Exemplarische Vergangenheit: Valerius Maximus und die Konstruktion des sozialen Raumes in der frühen Kaiserzeit 9783666252815, 9783525252819

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Exemplarische Vergangenheit: Valerius Maximus und die Konstruktion des sozialen Raumes in der frühen Kaiserzeit
 9783666252815, 9783525252819

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Hypomnemata Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben

Herausgegeben von Albrecht Dihle, Siegmar Döpp, Dorothea Frede, Hans-Joachim Gehrke, Hugh Lloyd-Jones, Günther Patzig, Christoph Riedweg, Gisela Striker Band 172

Vandenhoeck & Ruprecht

Ute Lucarelli

Exemplarische Vergangenheit Valerius Maximus und die Konstruktion des sozialen Raumes in der frühen Kaiserzeit

Vandenhoeck & Ruprecht

Verantwortlicher Herausgeber: Hans-Joachim Gehrke

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar. ISBN: 978-3-525-25281-9 Hypomnemata ISSN 0085-1671

Gedruckt mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf

© 2007, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co.KG, Göttingen / www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages öffentlich zugänglich gemacht werden. Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- und Unterrichtszwecke. Printed in Germany. Umschlagabbildung: Ausschnitt aus »Togatus Barberini« Bildquellennachweis: akg-images / Electa

Druck und Bindung: c Hubert & Co, Göttingen

Statue eines römischen Aristokraten mit Ahnenbildnissen, 1. Jahrhundert v. Chr. (Togatus Barberini) Foto: © Araldo de Luca

Inhalt

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2

Vorwort .............................................................................................

9

Einleitung: Exempla und soziale Bedeutung ....................................

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1.1 Warum soziale Beziehungen bei Valerius Maximus? ............. 1.2 Exempla ..................................................................................... 1.3 Methodik: Die ›literarische Präsenz‹ der sozialen Beziehungen .............................................................................

11 24

Väter und Söhne: zwischen Norm und Realität................................

37

35

2.1 Väter und Söhne in den Forschungen zur römischen Familie....................................................................................... 37 2.2 Väter und Söhne bei Valerius Maximus: einleitende Bemerkungen ........................................................................... 44 2.3 Die Inszenierung der Vater-Sohn-Beziehung ........................... 47 2.3.1 Klare Verteilung der Handlungskompetenzen............... 47 2.3.2 Die Überordnung der res publica................................... 56 2.3.3 Moderate usus adfectibus suis: kein Handeln im Affekt ........................................................................ 77 2.3.4 Die Besonderheit der Vater-Sohn-Beziehung und das Ideal der Konfliktvermeidung........................... 89 2.4 Das Gegenbild? Erwähnungen en passant ............................... 110 2.4.1 Keine klare Verteilung der Handlungskompetenzen ................................................. 111 2.4.2 Umkehr des Postulats der Überordnung der res publica ...................................................................... 115 2.5 Inszenierung versus Kontingenz: Deutungen und Folgerungen .............................................................................. 2.5.1 Zwei Bilder der Vater-Sohn-Beziehung ........................ 2.5.2 Die explizite Normativität der inszenierten Beziehungen ................................................................... 2.5.3 Zum Quellenwert von exempla und Exemplasammlung.........................................................

118 118 120 121

6

Inhalt

2.6 Orientierung durch exempla zwischen Kontinuität und Wandel .............................................................................. 2.6.1 moderatio und Konfliktvermeidung............................... 2.6.2 Handlungs- und Begründungsmuster für neue Spielräume...................................................................... 2.7 Abschließende Bemerkungen ................................................... 3

124 124 125 128

Die weiteren Verwandtschaftsbeziehungen...................................... 130 3.1 Die Rolle der römischen Frau als Mutter ................................. 3.1.1 Funktionen der Mutter im Rahmen von domus und Familie ......................................................... 3.1.2 Die Macht der pietas ...................................................... 3.1.3 Emotionen und Konflikte: Das Gegeneinander verschiedener Beziehungen............................................ 3.1.4 Zusammenfassung..........................................................

131

3.2 Die Stellung der Tochter .......................................................... 3.2.1 Handlungsräume der Töchter......................................... 3.2.2 Die Tochter als zukünftige Ehefrau ............................... 3.2.3 Abschließende Bemerkungen.........................................

140 141 146 154

3.3 Die römische Ehe im Wandel der Zeiten ................................. 3.3.1 Zwischen pudor und severitas: die römische Frühzeit........................................................................... 3.3.2 Kontinuität und Wandel: Die Bedeutung der Ehe nach 200 v. Chr................................................. 3.3.3 Abschließende Bemerkungen......................................... 3.4 Brüder und Schwestern: Bindeglieder der Familie .................. 3.4.1 Der Bruder als Bezugspunkt des Handelns.................... 3.4.2 Die Schwester als Bindeglied innerhalb der Familie ..... 3.4.3 Die Beziehung zu Geschwisterkindern und die Bedeutung sozialer Rollen ............................................. 3.4.4 Geschwister bei Valerius: Abschließende Bemerkungen ................................................................. 3.5 Die Großeltern .......................................................................... 3.6 Propinquitas – adfinitas: Die weiter entfernten Verwandten .............................................................................. 3.6.1 Verecundia und concordia: institutionalisierte Nähe und Distanz ........................................................... 3.6.2 Die Verantwortung der Verwandtschaftsgruppe für den Einzelnen ...........................................................

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158 164 177 179 181 187 189 195 196 199 201 203

Inhalt

7

4

Verwandtschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen .... 210

5

Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen....................... 214 5.1 Die Relevanz der weiteren sozialen Beziehungen und das Problem der Begrifflichkeit ........................................ 214 5.2 Zwischen familia und Klientel: Sklaven und liberti ................ 5.2.1 Sklaven in der römischen Gesellschaft – das valerische Bild ......................................................... 5.2.2 De fide servorum: Die inszenierte Aufopferung ............ 5.2.3 Die Stellung der liberti................................................... 5.3 Das dandi et accipiendi beneficii commercium als Voraussetzung menschlichen Lebens ................................. 5.3.1 Gratia zwischen symbolischer Unterordnung und sozialer Hierarchie ......................................................... 5.3.2 Das Problem der ingratia – ein Strukturmerkmal der Krisenzeit? ...............................................................

6

219 220 225 229 230 231 235

5.4 Die absolute amicitia ................................................................ 5.4.1 Das amicitia-Konzept des Valerius Maximus ............... 5.4.2 Laelius de amicitia und die Dichotomie der späten Republik.............................................................. 5.4.3 Parteiengeschichte versus exemplum: Valerius und die Aufhebung der Dichotomie ................ 5.5 Gratia statt Machtzuwachs? Die Entproblematisierung kollektiver Klientel ...................................................................

245 245

5.6 Der Umgang mit Konflikten und das Ideal der moderatio ...... 5.6.1 Die Inszenierung von Konflikten als Folge von Affekthandlungen........................................................... 5.6.2 moderatio, iustitia, humanitas: die ›gezähmte‹ Feindschaft ..................................................................... 5.6.3 Die Aufhebung von inimicitiae...................................... 5.7 Amicitia im Alltag? Rat, Trost und Unterstützung ................... 5.8 Die weiteren sozialen Beziehungen bei Valerius: abschließende Bemerkungen ....................................................

264

248 253 258

266 267 273 280 282

Soziale Beziehungen in exemplis: Folgerungen und Ausblick......... 286 6.1 Zum Funktionieren der valerischen Exemplasammlung .......... 286 6.2 Soziale Beziehungen und Erinnerung: die valerische Sinnstiftung in ihrem zeitgenössischen Kontext ...................... 292

8

Inhalt

Anhang: Die Einteilung der exempla................................................ 300 Literatur- und Quellenverzeichnis .................................................... 315 Index.................................................................................................. 328

Vorwort

Dieses Buch ist die leicht überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Sommer 2006 von der Philosophischen Fakultät der Albert-LudwigsUniversität Freiburg angenommen wurde. Nachdem das Promotionsverfahren abgeschlossen ist, bleibt mir die angenehme Pflicht des Dankens: meinem Doktorvater, Professor Hans-Joachim Gehrke, für seine Offenheit, sein Vertrauen und seine stete Gesprächsbereitschaft; Professor Jochen Martin, in dessen Seminaren ich vor vielen Jahren die Alte Geschichte ›entdeckt‹ habe, für die Übernahme des Zweitgutachtens; Ulrich Gotter für intensive und immer anregende Diskussionen, die meine Auseinandersetzung mit exempla und Erinnerung geprägt haben; sowie schließlich Dorothea Rohde und Götz Distelrath, die diese Arbeit ganz oder teilweise gelesen und mit wertvollen Anregungen und Kritik begleitet haben. Der Gerda Henkel Stiftung danke ich für das mir gewährte Promotionsstipendium. Für die Aufnahme meiner Arbeit in die Reihe Hypomnemata danke ich den Herausgebern. Ein besonderer Dank geht an Stefano, meinen Mann. Er hat die für uns beide belastende Kombination von Vollzeitstelle, Promotion und Wochenendbeziehung nicht nur mitgetragen, er hat mich auch in jeder Hinsicht unterstützt. Sein Humor und seine Gelassenheit waren mir gerade in schwierigen Phasen eine große Hilfe. Gewidmet ist die Arbeit meiner Mutter, die mir durch ihr Vorbild und ihr Vertrauen die Freude am Lernen und Forschen vermittelt hat. Sie durfte das Entstehen dieser Arbeit leider nicht mehr erleben.

1. Einleitung: Exempla und soziale Bedeutung

Exempla und soziale Bedeutung

1.1 Warum soziale Beziehungen bei Valerius Maximus? Warum soziale Beziehungen bei Valerius Maximus? In der römischen Republik bildeten die sozialen Beziehungen das Zentrum des Staates. Jedes Mitglied der römischen res publica war in klar strukturierte Beziehungssysteme eingebunden (familia, Klientel), an deren Spitze die patres familias und nobiles standen. Sie übernahmen weitreichende Kontroll- und Integrationsfunktionen, die nach heutigem Verständnis die gesellschaftliche wie die staatliche Ebene betrafen.1 Ihre besondere Stellung lag maßgeblich darin begründet, dass es kein staatliches ›Gewaltmonopol‹ gab, und dass viele der aus heutiger Sicht dem Staat zugeschriebenen Funktionen von gesellschaftlichen Institutionen wahrgenommen wurden. Da gesellschaftliche Bindungen und Institutionen somit als Teil des politischen Systems gelten konnten, ließ sich die politische Ordnung nicht von der sozialen Ordnung trennen. Diese Auffassung kann in der Forschung als Konsens gelten und war zugleich im römischen Selbstverständnis verankert, das der sozialen Ordnung eine konstitutive Bedeutung für das Funktionieren der res publica zuschrieb.2 Soziale Beziehungen können grundsätzlich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden: Die eine gründet in einer anthropologischen Herangehensweise, deren Interesse auf grundlegende Strukturen und Konstellationen innerhalb einer Gesellschaft zielt, zeitlich bedingte Veränderungen dagegen in den Hintergrund rückt.3 Die andere unterzieht soziale 1 Hierzu und zum Folgenden vgl. Martin, Zur Stellung des Vaters, S. 95ff. und Martin, Zwei Alte Geschichten, S. 3ff. und S. 18. Der Unterscheidung zwischen staatlicher und gesellschaftlicher Organisation kam indes für die ›Verfasstheit‹ der römischen res publica keine der heutigen Zeit vergleichbare Bedeutung zu. 2 So bildete die Familie aus Ciceros Sicht »gleichsam die Pflanzstätte des Gemeinwesens« (quasi seminarium rei publicae; Cic. off. 1,54), während Seneca den maßgeblich über den Austausch von beneficia konstituierten und gepflegten amicitia- und Klientelbeziehungen eine wichtige Rolle für den Zusammenhalt der menschlichen Gemeinschaft zusprach (de beneficiis dicendum est et ordinanda res, quae maxime humanam societatem adligat; Sen. benef. 1,4,2). Zur politischen Bedeutung der sozialen Ordnung in Rom vgl. auch Martin, Zwei Alte Geschichten, S. 3ff. und S. 18 sowie Martin, Zur Stellung des Vaters. 3 Zwar werden diese Strukturen und Konstellationen ihrerseits als historisch ›geworden‹ verstanden, doch steht in der Untersuchung nicht das Werden, sondern die gegenwärtige Form im Mittel-

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Exempla und soziale Bedeutung

Beziehungen einer dynamischen Betrachtung, indem sie ihr Augenmerk auf den Wandel der Beziehungs- und Interaktionsmuster richtet und diesen in den weiteren Kontext der historischen Entwicklung einordnet. Die vorliegende Untersuchung nimmt die von Seiten der historischen Anthropologie erarbeiteten Strukturen als Hintergrund für eine Betrachtung der sozialen Beziehungen unter dem Gesichtspunkt ihrer dynamischen Veränderung. Als Valerius Maximus seine Exemplasammlung – die in der Regierungszeit des Tiberius entstandenen Factorum et dictorum memorabilium libri –4 verfasst, blickt Rom auf mehrere Jahrzehnte politischen und gesellschaftlichen Umbruchs zurück. Die Bürgerkriege der späten Republik hatten nicht nur eine grundlegende Transformation des politischen Makrosystems eingeleitet, sondern zugleich radikale Eingriffe in das Gefüge und den Normenbestand der römischen Sozialbeziehungen mit sich gebracht. Sowohl auf der familiären Ebene wie auch hinsichtlich der amicitia- und Klientelbindungen wurden diese Beziehungen vielfach nicht mehr als stabil betrachtet, sondern in erster Linie in ihrem Wandlungspotential wahrgenommen, das durchaus bedrohliche Formen annehmen konnte.5 So zogen sich die Fronten zwischen den Bürgerkriegsfaktionen bis in die Familien hinein.6 Zwar hatte es auch in früherer Zeit Situationen gegeben, in denen politische amicitia über verwandtschaftliche Bindungen gesetzt wurde, doch im Rahmen der Bürgerkriege wurde der Vorrang der factio häufig auf Dauer gestellt und konnte durch die Proskriptionen zudem einen existentiellen und endgültigen Charakter erhalten.7 Einen proskribierten punkt (vgl. etwa Martin, Zwei Alte Geschichten, S. 2; Martin, Zur Stellung des Vaters, S. 97-98; Bettini, Antropologia, S. 16-17). 4 Zwar ist der exakte Zeitpunkt der Abfassung nicht völlig unumstritten – vielfach werden die Jahre 27-32 n. Chr. angeführt, wohingegen etwa Bellemore mit den Jahren 14-16 n. Chr. eine sehr frühe Datierung annimmt. Doch die Entstehungszeit unter Tiberius, den Valerius im Prooemium seines Werkes anruft, kann als sicher gelten. Für eine ausführliche Diskussion dieser Thematik s. Weileder, S. 27f., der mit Recht darauf hinweist, dass die Erstellung einer so umfassenden Sammlung vermutlich »enormer, jahrelanger Anstrengung« bedurft habe. 5 Zu den gesellschaftlichen Umbrüchen dieser Zeit immer noch grundlegend Syme, Roman Revolution und Gruen. Kierdorf, S. 223f. weist darauf hin, dass sich der »fundamentale[ ] gesellschaftliche[ ] Wandel« zum einen in der Zusammensetzung der römischen Führungsschicht ausdrückte, in der die republikanische Nobilität v.a. infolge des »gewaltigen Aderlasses« durch Bürgerkrieg und Proskriptionen kontinuierlich abgenommen hatte (ebd., Zitate S. 223). Zum anderen führten diese Entwicklungen zu »grundsätzlichen Verschiebungen im System der sozialen Beziehungen« (ebd. S. 224), die für die vorliegende Arbeit von besonderem Interesse sind. 6 Vgl. etwa Syme, Roman Revolution, S. 64 sowie Hinard, Solidarités familiales. Zu den Proskriptionen insgesamt s. Hinard, Les proscriptions de la Rome républicaine. 7 Eindrücklich vor Augen geführt wurde der Vorrang der politischen factio von den Triumvirn des Jahres 43, die ihre Abmachungen durch die ›Opferung‹ naher Verwandter festigten: Lepidus setzte seinen Bruder Paullus, Antonius seinen Onkel Lucius Caesar auf die Proskriptionslisten (App. civ. 4,12 und Vell. 2,67,3).

Warum soziale Beziehungen bei Valerius Maximus?

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Vater oder Ehemann zu verraten, war Ausdruck der Zerstörung eines familiären Zusammenhaltes, der in Rom – auch auf einer normativen Ebene, etwa als pietas oder fides – von konstitutiver Bedeutung war.8 Und selbst Familien, deren innerer Zusammenhalt erhalten blieb, sahen ihre Kontinuität vielfach materiell wie personell gefährdet. Nicht nur forderten blutige Auseinandersetzungen und Verfolgungen viele Opfer, wie es auch auswärtige Kriege taten. Auch war die Proskription eines pater familias mit weitreichenden Folgen für die Stellung der übrigen Familienmitglieder verbunden. Seine Söhne und Enkel wurden von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und standen zudem materiell vor einer prekären Zukunft, denn das Vermögen der Proskribierten – zugleich die materielle Grundlage ihrer Söhne – wurde eingezogen. Auch hinsichtlich anderer sozialen Beziehungen brachten die Bürgerkriege grundlegende Veränderungen mit sich. Hatten amicitia-Bindungen bislang vielfach den Charakter von pragmatischen und zeitlich begrenzten Beziehungen gehabt, die zur Durchsetzung bestimmter Anliegen stets neu geschlossen und aufgelöst wurden,9 so bedeutete die Einordnung in eine Bürgerkriegsfaktion in der Regel ein dauerhaftes und zugleich exklusives Engagement. Amicitia – wie auch inimicitiae – erhielten durch diese Entwicklung einen grundsätzlichen, ja existentiellen Charakter, der bislang unbekannte Probleme zur Folge hatte.10 Diese Erfahrung fundamentaler Instabilität der engsten Nahbeziehungen muss für die frühe Kaiserzeit in mindestens zweierlei Hinsicht als prägender Hintergrund betrachtet werden. Erstens war die Beschäftigung mit dieser Zeit schon insofern problematisch, als die Erinnerung an die Schrecken der Bürgerkriege noch sehr präsent war. Insbesondere die Proskriptionen des Jahres 43 v. Chr. wurden von Zeitgenossen und Nachwelt geradezu als Paradigma einer Katastrophe angesehen, die gerade im Bereich der sozialen Beziehungen weitreichende 8 Vgl. etwa die Schilderungen bei Velleius Paterculus (2,67,2) und Appian (4,5f.; 4,12-30; 4,36-51). Als Gründe für den Verrat werden bei Appian bei den Söhnen insbesondere Profitgier (App. civ. 4,17f.) sowie auf Seiten der Ehefrauen das Bestehen einer außerehelichen Beziehung (App. civ. 4,23f.) angeführt. 9 S. hierzu unten Kapitel 5.4.2 sowie Gotter, Cicero und die Freundschaft, der die »enorme Flexibilität der Allianzen« als ein wesentliches Kennzeichen der republikanischen Politik beschreibt. Daneben habe es allerdings auch »lang andauernde intensive Beziehungen« gegeben (Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 342-346, Zitate S. 343f.). 10 Ähnliches galt für die Beziehung zwischen Sklaven und ihren Herren. Indem Sklaven durch das Versprechen der Freiheit dazu gebracht wurden, ihre proskribierten Herren zu verraten, wurden in doppelter Hinsicht Linien gezogen, die quer zu den traditionellen römischen Beziehungen standen: Quer zu der einem Sklaven geziemenden fides gegenüber seinem Herrn, zugleich aber auch quer zu dem grundsätzlich nur dem Herrn zukommenden Recht, einem Sklaven die Freiheit zu gewähren (s. unten Kapitel 5.2.1, bes. Anm. 616; s. auch Schumacher, S. 95-100 und passim).

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Exempla und soziale Bedeutung

Zerstörungen mit sich gebracht hatte.11 Auch standen in der frühen Kaiserzeit die Nachkommen derer, die in den Bürgerkriegen Besitz oder gar Leben verloren hatten, den Söhnen der ›Sieger‹ und ›Täter‹ gegenüber: Die Thematisierung der jüngsten Vergangenheit riskierte daher nicht nur, alte Wunden aufzureißen, sondern die Spaltung der Bürgerkriegszeit in die Gegenwart zu perpetuieren.12 Die Bürgerkriege bildeten zudem nur den Höhepunkt einer bereits mit den Auseinandersetzungen um die Gracchen begonnenen problematischen Entwicklung. Zunehmende und mit der Bildung von Faktionen einhergehende Konflikte hatten dazu geführt, dass der Erinnerungsraum, der in Rom den traditionellen Bezugspunkt für die Identitäts- und Standortbestimmung der aristokratischen Oberschicht bildete, im Verlauf des ersten vorchristlichen Jahrhunderts an Einheit und Verbindlichkeit verlor. Dies äußerte sich nicht zuletzt in der Bezugnahme auf den Vergangenheitsraum über das traditionelle Medium der exempla, die im Laufe der späten Republik vielfach polyvalent verwendbar und in ihrem Bedeutungsgehalt strittig wurden.13 Mit den Bürgerkriegen wurde der Verlust eines identitätsstiftenden normativen Gesamtrahmens endgültig besiegelt. Eine zweite Folge der beschriebenen Erfahrung von Instabilität war ein weitreichendes Bedürfnis nach Orientierung: Welche Bedeutung kam sozialen Beziehungen angesichts der Bürgerkriegserfahrungen überhaupt noch zu? Welchen Stellenwert hatten traditionelle normative Handlungsrahmen, gegen die in einer so fundamentalen Weise verstoßen worden war? Diese doppelte Herausforderung von problematischer memoria einerseits und unklarer Normativität sozialer Beziehungen andererseits wurde in der 11 Zur Zerstörung der Familienbeziehungen s. Vogt, S. 86f. sowie Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 193f., der darauf hinweist, dass »die detaillierten Berichte von persönlichen Schicksalen, die offenbar noch zur Zeit Appians und Dios kursierten, [...] die von den Proskriptionen ausgelöste Erschütterung« deutlich spiegelten (ebd. Anm. 147). 12 Zur Problematik der Behandlung der Bürgerkriege, die natürlich auch mit der Person des Augustus zu tun hatte, siehe z.B. Bloomer, Valerius Maximus, S. 53, S. 183f., S. 223ff. und passim und M.-L. Freyburger, Valère Maxime, S. 111 und S. 117. 13 Bereits seit dem Beginn des 2. Jh.s v. Chr. hatte die Homogenität der Aristokratie durch die zentrifugale Dynamik des Kampfes um Macht und Prestige zu schwinden begonnen (vgl. unten Kapitel 5.5 sowie Blösel, mos maiorum, S. 85f. und Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 327). Zum popularen Zugriff auf eine bisher »exklusiv von der Nobilität verwaltete Geschichte mit ihren Sinnbildern« vgl. Stemmler, Auctoritas exempli, S. 183f. (Zitat S. 183), Martin, Die Popularen, S. 217f. sowie Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 356 und passim. Aus einer anderen Perspektive vgl. Braun, der seine Aufmerksamkeit auf den spätrepublikanischen Umgang mit dem mos maiorum richtet, sowie Keller, bes. S. 201-208. Zur Bedeutung dieses normativen Gesamtrahmens s. Moatti, La raison de Rome, S. 30-33, die darauf hinweist, dass das katalogisierende, auf exempla basierende kollektive Gedächtnis eine wichtige Rolle für den römischen Normenkosmos spielte. Es durfte jedoch weder kraftlos, noch verdächtig, noch gespalten sein (»encore fallaitil qu’elle ne fût ni défaillante, ni suspecte, ni divisée«; ebd. S. 33).

Warum soziale Beziehungen bei Valerius Maximus?

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frühen Kaiserzeit in vielfältiger Hinsicht aufgegriffen. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Anliegen des Augustus, der die Wiederherstellung der gesellschaftlichen und politischen Einheit der res publica nicht nur mit einer Neukonstruktion der sozialen, besonders der familiären Beziehungen verbinden wollte,14 sondern darüber hinaus auf die Schaffung eines Einheit stiftenden und positiv konnotierten Erinnerungsraumes zielte. Maßgeblich für die Neukonstruktion der sozialen Beziehungen waren die augusteischen Ehegesetze, die einen radikalen Eingriff in die familieninterne Entscheidungspraxis (Heirat, Scheidung, Familienplanung, Erbschaft) und Konfliktregelung (Ehebruch) darstellten und die patres familias wie auch das Beziehungsgefüge zwischen diesen und ihren Frauen, Kindern, Sklaven und Freigelassenen grundlegend beeinflussten.15 Die damit verbundenen Eingriffe in das testamentarische Erbrecht hatten zudem erhebliche Auswirkungen auf die amicitia- und Klientelbeziehungen (vgl. Kapitel 5.3.2). Der augusteische Entwurf eines Identität und Einheit stiftenden Erinnerungsraumes wird im Statuenprogramm des Augustusforum sichtbar. Geehrt wurden Sueton zufolge die Feldherren (duces), »die das Reich des römischen Volkes aus kleinsten Anfängen zum größten gemacht hatten«. Indem Augustus die Personen ausschließlich nach ihrer Größe und Leistung auswählte und organisierte, konnte er den historischen Kontext und mit ihm kritische Verhaltensweisen weitgehend ausblenden. Auf diese Weise gelang es ihm, problematische Gestalten der Vergangenheit – etwa Marius und Sulla – in das Forum aufnehmen und dennoch ein einheitliches, durch virtus charakterisiertes Gesamtbild der römischen Geschichte evozieren.16 Indem 14 Auch in anderen Bereichen wurden Versuche einer normativen Fundierung sozialer Beziehungen vorgenommen. So machen etwa die Controversiae des älteren Seneca deutlich, dass die sozialen – insbesondere die familiären – Beziehungen ein zentrales Thema der in den Rhetorikschulen geübten Deklamationen bildeten. Vor allem das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Geschwistern, verbunden mit Themen wie Adoption und Enterbung wird in den Controversiae immer wieder aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erörtert, ebenso Ehebeziehungen im Hinblick auf Treue und Ehebruch. In einigen Fällen wird sogar die Beziehung zwischen patronus und servus bzw. libertus thematisiert. (Zu den Deklamationen und ihrer Funktion s. Beard sowie unten Anm. 42.) Ebenfalls zu nennen ist in diesem Zusammenhang die etwas später verfasste Abhandlung De beneficiis des jüngeren Seneca, in der vor allem die sozialen Normen von gratia und ingratia aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und diskutiert werden. 15 Mette-Dittmann, S. 29; vgl. auch Bellen, S. 330ff. sowie Raditsa, S. 310-329 und passim. Zur augusteischen Gesetzgebung insgesamt s. Bellen, bes. S. 329-348. 16 Zitat Suet. Aug. 31,5. Zum Augustusforum sowie insbesondere zur Galerie der summi viri vgl. Spannagel, bes. S. 317-344, Walter, Memoria und res publica, S. 417ff., bes. S. 420 und Zanker, Forum Augustum, S. 81ff., bes. S. 88f. sowie ders., Die Macht der Bilder, S. 196ff. und S. 213ff.; vgl. auch Moatti, La raison de Rome, S. 30, Gowing, S. 138-145 und Sage, S. 192ff. Zanker, Die Macht der Bilder, S. 213f., betont die doppelte Funktionalität der summi viri: Auf der einen Seite ermöglichte die Orientierung an einzelnen Männern die Eliminierung problematischer Episoden, denn die Aneinanderreihung großer Persönlichkeiten stellte kein Kontinuum dar, in dem

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Exempla und soziale Bedeutung

Augustus die römische Geschichte hier auf ihre Exempelhaftigkeit zurückführte und gleichzeitig darauf verzichtete, sie in bona und mala exempla zu unterteilen, schuf er im Zentrum des öffentlichen Raumes einen gemeinsamen und positiv konnotierten Ort der Erinnerung, in dem die Polarisierungen der Vergangenheit aufgehoben wurden.17 Die unter Tiberius entstandene Exemplasammlung des Valerius Maximus lässt sich ebenfalls in diesen Kontext einordnen. Die in neun Büchern zusammengestellte Kompilation stellt nicht nur wegen ihres Umfanges von rund 1000 exempla, sondern auch aufgrund ihrer spezifischen Struktur eine außergewöhnliche Quelle dar. Die einzelnen Bücher dieser Sammlung gliedern sich in Kapitel, die in der Regel aus zwei Teilen bestehen: einer Gruppe römischer und einer Gruppe »externer«, vor allem griechischer, aber auch etwa persischer oder karthagischer exempla. Nur in Ausnahmefällen fehlen externe Beispiele, wobei dies meist aus der Thematik des jeweiligen Kapitels erklärt werden kann.18 Vor dem Hintergrund der gerade beschriebenen Entwicklungen ist das valerische Werk darüber hinaus in zweifacher Hinsicht von besonderem Interesse: Zum einen nehmen die sozialen Beziehungen in den Facta et dicta memorabilia einen breiten Raum eine Lücke aufgefallen wäre. Zugleich habe die Aufstellung der Statuen dennoch ein »Gesamtbild« der römischen Geschichte suggeriert, denn »vereint standen die Gegner von einst in den nationalen Ruhmeshallen: Marius neben Sulla, Lucullus neben Pompeius« (ebd. 214). Ähnlich formuliert Bleicken in seiner Augustus-Biographie, jede der großen Gestalten verliere durch diese Aneinanderreihung »ihren besonderen, mit ihrem historischen Ort, in dem sie stand, unauflösbar verbundenen Charakter«. So könne »Marius neben seinem Erzfeind Sulla und Angehörigen der Nobilität stehen, denen er so verhaßt war.« (Bleicken, Augustus, S. 531). Vgl. auch Coudry / Späth, S. 414. 17 Dass Augustus der Verwendung von exempla als Argument und konkrete Handlungsanweisung eine nicht unerhebliche Bedeutung zusprach, ist uns aus unterschiedlichen Quellen bekannt. So berichtet etwa Sueton (Aug. 89,2), Augustus habe beim Lesen griechischer und römischer Autoren »Regeln und Beispiele[ ], die heilsam waren für das öffentliche oder private Leben« (praecepta et exempla publice vel privatim salubria) herausgeschrieben und »an die Angehörigen seines Hauses, an die Befehlshaber der Heere und die Statthalter der Provinzen oder die Beamten in der Hauptstadt [geschickt], an alle ohne Ausnahme, so wie sie seiner Meinung nach eine Erinnerung brauchten.« In seinem Tatenbericht betont Augustus: »Durch neue, von mir veranlaßte, Gesetze habe ich viele Verhaltensbeispiele der Vorfahren, die schon aus unserem Zeitalter zu verschwinden drohten, zurückgeholt und selbst auf vielen Gebieten Beispiele als Richtschnur des Verhaltens der Nachfahren überliefert.« (legibus noví[s] m[e auctore l]atis m[ulta e]xempla maiorum exolescentia iam ex nostro [saecul]o red[uxi et ipse] multárum rer[um exe]mpla imitanda pos[teris tradidi]; R. Gest. div. Aug. 8). Zur augusteischen Bezugnahme auf exempla sowie auf die mores maiorum vgl. Bellen, S. 317ff. (mit einer ausführlichen Diskussion der gerade zitierten Stelle aus den Res Gestae), S. 329ff. und S. 344ff., Zanker, Die Macht der Bilder, S. 161-170 sowie Weileder, S. 40f. 18 Zu der überlieferten Struktur der neun Bücher vgl. Faranda, S. 13ff. Einen guten Überblick über den Aufbau sowie über den Inhalt der einzelnen Bücher bietet Combès, S. 25-45. Zum Fehlen externer exempla vgl. etwa unten Anm. 138.

Warum soziale Beziehungen bei Valerius Maximus?

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ein. Bereits ein Blick auf die Kapitelüberschriften zeigt, dass sich zahlreiche Kapitel dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern sowie der Ehe widmen, während andere soziale Beziehungen durch Themen wie gratia, fides und amicitia präsent sind. Zum anderen ist der Normenkosmos, der durch die in den Facta et dicta memorabilia angeführten Beispiele entsteht, nicht als Ergebnis einer einfachen Aneinanderreihung exemplarischer Erzählungen, sondern als Produkt bewusster Schöpfung zu betrachten, die mindestens drei zentrale Ordnungshandlungen voraussetzt: (1) die Festlegung von Rubriken, die in diesem Werk als strukturierende Kapitel fungieren,19 (2) die Auswahl der exempla sowie (3) die Zuordnung der einzelnen exempla zu den thematisch geordneten Kapiteln.20 Vor diesem Hintergrund lässt sich die valerische Exemplasammlung auf die Arbeit der Konstruktion und Strukturierung des römischen Normen- und Erinnerungsraumes beziehen. Durch die Wahl seiner Gattung und die inhaltliche Schwerpunktsetzung seines Werkes verbindet Valerius somit zwei zentrale Themen der frühen Kaiserzeit. Er bietet auf diese Weise zum einen wertvolle Hinweise über die Konstruktion und Strukturierung eines in exemplis entworfenen Vergangenheitsraumes. Zum anderen bildet sein Werk eine hervorragende Quelle für die Frage nach den Veränderungen, denen die häufig über den Erinnerungsraum kommunizierten normativen Vorstellungen und Bilder sozialer Beziehungen im Übergang von der späten Republik zur frühen Kaiserzeit unterworfen waren. Eine qualitativ wie quantitativ zentrale Stellung kommt dabei der Beziehung zwischen Vätern und Söhnen zu. Sie ist nicht nur mit Abstand am häufigsten – mit über 100 exempla – vertreten, sondern wird zudem in zahlreichen Kapiteln explizit zum Thema gemacht. Diese herausgehobene Position entspricht ihrer Bedeutung in der römischen Gesellschaft, die sich in einer umfangreichen Forschungsliteratur spiegelt (s. Kapitel 2.1). Die Vater-Sohn-Beziehung bildete das Rückgrat der römischen Sozialordnung und spielte eine zentrale Rolle für die Vermittlung von Status. Die mit der beschriebenen Kontroll- und Integrationsfunktion des pater familias einhergehende ›politische‹ Relevanz verschaffte ihrer Beziehung im römischen Selbstverständnis ebenfalls eine besondere Stellung, die trotz vielfältiger 19 Dass die Anordnung der Kapitel keine von sich aus evidente Struktur aufweist, zeigt der bis heute dauernde Streit um eine plausible Gesamtordnung der Sammlung (s. hierzu Anm. 34). 20 Da exempla im gesellschaftlichen und politischen Leben der römischen Republik in sehr vielfältiger Weise verwendet wurden, lag ihre Einordnung keineswegs automatisch fest, sondern beinhaltete eine bewusste und sinnstiftende Entscheidung, die – wie im Verlauf der Arbeit deutlich werden wird – bis hin zu einer Umdeutung des exemplarischen Inhalts gehen konnte. Zur Bedeutung der vor allem seit der späten Republik aufkommenden Ordnungs- und Klassifizierungsbemühungen s. Moatti, La raison de Rome, S. 217-226, S. 230ff. und S. 243ff.

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Exempla und soziale Bedeutung

Veränderungen ihrer Funktion und Rolle im Grundsatz erhalten blieb.21 Aufgrund dieser besonderen Bedeutung und Präsenz der Vater-SohnBeziehung im valerischen Werk wie im Kontext der römischen res publica wird sie im Folgenden in einem eigenen Kapitel behandelt (2).22 Einen zweiten Schwerpunkt meiner Untersuchung bilden die amicitiaBeziehungen, die im Rahmen des valerischen Werkes ebenfalls eine prominente Stellung einnehmen. Auch in diesem Falle entspricht ihre werkimmanente Präsenz der herausragenden gesellschaftlichen und politischen Bedeutung. Amicitia-Bindungen strukturierten maßgeblich den auf die res publica bezogenen Raum und waren daher infolge der beschriebenen Entwicklungen einem besonderen Veränderungsdruck ausgesetzt. Dies äußerte sich nicht zuletzt in intensiven Auseinandersetzungen und Diskussionen über ihre inhaltliche Ausgestaltung und Funktion, deren Dynamik in der vorliegenden Arbeit einer genauen Analyse unterzogen werden soll (5.4). Zum Einstieg in die Untersuchung des valerischen Werkes wird ein kurzer Überblick über die bisherige wissenschaftliche Beschäftigung mit den Facta et dicta memorabilia gegeben. Sie lässt sich in drei Phasen unterteilen, die durch jeweils spezifische methodische Herangehensweisen charakterisiert sind.23 In ihren Anfängen wies die Valerius-Forschung eine vorwiegend philologische Ausrichtung auf. Ausgehend von einer stilistischen Betrachtung der 21 S. etwa Bonnefond, bes. S. 84ff. und S. 95f.; Thomas, Droit domestique und ders., Parricidium sowie Martin, Zur Stellung des Vaters, S. 95ff.; zur politischen Relevanz der Vater-SohnBeziehung vgl. auch unten Kapitel 2, bes. 2.3.2. Mit zunehmender Institutionalisierung der öffentlichen Aufgaben verlor die väterliche Kontrollfunktion seit der späten Republik an Bedeutung. Dies äußerte sich z.B. in der Konstituierung fester Geschworenengerichtshöfe und in der Ausweitung dieser quaestiones perpetuae besonders unter Sulla (Kunkel, Kriminalverfahren, S. 134f.; Fröhlich, S. 1561). Ein grundsätzlicher Wandel erfolgte im Prinzipat, als infolge der Gesetzgebung des Augustus viele Bereiche unter ›staatliche‹ Regulierung fielen, wobei v.a. die Ehegesetze zu einer massiven Einschränkung der Rechte des pater familias führten (vgl. Mette-Dittmann, bes. S. 29f., S. 81f. und S. 203, Baltrusch, S. 162ff. und S. 187ff., Stahlmann, S. 19ff. und Raditsa, S. 320f.). 22 Eine Einordnung in das Verwandtschaftskapitel (3) wäre zwar aus systematischen Gründen richtig, hätte jedoch zur Folge, dass die spezifischen, aus der Analyse der Vater-Sohn-Beziehung resultierenden Ergebnisse keine hinreichend prominente Darstellung erhielten. Eine Zusammenführung der Ergebnisse zu den Verwandtschaftsbeziehungen insgesamt wird im Kapitel 4 vorgenommen. 23 Da seit dem Beginn der 1990er Jahre mehrere, zuweilen mit ausführlichen Forschungsüberblicken versehene Untersuchungen zu Valerius Maximus entstanden sind, konzentriert sich das vorliegende Kapitel auf eine analytische Diskussion der zentralen Phasen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem valerischen Werk. Für einen detaillierten Forschungsüberblick bis 1997 s. Weileder, S. 9-20; vgl. auch Bloomer, Valerius Maximus, S. 59ff., Truschnegg, S. 360ff. sowie Thurn, S. 79ff.

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römischen Literatur einerseits sowie von ersten theoretischen Überlegungen zur Form und Funktion von exempla andererseits wurde das Werk von den meisten Forschern als minderwertige und mimetische Literatur be- und damit zugleich verurteilt.24 Im besten Falle galten die Facta et dicta memorabilia als einfache Aneinanderreihung mehr oder weniger bekannter Geschichten, zuweilen wurde Valerius sogar unterstellt, lediglich eine bereits existierende, uns nicht überlieferte Exemplasammlung kopiert zu haben – ein Vorwurf, der von Seiten der Quellenkritik indes schon früh zugunsten einer direkten Verwendung von Cicero, Livius und anderen Autoren widerlegt wurde.25 Die eher historiographische Frage nach der Funktion des Werkes wurde in dieser ersten Phase einhellig beantwortet: Unter Verweis auf das Prooemium, in dem Valerius seine Absicht beschreibt, ein praktisches Kompendium für Redner zu verfassen, galt sein Werk als bloßes Handbuch, dessen einzelne exempla als voneinander praktisch unabhängige Einheiten behandelt werden konnten.26 Die Facta et dicta memorabilia wurden auf diese Weise zu einem Quellen-Steinbruch der althistorischen Forschung, die sich einzelner Episoden zur Untermauerung ihrer jeweiligen Thesen bediente – und aufgrund der Vielfalt der valerischen exempla auch für beinahe jede These fündig werden konnte.27 Auch erschien es aus dieser Perspektive für die meisten Historiker folgerichtig, die exemplarischen Erzählungen praktisch unhinterfragt als Belege für Verhaltensweisen und Sitten der in den Beispielen thematisierten republikanischen Zeit zu verwenden.28 24 S. etwa Carter und Alewell, S. 86 (»Die Exemplaliteratur war [...] wohl von jeher etwas Minderwertiges«), Kornhard, Bosch (»dieser litterarisch [!] so wertlose Autor«, ebd. 57), Helm, Valerius Maximus, sowie Litchfield. 25 S. etwa Helm, Exemplasammlung, der sich damit gegen Klotz, Zur Litteratur der Exempla, (vgl. auch die Replik von Klotz, Studien zu Valerius Maximus) und Bosch wendet; vgl. auch Bliss und Fleck. Differenziert hierzu Weileder, S. 11-13. Eine recht ausführliche Diskussion dieser Thematik findet sich bei Sinclair, S. 176-214. Zum Einfluss Ciceros auf das valerische Vorgehen vgl. Bloomer, Valerius Maximus, S. 5ff. und S. 60ff. Auch Sallust wird mittlerweile als eine wichtige Quelle betrachtet (s. hierzu etwa Jacquemin, Salluste, S. 102f., Bloomer, Valerius Maximus, S. 108ff. sowie Guerrini, Modelli sallustiani, S. 152ff.). 26 Siehe bspw. Litchfield, S. 67; Helm, Valerius Maximus, S. 93f. und S. 97 sowie Bosch und Alewell, S. 36ff.; Noch 1988 spricht von Moos von einer »rhetorischen Vorratsliteratur« (von Moos, S. 14; s. auch ebd. S. 359, Anm. 710). Die unhinterfragte Übernahme der Aussage des Prooemiums, das per definitionem einer gewissen rhetorischen Überformung unterliegt, ist problematisch. Die von Valerius hier angeführten Beschränkungen hinsichtlich seiner Intentionen sind nicht als konkrete Absichtserklärung, sondern vielmehr als Bestandteil einer verbreiteten Bescheidenheitstopik zu betrachten (s. Loutsch, S. 31 und Curtius, S. 93). Einen frühen Versuch, die Facta et dicta memorabilia als Einheit zu betrachten, bietet Comes (S. 19f.), dessen Analyse jedoch zu sehr an der Oberfläche verbleibt. 27 Zu dieser bis heute verbreiteten Verwendung des valerischen Werkes s. auch Bloomer, Valerius Maximus, S. 1f., der darauf hinweist, dass Valerius im Mittelalter und bis in die Zeit der Renaissance als Historiker betrachtet und dementsprechend intensiv rezipiert wurde. 28 Zweifel an der Historizität der valerischen exempla richteten sich lediglich auf etwaige chronologische Ungenauigkeiten oder auf offenkundig falsche Darstellungen (Verwechslung von

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Erst seit der Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nahm sich die althistorische Forschung der Facta et dicta memorabilia in einer systematischeren Weise an. Diese zweite Phase lässt sich durch zwei neue Ansätze charakterisieren, die in den vergangenen zwanzig Jahren maßgeblich zu einem besseren Verständnis des valerischen Werkes beigetragen haben. Erstens wurde die Reduzierung der Facta et dicta memorabilia auf die Funktion eines reinen Handbuchs für Rhetoren (-schulen) in Frage gestellt. Schon 1977 hat Honstetter in einer wichtigen, aber lange Zeit kaum rezipierten Untersuchung herausgearbeitet, dass das Werk beachtliche literarische und moralische Intentionen beinhaltet. So deuten offensichtliche Strukturierungsbemühungen sowie die praefationes, Überleitungen und Kommentare darauf hin, dass die Facta et dicta memorabilia auch für einen ›literarischen‹ Leser konzipiert waren, der das Werk im Zusammenhang lesen wollte.29 Während der Aspekt der Literarizität und die damit verbundene Konzentration auf die Komposition des valerischen Werkes lange Zeit vergleichsweise wenig Beachtung gefunden haben, wurde die Frage der moralischen Intentionen einige Jahre später von zahlreichen Forschern aufgegriffen und mündete schließlich in einen weiteren Perspektivenwechsel.30 Die Frage nach einer – wie auch immer gearteten – moralischen Intention zu stellen, hieß nämlich zweitens zugleich, den formenden und deutenden Beitrag des Valerius einerseits und seine potentiellen Adressaten andePersonen u. ä.), die unter Rückgriff auf andere uns (für manche exempla) bekannte Darstellungen korrigiert wurden und dem wohlbekannten Bild der valerischen Unzulänglichkeit nur weitere Pinselstriche hinzufügten. 29 Honstetter. Von der Einschränkung auf die Funktion eines Handbuchs distanzieren sich auch Maslakov, S. 437; Bloomer, Valerius Maximus; von Albrecht, S. 853; Skidmore, Practical Ethics, S. XVII und S. 53ff. (er streitet diese Funktion gänzlich ab; vgl. bereits Skidmore, Teaching by examples, S. 168ff.); Weileder, S. 16ff.; David, Les enjeux de l’exemplarité, S. 17; Loutsch, S. 32 und Lehmann, S. 19f. Ein weiteres Argument liegt zudem in der Existenz zweier Epitomai, die darauf hinweisen, dass das valerische Werk den Erfordernissen eines Handbuches gerade nicht in ausreichendem Maße entsprochen zu haben scheint. So wurden in beiden Epitomai erhebliche Kürzungen vorgenommen (alle Kommentare sowie die einleitenden Bemerkungen wurden entfernt). Der Verfasser der zweiten Epitome, Ianuarius Nepotianus, äußert sich in seiner Widmung explizit über das Problem der valerischen Ausführlichkeit: Igitur de Valerio Maximo mecum sentis opera eius utilia esse, si sint brevia (zitiert nach der Werkausgabe von R. Faranda). Dass die Überschriften der (von Valerius konzipierten) Kapitel vermutlich Hinzufügungen eines späteren Bearbeiters sind (s. unten Anm. 74), spricht ebenfalls gegen die Verwendung als Handbuch, da ein so umfangreiches Werk ohne eine solche Strukturierung nicht zur kurzen und zielgerichteten Konsultation geeignet war (so auch Wardle, S. 15). 30 So etwa Maslakov, S. 437ff und S. 454, der von einer »morally charged collection« spricht (ebd. 437); vgl. Bloomer, Valerius Maximus und Skidmore, Practical Ethics (ähnlich bereits Skidmore, Teaching by examples) sowie Gowing, S. 56 und passim. Die Frage der Literarisierung wurde erst von Römer sowie insbesondere von Thurn, die sich mit Konzeption und Aufbau der valerischen Sammlung beschäftigten, wieder systematisch aufgenommen (s. unten Anm. 34).

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rerseits neu zu bewerten. Während in Bezug auf die Adressaten sehr unterschiedliche Meinungen geäußert wurden – richtete Valerius sich an die provinzialen Eliten im Aufstieg in die Reichselite (Bloomer), an den wohlsituierten pater familias (Skidmore)31 oder doch eher an die römische Aristokratie insgesamt, deren Wertesystem im Übergang zur frühen Kaiserzeit einem tiefgreifenden Wandel unterlag (David, Weileder)? –32 so werden diese neueren Ansätze durch die Überzeugung geeint, dass die Facta et dicta memorabilia in erster Linie als eine Quelle für das Selbstverständnis und das Geschichtsbild ihrer Entstehungszeit, das frühkaiserzeitliche Rom, zu betrachten sind, und nicht für die Zeit der Republik. Vor diesem Hintergrund gewann die valerische Sammlung das Interesse weiterer Historiker, die sie als Quelle für das frühkaiserzeitliche Selbstverständnis zu nutzen begannen.33 Mit dem Beginn der 1990er Jahre intensivierte sich darüber hinaus die Beschäftigung mit dem Aufbau des valerischen Werkes, für den

31 Bloomer bezieht das Werk auf die Akkulturation der provinzialen Aufsteiger der frühen Kaiserzeit (Bloomer, Valerius Maximus, S. 12f. und S. 259) und schließt den Adel sowie die »traditionally literate classes« (S. 12) explizit als Adressaten aus. Seine Argumentation, einem wirklichen Aristokraten stünden andere, traditionelle Methoden zur Vermittlung der richtigen gesellschaftlichen und politischen Verhaltensweisen zur Verfügung (S. 259), übersieht, dass in der seit den Bürgerkriegen beträchtlich dezimierten Führungsschicht die überlieferten Formen der Vermittlung von Tradition nur noch selten zur Verfügung stehen konnten (zur Rolle, die der Familie in diesem Zusammenhang zukam, s. auch Clemente, S. 602f.; vgl. auch Plinius, unten Anm. 43). Skidmore, Practical Ethics, S. 105, bestimmt den Leser des Werkes sehr konkret als »property-owning Roman paterfamilias«, der darin moralische Anleitung für das alltägliche Leben – etwa im Umgang mit Testamenten oder mit seinen Kindern – gefunden habe. Die Bedeutung der moralischen Komponente ist auch durch die von Loutsch, S. 30ff. vorgenommene Neuinterpretation des Prooemiums nochmals eindrücklich bestätigt worden. Er arbeitet in überzeugender Weise heraus, dass der im Prooemium verwendete Begriff documentum (ut documenta sumere volentibus longae inquisitionis labor absit) nicht im Sinne von »Dokumentation« oder »Material« zu verstehen sei: »Le documentum est un exemple docendi causa et désigne ce qui dans l’exemple en constitue la leçon. [...] D’où la traduction corrècte de P. Constant: ›aux lecteurs qui désirent puiser des enseignements dans l’histoire‹.« (Loutsch, S. 31; vgl. ähnlich Römer, S. 99) Zu dem Ausdruck documentum s. auch unten Anm. 43. Zitate aus Valerius Maximus sind im Folgenden – soweit nicht anders angegeben – der im Jahre 2000 von D. R. Shackleton Bailey herausgegebenen Ausgabe entnommen 32 Weileder hat deutlich gemacht, dass Valerius sich in vielen Bereichen in das moralische und politische Programm von Augustus und Tiberius einordnet (Weileder, S. 38-44 und passim). Vgl. ähnlich Loutsch, S. 32: »Ainsi, Valère Maxime inscrit explicitement son ouvrage dans la politique de restauration morale dont il crédite Tibère.« David, Les enjeux de l’exemplarité, setzt sich von den bisherigen Versuchen einer direkt funktionalen Bestimmung des valerischen Werkes ab und regt an, dieses in den weiteren Rahmen der Strukturierung aristokratischer Meinungen zu setzen: »C’est dans le cadre plus vaste mais aussi plus complexe de la structuration des opinions aristocratiques qu’il faut la replacer.« (David, Les enjeux de l’exemplarité, S. 17; vgl. Langlands); ähnlich Wardle, S. 14f. 33 S. etwa Truschnegg, die am Beispiel des Valerius das Frauenbild in der Exemplaliteratur untersucht, sowie Mueller, der Valerius für die Rekonstruktion der religiösen Erfahrung frühkaiserzeitlicher Bürger verwenden möchte. Keine der beiden Untersuchungen konnte jedoch überzeugende Ergebnisse formulieren.

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indes bis heute keine völlig überzeugende Lösung gefunden werden konnte.34 Die dritte Phase der Valerius-Forschung wurde mit einem von Jean-Michel David herausgegebenen Sammelband begründet.35 In den darin enthaltenen, von unterschiedlichen französischen Historikern verfassten Aufsätzen wird erstmals der Versuch unternommen, die inhaltliche Analyse der Facta et dicta memorabilia als einer Quelle für das Selbst- und Vergangenheitsverständnis der frühkaiserzeitlichen Aristokratie konsequent mit Fragen der Komposition dieses Werkes zu verbinden.36 Auf diese Weise gelingt es etwa den Untersuchungen von Coudry zum Bild des Senats oder von David zur valerischen Darstellung der republikanischen Geschichte herauszuarbeiten, dass dem Zusammenspiel von exempla und Exemplasammlung eine 34 Römer und Thurn haben vorgeschlagen, das valerische Werk als eine systematische Behandlung der vier Kardinaltugenden (Römer) bzw. der vier Lebensalter (Thurn) zu deuten. Während der Ansatz von Thurn wenig überzeugend ist, bietet Römers Vorschlag wichtige Anregungen, zumal er explizit darauf hinweist, dass die Ordnung der Facta et dicta memorabilia nicht als »starres Schema« zu begreifen sei (Römer, S. 101; vgl. ähnlich Combès, S. 25ff., der zusätzlich zu den Kardinaltugenden auf die Anweisungen der Rhetorikbücher hinweist). In der Tat deutet vieles darauf hin, dass Valerius kein geschlossenes System bieten, sondern in einer lebendigen und praktikablen Darstellung alle jenen Bereiche behandeln wollte, die er für die mores seiner Zeit als bedeutsam erachtete. Zwar lassen sich einige (z. T. auch von Römer beschriebene) Strukturelemente ausmachen: Im 1. und 2. Buch behandelt Valerius die göttliche Welt und die menschliche Ordnung, die Grundlage allen menschlichen Lebens. Die Bücher 3 bis 7 befassen sich mit römischen virtutes und positiven Verhaltensweisen, während die beiden letzten Bücher (8 und 9) wiederum abweichende Inhalte aufweisen: Das 8. Buch thematisiert den Bereich von Rhetorik und Prozesswesen, im 9. Buch werden mala exempla dargestellt. Im Mittelpunkt der Bücher 3-7 wie auch des Gesamtwerkes steht das 5. Buch, das sich mit wichtigen sozialen – in der Mehrzahl verwandtschaftlichen – Beziehungen beschäftigt. In den darum herum gruppierten vier Büchern lassen sich einige Aspekte der Kardinaltugenden finden, die indes nur bedingt als Strukturelemente gelten können: Während Buch 3 den Bereich fortitudo thematisiert, dominieren im 4. Buch deutlich jene Wertvorstellungen, die sich durch temperantia auszeichnen. Im 6. Buch folgen Elemente von iustitia und im 7. Buch einige wenige Kapitel, die sich mit sapientia befassen. Doch scheinen die direkten Zusammenhänge zwischen Kapiteln und Büchern sowie die umfassende Behandlung der von ihm als zentral erachteten Themen für Valerius wichtiger zu sein, als die Befolgung einer schematischen Struktur. So verwendet er in Einleitungen und Kommentaren viel Sorgfalt darauf, die Verbindung zwischen einzelnen Kapiteln, auch über Büchergrenzen hinaus, zu verdeutlichen. Daher sollte der Aufbau des valerischen Werkes – noch stärker als Römer dies tut – als flexible Umsetzung eines Konzeptes gedeutet werden, für das direkte, der Illustration wie der Rezeption dienliche Zusammenhänge einen höheren Stellenwert einnehmen, als die Kohärenz der Gesamtstruktur (vgl. ähnlich Wardle, S. 7-9). 35 David, Valeurs et mémoire à Rome. 36 Eine wichtige Ausnahme bildet das bereits genannte Werk von Honstetter. Zwar gab es in der Vergangenheit schon andere Versuche, die inhaltliche Analyse mit Fragen der Struktur und Gattung zu verbinden. Diese richteten sich jedoch entweder auf das einzelne exemplum (so etwa Guerrini, Studi su Valerio Massimo, der untersucht, in welcher Weise die Struktur der exempla zu einer spezifischen inhaltlichen Aussage beiträgt; vgl. hierzu Wardle, S. 11f.) oder aber ausschließlich auf die Struktur des Gesamtwerkes (vgl. Anm 34).

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zentrale Bedeutung für das Verständnis der Facta et dicta memorabilia zukommt.37 Nicht die Analyse eines einzelnen Exempels oder Kapitels, sondern erst der Blick auf das Gesamtwerk eröffnet den Blick auf den Prozess der Konstruktion konkreter ›Bilder‹ – und damit indirekt auf die valerischen Intentionen –, die sich diesem Werk mit Hilfe einer sorgfältigen Analyse entnehmen lassen. Diese Beiträge bieten eine Reihe von Hinweisen und Ergebnissen, mit denen die Modi der Konstruktion von Bedeutung im Rahmen des valerischen Werkes erhellt werden können.38 Was fehlt, ist die Systematisierung der Ergebnisse auf die Breite des valerischen Werkes. Was bedeutet es für ein exemplum, in eine solche Sammlung – statt wie früher in eine Rede – integriert zu werden? Welche Funktion kommt den die valerische Sammlung strukturierenden Kapiteln in diesem Zusammenhang zu, und welche Folgen hat diese Untergliederung für die Analyse der Facta et dicta memorabilia? Welche Rolle spielen diese Kontexte für die Funktion und das Funktionieren von exempla? Die vorliegende Untersuchung wird diesen Fragen nachgehen. Dazu wird in einem ersten Schritt der Versuch gemacht, Funktion und Funktionieren von exempla auf der Grundlage der antiken Quellen einerseits und der bisherigen Forschungen zu dieser Thematik andererseits theoretisch genauer zu bestimmen (Kapitel 1.2). Gemeinsam mit einigen methodischen Überlegungen zur Analyse der valerischen Exemplasammlung (Kapitel 1.3) bildet dies die theoretische Basis für die daran anschließende Untersuchung der sozialen Beziehungen im valerischen Werk, die zugleich die inhaltliche (die Bilder sozialer Interaktionsmechanismen) und die theoretische Ebene (exempla und Exemplasammlung) im Blick haben wird (Kapitel 2 bis 5). Vor dem Hintergrund der gerade skizzierten Fragestellung, die sich auf die römischen Sozialbeziehungen richtet, konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf die Analyse der römischen exempla. Nicht-römische (»externe«) Beispiele werden nur dann einbezogen, wenn sie für römische Beziehungen relevante Aussagen enthalten. Ein Vergleich mit den nicht-römischen ›Bil37 Coudry; David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine. 38 S. hierzu etwa das Kapitel 1 (»Les procédés de construction et de mise en forme de l’image«) im Beitrag von M. Coudry (S. 131ff.), sowie den Aufsatz von J.-M. David zur Geschichte der römischen Republik bei Valerius (Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine). Beide untersuchen – ausgehend von einem Vergleich mit potentiellen Quellen – die Konstruktion exemplarischer Bilder im valerischen Werk. Dabei arbeiten sie den formgebenden Einfluss des Valerius heraus, dem es mit Hilfe unterschiedlicher Instrumenten – u.a. durch die exklusive Konzentration auf jene Elemente einer Episode, die den exemplarischen Aspekt illustrieren, sowie durch falsche Zuschreibungen von Handlungen an bestimmte Personen oder Gruppen – gelingt, ein spezifisches Geschichtsbild zu konstruieren, das seine Aussagekraft jedoch erst durch den Kontext der gesamten Exemplasammlung gewinnt.

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dern‹ wäre interessant, würde jedoch über die hier entworfene Fragestellung hinausreichen und aufgrund des umfangreichen Materials zudem den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten. Angesichts der in der vorliegenden Untersuchung praktizierten doppelten Herangehensweise an das valerische Werk – einerseits die Frage von Gattung und memoria betreffend, andererseits auf die ›Bilder‹ sozialer Beziehungen und die damit einhergehende Sinnstiftung bezogen – werden die Ergebnisse der Analyse abschließend in zwei getrennten Kapiteln zusammengefasst. In einem ersten Teil wird die Zusammenführung der exemplatheoretischen Ergebnisse die grundlegenden Konstruktionsprinzipien des valerischen Werkes verdeutlichen (6.1). Abschließend wird die valerische Darstellung der sozialen Beziehungen in den historischen Kontext der frühkaiserzeitlichen Entwicklungen eingeordnet, wobei insbesondere nach den spezifischen Formen normativer Sinnstiftung zu fragen sein wird (6.2).

1.2 Exempla Exempla Funktionen und Funktionieren von exempla werden von römischen Autoren in unterschiedlichen Kontexten reflektiert. So existieren zum einen vielfältige theoretische Abhandlungen, die in erster Linie auf die rhetorischen Aspekte bezogen sind und danach fragen, auf welche Weise exempla zur Wirkung einer Rede beitragen können.39 Andere Überlegungen gehen dagegen stärker auf die lebensweltliche Bedeutung exemplarischer Darstellung ein. Exempla stehen zwischen Rhetorik und Lebenswelt. Als zentrale Funktionen von exempla im Rahmen einer Rede werden von antiken Autoren vor allem ornare / delectare, movere und probare / persuadere angeführt.40 Ausgewählte Beispiele sollten eine Rede schmücken, den Zuhörer emotional berühren und ihn durch ihre Überzeugungskraft für die Position des Redners einnehmen. Die Kontexte einer Rede waren in republikanischer Zeit vielfältig. Sie umfassten den politischen Raum (Senat,

39 Dies gilt insbesondere für die Schriften von Cicero, die Rhetorica ad Herennium sowie die Ausführungen von Quintilian, die im Rahmen der Erörterung von Kunstmitteln der Rede ausführlich auf die Funktion des exemplum Bezug nehmen. Für eine ausführliche Diskussion des rhetorischen exemplum in der Antike ist neben den vielfach zitierten Werken von Alewell (vor allem für die römische Kaiserzeit) und Kornhardt auch auf die sehr umfassende Studie von Price zu verweisen. Für die späte Republik vgl. Stemmler, Auctoritas exempli, S. 150-167 und passim sowie Walter, Memoria und res publica, bes. S. 51-70 und Bücher, Verargumentierte Geschichte. 40 S. etwa Cic. inv. 1,49; de orat. 3,204f.; part. 55 und orat. 120. Vgl. auch Quint. inst. 12,2,11 sowie 5,11,6 und Rhet. Her. 4,62.

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Volksversammlung) ebenso wie etwa das Gericht.41 Mit dem Beginn der Kaiserzeit wurde der politische Handlungsraum römischer Aristokraten massiv eingeschränkt. Zugleich gewann der Kontext der Rhetorenschulen – als Bestandteil römischer Erziehung insgesamt sowie konkret für die Vorbereitung auf das Auftreten vor Gericht – zunehmend an Bedeutung.42 In nicht-rhetorischen Schriften wird in erster Linie die Vorbild- und Erziehungsfunktion exemplarischen Erzählens hervorgehoben, die für den Sozialisationsprozess von großer Bedeutung war. Schon Quintilian erkannte, dass Römer – im Gegensatz zu den Griechen – weniger durch (theoretische) praecepta als vielmehr anhand von (praktischen) exempla lernten, und auch andere antike Ausführungen machen deutlich, welche zentrale Rolle dem Lernen durch exempla in der römischen Gesellschaft zukam.43 Exempla zeichneten sich nicht nur durch eine besondere Anschaulichkeit aus,44 son41 Vgl. Fantham, Roman public rhetoric. 42 Neuere Untersuchungen schreiben den Rhetorikschulen bzw. der römischen Deklamation insgesamt weiter reichende soziale Funktionen zu. Während Bloomer im Zusammenhang mit der Untersuchung des valerischen Werkes auf die Notwendigkeit verweist, die neuen (provinzialen) Eliten in den Kontext der römischen Gesellschaft und Tradition einzuführen und die valerischen exempla als »vehicle of instruction, of acculturation into a new elite of Tiberian Rome« bezeichnet (Bloomer, Valerius Maximus, S. 4 und S. 259; vgl. auch ders., Roman Education und ders., Latinity and literary society, bes. S. 137ff.), rücken Beard und Gunderson den Aspekt der Selbstvergewisserung der römischen Aristokraten in den Mittelpunkt. Nach Auffassung von Beard boten Deklamationen einen mytho-fiktionalen Rahmen, in dem Fragen der römischen Identität sowie zentrale gesellschaftliche Probleme stets neu debattiert und ausgehandelt werden konnten (Beard, S. 59f. und passim; zur Fiktionalität der Deklamationen s. auch Bloomer, History of Declamation, S. 211ff.): »they offer an arena for learning, practising and recollecting what is to be and think Roman« (Beard, S. 56; Hervorhebung im Original). Auch Gunderson ist der Auffassung, dass eine genaue Analyse der Deklamationen unter diesem Aspekt einen zentralen Beitrag zu unserem Verständnis des römischen Selbstverständnisses leisten kann (Gunderson, S. 6ff., S. 22ff. und passim; vgl. ferner Walker, S. 108f. und passim). 43 Quint. inst. 12,2,29f. Horaz (sat. 1,4,105ff.) beschreibt, wie sein Vater ihn anhand von konkreten exempla zum richtigen Handeln anleitete: Insuevit pater optimus hoc me, ut fugerem exemplis vitiorum quaeque notando. cum me hortaretur, parce, frugaliter, atque viverem uti contentus eo quod mi ipse parasset, »nonne vides Albi ut male vivat filius utque Baius inops? magnum documentum, ne patriam rem perdere quis velit.« Zum Begriff documentum s. auch oben Anm. 31. Plinius (epist. 8,14,4ff.) bittet dagegen einen Freund, ihm Auskunft über das richtige Verhalten im Senat zu geben. Er begründet seine mangelnde Kenntnis mit dem Fehlen einer traditionellen, an exempla orientierten Erziehung: Erat autem antiquitus institutum, ut a maioribus natu non auribus modi uerum etiam oculis disceremus, quae facienda mox ipsi ac per uisces quasdam tradenda minoribus haberemus. [...] inde [adulescenti U. L.] honores petituri adsistebant curiae foribus, et consilii publici spectatores ante quam consortes erant. Suus cuique parens pro magistro, aut cui parens non erat maximus quisque et uetustissimus pro parente. [...] omnem denique senatorium morem (quod fidissimum percipiendi genus) exemplis docebantur. (vgl. hierzu Val. Max 2,1,9). Zum Lernen über exempla s. auch Walter, Memoria und res publica, S. 42-51. 44 Auch Valerius argumentiert in seinen exempla wiederholt mit dem Aspekt der visuellen Wahrnehmung. So erklärt er in der praefatio zu 5,2 (De gratis), er wolle Zeichen bzw. Handlungen von Dank und Undank vor Augen stellen (oculis subicere). In 5,4,3 macht er dagegen implizit

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dern sie luden auch zur imitatio ein, die sich sowohl auf konkrete Verhaltensweisen (etwa das Handeln im Senat) als auch auf spezifische virtutes (wie pietas erga patriam) beziehen konnte. Denn ein Teil der exempla stellte Sinnbilder für normative Vorstellungen bereit, welche die konkrete Ebene des einzelnen Beispiels transzendierten.45 Zwar gründeten die berühmten exempla republikanischer Aristokraten in dem Bedürfnis der großen republikanischen Familien, die ruhmreichen Taten ihrer Vorfahren an die Nachwelt zu überliefern und auf diese Weise ihr eigenes Ansehen zu steigern.46 Seit dem Beginn des vierten vorchristlichen Jahrhunderts setzte jedoch eine grundlegende Ausweitung ihrer Geltung ein, die in engem Zusammenhang mit der von Hölkeskamp analysierten Herausbildung der Nobilität zu sehen ist.47 Die Entwicklung einer neuen Adelsformation setzte zugleich die Ausbildung einer neuen diskursiven Formation voraus. Indem die exempla zunehmend auch von den adligen Standesgenossen als verbindliche Handlungsmuster akzeptiert wurden, erfuhr der Wertekodex der Nobilität eine entscheidende Stabilisierung. Die Beispiele entwickelten sich – gleichsam »entindividualisiert« und »enthistorisiert« – zu konkreten Trägern abstrakter Werte, die eine Bezugnahme auf die neu entstehende Gemeinschaft der nobiles ermöglichten.48 Zugleich erlangten sie in diesem Zusammenhang ein hohes Maß an Verbindlichkeit, die ihre Wirksamkeit als Argument im Kontext von Reden und Diskussionen erst begründete. Als Sinnbilder der vorbildhaften virtutes und mores der maiores insgesamt wurden sie Teil eines Orientierungswissens, dessen normative Kraft sich auf die Gesamtheit der Nobilität ausweitete und ihr Selbst- und Vergangenheitsverständnis entscheidend prägte.49 Die Bezugdeutlich, dass ›gesehene‹ Beispiele herausragenden Verhaltens einen stärkeren Eindruck hinterlassen, als ›gehörte‹ (Auribus ista tam praeclara exempla Romana civitas accepit, illa vidit oculis.). 45 S. Walter, Memoria und res publica, S. 47ff., S. 51ff. (zum imitativen Verhalten s. ebd. S. 56); Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 327 und passim; Stemmler, Auctoritas exempli sowie Stemmler, Institutionalisierte Geschichte. 46 S. hierzu Blösel, mos maiorum; vgl. Kornhardt, S. 13-24, bes. S. 15 sowie von Moos, S. 70. 47 Hierzu und zum Folgenden s. Hölkeskamp, Entstehung der Nobilität, sowie Blösel, Die memoria der gentes, S. 53-62, bes. S. 61f. Vgl. Beck, Ruhm, bes. S. 86ff. 48 Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 310-314 und S. 319, Zitate S. 314; Blösel, mos maiorum, S. 45 und Blösel, Die memoria der gentes, S. 61; s. auch Stierle, S. 359 und Haltenhoff, Römische Werte, der in diesem Zusammenhang von der »Handlungsgebundenheit« römischer Werte spricht (ebd. S. 86-96 und S. 99-100, Zitat S. 86). Wie wichtig die Vergegenständlichung abstrakter Werte für die Römer war, macht Hölkeskamp am Beispiel des Tempelbaus deutlich. Vor allem im Laufe des 3. Jh.s v. Chr. wurden zahlreiche Tempel errichtet, die »neuen, ausschließlich ›staatstragenden‹ Gottheiten« wie etwa Fides, Honos, Victoria oder Libertas geweiht waren. (Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 324). 49 Walter zufolge lag die Prägekraft der exempla in ihrem Doppelcharakter begründet: »Sie waren Traditionsmedium geschichtlichen ›Wissens‹ und Methode geschichtlicher Sinnbildung in

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nahme auf diese exempla war somit für römische Aristokraten zugleich ein Akt der sozialen Selbstverortung. Diese Überlegungen machen deutlich, dass Forschungen über exempla aus unterschiedlichen Perspektiven vorgenommen werden können. Zusammenfassen lassen sich für die Zeit der römischen Republik fünf zentrale und miteinander vielfach verbundene Aspekte von exempla formulieren: – Ausschmückung von Reden und Verwendung als Argument – Versinnbildlichung von Normen – Konstitution des Geschichtsbildes, Selbstverortung der römischen Oberschicht – Handlungsleitung – Sozialisation Doch wie lässt sich ein exemplum definieren? Welches sind die Elemente, die ein Ereignis oder ein bestimmtes Verhalten zu einem exemplum machen? Wie ›funktioniert‹ exemplarisches Erzählen? Ein Blick auf die Quellen zeigt, dass die antiken Autoren die konstitutiven Aspekte eines Exempels auf unterschiedlichen Ebenen ansiedelten. In vielen Definitionen wird der auctor exempli bzw. seine auctoritas als entscheidender Bestandteil des Exempels genannt. Tatsächlich zogen viele exempla einen großen Teil ihres Einflusses aus der Präsenz eines berühmten auctor, und auch die maiores insgesamt verfügten über eine erhebliche auctoritas, die man durch den Rekurs auf entsprechende exempla geltend machen konnte.50 In berühmten einem.« (Walter, Memoria und res publica, S. 53; s. auch Walter, Familientradition und Familienprofil, S. 257f.). An anderer Stelle spricht er von »Mechanismen ritueller Selbstvergewisserung« (Walter, Memoria und res publica, S. 69); s. auch ebd. S. 66-70 sowie Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 314; vgl. Haltenhoff, Institutionalisierte Geschichte und Bücher, Verargumentierte Geschichte, S. 318-322; s. auch Stemmler, Auctoritas exempli, der sich mit den Veränderungen der späten Republik befasst. Zur Tradierung des mos maiorum über unterschiedliche ›Praktiken‹, zu denen u.a. der Gebrauch von exempla zählte, vgl. Bettini, Die Erfindung der ›Sittlichkeit‹, S. 335ff. Zur Orientierungsfunktion von memoria und Geschichtsschreibung sowie zu ihrer Bedeutung für die römische Selbstverortung vgl. Timpe. 50 Exemplum est alicuius facti aut dicti praeteriti cum certi auctoris nomine propositio. (Rhet. Her. 4,62); Exemplum est, quod rem auctoritate aut casu alicuius hominis aut negotii confirmat aut infirmat. (Cic. inv. 1,49); s. auch Quint. inst. 12,2,29f. In seiner 2. Rede gegen Verres nennt Cicero zwar auch das Alter eines Beispiels als wichtiges Wirkungselement, doch er macht zugleich deutlich, dass die auctoritas des auctor exempli letztlich den Ausschlag gibt: Nam cum in causa tanta, cum in crimine maximo dici a defensore coeptum est factitatum esse aliquid, exspectant ii qui audiunt exempla ex vetere memoria, ex monumentis ac litteris, plena dignitatis, plena antiquitatis; haec enim plurimum solent et auctoritas habere ad probandum et iucunditatis ad audiendum. Africanus mihi et Catones et Laelios commemorabis et eos fecisse idem dices? Quamvis res mihi non placeat, tamen contra hominum auctoritatem pugnare non potero. An cum eos non poteris, proferes hos recentis, Q. Catulum patrem, Q. Marium, Q. Scaevolam, M. Scaurum, Q.

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Beispielen genügte sogar die Nennung des auctor (P. Decius Mus, M. Atilius Regulus) zur Evozierung einer bestimmten virtus.51 Andere Definitionen von exempla betonen den Vergangenheitscharakter oder die Historizität eines Ereignisses.52 Dass exempla bestimmte Werte, Regeln oder Verhaltensweisen bildlich vergegenwärtigen konnten, trug insofern in nicht unerheblichem Maße zu ihrer Wirkung bei, als dem visuellen Aspekt in der römischen Gesellschaft insgesamt, etwa hinsichtlich der Erinnerungskultur oder in der Vergegenwärtigung von Status, bekanntlich eine wichtige Rolle zukam.53 Der Analogie zur gegenwärtigen Situation kam dagegen offenbar in vielen Fällen eine eher geringe Bedeutung zu. Metellum? (Cic. Verr. 2,3,209). Zur Bedeutung von auctor exempli und auctoritas s. auch Stemmler, Auctoritas exempli, S. 151ff., Stemmler, Institutionalisierte Geschichte, S. 229ff., Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 318ff. und passim sowie Loutsch, S. 30, Anm. 14 und Price, S. 196ff. Stemmler macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass »die Normierungskraft des exemplum als eine symbolische Evokation der auctoritas historischer Persönlichkeiten zu verstehen« sei (Stemmler, Institutionalisierte Geschichte, S. 229). Ähnlich Walter, Memoria und res publica, S. 59ff., der indes zugleich vor einer Überschätzung der normierenden Kraft von auctoritas warnt, da selbst exempla mit unstrittiger auctoritas keineswegs immer funktioniert hätten. Zudem habe man zu einem exemplum häufig ein ebenfalls mit auctoritas ausgestattes Gegenbeispiel finden können (ebd. S. 63f.). 51 Hölkeskamp, Reden vor dem Volk, S. 46f.; Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 310f.; Felmy, S. 61f. Walter, Memoria und res publica, S. 52) nennt diese exemplarischen Gestalten »Träger eines Habitus-Gedächtnisses«; vgl. auch Stemmler, Institutionalisierte Geschichte, S. 230, der bemerkt, dass zuweilen sogar ein Fingerzeig auf eine der Ehrenstatuen am Rande des Forum Romanum oder eine bestimmte Gestik ausreichen konnten, um eine Person und ein mit ihr verbundenes Exempel zu evozieren. 52 Cic. orat. 120: commemoratio autem antiquitatis exemplorumque prolatio summa cum delectatione et auctoritatem orationi affert et fidem. Vgl. auch das oben (Anm. 50) angeführte Zitat aus Cic. Verr. 2,3,209. Zugleich wird in vielen Fällen zugestanden, dass – je nach Redekontext und Intention – auch fiktive exempla nützlich und wirksam sein konnten (s. etwa Quint. inst. 12,4,1f. sowie Quint. inst. 5,11,6; s. auch Cic. top. 45). 53 Die Bedeutung, die der Bildlichkeit in der römischen Erinnerung insgesamt zukam (vgl. etwa David, L’exemplum historique, S. 73 und Hölscher, Die Alten vor Augen), zeigt sich eindrücklich im Ritus der pompa funebris sowie im Stellenwert, der den römischen Ahnenbildern (imagines) zugesprochen wurde (Flower; Flaig, Die Pompa funebris, S. 125f., S. 133 und passim; Walter, Ein Ebenbild des Vaters, S. 409 und Walter, Memoria und res publica, S. 89ff., bes. S. 90). Zur Visualisierung abstrakter Werte s. auch oben Anm. 48. Zur bildhaften Darstellung in exempla vgl. Rhet. Her. 4,62: Exemplum est alicuius facti aut dicti praeteriti cum certi auctoris nomine propositio. [...] ante oculis ponit, cum exprimit omnia perspicue. res prope dicam manu temptari possit. Auch Seneca (epist. 6,5) betont die Vorzüge der bildlichen Darstellung: Plus tamen tibi et viua vox et convictus quam oratio proderit; in rem praesentem venias oportet, primum quia homines amplius oculis quam auribus credunt, deinde quia longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla. Vgl. auch Cic. de orat. 3,202 und Quint. inst. 12,4,2. S. Walter, Familientradition und Familienprofil, S. 256; Stemmler, Auctoritas exempli, S. 166; Stemmler, Institutionalisierte Geschichte, S. 229ff., bes. 233 sowie Anm. 35; David, Les enjeux de l’exemplarité, S. 16; David, L’exemplum historique, S. 73; Hölscher Geschichtsauffassung, S. 273ff.; Chaplin, S. 14f. und S. 174f.; Gebien, S. 57 und passim; Michel, S. 363 sowie Pöschl, S. 68-71 und Webb.

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In den vergangenen Jahren ist verschiedentlich der Versuch gemacht worden, diese unterschiedlichen Elemente exemplarischer Darstellung zum Ausgangspunkt für eine Einteilung und Definition der römischen exempla zu nehmen.54 Die Klassifizierung nach exempla-Typen sollte deren jeweilige Besonderheiten deutlich machen und zugleich eine Erklärung für etwaige Divergenzen in den antiken Definitionen bieten. K.-J. Hölkeskamp hat in seinen 1996 veröffentlichten Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis der Nobilität eine Unterteilung der römischen Beispiele in exempla virtutis und eine »andere[] Kategorie« von exempla vorgeschlagen. Exempla virtutis seien als »absolut reine« Form der Umsetzung zentraler römischer Wertvorstellungen (wie etwa fides oder pietas erga patriam) durch große Einzelgestalten zu verstehen.55 Die übrigen exempla, in denen die maiores insgesamt als Akteure aufträten, lieferten dagegen konkrete Grundsätze und Handlungsmaximen, Sitten und Praktiken für unterschiedliche Lebensbereiche. Ein exemplum gehe dabei mit vielen anderen gleichartigen Beispielen in einen allgemeinen Brauch oder eine überlieferte Praxis ein. Diese bildeten somit Präzedenzfälle, die in sich wiederholenden oder vergleichbaren Entscheidungssituationen abgerufen werden konnten.56 Eine andere Kategorisierung wurde von M. Stemmler vorgeschlagen, der seine Überlegungen auf der Basis der Unterscheidung zwischen griechischem para,deigma und römischem exemplum entwickelt hat. Bisher ging die Forschung in der Regel davon aus, dass paradei,gmata ihre Wirkung vor allem aufgrund von Analogie, exempla dagegen mit Hilfe der auctoritas des Handelnden (oder der Handlung) erzeugten. Stemmler hingegen vertritt die These, dass diese Unterscheidung lediglich für das »historische exemplum« gelte, während für die übrigen römischen exempla auch und gerade die Vergleichbarkeit, also die Analogie, von zentraler Bedeutung sei.57 Es gebe 54 Hier sind in erster Linie Michael Stemmler (Auctoritas exempli), Karl-Joachim Hölkeskamp (Exempla und mos maiorum) sowie Jean-Michel David (L’exemplum historique) zu nennen. Die Habilitationsschrift von Uwe Walter (Memoria und res publica), die erst nach dem Abschluss des vorliegenden Kapitels erschienen ist, bestätigt die nun folgenden Ausführungen in zentralen Punkten. 55 S. hierzu und zum Folgenden Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 316ff, Zitate S. 316. 56 Eine ähnliche Einteilung wird auch von J. D. Chaplin (S. 137ff.) vorgeschlagen, die sich jedoch insofern in einem wichtigen Punkt von Hölkeskamp unterscheidet, als sie weniger die Konstruktion, sondern die Intention der Verwendung eines Beispiels in den Mittelpunkt stellt (s. unten Anm. 64). 57 Als Beleg für diese These führt er den Beginn des vierten Buches der Rhetorica ad Herennium an, in dem die Bedeutung der auctoritas für die Wirkung eines exemplum zunächst herausgestellt (4,2), kurz darauf jedoch relativiert und durch die Vergleichbarkeit ersetzt wird (4,4). Dies zeige, so Stemmler, dass die »analytische und logische Beweisfunktion des griechischen para,deigma [...] somit auch den römischen Rhetorikern keineswegs fremd« sei. Sie werde nur »dort,

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somit zwei verschiedene Auffassungen von exemplum: »eine im Sinne des griechischen para,deigma, bei dem man verzerrende Größen wie auctoritas gegebenenfalls tilgen und sich auf die rational nachvollziehbare Größe der Analogie konzentrieren muss, und eine im Sinne des historischen Beispiels, das den mos maiorum repräsentiert und dem somit eine normierende, beinahe zwingende auctoritas zukommt.«58 Neben diesen beiden Formen der »logischen« und der »symbolischen« exempla führt Stemmler mit den »rechtsetzende(n) Präzedenzfälle(n) aus der Geschichte« schließlich eine dritte Exempelkategorie an. Es handele sich dabei um »Mischtypen«, die römische auctoritas und griechische Analogieerfordernis vereinten.59 Trotz einiger Unterschiede in der konkreten Aufteilung liegt eine grundsätzliche Gemeinsamkeit beider Ansätze darin, dass sie exempla aus einer statischen Perspektive betrachten, ohne die Frage von Dynamik und Wandel zu thematisieren. Auf diese Weise scheint es, als ließen sich die von ihnen untersuchten exempla jeweils bestimmten – gleichsam idealtypischen – Kategorien zuordnen. Dies mag für die Zeit der mittleren Republik möglich sein, doch bei einem zeitlich breiter gefassten Untersuchungszeitraum können exempla kaum ohne die Berücksichtigung dynamischer Veränderung analysiert werden.60 Einen anderen Ansatz bietet die von J.-M. David vorgeschlagene Einteilung von exempla.61 Er stellt anhand einer Untersuchung der Gerichtsreden Ciceros fest, dass dieser auf der einen Seite einfache Präzedenzfälle (er spricht vom »simple précédent juridique«), auf der anderen Seite aber viele andere Beispiele anführe, die aufgrund ihrer Inhalte oder ihrer Darstellung in der Lage seien, eine Vielzahl von Konnotationen und Bildern in den Zuhörern hervorzurufen, die als Teil des »souvenir collectif« zu betrachten seien.62 wo es um historische Beispiele geht, bewusst ausgeklammert, weil der Verweis auf den mos maiorum sich rationaler Erfassung entzieht.« Wenn es hingegen um die Methodik der eigenen Rhetoriktheorie gehe, bediene sich der Autor der Herennius-Rhetorik wieder des griechischen Begriffs vom Beispiel und gerate so »in Widerspruch zu der von ihm selbst eingeforderten irrationalen Wirkungsebene der exempla« (Stemmler, Auctoritas exempli, S. 157f.). 58 Stemmler, Auctoritas exempli, S. 158; vgl. dagegen Walter, Memoria und res publica, S. 59ff. sowie Anm. 50 der vorliegenden Arbeit. 59 Stemmler, Auctoritas exempli, S. 158f. 60 Walter, Memoria und res publica, S. 60f. bezweifelt dies hingegen sogar für die mittlere Republik, für die wir nur wenige Informationen über den Gebrauch von exempla besäßen. Auch er warnt »vor der Annahme eines allzu monolithischen Geschichtsbildes aus der Summe der fraglos gültigen Vorbilder« (ebd. S. 60; s. auch ebd. Anm. 84 zu seiner Kritik an Hölkeskamp und Stemmler). 61 David, L’exemplum historique, S. 73-76 und passim. Der Titel seines Aufsatzes (»L’exemplum historique dans les discours judiciaires de Cicéron«) macht indes deutlich, dass er nicht den Anspruch hat, eine für alle exempla gültige Einteilung zu entwickeln 62 David, L’exemplum historique, Zitate S. 74 und S. 72.

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Aufgrund dieser von David als »force évocatoire«63 bezeichneten Kraft wirkten diese exempla auf einer stärker affektiven Ebene. Dabei ist die »force évocatoire« nicht als absolute Größe zu verstehen, sondern kommt exempla jeweils in mehr oder weniger großem Umfang zu. David unterscheidet sich somit in zwei Aspekten von den zuvor besprochenen Klassifizierungsansätzen: Zum einen eröffnet sein Konzept die Möglichkeit, die Übergänge von mehr affektiv besetzten zu rationaleren Kategorien als fließend zu betrachten und somit auch diejenigen exempla einzubeziehen, die sich nicht eindeutig einem bestimmten Typus (exemplum virtutis, Präzedenzfall, symbolisches exemplum) zuordnen lassen, sondern zwischen verschiedenen Formen oszillieren. Zum anderen wird die Debatte über exempla von der Form auf die Frage des Wirkungspotentials und der Situativität bzw. Intention verschoben.64 Auf dieser Perspektive aufbauend soll im Folgenden versucht werden, ein neues Konzept zur Bestimmung und Ordnung von exempla zu entwickeln, das von einer sehr weit gefassten Definition von exempla ausgeht: Grundsätzlich lässt sich ein exemplum zunächst als ein factum oder dictum einer bestimmten Person (auctor) beschreiben, das von einer anderen Person mit einer bestimmten Intention, die über die reine Darstellung hinausgeht, erzählt oder nachgeahmt wird, bzw. auf das eine andere Person mit ebensolchen Intentionen Bezug nimmt, und zwar mündlich (Erzählung, Nennung eines Namens) oder durch eine Handlung (etwa durch Zeigen einer Statue). Dabei sind auch kollektive auctores (die maiores) sowie neben konkreten facta auch mores einzubeziehen. Wenn ein exemplum somit erst durch die Intention dessen, der das factum bzw. dictum verwendet, überhaupt zum exemplum wird, ist jede Handlung bzw. jeder Ausspruch zunächst potentiell ein exemplum. Doch ist diese Beliebigkeit nur eine scheinbare: Da exempla einen kommunikativen Zweck erfüllen, sind sie darauf angewiesen, in kürzester Zeit Plausibilität zu gewinnen. Bekannte exempla funktionieren daher am besten, während weniger bekannte ihre Überzeugungskraft erst – aus ihrem Inhalt oder durch die Art der Darstellung – gewinnen müssen. Wenn

63 David, L’exemplum historique, S. 74f. und passim. 64 Chaplin, S. 1-5 und S. 165ff. richtet das Augenmerk in ihrer Untersuchung der livianischen Verwendung von exempla ebenfalls explizit weniger auf die ursprünglich Konstruktion eines Beispiels als vielmehr auf die Frage, in welcher Weise, von wem und mit welcher Intention es evoziert wird; s. ebd. S. 47f. Vgl. auch Walter, Memoria und res publica, S. 61ff., S. 66ff.), der auf die Bedeutung der Funktion eines Beispiels im jeweiligen Fall hinweist, sowie Haltenhoff, Institutionalisierte Geschichte, S. 214ff. Classen, Römische Wertbegriffe, S. 85f., macht deutlich, dass Kontext und Aussageintention auch für die Einschätzung und Beurteilung römischer virtutes insgesamt von Bedeutung sein konnten.

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sie sich bewähren, können indes auch diese Beispiele in den Kanon der bekannten – und somit direkt funktionalen – exempla aufgenommen werden. Des Weiteren bestimmt die Intention des Verwenders nicht nur, dass eine Erzählung ein exemplum wird, sondern in weitem Maße auch, was für eines. Eine Handlung bzw. eine Erzählung enthält verschiedene Elemente, die man als ›Potentiale‹ bezeichnen könnte, und die in Teilen über die Art und Anzahl der Verwendungsmöglichkeiten entscheiden. Zu diesen Potentialen zählen: der auctor (berühmt, anonym, ›benamt‹) bzw. seine auctoritas die Bekanntheit der Episode (Wiederholfrequenz) das Alter / die Epoche der Handlung die Art der Handlung (außergewöhnlich, rechtliche Entscheidung, Alltag) – die Art und Zahl der involvierten bzw. aktualisierbaren virtutes

– – – –

Einige dieser Elemente besitzen eine inhärente »force évocatoire« (durch einen berühmten auctor, eine wichtige Handlung oder zentrale virtutes), andere rechtliche Relevanz (Gerichtsentscheidungen etc.), wieder andere verweisen auf Regeln des öffentlichen Lebens (Institutionen, Hierarchien) oder auf zwischenmenschliche Beziehungen. Dieses Potential legt die Verwendungsmöglichkeiten jedoch nur zu einem Teil fest. Hinzu kommt die Art der Darstellung, die natürlich in erster Linie durch den Verwendungszweck bestimmt wird. Einige dieser Darstellungselemente verstärken die »force évocatoire«, wie beispielsweise Bildhaftigkeit sowie insgesamt rhetorische Mittel. Andere wiederum agieren eher auf einer rationalen Ebene (so zum Beispiel Erklärungen oder die Betonung von Analogien). Dies bedeutet, dass die Analyse und Einordnung von exempla grundsätzlich einer sehr differenzierten Argumentation bedarf: ein factum oder dictum hat ein bestimmtes Potential, das durch die Art seiner Verwendung in Teilen aktiviert sowie durch zusätzliche Elemente erweitert werden kann.65 65 Auch R. Guerrini beschäftigt sich in seiner Studie über Valerius Maximus (Guerrini, Studi su Valerio Massimo, hier v.a. S. 11-28) mit der Beziehung zwischen (historischer) Episode und exemplum und betont in diesem Zusammenhang den flexiblen Charakter exemplarischer Darstellung. Der von ihm vorgeschlagene Ansatz einer Typologie der valerischen exempla geht zwar insofern in eine ähnliche Richtung wie die vorliegende Arbeit, als auch er zwischen dem Kern eines Beispiels (das historische oder erfundene Ereignis) und der kommentierenden und emphatischen Darstellung desselben unterscheidet. Im Gegensatz zu dem hier entwickelten Definitionsansatz richtet er die Aufmerksamkeit primär auf die formale Struktur der exempla. Er zeigt anhand einer Analyse der Bücher 4, 5 und 9 des valerischen Werkes auf, dass zahlreiche exempla die

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Für die Untersuchung der valerischen Exemplasammlung sind vor dem Hintergrund dieser Überlegungen zwei grundsätzliche Schlussfolgerungen zu ziehen: Auf der einen Seite ist deutlich geworden, dass exempla keinesfalls als überzeitliche und ausschließlich aus ihrer Form heraus zu deutende Entitäten betrachtet werden dürfen. Vielmehr muss die Wirkungs- und Darstellungsintention in allen Fällen, und somit auch für die Analyse der valerischen exempla, als zentrales Kriterium einbezogen werden. Intention und angestrebter Bedeutungshorizont der einzelnen Beispiele, die sich im Rahmen einer Rede aus dem Redekontext erschließen lassen, werden in den Facta et dicta memorabilia des Valerius maßgeblich durch den Kontext der jeweiligen Kapitel bestimmt. Darüber hinaus tragen die spezifische Präsentation einzelner Episoden sowie die von Valerius zahlreich eingestreuten Kommentare ebenfalls zur Verdeutlichung der Darstellungsintention bei. Dennoch – und dies ist der zweite wichtige Aspekt – bedeutet die Einordnung dieser exempla in thematisch orientierte Kapitel keinesfalls, wie in der Exemplaforschung immer wieder postuliert, dass die exemplarische Aussage damit abschließend festgelegt wird.66 Zwar ist zu vermuten, dass die inhaltlich-normative Bestimmung einer Episode im Rahmen der Exemplasammlung eine höhere Verbindlichkeit aufwies, als dies mit der Erwähnung eines Beispiels in einer Rede geschah. Dennoch ist vor dem Hintergrund der gerade entwickelten Definition zu berücksichtigen, dass auch die valerischen exempla lediglich eine mögliche Aktualisierung des exemplarischen Potentials der betreffenden Episode darstellten, das in einem anderen Kontext bzw. mit veränderter Wirkungsintention auch in eine andere Aktualisierung überführt werden konnte. Valerius selbst illustriert diese Form A – B – C aufweisen, wobei von ihm A als »esordio-presentazione«, B als »racconto storico« und C als »riflessione conclusiva« bezeichnet werden (ebd. S. 13; er greift diese Unterteilung auch in seinem neueren Aufsatz von 1997 wieder auf). Obschon diese Form tatsächlich häufig verwendet wird, greift sein sehr schematisches Analyseschema etwas zu kurz. Die gerade entwickelte Definition, derzufolge exempla auf dem Zusammenwirken von Potential, Aktivierung und zusätzlichen Darstellungselementen basieren, ermöglicht dagegen eine differenziertere Analyse, die zudem unabhängig von der konkreten Form eines Exempels vorgenommen werden kann. 66 So etwa Chaplin, S. 170ff., die sich dabei u.a. auf Skidmore, Practical Ethics, S. 68-73, bezieht und Valerius – ebenso wie die gesamte Kaiserzeit – strikt von der livianischen Verwendung von exempla trennt. Zwar weist Chaplin selbst darauf hin, dass diese Behauptung modifiziert werden müsse, da Valerius ein exemplum in unterschiedlichen Kapiteln anführen könne. Ihre eigene Argumentation wird von dieser Erkenntnis jedoch nicht grundsätzlich verändert. Der von Chaplin als spezifisch livianisch dargestellte Umgang mit exempla, der ihre Verwendung in unterschiedlichen Kontexten und mit unterschiedlichen exemplarischen Aussagen ermögliche (ebd. S. 47ff. und S. 197ff.), lässt sich auch für das valerische Werk konstatieren (s. unten Anm. 67). Zugleich machen Chaplins Ausführungen deutlich, dass man hier weniger von unterschiedlich verwendeten exempla als vielmehr von differenziert instrumentalisierbaren Ereignissen oder Episoden sprechen sollte.

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grundsätzliche Offenheit, indem er selbst einige Episoden in unterschiedlichen (Kapitel-) Kontexten mit jeweils voneinander verschiedenen Wirkungsintentionen verwendet.67 Die Aktivierung der jeweils benötigten Sinnpotentiale erfolgt bei Valerius sowohl über Darstellungselemente wie etwa die von ihm zahlreich verwendeten rhetorischen Kunstmittel,68 dramatische Ausführungen oder emphatische Kommentare als auch über das Moment der selektiven Darstellung: Da exempla – im Gegensatz zur Historiographie – selbst im Rahmen einer Sammlung nicht auf einen umfassenden und kohärenten Erzählzusammenhang angewiesen sind, kann er seine Ausführungen auf diejenigen Aspekte einer Episode fokussieren, die im Hinblick auf die angestrebte Aussage relevant sind, während die übrigen Fragen ausgeblendet werden.69 Indes wird von Seiten der Forschung für die Kaiserzeit auch unabhängig von der Form des valerischen Werkes eine Entwicklung hin zu einer höheren semantischen Verbindlichkeit von exempla postuliert.70 Diese Beobachtung ist – vor allem im Vergleich zu dem sehr heterogenen Umgang mit exempla in der späten Republik – zweifelsohne zutreffend, zumal die Versuche des Augustus, der gespaltenen Geschichts- und Exemplawelt ihre ursprüngliche Einheit wiederzugeben (s. Kapitel 1.1), nicht ohne Folgen für die Verwendung und die Rezeption von exempla in der Kaiserzeit geblieben sein dürften.71 Die von Fuhrmann postulierte »apodiktische Geltung« kaiserzeitlicher exempla lässt sich dagegen für das valerische Werk in dieser Form nicht bestätigen.72 In welcher Form Valerius die Integration des histo-

67 Beispiele hierzu finden sich im weiteren Verlaufe der Arbeit (s. unten Anm. 120, 155 und 305). 68 Eine ausführliche Untersuchung des valerischen Gebrauchs von Stilelementen bietet Sinclair. 69 Vgl. die Arbeiten von Coudry und David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, bes. S. 122-130 sowie Bloomer, Valerius Maximus, S. 149-154 und S. 174f. und Gowing, S. 59-62. 70 Vgl. etwa Chaplin und Fuhrmann, exemplum. 71 Wie Fuhrmann deutlich macht, war es in der politischen Rhetorik der späten Republik durchaus bekannt, dass es »nicht nur Beispiele, sondern auch Gegenbeispiele« gab. Es sei indes, so Fuhrmann, exemplum, S. 451, die Aufgabe des Redners gewesen, diesen Umstand zu verbergen. Zu den Entwicklungen der späten Republik vgl. auch Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 327f. und Martin, Die Popularen, S. 217f. 72 Fuhrmann, exemplum, S. 451. Ähnliches gilt für die von David für die großen Persönlichkeiten der Facta et dicta memorabilia postulierte »univocité de la valeur morale« (David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, S. 119 und passim). Wie die vorliegende Untersuchung deutlich machen wird, werden Marius, Brutus oder die Gracchen von Valerius zwar häufig, aber nicht durchgehend positiv dargestellt (Kritik an Marius findet sich etwa in den Beispielen 2,8,7; 8,6,2 sowie bes. in 9,2,2). Mit Hilfe komplexer (Um-) Deutungsprozesse gelingt es Valerius vielmehr, selbst solche problematischen Situationen und Verhaltensweisen sinnhaft und ggf.

Die literarische Präsenz der sozialen Beziehungen

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rischen Raumes mit seinen Spaltungen und Brüchen vollzieht, wird im Verlauf der folgenden Untersuchung deutlich werden.

1.3 Methodik: Die ›literarische Präsenz‹ der sozialen Beziehungen Die literarische Präsenz der sozialen Beziehungen Die einleitenden Überlegungen haben deutlich gemacht, dass die vorliegende Arbeit das valerische Werk als Ganzes zum Bezugspunkt der Untersuchung der sozialen Beziehungen macht. Dies bedeutet, dass die einzelnen exempla – und die in ihnen dargestellten Interaktionsformen – nicht als unabhängige Einheiten betrachtet, sondern immer zugleich in Bezug zum Kontext des Kapitels und des Werkes sowie zur Gesamtheit derjenigen exempla gesetzt werden, in denen die gleichen Sozialbeziehungen thematisiert werden. In diesem Zusammenhang muss berücksichtigt werden, dass die Art des Bezuges der dargestellten Beziehungen zum Gesamttext beträchtlich variieren kann. Durch explizit oder implizit hergestellte Bezüge können Sinn und Gehalt der Aussagen in grundlegender Weise verschoben werden. Unter dem Gesichtspunkt der ›literarischen Präsenz‹ lassen sich drei Ebenen unterscheiden:73 Die in der Forschung bevorzugt zitierten exempla stehen im Kontext von Kapiteln, die durch Titel und praefatio explizit auf die Thematik sozialer Beziehungen Bezug nehmen, wie etwa Kapitel über strenge Väter (5,8), über amicitia (4,7) oder über Sklaventreue (6,8).74 Hier steht die Beziehung als solche im Zentrum der exemplarischen Aussage und wird dementsprechend prominent – und mit einem hohen Maß an Intentionalität – in Szene gesetzt. Diese exempla werden im Folgenden als ›unmittelbare Inszenierungen‹ bezeichnet. Daneben gibt es exempla, in denen unterschiedliche Sozialbeziehungen zwar nicht explizit Thema sind – die exemplarische Aussage der Kapitel richtet sich auf andere Aspekte, wie etwa die Problematik von Testamenten durchaus kritisch in sein Werk zu integrieren, für die eine positive Konnotierung aufgrund des hohen Maßes an Konfliktualität nicht mehr möglich ist (s. unten Kapitel 5.6.1 und 6.2). 73 Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass eine solche von außen an das Werk herangetragene Einteilung zwangsläufig ein Moment der Willkür beinhaltet. Die hier vorgenommene Zuordnung der exempla zu den einzelnen Kategorien hat sich vor dem Hintergrund der Untersuchung jedoch als sinnvoll erwiesen. 74 Während die Einteilung in Kapitel sowie die praefationes von Valerius selbst stammen, handelt es sich bei den Überschriften vermutlich um Hinzufügungen eines späteren Bearbeiters (vgl. die einleitenden Bemerkungen von Combès (S. 24) und Faranda (S. 17); anders dagegen Bloomer, Valerius Maximus, S. 17f. und S. 60; eine Diskussion dieser Frage findet sich bei Honstetter, S. 22-25). In den meisten Fällen lehnen sich die Titel inhaltlich und begrifflich eng an die praefationes an, so dass die Intentionen des Valerius – bis auf einige Ausnahmen – recht gut getroffen werden.

Exempla und soziale Bedeutung

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(7,7) oder militärischer Disziplin (2,7) –, aber dennoch insofern einen notwendigen Teil der Erzählung bilden, als die betreffenden exempla ohne die spezifische soziale Bindung nicht ›funktionieren‹ würden. Die sozialen Beziehungen werden zwar nicht als solche inszeniert, doch diese erweisen sich als unabdingbar für die das Kapitel durchziehende Problematik. Diese Beziehungen werden als ›mittelbare Inszenierungen‹ bezeichnet. Schließlich werden soziale Beziehungen häufig gleichsam en passant erwähnt, im Rahmen von Erzählungen, in denen sie weder zentral noch notwendig sind. In der Forschungsliteratur zu sozialen Beziehungen findet diese Ebene in der Regel keine Erwähnung. Grund für das Schweigen dürfte einerseits die Schwierigkeit sein, solche exempla – die nicht in spezielle Kapitel eingeordnet sind – zu finden. Da es sich bei diesen ›kontingenten‹ Beziehungen zudem selten um spektakuläre Fälle handelt, bleibt das Interesse an ihnen gering. Tatsächlich sind die dort vorzufindenden Informationen für sich genommen oft wenig aussagekräftig. Dennoch müssen sie – als Teil des von Valerius gezeichneten Bildes der sozialen Beziehungen – berücksichtigt werden. Dabei wird insbesondere die Untersuchung des Vater-Sohn-Verhältnisses zeigen, dass den kontingenten Erwähnungen für ein umfassendes Verständnis des valerischen Werkes eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommen kann. Die vorliegende Arbeit hat alle drei Darstellungsebenen berücksichtigt. Sie legt auf diese Weise erstmals eine umfassende Untersuchung der valerischen Darstellung sozialer Beziehungen vor, wobei diese sowohl textimmanent als auch in Bezug auf den zeitgenössischen Kontext analysiert wird. Für das Vater-Sohn-Verhältnis wird die skizzierte Dreiteilung literarischer Präsenz zudem als ein die Untersuchung strukturierendes Moment fungieren, indem in einem ersten Schritt alle (direkt und indirekt) inszenierten und im Anschluss daran die en passant erwähnten Beziehungen analysiert werden. Der Grund für dieses Vorgehen liegt zunächst in der auffallend hohen und vielgestaltigen Präsenz dieses Verhältnisses im valerischen Werk:75 Die Analyse einer so komplexen und facettenreichen Beziehung erfordert eine höhere methodische Komplexität, die durch die Unterscheidung der einzelnen Darstellungsebenen – und somit auch die Berücksichtigung der Darstellungsintentionen – geboten wird. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden über den spezifischen, auf Väter und Söhne bezogenen Befund hinaus zugleich wichtige Schlussfolgerungen für den Umgang mit dem valerischen Werk insgesamt ermöglichen, die insbesondere die Frage seines Quellenwertes betreffen. 75 S. oben Kapitel 1.1.

2 Väter und Söhne: zwischen Norm und Realität Väter und Söhne: zwischen Norm und Realität

2.1 Väter und Söhne in den Forschungen zur römischen Familie Forschungen zur römischen Familie Die römische Familie hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem bedeutsamen Forschungsgebiet entwickelt. Eine Vielzahl auch methodisch neuer Untersuchungen hat zu einem differenzierteren Verständnis der römischen Verwandtschaftsverhältnisse beigetragen, zugleich jedoch Positionen entwickelt, die in einem scheinbar unüberbrückbaren Widerspruch zueinander stehen. Dabei lassen sich in der neueren Forschung insbesondere zwei Positionen erkennen:76 Die seit den 1980er Jahren in verschiedenen Publikationen entwickelten Theorien des französischen Familien- und Rechtshistorikers Yan Thomas sowie die auf struktural-anthropologischer und linguistischer Analyse basierenden Ergebnisse des italienischen Philologen Maurizio Bettini77 stehen der angelsächsischen Forschung gegenüber, die ihre Thesen nach eigenen Aussagen auf einer stärker empirisch fundierten Analyse aufbaut. Einflussreiche Vertreter dieser Richtung sind vor allem Richard P. Saller und Suzanne Dixon.78 Ihr zentraler Kritikpunkt an dem Vorgehen von Thomas und Bettini betrifft die Vorstellung, rechtliche oder linguistische Quellen könnten direkte Schlussfolgerungen auf soziale Verhaltensweisen ermöglichen.79 Da individuelles Verhalten weder von Gesetzen noch von 76 Zwar gibt es seit einigen Jahren erste Schritte zu einer Annäherung der Standpunkte, doch sind diese bisher eher schwach ausgeprägt. So widmet Saller in seinem 1994 erschienenen Buch der Unterscheidung zwischen normativer Ordnung und sozialer Realität mehr Aufmerksamkeit (Saller, Patriarchy, S. XI). Er zeigt damit eine gewisse Sensibilität für die im Folgenden zu skizzierenden Differenzen zwischen den beiden Ansätzen, doch bleibt die Verschiedenheit der Perspektiven bestehen. Eine Mittelstellung nimmt dagegen Jane Gardner in ihrem 1998 erschienen Buch »Family and Familia in Roman Law and Life« ein. 77 Er geht im Sinne der strukturellen Anthropologie von Claude Lévi-Strauss davon aus, dass linguistische Gegebenheiten als ein geeigneter Bezugspunkt für die Rekonstruktion des römischen Verwandtschaftssystems fungieren können (Bettini, Antropologia, S. 15ff. und S. 21ff.; vgl. etwa Lévi-Strauss, Langage et parenté). 78 Natürlich vertreten diese Historiker untereinander durchaus divergierende Thesen. Dennoch lassen die Parallelen der Herangehensweise, oft auch der Ergebnisse, eine gemeinsame Behandlung als legitim erscheinen. 79 Saller richtet sich insbesondere gegen Maurizio Bettini (Saller, Roman Kinship, S. 8ff.) und Paul Veyne (Saller, Corporal Punishment, S. 144ff.). Darüber hinaus grenzt er sich auch von Thomas, Hopkins und Daube in dezidierter Weise ab, wobei sich seine Kritik häufig auf kurze Anmerkungen beschränkt (siehe bspw. Saller, Men’s age at Marriage, S. 22, Anm. 5; Saller, Patria potestas, S. 9, Anm. 13 und Saller, Pietas, S. 393, Anm. 3). Eine Würdigung der Thesen

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Begriffen determiniert werde, ergebe eine solche Herangehensweise verfälschte Ergebnisse.80 Die folgende Diskussion des Ansatzes von Thomas wird zeigen, ob diese Vorwürfe berechtigt sind. Thomas befasst sich in seinen Arbeiten in erster Linie mit der Beziehung zwischen römischen Vätern und ihren Söhnen. Aufsätze wie Parricidium. Le père, la famille et la cité (1981) oder Vitae necisque potestas. Le père, la cité et la mort (1984) entwerfen ein sehr konfliktgeprägtes Bild dieser Beziehung, das aufgrund seiner Bedeutung für die vorliegende Arbeit in seinen wichtigsten Punkten skizziert werden soll. Für Thomas definiert sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn primär über das Konzept des ius vitae necisque.81 Das absolut, ohne Verweis auf ein Delikt und zeitlich unbegrenzt gewährte Recht erscheint ihm als hinreichende und alles umfassende Charakterisierung der patria potestas.82 Thomas zufolge ist dieses Recht nur auf Söhne gerichtet. Es bedarf keines Vergehens, um das väterliche Eingreifen zu legitimieren, ein ›Zuviel‹ an väterlicher Strenge ist nicht möglich. Der Hauptkritikpunkt an seinen Ausführungen lautet, sie zeichneten aufgrund ihrer Ausrichtung auf rechtliche Quellen ein verzerrtes und auf Autorität (des Vaters) und Unterwerfung (des Sohnes) reduziertes Bild. Andere Verhaltensweisen und Beziehungen (etwa zur Mutter) würden nicht in die Überlegung einbezogen. Die Realität sei anders, weniger schematisch und stärker emotional geprägt gewesen.83 Ein Blick auf die Intentionen von von Thomas findet sich erstmals in seinem 1994 erschienen Werk »Patriarchy, property and death in the Roman Family« (Saller, Patriarchy, S. 117). Vgl. auch Dixon, The Roman Family, S. 31. 80 Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass Valerius Maximus von beiden Positionen als Quelle verwendet wird (vgl. etwa Thomas, Vitae necisque potestas und Saller, Pietas, S. 399f.), wobei das Augenmerk in der Regel auf diejenigen Kapitel gerichtet wird, die für die eigenen Thesen von Interesse sind. Eine Auseinandersetzung mit den anderen Fällen unterbleibt. Zwar hat Saller in einem 1980 erschienen Aufsatz die Benutzung von Anekdoten als historische Quelle problematisiert, doch er hat aus diesen Überlegungen keine Schlüsse für seinen Umgang mit den valerischen exempla gezogen (Saller, Anecdotes, S. 81f. und passim). 81 Er bezieht sich dabei auf die von Gellius überlieferte adrogatio-Formel: Velitis, iubeatis, uti L.Valerius L. Titio tam iure legeque filius siet, quam si ex eo patre matreque familias eius natus esset, utique ei uitae necisque in eum potestas siet, uti patri endo filio est. Haec ita, uti dixi, ita uos, Quirites, rogo (Gell. 5,19,9). Vgl. Thomas, Vitae necisque potestas, S. 499. 82 Hierzu und zum Folgenden s. Thomas, Vitae necisque potestas, S. 499, S. 512 und passim. Die zeitliche Unbegrenztheit betont Dion. Hal. ant. 2,26,4; vgl. auch Sachers, Sp. 1057ff. Harris zufolge ist die Anwendung des ius vitae necisque auf die Bestrafung eines Deliktes beschränkt und findet sich fast nie in Reinform: In den meisten Fällen, die als Beispiele für dieses Recht genannt werden, sei der Vater zugleich Inhaber eines Amtes und handele somit in erster Linie als Magistrat (Harris, S. 88; zu seiner Diskussion der einzelnen Fälle s. ebd. S. 82-87). 83 Saller, Patria potestas, S. 7 und Saller, Pietas, S. 393. S. auch Dixon, The Roman Family, S. 4ff. und S. 30ff. Diese Vorwürfe richten sich allgemein auch gegen Veyne, Bettini und Daube. Kritisch zu dem in der Forschung verbreiteten Bild des pater familias insgesamt äußert sich Saller, Pater familias, S. 183 und passim.

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Thomas zeigt jedoch, dass dieser Vorwurf so nicht berechtigt ist, denn sein Untersuchungsziel liegt gerade nicht in der Darstellung der Realität: »Dans ce travail, il ne s’agit pas d’étudier des pratiques, mais de comprendre une catégorie, la patria potestas, et les classements qu’elle opère dans le droit romain.«84 Er ist auch nicht der Meinung, römische Väter hätten ihre Söhne oft und unkritisiert getötet, im Gegenteil: »Pour que le ius vitae necisque ait caractérisé en lui seul la patria potestas, il faut qu’il ait été tout autre chose qu’une réalité quotidienne: un pur concept.«85 Seine Aussagen zum parricidium sind oft dahingehend verstanden worden, Vatermord sei aufgrund der in der Vater-Sohn-Beziehung herrschenden Spannung gleichsam an der Tagesordnung gewesen.86 Auch hier gilt es genau hinzusehen: Während sich bei Veyne tatsächlich vergleichbare Aussagen finden,87 geht es Thomas weniger um die tatsächlichen Vatermorde als um die Bedeutungen, die sich aus dem Gebrauch dieses Begriffes erschließen lassen, wobei die gesamtgesellschaftlichen und politischen Implikationen dieses Konfliktes als besonders bedeutsam erscheinen.88 Trotz dieser Einschränkungen hinsichtlich der an Thomas herangetragenen Kritik legt eine nähere Betrachtung der von ihm als konstitutiv verstan84 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 545. S. auch ebd. S. 510f. Er wehrt sich ausdrücklich gegen ein anderes Verständnis dieses Rechtes. Es sei »un pouvoir que l’on s’obstine à vérifier dans sa pratique, lorsqu’il faudrait le concevoir un droit.« (ebd. S. 503). Eben diese Unterscheidung möchte Saller seit einiger Zeit stärker in seine Untersuchung einbeziehen (s. Saller, Patriarchy, S. XI und S. 114f.). 85 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 512. »Il ne s’agit d’ailleurs pas de tuer, mais du pouvoir de donner la mort par quoi, et par quoi seulement, se définit la patria potestas« (ebd. S. 506). 86 Saller, Patria potestas, S. 9 und S. 18: »Did Roman fathers really execute their sons? Did sons really murder their fathers?« Diese Fragen machen deutlich, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Thomas stellt sich diese Fragen so nicht, sondern bemerkt vielmehr, es mache wenig Sinn, so zu fragen, da wir wenig konkretes Material haben. Im Zweifel würde er sie jedoch vermutlich ähnlich beantworten wie Saller. Wohl eher gegen Veyne gerichtet wiederholt Saller diese Fragen einige Jahre später (Saller, Patriarchy, S. 130). 87 So erklärt er etwa in seinem Beitrag zur Geschichte des privaten Lebens im Hinblick auf die Vater-Sohn-Problematik: »In these circumstances the obsession with parricide – a relatively common crime – is not surprising.« (Veyne, The Roman Empire, S. 29). 88 Thomas, Parricidium, S. 676 (auch ebd. Anm. 106), S. 690f. (zur Problematik des Generationenkonfliktes) und S. 694f. Er weist darauf hin, dass der Begriff des parricidium seit Cicero häufig zur Bezeichnung schwerer öffentlicher Verbrechen verwendet wurde (ebd. S. 690). Vgl. dazu auch Bonnefond. Eine Bemerkung von Dixon zeigt, dass das Missverständnis auf Unterschieden in der Fragestellung beruht: »It is surely true that some Romans yearned for the death of their father and that some fathers were tyrannical and brutal, but we need to separate fear, fantasy, and moralizing from the likely pattern of everday life.« (Dixon, The Roman Family, S. 147). Sie betrachtet diese Spannungen als Ausdruck eines normalen Generationenkonfliktes, in dem Jugendliche ihre Stellung innerhalb der Familie neu definieren (ebd. S. 146 und S. 149; vgl. auch Dixon, Conflict, S. 153). Doch wenngleich die Beziehung zwischen Jugendlichen und ihren Eltern zweifellos ein Grundproblem menschlichen Zusammenlebens darstellt, so ist gerade von Interesse, in welcher spezifischen Ausformung diese Problematik jeweils wahrgenommen und wie mit ihr umgegangen wird.

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denen Elemente der Vater-Sohn-Beziehung einige Schwierigkeiten offen. Zunächst ist anzumerken, dass sich die Beschränkung des ius vitae necisque auf Söhne aus den Quellen nicht eindeutig herauslesen lässt. Zwar sprechen die meisten Stellen von dem Recht der Väter über ihre Söhne, doch andere beziehen sich allgemein auf liberi.89 Ein weiteres Problem liegt darin, dass die vitae necisque potestas Thomas zufolge als Definition und Essenz der patria potestas zu gelten hat. Dies würde jedoch bedeuten – stimmt man der von Thomas postulierten Beschränkung dieses väterlichen Rechtes auf Söhne zu –, dass die Macht des Vaters über eine Tochter nicht mit dieser potestas identisch sein könnte.90 Neben diesen aufgrund der Quellenlage problematischen Aspekten ist seine Darstellung auch in sich nicht in allen Punkten kohärent. Dies betrifft insbesondere die von ihm als zentral erachtete Unterscheidung zwischen dem ius vitae necisque und der »juridiction domestique«.91 Während sie im Hinblick auf die übrigen Familienmitglieder unproblematisch ist, da diese ausschließlich der »juridiction domestique« unterlagen, konnten Thomas zufolge bei Haussöhnen beide Rechtsmittel Anwendung finden. Eine genaue Analyse seiner Ausführungen lässt keine Aussage über Unterscheidungskriterien zu, die es ermöglichen würden, konkrete Beispiele der Bestrafung von Haussöhnen eindeutig einer der beiden Kategorien zuzuordnen. Einerseits betont Thomas, die »juridiction domestique« stelle – im Gegensatz zum ius vitae necisque – kein unbegrenztes Recht dar und erlaube 89 Gell. 5,19,9, Papin. coll. 4,8,1, Dion. Hal. ant. 2,26,4 und Gai. inst. 1,55 beziehen sich auf Söhne. Cod. Theod. 4,8,2 = Cod. Iust. 8,46 (47),10 und Gai. inst. 1,55 sprechen dagegen allgemein über Kinder (bei Gaius findet sich der Begriff liberi einmal in Bezug auf die elterliche potestas, das Tötungsrecht erwähnt er an dieser Stelle ohnehin auch für die Söhne nicht explizit). Wenngleich die Bemerkung »sa formulation [du ius vitae necisque U. L.] ignore les filles, ce qui ne signifie peut-être rien quant aux faits, mais beaucoup quant à la pensée« (Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 465) nur insofern zutrifft, als es keinen Beleg für eine exklusive Bezugnahme auf Töchter gibt, so wird dennoch deutlich, wie stark der Konzeptcharakter der These von Thomas ist. Doch auch ein Konzept oder ein Recht muss aus den Quellen erschlossen werden – ein Widerspruch, dem Thomas selbst nicht entkommt: Er bezieht sich neben Gesetzestexten und anderem ›Reden über‹ dieses väterliche Recht ebenfalls auf konkrete exempla, um seine Thesen zu illustrieren oder zu belegen (siehe etwa Thomas, Vitae necisque potestas, S. 512-523). Dass er das ius vitae necisque indes nicht nur abstrakt, sondern auch in seiner Ausübung versteht, zeigt sich auch darin, wenn er von dem »exercice du pouvoir de vie et de mort« spricht (Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 451). 90 In diesem Falle wäre unklar, auf welche Weise dann die Beziehung zwischen Tochter und Vater zu bestimmen ist. So definiert etwa Sachers, Sp. 1052f., die patria potestas als Gewalt »über die in rechter Ehe erzeugten Kinder«, während die Ehefrau dem Mann durch die manus, die Sklaven dagegen durch das dominium unterworfen sind. 91 Siehe v.a. Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 451. Er bezieht sich unter anderem auf den Aufsatz von Harris (Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 451, Anm. 9), geht jedoch leider nicht direkt auf Kritikpunkte ein.

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daher auch Kritik an zuviel Strenge.92 Andererseits verweist er darauf, dass die konkrete Anwendung der vitae necisque potestas immer auf Kritik stoße und spricht gar von einer »Grenze« dieses väterlichen Rechtes.93 Selbst wenn er sich in diesem Fall auf die Grenze der sozialen Akzeptanz beziehen mag, bleibt unklar, wie man, wenn in einem konkreten Beispiel die Gewaltanwendung kritisiert wird, entscheiden kann, um welche Art der Konfliktaustragung es sich handelt. Die Möglichkeit, das Einbeziehen eines consilium als Unterscheidungsmerkmal zu betrachten, entfällt ebenfalls, obschon seine Ausführungen über den Ablauf der »juridiction domestique« dies nahe legen.94 Thomas betont nämlich an anderer Stelle: »le droit paternel de vie et de mort [...] ne dispense sans doute pas de l’obligation coutumière d’un consilium [...].«95 Nur implizit findet man bei Thomas die Überlegung, das Delikt als Kriterium für eine Einteilung zu betrachten. Während er im Rahmen der »juridiction domestique« insbesondere Vergehen wie impudicitia, adulterium und (Versuch des) parricidium behandelt,96 scheinen ›staatsgefährdende‹ Delikte zumeist durch die vitae necisque potestas gesühnt zu werden.97 Thomas geht zwar explizit davon aus, dass dieses Recht prinzipiell in allen Situationen einer Konfrontation zwischen Vater und Sohn Geltung hatte, doch gleichzeitig stellt er fest, dass in den Quellen zumeist zwei Grenzfälle dargestellt werden: Der Vater als Inhaber einer Amtsgewalt, der seinen Sohn tötet, sei durch die Kumulation von patria potestas und imperium Ausdruck einer »souveraineté [...] hyperbolique«. Auf der anderen Seite sei die patria potestas alleine so mächtig, dass sie den Sohn auch dann unterwerfen könne, wenn dieser selbst Träger einer Amtsgewalt ist und sein Vater nicht.98 Und er schließt seine Ausführungen mit der Feststellung: 92 Als Beispiel zitiert er Val. Max. 6,1,5 (Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 451, Anm. 10). In Thomas, Vitae necisque potestas, S. 510f. scheint er dieses exemplum dagegen eher als Beispiel für das ius vitae necisque zu betrachten. 93 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 512 und S. 545. Er fügt zwar als Kriterium an, dass der Vater trotz der Kritik straffrei bleibe (ebd. S. 545), doch gerade das bereits angesprochene Beispiel VI,1,5 zeugt von einer (Selbst-) Bestrafung des Vaters. In Thomas, Parricidium, S. 663, Anm. 61 bemerkt er: »Excéder les limites du ius vitae necisque, c’est en particulier se passer d’un jugement rendu en conseil domestique.« 94 Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 457ff. 95 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 536. S. auch oben Anm. 93. Ähnlich Kunkel, Hausgericht, S. 242ff. (bes. S. 246). Dagegen betont Thomas an anderer Stelle: »Un paterfamilias s’entoure également d’un conseil pour juger ses fils. On a tort d’établir le moindre rapport entre cette pratique et la vitae necisque potestas, qui est un droit abstrait, la définition d’un pouvoir conçu en son ultime attribut.« (Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 468). 96 Thomas, Remarques sur la juridiction domestique. Er spricht in diesem Zusammenhang von »délits internes« (ebd. S. 456). 97 Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 453ff. 98 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 528 (Zitate ebd.). Ähnlich Dion. Hal. ant. 2,26,4f.

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»Tuer son fils, c’est presque toujours un sacrilège, sauf lorsqu’un père incarne l’Etat ou que l’Etat est mal représenté par un fils.«99 Diese Ausrichtung auf die politische Sphäre ist als zentraler Punkt seiner Thesen zu betrachten und wird von seinen Kritikern allzu häufig übersehen.100 Der Ansatz der angelsächsischen Historiker versteht sich als Korrektur und Ergänzung der eben skizzierten Herangehensweise. Dixon und Saller stellen in ihren Arbeiten die Frage nach konkreten, den alltäglichen Lebensumständen näher stehenden Verhaltensweisen innerhalb der römischen Familie.101 Mit dem Blick auf diese Problematik hat Saller einen originellen, doch nicht unumstrittenen Weg eingeschlagen. Durch interpretierende Auswertung von Grabinschriften und mit Hilfe von Computersimulationen konstruierte er eine Modellbevölkerung für die römische Kaiserzeit des 2./3. Jh.s n. Chr., die er über mehrere Generationen hinweg verfolgen konnte. Ziel dieser Untersuchungen war, einige Thesen, etwa über die Verbreitung der Großfamilie und die Dauer der patria potestas, vor dem Hintergrund der demographischen Gegebenheiten zu hinterfragen bzw. zu entkräften.102 Seinen Ergebnissen zufolge ist etwa die Wahrscheinlichkeit, als erwachsener Sohn noch unter der patria potestas zu stehen, aufgrund der niedrigen Lebenserwartung und des späten Heiratsalters relativ gering gewesen.103 Abgesehen von der Frage nach der Zuverlässigkeit solcher Simulationen104 sind zwei Punkte anzumerken: Dass das von Daube skizzierte

99 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 512 und S. 545. Der Aspekt der Funktionalität ist für die vorliegende Arbeit von besonderem Interesse. 100 Zu der besonderen, auch auf die res publica bezogenen Bedeutung der Vater-SohnBeziehung vgl. oben Kapitel 1.1; s. auch Walter, Ein Ebenbild des Vaters. 101 Sie benutzen in erster Linie vielfältige schriftliche Quellen, wobei sie Briefe als besonders aufschlussreich betrachten und Rechtstexte nur selten einbeziehen (vgl. etwa Saller, Patriarchy, S. 2). Auch künstlerische Darstellungen dienen ihnen bisweilen als Quellenmaterial. Die divergierenden Ergebnisse dieser Studien weisen jedoch auf die Schwierigkeiten hin, die sich bei der Interpretation dieses Materials ergeben (vgl. Rawson, Iconography und Huskinson, S. 233, die zu Recht darauf hinweist, dass Kunst, vor allem Grabdenkmäler, in Rom immer auch der Darstellung von Status – nicht (nur) von Emotionen – gedient hat). 102 Saller, Men’s age at Marriage, S. 30ff. und S. 21. Vgl. auch Saller, Patriarchy, S. 25ff. und insgesamt die Kapitel 2 und 3 seines Buches. 103 Demnach hatten nur 20% der Dreißigjährigen und 6% der Vierzigjährigen einen Vater (Saller, Men’s age at Marriage, S. 33). Auch eine klare funktionale Einteilung des Verwandtschaftssystems (wie Bettini, Antropologia, sie skizziert) beurteilt Saller vor dem Hintergrund seiner Ergebnisse als wenig wahrscheinlich: Aufgrund des sehr lückenhaften ›realexistierenden‹ Verwandtschaftsnetzes (besonders infolge der hohen Sterblichkeits- und Scheidungsraten) seien die familiären und verwandtschaftlichen Beziehungen vielmehr durch Flexibilität und Pragmatismus geprägt gewesen (Saller, Roman Kinship, S. 32f.). 104 Eine Bemerkung von Saller macht deutlich, wie wenig repräsentativ dieses Corpus ist. So stellt in zwei Fällen eine einzige Inschrift schon fünf bzw. zehn Prozent des Ergebnisses dar (Saller, Men’s age at Marriage, S. 25). Doch auch in seinem später erschienenen Werk (Saller, Patriarchy), in dem eine revidierte Fassung dieses Aufsatzes zu finden ist (ebd. S. 43-69), vertei-

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Bild des fünfzigjährigen Sohnes unter der potestas seines siebzigjährigen Vaters nicht der alltäglichen Erfahrung entsprochen haben mag, bedeutet nicht, dass die Problematik von erwachsenen Söhnen in potestate nicht dennoch als real empfunden wurde.105 Darüber dürfte sich die Situation in der (senatorischen) Oberschicht aufgrund des niedrigeren Heiratsalters und der vermutlich höheren Lebenserwartung von den genannten Ergebnissen unterschieden haben.106 Da die Funktionalität der patria potestas ohnehin vor allem für die regierende Schicht von Bedeutung war, spricht vieles dafür, sie zumindest für die Zeit der Republik als wichtigen Faktor des sozialen Lebens zu betrachten.107 Ein zentrales Verdienst der angelsächsischen Historiker liegt zweifelsohne darin, neben der patria potestas auch die Frage nach der pietas zu einem zentralen Forschungsthema gemacht zu haben. Saller betrachtet pietas als eine allgemeine, Eltern und Kinder gleichermaßen betreffende moralische Forderung und reale Haltung, während Dixon den idealen und auch funktionalen Aspekt stärker hervorhebt. Die Betonung der pietas lässt sich ihrer Ansicht nach aus dem Bewusstsein heraus erklären, dass die Interessensgegensätze zwischen den Familienmitgliedern die Einheit der Familie bedrohten: Das Insistieren auf dem pietas-Ideal sei notwendig erschienen, um diese familiäre Geschlossenheit zu bewahren.108 Diese Überlegung zur Funktionalität, die den Inszenierungen von pietas oder allgemein von nachsichtigem Verhalten insbesondere hinsichtlich der Konfliktvermeidung

digt Saller die Zuverlässigkeit seiner Vorgehensweise (ebd. S. 10f. und S. 25ff.) und wehrt weitere Kritikpunkte ab (ebd. S. 38ff.). Kritisch hierzu Gardner, Family and familia, S. 241f. 105 Das von Daube, S. 75f. entworfene Bild, das Saller, Patria potestas, S. 10 zitiert, mutet ohnehin wie eine Karikatur oder ein Schulbeispiel römischer Rhetoren an, welche die rechtlichen Gegebenheiten gerne in ihrem ganzen theoretischen Potential ausmalten. Festzuhalten ist, dass die Abhängigkeit als reales Phänomen zu betrachten ist. Eingriffe wie die Einführung des peculium castrense durch Augustus oder wie das SC Macedonianum weisen darauf hin, dass die Problematik auch in der Kaiserzeit noch als solche empfunden wurde (zum SC Macedonianum vgl. Dig. 14,6,1ff.; Suet. Vesp. 11 und Stein, S. 127; vgl. auch Thomas, Droit domestique, S. 539ff. und Dixon, The Roman Family, S. 107 und S. 145f.; zum peculium castrense s. Dixon, The Roman Family, S. 56). 106 Saller, Patriarchy, S. 121. 107 Saller, Men’s age at Marriage, S. 32f., hinterfragt vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse die politische Relevanz der patria potestas. In einer späteren Arbeit bemerkt zwar auch er, dass Tötung des Sohnes dann überliefert ist, wenn das Interesse des Staates in Gefahr ist (Saller, Patriarchy, S. 114ff.), er geht indes nicht explizit auf die Frage nach der Funktionalität eines solchen Rechtes ein. Darüber hinaus ist anzumerken, dass die patria potestas selbst dann politische Bedeutung haben konnte, wenn tatsächlich nur ein Teil der Erwachsenen noch in potestate war. 108 Dixon, Conflict, S. 151; vgl. dagegen Saller, Pietas, S. 399f. und S. 402. Pietas sei nicht als »submissive obedience«, sondern als »affectionate devotion« zu verstehen (ebd. S. 403, Zitate ebd.). Er richtet sich damit unter anderem gegen Fortes, der im Hinblick auf die kindliche pietas von dem »nexus of final authority versus subordination« spricht (Fortes, S. 183; s. auch S. 181184).

