den späteren Bischof Willibald von Eichstatt, gewann.1 Wenn es wirklich der Hauptzweck seiner Reise war, die päpstliche ZuStimmung zu einem neuen Aufgabenbereich in Sachsen zu gewinnen,1 2*so beauftragte ihn Gregor III. doch mit der Fortsetzung seiner bisherigen Tätigkeit. Nach Abschluß einer römischen Bischofssynode, wahrscheinlich in der Fastenzeit des Jahres 738, trat Bonifatius die Rückreise an. Der Papst empfahl ihn in einem Schreiben allen Bischöfen, Priestern und Äbten der ganzen Christenheit und forderte diese auf, jeden Priester freizustellen, der sich Bonifatius anschließen wolle.’ An die Hessen und Thüringer, an die Bewohner des Grabfclds und andere richtete Gregor einen weiteren Brief mit der Mahnung, alle Anordnungen des Bonifatius, vor allem die der von diesem geweihten Bischöfe und Priester anzunehmen;4*ein drittes Schreiben an vier Bischöfe in Bayern und Alemannien bezeichnete Bonifatius als päpstlichen Legaten, der beauftragt sei, Mißbräuche abzustellen und Konzilien abzuhalten.’ Dementsprechend führte Bonifatius nach seiner Rückkehr zunächst eine Neuorganisation der bayerisehen Kirche durch, die in wesentlichen Teilen bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 739 abgeschlossen war. Wenig später schritt er zur Errichtung von Bistümern in den Gebieten, die er seit etwa eineinhalb Jahrzehnten missioniert hatte. Als Hauptgrund für das lange Zögern, in Thüringen eine Hierarchie zu errichten, ist mangelnde Unterstützung durch Karl Martell angesehen worden.6 Eindeutige Quellen für diese Ansicht liegen nicht vor. Papst Gregor rühmt aufgrund von Mitteilungen des Bonifatius, daß die Völker Germaniens durch Bonifatius’ und Karls Bemühungen dem Heidentum entrissen worden seien.7 Ablehnung erfuhr Bonifatius dagegen durch Bischof Gerold von Mainz,8 der mit einem gewissen Recht die missionierten Gebiete Thüringens für seinen Sprengel in Anspruch nehmen konnte. Es dürfte kaum möglieh gewesen sein, gegen den Willen des Mainzer Bischofs Bistümer zu errichten, deren Sprengel nur auf Kosten der Mainzer Ansprüche gebildet werden konnten.® Dazu waren die Voraussetzungen erst gegeben, als Bischof Gerold auf dem Feldzug 1 Schieffer 174 ff. 2 Ebd. 171 f., 303 spricht sich gegen Hauck I 463 ff. nur für eine beabsichtigte Erweiterung des Arbeitsgebietes nach Sachsen hinein aus. ’ Bonifatius, Briefe 67 nr. 42. 4 Ebd. 68 f. nr. 43. ’ Ebd. 70 f nr. 44; HB I 16 5 ff. 6 Schieffer 129ff., 199 ff.; Ders., Angelsachsen u. Franken. Zwei Studien z. Kirchengesch. d. 8.Jhs. (Abh. Mainz 20, 1950) 1931; H. Büttner, Die Franken u. d. Ausbreitung d. Christentums bis zu d. Tagen v. Bonifatius (Hess. Jb. f. LG 1) 1951, 23. 7 Bonifatius, Briefe 72 nr. 45; es erscheint als eine vielleicht doch zu einseitige Interpretation, wenn die Stelle «Deus noster ... ad centum milia animas in sinu sanctae matris ecclesiae tuo

conamine et Carli principis Francorum aggregare dignatus est» von Tangl (Bonifatius, Briefe 72 Anm. 1) oder Schieffer 180 ausschließlich auf den Sieg Karls über die Sachsen im Jahre 738 bezogen wird. 8 Bonifatius, Briefe 42 nr. 24. 9 Immerhin muß Thüringen, genauer Erfurt, offenbar schon zur Zeit von Gerolds Vorganger Ricbert, also im 7. Jh., Beziehungen zu Mainz gehabt haben (s. o. 24). Auch Gerolds Teilnahme am Feldzug gegen die Sachsen, als diese in Thüringen eingefallen waren (Vita quarta Bonifatii 90 f., s. o. 31 Anm. 1) könnte auf Bindungen und Ansprüche des Mainzer Bischofs an Thüringen hinweisen.

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gegen die Sachsen im Jahre 738 gefallen war. Vielleicht hatte es Bonifatius nicht einmal selbst sehr eilig mit der Errichtung von Bistümern. Wie will man es sonst erklären, daß der Papst immer wieder und noch 739 geradezu ungeduldig mahnte, Bischöfe zu ordinieren, wenn es nur äußere Schwierigkeiten waren, die entgegenstanden. Bei dem engen und ständigen Kontakt zwischen Bonifatius und Rom hätten sie bekannt sein müssen, Mahnungen dieser Art hätten sich dann erübrigt. In einem undatierten, nach dem Herrschaftsantritt Karlmanns geschriebenen Brief, dessen Inhalt Papst Zacharias am 1. April 743 bestätigte, berichtet Bonifatius, daß er in Germanien drei Bischöfe geweiht, drei Sprengel eingeteilt und als Bischofssitze Würzburg, Büraburg und Erfurt bestimmt habe.1 Würzburg sollte Burchard, Büraburg Witta, beides Angelsachsen, erhalten. Für Erfurt dagegen ist kein Name überliefert,123 ebensowenig eine päpstliche Einzelbestätigung. Es ist möglich, daß ursprünglich Willibald, der spätere Bischof von Eichstätt, dafür bestimmt war.’ Die genaue Datierung dieses für die Geschichte der Mainlande so wichtigen Vorganges ist bis heute strittig. Die erste Nachricht liegt in dem erwähnten Brief des Bonifatius vor, der meist in den Anfang des Jahres 742 gesetzt wird, weil Bonifatius in ihm zugleich Papst Zacharias zu seiner Erhebung gratuliert (2. Dezember 741; Gregor III. f 29. 11. 741), aber auch ein von Karlmann einberufenes Konzil, dessen Akten unter dem Veröffentlichungsdatum des 21. April 742 überliefert sind,4 als noch bevorstehend erwähnt.5 An diesem Konzil hat auch Willibald schon als Bischof teilgenommen, und da er an einem 22. Oktober von Bonifatius unter Assistenz von Burchard und Witta geweiht worden ist,6 müßten die Bistümer im Jahre 741 noch vor dem 22. Oktober und damit zu Lebzeiten Karl Martells gegründet worden sein. Dagegen ist aber geltend gemacht worden, Karl Martell habe es gegenüber Bonifatius stets an Unterstützung fehlen lassen und deshalb habe auch Bonifatius den seit seiner Emennung zum Erzbischof bestehenden päpstlichen Auftrag zu Lebzeiten Karls nicht ausführen können;7 daher seien die Bistümer erst im Jahre 742 unter Karlmann errichtet worden. Karlmann habe auch Würzburg dotiert, und dadurch sei überhaupt erst die Voraussetzung für die Bistumsgründung geschaffen worden. Nur so glaubte man es auch erklären zu können, daß das Antwort- und die erbetenen Bestätigungsschreiben des Papstes alle erst vom 1. April 743 datiert sind.8 Den Bonifatius-Brief auf ein Jahr später anzusetzen, schien keine unüberwindliche Schwierigkeit; nur das Datum des Concilium Germanicum stand dem entgegen. Es wurde für falsch überliefert erklärt, 1 Bonifatius, Briefe 80 ff. nr. jo; H. NotDie Bistumserrichtung in Deutschland im 8. Jh. (Kirchenrechtl. Abh. 96) 1920, Neudr. Amsterdam 1964; A. Bigelmair, Die Gründüng der mitteldeutschen Bistümer (St. Bonifatius - Gedenkgabe) 1954, 247-287; Schieffer 199 ff.; Wendehorst I 14 ff. 2 Schieffer 201 denkt nachdem Vorbild von Tangl (Bonifatius, Briefe 99 Anm. 5) an den sonst nicht weiter bekannten Dadanus, der an dem Concilium Germanicum von742 teilnahm. tarp,

3 HdBG III, i

’ So Stein I 37 f.; II 234 ff.; G. Schnürer, Bonifatius, 1909, 66; dagegen schon Μ. Tangl, Das Bistum Erfurt (Festschr. A. Hauck) 1916, III f. 4 Bonifatius, Briefe 99 nr. 56. 5 Ebd. 82. 6 Vita s. Willibaldi auctore Hugeburg, hg. v. O. Holder-Egge» (MGH SS 15) 1887, 105. 7 Wendehorst I 14 f. 8 Bonifatius, Briefe 86 ff. nrr. 51, 52, 53.

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und das Konzil dementsprechend auf den 21. April 743 verlegt.1 Dennoch wird man mit Löwe an der früheren Ansicht festhalten müssen. Es ist bedenklich, gut überlieferte Daten um allgemeiner Überlegungen willen zu ändern, die ihrerseits nicht zwingend sind.1 2*Für das Jahr 741 liegt überdies eine direkte bisher übersehene Bestätigung vor. Unmittelbar nach dem Tod Karl Martells (29. Oktober 741), als die Aufteilung der Herrschaft unter dessen Söhnen noch nicht vorgenommen war, schrieb Bonifatius an Grifo, für den Fall daß diesem die Macht über Thüringen und die Mainlandc zufalle: ... obsecro ..., ut adiuvare studeas servos dei sacerdotes, presbyteros, qui sunt in Turingia? Sacerdotes unmittelbar vor dem Wort presbyteros kann nur Bischöfe meinen. In der Bedeutung Bischof wird sacerdos auch sonst verwendet, sowohl in den Bonifatius- wie in den Papstbriefen, wie auch in den Bonifatiusviten. Demnach hat es schon vor dem Tod Karl Martells Bischöfe in Thüringen gegeben. Auch der Ausstattung der Bistümer ist in der Datierungsfrage ein falsches Gewicht zugemessen worden. Zwar ist Würzburg frühestens durch Karlmann mit königlichen Gütern dotiert worden,4 aber diese Schenkungen waren keine Voraussetzung für die Gründüng. Büraburg und Erfurt sind von den karolingischen Hausmeiem und Königen überhaupt nicht dotiert worden. Eichstätt hat erst 793 die erste königliche Schenkung erhalten.’ Die Gründung von Bistümern war also auch ohne königliche Dotierung möglich, ohne daß eine sofortige Eingliederung in das Herrschaftssystem erfolgte. Deshalb ist daranfestzuhalten, daß Bonifatius die drei genannten Bistümer im Jahre 741, noch zu Lebzeiten Karl Martells, vielleicht mit dessen Einverständnis, aber ohne dessen direkte Mitwirkung errichtete. Büraburg, ein fränkisches Castrum auf dem Büraberg bei Fritzlar, wurde mit dem bonifatianischen Kloster in Fritzlar verbunden und war als kirchliches Zentrum für die Hessen gedacht; doch hatte es keinen Bestand.6 Nach dem Tod Bischof Wittas vereinigte es Bischof Lull von Mainz mit seiner Diözese. Noch kurzlebiger war das thüringische Bistum Erfurt. Trotz der allgemeinen Bestätigung durch Papst Zacharias ist es vielleicht niemals verwirklicht, spätestens aber, da es nicht mehr als Bistum erwähnt wird, Anfang 742 wieder aufgegeben worden.7 Als Gründe dafür kann man nur mutmaßen, daß dem Hausmeier Karlmann nichts an der kirchlichen Selbständigkeit des engeren thüringischen Stammesgebietes lag und eine Eingliederung in die Mainzer Diözese politisch nützlicher erschien. Die Aufgabe Erfurts war um so leichter 1 Schieffer, Angelsachsen u. Franken (s. o. 32 Anm. 6) 37 ff. 2 Die Datierung des Konzils auf 743 und dementsprechend der Bistumsgründungen auf 742 ist schon vor Schieffer häufig behauptet oder zurückgewiesen worden; vgl. für die ältere Literatur Hauck I 484 Anm. 1. Gegen Schieffer, dem auch Wendehorst I 16 folgt, ist erneut für das überlieferte Konzilsdatum 742 und dementsprechend die Bistumsgründung zum Jahre 741 eingetreten Löwe (s. o. 29) bes. 110 ff. ‫ נ‬Bonifatius, Briefe 77 nr. 48. 4 Die Schenkungen Karlmanns sind nur aus

den Würzburger Bestätigungsurkunden seit Ludwig d. Fr. (Böhmer-Mühlbacher 768, s. HB I 570) erschließbar; vgl. Bicelmair (s. o. 33 Anm. 1) 254 f.; Bosl, Würzburg 161-181. ’ Heidingsfelder 18 nr. 28. 6 Bicelmair (s. o. 33 Anm. 1) 277 f. 7 Längere Existenz des Bistums ist nur anzunehmen, wenn man der unbelegbaren Vermutung folgt, daß der am Concilium Germ, teilnehmende Dadanus Bischof von Erfurt war (Bonifatius, Briefe 99 nr. 56); vgl. auch W. Fritze, Bonifatius u. d. Einbeziehung v. Hessen u. Thüringen in d. Mainzer Diözese (Hess. Jb. 4) !954, 5°.

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möglich, als für den schon ordinierten Willibald, falls dieser der für Erfurt vorgesehene Bischof war, in Eichstätt ein entsprechender Ausgleich gefunden wurde. Von den drei ersten Bistumsgründungen des Bonifatius hatte nur Würzburg unter dem Angelsachsen Burchard Bestand, also das Bistum, das nicht von einem geschlossenen Volksstamm besiedelte und beherrschte, sondern von dem fränkischen Staatsvolk selbst überschichtete, gewissermaßen also fränkische Gebiete umfaßte. Die ÜbereinStimmung der kirchlichen Sprengel1 mit noch nicht völlig frankonisierten Stammesgebieten, wie sie bei Büraburg und Erfurt gegeben und von Bonifatius beabsichtigt war, entsprach offensichtlich nicht den politischen Vorstellungen Karlmanns. Deshalb konnten sich hier die älteren Ansprüche des fränkischen Bistums Mainz durchsetzen. Würzburg dagegen war ein fränkisches Bistum, dessen Existenz keine separatistischen Gefahren in sich barg, vielmehr ein politisch schon zur Francia gehöriges Gebiet auch kirchlich zusammenfaßte, dem für die karolingischen Ziele östlich des Rheins durch seine Mittellage steigende Bedeutung zukam.1 2*Darin sind die Gründe dafür zu suchen, daß allein Würzburg Förderung durch den Hausmeier Karlmann und dessen Nachfolger erfuhr. Mit dem Herrschaftsantritt Karlmanns, der aus dem väterlichen Erbe Austrasien einschließlich der rechtsrheinischen Gebiete erhielt, verlor Franken seine bisherige Randlage; die Nachrichten werden zahlreicher und sagen nicht mehr nur über kirchliehe Vorgänge aus. Gleichzeitig beginnt der Süden Frankens ins Licht zu rücken. Hier brachte ebenfalls die Errichtung des Bistums Eichstätt die entscheidende Wende; aber auch in diesem Fall ist die genaue zeitliche Abfolge der Vorgänge noch umstritten. * Anders als bei den bis dahin von Bonifatius errichteten Bistümern setzt sich der Sprengel von Eichstätt aus Gebieten verschiedener stammesmäßiger und politischer Gliederungen zusammen. Eichstätt selbst und der östliche Teil der Diözese lagen im bayerischen Nordgau, der westliche Teil, das Sualafeld, gehörte zu Alamannien, im Norden griff Eichstätt mit einem schmalen Anteil am Rangau auf fränkisches Gebiet über.4*Gerade dieser Umstand hat zu der strittigen Datierung geführt. Während Willibalds Weihe im Jahre 741, sein Aufenthalt in Eichstätt seit 742, seine Teilnahme am Concilium Germanicum im April 742, auf dem nur Bischöfe aus Karlmanns Reichsteil anwesend waren, die Errichtung des Bistums im Jahre 742 nahelegen,’ wird die Zusammensetzung des Sprengeis als Indiz für eine spätere Gründung gewertet, weil sie eine Abtrennung des westlichen Nordgaus von Bayern voraussetzt. Sie aber soll erst 743/44 möglich gewesen sein, als Herzog Odilo von Bayern durch Karlmann und Pippin besiegt worden war. Dieses Argument hat sich weitestgehend durchgesetzt, und in teilweiser Übereinstimmung mit der Eichstätter Lokaltradition6 wird jetzt 1 Zur Abgrenzung der Sprengel Nottarp (s. o. 33 Anm. 1) 135 f.; Bosl, Franken 136 ff. 2 Μ. Beck, Die Bistümer Würzburg u. Bamberg in ihrer wirtschaftl. Bedeutung für d. deutschen Osten (Stud. u. Vorarbeiten z. GP III) 1937; Bosl, Würzburg; Ders., Würzburg als Pfalzort (JffL 19) 1959, 25-43. ‫ נ‬Heidingsfelder i ff. nr. 1; Nottarp (s. }

o. 33 Anm. 1) 76ff.; Ders., Sachkomplex u. Geist d. kirchl. Rechtsdenkens bei Bonifatius (Bonifatius-Gedenkgabe) 1954, 182 ff.; Bigelmai» (s. o. 33 Anm. 1) 283 f. 4 HB I 169. ’ Heidingsfelder 3 ff. nr. 1; Nottarp (s. o. 3 3 Anm. 1) 79 f.; Bauerreiss 161 f. 6 Vgl. Heidingsfelder 4 nr. 1.

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meist 745 als Gründungsjahr angenommen.1 Jede Ansicht kann sich nur auf Indizienbeweise stützen. Gerade wenn man aber die politischen Veränderungen berücksichtigt, die der Bildung des Eichstätter Sprengeis vorausgegangen sein müssen, sprechen sie dennoch eherfür dasJahr 742. Wenn nämlich infolge der Feldzüge Karl Martells gegen Bayern in den Jahren 725 und 728 die auf dem bayerischen Nordgau gelegenen Höfe Ingolstadt und Lauterhofen an den Karolinger abgetreten werden mußten,12 dann muß man es für möglich und wahrscheinlich halten, daß schon damals der gesamte westliehe Teil des bayerischen Nordgaus von Bayern abgetrennt wurde und damit auch die Gegend von Eichstätt, die von der Römerstraße durchzogen wurde, die zum Donauübergang bei Pförring führte. Als Willibald im Jahre 740 nach Bayern kam, ging er nach einem kurzen Besuch bei Herzog Odilo zu einem Grafen Suitger, der ihn anschließend zu Bonifatius begleitete und diesem die regio Eihstat schenkte.3 Sie wurde Willibald als Aufenthalt und Betätigungsfeld überwiesen, nachdem Bonifatius ihn in der Eichstätter Marienkirche zum Priester geweiht und ihm die Schenkung des Grafen übergeben hatte. Die Existenz eines Grafen Suitger in diesem Raum zu einer Zeit, in der Grafen rechts des Rheins noch außerordentlich selten sind, und sein selbständiges Handeln sprechen eher dafür, daß Suitger ein Beauftragter der Karolinger war.4 Sein Name könnte sogar auf kognatische Beziehungen zu den Altthuring-, Hagbert- und Mattonensippen im ösdichen Mainfranken und Grabfeld weisen.5 Alamannien, in das Eichstätt mit dem westlichen Teil seines Sprengeis, dem Sualafeld, hineinragte, war dagegen schon längst dem karolingischen Einfluß geöffnet. Karl Martell hatte 741 bei der Teilung des Reiches frei darüber verfügt und es Karlmann zugewiesen. Die politischen und herrschaftsrechtlichen Voraussetzungen für die Bildüng der Eichstätter Diözese waren also mit einiger Sicherheit auch schon 742 gegeben, und man darf daher annehmen, daß Bonifatius zwar nicht schon 740, als er Willibald als Priester in Eichstätt einsetzte, an die Errichtung auch eines Bischofssitzes dachte, diese dann aber im Einverständnis mit Karlmann vomahm, um das aus heterogenen Bestandteilen zusammengesetzte südöstliche Herrschaftsgebiet Karlmanns kirchlich zu einen.6 Das war um so wünschenswerter, als die bisherige Tren1 A. Bigelmair, Das Jahr d. Gründung d. Bistums Eichstätt (Festgabe f. K. Schombaum) 195°. 19-35; Ders. (s. o. 33 Anm. 1) 277ff.; Schieffer 201; Bosl, Franken 137. 2 H. Dachs, Der Umfang d. kolonisatorisehen Erschließung d. Oberpfalz bis z. Ausgang d. Agilolfingerzeit (VHOR 86) 1936, 159ff.; Heidingsfelder ‫ צ‬f. nr. 1. Das ist auch schon deshalb anzunehmen, weil Willibald 742 am Concilium Germanicum teilnahm, auf dem nur Bischöfe aus Karlmanns Reichsteil anwesend waren (Heidingsfelder 7 f. nr. 2); vgl. auch K. Bosl, Das kurpfälz. Territorium «Obere Pfalz» (ZBLG 26) 1963, 6 f. 3 Vita Willibaldi (s. o. 33 Anm. 6) c. 5. 4 Vielleicht war er doch ein Graf (= «Kommissar») Karl Martells oder Karlmanns. Wenn

er sich 748 auf die Seite Grifos schlug (Ann. regni Franc. 6, s. u. 39 Anm. 3), so kann daraus doch nicht geschlossen werden, daß er «bayerischer» Nordgaugraf war (HB I 126, 169), zumal dann nicht, wenn er in dem «Eichstätter» Teil des Nordgaus wirkte. 5 Vgl. die Tradentenkreise bei Bosl, Franken 75 ff. 6 Nottarp (s. o. 33 Anm. 1) 79. Wenn Eichstätt mehrfach als coenobium und Willibald als episcopus de monasterio Achistadi (MG Concilia Π 73) bezeichnet wird (Nottaäp 83), so ist Willibald doch nicht als Regionarbischof ohne festen Sprengel zu bezeichnen. Nach 919 wird noch Udalfrid als Bischof Eichstettensis coenobii genannt (DH. I 36), ebenso wie der Bischofssitz selbst im 9. und

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nung von politischer und kirchlicher Zuständigkeit Gefahren in sich barg, solange nämlich der spätere Eichstätter Sprengel herrschaftlich Karlmann unterstand, kirchlich aber mit seiner teilweisen Zugehörigkeit zu Regensburg nach Bayern orientiert war, wo Herzog Odilo auch die Kirchenherrschaft besaß. So scheint denn doch die Nachricht der Mainzer Bonifatiusvita zuzutreffen, die Eichstätter Diözese sei von den Regensburger und Augsburger Sprengeln abgetrennt worden.1 Stärker als bei den übrigen Bistümern muß bei der Gründung Eichstätts der politische Wille des Hausmeiers Pate gestanden haben; dennoch haben weder Karlmann noch Pippin Eichstätt mit Reichsgut ausgestattet. b) Franken als karolingische Königsprovinz (741-817). Nach Karl Martells Tod erhielt sein älterer Sohn Karlmann den austrasischen Reichsteil mit Thüringen und dem noch unsicheren Alamannien, der im Osten und Nordosten an die feindlichen Sachsen, im Südosten an das keineswegs freundliche Bayern grenzte. Schon 742 mußte er einen Feldzug nach Alamannien führen. 743 mußten er und sein Bruder Pippin einen Aufstand der mit Sachsen und Alamannen verbündeten Bayern niederschlagen; noch im gleichen Jahr rückte Karlmann in Sachsen ein und eroberte die Seeburg bei Eisleben, 744, 745, 746 waren weitere Feldzüge nach Sachsen erforderlich. Wenn die erste große Ausstattung des Bistums Würzburg durch Karlmann erfolgte, während Erfurt wieder aufgelassen wurde, Eichstätt und Büraburg aber offensichtlich nichts erhielten, dann war diese Schenkung in dieser politischen Lage begründet. Die Vorgänge sind allerdings nur aus einer Urkunde Ludwigs des Frommen zu erschließen, in der Schenkungen Karlmanns, Pippins, Karls des Großen und mainfränkisch-thüringischer Großerzusammenfassend bestätigt wurden, ohne daß es möglich wäre, den Anteil der einzelnen Schenker genau zu bestimmen.2 Sicher ist aber, daß die Ausstattung Würzburgs von Karlmann begonnen wurde und er die Politik einleitete, die Würzburg zum politisehen Mittelpunkt und stärksten Machtfaktor am Main machte. Nur mit diesen Vorbehalten gegenüber einer unsicheren Chronologie kann die Ausstattung des Bistums Würzburg mit weltlichen Besitzungen und Rechten an dieser Stelle als möglicher Akt Karlmanns angeführt werden.3 Der auffälligste Komplex ist die Übertragung der Kirchen auf 25 Königshöfen, von denen vier außerhalb, 21 innerhalb des Würzburger Sprengeis lagen.4 Neben diesem Besitz aus königlichem Eigentum, der das Recht des Bischofs von Würzburg, Geistliehe einzusetzen, einschloß, wurden umfangreiche Einkünfte übertragen: der Fiskal­ 10. Jh. als coenobium oder monasterium (Belege bei Nottarp 83). 1 Vita quarta Bonifatii (s. o. 31 Anm. 1) 96 c. 4. Unzutreffend ist die Nachricht der Vita, auch Salzburg habe zum Eichstätter Sprengel beigetragen; vielleicht hat sich dieser Irrtum durch Willibalds Weiheort Salzpurc (Vita Willibaldi 105, s. o. 33 Anm. 6) eingeschlieben. Vgl. auch Nottarp (s. o. 33 Anm. 1) 81 ff.

2 S. o. 34 Anm. 4. 3 P. Fraundoreer, Das Territorium d. HochStifts Würzburg I, Die kirchl. Besitzungen v. d. Gründung d. Bistums (741) bis z. Regierungsantritt d. Bischofs Hermann I. v. Lobdeburg (122 j), Diss. Masch. Erlangen 1923; Wendehorst I 15; Schmale, Würzburg 622; Bosl, Franken 136 ff, bes. 141 ff. 4 Böhmer-Mühlbacher (s. HB I 570) 768; Wendehorst I 15 f.

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zehnt in zahlreichen Königsgütem, eine Osterstufe genannte Naturalabgabe der Franken (= «Königsfreie») und Slawen und die Heerbannsteuer.1 Mit dieser Dotierung müssen entsprechend der Art der Gefälle von Anfang an politische Aufgaben verbunden gesesen sein. Würzburg wurde durch sie neben und mit dem Hausmeier als einzige Institution in allen Teilen des ostfränkischen Landes fest verankert; das Bistum nahm als einzige Macht neben Karlmann überall Rechte wahr. Die Schenkungen beweisen die Intensität der karolingischen Herrschaft am Main, aber sie machten den Bischof von Würzburg auch zu einer übergreifenden politischen Institution für ganz Franken, wie sie seit den Tagen der Hedene nicht mehr bestanden hatte. Zahlreiche weitere Schenkungen, teils aus der Hand des Adels, teils aus der Hand der Hausmeier (Kloster Karlburg), sowie Erwerbungen durch den ersten Bischof Burchard haben diese Stellung weiter gefestigt.1 2 Als nach der Resignation Karlmanns (744) Franken unter die Herrschaft Pippins kam, schenkte dieser weiteren Besitz und verlieh dem jungen Bistum die Immunität, er legte damit ein weiteres Fundament für die Stellung der Würzburger Bischöfe.3 Bischof Burchard von Würzburg muß das in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt haben. Nachdem er bereits 748 im Auftrag des Bonifatius, vielleicht auch zugleich im Auftrag der gesamtfränkischen Synode vom Vorjahr, in Rom geweilt hatte, holte er 751 zusammen mit Abt Fulrad von Saint-Denis die Zustimmung des Papstes zu Pippins Absichten auf die Königsherrschaft.4*Als er wenig später abdankte,’ war das kirchliche Leben in Franken soweit entwickelt und die politische Bindung des Landes an die Karolinger soweit gefestigt, daß das Bistum nun in die Hände eines aus dem mainfränkischen Adel stammenden Nachfolgers gegeben werden konnte. Bischof Megingaud (Megingoz), Schüler des Bonifatius, Mönch in Fritzlar und Leiter der dortigen Klosterschule, wurde noch zu Lebzeiten Burchards nominiert und von Bonifatius 753 geweiht.6 Er gehörte der zu seiner Zeit wohl mächtigsten mainfränkischen Adelsfamilie, den Mattonen an, die unter anderem wahrscheinlich auch mit den Nachkommen der Hedene, der Altthuringsippe, kognatisch verbunden war. Megingoz und seine Familie, ebenso aber auch andere Adlige wie zum Beispiel Throand, Sandrad, Nanther, Liutfrid, Sterfrid, Gundpert, Agnus, Halldus, Rantulf, Rotpert, Brunicho, Rothard, Rocco, die alle in einem Brief des Papstes Zacharias als Empfänger benannt werden7 und als Grafen, zum Teil auch als Klostergründer (Gundpert/ 1 Zu diesen Steuern Schlesinger 76 ff.; Bosl, Franken 44 ff. 2 Schmale, Glaubwürdigkeit 57 ff. 3 Wendehorst I 16. Daß durch Pippin weitere Schenkungen erfolgten, wie schon Hauck II 4 und noch Dienemann (s. o. 4 Anm. 1) 68 aufgrund von DAm. 69 angenommen haben, ist keineswegs durch v. Guttenberg 2 Anm. 4 richtiggestellt worden, wie Wendehorst (ebd.) meint. Infolge von Guttenbergs Argument «Ich glaube nicht» ohne weitere Belege ist allenfalls ein non liquet möglich.

4 Zu Burchard Wendehorst I 18 ff. 5 Die in der Vita Burchardi (s. o. 13 Anm. 9) II 36 ff. berichtete Abdankung wird von Wendehorst I 23 bestritten; für die Richtigkeit dieser Nachricht Schmale, Glaubwürdigkeit 73 und in Auseinandersetzung mit Wendehorst Ders., Würzburg 625. 6 Zu Megingoz Wendehorst I 25 ff.; Schmale, Würzburg 626 ff.; Bosl, Franken 64 ff; Friese ij ff. 7 Bonifatius, Briefe 18$ nr. 83.

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Ansbach,1 Throand/Holzkirchen12*) wieder begegnen, zeigen, wie sehr die religiöse und politische Ausrichtung der Mainlande bereits den karolingischen Interessen entgegenkam. Dementsprechend findet man Bischof Megingoz wie schon seinen Vorganger Burchard häufig außerhalb seines Bistums in der Umgebung Pippins oder bei sonstigen Reichsangelegenheiten beteiligt. Im Jahre 757 nahm er an der ReichsverSammlung in Compiegne teil, 762 beschwor er mit Willibald von Eichstätt den Totenbund von Attigny und unterzeichnete 762 (August 13) eine Urkunde Pippins für Prüm. Im Jahre 748 benutzte Pippin Thüringen als Aufmarschgebiet für einen Feldzug gegen die Sachsen im Nordschwabengau, an dem sich auf fränkischer Seite auch Slawen beteiligten? Derartige Zeugnisse weisen darauf hin, daß der politische Schwerpunkt weiterhin im nördlicheren Franken lag; der Raum des Bistums Eichstätt wird in den allgemeinen Quellen in dieser Zeit überhaupt nicht genannt. Als Pippin 768 starb und Ostfranken an seinen ältesten Sohn Karl fiel, war die hier in den letzten Jahrzehnten entstandene Ordnung soweit gefestigt, daß von hier aus die Erweiterung des Frankenreiches im Nordosten und Südosten durchgeführt werden konnte. Ausbau und Stärkung der Stellung des Königs bestimmten auch die Politik Karls des Großen in Franken. Wichtigste Grundlage war das ausgedehnte Königsgut, dessen ganzer Umfang erst für diese Zeit annähernd bestimmbar und dessen Organisation erst jetzt genauer erkennbar wird. Die zahlreichen Königshöfe sind die Stützpunkte des Königs und Ausgangsbasis für Siedlung, Länderausbau und Pfarreiorganisation; personell getragen in erster Linie von den Königsfreien, in einem Umfang, daß der Begriff der Staatskolonisation angebracht erscheint. In einer Reihe von Fällen waren solche Königshöfe nachweislich Zentralorte größerer organisatorischer Bezirke (Königsmarken), die mit den Urgauen identisch waren.4 Diese Präsenz des Königtums bildete das wichtigste Gegengewicht gegen den fränkischen Grundbesitzeradel, der dem Königtum auch und gerade in der Zeit Karls des Großen erkennbaren Widerstand entgegensetzte. Der Aufstand des Hardrad und seiner Verbündeten5 aus den Familien der Mattonen und der Fastrada - kognatische Deszendenten des hedenischen Herzogshauses6 - im Jahre 785/86 beleuchtet diese Situation. Die Aufrührer machten in dem folgenden Prozeß geltend, daß sie dem König keinen Treueid geschworen hatten und ihm daher nicht verpflichtet seien. Diese unsichere Lage mag einer der Gründe dafür gewesen sein, daß in den ersten Jahrzehnten von Karls Regierung keine ständigen Grafen, sondern nur solche mit missatischem Charakter festzustellen sind? Mit den verschiedensten Mitteln suchte Karl den Widerstand in Franken zu über1 A. Bayer, St. Gumberts Kloster u. Stift in Ansbach, 1948; W. Scherzer, Der Übergang d. Klosters St. Gumbert zu Ansbach aus d. Besitz Karls d. Gr. in d. Zuständigkeit Bischofs Bemwelf v. Würzburg. Ein Beitr. z. Diplomatik Karls d. Gr. u. Ludwigs d. Fr. (WDGB11. 14/15) 1952/53, 97 ff.; Schmale, Glaubwürdigkeit 72 mit Anm. 152; Wendehorst I 33 f.; Bosl, Franken 124 ff. 2 Bosl, Franken 124; HAB Marktheidenfeld (W. Störmbr).

3 Annales regni Francorum, hg. v. F. Kurze (MGH SS rer. Germ.) 1895, 6. 4 Bosl, Franken passim; s. u. 95. 5 Ann. regni Franc, (s. o. Anm. 3) 71; Einhardi vita Karoli Magni, hg. v. O. HolderEcger (MGH SS rer. Germ.) 1911, 20; Schlesinger 50 f.; Friese bes. 15 ff. 6 Friese 16. 7 S. u. 98 ff.

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winden. Wichtige Hilfe leistete dabei die Kirche. Fast alle Klöster, die fränkische Adlige gegründet hatten, wurden dem König direkt oder indirekt durch Schenkung an Würzburg oder an Fulda übertragen.’ In der Häufung der Fälle wird der königliche Druck deutlich; Handhabe bot der Umstand, daß auch der adlige Besitz vielfach in erblich verliehenem Königsgut bestand. Ebenso ist in der Heirat Karls mit der Ostfränkin Fastrada, der Tochter eines Radulf, der Versuch zu sehen, in Franken Fuß zu fassen und die etwa noch in dieser Familie vorhandenen Traditionen des Herzogtums an die eigene Person zu binden.2 Wenn die Deutung der Erhebung der Gebeine Kilians im Jahre 787/88 im Beisein Karls des Großen und die Datierung und Interpretation der älteren Kilianspassio richtig ist, wie sie jüngst vorgeschlagen wurde,3 dann müssen auch diese Vorgänge als ein vorwiegend propagandistischer Akt mit dem gleichen Ziel gesehen werden. Jedenfalls wurde damals Kilian als der sakrale Repräsentant Frankens herausgestellt; ihm war die Christianisierung Frankens zu danken, während das thüringische Herzogshaus als Heiden und Mörder, als zu Recht Vertriebene geradezu «verunglimpft» wurde; allerdings mit dem Kunstgriff, wenigstens falsche Namen als Decknamen einzusetzen. Die Absetzung Herzog Tassilos von Bayern um die gleiche Zeit bietet einen sprechenden Hintergrund. Durch diese Politik hat sich die karolingische Herrschaft in Franken reiner als sonst irgendwo östlich des Rheins verkörpert. Sie war zugleich die Voraussetzung für die Lösung zweier Aufgaben, die Pippin hinterlassen hatte: die Befriedung und Eingliederung der Sachsen und die Integration Bayerns. Die Lage Ostfrankens mit direktem Anschluß an den fränkischen Kemraum, seine Ost-West-Erstreckung entlang der Südgrenze Sachsens mit dem Main als Wasserstraße und wichtigen Verkehrswegen vom Rhein zur Donau erhellen die Bedeutung Ostfrankens. Seit 772 zog Karl fast Jahr für Jahr gegen die Sachsen; mehrfach rückten Heere von den Mainlanden aus und vereinigten sich mit Truppen, die über den Hell weg angrifFen, zu großen Umfassungsbewegungen. Die dauernde Befriedung und Eingliederung Sachsens in den fränkischen Staat verlangten zugleich die Christianisierung. Träger dieser Aufgabe wurden vorwiegend ostfränkische Kräfte. Noch im Jahre 772 wurde Abt Sturm von Fulda mit der Sachsenmission beauftragt; die Eresburg wurde ihm als Sitz angewiesen.■ * Nach seinem Tod (779) ging der Missionsauftrag im zukünftigen Sprengel von Paderborn an Würzburg über. Nach einer späten Nachricht war Bemwelf, der vielleicht schon seit längerem als Chorbischof von Würzburg wirkte, als Missionsbischof in Paderbom tätig.’ Gleichzeitig wurden in Würzburg weitere Missionare ausgebildet; die ersten Paderborner Bischöfe Hathumar und Badurad, Sachsen der Herkunft nach, gehörten vor ihrem Pontifikat dem Würzburger Domklerus an.6 Es paßt gut zu dem ’ Prinz (s.o. 14 Anm. 5) 23 5 ff. zu allen in Frage kommenden Klöstern; Bosl, Franken 114ff. 2 Ann. regni Franc, (s.o.39 Anm.3) 67. Die Zugehörigkeit der Fastrada und ihres Vaters Radulf zu den Kognaten der Hedene und Mattonen bei Friese 16, 48 f. ‫ נ‬Dienemann (s. o. 4 Anm. 1) passim; s. aber auch u. 116 f.

4 Vita Sturmi, hg. v. G. H. Pertz (MG SS 2) 1829, c- 22, 24. ’ J. G. v. Eckhart, Commentarii de rebus Franciae orientalis et episcopatus Wirceburgensis I, 1711, 711; vgl. 41 Anm. 1. 6 Translatio s. Liborii, ed. G. H. Pertz (MG SS 4) 1841, 151: Vita Meinwerci episcopi Patherbrunnensis, ed. F. Tenckhoff (MG SS

§ 5. Franken im Karolingerreich (F.-J. Schmale)

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überlieferten Pontifikatsbeginn Bernwelfs in Würzburg (794),1 daß Hathumar 795 seine Tätigkeit in Paderborn aufnahm. Er blieb bis zum Jahre 806/07, als in Paderborn ein Bistum eingerichtet wurde, von Würzburg abhängig.2 Mönche der Klöster Amorbach und Neustadt wirkten im Raum des späteren Bistums Verden.3 Auch im Osten, im Volkfeld- und Radenzgau erhielt Würzburg Missionsaufgaben. Hier waren Slawen ansässig geworden, für die bereits vierzehn Kirchen bestanden, die von Karl an Würzburg übertragen wurden.4 Für solche Aufgaben kam Eichstätt infolge seiner Lage weniger in Frage. Dieser Raum war nur vorübergehend im Jahre 787 von größerem Interesse, als an den militärischen Unternehmungen, die der Absetzung Tassilos unmittelbar vorausgingen, eine aus Ostfranken, Thüringern und Sachsen gebildete Heeresabteilung sich bei Pförring sammeln sollte, um in Bayern einzufallen;3 ein zweites Mal im Jahre 793, als Karl der Große zur Erleichterung der umfangreichen Rüstungen für einen Krieg gegen die Awaren einen Kanal bauen ließ, der die Rednitz mit der Altmühl in der Nähe von Eichstätt verbinden sollte.6 Es könnte mit Karls Aufenthalt Zusammenhängen, daß Bischof Gerhoh von Eichstätt (787 ?-806?) 793 (nach August 25) die Abtei Murbach im Elsaß als erste königliche Schenkung erhielt;7 vielleicht fällt auch die Verleihung der Immunität an das Bistum in diese Zeit.’ Schon die Unterwerfung der Sachsen bei Paderborn (794) scheint Deportationen zur Folge gehabt zu haben; angeblich soll damals jeder dritte Mann Sachsen verlassen haben.’ Nach dem Frieden von 804, der wahrscheinlich in der Pfalz Salz abgeschlossen wurde, mußte Nordalbingien von den Sachsen geräumt und den Abodriten überlassen werden.10 Zahlreiche sächsiche Deportierte aus den letzten zehnJahren des Krieges wurden in den Mainlanden als Königsleute auf Königsgut oder zur Rodung angesicdelt.wie die mit Sachsen (-sachsen) zusammengesetzten Ortsnamen bezeugen. "Andererseits werden gelegentlich vornehme Sachsen genannt, die in Ostfranken Besitz rer. Germ.) 1921, 1 ff.; W. Metz, Mainzer, Fuldaer u. Würzburger Einflüsse an d. oberen Weser (Kunst u. Kultur im Weserraum 800 bis 1600 I) 1966, 123 f.; Bosl, Franken 141 ff. 1 Zum Pontifikatsbeginn Bemwelfs Wendehorst I 31, der für 768 eintritt wegen der (unsicheren) Nennung Bernwelfs auf der Römischen Synode des Jahres 768/69 (MG Concilia II 75, 79 ff). Für das Jahr 794 entsprechend der Würzburger Überlieferung und der Tätigkeit des Megingoz als Bischof über das Jahr 768 hinaus Schmale, Glaubwürdigkeit 76 ff; Ders., Würzburg 626 ff. Die beiden Meinungen ließen sich sogar vereinen, wenn man, wie schon vorgeschlagen (Schmale, Würzburg 629) annimmt, daß Bemwelf als Bischof in Paderborn wirkte und vorher schon Chorbischof von Würzburg war. Als solcher hätte er in dieser Zeit ebenfalls als «episcopus Wirceburgensis» bezeichnet werden können (vgl. Th. Gottlob, Der abendländ. Chorepiskopat, Kanonist. Stud. u. Texte I, 1928, 62), zumal Paderborn noch nicht Bistum, sondern nur Missionssprengel war.

2 E. Müller, Die Entstehungsgesch. d. sächs. Bistümer unter Karl d. Gr. (Quellen u. Darst. z. Gesch. Niedersachsens 47) 1938, 51 ff. 3 Ebd. 29 ff.; P. Schöffel, Amorbach, NeuStadt am Main u. d. Bistum Verden (ZBKG 16) 1941, 131 ff; K. D. Schmidt, Die Gründung d. Bistums Verden u. seine Bedeutung (Stader Jb. 1947) 25 ff; Bosl, Franken 143 (Karte). 4 Wendehorst I 32; v. Guttenberg, Kirchenzehnten (s. o. 39 Anm. 3) 40 ff. Grundläge ist eine Urkunde Ludwigs d. Fr. (MG Formulae 317 f. nr. 40). 3 Ann. regni Franc, (s. o. 39 Anm. 3) 78. 6 Ebd. 92; Η. H. Hofmann, Fossa Carolina (Karl d. Gr. I, s. o. 29) 437 ff. 7 Heidingsfelder 18 nr. 28. • Ebd. 14 nr. 23. ’ Ann. Lauriss. min. (= Chron. Lauriss, breve), ed. G. H. Pbrtz (MG SS 1) 1826, zu 794· 10 Ann. regni Franc, (s. o. 39 Anm. 3) 118. 11 Bosl, Franken 15 f.

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erwarben und sich damit in die Reihen des eingesessenen fränkischen Adels eingliederten.1 In zunehmendem Maße übernahmen dessen Angehörige, wie bisher geistliche, nun auch weltliche Ämter. Waren zuvor lediglich missatische Grafen von Fall zu Fall eingesetzt worden (Markbeschreibungen !), * so traten jetzt immer häufiger Grafen auf - z. B. Eburakar, Unwan, Ruadperaht, Poppo -, deren allodialer Besitz in der Hauptsache in Franken lag.3 Die Divisio regnorum von 8064 betrachtete ebenso wie die Ordinatio von 817 und die Neugliederung von 829 Franken als einen Bestandteil der Francia. Erst die Pläne von 831 sahen die Abtrennung und Unterstellung upter die Herrschaft Ludwigs des Deutschen vor, der sich seit dem Sommer des Jahres 833 rex in orientali Francia nannte.5 Dennoch blieb die Herrschaft Ludwigs noch jahrelang lediglich ein Anspruch, der durch die Kämpfe zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen und die Streitigkeiten der Brüder untereinander immer wieder in Frage gestellt war. Auch die geistlichen und weltlichen Großen Frankens setzten Ludwig dem Deutschen Widerstand entgegen, da sie an der Einheit der Francia festhielten. Noch hatten Kirche und Adel Besitz im ganzen Frankenreich links und rechts des Rheins. Erzbischof Otgar von Mainz trat bald für Lothar,6 bald wieder für Ludwig den Frommen,’ aber immer gegen Ludwig den Deutschen auf. Die hattonischen Brüder Hatto und Adalbert waren stets auf der Seite Lothars zu finden;· der dritte Bruder Banzleib, Markgraf von Sachsen, soll von Ludwig dem Deutschen durch den Sachsen Liudolf ersetzt worden sein;‫ ״‬Graf Adalbert fiel 841 in der Schlacht an der Wörnitz auf der Seite der Gegner Ludwigs.10 Die Söhne Gebhards, Graf im Lahngau und Spitzenahn der Konradiner, Udo, Berengar und Berthold mußten zeitweise zu Lothar fliehen." In Fulda wurde unter Abt Rhaban bis zu Ludwigs des Frommen Tod nach dessen Regierungsjahren, danach mit einer Ausnahme nachLothar datiert.12 Ebenso sympathisierten die Popponen mit Ludwig dem Frommen.13 Sie traten allerdings weniger hervor, weil Ludwig der Deutsche sein Interesse aus strategischen Gründen auf die Mainmündung und den Raum von Mainz und Frankfurt richtete; denn hier lag der Schlüssel zur Herrschaft in Ostfranken. Die Popponen konnten daher eine Macht aufbauen, die auch von Ludwig anerkannt werden mußte. Fast alle bisher genannten Vertreter einer ungeteilten Francia fanden sich auf dem Reichstag zu Nimwegen im Sommer 838 ein, auf dem Ludwig der Deutsche erneut ,Ebd. 15 f.; H. Stöbe, Die Unterwerfung Norddeutschlands durch d. Merowinger u. d. Lehre v. d. sächs. Eroberung (Wiss. Zschr. Univ. Jena 6) 1956/57. 153 ff. 2 S. u. 97, 124 Anm. 1. 3 Schlesinger 58 ff.; Friese 102 ff.; u. 98 ff. 4 W. Schlesinger, Kaisertum u. Reichsteilung. Zur Divisio regnorum v. 806 (Festschr. Hartung) 1958, 9-51 (Wiederabdruck: Ders., Beitrr. z. deutschen Verfassungsgesch. d. MA I) 1963, 193-232· 5 Dümmler I 32. 6 Ebd. I 93, 143, 148, 161, 174.

’ Ebd. 108, 126, 137. 8Ebd. 126 ff., 135 f·, !43. 148, 150, 174· * So jedenfalls, ohne Beleg, Stein I 62. 10 Vgl. Dümmler I 129 Anm. 2, 151. 11 Ebd. I 92, 100, 128; II 21. 12 Ebd. 170,105 ff., 110. Die nach Ludwig d. Dt. datierte Urkunde bei C. F. J. Dronkb, Codex diplomaticus Fuldcnsis, 1850, 236. 13 Einhard, Epistolae (MG SS Epp. 5) 130 f. nr. 41 zu 839 (?); vgl. die folgende Anmerkung.

§ 5· Franken im Karolingerreich (F.-J. Schmale)

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auf Bayern beschränkt wurde.1 Da die ostfränkischen Großen zum Kaiser hielten und auch noch die Alamannen abfielen, mußte Ludwig sich trotz seiner Rüstungen nach Bayern zurückziehen. Noch einmal nahm der Kaiser selbst die Zügel in Ostfranken in die Hand. Er ließ das linke Rheinufer sichern und hielt Anfang Mai (840) Hof in der Pfalz Salz;12 am 12. Mai war er in Kissingen,3 am 8. Juni in Frankfurt; in der Nähe von Frankfurt ereilte ihn am 20. Juli der Tod. Keinen Augenblick zögerte Ludwig im Gegensatz zu den letzten Verfügungen des Toten nun die beanspruchten Rechte zu verwirklichen. Er besetzte mit Worms das linke Rheinufer und marschierte von hier aus nach Sachsen. Zwar mußte er sich im April 841, als Lothar mit einem Heer bei Worms den Rhein überschritten hatte, noch einmal nach Bayern zurückziehen, aber nach einer Verständigung mit seinem Halbbruder Karl konnte er am 13. Mai Lothars Anhänger an der Wörnitz im Riesgau schlagen. Nach einem weiteren Sieg im Verein mit Karl über Lothar bei Fontenoye (25. Juni 841) und einem dritten Erfolg bei Koblenz (7.März 842) hatte Ludwig praktisch alle seine Ansprüche durchgesetzt; der Vertrag von Verdun gab ihnen die rechtliehe Form. Die Bestimmungen des Vertrages von Verdun brachten für Ludwig nur mehr die ausdrückliche Bestätigung der bestehenden Verhältnisse, die danach auch nicht mehr grundsätzlich verändert wurden.4 Der Herrschaftsbereich Ludwigs ist in den folgenden Jahrhunderten wohl noch erweitert, aber nicht mehr geteilt worden. Abgesehen von dem rechtsrheinischen Reichsteil wurden ihm auf dem linken Rheinufer die Gebiete um Mainz, Worms und Speyer zugesprochen. Die Behauptung der linksrheinischen Bischofssitze war notwendig, weil ihre Sprengel sich vornehmlich rechts des Rheins erstreckten. Für die linksrheinischen und die rechtsrheinischen Gebiete zwischen Sachsen im Norden und Alamannen und Bayern im Süden entstand nun die gemeinsame Bezeichnung Francia orientalis. Wenn Ludwig in den vorangegangenen Jahrzehnten in Ostfranken eher auf Ablehnung gestoßen war, so fand es sich nun schnell in die neuen Verhältnisse. Eine vorsichtige, von Ressentiments freie Politik hat dies erleichtert. Sie kam bereits in der Ernennung Gozbalds von Würzburg zum Ausdruck,5 noch deutlicher wird sie in der Ernennung Rhabans zumErzbischof von Mainz (847), in der Hinnahme des Abts Hatto von Fulda, der mit einiger Sicherheit zur Sippe der Hattonen gehörte,6 wie denn deren Stellung insgesamt keineswegs geschmälert wurde. Gleiches gilt von Konradinem und Popponen. Sie hatten die vergangenenJahre für sich zu nutzen gewußt: mehrfach hatte Poppo ihm zur Verfügung stehendes Amtsgut gegen fuldische Besitzungen im Grabfeld mit Genehmigung Lud1 Dümmleb I 126; Dobeneckeb I 39 nr. 168. 2 Dümmleb I 136. 3 Dobeneckeb I 42 nr. 183. 4 Zum Vertrag von Verdun HB I 195. 5 Gozbald war vor seiner Erhebung Abt von Niederaltaich und Erzkaplan Ludwigs d. Deutsehen, also dessen Vertrauter, aber er stammte andererseits aus Ostfranken, aus einem um Ochsenfurt begüterten Geschlecht, und war zu-

gleich Abt von Neustadt a. Μ., wie Fmesb 30 f. nachgewiesen hat; vgl. auch Wendehobst 142 ff. Über Gozbalds Vorgänger Humbert und dessen politische Haltung ist wenig bekannt, keinesfalls gehörte er zu den Gegnern Ludwigs d. Fr.; vgl. Wbndehorst 139 ff. Über Humberts und Gozbalds Pontifikate auch Schmale, Würzburg 646 ff, 653. 6 Dümmleb I 176.

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wigs des Frommen getauscht und seine Herrschaft dadurch arrondiert.1 Auch Poppo erlitt keine Einbußen, und seine Nachkommen erfreuten sich bald der besonderen königlichen Gunst. Ludwig machte jetzt Frankfurt neben Regensburg zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort; die Verbindung zwischen beiden Sitzen führte durch das südöstliche Franken; die nordöstlichen Gebiete hat er dagegen nicht mehr besucht. Überhaupt hat er wenig aktiv in die Entwicklung eingegrifien, die weiterhin von dem ansässigen Adel getragen wurde.’ Dennoch wurde Frankenjetzt in die Politik verwickelt, die Ludwig als Unterkönig in Bayern begonnen hatte und nun fortführte. Er hatte in den vergangenenjahren mehrfach Kriege gegen das Reich der Mährer geführt und dabei eine gewisse Oberhoheit Bayerns über das Slawenreich erlangt. Im ruhigen Besitz seiner Herrschaft nahm Ludwig diese Politik mit veränderter Stoßrichtung gegen das noch heidnische Böhmen wieder auf; daran wurde jetzt auch Ostfranken beteiligt.’ Andererseits fielen slawische Haufen mehrfach in Ostfranken ein.1*4 An den Kriegszügen war 857 Bischof Otgar von Eichstätt beteiligt;5 er scheint unter den Eichstätter Bischöfen als erster in einer engeren Beziehung zum König gestanden zu haben, bedingt durch die Lage seines Bistums zwischen Bayern und dem Maingebiet. Seit Anfang der siebziger Jahre führte Bischof Arn von Würzburg (855/57-892) mehrere Kriege als Feldherr gegen Böhmen, 872 gemeinsam mit Abt Sigehard von Fulda.6 Die ostfränkische Kirche wurde von Ludwig auf einem Gebiet zum Reichsdienst herangezogen, das ihr bis dahin weitgehend fremd gewesen war. Mit dieser Politik Ludwigs muß auch die Einrichtung einer Mark in Thüringen (839) und im Osten Ostfrankens zusammenhängen. Erstmalig 849, und nochmals 859 wird ein Thachulf dux limitis Sorabici genannt, an einer anderen Stelle derselbe als comes de Boemia bezeichnet; 874 begegnet ein Ratolf als Thachulfi successor, seit 880 ist ein Poppo als comes et dux limitis Sorabici belegt.7 Die Zeit des ruhigen Besitzes Ostfrankens ging sehr plötzlich zu Ende. Im Jahre 858 plante Ludwig noch einen großangelegten Krieg gegen die Slawen entlang der gesamten Ostgrenze seines Reiches, aber er mußte abgeblasen werden, weil der König einem Angebot westfränkischer Großer Folge leistete und 859 einen erfolglosen Zug ins Westfrankenreich unternahm.’ Währenddessen kam es in Bayern zu einem Aufstand des Grafen Emst von der Nordmark, dem sich auch die ostfränkischen Grafen Gebhard vom Lahngau und dessen Verwandte anschlossen. Der Aufstand wurde zwar niedergeschlagen, doch konnte Ludwigs Sohn Karlmann größere Selbständigkeit gewinnen.· Auch in der Folgezeit kam es noch zu Zerwürfnissen, die Ludwig im Jahre 865 zu einer Teilung seines Reiches veranlaßten. Karlmann erhielt Bayern, Karl Schwaben und der älteste Sohn Ludwig derJüngere ganz Sachsen, Ostfranken und Thüringen, 1 Dobenbcker I 41 nrr. 178, 179. 1 Vgl. Friese iii ff. ’ Dümmler I 267 f., 298. 4 Hiermit hängt wohl die Bildung der Sorbenmark in Thüringen zusammen; Stein I 72 ff.; II 73 f.; v. Guttenberg 31 ff. Vgl. auch 45 Anm. 6.

5 Dümmleh I 416 f.; Heidingsfelder 25 nr. 56. 6 Wendehorst I 46 ff.; zur Pontifikatsdauer auch Schmale, Würzburg 644 f. 7 Schlesinger 53 ff.; Klebel (s. u. 46) 81 ff. ’ Dümmler I 426 f. » HB I 167 ff.

§ S- Franken im Karolingerreich (F.-J. Schmale)

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die Verfügung über die Kirche, die Grafschaften und die Krongüter, sowie alle bedeutenderen Rechtsfälle behielt sich jedoch Ludwig der Deutsche auch weiterhin vor.1 Die Entziehung einiger Güter, die Ludwig der Jüngere längere Zeit besessen hatte, und deren Übergabe an Karlmann, führte 866 zu einem Aufruhr, an dem sich die ostfränkischen Rebellen des Jahres 861, aber auch der Poppone Heinrich als Führer der Truppen Ludwigs des Jüngeren beteiligten. Heinrich erhielt den Auftrag, auch die Sorben für den Aufstand zu gewinnen? Der Streit wurde friedlich beigelegt, ohne daß Ludwig der Jüngere in seinen Rechten geschmälert wurde. Eher hat er noch freiere Hand gewonnen; denn der Vater kümmerte sich in Zukunft nicht mehr um die Angelegenheiten Ostfrankens. Die Einrichtung eines Unterkönigtums - darum handelte es sich in der Tat; auch wenn Ludwig der Jüngere nicht den Königstitel trug, hat er doch die Urkunde Ludwigs des Deutschen von nun an mitunterzeichnet1 23 - war von weitreichenden Folgen. Sie hat die von Karl dem Großen gegründete kirchliche Verbindung zwischen Sachsen und Ostfranken durch herrschaftliche Bande verstärkt und wohl auch den Fortgang der deutschen Geschichte beeinflußt. Zu neuen Streitigkeiten zwischen dem König und seinen beiden Söhnen Ludwig und Karl kam es durch eine Veränderung der 865 festgesetzten Reichsteilung infolge des Vertrages von Mersen, der das Ostreich um große Teile Lotharingiens erweiterte. Offensichtlich sollten die beiden Brüder Karl und Ludwig der Jüngere gegen eine EntSchädigung links des Rheins bisher von ihnen beherrschte Gebiete an Karlmann abtreten, doch waren sie dazu nicht bereit und erhoben die Waffen.4 Nur neue Zugeständnisse konnten den offenen Konflikt vermeiden: Die Aussicht auf Erweiterung der Herrschaft Karls im Süden nach dem angeblichen Tod Kaiser Ludwigs II. in Benevent und die Gewährung der versprochenen Lehen an Ludwig den Jüngeren führten im September 871 und endgültig auf einem Reichstag in Forchheim im März 872, der die Teilung von 865 bestätigte und durch lothringische Gebiete erweiterte, zu einem wenigstens äußerlichen Frieden.’ Ludwig der Jüngere herrschte in seinem Gebiet nun fast unabhängig; vielleicht ist deshalb erst 874 wieder ein dux Ratulf, wahrscheinlich ein Poppone, als Tachulfi (f 1. September 873) successor genannt und seit 880 ein Poppo als comes et dux limitis Sorabici.6 In Wahrnehmung seiner größeren Selbständigkeit hat Ludwig der Jüngere offensichtlich seine treuen Parteigänger entschädigt. Der Tod Ludwigs des Deutschen (12. August 875) und weitere Todesfälle in der karolingischen Familie führten Ludwig den Jüngeren in die Bahnen weiter ausgreifender Politik. Ein Versuch Karls des Kahlen, nach seines Bruders Ludwigs des Deutsehen Tod das gesamte linke Rheinufer zu gewinnen, wurde in der siegreichen Schlacht von Andernach abgewehrt; 879 mußten Karls Enkel auch das westfränkische Lothringen an Ludwig abtreten. Im gleichen Jahr fiel nach Karlmanns Tod auch Bayern an Ludwig den Jüngeren. Jetzt wurde Delegation von Aufgaben notwendig: 1 Dümmler II 119 ff. 2 Annales Fuldenses, hg. v. F. Kurze (MGH SS rer. Germ.) 1895, 64 f.; Dümmler II 152 ff. 3 Dazu ebd. II 120 f.

4 Ebd. II 316 ff. ’ Ebd. II 335 ff. 6 Schlesinger 53 f.; Klebbl (s. u. 46) 81.

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Markgraf Ludolf übernahm die Führung in Sachsen. Ludwig war mit dessen Tochter Liudgard verheiratet, die in Franken das Königsgut um Aschaffenburg als Wittum zugewiesen erhielt. In Ostfranken traten die schon bisher von Ludwig begünstigten Großen noch stärker hervor, neben dem Grafen Poppo vor allem Bischof Arn von Würzburg1 und der Poppone Heinrich.2 Am hatte sich seit 871 mehrfach und erfolgreich als Heerführer an den Kriegen gegen die Slawen beteiligt (871, 872) und tat das auch weiterhin vereint mit Heinrich. Dieser selbst wuchs immer stärker in eine führende Rolle hinein. 880 führte er ein ostfränkisches Heer ins Westfrankenreich, während im gleichen Jahr sein Bruder Poppo (II) die Sorben schlug. Nach dem Tode Ludwigs (882), unter dessen Bruder Karl, der noch einmal als Karl III. das Frankenreich als Kaiser in seiner Hand vereinte, erreichte er den Höhepunkt seiner Macht, wurde zum tatsächlichen Führer Ostfrankens und nahm in dieser Stellung weitreichende Aufgaben wahr.3 Fast Jahr für Jahr unternahm er erfolgreiche Kriege gegen die immer lästiger werdende Plage der Normannen, bald in Sachsen, bald am Rhein, 884 im Verein mit Bischof Am, 885 zusammen mit Erzbischof Liutbert von Mainz; 886 ist er vor Paris im Kampf gegen die Normannen gefallen. In seiner Grafschaft im Grabfeld und im Volkfeld sind wenig später seine Söhne (887) nachzuweisen.

§6. DAS «HERZOGTUM» FRANKEN (888-5139)

Stein I 82 ff.; II 278 ff; E. Klebei, Herzogtümer u. Marken bis 900 (DA 2) 1938, 1-53 (überarbeitete Fassung in: Die Entstehung d. deutschen Reiches, Wege der Forschung 1, 1956, 42-93); Wendehorst I 51 ff; G. Zimmermann, Vergebliche Ansätze zum Stammes- u. Territorialherzogtum in Franken (JffL 23) 1963, 379-408.

Unter den Beteiligten an der Erhebung Arnulfs von Kärnten nennen die Quellen neben Sachsen, Bayern und Lothringen auch die Ostfranken, als handle es sich bei ihnen um einen Stamm.4 In der Tat mußte bei der Zusammensetzung des ostfränkischen Reiches vorwiegend aus Stämmen, die zum Teil als Unterkönigtümer Eigenständigkeit entwickelt hatten, das von den ursprünglichen Reichsfranken beherrschte Land den anderen ebenso wie den eigenen Bewohnern als Gebiet eines Stammes erscheinen. Der neue König Arnulf selbst betrachtete es allerdings weiterhin als das eigentliche Reichsland. Neben Regensburg war Frankfurt die wichtigste Residenz, und mehrfach hat er sich in dem auf der Grenze zwischen Bayern und Ostfranken gelegenen * Wendehorst I 47 f. 2 Alle Zeugnisse über Heinrich bei Friese 116 ff. Die Ann. Fuld. (s. o. 45 Anm. 2) nennen ihn zu 866: princeps militiae Ludwigs d. J. 3 Ann. Fuld. 114 zu 886: (marchensis Francorum), qui in id tempus Niustriam tenuit; die Ann. Vedastini z. gleichen Jahr: ducem Austrasiorum. Die Bezeichnungen meinen eher den militärischen Führer als einen (Stammes-)Herzog; vgl. Schlesinger 54. 4 Ann. Fuld. Cont. Ratisp. (s. o. 45 Anm. 2)

115: Franci.. . Saxones et Duringi quibusdam Baiowariorum primoribus at Alamannorum ammixtis; ähnlich ebd. 116 zu 888; W. Schlesincer, Kaiser Amulf u. d. Entstehung d. deutsehen Staates u. Volkes (Die Entstehung d. deutschen Reiches, Wege d. Forschung 1) 1956, 109; 94Ders., Die Anfänge d. deutschen Königswahl (ebd.) 313-385; Μ. Lintzel, Zur Stellung d. ostfränk. Aristokratie beim Sturz Karls III. u. d. Entstehung d. Stammesherzogtümer (ebd.) 153-170.

§ 6. Das «Herzogtum» Franken 888-939 (F.-J. Schmale)

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Forchheim (887, 889 Reichstag, 890, 892, 896),1 wenigstens zweimal auch in der Pfalz Salz (895, 897) * aufgehalten. Ganz besonderer Förderung erfreute sich das bisher von allen Herrschern vernachlässigte Eichstätt, dessen Bedeutung infolge seiner Lage in der Ubergangszone zwischen Bayern und Ostfranken und wegen seiner Nähe zu Forchheim erheblich gestiegen war. Bischof Erchanbald (882?-912), angeblich karolingischer Herkunft,1 23 erhielt zahlreiche königliche Schenkungen und war häufig in der Umgebung des Herrschers.4 Ansonsten aber begnügte sich Arnulf zunächst mit der Anerkennung der bestehenden Verhältnisse. Graf Poppo (II) war nach seines Bruders Heinrichs Tod vor Paris der mächtigste Mann in Ostfranken.5 Seine Familie erfreute sich des besten Verhältnisses zu Bischof Arn von Würzburg; 889 ernannte Arnulf nach dem Wunsch Poppos den Fuldaer Mönche Sunderhold zum Erzbischof von Mainz.6 Das Interesse Poppos war verständlieh, da ein großer Teil seines Einflußbereiches zum Mainzer Sprengel gehörte.7 891 fand auch die Wahl eines neuen Abtes in Fulda im Beisein Poppos statt.8*Im Jahre 892 kam es jedoch zum Bruch mit Arnulf. Während der König gegen Mähren zog, unternahmen Poppo und Am einen Zug gegen die Slawen, auf dem Arn beim ersten Treffen fiel; wenig später wurde Poppo all seiner Ämter und Amtslehen entkleidet.· Ob Entrüstung über den unglücklichen Zug der Anlaß war, wie man behauptet hat, oder ob, wie Arnulf bei der Wiedergutmachung 899 erklärte, eine falsche Anklage einiger Burgwarde den Grund dazu lieferte, muß offenbleiben.10*Vielleicht wurde Arnulf auch die Stellung Poppos zu mächtig, der einige Jahre zuvor seine Herrschaft in einer Fehde mit dem Grafen Egino zu erweitern gesucht hatte, die allerdings mit seiner Niederlage endete." Schließlich kann aber auch der Widerspruch Poppos gegen Veränderungen in Würzburg nach Arns Tod den Anstoß zu dem Zerwürfnis gegeben haben." Seit seiner Ehe mitUda war Arnulf mit den Konradinern verschwägert, die im Lahngau und im ganzen westlichen Ostfranken reich begütert waren." Sie standen außerdem in verwandtschaftlicher Bindung mit einer anderen Sippe, die im zehnten und elften Jahrhundert stellenweise die Nachfolge in Ämtern und Besitzungen der Hattonen antrat und ihrerseits von den Rieneckern abgelöst wurde.14 Dieser Familienverband, der im Westen eine ähnliche Stellung hatte wie die Popponen im Osten, mußte es als beunruhigend empfinden, daß Poppo mit seinem 1 H. Weigel, Der karoling. Pfalzort Forchheim (725-918) (JffL 19) 1959, 135-170, bes. 162 ff. 2 Bosl, Franken 146 ff. m. Lit. 3 Heidingsfelder 29 ff. 4 Ebd. nrr. 72, 75, 79, 81, 83. 5 F. Geldner, Zum Babenberger Problem (HJb. 81) 1962, 1—21; Friese 123 ff. 6 Reginonis Chronicon, hg. v. F. Kurze (MGH SS rer. Germ.) 1890, 134; zu Sünderholt Büttner - Dietrich, Weserland u. Hessen im Kräftespiel d. karoling. u. frühen ottonisehen Politik (Zschr. Westfalen 30) 1952, 133-149> bes· 141 Anm. 60.

7 Dobenecker I 41 nr. 179; Friese 123 hat wahrscheinlich gemacht, daß die Popponen die Vogtei des Klosters Neustadt besaßen und um 870 in Heimerad einen Kognaten als Abt stellten. 8 Dobenecker I 60 nr. 273 a. • DAm. 174; Schlesinger 55 ff. 10 S. Anm. 9. " Ann. Fuld. (s. o. 45 Anm. 2) 95, 100, 109. " Wendehorst I 51 ff. " Stein I 84 ff. 14 O. Schecher, Die Grafen v. Rieneck (Sehr. d. Gesch.-Ver. Lohr am Μ. 8) 1969. 107 ff.

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Eingreifen in Fulda und Mainz auf Positionen im Westen die Hand legte, die ihrer eigenen Interessensphäre angehörten. Nach dem Tod Arns von Würzburg holten die Konradiner zum Gegenschlag aus, indem Arnulf sich dazu verstand, einen der vier damals lebenden konradinischen Brüder namens Rudolf auf den Würzburger Bischofsstuhl zu setzen’ und gleichzeitig Konrad, den ältesten der Brüder, mit den Ämtem Poppos, vor allem dem Dukat, auszustatten.1 2 Nun schienen die Konradiner ihrerseits auf dem besten Weg, eine beherrschende Stellung in Ostfranken zu erringen. Doch hat Konrad sich offensichtlich nicht in den Besitz seiner neuen Würde setzen können; er gab sie zurück, und der König verlieh sie einem nicht näher bekannten Burchard,3 der allerdings erst vom Anfang des zehnten Jahrhunderts an in Thüringen nachzuweisen ist.4 Es wirkt wie ein Eingeständnis seiner Niederlage, wenn Arnulf 899 eine größere Anzahl der 892 entzogenen Güter zu erblichem Besitz an Poppo zurückgab.5 Poppo selbst scheint sich mit dieser Rückerstattung und mit seiner tatsächlichen Machtstellung abgefunden zu haben, anders seine Neffen Adalhard, Adalbert und Heinrieh, die Söhne des dux Heinrich, die überdies mit dem Grafen Egino im Badanachgau verbündet waren, dem Sohn jenes Egino, der der Feind Poppos gewesen war.6 Die sogenannten babenbergischen Brüder waren Grafen im Grabfeld, Gozfeld - in dem auch Würzburg lag -, im Volkfeld und vielleicht auch im Iffgau.7 Bei der Lage dieser Grafschaften, in denen sie vielfach an denselben Orten wie das Bistum Würzburg und der König zumindest durch Lehen begütert waren, kam es fast notwendig zu Reibereien mit dem konradinischen Bischof Rudolf. Auf Rudolfs Seite schalteten sich nach Arnulfs Tod die Brüder des Bischofs ein, und selbstverständlich machte König Ludwig das Kind - der sich völlig unter dem Einfluß der konradinischen Verwandtschaft und des Erzbischofs Hatto von Mainz befand8 - die Sache der Konradiner zu der eigenen. Im Jahre 902 wurden den Babenbergern einige Güter entzogen und Bischof Rudolf gegeben, Konrad erhielt die Grafschaft im Gozfeld. Die popponischen Brüder zogen sich in Adalberts Burg Babenberg zurück und wurden hier 903 belagert. Bei einem Ausfall erhielt der Konradiner Eberhard tödliche Wunden, auf der anderen Seite fiel Heinrich, Adalhard geriet in Gefangenschaft und wurde enthauptet. Dennoch gab Adalbert sich nicht geschlagen. Er fiel im Verein mit dem Grafen Egino in würzburgisches Gebiet ein, vegagte Bischof Rudolf aus seiner Stadt und vertrieb 1 Wendehorst I 51. 2 Regino (s. o. 47 Anm. 6) 140; Ann. Fuld. (s. o. 45 Anm. 2) 122. 3 Regino 140. 4 Schlesinger 55. 5 Dobenecker I 62 nr. 286; DAm. 174: 6 Zum Folgenden H. Wbrle, Titelherzogtum u. Herzogsherrschaft (ZRG 73) 1956, 225 bis 299, bes. 230; Wendehorst I 52ff.; Zimmermann (s. o. 46) 385; Friese 12$ ff; Zu Eginos Grafschaft Dobenecker I 7$ nr. 313; v. Guttenberg 47 ff 7 Stein II 280 ff; Dobenecker I 271, 272, 302, 307, 325.

8 Ich halte es für mehr als wahrscheinlich, daß die Popponen oder ihre Deszendenten angesichts der Lage ihrer Grafschaft, ihrer Stellung, ihres engen Verhältnisses zu Bischof Am Hochstiftsvögte und Burggrafen von Würzbürg waren, auch wenn Quellen darüber fehlen. Das Amt als solches muß es wegen der Immunität der Würzburger Kirche gegeben haben, später findet es sich bei den Grafen von Henneberg. Gerade bei solcher Annahme wäre der Konflikt besonders verständlich. Vgl. Wendehorst I 60 f.; Schmale, Würzburg 654 L

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Witwe und Kinder Eberhards aus ihren Besitzungen bis auf die Westseite desSpessart. Drei Jahre behauptete er seine Eroberungen. Als 906 die Konradiner infolge von VerWicklungen durch ihre lothringischen Güter und Ämter ihre Kräfte teilen mußten, überfiel er Konrad bei Fritzlar, der gleich zu Beginn des Kampfes den Tod fand, und verwüstete hessisches Gebiet. Da er der Vorladung auf einen Reichstag keine Folge leistete, wurde er in seiner Burg Theres eingeschlossen. Nachdem Graf Egino die Partei gewechselt hatte, gab auch Adalbert auf und stellte sich dem Herrscher. Er wurde in Gewahrsam genommen, wobei der bayerische Graf Liutpold und Erzbischof Hatto eine etwas undurchsichtige Rolle gespielt zu haben scheinen;1 ein Gericht der Großen verurteilte ihn zum Tode; am 9. September 906 wurde er enthauptet. Ein Teil der Güter wurde eingezogen, darunter auch Bamberg. Die Macht der Babenberger schien gebrochen. Konrad, der Sohn des bei Fritzlar gefallenen Grafen Konrad, begann den Titel dux zu führen. Seine Stellung schien unvergleichlich, als er 908, nachdem der dux Burchard von Thüringen zusammen mit Bischof Rudolf von Würzburg und Graf Egino vom Badanachgau bei der Abwehr des ersten Ungameinfalls am 3. August 908 gefallen waren, das Herzogtum über Thüringen erhielt? Dennoch blieb die babenbergische Familie im Besitz der meisten Rechte und Güter. Im Grabfeld erscheint seit 908 ein Graf Poppo (ΙΠ), wohl der Sohn des früheren dux von Thüringen;123 906 ist er bereits als Graf im Volkfeld nachgewiesen,4* nach 926 auch im Tullifeld.3 Der 904/06 im Radenzgau genannte Graf Adalhard könnte ebenfalls zu dieser Familie zu stellen sein? Schließlich muß einer der drei in der Babenberger Fehde umgekommenen Brüder einen Sohn Heinrich besessen haben, der ebenfalls in seinem Besitz ungeschmälert blieb (912-934) und mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht nur der Vater des Bischofs Poppo I. von Würzburg, sondern auch der Stammherr der Schweinfurter Grafen und der jüngeren Babenberger wurde.7 Trotz der Niederlage von 906 blieb so viel an Besitz und Rechten bei den Popponen und Babenbergem erhalten, daß ihre Nachkommen wenig später wiederum eine Rolle im östlichen Franken spielen konnten. Vielleicht hatten dabei die Liudolfinger die Hand im Spiele; denn Otto der Erlauchte war mit Haduwich (Hedwig), einer Tochter (?) des dux Heinrich verheiratet.8 Vom Harz aus südlich sowohl in Thüringen vordringend wie in Hessen, wo er noch vor 908 das Kloster Hersfeld als Laienabt erworben 1 Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I c. 21. 2 DLdK. 72; Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I c. 16; Klebel (s. o. 46) 76 ff. hat im Gegensatz dazu ein Herzogtum Ostfranken konstruiert, das 832 gebildet worden sein und bis etwa 886 bestanden haben soll; für die Zeit von 886 bis 910 möchte er dagegen eine herzogslose Epoche annehmen (87). Klebels Argumente und Belege erscheinen mir als sehr fragwürdig und insgesamt keineswegs überzeugend. 3 Friese 126. 4 DLdK. 46. Nach Friese 124 noch Poppo (II). 3 Friese 126; vgl. auch v. Guttenberg 48. 4 HdBG III, i

6 DLdK. 82. 7 Schlesinger 162; K. A. Eckhard, Genealogische Funde z. allgem. Gesch. (Deutschrechtl. Arch. 9) 19631, 18; Friese 120 ff.; v. Guttenberg 56 ff. betrachtet ihn als möglichen Ahnherrn der Babenberger, geht aber nicht auf Heinrichs Herkunft ein. 8 Widukind (s.o. 8 Anm. 8) 31 Z. 10f.; Eckhardt (s. Anm. 7) 12; vgl. jetzt Friese 119 ff, durch den Gbldner (s. o. 47 Anm. 5) überholt wird, und W. Metz, Die Absta'mmung König Heinrichs I. (HJb. 84) 1964, 278 ff.

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hatte, gehörte Otto zu den Konkurrenten der Konradiner, der mit deren MachtausWeitung ins östliche Franken nicht einverstanden sein konnte. Das Vordringen der Sachsen an der Elbe hat schließlich sogar die thüringisch-ostfränkische Mark überflüssig gemacht. Eberhard, der Bruder des jüngeren Konrad, des späteren Königs, wird 914 zum letzten Mal als Markgraf genannt.1 Der Einfluß der Liudolfinger war inzwischen auch in Thüringen so übermächtig geworden, daß Ottos (f 912) Sohn Heinrich von Liudprand von Cremona als Saxonum et Turingiorum prepotens dux bezeichnet werden konnte.12*Im Schutz der Ottonen bauten die mit den Popponen verwandten Grafen von Weimar/Orlamünde5 ihre Stellung in Thüringen aus. Diese Entwicklung ist durch die Erfolge der Konradiner im Jahre 906 kaum beeinträchtigt worden, wenn auch Konrad und sein Oheim Gebhard die einflußreichsten Laienfürsten am Hof des Königs waren. Mit den Ungarn war überdies eine Gefahr aufgetaucht, die die Aufmerksamkeit vor allem auf den Südosten des Reiches lenkte. Die Last der Abwehr trugen die Bayern unter dem Markgrafen Liutpold,4 aber die allgemeine Furcht war so groß, daß Bischof Erchambert von Eichstätt in einer umfangreichen Schenkung des Königs (5. Februar 908) das Recht erhielt, Befestigungen im Gebiet seines Bistums anzulegen.5 Tatsächlich erschienen die Ungarn 910 im Eichstätter Gebiet;4 915 kamen sie bis Fulda und verwüsteten Franken und Thüringen.7 An dem Abwehrkampf waren auch die Ostfranken unter Graf Gebehard beteiligt, der in der Schlacht fiel. * Von den Adligen, die die Regierung Ludwigs des Kindes getragen hatten, war jetzt nur mehr Konrad übrig, und es war nur folgerichtig, daß nach dem Tod des Königs (20. August 911) auf einem Hoftag in Forchheim Konrad die Königswürde erhielt, nachdem Otto der Erlauchte von Sachsen ein entsprechendes Angebot abgelehnt hatte. * Gemäß seiner Herkunft hielt sich Konrad L, soweit ihm die Verwicklungen in Schwaben und Bayern Zeit dazu ließen, häufig in Franken auf, doch scheint er nicht stärker in die inneren Geschicke vor allem des östlichen Frankens eingegriffen zu haben, ebensowenig sein Bruder, der dux Eberhard.10 Dieser trat 919 bei der Wahl Heinrichs I. in Fritzlar, also in einer konradinischen Grafschaft, als Stimmführer der Ostfranken auf,11 und er kann in einem ähnlichen Sinn wieErchanger und Burchard in Schwaben und Heinrich in Sachsen als dux in Ostfranken betrachtet werden, aber eine Herrschaft über Franken und im besonderen über die östlichen Gebiete hat er nicht ausgeübt. Nach wie vor lag der Schwerpunkt seiner Stellung im Westen, nur hier besaßen die Konradiner Eigentum und Grafenrechte. Möglicherweise machte sich auch hier der Einfluß Heinrichs von Sachsen geltend, gegen den Eberhard sich 1 DK. I 22; Schlesinger 144 ff.;Patze (s. o. 7 Anm. 3) 63 ff. 2 Liudprand, Antapodosis, hg. v. J. Becker (MGH SS rer. Germ.) 1915’, II c. 18. 5 Patze (s. o. 7 Anm. 3) 101 ff. * HB I 204 ff. 5 Heidingsfelder 38 f. nr. 101. 4 Dümmler III 557 f. m. Anm. 1. 7 Ebd. 596.

* Die Annales Alamannici, hg. v. G. H. Pertz (MGH SS 1) 1826, nennen ihn zu 910 dux (Heerführer). * Schlesinger, Königswahl (s. o. 46 Anm. 4) 332 ff 10 Stein I 94 ff.; II 287 ff.; Wendehorst I j6f. 11 Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I c. 26.

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vergeblich zu wehren suchte. 915 rückte er in den einst seiner Familie unterstehenden sächsischen Hessengau ein, um die Eresburg zu erobern, wurde jedoch von Heinrich völlig geschlagen, der nun seinerseits in Franken eindrang. Selbst der König, der seinem Bruder zu Hilfe eilte, zog den kampflosen Rückzug vor.1 Die konradinische Macht hatte sich als unzureichend erwiesen, um das Reich und Franken zugleich zu behaupten. Darin mögen die Gründe gelegen haben, die den erbenlosen Konrad bewogen, auf die Bewahrung des Königtums in seiner Familie zu verzichten und seinem Bruder Eberhard zu empfehlen, den Liudolfinger Heinrich zum König zu wählen und ihm die Reichsinsignien nach seinem Tode (23. Dezember 918) zu übergeben.12*45 Ob die Dinge so glatt verliefen, wie die nicht gerade gut unterrichtenden zeitgenössischen Quellen glauben machen, ist fraglich. Es ist nicht auszuschließen, daß zunächst Arnulf von Bayern von den Großen seines Stammes zum König (der Bayern?) erhoben wurde und dies den Ausschlag dafür gab, daß sich im Mai, auffallend lange nach Konrads Tod, Ostfranken und Sachsen in Fritzlar versammelten und Heinrich zu ihrem König wählten.’ Die Erhebung Heinrichs durch die Ostfranken hat sein Verhältnis zu Eberhard voll bereinigt ;♦ mehrfach weilte der Konradiner in der Umgebung des Königs.’ Faßt man die wenigen Quellenaussagen für die Zeit Heinrichs zusammen, die Eberhard mehrmals als dux Francorum bezeichnen,6 und sieht man seine Rolle bei dem Krönungsmahl Ottos I. in Aachen als Vertreter der Franken,7 dann muß Eberhard tatsächlich die Rolle eines dux zugestanden worden sein. Das hätte nur der Politik Heinrichs gegenüber den übrigen Stämmen und Herzögen entsprochen. Tatsächlich ist er im westlichen Franken nur selten anzutreffen und hat hier ebensowenig wie in den übrigen Stammesgebieten unmittelbar eingegriffen. Dennoch darf man Eberhards Stellung nicht im Sinne einer Gewalt über ganz Ostfranken sehen; im östlichen Teil des Landes hat er keinerlei Rolle gespielt. Hier setzte der König die von seinem Vater eingeschlagene Politik fort. 920 weilte er in Fulda und schenkte dem Kloster Eigengüter im Grabfeld, 932 hielt er in Erfurt eine Synode ab, 936 eine Reichsversammlung, auf der die Thronfolge geregelt wurde, 927 hielt er sich in der Pfalz Salz auf, ebenso 931.8 Im übrigen erfreuten sich hier mit Billigung Heinrichs die Popponen und Babenberger nach wie vor des größten Einflusses. Graf Poppo vom Grabfeld intervenierte zweimal zugunsten Würzburgs zwecks Bestätigung der älteren Privilegien’ und war 929 in einem Fuldaer Rechtsstreit tätig.10 Noch näher scheint 1 Dümmler III 596 f. 2 Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I c. 2j, 26; Μ. Lintzel, Zur Designation u. Wahl König Heinrichs I. (DA 6) 1943, 379 ff; Schlesinger, Königswahl (s. o. 46 Anm. 4) 336 ff ’ HB I 212 f. 4 Widukind (s. o. 8 Anm. 8) I c. 26: pacem fecit, amicitiam promeruit; Liutprand, Antapod. (s. o. 50 Anm. 2) II c. 20; G. Waitz, Jbb. d. dt. Reiches unter Kg. Heinrich I., 1885’, 222 ff, Exkurs 11. 5 Waitz, ebd. 50 f., 119, 126, 139. 6 In den meist chronikalischen Quellen wird 4·

allerdings neben dem Titel dux unterschiedslos auch die Bezeichnung comes verwendet; vgl. Zimmermann (s. o. 46) 386. 7 Widukind (s. o. 8 Anm. 8) II c. 2. 8 Waitz (s. o. Anm. 4) passim; Stein I 99f. ’ Wendehorst I 57. 10 Dobenecker I 80 nr. 337. Angesichts der erhaltenen Quellen ist die Bezeichnung des Grafen als propinquus Heinrichs I. nur verständlich, wenn Heinrich zu den Popponen gestellt wird.

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dem König der sicher babenbergische Graf Heinrich gestanden zu haben, der zwisehen 912 und 934 mehrfach bezeugt ist und den der König als seinen Verwandten bezeichnete.1 Schon 912 war er bei einer Güterschenkung an Fulda im Iffgau beteiligt, 918 intervenierte er zugunsten des Bischofs Thioto von Würzburg, im gleichen Jahr nahm er an einer Versammlung in Forchheim teil; 920, 927 und 932 in Salz war er in der Umgebung Heinrichs, 931 bei Heinrichs Besuch in Franken und 934 in Nordhausen in Thüringen. Mit großer Wahrscheinlichkeit war er Graf im Radenzgau.12 Das eichstättische Gebiet dagegen gehörte in dieser Zeit nicht zu Franken. Bischof Udalfrid (912-933) erschien nur auf bayerischen Landtagen und Synoden, vielleicht infolge von Zugeständnissen des Königs an Herzog Arnulf von Bayern, der 933 in Starchand auch einen Nachfolger für Udalfrid ernannte.3 Der Tod Heinrichs I. und die Nachfolge Ottos, bei dessen Krönungsmahl Eberhard das Amt des Truchseß versah, schien zunächst Kontinuität zu verbürgen, hat aber dann doch für Franken grundlegende Veränderungen gebracht. Wie schon die Krönung in Aachen andeutete, nahm Otto fränkisch-karolingische Traditionen wieder auf, die unter anderem auch dazu führten, an die Stelle des entstehenden und in Bayern schon vollendeten Stammesherzogtums ein Amtsherzogtum zu setzen. Bayern war 938 das erste Opfer und mußte in Berthold einen Herzog von Königs Gnaden annehmen, Franken wurde das zweite. Der Anlaß schien gering.4 Im Jahre 937 empörte sich gegen Eberhard, der auch im sächsischen Hessengau das Grafenamt erhalten hatte, einer seiner sächsischen Lehnsleute namens Brüning, dessen Burg Hellmern Eberhard daraufhin einäscherte. Otto verurteilte Eberhard zu einer hohen Buße, ließ aber die Sachsen straffrei ausgehen. Diese Kränkung verwand Eberhard nicht. Der Streit zwischen ihm und Brüning lebte wieder auf und weitete sich zu einer allgemeinen Empörung aus, als des Königs Bruder Heinrich sich auf Brünings Seite stellte, Ottos anderer Bruder Tankmar die Partei Eberhards ergriff, Heinrich gefangennahm und an Eberhard auslieferte. Als Tankmar in der Kirche der Eresburg gefallen war, dachte Eberhard schon an eine Unterwerfung und suchte Heinrich als Vermittler zu gewinnen, ließ sich aber von diesem in eine Verschwörung hineinziehen, der sich auch Herzog Giselbert von Lothringen anschloß und die Heinrich das Königtum verschaffen sollte. Als Giselbert und Eberhard nach namhaften Erfolgen, die Ottos Herrschaft ernsthaft zu gefährden drohten, auf einem Plünderungszug rechts des Rheins ihr Heer bei Andernach schon über den Strom gesetzt hatten, selbst aber noch auf dem rechten Ufer weilten, wurden sie von Eberhards Vettern Udo und Konrad, die dem König treu geblieben waren, überfallen. Giselbert ertrank auf der Flucht im Rhein, Eberhard fand im Kampf den Tod. 1 Schlesinger 162 f.; Friese 120 fT. 2 v. Guttenberg 57; danach war Heinrich wahrscheinlich auch Graf im Volkfeld. 3 Heidingsfelder 41 ff., 45 ff.; HB I. 362.

4 Köpkb-Dümmler, Kaiser Otto d. Gr. (Jbb. d. deutschen Gesch.) 1862, 62 f., 71-93 zum Folgenden.

§ ‫ך‬.

Franken im ottonischen und salischen Reich (F.-J. Schmale)

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§7. FRANKEN IM OTTONISCHEN UND SALISCHEN REICH

HB I 206, 216; Stein I 94 ff., II 287 ff.

a) Festigung der Königsmacht (940-1002). Wenn es überhaupt ernsthafte Aussichten auf ein Stammesherzogtum in Franken gegeben hatte, so waren sie mit Eberhards Tod endgültig dahin. Eberhard selbst war ohne Nachkommen gestorben, seine Grafenrechte fielen an seine Verwandten; den Titel eines Herzogs haben weder sie noch sonst jemand wieder getragen. Fester denn je war das Land jetzt in der Hand des Königs. Wie die meisten Konradiner hielten auch die Popponen und Babenberger in Treue zum König, und dieser hat es ihnen gelohnt, indem er sie mit vielen Ämtern ausstattete. Fast das ganze östliche Franken war in der Hand von Angehörigen dieser Sippe. Im Grabfeld waltete Graf Poppo bis zu seinem Tod (945). * Wenn danach die Zeugnisse bis 974 aussetzen, so ist dennoch sicher, daß das Amt bei seiner Familie blieb.1 2Außerdem wurde nach der Absetzung Eberhards von Bayern die Gewalt des bayerischen Herzogs eingeschränkt, indem der bayerische Nordgau mit der böhmischen Mark einem Grafen Berthold übertragen wurde,3 dem Ahnherrn der jüngeren Babenberger, der mütterlicherseits mit den Liutpoldingem verwandt war, väterlicherseits aber mit den Popponen.4*Außerdem wurde er Graf im Radenzgau und im Volkfeld. Auch das Bistum Würzburg kam an einen Popponen. Otto übertrug es seinem Kanzler und Verwandten Poppo,1 der vielleicht der Sohn des namentlich nicht genannten Burggrafen (und Hochstiftsvogtes) von Würzburg war.6 Poppo erhielt für das Domkapitel das Recht der freien Bischofswahl und königliche Eigengüter im Radenzgau (960) ;7 er ist auch nach seiner Erhebung mehrfach in der Umgebung des Herrschers nachzuweisen. Seinem Bruder Heinrich wurde das Erzbistum Trier anvertraut (956-964); ein naher Verwandter, Poppo II., wurde sein Nachfolger in Würzburg (t 983)? Auch dieser trat häufig im Reichsdienst hervor, vor allem unter Otto Π. Im Jahre 974 intervenierte er in Bayern anläßlich eines drohenden Aufstandes des Bayernherzogs zugunsten des Königs, 976 nahm er mit einem fränkischen Aufgebot am Feldzug gegen den rebellierenden Heinrich den Zänker teil, 979 wahrscheinlich an einem Krieg gegen die Slawen, 981 sollte er dem Kaiser im Rahmen des damals von 1 Schlesinger 161; Friese 128. 2 Die zwischen 975 und 1049 im Grabfeld genannten drei Grafen Otto sind sicher Popponen (Schlesinger 161; Friese 128), wahrscheinlich auch der 951 (DO. I 132) belegte gleichnamige Graf, dem der Fiskus Salzgau untersteht. 3 Heidingsfelder 45 nr. 120; HB I 301 ff. 4 Restlos geklärt ist die Herkunft der jüngeren Babenberger noch immer nicht, doch sprechen nach wie vor die gewichtigsten Gründe dafür, daß sie Deszendenten der Popponen sind; so zuletzt W. Metz, Babenberger u. Rupertiner in Ostfranken (JffL 18) 1958, 295-304; Ders.,

Das Problem d. Babenberger in landesgeschichtl. Sicht (BlldLG 99) 1963, 59-81, durch den v. Guttenberg 56 ff. weitgehend überholt ist, und Friesb 13 i ff; vgl. auch K. Lechner, Beim. z. Genealogie d. älteren Österreich. Markgrafen (MIÖG 71) 1963, 246 ff.; F. Gbldner, Zum Babenberger Problem (HJb. 81) 1962, 1—21; Ders., Zur Genealogie d. alten Babenberger (HJb. 84) 1964, 257-270. 5 Wendehorst I 59 ff. 6 Schlesinger 162 ff.; Schmale, Würzburg 654 ff. 7 DDO. I 44, 217. 8 Wendehorst I 63 ff.; vgl. auch Anm. 6.

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Otto II. erlassenen Truppenaufgebots sechzig gepanzerte Reiter zuführen.1 Eichstätt wurde unter Otto I. von seiner vorübergehenden Bindung an Bayern und die bayerisehe Kirche wieder gelöst, wahrscheinlich gleichzeitig mit der Übertragung des Nordgaus an den jüngeren Babenberger Berthold. Bischof Starchand erschien wieder auf den Reichssynoden und Reichstagen;12* sein Nachfolger Reginold (966-991)’ wurde vom Kaiser ernannt.45 Die Politik Ottos I., als Grafen und Bischöfe in Franken die mit ihm verwandten popponischen Deszendenten einzusetzen und ihnen auch bisher Bayern unterstehende Gebiete zu überantworten, hat sich bewährt. Ostfranken ist bei allen Konflikten des Königs mit seinen Verwandten und den Herzogtümern ruhig geblieben und hat ihm seine militärische Kräfte geliehen, war erneut Königsland geworden, in dem ergebene Große die Interessen des Herrschers wahmehmen. In den ersten eineinhalb Jahrzehnten ist Otto verhältnismäßig oft im östlichen Franken gewesen. Allein viermal besuchte er die Pfalz Salz (940,941,947,948), das letzte Mal weilte er 954 in Langenzenn bei Nürnberg, wo der Friede mit den aufständischen Liudolf und Konrad dem Roten geschlossen werden sollte.’ An Stellung und Haltung Frankens hat sich auch unter Ottos I. Nachfolgern Otto II. und Otto III. grundsätzlich nichts geändert. Dieselben Familien wie zuvor, besonders die Popponen, die sich bald von Henneberg nannten,6 blieben die bevorzugten Helfer des Königs. Nach dem Aufstand Heinrichs des Zänkers wurde 976 Luitpold, dem Bruder des Grafen Berthold vom Nordgau, die bayerische Ostmark übertragen; er wurde damit zum Stammvater der österreichischen Babenberger.7 In den Grafschaften des Nordgaus und im Radenzgau und in den zahlreichen sonstigen Besitzungen am mittleren und oberen Main folgte auf den 980 verstorbenen babenbergischen Grafen Berthold dessen Sohn Heinrich.8 Dennoch hat gerade die Regierungszeit Ottos II. wichtige, wenn auch allmähliche Veränderungen herbeigeführt. Es war wohl dem Einfluß der Kaiserin Adelheid und Heinrichs II. von Bayern zuzuschreiben, daß noch 973 Reichsgut um Bamberg an Heinrich übertragen wurde.’ Vielleicht hing es damit zusammen, daß nun für die babenbergische Familie, deutlicher seit dem Tod des Grafen Berthold, die ebenfalls auf Königsgut zurückgehende Burg Schweinfurt10 an Bedeutung gewann und schließlich von Bertholds Sohn Heinrieh an für die Familie namengebend wurde. Zahlreiche Güter im östlichen Franken schenkte Otto II. im nächstenjahr auf Bitten seines Neffen Otto, des späteren Herzogs von Schwaben, an das Stift Aschaffenburg, das Ottos Eltern Liudolf und Ida wahrscheinlich um 955/57 gegründet hatten. Nach dem Tod Herzog Ottos (982), mutmaßlich noch zu Lebzeiten Ottos II., kam das Stift mit all seinen Besitzungen an 1 Const. I 633. 2 Heidingsfelder nrr. 121, 122, 126. ’ Heidingsfelder 48 ff. 4 Köpke-Dümmler (s. o. 52 Anm. 4) 409. 5 Stein I iij; II 306; Köpke-Dümmler 237!. 6 Über die Verbindung der Henneberger mit den Popponen zuletzt Friese 129 f. (m. ält. Lit.).

2 HB I 223 f. 8 v. Guttenberg 69 ff. ’ DO. II 44; v. Guttenbhrg, Reg. 7 f. nr. 8. 10 Zu den Besitzungen der Babenberger, besonders auch um Schweinfurt, Mbtz, Problem (s. o. 53 Anm. 4) bes. 64 ff.

§ 7·

Franken im ottonischen und salischen Reich (F.-J. Schmale)

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Mainz und bildete mit dem dazugehörenden Spessartforst später den größten geschlossenen Komplex des Mainzer Territoriums.1 Mit diesen Besitzveränderungen stärkte Otto II., der 976 überdies Bischof Poppo II. von Würzburg Teile des Königsgutes zu Forchheim und 989 das Krongut Schaippach übertrug,1 2 die Stellung lokaler und partikularer Gewalten. Seine und seines Sohnes Ottos III. auf Italien und Rom gerichtete Politik, gegenüber der die deutschen Verhältnisse an Gewicht verloren, kann ebenso Ursache gewesen sein wie die konsequente Fortsetzung des von Otto I. eingeschlagenen Weges, die geistlichen Institutionen mit immer weitergehenden Rechten auszustatten. In den Auseinandersetzungen um die Nachfolge Ottos Π., der noch kurz vor seinem Tod seinen Kaplan Hugo zum Bischof von Würzburg bestimmt hatte,3 stand Franken gegen die Ansprüche Heinrichs von Bayern auf Seiten Ottos III. Er hat als König diese Treue durch Schenkungen vornehmlich an das Bistum Würzburg vergolten, die zwar ebenfalls nicht der Konsequenz entbehrten, aber doch eine neue Epoche in der Reichskirchenpolitik einleiteten. Sie gingen zum Teil auf die Initiative der Würzburger Bischöfe zurück. Das gilt sicher für die Rückgabe der Klöster und Orte Neustadt, Hombürg, Amorbach, Schlüchtern, Murrhardt und Münsterschwarzach, die zum Teil aufgrund von Fälschungen erfolgte, die Würzburg unter dem Bischof Bernward (990-995) dem König vorlegte.4 Würzburg war seitdem im Besitz sämdicher Männerklöster seiner Diözese. Dieses zielstrebige Bemühen der Würzburger Bischöfe erfuhr unter Bischof Heinrich I. (995-1018) einen ersten Höhepunkt.5 Möglicherweise gehörte zu den Motiven der bischöflichen Politik eine aufkommende Rivalität zu den Angehörigen der popponisch-babenbergischen Sippe. In auffälliger Parallele zu dem Streit nach der Ernennung des Konradiners Rudolf kam es schon unter Bernward zum Konflikt mit Heinrich von Schweinfurt, Graf auch in dem Würzburg benachbarten Volkfeld.6 Während dieser Auseinandersetzung, in der der Würzburger Vasall Ewerker eine Hauptrolle spielte, mußte Graf Heinrich eine Landesverweisung durch den König hinnehmen und konnte erst gegen eine gebührende Entschädigung Ottos III. Gnade wiedererlangen.7 Dennoch wurde 994, als Graf Heinrich und sein Oheim Markgraf Luitpold von der Ostmark auf Einladung des Bischofs in Würzburg weilten, Luitpold durch einen Verwandten Ewerkers getötet, wenn auch versehentlich anstelle seines Neffen. Die unmittelbare Nachbarschaft des Bistums Würzburg und des ehrgeizigen Grafen Heinrich war für Bischof Heinrich von Würzburg hinreiehender Anlaß, sich um größere Macht zu bemühen und den Schweinfurter abzudrängen. Das war um so leichter, als sich Bischof Heinrich im Reichsdienst geradezu aufopferte8 und sich so der Dankbarkeit Ottos ΙΠ. und dessen Nachfolgers HeinrichsII. 1 H. Decker-Hauff, Die Anfänge d. Kollegiatstiftes St. Peter u. Alexander zu Aschaffenburg (1000 Jahre Stift u. Stadt Aschaffenbürg, Aschaffenburger Jb. 4) 1957, 131-151; HAB Aschaffenburg (G. Christ). 2 DDO. II 132, 311. 3 Wendehorst I 67 ff. 4 Zur Sache Wendehorst I 72.

3 Zur Abstammung P. Schöffel, Herbipolis sacra (VGffG IX 7) 1948, 56 ff.; Wendehorst I 74 ff. 6 Thietmar, Chron. (s. o. 20 Anm. 3) IV 21. 7 Ebd.: Rex . . . predictum comitem exilio relegavit et post haec ... apud antistitem digna emendatione reconciliavit. 8 Im einzelnen Wendehorst I 76 ff.

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Franken: B. I. Die politische Entwicklung 716/1^-1237

versicherte. In einer Zeit, in der sich allenthalben die Macht des Adels verfestigte, mußte überdies in den Augen des Königs die Bedeutung des Bistums für die Verklammerung Nord- und Süddeutschlands zunehmen. Schon von Otto III. erlangte Bischof Heinrich im April und Mai des Jahres 1000 die Burg Bernheim im Rangau und den Wildbann in dem zu Bernheim und Leutershausen gehörenden Forst - zum Teil im Tausch mit anderen Würzburger Gütern, wodurch die Würzburger Initiative gesichert erscheint - sowie die Pfalz Salz mit dem dazugehörigen Forst.1 Noch waren solche Forstschenkungen an geistliche Institute etwas Seltenes; fast völlig Neues geschah indessen mit den Schenkungen vom 30. Mai 1000, durch die Würzbürg Grafenrechte im Waldsassengau westlich von Würzburg bis in den Spessart hinein (Neustadt) und im Rangau erhielt.12 Der Regierungsantritt Heinrichs II. bedeutete für Würzburg eine konsequente Weiterentwicklung der zuletzt hervorgetretenen Tendenzen, brachte für das östliche Franken aber auch eine weitgehende Umgestaltung der politischen Verhältnisse. b) Die Gründung des Bistums Bamberg Looshorn I; Hauck ΙΠ 418 ff.; v. Guttenberg ji ff., bes. 72 ff.; Ders., Reg. 1 ff.; v. GuttenH. L. Mikoletzky, Kaiser Heinrich. II. u. d. Kirche (Veröffentl. d. Inst. f. österr. Gesch. 8) 1946, bes. 32 ff.; Kist 9 ff.; Stein 1131 ff.; II314 f.; Th. Mayer, Die Anfänge d. Bistums Bamberg (Festschr. E. Stengel) 1952, 272-288.

berg I;

König Heinrich II. war dem östlichen Franken persönlich verbunden. Sein Vater Heinrich der Zänker hatte, seitdem ihm Bamberg zugefallen war, mehrfach dort geweilt; seinem Sohn, dem späteren König, war dieser Ort ein besonders lieber Aufenthalt geworden.2 So könnte man Heinrich als einen der «ostfränkischen» Großen bezeichnen, der bereits früh mit den dortigen Verhältnissen vertraut wurde. Besonders zu Bischof Heinrich von Würzburg fand er ein enges Verhältnis.4 Bei den umfangreichen Erwerbungen im Mai des Jahres 1000 stand er ihm als Intervenient zur Seite.2 Seine Haltung gegenüber den Babenbergern war zumindest reserviert, verfügte doch der Schweinfurter als Graf im Nordgau über ein Gebiet, das bis vor wenigen Jahrzehnten dem bayerischen Herzog unterstanden hatte, und die jeweiligen Vorfahren des Markgrafen und des Königs hatten kaum ein freundliches Verhältnis zueinander gefunden.6 Es war zu erwarten, daß Bischof Heinrich von Würzburg die Thronkandidatur Heinrichs II. unterstützen würde. Zweifelhaft und nicht ganz ungefährlich angesichts der Gegenkandidatur Ekberts von Meißen7 konnte die Stellungnahme Heinrichs von Schweinfurt scheinen, dessen Unterstützung der König erst durch die Zusage erhielt, ihm das Herzogtum Bayern zu übertragen, wenn er selbst die Königs1 DDO. III 352, 338, 361. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß es sich hierbei um Teile der Heinrich von Schweinfurt (s. 0.55 Anm. 7) auferlegten Buße handelte; vgl. Metz, Problem (s. o. 53 Anm. 4) über die Pfalz Salz. 2 DO. III 366.

2Thietmar, Chron. (s. o. 20 Anm. 3) VI 30. 4 Adalboldi Vita Heinrici Π. imperatoris (MG SS 4) 68j; Jaffä V 474. 2 DDO. III 352, 358, 366. 6 HB I 223 ff. 7 Thietmar, Chron. (s. o. 20 Anm. 3) V 4 ff.

§ ‫ך‬.

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kröne gewonnen habe.1 Das Versprechen war kaum ernst gemeint; solche Winkelzüge hat Heinrich II. öfter angewandt, wenn es seinen Zielen diente. Die Erfüllung des Versprechens hätte überdies einen von der bayerischen Ostmark bis an den Main reichenden babenbergischen Machtblock geschaffen. Da Heinrich von Schweinfurt den König mehrfach ohne Erfolg an sein Versprechen erinnert hatte, schloß er sich Boleslaw Chrobry an, der gerade Böhmen besetzt hatte. Sein Vetter Emst, ein Sohn Luitpolds von der Ostmark und Bruder des Markgrafen Heinrich von der Ostmark, verbündete sich ihm ebenso wie des Königs eigener Bruder Bruno. Dennoch brach der Aufstand schnell zusammen, als ihm der Herrscher im Sommer entgegentrat. Heinrich II. nahm noch im August die Burg Ammertal bei Amberg, zu deren Besätzung auch polnische Hilfstruppen gehörten, wenig später die Burg Creussen, die Heinrichs Bruder Burchard verteidigte; Graf Heinrich selbst zog sich in die Burg Kronach zurück, zerstörte aber schließlich die Befestigung und floh zu Boleslaw. Inzwischen waren Bischof Heinrich von Würzburg und Abt Erchanbald von Fulda im Auftrag des Königs gegen Schweinfurt gerückt, um auch diese Burg, in der sich des Grafen Mutter Eila von Walbeck, die Tante des Chronisten Thietmar, aufhielt, niederzulegen. Heinrichs II. erfolgreicher Feldzug gegen Boleslaw im nächsten Jahre veranlaßte den Grafen, sich in Merseburg zu unterwerfen.1 Der mißglückte Aufstand führte zu weitgehender Ausschaltung der ostfränkischen Babenberger aus dem politischen Kräftespiel Frankens. Zwar wurden dem Grafen die beträchtlichen Eigengüter belassen, aber fast alle Reichsämter und Reichslehen mußte er aufgeben.123 Die Grafschaft im Nordgau war bereits 1003 einem Udalschalk übertragen worden,4*die Grafschaft im Radenzgau ging an einen Adalbert,3 die Masse des verliehenen Reichsgutes fiel dagegen an den König zurück. Heinrich von Schweinfurt nahm nicht mehr an Reichsangelegenheiten teil und starb am 18. September 1017. * Der Sturz des Babenbergers scheint für den König den letzten Anstoß gegeben zu haben, in Bamberg ein Bistum zu gründen. Es muß dahingestellt bleiben, ob Heinrich II. diese Absicht schon seit seiner Thronbesteigung hegte;7 denn es fehlten damals die materieilen Voraussetzungen, die erst durch den mißglückten Aufstand geschaffen wurden.’ Aber spätestens im Herbst 1003, als die Niederlage sich deutlich abzeichnete, ist sich der König wohl über die möglichen Konsequenzen klar geworden. Der Beginn des Dombaus in Bamberg muß bereits ein fester Bestandteil in der Verwirklichung des

1 Thietmar, Chron. (s. o. 20 Anm. 3) V 14; v. Guttenberg 70 ff. 2 Thietmar, Chron. V 14, 18, 23, 32-38; VI 2, 16. 3 v. Guttenberg 71 f. 4 DH. II 56 (1003 Sept. 9); DH. II 61. 3 Stein I 141 identifizierte ihn auf Grund des wahrscheinlich verfälschten Michelsberger Güterverzeichnisses aus dem 12. Jh. (Giesebrecht Π3 600) mit dem späteren Markgrafen der Ostmark, der 1018 dem erbenlos verstorbenen Bruder Heinrich von der Ostmark nachfolgte

und damals erst die Grafschaft im Radenzgau abgegeben haben soll; v. Guttenberg 102, 203 ff. hat in ihm wohl zu Recht einen Abenberger gesehen. 6 Thietmar, Chron. (s. o. 20 Anm. 3) VII 63. 7 So allerdings Thietmar, Chron. VI 30 und v. Guttenberg, Reg. 10 nr. 15, doch darf Thietmar, der hier zusammenfassend über die Gründung Bambergs berichtet, nicht zu streng interpretiert werden. • So auch Hauck III 422 Anm. 8.

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Vorhabens gewesen sein,1 mit dem Heinrich 1006/7 an die Öffentlichkeit trat.1 2 Notwendig war aber auch das Einverständnis des Bischofs von Würzburg, aus dessen Sprengel vor allem die neue Diözese gebildet werden mußte.3 Der Bischof erklärte sich schließlich bereit, den Radenzgau und einen Teil des Volkfelds mit Bamberg selbst gegen eine Entschädigung abzutreten, aber doch erst, nachdem ihm der König die erzbischöfliche Würde und die Unterstellung der Bistümer Bamberg und Eichstätt versprochen hatte. Auf einer Synode an Pfingsten 1007 in Mainz erklärte sich Bischof Heinrich unter Zustimmung des Metropoliten Willigis von Mainz offiziell zur geforderten Abtretung bereit4*und gab der königlichen Gesandtschaft, die die Billigung des Papstes zu der Gründung einholen sollte, ein entsprechendes Schreiben mit.3 Da der Wunsch des Würzburger Bischofs auf Erhöhung aber in Rom offensichtlieh gar nicht vorgetragen wurde und die päpstliche Genehmigung der Gründung davon nichts erwähnte,6*weigerte sich der Bischof, die vorgesehene Abtretung zu verwirklichen; damit schien das ganze Vorhaben gefährdet? Aber die Synode vom 1. November 1007 setzte sich dank der geschickten Verhandlungsweise des Königs über die Bedenken, die der Vertreter Heinrichs vortrug, wegen des früher gegebenen Einverständnisses und der päpstlichen Bestätigung hinweg und vollzog die Gründung in feierlicher Form.® Schon am 6. Mai 1007 hatte Heinrich II. sein Eigentum im Radenz- und Volkfeldgau übertragen,’jetzt dotierte er in über sechzig Einzelurkunden das Bistum noch reichlicher mit sechs Klöstern und zahlreichen Gütern, die, nur zu einem geringen Teil im Bamberger Sprengel gelegen, über das ganze Reich, vornehmlich aber im bayerischen Raum verstreut lagen.I0In den folgenden Jahren wurde der Bamberger Besitz durch weitere königliche Schenkungen noch beträchtlich erweitert. Nach Vermittlungsversuchen des Patriarchen von Aquileja und des Bischofs von Halberstadt, der Heinrich von Würzburg an seine frühere Aussage während eines Ritts nach Bamberg erinnerte, daß die östlichen Teile seines Sprengeis für ihn fast wertlos seien und er kaum einmal in diese Gegend komme, gelang endlich Erzbischof Heribert von Köln, dem Bruder des Würzburgers, die Aussöhnung.11 Am 7. Mai tauschten König und Bischof Urkunden über die beiderseitigen Abtretungen aus, die jetzt noch in einigen Punkten zugunsten Würzburgs verbessert worden waren. Auch in der Folgezeit stellte der König noch eine Reihe von Privilegien aus, in denen Würz-

1 Das Jahr 1004 für den Baubeginn des 1007 zuerst erwähnten Domes hat in den Quellen keine unmittelbare Stütze (vgl. v. Guttenberg. Reg. 10 nr. 15), erscheint aber angesichts der politischen Umstände noch immer als das richtigste. 2 v. Guttenberg, Reg. nrr. 19, 20; 13 f. nr. 25 (Pfingstsynode in Mainz, 1007 Mai 25). 3 Ebd. 11 f. nrr. 19, 20; W. Neukam, Das Hochstift Würzburg u. d. Errichtung d. Bistums Bamberg (WDGB11. 14/15) 1952/53, 147-172; G. Kallen, Heinrich II. u. Würzburg (ebd.).

4 v. Guttenberg, Reg. 13 f. nrr. 25, 26. 3 Ebd. nr. 27. 6 jAiri (s. Bd. I AV) 3954; v. Guttenberc, Reg. 15 f. nr. 29; Mayer, Fürsten 254 ff. 7 v. Guttenberg, Reg. 17 nr. 31. ® Ebd. 17 ff. nr. 33. ’ Ebd. nrr. 21, 22. 10 Ebd. 25 ff. nrr. 37ff.; v. Guttenberg 81 ff.; W. Neukam, Territorium u. Staat d. Bischöfe v. Bamberg u. seine Außenbehörden (BHVB 89) 1948/49. 1-35· " v. Guttenberg, Reg. 38 ff. nrr. 74-77.

§ ‫ך‬.

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bürg die Marktrechte in Kreuzwertheim, Großgerau im Tausch gegen die bischöfliehen Kirchen in Hallstadt und einigen anderen Orten, die Grafenrechte in Bessungen, vor allem aber der Wildbann beiderseits des Mains im nördlichen Waldsassengau und im Gozfeld verliehen wurden.1 Mit mehr Erfolg gelang es dem Eichstätter Bischof Megingaud, zu seinen Lebzeiten die Forderung des Königs auf Abtretung eines Teiles des Eichstätter Sprengeis an Bamberg zu verweigern.2 Doch schenkte Heinrich II. seit 1007 bereits so zahlreiche Eigengüter in den zu Eichstätt gehörigen Teilen des Nordgaus an Bamberg, daß sich Megingauds Nachfolger Gundekar 1016 nach kurzem Widerstreben damit einverstanden erklärte, das Gebiet, dessen südliche Grenze im wesentlichen die Pegnitz bildete, an Bamberg zu übergeben.3 Damit war die eigentliche Gründungsepoche für Bamberg noch zu Lebzeiten Heinrichs II. abgeschlossen; zum ersten Bischof der neuen Diözese hatte Heinrich seinen Kaplan Eberhard ernannt und noch am 1. November 1007 weihen lassen.45 Zwei Motive hat Heinrich II. selbst für die Gründung Bambergs angegeben. Einerseits wollte er, da ihm kein Leibeserbe geschenkt war, Gott zu seinem Erben einsetzen, andererseits sollte das neue Bistum das Heidentum der Slawen zerstören.’ Tatsächlich war das bambergische Gebiet, vor allem der Radenzgau, von einer starken Bevölkerung slawischer Herkunft besiedelt, die zwar längst eingedeutscht gewesen sein dürfte, und seit karolingischer Zeit gab es dort auch christliche Kirchen, aber Reste des Heidentums waren selbst noch um die Mitte des elften Jahrhunderts vorhanden.6 Man hat zwar die von Heinrich angegebenen Gründe in Zweifel gezogen und vornehmlich politische Gründe unterstellt, nämlich neben der Eindeutschung der Slawen7 besonders die Auffüllung eines durch den Sturz des Schweinfurter entstandenen Machtvakuums;8 aber dazu besteht kein Anlaß. Bei aller Nüchternheit, politischen Einsicht und Berechnung, die gerade diesen Herrscher kennzeichnen, sind Zweifel an seinen religiösen Impulsen nicht angebracht. Selbstverständlich trugen sie aber die Züge ihrer Zeit und zielten stets auf eine Konkretisierung, die dann auch reale politische Folgen zeitigte. Wie die Entstehung des «Machtvakuums» materielle Voraussetzung für die Verwirklichung des persönlichen und sachlichen Impulses war, so mußte die Gründung wiederum die Ausfüllung dieses Machtvakuums zur Folge haben. Denn die Gründung Bambergs konnte nur in der Form erfolgen, daß das neue Bistum die gleiche Gestalt erhielt, wie sie die übrigen Bistümer besaßen, ein Reichsbistum wurde wie alle andern und daher nicht ausschließlich religiösen Aufgaben im 3 DDH. II 207, 267, 268, 326; vgl. Neukam, Würzburg (s. o. 58 Anm. 3). 2 Heidingsfelder 54 nr. 148. 3 Ebd. 56 f. nr. 155. 4 v. Guttenberg, Reg. 23 f. nr. 36. 5 Vgl. im einzelnen Hauck III 418 f.; v. Guttenberg 73 fr.; Ders., Reg. 20 f. nr. 34; Ders. 129 ff, der politischen Motiven das größte Gewicht beimißt; Kist 16 f. 6 v. Guttenberg, Reg. 144 f. nr. 312.

7 So Hauck III418 mit Belegen, jedoch ohne Überbetonung. 8 So vor allem v. Guttenberg (vgl. Anm. 5; Schmeidler (s. o. 3) 58 ff. Hauck III 421 stellt die persönlichen Motive in den Vordergründ. Den geistlichen Charakter betonen H. Günter, Kaiser Heinrich II. u. Bamberg (HJb. 59) !939; Kist 16 ff. Daß Heinrich II. Bamberg zu einer Hauptstadt des Reiches, zu einem neuen Rom zu machen beabsichtigte, meint O.

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modernen Sinn dienen konnte und sollte.1 Gerade in dieser Hinsicht scheint es wichtig, daß sich der bambergische Besitz aus vielen einzelnen Gütern zusammensetzte, die außerhalb des Sprengeis lagen, und das Bistum zunächst weder Wildbann- noch Grafenrechte erhielt, Ansätze zur Entwicklung einer geschlossenen Territorialgewalt also kaum beabsichtigt waren.2 Man hat zwar angenommen, Bamberg habe noch unter Heinrich die Grafschaft im Radenzgau und in dem zum Bistum gehörigen Teil des Volkfeldes erhalten, doch ist im Radenzgau noch nach Heinrichs II. Tod ein Graf Adalbert (von der Ostmark?) nachgewiesen. Die Bestätigungsurkunde Konrads II., die von Grafenrechten spricht, nennt keine einzige bis dahin bestehende Grafschaft als Eigentum Bambergs.3

c) Die Zeit Konrads II. und Heinrichs III. Die Vorgänge während der Regierung Heinrichs II. hatten den Adel in seiner Bedeutung gegenüber den kirchlichen Institutionen zurückgedrängt. Von den Deszendenten der Popponen besaß nur mehr der im Grabfeld ansässige Zweig derer von Henneberg eine verhältnismäßig geschlossene Stellung.4 Vom Fichtelgebirge bis an den Rhein waren die meisten Rechte in der Hand der Bistümer Mainz, Würzburg und Bamberg, an die sich im Süden das Bistum Eichstätt anschloß; ihm war es ebenfalls gelungen, einen ansehnlicheren hochstiftischen Besitz zusammenzubringen. Kaum irgendwo war zu Beginn des elften Jahrhunderts das Reichskirchensystem deutlicher ausgeprägt als in Ostfranken. Solange der König in vollem Umfang die Kirchenherrschaft behauptete, war Franken das Kernland des Reiches. SchonBischof Heinrich von Würzburg hatte sich, abgesehen von der vorübergehendenVerstimmung wegen Bamberg, häufiger dem Reichsdienst gewidmet als seine Vorgänger. Unter Otto III. war er seit 996 fast ständig in der Umgebung desKaisers, sowohl in Italien wie in Deutschland. Unter Heinrich II. weilte er Meyer, Kaiser Heinrichs Bamberg-Idee im Preislied d. Gerhard v. Seeon (Fränk. Bll. 3) 1951. 76; ebenso G. Zimmermann, Bamberg als königl. Pfalzort (JffL 19) 1959, 207 ff. 1 Vgl. auch Mayer, Fürsten 248 ff. 2 Vgl. Neukam, Territorium (s. o. 58 Anm. 10) 11. - Gegen die Verleihung der Immunität an Bamberg, die v. Guttenberg, Das Gründungsprivileg Johannes XVIII. f. d. Bistum Bamberg (ZBLG 4) 1931 zu beweisen versuchte, Mayer, Fürsten 257 ff, der annimmt, daß die weltliche Stellung der Bamberger Bischöfe zunächst ausschließlich auf Grafenrechten beruhte; vgl. auch die folgende Anm. 3 Diese Frage ist oft behandelt worden, v. Guttenberg 102 f., 177 ff, 196 ff. trat für eine - nicht mehr urkundlich belegbare - Verleihung von Grafschaftsteilen (= Zenten) an Bamberg schon um 1007 ein, die allerdings erst in dem Privileg Heinrichs IV. von 1068 (v. Guttenberg, Reg. 202 nr. 397) namentlich erwähnt werden. Auch Mayer, Fürsten 259 ff, bes. 261 nimmt an, daß dem Bischof eine lehns-

herrliche Stellung in den beiden Grafschaften eingeräumt worden sei, da die Grafen Thiemo (Volkfeld) und Adalbert (Radenzgau) 1015 unter den milites des Bamberger Bischofs aufgeführt sind (v. Guttenberg, Reg. 60 nr. 122). Angesichts der Quellenlage über die Ausstattung des Bistums, bei der das Fehlen eines Privilegs gerade über die Grafenrechte nach wie vor Bedenken erregt, beruhen alle Aussagen nur auf Hypothesen, zumal der Begriff des comitatus in der Bestätigungsurkunde DK. II 206 a noch nicht eindeutig geklärt scheint und Thiemo und Adalbert auch auf Grund anderer Lehen als der Grafschaften Vasallen Bambergs gewesen sein können. So scheint die Annahme von Hauck ΠΙ 426 f. Anm. 4, daß Bamberg Grafschaftsrechte nicht erhielt, sondern «erschlich», noch immer nicht wirklich widerlegt. Vgl. auch u. 64. 4 E. Zickgrat, Die gefürstete Grafschaft Henneberg-Schleusingen (Sehr. d. Inst. f. gesch. Lkde. v. Hessen u. Nassau 22) 1944.