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innewohnte, wird auch im Rahmen der vorliegenden Untersuchung zu diskutieren sein. Wie die kurze Darstellung der Forschungskontroverse zeigt, liegt die scheinbare Widersprüchlichkeit der Thesen in erster Linie in den unterschiedlichen Fragestellungen begründet. Dass für ein umfassendes Verständnis der römischen Familie beide Aspekte, rechtliche Gegebenheiten und Konzepte einerseits und konkrete Verhaltensweisen andererseits von zentraler Bedeutung sind, ist unmittelbar einleuchtend.109 Auch die folgende Untersuchung wird deutlich machen, dass die familiären Beziehungen und ihre Darstellung als komplexes Phänomen betrachtet werden müssen, das sich einer eindimensionalen Beschreibung entzieht. Aufgrund des besonderen Charakters der verwendeten Quelle wird insbesondere zu fragen sein, welche Art von Aussagen sich mit Bezug auf exempla bzw. eine Exemplasammlung machen lassen

2.2 Väter und Söhne bei Valerius Maximus: einleitende Bemerkungen Einleitende Bemerkungen Das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen nimmt in den Arbeiten zur römischen Familie einen breiten Raum ein, in dem sich – wie eben ausgeführt – zwei konkurrierende Forschungsrichtungen ausmachen lassen. Während Thomas und Bettini den Fokus auf die konfliktuellen Aspekte dieser Beziehung legen, als deren zentrales Charakteristikum die Abhängigkeit des Sohnes von seinem Vater (patria potestas) und die daraus resultierende Problematik gesehen wird, betonen Saller und Dixon die positiven Elemente der gegenseitigen Unterstützung. Gerne wird in diesem Zusammenhang von beiden Seiten auf valerische exempla verwiesen, die sowohl Konflikte als auch positive Verhaltensweisen thematisieren. Dieser Rekurs auf das Werk des Valerius ist in zweifacher Hinsicht problematisch: Zum einen können die Facta et dicta memorabilia – wie bereits ausgeführt – nur in sehr geringem Maße als Quelle für die republikanische Zeit verwendet werden (vgl. Kapitel 1.1). Zum anderen beschränken sich die Wissenschaftler beider Forschungsrichtungen in der Regel darauf, einzelne exempla anzuführen, die ihre These unterstützen, ohne nach dem 109 Die vielleicht beste Illustration einer solchen doppelten Herangehensweise ist die 1998 erschienene Arbeit von Jane Gardner (Family and Familia in Roman Law and Life), in der sie die Beziehungen zwischen dem rechtlichen Konstrukt der familia und der nur durch Blutsbande oder emotionale Bindungen begründeten family untersucht.

Einleitende Bemerkungen

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Gesamtbild zu fragen, das sich aus den Facta et dicta memorabilia ergibt. Darüber hinaus werden – bis auf wenige Ausnahmen – nur diejenigen exempla zitiert, die sich in familienspezifischen Kapiteln finden, während viele der mittelbar inszenierten oder gar nur en passant erwähnten Interaktionen keine Erwähnung finden. Die im Folgenden vorzunehmende Untersuchung aller betreffenden exempla soll deutlich machen, welches Bild bzw. welche Bilder das valerische Werk von dem Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen vermittelt. Welche Verhaltensweisen und Handlungskontexte werden als charakteristisch für die Interaktion von Vätern und Söhnen dargestellt? Erscheint sie als eher konfliktgeprägte oder positive Beziehung? Wie fügen sich diese Ergebnisse in die aktuellen Forschungen zur Familiengeschichte ein und welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus in Bezug auf Intention und Funktion des valerischen Werkes ziehen? Zentraler Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Unterscheidung der verschiedenen Ebenen literarischer Präsenz, die in Kapitel 1.3 eingeführt worden ist: Es lassen sich in Bezug auf das Vater-Sohn-Verhältnis zwei deutlich differierende Bilder ausmachen, wenn man einerseits die inszenierten, andererseits die en passant erwähnten Beziehungen analysiert. Das inszenierte Bild (s. Kapitel 2.3) zeichnet sich durch vier grundlegende Prinzipien aus: 1. Eine klare Verteilung der Handlungskompetenzen zwischen Vätern und Söhnen: Während die Söhne im valerischen Werk in erster Linie als Träger von Konfliktpotential erscheinen, verfügen Väter über eine deutlich größere und positiver konnotierte Handlungskompetenz. So kommt ihnen auf der einen Seite die Aufgabe zu, ihre Söhne zu kontrollieren. Auf der anderen Seite gehen erstaunlich viele positive Gesten von ihnen aus. Diese entspringen in allen Fällen einer Position der Überlegenheit, die nicht nur aus dem Handeln selbst, sondern auch in der Begrifflichkeit (etwa durch die Verwendung von Begriffen wie indulgentia oder clementia) deutlich wird. 2. Die absolute Überordnung der res publica: In zahlreichen exempla dieses Werkes steht die (von Valerius selbst mit dem Begriff privatus beschriebene) Vater-Sohn-Beziehung in einem kontrastierenden Verhältnis zum Interesse der res publica.110 Häufig geht es um das Fehlverhalten eines Sohnes, das sich gegen das Wohl oder die Regeln der res publica richtet. Die vom Vater erwartete Reaktion ist eindeutig: Es gilt unter allen Umständen, das ›öffentliche‹ Interesse zu wahren, wobei er den Sohn je nach Art der Verfehlung entweder bestrafen oder im Hinblick auf die Befolgung der 110 S. etwa die im Weiteren noch ausführlich zu erörternde Bemerkung publica instituta privata pietate potiora iudico im Beispiel 2,2,4 (De institutis antiquis).

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Regeln belehren muss. Auch der Umgang mit dem Tod von Söhnen muss mit der Verfolgung staatlicher Pflichten in Einklang gebracht werden. 3. Reflexion statt Handeln im Affekt: Sowohl bei Strafen als auch in positiven Gesten gilt es für den Vater, affektgeleitetes Verhalten zu vermeiden. Dies bedeutet, dass die Bestrafung eines Sohnes nur dann als angemessen und legitim beurteilt wird, wenn durch die Einbeziehung eines consilium amicorum et propinquorum oder durch die Reflexion des väterlichen Verhaltens ein mäßigendes Element in die Handlung einbezogen wird.111 Interessant ist, dass impulsives Handeln sich selbst im Hinblick auf die Unterstützung von Söhnen als problematisch erweist und sowohl für den Vater als auch für den Sohn negative Folgen haben kann. Auch hier gilt das Postulat des reflektierten Verhaltens.112 4. Das Ideal der Konfliktvermeidung: Die eben skizzierte Notwendigkeit, konfliktuelles Handeln in gemäßigte und akzeptierte Bahnen zu lenken, deckt jedoch nur einen Teil der Handlungsoptionen ab. Als die eigentlich wünschenswerte und in den meisten Fällen auch mögliche Lösung erweist sich die Vermeidung von Konflikten durch praktizierte moderatio. Dieses Verhalten erscheint nicht nur bei kleineren Vergehen eines Sohnes als bevorzugte Reaktion, sondern sogar bei einem den Vater in seiner Existenz bedrohenden Akt wie die Planung von parricidium. Hintergrund für dieses Ideal ist die Überzeugung, das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen sei ›von Natur aus‹ besonders und schützenswert.113 Besonders deutlich wird dieser Aspekt in Erbschaftsfragen thematisiert. Hier liegt die Betonung auf der leiblichen Abstammung, während rechtliche Fragen wie die (Nicht-) Zugehörigkeit zur familia (etwa durch Adoption) zunächst keine Rolle spielen. Das Bild, das sich aus der Analyse der en passant erwähnten Vater-SohnBeziehungen ergibt (Kapitel 2.4), steht in vieler Hinsicht in Kontrast bzw. sogar im Widerspruch zu dem eben skizzierten. Zunächst ist auffällig, dass Konflikte hier nie erwähnt werden. Auch eine eindeutige Verteilung der Handlungskompetenzen lässt sich nicht ausmachen: Die unterschiedlichen

111 Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang die reflektierte Übernahme von bestimmten sozialen Rollen (s. unten Kapitel 2.3.3.2). 112 Für Söhne lässt sich eine vergleichbare Forderung nur im Bereich der Verfehlungen festmachen, und auch dort nur bedingt. Zwar entspringt ihr Konfliktpotential in vielen Fällen einer Affekthandlung, die kritisiert und bestraft wird, doch nicht immer ist Bestrafung die notwendige Folge. Es mag sein, dass man der jüngeren Generation auch im Vertrauen auf ihre Lernfähigkeit eine größere Freiheit zubilligte bzw. angesichts ihrer Jugend mit einer gewissen Nachsicht vorging. 113 Zu den Vorstellungen einer »natürlichen Ordnung« (ordo naturae) bzw. eines »natürlichen Rechts« (ius naturae) bei Valerius s. unten Kapitel 2.3.4.2.

Die Inszenierung der Vater-Sohn-Beziehung

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Arten gegenseitiger Unterstützung gehen gleichermaßen von Vätern und Söhnen aus und werden nur in Ausnahmefällen mit hierarchisch konnotierten Begriffen wie moderatio, clementia oder indulgentia bezeichnet. Beide Partner scheinen vielmehr gleichsam auf einer Ebene miteinander zu agieren. Der grundlegende Unterschied zu dem inszenierten Bild betrifft jedoch die Bedeutung, die der res publica gegenüber dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn zugesprochen wird: Selbst bei schwerwiegenden Verstößen eines Sohnes gegen die res publica gilt die Umkehr der bisherigen Forderung: Anstelle einer Strafe besteht die angemessene Reaktion des Vaters nun darin, die Partei des Sohnes zu ergreifen und für diesen um Gnade zu bitten. Auch das ansonsten absolut dominierende Postulat der Überordnung der res publica kehrt sich gleichsam in sein Gegenteil um. Der Tod eines Sohnes ist für den Vater hier in erster Linie Grund zu tiefer Trauer, und statt – wie in den inszenierten Beispielen – scheinbar ungerührt diversen öffentlichen Aufgaben nachzugehen, kann er – so Valerius – von der res publica und ihren Repräsentanten sogar Rücksichtnahme auf seinen Schmerz erwarten. Im Folgenden werden die zwei eben skizzierten Bilder anhand der konkreten exempla einer ausführlichen Analyse unterzogen. Daran anschließend ist zu klären, welche Folgerungen sich aus diesen Ergebnissen für Intention und Rezeption, für die spezifische Form sowie für den Quellenwert des valerischen Werkes ergeben (Kapitel 2.5 und 2.6).

2.3 Die Inszenierung der Vater-Sohn-Beziehung Die Inszenierung der Vater-Sohn-Beziehung Die hier angesprochenen Beziehungen umfassen die beiden Ebenen, die in Kapitel 1.3 als unmittelbare und mittelbare Inszenierungen vorgestellt worden sind. Obgleich die Art der Inszenierung und damit auch der jeweilige Kapitelkontext bei der Untersuchung berücksichtigt werden müssen, ist eine gemeinsame Auswertung sinnvoll, da beide Ebenen im Hinblick auf die formale Konstruktion und das jeweils dargestellte Bild große Ähnlichkeiten aufweisen.

2.3.1 Klare Verteilung der Handlungskompetenzen Eine erste Bestandsaufnahme aller exempla, die das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen inszenieren, weist einen zunächst widersprüchlichen Befund auf: Einerseits lassen sich viele potentiell konfliktträchtige Situatio-

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nen ausmachen, doch andererseits ist die Anzahl der tatsächlich durchgeführten Auseinandersetzungen relativ gering.114 Ein Grund für diesen vermeintlichen Widerspruch liegt in spezifischen Handlungskompetenzen und Verhaltensmustern, die das Handeln von Vätern und Söhnen bestimmen. Sowohl für Konflikte als auch für positive Gesten besteht eine sehr eindeutige Verteilung der Handlungskompetenzen, die für das Verständnis der hier dargestellten Vater-Sohn-Beziehungen von zentraler Bedeutung ist. 2.3.1.1 Das Konfliktpotential der Söhne Träger von Konfliktpotential sind bei Valerius in erster Linie die Söhne. Von über 30 potentiell konfliktträchtigen Situationen gehen nur 6 auf ein väterliches Fehlverhalten zurück, während alle übrigen ihren Ursprung in Verfehlungen des Sohnes haben.115 Diese in ganz unterschiedlichen Kapiteln thematisierten Handlungen lassen sich in drei Kategorien zusammenfassen: (1) Angriffe gegen den Vater, (2) das Problem von luxuria und libido sowie (3) Verstöße gegen die Sicherheit oder die Interessen der res publica. 1. Das direkt gegen den Vater gerichtete Fehlverhalten, das in der Forschung – v.a. in seiner extremen Ausprägung des parricidium – große Beachtung gefunden hat,116 ist im valerischen Werk sehr präsent: Neben den häufig wiederkehrenden, hier jedoch nicht näher erörterten parricidiumAnklagen gegen die Caesarmörder spielt die Planung oder Durchführung von parricidium in sechs exempla eine zentrale Rolle. Auffällig ist jedoch, dass es nur in zwei Fällen tatsächlich zur Ermordung des Vaters kommt,117 114 Die Auseinandersetzungen werden im Kapitel 5,8 unmittelbar, in einigen anderen exempla (2,7,6; 9,11,5-6; 6,1,5) dagegen mittelbar in Szene gesetzt. Vgl. hierzu das folgende Kapitel 2.3.1.1. 115 Verfehlungen von Vätern finden sich in folgenden exempla: 5,4,3 (De pietate erga parentes); 6,1,5 (De pudicitia); 7,7,2-3 (De testamentis quae rescissa sunt); auch 8,6,1 (Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt) und 9,1,9 (De luxuria et libidine) haben väterliches Fehlverhalten zum Thema. Kein selbstverschuldetes, sondern auf falschen Informationen beruhendes falsches Vorgehen wird in dem ebenfalls auf Testamente bezogenen Beispiel 7,7,1 thematisiert. 116 Zu dem von Yan Thomas entworfenen, sehr konfliktgeprägten Bild der Vater-SohnBeziehung s. oben Kapitel 2.1. Unter die direkt gegen den Vater gerichteten Handlungen fallen darüber hinaus die impietas des Sohnes von Q. Hortensius (5,9,2) sowie die Enterbung des Terentius durch einen seiner Söhne (s. unten Kapitel 2.3.4). 117 9,11,5-6 (Dicta improba aut facta scelerata) nehmen eine Sonderstellung ein. Sie sind innerhalb des valerischen Werks die beiden einzigen exempla, in denen ein Fehlverhalten von Söhnen weder verhindert noch bestraft wird. Bezeichnenderweise handeln sie während der Bürgerkriege, deren Problematik in Bezug auf die Solidarität der engsten Nahbeziehungen bereits ausführlich erörtert worden ist (s. oben Kapitel 1.1). Beide Episoden thematisieren die Proskription zweier Männer von Rang (C. Toranius wird als praetorius und ornatus vir bezeichnet (9,11,5), wohingegen der Rang des L. Villius Annalis nicht zuletzt aus seiner Position als patronus hervorgeht (9,11,6). Zunächst gelingt es ihnen, sich vor den Häschern zu verstecken, doch dann werden sie von ihren Söhnen verraten und durch Soldaten der Triumvirn getötet. Obgleich die Söhne nicht

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während die übrigen Fälle lediglich einen (nicht bestätigten) Verdacht oder die Planung eines Vatermordes thematisieren.118 In vielen Fällen ist es die im weiteren Verlauf der Arbeit noch ausführlich zu behandelnde väterliche moderatio, die eine Eskalation des Konfliktes verhindern kann.119 Eine weitere, etwas weniger spektakuläre Konfliktlage betrifft die Verpflichtung, die ein erfolgreicher und berühmter Vater für seinen Sohn bedeutet: Sich eines solchen ruhmreichen Vorbildes nicht als würdig zu erweisen, sei es im allgemeinen Verhalten, in der Politik oder auf dem Feld, ist ein Affront nicht nur für den Vater, sondern für die ganze Familie. Auch dort, wo Valerius keine explizite Strafe für dieses Versagen erwähnt, wird deutlich, dass derart unrühmliche Söhne in Rom keine Zukunft hatten.120 2. Dem Problemkreis luxuria et libido widmet Valerius ein ganzes Kapitel (9,1). Diese Thematik wird im antiken Geschichtsdenken spätestens seit Sallust häufig im Zusammenhang mit der Vorstellung eines im Generationenverlauf sichtbaren moralischen Niedergangs behandelt, der mit der Zerstörung Karthagos seinen Anfang genommen habe. Es erstaunt daher nicht, dass das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen in diesem Kapitel wie auch in anderen luxuria-exempla von einiger Bedeutung ist.121 Immer selbst Hand anlegen, gilt ihre Tat für Valerius eindeutig als parricidium. In 9,11,6 sieht der Sohn gar bei der Hinrichtung des Vaters zu: occidendum in conspectu suo obiecit und wird damit – so der Kommentar des Valerius – zum bis parricida. 118 S. 5,9,1 und 5,9,3-4 sowie 8,1, absol. 13. Selbst Thomas weist darauf hin, dass es sich häufig um einen Verdacht handelt, und dass die häufige Thematisierung dieser Angst nicht notwendig der Realität entsprechen musste (Thomas, Paura dei padri, S. 122f. und S. 137f.). 119 S. unten Kapitel 2.3.4.1 und 2.3.4.2. 120 Vgl. hierzu insbesondere die exempla 3,5,1-3 (Qui a parentibus claris degeneraverunt), wobei das letzte dieser Beispiele eigentlich nur bedingt in diesen Kontext passt (s. unten Anm. 122). 3,5,1 dagegen, das sich mit dem – seiner domestica gloria unwürdigen – Verhalten des Sohnes von Scipio Africanus beschäftigt, macht besonders deutlich, welche Implikationen dies für die gesamte Familie hatte. Dabei ist diese Episode ein gutes Beispiel für die Pluralität der Verwendungsmöglichkeiten von exempla im valerischen Werk (s. oben Kapitel 1.2, Anm. 66): Während Valerius diese Episode in 3,5,1 als Beispiel für die degeneratio des Scipio anführt, dessen Versagen er in doppelter Hinsicht – auf dem Feld sowie im Streben um ein Amt – kritisiert (er hatte sich von Antiochos gefangen nehmen lassen, statt sich besser selbst zu töten; bei den Wahlen zur Prätur gewann er lediglich durch den freiwilligen Rücktritt des Schreibers Cicereius; zudem hinderten seine propinquii ihn daran, das Amt auszuüben, damit er es nicht beflecke), nimmt er beide Episoden jeweils einzeln in ganz anderen Kontexten wieder auf, in denen das Versagen des Sohnes nur am Rande von Bedeutung ist: So lobt er in 4,5,3 die verecundia des Cicereius, der aus Rücksicht auf den Sohn des Africanus von seiner Kandidatur zurücktritt. Und in 2,10,2 hebt er den ehrenvollen Empfang hervor, den Antiochos eben diesem Sohn gewährt, bevor er ihn zu seinem Vater zurückschickt: so groß sei die maiestas des Africanus gewesen, dass sogar ein Feind nicht zögerte, ihm die gebührende Ehre zu erweisen. 121 3,5,2-4 (Qui a parentibus claris degeneraverunt); 7,3,10 (Vafre dicta aut facta); 8,6,1 (Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt); 9,1,2; 9,1,5-6; 9,1,9 (De luxuria et libidine). Vgl. hierzu Guerrini, Modelli sallustiani, S. 162ff. und passim sowie Bellen, S. 324ff. Zum sallustianischen Geschichtsbild s. etwa Sall. Cat. 5,9-13,5 sowie Sall. Iug. 41-42 und Sall. Hist. 1 frag.12; vgl. hierzu auch unten, Anm. 473.

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wieder wird das von Ausschweifungen verschiedener Art geprägte Leben der auctores exempli dem vorbildhaften Verhalten ihrer Väter (und Großväter) gegenübergestellt,122 die oft zu den Größen der römischen Republik zählen, wie beispielsweise Q. Fabius Maximus Allobrogicus (3,5,2), der Redner Q. Hortensius (3,5,4) oder die für ihre continentia berühmten Curii (9,1,6). Vielfach wird dabei weniger eine direkte Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn als vielmehr der Mangel an imitatio durch die Söhne thematisiert, die dem exemplum frugalitatis der Väter nicht mehr folgen.123 In diesem Zusammenhang können exempla auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene gehoben und als Illustration des ›Sittenverfalls‹ getadelt werden. Versuche, dieses ausschweifende Verhalten zu korrigieren sind selten,124 und nur einmal wird die Verschwendungssucht eines Sohnes (Q. Fabius Maximus) explizit bestraft.125 3. Söhne, die gegen die Regeln oder das Interesse der res publica verstoßen, stellen ein besonderes, den Vater direkt involvierendes Konfliktpotential dar. Die Einordnung der meisten dieser exempla in das Kapitel 5,8 (De severitate patrum) weist darauf hin, dass von Vätern hier eine spezifische – strafende – Reaktion erwartet wurde. Des Weiteren findet sich diese Thematik in den Beispielen 2,7,6 (De disciplina militari) und 5,4,5 (De pietate erga parentes), sowie in abgeschwächter Form auch in 2,2,4 (De institutis antiquis) und 4,1,5 (De moderatione). Die Bandbreite der Verfehlungen reicht dabei von schlechter Provinzverwaltung (5,8,3) über Verstöße gegen die disciplina militaris (5,8,4 und 2,7,6) bis hin zum Vorwurf des Strebens nach regnum, der häufig im Zusammenhang mit der Verabschiedung von 122 3,5,3 passt insofern nicht wirklich in dieses Schema, als schon der Vater – Clodius Pulcher – mit sehr negativen Zügen gezeichnet wird. Aufgrund der Einordnung dieses exemplum in das genannte Kapitel wird es hier dennoch angeführt. 123 So bspw. in 9,1,5 und 9,1,6. Mangelnde imitatio in anderen Feldern (militärisch, politisch, im Einhalten der Sitten) wird insbesondere im Kapitel 3,5 (Qui a parentibus claris degeneraverunt) inszeniert. Zur imitatio patris s. auch unten Kapitel 2.3.4.3, besonders Anm. 303. Zum frugalitas-Bild der römischen Frühzeit vgl. auch Jacquemin, Salluste, S. 99. 124 Fast wird der Eindruck erweckt, es handele sich hier um eine gleichsam unausweichliche, geradezu schicksalhafte Entwicklung, auf die kaum Einfluss genommen werden kann. Lediglich in 7,3,10 (Vafre dicta aut facta) versucht der Vater, den Sohn durch eine List auf den rechten Weg zurück zu bringen, was von Valerius ausdrücklich gelobt wird. 125 Der praetor urbanus verbietet ihm, die bona paterna – also sein Erbe – zu übernehmen (3,5,2). Eine gerechte Strafe für ihr Tun erhalten Valerius zufolge auch Clodius Pulcher, der an seiner intemperantia stirbt (er isst zuviel Saumagen; 3,5,3) und Catilina, der mit der Strafe für seinen Angriff auf die res publica nach Darstellung des Valerius zugleich für das Handeln seinem Sohn gegenüber bezahlt (9,1,9). In Ausnahmefällen können luxuria et libido auch von einem Vater ausgehen. Catilina, der seinen Sohn vergiftet, um der Heirat mit einer neuen Frau den Weg zu ebnen (9,1,9), gilt dabei als malum exemplum schlechthin. Etwas komplexer ist die Sachlage in 8,6,1: C. Licinius bittet den praetor mit Erfolg darum, seinem verschwenderischen Vater die Verwaltung seiner Güter zu entziehen. Doch nachdem der Vater gestorben ist, verbraucht Licinius selbst in kürzester Zeit das gesamte Geld.

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Ackergesetzen angeführt wird (5,8,1-2 sowie 5,4,5).126 Weniger dramatisch, aber ebenfalls von großer Bedeutung sind Verstöße gegen Regeln, die Hierarchie und Verteilung von Ämtern festlegen.127 2.3.1.2 Indulgentia patrum und die Inszenierung väterlicher Überlegenheit Wie eingangs erwähnt, finden sich trotz des eben dargestellten Konfliktpotentials nur relativ wenige tatsächlich durchgeführte Auseinandersetzungen. Ein zentraler Grund für diesen zunächst erstaunlichen Befund liegt im Verhalten der Väter. Statt – wie man erwarten könnte – in erster Linie mit Belehrung und Strafe auf Verfehlungen von Söhnen zu reagieren, greifen sie vielmehr häufig auf gemäßigte und deeskalierende Maßnahmen zurück, die das Konfliktpotential erfolgreich entschärfen. Auch sonst ist Unterstützung von Seiten des Vaters sehr präsent, und zwei ganze Kapitel widmen sich moderatem und positivem Handeln von Vätern, während ihre Kontrollfunktion nur in einem Kapitel inszeniert wird.128 Da die Frage nach den Begründungen der väterlichen moderatio im Kapitel 2.3.4 ausführlich zu behandeln ist, sollen im Folgenden lediglich zwei allgemeinere Punkte angesprochen werden. 1. Ein zentrales Charakteristikum der hier behandelten exempla liegt in der Art des Fehlverhaltens, auf das Väter reagieren. Lediglich bei Verstößen gegen das Interesse der res publica zeigen sie Strenge, während milde und konfliktvermeidende Reaktionen meist im Zusammenhang mit anderen Delikten nachzuweisen sind, die sich häufig direkt gegen den Vater richten.129 2. Auffällig ist weiterhin, dass die meisten exempla sowohl durch ihre Darstellung als auch in ihrer Begrifflichkeit eine hierarchische Beziehung inszenieren. Die positiven Gesten der Väter – oft als moderate Reaktionen auf Verfehlungen der Söhne in Szene gesetzt – entspringen einer Position 126 In diesem Zusammenhang ist auch der Sohn des Senators Aulus Fulvius zu nennen, der die amicitia des Catilina gesucht und sich damit gleichsam des Verrates an der res publica schuldig gemacht hat (5,8,5). Wie die exempla 5,4,1 und 5,4,5 deutlichen machen, stellt Valerius die Vermeidung einer Eskalation interessanterweise gerade bei so grundlegenden Regelwidrigkeiten wie einem Angriff auf die res publica oder dem Einbringen eines Ackergesetzes als vom Sohn selbst ausgehend dar (s. hierzu unten Kapitel 2.3.4.3). 127 S. dazu das folgende Kapitel 2.3.1.2 sowie Kapitel 2.3.2.2. 128 Die Fälle von Bestrafung und Belehrung werden im folgenden Kapitel erörtert. Positive Gesten von Seiten des Vaters, die Konfliktpotential auffangen, finden sich in 5,7,1-2 (De parentum amore et indulgentia in liberos), in allen exempla des Kapitels 5,9 (De parentum adversus suspectus liberos moderatione) sowie in 7,3,10. Den Überschriften zufolge beziehen die genannten Kapitel sich auf Eltern und Kinder, doch die konkreten Beispiele thematisieren ausschließlich Väter und Söhne. Weitere Beispiele von Unterstützung für Söhne werden in 7,5,3, in 8,1, damn. 8, in 2,4,5 sowie in 9,12,7 erwähnt. Indirekt wird die Schutzfunktion des Vaters auch aus den Episoden 2,10,2 (De maiestate) sowie 5,2,4 (De gratis) ersichtlich (s. unten Anm. 132). 129 S. dazu Anm. 133.

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der Überlegenheit. Sie sind weder selbstverständlich noch erwartbar und somit letztlich vom guten Willen des Vaters abhängig.130 Unterstrichen wird dieser Eindruck auch durch die Begriffe, die das väterliche Verhalten charakterisieren und – wie etwa clementia, moderatio und patientia –131 seine Überlegenheit demonstrieren.132 Besonders offensichtlich ist das hierarchische Verhältnis im Kapitel 5,9 (De parentum adversus suspectos liberos moderatione), das wirkliche oder geplante Untaten von Söhnen zum Thema hat.133 Doch auch die anderen Beispiele machen deutlich, dass die Unerfahrenheit und Fehlerhaftigkeit der Söhne den eigentlichen Hintergrund für die indulgentia der Väter bilden.134 Zumindest teilweise hierarchisch angelegt 130 Dass moderatio für Valerius letztlich häufig als die einzig richtige Reaktion erscheint, ist hier zunächst zweitrangig. Wichtig ist, dass die Väter – im Gegensatz zur pietas der Söhne (s. unten Kapitel 2.3.4.3) – dieser Darstellung zufolge relativ frei über ihr Handeln entscheiden. S. hierzu auch Cotton, S. 265. Cottons Interpretation der indulgentia als »counterpart of the filial pietas« (ebd. S. 261f.) ist jedoch aufgrund der sehr unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten beider Seiten nur mit Vorbehalt zu akzeptieren. 131 In Bezug auf väterliches Verhalten kommen, ohne die Überschriften zu berücksichtigen, folgende Begriffe vor: indulgentia dreimal (5,7 pr.; 5,7,2 und 7,3,10, dazu indirekt auch für 5,7,1); clementia zweimal (5,9, pr. und 5,9,4), dazu indirekt der Verweis auf 5,9,1-3); patientia zweimal (5,9,2 und 5,10 pr.); moderatio einmal (5,9,2); benevolentia einmal (5,7,3); adfectus zweimal (5,7 pr. und 4,1,5); amor zweimal (7,10,3 und 8,1, damn.8). Pietas (bzw. pius) erscheint nur einmal in der praefatio von 5,7 (pius et placidus adfectus). Die hierarchische Bedeutung von indulgentia ebenso wie seine Verbindung zu dem Begriff der clementia wird auch von H. Cotton hervorgehoben, die sich mit dem indulgentia-Konzept in trajanischer Zeit befasst (Cotton, S. 266, S. 246 und passim). Zu Recht weist sie jedoch darauf hin, dass indulgentia dabei nicht als terminus technicus zu verstehen ist, sondern als offenes, unterschiedliche Aspekte umfassendes Konzept (ebd. S. 259 und S. 262). 132 Umgekehrt gibt es positive Beispiele, welche die Unterlegenheit des Sohnes betonen, wie etwa 5,2,4 (De gratis), das nur im übertragenen Sinne eine Vater-Sohn-Beziehung zum Thema hat: Der magister equitum Minucius wird durch ein plebiscitum dem Diktator Fabius gleichgestellt und läuft kurz darauf Gefahr, von den Samniten besiegt zu werden. Er wird durch die Hilfe des Fabius gerettet, nennt ihn pater und heißt seine Legionen, ihn als patronus zu grüßen (vgl. hierzu auch die Ausführungen im Kapitel 5.5, bes. Anm. 724). 133 Diese sind alle direkt gegen die Person des Vaters gerichtet, wobei sie ihn in drei Fällen durch die Planung von parricidium sogar existentiell betreffen (5,9,1 sowie 5,9,3-4). Weitere Anklagepunkte sind stuprum mit der Stiefmutter (5,9,1) sowie impietas und nequitia (5,9,2). Während sich die moderatio des Vaters im ersten exemplum (5,9,1) darauf beschränkt, den Sohn nicht einfach aufgrund eines Verdachtes zu bestrafen, sondern zunächst die Schuldfrage zu klären (und den Verdacht damit auszuräumen), geht die moderate Haltung in den anderen drei Fällen darüber hinaus. Obgleich die Schuld – zumindest im Hinblick auf die Planung von Untaten – als erwiesen betrachtet wird, üben sich die Väter in moderatio, indem sie auf eine Bestrafung oder Enterbung des Sohnes verzichten bzw. den Versuch unternehmen, den Sohn wieder auf den rechten Weg zu bringen. 134 Das Moment der Milde angesichts einer Verfehlung des Sohnes zeigt sich insbesondere im Falle des Ritters Caesetius, der von Caesar aufgefordert wird, seinen Sohn zu verstoßen, weil dieser als tribunus plebis Caesar des regnum beschuldigt habe (5,7,2). Die Weigerung des Caesetius (die in der Epitome des Livius (Per. 116) übrigens nicht überliefert ist) erscheint erstaunlich, da das Vergehen des Sohnes schon beinahe der Kategorie ›Verstoß gegen die Interessen der res publica‹ zuzuordnen und daher eigentlich streng zu ahnden wäre. Doch andererseits kann Valerius

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ist schließlich auch die schutz- und prestigevermittelnde Funktion des Vaters, die Valerius in mehreren exempla inszeniert.135 Da der Ruhm des Vaters sehr direkt zum (Wahl-) Erfolg eines Römers beitragen oder in Gerichtsverfahren eine Entscheidung zu seinen Gunsten herbeiführen konnte,136 erstaunt es nicht, dass es immer wieder Versuche gab, fälschlicherweise berühmte Vorfahren für sich in Anspruch zu nehmen. Diese Versuche werden – nicht nur auf den Vater bezogen – im Kapitel 9,15 (De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt) direkt inszeniert und darüber hinaus in verschiedenen anderen Zusammenhängen erwähnt.137 Zwar waren umgekehrt auch Söhne in der Lage, den Ruhm ihres Vaters zu steigern, doch zum einen hatte dies zumeist weniger praktische Auswirkungen und zum anderen handelte es sich dabei häufig um Handlungen, die erst nach dem Tod des Vaters vollzogen wurden (vgl. Kapitel 2.3.1.4.) 2.3.1.3 Die Kontrollfunktion des Vaters Die Vermeidung von Konflikten ist jedoch nicht in allen Fällen möglich oder wünschenswert. Sobald das Verhalten eines Sohnes das Wohl oder auch nur die Regeln der res publica angreift, ist der Vater nicht mehr als Moderator, sondern vielmehr als strenger Richter und Beschützer der überkommenen Ordnung gefragt – auch gegen die Interessen des Sohnes. Die spektakulärsten und meistzitierten Illustrationen dieser politischen Funktionalität der Vaterrolle, die häufig unter dem Stichwort patria potestas diskutiert wird, finden sich im Kapitel 5,8 (De severitate patrum in liberos). Die hier geschilderte extreme Machtstellung der Väter, die bis zum »Recht über Leben und Tod« (ius vitae necisque) reicht, ist Teil eines differenzierten gerade hierdurch die geradezu sprichwörtliche clementia Caesaris besonders deutlich in Szene setzen (vgl. zu diesem exemplum auch unten Kapitel 2.3.3.3). 135 Umgekehrt bestand auch die Gefahr, dass unerwünschtes väterliches Verhalten negative Folgen für den Sohn hatte, wie 9,3,5 (De ira aut odio) deutlich macht. Besonders hervorzuheben – aber keineswegs immer positiv – war es, wie die Beispiele 2, 4 und 5 des Kapitels 3,4 (De humili loco natis qui clari evaserunt) illustrieren, wenn es dem Sohn eines unbekannten oder ruhmlosen Vaters gelang, in der sozialen Hierarchie aufzusteigen. 136 S. etwa 4,5,3 (De verecundia) oder 9,3,2 (De ira aut odio), in dem e negativo deutlich wird, dass der Ruhm eines Vaters dem Fortkommen des Sohnes im allgemeinen dienlich sein sollte. 8,1, absol. 10 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint) inszeniert einen Freispruch, der ausdrücklich propter vetustissimam nobilitatem et recentem memoriam patris erging, und auch in dem Scipio Africanus gewidmeten Beispiel 6,2,3 (Libere dicta aut facta) wird der Kriegsruhm seines Vaters als ein Motiv für den Einfluss des Scipio auf das Volk genannt. 137 Bis auf 9,15,2 rekurrieren alle hier angeführten exempla zumindest auch auf die Beziehung zu einem Vater, daneben werden die Mutter sowie der Großvater als Bezugspersonen genannt. Zwar gelingt es einigen Betrügern zunächst, ihr Vorhaben durchzusetzen, doch schließlich siegt in fast allen Fällen das Recht – zweimal in der Form der aequitas Caesaris, die von Valerius hier in gebührender Weise in Szene gesetzt wird. Weitere Beispiele, die sich auf den berühmtberüchtigten Equitius beziehen, sind 3,8,6 (De constantia) sowie 9,7,1-2 (De vi et seditione).

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Systems väterlicher Kontroll- und Handlungskompetenzen, das im Laufe der vorliegenden Arbeit herausgearbeitet werden soll.138 Die Handlungsspielräume eines Vaters hängen dabei zum einen von der konkreten Verfehlung des Sohnes und zum anderen von der eigenen Machtposition ab. Eine Bestrafung des Sohnes, die auch als solche von Valerius inszeniert wird, findet sich ausschließlich bei Vergehen, welche die Grundfeste der res publica in Frage stellen. Dies betrifft insbesondere das Streben nach regnum und Verstöße gegen die disciplina militaris, aber auch tadelnswerte Provinzverwaltung fällt in diese Kategorie.139 In solchen Fällen kann die Strafe tatsächlich bis hin zur Tötung des Sohnes gehen, wobei dieses durchaus nicht unproblematische Vorgehen durch ein Moment der Reflexion in allen Fällen einer gewissen Kontrolle unterworfen ist.140 Nicht immer muss Fehlverhalten gegenüber der res publica jedoch so hart geahndet werden. Solange die Verstöße gegen ›einfache‹ Regeln der res publica gerichtet sind, kann sich väterliches Eingreifen auf tadelnde Belehrung bzw. Korrektur des Sohnes beschränken wie dies etwa in 2,2,4 (De institutis antiquis) deutlich wird.141 Diese zunächst relativ überschaubare Zweiteilung der väterlichen Kontrollfunktion gewinnt vor dem Hintergrund römischer Machstrukturen an Komplexität. So stellt sich etwa die Frage, worauf ein Vater sein Vorgehen gegenüber einem Sohn stützen kann, wenn dieser sein Handeln auf die eigentlich unangreifbare potestas des Amtsträgers gründet oder wenn der Sohn der väterlichen potestas gar nicht mehr untersteht.142 Die konkrete Form, die das kontrollierende Vorgehen der Väter jeweils annimmt, wird in den Kapiteln 2.3.2.1 sowie 2.3.2.2 einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Dabei wird deutlich werden, dass in einigen Fällen sogar die Kollaboration der Söhne – gleichsam gegen ihr eigenes Interesse – notwendig ist, um die Forderung nach Überordnung der res publica auch in Grenzfällen 138 Vgl. Kapitel 2.3.2. Dabei ist hervorzuheben, dass das Kapitel 5,8 keine externen exempla aufweist. Dieser Umstand lässt vermuten, dass Valerius die hier illustrierte Strenge und ihre weit reichenden, in der patria potestas begründeten Handlungsmöglichkeiten als spezifisch römisch betrachtet (vgl. hierzu auch Gai. inst. 1,55 sowie Dion. Hal. ant. 2,26,1ff.). 139 Zu regnum s. 5,8,1-2 sowie 5,4,5; zu disciplina militaris vgl. 2,7,6 und 5,8,4. Schlechte Provinzverwaltung ist Thema des Beispiels 5,8,3. Die einzige vom Vater ausgehende Bestrafung eines Sohnes, die keines dieser Delikte betrifft, findet sich in 6,1,5 (De pudicitia) und ist problematisch (s. unten Anm. 146 und 175). 140 S. unten Kapitel 2.3.3. 141 In dem später noch ausführlich behandelten exemplum 2,2,4 wird der Konsul Q. Fabius Maximus von seinem Vater zurechtgewiesen, weil er die Beziehung zu seinem Vater über die Ehrenrechte des Konsuls gestellt hatte. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass einige Beispiele, die eigentlich von einer ›Korrektur‹, konkret von einem Eingreifen des Vaters zu Ungunsten des Sohnes, berichten, bei Valerius in einem ganz anderen Licht geschildert werden, wie etwa 4,1,5 (De moderatione). S. dazu die Ausführungen in Kapitel 2.3.2. 142 Vgl. die Erörterung von 5,4,5, unten Kapitel 2.3.2.

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durchsetzen zu können. Doch zuvor soll der Blick noch auf die positiven Handlungsoptionen der Söhne gerichtet werden, mit denen das Kapitel über die Verteilung der Handlungskompetenzen seinen Abschluss finden wird. 2.3.1.4 Pietas erga parentes: positive Handlungsmöglichkeiten des Sohnes Trotz der eben geschilderten vergleichsweise klaren Verteilung der Handlungskompetenzen zwischen Vätern und Söhnen gibt es von Seiten der Söhne ebenfalls unterstützende und positive Handlungen. In erster Linie ist hier das Kapitel 5,4 (De pietate erga parentes) zu nennen, von dessen sieben Beispielen vier die Interaktion zwischen Vätern und Söhnen betreffen. Daneben inszeniert ein weiteres exemplum die pietas eines Sohnes mittelbar (5,2,7), während andere Beispiele Unterstützung und Ehrung des Vaters thematisieren.143 Obschon diese pietas-Handlungen auf ganz unterschiedliche Bereiche bezogen sind, ist ihnen gemein, dass sie sich in einem Raum abspielen, den man – bei aller gebotenen Vorsicht in der Verwendung dieses Begriffes – als ›öffentlich‹ bezeichnen kann: Der Sohn kommt seinem Vater im Krieg zur Hilfe, bekämpft gerichtliche Ankläger des Vaters oder setzt sich für dessen Heimkehr aus dem Exil ein.144 Des Weiteren ist von Bedeutung, dass oft weniger der Sohn, als vielmehr die personifizierte Pietas als auctor exempli zu agieren scheint. Natürlich handelt es sich dabei auch um ein rhetorisches Vorgehen mit dem Ziel, die Bildlichkeit der Erzählung zu steigern. Dennoch wirft diese Art der Darstellung zugleich ein interessantes Licht auf die Handlungsmöglichkeiten der Söhne. Indem ihr Verhalten gleichsam durch die personifizierte Pietas selbst gesteuert wird, erscheint es letztlich als eine erwartbare Handlung. Das Moment der Entscheidung und des reflektierten Vorgehens, das als zentrales Charakteristikum des väterlichen Vorgehens ausgemacht worden ist, fehlt in den meisten Beispielen. Damit werden Söhne trotz ihrer bewundernswürdigen Taten letztlich nicht als ebenbürtige Gegenspieler ihrer Väter dargestellt: Die Positionen sind auch hier klar verteilt. Wie die Untersuchung der Verteilung der Handlungsmöglichkeiten deutlich gemacht hat, sehen sich die Akteure der valerischen exempla mit bestimm143 Zu nennen sind hier etwa 7,4,2 (Strategemata), 8,1, absol. 3 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint) sowie 2,1,9 (De institutis antiquis). 2,4,7 (De institutis antiquis) sowie 7,1,1 (De felicitate) inszenieren Ehrerweisungen, die nach dem Tod des Vaters vollzogen werden. 144 Hilfe im Krieg wird in 5,4,2, Unterstützung vor Gericht in 5,4,3 sowie 5,4,4 in Szene gesetzt (alle drei aus dem Kapitel De pietate erga parentes). 5,2,7 (De gratis) thematisiert den Einsatz eines Sohnes für die Heimkehr des Vaters. Die nicht mit dem Begriff der pietas bezeichnete Kollaboration zwischen Sextus Tarquinius und seinem Vater bei der Eroberung von Gabii (7,4,2; Strategemata) lässt sich als ›halböffentliche‹ Handlung bezeichnen.

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ten Handlungserwartungen konfrontiert, die ihr Verhalten in hohem Maße prägen. Auf welchen Prinzipien diese Erwartungshaltung basiert und welche Folgen sie für das Verhalten von Vätern und Söhnen haben, soll in den folgenden Ausführungen herausgearbeitet werden. An erster Stelle steht das Postulat der Überordnung des ›öffentlichen‹ Wohles über eventuelle konkurrierende Interessen.

2.3.2 Die Überordnung der res publica Die Forderung nach absoluter Überordnung der Interessen der res publica über alle übrigen Belange richtet sich im valerischen Werk in erster Linie an Väter. Sie betrifft zum einen die bereits erwähnte Kontrollfunktion des Vaters, der bei Verstößen eines Sohnes gegen die res publica jedwede positive und affektive Beziehung zu seinem Sohn zugunsten des ›öffentlichen‹ Interesses zurückstellen und diesen korrigieren bzw. bestrafen muss.145 Die konkrete Form des väterlichen Vorgehens hängt dabei sowohl von der Art der Verfehlung als auch von den Handlungsoptionen des Vaters ab.146 Ein zweiter Bereich, in dem diese Überordnung – sogar in einem eigenen Kapitel – besonders eindrücklich in Szene gesetzt wird, ist das Verhalten, das Väter beim Tod eines Sohnes an den Tag legen.147 Auch hier gilt es, die persönliche Beziehung, d.h. die väterliche Trauer, den öffentlichen Pflichten unterzuordnen.

145 Ein exemplum scheint gegen diese Forderung absoluter Überordnung der res publica zu widersprechen – zumindest wenn man Caesar als den Vorläufer der kaiserzeitlichen principes betrachtet. In 5,7,2 (De parentum amore et indulgentia) wird ein römischer Ritter von Caesar aufgefordert, seinen Sohn zu verstoßen (abdicare), da dieser Caesar durch den Vorwurf des regnum kompromittiert habe. Der Vater weigert sich, und aufgrund seiner clementia verzichtet Caesar auf eine Bestrafung. Als zentral für das Verständnis dieses Beispiels erweisen sich hier zum einen der Kontext des Kapitels (Thema ist väterliche indulgentia, die konkreten Umstände sind nur von sekundärem Interesse) und zum anderen die Person Caesars: Die sprichwörtlich gewordene clementia Caesaris war ein wichtiges Element in Caesars Panegyrik, und sie wird von Valerius auch in anderen Zusammenhängen gepriesen (s. etwa 5,1,10 und 6,2,11) – doch braucht sie immer ein Fehlverhalten anderer, um in Aktion treten zu können. Dass diese Episode in Liv. Per. 116 thematisiert wird, ohne das väterliche Eingreifen zu erwähnen, ist nur bedingt aussagekräftig, denn es ist durchaus denkbar, dass die Rolle des Vaters im livianischen Werk selbst Erwähnung gefunden hatte. 146 Zur Frage der Handlungsoptionen des Vaters s. oben Kapitel 2.3.1.3 sowie die Ausführungen in Kapitel 2.3.2.2. Signifikant ist in diesem Zusammenhang, dass das einzige Beispiel, das die Bestrafung eines Sohnes inszeniert, ohne dass eine Verfehlung gegen die res publica vorlag, mit einer freiwilligen Selbstbestrafung des Vaters endet (6,1,5 De pudicitia). 147 Es handelt sich um die Rubrik 5,10 (De parentibus, qui obitum liberorum forti animo tulerunt), die im Kapitel 2.3.2.3 behandelt wird. Der Titel ist hier insofern nicht ganz zutreffend, als alle exempla die Haltung eines Vaters beim Tod eines oder mehrerer Söhne zum Thema haben.

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2.3.2.1 Der Angriff auf die Fundamente der res publica und das ius vitae necisque Eine der schlimmsten Verfehlungen, derer ein Römer sich schuldig machen konnte, war ein Angriff auf die Fundamente der res publica, zu denen in der Zeit der Republik insbesondere die aristokratische Regierungsform sowie die militärische Disziplin zählten.148 In den Facta et dicta memorabilia finden sich mehrere exempla, die ein solches Verhalten – von Söhnen ausgehend – thematisieren und den Vätern dabei die Pflicht der Bestrafung zuschreiben. Die Strafen werden vor allem im Kapitel 5,8, aber auch in 2,7,6 in Szene gesetzt149 und zeigen die extreme Machtstellung der Väter, die bis zum Recht über Leben und Tod reicht. Dieses auch unter dem Stichwort ius vitae necisque bekannte Konzept ist in der Forschung umstritten, wobei in erster Linie diskutiert wird, aus welcher Machtbefugnis heraus ein Vater seinen Sohn töten konnte (aufgrund der hausväterlichen patria potestas? doch eher als Inhaber eines magistratischen Amtes?) und welcher Realitätsbezug dem Konzept des ius vitae necisque zuzusprechen ist.150 Für letzteres sei auf die abschließenden Kapitel 2.5.2 sowie 2.5.3 verwiesen, in denen diese Frage für die Gesamtheit der inszenierten Interaktionen behandelt wird. Zur Frage der Machtbefugnis lässt sich folgendes festhalten: 1. Valerius führt zwei exempla von Sohnestötung an, in denen die Väter ein Amt innehaben und die Bestrafung auch explizit als Amtsträger – und somit nicht aufgrund des ius vitae necisque – durchführen: 2,7,6 und 5,8,1. Im Falle von 2,7,6 (De disciplina militari) ist dies insofern einsichtig, als das exemplum Teil eines Kapitels ist, das die Durchsetzung der disciplina militaris gegenüber verschiedenen privilegierten Beziehungen inszeniert.151

148 Zur Bedeutung, die Valerius der disciplina militaris zuschreibt, s. die praefatio zum Kapitel 2,7 (De disciplina militari); vgl. auch Weileder, S. 209ff., S. 217ff. und passim sowie Lehmann, S. 22. Der Vorwurf des Strebens nach regnum, meist in Verbindung mit dem Einbringen von Ackergesetzen, hatte spätestens seit den Gracchen eine hohe politische Brisanz. S. dazu auch das folgende Kapitel 2.3.2.2. 149 In den Beispielen 1, 2 und 5 des Kapitels 5,8 lässt ein Vater seinen Sohn töten, weil er sich des Strebens nach regnum schuldig gemacht bzw. weil er sich Catilina angeschlossen hatte. Auch in 2,7,6 lassen zwei Väter ihre Söhne hinrichten, die gegen die disciplina militaris verstoßen haben. In 5,8,3 und 5,8,4 beschränkt sich die väterliche Strafe auf ein ›Verstoßen‹ des Sohnes (s. dazu die Ausführungen zur abdicatio im Kapitel 2.3.2.2), das jedoch in beiden Fällen den Selbstmord der Söhne zur Folge hat. 150 Zu ius vitae necisque und patria potestas s. Kapitel 2.1. 151 Es befindet sich an prominenter Stelle im Kapitel über disciplina militaris, deren Bedeutung von Valerius in der praefatio hervorgehoben wird: die disciplina militaris sei zugleich praecipuum decus und stabilimentum des Römischen Reiches sowie Beschützerin des momentanen pacis status. Die Darstellung spitzt sich im Verlaufe des Kapitels immer weiter zu, da die militärische Strenge gegenüber stetig enger werdenden familiären Beziehungen durchgesetzt wird. Die Linie zieht sich vom Schwiegervater über Blutsverwandte und Brüder bis hin zu Söhnen (2,7,6) und – als zweiter Höhepunkt – zur Durchsetzung militärischer Strenge gegen einen Konsul (2,7,8).

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Es handelt sich in allen Fällen um Amtsträger, die qua Amt handeln und die Überordnung der res publica demonstrieren. Das exemplum von Postumius Tubertus und Torquatus fügt sich nahtlos in diese Reihe ein und bildet zugleich einen Höhepunkt, und zwar sowohl im Hinblick auf die Besonderheit der hier inszenierten Beziehung als auch durch die Art der Beschreibung. In zwei emphatischen Apostrophen erinnert Valerius an die bekannten Ereignisse. Die Söhne von Manlius Torquatus und Postumius Tubertus – Verkörperungen altrömischer virtus – waren ohne einen Befehl ihrer Väter (diese waren respektive Konsul und Diktator) gegen den Feind gezogen und hatten gesiegt. Daraufhin ließen beide Väter ihre Söhne töten, denn ein solcher Verstoß gegen die militärische Ordnung bedeutete in der Frühzeit der Republik eine existentielle Gefährdung der res publica. Valerius evoziert zahlreiche gefühlsmäßige Bindungen zu den Söhnen, deren ungeachtet die Väter – bellicarum rerum severissimi custodes – ihrer Pflicht als militärische Befehlshaber nachgekommen waren. Valerius kommentiert, Torquatus habe seinen Sohn in modum hostiae getötet. Er betrachtet es gleichsam als ein Opfer zum Wohle der res publica. Denn, so Valerius: satius esse iudicans patrem forti filio quam patriam militari disciplina carere. 152 Im Beispiel 5,8,1 (De severitate patrum in liberos), würde man aufgrund der Kapitelzugehörigkeit erwarten, dass es um die Inszenierung der väterlichen Strenge – mithin um das ius vitae necisque – geht, doch eine genaue Analyse widerlegt diese Annahme. L. Brutus, Träger des summum imperium, lässt seine Söhne hinrichten, weil sie die Monarchie der Tarquinier wieder einführen wollten. Sein Amt alleine ist kein entscheidender Beleg dafür, dass Brutus hier nicht auf der Basis des hausväterlichen Rechts über Leben und Tod handelt, auch wenn diese Argumentation in der Forschung zuweilen zu finden ist.153 Entscheidend für die Bewertung seines Vorgehens ist vielmehr, dass es explizit als magistratisches Handeln beschrieben wird: exuit patrem, ut consulem ageret, orbusque vivere quam publicae vindictae deesse maluit. Diese begriffliche Präzisierung macht deutlich, dass Brutus Zur Struktur dieses Kapitels s. auch Honstetter, S. 55-63; zur Bedeutung der militärischen Aspekte im Werk des Valerius s. Weileder, S. 217ff. und passim. 152 Hier wird deutlich, dass die Nahbeziehung zwischen Vater und Sohn notwendige Voraussetzung für die Konstruktion des exemplum ist: Erst durch diese extreme Verdichtung zeigt sich die ganze Bedeutung, die der disciplina militaris zukam. Berichtet wird diese Episode von Valerius auch im Beispiel 6,9,1 (De mutatione morum aut fortunae). 153 Harris, S. 82ff. zufolge geht es hier nicht um das väterliche Tötungsrecht, sondern um die Anwendung des imperium, denn seiner Ansicht nach liegt in allen Fällen, in denen der Vater ein Amt innehat, kein Fall von ius vitae necisque vor. Sachers, Sp. 1086, möchte hier ein Beispiel für die Anwendung des ius vitae necisque sehen, während sich nach Auffassung von Thomas, Vitae necisque potestas, S. 514f., zumindest eine Vermischung von patria potestas und imperium feststellen lässt.

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aus Sicht des Valerius als Inhaber des konsularischen imperium handelt, wobei durch die Einordnung in die Rubrik väterlicher Strenge zugleich der Verweis auf die politische Funktionalität der Vaterrolle bestehen bleibt.154 2. Dass ein Amt der valerischen Darstellung zufolge jedoch keine notwendige Voraussetzung für das Tötungsrecht darstellt, zeigen zwei weitere Beispiele des Kapitels über strenge Väter. Cassius (5,8,2) lässt seinen Sohn hinrichten, weil dieser das regnum angestrebt habe. Der Senator Aulus Fulvius führt seinem Sohn dem gleichen Schicksal zu, weil dieser sich Catilina angeschlossen hatte (5,8,5). Keiner der beiden Väter hat ein Amt inne – sie agieren vielmehr explizit ›als‹ Väter. So ruft beispielsweise Cassius ein consilium necessariorum zusammen und erlässt das Urteil domi. Obgleich die patria potestas nicht thematisiert wird, ist davon auszugehen, dass die hausväterliche Gewalt bzw. das ius vitae necisque in diesen Fällen die Grundlage ihres Handelns bilden. Die eingangs beschriebene Funktionalität der väterlichen Kontrolle im politischen Bereich wird durch diese Beobachtung bestätigt. Hervorzuheben ist im Falle des Cassius (5,8,2), dass er abwartet, bis der Sohn sein Amt (er ist Volkstribun, also sakrosankt) niedergelegt hat – die väterliche potestas ordnet sich hier selbst in der Krise der Amtsgewalt unter, ohne damit jedoch völlig auf ihre Kontrollfunktion zu verzichten.155 Diese Überlegung führt jedoch bereits zu einem weiteren Problem, das im folgenden Abschnitt behandelt werden soll: die Frage nach den Grenzen der väterlichen Handlungsoptionen.

154 Brutus erscheint gleichsam als Träger zweier unvereinbarer ›Rollen‹, die er kontextabhängig aktiviert. (Zur Frage rollenbezogenen Handelns s. unten Kapitel 2.3.3.2.) 155 Auch in der Version des Livius (2,41) wird erwähnt, dass die Amtsniederlegung seiner Verurteilung vorausging, wobei Cassius dort nicht Tribun, sondern Konsul ist. Hinsichtlich des genauen Ablaufs bietet Livius zwei Varianten, von denen die erste der eben besprochenen valerischen Version ähnelt, während die zweite und von Livius als die plausiblere beurteilte Variante sich zu großen Teilen in einem anderen valerischen exemplum (6,3,1b) wiederfindet, in dem Cassius nicht von seinem Vater, sondern von Senat und Volk verurteilt wird. Maslakov, S. 478ff. zufolge handelt es sich dabei um eine frühere (iudicium domesticum) und eine spätere (iudicium populi) Version (vgl. hierzu Chassignet, S. 91f.). Indem Valerius die Ausübung väterlicher Macht zur Bewältigung einer politischen Krise in das Zentrum stellte, habe er sich im Falle von 5,8,2 für die Variante entschieden, die von den meisten anderen Autoren vermieden worden sei (s. hierzu auch Panitschek, S. 236f.). Das Beispiel 6,3,1b ziele dagegen auf die Betonung einer einstimmigen, von Volk und Senat vorgenommenen Verurteilung (Maslakov, S. 482). Die Entscheidung des Valerius, beide Versionen dieser Erzählung aufzunehmen und sie in zwei getrennte und auch in ihrer Aussageintention verschiedene Kapitel einzuordnen, weist darauf hin, dass es sich hier tatsächlich um bewusst konstruierte Bilder handelt. Zudem zeigt sich, dass Valerius eine Episode unter verschiedenen exemplarischen Gesichtspunkten betrachten kann (s. hierzu oben Kapitel 1.2, bes. Anm. 66).

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2.3.2.2 Potestas? pietas? auctoritas? Die Grenzen der väterlichen Kontrollmöglichkeit Die zentrale Frage des vorangehenden Kapitels galt der Machtgrundlage, von der aus ein Vater seine strafende Funktion ausüben konnte, wobei zunächst die Unterscheidung zwischen einem Handeln auf der Basis von patria potestas einerseits und durch magistratische Gewalt andererseits vorgenommen wurde. Die Geltung der väterlichen potestas wurde als selbstverständlich angenommen. Es gab indes auch Konstellationen, in denen die Gültigkeit der hausväterlichen Gewalt strittig war: Dies galt insbesondere für die Fälle, in denen sich ihr eine magistratische potestas des Sohnes entgegenstellte und somit die Frage nach einer Hierarchie der beiden Gewalten aufgeworfen wurde. Kaum weniger problematisch war es, wenn der zu strafende Sohn der väterlichen potestas nicht mehr unterworfen war. Wie die folgenden Ausführungen zeigen werden, hatten Väter dennoch in beiden Fällen gewisse Handlungsoptionen, die ein kontrollierendes und gegebenenfalls strafendes Eingreifen ermöglichen. Sie basierten jedoch der valerischen Darstellung zufolge nicht direkt und ausschließlich auf der patria potestas, sondern zeigten vielmehr auch deren Grenzen auf. Auf den ersten Blick weist das Beispiel 5,4,5 (De pietate erga parentes) eine große Ähnlichkeit mit dem bereits besprochenen Exempel des Cassius (5,8,2) auf. Es schildert die Episode des Volkstribunen C. Flaminius, der gegen den Widerstand des Senats ein Ackergesetz einbringt, trotz der Drohung militärischen Eingreifens bei seinem Vorhaben bleibt und schließlich von seinem Vater von den rostra geholt wird. Bei genauerem Hinsehen werden zwei zentrale Unterschiede zum Cassius-exemplum deutlich. Zum einen die Einordnung dieses Falles in das pietas-Kapitel und zum anderen der Umstand, dass der Vater noch während der Amtsausübung des Sohnes eingreift, während Cassius die Amtsniederlegung abgewartet hatte. Rein rechtlich gesehen erscheint das Vorgehen des Flaminius als Verstoß gegen elementare Normen der res publica: die sacrosanctitas des Volkstribunen wird offenbar nicht respektiert. Im Bewusstsein um diese Problematik ist in der Forschung verschiedentlich der Versuch gemacht worden, das väterliche Vorgehen mit außerordentlichen Handlungsmöglichkeiten der patria potestas zu erklären, die bei einer Bedrohung für die res publica in Kraft getreten seien.156 Eine überzeu156 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 528, zufolge ist die patria potestas ohnehin eben dadurch ausgezeichnet, dass sie sogar der Amtsmacht übergeordnet ist. Bei Valerius findet sich jedoch – außer dem hier behandelten Streitfall – kein einziges exemplum, das eine solche Situation darstellt. Botteri, S. 52ff., argumentiert ähnlich wie Thomas: Zwar geht sie auf die sacrosanctitas und die Überordnung des Tribunen ein, doch dann setzt sie gerade für den hier genannten Fall eine Ausnahme, die sie, ohne zu erklären, warum und in welcher Situation bestimmte Entscheidungen

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gende Deutung bieten diese Ansätze nicht, zumal die bei Cicero überlieferte Version dieser Episode zeigt, dass im vorliegenden Falle ein klarer Konflikt vorlag.157 Auch wird das hier inszenierte Spannungsverhältnis zwischen ›privater‹ und ›öffentlicher‹ potestas nicht nur im valerischen Werk, sondern in der römischen Normendiskussion insgesamt stets von neuem erörtert und durchgespielt. Aufgrund der Quellenlage lassen sich die genauen Umstände dieser Episode nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Anders als in den bisher dominierenden Ansätzen, die in erster Linie auf die Rekonstruktion des ›tatsächlichen‹ Geschehens ausgerichtet waren, wird im Folgenden der Versuch gemacht, die valerische Interpretation dieses Ereignisses zu erklären. Dabei soll die valerische Darstellung dieser Episode vor ihrem zeitgenössischen Hintergrund und in ihrem literarischen Kontext gedeutet werden. Ein besonderes Augenmerk wird in diesem Zusammenhang auf zwei spezifische Darstellungselemente gerichtet, die in der bisherigen Forschungsdiskussion kaum Beachtung gefunden haben. Es handelt sich zum einen um die Entscheidung des Valerius, dieses exemplum unter die Beispiele von pietas erga parentes einzureihen und nicht etwa – was naheliegend wäre – in das Kapitel 5,8 über väterliche Strenge. Das zweite Element betrifft den Eingangssatz dieses Beispiels – Apud C. quoque Flaminium auctoritas patria aeque potens fuit – dem für das Verständnis der valerischen Darstellung eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommt. Zunächst jedoch zu dem Geschehen selbst. Die in diesem exemplum geschilderte Situation ist an Dramatik kaum zu übertreffen: Dass ein Volkstribun ein Ackergesetz einbringt, ist an sich fallen, sehr allgemein begründet: »In conclusione, se l’iniziativa di intervenire in qualche misura nella cosa publica, senza l’autorità competente e conferita in forma ufficiale, pone fuori legge il semplice cittadino, è vero invece che una sorta di santa sanzione lo colloca al di sopra del diritto positivo, quando questa iniziativa è volta ad assicurare l’ordine e la pace della communità.« (ebd. S. 54). Dass die Situation so einfach nicht ist, zeigen das bereits besprochene exemplum 5,8,2 (s. Kapitel 2.3.2.1) sowie Cic. inv. 2,52 (vgl. dazu die folgenden Ausführungen im Text). Auch Wlosok, Vater und Vatervorstellungen, S. 20, bietet keine überzeugende Erklärung für dieses Vorgehen bzw. für den spezifischen Ort dieses Exempels im pietas-Kapitel: Er stellt zunächst fest, dass »gegenüber dem Sohn im Amt die patria potestas in der Öffentlichkeit vorübergehend außer Kraft« trat und verweist auf das später zu untersuchende exemplum 2,2,4 (s. Kapitel 2.3.2.3). Mit Blick auf das vorliegende Beispiel des Flaminius fährt er jedoch fort: »Im Hause blieb der Vater unbestrittener Herr. Zuweilen schien sich sogar das ›private imperium‹ auch in der Öffentlichkeit als stärker erwiesen zu haben. Jedenfalls kennt die römische Überlieferung den Fall, dass ein Volkstribun während einer Amtshandlung [...] von seinem Vater, der das Gesetz missbilligte, gebieterisch zum Schweigen gebracht wurde und gegen diesen Übergriff weder der Sohn noch das Volk aufbegehrten.« 157 Cic. inv. 2,52. Bei Cicero gründet das väterliche Vorgehen auf der patria potestas. Im Zentrum steht daher nicht die pietas des Sohnes, sondern die Frage der Legitimität des väterlichen Vorgehens und damit das Verhältnis zwischen hausväterlicher Gewalt und durch das Amt begründeter potestas. Zur valerischen Umdeutung dieser brisanten Thematik s. unten Kapitel 2.3.4.3.

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schon ein problematischer Vorgang, der bei den Zeitgenossen des Valerius sogleich die Erinnerung an die (im valerischen Werk sehr präsenten) Gracchen hervorgerufen haben dürfte. Weiter verschärft wird die Situation dadurch, dass Flaminius nicht nur gegen den Willen des Senates handelt, sondern sich selbst durch die Androhung militärischer Gewalt nicht von seinem Vorhaben abbringen lässt. Nun greift sein Vater ein, auf den ersten Blick ein dem Cassius in 5,8,2 vergleichbares Vorgehen. Doch während das Eingreifen des Cassius auf seiner patria potestas gründete, die erst nach der Amtsniederlegung des Sohnes geltend gemacht wurde und werden konnte, stützt der Vater des Flaminius sein Vorgehen der valerischen Darstellung zufolge – und anders als bei Cicero – auf seine auctoritas patria. Sein Vorgehen wird mit einer erstaunlichen Begrifflichkeit beschrieben. postquam pro rostris ei legem iam referenti pater manum iniecit, privato fractus imperio descendit e rostris, ne minimo quidem murmure destitutae contionis reprehensus.

Die manus iniectio entstammt dem rechtlichen Bereich,158 der Ausdruck privato imperio stellt hingegen ein sonst nicht gebräuchliches Oxymoron dar: imperium bezeichnet die Amtsgewalt eines höheren Beamten mit militärischer Kommandobefugnis, d.h. eine ›öffentliche‹ – und gerade nicht ›private‹ – Macht. Thomas interpretiert diese Terminologie als späte Umdeutung eines Falles von patria potestas. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert sei im Rahmen der popularen Richtung der Versuch gemacht worden, eine Opposition zwischen potestas publica (des Volkes) und potestas privata (der Hausväter) zu konstruieren. Die Begrifflichkeit bei Valerius sei als ein Versuch zu verstehen, eine Lösung für diesen Widerspruch zu fin158 Die manus iniectio war ein förmlicher Akt der Beschlagnahmung, mit dem man den Zugriff auf eine hausfremde Person beanspruchte, die den eigenen Hausverband verletzt hatte. Sie bedurfte der Bestätigung durch die addictio des Prätors, die nur dann erteilt wurde, wenn das Zugriffsrecht unbestreitbar war (Kaser, § 7,I,2 und § 40,II,1). Nach Kasers Darstellung ist die manus iniectio zudem in einem anderen Kontext anwendbar: Wer eine Familiengewalt an einem Menschen beanspruche, könne mit dieser Geste »außergerichtlich an ihn greifen, um ihn mit sich zu führen.« Gewaltsamer Widerstand sei unrechtmäßig. (ebd. § 14 (13), III). Die Quellen, auf die Kaser seine Argumentation stützt, sind Quint. inst. 7,7,9 und das hier behandelte Beispiel des Valerius. Quintilian erwähnt im Zusammenhang mit widersprüchlichen Gesetzen folgende Situation: Si dubium, aut alteri aut invicem utrique de iure fit controversia, ut in re tali: »patri in filium, patrono in libertum manus iniectio sit, liberti heredem sequantur: liberti filium quidam fecit heredem: invicem petitur manus iniectio«: et pater et patronus negat ius patris illi fuisse, quia ipsa in manu patroni fuerit. Kasers Interpretation ist vor diesem Hintergrund zwar grundsätzlich denkbar, doch da diese Stelle keine weiteren Informationen über den Kontext gibt (es ist nicht klar, wann und warum ein Vater dieses Recht haben soll), liegt die Gefahr eines Zirkelschlusses auf der Hand: Man interpretiert ein exemplum mit Hilfe einer ›Regel‹, die vor allem auf der Basis eben dieses Beispiels gebildet worden ist. Hinzu kommt, dass Valerius die Begrifflichkeit der manus iniectio an anderer Stelle in einem eindeutig nicht technischen Sinne verwendet (4,1,15).

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den.159 Die Argumentation von Thomas kann insofern eine gewisse Plausibilität beanspruchen, als bei Valerius sicherlich der Versuch zu konstatieren ist, diese Episode, deren Brisanz ihm durchaus bewusst war, auf entkonfliktualisierende Weise darzustellen.160 Unklar ist jedoch, ob der Verweis auf ein Vorgehen privato imperio als solcher geeignet war, etwa den Verstoß gegen die sacrosanctitas des Tribunen zu entproblematisieren. Ein genauer Blick auf die valerische Darstellung macht vielmehr deutlich, dass die Entkonfliktualisierung hier auf anderen Ebenen stattfindet, die in der bisherigen Diskussion dieses Beispiels keine hinreichende Berücksichtigung gefunden haben. Dies gilt zunächst für die Entscheidung, die Episode im Rahmen des pietas-Kapitels zu behandeln. Da der Kontext des Kapitels für die Aussagekraft der valerischen exempla von zentraler Bedeutung ist,161 verschafft Valerius der Episode auf diese Weise eine grundsätzlich positive Deutung. Der Fokus richtet sich nicht auf das harte Vorgehen des Vaters oder auf den Verstoß gegen die sacrosanctitas des Tribunen – im Mittelpunkt steht vielmehr das pietas-Handeln des Sohnes. Dieses bereits in Zeiten der Republik, besonders jedoch seit Augustus außerordentlich positiv konnotierte Verhalten spielt im Rahmen der Facta et dicta memorabilia eine wichtige Rolle. Obschon pietas erga parentes, wie die im weiteren Verlauf der Arbeit vorzunehmende Untersuchung (Kapitel 2.3.4.3) zeigen wird, einen hohen Grad an Verpflichtung und Erwartbarkeit aufweist, deutet die Argumentation mit pietas auf eine Interaktion hin, die sich von einem einseitigen strengen Durchgreifen von Seiten des Vaters unterscheidet. Der Verzicht auf die gängige – und von Cicero zur Beschreibung dieser Episode verwendete – Terminologie der patria potestas lässt sich ebenfalls als Teil einer Entkonfliktualisierungsstrategie verstehen. Die väterliche auctoritas, auf die Valerius stattdessen rekurriert, wirft jedoch Fragen auf. Zwar ist der auctoritas-Begriff in der römischen Gesellschaft weit verbreitet, doch für die von Valerius eingeführte Kombination auctoritas patria sind mir aus der antiken Literatur keine Parallelstellen bekannt.162 Dass 159 Thomas, Droit domestique, S. 578f. und ders., Vitae necisque potestas, S. 525ff. Ähnlich Botteri, S. 53ff. 160 Sein Wissen um die Brisanz dieser Episode kommt in der Bemerkung zum Ausdruck, es habe keinen Widerspruch gegen das Vorgehen des Vaters gegeben – offensichtlich wäre mit Einwänden zu rechnen gewesen. 161 S. oben Kapitel 1.3 sowie unten, Kapitel 2.5.3. 162 Auch liegen zum Begriff der auctoritas patria keine Arbeiten vor. Nur einmal wird dieser Begriff in der Forschungsliteratur in einem der hier vorgefundenen Verwendung vergleichbaren Sinne gebraucht. Fürst, S. 12 zufolge knüpft die auctoritas patria an privatrechtliche Verhältnisse an, ist aber keine juristisch fassbare Kraft. Fürst betrachtet sie als eine »auf Pietät beruhende Gewalt«. Diese in der Forschung nicht rezipierte Überlegung ordnet sich gut in die hier vertreten These ein. Die von Solazzi problematisierte Begrifflichkeit einer patris auctoritas bezieht sich in

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Valerius auf auctoritas (patria) verweist, um eine als problematisch erkannte potestas (patria) zu verdecken, gewinnt vor dem Hintergrund der frühen Kaiserzeit jedoch eine besondere Bedeutung. Er knüpft damit an eine zentrale Begründungsfigur des Augustus an, der in den seinem Tatenbericht geltend gemacht hatte, dass er zwar alle an auctoritas überragt, jedoch nie mehr potestas besessen habe, als seine Kollegen im jeweiligen Amt.163 Damit wollte er deutlich machen, dass seine Stellung den Kontext der republikanischen Ordnung aus formal-rechtlicher Perspektive nicht überschritten habe. Die unbestreitbare Herausgehobenheit seiner Position – und damit, so könnte man fortführen, auch sein weitreichender Einfluss – beruhe lediglich auf seinem besonderen Ansehen, der auctoritas.164 Zwar lassen sich auctoritas und potestas nicht völlig trennen, denn in der Regel wird auctoritas durch die Übernahme von Ämtern, insbesondere durch die Häufung hoher Magistraturen, verliehen und vergrößert.165 Auch die väterliche auctoritas basiert in erster Linie auf der formal begründeten patria potestas. Zugleich bleibt auctoritas jedoch nach dem Ende einer Amtszeit, oder auch – wie das im Folgenden zu besprechende Beispiel 5,8,3 deutlich machen wird – nach dem Ausscheiden eines Sohnes aus der patria potestas, etwa durch Adoption, bestehen. Als eine Handlungsmöglichkeit, die einzelne aufgrund ihres Ansehens haben, gewinnt auctoritas auf diese Weise eine gewisse Unabhängigkeit. Obschon sie in Rom als eine nicht rechtlich, sondern in der Person begründete Kraft betrachtet wurde, deren Wirksamkeit auf sozialer Akzeptanz und Anerkennung basierte,166 umfasst sie dennoch eine hohe Verbindlichkeit.167 dem von ihm diskutierten Fall ausschließlich auf die Zustimmung eines Vaters bzw. eines paterfamilias zur Eheschließung seines Sohnes bzw. Enkels (Solazzi, S. 341-343). Zum Begriff der auctoritas allgemein ist immer noch auf Hellegouarc’h, S. 295-320 und Fürst (s. seine ›Definition‹ ebd. S. 74) zu verweisen. Vgl. außerdem Heinze, Schönbauer sowie Lütcke, S. 13-46, bes. S. 1334. Die folgenden Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf Arbeiten zum Terminus der auctoritas allgemein sowie – in Analogie – zur auctoritas senatus und zur auctoritas des Augustus. 163 Post id tem[pus a]uctóritáte [omnibus praestiti, potest] atis au[tem n]ihilo ampliu[s habu]i quam cét[eri qui m]ihi quoque in ma[gis]tra[t]u conlegae f[uerunt] (R. Gest. div. Aug. 34). 164 Auctoritas ist in diesem Sinne als eine aus Elementen wie Leistung, Erfahrung, Ämterlaufbahn und angemessener Lebensführung erwachsende moralische Autorität zu verstehen. Hellegouarc’h, S. 299, bestimmt auctoritas als »l’expression de la supériorité de l’homme d’Etat, fondée d’une part sur sa situation sociale, d’autre part sur ses qualités personnelles.« Daher sei ihre Ausübung an Voraussetzungen bzw. Bedingungen gebunden: »car l’auctoritas est fondée sur la conviction que celui qui en est pourvu possède des ›capacités‹ qui le rendent digne de leur soumission et de leur confiance.« (Hellegouarc’h, S. 302). 165 Vgl. Beck, Karriere und Hierarchie, S. 12 und passim. 166 »Elle [l’auctoritas, U. L.] suppose l’approbation et l’adhésion volontaire de ceux sur lesquels elle s’exerce [...]. C’est que l’auctoritas est, beaucoup moins encore que la nobilitas, une qualité objective, liée à des critères précis; son importance n’est que ce que les autres la font et elle n’existe que dans la mesure où ils veulent bien la reconnaître.« (Hellegouarc’h, S. 302) Ähnlich

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Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen lässt sich abschließend folgendes festhalten: 1. In dem hier besprochenen Beispiel ist der patria potestas durch die sacrosanctitas des Tribunen eine Grenze gesetzt, deren Überschreitung – wie in Ciceros Version dieser Episode deutlich wird – ein nicht geringes Konfliktpotential enthält. Indem Valerius auctoritas an die Stelle der väterlichen potestas setzt, macht er sich die von Augustus in seinem Tatenbericht präsentierte Argumentation in modifizierter Form zu Eigen. Auf diese Weise gelingt es ihm, den Konflikt widerstreitender potestates (die des Tribunen und die patria potestas) zu verdecken und die brisante Episode in einen neuen, durch pietas und auctoritas geprägten Kontext zu setzen. Die notwendige soziale Anerkennung der väterlichen auctoritas wird durch das pietas-geprägte Verhalten des Sohnes gewährleistet, der sich der valerischen Darstellung zufolge – rein rechtlich gesehen – hätte widersetzen und auf die sacrosanctitas berufen können. Faktisch wäre dies wohl kaum möglich gewesen, denn zu Recht weist Hellegouarc’h darauf hin, dass auctoritas als ein reeller – und letztlich nicht ganz von potestas zu lösender – Machtfaktor zu gelten hat. Für Valerius erweisen sich pietas und auctoritas patria damit als argumentative Konzepte von eminent politischer Bedeutung. Sie ergänzen in seiner Darstellung die Kontrollfunktion, die der patria potestas im Hinblick auf das politische Agieren der Söhne zukommt, indem sie gerade dann wirksam werden, wenn die rechtlich eindeutigen Handlungsmöglichkeiten der patria potestas in der Konfrontation mit einer Amtsgewalt an ihre Grenzen gelangen.168

stellte Mommsen III 2, S. 1033, in Bezug auf die auctoritas senatus fest, es handele sich um eine »formell unfundirte (!) Machtstellung«, die »in der späten Republik regelmäßig mit dem in entsprechender Weise verschwommenen und aller strengen Definition sich entziehenden Worte auctoritas bezeichnet« wurde. 167 »Elle [l’auctoritas, U. L.] ne se manifeste donc pas par des ordres: elle n’agit que par l’exemple qu’elle propose, le précédent qu’elle constitue; cela n’empêche pas son action à être déterminante et d’aboutir à un pouvoir très réel.« Hellegouarc’h, S. 304. Als »reelle Macht« erweist sich die auctoritas hier in der Tat, zeigt sie doch Wirkung, wo selbst die Androhung militärischer Gewalt versagte. Ähnlich hat – in Bezug auf die auctoritas senatus – schon Mommsen III 2, S. 1034, erkannt: »In diesem Sinne ist auctoritas mehr als ein Rathschlag und weniger als ein Befehl, ein Rathschlag, dessen Befolgung man sich nicht füglich entziehen kann.« Und Magdelain, auctoritas patrum, S. 403 stellt fest: »Selon un développement plus récent, elle [l’auctoritas U. L.] est un pouvoir moral, devant lequel il devient difficile ou impossible de ne pas s’incliner.« Heinze, S. 364, hatte dagegen behauptet, »in ihrem wahren Wesen« beeinträchtige auctoritas die Freiheit nicht. Von einem rein rechtlichen Standpunkt aus gesehen trifft dies zwar zu, doch diese Argumentation verkennt die Bedeutung, die auch rechtlich nicht fixierten normativen Erwartungen in der römischen Gesellschaft zukam. 168 Zwei sehr gut in diesen Zusammenhang passende Beschreibungen von auctoritas finden sich bei Hellegouarc’h und Magdelain: Hellegouarc’h, S. 310, hält fest: »L’auctoritas constitue donc un complément naturel et utile de la potestas.« Und Magdelain, Auctoritas principis, VIII,

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2. Da auctoritas demnach offensichtlich auch gegenüber einer Amtsgewalt Geltung beanspruchen kann, die vor dem Eingriff anderer potestates geschützt ist, erlaubt die valerische Darstellung vielleicht sogar eine weiter reichende Interpretation. Indirekt signalisiert Valerius in diesem Beispiel eine grundsätzliche Akzeptanz für die von Augustus verwendete Begründung seiner herausgehobenen Machtstellung über auctoritas. Zugespitzt formuliert könnte man daher sagen, dass Valerius auf diese Weise die mögliche Überlegenheit einer (kaiserlichen) auctoritas gegenüber (republikanisch geprägten) magistratischen potestates exemplarisch untermauert. Eine weitere Konstellation, in der die hausväterliche Gewalt nicht über einen eindeutigen Handlungsrahmen verfügt, betrifft die Situationen, in denen Söhne nicht mehr unter der potestas ihres Vaters stehen.169 In der bekannten Episode 5,8,3 (De severitate patrum in liberos) bittet T. Manlius Torquatus den Senat, den Repetundenprozess gegen seinen Sohn persönlich durchführen zu dürfen. Dieses Vorgehen ist an sich schon erstaunlich, da es seit 149 v. Chr. eine quaestio perpetua speziell für dieses Delikt gab, der Fall jedoch in die Zeit danach zu datieren ist.170 Hinzu kommt, dass Torquatus seinen Sohn an Iunius Silanus zur Adoption gegeben hatte und ihm gegenüber daher nicht mehr über die hausväterliche Gewalt verfügte.171 Worauf gründete also sein Handeln und welche Sanktionsmöglichkeiten waren in dieser Situation gegeben?172 Die Argumentation bei Valerius gibt bemerkt: »Là où s’arrête le domaine du pouvoir, commence celui de l’autorité. Quand les ordres ne peuvent être donnés, des conseils ou des suggestions ont souvent un poids aussi grand.« 169 Söhne, die nicht mehr in der familia – und daher auch nicht unter der potestas – ihres Vaters stehen, finden sich im valerischen Werk vergleichsweise häufig (vgl. hierzu die Beispiele, die sich mit der Problematik von Testamenten beschäftigen, insbesondere 7,7,2 und 7,7,5 (s. unten Kapitel 2.3.4.2, zu 7,7,5 bes. Anm. 268). 170 Zur quaestio perpetua s. Kunkel, Kriminalverfahren, S. 14. Nach Ansicht von Flaig, Ritualisierte Politik, S. 79, könnte gerade die Existenz des ständigen Gerichtshofes den Vater zu diesem Schritt bewogen haben, da dieses mit Senatoren besetzte Gremium ihre Standesgenossen praktisch nie verurteilte. Es sei somit möglich, dass T. Manlius ein Zeichen habe setzen wollen, denn »die vorhersehbaren Freisprüche unterminierten das Vertrauen des römischen Volkes auf den aristokratischen Willen, Gerechtigkeit zu üben« (ebd.). 171 Cic. fin. 1,24 und Münzer, T. Manlius Torquatus, Sp. 1210. Valerius erwähnt diesen Umstand nicht, doch es ist wenig wahrscheinlich, dass er ihm nicht bekannt war. Schon der Name des Sohnes (Decimus Silanus) weist auf die Adoption hin, außerdem waren die Torquati eine sehr bekannte Familie. Vielmehr scheint dieser Tatbestand für Valerius in diesem Zusammenhang nicht von Belang gewesen zu sein. Auch ist es unnötig anzunehmen, der Sohn sei nach einem Tod des Adoptivvaters (Flaig, Ritualisierte Politik, S. 79) etwa wieder unter die potestas seines leiblichen Vaters gelangt, da Valerius keinen Bezug auf spezifische Rechte eines pater familias nimmt. 172 In der bei Cicero überlieferten Version (Cic. fin. 1,24) stellt sich die Frage der patria potestas insofern nicht direkt, als der Vater Konsul ist und die Untersuchung gewissermaßen auch von Amts wegen vornehmen kann. Flaig, Ritualisierte Politik, S. 79, weist darauf hin, dass der Senat dem Vater keinesfalls das Recht erteilte, seine patria potestas auszuüben. Vielmehr habe er

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zwar keine eindeutige Antwort, bietet aber weiterführende Hinweise: Torquatus untersucht den Fall und spricht dann sein Urteil: Et re publica eum et domo mea indignum iudico, protinusque e conspectu meo abire iubeo.173 Diese patris sententia, die – auch durch die Bezugnahme auf die domus – nicht an eine väterliche potestas geknüpft zu sein scheint, treibt den Sohn in den Selbstmord.174 Wie ist die Strafe e conspectu meo abire iubeo zu verstehen, die sich mit ganz ähnlicher Begrifflichkeit auch im darauffolgenden exemplum (5,8,4) findet?175 In der livianischen Version dieser Episode wird sie als abdicatio bezeichnet,176 die nach Ansicht von Kaser ausschließlich im Rahmen der Hauszucht anzusetzen war.177 Da dies hier aufgrund fehlender patria potestas einige Probleme bereitet, gibt es in der Familienforschung verschiedene Versuche, die abdicatio als eine nicht rechtlich, sondern moralisch bzw. sozial begründete Handlung zu betrachten.178 Der Blick auf die weiteihm den Fall lediglich zur Untersuchung überlassen. T. Manlius habe somit lediglich die Möglichkeit gehabt, die (Un-) Schuld des Sohnes festzustellen, ohne jedoch eine Strafe festlegen zu können. 173 Die Parallelisierung et re publica eum et domo mea indignum iudico macht in besonderer Weise deutlich, worauf die Disziplinierungsfunktion des Vaters gründete: die patres repräsentierten die res publica. Interessant ist der Vergleich mit 5,8,1. Während dort durch die Opposition consul – pater die unterschiedliche Interessenlage beider Bereiche (res publica und domus / familia) hervorgehoben wird, steht hier die Ähnlichkeit der Interessen und damit die Funktionalität der Vaterrolle im Zentrum. 174 Flaig, Ritualisierte Politik, S. 81, hebt die außergewöhnliche Todesart des D. Silanus hervor: Während Männer in der römischen Kultur den Selbstmord durch Dolche oder Schwert wählten, sei die Schlinge als weibliche Todesart zu betrachten. Flaig deutet dieses Vorgehen dahingehend, dass Silanus mit dieser Entscheidung seine Männlichkeit entwertet und seinem leiblichen Vater den Sohn geraubt habe. Damit habe er seinen Vater symbolisch herausgefordert, seine allzu große Strenge zu bekennen. Die Reaktion des Manlius, der während des Begräbnisses Klienten empfing (s. unten Kapitel 2.3.3.2), sei als gänzliche Verleugnung des Sohnes zu deuten. Wlosok, Über die Rolle der Scham, S. 168, deutet die Selbsttötung dagegen als »typische Schamreaktion«, die von Valerius auch richtig erfasst worden sei, der von tam verecundus obitus, so schamhaftem Untergang, spreche. Zu Wlosoks Interpretation dieses Beispiels vgl. unten Anm. 182. 175 In 5,8,4 ist die Feigheit des Sohnes in einer kriegerischen Auseinandersetzung Grund für die Bestrafung. Als sein Vater M. Scaurus davon hört, befiehlt er ihm, den conspectus patris zu meiden. Auch hier wird Selbstmord als Beleg für seine verecundia und als einzig mögliche Reaktion betrachtet. Eine leicht abweichende Variante dieser Formulierung findet sich schließlich in 6,1,5 (De pudicitia): pater pependit voluntario secessu conspectum patriae vitando. Hier geht es zwar nicht um abdicatio, sondern um die Selbstbestrafung eines Vaters. Doch vor dem Hintergrund der folgenden, im Text ausgeführten Überlegungen zur Verbindung zwischen zensorischem Sittengericht und abdicatio, weist diese »freiwillige« Meidung des conspectus patriae einige interessante Parallelen auf, die es ermöglichen, hier eine Verbindung zu ziehen. 176 Liv. Per. 54. 177 Kaser, § 16, II bezeichnet die abdicatio zwar als formlose Ausweisung aus dem Haus, beschränkt sie aber dennoch auf den Bereich der Hauszucht. Belege für diese Beschränkung liefert er nicht. 178 Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 461-463, zufolge handelt es sich in dem vorliegenden Fall um die Zertrennung eines moralischen, nicht rechtlichen Bandes, also um

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ren Erwähnungen von abdicatio innerhalb des valerischen Werkes macht deutlich, dass diese Annahme durchaus eine gewisse Plausibilität beanspruchen kann:179 In 5,7,2 (De parentum amore et indulgentia) wird ein römischer Ritter von Caesar aufgefordert, seinen Sohn zu verstoßen (abdicare), da dieser Caesar durch den Vorwurf des regnum kompromittiert habe. Der Vater weigert sich mit folgenden Worten: Celerius tu mihi, Caesar, omnes filios meos eripies quam ex iis ego unum nota mea pellam. Auffällig ist in diesem Zusammenhang der Ausdruck nota, der, zumal in der Verbindung mit einer Strafe, an das zensorische Sittengericht erinnert.180 Da es sich nicht um den einzigen Fall einer Kombination von abdicatio und dem Begriff nota handelt,181 erscheint es legitim, diese beiden Phänomene auf mögliche Parallelen hin zu untersuchen.182 Dazu sind zunächst einige zentrale Charakteristika des Sittengerichts zu skizzieren. Die vom Zensor verhängte nota ist nicht als ordentliches Urteil zu verstehen, sondern, so Bleicken, »als Tadel gegenüber Personen [...], die ohne Bescholtenheit im Rechtssinne den Interessen der res publica zuwider gehandelt hatten.«183 Hauptbestandteil der Strafe war eine Beschränkung der bürgerlichen Rechte, die mit dem Verkünden von ignomia begründet wurde: »Die censorische Strafe liegt also im Ausschluß vom Gemeinschaftsleben.«184 Bleicken beschließt seine Ausführungen über das Sittengericht mit einen Akt, für den die patria potestas keine notwendige Voraussetzung war. Gardner, Family and familia, S. 121, stellt in Bezug auf dieses exemplum fest, dass es sich nur um ein »symbolic disowning« des Sohnes handele und der Vater überdies den Senat um die Erlaubnis zur Übernahme der Affäre habe bitten müssen. Die Notwendigkeit, den Senat um Erlaubnis zu bitten, sieht auch Thomas, Vitae necisque potestas, S. 539, durch die fehlende potestas begründet. 179 Direkt genannt wird abdicatio in 5,7,2 sowie in einem externen exemplum (6,9, ext.2); 5,8,3 und 5,8,4 thematisieren den Verstoß mit anderen Begriffen, s. die folgenden Ausführungen. 180 Zur römischen Zensur s. Baltrusch. 181 So schreibt Valerius in einem auswärtigen Beispiel, 6,9, ext.2: Piget Themistoclis adulescentiam attingere, sive patrem aspiciam abdicationis iniungentem notam, sive matrem suspendio finire vitam propter filii turpitudinem coactam [...]. Interessant ist hier auch, dass selbst für einen Nicht-Römer der Begriff der abdicatio verwendet wird. Dieser Umstand deutet ebenfalls darauf hin, dass abdicatio nicht zwangsläufig mit patria potestas verbunden ist, da die patria potestas – so die in Anm. 138 angeführte Vermutung – auch von Valerius als typisch römische ›Institution‹ betrachtet wird. In 5,9,3 taucht der Begriff der abdicatio zwar nicht auf, doch ein Vater verzichtet darauf, seinen Sohn mit nota zu strafen (non notavit). 182 Die im Folgenden dargestellten Parallelen werden in ähnlicher Weise in einer Untersuchung von Wlosok, Über die Rolle der Scham, angeführt, die mir erst nach dem Abschluss der hier präsentierten Analyse bekannt wurde. Die zentrale Gemeinsamkeit zwischen beiden Handlungsbereichen liegt nach Auffassung von Wlosok in der für die römische Kultur typische »Rechtskultur der Scham« (Wlosok, Über die Rolle der Scham, bes. S. 159-169, Zitat S. 159). 183 Bleicken, Lex Publica, S. 383ff. (Zitat S. 383). In ähnlicher Weise argumentiert Schanbacher in seiner Studie zum Verhältnis zwischen ius und mos, dass Handlungen, die zwar im rechtlichen Sinne nicht strafbar waren, aus der Sicht des mos jedoch zu verurteilen waren, während der Republik in der Regel von den Zensoren geahndet wurden (Schanbacher, S. 359f.). 184 Bleicken, Lex Publica, S. 384.

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der Feststellung, es sei keine Rechtsprechung im strengen Sinn, sondern eher mit der Hauszucht des pater familias vergleichbar.185 Diese Parallele weist eine gewisse Plausibilität auf, doch sie ist insofern problematisch, als die Bestrafungskompetenzen des Hausvaters weit über Tadel und den Ausschluss aus der Gemeinschaft hinausgingen.186 Dagegen ist zu konstatieren, dass die von Bleicken vorgenommene Charakterisierung eine beachtliche Ähnlichkeit zu der hier vorgefundenen Form der väterlichen abdicatio aufweist: Im Gegensatz zu Entscheidungen der häuslichen Gerichtsbarkeit handelt es sich bei der abdicatio nicht um ein eigentliches Urteil, sondern um eine formlose Ausweisung aus dem Haus.187 Beide Beispiele einer vollzogenen Verstoßung (5,8,3 und 5,8,4) konstatieren die »Unwürdigkeit« der Söhne in Bezug auf ihre Väter.188 Die moralische Integrität des Zensors, die nach Bleicken Voraussetzung seines Handelns ist, findet sich in vergleichbarer Weise im eben diskutierten Konzept der väterlichen auctoritas.189 Zumindest in zwei der drei bei Valerius angeführten römischen Fälle von abdicatio handelt es sich nicht um »Bescholtenheit im Rechtssinne«, sondern eher um ein Handeln gegen die Interessen der res publica.190 Die Strafe besteht im Ausschluss aus dem Familienleben, was gleichzeitig – mehr oder weniger explizit – den Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge hat.191 Der von Valerius als selbstverständlich beurteilte Selbstmord der Söhne in beiden Fällen macht deutlich, was dies für einen Römer bedeutete.192 185 Bleicken, Lex Publica, S. 385. 186 In diesem Zusammenhang sei nur auf das ius vitae necisque hingewiesen. Doch auch sonst hatte ein pater familias weiter reichende Strafmöglichkeiten (vgl. Kaser, § 14 (13) und passim). 187 Zur Definition von Kaser s. oben Anm. 177; vgl. auch Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 460-464. 188 Den Begriff der »Unwürdigkeit« (hier ignomia) gebraucht Bleicken, Lex Publica, S. 383f. Dass die Entscheidungsfindung in 5,8,3 aufgrund der zahlreichen termini technici in der Form eines Prozesses inszeniert wird (iudex, iudico, iubeo, sententia, das Anhören »beider Seiten«), ist bemerkenswert und findet sich in ähnlicher Form auch in den bei Cicero (fin. 1,24) sowie Livius (Per. 54) überlieferten Versionen. Dieser Umstand muss nicht notwendig auf einen tatsächlichen formalen Rechtscharakter dieses Vorgehens hindeuten, sondern könnte in der Rechtskompetenz des Torquatus begründet liegen, die Valerius besonders hervorhebt (Torquatus [...], iuris quoque civilis et sacrorum pontificalium peritissimus [...]. Sie verschafft ihm die auctoritas, die ihn ermächtigt, gleichsam im übertragenen Sinne eine Richterrolle zu übernehmen, die ihm rein rechtlich betrachtet nicht zustehen würde. 189 Bleicken, Lex Publica, S. 385; s. hierzu auch oben Anm. 164. 190 Zitat Bleicken, Lex Publica, S. 383. Dies gilt für 5,8,4 und 5,7,2. Anders ist die Situation des Torquatus in 5,8,3: Sein Sohn hatte sich der Bestechung schuldig gemacht. Dass der Vater dennoch ›nur‹ die abdicatio ausspricht, könnte daher tatsächlich mit der fehlenden patria potestas zusammenhängen. 191 In 5,8,3 heißt es sogar ausdrücklich et re publica eum et domo mea indignum iudico. 192 Diese Überlegungen sind insbesondere im Hinblick auf den Rechtscharakter der VaterSohn-Beziehung von Interesse. Akzeptiert man die hier aufgestellte These, die abdicatio als ein nicht rechtlich definiertes Element des Verhältnisses zwischen Vätern und Söhnen zu verstehen, erhält die Bedeutung von Normen und sozialer Kontrolle eine neue Dimension. Während soziale

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Ohne die Parallelen hier zu weit treiben zu wollen, ist doch festzuhalten, dass die Deutung der abdicatio als eine soziale, nicht rechtliche, Sanktion durch den Vergleich mit dem zensorischen Sittengericht an Plausibilität gewonnen hat. Demzufolge konnte Torquatus diese Strafe auch ohne den Rekurs auf die patria potestas vollziehen. Seine Handlungskompetenz gründete dabei in seiner auctoritas, die sich sowohl auf seine Stellung innerhalb der Familie als auch auf sein ›öffentliches‹ Prestige stützte.193 Wenngleich die abdicatio – wie verschiedene exempla zeigen – auch von Hausvätern als Sanktionsinstrument verwendet wurde, so stellte sie für Väter zugleich eine Möglichkeit dar, auch dann kontrollierend und strafend in das Handeln ihrer Söhne einzugreifen, wenn ein Rückgriff auf die patria potestas nicht möglich war.194 2.3.2.3 Publica instituta privata pietate potiora iudico: Die Inszenierung von moderatio gegenüber der res publica Nicht immer wird das Postulat der Überordnung ›öffentlicher‹ Belange mit Strafen durchgesetzt. Soweit es die Situation erlaubt, bemühen Väter sich, fehlerhaftes Verhalten der Söhne zu korrigieren und diese über den richtigen Umgang mit den Regeln zu belehren. Diese Belehrung kann dabei den Charakter einer Demonstration angemessenen Verhaltens gegenüber der res publica annehmen, die zuweilen auch ohne das Vorliegen eines Vergehens von Seiten des Sohnes inszeniert wird. Im Gegensatz zu den bisher behandelten Fällen wird das väterliche Vorgehen gerade nicht als Sanktion dargestellt, sondern der Fokus liegt im Zurücknehmen der persönlichen Interessen und Beziehungen zugunsten bestimmter Regeln der res publica. a) Inszenierte moderatio Eine besonders eindrückliche Demonstration von moderatio im Hinblick auf die ›öffentlichen‹ Belange findet sich im Beispiel 4,1,5 (De moderatione). In Kontrolle sonst zumeist in ihrer Kompensationsfunktion gegenüber strengen rechtlichen Regeln und Machtverhältnissen wie der patria potestas hervorgehoben wird (vgl. etwa Crook, S. 118f.), zeigt sich hier, dass – zumindest der valerischen Darstellung zufolge – die ›informellen‹ Elemente nicht nur über Kompensations- sondern auch über bedeutsame Konfliktmechanismen verfügen. Vgl. hierzu Saller, Pietas, S. 419 und Dixon, The Roman Family, S. 36ff. 193 Valerius hebt zum einen seine auctoritas als Vater sowie als Nachfahre einer für ihre Strenge berühmten gens und zum anderen die auctoritas, die ihm aufgrund seiner juristischen Kenntnisse zukam, besonders hervor (zur Bedeutung der verbindlichen Vorbildhaftigkeit seiner Vorfahren s. unten Kapitel 2.3.3.2). 194 Pietas als Pendant zur auctoritas patria wird hier nicht erwähnt. Hier wird lediglich – wie auch im später zu besprechenden Fall 5,8,4 – von der verecundia der Söhne gesprochen, aber nur in letzterem wird sie gleichsam als Voraussetzung für das Durchsetzen der Strafe betrachtet. Die verecundia des Torquatus-Sohnes zeigt sich vielmehr im Selbstmord, der schon selbst eine Folge der väterlichen Strafe darstellt.

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einem sprachlich dichten Bericht, der durch Aufzählungen, Superlative und Emphase geprägt ist, schildert Valerius, wie Q. Fabius Rullianus, dessen Sohn summo consensu zum Konsul gewählt werden soll, das Volk eindringlich bittet, von der Wahl abzusehen. Da seine gens bereits seit vielen Generationen Konsuln stelle (er selbst habe dieses Amt fünfmal innegehabt), sei es nun an der Zeit, sie von diesem Ehrenamt zu entbinden (ut aliquando vacationem huius honoris Fabiae genti daret).195 Fabius betont, er zweifle nicht an der Fähigkeit seines Sohnes, sondern seine einzige Sorge sei, ne maximum imperium in una familia continuaretur. Valerius weist bewundernd auf die bemerkenswerte moderatio hin, die sogar die väterliche Zuneigung überwunden habe (patrios adfectus, qui potentissimi habentur, superavit). Für Thomas ist die »valeur normative« dieses exemplum klar: Der Vater legt den Ambitionen seines Sohnes Steine in den Weg – ein Motiv, das Thomas auch in den Beispielen 2,2,4 und 5,7,1 demonstriert findet.196 Diese Interpretation, die aus heutiger Sicht naheliegend ist, übergeht die Bedeutung, die der Einordnung dieses Falles unter die Beispiele von moderatio zuzusprechen ist. Valerius trifft damit eine klare Aussage hinsichtlich des normativen Kerns seiner Darstellung: Es geht ihm in erster Linie um die Demonstration von moderatio. Fabius verzichte auf den Ruhm, den das Konsulat seines Sohnes auch für ihn und seine gens bedeuten würde, und beweise damit, dass er sein persönliches Interesse hinter das ›öffentliche Wohl‹ zurückstelle.197 Alle übrigen in der Erzählung enthaltenen Aspekte, d.h. auch 195 Die Formulierung deutet darauf hin, dass Fabius die »Befreiung« vom Konsulamt lediglich als eine temporäre Maßnahme betrachtet – so kann vacatio auch im Sinne von »Dienstbefreiung«, »Urlaub« übersetzt werden, wie Shackleton Bailey dies getan hat (»to give the Fabian clan a holiday from this office at long last«). 196 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 514f., Anm. 34 (Zitat ebd.); vgl. auch ders., Droit domestique, S. 575, Anm. 200. 2,2,4 wird im Folgenden ausführlich besprochen. Für 5,7,1 (De parentum amore et indulgentia in liberos) gilt das Gleiche wie für den vorliegenden Fall: Der Darstellung von Valerius zufolge geht es hier nicht um Kontrolle oder gar Behinderung des Sohnes, sondern um die Demonstration von indulgentia: Q. Fabius Rullianus begleitet seinen Sohn Fabius Gurges als Legat in einen gefährlichen Krieg. Erst der Blick auf den bei Valerius nicht angesprochenen historischen Hintergrund macht deutlich, dass es sich um eine nicht unproblematische Situation handelt: Nach einer Niederlage gegen die Samniten wollte der Senat Fabius Gurges das Kommando entziehen. Da setzte sich der Vater für ihn ein und akzeptierte, nominell unter seinem Kommando zu kämpfen (s. auch Liv. Per. 11), wobei er der eigentliche Befehlshaber war (vgl. Münzer, Q. Fabius Maximus Rullianus, Sp. 1810). Wenngleich man in dem historischen Fall ein Moment der Kontrolle festmachen kann, so ist für das exemplum zunächst die normative Botschaft von Valerius als solche ernst zu nehmen. Dies gilt umso mehr, da auch die (in den Periochae natürlich verkürzt überlieferte) livianische Version, die immerhin eine potentielle Quelle des Valerius darstellt, den Fokus in erster Linie auf die Defizite des Sohnes richtet. Das Handeln des Vaters erscheint dagegen nicht von amor oder indulgentia motiviert, sondern vielmehr von dem Willen, seinem Sohn (und damit zweifelsohne auch sich selbst) die Schande (ignomia) zu ersparen, das Heer verlassen zu müssen. 197 Man könnte sogar argumentieren, dass weniger die tatsächliche Durchsetzung seiner Bitte als vielmehr die Inszenierung der moderatio als zentrales Moment seines Vorgehens zu betrachten

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die Frage, was das väterliche Eingreifen für den Sohn bedeutete, interessieren Valerius in diesem Zusammenhang nicht und werden daher ausgeblendet.198 Dennoch hat Thomas mit seiner Beobachtung insofern Recht, als die Episode bei heutigen Lesern die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten eines Vaters aufwirft. Das hier geschilderte Vorgehen bedeutete faktisch einen massiven Eingriff in das Leben seines Sohnes und macht deutlich, dass die – hier positiv dargestellte – Kontrollfunktion des Vaters über einen extrem weiten Spielraum verfügte. b) Gelehrte moderatio Etwas weniger spektakulär, aber ebenfalls von Bedeutung, ist ein weiterer Fall von moderatio, das vielzitierte Beispiel 2,2,4 (De institutis antiquis).199 ist. Die weiteren Ausführungen werden zeigen, dass die Fabii gleichsam traditionell exemplarische Zurückhaltung im Hinblick auf die res publica ausübten, denn auch in den Beispielen 2,2,4 und 5,7,1 stellen die Fabii die Protagonisten. In ähnlicher Weise wie für die Torquatii im Hinblick auf väterliche Strenge und die Decii für die Aufopferung zum Wohle der res publica scheint hier eine Familientradition zu bestehen. Einen ›Sitz im Leben‹ könnte diese Exemplarität insofern beanspruchen, als die Demonstration von Zurückhaltung umso wichtiger für die Akzeptanz wurde, je mehr Erfolg eine Familie hatte. Thomas, Droit domestique, S. 574, Anm. 200, weist darauf hin, dass Livius für Fabius Rullianus in vier Fällen erwähnt, er habe das ihm angetragene Konsulat abgelehnt (Liv. 10,9,10f. (dieser Fall ist Livius zufolge nicht sicher); 10,13,5-13; 10,15,7-11; 10,22,1-9), wobei er zweimal dennoch gewählt wurde, nachdem er den von ihm gewünschten Kollegen durchgesetzt hatte. Diese (historisch falsche, s. Münzer, Q. Fabius Maximus Rullianus, Sp. 1807) Darstellung passt zu dem eben skizzierten Bild, das in Bezug auf die Fabii im Umlauf war und hat nach Meinung von Thomas (ebd.) die Version des Valerius beeinflusst. In diesem Zusammenhang ist jedoch hervorzuheben, dass die für Valerius hier zentrale moderatio-Thematik bei Livius fast völlig fehlt. 198 Damit ist dieses exemplum geradezu ein Lehrstück für selektive Darstellung (s. oben Kapitel 1.2). Gleichzeitig bedeutet das Ausblenden nicht, dass dieser Aspekt für Valerius automatisch unproblematisch ist: In einem anderen Kontext könnte er durchaus zum exemplarischen und problematischen Element werden. Auch in 4,3,10 (De abstinentia et continentia) nimmt ein Vater in gewisser Weise Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten seines Sohnes: Nach der Niederschlagung des Sklavenaufstandes in Sizilien (133 v. Chr.) verteilt der Konsul Calpurnius Piso imperatorio more Geschenke an die verdienten Soldaten. Auch seinen Sohn ehrt er mit einer corona aurea. Doch da es sich für einen Magistraten nicht zieme, öffentliche Gelder zu verteilen, die in seine domus zurückfließen, verspricht er dem Sohn, ihm diese Summe testamentarisch zu hinterlassen. Wie bereits in 4,1,5 interessiert die Reaktion des Sohnes Valerius nicht. Anzumerken ist, dass der Eingriff in die Handlungsfreiheit des Sohnes relativ gering ist: Einerseits wäre die Belohnung, da Haussöhne kein eigenes Vermögen hatte, rechtlich ohnehin in den Besitz des Vaters übergangen. Andererseits handelt es sich lediglich um eine Verzögerung, da Piso seinem Sohn die Belohnung testamentarisch zu hinterlassen verspricht. 199 Diese Episode ist auch bei Gellius und Livius überliefert (Gell. 2,2,13 und Liv. 24,44,9). Das zweite Buch der Facta et dicta memorabilia weicht ein wenig von dem üblichen Schema ab, demzufolge jedes Kapitel mit Titel und praefatio ausgestattet und in römische und externe exempla aufgeteilt ist: Für die Kapitel 2,1 bis 2,6 gibt es nur einen Titel (De institutis antiquis) und auch keine speziellen praefationes für einzelne Kapitel. 2,1-5 befassen sich mit römischen Aspekten, 2,6 führt dagegen nur externe Beispiele an. Zwar könnte man argumentieren, dass das Fehlen der Überschriften – wie die Titel selbst – auf spätere Kopisten zurückzuführen und daher nicht in

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Im Gegensatz zu der eben behandelten Episode wird hier das Moment der väterlichen Belehrung besonders hervorgehoben. Die Erzählung besteht aus zwei Episoden, die in der Form eines Chiasmus strukturiert sind: Der erste Teil beginnt mit einer ›Regel‹ des mos maiorum, die danach durch eine passende Episode illustriert wird. Im zweiten Teil steht das exemplum an erster Stelle, während die Explizierung des geschilderten Verhaltens die Darstellung abschließt. Die enge Verbindung zwischen Regel und exemplum wird durch diese Konstruktion besonders augenscheinlich.200 Maxima autem diligentia maiores hunc morem retinuerunt, ne quis se inter consulem et proximum lictorem, quamvis officii causa una progrederetur, interponeret, filio dumtaxat et ei puero ante patrem consulem ambulandi ius erat.201

Dass das hier beschriebene Verbot für alle gilt (mit der Ausnahme minderjähriger Söhne), wird in dem anschließenden Beispiel illustriert.202 Q. Fabius Maximus Rullianus begleitet seinen Sohn, den Konsul, zu einer Unterredung mit den Samniten. Als dieser seinen Vater auffordert, zu seiner eigenen Sicherheit zwischen ihn und den nächsten Liktor zu treten, weigert er sich, dies zu tun. Im zweiten Fall wird Fabius vom Senat als Legat zu seinem Sohn, wiederum Konsul, geschickt.203 Als der Sohn ihm entgegeneiner valerischen Konzeption begründet ist. Ein sicher auf Valerius selbst zurückgehender Unterschied liegt jedoch im Fehlen eigener Einleitungen für die einzelnen Kapitel, was die Suche nach adäquaten Überschriften erschwert haben dürfte. Der Bedeutungshorizont des zweiten Buches wird in der praefatio umrissen: Opus est enim cognosci huiusce vitae, quam sub optimo principe felicem agimus, quaenam fuerint elementa, ut eorum quoque respectus aliquid praesentibus moribus prosit. (2 pr.) Vergleichbar den einleitenden Worten zu 2,7 (De disciplina militari) und 6,1 (De pudicitia) wird auf eine Tradition verwiesen, die für die eigene Zeit als Grundlage und Bezugspunkt zugleich erscheint: Der moralische Anspruch auf Kontinuität – ut praesentibus moribus prosit – ist klar formuliert. 2,2,4 ordnet sich ganz in diese Thematik ein 200 Zum Wechselspiel von praecepta und exempla s. Kornhardt, S. 29f., über die Ausbildung der jungen Römer anhand von exempla: »Die Wirksamkeit dieser römischen Methode beruht darauf, dass zu jeder Einzelvorschrift sofort auf das exemplum gewiesen wird, worin die Sache selbst klar vor Augen steht. Die Summe dieser Einzelbeispiele und -erfahrungen tritt an die Stelle der systematischen Einführung oder bereitet sie wenigstens vor.« (ebd. S. 30). Die von ihr geschilderte Vorgehensweise ist insbesondere für die republikanische Zeit als typisch zu betrachten, doch sie behielt in vieler Hinsicht auch in der Kaiserzeit Bedeutung (zu praecepta und exempla vgl. auch oben Kapitel 1.2, Anm. 43). 201 Zur ›Ausnahmeregelung‹ für den filius puerus s. die Ausführungen zum Beispiel 2,1,7 unten im Kapitel 2.3.3.3, bes. Anm. 253. 202 Der folgende Satz zeigt, dass die Bedeutung dieses Gebotes gleichsam am Extremfall durchgespielt wird: Q. Fabius Maximus, quinquiens consul, vir et iam pridem summae auctoritatis et tunc ultimae senectutis, a filio consule invitatus [...]. Fabius ist sowohl in Bezug auf potestas und auctoritas, als auch durch sein Alter und die Beziehung zu seinem Sohn herausgehoben – und dennoch gilt das Gebot auch für ihn. 203 Shackleton Bailey und Faranda weisen darauf hin, dass Valerius hier verschiedene Fabii vertauscht. Für die vorliegende Fragestellung ist diese Verwechslung sekundär. Dass Valerius beide Handlungen einer Person zuschreibt, erhöht vielmehr durch die Verdichtung die Wirkung des exemplum.

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kommt und keiner der Liktoren den Vater zum Absitzen auffordert, bleibt dieser voller Wut auf seinem Pferd sitzen. Der Sohn merkt dies und heißt ihn absteigen. Fabius kommt der Aufforderung nach, dann erklärt er sein Verhalten: »Non ego« inquit, »fili, summum imperium tuum contempsi, sed experiri volui an scires consulem agere: nec ignoro quid patriae venerationi debeatur, verum publica instituta privata pietate potiora iudico.«

Die hier geschilderten Episoden werden seit Münzer meist als »paradigmatische[ ] Erzählungen über die Ehrenrechte der Magistrate« eingeordnet.204 Wenngleich diese Einschätzung sicherlich nicht falsch ist, so hat Thomas die Aufmerksamkeit zu Recht auf die väterliche Kontrollfunktion gelenkt, die einen zweiten zentralen Aspekt dieses exemplum bildet.205 Das Eingreifen des Vaters verdient dabei eine genaue Betrachtung. In beiden Episoden begeht der Sohn den Fehler, das Verhältnis zu seinem Vater über den Respekt für die Regeln der res publica zu stellen.206 Der Vater tadelt ihn zunächst nicht verbal, sondern durch sein Verhalten, d.h. die Belehrung erfolgt über das konkret-visuelle Moment.207 Nur im zweiten Fall, und erst, nachdem der Sohn begriffen hat, expliziert Fabius sein Verhalten. Er betont, es sei nicht seine Intention gewesen, das summum imperium des Sohnes zu missachten, sondern er habe lediglich prüfen wollen, ob er »sich wie ein Konsul zu verhalten wisse«:208 Mit Blick auf die zuvor ausgeführten Überlegungen zur Koexistenz von potestas und auctoritas wird deutlich, dass hier auf zwei Ebenen zugleich argumentiert wird: Formal ordnet sich der 204 Münzer, Q. Fabius Maximus Rullianus, Sp. 1810f. (Zitat Sp. 1810). 205 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 514f., Anm. 34 (Zitat ebd.); vgl. ders., Droit domestique, S. 575, Anm. 200. Seine Deutung, der Vater ordne sich hier keinem Gesetz unter, sondern inkarniere dieses gleichsam, wird jedoch der Komplexität der Darstellung nicht gerecht (s. auch die weiteren Ausführungen im Text). 206 Dieser Aspekt ist im zweiten Falle weniger deutlich, da es sich zunächst um eine Verfehlung der Liktoren handelt. Doch wie insbesondere der Vergleich mit der bei Gellius (2,2,13) angeführten Version dieser Episode zeigt, hätte der Sohn eigentlich eingreifen müssen, bevor der Vater zornig wurde: Auch bei Gellius zögert der Liktor, den Vater zum Absteigen zu nötigen. Doch im Gegensatz zu der hier geschilderten Haltung reagiert der Sohn sofort, noch bevor der Vater überhaupt wütend werden kann, und befiehlt dem Liktor, seiner Aufgabe nachzukommen. Obschon der Fehler des Sohnes hier weniger hervorgehoben wird, zeigt sich hier zumindest die Kontrollfunktion des Vater ganz explizit (s. die folgenden Ausführungen). 207 Er weigert sich, neben den Sohn zu treten, bzw. er bleibt voller Wut auf dem Pferd sitzen. Auch im später ausführlich zu besprechenden Beispiel 5,8,3 tritt eine Geste an die Stelle einer verbalen Erklärung (s. unten Kapitel 2.3.3.2, bes. Anm. 237 und 238). Zur Bedeutung der Bildlichkeit in der römischen Kultur s. oben Kapitel 1.2. 208 Der Ausdruck an scires consulem agere kann wie eben beschrieben übersetzt werden, und sowohl Shackleton Bailey als auch Faranda und Hoffmann haben dies sinngemäß so getan. Es wird im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich werden, dass es hier auch um das Durchspielen von Rollenverhalten geht. S. dazu unten Kapitel 2.3.3.2.

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Vater der magistratischen potestas seines Sohnes unter, doch er behält aufgrund der väterlichen auctoritas gleichzeitig Einfluß auf bzw. sogar eine gewisse Verantwortung für das Verhalten des Sohnes.209 Mit der abschließenden Bemerkung macht er deutlich, dass moderatio gegenüber den ›öffentlichen Belangen‹ ein zentrales Motiv für seine Haltung darstellt: verum publica instituta privata pietate potiora iudico. Sogar das rein positive, eigentlich pflichtgemäße pietas-Handeln eines Sohnes ist angesichts des übergeordneten Wohles der res publica zurückzuweisen, und es obliegt in diesem Fall dem Vater, für die Durchsetzung dieser Forderung zu sorgen. c) Trauer und moderatio Eine besonders demonstrative und interessante Inszenierung von moderatio findet sich in der Darstellung von Vätern, die mit dem Tod von Söhnen konfrontiert werden. Die Bedeutung, die Valerius dieser Thematik zuschreibt, zeigt sich schon daran, dass er ihr ein eigenes Kapitel widmet (5,10 De parentibus qui obitum liberorum forti animo tulerunt).210 Als zentrale Aussage der drei hier angeführten Beispiele wird in der Regel die Unterordnung des ›privaten‹ Schmerzes unter die ›öffentlichen‹ Pflichten betrachtet.211 In der Tat handelt es sich in zwei Fällen (5,10,1 und 3) um Väter, die während der Ausübung eines Amtes (Horatius ist Pontifex, Q. 209 In einer Gesellschaft, die – wie die römische – in großem Maße auf ›lebendiger‹ Tradierung von Normen basiert, bildet die Kontrollinstanz des Vaters (neben dem gelebten Vorbild) ein notwendiges Moment der Sozialisation. Da die patria potestas (wie letztlich auch die väterliche auctoritas) im Normalfall der Einordnung der (Haus-) Söhne in die politische Ordnung diente, musste der primäre Zweck eine positive, diese Integration ermöglichende Belehrung sein. Negativstrafend wurde sie erst, wenn anderes nicht möglich war, was – wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben – in erster Linie bei einer grundlegenden Gefährdung der res publica der Fall war. Wie bereits für das Beispiel 4,1,5 festgestellt wurde, spielt auch hier die Meinung des Sohnes keine Rolle. Die bekannt selektive Darstellungsart des Valerius verhindert damit, dass in dieser Episode auch ein Moment der konfliktuellen Interaktion gesehen wurde (s. oben Anm. 198 und passim). 210 Die praefatio dieses Kapitels kündigt an, es gehe im Folgenden um Väter, qui mortes [filiorum U. L.] aequo animo tolerarunt. Auch die drei externen Beispiele haben nur Väter und Söhne zum Thema. Die Überschrift erweist sich demnach wieder einmal als ungenau. Was die chronologische Einordnung betrifft, verteilen sich die drei Beispiele von der frühen bis in die späte Republik (509 v. Chr. / 167 v. Chr. / 118 v. Chr.). 211 S. beispielsweise Thomas, Vitae necisque potestas, S. 516, der auch unter Bezugnahme auf dieses Kapitel bemerkt: »Magistrat ou pas, un père supporte avec courage la mort de son fils.« Ein ähnlicher Fall findet sich in einem weiteren exemplum, das die Trauerthematik mittelbar inszeniert: In 4,1,15 (De moderatione) erfährt M. Bibulus von der Ermordung seiner beiden Söhne. Als Cleopatra ihm die Mörder schickt, damit er Rache nehmen könne, sendet er sie zurück mit dem Hinweis, das Recht auf Bestrafung stehe dem Senat zu. Die Beschreibung seiner Haltung weist auch hier auf die moderatio hin, die den Schmerz bezwingt. Obgleich sich der Bezug zur res publica nicht so unmittelbar einstellt, wie in den anderen hier behandelten exempla, so lässt sich der Verzicht auf Eigenjustiz deutlich erkennen: Dass Bibulus dem Senat die Verantwortung für die Bestrafung zuweist, ist vor dem Hintergrund seiner Trauer als besonderes Verdienst zu betrachten.

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Marcius Konsul) vom Tod ihrer Söhne erfahren und deren besonderes Verdienst zunächst darin liegt, ihren Pflichten trotz des dolor privatus nachzukommen.212 Auch im Falle des Aemilius Paullus (5,10,2), der erst zwei Söhne zur Adoption fortgibt und kurz darauf seine beiden anderen Söhne durch deren Tod verliert, liegt die Betonung auf der Überordnung des öffentlichen Wohles und auf dem robor animi, mit dem Paullus dieses Unglück erträgt.213 Dennoch erschöpft sich die Normativität dieser exempla nicht im Postulat der Überordnung der res publica, denn anders als in den bisher besprochenen moderatio-exempla (4,1,5 und 2,2,4) wird die Beziehung zwischen Vater und Sohn nicht in allen Fällen einfach hintangestellt. Ein Blick auf das Beispiel 5,10,3 zeigt vielmehr eine differenziertere Argumentation, die den Anspruch deutlich macht, sowohl der ›Rolle‹ des Vaters als auch der des Konsuls gerecht zu werden und keine gegenüber der anderen zu vernachlässigen.214 Es wäre demnach zu kurz gegriffen, hier 212 Horatius Pulvillus (5,10,1) ist als Pontifex damit beschäftigt, den Juppiter-Tempel zu weihen, als er vom Tod seines Sohnes erfährt: Er setzt jedoch die rituelle Handlung fort, ohne seinen Schmerz zu zeigen. Valerius erklärt: neque manum a poste removit, ne tanti templi dedicationem interrumperet, neque vultum a publica religione ad privatum dolorem deflexit, ne patris magis quam pontificis partes egisse videretur; zum Kontext s. auch Liv. 2,8,7-8). Q. Marcius Rex (5,10,3) verliert während seines Konsulats seinen einzigen und vielversprechenden Sohn. Obwohl er von diesem Schlag schwer getroffen ist, beherrscht er seinen Schmerz und geht direkt vom Scheiterhaufen seines Sohnes in die curia, um dort wie üblich den Senat einzuberufen. Der Kommentar von Valerius ist ähnlich wie im vorigen Fall: quod nisi fortiter maerorem ferre scisset, unius diei lucem inter calamitosum patrem et strenuum consulem neutra in parte cessato officio partiri non potuisset. 213 In einer Rede an das Volk sagte Paullus, er habe die Götter gebeten, lieber alles Unglück auf seine domus zu lenken – wenn den Unglück kommen müsse –, als auf die res publica. Lieber solle das Volk über sein Ungemach trauern als er über das des populus romanus (5,10,2). Das Beispiel 5,1,5 (De humanitate et clementia) widerspricht dem eben skizzierten Erwartungshorizont nur scheinbar: Q. Metellus verzichtet auf die Erstürmung der Stadt, weil die Bewohner die Kinder eines Überläufers genau an der schwachen Mauerstelle, die eingenommen werden sollte, den Angriffen ausgesetzt hatten. Zwar stellt Metellus die Vermeidung der beim Vater antizipierten Trauer im Falle eines möglichen Todes des Sohnes über das öffentliche Interesse, doch die Haltung des (nicht-römischen!) Überläufers (und Vaters) entspricht dem Postulat der Überordnung der res publica, denn er drängt auf die Fortführung der Eroberung. Metellus setzt seine Haltung durch und Valerius kommentiert: humanitatem propinquae victoriae praetulit. Dieser Kommentar sowie der Kontext der Rubrik (De humanitate et clementia) bieten eine Erklärung für die zunächst erstaunliche Haltung des Metellus, der hier das Interesse Roms hinter die Vater-Sohn-Beziehung stellt. Wieder wird deutlich, dass der Kapitelkontext den für eine adäquate Deutung der valerischen exempla unverzichtbaren Rahmen liefert: Da die vorliegende Rubrik humanitas et clementia in Szene setzt, hat das milde Vorgehen des Metellus normativ Vorrang vor dem sonst dominierenden Interesse der res publica. In ähnlicher Weise wird die fides publica in 6,6,1 durch die Haltung der Römer zu dem Sohn des Königs Ptolemaios in eindrücklicher Weise inszeniert. 214 Während diese Forderung in Bezug auf das Agieren im Senat unmittelbar einleuchtet, so ist bemerkenswert, dass auch die ›Rolle‹ des pater calamitosus als officium dargestellt wird (zur valerischen Begrifflichkeit s. oben Anm. 212; vgl. auch unten Kapitel 2.3.3.2). Die Rollenthematik und ihre Bedeutung für das valerische Werk werden im Kapitel 2.3.3.2 ausführlich besprochen. In

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lediglich eine Forderung nach Überordnung ›öffentlicher‹ über ›private‹ Belange zu konstatieren. Obgleich dem Wohl der res publica eine zentrale Bedeutung zugesprochen wird, scheint im Ganzen doch vielmehr ein moderates Austarieren gefordert, das durch den Rekurs auf ein durch soziale ›Rollen‹ mitbestimmtes Verhalten ein besonderes Gewicht erhält.215 Die Bedeutung, die rollengeprägtem Verhalten in diesem Falle zukommt, lässt sich im valerischen Werk auch in anderen Zusammenhängen festmachen (vgl. Kapitel 5.6.3). Sie ist grundlegender Bestandteil des zweiten zentralen Postulats – des reflektierten Handelns –, das im Rahmen der Vater-Sohn-Beziehungen handlungsleitende Funktionen übernimmt, und das im Folgenden näher untersucht werden soll.

2.3.3 Moderate usus adfectibus suis: Kein Handeln im Affekt Das zweite grundlegende Prinzip, das sich im valerischen Werk für die Interaktion zwischen Vätern und Söhnen festmachen lässt, betrifft die konkrete Ausgestaltung des väterlichen Handelns. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach einem maßvollen Vorgehen, das sowohl im Zusammenhang mit Strafen als auch in positiven Beziehungen als wünschenswert dargestellt wird – ein Umstand, der in der Forschung bisher relativ wenig Beachtung gefunden hat. Eine Ausnahme bildet das Werk von R. Honstetter, der den Versuch macht, seine diesbezüglichen Beobachtungen in einen umfassenden Interpretationsansatz einzubinden. Im Folgenden sollen seine – exemplarisch an den Kapiteln 5,7 bis 5,9 illustrierten – Überlegungen kurz dargestellt und in den Rahmen der vorliegenden Untersuchung eingeordnet werden.216 Ausgangspunkt von Honstetters Überlegungen ist die Unterscheidung zwischen rhetorischen und literarischen exempla: Während das exemplum im rhetorischen Gebrauch »den Anspruch auf absolute, geradezu dogmatische Gültigkeit der im exemplum repräsentierten Norm« erhebe und die (ebenfalls existierenden) Gegenbeispiele soweit es gehe verschweige,217 diesem Zusammenhang sei lediglich auf die Begriffe agere sowie pars hingewiesen, die u.a. im Sinne von »eine Rolle spielen« verstanden werden können. 215 Es geht demnach auch nicht um eine einfache Gegenüberstellung von beherrschten Affekten (durch die Fortführung der publica officia) und affektbestimmtem Handeln (dem Nachgeben der Trauer um den Sohn), sondern auch die Äußerung von Affekten erweist sich idealiter als eingebunden in ein durch Rollen ›vorgezeichnetes‹ Verhalten. 216 Zur Bedeutung, die Valerius der Kardinaltugend moderatio zuschreibt, s. auch die knappen Ausführungen von Loutsch, S. 36ff. 217 Honstetter lehnt sich in seiner Argumentation an die bereits erwähnten (s. oben Kapitel 1.2) Ausführungen von Fuhrmann an, denen zufolge man in der politischen Rhetorik (der späten Republik) durchaus gewusst habe, »dass es nicht nur Beispiele, sondern auch Gegenbeispiele

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stehe Valerius durch die Literarisierung der exempla, die einen das Werk als Ganzes rezipierenden Leser voraussetze, vor dem »Problem der rhetorischen Kasuistik«.218 Die innerhalb des Werkes notwendigerweise auftretenden Widersprüche zwischen kontrastierenden Normen (wie etwa Strenge und Milde) müssten ausgeschlossen oder erklärt werden, um dem Leser auch in Grenzfällen eine klare Handlungsanweisung zu geben. Valerius habe daher die Kasuistik, die das Prinzip der forensischen Rhetorik bilde, in seiner Sammlung explizit gemacht, indem er selbst bei manchen exempla auf Deutungsalternativen hinweise.219 In Bezug auf die Kapitel 5,7 bis 5,9 bedeute das konkret, dass Valerius hier zunächst Beispiele für väterliche Nachsicht, dann für Strenge anführe und in beiden Kapiteln sowohl angemessene als auch übertriebene Vorgehensweisen darstelle. Die Kritik an den exzessiven Handlungen münde schließlich – gleichsam als Synthese – in das Kapitel 5,9 (De parentum adversus suspectos liberos moderatione) und präsentiere somit moderatio als eigentlich ideale Form väterlichen Verhaltens.220 Wenngleich der Deutung von Honstetter hier nicht in jedem Detail gefolgt wird,221 so sind seine Beobachtungen doch über weite Strecken zutreffend. Das gilt insbesondere für die im Kapitel 5,9 angeführten exempla, die von Valerius mit einer positiv konnotierten Einleitung versehen und lobend kommentiert werden.222 Es geht dabei in allen Fällen um durchaus schwerwiegende, den Vater (beispielsweise durch die Planung von parricidium) sehr direkt bedrohende Delikte. Unabhängig davon, ob die Verdächtigung sich als falsch erweist oder nicht, legen die Väter in diesen exempla eine gemäßigte Haltung an den Tag. L. Gellius (5,9,1) beruft ein consilium ein, führt eine Untersuchung durch und gibt dem Sohn das Recht, sich zu verteidigen. Q. Fulvius (5,9,3) verzichtet trotz der Anklage auf die nota und sieht sogar davon ab, seinen Sohn zu enterben. Insbesondere für Q. Hortensius (5,9,2) wird betont, er habe seine Emotionen mit Maß gehandhabt,

gibt«, doch sei es die Aufgabe des Redners gewesen, diesen Umstand zu verbergen (Fuhrmann, exemplum, S. 451). »Man gab vor, mit dem jeweiligen Exemplum den unumstößlichen Beweis für die Richtigkeit der eigenen Position vorzubringen, und überließ es dem Gegner, dieses gegebenenfalls durch ein Gegenexemplum zu entkräften.« (Honstetter, S. 91). 218 Zur Frage der Literarisierung von exempla und zur Bedeutung der Einbeziehung der Kontexte (Kapitel und Gesamtwerk) einzelner exempla s. oben Kapitel 1.1 und 1.2. 219 Honstetter, S. 92. Zur Frage von Deutungsalternativen s. die Ausführungen über das Rollenverhalten im Zusammenhang mit dem Beispiel 5,8,5 (unten Kapitel 2.3.3.2). 220 Honstetter, S. 92ff. 221 Zu den exempla 5,8,3 und 5,8,5 s. unten Kapitel 2.3.3.2. 222 Diese exempla werden im Zusammenhang mit der Thematik der Konfliktvermeidung einer eingehenderen Untersuchung unterzogen (s. unten Kapitel 2.3.4.1).

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indem er den Sohn einerseits scharf und öffentlich tadelte, andererseits aber auf die harte und endgültige Strafe der Enterbung verzichtete.223 Die folgenden Ausführungen werden zeigen, dass das Moment der moderatio im valerischen Werk in ganz unterschiedlichen Kontexten auftritt und verschiedene Formen annehmen kann: Das Hinzuziehen eines consilium propinquorum et amicorum vor einer Verurteilung des Sohnes, das Handeln gemäß bestimmten Rollenerwartungen bzw. exemplarischen Vorbildern sowie die explizite Reflexion des eigenen Vorgehens bilden die im Folgenden zu behandelnden Handlungsmuster, die ein maßvolles Verhalten garantieren. 2.3.3.1 Die Kontrolle von außen: das consilium Das bekannteste, auch in der Familienforschung immer wieder als bedeutsam hervorgehobene Kontrollmoment für väterliches Handeln ist das consilium propinquorum et amicorum. Es handelt sich dabei um einen Rat, der in der Regel zusammengerufen wurde, um bei Strafentscheidungen, die domi – also ohne regulären Prozess – gefällt wurden, eine kontrollierende Ebene einzuführen. Nach Einschätzung von Thomas wurden consilia wahrscheinlich in allen Fällen väterlicher Rechtsprechung einbezogen –224 eine Vermutung, die sich durch das valerische Werk nicht bestätigen lässt: Nur in zwei Fällen wird berichtet, dass ein Vater im Zusammenhang mit der Anklage gegen einen Sohn ein solches consilium einberuft.225

223 Moderate usus adfectibus suis, quia et vivus moribus eius verum testimonium et mortuus sanguini honorem debitum reddidit. Zur Bedeutung der Blutsverwandschaft s. unten Kapitel 2.3.4.2. Vollends ungewöhnlich ist schließlich das Verhalten des ignotus pater im letzten hier angeführten exemplum, das Valerius mit der Bemerkung novae atque inusitatae rationis consilium einleitet und das im Zusammenhang mit dem Thema der Konfliktvermeidung eingehender behandelt werden wird: Als der Vater von den parricidium-Plänen des Sohnes erfährt, geht er mit ihm an einen einsamen Ort und gibt ihm ein Schwert, mit dem er ihn töten könne. Dadurch besinnt sich der Sohn eines Besseren und bittet den Vater um Verzeihung (5,9,4). 224 Thomas, Vitae necisque potestas, S. 536 und ders., Parricidium, S. 663, Anm.61. 225 In den Beispielen 5,8,2 und 5,9,1. In 5,8,3 berichtet Valerius (mit Bezugnahme auf 5,8,2), dass Torquatus es in einem ähnlichen Fall nicht für nötig hielt, ein consilium in seine Entscheidungsfindung einzubeziehen (in consimili facto ne consilio quidem necessariorum indigere se creditit). Dies könnte zwar einerseits darauf hindeuten, dass das Einbeziehen eines solchen consilium von Valerius als üblich betrachtet wurde, andererseits gibt es jedoch andere Beispiele väterlicher Bestrafung, für die weder ein consilium noch das Fehlen desselben Erwähnung finden. Das Beispiel des Torquatus wird im Kapitel 2.3.3.2 noch einmal besprochen, und diese Ausführungen werden deutlich machen, dass das reflektierende Moment in seinem Fall durch andere Elemente vertreten ist, nämlich zum einen durch den Aspekt des Rollenhandelns sowie zum anderen durch die Einordnung in eine exemplarische Tradition. Es gibt im valerischen Werk nur noch zwei weitere Fälle der Erwähnung eines solchen consilium: In 2,9,2 (De censoria nota), wo er sich auf die Beziehung zwischen Eheleuten bezieht (s. unten Kapitel 3.3.1.2), sowie in 6,1,1 (De pudicitia), das sich mit der exemplarischen Keuschheit der Lucretia beschäftigt. Zur Verantwortung, die Verwandten (und Freunden) in der römischen Gesellschaft zukam, s. auch unten Kapitel 3.6.2.

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Der eine betrifft das Beispiel 5,9,1, das sich bezeichnenderweise im Kapitel über moderatio findet (De parentum adversus suspectos liberos moderatione): L. Gellius, ehemaliger Zensor, verdächtigt seinen Sohn, stuprum mit der Stiefmutter begangen und ein parricidium geplant zu haben. Obgleich er die Schuld des Sohnes als beinahe erwiesen ansieht, bestraft er ihn nicht sofort, sondern ruft fast alle Senatoren zu seinem consilium dazu, legt ihnen seine Verdächtigungen dar und gibt dem Sohn das Recht, sich zu verteidigen. Nach einer ausführlichen Untersuchung spricht er seinen Sohn frei. Die Einberufung des consilium erweist sich ebenso wie das Verteidigungsrecht des Sohnes als Ausdruck der maßvollen Haltung des Vaters, der – so scheint es zunächst – angesichts der schwerwiegenden Verdächtigungen auch einfach zur Bestrafung hätte schreiten können.226 Statt dessen ermöglicht er seinem Sohn ein Verfahren, das einem veritablen Prozess nahe kommt und schließlich auch zu dessen Freispruch führt. Der abschließende Kommentar des Valerius macht deutlich, dass ein unüberlegtes und übereiltes Vorgehen in diesem Falle auch höchst problematisch gewesen wäre: quod si impetu irae abstractus saevire festinasset, admisisset magis scelus quam vindicasset. Natürlich bot ein consilium keine Garantie für einen milden Urteilsspruch, wie ein Blick auf das bereits besprochene Beispiel des Sp. Cassius (5,8,2) zeigt, der nach dem Einbringen einer lex agraria des Strebens nach regnum beschuldigt wird (Kapitel 2.3.2.1). Sein Vater beruft ein propinquorum et amicorum consilium ein, verurteilt ihn domi und lässt ihn auspeitschen und hinrichten.227 Das consilium sichert in diesem Fall die Einbindung des väterlichen Vorgehens in ein System sozialer Kontrolle und stellt sicher, dass die Strafentscheidung nicht im Affekt gefällt wird. Damit ist trotz der letztlich harten Strafe gewährleistet, dass die Strenge in rechtem Maße ausgeübt wird und soziale Akzeptanz beanspruchen kann.

226 Die Tatsache, dass auch das Hinzuziehen des consilium hier als Ausdruck von moderatio dargestellt wird, spricht im übrigen gegen die oben erwähnte Annahme von Thomas, derzufolge consilia in der häuslichen Rechtsprechung immer einbezogen wurden (s. oben Anm. 224). 227 In diesem Falle geht es um einen direkten Angriff auf die res publica, doch ist das consilium im Vergleich zu dem eben behandelten (5,9,1) zumindest begrifflich weniger stark auf den staatlichen Bereich bezogen: War es dort in der Regel der Senat, so sind es hier propinquii und amici. Dennoch kann man mit Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 468f., festhalten dass consilia bei Delikten von Haussöhnen vermutlich in stärkerem Maße auf eine außerfamiliäre, ›öffentliche‹ Sphäre bezogen waren, als bei Töchtern oder Ehefrauen (dies hat bereits Kunkel, Hausgericht, S. 240 gesehen). Die Bestrafung von Frauen – das wird in den späteren Kapiteln deutlich werden (unten Kapitel 3.2.2.1 und 3.3.1.2) – obliegt auch bei Valerius alleine den Verwandten. Diese »différence qualitative« (Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 468) macht einmal mehr deutlich, welche politischen Implikationen die Beziehung zwischen Vater und Sohn hatte.

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2.3.3.2 Rollenverhalten und Reflexion Maßvolles Verhalten lässt sich jedoch auch an anderen Handlungsmustern festmachen, die im Rahmen der bisherigen Ausführungen bereits angesprochen worden sind. In erster Linie ist hier die Ausrichtung des Handelns an bestimmten Rollenmustern und -erwartungen zu nennen, die durch den Handlungskontext bzw. aufgrund eines Amtes vorgegeben werden und in vielen Fällen väterlichen Vorgehens von zentraler Bedeutung sind. In dem bereits besprochenen Beispiel 2,7,6 ist die Situation relativ eindeutig: Die Väter Postumius und Tubertus, die respektive Diktator und Konsul sind, erfüllen mit ihrem Vorgehen die Pflicht, die ihnen qua Amt zukommt. Das Rollenverhalten ist eindeutig auf ihr magistratisches Amt bezogen und erweist die beiden als bellicarum rerum severissimi custodes.228 Auch wenn es ihnen, wie Valerius beschreibt, schwer fällt, muss die Vaterrolle im Hintergrund bleiben und kann sich allenfalls darin äußern, dass Postumius nicht in der Lage ist, bei der Hinrichtung des Sohnes zuzusehen. Im Falle des Brutus (5,8,1), der eine sehr ähnliche Konstellation aufweist, ist die Argumentation differenzierter und für die vorliegende Fragestellung von besonderem Interesse. Wie bereits im Kapitel über das ius vitae necisque erwähnt, ist die Situation insofern mehrdeutig, als Brutus, der seine Söhne hinrichten lässt, zwar Konsul ist, das exemplum sich aber in die Rubrik über strenge Väter eingeordnet findet. Valerius kommentiert das Verhalten des Brutus folgendermaßen: exuit patrem, ut consulem ageret, orbusque vivere quam publicae vindictae deesse maluit. Der Ausdruck consulem agere lässt sich übersetzen mit »sich als Konsul verhalten«.229 Faranda dagegen wählt eine freiere Übersetzung: »Si spogliò delle vesti di padre per indossare quelli di console [...]« und verweist damit bereits auf einen Bedeutungshorizont, der in Shackleton Baileys Version – »he put of the father to play the Consul [...]« – noch deutlicher wird: die Betonung des Rollencharakters des väterlichen Vorgehens. In der Tat lässt agere sich auch mit »eine Rolle spielen« übersetzen,230 und Valerius verwendet den Begriff auch an anderen Stellen, die diese Übersetzung plausibel machen.231 228 Die Kombination von custos und zentralen römischen Werten findet sich im valerischen Werk auch in anderen Zusammenhängen (s. etwa 6,1,4 sowie 2,1,6) und weist dabei immer auf die große Bedeutung hin, die den jeweiligen Wertvorstellungen zugesprochen wurde. 229 Hoffmann schreibt beispielsweise: »Er vergaß, daß er Vater sey, um als Konsul handeln zu können«; ähnlich Combès: »Il cessa d’être un père pour agir en consul [...].« 230 Georges, s.v. ago, II B,3,c,E: (bes. übertragen, im gewöhnlichen Leben) eine Rolle spielen: senatorem / nobilem / amicum / filium / bonum consulem agere. Zur Bedeutung dieser Terminologie bei Valerius vgl. auch unten Anm. 236. 231 In dem bereits ausführlich behandelten exemplum 2,2,4 erklärt Fabius Rullianus seinem Sohn, dessen Amtshandeln er gerade auf die Probe gestellt hat: experiri volui an scires consulem agere. Man kann diesen Ausdruck übersetzen, er habe prüfen wollen, »ob der Sohn sich wie ein

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Brutus erscheint vor diesem Hintergrund als Träger zweier unterschiedlicher Rollen, die er je nach situativer Notwendigkeit übernehmen oder ablegen kann bzw. muss.232 Dabei zeigt der Hinweis auf das ›Verlassen‹ der Vaterrolle, dass die beiden Rollen – zumindest in dieser Situation – als unvereinbar angesehen werden. Dies ist indes nicht zwangsläufig der Fall, wie ein Blick auf das bereits kurz besprochene exemplum 5,10,3 (De parentibus qui obitum liberorum forti animo tulerunt) deutlich macht (s. Kapitel 2.3.2.3). Die Reaktion des Q. Marcius, der während der Ausübung seines Konsulamtes vom Tode seines einzigen Sohnes erfährt, wird ebenfalls als Rollenhandeln dargestellt, auch hier steht das Handeln ›als‹ Vater den Pflichten ›als‹ Konsul gegenüber.233 Doch im Gegensatz zu dem eben besprochenen Fall ist dort nicht das Zurücktreten einer der beiden Verpflichtungen thematisiert, vielmehr wird der Anspruch deutlich, beiden gerecht zu werden und keine gegenüber der anderen zu vernachlässigen. Reflexion und Selbstkontrolle erweisen sich in diesem Zusammenhang als zentrale Elemente, die erst einen adäquaten Umgang mit den unterschiedlichen officia eines römischen Aristokraten ermöglichen. Konsul zu verhalten wisse«, und sowohl Shackleton Bailey als auch Combès, Faranda und Hoffmann haben dies sinngemäß so getan. Doch mit Blick auf die eben dargestellten Übersetzungsmöglichkeiten von agere wird deutlich, dass dieser Satz auch in dem Sinne verstanden werden kann »ob der Sohn die Rolle des Konsuls zu spielen wisse«. Eine ähnliche Begrifflichkeit findet sich im Beispiel 5,10,1 (De parentibus qui obitum liberorum forti animo tulerunt), in dem die Haltung des Pontifex Horatius Pulvillus beschrieben wird, der während einer Tempelweihung vom Tode seines Sohnes erfährt: »Weder zog er die Hand von dem Pfosten zurück, um die Weihung dieses wichtigen Tempels nicht zu unterbrechen, noch veränderte er seine Miene von der öffentlichen Zeremonie zu privatem Schmerz, damit es nicht aussehe, als habe er mehr die Rolle des Vaters als die des Pontifex übernommen.« (neque manum a poste removit, ne tanti templi dedicationem interrumperet, neque vultum a publica religione ad privatum dolorem deflexit, ne patris magis quam pontificis partes egisse videretur. Übersetzung U. L.). Die ›rollenbezogene‹ Übersetzungsmöglichkeit von agere ist bereits erörtert worden (Anm. 230), zu pars s. unten Anm. 236. 232 Die Bedeutung, die der sozialen Rolle in der römischen Gesellschaft zukommt, ist von Manfred Fuhrmann in einem wichtigen Aufsatz herausgearbeitet worden (Fuhrmann, Persona). Fuhrmann macht deutlich, dass die subjektive und abstrakte Vorstellung, die heute mit dem Begriff der Person – als absolut gesetztes Individuum – verbunden wird, auf die Zeit der Aufklärung, genauer auf Kant, zurückgehe. In der römischen Antike, und noch lange Zeit darüber hinaus, habe der Begriff persona, neben der Grundbedeutung »Maske« oder davon abgeleitet »Rolle« im Theater, insbesondere auf die Übernahme sozialer Rollen hingewiesen. Wie Fuhrmann zeigen konnte, war das gesamte gesellschaftliche Leben in Rom, die Familie, der politische Bereich, das Handeln vor Gericht und anderes mehr auf die Erfüllung sozialer Normen der Rollenerwartung ausgerichtet. 233 Valerius kommentiert: »Hätte er seinen Schmerz nicht standhaft zu tragen gewusst, so wäre er nicht in der Lage gewesen, das Licht eines Tages zwischen dem unglücklichen Vater und dem tatkräftigen Konsul aufzuteilen, ohne einer der beiden Pflichten zu vernachlässigen.« (quod nisi fortiter maerorem ferre scisset, unius diei lucem inter calamitosum patrem et strenuum consulem neutra in parte cessato officio partiri non potuisset; Übersetzung U. L.). Dass eine Vernachlässigung der Vaterrolle von Valerius kritisch beurteilt wird, zeigt auch seine Darstellung des im Folgenden zu untersuchenden Falles 5,8,3.

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Wie komplex die Anforderungen an väterliches Verhalten waren und welche konkreten Handlungsoptionen einem Vater in solchen Situationen zur Verfügung standen, zeigt der Kommentar des Valerius zu dem bereits ausführlich besprochenen Beispiel des M. Torquatus (5,8,3), der den Repetundenprozess gegen seinen (zur Adoption gegebenen) Sohn Decimus Silanus übernommen und diesen nach einer ausführlichen Untersuchung des Falles schuldig gesprochen hatte. Die vermutlich als abdicatio zu deutenden patris sententia trieb den Sohn in den Selbstmord.234 Valerius merkt an, Torquatus habe doch eigentlich die Rolle (pars)235 des strengen und skrupulösen Richters zur Genüge gespielt, das Interesse der res publica sei zufriedengestellt und Macedonia gerächt worden; der rigor patris hätte angesichts des Selbstmordes, den sein Sohn aus verecundia vollzogen hatte, besänftigt sein können.236 Und dennoch habe Torquatus nicht am Begräbnis des Sohnes teilgenommen, sondern sich in das atrium seines Hauses begeben und dort, unter der imago seines Ahnen Torquatus Imperiosus sitzend, Rat erteilt. In den Worten des Valerius zeigt sich zunächst ein gewisses Unverständnis, ja vielleicht sogar Kritik: Er scheint bei Torquatus das Übernehmen der Vaterrolle zu vermissen, die offensichtlich die Strenge mäßigen und auch das Moment der Trauer umfassen würde. Zugleich bietet Valerius in seinen darauffolgenden Überlegungen einen Deutungsvorschlag, der das Verhalten des Torquatus erklären und rechtfertigen könnte. Während nämlich Livius in seiner Version dieser Episode das Ratgeben im Atrium als ›Rückkehr zu den üblichen Geschäften‹ darstellt, hebt Valerius die funktionale Bedeutung dieser Geste hervor:237 Indem Torquatus sich vor die imago 234 Zu diesem Fall sowie insbesondere zur Frage der abdicatio s. oben Kapitel 2.3.2.2. 235 Zur Übersetzung von partes als »Rolle« s. die Ausführungen in der folgenden Anm. 236. Shackleton Bailey und Faranda übersetzen hier ebenfalls mit »role« bzw. »parte«, wohingegen Hoffmann und Combès sich für »Pflichten« bzw. »fonctions« entscheiden. 236 Peregerat iam Torquatus severi et religiosi iudicis partes satis factum erat rei publicae, habebat ultionem Macedonia, potuit tam verecundo filii obitu patris inflecti rigor. Die Terminologie dieses Beispiels erinnert in mancher Hinsicht an die gerade besprochenen Beispiele 5,8,1 sowie 5,10,1 und 3: statt agere finden sich hier die Begriffe peragere sowie pars: Auch diese können im Sinne von »Rolle« verwendet werden; vgl. Georges, s.v. perago: I.B.2.b eine Rolle durchspielen; I.B.2.c einen Prozess bis zur Entscheidung durchspielen; s.v. pars: II.G.a Rolle eines Schauspielers; II.G.b (übertragen) die Rolle im Sinne von Amt, Pflicht. Für pars gibt auch Lewis / Short eine vergleichbare Bedeutung (s.v. pars II B), nicht jedoch für peragere. 237 Liv. Per. 54. Es ist natürlich denkbar, dass die ausführliche livianische Version dem exemplarischen Verhalten eine größere Bedeutung zuspricht. Wichtig ist hier jedenfalls die Rolle, die Valerius ihm zuschreibt. Seine Beschreibung des väterlichen Verhaltens ist durchdrungen von zentralen Begriffen des römischen Traditions- und Familienverständnisses: Videbat enim se in eo atrio consedisse in quo imperiosi illius Torquati severitate conspicua imago posita erat, prudentissimoque viro succurrebat effigies maiorum cum titulis suis idcirco in prima parte aedium poni solere ut eorum virtutes posteri non solum legerent sed etiam imitarentur. – »Er sah sich nämlich in ebendem Atrium sitzen, in dem das durch Strenge hervorstechende Bild jenes Torquatus aufge-

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seines für severitas bekannten Ahnen Torquatus Imperiosus begibt, stellt er sich explizit in die Familientradition väterlicher Strenge, inszeniert die eben vollzogene Handlung als Akt der imitatio exempli maiorum und statuiert gleichsam ein Exempel im exemplum.238 Milde wäre für seine durch diese spezifische Tradition geprägte Vaterrolle kein adäquates Verhalten.239 Für ihn ist die Verbindlichkeit der eigenen exempla maiorum das Maß, an dem er seine Haltung messen muss.240 Honstetter hebt in diesem exemplum nur das Moment der Kritik hervor und setzt es dabei auf eine Ebene mit dem Beispiel 5,8,5, das in der späten Republik handelt:241 Der Sohn des Fulvius, der unter seinen Gefährten in

stellt war, der als der ›Gebieterische‹ bekannt ist. Und so kam dem klugen und verständigen Mann fortwährend in den Sinn, daß man die Ahnenbilder mit ihren Ruhmestiteln deshalb im ersten Teil des Gebäudes aufstellt, damit die Nachfahren ihre tüchtigen Leistungen nicht nur lesen, sondern auch nachahmen.« (Val. Max. 5,8,3, Übersetzung Wlosok, Über die Rolle der Scham, S, 167f.) Eben die hier geforderte imitatio virtutis wird durch das Verhalten des Torquatus in Szene gesetzt (Walter, Memoria und res publica, S. 109). 238 Dieser Verweis auf die bindende Vorbildhaftigkeit der Vorfahren findet sich in etwas abgewandelter Form auch in der ciceronischen Überlieferung (Cic. fin. 1,24). Torquatus, der wie bereits erwähnt zugleich Konsul ist, erklärt, der Sohn habe sich allem Anschein nach nicht wie seine maiores verhalten, und daher dürfe er ihm nicht mehr unter die Augen kommen (zur Bedeutung der exempla domestica s. auch Blösel, mos maiorum, S. 44f., S. 70ff. und passim; zur Funktion der imagines vgl. Flower, S. 9-15 und passim). Die Betonung liegt hier auf der mangelnden imitatio des Sohnes, während Valerius zugleich auch die exemplarische väterliche Strenge der Torquati hervorhebt. In diesen Überlegungen könnte übrigens auch ein weiteres Erklärungselement für die oben (Kapitel 2.3.2.2) behandelte Frage der abdicatio und der väterlichen Handlungsmöglichkeiten enthalten sein: Die Verbindlichkeit der exempla maiorum erweist sich in diesem Fall als unabhängig von rechtlichen Aspekten (wie die Zugehörigkeit zur familia). Daher steht der Sohn trotz der Adoption in der Pflicht, sich den maiores sowie der domus als würdig zu erweisen, und der Vater kann oder muss die schon sprichwörtliche Strenge der Torquati auch jenseits der rein rechtlichen Verantwortlichkeit des pater familias ausüben. Siehe zur Interpretation dieses Beispiels auch ähnlich Wlosok, Über die Rolle der Scham, S. 166ff., Flaig, Ritualisierte Politik, S. 79ff., sowie neuerdings Walter, Memoria und res publica, S. 109, der dieses exemplum unter dem Titel »Im Banne der Vorfahren: die imagines als Handlungsimpuls« behandelt; vgl. auch Walter, Ein Ebenbild des Vaters, S. 420ff. 239 Eine in mancher Hinsicht vergleichbare Situation findet sich auch in dem darauf folgenden exemplum 5,8,4, das im Zusammenhang mit der Diskussion der abdicatio bereits kurz erwähnt worden ist: Als M. Scaurus, lumen ac decus patriae, erfährt, dass sein Sohn zusammen mit anderen equites romani vor einem Angriff der Kimbern geflohen ist, da schickt er ihm die Botschaft, wenn er noch etwas verecundia besitze, dann solle er fortan den conspectus patris meiden. Denn – und diese Reflexion erinnert an die imitatio exempli des Torquatus – die Erinnerung an seine Jugend habe ihm mahnend ins Gedächtnis gerufen, welche Art von Sohn einem M. Scaurus würdig sei recordatione enim iuventae suae qualis M. Scauro aut habendus aut spernendus filius esset admonebatur. Auch in diesem Fall zeigt sich folglich kein Affekthandeln, sondern eine überlegte und wohlbegründete Handlung, die in der Verpflichtung gründet, welche durch berühmte Vorfahren sowie die eigene (ruhmreiche) Stellung entsteht. 240 Die Verbindlichkeit der exempla maiorum wird auch dadurch hervorgehoben, dass das Beispiel mit dem Wort imitarentur endet. S. hierzu auch Blösel, mos maiorum, S. 53 und passim. 241 Honstetter, S. 94f.

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vieler Hinsicht herausragt, schließt sich pravo consilio Catilina an.242 Als er gerade zu dessen Lager eilt, lässt Fulvius ihn umbringen, erklärt ihm jedoch zuvor – sein Vorgehen reflektierend und erklärend –, er habe ihn nicht für Catilina und gegen die patria, sondern für die patria gegen Catilina gezeugt. Der abschließende Kommentar des Valerius wird von Honstetter als Kritik am väterlichen Verhalten gedeutet: licuit, donec belli civilis rabies preateriret, inclusum arcere: verum illud cauti patris narraretur opus, hoc severi refertur. Die einseitige Betonung der kritischen Bewertung geht jedoch m. E. am Kern der Aussage der beiden eben behandelten exempla vorbei. Vielmehr zeigt sich in diesem Beispielen ein weiterer wichtiger Aspekt des Rollenhandelns, der im Laufe der bisherigen Untersuchung noch nicht in Erscheinung getreten ist: Wenn zumeist von ›der‹ Rolle als Vater, Konsul oder Pontifex gesprochen wurde, dann konnte der Eindruck entstehen, es gebe für jede soziale Rolle nur ein richtiges und angemessenes Verhalten. Dabei gab es – und dies machen die eben besprochenen exempla deutlich – durchaus verschiedene Handlungsoptionen für väterliches Vorgehen. Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass Valerius durch seine Darstellung auch die Präferenz für bestimmte (gemäßigtere) Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen möchte, doch in erster Linie versucht er, die von ihm vorgefundenen Handlungen in einen für ihn plausiblen Deutungskontext einzufügen.243 Unterschiedliche Reaktionen auf ein und dieselbe Situation können in diesem Sinne als zulässiges Rollenhandeln verstanden werden, indem man sie in die jeweils passende ›Kategorie‹ von Verhalten – in diesem Falle Strenge oder Vorsicht – einordnet.244 Der zentrale Unterschied zu tatsächlich tadelnswerten Handlungen liegt – wie bereits mehrfach betont – im Moment der Reflexion, das in beiden exempla nachgewiesen wurde. Dass dieser 242 Im Vorgehen des Sohnes lässt sich – über die Verwerflichkeit der Handlung an sich hinaus – auch eine implizite Kritik von affektgesteuertem Verhalten finden, denn Valerius berichtet, er sei temerario impetu in das Lager des Catilina geeilt. Diese unüberlegte Haltung wird im Folgenden mit dem reflektierten Vorgehen des Vaters kontrastiert (s. die folgenden Ausführungen im Text). 243 Für beide exempla bieten die uns überlieferten möglichen Quellenstellen keine der hier angeführten Deutungsansätze. In Bezug auf 5,8,3 wurden die Versionen von Cicero (fin. 1,24) und Livius (Per. 54) bereits besprochen (s. oben Kapitel 2.3.2.2, bes. Anm. 172, 176 und 188, sowie im vorliegenden Kapitel Anm. 237 und 238). Als Quelle für 5,8,5 kommt Sallust (Cat. 39,5) in Frage, der lediglich in einem kurzen Satz erwähnt, dass der Vater ihn holen und hinrichten ließ; jeglicher Erklärungsversuch fehlt. Es ist natürlich möglich, dass dieser Umstand in der Überlieferungssituation begründet liegt, aber es ist ebenso gut denkbar, dass wir hier vor genuin valerischen Sinnstiftungsversuchen stehen (in diese Richtung zielen auch Jacquemin, Salluste, S. 103 und Guerrini, Studi su Valerio Massimo, S. 31ff.). Zur Frage der valerischen Umdeutungen insgesamt s. auch Coudry, S. 134f. 244 Die Diskussion von Alternativen, die Valerius hier vornimmt, macht noch einmal deutlich, dass die Einordnung der exempla in die verschiedenen Kapitel von grundlegender Bedeutung für das Verständnis und die Bewertung der einzelnen Beispiele ist (s. oben Kapitel 1.2 und 1.3).

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Aspekt auch im Zusammenhang mit positiven Beziehungen von Bedeutung ist, wird der nächste Abschnitt zeigen. 2.3.3.3 Salubri consilio patriam indulgentiam temperavit: Affektkontrolle in positiven Beziehungen Die meisten der bisher betrachteten Beispiele moderaten Verhaltens waren auf Konflikte, genauer gesagt auf Bestrafungen von Söhnen durch ihre Väter bezogen. Das in vielen Ausformungen beobachtete Moment der Reflexion übernahm – mit dem consilium propinquorum sehr direkt, durch das Rollenhandeln eher implizit – in gewisser Weise die Funktion einer sozialen Kontrolle und verhinderte ein exzessives oder unangemessenes Vorgehen der Väter. Wie bereits von Honstetter angemerkt, wurde jedoch auch innerhalb der positiven Beziehungen reflektiertes Handeln erwartet.245 Deutlich wird dies insbesondere in den Beispielen 3,5,2 sowie 5,7,2, die im Folgenden kurz besprochen werden sollen. 3,5,2 (Qui a parentibus claris degeneraverunt) bildet kein eindeutig den Konflikten oder der Unterstützung zuzuordnendes exemplum, da Vater und Sohn hier divergierende Verhaltensweisen an den Tag legen. Q. Fabius Maximus, Sohn des Allobrogicus, führt ein so verschwenderisches Leben, dass der praetor urbanus Q. Pompeius ihm untersagt, das väterliche Vermögen zu übernehmen. Niemand unter den Bürgern tadelt das Vorgehen des Prätors, denn alle sind empört über die Verschwendung dieses Geldes, das dem splendor der gens Fabia hätte dienen sollen. Valerius kommentiert: ergo quem nimia patris indulgentia heredem reliquerat, publica severitas exheredavit. Obgleich Valerius dies nicht explizit ausführt, scheint Q. Fabius Allobrogicus um die luxuria seines Sohnes gewusst und ihn dennoch zum Erben eingesetzt zu haben.246 Die indulgentia des Fabius ist angesichts des Verhaltens seines Sohnes nicht angemessen und muss daher durch eine äußere Instanz, den Prätor und letztlich das gesamte Kollektiv der civitas, korrigiert werden.247 245 Dies gilt jedoch in erster Linie für das Vorgehen von Vätern. Die Unterstützungshandlungen der Söhne werden dagegen häufig als spontan und unreflektiert, aber dennoch positiv dargestellt (s. dazu oben Kapitel 2.3.1.4 sowie unten Kapitel 2.3.4.3) 246 Während ein solches – konfliktvermeidendes – Vorgehen sonst in fast allen Fällen lobend hervorgehoben wird, erweist es sich in diesem Beispiel als problematisch. Dass hier gerade nicht die Konfliktvermeidung von Seiten des Vaters im Mittelpunkt stehen soll, drückt Valerius unter anderem durch die Einordnung des Beispiels in den Kontext der degeneratio und eben nicht der moderatio aus – wieder zeigt sich die Bedeutung der valerischen Rubriken. Schließlich wird der Konflikt durch das Vorgehen des Prätors dann doch nicht vermieden. Die sonst peinlich vermiedene Enterbung des Sohnes erscheint in diesem Fall als die einzig richtige Lösung, wobei hervorzuheben ist, dass sie nicht vom Vater selbst durchgeführt wird. 247 Eine ganz ähnliche Begrifflichkeit findet sich im Beispiel 8,1, damn. 8 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint), das die Verurteilung eines namentlich nicht näher bestimmten

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Weniger explizit ist die Problematik übermäßig emotionalen Handelns in dem bisher nur kurz angesprochenen Beispiel 5,7,2 (De parentum amore et indulgentia in liberos) ausgedrückt,248 das durch den Kontext der Rubrik auf positiv bewertetes Vorgehen hindeutet. Caesetius, ein römischer Ritter, wird von Caesar aufgefordert, seinen Sohn zu verstoßen, da dieser Caesar durch den Vorwurf des regnum kompromittiert habe. Die durch indulgentia motivierte Weigerung des Vaters (celerius tu mihi, Caesar, omnes filios meos eripies quam ex iis unum nota meam pellam.) wird von Valerius bereits in seinem einleitenden Satz als nicht unproblematisch dargestellt (in hunc modum respondere sustinuit) und mit Erstaunen kommentiert: hatte Caesar den beiden anderen Söhnen doch eine glänzende Karriere versprochen. Valerius beschließt das exemplum mit dem Ausruf: hunc patrem tametsi summa divini principis clementia tutum praestitit, quis tamen non humano ingenio maius ausum putet, quod cui totus terrarum orbis succuberat non cessit? Nach Auffassung von Honstetter enthält dieses exemplum implizite Kritik am Vorgehen des Vaters:249 Dass Caesetius sich durchgesetzt habe, sei nicht etwa sein Verdienst, sondern allein auf die clementia Caesaris zurückzuführen. Der gute Ausgang sei mit einem hohen Risiko erkauft worden, und die Begrifflichkeit mache deutlich, dass das väterliche Verhalten das angemessene Maß überschritten habe und »in affektisches Sich-Verhalten« umschlage.250 Seine Einschätzung trifft die Aussage dieses Beispiels m. E. Vaters behandelt (eine vergleichbare Unbestimmtheit findet sich auch im weiter unten behandelten Beispiel 7,3,10). Als sein Sohn während eines Aufenthaltes auf dem Land Kutteln essen möchte, es jedoch keine Möglichkeit gibt, an Rindfleisch zu kommen, lässt der Vater – nimio amore correptus – einen bos domitus schlachten und wird deswegen verurteilt. Er hatte nicht nur gegen ein religiöses Gesetz verstoßen, sondern auch gegen die bereits mehrfach erörterte Norm, die eine Unterordnung ›persönlicher‹ Interessen unter die Belange der res publica postuliert. Doch erstaunlicherweise setzt Valerius keinen absoluten Maßstab. Der Vater hat zwar – aus übertriebenem amor – falsch gehandelt, doch der abschließende Kommentar macht deutlich, dass sein Verhalten keinen Verstoß gegen ›allgemein gültige‹ Gesetze darstellt, denn die Verurteilung erweist sich als zeitbedingt: Eoque nomine publica quaestione adflictus est, innocens, nisi tam prisco saeculo natus esset. 248 Zu diesem Beispiel s. die Ausführungen in Kapitel 2.3.1.2 (Anm. 134) sowie die Überlegungen zur abdicatio (Kapitel 2.3.2.2). 249 Honstetter, S. 94. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt er auch für das darauffolgende Beispiel 5,7,3, wobei er seine – in diesem Falle nicht ganz überzeugende – Argumentation hier in der Hauptsache auf ein Wort des ersten Satzes gründet: Sed nescio an Octavius Balbus concitatioris et ardentioris erga filium benevolentiae fuerit. Concitatus sei negativ konnotiert und weise darauf hin, dass der Vater »übereilt« oder »hastig« gehandelt habe (Zitate ebd.). Honstetter kritisiert zu Recht (ebd. S. 94, Anm. 197), dass in der Ausgabe von Faranda die Übersetzung des Begriffs concitatus unterlassen worden ist. Shackleton Bailey hingegen übersetzt den Ausdruck mit »lively« und macht damit deutlich, dass die negative Konnotation hier nicht zwingend ist. 250 Honstetter, S 94. Zu der umfassenden Analyse von Honstetter zu den Kapiteln 5,7-9, die im vorliegenden Kapitel einer ausführlichen Untersuchung unterzogen wurde, s. Honstetter, S. 9298.

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sehr genau: Affekthandeln ist auch dann problematisch, wenn es – wie hier aufgrund der clementia principis – keine negativen Folgen zeugt. Lobenswert ist dagegen väterliches Verhalten, das auf Reflexion basiert: So wird in 7,3,10 (Vafre dicta aut facta) das schlaue Vorgehen eines (nicht näher beschriebenen) Vaters inszeniert, dessen Sohn in einer unerlaubten und gefährlichen Liebschaft gefangen ist. Um ihn von dieser insana cupiditas zu befreien, bittet er den Sohn, vor jedem Besuch bei der Geliebten zu einer Prostituierten zu gehen. Der Sohn kommt dieser Bitte nach, kann seine sexuellen Begierden somit auf erlaubte Weise befriedigen und lässt die illegale Beziehung nach und nach fallen. Die valerische Beschreibung dieses Vorgehens ist aufschlussreich: salubri consilio patriam indulgentiam temperavit.251 Statt spontaner Nachgiebigkeit zu folgen und dem Sohn womöglich seinen Willen zu lassen, geht er überlegt handelnd vor und trägt auf diese Weise mehr zum Wohle seines Sohnes bei, als reine indulgentia es vermocht hätte. Der positive Gehalt reflektierten Vorgehens zeigt sich in ähnlicher Weise in dem häufig zitierten exemplum 2,1,7 (De institutis antiquis). Valerius berichtet über die bekannte Gewohnheit der maiores, derzufolge Väter nicht mit ihren erwachsenen Söhnen und Schwiegerväter nicht mit ihren Schwiegersöhnen badeten, und er erklärt diese Regelung mit dem Respekt, der sich darin äußere: Er sei dem Respekt den Göttern gegenüber vergleichbar.252 Die hier explizierte Regel macht deutlich, dass das bisher thematisierte Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen, das durch starke Ritualisierung sowie in vielen Fällen durch ›politische‹ Relevanz charakterisiert ist, erst mit einem bestimmten Alter des Sohnes beginnt. Die Interaktion mit einem

251 Dieses Verhalten insgesamt, sowie insbesondere die hier zum Ausdruck kommende moderatio, steht im Einklang mit der Tradition, wie eine Anekdote über den älteren Cato dokumentiert: Er soll einen jungen, ihm bekannten Mann gelobt haben, als er ihn aus einem Bordell kommen sah, da es besser sei, seine Lust dort auszuleben, als bei Ehefrauen anderer (Hor. sat. 1,2,31-25). Als Cato den jungen Mann jedoch immer häufiger aus dem Bordell kommen sah, habe er zu ihm gesagt: »Jüngling, ich habe dich gelobt, weil du hier einen Besuch gemacht hast, nicht dafür, dass du hier wohnst.« (Ps.-Acro 1,2,31-32). S. hierzu Meyer-Zwiffelhoffer, S. 78f. 252 In der Forschung wird diese Haltung, die auch bei Cic. off. 1,35,129 und Plut. qu. R. 40 überliefert ist, oft unter dem Stichwort avoidance-Regel angesprochen, wobei keine Einigkeit darüber besteht, ob es sich wirklich um ein solches Phänomen handelt. Im Streit über die Beurteilung dieses Phänomens stehen sich insbesondere Bettini und Saller gegenüber. Nach Ansicht von Bettini ist das hier dargestellte Verbot ein Beispiel für die avoidance-Regeln, die auch in anderen Kulturen gerade zwischen Eltern und Kindern verbreitet sind (Bettini, Antropologia, S. 22ff.). Saller, Pietas, S. 404, zufolge ist diese Regelung nicht weitgehend genug für eine solche Einordnung. Seiner Einschätzung zufolge handelt es sich hier um ein einfaches Gebot der Scham zwischen Eltern und Kindern. Es ist hier nicht der Ort, diese Kontroverse zu entscheiden. Wichtig für die vorliegende Arbeit ist die positive Wertung des Valerius.

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jungen Sohn ist in diesem Sinne nur bedingt als ›echte‹ Vater-SohnBeziehung zu bezeichnen.253 Die Ausführungen in diesem Kapitel haben deutlich gemacht, dass dem Ideal der moderatio im valerischen Werk eine wichtige Rolle zukommt. Reflexion und (Selbst-) Kontrolle werden als grundlegende Handlungsprinzipien dargestellt, die für die Legitimität väterlichen Vorgehens sowohl in der positiven Interaktion als auch in Bezug auf Konflikte von zentraler Bedeutung sind. Doch obschon Konflikte im Zusammenhang mit gemäßigtem Verhalten somit grundsätzlich toleriert werden, deuten verschiedene exempla und Kommentare des Valerius zugleich darauf hin, dass die optimale Lösung in vielen Fällen in der Vermeidung von Konflikten und Strafen besteht. Unter welchen Bedingungen dies möglich ist und wie das Ideal der Konfliktvermeidung als drittes handlungsleitendes Prinzip der Vater-SohnBeziehung konkret begründet wird, soll im folgenden Kapitel eingehend untersucht werden.

2.3.4 Die Besonderheit der Vater-Sohn-Beziehung und das Ideal der Konfliktvermeidung Im Zusammenhang mit der Frage der Rollenverteilung ist bereits darauf hingewiesen worden, dass sich im valerischen Werk trotz des großen Konfliktpotentials nur wenige tatsächlich ›durchgeführte‹ Konflikte finden lassen, und dass dieser Umstand in weitem Maße mit bestimmten Handlungserwartungen zusammenhängt, die sich insbesondere an Väter, zuweilen aber auch an Söhne oder sogar an Außenstehende richten. Die erwarteten (und erwartbaren) Handlungsmuster umfassen auf der einen Seite das im vorigen Kapitel eingehend untersuchte Postulat gemäßigten Vorgehens, auf der anderen Seite die Berücksichtigung der Besonderheit der VaterSohn-Beziehung, die auch angesichts offener Vergehen als schützenswert dargestellt wird. Dies spielt besonders im Zusammenhang mit Erbschaftsfragen eine so zentrale Rolle, dass in einigen Fällen sogar Außenstehende die konfliktvermeidende und schützende Funktion im Hinblick auf diese Beziehung wahrnehmen können bzw. müssen.

253 Eine Parallele zu dieser Feststellung findet sich in dem Beispiel über die Inszenierung von moderatio gegenüber der res publica (2,2,4) Auch dort wird betont, der junge Sohn sei als einziger berechtigt, zwischen den Konsul und Liktor zu treten, während dies allen übrigen aus Respekt vor dem Amt des Konsuls verboten sei (s. oben Kapitel 2.3.2.3).

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2.3.4.1 moderatio als Handlungsprinzip Die bisherigen Ausführungen haben bereits deutlich gemacht, dass moderates Vorgehen im valerischen Werk in ganz unterschiedlichen Kontexten als wünschenswerte Haltung dargestellt wird. Im Zusammenhang mit dem vorliegenden Kapitel gilt das Interesse nun ausschließlich denjenigen Inszenierungen von moderatio, durch die ein potentieller Konflikt vermieden werden kann. Dies betrifft in erster Linie die exempla des Kapitels 5,9 (De parentum adversus suspectos liberos moderatione), die im vorigen Kapitel nur kurz angesprochen worden sind. Eine wichtige Gemeinsamkeit aller hier angeführten Beispiele liegt in den Delikten, die den Söhnen vorgeworfen werden. Im Gegensatz zum Kapitel 5,8 über väterliche Strenge handelt es sich in allen Fällen um Vergehen, die nicht die res publica, sondern den Vater selbst betreffen, wobei es durchaus um schwerwiegende Verdächtigungen wie etwa parricidium geht.254 Dies deutet darauf hin, dass moderatio im Sinne einer konfliktvermeidenden Haltung nicht in jedem Fall als ideales Handlungsmuster gilt, sondern nur in Situationen, die keine direkte Bedrohung für das römische Gemeinwesen darstellen. In dieser Beziehung deckt sich der Befund weitgehend mit den Kriterien, die für die Angemessenheit väterlicher Strenge bzw. Milde festgestellt worden sind. Trotz der Gemeinsamkeit der Anklagen weisen die vier Beispiele unterschiedliche Formen und Auswirkungen des maßvollen Handelns auf. Während moderatio in einigen Fällen darin besteht, trotz erwiesener Schuld bzw. gerechtfertigter Verdächtigung auf Bestrafung zu verzichten oder sich mit einfachem Tadel zu begnügen (5,9,2-4), kommt gemäßigtem Vorgehen dann eine besondere Bedeutung zu, wenn es dazu beiträgt, eine unberechtigte Anklage zu widerlegen (5,9,1). In solch einem Fall erweist sich moderatio – der valerischen Darstellung zufolge – als geradezu zwingend notwendig, da fehlende Mäßigung den Vater dazu veranlassen würde, durch die Bestrafung des schuldlosen Sohnes selbst ein Verbrechen zu begehen.255 Noch wirkmächtiger ist die moderatio im Beispiel 5,9,4, das selbst Valerius einige Probleme zu bereiten scheint. Das Vorgehen des ignotus pater, der hier als Akteur auftritt, erscheint auf den ersten Blick nicht maßvoll, sondern eher riskant, und wird von Valerius mit den Worten novae atque inusitatae rationis consilium eingeleitet: Als dieser Vater merkt, dass sein Sohn ihn mit parricidium-Plänen verfolgt, überkommen ihn zunächst Zwei254 Der Vorwurf einer Planung von parricidium findet sich in den Beispielen 1, 3 und 4 des Kapitels 5,9, wobei im ersten exemplum noch zusätzlich der Verdacht auf Ehebruch mit der Stiefmutter hinzukommt. In 5,9,2 wird allgemeiner von impietas gesprochen, die sich jedoch auch gegen den Vater richtet. 255 quod si impetu irae abstractus saevire festinasset, admisisset magis scelus quam vindicasset (5,9,1).

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fel, ob es sich bei diesem Sohn wirklich um sein eigen Fleisch und Blut handele. Als seine Frau ihm dies versichert, geht er mit seinem Sohn an einen einsamen Ort und gibt ihm ein Schwert, mit dem er seine mörderischen Absichten zu Ende bringen könne. Angesichts dieser väterlichen Haltung gewinnt der Sohn die recta cogitatio zurück, wirft das Schwert fort und bittet den Vater, seinen amor und seine Reue anzunehmen. Wenngleich Valerius seine Verwunderung über diese Episode äußert,256 so zeigt das Ergebnis nicht nur die Berechtigung des väterlichen Vorgehens, sondern macht auch deutlich, welche Wirkungsmacht einer an sich wenig spektakulären Haltung wie moderatio zukommen kann: Sie ist in der Lage, einen tötungsbereiten Sohn zum rechten Sinn zurückzubringen und in ihm Reue und Liebe zu seinem Vater zu wecken. Doch wie bereits die Kommentare des Valerius deutlich machen, dürften solche Sinneswandlungen eher als Ausnahme zu betrachten sein. Die Vermeidung eines Konfliktes besteht oft lediglich im Verzicht auf Bestrafung, was auch dann häufig als richtig und wünschenswert dargestellt wird, wenn der Verdacht gerechtfertigt oder die Schuld bewiesen ist.257 Der Grund dafür liegt der valerischen Darstellung zufolge in der Besonderheit des Verhältnisses zwischen Vätern und Söhnen, die in ihrem Abstammungsverhältnis gründet und insbesondere im Zusammenhang mit Erbschaftsfragen immer wieder hervorgehoben wird. Die spezifische Argumentation, die alle diese exempla auszeichnet, soll im folgenden Abschnitt einer eingehenden Untersuchung unterzogen werden. 2.3.4.2 Ne ordinem naturae confunderet: die Frage des Erbrechts Die Frage der Erbeinsetzung bildet im Zusammenhang mit Konflikten und Konfliktvermeidung ein sehr präsentes Thema. Nicht nur in den bereits angesprochenen moderatio-exempla (5,9), sondern auch in den Kapiteln, die sich mit der Gültigkeit von Testamenten beschäftigen (7,7 und 7,8), geht es immer wieder um die Frage, ob und inwieweit Enterbungen von Söhnen (in Ausnahmefällen auch von Vätern) als angemessen bzw. recht-

256 Zu seinem abschließenden Kommentar (solitudinem sanguine meliorem, pacatioresque penatibus silvas, et alimentis blandius ferrum, ac mortis oblatae quam datae vitae felicius beneficium!) s. auch die Ausführungen des folgenden Abschnitts 2.3.4.2. Zur novitas seines Vorgehens vgl. Guerrini, Allattamento filiale, S. 33 sowie unten Kapitel 3.2.1.2, Anm. 400; s. zu diesem exemplum auch Thomas, Paura dei padri, S. 136ff. 257 So ist in 5,9,3 der Sohn des Fulvius des parricidium verdächtigt, flüchtet und wird vom Senat festgenommen. Dennoch verzichtet Fulvius auf eine nota und sieht darüber hinaus – wie Q. Hortensius in 5,9,2 – davon ab, seinen Sohn zu enterben. Der Kommentar des Valerius (quem genuerat heredem instituens, non quem fuerat expertus) weist mit der Betonung der Blutsverwandtschaft zwischen Vater und Sohn schon auf den folgenden Abschnitt voraus, in dessen Mittelpunkt die Frage der Erbschaftsentscheidungen stehen wird.

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mäßig einzuordnen sind.258 Auffällig ist dabei, dass – mit Ausnahme eines Beispiels259, dessen Besonderheit sich jedoch durch den Kontext erklären lässt – keine der zahlreichen erörterten Enterbungen erfolgreich durchgeführt wird. Ein genauer Blick auf die Argumentation der verschiedenen exempla macht deutlich, dass die Begründungen für die Vermeidung von Enterbung große Ähnlichkeiten aufweisen. Zentral ist in diesem Zusammenhang die Vorstellung, dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn (in einigen Beispielen geht es auch um Mütter oder Töchter) komme aufgrund der leiblichen Abstammung eine besondere Bedeutung zu. Besonders deutlich wird dies in den beiden bereits angesprochenen Beispielen 5,9,2 und 5,9,3.260 Dem bekannten Redner Q. Hortensius (5,9,2) sind die impietas und nequitia seines Sohnes so verhasst, dass er erwägt, seinen Neffen zum Erben einzusetzen. Obgleich er dem Zorn über den Sohn öffentlich Ausdruck gibt, entscheidet er sich schließlich anders. Valerius kommentiert diese Entscheidung folgendermaßen: ne naturae ordinem confunderet, non nepotes sed filium heredem reliquit moderate usus adfectibus suis, quia et vivus moribus eius verum testimonium et mortuus sanguini honorem debitum reddidit. Auch Fulvius (5,9,3) weiß um die Schuld seines Sohnes und setzt ihn dennoch zum Alleinerben ein. Valerius bemerkt dazu: quem genuerat heredem instituens, non quem fuerat expertus. In beiden hier angeführten exempla hätten die Väter gute Gründe für eine Enterbung. Wenn sie dennoch darauf verzichten, dann liegt das in erster Linie daran, dass sie dem Verhältnis zu ihren Söhnen eine Bedeutung beimessen, die gleichsam ›in der Natur‹ dieser Beziehung liegt. Mit Ausdrü258 In diesem Zusammenhang werden aus dem Kapitel 7,8 werden ausnahmsweise auch exempla über Mütter und Töchter einbezogen, die sich sehr gut in den hier erörterten Kontext einfügen. Nur in einem Falle wird im valerischen Werk eine unproblematische Erbfolge (gleichsam en passant) erwähnt: Im Mittelpunkt von 4,4,11 steht die Ärmlichkeit der Erbschaft des M. Scaurus: Er – der zukünftige princeps senatus – habe von seinem Vater lediglich sechs Sklaven und ein Vermögen von 35 000 Sesterzen geerbt (4,4,11). 9,12,7 inszeniert dagegen den verzweifelten Versuch eines Vaters, seinem Sohn durch seinen ungewöhnlichen Selbstmord das väterliche Vermögen zu erhalten: L. Licinius Macer war de repetundis angeklagt und stand kurz vor der Verurteilung. Da erstickte er sich selbst mit Hilfe eines Taschentuches, nachdem er zuvor gerufen hatte, er sterbe als Angeklagter, nicht als Verurteilter, und somit könnten seine bona nicht versteigert werden. 259 Das bereits behandelte Beispiel 3,5,2 (s. oben Kapitel 2.3.3.3) ist insofern ein Sonderfall, als es in diesem Kapitel (Qui a parentibus claris degeneraverunt) um die Inszenierung von luxuria und degeneratio geht, die von Valerius immer als besonders problematisch angesehen werden (s. das exemplum 9,1,9 über Catilina und allgemein das Kapitel 9,1 De luxuria et libidine). Darüber hinaus wird der Begriff der Enterbung (quem nimia patris indulgentia heredem reliquerat, publica severitas exheredavit) in diesem Beispiel schon beinahe in einem übertragenen Sinne verwendet, denn eine richtiggehende Enterbung durch den Vater findet nicht statt. Dennoch ist hervorzuheben, dass diese Handlung von Valerius ausdrücklich gebilligt wird. 260 S. oben Kapitel 2.3.4.1.

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cken wie ordo naturae und sanguini honor debitus sowie dem Bezug auf die Zeugung (quem genuerat) macht Valerius deutlich, dass die normative Verbindlichkeit dieser Handlungen seiner Ansicht nach in ›natürlichen‹, gleichsam physiologischen Gegebenheiten gründet, die über die tatsächlichen Erfahrungen der Interaktion (quem fuerat expertus) gestellt wird. Wenngleich ein gewisses Maß an Tadel angemessen sein kann, so gilt es, zumindest im Tod der Besonderheit der Beziehung Tribut zu zollen. Dies zeigt sich insbesondere in zwei weiteren exempla, in denen Augustus selbst in Erbstreitigkeiten eingreift, und – ganz im Rahmen der bisher herausgearbeiteten Linie – das Erbrecht innerhalb der Abstammungslinie von Eltern zu ihren Kindern bestätigt.261 Er argumentiert dabei ebenfalls mit den eben angesprochenen natürlichen Gegebenheiten (spernis quos genuisti). Zugleich nimmt er sehr offensichtlich auf seine ›familienpolitischen‹ Vorstellungen Bezug, wenn er etwa in 7,7,4 die Rechtmäßigkeit einer Heirat mit dem Hinweis bezweifelt, sie sei nicht zum Zwecke der Kinderzeugung erfolgt (quia non creandorum liberorum causa coniugium intercesserat).262 261 Ausnahmsweise wird hier eine für diese Thematik besonders einschlägige Darstellung der Beziehung zwischen einer Mutter und ihren Söhnen einbezogen (7,7,4). Septicia, die keine Kinder mehr bekommen kann, heiratet ein zweites Mal und schließt die Söhne aus erster Ehe aus ihrem Testament aus. Diese wenden sich an Augustus, der sowohl die Heirat als auch die letzten Verfügungen kritisiert: er setzt die Söhne in den Besitz der mütterlichen Erbschaft und verbietet dem Ehemann die Mitgift zu behalten, da die Heirat nicht zum Zwecke der Kinderzeugung erfolgt war. Neben der offensichtlichen und geradezu panegyrischen Bezugnahme auf die augusteische Familienpolitik (s. dazu Mette-Dittmann, S. 132ff., S. 146ff., S. 166ff. sowie Raditsa, S. 326 und passim) ist der Blick auf den Kommentar des Valerius interessant: er hält Septicia vor, sie habe diejenigen verstoßen, die sie gezeugt habe (spernis quos genuisti) und damit den testamenti ordo durcheinander gebracht. Obgleich es hier um das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn geht, sind die Ähnlichkeiten der argumentativen Struktur zu den bisher betrachteten Fällen offensichtlich, wieder erweist sich die Zeugung als Grundlage für eine besondere und schützenswerte Beziehung (vgl. dazu bspw. das bereits besprochene Beispiel 5,9,3, Anm. 257). Ähnlich ist die Argumentation im Falle des C. Tettius (7,7,3), der als Kind von seinem Vater enterbt worden ist, obgleich dieser mit seiner Mutter verheiratet war. Auch hier greift Augustus ein und befiehlt ihm decreto suo, die bona paterna zu übernehmen, und wieder kommentiert Valerius diese Entscheidung: quoniam Tettius in proprio iure procreato filio summa cum iniquitate paternum nomen abrogavit. Hier ist auf eine Variante hinzuweisen, die jedoch aufgrund der Verderbtheit dieser Stelle nicht eindeutig zu klären ist. Anstelle von in proprio iure liest Briscoe in proprio lare, was Shackleton Bailey mit der Begründung zurückweist, ein im väterlichen Haus gezeugter Sohn sei nicht notwendigerweise auch legitim. Beide hier angeführten Varianten entfernen sich zwar etwas von der bisher herausgearbeiteten Natur-Argumentation, doch sie bleiben ihr – durch den Verweis auf die procreatio – dennoch verbunden. Vgl. zu beiden exempla auch Gardner, Family and familia, S. 225f. sowie Weileder, S. 40ff., der betont, dass Valerius somit nicht nur Beispiele zu Themen überliefert, die in der augusteischen Reformpolitik von Bedeutung waren, sondern auch, wie Augustus selbst durch seine Entscheidungen gleichsam Beispiele setzt, die als verbindlich angesehen werden sollten (s. hierzu insbes. Bellen, S. 317ff.). 262 Auf konkrete Einzelheiten der augusteischen Gesetzgebung geht Valerius dagegen nicht ein. Die grundsätzliche Bedeutung, die Augustus der Heirat sowie der legitimen Nachkommen-

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Überhaupt zeigt sich der erstaunlich große Geltungsspielraum des ordo naturae am deutlichsten in dem Kapitel 7,7 (De testamentis quae rescissa sunt). Alle hier angeführten exempla thematisieren Enterbungen, die aus bestimmten Gründen rückgängig gemacht werden,263 und die Argumentation mit der Blutsverwandtschaft ist hier ebenso präsent wie in den gerade behandelten Beispielen. Von besonderem Interesse sind jedoch zwei Fälle, in denen sich die Vorstellung des ordo naturae mit gegensätzlichen oder zumindest unklaren Rechtsverhältnissen konfrontiert sieht (7,7,2 und 7,7,5). In 7,7,2 wird von M. Anneius, einem römischen Ritter, berichtet, er habe seinen Sohn an dessen avunculus zur Adoption gegeben und in seinem Testament einen familiaris des Pompeius und zwei sanguine coniuncti als Erben eingesetzt. Der Sohn erklärt das Testament vor den centumviri für ungültig. Obgleich die sanguine coniuncti, wie Valerius ausdrücklich sagt, durch den Einfluss des Pompeius sowie den Übertritt des Sohnes in die familia und die sacra des Onkels eigentlich im Vorteil sind – schließlich zählte der Sohn nach dem Verlassen der familia nicht mehr zu den sui heredes – , wagen sie es nicht, ihre Rechte im Prozess geltend zu machen, und der Sohn bekommt das Erbe zugesprochen. Valerius bemerkt zufrieden: sed artissimum inter homines procreationis vinculum patris simul voluntatem et principis auctoritatem superavit. Dieser Fall lässt sich zunächst in seinem rechtsgeschichtlichen Kontext betrachten. Dass die Entscheidungen über die Gültigkeit der Testamente in schaft beimaß, wird zum einen in seiner Sittengesetzgebung (s. dazu Mette-Dittmann; vgl. auch Bellen, S. 330ff. und Benabou, S. 1258), zum anderen in der bei Cassius Dio überlieferten Rede deutlich, die er an die – in Verheiratete und Ledige unterteilten – Ritter gehalten haben soll (Cass. Dio 56,1-10). Mette-Dittmann, S. 22 bemerkt richtig, dass diese Rede trotz ihrer zweifelhaften Authentizität als Ausdruck »grundlegende[r] mentale[r] Kategorien gesellschaftspolitischen Denkens in Rom« von Bedeutung ist. Ebenso interessant ist, dass Augustus – wie Sueton berichtet – die Rede des Zensors Q. Metellus De prole augenda aus dem Jahre 131 v. Chr. im Senat vorgelesen und das Volk davon in Kenntnis gesetzt haben soll, um zu zeigen, dass seine Maßnahmen bereits von den Vorfahren als wichtig erachtet wurden (Suet. Aug. 89,2). Vor diesem Hintergrund erscheint es mehr als passend, dass eben dieser Metellus Macedonicus in einem exemplum für seine zahlreichen Kinder und die fecunditas seiner Frau gepriesen wird (7,1,1 De felicitate). Weileder, S. 42, zufolge weist Valerius hier auf diskrete Weise darauf hin, dass er die augusteische Familienpolitik unterstützt, doch eigentlich ist diese Thematik – wie die bisherigen Ausführungen deutlich gemacht haben – bei Valerius ohnehin relativ präsent. 263 Der Begriff ›Enterbung‹ wird hier in verallgemeinernder Form verwendet. Nur einmal geht es um eine ausdrückliche Enterbung, während es sich in den übrigen Fällen um ein NichtEinsetzen zum Erben handelt, das in drei Beispielen vom Vater ausgeht. In 7,7,1 setzt dieser seinen Sohn nicht zum Erben ein, da er ihn fälschlicherweise für tot hält. 7,7,3 illustriert das Eingreifen des Augustus zugunsten eines Sohnes, der von seinem Vater grundlos enterbt worden war. 7,7,4 behandelt das Testament einer Mutter, die nur eine ihrer beiden Töchter als Erbin einsetzt. In 7,7,2 setzt ein Vater den Sohn, den er zur Adoption gegeben hatte, nicht zum Erben ein. Das letzte exemplum (7,7,5) inszeniert den umgekehrten Fall: Die ›Enterbung‹ eines Vaters durch einen Sohn, der von ihm zur Adoption in eine andere Familie gegeben worden war.

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diesem Kapitel abwechselnd von den centumviri, einem Prätor oder Augustus selbst gefällt werden, verweist auf die Zeit der späten Republik und des frühen Prinzipats, die durch die Herausbildung neuer Handlungsrahmen charakterisiert ist. Nach dem ius civile konnten Eltern und Kinder einander nur dann beerben, wenn sie in agnatischer Linie miteinander verwandt waren. Enterbungen lagen ausschließlich im Ermessen des pater familias. Etwa seit Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts entwickelte sich die sogenannte querela inofficiosi testamenti, die es bestimmten nahen Verwandten erlaubte, ein Testament vor dem Centumviralgericht anzufechten, wenn sie übergangen oder enterbt worden waren.264 Nicht viel später, Gardner zufolge um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts (jedoch vielleicht erst unter Augustus), wurde mit dem prätorischen Edikt der bonorum possessio einem noch weiteren Kreis von Verwandten größere Erbrechte zugesprochen.265 Die Rechtslage des eben skizzierten Falles ist jedoch nicht eindeutig. Gardner zufolge musste der avunculus entweder gestorben sein oder den Neffen emanzipiert haben.266 Abgesehen davon, dass auch dies keine zufriedenstellende rechtliche Erklärung für diesen Vorgang bieten würde,267 ist 264 Vgl. Kaser, § 173 und Gardner, Family and familia, S. 37. 265 Gardner, Family and familia, S. 39. Während die querela inofficiosi testamenti vor der Einführung der prätorischen Erbfolge nur solchen Verwandten offen stand, die ohne das Testament zur zivilen Erbfolge berufen wären, wurden im Rahmen der bonorum possessio (s. unten Anm. 268), in der die Berufung nach Klassen geordnet erfolgte, auch bestimmte nicht agnatische Verwandte zu den privilegierten Erben gerechnet. So zählten in der von Julian kodifizierten Form des prätorischen Edikts auch emanzipierte Kinder zur ersten Kategorie der liberi (Inst. Iust. 3,1,9 und Gai. inst. 3,26; s. Kaser, § 167, 172 und 173). Da uns dies erst unter Hadrian belegt ist, lassen sich im Hinblick auf die chronologische Entwicklung lediglich Thesen aufstellen. Gardner zufolge wurde der parens manumissor, eigentlich kein Agnat, wohl bereits relativ früh (Anfang des ersten vorchristlichen Jahrhunderts) zu der zweiten Kategorie der legitimi gezählt. Erst später, vermutlich zwischen 50 und 30 v. Chr., dürfte das prätorische Edikt die erste Erbengruppe der sui heredes zu den liberi erweitert haben, zu denen dann, wie erwähnt, auch emanzipierte Kinder gehörten (Gardner, Family and familia, S. 34-42, besonders S. 39). Der Handlungsspielraum der patria potestas wurde durch diese Entwicklungen in erheblichem Maße eingeschränkt. 266 Nach Auffassung von Gardner, Family and familia, S. 37 konnte der Sohn nicht erben, solange er unter einer anderen patria potestas stand. Gai. inst. 2,136f. macht in der Tat deutlich, dass ein zur Adoption gegebener Sohn erst nach seiner Emanzipation oder dem Tod des Adoptivvaters bei seinem leiblichen Vater erbberechtigt wird, doch auch dann nur in der Stellung eines (von diesem leiblichen Vater) emanzipierten Sohnes (vgl. Gardner, Family and familia, S. 193). Die valerische Darstellung lenkt den Blick jedoch auf einen anderen Aspekt, der die Frage nach der konkreten Rechtslage in den Hintergrund rückt (s. dazu die folgenden Ausführungen). 267 Geht man – mit Gardner – davon aus, es handele sich hier um einen Fall von querela inofficiosi testamenti, was insbesondere der Verweis auf das Centumviralgericht nahe legt, dann erscheint auch die Version des emanzipierten Sohnes problematisch. Wie die Ausführungen über die querela gezeigt haben, stand sie nur denjenigen Verwandten offen, die auch nach der zivilen Intestatserbfolge erbberechtigt gewesen wären (s. oben Anm. 264 und 265), und emancipati waren dies nicht (Inst. Iust. 3,1,9). Nur wenn es sich um einen Fall von prätorischer Erbfolge handelte, wäre die Erbeinsetzung rechtlich möglich gewesen (vgl. Inst. Iust. 3,1,9 und 3,1,11). Abgesehen

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die Hypothese der Emanzipation wenig wahrscheinlich, da Valerius gerade den Übergang in die familia des Onkels betont, um damit die Einmaligkeit des Falles hervorzuheben.268 Eine eindeutige Klärung ist vor dem Hintergrund der valerischen Darstellung nicht möglich, doch es stellt sich ohnehin die Frage, inwieweit dies in Bezug auf den formaljuristischen Kontext zwingend notwendig ist: Valerius argumentiert nicht aus einer rechtlichen Perspektive. Er sieht im Gegenteil, dass die Beweislage eher gegen den Sohn spricht, doch dieser Aspekt ist für Valerius nicht ausschlaggebend.269 Wichtiger erscheint ihm vielmehr die Wirksamkeit des procreationis vinculum, das nicht nur zum Rücktritt der testamentarischen Erben führt, sondern sogar die patris voluntas und die principis auctoritas überwinden kann. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen zeigt sich, dass dem Konzept des ordo naturae eine Wirkungsmacht zugesprochen wird, die unabhängig von den konkreten rechtlichen und sozialen Gegebenheiten Gültigkeit beanspruchen kann. Woher stammt diese Vorstellung? Und wie lässt sich die Einführung einer solchen Argumentation in den Kontext einer Sammlung

von diesen Überlegungen wäre es für die Einschätzung auch wichtig zu wissen, wie die Entscheidung ausgefallen wäre, wenn die sanguine coniuncti nicht auf einen Prozess verzichtet hätten – ein Frage, die nicht beantwortet werden kann. 268 Ähnlich problematisch ist das Beispiel 7,7,5, in dem ein Sohn, der von seinem Vater zur Adoption gegeben worden ist, diesen enterbt hat. Der Vater klagt vor dem Prätor auf bonorum possessio contra tabulas und bekommt das Erbe zugesprochen. Hier wäre eine rechtliche Erklärung in der Tat leichter, wenn man davon ausgehen könnte, der Adoptivvater sei gestorben oder habe den Sohn emanzipiert. Die bonorum possessio contra tabulas (Kaser, § 172, II) bietet in einem solchen Fall für den Vater, der dem parens manumissor gleichgestellt wird (so darf man Gai. inst. 2,137 wohl verstehen), die Möglichkeit zu erben. Doch auch hier erwähnt Valerius nichts von einer Emanzipation, und dieser Umstand ist bei der Behandlung des exemplum zu berücksichtigen. Als Gründe für die Entscheidung des Prätors nennt Valerius hier die patria maiestas, das donum vitae und das beneficium educationis sowie den Umstand, dass zusammen mit dem Vater auch die sieben Brüder enterbt worden seien (s. dazu unten Kapitel 3.4.1.2, bes. Anm. 514). Hier erscheint die Erbeinsetzung des Vaters gleichsam als officium für den Sohn, das den beneficia seiner Existenz sowie der Erziehung durch den Vater entspringt. Der Aspekt des ›Naturrechts‹ wird hier deutlich weniger stark gemacht: Es findet sich allenfalls in der Verweis auf das donum vitae, wobei selbst hier der soziale Aspekt des gegenseitigen Gebens und Nehmens im Vordergrund steht. Zur Rolle des Vaters als Wohltäter s. Lentano, S. 136-142. 269 Im Gegenteil ist die widersprechende rechtliche Lage für Valerius gleichsam ein zusätzlicher Beleg für die Stärke und das Gewicht des procreationis vinculum. Das geringe Interesse des Valerius an juristischen Fragen zeigt sich bspw. in dem hier nicht ausführlich besprochenen Fall 7,7,1. Dort hatte ein Vater andere Erben eingesetzt, da er fälschlicherweise meinte, der Sohn sei gestorben. Während Cicero in der Diskussion desselben Falles (Cic. de orat. 1,38,175) ein grundsätzliches Problem in der nicht geklärten Frage sieht, ob der Vater den Sohn nur übergangen oder richtiggehend enterbt hatte, geht Valerius auf dieses Problem mit keinem Wort ein. Es handelt sich jedoch um eine rechtlich zentrale Frage, da die fehlende Enterbung des Sohnes automatisch die Ungültigkeit des Testamentes zur Folge gehabt hätte (Kaser, § 171, I; vgl. Gai. inst. 2,123).

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von exempla deuten, die sich traditionell mit der Verbindlichkeit sozialer, nicht ›naturrechtlich‹ begründeter Normen beschäftigen?270 Die Vorstellung von der Existenz eines ›Naturrechts‹, das allgemein gültig und über dem positiven Recht anzusiedeln ist, hat in den philosophischen Ideen des Stoizismus eine lange Tradition. Es wird als gleichsam göttliches Recht verstanden und bildet das allgemeine, mit der Weltvernunft identische Weltgesetz. Diese von dem traditionellen römischen Rechtsverständnis grundlegend verschiedene Konzeption, hat insbesondere durch die Arbeiten Ciceros Eingang in den römischen Gedankenraum gefunden.271 Ulrich Gotter hat in seiner Habilitationsschrift über den römischen Griechendiskurs anschaulich herausgearbeitet, wie Cicero sich in seinem dem römischen Recht gewidmeten Werk De legibus der griechischen Philosophie und insbesondere des natura-Konzeptes bedient, um das traditionelle römische Verständnis von Recht, das auf positiven, formaljuristisch definierten Gesetzen basierte, mit einer »ontologische[n] Klammer« zu versehen:272 »Denn Cicero fragt nach der Natur des Rechts, und bindet diese wiederum an die Natur des Menschen, der es macht, und die Natur der Gemeinschaft, der es dient, zurück. Indem er sodann die Natur des Menschen als vernünftig und tugendhaft bestimmt, etabliert er auch für die Gesetze ein normatives Potential auf definitorischer Ebene. Die Gerechtigkeit ist die Tugend der Gesetze, könnte man formulieren. Mit der Kategorie der Natur kann Cicero sein zentrales Beweisziel erreichen: ›Naturgemäß‹ ist 270 Zur sozio-kulturellen Fundierung römischer Wertvorstellungen s. auch Haltenhoff, Wertbegriff und Wertbegriffe, S. 21f., der in diesem Zusammenhang auf den Unterschied zur stoischen Philosophie hinweist, für die Wertzuschreibungen »Vernunfturteile« (S. 21) darstellten. Hierzu und zum Folgenden s. insbesondere Gotter, Ontologie. 271 Dies gilt vor allem für die sogenannte Mittlere Stoa, die maßgeblich durch Panaitios und Poseidonios geprägt worden ist. Nach stoischer Auffassung haben Götter und Menschen gemeinsam teil an der ratio, die zugleich recta ratio und vera lex ist und mit der Natur in Einklang steht: est quidem vera recta ratio, natura congruens, diffusa in omnis, constans, sempiterna [...]; sed et omnes gentes et omni tempore una lex et sempiterna et inmutabilis continebit (»Es ist aber das wahre Gesetz, die richtige Vernunft, die mit der Natur in Einklang steht, sich in alle ergießt, in sich konsequent, ewig ist [...]; sondern alle Völker und zu aller Zeit wird ein einziges, ewiges und unveränderliches Gesetz beherrschen«; Cic. rep. 3,33). Besonders in seinen Werken De officiis und De legibus rekurriert Cicero häufig auf den Gedanken eines aus der natura begründeten Rechts. So spricht er von einem »von der Natur hergeleitete[n] Bürgerrecht« (ius civile ductum a natura; Cic. off. 3,71) und führt kurze Zeit später aus: »Daraus lässt sich ersehen, da die Quelle des Rechts die Natur ist, dass dies der Natur gemäß sei, dass es niemand darauf anlege, aus der Unwissenheit eines Mitmenschen seinen Vorteil zu schlagen.« (ex quo intellegitur, quoniam iuris natura fons sit, hoc secundum naturam esse, neminem, id agere, ut ex alterius praedetur inscitia. Cic. off. 3,72); vgl. auch Cic. off. 3,23 und 3,31 sowie Cic. leg. 1,20ff., 2,8ff. und passim. Zu Ciceros Rezeption s. Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 37ff., Gotter, Ontologie, sowie Brinton, S. 173; vgl. auch Brunt, Philosophy and Religion, S. 182, S. 198 und passim; zur Mittleren Stoa vgl. Reesor und Aalders. Zu Ciceros Entdeckung (»découverte«) des ius naturae s. auch Moatti, La raison de Rome, S. 163ff. 272 Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 39ff.

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in dieser Konstellation nur ein gerechtes Gesetz.«273 Damit will Cicero nicht einfach ausdrücken, dass Gesetze gerecht sein sollten, sondern er spricht jenen Gesetzen, die bestimmten normativen Vorstellungen zufolge ungerecht sind, den Gesetzescharakter ganz ab. »Folglich kann Cicero Gesetze, die er für nicht akzeptabel hält, mit diesem Argument für nicht – und niemals – gültig erklären.«274 Solche weitgehenden Ziele verfolgt Valerius mit seiner Argumentation sicherlich nicht, und von vergleichbaren philosophischen und juristischen Feinheiten ist er zweifelsohne weit entfernt.275 Dennoch lassen seine Ausführungen einen gewissen Einfluss des ciceronischen und stoischen Gedankengutes vermuten. Zum einen dürfte die Präsenz dieser philosophischen Ideen im Rom der späten Republik und der frühen Kaiserzeit zu einer gewissen Vertrautheit im Umgang mit naturrechtlicher Begrifflichkeit geführt haben, selbst wenn die inhaltliche Füllung in vielen Fällen von der ursprünglich intendierten Bedeutung abweichen mochte. Bereits die Möglichkeit, Handlungen überhaupt mit dem Bezug auf eine ›natürliche‹ Ordnung – an Stelle der sonst üblichen sozialen Norm oder Tradition – begründen zu können, eröffnete neue argumentative Spielräume, die Valerius hier augenscheinlich nutzt. Während Cicero den Naturrechts-Begriff in seinen theoretischen Abhandlungen und – jedoch seltener –276 in seinen Reden für ganz unterschiedliche Zwecke verwendet,277 zielt die valerische Argumentation mit diesem Konzept zumindest im Rahmen der römischen exempla in den 273 Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 39. Er zitiert zur Untermauerung seiner Ausführungen Cic. leg. 1,17f.; 22-33; 43-52. 274 Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 40. Vgl. ähnlich Moatti, La raison de Rome, die deutlich macht, dass die Vorstellung einer rationalen Ordnung insgesamt die Kritik des positiven Rechts zu Folge haben konnte (ebd. S. 166f.). Dass der Rekurs auf griechische Philosophie als ein politisches Argument im Kontext des römischen Denkens grundsätzliche Probleme mit sich brachte, hat Gotter bereits 2003 in einem Aufsatz dargelegt (Gotter, Ontologie). 275 Man kann von einem Autor wie Valerius auch kaum eine tiefgehende Kenntnis der stoischen Philosophie erwarten. Es wäre jedoch auf der anderen Seite eine ungerechtfertigte Vereinfachung, in seiner Darstellung lediglich eine Gegenüberstellung von »family and outsiders« zu sehen, wie Wallace-Hadrill dies suggeriert (Wallace-Hadrill, Family, S. 62ff., Zitat S. 63). 276 Zwar findet sich der Rekurs auf natura in seinen Reden häufig, doch geschieht dies zumeist im Sinne der »Anlagen« bzw. des »Wesens« eines Menschen oder der Vorgaben der Natur (vgl. bspw. Cic. Cael. 5,12; 6,13; 12,28; 17,41; Cic. Sest. 2,5 u.a.). 277 So führt er etwa in seiner Rede für Milo an, das Gesetz, demzufolge jeder Weg recht sei, um sein Leben zu retten, wenn man in einen Hinterhalt gerate, sei kein geschriebenes, sondern aus der Natur selbst übernommenes Gesetz: Est igitur haec, iudices, non scripta, sed nata lex, quam non didicimus, accepimus, legimus, verum ex natura ipsa adripimus, hausimus, expressimus, ad quam non docti, sed facti, non instituti, sed imbuti sumus [...] (Cic. Mil. 10); vgl. auch Cic. Sest. 42,91 sowie Cic. off. 1,102; 3,23; 3,27 und passim. Zu Ciceros Verwendung der naturaArgumentation s. auch Brinton, S. 173 sowie bes. 181f. und passim sowie neuerdings Treggiari, S. 9ff., die sich ausschließlich mit seiner Argumentation »on natural affection« beschäftigt.

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meisten Fällen auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Valerius konstruiert den Bereich der Eltern-Kind-Beziehung in diesen Beispielen als einen Raum, der aufgrund der natürlichen, gleichsam durch den Akt der Zeugung gegebenen Bindung als besonders und schützenswert erscheint. Durch den wiederholten Rekurs auf eine naturgegebene Ordnung wird die (auch bei Valerius) traditionell auf sozialen Normen wie pietas, indulgentia oder severitas basierende Bestimmung dieser Beziehung um ein neues Element erweitert, das handlungsleitende und -begründende Funktionen übernimmt. Zwar findet sich der Rekurs auf das Eltern-Kind-Verhältnis auch bei Cicero.278 Interessant ist indes im Zusammenhang mit der valerischen Verwendung, dass die Bezugnahme auf den ordo naturae in der Regel exempla betrifft, die – direkt oder indirekt – Erbschaftsstreitigkeiten zum Thema haben.279 Häufig führt die Argumentation mit dem ius naturae dazu, dass rechtlich oder moralisch explizit als legitim dargestellte Enterbungen nicht durchgeführt bzw. rückgängig gemacht werden – ein angesichts der stark rechtlich geprägten römischen Gesellschaft erstaunlicher Befund, der darauf hindeutet, dass die Verwendung und konkrete Ausgestaltung der valerischen Naturrechts-Argumentation durch spezifische, dem Umfeld und der Intention seines Werkes geschuldete Faktoren geprägt wird.280 Ein genauerer Blick auf diese exempla gibt Aufschluss über die möglichen Gründe für das valerische Vorgehen.281 278 Vgl. hierzu Treggiari, bes. S. 17ff. Bei Cicero ist die naturrechtliche Argumentation häufig in den Kontext theoretischer Überlegungen eingebunden (vgl. etwa Cic. fin. 1,23 und 3,62), findet sich jedoch auch als direktes Argument in seinen Reden (s. etwa S. Rosc. 53 und 63). In Rhet. Her. 2,13,19 wird das Naturrecht wiederum im Zusammenhang mit rechtstheoretischen Ausführungen thematisiert. 279 Dies gilt zumindest für die Verwendung dieses Begriffs in einem übertragenen Sinne. Der Gebrauch des natura-Begriffs im konkreten Sinne – etwa mit Bezug auf die natürlichen Anlagen wie die Kraft oder das Aussehen eines Menschen oder auf die lex naturae des Geborenwerdens und Sterbens (s. etwa 8,7,4 oder 8,14 pr.) – ist für die vorliegende Fragestellung nicht von direktem Interesse. Eine Zwischenstellung nimmt das Beispiel 2,9,1 (De censoria nota) ein, in dem ebenso wie das Geborenwerden auch das Zeugen eigener Kinder als von der Natur gegebenes Gesetz – und somit als Verpflichtung – bezeichnet wird. Durch das Aufziehen und Ernähren verpflichteten die Eltern ihre Kinder dazu, wenn es denn ein Gefühl für Anstand gebe, Enkelkinder für ihre Eltern aufzuziehen. (Natura vobis quemadmodum nascendi ita gignendi legem scribit, parentesque vos alendo nepotum nutriendorum debito, si quis est pudor, alligaverunt.) 280 Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man zum Vergleich die externen Beispiele hinzuzieht, bei denen der Natur-Diskurs offenbar eine ganz andere Funktion übernimmt, die im Anschluss an die folgenden Ausführungen in einem kurzen Exkurs behandelt werden soll. Für das Aufkommen der Naturrechtsargumentation insgesamt führt Moatti als eine wichtige Ursache die Zerrissenheit der spätrepublikanischen Aristokratie an, die das traditionelle auctoritas-Modell der Begründung des Guten und Richtigen geschwächt habe. Angesichts zweifelhafter oder gar konkurrierender auctoritates sei ein Bedürfnis nach alternativen Wahrheitskriterien bzw. Argumentationsmustern entstanden (Moatti, La raison de Rome, S. 169f.). 281 Zwar ist nicht auszuschließen, dass sich diese oder ähnliche naturrechtlichen Begründungen bereits in den von Valerius angeführten Entscheidungen fanden. Aufgrund der großen Homo-

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Viele der hier untersuchten Beispiele ordnen sich in den Kontext der bereits angesprochenen rechtlichen Entwicklung ein, die im ersten vorchristlichen Jahrhundert begonnen und insbesondere zur Folge hatte, dass auch nicht agnatisch verwandten Eltern und Kindern größere gegenseitige Erbrechte zugesprochen wurden.282 Es handelt sich zumindest bei einigen der hier thematisierten Streitigkeiten demnach um Probleme, die sich in früheren Zeiten so nicht stellen konnten und für die vermutlich weder legitimierende Präzedenzfälle noch Begründungsmuster vorhanden waren.283 Nicht zufällig finden sich wohl gerade hier besonders viele Beispiele, die anstelle der traditionell berühmten auctores exempli weniger berühmte Protagonisten aufweisen, die zuweilen sogar lediglich mit quidam (7,7,1) sowie einmal sogar mit dem Ausdruck ignotus pater bezeichnet werden (5,9,4). Der Verweis auf eine naturgegebene Ordnung als Grundlage der Entscheidungen gibt Valerius die Möglichkeit, für diese neuen, noch nicht eindeutig normativ bestimmten Situationen verbindliche Verhaltensrichtlinien zu schaffen und diese mit einer wirksamen Begründung zu versehen. In Bezug auf die Erbschaftsthematik lässt sich dabei eine Art ›Regel‹ konstatieren, die sowohl für Eltern als auch für Kinder Geltung beansprucht und bei Übertretung Kritik hervorruft. Ihr Verhältnis gilt in allen Fällen, selbst wenn das agnatische Band zwischen ihnen aufgrund einer Adoption zertrennt ist, als so besonders und schützenswert, dass eine Enterbung im Prinzip undenkbar ist. Daher haben beide das ›Recht‹, eine ihnen – durch welche Umstände auch immer – vorenthaltene Erbschaft einzuklagen.284 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die von Valerius angeführten Erbschaftsexempla einige wichtige Veränderungen aufweisen, die sowohl das Funktionieren als auch die Funktionen von exempla betreffen: Zum einen erweitert Valerius die Funktion der exempla insofern, als er genität seiner Argumentation, die in seinen potentiellen Quellen keine Parallelen hat, darf man ihm jedoch zumindest einen formgebenden Einfluss unterstellen (zur Originalität und zum deutenden Einfluss des Valerius s. auch Coudry, S. 134f.). 282 S. dazu die Ausführungen oben, bes. Anm. 264, 265 und 267. 283 Vielmehr dürften zumindest einige der hier angeführten Urteile – insbesondere die von Augustus verfügten – selbst den Charakter eines Präzedenzfalles haben. Gerade in diesen Fällen war eine überzeugende Argumentation hilfreich, um trotz geringer inhärenter »force évocatoire« Plausibilität zu erzeugen. Zwar verschaffte das Eingreifen von Seiten des Augustus vermutlich selbst Präzedenzfällen ein hohes Überzeugungspotential, doch die Argumentation mit dem ordo naturae konnte die Wirkung eines Exempels natürlich ebenfalls erheblich steigern (zu Präzedenzfällen sowie zur Bedeutung der »force évocatoire« s. oben Kapitel 1.2). 284 Dass es ihnen jedoch auch freisteht, darauf zu verzichten, zeigt ein Blick auf den (Mutter und Tochter betreffenden) Fall 7,8,2 (s. unten Anm. 366). Wie bereits seine Inszenierung der Rollen von strengen und milden Vätern im Kapitel 2.3.3 gezeigt hat, geht es Valerius nicht in allen Fällen darum, allgemeingültige Verhaltensmuster vorzulegen, sondern er möchte zuweilen lediglich unterschiedliche legitime Handlungsoptionen darstellen und mit jeweils überzeugenden Begründungen versehen.

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ihnen die Aufgabe zuschreibt, Handlungsmuster für Situationen zu bieten, die bisher (abgesehen von einigen rechtlichen Regelungen) noch keiner normativen Fixierung unterlagen. Diese Eingliederung des Neuen in den traditonellen Argumentationsmodus stellt zugleich in gewisser Weise eine Fortschreibung der überlieferten Exemplatechnik dar, deren funktionalisierbare Verbindlichkeit auf diese Weise nachdrücklich bestätigt wird. Der teilweise gewandelten Funktion und Thematik entspricht zum anderen eine Erweiterung des Instrumentariums, die sowohl die Protagonisten als auch die Argumentationsmuster betrifft: Angesichts der Tatsache, dass es für die eben genannten neuen Situationen kaum berühmte (republikanische) Vorbilder gibt, weitet Valerius den ›exemplafähigen‹ Personenkreis nun auch auf weniger bekannte auctores aus. Da sich zudem der Rekurs auf traditionelle Wertvorstellungen zumindest in manchen Fällen als unzulänglich erweist,285 bietet die Bezugnahme auf den ordo naturae ein praktikables Instrument zur Einbindung und normativen Begründung der hier skizzierten Handlungsspielräume. Ist es Valerius damit gelungen, im Hinblick auf diese neuen Handlungsräume eine dauerhafte Orientierung zu bieten? Dies erscheint zumindest zweifelhaft, wenn man sich eine bisher noch nicht angesprochene Besonderheit der Erbschaftsexempla vor Augen hält: Abgesehen von der Epitome des Iulius Paris, der fast alle der eben besprochenen Beispiele in der Form juristischer Präzedenzfälle – auch ohne Verweise auf ein ius naturae – aufnimmt, ist für die meisten unter ihnen keine spätere Verwendung bekannt.286 Über die Gründe für diese sehr einseitige Rezeption kann nur spekuliert werden:

285 Dies lässt sich außerhalb der Erbschaftsthematik im Falle von 5,4,3 (De pietate erga parentes) beobachten: Obgleich Torquatus seinen Sohn schlecht behandelt hat und unter anderem aus diesem Grund von einem Tribun angeklagt wird, setzt der Sohn sich für seinen Vater ein und erlangt das Zurückziehen der Anklage. Valerius kommentiert, diese pietas sei besonders lobenswert, weil der Sohn nicht durch indulgentia seines Vaters dazu gebracht wurde, diesen zu lieben, sondern nur durch amor naturalis. Mit dieser Bemerkung erhält das Verhalten des jungen Torquatus eine interessante Deutung, die sich weder in der von Cicero überlieferten Version (off. 3,112) noch bei Livius (7,4-6) findet: Für Valerius lässt sich das Verhalten des Sohnes offensichtlich nicht mehr (ausschließlich) mit Hilfe der traditionellen sozialen Norm der pietas erklären. Daher greift er auf eine gleichsam dahinter oder darüber stehende Vorstellung einer ›naturgegebenen‹ Liebe zurück (s. dazu auch das folgende Kapitel 2.3.4.3). In ähnlicher Form zeigt sich dieser Aspekt auch im Beispiel 5,4,7 (s. unten Kapitel 3.2.1.2); vgl. zu dieser Thematik auch Guerrini, Allattamento filiale, S. 29-33, bes. S. 33. 286 Dass für diese exempla auch keine potentiellen Quellen auszumachen sind, deutet darauf hin, dass es sich – wie bereits angedeutet – um relativ neue Fälle handelt. In der Werkausgabe von R. Faranda sind sowohl die früheren als auch die späteren (antiken) Parallelstellen zu den einzelnen exempla angegeben. Es handelt sich dabei einerseits um potentielle Quellen des Valerius und andererseits um potentielle Rezipienten seines Werkes. Wenn im Folgenden von der Rezeption seines Werkes gesprochen wird, beziehen sich die Aussagen – soweit keine weiteren Angaben

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Denkbar ist, dass sich die eben beschriebene, in vieler Hinsicht neue Form von exempla nicht auf Dauer halten konnte. Wenn das traditionelle Exempel einen Großteil seiner Wirksamkeit aus der Präsenz eines berühmten auctor exempli zog und in erster Linie mit der Verbindlichkeit sozialer Normen argumentierte,287 dann konnten sich das Fehlen klar definierter Akteure sowie die Bezugnahme auf den ordo naturae langfristig als problematisch erweisen. Wenngleich anonyme exempla kein völlig neues Phänomen darstellten,288 so scheint die Verbindung einer Tat mit einem (möglichst berühmten) Namen doch gerade für die Tradierung und weitere Verwendung dieser Beispiele von Bedeutung gewesen zu sein. Dies hängt vermutlich mit der bereits geschilderten exempla-spezifischen ›Fähigkeit‹ zusammen, eine Handlung und die dazugehörige Norm durch die einfache Nennung des Protagonisten zu evozieren.289 Ist der Protagonist unbekannt oder gar völlig unbestimmt (ignotus pater), so fehlt dem exemplum ein wichtiges Medium der einfachen und eingängigen Tradierbarkeit.290 Ähnliches könnte für den Rekurs auf den ordo naturae gelten, der sich im Rahmen von exempla offenbar doch nicht als ein den sozialen Normen gleichwertiges Begründungsmuster etablieren konnte.291 Letzteres legen auch die von Iulius Paris überlieferten Versionen dieser exempla nahe, in denen der Rekurs auf naturrechtliche Aspekte fast völlig gemacht werden – lediglich auf die antike Rezeption. Im Mittelalter stellt sich die Rezeptionslage völlig anders dar (vgl. von Moos, S. 124-126). 287 S. oben Kapitel 1.2; zur Rezeption anonymer exempla s. auch Guerrini, Allattamento filiale, S. 22f. 288 Auf eine besondere Form anonymer exempla weist Gotter in seiner Habilitationsschrift hin (Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 157ff., bes. S. 171ff.); s. hierzu auch Blösel, mos maiorum, S. 53ff. 289 Die Verbindung zwischen Tat und handelnder Person ist zuweilen so stark, dass manche Namen gleichsam als Personifizierung bestimmter Werte und Verhaltensweisen erscheinen (s. Kapitel 1.2; vgl. auch Kornhardt, S. 24-16, von Moos, S. 61 und Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 310f. und S. 315 sowie Walter, Familientradition und Familienprofil, S. 258. Besonders ausgeprägt war dieses Phänomen bei solchen Namen, die über mehrere Generationen mit einem herausragenden Verhalten verbunden wurden, wie etwa die Decii mit der Aufopferung für das Vaterland (Litchfield, S. 46ff.) oder die Torquati für väterliche Strenge (s. oben Kapitel 2.3.3.2). 290 Dass dieser Aspekt dennoch nicht alleine ausschlaggebend sein konnte, zeigen die nichtfamiliären Erbschaftsexempla, die trotz der meist zumindest namentlich bekannten Akteure keine uns dokumentierte weitere Verwendung gefunden haben (s. unten Kapitel 5.3.2). 291 Ein völlig anderes Bild bietet dagegen das römische Recht: Für kaiserzeitliche Juristen wird der Verweis auf das ius naturae mit der Zeit zu einem wichtigen Argument in der Begründung von Rechtsentscheidungen. So heißt es etwa in Inst. Iust. 3,1,9, der Prätor habe die Entscheidung, auch emancipati als Erben zuzulassen, naturali aequitate motus getroffen. Etwas weiter wird ein früherer Rechtssatz, der die mütterliche Seite in Erbschaften benachteiligte, als contra naturam iniuria bezeichnet (divi autem principes non passi sunt talem contra naturam iniuriam sine competenti emendatione relinquere. Inst. Iust. 3,1,15). Und in Inst. Iust. 3,1,14 wird sogar ein ius naturale einem ius legitimum gegenübergestellt.

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fehlt. Paris, der seine Epitome mit dem Ziel verfasste, den Rednern die valerischen exempla in einer praktikableren Form zugänglich zu machen,292 präsentiert die Beispiele in der Form juristischer Präzedenzfälle, die sich ohne ausführliche Erörterung der Beweggründe darauf beschränken, eine Testamentsentscheidung bzw. ein Urteil als Faktum anzuführen. Hier zeigt sich, dass die Erbschaftsexempla vermutlich durchaus auch in späterer Zeit noch von Bedeutung waren, aber aufgrund ihrer spezifischen Verwendung in den Rhetorikschulen sowie in Gerichtsreden womöglich in anderen Formen überliefert wurden als traditionelle exempla. In den Schulen wie auch vor Gericht fanden sie vermutlich rege Verwendung, denn dort standen vergleichbare (echte und fiktive) Fragen immer wieder auf der Tagesordnung. Doch da uns, trotz der Werke des älteren Seneca sowie von Quintilian, von der Vielzahl der dort erörterten Fälle relativ wenig überliefert worden ist, müssen diesbezügliche Aussagen zu den valerischen Beispielen somit im Bereich der Hypothese verbleiben.293 Trotz dieser Einschränkung lässt sich abschließend festhalten, dass die durch den Naturrechtsdiskurs geprägten Erbschaftsexempla in den Facta et dicta memorabilia eindrücklich vor Augen führen, wie sehr das valerische Werk von seinem zeitgenössischen Kontext geprägt ist. Dass dies – in etwas anderer Form – auch für die auswärtigen Beispiele gilt, soll der folgende kurze Exkurs deutlich machen.

292 So führt er in der Widmung seines Werkes aus: Exemplorum conquisitionem cum scirem esse non minus diputantibus quam declamationibus necessariam, Valerii Maximi libros dictorum et factorum memorabilium ad unum volumen epitomae coegi. Quod tibi misi, ut et facilius invenires, si quando quid quaereres, et apta semper materiis exempla subiungeres. 293 Von Seneca sind die Controversiae und die Suasoriae überliefert, die Beispiele beider Gattungen anführen. Die am Beginn jeder controversia geschilderte Situation, die den Ausgangpunkt für die weitere Diskussion bildet, ähnelt in mancher Hinsicht den valerischen Erbschaftsexempla. Auch hier sind die Protagonisten oft namenlos, und wie bei Valerius geht es immer wieder um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, um durch Adoptionen verkomplizierte Familienverhältnisse und um Erbschaftsfragen, wobei die Sachlage meist noch deutlich komplexer ist als in den valerischen exempla. Doch während diese mit einer klaren Entscheidung sowie meist einem abschließenden – lobenden oder tadelnden – Kommentar beendet werden, wird die controversia zunächst offen dargestellt und bietet den Stoff für oft langatmige Erörterungen des Für und Wider bestimmter Entscheidungen. Ziel des Redners war es nicht, Orientierung zu bieten, sondern mit rhetorischem Geschick die eine oder andere Meinung zu vertreten und dabei möglichst überzeugend zu wirken. Zur Form und Funktion von controversiae und suasoriae s. Bonner und Gwynn, bes. S. 158-173, sowie Bornecque, bes. S. 59-89; vgl. auch die grundlegend neuen Ansätze von Beard und Gunderson. Nach Ansicht der beiden letzteren boten die Deklamationen einen Rahmen, in dem zentrale gesellschaftliche Probleme (auch und gerade in Bezug auf Familienbeziehungen) sowie Fragen der römischen Selbstvergewisserung immer wieder durchgespielt werden konnten (s. oben Kapitel 1.2, bes. Anm. 42). Vor diesem Hintergrund ist es durchaus plausibel anzunehmen, dass valerische exempla in diesen »offenen Geschichten« (Beard, S. 59) als Argument Verwendung finden konnten.

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Exkurs: Natur und Naturrecht in den externen exempla Wenn Valerius natura oder lex naturae in den auswärtigen exempla im übertragenen Sinne verwendet,294 geht es in vielen Fällen um das Auftreten bestimmter, auch in Rom angesehener sozialer Verhaltensweisen und Normvorstellungen in einem nichtrömischen Kontext. Dabei weist seine Argumentation auf ein Problem hin, das in den Arbeiten zu den Facta et dicta memorabilia bisher nur in Ansätzen diskutiert worden ist, und das die Integration der auswärtigen Beispiele in einen Rahmen traditioneller römischer Wertvorstellungen betrifft:295 So macht die Parallelsetzung römischer und externer (meist griechischer) exempla in thematisch geordneten Kapiteln zwar deutlich, dass die Mehrzahl der wichtigen römischen Wertvorstellungen Valerius zufolge in vergleichbarer – parallelisierbarer – Weise auch bei den übrigen Völkern des Imperium Romanum zu finden sind.296 Es wäre jedoch falsch daraus zu schließen, dass er Römer und Nichtrömer völlig unterschiedslos betrachtet. Nicht nur die Aufteilung in getrennte Kapitel, sondern auch zahlreiche Kommentare sowie das Fehlen externer exempla in manchen Rubriken weisen darauf hin, dass für Valerius hier durchaus wichtige Unterschiede fortbestehen.297 In ganz besonderem Maße gilt dies für die ›barbarischen‹ Fremden wie Skythen, Thraker oder Parther, die – im Gegensatz zu den Griechen – noch keine enge Verbindung mit dem römischen Kulturkreis aufweisen konnten.298 294 Valerius verwendet natura und lex naturae auch hier zuweilen konkret im Sinne von natürlichen (oft körperlichen) Anlagen, doch dieser Gebrauch ist für die vorliegende Fragestellung nicht von Interesse (s. beispielsweise 1,8, ext. 12; 8,7, ext. 1 oder 8,9, ext. 2). 295 Nur wenige Untersuchungen widmen dieser Frage überhaupt kurze Überlegungen (s. etwa Truschnegg, S. 363f.). Selbst Weileder, S. 45ff., der sich intensiv mit der valerischen Darstellung römischer Weltherrschaft beschäftigt, bietet (mit Ausnahme kurzer Ausführungen, s. ebd. S. 74f.) keine systematische Analyse der Integration externer exempla. Sofern er sie überhaupt einbezieht, geschieht das in der Regel auf einer Ebene mit den römischen exempla (vgl. ebd. S. 109-116). 296 Damit erweist sich Valerius, wie Truschnegg, S. 363, mit Recht bemerkt, durch die Anlage seines Werkes als ein Autor, der das Römische Reich in weit stärkerer Form anerkennt und mitdenkt als dies etwa noch bei Livius der Fall war. Die Konsequenzen, die Truschnegg daraus für den Umgang mit den Facta et dicta memorabilia zieht – sie könne für ihr Thema, das Frauenbild in der Exempla-Literatur am Beispiel des Valerius, die externen Beispiele unbesehen zusammen mit den römischen behandeln – sind dagegen problematisch (ebd. S. 363f.). 297 Vgl. etwa die valerischen Kommentare in den exempla 1,1,14; 1,1, ext. 2 und 3; 2,1,10; 4,7,4 oder 7,4, ext. 2. Zum Fehlen externer exempla ist insbesondere auf die Kapitel 5,8 (De severitate patrum in liberos) und 5,9 (De parentum adversus suspectos liberos moderatione) sowie auf die Rubriken 7,7 und 7,8 (über Testamente) zu verweisen. Auch die Prozesse betreffenden Kapitel 8,1 bis 8,6 weisen ausschließlich römische Beispiele auf. Obschon man dies in vielen Fällen mit dem Valerius zugänglichen Material begründen mag, deuten der klare Ausschluss externer exempla im Bereich der väterlichen Strenge oder die eher geringe Anzahl an Beispielen auswärtiger disciplina militaris (2,7) dennoch darauf hin, dass Valerius die römischen Besonderheiten weiterhin als bedeutsam betrachtet. 298 Die griechische Kultur war dagegen seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. als Größe sui generis in Rom präsent und wurde von den römischen Aristokraten in vielfältiger Weise rezipiert (s. den

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Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen macht ein Blick auf seine exempla deutlich, dass der Naturrechts-Argumentation eine wichtige funktionale Bedeutung zukommen konnte: So bestimmt Valerius im letzten auswärtigen exemplum des Kapitels 5,6 (De pietate erga patriam) die Vaterlandsliebe als sanctissimae naturae leges,299 und in 6,4, ext.2 erklärt er, auf das vorangehende Beispiel Bezug nehmend, die Lusitaner seien von der »Natur« auf die Spuren der gravitas geführt worden (sed illos quidem Natura in haec gravitatis vestigia deduxit.). Dass sogar die als barbari bezeichneten Skythen pietas erga parentes beweisen, bildet für ihn einen klaren Beleg dafür, dass die Natur die erste und beste Lehrmeisterin für pietas sei und wahre Tugend eher geboren als gemacht werde.300 Der funktionale Aspekt ist offenkundig: Indem Valerius hier die Ähnlichkeit des – normativ bestimmten – Verhaltens der Nichtrömer mit dem römischen als ›von der Natur eingegeben‹ bzw. auf einem ›natürlichen Gesetz‹ basierend erklärt, gelingt es ihm, die Ähnlichkeit der fremden Verhaltensweisen sinnhaft zu deuten und in den eigenen Werte- und Vorstellungshorizont zu integrieren – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Wahrnehmung des Imperium Romanum als eine über den militärischpolitischen Aspekt hinausweisende Einheit. Umgekehrt wird zugleich die Vorstellung von der Existenz einer »natürlichen Ordnung« (ordo naturae) dadurch gestärkt, dass für bestimmte Verhaltensweisen nicht nur römische, sondern auch externe Beispiele zu finden sind.301 Die Naturrechts-Argumentation ist im valerischen Werk somit in starkem Maße durch funktionale Gesichtspunkte geprägt, wobei die Gemeinsamkeit von G. Vogt-Spira und B. Rommel 1999 herausgegebenen Sammelband, dort bes. Jehne, Cato und Zimmermann; vgl. hierzu auch Gehrke, Römischer mos). Der Rekurs auf griechisches Handeln und Denken hatte für die Römer daher einen anderen Stellenwert als die Bezugnahme auf das Verhalten anderer Völker. Zur Rezeption griechischer Philosophie in Rom s. Griffin, Philosophy, Politics, and Politicians und Brunt, Philosophy and Religion. 299 5,6 ext.5. Dass Valerius dem traditionellen ›System‹ der Argumentation in exemplis noch fest verbunden ist, zeigt sich auch darin, dass er gleichsam einen Zirkelschluss vornimmt, indem er erklärt, die naturae leges seien durch (die von ihm zuvor angeführten) exempla bekräftigt worden (sanctissimisque Naturae legibus mirificorum etiam exemplorum clara mundo subscripsit ubertas.). 300 Prima igitur et optima Rerum Natura pietatis est magistra, quae nullo vocis ministerio, nullo usu litterarum indigens propriis ac tacitis viribus caritatem parentium liberorum pectoribus infundit. quid erga doctrina proficit? ut politiora scilicet, non ut meliora fiant ingenia, quoniam solida virtus nascitur magis quam fingitur (5,4, ext.5); s. hierzu auch Guerrini, Allattamento filiale, S. 33. 301 Dass in anderen Bereichen weitgehende Unterschiede fortbestehen und von Valerius als solche betrachtet werden, ist keinen Widerspruch: Nicht allen Tugenden wird eine vergleichbare Naturgesetzlichkeit zugeschrieben, vielmehr stellte der Rekurs auf natura Valerius ein argumentatives Instrumentarium bereit, mit dessen Hilfe er Ähnlichkeiten des Verhaltens mit einer sinnhaften Deutung versehen konnte.

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der eben erörterten exempla in der Notwendigkeit der Integration von neuen bzw. fremden Aspekten liegt. Zentrale Motive der Darstellung und Kommentierung dieser Episoden sind Handlungsleitung und -begründung einerseits sowie Integration und Sinngebung andererseits. Der Aspekt der Sinngebung ist auch für die im Folgenden zu besprechenden exempla von Bedeutung – doch die Argumentationsweise ist eine grundlegend andere. 2.3.4.3 Die Handlungsmöglichkeiten des Sohnes und die politische Relevanz der pietas In den bisher besprochenen exempla ging der Respekt für die Besonderheit der Vater-Sohn-Beziehung in der Regel entweder von den Vätern selbst aus, oder er wurde durch das Eingreifen Dritter (Prätor, Augustus) durchgesetzt. Es hatten indes auch Söhne die Möglichkeit, zur Auflösung von Konfliktsituationen in der Beziehung zu ihrem Vater (oder ihrer Mutter) beizutragen. Dies geschieht im valerischen Werk allerdings eher selten, genauer gesagt nur in drei Beispielen, die alle dem Kapitel 5,4 (De pietate erga parentes) entstammen.302 Darüber hinaus wird die imitatio patris in mehreren exempla als positives Handlungsmuster von Söhnen inszeniert.303 In den valerischen pietas-exempla werden die Söhne weit weniger autonom dargestellt, als dies für die Handlungen ihrer Väter konstatiert worden ist. Als tatsächlicher Akteur erscheint weniger der Sohn selbst, sondern eine gleichsam personifizierte Pietas, deren verpflichtender Charakter somit deutlich zutage tritt.304 Im Gegensatz zum moderaten Verhalten der Väter ist das Moment der bewussten Entscheidung in den meisten Fällen daher weniger präsent. Besonders deutlich zeigt sich dieser Aspekt in dem bekannten Beispiel 5,4,1, das allerdings die Beziehung eines Sohnes (Coriolanus) zu seiner

302 5,4,5 und 5,4,3 sind bereits in einem anderen Zusammenhang einer genaueren Besprechung unterzogen worden (vgl. Kapitel 2.3.2.2 sowie 2.3.4.2, bes. Anm. 285). Ausnahmsweise soll hier auch ein exemplum besprochen werden, das sich mit dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn beschäftigt (5,4,1), da es für die vorliegende Thematik von besonderem Interesse ist. 303 Herausragende und vielzitierte Beispiele hierfür sind in erster Linie P. Decius Mus und Manlius Torquatus: Den beiden Decii, Vater und Sohn, sind zwei aufeinanderfolgende Beispiele des Kapitels 5,6 (De pietate erga patriam) gewidmet (5,6,5-6), wobei Valerius explizit darauf hinweist, dass der Sohn dem exemplum des Vaters gefolgt sei und somit zur Rettung der urbs romana verholfen habe. Zur Bedeutung der imitatio patris bzw. maiorum für Torquatus s. die ausführliche Erörterung dieser Thematik im Kapitel 2.3.3.2; zur imitatio maiorum insgesamt s. Walter, Ein Ebenbild des Vaters, S. 418ff. und passim. Die Problematik mangelnder imitatio patris (in einem Falle nimmt der Großvater die Vorbildrolle des Vaters ein, vgl. 3,5,4) wird im Kapitel 3,5 direkt in Szene gesetzt, während sie in 9,3,2 (De ira aut odio) eher indirekt inszeniert wird. 304 Zum verpflichtenden Charakter von pietas s. auch Thome, Zentrale Wertvorstellungen der Römer, S. 31f. und passim.

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Mutter thematisiert.305 Coriolanus ist nach einer ungerechten Verurteilung aus Rom zu den Volskern geflüchtet und hat dort das summum imperium erlangt. Er schlägt die Römer in vielen Schlachten und steht schließlich vor den Mauern Roms. Nun wollen die Römer Abbitte leisten, doch weder Legaten noch Priestern gelingt es, ihn zu besänftigen. Erst als seine Mutter (zusammen mit seiner Frau und den Kindern, die hier jedoch eine Nebenrolle spielen) in sein Lager tritt, da überwältigt die Pietas seinen Zorn und Schmerz, und Coriolanus verzichtet auf den Angriff: ergo pectus dolore acceptae iniuriae, spe potiendae victoriae, verecundia detractandi ministerii, metu mortis refertum, totum sibi Pietas vacuefecit, uniusque parentis aspectus bellum atrox salutari pace mutavit. Es handelt sich bei diesem Fall um eine konfliktuelle Extremsituation, die im Ergebnis eigentlich weniger das Eltern-Kind-Verhältnis, als vielmehr das Wohl der res publica betrifft – ein Befund der in ähnlicher Weise für das bereits ausführlich besprochene Beispiel 5,4,5 gilt.306 Dennoch muss berücksichtigt werden, dass Valerius diese exempla in das Kapitel über pietas erga parentes einordnet und somit die Beziehung des Kindes zu den Eltern explizit in den Mittelpunkt rückt. Diese Kombination von einer als persönliche Beziehung geschilderten pietas einerseits und den politischen Implikationen dieses Verhaltens andererseits macht deutlich, dass pietas – im Gegensatz zur Auffassung einiger Familienhistoriker – keinesfalls als die rein ›private‹ virtus oder Verhaltensweise zu betrachten ist.307 Selbst in den Fällen, in denen pietas stärker auf den Vater selbst (und weniger auf die res publica) fokussiert, wie etwa in den Beispielen 5,4,2 und 5,4,4, kommt ihr vielmehr eine erhebliche politische Relevanz zu, da sie das politische Agieren der Söhne (und in Ausnahmefällen der Töchter) beeinflussen oder dieses überhaupt erst hervorrufen kann.308 In den Facta et dicta memorabilia lassen sich zwei zentrale Handlungsmuster festmachen.

305 Dieses exemplum macht deutlich, dass die in der Forschung vielfach vertretene Annahme, Ereignisse bzw. exempla würden bei Valerius notwendig auf eine einzige Aussage reduziert, so nicht zutrifft (s. oben Kapitel 1.2, bes. Anm. 66). Valerius ist durchaus in der Lage, eine Episode in ganz unterschiedlichen Kontexten exemplarisch zu verwenden und ihr somit verschiedene Funktionen zuzuschreiben. So steht die Coriolanus-Episode neben dem hier besprochenen Beispiel auch in 5,2,1a (De gratis) sowie in 1,8,4 (De miraculis) im Mittelpunkt. 306 S. oben Kapitel 2.3.2.2. 307 Zur Diskussion über pietas vgl. Saller, Pietas, S. 399ff. und S. 402ff. sowie Dixon, Conflict, S. 151. 308 Africanus maior – noch fast ein Kind – kommt seinem Vater (der zugleich Konsul ist) in einer Schlacht zur Hilfe und rettet ihn (5,4,2). M. Cotta hat kaum die toga virilis angelegt, da zieht er Cn. Carbo vor Gericht, der seinen Vater verurteilt hatte, und er schafft es, ihn zu verurteilen (5,4,4). Sogar die pietas einer Tochter hat in einem Fall politische Implikationen: Die Vestalin Claudia sieht, wie ihr Vater während seines Triumphes von einem Tribun vom Triumphwagen gezogen wird. Da stellt sie sich zwischen die beiden und schützt ihren Vater (5,4,6). Nur das letzte

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1. Pietas kann sich als eine Schutzhandlung für den Vater äußern, die in der Regel den öffentlichen Raum (das Gerichtswesen, den militärischen Bereich) betrifft.309 Das bereits kurz angesprochene Beispiel 5,4,3 macht deutlich, wie weit ein solches Eingreifen gehen kann, zeigt jedoch zugleich auch die Grenzen der erwartbaren Unterstützung von Seiten eines Sohnes auf.310 L. Manlius, der Vater des Torquatus,311 wird vom Tribun Pomponius angeklagt, weil er sein imperium über die legitime Zeit verlängert hat und darüber hinaus seinen vielversprechenden Sohn mit rustica opera von ›öffentlichen‹ Aufgaben fernhält. Da greift eben dieser Sohn ein, bedroht Pomponius312 und erreicht damit, dass er die Anklage gegen seinen Vater zurückzieht.313 Offenbar ist Valerius der Auffassung, dass das Konzept der pietas nicht ausreiche, um die Haltung des Sohnes zu erklären. Pietas sei – so argumentiert er – in erster Linie gegenüber milden Vätern erwartbar, daher handele es sich in diesem Falle um ein besonders lobenswertes Verhalten, das nur durch amor naturalis zu begründen sei. Die Bedeutung des hier verwendeten natura-Konzeptes als alternatives Begründungsmuster ist im vorigen Kapitel bereits ausführlich besprochen worden: L. Manlius hat in diesem Fall die Grenze dessen überschritten, was als väterlicher Verhaltensspielraum akzeptiert ist, und vor diesem Hintergrund ›funktioniert‹ – so die Beispiel dieses Kapitels (5,4,7), das die Beziehung einer Tochter zu ihrer Mutter thematisiert, hat kaum politische Implikationen und wird im Kapitel 3.2.1.2 ausführlicher besprochen. 309 Der beschützende Aspekt zeigt sich besonders deutlich in 5,4,2-4 sowie in 5,4,6. Dabei war die Unterstützung eines Vaters durch ein Eingreifen des Sohnes in gerichtlichen Angelegenheiten kein völlig außergewöhnlicher Vorgang, wie David in einem interessanten Aufsatz über die Anklagepraxis in der späten Republik ausgeführt hat (David, L’accusa pubblica, bes. S. 105ff. und passim). Vielmehr bot die Vergeltung für ein am Vater verübtes Unrecht dem Sohn eine gute Gelegenheit, sich als Redner und tugendhafter Bürger zu profilieren. 310 S. oben Anm. 285. 311 Shackleton Bailey weist darauf hin, dass Valerius den Vater hier fälschlicherweise auch als »Torquatus« bezeichnet. Diesen Beinamen hatte erst der Sohn, auctor des vorliegenden Exempels, bekommen (s. dazu auch Cic. off. 3, 112 sowie Helm, Exemplasammlung, S. 144, zu den Gründen für den valerischen Irrtum). 312 Der Angriff gegen den Tribun ist für Valerius in diesem exemplum – anders als in den ausführlich besprochenen Fällen 5,8,2 und 5,4,5 – offensichtlich nebensächlich. Zwar steht die tribunizische Macht hier, im Gegensatz zu den beiden genannten Beispielen, nicht einer anderen (patria) potestas gegenüber, doch die sacrosanctitas des Tribunen wird durch die hier beschriebene Bedrohung offen verletzt. Wieder zeigt sich die Selektivität der exemplarischen Darstellung, die es Valerius ermöglicht, nur diejenigen Elemente anzuführen, die für die Beispielhaftigkeit einer Episode von Bedeutung sind (s. oben Kapitel 1.2). 313 Bettini, Antropologia, S. 20, deutet das Verhalten des Sohnes funktional: Mit dieser Geste habe der Sohn das Recht des Vaters als pater familias verteidigt und somit auch sein eigenes – zukünftiges – Recht, seinerseits als pater familias agieren zu können. Ein Blick auf das ausführlich besprochene exemplum 2,7,6, in dem der Sohn des vorliegenden Falles als Konsul und strenger Vater agiert, sowie auf 6,9,1, in dem beide Episoden erwähnt werden, zeigt, dass diese Interpretation eine hohe Plausibilität für sich in Anspruch nehmen kann.

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valerische Darstellung – die soziale Norm der pietas nicht mehr zur alleinigen Deutung des Handelns seines Sohnes.314 2. Das zweite Handlungsfeld der pietas weist eine noch stärkere politische Relevanz auf. Wie die Diskussion der Beispiele 5,4,1 und 5,4,5 gezeigt hat, ist pietas in einigen Fällen sogar in der Lage, das politische Handeln der Söhne zu beeinflussen. Alleine (wie im Falle von Coriolanus und seiner Mutter) oder im Zusammenspiel mit der väterlichen auctoritas (wie bei Flaminius und seinem Vater) kann sie damit die Kontrollfunktion der patria potestas ergänzen oder sogar (im Falle des Coriolanus) ersetzen.315 Ein Blick auf die möglichen Quellen für diese Episoden zeigt, dass die valerische Darstellung insbesondere im Hinblick auf die Deutung und Einordnung der jeweiligen Handlungen einige Besonderheiten aufweist.316 So berichtet Livius (2,40,12) zwar ausführlich über das Eingreifen der Mutter des Coriolanus, doch die Reaktion ihres Sohnes wird bei ihm nicht als Ausdruck von pietas bestimmt – dieser Begriff fällt in seiner Erzählung nicht. Dionysios von Halicarnasseus (ant. 8,48-54) widmet der mütterlichen Überzeugungsarbeit ebenfalls einen langen Bericht, doch der Fokus liegt hier weniger auf dem durch die pietas bewirkten Gesinnungswandel als vielmehr auf den Bitten und Drohungen der Mutter, die ihren Sohn schließlich zum Nachgeben veranlassen.317 Noch offensichtlicher ist der Unterschied für das Beispiel 5,4,5, das im Zusammenhang mit dem Konzept der auctoritas patria ausführlich disku-

314 S. hierzu auch Guerrini, Allattamento filiale, S. 33. Zur Diskussion väterlicher Handlungsspielräume und -optionen s. oben Kapitel 2.3.3. Auch in der Version von Cicero, vor allem aber bei Livius wird deutlich, dass das Verhalten des Torquatus tadelnswert und die pietas seines Sohnes vor diesem Hintergrund besonders hervorzuheben ist (Cic. off. 3, 112 und Liv. 7,4-6). Die Argumentation mit dem amor naturalis als Begründung und Erklärung für das Verhalten des Sohnes findet sich jedoch nur bei Valerius. Livius stellt erstaunt und lobend fest, dass die pietas des Torquatus sich nicht einmal durch acerbitas patria vertreiben ließ. Bei Cicero liegt der Fokus ohnehin in einem anderen Bereich. Er verwendet das exemplum, um die Bedeutung, die dem Eid (ius iurandum) bei den maiores zugesprochen wurde (Pomponius schwört Torquatus einen Eid, seinen Vater unbehelligt zu lassen), zu illustrieren. Die Haltung des Sohnes ist daher nur von sekundärem Interesse. Zur Gegenüberstellung von sozialer Norm und ›naturrechtlich‹ bestimmtem Handeln s. oben Kapitel 2.3.4.2. 315 Zu patria auctoritas und pietas s. Kapitel 2.3.2.2. 316 Zeitlich vor Valerius liegende Überlieferungen der Episode um Coriolanus finden sich bei Livius (2,40,12) sowie Dionysios von Halicarnasseus (ant. 8,1ff., bes. 8,45-54). Über das Verhalten des Flaminius dagegen berichten Cicero (insbes. inv. 2,52, aber auch Brut. 14,67 und de senect. 4,11), Livius (21,63,2) und Dionysios von Halicarnasseus (ant. 2,26,5). 317 Zwar rekurriert auch Dionysios hinsichtlich der Mutter-Sohn-Beziehung auf »Gesetze der Natur« (ta. th/j fu,sewj [...] di,kaia, Dion. Hal. ant. 8,51) und auf die der Mutter gebührenden Zuneigung, doch werden diese Argumente von Seiten der Mutter vorgebracht und reichen zudem nicht aus, um Coriolanus zu überzeugen. Vielmehr greift seine Mutter darüber hinaus auf Drohungen zurück, die bis zur Androhung des Selbstmordes reichen (bes. 8,53). Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn wird hier somit ganz anders dargestellt, als bei Valerius.

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tiert worden ist.318 In Ciceros Version dieser Episode fehlt nicht nur der Verweis auf die pietas, auch die exemplarische Aussage ist eine völlig andere. Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht die Frage, ob der Vater des Flaminius durch sein Eingreifen, das bei Cicero explizit auf der patria potestas gründet, die maiestas populi herabgesetzt habe. Wenn man davon ausgeht, dass Valerius die ciceronische Variante bekannt war,319 so wird deutlich, dass hier offensichtlich ein grundlegender Umdeutungsprozess stattgefunden habe muss: Eine politisch konfliktträchtige Frage von zentraler rechtlicher Relevanz – die nach dem Verhältnis von patria potestas und tribunizischer Amtsgewalt –, wird mit der Fokussierung auf die Frage der pietas auf eine völlig andere Ebene gehoben. Indem die Bedeutung von der rechtlichen Komponente der potestas auf das Konzept der pietas übergeht, wird der konfliktuelle Gehalt dieser Situation, der bei Cicero im Zentrum steht, aufgehoben und in ein positiv konnotiertes Handlungsmuster überführt. Die Untersuchung der inszenierten Vater-Sohn-Beziehungen hat deutlich gemacht, dass Valerius mit diesen exempla ein komplexes und vielschichtiges Bild vermittelt. Jedoch umfasst das bisher erarbeitete Bild lediglich einen Teil der Interaktionsstrukturen, die sich dem valerischen Werk für Väter und Söhne entnehmen lassen. Ziel des folgenden Kapitels ist es, zu klären, welche weiteren Handlungsmuster sich dem valerischen Werk entnehmen lassen.

2.4 Das Gegenbild? Erwähnungen en passant Das Gegenbild? Erwähnungen en passant Während die bisher untersuchten Interaktionen durch eine starke Intentionalität charakterisiert waren, wird die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen in zahlreichen exempla lediglich beiläufig erwähnt, ohne dass sie für die Konstitution des Exempels notwendig wäre.320 Die folgenden Darlegungen werden deutlich machen, dass sich das Bild, das sich aus der Analyse dieser nur en passant erwähnten Interaktionen ergibt, in mehrfacher Hinsicht von der inszenierten Darstellung unterscheidet und bisweilen sogar im Wider318 S. oben Kapitel 2.3.2.2 und Cic. inv. 2,52. 319 Zur Diskussion um die Quellen des Valerius s. oben Kapitel 1.1. 320 Besonders deutlich wird der kontingente Aspekt in den Beispielen, in denen die Beziehung zwischen Vater und Sohn lediglich erwähnt wird, um einen Protagonisten näher zu bestimmen (vgl. etwa 2,5,2; 6,1,1; 6,1,9; 6,4,1; 8,2,1; 8,5,1 oder 9,14,2). Obgleich im Zusammenhang mit (positiv oder negativ) berühmten Akteuren eine implizite Wertung dabei nicht ausgeschlossen werden kann (so beispielsweise in 6,1,1 sowie insbesondere 2,5,2), sind diese Erwähnungen in der Regel neutral zu verstehen.

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spruch dazu steht. Welche Folgen dies für die Frage des Quellenwertes der Facta et dicta memorabilia beinhaltet, wird abschließend zu klären sein.

2.4.1 Keine klare Verteilung der Handlungskompetenzen 2.4.1.1 Das Fehlen von Konflikten Die Untersuchung der inszenierten Vater-Sohn-Beziehung hat eine sehr eindeutige Verteilung der Handlungskompetenzen ergeben, derzufolge das Konfliktpotential in erster Linie bei den Söhnen liegt, während den Vätern die Aufgabe zukommt, das Verhalten der Söhne kontrollierend zu begleiten. Sowohl im Rahmen von Konflikten als auch in der positiven Interaktion handeln die Väter dabei aus einer Position der Überlegenheit, die sich nicht zuletzt in der Begrifflichkeit (clementia, patientia) ausdrückt. Die Analyse der en passant thematisierten Interaktionen ergibt dagegen keine eindeutige Verteilung der Handlungskompetenzen und Verhaltensmuster. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass in keinem Fall ein Konflikt erwähnt wird. Somit kann die Inszenierung des Sohnes als Träger von Konfliktpotential hier auf keinen Fall eine Entsprechung finden. 2.4.1.2 Gleichwertige Unterstützung von Vätern und Söhnen Positive Interaktionen zwischen Vätern und Söhnen werden vergleichsweise häufig und in ganz unterschiedlichen Kontexten en passant erwähnt. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang insbesondere das Gerichtswesen, finanzielle Angelegenheiten sowie der militärische Bereich. Mehrere exempla berichten über Unterstützung in gerichtlichen Angelegenheiten, die sowohl von Vätern wie auch von Söhnen ausgeht. M. Claudius Marcellus klagt einen Volkstribunen an, weil dieser seinen Sohn zu stuprum verführt habe (6,1,7 De pudicitia); Horatius wird von seinem Vater verteidigt, als er wegen des Mordes an seiner Schwester unter Anklage steht (6,3,6 De severitate).321 Umgekehrt hatte Söhne die Möglich321 Im Beispiel 6,1,7 steht nicht der Einsatz für den Sohn im Mittelpunkt, sondern einerseits das Ausmaß des Verstoßes gegen die pudicitia sowie andererseits das Verhalten der anderen Volkstribunen gegenüber einer solchen Verfehlung ihres Kollegen: Obgleich sie die Möglichkeit gehabt hätten, der Bitte des Angeklagten um Unterstützung nachzukommen, bestanden auch sie auf dem Prozess. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die (verführte) Keuschheit des Sohnes, die durch sein schamvolles Schweigen deutlich wird. 6,3,6 ist dagegen eine kontrovers überlieferte Episode, die sich unter anderem bei Livius (Liv. 1,26), bei Dionysios von Halicarnasseus (ant. 3,21) sowie in einer weiteren Version bei Valerius (8,1, absol. 1) findet. Die Rolle des Vaters variiert je nach Überlieferung bzw. – bei Valerius – je nach exemplarischer Intention. Bei Livius ist der Einsatz des Vaters für seinen Sohn sehr viel nachdrücklicher, während der Vater in der zweiten valerischen Version überhaupt nicht erwähnt wird. Während Thomas, Parricidium, S. 655 (s. auch ebd. Anm. 67) für die Version des Livius komplexe Erklärungsmuster vorgeschlagen hat, entspricht die

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keit, ihre Väter durch aktives Engagement zu unterstützen, wie etwa der Fall 3,7,6 (De fiducia sui) deutlich macht: C. Carbo folgt L. Crassus, dem Ankläger seines Vaters, bis in dessen prokonsularische Provinz, um dessen Verhalten zu kontrollieren. Obgleich Valerius nichts weiter vermerkt, liegt die Vermutung nahe, er habe nach einem Grund gesucht, um – wie dies etwa im Beispiel 5,4,4 der Fall war – den Ankläger seines Vaters wiederum anzuklagen. Bemerkenswert ist die unspektakuläre Art der Darstellung: Während vergleichbare Gesten im valerischen Werk in zwei weiteren Episoden erwähnt und dort jeweils zum Akt der pietas stilisiert werden, liegt das exemplarische Interesse hier auf der Haltung des Crassus.322 Er akzeptiert Carbos Aufenthalt nicht nur, sondern verschafft ihm sogar eine Stelle im Gericht – bestes Zeugnis seines Selbstvertrauens.323 Diese – relative – ›Gleichberechtigung‹ hinsichtlich der juristischen Eingriffsmöglichkeiten ist als Ausdruck der rechtlichen Stellung von Vätern und Söhnen zu sehen, die in Bezug auf die Unterstützung ihrer direkten Verwandten vielfach mit ähnlichen Erwartungen und Möglichkeiten, konfrontiert werden. Anders ist die Situation auf der Ebene der finanziellen Angelegenheiten. Zwar lassen sich auch hier von beiden Seiten ausgehende unterstützende Gesten ausmachen, doch der Vater befindet sich in allen hier angeführten Beispielen in bestimmender Position. Dies wird aus dem rechtlichen Kontext insofern verständlich, als nur der pater familias über eigenen Besitz verfügte und daher in Finanzfragen für seinen Sohn einstehen musste.324 Die finanzielle Verantwortung des pater familias war die logische Folge aus der realen finanziellen Abhängigkeit des Sohnes.325 So war es umgekehrt naheliegend, Söhne in (finanzielle) Transaktionen für die VerRolle des Vaters mit Blick auf Horatius in dem hier untersuchten exemplum auch nach Auffassung von Thomas der eines einfachen Verteidigers (Thomas, Parricidium, S. 685). In Szene gesetzt werden die Strenge des Bruder bzw. des Vaters gegenüber der Schwester bzw. Tochter (vgl. auch Maslakov, S. 467f.). 322 Zum Vorgehen des Torquatus (5,4,3) und des M. Cotta (5,4,4) s. oben Kapitel 2.3.4.3. 323 Dass ein solches Engagement von Seiten eines Sohnes nicht ungewöhnlich war, hat David, L’accusa pubblica, S. 105f. deutlich gemacht. Dass die beiden eben genannten Fälle 5,4,3-4 zu exempla pietatis werden konnten, dürfte auch mit den außergewöhnlichen Umständen zusammenhängen, in denen sie ihre Väter unterstützten: Während das Handeln des Torquatus vor allem im Kontrast mit dem überaus strengen Vater hervorragt, waren im Beispiel 5,4,4 neben der Tat als solcher insbesondere das junge Alter des anklagenden Sohnes sowie sein Erfolg erstaunlich. Carbo kann dem Crassus dagegen kein Fehlverhalten nachweisen und muss – so Valerius – erkennen, dass sein Vater zu Recht verurteilt worden war. 324 So erwähnt Valerius im Zusammenhang mit dem Bericht über die Armut des L. Quintius Cincinnatus 4,4,7 (De paupertate), dass dieser von seinen schmalen Einkünften auch die Strafe für seinen Sohn Caesionius gezahlt habe, der sich einer Anklage nicht gestellt hatte. Doch obgleich er nur noch vier iugera Land besaß, blieb seine dignitas als pater familias unversehrt und ihm wurde sogar die Diktatur übertragen. 325 Zur Stellung der Haussöhne vgl. Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, bes. S. 529.