§ ‫ך‬.

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fast Jahr für Jahr monatelang am Hof und nahm auch an den meisten Feldzügen teil.1 Andererseits ist Heinrich II. allein vierundzwanzigmal in Bamberg nachzuweisen; * der erste Bamberger Bischof Eberhard übernahm 1013 das Erzkanzleramt für Italien und hat es bis zu des Kaisers Tod behalten.123 Die enge Verbindung der ostjränkischen Bistümer mit dem König war keineswegs ausschließlich eine Sache der Personen. Sowohl der neue Würzburger Bischof Meginhard (1018-1034),4*wie die Eichstätter Bischöfe Walther (1020/21, gestorben auf dem Romzug)’ und Heribert (1022-1042), letzter ein Verwandter Heinrichs von Würzburg und Heriberts von Köln,6 wie auch der neue König Konrad aus salischem Geschlecht setzten sie fort. Würzburg erhielt auch unter Meginhard königliche Schenkungen, die Macht und Leistungsfähigkeit des Bistums steigerten: den Wildbann im Steigerwald 1023,78 *den Forst Murrhardt 1027,‫״‬ Marktrechte in Würzburg 1030’ und den Forst Mellrichstadt.1011 Gegenüber Bamberg zögerte Konrad mit einer Gesamtbestätigung bis 1034," aber auch er weilte fünfmal in Bamberg und nahm das bambergische Reichskirchengut auf diese Weise stärker in Anspruch als das würzburgische.12 Eichstätt scheint von Konrad das Münzrecht erhalten zu haben.13 Bischof Bruno von Würzburg (1034-1045) war ein Vetter König Konrads und nahm 1038/39 amltalienzug teil, begleitete Heinrich III. 1042 nachBurgund, warb im gleichen Jahr für den König um die Hand der Agnes von Poitou und reiste 1045 mit dem Herrscher nach Ungam.14 Wenn Brunos Nachfolger Adalbero (1045-1090) aus dem Hause der Grafen Lambach/Wels” unter Heinrich ΠΙ. weniger häufig im Rcichsdienst anzutreffen ist, so vielleicht unter anderem deshalb, weil er bei Versuchen, Rechte Würzburgs auf Fulda auszudehnen (1049) und die Rechte der Bamberger Kirche zu beeinträchtigen (1052), zurückweichen mußte.16 Heinrich III., der inBamberg 1045 seinenKanzler Suitger eingesetzt hatte,” hielt dort häufiger Hof als in irgendeinem anderen fränkischen Ort.18 An dem Bischofssitz hatte sich dank einer vorzüglichen Bibliothek, deren Grundstock Heinrich II. gelegt hatte, schnell eine Domschule entwickelt, die in Deutschland ihresgleichen suchte. Mit Vorliebe wurden die hier Ausgebildeten in den Dienst des Königs genommen, unter ihnen Erzbischof Anno von Köln und Bischof Heinrich von Hildesheim.1* Im Jahre 1046 wurde Bischof Suitger nach der Synode von Sutri unter Beibehaltung seines deutschen Bistums Bischof von Rom. Gleichzeitig wuchs auch Eichstätt stärker als bisher in die Rolle eines Reichsbistums hinein. Die Person des Bischofs Gebhard (1042-1057), ein Seiten1 Wendehorst I 76 ff. 2 Bayer. Geschichtsatlas 17c; Zimmermann (s. o. 59 f. Anm. 8) 208 f. 3 v. Guttenberg, Reg. 53 nr. 106; NDB 4, 226. 4 Wendehorst I 89 ff. 3 Heidingsfelder 58 nr. 158 ff. 6 Ebd. 58 ff. 7 DH. II 496. 8 DK. II 107. ’ DK. II 54. 10 DK. II 173. 11 DK. II 206a; v. Guttenberg, Reg. 94(. nr. 206; Kist 23 f.

” Nur zwei Aufenthalte in Würzburg, vgl. Bayer. Geschichtsatlas 17c. ” Heidingsfelder 64 nr. 176. 14 Wendehorst I 92 ff. ”Ebd. 100ff.; Vita s. Adalberonis, ed. I. Schmale-Ott (QFGHW 8) 1954. 16 Wendehorst I 109 ff.; P. J. Jörg, Würzbürg u. Fulda. Rechtsverhältnis zw. Bistum u. Abtei bis z. n.Jh. (QFGHW 4) 1951, 71 ff. ” v. Guttenberg, Reg. 99 nr. 218. 18 Bayer. Geschichtsatlas 17 c. ’· Dazu u. 127 ff.

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verwandter des Königs, mag dazu beigetragen haben.1 Er nahm an Reichsversammlungen und Synoden teil, weilte auch sonst öfter am Hof, begleitete Heinrich III. auf seinem Romzug 1046/47 und wurde schließlich der wichtigste Vertraute des Kaisers.1 2 Unter ihm war Eichstätt erneut Bindeglied zwischen Mainfranken und Bayern; mehrfach griff- Gebhard in die bayerischen Verhältnisse ein.3 Als er 1052 aus Sorge um die Südostgrenze Bayerns gegenüber Ungarn dafür eintrat, das deutsche Heer, das Papst Leo IX. bei seinem Besuch in Deutschland für den Kampf gegen die Normannen geworben hatte, zurückzurufen, fand er ebenfalls Gehör.4 Es war weitgehend auf sein Votum zurückzuführen, daß 1053 Mai/Juni auf einem Hoftag in Goslar Herzog Konrad von Bayern, vornehmlich wegen seiner Haltung in den Kämpfen bayerischer Großer gegen die Ungarn, abgesetzt wurde,5 und als wenige Monate später der dreijährige gleichnamige Sohn des Kaisers das Herzogtum erhielt, wurde Gebhard für den Unmündigen als Verweser bestellt.6 Zum Dank für seine Dienste erhielt er auf dem Tag in Goslar neben dem Marktrecht in Beilngries und Waldkirchen den Ottinger Forst.7 Als Gebhard als Viktor II. auf den römischen Bischofsstuhl kam, behielt auch er sein Reichsbistum. Bei einem Aufenthalt in Deutschland 1056 übertrug der sterbende Kaiser ihm die persönliche Sorge für den unmündigen Erben und wahrscheinlieh auch die Reichsverweserschaft. 8 An politischem Gewicht konnte sich der weltliche Adel Frankens nicht mit der Reichskirche messen. Otto, der Sohn des Heinrich von Schweinfurt, blieb auf die vom Vater ererbten Eigengüter beschränkt. Er genoß zwar das Ansehen eines Fürsten und erwarb sich durch treuen Dienst die Dankbarkeit des Kaisers, aber dieser übertrug ihm kein Amt in Franken, sondern gab ihm 1048 das Herzogtum Schwaben.’ Als er 1057 starb, hinterließ er nur fünf Töchter, durch deren Ehen die Eigengüter völlig zersplittert wurden.10 Nur in dem ausgedehnten Grabfeld wirkte noch eines der führenden altfränkischen Geschlechter, Deszendenten der Popponen, die sich erstmalig nachweisbar 1034 Grafen von Henneberg nennen. Dagegen versuchten die salisehen Könige mit Erfolg im östlichen Franken eine zusätzliche Position aufzubauen. Durch die Schenkungen an Bamberg hatte Heinrich II. fast ganz Ostfranken von unmittelbar genutztem Königsgut entblößt; Heinrich III. begann mit dem Ausbau des zuvor in den Quellen nie genannten Nürnberg einen neuen Rcichsgutkomplex zu formieren." 1050 wurde Nürnberg anläßlich einesHoftags erstmals als Aufenthaltsort genannt.12 Schon Konrad II. hatte inMögeldorf beiNürnberg geweilt (102 j, 103 o),13 von Heinrich III. wurde das bisher zu Fürth gehörige Marktrecht auf Nürnberg übertragen.14 1 Hetdingsfblder 67 ff. 2 P. Kehr, Vier Kapitel aus d. Gesch. Heinrichs III. (Abh. Berlin 3) 1930, 57 ff.; LThK X 769. 3 Heidingsfelder nrr. 186, 189, 191, 193. 4 Ebd. 70 nr. 194. 5 Ebd. 70 nr. 195. 6 Ebd. 72 nrr. 198 ff. 7 Ebd. 71 nrr. 197, 196; weitere Schcnkungen Heinrichs III. ebd. 73 f. nrr. 202, 203. 8 Ebd. 74 nr. 208.

’ Stein I 157 f.; II 328. 10 S. u. 63, 66, 77, 82. 11 K. Bosl, Nürnberg als Stützpunkt staufischer Staatspolitik (MVGN 39) 1944; vgl. auch v. Guttenberg 114. 12 DH. III 253. 13 DDK. II 30, 153. 14v. Guttenberg 114; Ders., Das mittelalterl. Fürth (ZBLG 6) 1933; vgl. auch 63 m. Anm. 3.

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d) Der Investiturstreit in Franken (1057-1125). Die Rivalitäten im Reich nach dem Tod Heinrichs III. und die daraus folgenden allgemeinen Veränderungen bewirkten einen größeren Spielraum der lokalen Gewalten, der durch Nachgiebigkeit und Inkonsequenz der Reichsregierung gefördert wurde. Vor allem Bischof Gunther von Bamberg zog daraus einigen Gewinn:1 1062 erhielt er den von Heinrich III. im Zusammenhang mit dem Aufbau des Reichsgutes um Nürnberg entzogenen Hof Forchheim mit allem Zubehör durch Anno von Köln zurück, * einige Tage später wurde das von Fürth auf Nürnberg übertragene Marktrecht erneut für Fürth verliehen? In dem Konflikt zwischen Anno und der Kaiserin schlug er sich ganz auf die Seite des Erzbischofs und hielt sich, so lange Agnes die Regentschaft ausübte, vom Hof fern.1234* Bischof Gundekar von Eichstätt war fast ausschließlich bei Kirchen- und Altarweihen oder bei Ordinationen von Bischöfen, vornehmlich in Bayern, anzutrefien? nur Adalbero von Würzburg weilte mehrfach am Hof. Dafür hat aber gerade er seine bischöfliche Gewalt in dieser Zeit des Übergangs auszudehnen gesucht und dadurch manchen lokalen Konflikt ausgelöst. Auf einer Bamberger Diözesansynode im Jahre 1059 mußten seine Ansprüche auf den Neubruchzehnt im Bamberger Sprengel - sie stützten sich wohl auf die Würzburg verbliebenen Eigenkirchen in der neuen Diözese - zurückgewiesen werden? Daß eine zweite Bamberger Synode sich 1087 noch einmal damit beschäftigte,7*spricht nicht dafür, daß er sich nach dem Spruch von 1059 zufriedengab. Ebenso versuchte er in den sechziger Jahren erneut, Würzburger Rechte auf Kosten Fuldas auszudehnen. Als ein päpstliches Mahnschreiben (1068) aufgrund einer Fuldaer Klage nicht fruchtete, wurde er wegen unzulässiger Beeinträchtigung Fuldaer Rechte und Besitzungen nach Rom geladen und mußte die Wiederherstellung des Besitzstandes versprechen? Gleichzeitig begann der Adel sich wieder erneut zu regen: 1061/62 kam es zu einer langanhaltenden Fehde zwischen dem Grafen Hermann von Habsberg im Nordgau, der mit Alberata, einer Tochter Ottos von Schweinfurt, verheiratet war, und dem Grafen Gozwin im Grabfeld, wahrscheinlich um das Schweinfurter Erbe.9 Die Kämpfe zogen auch bambergisches Gebiet in Mitleidenschaft. Graf Hermann erhielt Unterstützung durch die Kaiserin, Bischof Gunther dagegen stellte sich auf die Seite Gozwins.10*Wenig später geriet auchWürzburg mit Gozwin in Konflikt: Bischof Adalberos Vasallen haben den Grafen 1065 erschlagen.11 Mit Beginn der selbständigen Regierung Heinrichs IV. wurde die Hand des Königs wieder stärker spürbar. Nach dem Tod Gunthers ernannte der König den Mainzer 1 Zu Gunther v. Guttenberg, Reg. 124 ff. 2 Ebd. 159 f. nr. 334. 3 Ebd. 160 f. nr. 335. 4 Über die Spannungen zwischen Gunther und der Kaiserin Agnes, die entgegen den letztwilligen Verfügungen Heinrichs III. die Rückgabe ehemals bambergischer Güter zu verschleppen suchte, und über das Verhältnis Gunthers zu Anno jetzt v. Guttenberg, Reg. 124 ff. nr. 277 und Erdmann, Studien (s. u. 127 Anm. 1) passim.

5 Heidingsfelder 76 ff.; Bauerreiss I 144ff. 6 v. Guttenberg I 35; Ders., Reg. 144 f. nr. 312. 7 Ebd. 274 nr. 545. 8 Wendehorst I in; Jörg (s. 61 Anm. 16). 9 v. Guttenberg 239; Ders., Reg. nrr. 323, 325. 330· 10 Erdmann, Studien (s.u. 127 Anm. 1) 28f., 284 f. ‫ ״‬Stein I 164 f.; II 330 f.

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Vizedom Hermann, einen in Finanzdingen erfahrenen und gewandten Mann zum neuen Bischof.1 Er war allerdings dem Domkapitel wenig genehm und geriet bald über dessen Besitzungen mit den Kanonikern in Streit, so daß diese schließlich mit Erfolg auf seinen Sturz hinwirkten. Dem jungen König war Hermann eng verbunden, häufig am Hof weilend, hat er den König in vielen Dingen beraten. In den Sachsenkriegen stellte er ebenso wie Adalbero von Würzburg sein Aufgebot dem König zur Verfügung. Tatsächlich kam den fränkischen Bistümern in dieser Zeit erhöhte Bedeutung zu. Die Kaiserin Agnes hatte durch Verleihung des Herzogtums Bayern an den Sachsen Otto von Nordheim1 2 das Königtum jedes unmittelbaren Rückhaltes in einem Stammesherzogtum entblößt. Als Otto aufgrund der falschen Anklage, ein Attentat gegen den König geplant zu haben, abgesetzt wurde und Sachsen zum Aufstand aufrief,3 sein Nachfolger in Bayern, Herzog Welf, sich ebenfalls dem König entfremdete und mit Rudolf von Rheinfelden, dem Herzog von Schwaben, und Berthold von Zähringen verbündete,4 war die Sicherung Frankens, die Verhinderung des Zusammenschlusses der sächsischen und süddeutschen Opposition eine Existenzfrage für den König. Aus dieser Situation zog vor allem Hermann von Bamberg Nutzen. Am 12. August 1068 bestätigte Heinrich in einem Privileg, das der direkten Vorlage entbehrte, dem Bistum die Grafschaften im Radenz-, Saale-, Grabfeld- und Volkfeldgau;5 im Oktober 1069 erhielt Bamberg ein Königsgut im Nordgau,6 im Dezember desselben Jahres einen umfangreichen Wildbann zu beiden Seiten der Rednitz, der den Forchheimer Forst einschloß.7 Einer der Zwecke solcher Schenkungen erschließt sich aus den unter Hermann besonders umfangreichen Belehnungen von Vasallen mit Stiftsgütem, unter anderem wohl aus Anlaß der Sachsenkriege. ’ Da auch Adalbero von Würzburg’ und Gundekar von Eichstätt10 an diesen Kämpfen auf königlieher Seite teilnahmen und sich nicht in den Kreis der Gegner Heinrichs IV. ziehen ließen, schien Franken vermittels der drei Bistümer die ihm zugedachte Rolle als Königsland zu erfüllen. Gerade in diesem Moment aber begannen vornehmlich außerhalb oder in den westlichen Grenzräumen des Reiches erwachsene kirchlich-religiöse Kräfte, jetzt geführt vom römischen Bischof, der sich in den Jahren der Unmündigkeit Heinrichs IV. der Verfügung des deutschen Königs entzogen hatte, auf das Reich einzuwirken. Als sie mit dem Königtum in Konflikt gerieten, mußten sie naturgemäß Ostfranken ganz besonders in Mitleidenschaft ziehen. Schon der erste Zusammenstoß zwischen Papsttum und König traf das Bistum Bamberg. 1 v. Guttenberg, Reg. 193 ff. 2 HB I 240 f. 3 Ann. Altahenses maiores, hg. v. E. v. Oefele (MGH SS rer. Germ.) 1891,76 fr.; Brunos Buch vom Sachsenkrieg, ed. Η. E. Lohmann (MGH Dt. MA 2) 1937, 2j; Lampert, Ann., ed. O. Holder-Egger (MGH SS rer. Germ.) 1894, 113 ff. 4 HB I 248 ff. 5 v. Guttenberg, Reg. 202 nr. 397. 6 Ebd. 204 nr. 405. 7 Ebd. 205 nr. 406.

’ Erdmann, Studien (s. u. 127 Anm. 1) 257; Die Briefe Heinrichs IV., ed. C. Erdmann (MGH Dt. MA 1) 1937, nrr. 24, 25, 27, 32, 35, 41, 45 (vgl. dazu aber auch Quellen z. Gesch. Kaiser Heinrichs IV., hg. v. F.-J. Schmale, Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 12, 1963, 9 ff· u. passim, der diese Stücke für mögliehe Fiktionen hält, was wiederum Classen [s. u. 140 Anm. 2] bestreitet); v. Guttenberg, Reg. 194 nr. 173· ’ Wendehorst I 104 f. 10 Heidingsfelder 84 nr. 245.

§ ‫ך‬.

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Bereits 1073 waren die Räte Heinrichs IV. - den König selbst suchte man in Rom noch zu schonen - wegen Simonie gebannt worden.' Der König mied zwar nicht, wie von ihm in Übereinstimmung mit den Canones verlangt worden war, den Umgang mit den exkommunizierten Räten, ließ aber, als die Bamberger Kanoniker in richtiger Einschätzung der rigorosen päpstlichen Haltung ihren längst mißbliebigen BischofHermann in Rom wegen Simonie verklagten,1 2*überraschend schnell seinen bisherigen Vertrauten fallen. Da die Auseinandersetzung mit den Sachsen noch nicht entschieden war, mußte ein gleichzeitiger Konflikt mit dem Papst vermieden werden. Deshalb nahm Heinrich die Suspension der Simonie beschuldigter Bischöfe hin und stimmte auch Hermanns Absetzung zu,2 obwohl der Suspendierte durch das Eingreifen seinerTruppen gegen die Sachsen die siegreiche Entscheidung in der Schlacht von Homburg zugunsten des Königs herbeigeführt hatte.4 Das königliche Investiturrecht wurde dagegen noch nicht grundsätzlich bestritten. In dem Propst Rupert von Goslar ernannte Heinrich IV. einen Nachfolger, der in der Reichspolitik die Linie seines Vorgängers fortsetzte und auch in dessen Stellung beim König eintrat.5 Dank dessen blieb das Bistum in den Stürmen der nächsten Jahrzehnte eine sichere Stütze des vielfach bedrängten Königs. Auch in Eichstätt setzte Heinrich IV. 1075 nach dem Tod Gundekars mit Udalrich I. (1075-1099) einen neuen Bischof ein, der ihm die Treue hielt.6 Selbst als wegen der Übergabe von Eichstätter Besitz an den Sachsen Heinrich den Fetten, die auf Druck des Königs erfolgte, eine Entfremdung eintrat,7 schlug Udalrich sich nicht auf die Seite der Gegner. Schwierig und für den König gefährlich entwickelten sich dagegen die Verhältnisse in Würzburg. Bisher hatte das Verhalten Bischofs Adalbero keinen Zweifel an seiner königs- und reichstreuen Gesinnung aufkommen lassen. Dennoch war Adalbero, wie seine Klostergründungen und seine Freundschaften mit Altmann von Passau und Gebhard von Salzburg bestätigen,8 stärker als mancher seiner Mitbischöfe von den kirchlichen Reformbestrebungen beeinflußt und von der Rechtmäßigkeit der Ansprüche des Reformpapsttums überzeugt, wie sie Gregor VII. vertrat. Als 1076 der Konflikt zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. die deutsche Kirche zur Stellungnähme zwang, ließ Adalbero keinen Zweifel an seiner Haltung. Das Wormser Absetzungsschrciben des deutschen Episkopats unterzeichnete er erst nach vergeblichen Einwänden;’ schon auf der römischen Fastensynode 1076 lag möglicherweise sein Widerruf vor;10 nach der Exkommunikation Heinrichs IV. gehörte er mit Welf von 1 G. Meyer v. Knonau, Jbb. d. deutschen Reichs unter Heinrich IV. u. Heinrich V., 7 Bde., 1890/1909, hier III. 2 Lampert, Ann. (s. o. 64 Anm. 3) 205; Erdmann, Studien (s. u. 127 Anm. 1) 25$ ff., zum Teil berichtigt bei v. Guttenberg, Reg. 224 f. nr. 437. 2 Erdmann, Studien 264 f. 4 Lampert, Ann. (s. o. 64 Anm. 3) 220; Meyer v. Knonau II 500 ff. 5 Erdmann, Studien (s. u. 127 Anm. 1) 268 ff.; v. Guttenberg, Reg. 248 ff.

‫ צ‬HdBG III, I

6 Heidingsfelder 86 ff. 7 Ebd. 90 nr. 268. 8 Wendehorst I 102; über Altmann und Gebhard s. HB I 249. ’ Briefe Heinrichs IV. (s. o. 64 Anm. 8) 65 ff. Anh. C; Lampert, Ann. (s. o. 64 Anm. 3) 254· 10 So Wendehorst 1105 f.; Bonizo, Liber ad amicum (MGH Lib. de lite 1) 607 spricht allerdings nur allgemein von ultramontanis episcopis.

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Bayern und Rudolf von Schwaben zu den Führern der königsfeindlichen Partei, die am 15. März 1077 in Forchheim auf bambergischem Besitz Rudolf von Rheinfelden zum König wählte.1 Monatelang weilte er in dessen Umgebung. Als er nach Würzburg zurückkehren wollte, fand er die Stadt durch die königstreuen Bürger verschlossen. Vergebens bemühte sich Rudolf, die Stadt zurückzuerobern. Fast ein Jahrzehnt hat Adalbero sie nicht mehr betreten, da er alle Versöhnungsangebote Heinrichs IV. zurückwies. Nur der Schwaben zu gelegene südwestliche Teil des Würzburger Sprengeis stand weiterhin Adalbero zur Verfügung. Aber diese Verhältnisse waren nicht konstant. Infolge seiner Mittellage war Franken, besonders Würzburg für beide Parteien zu wichtig - für die Gegner des Königs, um die Verbindung zu ihren sächsischen Verbündeten herzustellen, für Heinrich, um eben diese Verbindung zu verhindern -, als daß nicht beide Seiten versucht hätten, sich durch militärische Operationen zum Herrn dieses Landes zu machen. Als im Sommer 1078 ein schwäbisches Heer unter den Herzögen Welf und Berthold dem von Sachsen aus vorrückenden Rudolf entgegenzog, stellte der König sich bei Mellrichstadt den Sachsen entgegen. Obgleich er die Schlacht verlor, in der auf königlicher Seite Graf Poppo von Henneberg fiel, mußte auch Rudolf den Rückzug antreten. Im Augenblick war die Vereinigung der Gegner verhindert, und Heinrich konnte den Krieg nach Schwaben hineintragen. Im nächsten Jahr durchzog er neuerdings Franken und traf bei Flarchheim auf Rudolf, kurz darauf nochmals an der Elster. Hier konnte Rudolf zwar siegen, wurde aber auf den Tod verwundet. Im Frühjahr 1081 wählte die Opposition in Ochsenfurt bei Würzbürg den Grafen Hermann von Salm zum König. Adalbero war noch immer der Bischof seines Sprengeis, erst nach seinem Erfolg in Rom und seiner Rückkehr nach Deutschland ging Heinrich IV. entschiedener gegen seine Feinde vor. Adalbero wurde abgesetzt und am 25. Mai 1085 der bisherige Bamberger Domscholaster Meinhard zum neuen Bischof ernannt.1 2 Jetzt gab es zwei Bischöfe, die mit wechselndem Erfolg im Bistum regierten. Im Jahre 1086 schlossen Hermann von Salm, Ekbert von Meißen, Herzog Welf und Adalbero Würzburg ein, schlugen ein kaiserliches Ersatzheer bei Pleichfeld und nahmen die von Friedrich von Büren verteidigte Stadt. Für kurze Zeit war Adalbero noch einmal Herr seines Bischofsitzes, aber die Bürger von Würzburg übergaben wenig später schon wieder dem Kaiser ihre Stadt. Da Adalbero jede Unterwerfung ablchntc, mußte er, diesmal für immer, Würzburg verlassen. Die letzten Lebensjahre verbrachte er teils auf dem väterlichen Besitz, teils im südwestlichen Raum seines Bistums, teils in Schwaben (f 6. Okt. 1090). Schon am 20. Juni 1088 war sein Widersacher Meinhard gestorben. Erst am 25. Juli 1089 erhielt dieser in Emehard aus dem Hause der Grafen von Rothenburg (Gründer von Komburg) einen Nachfolger, der sich aber erst nach der Erhebung von Heinrichs IV. Sohn Konrad am 27. März 1093 weihen ließ.’ Wenn er sich trotz seiner Ernennung durch den Kaiser diesem femhielt, war das nur zum Teil 1 Meyer v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) II 673 ff.; z. Folgenden auch Wendehorst I 106 ff. 2 Meyer v. Knonau IV 21 ff, 42 ff.; Erd-

mann, Studien (s. u. 127 Wbndehorst I 117 ff.

’ Ebd. 119 ff.

Anm. 1) 16 ff, 21 ff.;

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6‫ך‬

durch den siebenjährigen Zwangsaufenthalt Heinrichs in Italien bedingt; denn innerlieh neigte er selbst eher der Reformrichtung zu, datierte auch eine Urkunde nach dem aufständischen Konrad * und unterwarf sich 1096 in Frankreich Papst Urban II.2 Zahlreich sind seine Schenkungen von bischöflichen Eigenkirchen an die bistumseigenen Klöster, mit Energie wahrte er durch sein Vorgehen gegen Vasallen und Adel den Frieden in seinem Sprengel. Mit dem Abmarsch Heinrichs IV. nach Italien waren die Kämpfe im Reich abgeklungen, und auch als der Kaiser 1097 zurückkehrte, blieb es ruhig. Welf IV. von Bayern hatte sich mit Heinrich ausgesöhnt, auch in Schwaben war ein Ausgleich gefunden worden. Überall in Süddeutschland war der Kaiser anerkannt und so die Gefahr behoben, daß die nach wie vor in Feindschaft verharrenden Sachsen sich über Franken mit den Süddeutschen zu verbinden suchten. Daß Teile der ersten Kreuzfahrergruppen in dieser Zeit ihren Weg vom Rhein durch Ostfranken nahmen,3 blieb für dieses Gebiet nur Episode. Im Jahre 1099 verkündete der Kaiser in Bamberg einen Landfrieden, wenn auch ohne nennnenswerten Erfolg, wie Frutolf vermerkt,4 und bei Sedisvakanzen konnte er überall Männer seines Vertrauens einsetzen. In Bamberg folgte 1102 auf Rupert des Königs Kanzler Otto;5 in Würzburg erhielt 1105 Erlung, ein Neffe Meinhards und Nachfolger Ottos im Kanzleramt, auf dessen Fürspräche das Bischofsamt.6 In Eichstätt war 1099 Eberhard ernannt worden,7 der als Enkel Ottos von Schweinfurt seinem Bistum die schweinfurtischen Eigengüter im Nordgau einbrachte.8 Oer politisch-militärische Besitz Frankens konnte als gesichert gelten, doch waren die kirchlichen Verhältnisse keineswegs stabilisiert. Keiner der neuen Bischöfe erhielt die Weihe, zumal Erzbischof Ruthard von Mainz, der 1099 zur Opposition übergetreten war,’ sich weigerte, sie vorzunehmen. Schon 1105 begannen für Franken durch den Aufstand Heinrichs V. neue Wirren; denn der junge König stützte sich auf die neuerdings in Bayern entstandene Opposition und suchte auch Sachsen für sich zu gewinnen. Franken, vor allem Würzburg, wurde ein weiteres Mal Streitobjekt zwischen dem Kaiser und seinen Gegnern. Das Überraschungsmoment brachte anfangs Heinrich V. Erfolge. Nach seiner Anerkennung in Sachsen konnte er im Sommer 1105 Würzburg cinnehmen, Bischof Erlung vertreiben und mit Rupert einen Mann seiner Wahl einsetzen.10 Im August mußte dieser, da der Kaiser die Stadt zurückcrobcrtc, wieder Erlung weichen; doch im Oktober war Heinrich V. erneut Herr der Stadt und führte Rupert zurück. Erlung verzichtete und trat in die Kapelle Heinrichs V. ein, erhielt aber schließlich doch nach Ruperts Tod 1106 das Bistum übertragen.’1 Wie Erlung müssen auch Otto von Bam* ÜBLE II nr. 84. 2 Bernold, Chronicon, hg. v. G. H. Pertz (MG SS j) 1844, 464. 3 Frutolfi, Chron. zu 1096 (s. u. 134 Anm. 1). 4 Meyer v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) V 66; v. Guttenberg, Reg. 583. 5 G. Juritsch, Gesch. d. Bischofs Otto I. v. Bamberg, 1889; Looshorn II iff; v. Guttenbbrg I 135 ff; Kist 32 ff; D. Ander-

s

Die Biographien Ottos v. Bamberg, Diss. Freiburg 1950. 6 Wendehorst I 126 ff. 7 Heidingsfelder 91 ff 8 Ebd. 97 nr. 297. ’ Meyer v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) V 28 ff 10 Ebd. V 231 ff; Wendehorst I 124 f. 11 Kaiserchronik (s. u. 134 Anm. 1) zu 1105. nacht,

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berg und Eberhard von Eichstätt sich noch 1105, spätestens auf dem Hoftag in Mainz zu Heinrich V. bekannt haben.1 Beide wurden zusammen mit anderen Bischöfen und Laienfürsten - Otto als Vertreter Frankens, Eberhard als geistlicher Repräsentant Bayerns - als Gesandte an Papst Paschal II. bestimmt, um diesen zu einem Besuch Deutschlands einzuladen.12 Die Gesandtschaft gelangte nicht ans Ziel, weil sie in Trient in Gefangenschaft eines Grafen Adalbert, eines Vasallen Ottos, gerieten. Nur Otto konnte seine Reise fortsetzen; in Anagni weihte ihn Paschal zum Bischof.3 Der Tod des Kaisers, Heinrichs V. scheinbar reformfreundliche Politik und die Aussöhnung mit den Gegnern Heinrichs IV. führten zu weitgehender Normalisierung der Verhältnisse. Bischof Erlung diente dem König als Gesandter beim Papst in der Investiturfrage (1107), nahm ebensowenig wie die anderen deutschen Bischöfe am Konzil zu Troyes teil und wurde deshalb zusammen mit Eberhard von Eichstätt suspendiert,4 weilte auch in den nächsten Jahren häufig am Hof, nahm am Polenfeldzug und am Romzug 1110/11 teil, und den 1109 verurteilten Pfalzgrafen Siegfried von Lothringen übergab der König ihm zum Gewahrsam. Eberhard von Eichstätt war ebenfalls oft in der Umgebung des Königs und beteiligte sich auch am Ungamkrieg 1108. Daran nahm auch Otto von Bamberg teil, ebenso an dem Romzug, doch war er sonst weniger in der allgemeinen Reichspolitik tätig als seine benachbarten Mitbischöfe. Er widmete sich in erster Linie den Angelegenheiten seines Bistums und gründete zahlreiche Klöster, sowohl innerhalb des Bamberger Sprengeis wie auf den anderweitigen bambergischen Besitzungen, und besetzte sie mit Reformern. Seine Haltung war Zweifellos stark von religiösen Motiven geprägt; sie befähigte ihn auch zu einer gewissen Vermittlerrolle zwischen dem Papst und dem König, solange dieser ehrlich um eine Lösung der anstehenden Fragen zwischen Rom und dem Reich bemüht schien; an dem Vertrag von Ponte Mammolo hat Otto offensichtlich keinen Anstoß genommen.5 Dieser Vertrag war dazu gedacht, die Stellung des Königs durch die ausdrückliche Bestätigung seiner Investiturrechte zu festigen.6 Die Verwerfung des Privilegs durch die Lateransynode von 1112 und die Exkommunikation des Kaisers durch den päpstliehen Legaten Kuno von Preneste und Erzbischof Guido von Vienne7 erneuerten den früheren Konflikt und nährten auch eine neue Fürstenopposition. Erzbischof Adalbert von Mainz, von Heinrich V. ernannt und 1111 mit Ring und Stab investiert,“ geriet schon 1112 aus nicht erkennbaren Gründen mit dem Herrscher in Konflikt und wurde gefangengesetzt; er blieb auch nach seiner Freilassung Führer der antiköniglichen Opposition. Durch eine geschickte Klosterpolitik,’ durch Neugründungen vor allem 1 Meyer v. Knonau V 248 f.; Heidingsfel93 f. nr. 276. 2 Ekkehard v. Aura, Chron. zu 1106(s. u. 135 Anm. 3). 3 J Αϊτέ V 247 ff. nr. 131. 4 Heidingsfelder 94 f. nr. 282; nur Otto von Bamberg war nicht betroffen, Meyer v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) VI 52. 5 Vgl. dazu u. 137 u. 142. 6 GGI 355 ffder

7 Meyer v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) VI 231 ff. ’ Wie die Kaiserchronik zu diesem Jahr ausdrücklich hervorhebt. ’ L. Faick, Klosterfreiheit u. Klosterschutz. Die Klosterpolitik d. Mainzer Erzbischöfe v. Adalbert I. bis Heinrich I. (1100-1153) (AMK 8) 1956, 21 ff.; H. Grüneisen, Die KlosterPolitik d. Erzbischöfe v. Mainz bis ins 13. Jh. (Nass. Ann. 68) 1957, 300 ff.

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von Zisterzienserklöstem, die infolge Verzichts auf Exemtion die bischöfliche Gewalt nicht schmälerten, festigte er ebenso seine Macht im Erzstift wie durch die Anlage von Burgen, unter denen namentlich Aschaffenburg erwähnt wird.1 Die veränderte kirchenpolitische Lage beeinflußte am stärksten wiederum Würzburg. Bischof Erlung blieb zunächst dem König treu, als dieser 1115 gegen die erneut offen opponierenden nordwestdeutschen und sächsischen Fürsten ins Feld zog, ließ sich aber im Jahre 1116 doch von den in Köln versammelten Gegnern Heinrichs, die er im Auftrag des Herrschers aufgesucht hatte, von der Unrechtmäßigkeit seiner kirchlichen Haltung überzeugen. Er leistete Buße, verweigerte den Umgang mit dem gebannten Kaiser und trat schließlich offen zu den Gegnern über? Offensichtlich war der Parteiwechsel Erlungs der Anlaß dazu, daß Heinrich V. jetzt die Staufer, seine Vettern, verstärkt in Franken Fuß fassen ließ. Sie hatten bereits zu Anfang des Jahrhunderts das Erbe der Grafen von Rothenburg angetreten,123 nun erhielt Konrad von Staufen eine Würde, die erst jetzt deutlichere Formen annahm. Ekkehard von Aura berichtet zum Jahre 1116, daß Heinrich V. dem Würzburger Bischof zur Strafe für seinen Übertritt den ducatum orientalis Franciae, qui Wirziburgensi episcopio antiqua regum concessione competebat, entzogen und ihn Konrad übertragen habe. Die Institution des ducatus orientalis Franciae, die erstmalig so genannt wird und als eine vom König übertragene und verleihbare Würde bezeichnet wird, ist in ihrem Inhalt und Umfang zu diesem Zeitpunkt schwer zu bestimmen.4 Sicher handelt es sich nicht um ein Herzogtum im Sinne des Stammesherzogtums; sein Inhalt erschließt sich am ehesten aus einer Stelle bei Adam von Bremen, der als Ostfranke aus sicher zutreffender Kenntnis berichtet.5 Es ist offensichtlich eine Würde, die zunächst weniger ausdrücklich verliehen als gewohnheitsrechdich erwachsen ist aus der Verfügung über die ursprünglich königlichen Grafschaften, die die Bischöfe von Würzburg seit dem Pontifikat Heinrichs erhalten hatten. Diese zunächst je einzelnen Grafenrechte, zu denen auch die Forst- und Wildbannrechte zu zählen sind, müssen im Laufe des elften Jahrhunderts im Verständnis auch des Königs zu einem komplexen Recht im Sinne einer vom König delegierten Regierungsgewalt geworden sein, die 1116 dem Bischof entzogen und Konrad übertragen wurde? Nach der Aus1 Ekkehard v. Aura,Chron.zu 1122 (s.u. 135 Anm. 3); Meyer v. Knonau VII 203 m. Anm. 17 (s. o. 65 Anm. 1); K. Dinklage, Burg u. Stadt Aschaffenburg (Aschaff. Jb. 4) 1957. 5! ff 2 Wendehorst I 128 f. 3 K. Bosl, Rothenburg im Stauferstaat (Neujahrsbll. 20) 1947. 4 Mayer, Fürsten 280 ff; Ders., Die Würzburger Herzogsurkunde v. 1168 u. d. österreich. Privilegium minus (Aus Gesch. u. Landeskunde, Festschr. F. Steinbach) 1960, 247 bis 277; H. Werle, Titelherzogtum u. Herzogsherrschaft (ZRG 73) 1956, 225-299; Zimmermann (s. o. 46) Ansätze, bes. 391 ff. - Die u 13/14 entstandene Kaiserchronik behauptet

allerdings zum Jahr 1014, daß die Würde des Ernestus dux orientalis Franciae damals schon dem Bischof von Würzburg übertragen worden sei; E. v. Aura dürfte sich bei seiner Nachricht (antiqua regum concessione) auf die Stelle der Kaiserchronik beziehen. 5 Solus erat Wirziburgensis episcopus, qui dicitur in episcopatu suo neminem habere consortem, ipse cum teneat omnes comitatus suae parochiae ducatum etiam provintiae gubemat episcopus (Magistri Adam Bremensis gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, ed. B. Schmeidler, MGH SS rer. Germ., 1917, 188). 6 Mater, Fürsten 283.

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söhnung Heinrichs V. mitErlung (1119) wurde diese Würde an den Bischof zurückgegeben, erstmalig auch rechtsverbindlich in einer Urkunde umschrieben als dignitas iudiciaria in tota orientali Francia.1 Die Staufer verloren aber ihre Stellung in Franken damit dennoch nicht und nutzten sie bald für ihre eigenen Interessen. Es hat den Anschein, daß sie schon damals eine beherrschende Position in Franken anstrebten; denn während Konrad in den östlichen Mainlanden Fuß faßte, kämpfte sein Bruder Friedrieh gegen den Erzbischof von Mainz, gedeckt durch dessen Feindschaft gegen den Kaiser. Nach der Rückgabe der dignitas iudiciaria an Würzburg behielt Konrad nicht nur den Reichsgutkomplex Nürnberg,12*gemeinsam mit seinem Bruder hatte er auch in Würzburg bereits soviel an Einfluß gewonnen, daß es nach dem Tod Erlungs hier zu einer Doppelwahl kam, bei der Heinrich V. Gebhard von Henneberg ernannte,’ die Staufer aber den von einem Teil des Klerus und des Volks von Würzburg gewählten Rugger unterstützten.4 Allerdings konnte Rugger sich bis zu seinem Tod am 23. August 1125 nur in dem alemannischen Teil des Würzburger Sprengeis halten. Während dieser Zeit war Franken und besonders Würzburg Schauplatz allgemein wichtiger Ereignisse. Schon 1118, während der Kaiser in Italien weilte, hatten seine fürstlichen Gegner einen gemeinsamen Tag in Würzburg beschlossen, auf dem der Kaiser sich verantworten und alle Beschwerden abstellen oder aber im Falle seiner Abwesenheit abgesetzt werden sollte.5 Heinrich verhinderte durch schnelle Rückkehr und Aussöhnung mit Erlung zwar das Vorhaben, aber er sah sich im nächsten Jahr doch gezwungen, mit seinen deutschen Gegnern und Papst Calixt II. zugleich Verbindung aufzunehmen. Je zwölf Fürsten aus beiden Parteien beschlossen 1121 für den 29. September in Würzburg einen allgemeinen Fürstentag, auf dem über den Frieden und die Wiederherstellung der Einheit von geistlicher und königlicher Gewalt verhandelt werden sollte. Die Fürsten erzielten auch eine beschworene Einigung, die zugleich eine Aussöhnung zwischen Calixt und Heinrich vorsah.6 An dieser Versammlung nahm auch Otto von Bamberg teil; in den vergangenen Jahren hatte er Neutralität zu wahren gesucht und es 1118 sogar um seiner Neutralität willen in Kauf genommen, daß die päpstliche Partei ihn von seinem Amt, wenn auch wirkungslos suspendierte.7 Nun aber wurde er zusammen mit Herzog Heinrich von Bayern und dem Grafen Berengar von Sulzbach beauftragt, die in Regensburg versammelten bayerischen Großen, die an dem Würzburger Tag nicht hatten teilnehmen können, über die Beschlüsse zu unterrichten.6 Ungeachtet des Würzburger Schismas sollte im nächsten Jahr am 1. August 1122 ein weiterer Hoftag in Würzburg stattfinden. Eine Gesandtschaft des Kaisers hatte 1 K. F. Stumpf, Die Reichskanzler d. 10., 11. u. 12.Jhs., Innsbruck 1865/83, 3164. 2 Vgl. u. 72. ’ Wendehorst 1132 ff. 4 Ekkehard v. Aura, Chron. zu 1122 (s. u. 13 5 Anm. 3); Wbndehorst I 136 ff; Schmale, Würzburg 660. Rugger scheint mit den von den Staufern beerbten Grafen von Rothenbürg verwandt gewesen zu sein.

5 E. v.Aura, Chron. zu 1119 (s. u. 135 Anm. · 3) 6 Meyeh v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) VII 171 ff. 7 Ebd. Vn 81. 6 E. v. Aura, Chron. zu 1121.

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dem Papst die Bereitschaft zu einem Ausgleich mitgeteilt und war zusammen mit drei Kardinalen nach Deutschland zurückgekehrt, die die endgültige Beilegung des Streites mit dem Kaiser aushandeln sollten. Obgleich ein Teil der Fürsten sich rechtzeitig einfand, trat die Versammlung nicht zusammen. Es kam statt dessen zu kriegerischen Auseinandersetzungen, da Bischof Gebhard und seine Anhänger einen Teil der Teilnehmer als Reichsfeinde überfiel. Die Überfallenen unter Führung von Erzbischof Adalbert gedachten Würzburg überhaupt zu erobern und Rugger endgültig zu inthronisieren, sie begnügten sich dann aber damit, Rugger in Münsterschwarzach zu weihen.1 Otto von Bamberg hatte sich an diesen Vorgängen nicht beteiligt und zog sich neuerdings eine Rüge zu. Nur Adalberts von Mainz Eintreten verhinderte seine Suspension, die andere Teilnehmer der Weihehandlung schon gefordert hatten. Schließlich fanden die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen seit dem 8. September auf einer Synode in Worms und in dem am 23. September des Jahres bei Worms geschlossenen Konkordat ihr formales Ende. Schon am 19. November hielt der Kaiser in Bamberg einen Hoftag ab, auf dem auch die in Worms nicht anwesenden Fürsten ihre Zustimmung zu den Abmachungen gaben. Zugleich wurde hier bei der Einsetzung Udalrichs, des Nachfolgers Erlolfs von Fulda, erstmalig ein Reichsabt nach den neuen Formen mit den Regalien investiert.1 2* Dennoch brachte das Konkordat von Worms weder dem Reich noch Franken echten Frieden. Herzog Lothar von Sachsen machte nach wie vor mit Erfolg Heinrieh V. die königlichen Rechte in Sachsen streitig, auch auf dem sonst gutbesuchten Hoftag, der Anfang Mai 1124 in Bamberg stattfand, erschien er nicht, so daß der Kaiser einen Feldzug gegen den Herzog ankündigte.2 Heinrich hielt sich bereits seit längerem in Bamberg auf; sein Argwohn gegenüber Ottos Zurückhaltung war von neuem entfacht worden, und Otto suchte dem mit zusätzlichem Aufwand über die schuldigen Servitien hinaus zu begegnen.4 Auch in Würzburg blieben die Verhältnisse ungeklärt. Selbst nach dem Tod Ruggers (26. August 1125), als Erzbischof Adalbert wegen der Gefahren, die sich aus der Wahl eines anderen zu ergeben drohten, mit Gebhard sympathisierte, bemühte sich dieser vergeblich um eine kanonische Anerkennung.5 Der päpstliche Legat forderte den Klerus von Würzburg schließlich kurzerhand zur Neuwahl auf und belegte Gebhard mit dem Bann. Ein Versuch, den neuen König Lothar zu bestechen, fruchtete nichts; auch Lothar ordnete eine Neuwähl an. Sie fiel auf seinen Kanzler Embricho, Propst des Erfurter Marienstifts,6 gleichzeitig verzichtete Gebhard endgültig auf seine Ansprüche. 1 Meyer v. Knonau (s. o. 65 Anm. 1) VII 199 ff· 2Ebd. VII 217 f. 2 Ebd. VII 265 f.

4 E. v.Aura, Chron. zu 1124 (s. u. 135 Anm. 3)· 5 Wendehorst I 134 IT. 6 Ebd. 140 ff.

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Franken: B. I. Die politische Entwicklung 716/19-1257 §8. DAS STAUFISCHE JAHRHUNDERT IN FRANKEN

HB 1246; II 7 ff.; GG 1367-476; Stein1194-282; Π 336-350; F.-J. Schmale, LotharIII. u. Friedrieh I.als Könige u. Kaiser (VF 12) 1968,33-53; F. Hausmann, Die Anfänge d. staufischen Zeitalters unter Konrad III. (ebd.) 53-78.

a) Franken nach dem Investiturstreit. Die Wahl Embrichos zeigte, daß Würzburg auch in den Augen des neuen Königs eine Schlüsselstellung einnahm. Lothars eigene Wahl beruhte auf dem Bündnis mit Herzog Heinrich von Bayern;1 Franken war wieder das notwendige Verbindungsglied zwischen Nord und Süd. Überdies waren die Mainlande neben den mittelrheinischen und elsässischen Reichskirchen- und Reichsgutkomplexen das zentrale Gebiet in der Auseinandersetzung mit den Staufern, die sich weigerten, das neben dem eigentlich salischen Erbe in ihrem Besitz befindliche Reichsgut herauszugeben. Verhältnismäßig schnell konnte Lothar sich Würzburgs bemächtigen, aber Nürnberg belagerte er im Sommer 1127 vergeblich. Ein Versuch Konrads, Bamberg zu nehmen, schlug dagegen fehl; nichtsdestoweniger ließ dieser sich am 17. Dezember 1127 in Nürnberg zum König auszurufen. Dennoch reichte die staufische Macht in Franken nicht aus, eine grundsätzliche Wendung herbeizuführen. Schon im Frühjahr 1128 ging Konrad nach Italien; Lothar konnte sich anderen Aufgaben, vor allem in Niederlothringen zuwenden. Wenig später war der Höhepunkt des staufischen Widerstandes überschritten. Anfang 1130 fiel Speyer, das Friedrich von Staufen vorübergehend besetzt hatte, Nürnberg wurde von Herzog Heinrich von Bayern eingeschlossen. Das Osterfest feierte der König in Bamberg, im Oktober 1130 hielt er in Würzburg einen Hoftag, um die gleiche Zeit fiel auch Nürnberg. Die Staufer erklärten sich zwar noch immer nicht für besiegt, aber in Franken ruhte jetzt der Kampf. Häufig hielt Lothar sich hier auf; der Aufbruch zum Romzug im August 1132 erfolgte von Würzburg aus, im September 1133, an Mariä Himmelfahrt 1134 und im August 1136 war er erneut in der Stadt. Bamberg besuchte er 113 2 im Februar, 1135 im März, in Fulda weilte er 1132 im Mai und 1134 im November.1 2 In Bamberg unterwarf sich auch 1135 Friedrich von Staufen und fand die Gnade des Herrschers, der ihm alle Besitzungen und Ämter ließ.3 Lothars Itinerar führte in einer Gleichmäßigkeit, die an die Verhältnisse unter den Ottonen erinnert, durch das gesamte Reich und berührte in auffälliger Häufigkeit besonders Ostfranken.4 Franken hat offenbar in der politischen Konzeption Lothars einen wichtigen Platz eingenommen. Das kann man jedenfalls aus seiner Absicht schließen, Herzog Heinrich dem Stolzen von Bayern auch das Herzogtum Sachsen zu übertragen, sowie aus der Übergabe der Reichsinsignien, die Heinrich als den gewünschten Nachfolger auf dem Königsthron bezeichnete.5 In der Hand eines Herr­ 1 HB I 255. 2 Bayer. Geschichtsatlas 17 c. 3 Im einzelnen W. Bernhardi, Lothar v. Supplinburg (Jbb. d. Deutschen Gesch.) 1879, passim.

4 Th. Mayer, Das deutsche Königtum u. sein Wirkungsbereich (Ges. Aufsätze) 1963, 28-44, bes. 33 ff. 5 Mit dem 1130 eroberten Nürnberg wurde Heinrich der Stolze belehnt; vgl. HB I 256 f.

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schers, der sich in Personalunion auf zwei, in der Entwicklung zur Territorialität befindliche Herzogtümer hätte stützen können, würde eine die Herzogtümer verbindende Königsprovinz Ostfranken dem Königtum eine neue Machtgrundlage gegeben haben. Nach Lothars Tod führte die schnelle Aktion des Staufers Konrad diesen statt Heinrich den Stolzen zum Königtum;’ offenbare Möglichkeiten waren durch mangelnde institutionelle Sicherung des Reiches mit einem Schlage dahin. Die unverminderte Inanspruchnahme Frankens als Reichsland, bei der die Bistümer die Hauptlast trugen, verhinderte indessen nicht eine gewisse Differenzierung, zu der auch neue Kräfte und Tendenzen beitrugen, die nach dem Investiturstreit deutlicher hervortraten. Die Bedeutung Würzburgs für den König sowohl wie dessen Gegner behinderten ohne Zweifel den inneren Ausbau des Bistums,2 wie er zur gleichen Zeit in Bamberg dank seiner Randlage und der u. a. auch dadurch erst ermöglichten Neutralitätspolitik Bischofs Otto zu beobachten ist. Aufenthalte des Königs trafen Würzburg weitaus häufiger, und entsprechend stärker wurden die würzburgischen Mittel in Anspruch genommen. Während die beiden ersten Salier und zunächst auch Heinrich IV. Bamberg häufiger besucht hatten als Würzburg, verschob sich danach das Verhältnis zuungunsten Würzburgs. Vom Regierungsantritt Heinrichs V. bis zum Ende Konrads III. stehen 34 Aufenthalten inWürzburg nur 17 in Bamberg gegenüber.3 Den zahlreichen Gründungen von bambergischen Eigenklöstern in der Zeit Ottos I.4 hat das an sich keineswegs arme Würzburg nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen. In einer schwierigen und oft verworrenen Zeit für Würzburg konnte Otto von Bamberg, der durch seinen früheren Aufenthalt in Polen dafür bcstens vorbereitet war, außerdem zweimal auf erfolgreiche Missionsreisen zu den von Polen besiegten und zur Annahme des Christentums verpflichteten Pommern gehen; das erste Mal gewissermaßen privat (1123/24), das zweite Mal zugleich im Auftrag Lothars III. Er legte so den Grund für die Eindeutschung Pommerns, dessen Kirche auch über Ottos Tod hinaus noch lange von Bamberg betreut und mit liturgischen Geräten und Handschriften ausgestattet wurde.5 Das dritte der fränkischen Bistümer, Eichstätt, besaß nach wie vor die geringste Bedeutung für die Reichspolitik, wenn auch seine Bischöfe niemals zu den Feinden des Königs zählten und ziemlich regelmäßig in dessen Umgebung zu finden waren. Neben den Bistümern und Fulda, das trotz seines umfangreichen Besitzes, vor allem auch in Franken, kaum politische Aktivität entfaltete, gewannen einige Gründüngen des noch jungen Zisterzienserordens ein Gewicht, das keines der älteren Klö­ ’ Ottonis episcopi Frisingensis et Rahewini Gesta Frederici seu rectius Cronica, hg. v. -J. Schmale (Ausgew. Quellen z. deutschen F. Gesch. d. MA, Freiherr vom Stein Gedächtnisausg. 17) 1965, I 23. 2 K. Bosl, Würzburg als Reichsbistum. Verfassungsgeschichtl. Grundlagen d. staufisehen Reichskirchenregiments (Aus Verfassungs- u. Landesgesch., Festschr. Th. Mayer I) 1954, 161-181.

3 Bayer. Geschichtsatlas 17 c; vgl. auch K. Bosl, Würzburg als Pfalzort (JffL 19) 1959, 36; F. Geldner, Das Hochstift Bamberg in d. Reichspolitik v. Kaiser Heinrich II. bis Kaiser Friedrich Barbarossa (HJb. 83) 1963, 28-42. 4 S. u. 143. 5 W. Berges, Reform d. Ostmission im 12. Jh. (Wichmann-Jb. 9/10) 1955/56, 31-44 u. o. 67 Anm. 5 genannte Lit.

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ster erreichte. Unter den drei fast gleichzeitigen Gründungen Langheim (Bamberg),1 Heilsbronn (in der Diözese Eichstätt, aber auf bambergischem Besitz)12 und Ebrach (Würzburg) trat besonders die letzte hervor. An der Errichtung Ebrachs war neben Embricho von Würzburg auch Gertrud, die Gemahlin des Staufers Konrad beteiligt, und die Staufer haben Ebrach gewissermaßen als ihr ostfränkisches Hauskloster betrachtet.3Ebrach wuchs schnell und konnte insgesamt sieben Tochterklöster gründen, über die der Organisation des Ordens entsprechend das Mutterkloster das Visitationsrecht und entsprechenden Einfluß behielt. Ebrachs erster Abt Adam (1139-1166) war ein persönlicher Schüler Bernhards von Clairvaux und besaß ein enges VertrauensVerhältnis zu den Staufem. Ebrach wurde ein geistlicher Stützpunkt staufischer Interessen in Franken, Abt Adam einer der wichtigsten Parteigänger Barbarossas, dem er auch im alexandrinischen Schisma die Treue hielt.4 Es mag auch an den allmählich wieder reicher fließenden Quellen liegen, wenn auch der Adel wieder in zunehmenden Maße in Erscheinung tritt. Im Raum des Grabfeldes nahm die Herrschaft der Grafen von Henneberg deutlichere Umrisse an; seit langem waren in dem Geschlecht das Burggrafenamt und die Hochstiftsvogtei von Würzbürg erblich.5 Mit Gebhard, dem Bruder des Burggrafen Poppo und seines Nachfolgers Burchard, wurde 1122 erstmals seit Poppo I. und Poppo II. ein Angehöriger dieser Familie und damit des im Hochstift ansässigen Adels Bischof der Mainmetropole. Trotz seiner erzwungenen Resignation konnte er 1150-1159 den Bischofsitz noch einmal und jetzt legitim einnehmen.6 In Mainz gewann mit dem Grafen Arnold von Loon ebenfalls der Burggraf und Hochstiftsvogt wachsende Bedeutung; die Nachkommen, die Grafen von Rieneck, begannen mit Hilfe dieser Ämter ein Territorium aufzubauen, das sich vor allem nach Osten über den Aschaffenburger Spcssartforst erstreckte.7 Auch in Eichstätt bestieg mit dem 1125 gewählten Bischof Gebhard II. (j1149 ‫ )־‬ein Angehöriger der Familie des Hochstiftsvogtes, der Grafen von Kreglingen-Hirschberg, den Bischofsstuhl.8 Daneben treten weitere Grafen auf, die zwar in agnatischer Linie bald wieder ausstarben, an deren Stelle aber andere als Erben nachrückten. Ihre Titel rührten kaum aus königlichen Grafschaften, sondern aus gewöhnheitsrechtlich wahrgenommenen grafenähnlichen Rechten verschiedensten UrSprungs: die Grafen von Abenberg, die von Höchstadt, von denen Hermann von 1 F. Geldner, Besitz u. wirtschaftl. Entwicklung d. ehern. Cistercienserabtei Langheim bis z. Ausgang d. 14. Jhs. (JffL 5) 1939, 18-72; Ders., Das älteste Urbar d. Cistercienserklosters Langheim, 1952. 2 A. Heidacher, Die Entstehungs- u. Wirtschaftsgesch. d. Klosters Heilsbronn, 1955; Schuhmann-Hirschmann, Urkundenregesten d. Zisterzienserklosters Heilsbronn I (VGffG 3. 3) 1957; Μ. F. Fischer, Das ehern. Zisterzionserkloster Heilsbronn bei Ansbach, Baugesch. 1132-1184 (JffL 24) 1964, 21-109. 3 F. X. Wegele, Monumenta Ebracensia, 1863; H. Zeiss, Reichsunmittelbarkeit u. Schutzverhältnisse d. Zisterzienserabtei Ebrach

(BHVB 8) 1928; F. Geldner, Abt Adam v. Ebrach, d. staufische Königshaus u. d. hl. Bernhard v. Clairvaux (JffL 11/12) 1953,53-66; H. Weiss, Die Zisterzienserabtei Ebrach (Quellen u. Forsch, z. Agrargesch. 8) 1962. 4 W. Ohnsorge, Eine Ebracher Briefsanimlung d. 12. Jhs. (QFIAB 20) 1928/29, 1-39. 5 S. o. 53. Nach Wendehorst I 60, 120 soll das 1091 erstmals belegte Burggrafenamt der Henneberger erst unter Heinrich IV. in deren Hände gekommen sein; dagegen Schmale, Würzburg 656. 6 Wendehorst I 132 ff., 155 ff. 7 Schecher (s. o. 47 Anm. 14) 42 ff. 8 Heidingsfelder 103 ff. nr. 324.

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Stahleck, der Schwager Konrads und Friedrichs von Staufen abstammte, den Konrad III. zum Pfalzgrafen bei Rhein ernannte, oder die mit Konrad verschwägerten Grafen von Sulzbach.1 An Bedeutung übertroffen wurden sie von den Staufern. Zum Jahre 1108 ist letztmals ein Graf von Rothenburg ernannt, in dessen Besitz - dazu gehörte auch Heidingsfeld vor den Toren Würzburgs - sich später die Staufer finden, für die Rothenburg einer der Schwerpunkte ihrer fränkischen Stellung blieb;12 andere Komplexe mögen salisch-allodialer Herkunft sein, wie das vielfach behauptet, aber nicht im einzelnen zu beweisen ist. In der Hauptsache beruhte aber die staufische Macht auf Belehnung mit Reichsgut. Einzelheiten sind auch hierüber kaum bekannt; man kann nur vermuten, daß mit der Übertragung des 1116 Bischof Erlung entzogenen «Dukats» auch die Belehnung mit fast dem gesamten in Ostfranken noch unmittelbar in der Hand des Königs befindlichen Reichsgut verbunden war, das den Staufern auch verblieb, als der Dukat selbst 1120 an Erlung zurückgegeben wurde. Mittelpunkt dieses Reichsgutes war der unter den Saliern ausgebaute Königshof Nürnberg. Dieser Besitz war die Basis zu weiteren Erwerbungen unter Konrad und Friedrich Barbarossa, zu denen auch die Güter und Lehen der sulzbachischen Verwandtschaft im Hochstift Bamberg einen Ansatz boten. Mit den Staufern erlangte erstmals wieder ein einzelnes Adelsgeschlecht die mächtigste Stellung in Franken überhaupt. Die Staufer haben die Situation in Franken jedenfalls entscheidend verändert; einer der Hauptbetroffenen war das Hochstift Würzburg. Neben den geistlichen Institutionen und dem wiedererstarkenden Adel wurden in Ansätzen noch andere Kräfte sichtbar, die sich zwar nicht unbedingt und überall durchsetzten, aber doch die weiteren Geschehnisse beeinflußten. Es sind Angehörige von sozialen Schichten unterhalb des Adels, vielfach vielleicht auch schon unterhalb der Freien überhaupt, die von Hause aus nicht zu politischem Handeln berechtigt waren, in dem vorhergehenden Jahrhundert aber einen sozialen Aufstieg erlebt haben müssen, der sie zu Beginn des zwölften Jahrhunderts unübersehbar und unübergehbar machte. Wenn in den Quellen von Vasallen und Milites der Großen die Rede ist, mag es sich zum Teil um freie Vasallen handeln, oft aber sind eindeutig Ministerialen gemeint. In dem zu 1061/62 überlieferten, aber älteren Bamberger Ministerialenrecht kennzeichnen einzelne Bestimmungen noch die unfreie Herkunft der Ministerialen; insgesamt wird dieser Gruppe aber doch persönliche Rechtsfähigkeit im Rahmen einer Abhängigkeit zugesprochen, die sich bereits völlig in lehenrechtlichen, im Bewußtsein der Zeit also nicht unbedingt unfreien Formen darstellt. Die Vererbbarkeit von Lehen wird als das Normale angenommen.3 Bambergische Ministerialen waren es auch, die 1132 den Grundstock für die Ausstattung der Zisterze Langheim schenkten.4Zu diesen neuen Kräften gehörten in einem ähnlichen Sinne wie die Ministerialen 1 S. u. 103 ff. 2 Bost (s. o. 69 Anm. 3); H. SchreibMüller, Herzog Friedrich IV. v. Schwaben u. Rothenburg (1145-1167) (ZBLG 18) 1955, 213-242. 3 v. Guttenberg 299 ff.; Ders., Reg. 155 f. nr. 329; vgl. auch K. Bosl, Das ius ministeria-

lium, Dienstrecht u. Lehnrecht im deutschen MA (VF 5) 1960, 51-94. 4 Vgl. auch Beck-Büttner, Die Bistümer Würzburg u. Bamberg in ihrer polit, u. wirtschaftl. Bedeutung f. d. Gesch. d. deutschen Ostens (Stud. u. Vorarb. z. GP 33) 1937, 275; s. o. 74 Anm. 11.

6‫ך‬

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auch die Bürger, beziehungsweise die Stadt als ihre politische Institution und Organisationsform. Eine Stadtrechtsverleihung, wie sie Mainz 1122 von Erzbischof Adalbert erhielt, gibt es im östlichen Franken in dieser Zeit zwar nicht, aber grundsätzliche Parallelen lassen sich doch insofern ziehen, als auch in Würzburg ein wachsendes Selbstbewußtsein der Stadtbewohner zu beobachten ist. Ähnlich wie in Speyer oder Worms griffen die Bürger von Würzburg zugunsten des Königs gegen dessen Gegner und ihren eigenen legitimen Bischof zu den Waffen. In den Kämpfen zwischen König Lothar und den Staufern sind in dem um vieles jüngeren Nürnberg die gleichen Verhältnisse zu erkennen.

b) Vom Regierungsantritt Konrads III. bis zum Tode Heinrichs VI. Nach dem Tod Lothars ergriff Konrad von Staufen die Gelegenheit, seinen Wunsch nach dem Königtum, den er in der Erhebung von 1127 zum Ausdruck gebracht hatte, zu verwirklichen. Noch bevor die ordentliche Wahlversammlung zusammengetreten war, die die Fürsten für Pfingsten (22. Mai) nach Mainz einberufen hatten, ließ Konrad sich in Eile und Heimlichkeit durch Erzbischof Albero von Trier, den erwählten Erzbischof von Köln und durch einige wenige lothringische Fürsten unter Mitwirkung des päpstlichen Legaten Dietwin in Koblenz (7. März) zum König wählen und in Aachen krönen (13. März). Dem einmal Gewählten schlossen sich im Verlauf weniger Wochen fast alle Fürsten an. Auf einem Tag in Regensburg erreichte der König, daß Herzog Heinrich ihm die Reichsinsignien auslieferte, wahrscheinlich gegen Zusage der bisherigen Lehen. Abschließend sollte diese Frage, nach der offensichtlich berechtigten Hoffnung Heinrichs doch wohl positiv für den Bayemherzog, auf einem Tag in Augsburg entschieden werden. Dennoch verweigerte der König die gleichzeitige Belehnung mit Sachsen und Nürnberg. Da Heinrich sich wehrte, wurde ihm auch Bayern abgesprochen.1 Jahrelange Kämpfe, die fast die gesamte Regierung Konrads beeinträchtigten, sind daraus erwachsen. Für Konrad war eine Entscheidung in dieser Frage ohne Nachteile unmöglich. Heinrich der Stolze wäre der mächtigste Mann im Reich gewesen, weit mächtiger als der König. Friedrich Barbarossa hat später eine ähnliche Konzeption, wie sie Konrad für unannehmbar hielt, zur Grundlage seiner Politik in Deutschland gemacht, aber trotz besserer Ausgangsbedingungen auch ihr Scheitern erleben müssen. Konrads Entschluß war daher verständlich. Das stark zusammengeschmolzene Reichsgut und das geringe Eigengut Konrads - große Teile des staufischen Hausguts in Schwaben, insgesamt aber geringer als der schwäbische Besitz der Welfen, befanden sich in der Hand des Bruders Friedrich - machte den Verzicht auf Nürnberg unmöglich. Während alle Kämpfe um Sachsen erfolglos blieben, gelang es Konrad, Nürnberg zurückzugewinnen und Franken zum Mittelpunkt der staufischen Herrschaft zu machen. Das war um so notwendiger, als Konrad kein Herzogtum in Personalunion zur Verfügung stand. Den belegten, oft wochenlangen Aufenthalten nach hat kein mittelalterlicher Herrscher häufiger in Franken geweilt, weder in bezug auf die Dauer der 1 HB I 2J7 f.

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Regierungszeit noch absolut. Zwei Schwerpunkte zeichnen sich dabei besonders ab: Würzburg mit 19 und Nürnberg mit neun Aufenthalten; Bamberg steht letztem nur wenig nach (acht Aufenthalte).1 Gleichzeitig besaß Konrad ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den Bischöfen. Die häufige Anwesenheit des Königs und das wachsende Gewicht des Reichslandes um Nürnberg wird dabei allerdings als zwingender Faktor zu berücksichtigen sein. Besonders eng gestalteten sich die Beziehungen zu Würzburg.1 2 Bischof Embricho hat bereits an dem ersten Hoftag Konrads (3. April) in Köln als einziger fränkischer Bischof teilgenommen; er wurde zum Vertrauten Konrads. 1141 reiste er nach Rom, um wegen eines Romzugs zu verhandeln, 1145/46 führte er an der Spitze einer Gesandtschaft Bertha von Sulzbach zu ihrer Heirat mit Kaiser Manuel. Er starb auf der Rückreise von Byzanz in Aquileja und wurde dort beigesetzt; in dem Propst des Würzburger Neumünsterstifts, Siegfried von Truhendingen, fand er einen Nachfolger (1146-1150), der das enge Verhältnis zum König fortsetzte.3 Auch Otto von Bamberg hatte sich bald nach der Wahl Konrad angeschlossen; Pfingsten 1138 fand bereits ein Reichstag in Bamberg statt. Gemeinsam mit dem Kardinallegaten Dietwin und Erzbischof Albero von Trier suchte Otto Konrad von Salzbürg für den neuen Herrscher zu gewinnen.4 Allerdings trat der Hochbetagte bis zu seinem baldigen Tod (30. Juni 1139) nicht mehr weiter hervor. Sein Nachfolger, der Bamberger Domdekan Egilbert (1139-1146), ist jedoch schon regelmäßig im Reichsdienst zu sehen und bereitet so gewissermaßen die Rolle seines Nachfolgers Eberhard vor.5 Trotz der starken Inanspruchnahme - die Ausgaben während der königlichen Aufenthalte beanspruchten die Finanzen des Bischofs derart, daß das Bistum später an den Rand des Ruins geriet6 - fand der in Frankreich gebildete und auch literarisch tätige Embricho Zeit für die inneren Angelegenheiten seines Bistums. Durch Gütertausch rundete er den Würzburger Besitz ab; durch Kloster- und Stiftsgründungen, die Zisterzienser und Prämonstratenser bevorzugten, sowie durch die Übertragung von Kirchen an schon bestehende Institute förderte er den kirchlichen Ausbau. Reiche synodale Tätigkeit und die Einteilung der Diözese in acht Diakonate und Landkapital begleiteten den materiellen Ausbau.7 Sein Nachfolger Siegfried (1146-1150) setzte seine Maßnahmen fort. Größere Erwerbungen sind den beiden Bischöfen jedoch nicht vergönnt gewesen, während Bamberg unter Bischof Egilbert das ansehnliche Erbe der Chuniza von Giech (Giech, Lichtenfels) in harter Auseinandersetzung mit derem ehemaligen Gatten Graf Poppo von Andechs (Plessenburg) gewann.8 Konrads III. Tod am 15. Februar 1152 brachte kaum Veränderung für Franken. In Würzburg war 1150 der früher abgesetzte Gebhard von Henneberg Bischof geworden; nachhaltig setzte er sich für die Wahl Friedrichs von Schwaben zum König ein, 1 Bayer. Geschichtsatlas 17c; Schreibmül(s. o. 7J Anm. 2) 216. 2 Wendehorst I 141 ff. 3 Ebd. 151 ff. 4 Jaffe V 529 f. nr. 33. 5 Looshorn II 369 ff.; Kist 38; NDB 4, 336 f. ler

6 S. u. 79 f. 7 Wendehorst I 145 ff. 8 LooshobnII 374 ff.; v. Guttenberg 122ff.; v. Guttenberg I 55; zur Erwerbung des Schweinfurter Eigenguts um Pottenstein noch unter Otto vgl. Guttenberg 158 f.; Neukam, Territorium (s. o. 58 Anm. 10) 11 f.

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der ebenfalls mit Vorliebe in Würzburg Hof hielt (neunzehnmal), wie sich umgekehrt Gebhard geradezu im Hofdienst verzehrte. Noch enger gestalteten sich die Beziehungen zwischen Friedrich und dem hochgebildeten Bamberger Bischof Eberhard II.;1 er überbrachte zusammen mit Abt Adam von Ebrach die Wahlanzeige Friedrichs nach Rom und wurde neben Rainald von Dassel zum wichtigsten Berater des Königs. Der in Abwesenheit Konrads III. gewählte Burchard von Eichstätt * wurde 1153 im Einvernehmen mit dem König durch päpstliche Legaten abgesetzt,1234sein Nachfolger Konrad I. (1153-1171) verdankte seine Promotion einer Wahl am Hof des Königs. Auch Erzbischof Heinrich von Mainz wurde 1153 durch die päpstlichen Legaten abgesetzt; Nachfolger wurde der königliche Kanzler Arnold von Selnhofen.5 Ebenso trat Friedrich hinsichtlich der weltlichen Besitzungen der Staufer und des Reiches in Franken als der Erbe seines Vorgängers auf. Nominell wurde der Sohn Konrads, Friedrich von Rothenburg, mit diesen Gütern ausgestattet, aber angesichts der Unmündigkeit besagte das nicht viel.6 Nach Friedrichs von Rothenburg Tod 1167 wurden diese Besitzungen überhaupt nicht mehr verliehen.7 Zwölf Aufenthalte Barbarossas in Nürnberg unterstreichen die Bedeutung dieses Besitzes. Schon 1152 wurde in Würzburg ein Romzug beschworen, weil Friedrich an der schnellen Gewinnung auch der Kaiserkrone lag. Doch begleitete ihn, als das Heer 1154 aufbrach, aus Franken nur Bischof Eberhard von Bamberg. Der geringe Zuzug und manche Vorgänge während des Königs Abwesenheit in Deutschland zeigten, daß dem äußeren Glanz noch die reale Grundlage fehlte. Als Friedrich 1155 zurückkehrte, galt es zunächst Frieden im Reich zu schaffen.8 Dazu gehörte auch das Verbot zu Unrecht erhobener Zölle auf dem Main, über die sich Bürger und Kaufleute der Städte am Main auf einem Hoftag in Würzburg (29. Oktober 1155)’ beschwerten. Die Beklagten müssen fränkische Herren und Herrschaften entlang des Flusses gewesen sein. Da sie einem Aufruf des Kaisers, Beweise für Zollverleihungen vorzulegen, nicht nachkamen, wurden am 6. April 1156 in Worms alle Mainzölle zwischen Bamberg und Mainz bis auf die nur zu bestimmten Zeiten zu erhebenden Zölle in Kloster Neustadt, Aschaffenburg und Frankfurt verboten; die fränkischen Großen, Gebhard von Würzbürg, Eberhard von Bamberg, Friedrich von Rothenburg, der Würzburger Burggraf Poppo von Henneberg und sein Bruder Berthold, sowie die Grafen von Rieneck und Wertheim bestätigten diesen Spruch.10 Pfalzgraf Hermann von Stahleck wurde wegen Landfriedensbruch in einem Streit mit Erzbischof Arnold von Mainz verurteilt." Tief getroffen gedachte er der Welt zu entsagen und begann auf seinem Besitz in 1 Looshorn II 393 ff.; Kist 38 ff.; Classen (s. u. 140 Anm. 2) passim; O. Meyer, Bischof Eberhard II. v. Bamberg, Mittler im Wandel seiner Zeit (Neujahrsbll. 29) 1964. 2 Heidingsfelder 121 ff. 3 Otto u. Rahewin (s. o. 73 Anm. 1) II 9; Heidingsfelder 128 nr. 402. 4 Ebd. 128 ff. nr. 403. 5 Otto u. Rahewin (s. o. 73 Anm. 1) II 9·

6 Schreibmüller (s. o. 75 Anm. 2) bes. 219 ft. 7 Vgl. u. 83. 8 Otto u. Rahcwin (s. o. 75 Anm. 2) II 45■ 9 Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 3729 u. folgende Anm. 10 Const. I 225 f· nr. 162. 11 Otto und Rahcwin (s. o. 73 Anm. 1) II 45.49·

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Bildhausen ein Zisterzienserkloster zu gründen.1 Mitte Juni feierte der Kaiser in Würzburg die Hochzeit mit Beatrix von Burgund und einen glänzenden Hoftag.12 In dieser Zeit ist zum ersten Mal in einer Urkunde von dem ducatus des Würzburger Bischofs die Rede. Heinrich V. hatte 1120 von der iudiciaria potestas gesprochen, und Bischof Embricho hatte sich auf Münzen als dux bezeichnet,3 Bischof Gebhard verlieh nun am 10. Februar 1156 unter Zustimmung des Kaisers Marktrechte an Schwäbisch Hall: episcopatus quam ducatus nostri potestate.4 Daß spätestens jetzt dieser Begriff ducatus mit Wissen und Willen des Königs verwendet wurde, Bischof Gebhard aber als erster Würzburger Bischof bis dahin noch nicht nachweisbare Regierungsrechte daraus abzuleiten suchte, zeigt ein Streit mit Bamberg (1157), in dem Gebhard vorgeworfen wurde, daß er occasione ducatus sui Rechte im Rangau beanspruche: allodiorum placita, centuriones ponere, de pace fracta iudicare et alia quaeque pro libito suo.5 Die Grafenrechte im Rangau waren im Jahre 1000 dem Bischof von Würzburg übertragen worden, aber im Rangau lagen auch aus Reichsgut stammende Besitzungen der Bamberger Kirche, die als Comitatus bezeichnet wurden und über die der Bamberger Bischof durch seinen Lehensmann, den Grafen von Abenberg, die Grafenrechte ausübte.6 Von Rechten her, die zweifellos um diese Zeit zum Inhalt des ducatus gehörten, suchte Gebhard also einen über die Rechte der bambergischen Grafen hinausgehende Gewalt zu beanspruchen. Durch einen Fürstenspruch wurde dieser Versuch zurückgewiesen, die genannten Rechte wurden als gräflichbambergisch bezeichnet, die Entscheidung am 15. Februar 1160 in Pavia vom Kaiser bestätigt.7 Als Barbarossa im Juni 1158 zu seinem zweiten Italienzug aufbrach, begleiteten ihn alle fränkischen Bischöfe; eine besonders hervorragende Rolle spielte Eberhard von Bamberg. Vom Kaiser erhielt er 1160 das Privileg, daß alle verliehenen Bamberger Burgen, bestehende und noch zu errichtende, bei Erledigung nicht mehr als Lehen ausgetan, sondern in unmittelbarer Verwaltung und Nutzung des Bischofs und des Kapitels verbleiben sollten.8 Gebhard von Würzburg kehrte schon im Winter 1158/59 aus Italien zurück und starb sieben Tage später. Schon unter Gebhards Nachfolger Heinrich II. (1159-1165)’ bezeichnete Barbarossa das Bistum als pro necessitate etservitio imperii ex parte dissipatus.10 Die Hoftage und wochenlangen Aufenthalte Kon1 Krausen, Zisterzicnserorden 7. 2 Otto u. Rahewin (s. o. 73 Anm. 1) II jo. 3 D. Steinhilber, Dux, Fahne u. Schwert auf Würzburger Münzen d. MA (Mainfr. Jb. 7) 1955, 65 ff. Daß Embricho von Lothar III. den Dukat erhielt (vgl. Bernhardi 138 m. Anm. 48, s. o. 72 Anm. 3); E. Rosenstock, Würzburg, das erste gcistl. Herzogtum in Deutschland, HVjschr. 16,1913, 68 ff), ist nicht zu erweisen. 4 Wirtemb. UB II 102. 5 MB 29anr. 500; Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 3888.

6 Nach v. Guttenberg 206 f. wohl im Halsgcrichtssprengel Herzogenaurach; Mayer, Fürsten 289; vgl. auch P. Schöffel, Der Archidiakonat Rangau am Ausgang d. MA (JffL 5) 1939. 132-175; Herzogenaurach. Ein Heimatbuch, hg. v. V. Fröhlich, 1949. 7 Vgl. auch H. Fichtenau, Bamberg, Würzburg u. d. Staufer (MIÖG 53) 1939, 242 ff.; Mayer, Würzburger Herzogsurkunde (s. o. 69 Anm. 4). 8 Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 3887. ’ Wendehorst I 162 ff. 10 MB 29 a nr. 504; Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 3915; Bosl (s. o. 73 Anm. 2).

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rads II. und Friedrichs hatten an den Mitteln Würzburgs gezehrt. Ähnlichen Belastungen war kein anderes Bistum ausgesetzt. Da bei der Regalienverleihung jedesmal Abgaben zu leisten waren und auch die Weihen mit erheblichen Ausgaben verbunden waren,1 wurde das Bischofsgut auch durch die relativ häufigen Wechsel auf dem Bischofsstuhl in den letzten, aber auch noch in den folgenden Jahren (1146,1150, 1159, 1165, 1171) empfindlich geschmälert. Als sich Bischof Heinrich dem Kaiser in Italien anschließen wollte, mußte er das Domkapitel um Mittel angehen und seinerseits alle Höfe und Einkünfte des Bischofs zum Pfand setzen.2 Das Kloster Ebrach lieh ebenfalls Unterstützung gegen Pfänder, die 1164 durch eine Waldschenkung ausgelöst wurden ;3 auch bei den Würzburger Juden mußte Geld aufgenommen werden.4 Heinrich (j‫ ־‬Ende Februar 1165) ist aber nicht mehr in dem Maße im Reichsdienst hervorgetreten wie sein Vorgänger. Gleiches gilt auch von seinem im Juni des Jahres erhobenen Nachfolger Herold.5 Offenbar hatten König und Bischof auf die bedrängte wirtschaftliche Lage Rücksicht zu nehmen. In der Zeit der Sedisvakanz im Mai 1165 fand in Würzburg ein Hoftag statt, auf dem nach dem Tod des kaiserlichen Gegenpapstes Viktor IV., der 1159 gegen Alexander III. erhoben worden war, der deutsche Episkopat eidlich verpflichtet wurde, niemals Alexander III. oder einen von dessen Partei gewählten Papst anzuerkennen.6 Die fränkischen Bischöfe sind während des Schisma Parteigänger des Kaisers gewesen; nur Eberhard von Bamberg bildete insofern eine Ausnahme, als er bei aller Loyalität stets zwischen den Parteien zu vermitteln suchte, wie ähnlich auch Adam von Ebrach. Da sich in Franken keine Gegenkräfte regten - anders war es in Mainz7 -, ist das Land von diesen Fragen nicht unmittelbar berührt worden. Der Katastrophe des kaiserlichen Heeres vor Rom (1167) war auch Friedrich I. Vetter Friedrich von Rothenburg zum Opfer gefallen. Seinen Besitz und seine Lehen in Franken hat der Kaiser damals nicht wieder ausgetan ;8 erst sehr viel später wollte er sie seinem Sohn Konrad übertragen.’ Ein Jahr danach (10. Juni 1168) bestätigte der Kaiser Bischof Herold omnem iurisdictionem seu plenam potestatem faciendi iustitiam per totum episcopatum et ducatum Wirceburgensem et per omnes cometeas in eodem episcopatu vel ducatu sitas.’°Dabei wurden drei Fälschungen benutzt, die unter Bischof Heinrich, vielleicht schon unter Bischof Gebhard in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen mit Bamberg auf den Namen der Könige Heinrich II., Konrad II. und Heinrich III. angefertigt worden waren. * 1 Anders als in diesen Spurien, in denen bei sonst gleichem Rechtsinhalt vom ducatus orientalis Franciae gesprochen * Vgl. z. B. Heidingsfelder 121 nr. 389; Bosl (s. o. 73 Anm. 2). 2 Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 3913. 3 Wegele (s. o. 74 Anm. 3) 63. 4 UB St. Stephan, bearb. v. Bendel-Heidingsfelder-Kaufmann, 1912, I nr. 189. 5 Wendehorst I 16j ff. 6 Const. I 315 f. nr. 223; Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 4045. 7 R. Jordan, Die Stellung d. deutschen Epi-

skopats im Kampf um d. Universalmacht unter Friedrich I., Diss. Erlangen 1939; LThK II 1122 f. 8 Schreibmüller (s. o. 75 Anm. 2) 240. ’ Vgl. u. 83. 10 Zeumer 18 f.; Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 4095; Fichtenau (s. o. 79 Anm. 7); Mayer, Fürsten, bes. 290 ff.; Zimmermann (s. o. 46) 393 ff ** DH. II 391; DK. II 181; DH. III 245.

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worden war, wurde nun wieder der Begriff iurisdictio verwendet, die in einem mit dem episcopatus (= bischöflicher Besitz) gleichgesetzten territorialen ducatus ausgeübt werden sollte. Das war weniger, als die Würzburger Bischöfe in den letzten Jahrzehnten erstrebt hatten; die Immunitäten Ostfrankens, vor allem Bamberg und der Reichsbesitz, blieben ausgenommen; dennoch enthielt das Privileg Möglichkeiten für die zukünftige Entwicklung. Im Augenblick war die räumliche und inhaltliche Umschreibung der iurisdictio wichtig. Wahrscheinlich ist mit diesem Privileg auch die Würzburger Hochstiftsvogtei der Grafen von Henneberg erloschen.1 Von einer Schonung des Bistums durch den Kaiser möchte man auch unter Herolds Nachfolger Reginhard von Abenberg (1171-1186) sprechen.1 2 Er erhielt Privilegien mit eindeutig wirtschaftlichem Aspekt: Am 22. April 1172 schenkte Friedrich I. einen umfangreichen Wildbann im östlichen Grabfeld;3 am 24. April desselben Jahres wurden die innerhalb der Immunität liegenden Höfe davon befreit, in Zukunft nichtfürstliche Teilnehmer an Hoftagen zu beherbergen.4 Diese Maßnahme berücksichtigte offensichtlich, daß die Domherren 1161 dem Bischof bei der Vorbereitung des Italienzuges zu Hilfe gekommen waren. Schon 1175 mußte Reginhard sie wegen seiner Teilnahme am Italienzug erneut in Anspruch nehmen. Der Kaiser forderte damals das Domkapitel auf, in seinem Besitz befindliche Pfänder der Kirche von Würzbürg im Gesamtwert von 350 Mark dem Bischof zur Verfügung zu stellen, wofür dieser seinerseits aus dem Bischofsgut Pfänder leisten sollte. Der Kaiser und sein Sohn Heinrich verbürgten sich in eigener Person, daß Reginhard oder sein Nachfolger sie zurückkaufen würden.5 In der Frage des Schisma bewahrte Reginhard eine gewisse Vorsicht, insofern er sich erst im Jahre 1178 nach dem Frieden von Venedig weihen ließ.6 In Bamberg war 1170 auf Bischof Eberhard noch an dessen Todestag der bisherige Propst Hermann gefolgt.7 In seine Zeit fällt ein Vertrag mit dem Kaiser, der diesen noch stärker als bisher in Franken Fuß fassen ließ. In einem 1174 in Regensburg getroffenen Abkommen, das am 13. Juli des Jahres geringfügig abgeändert wurde, gab Hermann unter Zustimmung des Dompropstes sein Einverständnis, daß die Söhne des Kaisers nach dem Tod des Grafen von Sulzbach mit dessen Bamberger Lehen gegen Zahlung von 1200 Mark an den Bischof belehnt werden sollten.8 Man mag in dem Vertrag mit Bamberg ein Symptom dafür sehen, daß Friedrich nach dem Scheitern in Italien seine Stellung in Deutschland auszubauen suchte.’ In Franken bot sich dafür nach wie vor einer der besten Ansatzpunkte. Die Ernennung Gottfrieds I. von Spitzenberg-Helfenstein, seit 1172 kaiserlicher Kanzler und an allen wichtigeren Ereignissen der Folgezeit beteiligt, zum Nachfolger Reginhards von Würzburg10 fügt sich in diese Politik ein. Infolge der engen bisherigen Beziehungen mußte Gottfried sich 1 Wendehorst I 167. 2 Ebd. 170 ff.; wichtige Korrekturen zu seiner Biographie bei Friesb 24 ff. 3 Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 4134. 4 Ebd. 4135. 3 Ebd. 4165; Const. I 346 f. nr. 246. 6 HdBG III, I

6 Wendehorst I 171. 7 Looshorn II 479 ff.; Kist 40. 8 Stumpf 4166; v. Guttenberg 185 f. m. Anm. 54. ’ GG I 401 ff 10 Wendehorst I 174 ff.

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auch nach seiner Erhebung mehr dem unmittelbaren Königsdienst als seinem Bistum widmen. Auf dem Hoftag in Mainz am 27. März 1188 nahm er wie der Kaiser das Kreuz und widmete sich in hervorragender Weise der Vorbereitung des Kreuzzuges, auf dem er sich als Heerführer auszeichnete und am 8. Juli 1190 starb. Unter Heinrich VI. wurden die Bindungen zwischen dem König und Würzburg noch enger als bisher. Der junge Herrscher hatte in Abwesenheit seines Vaters und Bischofs Gottfried im August 1189 seinen ersten selbständigen Reichstag in Würzburg abgehalten, auf dem Bischof Otto I. von Bamberg heiliggesprochen wurde; nach dem Tod Gottfrieds ließ er seinen Bruder Philipp, der zum geistlichen Amt bestimmt war, aber noch keinerlei Weihen empfangen hatte, zum neuen Bischof von Würzburg wählen. Doch mußte Philipp noch 1191 zurücktreten, sei es, daß der Papst gegen den höchstens Fünfzehnjährigen Einspruch erhob, sei es, daß der Tod Friedrichs von Schwaben die Pläne Heinrichs VI. änderte.1 Auch Philipps Nachfolger Heinrich III. von Berg (1191-1197) stammte väterlicherseits aus einem schwäbischen, mit den Staufern politisch und vielleicht sogar verwandtschaftlich verbundenen Geschlecht, mütterlicherseits aus dem Haus der Grafen von Andechs. An mehreren Hoftagen sah er Heinrich VI. in seiner Stadt und nahm wie dieser 1195 das Kreuz.1 Bamberg war seit dem Tod Bischof Hermanns in der Hand Ottos II. aus dem Haus Andechs.123 Da die jüngste Tochter Ottos von Schweinfurt, Gisela, einen Grafen von Giech-Andechs geheiratet hatte, waren ihre Nachkommen in den Besitz des auf sie fallenden Anteils am Schweinfurter Erbe gekommen, das hauptsächlich im Radenzgau lag; einer der Mittelpunkte war die Plassenburg. Seit spätestens 1149 waren die Andechser im Besitz der Grafschaft im Radenzgau und als solche die stärksten Konkurrenten der Territorialpolitik der Bamberger Bischöfe.4 Infolgedessen war es schon um die Mitte des zwölften Jahrhunderts zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Erhebung Ottos II. ist ein Beweis der Andechser Stellung, zumal auch die unmittelbar auf Otto folgenden Bischöfe meist diesem Haus entstammten. Auch Bischof Otto wurde wie seine Vorgänger von Friedrich zu vielfältigen Aufgaben herangezogen. Als Vertreter seines Bischofs war er bei dem Friedensschluß in Venedig anwesend, 1178 weilte er wieder in Italien am Hof, 1179 nahm er am dritten Laterankonzil teil, 1184 ging er dem Kaiser voraus nach Italien und führte mehrfach Verhandlungen mit dem Papst; erneut nahm er gleiche Aufgaben 1187 wahr, 1191 war er bei der Kaiserkrönung Heinrichs VI. in Rom zugegen. In ähnlicher Weise wie seine Vorgänger war Otto geradezu der Vertraute des Kaisers für Italien und die BeZiehungen mit dem Papsttum und spielte dabei die traditionelle Vermittlerrolle Bambergs. Zugleich bemühte sich Otto um den inneren Ausbau seines Bistums, besonders durch die Förderung des Klosters Michelfeld an der oberen Pegnitz und des Klosters Langheim.’ Auch der Zufall kam ihm zur Hilfe: Als 1189 Graf Friedrich von 1 Wendehorst 1179. 2 Ebd. 179 ff. 3 Looshorn II 515 ff.; Kist 41 ff; K. Hartmann, Zur Gesch. d. Hauses Andechs-Meranien (AO 37) 1956, 3-34, bcs. 24 ff; K. Bost,

Europäischer Adel im 12./13-Jh. (ZBLG 30) 1967, 20-52. 4v. Guttenberg 205 f. ’ Looshorn II 537 L, 560 ff.; Kist 42; v. Guttenberg 167 ff.

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Abenberg, der Letzte eines Geschlechts, das zahlreiche Vogteien über Bamberger Besitz in der Hand hatte, das Kreuz nahm, verpfändete er seine gesamten Vogteien, darunter die über den Markt in Bamberg, über Hallstadt, Kronach, Banz und Theres gegen Zahlung von 40 Mark Gold (400 Mark Silber) unter der Bedingung, daß alle Güter an Bamberg fallen sollten, falls er vor der Rückerstattung des Geldes ohne Erben stürbe. Der Bischof von Bamberg war seitdem uneingeschränkter Herr seiner Stadt.1 Eichstätt dagegen entwickelte sich nach wie vor ruhig vor sich hin. Man kann es als Zeichen seiner geringen Bedeutung für das Reich ansehen, daß Bischof Otto (1182-1196) nicht dem Adel, sondern einem Ministerialengeschlecht entstammte? Nur 1187 nahm er an einem Reichstag in Regensburg, 1189 an dem Reichstag Heinrichs VI. in Würzburg und anschließend in Bamberg und noch einmal 1192 an einem Hoftag in Würzburg teil. Imponierend war seine Tätigkeit innerhalb des Bistums. Sein Pontifikat begann mit einer Diözesansynode im Jahre 1183, der 1186, 1188 und 1191 weitere folgten; 105 Kirchweihen sind für seine Regierungszeit belegt? Unübersehbar ist in diesen Jahrzehnten die wachsende Bedeutung des Adels und der sonstigen nichtgeistlichen Kräfte. Von den staufischen Besitzungen war schon die Rede. Sic nahmen durch die Ministerialenpolitik, die den Adel als Verwaltungsorgan des Reichs- und Hausgutes ausschloß, festere Formen an, wenn sie auch schließlich zu denselben Konsequenzen führte.1 234 In Rothenburg saß ein gemäß der alten HofdienstOrdnung als Reichsküchenmeister bezeichneter Ministeriale,5 in Nürnberg neben dem schon älteren Burggrafen ein Reichsbutigler.6 Eine günstige Ausgangsbasis bot dieses fränkische Staufergut, das nach Westen Anschluß an die Besitzungen in Schwaben hatte, für den Ausbau der staufischen Macht im bayerisch-nordgauischen Oberpfälzer Wald, im fränkischen Fichtelgebirge und dem Egcrland, an dessen Spitze ein Reichsministeriale als iudex provincialis stand. In den wenig besiedelten Waldgebieten in der Hand des Reiches konnte sich durch Burgenbau und Rodung territoriale Herrschäft am reinsten verwirklichen. Die Masse dieses Besitzes war Reichsgut, zum Teil aber auch Hausgut, das 1188 als Ausstattung für Friedrichs I. Sohn Konrad, der eine kastilische Prinzessin heiraten sollte, vorgesehen wurde. Konrad sollte alles Allod, das ihm von seinem Vater und von Friedrich von Rothenburg zukam, erhalten: In Franken Rothenburg und mit allem Zubehör Höfe und Allodien in Stadt und Hochstift Würzburg, Weißenburg mit Zubehör, Wallcrstcin, Dinkelsbühl, Aufkirchen? Neben den Staufern im südlicheren, den Hennebergern im nordöstlichen Franken, den ebenfalls aus frühfränkischem Adel stammenden Abcnbergern im Rangau und den seit Anfang des Jahrhunderts im Radcnzgau ansässigen Andcchsern, sowie den Rieneckern traten im Laufe des Jahrhunderts weitere Adelsfamilien auf. Die Herren, später Grafen von Castell, die von Wertheim, die von Hohenlohe sind wahrscheinlich Deszendenten frühfränkischcr Adelsfamilicn, die sich dank ihres allodialen Besitzes 1 Looshorn II 549 f.; v. Guttenberg 182 ff., 216 ff. 2 Heidingsfelder 147 ff. 3 Ebd. 160 ff. nr. 501. 4 Bosl passim. 6·

5 Ders., Rothenburg (s. o. 69 Anm. 3). 6 GG I 795. 7 Const. I 453 f. nr. 319; Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 4490.

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den edelfreien Stand bewahrten. Solange Einnamigkeit herrschte und der Grafentitel nur aufgrund vom König verliehener Grafschaften geführt wurde, sie aber nicht im Besitz solcher Reichsämter waren, bleiben sie in den Quellen schwer faßbar. Im Laufe des zwölften Jahrhunderts beginnen sie, sich nach ihren Hauptsitzen zu benennen und den Grafentitel zu führen. Uber ihren angestammten Besitz kamen sie durch Landesausbau und Gewinnung von Vogteirechten zu allodialen Herrschaften und einer grafenähnlichen Stellung, als die königliche Grafschaft zunehmend an Bedeutung verlor.1 c) Von der Doppelwahl (1198) bis zum Tod Friedrichs II. Heinrichs VI. einziger Sohn Friedrich war im Dezember 1196 im Alter von kaum zwei Jahren zum König gewählt worden, doch erwies es sich nach des Kaisers Tod als unmöglich, dem Erwählten die Krone zu erhalten. Da der Kölner Erzbischof Adolf von Berg die Wahl eines nichtstaufischen Königs betrieb, sahen sich die staufertreuen, vornehmlich süddeutschen Fürsten im März 1198 veranlaßt, den jüngsten Bruder Heinrichs, Herzog Philipp von Schwaben, zum König zu erheben. Wenige Monate später wählte die kölnische Partei in Otto von Braunschweig einen eigenen König. Philipp schlossen sich, soweit erkennbar, alle fränkischen Fürsten an. Bezeichnend für den Zustand des Reiches war es, daß die Wähler Philipps in einer Wahlanzeige an den Papst ausdrücklich auf die AnWesenheit zahlreicher Reichsministerialen bei der Wahl hinwiesen. * Die lehnsrechtliehen Formen ihres Dienstverhältnisses und der Reichsdienst hatten diese Schicht dem Adel angeglichen. In Franken trat das in den nächsten Jahrzehnten noch deutlicher hervor. Trotz der zunächst einheitlichen Haltung Frankens wirkten sich aber auch hier die Spannungen aus, die sich aus der Existenz zweier konkurrierender Könige ergaben, besonders als Papst Innocenz III. in die deutschen Auseinandersetzungen verwickelt wurde und immer deutlicher für Otto IV. Partei nahm. Nicht ohne eigenes Zutun war während der Thronvakanz Konrad von Querfurt, der Kanzler Heinrichs VI., seit 1094 Bischof von Hildesheim, zum Bischof von Würzbürg gewählt worden und hatte die Wahl angenommen.3 Das war kirchenrechtlich unzulässig, und da Konrad alle Mahnungen Papst Innocenz’ III. in den Wind schlug, wurde er gebannt; in Hildesheim ordnete Innocenz eine Neuwahl an, dem Würzburger Domkapitel entzog er das Wahlrecht. Ohne Zweifel war Konrads Verhalten durch sein Vertrauen in den Erfolg des staufischen Königs getragen, wie Innocenz’ Verhalten durch seine insgeheime Stellungnahme für den welfischen König. Sobald die endgültige Parteinahme des Papstes zugunsten Ottos offen zutage trat, begann auch Konrad einzulenken: im April 1200 unterwarf er sich in Rom; 1201 gab Innocenz den Würzburgern zu verstehen, daß er Konrad als ihren Bischof anerkennen werde, wenn sie ihn erneut postulierten. Als der Papst am 1. März 1201 sich dann offen für Otto IV. ausgesprochen hatte, begann sich auch Konrad von Philipp zurückzuziehen. Im Herbst des Jahres verlor er das Kanzleramt, den offenen Abfall vollzog 1S. u. 106£. 3 Regestum super negotio Romani imperii [RNI] (s. GG I 432) 14.

3 Wbndehorst I 183 fr.; O. Kuhle, Die Neubesetzung d. deutschen Bistümer unter Papst Innocenz III., Diss. Berlin 1935.

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er wahrscheinlich ein Jahr später.1 Sofort rüstete Philipp zu einem Feldzug gegen Würzburg, als er dort eintraf, fand er den Bischof von Ministerialen erschlagen (3. Dez. 1202). Man hat Konrad als den ersten bedeutenden Territorialpolitiker unter den Würzburger Bischöfen bezeichnet.’ Er hat den Marienberg auf dem linken Mainufer gegenüber Würzburg befestigt, der die von Frankfurt kommende Straße beherrschte, an der erst Friedrich Barbarossa einen Königshof errichtet hatte;’ nördlich von Würzburg gründete er die Stadt Karlstadt unter Befreiung von allen gründ- und leibherrlichen Lasten und vom Vogteigericht; er vollendete die Burg Freudenberg am Main und erwarb vom König die Burg Steineck an der fränkischen (?) Saale. Diese Politik brachte ihn aber in Konflikt mit den Ministerialen, und in ihr sind daher auch die Gründe für den Mord zu suchen. Entscheidend für den Streit war die Rückgabe der würzburgischen Reichskirchenlehen durch Philipp im Jahre 1201.12*4 Sie waren durch Ministerialen verwaltet worden, die nun aus der Abhängigkeit des Königs in die des Bischofs gerieten und sich dadurch ständisch gemindert sahen. Sie fügten sich nicht ohne Gegenwehr und stellten zugleich den Bau von Burgen als Verstoß gegen das Reichsinteresse, als offene Rebellion gegen das Reich dar. An den Kämpfen beteiligten sich vor allem Heinrich und Bodo von Rabensburg, Verwandte des Reichsministerialen Marschalls Heinrich von Kaldcn (-Pappenheim), während Konrad von dem in Würzburg ansässigen bischöflichen Ministerialen Eckart (comes) unterstützt wurde. Als die Rabensburger Eckart am 14. Dezember 1200 töteten und Konrad daraufhin ihr Haus in Würzburg zerstören ließ, drangen sie in die Stadt ein und ermordeten den Bischof. König Philipp wagte es aus Furcht vor dem Marschall Heinrich nicht, die Mörder zu bestrafen.5 Nach Konrads Tod blieb das Bistum unter dem neuen Bischof Heinrich, der allerdings niemals die Weihe erhielt (f 1207), in staufischer Hand.6 Staufisch waren auch die beiden anderen fränkischen Bistümer. In Bamberg war auf Otto II. Thiemo gefolgt,7 der auch an der Erhebung Philipps teilgenommen und öfter in dessen Umgebung geweilt hatte. Symptom für seine Haltung war es, daß er dem Protonotar Ottos IV., Walther, eine Pfründe, die dieser an der Bamberger Kirche besaß, entzog.8 Sein Nachfolger Konrad von Ergersheim verstarb schon nach wenigen Monaten, ohne die Weihe erhalten zu haben;’ nun wurde Ekbert von AndechsMeranien, Bruder des Herzogs Berthold, der zu den Hauptwählern Philipps gehört hatte, erhoben.” Sicher war seine Person Philipp genehm, aber da Ekbert noch nicht das kanonische Alter (30 Jahre) besaß und damit die Rechtmäßigkeit seiner Erhebung strittig war, wurden die Verhältnisse in Bamberg ähnlich unsicher wie kurz zuvor 1 H. Tillmann, Papst Innocenz III. (Bonner Hist. Forsch. 3) 1954, bes. 281 ff. 2 K. Bosl, Aus d. Anfängen d. TerritorialStaates in Franken (JffL 22) 1962, 67-88. ’ J. F. Abert, Wo fand 1156 die BarbarossaHochzeit statt? (Fränk. Volksbl. v. 1. 7. 1927). 4 MB 29 a nr. 570; vgl. ebd. nr. 569. 5 Chron. Montis Sereni, ed. E. Ehrenfeuchter (MG SS 23) 1874, 170.

6 Wendehorst I 201 ff. 7 Looshorn II 575 ff.; v. Guttenberg I; Kist 43 f. 8 Potthast (s. HB II AV) 4413. ’ Looshorn II 589 ff. 10 Ebd. 591 ff.; v. Guttenberg I; Kist 44 f.; NDB 4, 427 f.

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in Würzburg. Um in den vollen Besitz seiner bischöflichen Würde zu kommen, bedurfte Ekbert der päpstlichen Dispens und war daher zur Zurückhaltung in den politischen Fragen gezwungen. Sie trug ihm auch die Weihe durch den Papst und auch das Pallium ein, aber da er sich nicht völlig von Philipp löste, wurde er 1205 suspendiert und erst wieder in sein Amt eingesetzt, nachdem er seine Unterwerfung erklärt hatte. Nicht viel anders war schließlich die Lage in Eichstätt. Bischof Hartwig aus dem Haus der Eichstätter Stiftsvögte war ein Vetter Heinrichs VI. und hatte 1196 das Bistum erhalten.1 Wie viele andere wandte er sich 1202 gegen die Einmischung des Papstes in den deutschen Thronstreit und wurde 1203 der Nachfolger Konrads von Querfurt als Kanzler.1 2 Doch verlor er das Amt schon ein Jahr später, weil er sich von Philipp zurückzuziehen begann. In den folgenden Jahren hat er sich fast ausschließlich den inneren Angelegenheiten seines Bistums gewidmet. Im Jahre 1208 waren die Verhandlungen Philipps mit dem Papst soweit fortgeschritten, daß die Anerkennung durch Innocenz in greifbarer Nähe stand. Die Abmachungen sahen unter anderem die Heirat einer der Töchter Philipps, die bereits dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach versprochen war, mit einem Neffen des Papstes vor. Gekränkt darüber erschlug Otto von Wittelsbach am 21. Juni 1208 den König in Bamberg, wo Philipp die Hochzeit seiner Nichte Beatrix mit dem Herzog Otto von Andechs-Meranien feierte.3 Der Tod Philipps leitete den weitgehenden Rückzug der Königsherrschaft aus Franken ein. Dem Bischof Otto I. von Würzburg, der schon wenige Tage nach dem Tod Bischof Heinrichs IV. einstimmig gewählt worden war (1207),4*hatte es die Situation zum Zeitpunkt seiner Erhebung erlaubt, in der Umgebung Philipps zu weilen, aber auch das Vertrauen des Papstes zu genießen. Innocenz III. beauftragte ihn nach Philipps Tod damit, bei den Fürsten für die Wahl Ottos IV. zu werben,1 doch machte der Bischof seine eigene Entscheidung davon abhängig, daß Otto ihm die Wiedergutmachung von Schäden in Höhe von 1000 Mark jährlich zusicherte, die das Bistum angeblich während der Regierung Heinrichs VI. und Philipps erlitten hatte.6 Auch Hartwig von Eichstätt schloß sich dem Welfen an. Beide Bischöfe begleiteten den König wenig später zur Kaiserkrönung nach Rom.7 Ekbert von Bamberg befand sich währenddessen in einer äußerst schwierigen Lage. Otto von Wittelsbach war nach dem Mord an Philipp zu Ekbert geflüchtet und dann ungehindert entkommen. Ekbert wurde daher verdächtigt, mit dem Mörder im EinVerständnis gestanden zu haben. Um den Folgen dieser Beschuldigung und einer Verurteilung, die ein Fürstentag 1209 aussprach, zu entgehen, war er zu seinem Schwager König Andreas von Ungarn geflüchtet. Während der Kaiserkrönung weilte aber auch

1 Heidingsfelder 162 ff. 2 Ebd. 169 nr. 527. 3 Über den Bamberger Dom-Neubau als Sühne für die Ermordung und den Bamberger Reiter als Darstellung Philipps H. Fiedler, Dom u. Politik, 1937; O. Hartig, Der Bamberger Reiter u. sein Geheimnis, 1939; Bosl (s. o. 82 Anm. 3) 37. Vgl. u. 154f.

4 F. Herberhold, Otto v. Lobdeburg, Bischof v. Würzburg 1207-1223 (AU 70) 1935/ 1936, 1-1J2; Wendehorst I 204 ff. 3 RNI (s. o. 84 Anm. 2) 162, 164. 6 Amoldi Chron. Slav., ed. Μ. Lappenberg (MG SS 21) 245; Herberhold (s. o. Anm. 4) 30 ff., 134 ff. 7 Heidingsfelder 174 f. nr. 548 ff.

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er in Rom, um seine Rehabilitierung zu betreiben, die er wenig später, wenigstens von päpstlicher Seite, erhielt.1 Das Einschwenken Ottos IV. in die Bahnen der Staufer veranlaßte Innocenz III., die Neuwahl Friedrichs von Sizilien, des Sohnes Heinrichs VI., zu betreiben. Während süddeutsche Fürsten sich schon im September 1211 in Nürnberg für Friedrich entschieden, zögerten die fränkischen Bischöfe mit dem offenen Übertritt. Otto von Würzburg wurde deswegen sogar durch den päpstlichen Legaten Siegfried von Mainz abgesetzt. Die Ministerialen von Rabensburg vertrieben ihn aus der Stadt und setzten Heinrich von Rabensburg als neuen Bischof ein, doch konnte Otto die Stadt bald zurückerobern und die Rabensburg niederlegen.12 Als aber Friedrich im Herbst 1212 in Deutschland erschien, traten auch die Bischöfe zu ihm über. Hartwig von Eichstätt besuchte im Februar 1213 Friedrichs II. ersten Hoftag in Bayern;3 Otto von Würzburg erschien 1213 in Eger, bezeugte am 12. Juli die sogenannte Goldbulle von Eger4 und beteiligte sich an Feldzügen gegen Otto IV. Schon 1216 auf einem Hoftag in Würzbürg erhielt er für seine Dienste ein Privileg, in dem Friedrich II. auf das Spolien- und Regalienrecht gegenüber der Würzburger Kirche verzichtete.5 Noch höher stieg der Bischof, als im April 1220 Friedrichs siebenjähriger Sohn Heinrich (VII.) in Frankfurt zum König gewählt wurde und Friedrich II. wenig später Deutschland für viele Jahre verließ. Man hat vermutet, daß Otto unmittelbar auf die Bestimmungen der auf diesem Hoftag beschlossenen confoederatio cum principibus ecclesiasticis Einfluß genommen hat, die unter reichsrechtlicher Fixierung ihres Besitzstandes die geistlichen Territorien dem Einfluß des Königs entzog.6 Es erscheint wie eine erste Anwendüng des § 5 der confoederatio, wenn Otto nach dem Tod des Würzburger Burggrafen Berthold von Henneberg die mit dessen Amt verbundenen Kirchenlehen einzog und erfolgreich verteidigte.7 Außerdem wurde Otto als einer der Vormünder berufen, die für den unmündigen König Heinrich bestellt wurden. Als solcher leitete er die Nachwahl, die anläßlich der Krönung in Aachen (8. Mai 1222) stattfand,’ führte die Verhandlungen über die Auslieferung des in der Schlacht von Bornhöved gefangenen Königs Waldemar von Dänemark und garantierte für den König dieEinhaltung der geschlossenen Verträge. Das war schon mehr als Reichsdienst imherkömmlichen Sinn, doch wurde zweifellos die Rolle des Würzburger Bischofs - Ottos übernächster Nachfolger und Neffe Hermann von Lobdeburg (1225-1254) hat sie fortgesetzt - durch die bisherige Bedeutung Würzburgs für das Königtum gefördert. Bei Ekbert von Bamberg ist dagegen zunächst der herkömmliche Reichsdienst noch stärker ausgeprägt. Nach der Wiedereinsetzung in seine Rechte schloß er sich ebenfalls 1 Bosl (s. o. 82 Anm. 3) 36; Looshorn II 601 ff. 2 Wendehorst I 205 f. 3 Heidingsfelder 179 nr. 565. 4 BF 705; Const. II nr. 46 ff. 5 BF 856. 6 E. Klingelhöfer, Die Reichsgesetze v. 1220, 1231/32 u. 1235. Ihr Werden u. ihre Wirkung im deutschen Staat Friedrichs II.

(Quellen u. Stud. z. Verfassungsgesch. 8, 2) 1955. 47 ff·; H. Koller, Zur Diskussion über d. Reichsgesetze Friedrichs II. (M10G 66) 1958, 51; 29P. Zinsmaier, Zur Diplomatik d. Reichsgesetze Friedrichs II. (1216, 1231/32, 1235) (ZRG 80) 1963, 82-117; TextConst.il nr. 73. 7 Zickgraf (s. o. 60 Anm. 4) 85. ’ Herberhold (s. o. 86 Anm. 6) 104 ff.

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Friedrich II. an und war bei dessen Krönung und verschiedenen Hoftagen zugegen. Nach seiner Rückkehr vom Kreuzzug (1216-1218) nahm er 1225 an den Verhandlungen Friedrichs II. mit dem Papst in S. Germano teil, wo er dem Kaiser und seinem Sohn die Portenau gegen 4000 Mark Silber überließ, war 1227 schon wieder beim Kaiser und begleitete ihn bis nach Palermo. In Franken wurde er durch die Verwandtschäft der Andechser mit den Hennebergem in deren Fehde mit dem Bischof von Würzburg verwickelt. In dem Frieden zu Schmalkalden, den Erzbischof Siegfried von Mainz im Auftrag des päpstlichen Legaten vermittelte, mußte er sich im August 1230 verpflichten, den Würzburgern 1000 Mark als Entschädigung zu zahlen. Von Ende 1231 bis Mitte 1232 hielt er sich schon wieder in Italien auf. In seinen letzten Jahren werden noch einmal die Unterschiede seiner eigenen Haltung gegenüber der des Würzburger Bischofs deutlich. Ottos übernächster Nachfolger in Würzburg, Hermann von Lobdeburg, war wie sein Vorgänger Otto einer der Vertrauten König Heinrichs.1 Auf das statutum in favorem principum von 1231 und das Reichsmünzgesetz, die die Territorialherrschaft stärkten, nahm er erheblichen Einfluß.1 2*In dem Konflikt König Heinrichs mit seinem kaiserlichen Vater suchte er zunächst noch zu vermitteln, nahm aber schließlich eindeutig Partei für den König und hielt sich selbst nach dessen Unterwerfung noch bis zum Hoftag in Augsburg (August 1237)’ vom Kaiser fern. Ekbert von Bamberg dagegen stand ebenso eindeutig auf des Kaisers Seite. Er wurde 1236 mit der Vollstreckung der Reichsacht gegen Friedrich von Österreich beauftragt und beteiligte sich in Wien auch an der Wahl des neuen Königs Konrad, des erst neunjährigen zweiten Sohnes des Kaisers. Zum Lohn für seine Dienste wurde er als Statthalter in Österreich eingesetzt und ist als solcher in Wien (5. Juni 1237) gestorben. Bischof Hermann von Würzburg beteiligte sich nach seiner Aussöhnung mit dem Kaiser an dessen Unternehmungen gegen die Lombarden im Sommer 1238, aber kaum aus vollem Herzen; denn im Oktober des Jahres übernahm er es, dem Kaiser die Klagen des Papstes vorzutragen,4 zog sich wenig später wieder in sein Bistum zurück und verpflichtete sich im Mai 1240 gegenüber Papst Gregor IX., Beistand gegen den Kaiser zu leisten, falls dieser den Frieden von S. Germano nicht einhalte.5 Folgerichtig gehörte er nach der Absetzung Friedrichs durch das Konzil von Lyon (1245) zu den Wählern des Gegenkönigs Heinrich Raspe, der wegen der staufischen Haltung der Würzburger Bürgerschaft statt in der Bischofsstadt am 22. Mai in Veitshöchheim erhoben wurde.4 Heinrich Raspe bezahlte diese Hilfe mit dem Versprechen, das Bistum nicht zu beschweren, und mit der Verpfändung der Würzburger Judensteuer für 2300 Mark Silber.7 Als konsequenter Gegner des Kaisers wurde Hermann vom Papst Innocenz IV. beauftragt, staufisch gesonnenen Klerikern und

1 Wendehorst I 211 ff.; K. Bosl, Bischof Hermann v. Lobdeburg, B. v. Würzburg (Fränk. Lebensbilder 3) 20-34. 2 S. o. 87 Anm. 6. 5 BF 2268.

4 5 4 7

BF 2401. MG Epp. s. XIII 1, nr. 768/V. BF 4864 d. BF 4867, 4884, 488$.

§ 8. Das staufische Jahrhundert in Franken (F.-J. Schmale) Laien seiner Diözese ihre Pfründen und Lehen zu entziehen. Auch an der Wahl Wilhelms von Holland war er führend beteiligt. Seine Haltung und Stellung im Reich ermöglichten ihm eine ungewöhnlich erfolgreiche Territorialpolitik,1 in deren Rahmen er zahlreiche Burgen sowie andere BesitZungen und Rechte innerhalb seiner Diözese aufkaufte. Um die Mittel für den Erwerb des Besitzes der hennebergischen Linie von Botenlauben zu erhalten, verpfändete er die Münze und sonstige Einkünfte an das Domkapitel; um der Zerschlagung des hennebergischen Gutes willen, das den Zusammenhang der würzburgischen Besitzungen im Nordosten zerriß, scheute er selbst den Krieg nicht. Trotz einer militärischen Niederlage - der Bischof von Bamberg, die Grafen von Castell und von Wertheim, die sich durch Hermanns Politik ebenfalls beeinträchtigt sahen, hatten sich mit den Hennebergern verbündet - erreichte er in Vergleichen dennoch erhebliche Teilerfolge, die in den folgenden Jahren so konsequent durch Lehensauftragungen erweitert wurden, daß sich die Henneberger zusammen mit denen von Castell im Januar 1250 als der Landeshoheit und Jurisdiktion des Bischofs unterworfen erklärten.1 2 Weniger glücklich verlief die Entwicklung Bambergs. Bischof Ekberts aufopfernder Dienst hat seinem Bistum nur wenig eingebracht. Das erste Jahrzehnt seines Pontifikats war von Unsicherheit erfüllt, später war er zu oft von Bamberg abwesend und hatte sich fast mehr um die österreichischen Besitzungen Bambergs gekümmert als um die fränkischen. Als nach einem kurzen Zwischenspiel - der nach Ekberts Tod erwählte Sigfried von Oettingen resignierte nach wenigen Wochen3 - mit dem bisherigen Dompropst Poppo erneut ein Andechser erhoben wurde,4 konnte auch dieser die nachteilige Entwicklung nicht aufhalten. Ekbert hatte dem Bistum so viele Schulden hinterlassen, daß Poppo sich nur mit weiteren Verpfändungen zu helfen wußte, sein politischer Stellungswechsel nach der Exkommunikation des Kaisers stürzte ihn vollends ins Unglück. Eine starke staufische Partei im Domkapitel betrieb seine AbSetzung und wählte spätestens Anfang 1242 in dem kaiserlichen Protonotar Heinrich von Bilversheim einen neuen Bischof;» ein kaiserliches Hofgericht erklärte alle Handlungen Poppos für unrechtmäßig. Da er die Weihen nicht empfangen hatte, kam das der Absetzung gleich. In der Person des neuen Bischofs machte der Kaiser noch einmal den Versuch, seinen Einfluß wenigstens in einem Teil Frankens zu erhalten; um Heinrichs Stellung zu stärken, verlieh er ihm das Recht, in Villach eine neue Münze zu errichten.6 Der Elect suchte erst im Spätsommer 1243 sein Bistum auf, widmete sich dann aber dessen Angelegenheiten mit beachtlichem Erfolg. Er konnte nicht nur einige verpfändete Güter cinlösen, im Februar 1244 bestätigte ihm der Kaiser auch das Recht auf alle Silbervorkommen im bambergischen Gebiet? Dennoch unterwarf er 1 Wendehorst I 217 ff.; Bosl (s. o. 88 Anm. 2). 2 So Wendbhorst I 220; anders W. Fusslein, Hermann I. Graf v. Henneberg u. d. Aufschwung d. hennebergischen Politik (Zschr. Ver. Thür. Gesch. NF 11) 1899, 169 ff. 3 Looshorn II 665 ff.; v. Guttenberg I; Kist 45.

4 Looshorn II 668 ff. 3 Looshorn II 675 ff.; v. Guttenberg I;Kist 45 f.; vgl. auch O. Krenzer, Heinrich I. v. Bilversheim (Programm d. Neuen Gymnasium in Bamberg) 1907, 1908, 1909. 6 MB 31a, 575. 7 Ebd. 579.

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sich nach der Absetzung Friedrichs II. durch das Konzil von Lyon schnell dem Papst. Im Herbst 1245 bestätigte Innocenz IV. daraufhin seine Wahl und erteilte ihm persönlich die Weihe. Sonst aber brachte ihm der Parteiwechsel Schwierigkeiten. Er hatte vom Papst den Auftrag übernommen, die Zustimmung des Landgrafen Heinrieh Raspe von Thüringen zu seiner Wahl zum König zu erwirken. Auf dem Weg dahin geriet er in die Gefangenschaft des Grafen Günther von Käfernburg und mußte gegen hohes Lösegeld seine Freiheit erkaufen. Neue Verpfändungen bambergischen Besitzes waren die Folge.1 Da er inzwischen durch die erlittene Unbill und mehrfache Besuche beim Papst die Ehrlichkeit seines Gesinnungswandels bewiesen hatte, verlieh Innocenz ihm im Oktober 1247 die Verwaltung des Bistums Chiemsee, um seine Schuldenlast mindern zu helfen.1 2 Aber neue Ereignisse stürzten ihn auch in neue Unannehmlichkeiten. Im Juni 1248 starb mit Herzog Otto das Haus Andechs-Meranien im Mannesstamm aus. Um die bambergischen Lehen der Andechser entbrannte nun eine heftige Auseinandersetzung mit den Erben, den Grafen von Truhendingen und von Orlamünde sowie dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg und dem von Otto reich mit Gütern, darunter auch ursprünglich bambergischen, bedachten Kloster Langheim.3 Lange zog sich der Streit hin, erst Heinrichs Nachfolger Berthold von Leiningen konnte ihn beenden. So schritt die Verschuldung weiter fort. Heinrich konnte aber wenigstens die Burgen Niesten und Giech und das kaiserliche Landgericht, das ehemalige Grafengericht im Radenzgau, sichern.4*Am Ende seiner Regierung (f 1257) steht somit trotz allem eine Verfestigung der territorialen Macht des bambergischen Bischofs. Das Bistum Eichstätt lag auch in dieser Epoche mehr im Schatten als Würzburg und Bamberg. Nach Hartwigs Tod (f 1223) war es insofern zu einer irregulären Wahl gekommen, als an der Erhebung seines Nachfolgers Friedrich auch Ministerialen beteiligt waren und Friedrichs Wahl deshalb für unkanonisch erklärt wurde; wahrscheinlich hat der Erwählte resigniert.’ Auch Bischof Heinrich I. regierte nur kurz (f 1228),6 wurde aber 1226 zusammen mit Hermann von Würzburg und anderen in den unter Führung des Herzogs Ludwig von Bayern für König Heinrich (VII.) gebildeten Kronrat berufen.7 Seine Mitwirkung an zahlreichen Reichsangelegenheiten führte zu häufiger Abwesenheit von seinem Bistum, dennoch konnte er eine in Rom von der Eichstätter Kirche geschuldete Summe in Höhe von 1500 Mark abtragen’ und auch bei den Grafen von Oettingen eichstättischcn Besitz auslösen.’ Auch die folgenden Eichstätter Bischöfe Heinrich II. (1228-1232) und Heinrich III. (1233-1237),10 der das Hofgerichtsurteil Friedrichs II. von November 1234 gegen Übergriffe der Vögte erwirkte," waren Ministerialen, der letzte ein Sohn des Heinrich von Rabens1 Looshorn II 686 ff. 2 Ebd. 689. 3 E. v. Aufsess, Der Streit um d. meranische Erbschaft in Franken (BHVB 50) 1893. 4 v. Guttenberg 205 ff. ’ Heidingsfelder 187 ff. 6 Ebd. 192 ff.

7 BF 4009 a. ’ Heidingsfelder 198 nr. 656. ’ Ebd. 198 nr. 658. 10 Ebd. 199 ff., 202 ff. " Const.II22 nr. 187; Heidingsfelder 207 f. nrr. 684 f.

§ 8. Das staufische Jahrhundert in Franken (F.-J. Schmale)

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bürg,1 der in den Mord Konrads von Würzburg (1202) verwickelt gewesen war. Bemüht um die Ordnung der Eichstätter Finanzen, erwirkte er beim Papst Gregor IX. das Privileg, freiwerdende, seinem Besetzungsrecht unterstehende Pfründen auf drei Jahre unbesetzt zu lassen und die Erträgnisse zur Schuldentilgung zu verwenden.12 Die Zahl der Kanonikerpfründen konnte er von 50 auf 30 im Sinne einer Gesundung der finanziellen Lage des Bistums reduzieren.3 Eichstätt hatte also mit den gleichen Problemen wie die anderen Bistümer zu kämpfen. Ebenso strebten die Bischöfe, das Territorium auszubauen. Unter dem Bischof Friedrich II. aus einem bayerisch-herzogliehen Ministerialengeschlecht kam es infolgedessen zu schweren Auseinandersetzungen mit den Grafen und Eichstätter Hochstiftsvögten von Hirschberg; Friedrich wurde sogar aus seiner Stadt vertrieben.4 Diese Vorgänge beleuchten rückwirkend noch grell das Interesse seines Vorgängers Heinrich III. an dem kaiserlichen Urteil von 1234. Friedrich kam 1245 zu einem wenigstens erträglichen Vergleich.’ Bemerkenswert ist seine lange Zeit kaisertreue Haltung, für die er die Exkommunikation auf sich nahm, bevor er 1243 zur päpstlichen Partei übertrat. Sein Nachfolger Heinrich IV. von Württemberg (1247-1259) wurde durch den päpstlichen Legaten eingesetzt. An Reichsangelegenheiten nahm er während seines ganzen Pontifikats nicht teil.6 Auch die weltlichen Herrschaftsträger versuchten ihre Stellung zu festigen und auszubauen, aber nennenswerte Erfolge blieben solchem Bemühen versagt, das überdies nur auf Kosten der Bistümer hätte gehen können. Diese aber waren in den meisten Fällen schon zu stark. Bischof Hermann von Würzburg konnte sich selbst der vereinten Kräfte der Herren von Wertheim, Castell, Rieneck und Henneberg erwehren. Die ältesten und mächtigsten unter ihnen, die Grafen von Henneberg, wurden zudem durch die Aufspaltung in verschiedene Linien mit unterschiedlicher Politik geschwächt. Es gelang ihnen nicht, aus verstreuter Allodialherrschaft, Lehen und Vogteirechten, die sich durch ihre Vereinzelung als wenig sicher erwiesen, geschlossene Herrschaften zu bilden. Für die Grafen von Rieneck im Westen und die Herzöge von AndechsMeranien im Osten schien die Ausgangslage günstiger. Die Vogteirechtc der Rienecker über das geschlossene Gebiet des Spessart boten einen verheißungsvollen Ansatzpunkt, den die Grafen durch die Errichtung von Burgen auszubauen trachteten. Aber bereits in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts wurden sic eben deshalb in einen Zweifrontenkrieg mit Würzburg und vor allem mit Mainz verwickelt, das seine herrschaftlichen Rechte zurückzugewinnen suchte und im Spessart - neben dem Odenwald - das gegebene Feld territorialer Politik sah. Die Andechser waren durch denBesitz des Landgerichts im Radenzgau und durch ihre nach Osten gegen ein Ausbaugebiet offene Lage begünstigt; ihre Herrschaft wurde durch Aussterben zersplittert. Die einzelnen Teile ihres Erbes haben später zur Ausbildung anderer Territorien beigetragen. Die stärkste Veränderung brachte das Zurücktreten der Königsmacht für das zum Teil stark zersplitterte staufische Reichsgut. Nachfolger des Königs im Reichsgut 1 Er war 1212 vorübergehend der Gegenbischof Ottos von Lobdeburg in Würzburg. 2 Heidingsfelder 208 f. nr. 686. 3 Ebd. 206 f. nrr. 676 f., 209 nr. 689.

4 Ebd. 216 f. nr. 706. 5 Ebd. 226 f. nr. 738. 6 Ebd. 229 iE.

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wurden Adel, Ritterschaft und Stadt, der Adel vornehmlich von einem Punkte aus. Der bedeutendste Stützpunkt des Königtums war der Reichsgutkomplex um Nürnberg. Infolge seines verhältnismäßig hohen Alters war er noch durch einen adligen Interessenvertreter, einen Burggrafen verwaltet worden. Ende des zwölften Jahrhunderts kam das erblich gewordene Amt durch Heirat an das schwäbische Geschlecht der Zollern. Ihr Aufstieg zum weltlichen Territorialherren in Franken erfolgte um die Wende vom zwölften zum dreizehnten Jahrhundert, als sie durch Heirat in den Besitz der im Mannesstamm erloschenen, hauptsächlich im Rangau ansässigen Grafen von Abenberg kamen. In die abenbergische Kadolzburg haben sie noch in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts ihren Hauptsitz verlegt, seitdem die Könige Nürnberg zunehmend privilegierten und die Rechte des Burggrafen in der Stadt damit schmälerten. Wiederum durch Heirat erwarben die Zollern seit 1248 einen großen Teil des Andechser Erbes, zuerst das Gebiet um Bayreuth, später durch Vertrag auch den Erbteil um Kulmbach, der an die Grafen von Orlamünde gefallen war. Das meiste Königsgut wurde durch Reichsministerialen nach Lehnrecht verwaltet. Dies war das wirksamste Mittel unmittelbarer Königsherrschaft, solange der Dienstgedanke bei den Ministerialen überwog. Mit dem Erbgedanken verbundenes Lehnrecht und tatsächliche Herrschaftsausübung brachten die Reichsministerialen schon gegen Ende des zwölften Jahrhunderts in eine adelsähnliche Stellung, die vom König kaum mehr in Frage gestellt werden konnte, wie dieErmordung Konrads von Querfurt und die Rolle des Marschalls von Pappenheim zeigt. Nach Heinrichs VI. Tod hatte das Königtum weitgehend seine Initiative verloren und war bereits von dem guten Willen wenigstens der mächtigsten Ministerialen abhängig geworden. Nun verselbständigten sich die einzelnen ministerialischen Herrschaften, auch wenn sie nicht zu Territorialherrschaften wurden. Parallel dazu entwickelte sich auf bis zuletzt unverliehenem Reichs- und staufischcm Hausgut die Stadt als selbständige Macht in Franken. Die dem König unterstehenden und von ihm privilegierten Markt- und Gerichtsgemeinden, Gebiete eigenen Rechts, in denen ein königlicher Schultheiß die Interessen des Königs vertrat, nämlich zu Rothenburg und Nürnberg - beide außerdem Sitz eines Landgerichts -, Dinkelsbühl und Weißenburg, konnten in der gleichen Weise wie die Reichsministerialen als Gesamtheit zusammen mit den übrigen Reichsstädten die Reichsstandschaft gewinnen. Am Ende der staufischen Epoche hatte die politische Landschaft Frankens damit ihre endgültige Gestalt gewonnen, die im wesentlichen bis zum Ende des Alten Reiches erhalten blieb.1 1 Zu diesem gesamten Komplex u. 161 ff., 277 ff., 283 ff.

II STAAT, GESELLSCHAFT, WIRTSCHAFT, KIRCHE

Allgemein. Literatur: HB I 268 ff., II 476 ff. Franken. Quellen: Neben den für die politische Geschichte Frankens heranzuziehenden Quellen (vgl. o. 3, 29) sind hier besonders zu nennen MGH Diplomata; Dronke, Traditiones et antiquitates Fuldenses, 1844; Ders., Codex diplomaticus Fuldensis, 1850; E. E. Stengel, Urkundenbuch d. Klosters Fulda (Veröff. d. hist. Komm. f. Hessen u. Waldeck) I 1, 1913; I 2, 1956; K. Glöckner, Codex Laureshamensis, 1929 ff.; C. Zeuss, Traditiones possessionesque Wiceburgenses, 1842; Dobenecker I, II; MB 37 ff. (Würzburg); 49 f. (Eichstätt); Heidingsfelder; v. Guttenberg, Reg.; F.J. Bendel, Urkundenbuch d. Benediktinerabtei S. Stephan in Würzbürg, 1932. Literatur. Bosl, Franken; W. Metz, Das karolingische Reichsgut, 1960; HAB Teil Franken I, II; Bosl; v. Guttenberg; Hist. Stätten v. Bayern; Hauck; GP; Bauerreiss I-III; Schlesinger. Einige Fragen, die in diesem Abschnitt zu behandeln wären, sind in die Darstellung der politischen Geschichte aufgenommen worden, da sie unmittelbare Folge oder Voraussetzung politischen Handelns oder aber (z. B. Bistumsgründungen, Reichskirche, Adel) unlösbarer Bestandteil der allgemeinen Geschichte dieses Zeitraums sind. Im Folgenden wird daher nur noch darauf verwiesen. Die für den jeweiligen Zeitraum charakteristischen allgemeinen Prinzipien und Verhältnisse (z. B. Grundherrschaft, allgemeine Wirtschaftsentwicklung, Adelsherrschaft usw.), in die auch die besondere Entwicklung Frankens einzubetten ist, sind ebenfalls schon hinreichend nach dem gegenwärtigen Forschungsstand dargclegt (HB I 280 ff, II 476 ff.) und sollen nicht wiederholt werden. Lediglich die konkreten fränkischen Ausformungen werden berücksichtigt.

§9. DIE KAROLINGISCHE KÖNIGSPROVINZ

a) Die Königsherrschaft und ihre Organisation. Als Prozeß ist die «Verfrankung», die sich durch Siedlung und Übertragung heimischer Organisationsformen der Stammesfranken vollzog, infolge der Quellenlage nicht darstellbar. Der Beginn kann im siebten Jahrhundert gelegen sein - gelegentlich ist sogar das sechste Jahrhundert genannt worden -, und die Einrichtung des thüringischen Amtsherzogtums muß selbst als ein Indiz dafür gewertet werden, genauer können aber doch erst seit der Mitte des achten Jahrhunderts die Ergebnisse dieses Prozesses in einer zuständlichen Beschreibung dargcstellt werden. Infolgedessen sind weder die Leistung des Herzogtums und die inneren Verhältnisse Frankens zur Zeit des Herzogtums, noch die Vorgänge in den ersten Jahrzehnten der Herrschaft der karolingischen Hausmeier und Könige im einzelnen zu erkennen. Nur soviel ist sicher richtig, daß vieles später Vorhandene karolingischer Initiative zuzuschreiben ist und diese kaum überschätzt werden kann. Mit Heden II. erlosch nicht nur die Funktion des Herzogtums, auch die in dem hedenischen Herzogtum liegende Möglichkeit zur Ausbildung eines umgrenzbaren, politisch organisierten Raumes, der sich in besonderer Weise in und vom Frankenreich unterschied, wurde zunächst unterbrochen. Anders als 788 in Bayern wurde die

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Identität des Herrschaftsraumes nicht durch die Einsetzung einer Amtsgewalt wie die des Präfekten Gerold bewahrt; die Herrschaft des Herzogs wurde unmittelbar vom König, beziehungsweise dem Hausmeier übernommen, die Mainlande wurden in die fränkische Königsherrschaft integriert. Damit war eine Entwicklung eingeleitet, die abgelesen werden kann an der Benennung der Mainlande, deren Bewohner um 788 als «pars Australium Francorum» bezeichnet und zwischen 830 und 835 unter dem Sammelbegriff «omnes Franci occidentales et Australes» mitverstanden wurden.1 Dabei handelt es sich zweifellos nicht nur um «Wanderung, Wandlung und ideologische Sättigung eines Landschafts- und Volksnamens»,12*sondern auch um den exakten Ausdruck der Tatsache, daß die Führungsschicht der Mainlande Reichsfranken waren und das fränkische Königtum den Raum und seine Bewohner nach seinen eigenen Interessen in einem Maße politisch organisiert hatte, daß Franken in den Reichsteilungen des neunten Jahrhunderts aus eigenem Antrieb an der Zugehörigkeit zur Francia festhielt. Infolge der Quellenlage werden die inneren Verhältnisse Frankens während der Regierung Karls des Großen zwar auch nur in Teilgebieten des Gesamtraumes, aber doch soweit sichtbar, daß ihre allgemeine Struktur beschrieben werden kann. Karl Bosl hat sie kürzlich in einer Vollständigkeit untersucht, daß hier nur mehr - wenigstens in der Hauptsache - seine Ergebnisse wiederholt werden brauchen,2 ohne daß dabei allerdings die Frage hätte entschieden werden können, wieweit die Voraussetzungen bereits durch die Herzöge und in ihrer Zeit geschaffen wurden. Eindrucksvoll hebt sich die Leistung der karolingischen Herrschaft heraus. Durch eine systematische und fast lückenlose Organisation haben sic dem Land den Stempel aufgedrückt. Als Eroberer, Nachfolger der thüringischen Könige und der hedenischen Herzöge war der König der größte Grundbesitzer des Landes, Grundbesitz war die Voraussetzung, seine Organisation das wichtigste Mittel der Herrschaft über das Land. Als tragendes Eiement dieser Organisation erscheinen die zentralen Königshöfe (fisci dominici) ;4 meist an oder in unmittelbarer Nähe von Altstraßcn (vgl. besonders Frankfurt - Aschaffenbürg - Würzburg) gelegen,5 Wirtschafts- und Sicdlungsmittclpunkte, Ansatzpunkte des weiteren Landesausbaus und der frühen Pfarreiorganisation6 sowie Rastorte des 1 Vgl. die Belege bei Klebel, Herzogtümer 76 ff; Dienemann (s. o. 4 Anm. 1) 18 ff; Bosl, Franken 10 f. Den Schlußfolgerungen Klebels über die Existenz eines Herzogtums Ostfranken im karolingischen Reich stehen wohl doch noch erhebliche Zweifel entgegen. 2 Bosl, Franken 11. 2 Ebd. (Lit. u. Belege); von den älteren zusammenfassenden Untersuchungen immer noch wichtig v. Guttenberg für das später bambergische Gebiet; Schlesinger für das Grabfcld; Metz, Reichsgut (s. o. 92). 4 Metz, Reichsgut passim; Bosl, Franken 29 ff 5 Dazu auch Weigel, Straße (s. o. 30 Anm. i) ; Ders., Königshofen im Grabfeld. Eine

Studie z. System d. ostfränk. Königshöfe (ebd. 14) 1954, 67-86; Ders., Forchheim (s. o. 47 Anm. 1). 6 Daul (s. o. 19 Anm. 2); P. Schöffel, Pfarreiorganisation u. Siedlungsgesch. im mittclalterl. Mainfranken (ZBKG 17) 1942, 1 ff; allgemein und besonders über die Patrozinienkünde in diesem Zusammenhang G. Zimmermann, Patrozinienwahl u. Frömmigkeitswandel im MA. Dargestellt an Beispielen aus d. alten Bistum Würzburg I (WDGB11. 20) 1958, 126, 24bes. 101 ff; H. Weigel, Das Patrozinium d. Heiligen Martin. Versuch einer Grundlegung v. Ostfranken aus (BlldLG 100) 1964, 106. 82-

§ g. Die karolingische Königsprovinz (F.-J. Schmale)

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Königs zugleich. Bei der Ausstattung des Bistums Würzburg wurden Kirchen in 26 solchen Königshöfen übertragen, doch muß ihre Gesamtzahl weit größer gewesen sein; im Sualafeld an der Grenze gegen Schwaben und Bayern1 sowie im Grabfeld an der Grenze gegen Thüringen und Sachsen treten sie ebenso massiert auf wie im Raum um Würzburg. Deutlich ist darin der politische Zweck der Königsgutorganisation zu erkennen, einige der Königshöfe, wie Salz und Forchheim,12 wurden später zu Pfalzen ausgebaut. In welch unmittelbaren Formen sich von diesen Höfen der königliche Einfluß ausbreitete, ist deutlich abzulesen. Vielfach sind sie von einem Kranz von -heim-Orten umgeben, die eindeutig als das Ergebnis fränkischer «Staats»kolonisation erwiesen werden konnten,3 unter denen aber den orientierten -heimOrten, bezogen auf einen zentralen Königsort (Ickelheim —► Sondheim —> Westheim; Kaltennordheim - Kaltensundheim - Kaltenwestheim / Grabfeld; Nordheim Ostheim - Sondheim - Westheim / Grabfeld; Dettelbach-Münsterschwarzach —► Nordheim u. ä.) eine besondere Bedeutung zukommt. Es dürfte richtig sein, daß die mit einem Grundwort gebildeten -heim-Namen einer ersten, die orientierten einer zweiten (karolingischen?), die häufigen -hofen-Orte einer dritten (8.Jh.) «Verfrankungs»-, Siedlungs- und Ausbauwelle zuzuordnen sind. Auf denselben Vorgang weist die Entstehung der Gaue und ihrer Namen hin. Charakteristisch für Franken sind die -feld(= Mark)-Gaue wie Sualafeld, Volkfeld, Gozfeld, Aschfeld, Grabfeld usw.; sie sind ursprünglich Königsmarken (vgl. Hammelburger und Würzburger MarkbeSchreibungen), d. h. Königsgutsbezirke (Herzogsgutsbezirke?), die sich mit fortschreitendem Landesausbau ausdehnten.4 Ihnen gleichzustellen sind die nach Flüssen benannten Gaue (Ran[ach]-Gau, Radenz-, Iff-, Wem-, Saalegau usw.),’ ausgehend von frühen und begrenzten Ansatzpunkten der Staatskolonisation, die sich mit dem von den alten Zentren vorgetragenen Landesausbau zusammen erweitern, unter Beteiligung der königlichen Kanzlei, die zur Lokalisierung auch der neu hinzukommenden Orte einen Gaunamen benötigte. Kolonisation, Ausbau und Herrschaft bedurften der Menschen; vornehmlich zweier Gruppen, Schichten bzw. Stände - sieht man einmal von den Leibeigenen ab - bediente sich das Königtum, des Adels und der freien Franken (= Franci homines), heute vielfach «Königsfreie» genannt, deren ständische Qualität umstritten ist. Das in unmittelbarer Regie genutzte Königsgut ist zu der Zeit, in der die Quellen - vornehmlieh handelt cs sich um Fuldaer und Lorschcr Traditionen - reichlicher fließen, soweit cs nicht von auf den Königshöfen sitzenden mancipia (Unfreien) bewirtschaftet wird, in Hufen (mansi) aufgcteilt, die von «Königsfreien» bebaut wurden. Es sind Wehrbauern, die aufgrund des an sic in Erbpacht oder Erblcihc ausgetanen Landes zu allerlei Diensten und Abgaben für den König verpflichtet sind. Sic zahlen tributa (Kopf1 E. Frhr. v. Guttenberg, Stammcsgrenzen u. Volkstum im Gebiet d. Rednitz u. Altmühl (JffL 8/9) 1943, i ff. 2 Weigel, Forchheim (s. o. 47 Anm. 1). 3 Über die ostfrankischcn «Heimortc» jetzt Bosl, Franken 12 ff. (Lit.).

4 Über Vermarkung in Ostfranken Schle62 ff.; Bosl, Franken 13 f., 39 ff. 5 Zuerst v. Guttenberg, Stainmesgrenzen (s. o. Anm. 1) bes. 28 ff.; jetzt vor allein Metz, Reichsgut (s. o. 93) 162 ff.

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steuern), census (Grundzins), unterliegen der Heerfahrtpflicht, die durch HeerbannZahlung abgegolten werden kann, und leisten andere Steuern, die von königlichen Fiskalbeamten (exactores, iudices) an bestimmten Hebestellen (z. B. Königshof GroßUmstadt) entgegengenommen werden. Als Bargilden (bar = frei) und Barschalken begegnen sie ebenso (Marktbergeln im Königsgutbezirk Burgbernheim!) wie als Karle (Karlburg nördlich Würzburg!) und freie Franken (Würzburger Markbeschreibung). An der Spitze eines Königsgutbezirkes und seiner Menschen stehen als Beauftragte des Königs exactores, actores, villici und iudices (= centenarius ?), wobei letztere zugleich darauf hinweisen könnten, daß der Königsgutbezirk auch (Nieder-) Gerichtsbezirk (centena) war, wenn auch keine hochmittelalterliche Zent bisher eindeutig mit der fränkischen centena identifiziert werden konnte.1 Es ist anzunehmen, daß in vielen Fällen Angehörige des Adels Träger dieser Funktionen waren.12 Um 800 ist diese Staatsorganisation in einer Umwandlung begriffen, deren sichtbarer Beginn mit der Dotierung des Bistums Würzburg einsetzt. Die umfangreichen Schenkungen von bis dahin unmittelbar bewirtschafteten Königsgütem und Einkünften sowie der «Königsfreien» mitsamt ihren Leistungen an die Kirche, vornehmlieh an Würzburg, aber auch an Fulda, setzte wenigstens zum Teil an die Stelle unmittelbarer Königsherrschaft mittelbare Herrschaft durch die Kirche. Würzburg für seine Aufgaben in und gegen Sachsen instandzusetzen, war ein Grund, einer anderer die Veränderung des Kriegswesens. Da nicht mehr auf dem Fußsoldaten, sondern dem gepanzerten Reiter das waffentechnische Schwergewicht ruhte, der einzelne die dafür notwendigen Mittel aber nicht mehr aufzubringen imstande war, wurden «Königsfreie» in großer Zahl der Kirche geschenkt - die belegten Fälle von Selbstschenkungen entspringen den gleichen wirtschaftlichen Motiven. Während die bisherigen verschiedenen Leistungen zu einem erträglichen Wachszins zusammengefaßt wurden, übernahm die Kirche gegenüber dem Königtum die Leistungen, die bisher von den «Königsfreien» erwartet wurden, während diese selbst durch solche Schenkungen ihre bisherige «Freiheit» verloren und zur obersten Schicht der Unfreien wurden.3 Staatskolonisation durch «Königsfreic» war aber nur die eine Form der Königsherrschaft. Längst nicht alles Land wurde vom König in dieser Weise unmittelbar genutzt, ein mindest ebenso erheblicher Teil wurde durch Erbleihe undBelehnung an den fränkischen Stammesadel ausgetan.4 Soweit cs sich feststellen läßt, und die Zeug1 H. Dannenbauer, Hundertschaft, Centena u. Huntari (HJb. 62/69) 1949, 187; W. Metz, Zur Gesch. d. fränk. centena (ZRG 74) 1937, 234-241 spricht sich für einen engen Zusammenhang aus. - Vgl. Anm. 3. 2 Zur Organisation des Reichsguts, seine Bewirtschaftung und Verwaltung jetzt Metz, Reichsgut (s. o. 93), wo auch das ostfränkische Material verarbeitet ist. 3 Zum Problem der «Königsfreien» und der Leibeigenen in Franken: Bosl, Franken 43 ff. (Lit.); für Mittelfranken vgl. auch H. Dannenbauer, Königsfreie u. Ministerialen (Grundlc-

gung d. mittelalterl. Welt, Skizzen u. Studien) 1958, bes. 340 f. - Zusatz des Herausgebers: Zu den sog. Königsfreien vgl. jetzt die Kritik und Modifizierung von H. Krause in seinem Aufsatz «Die liberi der Lex Baiuvariorum» (in: Festschr. Μ. Spindler, 1969, 41-73), den der Verfasser dieses Beitrags nicht mehr verwerten konnte. Zu den «Herzogsfreien» (HB I 277 f., 290) vgl. gleichfalls Krause (ebd.). 4 Hierher dürften die mit Personennamen gebildeten Namen der Heimorte gehören, vgl. Bosl, Franken 26.

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nisse liegen naturgemäß spät, ist der in Franken grundbesitzende Adel neustrischer und austrasischer Herkunft und ist auch im achten und neunten Jahrhundert noch im linksrheinischen und alamannischen Raum begütert und versippt. Er gehört also von Hause aus der reichsfränkischen Führungsschicht an und kann nur durch Belehnung mit Land und Leuten durch den König (und Herzog?) in Ostfranken zu Besitz gekommen sein, den er in der gleichen Weise, wie sie für das Königsgut beschrieben wurde, nutzte und ausbaute.1 Die Güter des Adels in Franken können in zahlreichen Fällen eindeutig auf ursprünglich königlichen Besitz zurückgeführt werden;2 nach Ausweis der Ortsnamen gehört auch der adlige Besitz in seinen einzelnen Komplexen den gleichen zeitlichen Schichten wie das Königsgut an. Auch er hat mit Eigenleuten am Landesausbau teilgenommen (captura/bifang, vgl. hibiscesbiunta in der Würzburg-Heidingsfelder Markbeschreibung),3 zahlreiche mit Personennamen gebildete Ortsnamen (Münnerstadt = Munirichesstatt; Megingaudeshusen; Gunzenhausen) zeugen von grundherrlicher Siedlung. Aus einem lückenhaften, und weil es nur Besitzveränderungen bei Schenkungen an die Kirche registriert, auch zufälligen Material wird dieser Adel in seinen kognatischen Bindungen, in Sippen und mit seinem umfangreichen und weitverstreuten Besitz greifbar. Karl Bosl hat die Struktur dieses Adels, ermittelt aus Tradentenkreisen, bloßgelegt; einige dieser Kreise werden als Sippen über mehrere Generationen hinweg deutlich. Zu den vornehmsten und mächtigsten gehören die Mattonen mit Besitz im Rheingau (Geisenheim), im Grabfeld (Stockheim, Sülzfeld, Herpf, Schwallungen, Rannungen, Diedorf und Wenkheim), im Aschfeld, Waldsassengau (Birkenfeld), Werngau (Raum Karlstadt), Gozfeld (Schwanfeld, Eisenheim, Pleichfeld, Haid). Weitere kognatisch verbundene Tradentenkreise können aufgrund gemeinsamen Besitzes an gleichen Orten, durch gegenseitige Bezeugung von Besitzübertragungen anhand von in diesen Personengruppen wiederkehrenden Leitnamen umschrieben werden: eine Altfrid (Adal-, -frid)Sippe im Raum vornehmlich von Rannungen, ein Münnerstädterkreis (-olt), um Meiningen eine P(e)raht-Gruppe und viele andere. Sie sind die maiores natu, nobiles, nobiliores terrae, optimates, fast alle auch untereinander versippt (Beweis für das hohe Alter des Grundbesitzeradels in Franken!), leisten einander Zeugendienste und stellen die Schöffen im Grafengericht, den comitatus im conventus publicus. Seine umfangreichen Güter, die durch weitere Belehnungen mit Königsgut vermehrt werden, das ebenfalls in die Erblichkeit gerät, bewirtschaftet er in ähnlicher Weise, wie auch das Königsgut bewirtschaftet wird. Wenn im achten Jahrhundert bäuerliche Wirtschaft durch Manzipien absolut vorzuherrschen scheint, falls nicht die ausschließliche Sehenkung von unverhuftem Land an die Kirche ein unzutreffendes Bild entwirft, das auf zeitgebundener Schenkungsgepflogenheit beruht, so muß sich zu Beginn des neunten 1 W. Metz, Austrasische Adelsherrschaft d. 8. Jhs., Mittelrhein. Grundherren in Ostfranken (HJb. 87) 1967, 257-304; Friese passim; vgl. auch Büttner, Mainland; Metz, Babenberger u. Rupertiner (s. o. 53 Anm. 4); Ders., Reichsgut (s. o. 93) 23 ff. 7 HdBG III, i

2 Beispiele bei Bosl, Franken, bes. 64-114. 3 Bosl, Würzburg (s. o. 73 Anm. 3) 30 ff.; Metz, Reichsgut (s. o. 93) 213 ff.

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Jahrhunderts nach dem Vorbild der Krongüter auch im Bereich der adligen Grundherrschaft, teils im Zusammenhang mit herrschaftlicher Rodungstätigkeit (-husenOrte), die Villikationsverfassung durchgesetzt haben; denn zunehmend werden seit dieser Zeit auch Hufen verschenkt.1 Die Belehnung fränkischen Adels in Ostfranken war als ein Mittel der königsherrschaffliehen Erfassung des eroberten Raumes gedacht, doch hing die Wirksamkeit dieses Mittels davon ab, ob das Königtum stark genug war, ein Gegengewicht gegen adliges, nicht abgeleitetes Herrschaftsdenken zu bilden.1 2 Insofern spielte der Adel keine ein für allemal gleichbleibende Rolle. Gewisse Gegenmaßnahmen in der Zeit Karls des Großen weisen darauf hin, daß der Adel in einer Periode der Schwäche des Königtums die ursprünglichen Bindungen gelockert, sich zu früherem Herrschaftsdenken zurückgewandt hatte und im Land eingewurzelt war.3 Ähnlich wie das Königtum selbst und der fränkische Reichsadel in den Stammlanden hatte er in der Zeit des hl. Bonifatius eigene Klöster gegründet, die nicht nur als Versorgungsstätten für Sippenangehörige dienten, sondern auch kultische Mittelpunkte der Familientradition bildeten.4 Karls des Großen Propaganda gegen das hedenische Herzogshaus, wie sie in der älteren Kilianspassion zum Ausdruck kam, der Aufstand des Hradrad im Jahre 786, die Argumentation der Verschwörer, daß sie kein Treueversprechen an den König binde, Karls Heirat mit der Ostfränkin Fastrada, die den fränkischen Adel kognatisch an den Herrscher binden sollte, weisen auf die Verselbständigung des Adels hin, den das Königtum nun wieder in den fränkischen Staat zu integrieren hatte. Man möchte annehmen, daß die überaus umfangreichen Schenkungen an das Kloster Fulda, die zu erheblichem Teil aus ursprünglichem Königsgut bestanden, wie die Schenkungsvorgänge im Beisein von Grafen bezeugen, ebenso unter dem Einfluß des Königs stattfanden, wie die Auftragungen der adligen Eigenklöster an den Herrscher, der auf diese Weise Traditionsmittelpunkte des Adels zerstörte und die Kirche als Interessenträgerin des Königtums verstärkte.5 In den Rahmen des spannungsreichen Verhältnisses zwischen König und Adel ist auch das Problem der Grafschaft in Franken zu stellen. Es muß auffallen, daß in der Karolingerzeit Grafen zunächst nur ganz vereinzelt erwähnt sind; dabei können die 1 Bosl, Franken 50 ff.; instruktiv das von Friese 7 ff. herausgearbeitete Hofrecht von Neustadt. 2 Bosl, Franken 64 f. (Lit.). 3 S. o. 39 f. 4 Bosl, Franken 64 ff. über die Eigenklöster der Mattonen (bzw. ihrer Kognaten) - Einfirst/ Mattenzell, Wenkheim, Kitzingen, Megingaudeshausen - (Münster)-Schwarzach, Milz und 114 ff. über die sonstigen adligen Eigenklöster; vgl. auch Prinz, Frühes Mönchtum (s. o. 14 Anm. 5) passim (Lit.); K. Lübeck, Fuldaer Nebenklöster in Mainfranken (Mainfr. Jb. 2) 1950, i ff.; A. Wendehorst, Die Anfänge d. Klosters Münsterschwarzach (ZBLG 24) 1961, 163-173. Über Neustadt Friese i ff, das ent-

gegen Wendehorst I 2j ff. nach wie vor als Mattonenkloster betrachtet werden muß. - Im Bereich der Diözese Eichstätt ist neben Soinholen (s. u. 119) vor allem Herrieden zu nennen (Adamski, s. u. 126 Anm. 4; Heidingsfelder passim; Bosl, Franken 130 ff.), das ein Cadolt gründete und dessen Name auf adligen Landesausbau - in Nähe von Königsgut - hinweist. Sein Besitz macht nach dem Übergang an Eichstätt (Heidingsfelder nr. 27) einen wesentliehen Teil des Hochstifts aus. - Das ebenfalls auf adlige Gründung zurückgehende Kloster Gunzenhausen wurde 823 an Ellwangen geschenkt; vgl. Bosl 126 ff. 5 Vgl. Friese 17.

§ g. Die karolingische Königsprovinz (F.-J. Schmale)

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im Sammelbegriff comites genannten thüringischen Großen in der Vita sancti Bonifatii Willibalds kaum verwertet werden.1 In der auf Karlmann zu 747 gefälschten Grenzbeschreibung Fuldas sind drei praefecti Zeugen, die mit einem weiteren in der zwischen 809 und 812 Karl dem Großen zur Bestätigung vorgelegten, zu 753 auf Pippin gefälschten Fuldaer Urkunde genannt werden.12 Es sind Throand, Liutfrid, Rocco und Rantulf; die Namen sind identisch mit denen fränkischer Großer, die 748 von Papst Zacharias angeschrieben wurden,3 möglicherweise sind die Namen aus diesem Brief in die Fälschungen übernommen worden, und der praefectus-Titel ist so vielleicht nicht verwertbare Zutat. Liutfrid wird aber auch in einer von diesen Belegen unabhängigen Tradition im Zusammenhang mit der Resignation Bischof Burchards von Würzburg als comes genannt.4 Er gehörte möglicherweise in den Kreis der alemannischen Etichonen und wäre demnach ein «landfremder» Graf gewesen.5 Das gilt wohl auch von dem Grafen Rocco, dem Bruder des Grafen Hatto,6 sowie Brunicho, dem Bruder eines Moricho, die an der Schenkung der Marken Rasdorf und Soisdorf an Fulda beteiligt sind (um 780),’ und einem Rantulf, der zu Bodenheim an Fulda schenkt unter der Zeugenschaft eines comes Uoto.8 Ebenfalls nicht in den ostfränkischen Adel einzuordnen sind die Grafen Nidhard und Heimo in der Hammclburger Markbeschreibung von 777.0 Es hat, soweit man aus so wenigen Zeugnissen, mehr aber noch aus dem Fehlen von Zeugnissen Schlüsse ziehen darf, ganz den Anschein, als seien zunächst nur vereinzelt, und zwar zur westfränkischen und alemannischen Reichsaristokratie gehörige Große als missatische Grafen, königliehe Kommissare mit lediglich befristeten Aufträgen eingesetzt worden. Von einer Grafschaftsverfassung könnte unter solchen Umständen jedenfalls noch nicht die Rede sein.10 In der Hauptsache erst seit den achtzigerjahren mehren sich die Belege für Grafen in Ostfranken, genauer gesagt nach dem Aufstand des Hradrad. Damals wurden die nicht aktiv am Aufstand Beteiligten zum Treueid gezwungen, also zusätzlich und enger an den König gebunden; bald darauf begegnet man in Ostfranken Grafen in größerer Zahl. Einige von ihnen, wie der seit 819 im Grabfeld belegte Poppo und seine Nachkommen gehören mit großer Wahrscheinlichkeit wie die früher angeführten Grafen westfränkischen Familien an (Rupertiner), sind aber nun, wie ihre Sehenkungen beweisen, selbst in Franken durch weitgestreuten Besitz begütert.11 An die Stelle der früheren missatischen Grafen sind also nun ständige Grafen aus dem Kreis 1 Vita s. Bonifatii auctore Willibaldo (s. o. 13 Anm. 6) 32. 2 Urkundenbuch d. Klosters Fulda I, bcarb. v. E. E. Stengel (Veröffentl. d. Hist. Komin, f. Hessen u. Waldeck 10, 1) 1913/58 5 f., 10, 20. 3 Bonifatius, Briefe 185 nr. 83. 4 Schmale, Glaubwürdigkeit 72 f. 5 F. Vollmer, Die Etichonen. Ein Beitr. z. Frage d. Kontinuität früher Adelsfamilien (Stud. u. Vorarbeiten, hg. v. G. Tellenbach) 1957, !37-184, bes. 163; korrigierend Friese 105 f. 6 Bosl, Franken 93 ff. 7'

7 Ebd. 92 f. 8 Friese 75. ’ Ebd. 107 ff.; vgl. auch Schlesinger 58 ff; Bosl, Franken 114 ff. Auch Throand, Gründer des Klosters Holzkirchen, gehört in diese Gruppe; vgl. Friese 105. 10 Diese Feststellung steht nicht in Widerspruch zu Schlesinger 58, dessen Belege für die von ihm angenommene Durchsetzung der Grafschaftsverfassung alle nach 780 liegen. 11 Metz, Babenberger u. Rupertiner (s. o. 53 Anm. 4) 295 ff; Friese iii ff.

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der Reichsaristokratie getreten, die mit Amtslehen ausgestattet und damit in die Reihen des oft fränkischen grundbesitzenden Adels eingetreten sind. Zu dieser Gruppe dürften auch comites wie Nanthere, Warin, Rudhard, Unruoch gehören, die nicht für dauernd in Ostfranken Fuß faßten. Davon muß vielleicht eine andere Gruppe von ständigen Grafen unterschieden werden, die jüngere Angehörige des schon länger in Ostfranken ansässigen, zum Teil aber ebenfalls mit der westfränkisehen Aristokratie versippten Adels sind (z. B. der Mattone Madalgaud/goz), die sich nun zur Zusammenarbeit mit dem König bereiterklärt haben.1 Zusammenfassend gewinnt man den Eindruck, daß die Auseinandersetzungen zwischen König und ostfränkischem Adel, abgeschlossen durch das Treueversprechen nach dem Aufstand des Hradrad, den König zu einer Neustrukturierung seiner Herrschaft veranlaßten. Sie bestand darin, daß ständige Vertrauensleute (Grafen) eingesetzt wurden, deren Hauptaufgabe der Vorsitz im conventus publicus, die Erhebung der öffentlichen Abgaben1 2*‫׳‬und die militärische Führung der durch Treueid gebundenen Großen war. Sie wurden teils landfremder Reichsaristokratie entnommen und durch Amtslehen ansässig gemacht, teils handelte es sich um kollaborationswillige ostfränkische Adelige. Zu Beginn des neunten Jahrhunderts können sie noch zum Teil durch ihre Aszendenz unterschieden werden, sonst aber sind sie infolge ihrer Funktionen und ihres Grundbesitzes zu einer einheitlichen Schicht verschmolzen, deren Stellung in gleicher Weise auf erblich gewordenem, ursprünglich königlichem Grundbesitz und ebenfalls erblich gewordenen königlichen Ämtern beruhte und in der Zeit erneuter Schwäche des Königtums im neuntenjahrhundert eine verbesserte Ausgangsposition zur Gewinnung von autogener Herrschaft wurde, weil der Adel staatliche Ämter als Herrschaft verstand. Zu Königsgut, Adel, Grafschaft als Instrumenten der Königsherrschaft trat seit der Mitte des achten Jahrhunderts die Kirche. In vereinzelten Fällen hatten die Karolinger schon als Hausmeier gleich dem übrigen Adel durch Klostergründungen auf ursprünglichem Königsgut Fuß gefaßt.’ Die unbestrittene Alleinherrschaft und das Wirken des hl. Bonifatius eröffneten ihnen neue Möglichkeiten, die Kirche unter anderem auch als Instrument ihrer Herrschaft zu verwenden. Bistümer und Klöster wurden dazu in der gleichen Weise herangezogen. Unter den letzten spielte zweifellos das am Rande Frankens gelegene Fulda die größte Rolle, dessen Fundus Bonifatius mit Hilfe Karlmanns (Königsgut!) erworben,4 das Papst Zacharias unter päpstlichen Schutz genommen und mit geistlicher Immunität ausgestattet hatte und das die Karolinger gegen jede Minderung des Rcchtsstatus gegenüber Mainz und Würzburg als Königskloster verteidigten. Die zahllosen Schenkungen an Fulda aus Königsgütern und ehemaligem, inzwischen vom Adel benutzten Königsgut, die über das ganze 1 S. o. 39 f. 2 Eine Oberaufsicht der Grafen über die königlichen Regiegüter nimmt K. Bosl (vgl. Art. Grafschaft, Rössler-Franz 370) an; sie wird bestritten von Metz, Reichsgut (s. o. 93) 174 ff., 227 ff. Die Frage scheint noch offen.

3 Vgl. Karlburg; Daul (s. o. 19 Anm. 2). 4 UB Fulda (s. o. 99 Anm. 2) I 1 ff.; H. Büttner, Bonifatius u. d. Kloster Fulda (Fuld. Geschbll. 30) 1954, 66 ff.; E. E. Stengel, Zur Frühgesch. d. Reichsabtei Fulda (DA 9) 1952, 513 ff. (Lit.).

§ $. Die karolingische Königsprovinz (F.-J. Schmale)

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Ostfranken verteilt lagen, sich aber im Grabfeld besonders massierten,1 faßten die Leistungen des Königsguts an einer Stelle zusammen und bewahrten es vor der Gefahr der Entfremdung, solange die Kirchenherrschaft in der Form des Obereigentums am Reichskirchengut bewahrt werden konnte. Es war nur folgerichtig, wenn kleinere Klöster durch Übertragung an Fulda in dieses System eingefügt wurden (Holzkirchen).2 Eine ähnliche Funktion hatte im Südwesten Frankens das Kloster Lorsch, und in den gleichen Zusammenhang gehört die Auftragung des Klosters Neustadt, das Bischof Megingoz unter Mitwirkung des Grafen Hatto gegründet hatte. Wichtiger waren noch die Bistümer, in erster Linie Würzburg, das im Westen in einer schnell sich verfestigenden Linie an Mainz, Worms, Konstanz, Augsburg grenzte, nach Osten und Südosten jedoch zunächst nicht festgelegt war3 und dessen politische Funktion von allem Anfang an durch die umfangreiche Dotation mit Königsgut außer Zweifel stand. Sie ist im Rahmen der politischen Geschichte bereits hinreichend behandelt worden.4 Ein durchschaubares, aber vielfältiges System von Bindungen, basierend auf unmittelbarem und mittelbarem Eigentum an Land und auch an Treue und Lehnrecht orientierten personalen Banden, machte auf dem Höhepunkt der karolingischen Herrschaft Franken in seiner Gesamtheit zu einem Königsland und hat damit die weitere Entwicklung festgelegt, solange cs ein wirksames Königsgut gab.

b) Wirtschaft, Handel, Sozialentwicklung. Um 800 hatte sich auch in Franken die Grundherrschaft als Form der Herrschaft über Menschen und als Form des Wirtschaftens durchgesetzt.5 Infolge von Ausweitung des ursprünglichen Besitzes durch Kolonisation und Rodung bisher unbebauten Landes, teils unmittelbar durch Leibeigene, teils durch die Gewährung der notwendigen Mittel durch einen Herrn, aber auch als Folge von Streubcsitz und Schenkung war die Grundherrschaft an die Stelle ursprünglich ausschließlichen Herreneigentums am Menschen mit seinem persönliehen Abhängigkeitsverhältnis getreten. Dabei war der König im Bereich des Königsgutes fast notwendigerweise vorausgegangen, Adel und Kirche folgten. Daraus ergab sich eine weitgehende Differenzierung der bisherigen Leibeigenen in verschicdcnc unfreie Schichten, wie umgekehrt Freie zu «Unfreien» («Königsfreien») wurden infolge des Herrencigcntums an Grund und Boden. Durch die Urbare und Traditionen vornehmlich des Klosters Fulda werden diese verschiedenen, in der Hauptsache zwei Schichten deutlich. Die eine Schicht bilden die unbehausten servi, servientes, die im Haus des Grundherrn leben und die unbehausten Manzipicn, die die Eigenwirtschaft des Grundherrn (Fronhof) in ungemessenem oder zum Teil schon 1Vgl. Bosl, Franken passim, bcs. 132 ff.; T. Werner-Hasselbach, Die älteren GüterVerzeichnisse d. Reichsabtci Fulda (Marburger Stud. z. ält. deutschen Gesch., R.2, Stück 7) 1942; D. Heller, Quellenstudien z. Frühgesch. d. Klosters Fulda, 1949; K. Lübeck, Fuldaer Nebenklöster in Mainfranken (Mainfr. Jb. 2) 1950, i ff.; W. Metz, Bemerkungen z. karoling. Güterverzeichnis d. Klosters zu Fulda (Fuld. Geschbll. 32) 1956, 88-101.

2 Über das Verhältnis Würzburg-Fulda Beck-Büttner (s. o. 75 Anm. 4) 12 ff.; P. J. Jörg, Würzburg oder Büraburg. Der erste Diözesanbischof d. Klosters Fulda (WDGB11. 16/17) 1954/55. 131 ff·‘. D. Heller, Würzburg u. Fulda (ebd.) 146 ff. 3 Bosl, Franken 136 ff.; v. Guttenberg, Stammesgrenzen (s. o. 95 Anm. 1) 1 ff. 4 S. o. 37 ff. 5 HB I 275 ff. (Lit.).

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gemessenem Dienst betreiben. Sie gehören nicht zu Grund und Boden, sondern stehen noch gewissermaßen in dem älteren Abhängigkeitsverhältnis, werden persönlieh mit Namen verschenkt und genießen eine gewisse Freizügigkeit, die entscheidend wird für die hochmittelalterliche Sozialentwicklung.1 Die andere Schicht sind unfreie Manzipien, die auf ausgeschiedenen Hufen in eigenen Hofstellen (Behauste, casati, homines manentes) gegen einen Zins selbständig wirtschaften, aber ungenannt mit ihren Hufen als Schollegebundene verschenkt werden. In ihre Nähe rücken um 800 bereits die «Königsfreien», die zwar gelegentlich noch liberi und ingenui genannt, aber doch bereits verschenkt und im Rahmen der Grundherrschaft als Grundhörige, coloni, lidi, tributarii bezeichnet werden. Bäuerliches Wirtschaften war absolut vorherrschend. Neben dem Anbau der üblichen Getreidearten wurde Viehzucht (Rinder, Schweine) betrieben, an vereinzelten Stellen ist Weinbau belegt (Würzburger Markbeschreibung),1 2 der aber gewiß weiter verbreitet war, als die zufälligen Quellen zu zeigen scheinen. Inwieweit der Handel eine Rolle neben der bäuerlichen Wirtschaft spielte, ist wiederum infolge der wenigen Quellenbelege schwer zu bestimmen.3 Gewiß wurden die meisten Bedürfnisse nach nicht unmittelbar agrarischen Erzeugnissen im Rahmen der Grundherrschaft befriedigt, durch Handwerker aus dem Kreis der servi; andererseits kann man sich eine Bischofsstadt wie Würzburg, die im neunten Jahrhundert als civitas bezeichnet wird und schon durch ihren Namen (-bürg) auf ihren städtischen Charakter und auf die hier vorhandenen Gelegenheiten zur Deckung des Warenbedarfs hinweist,4*nicht ohne Handel vorstellen. Würzburgs Bedeutung als Handelsplatz ist darüber hinaus nicht nur aus seiner Lage am Schnittpunkt wichtiger Ost-West- (Hallstadt/Forchheim, Regensburg) und Nord-Süd-Straßen zu erschließen.’ Vor 832 erhielt Bischof Wolfger den Zoll in Würzburg, den zuvor schon ein Graf Wicbold als königlicher Beauftragter eingezogen hatte.6 Im Diedenhofener Capitulare von 805 werden Hallstadt und Forchheim, beides Königspfalzen, als Handelsplätze für den Warenverkehr mit den Slaven genannt, der eine dem Mattonen Madalgaud, der andere dem Grafen Audulf unterstellt.7 Rudimentäre Anfänge einer gewissen «Industrie» lassen sich aus Namen wie Salz und Salzgau entnehmen, die auf die salzhaltigen Quellen im Gebiet der Saale hinweisen, deren Wasser mit dem Holz des Salzforstes zwecks Salzgewinnung gesotten werden konnten.8 1 Im einzelnen Bosl, Franken 50 ff. (Lit.). 2 StD 24: danän duruh den Frcdthantes uuingarton, s. auch u. 124. 3 Vgl. Metz, Reichsgut (s. o. 93) 142 ff. 4 MG SS rer. Mer. 5, 717; zur Interpretation der Stelle W. Schlesinger, Burg u. Stadt (Aus Verfassungs- u. Landesgesch., Festschr. Th. Mayer) 1954, 197-150, bes. 109; Ders., Stadt u. Burg im Lichte d. Wortgesch. (Studium generale 16) 1963, 433-444; Ders., Städtische Frühformen zw. Rhein u. Elbe (Stud. zu d. Anfängen d. deutschen Städtewesens, VF 4) 1958, 287-362; vgl. auch K. Withold, Die frühge-

schichtl. Entwicklung d. Würzburger Stadtplanes (ebd.) 363-388. ’ Withold (s. Anm. 4) 366. 6 Zu erschließen aus DK. I 35. 7 MG Capit. 1, 123 nr. 44; v. Guttenberg 27 ff.; Weigel, Forchheim (s. o. 47 Anm. 1) 137 ff· 8 Bosl, Franken 146. - Auf offene Fragen vornehmlich der Verfassungsgeschichte macht W. Schlesinger, Die Franken im Gebiet östl. d. mittleren Rheins. Skizze eines ForschungsProgramms (Hess. Jb. f. LG 15) 1965, 1-22 aufmerksam.

§10. Vom Ausgang der Karolinger- bis zum Ende der Stauferzeit (F.-J. Schmale)

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§10. VOM AUSGANG DER KAROLINGER- BIS ZUM ENDE

DER STAUFERZEIT

a) Der Adel. Die Loslösung von der Francia und die Eingliederung in ein Reich, das sich als ostfränkisches aus dem fränkischen ausgliederte und zum Deutschen Reich wandelte, bedeutete für Franken keinen abrupten Bruch. Franken blieb Königsprovinz; Königtum, sowie diesem zugeordnet, Adel und Kirche waren weiterhin die Träger der Herrschaft. Aber Franken war zugleich auch ein «stammesloser» und wegen seines Charakters als Königsprovinz zugleich herzogloser Raum; es gab außer dem König keinen auf dem ganzen Raum und seine Menschen gerichteten politischen Willen wie in Bayern oder Sachsen oder auch in Schwaben. Die Karolinger hatten jede Tradition dieser Art beseitigt. Infolgedessen blieb Franken in seiner weiteren Entwicklung stets und in besonderem Maße von der jeweiligen Lage des Königtums abhängig.1 Die Wirren im karolingischen Herrscherhaus seit dem Regierungsantritt Ludwigs des Frommen schufen die Bedingungen, unter denen sich die partikularen Interessen ungehinderter entfalten konnten. Adel und Kirche hielten zwar bis zum Vertrag von Verdun jeweils zu dem Herrscher, der Herr der Francia war, die tatsächliche Lage beseitigte aber doch für Jahrzehnte so gut wie jeden aktiven Einfluß des Königtums. Nutznießer dieser Situation war in erster Linie der Adel. Aus germanischen Traditionen heraus neigte er dazu, neben Lehen auch das Amt, in Franken das Grafenamt, als Herrschaft zu verstehen und es zur Erweiterung der Allodialherrschafi zu benutzen. Im Grunde hatte Karl der Große bereits diese Entwicklung eingeleitet, als er in Franken Grafschaften nur an Angehörige des Adels verlieh, deren Geschlechtern sie der König nicht mehr entziehen wollte oder konnte. Damit wurden diese Ämter gewissermaßen erblich, sie hoben ihre Inhaber durch ihre Macht über andere Stammesgenossen hinaus und lösten sie als erste aus den bisherigen kognatischen Verbänden. Deutlich ist dieser Vorgang vornehmlich bei zwei Adelsverbänden im Osten und im Westen Frankens zu beobachten. Waren im Grabfeld 784 zwei Grafen Rocco und Eborakar, 788 ein Graf Matto, 814 ein Graf Berenger genannt, so begegnet in der folgenden Zeit zwischen 819 und 840/41 öfter ein Graf Poppo, dessen Grafschaft sich - wenn aus der Lage seiner Güter in den Gauen Volkfeld, Gozfeld, Weringau und Salegau, Amtsgut im Waldsassengau und Spessart ein Schluß zu ziehen ist - tatsächlich weit über das Grabfeld hinaus erstreckte? Seine Feindschaft zu Ludwig dem Deutschen kostete ihn zwar einiges Amtslehen3, und nach seinem Tod begegnen im Grabfeld vorübergehend andere Grafen, sicher Vertrauensleute des ostfränkischen Königs, die 1.Für die folgenden Ausführungen sind die Arbeiten des HAB und die Darstellung der politischen Geschichte (s. o. 42 ff.) heranzuziehen, wo sich auch die Einzelbelege für die hier gegebene Zusammenfassung finden. Die Grundlinien der entscheidenden verfassungsgeschichtlichen Vorgänge unter Berücksichti-

gung Ostfrankens, besonders in Hinblick auf Königtum und Adel, bei Schlesinger, bes. 130 ff. Erweiterung und Vervollständigung des Materials über die wichtigsten fränkischen Adelsgeschlechter bei Friese, passim. 2 Schlesinger 58 ff. 3 Dobenecker I 40 f. nrr. 177 f.

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nicht den Popponen zuzuordnen sind; Ludwig versuchte also der Grafschaft noch einmal ihren Amtscharakter wiederzugeben. Aber schon Poppos Söhne sind wieder als Inhaber derselben Grafschaften genannt, so daß es fraglich erscheinen muß, ob sie die Herrschaft über die mit der Grafschaft verbundenen Königsgüter jeweils tatsächlich aufgegeben haben. Heinrich, marchensis Francorum und dux Austrasiorum, ist Graf im Badanachgau, seine Neffen Poppo und Adalbert sind Grafen im Grabfeld, Poppo ist zugleich, wenn auch nur vorübergehend, marchio und dux der Sorbenmark. Um 900 besitzen die Popponen die Grafschaft fast im ganzen östlichen Franken bis vor die Tore Würzburgs. Vorübergehende Rückschläge unter dem Einfluß des Königtums sind möglich, so als zum Beispiel 892 Poppo die Sorbenmark und einige Königsgüter durch Arnulf entzogen wurden; aber sie wurden wenig später zurückgegeben, wenn auch nicht das Amt. Eine ähnliche Entwicklung ist am westlichen Rand Frankens bei den Konradinern zu beobachten. Während der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts und zu Beginn des zehnten Jahrhunderts scheinen diese beiden Familien große Teile Frankens zu beherrschen. Ihre Güter und Amtsgüter sind noch immer weitgestreut, doch ist eine deutliche Konzentration in zwei Räumen zu beobachten. Noch sind sie nicht aus der Einnamigkeit herausgetreten, aber die Erblichkeit ihrer Grafschaften fördert schon deutlich erkennbar die Ausbildung agnatischer Strukturen. Es dürfte nicht ausschließlich an dem Mangel an Quellen, sondern doch auch an dem Besitz durch Grafschaft gewonnener Herrschaft in diesen beiden Familien liegen, wenn der übrige Adel Frankens daneben so gut wie gar nicht in Erscheinung tritt, so daß es immer noch schwer ist, den hochmittelalterlichen Adel genealogisch an die frühmittelalterlichen Kognatenverbände anzuschließen.1 Am Beginn des zehnten Jahrhunderts ist jede der beiden Familien auf dem Sprung, die andere auszuschalten; entscheidendes Mittel dazu ist die Sicherung des Einflusses im Bistum Würzburg, dessen umfangreicher hochstiftischer Besitz die beiden Räume adliger Herrschaft am Main noch trennt und noch eine Bastion des Königtums darstellt. Verlauf und Ergebnis dieses Versuches ist bereits geschildert worden, sein Scheitern ist darin begründet, daß mit dem Übergang der Krone auf die sächsischen Liudolfinger die Periode der Schwäche des Königtums endet. Wenn die Grafschaft neben Allod und Lehen ein so wesentliches Element der Herrschäft der Popponen und Konradincr ist, wie cs den Anschein hat, stellt sich die Frage nach dem Charakter der Grafschaft. Die Quellenlage erlaubt keine erschöpfende Antwort, aber einige Feststellungen lassen sich für die fränkischen Verhältnisse seit dem neunten Jahrhundert treffen. Auch in Franken werden in Königs- und Traditionsurkunden Ortsnennungen rjach dem Schema in pago N. in comitatu N. comitis üblich.1 Da es sich dabei fast immer um Königsgut handelt, ist wohl doch mit Recht geschlossen worden, daß Grafschaft Aufsicht und Herrschaft über Königsgut (Land und Leute) zum Inhalt hat, weil Veränderungen offenbar immer nur unter Mitwir1 Fortschritte in der Lösung dieses Problems bei Fbiese, bes. 100-142.

2 Beispiele in großer Zahl bei Dobeneckeb I; vgl. Metz, Reichsgut (s. o. 93) 172 f.

§ 10. Vom Ausgang der Karolinger- bis zum Ende der Stauferzeit (F.-J. Schmale)

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kung des Grafen möglich sind.1 Dagegen ist ein oft behaupteter Zusammenhang zwischen Grafschaft und Gau nicht zu erkennen. Im gleichen Gau gelegene Güter können zu verschiedenen Grafschaften gehören, andererseits erstreckte sich die Grafschäft der Popponen über Güter in verschiedenen Gauen. Grafschaft kann daher nicht vom Ursprung her mit dem Gau korrespondieren und darf sicher nicht territorial verstanden werden als eine Herrschaft, die sich vom Ursprung her auf einen Gau erstreckt. Grafschaft ist eine an die Person gebundene Herrschaft, deren Geltungsbereich unterschiedlich groß sein kann je nach dem Umfang des Besitzkomplexes, der ihr durch den König unterstellt wurde und deren Teile durch Benennung des Gaues lokalisiert wurden.12 Diese mit Hilfe auch der Grafschaft gewonnene Herrschaft ist zu Beginn des zehnten Jahrhunderts noch nicht verfestigt, die Eigentumsrechte des Königs sind noch nicht erloschen. In der Babenberger Fehde sind der König und die adligen Konkurrenten der Popponen stark genug, die Grafschaft der Popponen zu beschränken und ihr große Teile zu entziehen. Durch das Einlenken der Ottonen in die karolingischen Traditionen erfährt der in der Grafschaft liegende Amtsgedanke neuerliche Belebung und hat sich in der Verbindung mit dem Lehnrccht noch lange behauptet. Andererseits mußte aber gerade das Lehnrecht seinerseits wieder darauf hinwirken, die Grafschäft nicht mehr dem Geschlecht zu entziehen, das sie nun einmal besaß. Nach dem Tod der babenbergischen Brüder ist ein Graf Heinrich, ohne Zweifel ein Verwandter, im Besitz ihrer Rechte. Otto I. setzte in Würzburg zwei Bischöfe mit dem Namen Poppo ein, von denen der eine als Sohn des Würzburger Burggrafen bezeichnet wird, der ebenfalls ein Poppone gewesen sein muß. Sicher ist, daß die Grafen von Hcnncbcrg Deszendenten der Popponen sind, mit einiger Wahrscheinlichkeit Poppos (II.), des marchio und dux der Sorbenmark. Ebenso müssen die Schweinfurter Grafen auf die Popponen zurückgeführt werden. Dem kognatischen Verband der Popponen sind also die einmal innegehabten Grafenrechte grundsätzlich erhalten geblieben.3 Dennoch kann man nicht etwa schon von einem durchgehenden Leihezwang sprechen, nicht einmal von unbedingter Erblichkeit. Die der Grafschaft unterstehenden Gebiete und Güter waren im Kern immer noch Gebiete unmittelbarer königlicher Herrschaft, in denen sich der König durch den Grafen lediglich vertreten ließ.4 Die Wiederbelebung königlicher Rechte unter den Ottonen erlaubte es Otto III., dem Würzburger Bischof Grafschaft zu übertragen, die vorher vielleicht Heinrich von Schweinfurt innegehabt hatte. Nach dem Aufstand Heinrichs hat König Heinrich II. nicht nur die Grafenrechte eingezogen, sondern auch zahlreiche der Grafschaft bisher 1 Vgl. Mf.tz, Reichsgut (s. o. 93) 174. Ungeklärt ist noch das Verhältnis der Grafschaft zum königlichen Regiegut, doch scheint dieser Zusammenhang zu Unrecht bestritten ebd. 174; vgl. Dobenecker I 74 nr. 309, wo die Oberaufsicht des Grafen offenbar in einer vasallitisehen Bindung des exactor in Stockheim ihren Ausdruck findet. 2 Zu dieser Frage allgemein auch J. Prinz,

Pagus u. Comitatus in d. Urkunden d. Karolinger (AU 17) 1942, 329-358; Metz, Reichsgut (s. o. 93) 170 ff. Für Ostfranken scheint die grundsätzliche Beziehungslosigkeit von Gau und Grafschaft allerdings unabweisbar. 3 Vgl. W. Goez, Der Leihezwang, 1962, bes. 20 ff für den hier behandelten Zeitabschnitt. 4 Schlesinger 189.

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unterstehende Güter an Bamberg geschenkt. In Teilen der Grafschaft Heinrichs von Schweinfurt erscheinen nach 1003 als Grafen Adlige, die zuvor noch nicht hervorgetreten sind wie Graf Dietmar/Thiemo (1007-1023) im Volkfeld und der Graf Adalbert (1007-1035) im Radenzgau, dessen Nachkommen sich Grafen von Abenberg nennen. Sie führen den Grafentitel zweifellos als königliche Grafen, wenn auch vielleicht schon gewissermaßen mediatisiert, wenn es richtig ist, daß der Bischof von Bamberg ein Aufsichtsrecht besaß,1 aber sie können sicher nicht genealogisch an die Popponen, Schweinfurter oder Henneberger, d. h. an die Verwandtschaft der bisherigen Inhaber der Grafenrechte angeschlossen werden. Eher könnte Dietmar auf jenen Diotmar zurückgehen, dem 960 Güter im Radenzgau abgesprochen wurden,1 2 und auf einen Ditmar, der 981 Güter in Biebelried und Heidingsfeld tauschte;3 er würde dann zu den Deszendenten spätkarolingischer hochfreier Tradentenkreise zu zählen sein, denen jetzt - ähnliches geht zu derselben Zeit in Lothringen vor4 - der Aufstieg in die Schicht der Dynasten gelingt. In diesen Kreis gehören auch jene Grafen ohne nachweisbare Beziehungen zur königliehen Grafschaft. In Ostfranken sind verschiedene Grafen Reginboto (verwandt mit Sigeboto ?) mit Allod in Zeublitz bei Lichtcnfels und Pettstadt bei Bamberg belegt,5 von denen Reginboto (III.) nach 1120 durch Heirat in den Besitz des schweinfurtisehen Gutes in Gt'ec/i-Lichtenfels gelangte und sich seitdem danach nannte. Ein Sohn Reginbotos (I.) ist möglicherweise der comes Thiemo von Dettnang bei Rothenburg. Zu den Verwandten Reginbotos (III.) und der Grafen von Abenberg sind die Grafen von Wertheim (Lcitname Wolfram) zu zählen, die zugleich mit den Hennebergern verschwägert sind und gelegentlich deren Leitnamen Poppo führen. Zugehörigkeit zur Deszendenz fränkischer Adliger des neunten Jahrhunderts mit den Leitnamen Sic-, Regen-, Hramwolf kann zwar auf Grund der Namenähnlichkeit allein nicht bewiesen werden, ist aber möglich und wahrscheinlich.6 In den gleichen Personenkreis gehören die Herren, seit 1205 Grafen, von Castell am Westhang des Steigerwaldes im Volkfeld, deren Leitnamen Rupert auf die untitulierten Edelfreien Rupreth/Robrath mit Besitz im Königsgut Volkach weisen könnte, das später denen von Castell eigncte.7 Gemeinsam ist dieser Gruppe, daß ihre Aszendenten wegen des Fehlens von Reichsämtern nicht im einzelnen belegt werden können, ihr Besitz vornehmlich allodialcr Art ist, ihre Titel nicht auf ältere königliche Grafschaften zurückgeführt werden können, die territorialen Herrschaften sich vornehmlich ins Ausbauland erstrecken und sich dementsprechend aus Allodial- und Vogteirechten zusammensetzen; soweit erkennbar ist, schließt ihr Besitz auch ursprüngliches Königsgut ein (Wertheim: z. B. Königheim; Castell: z. B. Volkach). Mit dem älteren Rcichsadel bilden sie insofern eine Schicht, als sie demselben Geburtsstand angehören und zum Konnubium mit dem 1 Mayer, Fürsten 257 ff. 2 DO. I 217. 3 Dobenecker I 61 nr. 280. 4 Vgl. G. Droege, Lehnrecht u. Landrecht am Niederrhein u. d. Problem d. Territorialbildung im 12. u. 13. Jh. (Aus Gesch. u. Lan-

deskunde, Forsch, u. Darst., Fcstschr. F. Stein1960, 278-307. 5 v. Guttenberg 191, 243. 6 Friese 135 ff. 7 Ebd. 138 f.

bach)

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Reichsadel fähig sind, den gleichen Titel führen und eine grundsätzlich gleichartige Herrschaft ausüben, die wie bei den «echten» Grafen vor allem Vogtei, Schutz und Schirm, Gerichtsrechte umfaßt. Es ist nicht auszuschließen, daß in einzelnen Fällen auch die Versippung mit älteren Grafengeschlechtem oder Herkunft aus solchen Ursache für die Führung des Grafentitels ist.1 Alte Grafengeschlechter greifen dagegen im elften und zwölften Jahrhundert weit über ihren ursprünglichen Herrschaftsbereich hinaus. Die Grafen von Henneberg gewannen weitere Herrschaft durch Rodung bis in den Thüringer Wald,1 2 faßten aber auch im Bereich der ehemaligen Besitzungen der Robertiner, der Vorfahren der Popponen, im Raum von Lorsch-Worms-Speyer Fuß, vielleicht schon mit Abt Poppo von Lorsch (1006-1018),3 deutlicher zu Beginn des zwölften Jahrhunderts durch die Heirat des Würzburger Burggrafen Godebold von Henneberg mit Luitgard von Hohenberg, der Erbtochter der Lorscher Vögte. Graf Gunther von Henneberg war 1146-1161 Bischof von Speyer; durch die Ehe des Pfalzgrafen Konrad bei Rhein mit Irmgard von Henneberg ging die Lorscher Vogtei an die Staufer.4 Die Grafen von Abenberg führten im zwölften Jahrhundert so häufig den Namen Rapoto, daß Verbindung mit den Rapotonen in der Mark Cham aus dem Haus der Diepoldinger angenommen werden muß.5 Es ist bezeichnend, daß die ersten Mönche von Bronnbach, dessen Vogtei die Wertheimer später innehatten6 und dessen erster Abt Reginhard von Abenberg war, aus Waldsassen kamen, einer Gründung der Diepoldinger? Durch die Heiratsverbindung mit Giech-Lichtenfels kam das bayerische Geschlecht der Grafen von Andechs zu Besitz in Ostfranken, der durch Rodung erweitert wurde. Der Besitzstand dieser Dynasten ist seit dem zwölften Jahrhundert, abgesehen von Erweiterungen durch Landesausbau, nur mehr durch Erbschaft und Heirat verändert worden, nicht aber mehr durch Eingriffe des Königs. Adlige Herrschaft, gleich welchen Ursprungs, war in ihrem gesamten Umfang erblich geworden und dem unmittelbaren Einfluß des Königs entzogen.

b) Das Königtum. Durch die Ausbildung und Verfestigung der Adelsherrschaft sind weite Teile Frankens aus der alten Königsprovinz ausgeschieden, wenn man diesen Begriff mit dem in der Karolingerzeit gültigen Inhalt füllt. Der König wirkte dieser Entwicklung durch den konsequenten Ausbau des Reichskirchensystems entgegen, das in Franken seine Vollendung findet. Die Leistungen der Würzburger Kirche bis an den Rand des Bankrotts, die der bambergischen und Eichstätter bis zu hoher Verschuldung machen die hochstiftischen Gebiete - nimmt man Hoftage, Spolienrecht, Investitur der Bischöfe hinzu - zu solchen unmittelbarer Königsherrschaft selbst noch 1 O. v. Düngern, Adelsherrschaft im Mittelalter, 1927; v. Guttenberg 242 ff. 2 Zickgraf (s. o. 60 Anm. 4) 82 f. 3 DH. II 327, 335, 350, 358, 367. 385. 4 Friese 139. 5 F. Prinz, Bayerns Adel im Hochmittelalter (ZBLG 30) 1967, 53-112.

6 A. Friese, Die Zisterzienserabtei Bronn· bach (B. Reuter, Baugesch. d. Abtei Bronn■ bach, Mainfr. H. 30) 1958, 3 ff. Friese 138.

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Franken: B. II. Staat, Ceseilschaft, Wirtschaft, Kirche 716/19-1257

im zwölften Jahrhundert. Unverkennbar hat aber bereits früh die Trennung von Bischofs- und Kapitelgut' die Leistungsfähigkeit eingeschränkt, und das Verhältnis der Kirchen zum König war durch den Investiturstreit vorübergehend schon tatsächlich, seit dem Wormser Konkordat schon grundsätzlich in Frage gestellt. Es war daher nur folgerichtig, wenn sich der König seit dem elften Jahrhundert wieder stärker den ihm noch verbliebenen Reichsgutsbezirken zuwandte. Den Beginn dieser Bemühungen kennzeichnet der Ausbau von Nürnberg unter Heinrich III.,1 2 der dabei nur insofern einen Fehler beging, den sein Sohn später in Sachsen zu vermeiden suchte, als er in Nürnberg einen adligen Burggrafen als seinen Interessenvertreter einsetzte, der selbstverständlich ebenfalls den Weg der übrigen Dynasten einschlug und eigene, vom König nicht mehr beeinflußbare Herrschaft gewann. Nach einem vorübergehenden Rückschlag während der Regentschaft der Kaiserin Agnes erfolgte im Anschluß an den Nürnberger Reichsgutkomplex der energische .Awstaw des Reichslandes in Franken, besonders im nordöstlichen Waldland unter der Leitung der Staufer.3 Als Konrad von Staufen 1120 den ihm 1116 übertragenen Dukat an den Bischof von Würzburg zurückgeben mußte, da scheint er dennoch in dem Besitz des ihm wohl gleichzeitig verliehenen Reichsgutes uni Nürnberg geblieben zu sein. Wie gefährdet aber dadurch und gerade hier die Stellung des Königs dennoch war, zeigt das Verhalten der Staufer in den letzten Jahren Heinrichs V., in denen sie bereits eine gelegentlich oppositionelle, ganz den eigenen Interessen dienende Politik betrieben. Nach Heinrichs V. Tod gingen sie ganz offensichtlich davon aus, daß das gesamte ihnen übertragene Reichsgut ihre eigene erbliche Herrschaft war.4 Sie vertraten also die gleichen Prinzipien wie der übrige Adel. Wenn Konrad III. gegenüber Heinrieh dem Stolzen noch einmal auf seine königlichen Rechte zu pochen schien, als er ihm Nürnberg verweigerte, so war seine Haltung nur scheinbar eine andere, weil staufischadlige und königliche Interessen gewissermaßen zufällig zusammenfielcn. Schon nach Konrads Tod gingen Staufergut um Rothenburg und Reichsgut als erbliehe Herrschaft an Konrads Sohn Friedrich, den dux von Rothenburg, dessen ducatus im Sinne der Zeit die potestas iudiciaria zum Inhalt gehabt haben dürfte. Immerhin konnte aber Barbarossa als Vormund Friedrichs und nach dessen Tod als sein Erbe direkten Nutzen aus dem Reichsgut ziehen.5 Rcichsgut und Allodialbcsitz wurden einheitlich organisiert mit denselben Mitteln, wie sie auch Adel und Kirche anwandten. Ministerialen wurde unter den Formen des Lehnrechts von zentralen Burgen aus die Verwaltung, d. h. Herrschaft übertragen.6 An der Altmühl wirkte das Ministerialengeschlccht von Pappcnheim, das 1193 die erbliche Marschallwürdc erhielt, im Reichs1 In Würzburg könnte man an eine Trcnnung im Zusammenhang mit der Umwandlung des Andreasstifts in das Burchardskloster denken (vgl. Wendehorst I 69); für Eichstätt hat man eine solche Trennung unter Bischof Heribert vermutet (vgl. Heidingsfelder 62 nr. 173). 2 S. o. 62. 3 Bosl.

4 Vgl. Pfeiffer, Stud. z. Gesell, d. Pfalz Nbg. (JffL 19) 1959, 305 ff., doch scheint der Ausdruck «Familicnerbe» (306) mißverständlich. 5 Ebd. 306 f.; Schreibmüller, Herzog Friedrieh (s. o. 75 Anm. 2). 6 Über die Anfänge des Ministerialcneinsatzes Bosl i passim; Pfeiffer, Pfalz Nürnberg (s. o. Anm. 4) 307 f.

§10. Vom Ausgang der Karolinger- bis zum Ende der Stauferzeit (F.-J. Schmale)

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gut Nürnberg ein ministerialischer Reichsbutigler, aber auch im staufischen, nicht eigentlich zum Reichsgut gehörigen Rothenburg ein Ministeriale mit dem Titel Reichsküchenmeister.1 Andererseits wurde in dem Vertrag Friedrichs I. mit Alfons von Kastilien (1188)1 2 als Morgengabe für Berengaria, die Braut von Friedrichs Sohn Konrad, einheitlich als Allod bezeichneter Besitz vorgesehen, der sich in Wirklichkeit auch aus Reichsgut zusammensetzte. So vermischten sich auch hier die Grenzen zwisehen Königsherrschaft und Adelsherrschaft, so erscheint die Königsherrschaft in Franken nur deshalb noch als verhältnismäßig intensiv, weil die Staufer zugleich Könige sind. Tatsächlich ist auch dieser Teil Frankens auf dem Weg, zu einem Raum adliger, dem König entfremdeter und nicht mehr unter seinem Einfluß stehender Herrschaft zu werden. Ministerialen und adliger Burggraf von Nürnberg üben bereits am Ende des zwölften Jahrhunderts eine Herrschaft aus, die sich nicht mehr grundsätzlich von der der Dynasten unterscheidet. Nur die Stadt und ihre Bürger haben wegen der fehlenden ständischen Qualität, die den Reichsministerialen um diese Zeit schon zukommt, diese Stellung noch nicht erreicht. Schließlich bedarf noch der Versuch der staufischen Könige Erwähnung, ihre Möglichkeiten dadurch zu verstärken, daß sie von der Kirche Lehen nahmen. Als 1188 die mit den Staufern versippten Grafen von Sulzbach ausstarben, fiel ihr Besitz an die Eichstätter Hochstiftsvögte, die Grafen von Hirschberg, ihre Bamberger Kirchenvogteien kamen dagegen auf Grund eines Vertrages, den Barbarossa 1174 mit Bamberg geschlossen hatte, an die Staufer, nominell an die Kaisersöhne (z. B. Hersbruck, Pegnitz, Auerbach/Opf.).3 Auch von der Würzburger Kirche besaßen die Staufer Lehen, die aber vielleicht noch aus der salischen Epoche stammten (Marktsteft).4 Hier ist also nicht der König Lehnsmann der Kirche, sondern seine Angehörigen sind die Belehnten. Die Frage ist also nicht oder noch nicht eindeutig zu beantworten, inwieweit Kirchenlehen ein Mittel der Königsherrschaft in Franken darstellten. Im Erbgang sind sie an die letzten staufischen Könige gekommen. In einer - allerdings angefochtenen - Urkunde König Philipps aus dem Jahr 1201 wird die Rückgabe staufischer Kirchenlehen an Bischof Konrad von Würzburg erwähnt.’ c) Die Kirche. Die Kirche, Bistümer und Klöster, ist nicht nur geistliche Institution mit religiösen Zielsetzungen, die in ihrer inneren Organisation von Rechtsformen und Rechtsnormen des allgemeinen abendländischen Kirchenrechts geprägt ist, sondem ebenso Instrument der königlichen Herrschaft und zugleich kraft königlichen Auftrags und eigenen Besitzes Träger eigener Herrschaft. In diesem Punkt unterscheidet sie sich grundsätzlich nicht vom Adel, der seinerseits wenigstens die höheren Amtsträger der Kirche stellt und ihnen sein Standesethos mitgegeben hat. Nur in ihrer wechselseitigen Beeinflussung gesehen erklären diese Faktoren die Entwicklung und die 1 Bosl passim. 2 Const. I 452ίΓ. nr. 318; P. Rassow, Der Prinzgemahl (Quellen u. Stud. z. Verf. gesch. d. deutschen Reiches in MA u. NZ VIII1) 1950 mit Text des Vertrags nach spanischen Kopien.

3 S. o. 81; Stumpf (s. o. 70 Anm. 1) 4166; HAB Teil Altbayem 10: Herzogtum Sulzbach, Landrichteramt Sulzbach (Piendl) 1957. 4 BF 3947. ’ S. o. 85.

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inneren Verhältnisse in Franken; keiner dieser Faktoren hat zu irgendeinem Zeitpunkt isoliert gewirkt. Alle fränkischen Bistümer gehörten zum Metropolitanverband von Mainz, das mit dem Stift Aschaffenburg selbst an Franken Anteil hatte. Dieser Metropolitanverband hatte jedoch wenig Einfluß auf die konkrete Situation der Bistümer. Würzburg versuchte zwar anläßlich der Gründung Bambergs aus diesem Verband auszuscheren und selbst Metropolitansitz zu werden, aber der Mißerfolg brachte ebensowenig Nachteile, wie Vorteile eines etwaigen Erfolgs zu erkennen sind, sieht man einmal von der möglichen Rangerhöhung ab, die für das Mittelalter allerdings keine geringe Rolle spielte. Eichstätt behielt trotz seiner Zugehörigkeit zur Kirchenprovinz Mainz Bindüngen an Bayern, wie sie sich aus seinem starken Anteil am bayerischen Nordgau ergaben und wie sie gelegentlich auch dem Königtum nützlich erschienen. Der Eichstätter Bischof besuchte bayerische Synoden und Landtage, und mancher Bischof war persönlich, politisch oder kirchlich stark nach Bayern hin orientiert. Daß die Hochstiftsvögte von Eichstätt, die Grafen von Hirschberg, ebenfalls aus dem bayerischen Nordgau kamen, mag für diese Verhältnisse nicht ganz unwichtig gewesen sein. Erst seit dem dreizehnten Jahrhundert ist Eichstätt eindeutiger nach Mainz hin orientiert, und die Bischöfe, die seit dem zwölften Jahrhundert das Rationale tragen, beanspruchten nun den ersten Platz nach dem Erzbischof und das Kanzleramt des Erzstuhls.1 Auch Bamberg gehörte zur Mainzer Kirchenprovinz, unterstand zugleich aber auch dem unmittelbaren Schutz des Papstes, wie er sonst nur Reichsklöstern zuteil wurde. Dieser Schutz bedeutete keine Exemtion, wie es der Wortlaut der Urkunde des Papstes Johannes eindeutig beweist,2 war aber doch wohl Ursache dafür, daß fast alle Bamberger Bischöfe sich mit Erfolg bemühten, vom Papst persönlich geweiht zu werden, und daß sie meist auch das Pallium erhielten. Am ehesten wirkten sich die Mainzer Rechte noch in schismatischen Zeiten aus, wenn die Metropoliten sich wegen unterschiedlicher kirchenpolitischerStellungnahmen weigerten, Suffragane zu weihen. Dem Bistum Würzburg waren in besonders hohem Maße von der Gründung an neben und mit den religiösen zugleich politische Aufgaben im Rahmen der Königsherrschaft gestellt worden, und immer zeigt sich bei der religiösen Erfassung des Sprengeis - bei allen Bistümern - auch politische Wirkung. Würzburg hat seine politischen Aufgaben auch in spätkarolingischer Zeit erfüllt und war nur zu Anfang des zehnten Jahrhunderts in Gefahr, zu einem Annex der konradinischen Herrschaft zu werden. Die Ottonen haben diese vage Möglichkeit nicht nur verhindert, sondern durch weitere umfangreiche Schenkungen von Reichsgut und königlichen Rechten, besonders unter Otto III., Würzburg zum wichtigsten Stützpunkt des Königtums in Franken gemacht. Die Rolle Eichstätts, das wesentlich weniger Reichsgut erhalten hatte, unterschied sich davon graduell, aber nicht grundsätzlich; auch Bamberg hat sich in dieses System eingefügt. Das ist hier nicht mehr zu behandeln, es ist unmittelbarer Bestandteil der Geschichte der Königsprovinz, die sich in den Bistümern am deutlichsten und längsten darstellt. 1 Vgl. Heidingsfelder 247 nr. 791.

v. Guttenberg, Reg. 15 f. nr. 29.

§10. Vom Ausgang der Karolinger- bis zum Ende der Stauferzeit (F.-J. Schmale)

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Abgesehen von Fulda, das als Reichskloster und auf Grund einer gleichartigen Ausstattung (Wildbann- und Forstrechte) eine den Bistümern vergleichbare Rolle spielte, haben die Klöster in Franken für den König und politisch kaum Gewicht. Karl der Große hatte sich zwar die meisten Klöster, auch die vom Adel gegründeten, auftragen lassen; Neustadt, Amorbach, Münsterschwarzach, Herrieden erscheinen im neunten Jahrhundert unter den Reichsabteien, wie vor 800 auch Ansbach; aber gegen Ende des zehnten Jahrhunderts waren sie alle teils auf Grund von Schenkungen, teils auf Grund von Fälschungen im Besitz der Bistümer Würzburg und Eichstätt oder Fuldas und insofern nur mehr im mittelbaren Besitz des Königs. Alle später entstandenen Klöster sind dagegen überhaupt nur mehr als bischöfliche Eigenklöster gegründet oder von ihren adligen Stiftern der Kirche übergeben worden. Versuche einzelner Klöster, so der alten Reichsabtei Neustadt, den ehemaligen Rechtszustand mit Hilfe von zum Teil nur formalen Fälschungen wieder herzustellen, führten zu keinem Erfolg.1 Infolge von Grundbesitz und übertragenen Rechten übt auch die Kirche Grundherrschaft und Gerichtsherrschaft von der gleichen Art wie der Adel aus. Der Einfluß des Königs auf die Besetzung der Bischofsstühle, die trotz der Einschränkungen durch das Wormser Konkordat bis ins dreizehnte Jahrhundert behauptet werden kann, hält das Eigentumsrecht des Königs am Reichskirchengut noch wach, und dieses Recht verlangt der Kirche noch erhebliche Leistungen ab, aber die Entwicklung der geistliehen Territorialherrschaft wird dadurch nicht verhindert, sondern nur verzögert. Im übrigen ist die Entwicklung der geistlichen Herrschaften bestimmt von der Konkurrenz des Adels, von der Auseinandersetzung mit der Ministerialität und von dem Gegensatz zwischen Bischof und Domkapitel. Der Adel ist sowohl als geographischer Nachbar der Kirche wie vor allem in seinen Funktionen als Vögte und Burggrafen der Konkurrent im Wettstreit um die Ausdehnung der Herrschaft, vornehmlich der Schutzvogtei als der wichtigsten Grundlage der territorialen Herrschaft in Franken. Für diese Seite des Prozesses bietet die Entwicklung der iudiciaria potestas des Würzburger Bischofs zum territorial auf den hochstiftischen Besitz bezogenen Dukat das eindrucksvollste Beispiel. Für alle Bistümer gleichermaßen wichtig war die Auseinandersetzung um das Korrelat der geistlichen Immunität, die Vogtei in der Hand des Adels, meist verbunden mit dem Burggrafenamt in der Bischofsstadt. Die adligen Vögte der Mainzer Kirche, die Grafen von Loon-Rieneck drohten mit Hilfe der Vogtei auf hochstiftischem Besitz ein eigenes Territorium im Spessart aufzubauen und die Streitigkeiten zwischen den Eichstätter Bischöfen und ihren Vögten war der konkrete Anlaß für das unter Friedrich II. ergangene Urteil gegen die Vögte; Entvogtung war eines der wichtigsten Ziele geistlicher Politik. In den fränkischen Bistümern ist sie erst gegen Ende der staufischen Epoche voll gelungen. Entsprechend der im ganzen Reich zu beobachtenden Entwicklung spielen auch in den geistlichen Herrschaften die Ministerialen eine seit dem elften Jahrhundert zu1 E. E. Stengel, Das gefälschte GründlingsPrivileg Karls d. Gr. f. d. Spessartkloster NeuStadt am Main (MIÖG 58) 1950, 1-30; ergänz-

ter Wiederabdruck: Ders., Abh. u. Untersuchungen z. mittelalterl. Gesch., 1960, 285 bis 317; weiterführend Friese i ff.

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Franken: B. Π. Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Kirche 71611^—12^7

nehmend wichtige Rolle.1 Verwaltung der Herrschaft durch Dienstmannen aus dem Kreis der persönlich abhängigen Dienstmannen hat ebenso zur Ausbildung der Ministerialität geführt wie die militärische Inanspruchnahme des Reichskirchengutes, das von den Bischöfen als Dienstlehen an unfreie Vasallen ausgegeben wurde. Diese Ministerialen versuchten in der gleichen Weise wie die Reichsministerialen eigene Herrschaft zu gewinnen und gefährdeten damit die Territorialherrschaft der Bischöfe, die sich wie der Würzburger Bischof Konrad von Querfurt ihrer nur mit Mühe und keineswegs mit vollem Erfolg erwehren konnten. Im Hochstift Eichstätt gewannen Ministerialen sogar Einfluß auf die Bischofswahl, und die Bischöfe selbst kamen häufig aus ihren Reihen. Einen weiteren Konkurrenten um die Herrschaft des Bischofs bildeten schließlich die Domkapitel, deren Einfluß seit dem zwölften Jahrhundert in allen fränkischen Hochstiftem zunahm, wenn er sich auch erst im dreizehnten Jahrhundert voll ausformte. Trennung des bischöflichen Gutes vom Kapitelgut, die auch in Franken zu allerdings unbekanntem Zeitpunkt durchgeführt wurde, bildete eine der wichtigsten Grundlagen des Mitregiments der Domkapitel. Als die wirtschaftlichen Mittel des Würzburger Bischofs für die gesteigerten Ansprüche des Reiches während der Zeit Barbarossas nicht mehr ausreichten, kam es zu zeitweiliger wirtschaftlicher Abhängigkeit des Bischofs von seinem Kapitel. Bischof Hermann von Lobdeburg mußte 1225 die erste Wahlkapitulation ausstellen? Ein anderer wesentlicher Grund lag in dem seit dem Wormser Konkordat zunehmend an Gewicht gewinnenden Wahlrecht des Kapitels. 1 Für Bamberg v. Guttenberg, bes. 299 ff.; f. Würzburg neben Bosl jetzt Reimann, Besitz- u. Familiengesch. (s. u. 275); Dies., Ministerialen (s. u. 274). Die Frage der Doppelministerialität (hochstiftische und Reichsministerialität) ist noch nicht eindeutig geklärt; vgl. Bosl passim und Reimann passim.

2 MB 37 nr. 205; J. F. Abert, Die Wahlkapitulationen d. Würzburger Bischöfe bis z. Ende d. 17. Jhs. (AU 46) 1904, 57 ff. Die erste Wahlkapitulation wurde in Eichstätt 1259 aufgestellt; vgl. Heidingsfelder 246 f. nr. 790; Bruggaier, Wahlkapitulationen (s. u. 275).

III

DAS GEISTIGE LEBEN

§11. BILDUNG UND WISSENSCHAFT, LATEINISCHE LITERATUR, GEISTIGE STRÖMUNGEN

Μ. Manitius, Gesch. d. lat. Literatur, 3 Bde., 1911/31; Hauck I-IV; Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter (WH, WL); H. Grundmann, Geschichtsschreibung im MA. Gattungen, Epochen, Eigenart, 1965; A. D. von den Brincken, Stud. z. lat. Weltchronistik bis in d. Zeitalter Ottos v. Freising, 1957; B. Bischoff, Panorama d. Handschriftenüberlieferung aus d. Zeit Karls d. Gr. (Karl d. Gr. II, s. o. 30) 233 ff.; J. de Ghbllinck, L’essor de la litterature latine au Xlle sifecle, 19522; Ders., Le mouvement thdologique de XIIe sifecle, 19482; P. Lehmann, Über Perioden d. lat. Schrifttums im MA (Erforsch, d. MA V) 1962, 246 ff.; Bauerreiss Ι-ΙΠ; K. Hallinger, Gorze-Cluny. Studien zu den monastischen Lebensformen u. Gegensätzen im Hochmittelalter (Studia Anselmiana 22/23) 2 Bde., 1950/51; H. Jakobs, Die Hirsauer. Ihre Ausbreitung u. Rechtsstellung im Zeitalter d. Investiturstreites (Kölner Hist. Abh. 4) 1961.

a) Karolingische und ottonische Periode. Die Nachrichten über die vorkarolingische Zeit Frankens lassen keine detaillierte Antwort auf die Frage nach dem geistigen Leben dieser Epoche zu.1 Es gab Christentum, punktuelles kirchliches Leben, Kenntnis der lateinischen Sprache am Hof Herzog Hedens. In der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts wird die Verbindung zu den zentraleren Gebieten des Frankenreiches, zu den dort herrschenden Verhältnissen und den dort wirkenden Kräften stärker. Die Sehenkung von Gütern in Thüringen an die Kirche von Reims und Chälons und um Hammclburg an das elsässische Kloster Weißenburg, das Auftreten des Iren Kilian2 und des Angelsachsen Willibrord in Würzburg zeugen für die religiöse Aufgeschlossenheit der hedenischen Herzöge und ihren Willen, das Land mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu verchristlichen. Aber alles das gestattet keinen Einblick in die volle historische Situation. Umfang, Intensität und Wirkung solchen Strebens bleiben im Dunkel und stets auf die Herzöge beschränkt. Weder scheint der grundbesitzende Adel daran beteiligt noch entstanden Zentren, in denen solche Anstöße aufgenommen, gepflegt und weitergegeben werden konnten. Auch für die Betrachtung dieser Seite des geschichtlichen Lebens ist der Beginn der karolingischen Herrschaft der Ausgangspunkt. Die Bindung der Mainlande an das karolingische Frankenreich schuf den Rahmen, in dem Franken durch das Wirken des hl. Bonifatius an die abendländische christlich-lateinische Kultur angeschlossen wurde. 1 Hier werden nur die fränkischen Belege behandelt, auf eine allgemeine Kennzeichnung der Epochen wird bewußt verzichtet; vgl. dazu HB I 427 ff., II 720 ff, zur politischen und sozialen Umwelt auch o. 30 ff. 8 HdBG III, I

2 Über das angebliche Evangeliar Kilians Bischoff-Hofmann, Libri s. Kyliani (QFGHW 6) 1952, 5, 92. Vgl. auch A. Gwynn, The Continuity of the Irish Tradition at Wurzburg (WDGB11. 14/15) 1952/53, 5782‫־‬.

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Wie sich erst durch die Karolinger ein einheitlicher Wille gegenüber allen Bewohnem Frankens durchsetzte und das Land einer überall gleichartigen Organisation unterwarf, ging auch Bonifatius von Intentionen aus, die sich zwar entsprechend der sozialen Verfassung in erster Linie an den grundbesitzenden Adel wendeten, aber diesen doch in seiner Gesamtheit zu gewinnen suchten. Da in dieser historischen Situation alle nicht rein materielle, über die Befriedung der leiblichen Bedürfnisse hinausgehende Kultur an das Christentum gebunden war, ist auf diesem Sektor die entscheidende Tat in der Schaffung kirchlich-religiöser Zentren zu sehen, in denen sich zuerst eine kontinuierlichere geistige Tätigkeit entfalten konnte. Solche Zentren waren zuerst die Klöster, besonders die von Bonifatius selbst oder doch während seiner Tätigkeit gegründeten; denn über die innere Situation der etwas älteren Klöster der Hedene auf dem Marienberg bei Würzburg und der Karolinger in Karlburg ist nichts auszumachen. Erst die Nonnenklöster zu Tauberbischofsheim, Kitzingen und Ochsenfurt haben eine erkennbare Rolle im geistigen Leben Frankens gespielt.1 An ihnen wird erstmalig die Teilnahme breiterer Kreise des Adels am religiösen Leben erkennbar, und sie vermitteln Religion und Bildung. Bonifatius selbst hatte, wie es in den angelsächsischen Klöstern üblich war, neben der theologischen auch eine Ausbildung in den Trivialfächem erhalten, war selbst Lehrer gewesen und hatte unter anderem eine grammatische Schrift verfaßt? Die angelsächsischen Traditionen wurden von ihm während seiner Tätigkeit in Deutschland weiter gepflegt. Zahlreiche seiner Briefe in sein Heimatland enthalten Bitten um Bücher, die Heiligen Schriften und Kommentare dazu, aber auch um die Werke Bedas,1 23 das Register Gregors des Großen und Libri cosmographorum.4*Es war eine der wichtigsten Aufgaben der Klöster, auch der Frauenklöster, diese Traditionen zu pflegen und einen Klerus aus den Reihen der Franken heranzubilden.’ Bedeutender noch waren die Männerklöster in Fritzlar, Hersfeld und Fulda. Seit der Zeit Karls des Großen übernahm Fulda unter Rhabanus Maurus vorwiegend zwar in den Formen der Rezeption, aber doch auch schon mit selbständigeren Leistungen auf dem Gebiet der GeschichtsSchreibung und Hagiographie durch Rudolf von Fulda,6 die geistige Führung nördlich des Main. Es lag zwar schon außerhalb des heutigen Franken, hatte aber doch zwisehen Mainz und Werra so zahlreiche Besitzungen, darunter auch die Klöster Holzkirchen, Thulba, Wenkheim, Milz, daß seine Wirkung auch auf Franken ausstrahlen 1 Zu den Klöstern im einzelnen Prinz (s. o. 14 Anm. 5). 2 Ars grammatica, ed. A. Mai (Classicorum auctorum e Vaticanis codicibus editorum tom. VII) 1835, 475-548; N. Fickermann, Der Widmungsbrief d. hl. Bonifatius (NA 50) 1935, 210-221; P. Lehmann, Ein neuentdecktes Werk eines angelsächs. Grammatikers vorkarolingischer Zeit (Erforsch, d. MA IV) 1961, 148 ff; Ders., Die Grammatik aus Aldhelms Kreise (ebd.); W. Levison, England and the Continent in the Eighth Century, 1946, 70 ff; Schieffer 103 ff.

3 Bonifatius, Briefe nrr. 30, 34, 35, 54, 63, 75, 76, 91, 116. 4 Ebd. nr. 124; vgl. auch Schieffer 224 f. ’ Vitae Bonifatii (s. o. 13 Anm. 6) 138; Μ. C. H. Talbot, The Anglo - Saxon Missionaries in Germany, London 1954. 6 WL 178; für Franken vor allem wichtig (Hammelburg!) die Translatio s. Alexandri (MG SS 2) 673-681; ed. B. Krusch (Nachrichten Göttingen) 1933, 405-437.

§11. Bildung und Wissenschaft, lateinische Literatur, geistige Strömungen (F.-J. Schmale) 115 mußte, wenn sie auch nicht im einzelnen deutlich wird.1 Besser erkennbar ist die Rolle des Klosters Fritzlar an der Person des zweiten Bischofs von Würzburg, Megingoz. Er war in Fritzlar ausgebildet worden und hatte schließlich selbst die Leitung der Klosterschule übernommen, bevor er auf den Würzburger Stuhl berufen wurde/ Wenn die drei Briefe, die unter seinem Namen in der Briefsammlung des Bonifatius erhalten sind, Bigendiktat sind, muß er eine gute sprachliche Bildung, Kenntnis der Heiligen Schrift und der patristisch-kanonistischen Tradition besessen haben.1 23 In der ersten Generation nach dem Eintreffen des Bonifatius lag naturgemäß die Initiative noch ganz bei den Angelsachsen; der angelsächsische Anstoß war für Franken das wichtigste Faktum der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts. Er war entscheidend für die Gründung der Bistümer, in erster Linie in Würzburg, die aber zugleich Entlassung dieses Teils Frankens in die Eigenständigkeit bedeutet. Nur Eichstätt blieb durch das lange Wirken seines ersten Bischofs Willibald (j787 ‫ )?־‬und seiner Geschwister Wunibald und Walburga in Heidenheim, dem zunächst einzigen Kloster der Diözese (Walburga f 779), noch länger unmittelbar an die Angelsachsen gebunden. Die in Heidenheim nach 778 entstandene Vita der Brüder Willibald und Wunibald, in der allerdings die Nachrichten über die Pilgerfahrt des Willibald in das Heilige Land besonders großen Raum einnehmen, ist noch von der angelsächsischen Nonne Hugeburc im Stil Aldhelms abgefaßt;4 aber diese Lebensbeschreibung ist doch das älteste erhaltene umfangreichere literarische Denkmal, das in Franken entstand und Einblick in die gelehrte Tätigkeit eines solchen Klosters gewährt. Würzburg dagegen gewann schneller eine selbständige Rolle, die jedoch weniger an literarischen Leistungen als an den Aufgaben erkennbar ist, die ihm die Politik der Karolinger und hier besonders die Karls des Großen stellte. Schon Bischof Burchard hatte entsprechend den Verhältnissen in England, wo mit den Bischofskirchen stets ein Kloster verbunden war, dessen Insassen das Domkapitel darstellten, auf der linken Mainseite gegenüber Würzburg ein mit der Kathedralkirche verbundenes Kloster der Heiligen Maria, Andreas und Magnus gegründet. Hier bemühte sich Burchard um den Aufbau einer Bibliothek besonders für den liturgisehen Gebrauch, aus deren Bestand noch einige Handschriften insularen Ursprungs erhalten sind.5 Es müssen aber auch schon aktuelle Aufzeichnungen vornehmlich urkundlicher Art über Schenkungen und Erwerbungen zum Beispiel des ImminaKlosters aufdem Marienberg angefertigt worden sein.6 Mit dem Kloster war eine Schule verbunden, die der Ausbildung des Klerus diente. Ihre Bedeutung wird besser erkennbar unter Burchards Nachfolger Megingoz, als das Bistum Würzburg von Karl den!

1 Zu den Klöstern auch Bosl, Franken passim; WL. 2 Bonifatius, Briefe 65 nr. 40. 3 Ebd. 267 ff. nr. 130; 272 t. nr. 134; 274 t nr. 136. 4 MG SS 15, 86-106; ed. A. Bauch, Biographien d. Gründungszeit (Quellen z. Gesch.

d. Diözese Eichstätt I) 1962, 22 ff. (Willibaldvita); MG SS 15, 106-117; ed. Bauch a. a. O. 134 ff. (Wynnebaldvita). Vgl. auch HB I 433, 435· 5 Bischoff-Hofmann (s. o. 114 Anm. 2) passim. 6 S. u. 136.

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Großen den Missionsauftrag in dem Sprengel des späteren sächsischen Bistums Paderbom erhielt. Sicher waren der in Paderborn tätige Würzburger Chorbischof und Nachfolger des Megingoz, Bernwelf,1 ebenso die gebürtigen Sachsen Hathumar und Badurad hier ausgebildet, die nach Bemwelfs Berufung auf den Würzburger Stuhl dessen Tätigkeit fortsetzten und die beiden ersten Paderborner Bischöfe wurden? Ähnliche Aufgaben übernahmen die mainfränkischen Klöster Amorbach und Neustadt, das erste eine rheinfränkische, grundherrliche Stiftung,1 23 das zweite eine Gründung des Bischofs Megingoz mit Hilfe des rheinfränkischen Grafen Hatto; beide waren zeitweise in Personalunion verbunden und betreuten den Missionssprengel des späteren Bistums Verden. Dessen erste Bischöfe waren zugleich Äbte von Amorbach.4 Solche Tätigkeit weist Würzburg, Amorbach und Neustadt als geistige Zentren von beachtlicher Leistungsfähigkeit aus, doch hat keines von ihnen eigene literarische Denkmäler hervorgebracht. In Würzburg hat es zwar ein Scriptorium gegeben, das die Bemühungen der Würzburger Bischöfe um die Vervollständigung der Bibliothek unterstützte. Unter diesen ragt durch die verhältnismäßig große Zahl von Nachrichten Humbert (833-842) hervor. Er stand in lebhaftem Verkehr mit Rhaban von Fulda, der ihm seine Schriften übersandte, und wechselte mit ihm zahlreiche Briefe.5 In einem derselben griff er sogar selbst zu Versen,6 so wie möglicherweise auch Rhaban ihm einige Gedichte gewidmet hat.7 Aber sonst hat man in Würzburg nicht zu eigener schöpferischer Arbeit gefunden, die sich literarisch niedergeschlagen hätte. Außer Hinweisen auf die Existenz von Totenrodeln8 und Nekrologen® und vereinzelten AufZeichnungen über die Gründungs- und Besitzgeschichte10 fehlt jede Spur von etwa Verlorenem. Die Bemühungen der sogenannten karolingischen Renaissance haben in Franken keine direkt erkennbaren Spuren hinterlassen, sieht man von der gegen Ende des Jahrhunderts eindringenden karolingischen Minuskel ab. Die historisch-hagiographischen Schriften, von denen wenigstens einige in Würzburg entstanden sein könnten und die für lange Zeit die einzigen literarischen Denkmäler bleiben, die Viten der Heiligen Kilian und Burchard, sind zu anspruchslos, als daß sie als Zeugen spezieller karolingischer Bildungsbestrebungen in Franken gewertet werden könnten. Die Passio sancti Kiliani liegt in zwei Versionen vor, in einer älteren Fassung und deren vielleicht nur wenig jüngeren Bearbeitung.11 Die Entstehungszcit der ersten ist noch 1 Unter Bemwelf scheint der angelsächsische Einfluß nachgelassen zu haben; Bemwelf hing offenbar der von Chrodegang von Metz ausgehenden Klerikcrreform an und scheint das Andreas-Kloster in ein Stift umgewandclt zu haben. Hierin dürfte die eigentliche Ursache für die von der jüngeren Burchardvita (s. u. 136) 46 berichteten Auseinandersetzungen mit Megingoz liegen. Zahlreiche Mönche sollen damals unter Mitnahme liturgischer Bücher und Geräte das Kloster verlassen haben und nach Neustadt gegangen sein. 2 S. o. 40 f. 3 H. Büttner, Amorbach u. d. Pirminus-

legende (AMK 5) 1953, 101 ff.; 700Jahre Stadt Amorbach, 1953. 4 Schöffel (s. o. 41 Anm. 3); über die Verbindung Neustadt-Würzburg jetzt vor allem Friese i ff. 5 MG Epp. 5, 439 ff., 523 ff. 6 Ebd. 439 nr. 26. 7 E. Dümmler, Hrabanstudien (SB Berlin 1898) 1, 35· 8 Bonifatius, Briefe 228 f. nr. 150. ’ Wendehorst I 28. 10 S. u. 136. 11 Passio Kiliani (s. o. 15 Anm. 1) 711-728; F. Emmerich, Der hl. Kilian, 1896, 3-10.

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strittig; früher meist in die erste Hälfte des neunten Jahrhunderts gesetzt,1 hat man sie jüngst mit der Erhebung der Gebeine des hl. Kilian im Jahre 788 in Zusammenhang gebracht, als ihren Verfasser den Abt Rato von St. Vaast vermutet und in ihr eine politische Propagandaschrift im Auftrag Karls des Großen gesehen, mit deren Hilfe das in der Passio noch heidnisch und in unkanonischen Eheverhältnissen lebende Herzogshaus, das den Tod des Heiligen verschuldet haben soll, abgewertet und die karolingische Herrschaft aufgewertet werden sollte.123Wäre das richtig - der Beweis hängt weitestgehend davon ab, ob man die möglichen, aber nicht direkt verifizierbaren allgemeinen politischen Vermutungen akzeptiert -, dann wäre diese Passio kaum ein Dokument literarischer Tätigkeit in Würzburg, sondern ein Stück politischer Literatur des karolingischen Hofes. Andererseits ist aber der frühere zeitliche Ansatz der Passio um 840/45 noch nicht widerlegt? Inhaltlich ist die Passio wenig wertvoll. Einzelne Züge, wie die angebliche Romreise Kilians, sind aus Anschauungen heraus, die nicht für das siebte Jahrhundert galten, frei erdichtet4 und erinnern ebenso wie die angegebene Ursache des Konflikts zwischen Kilian und dem Herzog Gozbald (= Theobald?) auffällig an die Vita Corbiniani des Arbeo von Freising.5 Sie spiegelt allenfalls die zur Zeit ihrer Entstehung gültige, aber doch sehr dürftige und bereits von legendenhaften Elementen umgeprägte Tradition wider. Mit größerer Wahrscheinlichkeit ist ein würzburgischer Anstoß für die jüngere Kilians-Passio und die ältere Lebensbeschreibung des hl. Burchard anzunehmen, die um die Mitte des neunten Jahrhunderts verfaßt wurden. Um diese Zeit regierte in Würzbürg Bischof Gozbald, Eigenkirchenherr von Ochsenfurt, Abt von Niederalteich, Chorbischof von Passau, Erzkaplan Ludwigs des Deutschen, Abt von Neustadt am Main, Verwandter des Bischofs Hariulf von Langres, des Gründers von Ellwangen. Ermenrich von Ellwangen6 bezeichnet Gozbald als seinen Lehrer - wohl in Anspielung auf die gemeinsame Tätigkeit in der Hofkapelle, der Ermenrich als Kaplan angehörte - und als einen überaus gelehrten Mann, dem er seine Vita Hariulfi zur Begutachtung schickte. Auf Gozbald darf vielleicht auch die Anregung zu der Neufassung der Kilians-Passio und zu der ersten Lebensbeschreibung des ersten Würzburger Bischofs zurückgeführt werden. Die Konsolidierung und Pflege der Bistumstradition würde gut zu dem Mann passen, der die Übertragung des Klosters Münsterschwarzach an Würzburg durchsetzte, in Anknüpfung an die ehemalige monastische Tradition seine Eigcnkirchc zu Ochsenfurt zu fördern suchte und 845 durch Ludwig den Deutschen die Bestätigung der Würzburger Privilegien erhielt,’ Schreiber aus Nieder1 WL 145. 2 Dienemann (s. o. 4 Anm. 1) 111 ff. 3 Vgl. auch o. 40. 4 Vgl. aber auch o. 25. 5 WL 144 f.; Repertorium fontium historiae medii aevi I ff, Romae 1962 ff, hier II 384. 6 W. Zeller, Der Ellwanger Mönch Ermenrieh u. sein Werk (Ellwanger Jb. 14) 1947/49, 19-26; Ders., Über d. Gründungszeit d. Klosters Ellwangen (ebd.) 27-30; Ders., Stammt

die «Lebensbeschreibung Hariolis» v. dem Mönch Ermenrich? (ebd. 17) 1955/57, 18-21; W. Schwarz, Die Schriften Ermenrichs v. Eilwangen (ZWLG 12) 1953, 181-190; (ebd. 15) 1956, 279 ff.; V. Burr, Ermenrich v. Ellwangen (Ellwanger Jb. 16) 1956, 19-31; B. Bischoff, Eine verschollene Einteilung d. Wissenschaften (Archivcs d’histoire doctrinale et Littcrairc du moyen äge 33) 1959. ’ S. o. 43.

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alteich nach Würzburg holte und für die Vervollständigung der Dombibliothek sorgte.1 Neues über Kilian weiß die jüngere Passio gegenüber der älteren nicht zu berichten; sie erschöpft12 sich in der Erweiterung des Vorgegebenen durch den Versuch, zuvor nur Angedeutetes oder nur ganz allgemein Ausgedrücktes zu konkretisieren, geht aber dabei gelegentlich so weit in die Irre, daß Falsches entsteht. Auch die Vita sancti Burchardi3 ist inhaltlich wenig wertvoll, manches ist falsch und anderes Stereotype Wiederholung üblicher hagiographischer Topik; die noch später in Würzburg vorhandenen Quellen zur Biographie Burchards wurden dagegen nicht benutzt. Beide Schriften sind das Werk ein und desselben, bisher anonym gebliebenen Autors, der aber nicht unbedingt in Würzburg zu suchen ist. Auffällig ist jedenfalls, daß die ältesten Überlieferungen St. Galier und Reichenauer Ursprungs sind, überhaupt die Masse der Handschriften dem bayerisch-alemannischen Raum angehört.4 Die Situation in dem anderen fränkischen Bistum Eichstätt ist in dieser Epoche noch weniger gut erkennbar, da ihm nicht die umfassenden Aufgaben gestellt wurden wie Würzburg. Deutlicher wird am Bischofssitz selbst aufgrund von erhaltenen HandSchriften lediglich die Sorge der Bischöfe um die Bibliothek.5 Insgesamt ist aber auch im Eichstätter Sprengel in der Epoche der Konsolidierung die Rückbesinnung auf die jeweiligen Anfänge ein allgemeineres Charakteristikum. Wie in vielen Klöstern und Bistümern damals Viten der Gründer - Pirmin, Lioba, Gallus, Kilian, Burchard entstanden, erhielt auch die Zelle Solnhofen bei Eichstätt eine Gründervita durch den aus Franken stammenden Ermenrich von Ellwangen. Sein Leben vollzog sich zwar außerhalb der heutigen politischen Grenzen Frankens, aber seine persönlichen BeZiehungen erklären hinreichend die Zusammenhänge.6 Seine Ausbildung hatte Ermenrich im Kloster Fulda bei Rudolf erhalten, Ende der dreißiger Jahre gehörte er dem Konvent von Ellwangen an, zehn Jahre später weilte er vorübergehend auf Anordnung seines Abtes Grimald von Ellwangen, St. Gallen und Weißenburg, Kanzler Ludwigs des Deutschen, in St. Gallen und in Reichenau bei Walahfrid Strabo. Hier erhielt er den Auftrag, den Walahfrid nicht mehr hatte ausführen können, das Leben des hl. Gallus zu besingen. Ebenfalls verfaßte er hier seine umfangreichste Schrift, die Epistola ad Grimaldum,7 in der er ohne rechten inneren Zusammenhang seine ganze, allerdings stupende Gelehrsamkeit auf den verschiedensten Wissensgebieten von der Grammatik und Dialektik bis zur Mathematik, Exegese und Dogmatik ausbreitete. Noch in Ellwangen hatte er zwei andere kleine Werke geschrieben, in einfacherer Sprache, aber ebenfalls nicht frei von gelehrtem Manierismus und selbstgefälliger Attitüde. Zwischen 845 und 855 entstand in Dialogform eine wenig Sachliches enthaltende Vita Hariulfi, des Gründers von Ellwangen, die er an Bischof Gozbald von

1 Bischoff-Hofmann (s. o. 114 Anm. 2) 18 ff., 170 ff. 2 Teilweise ed. W. Levison (MG SS rer. Mer. 5) 711ff.; vollständig bei Emmerich (s. ο. 116 Anm. 11) 11-25. 3 MG SS 15, 44-62; WL 177. 4 Gemeinsame Überlieferung mit den Wer-

ken Ermenrichs von Ellwangen könnten an diesen als Verfasser denken lassen. 5 Vgl. Heidingsfelder 19 nr. 36; 29 nr. 67; 45 nr. 118. 6 Vgl. o. 117 m. Anm. 6. 7 MG Epp. 5, 534579‫·־‬

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Würzburg sandte.1 Wenig früher war sein ältestes, inhaltlich ebenso anspruchsloses Werkchen entstanden, eine Vita des hl. Sualo oder Solus, des Gründers von Solnhofen (t 794) ·1 2 Sualo hatte seine Stiftung mit allem Zubehör an das Kloster Fulda übertragen, das hier im neunten Jahrhundert eine Propstei einrichtete. Nach 836 hatte diese Stelle der ehemalige Fuldaer Mönch und Kaplan Ludwigs des Deutschen Gunthram erhalten, und Gunthram hatte um 838/39 durch Bischof Altwin von Eichstätt die Erlaubnis bekommen, das Grab Sualos zu öffnen, d. h. dessen Gebeine zu erheben und ihn damit zu kanonisieren. Sicher im Zusammenhang damit bat er seinen Konfrater Ermenrich, die Taten des Sualo aufzuzeichnen und die Schrift an Rudolf von Fulda zur Korrektur zu schicken. In der erhaltenen Fassung besteht das Werkchen aus dem Widmungsbrief an Gunthram, dem Schreiben Gunthrams, Versen in zweihebigen Kurzzeilen (Metrum bipedale) an Rudolf, dem Brief an Rudolf mit der Bitte um Korrektur, der eigentlichen Vita und einem Akrostichon auf den Einsiedler Solus. Rund ein halbes Jahrhundert später gab in Eichstätt Bischof Erchambald, der ebenso fromm wie literarisch interessiert war, aber auch als Verwandter Kaiser Arnulfs eine bedeutende politische Rolle spielte, einen neuen Anstoß. Erchambalds Vorgänger Otger hatte 870/79 die Gebeine der Walburga erhoben und von Heidenheim nach Eichstätt übertragen lassen. Dabei waren die üblichen Wunder geschehen, und rasch entfaltete sich der Kult der Heiligen.3 Erchambald ließ 893 das Grab erneut öffnen und einen Teil der Gebeine in das Kloster Monheim überführen;4 gleichzeitig beauftragte er den Priester Wolfhard von Herrieden mit der Aufzeichnung der Wunder der Heiligen, um die Gläubigen zu erbauen und den Kult zu fördern. In vier Büchern löste Wolfhard diese Aufgabe und widmete das Werk Bischof Erchambald. Abgesehen von einem einleitenden Überblick über die Vita der Heiligen zu Beginn des ersten Buches werden in jedem der Bücher je zwölf Wunder dargestellt, das jüngste mit einiger Wahrscheinlichkeit datierbare (IV, 11) aus dem Jahre 896. Die Darstellung ist sachlich und enthält zahlreiche konkrete und verifizierbare Angaben zu Personen und Orten.5 Ebenfalls im Auftrag Erchambalds, den dabei die gleichen Zielsetzungen leiteten, verfaßte Wolfhard ein umfangreiches Martyrologium, die erste LegendenSammlung des Abendlandes.6 Als er dennoch später bei Erchambald in Ungnade fiel und in Gewahrsam genommen wurde, dichtete er ein Responsorium über das Leben der hl. Walburga,’ durch das er Freiheit und Gnade des Bischofs wiedererlangte. 1 MG SS 10, n-14; Μ. Beck, Quellenkrit. Studien z. Gesch. d. Abtei Ellwangen (StMBO 52) 1934, 73-117; H.Frank, Hariolf, der Gründer d. Abtei Ellwangen (ebd.) 252-254; O. Häcker, Die Entstehung d. Klosters Ellwangen (Ellwanger Jb. 12) 1935, 9-39; W. Schwarz, Studien z. ältesten Gesch. d. Benediktinerklosters Ellwangen (ZWLG 11) 1952, 7-38. 3 MG SS 15, 153-163; Heidingsfelder 9 f. nr. 7; die aus dem 9.Jh. stammende Legende des angeblichen Gründers u. 1. Abtes von Herrieden, Deodecar, jetzt bei Μ. Adamski (s. u. 126 Anm. 4).

3 Heidingsfelder 27 f. nr. 63. 4 Ebd. 33 f. nr. 76. 3 Miracula s. Walburgae (J. P. Migne, Patrologia latina 129) 867-890; Auszüge ed. O. Holder- Egger (MG SS 15) 538-55; kritische Edition fehlt. Vgl. auch VL IV 1057 f. 6 Kritische Edition fehlt, Teile bei B. Pez, Thesaurus anecdotorum novissimus VI 1, 90 bis 92; Pertz, Archiv d. Ges. f. ältere deutsche Geschichtskunde V, 1824, 559-565; vgl. H. Quentin, Les martyrologes historiques du moyen ige, Paris 19083, 675, 685. ’ MG SS 15, 533.

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Überliefert sind Wolfhards Werke nur im bayerisch-schwäbischen Raum, entsprechend der politischen Orientierung des Bistums in dieser Zeit. Die bisher genannten literarischen Zeugnisse aus Franken, alle ausschließlich hagiographischer Art, neben denen nur noch wenig Verlorenes anzunehmen ist, bleiben für sehr lange Zeit auch die einzigen. Eichstätt hat dabei den Vorrang vor dem reicheren und größeren Würzburg. Man möchte den Grund dafür in der größeren Nähe zu Schwaben und zu Bayern suchen. Gemessen an den erhaltenen Zeugnissen ist jedoch diese Blüte im Vergleich zu Schwaben und Bayern, sowohl was schöpferische Leistungen wie Bibliotheken angeht, höchst bescheiden. Sieht man auf Fulda an der Grenze Frankens, St. Gallen, Reichenau, St. Emmeram, Niederalteich, so scheint sich in Franken das völlige Fehlen wirklich bedeutender großer Klöster negativ auszuwirken. Dieser Mangel ist, von Bamberg und dem späteren Kloster Michelsbcrg einmal abgesehen, nie mehr beseitigt worden. Während in anderen Gebieten des Reiches die Ungarneinfälle am Ende der karolingischen und zu Beginn der sächsischen Zeit eine deutliche Zäsur im kulturellen Leben bedeuten, ist in Franken kaum zwischen einer karolingischen und einer ottonisch-salischen Epoche zu unterscheiden. Zwar waren die Würzburger Bischöfe und die Kräfte des Bistums durch Ludwigs des Deutschen und Arnulfs Ostpolitik stark beansprucht, die Babenberger Fehde brachte weitere Unruhe, und die Ungameinfälle zogen auch Franken in Mitleidenschaft, aber angestrengter Reichsdienst und örtliche Fehden haben zu anderer Zeit im Mittelalter Wissenschaft und Bildung nicht unmöglich gemacht, und die Ungarn haben in Franken nur vergleichsweise geringen Schaden angerichtet. Hierin können kaum die Gründe für die Armut an literarischem Niederschlag schöpferischer oder rezeptiver Tätigkeit liegen. Bei Licht besehen unterscheidet sich diese Zeit, die andernorts als Übergangsepoche erscheint, in Franken überhaupt nicht von der vorhergehenden, die ihrerseits keineswegs reicher gewesen ist. Die sichtbaren Leistungen Frankens sind insgesamt in der Karolingerzeit so gering, daß eine für sich genommen so vereinzelte Erscheinung wie Wolfhard geradezu unveränderte Kontinuität bezeugt. Wie nahtlos karolingische und ottonische Epoche ineinander übergehen, zeigt auch Bischof Starchand von Eichstätt (933-966), der Freund Ulrichs von Augsburg. Er sorgte für den weiteren Ausbau der Bibliothek und bemühte sich persönlich um die Ausgestaltung des Breviers, das er durch zahlreiche Orationen und vor allem dadurch erweiterte, daß er auch den einzelnen Wochentagen Vigilien gab, für die er selbst die Antiphonen und Responsorien dichtete.1 Bischof Reginold (966-991) war ein an Bildüng noch überlegener Nachfolger, der der griechischen und hebräischen Sprache mächtig und ein Musiker von Rang war. Ein Officium zum Fest des hl. Nikolaus, das noch im fünfzehnten Jahrhundert weit verbreitet war, soll ihm die Bischofswürde verschafft haben.1 2 Das Officium Reginolds ist der älteste Beleg für das Eindringen des 1 Heidingsfelder 45 nr. 118; Anonymus Haserensis, ed. L. Bethmann (MG SS 7) 1846, ‫צג‬7· 2Ebd.; P. Lehmann, Staindel-Funde (HZ ui) 30; Heidingsfelder 48 nr. 130. Nach

C. W Jones, The Saint Nicholas Liturgy and Its Literary Relationship, Berkely/Los Angeles 1963, soll die von Reginold verfaßte, auf der Vita des Johannes Diaconus beruhende sog. Historia s. Nicolai «die Entstehung der ersten

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Nikolaus-Kultes in Deutschland, der im Abendland bis dahin nur erst in Italien, durch unteritalienisch-griechische Vermittlung, verbreitet war. Reginold muß eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Nikolaus-Verehrung zugeschrieben werden; der morgenländische Heilige wurde bald Patron zahlreicher Kirchen in Süddeutschland. Die rheinischen Nikolauspatrozinien dürften dagegen eher auf Theophanos Einfluß zurückzuführen sein.1 Den Kult eines weiteren morgenländischen Heiligen förderte Reginold durch ein Officium zum Fest des hl. Blasius,2 der bis dahin nördlich der Alpen ebenfalls nur wenig verehrt wurde, aber vielleicht um 960 Patron des von einem Reginbert gegründeten Klosters St. Blasien im Schwarzwald geworden war.3 Außer einem weiteren Officium zu Ehren des hl. Wunibald ist sein interessantestes liturgisches Werk ein Officium auf Willibald aus Anlaß der Übertragung der Gebeine des Heiligen in die neue (West-) Krypta des Domes. Um die verschiedenen Länder zu kennzeichnen, in die Willibald auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land gekommen war, fügte Reginold den ungewöhnlich langen Responsorien der Terz, Sext und Non noch Sequenzen in lateinischer, griechischer und hebräischer Sprache an, deren Melodien er selbst komponierte.4 In Eichstätt sind die gelehrten Bischöfe lebendige Zeugen für die ungebrochene Kontinuität literarischen Bemühens auf dem Gebiet der Hagiographie und Liturgie von der Karolingerzeit bis in die ottonische Epoche hinein. Doch deutet sich dabei in der Übernahme bisher hauptsächlich in Italien verbreiteter Kulte (Nikolaus, Blasius) eine Bereicherung an, die das geistige Leben, wie überall in Deutschland, so auch in Franken durch das Ausgreifen der ottonischen Politik über die Alpen hinweg erfuhr. Deutlicher wird das noch in Würzburg, das überhaupt erst jetzt einen Ruf als Bildungszentrum gewonnen zu haben scheint. Der Aufschwung der Würzburger Domschule ist durch von außen kommende Anstoße bedingt. Politisch ist sic mit der engen Bindung des Bistums an die ottonische Politik verknüpft, die 941 Ottos I. Verwandten Poppo auf den Bischofsstuhl von Würzburg brachte. Wahrscheinlich war cs Otto, der Poppo noch vor 956 veranlaßte, den in Pavia als Lehrer tätigen Stephan von Novara, von wo wenige Jahre zuvor auf Drängen Ottos bereits der gelehrte Gunzo über die Alpen gekommen war, nach Würzburg zu holen. Es ist schwer, sich von Stephans Gelehrsamkeit ein genaueres Bild zu machen, denn außer zwei Epitaphien und einem Gedicht hat er nichts Eigenes hinterlassen, an sonstigen Nachrichten über ihn besitzen wir nur einige Stellen in Otlohs Leben des hl. Wolfgang.5 Otloh berichtet, wie Poppos Bruder Heinrich, der spätere Erzbischof von Trier (956-964), und der spätere Bischof Wolfgang von Regensburg, die in Reichenau die Schule besuchten, um Stephans willen nach Würzburg gingen, um dort ihre Studien fortzusetzen. Stephan hat fast zwanzig Jahre in WürzNikolausspielc in Hildesheim» bzw. Niederalteich unter Godehard veranlaßt haben. « LThK VII 994 f· (Lit.). 2 Heidingsfelder 48 nr. 130. 3 LThK IX 135 f- (Lit.). 4 Ms. Trier Dombibi. F. 5, bisher nicht ediert. Nach Heidingsfelder 48 nr. 130 wäre das in derselben Handschrift überlieferte Wyn-

ncbaldofficium das Reginolds. Vielleicht ist bercits wenig später die sog. 3. Vita s. Willibaldi (MG SS 15,90-106) entstanden; vgl. Μ. Coens (Analecta Bollandiana 59) 1941, 332; J. Szöv£rffy, Die Annalen d. lat. Hymncndichtung I, 1964, 336 £. 5 Otloh, Vita Wolfkangi, ed. G. Waitz (MG SS 4) 1841, 528; WH I, 7, 215.