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waltung der väterlichen Güter einzubeziehen, wie dies in 4,8,1 (De liberalitate) deutlich wird.326 Eine regelrechte Instrumentalisierung des Sohnes im Hinblick auf die Finanzen zeigt der oft zitierte Fall des C. Licinius Stolo (8,6,3 Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt), der ein Ackergesetz einbringt, demzufolge niemand mehr als fünfhundert iugera Land besitzen darf. Er selbst erwirbt tausend iugera, und um diesen Gesetzesbruch zu vertuschen, überträgt er die Hälfte davon auf seinen Sohn. Aus den meisten Übersetzungen dieser Episode wird nicht ersichtlich, weshalb die Abtretung des Ackers an den Sohn dazu beitragen konnte, die rechtliche Situation zu verbessern, da das Land in so einem Falle normalerweise weiterhin im Besitz des pater familias blieb. Doch abgesehen davon, dass für den vorliegenden Zusammenhang in erster Linie die Idee der Kooperation, die sich in der hier dargestellten Konstruktion ausdrückt, von Bedeutung ist, eröffnet ein genauer Blick auf den Text einerseits und auf die uns ebenfalls überlieferte livianische Version dieser Episode andererseits eine interessante Erklärungsmöglichkeit: Um zu vermeiden, dass das Ackerland des Sohnes zu dem Besitz des pater familias gerechnet wurde, hatte Stolo seinen Sohn offenbar emanzipiert.327 Einfache Indienstnahme des Sohnes oder Kooperation zwischen Vater und Sohn zeigen sich auch sonst bei vielen Gelegenheiten, etwa im kultischen328 oder politischen329 Bereich. Besonders wichtig ist die Kooperation 326 Da der Senat kein Geld für den von Fabius Maximus mit Hannibal vereinbarten Freikauf von Kriegsgefangenen bereitstellte, schickte Fabius seinen Sohn nach Rom, um das letzte Stück Land, das er besaß, zu verkaufen und zahlte die Summe aus diesem Betrag. 327 C. vero Licinius Stolo, cuius beneficio plebi petendi consulatus potestas facta est, cum lege sanxisset ne quis amplius quingenta agri iugera possideret, ipse mille comparavit, simulandique criminis gratia dimidiam partem filio emancipavit (Val. Max. 8,6,3). Während Shackleton Bailey (wie auch Faranda und Hoffmann) emancipavit auf den Teil des Ackerlands bezieht, den Stolo seinem Sohn »übertragen« hatte (emancipavit also im Sinne von »transferred«), versteht Gardner, Family and familia, S. 19 – und ebenso Thomas, Droit domestique, S. 565 – diesen Begriff im familienrechtlichen Sinne: Stolo habe seinen Sohn emanzipiert, um sein Ackergesetz auf diese Weise zu umgehen. Zwar ist diese Übersetzung aus grammatikalischer Perspektive nicht ganz unproblematisch – die Stelle ist unvollständig überliefert, zudem beschreibt Valerius hier gewissermaßen zwei Handlungen (die Emanzipation des Sohnes und die Übertragung der Hälfte des Ackerlands an eben diesen Sohn) in einer –, doch sie wird auch durch die livianische Version gestützt: eodem anno C. Licinius Stolo a M. Popilio Laenate sua lege decem milibus aeris est damnatus, quod mille iugerum agri cum filio possideret emancupandoque filium fraudem legi fecisset. (Liv. 7,16,9). 328 In 1,1,9 (De religione) berichtet Valerius von L. Furius Bibaculus: qui praetor, a patre suo collegii Saliorum magistro iussus, sex lictoribus praecedentibus arma ancilia tulit. Valerius sieht hier ein Beispiel für ein von religio geprägtes Verhalten, da der Sohn das Prätoramt innehatte und eigentlich von dieser Pflicht befreit war (quamvis huius officii honoris beneficio haberet). Bibaculus wird in diesem Zusammenhang für seinen pius ac simul religiosus animus gelobt. Zwar kann sich pius hier sowohl auf die Haltung zu seinem Vater als auch auf die Religion beziehen, doch der Kontext des Kapitels sowie die abschließenden Kommentare des Valerius legen nahe, dass der Bezug auf die religio hier stärker zu gewichten sein dürfte.

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jedoch auf der militärischen Ebene, wobei hier in allen Fällen eine klare Hierarchie deutlich wird.330 So erwähnt Valerius zweimal in einem Halbsatz einen Sohn, der seinen Vater bei militärischen Aktionen begleitet – ein zumindest für die republikanische Zeit nicht ungewöhnliches Vorgehen.331 Auch sonst zeigen Väter sich am militärischen und politischen Erfolg ihrer Söhne interessiert, wie einige kurze Bemerkungen im Rahmen der Schilderungen von 9,11,5-6 (Dicta improba aut facta scelerata) zeigen.332 Und schließlich können Söhne sowohl durch ihren eigenen Erfolg wie auch durch gezielte – und zweifelsohne als verpflichtend gedachte – Ehrerweisungen dazu beitragen, den Ruhm ihres Vaters zu vergrößern.333 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Väter und Söhne in diesen positiven Gesten etwa gleichermaßen den aktiven Part übernehmen. Obgleich die Väter natürlich de facto aus einer übergeordneten Position heraus agieren, verfügen Söhne dennoch ebenfalls über eine beachtliche Handlungskompetenz, die sie in weitem Umfang wahrnehmen. Da zudem auch die im Rahmen der inszenierten Interaktionen häufig verwendeten normati329 In 4,1,12 (De moderatione) drückt Metellus Macedonicus seine Ehrerweisung gegenüber dem ihm eigentlich verfeindeten Scipio unter anderem dadurch aus, dass er seine Söhne auffordert, dessen lectus funebris zu tragen. Söhne konnten von ihren Vätern demnach insofern instrumentalisiert werden, als sie dazu beitrugen, seine politischen und gesellschaftlichen Stellungnahmen zu illustrieren. 330 Das im Hinblick auf väterliche Interesse und Engagement im militärischen Bereich besonders auffallende exemplum 2,7,8 wird im Abschnitt 2.4.2.2 ausführlich behandelt. 331 In Bezug auf Cato minor bemerkt Valerius: Is tamen, cum bellis civilibus interesset, filium secum trahens, duodecim servos habuit, numero plures quam superios, temporum diversis moribus pauciores (4,3,12 De abstinentia et continentia). Und im Zusammenhang mit dem Bericht über die Unterstützung, die Pompeius Sulla hat zukommen lassen, wird erwähnt, dass Pompeius als junger Mann im Heer seines Vaters aktiv war (5,2,9 De gratis). Diese Gewohnheit war für beide Seiten nützlich: Die Söhne konnten das Kriegshandwerk erlernen und oft ihre ersten konkreten Erfahrungen machen. Für die Väter stellten sie in der Regel eine zuverlässige Unterstützung dar. 332 Beide exempla wurden in Bezug auf das Konfliktpotential der Söhne bereits kurz besprochen: In 9,11,5 erkundigt sich der proskribierte Vater des C. Toranius, als er schon von den centuriones gefasst ist, nach dem Wohlergehen seines Sohnes, und er fragt, ob die imperatores mit ihm zufrieden seien. Da erfährt er, dass es sein eigener Sohn war, der ihn verraten hat. Das folgende Beispiel 9,11,6 ist vergleichbar: Dort war der Vater auf das Marsfeld gekommen, um der Wahl seines Sohnes zum Quästor beizuwohnen. Er erfährt, dass er proskribiert ist und flüchtet, wird aber dann von seinem Sohn verraten. Obgleich die Erwähnung der väterlichen Sorge und des Interesses sicher auch die Funktion hatte, die Verwerflichkeit der Söhne durch den Kontrast noch stärker zu betonen, dürften diese Gesten dennoch nicht ungewöhnlich gewesen sein. Interesse und Unterstützung der Väter in Bezug auf das politische und militärische Fortkommen der Söhne erklärt sich auch durch die Bedeutung, die deren Erfolge für die Väter selbst hatten. 333 Dies zeigt neben dem bereits erwähnten exemplum 7,1,1 (De felicitate) auch eine kurze Erwähnung in einem externen Beispiel (9,11, ext. 1 Dicta improba aut facta scelerata): Scipio Africanus habe in (der von ihm eroberten Stadt) Cartago Nova zu Ehren seines Vaters und seines patruus ein munus gladiatorium abgehalten (s. zu diesem exemplum auch die Erörterungen zur Rolle des patruus, unten Kapitel 3.4.3.1); vgl. auch 2,5,1. Die Bedeutung ruhmreicher Söhne für ihre Väter bzw. ihre familia wird auch in 2,10,4 erwähnt.

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ven Begriffe wie moderatio, pietas, clementia oder indulgentia in den en passant erwähnten Beziehungen praktisch völlig fehlen, erscheint das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen hier in sehr viel geringerem Maße hierarchisch bestimmt, als dies dort der Fall war. Welche Folgerungen sich aus diesem Befund ziehen lassen, wird im abschließenden Kapitel 2.5 erörtert werden. Zunächst ist der Blick jedoch auf eine weitere zentrale Differenz der kontingenten Beziehungen zu richten, die das Postulat der Überordnung der res publica betrifft.

2.4.2 Umkehr des Postulats der Überordnung der res publica Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, lassen die en passant erwähnten Handlungskompetenzen und Verhaltensmuster gewisse Verschiebungen erkennen, die sie von den inszenierten Interaktionen unterscheiden. Dieser Befund gilt in noch stärkerem Maße im Hinblick auf die Forderung nach absoluter Überordnung der res publica über ›private‹ Belange, die als eines der drei zentralen Postulate der inszenierten Interaktion ausgemacht worden ist.334 2.4.2.1 Trauer um den Sohn Das väterliche Verhalten angesichts des Todes eines Sohnes ist bereits im Zusammenhang mit der Thematik der moderatio gegenüber der res publica erörtert worden. Als zentrale Aussage der dort besprochenen exempla wurde die Forderung deutlich, sowohl die Rolle des trauernden Vaters als auch die des pflichtbewussten Bürgers bzw. Amtsinhabers zu erfüllen. Weder der Schmerz noch die Amtspflicht sollten über Gebühr in den Mittelpunkt gestellt werden.335 Wird der Tod eines Sohnes dagegen nur nebenbei erwähnt, bleibt von diesen Forderungen nicht viel übrig. In beiden Beispielen, die diese Thematik ansprechen, wird deutlich, welchen Stellenwert ein solches Ereignis für den Vater hat. Demnach ist der Tod eines Sohnes für Väter in erster Linie Grund größter Trauer, die – wie der Fall 1,1,20 zeigt – sogar zum Tod des Vaters führen kann.336 Dabei wird die hier dargestellte völlige Hingabe an 334 S. oben Kapitel 2.3.2. 335 S. oben Kapitel 2.3.2.3. 336 1,1,20 (De neglecta religione) beschäftigt sich mit den frevelhaften Handlungen des Q. Fulvius Flaccus, der als Zensor Marmorplatten aus dem Tempel der Iuno Lacina in Locri entführt und nach Rom in den Tempel der Fortuna equestris bringt. Er verliert den Verstand und stirbt kurz darauf in größter Trauer, nachdem er erfahren hatte, dass von seinen beiden Söhnen der eine beim Militärdienst in Illyrien gestorben und der andere schwer verwundet war. Auch wenn es auf den ersten Blick anmuten mag, sein Tod sei Teil der Inszenierung von neglecta religio, so

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die Trauer nicht kritisiert.337 Es wird im Gegenteil sogar deutlich, dass es als grobes Fehlverhalten erscheinen kann, in einem solchen schwierigen Moment keine Rücksicht auf die Gefühle des Vaters zu nehmen. Wie 5,3,2a (De ingratis) zeigt, ist selbst die res publica angehalten, ihre Ansprüche an die Gegebenheiten und an die Trauer des Vaters anzupassen:338 Thema dieses Beispiels ist der Undank Roms gegenüber Furius Camillus. Ungeachtet seiner Verdienste um die res publica war er angeklagt worden, sich die Beute von Veii angeeignet zu haben. Seine ohnehin tadelnswerte Verbannung wog Valerius zufolge noch schwerer, da Furius gerade zu dieser Zeit einen hervorragenden Sohn verloren hatte und aus diesem Grund eher Zuspruch gebraucht hätte, nicht aber weiteres Unglück. Natürlich sind die hier angeführten Darstellungen nicht zweckfrei. Das Unglück, das der mangelnde Respekt gegenüber den Göttern mit sich bringt, wird durch den Tod des Vaters (aus Trauer) noch betont (1,1,20), und die Gleichzeitigkeit von Trauer (um den Sohn) und Exil hebt den ohnehin von Valerius kritisierten Undank der res publica noch stärker hervor (5,3,2a). Dennoch weisen diese exempla darauf hin, dass es – im Gegensatz zu der weiter oben angeführten Ansicht von Thomas –339 durchaus nicht nur ein als angemessen eingeordnetes Verhalten von Vätern beim Tod ihrer Söhne gibt. Dass sich vielmehr – wenn die Beziehung zwischen Vater und Sohn nicht im Mittelpunkt des exemplarischen Handelns steht – auch ganz andere, ja sogar konträre Verhaltensmuster als sinnvoll und richtig erweisen können, wird insbesondere der folgende Abschnitt deutlich machen. 2.4.2.2 Verstöße gegen die disciplina militaris Ganz besondere und unerbittliche Geltung hatte die Forderung nach Überordnung der res publica im Rahmen der inszenierten Interaktionen, wenn die disciplina militaris als eines der Fundamente der res publica in Frage gestellt wurde. Bei Verstößen eines Sohnes gegen die disciplina militaris macht die valerische Darstellung deutlich, dass die Strafe hier in erster Linie in der ›Verrücktheit‹ des Fulvius sowie im Tod bzw. der Verwundung seiner Söhne zu sehen ist, während der Tod des Vaters durch seine Trauer erklärt wird. 337 Selbstverständlich wird in 1,1,20 Kritik am Verhalten des Fulvius geübt, doch diese bezieht sich nicht auf seine Trauer und seinen Tod aus Gram, sondern auf seine die religiösen Normen missachtende impietas. 338 Dass dies sogar für eine lediglich antizipierte Trauer gilt, macht das Beispiel 5,1,1d (De humanitate et clementia) deutlich: Valerius lobt die hervorragenden Behandlung, welche die Römer dem Sohn des Massinissa angedeihen ließen, mit der Bemerkung, dass Massinissa aufgrund der großen Unterstützung sicherlich auch den (nicht eingetretenen) Tod des Sohnes leichter ertragen hätte. 339 S. oben Kapitel 2.3.2.3, Anm. 211. Die von Thomas, Vitae necisque potestas, S. 516, vertretene Meinung (»Magistrat ou pas, un père supporte avec courage la mort de son fils.«) kann somit nur für die Ebene der inszenierten Interaktionen Geltung beanspruchen.

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blieb dem Vater keine andere Wahl, als den Sohn mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln zu bestrafen, was in den hier erörterten Fällen die Hinrichtung bedeutete. Ein völlig anderes Bild bietet das in diesem Zusammenhang nur selten besprochene Beispiel 2,7,8 (De disciplina militari), das nur nebenbei auf die Interaktion zwischen Vater und Sohn zu sprechen kommt. Es schließt fast direkt an das bereits ausführlich besprochene exemplum 2,7,6 an, in dem die Durchsetzung militärischer Disziplin in äußerster Zuspitzung, nämlich durch die Hinrichtung der eigenen Söhne, durchgespielt wurde.340 Die Konstellation in 2,7,8 ist ähnlich: Ein magister equitum, Q. Fabius Rullianus, hat ebenfalls gegen die disciplina militaris verstoßen, indem er adversus imperium des Diktators Papirius gegen den Feind gezogen ist. Obgleich auch er – wie die eben erwähnten Söhne – als Sieger zurückkehrt, lässt der Diktator ihn auspeitschen.341 Nur aufgrund der Bitten des Heeres kann Fabius in Rom Zuflucht suchen. Er fleht den Senat um Hilfe an, doch der Diktator weigert sich, von der Bestrafung abzusehen. Die Folgen dieser Weigerung beschreibt Valerius in einem bemerkenswerten Satz: itaque coactus est pater eius post dictaturam tertiumque consulatum rem ad populum devocare, auxiliumque tribunorum plebi supplex pro filio petere. Dass die Bitten des Vaters keinen Erfolg haben und erst das vereinte Drängen des Volkes und der Tribunen den Diktator schließlich zum Nachgeben bewegen kann, mindert den Stellenwert des väterlichen Eingreifens keinesfalls, sondern unterstreicht nur die Bedeutung, die der Durchsetzung von disciplina militaris hier beigemessen wird. Als zentral erweisen sich darüber hinaus zwei Aspekte: Erstaunlich ist zum einen die Tatsache, dass der Vater um Gnade für einen Sohn bittet, der den Staat durch fehlende disciplina militaris gefährdet hat.342 Diese Geste steht im Widerspruch zu 340 S. oben Kapitel 2.3.2.1. Der Konsul Manlius Torquatus und der Diktator Postumius Tubertus ließen ihre Söhne töten, weil sie gegen ihren Befehl in den Kampf gezogen waren. Selbst ihre siegreiche Rückkehr stimmte die Väter und Amtsinhaber nicht um. Wie dieses exemplum ist auch 2,7,8 in die frühe Republik (um 325 v. Chr.) zu datieren. 341 Wie der Kommentar des Valerius zeigt, liegt das Exemplarische für ihn darin, dass ein so berühmter Mann nicht von der Strafe ausgenommen wurde: O spectaculum admirabile! et Rullianus et magister equitum et victor scissa veste spoliatoque corpore lictorum se verberibus lacerandum praebuit, ut in acie exceptorum volnerum nodosis ictibus cruore renovato victoriarum, quas modo speciosissimas erat adeptus, titulos respergeret. 342 Dieses exemplum ist auch in Bezug auf die handelnden Personen in verschiedener Hinsicht von Interesse. Der magister equitum entstammt der Familie der Fabii, die bereits in mehreren der hier untersuchten exempla an zentraler Stelle in Erscheinung getreten ist. Insbesondere der hier genannte Fabius Rullianus hat sich im Rahmen der Beispiele über moderatio gegenüber der res publica mehrfach als strikt am mos orientierter Vater profiliert, der die Beziehung zu seinem Sohn in jeder Hinsicht dem staatlichen Interesse unterordnet (s. oben Kapitel 2.3.2.3). Es ist bemerkenswert, dass gerade diese Familie in ein solches Gegenbeispiel verwickelt wird – das Verhalten kann also auch nicht durch die auctores erklärt werden. Auch hier wird wieder deutlich, dass dem

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allen im Rahmen der bisherigen Untersuchung herausgearbeiteten Vorstellungen in Bezug auf die Normativität väterlichen Verhaltens. Zum anderen verdient auch der Kommentar des Valerius eine besondere Hervorhebung: Er heißt das Vorgehen des Vaters nicht nur gut, sondern stellt es sogar als notwendig dar (coactus est) – die sonst dominierende Forderung, die res publica in jedem Fall überzuordnen, wird hier geradezu umgekehrt.343 Es wird im abschließenden Vergleich der beiden ›Bilder‹ der Vater-SohnBeziehung zu fragen sein, wie dieser Unterschied zu deuten ist.

2.5 Inszenierung versus Kontingenz: Deutungen und Folgerungen Inszenierung versus Kontingenz 2.5.1 Zwei Bilder der Vater-Sohn-Beziehung Im Laufe der vorliegenden Untersuchung sind zwei unterschiedliche Bilder herausgearbeitet worden, die sich im valerischen Werk für das Vater-SohnVerhältnis festmachen lassen. Ihre zentralen Unterschiede lassen sich in einigen Punkten zusammenfassen. 1. In den inszenierten Beziehungen gehen die meisten Konflikte von einem Sohn, die Mehrzahl der positiven Gesten dagegen von einem Vater aus. Somit stehen mehrheitlich positiv konnotierte Väter ihren eher konfliktträchtigen Söhnen gegenüber. Eine vergleichbare Polarisierung findet sich auf der Ebene der kontingenten Interaktionen nicht: Dort übernehmen Vater und Sohn in vergleichbarem Maße den aktiven Part in Bezug auf ihre gegenseitige Unterstützung. Konflikte werden dagegen gar nicht erwähnt. 2. Die Inszenierung positiver Gesten wird auf der begrifflichen Ebene fortgesetzt: Fast jedes exemplum, das eine positiv konnotierte Beziehung in Szene setzt, enthält emphatische Ausdrücke von pietas über amor bis mode-

exemplarischen Moment ein anderer Stellenwert zugeschrieben wird, als den nebensächlichen Aspekten (s. dazu das folgenden Kapitel 2.5). Zu dieser Episode insgesamt vgl. auch Beck, Ruhm, S. 82f. 343 Livius (8, 29-36) führt das Eingreifen des Vaters in einer sehr ausführlichen Schilderung dieser Episode zwar ebenfalls an, doch stellt er es nicht als ›notwendige‹ Haltung dar. Immerhin erscheint es auch in seiner Version als gleichsam normal und selbstverständlich, dass M. Fabius seinen Sohn in diesem Konfliktfall unterstützt. Seine Verteidigungsrede hebt indes nur peripher auf ihre verwandtschaftliche Bindung ab und stellt vielmehr seine – des M. Fabius – eigene Erfahrung und Haltung als Diktator in vergleichbaren Konfliktfällen in den Mittelpunkt. Da sowohl L. Papirius als auch M. Fabius ihre Argumentation mit historischen exempla illustrieren (Manlius Torquatus und L. Brutus versus M. Fabius und M. Furius Camillus; s. Liv. 8, 33-34), bietet ihre Streitrede ein anschauliches Beispiel dafür, dass in Konflikten in der römischen Republik häufig beide Seiten passende exempla zur Untermauerung der eigenen Position finden konnten (s. hierzu auch oben Kapitel 1.2, Anm. 50). Zur livianischen Version dieser Episode vgl. auch Chaplin, S. 108ff.

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ratio. Eine große Rolle spielt zudem das Moment des überlegten Handelns. Nebenbei thematisierte Hilfe wird dagegen nur selten mit vergleichbaren normativen Begriffen beschrieben. Das Moment der Reflexion findet dort ebenfalls keine Erwähnung. 3. In inszenierten Beziehungen wird das Verhältnis zwischen res publica und ›privaten‹ Belangen in zahlreichen Variationen durchgespielt. Als dominierende Aussage lässt sich für alle diese Fälle eine klare Überordnung des öffentlichen Interesses feststellen.344 Die seltenen Episoden, die diese Gegenüberstellung lediglich en passant erwähnen, schildern dagegen fast ausnahmslos die Bevorzugung der Vater-Sohn-Beziehung: Ob ein Vater einen Sohn, der gegen die disciplina militaris verstößt, töten oder für ihn um Gnade bitten ›muss‹, hängt ebenso von der Intention der Inszenierung ab wie seine Haltung beim Tod des Sohnes: Während Valerius in 2,7,6 in Szene setzt, wie Befehlshaber die disciplina militaris trotz der engen verwandtschaftlichen Beziehung durchsetzen, so liegt der exemplarische Aspekt in 2,7,8 unter anderem darin, dass ein Diktator sich sogar vom Eingreifen eines Vaters nicht davon abbringen lässt, einen Verstoß gegen eben diese disciplina militaris zu ahnden.345 Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang ein weiterer wichtiger Unterschied: Im Rahmen der inszenierten Beziehungen ist eine chronologische Tendenz zu konstatieren, derzufolge väterliche Strenge in die Frühzeit gehört, Nachsicht dagegen insbesondere seit der späten Republik nachzuweisen ist.346 Bei den kontingenten Erwähnungen lässt sich keine vergleichbare Einteilung feststellen. Gerade das eben angesprochene exemplum 2,7,8, in dem Fabius für seinen Sohn um Gnade bittet, ist in die Zeit des zweiten Samnitenkrieges zu datieren, und auch sonst lassen sich viele en passant erwähnte Fälle von Unterstützung aus der Frühzeit der Republik finden. Die beiden folgenden Kapitel sollen klären, wie die Koexistenz dieser Parallelentwürfe zu deuten ist.

344 Die einzige Ausnahme entstammt dem Kapitel 5,1 (De humanitate et clementia) und lässt sich durch die spezifische, der Rubrik geschuldete Intention erklären (zu 5,1,5 s. oben Anm. 213 und unten Anm. 351). 345 S. oben die Besprechung der exempla 2,7,6 (Kapitel 2.3.2.1) und 2,7,8 (Kapitel 2.4.2.2) sowie der Thematik der Trauer um verstorbene Söhne (Kapitel 2.3.2.3 und 2.4.2.1). 346 Eine Entwicklung hin zu größerer Milde und Nachsicht seit der späten Republik bzw. dem Prinzipat wird in weiten Teilen der Familiengeschichte als für die römische Familie insgesamt zu konstatierende Tendenz betrachtet (s. Rawson, Iconography (dagegen wendet sich Huskinson); Evans, S. 3f.; Bettini, Antropologia, S. 19; Veyne, La famille et l’amour, sowie Eyben, S. 125ff. und S. 142f. Ein kurzer Überblick über die Positionen findet sich bei Dixon, The Sentimental Ideal, S. 102f. Dixon selbst geht davon aus, dass sich in der späten Republik ein mit der heutigen Zeit vergleichbares Familienideal entwickelt habe, dies aber ebenso wenig wie heute als einfaches Abbild der Realität zu betrachten sei (Dixon, The Sentimental Ideal, S. 99f., s. auch S. 111).

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2.5.2 Die explizite Normativität der inszenierten Beziehungen Schon die Begrifflichkeit – ›inszenierte‹ und ›en passant erwähnte‹ Beziehungen – deutet an, dass die Gründe für die Koexistenz dieser beiden unterschiedlichen ›Bilder‹ auf der Ebene der Darstellungsintention zu suchen sind. Während die beiläufig erwähnten Interaktionen – wie im Laufe der Untersuchung deutlich geworden ist – Verhaltensweisen in der Regel lediglich darstellen und ohne weitere Hervorhebung oder Problematisierung auskommen, weicht das inszenierte Vorgehen in vieler Hinsicht davon ab. Die klare Verteilung der Handlungskompetenzen (s. Kapitel 2.3.1) sowie die Präsenz der drei ausführlich besprochenen handlungsleitenden Postulate (s. die Kapitel 2.3.2, 2.3.3 und 2.3.4) weisen darauf hin, dass das Moment der Konstruktion hier von zentraler Bedeutung ist. Im Mittelpunkt steht weniger die konkrete Handlung als vielmehr das normativ geforderte oder zumindest erwartete Verhalten. Das hohe Maß an expliziter Normativität, das diese exemplarischen Interaktionen aufweisen, deutet darauf hin, dass sie Verhaltensmuster und Problemstellungen durchspielen, die aus unterschiedlichen Gründen entweder als problematisch oder als erstrebenswert empfunden wurden, aber nicht im gleichsam selbstverständlichen Verhalten verankert waren.347 Dies betrifft zunächst diffuse Ängste von Vätern, die sich bzw. die res publica durch das Verhalten der Söhne bedroht sehen. Diesen Ängsten wird sowohl durch die Inszenierung von Konfliktvermeidung als auch durch explizites Durchspielen von Auseinandersetzungen begegnet,348 wobei die Betonung des reflektierten und an sozialen Rollen ausgerichteten Verhaltens der Austragung des Konfliktes einen Akzeptanzrahmen verschafft. Die Inszenierung ermöglicht aufgrund der begrifflich-argumentativen ›Fassbarkeit‹ die Einordnung in das Vorstellungs- und Wertesystem der Römer. Auch die Überordnung der res publica über private Belange ist ein zentraler Bestandteil dieses Wertesystems und wird in den valerischen exempla in vielfältigen Formen thematisiert. Selbst das Konzept der patria potestas wird in den Prozess des Durchspielens von Handlungsmöglichkeiten einbezogen: In einer Gesellschaft wie der römischen, in der verschiedene Ordnungsmuster parallel existieren, bedarf die Hierarchie dieser Ordnungen, selbst wenn sie idealiter feststeht, stets aufs Neue einer Bestätigung.

347 Ähnlich auch Hallett, S. 224 zu den direkt inszenierten Beispielen ehelicher Liebe und Aufopferung. 348 So hat die vorliegende Untersuchung gezeigt, dass auch der väterlichen Nachsicht eine Funktionalität im Hinblick auf die Vermeidung von Konflikten zukommen konnte (s. hierzu auch Dixon, Conflict, S. 151 sowie oben Kapitel 2.1).

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Eine besondere Bedeutung kommt im Kontext der Vater-SohnBeziehung dem Ideal gemäßigten Handelns – und mehr noch der Vermeidung von Konflikten – zu, ein Befund, der sich mit der eingangs konstatierten auch strukturell prominenten Stellung der moderatio-Thematik im valerischen Werk deckt. Maßvolles Handeln und Konfliktvermeidung stehen hier zudem in engem Zusammenhang mit den im Kapitel 2.3.4 erörterten Vorstellungen zur Besonderheit der Vater-Sohn-Beziehung, die bei Valerius in vielen Fällen mit der Ausrichtung an einem nicht näher beschriebenen ordo naturae verbunden wird. Besonders für Erbschaftsfragen spielen diese Vorstellungen eine wichtige Rolle, und es ist vermutlich kein Zufall, dass die hier thematisierten Handlungsmuster einer deutlichen Inszenierung bedurften. Immerhin waren sie erst infolge rechtlicher Entwicklungen im Laufe der späten Republik entstanden und wurden daher noch nicht als selbstverständlich empfunden. Bedeutung und Funktion dieser exempla werden im Abschnitt 2.6 einer genaueren Diskussion unterzogen. Die beiläufig erwähnten Beziehungen bieten dagegen ein völlig anderes Bild. Hier werden die Interaktionen meist unkommentiert und ohne weitere Hervorhebung dargestellt – ein Umstand, der vermuten lässt, dass es sich hier um gleichsam alltägliche Verhaltensweisen handelt, die keiner weiteren Problematisierung oder normativen Einbindung bedurften.349

2.5.3 Zum Quellenwert von exempla und Exemplasammlung Die eben angeführten Überlegungen haben deutlich gemacht, dass nicht allen Aussagen innerhalb eines exemplum der gleiche Stellenwert zuzusprechen ist. Dieser hängt vielmehr einerseits von dem Maß an Intentionalität und andererseits von der konkreten Darstellungsintention ab. Die Darstellungsintention drückt sich in der Einordnung eines Beispiels in bestimmte Kapitel aus und ist maßgeblich für die damit verbundenen Aussagen. Für die Beschäftigung mit dem valerischen Werk ergeben sich aus diesen Überlegungen zwei wichtige Folgerungen. 1. Bei der Untersuchung der einzelnen exempla ist die Unterscheidung der Darstellungsebenen zu berücksichtigen. Während die exemplarischen, d.h. die inszenierten Elemente eines Beispiels aufgrund der eben skizzierten 349 Auch das völlige Fehlen von Konflikten lässt sich vor diesem Hintergrund deuten: Konflikte brauchen einen erklärenden und normativen Kontext, den eine nur kontingente Erwähnung nicht bieten kann. Im Sinne einer normativen und begründenden Einordnung kann eine Handlung beispielsweise als Ausdruck väterlicher Strenge, militärischer Disziplin oder Keuschheit dargestellt werden. Eine ausdrückliche Beurteilung, entweder durch den Kontext eines Kapitels (beispielsweise Dicta improba aut facta scelerata) oder im Rahmen des exemplum selbst, trägt ebenfalls zu einer besseren Einbindung oder ›Berechenbarkeit‹ konfliktueller Beziehungen bei.

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hohen normativen Aufgeladenheit in den seltensten Fällen eine direkte Faktizität beanspruchen können (und dies auch nicht wollen), so lassen sich die en passant erwähnten Informationen in vielen Fällen als relativ zuverlässige Quelle für die ›Lebenswirklichkeit‹ betrachten. Wenn man, wie etwa die Familienforschung es in der Vergangenheit immer wieder getan hat, Valerius als Quelle für die Zeit der Republik verwenden möchte, dann ist dies somit – wenn überhaupt – lediglich für die kontingenten Erwähnungen möglich. Die inszenierten Interaktionen sind dagegen in erster Linie als ein ›Durchspielen‹ von Konzepten zu verstehen, das der Einordnung in eine als Ideal verstandene Vergangenheit oder aber der Orientierung im Hinblick auf traditionelle Werte – sowie zuweilen auch im Umgang mit neu entstehenden Handlungsspielräumen – dient. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Frage des Handelns nach bestimmten sozialen Rollen: Exempla inszenieren ideales (Rollen-) Verhalten, das der ständigen Bestätigung und Einbindung in den aktuellen gesellschaftlichen Kontext bedurfte. Wenngleich nicht ausgeschlossen werden soll, dass einige der in Szene gesetzten Handlungen dem alltäglichen Zusammenleben entnommen sind, so deutet doch vieles darauf hin, dass es sich hier in erster Linie um Verhaltensmuster handelt, die gerade nicht als selbstverständlich empfunden wurden. Es ist aus diesem Grunde als problematisch einzuschätzen, wenn etwa die zahlreichen Inszenierungen von pietas als einfacher Beleg für eine breite Präsenz dieser Haltung betrachtet werden. Ähnliches gilt für die insbesondere von Yan Thomas herausgearbeiteten Ängste und Spannungen im Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen: Das durch die häufige Thematisierung von Konflikten (besonders auch von parricidium-Plänen) entstehende Bild sollte weniger als Ausdruck realer Verhältnisse, sondern vielmehr als ein Durchspielen verschiedener als problematisch empfundener Verhaltensweisen betrachtet werden. 2. Wenn exempla demnach in erster Linie als Inszenierung von Konzepten zu verstehen sind, so hat die Untersuchung zugleich gezeigt, dass selbst diese Konzepte keine absolute Geltung beanspruchen können, sondern im Hinblick auf die jeweils zu illustrierende Thematik betrachtet werden müssen. Bezug nehmend auf die soziale Norm, die im jeweiligen Falle illustriert werden soll, können sich ganz unterschiedliche Verhaltensmuster als richtig und nachahmenswert erweisen: Ein vorsichtiger Vater handelt anders als ein strenger – doch beide Vorgehen haben ihre Berechtigung.350 Und wäh350 Zur Frage nach der Berechtigung von strengem oder nachsichtigem Verhalten vgl. Kapitel 2.3.3, bes. die Diskussion der Thesen von Honstetter. Die Handlungsweisen von strengen bzw. vorsichtigen Vätern werden von Valerius selbst im Beispiel 5,8,5 erörtert (vgl. dazu oben Kapitel 2.3.3.2).

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rend das Interesse der res publica im allgemeinen den privaten Belangen übergeordnet werden muss oder zumindest gleichberechtigt zu berücksichtigen ist, kann diese ›Regel‹ problemlos durchbrochen werden, wenn es etwa gilt, die humanitas et clementia der Römer in Szene zu setzen.351 Die Ausführungen haben des Weiteren deutlich gemacht, dass dem Kontext des Kapitels eine zentrale Bedeutung für das Verständnis der einzelnen Beispiele zukommt. Die valerischen exempla stehen keinesfalls unverbunden im literarischen Raum einer unverbindlichen Sammlung. Ihre Einordnung in das Gesamtwerk sowie insbesondere in die jeweiligen Kapitel zeugt vielmehr von einer voraussetzungsreichen Entscheidung, die den Aussagewert eines Exempels grundlegend prägt.352 In einigen Fällen nimmt das sinnstiftende Vorgehen sogar die Form einer klaren Umdeutung an. Dadurch können potentiell problematische Episoden zu positiv konnotierten Handlungsweisen ›umfunktioniert‹ und von Valerius zur Konstruktion seines exempla-übergreifenden Orientierungsrahmens verwendet werden.353 Die damit verbundene Fokussierung des Interesses auf das exemplarische Moment führt dazu, dass andere Aspekte (wie die en passant erwähnten Informationen) in den Hintergrund rücken oder ganz ausgeblendet werden. Diese selektive Darstellung ist nicht notwendig dahingehend zu deuten, dass die 351 Zu dieser Argumentation s. oben Kapitel 2.3.2.3, insbesondere Anm. 213. Während die Väter im Kapitel 5,10 (De parentibus qui obitum liberorum forti animo tulerunt) eine tapfere Haltung demonstrieren, indem sie sich trotz ihrer Trauer dem Handeln für die res publica widmen, verzichtet Metellus im Beispiel 5,1,5 (De humanitate et clementia) darauf, eine Stadt einzunehmen, um die Kinder eines Überläufers nicht zu gefährden. Dass er damit das Wohl der Kinder (und die antizipierte Trauer des Vaters) über das Interesse der res publica stellt, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich: Im Zentrum der Erzählung steht – wie der Kontext des Kapitels zeigt – die Inszenierung der humanitas der Römer, und erst vor diesem Hintergrund erhält das exemplum seinen Sinn. 352 Dies zeigte sich in besonders anschaulicher Weise in den exempla 5,4,3 sowie 5,4,5: Während Cicero die hier geschilderten Episoden im ersten Fall als exemplum für die Gültigkeit von Eiden und im zweiten für die Erörterung von patria potestas und Amtsgewalt bzw. maiestas populi verwendet hatte, gibt Valerius der gleichen Erzählung durch die Einordnung in das pietasKapitel eine ganz neue Deutung (s. oben Kapitel 2.3.4.3; s. dazu auch das Kapitel 1.2). Hier wird noch einmal der Unterschied zwischen einer Exemplasammlung und der Verwendung von exempla im Rahmen einer Rede deutlich. Während es in einer Rede in der Entscheidung des Redners liegt, den Fokus auf diejenigen Aspekte einer exemplarischen Episode zu lenken, die er für seine Argumentationsführung braucht, kommt diese bedeutungsgenerierende Funktion im Rahmen einer Sammlung in hohem Maße der Einordnung in ein bestimmtes Kapitel zu. 353 S. dazu auch das folgende Kapitel 2.6. Diese Art der Umdeutung ist insbesondere bei der Diskussion der Beispiele 2,2,4 und 4,1,5, sowie 5,7,1 deutlich geworden: In den beiden ersten Fällen inszeniert ein Vater moderatio gegenüber der res publica und greift dabei in massiver Weise in die Rechte seines Sohnes ein, doch die Reaktion der Söhne wird mit keinem Wort erwähnt. Auch in 5,7,1 wird die indulgentia des Vaters unhinterfragt in das Zentrum des Exempels gestellt (s. oben Kapitel 2.3.2.3). Thomas betrachtet diese Episoden als Beispiele für Väter, die sich der Karriere ihrer Söhne in den Weg stellen (s. oben Anm. 196). Unabhängig von der Frage nach der ›tatsächlichen Situation‹ haben die vorliegenden Ausführungen jedoch deutlich gemacht, dass man die exempla in ihrer Aussage zunächst ernst nehmen muss.

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nicht oder nur beiläufig thematisierten Aspekte grundsätzlich unwichtig oder unproblematisch sind. Vielmehr haben sie für die jeweils exemplarische Aussage keine Relevanz und können daher ausgeklammert werden. In gleicher Weise galt dies vermutlich für die Rezeption der exempla: Auch Zuhörer und Leser konzentrierten sich auf die exemplarischen Aspekte, die ihnen Argumente bzw. Orientierung für ihr Reden und Handeln bieten sollten. Welche Form diese Orientierung im valerischen Werk annahm, soll im Folgenden noch einmal zusammenfassend dargestellt werden.

2.6 Orientierung durch exempla zwischen Kontinuität und Wandel Orientierung durch exempla zwischen Kontinutität und Wandel Die Bedeutung, die den exempla für das Denken, Reden und Handeln innerhalb der römischen Gesellschaft traditionell zukam, ist bereits im Kapitel 1.2 erörtert worden. In diesem Zusammenhang ist darauf hingewiesen worden, dass die beispielhaften Schilderungen in vielen Fällen dazu dienten, die traditionellen virtutes bzw. mores maiorum zu illustrieren, die als Fundament des Römischen Reiches betrachtet wurden. Die vorliegenden Ausführungen haben deutlich gemacht, dass diese exempla maiorum im valerischen Werk sehr präsent sind. So werden in Bezug auf die VaterSohn-Beziehung insbesondere traditionelle Werte wie pietas, severitas und disciplina militaris thematisiert, und auch das Postulat der Überordnung der res publica reiht sich in die ›klassischen‹ römischen Vorstellungen ein. Als auctores fungieren in diesen Fällen in der Regel berühmte republikanische Personen. Neben diesem Rückgriff auf traditionelle Formen und Themen sind im Laufe der Untersuchung jedoch auch gewisse Veränderungen deutlich geworden. Diese betrafen zum einen eine neue Gewichtung bestimmter traditioneller Normen und Wertvorstellungen, und zum anderen die Entstehung neuer Handlungs- und Begründungsmuster.

2.6.1 moderatio und Konfliktvermeidung Die Forderung nach moderatem Vorgehen im Rahmen der Vater-SohnBeziehung nimmt in den Facta et dicta memorabilia einen weiten Raum ein. Zwei der drei Postulate, die für dieses Verwandtschaftsverhältnis als zentral und bestimmend herausgearbeitet worden sind, thematisieren ein solches deeskalierendes Verhalten.354 Zwar handelt es sich dabei nicht um 354 Die Postulate umfassen zum einen die Forderung nach moderatio im Sinne von Affektvermeidung und zum anderen das Ideal der Konfliktvermeidung (s. hierzu die beiden Kapitel 2.3.3 und 2.3.4).

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völlig neue Wertvorstellungen, denn gerade das Ideal der moderatio bzw. temperantia war bereits zur Zeit der Republik von Bedeutung.355 Auch haben bestimmte mäßigende Elemente, wie etwa die Einbeziehung eines consilium zur Bestrafung eines Sohnes, in Rom eine lange Tradition. Auffallend ist jedoch der hohe Stellenwert, der dieser Vorstellung zugesprochen wird. Sowohl im Hinblick auf Strafen als auch im Rahmen positiver und unterstützender Gesten gilt es – der Darstellung des Valerius zufolge – affektgesteuertes Handeln unbedingt zu vermeiden. Die besondere Betonung des reflektierenden Moments, das sich oft in der expliziten Ausrichtung des eigenen Handelns an bestimmten sozialen Rollenerwartungen ausdrückt, bildet dabei ein spezifisches Merkmal der valerischen exempla und hat zumeist kein Pendant in anderen Überlieferungen derselben Episoden. Die Idee der moderatio gipfelt schließlich in der Vorstellung, Konflikte seien – soweit dies möglich ist – am besten zu vermeiden oder aufzulösen. Die moderate und konfliktvermeidende Haltung geht dabei in den meisten Fällen vom Vater aus, kann aber auch von einem Außenstehenden (wie etwa dem Prätor in einer Erbschaftsentscheidung) durchgesetzt werden. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass der Aspekt der moderatio bzw. der positiven väterlichen Haltung in einigen exempla erst infolge der sinnstiftenden Umdeutung bestimmter Episoden durch Valerius in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Nur in wenigen Fällen wird ein Konflikt durch das Verhalten des Sohnes entschärft. Wie die Ausführungen in Kapitel 2.3.4.3 deutlich gemacht haben, handelt es sich meist um Situationen mit einem hohen, politisch bedeutsamen Konfliktpotential, die von Valerius durch die Einordnung in das Kapitel über pietas erga parentes mit einer spezifischen Bedeutung versehen werden. Durch die Konzentration auf pietas, die hier als handlungsleitendes Moment erscheint, werden politisch relevante und konfliktträchtige Fragen auf eine andere Ebene gehoben und zugleich einer zufriedenstellenden Lösung zugeführt.

2.6.2 Handlungs- und Begründungsmuster für neue Spielräume Insbesondere die Beschäftigung mit den Kapiteln über die Gültigkeit von Testamenten hat gezeigt, dass Valerius sich nicht damit begnügt, althergebrachte exempla virtutis anzuführen. Vielmehr finden sich in seinem Werk weitreichende Neuerungen, die sich als Reaktion auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen erklären lassen. So ist in Bezug auf die Erbschaftsthematik herausgearbeitet worden, dass die durch die rechtliche 355 Vgl. etwa Classen, Virtutes Romanorum, S. 289f. und Litchfield, S. 8.

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Entwicklung entstandenen erweiterten Handlungsspielräume einen Bedarf an neuem Orientierungswissen geschaffen hatten. Vor diesem Hintergrund ließ sich eine partielle Funktionserweiterung der exempla feststellen: Über die Inszenierung normativ gefestigter Werte hinaus bekamen sie die Aufgabe, Handlungsanleitungen für Situationen zu bieten, die bisher noch keiner eindeutigen normativen Fixierung unterlagen.356 Es galt, neue Situationen und Verhaltensweisen in den bewährten Modus exemplarischen Argumentierens einzubinden. Da sich der Rekurs auf traditionelle Verhaltensmuster in diesem Zusammenhang als unzureichend erweisen musste, waren im Hinblick auf die Protagonisten und die Formen der Legitimation Neuorientierungen erforderlich.357 Die Ausweitung des ›exemplafähigen‹ Personenkreises bis hin zur Bezugnahme auf völlig unbekannte Personen stellt sicherlich eine der wichtigsten Veränderungen im Umgang mit exempla dar, die in der Forschung jedoch bisher kaum Beachtung gefunden hat.358 Obgleich die traditionellen exempla weiterhin einen zentralen Bezugspunkt bildeten, ist Exemplarität bei Valerius nicht mehr ausschließlich der stadtrömischen Aristokratie zuzuschreiben – ein Umstand, der unterschiedliche Deutungen zulässt. In einer Zeit, in der die Übernahme von Ämtern zunehmend auch Personen außerhalb der stadtrömischen Nobilität offenstand, könnte die Erweiterung der Gruppe potentieller Protagonisten gleichsam als Übertragung der äußeren Entwicklung auf die Modi und Instrumente der Kommunikation und Selbstveror356 Da exempla schon in der Republik als Orientierungswissen fungierten (s. oben Kapitel 1.2; vgl. auch Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum, S. 327), war es möglich, sie in einem gewandelten Kontext weiterhin auf ähnliche Weise zu funktionalisieren, um Handlungsanweisungen zu geben bzw. mit Verbindlichkeit zu versehen. Ob dieser Verbindlichkeit langfristige Geltung beschert sein konnte, war dabei zunächst offen. 357 Ersichtlich wird dies auch in den veränderten praefationes. Anstelle der meist dominierenden Bezugnahme auf traditionelle Werte und Verhaltensmuster sowie die konstitutive Bedeutung dieser Normen für das Wohl der res publica, finden sich in den betreffenden Kapiteln entweder sehr deskriptive Aussagen, die vornehmlich auf den Inhalt des anschließenden Kapitels verweisen (5,9), oder aber – wie in 7,7 – Versuche, die Bedeutung der darzustellenden Thematik auf andere Weise, hier mit dem Rekurs auf das Interesse ›der Menschen‹ hervorzuheben. 358 So bemerkt Loutsch, S. 39f.: »Pour Valère Maxime, l’auctor d’un exemple historique ne peut être qu’un magistrat ou un ancien magistrat, bref, l’un des principes civitatis [...].« Auch die von ihm angeführten Ausnahmen zeigen, dass er sich nicht mit den in dieser Arbeit angesprochenen exempla auseinandersetzt. Noch ausschließlicher äußert sich Gaillard, S. 30 über die »héros de l’histoire romaine« und die Bedeutung, die dem Protagonisten eines exemplum zukomme: »L’exemplum historicum, c’est, en somme, la célébration de la personne dans l’histoire. Sans certus auctor, point d’exemplum.« Vgl. auch David, Les enjeux de l’exemplarité, S. 10f. Die von Cato vorgenommene Anonymisierung der Geschichtsdarstellung liegt insofern auf einer anderen Ebene, als es sich bei ihm dennoch um traditionelle Akteure handelt. Auch stellt sein Vorgehen in der römischen Historiographie eine absolute Ausnahme dar (Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 157ff., bes. S. 171ff.).

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tung – und somit gewissermaßen als ein ›Angebot‹ an die neuen Bürger – betrachtet werden. Diese Überlegungen müssen jedoch auf einer hypothetischen Eben bleiben, zumal man umgekehrt argumentieren könnte, dass gerade ›neue Männer‹ vielfach in hohem Maße an traditionellen römischen Sitten und Gedankengut orientiert waren. Es erscheint daher plausibler, die beschriebene Entwicklung in erster Linie als Ausdruck einer Stärkung der inhaltlichen Seite exemplarischer Darstellung zu betrachten. Offenbar konnte die – in der Regel moralisch konnotierte – Aussage eines Exempels mitunter selbst ohne Rekurs auf die auctoritas eines großen Römers Geltung beanspruchen – ein Phänomen, das sich in etwas anderer Form auch in der beachtlichen Präsenz externer exempla zeigt. Dass diese Öffnung indes nicht beliebig fortgesetzt wurde, lässt sich sowohl mit den Charakteristika exemplarischen Erzählens (vgl. Kapitel 1.2) wie auch mit der auch in der Kaiserzeit andauernden Orientierung an den berühmten exempla der republikanischen Zeit erklären.359 Im Laufe der Diskussion der Kapitel 7,7 und 5,9 ist deutlich geworden, dass in einigen Bereichen ein Bedarf an neuen Begründungsmustern entstanden ist. Als dominierend hat sich dabei die Bezugnahme auf den ordo naturae bzw. die procreatio erwiesen, mit deren Hilfe insbesondere die Notwendigkeit begründet wird, Konflikte zwischen Vätern und Söhnen zu vermeiden oder zumindest zu entschärfen. Hintergrund dieser Argumentation ist die Vorstellung, die Beziehung zwischen Vater und Sohn sei aufgrund der leiblichen Abstammungslinie besonders schützenswert. Damit wird, anstelle der üblichen Verweise auf sozial begründete Beziehungsmuster wie pietas oder auctoritas, der Versuch gemacht, mit der natura-Argumentation bestimmte Verhaltensmuster als notwendig, den konkreten sozialen Beziehungen gleichsam voranstehendes und nicht hintergehbares Moment zu postulieren.360 Die Frage der rechtlichen Zugehörigkeit zur familia erscheint hier daher zunächst als irrelevant: In begrenzten Bereichen wird somit das positive Recht zugunsten eines nicht genau definierten ius naturae relativiert. Dies ist vor dem Hintergrund römischer Rechtsvorstellungen ein erstaunlicher Vorgang, der jedoch – wie die Ausführungen über die Konzeption des Naturrechts deutlich gemacht haben – aus dem zeitgeschichtlichen Kontext heraus gedeutet werden kann.

359 S. etwa Felmy, S. 54-64. 360 S. oben Kapitel 2.3.4.2.

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2.7 Abschließende Bemerkungen Abschließende Bemerkungen Das Geflecht der Beziehungen zwischen römischen Vätern und ihren Söhnen ist durch große Komplexität und Vielfalt charakterisiert. Die hier inszenierten innerfamiliären Kontroll-, Moderations- und Konfliktlösungsprozesse sowie insbesondere die politischen Implikationen vieler der Vater und Sohn betreffenden exempla verleihen dem in exemplis entstehenden Bild dieser Beziehungen ein hohes Maß an Bedeutung für das Funktionieren der römischen Gesellschaft. Dieser Befund ist vor dem Hintergrund der römischen Gesellschaftsstruktur unmittelbar einsichtig, sind doch beide – Vater und Sohn – potentielle Akteure des ›öffentlichen‹ Handelns, deren Interaktionen – wie auch die bisherigen Ausführungen gezeigt haben – in vieler Hinsicht politische Relevanz beinhalten.361 Natürlich steht das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht in einem ›leeren‹ Raum, sondern ist in ein gesellschaftliches Umfeld verschiedener sozialer Beziehungen eingebettet, das im weiteren Verlaufe der Arbeit untersucht werden soll. Schon der Blick auf den näheren Kontext der Kernfamilie zeigt dabei, dass die Vater-Sohn-Beziehung in vieler Hinsicht eine Ausnahme bildet. Die von Valerius dargestellten Interaktionen zwischen Müttern und ihren Kindern bzw. zwischen Töchtern und Vätern sowie das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern unterscheiden sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ – im Hinblick auf ihre Bedeutsamkeit – in vielfältiger Hinsicht von dem eben erörterten Vater-Sohn-Verhältnis: So ist beispielsweise die politische Relevanz der Beziehungen in der übrigen Kernfamilie weitaus geringer. Beide (quantitative und qualitative) Aspekte hängen dabei insofern zusammen, als die vergleichsweise geringe Anzahl von exempla – wie im Folgenden deutlich werden wird – das Herausarbeiten von klaren Tendenzen, eindeutig abgrenzbaren Bildern oder Kontrasten sowie konkreten normativen Aussagen erschwert. Um vor dem Hintergrund dieses Befundes zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, wird in den folgenden Kapiteln zunächst darauf verzichtet, einzelne Beziehungen isoliert zu untersuchen. Vielmehr setzt die Analyse bei der Frage nach bestimmten sozialen Rollen an, die sich innerhalb eines Beziehungsnetzes konstituieren und durch unterschiedliche Interaktionsfelder geprägt sind. Dass dabei dennoch immer wieder – etwa für das Verhältnis von Vätern und Töchtern – spezifische Interaktionsmuster herauszuar361 Dies betrifft zum einen die Kontroll- und Integrationsfunktion des Vaters (s. oben Kapitel 1.1), die jedoch im valerischen Werk nicht auf den pater familias beschränkt ist, sondern auch dem leiblichen Vater zukommt. Zum anderen hat die vorliegende Untersuchung deutlich gemacht, dass auch der pietas von Söhnen eine nicht unerhebliche politische Relevanz zugesprochen werden muss.

Abschließende Bemerkungen

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beiten sind, ist selbstverständlich und trägt zur weiteren Strukturierung der Untersuchung bei. Während nun in einem ersten Schritt untersucht werden soll, welche Rolle die Mutter im Rahmen der valerischen Darstellung einnimmt (3.1), wird im darauffolgenden Kapitel (3.2) die Stellung der Tochter einer genaueren Analyse unterzogen. In dieser wird häufig bereits die zukünftige Ehefrau antizipiert, wobei insbesondere der Vater zahlreiche Vorkehrungen für die Schließung des Ehebundes zu treffen hat. Die Ehe selbst wird anschließend in einem eigenen, relativ umfassenden Kapitel behandelt (3.3). Mit der Untersuchung der Geschwister (3.4), der Großeltern (3.5) sowie der weiter entfernten Familienmitglieder (3.6) wird die Reihe der Verwandten geschlossen.

3 Die weiteren Verwandtschaftsbeziehungen Die weiteren Verwandtschaftsbeziehungen Die übrigen Verwandtschaftsgruppen weisen im valerischen Werk eine sehr unterschiedliche Präsenz auf: Zwar sind auch entferntere verwandtschaftliche Beziehungen (Großeltern, Onkel und Tanten, propinquii) vertreten, doch zeigt bereits ein Blick auf die Kapiteleinteilung des Werkes, dass der Fokus der Darstellung auf dem Bereich liegt, den man auch in der althistorischen Forschung zuweilen mit dem Begriff der Kernfamilie bezeichnet:362 die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, das Verhältnis zwischen Geschwistern und die Ehe. Etwa zwei Drittel der Kapitel des fünften – vor dem Hintergrund der in neun Bücher gegliederten Gesamtstruktur zentral positionierten – Buches sind nach Ausweis des Inhaltsverzeichnisses den Eltern-Kind-Beziehungen gewidmet.363 Faktisch steht zwar in den meisten Fällen das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen im Zentrum, doch auch Mütter und Töchter weisen in diesem Zusammenhang eine gewisse Präsenz auf. Die brüderliche pietas ist Valerius ein eigenes Kapitel wert, und auch die Ehe wird (jedoch in anderen Büchern) in zwei gesonderten Rubriken behandelt, während die weiter entfernten Verwandten nicht über eigene Kapitel verfügen. Eine ähnliche Gewichtung lässt sich für die mittelbar inszenierten sowie die en passant erwähnten Beziehungen nachweisen. Obschon sich die verwandtschaftsbezogenen exempla über das gesamte Werk verteilen, lassen sich in den Bereichen instituta antiqua, pudicitia, severitas sowie in der Erbschaftsthematik wichtige Schwerpunkte ausmachen, die für die Behandlung verwandtschaftlicher Beziehungen von besonderer Bedeutung sind. Auffällig ist zudem, dass im valerischen Werk nur selten eine Unterscheidung zwischen agnatischer und cognatischer Ver362 S. etwa Dixon, The Roman Family, S. 9 und passim, die in diesem Zusammenhang auch von »coniugal family« spricht (z.B. ebd. S. 77) sowie Veyne, La famille et l’amour, S. 88. Der römische Begriff der familia umfasste eine deutlich größere Gruppe (alle unter einem pater familias stehenden Männer und Frauen), doch zugleich schloss er in manchen Fällen die Ehefrau des pater familias aus, die besonders in der römischen Frühzeit häufig in der familia ihres Vaters verblieb. In dem Begriff der domus, der eigentlich die Wohneinheit bezeichnete, war die Ehefrau dagegen eingeschlossen (s. hierzu auch Corbier, S. 129 und Dixon, The Roman Mother, S. 13ff.). Zur weiteren Entwicklung der Bedeutung von domus und familia in der Kaiserzeit s. Rilinger, S. 75f. und passim. 363 Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern (parentes und liberi) wird in den Kapiteln 4, 7, 8, 9, 10 des fünften Buches in Szene gesetzt, das brüderliche Verhältnis im Kapitel 5,5. Die Ehe ist das zentrale Thema der Kapitel 4,6 und 6,7. Zur Gesamtordnung des Werkes s. oben Kapitel 1.1, Anm. 34.

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wandtschaft thematisiert wird – weder im Rahmen der Kapiteleinteilung noch in den exempla selbst. Die rechtliche Zugehörigkeit zur familia stellt für Valerius offensichtlich kein primäres Ordnungskriterium dar.364 Im Folgenden werden die unterschiedlichen Verwandtschaftsbeziehungen einer ausführlichen Analyse unterzogen, wobei insbesondere zu klären sein wird, welche Bilder Valerius von den einzelnen Beziehungen entwirft und wie diese sich im Kontext des valerischen Werkes deuten lassen.

3.1 Die Rolle der römischen Frau als Mutter Die Rolle der römischen Frau als Mutter Im Vergleich zu der Stellung des Vaters, die im valerischen Werk häufig und vielfältig thematisiert wird – rund 110 exempla erwähnen allein seine Beziehung zu Söhnen –, ist die Mutter in den Facta et dicta memorabilia deutlich weniger präsent. Sie wird insgesamt nur in achtzehn Beispielen erwähnt, von denen zwölf das Verhältnis zu einem Sohn und sechs die Interaktion mit einer Tochter zum Thema haben. Angesichts dieser schmalen Quellenbasis lassen sich allgemeine Tendenzen oder ›Regeln‹, die das Handeln zwischen Müttern und Söhnen oder Töchtern leiten, anders als für die Vater-Sohn-Beziehung nur sehr bedingt herausarbeiten. Die Ergebnisse basieren vielfach nur auf wenigen – oder gar einzelnen – exempla und sind daher in jedem Fall mit Vorsicht zu behandeln. Auch verteilen sich die Beispiele fast über das gesamte valerische Werk und lassen kaum Schwerpunkte ihres Handelns deutlich werden. Eine Unterscheidung zwischen inszenierten und en passant erwähnten Interaktionen lässt sich für die Handlungsmuster der Mutter nicht in klaren Bildern festmachen: Zum einen gibt es nur wenige kontingente Erwähnungen der Mutterrolle, und zum anderen nehmen diese in der Regel Verhaltensweisen auf, die sich in ähnlicher Weise für die inszenierten Interaktionen festmachen lassen. Hinzu kommt, dass die Rolle der Mutter – mit Ausnahme des Kapitels 5,4 (De pietate erga parentes), in dem sie mit zwei exempla vertreten ist – nie in einem eigenen Kapitel inszeniert wird.

364 Auch aus dem Folgenden wird deutlich werden, dass Valerius den rechtlichen Aspekten nur eine relative Bedeutung zuschreibt: Je nach Darstellungsintention können sie teilweise oder ganz in den Hintergrund rücken (s. etwa die Kapitel 2.3.4.2, 2.3.4.3 und 2.6.2, sowie die Besprechung des Beispiels 5,4,6 im Kapitel 3.2.1.2. Zur Unterscheidung von cognati und agnati vgl. unten die Kapitel 3.4.3 und 3.6.

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3.1.1 Funktionen der Mutter im Rahmen von domus und Familie Trotz der relativ geringen Anzahl von exempla, die sich mit der Beziehung der Mutter zu ihren Kindern beschäftigen, lässt sich anhand des valerischen Werkes ein interessanter Einblick in potentielle Funktionsfelder einer römischen Mutter gewinnen. Diese sind primär auf den Bereich von domus und Familie gerichtet und umfassen Handlungen zur Sicherung der Integrität und Kontinuität der Familie sowie zur Übertragung des familiären Vermögens. Zugleich weisen viele davon jedoch auch eine nicht unerhebliche Relevanz für einen weiteren, mit einigen Vorbehalten als ›öffentlich‹ zu bezeichnenden Raum auf. Die Übertragung von Vermögen im Rahmen einer Erbschaft, die im Rahmen der Vater-Sohn-Beziehung von großer Bedeutung war, bildet auch für römische Mütter ein wichtiges Handlungsfeld,365 wobei sich in der valerischen Darstellung beider Bereiche einige interessante Parallelen festmachen lassen: Ähnlich wie im Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen wird die Erbschaftsthematik auch hier ausschließlich in der Form problematischer testamentarischer Verfügungen und ihrer (Un-) Gültigkeit diskutiert.366 Wiederum handelt es sich um wenig bekannte Episoden, für die weder Quellen noch eine spätere Rezeption überliefert sind und deren auctores die traditionelle Forderung nach Adel und Berühmtheit nicht erfüllen.367 Und auch hier können rechtliche Veränderungen, die durch die Ent365 Vgl. hierzu Dixon, The Roman Mother, S. 173 sowie S. 51-60 Auch im Rahmen der Festlegung der Mitgift für die Tochter kann eine Mutter bei der Übertragung von Vermögen mitwirken (s. 4,4,10 De paupertate). 366 S. oben Kapitel 2.3.4.2. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zwei exempla von Interesse: 7,7,4 (De testamentis quae rescissa sunt) ist im Zusammenhang mit der Vater-SohnBeziehung bereits angeführt worden (s. oben Anm. 261). Septicia aus Ariminum heiratet aus Zorn über ihre Söhne einen bereits ziemlich alten Mann – obgleich sie keine Kinder mehr bekommen kann – und schließt die Söhne aus ihrem Testament aus. Augustus, von den Söhnen zur Hilfe geholt, kritisiert sowohl die Heirat als auch die letzte Verfügung: Er setzt die Söhne in den Besitz der Erbschaft ein und verbietet dem Ehemann, die Mitgift zu behalten, da die Heirat nicht zum Zwecke der Kinderzeugung (creandorum liberorum causa) erfolgt sei. In 7,8,2 (Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent) wird berichtet, dass Aebutia, die zwei Töchter hatte, nur die eine davon zur Erbin einsetzt und darüber hinaus den Kindern der nicht berücksichtigten Tochter Geld hinterlässt. Die übergangene Tochter hätte das Testament zwar anfechten können, verzichtet aber darauf. Sie wollte es lieber mit Nachsicht ehren als es durch ein Urteil aufzuheben (testamentumque matris patientia honorare quam iudicio convellere satius esse duxit). Nur erwähnt werden soll hier 7,7,3. Zwar erscheinen auch in diesem Beispiel Mutter und Sohn, doch die Mutter wird lediglich nebenbei erwähnt, um die Unrechtmäßigkeit der väterlichen Enterbung des Sohnes zu belegen (s. oben Anm. 261). 367 Eine Ausnahme bildet der Fall 4,2,7 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine), in dem eine abgeschwächte Variante von Erbstreitigkeiten erwähnt wird: Caelius Rufus hatte Pompeius in einer quaestio publica besiegt, aber als Pompeius ihn in einem Brief um Hilfe anflehte, weil seine Mutter Cornelia ihm Güter, die ihr für ihn als fideicommissum übertragen

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stehung neuer Handlungsspielräume bzw. -erwartungen den Bedarf an Orientierung weckten, als hauptsächlicher Grund für diese relativ neue Form von exempla vermutet werden:368 Spätestens seit der späten Republik galt es als selbstverständlich, dass eine Mutter ihre Kinder (Söhne und Töchter werden hier gleichermaßen angeführt) zu Erben ernennt, obgleich sie von Rechts wegen nicht dazu verpflichtet war.369 Die valerischen exempla lassen sich vor diesem Hintergrund zunächst – gleichsam e negativo – als eine Bekräftigung dieser Erwartungshaltung verstehen. Ein davon abweichendes Verhalten, wie es in beiden hier angeführten exempla demonstriert wird, war zwar grundsätzlich möglich, jedoch nur unter spezifischen Voraussetzungen, die in der exemplarischen Darstellung anklingen und zumindest in einem Fall auf den Kontext der augusteischen Ehegesetze verweisen.370 So hätte die Hochzeit der Mutter in 7,7,4 (mit ihren Folgen für die Erbschaft der Söhne) unter Umständen Akzeptanz erwarten können, wenn noch eine reale Möglichkeit bestanden hätte, dass aus dieser Ehe Kinder entspringen.371 Durch den expliziten, Augustus in den Mund gelegten Tadel, die Ehe sei nicht creandorum liberorum causa geschlossen worden, wird das exemplum der Beschränkung auf die Familie enthoben und in den weiteren Zusammenhang worden waren, vorenthielt, da unterstützte er ihn vor Gericht. Zwar eröffnete ein fideicommissum bis in die Zeit des Augustus keinen rechtlichen Anspruch, sondern bildete lediglich eine sittliche Verpflichtung für den Erben, die ihm für einen Dritten zugeteilte Zuwendung nach einer gewissen Zeit an diesen weiterzugeben (s. hierzu auch Gardner, Woman in Roman Law and Society, S. 177). Dass in diesem Falle dennoch kein Zweifel an der Unrechtmäßigkeit des mütterlichen Vorgehens gelassen wird, liegt nicht zuletzt daran, dass es hier primär darum geht, das – rein positiv konnotierte – Eingreifen des Caelius Rufus für den einstigen Gegner Pompeius in Szene zu setzen. 368 S. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 264 und 265. Die zeitliche Einordnung der Erbschaftsexempla ist im Falle von 7,7,4 (wie auch 7,7,3) durch das Eingreifen des Augustus gesichert. Für 7,8,2 lassen sich keine genaueren chronologischen Angaben machen. 369 Gardner, Family and familia, S. 220f. und Dixon, The Roman Mother, S. 45f., S. 51f. und S. 173. Die Verpflichtung, Kindern mindestens ein Viertel des mütterlichen Besitzes zu überlassen, wurde erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert festgelegt (vgl. dazu Dixon, The Roman Mother, S. 53 und Cod. Theod. 2,19,2). 370 Im Falle von 7,8,2 deutet die valerische Argumentation dagegen darauf hin, dass die Enterbung der Tochter durch Aebutia unter Umständen rechtmäßig gewesen wäre, wenn ihr eine Verfehlung gegen die Mutter zugrunde gelegen hätte – doch die Entscheidung der Mutter basierte, wie Valerius deutlich macht, mehr auf ihrer Neigung (inclinatio), als auf iniuria oder officia der einen oder anderen Tochter. Dass eine Enterbung jedoch selbst bei einer Verfehlung keine zwangsläufige Konsequenz darstellt, hat die Untersuchung der Vater-Sohn-Beziehung gezeigt: Das Kapitel 5,9 (De parentum adversus suspectos liberos moderatione) inszeniert in zwei Fällen eben diese Konstellation, lobt jedoch die moderatio der Väter, die ihre Söhne trotz der erwiesenen Verfehlungen als Erben einsetzen (s. oben Kapitel 2.3.4.2 zu den Beispielen 5,9,2-3). 371 Zu 7,7,4 s. oben Anm. 366. Die Förderung der Zeugung legitimer Nachkommen war eines der zentralen Ziele der augusteischen Ehegesetze (s. dazu Mette-Dittmann, S. 146ff., S. 151ff. und passim). Zu den Ehegesetzen vgl. auch oben Kapitel 1.1 sowie Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 261 und 262.

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der augusteischen Gesellschaftspolitik gestellt, in der die Weitergabe von Vermögen in weiten Teilen gesetzlichen Regelungen unterworfen wurde.372 Der Verweis auf die Blutsverwandtschaft (spernis quos genuisti) fügt sich ebenfalls in den bereits erörterten Kontext der frühkaiserzeitlichen Diskussion erbrechtlicher Fragen ein. Doch obgleich das Übergehen der Kinder in jedem Fall als tadelnswert erscheint, zeigt sich hier wieder einmal, dass Valerius nicht eindimensionale Verhaltensregeln gibt, sondern unterschiedliche Handlungsmuster durchspielt. Ein enterbtes Kind kann – wie in 7,7,4 – sein Erbe erfolgreich einklagen oder aber das Testament der Mutter mit patientia ehren (7,8,2):373 Beide Vorgehensweisen werden von Valerius als gut und richtig dargestellt. Auch in einem anderen Bereich mütterlichen Handelns wird die öffentliche Relevanz innerfamiliärer Angelegenheiten deutlich und von Valerius sogar explizit formuliert. In der praefatio zum Kapitel 9,15, das Versuche betrügerischen Einschleichens in berühmte Familien zum Thema hat (De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt), vergleicht er die im vorangegangenen Kapitel dargestellte temeritas mit den Gefahren, die von dem nun geschilderten Verhalten ausgehen: Sed tolerabilis haec et uni tantummodo anceps temeritas. quod sequitur impudentiae genus nec ferendum ullo modo periculique cum privatim tum etiam publice late patentis. Diese im valerischen Werk auch in anderen Zusammenhängen sehr präsente Problematik wird in zwei Fällen anhand einer vermeintlichen Mutter-Sohn-Beziehung durchgespielt.374 In einem Fall (9,15,2) tritt die Mutter dabei lediglich passiv auf – jemand (qui) versucht, sich fälschlicherweise als Sohn der Schwester des Augustus, Octavia, auszugeben –, während der Witwe des Q. Sertorius im darauffolgenden exemplum (9,15,3) persönlich die Verpflichtung zukommt, dem angeblichen Sohn die Anerkennung zu verweigern. Sie übernimmt damit die Verantwortung für die Unversehrtheit des Familienbundes, der hier vom pater familias selbst nicht mehr geschützt werden kann.375 In einem leicht veränderten Sinne lässt sich dies auch für Iulia, die Mutter der Sulpicia sagen, die ihre Tochter bewacht, um zu verhindern, dass

372 Vgl. Mette-Dittmann, S. 29f. und passim sowie Gardner, Family and familia, S. 225f. 373 Vgl. hierzu auch den Fall 7,8,4 (s. unten Anm. 514). Diese unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten kann man vielleicht mit den verschiedenen Rollen vergleichen, die in Bezug auf das Verhalten von Vätern gegenüber ihren Söhnen festgemacht werden konnten (s. oben Kapitel 2.3.3.2). 374 Zu weiteren Erwähnungen dieser Thematik s. oben Anm. 137. 375 Wie ein Blick auf 3,8,6 zeigt, konnte nicht nur die Mutter, sondern auch die Tante als Trägerin des Abstammungsnachweises fungieren und somit bei Abwesenheit des Vaters die Verantwortung für die Integrität der Familie übernehmen (Sempronia, die Schwester der Gracchen, wird als Zeugin gegen Equitius angerufen, der sich als Sohn des Tiberius ausgibt).

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diese ihrem proskribierten Mann auf der Flucht nach Sizilien folgt (6,7,3 De fide uxorum erga viros). Ging es in den beiden eben diskutierten Fällen darum, ein Einschleichen fremder Elemente in den Familienbund zu verhindern, wird hier dem Verlust seiner zentralen Bestandteile entgegengetreten.376 Obgleich die Mutter damit eine wichtige Aufgabe übernimmt, ist ihr Scheitern dennoch keineswegs negativ konnotiert: Wie der Kontext des Kapitels deutlich macht, geht es hier um die Inszenierung von fides uxorum, die in diesem Fall über den kindlichen Gehorsam und den Zusammenhalt der Herkunftsfamilie gestellt wird. Abschließend lässt sich festhalten, dass Mütter innerhalb der Familie sehr vielfältige Aufgaben übernehmen und insbesondere in Abwesenheit des Ehemannes eine nicht unbedeutende Verantwortung für das Wohl und den Fortbestand der Familie tragen können. Diese richtet sich – mit kleineren Differenzen – in ähnlicher Weise auf Söhne und Töchter, was sich insbesondere bei den Erbschaftsproblemen zeigt. Obschon die Handlungen in erster Linie auf häusliche Angelegenheiten bezogen sind, beinhalten sie in einigen exempla auch eine gewisse öffentliche Bedeutung. Nur eine Episode – das Eingreifen der Mutter des Coriolanus in einem Moment akuter Bedrohung für die res publica – ist bereits von Anfang an auf politische Relevanz angelegt und bildet ein Beispiel dafür, dass der Aktionsbereich einer Mutter auch deutlich über domus und Familie hinausreichen konnte. Sie soll daher im folgenden Kapitel einer ausführlichen Untersuchung unterzogen werden.

3.1.2 Die Macht der pietas Die beiden einzigen Beispiele, in denen Valerius die Beziehung zwischen Mutter und Kindern direkt zum Thema macht, finden sich in der bereits mehrfach thematisierten Rubrik 5,4 (De pietate erga parentes). Gleich das erste exemplum dieses wichtigen Kapitels beschäftigt sich mit der bekannten, auch bei Livius detailliert überlieferten Coriolanus-Episode, die bereits im Rahmen der Vater-Sohn-Beziehung besprochen worden ist:377 Coriolanus steht mit einem Heer vor den Toren Roms und will die Stadt einneh376 In diesem Zusammenhang ist auch auf die beiden – im folgenden Abschnitt näher zu besprechenden – Beispiele 8,1 ambust. 2 und 8,1, ambust. 2 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint) hinzuweisen. In beiden Fällen geht es um Mütter, die den Tod ihrer Kinder rächen, indem sie die Täter – einmal Mann und Sohn, das andere Mal die eigene Mutter töten. Zwar kann die Unversehrtheit der Familie in diesen Fällen nicht mehr bewahrt werden, dennoch ordnet sich ihr Handeln in gewisser Weise in diese Kategorie ein. 377 S. oben Kapitel 2.3.4.3 und Liv. 2,40. Das zweite Beispiel aus diesem Kapitel (5,4,7) wird im Zusammenhang mit der Stellung der Tochter behandelt werden (s. unten Kapitel 3.2.1.2)

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men. Alle Versuche, ihn davon abzubringen, schlagen fehl. Erst als seine Mutter ihn aufsucht, wird sein Zorn durch pietas überwältig, und er lässt von seinem Plan ab. Wie die Analyse dieses Beispiels gezeigt hat, ist die von Valerius dargestellte Handlungsstruktur relativ komplex. Als auctor fungiert Coriolanus, doch zugleich ist das Eingreifen seiner Mutter von grundlegender Bedeutung.378 Obgleich sie sich nicht auf eine – der patria potestas oder auctoritas vergleichbaren – Macht berufen kann, ist ihr Versuch, den Sohn von einem Angriff auf Rom abzuhalten, von Erfolg gekrönt. Dieser gründet jedoch – der valerischen Darstellung zufolge – nicht primär in der Mutter selbst, sondern vielmehr in der pietas, die Valerius als gleichsam handlungsauslösendes Moment inszeniert.379 Pietas erweist sich hier – ähnlich wie in anderen exempla dieses Kapitels (5,4,5 und 5,4,6) – als einflussreicher und in hohem Maße politisch konnotierter Machtfaktor.380 Zwar fungieren die Eltern explizit als Adressaten der pietas, doch Ziel ist hier das Wohl der res publica – eine eindrucksvolle Illustration der Bedeutung, die der Familie im Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlichen Integration und Konfliktvermeidung zugesprochen wurde.

378 Zwar werden auch seine Frau und seine Kinder erwähnt, doch aus der Darstellung und dem Kommentar des Valerius sowie aus dem Kontext des Kapitels geht klar hervor, dass die Beziehung zur Mutter hier den Ausschlag gibt. Der Stellenwert, der ihrem Eingreifen zukommt, zeigt sich nicht zuletzt in der Wiederaufnahme dieser Episode im Kapitel 5,2 (De gratis). Zur Macht, die eine Mutter auch ohne rechtliche Fundierung über ihre Söhne haben konnte, vgl. beispielsweise Dixon, The Roman Mother, S. 43 und S. 187ff. 379 Hier liegt ein zentraler Unterschied der valerischen Darstellung zur Version des Livius: Während bei Livius die ausführliche Überzeugungsrede der Mutter im Mittelpunkt steht und der Begriff der pietas überhaupt nicht fällt, erscheint in diesem exemplum eine gleichsam personifizierte Pietas als handlungsauslösendes, ja sogar beinahe als handelndes Moment. Darüber hinaus macht bereits die Einordnung dieses Beispiels in das Kapitel über pietas die grundsätzliche Stoßrichtung deutlich. 380 Die politische Relevanz der Coriolanus-Episode wird in 5,2,1a (De gratis) nochmals deutlich: Hier wird die gratia des Senats gegenüber Mutter und Ehefrau des Coriolanus inszeniert, aufgrund derer der Senat den ordo matronarum mit verschiedenen Privilegien sowie dem Bau eines Tempels und eines Altars ehrt. Die öffentlich-politische Relevanz ihres Vorgehens wird ausdrücklich betont: confessus plus salutis rei publicae in stola quam in armis fuisse. Doch obgleich das Vorgehen von Mutter und Ehefrau als Grund für die Ehrung genannt werden, fungiert in diesem Fall der gesamte ordo matronarum als Adressat. Der in 5,4,1 zentrale Begriff der pietas fällt hier genauso wenig wie in dem dritten exemplum, das diese Episode erwähnt: 1,8,4 (De miraculis) spannt den Bogen der gratia weiter, indem es ein wundersames Verhalten des – zu Ehren der Matronen errichteten – simulacrum Fortunae Muliebris thematisiert.

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3.1.3 Emotionen und Konflikte: Das Gegeneinander verschiedener Beziehungen Wie die Untersuchung der Erbschaftsexempla gezeigt hat, war das Verhältnis zwischen Mutter und Kind zuweilen von heftigen Konflikten durchzogen, die im valerischen Werk auch in anderen Zusammenhängen thematisiert werden. Als Auslöser konfliktueller Interaktionen werden häufig irrationale und unüberlegte Handlungen von Seiten der Mutter genannt, die Valerius einer deutlichen Kritik unterzieht.381 Die Reaktionen der Kinder (wie auch das Eingreifen des Augustus in 7,7,4) erscheinen dagegen, soweit Valerius nähere Informationen gibt, als Resultat von Reflexion. Gegenüber einem mütterlichen Konfliktverhalten gibt es, so die valerische Darstellung, nicht eine exklusive ›richtige‹ Antwort. Vielmehr können unterschiedliche Verhaltensweisen ihre Berechtigung haben.382 Ein weiteres Charakteristikum einiger der bei Valerius dargestellten Mutter-Kind-Konflikte ist das Neben- und Gegeneinander verschiedener sozialer Beziehungen. Besonders auffällig ist dies in den beiden konfliktreichsten exempla, in denen die Rolle der Mutter thematisiert wird: 8,1, ambust.1-2 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint).383 Die Frauen, die als auctores fungieren, handeln in diesen exempla als Träger unterschiedlicher Rollen. ›Als‹ Mutter zeigen sie Trauer über den Tod ihrer Kinder und suchen Rache.384 Zugleich stehen sie zu ihrem Ehemann 381 Während Valerius Septicia Zorn und den Wunsch, die Söhne zu beleidigen zuspricht (7,7,4), verwendet er zur Beschreibung des Vorgehens von Aebutia die Begriffe furor und inclinatio (7,8,2). Für die Mutter des Pompeius wird lediglich von impia avaritia gesprochen (4,2,7). 382 Unterschiede können auch im Kontext des Kapitels begründet sein, wie nicht zuletzt das bereits besprochene Beispiel 6,7,3 zeigt: Dass die Tochter sich gegen den erklärten Willen der Mutter doch zur Flucht zu ihrem proskribierten Mann entscheidet, wird in diesem Falle positiv als fides uxorum dargestellt. In einem anderen Zusammenhang könnte man die gleiche Situation jedoch als Ungehorsam gegen die Mutter negativ deuten. 383 8,1, ambust. 1 berichtet von einer Frau, die vor Gericht gezogen wird, weil sie ihre Mutter erschlagen hat. Sie wird weder verurteilt noch freigesprochen, denn sie hatte den Mord aus Kummer um ihre Kinder verübt, die von der Großmutter aus Hass auf die Tochter vergiftet worden waren: parricidium ultam esse parricidio. quorum alterum ultione, alterum absolutione non dignum iudicatum est. Zwar ist dieser abschließende Kommentar nicht eindeutig gesichert (vgl. dazu die Annotationen von Shackleton Bailey), dennoch macht er deutlich, wie zwiespältig das Urteil zu diesem Streitfall ausgefallen ist. In 8,1, ambust. 2 geht es um einen ähnlich schwierigen Fall: Eine materfamiliae in Smyrna tötet ihren Mann und ihren Sohn, weil sie herausgefunden hat, dass diese ihren Sohn aus erster Ehe umgebracht hatten. Der Prokonsul Dolabella verweist den Fall an den Areopag in Athen, denn er möchte die Frau weder vom Doppelmord freisprechen noch bestrafen, wo doch ihr Motiv gerechtfertigter Schmerz war. Der Areopag entscheidet – so Valerius – weise, denn er befiehlt Ankläger und Angeklagten, in 100 Jahren wiederzukommen. 384 Diese – aus dem positiven Gefühl der Liebe zu den Kindern entstandene – Trauer findet sich in einem anderen exemplum wieder: 9,12,2 (De mortibus non vulgaribus) berichtet von zwei Müttern, die beim Anblick ihrer tot geglaubten Söhne vor Überraschung und Freude (laetitia) starben.

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und der eigenen Mutter (sowie in einem Fall einem weiteren Sohn) prinzipiell ebenfalls in einem verpflichtungsreichen Verhältnis. Durch den Mord an so nahen Verwandten machen diese Mütter sich daher des parricidium schuldig.385 Dennoch werden sie nicht verurteilt, da ihr Handeln von einer anderen, ebenso engen Bindung bestimmt wurde. Sie werden indes auch nicht freigesprochen. Für Valerius kann offensichtlich keine der hier angeführten Beziehungen absolute Priorität beanspruchen,386 eine Einschätzung, die sich auch in der Einordnung in die Kategorie der ›Weder-Noch-Urteile‹ ausdrückt. Dieses Kapitel enthält bezeichnenderweise nur die beiden eben angeführten exempla – ein vergleichbares Neben- bzw. Gegeneinander von solchen ebenbürtigen Verpflichtungen stellte vermutlich doch eher eine Ausnahme dar.

3.1.4 Zusammenfassung Obschon der Beziehung zwischen Müttern und Kindern bei Valerius keine herausgehobene Stellung zugesprochen wird, können die vorliegenden Ausführungen Müttern ein relativ breites Spektrum an Aktivitäten attestieren, die nur selten einen ausschließlich häuslich-familiären, sondern häufig einen weiteren, ›öffentlichen‹ Raum betreffen. In der Regel handelt es sich um außergewöhnliche Handlungen oder Ereignisse – exempla, die alltägliches Verhalten, wie etwa die Erziehung der Kinder thematisieren würden, fehlen fast völlig.387 Angesichts der schmalen Quellenbasis ist es kaum möglich, klar konturierte Bilder herauszuarbeiten: Weder lassen sich für inszenierte bzw. en 385 Valerius verwendet diesen von Shackleton Bailey mit »unnatural murder« übersetzten Begriff in 8,1, ambust. 1. Im Rahmen des valerischen Werkes ist dieser Ausdruck emotional stark aufgeladen, da er wiederholt zur Erinnerung an den Mord an Caesar verwendet wird. 386 Auch das bereits besprochene Beispiel 6,7,3 (s. oben Kapitel 3.1.1 sowie Anm. 382) inszeniert den Gegensatz zwischen zwei engen sozialen Bindungen – das Verhältnis zur Mutter sowie zum Ehemann. Die Entscheidung der Tochter, dem Ehemann auf der Flucht zu folgen, wird – durch die Einordnung in das Kapitel über fides uxorum – positiv gedeutet. Doch wäre es ebenfalls denkbar, einen Verzicht auf die Flucht als pietas gegenüber der Mutter gut zu heißen. Abschließend ist auf die im vorangegangenen Kapitel behandelten Erbschaftskonflikte zu verweisen (v.a. 7,7,4 und 7,8,2), in denen ebenfalls unterschiedliche soziale Bindungen gegeneinander stehen (die Verpflichtung den Kinder gegenüber kollidiert mit dem Verhältnis zum Ehemann bzw. zu einem der Kinder und den Enkeln). Hier steht die Priorität der Bindung zwischen Eltern und Kindern außer Zweifel, wenngleich die konkrete Ausformung dieser Beziehung variieren konnte (s. dazu oben Kapitel 3.1.1 und besonders zum Beispiel 7,8,2 die Ausführungen in Anm. 284). 387 Dabei bildete dieser Bereich, wie Dixon, The Roman Mother, S. 210ff., zu Recht ausführt, zweifelsohne ein zentrales Handlungsfeld einer römischen Mutter, das jedoch offensichtlich keine exemplarische Relevanz hatte. Doch selbst kontingente Erwähnungen dieses Handlungsbereiches fehlen.

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passant erwähnte Interaktionen klare und eindeutig unterschiedene Verhaltensmuster nachweisen, noch lässt sich eine nachvollziehbare Rollenverteilung ausmachen, wie das im Rahmen der Vater-Sohn-Beziehung der Fall war.388 Da Thesen ihren Aufhänger zuweilen an einem einzigen Beispiel nehmen, ist die Aussagekraft der hier erörterten Handlungsmuster notwendigerweise beschränkt und nur in Ansätzen verallgemeinerbar.389 Darüber hinaus behalten einige exempla einen eher anekdotenhaften Charakter, der eine sinnhafte Einordnung in einen breiteren – oder gar aktuellen – Kontext erschwert. Auffällig ist jedoch, dass Mütter betreffende Beispiele häufig in der späten Republik oder in der Kaiserzeit situiert sind: Abgesehen von dem (gleich in drei exempla vertretenen) Ausnahmefall der Coriolanus-Episode sowie dem im Zweiten Punischen Krieg angesiedelten Beispiel 9,12,2, werden Mütter für die Zeit vor 200 v. Chr. nur beiläufig erwähnt. Eine (positiv oder negativ) exemplarische Stellung kommt ihnen dagegen erst in späterer Zeit, insbesondere seit der Mitte des 2. Jh.s v. Chr. zu. Hinzu kommt, dass ein relativ hoher Anteil dieser exempla unbekannte oder sogar anonyme auctores aufweist, während die Zahl traditioneller, einer berühmten gens entspringenden Akteure vergleichsweise niedrig ist.390 Die Datierung der Episoden könnte insofern teilweise in den valerischen Quellen begründet liegen, als die exemplarische Bedeutung von Müttern traditionell eher gering gewesen sein mag. Möglicherweise hat sie sich erst in späterer Zeit – verbunden mit den Veränderungen ihrer rechtlichen Stellung – zu einem bedeutsamen Faktor entwickelt.391 Wie im Zusammenhang mit der Vater-Sohn-Beziehung deutlich gemacht worden ist, sind insbesondere im Rahmen der Erbschaftsthematik viele Handlungsspielräume erst im Laufe des letzten vorchristlichen Jahrhunderts entstanden. In diesem Be388 Dies gilt sowohl für die Frage nach unterschiedlichen Verhaltensmustern gegenüber Söhnen bzw. Töchtern als auch in Bezug auf die Verteilung von Konfliktpotential. 389 So kommt der Mutter beispielsweise eine gewisse Bedeutung für die Wahrung der Integrität der Familie zu, doch ihr Handlungsrahmen bleibt bis auf wenige Ausnahmen auf den Bereich der domus beschränkt. 390 Mehr als die Hälfte der exempla (neun von siebzehn) lassen sich mit Sicherheit in die Zeit nach 146 v. Chr. datieren, bei zwei anderen ist die Datierung unklar (5,4,7 und 7,8,2). Des Weiteren weisen immerhin vier Beispiele einen anonymen, drei einen nicht weiter bekannten auctor auf (anonym: 5,4,7; 8,1, ambust.1-2 sowie 9,12,2; relativ unbekannt: 7,7,3-4; 7,8,2), was mit sieben von siebzehn ebenfalls einen beachtlichen Anteil darstellt. Zudem handelt es sich verhältnismäßig häufig um wenig bekannte exempla. 391 Eine grundlegende Veränderung der rechtlichen Position von Müttern liegt zweifelsohne in der für die späte Republik festzumachenden Tendenz, nur noch in Ausnahmefällen eine manusEhe einzugehen (Gardner, Family and familia, S. 209). Darüber hinaus hatten die bereits skizzierten erbrechtlichen Entwicklungen insbesondere des ersten vorchristlichen Jahrhunderts Auswirkungen auf die Stellung und die Handlungsmöglichkeiten von Müttern (vgl. oben Kapitel 2.3.4.2 sowie 2.6.2).

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reich gab es ein Bedürfnis nach Orientierung, dem mangels traditioneller exempla nur mit neuen Beispielen jüngeren Datums Rechnung getragen werden konnte.392 Festzuhalten ist, dass Valerius sich den möglicherweise in der Quellenlage begründeten Befund insofern zu Eigen macht, als auch er der römischen Mutter nur eine beschränkte exemplarische Bedeutung zuweist. Mit Ausnahme der beiden pietas-exempla wird ihre Rolle nie unmittelbar inszeniert – sein Interesse an der Konstruktion eines spezifischen Bildes war offensichtlich gering.

3.2 Die Stellung der Tochter Die Stellung der Tochter Im Vergleich zur geringen Präsenz von Müttern wird die Stellung der Tochter im valerischen Werk vergleichsweise häufig thematisiert. Dabei beschäftigen sich lediglich sechs exempla mit der Beziehung zur Mutter, dagegen 21 mit dem Verhältnis zum Vater. Weiter verstärkt wird dieses Ungleichgewicht durch den Umstand, dass sich, insbesondere in der Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, häufig mehrere Beispiele mit einer Thematik (wie etwa pudicitia) befassen und damit ein hohes Maß an Sichtbarkeit aufweisen. Mit Ausnahme des bereits mehrfach erwähnten Kapitels 5,4 (De pietate erga parentes) werden jedoch auch Töchter – wie Mütter – nicht in eigenen Kapiteln behandelt. Dennoch lassen sich für die Stellung der Tochter angesichts der Quellenlage fundiertere Aussagen zu Bildern und gewissen Regelmäßigkeiten machen, als für die Mutterrolle. In besonderem Maße gilt dies für Fragen von Heirat und Ehe, in deren Rahmen Töchter – jedoch meist als passive Elemente – eine hohe Präsenz aufweisen. In Bezug auf die aktiven Handlungsfelder einer Tochter finden sich zwar meist Einzelbeispiele, doch lassen sich diese – als unterstützende, konfliktuelle und imitierende Handlungen – in aussagekräftigen Kategorien zusammenfassen. In einer Hinsicht gilt jedoch eine ähnliche Einschränkung wie für die Stellung der Mutter: Trotz der etwas breiteren Quellenbasis führt die Ausdifferenzierung in inszenierte und en passant erwähnte Interaktionen nicht zu ähnlich klar unterschiedenen Bildern wie dies für das Vater-Sohn-Verhältnis der Fall war. Im Folgenden ist in einem ersten Schritt zu prüfen, welche Handlungsfelder Töchtern im valerischen Werk zugesprochen werden. Im zweiten Schritt wird die Aufmerksamkeit auf die Rolle der Tochter als zukünftige Ehefrau gerichtet – eine bei Valerius in vielfältigen Kontexten erwähnte 392 Zu dem damit einhergehenden partiellen Funktionswandel der exempla, die hier die Aufgabe bekamen, noch nicht eindeutig normativ fixierte Situationen mit Handlungsanleitungen zu versehen, s. oben Kapitel 2.6.2.

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Thematik. Die drei zentralen Bereiche umfassen pudicitia als notwendige Voraussetzung einer Eheschließung, die finanziellen Probleme einer Hochzeit sowie die vielfältigen Implikationen eines ehelichen Bundes. Alle betreffen in erster Linie das Verhältnis zwischen Vater und Tochter.393

3.2.1 Handlungsräume der Töchter Die Handlungen, die Töchtern in den Facta et dicta memorabilia zugesprochen werden, lassen sich in drei Bereiche einteilen. Zwei von diesen umfassen positiv konnotierte Akte, ein dritter betrifft dagegen die eher konfliktträchtigen Beziehungen. 3.2.1.1 imitatio patris: würdige Handlungen von Töchtern berühmter Väter Ein im Rahmen der Facta et dicta memorabilia immer wieder auftretendes Darstellungsmuster betrifft die Benennung von Abstammungsverhältnissen. Ziel dieser häufig in eher traditionellen exempla auftretenden Angaben (wie »Sohn des ... « bzw. »Vater des ... «) ist in den meisten Fällen lediglich die genauere Bestimmung eines auctor, die in der Regel en passant vorgenommen wird, ohne dass eine darüber hinausgehende Aussage oder explizite Wertung damit verbunden wäre.394 Eine Ausnahme bilden zwei exempla, in denen das Verwandtschaftsverhältnis von Frauen zu ihren berühmten

393 Handlungen von Seiten des Vaters beziehen sich in fast allen Fällen auf die Tochter als zukünftige Ehefrau (s. unten Kapitel 3.2.2). Nur in drei Beispielen zeigt sich eine vom Vater ausgehende Interaktion außerhalb dieser Thematik, und interessanterweise handelt es sich jedes Mal um positiv konnotierte Handlungen (7,8,1; 1,5,3 und 2,4,5). Zu 7,8,1 gibt es aufgrund einer verderbten Stelle unterschiedliche Lesarten: Briscoe führt in Bezug auf den »Wahnsinn« des Sempronius Tuditanus an: Testamento † filium † instituit heredem, quod Ti. Longus sanguine ei proximus hastae iudicio subvertere frustra conatus est: magis enim centumviri quid scriptum esset in tabulis quam quis eas scripsisset considerandum existimaverunt. Doch filium ist nur eine mögliche Lesart, der Hoffmann ohne weiteren Hinweis folgt, während Faranda † filium schreibt, »Sohn« jedoch in der Übersetzung weglässt. Shackleton Bailey wählt die Variante filiam, die in der Tat eine größere Plausibilität für sich in Anspruch nehmen kann: Während von einem Sohn des Tuditanus nichts bekannt ist, hatte er eine Tochter, Sempronia, die mit M. Fulvius verheiratet war (Münzer, Sempronius Tuditanus, Sp. 1439f.). Vor diesem Hintergrund wären sowohl filiam als auch Fulvium als Alternativen denkbar (vgl. Briscoe in der Teubner-Ausgabe). Da man im letzteren Falle vermutlich eine zusätzliche Erklärung erwarten dürfte (»seinem Schwiegersohn« o.ä.), weist die Lesart filiam eine hohe Plausibilität auf. Obschon man in diesem Falle eine Argumentation mit dem ordo naturae hätte erwarten können – etwa die Bevorzugung der direkt abstammenden Tochter vor anderen Blutsverwandten –, kommt diesem, und damit der Beziehung zwischen Vater und Tochter, für die hier intendierte exemplarische Aussage keine Bedeutung zu. Diese liegt für Valerius in der Gültigkeit des geschriebenen Testamentes ungeachtet des mentalen Zustand des Erblassers. 394 Dass damit zunächst keine weitergehende Aussage intendiert ist, schließt natürlich nicht aus, dass implizit dennoch eine Wertung präsent ist (s. oben Anm. 320).

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Vätern expliziert wird. Es handelt sich dabei um die Cato-Tochter Porcia (4,6,5 De amore coniugali) sowie um Hortensia, die Tochter des berühmten Redners (8,3,3 Quae mulieres apud magistratus pro se aut pro aliis causas egerunt).395 In beiden Fällen setzt Valerius das Handeln der Frauen – die todesmutige Haltung der Porcia und die Redekunst der Hortensia – als imitatio patris in Szene und macht somit deutlich, dass das Verhalten der Töchter erst vor dem Hintergrund des väterlichen Vorbilds seine ganze Aussagekraft bekommt.396 3.2.1.2 Die Unterstützung der Eltern durch Töchter Ebenso spektakulär sind die positiv konnotierten Handlungen, die sich in der direkten Interaktion mit den Eltern zeigen. Zwar können sie aufgrund ihrer geringen Anzahl und ihres meist expliziten Ausnahmecharakters nur bedingt zur Bestimmung tatsächlicher Handlungsmuster beitragen, doch immerhin weisen sie auf prinzipiell denkbare Optionen im Verhalten einer Tochter hin. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass ihr Aktionsraum nicht auf den rein familiären oder häuslichen Bereich beschränkt ist, sondern sich auch auf den politisch konnotierten Raum bezieht und von zentraler, ja existentieller Bedeutung für die Eltern sein kann. Nahezu alle Fälle töchterlicher Unterstützung werden von Valerius direkt oder indirekt in Szene gesetzt397 und darüber hinaus in seinen Kommentaren als besonders lobenswert hervorgehoben. Dies ist insofern interessant, als das Vorgehen der Töchter zumindest in den beiden pietas-exempla nicht ganz unproblematisch ist, wie einerseits die betreffenden exempla, anderer-

395 In einem weiteren Fall wird dieses Verwandtschaftsverhältnis zwischen Vater (Cato) und Tochter (Porcia) eher nebenbei thematisiert (3,2,15 De fortitudine). Doch obgleich sich hier kein Hinweis auf die imitatio-Thematik findet, ist die Beziehung zum Vater dennoch stärker hervorgehoben als in sonstigen exempla, was nicht zuletzt daran liegt, dass das voranstehende Beispiel (3,2,14) sich mit der fortitudo des Cato beschäftigt. Es ist daher naheliegend, die fortitudo der Porcia auch als Bezugnahme auf das väterliche Vorbild zu sehen. 396 Dass es – auch für Söhne – nicht selbstverständlich war, sich des väterlichen Vorbildes würdig zu erweisen, zeigt sich nicht nur in dem Hortensia-Beispiel (8,3,3), sondern auch darin, dass sich ein ganzes Kapitel (3,5) mit dem Problem unangemessenen Verhaltens von Nachkommen beschäftigt (s. dazu oben Kapitel 2.3.1.1, bes. Anm. 120 und 121). Das Problem mangelnder imitatio von Töchtern in Bezug auf ihre Väter wird dagegen indirekt auch 9,1,8 (De luxuria et libidine) deutlich, denn die exemplarische Lasterhaftigkeit von Mucia und Fulvia gewinnt ihre Bedeutung erst vor dem Hintergrund ihrer berühmten Väter und Ehemänner. 397 Lediglich in einem Fall könnte man von einer nur kontingenten Erwähnung sprechen (1,5,3 De ominibus), wobei es sich um eine sehr indirekte und nicht bewusste Unterstützung handelt: Als der Konsul L. Paullus durch das Los für den Krieg gegen Perseus bestimmt worden ist, trifft er seine kleine Tochter zu Hause voller Trauer an. Er fragt nach dem Grund ihrer Traurigkeit und erfährt, dass ihr Hund Persa gestorben sei. Paullus nimmt dieses fortuitum dictum als gutes Vorzeichen für seinen Sieg (s. dazu auch Hallett, S. 99).

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seits ein Blick auf parallele Überlieferungen zumindest einer dieser Episoden deutlich machen.398 5,4,7 erzählt von einer namentlich nicht näher bestimmten Frau, die im Gefängnis auf die Vollstreckung ihres Todesurteils wartet. Der Wächter zeigt Mitleid und erlaubt der Tochter, ihre Mutter zu besuchen, durchsucht sie aber gründlich, um zu verhindern, dass sie Nahrung mitbringe. Er hoffte, die Gefangene werde mit der Zeit verhungern. Nach einigen Tagen beobachtet er jedoch, wie die Tochter ihrer eigenen Mutter die Brust gibt. Er erzählt den Richtern von dieser admirabilis spectaculi novitas und erreicht damit, dass die Strafe der Frau aufgehoben wird. Im Kommentar des Valerius zeigt sich die ganze Ambivalenz dieser Episode: Das Vorgehen der Tochter – ihre Mutter zu stillen – könne zwar zunächst als widernatürlich erscheinen (dass sie auch gegen das Verbot des Wächters handelt interessiert Valerius hier nicht), doch Elternliebe sei schließlich das erste Gesetz der Natur.399 Die Argumentation mit der Vorstellung eines ordo naturae ist im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern nicht neu. Doch während sie in den bisher erörterten Beispielen in erster Linie dazu diente, bestimmte, durch soziale Verhaltenserwartungen nicht mehr begründbare Handlungen zu erklären (s. Kapitel 2.3.4.2), wird sie in diesem Fall zur Deutung eines selbst als widernatürlich beurteilten Vorgehens verwendet. Anders als im Falle des jungen Torquatus (5,4,3) erscheint pietas, die hier als die eigentlich treibende Kraft dargestellt wird, vor diesem Hintergrund gleichsam als Synonym der naturgesetzlich fundierten Elternliebe. Die Anonymität der auctores sowie der für ein exemplum eher ungewöhnliche soziale Kontext bilden hier Valerius zufolge keine Schwäche, sondern begründen vielmehr die besondere Aussagekraft dieser Episode: Je elender die Umstände, desto deutlicher stelle die pietas ihre Stärke und Gültigkeit unter Beweis.400 5,4,6 ist das zweite Beispiel, das in diesem Zusammenhang genauere Aufmerksamkeit verdient. Es handelt von der Vestalin Claudia, die durch 398 In ähnlicher Weise lässt sich dies auch von der bereits kurz angesprochenen Haltung der Afronia sagen (7,8,2), die von ihrer Mutter Aebutia enterbt wird. Ihre Entscheidung, das mütterliche Testament nicht anzufechten, obwohl sie gute Gründe und auch Aussichten auf Erfolg gehabt hätte, wird zwar von Valerius nicht getadelt, sondern durchaus als positiv dargestellt, doch sie widerspricht in gewisser Weise dem Vorgehen, das sich in den übrigen Erbschaftsexempla findet (s. dazu oben Kapitel 2.3.4.2). 399 putarit aliquis hoc contra rerum naturam factum, nisi diligere parentes prima Naturae lex esset; vgl. zu diesem exemplum auch Guerrini, Allattamento filiale. 400 Zur Problematik des anonymen Exempels s. Guerrini, Allattamento filiale, S. 22f. Guerrini weist zudem darauf hin (ebd. S. 29-33), dass die Betonung der admirabilis spectaculi novitas und die Beschreibung der Handlung als inusitatus und inauditus Parallelen zu den hier ebenfalls besprochenen Beispielen 5,9,4 (oben Anm. 256), 5,4,3 (oben Kapitel 2.3.4.3) und 5,4, ext.5 (oben Anm. 300) enthält. Zur Bedeutung, die der Bildhaftigkeit in der römischen Kultur zukam s. oben Kapitel 1.2, bes. Anm. 53.

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ihr Dazwischentreten verhindert, dass ihr Vater während seines Triumphes von einem Volkstribunen vom Triumphwagen gezogen wird. Der Unterschied zu dem gerade besprochenen exemplum liegt nicht nur in der Berühmtheit der auctores, sondern insbesondere in der ebenso hohen wie zwiespältigen politischen Bedeutung des töchterlichen Handelns. Zwar stellt sich hier, im Gegensatz zu den in Kapitel 2.3.2.2 erörterten Beispiel 5,4,5, nicht die Frage nach der sacrosanctitas des Tribunen, da die Vestalin nicht Hand anlegt. Dennoch ist das völlige Fehlen eines politischen oder rechtlichen Kontextes auffällig. Der Grund für den Angriff des Tribunen interessiert Valerius ebenso wenig wie die Frage, ob eine Vestalin ihre sacrosanctitas für den aus politischen Gründen notwendigen Schutz des Vaters nutzen darf. Der Fokus richtet sich exklusiv auf die von Valerius uneingeschränkt positiv beurteilte pietas und deren Fähigkeit, die amplissima potestas des Tribunen zu besiegen.401 Wie dieser kurze Überblick gezeigt hat, stellen sich die wenigen positiven Gesten von Seiten der Töchter – anders als die vielen en passant erwähnten und ›alltäglichen‹ kooperativen Gesten zwischen Vater und Sohn – in allen Fällen als außergewöhnlich dar. Das folgende Kapitel wird deutlich machen, dass dies nicht etwa in einer besonders konfliktreichen Beziehung der Tochter zu ihren Eltern begründet ist. Vielleicht liegt der Grund vielmehr in der ohnehin geringen Handlungskompetenz, den Valerius den Töchtern in seinem Werk zuspricht. 3.2.1.3 Das geringe Konfliktpotential der Töchter Während die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn deutlich gemacht hat, dass den Söhnen innerhalb des valerischen Werkes ein erhebliches Konfliktpotential zugeschrieben wird, ergibt sich in Bezug auf die Stellung der Tochter ein grundsätzlich anderes Bild. Von den neun exempla, in denen eine konfliktuelle Situation zwischen einer Frau und ihren Eltern inszeniert wird, gehen die Auseinandersetzungen in sieben Fällen ganz oder teilweise von einem Elternteil aus.402 Ein exemplum insze401 Während die Episode bei Cicero (Cael. 34) ganz ähnlich geschildert wird – freilich ohne die Einordnung des töchterlichen Vorgehens als Beispiel für pietas –, führt Sueton (Tib. 2) eine deutlich davon unterschiedene Version an, in der die Vestalin als malum exemplum angeführt wird. Sie habe mit ihrem Bruder (nicht Vater), der ohne Beschluss des Volkes einen Triumph abhielt, den Wagen bestiegen und ihn bis auf das Kapitol begleitet, um so zu verhindern, dass ein Tribun den Triumphzug verbieten oder sein Veto einlegen könne. Ob bereits zur Zeit des Valerius zwei Versionen dieser Episode kursierten, ist aufgrund der Quellenlage nicht zu klären. 402 Dies betrifft v.a. die Beispiele des pudicitia-Kapitels (6,1) sowie verschiedene bereits im Zusammenhang mit der Mutterrolle besprochene exempla. Im Prinzip wäre es zwar denkbar, im Rahmen der pudicitia-Thematik auch der Tochter Konfliktpotential zuzusprechen, doch in der valerischen Darstellung ist dies die Ausnahme. Die Bestrafung (und meist Tötung) der Tochter

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niert zudem, wie eine Tochter mit ihrem Verhalten zur Vermeidung weiterer konfliktueller Auseinandersetzungen beiträgt.403 Auffällig ist, dass die Mehrzahl der konfliktträchtigen Interaktionen eine (legale oder illegale, gewollte oder gezwungene) Beziehung der Tochter zu einem Mann betreffen, die im folgenden Kapitel über die Tochter als zukünftige Ehefrau einer näheren Untersuchung unterzogen wird. Offensichtlich wurde dieser Bereich als besonders problematisch empfunden, und nicht umsonst gab es hierfür sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht grundlegende exempla aus der Frühzeit der Republik: Wenn das Verhalten von Tullia, die auf dem Weg zu ihrem Geliebten Tarquinius, dem Mörder ihres Vaters Servius Tullius, sogar über den Körper ihres toten Vaters hinwegfährt, die Gefahren fehlgeleiteter und verbotener Liebesbeziehungen deutlich machen konnte, so war die geradezu sprichwörtliche pudicitia der Lucretia ein Beispiel für die Notwendigkeit, pudicitia als absoluten Wert zu betrachten, dessen Verletzung unabhängig von der Schuldfrage einer umfassenden Sühne bedurfte.404 Ein in diesem Zusammenhang bedeutsames Problem, das bei der Diskussion der Mutterrolle ebenfalls deutlich geworden ist, betrifft die Frage der ›Wertigkeit‹ sozialer Beziehungen. Da viele die Akteure zugleich in mehreren sozialen Bindungen stehen, kann der Auslöser eines Konfliktes in vielen Fällen in der Notwendigkeit liegen, sich für die eine und damit zugleich gegen die andere zu entscheiden. Es lässt sich indes keine allgemeingültige Regel im Hinblick auf etwa prinzipiell vorzuziehende Beziehungen herausarbeiten. Vielmehr können die Prioritäten je nach Kontext und zu inszenierender exemplarischer Haltung deutlich variieren. So handelt Sulpicia (6,7,3 De fide uxorum erga viros) zwar (eigentlich schlecht, da) gegen das Verbot ihrer Mutter, um ihrem proskribierten Mann auf seiner Flucht zu folgen. Doch sie beweist damit zugleich lobenswerte eheliche fides, die für Valeridurch den Vater beruht höchstens in einem Fall auf einer konkreten Verfehlung derselben (6,1,6) und hat ansonsten präventiven oder exemplarisch-belehrenden Charakter, ohne dass der Tochter eine Schuld zukommen würde. In 6,7,3 (De fide uxorum erga viros) sowie 8,1, ambust.1 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint) lässt sich ihr Vorgehen als Reaktion auf einen Angriff (im weiteren Sinne) verstehen, bei dem die Frage der Priorität unterschiedlicher sozialer Beziehungen thematisiert wird (vgl. folgende Ausführungen). Eindeutig kritikwürdig und alleiniger Träger des Konfliktpotentials ist sie lediglich in 9,6,1 (De perfidia) und 9,11,1 (Dicta improba aut facta scelerata). 403 7,8,2 (Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent). S. dazu auch oben Kapitel 3.1.1 und 3.1.3. En passant erwähnte Konflikte werden in diesem Zusammenhang nicht eigens behandelt, denn sie fallen – vielleicht mit Ausnahme von 5,1,10 (De humanitate et clementia) – unter die Kategorie der gerade besprochenen (mangelnden) imitatio patris (s. dort, insbesondere Anm. 393). In 5,1,10 wird lediglich eines vergangenen Konfliktes gedacht, wenn Caesar in seiner clementia Tränen für seinen getöteten Schwiegersohn und seine Tochter vergießt. 404 Zu Tullia s. 9,11,1 (Facta improba aut dicta scelerata). Die Haltung der Lucretia wird bezeichnenderweise im ersten exemplum des pudicitia-Kapitels 6,1 in Szene gesetzt.

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us hier – wie der Kontext des Kapitels zeigt – letztlich den Ausschlag gibt.405 Dagegen wird die Schwester des Horatius, die ihrer Bindung an den zukünftigen Ehemann in ähnlicher Weise Ausdruck gibt, für diese Haltung nicht nur kritisiert, sondern sogar mit dem Tod bestraft.406 Von den zahlreichen Bindungen, die Valerius für Töchter thematisiert, ist ihre Beziehung zu einem potentiellen Ehemann im valerischen Werk besonders präsent. Welche Formen dieses Verhältnis annimmt und welche Rolle der Tochter dabei zukommt, werden die folgenden Ausführungen deutlich machen.

3.2.2 Die Tochter als zukünftige Ehefrau Die große Bedeutung, die der Tochter in den Facta et dicta memorabilia als Ehefrau in spe zukommt, erscheint auf den ersten Blick erstaunlich, denn abgesehen von dem bereits erwähnten Kapitel über eheliche Treue (De fide uxorum erga viros) werden Themen wie Ehe oder Heirat von Valerius nie direkt inszeniert. Sie sind jedoch, wie im Folgenden deutlich werden wird, in vielen exempla als mittelbare Inszenierung sehr präsent, besonders in den Kapiteln 4,2 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine), 4,4 (De paupertate) und 6,1 (De pudicitia). Eine Konstante fast aller dieser exempla ist die relativ passive Stellung der Tochter, die im Rahmen einer Eheschließung in erster Linie als Objekt eines Handels auftritt, dessen Hauptakteur der Vater (und in Ausnahmefällen die Mutter) ist.407 Dabei geht es in erster Linie um drei zentrale Themenbereiche, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen: pudicitia als Voraussetzung einer Heirat, die 405 In 8,1, ambust.1 wird hingegen die Tötung der Mutter als Rache für deren Mord an den Enkeln verständlich und unterliegt aus diesem Grunde auch keiner Bestrafung (s. dazu auch oben, Kapitel 3.1.3). 406 Die positive Deutung dieser Episode durch Valerius zeigt sich auch in der Einordnung in das Kapitel 6,3 (De severitate). Horatius kehrt nach dem Sieg über die drei Curiatii in die domus zurück und sieht seine Schwester, die mit einem der Curiater verlobt war, weinen. Da erschlägt er sie und wird dafür vor Gericht gezogen. Zwar inszeniert das exemplum in erster Linie die severitas des Bruders, doch da sein Vater Horatius vor Gericht verteidigt, schließt er sich – so Valerius – dieser severitas der Tochter gegenüber an. 407 Zum begrenzten Mitspracherecht der Tochter s. auch Ulpian, Dig. 23,1,11-12. Diese Passivität gilt jedoch ausdrücklich nur für die Tochter in der Rolle der zukünftigen Ehefrau, nicht für die Ehefrau selbst. Diese hatte – wie im folgenden Kapitel 3.3 deutlich werden wird – eine deutlich aktivere Position. Dass die Bedeutung von Töchtern in erster Linie in ihrer Rolle als zukünftige Ehefrau lag, zeigt auch eine Erwähnung in 7,1,1 (De felicitate), das die felicitas des Q. Metellus durch Rekurs auf Familie und politischen Erfolg preist. Während im Hinblick auf seine Söhne hervorgehoben wird, wie viele bedeutende Ämter sie innegehabt haben, betont Valerius in Bezug auf die drei Töchter, dass Metellus sie zur Ehe gegeben hat und ihren Nachwuchs bewundern konnte.

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finanziellen und organisatorischen Probleme, die mit der Hochzeit verbunden sind, sowie die Implikationen, die sich aus einer Eheschließung ergeben. 3.2.2.1 Voraussetzung einer Heirat: pudicitia Das Ideal der pudicitia nimmt im Werk des Valerius einen ähnlichen Stellenwert ein, wie die disciplina militaris. Wie ein Blick auf die praefationes der betreffenden Kapitel (6,1 und 2,7) zeigt, gelten beide als in der römischen Frühzeit gründende und bedeutsame »Stütze« (praecipium firmamentum bzw. decus et stabilimentum) des Römischen Reiches bzw. seiner Bewohner, deren hervorragendes Merkmal darin liegt, ihre Wirksamkeit durch die gesamte römische Geschichte hindurch bewiesen zu haben.408 Für beide wird – gleichsam implizit auf die Einleitung des zweiten Buches Bezug nehmend – betont, dass ihr Nutzen bis in die Gegenwart reicht.409 Der Verweis auf die Präsenz der pudicitia im Kaiserhaus (6,1 pr.) bzw. auf den gegenwärtigen serenus tranquillusque beatae pacis status (2,7, pr.) knüpft direkt und explizit an die augusteische Propaganda an, zu deren zentralen Bestandteilen sowohl die Betonung der pudicitia als auch die Verbreitung des Ideals der pax Augusta gehörten.410 Zwar wird die Bedeutung der pudicitia – wie auch in der Einleitung hervorgehoben – ausdrücklich auf Männer und Frauen gleichermaßen bezogen, aber immerhin ein Drittel der in 408 Die Nähe dieser beiden Wertvorstellungen sowie die sogar politisch bedeutsame Rolle der pudicitia zeigt sich auch in dem ersten, in vieler Hinsicht grundlegenden exemplum des Kapitel 6,1, das die berühmte, auch von Livius (1,57,6-59,3) überlieferte Episode zwischen Lucretia und Sextus Tarquinius zum Thema hat. Zum einen wird Lucretia, die sich aufgrund der ihr schuldlos geraubten castitas umbringt, von Valerius in geradezu militärisch anmutender Begrifflichkeit als dux romanae pudicitiae bezeichnet. Darüber hinaus hebt auch der abschließende Satz die politische Relevanz dieses pudicitia-Aktes noch einmal deutlich hervor: [...] causamque tam animoso interitu imperium consulare pro regio permutandi populo Romano praebuit. Obgleich man nicht mit Sicherheit sagen kann, inwieweit diese Darstellung von Valerius bewusst gestaltet oder nur übernommen worden ist, so ist immerhin interessant, dass sie in gerade in den eben erörterten Elementen immer wieder von der livianischen Version abweicht: Dies betrifft nicht nur die – bei Livius nicht überlieferte – Bezeichnung der Lucretia als dux romanae pudicitiae. Auch die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Episode erscheint bei Valerius stärker betont: Während es in der livianischen Erzählung Brutus ist, der die Entscheidung ergreift, das Königtum zu bekämpfen, wird diese Rolle von Valerius dem gesamten populus Romanus zugeschrieben. 409 Zu 2 pr. s. auch oben Anm. 199. Im Falle von 6,1 pr. wird die Darstellungsintensität durch die Apostrophe an eine personifizierte Pudicitia noch verstärkt. Zur Bedeutung, die in Rom wie in mediterranen Gesellschaften allgemein v.a. der weiblichen pudicitia zugesprochen wurde vgl. auch Cohen, S. 113ff.; zur Entwicklung des römischen Konzeptes weiblicher Keuschheit s. Stahlmann, S. 30ff., S. 39ff., S. 48ff. und passim. 410 S. beispielsweise Zanker, Die Macht der Bilder, S. 177ff. sowie S. 188ff. Weitere zentrale Wertvorstellungen der augusteischen Propaganda waren die auf dem clipeus virtutis genannten (virtus, clementia, iustitia und pietas; s. dazu ebd. S. 101f. sowie Classen, Römische Wertbegriffe, S. 78f.). Vor dem Hintergrund des Kontextes und der Intentionen des Valerius erstaunt es nicht, dass diese Werte seinem Werk alle sehr präsent sind.

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diesem Kapitel angeführten Beispiele thematisieren pudicitia im Zusammenhang mit einer Tochter.411 In allen vier Beispielen wird deutlich, dass dem Vater (Mütter tauchen in diesem Kapitel nicht auf) die zentrale Aufgabe zukommt, die Keuschheit der Tochter zu schützen. Unabhängig davon, ob sie sich schuldig gemacht hat oder Opfer fremder Gewalt geworden ist, führt eine durch stuprum verlorene castitas in allen Fällen zur Tötung der Tochter.412 Es geht in diesen exempla weniger um die Schuldfrage als vielmehr um den absoluten Wert der pudicitia als Grundlage eines sittlichen Lebens und Voraussetzung einer ehrenvollen Eheverbindung inklusive der Zeugung legitimer Kinder. Besonders deutlich wird dies in 6,1,2.413 Dort berichtet Valerius von dem auch bei Cicero und Livius überlieferten Vorgehen des Plebejers L. Verginius, dessen Tochter vom decemvir Appius Claudius mit stuprumPlänen verfolgt wurde. Noch bevor es zu einem Übergriff kommen konnte, tötete Verginius seine Tochter, denn – so der abschließende Kommentar des Valerius – er zog es vor, der Mörder einer keuschen Tochter als der Vater einer Gefallenen zu sein.414 411 Vier von dreizehn exempla haben die Beziehung eines Vater zu seiner Tochter zum Thema (6,1,2-4 sowie 6,1,6.), und immerhin zwei beschäftigen sich mit dem Eingreifen eines Vater in Bezug auf einen Sohn. Durch die Auswahl seiner Beispiele macht Valerius einen für ihn wichtigen und als typisch römisch eingeschätzten Aspekt der pudicitia-Thematik deutlich, nämlich ihre Präsenz in nahezu allen sozialen Schichten. So finden sich unter den Akteuren nicht nur Berühmtheiten wie Lucretia, sondern auch ein Plebejer (6,1,2), ein Ritter (6,1,3) sowie offenbar sogar ein (ehemaliger?) Sklave (6,1,6). 412 Während die Schuld der Tochter in 6,1,6 erwiesen erscheint, wird die Tochter des Ritters Aufidianus (6,1,3) nicht als aktiv handelnd dargestellt. Völlig unschuldig und sogar unberührt ist die Tochter des L. Verginius (6,1,2), doch nur in einem Fall (6,1,4) ›begnügt‹ der Vater sich damit, den libertus zu töten. Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang die bereits erwähnte Lucretia-Episode. Zwar tritt der Vater in der valerischen Variante nicht auf (Lucretia zieht lediglich ein concilium (!) necessariorum ins Vertrauen). Doch bei Livius kommt gerade dem Vater die wichtige – und vor dem Hintergrund der valerischen exempla unübliche – Funktion zu, die Tochter für die Schändung zu ›ent-schuldigen‹. Dass Valerius die livianische Überlieferung kannte und bewusst eine andere Version wählte, kann nicht mit Sicherheit belegt werden, es erscheint jedoch insofern plausibel, als die Rolle des ›livianischen‹ Vaters der bei Valerius dargestellten Vaterrolle widersprechen würde. Indem Valerius den Vater aus dem Entscheidungsprozess herausnimmt, behält die Episode ihre grundlegende exemplarische Aussage, ohne dem hier entworfenen Bild der Vater-Tochter-Interaktion entgegen zu treten. 413 Sowohl in 6,1,3 als auch in 6,1,4 wird der Bezug auf eine spätere (nach einer Schändung nicht mehr ehrenvoll mögliche) Ehe explizit gemacht. In der sehr ausführlichen livianischen Überlieferung von 6,1,2 (Liv. 3,44-48,5) erfolgt der Angriff des decemvir sogar auf die bereits zur Verlobung gegebene Tochter. 414 Pudicaeque interemptor quam corruptae pater esse maluit. Die Art seines Vorgehens – er bringt die Tochter auf das Forum und tötet sie dort, gemahnt an eine Opferhandlung. In gewisser Weise lässt sich auch hier wieder die Verbindung zum Kapitel 2,7 ziehen: So wie Torquatus dort in einem ähnlich grundlegenden, in die Frühzeit zu datierenden Beispiel (2,7,6) seinen Sohn in modum hostiae umbringen ließ (s. auch oben Kapitel 2.3.2.1) und somit die Blutsbande für das Wohl der res publica opferte, so erscheint auch hier die Tötung der Tochter als Opfer im Namen

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Neben dem Anspruch auf eine absolut gesetzte pudicitia lässt sich bei genauerem Hinsehen noch ein zweites zentrales Handlungsmotiv festmachen, das eng mit der gesellschaftlichen Vorbildfunktion römischer exempla verbunden ist: Diese wird ihnen nämlich durchaus nicht unbedingt und ausschließlich ex post – im Sinne einer exemplarischen Funktionalisierung bestimmter Geschichten oder Episoden – zugesprochen, sondern häufig auch von den handelnden Akteuren selbst in Anspruch genommen.415 Deutlich wird dies nicht zuletzt am Beispiel 6,1,4, in dem Valerius darauf hinweist, dass P. Maenius den Kuss, den ein libertus seiner Tochter gegeben hatte, nicht als so dramatisch hätte beurteilen müssen, da es infolge eines Irrtums, nicht aber aufgrund von libido geschehen zu sein schien.416 Dennoch, und obgleich Maenius seinen Freigelassenen sehr schätzte, ließ er ihn umbringen, denn er hielt es für wichtig, seiner Tochter durch das Beispiel einer so harten Strafe die disciplina castitatis zu lehren.417 Wie beurteilt Valerius das väterliche Verhalten in den hier besprochenen exempla? Im Prinzip sind diese Fälle vergleichbar mit dem bereits ausführlich erörterten Vorgehen von Vätern gegenüber Söhnen, die gegen die Regeln der res publica verstoßen haben.418 Wie dort handelt es sich auch hier um hoch konfliktuelle Interaktionen, die jedoch vor dem Hintergrund höherer Interessen – Wahrung der Familienehre und der Heiratschancen einer Tochter – eine gewisse Legitimität beanspruchen können. Obgleich es nur in einem Fall gelingt, die Tochter für eine spätere Heirat zu bewahren, wird das väterliche Handeln von Valerius daher weitgehend zustimmend und einer Wertvorstellung, der eine zentrale und die römische Macht mitbegründende Bedeutung zugesprochen wird. Nach Ansicht von Stahlmann, S. 52ff., war dieses Vorgehen für die Väter die einzige Möglichkeit, die Ordnung wiederherzustellen, für die sie verantwortlich waren. 415 Ganz explizit zeigt sich dieser Aspekt in der livianischen Version des Beispiels 6,1,1 (Liv. 1,58,7-12): Nachdem Lucretia ihrem Vater und ihrem Mann von der ihr zugefügten Schändung berichtet hat, versuchen diese, sie zu beruhigen, da die Schuld doch augenscheinlich bei Tarquinius liege. Obgleich Lucretia diese Argumentation nicht völlig widerlegen kann, sieht sie sich dennoch nicht in der Lage, weiter zu leben und tötet sich mit den Worten, sie wolle verhindern, dass sich in späterer Zeit eine impudica auf das exemplum Lucretiae berufen könne: nec ulla deinde impudica Lucretiae exemplo vivet (Liv. 1,58,10). 416 Wie man diesen error zu deuten hat, ist unklar, zumal diese Episode sonst nirgends überliefert ist. 417 ceterum amaritudine poenae teneris adhuc puellae sensibus castitatis disciplinam ingenerari magni aestimavit, eique tam tristi exemplo praecepit ut non solum virginitatem illibatam sed etiam oscula ad virum sincera perferret. Durch solche exemplarische Handlungen und Erzählungen wurde den zukünftigen Ehefrauen die Notwendigkeit der Bewahrung von pudicitia klar gemacht, die natürlich auch für die Ehefrauen von zentraler Bedeutung blieb. Dies zeigen nicht zuletzt zwei exempla, in denen das Lob der keuschen Ehefrauen gesungen wird: 2,1,3 (De institutis antiquis) und 7,1,1 (De felicitate). 418 So ist es beispielsweise nur konsequent, dass Maenius hier – ähnlich den beiden Vätern im Beispiel 2,7,6 (De disciplina militari) – als severus pudicitiae custos bezeichnet wird (vgl. oben Anm. 228).