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bürg gewirkt; wahrscheinlich ist er im Jahre 970 unter Zurücklassung seiner Bücher und eines auf den 16. Juli 970 datierten Abschiedsgedichtes1 nach Novara zurückgekehrt. Objektiven Niederschlag, an dem die tatsächliche Leistung abzulesen wäre, hat die Würzburger Schule trotz Stephan von Novara aber auf Jahrzehnte hinaus nicht gefunden. Wenn Heinrich von Trier von Reichenau nach Würzburg ging, dürfte ihn dazu auch der Umstand bestimmt haben, daß sein Bruder Poppo dort Bischof war. Als Bischöfe haben sich Heinrich und Wolfgang nicht in erster Linie durch die Gelehrsamkeit, sondern durch ihre kirchliche Reformtätigkeit ausgezeichnet, zu der sie aber im damaligen Würzburg kaum einen Anstoß erhalten konnten. Die Reformbewegung, die von Lothringen her in das Reich eindrang, deren Fortschritte aber völlig von der persönlichen Einstellung der Eigenkirchenherren, König und Bischöfe in erster Linie, abhingen, fand im Würzburger Sprengel allem Anschein nach erst mit BischofHugo (983-990) Eingang. Hugo reformierte das längst darniederliegende und vielleicht schon von Bischof Bemwelf in ein Kanonikerstift umgewandelte Andreas-Kloster, indem er es wieder Mönchen übergab, mit Besitz, Geräten und Büchern ausstattete und am 14. Oktober 986 die Gebeine des hl. Burchard dorthin überführte, der jetzt zum neuen Patron des Klosters wurde.12*4 Die Reformbestrebungen gewannen unter dem folgenden Bischof Bernward offensichtlich an Intensität; denn wenn Bernward die Übertragung auch der letzten Klöster in seinem Sprengel - darunter so alte und ehemals bedeutende wie Neustadt, Amorbach, Münsterschwarzach’ - an das Bistum erreichte, zum Teil mit Hilfe von Fälschungen, die sie als ehemals würzburgisches Eigentum «erwiesen», so bedeutete das zunächst einmal Vermehrung der bischöflichen Macht, aber den Gewinn der Jurisdiktionsgewalt nutzte Bernward doch zur Durchsetzung der Reform. * Wenigstens Amorbach ist um 990 durch eine Reform von Lorsch aus an die lothringische Bewegung angeschlossen worden.5 Weniger für Bernwards Bildungsstand als für seine Reformgesinnung zeugt es, daß ihm der Priester und Mönch Theoderich von Fleury6 Libelli de consuetudinibus et statutis monasterii Floriacensis duo7 übersandte. Theoderich hat während eines reichen Wanderlebens mit häufiger Abwesenheit von Fleury unter anderem nach 1002 in Rom im Auftrag der Kanoniker von St. Peter ein Leben des Papstes Martin geschrieben; in Rom entstanden außerdem eine Predigt über die vierzig Märtyrer, eine Passio des hl. Anthimius und seiner Genossen, eine Translatio des Hauptes des hl. Damianus nach Rom und eine Passio Tryphonis et Respicii. Bei einem Besuch in Monte Cassino schrieb er auf Bitten der Mönche das Leben des hl. Firminus neu. Nach 1010 hat er sich bis wenigstens nach 1018 in Amor1 MG Poetae V 555; Bischoff-Hofmann (s. o. 113 Anm. 2) 114 Anm. 8$. 2 Wendehorst I 69. 5 Ders., Die Anfänge d. Klosters Münsterschwarzach (ZBLG 24) 1961, 163-173; DO. III 140. 4 Vgl. Wendehorst I 73 (Lit.). 5 Halunger (s. o. 113) 199 ff.; 700 Jahre Amorbach, 1953, 35.

6 WH I 205, 215, 309, 329; Manitius (s. o. 113) II 449455‫·־‬ 7 Trithemius, Annales Hirsaug. 134. Das Werk selbst ist nicht erhalten, vgl. A. Poncelet, La vie et les oeuvres de Thierry de Fleury (Analecta Bollandiana 27) 1908, 5-27.

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bach niedergelassen. Seine Schrift für Bernward dürfte also mit der Reform in Amorbach Zusammenhängen und Bernward müßte Beziehungen zu Fleury besessen haben, das eine Mittlerstellung zwischen Cluny und der lothringischen Reform einnahm.1 Auch in Amorbach ist Theoderich noch literarisch tätig gewesen. Auf Veranlassung des Abtes Richard von Amorbach1 2*schrieb er hier eine Illatio sancti Benedicti über die Übertragung der Gebeine des hl. Benedikt nach Fleury.’ Als Richard Abt von Fulda geworden war (1018), widmete Theoderich ihm einen Kommentar zu den Katholischen Briefen.4 Dieses Werk ist nicht eigentlich exegetischer Natur, sondern behandelt die Unsitten der eigenen Zeit; es ist eine die moralische Besserung des Mönchtums intendierende Schrift, die aber auch die anderen Stände und Schichten nicht verschont. Selbstverständlich war Amorbach durch Theoderich noch keine Stätte der Gelehrsamkeit. Theoderich war nur ein Gast, der hier seine gewohnte schriftstellerisehe Tätigkeit fortsetzte. Die Reform scheint in Franken überhaupt nicht zu einer nennenswerten Belebung wissenschaftlicher Bestrebungen geführt zu haben. Man kann Amorbach nur als moralisch-religiöses Reformzentrum ansprechen, denn von hier aus strahlte die Mönchsreform auf weitere Klöster aus.5 Abt Richard von Amorbach wirkte 1015 bei der Erneuerung des klösterlichen Lebens in Schlüchtern mit,6 1018 berief ihn Kaiser Heinrich II. aus Gründen der Reform nach Fulda. Aus Amorbach kamen auch die ersten Mönche und der erste Abt des 1015 gegründeten Klosters auf dem Michelsberg bei Bamberg.7 Aber in all diesen Fällen läßt sich nur die Tatsache der Reform feststellen, von ihrer konkreten Wirkung ist kaum etwas zu sagen. Deutlicher wird nur die Rolle der Reform für die Baukunst; denn viele der erneuerten Klöster haben damals auch neue Kirchen errichtet. Der Beitrag Amorbachs zur Erneuerung des Mönchtums fällt zur Hauptsache in die Regierungszeit des Bischofs Heinrieh von Würzburg; dennoch richtete sich seine ganz persönliche Initiative eher auf 1 Vgl. Hallinger (s. o. 113) passim; LThK IV 167 (Lit.). 2 Über Richard Hallinger 200. ’ Unvollständig ed. I. a Bosco, Floriacensis vetus bibliotheca I, Lugduni 1605, 219-229; I. Mabillon, AASS OSB IV 2, 350-355; E. Dümmler, Über Leben u. Schriften d. Mönches Theoderich (v. Amorbach) (Abh. Berlin 1894) 26 ff. 4 Nur Teile bei Dümmler (s. Anm. 3) 28 bis 38. 5 Ob es einen heute verlorenen Text eines «Ordo Amerbacensium» gegeben hat, wie R. Kengel (700 Jahre Amorbach, 1953) 90 gemeint hat, ist unsicher; die beiden einzigen Stellen in Ebos Vita Ottos II. (Jatf£ V 609, 620) setzen das nicht zwingend voraus. 6 Wendehorst I 85; LThK IX 421. 7 Diese Frage ist heute strittig. Nach Halunger (s. o. 113) 336, 345 f. kamen die Michelsberger Mönche aus Amorbach, später glaubte Hallinger, Junggorzer Reformbräuche aus St.

Stephan in Würzburg (WDGB11. 25) 1963, 93-112, an eine Belegung des Michelsberges durch Münsterschwarzach. W. Brandmüller dagegen (Stud. z. Frühgesch. d. Abtei Michelsberg. Mit Abdruck d. Kalendare aus d. HandSchriften Bamberg Lit. 1 u. Karlsruhe 504, BHVB 100, 1964, 94-135) glaubte aus den Heiligen der Michelsberger Kalendarien auf Besetzung von Fulda aus, allenfalls unter Amorbacher Beteiligung, und nach 1018, nicht 1015, wie Frutolf zu 1015 berichtet, schließen zu müssen. Ich halte die Michelsberger Tradition (Frutolf, Ebo) nach wie vor für entscheidend. Da Richard Abt von Amorbach und Fulda war, scheint es durchaus erklärlich, daß aus der kulturell überlegenen Abtei Fulda liturgische Bücher nach Michelsberg kamen und vielleicht auch Fuldaer Mönche. Die Quellen sind im übrigen so spärlich, daß sich Einzelheiten des Gründungsvorganges unserer Kenntnis entziehen.

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die Gründung von Klerikerstiften, von denen zwei - Stift Haug und St.Stephan - unmittelbar vor den Toren der Bischofsstadt entstanden1, ein drittes in Ansbach.» Sie folgten allerdings noch der alten Chrodcgangrcgel und waren noch kaum von der sich bald entfaltenden Klerikerreform berührt.3 Von der Würzburger Schule hört man in dieser Zeit nichts. Daß Bischof Heinrich einem aus Fulda stammenden Evangeliar der Dombibliothek einen neuen Einband mit Elfenbeinschnitzereien geben ließ4 und aus Fulda ein Sakramentar leihweise erhielt, das dann nach Vercelli gelangte,5 kann kaum als Beweis für gelehrte und literarische Interessen gelten. Sie sind erst wieder bei seinem Nachfolger Meginhard sichtbar, der gegen Ende der zwanziger Jahre den bereits als Kalligraphen bekannten Otloh, späteren Mönch von St. Emmeram, zwecks Anfertigung von Handschriften nach Würzburg holte.6 Die Würzburger Domschule stand damals unter dem Magister Pemolf, der wahrscheinlich am Rhein oder in Frankreich seine Ausbildung erhalten hatte, ganz sicher aber nicht aus der Würzburger Schule hervorgegangen war. Denn Bischof Heribert von Eichstätt (1022-1042), der in Würzburg bei Pemolf studiert hatte, äußerte sich bei seinem Amtsantritt in Eichstätt über die dortige Domschule und ihren Lehrer Gunderam gerade deshalb sehr abfällig, weil Gunderam nicht in Frankreich oder am Rhein, sondern nur in Eichstätt die Schule besucht hatte. Heribert soll deshalb sogar Gunderams Absetzung beabsichtigt und davon erst Abstand genommen haben, als Pemolf bei einem Besuch in Eichstätt ein positives Votum über den Eichstätter Scholaster abgab.7 Einen konkreten Einblick in die Bildungssituation Würzburgs um diese Zeit vermittelt der exercitii causa vor 1030 in Briefform geführte gelehrte Streit zwischen der Wormser und der Würzburger Domschule, an dem sich die Scholaster, Domherren und Schüler beteiligten.8 Die Stücke sind in Worms aufgründ von Originalen, Abschriften und Konzepten zu der sogenannten älteren Wormser Briefsammlung zusammengestellt worden. Das Material dokumentiert beiderseits eine solide, aber jedes ungewöhnlichen Gedankens bare, auf Kenntnis der üblichen antiken Schulautoren beruhende grammatisch-rhetorische und rein formale Bildung. Worms fühlte sich entschieden überlegen und scheint in einem allerdings nicht erhaltenen Gedicht in etwas gehässiger Weise Würzburg herabgesetzt zu haben, so daß sich ein damals in Würzburg weilender Tegemseer Mönch - wahrscheinlich Abt Ellinger - veranlaßt sah, in einem umfangreicheren Gedicht Würzburg zu vertei1 Wendehorst I 85 f. Das Stift wurde 1057/ 58 in ein Kloster umgewandelt und von Münsterschwarzach aus besiedelt; vgl. Hallinger, Junggorzer Reformbräuche (s. o. 123 Anm. 7). 2 Wendehorst I 86; A. Bayer, St. Gumberts Kloster u. Stift in Ansbach, 1948. 3 Die Klerikerreform hat überhaupt kaum Eingang in Franken gefunden; lediglich in Triefenstein gründete um 1088 (?) der Würzburger Kanoniker Gerung, ein Anhänger Adalberos, mit Billigung Bischofs Emehard ein Stift nach der Augustinerregel; vgl. Wendehorst I 121 f.

4 Bischoff-Hofmann (s. o. 113 Anm. 2) 68 Anm. 23, 118; in ihm sind die Würzburger Markbeschreibungen überliefert (E. v. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, 19631 2, 24). 5 WH I 202; Wendehorst I 87. 6 Othloni liber visionum (MG SS 11) 379. 7 Anonymus Haserensis (MG SS 7) 621; vgl. auch unten 126. 8 Die ältere Wormser Briefsammlung, ed. W. Bulst (MG Briefe d. dt. Kaiserzeit 3) 1949.

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digen: Alle geistig Gebrechlichen werden eingeladen, in Würzburg Heilung zu suchen; mit zahlreichen Vergleichen wird Würzburgs Überlegenheit über Worms darzutun versucht und die miserable Verskunst der Wormser bloßgestellt; Sachsen, Bayern, Schwaben und selbst die himmlischen Heerscharen würden Würzburg in seinem Kampf beistehen.1 Das Gedicht ist in erster Linie ein Dokument für Ellinger, nicht für die Leistung der Würzburger Schule. Ellinger hat während seines Würzburger Aufenthalts noch zwei weitere Gedichte auf Kaiser Heinrich II. (nach 1022?) geschrieben. In seiner Apologie für die Würzburger Schule hat er auch Bischof Meginhard als Dichter gerühmt, doch ist darüber sonst nichts bekannt. Damit brechen die Nachrichten über die Würzburger Schule ab. Nachdem inzwisehen auch noch nachgewiesen ist, daß die Meginhards Nachfolger Bruno zugeschriebenen exegetischen Werke teils Schriften Alkuins sind, teils erst dem zwölften Jahrhundert angehören,12 scheint Würzburg nach 1030 jegliche Bedeutung als wenigstens zeitweise überregionales Bildungszentrum verloren zu haben. Rückblickend erweist sich die schöpferisch-literarische Leistung - sieht man einmal von der selbstverständliehen Ausbildung des Diözesanklerus ab - als gering. Keiner der hier wirkenden Bischöfe oder Scholaster hat eine kontinuierliche, zu sichtbaren Ergebnissen führende Tradition begründen können, mag auch der Mangel an Quellen das Fazit negativer erscheinen lassen, als cs vielleicht tatsächlich war. Der literarische Beitrag Würzburgs beschränkt sich auf zwei, höchstens drei hagiographische Werke aus der Mitte des neunten Jahrhunderts. Daneben kann allenfalls noch das Werk des Rheinfranken Heribert von Eichstätt für Würzburg und den dort erreichbaren Ausbildungsstand sprechen. Allerdings verrät sein Werk zugleich eine ausgesprochen persönliche Begabung, die nicht allein auf die Wirkung der Schulbildung zurückgeführt werden kann und die auch bei seinem Verwandten Williram von Ebersberg durchschlägt. Heribert war einer der vortrefflichsten Dichter seiner Zeit. Neben sechs weitverbreiteten Hymnen von dichterischer Kraft3 hat er noch fünf Orationen auf Maria und zwei weitere Gesänge geschrieben, die leider nicht erhalten sind.4 Sein Nachfolger Gebhard war kaum weniger gelehrt, vorzüglich auf dem Gebiet des Rechts, hat sich aber selbst nicht literarisch betätigt.5 Eichstätts Leistung hatte unter den bisherigen Bischöfen und durch deren persönliche Beteiligung auf dem Gebiet der Liturgie und Hagiographie gelegen; Gebhards Nachfolger Gundekar II. (1057-1075), in Eichstätt erzogen, setzte diese Tradition durch ein Werk fort, das im mittelalterlichen Deutschland seinesgleichen sucht: durch den Liber pontificalis Eichstetensis, der auf Gundekars Geheiß in der Eichstätter Schreibschule entstand. Die Prachthandschrift diente vornehmlich liturgischen Zwecken, enthält aber auch eine Liste der Eichstätter Bischöfe mit Miniaturen und kurzen 1 Die Tegernseer Briefsammlung, ed. K. Strecker (MG Epp. sei. 3) 1925, 125 ff.; HB I 452 f. (Lit.). 2 Wendehorst I 98. 3 G. Μ. Dreves, Analecta Hymnica 50, 1907, 290-296; zu dem Vesperhymnus von Allerheiligen vgl. auch Hallinger, Junggorzer Re-

formbräuche (s. o. 123 Anm. 7) 99 ff.; Szöv£rffy (s. ο. 121 Anm. 4) 369 f. 4 Anonymus Haserensis (s. o. 124 Anm. 7) 261; Heidingsfelder 63 f. nr. 175; V. Schupp (Mittellat. Jb. 5) 1968, 29-41 sieht in H. auch den Verf. d. «Modus Licbinc». 5 Anonymus Haserensis 263 ff.

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historischen Nachrichten in Versform bis auf Gundekar, die allerdings kaum mehr als ein erweiterter Bischofskatalog sind; in das Pontifikale ist auch ein Sermo synodalis Gundekars eingetragen. Am Ende des zwölften Jahrhunderts wurde die Arbeit an diesem Buch erneut aufgenommen und durch Bischofsviten immer wieder bis zum Jahre 1697 fortgesetzt.1 Das Pontifikale Gundekars ist eine Leistung in erster Linie der Eichstätter Schreibschule, für die noch ein zweites für Gundekar angefertigtes Werk zeugt, das zugleich seine eigenen Intentionen erläutert: eine Handschrift des Decretum des Burchard von Worms.12*Sie enthält auch das sogenannte Sendrecht der Main- und Rednitzwenden, doch ist dieses Sendrecht nicht Eichstätter Ursprungs, sondern der Beschluß einer Würzburger Diözesansynode aus der Zeit vor dem Jahre 939? Einer der engsten Mitarbeiter Gundekars war der leider namenlos gebliebene sögenannte Anonymus Haserensis, ein Eichstätter Kanoniker, der Herrieden als seine Heimat angibt und daher in diesem Kloster ausgebildet worden sein dürfte, ein Verwandter des Bischofs Woffo von Merseburg (1055-1058). Nach Gundekars Tod begann der Anonymus ein größeres Geschichtswerk in mehreren Büchern, von denen eines über die Kaiserin Agnes handelte, deren Kaplan Bischof Gundekar vor seiner Erhebung gewesen war, ein zweites das Leben Gundekars beschreiben sollte. Erhalten ist lediglieh der Anfang des Gundekar-Buches, das die Geschichte von Gundekars Vorgängern und einigen Personen, die mit diesem in Beziehung standen, behandelt; mit dem Jahre 1058 bricht das Fragment ab.4 Der Verlust dieses ersten größeren Ceschichtswerkes, das überhaupt in Franken entstand, zugleich die einzige Geschichte der Bischöfe eines fränkischen Bistums aus dem früheren Mittelalter, ist um so mehr zu bedauern, als die erhaltenen Teile durchweg von guter Zuverlässigkeit sind und das Bemühen uni historische Wahrheit erkennen lassen; der Verfasser muß unter anderem auch die in Eichstätt vorhandene archivalische Überlieferung herangezogen haben. In den gegen Ende von Gundekars Amtszeit schon sich deutlicher abzeichnenden AuseinanderSetzungen zwischen dem Papsttum und dem Königtum nimmt der Anonymus eindeutig und mit scharfen Worten gegen Gregor VII. Stellung. Mit diesem Werk scheint aber auch in Eichstätt die gelehrte Tradition abzubrechen, ebenso wie schon Jahrzehnte zuvor in Würzburg. Um diese Zeit waren beide Bistümer als Zentren gelehrter Studien bereits von Bamberg abgelöst und weit übertroffen. 1 Auszüge: MG SS 7, 242-253; J. G. SurrTabula Leonrodiana Eystettensis explicata et illustrata (Festschr. F. L. von Lconrod) 1867; MG SS 25, 591-609; A. Hirschmann (Analecta Bollandiana 17) 1898, 395-401; eine kritische Gesamtausgabe fehlt; Faksimile bei A. Chroust, Monumenta palaeographica I. Ser. Liefg. 22, Tafel 5-9. 2 Heidingsfelder 77 nr. 219; O. Meyer, Überlieferung u. Verbreitung d. Dekrets d. Bischofs Burchard v. Worms (ZRG KA 24) 1935· ner,

3 MG LL 3, 486; Heidingsfelder 77 nr. 219. 4 De episcopis Eichstetensibus (MG SS 7) 254-267; WH II 474. Μ. Adamski, Herrieden, Kloster, Stift u. Stadt im MA (Sehr. d. Inst. f. frank. Landesforsch, an d. Univ. Erlangen, Hist. R. 5) 1954, 53 ff. möchte den Anonymus mit dem Propst und Archidiakon Heysso identifixieren; E. Μ. Werner, Anonymus Haserensis v. Eichstätt. Studien z. Biographie im Hochmittelalter, Diss. München 1966 denkt dagegen eher an Bischof Udalrich von Eichstätt. Völlig überzeugend ist keine der Identifikationen.

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b) Die Bamberger Domschule und das Kloster Michelsberg. Erstaunlich schnell entfaltete sich in der Gründung Heinrichs II. auch das geistige Leben, der Ruf der Bamberger Domschule überflügelte bald den aller anderen Bildungsstätten im Deutschen Reich. Die junge Stiftung erhielt von Heinrich zahlreiche Handschriften aus eigenem Besitz und dem seines Vorgängers Otto III. Darunter befanden sich auch Codices italienisehen Ursprungs und unter diesen wiederum viele mit Profanliteratur der Antike und auch solche historischen Inhalts.1 Damit war nicht nur eine entscheidende VorausSetzung für jegliche gelehrte Tätigkeit gegeben, und zwar von allem Anfang an in einem Umfang und einer Vollständigkeit, wie sie nur noch an wenigen Stellen im Reich möglich war, vielmehr scheinen damit zugleich auch die besondere Richtung der Bamberger Schule bestimmt und ihre charakteristischen Leistungen ermöglicht worden zu sein: Aufnahme des antiken Bildungsgutes, Ausrichtung der Sprache auch an selteneren lateinischen Schriftstellern und wissenschaftliche Geschichtsschreibung kennzeichnen das Besondere der literarischen Produktion Bambergs. Heinrich II. steht noch in anderer Hinsicht am Anfang der Geschichte Bambergs als eines kulturellen Zentrums. In ein Evangeliar für den Herrscher wurden um 1012 zwölf Verse eingetragen,12*und der Diakon Bebo schrieb zwei Briefe, die er für Heinrieh II. bestimmten, in Bamberg angefertigten Codices mit dem Isaias-Kommentar des Hieronymus und Gregors des Großen Moralia beifügte ;‫ נ‬in dem umfangreicheren ersten Brief gab Bebo unter anderem eine Schilderung des Besuchs Papst Benedikts VIII. in Bamberg. Beide Stücke sind stilistisch durch biblische Sprache und konsequente Anwendung der Reimprosa gekennzeichnet. Von entscheidender Bedeutung war auch Heinrichs Bemühung um einen geeigneten Leiter der Bamberger Domschule. Diese Aufgabe wurde schließlich Durand, einem gelehrten Kleriker aus Lüttich, wahrscheinlich Schüler Egberts von Lüttich, übertragen.4 Schon seit langem besaß Lüttich eine der berühmtesten und glänzendsten Schulen, wo auch ein Rather von Verona ausgebildet worden war. Die Verbindung mit Lüttich erscheint auch später noch mehrfach5 und läßt sich auch an Handschriften der Bamberger Bibliothek nachweisen. 1 Leitschuh-Fischer, Katalog d. Handschriften d. königl. Bibliothek in Bamberg, 3 Bde., 1895 ff.; Mittelalterl. Bibliothekskataloge (s. u. 537 Anm. 4) 321 ff; H. Fischer, Die königl. Bibliothek in Bamberg u. ihre Handschriften (Zentralbl. f. Bibi.wesen 24) 1907, 364 ff.; WH I 216; C. Erdmann, Studien z. Briefliteratur Deutschlands im n.Jh. (MG Schriften 1) 1938, passim; Fauser-Gerstner, Jubiläumsausstellung d. Staat!. Bibliothek Bamberg z. Feier ihres 150jähr. Bestehens, 1953; T. Struve, Lampert v. Hersfeld (Hess. Jb. f. LG 19) 1969, 25 ff. 2Jaffe V 482 f. - Von Bambergs Ruhm spricht auch Gerhard von Seeon in seinem Carmen in laudem Bambergensis civitatis, hg. in MG Poetae 5, 397 und von O. Meyer, Kaiser Heinrichs Bamberg-Idee im Preislied des

Gerhard v. Seeon (Fränk. Bll. 3) 1951, 75 ff. Vgl. dazu auch R. Bauerreiss, Seeon in Oberbayem, eine bayer. Malschule d. beginnenden n.Jhs. (StMBO 50) 1932, 529-555 passim; R. Klauser, Der Heinrichs- u. Kunigundenkult im mittelalterl. Bistum Bamberg (Festgabe d. HVB) 1957, 75-78. 5 Jaffe V 484-496; die Verse ed. K. Strecker (MG Poetae 5) 399; dazu Bauerreiss (s. o. Anm. 2). 4 WH I 144 f.; v. Guttenberg, Reg. 25 nr. 36 a. Zu der Verbindung Bamberg-Lüttich vgl. auch Annalista Saxo (MG SS 6) 686 und u. 129. 5 v. Guttenberg, Reg. 135 f. nr. 294; 128 nr. 279; Erdmann, Studien (s. o. Anm. 1) passim.

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Noch unter Bischof Hermann erinnerte man sich, daß die Grundlagen der Bamberger Religiosität durch hervorragende Männer der Lütticher Kirche gelegt worden waren.1 Die Wirkung des Durandus ist nicht unmittelbar nachweisbar, der konkrete Einfluß der Lütticher Schule auf die bambergische überhaupt noch nicht untersucht. Durand wurde schon 1021 Bischof von Lüttich, sein wahrscheinlich erster Nachfolger in Bamberg war ein Rökier, der um 1024 (?) einmal als Urkundenzeuge genannt ist.12 Auf ihn folgte eine Reihe bedeutender Lehrer, deren Chronologie allerdings nicht eindeutig feststeht. Vor seiner Ernennung zum Propst von SS. Simon und Judas in Goslar (1054) leitete der spätere Kölner Erzbischof Anno, der auch in Bamberg seine Ausbildung erhalten hatte, die Bamberger Domschule;3 ihm vorangegangen war Egilbert, 1055-1080 Bischof von Minden;4*vor diesem versah möglicherweise Williram von Ebersberg das Amt des Domscholasters,3 obgleich die Nachrichten über ihn -Babenbergensis scholasticus Fuldensis monachus in der Breslauer Handschrift; frater noster in Nekrologien des Bamberger Michael-Klosters - sich nicht völlig vereinbaren lassen.6 Es muß offenbleiben, ob Willirams bedeutendstes Werk, das er als Abt von Ebersberg (1048-1085) schrieb, die Paraphrase zum Hohen Lied, in einen konkreten Zusammenhang mit seiner Bamberger Tätigkeit oder der Bamberger Schultradition gebracht werden kann.7 Das gilt ebenso von seinen Gedichten, der Grabschrift für seinen Verwandten Heribert von Eichstätt und von seiner eigenen Grabschrift. Jedenfalls hatte die Bamberger Domschule in ihm einen in den Artes und der Exegese trefflieh gebildeten Lehrer. Darüber hinaus zeigt sein Hauptwerk mit der Paraphrase in deutsch-lateinischer Mischprosa eine Eigentümlichkeit, die zwar nicht einseitig für Bamberg in Anspruch genommen werden kann, da mit dem elften Jahrhundert deutschsprachige Literatur allgemein wieder an Boden gewinnt, die aber doch in einen anscheinend charakteristischen Zug der Bamberger Schule in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts hineinpaßt, so daß die Anregung durch Williram nicht völlig ausgeschlossen erscheint; darauf ist noch kurz zurückzukommen. Besser erkennbar in ihren Leistungen wird die Domschule seit Anno von Köln. Um 1050 nennt Anselm von Besäte die Urbs nova Babenberc, sed non rudis artis et expers8, und unter Anno oder doch etwa in dieser Zeit haben zwei der bedeutendsten deutschen Historiker des elften Jahrhunderts, beide gebürtige Franken, die Bamberger Schule besucht: Lampert von Hersfeld’ und Adam von Bremen.10 Ihre Werke haben 1 v. Guttenberg, Reg. 208 nr. 413. 2 Ebd. 25 nr. 36 a; 84 nr. 181; MG Neer. 4,789. 3 v. Guttenberg, Reg. 100 nr. 219; 110 nr. 244; 120nr. 266; R.KLAUSER.BambergerÜberlieferungen um Erzbischof Anno v. Köln (JffL 15) 1955, 243-254; zu den Beziehungen des Anno-Liedes zu Bamberg vgl. E. Ploss, Bamberg u. d. deutsche Lit. d. 11. u. 12. Jhs. (JffL 19) 1959, 287 f. 4 v. Guttenberg, Reg. 100 nr. 219. 3 Ebd. 6 Erdmann, Studien (s. o. 127 Anm. 1) 102 f. Anm. 4.

7 VLIV985-996; u. 130. 8 WH I 217. ’ Struvb (s. o. 127 Anm. 1) bes. 12 ff. 10 B. Schmeidler (MG SS rer. Germ.) 1917, LIII ff. Die Belege für Adams fränkische Herkunft und Ausbildung in Bamberg, die Schmeidler (ebd.) beigebracht hat, sind so gewichtig, daß die Bedenken von Erdmann, Studien (s. o. 127 Anm. 1) 115 kaum überzeugen, da sie sich ausschließlich auf fehlende Stilverwandtschaft mit Meinhard und Lampert stützen; einige der von Schmeidler nicht verifizierten Quellen Adams (MG SS rer. Germ.

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sie zwar an ihren späteren Wirkungsorten geschrieben, Adam als Domscholaster in Bremen, Lampert als Leiter der Klosterschule in Hersfeld, und beide sind in ihrer politischen und geistigen Haltung so grundverschieden, daß diese nicht als Symptom des in Bamberg herrschenden Geistes gewertet werden kann. Gemeinsam aber ist ihnen das vorzügliche Latein und die umfassende Kenntnis klassischer und spätantiker Autoren, wie sie in Bamberg aufgrund der vorzüglichen Bibliothek erworben werden konnten. Zusammen mit Anno war auch Bischof Gunther (1057-1065) Mitglied der Domschule gewesen; im Jahre 1054 wurde er italienischer Kanzler, 1056 Nachfolger Annos als Propst in Goslar; etwa um 1060 muß er die Leitung der Domschule Meinhard übertragen haben, einem Franken von unbekannter Herkunft, der dieses Amt mehr als zwei Jahrzehnte versah.1 Er hatte seine Ausbildung zum Teil in der Lütticher Schule erhalten2 und zu ihr hielt er auch als Scholaster von Bamberg die Beziehungen aufrecht: seinen eigenen Neffen Erlung empfahl er dorthin zur Fortsetzung der Studien.3 Als Domscholaster war Meinhard zugleich der Diktator seiner Bischöfe und des Domkapitels und einzelner Domkanoniker; in seinen als Sammlung erhaltenen * Briefen, die er nur zum geringeren Teil in eigenem Namen geschrieben hat, wird seine geistige Persönlichkeit faßbar: ein korrekter, ja pflichtbewußter Kleriker, der seine Kollegen und selbst seine Bischöfe zu einem vorbildlichen geistlichen, der Theologie aufgeschlossenen Leben anhielt. Dieser Seite seines Wesens entsprechen auch seine theologischen Arbeiten, deren er wenigstens drei verfaßte, von denen aber nur eine Schrift De fide erhalten ist.3 Zugleich war er ein im Sinne der Artes hochgebildeter Mann6 von großer Ausdrucksfähigkeit und überaus reicher und geläufiger Kenntnis der antiken Autoren, die sich auch auf die Benutzung der bambergischen Bücherschätze stützte. Cicero war sein bevorzugter Prosaautor, Terenz und Horaz waren die für seine Latinität wichtigsten Dichter. Politisch repräsentierte er in dem Konflikt zwischen König und Papsttum, der in seiner Bamberger Zeit ausbrach, die gleiche königstreue Haltung, wie sie die bambergische Kirche überhaupt vertrat. Sie ermöglichte es ihm, sich 1085 zum Gegenbischof Adalberos von Würzburg erheben zu lassen (J 1088). Aufschlußreich sind einige Briefe Meinhards an Gunther für die LVII ff.) scheinen auf Werke in Bamberger Handschriften hinzuweisen. 1 Erdmann, Studien (s. o. 127 Anm. 1) passim; v. Guttenberg, Reg. passim. 2 Meinhards Beziehungen zur Lütticher Domschule und umgekehrt, wie sie aus Meinhards Briefen (S. u. Anm. 3) hervorgehen (220 ff. nr. 24, 129L nr. 80, 116 nr. 69), lassen die bloß beiläufige Bemerkung von Erdmann, Studien 19 Anm. 2 als zu schwach erscheinen; vgl. auch v. Guttenberg, Reg. nrr. 294, 295, 311. Daneben hat Meinhard mit Sicherheit die Reimser Schule (Erdmann, Studien 18 ff.) und vielleicht noch zuvor die Bamberger besucht. 3 Brief 220 ff. nr. 24 (s. u. Anm. 4); vgl. Schmale, Heinrich IV. (s. u. 132 Anm. 2) 43 f. 9 HdBG III, I

4 Ausgabe von C. Erdmann (MG Briefe d. deutschen Kaiserzeit 5) 1950; zur Datierung der beiden Briefe, die Meinhard im Namen von Bischof Hermann schrieb (231 f. nr. 33, 240 ff. nr. 40) G. B. Bortno, La lettera di Ermanno, vescovo di Bamberg a Gregorio VII (1075) (Studi Greg. 6) 1959/61, 311 ff. 3 Evangelistarium Μ. Maruli Spalatensis, Coloniae 1529 u. 1532, 533 ff.; der Widmungsbrief MG Briefe d. deutschen Kaiserzeit 5, 238 ff. nr. 39; vgl. Erdmann, Studien (s. o. 127 Anm. 1) 23; ebd. über Meinhards Ablehnung der Lehre Berengars von Tours. 6 Über eine verlorene dialektische Schrift Meinhards (De maxima propositione) Eri>mann, Studien 22 f.

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geistige Welt des Bischofs. Der Scholaster tadelte den Bischof wegen seiner Vorliebe für (deutschsprachige) höfische Epen, die von Spielleuten vorgetragen wurden; Etzel und Dietrich von Bem (Nibelungenlied?) werden besonders genannt.1 Nicht nur der Stoff, sondern vor allem die deutsche Sprache scheint Gunther angezogen zu haben. Den Domherrn Ezzo, vielleicht ebenfalls Lehrer an der Domschule, beauftragte er, ein deutschsprachiges Lied auf die Wunder Christi zu dichten, möglicherweise im Zusammenhang mit der Kreuzfahrt Gunthers; ein Willo, in dem man den späteren Abt von Michelsberg (1082-1085) hat sehen wollen, komponierte eine Weise zu dem Liede.1 2 Trotz des Tadels durch Meinhard sind aber die Interessen Gunthers nicht außergewöhnlich, jedenfalls nicht für Bamberg, sieht man sic im Zusammenhang mit Willirams Paraphrase zum Hohen Lied und der Dichtung des Domherrn Ezzo, besonders wenn Ezzo ebenfalls die Bamberger Schule durchlaufen haben sollte.3 Läge in der Pflege auch der deutschen Sprache eine Eigentümlichkeit der Bamberger Domschule um die Mitte des elften Jahrhunderts vor, dann wäre sie allerdings durch Meinhard abgebrochen worden, der die Studien wieder einseitig in die Pflege der Artes einmünden ließ. Nicht zu Unrecht erscheint Meinhard heute in erster Linie als Briefautor. Das Abfassen von Briefen und Urkunden hat ohne Zweifel einen wesentlichen Bestandteil seines Unterrichts ausgemacht; denn in der Zeit Heinrichs IV. hat Bamberg nicht nur Personal für die königliche Kanzlei geliefert4 - darunter den späteren Kanzler und Bischof von Würzburg Erlung, einen Neffen Meinhards -, Briefe und Briefsammlangen charakterisieren seit Meinhard überhaupt das geistige Leben im Umkreis der Domschule. Im Rahmen eines solchen Unterrichts sind wahrscheinlich schon von Anfang an Briefe und Urkunden gesammelt und als Muster verwendet worden, die später in die umfangreichste der Bamberger Briefsammlungen eingegangen sind. Die erste erhaltene bambergische Briefsammlung entstand nach 1095 und hatte einen ausgesprochen politischen und zeitgeschichtlichen Charakter. Neben Briefen, die vornehmlich die Reichsgeschichte und die Auseinandersetzung des Königtums mit dem Papsttum betreffen, enthält sie auch Streitschriften und Aktenstücke, die in erster Linie die Position des Königtums vertreten.’ Manches Material ist bereits in der Form von Sammlungen, die sich noch rekonstruieren lassen oder gar andernorts erhalten 1 Brief 120 f. nr. 73 (s. o. Anm. 4); v. GutReg. 157 f. nr. 331. Ob Gunther sich selbst als Dichter versucht hat, wie Erdmann, Fabulae Curiales, Neues zum Spielmannsgesang u. zum Ezzo-Liede (ZDA 73) 1936, 87-98 vermutet, hängt von der Konjektur einer verderbten Stelle des Briefes ab; vgl. zusammenfassend Ploss (s. o. 128 Anm. 3) 280. 2 Ausg. v. Henschel-Pretzel, Die kleinen Denkmäler d. Vorauer Handschrift, 1963, Beiläge i ff.; v. Guttenberg, Reg. 176 f. nr. 359; vgl. auch K. Hauck, Pontius Pilatus aus Forchheim (JffL 19) 1959, 187ff.; F. Maurer, Die relig.Dichtungend. ii.u. 12. Jhs., 11964, 269ff. tenberg,

3 Zur deutschsprachigen Literatur in Bamberg Ploss (s. o. 128 Anm. 3) 275-302. 4 Vgl. Fichtenau (s. o. 79 Anm. 7); J. Fleckenstein, Die Hofkapelle d. deutschen Könige (MG Sehr. XVI 2) 1968. ’ «Codex I» der Hannoverschen BriefhandSchrift; Analyse mit Druckorten und Teilausgäbe von C. Erdmann (MG Briefe d. deutsehen Kaiserzeit 5) 249-258; dazu Erdmann, Die Bamberger Domschule im Investiturstreit (ZBLG 9) 1936, 1-46, bes. 24 ff.

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sind, nach Bamberg gelangt; wenigstens eine rekonstruierbare Sammlung aus der Zeit Gregors VII. ist bereits bambergischer Provenienz und müßte demnach unter Meinhard zusammengestellt worden sein.1 Die politische Tendenz dieser Sammlungen beweist, daß der Unterricht in Bamberg sich nicht auf die Formalien beschränkt haben kann, sondern auch in einer für Heinrich IV. günstigen Weise politisch ausgerichtet war; darin mag ein Grund für die Bevorzugung von in Bamberg geschultem Kanzleipersonal zu sehen sein. Diese bambergischen Bemühungen gipfeln in dem Codex Udalrici, den um 1125 ein Bamberger Kleriker namens Udalrich, vielleicht identisch mit dem Domkustos Udalrich, zu Unterrichtszwecken zusammenstellte und dem Würzburger Bischof Gebhard von Henneberg widmete.12 Etwa um 1134 ist die Sammlung noch einmal um weiteres Material ergänzt worden. Das kürzere erste Buch enthält neben Gedichten und einem metrischen Papstkatalog eine Sammlung von Salutationen, Grußformeln für Briefe, die den im zweiten Buch enthaltenen Schreiben entnommen sind und an denen der Unterrichtszweck des Werkes deutlich wird. Das zweite Buch enthält Urkunden, zum Teil reine Formulare, und rund 250 Briefe, von denen die Masse der Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V. angehört. Eine durchgehende Ordnung ist nicht erkennbar, doch ist vielfach zeitlich oder sachlich Zusammengehöriges zueinandergestellt, oft ist die Anordnung der von Udalrich ausgewerteten Sammlungen wenigstens teilweise erhalten. Der Codex Udalrici ist ausschließlich sekundären Charakters. Die früher gelegentlich geäußerte Annahme, er sei offiziell und stehe in Zusammenhang mit der Reichskanzlei, ist nachweislich falsch, doch bleibt das Werk als Quelle wichtig, weil viele Stücke nur hier überliefert sind. Gelegentlich hat Udalrich seine Vorlagen sprachlich oder gar sachlich verändert, und es ist nicht völlig ausgeschlossen, daß sich unter den Briefen auch Fiktionen befinden.3 Der Codex Udalrici und manche Briefe, die die Bemühungen um neue Domscholäster zu Beginn des zwölften Jahrhunderts erkennen lassen,4 bezeugen den Fortbestand der Bamberger Domschule, aber der Codex selbst ist bei aller Bedeutung als Quelle doch eben nur mehr das Zeugnis des Sammlerfleißes. Als geistige Leistung bedeutsamer sind zwei andere etwas ältere Werke, die nicht mit voller Sicherheit, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit mit Bamberg in Verbindung gebracht werden können und für die Erlung als Verfasser in Frage kommt. Das eine Werk ist das Carmen de bello Saxonico, das in 294 Hexametern, deren Latinität an Ovid, Lucan 1 Ebd. 24 ff. 2 Ausgaben von J. G. v. Eckhart, Corpus Historicum Medii Aevi II, 1723, 1-374 und JaeeiS V 17-469 (Auszüge). Exzerpte aus antiken rhetorischen Schriften, die Udalrich mit einigen einleitenden Versen zu einem Libellus kompilierte, hg. von F. Bittner, Eine Bamberger Ars dictaminis (BHVB 100) 1964,154-171. Der vom Herausgeber gewählte Titel ist leicht irreführend, insofern diese Schrift mit der um die gleiche Zeit in Italien bereits in Blüte stehenden Ars dictaminis nichts zu tun hat. 9*

3 Aus der umfangreichen Literatur sei zitiert: H. Hussl, Die Urkundensammlung d. Codex Udalrici (MIÖG 36) 1915, 422-447; WH II 439-442; H. Koller, Zur Echtheitsfrage d. Codex Udalrici (Mitt. d. Wiener DiplomataAbt. d. MGH 3) 1953, 402-419; WH ΠΙ zu S. 439 ff.; Bittner (s. Anm. 2) 146 ff. 4jAFrfV 197 nr. 109; 199 nr. 110:226 nr.114; v. Guttenberg, Reg. 295 ff. nrr. 591 f.

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und Horaz orientiert ist, Heinrichs IV. Auseinandersetzung mit den Sachsen bis zum Sieg des Jahres 1075 besingt.1 Schon früh ist die sprachliche Verwandtschaft des Carmen mit dem Werk Lamperts von Hersfeld aufgefallen, die bei der Gegensätzlichkeit der politischen Einstellung des Carmen-Autors zwar eindeutig gegen eine früher vermutete Autorschaft Lamperts, aber doch für eine Schulverwandtschaft spricht. Auf der anderen Seite ist aus sprachlich-stilistischen und inhaltlichen Gründen ein einheitlicher Verfasser für das Carmen und die anonyme Vita Heinrichs IV. anzunehmen.12 Dieses zweite der hier zu nennenden Werke ist kurz nach dem Tod Heinrichs IV. von einem anonymen Anhänger des Kaisers in der äußeren Form eines Briefes als Totenklage geschrieben worden und zeichnet sich bei vielfach ungenauer oder auch unrichtiger Darstellung der Tatsachen durch höchste sprachliche und darstellerische Meisterschaft aus.3 Das ganze Leben des frommen und immer nur das Gute erstrebenden Kaisers wird wegen seines unglücklichen und auch ungerechten Schicksals unter dem unberechenbaren Einfluß der launischen Fortuna gesehen. Alle Indizien, die überhaupt zur Identifizierung des Verfassers führen können, weisen auf den Bischof Erlung von Würzburg, der damit am ehesten auch als Verfasser des Carmen zu vermuten ist.4 Die Nähe des Carmen zu Lamperts Werk wäre somit in der gemeinsamen bambergischcn Schultradition begründet, auf Bamberg weist auch das Fortuna-Motiv, das bei sonst seltenerer Verwendung in dieser Epoche fast nur in Bamberg vorkommt.5 Ist die Interpretation dieser Anzeichen richtig, zu denen auch die für Bamberg selbstverständliche Königstreue zu zählen wäre, dann hätte der Kanzler Heinrichs IV., Kaplan Heinrichs V. und Bischof von Würzburg, Erlung, zwei der literarisch anspruchsvollsten Werke zur Geschichte Heinrichs IV. geschrieben, die das glänzendste Zeugnis für die unter Meinhard in Bamberg erreichbare Bildung abGegen Ende des elften Jahrhunderts entwickelte sich das 1015 gegründete bischöfliehe Eigenkloster auf dem Michelsberg in Bamberg zu einem zweiten geistigen Zentrum, das auf einer Reihe von Gebieten schnell die Domschule überflügelte und das einzigefränkische Kloster von überregionaler Bedeutung wurde. Der Aufstieg des Klosters erfolgte recht plötzlich: in den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung hörte man so gut wie nichts von ihm. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das auch die Folge der Besetzung mit Amorbacher Mönchen war, denen cs ihrerseits an entsprechenden Traditionen völlig mangelte. Die Bibliothek des Klosters, wichtigste 1 Hg. von O. Holger-Egger (MG SS rcr. Germ.) 1889; zuletzt von F.-J. Schmale, Quellen z. Gesch. Kaiser Heinrichs IV. (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 12) 143-189. 2 Schmale (s. Anm. 1) 20 ff., bes. 24 ff. 3 Ausgabe von Wattenbach-Eberhard (MG SS rcr. Germ.) 18993; Schmale (s. o. Anm. 1) 407-467. 4 K. Pivec, Studien u. Forschungen z. Ausgäbe d. Codex Udalrici (MIÖG 45) 1932, 457 f. Zur Vita vgl. auch S. Hellmann, Die Vita Heinrici IV. u. d. kaiserl. Kanzlei (HVjschr. 28)

1934, 273-334 (Wiederabdruck in S. HellAusgew. Abh., 1961, 231-292); H. F. Haefble, Fortuna Heinrici IV. imperatoris. Untersuchungen z. Lebensbeschreibung d. dritten Saliers (Veröffentl. d. Inst. f. österr. Geschichtsforsch. 1$) 1954; Schmale (s. o. Anm. 1) 35 ff.; H. Beumann, Zur Handschrift d. Vita Heinrici IV. clm. 14095 (Speculum Historialc, Festschr. J. Spocrt) 204-223. 5 Vgl. die Zusammenstellung bei Haefele (s. Anm. 4) 49 ff.

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Grundlage aller Gelehrtentätigkeit, war nach Ausweis der erhaltenen Bibliothekskataloge gegen Ende des elften Jahrhunderts noch recht bescheiden,1 und von den in der Dombibliothek bereitliegenden Schätzen scheint man im Kloster kaum Gebrauch gemacht zu haben. Zu Beginn der siebzigerJahre des elften Jahrhunderts befand sich der Konvent überdies in einer inneren Krise.12 Im Jahre 1071 trat der aus St. Emmeram stammende Abt Ruodbert nach sechsjähriger Amtszeit zurück und machte dem Münsterschwarzacher Ekkebert Platz, der aber ebenfalls bald wieder sein Amt aufgegeben haben muß, ohne daß seine Tätigkeit erkennbare Spuren hinterlassen hätte. Im Jahre 1086 übernahm dann Thiemo die Leitung der Abtei; er kam wie auch sein Nachfolger Gumbold (1094-1112) aus St. Emmeram, wo gelehrte Beschäftigung der Mönche seit Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit war. Ihnen darf daher der entscheidende Anstoß zugeschrieben werden, wenn jetzt, wie die erhaltenen mittelalterlichen Bibliothekskataloge erweisen, die Bücherbestände des Klosters rasch vermehrt wurden. Es ist noch nicht untersucht, aber es gibt mancherlei Hinweise dafür, daß HandschriftenVorlagen aus St. Emmeram kamen und der Michelsberg durch St. Emmerams Vermittlung auch in den Besitz historischer Werke aus Bayern und Schwaben gelangte, die nun den Ansatz zu einer klostereigenen Geschichtsschreibung boten.3 Abgesehen von einigen Weihenotizen4 hatte es auf dem Michelsberg zunächst so gut wie gar keine historischen Aufzeichnungen gegeben, bevor um 1080 eine Ableitung der Reichenauer Kaiserchronik, mit einiger Wahrscheinlichkeit über St. Emmeram, in das Kloster gelangte und hier mit einem Katalog oder Nekrolog der Würzburger Bischöfe kompiliert wurde,5 weswegen das nicht als Quelle, aber als Grundlage weiterer Annalen und als Zeugnis der Reichenauer Kaiserchronik wichtige Werk bis vor kurzem denn auch fälschlich als Chronicon Wirziburgense bezeichnet wurde.6 Dennoch war damit aber noch keine Tradition begründet, und wenn wenig später gegen Ende des Jahrhunderts eines der bedeutendsten Geschichtswerke des Mittelalters überhaupt von dem Michelsberger Prior Fruto/fgeschrieben wurde, so ist der Anstoß dazu nicht in erster Linie von dem sogenannten Chronicon Wirziburgense ausgegangen, doch war es eine so wichtige Quelle für Frutolf, daß dessen Werk ohne das Chronicon nicht möglich gewesen wäre. 1 Mittclaltcrl. Bibliothekskataloge (s. u. 537 Anm. 4) 357 ff.; H. Bresslau, Bamberger Studien (NA 21) 1896, 139-234. Über das Scriptorium O. Meyer, Das Michelsberger Exemplar d. Psalmenkommentars Augustins. Ein Blick in d. Michelsberger Scriptorium auf Grund neuer Funde (StMBO 79) 1968, 399 ff. 2 Hallinger (s. o. 113) 347 ff. 3 S. auch u. 142. 4 Aus der Chronik Frutolfs zu erschließen. 5 Zu diesem Katalog zuletzt Schmale, Würzbürg 630 ff. 6 Neue Ausgabe auf Grund aller Handschriften von H.-J. Beyer, Das Chronicon Wirziburgense, Masch. Magisterarbeit Bochum

1967. 47-167. Vgl. G. Buchholz, Die Würzburger Chronik. Eine quellenkrit. Untersuchung, 1879; die von Buchholz versuchte Rekonstruktion der nicht selbständig erhaltenen Teile für die Jahre nach 1057 ist zwar gründsätzlich richtig, aber im einzelnen stark korrekturbedürftig. A. Duch, Das Geschichtswerk v. Reichenau in seiner Überlieferung (H. Oesch, Berno v. Reichenau als Musiktheoretiker, Publikationen d. Schweizer. Musikforschenden Ges., Ser. II 9) 1961, 184-203; Ders., Eine verkannte Handschrift d. Chronicon Wirziburgense (DA 8) 1951, 488-497; WH III zu S. 477 Anm. 13; demnächst F.-J. Schmale und I. Schmalb-Ott in MG SS 33.

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Gewisse sprachliche Eigentümlichkeiten lassen vermuten, daß Frutolf bayerischer Herkunft war, näherhin aus dem Regensburger Raum.1 Offensichtlich war ihm im Kloster die Sorge für die Bibliothek anvertraut, für deren Erweiterung er auch durch eigene Schreibtätigkeit sorgte. Die von ihm geschriebenen oder in Auftrag gegebenen Codices haben ihren inhaltlichen Schwerpunkt eindeutig auf dem Gebiet des Quadrivium;12 möglicherweise haben die Artes des Quadrivium überhaupt erst durch Frutolf einen bedeutenderen Platz innerhalb der Klosterschule gewonnen. Auch die Werke, die Frutolf sicher oder doch mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben werden können, die Rythmimachia3 - Anweisung zu einem Spiel mit Zahlensteinen und die Musica,4 vor allem aber die große Weltchronik liegen auf diesem Gebiet; denn die Chronographie, die wissenschaftliche Geschichtsschreibung, ist im Mittelalter ein Teilgebiet der Komputistik, die im Rahmen des Quadrivium gelehrt wurde.5 Frutolfs Chronik, die im Jahre 1098 etwa bis zur Hälfte gediehen war und mit dem Jahre 1099 abgeschlossen wurde, ist neben der Chronik des Marianus Scottus6 die erste Weltchronik auf deutschem Boden, die fast den gesamten in ihrer Zeit verfügbaren historischen Stoff für eine Geschichte seit Erschaffung der Welt heranzog und mit großer Sorgfalt und mit kritischem Verstand in eine chronologische Ordnung zu bringen suchte. Für die älteste Zeit dienten Isidor, Beda und Hieronymus als Grundlage für das zeitliche Gerüst, doch wurde daneben alles an Literatur benutzt, was in Bamberg im St. Michaels-Kloster und in der Dombibliothek erreichbar war. Ein großer Teil der von Frutolf verwendeten Handschriften ist auch heute noch erhalten und gewährt damit einen in dieser Genauigkeit sonst nur selten möglichen Einblick in die Arbeitsweise des Chronisten.7 Ziel Frutolfs ist die sachliche und chronologische Ordnung des Stoffes; geschichtstheologische Gesichtspunkte wie bei Augustinus oder bei Otto von Feising fehlen fast völlig. Bedas Weltalter, der von Frechulf übernommene Translationsgedanke,8 die Weltreichslehre gelten nie als metaphysisch verankerte, den Ablauf der 1 Die bisher einzige Ausgabe von G. Waitz (MG SS 6) ist unzulänglich; die folgenden Ausführungen stützen sich auf die demnächst erscheinende Neuausgabe von F.-J. Schmale und I. Schmale-Ott (MG SS 33), durch die auch die bisherige Literatur weitgehend überholt ist; vgl. auch F.-J. Schmale, Zur Abfassungszeit von Frutolfs Weltchronik (BHVB 102) 1966, 81 ff.; Ders. und I. Schmale-Ott, Die Chroniken Frutolfs und Ekkehards. Die anonyme Kaiserchronik (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 15) 1971, Einleitung; WH ΙΠ zu 491 ff. 2 Mittelalterl. Bibliothekskataloge III 3 (s. u. 537 Anm. 4) bes. 360. 5 R. Peiper, Fortolfi Rythmimachia (Abh. z. Gesch. d. Mathematik 3 = Zschr. f. Mathematik u. Physik 25, Supplementheft z. hist.-lit. Abt.) 1880, 169ff. 4 P. C. VtVELL, Frutolfi Breviarium de musica et Tonarius (SB Wien 188/2) 1919, 26 ff;

Ders., Das Breviarium de musica des Mönchs Frutolf v. Michelsberg (StMBO 34) 1913, 423 ff.; Schmale-Schmale-Ott (s. o. Anm. . 1) Ein weiteres von Bresslau, Studien (s. o. 133 Anm. 1) 223 ff. Frutolf zugeschriebenes Werk (Liber de divinis officiis) ist kaum von diesem. 5 Vgl. O. Meyer, Weltchronistik u. Computus im hochmittelalterl. Bamberg (JffL 19) 1959, 241-260. 6 Vgl. zu diesem ganzen Komplex A.-D. von den Brincken, Studien z. latein. Weltchronistik bis in d. Zeitalter Ottos v. Freising, 1957, passim; WH III passim. 7 Eine große Anzahl von Nachrichten Frutolfs ist Regensburger Ursprungs; die Lesarten der von ihm verwendeten Vorlagen beweisen, daß ihm Regensburger Handschriften oder deren Abschriften zur Verfügung standen. 8 W. Goez, Zur Weltchronik d. Bischofs Frechulf v.Lisieux (Festgabe P. Kim) 1961,93 ff.

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Weltgeschichte bestimmende Prinzipien, sondern erscheinen nur als faktische und rein immanente Ordnungsfaktoren, als Gliederungselemente. Frutolfs Chronik ist wissenschaftliche Geschichtsschreibung im mittelalterlichen Sinn, nicht Zeitgeschichtsschreibung. Zwar werden die Berichte mit Beginn des elften Jahrhunderts scheinbar selbständiger, doch trügt der äußere Eindruck, der nur durch den Verlust der von Frutolf benutzten Überlieferung bedingt ist; ebensowenig ist sein Werk von einer politischen Tendenz bestimmt. Wenn Frutolf im Gegensatz zu seinem Fortsetzer Ekkehard als königstreu und konservativ bezeichnet worden ist, so ist das nur insofern richtig, als er noch ungebrochen dem politischen Weltbild der Mitte des elften Jahrhunderts verhaftet ist, innerhalb dessen dem deutschen König als Nachfolger des römischen und fränkischen Kaisertums die führende Rolle im Rahmen einer in der Abfolge von Weltreichen sich vollziehenden Geschichte zukommt. In der originalen Gestalt hat Frutolfs Chronik keine Verbreitung gefunden, sieht man einmal davon ab, daß in Bamberg bald nach Abschluß des Werkes das Chronicon Wirziburgense mit Hilfe der Frutolf-Chronik fortgesetzt und angereichert wurde, bevor es zur Grundlage weiterer Annalen wie der Annales S. Albani, - Rosenfeldenses,- Hildesheimenses und des Honorius Augustodunensis wurde.1 In der Verbindung mit der ersten Fortsetzung durch Ekkehard von Aura in Frutolfs Autograph bildete es außerdem den Grundstock für die Annalen von St. Pantaleon in Köln.1 2 Größte Wirkung erzielte es dagegen durch die Verbreitung der vollständigsten Fassung der Ekkehard-Chronik, in die Frutolfs Chronik voll aufgenommen wurde. Durch sie wurde das Werk zur Grundlage der meisten späteren Weltchroniken, auch der Historia Ottos von Freising; keine von ihnen hat Frutolf an Stoffreichtum übertroffen. Frutolfs Fortsetzer Ekkehard, ein Edelfreier aus bayerischem Geschlecht, vielleicht aus der Familie der Aribonen, war ursprünglich wohl Weltpriester, trat aber nach der Teilnahme am Kreuzzug um 1102 in Tegernsee als Mönch ein und schloß sich nach dem Aufstand Heinrichs V. der Umgebung des jungen Königs an, den er während des Jahres 1105 viele Monate begleitete.3 Spätestens um diese Zeit lernte er auch Bischof Otto von Bamberg kennen, als dessen Gast er Ende 1105/Anfang 1106 auf dem Michclsberg weilte. Hier geriet er an Frutolfs Chronik, deren wenige Nachrichten über den Kreuzzug dem Kreuzfahrer nicht genügten. Deshalb ersetzte er zunächst Frutolfs Bericht zu 1098 und 1099 durch eine ausführliche Darstellung des ersten Kreuzzuges und setzte die Chronik dann bis zum Anfang des Jahres 1106 fort, bis zu dem Zeitpunkt, da Heinrichs V. Herrschaft durch den Tod des Vaters endgültig gesichert war und Ekkehard selbst zusammen mit Otto von Bamberg und anderen im Auftrag Heinrichs V. als Gesandte nach Rom gingen (Rezension I). 1 Vgl. dazu die Einleitung der Neuausgabe (s. o. 134 Anm. 1). 1 Vollständige Ausgabe als Cronica regia s. Pantaleonis bei v. Eckhart (s. o. 13 i Anm. 2) 683 ff 3 Die bisherige Literatur ist überholt durch I. Schmale-Ott, Unters, zu Ekkehard v. Aura u. z. Kaiserchronik (ZBLG 34) 1971; die fol-

genden Ausführungen stützen sich auf diesen Aufsatz und die Neuausgabe der Chronik durch -J. Schmale-Schmale-Ott (MG SS 33); vgl. F. auch WH III zu S. 491 ff., 498 ff. Die Ausgabe von Waitz (MG SS 6) ist teilweise unbrauchbar, Neuausgabe aller Rezensionen von 1093 an durch F.-J. Schmale-Schmale-Ott (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 1$) 1971.

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Ekkehard nahm an den Ereignissen seiner Zeit, die er von einem ausschließlich religiös-moralischen Standpunkt aus betrachtete, leidenschaftlichen Anteil: Der entscheidende Gesichtspunkt für sein Urteil war die Gemeinschaft mit dem römischen Bischof, die er geradezu unbedingt forderte, während zum Beispiel die Frage der Laieninvestitur für ihn nicht die geringste Rolle spielte. Bei solcher Gesinnung mußte Ekkehard ebenso entschieden Heinrich IV. verurteilen, wie die Regierung Heinrichs V. begrüßen. Mit dieser Haltung ordnet er sich in die geistige Welt der Hirsauer ein, denen er auch persönlich nahegestanden haben muß, bevor er 1108 von Otto von Bamberg zum ersten Abt des neugegründeten Klosters Aura an der Saale berufen wurde, dessen Konvent Hirsauer Mönche bildeten. Noch gegen Ende des Jahres 1106, spätestens Anfang 1107 verfertigte Ekkehard ein Exemplar der Frutolf-Chronik mit seiner eigenen Fortsetzung, die nun aber bis zum Ende des Jahres 1106 geführt wurde, und überreichte es unter seinem eigenen Namen Heinrich V. (Rezension II). In den folgenden Jahren scheint der Chronist sich vornehmlich im Burchardus-Kloster in Würzburg aufgehalten zu haben; als Gastgeschenk hinterließ er eine Überarbeitung der älteren Burchardsvita, die er aufgrund heute verlorenen Materials wesentlich erweiterte und damit zu einer wichtigen Quelle der würzburgischen Bistumsgeschichte machte.1 Um 1116 griff er erneut als Chronist zur Feder. Im Auftrag des Abtes Erkembert von Korvey fertigte er ein neues bis 1116 geführtes Exemplar seiner Chronik an (Rezension III), für das er neben seiner eigenen Chronik eine inzwischen von einem anonymen Autor verfaßte Kaiserchronik für Heinrich V. und die Weltchronik Sigeberts heranzog. Die Kreuzzugsnachrichten nahm er dabei aus den laufenden Berichten heraus und stellte sie am Schluß als eigenen Libellus unter dem Titel Hierosolimita - «Der Jerusalempilger» - zusammen. Sein eigenes Handexemplar hat er in den nächsten Jahren bis zum Tode Heinrichs V. (1125) fortgesetzt; in dieser Gestalt hat sein Werk schließlich auch die größte Verbreitung gefunden (Rezension IV). Ekkehards Chronik ist das wichtigste Geschichtswerk über die Zeit Heinrichs V., zwar in schiechtem Latein geschrieben, aber vorzüglich in seiner Zuverlässigkeit und seinem Streben nach Wahrheit. In diese Gruppe von Chroniken gehört noch ein drittes Werk, das schon kurz erwähnt wurde, eine anonyme bis 1114 reichende Kaiserchronik, die lange für eine eigene Rezension der Ekkehard-Chronik gehalten wurde, die bis etwa zu den Berichten über die letzten Jahre des elften Jahrhunderts in erster Linie auch tatsächlich von der Rezension II, daneben noch von Sigebert von Gembloux, abhängig ist, dann aber zunehmend, von 1107 an völlig selbständig wird.2 Ekkehard hat sie ihrerseits als Vorläge für seine Rezension III verwendet, erstens in formaler Hinsicht - Einteilung in Bücher, Herauslösung der Kreuzzugsnachrichten aus dem laufenden Text -, zweitens 1 Früher einem Engelhard zugeschrieben; vollständige Ausgabe von F. Bendel, Vita sancti Burkardi, 1912; nur teilweise, aber mit besserem Text ed. O. Holder-Egger (MG SS 15); Nachweis der Verfasserschaft Ekkehards bei Schmale, Glaubwürdigkeit 47 ff.

2 Im einzelnen I. Schmale-Ott, Untersuchungen (s. o. 135 Anm. 3); Teiledition vom Jahre 1095 an bei F.-J. Schmale-Schmale-Ott (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 15); vollständige Ausgabe demnächst in MG SS 3 3.

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indem er die Jahresberichte 1107-mi wörtlich, andere zum Teil übernahm. Die Kaiserchronik stellt die Geschichte seit dem Auftreten der Franken dar. Das allgemeine Thema ist die durch Karl den Großen geschaffene unauflösliche Verbindung von Romanum imperium und Teutonicum regnum; für die Zeit Heinrichs V. ist die Investitur als ein von Papst Hadrian I. an Karl den Großen verliehenes Recht der Könige und Kaiser das besondere Thema. Der anonyme Autor stand Heinrich IV. ebenso wie Heinrich V. nahe, aber auch Bischof Erlung von Würzburg; er befand sich in einer unabhängigen Stellung, seine Sprache ist im Gegensatz zu der Ekkehards klassisch geprägt. Seine Identifizierung ist nicht gesichert, aber auf jeden Fall muß man ihn in Franken suchen und vieles spricht für Bischof Otto von Bamberg. Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung, die mit Frutolf begann und mit ihm auch ihren Höhepunkt erreichte, wurde in den ersten Jahrzehnten des zwölften Jahrhunderts noch fortgeführt, allerdings mit dem eindeutigeren Akzent auf der Chronographie und der Komputistik unter Vernachlässigung des historischen Stoffes. Der Michelsberger Prior Burchard, der sich außerordentliche Verdienste um die Bibliothek durch die Vermehrung der Bücherbestände und sorgfältige Katalogisierung erwarb, galt als compotistarum studiosissimus,1 der langjährige Leiter der Bamberger Domschule (1122-1155) Dudo (Tuto) als talium rerum perspicacissimus.1 2 Um 1122 hielt sich auf dem Michelsberg vorübergehend Bernhardus Hispanus auf, der de arte calculatoria allerlei zu lehren wußte, was man apud vulgatos compotistas obscura et intricata . . . falsata gefunden hatte.3 Fußend auf dem Wissen aller Genannten schrieb der Priester Heimo von St. Jakob in Bamberg 1135 sein Werk De decursu temporum und widmete es dem Prior Burchard.4 Er wollte das Problem klären, weshalb die Jahre Christi und der Welt in den bis dahjn vorhandenen Chronographien, angefangen von den Berechnungen des Dionysius, nicht mit den Angaben der Bibel übereinstimmten. Da er mit der ersten Fassung nicht zufrieden war, veranstaltete er wenig später noch eine zweite Ausgabe, in der in sieben Büchern die Weltalter, die Kaiser und Päpste, die Geschichte der Menschheit nach dem Sündenfall und die der menschliehen Freiheit durch die Erlösung dargcstcllt wurden. Im Vordergrund steht die Chronologie, die sich jedoch oft in Zahlenspielereien ergeht; an historisch wertvollen Nachrichten ist wenig enthalten. Heimo steht bereits am Ende der bambergischen wissenschaftlichen Geschichtsschreibung; auf dem Michelsberg und an St. Peter entstanden nur noch kurze annalistische Aufzeichnungen von insgesamt geringem Wert.3 Lediglich die schnell einsetzende Verehrung des Bischofs Otto und der Heinrichsund Kunigunden-Kult haben noch einige literarisch ansprechende und als Geschichtsquellen teilweise wichtige Werke hervorgebracht. Schon bald nach Ottos Tod war auf dem Michelsberg, wo Otto auch beigesetzt worden war, eine relatio de piis operibus Ottonis episcopi Bambergensis, vielleicht von 1 Jaffü V 541. 2 Ebd. 542. 3 Ebd. 619; Meyer, Weltchronistik (s. o. 134 Anm. 5) 241 ff., 254 ff.

4 Bisher nur Teile ediert in MG SS 10, 2-4 und bei Jaef£ V 541-552; vgl. Meyer (s.o. 134 Anm. 5). 3 jAFrf V 549-554.

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dem Prior Thiemo, verfaßt worden,1 die wenig später einer Laudatio rythmica aus 34 gereimten trochäischen Strophen zur Vorlage diente.12 Nach der Vita des Prüfeninger Mönchs Wolfger, der aus dem Kloster Michelsberg nach Prüfening gekommen war,3 entstanden in den fünfziger Jahren kurz nacheinander gleich zwei Lebensbeschreibungen in dem Bamberger Kloster. Um 1155 schrieb der Mönch Ebo, der Otto noch selbst gekannt hatte, eine ausführliche und stoffreiche, von Verehrung getragene Vita in schlichtem, aber ansprechendem Stil ;4 neben vorhandenen Aufzeichnungen wie die Relatio und Briefe lieferte ihm mündliche Mitteilung den Stoff. Diese LebensbeSchreibung wurde wenige Jahre später neben weiteren Augenzeugenberichten des Prior Thiemo und des Mönchs Sefrid, letzter Begleiter Ottos in Pommern, von dem Mönch Herbord verwertet, als er das literarisch anspruchsvollste Werk über Otto schrieb.5 Herbords Sprache ist anders als die Ebos an klassischen Vorbildern, vor allem Cicero orientiert; fingierte Reden kennzeichnen das literarische Wollen ebenso wie die äußere Form. Der Dialogus de Ottone episcopo Babenbergensi in drei Büchern ist ein Wechselgespräch des Verfassers mit dem Prior Thiemo und dem Mönch Sefrid, von denen sich Herbord, der Otto nicht mehr persönlich gekannt hatte, berichten läßt; auch die inserierten Briefe werden von den Gesprächsteilnehmem vorgetragen. Die Verehrung Ottos in Bamberg fand in der Kanonisation im Jahre 1189 ihre Krönung. Ähnliche Bemühungen wie Otto galten in Bamberg Kaiser Heinrich II. Spuren eines Gedächtnisses an den Gründer, das sich bereits stark der Verehrung als Heiliger 1 Nur fragmentarisch erhalten, Ausgabe in MG SS 15, 1156-1166; Mircula Ottos von einem unbekannten Michelsberger Mönch in MG SS 12, 917-919. 2 MG SS 12, 910 f.; Gedächtnisrede des Bischofs Embricho von Würzburg in MG SS 20, 769-771; D. Andernacht, Die Biographen Ottos v. Bamberg, Diss. Masch. Frankfurt 1950. 75 ff-, 79 f· vertritt die allerdings kaum haltbare Meinung, die Laudatio (Commendatio pii Ottonis) sei im Zusammenhang mit der Heiligsprechung Ottos (1189) entstanden und von der Prüfeninger Vita abhängig. 3 Ausgabe von A. Hofmeister, Die Prüfeninger Vita d. Bischofs Otto v. Bamberg (Denkmäler d. Pommerschen Gesch. 1) 1924; Neue Ausgabe von J. Wikarjak (Monumenta Poloniae historica NS VII 1) Warszawa 1966, kommentiert von C. Liman; vgl. auch J. Wikarjak, Kilka uwag do tekstu Vita Prieflingensis Ottona, biskupa bamberskiego (Bem. z. Textausg. der Vita Prieflingensis des Bischofs Otto v. Bamberg) (Studia frödlosnawcze, commentationes 4) 1959, 169 ff. - Die Verfasserschaft Wolfgers stellte H. Fichtenau, Wolfger v. Prüfening (MIÖG 51) 1937, 313357‫־‬ fest; Bedenken gegen Wolfger als Autor meldet Andernacht (s. o. Anm. 2) 80 f., 120 ff. an, der die Vita überdies von Ebos Werk be-

einflußt erklärt und sie deshalb auf 1155 datiert. Wie alle Thesen Andernachts bedarf auch diese der Überprüfung. 4Jaff£ V 588-692; neue Ausgabe von J. Wikarjak (Sw. Ottona biskupa bamberskiego Zywot pi6ra Ebbona, Monumenta Poloniae historica NS VII 2) Warszawa 1966; vgl. Andernacht (s. o. Anm. 2) 27 ff. - Eine metrische Bearbeitung der Vita Ebos aus dem 15. Jh. in Pommem ed. A. Hofmeister (Balt. Studien NF 33) 1931. 5 jAirf V 705-83 5; Neuausgabe von J. Wikarjak (Sw. Ottona biskupa bamberskiego Zywot piöra Herborda, Monumenta Poloniae historica NS VII 3) Warzawa 1966. Nach J. Petersohn, Überlieferung u. ursprüngl. Gestalt d. Kurzfassung v. Herbords Otto - Vita (DA 23) 1967,93 ff., ist der sog. Anonymus Canisii, dessen ursprünglicher Text sich aus neuentdeckten Handschriften erschließen läßt, für die Textkonstituierung der Herbord-Vita heranzuziehen. - Vgl. auch Andernacht (o. Anm. 2) 62 ff. - Über die Otto-Viten vgl. auch E. Wienecke, Untersuchungen z. Religion d. Westslawen, 1940, passim; K. Liman, Stan badän nad fywotami iw. Ottona z. Bambergu (Studia frodlosnawcze, commentationes 3) 1958, 23 ff.

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annähert, begegnen bei Meinhard von Bamberg; schon in der Mitte des elften Jahrhunderts entstanden besondere Meßformulare für den Todestag des Kaisers.1 Im Jahre 1135 ordnete Abt Hermann vom Michelsberg für jeden Montag eine Gedachtnisfeier für den Kaiser an, durch dessen Hilfe man die ewige Seligkeit zu erlangen hoffte;12 zehn Jahre später wurde vom Bischof Egilbert, vielleicht nicht ohne Anregung, sicher aber mit dem Einverständnis König Konrads III. ein Kanonisationsverfahren in Rom beantragt, das im März 1146 mit der offiziellen Heiligsprechung durch Eugen III. endete. Dieses Kanonisationsverfahren war der Anlaß zu einer Vita, in deren erstem Buch das Leben Heinrichs aus bekannten Quellen dargestellt wurde, deren zweites Buch über die Wunder am Grab des Herrschers berichtete und mit der Mitteilung über die Einleitung der Kanonisation endete.3 Das Werk ist als Quelle zur Geschichte Heinrichs II. ohne jeden Wert und dürfte als Bericht über Leben und Wunder, wie er schon damals für Heiligsprechungen gefordert war, in Rom vorgelegt worden sein. Während der Regierung Bischof Eberhards, vielleicht erst um 1170, wurde diese Vita durch Interpolation von Urkunden zu einer dokumentarisch belegten Gründungsgeschichte des Bistums Bamberg umgestaltet, deren Entstehung aus dem in Gurk überlieferten Konzept zu erkennen ist. Man hat den zwischen 1170 und 1184 urkundlich belegten Diakon Adalbert, der auf einer Miniatur der Reinschrift dieser zweiten Fassung den Heiligen Heinrich, Kunigunde und Bischof Otto ein Buch darreicht, als Verfasser beider Fassungen ansehen wollen.4 Es ist aber möglich, daß in den beiden Werken verschiedene anonyme Autoren tätig waren und Adalbert überhaupt nur der Schreiber der Reinschrift ist. Etwa um 1200 entstand noch im Zusammenhang mit dem am 3. April 1200 abgeschlossenen Kanonisationsprozeß eine Vita der Kaiserin Kunigunde.5 In ihr steht das kaum mehr an biographischen Daten orientierte geistige Leben der Heiligen nach dem Tod ihres Gatten in dem von ihr gegründeten Kloster Kauffungen im Vordergrund. Die literarische Produktion Bambergs beschränkt sich seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts ausschließlich auf das Hagiographische. Dabei stehen die Viten Ottos von Bamberg in jeder Hinsicht weit über den Viten des Kaisers und der Kaiserin. Die literarische Schulung muß sich im Kloster Michelsberg länger auf einer gewissen Höhe gehalten haben als im Umkreis der Domschule. Ein allgemeines Nachlassen der gelehrten Tätigkeit ist unverkennbar. Bamberg teilte das Schicksal fast aller deutscher Schulen, die in einer Zeit vorwiegend grammatisch-rhetorischer Bildung und der Übernahme spätantiker und christlicher Literatur Bedeutung besessen hatten und in dieser Epoche auch mit anderen abendländischen Bildungszentren konkurrieren konnten, jetzt aber ganz provinziell wurden, nachdem mit der Entwicklung der 1 R. Klauser, Der Heinrichs- u. Kunigundenkult im mal.Bistum Bamberg 1937, 31 ff., bes. 34 u. 36 ff., Text der Missa specialis 181. 2 Klauser 181 f. 3 Zu diesen Fragen Klauser 71 ff.; zu einer Teilfrage G. Zimmermann, Karlskanonisation u. Heinrichsmirakulum. Ein Reliquienzug d. Barbarossazeit v. Aachen über Doberlug/Lau-

sitz nach Plozk (BHVB 102) 1966, 127-148. Die verschiedenen Fassungen der im Folgenden behandelten Viten sind in den bisherigen Editionen - maßgebend MG SS 4, 794-814 nicht berücksichtigt. 4 Klauser 83 ff.; doch ist diese Frage noch nicht abschließend geklärt. 5 Ebd. 92 ff.; Ausgabe MG SS 4, 821 ff.

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Frühscholastik und der Universität das Gewicht sich ganz einseitig zugunsten Frankreichs und Italiens verlagert hatte. Schon im elften Jahrhundert meinte Heribert von Eichstätt, daß wahre Gelehrsamkeit nur im Westen zu erwerben sei. Im zwölften Jahrhundert wurde das Studium in Frankreich und in Italien für viele Deutsche bereits eine Selbstverständlichkeit, und mancher wurde hier Anhänger der frühscholastischen Theologie. Aber es entstanden daraus keine neuen geistigen Zentren in Deutschland, in denen diese Ansätze weiterentwickelt oder auch nur kontinuierlich tradiert worden wären. Selbst die gelehrten, in Frankreich oder Italien gebildeten Bischöfe der Zeit vermochten die eigenen Kathedralschulen nicht mehr auf das Niveau der auswärtigen zu heben. Einer noch eher als herkömmlich zu bezeichnenden Richtung gehörte Embricho von Würzburg an, der Freund des Hugo Metellus. Er war in Frankreich oder vielleicht auch Italien ausgebildet worden und dichtete eine Confessio in 102 leoninischen Versen. Von der Würzburger Schule dagegen hört man weder während seines Pontifikats etwas noch danach.1 Auch Eberhard von Bamberg hatte mit einiger Wahrscheinlichkeit sowohl in Italien (Bologna?) wie in Frankreich studiert.2 Er war ein gelehrter Jurist, der das Römische Recht kannte, aber auch ein gemäßigter Parteigänger der Frühscholastik, der deren begriffliches Instrumentarium beherrschte und manche ihrer Gedanken teilte, wenn auch nicht die extremsten. Theologisch stand er zwischen dem konservativen Gerhoch von Reichersberg3 und dem Propst Folmar von Triefenstein, der sich ganz der frühscholastischen Richtung angeschlossen hatte,4 aber erkennbare Impulse auf die Domschule sind von Eberhard nicht ausgegangen.5 So scheinen 1 W. Wattenbach, Bericht über eine Reise durch Steiermark im August 1876 (NA 2) 1877, 404-407. - Gelegentlich ist Embricho eine Vita Mahumeti (letzte Ausgabe von G. Cambier, Embricon de Mayence, La Vie de Mahomet, Latomus 32, 1961) zugeschrieben worden, so zuletzt von Wendehorst I 149; dafür gibt es keine Gründe. Vgl. auch WH III 450. - Bischof Gottfried von Würzburg (1186-1190) soll mit dem Gotefridus capellanus identisch sein, der um 1177 De sanctitate meritorum et gloria miraculorum b. Caroli Magni (ed. G. Rauschen, Publikationen d. Ges. f. rhein. Geschichtskunde 7, 1890) im Auftrag Barbarossas verfaßte, vgl. Wendehorst I 175; doch hat das Werk in keinem Fall etwas mit Franken zu tun. Nach K. Zimmert, Reichskanzler Gottfried, Bischof v. Würzburg (NA 26) 1901, 198-202, soll Gottfried auch der Verfasser der Epistola de morte Friderici imperatoris (ed. A. Chroust, MG SS. rer. Germ. NS 5, 1928, 173-178) sein. Vgl. dazu auch F. Patetta, Di alcuni manoscritti posseduti dalla R. accademia delle scienze di Torino (Atti Torino 53) 1917/18, 549f.; A. Hofmeister, Zur Epistola de morte Friderici imperatoris (NA 41) 1917/19, 705-708.

2 P. Classen, Gerhoch v. Reichersberg, 1960, 122; Meyer (s. o. 78 Anm. 1) 10 f. 3 Classen (s. Anm. 2) passim; Meyer (s. o. 78 Anm. 1) 20 ff. Wichtigstes Zeugnis der Brief Eberhards an Gerhoch bei Migne PL 193, 532-541; W. Föhl, Bischof Eberhard II. v. Bamberg, ein Staatsmann Friedrichs I., als Verfasser v. Briefen u. Urkunden (MIÖG 50) 1936,73‫־‬131· 4 Über Folmar vgl. Classen (s. Anm. 2) passim, bes. 250 ff. Zu Bischof Eberhards Briefwechsel mit Hildegard von Bingen (Migne 197, 167 f.) jetzt: Hildegard v. Bingen, Briefwechsel. Nach d. ältesten Handschriften übersetzt u. nach d. Quellen erläutert v. A. Führkötter, 1965, 66-71; vgl. auch L. Ott, Untersuchungen z. theolog. Briefliteratur d. FrühScholastik unter bes. Berücksichtigung d. Viktorinerkreises (Beitrr. z. Gesch. d. Phil. u. Theol. d. MA 34) 1937, 105, 546. 3 Dies ist gemeint im Sinne einer produktiven Teilnahme an der Frühscholastik, etwa im Sinne der Tätigkeit Folmars. Kenntnis hat man dagegen in Bamberg von der neuen Theologie genommen, wie frühscholastische Handschriften in Bamberg beweisen; vgl. Mittelalterl. Bibliothekskataloge (s. u. 537 Anm. 4) 342 ff.

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seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts schöpferisches geistiges Leben und literarische Produktivität rasch abzunehmen. Embricho, Eberhard, Folmar und der Abt Adam von Ebrach1 waren Männer von Bildung und geistiger Potenz, aber sie blieben einzelne, die ihre geistige Gestalt weder aus fränkischen Grundlagen gewonnen hatten, noch neue Traditionen begründeten.

c) Investiturstreit und Kirchenreform. Franken war in die politischen Verwicklungen, die teils unmittelbare Folge der Auseinandersetzung des Königs mit dem Papsttum waren, teils zeitlich mit ihr zusammenfielen, zutiefst verstrickt. Bischof Hermann von Bamberg wurde wegen angeblicher Simonie abgesetzt, Würzburg erlebte durch den Widerstand Adalberos gegen die Kirchenpolitik Heinrichs IV. ein langes Schisma, während Bambergs und Eichstätts Bischöfe mitsamt ihrem Klerus zuverlässige Parteigänger des Königs waren. Dennoch sind kaum Spuren einer geistigen AuseinanderSetzung mit den damals die Welt erregenden, durch die Kirchenreform und das Papsttum grundsätzlich aufgeworfenen Fragen zu erkennen, außer daß in Bamberg Materialien - Briefe und vereinzelte Streitschriften - gesammelt wurden, die vorwiegend die Position des Königtums vertraten; eine eigene Stimme hatte Franken nicht. Erst in zwei relativ späten Werken der Geschichtsschreibung formte sich eine bestimmte Haltung auch im Wort aus: Die Chronik des Bayern Ekkehard von Aura vertrat in hirsauischem Geist unter Absehung von allen rechtlichen Problemen und Formen die unbedingte Einheit von Papsttum und Königtum unter Vorrang des Papsttums. Die Kaiserchronik für Kaiser Heinrich V., die man als eine Streitschrift im Gewand einer Chronik betrachten könnte, weil sie mit Entschiedenheit das Investiturrccht des Königs vertritt, sicht in dem Bestreiten dieser Rechte durch den Papst den ausschließlichen Konfliktgegenstand und wird dadurch in die Lage versetzt, eine positive Haltung sowohl zum Königtum wie auch zum Papsttum einzunehmen, da Rechtsfrage und religiöse Aspekte unterschieden und auseinandcrgchaltcn werden.2 In historisierender Betrachtung kehren ähnliche Gedanken noch einmal in den Viten des Bischofs Otto von Ebo und Herbord wieder.’ Selbst noch die Haltung des Bischofs Eberhard von Bamberg läßt sich unter den veränderten Bedingungen seiner Zeit mit solchen Vorstellungen verknüpfen.4 In diesen Zeugen und Zeugnissen wird eine Vorstellungswelt und ein Bewußtsein von gewisser Konstanz, von Profil und typischem Gehalt erkennbar, die keineswegs nur an einzelne Personen gebunden oder lokal begrenzt sind, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Sie gehören aber ohne Zweifel schon einer Spätphase der (Bücherverzeichnis der Dombibliothek um 1200); A. Μ. Landgraf, Einführung in d. theolog. Lit. d. Frühscholastik, 1948, passim. Strittig ist Eberhards Beziehung zu den sögenannten Trierer Stilübungen; vgl. N. Höing, Die «Trierer Stilübungen», ein Denkmal d. Frühzeit Kaiser Friedrich Barbarossas (Arch. f. Dipl. 1) 1955, 257-329; (ebd. 2) 1956, bes. 212 ff.; Dcrs., Der angebliche Briefwechsel

Papst Hadrians IV. u. Kaiser Friedrichs I. Ein Werk aus d. Kreis um Bischof Eberhard II. v. Bamberg (ebd. 3) 1957, 162-202. 1 W. Ohnsobge, Eine Ebracher Briefsammlung d. 12. Jhs. (QFIAB 20) 1928/29, 1-39. 2 S. o. 136 f. ’ jAirf V 595 ff., 828 f. 4 Vgl. Meyer (s. o. 78 Anm. 1) bes. 13 ff.

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Kirchenreform an. Ohne sich begrifflich so klar zu artikulieren wie bei Ivo von Chartres, drückt sich vorwiegend im praktischen Verhalten ein Unterscheidungsvermögen zwischen einem politisch-rechtlichen und einem religiösen Bereich aus, das es erlaubt, sowohl den königlichen Standpunkt in den für den Herrscher wichtigen Belangen zu verteidigen, also einen stärker konservativ oder vielleicht besser traditionsbewußt erscheinenden Standpunkt einzunehmen, wie in einem jetzt deutlicher als früher davon abgrenzbarem religiös-kirchlichen Bereich neuere Strömungen aufzunehmen. Es mischen sich traditionelle und modernere Züge in einer Weise, daß man auf den ersten Blick hin versucht sein könnte zu sagen, hier bestehe noch die politische Religiosität der Zeit vor dem Ausbruch des Investiturstreites; dennoch wird diese Haltung von einer anderen Bewußtseinslage her verwirklicht, da sie nicht mehr wie auf dem Höhepunkt des Investiturstreites zu einer einseitig parteiischen Stellungnähme oder Einordnung führt. Die Mönchs- und Klosterreform hatte seit der Jahrtausendwende im Würzburger Sprengel Eingang gefunden. Der Anschluß an die lothringische Reform in Amorbach oder Münsterschwarzach vollzog sich ohne Konflikte,1 aber doch auch ohne erkennbare Auswirkungen und ohne das geistige Gesicht Frankens zu prägen. Die lothringische Reform dieser Zeit war überdies noch unberührt von Tendenzen, wie sie sich unter der Regierung Heinrichs III. zu zeigen begannen.1 Darum konnte aus der Zugehörigkeit zu dieser Reformbewegung auch für die fränkischen Klöster kaum ein Anlaß zu einer entschiedeneren Stellungnahme im Investiturstreit liegen. Der Mangel an Quellen läßt nicht erkennen, wieweit die Reform überhaupt in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts noch eine lebendige Kraft darstellte. Die Ernennung Abt Ekkeberts von Münsterschwarzach auch zum Abt des Klosters Michelsberg in Bamberg bleibt ein bloßes Faktum,1 23 und die kulturelle Leistung dieses Klosters in den Jahrzehnten um 1100 kann kaum mit eigentlichen Reformtendenzen verknüpft werden, so hoch man auch die Anregungen der aus St. Emmeram stammenden Michelsberger Äbte einschätzen mag. In der frühen Reformphase gewinnt Franken keine deutliche Gestalt. Von wesentlich größerer Bedeutung ist zweifellos die Spätphase der Kirchenreform in dem soeben dargclcgtcn Sinn, vornehmlich durch ihren wichtigsten Repräsentanten in Franken Bischof Otto von Bamberg und sein ungewöhnlich langes Wirken. Die Reduzierung des kirchenpolitischen Streits auf die reine Investiturfrage bei Otto einerseits4 und der Vorrang des moralisch-religiösen Aspekts bei relativer Glcichgültigkeit gegenüber konkreten Rechten gerade bei den damals modernsten Reform1 S. o. 136 f. 2 Über diese zweite lothringische, die sögenannte junggorzische Reformströmung Hallinger (s. o. 113) passim. 3 Trotz der Spannungen, unter denen der Konvent auf dem Michelsberg während der Tätigkeit Ekkeberts stand (vgl. Lampert, Ann. 128 f.). Zu den Beziehungen Münsterschwarzach-Michelsberg, teilweise korrekturbedürftig, Hallinger, Junggorzer Reformbräuche

(s. o. 123 Anm. 7); Brandmüller (s. o. 123 Anm. 7). 4 Nur so scheint Ottos Verhalten unter Heinrieh IV. und Heinrich V., seine Königstreue einerseits, die ihn selbst die Suspension hinnehmen läßt, und seine Frömmigkeit, Reformgesinnung und missionarische Tätigkeit andererseits, verständlich. £s ist genau die Haltung, die auch die Kaiserchronik durchzieht.

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Strömungen,1 haben es möglich gemacht, daß diese nun in Franken Eingang fanden. In großer Zahl hat Otto, zum erheblichen Teil allerdings auf bambergischem Besitz außerhalb Frankens, Klöster und Klerikerstifte gegründet, die ohne Ausnahme den damals strengsten Observanzen übergeben wurden. In Aura (1108), Michelfeld (1119) und Münchaurach (1130/33) hielten Hirsauer Einzug;12 kurz nach der Gründung von Ebrach stiftete Otto die Cisterzen Langheim und Heilsbronn (1132) ;3 Vessra4 und Tückelhausen5 wurden Prämonstratenser-Stifte. Ältere Institute wie Michelsberg (1112), Banz (1140), Theres (1120), St. Getreu in Bamberg (1124/26) übernahmen ebenfalls die Hirsauer Gewohnheiten.67Mit Verspätung gegenüber der Initiative Ottos und nicht so umfassend wirkte Embricho von Würzburg im gleichen Sinn. Münchsteinach (1133) und Münsterschwarzach (1136) wurden hirsauisch, in Oberzell entstand ein Prämonstratenser-Stift, in Ebrach das erste und bedeutendste Zisterzienser-Kloster in Franken, das auch von Embrichos Nachfolgern weiter gefördert wurde? Zwischen Bamberg und Würzburg ist aber doch bereits ein deutliches Gefälle zu erkennen; in noch stärkerem Maße aber gegenüber Eichstätt. In dem mittelfränkischen Sprengel ist es allein das Kloster Kastl, das um 1102 durch die Grafen von Sulzbach und Hirschberg, vielleicht vornehmlich auf Anregung der Mitgründerin Gräfin Liudgard aus dem Hause Zähringen, gestiftet, Hirsau angeschlossen und dem Papst übertragen wurde.8*Der Versuch Bischof Gebhards (1125-1149),in Heidenheim, das offenbar in schleichender Entwicklung zu einem Kanonikerstift geworden war, das Mönchtum wieder einzuführen, hatte infolge des Widerstandes des Adels, aber auch des Bischofs Burchard (1149-1153) erst nach langen Wirren Erfolg; erst nachdem der Papst Bischof Eberhard von Bamberg und Abt Adam von Ebrach mit der Angelegenheit befaßt hatte und diese den Adalbert aus dem Kloster Michelsberg als Abt eingesetzt hatten,» konnten Mönche und hirsauische Gewohnheiten Einzug halten.10 Immerhin besaßen seit den ersten Jahrzehnten des zwölftenjahrhunderts diejüngeren Reformorden zahlreiche Stützpunkte in Franken; es gab jetzt fast mehr Reformklöster und -Stifter, als es vorher überhaupt Klöster in Franken gegeben hatte. Neugrün1 Vgl. Jakobs (s. o. 113) bes. 190 ff.; manches wurde allerdings bereits von Hauck III 873 richtiger gesehen: «So kam für die Hirsauer fast allein die religiöse Seite des Streites in Betracht». Vgl. - auch zur vorigen Anmerkung auch I. Schmale-Ott (s. o. 135 Anm. 3). 2Jakobs (s. o. 113) passim; G. Pfeiffer, Die Gründung d. Klosters Münchaurach (WDGBll. 26) 1964, 18 ff. 3 S. o. 74. 4 N. Backmund, Monasticon Praemonstratense, I 1949/50, 138 ff. u. ö.; LThK X 757. 5 Backmund (s. Anm. 4) 130 f. u. ö.; LThK X 394; W. Wiesener, Tückelhausen, 1963. 6Jakobs (s. o. 113) passim. 7 Wendehorst I 145 f. 8 K. Bosl, Das Nordgaukloster Kastl (VHOR 89) 1939, 1-186; F. Tyroller, Die Herkunft

d. Kastler Klostergriinder (ebd. 99) 1958, 77 bis 163. » Von Adalbert liegt ein Bericht über diese Vorgänge vor: Relatio, qua ratione sub Eugenio III pontifice monasterium Heidenheimense ad ordinem s. Benedicti redierit, gedr. bei J. Gretser, Philippi ecclesiae Eystettcnsis episcopi de eiusdem ecclesiae divis tutelaribus ..., Ingolstadt 1617, 317-368 (= J. Gretser, Opera omnia 10, Regensburg 1737, 805-824). Von Adalbert stammt auch eine bis 1159 reichende Eichstätter Chronik: Chronicon s. Wunnibaldi, cd. Gretser, ... de divis tutelaribus, 318-363, deren kritische Edition noch aussteht. 10 W. S. Mathes, Heidenheim, Diss. Würzbürg 1956; Heidingsfelder nrr. 352, 377, 378, 39b 394. 395·

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düngen und die Einführung neuer Observanzen förderten auch überall die Bautätigkeit als Ausdruck der neuen Impulse, die auch auf das allgemeine geistige Leben in den Klöstern einwirkten: Die Organisation der neuen Orden teils in der Form gemeinsamer Observanz und der Gebetsverbrüderung, so bei Hirsau, teils durch straffe Über- und Unterordnung bei Zisterziensern und Prämonstratensem, förderten den Austausch zwischen den Klöstern und schlossen Franken an die anderen deutschen Gebiete und schließlich auch an Frankreich an. Im einzelnen ist das allerdings nur schwer zu verfolgen; starke, zum Teil völlige Verluste von Bibliotheken und Archiven vornehmlich im Bauernkrieg verwehren einen intimeren Einblick. Nur mehr oder weniger zufällig können an dem Weg einzelner Werke (zum Beispiel Frutolf, Ekkehard) und deren Handschriften solche Zusammenhänge (MünsterschwarzachZwiefalten/ Schönau-Heilsbronn / Aura-Münsterschwarzach/ Michelsberg-Prüf ening) erkannt werden. Ebenso schwer ist es aus den gleichen Gründen, etwas über die konkrete religiöse und geistige Situation in den Klöstern zu sagen oder deren Wirkung auf die Umwelt zu bestimmen; einzig die Briefsammlung des Abtes Adam von Ebrach gewährt hier einen bescheidenen Einblick.1 Aber ein Moment scheint doch charakteristisch zu sein. Im Vergleich mit Schwaben und Bayern oder auch mit den Rheinlanden und Westfalen fällt in Franken die eindeutige Initiative einiger weniger Bischöfe in den Blick. Klammerte man Ottos von Bamberg Einfluß aus, würde man kaum mehr voji einer Reformwelle sprechen können. Nur in wenigen Fällen geht der Anstoß zu Neugründungen von Laien, vom Adel aus, und auch dann mehrfach in der Form, daß lediglich der Wille zur Errichtung eines Klosters vorhanden ist, den Bischöfen aber die Festlegung der Observanz überlassen bleibt. Darum ist die Epoche der Gründungen im wesentlichen auf die Zeit des Pontifikats des hl. Otto beschränkt. Zur Veränderung der allgemeinen religiösen Situation, zur Begründung neuer religiöser Aktivitäten und Traditionen scheinen diese Klöster wenig beigetragen zu haben, wenn sic auch selbstverständlich wie zu allen Zeiten immer wieder Schcnkungen auf sich gezogen haben. Wenn für Bayern gesagt werden konnte, daß die Reformen des elften und besonders des zwölften Jahrhunderts die Umwelt abgaben, aus der sich immer wieder bedeutende Einzelpersönlichkeitcn und -leistungen heraushoben, so gilt das für Franken mit Gewißheit nicht.2 512. DIE DEUTSCHE DICHTUNG VON DENANFÄNGEN BIS ZUM ENDE DER «MITTELHOCHDEUTSCHEN BLÜTEZEIT»3

Im Gegensatz zu dem literarisch so früh mündigen Altbayern4 bleibt das bayerische Franken in der Karolingerzeit noch so gut wie ohne Stimme. Alle wesentlichen (sprachlich) ostfränkischen Denkmäler des althochdeutschen Schrifttums stammen aus dem hessischen Fulda, dem Heimatkloster des großen Hrabanus Maurus. Würzburg, 1 Ohnsorgb (s. o. 141 Anm. 1). 2 HB I 460 ff. 3 Nach dem Tode Hanns Fischers im Jahre 1968 übernahm die Betreuung seiner Beiträge

im Handbuch sein Schüler und ehemaliger Assistent Johannes Janota. 4 S. HB I 506 ff.

§ 12. Deutsche Dichtung his zum Ende der «mittelhochdeutschen Blütezeit» (Fischerljanota) 145 das historisch so bedeutende geistliche Zentrum Mainfrankens, hat dagegen an deutsehen Texten nur zwei Markbeschreibungen1 (von 779) - eine dritte stammt aus Hammelburg - geliefert, die zur Literatur zu rechnen nur eine sehr weitherzige Auslegung dieses Begriffs erlaubt. Eine deutsche Dichtung tritt erst ums Jahr 1060 hervor und zwar im Bamberg12 des literaturkundigen Bischofs Gunther,3 der seinen Dom zum archimedischen Punkt des frühmittelhochdeutschen Dichtungsaufbruchs macht. Diese erste fränkische Dichtung, die außer in der (unvollständigen) alten Fassung noch in einer zur Reimpredigt umstilisierten und erweiterten Neubearbeitung erhalten ist, nennen wir nach ihrem Verfasser, dem Scholasticus Ezzo,4 das Ezzolied.1 Es ist ein hymnischer Kursus der Weltheilsgeschichte von hohem künstlerischen und theologischen Ansprüchen dem wir zum ersten Male das neue heilsgeschichtliche Denken wirksam sehen, das auch auf die christliche Bewältigung der eigenen Gegenwart reflektiert. Nach den Angaben des Prologs zu schließen, ist es als Festhymnus - auch eine Melodie dazu hat existiert - zur Einweihung des regulierten Kollegiatstifts St. Gangolf (1063) entstanden. Die spätere Verwendung als eine Art Prozessionslied auf dem Pilgerzug des Jahres 1165 ist durch die Vita Altmanni6 bezeugt. Einer nur wenig jüngeren Zeit scheint eine eigenartige Dyas anzugehören, die in der Literaturgeschichte unter den Titeln Bamberger Glaube und Beichte1 und Himmel und Hölle * geführt wird. Überlieferung und Mundart weisen sie nach Bamberg. Der erste Text steht in dem aus althochdeutscher Zeit herüberreichenden Traditionsström deutscher Beichtformeln und ist eines der umfänglichsten und differenziertesten Beispiele des Typs; man möchte daher in diesem Frömmigkeitszeugnis einen repräsentativ öffentlichen (Gründonnerstag) neben einem privaten Gebrauch erkennen.’ Der zweite ist eine auf dualistische Entgegensetzung gebaute Jenscitsschau von großer Eindringlichkeit und bedeutender sprachlicher Kraft. Was beide Denkmäler verbindet - und dies hat auch den Gedanken an eine Verfasseridentität bestärkt - ist die eigentümliche Form, in der sic geschrieben sind: eine kunstvoll gefügte rhythmische Prosa, hinter der wir wohl lateinische Vorbilder sehen müssen. Von nun an wird es auf mehr als hundert Jahre wieder still in Franken, denn Wolfram von Eschenbach10 müssen wir gemäß seiner eigenen Aussage als Bayern betrachten, und auch Wirnt von Grafenberg (aus dem Jurastädtchen Gräfenberg nordöstlich von Nürnberg), dessen Wigalois in der Umgebung der Grafen von Andechs entstand,

1 Althochdeutsches Lesebuch, hg. v. Brau1969'5, 6-8. 2 E. Ploss, Bamberg u. d. deutsche Literatur d. ii. u. 12.Jhs. (JffL 19) 1959, 275-302. 3 VL V 317E 4 VL I 594-598; V 220; De Boor I 145-147; H. Rupp, Deutsche relig. Dichtungen d. 11. u. 12.Jhs., 19712, 33-83; E. E. Pi oss (Fränk. Klassiker) 23-33, 7531· 5 Ausgabe wie Anm. 1, 144-151; Die relig. Dichtungen d. n.u. 12.Jhs.,hg. v. F. Maurer, I 1964, 269-303. 6 MGH Script. XII 230. ne-helm-Ebbinghaus,

10 HdBG HI, I

7 Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, hg. v. E. v. Steinmeyer, 1916 (Nachdr.), 125-152; De Boor I 149f.; VL P 593‫־‬596. 8 Hg. v. F. Wilhelm, Denkmäler deutscher Prosa d. 11. u. 12.Jhs., 1914 (Nachdr. 1960), 31—33; VL II 455457‫ ;־‬De Boor I 149; I. Schröbler, Zu «Himmel und Hölle» (Festsehr. G. Bacsecke) 1941, 138-152. ’ H. Pörnbacher, Bamb. Glaube u. Beichte u. d. kirchl. Bußlehrc im u.Jh. (Festschr. Μ. Spindler) 1969, 99-114. 10 S. HB I 531.

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ist der altbayerischen Literaturgeschichte zuzuschlagen.1 So stoßen wir erst wieder um 1210/20 mit der Wnsiecke-Dichtung,2 die uns in das südwestlich von Nürnberg gelegene Städtchen Windsbach führt, auf ein fränkisches Literaturdenkmal: jedenfalls interpretiert die Forschung den handschriftlichen Titel «der Winsbeke» meist als Verfasserangabe (der Windsbacher). Bei diesem J7strophigen Gedicht (später erweitert, parodiert und durch ein weibliches Pendant Winsbeckin ergänzt) handelt es sich um ein Lehrgespräch, in dem ein Vater seinen Sohn über die ethischen Grundlagen des ritterlichen Lebens (Gottes-Dienst, Frauen-Dienst und Waffen-Dienst), aber auch über seine praktischen Forderungen und Bedingungen unterrichtet. Der Winsbecke mit seiner strophischen Form steht an der Grenze zwischen Sprechdichtung und Sangdichtung, was seine Überlieferung in den großen Liederhandschriften erklärt. An eigentlichen Liederdichtern bringt Franken in dieser Zeit nur Otto von Botenlauben1 hervor, einen Sproß des Henneberger Grafengeschlechts, der sich nach seiner bei Bad Kissingen gelegenen Burg benannte. Als Dichter vertritt er den Typ des vornehmen Dilettanten, wie er sich in der Frühzeit des Minnesangs im staufischen Kreise manifestierte (auch urkundlich im Gefolge Heinrichs VI. bezeugt!). Seine Liederdichtung scheint sein ganzes Leben (bis 1244?) zu begleiten; nur so wird das eigenartige Nebeneinander von Frühem, Klassischem und Spätem verständlich.

§13. VORROMANIK UND ROMANIK Vgl. HB I (Hilfsmittel): A I 1, A II 2, 3, A III, C 10 (bes. Bibliographie d. Kunst in Bayern). S. u. 1464: Bayer. Kunstgeschichte II, Eichhorn, Die Kunst d. fränk. Raumes, Stange, Kunsttopographie Frankens, v. Reitzenstein, Franken. KDB III: Reg. Bez. Ufr. 1911/27; V: Reg. Bez. Mfr. 1924 ff. (bisher erschienen die Stadt- u. Lkr. Eichstätt, Hilpoltstein, Dinkelsbühl [nur Stadt], Weißenburg, Gunzenhausen, Rothenburg o. d. T. [nur Stadt i.Teil], Hersbruck und zuletzt Lauf. - Reg. Bez. Ofr. 1954 ff. (bisher erschienen die Stadt- u. Lkr. Wunsiedel [mit Marktredwitz] und Pegnitz. - BKD, 1958 ff. (bisher erschienen die Stadt- u. Lkr. Ansbach, Bayreuth, Dinkelsbühl, Erlangen, Feuchtwangen, Forchheim, Fürth, Hof, Kronach, Kulmbach, Lichtenfels, Münchberg, Naila, Neustadt/Aisch, Nürnberg, Rehau-Sclb, Rothenburg, Scheinfeld, StadtSteinach, Staffclstein, Uffenheim. - D. Dehio, HB d. deutschen Kunstdenkmäler, I: Mitteldeutschland, 1905; H. Mayer, Die Kunst im alten Hochstift Bamberg u. seinen nächsten Einflußgebieten, 2 Bde., 1952 u. 1955. - Weitere allg. Literatur siehe HB I 536, II 884.

a) Karolingische Kunst E. Lehmann, Der frühe deutsche Kirchenbau, 1938; Vorromanische Kirchenbauten, hg. v. Zentralinstitut f. Kunstgesch., 1966-1971.

Das Kernland Frankens, das alte Bistum Würzburg, war nicht arm an karolingischer Architektur, berichtet doch Thietmar von Merseburg, Bischof Arno von Würzburg (855-892) habe - außer dem Dom - in zehn Jahren neun Kirchen in seinem Bistum ■ S. HB I 532f. 2 Hg. v. Leitzmann-Reiffenstein, 1962’; VL IV 1011-1016; De Boor II 408f.; F. V. Spechtler (Fränk. Klassiker) 85-95, 756f. 3 Hg. in C. v. Kraus, Liederdichterd. 13.Jhs.,

1952,307-316; VL111675-677, V 831; DeBoor II 325-327; H. Kuhn, Minnesangs Wende, 19672, 81-84; J. Kröll (Fränk. Klassiker) 74-84, 756; K. D.Jaehrling, Die Lieder Ottos v. B., 1970.

§ 1j. Vorromanik und Romanik (T. Breuer)

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errichten lassen.1 Aber die Geschichte hat die Spuren der karolingischen Architektur in diesem Land mehr verwischt, die Forschung ihre Reste weniger deutlich machen können als etwa in den Gebieten von Rhein und Weser. Vom ersten Würzburger Dom, in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts an der Stelle des nachmaligen Neumünster errichtet und vielleicht 788 geweiht, wissen wir nichts, wenig vom zweiten, um ein Jahrhundert jüngeren Dom an der Stelle des heutigen.12 Als unwahrscheinlich erwiesen hat sich die Identifizierung der Rundkapelle auf dem Marienberg über Würzburg mit einer angeblich 706 errichteten Kapelle,34doch ist im nahen Holzkirchen eine Rotunde für das achte Jahrhundert durch Quellen belegt, deren Gestalt wir allerdings nicht keimen. Die bewußte Anwendung antiker Formen ist das eine, die freien Kombination von Raumelementen das andere Kennzeichen karolingischer Architektur - auch in Franken, soviel wir über sie vermuten können. So waren die sieben rechteckigen kreuzförmig aneinandergefügten Raumkompartimente, die im späten achten Jahrhundert die erste Klosterkirche von Neustadt am Main bildeten, innen so geschieden, daß nur von Raumzellen, nicht von Schiffen, gesprochen werden kann. Es scheint sich hier um eine Grundform von Kirchen zu handeln, die dem Adel, der dem karolingischen Herrscherhaus nahe stand, zu eigen waren. * In Brendlorenzen, 823 genannt, scheint sich die spätkarolingische Grunddisposition nur in einem durchgreifenden Umbau des dreizehnten Jahrhunderts erhalten zu haben. Neuerdings brachten Grabungen auch einige kleinere Kirchen zur Kenntnis, darunter einen Saalbau anstelle des späteren Doms in Bamberg.5 Leider fehlt uns die Kenntnis der karolingischen Profanarchitektur in diesem Raum; von der so bedeutsamen Pfalz in Forchheim können wir nur den Platz erschließen. Die liturgischen Bücher, die im Würzburg der Karolingerzeit benutzt wurden, stammten in ihren besten Stücken aus der insularen Heimat der Missionare; allerdings regten diese Exemplare zu einer bescheidenen heimischen Produktion an;6 im zweiten Viertel des neunten Jahrhunderts blühte dann das Skriptorium des nahen Fulda auf, von Anregungen auch der dem Kaiserhof nahestehenden Ada-Schule gespeist; es lieferte eines seiner besten Werke nach Würzburg.7 1 Thietmar, Chron. (s. o. 20 Anm. 3) 8, 9. 2 Die aufschlußreichen Ausgrabungen, die am Würzburger Dom während seines Wiederaufbaues von B. H. Röttger und H. Schulze gemacht wurden, harren noch der dringlich erwarteten Veröffentlichung; eine sehr knappe Zusammenfassung (mit Plan und Angabe von Einzelveröffentlichungen) geben RöttgerSchulze, Zu einer Baugesch. d. Kiliansdomes u. seiner Vorgänger (Ecclesia Cathedralis. Der Dom zu Würzburg) 1967, 49-52 u. 94-95; ebenfalls zusammenfassend Vorromanische Kirchenbauten (s. o. 146) 382 f. 3 F. Oswald, Würzburger Kirchenbauten d. 11. u. 12.Jhs., 1966, 32. 4 W. Boeckelmann, Grundformen im frü10·

hen karoling. Kirchenbau d. östl. Frankenreiches (Wallraf-Richarts-Jb. 18) 1956, 27-69, bes. 38 u. 60 f.; Ders., Die Stiftskirche zu NeuStadt am Main, 1965 (hg. v. Η. E. Kubach, der in seinem Vorwort einige kritische Notizen beigesteuert hat). 5 Vorläufige Veröffentlichung: u. a. W. Sage, Die Ausgrabungen in d. Domen zu Bamberg u. Eichstätt 1969-1972 (Jahresber. d. Bayer. Bodendenkmalpflege 17/18) 1976/77, 178-234. 6 Bischoff-Hofmann (s. o. 14 Anm. 6). 7 Würzburg, Univ.-Bibl., Μ. p. th. f. 66. Vgl. E. H. Zimmermann, Die Fuldaer Buchmalerei in karoling. u. ottonischer Zeit (Kunstgeschichtl. Jb. d. k. u. k. Zentralkommission 4) 1910, 72-78.

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b) Bamberg und die ottonische Kunst H.Jantzen, Ottonische Kunst, 1947, 19591 2. Lehmann (s. o. 146); Kirchenbauten (s. o. 146).

Mit der Gründung Bambergs durch Heinrich Π. 1007 sollte das östliche Franken zum Mittelpunkt des Reiches werden, und zwar nicht nur bildlich, sondern realiter. Vielleicht schon unter Heinrich II. fand das seinen Ausdruck in einer vor dem Bamberger Dom aufgestellten Säule, jedenfalls glaubte noch in der Neuzeit das Volk, daß die vom dreizehnten Jahrhundert bis 1779 auf dem Domplatz nachzuweisende sog. Tatermannsäule die Mitte Deutschlands bezeichne.1 Zugleich ist aber diese Säule Mittelpunkt eines riesigen Kreuzes gewesen, das sich über die Stadt Bamberg spannt und dessen Endpunkte von den großen ottonischen und salischen Stiften St. Stephan, St.Michael, St. Gangolf und St. Jakob gebildet werden. Das zwölfte Jahrhundert wußte, daß dieser Kreuzesform der Stadtanlage schützende Kraft innewohnte,2 vielleicht war sie schon von Heinrich Π. so vorgesehen. Aus diesen weit auseinanderliegenden, selbständigen Zentren wuchs Bamberg zusammen, noch heute in seiner Weiträumigkeit das Bild einer typisch ottonischen Stadt bietend.3 Etwas seitab vom Zentrum, in seiner Lage dem seitwärts geneigten Haupte des gekreuzigten Christus vergleichbar, erhob sich der Dom Heinrichs, 1012 geweiht, auf römische Art eine Basilika mit Westquerhaus.4*Die Vierung war offenbar nicht ausgeschieden, das Langhaus zeigte Stützenwechsel im Rhythmus abba.’ Der rund geschlossene Westchor besaß eine wahrscheinlich hallenförmige Krypta, der Ostchor - und nur dieser - war von zwei Türmen flankiert; auch unter diesem Chor befand sich eine Krypta. Der Grundriß der einschiffigen Kollegiatskirche St. Stephan, zwischen 1007 und 1009 gegründet, näherte sich dem griechischen Kreuz; für diese zentralisierende Form war kaum nur Platzmangel verantwortlich,0 vielmehr ist zu vermuten, daß eine «Kopie» des römischen S. Stefano rotondo gegeben werden sollte. Das Bild der henricianischen Kirchen Bambergs wäre unvollständig ohne den Hinweis auch auf den Glanz, den die kaiserliche Ausstattung diesen Bauten gab, besonders bei der liturgischen Feier selbst. Die Geräte, Bücher und Gewänder, die als kaiserliehe Stiftungen vor allem aus den Werkstätten der Reichenaü und Regensburgs in den Bamberger Domschatz7 kamen, gehören noch heute zum Kostbarsten, was aus jener Zeit erhalten ist; die Frage, ob manches, wie das Heinrichsportatile mit gravierten und durchbrochenen Arbeiten aus vergoldetem Silberblech, vielleicht doch in Bam1 J. J. Mobpeb, Bamberg, die Mitte DeutschTands. Zur Reichssymbolik d. Tatermannsäule, 1957· 2 O. Lehmann-Bbockhaus, Schriftquellen z. Kunstgesch. d. 11. u. 12.Jhs., 1938, Textband 26. 3 Vgl. E. Hebzog, Die ottonische Stadt, 1964, bes. 171 ff. 4 Mayes (s. o. 146) I 29 ff. Vgl. o. $8. 3 Der Einbau einer Heizung veranlaßte im

Bamberger Dom 1969 ff. umfangreiche, vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (W. Sage) durchgeführte Ausgrabungen, die wichtige Ergebnisse erwarten lassen, derzeit (1971) jedoch noch nicht abgeschlossen sind. 6 Mayhb (s. o. 146) I 234 ff. 7 E. Bassekmann-Jobdan-W. Μ. Schmid, Der Bamberger Domschatz, 1914; W. Messebeb, Der Bamberger Domschatz, 1952.

§ 1J. Vorromanik und Romanik (T. Breuer)

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berg selbst entstanden ist, bleibt immer noch offen;1 der in der gleichen Technik gearbeitete Tragaltar aus Watterbach12 dürfte in der gleichen Werkstatt entstanden sein. Die Elfenbeinreliefs, die die Deckel der von Heinrich geschenkten kostbaren Bücher schmückten, waren dann im späten elften Jahrhundert Vorbilder für Bamberger Elfenbeinschnitzer.3 In Bamberg ist, wenn aus äußeren Anhaltspunkten geschlossen werden darf, vielleicht auch der um 1019 gestiftete Stemenmantel Kaiser Heinrichs II. gestickt worden, der die kaiserliche Macht sinnfällig dartat, indem er mit seinen Sternen auf purpurvioletter Seide den Herrscher wie ein ganzer Weltkreis umgab.4 Die Wände des Domes waren mit Wandmalereien überzogen, nach dem Brand von 1081 mußten sic durch Bischof Otto I., den Heiligen, erneuert werden.5 Von der plastischen Ausstattung des Domes ist dagegen nichts ausdrücklich überliefert, Reflexe scheinen sich aber in Werken des dreizehnten Jahrhunderts erhalten zu haben, etwa in der eigentümlich lockeren Räumlichkeit, in der sich die Reliefs an den Seitenwänden der Tumba Papst Clemens II. (j1047 ‫ )־‬ausbreiten6 und die in ähnlicher Weise die Grabplatte Bischofs Gunther (f 1065) bestimmt; die Seitenwände der hierzu gehörigen Tumba mit ihren Einlcgarbeiten gehen sogar auf das elfte Jahrhundert selbst zurück? Von der 1015 gegründeten Michaclskirche in Bamberg wissen wir, daß sie vierundzwanzig «Statuen» um den Chor, vielleicht die Apostel und Propheten, besaß. * Welcher Art diese Statuen waren, ist schwer zu sagen, im Hinblick auf die späteren Chorschranken des Domes ist die Annahme verlockend, doch nicht zu erhärten, daß es sich um Chorschranken gehandelt hat. Das Relief mit dem hl. Johannes dem Täufer, zwischen 1034 und 1046 für dicjohanneskirche in Großbirkach geschaffen, mag einen Eindruck geben, wie man sich solche Statuen vorzustcllcn hat: der Heilige groß, fremd, entrückt; die menschliche Figur ganz in ihrer Gebärde aufgegangen. Die Gebanntheit des staunenden Blickes entspricht der Starrheit von Gliedern und Volumen, sic scheinen von außen bewegt, nicht von ihnen belebt. Am Anfang des überlieferten Bestandes süddeutscher Steinplastik stehend, ist dieses Relief vermutlich im Benediktinerklostcr Münstcrschwarzach entstanden, wo auch das etwas jüngere Krcuzigungsrclicf.das sichjctzt im nahegelegenen Dimbach befindet, gemeißelt worden sein dürfte? 1 Schatzkammer d. Residenz München, Katalog 19703, 41 f. 2 F. Müthericii, Der Wattcrbachcr Tragaltar (Münchener Jb. d. bildenden Kunst 3. Folge 15) 1964, 55-62 konnte nachweisen, daß es sich bei dem im Bayerischen Nationalmuseum München bewahrten Stück um die Fragmente des frühesten bekannten Portatilcs in Kastenoder Altarform handelt. 3 A. Goldschmidt, Die Elfenbcinskulpturcn aus d. Zeit d. karoling. u. sächsischen Kaiser, II 1918, 10 f., 45 ff. (nrr. 148-152). 4 Sakrale Gewänder d. MA (Ausstcllungskatalog) 1955, 18 f. 5 Mayer (s. o. 146) I 32. 6 Auf die Möglichkeit solcher Zusammenhänge macht A. v. Reitzenstein, Das Clemens-

grab im Dom zu Bamberg (Münchner Jb. d. bildenden Kunst NF 6) 1929, 216-275, bes. 263 ff. aufmerksam; er hat jedoch neuerdings diesen seinen Hinweis selbst wieder abgeschwächt in dem Beitrag: Papst Clemens u. sein Grabmal im Bamberger Dom (S. MüllerChristensen, Das Grab d. Papstes Clemens im Dom zu Bamberg) 1960, 9-31, bes. 23. ‫ ל‬S. Müller-Christensen- C. Th. Müller, Die Grabtumba d. Bischofs Gunther im Bamberger Dom (Festschr. E. Hanfstängl) 1961, 10. 3* Lehmann-Brockhaus (s. o. 148 Anm. 2) 543· 9 Zu diesen Zusammenhängen vgl. zuletzt R. Wbsenberg, Das Dimbacher Krcuzigungsrclief (Festschr. H. v. Einem) 1965, 318-320.