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positiv beschrieben. Letztlich entspricht ihr Verhalten offensichtlich den Erwartungen, die an Väter gestellt werden.419 Jedoch beschränkt sich die väterliche Verantwortung nicht auf den Bereich der pudicitia. Die Bewahrung der Keuschheit ist nur eine – notwendige – Voraussetzung für eine mögliche Heirat, doch die Verantwortung der Väter (und Mütter) geht darüber hinaus. 3.2.2.2 Probleme einer Heirat: Finanzierung und Organisation der Hochzeit Wenn es einem Vater gelungen war, seiner Tochter die pudicitia und castitas zu bewahren, galt es sodann, einen passenden Ehemann auszuwählen und die Heirat zu organisieren. Obgleich sich für diese Thematik nur mit Vorbehalt allgemeine Aussagen machen lassen – lediglich zwei exempla beschäftigen sich mit solchen Fragen –, wird doch deutlich, dass finanzielle Überlegungen eine wichtige Rolle spielten. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die beiden Beispiele, in denen die Organisation einer Hochzeit behandelt wird, im Kapitel 4,4 (De paupertate) zu finden sind.420 Einer kurzen Erwähnung en passant im Beispiel 4,4,9 zufolge obliegt es in der Regel dem Vater, einen geeigneten Mann auszuwählen.421 Die Eignung hängt dabei in nicht unerheblichem Maße von den finanziellen Möglichkeiten des zukünftigen Ehemannes ab – und so zeigt Valerius sich erstaunt darüber, dass der princeps civitatis (Aemilius) Paullus seine Tochter dem Q. Aelius Tubero trotz dessen großer Armut zur Frau gegeben hatte.422 Doch nicht nur die finanzielle Lage des Ehemannes, sondern auch die des 419 So wird von Verginius gesagt, er sei plebei generis, sed patricii vir spiritus (6,1,2). Des Weiteren lobt Valerius den robor animi des Pontius Aufidianus (6,1,3) und nennt P. Maenius einen severus custos pudicitiae (6,1,4). Lediglich im letzten Beispiel (6,1,6) klingt ein kritischer Unterton mit, wenn Valerius von dem vorangehenden exemplum sagt, er hätte jenen Vater als zu schrecklich (atrox) beurteilt, wenn er nicht sehen würde, welch ein strenger Vater P. Atilius Philiscus war. Dieses Urteil lässt sich jedoch nicht aus einem substantiellen Unterschied im Vorgehen dieses Vaters erklären. Vielmehr scheint es der Überraschung über dessen Wandlung vom (zumindest teilweise) Schuldigen zum Bestrafenden auszudrücken. 420 In diesem Zusammenhang soll kurz auf das Beispiel 1,5,4 (De ominibus) hingewiesen werden, obschon es hier nicht um eine Tochter, sondern um eine Nichte geht. Hier wird deutlich, dass nicht nur die Eltern, sondern auch weiter entfernte Verwandte mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt waren. In diesem konkreten Fall wird berichtet, dass Caecilia Metella mit ihrer Nichte eine Nacht in einem sacellum verbrachte, um more prisco ein Omen für deren Hochzeit einzuholen (s. hierzu auch unten, Kapitel 3.4.3.2). 421 Das uns aus anderen Quellen bekannte Mitspracherecht der Mutter wird bei Valerius nicht erwähnt (s. unten Anm. 431). 422 Natürlich ist das Vorgehen des Paullus im Kontext der ruhmvollen paupertas der maiores zu verstehen, für die nicht Reichtum, sondern der Einsatz für die res publica im Zentrum des Strebens stand. Indirekt kümmert Paullus sich nach der Heirat weiter um die finanzielle Lage dieser Tochter, denn er lässt seinem Schwiegersohn nach dem Sieg über Perseus einen Teil der Beute zukommen (vgl. hierzu Hallett, S. 99f.).

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Vaters konnte ein Problem darstellen. In 4,4,10 berichtet Valerius von Cn. Scipio, der aufgrund seines Engagements im Zweiten Punischen Krieg nicht in der Lage war, sich um die Beschaffung der Mitgift seiner Tochter zu kümmern, und den Senat daher bittet, ihm einen Nachfolger zu schicken.423 Seine Bitte macht deutlich, welch hoher Stellenwert diesen in der Regel dem Vater obliegenden Hochzeitsvorbereitungen in der römischen Gesellschaft zugesprochen wurde – ein Befund, der durch die von Valerius geschilderte Reaktion des Senats noch unterstrichen wird: Um zu verhindern, dass die res publica einen guten Feldherrn verliere, nimmt der Senat sich des sowohl organisatorischen wie auch finanziellen Problems an:424 In expliziter Übernahme der Vaterrolle bespricht er die Mitgift mit Scipios Ehefrau und den propinquii, zahlt die Summe aus dem aerarium und verheiratet die Tochter.425 3.2.2.3 Implikationen einer Heirat: necessitudo und amicitia Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, war eine Eheschließung Valerius zufolge keine primär individuelle, sondern eine familiäre Angelegenheit.426 Dass dies nicht nur für die eben erörterten finanziellen Belange galt, sondern auch im Hinblick auf die Gründe und Kriterien für die Auswahl des zukünftigen Ehemannes von Bedeutung war, machen zwei wichti423 Die Eile erklärt Valerius indirekt damit, dass die Tochter nicht mehr ganz jung gewesen sei. Hallett führt diese Episode als eine unter mehreren »historical anecdotes reported by later authors about well-born individuals during this mid-republican period« an, die ihrer Ansicht nach »protection, affection, and attention lavished on daughters by fathers« als erwünschte und positive konnotierte Verhaltensweisen darstellten (ebd. S. 99). Obschon das sicherlich nicht ganz falsch ist, gilt es jedoch klar zwischen Zuneigung (»affection«) einerseits und den väterlichen Pflichten wie etwa die Bereitstellung einer Mitgift andererseits zu unterscheiden (einen Ausdruck von Zuneigung mag man dagegen im Beispiel 1,5,3 festmachen; s. oben Anm. 397). 424 Dass die Verantwortung eines Vaters sich nicht nur auf die Eheschließung seiner Tochter bezog, sondern seine Abwesenheit auch aus anderen Gründen ein ernstes Problem für Frau und Kinder darstellen konnte, das durch das Eingreifen des Senats gelöst werden musste, zeigt sich im Beispiel 4,4,6. 425 Dass diese Aufgaben in der Regel dem Vater zukamen, macht Valerius mit dem Ausdruck deutlich, der Senat habe die patris partes übernommen. Obgleich es sich dabei nicht gerade um einen alltäglichen Vorgang handelte – zum einen war Scipio immerhin einer der berühmtesten römischen nobiles, und zum anderen entsprangen natürlich auch die Gründe für das Engagement des Senats (der unverzichtbare Einsatz Scipios im Krieg gegen Karthago) einer Ausnahmesituation –, kann Valerius immerhin noch zwei weitere Fälle nennen, in denen die liberalitas des Senats Töchter vor einer mitgiftlosen Ehe bewahrte (beide in 4,4,10). Wer bei weniger berühmten Familien und unter weniger dramatischen Umständen die Vaterrolle übernehmen konnte, ist hier nicht zu klären. 426 Diese Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen der Familienforschung. So betont etwa Dixon die Parallelen zwischen Rom und anderen Kulturen in Bezug auf die gesamtfamiliäre Bedeutung der Heirat. Der Eheschließung kamen dabei zahlreiche Funktionen zu, wobei in erster Linie die Verbindung zweier Familien sowie die Regelung der Weitergabe von Besitz im Zentrum standen (Dixon, The Roman Family, S. 62f.).

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ge, im Folgenden näher zu besprechende Beispiele (4,2,3 und 4,2,6) deutlich: Das für die vorliegende Arbeit zentrale Kapitel 4,2 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine) inszeniert das Verhalten öffentlich agierender Männer, die sich – meist zum Wohle der res publica – dazu entschließen, eine lang gehegte Feindschaft beizulegen und in amicitia bzw. necessitudo umzuwandeln.427 Während das Ende der Feindschaft in einigen Fällen lediglich verbal festgestellt wird (4,2,1-2), setzt Valerius in anderen exempla bestimmte Handlungen in Szene, die gleichsam als Ausdruck und Folge des beigelegten Streits zu verstehen sind. Am häufigsten finden sich in diesem Zusammenhang die Unterstützung des einstigen Gegners vor Gericht sowie das Schließen eines Ehebundes.428 Dabei wird deutlich, dass die Auswirkungen der Eheschließung einer Tochter über den rein familiären Bereich hinausgehen und den ›öffentlichen‹ bzw. politischen Raum betreffen konnten. Eine Tochter zur Frau zu geben bzw. sich für eine Ehefrau zu entscheiden, bedeutet in den hier behandelten Fällen die Begründung einer amicitia-Beziehung. Zugleich ist diese Entscheidung als demonstrativer Ausdruck des gewandelten Verhältnisses zwischen Schwiegervater und -sohn zu verstehen. Primärer Bezugspunkt und Aussage des Heiratsaktes ist hier nicht die Familie, sondern die Öffentlichkeit – die Beziehung zwischen Mann und Frau hat ohnehin nur sekundäre Bedeutung.429 Die öffentliche Relevanz der Eheschließung zeigt sich besonders deutlich im Verhältnis zwischen Scipio Africanus und Ti. Gracchus (4,2,3).430 Von gegenseitigem Hass erfüllt kommen sie zu einem heiligen Mahl auf dem Kapitol zusammen, et amicitia et adfinitate iuncti verlassen sie es: Sie 427 Die Implikationen von amicitia und inimicitiae werden im Kapitel 5 einer ausführlichen Untersuchung unterzogen. Hier gilt die Aufmerksamkeit lediglich denjenigen exempla, die zugleich eine Eheschließung zum Thema haben. 428 Gerichtlicher Beistand wird in 4,2,4-5 sowie 4,2,7 inszeniert, die beiden Eheschließungen finden sich in den Beispielen 4,2,3 und 4,2,6. 429 Das bereits kurz erwähnte Beispiel 5,1,10 (De humanitate et clementia, s. oben Anm. 403) zeigt die enge Verflechtung zwischen verwandtschaftlicher Beziehung und politischer Relevanz gleichsam e negativo: Eigentlich beinhaltet die Verheiratung einer Tochter die Begründung eines amicitia-Verhältnisses zwischen Schwiegervater und -sohn, wie es zwischen Caesar und Pompeius ursprünglich auch der Fall gewesen war. Die durch die Umstände entstandene Feindschaft führte gleichsam zu einer Aufhebung der Verwandtschaftsbeziehung: Erst als Caesar, nach dem Sieg über Pompeius, dessen Kopf präsentiert bekommt, da vergisst er die Feindschaft und wird – so Valerius – wieder Schwiegervater (oblitus hostis soceri vultum induit ac Pompeio cum proprias tum et filiae suae lacrimas reddidit). Auch in 6,2,3 wird – e negativo – deutlich, dass eine Heirat im Allgemeinen mit amicitia-Beziehungen verbunden ist, wobei es in diesem Fall um den Schwager geht. 430 Siehe zu diesem exemplum auch die Ausführungen im Rahmen des Kapitels 3.6 über die adfinitas- und propinquitas-Bindungen. Die Eheschließung der Tochter beinhaltet zugleich auch die Begründung einer Schwiegerbeziehung, der in Rom ein hoher Stellenwert zukam.

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legen nicht nur auctore senatu ihre Feindschaft bei, sondern Scipio verspricht darüber hinaus dem Gracchus seine Tochter Cornelia zur Frau. Interessant ist in diesem Zusammenhang sowohl der Ort ihrer Versöhnung als auch die Motivation. Nicht zu Hause, sondern auf einem der öffentlichsten Plätze Roms, nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Betreiben des Senates, wird die Schwiegerbeziehung, und damit die concordia, begründet und zelebriert. Die öffentliche Relevanz wird zudem dadurch betont, dass Valerius alle darüber hinaus gehenden Aspekte völlig ausblendet.431 Die Episode gilt ihm als clarum depositarum inimicitiarum exemplum, in dessen Rahmen der Eheschließung eine rein funktionale Bedeutung zukommt.432

431 Die Fokussierung gehört zu den im Kapitel 1.2 erwähnten und bereits mehrfach illustrierten Charakteristika exemplarischen Erzählens. Während Livius (38,57,2-8, hier 6) etwa auf den Unmut von Scipios Frau hinweist, die ihr Mitspracherecht bei der Verheiratung ihrer Tochter einfordert, werden vergleichbare familiäre Belange in der valerischen Version nicht erwähnt. Auch die Versöhnung wird hier in stärkerem Maße mit der Initiative der beiden auctores, Scipio und Gracchus, verbunden. Zwar weist Valerius ebenfalls auf die Urheberschaft des Senates hin (auctore senatu), doch Livius spricht dessen Einflussnahme eine deutlich wichtigere Rolle zu. Offensichtlich möchte Valerius in diesem Kapitel das Verdienst der jeweiligen auctores in den Mittelpunkt rücken und ihre Entscheidung daher als in hohem Maße selbstbestimmt darstellen. Da wir von diesem Beispiel nicht nur eine frühere, sondern auch eine spätere, potentiell auf dem valerischen Werk fußende Variante kennen, lässt sich hier ein weiterer Aspekt illustrieren: Entgegen der in der Forschung vielfach vertretenen Meinung (s. Kapitel 1.2, bes. Anm. 66 und 70) war die Bedeutung der exempla auch in der Kaiserzeit nicht notwendig kanonisch festgelegt. Dies zeigen die Controversiae des Seneca, in denen einer der Diskutanten Bezug auf die gerade besprochene Episode nimmt (contr. 5,2,2): Ein Sohn heiratet nach dem vermeintlichen Tod seines Vaters die Tochter eines früheren Feindes des Vaters. Der Vater kehrt zurück und verlangt die Trennung. Um ihn zu überzeugen, führt der Sohn das Beispiel von Scipio und Gracchus an: Auch sie seien verfeindet gewesen und doch später Schwiegervater und -sohn geworden. Während es bei Valerius um die Frage ging, wie und weshalb in inimicitiae befangene Aristokraten zur Versöhnung finden (wobei als Grund das Wohl der res publica angeführt wurde), und die Eheschließung lediglich unter dem funktionalen Aspekt der Demonstration und Begründung von concordia betrachtet wurde, steht hier die Heirat selbst im Zentrum. Thema ist die Frage, ob Feindschaft zwischen Vätern ein Hindernis für die Hochzeit ihrer Kinder sein darf, und die Antwort, die mit Hilfe eines ursprünglich ganz anders ausgerichteten Exempels gegeben wird, lautet: nein. 432 Diese in erster Linie funktionale Bedeutung des Eheversprechens – als Demonstration der neuerlangten Einigkeit sowie der überwundenen Feindschaft – findet sich auch in 4,2,6. Hier scheint die Initiative nicht vom Brautvater auszugehen, sondern vom zukünftigen Schwiegersohn: Caninius Gallus habe – so Valerius – sowohl als Ankläger wie auch als Angeklagter auf bewundernswerte Weise gehandelt. Denn er habe zum einen die Tochter des C. Antonius geheiratet, den er zuvor verurteilt hatte und zum anderen M. Colonius, der ihn verurteilt hatte, zu seinem procurator gemacht. In diesem Fall geht es in erster Linie darum, dass Gallus aus den gerichtlichen Zwistigkeiten keine längerfristige Feindschaft erwachsen lässt, und die verwandtschaftliche Bindung ist ebenso wie die ›politische‹ als Ausdruck des Willens zur Kooperation zu verstehen.

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3.2.3 Abschließende Bemerkungen Wie das vorliegende Kapitel gezeigt hat, ist die Stellung der Tochter im valerischen Werk durch eine große Vielfalt an Aktionsmöglichkeiten bestimmt, wobei die zahlreichen, meist positiv konnotierten Handlungen aufgrund der oft dünnen Quellenlage nur mit Vorbehalt zu allgemeineren Schlussfolgerungen führen können. Im Hinblick auf die Stellung der Tochter als zukünftige Ehefrau, die in zahlreichen Beispielen thematisiert wird, bietet sich zwar eine etwas stabilere Quellenbasis, doch geht es hier nur indirekt um die Tochter selbst. Im Zentrum steht vielmehr die Bedeutung, die dem Vater (nur in Einzelfällen der Mutter) im Rahmen der Eheschließung zukommt bzw. um die Implikationen, welche die Verheiratung einer Tochter für ihn und sein soziales Umfeld hat. Dabei lässt sich ein vergleichsweise breites Spektrum an Beziehungen feststellen: Nicht nur Eltern und Verlobte, sondern auch Brüder, weiter entfernte Verwandte sowie der Senat sind Teil des sozialen Netzes, das im Zusammenhang mit einer Eheschließung aktiviert werden kann. Die Zusammenschau der relevanten exempla erweist die Tochter somit als wichtiges Bindeglied zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, das in grundlegender Weise zum Zusammenhalt innerhalb der römischen Gesellschaft beiträgt. Auffällig ist, dass viele Beispiele auf den ›öffentlichen‹ Raum bezogen sind und häufig außergewöhnliche Handlungen inszenieren. Mit Hilfe sinnstiftender Darstellung und Kontextualisierung bestimmter exempla gelingt es Valerius, konfliktuelle oder rechtlich problematische Episoden (um-) zu deuten und in den von ihm intendierten Rahmen einzubinden, ähnlich wie dies im Rahmen der Vater-Sohn-Beziehung herausgearbeitet worden ist.433 Die für republikanische Autoren zentralen rechtlichen Gegebenheiten und problematischen Konstellationen werden auch hier fast vollständig ausgeblendet.434 Wieder erweist sich die den Eltern geschuldete pietas als zentral für das ›Auffangen‹ konfliktueller Situationen. Und wie in der Vater-SohnBeziehung ist die explizite Normativität – etwa in der Inszenierung von pudicitia – auch hier sehr präsent. 433 Insbesondere für die hier ebenfalls wichtige pietas ist im Zusammenhang mit Vätern und Söhnen eine vergleichbare (Um-) Deutung herausgearbeitet worden (s. oben Kapitel 2.3.4.3 zur Interpretation von 5,4,5). Vgl. ähnlich auch die Beispiele 4,1,5 sowie 5,7,1 (s. oben Kapitel 2.3.2.3) und 5,4,6 (s. oben Kapitel 3.2.1.2) Im Zusammenhang mit den außerverwandtschaftlichen Nahbeziehungen wird die Bedeutung dieser Thematik nochmals ausführlich zu diskutieren sein (s. unten Kapitel 5, besonders 5.3, 5.4, 5.5, 5.6 und 5.8). 434 Die begrenzte Relevanz rechtlicher Fragestellungen ist insbesondere im Zusammenhang mit den Erbschaftsbeispielen deutlich geworden (s. oben Kapitel 2.3.4.2 und 2.6.2, sowie die Besprechung des Beispiels 5,4,7 im Kapitel 3.2.1.2).

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3.3 Die römische Ehe im Wandel der Zeiten Die römische Ehe im Wandel der Zeiten Im Vergleich zu den übrigen verwandtschaftlichen Beziehungen nimmt das Thema der römischen Ehe im valerischen Werk einen breiten Raum ein. Mit rund 50 Beispielen steht die eheliche Bindung im Hinblick auf ihre rein numerische Präsenz auf dem zweiten Platz nach dem Vater-SohnVerhältnis. Dieser quantitativen Stellung entspricht die Bedeutung, die dieser Thematik in den Facta et dicta memorabilia zukommt und die in Ansätzen bereits im Rahmen der Diskussion über die Stellung der Tochter angesprochen worden ist. So wird das Eheverhältnis in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle (direkt oder indirekt) inszeniert und erscheint schon aus diesem Grunde sehr präsent. Weiter verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die betreffenden exempla meist gehäuft in bestimmten – in zwei Fällen sogar explizit mit dieser Thematik befassten – Kapiteln auftreten,435 deren Titel (de institutis antiquis, de severitate, de amore coniugali, de fide uxorum erga viros) als erste Orientierungspunkte der nachfolgenden Untersuchung betrachtet werden können. Trotz der relativ hohen Anzahl an exempla ist es indes nicht möglich bzw. sinnvoll, eine der Vater-Sohn-Beziehung entsprechende Einteilung in ein inszeniertes und ein kontingentes Bild als Analysegrundlage zu nehmen. Zum einen gibt es nur wenige kontigente Erwähnungen und zum anderen lässt sich hier – im Gegensatz zum Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen – kein bedeutsamer Unterschied zwischen den beiden Beispielgruppen feststellen. Hingegen konnte im Verlaufe der Untersuchung eine andere signifikante Differenzierung herausgearbeitet werden, die für die valerische Darstellung der Ehebeziehungen von zentraler Bedeutung ist: die chronologische Einordnung der exempla. Während diese im Rahmen der bisher behandelten familiären Beziehungen eine eher sekundäre Rolle spielte und häufig aufgrund unklarer Datierung nur schwer festzumachen ist, lassen sich anhand der Analyse aller Ehebeispiele zeitlich klar zuzuordnende Unterschiede feststellen. Entgegen der in der Forschung etwa von Paul Veyne vertretenen Vorstellung eines in die frühe Kaiserzeit zu datierenden Wandels,436 weist 435 Dies gilt in erster Linie für die Kapitel 2,1 (De institutis antiquis), 4,6 (De amore coniugali), 6,7 (De fide uxorum) sowie 6,3 (De severitate). Insbesondere im Kapitel 2,1 ergibt sich durch die Aneinanderreihung verschiedener Ehe-exempla ein sehr umfassendes Panorama alter Sitten und Bräuche. Die Bedeutung, die Valerius der Ehe zuschreibt, lässt sich auch daraus ersehen, dass er diese Thematik an den Anfang des zweiten Buches stellt, dessen Ziel und Zweck er in der praefatio folgendermaßen darstellt: opus est enim cognosci huiusce vitae, quam sub optimo principe felicem agimus, quaenam fuerint elementa, ut eorum quoque respectus aliquid praesentibus moribus prosit (2 pr.) 436 S. hierzu unten Anm. 439.

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der Quellenbefund im valerischen Werk eine deutliche Zäsur für die erste Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auf: Das Bild, das sich aus den vor 200 v. Chr. zu datierenden Beispielen ergibt, unterscheidet sich klar von den exempla nach 146 v. Chr. Für die Zeit zwischen 200 und 146 v. Chr. finden sich Beispiele für beide ›Bilder‹ – ein Umstand, der auf eine Phase des Umbruchs hindeuten könnte. Der Wandel wird in den Facta et dicta memorabilia auf mehreren Ebenen greifbar: Veränderungen betreffen nicht nur die Art der Beziehung, sondern auch die Handlungsträger sowie die Bedeutung, die der Ehe zugesprochen wird. Selbst in der Form der exempla lassen sich Unterschiede ausmachen. 1. Was die konkrete Ausgestaltung der Ehebeziehung betrifft, lässt sich auf der Ebene der Interaktionen die Tendenz einer Verschiebung von stärker konfliktuellen und kontrollierenden Handlungen zu unterschiedlichen Formen der Unterstützung feststellen. Während sich in der Frühzeit zahlreiche stark konfliktuelle Interaktionen – etwa Tötungsdelikte sowie das Verstoßen der Ehefrau – finden, sind die exempla der späten Republik in hohem Maße durch direkt unterstützende und aufopfernde Haltungen charakterisiert. 2. Dieser Wandel hin zur Darstellung mehr unterstützender Interaktionen stellt sich jedoch nicht einfach als ein Rückgang des Konfliktpotentials dar. Vielmehr zeigt die Untersuchung der betreffenden exempla, dass sich die Bedeutung, die der Ehe und ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft zugesprochen wird, im Laufe der Zeit verändert. Dies wird insbesondere in den positiv konnotierten Beziehungsmustern deutlich, die sich in der späteren Zeit in einer veränderten Form präsentieren. Diese äußert sich nicht zuletzt in einer teilweise gewandelten Begrifflichkeit.437 Während das Verhalten von Ehepartnern in den Beispielen der römischen Frühzeit eng in den gesellschaftlichen Kontext mit seinen zentralen Werten (wie pudicitia, pudor und concordia sowie im Konfliktfall severitas) eingebunden und auf die Akzeptanz dieses Umfeldes ausgerichtet war,438 erscheint die Ehe seit dem zweiten und mehr noch im ersten vorchristlichen Jahrhundert in stärkerem Maße als eine auf sich selbst gerichtete, von den gesellschaftlichen Belan-

437 Die Begriffe amor und fides, die in den hier zu behandelnden Beispielen eine zentrale Rolle spielen, werden in den Ehe-exempla der Frühzeit fast nie verwendet (lediglich in 2,1,4 fällt der Ausdruck fides coniugalis). 438 Vgl. hierzu auch Dixon, The Roman Family, S. 69, die jedoch ebenfalls deutlich macht, dass man hier lediglich Aussagen über Vorstellungen, jedoch kaum über reale Entwicklungen machen kann. Zur Bedeutung der gesellschaftlichen Akzeptanz s. beispielsweise Val. Max. 2,9,2 (s. dazu die Ausführungen am Ende des Kapitels 3.3.1.2).

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gen gleichsam getrennte Beziehung.439 Das Handeln orientiert sich in der Regel an sehr direkten, oft vitalen Bedürfnissen des Ehepartners, ohne dass dem sozialen Kontext dabei eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Wenn das gesellschaftliche Umfeld doch präsent ist, dann wird es in der Regel als Bedrohung dargestellt, vor der die Ehegatten sich schützen müssen.440 3. In enger Verbindung mit den eben skizzierten Entwicklungen steht eine Verlagerung der Handlungsträger hin zu einer stärkeren und positiver konnotierten Präsenz der Ehefrauen. Während Frauen sich in den Beispielen der frühen und mittleren Republik durch ein vergleichsweise hohes Konfliktpotential auszeichnen,441 eröffnen sich ihnen seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert – und verstärkt in der Krisenzeit der späten Republik – neue Handlungsräume. Diese gehen häufig mit der bereits angesprochenen aufopfernden Haltung einher. 4. Schließlich lassen sich auch in der Form der exempla Unterschiede aufzeigen: Da die auf Ehe und Hochzeit bezogenen Sitten und »Einrichtungen« (instituta) für die Frühzeit häufig ohne Bezugnahme auf konkrete Ereignisse, Taten oder auctores beschrieben werden, nimmt die Illustration der positiven Seiten Ehe in vielen Fällen eine gleichsam antiquarisch anmutende Gestalt an. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, diesen vielschichtigen Wandel nachzuzeichnen und zu analysieren. In Anlehnung an den Quellenbefund einerseits und an eine konventionelle Datierung des Übergangs von der mittleren zur späten Republik andererseits wird die Zäsur zwischen den beiden Ehekonzeptionen in das Jahr 146 v. Chr. gelegt. Da die Festlegung auf ein bestimmtes Jahr jedoch immer problematisch und letztlich willkür439 In mancher Hinsicht deckt sich dieser Befund mit Konzepten, die in den letzten beiden Jahrzehnten für das Verhältnis zwischen Ehepartnern erarbeitet worden sind. In unterschiedlichen Formen haben mehrere Forscher Thesen aufgestellt, denen zufolge die Vorstellung von Ehe, Familie und Sexualität im Rom der späten Republik (Dixon) bzw. der frühen Kaiserzeit (Veyne) eine grundlegende Transformation vollzogen habe, die im Zusammenhang mit den politischen Veränderungen dieser Zeit zu sehen sei. Dabei habe die strategische Bedeutung der Ehe (etwa Familienallianzen, Weitergabe von Vermögen und Status) an Einfluss verloren, während den Emotionen und der Paarbeziehung eine neue Bedeutung zugesprochen worden sei. Als prominente Vertreter sind in diesem Zusammenhang Paul Veyne (Veyne, La famille et l’amour) und Michel Foucault zu nennen. Letzterer postuliert beispielsweise die Entwicklung hin zu einer stärkeren »Bindung der Gatten« und konstatiert daraus resultierend eine effektivere »Absonderung des Paares im Feld der anderen gesellschaftlichen Beziehungen« (Foucault, S. 105). Auch die Arbeiten von Suzanne Dixon, die auf die Herausbildung eines »sentimental ideal« von Ehe und Familienleben abheben, weisen in eine ähnliche Richtung (Dixon, The sentimental Ideal). Zur Kritik an Veyne und Foucault vgl. Cohen / Saller, besonders S. 44ff. sowie Benabou, S. 1259f. 440 Vgl. hierzu Kapitel 3.3.2.2. 441 S. Kapitel 3.3.1.2.

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lich ist und der Quellenbefund zudem allgemeiner in die ganze erste Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts weist, erscheint es sinnvoll die Grenze flexibel zu fassen: Daher werden die (insgesamt sechs) zwischen 200 v. Chr. und 146 v. Chr. zu datierenden exempla, unter denen sich typische Beispiele für beide Ehekonzeptionen finden, im Folgenden beiden Phasen zugeordnet, um so die Entwicklungstendenzen genauer herauszuarbeiten. Diejenigen Beispiele, für die hinsichtlich der Zäsur von 146 bzw. 200 v. Chr. keine Einordnung möglich ist, können nicht als Beleg für die hier beschriebene chronologische Entwicklung herangezogen werden.442

3.3.1 Zwischen pudor und severitas: die römische Frühzeit Etwa ein Drittel der Beispiele, die sich mit dem Thema Ehe beschäftigen, lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit in die Zeit vor 200 v. Chr. datieren, weitere sechs fallen in die Periode zwischen 200 und 146 v. Chr.443 Die Beispiele der Frühzeit umfassen in erster Linie zwei Gruppen von exempla, die sich in den ersten Kapiteln des zweiten Buches (De institutis antiquis) sowie im Kapitel 6,3 (De severitate) finden, und die in der Regel der Kategorie der inszenierten Beziehungen zuzuordnen sind.444 Diese Kapitel markieren zugleich die beiden Pole, zwischen denen sich die valerische Darstellung der Ehethematik der römischen Frühzeit und bis in die mittlere Republik hinein bewegt: Auf der einen Seite stehen die mores maiorum, also diejenigen Sitten und Bräuche, die von pudor, pudicita und concordia geprägt waren und die Konzeption von Ehe bei den antiqui charakterisierten. Auf der anderen Seite finden sich massive Konflikte, die von Sanktionen wie dem repudium bis hin zur Tötung eines Ehepartners reichen und die Thematik des mos maiorum auf eine völlig andere Art illustrieren. In welchem Verhältnis diese beiden gegensätzlichen Vorstellungen stehen und welches Gesamtbild sich daraus für die römische Ehe ergibt, soll im Folgenden untersucht werden.

442 Zur zeitlichen Einordnung der exempla vgl. die Liste im Anhang. 443 Die Einschränkung auf die wahrscheinliche Datierung hängt in erster Linie damit zusammen, dass von den exempla des Kapitels 2,1 fast keines datiert werden kann. Da Valerius dort jedoch die mores der antiqui behandelt, darf man sie wohl zu den frühen Beispielen rechnen. 444 Diese beiden Gruppen umfassen alleine 10 von den insgesamt 21 exempla, hinzu kommen zwei aus dem Kapitel 2,9 (De censoria nota) sowie drei aus dem Kapitel 4,4 (De paupertate). Die übrigen Beispiele verteilen sich ohne weitere Schwerpunkte auf verschiedene andere Kapitel. Darüber hinaus gibt es ein severitas-exemplum, dessen Datierung unklar, aber wohl eher in der Frühzeit zu verorten ist (6,3,11).

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3.3.1.1 Der mos maiorum und die Ehe als Institution Folgt man den Darstellungen des zweiten Buches, so war die Ehe – als Teil der altehrwürdigen instituta – in der römischen Frühzeit ein Hort der Ruhe und des Respekts, der nur selten von äußerem Unbill gestört und in jedem Fall durch öffentliche Instanzen geschützt wurde.445 Im Kapitel 2,1, das zu weiten Teilen mit der Beziehung zwischen Ehepartnern befasst ist,446 führt Valerius grundlegende Aspekte eines idealen und sittenstrengen Ehelebens an, die insbesondere die pudicitia der Frauen sowie einen allgemeinen pudor des Verhaltens umfassen. Im Gegensatz zu den im Kapitel 6,1 (De pudicitia) angeführten Beispielen der Bestrafung fehlender oder gefährdeter Keuschheit finden sich hier ausschließlich positive exempla: So seien Frauen, die nur einmal verheiratet waren, mit der corona pudicitiae geehrt worden, denn man sei der Meinung gewesen, dass die Erfahrung mehrerer Heiraten gleichsam als legitima intemperantia zu betrachten sei (2,1,3). Intemperantia sei auch dadurch vermieden worden, dass Frauen keinen Wein tranken, denn nach dem Weingott sei die unerlaubte Liebeslust als der nächste Schritt in die Zügellosigkeit betrachtet worden (2,1,5b).447 Um zu verhindern, dass die weibliche pudicitia ›tristis et horrida‹ werde, durften die Frauen sich mit Gold und Purpur schmücken, denn zu jener Zeit sei das Sehen und Gesehenwerden durch gegenseitige pudor geschützt gewesen (2,1,5b). Auch die Ehemänner trugen demnach mit ihrer indulgentia (2,1,5b) zum konfliktarmen Miteinander bei, was sich auch darin zeigte, dass es bis 233 v. Chr. kein repudium gegeben habe (2,1,4).448 Wenn es jedoch trotz dieser eigentlich optimalen Voraussetzungen zu einem Streit kam, dann seien die Ehepartner gemeinsam zum Tempel der Göttin Viripla-

445 Die Vorstellung einer sittenstrengen Frühzeit der Republik, auf die seit der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts eine Zeit des Verfalls folgte, prägte das römische Geschichtsbild spätestens seit den Werken von Sallust (s. unten Anm. 473). 446 2,1 ist das erste von fünf Kapiteln, die sich mit den prisca instituta, den Grundlagen des römischen Zusammenlebens, beschäftigen und die alle die Überschrift De institutis antiquis tragen. 2,6 ist dagegen den externen instituta gewidmet. 447 Vini usus olim Romanis feminis ignotis fuit, ne scilicet in aliquod dedecus prolaberentur, quia proximus a Libero patre intemperantiae gradus ad inconcessam venerem esse consuevit (2,1,5b). 448 2,1,4. Hier widerspricht Valerius dem später angeführten Fall 2,9,2, in dem er (ohne jedoch ein Datum zu nennen) ein repudium nennt, das der heute rekonstruierten Datierung zufolge in das Jahr 307 zu setzen ist (s. dazu die Anmerkung bei Shackleton Bailey). Die meisten Parallelquellen für 2,1,4 geben jedoch die gleiche oder eine nur leicht abweichende Datierung an. Der Bruch mit dieser Kontinuität durch Sp. Carvilius, der seine Frau aufgrund ihrer Sterilität verstieß, wurde folgerichtig kritisch kommentiert, obgleich Carvilius gute Gründe für sein Vorgehen hatte (2,1,4).

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ca auf dem Palatin gegangen und in concordia zurückgekehrt, nachdem sie dort ihre Uneinigkeit beigelegt hatten (2,1,6).449 Diese exempla zeichnen sich durch eine weitere Besonderheit aus. Anstelle konkreter Handlungen und Ereignisse führt Valerius hier allgemeine Sitten und Bräuche auf, die keinem bestimmten auctor, sondern der Gesamtheit der antiqui zugeschrieben werden.450 Der Schwerpunkt liegt auf einer beinahe antiquarisch anmutenden Darstellung bestimmter Institutionen und Sitten, welche die Besonderheiten (und häufig die Vorbildlichkeit) des Lebens der Vorfahren illustrieren. Immer wieder zeigt sich der Versuch, aktuelle Verhaltensweisen oder Riten durch den Rekurs auf das Vorgehen der maiores zu erklären (2,1,1) sowie die Frage nach den Anfängen bestimmter Institutionen oder Sitten zu beantworten (2,1,4).451 Diese Darstellungsform zieht sich, mit einigen Ausnahmen, durch die ersten sechs Kapitel des zweiten Buches und umfasst damit genau diejenigen Teile des valerischen Werkes, die sich von allen anderen auch durch das Fehlen eines eigenen Titels unterscheiden.452 Wie Valerius in der Einleitung des zweiten Buches ankündigt, geht es ihm hier neben der Vermittlung moralischer Leitbilder insbesondere um die Darstellung der »Ursprünge« (elementa) der Bräuche und Institutionen (im weiteren Sinne) seiner Zeit.453 449 Dass die sonst nicht weiter bekannte (s. die Anmerkung von Shackleton Bailey) dea Viriplaca von Valerius hier auch als domesticae pacis custos bezeichnet wird, zeigt die große Bedeutung, die der häuslichen concordia dieser Zeit zugesprochen wurde (zur Begrifflichkeit von custos bellicarum rerum bzw. pudicitiae vgl. oben Anm. 228). Abgerundet wird dieses ideale Ehebild durch ein weiteres exemplum, das einen Verweis auf aktuelle Sitten beinhaltet: Die Tatsache, dass die antiqui sowohl publice als auch privatim nichts unternahmen, ohne auspicia dafür einzuholen, sei der Grund dafür, dass auch heute – zur Zeit des Valerius – auspicia bei Hochzeiten präsent seien, obgleich den auspicia selbst keine Bedeutung mehr zukomme (2,1,1). 450 Genau diese Elemente – ein präziser auctor und ein bestimmtes Ereignis – bilden jedoch zentrale Bestandteile römischer exemplarischer Darstellung (vgl. hierzu oben Kapitel 1.2). 451 Zwar sind auch in diesen exempla häufig konkrete Normen – wie etwa pudicitia und concordia – von Bedeutung. Der Fokus liegt indes auf der Darstellung von Sitten und Institutionen wie etwa die Rolle der auspicia bei Hochzeiten (2,1,1), Modi der Konfliktbeilegung in der Ehe (2,1,6) oder die Entstehung des repudium (2,1,4). Zur Entwicklung des antiquarischen Interesses in Rom vgl. Moatti, La raison de Rome, S. 109f., S. 130ff., S. 140ff. und S. 145ff. sowie Sehlmeyer und Fuhrmann, Zur Funktion antiquarischer Forschung, S. 134, S. 141ff. und passim. 452 2,1 bis 2,6 werden unterschiedslos mit De institutis antiquis überschrieben, wobei sich 2,1 bis 2,5 mit römischen instituta beschäftigen, während 2,6 ausschließlich externe Beispiele umfasst. Dabei richtet sich das Interesse insbesondere auf die caritas patriae (2,2), die instituta militariae (2,3), die ludi (2,4) sowie die gravitas und frugalitas maiorum (2,5). Neben den fehlenden Überschriften zeichnen sich diese Beispiele dadurch aus, dass sie keine eigenen praefationes haben. Ab 2,7 haben die Kapitel sowohl individuelle Überschriften wie auch – in den meisten Fällen – kurze Einleitungen. 453 opus est enim cognosci huiusce vitae, quam sub optimo principe felicem agimus, quaenam fuerint elementa, ut eorumque quoque respectus aliquid praesentibus moribus prosit. Shackleton Bailey und Combès übersetzen elementa mit »origins« bzw. »origines«, Faranda spricht dagegen von »fondamenti«. Neben der Ehebeziehung finden sich in diesem Zusammenhang auch einige

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Durch dieses Vorgehen etabliert Valerius in einigen Fällen gleichsam eine doppelte Vergangenheitsebene: Auf die ideale Frühzeit ohne repudium (2,1,4) und ohne quaestio veneficii (2,5,3) folgt eine immer noch vorbildhafte Zeit, die in erster Linie durch den ›richtigen‹, d.h. in der Regel strengen Umgang mit den (meist weiblichen) Verfehlungen charakterisiert wird. Diese Konfliktfelder, die im Kontext des zweiten Buches nur nebenbei anklingen, werden im Rahmen der severitas maiorum ausführlich diskutiert. 3.3.1.2 Die severitas maiorum und das Konfliktpotential der Frauen Verstöße gegen die ehelichen Sitten und Bräuche werden in den Facta et dicta memorabilia nie als solche (etwa in einem gedachten Kapitel De impudicitia), sondern immer unter dem Aspekt von Kontrolle und Sanktion thematisiert. Sie werden damit in eine positive Deutung historischen Handelns integriert, denn die betreffenden exempla machen zwar einerseits deutlich, dass die Welt der Vorfahren ein nicht unbeträchtliches Konfliktpotential umfasste, doch sie werden andererseits als Teil der vorbildhaften mores maiorum dargestellt: Das kompromisslose Vorgehen gegen Verfehlungen jeder Art ist Ausdruck der Wertschätzung für die überlieferten mores und zugleich Garant für das Fortbestehen der traditionellen Ordnung. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Kapitel 6,3 (De severitate),454 aber auch das Kapitel 2,9 (De censoria nota) bietet zwei wichtige exempla, die sich mit der Strafe für mangelnde Wertschätzung der Ehe als Institution beschäftigen. In 2,9,1 berichtet Valerius, dass die Zensoren Camillus und Postumius im Jahre 403 v. Chr. eine Strafe für diejenigen bestimmten, die unverheiratet alt geworden waren.455 Auch 2,9,2 macht deutlich, dass die Ehe infolge negativer Entwicklungen eines spezifischen Schutzes bedurfte: Etwa 100 Jahre nach dem Straferlass von Camillus und Postumius schlossen zwei Zensoren L. Annius aus dem Senat aus, weil er seine Frau verstoßen hatte (repudiasset), ohne ein consilium amicorum hinzuzuziehen, das in solchen Fällen eine wichtige Kontrollfunktion überBeispiele zum Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen sowie zur Bedeutung verwandtschaftlicher Bindungen (2,1,7-9 und 2,2,4). 454 Dieses Kapitel umfasst nicht nur Interaktionen innerhalb der Ehe (6,3,8-12), sondern behandelt auch andere Formen der Strenge. Hervorzuheben ist jedoch, dass alle Beispiele von Strenge, die sich mit Beziehungen innerhalb der Familie befassen, auf Frauen, genauer auf (zukünftige) Ehefrauen gerichtet sind. Die severitas kann dabei unter gewissen Umständen nicht nur durch den Ehemann, sondern auch durch andere Verwandte (propinquii in 6,3,8; Bruder und Vater in 6,3,6) ausgeübt werden. 455 Die in 2,9,1 postulierten ›naturgegebenen‹ Gesetze der Eheschließung und des Kinderzeugens wurden dieser Darstellung zufolge bereits in der Frühzeit nicht automatisch befolgt. Welche große Bedeutung dieser Thematik in der Kaiserzeit zukam, zeigt sich nicht zuletzt in der von Sueton überlieferten Nachricht, derzufolge Augustus dem Volk die berühmte Rede des Zensors Q. Caecilius Metellus aus dem Jahre 131 v. Chr. zugänglich gemacht habe (Suet. Aug. 89,2).

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nahm.456 Wie diese Beispiele deutlich machen, stand die Institution der Ehe in nicht unerheblichem Maße unter sozialer Kontrolle. Dem Befund der Facta et dicta memorabilia zufolge wurden Verstöße gegen ehelich gebotene Verhaltensnormen jedoch in erster Linie von Frauen begangen. Um deren Konfliktpotential in Grenzen zu halten bzw. zu bestrafen, trat eine stark verwandtschaftlich geprägte severitas maiorum auf den Plan. Die vor allem im Kapitel 6,3 thematisierten ›Vergehen‹ von Ehefrauen umfassen in erster Linie als unkeusch beurteilte Handlungen wie das Verlassen des Hauses ohne Kopfbedeckung, Weingenuss, den Besuch der ludi sowie das Gespräch mit einer Prostituierten.457 Obschon die Ehemänner nur in zwei Fällen in ihrer physischen Existenz gefährdet werden,458 ist die Bestrafung in allen exempla hart: In zwei bzw. drei Fällen werden die Frauen verstoßen,459 dreimal sogar getötet.460 Valerius selbst merkt an, dass einige dieser Handlungen als weniger schlimme Vergehen zu betrachten sind,461 und er beschreibt das Urteil in 6,3,10 als sententia abscisa, das strafende Vorgehen als horridus. Dennoch findet er für alle Fälle von Strenge legitimierende Erklärungen, die, seinen Ausführungen in der Einleitung (6,3 pr.) vergleichbar, auf die utilitas dieser Handlungen im Hinblick auf die Vermeidung von Lastern hinweisen.462 Die Strenge ist seiner Ansicht nach hart, 456 Wie bereits in Anm. 448 bemerkt, widerspricht dieses Beispiel dem in 2,1,4 angeführten Datum für das erste repudium in Rom. 457 S. dazu die Beispiele 6,3,9-12 (De severitate). 458 6,3,8 sowie 2,5,3 (De institutis antiquis) berichten von Ehefrauen, die ihre Männer vergiftet haben. 459 Das dritte Beispiel ist 6,3,11, dessen Datierung unklar ist. Es dürfte aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in die hier besprochene Frühzeit fallen. Neben diesen exempla ist auf die bereits thematisierten Episoden 2,1,4 und 2,9,2 zu verweisen, in denen jedoch nicht das repudium als Strafe, sondern die Frage der Rechtmäßigkeit der Verstoßung im Mittelpunkt steht. Valerius verwendet in allen Fällen den Ausdruck repudium bzw. nota repudii. Dieser verweist auf die dem römischen Scheidungsrecht vorausgegangene einseitige Verstoßung der Frau, die sich bestimmter Vergehen schuldig gemacht hatte (Kaser / Knütel V, § 58, Kapitel VII, 47). Beispiele einer von beiden oder nur von der Frau ausgehenden Aufhebung der Ehegemeinschaft (divortium, s. ebd. V, §58, Kapitel VII, 46) finden sich in seinem Werk nicht, was auch damit zusammenhängen könnte, dass diese späterer Zeit dominierende Variante nicht mehr zur Inszenierung von severitas taugte. 460 Der Tötung der Ehefrauen liegt zweimal ein wirklich gravierendes Verbrechen zugrunde – sie hatten ihre Ehemänner vergiftet (6,3,8 und 2,5,3). In einem Fall (6,3,9) bildet Weingenuss den Grund für ihre Tötung. 461 So bemerkt er zum Alkoholgenuss in 6,3,9 mit Bezug auf das vorhergehende exemplum, das die Tötung der Ehemänner zum Thema hatte: Magno scelere horum severitas ad exigendam vindictam concitata est, Egnatii autem Mecennii longe minore de causa, qui uxorem vinum bibisset, fusti percussam interemit. 462 In der Einleitung spricht er von horridae ac tristis severitatis acta, die jedoch utilia quidem legum munimenta darstellten. So verweist er in 6,3,9 auf die Gefahren des Weintrinkens und äußert sich in 6,3,12 über die Notwendigkeit, die mens der Frauen von Schuld und Fehlern (delicta) fernzuhalten. In Bezug auf die Frau, die in der Öffentlichkeit mit einer Prostituierten gesprochen hatte, weist Valerius darauf hin, dass ihr Ehemann gleichsam gegen die Wiege der Schuld

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aber von ratio motiviert und damit durch ein Moment der Reflexion geprägt, das sich bereits im Zusammenhang mit der Vater-Sohn-Beziehung als bedeutsam erwiesen hatte.463 Sie hat in diesen Fällen immer auch eine exemplarische Funktion, die nicht nur die späteren Rezipienten des vorliegenden Beispiels, sondern bereits das unmittelbare Umfeld der Handelnden umfasst.464 Wie Valerius’ Hinweis auf das Fehlen jeglicher Kritik deutlich macht, ist der gesellschaftliche Konsens trotz der Härte der Strafe gegeben.465 Dies war insofern nicht selbstverständlich, als das Handeln der Ehemänner durchaus nicht in einem völlig rechts- bzw. normenfreien Raum spielte: Das bereits erwähnte Beispiel 2,9,2 (De censoria nota) hatte gezeigt, dass ein Ehemann aus dem Senat ausgestoßen werden konnte, weil er für das repudium seiner Frau kein consilium amicorum zusammengerufen hatte.466 Auch das angeblich erste repudium in Rom – Sp. Carvilius, der seine Frau wegen Unfruchtbarkeit verstößt (2,1,4) – erntet trotz des eigentlich akzeptablen Grundes (tolerabilis ratio) Tadel, da man die cupiditas liberorum nicht über die coniugalis fides stellen dürfe.467 Dennoch lässt sich festhalten, dass die hier behandelten Beispiele die Rolle des Ehemannes (im Falle seines Todes gleichsam stellvertretend von Verwandten übernommen) als wichtig und in überwiegendem Maße positiv in Szene setzen. Die gesellschaftliche Funktion des strafenden Vorgehens ist offenkundig und wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Ziel ist in (incunabulis et nutrimentis culpae) vorgehe und lieber vor dem Unrecht schützen als Unrecht bestrafen wolle (6,3,11). 463 Zur Rolle der ratio bei innerehelichen Konflikten s. beispielsweise 6,3,10 sowie ähnlich 2,1,4. Die grundlegende Bedeutung, die dem reflektierenden Moment im Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen zukam, ist insbesondere in den Kapiteln 2.3.3 und 2.6.1 einer ausführlichen Erörterung unterzogen und als ein zentrales Ergebnis für die valerische Konstruktion der VaterSohn-Beziehung herausgearbeitet worden. 464 So kommentiert Valerius etwa in 6,3,12: ergo, dum sic olim feminis occurritur, mens earum a delictis aberat. Und in 6,3,9 bezeichnet er das Vorgehen des Ehemannes sogar offen als optimum exemplum. 465 Dies betont Valerius gerade im Hinblick auf den Fall des Egnatius Mecennius, der seine Frau wegen ihres Weingenusses tötet ( 6,3,9): [...] idque factum non accusatore tantum sed etiam reprehensore caruit, unoquoque optimo illo exemplo violatae Sobrietati poenas pependisse. Dass die gesellschaftliche Akzeptanz im Rahmen der severitas-exempla fast in keinem Falle als Problem erscheint, hängt natürlich auch mit dem Kontext des Kapitels zusammen. Für die Inszenierung von severitas ist zunächst sekundär, ob das Moment der sozialen Kontrolle (etwa durch die Einberufung eines consilium amicorum) gegeben war, und die Problematisierung dieser Frage könnte den exemplarischen Aspekt sogar stören. 466 Zur Beschränkung der Macht der Ehemänner s. auch Dixon, The Roman Family, S. 73. 467 Zur fides coniugalis s. unten Kapitel 3.3.2.2. Die Gegenüberstellung von fides coniugalis und cupiditas liberorum gewinnt vor dem Hintergrund der augusteischen Zeit eine besondere Bedeutung. Wie bereits die Ausführungen zur Beziehung zwischen Eltern und Kindern deutlich gemacht haben, geht die Tendenz zumindest in der Kaiserzeit dahin, eine Ehe nur dann als legitim zu betrachten, wenn sie creandorum liberorum causa vollzogen wurde (s. dazu oben das Kapitel 2.3.4.2 zu Val. Max. 7,7,4).

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allen Fällen die Respektierung und der Schutz des mos maiorum, die – ein reflektierendes und kontrollierendes Moment vorausgesetzt – auch ein unbestreitbar hartes Vorgehen legitimieren können.

3.3.2 Kontinuität und Wandel: Die Bedeutung der Ehe nach 200 v. Chr. Mehr als ein Drittel der exempla, in denen die Ehethematik erwähnt wird, fällt in die Zeit nach 146 v. Chr. Zusammen mit den bereits erwähnten sechs in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts liegenden Fällen lassen sich insgesamt 27 von rund 50 Beispielen in die Zeit nach 200 v. Chr. datieren. Interessant ist, dass nur acht davon eine im weiteren Sinne konfliktuelle Situation bzw. eine problematische Ehekonzeption behandeln, während fast alle übrigen positive Beziehungen thematisieren.468 Ähnlich wie für die exempla der Frühzeit lässt sich eine Tendenz zur Konzentration auf bestimmte Kapitel konstatieren: So fällt ein beträchtlicher Teil der inszenierten exempla in die beiden sehr positiv konnotierten Kapitel 4,6 (De amore coniugali) und 6,7 (De fide uxorum erga viros), während ein weniger bedeutsamer Schwerpunkt (sowohl positiver als auch konfliktträchtiger exempla) im Bereich der Gerichtsthematik zu finden ist.469 Die folgenden Ausführungen werden zeigen, dass diese Schwerpunktsetzung im Sinne eines grundlegenden Wandels interpretiert werden kann, der das valerische Bild der Ehebeziehung und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung in den letzten beiden Jahrhunderten der Republik prägt. Zugleich lassen sich in Bezug auf Normen und Verhaltensweisen einige Konstanten festmachen. Kontinuität und Wandel sind die beiden Pole, zwischen denen die Ehe-Ideale in den valerischen exempla für die Zeit nach 200 v. Chr. angesiedelt sind. 3.3.2.1 Die Rolle des mos maiorum zwischen Kontinuität und Wandel Wie in den eben betrachteten exempla der Frühzeit sind die mores maiorum und die mit ihnen verbundenen Wertvorstellungen auch im Bild der späteren Zeit sehr präsent. Nicht nur in verschiedenen Beispielen, sondern auch in den praefationes, die häufig auf die Gegenwart Bezug nehmen, wird ihre Präsenz und Geltung immer wieder explizit und autoritativ bekräftigt. In 468 Einige exempla lassen sich nicht eindeutig Konflikten oder positiven Beziehungen zuordnen, da die eheliche Bindung lediglich erwähnt wird, um eine Person näher zu beschreiben (s. etwa 8,2,2; 8,3,2 oder 8,13,6). 469 Dieser umfasst eine ganze Reihe von Kapiteln, von denen hier vor allem 7,7 (De testamentis quae rescissa sunt), 8,1 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint), 8,2 (De privatis iudiciis insignibus) sowie 8,3 (Quae mulieres apud magistratus pro se aut pro aliis causas egerunt) betroffen sind.

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besonderem Maße gilt dies für die pudicitia, deren Wirkkraft bis in das Kaiserhaus hinein von Valerius eindrücklich geschildert wird.470 Die eingehende Untersuchung aller die Ehethematik betreffenden exempla macht jedoch deutlich, dass die Präsenz sich nunmehr in erster Linie auf der diskursiven Ebene der praefationes und der Kommentare bewegt. Nur in zwei der nach 200 v. Chr. zu datierenden exempla wird pudicitia bzw. die eng damit verwandte Wertvorstellung der continentia im Rahmen einer Ehebeziehung inszeniert:471 In 7,1,1 (De felicitate) werden die pudicitia und fecunditas der Ehefrau als Teil einer Vielzahl von Elementen aufgeführt, welche die felicitas des Q. Metellus Macedonicus begründet haben. Und in dem sehr panegyrisch verfassten exemplum 4,3,3 (De abstinentia et continentia) berichtet Valerius, dass Drusus den usus rei veneris auf die Ehe beschränkt habe. Antonia wiederum habe diesen amor durch ihre fides noch übertroffen, indem sie – obgleich noch in voller Blüte – nach seinem Tod mit ihrer Schwiegermutter zusammen lebte. Obgleich der Begriff selbst nicht fällt, ist der Verweis auf die im zweiten Buch als vorbildhaft angeführte pudicitia der von den maiores geehrten univira offensichtlich.472 Die geringe Anzahl der nach 200 v. Chr. zu datierenden exempla pudicitiae, sowie die Tatsache, dass eines der beiden aus dem Kaiserhaus stammt, lassen sich aus dem valerischen und kaiserzeitlichen Geschichtsbild heraus erklären, demzufolge die vorbildhaften Sitten der Vorfahren spätestens seit der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts nicht mehr gelebt worden seien.473 Erst Augustus habe es mit seinem Reformprogramm der Rück470 Siehe hierzu 6,1 pr. 471 Exempla pudicitiae, die sich nicht auf die Ehe beziehen, gibt es jedoch besonders im Kapitel 6,1 auch aus späterer Zeit. Eine weitere, unter den exempla externa angesiedelte Episode (9,14, ext. 3), bezieht sich indirekt ebenfalls auf die Frage der Keuschheit in der Ehe und macht deutlich, dass diese zwar immer noch von Bedeutung war, man jedoch bereits – als audax charakterisierte – Witze darüber machen konnte. 472 S. dazu das Beispiel 2,1,3 und oben Kapitel 3.3.1.1. Zur Begrifflichkeit dieses Exempels s. unten Kapitel 3.3.2.2. Dies sagt natürlich zunächst nichts darüber aus, ob dieses Ideal in der Frühzeit so existiert hat. Für die Kaiserzeit ist mit Dixon zu betonen, dass die Realität des Heiratsverhaltens eine völlig andere war (Dixon, The Sentimental Ideal und dies., The Roman Family). Dennoch hatten Ideale wie diese eine zentrale Bedeutung für die augusteische Propaganda. Zur Thematik der univira s. Dixon, The Roman Family, S. 89f. 473 Spätestens seit den Werken Sallusts hatte sich das Bild des Sittenverfalls als dominierendes Deutungsmuster durchgesetzt. Sallust zufolge stellte der Sieg über Karthago mit dem Verschwinden des metus punicus die Ursache für den Verfall der traditionellen mores dar. Während die römische Frühzeit von disciplina militaris, severitas, continentia und pudicitia geprägt war, brachen sich nun luxuria, libido und Ungehorsam die Bahn (vgl. etwa Sall. Cat. 5,9ff., besonders Cat. 9-13, sowie Sall. Iug. 41-42; s. hierzu auch Baltrusch, S. 1ff. und Jacquemin, Salluste, S. 97ff. und passim). Zum Deutungsmuster des Sittenverfalls bei den römischen Rednern vgl. auch Thome, o tempora, o mores, S. 126ff., S. 138 und passim. Lediglich die Historien entwerfen ein leicht differierendes Bild dieser Entwicklung, demzufolge selbst die Frühzeit Roms von Zwistigkeiten geprägt war, während nur in Zeiten großer außenpolitischer Bedrängnis – die Kämpfe gegen die

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besinnung auf die mores maiorum unternommen, den alten Werten wieder Bedeutung zu verschaffen, wobei er gerade in Bezug auf Themen wie pudicitia und pietas auf einen in der Gesellschaft präsenten Vorstellungskosmos sowie auf bekannte Vorbilder zurückgreifen konnte. Die von Livius als geradezu ›republikbegründend‹ inszenierte pudicitia der Lucretia macht deutlich, welche Bedeutung diesen Werten zugemessen werden sollte.474 Natürlich lassen sich aus der Propagierung solcher Ideale keine Aussagen über ihre Umsetzung in der Realität machen, doch sicherlich waren gerade Mitglieder des Kaiserhauses besonders in der Pflicht, diese altrömischen Tugenden wiederzubeleben oder zumindest diesen Anschein zu erwecken. So ordnet sich auch Augustus mit seinen Handlungen und Aussagen zur Ehethematik in den Rahmen traditioneller Vorstellungsweisen ein.475 Im Vergleich zu den Vorstellungen, die Valerius den antiqui zuschreibt, wird jedoch eine spezifische Schwerpunktsetzung deutlich: Zwar zeigt Augustus eine hohe Wertschätzung der Ehe, dennoch steht für ihn in den hier behandelten Beispielen weniger die Ehe selbst im Zentrum, als vielmehr die Verpflichtung, die sie im Hinblick auf die Zeugung und Versorgung von Kindern beinhaltet.476 So sei eine Ehe nur dann als rechtens zu betrachten, wenn sie creandorum liberorum causa geschlossen werde,477 und sie verpflichte dazu, den daraus entspringenden Kindern ihr rechtmäßiges Erbe zukommen zu lassen.478 Etrusker sowie die Zeit vom Zweiten Punischen Krieg bis zum Untergang Karthagos – Eintracht herrschte (Sall. Hist. 1 frag. 11f.; vgl. hierzu Syme, Sallust, S. 248f.). Dass offene impudicitia im ersten vorchristlichen Jahrhundert gewisse Rechte beanspruchen konnte, zeigt der Fall 8,2,3 (De privatis iudiciis insignibus): C. Titinius hatte sich von Fannia scheiden lassen, von deren impudicitia er wusste, als er sie geheiratet hatte: Sein Ziel war, ihr die Mitgift zu entziehen. Marius wurde zum iudex bestellt und versuchte vergeblich, Titinius von seinem Vorhaben abzubringen. Daraufhin verurteilte er Fannia wegen impudicitia zu einem Sesterzen Strafe, während Titinius die gesamte Mitgift zurückzahlen musste. Und Marius erklärte, er habe so entschieden weil er wisse, dass Titinius die Heirat mit einer impudica um des Geldes wegen erstrebt hatte. 474 Liv. 1,57,6-59,3 (bes. 1,59,2). Auch bei Valerius ist der auf die res publica bezogene Aspekt präsent, doch er wird infolge der Fokussierung auf die pudicitia nur kurz angedeutet (6,1,1). 475 Eine vergleichbar explizite, sogar von Augustus selbst vorgenommene Bezugnahme auf die Frühzeit, ist im Zusammenhang mit der Erbschaftsthematik und der den Kindern zugeschriebenen Bedeutung herausgearbeitet worden (s. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 261). 476 Die Aussagen der antiqui tendieren eher dazu, Ehe und Kinder auf eine Ebene zu stellen (so etwa in 2,9,1) bzw. im Zweifel sogar die fides coniugalis höher zu bewerten, als den Kinderwunsch (2,1,4). Hier ist jedoch anzumerken, dass diese Unterschiede einer extrem schmalen Quellenbasis entnommen und daher nur mit Vorbehalt als solche festzumachen sind. 477 S. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 261, zum exemplum 7,7,4. Eine Scheidung infolge von Unfruchtbarkeit erscheint vor diesem Hintergrund kaum noch problematisch. 478 In 7,7,3 berichtet Valerius von C. Tettius, der in der Kindheit von seinem Vater enterbt worden war, wobei der Vater mit der Mutter des Tettius, Petronia, so lange sie lebte, in Ehe gelebt hatte. Augustus befahl ihm, die väterlichen Güter (bona paterna) zu übernehmen. Er handelte damit – Valerius zufolge – patris patriae animo, denn es sei unrecht von dem Vater, sein nomen paternum im Falle eines Sohnes zu tilgen, den er in proprio iure (bzw. in proprio lare) gezeugt

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Die Tendenz, die Ehe als Teil eines Beziehungsnetzes zu betrachten, in dem das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern eine zentrale Rolle einnimmt, zeigt sich auch in einem anderen exemplum, das sich mit dem Thema des Gattenmordes beschäftigt (8,1, ambust. 2 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint). Im Gegensatz zu den für die Frühzeit angeführten exempla dieser Thematik (2,5,3 De institutis antiquis und 6,3,8 De severitate), die nur den Mord und die Bestrafung der Ehefrauen erwähnen und die Frage nach einer Begründung gar nicht stellen, wird hier nicht nur das Tatmotiv angegeben – der Ehemann hatte ihren Sohn aus erster Ehe getötet –, sondern sogar die Rechtmäßigkeit ihres Handelns sowie die Notwendigkeit der Bestrafung diskutiert. Severitas erscheint hier nicht (mehr?) als einzig mögliche Reaktion auf weibliche Verfehlungen, denn die Einbeziehung der (für die exempla der Frühzeit möglicherweise gar nicht überlieferten) Handlungsmotive in den Prozess der Urteilsfindung eröffnet einer differenzierten Beurteilung den Weg.479 Das Vorgehen der Ehefrau ist zwar tadelnswert, aber von ihrer Mutterrolle her verständlich – eine Verurteilung ist nicht möglich. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Bild, das die valerischen exempla für diese Zeit von den Ehebeziehungen zeichnen, zwei wichtige Veränderungen im Umgang mit dem mos maiorum aufweist: Zum einen die relativ geringe Präsenz der pudicitia-Thematik und zum anderen das Aufkommen neuer Beurteilungs- und Reaktionsmuster gegenüber Verfehlungen von Ehefrauen. Ob dieser Befund mit tatsächlichen oder im kaiserzeitlichen Geschichtsbild begründeten Veränderungen der Erwartungshaltungen und Handlungsräume zusammenhängt, ist an dieser Stelle nicht zu klären.480 Zweifelsohne spielt hier jedoch auch ein gewandelter Fokus der späteren exempla eine wichtige Rolle. Statt auf Fragen von pudicitia und severitas richtet sich das Interesse in den Beispielen seit dem zweiten vorhatte. Zu dieser kontrovers gelesenen Stelle s. oben Anm. 261; zu 7,7,3 s. auch allgemein Kapitel 2.3.4.2. 479 Dies zeigt sich auch in dem bereits erwähnten (Anm. 473) Beispiel 8,2,3 (De privatis iudiciis insignibus), in dem Marius als Richter über eine Scheidung fungiert. Ein weiterer Unterschied zu den exempla der Frühzeit liegt in dem Prozess als solchem: Statt der Entscheidung durch ein consilium propinquorum wird ein veritabler Prozess initiiert, der nach entsprechender Abwägung der Fakten eine Verurteilung ausschließt. 480 So ist etwa zu vermuten, dass das Keuschheitsgebot in späterer Zeit großzügiger gefasst und daher nicht mehr so oft übertreten wurde. Auch trat neben das einseitige repudium mit der Zeit die Scheidung, die von beiden Seiten ausgehen konnte und keine vergleichbare exemplarische Wirkung hatte (s. oben Anm. 459). Die wachsende Institutionalisierung von Konfliktregelungen könnte die Stellung der Frau den hier besprochenen exempla zufolge ebenfalls gestärkt haben (zur Zunahme gesetzlicher Regelungen sowie insbesondere zur »Jurifizierung des mos« s. Bleicken, Lex Publica, S. 387ff. sowie Moatti, La raison de Rome, S. 34f.; vgl. auch Bleicken, Lex Publica, S. 141ff. zur Entwicklung des Privatrechts).

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christlichen Jahrhundert in erster Linie auf andere Werte und Verhaltensweisen, die offensichtlich für die eigene Zeit als exemplarisch und wichtig betrachtet wurden. Welche (neuen oder alten) Normen in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind und wie sich dieser Wandel deuten lässt, wird im Folgenden zu klären sein. 3.3.2.2 Fides und amor als neue Eheideale: Formen, Zeiten, Gründe Ein zentraler Schwerpunkt der exempla aus späterer Zeit betrifft eine Reihe positiv konnotierter Handlungen, die in zwei eigens der Ehe gewidmeten Kapiteln – 4,6 (De amore coniugali) und 6,7 (De fide uxorum erga viros) – prominent hervorgehoben sind. Es handelt sich um die beiden einzigen Rubriken des valerischen Werkes, die sich explizit mit dem Verhältnis zwischen Ehegatten beschäftigen, und interessanterweise sind alle Beispiele in die Zeit zwischen ca. 190 und 40 v. Chr. zu datieren. Besonders stark ist die Bürgerkriegsperiode der 40er Jahre vertreten. Das Bild, das sich aus der Analyse dieser exempla ergibt, lässt sich in doppelter Hinsicht als Ausdruck eines Wertewandels deuten: Zum einen verweist die beträchtliche quantitative Präsenz direkt inszenierter positiver Interaktionen auf den zu Beginn dieses Ehekapitels hervorgehobenen Wandel der hier dargestellten Ehebeziehungen von konfliktuellen hin zu stärker unterstützenden Handlungsmustern. Zum anderen deutet bereits die Terminologie der Überschriften darauf hin, dass die positiven Verhaltensmuster dieser Zeit sich von denen der Frühzeit unterscheiden: Anstelle concordia und pudicitia stehen nun amor und fides im Zentrum des Interesses.481 Welche inhaltliche Füllung ist diesen Normen bei Valerius zugeordnet und inwiefern unterscheiden sie sich von den positiven Wertvorstellungen der Frühzeit? Handelt es sich hier tatsächlich um die Entstehung neuer Verhaltensideale, wie die Begrifflichkeit suggeriert? Und wenn ja: Wie lässt sich dieser Wandel deuten? Um diese Fragen zu klären, wird im Folgenden in drei Schritten vorgegangen, die sich jeweils mit unterschiedlichen Ebenen des möglichen Wandels beschäftigen. Der erste Teil der Untersuchung widmet sich den Bildern, die sich aus dem valerischen Werk für die beiden Zeitabschnitte ergeben, wobei die Frage nach ihrer Verankerung in der Realität zunächst nicht interessieren muss. Im Anschluss daran wird in einem zweiten Schritt erörtert, inwieweit man ausgehend von diesen Bildern auf die Ebene realer Veränderungen republikanischer Ideale oder sogar Verhaltensweisen schließen 481 Zur concordia s. auch die einleitenden Bemerkungen zu diesem Kapitel (3.3). Während amor in den Ehe-exempla der Frühzeit überhaupt nicht auftaucht, erscheint fides coniugalis nur ein einziges Mal (2,1,4 De institutis antiquis), jedoch bezeichnenderweise im Zusammenhang mit einer Kritik an der Vernachlässigung dieser ehelichen Treue (vgl. auch oben Kapitel 3.3.1.2).

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kann bzw. welche Rolle in diesem Zusammenhang einer spezifisch valerischen Vorstellung zuzuschreiben ist. Da diese Bilder, wie im Folgenden deutlich werden wird, tatsächlich in nicht unerheblichem Maße auf einer valerischen Konzeptualisierung gründen dürften, ist abschließend zu fragen, wie sich die von Valerius vorgenommene Fokussierung deuten und in den Rahmen kaiserzeitlicher Ideale und Erfahrungen einfügen lässt. a) Fides, amor und die Unterschiede zum positiven Bild der Frühzeit Da fides uxorum und amor coniugalis in zwei völlig getrennten Kapiteln thematisiert werden und insbesondere auf der Ebene der auctores, der Handlungsmotivationen sowie der konkreten Handlungen einige wichtige Unterschiede aufweisen, sind sie zunächst als klar unterschiedene Wertvorstellungen zu betrachten:482 Während im Kapitel 4,6 (De amore coniugali) beide Ehepartner als auctores zu finden sind, gehen die exempla fidei ausschließlich von Frauen aus.483 Dabei inszenieren die drei fides-exempla rational begründete und reflektierte Verhaltensweisen, die den Schutz des Ehemannes zum Ziel haben und dieses Ziel unter Zurückstellung der eigenen Person auch erreichen. Amor präsentiert sich dagegen als stärker emotional motivierte Handlung, die in fast allen Fällen aus der Trauer um den verstorbenen bzw. tot geglaubten Partner erwächst und zumeist den eigenen Freitod zur Folge hat. Ein rationaler Zweck ist nicht erkennbar, die Aufopferung selbst ist als Ausdruck höchster Liebe das Ziel.484

482 Bezeichnenderweise stehen die betreffenden Kapitel auch in völlig unterschiedlichen Kontexten: Während sich das vierte Buch in erster Linie mit der moderatio-Thematik befasst – De amore coniugali schließt sich an Kapitel wie De abstinentia et continentia, De paupertate und De verecundia an –, präsentiert sich das sechste Buch weniger einheitlich. Dennoch ist auch De fide uxorum erga viros in einen größeren Zusammenhang eingebunden, denn es findet seinen Platz zwischen zwei weiteren mit der fides-Thematik beschäftigten Kapiteln, De fide publica und De fide servorum. Zur Gesamtordnung des Werkes s. oben Kapitel 1.1, Anm. 34. 483 Dass dies nicht nur faktisch so ist bzw. durch die (später hinzugefügte) Überschrift suggeriert wird, sondern von Valerius so vorgesehen war, zeigt der einleitende Satz des Beispiels 6,7,1: Atque ut uxoriam quoque fidem attingamus [...]. Zwar ist fides den traditionellen Wertvorstellungen zuzurechnen (vgl. G. Freyburger, Fides sowie die kurzen Ausführungen bei Spielvogel, Amicitia, S. 9ff. und S. 14f.; zur fides romana s. Mutschler, Norm und Erinnerung, S. 90ff.). Die spezifische inhaltliche Fokussierung indes ist, zumal in Verbindung mit den exempla zu dem amor coniugalis, Ausdruck von etwas Neuem. Zum Begriff der fides und zu seiner Entwicklung s. Thome, Zentrale Wertvorstellungen der Römer, S. 50-84, G. Freyburger, Fides und Lind, S. 5-13. 484 Dass Valerius dem Konzept des amor coniugalis eine große Bedeutung zuspricht, wird an der praefatio zu diesem Kapitel (4,6) deutlich, deren Argumentation in vieler Hinsicht an die Einleitungen zu Kapiteln erinnert, die sich mit traditionellen Wertkonzepten befassen. Mit Hilfe der amor-exempla möchte Valerius dem Leser Bilder (imagines) vor Augen führen, deren Betrachtung maxima veneratio erfordere und zur imitatio anregen solle (zur Bedeutung des visuellen Eindrucks und zur imitatio s. oben Kapitel 1.2). Auch die Beispiele selbst sind gespickt mit emphatischen Beschreibungen der Gefühle und Handlungen der auctores, deren positiv exemplarischer Charakter mehrfach hervorgehoben wird. Der Verweis auf die in der Einleitung des

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Trotz dieser zweifelsohne wichtigen Unterschiede erweist sich eine eindeutige Differenzierung der beiden Wertvorstellungen schon auf der begrifflichen Ebene als schwierig, denn für Valerius sind die einzelnen Ausdrücke offensichtlich zumindest teilweise austauschbar.485 So spricht er beispielsweise in der Einleitung zu 4,6 (De amore coniugali) von fidei opera.486 Zudem weisen die Beispiele der beiden Kapitel einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten auf, durch die sie eine spezifische positiv konnotierte Ehekonzeption skizzieren, die sich in mehrfacher Hinsicht von dem für die Frühzeit herausgearbeiteten Bild der Ehe als in die Gesellschaft eingebetteter Hort der Ruhe unterscheidet. Der Grund dafür liegt zunächst in dem Umstand, dass die positive Interaktion in den nach 200 v. Chr. zu datierenden exempla weniger aus der einfachen Erfüllung allgemeiner und gesellschaftlich sanktionierter Wertvorstellungen (wie pudor oder pudicitia) erwächst, sondern vielmehr als Reaktion auf eine krisenhafte Problemsituation dargestellt wird, der die Ehe bzw. einer der Ehepartner ausgesetzt ist. Die thematische Bandbreite reicht dabei von außerehelichen sexuellen Beziehungen des Gatten über die Gefährdung eines Partners bis hin zu dessen Tod.487 Während es den – sehr selbständig handelnden – Frauen des Kapitels 6,7 gelingt, die prekäre Situation mit Hilfe ihrer fides zumindest teilweise positiv zu wenden, so bleibt Gesamtwerkes wie auch in der praefatio des zweiten Buches angeführten moralischen Ansprüche ist im gesamten Kapitel implizit präsent. 485 Angesichts der Tatsache, dass das darauffolgende Kapitel 6,8 die fides servorum zum Thema hat, könnte man zunächst argumentieren, dass fides ein stärker verpflichtendes Moment beinhaltet als amor und auch aus diesem Grund als eine eher hierarchische Norm zu verstehen ist, die von einem Ehemann nicht zu erwarten wäre. Auf der anderen Seite macht die Einleitung zu 6,8 deutlich, dass dieses verpflichtende Moment nicht so stark ist, wie man meinen könnte: Restat ut servorum etiam erga dominos quo minus expectatam hoc laudabiliorem fidem referamus. Auch macht Freyburger in seiner Untersuchung des fides-Konzeptes (G. Freyburger, Fides) deutlich, dass fides in einer Ehe grundsätzlich als gegenseitige Haltung verstanden wurde. Er räumt jedoch ein, dass diese von Seiten der Ehefrau dennoch in stärkerem Maße erwartet wurde (ebd. 174f. und 167ff.). 486 Auch in 4,6, ext. 3 (De amore coniugali) fällt beispielsweise der Ausdruck uxoriae fidei specimen. 487 Die Thematik außerehelicher Beziehungen findet sich in 6,7,1 (De fide uxorum erga viros): Tertia Aemilia weiß, dass ihr Mann, der ältere Africanus, ein Verhältnis mit einer Magd (ancilla) hat, doch sie gibt vor, nichts davon zu merken. Sie möchte einen so großen Mann nicht der impatientia anklagen. Meyer-Zwiffelhoffer, S. 78f., weist darauf hin, dass diese Haltung von Ehefrauen grundsätzlich erwartet wurde. In Bezug auf Gefährdungen des Ehepartners erweisen sich die Bürgerkriege vom Ende der Republik als besonders problematisches Kapitel (6,7,2-3 behandeln das Schicksal zweier Proskribierter (43 v. Chr.), die von ihren Frauen versteckt bzw. auf der Flucht begleitet werden; 4,6,4 thematisiert eine vermeintliche Gefährdung des Pompeius während der Wahlen zur Ädilität 55 v. Chr.). Etwas früher findet sich der Fall des Ti. Gracchus, den ein Orakel vor die Entscheidung stellt, entweder seinen Tod oder den seiner Frau hinzunehmen: Tiberius zieht es vor, selbst den Tod zu wählen (4,6,1). Zum Tod des Ehegatten s. etwa die Beispiele 4,6,2-3 und 5.

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den (männlichen und weiblichen) auctores in 4,6 meist nur die Möglichkeit, ihren amor durch den Freitod zu manifestieren. Damit verbunden ist ein gewandeltes Verhältnis des Ehebundes zu seinem gesellschaftlichen Kontext. Während dieser in der Frühzeit gleichsam als sinnstiftender Rahmen fungieren konnte, wird das gesellschaftliche Umfeld in den hier behandelten exempla entweder als irrelevant oder sogar als bedrohlich dargestellt. Insbesondere im Zusammenhang mit den Bürgerkriegen erscheint die eheliche Beziehung als ein nach außen geschlossener Schutzraum, der ausschließlich das Wohl der Ehepartner zum Ziel hat.488 Es erstaunt daher kaum, dass sich die hier behandelten exempla von den früheren Beispielen nicht zuletzt durch das Ausmaß der ›Zuwendung‹ unterscheiden, die dem Ehepartner gewährt wird. Zwar lassen sich auch für die Frühzeit Beispiele kooperativen Verhaltens finden,489 doch die hier angeführten – teils sehr emotional beschriebenen – Handlungen gehen weit darüber hinaus: Der Ehepartner wird unter Einsatz des eigenen Lebens unterstützt, und selbst nach seinem Tod ist die Bindung so stark, dass ein Leben ohne ihn schmerzhaft und sinnlos und der Freitod somit als einzige Lösung erscheint. Die Thematik der Aufopferung zieht sich wie ein roter Faden durch beide Kapitel. Die Differenzen, die dieses Bild positiver ehelicher Interaktion im Vergleich zu dem der Frühzeit aufweist, deuten – insbesondere im Hinblick auf die gesellschaftliche Einbindung und Funktion innerehelichen Handelns – auf einen grundsätzlichen Wandel der Ehekonzeption hin. Da die Facta et dicta memorabilia in erster Linie als Quelle für kaiserzeitliche Vorstellungen zu betrachten sind, ist grundsätzlich davon auszugehen, dass die hier konstatierten Veränderungen einem valerischen (und unter Umständen allgemein kaiserzeitlichen) Bild der historischen Entwicklung ehelicher Beziehungen entstammen. Dennoch stellt sich, gerade angesichts einer so deutlichen chronologischen Einteilung, die kein Pendant in anderen sozialen Beziehungen findet, die Frage nach den Gründen für die Entstehung eines solchen Bildes. Handelt es sich um rein valerische Konstrukte – und wenn ja, weshalb entwirft er ein solches Bild? Um die Frage nach dem Maß an Intentionalität der valerischen Darstellung zu beantworten gilt es, den Blick auf mögliche Quellen und Vorläufer der hier besprochenen exempla zu richten.

488 S. hierzu auch die Einschätzung von Dixon, The Roman Family, S. 103, derzufolge seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert »a general ideological stress on the domestic comfort of the conjugal unit« festzustellen sei. 489 So etwa in 2,1,5b (zur indulgentia der Männer) und 2,1,6 (der gemeinsame Gang in den Tempel der dea Viriplaca).

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b) Die Entstehung eines Ideals? Valerius und seine Quellen Ein Blick auf die Beispiele der hier thematisierten Kapitel zeigt, dass für die Mehrzahl dieser exempla keine bzw. zumindest keine zeitlich vor Valerius liegenden Parallelstellen nachzuweisen sind.490 Dies deutet darauf hin, dass die Beispiele (und womöglich die Thematik an sich?) in republikanischer Zeit eine eher geringe Präsenz aufwiesen, so dass ihre Einbeziehung in besonderem Maße einer bewussten und zielgerichteten Entscheidung des Valerius zuzuschreiben sein könnte.491 Das einzige exemplum, für das sich eine mögliche Quelle festmachen lässt, stützt diese These: Die in 4,6,1 (De amore coniugali) berichtete Episode492 findet sich bereits bei Cicero, doch die Aussage ist eine völlig andere. Im Vergleich der beiden Versionen lässt sich zeigen, auf welche Weise Valerius ihm überlieferte Ereignisse umdeuten und für seine Zwecke nutzbar machen konnte. In Ciceros Werk De divinatione wird das augurium für Ti. Gracchus an zwei Stellen angesprochen.493 Dabei deutet schon der Kontext des Werkes darauf hin, dass Cicero die Relevanz dieses Vorfalles in erster Linie auf einer die Religion bzw. die Wahrsagung betreffenden Ebene ansiedelt, und in der Tat geht es in den Ausführungen über Ti. Gracchus um den Sinn und Nutzen von haruspices. In diesem Zusammenhang äußert Cicero Erstaunen darüber, dass eine dritte Handlungsmöglichkeit – nämlich keine der Schlangen freizulassen und somit das Leben beider Ehegatten zu bewahren, von den haruspices gar nicht erwogen worden sei (2,62). Von besonderem Interesse für die vorliegende Fragstellung ist jedoch die Motivation, die der Entscheidung des Gracchus in Ciceros Version zugrunde liegt: Gracchus habe es für gerechter (aequius) gehalten, selbst dem Tod entgegenzugehen, als die noch jugendliche Tochter des P. Africanus diesem Schicksal zuzuführen (1,36). Im Mittelpunkt steht hier ein gleichsam rationales Abwägen verschiedener Aspekte, wobei das Alter und die Verwandtschaft mit Afri490 Dies gilt für 4,6,2-5 sowie für alle Beispiele des Kapitels 6,7 (De fide uxorum erga viros). Das Fehlen republikanischer Quellen hängt zwar vermutlich auch damit zusammen, dass viele dieser exempla am Ende der Republik zu datieren sind und dass etwa Livius als wichtige Quelle dieser Zeit fehlt. Doch die Tatsache, dass selbst ein relativ frühes exemplum wie 6,7,1, das zudem mit sehr bekannten auctores ausgestattet ist, sonst nirgends überliefert ist, stützt die hier angeführte These. 491 Verstärkt wird diese Überlegung auch dadurch, dass es sich bei diesen Fällen häufig (jedoch nicht immer) um relativ unbekannte auctores handelt, während Valerius dort, wo ihm Beispiele bekannt sind, gerne zunächst auf berühmte Persönlichkeiten zurückgreift. Trotz seiner schon mehrfach deutlich gewordenen großen Offenheit gegenüber neueren Protagonisten schreibt er den nobiles immer noch eine besondere Bedeutung zu. 492 Im Hause des Ti. Gracchus werden zwei Schlangen gefangen; der haruspex erklärt, wenn Gracchus die männliche Schlange freilasse, werde seine Frau, wenn die weibliche, dann er in Kürze sterben. Gracchus lässt die weibliche Schlange frei, beschließt damit seinen eigenen Tod und verhindert den seiner Frau. 493 Cic. div. 1,36 und 2.62f.

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canus als ausschlaggebende Kriterien für seine Entscheidung angeführt werden. Diese Ausführungen machen deutlich, dass die von Valerius vorgenommene Einordnung der Episode in ein Kapitel über den amor coniugalis durchaus nicht so selbstverständlich war, wie es die Begebenheit als solche aus heutiger Sicht suggeriert. Die hier dramatisch ins Zentrum gestellte Idee der Aufopferung des Gracchus sowie der Fokus auf die Paarbeziehung (mit entsprechendem Ausblenden der anderen Aspekte) entspringen vielmehr einer spezifischen valerischen Gewichtung, die es ihm ermöglichte, dieses Ereignis als exemplum amoris coniugalis in Szene zu setzen.494 Interessanterweise setzt die Integration einer Episode in das Kapitel De amore coniugali jedoch nicht in jedem Fall eine so markante Umdeutung voraus: Im letzten exemplum dieses Kapitels (4,6,5) rühmt Valerius die Tapferkeit der Porcia, die – als sie von dem Tod ihres Mannes Brutus erfährt – Selbstmord begeht, indem sie glühende Kohlen in den Mund nimmt. Dass es sich hier um ein exemplum amoris coniugalis handelt, wird eigentlich nur aus dem Kontext des Kapitels ersichtlich. Brutus wird zwar erwähnt, doch die Tat der Porcia stellt sich weniger als Akt der Liebe denn als Ausdruck von fortitudo sowie als imitatio patris dar, ähnlich wie dies bereits in dem weiter oben behandelten Beispiel 3,2,15 (De fortitudine) der Fall war.495 Wie lässt sich diese Beobachtung vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen deuten? Zwei Aspekte erscheinen hier von Interesse. Zum einen kann man anhand dieser beiden Beispiele (4,6,5 und 3,2,15) die häufig angeführte These einer die Kaiserzeit prägenden ›Kanonisierung‹ der Exemplawelt (s. Kapitel 1.2) unter einem neuen Gesichtspunkt erörtern: Im Gegensatz zu der vielfach vertretenen Annahme wird hier gerade nicht eine bestimmte Episode in dem Sinne kanonisiert, dass sie nur noch für eine einzige Wertvorstellung als Illustration dienen kann,496 sondern als kanoni494 Der von Valerius am Ende geäußerte Zweifel, itaque Corneliam nescio utrum feliciorem dixerim quod talem virum habuerit an miseriorem quod amiserit, sowie der direkte – im selben exemplum angeführten – Verweis auf das crudele factum des Admetus, der seine Frau gebeten hatte, für ihn in den Tod zu gehen, heben die Heldenhaftigkeit des Gracchus sowie die Bedeutung der Ehebeziehung nochmals hervor. 495 Sie habe mit ihrem mutigen Ende den Tod ihres Vaters nachgeahmt und vielleicht noch mehr fortitudo gezeigt als dieser, da sie eine neue Todesart gewählt habe (s. hierzu auch Hallett, S. 224f.). Zu 3,2,15 s. oben Kapitel 3.2.1.1. 496 Dies zeigt auch ein Blick auf die Rezeption dieser exempla bei Plutarch (Brut. 53 und Cat. min. 73 sowie Brut. 13). Plutarch wertet das Verhalten der Porcia zwar genauso positiv wie Valerius, doch seine Einordnung ihrer Handlungen als Zeichen von fortitudo (und imitatio patris) einerseits und amor zu Brutus andererseits steht genau konträr zu der des Valerius: Für Plutarch ist ihr Tod Ausdruck von fortitudo, während die Verwundung, die sie sich zufügt, in erster Linie als

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siert erscheint vielmehr die Person der Porcia selbst – ähnlich wie das für andere große Persönlichkeiten wie etwa M. Porcius Cato oder P. Decius Mus festzustellen ist.497 Obgleich ihre Vorbildhaftigkeit durch den Kontext der jeweiligen Kapitel auf zwei unterschiedliche Wertvorstellungen fokussiert wird (nämlich amor coniugalis und fortitudo), führt die spezifische Darstellung bei Valerius dazu, dass doch in beiden Beispielen fortitudo als charakteristisches Merkmal ihres Handelns hervorragt. Porcia erscheint so eng mit dieser Tugend – aber auch mit dem Vorbild ihres Vaters – verbunden, dass Valerius sich dem auch dann nicht entziehen kann, wenn er ihr Verhalten in einem anderen Sinne nutzen möchte. Umgekehrt zeigt sich hier aber auch gerade eine gewisse Flexibilität des valerischen Vorgehens: Obwohl die beiden exempla zwei sehr ähnlich strukturierte Episoden enthalten und trotz der engen Verbindung von Porcia mit dem Wert der fortitudo, ist Valerius in der Lage, die Erzählungen in ganz unterschiedlichen Kontexten als exemplarische Darstellungen zu verwenden: So wie der republikanische Redner ein exemplum im Hinblick auf seine Ziele variabel funktionalisieren konnte, so bot u.a. die Einordnung in Kapitel auch Valerius die Möglichkeit, seine Beispiele mit den Aussagen zu versehen, die er für seine jeweiligen Darstellungsintentionen benötigte. Der zweite Aspekt, der in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, betrifft die Person des Brutus. Brutus gehörte zu dem Bereich der jüngeren Geschichte, deren Behandlung für einen frühkaiserzeitlichen Autor eigentlich ein Problem darstellte (vgl. Kapitel 1.1), denn seine Erwähnung rief schmerzliche Erinnerungen an den blutigen Bürgerkrieg sowie insbesondere an die Ermordung Caesars hervor. Durch die Verbindung mit Porcia, die ihrerseits im Rekurs auf ihren Vater Cato an Prestige gewann, wurde es jedoch möglich, selbst eine so negativ konnotierte Person wie Brutus sinnvoll und zumindest nach außen konfliktfrei und harmonisierend in die Exemplasammlung und damit in die Konstruktion des römischen Vergangenheitsraumes zu integrieren.498 Symbol ihrer Liebe zu betrachten sei, wobei der Wunsch, sich ihres Vaters als würdig zu erweisen, auch in dieser Episode zum Ausdruck kommt. 497 Dabei handelt es sich zwar ebenfalls um ein bekanntes Phänomen (s. Felmy, S. 61f. und oben Kapitel 1.2), doch interessant ist in diesem Fall die Tatsache, dass Porcia ihre exemplarische Tugend in ganz unterschiedlichen Kontexten einbringen kann. Dies bedeutet andererseits nicht, dass alle wichtigen Persönlichkeiten im valerischen Werk als kanonisiert erscheinen. Anders als die Ausführungen von David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, S. 119ff. oder Weileder, S. 33 und passim, vermuten lassen, sind sogar gerade für problematische Personen wie Marius, Sulla oder Cassius unterschiedliche Darstellungen auszumachen. Wenngleich der kritische Ton hier sicherlich dominiert, können je nach Darstellungsintention auch andere, positive Aspekte in den Vordergrund rücken. 498 Bloomer, Valerius Maximus, S. 187ff. interpretiert die hier untersuchten exempla anders: Um die Gruppe der Geschmähten klein zu halten, gehöre Porcia für Valerius zur »Klasse« ihres

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Ob neben der spezifischen Form und Thematik dieser auf amor bzw. fides bezogenen exempla auch die chronologische Fokussierung in die Zeit zwischen 200 und 30 v. Chr. auf eine zielgerichtete Auswahl des Valerius zurückgeführt werden kann, ist kaum abschließend zu entscheiden. Sicherlich ist denkbar, dass die späte Datierung in einer fehlenden Überlieferung derartiger Episoden für die Frühzeit begründet lag, denn auch Valerius war natürlich auf das Material angewiesen, das die Quellen ihm boten. Zwar konnte er – wie die Ausführungen über Ti. Gracchus und Porcia gezeigt haben – bestimmte Handlungen in seinem Sinne (um-) deuten, doch er benötigte zumindest ein Handlungsgerüst, das für seine Zwecke nutzbar zu machen war. Unabhängig von der spezifischen Deutung mussten derartige Interaktionen zwischen Ehegatten daher zunächst in seinen Quellen präsent sein. Doch zugleich deutet einiges darauf hin, auch die chronologische Konzentration als Ausdruck seines Geschichtsbildes bzw. seiner spezifischen Strukturierung der Vergangenheit zu interpretieren. Da sich vergleichbare zeitliche Fokussierungen auch im Zusammenhang mit anderen Loyalität inszenierenden Beziehungen finden (s. dazu die weiteren Ausführungen zur fides servorum, Kapitel 5.2.2, und zur amicitia, Kapitel 5.4), erscheint die Vermutung plausibel, dass die Krisenzeit der späten Republik in der Vorstellung des Valerius in besonderer Weise mit dieser Art von unterstützender Interaktion verbunden war. Die Gründe für diese Gewichtung sowie für den hohen Stellenwert, den die Darstellung kooperativen und aufopfernden Verhaltens für Valerius hatte, sind im Folgenden zu erörtern. c) fides, amor und ihre Bedeutung für die valerische Exemplasammlung Um zu klären, weshalb den hier untersuchten Wertvorstellungen in den Facta et dicta memorabilia eine so große Bedeutung zukommt, gilt es zunächst, sich den zeitgenössischen Kontext kurz vor Augen zu halten: Infolge verschiedener rechtlicher Entwicklungen des ersten vorchristlichen Jahrhunderts sowie der frühen Kaiserzeit waren die Handlungsspielräume der Einzelnen und ihre Beziehungen untereinander beträchtlichen Veränderungen unterworfen worden. Hinzu trat das Erlebnis fundamentaler Unsicherheit, das durch die Erfahrung der Bürgerkriege am Ende der Republik in die Vaters, nicht ihres Ehemannes. Dennoch, äußert Bloomer sich erstaunt, seien Porcias Tugenden in erster Linie »devotion to her husband« (ebd. S. 188). Wie die eben dargelegten Ausführungen deutlich gemacht haben, stimmt diese Behauptung lediglich in Bezug auf die Einordnung des Beispiels in die Rubrik des fides uxorum. Im Mittelpunkt der valerischen Darstellung von Porcias Handeln stehen ansonsten fortitudo und imitatio patris. Die von Bloomer als spätere Variante angeführte Stelle bei Plutarch, in der Porcia aus Sorge in Ohnmacht fällt und für tot gehalten wird (Brut. 15), ist nicht die Entsprechung zu dem hier betrachteten exemplum, das sein Pendant vielmehr in Plut. Brut. 13 findet.

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engsten Nahbeziehungen getragen wurde und selbst das familiäre Umfeld als bedrohlich erscheinen ließ. Dass diese Veränderungen ein bisher relativ festgefügtes Bild der sozialen Beziehungen nachhaltig in Frage stellen mussten, ist offenkundig.499 Vor diesem Hintergrund gewinnen diese fides- bzw. amor-exempla eine besondere Aussagekraft: Zum einen wird das Ehepaar hier ausdrücklich als Ort des Schutzes, nicht der Bedrohung dargestellt.500 Die negativen Erinnerungen an innerehelichen Konflikt und Verrat der Bürgerkriege, die im valerischen Werk auch – jedoch nur begrenzt – Aufnahme gefunden haben,501 werden durch die geballte Kraft der Aufopferung verdrängt. Zum anderen zeugt die emphatische Hervorhebung der Paarbeziehung von dem Wunsch, in einer von Unwägbarkeiten geprägten Welt Räume zu definieren, die Schutz und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Wie die nachfolgenden Untersuchungen zur Rolle der Sklaven sowie zur Bedeutung der amicitia zeigen werden, spricht Valerius diese Funktion auch anderen sozialen Beziehungen zu.502 Über die Neudefinition der ehelichen Beziehungen und die exemplarische Schaffung geschützter Räume hinaus hat dieses Vorgehen eine weitere wichtige Konsequenz für die Konzeption des valerischen Gesamtwerkes: Wie in der Einleitung (Kapitel 1.1) dargelegt, bildete die Behandlung der Zeit der Bürgerkriege ein zentrales Problem von Geschichtsdarstellungen der frühen Kaiserzeit. Obgleich die Integration dieser blutigen Ereignisse in das valerische Werk bereits durch die nicht auf Kontinuität und Kontext angewiesene Form der exempla erleichtert wird,503 erweist sich – wie auch die weiteren Ausführungen zeigen werden – ein zweiter Aspekt als ebenso 499 Dass dies gerade für die Ehebeziehungen in besonderer Weise galt, hat Marcel Benabou in einer kurzen Abhandlung über die Theorie und Praxis der Heiratsstrategien in der frühen Kaiserzeit deutlich gemacht. Auf die mit den Entwicklungen der späten Republik einhergehende Krise des iustum matrimonium, das von einem (langfristigen) strategischen zu einem (kurzfristigen) taktischen Instrument geworden sei, hätten die Römer mit zwei unterschiedlichen Strategien reagiert. Während man auf der einen Seite versucht habe, mit Hilfe von Gesetzen zu dem idealisierten traditionellen Modell der Ehe zurückzukehren, sei von Seiten der (stoischen) Philosophie eine neue und persönlichere Ehekonzeption entwickelt worden (Benabou, S. 1257ff. und passim). Zu den Entwicklungen der späten Republik und der frühen Kaiserzeit insgesamt vgl. oben Kapitel 1.1 und 2.3.4.2, dort bes. Anm. 265. 500 Ein anderes Bild hatten etwa die severitas-exempla der Frühzeit gezeichnet (s. oben Kapitel 3.3.1.2). 501 In Bezug auf die Ehe ist diese Thematik bei Valerius nur mit einem einzigen exemplum präsent, das direkt im Anschluss an den Verrat eines Vaters durch seinen Sohn zu finden ist: 9,11,7 (Dicta improba aut facta scelerata) berichtet von dem proskribierten Vettius Salassus, der sich versteckte, aber von seiner Frau verraten und schließlich getötet wurde. 502 S. unten Kapitel 5.2.2 und 5.4.3. 503 S. dazu Maslakov, S. 444 und S. 454, Bloomer, Valerius Maximus, S. 152ff., S. 175ff. und S. 187ff. sowie David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine.

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wichtig: Indem Valerius die Zeit der Bürgerkriege immer wieder durch die Darstellung positiver und aufopfernder zwischenmenschlicher Interaktion darstellt, ist er in der Lage, diese bis in seine eigene Zeit hinein als hoch problematisch und schmerzhaft wahrgenommene Periode sinnhaft und sogar mit teilweise positiven Konnotationen in sein Werk zu integrieren.504

3.3.3 Abschließende Bemerkungen Die Analyse der Ehebeziehungen hat ergeben, dass die Facta et dicta memorabilia in Bezug auf Stellenwert und Bedeutung der Ehebeziehungen ein chronologisch klar definiertes Bild vermitteln, das offensichtlich in weiten Teilen auf dem strukturierenden und sinnstiftenden Eingreifen des Valerius basiert. Durch die Auswahl der Kapitel und die zuweilen mit Umdeutungen einhergehende Zuordnung einzelner exempla zu diesen thematischen Komplexen zeichnet Valerius ein spezifisches Bild des römischen Vergangenheitsraumes, dem zufolge sich die Ehebeziehungen in zwei chronologisch klar unterschiedene Phasen einteilen lassen, wobei die Zäsur in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts anzusiedeln ist.505 In der Frühzeit erscheint die Ehe als eine vollständig in die Gesellschaft integrierte Institution und die Interaktion zwischen Ehepartnern als Handeln innerhalb eines klar umrissenen gesellschaftlichen Kontextes. Sowohl die positiven Handlungen wie auch die (hier dominierenden) Konflikte basierten in der Regel auf damals sozial akzeptierten Wertvorstellungen (etwa pudicitia der Frauen oder Verzicht auf Weingenuss) und hatten die unangefochtene Funktion, die mores maiorum zu bewahren bzw. Verfehlungen gegen diese Sitten zu ahnden. Dabei war die Einteilung in ›innen‹ und ›au504 S. hierzu auch Bloomer, Valerius Maximus, S. 187 und passim, der den »need of inclusion« (S. 187) ebenfalls als wichtiges Movens des valerischen Werkes betrachtet. Bloomers Ansicht zufolge bildete jedoch das Ausblenden politischer Gegensätze das wichtigste Instrument für die Integration des Materials, während die vorliegenden Ausführungen deutlich gemacht haben, dass das valerische Vorgehen einer differenzierteren Betrachtung bedarf (s. hierzu auch die weiteren Ausführungen unten in den Kapiteln 5.2.2, 5.4.3, sowie 5.6). 505 Sowohl das sinnstiftende Vorgehen des Valerius als auch die spezifische Zäsur, die er im Hinblick auf mögliche Veränderungen setzt, machen erneut deutlich, dass sein Werk nur mit großen Vorbehalten als Quelle für die republikanische Zeit betrachtet werden kann. Obgleich die hier herausgearbeiteten Veränderungen in mancher Hinsicht den in der Forschung vertretenen Vorstellungen eines Wandels der Ehebeziehungen (oder der betreffenden Ideale) entsprechen (vgl. Anm. 439), wäre es unzulässig, darin einen direkten Beleg für diese Thesen zu sehen, da Valerius nicht etwa auf die Darstellung der Realität, sondern auf eine normative und sinnhafte Deutung der Vergangenheit zielt. Da beide der von Valerius thematisierten Ehekonzeptionen in der frühen Kaiserzeit eine gewisse Prominenz beanspruchen konnten (vgl. hierzu Benabou), ist die in den Facta et dicta memorabilia herausgearbeitete chronologische Zuordnung zunächst als eine spezifische Form des Umgangs mit der aktuellen Krisensituation zu betrachten.

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ßen‹ bzw. in Freund und Feind vergleichsweise unproblematisch und Strenge grundsätzlich akzeptiert.506 Für die nach 200 v. Chr. zu datierenden exempla lässt sich auf mehreren Ebenen eine Verschiebung festmachen. Auffällig ist zunächst eine starke Konzentration auf die Paarbeziehung, die sich nicht zuletzt in der Schaffung explizit der Ehe gewidmeter Rubriken spiegelt: Im Vergleich zur Frühzeit erscheint die eheliche Interaktion weniger als Handeln in, sondern vielmehr neben der oder sogar gegen die Gesellschaft – eine Veränderung, die sich im Rahmen konfliktueller wie unterstützender Handlungsmustern nachweisen lässt. Im Hinblick auf Konflikte ist festzustellen, dass sie sich nicht mehr innerhalb des akzeptierten Werterahmens abspielen und damit gewissermaßen ihre zuvor grundsätzlich stabilisierende Funktion verlieren: Der Kontext konfliktueller Situationen ist nicht mehr die – häufig positive – severitas mit dem Aspekt der Bewahrung des mos maiorum, im Zentrum stehen vielmehr klar negativ konnotierte Verhaltensweisen wie libido oder Geldgier. Eine sinnhafte Integration der Konflikte in den gesellschaftlichen Handlungsrahmen ist nicht mehr möglich.507 Fast noch deutlicher wird die Abwendung von dem sozialen Kontext jedoch bei den positiv konnotierten Handlungen. Diese zielen im Gegensatz zu früheren exempla nicht primär auf die Verwirklichung gesamtgesellschaftlicher Normen, sondern haben in erster Linie die Funktion, den eigenen Partner bzw. das eheliche Verhältnis zu schützen, wobei der Ehefrau in diesem Zusammenhang neue, starke und sehr positiv konnotierte Handlungsräume zukommen. Dass die Mehrzahl dieser unterstützenden Verhaltensweisen in eigens der Ehe gewidmeten Kapiteln angesiedelt ist, unterstreicht ihre Bedeutung zusätzlich. Trotz dieser Fokussierung auf die Beziehung zwischen den Ehegatten kann man hier nur bedingt von einem Rückzug ins Private sprechen. Zumindest in den exempla der Bürgerkriege beinhaltet das schützende Eingreifen zugunsten des Ehemannes immer zugleich eine politische Stellungnahme, selbst wenn Valerius dieses Moment so weit es geht ausblendet. Darüber hinaus werden gesellschaftspolitisch problematische Aspekte wie die Bürgerkriege und die Proskriptionen in der Reduktion auf das fides-Element

506 Vgl. dazu die Episode des Horatius, der seine Schwester tötete, weil diese um ihren Verlobten trauerte (6,3,6; s. unten Kapitel 3.4.2). Sein Vorgehen wird hier grundsätzlich gebilligt, denn trotz der vorherigen Verlobung galt der Curiatier nunmehr eindeutig als Feind, zu dem eine Bindung nicht mehr akzeptabel war. 507 Während C. Titinius sich aus Geldgier von Fannia scheiden ließ, indem er ihr eine impudicitia vorwarf, von der er bereits vor der Heirat gewusst hatte (er wollte ihr damit die Mitgift entziehen; 8,2,3), ist im Falle von 8,1, ambust. 2 unklar, weshalb Mann und Sohn der erwähnten mater familiae aus Smyrna deren Sohn aus erster Ehe umgebracht hatten. 9,1,9 thematisiert zwar keine innereheliche Auseinandersetzung, doch der Ehewunsch (bzw. die libido) wird zum Auslöser des Konflikts, da Catilina – so Valerius – seinen Sohn tötete, um Aurelia Orestilla zu heiraten.

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aufgefangen und in eine sinnhafte Gesamtdarstellung integriert. Für die Darstellung der gespaltenen Epoche der Bürgerkriege war eine klare Freund-Feind-Einteilung, wie sie in der Frühzeit Roms noch existierte, nicht mehr vermittelbar. Während etwa Horatius seine Schwester für ihre Trauer um den gefallenen Verlobten mit severitas strafen konnte – wobei sein Vorgehen schon in jener Zeit sehr umstritten war –,508 bedurfte die Integration des Caesarmörders Brutus einer differenzierteren Vorgehensweise. In diesem Zusammenhang bot die Fokussierung auf die fides der Ehefrau sowie der Verzicht auf eine eindeutige Stellungnahme Valerius die Möglichkeit, eine politisch prekäre Episode auf vergleichsweise unkomplizierte Weise in sein Werk einzubinden. Mit Blick auf die Problematik der Bürgerkriege konnte ein weiteres wichtiges Ergebnis herausgearbeitet werden, das auf die bereits eingangs (Kapitel 1.1) hervorgehobene Orientierungsfunktion des valerischen Werkes abzielt: Angesichts eines diffusen Gefühls der Unsicherheit, das die rechtlichen Entwicklungen der späten Republik sowie insbesondere die Wirren der Bürgerkriege in die bislang als stabil empfundenen sozialen Beziehungen hereingetragen hatten, entwarf das valerische Werk ein klares Gegenbild: Die gerade in den Beispielen der spätrepublikanischen Krisenzeit sehr positive Inszenierung der Ehebeziehungen schaffte gleichsam auf exemplarische Weise geschützte Räume und konnte auf die Weise dazu beitragen, das Vertrauen in die Stabilität und Zuverlässigkeit des sozialen Raumes wieder zu stärken. Für sich genommen hätte ein solcher Befund nur eine beschränkte Aussagekraft, doch die weiteren Ausführungen werden deutlich machen, dass sich diese Ergebnisse auch auf andere Bereiche übertragen lassen und keinesfalls nur das Verhältnis zwischen Ehegatten betreffen. Vielmehr verweist die Präsenz vergleichbarer positiver Inszenierungen im Rahmen der amicitia-Thematik sowie im Bereich der fides servorum auf die zentrale Bedeutung, die diesem Aspekt für das valerische Gesamtwerk zukommt (Kapitel 5.2.2 und 5.4). Welche Folgerungen daraus zu ziehen sind, wird im weiteren Verlauf der Arbeit erörtert werden.

3.4 Brüder und Schwestern: Bindeglieder der Familie Brüder und Schwestern: Bindeglieder der Familie Auf den ersten Blick weisen die Geschwisterbeziehungen in den Facta et dicta memorabilia eine nicht unerhebliche Präsenz auf. Mit 27 Erwähnungen stehen sie rein numerisch in etwa auf gleicher Ebene mit den in Kapitel 508 Zu 6,3,6 s. unten Kapitel 3.4.2. Dennoch zeigt auch die dort behandelte zweite Aufnahme dieser Episode im Rahmen des Kapitels über Freisprüche (8,1, absol.1), dass Horatius sich grundsätzlich im Rahmen der überlieferten Wertvorstellungen bewegte.

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3.1 und 3.2 behandelten exempla, in denen die Rolle von Müttern bzw. Töchtern thematisiert wird. Ein Kapitel beschäftigt sich sogar explizit mit dem Verhältnis zwischen Brüdern (5,5 De pietate erga fratres). Doch zugleich zeigt eine nähere Betrachtung der betreffenden Beispiele, dass konkrete geschwisterliche Interaktionen eher selten sind und ihr Verhältnis häufig eher beiläufig erwähnt wird.509 Während unter Brüdern dabei immerhin auf die Geschwisterbeziehung selbst abgehoben wird, die eine vorbildhafte oder prestigevermittelnde Funktion übernehmen kann, wird das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern nur selten als solches thematisiert: So fungiert die Schwester in vielen Fällen lediglich als Bindeglied zwischen anderen Familienmitgliedern (etwa zwischen Onkel und Neffe), ohne dass sie selbst aktiv würde. Auch sonst steht häufig das Verhältnis zwischen Onkel bzw. Tante und Neffe bzw. Nichte im Mittelpunkt, das durch den Verweis auf den Bruder oder die Schwester eines Elternteiles lediglich eine nähere Bestimmung erfährt. Im Folgenden werden die konkreten Funktionen und Handlungsräume, die Brüdern und Schwestern im valerischen Werk zukommen, einer genaueren Untersuchung unterzogen. Dabei ist zunächst die Stellung des Bruders zu betrachten, der vor allem für Brüder, zuweilen aber auch für Schwestern einen wichtigen Bezugspunkt bildet. Im Anschluss daran gilt es herauszuarbeiten, welche Rolle einer Schwester – der valerischen Darstellung zufolge – in der römischen Gesellschaft zugesprochen wurde. Ihre bereits erwähnte Funktion als Bindeglied innerhalb der Verwandtschaft leitet schließlich über zu der Frage nach der Bedeutung, die den Geschwistern indirekt – in der Vermittlung zu Nichten und Neffen zukommen konnte. Da der Übergang von Geschwisterbeziehungen zur Stellung von Onkel und Tante bei Valerius gleichsam fließend ist, werden abschließend auch diejenigen exempla einbezogen, die sich mit dem Handeln und der Rolle von avunculus, patruus, matertera und amita beschäftigen, wobei insbesondere zu fragen sein wird, ob die von der strukturellen Anthropologie vertretenen Thesen zu den Rollenbildern dieser Verwandtschaftsbeziehungen durch die Ergebnisse der Untersuchung gestützt werden und welcher Quellenwert der valerischen Darstellung in diesem Zusammenhang zugesprochen werden kann.

509 Konkrete Interaktion unter Geschwistern findet sich in erster Linie in den direkt inszenierten exempla des Kapitels 5,5 (De pietate erga fratres) sowie in einigen anderen über das Werk verteilten Beispielen. Auffällig ist dabei die vergleichsweise geringe Präsenz von Konflikten. Zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik wird A.-C. Harders in Kürze eine ausführliche Untersuchung vorlegen (Harders, Suavissima Soror).

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3.4.1 Der Bruder als Bezugspunkt des Handelns 3.4.1.1 Prestige und Vorbild berühmter Brüder Dass Brüder, zumal berühmte, für das Selbstverständnis des römischen Aristokraten eine besondere Rolle spielten, wird aus dem valerischen Werk klar ersichtlich. Selbst in den relativ zahlreichen exempla, die lediglich nebenbei auf eine Geschwisterbeziehung verweisen, wird der Prestigegewinn bzw. die Vorbildfunktion, die ein solcher Bruder für seine Geschwister beinhaltete, zumindest implizit deutlich.510 Ein ruhmreicher Bruder verschafft Ehre, doch zugleich verpflichtet er zu einem (ihm) angemessenen und würdigen Verhalten. So gilt etwa L. Flaminius als besonders achtenswert, weil er nicht nur Konsular, sondern auch der Bruder des T. Flaminius, des Siegers über Makedonien, war. Angesichts dieser ruhmreichen Stellung rückt seine Ausweisung aus dem Senat in den Hintergrund, und das Volk kann ihn seiner dignitas entsprechend ehren (4,5,1 De verecundia). In ähnlicher Weise erscheint der Undank der Römer, die L. Scipio nach seinem Sieg über Antiochos mit einer Anklage de peculatu belegten, durch den Verweis auf seinen berühmten Bruder Africanus noch schändlicher und tadelnswerter, als dies ohnehin schon der Fall war (5,3,2c De ingratis).511 Doch bedeuten bekannte Brüder zugleich, ebenso wie andere Verwandte, eine Verpflichtung. So wird Drusus (4,3,3 De abstinentia et continentia) nicht nur für sein vorbildhaftes Verhalten als keuscher Ehemann gelobt, sondern auch für seine Haltung, die der Familie der Claudier, seines Stiefvaters und seines Bruders würdig gewesen sei. Und auch Sempronia, als Schwester der Gracchen und Ehefrau des Scipio Aemilianus apostrophiert, erweist sich gerade in ihrem öffentlichen Auftreten gegen den Eindringling und vermeintlichen Neffen Equitus als ein würdiger Teil ihrer berühmten Familie (3,8,6 De constantia).512 Während diese Beispiele den Stellenwert illustrieren, der einem Bruder als Bezugspunkt für das eigene Handeln zukommen kann, zeigt sich die 510 Nur in einem exemplum fehlt eine solche Konnotation. In 8,5,1 (De testibus) werden zwei Brüderpaare erwähnt, deren Autorität aufgrund ihrer Ämterlaufbahn so erdrückend erschien, dass der Angeklagte eines Prozesses trotz ihrer Zeugenaussagen freigesprochen wurde. Denn man habe den Verdacht vermeiden wollen, dass ihre potentia den Schuldspruch begründet habe. 511 Ähnliches gilt für den Tadel an dem Vorgehen des Heeres gegen C. Carbo, Bruder jenes Carbo, der dreimal Konsul gewesen war, wie Valerius nicht versäumt zu erwähnen (9,7, mil. Rom. 3 De vi et seditione). 512 Auch e negativo konnte ein Bruder ›Vorbild‹ für das eigene Handeln sein. So berichtet Valerius in 7,3,2 (Vafre dicta aut facta) von Iunius Brutus, der bemerkte, dass sein Bruder aufgrund seiner Intelligenz von ihrem Onkel getötet worden war. Darauf hin stellte er sich dumm, versteckte seine virtutes und schaffte es durch eine List, Tarquinius und seinen Söhnen die Herrschaft über Rom abzuringen. Dass man nicht immer aus den Fehlern des Bruders lernen konnte, zeigt dagegen der Traum des C. Gracchus (1,7,6 De somniis), in dem ihm angekündigt wurde, er werde den gleichen Tod sterben, wie sein Bruder.

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Bedeutung von Brüdern noch offensichtlicher in denjenigen exempla, die sich mit der direkten Interaktion zwischen Geschwistern beschäftigen. 3.4.1.2 Pietas erga fratres – die Inszenierung einer sozialen Verpflichtung Die meisten Beispiele direkter Interaktion zwischen Geschwistern finden sich in dem eigens dieser Thematik gewidmeten Kapitel 5,5 (De pietate erga fratres), das an den bereits ausführlich erörterten Komplex 5,4 (De pietate erga parentes) anschließt und einen wichtigen Schwerpunkt der Geschwisterbeziehung bildet. Das Vokabular, das Valerius insbesondere in der Einleitung, aber auch für die Schilderung seiner exemplarischen Episoden verwendet, weist vielfach eine sehr emotionale Komponente auf.513 Zugleich wird von Anfang an deutlich, dass pietas in diesem Zusammenhang einen stark verpflichtenden Charakter hat, ähnlich wie dies bereits in Bezug auf die Unterstützung für Eltern herausgearbeitet worden ist (oben Kapitel 2.3.1.4): Wenn das erste vinculum amoris den Eltern zustehe – so Valerius in der Einleitung (5,5 pr.) –, von denen wir maxima beneficia erhalten haben, so sei das nächste Liebesband denen zuzusprechen, mit denen wir jene großen beneficia sowie die ersten Erfahrungen und Bekanntschaften unseres Lebens geteilt haben. Der Ehefrau sowie den Kindern, Freunden und Verwandten sei man zwar eng verbunden, doch die geschwisterliche benevolentia dürfe nicht hinter diese Bande zurücktreten.514 Gleichsam als Zeuge (testis) und Illustration dieser Prioritäten führt Valerius gleich im ersten exemplum (5,5,1) Scipio Africanus an, der Laelius mit engster familiaritas verbunden war. Trotz dieser durchaus verpflichtend zu verstehenden Bindung habe er den Senat gebeten, die Provinz, die seinem Bruder, L. Scipio, vorenthalten werden sollte, nicht dem Laelius zu geben. Und er habe versprochen, als Legat mit Lucius nach Asia zu gehen – er, der Ruhm- und Erfolgreiche, mit dem noch ruhmlosen Bruder –, falls der Senat ihm die Provinz doch übertragen sollte. Vertrautheit und Freundschaft treten hier ohne weitere Diskussion hinter die brüderliche Pflicht zurück.515 513 Valerius spricht von amor und dem vinculum amoris, von benevolentia und caritas. Auch die Erzählform in der ersten Person trägt dazu bei, den affektiven Gehalt der Darstellung zu steigern. 514 Konsequenterweise sieht sich der Bruder des Pompeius Reginus, der anstelle seines Bruders alieni et humiles als Erben einsetzt (7,8,4), scharfer Kritik ausgesetzt. Dass eine Anfechtung seines Testamentes vermutlich gute Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, lässt nicht zuletzt der Vergleich mit dem – rechtlich weitaus weniger eindeutigen – Beispiel 7,7,5 vermuten, in dem enterbte Brüder trotz der fehlenden agnatischen Bindung in ihr Erbe eingesetzt werden. Doch Reginus verzichtet darauf, Anklage zu erheben und zieht es vor, die Asche seines Bruders zu ehren – ähnlich wie auch Afronia, die Tochter der Aebutia, davon abgesehen hatte, gegen ihre Schwester vor Gericht zu ziehen (7,8,2, s. oben Kapitel 3.1.1). 515 Dass auch der eigene Ruhm angesichts geschwisterlicher pietas als zweitrangig erscheint, zeigt das Beispiel 5,5,2: M. Fabius verzichtet auf den ihm infolge einer gewonnen Schlacht zustehenden Triumph, weil sein Bruder in dieser Schlacht gefallen war.

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Auch in den übrigen Beispielen setzt Valerius die pietas erga fratres in leuchtenden Farben in Szene: Sie bringt erfolgreiche Männer dazu, ihre Position und ihre Ambitionen zurückzustellen, um einem Bruder zu dienen oder Respekt zu erweisen (5,5,2 ähnlich dem gerade besprochenen Beispiel 5,5,1); Tiberius eilt seinem todkranken Bruder in einem gefährlichen Ritt persönlich entgegen (5,5,3), und sogar bei einem einfachen Soldaten führt pietas dazu, dass er die nicht schuldhafte Tötung seines Bruders nur durch den eigenen Freitod sühnen zu können glaubte (5,5,4). Das gesamte Kapitel, insbesondere aber die sehr emphatische und panegyrische Inszenierung der tiberianischen pietas deuten darauf hin, dass Valerius mit dieser Darstellung eine spezifische Sinngebung verfolgt. Hat er diese Thematik in sein Werk aufgenommen, um Tiberius zu schmeicheln bzw. um dessen Ansehen zu stärken? Immerhin hatte Valerius bereits in der Einleitung zu den Facta et dicta memorabilia emphatisch auf die normenbewahrende Funktion des Kaisers hingewiesen und dessen Autorität auf diese Weise implizit mit seiner persönlichen moralischen Haltung verbunden. Hinzu kommt, dass Tiberius sich durch die Stellung dieses Exempels, im Anschluss an die Beispiele von Scipio Africanus und M. Fabius, in eine Reihe berühmter Aristokraten einordnet, die den Ruhm und die Traditionsverbundenheit des Kaisers auf diskrete Weise unterstreichen.516 Auch ein Blick auf die möglichen Quellen des Valerius stützt die These einer gezielten Inszenierung: Wenngleich die hier geschilderten Episoden auch in früheren Versionen zuweilen recht emotional dargestellt werden,517 so erscheint die Hervorhebung der pietas doch als spezifisch valerisches Darstellungselement, zumal sich die Begrifflichkeit in keiner der uns bekannten potentiellen Quellen findet. Besonders deutlich wird die Diskrepanz in der Episode der beiden Scipionenbrüder (5,5,1). Thema ist der Streit um die Zuteilung der Provinz Asia, die sowohl von L. Scipio als auch von Laelius beansprucht wird. Die bei Valerius sehr emphatisch dargestellte ›Aufopferung‹ des Scipio Africanus für seinen Bruder Lucius – er, der 516 Besonders deutlich wird dies in dem einleitenden Satz dieses Beispiels: Hoc exemplum vetustas, illo saeculum nostrum ornatum est [...]. Vgl. hierzu auch Weileder, S. 31. Selbst im letzten exemplum wird die Kontinuität zwischen Tiberius und den republikanischen Größen nochmals betont, wenn Valerius die Einbeziehung eines einfachen Soldaten als auctor – im Anschluss an drei so berühmte Männer – mit folgenden Worten entschuldigt: Sed omnis memoriae clarissimis imperatoribus profecto non erit ingratum si militis summa erga fratrem suum pietas huic parti voluminis adhaeserit. 517 So betont etwa auch Livius, von dem für diese Zeit leider nur die Epitomai überliefert sind (Per. 142), in Bezug auf die in 5,5,1 überlieferte Episode, dass Tiberius in großer Eile zu seinem kranken Bruder reiste, und selbst der spätere – eher distanzierte – Bericht des Tacitus (ann. 3,5) hebt den Einsatz des Tiberius für seinen Bruder hervor. Die lamentatio des Soldatenbruders (5,5,4) über den ungewollten Mord an seinem Bruder wird sogar in der livianischen Kurzfassung (Liv. Per. 79) emphatisch inszeniert.

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Ruhmreiche, werde seinen jüngeren Bruder als Legat begleiten, falls der Senat sich für ihn entscheide –, erscheint in der livianischen Version primär als ein Wettstreit zwischen Laelius und L. Scipio, der durch das Eingreifen des Africanus lediglich zugunsten seines Bruders entschieden wird.518 Cicero erweckt dagegen sogar den Eindruck, die Initiative sei in diesem Falle vom Senat ausgegangen, der den Africanus angesichts der Gefährlichkeit des Krieges gebeten habe, seinen Bruder als Legat zu begleiten.519 Es kann an dieser Stelle nicht entschieden werden, welche dieser Versionen dem ›tatsächlichen‹ Handlungsablauf am nächsten kommen könnte – es ist durchaus denkbar, dass der Vorstoß von Scipio Africanus ausging, wobei er damit vermutlich sowohl das Prestige seiner Familie als auch seinen persönlicher Ruhm stärken wollte.520 Indes machen die nicht unerheblichen Unterschiede deutlich, dass die valerische Fokussierung auf brüderliche pietas nicht notwendig oder selbstverständlich war, sondern auf eine gezielte Inszenierung zurückgeführt werden kann. Auch die zweite pietas-Episode, die den durch die Trauer um seinen gefallenen Bruder begründeten Verzicht des Konsuls M. Fabius auf den ihm zustehenden Triumph in Szene setzt (5,5,2), weist eine ähnliche Schwerpunktverschiebung auf: Während bei Valerius die pietas fraternae caritatis als einziger und zentraler Grund für die Ablehnung der ihm von Volk und Senat zugedachten Ehrung dargestellt und gepriesen wird, argumentiert Fabius in der livianischen Episode allgemeiner mit der Trauer seiner Familie und der res publica – denn nicht nur sein Bruder war im Kampf gestorben, sondern auch der zweite Konsul.521

518 S. Liv. 37,1,7-10. Bei Valerius wird der Kontrast zwischen der Stellung des Africanus im Vergleich zu seinem Bruder durch eine ganze Reihe von Aufzählungen hervorgehoben: et legatum que se L. Scipioni in Asiam iturum promisit, et maior natu minori et fortissimus imbelli et gloria excellens laudis inopi et, quod super omnia est, nondum Asiatico iam Africanus. itaque clarissimorum cognominum alterum sumpsit, alterum dedit, triumphique praetextum huius cepit, illius tradidit, ministerio maior aliquanto quam frater imperio. 519 Cic. Mur. 14,32. Da Ciceros Version in der Intention seiner Rede für Murena gründet, in der er gegen eine Verharmlosung der ›asiatischen Gefahr‹ argumentiert, muss sie der ›Wahrheit‹ nicht unbedingt näher kommen, als andere Versionen. Es ist jedoch gut möglich, dass Valerius sie kannte und bewusst eine andere Darstellung gewählt hat. 520 Dass ihm selbst in einer formal untergeordneten Position faktisch eine zentrale Bedeutung zukam, war selbstverständlich. Deutlich wird dieser Aspekt nicht zuletzt in seiner Haltung nach dem Ende des Feldzuges, über die Valerius im Kapitel 3,7 (De fiducia sui) ebenfalls berichtet (3,7,1 e): Als L. Scipio vom Senat um Rechenschaft über vier Millionen Sesterzen des Antiochos gebeten wird, zerreißt Publius die von seinem Bruder vorgelegten Unterlagen, voller Empörung darüber, dass eine Aktion, die er als Legat überwacht hatte, angezweifelt wurde. Er habe sich auch nach der Unterwerfung der Karthager nicht bereichert, und beide, er wie auch sein Bruder, seien reicher an invidia denn an Geld. 521 Liv. 2,47,10.

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Für das dritte, durch den Bezug auf die kaiserliche Familie sowie die Art der Darstellung bedeutsame exemplum 5,5,3 lassen sich aufgrund der schlechten Quellenlage nur bedingt Aussagen zu möglichen Verschiebungen machen.522 Interessant ist hier jedoch die sehr emphatische Beschreibung und Kommentierung durch Valerius, der Tiberius und Drusus explizit in den Rahmen ihrer berühmten gentes einordnet und abschließend mit dem göttlichen Geschwisterpaar Castor und Pollux vergleicht. Beide Brüder werden hier als lobenswert dargestellt: So, wie der gefahrvolle Ritt des Tiberius als Ausdruck von pietas gegenüber seinem Bruder zu deuten ist, so bereitet der bereits todkranke Drusus ihm wiederum einen würdigen Empfang, indem er seinen Legionen befiehlt, Tiberius als imperator zu begrüßen. Angesichts der Beliebtheit, die Drusus im römischen Volk genoss,523 wird die Prestige und Legitimation verleihende Intention des Valerius in diesem Beispiel deutlich. Dass die valerische Darstellung jedoch nicht nur auf die Person des princeps abzielt, zeigt sich besonders im letzten Beispiel dieses Kapitels (5,5,4): Der enthusiastische Bericht über den einfachen Soldaten, der seinen Bruder im Zuge des Bürgerkrieges zwischen Pompeius und Sertorius unwissentlich tötete – jener hatte auf der gegnerischen Seite gekämpft – und sich aus Verzweiflung über seine Tat umbringt, verweist nicht nur auf die schichtenübergreifende Bedeutung der pietas innerhalb der römischen Gesellschaft, sondern nimmt mit den Bürgerkriegen auch eine Thematik auf, die für die Konzeption des valerischen Werkes bekanntlich eine wichtige Rolle spielt. Während bei der Erörterung der Ehe-Beispiele in erster Linie auf die Schutzfunktion hingewiesen wurde, die Partner angesichts der Wirren von Bürgerkrieg und Proskription füreinander übernehmen konnten, wird in der Darstellung der ungewollten Ermordung des eigenen Bruders die ganze Tragik deutlich, die solche innerstaatlichen Zerwürfnisse beinhalten konnten. Zwar endet das pietas-Kapitel mit diesem exemplum, doch die abschließenden Worte des Valerius drücken dennoch sein Vertrauen in die Stärke der sozialen Beziehungen aus: Obgleich der Soldat unschuldig hätte weiterleben können, stützte er sich lieber auf seine pietas als auf fremde Nachsicht und zog es vor, dem Bruder im Tod ein Gefährte zu sein.524 Im Vergleich zu dem Bereich der Ehe (vgl. Kapitel 3.3.2.2) ist der Aspekt des Schutzes in diesem Kapitel zwar weniger offensichtlich, dennoch zeigt sich eine gewisse Kontinuität: Der Abschluss des Beispiels 5,5,4 so522 Ähnliches gilt für das letzte Beispiel dieses Kapitels, 5,5,4, denn für beide sind lediglich die Epitomai des Livius als mögliche Vorläufer überliefert (Liv. Per. 142 und 79), die durch ihre strukturell knappe Darstellung keine adäquate Vergleichsmöglichkeit bieten. Zu der Tat des Tiberius vgl. auch Tac. ann. 3,5. 523 Tac. ann. 1,33,2. 524 licebat ignorantiae beneficio innocenti vivere, sed ut sua potius pietate quam aliena venia uteretur, comes fraternae neci non defuit (5,5,4).

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wie die übrigen sehr emotional dargestellten Schutz- und Unterstützungshandlungen für Brüder weisen darauf hin, dass Valerius hier, ähnlich wie für das Eheverhältnis, bemüht ist, in der Geschwisterbeziehung Räume des Schutzes und der Vertrautheit zu schaffen, die ein positives Bild der sozialen Bindungen evozieren können. Dies bedeutet jedoch nicht, dass pietas erga fratres grundsätzlich allen anderen Beziehungen vorangestellt werden muss. Vielmehr können hier, wie dies bereits in anderen Zusammenhängen deutlich geworden ist, in unterschiedlichen Kapiteln – je nach Aussageintention – klar voneinander differierende Prioritäten gesetzt werden. Besonders offensichtlich wird die sinnstiftende Funktion des Darstellungskontextes im Kapitel 2,7 (De discipilina militari). Die Inszenierung militärischer Disziplin, deren Durchsetzung in Rom nicht einmal vor Verwandten oder hohen Amtsträgern halt machte, findet sich hier in ganz ähnlicher Weise wieder, wie in dem berühmten und bereits ausführlich diskutierten exemplum 2,7,6.525 In 2,7,5 berichtet Valerius, dass der Zensor Q. Fulvius Flaccus einen Bruder und Miterben aus dem Senat ausstieß, weil dieser es gewagt hatte, die Legion, deren Militärtribun er war, nach Hause zu schicken, ohne dass der Konsul den Befehl dazu gegeben hatte. Obgleich es sich hier um eine der wenigen konfliktuellen Darstellungen einer Geschwisterbeziehung handelt, ist ihre positive Einbindung in den gesellschaftlichen Rahmen offensichtlich. Die Einbeziehung des Geschwisterverhältnisses – zumal an prominenter Stelle direkt vor der Vater-Sohn-Interaktion in 2,7,6 – unterstreicht gleichsam e negativo den besonders schützenswerten Charakter dieser Beziehung, da die valerische Vorgehensweise in diesem Kapitel in weiten Teilen auf der Gegenüberstellung von enger sozialer Beziehung einerseits und der Notwendigkeit, disciplina militaris durchzusetzen, andererseits basiert. Je näher und verpflichtender die Beziehung ist, desto offensichtlicher zeigt sich der Stellenwert der disciplina militaris.526 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Brüdern in den Facta et dicta memorabilia trotz einer relativ geringen Anzahl an Beispielen direkter Interaktion eine erhebliche Bedeutung zukommt, die zumindest teilweise auf spezifische Darstellung des Valerius zurückgeführt werden kann. Zugleich gilt hier, wie dies bereits für das Vater-Sohn-Verhältnis herausge525 Vgl. dazu die Untersuchung des Beispiels 2,7,6 oben Kapitel 2.3.2.1. 526 Besonders hervorgehoben wird dieser Aspekt am Ende des Beispiels 2,7,7, in dem Valerius in emphatischer Steigerung zusammenfasst, welche zentralen Nahbeziehungen der Verehrung des Mars geopfert wurden: His, ut ita dicam, piaculis, Mars, imperii nostri pater, ubi aliqua ex parte a tuis auspiciis degeneratum erat, numen tuum propitiabatur, adfinium et cognatorum et fratrum nota, filiorum strage, ignominiosa consulum eiuratione.

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arbeitet worden ist, dass selbst zentrale Normen wie pietas erga fratres keine absolute, in allen Beziehungskontexten gültige Bedeutung zugesprochen werden kann. Die sinngebende Funktion von Darstellungsintention und -kontext muss hier – wie im gesamten valerischen Werk – als integraler Bestandteil jeder in exemplis vollzogenen Aussage betrachtet werden.

3.4.2 Die Schwester als Bindeglied innerhalb der Familie Im Vergleich zu der nicht unerheblichen Präsenz von Brüdern fristen Schwestern im valerischen Werk ein wahres Schattendasein. Von den neun exempla, in denen eine Schwester genannt wird, kommt ihr in vier Fällen lediglich die Funktion zu, die Beziehung zwischen verschiedenen Familienmitgliedern, meist Onkel und (vermeintlichem) Neffen, zu verdeutlichen. Sie selbst ergreift keine Initiative und wird nur einmal überhaupt als eigenständige Person genannt.527 Die übrigen fünf Beispiele, die zur Herausarbeitung eines bestimmten Bildes ohnehin zu disparat und zu wenig aussagekräftig sind, stellen lediglich in zwei Fällen eine positiv agierende Schwester dar:528 Sempronia (3,8,6 De constantia), die sich durch ihre Haltung bei der Verteidigung der familiären Gemeinschaft gegen einen unerwünschten Eindringling sowohl ihres Bruders wie auch ihrer Familie als würdig erweist und Afronia (7,8,2 Quae rata manserunt cum causa haberent cur rescindi possent), die angesichts einer ungerechten Enterbung durch ihre Mutter den Konflikt mit ihrer Schwester vermeidet und die Entscheidung der Mutter mit patientia hinnimmt.529

527 In 5,9,2 geht es um Q. Hortensius, der erwägt, den Sohn seiner Schwester Messalla zum Erben einzusetzen. 6,1,12 berichtet von der Entscheidung des Marius, der Sohn seiner Schwester sei zu Recht von C. Plotius getötet worden, da er ihn de stupro verfolgt habe. In 6,2,3 berichtet Valerius über den Tribunen Cn. Carbo, der den P. Scipio Africanus fragte, was er vom Tod des Ti. Gracchus halte. Da Africanus mit der Schwester des Gracchus verheiratet war, hoffte Carbo, Africanus werde Mitgefühl für seinen Verwandten äußern und somit den schon begonnenen Streit weiter anfachen. Und schließlich empört Valerius sich in 9,15,2 über einen nicht weiter namentlich bekannten Mann, der es gewagt hatte vorzutäuschen, er sei aus dem Schoß der Octavia, Schwester des Augustus geboren, um sich in die kaiserliche Familie einzuschleichen. Augustus schickte ihn auf die Galeeren. Die genannten exempla werden im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Onkel und Neffe bzw. weiteren propinquii einer ausführlicheren Betrachtung unterzogen. 528 Zwar aktiv, jedoch in negativer Hinsicht erscheint dagegen Claudia in 8,1, damn. 4 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint), die durch ein impium votum zu Fall kam: Sie hatte sich – auf dem Rückweg von den Spielen von der Menge bedrängt – gewünscht, ihr Bruder, Hauptverantwortlicher für ein Desaster der römischen Flotte, möge wieder auferstehen und durch seine Führerschaft zu einer weiteren verlustreichen Niederlage und somit zur Reduzierung der Bevölkerung beitragen. 529 Sempronia ist im Zusammenhang mit der Vorbildfunktion des Bruders bereits erwähnt worden (s. Kapitel 3.4.1.1). Beide, Sempronia wie Afronia, agieren hier nicht ausschließlich als

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Einen Sonderfall bilden die beiden exempla, die sich mit dem in die Königszeit zu datierenden Konflikt zwischen Horatius und seiner Schwester beschäftigen (6,3,6 De severitate und 8,1, absol. 1 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint). Im Mittelpunkt dieser exempla steht zum einen die Strenge des Horatius seiner Schwester gegenüber, die er – da sie um ihren Verlobten, einen der von Horatius im Kampf getöteten Curiatii trauerte – getötet hatte, und zum anderen die Frage der strafrechtlichen Ahndung seiner Tat. Die doppelte und durchaus kontroverse Diskussion des brüderlichen Vorgehens – in beiden Fällen wird erwähnt, dass Horatius vor Gericht gezogen wurde – deutet darauf hin, dass es sich um ein außergewöhnliches und erklärungsbedürftiges Verhalten handelte. Durch den Hinweis auf die Unterstützung von Seiten des Vaters einerseits (6,3,6) sowie des Volkes andererseits (8,1, absol. 1) verschafft Valerius der Tat des Horatius eine klare normative Legitimation: Der valerischen Darstellung zufolge war sein Handeln in einem sozial prinzipiell akzeptierten Rahmen verlaufen.530 Trotz der vorausgegangenen Verlobung war die Trennung zwischen innen und außen bzw. zwischen Freund und Feind in jener Zeit so eindeutig, dass die Haltung seiner Schwester, der Beziehung zu ihrem nun zu ächtenden Verlobten (immerhin war er noch nicht der Ehemann) eine so große Bedeutung zuzusprechen, unzweifelhaft zu verurteilen war. Im Gegensatz zu dem bereits besprochenen Fall der Porcia, deren Treue zu ihrem ebenfalls zur persona non grata gewandelten Mann Brutus als fides uxorum gelobt werden konnte, hat in diesem Fall das Verhältnis zur Ursprungsfamilie sowie zur res publica den unbestrittenen Vorrang.531

Schwestern, sondern sind in ein Netz familiärer Beziehungen eingebunden, die ihr Handeln wesentlich mitbestimmen. Zu 7,8,2 s. auch oben Anm. 284 und Kapitel 3.1.1. 530 Maslakov, S. 468ff., weist darauf hin, dass dieser Aspekt auch durch die Stellung des Exempels im Gesamtkapitel unterstrichen wird: Indem Valerius das darauffolgende exemplum mit den Worten consimili severitate senatus postea usus [...] beginnt und das dort angeführte strenge Vorgehen der Verwandten begrüßt, macht er deutlich, dass das eigentlich nicht unproblematische Verhalten des Horatius (immerhin war seine Schwester noch nicht verurteilt worden) im Kontext traditioneller severitas als durchaus richtig zu beurteilen sei. Zur valerischen Konstruktion dieser Episode und des Kapitels 6,3 (De severitate) s. Maslakov, S. 464-471, der darauf hinweist, dass Valerius sich mit diesem Beispiel (wie mit dem ganzen Kapitel) in eine weit zurückreichende Tradition altrömischer severitas einordnet. Das Horatia-exemplum gewinne seine Bedeutung somit nicht als einzelne Darstellung, sondern vielmehr als integraler Teil eines »moral universe« (Zitat ebd. S. 471). 531 Dass die Beziehung zu dem Ehemann in spe zurücktreten muss, lässt sich sicherlich teilweise mit der noch nicht vollzogenen Heirat erklären. Darüber hinaus könnte der Unterschied durch den Kontext der Kapitel (De fide uxorum gegenüber De severitate) begründet sein oder als Ausdruck einer historischen Entwicklung hin zu größerer Bedeutung der ehelichen Beziehung interpretiert werden. Eindeutig klären lässt sich diese Frage nicht. Vgl. auch oben Kapitel 3.3.1.2, Anm. 465 und passim.

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Im valerischen Werk wird Schwestern praktisch keine aktive und eigenständige Funktion zugesprochen. Von Bedeutung sind sie allenfalls als Bindeglieder zwischen den verschiedenen Familienteilen, insbesondere im Hinblick auf die Beziehung zwischen Onkel und Neffen. Wie sich dieses Verhältnis konkret gestaltet und welche Form die Interaktion mit Geschwisterkindern überhaupt annehmen konnte, soll im Folgenden untersucht werden.

3.4.3 Die Beziehung zu Geschwisterkindern und die Bedeutung sozialer Rollen Rein quantitativ ist das Verhältnis von Onkeln und Tanten zu ihren Nichten und Neffen in den Facta et dicta memorabilia nicht übermäßig präsent – elf exempla erwähnen die Beziehung zu einem Onkel und nur zwei die Interaktion mit einer Tante –, und die Beispiele finden sich zudem über ganz unterschiedliche Kapitel verstreut. Eine eigene Rubrik, die das Verhältnis zu Geschwisterkindern direkt in Szene setzen würde, gibt es nicht. Dennoch bietet das valerische Werk, zumindest in Bezug auf das Verhältnis zwischen Onkel und Neffen, einen interessanten Einblick in die hier denkbaren Handlungsoptionen. Es handelt sich in fast allen hier angeführten Beispielen um aussagekräftige Interaktionen, die sich zu Kategorien zusammenfassen lassen. Da sich keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen inszenierten und en passant erwähnten Beziehungen festmachen lassen, werden hier – wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln – beide Darstellungsarten gemeinsam analysiert, um die zu erarbeitenden Bilder auf eine breitere Quellenbasis zu stellen. Zu beachten ist, dass Valerius – entsprechend der lateinischen Terminologie – zwischen agnatischen und cognatischen Verwandten unterscheidet und jeweils spezifiziert, ob es sich um den Vater- oder Mutterbruder (patruus und avunculus) bzw. die Vater- oder Mutterschwester (amita und matertera) handelt. Ob mit dieser begrifflichen Unterscheidung auch differenzierte Verhaltensmuster verbunden sind, wie dies in der Forschung insbesondere von Maurizio Bettini vertreten wird, werden die folgenden Ausführungen zeigen.532 532 Bettini geht im Sinne der strukturellen Anthropologie von Claude Lévi-Strauss (vgl. z.B. Lévi-Strauss, Langage et parenté) davon aus, dass linguistische Gegebenheiten einen sinnvollen Bezugspunkt für die Rekonstruktion des römischen Verwandtschaftssystems bieten (Bettini, Antropologia, S. 15ff. und S. 21ff.; s. auch die Ausführungen oben im Kapitel 2.1). Anhand einiger ausgewählter Texte entwickelte er ein »System der Verwandtschaft«, innerhalb dessen der väterlichen und der mütterlichen Seite jeweils spezifische Funktionen zukommen. Während Vaterbruder und Vaterschwester – patruus und amita – gleichsam nach dem Vorbild des Vaters

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3.4.3.1 Die vielfältigen Funktionen von avunculus und patruus Für das Verhältnis zwischen Onkel und Neffen lassen sich die bei Valerius dargestellten Handlungsmuster in drei Bereiche einteilen: die Unterstützung des Neffen durch den Onkel, die implizite Verpflichtung des Neffen auf das Andenken und den Ruhm des Onkels sowie konfliktuelle Situationen. 1. Die valerischen exempla entwerfen ein breitgefächertes Bild der positiven und fördernden Handlungen von Onkeln für ihre Neffen, die sich von der Erziehung und Aufnahme in die eigene domus über die Adoption und die Einsetzung zum Erben bis hin zur Verteidigung vor Gericht sowie zur Unterstützung bei Wahlen ziehen.533 Auffällig ist eine vergleichsweise starke Präsenz des avunculus im Gegensatz zu dem nur einmal erwähnten patruus, welche die von Bettini postulierte ›Rollenverteilung‹ zunächst zu stützen scheint. Doch dieses Ergebnis relativiert sich mit Blick auf die generelle numerische Unterlegenheit des Vaterbruders, der im valerischen Werk nur viermal erwähnt wird, während sich immerhin acht exempla mit der Figur des avunculus beschäftigen.534 2. Im Zusammenhang mit den Handlungsmöglichkeiten bzw. Pflichten, die einem Neffen für den Ruhm und die Ehre seines Onkels zugeschrieben werden, scheint Bettinis These einer klaren Unterscheidung zwischen agnatischen und cognatischen Handlungsmustern gestützt zu werden, da in allen drei Fällen der patruus – auf gleicher Ebene mit dem Vater – als Bezugsperson fungiert: So wird in 7,5,1 (De repulsis) erwähnt, dass Fabius Maximus ein Bankett zu Ehren von pater und patruus gibt,535 und auch in 3,5,1a die Rolle der strengen Mahner und Wächter übernahmen und auch eine gewisse Distanz zu den Kindern ihres Bruders an den Tag legten, sei die Beziehung zu den Geschwistern der Mutter – avunculus und matertera – in der Regel durch Nähe, Vertrauen und Unterstützung charakterisiert (Bettini, Antropologia, S. 118ff. Zu patruus und amita s. ebd. S. 27ff. und S. 113ff., zu avunculus und matertera s. ebd. S. 50ff. und S. 77ff.); vgl. auch Hallett, S. 152ff. (avunculus), S. 167ff. (amita), S. 181ff. (matertera) sowie S. 189ff. (patruus). 533 Cato wurde im Hause seines avunculus M. Drusus aufgezogen (3,1,2a De indole; s. ähnlich auch 5,1,7 De humanitate et clementia zu Massinissa und seinem Neffen), während der Neffe in 7,7,2 (De testamentis quae rescissa sunt) sogar von seinem avunculus adoptiert wird. Von Hortensius wird berichtet, er habe den Sohn seiner Schwester zum Erben einsetzen wollen (später verzichtet er zugunsten seines eigenen Sohnes doch darauf) und ihn zudem gegen eine ambitusAnklage verteidigt (5,9,2 De parentum adversus suspectos liberos moderatione). Relativ verbreitet scheint die Unterstützung bei Wahlen gewesen zu sein, die im valerischen Werk einmal vom avunculus (7,5,1 De repulsis) und einmal vom patruus ausgeht (8,15,4 Quae cuique magnifica contigerunt). Dass die Beziehung zwischen Neffen und avunculus als wichtige Nahbeziehung zu verstehen ist, zeigt nicht zuletzt 9,15,2 (De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt), das von dem Versuch eines namentlich nicht weiter bestimmten Mannes berichtet, der sich als Sohn der Octavia und somit Neffe des Augustus ausgab – und dafür von Augustus auf die Galeeren geschickt wurde. 534 In einem exemplum werden sowohl patruus als auch avunculus erwähnt (7,5,1). 535 Ganz ähnlich auch – in 9,11, ext. 1 (Dicta improba aut fatcta scelerata) – der Hinweis auf das munus gladiatorium, das Scipio Africanus zu Ehren von pater und patruus gibt. Zwar ist das

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(Qui a parentibus claris degeneraverunt) läuft der Verweis auf diese beiden agnatischen Verwandten parallel, wobei hier die Nichterfüllung einer ihnen geschuldeten Verpflichtung zum Thema gemacht wird: Scipio, der Sohn des Africanus maior, hatte sich von einer Abordnung des Antiochos gefangen nehmen lassen und sich dadurch seines Vaters und Onkels als unwürdig erwiesen. Angesichts ihrer berühmten cognomina (Africanus und Asiaticus) hätte er sich, so Valerius, besser umbringen sollen, als die Schande der Gefangenschaft auf sich zu nehmen. Wenngleich diese Ergebnisse zumindest mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren sind, da man auf der Basis dreier exempla kaum aussagekräftige Ergebnisse herausarbeiten kann, so ist dennoch anzumerken, dass die Parallelisierung von pater und patruus hier sehr deutlich zu Tage tritt. Sie verweist darauf, dass der agnatischen Linie für die Position des Einzelnen in der Gesellschaft eine besondere Bedeutung zukam: Man musste sich ihr als würdig erweisen und sie – beispielsweise in der Person des Vaterbruders – ehren.536 3. Konflikte zwischen Onkel und Neffen werden bei Valerius in vier exempla thematisiert. Sie werden in keinem Fall von einem patruus initiiert, sondern gehen entweder vom Neffen selbst oder aber von einem avunculus aus,537 der sich immerhin in zwei Beispielen der ihm von Bettini strukturell zugeschriebenen Unterstützungshaltung verweigert: So entscheidet Marius in einem Streitfall, dass der Sohn seiner Schwester, ein Militärtribun, zu Recht von C. Plotius getötet worden sei, denn der Tribun hatte Plotius de stupro verfolgt (6,1,12 De pudicitia). Und der avunculus von Iunius Brutus, König Tarquinius, trachtet seinen Neffen sogar nach dem Leben und kann nur mit Hilfe eines Tricks durch Brutus besiegt werden (7,3,2 Vafre dicta exemplum zu den externa zu rechnen, doch die – hier nur nebenbei erwähnte – Interaktion zwischen Neffe und Onkel ist rein römisch. 536 Besonders wichtig war dies natürlich in den Fällen, in denen die agnatische Linie herausragende Persönlichkeiten umfasste, wie etwa in 7,5,1 den jüngeren P. Africanus: Q. Fabius Maximus, der Brudersohn des Africanus, möchte im Namen seines patruus ein Bankett ausrichten. Formal obliegt ihm die Übernahme des Zeremoniells, doch er bittet Aelius Tubero – Schwestersohn des Africanus – um Unterstützung. Dieser erweist seinem avunculus indes bei der Ausstattung keine angemessene Ehre. Daher, so die valerische Deutung, wird er bei den darauffolgenden Wahlen zur Prätur vom Volk mit einer Ablehnung abgestraft. Dies ist insofern erstaunlich, als P. Africanus selbst – als avunculus des Tubero – dessen Kandidatur eigentlich unterstützte. Während die fehlende Ehrung den avunculus offenbar nicht von seiner unterstützenden Haltung abbringt, kann das Volk den faux-pas des Aelius Tubero nicht vergessen. 537 Der eine Fall betrifft das bereits besprochene Beispiel 3,5,1 b, in dem Valerius berichtet, dass der Sohn des älteren Africanus sich seines Vaters und Onkels als unwürdig erweist. Das ebenfalls bereits kurz angesprochene exemplum 9,15,2 gehört dagegen nur mit Vorbehalt in diese Rubrik. Hier geht es lediglich um ein vermeintliches Verhältnis zu einem avunculus, denn ein Unbekannter hatte vergeblich versucht, sich als Sohn der Octavia auszugeben und somit den Status eines Neffen des Augustus für sich zu erlangen.

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aut facta).538 Zwar könnte man mit Blick auf das Marius-Exempel argumentieren, dass die Bedeutung der pudicitia hier gerade dadurch hervorgehoben wird, dass ›sogar‹ der avunculus, von dem diese Haltung nicht zu erwarten wäre, den Respekt für die Keuschheit über die eigenen Familienbande stellte, doch die valerische Darstellung gibt keine Hinweise, die diese Deutung stützen könnten. Vielmehr legt der Blick auf die diesem exemplum vorangehenden Beispiele nahe, dass hier die Beziehung zwischen Vorgesetztem und Untergebenen im Mittelpunkt steht, die von dem Tribun hier wie bereits in 6,1,11 auf schändliche Weise ausgenutzt und daher streng geahndet wurde. Dass der Verweis auf Familienbande in diesem Zusammenhang dennoch eine besondere Wirkung hat, steht natürlich außer Frage. 3.4.3.2 Matertera, amita und die Aussagekraft einzelner exempla Wenn bereits für die Rolle des Onkels viele Aussagen aufgrund der schmalen Quellenbasis nur unter Vorbehalt möglich waren, so weist das Handeln von Tanten eine noch weitaus problematischere Quellenlage auf. Im gesamten valerischen Werk finden sich lediglich zwei exempla, die eine Interaktion zwischen Nichte bzw. Neffe und Tante erwähnen, wobei es in einem Falle sogar nur um einen vermeintlichen Brudersohn geht, gegen den Sempronia sich verteidigt (3,8,6 De constantia).539 1,5,4 (De ominibus) inszeniert eine Unterstützungsgeste von Seiten der Mutterschwester Caecilia, die eine Nacht mit ihrer Nichte in einem sacellum verbrachte, um ein Omen für deren Hochzeit einzuholen. Vor diesem Hintergrund lassen sich eigentlich kaum allgemeine Verhaltensweisen oder gar -regeln formulieren. Dass Bettini es dennoch versucht – 1,5,4 ist einer seiner Schlüsseltexte für die Bestimmung der Rolle der matertera –,540 liegt zum einen an seiner spezifischen Vorstellung von antiken Verwandtschaftsbeziehungen als einem struktural definierten System, innerhalb dessen den verschiedenen Elementen bestimmte Funktionen oder Rollen zukommen, die nicht notwendig einer extensiven Unterfütterung durch antike Quellen bedürfen, sondern aufgrund ihres systematischen Charakters auch angesichts einer dünnen Quellenlage Plausibilität beanspruchen können.541

538 Wie Valerius berichtet, hatte Tarquinius den Bruder des Iunius Brutus getötet und hatte Brutus selbst womöglich als nächstes Opfer auserkoren. Doch dieser stellte sich absichtlich dumm und überlistete den Onkel bzw. seine Cousins durch seine Schlauheit. 539 3,8,6 (De constantia) ist im Zusammenhang mit der Bruder-Schwester-Beziehung bereits kurz angesprochen worden: Es handelt von der Standhaftigkeit der Sempronia angesichts der Versuche des Equitus, sich – als vermeintlicher Sohn ihres Bruders Ti. Gracchus – und somit als ihr Neffe – in die Familie der Gracchen einzuschleichen; s. hierzu auch Hallett, S. 167. 540 Bettini, Antropologia, S. 98-101. 541 Zu seiner strukturalen Herangehensweise an die Untersuchung von Verwandtschaftsbeziehungen s. Bettini, Antropologia, S. 15ff. und S. 118ff.; zur Rolle der Mutterschwester s. ebd. S. 98.

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Zum anderen hängt Bettinis Interesse jedoch auch mit der Beschreibung zusammen, die Valerius von der Beziehung zwischen Caecilia und ihrer Nichte bietet, und die sich darüber hinaus in ganz ähnlicher Form auch in Ciceros Überlieferung dieser Episode findet:542 Weder Valerius noch Cicero begnügen sich mit dem einfachen Bericht über das Vorgehen der Tante, die mit ihrer Nichte ein Omen für deren Hochzeit einholen möchte, sondern sie fügen beide hinzu, dass Caecilia dies more prisco bzw. more veterum tut: Es handelte sich also offenbar um eine traditionell der matertera zugesprochene Handlung, die sich hier lediglich durch das außergewöhnliche Omen hervorhob und aus eben diesem Grunde auch von Valerius und Cicero angeführt wird.543 Für Bettini zeigt sich in diesem exemplum die besondere Rolle, die dem – ohnehin der Nähe und Unterstützung zugeordneten – mütterlichen Zweig der Familie in Heiratsfragen zugesprochen wurde, und er betont insbesondere die Einflussmöglichkeiten, die sich den Cognaten dadurch eröffneten.544 Vor dem Hintergrund seiner theoretischen Prämissen kann seine Deutung sicherlich eine gewisse Plausibilität beanspruchen, doch angesichts der Quellenlage bleiben Vorbehalte bestehen. Im Hinblick auf das von Valerius entworfene Bild verwandtschaftlicher Beziehungen lassen sich ohnehin keine vergleichbaren Schlussfolgerungen ziehen, da die matertera in den Facta et dicta memorabilia abgesehen von diesem Beispiel völlig abwesend ist. Wenngleich nicht auszuschließen ist, dass ihr in Rom zu einer bestimmten Zeit eine besondere Rolle zugesprochen wurde, so lässt sich zumindest im valerischen Verwandtschaftsverständnis kaum noch etwas davon festmachen.545

Zu seiner Bezugnahme auf Lévi-Strauss und das Verwandtschaftsatom vgl. ebd. S. 16f. und S. 122 (bes. Anm. 9). 542 Cic. div. 1,104; s. dazu Bettini, Antropologia, S. 98-101. 543 Immerhin führt Bettini selbst an (Bettini, Antropologia, S. 99, Anm. 59), dass seine Ausführungen mit Vorsicht zu behandeln seien, denn zum einen ist dieser priscus mos nur in diesen beiden Quellen überliefert, und zum anderen sei nicht völlig auszuschließen, dass der Hinweis auf die Tradition lediglich auf das Einholen eines Hochzeitsomens, nicht aber auf die Rolle der matertera zu beziehen ist (ebd.). 544 Bettini, Antropologia, S. 99-101. 545 Obgleich Bettini Quellen aus ganz unterschiedlichen Epochen heranzieht, erklärt er einleitend, es gehe ihm um die Rekonstruktion des »sistema degli atteggiamenti che vigeva nella famiglia romana, soprattutto arcaica.« (Bettini, Antropologia, S. 15). In Bezug auf Zeiten und Modi der Entwicklung dieses Systems hält er sich jedoch relativ bedeckt und beschränkt sich darauf, den »processo di bilateralizzazione«, also die Verschmelzung von mütterlicher und väterlicher Seite, in etwa an das Ende der Kaiserzeit zu datieren, wobei er von einem nicht näher bestimmten Zusammenhang dieser Entwicklung mit den großen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Transformationen ausgeht, die diese Epoche geprägt haben (ebd. 16f.). Ob dies so zutreffend ist, lässt sich mangels eindeutig chronologisch festzumachender Belege jedoch kaum entscheiden.

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Dies gilt in ähnlicher Weise für die Stellung der amita: Zwar könnte man die Haltung der Sempronia (3,8,6) in mancher Hinsicht als typisch agnatisch bezeichnen, da der väterlichen Linie in der Regel ein höheres Maß an Strenge und Autorität zugesprochen wurde und die Agnaten für Sempronia zudem einen wichtigen vorbildhaften Bezugspunkt bildeten.546 Doch abgesehen davon, dass ihr Handeln als durchaus untypisch dargestellt wird,547 führt Valerius neben den Brüdern Gaius und Tiberius auch ihren Ehemann Scipio Aemilianus an und bezieht die Tat der Sempronia auf die gesamten Familie, als derer sie sich würdig erwiesen habe.548 Trotz der quantitativ eher schwachen Präsenz von Onkeln und Tanten zeigt Valerius in seinen exempla zumindest im Hinblick auf die Interaktion zwischen Onkeln und Neffen somit ein relativ breites Spektrum an Beziehungsmustern auf, das sowohl positive als auch, in geringerem Maße, konfliktuelle Situationen umfasst und damit einen guten Einblick in den Umfang ihrer Handlungsoptionen verschafft. Da diese häufig auf das Prestige bzw. die Einflussmöglichkeiten von Onkel und Tante abheben, erstaunt es nicht, dass die Protagonisten in fast allen Fällen zu den berühmten Aristokraten zählen, wie dies in ähnlicher Weise auch für die Geschwisterexempla herausgearbeitet worden ist. Dass Valerius darauf verzichtet, die Interaktionen zu Geschwisterkindern in einem eigenen Kapitel direkt in Szene zu setzen, macht deutlich, dass sie für ihn zunächst nicht zu den problematischen Beziehungen zählten, die einer expliziten Erörterung bedurften. Das ist insofern erstaunlich, als insbesondere der Beziehung zu den Geschwistern des Vaters zugleich eine nicht unerhebliche Bedeutung für das Wohlergehen und das Fortkommen des Einzelnen zugesprochen wird. Im Hinblick auf den von Maurizio Bettini postulierten Zusammenhang zwischen sozialen Rollen und spezifischen Verhaltensmustern bietet das valerische Werk kein einheitliches Bild: Während einige exempla Bettinis Thesen geradezu idealtypisch zu bestätigen scheinen, gibt es zumindest für den Onkel auch immer wieder Gegenbeispiele, welche die Vorstellung rollenbestimmter Handlungsweisen von avunculus und patruus konterkarie-

546 Zur nur schwer herauszuarbeitenden Rolle der amita vgl. Bettini, Antropologia, S. 113117; zu ihrer Autorität und Strenge s. ebd. S. 117. 547 Die Verteidigung der Integrität der Familie gegen unerwünschte Eindringlinge könnte man als traditionell der väterlichen Linie zukommende Funktion betrachten. Doch weist der Kommentar des Valerius darauf hin, dass es sich – gerade bei der Stellungnahme vor einer contio – in erster Linie um einen genuin männlichen Bereich handelt, und dass das Eingreifen der Sempronia nur vor dem Hintergrund einer Störung des patrius mos sowie der quies domestica als legitim zu betrachten ist. 548 Valerius verwendet in diesem Falle nicht die Begriffe gens oder familia, sondern spricht lediglich von »den Deinen« (sed quia ab tribuno plebei producta ad populum in maxima confusione nihil a tuorum amplitudine degenerasti, honorata memoria prosequar.)

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ren – allenfalls lässt sich für die agnatische Linie ein Schwerpunkt auf dem ruhmvermittelnden und verpflichtenden Moment festmachen. Für manche Aspekte – insbesondere für das Rollenbild der Tante – ist die Quellenbasis so dünn, dass die valerischen exempla höchstens zur Unterstützung anderweitig belegter Hypothesen, nicht aber als Grundlage für das Postulat einer klaren Zweiteilung der Handlungsräume fungieren können. Schließlich gibt Valerius auch in seinen Kommentaren keinen Hinweis auf bestimmte, rollenspezifische Erwartungshaltungen: Weder lobt er die Akteure für ein ihrer Rolle angemessenes Vorgehen, noch weist er etwa darauf hin, dass etwa die Stellungnahme des Marius zum Nachteil seines Neffen im Widerspruch zu seiner Position als avunculus stehe. Das Exemplarische im Verhalten seiner Akteure liegt häufig auf einer anderen Ebene, nicht in ihrem Verhältnis zueinander, das demzufolge auch keiner Problematisierung von Seiten des Valerius unterliegt. Wenngleich diese Einwände noch keine Widerlegung von Bettinis Thesen bedeuten, machen sie immerhin deutlich, dass Valerius hier nur mit Vorbehalt als Beleg herangezogen werden kann. Wie sich das hier erarbeitete Bild in die Gesamtheit der geschwisterlichen Interaktionen einfügt, ist im Folgenden zu klären.

3.4.4 Geschwister bei Valerius: Abschließende Bemerkungen Betrachtet man das gesamte Spektrum der Handlungsmöglichkeiten, die Valerius Geschwistern – entweder direkt in der Interaktion zu Brüdern und Schwestern, oder vermittelt zu den Kindern dieser Geschwister, also zu ihren Nichten und Neffen – zuschreibt, so ergibt sich ein breiter Aktions- und Einflussraum, der diesen Beziehungen einen erheblichen Stellenwert zuweist, wobei nur den Brüdern auch ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Trotz der Präsenz verschiedener konfliktueller Situationen konnte die positive Interaktion als dominierendes Moment der Geschwisterbeziehung herausgearbeitet werden, das im valerischen Werk in ganz unterschiedlicher Form zu finden ist. Neben konkreter Unterstützung, die praktisch von allen Seiten ausgehen kann,549 hat sich insbesondere die Prestige vermittelnde und vorbildhafte Funktion als zentral erwiesen, die sowohl dem Bruder als auch dem Vaterbruder in hohem Maße zukommt. Damit wird der agnatischen Linie eine besondere Bedeutung als Referenzpunkt für die Sicherung und Tradierung von Familienansehen und prestigeträchtigem Verhalten zugeschrieben – ein Ergebnis, das auch durch die Tatsache unterstrichen wird, dass Valerius dem Vater (Kapitel 2.3) und Großvater väterlicherseits (Kapitel 3.5) eine ganz 549 Brüder und Onkel mütterlicherseits haben sich in diesem Zusammenhang jedoch als besonders aktiv und einflussreich erwiesen (s. oben Kapitel 3.4.1.2 und 3.4.3.1).

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ähnliche Funktion zuspricht. Dass den Agnaten zugleich die Aufgabe zukam, die Wahrung der Familientradition sowie die Einhaltung republikanischer Normen zu überwachen und Zuwiderhandlungen gegebenenfalls mit Sanktionen zu belegen, wurde in Bezug auf Bruder und Vaterbruder ebenfalls deutlich. So konnten bei mangelnder Einordnung in die traditionellen Handlungsmuster Konflikte mit Geschwistern oder Geschwisterkindern entstehen, die hier jedoch selten sind und fast in allen Fällen positiv in den gesellschaftlichen Kontext eingebunden werden. Auch in diesem Fall ist die Ähnlichkeit mit den für die Vater-Sohn-Beziehung erarbeiteten Verhaltensmustern offensichtlich. In scharfem Gegensatz zur deutlichen Präsenz der Brüder stehen die Rollen von Schwester und Tante. Nur selten und punktuell persönlich aktiv kommt ihnen im valerischen Werk in erster Linie die Funktion eines Bindegliedes zwischen verschiedenen Familienmitgliedern zu. Auch dies ist jedoch eine keineswegs unbedeutende Position, wie bereits im Zusammenhang mit der Stellung der Tochter herausgearbeitet werden konnte. Dass die Verbindung zwischen verschiedenen verwandtschaftlichen Zweigen eine zentrale Voraussetzung für das funktionierende Zusammenleben innerhalb der römischen Gesellschaft bildete, werden auch die im übernächsten Kapitel (3.6) folgenden Ausführungen zeigen, die sich abschließend mit den entfernteren Verwandten beschäftigen. Zuvor gilt es jedoch noch zu klären, welche Rolle den Großeltern in der valerischen Darstellung zugeschrieben wird.

3.5 Die Großeltern Die Großeltern Für die Großeltern lässt sich – auf quantitativ deutlich niedrigerem Niveau – eine ähnliche Gewichtung ausmachen, wie sie schon für die Präsenz der Eltern herausgearbeitet wurde: Während der avus immerhin in zwölf exempla vertreten ist, wird die avia lediglich in zwei Beispielen erwähnt, die kaum verallgemeinernde Schlussfolgerungen zulassen.550 Die Rolle des 550 Interessant ist, dass das Verhältnis zwischen Großmutter und Enkel in beiden Fällen in die Erörterung der Beziehung zwischen Mutter und Tochter eingebunden wird. Sowohl 7,8,2 als auch 8,1, ambust. 1 sind daher im Zusammenhang mit der Rolle der Mutter bereits kurz angesprochen worden (s. oben Kapitel 3.1.1 und 3.1.3). In beiden exempla steht ein Konflikt zwischen Mutter und Tochter im Zentrum der Darstellung, wobei die Beziehung zwischen Großmutter und Enkel in einem Fall den Auslöser des Konfliktes bildet, im anderen Fall dagegen lediglich als Nebenschauplatz zu betrachten ist: In 8,1, ambust. 1 berichtet Valerius von einer Mutter, die ihre eigene Mutter umbringt, weil diese ihre Kinder – also deren Enkel – aus Hass auf die Tochter vergiftet hatte. Ein Urteil erscheint nicht möglich, denn der erste Mord wurde der Rache, der zweite nicht des Freispruchs als würdig erachtet. 7,8,2 beschäftigt sich dagegen mit der bereits ausführlich besprochenen Erbschaftsthematik: Aebutia enterbt eine ihrer beiden Töchter, Afronia, grundlos und lässt nur der zweiten Tochter sowie den Kindern der Afronia ein Erbe zukommen. Statt das

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Großvaters ist im valerischen Werk dagegen durch einige interessante Charakteristika geprägt. 1. Auffällig ist zunächst, dass es nur drei Beispiele direkter Interaktion mit einem Enkel gibt – ein Umstand, der vermutlich in erster Linie in der damaligen Lebenserwartung begründet lag, denn nur wenige Großväter konnten wohl ihre Enkel – zumal erwachsen – als Interaktionspartner erleben.551 Und so ist es vermutlich kein Zufall, dass eines dieser exempla dem Bereich der Mythologie entstammt (2,2,9a), während sich die Enkel im zweiten Fall noch im Kindesalter befinden und eine völlig passive Rolle einnehmen (7,1,1).552 Lediglich ein Beispiel berichtet von einer konkreten (historischen) Interaktion: Q. Aelius Tubero sei nicht nur von seinem avunculus P. Africanus, sondern auch von seinem avus L. Paullus in der Kandidatur um die Prätur unterstützt worden (7,5,1 De repulsis). Dass er dennoch abgelehnt wurde, ist in diesem Zusammenhang nur von sekundärer Bedeutung. Interessant ist vielmehr, dass diese exempla zwei Gemeinsamkeiten aufweisen: Sie inszenieren eine unterstützende Haltung, die in beiden Fällen von dem Großvater der mütterlichen Linie ausgeht. Lässt sich hier eine Rollenverteilung ausmachen, die agnatischen bzw. cognatischen Verwandten unterschiedliche Handlungsmuster zuschreibt?553 Ein Blick auf die übrigen exempla soll klären, welche Funktionen dem Großvater sonst noch zukommen. 2. In den übrigen zehn Beispielen, die keine direkte Interaktion zwischen avus und nepos zum Thema haben, ist der Großvater als prestigevermittelnde bzw. vorbildhaft verpflichtende Instanz präsent. So erklärt Valerius, der Testament anzufechten, was durchaus möglich gewesen wäre, zieht Afronia es vor, den Willen ihrer Mutter zu respektieren. Zwar ist die Interaktion zwischen Großmutter und Enkelin in diesem Falle grundsätzlich positiv, doch im Zusammenhang der Gesamtdarstellung handelt es sich dennoch um eine kritikwürdige Tat – denn das Erbe hätte in erster Linie der Tochter zugestanden, nicht den Enkeln. 551 Saller, Men’s age at Marriage (eine revidierte Fassung dieses Aufsatzes findet sich in Saller, Patriarchy), hat ausgehend von Inschriften und darauf basierenden Computersimulationen Berechnungen angestellt, denen zufolge römische Männer im Alter von 25 oder 30 Jahren nur zu einem relativ geringen Prozentsatz noch einen lebenden Vater hatten. Obschon seine Folgerungen in Bezug auf das Verhältnis von Vätern und Söhnen in der Forschung nicht unproblematisch sind (s. oben Kapitel 2.1, bes. Anm. 104 und 105), so können sie – auf Großväter und Enkel übertragen – doch eine hohe Plausibilität beanspruchen, auch wenn man hinsichtlich der Großväter nicht von seinen sehr geringen Zahlen ausgeht (Saller, Men’s age at Marriage, S. 33, zufolge hatten römische Jugendliche nur in einem von 50 Fällen einen lebenden Großvater), sondern etwas höhere Zahlen ansetzt. 552 Numitor, der avus von Romulus und Remus gestattete seinen Enkeln, auf dem Palatin eine Stadt zu gründen (2,2,9a De institutis antiquis). In 7,1,1 (De felicitate) rühmt Valerius die felicitas des Q. Metellus Macedonicus, die nicht zuletzt dadurch gestärkt wurde, dass Metellus nicht nur drei Töchter in die Ehe gab, sondern auch deren Nachwuchs auf dem Schoß halten konnte. 553 Zur These einer solchen Rollenverteilung, die insbesondere von Maurizio Bettini vertreten wird, s. oben Kapitel 3.4.3, bes. Anm. 532.

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Ruhm des P. Africanus (minor) resultiere nicht nur aus seinem Sieg in Numantia, sondern liege auch in den Erfolgen seines pater sowie seines avus begründet (6,2,3 Libere dicta aut facta).554 Vor diesem Hintergrund ist nur plausibel, dass die – sogar in einem eigenen Kapitel behandelten – Versuche, sich durch falsche Behauptungen berühmte Vorfahren zu verschaffen, als durchaus lohnenswert erscheinen konnten: Der betrügerische Verweis des Herophilus auf Marius als seinen vermeintlichen Großvater erhöht sein Prestige so weit, dass viele Veteranenkolonien, municipia und collegia ihn als patronus adoptieren (9,15,1 De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt). Doch auf der anderen Seite galt es natürlich auch, sich des berühmten Großvaters als würdig zu erweisen – ein in vielen Fällen gleichsam selbstverständlicher und daher nur en passant erwähnter Aspekt.555 Problematisch – und Thema einer Inszenierung – wird es dagegen erst, wenn ein Enkel diesem Vorbild nicht entsprechen konnte oder wollte, wie Valerius dies etwa von Hortensius Corbio berichtet (3,5,4 Qui a parentibus claribus degeneraverunt).556 Auch in den Beispielen ohne direkte Interaktion finden sich somit vorwiegend positiv konnotierte Haltungen, doch im Gegensatz zu den zuerst erörterten Beispielen handelt es sich in allen Fällen um den Großvater väterlicherseits, also einen Agnaten. Für die Frage der Rollenverteilung ergibt sich vor diesem Hintergrund folgendes Bild: Obgleich dem Großvater in allen hier angeführten exempla eine positive Funktion zugeschrieben wird (der Konflikt in 3,5,4 geht alleine auf das Konto des unwürdigen Enkels), weisen die Handlungsräume der mütterlichen und der väterlichen Linie dennoch wichtige Unterschiede auf. Während von Seiten der mütterlichen Linie direkte Akte der Unterstützung überliefert sind, liegt das Gewicht für den Großvater väterlicherseits in erster Linie auf der Tradierung von Ruhm und der für den Enkel damit verbundenen Verpflichtung zu angemessenem Verhalten. Diese Differenzen deuten darauf hin, dass agnatischen und (im engeren Sinne) cognatischen Verwandten in Rom offenbar unterschiedliche Handlungsbereiche bzw. Funktionen zugeschrieben wurden.557 554 Vgl. auch eine ähnliche Argumentation im Beispiel 5,2, ext. 4 (De gratis). 555 So etwa in 2,7,1 (De disciplina militari), 5,3,2d (De ingratis) und indirekt auch in dem gerade besprochenen Beispiel 6,2,3 (Libere dicta aut facta). Obgleich auch in 4,1,5 (De moderatione) die Tradition ehrenvollen Verhaltens zum Ausdruck kommt, wird in diesem Zusammenhang ein Problem sichtbar: die Gefahr der Dominanz einer Familie im politischen Leben, die gerade durch die Kontinuität ruhmreichen Handelns hervorgerufen werden konnte. 556 Während Q. Hortensius höchste auctoritas und eloquentia besaß, verbrachte sein Enkel Hortensius Corbio ein schändliches Leben: nepos Hortensius Corbio omnibus scortis abiectiorem et obsceniorem vitam exegit, ad ultimumque lingua eius tam libidini cunctorum inter lupanaria prostitit quam avi pro salute civium in foro excubuerat. 557 Die beiden Ausnahmen der Beispiele 4,7,2 sowie 6,3,1d machen jedoch deutlich, dass es sich nicht um eine exklusive Rollenzuweisung handelte: Hier wird der Großvater mütterlicherseits

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Dem valerischen Bild zufolge (das jedoch, wie nochmals hervorzuheben ist, in einigen Bereichen eine recht dünne Quellenlage aufweist) liegen diese indes weniger im Bereich von Strenge einerseits und Unterstützung andererseits, denn auch cognatische Verwandte (etwa Mutterbrüder) legen hier zuweilen strenges Verhalten an den Tag während Großväter sowohl agnatischer wie auch cognatischer Seite eine ausschließlich positive Haltung demonstrieren. Die väterliche Seite der Verwandtschaft zeichnet sich vielmehr in erster Linie durch ihre Funktion als Bezugspunkt für die Verleihung und Tradierung von Ansehen aus: Berühmte agnatische Verwandte konnten Prestige vermitteln, doch zugleich kam ihnen auch eine vorbildhaft verpflichtende Funktion zu, aufgrund derer sie ihre Nachkommen zu einem angemessenen, potentiell ruhmträchtigen Verhalten anleiten sollten.558 Wie die Ausführungen im Kapitel 3.4.3.1 gezeigt haben, lässt sich das eben gezeichnete Bild in vergleichbarer Weise auch auf den Onkel der väterlichen Linie ausweiten. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass den Großeltern im valerischen Werk kein herausgehobener Stellenwert zukommt. Ihre Bedeutung liegt in erster Linie in der für den agnatischen Teil der Verwandtschaft grundlegenden Ruhm vermittelnden und zugleich verpflichtenden Funktion, die einen wichtigen Beitrag zur Integration der Gesellschaft leistete. Die wenigen anderen Beispiele weisen kein einheitliches Verhaltensmuster auf und deuten lediglich darauf hin, dass die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln prinzipiell positiv konnotiert war, während Konflikte als Einzelfälle geschildert und scharf verurteilt werden.

3.6 Propinquitas – adfinitas: Die weiter entfernten Verwandten Propinquitas – adfinitas: Die weiter entfernten Verwandten In den Facta et dicta memorabilia ist die weiter entfernte Verwandtschaft von bemerkenswerter Präsenz. Sowohl Verwandtschaftsgruppen – bei Valerius unter den Begriffen propinquii, necessarii, adfini oder cognati aufgeführt – als auch einzelne Personen, wie beispielsweise Schwiegerväter und als Vorbild und Bezugspunkt für würdiges Verhalten angeführt, was sicherlich mit seiner Berühmtheit zusammenhing. Zu der – nicht unproblematischen – Zuweisung von Funktionsbereichen an Agnaten und Cognaten vgl. auch die Ausführungen zu den Handlungsräumen von patruus und avunculus (s. oben Kapitel 3.4.3); zu den Thesen von Bettini s. oben Anm. 532. 558 Hierzu gehörten neben herausragenden politischen und militärischen Leistungen nicht zuletzt die Ehrung und Würdigung der agnatischen Vorfahren. Die eher geringe Anzahl an Beispielen direkter Interaktion mit einem Großvater könnte – neben der oben erwähnten Problematik der Lebenserwartung – einen weiteren Grund in eben dieser Rolle haben: Großväter, zumindest aus väterlicher Linie, fungierten offenbar in erster Linie als Bezugspunkt und weniger als Akteure gemeinsamen Handelns.

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söhne, werden in zahlreichen exempla erwähnt und illustrieren den Stellenwert, der ihnen in Rom als einer stark von verwandtschaftlichen Beziehungen geprägten Gesellschaft zukam.559 Dabei lassen sich die betreffenden exempla in zwei Gruppen einteilen: Auf der einen Seite wird die Verwandtschaft als schützenswerte Gemeinschaft dargestellt, deren Zusammenhalt insbesondere in der römischen Frühzeit durch ritualisierte Handlungen immer von neuem inszeniert und bekräftigt wird. Auf der anderen Seite kommt Verwandten eine nicht unbeträchtliche Bedeutung als Kontroll- und Entscheidungsinstanz zu, die für die Stellung des Einzelnen innerhalb seines sozialen Umfeldes von großer Bedeutung sein konnte, und die sich – der valerischen Darstellung zufolge – durch die gesamte römische Geschichte zieht. Angesichts der im Zusammenhang mit den Geschwistern erörterten Unterscheidung agnatischer bzw. cognatischer Rollenhandlungen stellt sich dabei nicht nur die Frage nach den Aufgaben und Funktionen, die Verwandten im valerischen Werk übernehmen. Zu klären ist vielmehr auch, inwieweit die valerische Darstellung eine klare Zuordnung spezifischer Verhaltensmuster zu den oben genannten Gruppen erlaubt.560 Ein Blick auf die betreffenden exempla macht jedoch deutlich, dass eine solche Zuordnung schon aus begrifflichen Gründen schwierig ist: Zum einen entbehren die angeführten Verwandtschaftsbezeichnungen ohnehin einer eindeutigen Definition,561 zum anderen trifft auch Valerius selbst keine klare Unterscheidung zwischen den einzelnen Gruppen und verwendet einige Ausdrücke sogar synonym. Insbesondere diejenigen exempla, in denen der Zusammenhalt der Verwandtschaft in Szene gesetzt wird, sind 559 S. etwa Corbier, S 136ff. und S. 143f., Moatti, La raison de Rome, S. 254 sowie Syme, Roman Revolution, S. 12 und passim. Zur Beziehung zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn vgl. Hallett, S. 102ff. Verwandtschaftsgruppen im weiteren Sinne, wie propinquii, necessarii und cognati werden im valerischen Werk in 23 exempla sowie in einer praefatio angesprochen, während die Beziehung zwischen Schwiegervater und -sohn immerhin 14 Erwähnungen verzeichnen kann. Lediglich einmal wird das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und -tochter thematisiert. 560 Siehe hierzu die Ausführungen zur Rolle der Geschwister, insbes. das zusammenfassende Kapitel 3.4.4. 561 Das zeigen bereits die einschlägigen Einträge in Wörterbüchern und Nachschlagewerken. So lassen sich die cognati zum einen als »Verwandtschaft durch Geburt« bestimmen (Georges, s.v. cognatio I a und Manthe, cognatio), doch zugleich bilden sie auch einen Gegenbegriff zu den agnati und beziehen sich dabei jeweils auf die Familie des Ehepartners im Sinne der auf Abstammung in männlicher Linie beruhenden Verwandtschaft (s. dazu Bettini, Antropologia, S. 118f. sowie Gai. inst. 1,156 und 3,10; s. hierzu auch Nelson / Manthe, S. 65 sowie Manthe, agnatio). Lediglich die adfini lassen sich als relativ homogene Gruppe festmachen, welche diejenigen Verwandten umfasst, mit denen man durch Heirat verbunden ist – also die Schwiegerfamilie (Georges, s.v. affinitas; vgl. auch Schiemann, S. 111). Der Versuch einer kurzen Definition der verschiedenen Verwandtschaftsgruppen findet sich bei Spielvogel, Amicitia, S. 15); s. auch Saller, Family and household, S. 857 sowie Hellegouarc’h, S. 64ff.

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bis auf eine Ausnahme durch die Aufzählung vieler unterschiedlicher Gruppen geprägt, so dass sich die Frage nach einer funktionalen Differenzierung hier erübrigt. In Bezug auf die anderen – die Kontrollfunktion betreffenden – Beispiele wird zunächst der valerischen Begrifflichkeit gefolgt um herauszuarbeiten, welche Funktionen den jeweiligen Gruppen zugeschrieben werden. Abschließend ist zu klären, ob und inwieweit sich aus diesen Zuordnungen eindeutige Rollenmuster ableiten lassen.

3.6.1 Verecundia und concordia: institutionalisierte Nähe und Distanz Der besondere Stellenwert, der den verwandtschaftlichen Bindungen in Rom zukam, äußerte sich – Valerius zufolge insbesondere in der Frühzeit – in unterschiedlichen, häufig gleichsam rituellen Handlungen, die das Ziel hatten, die Zusammengehörigkeit und die gegenseitige Achtung innerhalb des weiteren Familienkreises hervorzuheben und zu festigen. Die betreffenden exempla finden sich in den Facta et dicta memorabilia an prominenter Stelle – in dem bereits mehrfach als grundlegend angesprochenen Kapitel 2,1 (De institutis antiquis) –, und die Bedeutung, die Valerius ihnen damit zumisst, zeigt sich auch darin, dass er sich in keinem Fall auf eine kontingente Erwähnung beschränkt, sondern alle Handlungen emphatisch in Szene setzt und kommentiert. Für ihn sind sie Teil der prisca et memorabilia instituta, die er in der Einleitung zum zweiten Buch als Fundament (elementa) des glücklichen Lebens seiner Zeit anführt. Aktualität konnten die hier beschriebenen Verhaltensweisen in der Kaiserzeit jedoch kaum noch beanspruchen. In der valerischen Darstellung präsentiert sich das Verhältnis zwischen den Verwandten als genau austariertes Gefüge von Nähe und Distanz.562 Auf der einen Seite werden cognatio, adfinitas und propinquitas als besondere Nahbeziehung beschrieben, deren Harmonie so wichtig war, dass die maiores sogar ein Fest einrichteten, das die Eintracht innerhalb dieses großen Familienkreises fördern und eventuelle Streitigkeiten schlichten sollte.563 Ein Bruch dieser engen Bindung wird als weit reichendes Opfer darge562 Eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Verwandtschaftsteilen erscheint hier weder möglich noch nötig, denn Valerius bezieht seine Ausführungen in der Regel auf mehrere Gruppierungen zugleich, wenn er etwa in 2,1,7 necessitudo, adfinitas und Blutsbande erwähnt und im darauffolgenden exemplum (2,1,8) cognati und adfines abschließend als necessariae personae zusammenfasst. 563 Convivium etiam sollemne maiores instituerunt idque caristia appellaverunt, cui praeter cognatos et adfines nemo interponebatur, ut si qua inter necessarias personas querella esset orta, apud sacra mensae et inter hilaritatem animorum et fautoribus concordiae adhibitis tolleretur (2,1,8 De institutis antiquis). Dass concordia als zentraler Bestandteil dieser Verwandtschaftsbande betrachtet wurde, hatte bereits die Beschäftigung mit dem Beispiel 4,2,3 (Qui ex inimicitiis

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stellt, das nur im Extremfall, insbesondere bei Gefahr für die Interessen und Werte der res publica, denkbar – dann aber zugleich unumgänglich und sogar lobenswert – war.564 Auf der anderen Seite zeichnen sich diese verwandtschaftlichen Beziehungen durch eine zentrale Gemeinsamkeit aus: Die positive Seite dieser Bindung lag der valerischen Darstellung zufolge nicht primär auf einer emotionalen Ebene, sondern im Bereich der Achtung und des gegenseitigen Respekts, was zugleich die Wahrung einer gewissen Distanz implizierte. Deutlich wird dies insbesondere in dem bereits an anderer Stelle besprochenen Beispiel 2,1,7 (De institutis antiquis), das die verecundia ›inter ceteras necessitudines‹ in Szene setzt: So groß sei der Respekt zwischen Verwandten gewesen, dass kein Vater mit seinem erwachsenen Sohn und kein Schwiegervater mit dem Schwiegersohn gebadet habe. Valerius beschließt das exemplum mit dem bezeichnenden Kommentar, in der damaligen Zeit sei der Bluts- und Schwiegerverwandtschaft offensichtlich ebenso viel religio entgegengebracht worden, wie den Göttern.565 Es ist in diesem Zusammenhang nur von sekundärerem Interesse, welche Gründe tatsächlich hinter der hier beschriebenen verecundia-Haltung standen.566 Wichtig ist, dass Valerius sie nicht nur überaus positiv beurteilt, sondern sogar mit der Beziehung zwischen Menschen und Göttern vergleicht, für die eine gewisse Distanz als konstitutives Merkmal gelten konnte.567

iuncti sunt amicitia aut necessitudine) deutlich gemacht, das die Beilegung von inimicitiae mit der Begründung einer adfinitas-Beziehung verbindet (s. oben Kapitel 3.2.2.3). 564 Dies wird vor allem im Zusammenhang mit der Inszenierung der disciplina militaris deutlich (2,7,3; 2,7,5; 2,7,7), deren Bedeutung gerade dadurch unterstrichen wird, dass selbst die engsten Nahbeziehungen, zu denen Valerius hier neben den Brüdern und cognati auch die adfini zählt, dem Kriegsgott Mars untergeordnet werden (s. dazu oben Anm. 526); ähnlich auch der Kommentar in der Einleitung zum Kapitel 5,5 (De pietate erga fratres). 565 manifestum igitur est tantum religionis sanguini et adfinitati quantum ipsis dis immortalibus tributum, quia inter ista tam sancta vincula non minus quam in aliquo sacrato loco nudare se nefas esse credebatur. Ähnlich emphatisch kommentiert Valerius das Verhalten des L. Crassus, der es als Kandidat für den Konsulat vermied, in Anwesenheit seines Schwiegervaters Q. Scaevola auf dem Forum um Stimmen zu bitten (4,5,4): Wenn er dieser törichten Sitte (res inepta) habe nachkommen wollen, habe er Scaevola gebeten, ihn in dieser Zeit zu verlassen. Er habe demnach, so Valerius, der dignitas des Scaevola eine größere verecundia bezeugt, als Respekt für die eigene toga candida (maiorem verecundiam dignitatis eius quam candidae togae suae respectum agens.). 566 Zu diesem Beispiel sowie zu den verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der hier beschriebenen Haltung (avoidance-Regel oder einfaches Gebot der Scham) s. auch oben Kapitel 2.3.3.3, insbesondere Anm. 252. Interessant ist auch, dass die Schwiegerbeziehung hier auf eine Ebene mit dem Vater-Sohn-Verhältnis gestellt wird (s. auch Hallett, S. 104). 567 Etwas weniger ausgeprägt, aber immer noch präsent ist die Vorstellung von Distanz und Respekt im Beispiel 2,1,9 (De institutis antiquis): Hier berichtet Valerius, dass die Jugend dem Alter so große Ehre entgegenbrachte, als seien die maiores gleichsam ihre gemeinsamen Väter. So begleitete jeder iuvenis ein Mitglied des Senats, einen Verwandten oder Freund ihres Vaters zur curia und wartete dort, bis er ihn wieder zurückbegleiten konnte: quocirca iuvenes senatus die

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Die angeführten Beispiele machen deutlich, dass die Beziehungen zwischen Verwandten in dem von Valerius entworfenen Bild einen stark institutionalisierten Charakter hatten. Es waren, wie die in diesem Falle sehr passende Kapitelüberschrift ausführt, instituta, denen eine große Bedeutung zugeschrieben wurde. Ihren konkreten Ausdruck fanden sie in ganz unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten und Funktionen.

3.6.2 Die Verantwortung der Verwandtschaftsgruppe für den Einzelnen Die Verpflichtung und Verantwortung, die den Verwandten für die Stellung und das Verhalten des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft zukamen, werden im valerischen Werk in unterschiedlichen Ausformungen durchgespielt. Ihr Handeln weist dabei nicht nur rein quantitativ eine erhebliche Präsenz auf, sondern auch durch die Art der Darstellung: Viele dieser verwandtschaftlichen Interaktionen werden von Valerius mittelbar inszeniert. Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit sich unterschiedlichen Gruppen oder Einzelpersonen spezifische Aufgabenbereiche zuordnen lassen. Im Zusammenhang mit dem Aspekt der Verantwortung und Verpflichtung für einzelne Verwandte werden am häufigsten die propinquii genannt. Ihre Handlungsfelder, die zu weiten Teilen denen der lediglich zweimal als aktive Gruppe genannten cognati entsprechen,568 umfassen ein relativ breites Feld von Kontrolle und Unterstützung des Einzelnen, wobei ihnen in zwei exempla eine besonders aktive und unabhängige Rolle zukommt: Als Scipio, der Sohn des Africanus, unverdienterweise die Prätur verliehen bekommt, sorgen seine propinquii dafür, dass er sein Amt nicht ausüben kann, und sie nehmen ihm darüber hinaus den Ring ab, auf dem der Kopf des Africanus eingraviert war (3,5,1b).569 Die Darstellung zeigt, dass sich in diesem Fall zwei zentrale Motive für ihr Eingreifen festmachen lassen: Zum einen machten die propinquii offensichtlich eine gewisse Verantwortung für das Handeln ihrer Mitglieder geltend und waren bemüht, deren Verfehlungen zu ahnden bzw. den Schaden, den sie anrichten konnten, in Grenzen zu halten. Dabei bezogen sich ihre Eingriffe nicht nur – wie im utiquem aliquem ex patribus conscriptis aut propinquum aut paternum amicum ad curiam deducebant, adfixique valvis exspectabant donec reducendi etiam officio fungerentur. 568 Die Cognaten werden in den Facta et dicta memorabilia viermal genannt, wobei zwei exempla bereits im voranstehenden Kapitel über die Inszenierung des Zusammenhaltes behandelt worden sind. Die beiden anderen Beispiele thematisieren die Funktionen von Schutz (6,6,5) und Kontrolle bzw. Bestrafung (6,3,7), die auch für die propinquii als zentrale Handlungsfelder gelten können (s. hierzu die folgenden Ausführungen). 569 3,5,1b (Qui a parentibus claribus degeneraverunt). Die propinquii verhinderten, so Valerius, dass er sich auf die sella curulis setzte oder Recht sprach, denn sie erkannten, dass er das Amt beschmutzen würde.

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eben genannten Fall – auf gleichsam außerrechtliches Fehlverhalten. Vielmehr kamen ihnen – wie auch den cognati – selbst bei rechtlich relevanten Delikten erhebliche Handlungsmöglichkeiten zu, wie die Beispiele 6,3,7-8 anschaulich illustrieren.570 In seinem Kommentar zu 6,3,8 macht Valerius deutlich, dass ihr strafendes Vorgehen dabei gewissermaßen als Pendant zu der ebenfalls bedeutsamen Schutzfunktion der propinquii zu betrachten war,571 die sich in ähnlicher Weise auch bei den cognati fand.572 Ein weiterer Grund für das Eingreifen der propinquii liegt zweifelsohne in der Familienehre. Die Geste, mit der sie Scipio den Ring mit dem Abbild seines Vaters abnehmen, verweist offenkundig auf die Bedeutung, die den imagines berühmter Vorfahren für den einzelnen Römer – als Vorbild und Verpflichtung – zukam und macht unzweideutig klar, dass sie ihn der Nachfolge seines Vaters für unwürdig hielten.573 Von kaum geringerer Bedeutung ist das Handeln der propinquii in zwei weiteren exempla, 5,8,2 (De severitate patrum in liberos) und 4,4,10 (De paupertate). Obschon sie in erster Linie eine beratende bzw. mitentschei570 In 6,3,8 (De severitate) berichtet Valerius von zwei Frauen, die ihre Ehemänner umgebracht hatten und daraufhin decreto propinquorum getötet wurden. Das vorangehende exemplum (6,3,7) spricht den cognati im Zusammenhang mit dem Bacchanalien-Konflikt eine ähnliche Funktion zu: Der Senat hatte die Konsuln mit der Untersuchung der beschuldigten Frauen beauftragt, und viele waren für schuldig befunden worden. Sie wurden intra domos von ihren cognati getötet. Dass die Verwandten im zuerst angeführten Fall selbst das Urteil fällen, liegt der valerischen Darstellung zufolge nicht etwa in unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten der beiden genannten Verwandtschaftsgruppen begründet, sondern in dem ›offensichtlichen‹ Verbrechen der Frauen, das nach Ansicht der propinquii keiner langen quaestio publica unterzogen werden solle: non enim putaverunt severissimi viri in tam evidenti scelere longum publicae quaestionis tempus exspectandum. Gegen eine klare Differenzierung ihrer Handlungsmöglichkeiten spricht auch der Umstand, dass die valerischen propinquii in der livianischen Überlieferung (Liv. Per. 48) cognati sind (cognatorum decreto necatae sunt), während die cognati aus dem Beispiel 6,3,7 bei Livius präziser als ihre Cognaten oder ihre Manusinhaber beschrieben sind: mulieres damnatas cognatis, aut in quorum manu essent, tradebant [...] In jedem Fall unterliegen die Frauen hier, wie in fast allen bisher erörterten Fällen, der Hausgerichtsbarkeit ihrer Verwandten. 571 Itaque quarum innocentium defensores fuissent, sontium mature vindices exstiterunt. (6,3,8) Zur Schutzfunktion s. die folgenden Ausführungen zu den Beispielen 4,4,10 und 5,8,2. 572 In Bezug auf die Cognaten wird eine vergleichbare Schutzfunktion nicht direkt gezeigt, sondern lediglich antizipiert. Interessanterweise betrifft die Unterstützung ein Verhalten, das von Seiten der res publica als problematisch betrachtet wird: 6,6,5 (De fide publica) berichtet von zwei ehemalige Ädilen, die im Streit einige Legaten aus Apollonia misshandelt hatten und auf Befehl des Senats eben diesen Legaten übergeben wurden. Darüber hinaus ließ der Senat sie von einem Quästor nach Brundisium begleiten, um zu verhindern, dass die cognati der Gefangenen ihnen iniuria zufügten – damit war also offensichtlich zu rechnen. 573 Zum exemplainternen Spiel mit der Bedeutung der imagines s. auch die Ausführungen zu 5,8,3 (oben Kapitel 2.3.3.2). Dass propinquitas neben der Verpflichtung auch Ruhm beinhaltete, zeigt die bereits mehrfach erwähnte Episode 3,8,6, in der die constantia der Sempronia gelobt wird, die sich den Versuchen des Equitius widersetzt, das ius gentis Semproniae und aliena propinquitas einzufordern. Nicht nur die Vaterschaft des Gracchus, sondern auch die propinquitas der gens Sempronia waren hier offensichtlich Ziel des Täuschungsversuches.

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dende Funktion einnehmen, sind die komplementären Aspekte von Schutz und Kontrolle auch hier sehr präsent.574 So wird in der nur beiläufig erwähnten Mitwirkung der propinquii bei der Festlegung der Mitgift für die Tochter des Cn. Scipio deutlich, dass ein pater familias im Hinblick auf finanzielle Belange in soziale Entscheidungskontexte eingebunden war (4,4,10). Dass dies auch für die Festlegung von Sanktionen galt, ist im Zusammenhang mit der Vater-Sohn-Beziehung bereits erörtert worden: Die von Cassius, dem Vater, verantwortete Urteilsfindung in 5,8,2 wird durch die Hinzuziehung eines consilium propinquorum et amicorum auf eine breitere Basis gestellt. Zugleich wird hier jedoch noch ein weiterer Aspekt deutlich, der in gewisser Weise bereits zur Gruppe der necessarii überleitet: Nicht nur Verwandte, sondern auch amici des Vaters werden in diesem exemplum an der Entscheidung beteiligt – ein für den Umgang mit Söhnen charakteristisches Phänomen.575 Die Begrifflichkeit, mit der Valerius diese Art von consilia bezeichnet, ist offensichtlich nicht eindeutig festgelegt – wie bereits erwähnt, werden einige Termini zuweilen synonym verwendet: Bezug nehmend auf das eben erörterte exemplum, in dem von einem propinquorum et amicorum consilium die Rede war, hebt Valerius im darauffolgenden Beispiel 5,8,3 hervor, dass Torquatus es – im Gegensatz zu Cassius – in einer ganz ähnlichen Situation nicht für nötig gehalten habe, ein consilium necessariorum hinzuziehen. Erklären lässt sich die Parallelisierung in diesem Falle vermutlich damit, dass der Begriff necessitudo bzw. necessarius sowohl für Freunde als auch für Verwandte verwendet werden kann.576 Beider Rat und Mitwirkung waren wohl im Falle der Verurteilung eines Sohnes von Bedeutung. Es ging nicht nur darum, die Stellung des Familienvaters innerhalb des Verwandtschaftskreises zu kontrollieren und gegebenenfalls übertriebene Strenge oder ungerechte Urteile zu mildern. Ziel war auch, das Handeln der patres in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen zu halten.

574 Hierzu sowie zur Bedeutung des kontrollierenden Momentes s. die Ausführungen im Kapitel 2.3.3.1. Wenngleich das valerische Werk die Ansicht von Thomas, derzufolge consilia in allen Fällen väterlicher Rechtsprechung einbezogen wurden, nicht bestätigen kann (s. dazu oben Anm. 225), so haben die bisherigen Ausführungen – auch im Hinblick auf die Ehethematik – dennoch gezeigt, dass die Beratung und Kontrolle durch Freunde und Verwandte als ein in hohem Maße institutionalisiertes Eingreifen zu verstehen ist (s. auch Dixon, The Roman Family, S. 9, S. 27 und S. 47; vgl. auch Thomas, Vitae necisque potestas, S. 536 und ders., Parricidium, S. 663, Anm. 61). 575 S. hierzu oben Kapitel 2.3.3.1, insbesondere Anmerkung 227. Schon Kunkel, Hausgericht, S. 240 und Thomas, Remarques sur la juridiction domestique, S. 468f. haben zu Recht hervorgehoben, dass die consilia bei Delikten von Haussöhnen in stärkerem Maße auf die ›öffentliche Sphäre‹ bezogen waren, als bei Töchtern oder Ehefrauen. 576 S. beispielsweise Georges, s.v. necessitudo und s.v. necessarius. Vgl. ebenfalls die Übersetzung von Shackleton Bailey für inter ceteras necessitudines in 2,1,7: »in other relationships«.

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Die weiteren Verwandtschaftsbeziehungen

Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, lediglich die Kontrollfunktion dieses Gremiums hervorzuheben. Vielmehr machen drei weitere exempla, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, deutlich, dass necessitudo in erster Linie als eine durch unterschiedliche Formen von Verpflichtungen charakterisierte Beziehung zwischen Verwandten oder amici zu verstehen ist: So, wie die necessarii der Lucretia – bei Livius sind es Vater, Ehemann und deren Freunde – gleichsam in der Pflicht stehen, das Verbrechen, das Tarquinius an ihr begangen hat, zu ahnden (6,1,1 De pudicitia),577 so macht auch eine en passant angeführte Bemerkung in 6,5,3 (De iustitia) deutlich, dass ein necessarius mit der Unterstützung seines Freundes bzw. Verwandten rechnen konnte.578 Und wo diese verweigert wird – etwa in 6,2,3 (Libere dicta aut facta) – weist die Darstellung darauf hin, dass es sich um eine durch besondere Umstände begründet Ausnahme einer ansonsten gültigen Regel handelt.579 Hier wird noch einmal deutlich, dass der Begriff des necessarius als übergreifende und umfassende Beschreibung von Nahbeziehungen zu verstehen ist, denn in diesem Fall verwendet Valerius ihn synonym zu dem der adfinitas. Der Terminus adfinitas bezeichnet eine im Gegensatz zu den bisher erörterten Begriffen relativ eindeutig zu bestimmende Gruppe, die in der Regel diejenigen Verwandten umfasst, mit denen man durch Heirat verbunden ist, also die Schwiegerfamilie. Die Pflichten, die dieser Verwandtschaftsgruppe im valerischen Werk zugeschrieben werden, unterscheiden sich zunächst nicht grundlegend von denen der propinquii bzw. necessarii. So wird von einem adfinis ein grundsätzlich positives und unterstützendes Verhalten

577 Liv. 1,57,6- 59,3. 578 Ti. Gracchus und C. Claudius hatten die civitas durch ihre strenge Zensur aufgebracht und wurden vom Tribun P. Popillius wegen perduellio verklagt. Dass der anklagende Volkstribun auch ›private‹ Gründe für sein Vorgehen hatte (privata etiam ira accensus) – die Zensoren hatten Rutilius, einem necessarius des Popillius, eine Strafe auferlegt – ist Valerius trotz der zunächst negativen Konsequenzen für die Zensoren keinen weiteren Kommentar oder ausführlichere Kritik wert. Die Verpflichtung gegenüber einem necessarius wird hier gleichsam als selbstverständlich betrachtet. Ob es sich bei dem hier angeführten necessarius um einen Verwandten oder um einen Freund handelt, kann aus dem exemplum nicht erschlossen werden, wobei hier vermutlich ein Fehler des Valerius vorliegt, denn bei Livius ist auch der Volkstribun ein Rutilius (s. auch den Kommentar von Shackleton Bailey zu dieser Stelle). 579 In 6,2,3 wird berichtet, dass P. Africanus nach seiner Rückkehr aus Numantia vom Tribun Cn. Carbo gefragt wurde, was er vom Tode des Ti. Gracchus halte. Carbo war überzeugt, Africanus werde aufgrund seiner adfinitas – er war mit der Schwester des Gracchus verheiratet – Mitgefühl mit dem getöteten Verwandten äußern, doch dieses blieb aus (quia non dubitabat quin propter tam artam adfinitatem aliquid pro memoria interfecti necessarii miserabiliter esset locuturus. at is iure eum caesum videri respondit).

Propinquitas – adfinitas: Die weiter entfernten Verwandten

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erwartet – eine Abkehr von dieser ›Regel‹ ist begründungsbedürftig.580 Zugleich implizierte adfinitas jedoch auch eine Kontrollfunktion: Wie die Ausführungen über die Eheschließung von Töchtern deutlich gemacht haben, war die Begründung einer adfinitas-Beziehung – insbesondere von Seiten des Schwiegervaters zum Schwiegersohn – funktional als demonstrativer Akt der Anerkennung zu verstehen,581 der im Falle von Fehlverhalten gegebenenfalls auch wieder rückgängig gemacht werden konnte.582 Dennoch lassen sich einige interessante Unterschiede festmachen: So wird zum einen deutlich, dass ihre Kontrollmöglichkeiten begrenzt sind. Zwar können sie durch öffentliche Anerkennung bzw. Zurückweisung das Prestige und die Glaubwürdigkeit eines adfinis beeinflussen, doch offensichtlich gingen ihre Eingriffsmöglichkeiten nicht so weit wie etwa die der necessarii und propinquii, die im Falle von Verfehlungen sogar die Urteilsfindung und -vollstreckung übernehmen konnten. Zum anderen fällt auf, dass adfines bei Valerius zumeist als Einzelpersonen auftreten – im Gegensatz zu necessarii und propinquii, die in fast allen Fällen als Gruppe agieren. Offensichtlich war es weniger die Schwiegerfamilie als vielmehr einzelne Persönlichkeiten – insbesondere Schwiegervater und -sohn sowie der Schwager –, die sich ihren adfines gegenüber in Verantwortung genommen sahen: Man kämpfte auch in Zeiten der Bürgerkriege für die gemeinsame Sache, unterstützte einander vor Gericht und griff dem Schwiegersohn im Notfall auch finanziell unter die Arme.583 580 Häufig wird eher e negativo deutlich, welche Implikationen eine adfinitas-Beziehung im allgemeinen beinhaltete. Neben dem eben angeführten Fall 6,2,3 ist in diesem Zusammenhang auch 9,9,1 (De errore) anzuführen: Das Volk wollte Cornelius Cinna töten, weil diese – trotz seiner adfinitas mit Caesar – eine impia oratio auf ihn gehalten hatte. Aufgrund einer Verwechslung töteten sie jedoch den Falschen. 581 Sehr deutlich wird dies in dem bereits besprochenen Fall 4,2,3 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine), in dem die Eheschließung zwischen Ti. Gracchus und der Tochter des Africanus zugleich Ausdruck und Beleg einer neu begründeten Nahbeziehung der beiden Männer ist (ähnlich auch in 4,2,6; hierzu sowie zu den Implikationen einer Eheschließung s. die Ausführungen im Kapitel 3.2.2.3). Noch expliziter wird Valerius in dem ebenfalls bereits erwähnten Beispiel 4,4,9 (De paupertate), das die exemplarische Armut der gens des Q. Aelius Tubero beschreibt. Abschließend verweist Valerius verklärt auf die ›guten alten Zeiten‹, in denen es nicht Geld, sondern dignitas war, welche imperia verlieh und adfinitates begründete. Man musste sich einer berühmten Familie als würdig erweisen, um in den Kreis ihrer adfinitas aufgenommen zu werden. 582 S. hierzu etwa 8,1, absol. 9 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint). Auch die Beispiele, in denen die Beziehung zwischen Caesar und Pompeius erwähnt wird, machen deutlich, dass eine Schwiegerbeziehung nicht um jeden Preis aufrecht erhalten wurde. Immerhin war sie – wie das im Folgenden ausführlicher zu besprechende Beispiel 5,1,10 auf theatralische und makabre Weise zeigt, in gewisser Weise ›reaktivierbar‹. 583 Das gemeinsame Kämpfen wird in 2,7,3 (De disciplina militari), 3,2,13 (De fortitudine) sowie 3,8,7 (De constantia) angesprochen, wobei v.a. die beiden letzten Beispiele eher kontigente Erwähnungen aufweisen, die auf die Normalität dieses Vorganges hindeuten. (Eine Ausnahme bildet das im Folgenden zu untersuchende Verhältnis zwischen Caesar und seinem Schwiegersohn

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Die weiteren Verwandtschaftsbeziehungen

Einen Sonderfall bilden die exempla, die sich mit der Beziehung zwischen Caesar und seinem Schwiegersohn Pompeius beschäftigen und die Valerius einmal mehr vor die Frage der Integrationsfähigkeit dieser Episoden stellten. Wieder gelingt es ihm, nicht nur Pompeius, sondern auch sein problematisches Verhältnis zu Caesar in sein Werk aufzunehmen und positiv zu wenden: So werden die Szene, in der Caesar den Kopf des Pompeius überreicht bekommt (5,1,10), ebenso wie seine Bereitwilligkeit, eine Schuld des toten Pompeius zu begleichen (6,2,11), zu emphatischen Demonstrationen der sprichwörtlichen caesarischen clementia.584 Dagegen werden im abschließenden Kommentar zu dem bereits ausführlich besprochenen Beispiel 4,6,4 (De amore coniugali) die Grenzen der Schwiegerbeziehung deutlich, wenn Valerius bemerkt, die Fehlgeburt der Iulia sei ein großes Unglück gewesen: Mit Hilfe eines communis sanguinis vinculum – hier durch den gemeinsamen, indirekt Blutsverwandtschaft begründenden Sohn bzw. Enkel – wäre es vielleicht gelungen, die concordia zwischen Pompeius und Caesar zu erhalten und damit dem gesamten Erdkreis grausame Bürgerkriege zu ersparen – die Schwiegerbeziehung alleine hatte dafür nicht ausgereicht.585 So lässt sich abschließend festhalten, dass die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche der verschiedenen verwandtschaftlichen Gruppen im valerischen Werk keiner eindeutigen Differenzierung unterliegen. Sowohl propinquii und cognati, als auch necessarii und adfines übernehmen ihren Pompeius.) Unterstützung vor Gericht findet sich in dem schon besprochenen Beispiel 8,1, absol. 9 sowie in 9,5,3 (De superbia et impotentia). 584 In 5,1,10 (De humanitate et clementia) berichtet Valerius, der Kopf des Pompeius habe sogar bei dem Sieger Caesar Mitleid erregt: Er habe seine Rolle als Feind vergessen, sei wieder zum Schwiegervater geworden und habe Tränen für sich, Pompeius und seine Tochter vergossen. 6,2,11 (Libere dicta aut facta) setzt die Frechheit des Servius Galba in Szene, der es wagte, Caesar den Verkauf der Güter des Pompeius vorzuwerfen: Er erklärte, er habe für Pompeius gebürgt und werde jetzt aufgrund dieser Bürgschaft vorgeladen. Der Hinweis, Pompeius sei ja der Schwiegersohn Caesars gewesen, macht deutlich, mit welcher ungenierten Offenheit er es wagt, von Caesar indirekt die Begleichung dieser Schulden zu verlangen. 585 Es gibt im valerischen Werk noch einen weiteren Fall, in dem das sanguinis vinculum – e negativo – als besonders verpflichtende Beziehung dargestellt wird, nämlich 7,8,3 (Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent): Obgleich Q. Metellus artissimo sanguinis vinculo mit den Claudii verbunden war, hinterließ er Carinas – wohl einen amicus? – als einzigen Erben. Valerius hebt besonders hervor, dass niemand gegen sein Testament anging, was darauf hindeutet, dass Blutsverwandtschaft grundsätzlich die (moralische) Verpflichtung zur Erbeinsetzung beinhaltete, wobei diese Verpflichtung auch gegenüber den übrigen Metelli eingefordert wird (s. auch Wallace-Hadrill, Family, S. 64 und passim, der implizit deutlich macht, dass Valerius sich hier im Einklang mit der augusteischen Gesetzgebung befindet). Zur (jedoch nur relativen) Bedeutung der Blutsbande s. auch 7,8,1. In 2,1,7 (De instituta antiquis) werden Blutsbande und adfinitas zwar auf eine Ebene gestellt, aber nur um darauf hinzuweisen, dass ihnen beiden ähnlich großer Respekt gezollt wurde, wie den Göttern.

Propinquitas – adfinitas: Die weiter entfernten Verwandten

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Verwandten gegenüber kontrollierende und unterstützende Funktionen, die in vielen Fällen ein ›öffentliches‹ Handeln implizieren und rechtliche Maßnahmen – besonders im Hinblick auf die Bestrafung von Familienmitgliedern – in vielfältiger Hinsicht ergänzen können. Das Handeln der adfines unterscheidet sich insofern von dem der übrigen Verwandten, als sie nur selten als Gruppe auftreten und nicht über rechtliche Sanktionsmöglichkeiten verfügen. Vielmehr handelt es sich zumeist um berühmte Einzelpersonen, die aufgrund ihrer Autorität in der Lage sind, Unterstützung und Prestige zu verleihen oder zu entziehen. Die große Bedeutung, die allen Verwandten somit in Bezug auf das gesellschaftliche Funktionieren zugesprochen wird, findet ihren Ausdruck schließlich auch in den rituellen Handlungen zur Stärkung des Zusammenhaltes innerhalb der Verwandtschaftsgruppen: Concordia und verecundia bilden für Valerius Werte, die idealiter auch für die Gegenwart Gültigkeit beanspruchen sollten. Verwandschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen

4 Verwandtschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen Verwandschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen Die Untersuchung der Verwandtschaftsbeziehungen im valerischen Werk hat folgende Ergebnisse erbracht: 1. Als ein wichtiges Analysekriterium für die Untersuchung der Bilder, die Valerius von den Verwandtschaftsverhältnissen zeichnet, hat sich – vor allem für die Vater-Sohn-Beziehung – die Frage nach der literarischen Präsenz bewährt. Nur wenige der zahlreichen familiären Beziehungen werden von Valerius in einem oder gar mehreren eigenen Kapiteln behandelt,586 während die meisten Interaktionen im Rahmen anderer Rubriken auftreten, die jeweils spezifische Verhaltensnormen inszenieren. Die inszenierten Beziehungen werden von Valerius mit einer expliziten Normativität versehen, die sie von anderen Darstellungen unterscheidet. Es handelt sich offensichtlich um Bereiche, die – vermutlich infolge der spätrepublikanischen und frühkaiserzeitlichen Veränderungen – als krisenhaft empfunden wurden und einer expliziten Einordnung und Beurteilung bedurften. Dies zeigt sich in erster Linie im Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen, das – als Rückgrat der römischen Sozialordnung – in ganz besonderer Weise in Szene gesetzt wird. Hier lassen sich, je nach Art der Darstellungsintention (inszeniert oder en passant erwähnt), zwei klar unterschiedene Bilder herausarbeiten, die das intendiert normative Moment des valerischen Werkes in hervorragender Weise illustrieren. Für die übrigen, von Valerius weniger komplex und facettenreich präsentierten Beziehungen, sind Differenzen zwischen den inszenierten und den kontingenten Interaktionen weniger von Belang.587 586 Hier sind in erster Linie Väter und Söhne, Brüder sowie die Ehe zu nennen. In geringerem Ausmaß fallen auch Mütter bzw. Töchter in diese Kategorie, da im Kapitel 5,4 (De pietate erga parentes) auch das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bzw. Vater und Tochter in einigen Beispielen direkt inszeniert wird. Die Beziehung zu Großeltern, Onkeln und Tanten sowie zu weiter entfernten Verwandten hat für Valerius offensichtlich eine geringere normative Relevanz, so dass er auf eine explizite Behandlung verzichtet. 587 Vgl. auch oben Kapitel 1.3. Lediglich für die Ehebeziehungen hat sich eine klare Unterscheidung zwischen dem (in den Kapiteln über severitas und pudicitia) indirekt inszenierten Bild einerseits und dem direkt inszenierten, von amor und fides geprägten Bild andererseits herauskristallisiert. Die Untersuchung hat indes deutlich gemacht, dass die damit einhergehende chronologische Differenzierung in diesem Falle von größerer heuristischer Bedeutung ist, als die Frage der Inszenierungsebene (s. Kapitel 3.3).

Verwandschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen

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Die Frage nach der ›literarischen Präsenz‹ ist schließlich auch für den Quellenwert der Facta et dicta memorabilia von Bedeutung: Wenn überhaupt, so können allenfalls die en passant erwähnten Ereignisse oder Interaktionen als Aussagen über die republikanische ›Realität‹ betrachtet werden. Inszenierte Episoden legen dagegen in erster Linie Zeugnis über kaiserzeitliche Vorstellungen ab. 2. Für alle Beziehungen, denen eigene Rubriken gewidmet sind und die somit ein erhebliches Maß an expliziter Normativität aufweisen, lassen sich im Vergleich zu den potentiellen Quellen des Valerius sinnstiftende Umdeutungen nachweisen, die vielen exempla seines Werkes eine spezifische Ausrichtung verschaffen: Dabei werden problematische Episoden durch die Einordnung in positiv konnotierte Kapitel, die sich mit pietas, amor coniugalis oder fides uxorum beschäftigen, sowie durch passende Kommentare ›moralisiert‹ und entkonfliktualisiert. Inneraristokratische Konkurrenz, Angriffe auf die magistratische potestas und blutige Bürgerkriegsepisoden werden vielfach in der Inszenierung verwandtschaftlicher Loyalität aufgehoben.588 Durch diese Neustrukturierung der Erinnerung gelingt es Valerius, ein positives Bild der familiären Beziehungen zu konstruieren und selbst hoch konfliktuelle Themen wie die Bürgerkriege sinnhaft in sein Werk zu integrieren. Die weiteren Ausführungen werden zeigen, dass sich diese Aspekte in ganz ähnlicher Form auch in anderen sozialen Beziehungen – besonders in der amicitia und der fides servorum – nachweisen lassen. 3. Eine besonders offensichtliche Neustrukturierung des Vergangenheitsraumes konnte im Zusammenhang mit der Ehethematik herausgearbeitet werden: Hier ist die Wahl bestimmter Rubriken (insbesondere von amor coniugalis und fides uxorum) sowie die sinnstiftende und umdeutende Zuordnung einzelner Episoden zu den jeweiligen Kapiteln eng mit einer chronologischen Einteilung verknüpft: Während die Ehe in der römischen Frühzeit durch grundlegende Werte wie pudicitia, concordia und (wenn nötig) severitas charakterisiert ist, finden sich seit dem Beginn des zweiten und besonders des ersten vorchristlichen Jahrhunderts fast ausschließlich Inszenierungen von Loyalitätshandlungen innerhalb des Ehepaares. Da der gesellschaftliche Kontext im besten Falle irrelevant und zuweilen, besonders in den Bürgerkriegen, sogar bedrohlich erscheint, besteht die Tugend nun in der exklusiven Konzentration auf die Paarbeziehung, die als geschützter Raum konstruiert wird. Hier, nicht in der Gesellschaft, liegt dieser Darstellung zufolge die Erfüllung. Mit einer solchen Perspektive lassen sich Konflikte problemlos ausblenden. 588 Zur inneraristokratischen Konkurrenz s. etwa 5,5,1; zur magistratischen potestas s. 5,4,5-6; zu den Bürgerkriegen s. insbesondere die Kapitel 6,7 und 4,6. Vgl. hierzu auch David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, S. 122ff.

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Verwandschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen

4. Überhaupt stellt der valerische Umgang mit Konflikten ein ganz eigenes Kapitel dar. Wie insbesondere die Untersuchung der Vater-SohnBeziehung gezeigt hat, besteht das Ideal des Valerius in der Vermeidung bzw. Aufhebung von Konflikten. Da das Verhältnis zwischen Vater und Sohn (und allgemein zwischen Eltern und Kindern) als in hohem Maße schützenswert dargestellt wird – es sei nur an den Rekurs auf den ordo naturae erinnert –, werden Sanktionen nur in Ausnahmefällen, wenn nämlich das Ansehen und die Integrität der res publica auf dem Spiel stehen, als legitim und zugleich unumgänglich betrachtet. Doch selbst für diese Situationen macht Valerius normative Vorgaben: Wenn Konflikt und Strafe unvermeidbar sind, so dürfen Entscheidungen (meist die Verurteilung des Sohnes) zumindest nicht übereilt und affektgeleitet getroffen werden: Kontrolle von außen (ein consilium) oder die Reflexion des eigenen Verhaltens im Sinne bewussten Rollenhandelns erscheinen als mögliche Maßnahmen, mit denen ein maßvolles, von moderatio geprägtes Vorgehen gewährleistet werden kann. Die massive Inszenierung gemäßigten Verhaltens, die durch die Struktur des Gesamtwerkes noch unterstrichen wird, bietet im Vergleich zur früheren severitas neue Handlungsmodelle und entwirft dabei zugleich ein positives und stabiles Bild der verwandtschaftlichen Beziehungen.589 Dass moderatio selbst in positiven und unterstützenden Interaktionen als erstrebenswert dargestellt wird, unterstreicht einmal mehr die Bedeutung, die Valerius diesem Konzept zuspricht. 5. Eine traditionelle Funktion von exempla – und zugleich erklärtes Ziel des valerischen Werkes – ist die Bereitstellung normativer Verhaltensmodelle durch den Rekurs auf vorbildhafte Handlungen der republikanischen Vorfahren. Die vorliegende Untersuchung hat jedoch gezeigt, dass einige valerische Beispiele eine zumindest partielle Funktionserweiterung aufweisen – wenn Valerius etwa die Erbschaftsthematik dazu nutzt, Handlungsanleitungen für Situationen zu bieten, die traditionell noch keiner eindeutigen normativen Fixierung unterlagen. Ermöglicht wird dies durch einen damit einhergehenden Wandel im Funktionieren der exempla: Da für diese Fälle weder traditionelle auctores noch Argumentationsmuster bereitstehen, weitet Valerius den exemplafähigen Personenkreis bis hin zu völlig unbekannten Protagonisten aus und nutzt den Rekurs auf ein nicht genauer definiertes ius naturae zur Begründung seiner normativen Vorgaben.590

589 Dies hat sich in erster Linie in Bezug auf das Vater-Sohn-Verhältnis sowie für die Ehe als zentral erwiesen. Zur Struktur des Werkes s. oben Kapitel 1.1, Anm. 34. 590 Da in diesen Fällen traditionelle exempla-Potentiale wie etwa berühmte auctores oder zentrale virtutes fehlen (s. hierzu und zum Folgenden die Ausführungen im Kapitel 1.2), muss die Wirkungsmacht, auch im Sinne der David’schen »force évocatoire« auf andere Weise erzeugt werden. Hier bieten sich beispielsweise außergewöhnliche Taten, dramatische Darstellungen oder

Verwandschaft bei Valerius: zusammenfassende Bemerkungen

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Zugleich lässt sich das valerische Vorgehen als Aktualisierung und Fortschreibung der traditionellen Exemplatechnik verstehen: Indem neue Situationen und Verhaltensweisen – in leicht variierter Form – in den alten Argumentationsmodus eingebunden werden können, wird die funktionalisierbare Verbindlichkeit des Argumentationsmittels exemplum eindrücklich bestätigt. 6. In Bezug auf konkrete rechtliche Gegebenheiten legt Valerius häufig ein erstaunliches Desinteresse an den Tag. Wie insbesondere der Vergleich mit potentiellen republikanischen Quellen gezeigt hat, blendet er formalrechtliche Fragen wie etwa die Zugehörigkeit eines Sohnes zur familia, die sacrosanctitas der Tribunen oder die Handlungskompetenzen eines pater familias in vielen Fällen aus.591 Sein Blick richtet sich in erster Linie auf traditionelle normative Wertvorstellungen wie etwa pietas oder severitas, deren Gültigkeit er in zahlreichen Beispielen thematisiert. Dass er dennoch in einigen Fällen zumindest begrifflich auf unterschiedliche Formen von ius rekurriert (s. hierzu auch unten, Kapitel 5.3.2), ist kein Widerspruch zu diesem Befund, da dem Verweis auf ein ius gerade vor dem Hintergrund der ansonsten dominierenden Orientierung an Sitte und Tradition eine besonders prominente Rolle zukommt, die Valerius geschickt einzusetzen weiß.

emphatische Kommentare an. Auch der von Valerius gewählte Rekurs auf den ordo naturae konnte die Wirkung eines exemplum sicherlich unterstützen. 591 Eine wichtige Ausnahme bildet insbesondere das ausführlich besprochene Beispiel 5,4,5, in dem Valerius den Konflikt zwischen patria potestas und Amtsgewalt durchaus berücksichtigt. Doch auch hier argumentiert er nicht auf einer rechtlichen Ebene, sondern hebt die konfliktuelle Situation durch den Rekurs auf die pietas erga parentes auf (s. oben Kapitel 2.3.2.2).

5 Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

5.1 Die Relevanz der weiteren sozialen Beziehungen und das Problem der Begrifflichkeit Das Problem der Begrifflichkeit Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt der Facta et dicta memorabilia bilden neben den Verwandtschaftsbeziehungen die römischen »Nah- und Treueverhältnisse« (Gelzer). Diese mit ganz unterschiedlichen Begriffen wie amicitia, clientela, beneficium, gratia oder officium evozierbaren sozialen Beziehungen, denen in der römischen Gesellschaft traditionell eine zentrale Bedeutung zukam, sind im valerischen Werk nicht nur in quantitativer Hinsicht sehr gut vertreten, sondern weisen auch eine beachtliche literarische Präsenz auf.592 Ganz offensichtlich hatte Valerius ein lebhaftes Interesse an diesen Formen der Interaktion, die er in zahlreichen Beispielen und Kapiteln direkt oder indirekt in Szene setzt und mit ausführlichen, teilweise sehr emphatischen Kommentaren schmückt.593 Ähnlich wie die verwandtschaftlichen Verhältnisse finden sich auch die weiteren sozialen Beziehungen in relativ konzentrierter Form auf zwei Bücher verteilt, wobei es sich bezeichnenderweise um die Bücher vier und fünf handelt, die sich bereits im Hinblick auf die Familienbeziehungen als zentral erwiesen hatten (s. oben Kapitel 3). Sehr deutlich sind die direkten Inszenierungen in den Kapiteln 4,2 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine), 4,7 (De amicitia), 5,2 (De gratis) sowie 5,3 (De ingratis), doch auch 4,8 (De liberalitate) und 5,1 (De humanitate et clementia) sind in diesem Zusammenhang zu nennen. 6,8 (De fide servorum) befindet sich zwar außerhalb dieser beiden Bücher, steht jedoch ebenfalls in unmittelbarer Nähe zu einer Verwandtschaftsbeziehung (6,7 De fide uxorum). Darüber hinaus werden Nahverhältnisse in verschiedenen Kontexten thema-

592 Zu den Nah- und Treueverhältnissen, ihrer Funktion und ihrer Entwicklung s. Gelzer, S. 68ff. und Meier, S. 24-45; vgl. auch Saller, Status and patronage, S. 838ff., Moatti, La raison de Rome, S. 254 sowie Syme, Roman Revolution, S. 12-17 und passim. Zu den wirtschaftlichen Aspekten römischer amicitia- und Klientelbeziehungen s. (für die späte Republik) Verboven. Zur literarischen Präsenz s. oben Kapitel 1.3. 593 Vgl. etwa seine Bemerkung zur Bedeutung des Austauschs von beneficia und officia in 5,3, ext. 3 (s. dazu auch unten Kapitel 5.3), seinen Kommentar zur Sklaventreue im Beispiel 6,8,5 und zum Undank in 7,8,8 sowie insbesondere seine einleitenden Ausführungen zum Stellenwert der amicitia (4,7 pr.).

Das Problem der Begrifflichkeit

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tisiert und insbesondere in den Kapiteln 3,7 (De fiducia sui), 4,1 (De moderatione) sowie 7,7-8 (De testamentis) auch indirekt in Szene gesetzt. Dass Valerius selbst von einer gewissen Nähe der einzelnen Beziehungsmuster ausgeht, wird nicht nur aus der Struktur seines Werkes, sondern auch aus seinen Kommentaren ersichtlich, die (zuweilen e negativo) Verbindungen von einer Rubrik zur nächsten ziehen.594 Zwar folgt er dabei keinem völlig kohärenten Konzept – so kann etwa der Stellenwert von amicitia im Vergleich zur Blutsverwandtschaft je nach Kontext ganz unterschiedlich beurteilt werden –,595dennoch lassen sich einige Grundtendenzen herausarbeiten, die seine Vorstellungen von sozialen Beziehungen prägen, und die im Folgenden erörtert werden sollen. Zuvor ist jedoch auf eine grundsätzliche Schwierigkeit dieser Untersuchung hinzuweisen: Im Gegensatz zu den verwandtschaftlichen Bindungen, die in den meisten Fällen zweifelsfrei bestimmbar waren,596 lassen sich die Nah- und Treueverhältnisse oft nur schwer in bestimmte Kategorien einordnen – ein Umstand, der nicht zuletzt auf eine strukturelle Unschärfe bzw. Offenheit in der Verwendung dieser Begrifflichkeit in Rom zurückzuführen ist.597 Ob die jeweiligen Interaktionsformen in den valerischen exempla als Klientelbeziehung oder als ebenbürtige amicitia zu betrachten sind, ist – abgesehen von einigen Verweisen auf patroni bzw. clientes – nicht a priori aus der Terminologie zu erschließen. Lediglich servi und liberti können in jedem Falle eindeutig zugeordnet werden,598 die übrigen Interaktionen finden dagegen in einem sozial ›weich‹ gegliederten System statt. 594 So wird die auf 4,6 (De amore coniugali) folgende Rubrik 4,7 (De amicitia) mit einer ausführlichen Erörterung der Unterschiede zwischen den Blutsbanden und amicitia eingeleitet, das auf 4,8 (De liberalitate) folgende Kapitel 5,1 (De humanitate et clementia) beginnt mit den Worten: Liberalitati quas aptiores comites quam humanitatem et clementiam dederim, quoniam idem genus laudis expetunt? Und selbst in der praefatio von 4,2 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine) wird indirekt die Nähe zu der zuvor erörterten moderatio festgestellt. 595 Vgl. hierzu beispielsweise die Einleitung zu 4,7 (De amicitia) mit der praefatio sowie dem ersten exemplum (5,5,1) des Kapitels 5,5 (De pietate erga fratres). 596 Eine Ausnahme bildete die weiter entfernte Verwandtschaft, deren Begrifflichkeit (wie propinquitas und cognatio) sich häufig nicht klar zu zuordnen ließ. 597 Vgl. bereits Gelzer, S. 68ff. sowie Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 342-346, der in diesem Zusammenhang von der »begriffliche[n] Offenheit oder besser Unbegrifflichkeit« spricht, welche die römische Ordnung prägte (ebd. S. 344); vgl. auch Rilinger, S. 83f. Saller, Personal Patronage, S. 8-11, erklärt diese für die römische Literatur charakteristische Unschärfe mit der ›diplomatischen‹ Haltung vieler Autoren, welche die soziale Unterlegenheit des Klienten nicht explizieren wollten. Anders sei die Quellenlage im epigraphischen Material, da Inschriften häufig von Klienten stammten, die ihre Dankbarkeit gegenüber ihrem Patron ausdrücken wollten (ebd. und Saller, Status and patronage, S. 838f.; ähnlich Rilinger, S. 83). Vgl. zu dieser Frage auch Kierdorf, S. 224ff. und S. 228f., Brunt, Amicitia, sowie – aus soziologischer Perspektive – Johnson / Dandecker, S. 231 und passim. 598 Die Unterscheidung zwischen servus und libertus ist zwar wiederum prinzipiell unzweideutig, doch bei Valerius kommt es sogar hier zu einer Vermischung, wenn er in dem ganz explizit

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

Auch die Analyse aller valerischen Verwendungskontexte der Ausdrücke amicitia, gratia, beneficium, officium, liberalitas, humanitas und clementia hilft in diesem Zusammenhang kaum weiter. Zwar lassen sich für die meisten Ausdrücke Tendenzen festmachen – so gehen beneficium, liberalitas, humanitas und clementia häufig von Höherstehenden aus, während gratia und officium eher von der Klientenebene geleistet werden –,599 doch da sich auch Gegenbeispiele finden und sich somit kein eindeutiger Bedeutungshorizont mit diesen Begriffen verbinden lässt, können sie nicht als sicheres Analyseschema für eine hierarchische Einordnung der jeweiligen sozialen Beziehungen dienen.600 So kann beispielsweise ein berühmter Aristokrat aus unterschiedlichen Gründen dazu verpflichtet sein, einem sozial unter ihm Stehenden gratia zu erweisen, ohne deshalb sogleich als Klient seines ›Wohltäters‹ zu gelten. Zudem verwendet Valerius diese Ausdrücke manchmal auch gerade entgegen der sozialen Hierarchie – um ein spezielles Verdienst oder besondere Dankbarkeit auszudrücken. Ein primäres Ordnungskriterium scheint die Frage der Beziehungshierarchie für Valerius ohnehin nicht darzustellen, denn die meisten Kapitel, die amicitia- bzw. Klientelverhältnisse in Szene setzen, weisen sowohl hierarchische als auch gleichberechtigte Beziehungen auf,601 und im Kapitel über die fides servorum findet sich ein Beispiel, das die Treue eines Freigelassenen zum Thema hat. Angesichts dieser terminologischen Schwierigkeiten kann die in der Forschung zumeist als grundlegend verstandene Differenzierung der Beziehungsmuster in amicitia- bzw. Klientelverhältnisse hier nicht als primäre Analysekategorie verwendet werden.602 Stattdessen erweist sich die Frage der fides servorum gewidmeten Kapitel 6,8 plötzlich auch über die fides eines libertus referiert (6,8,4). 599 S. Hellegouarc’h, S. 165-169, bes. S. 167 zu beneficium (zu liberalitas s. ebd. 168); vgl. auch Spielvogel, Amicitia, S. 11f. und Lentano. Zugleich betrachtet Hellegouarc’h jedoch sowohl officia als auch beneficia als »expression concrète de l’amicitia« (so der Titel des betreffenden Kapitels, vgl. Hellegouarc’h, S. 152-169). 600 In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass insbesondere für beneficium, officium und gratia nur etwa die Hälfte (bei gratia weniger) der in den römischen exempla zu findenden Nennungen auf für uns relevante soziale Interaktionen bezogen sind, während diese Begriffe sonst häufig im Sinne von »dank dessen« (beneficium), »Amt / Aufgabe« (officium) oder »um zu tun« (gratia) verwendet werden. Zum komplexen und bis heute nicht eindeutig bestimmbaren Bedeutungshorizont der Begriffe beneficium, officium und meritum sowie gratia vgl. auch Saller, Personal Patronage, S. 15-22. 601 Dies gilt für fast alle direkt inszenierenden Kapitel (4,2; 4,7; 5,2-3) sowie für die Erbschaften betreffende Rubrik 7,8. Zwar lassen sich hier nicht alle Akteure hierarchisch genau zuordnen, denn Valerius gibt diesbezüglich selten genauere Angaben. Doch in jedem dieser Kapitel lassen sich durch die Präsenz bekannter auctores zumindest eine (ebenbürtige) amicitia- sowie eine Klientelbeziehung festmachen. 602 Die Bedeutung, die diesem Ordnungskriterium in der Forschung beigemessen wird, zeigt sich nicht zuletzt in den einschlägigen Aufsatz- und Buchtiteln, die trotz aller Problematisierung

Das Problem der Begrifflichkeit

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nach der Art der Handlung als ein sinnvolles Kriterium zur Einordnung der amicitia-Verhältnisse im weiteren Sinne. Welche Handlungsfelder in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, wird im Folgenden zu klären sein.603 Auch die Unterscheidung der verschiedenen Ebenen literarischer Präsenz, die sich im Zusammenhang mit der Vater-Sohn-Beziehung als zentrales Analysekriterium erwiesen hatte, ist für die Untersuchung dieser Nahbeziehungen weniger relevant. Zwar lassen sich – insbesondere für einige unmittelbare Inszenierungen, etwa in den Rubriken De amicitia bzw. De gratis – spezifische Bilder herausarbeiten, die als sinnstiftende Konstruktionen zu verstehen sind. Doch im Gegensatz zur Vater-Sohn-Beziehung bilden die en passant erwähnten Interaktionen kein Gegenbild, das eine ausführliche eigene Behandlung als sinnvoll erscheinen ließe. Zudem lassen sich auch innerhalb der inszenierten Episoden deutlich voneinander differierende Vorstellungen ausmachen. Daher soll im Folgenden die Gesamtheit der unterschiedlichen Bilder herausgearbeitet und nach ihren Implikationen für das valerische Werk befragt werden. Dabei ist zunächst die Rolle der Sklaven (und der Freigelassenen) zu untersuchen, die sich als klar konturierte soziale Gruppe ausmachen lassen. Da die übrigen Interaktionen in einem sozial ›weich‹ gegliederten System spielen, lassen sie sich am sinnvollsten nach Handlungsfeldern aufteilen, wobei sich fünf zentrale Bereiche festmachen lassen: 1. Zunächst ist dabei auf den Austausch von beneficia und officia hinzuweisen – ein traditionell bedeutsames römisches Handlungsmuster, dem auch im valerischen Werk ein hoher Stellenwert zukommt. Mit Hilfe zahlreicher exempla entwirft Valerius ein vielschichtiges Bild des dandi et der Begrifflichkeit zumeist entweder auf amicitia oder auf Patronagebeziehungen abheben (s. etwa Saller, Personal Patronage, Kierdorf sowie Brunt, Amicitia; vgl. auch Garnsey / Saller, S. 211ff.). Der Versuch von Saller, Personal Patronage, innerhalb einer dieser Gruppen, hier dem Patronageverhältnis, dennoch ein breiteres Spektrum von Beziehungen zu verorten, ist daher auch von unterschiedlichen Forschern kritisiert worden, die patronus als klar definierbaren terminus technicus verstanden haben wollen (s. hierzu Saller, Patronage and friendship, S. 50ff.). In seiner Replik auf die Kritiker macht Saller jedoch deutlich, dass eine solch eindeutige Definition als moderne Zuschreibung zu verstehen sei: »Patently, the Romans applied the language of patronage to a range of relationships [...]: usage was more fluid than usually supposed, and the connotations of amicus, cliens and patronus were subtly and variously manipulated in different circumstances.« (Saller, Patronage and friendship, S. 57; vgl. auch Wallace-Hadrill, Patronage, S. 77 und Saller, Status and patronage, S. 838f.; anders Strothmann, S. 86f., die sich jedoch in erster Linie mit der augusteischen Zeit beschäftigt). Die häufig mit dem Begriff amicitia ausgedrückte, aber dennoch eindeutig hierarchische Beziehung zwischen erfahrenen und geachteten nobiles und jungen Aristokraten lässt sich nach Ansicht von Saller am treffendsten mit dem Begriff der »patron-protégé«Beziehung übersetzen (Saller, Status and patronage, S. 846ff.). 603 Ähnlich kommt auch Saller, Patronage and friendship, S. 57 zu dem Schluss: »More important than the language is what the patterns of behaviour and social conventions reveal about the Roman understanding of these relationships.«

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accipiendi beneficia commercium, wobei insbesondere die integrative Funktion dieses Verhaltens hervorgehoben wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang die chronologische Fokussierung auf die beiden letzten vorchristlichen Jahrhunderte, die sich – wie im Folgenden auszuführen sein wird, als Ausdruck der spezifisch valerischen Strukturierung der Vergangenheit interpretieren lässt (5.3). 2. Ein in vieler Hinsicht neues und nicht selbstverständliches Handlungsmuster bildet dagegen die gleichsam ›absolut‹ bestimmte Form einer amicitia-Beziehung, die im Kapitel 4,7 in Szene gesetzt wird. An die Stelle des traditionellen Austauschs von beneficia bzw. officia tritt in diesen Beispielen die bedingungslose Unterstützung, ja Aufopferung für den Freund. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Adressaten in fast allen Fällen Personen sind, die gegen das Wohl der res publica verstoßen haben, und sogar die Unterstützung selber ist zuweilen gegen das ›öffentliche‹ Interesse gerichtet. Weshalb Valerius dieses Verhalten dennoch positiv beurteilt, sollen die weiteren Ausführungen klären (5.4). 3. Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld betrifft den Bereich der kollektiven Klientel: Die Verpflichtung ganzer Gruppen auf einzelne Aristokraten, die eigentlich als eines der zentralen Strukturprobleme der späten Republik gelten kann, da sie den Grundsatz der aristokratischen Gleichheit dauerhaft in Frage stellte, wird von Valerius durch die Einordnung der betreffenden Beispiele in Rubriken über gratia und liberalitas entproblematisiert (5.5). 4. Auch Konflikte spielen im Rahmen der Nah- und Treueverhältnisse eine nicht unbedeutende Rolle. Auffällig ist jedoch, dass Valerius bis auf wenige Ausnahmen nicht den Konflikt als solchen, sondern seine Beilegung, Vermeidung oder Mäßigung in Szene setzt, während etwa (negativ-) kompetitive Verhaltensweisen wie aemulatio und invidia nur selten thematisiert werden. Inwieweit sich hier Parallelen zu dem im Rahmen der VaterSohn-Beziehung herausgearbeiteten Ideal der moderatio ziehen lassen, wird die folgende Untersuchung zeigen (5.6). 5. Abschließend ist auf eine letzte Kategorie von Interaktionen zu verweisen, die in der Forschung meist eher wenig Beachtung findet. Dies liegt in erster Linie darin begründet, dass ›alltägliche‹ Handlungen wie finanzielle Unterstützung, Solidaritätserweise oder die mehr oder weniger formalisierte Erteilung von Ratschlägen in vielen Fällen einen eher geringen Konstruktcharakter aufweisen. Dennoch sind sie ein integraler Bestandteil der römischen Nahverhältnisse und erlauben vielleicht als einzige einen etwas direkteren Zugriff auf die ›realen‹ Umstände der Zeit, von der die valerischen exempla handeln (5.7).604 604 S. dazu auch die Ausführungen zum Quellenwert der valerischen exempla oben Kapitel 2.5.3.

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5.2 Zwischen familia und Klientel: Sklaven und liberti Sklaven und liberti Sklaven und liberti nehmen im Rahmen der vorliegenden Untersuchung eine Zwischenrolle ein: Obschon sie offensichtlich nicht Teil der im voranstehenden Kapitel behandelten Verwandtschaft sind, gehörten Sklaven aus rechtlicher Perspektive zur familia, während die Stellung der Freigelassenen als Ausdruck des gleichsam fließenden Übergangs von familia- zu Klientelbeziehungen verstanden werden kann.605 Während liberti im valerischen Werk relativ selten (neun Mal) erwähnt und daher hier im Anschluss an die Beschäftigung mit den Sklaven nur kurz behandelt werden, kommt Sklaven eine erstaunlich große Bedeutung zu, die sich insbesondere darin äußert, dass ihnen als einzige Gruppe außerhalb der Kernfamilie ein eigenes Kapitel gewidmet ist (6,8 De fide servorum). Schon der Titel weist auf die durchaus zwiespältige Stellung römischer Sklaven hin: Einerseits galten sie als rechtloser Besitz ihres patronus, doch andererseits waren zumindest die in der domus beschäftigten servi häufig enge Vertraute ihrer Herren und begleiteten diese bei ihren täglichen Geschäften ebenso wie auf Kriegszügen oder Reisen. In Gefahrensituationen erwiesen sie sich zuweilen als treue Helfer. Gerade in dieser Vertrautheit lag jedoch auch ein Moment der Bedrohung: Geriet ein patronus beispielsweise durch eine Anklage in Gefahr, dann konnte ein missgünstiger Sklave versuchen, sein besonderes Wissen gegen seinen Herren zu verwenden. Dazu kam, dass Sklaven im Rahmen eines Prozesses der Folter unterworfen werden durften, um ein Geständnis oder eine Information aus ihnen herauszupressen. Auch dieses konnte – vom Ankläger gezielt verwendet – gegen den patronus gerichtet werden. Das Bild, das Valerius von der Stellung der Sklaven in Rom zeichnet, ist in hohem Maße durch dieses Spannungsfeld von Indifferenz, Nähe und Bedrohung geprägt. Zugleich lässt sich in den Facta et dicta memorabilia ein interessanter Schwerpunkt im Bereich der unterstützenden Interaktionen festmachen, die in mancher Hinsicht an die bereits für andere soziale Beziehungen herausgearbeitete Inszenierung von Nähe erinnern.

605 Ulpian bietet eine Reihe von Definitionen für familia, von denen die erste auf den Besitz (res) des pater familias bezogen ist (Ulpian, Dig. 50,16,195; vgl. Corbier, S. 129 und Saller, Family and household, S. 855f.). Da Sklaven nach dem ius civile nicht als Personen galten (Ulpian, Dig. 50,17,32), waren sie aus rechtlicher Sicht Bestandteil der familia. Zu den Verwendungskontexten von familia s. auch Dixon, The Roman Family, S. 2f. und Severy, S. 7f.

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5.2.1 Sklaven in der römischen Gesellschaft – das valerische Bild Rein quantitativ sind Sklaven im valerischen Werk sehr präsent. Mit über 30 Erwähnungen übertreffen sie nicht nur Geschwister und Verwandte, sondern auch Mütter und Töchter. Sie stehen somit an dritter Stelle hinter den Beispielen, die sich mit der Ehe sowie der weithin dominierenden Vater-Sohn-Beziehung beschäftigen. Diese numerische Präsenz wird durch die Art der Darstellung noch verstärkt, denn in den meisten exempla werden die Stellung und Bedeutung der Sklaven indirekt – in einem Kapitel sogar direkt – in Szene gesetzt.606 Ein Großteil dieser Beispiele bezieht sich auf den Stellenwert, der einem Sklaven in der römischen Gesellschaft zugesprochen wurde, wobei sich eine Konzentration auf einige zentrale Aspekte feststellen lässt. 1. Sehr deutlich und in mehreren exempla illustriert ist der Status von Sklaven als Besitz und Distinktionsmoment für ihren patronus. E negativo, nämlich durch die Inszenierung der Armut und Enthaltsamkeit der Vorfahren, macht Valerius deutlich, dass Sklavenreichtum – zumindest in seiner Zeit – ebenso wie etwa der Besitz von Gold und Silber als Ausdruck von Wohlsituiertheit galt und Ansehen verschaffte.607 Die lobenswerte, an alten

606 Die wenigen Beispiele, die Sklaven en passant erwähnen, geben selten besondere Informationen (vgl. etwa 8,1, absol. 13 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint) und 9,8,2 (De temeritate)). 1,7,4 (De somniis) weist auf die untergeordnete Stellung und Rechtlosigkeit der Sklaven hin. Die Misshandlung eines Sklaven wurde offenbar nicht an sich als Problem gesehen, sondern erst durch die im Traum überbrachte Warnung. So werden die in Anschluss beschriebenen Unglücksfälle auch nicht als Strafe für den Umgang mit dem Sklaven, sondern als Folge der Nichtbeachtung des göttlichen Hinweises dargestellt. Und wenn die maiestas des Marius ihm in 2,10,6 (De maiestate) gewissermaßen das Leben rettet, so lag das weniger an dem Sklavenstatus des zu ihm geschickten Henkers, sondern in erster Linie an dessen kimbrischer Nationalität. 607 Diesen Aspekt inszeniert Valerius insbesondere in mehreren exempla (6 sowie 11-13) des Kapitel 4,3 (De abstinentia et continentia) sowie in 4,4,11 (De paupertate). In allen Beispielen werden berühmte Aristokraten beschrieben (Fabricius Luscinus, Cato maior, Cato minor, Scipio Aemilianus sowie M. Scaurus), die sich trotz ihres hohen Ansehens mit wenig Reichtum, insbesondere mit einer geringen Anzahl an Sklaven zufriedengaben bzw. deren spärlicher Besitz kein Hindernis für späteren Ruhm dargestellt habe. Der ältere Cato habe Ziegenfelle benutzt, Hispania in Begleitung von nur drei Sklaven beherrscht und sei mit Kosten von nur 500 Assen in überseeische provinciae gegangen. Überdies sei er mit dem gleichen Essen und Wein zufrieden gewesen, wie die Mannschaft (4,3,11). Der jüngere Cato, obgleich in anderen Zeiten und Sitten geboren, bewies eine ähnliche Zurückhaltung: Indem er mit zwölf Sklaven in den Bürgerkrieg zog, übertraf er seinen berühmten Ahnen zwar deutlich, doch im Hinblick auf seine eigene Zeit erwies er durch diese Entscheidung eine besondere und lobenswerte Zurückhaltung (4,3,12). Ähnliches galt für Scipio Aemilianus, der – trotz seines in zwei Konsulaten und ebenso vielen Triumphen gründenden Ruhm – als Legat lediglich sieben Sklaven als Begleitung nahm (4,3,13). M. Scaurus habe – wie er im ersten Band seiner Autobiographie berichte – von seinem Vater lediglich sechs Sklaven und 35 000 Sesterzen geerbt, und dennoch sei er später zum princeps senatus geworden (4,4,11). Dieses exemplum ist übrigens eines der wenigen, in denen Valerius auf potentielle Quellen seines

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mores orientierte paupertas bzw. continentia der maiores zeigte sich Valerius zufolge unter anderem an der geringen Anzahl von Sklaven, mit denen selbst berühmte Aristokraten damals in den Krieg gezogen seien und Ämter übernommen hätten. Im Gegensatz zu den Sitten seiner eigenen Zeit habe man bei den maiores nicht die Sklaven gezählt, sondern die Siege, und man habe nicht das Gold gewogen, sondern den Ruhm. 2. Dass den Sklaven darüber hinaus offensichtlich kein besonderer Stellenwert zugesprochen wurde, zeigt sich in einer Reihe von weiteren exempla. Das Konzept der pudicitia beispielsweise, das für römische Bürger von zentraler Bedeutung war, konnte für Sklaven keine vergleichbare Geltung beanspruchen.608 Auch durften sie im Gegensatz zu römischen Bürgern nicht als Soldaten rekrutiert werden.609 3. Mehrere im Kapitel 8,4 (De quaestionibus) angesiedelte Beispiele illustrieren, dass Folter im Verhör von Sklaven offenbar an der Tagesordnung war. Nicht die Folter an sich ist das exemplarisch Bemerkenswerte der hier geschilderten Episoden, sondern die darauf folgenden außergewöhnlichen Vorkommnisse: So gesteht ein Sklave unter Folter, einen anderen Sklaven getötet zu haben. Er wird hingerichtet, und kurz darauf kehrt der tot Geglaubte zurück (8,4,1).610 Ein anderer servus, ebenfalls des Mordes verdächtig, gibt selbst nach sechs Folterungen kein Geständnis ab, trotzdem wird er zum Tode verurteilt, als habe er gestanden (8,4,2). Abgeschlossen wird das – nur auf Verhöre von Sklaven bezogene – Kapitel mit dem BeWerkes zu sprechen kommt. Dass Sklaven in erster Linie als ein materieller Besitz galten, der im Verlustfall ersetzt werden musste, zeigt sich auch im Beispiel von 5,6,8. 608 Dass ein Sklave stuprum, und damit den Angriff auf seine pudicitia, über sich ergehen lassen musste, wird e negativo aus dem Bericht über T. Veturius (6,1,9 De pudicitia) deutlich, der als junger Mann gezwungen war, sich in die Schuldknechtschaft (nexum) des P. Plotius zu begeben. Plotius peitschte ihn aus wie einen Sklaven, weil er kein stuprum erdulden wollte (quia stuprum pati noluerat). Veturius erhob Anklage, und Plotius wurde vom Senat zu Gefängnis verurteilt, denn die pudicitia römischen Blutes sollte geschützt werden, egal in welchen Verhältnissen man war. Dass der Verkehr mit einem Sklaven nicht als Delikt galt, zeigt sich auch in 8,1, absol. 12 (Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint), wo der amor des Calidius von Bononia für einen jungen Sklaven lediglich als intemperantia betrachtet wird, nicht aber als crimen libidinis. S. hierzu auch Meyer-Zwiffelhoffer, S. 68ff. Eine mythische Ausnahme, die jedoch die grundsätzlich negative Stellung der Sklaven e negativo unterstreicht, findet sich im Beispiel 1,6,1 (De prodigiis). 609 Bekanntlich stellte ja schon die Verpflichtung besitzloser Bürger ein grundsätzliches Problem für die römische Gesellschaft dar (s. dazu unten Kapitel 5.5). Auf der Ebene der Sklaven multiplizierten sich die Schwierigkeiten: Eigentlich ausschließlich ihrem dominus verpflichtet, beinhaltete ihre Aufnahme in ein Heer beinahe notwendig ihre Freilassung mit allen daraus resultierenden Folgen für die Beziehung zwischen patronus und libertus. Auch wenn Valerius dies nicht explizit anspricht, so macht seine Argumentation im Beispiel 8,6,2 (Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt) zumindest deutlich, dass die Verpflichtung von Sklaven als Problem wahrgenommen wurde. Ein Beispiel (5,6,8) zeigt indes, dass Sklaven in Ausnahmesituationen an Schlachten teilnehmen und sich dabei bewähren konnten. 610 Zu dem offenkundigen Fehler in der valerischen Darstellung s. den Kommentar von Shackleton Bailey ebd. Zu Sklavenverhören und Folter s. Schumacher, S. 81ff. und passim.

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richt über eine Anklage gegen Fulvius Flaccus, dessen Sklave trotz achtmaliger Folter keine Aussage gegen seinen dominus macht (8,4,3). Dennoch wird Flaccus schuldig gesprochen, was Valerius mit Erstaunen kommentiert: Ein Mann, der achtmal der Folter unterworfen wurde, bilde doch schließlich einen zuverlässigeren Beleg für die Unschuld, als die Aussage von acht Männern, die man jeweils einmal gefoltert habe. Spätestens in diesem letzten Satz wird deutlich, dass Valerius die hier angeführten Beispiele mit einem kritischem Blick darstellt, der sich übrigens bereits in der Einleitung ankündigt: Atque ut omnes iudiciorum numeros exsequamur, quaestiones quibus aut creditum non est aut temere habita fides est, referamus. Zwar betrachtet er Folter an sich nicht als Problem,611 doch sieht er Risiken in der Verwendung der so erzielten Aussagen und Geständnisse. Ohne eine sorgfältige Abwägung ging man das Risiko ein, (auch auf Seiten der domini) Unschuldige zu verurteilen. 4. Indes werden Sklaven nicht nur als potentielle Opfer, sondern auch als Täter beschrieben. Die dem Kapitel 6,5 (De iustitia) entnommenen exempla 6,5,5-7 thematisieren die eingangs angesprochene Problematik des verräterischen Sklaven, der aufgrund der Nahbeziehung zu seinem dominus in der Lage ist, diesem durch seine Aussage bzw. durch die Weitergabe persönlicher Informationen zu schaden.612 Zwar ist das Vorgehen der Sklaven lediglich in einem dieser Beispiele von Erfolg gekrönt, und selbst dort folgt die Strafe für den Verrat auf dem Fuße. Dennoch sind die exempla – insbesondere die Episode des Sulla (6,5,7) – von einer gewissen Brisanz. Auf der einen Seite wird die Gerechtigkeit, die sich hier zeigt und die auch dem Titel des Kapitels zugrunde liegt, von Valerius als genuin römische Tugend dargestellt.613 In allen drei Beispielen stehen zwei römische Adlige im Zent611 Immerhin zeigt bereits seine Kapiteleinteilung, dass derartige Verhöre von Sklaven auch seiner Ansicht nach normal waren: Obgleich man zumindest im Falle von 8,4,3 argumentieren könnte, dass der Sklave als Zeuge für seinen dominus fungiert und keinesfalls selbst angeklagt ist, wird er nicht etwa in das darauffolgende Kapitel 8,5 (De testibus) aufgenommen. Auch hier geht es in den meisten Fällen um die Frage der Glaubwürdigkeit bestimmter Aussagen, aber dieses Kapitel ist vollständig den exempla berühmter Aristokraten gewidmet – einen Zeugenstatus konnten Sklaven offensichtlich nicht beanspruchen. 612 Sowohl 6,5,5 als auch 6,5,6 thematisieren den Versuch eines Sklaven, den Ankläger seines dominus mit Beweismaterial zu versorgen, doch in beiden Fällen wird ihr Ansinnen zurückgewiesen. Das dritte Beispiel (6,5,7) berichtet von einem Konflikt zwischen Sulla und dem proskribierten Tribun Sulpicius Rufus, der sich in seiner Villa versteckt hatte und von seinem Sklaven verraten wird. Als Sulla dies erfährt, lässt er zwar den Sklaven frei – und hält sich somit an das von ihm erlassene Edikt (s. hierzu unten Anm. 616) –, doch gleich anschließend lässt er ihn mitsamt des pilleus den Tarpeischen Felsen hinunterstürzen. Einen Sonderfall bildet 2,5,3 (De institutis antiquis). Zwar ermöglicht auch hier erst die vertraute Nahbeziehung einen ›Verrat‹, dieser ist jedoch positiv konnotiert, da er sich gegen Ehefrauen richtet, die ihre Männer vergiftet hatten. 613 So bemerkt er in der Einleitung zu diesem Kapitel: eius [iustitiae U. L.] autem praecipuum et certissimum inter omnes gentes nostra civitas exemplum est.

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rum, die sich aus unterschiedlichen Gründen bekämpfen, sei es vor Gericht, sei es im Rahmen der Proskriptionen. Obgleich sie als feindselig und wild entschlossen beschrieben werden, gibt es in ihrem Vorgehen gegen den Widersacher eine Grenze, die für jeden von ihnen Gültigkeit hat. Offensichtlich durften von Sklaven gegen ihren dominus angebotene Informationen nicht gegen diese verwendet werden – ein Tabu, das für die römische Oberschicht vermutlich auch eine identitätsstiftende und integrierende Funktion hatte.614 Wie tiefgreifend die Uneinigkeit innerhalb der Aristokraten auch war, sie bildeten doch eine geschlossene Gruppe, deren Einheit keinesfalls durch Manipulationen von Seiten eines Sklaven in Frage gestellt werden durfte.615 Auf der anderen Seite hatte Sulla mit seinen Proskriptionen genau diesen Konsens aufgekündigt (6,5,7): Sein Edikt, das Sklaven für den Verrat ihres geächteten dominus die Freiheit versprach und damit radikal gegen traditionelle römische Bindungen verstieß, förderte das eigentlich gerade verurteilte Handeln.616 Dass es Valerius dennoch gelingt, diese Episode in das iustitia-Kapitel einzuordnen, hängt zunächst mit der selektiven Erzählweise von exempla zusammen. Statt auf die von Sulla selbst hervorgerufene und geförderte Spaltung der Aristokratie einzugehen, stellt Valerius das sullanische Handeln gleichsam in doppelter Weise als von iustitia geprägt dar: Indem er den Sklaven zunächst befreit, dann aber hinrichten lässt, bleibe er sowohl dem von ihm erlassenen Edikt als auch der aristokratischen Vorstellung von iustitia treu. Doch die problemlose Einreihung in das iustitia-Kapitel ist noch einem weiteren Kunstgriff geschuldet: Valerius verwendet hier nämlich zwei Gerechtigkeitskonzeptionen parallel: Auf der einen Seite argumentiert er mit einer gleichsam ciceronischen Vorstellung von iustitia, die bereits die vorhergehenden Beispiele sowie insbesondere die Einleitung (6,5 pr.) ge614 Zeugenaussagen von Seiten anderer Aristokraten konnten dagegen in der Regel verwendet werden, wobei im bereits erwähnten Kapitel 8,5 (De testibus) auch Einschränkungen thematisiert werden (s. Anm. 611). S. hierzu auch die Ausführungen über den Umgang mit inimicitiae, unten Kapitel 5.6.2. 615 So kommentiert Valerius, der Volkstribun Cn. Domitius sei inimicus (des M. Scaurus) und dominus zugleich gewesen und habe die ihm von dem Sklaven angebotenen Informationen daher mit zweierlei Maß gemessen. Doch letztlich habe die Gerechtigkeit über den Hass gesiegt (6,5,5). 616 Wie Hinard, Les proscriptions de la Rome républicaine, S. 32-40 deutlich macht, haben wir keine völlig sicheren Belege zum Inhalt des sullanischen Ediktes, das uns – im Gegensatz zu dem Edikt von 43 v. Chr. – nicht überliefert ist. In Analogie zu letzterem geht Hinard jedoch davon aus, dass ein Sklave zur Belohnung für seinen Verrat freigesprochen und in die Tribus seines ehemaligen dominus eingeschrieben wurde (ebd. S. 40 und S. 234f.; vgl. auch App. civ. 4,11 zum Edikt von 43 v. Chr.). Das hier (Anm. 612) erwähnte Beispiel 6,5,7 stützt diese These, denn Valerius erklärt die Freilassung des verräterischen Sklaven mit dem Rekurs auf das von Sulla erlassene Edikt. Zur Problematik verräterischer Sklaven während der Zeit der Proskriptionen s. auch Schumacher, S. 92ff.; zum gerade besprochenen Beispiel 6,5,7 s. ebd. 96f.