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Franken: B. III. Das geistige Leben 716/19-1257

Nördlich schließt sich an den Bamberger Dom der kaiserlich-bischöflichePalast; wenige Reste, vor allem die der oktogonalen, zweigeschossigen Andreaskapelle, in der Mitte des elften Jahrhunderts geweiht, und spätmittelalterliche Zeichnungen vermitteln ein Bild der Anlage.1 Bald nach der Jahrhundertmitte wurde dann im Osten Bambergs St. Gangolf gegründet; gegen 1070 wurde im Westen der Stadt Ost- und Westbau von St. Jakob begonnen, das Langhaus fügte allerdings erst Bischof Otto am Anfang des zwölften Jahrhunderts ein. In Würzburg, wo schon im frühen zehnten Jahrhundert als zweiter Dom an gegenwärtiger Stelle ein Bau mit Westwerk entstanden war, zeigt die Architektur des elften Jahrhunderts ein reiches Bild? Um die Jahrtausendwende wuchs dann bereits ein dritter Dom auf; etwa gleichzeitig dürfte auf dem Marienberg die Rundkapelle errichtet worden sein; in der Frühzeit des elften Jahrhunderts entstand St. Stephan als reicher Gruppenbau mit zwei Querhäusern und einem von Türmen flankierten Westchor mit Krypta, wenig später St. Burkard, ebenfalls mit zwei Chören, Osttürmen und Westquerhaus. Die bestimmende Bautätigkeit am Dom begann unter Bischof Bruno mit der Krypta im Osten? Um die Jahrhundertmitte wurde dann auch die Stiftskirche des Neumünsters neben dem Dom neu gebaut. Vielleicht ließ noch derselbe Bischof die Doppelturmfassade im Westen aufwachsen, die, wie in Speyer, das Ziel einer triumphalen Prozessionsstraße wurde. Um 1040 entstand auch die Krypta von St. Gumpertus in Ansbach; dort werden ebenfalls Beziehungen zu Speyer vermutet? Die rustikale Hallenkrypta von Roßtal erinnert dagegen an italienische Beispiele, sie dürfte ebenfalls dem elften Jahrhundert angehören? Schon gegen 974 war in Aschaffenburg ein bescheidener Kapellenbau zum Chor einer aufwendigen Stiftskirche mit Querhaus und Westbau geworden? Diese ottonische Stiftskirche blieb maßgebend auch bei allen späteren Veränderungen, lediglich das Langhaus wurde nach einem Brand im zwölften Jahrhundert verlängert wieder aufgebaut. c) Architektur und Plastik des zwölfien Jahrhunderts K. Bahmann, Die roman. Kirchenbaukunst in Regnitzfranken, 1941; Oswald (s. o. 147 Anm. 3); F. Radziejewski, Die roman. Steinplastik in Franken, Diss. Würzburg 1925.

Das zwölfte Jahrhundert brachte die Ausgestaltung des Würzburger Domes; an den Osttcilcn wurde vieles umgebaut, das Langhaus scheint als weite Pfeilerbasilika fast völlig neu entstanden zu sein;1 2345*7 die Einzclformcn hatte vermutlich dic Praemonstra1 H. Mayer, Bamberger Residenzen, 1951, II ff. 2 Oswald (s. o. 147 Anm. 3) gibt eindringende Monographien der stadtwürzburgischen Bauten, leider unter Ausschluß des Domes. 3 Zum Würzburger Dom vgl. o. 142 Anm.2. 4 H. Christ, Die Krypta d. Gumbertuskirchc in Ansbach (Jb. Mfr. 77) 1957, 8-25. 5 Die Datierung der Krypta in die zweite Hälfte des io.Jhs. - H. Paulus, Ein Beitr. z. Datierung d. regnitzfränk. Krypten Roßtal u.

Seußling (Erlanger Bausteine z. fränk. Heimatforsch. 5) 1958,97-100 u. (ebd. 7) 1960, 14-18 überzeugt nicht. Die Datierung der spätgotisehen Unterkirche in Seußling in das 11. Jh. ist abwegig. 6 Μ. Klewttz, Die Baugesch. d. Stiftskirche St. Peter u. Alexander zu Aschaffenburg (Veröffcntl. d. Geschichts- u. Kunstvcr. Aschaffenbürg 2) 1953. 7 Vgl. o. 142 Anm. 2.

§ 13. Vorromanik und Romanik (T. Breuer)

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tenserklosterkirche Oberzell aus Frankreich vermittelt. Diese Bauuntemehmungen waren aufwendig, doch ohne neue, kühne Baugedanken. Auffällig ist das weit ausladende Querhaus, das durch den Hinweis auf die Hersfelder Stiftskirche kaum hinreichend erklärt wird; vielmehr stellt sich die Frage, ob nicht auch hier eine karolingische Grundlage maßgebend war. Nicht vom Bau der Kathedralen, sondern von den monastischen Reformbewegungen gingen im zwölften Jahrhundert die entscheidenden Impulse auf die fränkische Kirchenarchitektur aus.1 Schon der Neubau von St. Burkard in Würzburg war davon berührt. Nachdem dann die Reform in Hirsau einen weitausstrahlenden Stützpunkt gefunden hatte, häufen sich die Bauten, deren Gestalt von den liturgischen Forderungen der Reformbenediktiner mitbestimmt ist. Als erste Kirche dieser Art wurde im frühen zwölften Jahrhundert die des reformierten Klosters Neustadt am Main2 errichtet; im östlichen Franken fand diese Bewegung in Bischof Otto I. von Bamberg einen eifrigen Förderer. Otto, der am Bau des Speyerer Domes beteiligt war und dessen Bedeutung für die fränkische Architektur kaum zu überschätzen ist, ließ nach dem Erdbeben von 1117 die Bamberger Michaelskirche mit Nebenchören, also mit Bauteilen, die für Reformkirchen typisch sind, wiederaufbauen. Als Pfeilerbasilika mit Dreiapsidenschluß ist diese Kirche mit der vom gleichen Bischof gegründeten Prüfeninger Klosterkirche zu vergleichen; die noch von Otto entscheidend geförderte Anlage von Heilsbronn und die jüngere Münchaurach stehen zwar als Säulenbasiliken den schwäbischen Hauptkirchen der Reformbewegung näher, doch fehlen in Heilsbronn wie in St. Michael in Bamberg die «hirsauischen» Osttürme; darüber hinaus ist Heilsbronn durch die Anlage seines Querhauses dem Würzburger Dom verbunden? Als Ausläufer der Reformrichtung kann auch die Klosterkirche in Münchsteinach mit ihrem gegen 1180 als Pfeilerbasilika errichteten Langhaus angesehen werden.4 Die Kirche des Würzburger Schottenstiftes ist in den gleichen Zusammenhang zu stellen; die Gemeinsamkeiten mit der Regensburger Mutterkirche sind besonders eng. Von besonderer Art sind die Kirchen zweier Frauenkonvente, die nach den Regeln des hl. Bernhard lebten, ohne doch dem Zisterzienserorden anzugehören: Wechterswinkel und Bamberg, St. Theodor. In Wcchterswinkel, vor 1143 begonnen, war zu seifen des Presbyteriums in großen Emporen, die sich in Pfcilerarkaden öffneten, Platz für die Klosterfrauen geschaffen;’ in der Bamberger Kirche teilten Emporen für die Klostertrauen die Seitenschiffe in ganzer Länge - nur fragmentarisch erhalten, ist der Kirchenbau dieses dem staufischen Hause besonders eng verbundenen Konventes durch seine Zier besonders ausgezeichnet. 1 K. Bahmann (s. o. 150) hat bereits die Vielfalt der Beziehungen, in der die fränkische Sakralarchitektur der Romanik steht, aufgezeigt. Weiterführend und präzisierend ist W. Hoffmann, Hirsau u. d. Hirsauer Bauschule, 1950, der vor allem auf die Bedeutung des Bamberger Bischofs Otto I., des Heiligen, nachdrücklich hinweist. Zur Tätigkeit Ottos am Bamberger Dom (Ostkrypta mit Stuckkapitellcn) vgl. Sage (s. o. 147 Anm. 5).

2 Oswald-Plagemann, Die ehern. Benediktinerabteikirche in Neustadt ant Main (WDGB11. 30) 1968, 228-250. J Fischer (s. o. 147 Anm. 3). 4 W. Haas, Die Kirche u. d. ehern. Benediktinerkloster in Münchsteinach, 1970 ( = Große Baudenkmäler 248). 9 Die Darstellung KDB Mellrichstadt (K. Gröber) 150 ff. hat die höchst bemerkenswerte Emporenanlage völlig übersehen.

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Die baulichen Spuren aus der Frühzeit der Zisterzienser selbst,1 des strengsten der Reformorden, sind, wenn man von der besonders gearteten Heilsbronner Kirche absieht, in Franken gering. Vom ersten Ebracher Bau ist nichts bekannt, über den Gründungsbau von Langheim können nur Mutmaßungen angestellt werden. Die Kirche des 1154 gegründeten Klosters Bildhausen war eine Pfeilerbasilika mit Querhaus und fünf gestaffelten Apsiden. Nach ähnlichem Plan wurde unter dem Einfluß des Mutterklosters Waldsassen 1157 die Bronnbacher Kirche begonnen, erhielt aber bald nach dem Vorbild von Maulbronn platt geschlossene Querhauskapellen. Im Langhausquerschnitt zeigen sich dann südfranzösiche Einflüsse? Seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts mehren sich auch in Franken die Zeugnisse monumentaler Plastik. In der Steinplastik führt Kräftigung des Reliefs und Straffung der Zeichnung zu monumentaler Erscheinung, etwa bei den um 1170 entstandenen Reliefs des Neumünsterkreuzganges in Würzburg? Die Qualität der würzburgischen Plastik bleibt allerdings zunächst hinter der der westdeutschen Zentren zurück, das Grabmal des Bischofs Gottfried von Spitzenberg (j1190 ‫)־‬, am Anfang der großartigen Tradition fränkischer Grabplastik, ist geradezu provinziell zu nennen. Um 1200 wächst dann mit Tympanen in Würzburg und Aschaffenburg die Bedeutung der mainfränkischen Steinplastik,1 2*4 in der sich Beziehungen zu den Werkstätten des Oberrheins zeigen. Isoliert steht der großartige Holzkruzifixus der Aschaffcnburger Stiftskirche,5*es ist schwer zu entscheiden, ob in ihm Frühmittelalterliches nachklingt oder, wie es für die Zeit um 1200 denkbar ist, wiederaufgenommen wird. d) Der Neubau des Bamberger Domes und sein Umkreis Nachdem A. Weese 1897 den Bamberger Domskulpturen eine erste, größere Veröffentlichung gewidmet hatte (Die Bamberger Domskulpturen, Straßburg 1897), war Bau- und Ausstattungsgeschichte des Bamberger Domes Gegenstand heftiger kunstwissenschaftlicher Auscinandersetzungen, die mit dem Buch W. Pinders, Der Bamberger Dom u. seine Bildwerke, 1927, und dem Aufsatz A. v. Reitzenstein, Die Baugesch. d. Bamberger Domes (Münchner Jb. d. bildenden Kunst NF 11) 1934, 113-152 einen vorläufigen Abschluß fanden. Erst in jüngster Zeit wurde die Bamberger Problematik mit neuen Gesichtspunkten wieder aufgcrollt: W. Boeck, Der Bamberger Meister, 1960; E. Verheyen, Die Chorschrankenrclicfs d. Bamberger Domes, Diss. Würzburg 1961; E. Wagner, Die Gnadenpforte am Dom zu Bamberg, Diss. Würzburg 1965; H. Siebenhüner, Die Ostkrypta d. Domes in Bamberg (BHVB 102) 1966, 149-176; V. Kähmen, Die Bauornamentik d. Bamberger Domes, Diss. Würzburg 1966; T. Breuer, Der Dom zu Bamberg, 19778 (= Große Baudenkmäler 223). - D. v. Winterfeld, Untersuchungen z. Baugesch. d. Bamberger Domes, Diss. Bonn 1972; J. Zink, Der Bamberger Dom u. seine plastische Ausstattung bis z. Mitte d. 13. Jhs. (Kunstchronik 28) 1975, 387-405, 425-448 berichtet über ein 1975 durchgeführtes Colloquium, von dem Referate abgedruckt sind in ZKG (39) 1976, 105-192. Stellung hierzu nimmt bereits Μ. Gosebruch, Vom Bamberger Dom u. seiner geschichtl. Herkunft (MJBK 3. F. 28) 1977, 28-58, Argumente für die Frühdatierung des Baubeginns und für

1 H. Hahn, Die frühe Kirchenbaukunst d. Zisterzienser, 1957, 231 f., 248 ff. 2 B. Reuter, Die Baugesch. d. Abtei Bronnbach, 1958. 1 Diese in Franconia Sacra (Ausstcllungskatalog) 1952, 30 gegebene Datierung am überzeugendsten.

4 K. Aug. Wirth, Das Wcstportaltympanon d. Aschaffenburger Stiftskirche. Zur ReliefStruktur d. spätroman. Plastik im Rhein-MainGebiet (Aschaffenburger Jb. 4) 1957, 405-437. 5 C. Th. Müller, Der Aschaffenburger Kruzifixus (ebd.) 391-404.

§

jj.

Vorromanik und Romanik (T. Breuer)

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frühe Beziehungen zu Frankreich beitragend. Heranzuziehen ist auch die Arbeit v. W. Wieme», Die Baugesch. u. Bauhütte d. Ebracher Abteikirche (1200-1285) (JffL 17) 1957, 1-86; ferner W. Schlink, Zur liturg. Bestimmung d. Michaelskapelle im Kloster Ebrach (Architectura 1) 1971, 146-182. - Zum Umkreis vgl. noch Bahmann (s. o. 150).

Der Neubau des Bamberger Domes, zu dem der Brand von 1185 Anlaß gab, war eine willkommene Gelegenheit, das staufische Anliegen der Restauration des ottonischsalischen Imperiums monumental zu dokumentieren. Sicher nicht zufällig wirkt der Ostbau des Bamberger Domes wie eine bereicherte Neufassung eines Themas, das unter Heinrich IV. bei der Umgestaltung des Speyerer Domes angeschlagen wurde. Allerdings konnte sich der Bauherr jetzt eines Schmuckreichtums bedienen, den die Werkstätten an Ober- und Niederrhein * als Erben jener kaiserlichen Dombaukunst entwickelt hatten. Mehr noch, in jenen Werkstätten waren die Architekten Plastiker geworden, und es ist wahrscheinlich, daß die Fülle figürlicher Plastik, die den Bamberger Dom vor allem auszeichnet, schon in jener ersten Phase der Domemeuerung wenigstens vorgesehen war. Nachdem die Brandruine von 1185 notdürftig geflickt worden war, nahm man den Neubau vielleicht schon um 1200 in Angriff; richtig in Gang gekommen ist die Bautätigkeit jedoch erst im zweiten Jahrzehnt des dreizehnten Jahrhunderts.2 Die altertümlichsten Formen finden sich in der Ostkrypta. Beim Aufbau entschloß man sich nur zögernd zu einer Wölbung, die über die östlichsten Teile hinausging, obwohl man die Technik einer modernen, sechsteiligen Wölbeform beherrschte; es gab offenbar die Anschauung, daß der Heinrichsdom getreu, und das hieß hier ohne Wölbung, zu rekonstruieren sei. Daß dieses Zögern nicht auf Unkenntnis modernster Entwicklungen beruhte, zeigt die Kapitellplastik, die vom westlichen Joch des Ostchores an deutlich Einflüsse der französischen Kathedralgotik zeigt. Erst als Bauleute der Zisterzienser, die im nahen Ebrach begonnen hatten, deren alte Klosterkirche durch einen Neubau im Stil einer ins Karge und Strenge gewendeten, doch an modernsten Strömungen orientierten Gotik neu zu erbauen, auch in Bamberg einzogen, entschloß man sich endgültig zur Wölbung des Baues mit vierteiligen Kreuzrippengewölben, wobei man dann die Kargheit zisterziensischer Formen auch an der Kathedrale, an Westquerhaus und Westchor, in Kauf nahm. Die Würde der Kathedrale dokumentierten zunächst nur die Querschiffsrosen, die man den Hochschiffsrosen der Chartreser Kathedrale nachzeichnete - darin folgten die Ebracher Zisterzienser dann dem Bamberger Dom in ihrer Chorstimrose, und die Errichtung eines dritten und vierten Turmes im Westen - mit dem Westturmpaar mußte die Erinnerung an die rheinischen Kaiserdome evoziert werden. In einer letzten, von der Zisterzienserkunst nun wieder unabhängigen Ausbaustufe, beim Aufbau der Obergeschosse eben dieser Westtürme blühte dann aber der Kathedralstil in ’ Kähmen (s. o. 152). 2 Das Problem der Bamberger Dombaugeschichte liegt vor allem darin, daß die Kombinationen, die v. Rettzenstein (s. o. i 52) an die schriftliche Überlieferung schließt, zu zwei nur schwer annehmbaren Folgerungen führen :ein-

mal, daß die Formen, mit denen der Bau begönnen worden ist, als ausgesprochen altertümlich angesehen werden müßten, zum andem, daß ein ungemein rascher Baufortgang vorausgesetzt werden müßte.

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seiner ganzen Pracht auf, indem man für diese Obergeschosse die Grundform von der Kathedrale in Laon übernahm, wenn auch mit einer entscheidenden Veränderung: statt des Hochdranges, der in Laon die großen Turmfenster zwei Geschosse durchschießen ließ, blieb man hier, den älteren Osttürmen entsprechend, im kleinteilig Gelagerten; an die Stelle frühgotischer,zusammengefaßter Kühnheit setzte man goldschmiedehafte Feinheit, oder, wenn man will, spätromanische Pracht. Um 1237, als man den Dom weihte, wird er im wesentlichen fertig gewesen sein. Wie genau man die Werke Frankreichs kannte, zeigt der Baldachin über der Marienfigur des nördlichen Seitenschiffes, der die Form der Türme in Laon genau wiedergibt. Aber nicht die Übernahme der Form, des Motivs, war das wesentliche Neue, sondern der Sinn für das plastische Leben, das Bauteile zu Gliedern und Bilder zu Figuren machte. Diesen Sinn hatten die französischen, an der Antike unmittelbar geschulten Meister bei ihren deutschen Genossen geweckt. Dennoch blieben auch jene Bamberger Bildhauer, die mit den Leistungen der französischen Kathedralkunst vertraut waren - auch und gerade der führende Meister - in älteren Zusammenhängen verankert. Es muß ja wohl ein solcher Meister gewesen sein, der letztlich für alle Figuren, die stilistisch mit dem Reiter und der Visitatiogruppe verbunden werden können, verantwortlich war.1 Die Vorstufen dieses Meisters können nicht, wie beim Meister von Straßburg, unmittelbar aufgezeigt werden; Frühwerke wurden nicht, wie beim Naumburger Meister, gefunden. Aus der französischen Kunst läßt er sich nicht allein erklären. Denn wie man sich auch die Bamberger Visitatiogruppe in ihrer ursprünglieh vorgesehenen Aufstellung denkt, zur Gewändegruppe eines Portals fehlt ihr die Verbindlichkeit; das vereinzelt Persönliche ist zu bedeutend, die plastische Wucht zu groß; eine reliefhafte Folge, wie die, in der das Reimser Vorbild steht, würde gesprengt. Die Unmittelbarkeit der Wirkung, die von den Bamberger Figuren ausgeht, konnte es auch geschehen lassen, daß der Name des Reiters im neunzehnten Jahrhundert verlorenging.12 Er ist nur er selbst, nicht wiederholbares Abbild - welch unsinnige 1 Auf die Scheidung von Hauptmeister und Nebenmeister in der Bamberger Domplastik ist viel Scharfsinn verwendet worden, jedoch ist erst in jüngster Zeit (vgl. Boeck, s. o. 152) mit Nachdruck darauf aufmerksam gemacht worden, daß diese Frage innerhalb des hochmittelalterlichen Hüttenbetriebes in einem ganz anderen Licht erscheinen muß als bei den Werken neuzeitlicher, autonomer Künstler. Die Frage der «Händescheidung» verliert dadurch an Relevanz; sie führt auch nicht in gleicher Weise in das Wesen der Werke ein wie beim neueren Kunstschaffen. Diese Konsequenzen werden allerdings auch in den neuesten Arbeiten kaum gezogen. 2 Im 18. Jh. sah man im Bamberger Reiter den hl. Stephan von Ungarn, vielleicht doch nicht mit Unrecht, denn daß der Bauherr, Ekbert von Andechs-Meranien, der Beziehungen

Heinrichs II. zu Ungam gedachte, ist doch in seiner eigenen Situation nicht ganz unwahrscheinlich. Unsicher in der Benennung wurde man erst, als man im frühen 19. Jh. unbedingt ein Grabmal für den im Dom beigesetzten König Konrad III. identifizieren wollte. Hieran entzündete sich dann eine nicht enden wollende Diskussion, die viel hochinteressantes Material zutage förderte. Einen wirklich neuen, von einem überlieferten Detail des Bamberger Domes ausgehenden Gedanken lieferte erst wieder H. v. Einem, Fragen um den Bamberger Reiter (Stud. z. Gesch. d. europ. Plastik. Festschr. Th. Müller) 1965, 55-62, freilich ohne sich in der Benennung eindeutig festzulegen. Vgl. zuletzt J. Traeger, Der Bamberger Reiter in neuer Sicht (ZKG 33) 1970,1-20 und ders.. Zur Frage eines zweiten Reiters im Bamberger Dom (Raggi 10) 1970 ,62-77.

§ lj. Vorromanik und Romanik (T. Breuer)

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Verkehrung sind die würdelosen Wiederholungen! 1 Umgekehrt ist das Eindringen in das Einmalige, Persönliche der Figur auch die Voraussetzung für die Porträthaftigkeit, mit der diese Figuren vor uns hintreten. Unser «Bild» von Heinrich und Kunigunde wird eben von den Figuren der Adamspforte mitbestimmt, und daß Adam und Eva auf das Gewand verzichten, bedeutet zweifellos, daß sie auf Schönheit verzichten, um an eindringlicher Unmittelbarkeit zu gewinnen. Wo Werke von dieser Dichte vor uns stehen, ist der Geist des Meisters unmittelbar zu spüren, selbst wenn ein Faltenzug durch einen Gesellen weniger lebendig und konventioneller geführt ist. Freilich flüchten auch in Bamberg schwächere Kräfte in die Konvention, das beseligte Lächeln der meisterlichen Figur ist vom konventionellen Lächeln, das zur Grimasse entarten kann, gut zu unterscheiden - wir beobachten es am Fürstenportal, dessen mühevolle, durch die Anfänge gebundene Fertigstellung den Meister selbst kaum länger als unbedingt notwendig fesseln konnte. Wie wir glauben, liegen die Wurzeln dieser Werke eben doch vornehmlich in Bamberg selbst, in den Aposteln und Propheten der Georgenchorschranken, im Tympanon der Gnadenpforte und an den Gewänden des begonnenen Fürstenportales. In diesen Werken ist wie nirgend anders, freilich auf einer Stufe, die von der Plastik der Reimser Westfassade noch nicht berührt ist, die Eindringlichkeit des Persönlichen, die isolierende plastische Wucht, die oft selbständige, aber immer bedeutsame Führung der Gewänder und der Gebärden vorgebildet. Diese Eigenschaften sind es ja, die das Gegeneinander des Dialogs bei den Aposteln und Propheten der Chorschranken ermöglichen. Damit ist allerdings jene Frage nach den Ursprüngen jenes Bamberger Meisters zurückverlegt in einen Bereich, in dem die Beantwortung noch schwerer fällt. Wenn sich auch schon auf dieser Stufe Vergleiche mit der französischen Kunst, allerdings mit einer früheren Stufe, anstellen lassen/ enger scheinen uns diese Bamberger Arbeiten doch mit den Traditionen der deutschen Romanik verbunden zu sein. Vom altertümlichsten bis zum fortschrittlichsten Werk dieser Gruppe, von den Kämpferfiguren der Gnadenpforte bis zum Jonas-Daniel-Relief der Georgenchorschranken lebt eine Freude am Ornamentalen, die sich allerdings ähnlich mit einem Sinn für große Form verbindet, wie sich der Schmuckreichtum des Bamberger Doms mit imperialer Monumentalität verbindet. So wird die Frage nach der Herkunft der «älteren» Bamberger Plastik einerseits eng mit der Frage nach der Herkunft der Architektur des Ostchores im Ganzen und im Einzelnen zu verbinden sein, andererseits darf nicht vergessen werden, daß die enge stilistische Verwandtschaft mit Buchmalereien erklärt werden muß. In dieser Hinsicht waren die realen Beziehungen sicher enger, als eine streng scheidende Theorie der Kunstgattungen annehmen kann. Gleichzeitig mit der Domerneuerung blühte die Bamberger Buchmalerei, die schon auf eine gewisse Tradition zurückblicken konnte, auf. Zwei Psalter der Bamberger 1 Der Mißbrauch, der mit dem Bamberger Reiter getrieben wird, ist nicht denkbar ohne den ideologischen Unterbau der diesem Kunstwerk angehängten Fehlinterpretationen. Vgl. hierzu B. Hinz, Der «Bamberger

Reiter» (Das Kunstwerk zw. Wiss. u. Weltanschauung) 1970, 26-44. » Treffende Beobachtungen bei Gosebruch (s. o. 152).

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Staatsbibliothek, einer davon wohl schon um 1200 entstanden, das bedeutendste Werk der Bamberger Buchmalerei, zeigen solche Beziehungen zur Plastik der Gnadenpforte und der Chorschranken.1 Bereits in seiner Frühstufe wirkte der Bamberger Dombau auf den Chomeubau der Klosterkirche Münchsteinach;12 in seiner Spätstufe wirkte er nach Nürnberg, wo der Westbau der Sebalduskirche in einigen Eigentümlichkeiten dem Bamberger Westchor nachfolgt.3 Einer der konventionellen Bildhauer der Bamberger Dombauhütte muß schließlich nach Magdeburg gezogen sein, um dort das Reiterdenkmal Ottos des Großen zu schaffen; er ist dort zweifellos an der Bedeutung der Aufgabe gewachsen. Im Jahre der mutmaßlichen Vollendung des Bamberger Domes beginnt in Würzbürg der Umbau der Ostteile des Domes, bei dem nun auch die Osttürme hochgeführt werden. Der stilistische Wortschatz dieser Türme ist romanisch und scheint geradezu im Protest gegen den französisch-gotischen Einschlag in Bamberg benutzt, dennoch liegt in der unverhüllten Polygonalität ein im Sinne deutscher Gotik moderneres Formgefühl als in den Bamberger Westtürmen. Gleichzeitig war das Neumünster, ein doppelchöriger Bau des elften Jahrhunderts, umgestaltet worden; der polygonale Turm dieser Kirche prunkt mit reichen, der Wand jedoch eng verhafteten Gliederungen. Die barocke Spätphase rheinischer Romanik hat hier einen östlichsten Vertreter gefunden. Barockisierende Spätromanik verbindet sich auch in derfränkischen Buchmalerei des dreizehnten Jahrhunderts mit frühgotischen Anklängen.4 Nach Bamberg hatte dann um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Würzburg die Führung übernommen, die Tradition des damals weit verbreiteten Zackenstiles in der Gewandbildung pflegend. Wie der um 1250/55 für das Würzburger Agnes-Kloster geschriebene Psalter zeigt, war aber der Würzburger Buchmalerei vor allem die feine Zeichnung reich verknoteten Rankenwerks wichtig; kleine Figuren und Drölerien sind darin eingesponnen, französisch-englische Einflüsse machen sich hier geltend.5

§ 14. MUSIK 800-1200

MGG (Personal- u. Ortsartikel ni. WerkVerzeichnissen u. ausführl. Literaturangaben); Riemann, Musik Lexikon, 3 Bde., 12. völlig neu bearb. Aufl., Personenteil hg. v. W. Gurlitt 1959/61, Sachteil begonnen v. W. Gurlitt, fortgef. u. hg. v. H. Eggebrecht 1967,2Erg.-Bde. hg. v. C. Dahlhaus 1972/75; R. Eitner, Biogr.-Bibliograph. Quellenlexikon d. Musiker u. Musikgclchrten, 10 Bde., 1900, 19592; H. J. Moser, Gesch. d. deutschen Musik, I: Von d. Anfängen bis z. Beginn d. Dreißigjähr. Krieges, 1920, 19305. 1E. Lutze, Die fränk. Buchmalerei iin ersten Drittel d. 13. Jhs. u. ihre Beziehungen zu d. Bamberger Georgenchorschranken (Münchner Jb. d. bildenden Kunst NF 9) 1932, 339 bis 350; H. Swarzenski, Die latein. illuminierten Handschriften in d. Ländern an Rhein, Main u. Donau, 1936, Textband 63 ff 2 Haas (s. o. 151 Anm. 4).

3 E. Lutze, Die Nürnberger Pfarrkirchen St. Sebald u. St. Lorenz, 1939, 14 ff. 4 Ders., Studien z. fränk. Buchmalerei im 12. u. 13. Jh., Diss. Halle 1931. 5 Swarzenski (s. o. Anm. 1) 72 und zuletzt: E. Steingräber, Ein illuminiertes fränk. Psalterium d. 13. Jhs. (Anzeiger d. German. Nationalmuseums) 1963, 23-27.

§ 14■ Musik (H. Schmid)

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Uber die Musik der in Franken ansässigen Bevölkerung vor dem Einzug des Christentums ist uns nichts Näheres bekannt. Die mit dem Christentum ins Land gekommene primär liturgische Musik der Kirche wird, abgesehen von gelegentlichen Erwähnungen im Schrifttum der Zeit, tatsächlich erfaßbar erst mit dem Beginn ihrer Aufzeichnung und nicht nur derjenigen der zugehörigen Texte, die selbstverständlich auch schon vor ihrer schriftlichen Verbindung mit Notenzeichen musikalisch vorgetragen wurden. Wie im ganzen mitteleuropäischen Kulturkreis fällt der Beginn solcher Musikaufzeichnung ins neunte Jahrhundert, auch wenn uns aus diesen Gebieten keine so frühen genau datierbaren Zeugnisse erhalten sind wie etwa aus dem altbayerischen Raum,1 allgemein üblich wird die Aufzeichnung der Melodien hier wie anderswo etwa seit der Jahrtausendwende. Wie überall nördlich der Alpen und östlich desRheins bedient man sich auch hierzulande der linienlosen und die Melodien ohne Rücksicht auf eine exakte Andeutung der Tonhöhenunterschiede nachzeichnenden S trichneumen des nach seinen wichtigsten Denkmälern sogenannten St. Galier Typs, und ähnlich wie im altbayerischen Gebiet dauert es ebenfalls einige Jahrhunderte, bis diese linienlosen Notenzeichen endgültig von der Erfindung Guidos von Arezzo, die Tonhöhen durch Linien genau zu bezeichnen, verdrängt werden, obwohl die Schriften Guidos hier keineswegs weniger oder später bekannt wurden als anderwärts. Nicht ohne Einfluß auf diese liturgisch-gregorianische Musikpflege war dabei, daß ganz Franken (wie übrigens auch ganz Schwaben), mit Ausnahme des einige Zeit nach seiner Gründung exempten Bistums Bamberg, dem Erzbistum Mainz unterstellt war. Gemeinsamkeiten der Choraltradition verbanden die bis in die Neuzeit territorial so zersplitterten Gebiete und hoben sic zugleich von dem anderer Choraltradition verpflichteten Altbaycrn ab. Selbstverständlich gilt dies am wenigsten für die primär ihrer Ordenstradition folgenden Klöster, doch konnte sich selbst hier gelegentlich, wie das Beispiel Amorbach zeigt, der spezifische Mainzer Choral Eingang verschaffen. Welch wichtige Rolle man der Musik im Rahmen der (kirchlichen) Allgemeinbildüng einräumtc, bekunden uns auch hier wieder die erhaltenen musiktheoretischen Handschriften. So haben wir, um nur einige Beispiele zu nennen, aus Eichstätt den Tonar des Bcrno von Reichenau in einer auf die fast dreifache Zahl von Antiphonen (nahezu 1450) erweiterten und zudem vollständig mit Ncumen versehenen Fassung (diese großen, nach Tonarten geordneten Zusammenstellungen liturgischer Gesänge wurden sehr oft nur teilweise neumiert), die auf Bischof Gundekar (1057-75) zurückgeht,12 und aus Bamberg eine Abschrift der beiden umfangreichsten und bedeutendsten damals existierenden Musiktraktatc (Boethius und Musica Enchiriadis, letztere sogar doppelt) in noch auf die Erstausstattung des Bistums bei seiner Gründüng zurückgchendcn Exemplaren.3 Kein Kloster, keine Domschule war eben damals ohne Musikausübung denkbar und der allgemeine Aufschwung der freien Künste (und in deren Gefolge der zu diesen gehörenden Musik), der allenthalben um die Jahrtausendwende zu erkennen ist, macht sich auch hier bemerkbar. Wie überall 1 Vgl. HB I 552. 2 Das sog. Gundekarianum, heute im bischöfl. Ordinariatsarchiv Eichstätt.

3 Bamberg, Staatsbibliothek, Cod. HJ. IV. 19 u. 20.

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spiegelt er sich am deutlichsten in den Bibliotheksbeständen wider, die aus diesem Gebiet allerdings nur mehr in Einzelfällen wie etwa in Bamberg heute noch mit der Geschlossenheit greifbar sind wie der in der Staatsbibliothek zu München vereinte altbayerische Klosterbesitz. Doch nicht nur Musiklehre und Musikausübung waren allgemein verbreitet, auch an eigenen Beiträgen zu Theorie und Praxis fehlte es nicht. So erforderten neue, örtlich besonders verehrte Heilige neue und natürlich musikalisch ausgestaltete Offizien (z. B. der Hl. ‫־‬Willibald in Eichstätt,1 der Hl. Kilian in Würzburg12 u. a. m.) und die Beschäftigung mit überkommener und zeitgenössischer Musiklehre führte zu eigener Auseinandersetzung wie in den Schriften des dem Bamberger Kloster Michelsberg angehörenden Frutolf (f als dortiger Prior 1103).3 Für die nichtkirchliche Musikpflege haben wir leider keine unmittelbaren Quellen. Daß eine solche in einem Lande vorhanden war, in dem gelegentlich Kaiser und Fürsten residierten oder durchzogen, in dem wir zahlreiche Adelssitze verstreut finden und in dem es alte und neugegründete, im Laufe der Zeit immer mehr aufblühende Städte in nicht unerheblicher Zahl gab, darüber dürfte kaum ein Zweifel bestehen. In diesem Zusammenhang mag es vielleicht kein Zufall sein, daß der bekannteste deutsche Minnesänger (modern gesagt: Lieder-Dichter und -Komponist4) Walther von der Vogelweide in Würzburg seine letzte Ruhestätte fand. Ebensowenig dürfte es zweifelhaft sein, daß in den damals zumeist auch Zentren des Kunsthandwerkes bildenden Klöstern auch die Anfänge des Instrumentenbaues zu suchen sind, zumindest der nicht zur volkstümlich-profanen Musikausübung gehörenden, sondern für Gottesdienst und Unterricht gebrauchten Glocken, Orgeln und Monochorde. 1 Ein Willibalds-Officium aus einer Handschrift der Trierer Dombibliothek abgebildet in MGG, Art. Eichstätt. 2 Eine Kilians-Sequenz aus einem Graduale des Stiftes Haug abgedruckt bei E. Federl, Spätmittelalterl. Choralpflege in Würzburg u. in mainfränk. Klöstern, 1937, 83-85.

3 Hg. v. C. Vivell, Frutolf! Breviarium de musica et Tonarius (SB Wien II, Bd. 188, 2. Abh.) 1919. Über Frutolf s. o. 133 ff. 4 Als Beispiel für die stets enge Verbindung von Dichtung und Musik sei auch an das in Bamberg entstandene Ezzolicd erinnert. Vgl. o. 130 u. 145.

VOM INTERREGNUM BIS ZUM ENDE DES ALTEN REICHS UND ZUR BEGRÜNDUNG DES NEUEN BAYERISCHEN STAATES

AM ANFANG DES 19.JAHRHUNDERTS

I VON RUDOLF VON HABSBURG BIS ZUM ENDE

DES THRONSTREITS 1322

515. REICHSGUTREVINDIKATIONEN RUDOLFS UND ALBRECHTS I.

VON HABSBURG

HB II 84, 91; O. Redlich, Rudolf v. Habsburg, 1903; A. Hessel, Jahrbücher d. Deutschen Reichs unter König Albrecht I. v. Habsburg, 1931. A. Gerlich, Studien z. Landfriedenspolitik König Rudolfs v. Habsburg, 1963; Ders., Königtum, rhein. Kurfürsten u. Grafen in d. Zeit Albrechts I. v. Habsburg (Geschichtl. Landesk. Veröffentl. d. Inst. f. Geschichtl. Landesk. an d. Univ. Mainz V 2 = Festschr. L. Petry, 2) 1969, 25-88 (Lit.); über den für Franken weniger bedeutsamen König Adolf von Nassau: s. HB Π 104-110; Überblick: Kraft (C. Scherzer II) 45 f.

Als Revindikationen bezeichnet man Versuche spätmittelalterlicher Herrscher, Gerechtsame wieder in ihre Verfügung zurückzunehmen, die vordem einmal vom Königtum genutzt worden, dann aber in andere Hand gelangt waren. Seit der Wahl Rudolfs von Habsburg unterstellte man als «Normaljahr» dieses Besitzstandes gelegentlich 1245 oder auch 1250. Der Theorie nach sollte der König also alle während des Interregnums ihm entglittenen Rechte und Einkünfte wieder an sich ziehen. In Franken hätte das die Wiederherstellung eines Zustands bedeutet, wie er etwa um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts herrschte. Jener war das Ergebnis des Mißerfolges Heinrichs (VII.) im Ringen um Konsolidierung und Expansion der Reichsgutkomplexe am Ochsenfurter Mainknie, im Taubergrund und Bauland, im Steigerwald und in den westlichen Haßbergen, aber auch in anderen Regionen. Seit Heinrichs (VII.) Sturz 1235 und noch stärker nach dem Wegzug seines Bruders und Nachfolgers Konrad IV. nach Italien 1251 vollzog sich im rund zwanzigjährigen Intenegnum die Auseinandersetzung um territoriale Vorteile ohne wesentliche Einflußnahme des Königtums. Die Frage an die Zukunft lautete, ob der Kronträger noch eine hinreichend starke Basis in Franken finden könne, um neben den Landesherren aufzutreten. Bleibende Elemente der Landesgeschichte waren in diesem Raum geworden die Rivalität der Burggrafen von Nürnberg mit den von Süden andrängenden Wittelsbachem, die Auseinandersetzungen des Hochstiftes Würzburg mit den Herren von Hohenlohe und mit den Zollern, von Westen her die aus der Pfalzgrafschaft und aus dem Mainzer Oberstift wirkenden Impulse, im Osten das Verhältnis der Przemysliden und dann der böhmischen Könige aus dem Hause Luxemburg zu ihren Nachbam. Franken bot die Heimstatt für eine Unzahl von Machtkemen, zeigt einen lange unausgewogenen Pluralismus von Regionalkräften und ähnelt so in vielem Schwaben II HdBG π, i

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Franken: C. I. Von Rudolf von Habsburg bis zum Ende des Thronstreits 1322

oder Thüringen. Das Erlöschen des Hauses Andechs-Meranien und der Staufer in den Jahren 1248 und 1268 zeitigte insbesondere im Osten des Raumes heftige Auseinandersetzungen. Erben der Andechscr waren auf dem Wege der Verschwägerung die Burggrafen von Nürnberg, die Herren von Truhendingen und die Grafen von Orlamünde. Der Bischof von Bamberg versuchte, seine im Vergleich mit anderen Hochstiften unter ungewöhnlichen Umständen begründete Landesherrschaft1 durch den Einzug von Lehen nachträglich zu konsolidieren. Die Erben erhoben begründete AnSprüche auf das Eigen der Andechser, auf eine höhere Ebene des Reichsrechtes hingegen gehörte die Frage nach dem Fortbestand des Herzogtums? Die Grafen von Orlamünde nahmen sofort die Kulmbacher Komplexe im Frankenwald und Fichtelgebirge an sich, die Truhendinger besetzten Giech, Scheßlitz und einige Positionen an der Baunach, die Zollern rückten in den Bayreuther Raum ein? Der Bamberger Bischof nahm den Kampf auf, konnte aber trotz eines zwölfjährigen und zeitweise erbitterten Ringens einen nur bescheidenen Teilerfolg erzielen? An das Hochstift kamen nur der Hauptsmoorwald unmittelbar östlich von Bamberg, ferner Steinach, Niesten und Lichtenfels. Die Bezeichnung des Grafschaftslehens als «iudicium provinciale» war Ausdruck eines Anspruches, der nicht verwirklicht werden konnte. Im Südosten Frankens wurden nach dem Tode Konradins von Staufen die Herzöge von Bayern aktiv. Die Brüder Ludwig und Heinrich teilten im Vertrag von Atfhausen am 28. September 1269 das Konradinische Erbe und projektierten mit dem gemeinsamen Erwerb von Burg und Stadt Nürnberg, des Ortes Lauingen sowie der Stadt Nördlingen ein weitreichendes Ausgreifen? Als Zielräume bayerischer Expansion wurdenRegionen angesprochen, in denen sich die Grafen von Öttingen und die zollerischen Burggrafen von Nürnberg seit langem festgesetzt hatten. In Nürnberg war die Bürgerschaft zur eigenständigen Trägerin von Hoheitsrechten emporgestiegen, dort war aber auch der Einfluß des Burggrafen sehr stark? In der Abwehr der Initiativen sowohl der Wittelsbacher als auch der Zollern behauptete die Stadt ihren Aufstieg zur Reichsunmittelbarkeit und begünstigte dann die Revindikationen des Königs Rudolf von Habsburg? Rudolfs von Habsburg Wahl zum römischen König entbehrt nicht der Bezüge auf Franken. Die Reichsvakanz seit dem 2. April 1272 traf den Pfalzgrafen Ludwig II. inmitten von Aktionen, die der Verstärkung der Positionen auf dem Nordgau und dem Ausbau des Konradinischen Erbes dienten? Sofort entwickelte der Wittelsbacher den Plan seiner eigenen Thronkandidatur, als Mittelsmann wirkte bei den anderen 1 Mayer, Fürsten 248-275. 2Dazu: W. Goez, Der Leihezwang, 1962, 197 L 3v. Guttenberg 121ff; K. P. Dietrich, Territoriale Entwicklung im Gebiet um Bayreuth bis 1903, 1958, 36-64. ♦ Engel, «Stadtverderben» (s. u. 324) bes. 540 ff. 3 MW I, 234-236 nr. 99. 6 Schultheiss, Achtbücher (s. u. 267) 28 ff.;

HAB Nürnberg (Η. H. Hofmann) 32 ff.; Nürnberg-Fürth (Ders.) 26; Ders., Nobiles (s. u. 324) 60. Pfeiffer, Pfalz Nürnberg (s. o. 108 Anm. 4) 306 u. 313; vgl. a. bereits MW 1, 235 Anm.8, Rudolfs Urkunde vom 1. März 1274 ebd. 269 bis 271 nr. 113. • Vgl. MW 1, 236 nr. 100; 241 nr. 101; 251 nr. 103; 258 nr. 106; 262-269 nr. 108-113.

‫י‬

§ 15■ Reichsgutrevindikationen Rudolfs und Albrechts I. (A. Gerlich)

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Kurfürsten Burggraf Friedrich III. von Nürnberg. Erst als die Widerstände im Kolleg zu groß geworden waren, schlug die Stunde für Rudolf von Habsburg. Mit ihm wurde ein König erhoben, der zwar in Franken keinen Eigenbesitz aufzuweisen hatte, gerade hier wie in Österreich aber die Revindikationstendenzen vorantrieb. In den Jahren 1273 und 1281 wurde Friedrich III. belehnt mit der «comitia burcgravie» und dem «iudicium provinciale», die territorialen Erwerbungen der vorausgegangenen Jahrzehnte erhielten reichsrechtliche Unanfechtbarkeit.1 Durch die Königsurkunde vom 1. März 1274 wurde die Konradinische Erbschaft dem Hause Wittelsbach bestätigt. Bischof Berthold von Bamberg, noch 1273 Leiter der böhmisehen Gesandtschaft, die gegen Rudolfs Wahl protestierte, schloß sich dem König während des Nürnberger Hoftages vom Folgejahr an, auf dem die Reichsgutrevindikation als Programm verkündet worden ist. Bei den Zollern, aber auch in den Hochstiften am Main,12 brachte die Bestätigung der Landgerichtsbarkeit durch den König den vorläufigen Abschluß der vorausgegangenen Rechtsentwicklung. Die Landgerichte waren nicht säuberlich voneinander geschieden, sondern überschnitten sich häufig. Von Westen her wirkten das Landgericht Rothenburg und das Hofgericht Rottweil nach Ostfranken hinein. Sicherstellung der Fürstenrechte und Arrangement mit ihnen waren Voraussetzung jeglicher Revindikation und bezeichnen den nur noch kleinen Spielraum, der dem Königtum hier übrigblieb. Eingebettet in diesen komplexen Kreis von Problemen muß auf die Fragen der spätmittelalterlichen Reichsgutgeschichte hingewiesen werden. Die Könige aus dem habsburgischen Hause betrieben eine konservativ anmutende Revindikation. Kaiser Karl IV. hat dann mit seiner Reichslehen- und Vogteipolitik in Franken so viele ältere Verhältnisse verwischt, daß man oft nur schwer zu den früheren Zuständen zurückgelangen kann.3 Durch die siedlungs- und friedensgeschichtlichen Forschungen hat die «rückschreitende» Methode die härtesten Stöße erlitten; denn man hat Unterschiede und Wandel im Siedlungswesen und mit ihnen die Möglichkeiten von Rechtsunterschleifen und Besitzumgestaltungen herausgearbeitet. Deren Opfer konnten Königsrechte leichter werden als Ansprüche eines Landesherrn mit seiner stets präsenten Beamtenschaft.4 Zudem war in den Reichsgutbezirken in Franken das Gerüst der Burgen als Kristallisationszentren der Königsherrschaft nicht in gleicher Dichte vorhanden wie etwa am Rhein oder in der Wetterau. Während dort Rudolf von Habsburg bei der Neuorganisation von um die Reichsburgen gelegenen Gerechtsamen die aufsässigen Ministerialensippen durch Grafengeschlechter überwachen ließ,3 sind aus Franken derartige Vorgänge nicht bekannt. Reichsbesitz ging auf in 1 A. Schwammberge«, Die Erwerbspolitik d. Burggrafen v. Nürnberg in Franken bis 1361, 28-38; Pfeiffer, Comicia (s. u. 295). 2 Zu Bamberg vgl. v. Guttenberg I passim; zu Würzburg Merzbacher, Iudicium provinciale (s. ο. XXVIII). 3 K. Bosl, Probleme d. Reichsgutforschung in Mittel- u. Süddeutschland (JffL 20) 1960, 305-324. 11

4 Vgl. Bades, Mittelalterl. Dorf (s. u. 267). Ders., Dorfgenossenschaft (ebd.); Von den älteren Forschungen noch immer wichtig H. Niese, Verwaltung d. Reichsguts im 13. Jh., 1905, 222-261, bes. 237; C. Frey, Die Schicksale d. königl. Gutes in Deutschland, 1881. 3 Niese (s. Anm. 4) 222-261.

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Franken: C. I. Von Rudolf von Habsburg bis zum Ende des Thronstreits 1322

den Positionen des Deutschen Ordens, der Herren von Hohenlohe, der Grafen von Öttingen, der Burggrafen von Nürnberg, um nur diese herauszugreifen. In deren Territorien kann man, zumindest zu wesentlichen Teilen, Transformationsprodukte des staufischen Reichslandes sehen. Der Zwang zu Rücksichtnahmen hemmte in jenen Gebieten die Revindikationen. Weggaben in der Zeit Konrads IV. und Konradins - etwa Nördlingens an die Grafen von Öttingen, Rothenburgs an die Herren von Hohenlohe, Creussens an die Nürnberger Burggrafen - konnten aus eigener Kraft des Königtums nicht mehr an das Reich zurückgebracht werden, meist glückte das nur auf dem Wege der Selbstauslösung der Städte1 aus der jeweiligen Pfandschaft. Den Wandel im Beziehungsgefüge der Reichsministerialität sollen nur wenige Beispiele verdeudichen helfen. Die Herren von Eschenau und von Gründlach etwa gingen um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts in der bambergischen Ministerialität auf. Der ursprünglich auf Nürnberg hingeordnete Verband zersplitterte, wobei um Altdorf und Schwabach die Zollern dessen Angehörige ihrer Macht unterordneten, weiter östlich die Wittelsbacher? Im Ansbacher Raum wurden um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts die Herren von Domberg regional hervorstechende Machthaber, ihre Territorialisierungsansätze brachen 1288 mit dem Erlöschen der Sippe ab; Rudolf von Habsburg mußte Erbrechte der Grafen von Öttingen achten.’ Sozialgeschichdich nicht zu unterschätzen ist die in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts von diesen Familien entwickelte Fähigkeit, vom Hochadel echte Lehen zu empfangen. Die Reichsministerialität entglitt durch diese Bindungen dem direkten Einfluß des Königtums. Rudolfs, Adolfs, Albrechts und Heinrichs VII. Rückforderungen nahmen meist den Stand von 1245 als Norm. Eingezogener Reichsbesitz mußte jedoch zum überwiegenden Teil wieder an Parteigänger ausgetan werden. Für Revindikationen in Franken ist die Quellenlage im ganzen schlecht, doch bietet das sogenannte Nürnberger Reichssalbüchlein * wenigstens für eine Region Einblicke. Entstanden ist es wahrscheinlich erst zu Beginn des vierzehntenJahrhunderts, möglicherweise auf Initiative des Landvogts Dietegen von Castell.’ Aufgezählt werden 1 Diese Städte, die zu Enklaven in fremdherrischen Gebieten wurden, wirkten konservierend auf ländliche Reichsgerechtsame. Für den Raum Nördlingen-Dinkelsbühl-Weißenbürg vgl. Endres, Reichsgut (s. u. 316 Anm. 1) 38; zur Lage in der Reichsvogtei Schweinfurt H. Mackh, Die fränk. Reichsdörfer, dargest. an d. beiden ehern. Reichsdörfem Gochsheim u. Sennfeld bei Schweinfurt, Diss. Erlangen 1951, 40 ff. u. 42 ff; Hahn (s. u. 324). Über Reichsdörfer nördlich von Eichstätt s. a. F. Heidingsfelder, Die Zustände im Hochstift Eichstätt am Ausgang d. MA u. d. Ursachen d. Bauernkrieges, 1911, 89 ff. 2 In Lauf erleichterte die Verwandtschaft der nach dem Ort benannten Ministerialen mit den bayerischen Wildensteinem möglicherweise das Vordringen der Wittelsbacher; im Herzogsurbar von 1275 wird Lauf aufgezählt. Vgl.

zusammenfassend W. Kraft (W. KraftW. Schwemmer, Kaiser Karls IV. Burg u. Wappensaal zu Lauf) 1960, 3 ff. ’ Bosl, Reichsministerialität (s. u. 304) 36 ff.; Ders. 627. Vgl. a. Bayer (s. u. 166 Anm. 4) 92 ff. Über die Beerbung durch die Herren von Deeg s. u. 317 f. 4 Const. ΙΠ 627, nr. 644; UB Nürnberg I 632-637, nr. 1073; Niese (s. o. 163 Anm. 4) 284 ff.; W. Schultheiss, Über spätmittelalterl. Gerichtsbücher aus Bayern u. Franken (Festsehr. H. Liermann) 1964,274; W. Küster, Das Reichsgut in d. Jahren 1273-1313, Diss. Leipzig 1883, 100-105; dazu ebd. 14 ff., 17 ff., 63 ff., 66 ff, 79 u. ö. 1 Ebd. 118. Zur Unterscheidung der durch die Zusammenfassung verwischten Schichten der Entwicklung vgl. bes. Niese (s. o. 163 Anm. 4) 205 ff.; Dannenbauer 4-27.

§ 1j. Reichsgutrevindikationen Rudolfs und Albrechts I. (A. Gerlich)

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Ämter in Altdorf, Schwabach, Heroldsberg, Berngau und Neumarkt, eine Vogtei1 in Hersbruck mit Schutzansprüchen über Bamberger Kirchengut, der Markt Velden mit einem Dutzend Dörfern und Burg Hohenstein, die Nürnberger Reichswälder die Burgen Floß und Parkstein, Vogteien in Amberg und Vilseck sowie noch einige Orte in der Umgebung. Die Verzahnung mit den zollerischen und wittelsbachischen Positionen springt in die Augen. Jede von den Reichslandvögten - neben Dietegen von Castell seien noch Heinrich von Nortenberg und Albert von Hohenlohe genannt - betriebene Rücknahme von Gerechtsamen in deren Verwaltung mußte zu Reibereien mit den Burggrafen und den Bayemherzögen führen.2 Verwickelte Pfandgeschäfte, wie in Schwabach, Altdorf und Heroldsberg, wo zeitweise sogar das landfremde Haus Nassau eine Rolle spielte, hemmten die Revindikationen. Den Zusammenhang mit größeren Entwicklungsabläufen macht das Auftreten des Landvogts Dietegen deutlich. Er war der Prototyp des rücksichtslosen Verwaltungsbeamten, den Albrecht I. gegen den Pfalzgrafen Rudolf einsetzte, nachdem er diesen zuvor am Mittelrhein besiegt hatte? Überall stützte der Landvogt antiwittelsbachische Kräfte. Im Jahre 1306 aber mußte sein königlicher Auftraggeber in den Auseinandersetzungen mit dem Eichstätter Bischof4 um das Erbe der Grafen von Hirschberg die Pflöcke wieder zurückstecken. Auch dieses Ringen zwischen König und Großen konnte den Reichsgutschwund nur kurz aufhalten? Albrechts I. Nachfolger, Heinrich VII. von 1 Die verfassungsgeschichtliche Problematik der fränkischen Reichsvogteien im Spätmittelalter kann hier nur als eines der noch offenen Anliegen benannt werden. Monokausale Ableitung von staufischen Prokurationen in Schwaben (vgl. Niese, s. o. 163 Anm. 4) führen nicht weiter. Die Reichsvogteien sind im Blick auf Entstehungszeit und Kompetenzen durchaus nicht einheitlich; deren Genese ist immer Ergebnis regionaler Konstellationen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Vgl. dazu: Th. Mommsen, Die ältesten Rothenburger Königsurkunden. Ein Beitr. z. Gesch. d. Landgerichts u. d. Landvogtei inRothenburg v. Rudolf I. bis zu Ludwig dem Bayern (ZBLG 10) 1937, 19-64, hier 24ff.; Feine (s. u. 269 Anm. 6) 148-235; Schultheiss (s. o. 164 Anm. 4) 271 ff. Die wichtige, allerdings erst unter Albrecht I. entstandene Reichslandvogtei Nurnberg behandeln: Dannenbauer 96; Hessel (s. ο. 161) 189 ff; HAB Nümberg-Fürth (Η. H. Hofmann) passim; Hofmann 399. Zum Vogteibegriff zuletzt Ders., Freibauern 318 ff. u. 321 ff; Hofmann 399 ff. 2 Als Beispiel aus dem Raum Bemgau-Neumarkt vgl. J. B. Kurz, Die Stadt Neumarkt. Ihre geschichtl. Bedeutung im bayer. Nordgau, 1954, 11 ff.;HAB Nümberg-Fürth (H.H.Hofmann) 29 ff. Das Reichsgut in diesem und im Egerer Gebiet hatte seit Friedrichs II. Wahl in den staufisch-przemyslidisch-andechsisch-wit-

telsbachischen Auseinandersetzungen stets die Rolle des wechselseitigen Pfandobjektes gespielt; Bost, Rcichsministerialität (s. u. 304) 84 ff. 3 Geruch, Königtum (s. ο. 161) 48, 60. 4 In Südfranken hielten sich Reichsgutreste auffallend lang, dies vielleicht infolge der unausgetragenen Gegensätze Habsburg-Wittelsbach-öttingen-Pappenheim-Eichstätt, in die immer wieder die Zollern eingriffen. Vgl. zu diesen komplizierten Einzelheiten: HAB Gunzeuhausen-Weißenburg (Η. H. Hofmann) 34, 62; W. Stürmer, Der Raum Markt Bergel-Windsheim im frühen MA(ZBLG 25) 1962, 312-3 51; Kraft-Guttenberg 110-218, bes. 129 f. u. 144. Zur spätmittelalterlichen Verfassungsentwicklung in diesen Gemeinden vgl. bes. Hofmann, Freibauern 195-327, bes. 276ff., 318 ff. 5 Allgem.: Hessel (s. ο. 161) 189 ff. Dazu: Küster (s. o. 164 Anm. 4) 116 ff.; Schultheiss, Achtbücher (s. u. 267) 30♦ f. - Die Wellen der Revindikationen und der Abgänge hängen eng zusammen mit der Unterbrechung des habsburgischen Königstums (Hofmann 400) durch die Wahl Adolfs von Nassau und die Wendung der Kurfürsten in die luxemburgische Richtung 1308; im Zuge solcher Wechsel setzte sich immer wieder Böhmen im ostfränkischen Reichsland fest. Vgl. auch H. Gradl, Gesch. d. Egerlandes, 1893,91-113,134-150;^ Sturm,Eger. Gesch. einer Reichsstadt, 1951, 81 ff.; F. Seibt (BHB I) 356ff.; H. Grundmann (GG !)412 ff.

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Franken: C. I. Von Rudolf von Habsburg bis zum Ende des Thronstreits 1322

Luxemburg, mußte sich verpflichten, keine Amtsleute vom Schlage eines Dietegen einzusetzen, sondern auf den Willen der Fürsten in solchen Personalentscheidungen Rücksicht zu nehmen. $ 16. FRANKEN IN DER ZEIT KAISER HEINRICHS VII. UND WÄHREND DES THRONSTREITS (1314-1322) Zu Kaiser Heinrich VH.: A. Geblich (NDB 8) 1969, 329-334 (Quellen u. Lit.). Über den Aufstieg Kaiser Ludwigs IV.: HB II131 ff.; Geruch, Königtum (s. ο. 161) 49 ff. Allgemein: H. Bansa, Studien z. Kanzlei Kaiser Ludwigs des Bayern vom Tag d. Wahl bis z. Rückkehr aus Italien (1314-1329) 1968 (Lit.).

Der auf Grund antihabsburgischer Affekte gewählte König Heinrich von Luxembürg1 kam im Frühjahr 1309 aus Oberschwaben nach Nürnberg. Er sammelte in Franken Parteigänger, zog bisher Unentschiedene auf seine Seite. Graf Eberhard von Württemberg blieb der in Süddeutschland einzige Gegner von Gewicht, während der Ausgleich mit den Habsburgem gelang. Den Grafen kreisten Parteigänger des Königs ein und führten gegen ihn einen bis 1316 währenden Krieg;12 die Fehden belasteten die Übergangszone zwischen Westfranken und Schwaben. Die Familien spalteten sich in den Parteinahmen. So kam es zur merkwürdigen Konstellation im Raum Ansbach-Herrieden, daß Graf Ludwig VII. von Öttingen als Beauftragter des Königs 1311 nicht nur den Württemberger, sondern auch die mit ihm sympathisierenden Konrad IV. von Öttingen und Kraft von Hohenlohe besiegte.3 Andererseits wurde Albrecht von Hohenlohe vom König in Stadt und Reichsvogtei Rothenbürg begünstigt. In Franken nahm der König Verbindung mit Kräften auf, die nach dem Erlöschen der Przemysliden Böhmens Übergang an die im Reich jetzt regierende Familie begünstigten. Mit ihnen verhandelte er im August in Heilbronn, im September 1309 in Speyer. Im Juni 1310 einigte sich endgültig Heinrich VII. mit Reichsfürsten und böhmischen Vertretern. Am 31. August 1310 belehnte er seinen Sohn Johann mit Böhmen und vermählte ihn mit Wenzels II. vierter Tochter Elisabeth. Einer der Schrittmacher der luxemburgischen Herrschaft im fränkisch-thüringisehen Grenzgebiet wie auch in Böhmen war Graf Berthold VII. von HennebergSchleusingen. Von seinen eigenen Positionen4 her war er zum Mittelsmann zwischen den großen Dynastien bestimmt. Ähnlich dem Nürnberger Burggrafen am Ende des Interregnums war er 1308 am Ausgleich zwischen der neuen Herrscherfamilie und den Habsburgem und Wittelsbachem beteiligt; dann spielte er von Böhmen aus eine Rolle beim Arrangement mit den Wettinern.’ Ihm verpfändete Heinrich VII. 1310 1 Über diesen zusammenfassend Geblich (NDB 8) 1969, 329-334. 2 H. Haebing, Der Reichskrieg gegen Graf Eberhard den Erlauchten v. Württemberg in d. Jahren 1310-1316 u. seine Stellung in d. allgern, deutschen Gesch., Diss. Berlin 1910 (auch Württ. Jb. f. Statistik u. Lkde. 1910, 43 ff.). 3 A. Bayer, Aus Herriedens Kloster- u. Stiftszeit (Frankenl. 11, 2) 1959.

4 Zickgrae (s. o. 60 Anm. 4) 77-10$; F. Kobbnbb, Die Lage u. d. Besitzstetigkeit d. Machtkeme in Thüringen während d. ausgehenden MA (Wiss. Veröffentl. d. dt. Inst. f. Länderk. NF 17/18) 1960, 167-187, hier 170 ff. 1 G. Rummel, Berthold VH. d. Weise, Graf v. Henneberg 1284-1340, Diss. Würzburg 1904·

§ 16. Franken von Heinrich VII. (1308-1313) bis 1322 (A. Gerlich)

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die Reichsgerechtsame in Schweinfurt1 und stärkte damit erneut die Stellung des Hauses am Main. Expansionsmöglichkeiten des Würzburger Hochstiftes wurden auf diese Weise gehemmt. Reaktionen des Bischofs haben möglicherweise zu den merkwürdigen Einschränkungen im Privileg vom 25. Juli 1310 geführt,12 durch das dem Grafen nur die Würde, nicht aber die vollen Rechte eines Reichsfürsten verliehen wurden.3* Die Offenheit der fränkischen Mächte gegenüber der Königspolitik zeigt deren Teilnahme an Böhmenunternehmen. * Hauptmann des Reichsaufgebotes, das den luxemburgischen Aspirationen auf die Wenzelskrone gegen die Ansprüche des Herzogs von Kärnten zum Sieg verhalf, war Pfalzgraf Rudolf; Burggraf Friedrich IV. von Nürnberg spielte im Heer eine große Rolle. Von geistlichen Reichsfürsten standen dem Mainzer Erzbischof der Bischof von Eichstätt und der Abt von Fulda bei. Als 1315 im böhmischen Landadel Unruhen ausbrachen, griffen auf luxemburgischer Seite der Landgraf von Leuchtenberg und der Graf von Castell ein. Der mit Abstand wichtigsten Reichsstadt in Franken, Nürnberg, lag an einer Beruhigung der Verhältnisse in Böhmen, weil sie nur so ihre Zwischenhandelsfunktionen erfüllen konnte. In mehreren Urkunden, besonders im Pisaner Diplom vom 11. Juni 1313 verbriefte der Kaiser die Freiheiten der Stadt; damit wurde die gesamte seit 1219 vorangeschrittene Entwicklung der Stadtverfassung rechtlich untermauert.5 König Johann von Böhmen förderte seinerseits die Verbindungen zwischen der Reichsstadt, dem Amberger Erzrevier und Böhmen.6 Die Geldnot Heinrichs VII. machte es den Ratsboten leicht, die Verbriefungen ihrer Gerechtsame förmlich einzukaufen. Andererseits wurde die Teilnähme so manches fränkischen Herren an böhmischen Unternehmen beflügelt durch die finanzielle Notlage infolge des Wandels der Wirtschaftsstruktur und von Mißernten am Beginn des vierzehnten Jahrhunderts.7 Kriegsdienste waren nur noch in bescheidenem Maße lehensrechtlich einzufordern, die Bereitwilligkeit hierzu wurde immer stärker aktiviert durch die Aussicht auf Sold in klingender Münze. Königsverbundenheit und Reichsbewußtsein waren in ihrer Intensität davon abhängig, welche Geldquellen ein Kronträger, seine Sippengenossen oder die großen Parteigänger erschließen konnten, um den Adel für die Hecrcsfolge oder den Hofdienst zu gewinnen. Zollern und Leuchtenberger bieten nur besonders signifikante Beispiele in einer rund zweihundertjährigen Zeitspanne, die mit dem Interregnum anhebt. Am 24. August 1313 starb in Italien Kaiser Heinrich VII. Nach intensivem Ringen um die Kandidaturen wählten die untereinander zerstrittenen Kurfürsten am 19. und 20. Dezember 1314 Friedrich den Schönen von Österreich und Herzog Ludwig von 1 Materialreich, aber ohne kritischen Apparat Stein (s. u. 324) 136 ff. - Jüngst Hahn (s. u. 324) 25 ff. 2 Const. IV 3 52, nr. 404. 3 £. E. Stengel, Land- u. lehnrechtl. Grundlagen d. Reichsfürstenstandes (ZRG 66, 1948, jetzt in: Abh. u. Untersuch, z. mittelalterl. Gesch. 1960, 133-173, bes. 171). * Rummel (s. o. 166 Anm. 5) 13 f., 16 f. u.21.

5 Const. IV 1042, nr. 999. - Dazu SchultAchtbücher (s. u. 267) 30 f; Pitz (s. u. 324) 135 ff. 6 G. Hirschmann, Nürnbergs Handelsprivilegien (Beitrr. WGN 1) 1967, 1-48, bes. nrr. 12/13, 15/16, 17, 28, 36, 49. 7 F. Lütge, Das I4./15.Jh. in d. Sozial- u. Wirtschaftsgesch. ONÖSt. 162) 1950, 161-213. heiss,

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Franken: C. I. Von Rudolf von Habsburg bis zum Ende des Thronstreits 1322

Oberbayern.1 Im Reich brachen allenthalben die Gegensätze auf, der Krieg des Grafen von Württemberg mit seinen Nachbarn floß mit diesen Fehden zusammen und griff auf das westliche Franken über.1 Von Süden her machte sich die Rivalität der Häuser Habsburg und Wittelsbach bemerkbar. Zunächst war es unsicher, ob Ludwig als der Raumnähere in Franken die Vorhand gewinnen werde, obwohl er seit dem Gammelsdorfer Sieg über die Habsburger deren Einfluß in Niederbayern zurückgedrängt und großes Prestige errungen hatte. Die Parteinahmen beschränkten sich zunächst nur auf die mittleren und südlichen Teile Frankens. In den Main-Hochstiften war, ausgenommen nur das Spessartgebiet von Kurmainz, die Lage undurchsichtig, weil in Würzburg Gottfried III. von Hohenlohe zwischen den kirchen- und rcichspolitischen Lagern lavieren mußte, dann bis zu seinem Tod am 4. September 1433 gegen den Wittelsbacher eingestellt war.’ Im Bamberger Hochstift regierte bis 1318 ein habsburgisch gesinnter Bischof aus Kärnten, ohne aktiv Partei ergreifen zu können; in den nächsten vier Jahren verhinderten ein Bistumsschisma und eine lange Sedisvakanz jede nennenswerte Initiative. Demgegenüber sticht die Lebhaftigkeit der Auseinandersetzungen in der ehemaligen Reichslandzone ab. Seit der Jahreswende standen dort auf wittelsbachischer Seite Burggraf und Reichsstadt von Nürnberg, die vordem luxemburgisch gesinnten Mächte Henneberg und Leuchtenberg, der Eichstätter Bischof und Mitglieder der Familien Öttingen und Weinsberg.1*4 Die schwäbischen Reichsstädte hielten zuerst zu Ludwig, wurden aber 1316 gezwungen, auf Friedrichs des Schönen Seite überzutreten. Züge des Wittelsbachers gegen Kraft von Hohenlohe, dann gegen Eßlingen änderten nichts am Gesamtzustand.5 Nutznießer dieser Phase der Kraftproben wurde der Eichstätter Hochstiftsherr. Des Pfalzgrafen Rudolf I. Tod am 13. August 1319 befreite Ludwig von lästiger Rivalität im eigenen Hause und brachte ihm zudem neue, wenn auch vorläufig schwache, Möglichkeiten des Wirkens am Mittelrhein und in Westfranken. Gegen die Habsburger konnte der Wittelsbacher zunächst nichts militärisch Entscheidendes unternehmen, obwohl diese im Kampf mit den Eidgenossen in der Schlacht bei Morgarten unterlagen und vorläufig geschwächt waren. Die Partei des Wittelsbachers zeigte von 1319 an in Franken den Beginn von Abfällen; die Häuser Öttingen, Weinsberg und Henneberg gingen ihre eigenen Wege oder standen abseits.6 Nur die Nürnberger Burggrafschaft und das Eichstätter Hochstift standen dem Bayern offen. Den Wandel brachte erst am 28. September 1322 die Niederlage der Habsburger in der Schlacht bei Mühldorf. Der Gegenkönig fiel in Ludwigs Hand. Den Sieg verdankte Ludwig nicht nur der eigenen Kraft, sondern der militärischen Hilfe Böhmens und Kurtriers, den nordgauischen Kontingenten unter der Führung des Landgrafen 1 Grundmann (GG I) 427 ff. 1 Bader 95 ff. ’ Stein 335 ff.; Hauck V 1150. 4 v. Guttenberg I 197 ff., 200 ff. 5 Riezler Π 318 ff. - H. Schrohe, Der Kampf d. Gegenkönige Ludwig u. Friedrich um d. Reich bis z. Entscheidungsschlacht bei

Mühldorf, 1902, Neudr. Vaduz 1965, 94 ff. 6 Schrohe (s. Anm. 5) 11 ff., 18 ff. u. 26 ff. - Eine Übersicht über die Stellung der fränkisehen Mächte im Thronstreit nach 1314 gibt W. Kraft (C. Scherzet II) 49 ff. - Dazu noch immer Riezler 332 ff. u. 342 ff.

§ 16. Franken von Heinrich VII. (1308-1313) bis 1322 (A. Gerlich)

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Ulrich von Leuchtenberg, besonders aber dem Eingreifen des Burggrafen Friedrich IV. von Nürnberg. Nach dem Mühldorfer Treffen wurde Ludwig in Franken allgemein anerkannt als der, der im Kampf das Feld behauptet und Gottes Gutheißung erfahren hatte. Im diplomatischen Ringen mit dem Habsburger treten während der nächsten vier Jahre Burggraf Friedrich IV. von Nürnberg und Graf Berthold VII. von Henneberg als Vermittler auf, abermals so eine ihnen spezifische Funktion in der Reichspolitik erfüllend. Der Zoller empfing von der Schlacht bei Mühldorf bis zu seinem Tod am 19. Mai 1332 mannigfache Gunstbeweise des Kaisers, die fast alle dem Ausbau des Territoriums dienten. Eine Phase wittelsbachisch-zollerischen Nebenund Miteinanders im fränkischen Raum ergänzte Friedrichs IV. Wirken für den Herrscher auf anderen Schauplätzen der Reichspolitik. Graf Bertold VII. von Henneberg wurde Landeshauptmann in der seit 1324 wittelsbachischen Kurmark Brandenburg; seine Aktivität dort wechselte mit Interventionen in Sachsen, Thüringen und Franken ab.1 Er überlebte fast alle Helfer des wittelsbachischen Kaisertums aus der früheren Generation. 1 W. Wiessner, Die Beziehungen Kaiser Ludwigs d. Bayern zu Süd-, West- u. Norddeutschland, Diss. Erlangen 1932, 32 ff.

FRANKENS TERRITORIALMÄCHTE ZWISCHEN BAYERN

UND BÖHMEN

§ 17. DIE ZEIT KAISER LUDWIGS IV. Quellen: HB Π 141. - Riezleb Π; Phegeii, Schwalm, Hetzeneckeb, Schbohe s. HB ebd.; Wiessneb (s. o. 169 Anm. 1; H. O. Schwöbel, Der diplomat. Kampf zw. Ludwig dem Bayern u. d. röm. Kurie im Rahmen d. kanonischen Absolutionsprozesses 1330-1346, 1968.

Unmittelbar nach der Wahl, dann verstärkt in den auf den Mühldorfer Sieg folgenden Jahren griff Ludwig im fränkischen Reichsland ein. Als dessen Zentren erwiesen sich immer mehr die Städte. Deren Unabhängigkeit von den Territorialherrschaften wurde durch Zuweisung von Reichsgerechtsamen innerhalb der Mauern und im Umland gestützt. Die Privilegienbestätigungen folgten einander nach der Doppelwahl von 1314 in unterschiedlich großen Abständen.1 Nürnberg steht mit einem Diplom vom 5. Januar 1315 an der Spitze, unmittelbar gefolgt von Rothenburg am 30. Mai; Windsheim erhielt seine Zusage ein Jahr später; die Urkunden für Dinkelsbühl, Weißenburg und Nördlingen wurden erst zwischen 1324 und 1340 ausgestellt. Die Fälle Nürnberg und Rothenburg sind beispielhaft. Das privilegium de non evocando war das beste Mittel, um die Bürgerschaft an den Herrscher zu binden. Stadtgerichte wurden gestärkt gegen die geistlichen Gerichte, aber auch gegen Landgerichte der Territorialnachbam. Steuererleichterungen, Spitallegate, aber auch die Inanspruchnähme von Krediten durch den Kronträger festigten die Beziehungen der Einwohner zum Königtum. Rothenburg wurde zunächst an Hohenlohe überlassen, als Gesamttendenz ist aber deutlich erkennbar, daß Ludwig die Unabhängigkeit dieser Reichsstadt wünschte, weil sie für ihn ein Vorposten im stärker wittelsbachisch gesinnten Westfranken gegen das vorwiegend habsburgisch beeinflußte Schwaben sein sollte. In Nürnberg wurde der Dualismus Reichsstadt-Burggrafschaft vertieft/ um über den ehemaligen Nordgau hinaus den Einfluß des Hauses Wittelsbach auszuweiten. Mit 74 Herrscheraufenthalten steht in Ludwigs Regierungszeit Nürnberg an der Spitze aller Städte. Doch darf man den qualitativen Wandel von der Königsgastung in einer Pfalz der Stauferzeit zur Quartiemahme in einem Patrizierhause nicht übersehen. Die Verwaltung des Reichsgutes wurde umgcstaltet. Rothenburgs Selbstauslösung aus der hohenlohischen Pfandschaft scheint 1335 den Anlaß zur Reform geboten zu haben. Als Amtsbereich wird Rothenburg zusammen mit Nürnberg genannt; Hein1 Wiessneh (s. o. 169 Anm. 1) 11 ff., 17 ff. 1 Schultheiss, Achtbücher (s. u. 267) 30*

bis 3$*; Ρεεπέββ, Pfalz Nürnberg (s. o. 108 Anm. 4) 312 ff.

§17■ Die Zeit Kaiser Ludwigs IV. (A. Gerlich)

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rieh von Dürrwangen wird manchmal einfach nur als Reichslandvogt in Franken bezeichnet.1 Offenbar war der Reichsbesitz so zusammengeschmolzen, daß Ludwig die Ämter vereinigte. Symptome für diesen Vorgang sind auch 11‫ ץ‬Nürnberg das Verschwinden des Butiglers und die Aushöhlung der Schultheißenbefugnisse durch den Stadtrat. Exemptionen von den Kompetenzen des Landvogtes weisen auf den Zerfall der Reichsgutorganisation hin. Im Blick auf die weltlichen Territorialherren in Franken mußte der Kaiser auch nach dem Ableben des habsburgischen Rivalen am 13. Januar 1330 vorsichtig taktieren? Den Zollern gewährte er freie Hand im Regnitzland und im Gebiet von Hof; die Herren von Hohenlohe erhielten Crailsheim und mancherlei Vorteile in den Regionen zwischen Main und Neckar. Graf Ludwig von Öttingen wurde vielfach in diplomatischen Missionen gebraucht. Die Kleinterritorienbildung der Herren von Schlüsselberg wurde gefördert, erlag aber imTodesjahre des Kaisers demZangengriffder MainHochstifte. Die Beziehungen zu den geistlichen Fürsten wurden beeinflußt vom Kampf zwischen Kaiser und Papst. Im Bamberger Hochstift’ übten zunächst die Zollern und Henneberger gemeinsam mit dem Herrn von Aufseß eine Sequesterverwaltung aus, das Staatswesen war zeitweise in kaiserfreundliche Bündnisse eingefügt. Seit der Wahl des Bischofs Wemtho Schenk von Reicheneck am 16. April 1328 aber wurde der Zustand labil. Gegenüber der Stadt Bamberg unterstützte der Kaiser den Landesherm. Der am 10. Mai 1335 gewählte Leupold II. von Egloffstein gehörte wieder zur kaiserlieh gesinnten Bischofsgruppe. Während seiner Amtszeit entstand 1339/40 in Bamberg der «Tractatus de iuribus regni et imperii Romanorum» des Domherren Lupoid von Bebenburg (s. u. 541), eines Nachfahren der reichsministerialischen Sippe der Küchenmeister von Nortenberg. Lupoid griff auf die Grundsätze des Reichsrechtes zurück und leitete eine Neubesinnung ein, die in der unangreifbaren Herrschaftstheorie der Goldenen Bulle kulminieren sollte.1 *4 Lupolds enge Beziehungen zum Trierer Kurfürsten Balduin deuten auf den Fortbestand einer böhmisch-luxemburgisehen Gruppe in der Führungsschicht des Hochstifts wie auch anderer Territorien in Ostfranken hin. Verworren war die Lage am mittleren Main.’ Der Kaiser aktivierte gegen den Bischof Gottfried III. von Hohenlohe in Würzburg den Burggrafen von Nürnberg und den Abt von Fulda. Dieser Zustand hielt auch während der Amtszeit des Bischofs Wolfram von Grumbach an. Der Bischof schloß auf Druck des Papstes 1325 ein Bündnis mit Herzog Leopold von Österreich und dem habsburgisch gesinnten Mainzer Kurfürsten Matthias von Buchegg. Von den Territorialpartikeln des kaisertreuen Deutschen Ordens im westlichen Franken aus konnte der Würzburger Hochstiftsherr kontrolliert werden. Als Wolfram einlenkte, verlieh ihm Ludwig für 1 Mommsen (s. o. 165 Anm. 1) 42-45. 1 Wiessner (s. o. 169 Anm. 1) 35-38; HAB Höchstadt-Herzogenaurach (Η. H. Hofmann) 15; Endres, Geleitstraßen (s. u. 295) 137. ’ v. Guttenberg I 200-207; Kloos (’·u■ 275) 353 ff·. 362 ff. u. 370 ff. 4 Quellen u. Lit. s. u. 267 f. u. 274 f.;

R. Most, Der Reichsgedanke d. Lupoid v. Bebenburg (DA 4) 1941, 444-48$. > Hauck V 486 Anm. 4, 493 Anm. 1,1150; Wiessner (s. o. 169 Anm. 1) 39 ff.; Jüngst: Wendehoest Π 45-56; Hofmann, Deutschmeisterstaat 59 ff.

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Franken: C. II. Die Territorialmächte zwischen Bayern und Böhmen (1323-1378)

Iphofen und Würzburg städtische Privilegien, schlug also eine andere Richtung als im Hochstift Bamberg ein. Die Stärkung des städtischen Elements am mittleren Main zeitigte ihre Konsequenzen während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Das Würzburger Hochstift war in seiner Struktur dem Mainzer Oberstift ähnlicher als dem Bamberger Bischofsstaat. In der Endphase der Regierungszeit Kaiser Ludwigs entstanden am Main neue Wirren infolge des im Wüzrburger Bistum ausbrechenden Schismas.1 Sein Kanzler wurde am 3o.Juli 1333 gewählt, starb aber bereits am 21. März 1335. Dessen Gegner Otto von Wolfskeel ins Lager des Kaisers zu ziehen, kostete viel Mühe; unter anderem kam damals das Kloster Ebrach zum Würzburger Territorium, das so einen bleibenden Vorteil gegenüber Bamberg davontrug. Die der Stadt Würzbürg gewährten Privilegien führten zu neuem Streit mit dem Bischof. Otto von Wolfskeel vereinte sich 1344 mit dem Burggrafen von Nürnberg und dem Grafen von Henneberg gegen die bürgerschaftlichen Emanzipationstendenzen, die dem Kaiser interventionsmöglichkeiten boten. Die engen wechselseitigen Beziehungen in der Landschaft waren wirkungsvoller als überregionale Konstellationen der Parteien von Kaiser oder Papst. Die hohenlohische Stellung am Ochsenfurter Mainknie1 konnte eingeengt werden. Ein anderes Bild als die Hochstifte am Main zeigt die Einordnung des Eichstätter Territoriums in Ludwigs Machtgefüge.1*3 Die Fehden im Übergangsgebiet zwischen Bayern, Franken und dem nordösdichen Schwaben bis zur Mühldorfer Entscheidung, besonders die Zwiste der Grafen von Öttingen mit den Herren von Hohenlohe, schlugen zugunsten der Eichstätter Hochstiftsexpansion aus.4 Erst damals konsolidierte sich ein geistliches Territorialgebilde in Südfranken.3 Das Erbe der Grafen von Hirschberg und dazu kleinere Zugänge anderer Provenienz wurden gesichert. Solche Umstände aber machten ein Zusammengehen mit dem König notwendig. Ludwig fand in Eichstätt günstigere Voraussetzungen für sein Wirken. Zwar lagen in der Aufeinanderfolge der Bischöfe auch hier Gefahren, aber die Haltung des Domkapitels ließ für eine Oppositionsbewegung gegen den Kaiser keinen Raum. Bischof Gebhard III. von Graisbach war ein entschiedener Anhänger Ludwigs und wurde am gleichen Tag wie die Verfasser des «Defensor pacis» exkommuniziert; während des Italienzuges starb er am 14. September 1327 in Pisa.6 Sein Tod löste eine Folge von Bistumsschismen aus, das Hochstift aber verblieb im Gefüge der wittelsbachischen Machtstellungen. Der Deutschordensbesitz ergänzte die Positionen des Herrschers. Unter den Räten des Kaisers nahmen die Deutschmeister erstrangige Plätze ein; die Nürnberger Dekla1J. Hetzenecker, Studien z. Reichs- u. Kirchenpolitik d. Würzburger Hochstifts in d. Zeiten Kaiser Ludwigs d. Bayern (1333-1347), Diss. Würzburg 1901, 13-58. - Wendehorst Π 5772‫·־‬ 1 Vgl. allgem. Weller, Hohenlohe II (s. u. 305) 381-440. 3 Die Tendenz zeigt bereits das Bündnis von 1308. Const. IV 1230, nr. 1176. - Zur an-

schließenden Entwicklung Angermeier (HB Π 158 f.). 4 Zu Ludwigs Gunstbeweisen: 1315 Verpfändung Weißenburgs, 1330 Schutzerklärung vgl. Wiessner (s. o. 169 Anm. 1) 44 ff. 3 Grundlegend die beiden HAB-Arbeiten: Eichstätt (G. Hihschmann), GunzenhausenWeißenburg (Η. H. Hofmann). 6 Hauck V 493, 515 u. 1141.

§ 18. Der Thronstreit 1346-1341) (A. Gerlich)

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rationen von 1323 und die Sachsenhäuser Appellation wurden in Ordenshäusem erarbeitet, die Höfe der fränkischen Kommenden standen stets dem Kaiser zur Verfügung. Im regionalen Bereich übten sie die Gastungsfunktion des Reichsgutes alten Stils. Wiederholt hat Ludwig für Orte des Ordens Markt- und Stadtrechte verliehen, unterstützte aber in Streitigkeiten mit deren Einwohnern stets die Territorialisierung; diese wurde auch durch die Zuweisung von Resten des Reichsgutes in jenen Jahrzehnten gefördert.

§18. DER THRONSTREIT (1346-1349) Grundmann (GG I) 451 ff.

Ursachen und Anfänge des Gegenkönigtums sind außerhalb Frankens zu suchen. Karls IV. Aufstieg wurde mitverursacht von der Konvergenz der von der Kurie ausgehenden Impulse mit der Wendung der rheinischen Kurfürsten gegen Ludwig den Bayern. Der Trierer Kurfürst Balduin von Luxemburg betrieb die Wahl seines Großneffen Karl von Mähren, dem 1340 die böhmischen Stände anstelle des erblindeten Vaters gehuldigt hatten. Der im April 1346 im Mainzer Erzbistum durch päpstliche Provision vorgenommene Personalwechsel ermöglichte den funktionsgerechten Ablauf der Neuwahl am 11. Juli 1346 in Rhens. Das wittelsbachische Bundnissystem im Kreise der weltlichen Reichsstände bestand im wesentlichen weiter. Zu ihm gehörten in Franken Lutz von Hohenlohe und die Burggrafen von Nürnberg.1 Die Zollern erhielten Neustadt an der Donau und Vohburg als Pfandschaften. Dagegen schlossen sich die Bischöfe von Würzburg und Bamberg Karl IV. an? Eine bewaffnete Auseinandersetzung drohte besonders in den südfränkisch-oberpfälzischen Regionen, aber außer einem Scharmützel bei Cham kam es zu keinen nennenswerten Zusammenstößen. Ehe sich der Krieg ausdehnen konnte, erlag Ludwig der Bayer am 11. Oktober 1347 einem Schlaganfall. Im wittelsbachischen Lager scheint man zunächst die Wahl des Burggrafen Albrecht von Nürnberg zum römischen König erwogen zu haben. In klarer Erkenntnis seiner von der Hausmacht her nur beschränkten Möglichkeiten eines Wirkens im Reich hat aber der Zoller offenbar von sich aus diesem Projekt den Boden entzogen.’ Der Friede in Franken wurde gesichert durch den Waffenstillstand, den am 18. Juni 1348 die Wittelsbacher in der Pfalzgrafschaft und der Oberpfalz, die Zollern, die geistlichen Reichsfürsten am Main und die Grafen von Wertheim, Rieneck und Brauneck abschlossen. In Unterfranken sicherte man sich außerdem vor der im Mainzer Erzstift schwelenden Fehde.1 2*4 Nach ergebnislosen Sondierungen in England und Meißen fanden die Wittelsbacher schließlich im Grafen Günther von Schwarzburg 1 Riezler II 493-498. 2 Hetzenecker (s. o. 172 Anm. 1) 65 ff.; v. Guttenberg Π 212 ff; Wendehorst Π 77f. ’ Schwammberger (s. o. 163 Anm. 1) 64 f.

4 G. Stein, Die Einungs- u. Landfriedenspolitik d. Mainzer Erzbischöfe z. Zeit Karls IV., Diss. Mainz 1960, 25 f., 30.

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Franken: C. II. Die Territorialmächte zwischen Bayern und Böhmen (1323-1378)

einen Kandidaten, der in die Wahl einwilligte.1 Jetzt entstand eine akute Kriegsgefahr in der fränkisch-thüringischen Übergangszone, weil der Graf von Henneberg seinen Nachbarn unterstützte. Karls IV. Spaltung des wittelsbachischen Lagers, Günthers Krankheit und Tod am 14. Juni 1349 brachten das Ende des Gegenkönigtums. Während des wittelsbachisch-luxemburgischen Thronstreites trafen in Nürnberg die Parteien aufeinander. Karl IV. fand hier nicht nur Gegner seines HerrschaftsanSpruches, sondern auch als regionale Komplikation den Dualismus Reichsstadt-Burggrafschaft. Im Blick auf beide Mächte stand Karl unter dem Zwang des Entgegenkommens. Die Zollern wurden mit erheblichen Geldzahlungen auf die luxemburgisehe Seite gezogen. In der Reichsstadt hatten die Handwerker, die wittelsbachisch gesinnt waren, einen Aufstand gemacht? In den Unruhen der Jahre 1348/49 sind indessen keine sozialgeschichtlich scharfen Fronten erkennbar? Bei den Handwerkern hielten manche zur patrizischen Führungsschicht, Patrizierfamilien blieben in der Stadt und stellten sich auf guten Fuß mit dem neuen Regiment. Die Rebellen schlugen sich auf die Seite der wittelsbachischen Partei in Franken. Karl IV. vereinigte sich daher mit den Ausgefahrenen und verhängte Sanktionen über die Stadt. Durch den Ausgleich mit den Wittelsbachem und Zollern isolierte er die Aufständischen, für die Hilfe bei der Rückführung ließ er sich von den Patriziern reichlich bezahlen. Der Rat nahm an den Gegnern keine blutige Rache und bewies viel politisches Geschick; die Rädelsführer wurden meist mit Stadtverboten bestraft? Von damals an datiert das trotz gelegentlich recht fühlbarer Inanspruchnahme der städtischen Finanzkraft gute Verhältnis Karls IV. zu Nürnberg, das er nicht weniger als 52mal besuchte? In diesen Kreis der auf Böhmen orientierten Mächte Ostfrankens wurden auch die Zollern eingeordnet. Für die Territorialisierung der Burggrafschaft hatten Karls IV. Maßnahmen - obwohl er mit ihnen ursprünglich ganz andere Zwecke verfolgte1 23*6 nachhaltige Konsequenzen. Im Juni 1348 wurde das Landgericht aus Nürnberg nach Cadolzburg verlegt. Das aus der Reichsgutorganisation erwachsene Gericht mit dem Anspruch auf «grenzenlose» Zuständigkeit wurde zum Instrument der zollerischen Territorialpolitik? Unter Karl IV. und mit dessen Billigung setzt dieser Prozeß der reichsrechtlichen Verfestigung eines «ungeschlossenen Territoriums in Streulage» ein,· einer der vielschichtigsten und reizvollsten Vorgänge im weiten Rahmen spätmittelalterlicher Verfassungsgeschichte. 1 E. Werunsky, Gesch. Kaiser Karls IV., II, Innsbruck 1880, 106 ff, 118 ff. u. 144; Riezler ΠΙ 12 ff.; Hetzenecker (s. o. 172 Anm. 1) 59 bis 75; K. Janson, Das Königtum Günthers v. Schwarzburg, 1880; F. Trautz, Die Könige v. England u. d. Reich 1272-1377, 1961, 344-352. 2 Reicke, hier bes. 292ff.; Über Nürnberg u· 333344‫·־‬ 3 H. Lentze, Der Kaiser u. d. Zunftverfassung in d. Reichsstädten bis z. Tode Karls IV., !933· Neudr. 1964, 216-224. ♦ Schultheiss, Achtbücher (s. u. 267) 71 ♦ff.

- Zur Sozialgeschichte der ratsfähigen Familien: Hofmann, Nobiles (s. u. 324) 78 ff. ’ H. Liermann, Die Goldene Bulle u. Nümberg (MVGN 47) 1956, 107-123; Pfeiffer, Pfalz Nürnberg (s. o. 108 Anm. 4) 313; Heimpel (s. u. 324). 6 S. u. 176 f. 7 Μ. Hofmann, Fürth (s. u. 195) 49 ff.; Hofmann 382 ff. • Zur Terminologie und Forschungsgeschichte Hofmann, Adelige Herrschaft 10 ff.

$ ip. Die Reichs- und Hausmachtpolitik Kaiser Karls JK in Franken (A. Gerlich)

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§19. DIE REICHS- UND HAUSMACHTPOLITIK

KAISER KARLS IV. IN FRANKEN HB II 182. - Über «Neuböhmen» vgl. ebd. 207 ff. und u. 178 ff.

Wert und Bedeutung Frankens für Kaiser Karl IV. spiegelt die Goldene Bulle.1 Zum weitaus größeren Teil ist sie in Nürnberg beraten und am 10. Januar 1356 verkündet worden, wahrscheinlich in Form eines Inhaltsreferats in deutscher Sprache.123Im Nürnberger Gesetzesteil wurden die Geleitspflichten der Bischöfe am Main, der Nümberger Burggrafen, der Familien von Hohenlohe, Brauneck und Wertheim sowie der Reichsstädte Nürnberg, Rothenburg und Windsheim festgelegt, die dem nach Frankfurt reisenden Böhmenkönig zu leisten waren? Dieselben Aufgaben hatten sie neben anderen Reichsständen gegenüber den Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg zu erfüllen,4 wenn diese der Weg zur Königs wähl über fränkisches Gebiet führte. Im Metzer Teil des Reichsgesetzes vom 25. Dezember 1356 wurden dann die protokollarischen Angelegenheiten geregelt, die in Franken die Marschälle von Pappenheim, Küchenmeister von Nortenberg und Schenken von Limpurg als Funktionsträger bei Reichstagen und anderen Versammlungen betrafen.5 Noch bedeutsamer war die BeStimmung, daß der erste Reichstag eines Herrschers in Nürnberg abgehalten werden solle.6 Dies wird als altes Herkommen erklärt, ist aber weder historisch absolut sicher begründbar noch wurde der Anspruch Nürnbergs, die Erstreichstagsstadt zu sein, von den späteren Herrschern immer beachtet. Reichsrechtliche Normen haben bei dieser Festsetzung nicht Pate gestanden, sondern Karls IV. allerwege zu beobachtende Vorliebe für diese einzige Großstadt7 in Franken, die direkt am Weg von Prag ins süddeutsche Reichsgebiet lag und von der aus die wichtigsten Handelsbeziehungen nach Böhmen aufgebaut worden waren.8 Nürnberg sollte gleichsam einen territorialstaatsfreien Raum in Ostfranken für die Begegnungen zwischen Kaiser und Reichsangehörigen bilden.’ Als das Haupt derfränkischen Reichsstadt-Gruppe wurde Nürnberg gestützt, um neben den Zollern, den Wittelsbachern und den jeweiligen Herren der 1 Zeumer 192-214 nr. 148. 2 Liermann (s. o. 174 Anm. 5) 107-123, bes. 119f.; Ders., Die Goldene Bulle v. 1356 u. Franken (ZBLG 21) 1958, 1-17. 3 Goldene Bulle (GB) c. I 8; Zeumer 195. 4 GB c. I 12; Zeumer ebd. 5 GB c. XXVII i u. 6; XXX 3; Zeumer 2II f. 213. 6 GB c. XXIX i; Zeumer 212. 7 Zum in Franken allein auf N. anwendbaren Begriff «Großstadt» vgl. bes. H. Ammann, Wie groß war die mittelalterl. Stadt? (Studium Generalc 9) 1936, 202-206. - Für das 14. Jh. fehlen Zahlenangaben, die für Berechnungen taugen; vgl. aber C. Ott, Bevölkerungsstatistik in d.

Stadt u. Landschaft Nürnberg in d. ersten Hälfte d. 15.Jh., 1907. 8 Zu Nürnbergs Wirtschaftsgeschichte s. u. 324. Grundlegend noch immer P. Sander, Die reichsstädt. Haushaltung Nürnbergs, dargest. auf Grund ihres Zustandes v. 1431 bis 1440, 2 Bde., 1902. Den jüngsten Stand der Forschung bieten: Endres, Nümberg-Nördlinger Wirtschaftsbez. (s. u. 324); Ders., Messestreitigkeiten (Ebd.) 1-19; H. Lentze, Nürnbergs GeWerbeverfassung im MA (JffL 24) 1964, 207 bis 281. Zuletzt das Sammelwerk: Beitrr. WGN 1967; Stromer, Hochfinanz (s. u. 479). ’ Vgl. Liermann, Goldene Bulle u. Franken (s. o. Anm. 2) 12 f.;PEEnTBR(s.o. 108 Anm. 4)313.

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Franken: C. II. Die Territorialmächte zwischen Bayern und Böhmen (1323-1378)

Hochstifte einen Ansatzpunkt und ein Instrument der Reichspolitik zu besitzen. Der patrizische Rat, der mit Karls Hilfe die Krise von 1348/49 überstanden hatte und sich hinfort im sozialgeschichtlichen Befund1 von den Führungsgremien der anderen Reichsstädte unterschied, betrieb stets eine Politik des Ausgleichs und der Vermittlung,12 die Nürnbergs Verhalten abhebt vom Radikalismus der kleineren Städte.3 Verpfändungen des Reichsschultheißenamtes sowie der Bann-, Zoll- und Münzrechte an die Zollern 1365 hemmten zwar die Entwicklung des Kommunalrechts, zwanzig Jahre später aber konnte die Stadt diese Gerechtsame wieder aus eigener Kraft an sich bringen und in die ihr eigene Rechtssphäre einschmelzen.4 Sogar bis in den religiösen Bereich hinein wurde das Empfinden für den Eigenstand gestaltet: in der Sebaldsverehrung entwickelte man dieLiturgie eines typisch reichsstädtischen Heiligen. Das Reimoffizium «Nuremberg extolleris» ist ein politisch-repräsentativer Gebetstext. In den um 1340 kompilierten Lektionen wurden politische Ansprüche und Vorstellungen weiter präzisiert. Gegen das Bistum Eichstätt, aber auch gegen die Burggrafen ist die Tendenz der Legende gerichtet.’ Die Dynamik der Königspolitik offenbaren Karls IV. Beziehungen zu den Zollern. Man kann starke Ansätze für den Neubau eines Königsstaates in Franken erkennen.6 Der Kaiser plante nach jeder Geburt eines Sohnes in Nürnberg, eine Zollemtochter als Gemahlin für diesen 7!1 gewinnen, um eine luxemburgische Anwartschaft auf die Burggrafschaft zu begründen. Als jedoch Friedrich V. Söhne geboren wurden, für die der Burggraf eine neue Hausordnung mit genauen erbrechtlichen Bestimmungen aufstellen ließ, lenkte Karl seine Initiative auf größere Ziele in der Mark Brandenburg und in Ungarn. Man sollte aber nicht nur vom faktischen Ergebnis her ein Urteil über Karls IV. Politik fällen, sondern auch die Projekte berücksichtigen, in denen zwischen 1348 und 1373 die Idee der Erfassung Frankens aufscheint. Ein Vierteljahrhundert lang standen Hausinteressen und Reichsdurchdringung in einem Wechselverhältnis. Die Ziele des Kaisers sind in den Urkunden für die Burggrafen erkennbar. Am 6. April 1362 wurde Friedrich V. für die Dauer der Abwesenheit Karls IV. zum Reichshauptmann in Franken ernannt. Das bedeutendste Privileg wurde am 17. März 1363 ausgestellt: Der Kaiser erhob den Burggrafen und dessen Sippe in den Reichsfürstenstand.7 Dieser Akt war für die Zollern der vorläufige Abschluß eines zäh seit anderthalb Jahrhunderten verfolgten Aufstieges. Zwischen den Privilegien für die Zisterzen in Franken und der Fürstung der Zollern besteht eine Affinität.8 Ähnlich den Schutzbestimmungen in den Urkunden für die unter der Reichsvogtei stehenden Zisterzen sollte 1 Den jüngst behandelten Problemen kann hier nicht weiter nachgegangen werden. Die Forschungspositionen markieren: E. Pitz,Ratsherrschaft (s. u. 324); Hofmann, Nobiles (s. ebd.); Julie Meyer, Patriziat (s. ebd.); Hirschmann (s. o. 167 Anm. 6). 2 Auch persönliche Beziehungen haben mitgewirkt, vgl. P. Schöffel, Nürnberger in Kanzleidiensten Karls IV. (MVGN 32) 1934, 47-68. 3 Überblick: Heimfbl (s. u. 324).

4 Zusammenfassend: Schultheiss, Achtbüeher (s. u. 267) * -35 ;30 HAB NürnbergFürth (Η. H. Hofmann) 26-31 u. 51-74; Schultheiss, Satzungsbücher (s. u. 267) 1965. Dazu als Vorstudie: Ders., Weistum(s. u. 324). ’ Borst (s. u. 324) bes. 36 ff., 65 ff. 6 Dazu: Hofmann, Freibauern, hier bes. 297 Anm. 274. 7 Mon. Zollerana 4, 1-8 nrr. 1 u. 2. 8 Hofmann, Freibauern 307 ff.

§ jp. Die Reichs- und Hausmachtpolitik Kaiser Karls IV. in Franken (A. Gerlich)

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für die Nürnberger Burggrafen mit dem Fürstenprivileg ein Instrument gegeben werden, mit dem sie als Sachwalter und Verbündete des Kronträgers im chaotischen Herrschaftsgewirr Frankens Keimzellen staatlicher Konzentration schaffen konnten. Diesem an Böhmen herangeführten Machtgebilde war eine zeitlang Karl IV. sogar bereit, die kleineren Reichsstädte zu opfern. Besitzkäufe der Zollern und Eigentumserwerb anderer Art, Schutzmaßnahmen in Hinsicht der Freien ließen Menschen und Güter den burggräflichen Gerichten zugeordnet werden.1 Inwieweit die Streugerechtsame der Burggrafschaft in eine flächenhafte Staatlichkeit eingebracht werden konnten, war von 1363 an die wesentliche Frage, die den Zollern in Franken zu lösen aufgetragen war. Karl IV. aber wollte mit der Verleihung der Fürstenwürde nicht nur eine Rangerhöhung aussprechen, sondern eine Funktionsintensivierung erreichen. Die Burggrafen von Nürnberg sollten eine auf Eigenbesitz und Reichsgutgrundlage ruhende, aber mit weiten Kompetenzen ausgestattete Position im Vorfeld des böhmisehen Königreiches erhalten. Zeitweise wurde die Kooperation mit Friedrich V. auch auf den Reichsbesitz in Schwaben und im Elsaß ausgedehnt.1 2 Karl IV. suchte auch dort den Burggrafen von Nürnberg als Helfer einzusetzen. Vielgestaltiger als die Beziehungen des Kaisers zu den Zollern war Karls IV. Bau einer territorialen Verbindung zwischen Prag und Franken.3 Das Unternehmen fand seine Motive im Machtkalkül und persönlichen Erleben: Der Herrscher mußte sich 1346 mühevoll und streckenweise heimlich in den Rheinlanden und in Franken durchschlagen, um wieder nach Wahl und Krönung seine Erblande zu erreichen. Um solchen Erschwernissen für die Zukunft vorzubeugen und eine stets sichere Verbindungslinie zu den rheinischen Kurfürsten in der Hand zu haben, sollte - wie es in einem Lehensbrief für Heidingsfeld vom Neujahrstag 1367 ausgesprochen wird4 eine Kette von Territorien, Städten und Burgen geschaffen werden, die vom Böhmerwald bis an den Mittelrhein reichte. Die ersten und gleich erheblich raumgreifenden Schritte in dieser Richtung gestatteten ihm dynastische Konstellationen und Glücksfälle: Am 4. März 1349 heiratete Karl die Pfalzgräfin Anna, am 1. Mai 1351 löste der König den Pfalzgrafen Ruprecht II. aus der Gefangenschaft beim Kurfürsten von Sachsen, in die dieser als Karls Bundesgenosse während der Kämpfe um den falschen Woldemar geraten war. Der durch die Heirat erworbene Block der Ämter Hartenstein, Auerbach, Velden, Piech und Neidsstein wurde durch Pfandschaften 1351 erweitert; zwei Jahre später wurde gegen ein Darlehen weiterer Besitz dazugeschlagcn (s. u. 179f.). Um schwierigen Problemen des Reichsrechtes bei einigen dieser Stücke aus dem Weg zu gehen, verlieh diese Karl als römischer König an die Krone Böhmen unter formaler, wenn auch nicht gerade kleinlicher, Wahrung der Reichsleheneigenschäft.5 Willebriefe der Kurfürsten folgten 1354/55, der Gesamtkomplex dieser nach1 Ebd. 248 ff. 2J. Becker, Gesch. d. Reichslandvogtei im Elsaß v. ihrer Einrichtung bis zu ihrem Übergang an Frankreich (1273-1648), 1903, 45; Th. Schön, Die Landvögte d. Reiches in Ober- u. Niederschwaben bis 1486 (MIÖG Erg.-Bd. 6) 1901, 280-292, hier 291. 12 HdBG III,

3 Η. H. Hofmann, Karl IV. u. d. polit. Landbrücke v. Prag nach Frankfurt (Zw. Frankfurt u. Prag, hg. vom Collegium Carolinum) 1963, 74· 514 Hofmann (s. Anm. 3) 52. 5 S. Grotefend, Die Erwerbungspolitik Kaiser KarlsIV., 1909,21-33; Hofmann (s. 177

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Franken: C. II. Die Territorialmächte zwischen Bayern und Böhmen (1323-1378)

mals sogenannten neuböhmischen Lande in der Oberpfalz und in Ostfranken wurde der corona regni Bohemiae inkorporiert.1 Schließlich bestätigte er am 3. März 1361 nochmals als Kaiser die von ihm als König vorgenommenen Rechtsakte.2 Mit diesem Vorgehen sicherte Karl IV. die zwar nicht ununterbrochene, aber recht dicht mit eigenen Positionen besetzte Verbindung zwischen dem ebenfalls der Wenzelskrone am 3. und 4. Dezember 1360 inkorporierten Egerland2 und Nürnberg.4 Mit den Privilegierungen der Zollern führte Karl IV. seine Einflußnahme in Franken mit anderen Mitteln weiter westlich und südlich fort. Gleichzeitig mit diesem Ausgriff in den Nürnberger Raum begann die Expansion im Fichtelgebirge. Der Aufbau des burggräflichen Teilgebietes im Gebirge wurde überlagert, auch das Hochstift Bamberg tangiert. Karls Maßnahmen blieben jedoch bescheiden, dem Nürnberger Raum galt in erster Linie seine Initiative. Von dort aus setzte 1358 der große Brückenschlag westwärts ein. Er führte entlang den für das Wirtschaftsleben des Reiches wie die militärische Kontrolle des Großraumes Franken wichtigen Straßen von Nürnberg über Würzburg und das Mainzer Oberstift in das Rhein-Main-Gebiet.5 Stark durchsetzt wurde der Südteil des Würzburger Hochstifts: Markt Bibart, Iphofen, Heidingsfeld und Homburg waren die wichtigsten Orte in diesem Abschnitt, jeder umgeben von einer Anzahl von Burgen.6 Die Kleinterritorien der Grafen von Wertheim und Rieneck wurden ebenfalls in dieses System einbezogen,7 weil sie Flußübergänge beherrschten und von ihnen aus die Hochstifte am Main kontrolliert werden konnten. Schutz und regionale Ergänzungen boten der Landbrücke die Reichsstädte und der Deutschordensbesitz. In das Mainzer Oberstift und die östlichen Teile der Pfalzgrafschäft konnte Karl IV. trotz der Schwächeerscheinungen in beiden Kurstaaten zu Anfang seiner Regierungszeit nicht eindringen. Den verfassungsrechtlichen Dualismus König-Kurfürsten spiegelt diese unregelmäßige Streuung der böhmischen Positionen in Franken. Im Gefüge der Landbrücke Karls IV. stellte das Hochstift Bamberg das dritte Eiement von hervorstechender Bedeutung dar. Anfang November 1347 huldigte Bischof Friedrich I. von Hohenlohe, das Hochstift erhielt mit dem privilegium de non evocando eine zusätzliche Festigung seiner Eigenstaatlichkeit; als päpstlicher Bevollmächtigter für die Rekonziliation von Anhängern Kaiser Ludwigs trug der Bamberger BiAnm. 3) 52 ff. - Über den Begriff des «böhmischen Lehens» vgl. H. Liebmann, Franken u. Böhmen. Ein Stück deutscher Rechtsgesch., 1934, 80 ff. sowie bes. H. Hofmann, «Böhmisch Lehen vom Reich». Karl IV. u. d. deutschen Lehen d. KroneBöhmens (Bohemia, Jb. d.Coll. Carolinum 2) 1961, 112-124. 1 H. Sanman-v. Bülow, Die Inkorporationen Karls IV. Ein Beitr. z. Gesch. d. Staatseinheitsgedankens im späteren MA, 1942, 51 ff.; W. D. Farrz, Kurfürstl. Willebriefe aus d. Jahren 1348-1358 (DA 23) 1967, 171-187. Zum Begriff «Neuböhmen» Hofmann (s. o. 177 Anm. 3) 71 Anm. 15.

2 Winkelmann (Hg.), Acta imperii inedita, II 1885, 553 nr. 867. 3 Sanman-v. Bülow (s. Anm. 1) 52. 4 Zur wirtschaftl. Bedeutung von Oberpf. Ostfranken s. u. § 156. 5 Hofmann (s. o. 177 Anm. 3) 53 mit Karte zwischen 64 u. 6$. 6 Gbotefend (s. o. 177 Anm. 5) 54-60. 7 Vgl. HAB Karlstadt (E. Riedenaueb) 33. Nicht angewandt auf diese entfernter liegenden Besitzpartikel westlich von Nürnberg wurde das Institut der Inkorporation: vgl. dazu Sanman-v. Bülow (s. o. Anm. 1) 52.

§ 1Q. Die Reichs- und Hausmachtpolitik Kaiser Karls IV. in Franken (A. Gerlich)

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schof dazu bei, die dynastisch und kirchenpolitisch bedingten Gegensätze zu beseitigen. Die Finanzlage des Hochstiftes besserte sich fühlbar; die Eingriffskompetenz der Zollern auf Grund der alten Judenschulden wurden verringert.1 Lupoid III. von Bebenburg hat die Territorialpolitik seiner Vorgänger fortgeführt, seine Erhebung war das Werk der mit Karl IV. liierten Bamberger Domherren. Das Kerngebiet des Bistumslandes an Regnitz und Obermain blieb zwar außerhalb der böhmischen Erwerbszonen, aber im Bereich des Pegnitzlandes mußte Lupoid von Bebenburg erhebliehe Verzichte zugunsten des böhmischen Königs leisten.1 2 Diese standen wohl in Zusammenhang mit Lupolds Ernennung und auch mit den Übereinkünften zwischen Karl IV. und den Wittelsbachem. Es mochte scheinen, als ob die Gebiete wieder den bayerischen Herzögen entgleiten sollten, in denen sie als Erben Konradins Raum gegriffen hatten und damals Ottokar Π. zuvorgekommen waren. Das Bamberger Hochstift erfüllte in Karls IV. Zeit die Aufgabe, den böhmischen Ausgriff nach Franken zu sichern und im Blick auf Thüringen als Stabilisierungsfaktor zu wirken. Den Wünsehen des Kaisers konnten bei Neubesetzungen des Bischofsstuhles die Domherren keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzen.3 Bistum und Hochstift waren fest dem böhmischen Kraftfeld angeschlossen; zeitweise war es sogar wahrscheinlich, daß Bamberg Suffragan des 1344 zum Erzbistum erhobenen Prag würde.45 Auch in rechtsgeschichtlicher Hinsicht muß Karls IV. Herrschaftsaufbau in Franken betrachtet werden. Wie überall durchsetzte das Geldwesen das vordem jahrhundertelang agrarisch strukturierte Lehensrecht.’ Böhmens reiche Edelmetallvorkommen ermöglichten die Vergabe von Geldlehen, Zinsen und Renten. Karl hat auch als Herr eines früh institutionalisierten Staatswesens versucht, die alten Leitbilder ministerialischer Pflichten, die zugunsten des Lehensträgers abgebaut und auf das Offnungsrecht6 konzentriert worden waren, durch amtsrechtliche Vorschriften zu ersetzen? Der locker gebaute westliche Teil der Landbrücke zwischen dem Nürnberger Raum und dem Mittelrheingebiet unterscheidet sich wesentlich von der massiven «Brückenauffahrt» im ostfränkischen-oberpfälzischen Neuböhmen, wo kompakte Ämter zusammengeschlossen waren. Im Westen konnte nicht mehr erreicht werden als der Bau von Pfeilern. Östlich von Nürnberg aber tauchten in den fünfziger und sechziger Jahren die Umrisse eines Staatsgebildes auf, das in Franken zur Vormacht aufgestiegen wäre, hätte sich auf dem Erbwege die Vereinigung mit den Zollernterritorien verwirklichen lassen. Den sinnfälligsten Ausdruck fand Karls IV. Vorrang1 v. Guttenberg I 213 ff. 2 Vgl. v. Guttenberg 186 ff.; Ders. I 220; HB II 71 ff., 79 ff. 3 Über diese «Prälatenschübe» als Element der Reichspolitik vgl. F. Vigener, Kaiser Karl IV. u. der Mainzer Bistumsstreit (Westdt. Zschr. f. Gesch. u. Kunst, Erg.-H. 14) 1908, 18-149; A. Geruch, Die Anfänge d. großen abendländ. Schismas u.d. Mainzer Bistumsstreit (Hess. Jb. f. LG 6) 1956, 27-76, bes. 27 ff. 4 v. Guttenberg I 224. 5 Die Bedeutung des Lehensrechtes im Terriia·

torialstaat muß noch eingehender erforscht werden. Über die meist um die Mitte des ij.Jhs. abschließenden Darstellungen geht wegweisend hinaus: E. Klbbel, Territorialstaat u. Lehen (VF 5) 195-228. Vgl. auch Hofmann (s. o. 177 Anm. 3) 66 ff. 6 Richtungweisend Pfeiffer, Offenhäuser (s. u. 324) 153-179. 7 Indiz sind Belehnungen «in Amtmannsweise», auf die Hofmann (s. o. 177 Anm. 3) 66 hingewiesen hat.

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Franken: C. II. Die Territorialmächte zwischen Bayern und Böhmen (1323-1378)

und Herrschaftsstreben in den zur Krone Böhmen gezogenen «Landen in Franken und Bayern» in dem vom Kaiser um 1360 zu Lauf an der Pegnitz erbauten Wappensaal.1 Begünstigt wurde Karls IV. Machtaufbau durch die Volksgeschichte: Die Züge des Schwarzen Todes hatten Franken zunächst nicht erfaßt,2 belasteten die böhmischen Stellungen nicht durch Verluste an Menschen, besteuerbarer Wirtschaftsleistung und militärisch nutzbarer Kraft. Erst das letzte Viertel des vierzehnten Jahrhunderts brachte die Nivellierung im Verhältnis zu den anderen Reichsteilen. 1 Schwemmes-Kraft, Kaiser Karls IV. Burg u. Wappensaal zu Lauf, 1960. Zu den personalgeschichtlichen Aspekten der Verwendung böhmischer Dienstmannen in Ostfranken und deutscher in Böhmen zusammenfassend Hofmann (s. o. 177 Anm. 3).

2 Die Einzelheiten der Bevölkerungsgesch. müssen noch näher herausgestellt werden. Grundlegend: Lütgb (s. o. 167 Anm. 7) 161 bis 213. Anregend für Ufr. H. Hoffmann, Die Würzburger Judenverfolgung v. 1349 (Mainfr. Jb. 5) 1953,91114‫·־‬

III FRANKEN IM RINGEN DER HÄUSER LUXEMBURG

UND WITTELSBACH. DER AUFSTIEG DER ZOLLERN

§20. DER SCHWUND DER KÖNIGSMACHT UM DIE WENDE VOM 14. ZUM 15. JAHRHUNDERT

Babthgen (GGI) 514 ff.; Straub (HB II) 185-268 (Lit.); Zimmermann (s. u. 267) 228 ff; H. Wngel, Männer um König Wenzel (DA 5) 1942,112-177; A. Geruch, Habsburg-Luxemburg-Wittelsbach im Kampf um d. deutsche Königskrone. Studien z. Vorgesch. d. Königtums Ruprechts v. d. Pfalz, 1960; E. Reck, Reichs- u. Territorialpolitik Ruprechts v. d. Pfalz (1400-1410), Diss. Masch. Heidelberg 1950.

Während der Regierungszeiten der Könige Wenzel und Ruprecht trat der Kampf um die Krone in ein neues Stadium. Das abendländische Schisma und der Aufstieg Burgunds stellten überschwere Aufgaben. Wenzel erbte eine der stattlichsten Hausmächte in Europa, vom Regierungswechsel des Jahres 1378 an und besonders nach dem Herrschaftsantritt des Pfalzgrafen Ruprecht II. am 6. Januar 1390 war dann jedoch der König der immer schärferen Rivalität der Wittelsbacher ausgesetzt. Die WiederherStellung des wittelsbachischen Königtums wurde auf dem Wege über eine Sammlung der geistlichen Kurfürstengruppe betrieben. Die Initiative der Habsburger im Reich blieb vergleichsweise schwach und konzentrierte sich stärker auf die Hausmachtkonsolidierung. Im Reich entluden sich die lange aufgestauten Antipathien zwischen Städten und Fürsten in einem Krieg, auf dessen Verlauf der König nicht mehr mit nennenswerter Eigenkraft einwirken konnte. Franken war Schauplatz der dem Krieg vorausgehenden Ausgleichsversuche, vom Kampfgeschehen selbst blieb es im wesentliehen verschont. Nürnberg neigte als Anführerin der fränkischen Reichsstädte mehr dem Ausgleich als einem radikalen Austrag des Streites zu. Zwar waren die geistlichen Reichsfürsten gegenüber den Städten in den Hochstiften, allen voran Würzburg, stets mißtrauisch und standen wie die Burggrafen von Nürnberg oder die Landgrafen von Leuchtenberg, die zeitweise in jenem Spannungsgefüge als Kommissare des Königs zu wirken versuchten, stets zur Herrenpartei, nirgends gab es hier jedoch Fürsten von gleich harter Städtefeindlichkeit, wie etwa der Graf von Württemberg und Pfalzgraf Ruprecht II. Mit den Stallungen von Heidelberg und Mergentheim versuchte man am 26. Juli 1384 und 5. November 1387, den offenen Kampf zu vermeiden.1 Mit dem Bamberger Bischof und dem Landgrafen von Leuchtenberg traten die 1 RTA 1,438-448 nr. 246 u. 588-595 nr. 324. Dazu H. Weigel, König Wenzels pcrsönl. Politik (DA 7) 1944, 133-199■

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Franken: C. III. Im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern

Herren von Hohenlohe und Deutschmeister Siegfried von Venningen auf der Herrenseite, als einer der Städteboten der Rothenburger Bürgermeister Heinrich Topler hervor. Ihre Vermittlungsversuche scheiterten jedoch. Unter Lamprecht von Brunn, zeitweise Wenzels Kanzler, rückte das Bamberger Hochstift in ähnlicher Weise vom umfangmäßig wie innerlich geschwächten Neuböhmen ab wie die Burggrafschaft Nürnberg. Auch der Bischof von Würzburg ging seine eigenen Wege. Infolge dieser Divergenz von Entwicklungen konnte Franken nicht zum Zentrum einer Opposition gegen den König werden, wohl aber wurden die im Großraum zwischen Main, Neckar und Donau beheimateten Mächte anfällig für die Agitation der Kurfürsten am Rhein. In den miteinander verfilzten Streitigkeiten zwischen den Reichsstädten und deren landsässigen Schwestern auf der einen, den Zollern, dem Würzburger Bischof und dem Pfalzgrafen Stephan auf der anderen Seite, auch in Rivalitäten der Landgerichte Nürnberg, Rothenburg und Würzburg konnten die landschaftlichen Kräfte selbst keinen Ausgleich finden. So gespannt die Beziehungen im einzelnen waren, jeder Interventionsversuch des Königs begegnete Mißtrauen und Eifersucht. Die Anlässe und Entscheidungen im militärisch zugunsten der Fürsten endenden Städtekrieg der Jahre 1387/88 lagen außerhalb Frankens; Feldzüge und Wirtschaftskämpfe wirkten allerdings auch hier in einzelnen Regionen schädlich.1 Als Ergebnis zähen Feilschens wurde am 5. Mai 1389 der Landfrieden von Eger formuliert? Wenzels Friedenspläne wurden in Franken gut aufgenommen und weckten mancherlei Hoffnungen? Hausmachtaufgaben in Böhmen und Ungarn aber lähmten die Initiativen des Königs, die inkonsequent in den Methoden und eigentümlieh stoßhaft, von meist langen Intervallen der Abwesenheit unterbrochen wurden. In Franken selbst überwogen partikuläre Tendenzen die Möglichkeiten politischer Zusammenschlüsse. Die Reichspolitik der fränkischen Fürsten und Herren wurde erst 1394 wieder stärker belebt, als am 8. Mai Markgraf Jost von Mähren den König in Böhmen gefangennahm und nach Österreich bringen ließ. Die Pfalzgrafen, die Zollern, alle Hochstiftsherren des Großraumes sowie die Grafen von Öttingen und Wertheim traten in Nürnberg1*34 in Verbindung mit den rheinischen Kurfürsten und dem Markgrafen Wilhelm von Meißen. Sie alle waren mit dem König unzufrieden, wollten ihn aber nicht zum Spielball der böhmischen Parteien werden lassen. Borziwoi von Swinar als Pfleger von Auerbach, Ruprecht III. von der Pfalz und Burggraf Friedrich V. von Nürnberg waren die agilsten Unterhändler. Pfalzgraf Ruprecht II. erklärte sich zum Reichsvikar.5 Am Mittelrhein und in Franken bereitete man sich auf eine bewaffnete Intervention in Böhmen vor. Ehe es aber dazu kam, lenkte Jost in den Budweiser Verhandlungen mit Ruprecht III. ein und gab den König wieder frei? An den Ausgleichsbemühungen zwischen Wenzel und Jost beteiligten 1 Th. Lindner, Gesch. d. Deutschen Reiches unter König Wenzel IL, 1880, 8 ff. Für die südliehen Teile Frankens Pfeiffer, Weißenburg (s. u. 324). 1 RTA 2, 157-172 nrr. 72-74. 3 Weigel (s. ο. 181 Anm. 1) 137 ff., 141 f.( 161 f., 181 ff., 185 f. u. 189 ff.

4 Zur Konferenz dort Ende Mai vgl. GerLICH (s. Ο. 181) 23. 5 RTA 2, 389-391 nr. 222. 6 Geruch (s. ο. 181) 24-48.

§ 20. Der Schwund der Königsmacht (A. Gerlich)

183

sich neben dem Ingolstädter Herzog die Zollern und der Bamberger Bischof. Eine den fränkischen Pluralismus überbrückende Tendenz erwuchs aus diesen Vorgängen nicht. Durch die neue Verschärfung des Gegensatzes zwischen den rheinischen Kurfürsten und König Wenzel vom Frühjahr 1397 an geriet Franken in eine prekäre Zwischenlage.1 Pfalzgraf Ruprecht III. wurde zum Anführer einer Oppositionsgruppe, als deren eigentlicher Einpeitscher von damals an der Mainzer Erzbischof Johann Π. von Nassau agierte. Borziwoi von Swinar und der Bamberger Bischof, wohl auch ein Teil der Herren von Hohenlohe und der Grafen von Ottingen, standen zu Wenzel. Zwischen den Lagern lavierten Gerhard von Schwarzburg in Würzburg und die Zollern. Als Wenzel im September 1397 endlich aus Böhmen kam, bildeten die Territorien des Bamberger Hochstifts, der Burggrafschaft Nürnberg und der Landgrafschaft Leuchtenberg die Basis seines Wirkens; zu ihm hielten auch die Reichsstädte in Franken.1 2 Im Streit Gerhards von Schwarzburg mit der Bürgerschaft von Würzburg und den Städten im Hochstift trieb Wenzel eine würdelose Schaukelpolitik.3 Er nahm die Hochstiftsstädte in seinen Schutz und unterstellte sie der Vogtei des Borziwoi von Swinar. Die Maßnahme erinnert an Karls IV. Auftreten am Main. Für den Augenblick heimste Wenzel regionale Vorteile ein. Von echter Revindikation, einem Wiedererstarken der böhmischen Position in Franken oder auch nur nachhaltigem Einfluß auf das sich ausbildende Territorialsystem am Main konnte aber keine Rede mehr sein. Mit dem 1398/99 aufscheinenden Projekt einer königlichen Sequesterverwaltung des Würzburger Hochstifts4 wird deutlich, daß Wenzel versuchte, in Franken den Kurfürsten entgegenzutreten; deren Einung selbst aber konnte er nicht mehr sprengen. Den Rückweg vom letzten Aufenthalt in Deutschland nach Böhmen nahm Wenzel im Spätsommer 1398 von Forchheim nach Eger. Der König umging die Territorien seiner Widersacher, unter denen am Rhein wie in Franken Ruprecht III. von der Pfalz hervorragte. Sachwalter des Hauses Wittelsbach wurde in der Oberpfalz nach Ruprecht Pipans Tod am 25. Januar 1397 dessen jüngerer Bruder Ludwig III., der zum Gehilfen seines Vaters wie in den großen Anliegen der Reichspolitik’ so auch in den Fragen der territorialen Position im Grenzraum zwischen Franken und Böhmen emporstieg. In den Zollernlanden brachten Regierungswechsel und Hausteilung des Jahres 1397 die politische Differenzierung: Burggraf Johann III. suchte als Herr des Bayreuther Gebiets bis zu seinem Tod 1420 Anlehnung an Böhmen, Friedrieh VI. richtete sich vom weniger bedeutenden «niederländischen» Gebiet während des nächsten Jahrzehnts auf die Kooperation mit den rheinischen Wittelsbachem ein.6 1 Ebd. 106-129. 2 Vgl. RTA2,484-485 nr. 302 u. 486nr. 303. 3 Geruch (s. ο. 181) 173-219; zu Wenzels Absichten im Blick auf die Hochstifte am Main vgl. RTA 3, 51 nr. 21 Art. 5. Über die Gesamtentwicklung: H. Heimpel, Aus d. Vorgesch. d. Königtums Ruprechts v. d. Pfalz (Von Land u. Kultur. Festschr. R. Kötzschke) 1937, 170-183. 4 Wendehorst II 107.

’ W. Holtzmann, Die englische Heirat Pfalzgraf Ludwigs III. (ZGO NF 43) 1930, 1-38; L. Petry, Das polit. Kräftespiel im pfälz. Raum vom Interregnum bis z. franz. Revolution (Rhein. Vjbll. 20) 1955, 83. 6 Über dessen Stellung: Engel (s. u. 296 Anm. 8) 64 ff.; Endres, Geleitstraßen (s. u. 295) 107 ff. Dazu allgemein Geruch (s. ο. 181) 274 ff. Zur Konstellation im bayerischen

184 Franken: C. III. Im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern

Der in Bamberg Ende 1398 erhobene Graf Albrecht von Wertheim schloß sich der Kurfürstenopposition an, zwei Jahre später trat in Würzburg Johann I. von Eggloffstein bald nach der Wahl in enge Beziehungen zu Ruprecht.1 Als die rheinischen Kurfürsten im August 1400 mit dem Pfalzgrafen Ruprecht einen der ihren zum König erhoben, war diesem Franken insgesamt noch nicht sicher, er besaß aber von Anfang an auch hier Anhänger. Ruprechts von der Pfalz Königtum war zum Scheitern verurteilt, weil die Hausmachtbasis zu schmal und die Einkünfte aus dieser wie auch aus den restlichen Reichsgutkomplexen zu gering waren.2 Die Aufgaben überstiegen die Kräfte, im Marbacher Bund von 1405 bezogen fast alle Territorialanrainer Stellung gegen den Kronträger. Wenzel war in Böhmen erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt, blieb aber von Deutschland aus faktisch unangreifbar. Franken stand zunächst in Gefahr, Kriegsschauplatz im Kampf um das Reich zu werden. Infolge der Beanspruchungen beider Rivalen in weit auseinanderliegenden Ländern kam es jedoch nicht zum Zusammenstoß, sieht man von Scharmützeln im oberpfälzisch-ostfränkisehen Übergangsgebiet ab. Dies war wohl hauptsächlich Folge der von den Zollern betriebenen Politik nach beiden Seiten hin, durch die ein Waffengang vermieden wurde. Der wichtigste Exponent böhmischer Politik in Franken, Borziwoi von Swinar, blieb auf sich allein gestellt, wurde aus dem Würzburger Hochstift verdrängt und in seiner Auerbacher Pflegschaft zemiert. Die Anerkennung Ruprechts von der Pfalz in Franken vollzog sich in einer langen und unregelmäßigen Reihe von Akten. Zu den von Anfang an im Gefolge des Wittelsbachers stehenden Mächten zählte der Deutsche Orden. Dessen Streuterritorium hatte vielfach Kontakt mit pfälzischen Ämtern; als Ruprecht nach der Krönung am 6. Januar 1401 nach Nürnberg zog, konnte er die Ordenspositionen im westlichen Franken nutzen. In Nürnberg ließ sich der Rat zunächst alle Privilegien bestätigen, ehe man nach sorgfältigem Kalkül aller Gefahren Ruprecht huldigte und erst am 27. Januar 1401 die Gehorsamsaufkündigung an Wenzel abschickte. Rücksichtnahmen auf die politische Konstellation in der territorialen Umwelt, besonders auf die Parteinahme des Burggrafen Friedrich VI., mögen den Ausschlag gegeben haben.’ Der Bamberger Bischof schloß daraufhin am 13. Februar 1401 mit Ruprecht ein Bündnis gegen Wenzel.4 Dem Eichstätter Bischof erteilte der König während des Nürnberger Hoftages die Regalien.’ Auch mit den Marschällen von Pappenheim nahm damals Ruprecht Verbindung auf. Der neue König konnte die Reichsstände zwischen Donau und Fichtelgebirge in seine Gefolgschaft einordnen. Die Reste des neuböhmischen Staatsgebildes Karls IV. wurden fast gänzlich beseitigt. Die Beteiligung an den Aufgeboten für den 1401/02 unternommenen Italienzug blieb in Franken verhältnismäßig bescheiden. Zu nennen sind Burggraf Friedrich VI. Zweig des Hauses Wittelsbach 1399/1400 Th. Straub, Herzog Ludwig d. Bärtige v. BayernIngolstadt u. seine Beziehungen zu Frankreich in d. Zeit v. 1391-141S, 1965, 18 ff.; Ders. (HB Π) 216 fT. 1 v. Guttenberg 1242; Wendehorst II129. 2 W. Zorn, Anm. zu Reichspol. u. Wirt-

Schaftskraft z. Zt. Kg. Ruprechts (Speculum Historiale. Festschr. J. Spörl) 1965, 486-490. ’ RTA 4, 284-293 nrr. 243-248. 4 RTA 4, 329 nr. 381; v. Guttenberg I 242. ’ Klebel (s. u. 275) 34J ff■; Volkert, HB II 543 f-

§ 20. Der Schwund der Königsmacht (A. Gerlich)

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von Nürnberg und Herzog Ludwig VII. von Ingolstadt,1 das Gros bildete der weithin aufgabenlose Niederadel. Die Finanzierung des Unternehmens stand von vomeherein auf schwachen Füßen.2 - Schon wenige Monate nach Ruprechts Rückkehr aus Italien lief die auf den Marbacher Bund zielende Entwicklung in Süddeutschland an. Der Mainzer Erzbischof schaltete sich im Winter 1402/03 in das Spiel fränkischer Kräfte mit Abmachungen in Würzburg und Eichstätt sowie mit den Grafen von Öttingen und den Burggrafen von Nürnberg ein. Ziel seiner Interventionen war die Neutralisierung der fränkischen Großen in einer Auseinandersetzung zwischen König und Kurfürst. Dank der Interessendivergenz der Marbacher Vertragspartner konnte Ruprecht die Krise seines Königtums meistem. Wie anderwärts arbeitete man am Heidelberger Hof mit partikulären Absprachen dem Mainzer Einkreisungsplan entgegen, in Franken waren zudem in subsidiärer Funktion vom Sommer 1403 an Landfrieden nützlich. Helfer des Königs waren vor allem Friedrich Schenk von Limpurg und der Zoller Friedrich VI. Rothenburgs Abweisung der Ansprüche des kaiserlichen Landgerichts Nürnberg, verknüpft mit dem Beitritt der Reichsstadt zum Marbacher Bund und Anlehnungsversuchen an Böhmen zeigen zwar die ganze Kompliziertheit der Verhältnisse, konnten aber nicht Ruprechts Herrschaft in Frage stellen. Bürgermeister Heinrich Topler büßte diese merkwürdige Eskapade reichsstädtischer Politik mit Niederlage und Hinrichtung. Die aufsässige Reichsstadt niedergezwungen zu haben, war nicht das Verdienst des Königs? Gemeinsamkeiten fürstlichen Standesbewußtseins ließen unter burggräflicher Führung ein Heer aus den drei fränkischen Hochstiften, aus Bayern und sogar aus Meißen zum Erfolg gelangen. Gleichsam als Kadenz der Regierungszeit Ruprechts von der Pfalz in Franken wirkt die für das Zollemhaus zukunftsträchtige Wendung in der Politik des Burggrafen Friedrieh VI. Ihn hatte die Rothenburger Fehde in größte Geldnot gestürzt; seinem königliehen Schwager stand er zunächst noch als Rat und Vermittler in den komplizierten Beziehungen des Reichsoberhauptes zu den Reichsgliedem zur Verfügung. Neimenswerte Mehreinkünfte aber konnte ihm Ruprecht nicht bieten. Angeblich soll Friedrieh bereits erwogen haben, die eigene Hofhaltung aufzulösen und zum Bruder nach Kulmbach zu übersiedeln. In dieser Situation holte ihn der andere Schwager, Sigismund von Ungarn, an seinen Hof. Die zollerischen Niederlande empfahl Friedrich Ruprechts Schutz. Am Gesamtzustand schien sich nichts geändert zu haben. Doch schon ein Jahr später starb Ruprecht. Im Reich begannen die Wahlverhandlungen, bei denen Friedrich als Gesandter des Ungamkönigs in den Vordergrund trat. Sigismund und Jost vonMähren waren die Kandidaten der Kurfürstengruppen, nach demTod des ,RTA 5, 212-219 nr. 168; 242 nr. 181; 229-232 nr. 175, dazu Straub, Hg. Ludwig (s. o. 183 Anm. 6) 30 ff.; Soldpläne RTA 4, 461-470 nrr. 387391‫·־‬ 2 Vgl. Zorn (s. o. 184 Anm. 2) 486. - Die Kontingente RTA 5, 232-237 nr. 176. W. Sehring, Die finanziellen Leistungen d. Reichsstädte unter Ruprecht v. d. Pfalz, Diss. Greifswald 1916.

3 Zum Niedergang des Rothenburger Landgerichts: H. Schreibmüller, Das Rothenburger Landgericht u. sein Achtbuch (Franken in Gesch. u. Namenwelt) 1934, 45-52; Ders., Die Rothenburger «Pfahlbürger» (ebd.) 52 ff.; Mommsen (s. o. 165 Anm. 1) 53 ff. u. Schultheiss, Gerichtsbücher (s. o. 164 Anm 4) 271 ff. - Zu Einzelheiten vgl. auch Hintze (s.u. 295).

186 Franken: C. III. Im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern

Markgrafen vereinten sie dann ihre Stimmen auf den ersteren. Das Reich und mit ihm das bunte Gefüge der fränkischen Territorien traten in einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte. §21. FRANKENS TERRITORIALFÜRSTEN IN DER ZEIT DES KONSTANZER KONZILS UND DER HUSSITENKRIEGE

Baethgen (GG I) 527-554 (Lit.); B. Schmeidler, Das spätere MA v. d. Mitte d. 13. Jhs. bis z. Reformation, Wien 1937 (Nachdr. Darmstadt 1962) 148-161,192-199. Zur geistes- u. sozialgesch. Bedeutung des Hussitismus F. Seibt, Hussitica, 1965; H. Heimpel, Drei Inquisitions-Verfahren aus d. J. 1425,1969 (Lit.). - Weitere allgem. Lit. HB II227 u. 241; F. v. Bezold, König Sigmund u. d. Reichskriege gegen d. Hussiten, 3 Bde., 1872/77; E. Brandenburg, König Sigmund u. Kurfürst Friedrich I. v. Brandenburg 1409-26, 1891; H. Finke, Sigmunds reichsstädt. Politik 1410-1418, Diss. Tübingen 1880; H. Heimpel, Zur Handelspolitik Kaiser Sigmunds (VSWG 23) 1930, 156; 145A. Werminghoff, Die deutschen Reichskriegssteuergesetze v. 1422 u. 1427 u. d. deutsche Kirche, 1916. - Vgl. auch HB I § 36.

Die Rückkehr der Krone an das Haus Luxemburg infolge der Wahlen von 1410/n hätte sich ohne nennenswerte Relevanz zur fränkischen Landesgeschichte vollzogen, wären nicht die Vorzeichen der Kirchenpolitik im Reich von Sigismund anders gesetzt worden als von Ruprecht von der Pfalz. Durch die Erhebung eines dritten Papstes in Pisa am 17. Juni 1409 waren in die Kirche des Abendlandes noch größere Wirren als zuvor eingekehrt. Gegensätze der Obödienz verquickten sich allenthalben mit regionalen Streitigkeiten. In den fränkischen Reichsstädten verschanzten sich die Räte hinter dem Argument, sie verstünden nichts von diesen geistlichen Streitfragen; in Wirklichkeit versuchten sie, einen Neutralitätskurs zu steuern. Anders war die Lage in den Territorien. Ruprecht wollte, entsprechend der Lehrmeinung seiner Heidelberger Theologen,1 das Reich auf die römische Obödienz festlegen.12 Auch darin widerstrebte der Mainzer Kurfürst, jetzt als Haupt der Pisaner in Deutschland, dem König. Die Fürsten nahmen die Kompetenz in Anspruch, die Obödienz ihrer Hintersassen zu bestimmen. Zu den von diesen Vorgängen Betroffenen gehörten alle frönkischen Bischöfe.3 Vom römischen Papst ließ sich der König Vollmacht erteilen, über Pfründen von Pisanern zugunsten eigener Parteigänger zu verfügen. Die weltlichen Gewalten waren ohnehin darauf aus, kirchliche Gerechtsame in den Verband ihrer Territorialherrschaften einzuschmelzen; Vorgänge solcher Art kamen beispielsweise in der Burggrafschaft Nürnberg seit rund einem Jahrhundert vor.4 Angesichts dieser Entwicklungen schlossen die Bischöfe von Bamberg, Würzburg und Eichstätt und deren Domkapitel auf dem Reichstag zu Nürnberg im April 14x0 einen Obödienzvertrag zugunsten des römischen Papsttums? Als dann wenige Monate später Sigismunds 1 G. Ritter, Die Heidelberger Universität, I 1936, 239 ff. u. 256 ff. 2 K. R. Kötzschke, Ruprecht v. d. Pfalz u. d. Konzil zu Pisa, Diss. Leipzig 1889. 3 A. Geruch, Territorium, Bistumsorganisation u. Obödienz (Zschr. f. KG 71) 1961, 46-86, auch für das Folgende.

4 Für die Sprengel der Archidiakonate Kronach, Hollfeld und Nürnberg-Eggolsheim bringt die Einzelnachweise v. GuttenbergWendehorst II. ’ RTA 6, 740 nr. 408.

§21. Die Zeit des Konstanzer Konzils und der Hussitenkriege (A. Cerlich)

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Kandidatur feststand, wechselten die fränkischen Bischöfe sofort zur pisanischen Obödienz über. Ihre Kehrtwendung provozierte Interventionen des Pfalzgrafen Ludwig III. Bis zum Vorabend des Konstanzer Konzils stand der Pfarrklerus unter dem doppelten Druck der Landesherren und der Bischöfe. Erst als während des Konzils die rheinischen Wittelsbacher mit König Sigismund zusammenarbeiteten, hörten diese Wirren in den Gemeinden auf. In Franken, wo sich die Territorien mit den Bistumssprengeln vielfach überschnitten, ging das Obödienzgezänk zu Ende. Die Verbindung des neuen Königs mit Franken war zunächst locker. Stabilisierend im ganzen wirkten die Beziehungen des Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg zu den Pfalzgrafen, die schon die Wahlverhandlungen erleichtert hatten.1 Im Oktober 1410 war Ansbach kurz der Ort, von dem aus Friedrich VI. die Propaganda für Sigismund entfaltete, Nürnberg und Rothenburg wurden als Zentren der Nachrichtenübermittlung genutzt.1 2 Nürnberg erstrebte loyale Beziehungen zu Sigismund, weil die vom König über Venedig verhängte Handelssperre3 das Wirtschaftsleben der Stadt empfindlich schädigen konnte. Die Hochstifte am Main sanken im Wechselspiel der Politik als Partner des Herrschers fühlbar ab. Der Würzburger Bischofsstaat fiel unter dem lang regierenden Johann II. von Brunn wieder in eine Phase der Schwäche.4 Vielleicht noch miserabler waren die Zustände in Bamberg. Die notwendigsten Maßnahmen auf dem Felde der interterritorialen Beziehungen entsprangen der Initiative der Zollern und Wettiner, die so die Verbindungslinien vom Nürnberger Raum nach Thüringen sicherten.5 Infolge der Schwäche der Hochstifte entstanden mannigfache Spannungen. Zollaufschläge in Würzburg wurden mit Boykottvereinbarungen der Nachbarmächte beantwortet. Im Raum Bayreuth-Bamberg verschärften sich Zwiste zwischen Hochstift und Burggrafschaft. Für die geistlichen Gebiete war es ein Glück, daß die Zollern durch die Brandenburger Frage, Fehden mit Ludwig VII. von BayernIngolstadt, Auseinandersetzungen mit der Reichsstadt Nürnberg, vor allem aber durch die Hussiten zu sehr in Atem gehalten wurden, um in Richtung Bamberg und Würzbürg nachhaltiger aktiv werden zu können. König Sigismund hielt sich in Franken erst vier Jahre nach der Wahl auf. In Nümberg verweilte er nur kurz,6 ehe er nach Aachen zur Krönung und dann nach Konstanz zum Konzil zog. Überall, auch mit einem am 30. September 1414 erlassenen Landfrieden, zeigte der Kronträger an, er wolle sich nicht in die zermürbende Kleinarbeit des territorialpolitischen Alltags einlassen, sondern seine Kräfte auf die großen Aufgaben in Reich und Kirche konzentrieren. Den Vorschlägen zur Errichtung eines Städtebundes begegneten die Ratsherren allenthalben mit Mißtrauen. Durch die Begünstigung der Ritterschaft weckte er Animositäten im Kreise der Fürsten. 1 J. Leuschner, Zur Wahlpolitik im Jahre 1410 (DA 11) 1954/55. 506-553. 2 RTA 7, 47 nr. 32; 51 nr. 35; 52 nr. 36; 71 nr. 51. 3 Vgl. H. Klein, Kaiser Sigismunds Handelssperre gegen Venedig u. d. Salzburger AlpenStraße (Beitrr. z. Siedlungs-, Verfassungs- u. Wirtschaftsgesch. v. Salzburg) 1965, 617-^29.

4 Wendehorst II153 ff. 5 v. Guttenberg 1242 ff.; Neukam, Register (s. u. 295); Ders., Geleite (s. u. 295). 6 RTA7,214-217nrr. 151-155. Dazu allgem. A. Μ. Drabek, Reisen u. Reisezeremoniell d. röm.-deutschen Herrscher im Spätmittelalter, Diss. Wien 1964.

j 88 Franken: C. III. Im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern Aufenthalte in Konstanz, die Reise nach Frankreich und England, weitreichende Pläne in Italien ließen die Verbindung des Königtums mit Franken lockerer als je zuvor werden. Symptomatisch ist der Auslauf der Landfriedensinitiative in den zwanziger Jahren. Die Territorialmächte versuchten, durch Verträge und Bünde aller Art ihre Gegensätze zu überbrücken, eine gemeinsame Haltung im Blick auf die Ritterschaft zu finden und der aus Böhmen drohenden Gefahr zu begegnen. Das Zusammenwirken des Königs mit dem Burggrafen führte zum Erwerb der Kurmark Brandenburg durch das Zollemhaus.1 Die 1411 verliehene Hauptmannschaft war verbunden mit Geldabreden, deren Sinn nur erklärlich wird, wenn man das Projekt im Sinne einer Übertragung auch der Kurstimme, die sich Sigismund zunächst noch vorbehielt, interpretiert.1 Auf dem Konstanzer Konzil half Friedrich gemeinsam mit dem Pfalzgrafen Ludwig HL, die durch Johannes (XXIII.) Flucht ausgelösten Wirren zu beheben. Den auf vielen Feldern der Reichspolitik Erfolgreichen belehnte der König am 30. April 1415 mit Markgrafschaft und Kurfürstentum Brandenburg.123 Friedrichs I. von Brandenburg Standeserhöhung kann nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Belohnung gewürdigt werden. Entscheidender sind die Antriebe aus der Hauspolitik. Sie wurde ursprünglich mitgeprägt durch Aufgaben der Reichsgutverwaltung, Königsdienst und Territorialisierungsprozeß gingen wie bei keiner anderen fränkischen Macht ineinander über; die Kontakte mit den Kurfürsten ließen den Wunsch erstarken, in den Kreis dieser vornehmsten Reichsglieder zu gelangen. Symptomatisch für die Absicht, unmittelbaren Einfluß auf die Königswahl, vielleicht einmal die Krone für das eigene Haus zu erlangen, wurde wenig später Friedrichs Intervention in Kursachsen 1423 nach dem Erlöschen der Askanier.4 Seit 1411/15 waren die fränkischen Lande, auf die die Bezeichnung der Markgrafschaft ebenfalls angewandt wurde,5 Glied eines größeren Bezugssystems des Hauses und Gegenstand umfassenderer Verträge und Teilungen. Der finanziell schlecht ausgestattete Burggraf hatte die heruntergekommene und zerrüttete Kurmark übemommen, weil seine Position im Rahmen der Reichsverfassung besser als auf Grund des Privilegs von 1363 wurde. Die fränkischen Lande blieben im Rahmen der Gesamtgeschichte des Zollemhauses zunächst die ertragreicheren und gewichtigeren Teile. Schon Friedrich I. gab hierfür ein Beispiel: Als 1420 sein Bruder Johann III. starb, vereinigte er die auf Grund der Teilung von 1397 getrennten Gebiete wieder und überließ die Regierung der Mark seinen Söhnen unter Vorbehalt der Kurstimme für sich selbst. Der ambivalenten Herrschaftsübung im ersten Jahrfünft nach dem KonStanzer Lehensakt ging die Emanzipation aus der Abhängigkeit von Sigismunds Maßnahmen zur Seite; die abermalige Belehnung vom 14. April 1417 und auch Friedrichs Ernennung zum Reichsvikar am 2. Oktober 1418 waren nicht geeignete Mittel, 1 Hintzb (s. u. 295) 72 ff., 76ff. u. 79; J. Schultze, Die Mark Brandenburg, Π 1961, 223 ff. 2 Über die rechtsgeschichtlichen Aspekte der Besitzänderungen in Brandenburg seit Karl IV. vgl. W. Goez, Der Leihezwang, 1962, 96 Anm. 10, 144 Anm. 22 u. bes. 177 Anm. 30.

3 Mon. Zollerana 7, nr. 1; Schultze (s. o. Anm. 1) ΙΠ 12 ff. 4J. Leuschner, Der Streit um Kursachsen in d. Zeit Kaiser Sigismunds (Festschr. K. G. Hugelmann I) 1959, 315344‫·־‬ 5 Librmann, Goldene Bulle (s. o. 175 Anm. 2) bes. 15.

§ 21. Die Zeit des Konstanzer Konzils und der Hussitenkriege (A. Gerlich)

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den Anlauf dieser neuen Phase in Friedrichs Verhalten zu hemmen. Von 1420 an tritt diese Eigenständigkeit der Zollern profilierter zu Tage. Sie gipfelte in zeitweisem Bündnis mit Polen gegen den von Sigismund begünstigten Deutschen Orden auf Grund des Krakauer Vertrages vom 8. April 1421. Die Hauspolitik selbst behielt auch nach 1415/20 ihren kühl ab wägenden und rechenhaftigen Charakter. Die fränkischen Lande waren mit Brandenburg lediglich von 1411/15 bis 1437 und dann nur nochmals zwischen 1469 und 1486 in einer Hand vereinigt. Alle Entwicklungen in Franken während Sigismunds Regierungszeit wurden überschattet vom Geschehen in Böhmen. Dort war der Streit um die Lehre des Hus in eine kritische Phase getreten. Nach der Hinrichtung des Theologen in Konstanz 1415 brachen Aufstände aus.1 Auch im Reich sympathisierte man mit der neuen Lehre? König Sigismund, seit Wenzels Tod am 16. August 1419 Erbe des böhmischen Reiches, wurde ob seiner Haltung in Konstanz von Utraquisten und Taboriten abgelehnt. Nur mit Mühe konnte er 1420 nach Prag vorstoßen und gekrönt werden. Für Franken wie für alle anderen Regionen in Böhmens Nachbarschaft wuchs die Gefahr, zum Kriegsschauplatz zu werden. Daß nicht die volle Wucht der Hussitenzüge (vgl. u. 191) Franken traf, diese vielmehr in der Hauptsache auf Schlesien und Sachsen zielten, war wohl die Folge der Einschätzung der Lage durch die Anführer. Auch in Böhmen konnte man sich ein Bild vom desolaten Zustand der Hochstifte machen, die wütenden Fehden Herzog Ludwigs des Bärtigen von Ingolstadt mit dem Markgrafen Friedrich I. wurden als eine jede Aktion im Westen hemmendes Geschehen beobachtet.1 23 Die zeitweilige Bündnissuche des Zollern in Polen brachte den Hussiten die Gewähr, daß dieser nicht mehr unbedingter Anhänger Sigismunds war. Der Nürnberger Reichstag im April 1421 offenbarte alle diese Schwierigkeiten, brachte aber den ersten Zusammenschluß antihussitischer Kräfte. Da der König abwesend blieb, schlossen die rheinischen Kurfürsten einen Bund zur Ausrottung der Ketzerei in Böhmen und in ihren Territorien. In den nächsten Wochen traten die Bischöfe von Würzburg und Bamberg sowie die Markgrafen von Meißen bei.4 Im Kern blieb die Koalition eine Mainz-Meißener Angelegenheit infolge der Schwäche der Hochstifte am Main und des Abseitsstehens der Zollern. Der Ring der Hussitengegner in Franken blieb offen. Erst im Sommer des folgenden Jahres trat ein im Blick auf das Ganze bescheidener Wandel ein. Friedrich I. näherte sich der rheinischen Kurfürstengruppe; um ihn wieder fester an sich zu binden, aus den polnischen Beziehungen zu lösen und die Rivalität der Kurfürsten zu kräftigen, ernannte ihn Sigismund am 5. September 1422 zum Hauptmann des Reichsheeres.’ Das Kriegsvorhaben wurde schon an der Basis beeinträchtigt durch die Ingolstädter Fehden. Die Markgrafschaft, die Oberpfalz und die Territorien von Eichstätt, Heideck und Öttingen wurden solange beunruhigt, bis Ludwig VII. gegenüber seinen Münchner Vettern eine Niederlage erlitt, die zeitweise seine Angriffslust lähmte. Sigismunds Initiative erschöpfte sich bei allen jenen 1 Seibt, Hussitica (s. o. 186) 92 ff. 2 Heimpel (s. o. 186); Ders., Stadtadel u. Gelehrsamkeit (Adel u. Kirche, Festschr. G. Tellenbach) 1968, 417-435.

3 v. Guttenberg I 248 ff.; Wbndehohst Π 152 ff; Straub (HB II) 237 ff, 244 u. 252 ff. 4 RTA 8, 28-34 nrr· 28-32. 5 RTA 8, 184 nr. 162.

ipo Franken: C. III. Im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern

Vorkommnissen auf Beschwichtigungsversuche. Durch solche Umstände konnte der Hussitenkampf nicht erfolgreich werden. Die fränkischen Reichsstädte kaschierten ihre Zahlungsunwilligkeit mit Ausflüchten, ihre Räte ließen sich auch nicht mit Sigismunds Bundesprojekt ködern. In den Anschlägen der Kontingente treten die fränkischen Reichsstände insgesamt relativ bescheiden auf; erhebliche Unterschiede ergeben sich zwischen Anforderungen und tatsächlichen Leistungen im Blick auf das Sonderuntemehmen des Entsatzes der Burg Karlstein.1 Wesentliche Truppenkörper stellte nur Markgraf Friedrich I. Das Gros der Streitkräfte aber war ein bunt zusammengewürfelter Haufen, berechnet nach völlig veralteten Rekrutierungsunterlagen und organisiert ohne Kenntnis der damals modernen taktischen Gesichtspunkte der Truppenführung. In Ostfranken, dem selbst innerlich zerrütteten Sammelraum, kam nur etwa ein Neuntel der aus dem Reich erwarteten Truppen an. In Böhmen gelang nicht die Vereinigung mit den meißnischen Kräften; dann verließ der Oberkommandierende plötzlich das Heer, um in Wittenberg in die kursächsische Erbfolgefrage einzugreifen. Aus anderen Erwägungen kehrten auch die Bischöfe von Würzburg und Bamberg aus dem Krieg vorzeitig zurück. Johann II. von Brunn schlug sich mit Bürgerschaft und Domkapitel herum, bis fast ein Jahrzehnt später die Intervention der Kurfürsten von Mainz, Pfalz und Brandenburg sowie des Deutschmeisters zum Kitzinger Vergleich von 1432 führte; da aber die alten Gegensätze nicht überbrückt werden konnten, hielt der latente Kriegszustand am Mittelmain bis zu Johanns II. Tod am 9. Januar 1440 an? Der weitere Verlauf des Hussitenkrieges hat für die fränkische Landesgeschichte kein neues Element gebracht. Seit dem Weggang vom Nürnberger Reichstag im September 1422 hielt sich der König fast nur in Ungarn und in den äußersten Gebieten des Reiches im Südosten auf. Die Zentren des politischen Geschehens lagen außerhalb Frankens am Mittelrhein, am Königshof und in Böhmen. Den Anläufen zur Erneuerung der Kurfürstenfronde mit dem Höhepunkt im Binger Kurverein von 1424, an dem auch Friedrich I. von Brandenburg teilnahm, blieb eine den Ereignissen von 1399/1400 vergleichbare Wirkung in Franken versagt, weil die Zerwürfnisse im Würzburger Raum und die Unruhen in den Ubergangsgebieten nach der Oberpfalz und Bayern hin zuviele Kräfte verzehrten, als daß die dort beheimateten Gewalten hätten Anschluß an ein gegen den König gerichtetes Vertragssystem finden können. Die Spannungen zwischen König und Kurfürsten verringerten sich, dies nicht zuletzt infolge des Ausgleiches zwischen Friedrich I. und Sigismund vom ιό. März 1426, durch den die aus der sächsischen Frage entstandenen Differenzen beseitigt wurden. Die fränkischen Reichsstände versuchten am 15. Januar 1427 durch das Bamberger Manifest3 eine Belebung des Ketzerkrieges. Von jenem Bamberger Tag gingen Impulse aus, die sich mit Sigismunds Plan eines konzentrischen Angriffs auf Böhmen trafen. Alle Anstrengungen aber waren umsonst. Bei Mies und Tachau liefen die ,RTA 8, 156-165 nr. 145; 166 nr. 147; nr. 156/157.

2 Wendehobst II 146-159. 3 RTA 9, n-14 nr. 9.

§ 21. Die Zeit des Konstanzer Konzils und der Hussitenkriege (A. Gerlich)

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deutschen Truppen, unter ihnen wieder Kontingente aus den fränkischen Landen Friedrichs I., davon, ehe der Kampf überhaupt begonnen hatte. Durch die militärische Katastrophe im Sommer 1427 wurden zwar große Projekte geweckt, das erste Reichskriegssteuergesetz mit einer Nürnberger Zentralkasse zeugt davon, am 22. März 1428 wurde der Kurfürst von Brandenburg abermals zum Feldhauptmann bestellt,1 einen Erfolg konnte man auchjetzt nicht erzwingen. Vielmehr drangen die Hussiten wiederholt in die Oberpfalz3 und die Markgrafschaft Bayreuth ein. In den Plänen des Königs und Friedrichs I. traten erhebliche Unterschiede zutage: Der Zoller, die oberpfälzischen Wittelsbacher und der Nürnberger Rat arbeiteten statt auf neue Intervention in Böhmen auf Ausgleichsversuche mit den Hussiten hin. Durch die Konfessionsformalisten wurden die Friedenssondierungen hintertrieben. Immerhin wurde Sigismund von den Kriegsnachrichten so beeindruckt, daß er im Sommer 1430 wieder einmal nach Franken kam. Abermals wurden große Pläne gemacht. Das mühsam zusammengebrachte Heer ergriff aber am 14. August 1431 bei Taus die Flucht. Von damals an gelang es niemand mehr, ein großes Aufgebot im Reich aufzubringen, der Krieg wurde wieder offensiv von den Böhmen geführt. Den Ausgleichsverhandlungen im Verlaufe des Basler Konzils und schließlich den von Sigismund angestrebten Kompaktaten mit den in Böhmen über die Radikalen siegreichen Kalixtinern und Altgläubigen standen Friedrich von Brandenburg und wohl auch die fränkischen Nachbarn wohlwollend gegenüber. Auf den Papst übte der Kurfürst mit der Drohung einer Intervention der Reichsstände Druck aus, den Hussitenvertretem sicherte er das freie Geleit nach Basel zu. Er tat dies, obwohl sein Bayreuther Territorium, dann auch die Mark Brandenburg 1430 und 1432 verheert worden waren. Der Kurfürst, das Hochstift Bamberg und der Nürnberger Stadtrat mußten große Summen als Brandschatzungen zahlen. Doch wurde dank dieser hinhaltenden Taktik Franken, abgesehen von den Grenzregionen, im wesentlichen vom Krieg mit den Böhmen verschont. Den Schlußpunkt dieser Entwicklungen setzten Ereignisse der Jahre 1436/37. Veränderungen in den mittelrheinischen Kurfürstentümern gingen einher mit der Erschütterung der geistlichen Prädominanz im Kolleg. Auf dem Reichstag in Eger sagte Sigismund eine weitere Versammlung in Nürnberg, seiner Geburtsstadt, an; am 9. Dezember 1437 aber ereilte ihn der Tod. Auf den Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg richteten sich eine zeitlang die Nachfolgeerwartungen. Der aber half dazu, daß die in Eger vorbereitete Nachfolge des Habsburgers Albrecht II. Wirklichkeit wurde. Bei alledem handelte Friedrich noch aus den fränkischen Traditionen seines Hauses und eigenen Erfahrungen heraus. Der Verbleib der Krone im Südosten des Reiches wurde zum dauernden Element deutscher Geschichte der Neuzeit. Bestätigt wurde das Hausmachtkönigtum, das zwar mit Franken, Schwaben und den Rheinlanden in einem Geflecht politischer Beziehungen verbunden blieb, in diesem seinem «Reich» aber schon lange keinen territorialen Eigenstand mehr besaß. 1 RTA9,136-138nr. 108;zumVergleichmit der Ernennung vom 5. September 1422 Kerler (s. u. 361) 64, 137 Anm. 2 u. 138 Anm. 1-3.

1Zum Kriegsverlauf vgl. Straub (HB II) 254.

1g2 Franken: C. III. Im Ringen der Häuser Luxemburg und Wittelsbach. Der Aufstieg der Zollern

Die Wahl Albrechts II. in Frankfurt am 18. März 1438 brachte im Blick auf die fränkische Landesgeschichte einen deutlichen Einschnitt: Das Königtum war fortan weder ein in diesem Raum beheimateter noch ein ihm unmittelbar benachbarter Faktor. Fs zog sich auf die österreichische Machtbasis zurück, von der aus eine Politik betrieben wurde, die nicht mehr Positionen im Reich selbst nutzen konnte, sondern auf das mühevolle Geschäft hin angelegt war, Stände aller Rangordnung in Koalitionen zusammenzuhalten, die mehr dem Hause Habsburg als anderen Dynastien zuneigten. Antriebe für das Handeln der Territorialmächte gab aber nicht das Königtum, diese lagen vielmehr in den regionalen Machtgegensätzen begründet. Der Austrag des erneut verschärften Gegensatzes zwischen Fürsten und Städten, das große Problem der Reichsreform, die Frage einer allgemeinen Friedensordnung, die Auseinandersetzung zwischen Papalisten und Konziliaristen in der Kirche, sie alle wirkten zwar auf die fränkischen Territorien und Herrschaften ein, wurden aber nicht von diesen maßgeblich beeinflußt oder gar noch in Lösungsversuchen mitgestaltet. Viel wichtiger als die distanzierten Beziehungen der Herrscher zu den fränkischen Kräften wurden für Albrecht II. und Friedrich III. die Auseinandersetzungen mit den Kurfürsten. Die Türkenabwehr in Ungarn, der Aufstieg Burgunds, das Erstarken der Eidgenossenschaft und das böhmische Königtum Georg Podiebrads beanspruchten die Hilfsmittel in einem derart starken Maße, daß ein Kronträger in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in die fränkischen Konstellationen nicht mehr direkt eingreifen konnte. Symptomatisch ist das Scheitern der Ansätze zur Reichsreform auf den beiden Nürnberger Reichstagen von 1438. Friedrich III. erzielte dort 1444 kein besseres Ergebnis. Für volle siebenundzwanzig Jahre kehrte er dem Reich den Rücken. Ohne daß das Reichsoberhaupt auch nur einen Tag in Franken weilte, traten während dieser Zeit in hartem Ringen die in den beiden vorangegangenen Jahrhunderten gewachsenen Mächte (s. u. 265-348) des Raumes gegeneinander in die Schranken.

IV

VON DER BILDUNG DES FRÄNKISCHEN REICHSKREISES UND DEM BEGINN DER REFORMATION BIS ZUM AUGSBURGER RELIGIONSFRIEDEN 1555

§22. DER FRÄNKISCHE REICHSKREIS. DIE POLITISCHE LAGE

VOR DER REFORMATION Reichskreis. Quellen. F. C. v. Moser, Sammlung d. Hl. Röm. Reichs sämtlicher Crays-Abschiede u. anderer Schlüsse, vom Anfang d. Craysverfassung bis 1600, ‫ נ‬Bde., 1747/48; Zeumer. - Literatur. J.J. Moser, Von d. teutschen Crais-Verfassung, 1773 (unentbehrlich);}. S. Pütter, Literatur d. teutschen Staatsrechts, III 1783; E. Langwerth v. Simmern, Kreisverfassung Maximilians I. u. d. schwäb. Reichskreis in ihrer rechtsgeschichtl. Entwicklung bis 1648, 1896 (fehlende Quellengrundläge, zu sehrjuristisch-dogmatisch); Hartung, Verfassungsgeschichte; R. Fester, Franken u. d. Kreisverfassung (Neujahresbll. 1) 1905 (darin summarisches Inventar der Kreisakten in den einschlägigen Archiven und weitere Forschungshilfen); H. Beck, Gesch. d. fränk. Kreises v. 1500 bis 1533 (AU 48) 1906, 1-186 (wenig ergiebig); Hartung (grundlegend, mit umfangreichem Quellenteil); Η. H. Kaufmann, Der Gedanke fränk. Gemeinschaftsgefühls in Politik u. Gesch. d. fränk. Reichskreises (AU 69) 1931/34, 190-242 (gedankenreich und weiterführend); H. Rössler, Der Fränk. Reichskreis (Rößler) 13-33; Hofmann, Reichskreis (s. u. 231); Ders., Grenzen u. Kernräume in Franken (Hist. Raumforschung 7) 1969; Endres, Zur Gesch. d. fränk. Reichskreises (WDGB11. 29) 1967, 168-183; Stein II 3-16; Meyer, Burggrafschaft Nürnberg (s. u. 295) 99 ff; Dannenbauer bes. Teil II, Kap. 6, 169-207. Reformation. Allgem. Bibliographien, Quellensammlungen, allgemeine Darstellungen vgl. HB II 295. Quellen. Aktenstücke z. ersten Brandenburgischen Kirchenvisitation 1328, hg. v. K. Schornbäum (Einzelarbeiten 10) 1928; H. Dannenbauer, Die Nürnberger Landgeistlichen bis z. 2. Kirchenvisitation 1360/61 (ZBKG 2-4,6-9,25) 1927/56; BayreuthischesPfarrerbuch (s.u. 1458); Ansbachisches Pfarrerbuch (s.ebd.); Die fränk. Bekenntnisse. Eine Vorstufe d. Augsburgischen Konfession, bearb. v. Schmidt-Schornbaum 1930; Simon, KO: Markgrafschaft BrandenburgAnsbach-Kulmbach, Reichsstädte Nürnberg, Rothenburg, Schweinfurt, Weißenburg, Windsheim; Grafschaften Castell, Rieneck u. Wertheim; Herrschaft Thüngen, 1961 (Lit.), Bd. XII Bayern, II. Teil: Schwaben (u. a. Dinkelsbühl), 1963; Quellen z. Nürnberger Reformationsgesch. Von d. Duldung liturgischer Änderungen bis z. Ausübung d. Kirchenregiments durch d. Rat Juni 1324-Juni 1525, bearb. v. G. Pfeiffer (Einzelarbeiten 45) 1968; Nümbergisches Pfarrerbuch (s.u. 1458); Die ev.KO d.XVI. Jhs.,hg. v.E.Sehling, 1. Abt. Sachsen u.Thüringen,nebst angrenzenden Gebieten, I. Hälfte: Die Ordnungen Luthers. Die Emcstinischen u. Albertinischen Gebiete, 1902 (betrifft die Ortslande Franken). Literatur. S. Skalweit, Reich u. Reformation, 1967; Simon; Ders., HAB; Bauerrebs VI; G. Bossert, Beitrr. z. Gesch. d. Reformation in Franken (Theol. Stud. aus Württemberg I) 1880, 173-212, 253-280 und III 1882, 181-198; L. Michel, Der Gang d. Reformation in Franken (Erlanger Abh. 4) 1930 (dazu K. Schornbaumki ZBKG4,1931,44 ff.); Stein II; H. Rössler, Gesch. Frankens (C. Scherzer) 71-110; E. Riedenauer, Reichsritterschaft u. Konfession (Schriften z. Problematik d. deutschen Führungsschichten in d. Neuzeit 2, hg. v. H. Rößler) 1965, 1-63; Hartung. - Markgraftümer: L. Kraussold, Gesch. d. ev. Kirche im ehern. Fürstentum Bayreuth, 13

HdBG III, 1

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Franken: C. IV. Reichskreise und Reformation bis 1555

1860; K. Schornbaum, Die Stellung d. Markgrafen Kasimir v. Brandenburg z. reformator. Bewegung in d. Jahren 1524-1527, 1900; Ders., Zur Politik d. Markgrafen Georg v. Brandenburg vom Beginne seiner selbst. Regierung bis z. Nürnberger Anstand 1528-1532, 1906; J. B. Götz, Die Glaubensspaltung im Gebiet d. Markgrafschaft Ansbach-Kulmbach in d. Jahren 1520-1535 (Erläuterungen u. Erg. zu Janssens Gesch. d. deutschen Volkes V 3, 4) 1907. - Würzburg: J. W. Schornbaum, Reformationsgesch. v. Unterfranken, 1880; Wendehorst, Würzburg. - Barnberg: Looshorn IV; Kist. - Eichstätt: Sax; Buchner; J. G. Suttner, Beitrr. z. Gesch. d. Protestantismus im Bistum Eichstätt (Eichstätter Pastoralbll.) 1869 u. 1870. - Nürnberg: F. Roth, Die Einführung d. Reformation in Nürnberg, 1885; A. Engelhard, Die Reformation in Nümberg (MVGN 33) 1936, 4-258; (34) 1937, 1-402; (36) 1939, 1-84; G. Pfeiffer, Die Reformation in Nürnberg als bekenntniskundl. u. rechtsgeschichtl. Problem (BlldLG 89) 1952, 112-133; Ders., Warum hat Nürnberg die Reformation eingeführt? (Ev. Studienzentrum Heilig Geist) 1967; Pfeiffer, Nürnberg, Gesch. einer europ. Stadt (s. u. 324).

Die territorialpolitische Einheit Franken, die sich unter Rudolf von Habsburg andeutete und die im Landfrieden von 1340 erstmals deutlicher erkennbar war,1 erfuhr im ausgehenden Mittelalter durch das Königtum im Zuge der Reichsreform eine dauernde landschaftliche Zusammenfassung. Am 2. Juli 1500 wurden auf dem Reichstag zu Augsbürg als Kompromiß zwischen Kaiser Maximilian und den Reichsständen unter Führung Berthold von Hennebergs12 sechs Kreise geschaffen: Franken, Schwaben, Bayern, Niederrhein, Westfalen und Niedersachsen, in welchen die Stände der Hauptlande des Alten Reiches vereinigt wurden.3*Zunächst bestand die Aufgabe der Bezirke nur darin, einen Teil der Räte für das dem König aufgezwungene Reichsregiment zu entsenden; sieben Jahre später erhielten die Stände der Kreise das Recht, auch die Beisitzer für das Reichskammergericht zu wählen. Allerdings scheiterte der gleichzeitige Versuch Maximilians, den Kreisen auch die Exekution der Urteile des Reichskammergerichts gegen Landfriedensbrecher zu übertragen. So versagten sie kläglich an der Vollstreckung der Reichsacht an dem aufständischen Reichsritter Franz von Sickingen und später an der Niederschlagung des Bauernaufstandes. Beide Aufgaben übernahm der ständische Schwäbische Bund. Eine weitere Festigung erfuhr die noch junge Institution der Kreise auf dem Reichstag zu Worms 1521 :♦ das Verfahren für die Wahl der Kammergerichtsbeisitzer wurde genau geregelt, die Pflicht zur Ausführung der Urteile des obersten Reichsgerichts festgelegt und die Aufstellung eines Kreishauptmanns angeordnet, der die Kräfte des Kreises gegen Friedensbrecher mobilisieren und führen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Fränkische Kreis - der Name taucht erstmals 1522 auf,5 während die Kreise vorher nur Nummern trugen - auch seine geographische Abgrenzung und räumliche Geschlossenheit weitgehend erlangt, die bis zum Ende des Alten Reiches nur mehr geringfügig geändert wurde. Der Kreis umfaßte das Flußgebiet des mittleren und oberen Mains, mit Ausnahme der kursächsischen Pflege 1 Vgl. Geruch, Landfriedenspolitik (s. o. 161); Angermeier; G. Pfeiffer, Die kgl. Landfriedenseinungen in Franken (VF 14) 1971, 229-254. 2 Vgl. K. S. Bader, Kaiserliche u. ständ. Reformgedanken in d. Reichsreform d. endenden 15. Jh. (HJb. 73) 1954, 7494‫ ;־‬Ders., Ein Staatsmann vom Mittelrhein. Gestalt u. Werk d.

Mainzer Kurfürsten u. Erzb. Berthold v. Henneberg, 1954. 3 Zeumer nr. 177, 297 ff. 1512 wurde die Zahl der Kreise um weitere 4 vermehrt. 4 Ebd. nrr. 183 und 184, 324 ff. 3 «Der Fränckisch Kreyß» in § 5 der Erklärung des Landfriedens, Zeumer 327.

§ 22. Bildung der Fränkischen Reichskreise. Politische Lage (R. Endres)

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Coburg1 und Teilen des Stiftes Fulda um Hammelburg12*sowie der zum Kurfürstentum Mainz gehörigen Gebiete um Aschaffenburg und Miltenberg. Dagegen ragte der Kreis mehrfach über das Einzugsgebiet des Mittel- u. Oberlaufs des Mains hinaus, mit dem Fichtelgebirge, dem Vogtland, dem Bereich der oberen Werra, dem Gebiet der oberen und mittleren Altmühl, mit dem Taubertal und dem Jagst-Kocher-Gebiet. Denn im schwäbisch-fränkischen Grenzraum hielten sich die Grafen von Hohenlohe und die von Wertheim sowie die Schenken von Limpurg zum Fränkischen Kreis, desgleichen seit 1517 der Deutschmeister. Selbst die im Odenwald ansässigen Reichsgrafen von Erbach schlossen sich nicht dem Oberrheinischen sondern dem Fränkisehen Kreis an, da sie sich durch den Mainzer Kurfürsten bedroht sahen. Dafür traten die Reichsstädte Hall, Dinkelsbühl, Wimpfen und Heilbronn - die beiden letzteren waren noch 1517 zum Fränkischen Kreistag eingeladen worden, nahmen aber nur unter Protest teil - zum Schwäbischen Kreis. Der Fränkische Kreis umfaßte somit in der Hauptsache den Bereich der drei Hochstifte (Bamberg, Würzburg, Eichstätt), der beiden zollerischen Fürstentümer (Ansbach, Kulmbach) und der fünf Reichsstädte (Nürnberg, Rothenburg, Windsheim, Schweinfurt, Weißenburg) samt der beiden Reichsdörfer Gochsheim und Sennfeld sowie die in Franken ansässigen Grafen und Herren. Die Ritterschaft hielt sich von Anfang an fern und konstituierte bald ihren eigenen Ritterkreis, der sich nicht mit dem Reichskreis deckte. Mit dem Fränkischen Kreis und seiner geographischen Ausdehnung hatte sich der historische Raumbegriff «Franken» konsolidiert, denn der Kreis schuf in seinen Ordnungsfunktionen eine bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts währende politische, kulturelle und sozioökonomische Schicksalsgemeinschaft, die auch ein echtes fränkisches Gemeinschaftsgefühl erzeugte. Die politische Lage in Franken vor der Reformation war bestimmt von den Gegensätzen der bedeutendsten Mächte. Ansbach und Kulmbach, die sich seit 1495 in der Hand des Markgrafen Friedrich IV. (1486-1536) befanden, standen in heftigem Konflikt mit den wieder erstarkten Würzburger Bischöfen, den «Herzögen von Franken», um die Vorherrschaft in Franken. Dazu kam die traditionelle Rivalität zwischen den Burggrafen und der Reichsstadt Nürnberg, die 1502 sogar anläßlich des KirchweihSchutzes im Weiler Affalterbach zu einer offenen Schlacht ausartete, die mit dem Sieg des jungen Markgrafen Kasimir endete.’ Zwei Jahre später, im Landshuter Erbfolgekrieg, waren die beiden Kontrahenten schon wieder Bundesgenossen im Kampf gegen Ruprecht von der Pfalz.4 Dieser bayerische Erbfolgestreit brachte der Reichsstadt den Gewinn der pfälzischen und bayerischen Ämter Betzenstein-Stierberg, Velden, Hersbruck, Hilpoltstein sowie Lauf und Altdorf. Mit dem Erwerb des größten reichsstädtischen Landgebiets in Deutschland stieg Nürnberg endgültig zu einer der 1 Die Ortslande Coburg kamen zum 1512 geschaffenen Obersächsischen Kreis. 2 Dem Fränkischen Landfrieden von 1340 hatte Fulda angehört, doch bei der Kreiseinteilung schloß sich die Fürstabtei dem Rheinisehen Kreis an.

’ A. Haase, Die Schlacht bei Nürnberg vom 19. Mai 1502, 1887. 4 S. HB II 291 ff.

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Franken: C. IV. Reichskreis und Reformation bis ijjj

führenden Territorialmächte in Franken auf. Das wiederum rief den Neid des benaclibarten Markgrafen hervor, dem die Nürnberger nicht zu Unrecht unterstellten, daß er insgeheim und teilweise sogar unverhüllt die gegen die Reichsstadt gerichteten Fehden von Strauchrittem und Plackem, wie Götz von Berlichingen und Thomas von Absberg, unterstütze, deren wirtschaftliche Schäden nicht unterschätzt werden dürfen.1 Die Verschwendungssucht des «sorglosen Hausvaters» Friedrich, der die beiden Markgraftümer in schwere Schulden stürzte, woran auch seine zahlreichen Kriegszüge teilhatten, brachte seine Söhne, voran den skrupellosen Kasimir, dazu, ihn 1515 auf der Plassenburg einzusperren, angeblich wegen Geisteszerrüttung. Die Regierungsgewalt in Ansbach und Kulmbach lag fortan bei Kasimir, da die anderen Brüder sich zumeist außer Landes befanden; so auch Albrecht, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens und erste Herzog in Preußen?

J23. DIE AUSBREITUNG DER REFORMATION

Die Reformation, die sich sehr schnell zu einer nationalen Bewegung ausweitete und die seit dem Wormser Edikt von 1521 zu einem Prüfstein für die Reichsstände geworden war, begann in Franken offen mit der Besetzung der erledigten Propststellen an den beiden Hauptkirchen Nürnbergs mit Männern aus dem Wittenberger Kreis um Luther. Die Reichsstadt Nürnberg, die zu dieser Zeit ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt erlebte, strebte auch nach Verselbständigung auf kirchlichem Gebiet. So hatte der Rat bereits die Patronatsrechte, die Aufsicht über große Teile des Kirchenvermögens und über die Lebensführung der Geistlichen sowie die Armenfürsorge, das Schqjwesen und die Sittenpolizei in seiner Hand; das landeskirchliche Prinzip war also in Nürnberg schon vor der Reformation weitgehend verwirklicht.123 Geistig vorbereitet wurde die Reformation in Nürnberg besonders durch die «Staupitzgesellschaft»,4 dann «Augustinergesellschaft», einem religiös interessier1 Vgl. Verhandlungen über Thomas von Absberg und seine Fehden gegen den Schwäbisehen Bund 1319 bis 1330, hg. v. J. Baader, (BLVS 114) 1873; J. Kamann, Götz v. Berlichingen u. d. Reichsstadt Nürnberg, 1887; Ders., Die Fehde d. G. v. B. mit d. Reichsstadt Nürnberg u. dem Hochstifte Bamberg 1312 bis 1514, 1893; Endres, Nümberg-Nördlinger Wirtschaftsbez. (s. u. 478). 2 W. Hubatsch, Albrecht v. BrandenburgAnsbach, Deutschordens-Hochmeister u. Herzog in Preußen (Stud. z. Gesch. Preußens 8) 1960; Albrecht v. Brandenburg-Ansbach u. d. Kultur seiner Zeit (Kat. d. Ausstellung im Rhein. Landesmuseum Bonn) 1968, mit zahlreichen Beiträgen. 3 Siehe A. Stahl, Nürnberg vor d. Reformation. Eine Studie z. religiös-geistigen Ent-

wicklung d. Reichsstadt, Diss. Masch. Eriangen 1949; I. Höss, Das religiös-geistige Leben in Nürnberg am Ende d. 15. u. am Ausgang d. 16. Jhs. (Miscellanea Historiae Ecclesiasticae 2) 1967, 17-36. 4Johannes Staupitz, der Generalvikar der Augustinereremiten, weilte mehrfach inNümberg und fand mit seinen Predigten großen Anklang. E. Wolf, Staupitz u. Luther (Quellen u. Forsch, zur Reformationsgesch. 9) 1927. Der Nachfolger von Staupitz wurde Wenzel Linck, der Luther besonders nahestand und seit 152$ in Nürnberg als Prediger der neuen Lehre wirkte. W. Rbindell, Doktor Wenzeslaus Linck aus Colditz 1483-1347, 1892; zuletzt B. Klaus, Veit Dietrich, Leben u. Werk. (Einzelarbeiten 32) 1958, hier 36 f.

§ 23■ Die Ausbreitung der Reformation (R. Endres)

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ten Humanistenkreis, dem die bedeutendsten und führenden Männer der Reichsstadt angehörten: der Ratskonsulent Dr. Christoph Scheuri,1 die Ratsherren Hieronymus Ebner, Kaspar Nützel und Anton Tücher, der Ratsschreiber Lazarus Spengler,1 2 Willibald Pirckheimer,3 Albrecht Dürer4 und andere mehr. «Die Martinianer», wie sie sich bald nach Luther nannten, standen in enger Verbindung mit Wittenberg.5 Kaspar Nützel hatte Luthers 95 Thesen ins Deutsche übertragen, und von Nürnbergs Druckereien aus fanden sie rasche Verbreitung wie auch die anderen Werke Luthers. Bezeichnenderweise waren es neben dem Eichstätter Domherren Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden die beiden Nürnberger Spengler und Pirckheimer, die von Johannes Eck in die bekannte Bannandrohungsbulle «Exurge domine» eingesetzt wurden.6 Die neuemannten Pröpste in Nürnberg beriefen nun entschieden evangelische Prediger an ihre Kirchen: Andreas Osiander7*und Dominikus Schleupner, die bald großen Anhang in der reichsstädtischen Bevölkerung und bei den Teilnehmern der beiden Nürnberger Reichstage 1522/23 und 1524 fanden. Die Reichsstadt Windsheim hatte schon im Jahr 1521 einen evangelischen Prediger angestellt,’ und im Jahr darauf erbat sich Graf Georg von Wertheim von Luther selbst einen Prediger.’ Zur gleichen Zeit genehmigte Dinkelsbühl die evangelische Abendmahlsfeier,10 wie 1524 Schwabach," Coburg und Königsberg im Grabfeld evangelische Gottesdienstordnungen annahmen.12 In Nürnberg wurde erst nach dem Abzug des Reichsregiments am 5. Juni 1524 eine evangelische Gottesdienstordnung eingeführt. Dies brachte zwar den Pröpsten die Suspension durch den Bamberger Bischof ein, doch kümmerte sich niemand darum; sie blieben weiterhin im Amt.13 Auch die Reichsstadt Weißenburg schützte ihren lutherischen Prediger gegen den zuständigen 1 Scheuri, Briefe (s. u. 587 Anm. 6); W. Graf, Doktor Christoph Scheuri v. Nürnberg, 1930. 2 H. v. Schubert, Lazarus Spengler u. d. Reformation in Nürnberg (Quellen u. Forsch, z. Reformationsgesch. 17) 1934. 3 E. Reicke, Willibald Pirckheimers Briefwechsel (Veröffentl. d. Komm. z. Erforschung d. Gesch. d. Ref. u. Gegenref., Humanistenbriefe 4 u. 5) 1940 u. 1956; Will. Pirkheimer 1470/1970, hg. von W.-P.-Kuratorium Nbg., 1970· 4 Vgl. H. Rupprich, Dürers Stellung zu den agnoetischen u. kunstfeindl. Strömungen seiner Zeit (SB München 1) 1959. Die Ausführungen von H. Lutz, Albrecht Dürer in d. Gesch. d. Reformation (HZ 206) 1968, 22-44 können nicht voll überzeugen. 5 Christoph Scheuri war von 1507-1512 Professor in Wittenberg, ehe er als Ratskonsulent nach Nürnberg zurückging. 6 Zur Bannangelegenheit vgl. H. Westermayer, Zur Bannangelegenheit Pirckheimers u. Spenglers (Beitrr. BK 2) 1896, 1-8; K. Schornbaum, Nürnberg u. d. Bulle exurge domine (ZBKG 10) 1935, 91-96.

7 Zuletzt G. Seebass, Das reformatorische Werk d. Andreas Osiander (Einzelarbeiten 44) 1967; Ders., Andreas O. (Fränk. Lebensbilder 1) 1967, 141-161. • J. Bergdolt, Die freie Reichsstadt Windsheim im Zeitalter d. Reformation 1520-1580 (Quellen u. Forsch, z. bayer. KG, hg. v. H. Jordan 5) 1921, 22 ff. ’ F. Kobe, Die Reformation in d. Grafschaft Wertheim, 1922. 10 Ch. Bürckstümmer, Die Gesch. d. Reformation u. Gegenreformation d. ehern, freien Reichsstadt Dinkelsbühl (Sehr. d. Ver. f. Reformationsgesch. 119/120) 1921. 11 H. Clauss, Die Einführung d. Reformation in Schwabach 1521-1530 (Quellen u. Forsch, z. bayer. KG 2, hg. v. H. Jordan) 1917· 12 A. Greiner, Die Einführung d. Reformation in d. Pflege Coburg, 1938; A. Wendehorst, Das Würzburger Landkapitel Coburg z. Zeit d. Reformation (Veröffentl. d. MaxPlanck-Instituts f. Gesch. 13) 1964. 13 G. Seebass, Die Reformation in Nürnberg (MVGN 55) 1967/68, 252-269.

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Bischof von Eichstätt.1 Selbst in den Hochstiften fand die lutherische Lehre rasche Verbreitung, sowohl unter dem Klerus wie unter der Bevölkerung. In Bamberg regierte der Humanistenfreund und Förderer der Künste Georg III. Schenk von Limpurg (1502-22), der sich ernsthaft um Reformen bemühte.12 Er war zwar kein direkter Anhänger Luthers, aber er ging nicht energisch genug gegen die reformatorische Bewegung vor, deren Überzeugungskraft er unterschätzte. Auch sein Nachfolger Weigand von Redwitz (1522-56),3 obwohl Mitglied des Regensburger Bundes, scheute vor scharfen Maßnahmen zurück, wenn er auch gewillt war, der Ausbreitung des Luthertums entgegenzutreten. Doch konnte er nicht einmal die lutherfreundliche Partei in seinem Domkapitel ausschalten. Auch in den Bistümern Würzburg und Eichstatt waren es die humanistisch gebildeten Domherren, die mit zu den frühesten und eifrigsten Anhänger Luthers gehörten.4 Im März 1524 war auf dem dritten Reichstag zu Nürnberg unter dem entscheidenden Einfluß des Nürnberger Stadtschreibers Lazarus Spengler und des ansbachischen Sekretärs Georg Vogler ein Nationalkonzil in Aussicht gestellt worden, auf dem alle anstehenden Religionsfragen geklärt werden sollten. Daraufhin ließen der Markgraf Kasimir von Ansbach-Kulmbach und die fränkischen Reichsstädte, mit Ausnahme von Weißenburg, sowie die Grafen und Herren von Henneberg, Wertheim, Erbach, Limpurg und Schwarzenberg durch theologische Gutachten das in Aussicht genommene Konzil vorbereiten.5 Man strebte ein einheitliches Auftreten des Fränkischen Kreises an, doch konnte auf dem Tag zu Windsheim keine Einigung erzielt werden.6 Nachdem das kaiserliche Verbot des Konzils eine nationale Lösung unmöglich machte, mußte es weiterhin zu territorialen und lokalen Lösungen und Regelungen der religiösen Probleme kommen. Zur Überwindung und Beseitigung von Unklarheiten dienten in erster Linie Religionsgespräche, die an mehreren Orten, in Franken vor allem in Nürnberg im März 1525, stattfanden. Die Wortführer in Nürnberg waren Osiander und der Karmelitenprior Andreas Stoß, ein Sohn des bekannten Bildhauers Veit Stoß.’ Im Anschluß an das Religionsgespräch verbot der Rat den katholischen Gottesdienst und katholische Predigten; Andreas Stoß wurde ausgewiesen. Insgesamt aber vollzog sich überall in Franken der Übergang vom Alten zum Neuen in geordneten Bahnen; es kam zu keinen Bilderstürmereien. Die evangelischen Obrigkeiten zogen das Kirchengut ein und verwendeten es zur Errichtung von Schulen oder im «Großen Kasten» für die Armenfürsorge und Sozialpolitik, wobei Nürnberg 1 K. Ried, Die Durchführung d. Reformation in d. ehern, freien Reichsstadt Weißenbürg i. B., 1915. 2 F. F. Leitschuh, Georg III. Schenk v. Limpurg, 1888. 3 O. Erhard, Die Reformation d. Kirche in Bamberg unter Bischof Weigand 1522-1556, 1898. 4 Der Würzburger Weihbischof Johannes Pettendorfer trat sogar 1525 zur neuen Lehre

über und heiratete in Nürnberg. Vgl. J. Kist, Zur Lebensgesch. d. Würzburger Weihbischofs Johann Pettendorfer, 1512-1525 (WDGBU. 13) 1951, 1950. 1 Teilweise abgedruckt in «Fränk. Bekenntnisse», s. o. 193. 6 Vgl. Hartung. ’ R. Schaffer, Andreas Stoß, Sohn d. Veit Stoß, u. seine gegenreformator. Tätigkeit, 1926.

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mit seiner Almosenordnung von 1522 wiederum als Vorbild wirkte.1 Überall leerten sich die Klöster, lösten sich auf, selbst in den Hochstiften, und stellten der Landesherrschäft ihren Besitz zur Verfügung. Wo dies nicht der Fall war, wurden sie durch das strikte Verbot der Neuaufnahme zum Aussterben verurteilt. Vor allem mehrere Frauenklöster wollten sich der neuen Ordnung nicht beugen, wie Himmelkron im Kulmbachischen oder St. Katharina und besonders St. Klara in Nürnberg, wo die gebildete und tiefreligiöse Äbtissin Charitas Pirckheimer, eine Schwester des Humanisten Willibald Pirckheimer, einen bewundernswerten Kampf gegen den neugläubigen Stadtrat führte, der den Frauen evangelische Prediger und Beichtväter aufzwang.12 Die Reformation, die als Volksbewegung begonnen hatte, gewann sehr schnell an innerer Festigung. Die Obrigkeiten bekannten sich bald offen zur Lehre Luthers und nahmen die vollständige Durchführung der Reformation von oben her in die Hand. Die Reichsritterschaft, die ganz im Bestreben stand, ihre Selbständigkeit und reichsfreie Stellung zu behaupten, sah in der Reformation eine für ihre Politik überaus günstige Möglichkeit. Zum Schutz ihrer Unabhängigkeit gegenüber der vordringenden Fürstenmacht und dem wirtschaftlich florierenden bürgerlichen Städtewesen hatten sich schon einige fränkische Ritter an der Sickingerfehde beteiligt. Doch auf einem Strafzug des Schwäbischen Bundes und Markgraf Kasimirs gegen die aufständischen Adligen im Oberland wurden zahlreiche Burgen eingenommen und zerstört.3 Von dem Zusammenbruch des Ritteraufstandes wurde auch Ulrich von Hutten mitgerissen, der sprachgewaltige Humanist und leidenschaftliche Kämpfer gegen das Papsttum, der auf der engen fränkischen Burg Steckelberg bei Hanau geboren war.4 Nach dem Erscheinen von Luthers großer Reformschrift «An den christlichen Adel deutscher Nation», die weit mehr war als die Übernahme der alten Gravamina, bekannten sich viele Ritter aus echter, tiefer Überzeugung offen zu Luther. Hierzu gehörten in Franken Silvester und Adam von Schaumburg,’ Johann von Schwarzenberg,6 Friedrich von Seinsheim und die Herren von Egloffstein. Auf der Grundlage ihrer Patronatsrechte reformierten sie sogleich auch ihre Untertanen. 1 Abgedruckt bei Simon, KO 23-32; vgl. W. Rüger, Mittelalterl. Almosenwesen. Die Almosenordnungen d. Reichsstadt Nürnberg (Nürnberger Beitrr. zu den Wirtschafts- u. Sozialwissensch. 31) 1932 (hier auch Druck der Ordnung 76-90); R. Endres, Zur Einwohnerzahl u. Bevölkerungsstruktur Nürnbergs im 15./16. Jh. (MVGN 57) 1970. 2 C. Höfler, Der hochberühmten Charitas Pirckheimer ... Denkwürdigkeiten aus d. Reformationszeitalter, 1852; J. Pfänner, Die «Denkwürdigkeiten d. Charitas Pirckheimer» (Charitas Pirckheimer-Quellenslg. II) 1962; Ders., Briefe von, an u. über Charitas Pirckheimer (ebd. III) 1966; Ders., C. P. (Fränk. Lebensbilder 2) 1968, 193-216; J. Kist, Charitas Pirckheimer. Ein Frauenleben im Zeitalter d. Humanismus u. d. Reformation, 1948. 3 Es wurden etwa 20 Burgen gebrochen, die

alle den Helfern des H. Th. v. Absberg und G. Μ. von Rosenberg gehörten. Vgl. Verbandlungen über Thomas v. Absberg u. seine Fehde gegen d. Schwab. Bund 1519 bis 1530, hg. v. J. Baader (BLVS 14) 1873, Neuauflage 1931; R. Fellner, Die fränk. Ritterschaft v. 1495-1524 (Hist. Stud. 50) 1905, hier 284 ff.; E. Bock, Der Schwab. Bund u. seine Verfassungen 1488 bis 1534, 1927. 4 H. Grimm, Ulrich v. Hutten, 1971. ’ Der junge Silvester von Schaumberg hatte schon im Sommer 1520 Luther seinen Schutz angetragen (F. Kipp, Silv. v. Schaumburg, 1911). 6 Vgl. W. Scheel, Johann v. Schwarzenberg, 1905; F. Merzbacher, Schwarzenberg in Würzburg. Diensten (ZRG 69) 1952; H. Rössler, Der starke Hans: Johann von Schwärzenberg (Rößler) 156-165. S. u. 375.

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Doch der Bauernkrieg brachte einen schweren Rückschlag, nicht nur bei den Reichsrittem und in den Reichsstädten, auch die Fürsten und Herren hielten sich nun mehr zurück.

§24. DER BAUERNKRIEG Quellen. H. Barge, Der deutsche Bauernkrieg in zeitgenössischen Quellenzeugnissen, 2 Bde., o. J. (Bd. II behandelt den Aufstand in Franken und im Odenwald); Quellen z. Gesch. d. Bauernkriegs aus Rothenburg an d.Tauber, hg. v.F.L. Baumann (BLVS 139) 1878; Lorenz Fries, Die Gesch. d. Bauem-Krieges in Ostfranken, hg. v. Schäffler-Henner, 2 Bde., 1883. Ergänzungen zur Chronik des L. Fries bringen W. Stolze, Die Supplemente zu Lorenz Fries’ Chronik (Arch. f. Reformationsgesch. 5) 1908, 191-212, und A. Bechtold, Zur Gesch. d. Bauernkriegs. Ein unbekanntes Manuskript v. L. Fries (AU 71) 1937, 162-169; Μ. Cronthal, Die Stadt Würzburg im Bauernkrieg, hg. v. Μ. Wieland, 1887; Quellen zum Bauernkrieg in Bamberg, hg. v. A. Chroust, Chroniken d. Stadt Bamberg (VGffG R. I, Bd. I 2) 1910; G. Franz, Der deutsche Bauernkrieg, Aktenband, 1935; Ders., Quellen z. Gesch. d. Bauernkrieges, 1963. - Literatur. W. Zimmermann, Allgem. Gesch. d. großen Bauernkrieges, 3 Bde., 1843, Neuausgaben 1890, 1933 u. 1939 (mit Kürzungen). Hierzu H. Haussherr, Wilhelm Zimmermann als Geschichtsschreiber d. Bauernkriegs (ZWLG 10) 1951, 166-182; Η. Hantsch, Der deutsche Bauernkrieg, 1925; G. Franz, Der deutsche Bauernkrieg, 1933, 197510 (Lit. auch ungedr. Diss. zu Spezialfragen); H. Buszello, Der deutsche Bauernkrieg v. 1525 als polit. Bewegung (Stud. z. Europ. Gesch., hg. v. Herzfeld-BergesSchulin-Trautz, 8) 1969; W. E. Peuckert, Die große Wende. Das apokalyptische Saeculum u. Luther, 1948; A. Waas, Die große Wendung im deutschen Bauernkrieg (HZ 158/159) 1939; Ders., Die Bauern im Kampf um Gerechtigkeit 1300-1525, 1964; H. W. Bensen, Gesch. d. Bauernkriegs in Ostfranken, 1840; H. Angermeier, Die Vorstellung des gemeinen Mannes von Staat u. Reich (VSWG 53) 1966, 329-343; F. F. Oechsle, Gesch. d. Bauernkrieges in d. schwäb.fränk. Grenzlanden, 1844 (Bensen und Oechsle behandeln fast ausschließlich das Rothenburger und Hohenloher Gebiet); Μ. Heid, Der Bkr. im Reichskreis F., 1873; P. Braun, Der Bkr. in F., 1925; R. v. Thüngen, Der Bkr. in F. unter Conrad III., B. v. Würzburg 1926; R. Krebs, Der Bkr. in F., 1933; A. Scarbath, B. Conrad III. v. Würzburg u. d. Bkr. in F., Diss. Würzburg 1935; W. Engel, Der große Bkr. (Bilder aus d. bayer. Gesch., hg. v. A. Fink) 1953,143-152; R. Endres, Probleme d. Bkrs. im Hochstift Bamberg (JfFL 31) 1971; Ders., Der Bkr. in F. (BlldLG 109) 1973; Bibliogr. (für Franken bes. die nrr. 9, 51, 61, 119-123, 163-170, 186, 387, 389, 417, 423-427).

Der Bauernkrieg, die größte politisch-soziale Massenbewegung in der deutschen Geschichte, von der marxistischen Geschichtsschreibung als Vorbild für klassenbewußte Kämpfe hingestellt,1 beruhte auf unterschiedlichen Entwicklungen und Ursachen, die schon in zahlreichen Unruhen des Spätmittelalters zu erkennen waren. Für Franken sind unter den Vorläufern des Bauernaufstandes die Ereignisse um den Pfeifer von Niklaushausen symptomatisch? Im allgemeinen werden als die eigentlichen Gründe für den Bauernkrieg die neuen Forderungen der Landesherrschaft, die Rezeption des römischen Rechts und die generelle Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Stadt und Land genannt. Durch die reformatorische Bewegung, speziell durch einige mißverstandene Schriften Luthers?

1 Vgl. den Katalog der Berliner Ausstellung «Der große deutsche Bauernkrieg» im Jahr 1955; vor allem aber Μ. Steinmetz, G. Vogler, A. Laube, S. Hoyer u. a. in Bibliogr. nrr. 2-17, 82-88, 67-69.

1 Vgl. Bibliogr. nrr. 123, 415, 507. 3 Siehe hierzu P. Althaus, Luthers Haltung im Bauernkrieg (Wissenschafti. Buchges., Sonderausgabe) 1952; F. Lütge, Luthers Ein-

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fand die Kritik an den bestehenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen1 und kirchliehen Verhältnissen neue Nahrung. Imfränkischen Raum erwuchs der Bauernkrieg vor allem aus der wachsenden Unzufriedenheit der überlasteten Bauern. Angesichts der Fixierung der Grundrenten, der Naturalleistungen, der Zehnten und Geldgülten, deren realer Wert infolge der «Preisrevolution» ständig absank, mußten die Grundherren auf die nicht festgelegten Leistungen, wie die Fronden, ausweichen oder neue indirekte Steuern erheben, so z. B. das «Boden- und Klauengeld» auf Wein und Vieh; weiterhin beschränkten sie die bäuerlichen Nutzungsrechte am bisherigen Genossenschaftsgut und nutzten dieses selbst. Schließlich kamen noch die neuen Reichssteuem hinzu, die vom Landesherm im Namen des Reichs von den Untertanen eingezogen wurden. Gegen diese Vielzahl übersteigerter Forderungen und neuer «Zumuthungen» der Grundherrschaft richtete sich in Franken in erster Linie der Bauernaufstand, und nicht gegen die Landesherrschäft als solche.2 Ihren Anfang nahm die Bewegung im Hochsommer 1524 im südlichen Schwarzwald, von wo sie bald auf den Bodenseeraum Übergriff; im Januar 1525 entzündeten sich die Gegensätze in Oberschwaben und im Allgäu. Noch wollten die Bauern verhandeln. Man verfaßte als Revolutionsmanifest die «Zwölf Artikel», die sogleich im Druck verbreitet wurden.’ Doch die bedrohten Fürsten, Herren und Städte verschlossen sich den Forderungen. Der Schwäbische Bund drängte unter Führung des bayerischen Kanzlers Leonhard von Eck4 auf blutige Niederwerfung des Aufstandes. Auch bei den Bauern setzte sich jetzt der radikale Flügel durch. Seit Mitte März 1525 rührte sich die Revolution auch in Franken. Ausgangspunkt war das umfangreiche Landgebiet der Reichsstadt Rothenburg, wo die Bauern am 21. März den Aufstand begannen. Die Schuld daran gaben die Gegner dem Andreas Bodenstein, gen. Karlstadt, der nach seiner Vertreibung aus Kursachsen nach Rothenbürg gekommen und dort verstecktgehalten worden war.5 Drei Tage nach dem Atifstand der Bauern entmachteten die Handwerkszünfte in Rothenburg den patrizischen greifen in d. Bauernkriege in seinen sozialgesch. Voraussetzungen u. Auswirkungen (JNÖSt. 158) 1943, 369-401; Bibliogr. nrr. 223-226. 1 Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bauernschaft siehe O. Marks, Beitrr. z. Gesch. d. religiösen u. sozialistischen Bewegung in d. Stiften Mainz, Würzburg u. Bamberg (AU 49) 1907, 135-158; E. Gothein, Die Lage d. Bauernstandes am Ausgang d. MA, vornehml. in Südwestdeutschland (Westdt. Zschr. f. Gesch. u. Kunst 4) 1895; H. Heerwagen, Die Lage d. Bauern z. Zeit d. Bauernkrieges in d. Taubergegenden, Diss. Heidelberg 1899; F. Graf, Die soziale u. wirtschaftl. Lage d. Bauem im Nürnberger Gebiet z. Zeit d. Bauernkrieges (Jb. Mfr. 56) 1909, 1-162; zuletzt H. Heimpel, Fischerei u. Bauernkrieg (Fcstschr. P. E. Schramm) 1964, 353-372; F. HeidingsFelder, Die Zustände im Hochstift Eichstätt am

Ausgang d. MA u. d. Ursachen d. Bauemkrieges (Würzb. Stud. z. Gesch. d. MA u. d. Neuzeit, hg. v. A. Chroust, 3) 1911; J. Prössl, Die Beschwerden d. bischöfl. bamberg. Untertanen im Bauernkriege 1525, Diss. München 1901; Endres (s. o. 200). 2 Hier unterscheidet sich Franken v. manchen anderen dt. Landschaften; vgl. W. P. Fuchs, Der Bauernkrieg (GG II) § 19; Arch. f. Reformationsgesch.; Endres (s. o. 200). ’ G. Franz, Die Entstehung d. 12 Artikel (36) 1939; E. Walder, Der polit. Gehalt d. 12 Artikel v. 1525 (Schweiz. Beitr. z. allgem. Gesch. 12) 1954; Bibliogr. nrr. 105-110. 4 W. Vogt, Die bayer. Politik im Bauernkrieg u. d. Kanzler Dr. Leonhard v. Eck, 1883; zuletzt H. Lutz (HB II) 313; Bibi. nr. 162. 5 H. Barce, Andreas Bodenstein v. KarlStadt, 2 Bde., 1905.

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Rat und verbündeten sich mit der Landbevölkerung.1 Innerhalb weniger Tage beherrschte der «Tauberhaufen» das gesamte Flußtal, wobei einige radikale sozialrevolutionäre evangelische Prädikanten wie Dr. Teuschlein12 die Führung übernahmen. Unter dem Einfluß der Vorgänge im Taubertal rotteten sich einige Zeit später die Bauern und Bürger der Amtstädte im Grabfeld, nördlich von Schweinfurt, zusammen. Sie nannten sich nach einem Kloster «Bildhäuser Haufen». Ihnen fehlte allerdings eine geeignete Führung, wie sie auch praktisch ohne Programm waren. Aufruhr brach Ende März auch in der Reichsstadt Windsheim aus, doch konnte hier eine Nürnberger Ratsbotschaft vermittelnd eingreifen.3 Am 26. März schlossen sich die Bauern des Odenwaldes und des Baulandes zusammen zum «Odenwälder Haufen». An ihre Spitze traten so zielbewußte Männer wie der ehemalige hohenlohische Kanzleisekretär Wendel Hipler,4 der Mainzer Rentamtmann Friedrich Weigandt5 und der Gastwirt Georg Metzler. Von Anfang an war in Franken der Ton der Auseinandersetzungen scharf, die Hoffnung und die Möglichkeit für einen Ausgleich gering. Die Taubertaler forderten sogleich die Beseitigung von Adel und Klerus als bevorrechtigten politischen Stand; sie wollten nur den Landesherm als einzige Obrigkeit anerkennen. Die endgültige «Reformation» aber sollte den «Hochgelehrten der Hl. Schrift» überlassen werden. Doch keiner der Fürsten erkannte die Chance, die ihnen mit dem Programm eines einheitlichen Untertanenverbandes geboten wurde. Inzwischen stürmten die Bauern Amtshäuser, Burgen und Klöster, wobei sie nicht nur über Keller und Vorratskammern herfielen, sondern auch über die Bibliotheken und Archive, weil dort die verhaßten Steuerlisten und Zinsbücher aufbewahrt wurden. Vereinzelt steht der Mord von Weinsberg (16. April), der die Bauern die letzten Sympathien kostete. Klugerweise gaben die meisten Adligen in Franken zunächst den Forderungen der Bauern nach und lieferten freiwillig Geschütze, Waffen, Getreide und Wein ab. So hatte sich bereits Ende März der Deutschordenskomtur zu Mergentheim mit den Aufständischen verglichen und die Grafen von Hohenlohe und die von Löwenstein erschienen mit gezogenen Hüten vor den Bauemführem und ließen sich mit «Bruder» anreden. Sogar der mächtige Graf Wilhelm von Henneberg mußte sich mit seinen Bauern verbrüdern. Auf diese Weise konnte zwar weiteres Blutvergießen vermieden werden, die Burgen brannten aber trotzdem. Seit Februar 1525 rüsteten die Fürsten, die bald ein zahlenstarkes Heer beisammen hatten. Meist waren es aus Italien herbeigeholte, kriegserprobte Landsknechte, die 1 P. Schattenmann, Bauernkrieg u. Reformadon im Gebiet d. Reichsstadt Rothenburg o.T. (ZBKG 3) 1928, 208-214; Ders., Die Einführung d. Reformation in d. ehern. ReichsStadt Rothenburg ο. T., 1928. 2 Th. Kolde, Dr. Joh. Teuschlein u. d. erste Reformationsversuch in Rothenburg o. d. T. (Festschr. d. Univ. Erlangen f. Prinzregent Luitpold) 1901, 37-83. 3 J. Bergdolt, Die freie Reichsstadt Winds-

heim im Zeitalter d. Reformation 1520-1580 (Quellen u. Forsch, z. bayer. KG 5) 1921, 62 f. 4 F. G. Bühles, Wendel Hipler als hohenlohischer Kanzler (WF 10) 1877, 152-164; G. Wunder, Hipler u. Ulrich Greiner im Mainhardter Wald (ebd. NF 30) 1955, 89-102. 5 A. Kluckhohn, Über das Projekt eines Bauemparlamentes u. die Verfassungsentwürfe von Fr. Weigandt u. W. Hipler (Nachr. der Ges. d. Wiss. Göttingen 7) 1893.

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unter der kundigen, straffen Leitung des Georg Truchseß von Waldburg, des militärischen Führers des Schwäbischen Bundes, standen. Den Bauernhaufen dagegen fehlte Einheit, Kampferfahrung und Führung. Daran änderten auch Götz von Berlichingen,1 der nicht ganz freiwillig zum Bauernheer gestoßen war, und der idealistisch gesinnte Florian Geyer1 als «Hauptleute» nichts, da ihnen das Talent zum echten Feldherrn abging. Vergeblich suchten sie Zucht und Ordnung in das Bauemheer zu bringen.123 Nachdem Truchseß die einzelnen Haufen im Schwäbischen im Laufe des April und Mai geschlagen und an Weinsberg ein hartes Strafgericht verübt hatte, rückte er mit seinem Heer nach Mainfranken vor. Dort hatte im April der Aufstand auch die beiden Bistümer Würzburg und Bamberg erfaßt, während das Markgrafentum Kulmbach, die wittelsbachische Oberpfalz und das Territorium der Reichsstadt Nürnberg fast völlig verschont blieben.4 An die 60 Burgen und 20 Klöster waren im Bistum Würzburg niedergebrannt worden.5 Einzig die Stadt Würzburg und die Veste Marienberg, das Schloß des Fürstbischofs Konrad von Thüngen, hielten stand. Ihre Eroberung wurde daher für die Bauern zu einer Prestigefrage. Ende April rückten die drei bislang streng geschiedenen fränkischen Bauemhaufen vor die Stadt, insgesamt fast 20000 Mann, freilich in sich uneins. Die militärische Führung lag bei einem fünfzehnköpfigen Ausschuß, dem Florian Geyer und Götz von Berlichingen vorstanden. Am 5. Mai verließ der Bischof die Stadt, um aus Heidelberg Hilfe herbeizuholen. Die auf der Festung verbliebene starke Besatzung wehrte alle Anstürme ab, nachdem der Vermittlungsversuch des Grafen Georg von Wertheim gescheitert war.6 Die Stadt Würzbürg selbst, in der es seit Ende Februar Unruhen gegeben hatte, wobei unter den Anführem auch Tilman Riemenschneider genannt wurde, verbündete sich am 7. Mai mit den Bauern, die es sich daraufhin in der Stadt gutsein ließen. Schließlich zog Götz von Berlichingen mit dem Odenwaldhaufen dem Fürstenheer entgegen, um den Übergang an der Tauber zu sperren. Am 2. Juni stieß das Heer des Truchseß von Waldburg, 3000 Reiter und 9000 Landsknechte, bei Königshofen an der Tauber auf das Bauemheer. Vor allem der Kavallerie waren die Bauern nicht gewachsen, so daß bald eine panikartige Flucht einsetzte, doch nur wenige konnten sich retten. Die Anführer in Würzburg schickten nun einen noch größeren Bauemhaufen aus, der am 4. Juni bei Sulzdorf mit dem Fürstenheer zusammentraf. Da auf ausdrücklichen Befehl des Truchseß an diesem Tag keine Gefangenen gemacht wurden, zählte man abends rund 5000 tote Bauern. Nur eine kleine Truppe von Landsknechten hatte sich in die Schloßruine Ingolstadt zurückgezogen, die der Familie des Florian Geyer gehörte, 1 H. Ulmschneider, Götz v. Berlichingen. Ein adeliges Leben d. Renaissance, 1974; Bibliogr. nr. 119. 2) 1916. 2 Vgl. zuletzt W. P. Fuchs, F. Geyer (Fränk. Lebensbilder 3) 1969. 5 Siehe die Feldordnung der fränk. Bauern im Lager bei Ochsenfurt, an der wahrscheinl. Florian Geyer mitgewirkt hat. Druck: Fries (s. o. 200) I 143-149; G. Franz, Quellen zur Gesch. d. Bauernkriegs, nr. lio, 347353‫·־‬

4 L. P. Buck, The Containment o£ Civil Insurrection: Nürnberg and the Peasants * Revolt, 1524-1525, Diss. Ohio State University 1971. 5 Wendehorst III; R. Endres, Adelige Lebensformen in Franken z. Zeit d. Bauemkrieges (Neujahresblätter 35) 1974. 6 R. Kern, Die Beteiligung Georgs II. v. Wertheim am Bauernkrieg (ZGO 55) 1901, 81 ff., 388 ff., 579 ff.

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und leistete dort bis zuletzt Widerstand. Florian Geyer selbst weilte in Rothenburg zu Verhandlungen mit dem Markgrafen. Als er nach Norden zu entkommen suchte, wurde er bei Rimpar von einem Knecht des Wilhelm von Grumbach überfallen und ermordet. Am 7. Juni mußte sich die Stadt Würzburg auf Gnade und Ungnade ergeben. Der Krieg war zu Ende, denn der Bildhäuser Haufen hatte sich bereits am 4. Juni dem Kurfürsten Johann von Sachsen überantwortet. Was in den nächsten Wochen folgte, war strenges Gericht oder blutige Rache. So unternahm Markgraf Casimir, der sich zunächst vorsichtig abwartend zurückgehalten hatte, einen grausamen Rachezug durch sein Land, auf dem er allein in Kitzingen 60 Bürger blenden ließ.1 Einen unterschiedlichen, eigentümlichen Verlauf nahm der Bauernkrieg im Bistum Bamberg. Schon im Sommer 1524 hatten die Gemeinden Herzogenaurach und Forchheim die üblichen Zehntleistungen verweigert und freies Fisch- und Jagdrecht verlangt. Obwohl die aufständischen Bürger von Bauern aus der Umgebung verstärkt worden waren, konnte der Aufruhr bald niedergeschlagen werden. Am 9. April 1525 brach in Bamberg der Aufstand aus, und zwar als eine religiöse und politische Bewegung der Bürgerschaft. Die Bürger der Residenzstadt forderten neben der freien Predigt des Evangeliums und größeren Selbstverwaltungsrechten vor allem die AusSchaltung des Domkapitels; der Bischof sollte erblicher Herzog und das Bistum säkularisiert werden. Nachdem durch Zugeständnisse des klugen Bischofs Weigand von Redwitz, der von diesem überraschenden Säkularisierungsangebot keinen Gebrauch machte, zunächst alles geregelt schien, kam es Mitte Mai zu einer zweiten Unruhewelle. Diesmal wurde das Hochstift erfaßt, während es in der Hauptstadt relativ ruhig blieb. Fast 200 Burgen und 6 Klöster, darunter Banz und Langheim, wurden von den Bauern zerstört? Einige Ausläufer des Aufstands griffen sogar in die Randgebiete des Fürstentums Bayreuth über, konnten aber bald unterdrückt werden. Bischof Weigand war nun, gegen seinen Willen, gezwungen, das Heer des Schwäbisehen Bundes zu Hilfe zu rufen, das im Hochstift dann beinahe genauso brutal hauste wie die aufständischen Bauern. In den fränkischen Grenzlanden, im Ries und im Bistum Eichstätt, waren die Unruhen lediglich abgeschwächte Folgeerscheinungen der Aufstände in den benachbarten Gebieten. Am 17. April hatten sich die limpurgischen Bauern in Gaildorf zusammengerottet und anschließend Ellwangen geplündert? die Reichsstadt Dinkels1 L. Böhm, Kitzingen u. d. Bauernkrieg (AU 36) 1893, 101 f. Auch der Fürstbischof von Würzburg übte ein strenges Gericht, wenn auch nicht mit solchen Exzessen wie der Markgraf. Siehe E. Hoyer, Fürstbischof Konrad III. v. Thüngen als Richter (WDGB11. 14/15) 1952, 433477‫ ;־‬Bibliogr. 168. 1Vgl. die in den Fränk. Blättern, 3-Jg., nr. 12,46-64, abgedruckte Aufstellung, die wesentliche Berichtigungen gegenüber Hantsch (s. o. 200) 415 ff. und den Chroniken der Stadt

Bamberg (s. 200) II 321 ff. bringt. Die erstaunliehen Erfolge waren nur möglich, weil die Burgherren mit ihren waffenfähigen Leuten dem Aufgebot des Bischofs gefolgt waren, so daß die Burgen kaum besetzt waren. Wo wirklicher Widerstand geleistet werden konnte, wie auf Marloffstein, Neideck, Rabenstein, wurde der Ansturm der Bauern abgewehrt. Endres, Probleme (s. o. 200). 3 F. Pietsch, Die Artikel d. Limpurger Bauem (ZWLG 13) 1954, 120-149.

§ 2$. Die neue Kirchenverfassung in Franken (R. Endres)

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bühl öffnete den Bauern freiwillig die Tore. Graf Ludwig von Oettingen mußte sogar mit dem Bauemhaufen ziehen. Doch am 8. Mai schlug Markgraf Casimir die Riesbauern in einem Gefecht bei Ostheim vernichtend.1 Im Bistum Eichstätt rotteten sich zwar auch 8000 Bauern zusammen, doch als ein Fürstenheer heranrückte, zerstreuten sie sich, ohne daß es zu irgendwelchen Kampfhandlungen gekommen war. Wie die Gründe und der Verlauf des Bauernkrieges so waren auch seine Folgen vielfältig und landschaftlich recht unterschiedlich. Neben den großen Menschenverlüsten und beträchtlichen Einschränkungen des rechtlichen Status des Bauernstandes war die wirtschaftliche Schädigung der Bauernschaft besonders schwerwiegend und einschneidend, wenn auch nicht von langer Dauer, was ja im Interesse der Grundherren selbst lag. Die Bauern mußten erhebliche Straf- und Entschädigungsgelder bezahlen, durch die mancher verarmte Adlige sich sanierte. Noch entscheidender aber war, daß der Bauer nach dem mißglückten Aufstand für Jahrhunderte zum bloßen Untertan wurde und kaum mehr eine nennenswerte politische Rolle spielte.1 2 Der eigentliche Sieger des Bauernkrieges in Franken war das Landesfürstentum, selbst wenn es nicht alle gebotenen Chancen ausnützte. Es entmachtete die Städte und Gemeinden, nahm ihnen ihre Privilegien und hob die bäuerliche Autonomie praktisch völlig auf. Auch für die Geschichte der Konfessionen blieb der Bauernkrieg nicht ohne nachhaltige Folgen. Durch die radikale Absage Luthers an die Volksbewegung hatte seine Lehre sehr an Popularität verloren. An Stelle des geforderten ursprünglichlebendigen Gemeindechristentums kam es zur Ausbildung des landesherrlichen Kirchenregiments. §25. DIE NEUE KIRCHENVERFASSUNG

Quellen. Simon, KO; Schmidt-Schornbaum (s. o. 193); G. Berbig, Die Wiedertäufer im Amt Königsberg i. Fr. i. J. 1527/28. Aktenmäßig mitgeteilt (Deutsche Zschr. f. Kirchenrecht 35) 1903, 291-353; Ders., Die Wiedertäuferei im Ortsland zu Franken, im Zusammenhang mit d. Bauernkrieg (ebd. 44) 1912, 378-403; K. Schornbaum, Quellen z. Gesch. d. Wiedertäufer II: Markgraftum Brandenburg (Quellen u. Forsch, z. Reformationsgesch. 16) 1934; Ders., V: Bayern, Π. Abt., Reichsstädte: Regensburg, Kaufbeuren, Rotenburg, Nördlingen, Schweinfurt, Weißenburg (ebd. 23) 1951. - Literatur. Simon; Ders., HAB; Bauerreiss V; G. Pfeiffer, Nürnbergs kirchenpolit. Haltung im Frühjahr 1530 (ZBLG 33) 1969,183-200; s. o. 193 f.: Michel, Schornbaum (Mgf. Kasimir); Ders. (Mgf. Georg); Götz; Wendehorst III; Würzb.; Kist; Ders.ENGELHARD (s.o. 194).

Der Speyerer Reichstag von 1526 brachte infolge der neuerlichen Kämpfe zwischen Karl V. und Franz I. von Frankreich wieder eine Besserung für die reformatorische Bewegung, indem er dem einzelnen Reichsstand die Einhaltung des Wormser Edikts so überließ, wie er es vor Gott und seinem Gewissen verantworten könne. Damit war für die evangelische Kirche eine Rechtsgrundlage geschaffen. In Ansbach-Kulmbach 1 C. Jäger, Markgraf Casimir u. d. Bauernkrieg in d. südl. Grenzämtem d. Fürstentums (MVGN 9) 1892, 17-164. 2 Gegen diese in der bisherigen Literatur stets vertretene These erhebt H. Rössler, Über

die Wirkungen v. 1525 (Wege u. Forsch, d. Agrargesch., Festschr. G. Franz, hg. v. Haushofer-Boelcke) 1967 Einspruch, doch können seine Darlegungen nicht völlig überzeugen. Gleiches gilt für P. Blickle (Bibliogr. nr. 18).

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übernahm 1527 Markgraf Georg, der sich bisher fast stets in seinen schlesischen BesitZungen aufgehalten hatte,1 die alleinige Regierung. Er griff sogleich energisch die evangelische Bewegung auf, während sein Bruder Kasimir, der seit 1522 die Alleinherrschaft in Franken geführt hatte, aus Rücksicht gegenüber dem Kaiser sich zurückgehalten hatte; außerdem war Kasimir religiös indifferent und an der Reformation nur insoweit interessiert, als sie ihm politische Vorteile brachte. Markgraf Georg, der später den Beinamen «der Fromme» erhielt, führte nun in enger Zusammenarbeit mit dem bisherigen politischen Rivalen Nürnberg im ganzen Land die Reformation durch. Er zog das Kirchengut, ja sogar die Kirchenkleinodien ein und verwendete den Gewinn zur teilweisen Abdeckung der Landesschulden und zum Festungs- und Straßenbau. Zur Klärung und Ordnung des allgemeinen Zustandes und des evangelischen Kirchenwesens wurden Kirchenvisitationen durchgeführt.’ Eine gleiche NeuOrdnung des Kirchenwesens erfolgte im wettinischen Ortsland Franken, wo die Reformation sehr früh Eingang gefunden hatte, durch kursächsische Kirchen- und Schulvisitationen 1528/29? Diese Bestandsaufnahmen waren nicht zuletzt gegen die Bewegung der Täufer gerichtet.4 Das Täufertum, das ein Jahr nach dem Bauernkrieg von Hans Hut,’ dem früheren Kirchner von Bibra, nach Franken getragen worden war, unterschied sich in seiner religiösen Verinnerlichung deutlich von den sozialrevolutionären Vorsteilungen des Thomas Münzer. Dabei war das Täufertum fast ausschließlich eine Laienbewegung, die besonders in den städtischen und ländlichen Unterschichten große Verbreitung fand. Rasch entstand eine relativ große Zahl von Gemeinden, die über ganz Franken verbreitet waren, mit gewissen Schwerpunkten im Regnitz- und Aischtal und im Grabfeld. Sie wurden jedoch brutal unterdrückt und grausam verfolgt; selbst zu mehreren Hinrichtungen kam es in diesem Zusammenhang. An der Verfolgung der Täufer waren gleichermaßen die weltliche Obrigkeit wie auch die katholische und die junge lutherische Kirche beteiligt, was nicht zuletzt mit Ursache war für die Einengung der reformatorischen Bewegung in die enge kirchliche Orthodoxie. Der zweite Reichstag zu Speyer 1529 hob angesichts der gewandelten außenpolitischen Verhältnisse den für die Reformation so günstigen Reichstagsabschied von 1526 wieder auf. Unter den dagegen protestierenden Mächten waren auch Markgraf 1 Vgl. E. Kober, Beziehungen zw. Ansbach u. Schlesien (Jb. Mfr. 75) 1955, 23-40; K. Müller, Markgraf Georg v. BrandenburgAnsbach-Jägemdorf (Jb. d. schles. Kirche u. Kirchengesch. NF 34) 1955. ’ Vgl. H. Westermayer, Die brandenburgisch-nümbergische Kirchenvisitation u. Kirchenordnung 1528/33, 1894; K. Schornbaum, Zur brandenburg.-nümberg. Kirchenvisitation 1528 (Beitrr. BK 11) 1905, 218-228; G. Kolde, Zur brand.-nümb. Kirchenvis. 1528 (ebd. 19) 1913, 275-281; Druck bei Simon, KO 135 fr. ‫ ג‬G. Berbig, Die erste kursächs. Visita-

tion im Ortsland Franken, 3 Teile (Arch. f. Reformationsgesch. 3) 1906, 336-402; (4) 1907, 370-408; (j) 1908, 398-435; A. Wendehobst, Das Würzburger Landkapitel Coburg zur Zeit d. Reformation, 1962, 10-12. 4 G. Bauer, Anfänge täufer. Gemeindebildüngen in Franken (Einzelarbeiten 43) 1966; -D. H. Schmid, Täufertum u. Obrigkeit in Nürnberg (Nürnberger Werkstücke 10) 1972. ’ Vgl. W. Neuses, Hans Hut, Leben u. Wirken bis zum Nikolsburger Religionsgespräch, 1913; G. Seebass, Hans Denk (Fränk. Lebensbilder 6) 1975.

§ 25. Die neue Kirchenverfassung in Franken (R. Endres)

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Georg der Fromme und die Reichsstädte Nürnberg, Weißenburg und Windsheim. Die selben fränkischen «Protestanten» unterschrieben auch auf dem Reichstag zu Augsburg im folgenden Jahr die «Confessio Augustana»; die Vertreter Weißenburgs waren zumindest bei der Verlesung anwesend.1 Die auf dem Augsburger Reichstag verabschiedete Verordnung, wieder zur katholischen Kirche zurückzukehren, wurde in Franken lediglich von Dinkelsbühl beachtet, und auch da nur für kurze Zeit.1 2 In den folgenden Jahren bis 1546 stand Franken außerhalb der großen politischen Ereignisse. Dem Schmalkaldener Bündnis schlossen sich nur die Schwarzenberg an.3 Markgraf Georg und auch Nürnberg verweigerten aus Rücksicht gegenüber dem Kaiser ihren Beitritt und hielten sich auch allen weiteren Bündnisbestrebungen fern. So konnte sich seit dem Nürnberger Anstand von 1532,4 der das weitere Vordringen des Protestantismus förderte, die Reformation in Franken nach innen und außen festigen. Zunächst erließ Markgraf Georg zusammen mit Nürnberg 1533 eine Kirchenordnung, die zum Fundament protestantischen kirchlichen Lebens in Franken und zum Vorbild für viele andere Territorien wurde.5 In dieser Zusammenfassung der reformatorischen Lehre, einer Ordnung für Gottesdienst und Amtshandlungen und einem weiten Programm kirchlicher Verwaltung wurde die bisherige bischöfliche Jurisdiktion endgültig durchbrochen und an ihre Stelle rückte die Kirchenhoheit der weltlichen Obrigkeit. Das landesherrliche Kirchenregiment erlangte Gültigkeit, auch wenn die Durchführung der Kirchenordnung zu einem länger dauernden Kampf wurde. Im Jahr 1541 führten die Hohenlohe offiziell ein evangelisches Kirchenwesen ein6 und um etwa die gleiche Zeit auch die Herrschaft Limpurg.‘1 Nach dem Scheitern des Regensburger Religionsgespräches weitete sich die reformatorische Bewegung sprunghaft aus. Am 21. September 1542 wurde in Schweinfurt ein evangelischer Pfarrer installiert und gleichzeitig auch in den Reichsdörfern Gochsheim und Sennfeld die Reformation eingeführt.· Auf Drängen seiner Ritterschaft mußte selbst der Fürstabt von Fulda eine weitgehend evangelische Kirchenordnung erlassen. Von den Grafen und 1 K. Schornbaum, Die Politik d. Reichsstadt Nürnberg vom Ende d. Reichstages zu Speyer 1529 bis z. Übergabe d. Augsburger Konfession 1530 (MVGN 17) 1906, 178-245; H. v. Schubert, Bekenntnisbildung u. Religionspolitik 1529/30, 1910; Ders., Die Anfänge d. ev. Bekenntnisbildung, 1928. 2 Ch. Bürckstümmer, Gesch. d. Reformation in d. ehern, freien Reichsstadt Dinkelsbühl, I 1914· 3 E. Fabian, Die Entstehung d. Schmalkaldisehen Bundes 1529-1531/33, 1956. 4 Vgl. A. Engelhardt, Der Nürnberger Religionsfriede v. 1532 (MVGN 31) 1933, 17-123. 3 Druck bei Simon, KO 140-283; zum Einflußbereich der KO vgl. ebd. 122 ff.

6 Schottenloher III nrr. 30619 v-30620; F. Weller, HohenlohischeReformationsgesch., 1903■ 7 A. Rentschler, Einführung d. Reformation in d. HerrschaftLimpurg (Bll. f. württemb. KG 20) 1916, 97-134; (22) 1918, 3-41. • Schweinfurt war die letzte der fränkischen Reichsstädte, die sich der evangelischen Bewegung anschloß. Der Grund hierfür ist in der Lage innerhalb des Hochstifts Würzburg zu suchen. S. Schöffel, Die Kirchenhoheit d. Reichsstadt Schweinfurt (Quellen u. Forsch, z. bayer. KG 3) 1918; F. Weber, Gesch. d. fränk. Reichsdörfer Gochsheim u. Sennfeld, 1913; Simon, KO 619 ff. (Lit.).

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Franken: C. IV. Reichskreis und Reformation bis 1535

Herren waren die Schwarzenberg bereits offen evangelisch,1 Rieneck schloß sich 1543/44 an1 2 und zur gleichen Zeit auch der Landgraf von Henneberg-Schleusingen.3 Die Grafschäft Castell reformierte 1546,45gleichzeitig mit den Marschällen von Pappenheim.3 1544 erklärte sich auch die Reichsstadt Rothenburg wieder für evangelisch, nachdem sie nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes zur alten Kirche hatte zurückkehren müssen.6* Einen erneuten Rückschlag brachte der Schmalkaldische Krieg 1546/47, in dem Franken Durchzugsgebiet war. In den von den Kaiserlichen eroberten Grafschaften Oettingen-Oettingen und Oettingen-Harburg’ sowie in den Reichsstädten Dinkelsbühl und Schweinfurt wurde jegliches evangelische Wesen strikt untersagt und der katholische Gottesdienst zwangsweise eingeführt, während die Durchführung des Interims in den anderen protestantischen Gebieten auf größten Widerstand stieß.8 Doch brachten der Fürstenaufstand und der Passauer Vertrag bald die WiederherStellung der kirchlichen Verhältnisse aus der Zeit vor dem Schmalkaldner Krieg, bis dann der Augsburger Reichstag von 1555 das evangelische Kirchenwesen endgültig reichsrechtlich anerkannte. Zunächst aber stürzte der sogenannte Zweite Markgräflerkrieg in diesen Jahren Franken in schwerste Zerrüttung.

§26. DER ZWEITE MARKGRÄFLERKRIEG

Quellen. Krieg d. fränk. Einigungs-Verwandten gegen Markgraf Albrecht v. Brandenburg, hg. v.J. Baader (BHVB 33) 1870, 81-206; (34) 1871, 1-146; (35) 1872, 1-141 (mit einem Verzeichnis der vom Markgrafen eingeäscherten und gebrandschatzten Nümbergischen Orte). Zur Geschichte des markgräfl. Krieges v. 1553/54 in Franken: Hohenzollerische Forschungen IV 179-208, V 298 bis 368, VI 52-107 (offizielle Nürnberger Darstellung); Quellen zur Markgrafenfehde in Bamberg = Chroniken d. Stadt Bamberg, hg. von A. Chroust (VGffG, R. I, Bd. 12) 1910; Gesch. d.

1 K. Schornbaum, Zur Einführung d. Reformation in d. Herrschaft Schwarzenberg (Jb. Mfr. 58) 1911, 136 f.; R. Herold, Zur Gesch. d. Schwarzenberger Pfarreien (Beitrr. BK 5) 1899. 75‫־‬90. 2 A. Ph. Brück, Notizen z. Reformationsgesch. d. Grafschaft Rieneck (WDGB11. 16/17) !954/55. 368-70; Simon, KO 695 ff. (Lit.). 3 Zusammen mit Henneberg-Schleusingen wurde auch das Amt Meiningen reformiert, das 1542 gegen das Amt Mainberg vom Hochstift Würzburg cingetauscht worden war. Schottenloher III nrr. 30 259-30 264; Wendehorst (s. o. 197 Anm. 12) 13 f. 4 A. Sperl, Castell. Bilder aus d. Gesch. eines deutschen Dynastengeschlechtes, 1908; Simon, KO 681 ff. (Lit.). 5 K. Schornbaum, Der Beginn d. Reformation im Altmühltale (Beitrr. BK 16) 1910, 1-27; W. Kraft, Die Einführung d. Reformation in d. Herrschaft Pappenheim (ZBKG 11) 1936, 1-32, 98-117. 129-145·

6 P. Schattenmann, Die Einführung d. Reformation in d. ehern. Reichsstadt Rothenbürg ο. T. 1520-1580 (Einzelarbeiten 7) 1928, 92 ff. 7 Gg. Grupp, Oettingische Gesch. d. Reformationszeit, 1894. 8 Während sich die Reichsstädte unter kaiserlichem Druck relativ rasch formell dem Interim anschlossen, scheiterte vor allem in den Markgraftümern und im Coburgischen die Durchsetzung des Kompromisses am Widerstand der Geistlichen, obwohl sie z. B. Albrecht Alcibiades mit Macht durchzusetzen suchte. Vgl. Kraussold, Gesch. (s. o. 193); Ch. Meyer, Zur Gesch. d. Interims im Fürstentum Brandenburg-Ansbach (Jb. Mir. 40) 1880, 29-53; G. Pfeiffer, Die Stellungnahme d. Nürnberger Theologen z. Einführung d. Interims 1548 (Festschr. W. v. Loewenich) 1968.

§ 26. Der zweite Markgräflerkrieg (R. Endres)

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Belagerung d. Veste Plassenburg in d. Jahren 1553 u. 1554 v. G. Thiel (Hohenzoll. Forsch. III) 332-384; (ebd. IV) 145-168. - Literatur.]. Voigt, Markgraf Albrecht Alcibiades v. BrandenburgKulmbach, 1852; E. Büttner, Der Krieg d. Markgrafen Albrecht Alcibiades in Franken 1552 bis 1555 (AO 23, H. 3) 1-164; Hartung; E. Mummenhoff, Altnümberg in Krieg u. Kriegsnot I: Der zweite markgräfl. Krieg, 1916 (Darstellung aus Nürnberger Sicht und vornehmlich der Nümberger Belange); O. Kneitz, Albrecht Alcibiades Markgraf v. Kulmbach 1522-1557 (Die Plassenbürg 2) 1951 (eine nicht völlig zufriedenstellende Biographie); H. Rössler, Dämonische Kräfte: Albrecht Alcibiades v. Brandenburg-Kulmbach (Rößler) 139—147; H. Grimm, Die Verwüstung d. Hochstifts Bamberg im Markgrafenkrieg 1552/54 (Fränk. Bll. 6) 1954, 21 ff.; F. Ortloff, Gesch. d. Grumbachischen Händel, 4 Bde., 1868/70; G, Pfeiffer, Die landesgesch. Funktion d. Plassenburg (JffL 29) 1969, 245-259; Gesch. Thüringens, hg. v. Patze-Schlesinger, III 1967·

Im Markgraftum Kulmbach war Albrecht, der Sohn Kasimirs, 1541 mit Erreichen der Majorennität an die Regierung gelangt, nach einer zügellos-ausschweifenden Jugend und mangelhafter Erziehung.1 Er erhielt von Schmeichlern aus seiner Umgebung den Beinamen Alcibiades. Seit 1543 in kaiserlichen Diensten, kämpfte er im Schmalkaldischen Krieg zusammen mit Herzog Moritz von Sachsen2 gegen die eigenen Glaubensgenossen und entwickelte sich zu einem gefürchteten Söldner- und Reiterführer. Nachdem er sich von Karl V. hintergangen fühlte, wechselte der machiavellistische Condottiere, der sein egoistisches Treiben mit wechselnden religiöskonfessionellen und nationalen Thesen zu verbrämen suchte, zum antikaiserlichen Fürstenbund über und vermittelte den Vertrag von Chambord (15. Januar 1552) mit Frankreich. Dann wandte er sich auf eigene Faust Franken zu, wo er ein von ihm beherrschtes Herzogtum Franken schaffen wollte unter Zerstörung der wirtschaftliehen Vormachtstellung Nürnbergs und Säkularisierung der Hochstifte. Anfang Mai 1522 forderte er die fränkischen Stände ultimativ auf, sich dem Fürstenbund anzuschließen, unbeachtet der Verhandlungen zwischen Moritz von Sachsen und König Ferdinand, die bald zum Passauer Vertrag führten. Zunächst zemierte Albrecht Nürnberg, dann überfiel er mehrere bambergische Ämter, ja bedrohte sogar die Bischofsstadt. So schlossen am 19. Mai Bischof und Kapitel mit dem Markgrafen einen schmählichen Frieden, demzufolge neben hohen Kriegsentschädigungen mehr als die Hälfte des Fürstbistums, insgesamt zwanzig Ämter, an Alcibiades abgetreten wurden? Auch Würzburg wurde, unter Vermittlung des Ritters Wilhelm von Grumbach, zur Leistung hoher Geldsummen gezwungen.4 Nürnberg mußte sich schließlich von der grausamen Verwüstung seines Landgebietes loskaufen. Albrecht zog daraufhin auf seinem Raubzug weiter nach Mainz und Trier und schließlich nach Metz zu Heinrieh II. von Frankreich, mit dem er sich aber diesmal nicht einigen konnte. 1 Sein Vormund Georg der Fromme, dem die Erziehung oblag, weilte zu oft in seinen schlesischen Besitzungen, um sich ernstlich um Albrecht kümmern zu können, der seit dem Wegzug seiner Mutter Susanne von Bayern nach München, meist allein, auf der Plassenbürg aufwuchs. Georg sah seine Erziehungsaufgäbe darin erfüllt, Albrecht nicht mit dem Katholizismus in Berührung kommen zu lassen. 14 HdBGIII, I

Er lehnte aber auch die Versuche Herzog Albrechts von Preußen ab, Einfluß auf den jungen Markgrafen zu nehmen. 2 H. Baumgarten, Moritz v. Sachsen, 1941. 3 Druck des Vertrags mit der Aufzählung der abgetretenen Ämter: Quellen z. Markgrafenfehde in Bamberg (s. o. 208) 554. 4 Es handelte sich um 200000 fl. und 20000 grober Münze. Druck des Vertrags: ebd. 555 f.

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Franken: C. IV. Reichskreis und Reformation bis 1555

Kaiser Karl V. hatte inzwischen die erzwungenen Verträge mit den fränkischen Ständen für nichtig erklärt und die Betroffenen zum Abschluß eines Schutzbundnisses aufgefordert, das zwischen den drei Hochstiften, dem Deutschmeister und den Reichsstädten Nürnberg, Rothenburg und Windsheim zustande kam.1 Um bei der Belagerung von Metz Albrechts Dienste in Anspruch nehmen zu können, mußte der Kaiser seine Nichtigkeitserklärung wieder kassieren. Gestützt auf den kaiserlichen Widerruf zog Albrecht nach Franken, um die Einhaltung des Gebietsabtretungsvertrags mit Gewalt durchzusetzen. Die Verwirrung im Reich, speziell in Franken, über die zweideutige Haltung des Kaisers wuchs noch mehr, als Karl im Frühjahr 1553 seine Kassation der fränkischen Verträge wiederum widerrief und Albrecht am 1. Dezember in die Reichsacht erklärt wurde. Mit der Rückkehr Albrechts anfangs 1553 begann erst die eigentliche Verwüstung Frankens, wobei auf beiden Seiten mit bisher beispielloser Grausamkeit Krieg geführt wurde. Albrecht und sein Söldnerheer brandschatzten «halb türkisch» das Hochstift Bamberg und besetzten die Hauptstadt.1 2 Dann wandte sich der Kriegshaufen wieder gegen Nürnberg. Da die Reichsstadt mit ihren starken Mauern nicht eingenommen werden konnte, hauste man im Landgebiet, wobei die Landstädte Lauf und Altdorf besonders schwer zu leiden hatten. Schließlich überrumpelte Albrecht die Reichsstadt Schweinfurt. Mehr als 90 Schlösser und 170 Dörfer sanken in Asche. Um dem Mordbrennen ein Ende zu bereiten, berief König Ferdinand die fränkischen Bundesverwandten sowie Kurfürst Moritz von Sachsen, und Herzog Heinrich von Braunschweig nach Eger, wo die militärische Vernichtung Albrechts beschlossen wurde. Um dem zuvorzukommen, verlegte Alcibiades den Kriegsschauplatz nach Norddeutschland, wo er am n.Juli 1553 in der Schlacht von Sievershausen vernichtend geschlagen wurde; dabei fand allerdings Moritz von Sachsen den Tod. In Franken wurde Albrecht von den Bundesständen überwältigt. Kulmbach, Hof3 und Bayreuth4 gingen verloren, die Plassenburg wurde belagert und bald völlig zerstört.5 Albrecht zog sich nach Schweinfurt zurück, aus dem er mit Not vor dem großen Brand entkommen konnte.6 Er floh zunächst nach Frankreich und fand schließlich Asyl bei seinem Schwager, dem Markgrafen Karl von Baden, wo er am 8. Januar 1557 verstarb. Nach Beendigung des Markgräflerkricges fiel zunächst das gesamte Fürstentum Kulmbach an die fränkischen Bundesverwandten, bis es auf Druck Sachsens unter kaiserliche Sequester gestellt und im Wiener Vertrag von 1558 demjungen Markgrafen Georg Friedrich übertragen wurde. Georg Friedrich, der Sohn Georgs des Frommen, regierte bereits seit einem Jahr in Ansbach sowie in dem schlesischen Herzogtum 1 Hartung 208 fF. 2 Bekannt ist Albrechts Ausspruch, «daß der Brand den Krieg ziere wie das Magnifikat die Vesper». 3 Vgl. J. Schlemmer, Gesch. d. Belagerung d. Stadt Hof im Jahre 1553 (Hohenzoller. Forsch. III) 1894.

4 Siehe F. Apel, Beschreibung d. Belagerung v. Bayreuth im Jahre 1553 (ebd.) 385-400. 5 Vgl. E. Storch, Die Plassenburg in d. fränk. Baugesch., 1951. 6 E. Saffert, Die Reichsst. Schweinfurt 1554-1615, Masch. Diss. Würzb. 1951.

§26. Der zweite Markgräflerkrieg (R. Endres)

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Jägerndorf und dem Pfandbesitz von Oderberg-Beuthen.1 Er verlangte von den Bundesverwandten eine hohe Entschädigung für die seinem ererbten Territorium Kulmbach zugefügten Schäden, vor allem für die Zerstörung der Plassenburg, für die dann zum größten Teil Nürnberg aufkommen mußte.12 Ein trauriges Nachspiel hatte der für Franken so verheerende Zweite Markgräflerkrieg noch in den sog. Grumbachischen Händeln. Wilhelm von Grumbach, einer der zwielichtigen Gefolgsleute des Markgrafen Albrecht, hatte noch alte Forderungen an das Hochstift Würzburg, diejedoch von Bischof Melchior von Zobel nicht anerkannt wurden. Als sich der Ritter der Person des Bischofs zu bemächtigen suchte, wurde dieser am 15. April 1558 auf dem Weg zur Marienburg von einem Helfer Grumbachs ermordet. Grumbach hatte inzwischen für sein erpresserisches Werk sogar mächtige Bundesgenossen gefunden. Von Sachsen-Gotha aus eroberte er ungehindert im Oktober 1563 Würzburg und erzwang die Freigabe seiner bisher besetztgehaltenen Eigengüter.3 Um erneute Wirren in Franken zu verhindern, verhängte Kaiser Ferdinand über Grumbach und seine Helfer die Reichsacht, die wenige Jahre später auch von Kurfürst August von Sachsen rigoros vollzogen wurde. 1 Schottenloher nrr. 29 129-29 145; NDB 6, 205 ff. 2 Die fränk. Bundesstände mußten eine Schadensersatzsumme von 175000 fl. aufbringen. Insgesamt brachte der Zweite Markgrafenkrieg für das Bamberger Hochstift einen Schaden von mehr als 2 Mill. fl. und für Nümberg rund 4 Mill, fl. Verluste, von denen sich

die fränk. Stände kaum mehr erholen konnten. Alcibiades wird deshalb nicht zu Unrecht als «Frankens schlimmster Schädling» bezeichnet. Μ. Hofmann, Kontributionen bamberg. Amter im Sommer 1552 (Fränk. Bll. 9) 1957, nr. 2, 5-8. 3 A. Bechtold, Zum Grumbach’schen Einfall (AU 66) 1927, 1-47.