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prägt hatte.617 Gerecht ist demnach ein Handeln, das sich – unabhängig von rechtlichen Vorschriften – mit Begriffen wie probitas, verecundia und honestia beschreiben lässt. Die Freilassung des Sklaven ist dagegen lediglich in formaler Hinsicht Ausdruck von iustitia, denn Sulla befolgt damit ein (zudem von ihm erlassenes) Edikt. Ob das Edikt selbst ›gerecht‹ war bzw. mit welchem Recht es erlassen wurde, ist für Valerius hier in gut römischer Manier irrelevant – und damit gelingt es ihm, die Person Sullas sowie sein nicht unproblematisches Verhalten als bonum exemplum in seine Sammlung zu integrieren. Ähnliches gilt für die Thematik der potentiell von Sklaven ausgehenden Bedrohung. Nicht nur die Darstellung in den exempla – also die Tatsache, dass verräterische Aktionen eines Sklaven fast in allen Fällen verhindert werden können –, sondern auch die Einordnung dieser Beispiele in das iustitia-Kapitel haben eine gewisse Relativierung der Bedrohung zur Folge. Das in Rom – so Valerius – hervorragend vertretene und hier mehrfach durch positive Beispiele illustrierte Gerechtigkeitsdenken verhindert in diesen exempla die Instrumentalisierung der Aristokraten gegeneinander und sichert damit einen Grundkonsens innerhalb der Führungsschicht. Aus den bisher besprochenen exempla ergibt sich für die Stellung der Sklaven eine relativ unproblematische und eher nebensächliche Bestimmung: Abgesehen von ihrer (rein quantitativ verstandenen) Funktion für die Demonstration des Status und Reichtums ihrer Besitzer kommt ihnen in der römischen Gesellschaft keine wirkliche Bedeutung zu, ihre Rechte sind sehr beschränkt. Obschon sie für ihren dominus ein gewisses Gefahrenpotential bedeuten, stellen sie insofern keine wirkliche Bedrohung für die römische Aristokratie dar, als diese aufgrund ihres vorbildlichen Verhaltens in der Lage ist, ihre Einigkeit gegen die Vorstöße von Sklaven zu schützen. Doch dieses Bild ist – zumindest in Bezug auf die valerische Darstellung der Beziehung zwischen servus und dominus – nur die eine Seite der Medaille. Schon das sullanische Beispiel macht deutlich, dass es mit der Einigkeit innerhalb der Aristokratie zumindest in Krisenzeiten nicht so weit her war: Standen doch Verrat und Ächtung im Zusammenhang mit den Bürgerkriegen der 80er und der 40er Jahre immer wieder auf der Tagesordnung und waren die Aristokraten doch gerade in diesen Zeiten besonderer Gefährdung, auch von Seiten der potentiell verräterischen Sklaven, ausgesetzt. Indem Valerius sich hier nicht einfach damit begnügt, die Loyalität der Sklaven zu erwähnen, sondern diese vielmehr auf geschickte Weise in Szene setzt, gelingt es ihm, die höchst prekäre Zeit des bellum civile nicht

617 Zu Ciceros Argumentation mit einer inhaltlich definierten Gerechtigkeitskonzeption vgl. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 273.

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nur anzusprechen, sondern sogar positiv gewendet und sinnhaft in sein Gesamtwerk zu integrieren.

5.2.2 De fide servorum: Die inszenierte Aufopferung Die im Kapitel 6,8 (De fide servorum) angeführten exempla rücken die Bedeutung des servus in ein neues Licht, denn sie fokussieren im Gegensatz zu den bisher erörterten Beispielen auf die positive Rolle der Sklaven. Valerius preist ihr Verhalten als fides erga dominos und widmet diesem Konzept ein eigenes, sogar relativ umfangreiches Kapitel. Hält man sich vor Augen, dass Valerius dies von allen sozialen Beziehungen ansonsten lediglich der Ehe, dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, der pietas zwischen Brüdern sowie der im weiteren Verlaufe noch zu besprechenden amicitiaBeziehung gewährt, so wird deutlich, dass dieser Umstand als Zeichen für den besonderen Stellenwert der fides servorum gedeutet werden kann. Um die Bedeutung dieses Konzeptes zu erklären, gilt es zunächst die Aussagen und Bilder herauszuarbeiten, die sich den hier angeführten Beispielen entnehmen lassen. Bereits ein erster Blick auf die konkreten Beispiele macht deutlich, dass die hier thematisierten Handlungsmuster eine Reihe interessanter Gemeinsamkeiten aufweisen, die insbesondere die chronologische Einordnung sowie die Beurteilung des Verhaltens der Sklaven betreffen. Auffällig ist zunächst, dass – mit einer Ausnahme – alle exempla dieses Kapitels in Zeiten inneraristokratischer Krisen zu datieren sind: die gracchischen Unruhen, Marius und vor allem die Proskriptionen der 40er Jahre des ersten vorchristlichen Jahrhunderts.618 Im Zentrum der Handlung steht in der Regel 618 So handeln die Beispiele 6,8,4-7 in der Zeit der Proskriptionen, während 6,8,3 den Tod des C. Gracchus (121 v. Chr.) und 6,8,2 die Verfolgung und den Tod des Marius (82 v. Chr.) zum Thema haben. Lediglich das in der Forschung nicht einheitlich datierte exemplum 6,8,1 inszeniert vermutlich eine um die Wende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts spielende Episode, die nicht direkt mit einem Moment der Krise in Verbindung zu bringen ist. Dass Sklaven während der Zeit der Bürgerkriege – insbesondere im Kontext der Proskriptionen – eine besondere Rolle zukam, wird auch aus dem bereits mehrfach erwähnten Kommentar des Velleius Paterculus deutlich, demzufolge Sklaven zwar weniger fides zeigten, als Ehefrauen und liberti, aber immerhin etwas mehr als die Söhne der Geächteten (Id tamen notandum est, fuisse in proscriptos uxorum fidem summam, libertorum mediam, servorum aliquam, filiorum nullam; Vell. 2,67,2). Finleys ironische Abwertung dieser Bemerkung als »clever bon mot« sowie sein eher oberflächlicher Umgang mit dieser Thematik insgesamt unterschätzen die spezifisch römische Form des fides-Verhältnisses, dessen Zerbrechen während der Proskriptionen nicht einfach als »recurrent theme« von Umbruchzeiten gewertet werden kann und dessen von antiken Autoren mehrfach erwähntes Fortbestehen einer genaueren Erörterung bedarf (Finley, S. 108ff. [Zitate S. 109]). Zur Rolle der Sklaven in der Zeit der Proskriptionen s. auch Vogt, S. 86ff., der ihre Stellung dagegen allzu verklärt beurteilt, sowie Schumacher, S. 92ff., der seine Untersuchung auf die negativen Beispiele konzentriert.

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ein (meist berühmter) römischer Aristokrat, der sich – aufgrund gerichtlicher oder politischer Verfolgung, also infolge inneraristokratischer Zwistigkeiten – in einer krisenhaften, oft lebensbedrohlichen Situation befindet und von einem seiner Sklaven Beistand erfährt. Charakteristisch ist dabei zum einen, dass der Beistand in vielen Fällen die Form einer Aufopferung annimmt: Für den (im weitesten Sinne zu verstehenden) Schutz des dominus nehmen diese Sklaven selbst Folter und Tod auf sich.619 Zum anderen fällt auf, dass die Unterstützung der Sklaven von Valerius nicht etwa als Pflicht, sondern als nicht zu erwartende und gleichsam überraschende Handlungsweise dargestellt wird – ein Aspekt, den er bereits in der Einleitung zu diesem Kapitel hervorhebt620 und der in einigen Fällen durch die Konfrontation mit dem harten (6,8,7) oder feigen (6,8,3-4) Verhalten des dominus noch besonders unterstrichen wird.621 Dabei geht Valerius sogar soweit, einzelnen Sklaven beinahe eine Vorbildfunktion für ihren dominus zuzusprechen – indem er etwa bedauernd feststellt, dass Gaius Gracchus viele Schwierigkeiten erspart geblieben wären, hätte er nur die praesentia animi seines Sklaven imitiert (6,8,3). Im Falle des C. Potius Plancus führen die fidelitas und die Vorbildhaftigkeit seiner Sklaven, die der Folter widerstehen, ohne ihn zu verraten, sogar dazu, dass Plancus sich seinen Verfolgern ergibt, um die Sklaven vor weiteren Qualen zu bewahren (6,8,5).622

619 In 6,8,1 und 6,8,5 nehmen Sklaven Folter in Kauf, ohne gegen ihren dominus auszusagen, eine vergleichbare Situation wird im Kapitel De quaestionibus mittelbar in Szene gesetzt (8,4,3). Im Beispiel 6,8,5 lässt sich ein Sklave des Urbinus Panapio an dessen Stelle töten, um seinen Herrn zu retten, und der Sklave des C. Gracchus sowie ein Freigelassener des C. Cassius töten sich selbst, nachdem sie ihren dominus auf dessen Wunsch getötet haben (6,8,3-4). In den übrigen Beispielen legen die Sklaven zumindest ein uneigennütziges Verhalten an den Tag: C. Marius (Sohn des berühmten Marius) wird von seinem Sklaven erstochen, um ihn vor Sullas Grausamkeit zu schützen – obgleich die Auslieferung des lebendigen Marius dem Sklaven eine große Belohnung gesichert hätte (6,8,2). Besonders lobenswert erscheint Valerius schließlich das Verhalten eines Sklaven des Antius Restio, der seinem Herren auf der Flucht begleitet und sogar dessen Tod vortäuscht, um ihn zu retten – all dies, obgleich er von Antius in Ketten gelegt und mit einer nota im Gesicht gezeichnet worden war (6,8,7). 620 Restat ut servorum etiam erga dominos quo minus expectatam hoc laudabiliorem fidem referamus (6,8 pr.). S. hierzu auch Vogt, S. 81. 621 C. Plotius Plancus (6,8,5) kann zwar kein vergleichbares Verhalten vorgeworfen werden, doch letztlich wird auch hier ein Kontrast zwischen seinem Handeln und dem der Sklaven deutlich: Als Plancus sich – von den Triumvirn proskribiert – in der Nähe von Salerno versteckt, da verrät ihn sein Parfum. Die Verfolger finden seine Sklaven und versuchen mit Hilfe von Folter zu erfahren, wo er sich versteckt hält, doch diese lassen sich kein Geständnis entringen. Im ersten exemplum dieses Kapitels (6,8,1) ist es das jugendliche Alter des Sklaven, das sein Verhalten besonders hervorhebenswert erscheinen lässt. Zur besondere Stellung von 6,8,4, in dem das Handeln eines libertus – nicht das eines Sklaven – thematisiert, s. das folgende Kapitel 5.2.3. 622 non sustinuit deinde Plancus tam fideles tamque boni exempli servos ulterius cruciari, sed processit in medium iugulumque gladiis militum obiecit (6,8,5).

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Dass die Sklaven als bonum exemplum fungieren, zeigt sich nicht zuletzt auch in der überaus positiv konnotierten Begrifflichkeit: fides, laus, fortitudo, pietas, fidelitas, praesentia animi, beneficium, benevolentia und caritas sind die Termini, mit denen Valerius das Vorgehen der Sklaven beschreibt, wobei insbesondere die häufige Erwähnung der pietas von Interesse ist. Pietas ist in der vorliegenden Untersuchung bisher vor allem in Bezug auf das Verhalten von Kindern gegenüber ihren Eltern (sowie zwischen Brüdern) in den Blick geraten. Doch während insbesondere für die Vater-SohnBeziehung der Aspekt der Erwartbarkeit von pietas eine zentrale Bedeutung hatte, liegt der Akzent in allen hier angeführten Beispielen – wie bereits erwähnt – auf dem Unerwarteten der pietas-Handlung, die dadurch umso lobenswerter erscheint.623 Dabei zeigt sich das Außergewöhnliche an diesen Handlungen auch in der Reaktion einzelner patroni, insbesondere des Urbinius Panapio (6,8,6), der seinem selbstlosen Sklaven gar ein Dankesmonument errichten lässt: Panapio autem quantum servo deberet amplum ei faciendo monumentum ac testimonium pietatis grato titulo reddendo confessus est. Auch die Anordnung der exempla innerhalb des Kapitels macht deutlich, dass der Aspekt der gleichsam spontanen und freiwilligen Unterstützung für Valerius eine hervorragende Bedeutung hat: Der Spannungsbogen, den er aufbaut, führt von einfacheren Handlungen wie dem Verzicht auf eine Belohnung (6,8,2) und dem Ertragen von Folter (6,8,1) über die (verlangte) Tötung mit darauffolgendem Selbstmord (6,8,3-4) bis zur reinen Aufopferung zugunsten des patronus (6,8,6), und er kulminiert schließlich in dem letzten, von Valerius besonders hervorgehobenen Beispiel 6,8,7: Der proskribierte Antius Restio begibt sich auf die Flucht vor den Triumviri und wird dabei ausgerechnet von dem Sklaven begleitet, den er in Ketten gelegt und mit einer nota im Gesicht gezeichnet hatte. Diese Demonstration von pietas angesichts solcher Strenge erscheint Valerius als Gipfel der Hingabe, und in der Tat mutet das Verhalten des Sklaven erstaunlich an.624 Ein Blick auf die Überlieferung dieser Episode bei Appian zeigt jedoch, dass Valerius hier vermutlich – in bekannt selektiver Weise – eine Zuspitzung im Hin623 Zur pietas im Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen s. oben Kapitel 2, bes. 2.3.1.4 sowie 2.3.4.3. 624 Kontrastiert wird sein Verhalten zudem durch die Undankbarkeit der domestici, die sogleich mit der Plünderung des Hauses begonnen hatten. Und so kommentiert Valerius die Haltung des Sklaven: quo quidem tam exquisito tamque ancipiti officio perfectissimum exspectatae pietatis cumulum expleverat – eine Einschätzung, die an die Torquatus-Episode von 5,4,3 (De pietate erga parentes) erinnert, in der Valerius die pietas des Sohnes angesichts des strengen Vaters ebenfalls als besonders lobenswert darstellte (s. oben Kapitel 2.3.4.3). (Alle für die vorliegende Arbeit konsultierten Ausgaben und Übersetzungen der Facta et dicta memorabilia haben sich für den Zusatz exspectatae entschieden, der auch angesichts des Kontextes des Kapitels sowie des Beispiels als die einzig sinnvolle Variante erscheint.)

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blick auf die von ihm intendierte exemplarische Aussage vorgenommen hat, denn seine Darstellung weicht in einem entscheidenden Punkt von Appians Version ab:625 Während dieser berichtet, dass Restio den Sklaven lange Zeit sehr gut behandelt und erst kurze Zeit zuvor wegen schlechten Verhaltens gebrandmarkt hatte, beschränkt sich Valerius auf die Erwähnung der Strafe. Die Erinnerung an die früheren Wohltaten, die in der appianischen Version als Grund für die Unterstützung des Sklaven angeführt wird, kann daher bei Valerius nicht als Handlungsmotiv fungieren, um so der Aufopferung einen noch dramatischeren Zug zu verleihen. Über die Gründe für diese spezifische Inszenierung lassen sich verschiedene Vermutungen anstellen. Sicherlich ging es Valerius, wie in vielen exempla, um eine Steigerung des Darstellungseffektes, doch zugleich deutet einiges darauf hin, dass er bemüht war, fides hier als absolute, von äußeren Faktoren gleichsam unabhängige Größe zu konstitutieren. Indem die Sklaven völlig unerwartet und allen widrigen Umständen zum Trotz ihre Loyalität erweisen, wird ein Gegenbild zu der im vorigen Kapitel angesprochenen Verratsproblematik entworfen. Das von Sklaven ausgehende und in Zeiten inneraristokratischer Krisen besonders akute Gefahrenpotential wird nicht nur – wie im Kapitel 6,5 (De iustitia) – aufgefangen, sondern sogar positiv gewendet und in die Inszenierung von Loyalität überführt. Indem Valerius das Verhältnis zwischen servus und dominus als Ort des Schutzes und des Vertrauens bestimmt, wird das im Bürgerkrieg durch mannigfachen Verrat faktisch durchtrennte Band demonstrativ als intakt inszeniert.626 Schließlich hat diese Inszenierung auch Auswirkungen auf die Konzeption des Gesamtwerkes der Facta et dicta memorabilia: Wenn die Behandlung der von inneraristokratischer Zerrissenheit geprägten und noch immer sehr präsenten Bürgerkriegsepoche Autoren der frühen Kaiserzeit bekanntlich vor ein Problem stellte, dann lässt sich das valerische Vorgehen als offensiver Umgang mit dieser Schwierigkeit deuten: Mit Hilfe der eindrücklichen und (nicht nur hier) wiederholten Inszenierung positiver und unterstützender Handlungen gelingt es ihm, diese negativ besetzte Zeit in der Form von bona exempla, in sein Werk zu integrieren.627

625 App. civ. 4,43. Zwar ist Appian aufgrund der Abfassungszeit seines Werkes keine mögliche Quelle für Valerius, doch sie macht deutlich, dass es somit eine ausführlichere und plausiblere Überlieferung gab, die Valerius durchaus bekannt gewesen sein könnte. 626 Zur der Erfahrung fundamentaler Unsicherheit und dem damit einhergehenden Bedürfnis nach Orientierung s. oben Kapitel 1.1. Vgl. auch die Kapitel über die Bedeutung ehelicher Treue (3.3.2.2) und über brüderliche pietas (3.4.1.2). Wohl nicht zufällig schließen die hier untersuchten exempla direkt an das Kapitel 6,7 (De fide uxorum erga viros) an. 627 Ein ähnlicher Befund hatte sich bereits für die Auswertung der exempla ehelicher Treue (amor und fides) ergeben (oben Kapitel 3.3.2.2); vgl. auch unten die Ausführungen zur amicitia (Kapitel 5.4.3).

Sklaven und liberti

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5.2.3 Die Stellung der liberti Die wenigen exempla, die sich im valerischen Werk mit Freigelassenen beschäftigen, entwerfen ein eher negatives Bild. Mit Ausnahme eines Beispiels, in dem die Abstammung lediglich deskriptiv Verwendung findet (9,14,1), wird in unterschiedlichen Formen auf ihren niedrigen sozialen Status hingewiesen. Sie (wie auch ihre Nachkommen) ernten Spott (6,2,8) oder Empörung (2,5,2), wenn sie sich am öffentlichen und politischen Leben beteiligen,628 und immer wieder zeigt sich die Macht, die ihre ehemaligen Herren (und aktuellen Patrone) weiterhin über sie haben: Sie greifen nicht nur in Fragen von Eheschließung und Erbschaft in das Leben der liberti ein,629 sondern können offensichtlich bis hin zur Tötung reichende Strafen vollziehen.630 Auch die einzige von einem libertus ausgehende positive Handlung macht deutlich, dass der Übergang vom Sklaventum zum Freigelassenen aus valerischer Sicht gewissermaßen fließend war, denn Valerius führt das Beispiel des Pindar, der seinen ehemaligen Herrn Cassius auf dessen Geheiß tötet, um ihn vor den Schmähungen der Feinde zu retten, im Kapitel 6,8 an, das sich eigentlich mit der fides servorum beschäftigt (6,8,4). Vielleicht war es gerade die relative Uneindeutigkeit ihrer Position, die ihre Integration in das römische Normensystem für Valerius zu einem Problem machte. Zwar war ihre Stellung aus rechtlicher Perspektive deutlich besser, als die eines Sklaven – immerhin waren sie römische Bürger. Doch dass ihr rechtlicher Status damit in mancher Hinsicht dem von Klienten ähnelte, wird aus den valerischen exempla nicht ersichtlich:631 Wenn Valeri628 Zum möglichen politischen Einfluss personenrechtlich niedrigstehender Spezialisten vgl. Rilinger, S. 85. Zu 2,5,2 ist jedoch anzumerken, dass der valerischen Darstellung zufolge nicht nur der Stand, sondern auch die erstmalige Veröffentlichung der fasti als Grund für die hier dargestellte Empörung anzuführen ist. Im Falle des bereits im Rahmen der Ehebeziehungen behandelten Beispiels 6,3,11 (s. oben Anm. 462) ist die öffentliche Kommunikation seiner Frau mit einer libertina für den Ehemann ein Scheidungsgrund. Shackleton Bailey weist jedoch darauf hin, dass mit libertina eine Prostiuierte gemeint sei (s. seine Anmerkung zu diesem Beispiel). 629 So berichtet Valerius beispielsweise in dem bereits angesprochenen exemplum 6,7,1 (De fide uxorum) von der ehelichen Treue der Frau des Africanus, die seine Eskapaden mit einer Sklavin (ancilla) nicht nur stillschweigend akzeptiert, sondern diese nach seinem Tod sogar freilässt und einem ihrer liberti zur Frau gibt (s. auch Hallett, S. 225f.; zu 6,7,1 vgl. oben Kapitel 3.3.2.2, besonders Anm. 487). In 7,7,6 wird berichtet, wie Surdinus das Testament eines libertus anficht. Zwar sind in diesem Zusammenhang noch andere Faktoren von Bedeutung – das Hauptargument liegt in dem Umstand, dass der Nutznießer des Testamentes Eunuch ist – doch es ist zu vermuten, dass der soziale Status bzw. die relative Macht, die Patrone über Freigelassene hatten, auch eine wichtige Rolle spielt. 630 Während in 5,1,11 lediglich von Bestrafung die Rede ist, wird im Falle von 6,1,4 deutlich gesagt, dass P. Maenius einen libertus umbringen ließ, weil dieser seiner Tochter im heiratsfähigen Alter einen Kuss gegeben hatte. 631 Ein Aristokrat konnte auch auf Klienten einen privilegierten Zugriff haben. So berichtet Valerius in 9,5,2, der Tribun M. Drusus habe den Konsul L. Philippus, der ihn in einer contio unterbrochen hatte, mit soviel Gewalt ins Gefängnis führen lassen – und zwar von einem Klienten,

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us sich etwa mit dem Prinzip des gegenseitigen Erweises von beneficia und officia beschäftigt, finden liberti keine Erwähnung. Die folgenden Ausführungen werden deutlich machen, dass die Übergänge zu anderen Nahverhältnissen auch im Bereich der beneficia- und officia-Beziehungen fließend sind: So weisen etwa officia nicht notwendig auf Klientelverhältnisse hin, sondern können sich auch auf ebenbürtige amicitia beziehen. Welche zentrale Rolle Valerius diesem Prinzip des Austausches zuspricht, soll im Folgenden genauer ausgeführt werden.

5.3 Das dandi et accipiendi beneficii commercium als Voraussetzung menschlichen Lebens Das dandi et accipiendi beneficii commercium Dem Austausch von beneficia und officia, einem traditionell zentralen Element römischer Nah- und Treueverhältnisse, kommt auch im valerischen Werk ein hoher Stellenwert zu. Seine Bedeutung zeigt sich nicht nur in einer ausgeprägten literarischen Präsenz – so widmen sich zwei Kapitel explizit der Erfüllung bzw. Nichterfüllung von Dankesschuld (5,1 De gratis und 5,3 De ingratis), in verschiedenen Rubriken wird die Thematik indirekt in Szene gesetzt –,632 sondern auch in seinen zahlreichen, oft emphatischen Kommentaren zu einzelnen exempla. Eine besonders prägnante Stellungnahme findet sich in einem externen Beispiel, das sich mit dem Undank der Stadt Athen gegenüber verschiedenen Politikern befasst (5,3, ext.3). Valerius kommentiert, ingratia sei gerade in Athen besonders zu verurteilen, wo man doch rechtlich gegen sie vorgehen könne – und zwar zu Recht, »weil ein jeder, der es versäumt, seinem Wohltäter angemessen zu danken, das Prinzip des gegenseitigen Gebens und Nehmens außer Kraft setzt, ohne das es ein Leben der Menschen kaum gäbe.«633 nicht von einem viator –, dass er Nasenbluten bekam. Hier zeigt sich eine der vielfältigen Gelegenheiten, in denen ein Klient Dienste für seinen Patron leisten konnte und musste. WallaceHadrill, Patronage, S. 76-78, zufolge bestanden jedoch auch einige grundlegende Unterschiede zwischen den Beziehungen von liberti einerseits und sonstigen clientes andererseits zu ihren patroni: So sei das Verhältnis zwischen libertus und patronus nicht freiwillig und somit auch nicht aufhebbar gewesen, während ein cliens theoretisch die Möglichkeit gehabt habe, sich einen neuen patronus zu suchen. Auch seien die Pflichten eines libertus (obsequium und officium) rechtlich einklagbar gewesen (ebd. S. 76; s. auch Saller, Status and patronage, S. 845). Trotz dieser wichtigen Hinweise ist jedoch mit Saller (Status and patronage, S. 845) festzuhalten, dass die Beziehung zwischen cliens und patronus faktisch einen fast ebenso hohen Grad an Verpflichtung aufwies, der man sich auch ohne rechtliche Verpflichtung nur schwer entziehen konnte. 632 Hier ist insbesondere das Kapitel 7,8 zu nennen, das sich mit der Gültigkeit von Testamenten beschäftigt (Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent), aber auch 4,7 (De amicitia) und 5,1 (De humanitate et clementia) sind in diesem Zusammenhang von Interesse. 633 quod cum ubique praecipue Athenis intolerabile videri debet, in qua urbe adversus ingratos actio constituta est, et recte, quia dandi et accipiendi beneficii commercium, sine quo vix vita

Das dandi et accipiendi beneficii commercium

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5.3.1 Gratia zwischen symbolischer Unterordnung und sozialer Hierarchie Dank für erwiesene beneficia wird im valerischen Werk sowohl in der unmittelbaren Inszenierung der Rubrik De gratis wie auch in einigen anderen Kapiteln thematisiert. Wichtige beneficia, die Valerius hier anführt und die nach allgemeinem römischem Verständnis zu gratia verpflichteten,634 sind die Unterstützung vor Gericht, die Förderung des sozialen Aufstiegs sowie die Rettung aus existentiell schwierigen kriegerischen und politischen Situationen.635 Auch der Rekurs auf bestehende amicitia- bzw. Klientelbindungen ist als Hinweis auf zu erwartende gratia-Handlungen zu deuten.636 Im Gegensatz zu den bisher untersuchten Beziehungen kommt der Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Inszenierung in diesem Falle eine gewisse Bedeutung zu. Während gratia meist von hierarchisch niedriger Stehenden – in zwei Fällen sogar ausdrücklich von einem Klienten – ausgeht,637 zeichnen die direkten Inszenierungen des Kapitels 5,2 ein völlig hominum exstaret, tollit quisquis bene merito parem referre gratiam neglegit (Val. Max. 5,3, ext. 3, Übers. Blank-Sangmeister); s. auch die einleitenden Bemerkungen des Valerius zum Wesen der liberalitas (4,8,1). Dass diese Einschätzung in der Kaiserzeit weit verbreitet war, zeigt auch der häufig zitierte Ausspruch Senecas, demzufolge beneficia den »Sachverhalt« darstellten, der »die menschliche Gemeinschaft am meisten zusammenhält« (de beneficiis dicendum est et ordinanda res, quae maxime humanam societatem adligat; Sen. benef. 1,4,2). Daher müssten die Menschen »unterwiesen werden [...], gern zu geben, gern entgegenzunehmen, gern zu vergelten« (docendi sunt libenter dare, libenter accipere, libenter reddere; Sen. benef. 1,4,3); s. hierzu auch Barghop. 634 Vgl. etwa Sen. benef. 1,11,1ff., der drei Arten von beneficia unterscheidet, je nachdem ob sie notwendig (necessaria), nützlich (utilia) oder einfach angenehm (iucunda) seien. Zu den ersten zählt er den Schutz für Leben und Freiheit, als nützlich bezeichnet er dagegen Geld sowie Unterstützung bei der Übernahme von Ämtern. Alle darüber hinausgehenden beneficia seien zwar angenehm, aber eigentlich schon zum Luxus zu rechnen. Hier müsse man darauf achten, nichts Überflüssiges oder Alltägliches zu geben, sondern etwas Außergewöhnliches. 635 Der von Seneca vorgeschlagenen Dreiteilung zufolge (Sen. benef. 1,11,1ff, s. oben Anm. 634) handelt es sich also um beneficia der beiden ersten Kategorien, necessaria und utilia. Befreiung aus karthagischer Gefangenschaft bzw. Unterstützung in kriegerischen Angelegenheiten bilden die Gründe für die gratia von Terentius (5,2,5) und Sulla (5,2,9), während der Dank des Metellus Pius auf die Unterstützung für die Rückkehr seines Vaters aus dem Exil zurückgeht (5,2,7). Fannias Dankbarkeit für Marius liegt in seinem fairen Gerichtsurteil begründet (8,2,3), und Petronius war durch das beneficium des P. Coelius in den ordo equester aufgestiegen und hatte weiterhin Karriere gemacht (4,7,5). In 8,14,3 wird deutlich, dass die gratia des Pompeius gegenüber Theophanes aus Mytilene in dessen Bericht über die Taten des Pompeius gründete. 636 So beispielsweise in 9,11,5 sowie in 3,5,1 und 4,5,3. Die Unterstützung bei Wahlen, die eigentlich ebenfalls ein zentrales Element des Austausches von beneficia und gratia bildete (s. etwa Meier, S. 38ff.), wird bei Valerius vor allem indirekt, im Sinne der Förderung sozialen Aufstieges, erwähnt. 637 In 4,5,3 (De verecundia) und 9,11,5 (Dicta improba aut facta scelerata) wird explizit von Klienten gesprochen, in 3,5,1 (Qui a parentibus claribus degeneraverunt) weist Valerius darauf hin, dass Cicereius der scriba des Africanus gewesen war (s. hierzu auch Rilinger, S. 85f.).

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

anderes Bild. In den meisten der hier angeführten Beispiele steht die Dankbarkeit hochberühmter Aristokraten im Mittelpunkt, die einmal sogar an einen explizit sozial unterlegenen Partner gerichtet ist. Offenbar wird gratia hier in besonderem Maße als exemplarisch und hervorhebenswert betrachtet.638 In der Tat handelt es sich um erstaunliche Handlungen, die eine nähere Betrachtung verdienen. 5,2,5 berichtet von dem aus prätorischer Familie stammenden und hochberühmten Terentius, der dem Triumphwagen des Africanus mit dem pilleus auf dem Kopf gefolgt sei, weil er von diesem aus karthagischer Gefangenschaft befreit worden war. Valerius kommentiert, Terentius habe dem Africanus wie einem patronus seinen Dank erwiesen.639 Eine ähnliche Terminologie findet sich in dem kurz darauf folgenden Beispiel 5,2,7. Der berühmte Metellus Pius sei sich nicht zu schade gewesen, sich beim Volk für die Kandidatur des Calidius um das Prätorenamt einzusetzen, denn dieser hatte als Tribun ein Gesetz erlassen, um den Vater des Metellus aus dem Exil zurückzuholen. Metellus habe von Calidius immer als patronus seiner domus und seiner familia gesprochen.640 Die besondere Wirkung, die von diesen exempla ausgeht, liegt vor allem in dem Kontrast zwischen der Berühmtheit der auctores einerseits sowie der valerischen Darstellung und Terminologie andererseits begründet: Dass ein berühmter Senator einen ihm kaum überlegenen bzw. sogar einen deutlich unter ihm stehenden Aristokraten als patronus anredet und sich als dessen Klient oder gar libertus gebärdet, ist in der streng hierarchisch aus638 Dies gilt auch für die drei ersten exempla des Kapitels, in denen die gratia von unterschiedlichen kollektiven auctores ausgeht. Während für 5,2,1 und 5,2,2 insofern eine den übrigen Beispielen dieses Kapitels vergleichbare Konstellation vorliegt, als die gratia von höhergestellten (dem Senat) bzw. aus römischer Perspektive wichtigeren (römische iuventus gegenüber den Tusculanern) auctores ausgeht, thematisiert das Beispiel 5,2,3 die gratia des römischen Volkes gegenüber Q. Fabius Maximus. Im Gegensatz zu anderen noch zu erörternden Episoden (s. unten Kapitel 5.5) gründet diese kollektive gratia nicht auf einem beneficium im Sinne einer besonderen Förderung oder Unterstützung. Vielmehr handelt es sich um die Inszenierung einer traditionsorientierten Haltung, die nach dem Tode eines Aristokraten mit außerordentlicher gratia auf außerordentliche Dienste für die res publica (mehrfache erfolgreiche Konsulate) antwortet. Die Probleme, die mit dieser kollektiven Bezugnahme auf einzelne Aristokraten – zumal bei deren Lebzeiten – einhergehen konnten, wurden in Rom bald darauf deutlich (s. unten Kapitel 5.5). 639 auctori enim libertatis suae tamquam patrono accepti beneficii confessionem, spectante populo Romano, merito reddidit. Eine ähnliche Dankbarkeit wird im Beispiel 5,2,4 inszeniert, wobei die gratia dort in einen anderen Beziehungskontext – nämlich in das Vater-Sohn-Verhältnis – integriert wird (s. oben Anm. 132). 640 In diesem Zusammenhang ist zudem 5,2,9 zu nennen, das die Ehrerweisung Sullas gegenüber Pompeius zum Thema hat: Als Pompeius noch privatus war, sei Sulla – als Diktator – immer vom Stuhl aufgestanden bzw. vom Pferd abgestiegen, wenn er ihn traf. Er habe das in Erinnerung an die Unterstützung durch Pompeius getan, der ihm im Alter von 18 Jahren mit der Armee seines Vaters zu Hilfe gekommen war (vgl. hierzu die Interpretation von Meier, S. 242). Zur Dankbarkeit gegenüber sozial niedriger Stehenden vgl. auch 6,8,6.

Das dandi et accipiendi beneficii commercium

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gerichteten römischen Gesellschaft ein ungewöhnlicher Vorgang, der sich sicherlich teilweise durch die zweifelsohne bedeutsame Unterstützung erklären lässt, die Africanus und Calidius Terentius und Metellus gewährt hatten.641 Vielleicht noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass die hier inszenierte Patronage-Beziehung in erster Linie als symbolische Handlung zu verstehen ist.642 Nicht umsonst erklärt Valerius, Terentius habe dem Africanus ›wie‹ einem patronus seinen Dank erwiesen (5,2,5),643 und in 5,2,7 sieht er sich sogar bemüßigt zu betonen, Metellus habe durch sein Verhalten nichts von seiner Stellung als princeps verloren, da er seine dignitas nicht aus humilitas, sondern aus gratia dem großen Verdienst eines ihm jedoch weit unterlegenen Mannes unterworfen habe.644 Ganz unproblematisch war diese der traditionellen Hierarchie widersprechende Konstellation offenbar nicht, und es ist vermutlich wohl kein Zufall, dass Valerius an anderer Stelle deutlich macht, dass weniger der Erweis von gratia, als vielmehr die Verteilung von beneficia das eigentlich Erstrebenswerte war.645 Doch vor dem Hintergrund des eingangs zitierten Statements über das dandi et accipiendi beneficii commercium als einer zentralen 641 Immerhin handelt es sich Senecas Einteilung zufolge um die erste und wichtigste Kategorie der beneficia, die necessaria (s. Sen. benef. 1,11,1ff. und oben Anm. 633). Der hohe Stellenwert der in 5,2,5 und 5,2,7 erwiesenen Unterstützung wird auch in den früheren Überlieferungen dieser Episoden deutlich, wenn etwa Livius (30,45,5) berichtet, dass Terentius den Africanus sein ganzes Leben lang als auctor libertatis suae verehrt habe – der Begriff der gratia fällt hier jedoch nicht (secutus Scipionem triumphantem est pilleo capiti imposito Q. Terentius Culleo omnique deinde vita, ut dignum erat, libertatis auctorem coluit.). Dass bedeutsame beneficia ebensolche gratia zur Folge haben, zeigt sich beispielsweise auch in 8,14,3. 642 Zur Bedeutung von symbolischen Handlungen und »Gesten« s. Flaig, Politisierte Lebensführung, S. 194, S. 209ff. und passim sowie Flaig, Zwingende Gesten. 643 S. oben Anm. 639. 644 nec hac re de principatu, quem procul dubio obtinebat, quicquam decerpsit, quia non humili sed grato animo longe inferioris hominis maximo merito eximiam summittebat dignitatem. 645 His et horum similibus exemplis beneficentia generis humani nutritur atque augetur: hae sunt eius fasces, hi stimuli, propter quos iuvandi et emerendi cupiditate flagrat. et sane amplissimae et speciosissimae divitiae sunt feliciter erogatis beneficiis late posse censeri. (5,2, ext.4; vgl. auch seinen Kommentar in 5,2, ext.1) Dass es beim Erweis von beneficia auch darum ging, sich das Gegenüber zu verpflichten, macht Sallust in seiner Beschreibung von Sullas Anfängen im Lager des Marius deutlich (Sall. Iug. 96,2). Die Problematik, die mit der Annahme eines beneficium von sozial niedriger Stehenden verbunden war, sowie die Frage der adäquaten Dankbezeugung wird von Seneca anhand einiger extremer Beispiele erörtert (Sen. benef. 2,21,1-5 und 2,23, 1-3); vgl. auch seine Ausführungen über die Notwendigkeit, erhaltene beneficia möglichst durch noch größere Gegengaben zu übertreffen (ebd. 1,4,3ff.). Dass man beneficia im allgemeinen lieber verteilte als bekam, ist verständlich, denn der Erweis von beneficia war häufig Ausdruck einer überlegenen Stellung (Barghop, S. 59ff., Hellegouarc’h, S. 167 und Saller, Personal Patronage, S. 19f.); Nach Sallers Auffassung war diese hierarchische Differenzierung jedoch nur dann von Bedeutung, wenn Empfänger und Geber auf einer annährend gleichen Ebene standen, so dass der Wettstreit um Prestige als sinnvoll erscheinen konnte. Ziel sei in diesen Fällen etwa gewesen, sich potentiellen Klienten als (einfluss-) reicher Patron zu empfehlen (Saller, Personal Patronage, S. 20).

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Grundlage menschlichen Zusammenlebens gewinnt die Demonstration nach unten gerichteter gratia zugleich eine besondere Bedeutung: Wenn offensichtlich selbst hochberühmte Aristokraten sich nicht scheuen, unter ihnen Stehenden gegebenfalls gebührende gratia zu erweisen, wird nicht nur die Gültigkeit des beneficium-officium-Konzeptes machtvoll unterstrichen, sondern auch der vertikale Zusammenhalt der Gesellschaft eindrücklich in Szene gesetzt. Ähnlich – aber gleichsam mit umgekehrten Vorzeichen – präsentiert sich die Situation bei den indirekten Inszenierungen von gratia. Fast alle gratiaHandlungen gehen von Personen aus, die Valerius explizit entweder als Klienten oder als sozial niedriger Stehende darstellt. Nicht immer wird ein bestimmtes beneficium als Auslöser der gratia angeführt, zuweilen liegt die Verpflichtung zu gratia bzw. officia vielmehr in dem Klientelverhältnis (und damit letztlich in einer vermutlich oft langen Reihe von beneficia und officia) begründet, das insbesondere Respekt dem Patron gegenüber sowie dessen Unterstützung in schwierigen Situationen umfasste.646 Ähnlich wie dies bereits im Zusammenhang mit der Ehebeziehung sowie der fides servorum herausgearbeitet werden konnte, erweist sich auch hier die Unterstützung für Patrone gerade im Zusammenhang mit bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen als bedeutsam und zuweilen sogar existentiell wichtig.647 In einem Fall (4,7,5) ist die gratia bzw. fides dabei so herausragend, dass Valerius sie als exemplum amicitiae in Szene setzt: Petronius, humili loco natus, kam durch das beneficium des P. Coelius in den Ritterstand und zu einer glänzenden militärischen Karriere. Als Placentia, mit dessen Verteidigung Coelius beauftragt ist, von Cinna eingenommen wird, da bittet Coelius den Petronius, ihn zu töten, damit er nicht in die Hände der Feinde falle. Nach einigem Sträuben gibt Petronius nach und wählt daraufhin den Freitod: Er wollte, kommentiert Valerius, nicht den überleben, dem er seinen gesamten Aufstieg verdankte.648 Etwas weniger spektakulär, aber ebenfalls von grundlegender Bedeutung für die Wahrung der sozialen Hierarchie, ist respektvolles Verhalten gegenüber dem patronus. Es zeigt sich im valerischen Werk in der zweimal er-

646 Dies gilt insbesondere für die Beispiele 3,5,1 und 4,5,3 sowie 9,11,5. 647 So flüchtet Villius zu einem Klienten, als er von seiner Proskribierung erfährt (42), doch sein Sohn bringt die Häscher auf seine Spur und lässt den Vater töten (9,11,5). Das Verhältnis zwischen Marius und Fannia (8,2,3) wird zwar nicht als Klientelbeziehung dargestellt, doch faktisch kann die Unterstützung, die Marius Fannia in einem Prozess zukommen lässt, als Beginn einer solchen – als beneficium – betrachtet werden. Als Marius später zum hostis erklärt wird, setzt Fannia – in Erinnerung an seine Unterstützung – alles daran, ihm zu helfen. 648 In diesem exemplum (vgl. hierzu auch unten Kapitel 5.4.1) zeigt sich wieder deutlich, dass Valerius viele Begriffe offensichtlich als Synonyme verwenden kann, denn das lobenswerte Verhalten des Petronius wird abwechselnd als gratia, fides und pietas bezeichnet.

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wähnten Haltung des Cicereius, scriba des Africanus, der auf seinen schon fast sicheren Sieg in der Wahl zur Prätur verzichtet, um den unterlegenen Mitbewerber Scipio, Sohn des Africanus, zu unterstützen.649 Valerius lobt die verecundia des Cicereius, der die Prätur lieber der memoria des Africanus überlassen wollte, als sie für sich zu beanspruchen (4,5,3). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gratia im valerischen Werk sehr unterschiedliche Formen annehmen kann. Obgleich der hierarchische Gedanke hier implizit immer präsent ist, ergibt sich insbesondere durch die auch symbolischen Verwendungskontexte des gratia-Konzeptes ein durchaus komplexes Bild für die betreffenden Interaktionen: Wenn gratia ›von unten‹ als Bestätigung der sozialen Hierarchie von grundsätzlicher und zuweilen auch existentieller Bedeutung ist, so übernimmt auch die von Höherstehenden ausgehende gratia eine wichtige Funktion für die vertikale Integration der Gesellschaft. Inwieweit dieser Befund auch für die exempla ingratiae gelten kann, wird die nun anschließende Untersuchung zeigen.

5.3.2 Das Problem der ingratia – ein Strukturmerkmal der Krisenzeit? Wie im voranstehenden Kapitel ausgeführt worden ist, betrachtet Valerius das dandi et accipiendi beneficii commercium als eine zentrale Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Ingratia als eine diesem Konzept diametral entgegengesetzte Haltung, wird dementsprechend scharf verurteilt, und dennoch – oder gerade deshalb? – ist sie in den Facta et dicta memorabilia erstaunlich präsent. Nicht nur widmet Valerius dem Undank ein eigenes Kapitel (5,3 De ingratis), das sich direkt an das gerade erörterte De gratis anschließt (5,2). Die Problematik mangelnder gratia wird auch in anderen Kapiteln thematisiert, wobei hier vor allem die Rubrik 7,8 zu nennen ist, die sich mit der Gültigkeit von Testamenten beschäftigt. Die Rahmenbedingungen der hier angeführten Beispiele ähneln in vieler Hinsicht den eben besprochenen gratia-exempla: Bestimmte beneficia (sowie in einigen Fällen eine bereits lange bestehende amicitia- bzw. Klientelbindung) bilden die Grundlage für die Erwartung einer Gegenleistung, der mit unterschiedlichen Formen von ingratia begegnet wird. Der Fokus der beneficia richtet sich zum einen auf die Verteidigung vor Gericht und zum anderen auf die Förderung des sozialen Aufstiegs.650 Die hierarchische 649 Während seine verecundia in dem Beispiel 4,5,3 (De verecundia) ganz explizit in Szene gesetzt wird – s. dazu auch den im Folgenden angeführten Kommentar des Valerius –, steht im Falle von 3,5,1 in erster Linie die schmähliche Stellung des Africanus-Sohnes im Mittelpunkt (s. hierzu auch oben Anm. 120). 650 Die Gerichtsthematik findet sich in allen unmittelbar inszenierten ingratia-exempla, die sich mit Interaktionen zwischen Einzelpersonen beschäftigen (5,3,3-5), indirekt auch in 7,8,7. Die

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Beziehung ist hier noch deutlicher als bisher, denn von zwei Ausnahmen abgesehen geht die fehlende gratia in allen Fällen von sozial niedriger Stehenden aus.651 Zwei Besonderheiten prägen die hier zu besprechenden Beispiele: Zum einen handelt es sich in allen Fällen um sehr grundsätzliche Konflikte, für die es offenbar keine Lösung gibt. Zum anderen fällt auf, dass sie bis auf wenige Ausnahmen alle in die späte Republik zu datieren sind.652 Was bedeutet das konkret, und welche Folgerungen lassen sich daraus ziehen? In den ingratia-Beispielen lassen sich zwei dominierende Konfliktmuster ausmachen: Verrat (mit Todesfolge) und Übergehen des amicus bei der Erbeinsetzung. Die Thematik des Verrates betrifft in allen Fällen die Beziehung zu einem patronus und wird in erster Linie in der Rubrik De ingratis (5,3) in Szene gesetzt.653 Häufig handelt es sich gerade bei den Opfern um berühmte Persönlichkeiten, doch ihr Rang ist hier nur von sekundärer Bedeutung: Im Zentrum steht in der Darstellung des Valerius die persönliche Verpflichtung, wie etwa der Fall 5,3,4 zeigt: Cicero hatte C. Popillius Laenas mit großer cura und eloquentia erfolgreich verteidigt. Doch als Cicero proskribiert war, bat Popillius Antonius um die Erlaubnis, Cicero verfolgen Karriereförderung ist dagegen besonders im Rahmen der Erbschaftsproblematik von Bedeutung (siehe v.a. 7,8,5-6), während die übrigen exempla die ingratia angesichts einer schon lange bestehenden amicitia-Beziehung thematisieren (5,1,3; 9,4,3, 7,8,8-9 sowie evtl. 9,5,3). Nicht als ingratia wird dagegen die bereits erörterte Haltung des Scipio Africanus in 5,5,1 bezeichnet, der in einer Auseinandersetzung um die Provinzverteilung – trotz enger familiaritas mit Laelius – seinen Bruder unterstützt. Dies liegt zum einen darin begründet, dass Valerius Familienbeziehungen häufig eine besondere Rolle zuspricht. Zum anderen ist im Kontext des Kapitels De pietate erga fratres keine andere Bewertung zu erwarten (vgl. Kapitel 3.4.1.2). 9,3,2 thematisiert schließlich die fehlende gratia einiger Klienten, die bei einem patronus Rat suchten, ihn jedoch bei den Wahlen nicht unterstützt hatten. 651 Beide Ausnahmen betreffen interessanterweise das Verhalten des Pompeius (5,3,5 und 9,5,3), wobei es sich bei letzterem weniger um fehlende gratia als vielmehr um fehlenden Respekt für einen amicus handelt, der von Valerius als Hochmut (superbia) angeprangert wird. Nicht nur gratia, sondern auch beneficia bzw. benevolentia der großen Aristokraten erscheinen hier als notwendiger Bestandteil des gesellschaftlichen Gefüges. 652 Lediglich 5,1,3 (um 212 v. Chr.) und 7,8,6 (augusteische Zeit) sind anders zu datieren, wobei 5,1,3 insofern eine Ausnahme darstellt, als es nicht um das Verhältnis zweier Römer geht, sondern um eine Gastfreundschaft zwischen einem Römer und einem Campaner, die letzterer nach dem Abfall Campaniens von Rom missachtet. In Bezug auf 7,8,6 ist hervorzuheben, dass Augustus hier ganz selbstverständlich in die aristokratische Kommunikation einbezogen wird, ohne dass ihm eine Sonderstellung zugesprochen würde (s. hierzu auch unten Anm. 658). Die Datierung von 9,3,2 ist nicht genau bekannt, doch vermutlich fällt es an den Beginn der späten Republik (s. dazu die Anmerkungen von Shackleton Bailey). Zudem handelt es sich hier nicht um eine wirklich individuelle gratia-Beziehung, denn Valerius spricht nur sehr allgemein von den multi, die consulendi causa zu Figulus kamen und von diesem zurückgewiesen wurden, weil er am Vortag bei der Wahl zum Konsul (von ihnen) nicht gewählt worden war. Valerius gibt Figulus zwar Recht, doch er fügt hinzu, man solle dem römischen Volk besser nicht zürnen. 653 S. dazu 5,3,3-5. Außerhalb dieses Kapitels ist auf das Beispiel 9,4,3 zu verweisen.

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und töten zu dürfen. Angesichts dieses Ansinnens empört sich Valerius mit den Worten, Popillius sei Cicero, ganz abgesehen von dessen großer dignitas, infolge seines officium zumindest privatim Respekt schuldig gewesen.654 Auch bei umgekehrter hierarchischer Beziehung galt diese Verpflichtung, wie die valerische Kritik an Pompeius (5,3,5) zeigt: Carbo hatte für den noch jugendlichen Pompeius die bona paterna auf dem Forum verteidigt – und doch scheute dieser sich später nicht, den Tod des Carbo zu befehlen. Das Dramatische an den hier inszenierten, Verrat thematisierenden Interaktionen liegt darin, dass die ingratia in allen Fällen den Tod des patronus zur Folge hat – ein Befund, der wohl kaum den ›realen‹ Erfahrungen eines römischen Aristokraten entsprach und somit interessante Rückschlüsse auf die valerische Darstellungsintention zulässt. Ein genauerer Blick auf die betreffenden exempla zeigt, dass alle in die späte Republik, und zwar insbesondere in die Krisenzeiten der 80er sowie der 40er Jahre zu datieren sind. Anders als dies für die Ehethematik und in Bezug auf das Verhältnis von Sklaven und Herren herausgearbeitet wurde, inszeniert Valerius hier gerade nicht zwischenmenschliche Loyalität, sondern macht deutlich, welche Folgen die fehlende Beachtung grundlegender sozialer Normen haben konnte. Dieses Vorgehen lässt sich auf unterschiedliche Weise deuten: Zum einen ist denkbar, dass Valerius die dramatischen Bürgerkriegsexempla dazu nutzt, die auch in der Kaiserzeit als virulent empfundene Problematik der ingratia eindrücklich vor Augen zu führen.655 Allerdings würde dies der schon mehrfach ausgeführten Annahme widersprechen, Valerius sei an einer möglichst positiv-sinnhaften Integration der Bürgerkriegszeit in sein 654 »Er jubelte vor Freude über die ihm bei diesem verabscheuungswürdigen Geschäft übertragene Rolle, eilte nach Caieta und befahl dem Manne, den er, ich sage nicht wegen seines außerordentlichen Ranges, aber gewiss wegen † seines persönlichen Einsatzes in einer für ihn so wichtigen Angelegenheit hätte verehren müssen, den Nacken zu beugen.« (Übers. Blank-Sangmeister) (impetratisque detestabilis ministerii partibus gaudio exsultans Caietam cucurrit, et virum mitto quod amplissimae dignitatis, certe salutari † studio praestantis † officii privatim sibi venerandum, iugulum praebere iussit [...]). 655 Andere mögliche ingratia-Handlungen, wie etwa die Verweigerung von Unterstützung bei einer Wahl oder in einem Prozess, wären hierfür weniger geeignet. Dass mangelnde gratia in der Kaiserzeit als Problem empfunden wurde, zeigt nicht zuletzt die Einleitung von Senecas De beneficiis (1,1,1ff., bes. 1,1,8ff.), wobei Seneca dort in erster Linie aus der Perspektive des Gebenden, nicht aus der des Empfängers von beneficia argumentiert: Man solle beim Erweis von beneficia nicht die Früchte des Gebens suchen, sondern das Geben selbst. Somit sei es »sittliche Vollkommenheit, Wohltaten zu erweisen, auch wenn sie nicht in jedem Fall sich als einträglich erweisen« (nunc est virtus dare beneficia non utique reditura, quorum a viro egregio statim fructus perceptus est.); Sen. benef. 1,1,10ff., Zitat 12; zu Senecas Beurteilung der ingratia s. auch ebd. 1,10,4.

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Werk interessiert. Zum anderen könnte sein Vorgehen unter Umständen als Versuch interpretiert werden, die Grausamkeit der Proskriptionen auf das Problem der ingratia zu reduzieren, um so die weit heiklere Thematik der inneraristokratischen Konkurrenz und der beispiellosen Eskalation von Gewalt auszublenden.656 Indem Valerius ingratia als zentrales Problem präsentiert, wird der existentielle Konflikt des bellum civile auf eine andere – moralische – Ebene gehoben und gleichsam ›behandelbar‹ gemacht: Damit wird zwar keine positive, aber doch eine sinnhafte Integration dieser Zeit in das valerische Werk ermöglicht. Wenn die Bürgerkriegsgrauen als Resultat mangelnder Befolgung grundlegender sozialer Normen dargestellt und somit gleichsam moralisiert werden, lässt sich die Wiederbelebung eben dieser Normen als probate Lösung für die Verhinderung ähnlicher Konflikte präsentieren. Obgleich sich die Thematik der Erbeinsetzung etwas weniger dramatisch darstellt, handelt es sich auch hier um sehr grundsätzliche Konflikte, die keine Auflösung erlauben, denn wieder endet die Beziehung mit dem Tod – diesmal dem des ingratus, dessen ingratia sich ja erst nach seinem Hinscheiden offenbart. In fünf Beispielen, die sich alle in der Rubrik 7,8 über Testamente (Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent) befinden,657 illustriert Valerius die Erwartungen, die sich gerade im Rahmen der Erbschaftsthematik mit amicitia- und Klientelbeziehungen verbinden. Als Grundlage für die Erwartungshaltung werden – neben dem bereits aus dem vorangegangenen Kapitel bekannten Verweis auf eine bestehende amicitia-Bindung – unterschiedliche beneficia angeführt, wobei insbesondere die Förderung des sozialen Aufstiegs sowie (sicherlich manchmal damit verbunden) finanzielle Unterstützung zu nennen sind.658 656 Natürlich bildete das Auseinanderfallen der aristokratischen Bindungen ein zentrales Problem der späten Republik, doch zum einen waren im Rahmen der Bürgerkriege andere Konfliktmuster (aemulatio, Machtstreben um jeden Preis) dominanter, und zum anderen konnte ingratia nur unter den Umständen eskalierender Gewalt die Zerstörungskraft entfalten, die Valerius in einigen exempla darstellt. 657 Alle hier erörterten exempla fallen unter einen weiteren Untertitel (Quae adversus opiniones hominum heredes habuerunt), dem jedoch keine eigene Kapitelfunktion zukommt. 658 Während in 7,8,8-9 auf die enge bzw. schon lange währende amicitia abgehoben wird, weisen die Beispiele 7,8,5-6 explizit auf die Karriereförderung hin. So habe Q. Caecilius durch das studium und die liberalitas des Lucullus ein honestum gradum dignitatis sowie ein großes patrimonium erreicht (7,8,5), T. Marius sei dagegen durch das beneficium des Augustus zu den höchsten militärischen Posten und Reichtum gelangt (7,8,6). 7,8,8 erwähnt – indirekt – die finanzielle Förderung des T. Barrus, der zwar die liberalissima amicitia des Lentulus Spinther erfahren, ihn jedoch nicht zum Erben eingesetzt hatte. In 7,8,7 findet sich das Thema der Unterstützung vor Gericht, die, wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, eigentlich eine gratia-Verpflichtung zur Folge hatte. Interessanterweise wird Augustus in 7,8,6 als scheinbar selbstverständlich in die traditionellen aristokratischen Kommunikationsmuster eingebunden dargestellt – die besondere

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Da diesen Erwartungen ein expliziter Verpflichtungscharakter zukommt, muss ein Zuwiderhandeln als Verlust traditioneller aristokratischer Interaktionsmuster betrachtet werden.659 Weiter verschärft wird die Konfliktsituation durch einen zweiten Faktor: den Vorwurf der Täuschung. Abgesehen von 7,8,7, das in mehrfacher Hinsicht aus dem sonstigen Rahmen herausfällt,660 hatten die Erblasser in allen Fällen den Anschein erweckt, als wollten sie ihre Gönner bzw. amici ganz sicher als Haupt- oder sogar alleinige Erben einsetzen, und sie hatten dies explizit verkündet oder durch Gesten kundgetan. Erst nach ihrem Tod wird die Täuschung bekannt – ein doppelter Vertrauensbruch, den Valerius, wie seine Kommentare deutlich machen, als massives Problem betrachtet. Dennoch werden die hier angeführten Testamente – im Gegensatz zu den im Kapitel 2.3.4.2 und 3.1.1 erörterten Erbschaftsentscheidungen – nicht aufgehoben. Leider lässt sich kaum klären, inwieweit dies auf die Quellen des Valerius zurückzuführen ist, da von ihnen so gut wie nichts bekannt ist.661 Lediglich zur Episode von 7,8,5 sind uns bei Nepos (Att. 5f.) und Cicero (Att. 3,20) einige Informationen überliefert. Valerius zufolge hatte Q. Caecilius durch die Bemühungen (studium) und die Großzügigkeit (liberalitas) des Lucullus einen ehrenhaften Stand und großen Reichtum (hoStellung, die dem Kaiser für die testamentarischen Entscheidungen römischer Aristokraten zukam (vgl. beispielsweise Millar, S. 153-158, Rogers, S. 140ff. und Gaudemet, S. 115ff.), wird völlig ausgeblendet. Nach Ansicht von Miriam Griffin, die sich in einem kürzlich erschienenen Aufsatz mit Senecas beneficia-Konzeption beschäftigt, bildete gerade diese demonstrative Einbeziehung des princeps in den – formal auf einer relativen Ebenbürtigkeit beruhenden – Austausch von beneficia bis hin zur Erbeinsetzung ein zentrales Element der kaiserlichen Selbstdarstellung einerseits und des aristokratischen Umgangs mit der herausgehobenen Position des princeps andererseits (Griffin, De beneficiis, S. 108-112, bes. S. 111f.). 659 In einem Fall wird diese Nichterfüllung explizit als ingratia bezeichnet (7,8,8). Der umgekehrte Fall zeigt sich im Beispiel 7,8,3: Hier kritisiert Valerius, dass statt der (offenbar eigentlich erb-›berechtigten‹) Verwandten ein nicht weiter bestimmter Carinas – ein amicus? – zum Erben eingesetzt wird. Die Kritik an dieser Bevorzugung liegt vermutlich in der hier vorgenommenen Gegenübersetzung von Verwandtschaft und amicitia begründet – die anderen exempla thematisieren hingegen nur die Frage der amicitia- bzw. beneficia-Verpflichtung. Zwar stellt Valerius Verwandtschaft keinesfalls immer voran – dies zeigt schon ein Blick auf die praefatio zum Kapitel 4,7 – dennoch gebührt ihr im Zusammenhang mit Erbschaftsfällen offenbar grundsätzlich der Vorrang (s. dazu die Ausführungen in den Kapiteln 2.3.4.2 (etwa zu 7,7,1), 3.1.1und 3.4.1.2). 660 Hier geht es nicht um das Übergehen eines Freundes oder Gönners, sondern die Schilderung richtet sich auf L. Cornelius Balbus, der mit L. Valerius zwar im Konflikt steht, diesen aber dennoch als einzigen Erben einsetzt, seine advocati und patroni dagegen übergeht. 661 Auch zur Rezeption dieser exempla lassen sich – abgesehen von der Übernahme mehrerer Beispiele bei Iulius Paris – praktisch keine Aussagen machen (zu den Erbschaftsexempla bei Paris s. oben Kapitel 2.3.4.2, Anm. 292 und passim). Da es sich hier – im Gegensatz zu den familienbezogenen Erbschaftsexempla – in fast allen Fällen um bekannte Persönlichkeiten handelt, kann die dort angeführte Überlegung (s. Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 287-290), derzufolge namenslose auctores den Grund für die fehlende Überlieferung dieser Beispiele bilden könnten, hier nicht gelten. Denkbar wäre dagegen, dass diese exempla ihren Weg in Gerichts- und Schulreden fanden, die uns heute nicht mehr überliefert sind (s. auch hierzu oben Kapitel 2.3.4.2).

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nestum dignitatis gradum et amplissimum patrimonium) erlangt und immer versichert, Lucullus sei sein einziger Erbe. Doch in seinem Testament adoptierte er Pomponius Atticus und machte ihn zum Erben seines gesamten Besitzes. Daraufhin habe das römische Volk seinen Körper durch die Straßen gezogen. Auch Cicero und Nepos thematisieren die Erbschaft des Atticus, erwähnen den von Valerius beschriebenen Skandal jedoch mit keinem Wort. Es liegt auf der Hand, dass man insbesondere Cicero in diesem Falle nicht als unvoreingenommene Quelle betrachten kann, dennoch ist das völlige Schweigen beider Autoren erstaunlich. Shackleton Bailey beurteilt die valerische Version daher auch als »exaggeration if not fiction«, während Wallace-Hadrill sie durchaus ernst nimmt und darauf hinweist, dass Valerius mit dem Zorn des Volkes sympathisiere und die fehlende gratia als schlimmen Affront betrachte.662 Ob Valerius sich hier für eine von mehreren konkurrierenden Versionen entschieden oder eine sinnstiftende Umdeutung vorgenommen hat, wie dies in ähnlicher Weise bereits in anderen Zusammenhängen herausgearbeitet worden ist,663 kann zwar nicht mit Sicherheit geklärt werden. Auffällig ist jedoch die Zuspitzung zu einem dramatischen exemplum ingratiae, die weder die Verwandtschaft zwischen Caecilius und Atticus noch andere mögliche Gründe für diese Entscheidung auch nur erwähnt. Zwar wird das Testament, anders als im Bereich der familiären Beziehungen, nicht rückgängig gemacht, doch dafür ist die Kritik an dem fehlenden officium um so massiver, da (der valerischen Darstellung zufolge) sogar das Volk zu einem spontanen und kollektiven Vorgehen gegen den Erblasser getrieben wird. In den übrigen exempla übernimmt Valerius mit seinen Kommentaren selbst die Rolle des Kritikers. In seinen Angriffen zeigt sich grundlegende Verzweiflung angesichts einer als völlig unkalkulierbar erlebten Welt, in der ein zentraler traditioneller aristokratischer Kommunikationsmechanismus außer Kraft gesetzt worden 662 S. den Kommentar zu diesem exemplum in der von Shackleton Bailey herausgegebenen Loeb-Ausgabe und Wallace-Hadrill, Family, S. 67f., der sich jedoch ausschließlich auf die valerische Quelle stützt. Was Valerius verschweigt, ist der Umstand, dass Caecilius avunculus des Atticus war (Nep. Att. 5) und sein Vorgehen sich somit durchaus im Rahmen der traditionellen aristokratischen (und familiären) Interaktionsmuster bewegte. Wallace-Hadrill, der dieses Beispiel im Zusammenhang mit den augusteischen Ehegesetzen diskutiert, weist zudem darauf hin, dass ein Grund gegen die Erbeinsetzung des Lucullus auch darin gelegen haben könnte, dass Lucullus als captator, als Erbschleicher, betrachtet worden sei (Wallace-Hadrill, Family, S. 68). Nepos (Att. 5) zufolge hatte Atticus sich das Erbe seines avunculus sogar redlich ›verdient‹, da er so gut mit dessen schwierigen Charakter umgehen konnte, dass er sich das Wohlwollen (benevolentia) des Onkels bis in dessen letzte Jahre bewahrt hatte. Lucullus wird lediglich in einem einführenden Satz erwähnt, der Caecilius als familiaris des Lucullus bestimmt. S. zu diesem Beispiel auch Verboven, S. 189-190. 663 S. oben beispielsweise in den Kapiteln 2.3.4.3, 2.6.1 sowie 4 und passim.

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ist. Zwar enthielten Erbschaftsentscheidungen, zumal über die Familie hinausreichende Vermächtnisse, auch in anderen Zeiten ein gewisses Konfliktpotential, denn Erbeinsetzungen und Legate waren – als Ausdruck von Klientel- und amicitia-Beziehungen – immer auch Teil der aristokratischen Kommunikation.664 Das von Valerius skizzierte Szenario geht jedoch deutlich über traditionell denkbare Konfliktmuster hinaus. Verstärkt wird der Eindruck einer gravierenden Pflichtverletzung durch den wiederholten Rekurs auf eine rechtliche Terminologie, die für den Bereich der aristokratischen Beziehungen lediglich metaphorische Geltung beanspruchen kann. Indem Valerius das ius amicitiae bzw. die iura familiaritatis als Grundlage der gratia-Erwartung bestimmt, erscheint die Nichterfüllung dieser Erwartungen in einem noch problematischeren Licht, als dies durch den alleinigen Rekurs auf ingratia der Fall wäre.665 Eine ähnliche Begrifflichkeit hat sich bereits im Zusammenhang mit den verwandtschaftsbezogenen Erbschaftsbeispielen als eine valerische Besonderheit erwiesen. Doch während der dort sehr präsente Verweis auf das ius naturae häufig dazu diente, traditionelle (familia-) Verpflichtungen durch eine neue Gewichtung zu unterlaufen, kommt dem hier verwendeten Bezug die Funktion zu, traditionelle – aber offensichtlich nicht mehr traditionell funktionierende – soziale Verpflichtungen durch den Rekurs auf einen (fiktiven) Rechtsanspruch zu stärken. Dabei ist das hier apostrophierte ius auch von Valerius wohl kaum als positiv gesetztes Recht gedacht – nicht zufällig wird in keinem dieser exempla ein juristischer Kon664 S. hierzu Wallace-Hadrill, Family, S. 67ff. und passim sowie Verboven, S. 183-185; S. 189-196 und S. 211. Wallace-Hadrill weist darauf hin, dass die Nutzung von Testamenten und Legaten zum Erweis von gratia in Rom eine lange Tradition hatte. Er vermute jedoch, dass der seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert einströmende Reichtum (»Greek wealth«) hier insofern eine grundlegende Wende verursacht habe, als der Austausch von Diensten einen immer stärkeren monetären Charakter angenommen habe. Einen Beleg für seine These sieht Wallace-Hadrill in den verschiedenen, seit dem 2. Jh. v. Chr. belegten Versuchen, die Verteilung von Legaten zu beschränken, wobei die niedrigen Obergrenzen seiner Ansicht nach darauf hindeuteten, dass es sich anfangs wirklich mehr um Gesten denn um tatsächliche finanzielle Profitmöglichkeiten gehandelt habe (Wallace-Hadrill, Family, S. 69f., Zitat S. 69). Vgl. auch Mette-Dittmann, S. 175ff. 665 So empört Valerius sich etwa über M. Popillius, der das ius amicitiae nicht respektiert und die iura familiaritatis, die ihn mit Oppius Gallus verbanden, zu einem schändlichen Streich genutzt habe, indem er ihn entgegen seiner Beteuerungen und Gesten nicht zum Erben eingesetzt habe (7,8,9). Eine ähnliche Begrifflichkeit findet sich auch im Beispiel 5,1,3, in dem Crispinus dem Campaner Badius, den er bei sich zu Gast gehabt und während einer Krankheit gepflegt hatte, vorwirft, er verletze den foedus amicitiae – denn Badius hatte ihn nach dem Abfall der Campaner zum Kampf herausgefordert. Im Falle von C. Caesar (Strabo), der Sextilius erfolgreich gegen eine schwere Anklage verteidigt hatte, erklärt Valerius, dieser habe nach seiner Proskription den Schutz des Sextilius beneficii iure erbeten (5,3,3). Einen Sonderfall bildet schließlich das berühmte Beispiel 9,11, ext. 4 (Dicta improba aut facta scelerata), in dem Valerius seinem Abscheu gegen Seianus freien Lauf lässt und diesem neben vielem anderen auch die Verletzung der Freundschaftspflichten (amicitiae fides, amicitiae foedera) zum Vorwurf macht.

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text thematisiert –, sondern vielmehr im Sinne einer abstrakten Gerechtigkeitsvorstellung, die sich auch in anderen Zusammenhängen nachweisen lässt.666 Auch kommt diesem ›Recht‹ – im Gegensatz etwa zu dem ius naturae – nicht die Kraft zu, eine Veränderung der testamentarischen Entscheidung zu erwirken. Dennoch macht die Ähnlichkeit der Argumentation deutlich, dass Valerius sich der rechtlichen Begrifflichkeit in einer ausgesprochen freien Weise bedient, um seinem Anliegen den gewünschten Nachdruck zu verleihen.667 Es ist sicherlich bezeichnend, dass fast alle hier erörterten exempla in die späte Republik zu datieren sind,668 deren Krisencharakter somit – wie bereits im Zusammenhang mit den Gerichtsexempla herausgearbeitet werden konnte – in erster Linie auf die Nichteinhaltung der aristokratischen beneficia-officia-Kommunikation reduziert erscheint. Über die tatsächliche Präsenz von ingratia in den unterschiedlichen Phasen der römischen Geschichte wird dadurch zunächst nicht viel ausgesagt, doch offensichtlich kommt diesem Verhalten erst in der Krisenzeit eine exemplarische Rolle zu, die auch mit der erwähnten integrativen Funktion von gratia-Verhalten zusammenhängen dürfte. Die für die späte Republik charakteristische Auflösung des aristokratischen Zusammenhaltes findet in der ingratiaProblematik einen griffigen und eingängigen Ausdruck. Vor dem Hintergrund der kaiserzeitlichen Verhältnisse gewinnt diese Darstellung darüber hinaus noch eine besondere Brisanz, denn die traditionellen aristokratischen Interaktionsmuster, denen Valerius hier eine so große Bedeutung zuschreibt, waren in der Kaiserzeit durch die augusteischen Ehegesetze weitreichenden Beschränkungen unterworfen worden.669 666 Zu den valerischen Vorstellungen über den ›richtigen‹ Umgang mit inimicitiae s. unten Kapitel 5.6.2. 667 Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch Fabian Goldbeck und Peter F. Mittag, die sich mit der valerischen Darstellung des Triumphes beschäftigt haben (Goldbeck / Mittag, Der geregelte Triumph). 668 Im Gegensatz zu den gerade besprochenen Gerichtsbeispielen ist zwar keines davon in die eigentliche Krisenzeit der Bürgerkriege zu datieren, doch alle liegen in den 50er und 60er Jahren des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Lediglich 7,8,6 handelt unter Augustus, während 7,8,9 sich nicht genau datieren lässt. 669 S. oben Kapitel 1.1 und 2.3.4.2 sowie Wallace-Hadrill, Family, S. 68 und passim. Zu den Ehegesetzen insgesamt vgl. Mette-Dittmann, die sich (wie Baltrusch, S. 166ff. und S. 182f.) auch mit den erbrechtlichen Konsequenzen der augusteischen Gesetze befasst (S. 151ff.; S. 175ff.). So merkt sie an, dass »der völlige Ausschluss der caelibes, der Unverheirateten, von der Annahme einer ihnen testamentarisch vermachten Erbschaft oder eines Legats, sofern dieses Erbe nicht aus dem Kreis der engeren Verwandtschaft kam« als wichtigste Sanktion der lex Iulia et Papia (zu dieser Bezeichnung s. ebd. S. 131) gelten könne (S. 152f., Zitat S. 152; vgl. dazu Gai. inst. 2,111 sowie ebd. 2,144 und 286). Auch Kinderlose sahen sich Einschränkungen ihrer Erbfähigkeit ausgesetzt (Gai. inst. 2,286a). Valerius erwähnt diese rechtlichen Aspekte mit keinem Wort.

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Ob Valerius damit implizite Kritik an dieser Gesetzgebung äußert, muss offen bleiben.670 Sicher ist jedoch, dass die auf beneficia basierende und durch die Gesetzgebung des Augustus erschwerte gegenseitige Erbeinsetzung für Valerius zu den zentralen Bestandteilen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zählte. Insgesamt entwerfen die Facta et dicta memorabilia ein vielschichtiges Bild der römischen beneficia-Verpflichtungen. Auf der einen Seite wird die Bedeutung hervorgehoben, die dem Austausch von beneficia für das menschliche Leben zukommt. Die positiven Beispiele werden lobend erwähnt, die negativen Folgen mangelnder gratia in drastischen und konfliktreichen Bildern beschrieben und mit heftigen Worten getadelt. Die integrative Funktion, die dem Erweis von gratia gerade für den vertikalen Zusammenhalt der Gesellschaft zukommt, wird immer wieder offensichtlich. Doch auf der anderen Seite zeigt sich eine interessante chronologische Fokussierung: Nicht nur sind die exempla ingratiae alle in die Krisenzeit der späten Republik zu datieren, auch unter den gratia-Beispielen finden sich kaum Episoden, die vor dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert spielen. Ob diese Fokussierung auf eine zielgerichtete Auswahl des Valerius zurückzuführen ist, lässt sich nicht sicher entscheiden. Eine mögliche Erklärung für diese chronologische Einteilung könnte sein, dass der gesamten gratia-ingratia-Thematik in früherer Zeit keine vergleichbare exemplarische Funktion zukam, da die damit verbundenen Integrations- bzw. Auflösungsmechanismen noch nicht als Problem wahrgenommen wurden.671 Sicherlich jedoch hatte diese Thematik in früherer Zeit nicht den existentiellen Charakter, der ihr durch die Entgrenzung der Konflikte in der 670 Gegen diese Interpretation spricht, dass die Facta et dicta memorabilia in der Regel als ein die kaiserzeitlichen Wertvorstellungen unterstützendes und propagierendes Werk betrachtet werden (s. etwa Weileder, S. 41; Combès, S. 11ff.; Faranda, S. 12f.) – eine Einschätzung, für die auch in der vorliegenden Arbeit Hinweise zu finden sind (s. etwa zur valerischen Darstellung der Ehe- und Erbschaftsthematik (Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 261 und 262, vgl. auch 3.1.1) oder zu dem von Augustus vertretenen auctoritas-Konzepte (Kapitel 2.3.2.2). Dafür spricht jedoch, dass sich in den Facta et dicta memorabilia weitere Themengebiete ausmachen lassen, die auf implizite Kritik an Entscheidungen bzw. am Verhalten des princeps hindeuten oder kaiserzeitlichen Vorstellungen und Regelungen zumindest entgegenstehen (Zur Kritik am frühkaiserzeitlichen Umgang mit dem Triumph s. Goldbeck / Mittag, Der geregelte Triumph). Vielleicht ist jedoch auch die Frage nach einer kohärenten ›ideologischen‹ Ausrichtung dieses Werkes falsch gestellt. Vieles spricht vielmehr dafür, dass Valerius eine durchaus differenzierte Vorstellung davon hatte, wie soziale Beziehungen inhaltlich und funktional gestaltet sein sollten, und dass er diese – unabhängig von ›ideologischen‹ Standpunkten – in ihren Vor- und Nachteilen beurteilen konnte. 671 In den früher datierten exempla geht der Undank immer von einem Kollektiv (meist dem Senat oder dem römischen Volk) aus und richtet sich gegen verdienstvolle Einzelpersonen (s. 5,3,1-2). Darüber hinaus finden sich bei Valerius exempla, in denen ein ingratia-Vorwurf theoretisch denkbar gewesen wäre, der Fokus jedoch auf ganz andere Aspekte gerichtet wird (s. etwa 5,5,1 De pietate erga fratres).

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Bürgerkriegszeit zugefallen war: Die Entscheidung für gratia (etwa in der Gefolgschaft Caesars) oder ingratia (wie in den hier besprochenen Beispielen) implizierte vielfach zugleich die Entscheidung über Leben und Tod anderer Aristokraten und war somit – im Gegensatz zu früherer Zeit – grundsätzlich nicht mehr kompensierbar. Zudem hatten viele der hier angeführten Interaktionsmuster erst seit dem 2. Jh. v. Chr. eine auch quantitative Bedeutung erlangt. Dies gilt für die schon beinahe mit dem Begriff der Prozesswut zu bezeichnenden gerichtlichen Aktivitäten ebenso wie für die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, die der Förderung durch einen Gönner einen besonderen Stellenwert verschaffte und zugleich die Forderung nach Gegenleistungen – beispielsweise die Einsetzung zum Erben – hervorbrachte.672 Das in der Bürgerkriegszeit inszenierte verräterische Verhalten war in dieser Form ohnehin auf die tiefste Krisenzeit beschränkt. Doch zugleich deutet einiges darauf hin, dass diese chronologische Konzentration auch als Ausdruck der spezifisch valerischen Strukturierung der Vergangenheit zu interpretieren ist. So vermittelt seine Darstellung ein zweigeteiltes Bild der Vergangenheit: Während die gratia-ingratiaThematik in der Frühzeit völlig abwesend ist, zeichnen sich die letzten beiden vorchristlichen Jahrhunderte durch eine intensive Erörterung dieser Problematik aus. Es scheint, als bilde mangelnde gratia eines der hauptsächlichsten Probleme – gleichsam ein Strukturmerkmal – der späten Republik und sei somit in hohem Maße verantwortlich für die Krise. Andere Konfliktbereiche, denen in jener Zeit de facto ebenfalls eine herausragende Bedeutung zukam, wie etwa invidia oder aemulatio, spielen dagegen, wie im Folgenden noch herauszuarbeiten sein wird, kaum eine Rolle.673 Somit wird die Krisenzeit der späten Republik (insbesondere auch das Grauen der Bürgerkriege) in gewisser Weise auf die ingratia-Problematik reduziert und durch dieses Vorgehen letztlich erst ›behandelbar‹ gemacht. Nicht zuletzt suggeriert diese Darstellung zudem, dass die von Valerius immer wieder eingeforderte Befolgung traditioneller römischer Verhaltensnormen in diesen Konflikten als probate Lösung hätte fungieren können. Dieser Befund scheint zunächst in Widerspruch zu den bisher erarbeiteten Ergebnissen zu stehen, denen zufolge Valerius die Krisenzeit gerade durch die Inszenierung zwischenmenschlicher Loyalität zu integrieren sucht. In diesem Zusammenhang sind jedoch zwei Dinge zu bedenken: Zum einen ist auffällig, ja wohl symptomatisch, dass die Thematik der zwischenmenschlichen Loyalität – seien es nun (in-) gratia, fides oder amor – gerade in Zeiten der Krise und der Auflösung bewährten Zusammenhaltes besonders intensiv diskutiert und in ihren positiven und negativen Auswir672 Zu dieser Prozesswut vgl. etwa David, L’accusa pubblica, S. 101ff, S. 104ff. und passim. 673 S. unten Kapitel 5.6 und 5.6.2.

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kungen illustriert wird. Zum anderen macht ein genauer Blick auf die bisher erörterten Loyalitätsbezeugungen auch deutlich, dass – zumindest in der valerischen Beschreibung – ein gewisser Unterschied zwischen der eben erörterten gratia einerseits und Konzepten wie fides und amor andererseits besteht: Während gratia immer als Reaktion auf erhaltene beneficia (oder auf eine schon lange währende Beziehung) zu verstehen ist, werden die amor- bzw. fides-Handlungen von Valerius als gleichsam voraussetzungslose Verhaltensweisen dargestellt: Wenn die Krisenzeiten den valerischen Ausführungen zufolge durch die Auflösung der traditionellen aristokratischen Interaktion im Sinne des Austausches von beneficia geprägt sind, dann gewinnenn die anderen, als weniger pragmatisch und mehr emotional dargestellen, gleichsam voraussetzungslosen Loyalitäten eine umso größere Bedeutung.674 Dass dies nicht nur für die bisher untersuchten fides- bzw. amor-Handlungen gilt, sondern auch im Rahmen der inneraristokratischen Kommunikation von Bedeutung ist, werden die Ausführungen des folgenden Kapitels zeigen.

5.4 Die absolute amicitia Die absolute amicitia 5.4.1 Das amicitia-Konzept des Valerius Maximus Der Austausch von beneficia und officia, der im voranstehenden Kapitel einer ausführlichen Untersuchung unterzogen worden ist, stellt zweifellos ein zentrales und zugleich sehr vielseitiges Muster der römischen Nah- und Treueverhältnisse dar, das zumindest in einigen Fällen auch von Valerius selbst mit dem Terminus amicitia beschrieben wird.675 Erstaunlich ist jedoch, dass beneficia in dem Kapitel 4,7 des valerischen Werkes (De amicitia), das sich explizit mit der Inszenierung von amicitia-Bindungen beschäftigt, so gut wie keine Rolle spielen.676 Ein genauerer Blick auf die hier angeführten exempla zeigt, dass es sich in fast allen Fällen um eine spezifische Form der Beziehung handelt, die sich durch drei Besonderheiten auszeichnet.677 1. Ähnlich wie im Bereich der beneficia-Thematik fällt auch hier auf, dass praktisch alle in der Rubrik De amicitia angeführten exempla in die 674 S. oben Kapitel 3.3.2.2. Zur Emotionalität in den Ehedarstellungen s. oben Kapitel 3.3.2.2; zur fides servorum s. Kapitel 5.2.2 und zur amicitia vgl. die folgenden Kapitel 5.4.1 und 5.4.3. 675 So etwa in den exempla 7,8,8-9 und in 5,1,3. 676 Die einzige Ausnahme bildet das bereits erörterte Beispiel 4,7,5 (s. oben Kapitel 5.3.1). Trotz der fehlenden Authentizität der Kapitelüberschriften zeigt ein Blick auf die ausführliche praefatio dieses Kapitels, dass der Titel De amicitia als sehr geeignet betrachtet werden kann. 677 Lediglich für das im Folgenden noch ausführlich zu besprechende Beispiel 4,7,7 treffen diese drei Charakteristika nicht zu.

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späte Republik, und zwar insbesondere in die Zeit der Gracchen sowie in die 80er und die 40er Jahre des ersten vorchristlichen Jahrhunderts zu datieren sind. Dabei geht es meist um höchst krisenhafte Situationen, denen mit Hilfe der hier inszenierten amicitia mehr oder weniger erfolgreich entgegengetreten wird.678 Die im vorangegangenen Kapitel angeführte These, derzufolge sich die Frage der zwischenmenschlichen Loyalität in Krisenzeiten eines besonderen Interesses erfreut, wird durch diesen Befund unterstützt, zumal auch Valerius in der Einleitung zu diesem Kapitel explizit hervorhebt, dass amicitia gerade in schwierigen Zeiten und für schicksalsgeplagte Freunde ihren wahren Wert erweise, indem sie Schutz und Trost biete. Amicitia, die sich an glückliche Menschen richte, sei dagegen leicht dem Verdacht der Schmeichelei ausgesetzt.679 2. Die Art der hier dargestellten Freundschaftsdienste ist hervorhebenswert. Im Gegensatz zu den im vorigen Kapitel behandelten beneficiaHandlungen geht es hier in keinem Fall um traditionelle römische officia wie etwa Hilfe vor Gericht oder finanzielle Unterstützung – im Zentrum steht vielmehr die totale Aufopferung für den Freund, die von der Begleitung des Gefährten ins Exil über seine (von ihm gewünschte) Tötung bis hin zum eigenen Freitod reichen konnte.680 Das Wohl und die Wünsche des amicus gelten mehr als alles Übrige und stehen sogar über den Interessen der res publica.

678 So berichtet Valerius in 4,7,3 beispielsweise von L. Reginus, der als Tribun seinen amicus Caepio aus dem Gefängnis befreite, wo dieser wegen seiner Schuld an der Zerstörung der römischen Armee durch Kimbern und Teutonen saß. Damit nicht genug begleitet er ihn später sogar ins Exil. Noch aufopferungsvoller zeigte sich Volumnus (4,7,4): Als Antonius den Lucullus aufgrund seiner Anhängerschaft zu Brutus und Cassius töten ließ, da blieb Volumnus, obgleich er die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätte, bei seinem toten Freund, und er gab Antonius gegenüber sogar vor, er habe Lucullus zu seinen Taten angestiftet und bat Antonius, ihn neben seinem Freund töten zu lassen. 679 sincerae vero fidei amici praecipue in adversis rebus cognoscuntur, in quibus quidquid praestantur totum a constanti benivolentia proficiscitur. felicitatis cultus maiores ex parte adulationi quam caritati erogatur, certe suspectus est perinde ac plus semper petat quam impendat (4,7 pr.). 680 Zusätzlich zu den in Anm. 678 angeführten exempla ist hier zunächst auf die Gracchen zu verweisen: Während Blossius seine Verbundenheit für Tiberius auch nach dessen Verurteilung, ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit, bekräftigt (4,7,1), setzen Pomponius und Laetorius für den Schutz des Gaius ihr Leben aufs Spiel (4,7,2). Auch Ser. Terentius wäre gerne für seinen Freund D. Brutus gestorben, und so gab er sich bei den Verfolgern als Brutus aus. Doch da Brutus einem der Häscher bekannt war, bleibt von seiner Tat nur der edle Vorsatz zu loben (4,7,6). Einen besonderen Freundschaftsdienst leistete schließlich Petronius, den P. Coelius um den Tod bat, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen – denn Cinna hatte die von Coelius verteidigte Stadt Placentia eingenommen. Widerstrebend kam Petronius diesem Ansinnen nach und gab sich anschließend selbst den Tod, denn er wollte den nicht überleben, dem er das Anwachsen seiner dignitas verdankte (4,7,5).

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3. Dies leitet über zum dritten und wohl bemerkenswertesten Aspekt der hier zu betrachtenden Handlungen. In fünf von sieben Beispielen wird der Freundschaftsdienst Personen erwiesen, die gegen das Wohl der res publica gehandelt hatten und auch sonst zu einem eher problematischen Personenkreis gehörten.681 Dazu kommt, dass sogar unter den amicitia-Handlungen viele gegen die Interessen der res publica gerichtet sind und von Valerius dennoch – als exemplum amicitiae – gelobt werden. Besonders bekannt, da auch von Cicero (allerdings in einem ganz anderen Sinne) als Beispiel angeführt,682 ist das Verhalten des Blossius, Freund von Ti. Gracchus (4,7,1): Als nach der Verurteilung des Gracchus auch dessen Anhänger bestraft werden sollen, will Blossius sein Vorgehen mit der familiaritas, die ihn mit Gracchus verbunden habe, entschuldigen. Auf die Frage, ob er aufgrund dieser familiaritas auch Feuer am Juppitertempel gelegt hätte, wenn dies der Wille des Gracchus gewesen wäre, antwortet er zunächst ausweichend. Doch schließlich gibt er an, dass er auf Geheiß des Gracchus selbst dies getan hätte. Dass Valerius sich der Brisanz dieser Episoden bewusst war, ist offensichtlich. Er reflektiert die Problematik in seinen Kommentaren und weist in einem Fall darauf hin, dass Freundestreue, die ohne Schaden für die res publica auskomme, natürlich noch rühmenswerter sei. Doch auch im gegenteiligen Fall werden amicitia-Handlungen in der Regel als durchaus lobenswert dargestellt. Wie Valerius den Spagat zwischen (positiver) amicitia und (negativem) Verstoß gegen die Interessen der res publica argumentativ bewältigt, zeigt sein einleitender Kommentar im Beispiel 4,7,3: »L. Reginus muss vom Tadel der Nachwelt zerrissen werden, wenn man ihn nach der dem öffentlichen Dienst geschuldeten Rechtschaffenheit beurteilt; würdigt 681 In den Beispielen 4,7,1-2 stehen die beiden Gracchenbrüder, in 4,7,6 dagegen D. Brutus im Mittelpunkt. Die (amicitia empfangenden) auctores der übrigen exempla sind Caepio (4,7,3) und Lucullus (der Sohn des berühmten, 4,7,4). Lediglich 4,7,5 und das bereits erwähnte Beispiel 4,7,7 erfüllen dieses Kriterium nicht. Auch in 9,12,6 (De mortibus non vulgaribus) wird ein amicus des C. Gracchus, Herennius Siculus positiv dargestellt, der wegen seiner Freundschaft zu Gracchus ins Gefängnis gebracht wurde und seiner Strafe durch mutigen Selbstmord zuvor kam. Zur Brisanz der amicitia-Thematik s. auch Bloomer, Valerius Maximus, S. 44-48. 682 Für Cicero, dessen amicitia-Konzept untrennbar mit virtus im Sinne von tugendhaftem Verhalten für die res publica verbunden ist (s. hierzu unten Kapitel 5.4.2), hat Blossius die Grenzen eines auf amicitia gegründeten Verhaltens längst überschritten: Ohne virtus kann aus Ciceros Sicht keine amicitia bestehen (Cic. Lael. 37). Auch Plutarch berichtet über die hier dargestellte Episode (Ti. Gracch. 20). Doch obschon seine Darstellung der valerischen deutlich näher steht als die ciceronische Variante, so ist die bei Valerius zentrale Argumentation des Blossius, der sein Vorgehen mit der familiaritas zu Gracchus begründet, hier deutlich weniger ausgeprägt. Auch Plutarchs Bericht über die im folgenden Beispiel (4,7,2) geschilderte Episode weist eine geringere Betonung des amicitia-Aspektes auf (Plut. C. Gracch. 16f.). Bei Velleius Paterculus (2,6,6) lässt sich zwar eine der valerischen Darstellung (4,7,2) relativ ähnliche Version finden, doch wird hier das Vorgehen des Pomponius weniger mit amicitia als mit seiner fides begründet.

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man ihn aber nach der Treue in der Freundschaft, so muss man ihn im besten Hafen eines lobenswerten Gewissens ruhen lassen.«683 Wieder einmal zeigt sich hier die Bedeutung, die der durch den Kapitelkontext definierten Perspektive für die valerische Beurteilung einer Handlung zukommt.684 Valerius trennt hier klar zwischen dem Handeln im Hinblick auf die res publica einerseits und dem Beistand für den Freund andererseits. Mit Hilfe dieser Zweiteilung gelingt es ihm, selbst hoch problematische Handlungen und Episoden als positive exempla amicitiae aufzunehmen, in denen die politische Konnotation heruntergestuft oder ganz ausgeblendet wird. Doch wie lässt sich dieses nicht unkomplizierte Vorgehen deuten? Wie fügt sich seine Darstellung in die Vorstellungen ein, die zu seiner Zeit bzw. in seinen potentiellen Quellen hinsichtlich (idealer) amicitia-Bindungen verbreitet waren? Und welche Folgen hat die hier in ihren drei charakteristischen Besonderheiten skizzierte spezifisch valerische Freundschaftskonzeption für das aristokratische Miteinander, gerade auch für das Bild, das Valerius von der spätrepublikanischen Vergangenheit entwirft? Um diese Fragen beantworten zu können, ist der Blick zunächst auf die späte Republik zu richten, aus der Valerius seine exempla schöpft, wobei insbesondere zu klären ist, welche Bedeutung der amicitia-Thematik im normativen Diskurs dieser Krisenzeit zukam. Die wichtigste Quelle für diese Zeit bildet zweifelsohne das bekannte, explizit der amicitia gewidmete ciceronische Spätwerk Laelius de amicitia, doch auch die Schriften von Sallust sind in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse.

5.4.2 Laelius de amicitia und die Dichotomie der späten Republik Das traditionelle römische Verständnis von amicitia zeichnete sich durch eine erhebliche begriffliche Offenheit aus. Diese betraf nicht nur, wie im Zusammenhang mit der Suche nach Kriterien zur Kategorisierung der Nahverhältnisse bereits kurz ausgeführt wurde, die hierarchische Differenzierung der amicitia-Bindungen, sondern auch die soziale Praxis, die mit die683 L. autem Reginus, si ad debitam publico ministerio sinceritatem exigatur, posteritatis convicio lacerandus, si amicitiae fido pignore aestimatur, in optimo laudabilis conscientiae portu reliquendus est (leicht abgewandelte Übersetzung nach Hoffmann). 684 Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass im exemplum 6,3,1d (De severitate), in dem Valerius die Strenge in Szene setzt, mit der sowohl die Gracchen als auch ihre amici bestraft wurden, kein positiver Kommentar über die Freundestreue zu finden ist. Hier – wie auch im Beispiel 5,8,5 (De severitate patrum in liberos) – legt der Kontext des Kapitels eine andere Beurteilung nahe. Hinzu kommt im Falle von 5,8,5, dass das Verhalten des Sohnes als affektgeleitet beschrieben wird (pravo consilio amicitiam Catilinae secutum inque castra eius temerario impetu ruentem) und somit für Valerius ohnehin ein grundsätzliches Konfliktpotential enthält (s. hierzu oben Kapitel 2.3.3 sowie unten Kapitel 5.6).

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sem Begriff verbunden wurde.685 So konnte amicitia auf der einen Seite die in Rom sehr pragmatisch und flexibel gehandhabten politischen Allianzen beschreiben, die an Sachfragen orientiert waren und sich daher immer wieder neu bilden und auflösen konnten.686 Auf der anderen Seite gab es auch stabilere Bindungen, die ein dauerhafteres gemeinsames Handeln zur Folge hatten. Gemeinsam war all diesen Formen von amicitia eine rein formale Bestimmung der Beziehung, die sich im gegenseitigen Erweis von beneficia und officia äußerte. Mit freundschaftlichen Beziehungen im heutigen Sinne hatte diese stark politisch konnotierte amicitia nicht viel zu tun, vielmehr wurde sie – mit einer prägnanten Formulierung von Ulrich Gotter ausgedrückt – als »Allzweckwerkzeug des politischen Geschäfts« verwendet.687 Bis weit in die späte Republik hinein war amicitia in Rom lediglich als soziale Praxis präsent, ohne dass eine systematische Reflexion über ihr Wesen oder ihre Bedeutung unternommen worden wäre. Die erste systematische Behandlung der amicitia-Thematik liegt uns in Ciceros in Dialogform gefasstem Spätwerk Laelius de amicitia vor, das im Folgenden einer kurzen Betrachtung unterzogen werden soll. Als Grundlage dient die von Gotter in dem Aufsatz über »Cicero und die Freundschaft. Die Konstruktion sozialer Normen zwischen römischer Politik und griechischer Philosophie« vorgelegte luzide Untersuchung dieses ciceronischen Werkes.688 Wie Gotter deutlich macht, unterscheidet sich die »philosophische Neukonstruktion« des amicitia-Konzeptes, die Cicero hier vornimmt, grundsätzlich von der eben skizzierten traditionellen römischen amicitia-Praxis.689 Ciceros in wesentlichen Punkten auf griechischem Gedankengut basierenden und seiner Hauptperson C. Laelius, dem Konsul von 140 v. Chr., in den Mund gelegten Ausführungen zufolge liegt das Bedürfnis nach amicitia in der menschlichen Natur begründet.690 Nicht der Nutzen, der aus dem gegenseitigen Erweis von beneficia und officia entspringt, sondern vielmehr Liebe bilde die Wurzel dieser Beziehung,691 die von Laelius als die »voll685 Zu den folgenden Ausführungen über die traditionelle amicitia s. Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 342ff. und S. 353. 686 Zum häufigen Wechsel der politischen Konstellationen vgl. auch Meier, S. 40f., S. 163f. und passim, der sich hier jedoch auch auf über amicitia hinausreichende Formen des Bindungswesens bezieht. 687 Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 342. 688 Gotter, Cicero und die Freundschaft. 689 Zu Ciceros praktischem Umgang mit der amicitia- und inimicitiae-Problematik in den 50er Jahren s. die detaillierte Untersuchung von Spielvogel, Amicitia. Vgl. auch Brunt, Cicero’s officium, der sich mit Ciceros officia-Konzeption in der Zeit der Bürgerkriege beschäftigt. 690 Als Dialogpartner des Laelius wählt Cicero die jungen Aristokraten C. Fannius und Q. Mucius Scaevola. Zum griechischen Gedankengut der ciceronischen Ausführungen s. Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 353ff. 691 Beneficia und officia seien lediglich Ausdruck von amicitia, nicht aber ihr Grund (Cic. Lael. 26f., 29f.; 51).

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kommene Übereinstimmung der Absichten, Interessen und Meinungen« definiert wird.692 Da man Liebe jedoch in erster Linie tugendhaften Menschen entgegenbringe, sei amicitia notwendig mit Tugend (virtus) verbunden. Freundschaft, so hebt Laelius immer wieder hervor, könne eigentlich nur zwischen Guten bestehen.693 Solchermaßen begründete Freundschaften seien naturgemäß keinem Wandel der Nützlichkeitserwägungen unterworfen und somit ewig.694 Gotter hat in seiner Untersuchung zwei zentrale politische Implikationen dieser amicitia-Konzeption herausgearbeitet. Zum einen lässt sich ein zeithistorischer Bezug festmachen, der als Teil von Ciceros Angriff auf den kurz vor der Abfassung des Laelius getöteten Caesar und seine Anhänger zu betrachten ist: Caesar hatte sich zur Erlangung und Erhaltung seiner Macht ganz offen auch Angehöriger der niedrigsten Schichten bedient, die er zum Dank für ihre Dienste zu höchsten Ehren erhob. Die breit gestreute und großzügige Erteilung von beneficia, zu denen auch die sprichwörtlich gewordene clementia Caesaris zu rechnen ist, war ein Teil seiner Machtstrategie. Indem er seinen Gegnern verzieh, seine Anhänger und viele andere Aristokraten protegierte, schuf er sich nach traditioneller römischer Auffassung amici, die ihm massiv verpflichtet waren. Als gratia erwartete er lediglich die Akzeptanz seiner Außerordentlichkeit.695 Cicero wandte sich explizit gegen eine derartige Verabsolutierung der Freundschaft. Die im Laelius postulierte inhaltliche Bindung von amicitia an virtus und ihre Bestimmung als eine Beziehung unter Guten sind ein klarer Angriff auf den caesarischen Umgang mit dem amicitia-Konzept, in dem Cicero – nicht zu Unrecht – eine Gefahr für den Bestand der aristokratischen Herrschaft sah.696 692 Cic. Lael. 15; s. auch ebd. 20. 693 sed hoc primum sentio, nisi in bonis amicitiam esse non posse (Cic. Lael. 18; vgl. auch ebd. 28f. und 48ff). Ähnlich Cic. Lael. 100: virtus, virtus, inquam, C. Fanni et tu, Q. Muci, et conciliat amicitias et conservat. Wie Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 348 hervorhebt, bestimmt Laelius die boni im Hinblick auf ihre Verdienste um die res publica und stellt, aus der römischen Geschichte schöpfend, »einen Katalog von guten Bürgern und Verbrechern (boni bzw. improbi)« zusammen (Zitat ebd.). 694 Cic. Lael. 32: nam si utilitas amicitias conglutinaret, eadem commutata dissolveret; sed quia natura mutari non potest, idcirco verae amicitiae sempiternae sunt. (»Würde nämlich das Nützlichkeitsstreben Freundschaften knüpfen, dann würde es sie auch wieder auflösen, sobald sich eben darin eine Änderung ergeben hätte; weil aber angeborene Art keiner Wandlung unterworfen ist, deswegen sind wahre Freundschaften auch ewig.«) 695 Vgl. Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 351ff.; Suet. Caes. 72 sowie Jehne, Der Staat des Dictators, S. 228-250. Dass die clementia Caesaris als beneficium bezeichnet werden konnte, zeigt sich auch bei Valerius beispielsweise im Falle von 9,11,4. 696 Mit dieser deutlichen Kritik am caesarianischen Umgang mit Freundschaft sowie mit der Neukonstruktion der idealen amicitia-Beziehung wollte Cicero offensichtlich verhindern, dass diese oder vergleichbare Strategien nochmals zur Machterlangung genutzt würden. Doch zugleich lässt sich, wie Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 350ff. ausführt, seine Argumentation auch als Teil seines nach den Iden des März gestarteten Feldzuges gegen den toten Diktator und seine

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Die im Laelius skizzierte amicitia-Konzeption hatte jedoch weiterreichende Implikationen. Wie Gotter deutlich macht, zielte die von Cicero postulierte Anbindung der persönlichen Beziehungen an virtus und concordia darauf, in zentralen Bereichen stabile Allianzen zu erreichen. Angesichts der politischen Instabilität der Bürgerkriegszeit schätzte Cicero die traditionelle römische amicitia-Praxis mit ihren wechselnden Bündnissen offenbar als problematisch ein. Das hier entworfene Gegenkonzept teilt die politische Landschaft in klar definierte und vermeintlich stabile Lager, wie sie von Cicero in der Gegenüberstellung von boni und improbi bereits aus früheren Werken bekannt sind.697 Diese im Gegensatz zur traditionellen amicitia nicht mehr formale, sondern inhaltliche Bestimmung der Freundschaft im Sinne einer Rückbindung an virtus hatte zwei wichtige Konsequenzen. Zum einen führte sie dazu, dass »Konflikte tendenziell zur ethisch-moralischen Prinzipienfrage erhob[en]« wurden und eine totale politische Polarisierung zur Folge hatten. Da Cicero virtus mit dem Rückgriff auf die vorbildhaften exempla der römischen Geschichte definierte, bedeutete dies zum anderen die Projektion der zeitgenössischen Polarisierung auf die Vergangenheit: »Ciceros Dialog über die Freundschaft repräsentiert die Übertragung des Bürgerkriegs auf den geistigen Bereich. Im Laelius vollzieht sich eine normative Spaltung der Geschichts-, Exempla- und Normenwelt, ohne dass diese wieder in einem identitätsstiftenden Rahmen aufgehoben worden wäre.«698 In der Historiographie jener Zeit ist diese Polarisierung kein Einzelfall. Auch Sallust entwirft in seinen Werken ein grundsätzlich dichotomes Geschichts- und Gesellschaftsbild – zumindest was die Zeit der späten Republik betrifft. Die Zerstörung Karthagos, die seiner geschichtsphilosophischen Ansicht nach bekanntlich das Abgleiten Roms in Ausschweifung, Zank und Verfall zur Folge gehabt hatte, betrachtet Sallust als das Moment, mit dem das »Unwesen der Parteiungen und Cliquenbildungen und aller weiteren üblen Machenschaften« seinen Anfang genommen habe.699 Die Anhänger verstehen. Indem er im Laelius – am Beispiel des Gracchus – deutlich machte, dass einem Schurken (also Caesar) gegenüber keine Freundschaftspflicht bestand, sprach er die (zu einem guten Teil aus den Reihen früherer Freunde stammenden) Verschwörer gegen Caesar von dem Vorwurf der ingratia frei. Und mit dem Postulat, dass selbst ein Schurke sei, wer einen improbus unterstütze (Lael. 42), verurteilte Cicero all jene, die noch immer auf der Seite des toten Diktators standen und sich nicht seinem – Ciceros – Bündnis um die Caesarmörder anschlossen. 697 Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 348-353; vgl. hierzu auch Gotter, Diktator, S. 107130 und Moatti, La raison de Rome, S. 252-254. 698 Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 356. 699 Ceterum mos partium et factionum ac deinde omnium malarum artium paucis annis Romae ortus est otio atque abundantia earum rerum, quae prima mortales ducunt (Sall. Iug. 41). Hierzu und zum Folgenden s. Sall. Iug. 31; 41f.; 73; 84ff. und passim. Vgl. auch Sall. Cat. 36ff.,

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Spaltung der römischen Gesellschaft in Nobilität (nobilitas) und Volk (populus, plebs), die beide nur noch für ihre partikularen Interessen kämpften und dabei das Wohl der res publica aus den Augen verloren, bedeutete einen grundsätzlichen Wandel des römischen Herrschafts- und Regierungssystems. An die Stelle der traditionellen Senatsherrschaft trat nun – so die Wahrnehmung Sallusts – ein System von Parteiungen, das eine Gefahr für die Einheit und den Bestand des römischen Staates bedeutete. Sallusts Ausführungen über die Entstehung und den Charakter dieser Parteiungen (factiones) erinnern an Ciceros Definition der Freundschaft, und Sallust selbst zieht eine enge Verbindung zwischen diesen beiden Beziehungsformen: [...] quos omnis eadem cupere, eadem odisse, eadem metuere in unum coegit. sed haec inter bonos amicitia, inter malos factio est.700 Wenn aber die Grenzen zwischen amicitia und factio fließend sind, dann gewinnen amicitia-Bindungen eine erhebliche politische Brisanz – zumal die von Sallust angeführte Unterscheidung zwischen ›Guten‹ und ›Schlechten‹ ja an sich schon eine parteiengebundene Perspektive voraussetzt, wie insbesondere eine dem Catilina in den Mund gelegte Rede an seine Anhänger deutlich macht. Darin führt Catilina aus, dass er sein großes Unternehmen ohne ihre Freundschaft und Unterstützung wohl kaum in Angriff genommen hätte: sed quia multis et magnis tempestatibus vos cognovi fortis fidosque mihi, eo animus ausus est maxumum atque pulcherrumum facinus incipere, simul quia vobis eadem, quae mihi, bona malaque esse intellexi. nam idem velle atque idem nolle, ea demum firma amicitia est.701

Unter solchen Umständen musste amicitia eine Verfestigung der Parteiungen und der gesellschaftspolitischen Dichotomie bedeuten. Dass Sallust darin eine grundlegende Gefährdung für die res publica sah und amicitia dementsprechend negativ darstellte, ist leicht verständlich.702

bes. 37,10-11 und 38,1-4. Zum Stellenwert dieses Erklärungsmusters für das sallustianische Geschichtsbild s. Jacquemin, Salluste, S. 97ff. und passim, Koestermann, S. 781-800 sowie Syme, Sallust, S. 66ff. und S. 248ff.; vgl. La Penna, Sallustio, S. 53ff., S. 232ff. und passim. 700 »Dass sie alle dasselbe begehren, dasselbe hassen und dasselbe fürchten, hat sie alle zu einer Einheit zusammengeführt. So etwas heißt unter Guten Freundschaft, unter Schlechten aber Partei.« (Sall. Iug. 31,14ff.). Cicero hatte die Freundschaft als »vollkommene Übereinstimmung der Absichten, Interessen und Meinungen« bestimmt (Lael. 15). 701 »Weil ich euch aber schon in vielen schweren Stürmen tapfer und treu ergeben fand, deshalb habe ich es gewagt, ein ganz großes und herrliches Unternehmen zu beginnen, und auch deshalb, weil ich erkannt habe, dass euer Wohl und Wehe gleich dem meinen ist. Denn dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das ist ja erst feste Freundschaft.« (Sall. Cat. 20,3f.). 702 S. dazu seine zahlreichen ›Parteienexkurse‹ (Sall. Iug. 31,14ff. und 31,24; 40,2f. und passim; vgl. auch Sall. Cat. 10,5; 14,4; 16,4; 20,2-4; 24,4 und passim); Zum mos partium et factionum s. La Penna, Sallustio, S. 113ff. und passim; vgl. auch Jacquemin, Salluste, S. 98f.

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Das amicitia-Konzept war am Ende der späten Republik zu einem zentralen Bestandteil der innerrömischen Auseinandersetzungen geworden. Als Mittel des Parteienstreites verdammt (Sallust) oder als Instrument für die eigene Positionierung bzw. für die Ausgrenzung missliebiger – und zu echter Freundschaft angeblich unfähiger – Gegner genutzt (Cicero), kam amicitia im normativen Diskurs der Krisenzeit eine beachtliche Bedeutung zu. Für die Kaiserzeit, deren Ziel die Wiederherstellung einer gesellschaftlichen und politischen Einheit und somit auch die Überwindung eines parteiengebundenen Geschichtsbildes war, bildete diese Freundschaftskonzeption jedoch eine denkbar schlechte Grundlage. Wie wollte man amicitia – gerade in Bezug auf die späte Republik – bestimmen, ohne in eine Parteienperspektive abzugleiten? Wie sollte man vor dem Hintergrund der wohlbekannten Ausführungen von Cicero und Sallust mit den ›Freunden‹ eines Catilina oder eines Ti. Gracchus umgehen, ohne sie völlig auszublenden? Wie die folgenden Ausführungen zeigen werden, gelingt es Valerius mit Hilfe seines spezifischen amicitia-Konzeptes, einen sinnstiftenden Gesamtrahmen zu entwerfen, der auch problematische Akteure positiv integrieren und das gespaltene Geschichtsbild zu einer Einheit zurückführen kann.

5.4.3 Parteiengeschichte versus exemplum: Valerius und die Aufhebung der Dichotomie Dass Valerius den Laelius de amicitia kannte und mit den Werken von Sallust vertraut war, darf als wahrscheinlich gelten. Die beiden spätrepublikanischen Autoren genossen in der frühen Kaiserzeit große Bekanntheit, und ihre Werke bildeten wichtige potentielle Quellen für die Abfassung der Facta et dicta memorabilia.703 Es mag Zufall sein, dass das valerische Kapitel über die Freundschaft den gleichen Titel trägt wie Ciceros Dialog (De amicitia), doch es könnte sich auch um eine programmatische Bezugnahme auf das berühmte ciceronische Spätwerk handeln, der in diesem Falle jedoch eine eher abgrenzende Funktion zukam.704 Die grundlegend unter703 Zu Cicero und Livius als Quellen des Valerius s. oben Kapitel 1.1, bes. Anm. 25. Zum Verhältnis von Sallust und Valerius im Besonderen s. auch Jacquemin, Salluste, S. 102f. und passim, Bloomer, Valerius Maximus, S. 108ff. sowie Guerrini, Modelli salllustiani, S. 152ff., S. 158 und passim. 704 Dass Ciceros Laelius de amicitia Valerius bekannt war, nimmt auch Bloomer an (Bloomer, Valerius Maximus, S. 44f.). Für eine solche Bezugnahme spricht zudem das letzte Beispiel der valerischen amicitia-Rubrik (4,7,7), in dem er die Freundschaftspaare Laelius / Scipio und Augustus / Agrippa evoziert. Die sehr positive Darstellung unterscheidet sich grundlegend von den übrigen hier angeführten exempla, denn anstelle der Inszenierung von aufopfernden amicitiaHandlungen werden amicitia und benevolentia hier lediglich in abstrakter Form gepriesen. Da dieses Beispiel völlig aus dem Kontext des Kapitels herausfällt, ist zu vermuten, dass die Erörte-

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schiedlichen Aussagen, die sich den Facta et dicta memorabilia einerseits sowie den Werken von Cicero und Sallust andererseits entnehmen lassen, liegen nicht nur in der Darstellungsintention (und damit verbunden auch in den jeweiligen zeitgeschichtlichen Gegebenheiten), sondern ebenso in den jeweiligen Gattungsformen begründet. Dass die Gattungen exempla und Exemplasammlung mit einer spezifischen Perspektive auf die Vergangenheit verbunden sind, ist im Verlauf der vorliegenden Arbeit bereits mehrfach deutlich geworden.705 In vielen Fällen führt die semantische Reduktion historischer Ereignisse zu einer idealisierten Darstellung, die den historischen Kontext – wenn überhaupt – nur noch in Ausschnitten berücksichtigt. Indem Valerius amicitia in seinem Werk wieder als soziale Norm etabliert und in den Fokus nimmt, verliert die gerade beschriebene parteiengebundene Perspektive und mit ihr die extreme Dichotomisierung der Politik an Bedeutung. Zugleich setzt eine exklusive Fokussierung auf die soziale Norm voraus, dass die das sallustianische Geschichtsbild prägende ›Parteiengeschichte‹ und der die späte Republik durchziehende Freund-Feind-Diskurs (vgl. Kapitel 5.4.2) nicht mehr die zentralen Parameter der Vergangenheitsbetrachtung bilden.706 Wie die konkreten Formen der Konzentration auf amicitia als sozialer Norm vor dem gerade beschriebenen historischen Kontext zu deuten sind, soll im Folgenden genauer betrachtet werden. Bereits in der – außergewöhnlich langen und von Emphase geprägten – Einleitung (4,7 pr.) stimmt Valerius den Leser auf sein amicitia-Konzept ein. Ein Leben ohne amicitia wäre wüst und leer, denn gerade in schwierigen Zeiten müsse man auf die Hilfe oder zumindest den Trost der Freunde bauen können. Daher knüpfe sich auch die Erinnerung (memoria) der Nachwelt weitaus fester an die Namen derer, die ihren Freunden in der Not rung von amicitia – nicht zuletzt als Bezug auf das ciceronische Werk – einen Laelius gleichsam notwendigerweise einbeziehen musste, ob es nun thematisch passte, oder nicht. (Zu den genannten Personen s. auch die Anmerkung von Shackleton Bailey zu diesem Beispiel.) Dass die ciceronische amicitia-Konzeption der auf Tugend gegründeten Einigkeit Valerius bekannt war, zeigt sich auch im Beispiel 8,8,1 (De otio). Hier berichtet Valerius in enger Anlehnung an Cicero (de orat. 2,22) von der Freundschaft zwischen Laelius und Scipio, die sich auch dem Müßiggang gemeinsam hingaben und erwähnt unter anderem, dass diese nicht nur durch das vinculum amoris, sondern auch durch die Gemeinsamkeit der Tugenden vereint waren. Zwar kommt der Freundschaft auch hier ein hoher Stellenwert zu, doch ist die Einordnung der Episode in das Kapitel über otium bezeichnend: Für die valerische amicitia-Konzeption kommt diesem Beispiel offensichtlich keine direkte exemplarische Funktion zu. 705 Siehe etwa die Kapitel 1.1, 1.2, 4, und 5.3.2. Vgl. hierzu auch David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, bes. S. 122-130, sowie andere Beiträge in dem von David herausgegeben Band (David, Valeurs et mémoire à Rome) wie etwa Coudry. 706 S. hierzu auch Bloomer, Valerius Maximus, S. 155ff., S. 164f. mit Anm. 36 sowie S. 174f. und David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, S. 122ff.

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treu blieben, als an solche, die ihnen im Glück zur Seite standen. Als Beispiel fügt Valerius kein römisches, sondern ein griechisches exemplum an: Niemand spreche über die Gefährten des Sardanapallus, Orestes dagegen sei fast berühmter durch seine Freundschaft mit Pylades als dadurch, dass Agamemnon sein Vater war.707 Schon dieser Rekurs auf ein externes Beispiel – eine absolute Ausnahme im Rahmen einer Einleitung – macht deutlich, dass Valerius mit seiner Freundschaftskonzeption neues Terrain betritt.708 Anders als die traditionelle römische Freundschaft, aber auch anders als das von Cicero im Laelius skizzierte Konzept, ist amicitia hier nicht funktional auf das politische Leben hin bezogen,709 sondern – gleichsam dekontextualisiert – auf das Freundschaftsverhältnis als solches, das es selbst um den Preis größter Opfer zu schützen gilt. Das gesellschaftspolitische Umfeld ist im besten Falle unbedeutend, wenn nicht sogar bedrohlich – ähnlich, wie dies bereits im Zusammenhang mit amor und fides in der Ehebeziehung herausgearbeitet worden ist.710 Überhaupt lässt sich eine nicht unerhebliche Ähnlichkeit mit dem amor- bzw. fides-Konzept feststellen, die alle drei eingangs genannten Besonderheiten des valerischen amicitiaBildes betrifft.711 1. Wie die exempla amicitiae sind auch die Beispiele von amor und fides fast ausschließlich in die späte Republik, insbesondere in die Zeit der gracchischen Unruhen sowie in die Bürgerkriegswirren der 80er und der 40er Jahre des ersten vorchristlichen Jahrhunderts – also in die Zeit heftiger

707 nemo de Sardanapallui familiaribus loquitur, Orestes Pylade paene amico quam Agamemnone notior est patre, si quidem illorum amicitia in consortione deliciarum et luxuriae contabuit, horum durae atque asperae condicionis sodalicium ipsarum miseriarum experimento enituit. (4,7 pr.) 708 Dass der Hinweis auf die griechischen Freundschaftspaare von Valerius sehr bewusst vorgenommen wird, zeigt nicht zuletzt der Kommentar, mit dem er zum ersten Beispiel überleitet: sed quid externa attingo, cum domesticis prius liceat uti? (4,7 pr.). Auch in Ciceros Werk Laelius de amicitia werden Orestes und Pylades, die sich im Angesicht der Todesgefahr lieber selbst opfern wollen, um den Freund zu schützen, als exemplum amicitiae erwähnt (Cic. Lael. 24). Doch nicht umsonst betont Laelius den Fiktionscharakter dieser Erzählung. Dass er ein ›wirkliches‹ und dazu noch römisches exemplum in diesem Zusammenhang nicht nennen kann, ist kaum überraschend: Die von Valerius angeführten Beispiele hätten im Rahmen des ciceronischen amicitia-Konzeptes jedenfalls keinen Platz. 709 Zur politische Relevanz und Funktionalität von amicitia bei Cicero sowie im traditionellen amicitia-Konzept s. Kapitel 5.4.2 und Gotter, Cicero und die Freundschaft, der darauf hinweist, dass die von Cicero in diesem Zusammenhang hervorgehobenen Tugenden eine ausgeprägte politische Konnotation aufwiesen (ebd. S. 348). Auch hebt Laelius die Verbundenheit in »staatspolitische[n] und private[n] Sorgen« als zentrales Merkmal seiner Freundschaft mit Scipio hervor (Cic. Lael. 15: quocum mihi coniuncta cura de publica re et de privata fuit). 710 S. oben Kapitel 3.3.2.2. 711 Diese Ähnlichkeit betrifft in weiten Teilen nicht nur die Beispiele ehelicher Treue, sondern auch die exemplarische fides servorum, die im Kapitel 5.2.2 einer ausführlichen Untersuchung unterzogen worden ist.

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Factionenkämpfe – zu datieren. Mit Hilfe dieser chronologischen Fokussierung werden die Liebes-, Treue- und Freundschaftsbeziehungen als Räume definiert, die – gerade in Krisensituationen – Schutz oder zumindest Nähe bieten können. Die grundsätzlich negativ geprägte Erinnerung an die blutigen Bürgerkriege wird durch die geballte Kraft der hier inszenierten Aufopferung verdrängt. 2. Auch die Art der Unterstützung folgt in all diesen Episoden einem ähnlichen Muster: Sie wird von Valerius als zumeist hoch emotional bestimmter Akt beschrieben, der bis zur totalen Aufopferung der eigenen Person führen kann. Im Gegensatz zu den Exempeln von gratia oder ingratia handelt es sich dabei – der valerischen Darstellung zufolge – fast nie um eine Reaktion auf erhaltene Wohltaten,712 vielmehr erscheinen die unterstützenden Handlungen als gleichsam voraussetzungslose Treuebeweise, deren außergewöhnlicher Charakter der Nachwelt überliefert werden soll.713 Während Cicero den Freundschaftshandlungen in der Wahrung des eigenen Rufes eine Grenze setzt,714 werden diese Taten bei Valerius ausschließlich vor dem Hintergrund ihrer Freundes- bzw. ehelichen Treue beurteilt: Grundsätzlich falsch oder schlecht kann ein Verhalten, das im Hinblick auf dieses Kriterium lobenswert ist, demnach eigentlich nicht sein.715 3. Auch die bemerkenswerteste Besonderheit der exempla amicitiae zieht sich durch alle eben genannten, Loyalität inszenierenden Beispiele, wenngleich sie im amicitia-Kapitel rein quantitativ am stärksten präsent ist. Die positiv konnotierte Inszenierung von amicitia, amor oder fides gegenüber Personen, deren Handeln gegen das Wohl der res publica gerichtet war 712 Die einzige Ausnahme bildet das bereits mehrfach erwähnte Beispiel 4,7,5 (s. oben Kapitel 5.3.1, bes. Anm. 648, sowie Kapitel 5.4.1). 713 Die Bedeutung, die der Überlieferung (und somit der memoria) dieser Handlungen zugesprochen wird, zeigt sich exemplarisch in den valerischen Ausführungen zu dem bereits erwähnten (s. oben Kapitel 3.3.2.2) Beispiel 4,6,3. Valerius berichtet nicht nur, dass M. Plautius sich den Tod gab, als seine Frau gestorben war, sondern er hebt auch hervor, dass dem Ehepaar ein Grabmal errichtet worden sei, das man zu seiner – des Valerius’ – Zeit noch in Tarent sehen könne. Es werde Grabmal der zwei Liebenden (tw/n du,o filou,ntwn) genannt. Natürlich liegt die griechische Sprache in diesem Fall in dem spezifischen Ort – Tarent – begründet, aber dennoch ist es bezeichnend, dass ein solches eher unrömisches exemplum amoris coniugalis mit einer griechischen Bezeichnung in die Erinnerung eingegangen sein soll. 714 S. etwa Cic. Lael. 61: his igitur finibus utendum arbitror, ut, cum emendati mores amicorum sint, tum sit inter eos omnium rerum consiliorum voluntatum sine ulla exceptione communitas, ut, etiam si qua fortuna acciderit, ut minus iustae amicorum voluntates adiuvandae sint, in quibus eorum aut caput agatur aut fama, declinandum de via sit, modo ne summa turpitudo sequatur; est enim, quatenus amicitiae dari venia possit. Nec vero neglegenda est fama, nec mediocre telum ad res gerendas existimare opportet benevolentia benevolentiam civium. 715 Dies gilt in ganz ähnliches Weise für den mehrfach inszenierten Selbstmord von Ehemännern als Reaktion auf den Tod ihrer Frau (4,6,2-3): Obschon ihr Verhalten nicht nur niemandem nutzte, sondern potentiell sogar eine Gefahr für die res publica darstellte, deren Interesse aus dem Blick geriet, wird es von Valerius als positiv und lobenswert präsentiert.

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(und die in der Terminologie Ciceros demnach als improbi zu bezeichnen waren), setzt – wie gerade ausgeführt – eine Abkehr von der Parteienperspektive voraus. Erst wenn die Vergangenheit nicht mehr als dichotome Parteiengeschichte betrachtet, sondern unter dem Gesichtspunkt sozialer Werte behandelt wird, kann amicitia in der hier dargestellten absoluten Form Akzeptanz beanspruchen. Was in Ciceros politischer Betrachtungsweise als Katastrophe für die res publica gelten musste, wird für Valerius aus einer moralischen, auf personalisierte Werte bezogenen Perspektive zum lobenswerten exemplum.716 Diese Gemeinsamkeiten machen deutlich, dass sich die Facta et dicta memorabilia in weiten Zügen als sehr direkte Reaktion auf die historische Erfahrung der spätrepublikanischen Bürgerkriege verstehen lassen. Der normativen Spaltung der Geschichts-, Exempla- und Normenwelt, mit der Cicero auf die soziale und staatliche Krise reagiert hatte, setzt Valerius den Entwurf eines sinnstiftenden Gesamtrahmens entgegen, der auch konfliktuelle Situationen und Personen integrieren kann:717 Mit Hilfe der Konzentration auf allgemeingültige Normen wird die insbesondere von Cicero und Sallust hervorgehobene Dichotomie der Bürgerkriegszeit in einem gemeinsamen Erinnerungsraum aufgehoben. Wenn das valerische Werk sich somit im Hinblick auf die amicitiaThematik als eine Art ›Anti-Laelius‹ präsentiert, dann liegt das nicht einfach in einem unterschiedlichen Freundschaftskonzept begründet – hier ist die Diskrepanz lediglich besonders offensichtlich –, sondern auch in dem grundsätzlich unterschiedlichen Blick, den Cicero (wie auch Sallust) einerseits und Valerius andererseits auf die römische Vergangenheit werfen. Die Verschiedenheit der Perspektiven liegt dabei natürlich zunächst in den jeweiligen Intentionen der Autoren begründet, doch mindestens ebenso wichtig ist die Frage der Gattung: Die Entscheidung des Valerius, historische Bezüge mit dem Mittel des Exempels deutlich zu machen, ist mit grundsätzlichen Konsequenzen für das daraus entstehende Geschichtsbild verbunden. Welche weiteren Folgen diese Art der Vergangenheitsbetrachtung hat, werden die weiteren Ausführungen zeigen.

716 Dabei ist es kein Widerspruch, dass Valerius in anderen normativ-thematischen Kontexten auch das entgegengesetzte Verhalten positiv darstellen kann, wie ein Blick auf das bereits erwähnte Beispiel 6,3,1d (De severitate) zeigt. Unter dem Aspekt der Strenge ist es selbstverständlich, dass auch die familiares der Gracchen getötet wurden, damit niemand ein Freund eines Feindes der res publica sein wolle (ne quis rei publicae inimicis amicus esse vellet). Ähnliches gilt auch für die valerische Darstellung der in 6,4,4 (Graviter dicta aut facta) geschilderten Episode. 717 Vgl. auch Bloomer, Valerius Maximus, S. 48, S. 147-158 (bes. S. 154ff.) und passim.

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

5.5 Gratia statt Machtzuwachs? Die Entproblematisierung kollektiver Klientel Die Entproblematisierung kollektiver Klientel Wenn – wie die voranstehenden Ausführungen über die amicitiaVerhältnisse der späten Republik deutlich gemacht haben – Nahbeziehungen zwischen einzelnen Personen zuweilen ein erhebliches Problempotential enthalten konnten, auf das Valerius in spezifischer argumentativer Weise eingehen musste, so galt dies in noch größerem Umfang für die Bindung ganzer Gruppen von Personen an einzelne Aristokraten. Bekanntlich beruhte die aristokratische Herrschaft in Rom auf dem Grundsatz der Kompensierbarkeit von Macht und Prestige: Zwar konnten einzelne Aristokraten qua Amt und aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung zeitweise eine herausgehobene Machtposition einnehmen, doch dies war nur insofern akzeptabel, als eine solche Position einer zeitlichen Beschränkung unterlag und potentiell auch von anderen Adligen erlangt werden konnte. Mit der Wende zum zweiten vorchristlichen Jahrhundert geriet dieser zentrale Grundsatz aus verschiedenen Gründen ins Wanken.718 Zum einen erlangten einige große Feldherren aufgrund ihrer militärischen Erfolge außerordentlichen Ruhm, der nur schwer zu kompensieren war.719 Darüber hinaus gelang es einzelnen Aristokraten, ganze Gruppen von Personen im Sinne einer kollektiven Klientel auf sich zu verpflichten und sich damit dauerhaft eine herausragende Machtposition zu verschaffen.720 718 S. hierzu und zum Folgenden auch die Ausführungen von Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 296ff., der wohl zu Recht bereits die lex Claudia de nave senatorum von 218 v. Chr. als Ausdruck der schwindenden Homogenität der römischen Aristokratie betrachtet; s. hierzu auch Raaflaub, S. 255 und Baltrusch, S. 30ff. Vgl. auch Blösel, mos maiorum, S. 85f. und Gabba, Ricerche sull’esercito professionale romano, S. 183f. Das in das Jahr 203 v. Chr. zu datierende Beispiel 5,2,3 ist an der Grenze zu dem beschriebenen Wandel anzusiedeln und macht deutlich, dass es sich hier um eine graduelle Entwicklung handelte, deren Etappen sich nur partiell bestimmen lassen. 719 Wie Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 297f. deutlich macht, war die Kompensierbarkeit »vor allem vom Prinzip der Annuität garantiert« (ebd. S. 297), das im Zweiten Punischen Krieg immer häufiger aufgehoben wurde. Um gegen Hannibal zu bestehen, bekamen erfolgreiche Feldherren überdurchschnittlich häufig große Kommanden verliehen oder bereits bestehende verlängert, was faktisch die Herausbildung des »Typus des gewissermaßen semiprofessionellen Truppenführers« zur Folge hatte (ebd.; vgl. hierzu Stolle, S. 29ff. und passim). Im Zuge dieser Entwicklung wurde eine der notwendigen Voraussetzungen einer kompetitiven Kultur, auf die Hölkeskamp in einem jüngst erschienen Buch hingewiesen hat (Hölkeskamp, Rekonstruktionen einer Republik, S. 85-92, bes. S. 89-91), nämlich der Konsens über »Startbedingungen, Regeln und Ziele« der Konkurrenz um Macht und Einfluss, grundsätzlich in Frage gestellt (Zitat ebd. 91). 720 Die Bedeutung, die der Erweis von beneficia in diesem Zusammenhang spielte, wird in dem Bericht, den Sallust von Sullas Anfängen im Lager des Marius gibt, eindrücklich deutlich: Sulla habe den Soldaten viele beneficia erwiesen, selbst jedoch ungern welche erhalten. Er habe sich vielmehr darum bemüht, dass ihm möglichst viele verpflichtet waren (ad hoc milites benigne appellare, multis rogantibus, aliis per se ipse dare beneficia, invitus accipere, sed ea properantius

Die Entproblematisierung kollektiver Klientel

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Das bekannteste Beispiel ist in diesem Zusammenhang Marius, der mit der Einführung der Rekrutierung Besitzloser Neuland betrat. Da er seine Soldaten nach Beendigung eines Feldzuges mit Land versorgen musste, erwuchs ihm aus diesen Veteranen eine treu ergebene Gefolgschaft, die einen erheblichen Machtfaktor darstellte. In der Folgezeit bedienten sich insbesondere Sulla, Pompeius und schließlich Caesar in immer stärkerem Maße dieses politischen Machtinstrumentes, das damit zu einer wichtigen militärischen Grundlage für die Bürgerkriege in den letzten Jahrzehnten der späten Republik werden konnte.721 Die Brisanz dieser strukturellen Ungleichheit in der Machtposition einzelner Aristokraten war deutlich, und spätestens die großen militärischen Auseinandersetzungen am Ende der Republik hatten allen vor Augen geführt, welche Gefahr von dieser Art der kollektiven Verpflichtungsbeziehung ausging. Doch zugleich war die Rekrutierung capite censi gemeinsam mit der darauffolgenden Veteranenversorgung in den letzten Jahren der Republik zu einem geradezu selbstverständlichen Vorgehen geworden, und die kollektiven Klientelbindungen stellten somit eine wichtige Grundlage für den Aufstieg des ersten princeps dar. In der Kaiserzeit bildeten sie – insbesondere in Form der Verpflichtung des Heeres auf den jeweiligen Herrscher – ein legitimes Beziehungsmuster und einen wichtigen Bestandteil der Herrschaft.722 Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Valerius mit dieser nicht unproblematischen Thematik umgeht. Kollektive Klientelbindungen werden in den Facta et dicta memorabilia in neun Beispielen thematisiert, von denen die meisten in die Zeit nach dem

quam aes mutuom reddere, ipse ab nullo repetere, magis id laborare, ut illi quam plurumi deberent; Sall. Iug. 96,2); zur Funktionalität von beneficia im weiteren Sinne s. auch oben Anm. 695 und unten Kapitel 5.6.2 (s. etwa Anm. 747 zum Aufstieg Caesars). 721 Vgl. hierzu Raaflaub, S. 251ff., bes. S. 256 und passim, Gabba, Mario e Silla, S. 803 (zu Sulla), Heuß, S. 15f. (zu Marius und Sulla) und S. 21 (zu Pompeius) sowie Meier, S. 100-107 und S. 237-243; zur Rolle des Heeres in der späten Republik s. Erdmann; zum besonderem Charakter der Heeresklientel vgl. auch Gabba, Ricerche sull’esercito professionale romano, S. 184f. Zur Vorbildfunktion des Marius für Caesar vgl. Zecchini, S. 117ff. 722 Grundlegend sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Egon Flaig zur kaiserzeitlichen Monarchie als einem »Akzeptanz-System« (Flaig, Den Kaiser herausfordern, S. 174), das auf der spezifischen Beziehung des Kaisers zu den drei »maßgebliche[n] Sektoren« (ebd. S. 175) der politischen Gemeinschaft – die plebs urbana in Rom, der Senat sowie die römischen Bürgertruppen basierte (ebd. S. 12, S. 174-207 und passim). Die Bedeutung, die der Beziehung zwischen Heer und imperator zukam, wird im Kapitel III (ebd. S. 132-173) ausführlich analysiert. Zur Funktion und Bedeutung der Nahbeziehung zwischen Kaiser und Heer s. auch Raaflaub, S. 256-268, Brunt, Roman Revolution, S. 84, sowie Keppie, S. 132ff., S. 148f. und passim; vgl. Bringmann / Schäfer, S. 169-173. Die exklusive Verpflichtung des Heeres auf den Kaiser, die sich etwa in der dauerhaften Zuerkennung des praenomen imperatoris, in der Leistung des Diensteides auf den princeps oder in der Namensgebung der Veteranenkolonien zeigte (Raaflaub, S. 260, S. 265f. und S. 268), bildete eine das Militärwesen betreffende Besonderheit.