VOM AUGSBURGER RELIGIONSFRIEDEN BIS ZUM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEG §27. DER FRÄNKISCHE REICHSKREIS Quellen und Literatur: s. o. § 22; ergänzend: F. C. Moser, Des hochlöblichen Fränckischen Crayses Abschide u. Schlüsse, vom Jahr 1600 bis 1748, 2_Bde., 1752 ;_B. Sicken, Das Wehrwesen d. fränk. Reichskreises, 2 Bde., 1967 (photomech. Würzburger Diss. 1966, bes. Kap. 2); R. Endres, Z. wirtschaftl. u. soz. Lage in Franken vor d. Dreißigjähr. Krieg (JffL 28) 1968, 5-52; Pfeiffer, Nürnberg (s. u. 324). W. Mogge (Nürnb. Werkstücke 18) 1976; F. Magen, Reichsgräfl. Politik in Franken, 1975·

Unter dem Eindruck der Wirren des zweiten Markgräflerkrieges erfuhr die noch junge Institution des Fränkischen Kreises, die während der Reformationszeit heftiger Spannungen und Bewährungsproben ausgesetzt war, eine wesentliche Verstärkung und Konsolidierung. Die Reichsexekutionsordnung von 15551 übertrug den zehn Kreisen ausschließlich die Aufgabe der Unterdrückung und Bestrafung aller Friedensbrüche und der Vollstreckung der Kammergerichtsurteile. Das neugeschaffene Amt des Kreisobristen war allerdings nicht, wie ursprünglich geplant, ein kaiserliches Kommissariat, sondern es wurde nach erfolgter Wahl durch die Kreisstände dem vornehmsten weltlichen Stand übertragen. Die Landfriedenswahrung erfolgte also im Namen des Kreises, was einen Sieg der «teutschen Libertät»1 2*über die Zentralisierungsversuche des Kaisers bedeutet. Die Kreishilfe wurde allein auf die in jedem Fall eigens einzuberufenden Kontingente der Stände gegründet, wobei der Kreisoberst die Truppe - sie bestand zunächst im einfachen Anschlag aus 250 Reitern und 1282 FußSoldaten - nicht einmal selbständig aufbieten durfte, vielmehr war er auf die Zustimmung der von den Ständen bestimmten Kriegsräte angewiesen. Wurde diese von einer Seite verzögert oder gar versagt, war die Funktionsfähigkeit des Kreises blökkiert. Nicht ganz zu Unrecht wurde die Kreisverfassung für diesen Zeitpunkt als «ein überaus umständlicher Apparat zur Verhütung von Taten» charakterisiert.’ Nach dem Versagen des Kreises beim Überfall Grumbachs auf Würzburg wurde das Kreishilfewesen jedoch entschieden gestrafft und beschleunigt. Im Notfall konnte der Kreisobrist nun sofort von sich aus die Doppelhilfe aufbieten und die Nachbarkreise zur Hilfe verpflichten.4 1 Zeumer nr. 189, 341 ff; s. hierzuJ. MülDie Entstehung d. Reichsexekutionsordnung vom Jahre 1555 (MIÖG 40) 1925, 243 bis 271. 2 Vgl. hierzu G. Pfeiffer, «Christliches Verständnis» u. «teutsche Libertät», Reformatio u. ler,

Confessio (Festschr. W. Maurer) 1965, 98-112. ’ K. Brandi, Göttinger gelehrte Anzeigen, 1898, nr. 10, 795. 4 Neue u. vollständigere Sammlung d. Reichs-Abschiede . .., hg. v. E. A. Koch, 1747, III 27, 205 f·

§ 2‫ך‬. Der Fränkische Reichskreis (R. Endres)

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Mit der langsamen Konsolidierung der Kreise nach 1333 konnte das Reich ihnen weitere Aufgaben zuweisen, die es selbst nicht mehr erfüllen wollte oder konnte. Dies gilt als erstes für die vollständige Überlassung der Münzaufsicht im Jahre 1559.1 Dies wiederum stärkte das Eigenverständnis und Gemeinschaftsgefühl des Fränkischen Kreises und provozierte weitere Selbständigkeit im Handeln. So übernahm der Fränkische Kreis teils im Auftrag des Reiches, mehr aber kraft eigener Machtvollkommenheit das Polizeiwesen und erließ 1572, als einziger Reichskreis, eine eigene PolizeiOrdnung.1 Um Münz- und Polizeibeschlüsse wirksam durchführen zu können, trafen 1564 die drei Kreise Franken, Schwaben und Bayern gemeinsame Absprachen, die bald zu einer ständigen Einrichtung wurden.1 *3 Wenige Zeit später ging man gemeinsam gegen die ungerechtfertigten Zollerhöhungen des Pfalzgrafen von NeuburgZweibrücken vor sowie gegen die Gesellenverbände und Handwerksschenken4*und traf gemeinsame Regelungen über den Wollenkauf und die Wollausfuhr zum Schutze der einheimischen Textilindustrie.’ Die drei Kreise schlossen sich also zu einer Wirtschaftsunion zusammen. Die projektierte Zollunion und der gemeinsame Getreidemarkt während der Mißwuchsjahre 1570 bis 1574, die ganz Süddeutschland umfaßt hätten, scheiterten letztlich nur am Widerstand der Reichsritterschaft, die auf dem Wege der Wirtschaftspolitik eine Beeinträchtigung ihrer Unmittelbarkeit befürchtete. Der Fränkische Kreis jedoch wurde während der Notjahre zur besseren Überwindung der Versorgungsschwierigkeiten zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum zusammengefaßt, in dem sämtliche Binnenzölle für Getreide aufgehoben, Höchstpreise für die verschiedenen Getreidesorten festgelegt und eine gemeinsame Vorratswirtschaft durchgeführt wurde. Seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts füllte sich also die zunächst «leere Form»6 der Kreise mit Inhalt. Aus bloßen geographischen Wahlbezirken waren wichtige Glieder der Reichsverfassung und Reichsverwaltung geworden sowie für einige wichtige Belange Selbstverwaltungskörper.'’ Dem Fränkischen Kreis unterstand neben dem Polizeiwesen und einem wichtigen Teil des Reichsheerwesens die Kontrolle über das Münzwesen und die Wirtschaftsordnung; weiterhin war er Mittelstufe für die Reichsauflagen: die Römermonate, die Türkensteuem und die Kammerzieler, die Unterhaltsbeiträge zum Reichkammergericht, für das er auch die Beisitzer stellte. Wichtigste staatliche Funktionen übte also der Fränkische Kreis aus, der sich stets 1 Ebd. 197; siehe auch F. Schrötter, Brandenburg-Fränk. Münzwesen II, 1929; H. J. Kellner, Die Münzen d. freien Reichsstadt Nürnberg, 1957. 1 Endres (s. o. 212) 42 f. 3 K. S. Bader, Der Schwäbische Kreis in d. Verfassung d. Alten Reiches (UOS 37) 1964,19. 4 B. Schoenlank, Sociale Kämpfe vor 300 Jahren, Leipzig 1894, Kap. 6 u. 7; H. Proesler, Das gesamtdeutsche Handwerk im Spiegel d. Reichsgesetzgebung v. 1530 bis 1806 (Nümberger Abh. zu den Wirtschafts- u. Sozialwiss. 5) 1954. 49 ff-

5 H. Haacke, Wirtschaftspolizeiliche BeStimmungen in d. Reichsabschieden (JNÖSt.) 1921, 475 ft.; R. Endres, Kapitalistische Organisationsformen im Ries in d. zweiten Hälfte d. 16. Jhs. (JffL 22) 1962, 89-100. 6 Hartung 135. 7 *J e größer der kreiseigene Wirkungskreis wurde, um so deutlicher wurde aus der Provinzialorganisation die selbständige Gebietskörperschaft»·, Bader (s. Anm. 3) 20.

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bemühte, seine Aufgaben als Verwalter und Organ des Reiches mit aller Gewissenhaftigkeit zu erfüllen. Hieß es doch, daß der Fränkische Kreis «der erst undfurnembst» sei, «uf den andere ir Aufachtung haben und sich darnach pflegen zu regulim».1 Im Gegensatz zu den anderen Reichskreisen, die entweder durch die Sonderinteressen der Großmächte blockiert wurden12*oder durch eine hemmende Vielzahl von Kleinstherrschaften,’ war der Fränkische Kreis gekennzeichnet von einem Gleichgewicht der Kräfte. Von den größeren Mächten war keine stark genug, um eine beherrschende Rolle zu spielen, es war aber auch kein Stand zu klein, um nicht mitreden zu können. Deshalb mußte alles Interesse auf eine gemeinsame Erledigung gemeinsamer Aufgaben ausgerichtet sein. Alle Kreisstände erkannten, trotz aller Gegensätze und Zwietracht, letztlich doch die Verpflichtung an, die eigenen Absichten «secundum aequum et debitum zu reguliren und diesem Kreis als dem Vaterland zu dienen».4 Das Gleichgewicht der Kräfte, das in Franken «ein tiefes staatliches Bedürfnis befriedigte»,5 spiegelt auch die innere Ordnung und Organisation des Kreises wider. Von der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts an, dem Zeitpunkt also, seit dem der Kreis als funktionsfähig und -willig bezeichnet werden darf, blieb seine innere Gliederung, die Zahl seiner Stände und Stimmen bis zum Ende des Alten Reiches fast unverändert. Die geistliche Fürstenbank bildeten Bamberg, Würzburg, Eichstätt und der Hoch- und Deutschmeister. Zur weltlichen Fürstenbank, die sich von der Grafenbank bewußt absetzte, gehörten die beiden zollerischen Häuser Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth und die drei Linien der gefürsteten Grafen von Henneberg, Henneberg-Schleusingen, Henneberg-Römhild und Henneberg-Schmalkalden; fernerhin seit 1674 die kurz zuvor in den Reichsfürstenstand erhobenen Schwarzenberg, seit 1712 die (kathol.) Linie Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und seit 1746 das Haus Hohenlohe-Waldenburg. Auf der Grafen- und Herrenbank saßen die HohenloheNeuenstein, die Löwenstein-Wertheim-Vimeburg, die Castell, Rieneck, Erbach, die Schenken von Limpurg, die Schwarzenberg wegen der Herrschaft Seinsheim und seit 1671 die Schönborn als Inhaber der Herrschaft Reichelsberg. Neuaufnahme fanden auch noch die Grafen von Wolfstein, die Dernbach, die Giech und einige Personalisten.6 Die Städtebank bildeten die Reichsstädte Nürnberg, Rothenburg, Windsheim, Schweinfurt und Weißenburg. Im Gegensatz zum Reichstag, dem die Organisation des Kreises nachgebildet war, besaß jeder der Stände im Kreistag eine volle Stimme. Infolge Veränderungen durch Erbgang bei einigen Kreisständen erhielten auch Mitglieder anderer Kreise Sitz und Stimme im fränkischen Konvent. So waren die 1 Kaufmann (s. o. 193) 195. 2 Vgl. W. Schmidt, Gesch. d. niedersächs. Kreises vom Jahre 1673 bis z. Zusammenbruch d. Kreisverfassung (Niedersächs. Jb. f. Landesgesch. 7) 1930; P. Casser, Der niedersächsischwestfäl. Reichskreis (Der Raum Westfalen II 2) 1934; Der Bayerische Kreis wurde völlig vom Herzog bzw. Kurfürsten von Bayern beherrscht. Vgl. H. Rall, Kurbayem in d. letzten Epoche d. alten Reichsverfassung 1745-1801, 1952, !57 ff·

5 Der Schwäbische Reichskreis zählte 68 weltliche, 40 geistliche Territorien und 31 Reichsstädte. Vgl. Bader 191 ff. Zum Oberrheinischen Kreis s. T. Malzan, Gesch. u. Verfassung d. Oberrhein. Kreises v. d. Anfängen bis z. Beginn d. 30jähr. Krieges, Diss. Mainz 1951· 4 Kaufmann (s. o. 193) 240. 5 Fester (s. o. 193) 20. 6 S. u. 47.

$ 2‫ך‬. Der Fränkische Reichskreis (R. Endres)

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Wettiner und Kurhessen als Erben der Henneberger im Fränkischen Kreis stimmberechtigt und Kurmainz als Erbe der Rieneck. Verflechtungen mit dem Schwäbischen und dem Bayerischen Kreis bestanden durch die Grafen von Löwenstein und die von Wolfstein. Diese personalen Verbindungen mit den benachbarten Kreisen erlangten um 1700 bei der Assoziationspolitik der Reichskreise große Bedeutung. Wie die Zusammensetzung so blieb auch die innere Ordnung und Verfassung des Fränkischen Kreises weitgehend unverändert. Sie war wiederum der des Reichstages angeglichen. Die Stände stimmten im Konvent nach Bänken, allerdings waren dann Mehrheitsbeschlüsse bindend.1 Bei getrennten Beratungen fungierte der jeweils vorderste Stand jeder Bank, das waren Bamberg, Ansbach oder Bayreuth, HohenloheNeuenstein und Nürnberg, als Direktor. Als Aufrufender hatte Bamberg stets die letzte Stimme. Das Plenum,1 2 das spätestens alle zwei Jahre zusammentreten mußte, wurde bald zu einem ständigen Gesandtenkongreß, wobei die Vertretung mehrerer Stände durch einen Bevollmächtigten die Regel war. Tagungsort war vorrangig das zentral gelegene Nürnberg. Das Direktorium und das wichtige Ausschreibeamt, das die Kreisversammlung einzuberufen hatte, waren von Anfang an zwischen Bamberg und den Markgrafen umstritten. Unter Hinweis auf seine exemte Stellung in der deutschen Reichskirche konnte sich der Fürstbischof durchsetzen, während den Zollern 1559 lediglich ein Mit-Ausschrciberecht zugestanden wurde.3 Nur bei anstehenden konfessionellen Tagungsproblemen lag das Ausschreibeamt stets getrennt bei Bamberg und den Markgrafen. Als Direktor des Kreises hatte der Fürstbischof von Bamberg das Recht zur Eröffnung und Leitung des Konvents wie zur Zusammenfassung und Veröffentlichung seiner Beschlüsse. Seit dem ausgehenden siebzehnten Jahrhundert nahm der Graf von Löwenstein-Rosenberg als spezieller Beauftragter des Kaisers einen QuasiEhrenvorsitz ein. Das Direktorium führte den Schriftverkehr; aus diesem Grund befanden sich auch Kreiskanzlei und Kreisarchiv in Bamberg. Als Ausgleich für das nichterhaltene Kreisdirektorium bekamen die Zollern das Amt des Kreisobristen zugestanden, das zumeist von Bayreuth ausgeübt wurde. Allerdings wurde der Kreisoberst in seiner Tätigkeit von den fünf Kriegsräten kontrolliert, von denen die geistliehen Fürsten zwei und die weltlichen Fürsten, die Grafen und Städte je einen stellten. Die Münzstätten des Kreises waren für die geistlichen Fürsten in Bamberg, für die weltlichen in Schwabach, für das Grafenkolleg in Wertheim und für die Reichsstädte in Nürnberg. Hier befand sich auch die Kreiskasse, die die Kammerzieler einsammelte und für das Reich bzw. später für den Kreis die Römermonate in dem jeweils festgelegten Anschlag. Diese betrugen beispielsweise im Simplum für Bamberg 1088 Gulden, für Würzburg 1456, für Ansbach und Bayreuth nur je 516, für die Schwarzenberg 38 Gulden, dagegen für Nürnberg 1480 und für Rothenburg 380 Gulden. Da der 1 Stimmte ein Mitglied mit dem Beschluß nicht überein, so hängte er an das Conclusum eine Protestation, die jedoch ohne weiteren Einfluß blieb. 2 Neben der Versammlung aller Kreisstände

kannte man noch einen engeren Kreistag und Deputationstage der Vertreter der Direktorialstände der 4 Bänke. 3 Druck des Vertrags bei Lünig V 312.

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Matrikelanschlag 1521,1 also in der Blütezeit der oberdeutschen reichsstädtischen Wirtschatt fixiert worden war, entsprach er bald nicht mehr der tatsächlichen Finanzkraft der Stände. So bildete die Frage der Moderationen, die Anpassung an die realen Verhältnisse, ein ständiges vor allem von den Reichsstädten forciertes Thema der Kreisberatungen. Die Römermonate gaben aber auch die Richtlinien für die militärischen Leistungen jedes Kreisstandes zum Reichsheer, nachdem die Wormser Matrikel für jeden Reiter 12 Gulden und für jeden Fußsoldaten 4 Gulden veranschlagt hatte. Die zunehmende Bedeutung des Kreises und das wachsende Gewicht seiner Organe vermehrten aber auch die Auseinandersetzungen und Streitigkeiten um Ämterbesetzungen, Kompetenzen und Befugnisse.1 2 Weniger durch die schwerfällige Verfassung und die Umständlichkeit bei der Beschlußfassung als vielmehr durch vom Prestige bedingte Intrigen, Eifersüchteleien und offene Rivalitäten wurde die Tätigkeit und Wirksamkeit des Kreises äußerst belastet. Wenn nötig, besann sich der Reichskreis, in dessen Rahmen sich vorrangig das politische Leben der fränkischen Stände abspielte, doch immer wieder auf seine Gemeinsamkeit und Einheit.

§28. DIE FESTIGUNG DER NEUEN LEHRE

Quellen. Simon, KO; E. Sehling, Sachsen u. Thüringen, nebst angrenzenden Gebieten (s. o. 193) bes. Einführung 81 ff.; Ders., Schwaben (ebd.). - Literatur. Simon; Ders., HAB; Bauerreiss VI; W. Löhe, Erinnerungen aus d. Reformationsgesch. v. Franken, 1847; K. Schornbaum, Die 2. Unterschreibung d. Formula Concordiae in d. Markgrafschaft Brandenburg (ZBKG 4) 1929, 240-235; Ders., Die Einführung d. Konkordienformel in d. Markgrafschaft Brandenburg (ZBKG 5) 1930, 176-209; Ders., Zur Gesch. d. Katechismus im Fürstentum Brandenburg-Ansbach (ZBKG 9) 1934, 149-152; F. Vogtherr, Die Verfassung d. ev.-luth. Kirche in d. ehern. Fürstentümem Ansbach u. Bayreuth (Beitrr. BK 2) 1896, 209-221; E. Hirschmann, Das Konsistorialrecht d. ev.-luth. Kirche im ehern. Fürstentum Bayreuth, Jur. Diss. Masch. Erlangen 1949; K. Schornbäum, Nürnberg im Geistesleben d. 16. Jhs. Ein Beitr. z. Gesch. d. Konkordienformel (MVGN 40) 1949. 1-96; B. Klaus, Veit Dietrich (Einzelarbeiten 32) 1958; J. W. Holle, Georg Friedrich, Markgraf v. Ansbach u. Bayreuth 1557-1603 (AO 7, H. 1) 1857,1-28; W. Kampf, Preußen, Polen u. d. Reich im 16. Jh. (Altpreuß. Forsch. 19) 1942, 213-233; H. Rössler, Ein Staatsmann d. Friedens: Georg Friedrich v. Ansbach-Kulmbach (Rößler) 187-196; J. Petersohn, Markgraf Georg Friedrich v. Brandenburg-Ansbach u. -Bayreuth als Herzog in Preußen 1578-1603, Diss. Masch. Bonn 1959; Ders., Staatskunst u. Politik d. Markgrafen Georg Friedrich v. Brandenburg-Ansbach u. -Bayreuth (ZBLG 24) 1961, 229-276; H. Gürsching, Der Oberkanzler Wolf v. Kotteritz u. d. Geistlichen Güter in d. fränk. Markgrafschaften 1560-1562 (Festgabe f. Landesbischof D. Hans Meiser) o. J., 9-44; Pfeiffer, Nürnberg s. u. 324.

Nachdem das evangelische Kirchenwesen im Augsburger Religionsfrieden mit dem Grundsatz, daß der Landesherr über die Konfessionszugehörigkeit seiner Untertanen bestimme, anerkannt worden war, konnten in aller Ruhe die letzten Klärungen und Festigungen durchgeführt werden. Zunächst wurden die Reste des aufgezwungenen 1 Zeumer nr. 181, 313 ff. 2 So legte z. B. der Streit zwischen Ansbach und Bayreuth um das Ausschreibeamt den Kreis in den Jahren 1655-63 praktisch lahm.

W. Schneider, Die Politik d. Fränk. Kreises nach d. Dreißigjähr. Kriege (Erlanger Abh. 8) 1931, 52 ff.

§ 28. Die Festigung der neuen Lehre (R. Endres)

21‫ך‬

Interims abgebaut;’ nur Dinkelsbühl behielt den Zwischenzustand bei. Dann kam es überall zum weiteren Ausbau und schließlich zum Abschluß der Kirchenverfassung und des evangelischen Lehrgebäudes, was nicht ohne theologische Kämpfe und Dienstentlassungen abging. So wurde Ansbach von dem Lehrstreit des Georg Karg,1 2 die Pflege Coburg von den Flazianem,34*Nürnberg von dem Philippistischen Streit und Weißenbürg wegen derElevation in theologische Wirren gestürzt. Sektiererische Bestrebungen dagegen, wie in Nürnberg der «Schwenckfeldische Schwarm» * wurden sofort unterdrückt. In dem Fürstentum Ansbach wurde mit der Synodalordnung von 1556 der Grundstein zu einer fest organisierten Landeskirche gelegt. Das ganze Fürstentum wurde in zehn Kapitel unter je einem Superintendenten geteilt;’ 1565 kamen noch zwei Kapitel hinzu.6 Die Kapitelsordnung wurde 1572 auch auf das Fürstentum Kulmbach übertragen.7 Die zollerischen Fürstentümer hatten das Glück, in Markgraf Georg Friedrich einen überaus tüchtigen und tatkräftigen Landesherm zu besitzen. Er führte nicht nur gründlegende Reformen auf dem Gebiet der Verwaltung, der Staatswirtschaft und der Rechtspflege durch, sondern war auch an den religiösen Fragen höchst interessiert. Mit Hilfe bürgerlicher Räte und Beamten schuf er eine straffe Staatsorganisation, wobei die Landstände fast völlig ausgeschaltet wurden. Die erzielten Finanzsteigerungen ermöglichten ihm eine prunkvolle Hofhaltung und rege Bautätigkeit, wobei vor allem das Renaissanceschloß in Ansbach und der Ausbau des ehemaligen Klosters Wülzburg zu einer landesherrlichen Festung zu erwähnen sind. Höchste Beachtung schenkte der Markgraf dem Bildungswesen, das in der Errichtung der Heilsbronner Fürstenschule 1582 gipfelte, die er mit einem reichen Stipendienfonds für das ganze Land ausstattete.’ Seit 1577 war Georg Friedrich als Vormund seines geisteskranken Neffen Herzogs Albrecht Friedrich in Preußen als Administrator tätig, wo er nach fränkischem Muster, teilweise mit Hilfe fränkischer Räte, eine Neuordnung des Staates durchführte. Unter seinem straffen Regiment, das die fränkischen Fürstentümer zu einer seltenen wirtschaftlichen und finanziellen Blüte führte, konnte sich die lutherische Landeskirche nach innen und außen festigen und organisieren. In Ansbach, wo seit 1533 Geistliche als «verordnete Examinatoren» die Aufsicht über Lehre und Wandel der Geistlichkeit führten, bestand seit 1556 ein Konsistorium, das als Ehegericht fungierte. Ein solches wurde 1567 auch in Kulmbach errichtet. Das 1 Nürnberg hatte schon im Mai 1553 das Agendbüchlein des Veit Dietrich wieder eingcführt, das im nümbergischen Gebiet nach seinem Erscheinen 1543 praktisch die KirchenOrdnung von 1533 außer Kraft gesetzt hatte. 2 G. Wilke, Georg Karg, sein Katechismus u. sein doppelter Lehrstreit, 1905; K. Schornbäum, Zur Gesch. d. Kargschen Katechismus (Beitrr. BK 31) 1925, 111-113. 3 Zur Lehre und Bedeutung der Gnesiolutheraner RGG II 971. 4 A. Müller, Die Zensurpolitik d. ReichsStadt Nürnberg v. d. Einführung d. Buch-

druckerkunst bis z. Ende d. Reichsstadtzeit (MVGN 49) 1959, 87; Reicke 936. 5 Die 10 Kapitel waten in: Crailsheim, Cadolzburg, Gunzenhausen, Wassertrüdingen, Feuchtwangen, Schwabach, Uffenheim, Kitzingen, Leutershausen und Wülzburg. Die Residenzstadt Ansbach stand außerhalb der Superintendenturen. 6 Neustadt a. d. Aisch und Baiersdorf. 7 Sitze der Superintendenten wurden Bayreuth, Kulmbach, Hof und Wunsiedel. • Jordan-Bürckstümmer I 2, 1-70.

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

Ehe-Konsistorium und die Abteilung für geistliche Sachen wurden in Ansbach unter dem Einfluß der württembergischen Kirchenordnung 1580 verbunden, so daß nun das Konsistorium als Behörde des vollständigen Kirchenregiments entstanden war.1 Ein gleiches Konsistorium wurde 1594 in Kulmbach errichtet und eine endgültige Konsistorialordnung nach sächsischem Vorbild erlassen? Gleichermaßen kam auch in den Reichsstädten die Kirchenverfassung zum Abschluß: in Weißenburg 1554, in Windsheim und Schweinfurt 1555 und in Rothenburg, wo Jakob Andreä dem Kirchenwesen Gestalt verlieh, 1554/59? Nur in Nürnberg kam es nicht zur Ausbildung einer eigenenBehörde, da der Rat das Kirchenregiment fest in seinen Händen hatte, und zwar schon seit vorreformatorischer Zeit. Der Rat ließ die Kirchengewalt einfach von den ihm unmittelbar untergeordneten Ämtern ausüben; für Ehesachen bestand ein eigenes Ehegericht. Nach der Teilung der Ernestinischen Lande (1572) wurde auch in Coburg ein eigenes Konsistorium geschaffen, nachdem zuvor der «Generalsuperintendent in Franken», gemeint sind die Ortslande, dem Konsistorium in Jena angehört hatte. Auch die anderen lutherischen Landesherren in Franken errichteten Konsistorien: 1574 Henneberg-Schleusingen, 1577 Erbach und 1579 Hohenlohe? Mit dem Augsburger Religionsfrieden war die Ausbreitung der Reformation noch nicht zum Stillstand gekommen, vielmehr machte sie auch jetzt noch Fortschritte. So wandten sich erst jetzt viele Reichsritter dem Luthertum zu, um sich auf diesem Weg der bischöflichen Macht zu entziehen. Vor allem im Hochstift Bamberg kam es in den sechziger und siebziger Jahren zu schweren Verlusten der Alten Kirche. Dabei richtete die evangelisch gewordene Ritterschaft oftmals erst im Bedarfsfall und damit sehr spät eigene kirchenregimentliche Stellen ein. In der Abwehr gegen die Wiederherstellungsversuche der Alten Kirche gingen Markgraf Georg Friedrich und Nürnberg gemeinsam vor? während sich in anderen religions- und außenpolitischen Fragen - sofern eine Unterscheidung bei der damaligen intimen Verflechtung von Politik und Religion überhaupt möglich ist - die Reichsstadt mehr an dem kaiser- und reichstreuen Kursachsen orientierte. So lehnte Nürnberg die politische Aktivität des kalvinistischen Pfälzers und seines Anhangs ab, nicht nur weil es bis 1583 das einzige protestantische Mitglied des Landsberger Bundes war,123*6 sondern weil es auch Rücksichten auf den Kaiser zu nehmen hatte und vor allem weil es eine Verschärfung der Gegensätze im Reich befürchtete, die Nürnberg allein schon aus handelspolitischen Gründen nicht brauchen konnte. Auch in der Frage der Konkordienformel ging man getrennte Wege. Während sie Markgraf Georg 1 H. Gürsching, Die Entstehung d. Ansbaeher Konsistoriums (ZBKG 4) 1929, 13-48. 2 Druck in Simon, KO 379-396; Corpus Constit. (s. u. 1460) I 253-284. 3 Siehe die einschlägigen Abschnitte bei Simon, KO. ♦ Simon 308 ff. * Vgl. K. Braun, Nürnberg u. d. Versuche z. Wiederherstellung d. alten Kirchen im Zeitalter d. Gegenreformation 1555-1648 (Einzelarbeiten 1) 1925.

6 Am 28. Mai 1557 war Nürnberg zusammen mit den anderen fränkischen Bundesverwandten aus dem 2. Markgräflcrkrieg, Bamberg und Würzburg, dem Landsberger Bund beigetreten; Windsheim und Weißenburg folgten wenig später, verließen aber bald wieder den Bund. W. Goetz, Beitrr. z. Gesch. Herzog Albrechts V. u. d. Landsberger Bundes 1556—1598 (Briefe u. Akten V, s. HB II AV) 1898; Franz, Nürnberg (s. u. 324).

§ 2g. Die Gegenreformation (R. Endres)

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Friedrich 1577 unterzeichnete, lehnte sie Nürnberg unter dem Einfluß der starken philippistischen Partei ab. Traditionsgemäß folgten die kleineren Reichsstädte Weißenburg und Windsheim dem Beschlüsse Nürnbergs. Dagegen wurde die Konkordienformel von den unabhängigeren Städten Rothenburg und Schweinfurt angenommen, desgleichen von den Grafen von Schwarzenberg.

§29. DIE GEGENREFORMATION

Quellen. Gropp 11741 (s. u.353); Sammlung d. hochfürstl.-wirzburgischen Landesverordnungen I 1546-1728, 1776; F. X. Himmelstein, Synodicon Herbipolense. Gesch. u. Statuten der im Bistum Würzburg gehaltenen Concilien u. Diözesansynoden, 1855; Η. E. Specker, Die Landkapitel im Bistum Würzburg zu Beginn d. 17. Jhs. (WDGB11. 24) 1962, 285-292; W. Hotzelt, Matricula Ordinatorum in Civitate Bamberga 1525-1598 (BHVB 77) 1919/21, 33-102; Nuntiaturberichte aus Deutschland (s. HB II AV) IV. Abt., 1892 ff. - Literatur. H. Jedin, Gesch. d. Konzils v. Trient, 2 Bde., 1949/57; Schreiber, Weltkonzil; zur Entstehung und Entwicklung des Begriffs Gegenreformation vgl. H. Jedin, Kath. Reform oder Gegenreformation?, 1946 (Lit.); E. W. Zeeden, Zur Periodisierung u. Terminologie d. Zeitalters d. Reformation u. Gegenreformation. Ein Diskussionsbeitrag (GWU 7) 1956, 433437‫ ;־‬Schubert, Gegenreformationen in Franken (JffL 28) 1968, 275-307. - Bamberg. Looshorn V; Kist; J. Kist, Bamberg u. d. Tridentinum (Schreiber, Weltkonzil) II 119-134; G. Wurm, Bischöfe u. Kapitel im Hochstift Bamberg u. d. Gegenreformation, Diss. Masch. Erlangen 1945; G. Zagel, Die Gegenreformation im Bistum Bamberg unter Fürstbischof Neithard v. Thüngen, 1591-1598, 1900; G. v. Pölnttz, J. Ph. von Gebsattel u. d. deutsche Gegenreformation 1599-1609 (HJb. 50) 1930, 47-69; L. Bauer, Der Informativprozeß für den Bamberger Fürstbischof Johann Philipp v. Gebsattel (JffL 21) 1961, 1-27; Ders., Fürstbischof Joh. Ph. v. Gebsattel im Urteil d. Nachwelt (BHVB 100) 1964, 407-413; Μ. v. Deinlein, Johann Gottfried v. Aschhausen (BHVB 38) 1876, 3-31; H. Weber, Johann Gottfried v. Aschhausen, 1889; J. Setterl, Die Ligapolitik d. Bamberger Fürstbischofs Joh. Gottfr. v. Aschhausen in d. Jahren 1609-1617 (BHVB 72) 1914, 23-122; (73) 1951, 57-101; L. Bauer, Die Bamberger Weihbischöfe Johann Schöner u. Friedrich Fömer. Beitrr. z. Gegenreformation in Bamberg (BHVB 101) 1965, 305-530 (Bibi.). - Würzburg. Wendehorst, Würzburg; Schornbaum, Unterfranken (s. o. 194) (enthält auch wichtiges Material zur Gegenreformation); v. Pölnitz, Julius Echter; Th. Henner, Julius Echter v. Mespelbrunn, Fürstbischof v. Würzburg u. Herzog v. Ostfranken (Neujahrsbll. 13) 1918; Η. E. Specker, Die Reformtätigkeit d. Würzburger Fürstbischöfe Friedrich v. Wirsberg 1558-1573 u. Julius Echter v. Mespelbrunn 1573-1617 (WDGB11. 27) 1965, 29-125; Bigelmair, Konzil v. Trient (Schreiber, Weltkonzil II) 85 f.; F. Hefele, Der Würzb. Fürstbischof Julius Echter v. Mespelbrunn u. d. Liga, Diss. Würzburg 1912. - Eichstätt. Sax; Buchner; Ders., Das Bistum Eichstätt u. d. Konzil v. Trient (Schreiber, Weltkonzil II) 93-117; K. Ried, Moritz v. Hutten, Fürstbischof v. Eichstätt, u. d. Glaubensspaltung 1539-1552, 1925; E. Reiter, Martin v. Schaumberg, Fürstbischof v. Eichstätt, (1560-1590) u. d. Trienter Reform (Reformationsgeschichtl. Stud. u. Texte 91/92) 1965 (grundlegende Abh. über die gegenreformatorische Epoche); Pfeiffer, Nürnberg (s. u. 324); Mogge (s. o. 212). Vgl. auch u. § 53 u. § 78.

Mit dem Augsburger Religionsfrieden hatte die reformatorische Bewegung in Deutschland einen vorläufigen Abschluß gefunden. Der besonders im Trienter Konzil wiedererstarkte Katholizismus versuchte erwartungsgemäß, die Verluste wieder rückgängig zu machen. Zunächst aber galt es die Schäden festzustellen. So hatte die Reformation auch in den Hochstiftem reiche Gewinne erzielen können. In der Diözese Bamberg waren von den 190 selbständigen Pfarrkirchen im Lauf des sechzehnten Jahrhunderts 105 mit den meisten Filialkirchen samt allen Pfründen dem Protestantismus für die Dauer zugefallen, und zwar 44 landesherrliche in dem Markgraftum

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

Kulmbach, 21 in der Reichsstadt und im Landgebiet Nürnberg und 40 reichsritterschaftliche Pfarrkirchen sowie 23 bepfründete Burgkapellen.1 Hinzu kam ein starker moralischer Verfall der im Amt verbliebenen Priester, wie die Visitation des päpstliehen Gesandten Nikolaus Elgard1 2*ergab. Die in den protestantischen Gebieten gelegenen Klöster waren alle säkularisiert und selbst von den hochstiftischen Klöstern waren zahlreiche an Nachwuchsmangel eingegangen, wie Neunkirchen am Brand, Schlüsselau oder St. Theodor in Bamberg. In Eichstätt, dem kleinsten fränkischen Bistum, konnte selbst die Regierung des frommen und fähigen Bischofs Moritz von Hutten (1539-52) die großen Verluste an die protestantischen Territorien Ansbach, Nürnberg und Pfalz-Neuburg nicht verhindern. Der Gesamtverlust betrug schließlich 209 Pfarreien. Außerdem war der Priestemachwuchs auf ein Minimum herabgesunken.’ Mit Martin von Schaumburg (1560-90) aber erhielt Eichstätt einen wahrhaften Reformbischof, der als einziger die Restauration des Katholizismus ohne Hilfe der weltlichen Macht durchsetzte. Allerdings kam ihm die unmittelbare Nachbarschaft Bayerns sehr zustatten. Schaumburg ließ sogleich die Reformbeschlüsse des Trienter Konzils durchführen und errichtete 1564 als erster in Deutschland das vom Konzil geforderte Priesterseminar (s. u. 429). In Würzburg war der nach der Ermordung Melchior Zobels an die Regierung gelangte Bischof Friedrich von Wirsberg (1558-73) schon ganz vom Geist des Reformkonzils geprägt (s. u. 430). Mit seinen weitreichenden Reformen legte er die religiösen und geistigen Grundlagen für die umfassende Reformarbeit seines Nachfolgers Julius Echter von Mespelbrunn (1573-1617), dessen Wirken bereits als junger Dekan Aufsehen erregt hatte. Der hervorragend ausgebildete Bischof ging zunächst sehr vorsichtig ans Werk, doch bereits die Reform des Klosters Banz zeigte, daß er entschlossen war, die Gegenreformation entgegen allen Widerständen und nötigenfalls auch mit harten Maßnahmen durchzusetzen.4 Auch in den Fuldaer Händeln kümmerte er sich wenig um fremde Rechtsstandpunkte, sondern drückte die Gegenreformation und den Vorteil des Staates mit Gewalt durch. Im Hochstift Fulda nämlich, das praktisch völlig evangelisch geworden war, versuchte der junge Konvertit Fürstabt Balthasar von Dernbach mit Gewalt die Rekatholisierung, wobei er sich auch über die Declaratio Ferdinandea hinwegsetzte. Dies mobilisierte den Widerstand der Stände und der Ritter. Echter, dem von den protestantischen Ständen und der protestantischen Ritterschäft die Administration übertragen wurde, ließ 1576 den Fürstabt einkerkem und zur Resignation zwingen. Mit diesem Gewaltakt brachte er den Papst und das Reich gegen sich. 1602 wurde Echter sogar vom Reichshofrat zum Schadensersatz verurteilt und Dernbach wieder als Fürstabt eingesetzt.5 Aktive Gegenreformation betrieb 1 v. Guttenberg I 92. 2 W. E. Schwarz, Die Nuntiatur-Korrespondenz Kaspar Groppers nebst verwandten Aktenstücken 1573-1576 (Quellen u. Forsch, aus d. Gebiet d. Gesch. 5) 1898; L. Drehmann, Der Weihbischof Nikolaus Elgard, eine Gestalt d. Gegenreformation (Erfurter theol. Stud. 3) 1958.

’J. B. Götz, Die Primizianten d. Bistums Eichstätt 1493-1577. 1934· 4 Hess (s. u. 426 Anm. 4); Wendehorst III 196 ff. 5 Schottenloher III nr. 30 139-30 148; v. Pölnitz, Julius Echter 129-164, 566 ff. - Andere Beurteilung Echters u. 432 u. Anm. 4; Wendehorst III 162ff, bes. 182ff.

§ 2g. Die Gegenreformation (R. Endres)

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Julius Echter auch nach dem Aussterben der Henneberger 1583. So wurde das 1542 eingetauschte Amt Mainberg rekatholisiert, desgleichen die im Gebietsaustausch mit Sachsen angefallenen Orte, die das Hochstift vorteilhaft abrundeten.1 Auch um die würzburgischen Lehen der 1556 ausgestorbenen Grafen von Wertheim kam es zu Auseinandersetzungen, die 1612 mit der gewaltsamen Rekatholisierung der heimgefallenen Wertheimischen Gebiete endeten.1 2 Seine außenpolitischen Erfolge, seine Vormachtstellung in der Reichspolitik wie im Verhältnis zu den fränkischen Nachbarn waren weniger durch seine führende Stellung im Landsberger Bund begründet, durch den er sich in seiner Entscheidungsfreiheit keineswegs einengen ließ, sondern durch sein straffes, zentralistisches Regiment in seinem Territorium. Das Domkapitel, das ihn nur mit knappster Mehrheit gewählt hatte, verurteilte er zur Bedeutungslosigkeit. Die Reichsritterschaft, die seinen Staatskörper durchlöcherte und die zudem noch weitgehend konfessionell verschieden war, versuchte er zu Landsassen herabzudrücken.3 Er vermehrte erfolgreich die Wirtschaftskraft des Landes, reformierte das Steuer- und Finanzwesen und stärkte so den Staatshaushalt. Außerdem reorganisierte er das Rechts- und das Bildungswesen. Schon Friedrich von Wirsberg hatte die Bedeutung der Bildungspolitik für die Gegenreformation erkannt, Echter aber hatte nun auch die Mittel, das Schul- und Erziehungswesen neu zu gestalten. Nicht nur der theologisch ungebildet und den Zölibat mißachtende Klerus4 (s. u. 428) mußte von Grund auf reformiert werden, wozu er das Konvikt in ein Priesterseminar entsprechend den Vorschriften des Tridentinums umwandelte,5 auch einen zuverlässigen Beamtenapparat mußte er sich schaffen. So errichtete er in Münnerstadt im verlassenen Augustinerkloster ein weiteres Gymnasium (1617) und vor allem, gegen den heftigsten Widerstand seines Domkapitels, in Würzburg 1582 eine Universität.6 Die offiziellen Einweihungsfeierlichkeiten der Universitätskirche am 8. Sept. 1591 gestalteten sich zu einem Treffen der oberdeutsehen Gegenreformation, voran Herzog Wilhelm V. und sein Sohn Maximilian. Mit gleichem Eifer widmete sich Julius Echter dem Kirchenbau.7 Außerdem schuf er über dreißig neue Pfarreien sowie eine Neugliederung der Landkapitel. Mit der Gründung des Juliusspitals in Würzburg,8 dessen Insassen er 1579 ein klosterähnliches Statut gab, schuf er sich ein bleibendes charitatives und soziales Denkmal. 1 Durch den Trappstadter Rezeß vom 12. 9. 1599 wurde die Grenze zwischen Würzburg und Sachsen-Coburg (mit Sachsen-Eisenach) purifiziert. Zuletzt K. v. Andrian-Werburg, Die coburgische Südgrenze 1599-1920 (Coburgs Weg nach Bayern, Ausstellungskat. d. bayer. staatl. Archive 4) 1970, 9-13. 2 H. Neu, Die Fehde d. Würzburger Fürstbischofs gegen d. Grafen v. Löwenstein-Wertheim in d. Jahren 1598 bis 1617 (Deutsch-Ev. Bll. 28) 1903, 471-489. 3 Schubert, Landstände; Ders., Julius Echter s. u. 432 Anm. 4. 4 Z. B. Wendehorst, Würzburg 70.

5 Staab, Fürstbischof Julius u. d. Stiftung d. Geistl. Seminars (Julius Echter v. Mespelbrunn, eine Festschr., hg. v. C. Hessdörfer) 1917, 57‫־‬85· 6S.u. §74a; S. Merkle,Julius Echter u.s.Universität (ebd.), wiederabgedruckt S. Merkle, Ausgew. Reden u. Aufsätze (QFGHW 17) 1965, 342-360; Wendehorst III 213ff. (Lit). 7 S. u. 751 f., 755; v. Freeden-Engel (s. u. 751). 8 UmfassendeBibliographiebeiE. Stahleder, Dasjuliusspital zu Würzburg u. seine GeschichtsSchreibung (WDGB11. 20) 1958, 186-202; A. Wendehorst, Dasjuliusspital in Würzburg I: Kulturgesch., 1976.

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

In der Diözese Bamberg brauchte die Durchführung der Gegenreformation längere Zeit. Verantwortlich dafür waren die schwachen Landesherren, die kurz aufeinander folgten, und das Domkapitel, das sich gegen jegliche innere und äußere Reform stemmte. Dagegen wirkten die Weihbischöfe Lichtenauer, Feucht und Ertlin ganz im Sinne der Gegenreformation.1 So war Bischof Veit II. von Würzburg (1561-77) * trotz aller Ermahnungen erst 1571 bereit, die Beschlüsse des Trienter Konzils zu publizieren. Allerdings berief er die Jesuiten nach Forchheim und entsandte junge Kleriker zur Ausbildung ans Collegium Germanicum, die sehr bald im Hochstift aktiv wurden. Die Errichtung eines Priesterseminars verhinderte das Domkapitel. Erst Ernst von Mengersdorf konnte 1586 in Bamberg ein Seminar eröffnen.1*3 Auf Fürspräche Echters wurde 1591 Neidhart von Thüngen, obwohl persönlich umstritten, zum Bischof gewählt. Er drückte sogleich nach Würzburger Vorbild mit scharfen Vorschriften die Gegenreformation durch, vor allem in den Teilen der Diözese, in denen er auch Landesherr war. So vertrieb er nicht nur die lutherischen Pfarrer, Räte und Beamten, sondern stellte ganz allgemein die Alternative zwischen Auswanderung oder Rückkehr zur Alten Kirche. Mit Hilfe zahlreicher Regierungsmandate suchte er einen konfessionell einheitlichen Untertanenverband zu schaffen. Das schroffe Vorgehen provozierte allerdings die protestantischen Stände im Fränkischen Kreis, ja sogar das eigene Kapitel, das daraufhin 1598 mit Johann Philipp von Gebsattel einen sehr zwiespältigen, auch moralisch keineswegs einwandfreien Mann zum Nachfolger wählte. In engem Einvernehmen von Maximilian von Bayern und Julius Echter kam 1609 Johann Gottfried von Aschhausen an die Regierung, der über alle Bedenken erhaben war.4 Er schloß sich kurz nach der Amtsübernahme der Liga an,5 säuberte sogleich seinen Beamtenapparat, entsetzte Weihbischof Schoner und setzte an seine Stelle Friedrich Fömer, der in den nächsten Zwei jahrzehnten überaus segensreich für die Diözese wirkte.6 Wichtige Maßnahmen zur Beseitigung der Mißstände folgten den Pfarrvisitationen, die eine erschreckende sittliche Verwahrlosung weitester Teile der Diözese offenbarten. Zur Berufung der Jesuiten s. u. 434 u. 692f. Nach dem Tode Julius Echters, der in seiner 44jährigen Regierung eine der herausragenden Gestalten der Reichskirche und des Reiches vor dem Großen Krieg war, wählte das Würzburger Kapitel, entsprechend den Wünschen Echters, den Bischof von Bamberg zu seinem Nachfolger. Damit waren die beiden Mainbistümer erstmals in einer Hand, was zu einer wesentlichen Verstärkung der katholischen Partei im Fränkischen Kreis beitrug. Ihr standen vor allem die Mitglieder der Union gegenüber, 1J. Metzner, Emst v. Mengersdorf, Fürstbischof v. Bamberg; die Weihbischöfe Jakob Feucht u. Johann Ertlin, 1886. * W. Hotzelt, Veit II. v. Würtzburg, Fürstbischof v. Bamberg (1561-1577), 1918. 3 Schmitt (s. u. 430 Anm. 6). 4 L. Bauer, Die Rolle Herzog Maximilians v. Bayern bei d. Wahl d. Bamberger Fürstbischofs Johann Gottfried v. Aschhausen 1609 (ZBLG 25) 1962, 558-571.

5 Hierzu umfassend F. Neuer-Landfried, Die Kath. Liga. Gründung, Neugründung u. Organisation eines Sonderbundes 1608-1620 (MHStud.) 1968, mit erstmaligem Druck der Gründungsurkunde. 6 L. Bauer, Friedrich Fömer (Fränk. Lebensbilder 1) 1967, 182-209.

§ 30. Der Dreißigjährige Krieg (R. Endres)

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die sich am 4./14. Mai 1608 in Auhausen an der Wörnitz konstituiert hatte: Joachim Ernst von Ansbach und Christian von Kulmbach sowie Philipp Ludwig von PfalzNeuburg, Christian von Anhalt, der Herzog von Württemberg und der Markgraf von Baden.1 Nürnberg trat dem Bund im folgenden Jahr bei, die anderen fränkischen Reichsstädte folgten bald danach.12* Die Annäherung der Protestanten des Fränkischen Kreises an die aktive kalvinistisehe Partei im Reich hatte schon unter Markgraf Georg Friedrich sich angebahnt, der seit seinem Regierungsantritt in enger Verbindung mit dem politischen Protestantismus im Reich stand.’ Er hatte sich im Straßburger Kapitelstreit energisch für Markgraf Johann Georg von Brandenburg verwendet und sich an den politischen Einigungsbestrebungen der deutschen protestantischen Fürsten beteiligt, die von dem militanten Pfälzer Kurfürsten Johann Casimir angeregt wurden. Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang auch die regen Beziehungen Georg Friedrichs zu Heinrich von Navarra.4 Da Georg Friedrich kinderlos war, richtete sich seine Politik stärker auf die Belange des zollerischen Gesamthauses aus. So übertrug er seinen Berliner Vettern im Geraer Hausvertrag von 15995 auch die Nachfolge in den beiden fränkisehen Fürstentümern. Tatsächlich folgten nach seinem Tode 1603 die zwei jüngeren Brüder des Kurfürsten von Brandenburg, Joachim Ernst und Christian, die Ansbach und Kulmbach unter sich auslosten. Beide, vor allem der draufgängerische Joachim Ernst von Ansbach neigten der protestantisch-kalvinistischen Partei unter kurpfälzischer Führung zu.

§30. DER DREISSIGJÄHRIGE KRIEG

Quellen. J. Gropp, Wirtzburgische Chronik. Deren letztere Zeiten, 1748; H. Weber, Bamberg im 30jähr. Krieg (BHVB 48) 1886, 1-132 (nach einer Chronik aus dem Jesuitenkolleg); F. K. Hümmer, Bamberg im Schwedenkrieg (BHVB 52/53) 1890/91,1-168,169-230 (Tagebuch der Dominikanerin Maria Anna Junius); vgl. auch W. Scherzer, Verzeichnis d. im Landesarchiv Gotha befindl. Archivalien d. Sächsisch-weimarischen Herzogtums Franken v. 1633/34 (Mainfr. Jb. 14) 1962, 246-252. - Literatur. Dickmann (s. u. 231); G. Franz, Der Dreißigjährige Krieg u. d. deutsehe Volk. Untersuchungen z. Bevölkerungs- u. Agrargesch. (Quellen u. Forsch, z. Agrargesch., hg. v. F. Lütge, 7) 1961’ (Lit. speziell zu den Kriegsschäden in Franken 42 fF. und zu den Neusiedlern 65 ff-.); F. L. v. Soden, Gustav Adolf u. sein Heer in Süddeutschland 1631-1635, 3 Bde., 1965/69 (Matcrialfülle); K. G. Scharold, Die Gesch. d. königl.-schwed. u. herzogl. sachsen1 Noch immer gültig Μ. Ritter, Gesch. d. Deutschen Union von d. Vorbereitungen bis z. Tode Rudolphs II. (1598-1612), 2 Bde., 1867/73. 2 H. Gürsching, Die Unionspolitik d. Reichsstadt Nürnberg vor d. Dreißigjähr. Kriege 1608-1618 (Einzelarbeiten 14) 1932. ’ Vgl. K. Schornbaum, Markgraf Georg Friedrich v. Brandenburg u. d. EinigungsbeStrebungend.prot. Stände 1556-1559(ARG 17) 1920, 105-131, 161-182; Ders., Mgf. G. Fr. als Vermittler zw. d. ev. Fürsten 1567-1570 (ARG 26) 1929, 204-249; Ders., Mgf. G. Fr. v.

Brandenburg u. d. ev. Stände Deutschlands 1570-1575 (ARG 22) 1925, 268-300. 4 W. v. Waldenfels, Diplomat. Sendung d. markgräfl. brand. Geh. Rates Christoph v. Waldenfels zu Heinrich IV. (AO 22) 1905, 60-90. 5 Eine vorzügliche Interpretation der zollerisehen Hausverträge von 1473 und des Geraisehen Vertrages gibt H. Schulze, Die Hausgesetze d. regierenden deutschen Fürstenhäuser, 1883, III 562 ff., 572 ff.; hier auch Druck der Verträge. Vgl. Endres, Erbabreden 43 ff.

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

weimar. Zwischenregierung im eroberten Fürstbistum Würzburg, in bes. Beziehung auf d. reformierte Religions-, Kirchen- u. Schulwesen (AU 7 u. 8) 1842/43/45 (auch selbst.); A. Beck, Emst der Fromme, Herzog zu Sachsen-Gotha u. Altenburg, 1865; G. Droysen, Bernhard v. Weimar, 2 Bde., 1885; J. Kretzschmar, Der Heilbronner Bund 1632-35, 3 Bde., 1922; H. Weigel, Franken, Kurpfalz u. d. Böhm. Aufstand 1618-1620, I. Teil: Die Politik d. Kurpfalz u. d. ev. Stände Frankens Mai 1618 bis März 1619, 1932; Ders., Franken im dreißigjähr. Krieg. Versuch einer Überschau v. Nürnberg aus (ZBLG 5) 1932, 1-50, 193-218; I. Bog, Die bäuerl. Wirtschaft im Zeitalter d. Dreißigjähr. Krieges. Die Bewegungsvorgänge in d. Kriegswirtschaft nach d. Quellen d. Klosterverwalteramtes Heilsbronn (Sehr. d. Inst. f. fränk. Landesforsch. 4) 1952; H. Burkard, Das Hochstift Würzburg unter schwedisch-weimarischer Zwischenregierung (Das Bayemland 42) 1931; O. Dürr, Philipp Adolf v. Ehrenberg, Fürstbischof v. Würzburg, 1623-1631 (ZBKG 6) 1931, 65-74; W. Griesshammer, Zur Gesch. d. sachsen-weimarischen ev. Konsistoriums in Würzbürg 1630-34 (ZBKG 7) 1932, 28-35; C. Deinert, Die Schwed. Epoche in Franken v. 1631-1635, Diss. Würzburg 1966 (Offsetdruck); Wendehorst, Würzburg; Looshorn VI; Kist; Μ. v. Deinlein, Zur Gesch. d. Fürstbischofs Johann Georg II. (BHVB 40) 1878, 1-41; V. Loch, Fürstbischof Johann Georg II. als Präsident d. Kaiserl. Commission f. den fränk. Kreis z. Durchführung d. Restitutionsedicts im Jahre 1629 (BHVB 39) 1877, 33-103; G. Hübsch, Das Hochstift Bamberg u. seine Politik unmittelbar vor dem ersten Einfall d. Schweden 1631, 1885; H. Dietz, Die Politik d. Hochstifts Bamberg am Ende d. Dreißigjähr. Krieges (BHVB, Beih. 4) 1968; F. Buchner, Ruinen, Not u. Notverordnungen infolge d. 30jähr. Krieges im Bistum Eichstätt (Sbl. Eichstätt 48) 1933, 9-52; J. W. Holle, Das Fürstentum Bayreuth im Dreißigjähr. Kriege (AO 4 H. 1-3) 1848/50; E. Sticht, Markgraf Christian v. Brandenburg-Kulmbach u. d. 30jähr. Krieg in Ostfranken 1618-1635 (Die Plassenburg 23) 1965 (vergleichbares Werk für Ansbach fehlt); F. L. v. Soden, Kriegs- u. Sittengesch. d. Reichsstadt Nürnberg vom Ende d. 16. Jhs. bis z. Schlacht bei Breitenfeld 7./17. Sept. 1631, 3 Bde., 1860/62; S. Donaubauer, Nürnberg in d. Mitte d. Dreißigj. Krieges (MVGN 10) 1893; E. Mummenhoff, Altnümberg in Krieg u. Kriegsnot, 2. Teil: Aus den schlimmsten Tagen d. dreißigjähr. Krieges, 1917; K. Gartenhof, Die Politik d. Reichsstadt Schweinfurt im Dreißigjähr. Kriege, Diss. Würzburg 1908; J. Heinz, Die hohenlohisehen Lande während d. Dreißigjähr. Krieges, 1892; H. Glaser, Die Politik d. Herzogs Johann Casimir v. Coburg (Zschr. d. Ver. f. thür. Gesch. 17) 1895; W. Dietze, Die bevölkerungspolit. u. wirtschaftl. Wirkungen d. dreißigjähr. Krieges in d. Pflege Coburg u. d. Wiederaufbau nach d. Kriege (Coburger Heimatk. u. Heimatgesch., hg. v. d. Cob. Landesstiftung u. d. Cob. Heimatver. 18) 1941; H. Jäger, Der Dreißigjähr. Krieg u. d. deutsche Kulturlandschaft (Wege u. Forsch, d. Agrargesch., Festschr. G. Franz) 1967, 130-145 (Mittelpunkt der Untersuchung das heutige Ufr.). - Exulanten. Zusammenfassend Franz (s. o. 223) 68 ff. (Lit.); K. Gröschel, Exulanten in Franken (JffL 2) 1936, 80-87; W. Lehnert, Die oberösterreich. Exulanten im ehern. Brand.-Ansb. Oberamt Stauf-Landeck. Versuch einer volkskundl.-hist. Eingliederungsforschung (Freie Schriftenfolge d. Ges. f. Familienforsch, in Franken 14) 1962; G. Barth, Verz. d. oberösterr. Exulanten im Bezirk d. ev.-luth. Dek. Thalmässing im 17. Jh. (ebd.); G. Rusam, Österreich. Exul. in Franken u. Schwaben, 1952 (wenig ergiebig); Pfeiffer, Nbg. (s. u. 324); Magen (s. o. 212).

Von den Unruhen in Böhmen, die den Beginn des Großen Krieges bildeten, wurde Franken an sich nicht unmittelbar betroffen. Doch mit der Wahl Friedrichs von der Pfalz zum König von Böhmen durch die protestantischen Stände wurde die Union, deren Direktorium der Kurfürst inne hatte, in diese Wirren mit hineingezogen. Auch die Liga unter Maximilian von Bayern, der sich zunächst zurückhielt, wurde mit dem Münchner Vertrag vom 8. Okt. 1619 in die ursprünglich rein böhmischen Auseinandersetzungen mit einbezogen. So begann Johann Gottfried von Aschhausen, eines der eifrigsten Mitglieder der Liga, noch im gleichen Herbst mit Rüstungsvorbereitungen und -beihilfen, was wiederum die süddeutschen Unionsmitglieder zu ähnlichen Maßnahmen herausforderte. Mit dem Ulmer Vertrag vom 5. Juli 1620 konnte jedoch der Krieg auf Böhmen lokalisiert und die Neutralität der Union und der Liga im Reich sichergestellt werden. Zunächst zog zwar Markgraf Joachim Emst von Ansbach mit

§ 30. Der Dreißigjährige Krieg (R. Endres)

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dem Unionsheer den spanischen Hilfsvölkern in der Pfalz entgegen, aber nach der Schlacht am Weißen Berg (8. 11. 20) schloß auch er einen Vertrag mit dem Kaiser. Nach dem Ausscheiden der Reichsstädte - voran das vorsichtig lavierende, kaisertreue Nürnberg - löste sich die Union am 4. Mai 1621 völlig auf. In den folgenden Jahren war Franken zwar nicht unmittelbarer Kriegsschauplatz, aber doch infolge seiner zentralen geographischen Lage im Reich ständiges Durchzugsgebiet, wobei alle Heere, gleich auf welcher Seite sie kämpften, gleichermaßen hohe Kontributionen und Brandschatzungsgelder erpreßten und grausame Exzesse verübten. Vor allem Wallenstein, der den Grundsatz kreierte, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse, erklärte Franken, speziell Nürnberg, mehrfach zum Musterungsplatz, woraufhin die Reichsstadt die Verpflegung, Waffen und Munition für die angeworbenen Truppen zu stellen hatte. Nach den bedeutenden Erfolgen Tillys und Wallensteins in Norddeutschland konnte Kaiser Ferdinand zur lange vorbereiteten Politik der Restauration der katholischen Kirche übergehen. Kraft eigener Machtvollkommenheit erließ der Kaiser am 6. März 1629 das sog. Restitutionsedikt, das den bislang umstrittenen geistlichen Vorbehalt generell in Kraft setzte. Demzufolge sollten alle seit 1552 eingezogenen geistliehen Güter wieder herausgegeben werden, wodurch - nach Leopold von Ranke die Axt an die Wurzeln der Reformation gelegt worden wäre. Auf der Grundlage des Restitutionsedikts forderten sofort die fränkischen Bischöfe zahlreiche Klöster und Pfarreien zurück, vor allem von der Ritterschaft. Den größten Gewinn konnte dabei Philipp Adolf von Ehrenberg in Würzburg erzielen mit der Auslösung und sofortigen Rekatholisierung der seit 1443 an Brandenburg-Ansbach verpfändeten Stadt Kitzingen,1 der nach Schweinfurt größten protestantischen Enklave im Hochstift. Dabei kam dem Bischof die ansbachische Vormundschaftsregierung zupasse,1 deren Schwäche schon wenige Jahre zuvor bei der gewaltsamen Rekatholisierung der Grafschaft Schwarzenberg mit Hilfe der berüchtigten Schönburger Reiter ausgenützt wurde. Der Versuch, auch in Schweinfurt die Gegenreformation durchzusetzen, dagegen mißlang. In Bamberg konnte der Bischof nach der Schlacht am Weißen Berg auch wieder über die in seinem Sprengel gelegenen oberpfälzischen Pfarreien verfügen.3 Weiterhin erwirkte Johann Georg Fuchs von Dornheim (1623-33) bereits 1624 ein kaiserliches Mandat, in welchem die hochstiftische Ritterschaft auf gefordert wurde, ihre Pfarreien wieder der Alten Kirche zurückzugeben, was zu zahlreichen Vertreibungen protestantischer Geistlicher führte. Ferner reklamierte er u. a. die Nürnberger Klöster St. Egidien, das Franziskanerkloster und die Frauenklöster St. Klara und St. Katharina, da deren letzte Insassen erst nach 1552 verstorben * Bachmann-Pfrenzinger, Gesch. d. Stadt Kitzingen, 1899; R. Herz, Chronik d. Ev.Luther. Kirchengemeinde Kitzingen, 1963; F. Bendel, Zur Gesch. d. Gegenreformation im Gebiet d. Bistums Würzburg (ZBKG 8) 1933, 233-237 bringt eine zeitgenössische Liste der Pfarreien, die Bischof Adolf restituieren wollte. 15 HdBG III, I

2 Joachim Ernst von Ansbach starb 1625 und hinterließ 3 unmündige Söhne, Friedrich, Albrecht und Christian; die Vormundschaft führten die Witwe Sophie, geb. Gräfin Solms, und deren Vetter Graf Friedrich von Solms. 3 Vgl. F. Lippert, Gesch. d. Gegenreformation in Staat, Kirche u. Sitte d. OberpfalzKurpfalz z. Zeit d. Dreißigjähr. Krieges, 1901.

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

waren.1 Letztlich strebte Fuchs von Domheim, der vom Kaiser mit der Durchführung des Restitutionsedikts im Fränkischen Kreis beauftragt worden war, danach, das ius dioecesanum als Grundlage für den Konfessionsstand durchzusetzen. Ehe jedoch seine Ansprüche geklärt oder gar verwirklicht werden konnten, hatte sich mit dem Sturz Wallensteins um der «Teutschen Libertät» willen und vor allem mit dem Schwedeneinfall die politische Lage grundlegend geändert. Nach der Schlacht bei Breitenfeld im September 1631, in welcher das kaiserliche Heer unter Tilly eine schwere Niederlage erlitt und für die Leipziger Bundesangehörigen, die Dritte Partei im Reich, eine bewaffnete Neutralität unmöglich geworden war, rückten die Schweden nach Franken vor. Bereits Mitte Oktober hatten sie Würzburg eingenommen und selbst die für unbezwingbar gehaltene Festung Marienberg mühelos gestürmt.1 2*Die Schätze der Residenz wurden eine Beute der Soldateska, die reiche Bibliothek Julius Echters wurde nach Schweden ausgelagert.’ Nach der widerstandslosen Besetzung des Hochstifts begann die Neuordnung des Landes. Zur sofortigen Zusammenarbeit mit den Schweden war die fränkische Reichsritterschaft bereit, die durch das Restitutionsedikt besonders gefährdet war, da die Bischöfe mit Hilfe gegenreformatorischer Maßnahmen sie zu Landsassen herabdrücken wollten. Sie erhofften sich von Gustav Adolf die Befreiung aus ihrer schwierigen Lage und schlossen sich daher, gegen Zusicherung der Reichsunmittelbarkeit, der Unabhängigkeit und der protestantischen Konfession, sogleich an den Schwedenkönig an, der die einheimischen Adligen auch wieder in die Landesorganisation übernahm, aus der sie dem gegenreformatorischen Druck hatten weichen müssen. Dagegen gelang es Gustav Adolf zu seiner großen Enttäuschung nicht, die großen fränkischen Kreisstände sofort völlig auf seine Seite zu ziehen. Vor allem Christian von Bayreuth und Nürnberg wahrten zunächst eine wohlwollende Neutralität und fanden sich nur zu geheimgehaltenen Darlehen bereit. Gegenüber den ultimativen Ermahnungen des Königs schoben sie den Fränkischen Kreis als Ganzes vor. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit schloß der Nürnberger Rat im März 1632 die gewünschte Spezialallianz mit Schweden und stellte Truppen, Gelder und Kanonen zur Verfügung. Mit diesem Militärbündnis war Nürnberg endlich offen auf die Seite der Schweden getreten, was Gustav Adolf mit reichen Schenkungen honorierte. Die von Gustav Adolf gewünschte militärische und politische Allianz mit dem gesamten Fränkischen Kreis dagegen kam nicht zustande. So lehnten die Stände, auch die evangelischen, Gustav Adolfs Vorschläge zur Einführung der schwedischen Kupferwährung, d. h. die Aufgabe der Münzhoheit des Kreises, ab,4 wie auch die Einsetzung Krafts von Hohenlohe als Generalstatthalter des Fränkischen Kreises, mit dessen Hilfe der 1 K. Braun, Nürnberg u. d. Versuche d. Wiederherstellung d. alten Kirche im Zeitalter d. Gegenreformation (Einzelarbeiten 1) 1925, bes. 81 ff 2 Vgl. Μ. H. v. Freedbn, Festung Marienberg (Mainfr. Heimatkunde j) 1952, 150 ff ’ Siehe Seufferth, Die Reclamation d. im Dreißigjähr. Kriege nach Schweden entführten

Bücher (AU 10, H. 2 u. 3) 1850, 206-263; P· Wittmann, Würzburger Bücher in der k.schwed. Universitätsbibliothek zu Upsala (AU 34) 1891, 111-160. 4 C. F. Gebert, Beitrr. z. Fränk. Münzkunde. Die Einführung schwed. Kupfermünzen in Franken 1632 (Mitt. d. Bayer. Numismat. Ges. 25) 1906.

§ 3°. Der Dreißigjährige Krieg (R. Endres)

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Schwedenkönig Einfluß auf den Kreis gewinnen und die Reichskreisverfassung ändern wollte. Der Fränkische Kreis als Lebens- und Gemeinschaftsordnung wahrte seinen Bestand in allen Belastungsproben. So beschränkten sich die Schweden in ihrem direkten Einfluß weitgehend auf das eroberte Hochstift Würzburg, wo sie eine weltliche Landesregierung einsetzten, allerdings unter fast unveränderter Übernähme der bisherigen Verwaltungs- und Behördenorganisation. Nur stellte Gustav Adolf neben die zivile Verwaltung noch das militärische Kommando des GeneralStatthalters Kraft von Hohenlohe. Das erneute Eingreifen Wallensteins und die Vereinigung seines Heeres mit dem Maximilians von Bayern zwangen Gustav Adolf dazu, im Sommer 1632 in und um Nürnberg ein gewaltiges Lager aufzuschanzen, entsprechend den neuesten Fortifikationslehren.1 Wallenstein, dessen Heer 60000 Man gezählt haben soll, schlug sein Lager am linken Ufer der Rednitz bei der Alten Veste auf. Vergeblich versuchte der Schwedenkönig, der infolge der schwierigen Versorgungslage eine Entscheidung herbeiführen mußte, Wallenstein aus seiner Defensivhaltung herauszulocken oder sein Lager zu erstürmen. Daraufhin zog Gustav Adolf mit der Masse seines Heeres nach Thüringen und Sachsen, wodurch sich der Kriegsschauplatz aus Franken nach Mitteldeutschland verlagerte. Am 15. November 1632 fand Gustav Adolf in der Schlacht von Lützen den Tod, was für die evangelische Sache einen schweren Schlag bedeutete. Die Weiterführung von Gustav Adolfs Politik in Deutschland übernahm der Kanzler Oxenstiema. Er verbündete sich im Frühjahr 1633 mit den protestantischen Ständen der vier oberen Reichskreise im sog. Heilbronner Bund. Auch die Landesregierung in dem besetzten Hochstift Würzburg hatte er übernommen, schenkte aber im Juni 1633 die beiden Hochstifte Würzburg und Bamberg als schwedische Erblehen dem einflußreichen General im schwedischen Heer Herzog Bernhard von SachsenWeimar. Dieser hielt am 17. Juli in Würzburg seinen Einzug, übergab aber wenige Tage später seinem Bruder Ernst die Regierungsgewalt, da er selbst wieder zum Heer ging. Während sich Herzog Ernst in Würzburg sofort durchsetzen konnte, stieß er in Bamberg auf heftigsten Widerstand. Die Hauptstadt wurde zwar eingenommen, und auf dem Land lösten sich die schwedischen und kaiserlichen Besetzungen mit ihren für die Bevölkerung so verheerenden Folgen mehrfach ab, doch die Landesfestungen Forchheim und Kronach konnten sich halten. So blieb die Herrschaft Herzog Ernsts in Bamberg mehr nominell, auch wenn er statt des Bischofs die Stimme und Funktion des Kreisdirektors wahmahm, was aber zu erneuten Differenzen mit Christian von Bayreuth führte. Dagegen konnte sich die schwedische Landesregierung in Würzburg ungehinderter auswirken. Wahrscheinlich nach Weimarer Vorbild gestaltete Herzog Ernst die gesamte Landesverwaltung grundlegend um.’ Die Verwaltungsspitze wurde in Regierung (Kanzlei), Kammer und Konsistorium, in dessen Kompetenzbereich auch das Schul- und Bildungswesen gehörte, dreigeteilt, womit sich das Gewaltenteilungs* Vgl. zuletzt Η. H. Hofmann, Die Nümberger Stadtmauer, 1967. 1 Vgl. U. Hbss, Geheimer Rat u. Kabinett in !5·

d. Emestinischen Staaten Thüringens (Veröff. d. thür. Landeshauptarchivs 6) 1962.

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

prinzip des modernen Verwaltungsstaates bereits andeutete. Auf unterer Ebene, in der Ämterverwaltung, wurden über die bisherigen Ämtereinteilungen sog. Hauptmannschäften als Mittelbehörden gelegt.’ Hauptleute waren Ritter, und zwar zumeist aus Franken. Die Hauptkirchen übergab man allerorts den Protestanten, so auch den Dom in Würzburg. Aber gerade in der Religionsfrage kam es zu einer permanenten Opposition der treu katholischen Bevölkerung. Auf ähnliche Ablehnung stießen die sog. «Donationen»,2 die zu nicht unwesentlichen territorialen Veränderungen führten. Es handelte sich hier um die Vergabe eingezogener Abteien, Stifter, ja ganzer Ämter, womit die stets zögernden Kreisstände gekauft oder verdienstvolle Persönlichkeiten belohnt werden sollten.3 So war es vor allem unter Oxenstiema zu einem förmlichen Ausverkauf der Hochstifter gekommen. Besonders reich bedacht wurden neben den Reichsstädten die Grafen von Löwenstein-Wertheim und die Hohenlohe.4 Die rigorose Territorialpolitik, die Übernahme von Kreisfunktionen, vor allem aber die straffe Neuorganisation der Behörden und ihre Kirchenpolitik zeigen, daß die Sachsen ein dauerndes, völlig protestantisches Herzogtum in Franken schaffen wollten. Doch dauerte die Schwedische Epoche in Franken nur drei Jahre. Denn noch vor der entscheidenden Schlacht bei Nördlingen (6. Nov. 1634) wurde der Großteil des Hochstifts Würzburg von den Kaiserlichen zurückerobert. Mit dem Prager Frieden 1635 fand das schwedische Zwischenspiel in Franken, dessen Folgen nicht übersehen werden dürfen, sein Ende. Nach dem Prager Frieden war Franken zunächst nicht mehr unmittelbarer KriegsSchauplatz, aber infolge seiner Mittellage hatte es auch weiterhin unter Truppendurchzügen, Einfällen, Einquartierungen, erpresserischen Kontributionen und kurzzeitigen Besetzungen zu leiden. Zeitweilig diente der Fränkische Kreis Schweden und Reichstruppen zugleich als Quartier und Nachschubbasis. Es ist daher verständlich, daß die fränkischen Stände mit zu den ersten und energischsten gehörten, die das Kriegstreiben und Morden beenden wollten. Die Friedensverhandlungen in Westfalen, die seit 1643 liefen, wurden für Franken vor allem durch diePerson des neuen Würzburger Bischofs Johann Philipp von Schönborn (1642-73) wichtig.5 Sein Bestreben lief dahin, zunächst das Land, das völlig verwüstet war, wieder von fremden Truppen zu befreien und möglichst schnell den ■ Als Vorbild dienten vielleicht die Bayreuther Hauptmannschaften, die ebenfalls echte Mittelbehörden waren, auch wenn ihre endgültige Ausbildung erst noch erfolgte. Vgl. Hofmann, Außenbehörden (s. u. 275). Im Würzburgischen wurden insgesamt 8 Hauptmannschaften eingerichtet, und zwar in Würzbürg, Karlstadt, Ochsenfurt, Gerolzhofen, Fladungen, Königshofen i. Gr., Ebern und Mainberg. 2 Vgl. auch A. Ph. Brück, Schwed. «Donationen» aus Kurmainzer Besitz (Hess. Jb. f. LG 7) 1957, 230-258. 3 Als Rechtsgrundlage diente den Schweden das ius belli des Hugo Grotius (vgl. H. Gro-

Tius, De Jure belli ac Pacis Libri Tres. Dt. Text u. Einleitung v. W. Schätzel, 1950). So erhielt beispielsweise Graf Reinhard von Solms von Gustav Adolf die Grafschaft Schwarzenberg geschenkt und Generalfeldmarschall Hom den Hoch- und Deutschmeisterstaat Mergentheim. 4 Die Löwenstein-Wertheim gelangten in den Besitz aller geistlichen Güter und Einkünfte in ihrer Grafschaft und Kraft von Hohenlohe erhielt die Klöster Schönthal und Schäftersheim. 5 Zu ihm Wild, Johann Philipp v. Schönbom (s. u. 231); Mentz, Johann Philipp v. Schönbom (s. u. 231); s. u. 378.

§ ja. Der Dreißigjährige Krieg (R. Endres)

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Krieg zu beenden. Hierzu betrieb er eine eigenständige Politik, wofür er Anlehnung an Frankreich suchte, mit dessen Unterstützung er auch zum Kurfürsten von Mainz gewähltwurde (19. November 1647).1 Als Kurerzkanzler war er inMünster undOsnabrück handlungsbevollmächtigt. Er machte sich dabei vor allem für die kleineren Reichsstände stark, auf deren Kosten sich die Großmächte sanieren wollten. In dem Würzburger Diplomaten Johann Philipp von Vorburg und dem Bamberger Gesandten Cornelius Göbel12 hatten die fränkischen Stände sehr geschickte Vertreter, nachdem der Versuch, den Reichskreis als Ganzes an den Friedensverhandlungen zu beteiligen, gescheitert war. Unter den zahlreichen Bestimmungen des Westfälischen Friedens wurde für Franken vor allem die Festsetzung des Stichtages 1. Januar 1624 für die Konfessionsgrenzen wichtig. Damit mußten alle Errungenschaften des Restitutionsedikts zurückgenommen werden. Unberücksichtigt blieb das Normaljahr in der Oberpfalz, aber auch in einigen fränkischen Gebieten, wie in der Grafschaft Schwarzenberg und in Thüngen. Besonders betroffen war Bamberg, das nun endgültig alle nürnbergischen, markgräfliehen und ritterschaftlichen Pfarreien und die in diesen Gebieten gelegenen Klöster verlor. Nur der Deutsche Orden konnte sich in Nürnberg halten. Dem ausgelaugten Fränkischen Kreis legte der Friedensschluß neue schwere Lasten auf. Der Kreis mußte an Schweden Kriegsentschädigungen in Höhe von rund 600000 Reichsthalern bezahlen, zu deren Sicherstellung und Eintreibung 160 schwedische Kompanien in Franken stationiert blieben. Unerledigt gebliebene Einzelfragen und Probleme der Exekution der Friedensbestimmungen sollten auf dem «Friedensexekutionskongreß» geregelt werden, der im April 1649 in Nürnberg zusammentrat. Er rückte Nürnberg noch einmal in den Mittelpunkt öffentlichen Geschehens und verlieh der Reichsstadt für kurze Zeit den alten Ruf und Glanz europäischer Politik und Geschichte. Erst nach Unterzeichnung des Friedensexekutionsrezesses am 16./ 26. Juni 1650 auf der Nürnberger Burg zogen die Schweden, und das auch nur sehr zögernd, aus Franken ab. Der Wiederaufbau konnte beginnen. Die Bestandsaufnahmen ergaben ein verheerendes Bild der kriegsbedingten Bevölkerungsverluste und materiellen Schäden. Allerdings läßt sich eine einheitliche Aussage für Franken noch nicht treffen, da nur einzelne genauere Angaben vorliegen und die Verluste sicher regional sehr unterschiedlich waren. Eine schwedische Aufstellung nennt 47 Schlösser, 26 Städte und 313 Dörfer im Fränkischen Kreis als zerstört.3 Im Durchschnitt muß mit einem BevölkerungsVerlust von 20-40% gerechnet werden. In manchen Gebieten, wie z. B. dem Coburger Raum, erreichten die Verluste 70-80% der Bevölkerung.4 Am stärksten wurden 1 Siehe V. Löwe, Frankreich, Österreich u. d. Wahl d. Erzbischofs Johann Philipp v. Mainz im Jahre 1647 (Westdt. Zschr. f. Gesch. u. Kunst 16) 1897, 172-188. 2 Eine eingehende Würdigung der Personlichkeit und Leistung bei Dibtz (s. o. 224) 24 ff. 3 W. Schneide», Die Politik d. Fränk. Krei-

ses nach d. Dreißigjähr. Krieg (Erlanger Abh. 8) 1931, 10 mit Anm. 8. 4 Dietze (s. o. 224); Herzog Johann Casimir hatte sein Territorium bis 1632 weitgehend aus den Kriegsereignissen heraushalten können. Dann aber wurde die Pflege Coburg, wo sich wichtige Heeresstraßen schnitten, schwer heimgesucht. Gustav Freytags bekannte düstere

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Franken: C. V. Vom Augsburger Religionsfrieden bis zum Dreißigjährigen Krieg

die Städte und Märkte betroffen, da die den Kriegsereignissen folgenden Hungersnöte und Seuchen erst eigentlich die Bevölkerung dezimierten. So sollen in der Reichsstadt Nürnberg, hinter deren feste Mauern sich besonders viele geflüchtet hatten, allein auf dem Höhepunkt der Pestwelle 1634 rund 20000 Menschen verstorben sein.1 In den offenen Durchzugsgebieten lagen nachweislich 60-80% der Höfe wüst, während in entlegeneren Gebieten, abseits der Heerstraßen, wesentlich geringere Verluste zu verzeichnen waren.2 Bis zu 80% des Ackerlandes war in manchen Regionen wüst geworden, was einen nachhaltigen Verfall der agrarischen Kulturlandschaft bedeutete und zu Veränderungen im Siedlungsgefüge führte. Die materiellen Verluste waren ungeheuer. Allein Nürnberg hatte der Große Krieg eine Verschuldung von rund 6 Mill. Gulden gebracht und damit den städtischen Wohlstand und die reichsstädtische Macht weitgehend zerstört.’ Ein Beweis für die außergewöhnlich hohen Menschenverluste sind die zahlreichen Emigranten. Man schätzt, daß etwa 150000 Exulanten in Franken aufgenommen wurden, wobei die Einwanderer aus Oberösterreich, von wo sie wegen ihrer Konfession vertrieben worden waren, überwogen.4 Ein Teil, vor allem die Adligen und Reichen, ließen sich in den Reichsstädten, besonders in Nürnberg nieder.’ Viele Exulanten nahm der Markgraf von Ansbach auf, wo sie in manchen Orten des Ansbacher, Gunzenhauser oder Wassertrüdinger Raumes bald die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. In fast keinem Ort fehlten schließlich die Österreicher. So nennen die Kirchenbücher allein in den Pfarreien des Dekanats Thalmässing rund 1250 Exulanten. Da die Emigranten ihr eigenes Brauchtum, ihr besonderes Wirtschaftsleben und ihren eigenen Lebensstil mitbrachten, wirkten sie auch stark verändernd auf ihre Umgebung ein, wodurch allerdings die Unterschiede zwischen den katholischen und evangelischen Gemeinden noch mehr vergrößert wurden. Nur für einige Ritter spielte die Konfessionszugehörigkeit ihrer Neusiedler keine Bedeutung. Sie warben Emigranten planmäßig an, «peuplierten», und stellten ihnen wüste Höfe zu billigem Preis zur Verfügung.6 Schilderung des Großen Krieges basiert auf den Ereignissen und Verhältnissen der Pflege Coburg. 1 Endres, Einwohnerzahl (s. o. 199 Anm. 1). 2 So waren z. B. in dem bamberg. Amt Senftenberg im Regnitztal 1 Marktflecken und 10 Dörfer völlig zerstört und weiterhin 1 Kirche, 68 Häuser, 45 Städel und 1 Mühle niedergebrannt, während in dem entlegenen Juragebiet der Vogtei Wolfsberg «nur» 3 Dörfer, 4 Häuser, 5 Städel und 2 Mühlen zerstört waren. H. Mayer, Die Zerstörungen d. dreißigjähr. Krieges im Hochstift Bamberg (Bamberger Bll. f. Kunst u. Gesch. 4) 1927, 71 f.; vgl.

auch die Einzelangaben bei Franz (s. o. 223) 46 f. ’ W. Schwemmer, Die Schulden d. ReichsStadt Nürnberg u. ihre Übernahme durch d. Bayer. Staat (Beitrr. z. Gesch. u. Kultur d. Stadt Nbg. 15) 1967. 4 Franz (s. o. 223) 70. 5 G. W. K. Lochner, Österreich. Exulanten in Nürnberg (Anz. f. Kunde d. Deutschen Vorzeit NF 3) 1855. 6 W. Dannheimer, österr. Emigranten im ehern. Gebiet d. Henen v. Leutersheim auf Obersteinbach (BLF 9) 1931, 76 ff.

VI FRANKEN IN DEN AUSEINANDERSETZUNGEN DER GROSSMÄCHTE BIS ZUM ENDE DES FRÄNKISCHEN REICHSKREISES

§31. FRANKEN NACH DEM WESTFÄLISCHEN FRIEDEN Quellen. F. C. v. Mose«, Des hochlöbl. Fränck. Crayses Abschide u. Schlüsse, vom Jahr 1600 bis 1748, 2 Bde., 1752; Vollst. Sammlung aller v. Anfang d. noch fürwährenden Teutschen ReichsTags de Anno 1663 biß anhero abgefaßten Reichs-Schlüsse . . ., hg. v. J. J. Pachner v. Eggenstorff, 4 Teile, 1740/77; Neue u. vollst. Sammlung d. Reichs-Abschiede . .., hg. v. E. A. Koch, 2 Bde., 1747, Nachdr. 1967. - Literatur. J. J. Moser, Von d. Teutschen Crays-Verfassung, 1773; J. A. Kopp, Gründl. Abh. v. der Association derer vordem Reichs-Craysse ..., 1739; G. L. Knapp, Actenmäßige Erläuterungen über d. deutsche Reichs- u. Kreis-Matrikularwesen bes. d. Fränk. Kreis betr. . . ., 1794; B. Erdmannsdörtfer, Deutsche Gesch. vom Westfäl. Frieden bis z. Regierungsantritt Friedrichs d. Großen, 2 Bde., 1892; Η. E. Feine, Zur Besetzung d. Reichsbistümer vom Westfäl. Frieden bis z. Säkularisation 1648-1803 (Kirchenrechtl. Abh. 97/98) 1921; Ders., Zur Verfassungsentwicklung d. Heiligen Röm. Reiches seit d. Westfäl. Frieden (ZRG 52) 1932, 133; 65E. Klebel, Reich u. Reichsidee (Jb. d. Ranke-Ges.) 1954; Pax optima rerum, hg. v. E.Hövel, 1948; F. Dickmann, Der Westfälische Frieden, 1959; R. Fester, Die armierten Stände u. d. Reichskriegsverfassung 1687-1696, 1886; Ders., Die Augsburger Allianz v. 1686, 1893; K. Wild, Johann Philipp v. Schönbom, gen. der Deutsche Salomo, ein Friedensfürst z. Zeit d. dreißigjähr. Krieges, 1896; L. v. Pragenau, Johann Philipp v. Mainz u. d. Marienburger Allianz (MIÖG 16) 1895; G. Mentz, Johann Philipp v. Schönbom, Kurfürst v. Mainz, Bischof v. Würzbürg u. Worms 1605-73, 2 Bde., 1896; P. Dirr, Zur Gesch. d. Reichskriegsverfassung u. d. Laxenburger Allianz, Diss. Erlangen 1901; K. Wild, Lothar Franz v. Schönbom, Bischof v. Bamberg u. Erzb. v. Mainz 1693-1729. Ein Beitr. z. Staats- u. Wirtschaftsgesch. d. 18. Jhs. (Heideiberger Abh. z. mittleren u. neueren Gesch. 8) 1904; H. Helmes, Übersicht z. Gesch. d. fränk. Kreistruppen 1664-1714 (Darst. z. Bayer. Kriegs- u. Heeresgesch. 14) 1905; Ders., Aus d. Gesch. d. Würzburger Truppen 1628-1802 (Neujahrsbll. 4) 1909; W. Schneider, Die Politik d. fränk. Kreises nach d. Dreißigjähr. Kriege (Erlanger Abh. 8) 1931; H. Polster, Der Markgraf Christian Emst v. Brandenburg-Bayreuth u. seine Rolle in d. Reichskriegen 1689-1707 (ebd. 23) 1935; G. v. Pölnitz, Johann Philipp v. Schönbom (Nassauische Lebensbilder 2) 1943, 91-108; F. Andraschko, Der Fränk. Kreis zu Beginn d. 3. Raubkrieges 1688/89, Diss. Erlangen 1955; Hartung, Verfassungsgesch.; Boc, Reichsmerkantilismus (s. u. 504); Η. H. Hofmann, Reichskreis u. Kreisassoziation. Prolegomena zu einer Gesch. d. fränk. Kreises, zugleich als Beitr. z. Phänomenologie d. deutschen Föderalismus (ZBLG 25) 1962, 377-413 (grundlegend, Lit.); H. Angermeier, Die Reichskriegsverfassung in d. Politik d. Jahre 1679-1681 (ZRG 82) 1965; R. Endres, Zur Gesch. d. fränk. Reichskreises (WDGB11. 29) 1967, 76-91; B. Sicken, Das Wehrwesen d. fränk. Reichskreises. Aufbau u. Struktur 1681-1714, 2 Bde., 1966, Fotodruck (eingehend, aufschlußreich).

Der Westfälische Friede, die erste große europäische Regelung, bildete die Grundläge und den Ausgangspunkt für alle weitere Politik im Reich, wie auch im Fränkisehen Kreis im speziellen. Mit dem Normaljahr 1624 waren die konfessionellen Rechts- und Besitzverhältnisse, die in dem konfessionell gemischten Franken zu

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Franken: C. VI. Franken zwischen den Großmächten (1648-1806)

schweren Wirren geführt hatten, endgültig fixiert. Mit der Anerkennung des ius territorialis und dem Bündnisrecht - einem Sieg der «reichsständischen Libertät» - waren auch das verfassungsrechtliche Verhältnis der Stände zu Kaiser und Reich und die Beziehungen zum Ausland festgelegt. Schließlich, und dies war für Franken besonders wichtig, übernahm das Reich als Rechts- und Friedensordnung weiterhin die Garantie für die Existenz und Unabhängigkeit der mittleren und kleineren Stände. Die Reichsorgane, voran die Reichskreise, deren Reintegration ausdrücklich in! Friedensabschluß festgelegt war,1 wahrten auch im pluralistisch gewordenen Reich die alte Einheit und leisteten positive Arbeit auf den verschiedensten Gebieten. Zunächst stellte sich dem Fränkischen Kreis als vordringlichste Aufgabe die Überwindung der schweren wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Schäden, die der Große Krieg hinterlassen hatte. Einschneidende Maßnahmen zur Sicherheit auf den Straßen, zum Schutz und zur Förderung von Handel und Gewerbe und zur Sanierung des Münzwesens wurden erlassen. Erstaunlich schnell konnten die materiellen wie die Bevölkerungsverluste ausgeglichen werden. Etwa nach einem Menschenalter schon hatten die straffer verwalteten geistlichen Staaten den allgemeinen Stand vor dem Kriege erreicht, während es bei den weltlichen Territorien etwas länger dauerte? Besonders Johann Philipp von Schönborn drängte auf wirtschaftliche Wiedergesundung und Stabilität als Voraussetzung für politische Handlungsfreiheit. Sein Ziel war eine kaiserunabhängige reichsständische Politik gegenüber den dynastischen Interessen Habsburgs, vor allem der Spanischen Linie. In einem Ausgleich der großen internationalen Gegensätze und einer Zusammenfassung der mittel- und mindermächtigen Reichsstände, gleichsam als dritte Partei, zwischen den europäischen Mächten sah er die beste Möglichkeit, seinen Landen den so dringend nötigen Frieden zu sichern. Diese Gleichgewichtspolitik zwang ihn zu ständigem Lavieren, was ihm den Beinamen «Deutscher Salomo» eintrug. Als Bischof von Würzburg (seit 1642) und Worms und Kurfürst von Mainz (seit 1647) war er Mitglied des Fränkischen, Kurrheinischen und Oberrheinischen Kreises und stellte damit einen wichtigen machtpolitischen Faktor im Reich dar. Der von ihm 1658 gegründete Rheinische Bund,123 dem auch Frankreich beitrat, aus Franken jedoch nur Würzburg und Hessen-Kassel angehörten, sollte die Neutralität des Reiches sichern. Aus der ursprünglichen Anlehnung an Frankreich erwuchs aber bald eine stärkere Abhängigkeit. Seit dem Beginn der Devolutionen, seit dem Wildfangstreit und der Übernahme des Hochstifts Worms (1663) aber distanzierte sich Johann Philipp mehr und mehr von Ludwig XIV. und verweigerte 1668 sogar die Verlängerung des Rheinbundes. Vergeblich suchte er mit dem sogenannten Ägyptischen Plan, den der von ihm geförderte Leibniz vorlcgte, Frankreich von seiner Reichspolitik abzulenken.4 1 Instr. Pac. Osn. VIII 3 : redintegrandis circulis. 2 Vgl. Morlinghaus (s. u. 525). 3 F. Wagner, Frankreichs klassische Rheinpolitik, der Rheinbund 1658, 1941; R. Schnur, Der Rheinbund v. 1658 in d. deutschen Verfassungsgesch., 1955.

4 Vgl. P. Ritter, Leibniz’ ägyptischer Plan, 1930; K. J. Krappmann, Johann Philipp v. Schönborn u. d. Leibnizsche Consilium Aegyptiacum (ZGO NF 45) 1931; F. Jürcensmf.ifr, Joh. Phil. v. Schönborn (1605-1673) u. d. Röm. Kurie, 1977; Ders., Joh. Phil. v. Schönborn (Fränk. Lebensbilder 6) 1975.

31. Franken nach dem Westfälischen Frieden (R. Endres)

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Im Fränkischen Kreis hatte Johann Philipp den stärksten Gegenspieler in dem vorsichtigen Markgrafen Christian von Bayreuth, der die frankreichfreundliche Politik ablehnte und befürchtete, in lothringische Konflikte gezogen zu werden. Bei dem jungen, ehrgeizigen und geltungsbedürftigen Christian Ernst, der 1661 nach der preußischen Vormundschaftsregierung die Leitung seines kleinen Territoriums übernommen hatte, konnte der Schönborn leichter seine Politik durchsetzen, vor allem nachdem der Türkensturm die große Gefahr auch für das Reich offenkundig machte. Ansbach und Bayreuth legten ihren Streit um das Kreismitausschreibeamt bei, Christian Ernst wurde zum Kreisobristen gewählt,1 sogleich aber vom Kreis in seinem ungestümen Tatendrang zurückgehalten. Entsprechend dem Beschluß des Reichstags in Regensburg entsandte der Kreis 1664 je ein Regiment zu Pferd und zu Fuß, insgesamt fast 2500 Mann, an die Türkenfront. Würzburg und Hessen-Kassel ließen jedoch ihre Truppen mit dem Rheinbundkontingent marschieren, was zu heftigen Spannungen und Auseinandersetzungen im Fränkischen Kreis führte. Nach dem Frieden von Vasvar dankten die meisten Kreisstände ihr für diesen Kriegszug angeworbenes Kontingent sogleich wieder ab. Man wollte nicht als armierter Stand den Großmächten, besonders Frankreich, irgendwelche Vorwände für ein Eingreifen liefern. Eine erneute Aufstellung von Kreistruppen erfolgte durch Kreisschluß 1672. Dem Defensivbündnis zwischen Kaiser und Kurbrandenburg waren zunächst nur Johann Philipp und Christian Ernst von Bayreuth beigetreten, alle anderen fränkischen Stände hielten sich zurück. Als jedoch der Reichskrieg gegen Ludwig XIV. erklärt wurde, setzte der Kreis nach langen Verhandlungen ein Duplum fest und selbst Peter Philipp von Dernbach, der seit 1673 Fürstbischof von Würzburg war, unterstellte seine Truppen wieder dem Fränkischen Kreis. Christian Ernst als Kreisobrist hielt mit dem Kreiskürassierregiment die Streifkommandos des Marschalls Turenne in Unterfranken so lange hin, bis Montecuccoli mit der Hauptarmee die Franzosen zurückwarf. Für diese tapfere, aber keineswegs entscheidende militärische Tat wurde der Markgraf mit hohen Auszeichnungen bedacht. Obwohl der Fränkische Kreis seine Reichsstcuern bezahlte und für die Reichskriege gegen die Türken und Frankreich seine militärischen Kontingente abstellte, mußte er laufend überaus belastende und kostspielige Winterquartiere durch brandenburgische und österreichische Truppen ertragen und wurde als Durchzugsgebiet und Verbindungsglied zwischen den habsburgischen Erblanden und den umkämpften Besitzungen am Rhein ständig zu aussaugenden Fuhr-, Verpflcgungs- und Fourageleistungen gepreßt. Nicht zuletzt diese Erfahrungen gaben den Anstoß zur letzten großen Reichsreform, der Reichsdefensionalordnung von 1681.2 Der Grundgedanke der Reichsarmatur war der Entzug des gesamten Militärwesens aus der freien Verfügungsgewalt des Kaisers und der Willkür der anderen armierten Stände. Statt dessen sollte das Reichsheer1 Es war dies wohl mehr Ausdruck des Dankes für die fast 50jährige verdienstvolle Tätigkeit seines Großvaters Markgraf Christian in diesem Amt.

2 Μ. E. schätzt H. Angermeier die Rolle Bischof Dernbachs für das Zustandekommen der Reichsdefensionalordnung zu hoch ein; vgl. auch G. Wunschel (s. u. 355 Anm. 3).

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Franken: C. VI. Franken zwischen den Großmächten (1648-1806)

wesen in die Hände des Reiches gebracht werden. Dabei verzichtete man auf eine einheitliche Reichsarmee und machte die Stände zu den Trägem der Defensionsorganisation. Als Simplum des Reichsheeres wurden 40000 Mann, davon 12000 Berittene, festgelegt. Der Verteilerschlüssel für die einzelnen Kreise war festgelegt, die weitere Ausmittlung blieb den einzelnen Rcichskreisen selbst überlassen. Da jedoch die armierten Großmächte nicht bereit waren, sich in die Reichsordnung einzufügen,1 war die Reichskriegsverfassung nicht in vollem Umfang durchführbar. Somit wurde die Reichsarmatur zur Militärorganisation der kleineren und mittleren Reichsstände vornehmlich der vorderen Kreise, also des Reiches im eigentlichen Sinne. Zwei Jahre nach der Reichsarmatur unterhielt der Kreis als ständige Truppen schon ein Regiment zu Pferd und zwei Regimenter zu Fuß, zu je 1500 Mann. 1692 aber hatte der Kreis 12000 Man unter Waffen stehen. Allerdings gab es bedeutende Unterschiede zwischen der Sollstärke und der Iststärke (Usualfuß). Die Mannschaften für das stehende Heer hatten die einzelnen Stände zu stellen, wobei sich sehr nachteilig bemerkbar machte, daß die kleineren Mitglieder sich weigerten, ihren geringen Truppenanteil durch Zahlungen an den Kreis abzulösen, wofür sich Peter Philipp von Dernbach und Leibniz vergeblich einsetzten.1 Die Wehrverwaltung, das Sanitätswesen und das überaus wichtige Obermarschkommissariat, das den Nachschub mit einem eigenen Fuhrpark besorgte, unterhielt der Kreis insgesamt. Auch die Offiziere der Kreistruppe wurden vom Kreis verpflichtet,123 Generalfeldmarschall war der Kreisobrist. Mit den Kreisregimentern kämpften zumeist auch die Kompanien der Reichsritterschaft, unterstanden jedoch nicht dem Kreiskommando. Nicht weniger als dreißig Feldzüge verzeichneten die Kreistruppen in den Jahren 1683-1714, wobei vor allem der ehrgeizige Kreisobrist Markgraf Christian Ernst sich auszeichnete, der sein Land rücksichtslos als militärische Hilfsquelle ausbeutete,4 was Wien mit bloßen Titeln und Auszeichnungen honorierte. Mit der ständigen Kreisarmatur begann für den Fränkischen Kreis eine neue entscheidende Phase seiner Geschichte. Nachdem der Versuch, das ganze Reich in die Kriegsverfassung von 1681 einzubeziehen, am Widerstand der armierten Mächte gescheitert war, mußten sich die Kreise militärisch und politisch zusammenschließen, um nicht nur ständig ausgenütztes Objekt für die Politik der Großmächte zu sein. Vor allem die nachfolgenden weltweiten Auseinandersetzungen zwischen Habsburg, Frankreich und England um die Hegemonie in Europa machten eine autonome Kreispolitik unbedingt notwendig, sollten die mittel- und mindermächtigen Kreisstände durch die hohe Politik nicht völlig ausgezehrt und aufgerieben werden. Sogleich mit der Kreisarmatur begannen daher auch die Verbündnisse der Kreise, die sog. «Assoziationen», «Assignationen» oder «Konjunktionen», die in der Korrespondenzpflicht der Reichsexekutionsordnung von 1555 und 1564, in den zahlreichen 1 Vgl. hierzu Μ. Wehners, Die Reichspolitik d. Großen Kurfürsten 1679-1684, Diss. Bonn 1937. 2 G. W. Leibniz, Welchergestalt securitas publica interna et externa und status praesens im Reich jetzigen Umständen nach auf festen

Fuß zu stellen (Sämtl. Sehr. u. Briefe, hg. v. d. Preuß. Akad. d. Wiss., 4. R., I) 1931. 3 Der bekannteste Offizier beim Fränkischen Kreis war wohl Balthasar Neumann. 4 H. Rössler nennt dies «ein Opfer für das Reich» (l).

§ 32. Franken im Spanischen Erbfolgekrieg (R. Endres)

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Münzabsprachen, in der erfolgreichen wirtschaftspolizeilichen Zusammenarbeit sowie in den personalen Verflechtungen der Kreise und vor allem in der Politik Johann Philipps von Schönborn mit dem Ziel einer neutralen dritten Partei bereits vorgezeichnet waren. Die Bereitschaft zu einer engeren militärisch-politischen Union wurde schließlieh noch gefördert durch die Reunionspolitik Ludwigs XIV. mit dem spektakulären Fall Straßburgs, der eine Welle bisher nicht gekannten Nationalgefühls und des Reichspatriotismus hervorrief.1 Erstmals bewährte sich das System der Assoziationen 1682, als der Kaiser in Laxenbürg dem Bündnis des Fränkischen und Oberrheinischen Kreises als nur gleichberechtigter Vertragspartner beitrat. In der Augsburger Allianz von 1686 war die Union der Kreise bereits anerkannter Partner der armierten Großmächte Europas. Mit dem Beitritt zur großen Haager Allianz von 1695 sprengten die assoziierten Kreise sogar die Reichsverfassung, da im Westfälischen Frieden nur den Reichständen, nicht aber den Reichskreisen, das ius foederis mit ausländischen Mächten zugestanden worden war. Damit aber war das System der Reichskreise endgültig zu selbstverantwortlichen Hoheitsträgern und selbständigen politischen Faktoren geworden, von vom Kaiser abhängigen Provinzialorganisationen zu unabhängigen Selbstverwaltungskörpern, die wesentliche staatliche Funktionen nach innen und außen ausübten. Damit aber tat sich die Möglichkeit einer föderativ bestimmten Reichsreform auf, und zwar auf der Grundläge der «Triasidee». Ein geheimes Wiener Gutachten stellte lapidar fest: «Das System der Assignationen würde dem Reich den Charakter einer Oligarchie geben.»2 Aus diesem Grund bemühte sich Wien mit allen Mitteln, um den gefährlichen Bund der fünf westlichen Reichskreise, der sich auf dem Frankfurter Tag im Januar 1697 konstituiert hatte, wieder zu zerschlagen. Diese Frankfurter Assoziation der Kreise Franken, Schwaben, Oberrhein, Kurrhein und Westfalen schuf sich ein stehendes, gut ausgerüstetes Heer unter gemeinsamem Oberkommando und Offiziersstab, mit gemeinsamer Artillerie und einheitlich organisiertem Magazin- und Nachschubwesen. Wien wollte auf jeden Fall verhindern, daß die noch verbliebenen Reichsteile sich selbständig förderierten, gleichsam ein vom Kaiser unabhängiges Rumpfreich bildeten, ein drittes Deutschland neben Habsburg einerseits und den anderen armierten Groß- und Mittelmächten mit Brandenburg an der Spitze andererseits. Und tatsächlich blieb schon im Frieden von Ryswijk die Kreisassoziation unberücksichtigt. §32. FRANKEN IM SPANISCHEN ERBFOLGEKRIEG

Quellen. S. o. 231: Moser; Neue 11. vollst. Sammlung (s. o. 231). - Literatur. Kopp (s. o. 231); Wild, Lothar Franz v. Schönborn (s. o. 231); Helmes, Kreistruppen (s. ebd.); K. Staudinger, Gesch. d. kurbayer. Heeres unter Kurfürst Max II. Emanuel 1680-1726 (Gesch. d. Bayer. Heeres, hg. vom K. B. Kriegsarchiv, II 2) 1905; G. W. Sante, Die kurpfälz. Politik d. Kurfürsten Johann Wilhelm vomehml. im Span. Erbfolgekrieg 1690-1716 (HJb. 44) 1924, 19-63; H. Polster, Der Markgraf Christian Emst v. Brandenburg-Bayreuth u. seine Rolle in d. Reichskriegen 1689-1707 (Erlanger Abh. 23); Diss. Erlangen 1935; H. Rössler, Das Opfer f. d. Reich: Christian Emst v.

1 H. J. Berbig, Nürnberg, Franken u. d. Reich. Eine Untersuchung d. Nationalen im 17. Jh. (Jb. Mfr. 84) 1967/68.

‫ ב‬Endres, Reichskreis (s.o. 231) 87, 112; Η. H. Hofmann, Reichsidee u. Staatspolitik (ZBLG 33) 1970.

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Franken: C. VI. Franken zwischen den Großmächten (164S-1806)

Bayreuth (Rößler) 237-251; G. A. Süss, Gesch. d. oberrhein. Kreises u. d. Kreisassoziationen in d. Zeit d. span. Erbfolgekrieges 1697-1714 (ZGO 103/4) 1955/56, 317-425; 145-224; J. Wiercimok, Die Territorialerwerbungen d. Reichsstadt Nürnberg im span. Erbfolgekrieg, Diss. Erlangen 1959 (auch für den allgem. Verlauf der Kriegshandlungen in Franken aufschlußreich); R. A. Wines, The Franconian Reichskreis and the Holy Roman Empire in the War of the Spanish Succession, Diss. Columbia University, New York 1961 (Deutsche Zusammenfassung in ZBLG 30, 1967, 337354‫ ;)־‬B. Sicken, Das Wehrwesen d. fränk. Reichskreises, 2 Bde., 1967; R. Endres, Markgraf Christian Emst v. Bayreuth (Fränk. Lebensbilder 2) 1968, 260-289; Ch. Hutt, Maximilian Carl Graf zu Löwenstein-Wertheim-Rochefort u. d. fränk. Kreis 1700-1702. Eine Studie z. Reichs- u. Kreispolitik, 2 Bde., Diss. Würzburg 1969 (Fotodruck). - Pfeiffer, Nürnberg s. u. 324.

Mit dem Tod König Karls II. von Spanien am 1. November 1700 bahnten sich neue europäische Verwicklungen an. Der Haager Allianz des Kaisers und der Seemächte traten sehr bald das dem Wiener Hof verpflichtete junge Königreich Preußen und mehrere andere größere Reichsstände bei. Der Fränkische und der Schwäbische Reichskreis hatten sich im Heidenheimer Rezeß vom 23. November 1700 erneut zusammengeschlossen und sogleich ihre Neutralität erklärt. Vor allem Lothar Franz von Schönborn, seit 1693 Bischof von Bamberg und 1695 Kurfürst von Mainz, wollte die von den letzten Reichskriegen noch völlig erschöpften und ausgebluteten Kreise aus den internationalen Verwicklungen heraushalten. Nur Markgraf Christian Emst von Bayreuth begann sogleich mit neuen Aufrüstungen, da er sich dessen bewußt war, daß Franken infolge seiner geographischen Mittel- und Durchgangslage sowie seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu Böhmen unmöglich neutral bleiben konnte. Die sich abzeichnende Defensivallianz der Kreise, die für den Kaiser den Verlust Süddeutschlands als Operationsbasis und Rekrutierungsgrundlage bedeutet hätte, wurde durch intensive diplomatische Tätigkeit Wiens aufgesprengt, wobei sich besonders derkaiserliehe Gesandte beim Kreis Maximilians Carl Graf zu Löwenstein-Wertheim-Rochefort hervortat. Es gelang, Lothar Franz zur Sinnesänderung und zur vollen Loyalität zum Kaiserhaus zu bewegen. Nach dem politischen Wechsel des Schönborn gab auf dem Nördlinger Assoziationstag der fünf vorderen Kreise im März 1702 auch der Fränkische Kreis insgesamt seine Neutralität auf und trat zusammen mit den anderen Reichskreisen der Haager Allianz bei. Franken sah sich nun einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt. Trotzdem ging Markgraf Christian Ernst, entgegen dem erklärten Willen der Kreismitstände, noch im Sommer 1702 als erster kaiserlicher General an die Rheinfront, wo er mit Hilfe preußischer Truppen die Festung Landau eroberte. Erst im Herbst dieses Jahres wurde auf seine Veranlassung hin eine Sicherungslinie gegenüber der Oberpfalz aufgebaut, da man ständig mit einem Angriff Max Emanuels von Bayern auf Franken rechnete, besonders nachdem er Pfalz-Neuburg erobert hatte. Vor allem die geistlichen Fürstentümer und die Reichsstädte befürchteten Säkularisierung und Mediatisierung durch Bayern.1 Zur treibenden Kraft im Fränkischen Kreis gegen Max Emanuel wurde Nürnberg, wenn auch stets unter dem Deckmantel der Kreispolitik, da inmitten seines Territoriums die beiden bayerischen Festungen Rothenberg und Schloß Hartenstein lagen, die seit Jahrhunderten dem Rat ein Dorn im Auge waren. Die von Bayern drohende Gefahr wurde jedoch durch das Eingrei1 Vgl. G. Pfeiffer, Ein französ.-bayer. Mediatisierungsplan 1687/88 (ZBLG 27) 1964, 245-258.

§ J2. Franken int Spanischen Erbfolgekrieg (R. Endres)

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fen der kaiserlichen Armee unter Schlick und Styrum beseitigt. Styrum, dem sich die fränkischen Kreistruppen angeschlossen hatten, konnte das bayerische Heer bei Dietfurt am 8. März 1703 zurückschlagen und anschließend die Festung Neumarkt erobern. Max Emanuel zog daraufhin selbst in die Oberpfalz und schlug das sich ihm entgegenstellende Heer bei Schmidmühlen, wobei der Markgraf Georg Friedrich von Ansbach den Tod fand. Überraschenderweise mußte der bayerische Kurfürst sich wieder seinen südlicheren Landesteilen zuwenden, so daß die unmittelbare Gefahr für den Fränkischen Kreis vorbei war. Die in der Oberpfalz eroberten bayerischen Orte und Ämter wurden dem Fränkischen Kreis zur Nutznießung überlassen, während Nürnberg alles daran setzte, um in den Besitz des Amtes und der Veste Rothenberg zu kommen, deren Belagerung und schließliche Schleifung fast ausschließlich von der Reichsstadt getragen wurde. Doch die anderen Kreisstände mißgönnten Nürnberg die Eroberung und so kam es wegen der Konfessionsfrage zu Mißstimmigkeiten. Durch Geheimverhandlungen mit Wien erhielt Nürnberg 1707 schließlich doch die böhmischen Lehen Rothenberg und Hartenstein zugesprochen.1 Ähnliche Schwierigkeiten ergaben sich wegen des Klosters Weißenohe, einer Pertinenz des Rothenbergs, zu dessen Schutzherren sich Lothar Franz als zuständiger Diözesanbischof aufschwang. Nürnberg gab sich schließlich mit der Territorialgewalt zufrieden und garantierte die Unantastbarkeit der katholischen Konfession. Mit dem Sieg Prinz Eugens und Marlboroughs bei Höchstädt am 13. August 1704 war für den Fränkischen Kreis die von Bayern ausgehende Gefahr endgültig beseitigt. Die Kriegsschauplätze verlagerten sich an den Rhein, nach Oberitalien und in die Niedcrlande. Markgraf Christian Ernst war im Frühjahr 1704 der Titel eines evangelischen Rcichsgcneralfeldmarschalls verliehen worden, worauf sein Ehrgeiz schon lange hingezielt hatte. Er verdankte die Auszeichnung aber in der Hauptsache dem König in Preußen, der auf diesem Weg Einfluß auf die Reichskriegsführung zu nehmen gedachte. Nach dem plötzlichen Tod Ludwig Wilhelms von Baden1 2 erhielt der Bayreuther Markgraf sogar das Oberkommando über das Reichsheer, das sich jedoch in denkbar schlechtem Zustand befand und von ständigen Querelen geschwächt wurde. Christian Ernst war kein genialer Feldherr und Heerführer, seine Stärke lag in der Technik des Krieges, im Magazinwesen, in der Organisation des Nachschubs, womit er sich bestens mit dem «Türkenlouis» ergänzt hatte. So war er, zudem durch Alter und Krankheit geschwächt, in seinem neuen hohen Amt überfordert. Bei dem Ansturm Villars’ auf die Stollhofener und Bühler Linie 1707 ließ er sich von der köpflosen Flucht mitreißen und öffnete ganz Süddeutschland den französischen Truppen. Gebrochen und zutiefst verletzt zog sich Christian Emst nach Erlangen zurück, wo er sich der Verwaltung seines total verschuldeten Ländchens3 widmen wollte. Da er jedoch mehr und mehr unter den Einfluß seiner jungen Frau Sophie geriet, der Stief1 Generell F. X. Lommbk, Die böhm. Lehen in d. Oberpfalz, 2 Teile, 1907/09. 2 Zu ihm A. Schulte, Markgraf Ludwig Wilhelm v. Baden u. d. Reichskrieg gegen Frankreich, 2 Bde., 1892.

3 Bei seinem Tod betrugen die Landesschulden mehr als 1 Mill. fl.

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Franken: C. VI. Franken zwischen den Großmächten (1648-1806)

Schwester König Friedrichs in Preußen,1 die als «preußischer Statthalter» im eigentlichen das Regiment führte, wurde durch eine Reichskommission unter dem Vorsitz von Lothar Franz von Schönbom und des Reichsvizekanzlers Friedrich Karl die Mitregierung des Thronfolgers Georg Wilhelm1 2 offiziell festgesetzt, auf dessen Seite sich schon lange die Beamtenschaft und die Bevölkerung des Fürstentums gestellt hatten. Die Truppen des Fränkischen Kreises, rund 12000 Mann, kämpften inzwischen weiter, vor allem an der Rheinfront, was dem Kreis ungeheure Lasten auferlegtc. Zwischen 1701 und 1715 schrieb die permament tagende Kreisversammlung insgesamt 20433/4 Römermonate aus, das sind 8175000 Gulden. Am Ende des Spanischen Erbfolgekrieges schätzte man im Fränkischen Kreis die Kriegslasten auf rund ιο’/2 Mill. fl. Als Dank dafür wurde der Kreis, der solch hohe Opfer für Kaiser und Reich erbracht hatte, wieder einmal im Frieden von Rastatt und Baden im Stich gelassen. Selbst die oberpfälzischen Eroberungen des Kreises und speziell Nürnbergs gingen mit der völligen Restitution Bayerns wieder verloren. Zum Trost der Betrogenen trat der Kaiser der am 19. Dezember 1714 geschlossenen Assoziation von Franken, Schwaben, Kur- und Oberrhein bei, welche die Vorlage für alle bis zum Ende des Alten Reiches geschlossenen Konjunktionen bildete. Die Assoziationen blieben so dem bestimmenden Einfluß des Kaisers unterworfen, der jegliche Eigenentwicklung der Kreise und eine selbständige Politik entsprechend der Idee der dritten Macht unmöglieh machte. Zwar wurde das stehende Heer von den Kreisen auch nach 1715 beibehalten - die Kreistruppen übernahmen beispielsweise die Besetzung der Reichsfestungen Philippsburg und Kehl3 -, doch das Nachlassen des äußeren Drucks lockerte auch das innere Gefüge. Gleichzeitig jedoch wurde durch das Herauswachsen der Großmächtc aus dem Reichsverband und den Aufstieg der Mittelmächte die Idee des Reiches immer mehr zu einer Fiktion, bis sie schließlich nur noch in den vorderen Reichskreisen als Realität erhalten blieb, die sich selbst als «das Reich» verstanden. Friedrich Carl von Moser kennzeichnet diese Situation trefflich: «Die Erhaltung des Reichssystematis hängt großentheils ab von der Verfassung, Einigkeit und Zusammensetzung derer vorderen Reichscrayse, die wegen dieses gemeinschaftlichen Bandes vorzüglich das Reich genannt werden.»4

533. DIE PREUSSISCHE ERBFOLGEFRAGE

Quellen. V. Loewe, Preußens Staatsverträge aus d. Regierungszeit König Friedrichs I. (Publik, aus d. Preuß. Staatsarchiven 92) 1923; H. Schulze, Die Hausgesetze d. regierenden deutschen Fürstenhäuser III, 1883. - Literatur. N. H. Gundling, Injure et facto gegründete species facti..., 1718; Hänlein-Krbtschmann, Staatsarchiv d. Königl. Preuß. Fürstenthümer in Franken I, 1797; C. Höfler, Die Bemühungen d. Könige in Preußen, Friedrichs I. u. Friedrich Wilhelms I., die

1 Elisabeth Sophie war eine verwitwete Herzogin von Kurland. Sie war die dritte Frau Christian Emsts. 2 Zu ihm J. W. Holle, Georg Wilhelm, Markgraf v. Bayreuth, 1712-1726 (AO 6, H. 3) 1856, 1-45.

3 Die Besetzung der Reichsfestungen verursachten für den Kreis rund 100 Römermonate an Kosten jährlich. 4 v. Moser, Crays-Abschiede (s. o. 193) Vorrede zu Teil 1.

§ 33■ Die preußische Erbfolgefrage (R. Endres)

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Mainlinie zu erlangen (SB Wien 60) 1869; A. Berney, König Friedrich I. u. d. Haus Habsburg, 1929; H. Hantsch, Reichsvizekanzler Friedrich Karl Graf v. Schönbom (Salzburger Abh. u. Texte aus Wiss. u. Kunst 2) 1929; Endres, Erbabreden (Lit.).

Die Wirren des Spanischen Erbfolgekrieges suchte die neue Königsmacht Preußen für ihre eigene expansive Politik auszunützen und ihren Einfluß auch auf Süddeutschland auszudehnen. Auf mehrfache Weise suchte Preußen im süddeutschen Raum Fuß zu fassen: einmal durch den Anspruch auf die gesamte oranische Erbschaft, auf Neufchätel, auf Hanau und Mömpelgard, dann - und dies war für Franken gefährlich die Expektanzen auf die Grafschaft Wolfstein, auf die Grafschaft Hohenzollem und die Herrschaft Haigerloch, die Anwartschaften auf Teile der Grafschaft LimpurgSpeckfeld sowie auf die Nachfolge der Grafen von Geyern. Weiterhin wurde der Fränkische Kreis durch die Beihaltung der preußischen Winterquartiere in der Oberpfalz und vor allem durch die Besetzung der Plassenburg und Kasernierung weiterer preußischer Truppen im Fürstentum Bayreuth zutiefst beunruhigt.1 Denn mit dem Festsetzen Preußens befürchtete man die Sprengung des Fränkischen Kreises nach dem Vorbild des Bruchs der westfälischen und niedersächsischen Kreisverfassung.1 2 Besonders aber wurde Franken von den Erbabsprachen zwischen König Friedrich und Ansbach-Bayreuth aufgeschreckt. Da Ansbach nach dem Tod Georg Friedrichs nur auf zwei Augen stand und der Bayreuther Erbprinz Georg Wilhelm nur eine Tochter hatte, kam, entsprechend den zollerischen Hausverträgen, die Anwartschaft auf die Nachfolge in den beidenfränkischen Fürstentümern zunächst der sogenannten Kulmbacher Linie zu, die von Georg Albrecht, dem zweiten Sohn Markgraf Christians von Bayreuth, gegründet worden war. Der älteste der drei Kulmbachischen Prinzen, Christian Heinrich, bezog nur eine sehr dürftige Apanage und war völlig verschuldet. Durch Vermittlung Markgraf Christian Emsts und seiner Frau Sophie war Christian Heinrich bereit, gegen eine angemessene Entschädigung auf seine Erbfolgerechte zugunsten Preußens zu verzichten, was mit dem sog. Schönberger Vertrag vom 23. November 1703 vollzogen wurde.3 Der König übernahm die großzügige Versorgung der ganzen Familie, besonders aber die Erziehung der beiden jungen Prinzen, Georg Friedrich Karl und Albrecht Wolfgang, die er nach Weferlingen im Amt Halberstadt holte.4 Unter Zuhilfenahme des zweiten Kulmbacher Prinzen Karl August und des Bayreuther Erbprinzen Georg Wilhelm gelang es den beiden Schönbom Lothar Franz und Friedrich Karl durch äußerst geschicktes, intrigenreiches diplomatisches Vorgehen und juristische Spitzfindigkeiten die reichsrcchtlich notwendige Zustimmung des Kaisers zu diesem Erbvertrag zu hintertreiben, zumal mit den Kaisern Josef I. 1 Nach einem Vertrag vom 7. Februar 1705 zwischen Preußen und Bayreuth sollten je 100 Mann preuß. Truppen nach Neustadt/Aisch und Erlangen verlegt werden und 300 Soldaten auf die Plassenburg und in die Stadt Kulmbach, Endres, Erbabreden Anm. 2$. 2 Als 1680 Magdeburg dem Großen Kurfürsten zufiel, wurde er damit Kreisdirektor des niedersächsischen Kreises. In dieser Eigenschaft

sprengte er wenig später den Kreistag. Als Kreismitstand des niederrhein.-westfäl. Kreises (Cleve) kümmerte er sich nicht weiter um den Kreis. 3 Das baufällige Schloß Schönberg b. Lauf, eine ansbach. Exklave, war der Wohnsitz Christian Heinrichs. 4 Die genauen Bestimmungen des VerzichtVertrags bei Endres, Erbabreden $0.

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Franken: C. VI. Franken zwischen den Großmächten (1648-1806)

und Karl VI. eine grundlegende Wandlung in der Politik Wiens gegenüber Berlin eingetreten war. Außerdem hatte die Heirat der Prinzessin Caroline1 mit dem Kurprinzen Georg von Hannover, dem späteren König von England, in Ansbach einen politischen Umschwung in den Beziehungen zu Berlin eingeleitet. Selbst ein verlockender Bestechungsversuch der Preußen konnte Lothar Franz nicht von seinem Wege abbringen. In einem zweiten Anlauf nach 1715 machten die beiden Schönborn, sie nannten es ihr «Meisterstück», endgültig die preußische Erbfolge in Ansbach-Bayreuth zunichte, nachdem sie schon 1708 Preußen die Stimme der Grafen von Geyern beim Kreis verweigert und 1713 mit militärischer Gewalt die preußischen Truppen aus den Limpurgischen Gebieten vertrieben hatten. Die beiden Weferlinger Prinzen, vor allem der ältere Georg Friedrich Karl, wollten ihren Erbverzicht rückgängig machen, was die beiden Schönborn sofort aufgriffen. Es gelang dem Reichsvizekanzler in Wien, den Prinzen Eugen einzuschalten, der aus militärisch-strategischen Gründen die unmittelbare Nachbarschaft Preußens zu Böhmen, die sich mit der Nachfolge in Bayreuth ergeben hätte, als äußerst gefährlich für das Haus Habsburg hinstclltc und auf die Konsequenzen, die sich aus einem Festsetzen Preußens im Fränkischen Kreis für die habsburgische Reichspolitik ergeben würden, nachdrücklich aufmerksam machte. Die beiden Weferlinger Prinzen entzogen sich dem Einfluß des Soldatenkönigs und begaben sich unter die Obhut der Schönborn und des gesamten Fränkischen Kreises, die auch ihre Versorgung übernahmen. König Wilhelm I. mußte schließlich erkennen, daß er in Franken mit seinen Plänen nicht durchkommen würde. Deshalb einigte er sich in dem sog. Jüngeren Pactum successorium Culmbacense von Rothenburg vom 22. Dezember 1722 mit der Kulmbacher Linie dahingehend,2 daß Preußen den Schönberger Vertrag für nichtig erklärte und gegen eine Abschlagszahlung von mehr als einer halben Million Gulden den Weferlingern die Nachfolge in den fränkischen Fürstentümern zugestand. Für die Entschädigungssumme kam schließlich der gesamte Reichskreis durch eine außerordentliche Anleihe auf, was die Liquidität des Kreises auf Jahrzehnte hinaus aufs schwerste belastete. Die Schönborn aber konnten erleichtert feststellen, daß «zur rechten Zeit die Hand Gottes dem Franken-Land diese Straf-Ruthen (gemeint ist Preußen) nicht empfinden lassen» wollte.3 Nach dem Tod des Markgrafen Georg Wilhelm 1726 konnte der Weferlinger Georg Friedrich Karl ohne Schwierigkeiten die Nachfolge in Bayreuth antreten. Nachdem Preußen aus Franken hinausgekauft worden war, suchte König Wilhelm seine Süddcutschlandpläne, die auf eine Schlüsselposition im Reich hinauslicfen, mit Hilfe der Heiratspolitik zu verwirklichen. Er verheiratete zunächst 1729 seine Tochter Friederike Louise mit dem Ansbacher Erben Karl Wilhelm Friedrich, der mit seiner Vitalität beim Soldatenkönig bestens angesehen war, und dann 1731 Wilhelmine mit Erbprinz Friedrich von Bayreuth. Beide Ehen, besonders die Ansbacher, waren nicht glücklich. 1 Siehe H. Rössler, Frankens größte Tochter: Caroline v. Ansbach (Rößler) 264-274. H. Dallhammer, Caroline von Ansbach (Fränk. Lebensbilder 3) 1969, 225-249.

2 Druck: Loewe (s. o. 238) 256-275. 3 Ausführliches Zitat bei Endres, Erbabre· den 72.

§ 34■ Franken während der preußisch-österreichischen Kriege 1740/63 (R. Endres)

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§ 34■ FRANKEN WÄHREND DER SCHLESISCHEN KRIEGE

UND DES SIEBENJÄHRIGEN KRIEGES Quellen s. o. 231. - Literatur. Kopp (s. 0.231); Moser, Crays-Verfassung (s. 0.193); C.A. Schweitzer, Der preuß. Einfall im Bamberger Fürstbisthume in d. Jahren 1757-1759 (BHVB 28) 1865, 1-71; B. Kilian, Dritter Einfall d. Preußen in d. Hochstift Bamberg während d. Siebenjähr. Krieges im Mai d. Jahres 1759 (BHVB 40) 1878, 187-301; Ders., Vierter Einfall d. Preußen ... im November 1762 (BHVB 41) 1879, 1-64; Looshorn VII; G. Sommerfeldt, Die Kriegszüge d. Preußen nach Bamberg u. Franken 1757-1759 in d. Schilderungen d. Augenzeugen Hartmann aus Würzburg, Guardian d. Kapuzinerklosters zu Bamberg, 1900; W. Hofmann, Die Politik d. Fürstbischofs v. Würzburg u. Bamberg Adam Friedrich Grafen v. Seinsheim v. 1756 bis 1763. Ein Beitr. z. Gesch. d. Siebenjähr. Krieges, 1903; R. Rüthnick, Die Politik d. Bayreuther Hofes im siebenjähr. Kriege (AO 22, H. 3) 1905, 118-234; C. Weber, Die äußere Politik d. Markgrafen Karl Wilhelm Friedrich v. Brandenburg-Ansbach 1729-1757, Diss. Erlangen 1907; H. Helmes, Kurze Gesch. d. fränk. Kreistruppen 1714-1756 u. ihre Teilnahme am Feldzug v. Roßbach 1757 (Einzelabdruck aus Darst. aus d. Bayer. Kriegs- u. Heeresgesch. 16) 1907; Ders., Die fränk. Kreistruppen im Kriegsjahr 1758 u. im Frühjahrsfeldzuge 1759 (ebd. 17) 1908; A. Sahrmann, Die Frage d. preuß. Sukzession in Ansbach u. Bayreuth u. Friedrich d. Große, 1912; W. Paulus, Markgraf Carl Wilhelm Friedrich v. Ansbach 1712-1757. Ein Zeitbild d. fränk. Absolutismus, Diss. Erlangen 1931; O. Brandt, Staat u. Kultur d. fränk. Markgrafschaften im Zeitalter Friedrichs d. Großen (ZBLG 4) 1931, 417-438; H. Ssymank, Fürstbischof Adam Friedrich v. Seinsheims Regierung in Würzburg u. Bamberg 1755-1779, Diss. Masch. Würzburg 1939; K. H. Büttner, Die Reichspolitik d. Grafen Friedrich Carl v. Schönbom als Fürstbischof v. Bamberg u. Würzburg 1729-46 (BHVB 87) 1941 (nicht besonders aufschlußreich); Hofmann, Reichskreis (s. o. 231); O. Brunner, Die polit. Stellung d. fränk. Reichskreises im Siebenjähr. Krieg, Diss. Erlangen 1965 (wenig ergiebig); Endres, Erbabreden; Ders., Reichskreis (s. o. 231); G. Christ, Das Hochstift Würzburg u. d. Reich im Lichte d. Bischofswahlen v. 1673 bis 1795 (WDGB11. 29) 1967, 184-206; E. Sticht, Der Siebenjähr. Krieg in Ostfranken (Beilage z. Jahresber. d. Kaspar-Zeuß-Gymn. Kronach) 1966/67; B. Sicken, Der Schweinfurter Kreistag 1744/45. Ein Beitr. z. Gesch. d. fränk. Reichskreises (Mainfr. Jb. 20) 1968, 266-329; Ders., Der Fränk. Reichskreis. Seine Ämter u. Einrichtungen im 18. Jh. (VGfTG Fotodruckreihe 1) 1970.

Als der junge Friedrich von Preußen 1740 in Schlesien einmarschierte und damit der schon lange latente Dualismus Österreich-Preußen offen zum Ausbruch kam, erklärte der Fränkische Kreis den casus belli nicht für gegeben und verhielt sich, gleich den anderen vorderen Kreisen, neutral. Der Kreis erklärte auch durch den Tod des Kaisers die Assoziation von 1714 und 1727 für erloschen und verweigerte Maria Theresia die gewünschte Erneuerung des Bündnisses. Bezeichnend für die Haltung in Franken ist der Ausspruch des ehemaligen Reichsvizekanzlers Friedrich Karl von Schönborn, der seit 1729 Bischof von Bamberg und Würzburg war, «daß der kaiserliehe Hof allezeit nur österreichische und keine tcutsche Politik treiben will».1 Unter Führung des politisch und persönlich überragenden Schönborn wandte sich «das Reich» aber auch gegen Friedrich von Preußen, der die Neutralitätsarmee der Kreise unter preußisches Kommando nehmen und gegen Wien führen wollte.12 Nicht zuletzt 1 Wild, Staat u. Wirtschaft (s. u. 525) 7 f. 2 Friedrich der Große unternahm zu diesem Zweck sogar eine ausgedehnte Reise durch Süddeutschland. Friedrich Karl von Schönbom wich einer Begegnung aus. Die beiden re16 HdBGIlI, 1

gierenden Markgrafen von Ansbach und Bayreuth erklärten bei einem Zusammentreffen mit dem Preußenkönig erneut ihre strikte Neutralität.

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die lautgewordenen Säkularisationspläne Friedrichs trugen zu dieser Ablehnung bei.1 Selbst in Bayreuth, wo das Markgrafenehepaar Friedrich und Wilhelmine den Tod Georg Friedrich Karls an dem vom Pietismus geprägten Hof als Befreiung empfunden hatten, wollte man sich für den Wittelsbacher Kaiser stark machen, von dem man sogar das Universitätsprivileg für Erlangen verliehen erhielt. Doch dann neigte sich auch Bayreuth aus Reichstradition wieder zu Wien. Markgräfin Wilhelmine machte 1745 der durchreisenden Kaiserin Maria Theresia in Emskirchen ihre Aufwartungen, und Markgraf Friedrich deckte den populären Zeitungsschreiber Johann Gottfried Groß, einen Agenten Maria Theresias und erbitterten Feind des Preußenkönigs.12 Es kam sogar zu einem zeitweiligen Bruch zwischen Wilhelmine und ihrem Bruder in Potsdam, die ansonsten mehr als nur geschwisterliche Liebe verband. Erst gegen Ende der vierzigerJahre neigte sich der Bayreuther Hof unter dem Einfluß des Ministers Rothkirch wieder Preußen zu. 1751 kam ein französisch-bayreuthischer Subsidienvertrag zustande und 1752 wurde, zusammen mit Ansbach, das Pactum Fridericianum mit der Hauptlinie in Berlin abgeschlossen, das eine Vereinigung der fränkischen Fürstentümer mit der Krone Preußen festlegte, für den Fall, daß die fränkischen Linien im Mannesstamm abgehen sollten.3 Durch den Abschluß dieses Erbvertrages trat auch eine kurzzeitige Verbesserung der Beziehungen zwischen dem ehrempfindlichen, stets auf seinen Rang bedachten Markgrafen Karl Wilhelm Friedrich von Ansbach und Bayreuth ein, die unter dem Streit um die Führung im Kreis sehr gelitten hatten. Zudem hatte sich unter dem leitenden Minister Christoph Ludwig von Seckcndorff4 in Ansbach die kaisertreue Partei durchgesetzt, die auch ein besseres Einvernehmen mit den geistlichen Staaten in Franken und mit der Reichsritterschaft suchte und fand.5 Im Bund mit den geistlichen Fürstentümern suchte Ansbach politische Anlehnung und die dringend benötigten Subsidiengeldcr bei den Seemächten und bei Wien. Bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges verhielt sich Ansbach, dessen Hof um den jungen Erbprinzen Karl Alexander auch eine starke preußenfreundliche Partei hatte, zunächst zurück, doch nach der Erklärung des Reichskrieges gegen Preußen im Januar 17576 schwenkte der «Wilde Markgraf» offen in die Koalition gegen Friedrich ein und schloß Ende März 1757, nach dem «renversement des allianccs» einen Subsidienvertrag mit Frankreich, dem neuen Partner Wiens. Dagegen hielt Markgraf Friedrieh von Bayreuth, der als Kreisobrist die fränkischen Truppen zur Rcichscxekution gegen seinen Schwager Friedrich aufzustellen hatte, sein eigenes Kontingent fern mit der fadenscheinigen Begründung, auf dem Sammelplatz seien ansteckende Krank1 Vgl. F. Wagner, Stimmen z. Reichsidee unter Kaiser Karl VII. (Stufen u. Wandlungen d. deutschen Einheit, Festschr. K. A. v. Müller) 1943· 2 Siehe A. Ernstberger, Johann Gottfried Groß 1703-1768, Maria Theresias polit. Agent bei d. Reichsstadt Nürnberg (Schriftenreihe 61) 1962. 3 Zunächst aber sollte eine fränkische Linie die andere beerben! Eine Einsetzung nachgeborener Söhne der Hauptlinie, wie zuletzt 1603,

sollte nicht mehr erfolgen. Vollständiger Abdruck des Vertrages bei Schulze, Hausgesetze (s. o. 238) III 740-750. 4 Vgl. zu ihm Endres, Erbabreden 75 Anm. 226. 5 So schloß Ansbach 1748 einen Vertrag mit Bamberg, Würzburg, Wien, die Niederlande und England ab, Weber (s. o. 241) 20 ff. 6 Siehe A Brabant, Das heilige röm. Reich Deutscher Nation im Kampfe mit Friedrich d. Gr., 3 Bde., 1904 ff.

§ 34■ Franken während der preußisch-österreichischen Kriege 1740/63 (R. Endres)

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heiten ausgebrochen. Erst Ende des Jahres stellte Bayreuth seinen Truppenanteil zur Reichsarmee ab, doch warb Markgräfin Wilhelmine weiterhin Soldaten für ihren Bruder an und der Markgraf gratulierte dem Preußenkönig stets zu seinen Siegen. Auch bei allen anderen protestantischen Ständen in Franken genoß Friedrich von Preußen große Sympathien, zumal die Konfessionsfrage propagandistisch hochgespielt wurde. Doch wagte keiner den offenen Bruch mit dem Kaiser. Nur der junge Karl Alexander, der nach dem plötzlichen Tod des «Wilden Markgrafen» im Hochsommer 1757 in Ansbach die Regierung übernahm, mußte von Friedrich dem Großen selbst ermahnt werden, keine Schritte zu unternehmen, die für ihn und sein Fürstentum verderblich sein könnten,1 d. h. offiziell aus der Koalition gegen Preußen auszuscheren. Völlig kaisertreu war Bischof Adam Friedrich von Seinsheim von Würzburg, der von Friedrich Karl von Schönborn, seinem Oheim und großen Förderer, gelernt hatte, daß die Erhaltung des Reiches und damit der geistlichen Staaten nur in engem Einvernehmen mit Wien zu bewerkstelligen sei. Adam Friedrich war der erste Reichsfürst, der sich auf die Seite Österreichs stellte und dem Kaiser noch im September 1756 seine Haustruppen überließ. Er war auch, vor allem nachdem er dank des Einflusses Wiens 1757 noch Bischof von Bamberg wurde, Österreichs treueste Stütze im Fränkischen Kreis. Vergeblich bemühte sich Hannover, das wenige Zeit zuvor mit ihm einen Subsidienvertrag geschlossen hatte, ihn wenigstens zur Neutralität zu bewegen, doch die Furcht vor der Säkularisation bestimmte die Politik der geistlichen Fürsten. Friedrich von Preußen, der über die politischen und militärischen Verhältnisse in Franken selbstverständlich bestens unterrichtet war, sah in Franken die günstige Möglichkeit, einmal die Koalition der «Kreiser» zu sprengen und zum andern seine eigene beschränkte Versorgungs- und Nachschubbasis zu erweitern. Der erste preußische Vorstoß erfolgte bereits im Mai und Juni 1757 durch das Freikorps Mayr, das nur 1500 Mann Fußvolk, 300 Husaren und 5 Kanonen umfaßt haben soll. Da Mayr jedoch systematisch das Gerücht verbreiten ließ, er sei nur die Vorhut der großen preußischen Armee, stürzte er Franken in allgemeine Verwirrung. Der «Wilde Markgraf» floh aus Ansbach, Bayreuth verhielt sich abwartend und nur Bischof Adam Friedrich organisierte eine Abwehr. Mayr versuchte zunächst erfolglos Nürnberg zu erpressen, zog dann ungehindert an Erlangen vorbei ins Bambergische und durch die Fränkische Schweiz bis schließlich vor Kronach. Bayreuth, dessen Gebiet geschont wurde, sah sich der allgemeinen Verdächtigung ausgesetzt, die Preußen nach Franken gerufen zu haben. Als endlich die Kreistruppen an den Obermain zogen, wich Mayr sofort nach Thüringen aus. Nach der verlorenen Schlacht von Roßbach strömten die geschlagenen Truppen in den Fränkischen Kreis, um hier Winterquartier zu nehmen und einen Riegel gegen Mitteldeutschland zu errichten, mit Kronach und Königsberg als Bastionen; auch die Plassenburg wurde von Reichstruppen besetzt. Im Frühjahr 1758 aber zog die österreichische Heeresführung die Truppen zum Schutze der Erblande nach Böhmen ab 1 Siche D. Kerles, Markgraf Carl Alexander u. sein Hof iin Jahre 1758 (Jb. Mfr. 45) 1896. 10·

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und ließ Franken praktisch völlig ungeschützt zurück, was zu heftigen Beschwerden vor allem von Bischof Adam Friedrich, dem Kreisdirektor, führte. Bereits Ende Mai drängten preußische Truppen in das militärische Vakuum ein, etwa 6000 Mann der in Sachsen operierenden Armee des Prinzen Heinrich. Die wenigen reichischen Schutztruppen zogen sich zurück, Bamberg kapitulierte. Bald wurde offenkundig, daß der Vorstoß lediglich der besseren Heeresversorgung diente: Bamberg mußte alle Magazine und sonstigen Vorräte übergeben und sollte 2 Millionen Gulden Kontribution bezahlen; dann aber gaben sich die Preußen mit rund 200000 Gulden auch zufrieden. Als die Gefahr drohte, daß Reichstruppen vom Rhein nach Franken verlegt würden, zogen die Preußen sofort über Bayreuth wieder ab. Im Frühjahr 1759 erfolgte ein erneuter Vorstoß der in Sachsen liegenden Armee des Prinzen Heinrich. Wiederum zogen sich die Reichstruppen zurück und wichen einer offenen Schlacht aus. Die Preußen unter General Knobloch und schließlich unter Prinz Heinrich selbst zogen durch Bayreuth, wo man vor dem Schloß salutierte, und errichteten bei Hollfeld ihr Hauptlager. Überall im Land wurden hohe Brandsteuern und Kontributionen erhoben und Fouragelieferungen erzwungen. Besonders hart wurde Bamberg erpreßt, während ein Vordringen nach Unterfranken abgewehrt werden konnte. Selbst das Markgraftum Bayreuth wurde diesmal nicht geschont. Alle Beute wurde schnellstens eingeholt, denn an ein längeres Festsetzen in Franken war auch diesmal nicht gedacht. Am 24. Mai verließen die Preußen Bamberg unter Mitnahme mehrerer Geiseln und zogen sich nach Sachsen zurück. Dreimal waren die Preußen in Franken eingefallen. Das politische Ziel, die Neutralität des Kreises zu erzwingen, konnte nicht erreicht werden, selbst Bayreuth verweigerte seine Unterschrift. Doch die materielle Ausbeute war sehr reich. Die Kreisstände, voran Bischof Adam Friedrich, beschwerten sich laufend in Wien, das den Kreis schutzlos den Preußen überließ und dann alle Winter von neuem mit schweren Einquartierungen belastete. Im Hochsommer 1762 zog die vor Seydlitz fliehende Reichsarmee wiederum durch Franken, wobei es zu schweren Ausschreitungen und Exzessen kam. Generalmajor von Kleist, der den flüchtenden Reichstruppen folgte, konnte sogar Nürnberg einnehmen und erpreßte fast eine halbe Million Gulden an Konstribution.1 Endlich fand sich auch der Bischof von Würzburg und Bamberg, der sich von Wien verraten fühlte, zu einer Neutralitätserklärung bereit, verzögerte aber den Abschluß, bis im Februar 1763 die allgemeine Neutralitätserklärung der deutschen Reichsfürsten erfolgte. Bei den anschließenden Friedensverhandlungen ging Franken, das so schwere Schäden erlitten hatte, wieder einmal leer aus. Selbst Adam Friedrich von Seinsheim konnte das gewünschte «privilegium de non appellando» nicht erlangen. Ein Punkt der Verhandlungen zum Hubertusburger Frieden war die preußische Erbfolge in Franken, deren Verzicht Wien verlangte, was aber Friedrich der Große strikt ablehnte. So erwarteten die fränkischen Stände und Wien, die über den Wortlaut des Pactum Fridericianum nicht genau unterrichtet waren, zunächst 1763 nach dem 1 Siehe H. Bingold, Die reichsstädt. Haushaltung Nürnbergs während u. nach d. siebenj. Krieg 1756-1776, Diss. Erlangen 1911.

§ 35· Das Ende des Fränkischen Reichskreises 1806 (R. Endres)

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Tod Markgraf Friedrichs wie 1769 nach dem Ableben des Sonderlings Friedrich Christian die Nachfolge Preußens in Bayreuth. Der König von Preußen sicherte sich den Anfall der fränkischen Fürstentümer, die seit 1769 unter Karl Alexander vereinigt waren, durch eine Garantieerklärung Katharinas II. von Rußland1 und schließlich die völkerrechtlich und reichsrechtlich verbindliche Anerkennung im Frieden von Teschen 1779^

§35. DAS ENDE DES FRÄNKISCHEN REICHSKREISES Literatur. K. O. Frhr. v. Aretin, Heiliges Röm. Reich 1776 bis 1806, Reichsverfassung u. StaatsSouveränität, 2 Bde. (Veröffentl. d. Inst. f. Europ. Gesch. Mainz 38) 1967 (Bibi.), vgl. hierzu die Rezension v. E. Riedenauer (WDGB11. 31) 1969, 227-237; K. Süssheim, Preußens Politik in Ansbach-Bayreuth 1791-1806 (Hist. Stud. 33) 1902; F. Tabrasch, Der Übergang d. Fürstentums Ansbach an Bayern (Hist. Bibliothek 32) 1912; K. H. Zwanziger, Friedrich Adolph v. Zwanziger, Gräflich Castellscher Geheimrat u. Kreisgesandter 1745-1800 (Neujahrsbll. 11) 1916; H. Scheel, Süddeutsche Jakobiner. Klassenkämpfe u. republikanische Bestrebungen im deutschen Süden Ende d. 18. Jhs. (Deutsche Akad. d. Wiss. Berlin, Sehr. d. Inst. f. Gesch., R. I 13) 1962; Η. H. Dunkhase, Das Fürstentum Krautheim. Eine Staatsgründung um Jagst u. Tauber 1802 bis 1806 (1839), Diss. Würzburg 1968 (Fotodruck); E. Riedenauer, Gesandter d. Kaisers am Fränk. Kreis. Aus d. Korresp. d. Grafen Schlick zw. Fürstenbund u. Reichskrieg (ZBLG 28) 1965, 259-367; Ders., Reichsverfassung u. Revolution. Zur Persönlichkeit u. Politik d. fränk. Kreisgesandten Friedrich Adolph v. Zwanziger (ZBLG 31) 1968, 124-196, 501-574 (aufschlußreich); Sicken, Fränk. Reichskreis (s. o. 241). S. u. § 50, bes. § 51.

Als nach dem freiwilligen Verzicht Markgraf Karl Alexanders die zollerischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth 1792 ohne Widerspruch von außen dem preußisehen Staat angegliedert wurden, führte dieser Wechsel im Fränkischen Kreis zu schwerwiegenden Konsequenzen, denn das bisherige Gleichgewicht der Mächte war nunmehr gestört. In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, daß das weitverbreitete abwertende Urteil über das Funktionieren und die Bedeutung der Kreisorganisation im achtzehnten Jahrhundert123 für den Fränkischen Reichskreis nicht aufrechterhalten werden kann. Denn der Fränkische Kreis nahm auch gegen Ende des Alten Reiches noch wesentliche staatliche Aufgaben wahr, und zwar mit Erfolg. So lag mit dem Recht der Subrepartition, also der Auslastung der Matrikelanteile, und deren Einziehung die Steuerhoheit beim Kreis. Gerade im Kreiskassenwesen, das längere Zeit nur dadurch funktionieren konnte, weil die Bistümer ihre Kapitalien sowie die ihrer Domkapitel, Stiftungen und Klöster beim Kreis stehen hatten, war 1788 eine durchgreifende Reform beschlossen und mit der Amortisation der Schulden erfolgreich begonnen worden. Weiterhin hielt der Kreis ein stehendes Heer unter Waffen, übte also auch die Wehrhoheit im Krieg und Frieden aus. Er war weiterhin 1 Der Wortlaut des Zusatzartikels des Vertrags vom 23. Okt. 1769 bei Endres, Erbabreden 83 Anm. 272. 2 § 10 des Teschener Friedensvertrages, Endres (ebd.) 86 ;hier auch die zahlreichenTauschProjekte, in die die fränk. Fürstentümer einbe-

zogen wurden. Vgl. auch K. O. v. Aretin, Kurfürst Karl Theodor 1778-99 u. d. bayer. Tauschprojekt (ZBLG 25) 1962, 745-800. 3 So schreibt etwa H. Rössler (Rößler) 13, daß der Fränk. Kreis nach seinem Höhepunkt um 1690 «ins Nichts absank».

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bis zu seinem £nde zuständig für die Landfriedenswahrung, d. h. für die innere Sicherheit,1 für die Ordnung des Münzwesens und seit 1731 für die Durchführung der sog. Reichshandwerksordnung.12 Außerdem leisteten die Reichskreise gerade im Zeitalter der Aufklärung Bedeutendes auf dem Gebiet des Medizinalwesens der Wohlfahrtspflege,3 des Rechts, des Handels und der Wirtschaft und des Straßenbaus.4 «Die Kreise waren diejenige Institution, die allein das alternde Reich noch zu praktischen Leistungen befähigt haben.»5 Die Krisensituation seit 1791/92, die Gefahr der französischen Revolutionsheere brachten sowohl für die Reichsverfassung wie für die Kreisorganisation nochmals intensives Leben. Der seit ljgi permanent tagende Fränkische Kreistag handelte ein letztes Mal als eigenständige politische Institution zwischen Kaiser und Reichstag einerseits und den einzelnen Ständen im Kreis andererseits. Hardenberg, der für die Reichsverfassung «keine drei Kreuzer mehr gab», hatte nun die Bayreuther und Ansbacher Stimme beim Kreis wahrzunehmen. Sogleich beanspruchte er für die Königsmacht das Direktorium beim Kreis, was jedoch von Bamberg und den anderen Kreisständen abgelehnt wurde. Daraufhin versuchte Hardenberg die EinheitsfrontgegenPreußen zu sprengen, was ihm mit den Präliminarkonventionen mit Bamberg und Würzburg auch teilweise gelang. Er entzog auch die markgräflichen Truppen dem Kreis und schwächte damit das Kreisheerwesen; doch hatte auch Bischof Erthal die Bamberger und Würzburger Regimenter durch Militärkonvention direkt dem kaiserlichen Heer und Kommando unterstellt. Der schwierigste Gegenspieler erwuchs Hardenberg, dessen Ziel auf die Vorherrschäft im Kreis und auf die Schaffung von Abhängigkeiten gerichtet war, in Friedrich Adolph von Zwanziger, der in den durch die Französische Revolution verursachten Verwicklungen (s. u. § 36) zum Anwalt der von den preußischen Revindikationen und Reunionen bedrohten mindermächtigen Stände und der Reichsritterschaft wurde. Zwanziger, ein aufgeklärter Nationalökonom und überaus geschickter Politiker, war der Gesandte mehrerer kleinerer Kreisstände. Er bestimmte weitgehend die Geschicke im Kreis. 1791/92 suchte er den Kreis zunächst neutral zu halten, um ihn vor den Kriegslasten zu schützen, und ihn zu verstärkter gemeinschaftlicher Politik als dritte Kraft zwischen Preußen und Österreich zu führen. Er trug auch nicht zuletzt die Verantwortung für die Ablehnung von Hardenbergs Plan, das bewährte System der Kreisassoziationen zu erneuern, allerdings diesmal unter preußischer Führung. Der Fränkische Kreis, voran Franz Ludwig von Erthal als Bischof von Bamberg und Würzburg, lehnte es auch ab, sich nach dem Basler Frieden der Neutralitätspolitik Preußens anzuschließen. So brachte der Vorstoß der Maas-Sambre-Armee unter Jourdan, der bald die vorhandenen frankophilen Neigungen dämpfte, die Existenz1 Vgl. beispielhaft E. Sticht, Das Gauner-, Räuber- u. Zigeunerunwesen d. 18. Jhs.u.seine Bekämpfung (Gesch. am Obermain 3) 1965/66. 2 Abgedruckt in H. Prösslbr, Das gesamtdeutsche Handwerk im Spiegel d. Reichsgesetzgebung v. 1530-1806 (Nürnberger Abh. zu den Wirtschafts- u. Sozialwiss. 5) 1954, 54 ff. 3 Wild (s. u. 525) 187fr.; R. Endrfs, Das

Armenproblem im Zeitalter d. Absolutismus (JffL 34/35) 1974/75; wieder abgedr. in: Aufldärung, Absolutismus u. Bürgertum in Deutschland, hg. v. F. Kopitzsch (utw 24) 1976. 4 Vgl. G. Zöpfl, Fränk. Handelspolitik im Zeitalter d. Aufklärung, 1894. 5 Hartung 5.

§ 35■ Das Ende des Fränkischen Reichskreises 1806 (R. Endres)

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frage für den Kreis. Eine Kreisgesandtschaft unter Anführung Zwanzigers unterzeichnete am 7. August 1796 mit dem General Ernouf einen Wajfenstillstandsvertrag,' wobei man zwar hohe Kontributionen auf sich nahm, dafür aber verfassungsrechtliche Zugeständnisse erwarb. Allerdings verwarf Jourdan dieses Abkommen. Hardenberg, der sich durch das Vorgehen des Kreises desavouiert fühlte, zog seinen Gesandten beim Kreistag zurück.1 2 Die Kreisgesandten Zwanziger und Rhodius reisten nun direkt nach Paris, um doch noch zu einer vertraglichen Regelung zwischen der Revolutionsregierung und dem Fränkischen Kreis zu kommen. Zwanziger arbeitete sogar unter Anwendung revolutionärer Ideen einen Reformplan aus, was ihm die Apostrophierung als «Demokrat» und «Jakobiner» einbrachte. Ihm wird auch der Plan einer selbständigen «fränkischen Republik» unter französischem Protektorat zugeschrieben, was sich jedoch nicht sicher beweisen läßt.3 Es kam auch in Paris am 16. September zum Abschluß eines nicht näher bekannten Vertrages, der jedoch durch den militärischen Sieg Wiens hinfällig wurde. Der Kreis aber, unter der Leitung Zwanzigers, handelte bei diesen Verhandlungen mit der Republik Frankreich ein letztes Mal als selbständiges politisches Organ. Der Kreis wollte «weder preußischer noch kaiserlich-österreichischer Satellit sein».4 Auf dem Rastatter Kongreß konnten die fränkischen Stände mit Unterstützung Österreichs ihre Integrität wahren, nachdem zuvor Pläne einer Entschädigung des Hauses Oranien und Preußens in Franken durch Säkularisationen diskutiert worden waren. Franken wurde nun mehr und mehr zum Objekt der Entschädigungs- und Erweiterungsabsichten Preußens und Bayerns. Nur hatte Bayern die Unterstützung Frankreichs und Rußlands, die gegen eine preußische Ausdehnung in Süddeutschland und für die Stärkung der Position Bayerns waren. 1801, als sich nach dem Frieden von Luneville eine endgültige Entscheidung für den Fränkischen Kreis anbahnte, besetzte Hardenberg wieder die Stelle des Kreisgesandten. Er erhob sogleich erneut AnSprüche auf das Direktorium, das aber nach dem Reichsdeputationshauptschluß von Bayern als Nachfolger Bambergs wahrgenommen wurde. Mit dem Reichsdeputationshauptschluß und der Rheinbundakte, mit Säkularisation und Mediatisierung, war die Reichsverfassung zu Ende gegangen. Am 1. August 1806 schloß der Reichstag zu Regensburg seine Sitzungen und am 6. August legte Kaiser Franz die Krone des Reiches nieder. Damit war auch die Kreisverfassung beendet. Doch im Fränkischen Kreis fand sogar eine förmliche Auflösung statt. Zunächst wollte Preußen selbst nach dem Übergang Ansbachs an Bayern noch seine an Ansbach haftenden Kondirektorialrcchte wahrnehmen. Doch Bayern entsandte Anfang Juli 1806 Tautphöus als neuen Gesandten beim Kreis und ließ von ihm die Direktoriumsgeschäfte ausüben. Der bayerische Gesandte bat am 3. August in München um die Auflösung der Kreisversammlung und erhielt hierzu von Montgelas am 11. August die 1 Die wesentlichsten Bestimmungen bei Riedenaueh, Reichsverfassung (s. o. 245) 514 ff; vgl. u. 251. 2 Hardenberg hatte sogar die Bamberger Sedisvakanz von 1795 dazu ausgenützt, um

dem Domkapitel eine Art Kondirektorium für den Kreis abzuringen. 3 Eingehend zu diesem nicht völlig zu lösen' den Problem Riedenaubr (ebd.) 501 ff. 4 Ebd. 536.

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Franken: C. VI. Franken zwischen den Großmächten (1648-1806)

Genehmigung. Tautphöus jedoch zögerte, da er sich nicht sicher war, wer die Auflösung offiziell vorzunehmen habe, nachdem die Direktorialbefugnisse umstritten waren. Am 15. August setzte Baron Hügel,1 kaiserlicher und zugleich würzburgischer Kreisgesandter, die Kreisversammlung von der Abdankung des Kaisers in Kenntnis und erklärte seine Tätigkeit beim Kreis für abgeschlossen. Daraufhin erklärte am 16. August Tautphöus die Kreisversammlung im Namen seiner Königlichen Majestät von Bayern für aufgelöst und alle Kreisgeschäfte für beendet. Die Kreiskasse und das Kreisarchiv nahm Bayern in Verwahrung. Über die Tilgung der Kreisschulden - rund 1,3 Mill. Gulden - wollte man später mit den einzelnen Ständen in Verhandlungen treten. Die kleineren Stände waren jedoch mit dieser Lösung nicht einverstanden und forderten Preußen auf, einen Gesandten nach Nürnberg zu schicken, damit man unter seiner Leitung weiter tagen könne. Preußen jedoch leimte ab, da cs den Antagonismus in Franken nicht auf die Spitze treiben wollte. Damit hatte der Fränkische Reichskreis zu existieren aufgehört. 1 U. Μ. Dorda, Johann Aloys Joseph Reichsfreiherr v. Hügel 1754-1825. Ein Leben zw.

Kaiser u. Reich im napoleonischen Deutschland, 1969.

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TERRITORIALE VERÄNDERUNGEN, NEUGESTALTUNG UND EINGLIEDERUNG FRANKENS IN BAYERN

Quellen. Regierungsblatt f. d. churpfalzbayer. Fürstentümer in Franken 1803-1805; Kgl. bayer. Regierungsblatt (Titel wechselnd) 1806-73; Großherzoglich würzburg. Regierungsblatt 1806-14; Adrcß-Handbuch d. fränk. Fürstentümer Ansbach u. Bayreuth 1801; C. Μ. Frhr. v. Aretin, Chronolog. Verzeichnis d. bayer. Staatsverträge, 1838; P. Bailleu, Preußen u. Frankreich v. 1759-1807 (Publik, aus d. preuß. Staatsarch. 29) 1887; G. Döllinger, Sammlung der im Gebiete d. inneren Staatsverwaltung d. Königreichs Bayern bestehenden Verordnungen systematisch geordnet, 20 Bde., 4 Reg.-Bde., 1835 ff. (hier wichtig 1 u. 2); G. Μ. Kletke, Die Staatsverträge d. Königreichs Bayern I, Abt. X, XII, 1860; J. L. Klüber, Akten d. Wiener Kongresses, 8 Bde., 1815/18; P. A. W1NKOPP, Versuch einer topograph. Beschreibung d. Großherzogtums Frankfurt, 1812; Ders., Der rhein. Bund, 18 Bde., 1806/11; Zeumer. - Literatur. Propyläen-Weltgesch. VII: Die Franzos. Revolution, Napoleon u. d. Restauration 1789 bis 1848, 1929; Die Neue Propyläen Weltgesch. V: Die Alte u. d. Neue Welt im Zeichen v. Revolution u. Restauration, 1943; Propyläen Weltgesch. - Eine Universalgesch. VIII: Das Zeitalter d. Franz. Revolution u. Napoleons, 1960, 59-192; H. Herzfeld, Die moderne Welt 1789-1945,1: Die Epochen d. bürgerl. NationalStaaten 1789-1890 (Westermanns Studienhefte) 19572; H. Kramer, Die Großmächte u. d. Weltpolitik 1789-1945, 1952; W. Mommsen, Gesch. d. Abendlandes v. d. Franz. Revolution bis z. Gegenwart 1789-1945, 1951; W. Andreas, Das Zeitalter Napoleons u. d. Erhebung d. Völker, 1955; K. O. Frhr. v. Aretin, Heiliges Röm. Reich 1776-1806. Reichsverfassung u. Staatssouveränitat (Vcröffentl. d. Inst, für Europ. Gesch. Mainz 38), 2 Bde., 1967 (Bd. II Lit.); Gentner, Geograph.-statist. Beschreibung der nach d. Friedensvertrage zu Luneville v. Deutschland an Frankreich abgetretenen u. den ehern. Besitzern als Entschädigung dagegen ertheilten Lande, 1803; C. W. v. Lancizolle, Übersicht d. deutschen Reichsstandschafts- u. Territorialverhältnisse vor d. franz. Revolutionskriege, der seitdem eingetretenen Veränderungen u. der gegenwärtigen Bestandteile d. deutschen Bundes u. d. Bundesstaaten, 1830; H. Berhaus, Deutschland seit 100 Jahren. Abt. I: Deutschland vor 100 Jahren, 2 Bde., 1859/60, Abt. II: Deutschland vor 50 Jahren, 3 Bde., 1861/62; L. Häusser, Deutsche Gesch. vom Tode Friedrichs d. Gr. bis z. Gründung d. Deutschen Bundes, 1854/57; K. Th. v. Heigel, Deutsche Gesch. vom Tode Friedrichs d. Gr. bis z. Auflösung d. alten Reichs, 2 Bde., 1899/1911; F. Meinecke, Das Zeitalter d. deutschen Erhebung 1795-1815, 1906; F. Schnabel, Deutsche Gesch. im 19.Jh., I 1929, 1959’ (unverändert); H. v. Srbik, Deutsche Einheit, Idee u. Wirklichkeit vom Heiligen Reich bis Königgrätz, I 1935; E. Marcks, Der Aufstieg d. Reiches, Deutsche Gesch. v. 1807-1871/78, I 1936; Μ. Braubach, Der Aufstieg Brandenburg-Preußens 1640-1815 (Gesch. d. führenden Völker 15) 1933; W. Andreas, Das Zeitalter Napoleons u. d. Erhebung d. Völker, 1955; H. Rössler, Österreichs Kampf um Deutschlands Befreiung, 2 Bde., o. J.; A. Ernstberger, Österreich-Preußen v. Basel bis Campoformio 1795-1797, Teil I: Der Westen, Krieg u. Frieden mit Frankreich, 1932; K. v. BeaulieuMarconnay, Karl v. Dalberg u. seine Zeit, 2 Bde., 1879; E. Hölzle, Der deutsche Südwesten am Ende d. alten Reiches (mit Kartenbeilagen) 1938; E. Wallner, Die kreissässigen Reichsterritorien am Vorabend d. Lun6viller Friedens (MIÖG Erg.-Bd. 11) 1929, 681-716 (Zahlen nicht immer zuverlässig); Doeberl II; L. Maenner, Bayern vor u. in d. Franz. Revolution, 1927; Ders., Die süddeutschen Mittelstaaten zw. Frankreich u. Österreich im Jahre 1805 (ZBLG 11) 1938, 188-221; Th. Bitteraup, Gesch. d. Rheinbundes, I: Die Gründung d. Rheinbundes u. d. Untergang d. alten Reiches, 1905 (noch immer grundlegend, mehr nicht erschienen); O. Bezzel, Gesch. d. kgl. bayer. Heeres VI 1 (unter König Max Joseph), 1933; Η. K. v. Zwehl, Der Kampf um Bayern 1805, I: Der Abschluß d. bayer.-franz. Allianz, 1937 (mehr nicht erschienen); E.

250 Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens Hölzle, Das Alte Recht u. d. Revolution. Eine polit. Gesch. Württembergs in d. Revolutionszeit 1789-1805, 1931; Ders., Württemberg im Zeitalter Napoleons u. d. Deutschen Erhebung, 1937; Ders., Das napoleonische Staatssystem in Deutschland (HZ 148) 1933, 277-292, abgedruckt in: Neue Wissenschafti. Bibliothek 17, 1967; L. Doeberl, Maximilian v. Montgelas u. sein Prinzip d. Staatssouveränität beim Neubau d. «Reiches Bayern» (Die Entstehung d. modernen souveränen Staates) 1967, 273-290; L. Zimmermann, Die Einheits- u. Freiheitsbewegung u. d. Revolution v. 1848 in Franken (VGffG R. IX, 9) 1951; Μ. Spindler, Der neue bayer. Staat d. 19. Jhs. (Unser Geschichtsbild. Wege zu einer universalen Geschichtsbetrachtung, hg. v. K. Rüdinger) 1954, 161-180, abgedr. in: AO 40, 1960 u. in Spindler, Aufsätze; Hofmann, Adelige Herrschaft. HAB Franken R. I u. II; Bayer. Geschichtsatlas.

§ 36. DIE KOALITIONSKRIEGE

UND DER REICHSDEPUTATIONSHAUPTSCHLUSS

Literatur. J. W. Graf v. Soden, Die Franzosen in Franken 1796, 1797; F. J. A. Schneidawind, Carl, Erzherzog v. Österreich, rettet Franken, befreit Nürnberg, Bamberg, Würzburg, Aschaffenburg u. entsetzt Mainz v. den Franzosen . . . 1796, 1835; Ders., Gesch. d. Feldzugs d. Franzosen in Deutschland 1796-1797, 3 Bde., 1837/38; C. Hutzelmann, Die franz. Invasion in Franken im Jahr 1796, 1883; A. Memminger, Die Franzosen in Franken 1796, 1896; H. Frhr. v. Massenbach, Amberg u. Würzburg 1796. Ein Säkular-Beitr. z. Kriegsgesch., 1896; Hofmann, . . . sollen bayer. werden. Die polit. Erkundung d. Majors v. Ribaupierre durch Franken u. Schwaben im Frühjahr 1802, o. J.; G. Heilmann, Der Feldzug v. 1800 in Deutschland, 1886; E. Walter, Das Ende d. Alten Reiches, d. Reichsdeputationshauptschluß v. 1803 u. d. Rheinbundakte v. 1806 nebst zugehörigen Aktenstücken, 1948; A. Scharnagl, Zur Gesch. d. ReichsdeputationshauptSchlusses (HJb. 70) 1951, 238-259; L. Günther, Der Übergang d. Fürstbistums Würzburg an Bayern (Würzburger Stud. z. Gesch. d. MA u. d. Neuzeit 2) 1910; E. Probst, Würzburg - vom Hochstift z. Rheinbundstaat (Mainfr. Jb. 9) 1957, 70-102; Neukam, Übergang (s. u. 353); Μ. Renner, Regierung, Wirtschaft u. Finanzen d. Kaiserl. Hochstifts Bamberg im Urteil d. bayer. Verwaltung 1803 (JffL 26) 1966, 307-350; W. Engel, Aus d. letzten Tagen d. Hochstifts Würzbürg (Mainfr. Jb. 6) 1954, 253-262; Dettelbacher (ebd. 21) 1969, 205-341.

Drei Heere stellte die französische Revolutionsregierung im Frühjahr 1796 gegen Österreich auf, am Niederrhein unter Jourdan, am Oberrhein unter Moreau und in Oberitalien unter Napoleon Bonaparte, die sich nach Carnots Plan vor Wien vereinigen sollten. Österreich und die vorderen Reichskreise hatten gegen Jourdan, dessen Weg nach Wien entlang der Lahn und mainaufwärts führen sollte, rund 90000 Mann unter Erzherzog Karl,' dem Bruder des Kaisers, mobilisiert. Durch die unerwarteten Erfolge des genialen Napoleon in Oberitalien kam die gesamte österreichische Abwehrstrategie ins Wanken. Die österreichischen Truppen am Oberrhein mußten nach Italien abgezogen werden, und Erzherzog Karl sollte mit seiner Hcercsmacht allein die beiden Fronten in Süd- und Mitteldeutschland halten. Doch seine beiden verkleinerten Heeresgruppen wurden von den französischen Heeressäulen zurückgedrängt. Während Erzherzog Karl vor Moreau bis nach Donauwörth zurückwcichen mußte, wurde die nördliche Heeresgruppe unter v. Wartensleben von Jourdan am 9. Juli bei Friedberg in der Wetterau geschlagen, mußte sich nach Franken zurückziehen und schließlich bis in die Oberpfalz. Die Fürstbischöfe von Würzburg und 1 F. J. A. Schneidawind, Erzherzog Carl u. d. Österreich. Armee, 2 Bde., 1840; ADB 15, 322.

§ 36. Die Koalitionskriege und das Jahr 1803 (R. Endres)

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Bamberg flohen nach Böhmen.1 Das ganze nichtpreußische Franken stand nun in der Gewalt der Franzosen. Der fränkische Kreis, selbstverständlich unter Ausnahme der zollerischen Fürstentümer, schloß zwar mit dem französischen Generalstabschef Ernouls einen Waffenstillstand, in dem sich die Stände zu hohen Geld- und Sachleistungen bereit fanden,12 doch Jourdan verweigerte diesem Abkommen die ZuStimmung, so daß Franken den unbemessenen französischen Requisitionen und Kontributionsforderungen offenlag. Allein die Reichsstadt Nürnberg bezifferte den ihr durch die französischen Einquartierungen entstandenen Schaden auf mehr als 3 Mill. Gulden.3 Da zudem Raub, Plünderungen und brutale Ausschreitungen der zügellosen Soldateska zur Tagesordnung gehörten, hatte sich bald die Begeisterung über den Einmarsch der «Neufranken in Altfranken» gelegt.4 Mitte August standen sich bei Amberg die Heere Jourdans und des Generals Graf Wartensleben erneut gegenüber, als Erzherzog Karl völlig überraschend seine Heeresgruppe von der Donau abzog, sich mit Wartensleben vereinigte und Jourdan zurückwarf. Am 3. September kam es vor Würzburg zur Schlacht,5 bei der Jourdan besiegt wurde und sich eiligst mit dem Rest seines Heeres an den Mittelrhein zurückziehen mußte. Erzherzog Karl wollte nun, von Norden vorstoßend, Moreau einkreisen, doch dieser hatte sich bereits durch einen meisterhaften Rückzug durch den Schwarzwald dem Zugriff entzogen. Im Herbst kehrten die geflohenen Fürstbischöfe in ihre Lande zurück; doch blieb die politische Lage weiterhin gespannt und unsicher. Daran änderten auch die Friedensverhandlungen von Campoformio und der Rastatter Kongreß nicht viel. Die Schäden des ersten Einfalls der «Sansculotten» waren noch nicht einmal überwunden, als es 1799 zu einem erneuten Krieg zwischen den Koalitionsmächten und dem revolutionären Frankreich kam. Wiederum, wie schon 1796, stieß das französische Volksheer in drei Heeressäulen nach Osten vor. Höchst unglücklich kämpften die Österreicher in Oberitalien und am Oberrhein, so daß Moreau bald bis nach München vordrang und Teile seines Heeres das Fürstbistum Eichstätt besetzten, nachdem Fürstbischof Joseph nach dem neutralen Ansbach geflohen war. Wesentlich größere Schwierigkeiten hatte die nördliche Heeresgruppe unter Augereau zu überwinden, die bis zum Waffenstillstand von Parsberg (15. Juli 1800) nur sehr mühsam in Franken vorangekommen war. In diesem Abkommen, in dem Österreich praktisch ganz Süddeutschland den Franzosen preisgab, wurde der Fränkische Kreis in zwei EinflußSphären geteilt, wonach alles Land links der Rednitz-Regnitz bis zur Einmündung in den Main und links des Mains bis zur Rheineinmündung den Franzosen zugesprochen 1 A. Seuffbrt, Die böhm. Fluchtreise d. Fürstbischofs Georg Karl v. Fechenbach zu Würzburg mit seinem geh. Referendar u. Kabinettsekretär Johann Michael Seuffert vom 18. Juli 1796 bis 23. August 1796 (Mainfr. Jb. 17( 1965. 54‫־‬93· 2 Nach der Konvention vom 7. Aug. mit Emoul wollten die fränk. Stände 6 Mill. Livres in bar und 2 Mill, in Naturalien stellen. 3 Anonym, Die Franzosen im nümbergisehen Gebiet im Augustmonat 1796. Ein Bei-

trag zur künftigen Geschichte des französischteutschen Kriegs, 1797; E. Mummenhoff, Altnümberg in Krieg u. Kriegsnot, ΙΠ 3: Aus d. Franzosenzeit, 1919. 4 Anonym, Anekdoten und Charakterzüge aus dem Einfalle der Neufranken in Altfranken im Jahre 1796 von einem Augenzeugen, 1797. 5 R. Frhr. v. Bibra, Die Schlacht bei Würzbürg am 3. Sept. 1796 (AU 39) 1897, 221-252; H. Helmes, Aus d. Gesch. d. Würzburger Truppen 1628-1802 (Neujahrsbll. 4) 1909.

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Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens

wurde, während alle Gebiete rechts dieser Linie unter österreichischem Einfluß blieben. Da jedoch dieser strategisch zu weit vorgeschobene Vorposten im rechtsmainisehen Franken unmöglich gehalten werden konnte, zog sich die österreichische Armee bald an die Donau zurück. Nach dem entscheidenden Sieg Moreaus über die Alliierten bei Hohenlinden am 3. Dezember 1800 konnte Frankreich in dem am 25. Dezember abgeschlossenen Waffenstillstand die Bedingungen diktieren und die völlige Überlassung Frankens, auch der Veste Marienberg, verlangen. Die Städte Bamberg, Schweinfurt und Würzburg blieben sogar bis weit in das Frühjahr hinein von französischen Truppen besetzt, obwohl bereits am 9. Februar 1801 Frieden geschlossen war. In diesem Friedensschluß von Lundville' wurde der Verlust der linksrheinischen Gebiete nun auch durch die Reichsstände anerkannt. Die Entschädigung der Betroffenen sowie des Großherzogs von Toscana, des Herzogs von Modena und des Fürsten von Nassau-Oranien hatte das Reich in seiner Gesamtheit zu tragen, womit der alte Plan der Säkularisation der geistlichen Staaten und der Mediatisierung der ReichsStädte Gestalt annahm. Es bestand kein Zweifel, daß die unter französischer Aufsicht vorzunehmenden Entschädigungen das politische wie territoriale Bild Deutschlands gewaltig umgestalten würde. Zur genauen Festlegung der Entschädigungen wurde durch Reichsabschluß vom 2. Oktober 1801 eine sog. Reichsdeputation, ein Ausschuß von Gesandten der Reichsstände, eingesetzt, die die Modalitäten eines französisch-russischen Entschädigungsplanes zu bearbeiten hatte. Die größeren Mächte im Reich, Preußen, Bayern, Württemberg und schließlich auch Österreich aber sicherten sich durch direkte Verhandlungen in Paris, «der ungeheuerlichen Börse geistlicher Güter», ihre Entschädigungen. Die Reichsdeputation nahm am 8. September 1802 praktisch ohne Änderung den von Frankreich und Rußland gemeinsam vorgelegten Verteilungsplan an, dessen endgültiges Ergebnis dann am 25. Februar 1803 im sog. Reichsdeputations-Hauptschluß1 publiziert wurde. Dieser bestimmte auf der Grundlage der Beschlüsse des Rastatter Kongresses und des Friedens von Luneville in Franken: § i.Der Erzherzog-Großherzog von Toscana erhielt als Kurfürst von Salzburg als österreichische Sekundogenitur in souveränem Besitz das Bistum Eichstätt (Unterstift), ohne die ansbachischen und bayreuthischen Landen eingeschlosscnen Zugehörungen, das sog. Oberstift. § 2. Der Kurfürst von Pfalzbayern erhielt das Bistum Würzburg mit einigen Ausnahmen, das Bistum Bamberg, die Abtei Ebrach, die Reichsstädte Rothenbürg,’ Windsheim, Weißenburg1 234 und Schweinfurt sowie Nördlingen und Bopfingen und die Reichsdörfer Sennfeld undGochsheim’unddieTeile desFürstbistums Eichstätt, die dem Großherzog von Toscana nicht zugesprochen waren. 1 Auszug bei Zeumer $08. 2 Druck in E. R. Huber, Dokumente z. Deutschen Verfassungsgesch. I, 1961, 1-26; Zeumer 509. 3 H. Beuschel, Die Folgen d. Reichsdeputationshauptschlusses (1803) f. d. ehemals freie

Reichsstadt Rothenburg ob d. Tauber, Diss. Erlangen 1936. 4 L. Götz, Der Übergang d. ehern. Reichsstadt Weißenburg a. S. an Kurpfalz-Bayem, 1903. 5 F. Weber, Gesch. d. fränk. Reichsdörfer Gochsheim u. Sennfeld, 1913, bes. 276-300.

§ 36. Die Koalitionskriege und das Jahr 1803 (R. Endres)

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§ 3. Das ursprünglich in den Ardennen beheimatete Haus Salm-Reifferscheidt-Bedburg erhielt das um die Jagst gelegene mainzische Amt Krautheim mit den Gerichtsbarkeitcn über die Abtei Schönthal sowie eine Geldrente auf Amorbach, die jedoch bald vertraglich mit Leiningen gegen das würzburgische Amt Grünsfeld, die Abtei Gerlachsheim und die Ortschaft Distelhausen eingetauscht wurde, so daß das Fürstentum Krautheim zweigeteilt um Jagst und Tauber entstand.1 § 14. Der Fürst von Löwenstein-Wertheim erhielt die würzburgischen Ämter Rothenfcls und Homburg, die Abtei Holzkirchen sowie weitere würzburgische Rechte und Einkünfte und die mainzischen Orte Wörth und Trennfurt; der Graf von Löwenstein-Wertheim bekam das Amt Freudenberg, das Kloster Triefenstein, die Karthausc Grünau und die Dörfer Mondfeld, Trennfeld, Rauenberg und Wessenthal. §18. Der Fürst von Hohenlohe-Bartenstein bekam die ehemals würzburgischen Ämter Laudenbach, Jagstberg, Haltenbergstetten und Braunsbach und einige weitere kleinere Besitzungen, mußte aber Pfalzbayern eine direkte Militärstraße Rothenburg-Würzburg zur Verfügung stellen. Der Fürst Hohenlohe-Neuenstein erhielt das Dorf Amrichshausen und die fremden Anteile an Künzelsau. - Der Fürst von Hohenlohe-Ingelfingen erhielt nur das Dorf Nagelsberg. § 20. Der Fürst von Leiningen erhielt die mainzischen Ämter Miltenberg, Buchen, Seligenthal, Amorbach und Bischofsheim (Tauberbischofsheim), die von Würzbürg getrennten Ämter Grünfeld, Lauda, Hardheim, Rippberg, die pfälzischen Ämter Boxberg und Mosbach und die Abteien Amorbach und Gerlachsheim. Das neue souveräne Fürstentum Leiningen, zusammen mit dem Fürstentum Krautheim, mit die letzten staatlichen Neuschöpfungen des Alten Reiches, zog sich somit in einem weiten Bogen zwischen Main, Neckar, Jagst, Kocher und Tauber hin.1 § 25. Der Kurfürst-Erzkanzler erhielt die Fürstentümer Regensburg und Aschaffenbürg. Aschaffenburg umfaßte das bisherige Oberamt Aschaffenburg sowie die mainzischen Ämter Aufenau, Lohr, Orb, Stadtprozelten, Klingenberg rechts des Mains und das würzburgische Amt Aura.2 Für Nürnberg wurde § 27 wichtig, der besagte, daß die verbliebenen Reichsstädte in dem ganzen Umfang ihrer Gebiete die volle Landeshoheit genießen sollten. Die bayerische Militärbesitzergreifung der genannten Gebiete war schon im August 1802 erfolgt, die Zivilbesitzergreifung geschah am 29. November und folgende Tage des gleichen Jahres, also lange vor der Publizierung des ReichsdeputationshauptSchlusses und seiner Ratifikation durch den Reichstag und den Kaiser. Mit den kaiserliehen Hochstiften, den Reichsabteien und mit den freien Städten fiel, was seit Jahrhunderten fast allein das Heilige Römische Reich noch ausgemacht hatte. Nur die unmittelbare freie Ritterschaft blieb zunächst in den vorderen Reichskreisen noch erhalten. 1 Η. H. Dunkhase, Das Fürstentum Krautheim. Eine Staatsgründung um Jagst u. Tauber 1802 bis 1806 (1839), Diss. Würzburg 1968.

2 Eingehend HAB Aschaffenburg (G. Christ) 169-189 (Der Dalbergstaat).

2§4

Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens

Mit den großen territorialen Veränderungen um die Jahrhundertwende war neben Preußen die zweite starke und für die Zukunft entscheidende Macht nach Franken gelangt, Bayern. Schon seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hatte Kurbayern seinen Druck gegen die wirtschaftlich wie politisch erstarrte, schwer verschuldete Reichsstadt Nürnberg verstärkt. Als Kurfürst Karl Theodor das Prinzip des geschlossenen Flächenstaates proklamierte, wurden nürnbergische Enklaven und Streubesitzungen in den kurbayerischen Gebieten gewaltsam unterworfen. Schließlich erklärte München sogar alle seit dem Kölner Frieden von 1505 geschlossenen Verträge und Abkommen mit der Reichsstadt für ungültig, strengte erneut mit dem ganzen Fragenkomplex der Landeshoheit in Franken ein Verfahren vor dem Reichskammergericht an und besetzte militärisch 1790-92 einen Teil des Nürnberger Landgebietes, vor allem des Pflegamtes Velden. Die Reichsstadt konnte gegen dieses Vorgehen, das gegen die kaiserlichen Privilegien Nürnbergs verstieß und dem reichsrechtlich garantierten Territorialstaatsrecht fränkischer Observanz widersprach, bei Kaiser und Reich nur protestieren, jedoch keinerlei machtpolitische Interventionen erreichen.1 In den folgenden Jahren störte Kurbayern entschieden Hardenbergs Pläne in Franken. So hatte 1796 Preußen auch die fränkischen Bistümer Würzburg und Bamberg sequestrieren wollen, sie dann für das Haus Oranien vorgesehen, was Bayern aber jeweils verhindern konnte, das selbst auf diese geistlichen Fürstentümer spekulierte. Es hatte hierbei die volle Unterstützung Frankreichs, mit dem es am 24. August 1801 einen Friedens- und Freundschaftsvertrag abgeschlossen hatte, das in einem verstärkten Mittelstaat Bayern ein Gegengewicht zu Österreich und den Kristallisationskern einer von Paris abhängigen dritten Macht im Reich sah. Im gleichen Sinne wurde Bayern von Rußland unterstützt. Da nun beide Großmächte keineswegs auf eine Stärkung der Stellung Preußens in Süddeutschland hinarbeiten wollten, erhielt Bayern im Rcichsdeputationshauptschluß die beiden geistlichen Fürstentümer zugesprochen, und Kurfürst Max Joseph konnte sich den Titel eines «Herzog in Franken» zulegen. Mit dem Verlust der preußischen Vormachtstellung war die Politik der nächsten Jahre im fränkischen Kreis bestimmt von der Rivalität und dem Antagonismus zwischen den beiden Mächten, während die noch übriggebliebenen oder sogar erst neu geschaffenen kleineren Mächte kaum von Bedeutung waren. Dies gilt sowohl für den nun mit der Hauptmasse außerhalb des Kreisgebietes liegenden Dalbergstaat und das toscanische Eichstätt wie auch für den nochmals davongekommenen Hoch- und Deutschmeister und die bankrotte Reichsstadt Nürnberg sowie die zersplitterte Reichsritterschaft, die sich in ihrer Existenz noch keineswegs als gerettet betrachten durften. Denn Bayern, das nun endgültig in Franken festen Fuß gefaßt hatte, drängte weiterhin auf eine Ausweitung und Arrondierung seiner NeuerWerbungen. Vor allem suchte Montgelas, der seit dem Regierungsantritt des Kurfürsten Max Joseph (1799) die bayerische Politik leitete und dessen erklärtes Ziel die Schaffung eines mächtigen geschlossenen Staates war, nach einer durchgehenden Verbindung der Stammlande mit den fränkischen Provinzen. Noch vor der bayerischen 1 HAB II 2, 41 nr. 1; ebd. 4, 195; Pfeiffer, Nürnberg (s. u. 324) 310 ff.

§ 36. Die Koalitionskriege und das Jahr 1803 (R. Endres)

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Zivilbesitzergreifung der Neuerwerbungen in Franken schloß Hardenberg, der plötzlich mit bayerischen Enklaven im Ansbachischen rechnen mußte, in München am 22. November 1802 drei Verträge ab,1 die die Gebietsvermischungen und -überschncidungen beendeten. Diese Separatabschlüsse waren Modifizierungen zu dem generellen «Haupt-Landes-Grenz- und Purijikationsvergleich», der erst nach dem Reichsdeputationshauptschluß, spätestensjedoch am 1. Juli 1803, in Kraft treten sollte. Dieses Abkommen brachte nach jahrhundertelangem Streit endlich feste Grenzlinien und purifizicrte moderne Flächenstaaten. Ein geheimer Zusatzartikel sah auch gleich die für die Zukunft vorzunehmende Aufteilung des Nürnberger Landgebietes vor. Die heftigen und erbitterten Proteste Nürnbergs blieben wirkungslos. Mehr Erfolg hatte dagegen die Reichsritterschaft, die im Zuge der Säkularisationen von Kurbayem im Oktober 1803 zur «pfalzbayerischen Ritterschaft in Franken» erklärt und mit militärischer Gewalt unterworfen worden war.2 Die anderen Mächte in Franken waren dem Beispiel gefolgt. Auf die verzweifelten Proteste der reichsunmittelbaren Ritterschaft, der letzten Stützen der zu Ende gehenden Kaisermacht, erließen Kaiser und Reich am 23. Januar 1804 ein Konservatorium, zu dessen Exekutoren Kursachsen, der Kurerzkanzler, Baden und der Erzherzog von Österreich ernannt wurden. Die Okkupationsmächtc gehorchten zwar, doch erfolgte die Wiederherstellung nur sehr dilatorisch und nur teilweise. Vor allem wurden die ritterschaftlichen Untertanen durch WirtSchaftsboykotte isoliert und ruiniert. Den indemnisierten Mächten kam nun nach den Territorialerwerbungen die Aufgäbe zu, die heterogenen Neuerwerbungen mit den Stammlanden zu verbinden und eine innere Konsolidierung herzustellen. Dies war nur möglich durch die Schaffung klarer Landesgrenzen und durch den Aufbau eines neuen gleichförmigen Staatsapparates. Besonders wichtig für die Gleichschaltung der älteren mit den neueren Staatsgebieten war die uneingeschränkte Ermächtigung zu Säkularisationen, die der Rcichsdeputationshauptschluß ohne Rücksicht auf Verluste links des Rheins oder auf die Konfession allen Reichsständen generell zugestanden hatte. Kurbayern errichtete zunächst ein fränkisches Generallandeskommissariat, organisierte die Landesdirektionen und Hofgerichte als Oberbehörden in den Provinzen Bamberg und Würzburg und überzog dann die beiden Provinzen mit dem bereits 1802 in Altbayem eingeführten System der Landgerichte als Unterbehörden für Justiz und Verwaltung samt den dazugehörigen Rentämtern, womit das in Franken bisher herrschende Territorialgewirr in klare Sprengel gegliedert war. Vermischungen zwischen beiden Provinzen wurden durch eine neue Verwaltungsgrenze aufgehoben. Auch das Fürstentum Eichstätt wurde, soweit es dem nunmehrigen Kurfürsten von Salzburg unterstand, durch die toscanischen Behörden neu organisiert und rationalisiert, während in Aschaffenbürg wie in den meisten kleineren Herrschaften das alte Verwaltungssystem beibehalten wurde. Lediglich das neue Fürstentum Leiningen erhielt durch Theodor Kretschmann, der von Sachsen-Coburg-Saalfeld geholt wurde, eine modernere Behörden­ 1 HAB II 2, 44 f. nr. 8.

2 Hofmann, Adelige Herrschaft 225 ff.; Müller (s. u. 381) bes. Kap. VI, 119 ff.

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Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens

Organisation.1 Neu waren in Franken auch die evangelischen Grafen von Ortenburg, die durch Tausch von Niederbayern nach Oberfranken versetzt wurden in die Herrschäft Tambach, die aus Klosterbesitz und würzburgischen Gütern neu gebildet wurde.1 2 Durch die übereilten Säkularisationen,3 die Kurbayern entsprechend der Befugnisse des Reichsdeputationshauptschlusses sowohl in den Stammlanden wie in den neuen Provinzen vornahm, wurde unter der Bevölkerung sehr viel böses Blut und äußerste, noch lange andauerndeEmpörung gegen München hervorgerufen. Montgelas sanierte durch die rigorosen Liquidationen zwar die Staatsfinanzen4 und beseitigte zugleich den Prälatenstand und das Mönchtum, doch wurden die bisherigen Rechte und Aufgaben der Kirche und des Klerus sowie die religiösen Gefühle und das Brauchtum des Volkes zuwenig berücksichtigt oder gar pietätlos unterdrückt. Außerdem tobten sich in den eigens einberufenen Spezial-Kommissionen vielfach Haß, Neid, Gier und Habsucht aus. Unschätzbare kulturelle Werte und Kunstwerke gingen bei dieser barbarischen Aktion zugrunde oder wurden billigst verschleudert. Ganze Bibliotheken verschwanden5 und herrliche Kirchen fielen der Spitzhacke zum Opfer.6 Viele Kunstschätze, die man der Aufbewahrung für Wert befand, wurden nach München transportiert. Für die katholische Kirche brachte die Säkularisation zu den katastrophalen kulturellen Verlusten aber auch das Ende der aristokratischen Kirchenverfassung, den Beginn der Demokratisierung der Geistlichkeit, und der Anpassung an eine veränderte Welt sowie den Ausgangspunkt für eine innere Besinnung und Bewegung. 1 G. Wild, Das Fürstentum Leiningen vor u. nach d. Mediatisierung, Diss. Mainz 1954. 2 H. Jacobi, Die Standesherrschaft Tambach hist.-statist. topograph., u. Gesch. d. herzogl. u. gräfl. Gesammthauses Orttenburg, 1845. 3 Vgl. A. Μ. Scheglmann, Gesch. d. Säkularisation im rechtsrhein. Bayern, 3 Bde., 1903/ 1908 (grundlegend). Letzte umfassende Darstellung bei v. Aretin, Heil. Röm. Reich (s. o. 245) Kap. V, 372-452; für Franken: (G. v. Tannenberg), Beobachtungen ohne Brille über d. Säkularisation d. geistl. Bistümer u. Besitzungen, bes. in Hinsicht auf d. Bistümer in Franken, Würzburg u. Bamberg, v. einem Einwohner dieser Länder, 1803 (bitterböse Schilderung); K. Th. Heigel, Zur Gesch. d. Säkularisation d. Hochstifts Bamberg (BHVB 53) 1891, 1-16; Μ. Pfeiffer, Beitrr. z. Gesch. d. Säcularisation in Bamberg, 1907; E. Bauernfeind, Die Säkularisationsperiode im Hochstift Eichstätt, 1927; Wendehorst, Würzburg, Kap. II: «Quae tristis desolatio»; G. Frhr. v. Pölnitz, Der erste Entwurf z. bayer. Säkularisation, Sept. 1801 (Staat u. Volkstum, Festgabe K. A. v. Müller)

1933, 190-206; W. Hess, Die Säkularisation d. Klosters Banz, 1915. Zu dem Kampf in der Öffentlichkeit um das Problem der Säkularisationen und ihrer Folgen siehe P. Wende, Die geistl. Staaten u. ihre Auflösung im Urteil d. zeitgenöss. Publizistik (Hist. Stud. 396) 1966; R. von Oer, Zur Beurteilung d. Säkularisation v. 1803 (Festschr. H. Heimpel) 1971, 511 ff. 4 So A. Frhr. v. Ow, Streiflichter z. Gesch. d. Säkularisation in Bayern (ZBLG 4) 1931, 187-206. 5 Allein aus dem Bistum Bamberg sollen rund 1100 Handschriften, 3000 Inkunabeln und etwa 45000 Bücher an München abgetreten worden sein, ganz zu schweigen von den kaum abzuschätzenden Verlusten durch VerSchleuderung, Diebstahl und Veruntreuung. J. Wolf, Die Säkularisierung d. Stifts- u. Klosterbibliotheken im Gebiet d. Erzbistums Bamberg, Diss. Masch. Erlangen 1952. 6 Vgl. beispielhaft A. Wendehorst, Der Untergang d. alten Abteikirche Münsterschwarzach 1803-1841 (Mainfr. H. 17) 1953.

§ yj. Die Rheinbundzeit (R. Endres)

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§37. DIE RHEINBUNDZEIT J. A. P. Weltrich, Erinnerungen f. d. Einwohner d. ehern. Fürstenthums Bayreuth aus d. Jahren d. franz. Okkupation 1806-1810, 1819; Schilling, Nachrichten über d. Ereignisse in d. Kreishauptstadt Bayreuth u. d. vormaligen Fürstenthum gleichen Namens vom Anfang d. Monats October 1806 bis z. Einführung d. Magistrats unter d. k. bay. Regierung (AO 14, H. 3) 1880, 27-110; C. de TouRNON, Die Provinz Bayreuth unter franz. Herrschaft 1806-1810, übers, v. L. v. Fahrmbacher, 1900; Frhr. v. Lüttwitz, Personen u. Zustände in d. Ansbach-bayreuther Landen im Zeitalter d. Napolconismus (Hohenzoller. Forsch., hg. von C. Meyer) 1894, 233-252; Zwanzicer, Bayreuth vor hundert Jahren (AO 24, H. 2) 1910, 1-23; F. Tarrasch, Der Übergang d. Fürstentums Ansbach an Bayern, 1912; U. Thürauf, Die öfFentl. Meinung im Fürstentum Ansbach-Bayreuth z. Zeit d. franz. Revolution u. d. Freiheitskriege, 1918; E. Deuerling, Das Fürstentum Bayreuth unter franz. Herrschaft u. sein Übergang an Bayern 1806-1810 (Erlanger Abh. 9) 1932; W. Müller, Festschrift z. 150. Jahresfeier d. Übergangs d. Fürstentums Bayreuth an Bayern, 1960; H. Liermann, Das Fürstentum Bayreuth im Jahre 1810. Schicksalswende eines deutschen Landes (AO 40) 1960, 206-218; K. Müssel, Die Grundlegung Oberfrankens im Mainkreis v. 1810 (AO 40) 1960, 219-257; K. Hartmann, Gesch. d. Stadt Bayreuth im 19. Jh., 1954. Großherzogtum Würzburg: A. Chroust, Das Großherzogtum Würzburg (1806-1814). Ein Vortrag (Neujahrsbll. 8) 1913; Ders., Das Würzburger Land vor Hundert Jahren. Eine Statist.ökonomische Darstellung in amtl. Berichten u. Tabellen. Festschr. z. Jahrhundertfeier d. Vereinigung Würzburgs mit d. Königr.Bayern (VGffG) 1914; Ders., Eine Österreich. Sekundogenitur in Franken (ZBLG 2) 1929, 395-444; Ders., Gesch. d. Großherzogtums Würzburg (1806-1814). Die äußere Politik d. Großherzogtums (VGffG, R. IX, 1) 1932; vgl. die Besprechung I. Striedinger, Das Großherzogtum Würzburg (ZBLG 6) 1933, 250-256; W. Bilz, Die Großherzogtümer Würzburg u. Frankfurt. Ein Vergleich, Diss. Würzburg 1968.

Am 9. August 1805 trat Österreich in Überschätzung der eigenen finanziellen und militärischen Macht der englisch-russischen Offensivallianz gegen Napoleon bei und vertrieb den bayerischen Kurfürsten, der sich im Vertrag von Bogenhausen erneut Napoleon angcschlosscn hatte, mit seinen Truppen indic fränkischen Provinzen. Aus strategischen Gründen marschierte Marschall Bernadotte auf ausdrücklichen Befehl Napoleons durch das neutrale Ansbach und schloß das österreichische Heer in Ulm ein. Die Verletzung der preußischen Neutralität, die keine Provokation darstellte, rief in Berlin einen Sturm der Entrüstung hervor, hatte aber weiter keine Konsequenzen.1 Der Sieg bei Austerlitz (2. 12. 1805) brachte Napoleon die Hegemonie in Europa. Im Vollgefühl des Sieges versprach der französische Kaiser den verbündeten süddeutschen Mittelmächten öffentlich die volle Souveränität und gestand ihnen bei den anschlicßenden Fricdcnsvcrhandlungcn in Preßburg weitere Arrondierungen zu. Schon durch den Tagesbefehl des Marschalls Bcrthier vom 19.Dezember 180512 war die Rcichsrittcrschäft auf Anordnung Napoleons in den Staatsgebieten der drei Verbündeten Bayern, Württemberg und Baden mit militärischer Gewalt endgültig unterworfen worden. Der Friede von Preßburg (26. 12. 18‫ס‬5(‫ נ‬übergab das toscanische Territorium Eichstätt an Bayern, das dafür dem Habsburger Ferdinand * das Fürstentum Würzburg als Groß1 Diese komplizierten und oft fehlgedeutcten Ereignisse sind eingehend und überzeugend dargelegt bei Tarrasch (s. o. ) 40 ff. 2 Gedr. bei Picard-L. Tudey, Correspondance inddite de Napoleon, I 1912, nr. 237; HAB II 2, 51 f. nr. 14. 17 HdBG III, i

‫ נ‬Auszug bei Zeumer 531; HAB ebd. 52L nr. 15. 4 Erzherzog Ferdinand war vordem Großherzog von Toskana und seit dem Frieden von Luneville Kurfürst des säkularisierten Salzburg. Zu seiner Biographie siehe A. Chroust, Fer-

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Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens

Herzogtum überlassen mußte. Die Durchführung dieser Bestimmungen brachte jedoch eine Menge Schwierigkeiten mit sich. Erst unter massivem französischen Druck räumte Österreich, das hausgesetzliche Rechte geltend machte, Eichstätt, und Bayern übergab das Fürstentum Würzburg im Besitzstand von 1802, d. h. cs behielt sich unter recht eigenwilliger Auslegung der Vertragsbestimmungen die inzwischen mit der Provinz Würzburg vereinigten ehemaligen Reichsstädte Schweinfurt und Rothenburg sowie die Reichsdörfer Sennfeld und Gochsheim vor, desgleichen die Güter des säkularisierten Klosters Ebrach und die Besitzungen der Reichsritterschaft sowie des Deutschen Ordens und des Johanniterordens. So entstanden in dem neuen Großherzogtum Würzburg erneut viele Vermischungen und bayerische Enklaven. Unter der milden Regierung der von der Bevölkerung begeistert begrüßten österreichischen Secundogenitur mischten sich bayerische, österreichische und mit der Trennung von Verwaltung, Justiz und Finanzen auch preußische Verwaltungs- und Regierungsformen. Besonders zeichnete sich die toscanische Regierung durch eine großherzige Behandlung des ehemaligen Reichsadels aus. Verständlicherweise strebte das seit dem 1. Januar 1806 zum Königreich erhobene Bayern nach seinen großen Gewinnen in Franken danach, auch noch die preußischen Provinzen zu erringen, wobei den Absichten Monteglas’ nach einem geschlossenen Staatsgebiet die unsichere, doppelzüngige Kabinettspolitik Preußens entgegenkam. Schon am 15. Dezember 1805 hatte Haugwitz, der unmittelbarer Zeuge des Drei-Kaiser-Sieges von Austerlitz geworden war, Napoleon im Schloß Schönbrunn die Abtretung des Fürstentums Ansbach gegen das nur besetzte Kurfürstentum Hannover zugesagt, woraufhin einen Tag später Ansbach im Vertrag von Brünn Kurbayern zugesagt wurde, im Tausch gegen das Herzogtum Berg. Im Pariser Vertrag vom ;5. Februar 1806' trat Preußen endgültig das Fürstentum Ansbach ab, allerdings erfolgte die tatsächliche Übernahme verspätet und unter größeren Auseinandersetzungen, denn die Bevölkerung wollte bei Preußen bleiben. Der auf Seiten Frankreichs ausgetragene dritte Koalitionskrieg hatte den süddeutsehen Mittclstaatcn die volle und uneingeschränkte Souveränität und weitere territorialc Geschlossenheit gebracht. Diese neue Machtstellung entsprach den Plänen Napoleons, der ein System föderativ zusammengeschlosscner Mittclstaatcn schaffen wollte, die die neue Ordnung in Europa sichern sollten. Allerdings gingen die süddeutschen Verbündeten nur zögernd auf Napoleons Vorstellungen ein, da sic um ihre neugewonnene Souveränität fürchteten. Erst als Napoleon damit drohte, die noch verbliebenen kleinen Rcichsständc und die Reichsstädte in die eigene Hand nehmen und damit ganz Süddcutschland mit französischen Stützpunkten überziehen zu wollen, brach der Widerstand der Mittclstaatcn. So wurden am 12. Juli 1806 in Paris die «Confoederationsakte der rheinischen Bundesstaaten1«‫ ׳‬unterzeichnet, womit sich die sechzehn vertragschließenden Mächte unter den! Vorwand der «Befestigung der dinand, Großherzog v. Würzburg, 1769-1824 (Lebensläufe aus Franken 4) 1930, 142-172. 1 Druck bei v. Ranke, Denkwürdigkeiten (s. u. 406) II 489; HAB II 2, 53 f. nr. 16.

2 Französischer Text bei E. R. Huber, Dokumente z. Deutschen Verfassungsgesch. I 26-32.

§37■ Die Rheinbundzeit (R. Endres)

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inneren und äußeren Ruhe»,1 noch vor der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. aus dem Verband des Deutschen Reiches lösten. Sie unterstellten sich mit diesem völkerrechtlichen Vertrag dem Protektorat Napoleons, mit dem sie eine Offensiv-und Defensivallianz schlossen; außerdem vollzogen sie eine Reihe zwischenstaatlicher Tcrritorialverschiebungen und teilten die noch verbliebenen Reichsstände unter sich auf. In Franken fiel die Reichsstadt Nürnberg mit den Resten des Landgebietes an das Königreich Bayern. Außerdem erhielt der König die Souveränität über die Fürstentümer Öttingen und Schwarzenberg, über die Grafschaft Castell, die Herrschäften Speckfeld und Wiesentheid und über die Oberämter Schillingsfürst und Kirchberg der fürstlichen Linien Hohenlohe sowie über einige Kommenden des Deutschen Ordens. Der Großteil der hohenlohischen Lande kam mit den links der Jagst liegenden Teilen des Fürstentums Krautheim an Württemberg,12 die andere Hälfte von Krautheim und das Fürstentum Leiningen, das sich kurz zuvor durch einen Schutzund Erbvertrag mit Bayern noch der Mediatisierung hatte entziehen wollen,3 an den Großherzog von Baden. Die verstreuten Gebiete der Fürsten und Grafen von Löwenstein-Werthcim kamen unter die Souveränität von Württemberg, Baden, Hessen und des Fürstprimas Dalberg, der auch die Grafschaft Rieneck an sich zog. Damit waren in Franken die letzten Reichsstände und die erst vor wenigen Jahren als Entschädigungsterritorien geschaffenen Neubildungen von den Mittelstaaten mediatisiert und aufgesogen worden. Für die entmachteten Standesherren, die durch Deklaration vom 19. März 1807 zu «Patrimonialherren» in Bayern wurden, brachte die Mediatisierung schwere wirtschaftliche Schäden mit sich, da ein Großteil ihrer bisherigen Einnahmen und Gefälle wegfiel; zudem hatten sie durch die Säkularisation ihre bisherige Stellung in der Kirche verloren. Bei der letzten Aufteilung im Sommer 1806 wirkte sich sehr nachteilig aus, daß das Großherzogtum Würzburg nicht beteiligt war. Denn erst am 25. September 1806 wurde das Großherzogtum in den Rheinbund mit aufgenommen,4 so daß dem Kurfürsten nur mehr die Unterwerfung der eingeschlossenen Reichsritterschaft verblieb, während die ebenfalls enklavierten Schönborn und Castell bei Bayern verblieben. Überhaupt wurden in den folgenden Monaten mehrere Tauschverträge zwischen den Rheinbundmächten abgeschlossen,5 da cs durch vorschnelle Besetzungen und unklare Vertragsbestimmungen zu erneuten Überlappungen und Überschneidungen gekommen war. Dies gilt vor allem für das zu spät gekommene Großherzogtum Würzburg, das durch Ländertausch seine Grenzen bereinigte,6 wobei es sich allerdings gegenüber den bayerischen Ansprüchen nicht durchsetzen konnte. 1 Austrittserklärung der Rheinbundstaaten vom 1. August 1806, ebd. 32 f. 2 Dunkhase (s. o. 253 Anm. 1) schildert (199) eindringlich die Schwierigkeiten bei der Württemberg. Besitzergreifung. 3 G. Wild, Das Fürstentum Leiningen vor u. nach d. Mediatisierung, Diss. Mainz 1954,49-53. 4 Chboust, Neujahrsbll. (s. 0.257) 30; HAB II 2, 56 f. nr. 19. 17*

5 29. Sept. 1806 Ausgleichsvertrag zwischen dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt und dem Dalbergstaat (ebd. 57 nr. 20); 6. Okt. 1806 Staatsvertrag zwischen Großherzogtum Hessen-Darmstadt und dem Großherzogtum Baden wegen einiger ehemals löwensteinischcr Orte (ebd. nr. 21). 6 1807 Mai 17 Staatsvertrag zwischen dem Großherzogtum Würzburg und dem Groß-

260 Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens Größere und entscheidendere Gebietsveränderungen brachte, unmittelbar nach dem Ende des Alten Reiches, der Krieg Napoleons gegen Preußen, das überstürzt den Entschluß zum Kampf getroffen hatte. Noch im Herbst 1806 wurde das preußische Fürstentum Bayreuth okkupiert und unter französische Militärverwaltung gestellt. Im Frieden von Tilsit schließlich (9. Juli 1807), der den Zusammenbruch Preußens besiegelte, mußte Berlin neben anderen hohen Verlusten diese fränkische Provinz endgültig abtreten, die sich Napoleon neben Fulda, Hanau, Erfurt und Katzenelnbogen als «pays reserves» selbst vorbehielt. Die in den genannten Gebieten gelegenen landcsherrlichen Domänen - im Bayreuthischen waren es hauptsächlich die großen Forste im Fichtelgebirge - wurden als außerordentliches Krongut des Kaisers beschlagnahmt und unter eigene Regie gestellt. Napoleon betrachtete die pays reserves nur als etwas Vorübergehendes, was sich allein schon daran zeigt, daß er die bisherige Verwaltungsorganisation unverändert beließ. Für ihn waren diese Gebiete lediglich als Objekt für künftige Landverschiebungen und militärische Versorgungs- und Nachschubbasen von Wert, wozu er sie auch rücksichtslos ausnützte. Im November 1806 traf in Bayreuth der junge Intendant Camille de Tourtion1 ein, der als erste Regierungsmaßnahme eine Kontribution in Höhe von 2,5 Mill. Francs einzutreiben hatte. Der kluge und ehrenwerte Intendant konnte nach anfänglichen Schwierigkeiten bald das Vertrauen der Bayreuther Beamtenschaft und Bevölkerung gewinnen, deren Los er nach Kräften zu erleichtern suchte. Doch die hohen TruppenUnterhaltungskosten und der Niedergang der heimischen Textilindustrie infolge der Kontinentalsperre stürzten das Land in eine schwere Krise.2 Dagegen blieb die am 12. Dezember 1808 erlassene Bauernbefreiung nach französischem Muster ohne größere Auswirkungen, da die Stellung der Bauern sozial und rechtlich keineswegs bcdrückend war. Tournon konnte, bei all seiner Beliebtheit, nicht verhindern, daß beim Aufstand Österreichs im Frühjahr 1809 die einmarschierenden böhmischen Truppen, die kurzzeitig sogar eine österreichische Militärintendantur errichteten, und die eiligst zusammengestcllte «Fränkische Legion»3 in Bayreuth mit ähnlicher Begeisterung herzogtum Baden (ebd. 58 f. nr. 24); 1807 Juni 12 Schweinfurter Übereinkunft zwischen Würzburg und Bayern über die Abteilung der interponierten ritterschaftlichcn Güter (Chroust, Neujahrsbll. 32-36, s. o. 257; HAB ebd. 59 nr. 25); 1807 Juni 16 Staatsvertrag zwischen Würzburg und dem Herzogtum Sachsen-Hildburghausen (ebd. nr. 26); 1808 Juni 20 Staatsvertrag zwischen Würzburg und dem Herzogtum Sachsen-Meiningen und Sachsen-Gotha-Altcnburg (ebd. 60 f. nr. 28); 19. Aug. 1808 Staatsvertrag zwischen Würzbürg und dem Fürstprimas (ebd. 61 f. nr. 29); 26. Mai 1810 Pariser Vertrag zwischen Würzbürg und Bayern: es wurde eine neue Grenzlinie festgclcgt (Chroust, Neujahrsbll. 39-44, s. o. 257; HAB II2,65 nr. 3 5). Vollzugsrezeß vom /9■ September 1810 (Chroust, ebd. 44-49). 4-

1J. Moulard, Le Comte Camille de Tournon, 3 Bde., 1927 ff.; H. Haberstroh, C. de Tournon, Intendant d. Fürstentums Bayreuth 1806-1809 (AO 40) 1960, 172-205. 2 Die Kosten, Lasten und Schäden der Franzosenzeit werden auf mehr als 7 Mill. Gulden geschätzt (Deuerling 52, s. o. 257). Zur Lage der Bayreuther Tcxilindustrie siehe Bayer!ein (s. u. 512). 3 Der Gründer der Fränkischen Legion und ihr Führer während des Krieges war Johann Georg Karl von Nostiz und Jänckcndorf. Er gehörte dem Kreis um Stein, Gneisenau und Scharnhorst an, s. A. Ernstberger, Die deutsehen Freikorps 1809 in Böhmen, 1942, 299 bis 345. Von Franken aus sollte schon einige Zeit vorher eine Unternehmung gegen Napoleon gestartet werden, die jedoch fehlschlug, s.

§ 38. Die Folgen des Wiener Kongresses (R. Endres)

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empfangen wurden wie in Bamberg oder Nürnberg, wo der bayerische Generalkommissar Graf Thürheim von der aufgebrachten Bevölkerung fast gelyncht worden wäre. Die mehr und mehr sich ausbreitende nationale Bewegung und Ressentiments gegen München wirkten hier zusammen. Auf dem Fürstentag zu Erfurt hatte Napoleon dem König von Bayern das Fürstentum Bayreuth für den Preis von 25 Millionen Francs angeboten, der schließlich auf 15 Millionen heruntergehandelt werden konnte. Nur durch schuldhafte Verzögerung wurde der Übergang Bayreuths an Bayern bereits zu diesem Zeitpunkt verpaßt, der Preis war München durchaus nicht zu hoch.1 Nach der Niederwerfung der Erhebung Österreichs erhielt Bayern im Pariser Vertrag vom 28. Februar 18102u. a. die gewünschte Provinz Bayreuth keineswegs billiger, denn es mußte sich nach langwierigen Verhand1 ungen in einem Geheimvertrag verpflichten, die kaiserlichen Domänen um 15 Millionen Francs abzulösen. Durch die im Anschluß an den Pariser Vertrag im Frühjahr 1810 abgeschlossenen Einzelverträge mit dem Königreich Württemberg3 und dem Großherzogtum Würzburg * purifizierte das Königreich Bayern seine Westgrenze. Dabei ging, wiederum erst unter französischem Druck, das altansbachische Gebiet um Crailsheim an Württemberg verloren, ebenso ein Teil des Rothenburger Landgebietes und das hohenlohische Kirchberg. Das Großherzogtum Würzburg erhielt mehrere von Bayern zurückgehaltene Enklaven, vor allem einen Landstrich am Main mit der ehemaligen Reichsstadt Schweinfurt und die Mainhäfen im Bereich seines Staatsgebietes. Mit der Grenzbereinigung zwischen Bayern und dem Herzogtum SachsenCoburg-Saalfeld im Sommer 18115 fanden die Territorialverschiebungen und der «Seelen-Schacher» der Rheinbundzeit in Franken ein Ende. Selbstverständlich machten die ständigen Territorialveränderungen auch eine Umorganisation der Verwaltung notwendig, die mit der neuen Gebietseinteilung des Königreiches Bayern am 2j.September 1810 auch weitgehend vollzogen wurde.

§38. DIE FOLGEN DES WIENER KONGRESSES H. Griewank, Der Wiener Kongreß u. d. Neuordnung Europas 1814/15, 1942, 2. Aufl. unter dem Titel: Der Wiener Kongreß u. d. europ. Restauration, 1954.

Durch die Konvention von Ried war Bayern nach langem Zögern aus dem Rheinbund zur Koalition gegen Napoleon übergewechselt, nicht zuletzt aus Sorge um die neuerworbenen fränkischen Provinzen, die sich massiven preußischen Drohungen ausgesetzt sahen. Wien, das seit dem Teplitzer Bündnis die deutsche Befreiung leitete, Ders., Eine deutsche Untergrundbewegung gegen Napoleon 1806/1807 (Schriftenreihe 52) 1955· 1 So überzeugend Deuerling (s. o. 257) 82 f. 2 Ders. 89; HAB II 2, 64 nr. 33. Die Militärbesetzung durch die bayerischen Truppen er-

folgte im April, die förmliche Überweisung erst im Juni 1810. Die Domänen wurden sogar erst am i.Jan. 1811 übergeben. 3 Ebd. nr. 34. 4 S. o. 259 Anm. 6. ’ HAB II 2, 65 f. nr. 37.

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Franken: C. VII. Territoriale Veränderungen, Neugestaltung und Eingliederung Frankens

kam Bayerns Wunsch nach Aufstieg zu einer europäischen Macht entgegen, denn cs wollte selbst Bayern so stark erhalten, daß es einer Anlehnung an Frankreich nicht mehr bedurfte. Außerdem suchte Österreich nach Verbündeten in dem mehr und mehr offenkundig werdenden Dualismus mit Preußen. Der Vertrag von Ried am 8.Oktober 1813 garantierte daher Bayern seine bisherige Stellung und versprach weitere Entschädigungen. Als im Dezember 1813 das Großherzogtum Frankfurt zerfiel,1 erhob Bayern Anspruch auf das Fürstentum Aschaffenburg. In den Ausführungsverträgen nach dem ersten Pariser Frieden (30. Mai 1814) erhielt Bayern im Austausch für seine Abtretungen an das Kaiserhaus dann auch Aschaffenburg und das Großherzogtum Würzburg zugesprochen.1 2 Weiterhin sicherte Österreich dem König von Bayern das im Bayreuthischen liegende böhmische Amt Redwitz zu, eine alte Enklave des Egerlandes, und versprach seine Unterstützung der bayerischen Wünsche hinsichtlieh Mainz, der Rheinpfalz und bei TauschVerträgen mit den Benachbarten sowie in bezug auf eine Territorialbrücke zu den rheinischen Besitzungen, die durch die Neukonstituierung der freien Stadt Frankfurt samt Landgebiet notwendig geworden war. Doch war die Regelung dieser territorialen Probleme aufs engste verflochten mit der Neuordnung Europas und der Entwicklung der Deutschen Frage. Und der nach zähem Ringen entstandene Deutsche Bund der souveränen Staaten stand bereits unter dem Schatten des europäischen Gleichgewichts und des deutschen Dualismus. Da Bayern gegenüber der Siegermacht Österreich und den anderen umgebenden konsolidierten Mächten keinerlei Gebietsansprüche mehr geltend machen konnte, lag die einzige Ausdehnungsmöglichkeit in dem von Napoleon neu geschaffenen Ländergewirr im Westen Frankens. Zudem war der ehemalige Herzog von Zweibrücken besonders daran interessiert, die früheren wittelsbachischen Gebiete am Rhein wieder in seine Hand zu bekommen. Auf dem Wiener Kongreß (Oktober 1814 - Juni 1815) erhielt zwar Bayern Gebiete am Linksrhein, doch die angestrebte Landbrücke wollte nicht zustande kommen. Die Abkommen mit Österreich vom April 1813p die Bayern wesentliche Ausdehnungen gegen Württemberg und am Untermain sowie den Anfall der rechtsrheinischen Pfalz versprachen, scheiterten am Widerstand der beteiligten Mächte. In der Wiener Schlußakte (9. Juni 1815) wurde deshalb Bayern nur der Anfall von Aschaffenburg und Würzburg endgültig zugestanden, während die noch nicht vergabten Gebiete am Untermain und Rhein in die Hand Österreichs gelegt wurden. Aus dieser Restmasse wurde Bayern, trotz verzweifelter diplomatischer Anstrengungen, nur relativ gering entschädigt. In dem unter militärischem Druck zustande gekommenen Münchner Vertrag am 14. 4. 1816p erhielt Bayern «das Land Überrhein» und in Franken das böhmische Amt Redwitz sowie den österreichischen Besatzungsanteil am früheren Fürstentum Fulda, nämlich die Ämter Hammelburg, 1 P. Darmstädter, Das Großherzogtum Frankfurt, 1901. 2 Pariser Konvention zur Erläuterung des Vertrages von Ried vom 3. Juni 1814. Chroust, Neujahrsbll. (s. o. 257) 49; HAB II 2, 66, nr. 18. Ferner eingehend H. Ketterer, Das Fürstentum Aschaffenburg u. sein Übergang

an d. Krone Bayern, 1914/15; R. Böhl, Die Einverleibung Aschaffenburgs in Bayern u. ihre Auswirkung, vomehml. auf d. Verwaltungswesen, 1934. 3 HAB II 2, 67 Anm. 10. 4 Ebd. 67 f. nr. 39.

§ 38. Die Folgen des Wiener Kongresses (R. Endres)

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Brückenau,1 Weyhers und mehrere Ortschaften des Amtes Bieberstein. Weiterhin versprach Österreich, sich bei Hessen-Darmstadt für die Abtretung der Ämter Alzenau, Amorbach, Miltenberg und Kleinheubach zu verwenden und bei Baden für die Herausgabe eines Teiles des Amtes Wertheim. Außerdem wurde für den Frankfurter Territorialkongreß eine Entschädigung für die nicht zustande gekommene Länderbrücke an den Rhein zugesichert, wofür in einem geheimen Zusatzartikel der badisehe Main- und Tauberkreis in Aussicht gestellt wurde. Die zugesicherten hessischen Abtretungen erfolgten am 7. Juli 1816.2 Allerdings modifizierte die Darmstädter Regierung die Abmachungen ausgesprochen einseitig und behielt vier ehemalige ritterschaftliche Dörfer zurück, die Bayern im Januar 1817 gegen drei altmainzischaschaffenburgischc Dörfer eintauschen mußte.3 Der «Frankfurter Generalrecess» * bestätigte nochmals alle seit dem Wiener Kongreß abgeschlossenen Einzelverträge. Er brachte für Bayern aber nicht die versprochene Landverbindung zur Pfalz, denn entgegen allen Zusicherungen erkannte Österreich die Erbfolge der Nebenlinie Hochberg in Baden an. Mit der internationalen Anerkennung dieser Beschlüsse auf dem Aachener Kongreß 1818 mußte sich Bayern abfinden. Damit war die Epoche der großen territorialen Umschichtungen und der Flurbcrcinigung beendet, die Bayern einen abgerundeten Länderblock in Franken eingebracht hatte. Mit dem Abschluß der territorialen Neuformung hatte das Königreich Bayern seine neuen Grenzen in ihrem vollen Umfang gefunden. Im Westen mit Aschaffenburg griff Bayern über das Gebiet des alten Reichskreises hinaus, dagegen waren altfränkische Teile verlorengegangen, wie die Hohenloher Lande und Mergentheim an Württemberg, die gefürstete Grafschaft Henneberg an die Wettinischen Erben und einige Landstriche an Baden. 1 Vgl. K. Gartenhof, Der Übergang d. Fuldaischen Amtes Brückenau an Bayern (Mainfr. Jb. 3) 1951, 223-251.

2 HAB II 2, 68 nr. 40. 3 Ebd. 68 f. nr. 41. 4 Ebd. 69 nr. 42.

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DIE INNERE ENTWICKLUNG VOM INTERREGNUM BIS 1800: STAAT, GESELLSCHAFT, KIRCHE, WIRTSCHAFT

I STAAT UND GESELLSCHAFT

ERSTER TEIL: BIS 1500 Bibliographien s. u. 1457 Quellen. Vgl. HB I 570 ff.; Chroniken deutscher Städte (HB II, AV Städtechroniken) Bde. 1-3, 1862/64, u. 10-11, 1872/74; UB Nürnberg I; W. Schultheiss (Hg.), Nürnberger Rechtsquellen, Lfg. 1-3, 1959/65: Acht-, Verbots- u. Fehdebücher 1285-1400, Satzungsbücher u. Satzungen d. Reichsstadt Nürnberg a. d. 14. Jh.; Ders., UB d. Reichsstadt Windsheim 741-1400, 1963; F. Stein, Monumenta Suinfurtensia Historica, 1875; Mon. Zollerana; F. V. v. Gudenus, Codex diplomaticus Anecdotorum res Moguntinas illustrantium, 5 Bde., Göttingen-Frankfurt-Leipzig 1743/68; G. G. JoANNis, Rerum Moguntiacarum Scriptores, Frankfurt 1722; S. A. Würdtwein, Diocesis Moguntina in archidiaconatus distincta, 4 Bde., Mannheim 1769/77; Monumenta episcopatus Wirciburgensis (MB 37-46) 1864 ff. (Reg.: 60); H. Knapp, Die Zenten d. Hochstifts Würzburg I 1, 2, 1907; H. Hoffmann, WürzburgerPolizeisätze 1125-1495, 1955; v.GuttenbergWendehorst, Urbare u. Wirtschaftsordnungen d. Domstifts zu Bamberg I, 1969; K. Weller, Hohenlohisches UB, 3 Bde., 1899/1912; P. Wtttmann, Monumenta Castellana, 1890; H. Reimer, UB z. Gesch. d. Herren v. Hanau, 3 Bde., 1891/94; J. F. Schannat, Fuldischer Lehenshof, Frankfurt 1726; Schöppach-Bechstein-Brückner, Hennebergisches UB, 7 Bde., 1842/77; Böhmer-Will, Reg. z. Gesch. d. Mainzer Erzbischöfe bis 1288, 2 Bde., 1877/86 (veraltet); GP III 3: Dioceses Strassburgensis, Spirensis, Wormatiensis, Wirciburgensis, Bambergensis, 1935; Dobenecker; W. Engel, Reg. Herbipolensia I: Urkundenregesten z. Gesch. d. Stadt Würzburg 1201-1401, 1952, II: Urkundenregesten z. Gesch. d. kirchl. Verwaltung d. Bistums Würzburg im hohen u. späten MA 1136-1488, 1954, III: Urkundenregesten z. Gesch. d. Städte d. Hochstifts Würzburg 1172-1413, 1956; Ders., Würzburger Urkundenregesten vor d. Jahre 1400, 1958; v. Guttenberg, Reg.; Heidingsfelder; Vogt-Otto-Vigener, Reg. d. Erzbischöfe v. Mainz 1289-1396, I I, 2, II I (bis 1374, mehr nicht erseh.) 1913/35, Namensverzeichnis bearb. v. W. Kreimes, 1958. Allgemeine Darstellungen. Eine neuere Geschichte Frankens fehlt; die starke territoriale Zersplitterung, die damit zusammenhängende Streuung der Quellen und die Ungleichmäßigkeit der Editionen lassen eine Darstellung in umfassender Gesamtschau stets schwierig sein. Erste Zusammenfassung: F. Stein (materialreich, positivistisch, in vielen Einzelheiten, bes. verfassungsgeschichtlicher Art, überholt, dennoch immer noch heranzuziehen). Extrakt aus Steins Werk: Ch. Meyer, Gesch. Frankens (Slg. Göschen 434) 19222. Zum breiten und methodologisch nachwirkenden Vorstoß im Sinne einer reichsgeschichtl. Betrachtungsweise der Vergangenheit des Großraunis setzte an Schmeidler, Franken u. d. deutsche Reich (s. o. 268). Nuancierend die Ausführungen von Weigel, Begrenzung (s. o. 10); Ders., Epochen (s. o. ebd.). Dazu W. Engel, Mainfranken in seiner geschichtl. Entwicklung (Mainfr. Heimatkunde 2) 1950, 40-69; aus raumund zeitbedingten Gründen knapp: E. Frhr. v. Guttenberg, Die polit. Mächte d. MA, 8.-14. Jh. (H. Scherzer 214-275); W. Kraft, Geschichtl. Entwicklung vom 11. bis 15.Jh. (C. Scherzer 17-70); Überblicke: Uhlhorn, Die Territorien d. Frankenlandes (GG II) 499-504 (Lit.); Bosl, Bayern XV-LXXI, bes. LVII-LXIII; Ders., Aus d. Anfängen d. Territorialstaates in Franken (JffL 22) 1962, 67-88. - Jüngst: G. Zimmermann, Franken (G. W. Sante, Gesch. d. deutschen Länder I) 1964, 211-243; Hofmann. Verfassungsgeschichte. Allgemein. Bader; Ders., Volk-Stamm-Territorium (H. Kämpf, Hg., Herrschaft u. Staat im MA, 1956, 243-283; Ders., Territorialbildung u. Landeshoheit (BlldLG 90) 1953, 109-131; Ders., Bauemrecht u. Bauemfreiheit im späteren MA (HJb. 61) 1941,51-87; Ders., Das mittelalterl. Dorf als Friedens- u. Rechtsbereich, 19672 (unverändert); Ders., Dorfgenossenschaft u. Dorfgemeinde, 1962; Brunner; F. Körner, Die Lage u. Besitzstetigkeit d.

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Machtkeme in Thüringen während d. ausgehenden MA (Wiss. Veröffentl. d. deutschen Inst. f. Länderkunde NF 17/18) 1960, 167-187; Mayer, Mod. Staat; W. Schlesinger, West u. Ost in d. deutschen Verfassungsgesch. d. MA (Festgabe P. Kim) 1961, ni-131; Ders., Verfassungsgcsch. u. Landesgesch. (Hess. Jb. f. LG 3) 1953, 1-34. - Franken, v. Guttenberg; Hofmann, Adelige Herrschäft; Μ. Hofmann, Die mittelalterl. Entwicklung d. Gerichtsverhältnisse im alten Amte Fürth, 1932; H. Lieberich, Zur Feudalisierung d. Gerichtsbarkeit in Bayern (ZRG 71) 1954, 243-338; Ders., Das fränk. Element in d. baier. Innenpolitik d. 15. u. 16. Jhs. (WDGB11. 26) 1964, 164-176; W. Störmer, Probleme d. spätmittelalterl. Grundherrschaft u. Agrarstruktur in Franken (ZBLG 30) 1967, 118-160. Grundlagenforschung u. Untersuchungen zur Geschichte einzelner Räume. HAB u. HONB s. u. 1462f.; H.Häussler,Die Entwicklungd.herrschaftl.u.recht!. Verhältnisse auf d.Territoriumd. heutigen Landkreises Mellrichstadt v. Beginn d. fränk. Landnahme bis z. Ende d. Alten Reiches, Diss. Würzburg 1964; L. Meier, Der Lkr. Hammelburg in seiner herrschaftsgeschichtl., kirchl. u. territorialstaatl. Entwicklung, Diss. Würzburg 1964. Zum historischen und geographischen Rauinbegriff «Franken»: H. Schreibmüller, Wanderungen u. Wandlungen d. Raumbegriffs Franken, 1934 (Festschr. Schreibmüllcr 1-5, 1954); Hofmann, Nobiles (s. u. 324) 58; Schlesinger, West und Ost (s. o.) 117; A. Welte, Die räuml. Grundlagen d. geschichtl. Entwicklungen in Franken (ZBLG 9) 1936, 349-375; Hartung 107-110, 118, 120; Schmeidler, Franken u. d. Reich (s. o. 267) 65-89, bes. 69 ff. u. 86 ff. Zur Bestimmung der Geschichtslandschaft vgl. a. B. Schmeidler, Franken, seine Mächte u. seine Lage im alten deutschen Reich (Jb. Mfr. 66) 1930, 185-201; Bosl, Bayern I 127 ff.; Dazu auch: O. Berninger, Die landschaftl. Gliederung Frankens (JffL 1) 1935, 44-51; K. Troll, Die natürl. Landschaften d. rechtsrhein. Bayerns (Geograph. Anz. 27) 1926, 5-18; A. Welte, Das geograph. Wesen v. Nordfranken (AU 69) 1934, 120-132; Ders., Zur Entstehung d. mainfränk. Städte (Petermanns Geograph. Mitt. 87) 1941, 233-250; Methodologisch allgem. wichtig: K.-G. Faber, Was ist eine Geschichtslandschaft? (Geschichtl. Lkde. V 1 = Festschr. L. Petry I) 1968, 1-28 (Lit.); Karten s. Bayer. Geschichtsatlas. - S. auch o. 161-192.

§ 39. GRUNDLAGEN DER TERRITORIENBILDUNG

Seit Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts verfügte das Königtum nicht mehr über Kraft und Ansatzpunkte für ein in den Landschaften unmittelbar wirksames Handeln. Die Machtkonstellationen wurden fast nur noch vom Verhältnis der Territorien untereinander bestimmt. Die Territorialisierung vollzog sich uneinheitlich. Man kann im Vergleich mit Vorgängen im Süden und Osten des Reiches zunächst nur feststellen, daß in Franken keines der Territorien zum «Land» im Sinne der Analysen und Ergebnisse moderner Erforschung spätmittelalterlicher Verfassungsstrukturen wurde. Man findet hier weder die Zugehörigkeit von Adel und Herrschaften zu einem Fürstentum auf der Grundlage außcrlchensrcchtlichcr Bindungen1 noch eine Polarität der BeZiehungen zwischen Landesherr und Landherren im Rahmen des deren Lebenssphäre umgreifenden und verklammernden Landrechts.12 Wahrung von Sonderrechten, ständische Emanzipationen und die Verteidigung personenverbandsrechtlicher wie korporativer Privilegien ließen kaum einmal die institutionelle Integration bis zum Ende gedeihen und verhinderten die Bildung mehr oder minder einheitlicher Untertanenschaften? Ein Seitenblick auf Bayern4 läßt die Vielgliedrigkeit fränkischer Terri1 Vgl. E.Klebel, Vom Herzogtum zum Territorium (Aus Verfassungs- u. Landesgesch., Festschr. Th. Mayer I) 1954, 205-222. 2 Brunner.

3 Bosl, Anfänge (s. o. 267) 67-88. 4 Μ. Spindler, Die Anfänge d. bayer. Landesfürstentums (Schriftenreihe 26) 1937; HB II 118-131, bes. 130 (Lit.); P. Fried, Verfas-

§ 3p. Grundlagen der Territorienbildung (A. Gerlich)

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torialrechtsgebilde schärfer konturiert hervortreten. Im Gegensatz zu Bayern fehlte im spätmittelalterlichen Franken ein Herzogtum. Der Würzburger Dukat konnte nie den Vergleich mit jenem aushalten, der hohenzollerische Herzogstraum des Albrecht Achilles deutet nur die Richtung an, in der man von Ansbach aus den Anspruch auf Überordnung vorantreiben wollte. Wenn im folgenden Hauptelemente werdender Staatlichkeit im Franken des vierzehnten und fünfzehntenjahrhunderts bezeichnet werden sollen, geschieht dies immer auf die Gefahr hin, daß im Laufe der Zeit Änderungen der Aussagen eintreten können oder sich diese Übersicht als unvollständig erweist. Der Begriff der in der älteren Literatur mit dogmatischer Selbstsicherheit aufgefaßten Landeshoheit erweist sich als brüchige Konstruktion. Zwischen dem «Personenverbandsstaat» und dem «institutionellen Flächenstaat» als normativen Leitbildern gibt es viele Zwischenstufen mit gleitenden Übergängen.1 Für die Territorienbildung in Franken konnten je nach Lage der Dinge wirksam werden der landgerichtlichc Grafschaftsverband, der Grenzenmangel der terra imperii des Hochmittelalters, patrimoniale Adelsherrschaften oder abgestreifte königliche Stadtherrschaften, indem Einzelgerechtsame oder Akkumulationen von solchen durch Gerichts- und Marktzwang verklammert wurden. Die durchgehende flächenhafte Ausformung von Herrschaften, wie sie anderwärts auf dem Weg über die Blutgerichtsbarkeit vor sich ging, scheiterte.2 Auch die hohe Gerichtsbarkeit’ war nur ein Hoheitsrecht neben anderen und noch nicht einmal das wichtigste. Sie wurde in ihrer signifikanten Bedeutung für die volle Landeshoheit nach dem Eindringen römischer Rcchtsbegriffe erst seit Beginn der Neuzeit in völlig ahistorischer Weise überschätzt.4 Mit dem Instrumentarium der herkömmlichen Verfassungsichre sind die Probleme der Territorienbildung in Franken nicht zu lösen. Auf der Suche nach prägenden Kräften’ stößt man auf das Landgericht und die damit verbundenen Begriffe. An Landgerichten gab es in Franken eine große Zahl: Nürnberg, Rothenburg, Schweinfurt, Wimpfen, Würzburg, Bamberg und Hirschberg sind hier zu nennen.6 Doch schon ihre Bezeichnung als «kaiserliche» Landgerichte mit dem sungsgesch. u. Landcsgcschichtsforsch. in Baycrn. Probleme u. Wege d. Forschung (Zur Gesch. d. Bayern, hg. v. K. Bosl, Wege d. Forschung 60) 1965, 528-564. 1 Vgl. a. Bader, Volk (s. o. 267) 243-283. Zur Weiterbildung der von Th. Mayer gcprägten und für die Forschung wegweisenden Begriffe vgl. bes. Bader, Territorialbildung (ebd.) bes. 128 ff; Schlesinger im Hess. Jb. (s. o. 268) 111-131, bes. 120; s. auch HB II 13, Anm. i; Η. H. Hofmann, Ständische Vertretungen in Franken (JffL 24) 1964, 111-118, bes. in; Ders., Territorienbildung 369-420, bes. 385 m. Anm. 22. 2 Mayer, Fürsten 312; Ders., Analekten z. Problem d. Entstehung d. Landeshoheit, vornehmlich in Süddcutschland (BlldLG 89) 1952, 87-111, bes. 99. 3 Sehr oft wird in Franken die hohe Gerichts-

barkeit «Fraisch» genannt. Auf die regionalen Unterschiede und Herleitungen aus Grafenrechten, Erbrecht in Rodungsherrschaften, Immunität des Königsgutes, kaiserlichen Privilegien in den jüngeren Sprcngeln oder auch aus grundherrlichen Gerechtsamen kann hier ebensowenig cingegangcn werden wie auf die Verschicdcnartigkciten der Organisation. Viel Material enthalten die Arbeiten zum HAB. Als Beispiel besonders instruktiv ist HAB Höchstadt-Herzogenaurach (Η. H. Hofmann) 16ff. Allgemein bedeutend und richtungsweisend für die einschlägige fränkische Forschung Μ. Hofmann, Außenbehörden (s. u. 275). 4 Vgl. Dannenbauer 258. 5 Dazu jüngst zusammenfassend Hofmann 403 ff6 Η. E. Feine, Die kaiserl. Landgerichte in Schwaben im MA (ZRG 66) 1948, 148-235.

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damit gegebenen Anspruch auf Hinauswirken über den eigenen Machtbereich hätte stutzig machen müssen. Denn hier wurden Kompetenzen intendiert, die nur komplementär zu den territorialrechtlich agglomerierten Gerechtsamen hinzutreten konnten, nicht aber aus deren eigentlicher Sphäre stammten. Die Landgerichte konnten sich zu privilegierten Gerichten der höheren Stände im überterritorialen Rahmen entwickeln,1 im fünfzehnten Jahrhundert haben sie infolge der den Rittergesellschaften12 gewährten Exemptionen den Territorialisierungsprozeß gestört. Bei Nürnberg3 und Rothenburg4 liegt die Herkunft aus der Domanialgerichtsbarkeit des ehemaligen Reichsgutes zutage. Zuständig waren diese Landgerichte für Entscheidung über Erb und Eigen auf dem Weg der Rechtserkenntnis im Blick auf die aus hochmittelalterliehen Vorstufen entwickelteErbzinsleihe als vorherrschender Besitzform der Bauern;5 aus lehensgerichtlichen Funktionen entfalteten sie ihre Kompetenz als Standesgerichte des Adels und bewahrten diese am längsten. In der Strafgerichtsbarkeit erfuhren sie mit regionalen Unterschieden Abbruch durch die Landfriedens- und besonders durch die Zentgerichte. Nicht die Landgerichte, sondern die vom zweiten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts an privilegierten Halsgerichte und die Zenten erwiesen sich, im Verein mit anderen Rechten im Verband der Vogtei, als Kristallisationspunkte der Territorienverfcstigung. Differenzierungen der sachlichen Zuständigkeiten und sozialgeschichtlich bedingte Sonderkompetenzen nur für bestimmte Personengruppen und -verbände ließen die Landgerichte in Fürstenhand nicht zu Instrumenten der Herrschaftsverflächung werden, sondern nur zum mit recht unterschiedlichem Erfolg angewandten Mittel, Machtansprüche in einer theoretisch unbegrenzten Weite zu erheben. Auf der Suche nach einem Element der Territorialisierung von allgemeinerer Bedeutung als die bisher genannten Rechte muß man in «tiefere» Schichten hinabsteigen. Basis aller Befugnisse, Nutzungen und Verwaltungskompetenzen, deren Summe zur Integration eines Territorialstaatsgebildes führte, war die Grundherrschaft, sie sogar noch nicht einmal als Herreneigentum am Boden, sondern in Form der Schutz- und Schirmfunktionen über die jene bewirtschaftenden Menschen.6 Damit ist die Vogtei in ihrer spezifisch fränkischen Art und spätmittelalterlichen Gestalt angesprochen. Auch sie entzieht sich jedoch in der Vielfalt ihrer Spielarten der einfachen Definitionsmöglichkeit im Sinne der älteren Verfassungslehre.7 Es sind zwei Komponenten zu 1 Vgl. Mayer, Fürsten 295 f. u. 311; LiebeFeudalisierung (s. o. 268) 257. Zu denken geben müßte auch die gelegentlich sehr späte Ersterwähnung, wie etwa im Falle Hirschberg; dazu Feine, Landgerichte (s. o. 269 Anm. 6) 228 ff, sowie H. O. Müller, Das «kaiserl. Landgericht d. ehern. Grafschaft Hirschberg», 1911, bes. 37 ff. u. 68 ff. 2 Vgl. Obenaus (s. u. 304) 141 ff. 3 Zur Forschungsentwicklung in Nürnberg: Dannenbauer 135 ff; W. Neukam, Bruchstück eines verlorenen Achtbuchs d. ehern. Kaiserl. Landgerichts Nürnberg aus d. i.Viertel d. 14. Jhs. (Jb. Mfr. 67) 1931/37, 3-31; F. rich,

Ruf, Acht- u. Achtverweise im alten Land- u. Stadtgericht Nürnberg (MVGN 46) 1955, 1-139;Feine (s.o.269Anm. 6) 220ff.;zum gesamten Problemkreis Schultheiss, Achtbüeher (s. o. 267). 4 Th. E. Mommsen, Die ältesten Rothenburger Königsurkunden. Ein Beitr. z. Gesch. d. Landgerichts u. d. Landvogtei in R. von Rudolf I. bis zu Ludwig dem Bayern (ZBLG 10) 1937. 19-64. 5 Zum folgenden s. Hofmann 404 f. 6 Ebd. 408. 7 Über diese terminologischen und kartographischen Schwierigkeiten vgl. Bayer. Ge-

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unterscheiden: Erstens die vogteiliche Strafgerichtsbarkeit, zum anderen die obrigkeitlichc Rechtssetzung auf den Gassen und in der Gemarkung. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert war jedoch die Agglomeration der Einzelteile dessen, was später alles mit dem BegriffVogtei gemeint sein konnte, noch im vollen Gange.1 Die Frevelgerichtsbarkeit stand damals noch im Bereich des Blutgerichts und wurde erst an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit zur Vogtei herübergezogen. Die Pflichten zur Wehrfolge und Steuerleistung, auch sie aufzufassen als Pertinenzen einer gründherrschaftlichen Rechtsordnung im Sinne von Gegenleistungen für den vom Herren gewährten Schutz, wurden ebenfalls in den Bereich der Vogtei eingegliedert. Ferner ist zu beachten, daß der Begriff, selbst in unmittelbar benachbarten Räumen, recht verschiedenartig im Inhalt war. Er konnte die Schutzfunktion über ein Gericht bezeichnen, dessen Ursprung in ganz anderen Rechtsbereichen zu suchen ist. In ihm konnte sich die Verschmelzung von Gerichtskomptenzen aus einer alten Edel- oder Hochvogtei mit den niedergerichtlichen Zuständigkeiten eines Grundherren verbergen, wie dies im Bamberger Hochstift zu beobachten ist. Mit ihm konnte auch das Ergebnis der Verdrängung eines geistlichen Grundherren durch eine in weltlicher Hand befindliche Schirmkompetenz umschrieben werden. Ihrem Wesen nach ist sie weit stärker auf den Ausbau von Gerichtsrechten und Verwaltungskompetenzen hin ausgerichtet, denn auf den Erwerb von Gefällen hin angelegt. Aus solchen Gerichtsbarkeiten aber wuchs «mit der fortschreitenden Ausbildung der Staatlichkeit dem Schirmherrn folgerichtig auch die volle Landesherrschaft zu».2 Ebenso war die vogteiliehe Schirmherrschaft in ihrer Intensität unterschiedlich, je nach Lage innerhalb oder am Rande eines Herrschaftsbereiches. Auf keinen Fall darf man sich die Entwicklung in gestrecktem Ablauf vorstellen, sondern muß mit erheblichen Schwankungen rechnen. Erst seit dem sechzehnten Jahrhundert bietet das Wort Vogtei die gemeinfränkische Bezeichnung (s. u. 350) für die gesamte sogenannte Niedergerichtsbarkeit unter Einschluß des Zivil- und Strafrechts, allerdings ohne die den Zenten oder schichtsatlas 103 f., Karte 33a. - Vogteiämter sind vorwiegend aus herrschaftlichen Rechten erwachsen und wurden zum wichtigsten Organ der öffentlichen Verwaltung, dem sich später andere Einrichtungen, wie etwa die Kastenämter, anfügen ließen. Diesen nachgeordneten Verfassungsinstitutionen kann nicht näher nachgegangen werden. Ihr Name rührt vom herrschaftlichen Getreide - «Kasten» ( = SchüttSpeicher) her; in Weinbaugebieten heißen sie Kellereien. Kastenämter und Kellereien konnten für mehrere Vogteien zuständig sein. In ihre Kompetenz gerieten Geldzinse der Grundholden, Stadtsteuem der Bürger, Verwaltung von Forsten, Bergwerken und Fischweihern. Während des 15. Jhs. tritt das bürgerlichkaufmännische Element beim Personal stärker hervor, s. Μ. Hofmann, Außenbehörden (s. u. 275) 52-96, bes. 71 ff. - Die Form der Steuererhebung war verschieden. So hat beispiels-

weise das Hochstift Bamberg eigene Steuerbehörden ausgebildet, während die unmittelbar benachbarten Burggrafen von Nürnberg die Steuereinnahmen den aus der grundherrliehen Sphäre stammenden Institutionen überließen und wohl auf diese Weise eine aus der Zeit der staufischen Reichsgutverwaltung stammende Tradition fortführten. Für diese aus großer Zahl herausgegriffenen Beispiele vgl. etwa HAB Neustadt-Windsheim (Η. H. Hofmann) 20 sowie Neukam, Territorium (s. u. 275) bes. 22 f.; vgl. Mayer, Fürsten 296. 1 Die südwestdeutsche Bezeichnung «Zwing und Bann» kommt in Franken nicht vor. Als die nächststehende terminologische Entsprechung findet sich «Vogtei», wenn auch wieder mit Inhaltsunterschiedcn. Vgl. Hofmann, Freibauem. 2 Ebd. 302.

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Fraischgerichten überlassenen vier hohen Rügen.1 Die spätmittelalterliche Vogtei, sie selbst ein Verschmelzungsprodukt, wurde zum tauglichsten Instrument der Landesherren für den Bau ihrer Territorien. Zu den wichtigeren Elementen der spätmittelalterlichen Territorialstaatsbildung in Franken gehört die Stadt. Gemeint sind hier nicht die Reichsstädte,1 2 sondern die sehr viel größere Zahl von Gemeinden nicht-dörflicher Art und nicht rein agrarischer Wirtschaftsstruktur innerhalb der Territorien, die in rechtlicher Abhängigkeit von einem Landesherren standen. Auch Stadtherrschaft ist zu begreifen als eine Spielart der Vogtei.3 In ihr konnten enthalten sein ausgedehnte Leiherechte an Grund und Boden, ungleich mehr aber als in den Dörfern wurden bürgerliche Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit geachtet; die Steuern wurden pauschal erhoben und von den städtischen Behörden auf die Einwohner umgelegt, im Wehrwesen ist die Selbstverteidigung anzutreffen; persönliche Rechte und Freizügigkeit waren besser ausgeprägt als auf dem Lande. Oft hatte das Ratskollegium einer solchen Stadt Funktionen zu üben in den verschiedenen Stufen des Gerichtswesens nicht nur über die Bürger, sondern auch über Bauern in einem zug