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

zweiten vorchristlichen Jahrhundert zu datieren sind.723 Trotz ihrer relativ geringen Zahl entwerfen diese exempla ein recht aussagekräftiges Bild, anhand dessen die langsame Herausbildung und Entwicklung der Massenklientel in mancher Hinsicht nachvollzogen werden können. Auch die zentrale Rolle, die Marius in diesem Zusammenhang einnimmt, wird hier deutlich. Zunächst ist auffällig, dass sich die hier zu besprechenden exempla sowohl durch ihre Handlungsträger als auch im Hinblick auf die chronologische Fokussierung in zwei Gruppen einteilen lassen. Während eine Hälfte der Episoden in der Zeit vor 146 v. Chr. spielt und unterschiedliche römische Feldherren als Akteure auftreten lässt, sind die übrigen – spätrepublikanischen – Beispiele durch eine mehr oder weniger ausgeprägte Präsenz von Marius charakterisiert. Eine gewisse Zäsur lässt sich auch auf der Ebene der Handlungen festmachen, die sich zunächst im Rahmen traditioneller römischer Verhaltensmuster bewegen. Erst mit dem Beginn der späten Republik treten problematische Handlungsweisen auf. Von den fünf vor 146 v. Chr. zu datierenden exempla beschäftigen sich zwei mit der gratia römischer Soldaten und Bürger gegenüber einem Feldherren, der sie aus einer schwierigen kriegerischen Lage bzw. aus der Sklaverei befreit hatte. Während Fabius (Maximus) die Legion des Minucius vor einer schweren Niederlage gegen die Samniten gerettet hatte (5,2,4), verdankten die 2000 römischen Bürger dem Flamininus ihre Freiheit, denn er hatte sie aus Gefangenschaft und Sklaverei in Griechenland befreit (5,2,6). Um ihrem Dank Ausdruck zu verleihen, folgen sie seinem Triumphwagen mit dem pilleus auf dem Kopf.724 Obschon das Vorgehen der imperatores nicht zu kritisieren ist und die gratia der Bürger lediglich eine notwendige Folge des erhaltenen beneficium war, konnte die hier beschriebene Art der Beziehung aufgrund der großen Anzahl der potentiellen Klienten faktisch bereits ein Problem für die aristokratische Gleichheit darstellen. Noch deutlicher wird dies in zwei anderen Beispielen, obschon hier nicht die gratia der Empfänger, sondern vielmehr die Großzügigkeit der Gönner – Africanus minor und wiederum Flamininus – im Mittelpunkt steht, die sich sogar an ganze Städte richtet.725 Dass einzelne römische Aristokraten in 723 Nur zwei sind vor das zweite vorchristliche Jahrhundert zu datieren (4,1,7 und 5,2,4), während zwei direkt in der Anfangsphase der oben geschilderten Entwicklung der kollektiven Klientel liegen und am Beginn des 2. Jh.s v. Chr. spielen (5,2,6 und 4,8,5). Drei exempla (4,1,7; 5,1,6 und 4,8,5) unterscheiden sich insofern von den übrigen hier zu besprechenden Episoden, als es sich um die Beziehung eines römischen Aristokraten nach außen handelt (s. unten Anm. 725). 724 Im anderen Fall (5,2,4) geht die gratia in erster Linie von Minucius selbst aus, der Fabius pater nennt und seine Legionen anhält, ihn als patronus zu grüßen (vgl. oben Anm. 128). Dennoch zeigt dieser Gruß in gewisser Weise auch die Dankbarkeit der Legionen selbst. 725 Africanus teilte den sizilianischen Städten nach der Stürmung von Karthago mit, sie könnten den Schmuck (ornamenta), der ihnen von den Puniern geraubt worden war, wiederbekommen – ein beneficium, so Valerius, das Menschen und Göttern gleichermaßen willkommen gewesen sei

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der Lage waren, ganzen Städten gegenüber humanitas bzw. liberalitas zu erweisen, deutet auf eine dominierende Position hin, die das Kriterium der Kompensierbarkeit von Macht und Einfluss kaum noch erfüllen konnte.726 Auch das wiederholte Auftreten des Flamininus, einmal als Empfänger von gratia, dann als Verteiler von liberalitates, sollte vor diesem Hintergrund zu denken geben. Dennoch ist die grundsätzliche Problematik dieser Beziehungskonstellation in der valerischen Darstellung in keiner Weise präsent: Valerius preist den Ruhm, der den Feldherren aufgrund der erwiesenen gratia zukommt und lobt die Freigiebigkeit der römischen imperatores – durch die Konzentration auf gratia und liberalitas wird die Brisanz ihres Vorgehens ausgeblendet. Die wichtigste inhaltliche Gemeinsamkeit der spätrepublikanischen Episoden liegt in der Thematisierung der strukturellen Entwicklungen, die das Heerwesen der späten Republik prägten und zu massiven Veränderungen in der Verteilung aristokratischen Einflusses führten. Alle exempla enthalten zumindest insofern problematische Handlungsmuster, als immer wieder Verstöße gegen überkommene Verhaltensweisen angesprochen werden. Mit Hilfe spezifischer Fokussierungen und Umdeutungen kann Valerius jedoch auch für diese Bereiche ein grundsätzlich positives Bild entwerfen.727 (5,1,6 De humanitate et clementia). 4,8,5 (De liberalitate) berichtet über die berühmte Episode des Jahres 197 v. Chr., als T. Quinctius Flamininus die griechischen Städte, die unter der Herrschaft Philipps gewesen waren, für frei und aller Abgaben enthoben erklärt. 726 Natürlich handelte es sich hierbei um ein Phänomen, dessen Entwicklung ihren Anfang bereits vor dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert genommen hatte und das einen notwendigen Bestandteil der aristokratischen Regierung und Verwaltung des wachsenden Herrschaftsbereiches bildete (vgl. hierzu ein weiteres – um 210 v. Chr. zu datierendes – Beispiel nach außen gerichteter Klientelbeziehungen (4,1,7 De moderatione), in dem das Verhalten des Marcellus gegenüber den Sizilianern in erster Linie unter dem Aspekt der moderatio beschrieben wird; s. zu dieser Thematik auch Meier, S. 36ff., S. 43ff. und passim). Als problematisch erwies sich jedoch das zunehmende Ausmaß an Wohltaten einerseits und Dank- bzw. Ehrerweisungen andererseits. In besonderem Maße galt das für Flamininus, der in Griechenland durch seine Freiheitserklärung für die griechischen Städte eine für römische Verhältnisse undenkbare Ehrenstellung erlangte. Wie Gotter, Die römische Rede über Hellas, S. 298 ausführt, fungierte die griechische Kultur hier als »Statuslieferant«, der als »exogener Faktor« in einem ohnehin schon durch Agon und schwindende Homogenität geprägten »endogenen Prozess« der gesellschaftlichen Entwicklung in Rom an Bedeutung gewinnen konnte (Zitate ebd.). 727 Nur in einem exemplum lässt Valerius die Problematik kollektiver Klientel durchscheinen, doch handelt es sich um einen besonderen Fall, der dem bisher entworfenen Bild nicht wirklich entgegensteht (9,15,1): Herophilus hatte sich als Enkel des Marius ausgegeben und war infolgedessen von zahlreichen Veteranenkolonien und Munizipien sowie von fast allen Kollegien als patronus ›adoptiert‹ worden. Anlässlich eines von Caesar gegebenen Festes grüßte die Menge ihn sogar beinahe ebenso begeistert wie Caesar selber. Wenn Caesar sich diesem Treiben nicht entgegengestellt hätte, so Valerius, wäre der res publica eine ähnliche Wunde zugefügt worden, wie im Falle des Equitius. Wie aus der Darstellung sowie dem Kontext des Kapitels ersichtlich wird, liegt die Problematik in diesem Fall weniger an dem Treueverhältnis an sich als vielmehr in der Person

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

Interessant ist zunächst, dass Valerius die Zäsur, die das von Marius neu eingeführte Rekrutierungssystem Besitzloser für die römische Gesellschaft darstellte, durchaus kontrovers diskutiert. Im Kapitel 2,3, das sich mit dem römischen Heerwesen beschäftigt, berichtet er, dass die Rekrutierung capite censi in Rom lange Zeit nicht notwendig und den römischen Bürgern auch suspekt gewesen sei. Erst Marius habe mit dieser lang geübte Gewohnheit gebrochen. Als Grund für das Vorgehen des Marius gibt Valerius dessen Herkunft an: Solange ein niedriger Stand im Heer mit Verachtung betrachtet wurde, habe er, der homo novus, fürchten müssen, als capite censi imperator verspottet zu werden. Zudem sei Marius der Tradition aufgrund seiner eigenen Neuheit (novitas) eher skeptisch gegenübergestanden.728 Die Verpflichtung, die diesen Rekruten gegenüber – insbesondere durch die spätere Belohnung mit Land – entstand, und die Gefahren bzw. Handlungsmöglichkeiten, die von einer solchen Heeresklientel ausgingen, werden von Valerius dagegen mit keinem Wort erwähnt.729 Dass dies nicht an mangelnder Einsicht der Zeitgenossen in die Problematik dieses Vorgehens liegt, sondern einem bewussten Verzicht auf eine politische und historische Analyse entspringt, macht der Blick auf die Überlieferung dieser Episode bei Sallust deutlich, der eine völlig andere Deutung anbietet: Die einen sagten, er habe das gemacht wegen Mangels an guten Leuten, andere, wegen der Konsulatsbewerbung, weil er von dieser Gruppe bejubelt und gefördert worden war und weil für einen Menschen, der die Macht sucht, gerade die Ärmsten die geeignetsten sind, denen ihr Eigentum nichts wert ist, da sie ja keines haben, und denen alles, was mit Geld zusammenhängt, schon als gut erscheint.730

des Herophilus, der seine Stellung durch reine Täuschung erhalten hatte. Für Marius selber, so darf man annehmen, wäre die Klientelbindung der oben genannten Gruppen völlig akzeptabel gewesen. 728 sed hanc diutina usurpatione formatam consuetudinem C. Marius capite censum legendo militem abrupit, civis aliquo magnificus, sed novitatis suae conscientia vetustati non sane propitius, memorque si militaris elegantia humilitatem spernere perseveraret, se a maligno virtutum interprete velut capite censum imperatorem compellari posse (2,3,1). 729 S. hierzu auch David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, S. 124. Auch im Falle von 8,6,2 beschränkt Valerius sich auf Darstellung und Kritik des marianischen Vorgehens, ohne die daraus erwachsenden Gefahren für das spätrepublikanische Machtverhältnis direkt anzusprechen: Als Saturninus versuchte, Sklaven zu seiner Unterstützung zu gewinnen, indem er ihnen die Freiheit in Aussicht stellte, habe Marius sich als großer Bürger erwiesen und Saturninus überwältig. Doch als später Sulla mit seinem Heer in Rom einfiel, da habe er selbst den pilleus ergriffen, um die Hilfe von Sklaven zu bekommen. Somit hatte er – und eben dies ist das Thema des Kapitels 8,6 – selber getan, was er zuvor bei einem anderen bestraft hatte. Zum Bild des Marius im valerischen Werk vgl. auch Carney, der ebenfalls darauf hinweist, dass Valerius die politischen Implikationen des marianischen Handelns zugunsten einer moralischen Beurteilung in den Hintergrund drängt (ebd. S. 336 und passim.) 730 id factum alii inopia bonorum, alii per ambitionem consulis memorabant, quod ab eo genere celebratus auctusque erat et homini potentiam quaerenti egentissimus quisque opportunissi-

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Am eindrucksvollsten zeigt sich das Ausblenden der problematischen Aspekte jedoch in einem anderen Beispiel, in dem wiederum Marius die Hauptrolle spielt: Entgegen den Bestimmungen des Bündnisses gab er zwei Kohorten aus Camertes das Bürgerrecht, weil sie mit bewundernswerter Tapferkeit gegen die angreifenden Kimbern gekämpft hatten. Er entschuldigte seine Handlung mit der Bemerkung, er habe im Klirren der Waffen die Worte des ius civile nicht gehört (5,2,8). In der Tat, so kommentiert Valerius, sei es in jenen Zeiten wichtiger gewesen, die Gesetze zu verteidigen, als auf sie zu hören.731 Dass Valerius die Konsequenzen, die mit der Erteilung eines so großen beneficium durch einen Einzelnen verbunden waren, nicht erwähnt, ist an sich schon erstaunlich, doch ein Blick auf die ciceronische Version dieser Episode zeigt, dass spezifische Darstellungsintentionen auch bei anderen Autoren zum Ausblenden dieses problematischen Aspektes führen konnten.732 Wirklich bemerkenswert sind jedoch sowohl die valerische Beurteilung dieser Episode – er bezeichnet das Handeln des Marius als hervorragend (praecipuus) und überaus mächtig (praepotens), seine Entschuldigung als wahr und vortrefflich (vere et egregie) – als auch die Einordnung des Beispiels in den Kontext des gratia-Kapitels. Denn im Gegensatz zu den zuvor besprochenen exempla gratiae betrachtet Valerius hier nicht die zu erwartende Dankbarkeit der Camertiner, die im Sinne der kollektiven Klientel zur Verstärkung der strukturellen Ungleichheit unter den Aristokraten beitragen würde. Vielmehr bestimmt er gratia als zentrale Motivation, die Marius zu seinem Vorgehen gedrängt habe. Damit ordnet er das eigentlich unerhörte Verhalten in den Kontext traditioneller römischer Handlungsmuster ein und trägt auch auf diese Weise zu einer Entproblematisierung dieser Episode bei.

mus, quoi neque sua cara, quippe quae nulla sunt, et omnia cum pretio honesta videntur (Sall. Iug. 86,2f.). 731 quod quidem factum vere et egregie excusavit dicendo inter armorum streptium verba se iuris civilis exaudire non potuisse. et sane id tempus tunc erat quo magis defendere quam audire leges oportebat (5,2,8). S. zu dieser Episode auch Erdmann, S. 122f. 732 Cicero verwendet diese Episode in seiner Rede Pro Balbo (46ff.) als Beispiel dafür, dass man einen Vertrag (foedus) unter bestimmten Umständen übergehen könne, und er rekurriert dabei zunächst auf das Wissen von ›Praktikern‹, das dem juristischer ›Theoretiker‹ zuweilen überlegen sei (Cic. Balb. 45). Marius sei sich der rechtlichen Umstände durchaus bewusst gewesen, doch kein Vertrag habe ihn daran hindern können, ausschließlich zum Wohle des Staates zu handeln (sibi non fuisse dubium quin nullo foedere a re publica bene gerenda impediretur). Wieder zeigt sich die Flexibilität der ciceronische Argumentationsweise, für die der Legalitätsaspekt notfalls hinter grundsätzlicheren Begründungsmustern (wie hier das Staatswohl) zurücktreten konnte (vgl. auch oben Kapitel 2.3.4.2 zu seiner Argumentation mit dem ius naturae). Auch Plutarch führt diese Episode in seiner Biographie des Marius an, hebt jedoch die problematischen Aspekte des marianischen Verhaltens deutlicher hervor (Plut. Mar. 28).

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

Die Thematik kollektiver Klientelbeziehungen, die als ein zentrales Strukturproblem der späten Republik gelten muss, ist in den Facta et dicta memorabilia somit zwar faktisch in acht wichtigen Beispielen präsent, sie wird von Valerius jedoch praktisch nie als solche dargestellt. Zwar scheinen die brisanten Konsequenzen, die aus der Verpflichtung ganzer Gruppen von Personen auf einzelne Vertreter der regimentsfähigen Schicht erwachsen konnten, in mehreren Beispielen auf, und auch die Gefährdung der aristokratischen Gleichheit tritt durch die extreme Konzentration des exemplarischen Personals deutlich zu Tage – Marius tritt viermal auf, in zwei weiteren exempla ist Flamininus der zentrale Akteur. Dennoch gelingt es Valerius, durch die Fokussierung bzw. Umdeutung der dargestellten Handlungen von den problematischen Aspekten zu abstrahieren. Die Einordnung problematischer Episoden in den Rahmen positiv konnotierter Kapitel ermöglicht eine sinnstiftende Neustrukturierung des Erinnerungsraumes.

5.6 Der Umgang mit Konflikten und das Ideal der moderatio Der Umgang mit Konflikten Während bisher – abgesehen von der ingratia-Thematik – meist von positiven und unterstützenden Nahverhältnissen die Rede war, soll das Augenmerk nun auf die konfliktuellen Beziehungen gerichtet werden, die im valerischen Werk in unterschiedlichen Kontexten thematisiert werden. Bemerkenswert ist, dass Valerius Konflikte und Feindschaften (inimicitiae) nicht notwendig als Problem betrachtet – seine Einschätzung hängt vielmehr davon ab, wie mit konfliktuellen Situationen umgegangen wird und welche Konsequenzen damit verbunden sind. Anhand dieses Kriteriums lassen sich die hier dargestellten Konfliktverhältnisse in unterschiedliche Handlungsmuster einteilen.733 Problematisch sind der valerischen Darstellung zufolge insbesondere zwei Bereiche:734 Zum einen die bereits behandelte ingratia, die sich in den Facta et dicta memorabilia nicht auf die ›einfache‹ Nichterfüllung einer 733 Epstein weist in seiner ausführlichen Untersuchung der »personal enmity in Roman politics« darauf hin, dass sich der Begriff der inimicitiae – ähnlich wie amicitia (s. oben Kapitel 5.4.2) – einer eindeutigen und engen Definition entziehe. Einerseits umfassten inimicitiae ein breites Spektrum an Handlungs- und Verhaltensweisen, doch andererseits sei durchaus nicht jede Form der Abneigung oder des Hasses als inimicitiae zu bezeichnen (ebd. S. 1ff.). Angesichts dieser begrifflichen Offenheit erscheint es sinnvoll, die folgende Untersuchung an den konkreten Konfliktformen zu orientieren, die in den Facta et dicta memorabilia thematisiert werden. 734 Eher selten erwähnt Valerius inimicitiae ohne weitere Problematisierung, wie etwa in 1,7,5 (De somniis), 3,8,5 (De constantia) sowie 8,7,1 (De studio et industria). Auch das bereits ausführlich erörterte Beispiel 6,8,3 (De fide servorum) lässt sich in keine der beiden im Folgenden angeführten Kategorien einordnen – die inimicitiae-Thematik wird dort in der Inszenierung der fides servorum aufgehoben.

Der Umgang mit Konflikten

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gratia-Erwartung beschränkt, sondern – wie die Ausführungen im Kapitel 5.3.2 gezeigt haben – in allen Fällen die Form eines grundsätzlichen Konfliktes annimmt. Das zweite problematische Handlungsfeld umfasst die konfliktuellen Affekthandlungen, die vor allem im letzten Buch des valerischen Werkes thematisiert werden, das sich – im Gegensatz zu den ersten acht Büchern – mit mala exempla und der Darstellung von Lastern beschäftigt. Die Konflikte, die Valerius in diesem Zusammenhang anspricht, sind in allen Fällen die Folge eines Affektverhaltens und erscheinen als solche zunächst ebenfalls unauflösbar. Die exempla illustrieren die Formen und Konsequenzen, die dieses affektgesteuerte Handeln haben konnte.735 In der scheinbaren Unauflösbarkeit dieser Konfliktmuster liegt zugleich der Schlüssel zur valerischen Idealvorstellung im Umgang mit konfliktuellen Beziehungen, die er in mehreren Kapiteln direkt und indirekt in Szene setzt und in deren Zentrum die Überwindung von affektgeleitetem Handeln steht. Zum einen macht er im Zusammenhang mit der Behandlung von moderatio (4,1), iustitia (6,5) und humanitas (5,1) deutlich, dass inimicitiae nicht notwendig die Form einer existentiellen Bedrohung annehmen mussten. Um dies zu verhindern genügt es, dass Feindseligkeit mit Hilfe mäßigender, Affekthandeln entgegenwirkender Verhaltensweisen innerhalb bestimmter Grenzen gehalten wird. Zum anderen widmet er, in expliziter Anlehnung an die moderatio-Thematik, ein ganzes Kapitel der Überwindung von inimicitiae, die als besonders rühmenswert dargestellt wird (4,2). Auffällig ist, dass einem für die römische Gesellschaft zentralen Konfliktfeld, der inneraristokratischen Konkurrenz, nur wenig Raum gegeben wird. Obgleich die Mehrzahl der konfliktuellen exempla nach der Wende zum zweiten vorchristlichen Jahrhundert zu datieren ist – eine Zeit also, die in besonderer Weise durch die zentrifugale Dynamik des Kampfes um Macht und Prestige geprägt war –,736 weisen Themen wie aemulatio und invidia eine sehr geringe Präsenz auf und werden zudem nur selten als problematisch dargestellt. Wie sich dieser Befund in das valerische Werk einordnen lässt, wird im Rahmen der folgenden Ausführungen zu erörtern sein.

735 S. etwa Kapitel 9,1 (De luxuria et libidine), 9,2 (De crudelitate) oder 9,3 (De ira et odio). Nur in wenigen Fällen werden Konflikte nicht als Resultat einer Affekthandlung dargestellt. So erscheint etwa der Konflikt in 9,12,4 (De mortibus non vulgaribus) als Folge des Bürgerkrieges (87 v. Chr.), wird aber durch den Kapitelkontext sogleich auf eine andere Ebene gehoben. In 9,13,2 (De cupiditate vitae) verzichtet Valerius ganz auf die Anführung eines auslösenden Motivs und konzentriert sich ganz auf die Folgen des Konfliktes. 736 S. dazu die Ausführungen im Kapitel 5.5 sowie Blösel, mos maiorum, S. 85f. und Beck, Ruhm, S. 83. Epstein weist darauf hin, dass Ehrgeiz und der Wettstreit um Macht und Einfluss zu den wichtigsten Auslösern von inimicitiae gehörten (Epstein, S. 12f. und S. 48ff.).

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

5.6.1 Die Inszenierung von Konflikten als Folge von Affekthandlungen Einer der Schwerpunkte konfliktueller Interaktionen liegt im neunten Buch der Facta et dicta memorabilia, das sich fast ausschließlich mit der Inszenierung tadelnswerter Verhaltensweisen – wie cupiditas, luxuria oder avaritia – beschäftigt.737 Allen hier dargestellten Beispielen ist gemeinsam, dass nicht der Konflikt als solcher im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr die – meist sehr emotional beschriebene – Haltung, die zur Eskalation des Konfliktes führt oder diesen erst auslöst. Als besonders konfliktträchtig erweist sich in diesem Zusammenhang die Wut (ira), die sowohl Einzelne als auch ganze Gruppen römischer Bürger zu heftigen und übertrieben feindseligen Handlungen gegen einzelne, oft berühmte Aristokraten verleitet.738 In mehreren Fällen richtet sich das zornerfüllte Vorgehen dabei zugleich gegen das Wohl und die Interessen der res publica, was für die in ihrer Wut gefangenen Handelnden jedoch offensichtlich nicht von Bedeutung ist.739 Welche zentrale Rolle Valerius der ira zuschreibt, zeigt sich in seiner Kommentierung des sullanischen Handelns im Beispiel 9,3,8. Sulla habe doch wohl diesem Laster (sc. der ira) gehorchend das Blut vieler Menschen und schließlich auch sein eigenes vergossen. Der eigentliche Konflikt, der Kampf um Macht und Einfluss, gerät angesichts einer solchen Darstellung völlig aus dem Blick.740 737 Eine Ausnahme bilden die eher deskriptiven Kapitel 9,12 (De mortibus non vulgaribus) und 9,14 (De similitudine formae). 738 S. dazu die Beispiele 9,3,3-8. Während es sich in den ersten vier exempla um Taten ganzer Gruppen von Personen handelt – man darf vermuten, dass Gruppen dieser Art von Emotionalität besonders leicht zugänglich waren –, sind es in den beiden übrigen Einzelpersonen, Metellus (9,3,7) und Sulla (9,3,8). Zu dem in 9,3,4 thematisierten Konflikt zwischen iuniores und seniores vgl. auch Bettini, Die Erfindung der ›Sittlichkeit‹, S. 343-347. 739 Das gilt besonders für das zweigeteilte Beispiel 9,3,5, in dem berichtet wird, dass die Reiterei bzw. das Heer von so großem Zorn gegen ihre Führer Fabius bzw. Appius angetrieben waren, dass sie sich während einer Schlacht weigerten, das feindliche Heer zu verfolgen bzw. zu besiegen. Grund für ihren Zorn war bei Fabius dessen Eintreten gegen eine lex agraria. Im Falle des Appius richtete sich ihre Wut in erster Linie gegen dessen Vater, der den Senat geschützt und die Interessen der plebs behindert habe. Des Weiteren ist in diesem Zusammenhang auf das Verhalten des Q. Metellus in 9,3,7 hinzuweisen: Er hatte als Konsul und Prokonsul beide Hispaniae fast vollständig unterworfen, als er hörte, dass Q. Pompeius, sein Feind, ihm als Nachfolger geschickt werden sollte. Daraufhin entließ er alle Soldaten, die den Dienst quittieren wollten, gewährte anderen Freigang, ohne einen Termin für die Rückkehr festzulegen, und brachte das Lager durch weitere Maßnahmen in einen desolaten Zustand. Sein Verhalten rief große Missbilligung hervor. Obschon Epstein, S. 15f., zu Recht annimmt, dass die Missbilligung in dem Schaden begründet lag, den die res publica erlitt, gilt es zu berücksichtigen, dass Valerius den Akzent auf die Problematik der Affekthandlung legt. 740 In ähnlicher Weise gilt dies auch für das Vorgehen des Q. Metellus (9,3,7, s. oben Anm. 739), dem sein Nachfolger und Konkurrent Q. Pompeius so verhasst ist, dass er lieber seine eigenen Triumphe zunichte macht, als dem Widersacher Erfolge zu gönnen. Vgl. auch 9,5,4 (De superbia et impotentia). Im Falle von 9,11,4 (Facta improba aut dicta scelerata) steht ebenfalls

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Vergleichbare Fälle finden sich auch in anderen Kapiteln dieses Buches, wenn etwa das Wüten von Marius und Sulla in erster Linie als Ausdruck ihrer crudelitas dargestellt wird (9,2,1-2). Wieder zeigt sich die Bedeutung der exemplaspezifischen Form von Vergangenheitsbetrachtung, da Valerius den Fokus durch die Abkehr von der Parteienperspektive (vgl. Kapitel 5.4.2 und 5.4.3) ganz auf die Diskussion von (in diesem Falle negativen) Wertvorstellungen legen kann, ohne sich in detaillierter Weise mit den konkreten Konflikten und ihren Ursachen auseinandersetzen zu müssen. Insbesondere für die zahlreichen der Bürgerkriegszeit entstammenden exempla hat dieses Vorgehen den Vorteil, dass Valerius Kritik üben kann, ohne in diesem brisanten Bereich zugleich (partei-) politisch Position zu beziehen. Durch die Einordnung der unterschiedlichen Konfliktsituationen in die jeweiligen Rubriken von vitia, wird anstelle einer auf das politische System bezogenen Analyse eine personale und moralische Beurteilung vorgenommen. Auf diese Weise werden die Konflikte kritisierbar und damit behandelbar gemacht, zugleich erscheint angesichts der hier skizzierten Eskalation von Affekten bereits eine Möglichkeit zur Lösung dieser und vergleichbarer Konflikte am Horizont: Wenn man spannungsreiche Beziehungen nicht verhindern kann, dann sollte man zumindest versuchen, die eigenen Affekte in gewissen Grenzen zu halten.

5.6.2 moderatio, iustitia, humanitas: Die ›gezähmte‹ Feindschaft Wie bereits bei der Beschäftigung mit der Vater-Sohn-Beziehung deutlich geworden ist, hat Valerius sehr klare Vorstellungen vom idealen Umgang mit konfliktuellen Situationen. Soweit sie nicht ganz vermieden oder überwunden werden können, gilt es, sie durch (Selbst-) Kontrolle zu mäßigen und in gewissen Grenzen zu halten.741 Dieses Postulat lässt sich in ganz ähnlicher Weise im Zusammenhang mit den übrigen Nahbeziehungen festmachen, deren Konfliktpotential, die Feindschaft (inimicitiae), außerhalb des eben besprochenen neunten Buches fast ausschließlich in einigen charakteristischen Kapiteln – 4,1 (De moderatione), 6,5 (De iustitia) sowie 5,1 (De humanitate et clementia) – erörtert wird.742 affektgeleitetes Verhalten im Mittelpunkt, doch wird es dort nicht bereits durch den Kapitelkontext inhaltlich definiert (ähnlich 9,11,2). 9,1,4 (De luxuria et libidine) thematisiert zwar nicht direkt affektbegründetes Verhalten, doch auch dort wird ein aristokratischer Wettstreit (zwischen Cn. Domitius und L. Crassus) durch die Reduktion auf die luxuria-Problematik aufgefangen. 741 S. dazu oben die Ausführungen in den Kapiteln 2.3.3 und 2.3.4. 742 Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang das im weiteren näher zu besprechende Kapitel 3,7 (De fiducia sui) zu nennen, das jedoch eine etwas andere Gewichtung aufweist. Strukturell verschieden ist das bereits ausführlich besprochene Beispiel 5,4,6 (De pietate erga parentes),

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Im Zentrum stehen in allen Fällen berühmte Protagonisten, die von Valerius explizit als Feinde (inimicus, hostis) bezeichnet werden – eine Feindschaft, die sich in konkreter kriegerischer Auseinandersetzung, in gerichtlichen Anklagen oder sonstiger politischer Gegnerschaft äußern konnte, und die von Valerius nicht grundsätzlich problematisiert wird.743 Seine Darstellung setzt an Punkten ein, an denen außergewöhnliche Ereignisse die jeweiligen Beziehungen in einer neuen und besonderen Weise auf die Probe stellen. Die Reaktion seiner Protagonisten macht deutlich, dass es auch im Rahmen feindschaftlicher Verhältnisse eine Art von Verhaltenskodex gab, der selbst angesichts eines hohen Konfliktpotentials ein akzeptables – und für den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft wohl grundlegendes – Miteinander ermöglichen sollte. Dies galt zum einen für das Verhalten nach dem Tod eines Widersachers. Unabhängig davon, wie erbittert die Auseinandersetzungen zu Lebzeiten waren, erscheint es der valerischen Darstellung zufolge als ein Gebot von moderatio und humanitas, den Toten gebührende Ehre zu erweisen. In deutlichem, wenngleich nicht explizit gemachtem Gegensatz zur oben erörterten crudelitas eines Sulla, der nicht einmal die Asche des Marius in ihrer Totenruhe respektiert,744 inszeniert Valerius die clementia und humanitas von Caesar und Antonius, die im Angesicht des getöteten Cato bzw. Brutus ihren Hass vergessen und sich mit ganzem Einsatz um eine ehrenvolle Bestattung der toten Feinde bemühen.745 Die Abgrenzung vom tadelnswerten Verhalten der übrigen Bürgerkriegsteilnehmer erscheint offensichtlich. Nicht weniger eindrucksvoll ist die moderatio des Metellus Macedonicus, der nach dem Tod seines erbitterten Feindes Scipio Africanus nicht nur seine Söhne auffordert, dessen Bahre zu tragen, sondern sogar die ehrenvolle Bemerkung hinzufügt, sie würden diesen Dienst (officium) wohl nie für das die Besiegung von inimicitiae durch eine pietas-Handlung des Gegenübers thematisiert. Der einzige Fall einer direkten Inszenierung der inimicitiae-Problematik, das Kapitel 4,2 (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine) wird dagegen das Thema des folgenden Kapitels (5.6.3) sein. 743 Während die beiden iustitia-exempla das Verhalten in Gerichtsprozessen zum Thema haben (6,5,5-6), inszenieren die Beispiele des Kapitels De humanitate et clementia Episoden aus den Bürgerkriegen der 40er Jahre (5,1,10-11). 4,1,8 und 4,1,12 (De moderatione) thematisieren allgemeine politische Antagonismen – in 4,1,12 als aemulatio virtutis bezeichnet –, die ebenfalls existentielle Formen annehmen konnten. 744 9,2,1; s. dazu auch oben Kapitel 5.6.1 sowie hierzu und zum Folgenden Epstein, S. 25. 745 5,1,10 und 5,1,11. Das im Rahmen der Verwandtschaftsbeziehungen ausführlich erörterte Beispiel 5,1,10 (s. oben Kapitel 3.6.2, besonders Anm. 584) weist sogar einen stark emotionalen Aspekt auf. Caesar, so Valerius, habe seine Feindschaft vergessen, sei wieder zum Schwiegervater geworden und habe sogar Tränen für Pompeius vergossen. Weniger emotional, aber gleichwohl ehrenvoll, ist die gleich im Anschluss daran geschilderte Reaktion Caesars auf den Tod Catos: er sagte, dass sie sich gegenseitig um ihren Ruhm (gloria) beneidet hätten, und er bewahrte Catos patrimonium unversehrt für dessen Kinder auf.

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einen größeren Mann leisten können.746 Dass sein Verhalten in das Kapitel über moderatio eingeordnet wird, die Haltung Caesars dagegen unter den Stichworten humanitas und clementia, deutet trotz der Konstanz der Ehrerweisung auf den Wandel hin, den die aristokratischen Beziehungen in einem knappen Jahrhundert durchlaufen hatten: Während Metellus einem ebenbürtigen Kontrahenten die ihm gebührende Ehre erweist, erscheint das Vorgehen Caesars in erster Linie als Ausfluss seiner Überlegenheit – nicht umsonst stellte die sprichwörtliche clementia Caesaris ein wichtiges Element seines Aufstiegs dar.747 Doch nicht nur Toten gegenüber galt es, bestimmte ›Regeln‹ einzuhalten, auch zu Lebzeiten waren der Feindschaft – zumindest idealiter – Grenzen gesetzt. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür liefert Valerius, noch einmal im moderatio-Kapitel, mit der Beschreibung der spannungsreichen Beziehung zwischen Ti. Gracchus und den Scipionen (4,1,8). L. Scipio, der nicht für die Bezahlung einer Strafe garantieren kann und von den Konsuln mit dem Gefängnis bedroht wird, appelliert an die Volkstribunen, unter denen sich auch Gracchus befindet – doch diese weigern sich, ihm zu helfen. Daraufhin verfasst Gracchus alleine ein Dekret, von dem alle annehmen, es werde voller feindlicher Bemerkungen sein. Bevor er sein Dekret verliest, versichert Gracchus zudem, dass er sich in der Zwischenzeit keinesfalls mit den Scipionen versöhnt habe, doch zum allgemeinen Erstaunen enthält das Dekret eine Verteidigung seines Widersachers. Seine moderatio befähigt Gracchus trotz der Feindschaft nicht nur zu der Einsicht in die besondere Stellung des Scipio, sondern auch zu einer expliziten und öffentlichen Würdigung seines Feindes.748 746 idem filios suos monuit ut funebri eius lecto umeros subicerent, atque huic exsequiarum illum honorem vocis adiecit, non fore ut postea id officium ab illis maiori viro praestari posset (4,1,12). Zuvor hatte Metellus bereits die Bürger aufgefordert, den Tod dieses großen Mannes zu betrauern. 747 S. dazu auch oben Kapitel 5.4.2; vgl. auch den berühmten Vergleich zwischen Caesar und Cato, den Sallust in einem Exkurs zur Catilinae coniuratio ebenso kurz wie prägnant anführt (Sall. Cat. 53,6-54,6). 748 Eine besondere Art von moderatio zeigt sich im Falle von 8,5,1 (De testibus). Hier wird deutlich, dass es unter bestimmten Umständen für richtig erachtet werden konnte, einen Angeklagten, der durch die Aussagen berühmter Zeugen belastet wurde, freizusprechen, um den Eindruck zu vermeiden, er sei alleine aufgrund der Macht und des Ansehens des Zeugen verurteilt worden (s. zu dieser Thematik umgekehrt das Beispiel 6,2,4). Während Cicero in seiner Darstellung dieser und der beiden darauf folgenden Episoden (8,5,2-3) in erster Linie auf die inimicitiae und cupiditas der Zeugen hinweist, welche die Richter nicht als Grundlage einer Verurteilung akzeptieren wollten – Cicero verwendet diese Episoden als Beispiele für Zeugen, die aufgrund ihrer offenkundigen Feindseligkeit gegenüber dem Angeklagten als nicht glaubwürdig gelten (Cic. Font. 23-26) –, führt Valerius keine direkten, etwa in Feindseligkeit oder Neid liegenden Gründe für das Handeln der Zeugen an, sondern begnügt sich mit einer eher deskriptiven Darstellung. In den drei letzten, stärker wertenden Beispielen (8,5,4-6) deuten seine Kommentare sogar umgekehrt darauf hin, dass hoher dignitas und auctoritas von Zeugen grundsätzlich Respekt gebühre. Die Gründe

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Neben der moderatio konnte auch der Sinn für Gerechtigkeit verhindern, dass Feindschaft bis zum äußersten getrieben wurde. Anhand der exempla 6,5,5 und 6,5,6 illustriert Valerius das Verhalten zweier Ankläger, Cn. Domitius und L. Crassus, die sich in erbitterter Feindschaft mit den Angeklagten, M. Scaurus und Cn. Carbo, befanden und auf deren Untergang hinarbeiteten. Als jedoch Sklaven des Scaurus bzw. Carbo anboten, ihnen weiteres Belastungsmaterial zu beschaffen, da wiesen beide ein solches Ansinnen von sich. Valerius expliziert ihr Verhalten am Beispiel des Domitius: Dieser sei zugleich ein Feind (inimicus) und ein Sklavenhalter (dominus) gewesen und habe die Informationen daher aus unterschiedlichen Perspektiven abgewogen. Doch sein Gerechtigkeitssinn habe die Oberhand über den Hass gewonnen, und so habe er seine Ohren verschlossen und den Informanten sogar zu Scaurus bringen lassen.749 Hier wird deutlich, was bereits die Beschäftigung mit der Stellung der Sklaven in der römischen Gesellschaft (Kapitel 5.2.1) gezeigt hatte: Die Aristokraten bildeten, allen inneren Zwistigkeiten zum Trotz, eine geschlossene Gruppe, deren Einheit zumindest nach außen hin in jedem Falle gewahrt werden musste. Somit war dem hier unter dem Stichwort der Gerechtigkeit illustrierten Abgrenzungsmechanismus zweifelsohne eine stark integrierende Funktion zuzusprechen.750

für ihre belastenden Aussagen werden hingegen auch hier kaum erwähnt. Feindseligkeit ist für Valerius in diesem Zusammenhang offensichtlich kein zentrales Thema. 749 erat in eodem pectore inimicus [et Domitius] et dominus diversa aestimatione nefarium indicium perpendens. iustitia vincit odium: continuo enim, et suis auribus obseratis et indicis ore clauso, duci eum ad Scaurum iussit. Wie Shackleton Bailey in der Loeb-Edition deutlich macht, ist diese Stelle aufgrund einer Verderbtheit nicht eindeutig, was sich in unterschiedlichen Lesarten der übrigen Herausgeber und Übersetzer äußert. Während sich Combès in der BudéAusgabe für die Wiedergabe und Übersetzung aller drei Elemente entscheidet (»Ainsi le même homme se trouvait être l’ennemi , s’appeler Domitius, et posséder les esclaves«; s. auch seine Anmerkung zu diesem Beispiel), führt Briscoe in der Teubner-Ausgabe dominus lediglich als Variante in einer Anmerkung auf. Faranda lässt dominus sogar ohne weiteren Hinweis wegfallen. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ist diese Version problematisch, da die Konfrontation der Feindesrolle mit der Person des Domitius weniger aussagekräftig ist, als die der beiden Rollen »Feind« und »Sklavenhalter«. Sowohl Hoffmann als auch Shackleton Bailey haben sich für die dominus-Variante entschieden, was – wie die oben angeführte Deutung gezeigt hat – auch im Hinblick auf die Interpretation der valerischen Intention eine hohe Plausibilität beanspruchen kann. Im darauffolgenden Beispiel (6,5,6) lässt Crassus einen verräterischen Sklaven ebenfalls zu seinem Herrn zurückschicken. 750 Die Bedeutung der Solidarität wird auch im Beispiel 6,5,3 deutlich. Dass prinzipiell ein gewisses Grundvertrauen in die Rechtmäßigkeit des aristokratischen Miteinanders vorhanden war, zeigt sich ebenfalls, wenngleich von Valerius so nicht direkt intendiert, in einigen exempla des Kapitels 3,7 (De fiducia sui), in denen er das selbstsichere Verhalten einiger Aristokraten inszeniert. Diese waren angesichts der Anklage oder der Verdächtigung von Seiten eines Feindes ihrer Unschuld und Unanfechtbarkeit so gewiss, dass sie die Widersacher praktisch dazu einluden, ihnen ein Fehlverhalten nachzuweisen und ihnen somit zu schaden. So forderten P. Furius Philus

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Ähnlich wie bei den im vorangehenden Kapitel behandelten Affekthandlungen blendet Valerius die Ursache der Konflikte auch in den hier beschriebenen Episoden fast vollständig aus. Nur in zwei Fällen bietet er Erklärungen, die insofern bemerkenswert sind, als sie einen Bereich betreffen, den Valerius in seinem Werk nur ganz am Rande erwähnt – dabei handelte es sich, zumindest für die Zeit nach 200 v. Chr., wohl um das zentrale Konfliktfeld der römischen Oberschicht: die inneraristokratische Konkurrenz um Macht und Ruhm.751 So wird aemulatio virtutis in 4,1,12 als Ursache der Feindschaft zwischen Metellus und Scipio genannt. Und in 5,1,10 erklärt Caesar, dass er Cato um dessen gloria beneidet habe und umgekehrt Cato ihn um seine. Doch mit dem Tode Catos einerseits und der milden Reaktion Caesars andererseits verliert dieser eigentlich problematische Neid (invidia) seine Bedrohlichkeit. Die ansonsten geringe Präsenz dieser Thematik – so finden sich nur wenige Erwähnungen von Begriffen wie aemulatio oder invidia –752 lässt sich mit der Darstellungsintention des valerischen Werkes erklären. Zwar handelte es sich vor allem bei aemulatio, dem Wettstreit (etwa um dignitas), um eine für aristokratische Herrschaft charakteristische Verhaltensweise, die in Rom eine lange Tradition hatte und durch die enge Bezogenheit aristokratischen Handelns auf die res publica in einem akzeptablen Rahmen gehalten wurde. In der späten Republik war das Streben nach Macht und Ruhm jedoch zu einem strukturellen Problem und zu einer für die res publica schädlichen Konkurrenz eskaliert, die in den nicht mehr kontrollierbaren (3,7,5) und L. Crassus (3,7,6) ihre ärgsten Kritiker auf, sie in ihre Provinzverwaltung zu begleiten. Damit gaben sie ihnen die Möglichkeit, ihr Handeln zu kontrollieren und gegebenenfalls zu kritisieren – doch dazu kam es nicht. Cato legte gar solch ein Vertrauen in seine Unschuld, dass er vor einer quaestio publica darum bat, Ti. Gracchus als Richter zu bekommen, obgleich er mit diesem über die rei publicae administratio in schärfstem Gegensatz stand (3,7,7). Natürlich geht es Valerius hier in erster Linie um das Selbstvertrauen (und die Unschuld) der genannten Aristokraten (s. dazu auch 3,7,1e, in dem Scipio Africanus sich gar nicht erst die Mühe macht, die Anklage der Feinde (inimicorum accusatio) mit Beweisen zu widerlegen). Doch diese Beispiele implizieren zugleich das Vertrauen darauf, dass auch feindlich gesinnte Gegenspieler auf der Ebene des Rechts handelten und – anders als es die exempla crudelitatis bzw. irae gezeigt hatten – einem wirklich Unschuldigen somit auch nichts anhaben konnten. E negativo wird diese Annahme auch durch das Beispiel 8,1, absol. 7 unterstützt. 751 Vgl. hierzu Stolle und Beck, Karriere und Hierarchie, S. 22ff., bes. S. 28f. und passim. 752 Aemulatio wird in den valerischen exempla nur zweimal im konkurrenzbezogenen Sinne benutzt (2,9,6a und 4,1,12), die übrigen Verwendungskontexte liegen auf einer eher metaphorischen Ebene, wenn Valerius etwa im Falle von 5,4,4 anführt, M. Cotta habe der im voranstehenden exemplum beschriebenen pietas nachgeeifert (aemulatus). Der Begriff der invidia findet sich zwar etwas häufiger, dennoch kann man nicht von einer wirklichen Präsenz dieser Thematik sprechen. Hinzu kommt, dass Erwähnungen von invidia in den meisten Fällen in erklärende und relativierende Kontexte eingebunden sind (vgl. die Ausführungen im Text zu den Beispielen 4,1,12 und 5,1,10 sowie zu 2,8,4). Einen wichtigen Beitrag zur Marginalisierung der Konkurrenzthematik leistet das Ausblenden der Parteienperspektive (vgl. Kapitel 5.4.3).

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Bürgerkriegen kulminierte.753 Da die Beschäftigung mit dieser Thematik der valerischen Intention einer positiven Integration der Bürgerkriegszeit daher entgegenstehen könnte, präsentiert sie sich im valerischen Werk nur selten als Problem. Während aemulatio bzw. invidia in zwei der eben besprochenen Beispielen durch moderatio und humanitas in Schach gehalten werden (4,1,12 und 5,1,10), betont Valerius in einigen anderen Episoden explizit, dass invidia dort gerade kein Problem gewesen sei. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang 2,8,4, das sich mit dem ius triumphandi beschäftigt: Als Q. Fulvius bzw. L. Opimius nach der Eroberung von Capua respektive Fregellae einen Triumph verlangen, lehnt der Senat ihr Ansinnen ab. Valerius fügt eilig hinzu, dies habe jedoch nichts mit möglichem Neid (invidia) der Senatoren zu tun gehabt, die solch einem Gefühl nie Zutritt in die curia gewährt hätten, sondern sei der sorgfältigen Beachtung des Rechts (ius) gedankt, demzufolge ein Triumph nur denen zustehe, die das imperium vergrößert – nicht jedoch denen, die es lediglich wiederhergestellt hatten. Schon die Tatsache, dass Valerius diese Präzisierung für nötig hält, weist auf die Brisanz dieser Thematik hin. Noch deutlicher wird dieser Befund, wenn man sich vor Augen hält, dass das von Valerius postulierte ius in Rom so wohl nie existiert hat.754 Wenn Valerius invidia doch einmal anspricht, ohne zugleich eine Auflösung oder Relativierung zu bieten, dann stellt er sie zumeist als ungerechtfertigt oder übertrieben dar. Problematisiert wird weniger die Position dessen, der aufgrund seines Ruhmes und seiner Macht invidia erregt, als vielmehr die der Neider, die den Erfolgreichen (zweimal sind es die Scipionen, einmal sogar Valerius selber) ihr Glück missgönnen.755 Nicht einmal ange753 Vgl. auch Meier, S. 297ff. und passim. 754 S. hierzu Goldbeck / Mittag, Der geregelte Triumph. Etwas weniger offensichtlich, aber dennoch interessant, ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung des Valerius über den Aufstieg des Tarquinius, der aufgrund seiner industria weniger Neid (invidia) als vielmehr Ruhm (gloria) errungen habe (3,4,2). Schließlich gibt es auch exempla, in denen die gezielte Vermeidung von invidia dargestellt wird, wie beispielsweise 4,8,4. Während Valerius von der liberalitas der Römer gegenüber Attalos berichtet, merkt er an, dass die Eroberung von Asia zwar Neid (invidia) hätte hervorrufen können, doch durch das beneficium an Attalos hätten die Römer statt dessen Ruhm (gloria) gewonnen. Zur Vermeidung von invidia (dessen Übersetzung mit Neid jedoch nicht in allen Fällen sinnvoll ist, vgl. auch 8,1 pr.) siehe auch 5,1,2 und 4,1,1. 755 Als L. Scipio – wie Valerius in dem bereits mehrfach (s. oben Kapitel 3.4.1.2, Anm. 520; vgl. auch Anm. 750) erwähnten Beispiel 3,7,1e berichtet – nach seinem Feldzug gegen Antiochos Rechenschaft über vier Millionen Sesterzen ablegen soll, da merkt der ältere Africanus empört an, er und sein Bruder seien durch ihre militärischen Erfolge nicht habgierig geworden, doch jeder von ihnen sei reicher an invidia als an Geld (non me igitur Punicae, non fratrem meum Asiaticae gazae avarum reddiderunt, sed uterque nostrum invidia magis quam pecunia locupletior est.). In 8,1, damn. 1, das von der Verurteilung des L. Scipio wegen angeblicher Bestechung durch Antiochos erzählt, erklärt Valerius explizit, dass der Grund dafür ausschließlich in dem Neid zu suchen sei, den die berühmten cognomina der beiden Brüder hervorriefen. Scipios Leben und Haltung sei ansonsten über jeden Verdacht erhaben (sed alioqui vir sincerissimae vitae et ab hac suspi-

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sichts der sicherlich nicht unproblematischen Stellung eines Pompeius wird invidia als gerechtfertigte oder selbstverschuldete Reaktion dargestellt – als ein strukturelles Problem, das in einen Zusammenhang mit dem Aufstieg großer Einzelner zu setzen wäre, erscheinen Neid und Missgunst in den Facta et dicta memorabilia somit nicht.756

5.6.3 Die Aufhebung von inimicitiae Ähnlich wie dies für die verwandtschaftlichen Bindungen (vor allem das Vater-Sohn-Verhältnis) herausgearbeitet werden konnte, lässt sich auch im Rahmen der übrigen Nahbeziehungen die Vermeidung bzw. Überwindung von Konflikten als ein wichtiges Ideal festmachen, dem Valerius sogar ein eigenes Kapitel widmet (4,2). Der etwas sperrige Titel (Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine), wie immer eine spätere Hinzufügung, stellt in diesem Falle keine allzu gelungene Beschreibung der hier thematisierten Interaktionen dar. Bereits der Blick in die praefatio – in zahlreichen Kapiteln stichwortgebende Quelle der Überschrift – macht deutlich, dass mit diesem Titel der Versuch gemacht wurde, die dort eher unbestimmte valerische Formulierung mit einer möglichst präzisen Umschreibung zu versehen.757 Zweifellos steht für Valerius jedoch die Beilegung konfliktueller Beziehungen im Mittelpunkt, und seine Bezugnahme auf die im vorangehenden Kapitel illustrierte moderatio zeigt, dass er dieser

cione procul remotus invidiae, quae tunc in duorum fratrum inclitis cognominibus habitabat, resistere non potuit.). Und schließlich macht nicht zuletzt der kurze Exkurs des Valerius über seine eigene amicitia zu seinem Gönner Pompeius deutlich, dass er invidia für eine oft ungerechte, aber praktisch unvermeidbare Reaktion der weniger Erfolgreichen hält, der man angesichts eigenen Glückes kaum ausweichen kann (4,7, ext. 2). 756 Zu Pompeius vgl. 1,6,12 und 8,15,8. In diesem Zusammenhang ist kurz auf das Beispiel 9,11,4 zu verweisen, in dem der Unmut des Magius Chilo gegen seinen amicus (der Begriff ist jedoch nicht gesichert) M. Marcellus mit seinem Gefühl der Zurücksetzung gegenüber anderen Freunden begründet und von Valerius als »Tollheit« (amentia) bezeichnet wird. Als Feind der Freundschaft (amicitiae hostis), Zerstörer eines divinum beneficium (Caesar hatte Marcellus das Leben gewährt) und Schandfleck der publica religio situiert Valerius ihn in mehreren zentralen Punkten gleichsam außerhalb der römischen Wertegemeinschaft. 757 Während Valerius in der praefatio (4,2 pr.) lediglich vom Übergang von odium zu gratia spricht und diesen mit unterschiedlichen Bildern illustriert (die Aufklarung des Himmels, die Beruhigung des aufgewühlten Meeres, die Beendigung des Krieges), suggerieren die im Titel verwendeten Begriffe inimicitiae, amicitia und necessitudo eine klar umrissene und eindeutige Entwicklung. Doch wie ein Blick auf die exempla selber zeigt, wird insbesondere der Begriff der amicitia hier nur zweimal (in den Beispielen 3 und 5) verwendet. Von den Konnotationen, die Valerius diesem Begriff in dem bereits besprochenen amicitia-Kapitel zuschreibt, sind wir ohnehin in allen Fällen weit entfernt. Die Begründung verwandtschaftlicher Beziehungen wird in zwei Exempeln thematisiert (4,2,3 und 6).

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Haltung, wie bereits in anderen Kontexten, auch hier eine besondere Bedeutung zuspricht.758 Nach chronologischen und thematischen Gesichtspunkten lässt sich das vorliegende Kapitel in zwei relativ homogene Gruppen einteilen: Auf der einen Seite stehen die drei ersten exempla (4,2,1-3), die zeitlich um die Wende zum zweiten vorchristlichen Jahrhundert zu datieren sind, und deren Protagonisten den höchsten Rängen der römischen Aristokratie entstammen. Ihre Feindschaft wird als erbittert und schon lange andauernd beschrieben und ist, zumindest in einem Falle, auch wohlbegründet – ein Ende scheint kaum absehbar. Dass es doch zu einem Gesinnungswandel kommt, wird in allen drei Beispielen, mehr oder weniger explizit, mit ›Staatsräson‹ begründet.759 Besonders deutlich wird dies in der Argumentation, die Valerius dem Livius Salinator in den Mund legt (4,2,2): Er war im Jahre 208 v. Chr. mit brennendem Hass gegen Nero, dessen Aussage ihn besonders belastet hatte, ins Exil gegangen. Doch als man ihn zurückrief und ihm das Konsulamt gemeinsam mit Nero verlieh, da habe er sich befohlen, die schweren Beleidigungen zu vergessen. Er habe nämlich befürchtet, wie ein schlechter Konsul zu handeln, wenn er dieses Amt mit einem Kollegen in Zwietracht übernommen hätte.760 Sowohl die Handlung – das Zurückstellen persönlicher Interessen oder Animositäten zugunsten des Wohles der res publica – als auch die Argumentation – das in Form eines Rollenverhaltens beschriebene consulem agere, das einen hohem Grad an Reflexion und Selbstkontrolle voraussetzt – weisen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der valerischen Darstellung der Vater-Sohn-Beziehung auf.761 Wichtig ist die bewusste Entscheidung des Livius Salinator, die durch den Rekurs auf 758 S. auch Loutsch, S. 36ff. 759 Dieser Befund deckt sich in weiten Teilen mit den Ergebnissen von Epsteins Untersuchung römischer inimicitiae, denen zufolge inimicitiae zwar einerseits einen integralen Bestandteil des gesellschaftlichen und politischen Lebens darstellten, andererseits jedoch genau dann nicht tolerierbar erschienen, wenn sie das Wohl der res publica zu gefährden drohten (Epstein, S. 12ff.). Wie die bisherige Untersuchung des valerischen Werkes deutlich gemacht hat, legt Valerius den Fokus seiner Deutung jedoch in der Regel auf andere Aspekte, wie etwa auf die Vermeidung affektgesteuerten Handelns (s. oben Anm. 739). 760 is namque, etsi Neronis odio ardens in exsilium profectus fuerat, testimonio eius praecipue adflictus, tamen postquam eum inde revocatum cives collegam illi in consulatu dederunt, et ingenii sui, quod erat acerrimum, et iniuriae, quam gravissimam acceperat, oblivisci sibi imperavit, ne si dissidente animo consortionem imperii usurpare voluisset, pertinacem exhibendo inimicum malum consulem ageret (4,2,2). 761 S. hierzu oben Kapitel 2.3.2 sowie 2.3.3.2, bes. Anm. 230. Eine ähnliche Begründung für die Überwindung eines feindschaftlichen Verhältnisses findet sich im ersten exemplum dieser Rubrik (4,2,1): M. Aemilius Lepidus, der in langer und bitterer Feindschaft mit Fulvius Flaccus gelegen hatte, legte den Streit beiseite, als sie zusammen zum Zensor gewählt wurden, denn er habe es für unpassend gehalten, dass jene in privater Feindschaft liegen, die publice in der höchsten potestas vereint sind (existimans non oportere eos privatis inimicitiis dissidere qui publice summa iuncti essent potestate).

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das Rollenhandeln noch unterstrichen wird. Dass es sich hier um die gezielte Umdeutung einer wohlbekannten Geschichte handelt, zeigen sowohl die Überlieferung bei Livius als auch die Wiederaufnahme dieser Episode in einem weiteren valerischen exemplum: Der livianischen Darstellung zufolge erscheint Salinator weitaus weniger versöhnlich gestimmt, und bemerkt zunächst, es bedürfe keiner Beilegung der Feindschaft, um als Konsul gut zu handeln. Erst auf Zureden des Senats kommt es schließlich zu einer Versöhnung.762 Eine ähnliche Darstellung – jedoch ohne explizite Versöhnung – findet sich im Kapitel 7,2 (Sapienter dicta et facta) des valerischen Werkes.763 Auch eine etwas später zu datierende, dieselben Protagonisten umfassende Episode, die Valerius im Zusammenhang mit der Zensur anführt (2,9,6a), macht deutlich, dass es sich vielleicht wirklich um eine nicht ganz freiwillige Entscheidung gehandelt hatte, denn nur wenige Jahre später liegen die beiden wieder in erbittertem Streit.764 Die gemeinsame Ausübung eines Amtes (Zensur) – die im eben erörterten Kapitel als zentrale Motivation zur Beilegung von Streitigkeiten angeführt wurde – führt in diesem Falle gerade nicht zur Überwindung, sondern vielmehr zu einer Verschärfung des Konfliktes. Obschon Valerius das Verhalten von Livius Salinator und Claudius Nero tadelt, nimmt auch er keinen Bezug auf die in 4,2,2 so zentrale Amtsinhabe, sondern verweist vielmehr auf die Bedeutung, die beiden als Vorfahren des Tiberius zukam: Wenn sie dies gewusst hätten, wären sie, so Valerius, sicherlich bereit gewesen, ihre Feindschaft beizulegen und sich in Freundschaft (amicitia) zu verbinden – ›Staatsräson‹ einer ganz besonderen Art.

762 de reconciliatione etiam gratiae eorum in senatu actum est principio facto a Q. Fabio Maximo; inimicitiae autem nobiles inter eos errant, et acerbiores eas indignioresque Livio sua calamitas fecerat, quod spretum se in ea fortuna credebat. itaque is magis implacabilis erat et nihil opus esse reconciliatione aiebat: acrius et intentius omnia gesturos timentes, ne crescendi ex se inimico conlegae potestas fieret. vicit tamen auctoritas senatus, ut positis simultatibus communi animo consilioque administrarent rem publicam (Liv. 27,35,6-9). S. hierzu auch die folgenden Ausführungen im Text. In vergleichbarer Weise unterscheidet sich die livianische Fassung des vorangehenden Beispiels 4,2,1 (s. Liv. 40,45,6-46,15), wohingegen Ciceros Version (prov. 21) eher den Facta et dicta memorabilia nahe steht. Lediglich im dritten exemplum (4,2,3) findet sich auch bei Valerius ein (sehr kurzer) Hinweis auf das Eingreifen des Senats. 763 Hier (7,2,6a) inszeniert Valerius die weise Entscheidung des Senates, der sich mit großem Eifer (summo studio) bemühte, Livius und Nero zu versöhnen. Angesichts ihres Verhaltens im Krieg gegen Hannibal war nämlich deutlich geworden, dass ihr privater Streit (privata dissensio) dem Nutzen der res publica abträglich sein könnte. Die concordia der Amtsträger erscheint hier als ein hohes Gut (s. auch Epstein, S. 13). 764 Die Vielzahl der Beispiele, die sich mit Interaktionen dieser beiden Protagonisten beschäftigen (vgl. auch 4,1,9), macht deutlich, dass ihr Verhältnis nicht unproblematisch war und somit wieder Stoff für die unterschiedlichsten exemplarischen Darstellungen bot.

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Trotz der sehr unterschiedlichen Kontexte und Rubriken lässt sich in diesen Beispielen eine gewisse Konstanz feststellen: Die Beendigung eines feindschaftlichen Verhältnisses stellt für Valerius in jedem Falle – also auch außerhalb des explizit darauf bezogenen Kapitels – die ideale Lösung dar. In welcher konkreten Form sie sich präsentiert – ob als freiwillige (und auf Einsicht und Affektkontrolle beruhende) Entscheidung oder als Resultat von Überzeugungsarbeit – hängt dagegen vom Kontext und der Darstellungsintention der jeweiligen Kapitel ab.765 Auch die Bedeutung, die der concordia zwischen hohen römischen Aristokraten im Hinblick auf das Wohl der res publica zugesprochen wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die valerische Argumentation. Neben den bereits erwähnten Hinweisen auf die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Amtsführung wird dieser Aspekt insbesondere im Beispiel 4,2,3 deutlich, das sich mit der sorgfältig inszenierten Versöhnung zwischen Ti. Gracchus und Scipio Africanus beschäftigt: Sie waren voller Hass gegeneinander zu einem Bankett gekommen, das zu Ehren von Juppiter auf dem Kapitol veranstaltet wurde, und verließen es in Freundschaft (amicitia) und Verwandtschaft (adfinitas) geeint.766 Das Kapitol als einer der zentralen Orte der römischen res publica bildet den Rahmen für ihre Versöhnung – ein eindrücklicher Hinweis auf den hohen Stellenwert dieser Handlung.767 Obgleich Valerius auch in der zweiten Gruppe von Beispielen bedeutsame Akte der Versöhnung inszeniert, lassen sich im Vergleich mit den eben besprochenen exempla einige signifikante Unterschiede ausmachen. Diese liegen zum einen in der chronologischen Fokussierung begründet, denn alle Episoden sind in die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts zu datieren. Zum anderen lassen sich substantielle thematische Differenzen konstatieren: Während die bisherigen Beispiele die Interessen der res publica in den Mittelpunkt stellten – die Ursachen der bestehenden Feindschaft waren daher weniger wichtig als die auf das ›staatliche‹ Wohl bezogenen Argumente für ihre Überwindung –, geht es in den hier zu behandelnden Fällen um stärker persönlich begründete Entscheidungen. Ausgangspunkt der jeweiligen Episoden sind konkrete Konfliktsituationen (Anklagen vor Gericht in 4,2,5-7, Vertreibung ins Exil in 4,2,4), die von den hier dargestell765 Damit erklären sich auch die Unterschiede zu den livianischen Varianten der hier besprochenen Episoden. Selbst 2,9,6a, in dem dies nicht erreicht wird, unterstreicht die Bedeutung dieser Idealvorstellung. 766 Sie hatten nicht nur auf Anregung des Senates ihre Feindschaft beendet, sondern Scipio hatte dem Gracchus auch seine Tochter Cornelia zur Frau versprochen (4,2,3). 767 Gotter, Cicero und die Freundschaft, S. 345, weist darauf hin, dass für die Beendigung solcher Feindschaften in der Regel ausgefeilte Beilegungsmechanismen bereitstanden. S. auch Flaig, Keine Performanz ohne Norm, bes. S. 215f.

Der Umgang mit Konflikten

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ten Protagonisten überwunden werden, indem sie ihren Widersachern, den erlittenen Angriffen zum Trotz, Unterstützung erweisen. Die Gründe für ihre Entscheidung werden nur selten genannt und sind hier, im Gegensatz zu den zuvor erörterten Beispielen, auch weniger von Bedeutung.768 Als zentral erscheint in erster Linie der Umschwung von Feindschaft zu Freundschaft (oder zumindest zu unterstützenden Handlungen), der den Eindruck erweckt, diese teilweise durchaus tiefgehenden Konfliktsituationen seien durch einfache Vernunft oder Einsicht aufzulösen.769 So lobt Valerius Ciceros Vorgehen, der unter anderem A. Gabinius in einem Repetundenprozess verteidigte, obgleich dieser ihn während seines Konsulats aus Rom vertrieben hatte. Es sei nämlich besser, so Valerius, Beleidigungen (iniuriae), die man erlitten habe, mit Wohltaten (beneficia) zu überwinden als mit Hass aufzuwiegen.770 Auch hier erweist sich der valerischen Darstellung zufolge moderatio als wichtiges Element, doch ein Blick auf die Quellenlage zeigt, dass Valerius diese Episode mit einer Deutung versieht, die zwar seine Aussageintention stützt, aber nicht mehr viel mit der Situation zu tun hat, wie wir sie anhand anderer Quellen rekonstruieren können. Tatsächlich wäre es wohl kaum Ciceros Art gewesen, einen persönlichen und zumal so folgenreichen Angriff auf seine Person einfach mit einem beneficium zu vergelten. In der Tat erfahren wir aus seinem Briefwechsel mit Atticus und seinem Bruder Quintus, dass er die in jener Zeit mehrfach belegte Unterstützung für seine einstigen Feinde Gabinius und Vatinius auf Druck von Pompeius und Caesar geleistet hatte.771 Zwar wissen wir nicht, ob Valerius die ciceronischen 768 Nur im Falle von 4,2,7 erklärt Valerius, Pompeius habe Caelius in einem Brief um Unterstützung gebeten, woraufhin dieser ihm zur Hilfe geeilt sei. Dies ist übrigens das einzige Beispiel, in dem nicht das ›Opfer‹, sondern der ›Angreifer‹ die Feindschaft aufhebt. 769 Dass dies bereits 150 Jahre zuvor nicht einfach war, haben die gerade erörterten und sehr unterschiedlichen Beispiele gezeigt, die in Bezug auf das Verhältnis zwischen Livius Salinator und Claudius Nero überliefert sind. In der konfliktträchtigen und spannungsgeladenen Zeit der späten Republik dürften die Bedingungen für die Auflösung von Konflikten noch deutlich schlechter gewesen sein. 770 Auch den P. Vatinius habe Cicero in zwei iudicia publica unterstützt, obschon jener seiner Stellung (dignitas) stets feindlich gesonnen war: idemque P. Vatinium, dignitati suae semper infestum, duobus iudiciis publicis tutatus est, ut sine ullo crimine levitatis ita cum aliqua laude, quia speciosus aliquanto iniuriae beneficiis vincuntur quam mutui odii pertinacia pensantur (4,2,4). 771 Nur kurze Zeit vor diesem von Valerius erwähnten Repetundenprozess stand Gabinius unter maiestas-Anklage vor Gericht. Cicero wurde von zwei Seiten bedrängt, die Anklage bzw. die Verteidigung zu übernehmen. Er entschied sich jedoch, trotz des von Pompeius ausgeübten Druckes (Cic. ad Q. fr. 3,1,15), für einen mittleren Weg und eine zurückhaltende Zeugenposition (Cic. Att. 4,18,1; ad Q. fr. 3,4,1-3; s. auch Gruen, S. 324f.). In dem von Valerius geschilderten Prozess konnte er sich dem Drängen des Pompeius nicht mehr entziehen und übernahm die Verteidigung (s. Gruen, S. 326f. und Cic. Rab. Post. 19; zu den eher schwachen Rechtfertigungsversuchen Ciceros s. auch ebd. 32f.). Zu Ciceros Unterstützung für Vatinius s. Cic. fam. 1,9,19. Vgl. auch

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

Briefe kannte oder ob er aus anderen – die tatsächlichen Probleme verhehlenden – Quellen schöpfte. Nicht zuletzt Cicero selbst versuchte ja in einigen Reden, sein Eintreten für vormalige erbitterte politische Gegner zu rechtfertigen, indem er auf berühmte exempla der römischen Geschichte verwies.772 Schon dies deutet indes darauf hin, dass die wahren Gründe für seine Kehrtwende bekannt waren. Auch erscheint es vor dem Hintergrund der bisher erarbeiteten Ergebnisse durchaus plausibel anzunehmen, dass die valerische Darstellung als gezielte Umdeutung, zumindest jedoch als bewusste Fokussierung zu betrachten ist, wie Valerius sie immer wieder vornimmt, um problematische Episoden positiv in sein Werk zu integrieren.773 Trotz des nicht verschwiegenen Konfliktpotentials entsteht in diesen Beispielen somit ein durchaus positiv konnotiertes Bild der späten Republik. Da sich die Konflikte – der valerischen Darstellung zufolge – auf einer sehr persönlichen Ebene bewegten, konnten sie mit ein wenig moderatio bzw. durch das Zurückstellen persönlicher Animositäten einer befriedigenden Lösung zugeführt werden.774 Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch Spielvogel, Amicitia, S. 155f. (Gabinius) und 158-161 (Vatinius), der diese Episoden im Zusammenhang mit Ciceros amicitia-inimicitiae-Beziehung zu Caesar und Pompeius behandelt. Der Zwang, dem Cicero sich in jenen Jahren ausgesetzt sah, wird in seinen Briefen immer wieder deutlich (s. etwa Cic. fam. 7,1,4 sowie Cic. Att. 4,6,2 und 4,13,1). Habicht, S. 71f., und Fuhrmann, Cicero, S. 156, sprechen im Zusammenhang mit diesen Episoden gar von Ohnmacht, Erniedrigung und politischer Prostitution. Vgl. auch Epstein, S. 8 und S. 123, Fantham, The trials of Gabinius, S. 438 sowie Brunt, Cicero’s officium, der sich mit der officia-Problematik Ciceros in der Zeit der Bürgerkriege beschäftigt. Eine ausführliche Darstellung dieser Episoden findet sich bei Gruen, S. 314-331, bes. S. 317 und S. 323-327. 772 Vgl. etwa Ciceros Rede über die konsularischen Provinzen, in der er sein Eintreten für Caesar mit früheren exempla beigelegter Feindschaft verteidigt und dabei eine ganze Reihe berühmter Römer anführt (prov. 18-25). Obschon im Falle von Gabinius und Vatinius offensichtlich die Überzeugung vorherrschte, Cicero habe lediglich auf Drängen des Pompeius so gehandelt (dies geht nicht zuletzt aus Ciceros schwachen Verteidigungsversuchen in der Rede für Rabirius Postumus hervor, ebd. 19 und v.a. 32f.; s. auch Gruen, S. 327), wollte Cicero dies natürlich nicht öffentlich eingestehen. Er versuchte vielmehr, seine Übernahme der Advokatenrolle zu rechtfertigen, und eine der größten Schwierigkeiten lag nach Auffassung von Fantham, The trials of Gabinius, S. 441, darin, »to vindicate his own sincerity«. Dass Ciceros Ausführungen den Zuhörern (oder gar ihm selbst) glaubhaft erschienen, ist jedoch unwahrscheinlich (vgl. auch Epstein, S. 8f.). So stellt Cicero sein Eintreten für Gabinius in der Rede für Rabirius Postumus als Resultat einer »Versöhnung« (reconciliatio) dar (Cic. Rab. Post. 32). 773 Zu den valerischen Umdeutungen s. oben die Kapitel 2.3.4.3, 2.6.1 sowie 4, 5.3.2, 5.5. 774 Ähnlich auch David, Valère Maxime et l’Histoire de la République romaine, S. 122f. Die Bedeutung, die Valerius hier dem reflektierten und gemäßigten Handeln zuschreibt, zeigt sich noch in einem weiteren Aspekt: In zwei Beispielen beschreibt er das Vorgehen der Protagonisten mit einer Begrifflichkeit, die deutliche Parallelen zu der Argumentation im Rahmen der VaterSohn-Beziehung aufweist, in der das Rollenverhalten als ein zentrales Moment herausgearbeitet werden konnte (s. oben Kapitel 2.3.3.2, bes. die Ausführungen in den Anm. 230 und 236): So führt Valerius an, Clodius habe sich dazu gebracht, ›als‹ Freund des Lentulus zu handeln (amicum Lentulo agere) und die drei Lentuli durch sein patrocinium zu beschützen (4,2,5). Von Caninius

Der Umgang mit Konflikten

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einen weiteren Aspekt: Im Gegensatz zu der eben vorgenommenen Einteilung der Beispiele dieses Kapitels in zwei klar unterschiedene Gruppen stellt Valerius die hier angeführten exempla als Einheit dar.775 Dass die Handlungen der späten Republik faktisch nicht mehr viel mit den funktional auf die res publica gerichteten Entscheidungen der ersten drei Episoden zu tun haben, wird aus seiner Darstellung nicht ersichtlich. Denn da Valerius die Parallelen auf einer rein exemplarischen Ebene zieht, kann er von den konkreten Gegebenheiten weitgehend abstrahieren. Die tatsächliche chronologische Fokussierung der hier besprochenen Beispiele fügt sich jedoch in eine Tendenz ein, die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht völlig neu ist und insbesondere im Zusammenhang mit der Ehebeziehung als bedeutsam herausgearbeitet werden konnte: Während für das Handeln in früherer Zeit der Bezug auf die res publica in der Regel im Zentrum stand, erscheinen die Protagonisten der späten Republik in weitem Maß auf sich bezogen – der gesellschaftliche Rahmen verliert an Bedeutung oder wird sogar als bedrohlich wahrgenommen.776 Im Hinblick auf die amicitia-inimicitiae-Beziehungen, deren gesellschaftspolitische Relevanz bereits ausführlich erörtert worden ist, stellt sich dieser Wandel als unmittelbar eingängig dar, denn das politische Handeln der späten Republik war im Vergleich zu früheren Zeiten (oder zumindest zu den von dieser Zeit verbreiteten Vorstellungen) immer weniger auf die res publica, als vielmehr auf das Durchsetzen persönlicher (Macht-) Interessen ausgerichtet.777 Durch die Einordnung dieser sehr unterschiedlichen Episoden in ein einziges, auf Kontinuität und Konfliktlösung ausgerichtetes Kapitel gelingt es Valerius, den Erinnerungsraum als sinnhafte und positive Einheit zu konstituieren. Feindschaft, der insbesondere im Rahmen der

Gallus berichtet Valerius, er habe sowohl ›als‹ Verteidiger wie auch ›als‹ Ankläger in bewundernswerter Weise gehandelt (4,2,6). Mit der in diesen Beispielen gewählten Begrifflichkeit macht Valerius deutlich, dass das hier beschriebene Verhalten nicht emotional, sondern durch Reflexion begründet ist, die das gemäßigte Vorgehen ermöglicht. 775 Neben der praefatio (4,2 pr.) ist hier v.a. auf den einleitenden Satz in 4,2,4 zu verweisen, mit dem Valerius das Vorgehen Ciceros auf eine Ebene mit der zuvor illustrierten Versöhnung von Gracchus und Scipio stellt. 776 S. oben Kapitel 3.3.2.2; vgl. zu diesem Punkt auch Kapitel 5.4.3. 777 S. hierzu auch Jacquemin, Salluste, S. 98f. und Epstein, S. 127f., der im Übergang zum letzten vorchristlichen Jahrhundert einen ähnlichen Wandel des inimicitiae-Verhaltens beobachtet: Während sich die Römer in früherer Zeit der Notwendigkeit bewusst gewesen seien, trotz aller Feindschaft das Wohl der res publica im Blick zu halten, habe der Einfluss dieser regulativen Werte und Institutionen im letzten Jahrhundert der Republik stark abgenommen. Auch Sallust sieht in der von ihm für die Entwicklung der römischen Gesellschaft postulierten Zäsur der Zerstörung Karthagos einen Wendepunkt der amicitia-inimicitiae-Beziehungen: Von nun an sei das Handeln der Menschen in einem so hohen Maße durch Gier und Ehrsucht bestimmt gewesen, dass sie amicitia und inimicitiae nur noch nach dem Nutzen bewerteten, statt nach ihrem Wesen (amicitias inimicitiasque non ex re, sed ex commodo aestumare, Sall. Cat. 9,2-6, Zitat 9,5).

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

späten Republik eine sehr grundsätzliche, ja existentielle Bedeutung zukommen konnte (s. auch oben Kapitel 1.1), erscheint in seiner Darstellung als ein gleichsam überzeitliches Phänomen, für das unabhängig von dem konkreten gesellschaftlichen Kontext in jedem Falle Lösungsmöglichkeiten bereitstehen, wenn nur Maß und Vernunft das Handeln prägen.

5.7 Amicitia im Alltag? Rat, Trost und Unterstützung Amicitia im Alltag? Während die Nahbeziehungen in vielen der bisher untersuchten exempla einen mehr oder weniger ausgeprägten Konstruktcharakter aufwiesen, finden sich im valerischen Werk immer wieder Fälle, in denen die Unterstützung durch Freunde eher en passant erwähnt wird. Charakteristisch für diese Art der amicitia-Beziehung ist, dass die ansonsten gebräuchlichen normativen Einordnungen in Kategorien wie beneficium, gratia oder iustitia fehlen, selbst der amicitia-Begriff selbst wird nicht in allen Fällen verwendet. Ein vergleichbares Ausbleiben normativer Einbindung hatte sich auch im Zusammenhang mit den nur nebenbei erwähnten Vater-SohnInteraktionen gezeigt, die nur äußerst selten mit Begriffen wie pietas, amor oder moderatio beschrieben wurden. Die dort angeführte Deutung, es handele sich dabei um eher unproblematische, zuweilen fast alltägliche Verhaltensweisen, die offenbar keiner expliziten Einordnung und Erörterung bedurften, kann auch für die hier zu betrachtenden Beispiele eine hohe Plausibilität beanspruchen.778 Auch die den Quellenwert der Facta et dicta memorabilia betreffenden Überlegungen, denen zufolge – wenn überhaupt – höchstens diese beiläufig erwähnten Interaktionen für die republikanische ›Realität‹ in Anspruch genommen werden können, gilt in ähnlicher Form für die ›alltägliche‹ amicitia. Trotz der relativ geringen Anzahl von exempla vermitteln diese Episoden in der Vielfalt der hier thematisierten Handlungen einen guten Eindruck von den Formen und den Bereichen, in denen ›freundschaftliche‹ Unterstützung denkbar war. Sie reichte von finanzieller Hilfe (4,4,7) über die Demonstration von Solidarität (7,5,4 und 7,8,4) bis hin zum letzten Dienst in Form der Bestattung (4,6,3).779 Auch indirekt, durch die Unterstützung eines 778 S. oben Kapitel 2.5. Aufgrund der relativ geringen Anzahl von exempla und der großen Vielfalt der hier thematisierten Handlungen lassen sich weiter reichende Interpretationen jedoch nur mit einigem Vorbehalt machen. 779 Dass unter Freunden im allgemeinen eine enge Vertrautheit herrschte, zeigt – e negativo – eine Bemerkung im Beispiel 7,4,5 (De Strategemata), in dem Valerius berichtet, dass Q. Metellus im Feldzug gegen die Keltiberer einem so geheimen Plan folgte, dass er nicht einmal seinem engsten Freund davon erzählte. Vgl. auch 7,4,2 (De Strategemata), in dem Tarquinius das Vetrauen seines Sohnes Sextus Tarquinius in die Zuverlässigkeit seines familiaris allerdings nicht teilt.

Amicitia im Alltag?

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Klienten, konnte man seinem amicus einen Gefallen tun, wie das bereits ausführlich besprochene Beispiel 5,3,4 deutlich macht: dort berichtet Valerius, dass Cicero auf Bitten des Caelius (rogatu M. Caelii) den C. Popillius Laenas verteidigte.780 Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Beratungsfunktion der Freunde, die sowohl persönliche als auch stärker institutionalisierte Formen annehmen konnte. So hat die Besprechung der verwandtschaftlichen Beziehungen gezeigt, dass das Ratgeben von Seiten der amici im Rahmen eines consilium einen vergleichsweise hohen Grad an Inszenierung aufweist. Dies deutet auf ihre grundlegende – und in der Kaiserzeit wohl nicht mehr selbstverständliche – Funktion im Rahmen der Kontrolle sozialen (Konflikt-) Verhaltens hin.781 Dass auch dem hier in zwei Fällen thematisierten, eher informellen Ratschlag eine gewisse Bedeutung zukommen konnte, zeigt das sehr ausführlich geschilderte Beispiel 1,7,4 (De somniis), in dem Valerius von T. Latinius berichtet, der einen von Juppiter im Traum erteilten Auftrag nicht ausführt. Er soll den Konsuln mitteilen, dass Juppiter eine Wiederholung der ludi plebei erwartete, doch trotz harter Schicksalsschläge, unter anderem der Tod seines Sohnes, weigert er sich, dies zu tun. Erst als er selber schon kurz vor dem Ende steht, gibt er schließlich – auf Rat von Freunden (ex consilio amicorum) – nach und erstattet den Konsuln und dem Senat Bericht – und sofort verschwinden seine Beschwerden.782 Obgleich diese Beispiele schon aufgrund des quantitativen Befundes keine weit reichenden Interpretationen oder Schlussfolgerungen zulassen, erweitern sie das bislang untersuchte Spektrum möglicher sozialer Interaktionen doch um eine wichtige – vielleicht stärker alltagsbezogene – Facette und tragen somit zu einer Abrundung des von Valerius entworfenen Bildes sozialer Beziehungen bei.

780 Zu 5,3,4 s. auch oben Kapitel 5.3.2. Ein weiterer Fall von indirekter Interaktion zwischen Freunden findet sich in 2,1,9. Wie Valerius berichtet, begleiteten römische iuvenes an Tagen von Senatssitzungen einen Verwandten oder Freund ihres Vaters zur curia und nach dem Ende der Sitzungen wieder zurück nach Hause. 781 Zu den beiden Episoden, die eine gleichsam formalisierte Beraterrolle der Freunde im Umgang mit verwandtschaftlichen Konfliktsituationen deutlich machen (5,8,2 und 2,9,2), s. oben die Kapitel 2.3.3.1 (5,8,2 sowie allgemein zum consilium) und 3.3.1.2 (zu 2,9,2). 782 Etwas weniger dramatisch ist das zweite hier anzuführende Beispiel 2,10,8. Im Zusammenhang mit der Inszenierung der maiestas des jüngeren Cato, erwähnt Valerius dessen amicissimus Favonius, der Cato zu den ludi Florales begleitet. Als das Volk darauf drängt, dass die Schauspielerin sich ausziehe, informiert er Cato darüber. Da dieser nicht will, dass seine Anwesenheit die Gewohnheit der Spiele störe, verlässt er das Theater unter dem Applaus der Menge, die damit der maiestas Catos Anerkennung erweist.

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Amicitia, fides, gratia: Die übrigen Nahbeziehungen

5.8 Die weiteren sozialen Beziehungen bei Valerius: abschließende Bemerkungen Abschließende Bemerkungen Die Untersuchung der übrigen Nahbeziehungen im valerischen Werk hat folgende Ergebnisse erbracht: 1. Für die Nah- und Treueverhältnisse hat sich die Frage der literarischen Präsenz nicht als zentrales Analysekriterium erwiesen. Zwar lassen sich die verschiedenen Inszenierungsebenen (direkt, indirekt, en passant) unterscheiden, doch ist der heuristische Wert dieser Unterscheidung zu gering, um als Basis der Untersuchung zu fungieren: Nicht die Differenzierung in inszenierte und kontingente Bilder, sondern vielmehr die Konstruktion ganz unterschiedlicher inszenierter Bilder steht bei der Analyse dieser Nahbeziehungen im Mittelpunkt. Das hohe Maß an expliziter Normativität, mit der Valerius die hier in Szene gesetzten Beziehungen versieht, deutet auf ein Bedürfnis nach ausdrücklicher Einordnung und Beurteilung dieser Verhaltensmuster hin, das – wie bereits im Rahmen der Verwandtschaftsverhältnisse erörtert worden ist – im Zusammenhang mit (krisenhaften) Veränderungen der späten Republik sowie der frühen Kaiserzeit gedeutet werden kann. Die Folgen für den Quellenwert der Facta et dicta memorabilia sind hier ebenso offenkundig, wie dies in den Verwandtschaftsbeziehungen herausgearbeitet worden ist: Je höher die Inszenierungsdichte in der Darstellung sozialer Beziehungen ist, desto problematischer wird es, das valerische Werk als Quelle für die republikanische ›Realität‹ zu betrachten. Von großem Interesse sind diese Konstruktionen dagegen für die Untersuchung kaiserzeitlicher Vorstellungen. 2. Besonders eindrücklich zeigt sich der Konstruktcharakter der valerischen Darstellung in der massiven Präsenz sinnstiftender Umdeutungen. Vergleicht man die exempla der Facta et dicta memorabilia mit ihren potentiellen republikanischen Quellen, so wird immer wieder deutlich, dass Valerius seiner Darstellung – durch die Einordnung einzelner exempla in spezifische Kapitel und durch selektive Darstellung, wie auch mit Hilfe von Kommentaren oder konkreten Veränderungen der jeweiligen Episoden – eine ganz bestimmte Ausrichtung verschafft, die zu einer grundlegenden Neustrukturierung des Erinnerungsraumes führt. Ähnlich wie bei den Verwandtschaftsbeziehungen werden problematische Episoden oder Verhaltensweisen durch die Einordnung in Kapitel, die sich mit traditionellen und positiv konnotierten Handlungsmustern bzw. Normen wie fides, gratia oder moderatio beschäftigen, ihres konfliktuellen Potentials enthoben. Selbst grundlegende und strukturell bedingte Probleme, wie beispielsweise die Gefahren kollektiver Klientel, können durch die Inszenierung zwischen-

Abschließende Bemerkungen

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menschlicher Loyalität (hier etwa gratia) ausgeblendet werden. Durch diese Neustrukturierung der Erinnerung gelingt es ihm, ein positives Bild der sozialen Beziehungen zu entwerfen und selbst problematische Handlungen und Episoden sinnhaft – und häufig sogar in der Form von bona exempla – in sein Werk zu integrieren. Doch insbesondere im hoch konfliktuellen Kontext der späten Republik gibt es immer wieder Episoden, für die eine Umdeutung zu positivem Verhalten nur schwer oder sogar überhaupt nicht möglich ist. In diesen Fällen bedient Valerius sich eines anderen – ebenfalls sehr wirkungsvollen – sinnstiftenden Vorgehens: Er reduziert die Komplexität und die politische Brisanz der von ihm dargestellten Konfliktsituationen auf einfacher zu behandelnde – moralische – Problemfelder wie etwa die ingratia-Thematik oder übermäßig affektgeleitetes Verhalten. Wenn auf diese Weise jedoch die Nichteinhaltung traditioneller römischer Verhaltensmuster in das Zentrum der Darstellung rückt, scheint die Lösung dieser problematischen Episoden in der einfachen Wiederherstellung und Festigung eben jener Normen und Handlungsmuster zu liegen, für die Valerius mit seinem gesamten Werk eintritt. Diese sinnstiftenden Deutungen insgesamt sind Teil einer komplexen Diskussion über Normen und exempla, die maßgeblich von den Veränderungen bzw. der veränderten Wahrnehmung der amicitia-Beziehungen geprägt wurde. Bis zum Beginn der späten Republik hatten amicitiaBeziehungen in der Regel den Charakter pragmatischer und zeitlich begrenzter Bindungen, die zur Durchsetzung bestimmter Anliegen flexibel geschlossen und wieder aufgelöst werden konnten (s. Kapitel 5.4.2). Die mit den Auseinandersetzungen um die Gracchen beginnende Verfestigung der inneraristokratischen Konfliktlinien führte zu einer Verdichtung der amicitia-Bindungen, die sich vielfach zu factiones und Parteiungen entwickelten. Die damit einhergehende Entstehung einer gesellschaftspolitischen Dichotomie stellte aus römischer Sicht eine Gefahr für die Einheit der aristokratischen res publica dar (Kapitel 5.4.2), die durch den zunehmenden Einsatz von Gewalt in den inneraristokratischen Auseinandersetzungen weiter verstärkt wurde: Die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit der Aristokraten setzte grundlegende Kommunikationsprinzipien außer Kraft und zerstörte den für das aristokratische Miteinander konstitutiven Rahmen, der auch dem Dissens einen festen – und damit begrenzten – Spielraum setzte. Die valerische Neukonstruktion der amicitia-Beziehungen lässt sich als Versuch verstehen, eine Auflösung dieser dysfunktionalen Dichotomie zu erreichen. Eine einfache Rückkehr zur ersten Phase flexibler und politisch funktionaler Bindungen war jedoch angesichts der weitreichenden gesellschaftspolitischen Veränderungen nicht möglich. Daher setzte die normative Neubestimmung der amicitia-Bindungen erhebliche literarische

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Anstrengungen voraus, die ihren Ausdruck in der Exemplatechnik des Valerius finden. Nicht zuletzt macht die Wahl des Genres deutlich, dass diese spezifische Form der Sinngebung mit einzelnen exemplarischen Darstellungen nicht erreicht werden konnte. 3. Die Wahl der Gattung hat sich darüber hinaus auch aus einer anderen Perspektive als zentral erwiesen. Während viele der potentiellen Quellen des Valerius als historiographisch orientierte Werke die Vergangenheit in erster Linie unter dem Aspekt der Parteiengeschichte betrachten und analysieren (Cicero, Sallust), ist die valerische Perspektive – nicht zuletzt infolge seiner Entscheidung für die Gattungsform exempla bzw. Exemplasammlung – eine grundsätzlich andere. Indem Valerius den Fokus auf die Frage sozialer Normen und traditioneller römischer Verhaltensweisen richtet, verlieren Parteiungen und Freund-Feind-Diskurse die Bedeutung, die ihnen in historiographischen Darstellungen als zentraler Deutungsparameter zukommt. Durch die damit einhergehende Aufhebung dieser Dichotomie gelingt es Valerius somit, der für die späte Republik charakteristischen normativen Spaltung der Geschichts-, Exempla- und Normenwelt einen sinnstiftenden Gesamtrahmen in Form einer stabilen und funktionalen Exemplawelt entgegenzusetzen, der auch konfliktträchtige Situationen und Personen integrieren kann. 4. Doch wie bereits die Beschäftigung mit den Verwandtschaftsbeziehungen gezeigt hat, begnügt Valerius sich nicht mit dem einfachen Ausblenden konfliktueller Situationen, sondern setzt auch die Entschärfung bzw. Aufhebung von Konflikten in ihren unterschiedlichen Facetten immer wieder in Szene. Wenn die Überwindung von inimicitiae zuweilen, insbesondere mit Rücksicht auf das Interesse der res publica, als sinnvoll erscheint, so genügt es in der Regel, eventuelle feindselige Affekte durch Verhaltensmuster wie moderatio, iustitia oder humanitas in gewissen Grenzen zu halten. Und da Valerius auch und gerade politisch begründete Konflikte in vielen Fällen auf die Problematik affektgeleiteten Verhaltens reduziert, strukturelle Probleme wie den Kampf um Macht und Prestige (aemulatio, invidia) dagegen kaum erwähnt, erscheinen inimicitiae bei ihm in gewisser Weise als ein überzeitliches Phänomen, das mit Hilfe von moderatem und vernunftgeleiteten Handeln in jedem Falle einer akzeptablen Lösung zugeführt werden kann. Da der konkrete gesellschaftliche und politische Kontext dabei keine Rolle zu spielen scheint, erweist sich moderatio in seinem Werk somit als potentielles ›Allheilmittel‹ für den Umgang mit konfliktgeladenen Situationen. 5. Für den Umgang mit Krisenzeiten lässt sich im valerischen Werk eine weitere Besonderheit ausmachen. Während traditionelle Verhaltensmuster wie der Erweis von beneficia und officia in Zeiten der Krise offenbar nicht

Abschließende Bemerkungen

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zweifelsfrei gesichert waren und problematische Handlungen wie ingratia oder Verrat somit nicht ausgeschlossen werden konnten, bestimmt Valerius fides und amicitia als gleichsam absolute, von äußeren Faktoren unabhängige Größe. Ähnlich wie dies bei den Verwandtschaftsbeziehungen in Bezug auf amor und fides uxorum herausgearbeitet worden ist, so erscheinen auch amicitia und fides servorum als gleichsam voraussetzungslose Treueverhältnisse, die auch und gerade in Krisenzeiten ›funktionierten‹ und somit Schutz und Sicherheit bieten konnten. 6. Ähnlich wie in den innerfamiliären Interaktionen spielen konkrete rechtliche Gegebenheiten auch in den übrigen Nahbeziehungen keine große Rolle: Nur selten zielt die valerische Argumentation auf formalrechtliche Aspekte – vielmehr steht in der Regel die Einhaltung traditioneller Normen wie gratia oder moderatio im Mittelpunkt. In einem konkreten Kontext jedoch rekurriert Valerius explizit auf den Bereich des Rechts: Dort nämlich, wo er gratia- und beneficia-Verpflichtungen mit dem Hinweis auf ein – in dieser Form indes nicht existierendes – ius amicitiae begründet, um ihnen ein größeres Gewicht zu verleihen. Hier zeigt sich somit – wie bereits im Zusammenhang mit den Verwandtschaftsbeziehungen – ein erstaunlich flexibler Umgang mit traditionellen Begründungsmustern. Und gerade weil Valerius in den meisten Fällen mit sozialen Normen und mores argumentiert, kann der – unerwartete und damit überraschende – Rekurs auf einen (fiktiven) Rechtsanspruch eine besondere Wirksamkeit entfalten.

6 Soziale Beziehungen in exemplis: Folgerungen und Ausblick Soziale Beziehungen in exemplis: Folgerungen und Ausblick

6.1 Zum Funktionieren der valerischen Exemplasammlung Zum Funktionieren der valerischen Sammlung Die eingangs vorgestellten Überlegungen zur Definition und Kategorisierung von exempla, denen zufolge die Analyse exemplarischer Erzählungen ein besonderes Augenmerk auf die konkrete Wirkungsintention eines Exempels und somit auf den Darstellungskontext zu richten hat, sehen sich nach dem Abschluss der vorliegenden Untersuchung bestätigt. Diese hat gezeigt, dass der Darstellungs- und Wirkungsintention für das valerische Werk in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Rolle zukommt. Zum einen ist sie von zentraler Bedeutung für die Bestimmung des Quellenwertes exemplarischer Aussagen, und zum anderen ist sie eng mit den Funktionen und dem Funktionieren von exempla verbunden. Eine Analyse des valerischen Werkes muss die Darstellungsintention daher auf drei unterschiedlichen Ebenen berücksichtigen. 1. Auf der Ebene des einzelnen exemplum galt es, die literarische Präsenz einzelner Aussagen und Darstellungen zu bestimmen (vgl. Kapitel 1.3). So gibt es auf der einen Seite Handlungen, die direkt oder indirekt der Inszenierung einer exemplarischen Aussage dienen und in der Regel eine hohe explizite Normativität aufweisen. Ziel dieser Darstellungen ist das Durchspielen von Verhaltensmustern, Problemstellungen und normativen Konzepten, die als vorbildhaft oder aber als problematisch empfunden wurden und nicht im selbstverständlichen Verhalten verankert waren. Somit handelt es sich bei diesen Darstellungen um normative Diskurse, die – ihrem Inszenierungscharakter entsprechend – häufig durch rhetorische Emphase und Dramatik sowie insgesamt durch eine Vielfalt an rhetorischen Kunstmitteln charakterisiert sind und im Sinne von Jean-Michel David eine hohe »force évocatoire« aufweisen (vgl. Kapitel 1.2). Sie können sowohl traditionelle Wertvorstellungen wie auch neu entstehende Handlungsspielräume und den daraus resultierenden Orientierungsbedarf zum Thema haben. Unterstützt werden Inszenierungen durch die für exemplarisches Erzählen charakteristische Form der selektiven Darstellung: Indem Valerius in seiner Präsentation einer Episode die weniger wichtigen Punkte ausblendet, fokussiert er auf diejenigen Aspekte, die im Hinblick auf die exemplarische

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Aussage relevant sind. Die damit verbundene spezifische Sinngebung kann in einigen Fällen sogar bis hin zu einer Umdeutung bestimmter Episoden führen. Die zweite Form der Interaktion umfasst diejenigen Handlungen, die in den valerischen exempla eher beiläufig erwähnt werden, ohne dass damit ein bestimmter Zweck verfolgt würde. Diese kontingenten Erwähnungen, die nur selten mit einem besonderen rhetorischen Aufwand einhergehen, thematisieren in der Regel unproblematische oder alltägliche Verhaltensweisen, die – zumindest in dem entsprechenden Kontext – keiner besonderen Erörterung bedurften. 2. Auch für die Ebene der Kapitel kommt der Darstellungsintention ein hoher Stellenwert zu. Zum einen ist der den Facta et dicta memorabilia zugrundeliegende Akt der Festlegung und Anordnung der Rubriken als strukturierende und sinngebende Handlung zu begreifen, die dem Werk eine spezifische formale und inhaltliche Orientierung gibt.783 Zum anderen kommt den Kapiteln auch im Hinblick auf die ihnen zugeordneten exempla eine wichtige sinnstiftende Rolle zu, da Intention und Aussagewert der einzelnen exempla im valerischen Werk in hohem Maße durch den Kontext des betreffenden Kapitels geprägt werden. So gibt die Einordnung eines Beispiels in eine bestimmte Rubrik diesem eine spezifische inhaltliche Ausrichtung, die zumindest teilweise von dem konkreten Inhalt einer Episode abstrahieren und diese mit einem neuen oder besonders pointierten Bedeutungshorizont versehen kann.784 Dabei ist zu berücksichtigen, dass die konkreten Episoden in unterschiedlichen (Kapitel-) Kontexten verwendet und auf diese Weise mit verschiedenen Konnotationen ausgestattet werden können.785 Zur Steigerung der Wirkungskraft besteht im Rahmen des Kapitels zudem die Möglichkeit, mit dem Aufbau eines Spannungsbogens eine besondere Dynamik bzw. Dramatik der Darstellung zu erzeugen, die das einzelne exemplum in dieser Form nicht leisten konnte.786 3. Für die Ebene der Gattung spielt die Darstellungsintention ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Entscheidung des Valerius, historische Bezüge mit dem Mittel von exempla und Exemplasammlung deutlich zu machen, ist mit grundsätzlichen Konsequenzen für das daraus entstehende Geschichtsbild

783 Auffällig sind in diesem Zusammenhang etwa die zentrale Position des fast ausschließlich soziale Beziehungen thematisierenden 5. Buches sowie die ausführliche, diesem Buch direkt vorangehende Behandlung der moderatio-Thematik. Zur Gesamtordnung des Werkes s. oben Kapitel 1.1, Anm. 34. 784 S. etwa oben Kapitel 2.3.2.2 zum Beispiel 5,4,5. Ein Beispiel für die Schärfung des Aussagewertes bietet das exemplum 6,8,7 (s. oben Kapitel 5.2.2). 785 S. oben Kapitel 1.2, Anm. 67. 786 S. hierzu insbes. den Aufbau des Kapitels 2,7 (De disciplina militari); vgl. oben Kapitel 2.3.2.1, Anm. 151.

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Soziale Beziehungen in exemplis: Folgerungen und Ausblick

verbunden: Indem Valerius den Fokus auf Wertvorstellungen und traditionelle römische Verhaltensweisen richtet, kann er – im Gegensatz zu historiographischen Darstellungen – strukturelle Konflikte und problematische historische Kausalitäten ausblenden. Wie die vorliegende Untersuchung gezeigt hat, ist dies insbesondere für die Behandlung der späten Republik von grundsätzlicher Bedeutung: Während in vielen historiographischen Darstellungen der späten Republik Parteiensystem und Freund-FeindDiskurse als elementare Deutungsparameter fungieren, verlieren diese in einer auf exempla basierenden Darstellung an Gewicht.787 Die Konzentration auf allgemeingültige Werte sowie der Verzicht auf historisch-politische Analysen ermöglichen die Abkehr von der Parteienperspektive und damit zugleich die überwiegend positive Integration auch problematischer Ereignisse der römischen Geschichte in die Facta et dicta memorabilia und den darin konstruierten Erinnerungsraum.788 Für die Beurteilung des Quellenwertes der valerischen Sammlung lässt sich vor dem Hintergrund der hier angeführten Überlegungen Folgendes festhalten: 1. Die Facta et dicta memorabilia sind kein historiographisches Werk, sondern Teil des frühkaiserzeitlichen Normendiskurses. Obgleich die Mehrzahl der exempla die Zeit der Republik zum Thema hat, ist das Werk somit – entgegen seiner bis heute vielfach üblichen Verwendung – primär als eine Quelle für die Zeit seiner Entstehung, nicht aber für die republikanische Epoche zu betrachten. Viele der valerischen exempla setzen Handlungen und Verhaltensweisen in Szene, die von Zeitgenossen als problematisch oder auch als besonders vorbildhaft betrachtet wurden. Sie lassen sich somit als ein Durchspielen von Konzepten, Normen und Bildern verstehen, mit deren Hilfe der Erinnerungsraum im Hinblick auf die Vorstellungen und Bedürfnisse der eigenen Zeit (um-) gedeutet und (neu) strukturiert wird. Dass den jeweiligen Normen jedoch nicht in allen exempla die gleiche Gültigkeit zukommt, sondern vielmehr auch gegensätzliche Konzepte denkbar sind (etwa severitas und indulgentia patrum), hängt mit der zweiten Ebene der Darstellungsintention zusammen – dem Kontext der Kapitel. 2. Die valerischen exempla stehen nicht als unabhängige Einheiten im literarischen Raum einer unverbindlichen Sammlung. Ihre Zuordnung zu den jeweiligen Kapiteln zeugt vielmehr von einer voraussetzungsreichen Entscheidung, die den von Valerius angestrebten Aussagewert eines Exempels grundlegend prägt. Die Kapitelthematik ist daher bei jeder Analyse dieser 787 S. oben Kapitel 5.4.2 und 5.4.3. 788 Umgekehrt war die Abkehr von der Parteienperspektive zugleich die Voraussetzung dafür, dass eine Konzentration auf soziale Normen (wieder) möglich werden konnte.

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exempla auch und gerade dann als ein zentraler Bestandteil und sinnstiftender Kontext zu berücksichtigen, wenn sie anderen bekannten Interpretationen einer Episode entgegensteht.789 3. Schließlich ist bei jeder Beschäftigung mit den valerischen exempla zu unterscheiden, für welche Zeit und für welche ›Ebene‹ eine Aussage als Quelle verwendet werden kann. Während die inszenierten Interaktionen in erste Linie als Quelle für normative Vorstellungen und Konzepte und somit für die Entstehungszeit des Werkes selbst zu betrachten sind, eröffnen die en passant erwähnten Handlungen einen zuverlässigeren Einblick in die Lebenswirklichkeit der alltäglichen Geschäfte. Ob und in welchem Maße sie indes tatsächlich als ›realistische‹ Darstellung längst vergangener Epochen gelten können und nicht doch Rückprojektionen einer späteren Überlieferung darstellen, muss für jeden konkreten Einzelfall erwogen werden. Dass die Funktion eines exemplum in enger Verbindung zu der mit seiner Verwendung intendierten Wirkung bzw. Absicht steht, ist in den eingangs (Kapitel 1.2) dargelegten Überlegungen zu Definition und Kategorisierung von exempla herausgearbeitet worden. Zwar lassen sich nicht alle Funktionen römischer exempla auf direkte und bewusste Darstellungsintentionen zurückführen, dennoch ist der enge Zusammenhang zwischen beiden Bereichen offensichtlich. So legte die angestrebte Wirkung – ob ein Beispiel etwa eine Rede schmücken, einen Richter mit Hilfe eines juristischen Präzedenzfalles bzw. eines ruhmreichen Vorbildes überzeugen oder aber einen normativen Standpunkt illustrieren sollte – zugleich fest, welche der in einem exemplum angelegten Potentiale (etwa ein berühmter auctor, eine besondere virtus oder das Alter der Handlung) aktualisiert und mit welchen zusätzlichen Darstellungselementen die Argumentation gegebenenfalls verstärkt werden sollte.790 Die vorliegende Arbeit hat deutlich gemacht, dass sich im valerischen Werk sowohl hinsichtlich der Funktion von exempla wie auch in Bezug auf das Funktionieren exemplarischer Darstellung wichtige Veränderungen konstatieren lassen. Eine der traditionellen und auch von Valerius beanspruchten Funktionen von exempla, die Bereitstellung normativer Verhaltensmodelle durch den Rekurs auf vorbildhafte Handlungen der republikanischen Vorfahren, wird im Rahmen der Facta et dicta memorabilia in einem wichtigen Bereich erweitert. So hat die Untersuchung der Erbschaftsthematik gezeigt, dass Valerius in seinem Werk den Versuch macht, Handlungsanleitungen für Situationen zu bieten, die traditionell noch keiner 789 S. oben Kapitel 2.3.4.3 zur Einordnung der Beispiele 5,4,3 und 5 in das Kapitel De pietate erga parentes. 790 Zur Begrifflichkeit (Potentiale, Darstellungselemente) s. oben Kapitel 1.2.

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eindeutigen normativen Fixierung unterlagen. Damit knüpft er zwar einerseits an die traditionelle Bereitstellung von Orientierungswissen an, doch andererseits betritt er mit der von ihm gewählten Thematik in mancher Hinsicht Neuland. Besonders deutlich zeigen sich die Veränderungen in der damit einhergehenden Erweiterung des Instrumentariums, die sowohl die Protagonisten als auch die Argumentationsmuster betrifft. Republikanische Beispiele erzielten eine möglichst tiefgreifende Wirkung durch die Aktivierung derjenigen Potentiale, die mit besonders großer »force évocatoire« ausgestattet waren, wie etwa berühmte auctores, lange zurückliegende Handlungen oder der Verweis auf anerkannt wichtige soziale Normen und virtutes. Für den von Valerius gewählten Bereich der Erbschaftsthematik, die sich in erster Linie auf neue, seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert entstandene Handlungsspielräume bezog, lagen vergleichbare Potentiale nur sehr vereinzelt vor.791 Auf das Fehlen berühmter auctores reagiert Valerius mit einer deutlichen Ausweitung des exemplafähigen Personenkreises: Er führt in seinen Erbschaftsexempla nicht nur weniger bekannte Akteure, sondern sogar anonyme Protagonisten als auctores an, die im Hinblick auf ihre auctoritas nicht mit den traditionellen republikanischen Protagonisten konkurrieren können. Dass Valerius die Möglichkeit sieht, sich auf diese Weise in einem zentralen Punkt von traditionellen Exemplaformen abzusetzen, lässt sich als eine Stärkung der inhaltlichen Seite der exempla – und damit der moralischen Setzung – deuten, die offenbar auch ohne berühmte römische auctores Geltung beanspruchen können.792 Vor dem Hintergrund der Normendiskussion, deren Entwicklung und Zuspitzung im vorangehenden Kapitel (5.8) beschriebenen worden ist, gewinnt diese Überlegung weiter an Plausibilität. Sie könnte darüber hinaus eine Erklärung für die im valerischen Werk vergleichsweise hohe Präsenz externer exempla bieten. Auch auf der Ebene der Begründungsmuster lässt sich ein weitreichender Wandel konstatieren. Zwar rekurriert Valerius in seinem Werk in der Regel auf die Verbindlichkeit anerkannter sozialer Normen und Wertvorstellungen – ein traditionell in exemplis verwendetes Argumentationsmuster. Da sich dieses Vorgehen insbesondere im Bereich der von ihm dargestellten

791 Ein Beispiel ist die Person des Augustus, die einigen der hier angesprochenen exempla (etwa 7,7,3 und 7,7,4) durch sein Eingreifen eine besonderen Dignität verleiht. 792 Dies schließt keinesfalls aus, dass berühmte auctores weiterhin von zentraler Bedeutung für die exemplarische Überlieferung waren (vgl. Felmy, S. 54-64). Doch offensichtlich konnte sich daneben eine weitere Gruppe von exempla etablieren, in denen die inhaltlich-moralische Aussage ein starkes Eigengewicht hatte.

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Erbschaftsexempla jedoch in einigen Fällen als unzulänglich erweist,793 muss Valerius auch hier nach neuen Bezugspunkten suchen. In diesem Zusammenhang erweist sich die Argumentation mit einem nicht näher definierten ius bzw. ordo naturae als ein praktikables Instrument zur Einbindung und normativen Begründung der neu entstandenen Handlungsspielräume. Dass sich diese in vieler Hinsicht neue Form von exempla auf Dauer halten konnte, darf bezweifelt werden, wenn man sich die weitere Geschichte der Erbschaftsexempla vor Augen hält. Während viele der valerischen exempla in den darauffolgenden Jahrhunderten von unterschiedlichen Autoren aufgegriffen werden, ist für die meisten Erbschaftsbeispiele – abgesehen von der Epitome des Iulius Paris – keine spätere Verwendung bekannt.794 Über die Gründe für das Schweigen kann zwar nur spekuliert werden, doch spricht einiges dafür, die spezifische Form dieser exempla zumindest als einen möglichen Grund zu betrachten. Da traditionelle exempla einen Großteil ihrer Wirksamkeit aus der Präsenz berühmter auctores zogen und primär mit traditionellen Wertvorstellungen argumentierten (Kapitel 1.2), konnten sich das Fehlen klar definierter Akteure und der Rekurs auf ein nicht näher definiertes ius naturae langfristig als problematisch erweisen. So fehlte exempla mit unbekannten oder gar völlig unbestimmten Protagonisten ein wichtiges Medium der eingängigen Tradierbarkeit. In ähnlicher Weise scheint sich der Rekurs auf den ordo naturae im Rahmen von exempla offenbar nicht als ein den sozialen Normen gleichwertiges Begründungsmuster etabliert zu haben.795 Dies legen nicht zuletzt die von Iulius Paris überlieferten Versionen dieser exempla nahe, in denen der naturrechtliche Aspekt fast vollständig getilgt ist. Paris, der seine Epitome bekanntlich mit dem Ziel verfasste, die valerischen exempla in einer für Redner geeigneteren Form darzustellen,796 präsentiert sie in der Form juristischer Präzedenzfälle, die sich darauf beschränken, eine Testamentsentscheidung oder ein Urteil als exemplarisches Faktum anzuführen. Sein Vorgehen deutet darauf hin, dass die Erbschaftsexempla – nicht in der valerischen Form, sondern im Sinne juristischer Präzedenzfälle – auch in späterer Zeit eine wichtige Rolle gespielt haben dürften. Immerhin standen die hier erörterten Themen als echte oder fiktive Fragen regelmäßig auf 793 Vgl. hierzu und zum Folgenden oben Kapitel 2.3.4.2. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich in einigen Fällen auch außerhalb der Erbschaftsexempla beobachten (s. Kapitel 2.3.4.3 zu 5,4,3 und Kapitel 3.2.1.2 zu 5,4,7). 794 Diese Aussagen beziehen sich lediglich auf die antike Rezeption (s. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 286). 795 Das römische Recht bietet dagegen ein anderes Bild (s. oben Kapitel 2.3.4.2, Anm. 291). 796 S. oben Kapitel 2.3.4.2, Anm. 292.

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der Tagesordnung der Rhetorikschulen wie auch der Gerichte.797 Denkbar ist, dass die valerischen exempla vor allem aufgrund dieser spezifischen Verwendung keinen weiteren Niederschlag in der sonstigen Überlieferung gefunden haben. Da uns jedoch trotz der Werke des älteren Seneca und Quintilians nur wenige der dort erörterten Fälle überliefert sind, müssen Aussagen zu den valerischen Beispielen im Bereich der Hypothese verbleiben.

6.2 Soziale Beziehungen und Erinnerung: die valerische Sinnstiftung in ihrem zeitgenössischen Kontext Soziale Beziehungen und Erinnerung Die Kontextualisierung des valerischen Werkes kann auf zwei unterschiedlichen Ebenen vorgenommen werden. In einem ersten Schritt soll im Folgenden die intentionale Sinnstiftung des Valerius vor ihrem zeitgenössischen Hintergrund betrachtet werden. Im Anschluss daran wird der Versuch unternommen, das valerische Werk unabhängig von der Bezugnahme auf eine Autorintention an den kaiserzeitlichen Kontext rückzubinden. Valerius verwendet in seinem Werk ein hohes Maß an literarischer Anstrengung auf die Konstruktion eines umfassenden und positiv konnotierten Erinnerungsraumes. Die damit einhergehende (Neu-) Strukturierung des römischen Vergangenheitsraumes gründet maßgeblich auf sinnstiftenden und intentionalen Umdeutungen sozialer Interaktionen und Beziehungen, die es Valerius ermöglichen, auch und gerade die problematischen Episoden der jüngeren römischen Geschichte in sein Werk zu integrieren. Zentrales Strukturprinzip der valerischen Vergangenheitskonstruktion ist die ›Moralisierung‹ des Erinnerungsraumes: Valerius fokussiert seine exemplarische Darstellung und Beurteilung vergangener Episoden und Verhaltensweisen auf moralische und wertebezogene Aspekte, während er die Ebene politischer und struktureller Konflikte ausblendet oder zumindest in den Hintergrund drängt. Diese Verschiebung des Sinnpotentials zeigt sich – in unterschiedlichen Ausformungen – in zahlreichen sozialen Beziehungen, wobei sich drei Formen der Sinnstiftung in besonderer Weise als strukturbildend erwiesen haben: (1) Die Inszenierung zwischenmenschlicher Loyalität, (2) die Inszenierung von Konfliktvermeidung und moderatem Handeln sowie (3) die Reduktion politisch-struktureller Konflikte auf moralisches Fehlverhalten.

797 S. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 293.

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Die Inszenierung zwischenmenschlicher Loyalität Die Inszenierung zwischenmenschlicher Loyalität trägt im valerischen Werk in vielfältiger Form zur Integration problematischer Episoden bei. Durch seine klare Fokussierung auf soziale Beziehungen und Wertvorstellungen gelingt es Valerius, nicht zuletzt die schwierige Zeit der Bürgerkriege in sein Werk zu integrieren, ohne die damit verbundenen gesellschaftspolitisch brisanten Konflikte zu thematisieren. Dass etwa das schützende Eingreifen zugunsten eines Ehemannes, ›Freundes‹ oder Patrons im Zeitalter der Bürgerkriege immer zugleich eine politische Stellungnahme bedeutete, blendet Valerius so weit wie möglich aus. Gleiches gilt für die Reduktion des Problems der kollektiven Klientel auf Fragen von gratia und liberalitas. Welche konkreten Umdeutungen Valerius in diesem Zusammenhang vornimmt, soll im Folgenden an einem Beispiel illustriert werden. Der Volkstribun C. Flaminius hat gegen den Willen des Senats ein Ackergesetz vorgeschlagen. Als er öffentlich über das Gesetz berichtet, wird er von seinem Vater von den rostra geholt. In seinem Jugendwerk De inventione (2,52ff.) schildert Cicero diese Episode in Form eines juristischen Problems, in dessen Zentrum der Konflikt zwischen zwei Formen von potestas steht: Konnte der Vater gegenüber seinem Sohn in diesem Fall auf der Basis von patria potestas handeln, oder bedeutete sein Vorgehen gegen die tribunicia potestas zugleich eine Schwächung der potestas populi? Strittig sei, erläutert Cicero, »ob derjenige, die Hoheit des Volkes herabsetzt, der gegen die tribunizische Gewalt die väterliche Gewalt anwendet.« Auf diesen strittigen Punkt müsse man alle Beweise vorbringen. Valerius (5,4,5) erzählt im Grundsatz die gleiche Geschichte, versieht sie jedoch mit einem völlig anderen Sinngehalt: Zum einen vermeidet er sowohl den Begriff der patria potestas – den er durch auctoritas patria ersetzt – als auch den Hinweis auf die Amtsgewalt des Tribunen, und blendet auf diese Weise den für die ciceronische Variante konstitutiven Konflikt der potestates aus. Zum anderen macht Valerius durch die Einordnung dieser Episode in das Kapitel über pietas erga parentes deutlich, dass hier eine positiv konnotierte Interaktion zwischen Sohn und Vater im Zentrum steht, die alle übrigen Inhalte – rechtliche Fragen, aber auch die Problematik von Ackergesetzen insgesamt – überlagert. Auf diese Weise gelingt es Valerius, eine politisch konfliktträchtige Frage von zentraler rechtlicher Relevanz neu zu kontextualisieren und in ein positiv konnotiertes exemplum pietatis zu überführen.798

798 Zu dieser Episode s. oben Kapitel 2.3.2.2 und 2.3.4.3.

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Darüber hinaus wird das Verhältnis zwischen den sozialen Beziehungen einerseits und dem gesellschaftspolitischen Kontext andererseits in diesen valerischen Inszenierungen vielfach einer partiellen Neubestimmung unterzogen: Waren soziale Beziehungen in Rom grundsätzlich funktional auf die Gesellschaft und ihr Funktionieren bezogen, so erscheinen die amicitia-, amor- und fides-Bindungen bei Valerius in hohem Maße auf sich selbst gerichtet. Während der gesellschaftliche Kontext vorwiegend als Bedrohung wahrgenommen wird, werden durch die massive Inszenierung unterstützender Handlungen zugleich schützende Räume geschaffen, die gleichsam voraussetzungslose Loyalität und Aufopferung versprechen und das Vertrauen in die Stabilität und Zuverlässigkeit der sozialen Beziehungen stärken. Die Überwindung von Konflikten und das Ideal moderaten Handelns Die Privilegierung von moderatem Verhalten und Konfliktvermeidung stellt eine zentrale inhaltliche Aussage des valerischen Werkes dar, die maßgeblich zu einer positiven und sinnhaften Integration problematischer Episoden beiträgt. Besonders präsent sind diese Verhaltensideale im Verhältnis von Vätern und Söhnen sowie für die aristokratischen amicitia- und inimicitiaeBeziehungen. Indem Valerius die Vermeidung und Überwindung konfliktueller Interaktionen in zahlreichen Beispielen inszeniert, macht er deutlich, dass problematische Situationen nicht notwendig zu einer Eskalation führen müssen, sondern grundsätzlich überwindbar sind und häufig sogar überwunden werden sollten. Wichtige Argumente für die Vermeidung von Konflikten sind insbesondere die ›natürlich‹ begründete Besonderheit der VaterSohn-Beziehung sowie – für die aristokratischen Nahbeziehungen – das Wohl der res publica. Letzteres lässt sich an folgendem Beispiel illustrieren. Livius Salinator und Claudius Nero sind gemeinsam in das Konsulamt gewählt worden, liegen jedoch in erbitterter Feindschaft gegeneinander. Diese geht vor allem von Salinator aus, der – auch infolge einer Aussage des Nero – ins Exil geschickt worden war. Livius (37,35,5-11) schildert die Feindschaft zwischen den beiden Konsuln. Salinator sei aufgrund des erlittenen Missgeschicks der Unversöhnlichere von beiden gewesen. Er habe argumentiert, eine Beilegung des Konfliktes sei nicht nötig, da gerade der beiderseitige Profilierungswille zu einer energischen Amtsführung beitragen könne. Schließlich sei jedoch auf Drängen des Senats eine Aussöhnung erreicht worden. Auch Valerius (4,2,2) schildert die Versöhnung der beiden Konsuln, doch ist bei ihm Salinator der entscheidende Akteur. Dieser habe sich nach

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seiner Wahl befohlen, die schwere Kränkung zu vergessen, denn er habe befürchtet, in Feindschaft als schlechter Konsul zu handeln. Valerius fügt hinzu, Salinator habe durch sein Handeln maßgeblich zum Wohle (salus) Roms und Italiens beigetragen, denn den Konsuln sei es durch ihre vereinten Kräfte gelungen, die karthagische Macht zu bezwingen. Durch seine Darstellung und Kommentierung inszeniert Valerius somit eine bewusste und reflektierte Entscheidung Salinators für eine Versöhnung zum Wohle der res publica. Dies mochte zwar nicht mit der Realität übereinstimmen,799 es entsprach jedoch in mehrfacher Hinsicht dem valerischen Ideal eines moderaten und von Reflexion geprägten Verhaltens. Nicht immer konnten – oder mussten – Konflikte jedoch tatsächlich aufgehoben werden. Zum einen mussten Angriffe eines Sohnes auf die Integrität der res publica in der valerischen Darstellung notwendig eine Bestrafung – also eine hoch konfliktuelle Handlung – zur Folge haben.800 Zum anderen waren auch inimicitiae letztlich als integraler Bestandteil aristokratischer Nahbeziehungen zu betrachten, den es in die valerische Normendiskussion einzubinden galt. Durch die kontinuierliche Inszenierung moderater Verhaltensweisen wie moderatio, iustitia oder humanitas schafft Valerius einen verbindlichen Handlungsrahmen, der konfliktuelle Verhaltensweisen in gesellschaftlich akzeptable Grenzen weist. Die Reduktion politisch-struktureller Konflikte auf moralisches Fehlverhalten Nicht alle konfliktuellen Interaktionen der Vergangenheit lassen sich interpretativ in den beschriebenen gesellschaftlich akzeptierten Handlungsrahmen von moderatio, iustitia und humanitas einordnen. Insbesondere die Bürgerkriege und Proskriptionen der späten Republik hatten vielfach zu blutigen und nicht mehr eingrenzbaren Auseinandersetzungen geführt, die – wie etwa der folgende Fall – jeglichen Rahmen sprengen mussten. C. Popillius Laenas war von Cicero erfolgreich verteidigt worden. Als Cicero proskribiert wird, bittet Popillius Antonius um die Erlaubnis, Cicero 799 Dies zeigt nicht nur die beschriebene livanische Überlieferung, sondern auch die Wiederaufnahme dieser Episode in zwei weiteren valerischen exempla: So fungiert im Falle von 7,2,6a nun doch der Senat als zentraler Motor der Versöhnung, während 2,9,6a die beiden Protagonisten (Salinator und Nero) nur einige Jahre später wiederum in einem hohen Amt – und im Konflikt – vereint sieht. Die gemeinsame Ausübung der Zensur ist für Salinator hier jedoch offenbar nicht mehr Grund für eine Überwindung der Feindseligkeit – vielmehr führt sie zu einer weiteren Verstärkung des Konflikts. 800 Trotz der vielfältigen Veränderungen, denen die väterlichen Handlungsspielräume im Laufe der späten Republik und besonders der frühen Kaiserzeit unterworfen waren, bleibt der Vaterrolle in der valerischen Darstellung ihre politische Funktionalität somit erhalten (vgl. Kapitel 1.1).

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verfolgen und töten zu dürfen. Valerius überliefert diese Episode im Rahmen seines Kapitels De ingratis (5,3,4) und kritisiert das Ansinnen des Popillius mit dem Hinweis, dieser sei Cicero zumindest infolge des ihm geleisteten Dienstes (officium) Respekt schuldig gewesen. Zwar ist uns für diese Begebenheit keine frühere Vergleichsversion bekannt, dennoch ist der Umdeutungsprozess hier offensichtlich: Hoch problematischen Themen der Bürgerkriege – Verfolgung, Proskription und Tötung – werden von Valerius auf das moralische Fehlverhalten der ingratia reduziert und damit ›behandelbar‹ gemacht. Indem Valerius sein Augenmerk nicht auf die politischen Konflikte, sondern auf die mit den Taten verbundenen Affekte sowie auf die Frage sozialer Normen richtet, gelingt es ihm, diese und andere problematische Episoden sinnhaft in sein Werk zu integrieren. Der Verzicht auf eine politische und strukturelle Analyse sowie die Einordnung der Konfliktsituationen in Rubriken wie ira, crudelitas oder ingratia boten Valerius die Möglichkeit, eine personale und moralische Beurteilung der betreffenden Episoden vorzunehmen, die eine Behandlung dieser (politisch) brisanten Konflikte vielfach erst ermöglichte. Zugleich führte Valerius die Konflikte durch seine Neukontextualisierung in den Rahmen kritikwürdiger vitia auf eine Ebene zurück, auf der auch in der frühen Kaiserzeit ein unproblematischer aristokratischer Konsens bestand. Die valerische Konstruktion des Vergangenheitsraumes verläuft somit in vieler Hinsicht nach einem dem Augustusforum vergleichbaren Muster (vgl. Kapitel 1.1). Die Darstellung über exempla vollzieht eine semantische Reduktion komplexer Ereignisse auf eine Norm. Da historische Zusammenhänge nicht berücksichtigt werden müssen, können problematische Handlungen und Aspekte der in exemplis dargestellten Personen oder strukturelle Spannungen zwischen den Handlungsträgern ausgeblendet werden. Diese Dekontextualisierung ist indes nur der eine Teil des valerischen Vorgehens. Indem Valerius die ihres ursprünglichen Zusammenhangs enthobenen Interaktionen an seine eigene ›Geschichte‹, d.h. an sein normatives Sinnsystem rückbindet, vollzieht er zugleich eine Umkontextualisierung dieser Episoden, die eine grundlegende Neustrukturierung des römischen Erinnerungsraumes mit sich bringt. Dem Selbst- und Vergangenheitsverständnis der frühkaiserzeitlichen Aristokratie bietet Valerius auf diese Weise vielfältige Orientierungs- und Anknüpfungspunkte. Auf der einen Seite entwirft er einen umfassenden, durch Normen strukturierten Erinnerungsraum, der trotz einer breiten Integration auch problematischer Episoden als Bezugspunkt gesamtaristokratischer Selbstverortung fungieren kann. Auf der anderen Seite bietet das

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valerische Werk zahlreiche auf die eigene Gegenwart bezogene Anschlusspunkte, die insbesondere Formen und Ausprägungen gesellschaftlicher Interaktionsmechanismen betreffen. Mit seinem klaren Plädoyer für moderates und gerechtes Verhalten steckt Valerius verbindliche Grenzen und Handlungsrahmen ab, innerhalb derer bestehende und gegebenenfalls notwendige Konflikte auf gesellschaftlich akzeptable Weise ausgetragen werden können. Nicht zuletzt damit suggeriert die valerische Darstellung, dass Konflikte und blutige Auseinandersetzungen vermeidbar gewesen wären, wenn die Akteure die von ihm vielfach illustrierten Normen – hier vor allem moderatio bzw. gratia – befolgt hätten. Daraus folgt zugleich, dass die Orientierung an dem von Valerius entworfenen Normenkosmos somit die Möglichkeit eröffnen könnte, das Entstehen vergleichbarer Konflikte in Zukunft zu verhindern. Das exemplum erhält damit seine Dignität zurück. Der Rekurs auf die Intentionen des Valerius ist jedoch nur eine Möglichkeit der Kontextualisierung der Facta et dicta memorabilia. Jenseits der Autorintention lassen sich weitere Berührungspunkte zwischen dem valerischen Werk und seinen Kontexten erkennen. Berührungspunkte, die das Werk des Valerius gewissermaßen auf breiterer Basis an seine Zeit und an den Transformationsprozess binden, für den diese Zeit stand. Zentral ist in diesem Zusammenhang die Frage des Wandels im Verhältnis zwischen den sozialen Beziehungen und der res publica. An die Stelle der früheren gesellschaftspolitischen Bezogenheit vieler sozialer Bindungen tritt bei Valerius – nicht durchgehend, aber doch in zunehmendem Maße – eine stärker auf die Beziehung selbst gerichtete Perspektive.801 Eine Entsprechung findet dieser Befund in der von mehreren Forschern vertretenen These, derzufolge die Vorstellung von Ehe und Familie im Verlaufe der späten Republik und frühen Kaiserzeit eine weitreichende Transformation vollzogen habe. In diesem Zusammenhang habe etwa die strategische Funktion der Ehe an Einfluss verloren, während der emotionalen Paarbeziehung eine neue Bedeutung zugesprochen worden sei.802 Zwar ist die beschriebene valerische Darstellung alleine kein hinreichender Beleg für die tatsächliche

801 Dies gilt besonders für die valerische Darstellung von Ehe und amicitia sowie für seine Inszenierung der Überwindung von inimicitiae, doch auch in anderen Bereichen lassen sich vergleichbare Tendenzen feststellen. 802 Als wichtige Vertreter dieser Thesen sind in erster Linie Veyne, Foucault sowie – etwas weniger pointiert – Dixon zu nennen (s. oben Kapitel 3.3, Anm. 439). Zur Kritik an diesen Thesen vgl. Cohen / Saller, bes. S. 44ff. sowie Benabou, S. 1259f., der für die Kaiserzeit indes ebenfalls von der Entstehung einer neuen und persönlicheren Ehekonzeption ausgeht, die von Seiten der (stoischen) Philosophie entwickelt worden sei (ebd. S. 1257ff. und passim; vgl. auch oben Anm. 499).

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Existenz einer solchen Entwicklung. Die vorgelegten Ergebnisse unterstützen jedoch Überlegungen, die von grundlegenden Veränderungen im Verhältnis zwischen sozialen Beziehungen und res publica ausgehen und machen deutlich, dass eine nähere Untersuchung dieser Frage durchaus lohnenswert erscheint. Für die amicitia-, Klientel- und inimicitiae-Verhältnisse sowie für die häufig damit einhergehenden Erweise von gratia und ingratia nimmt die Forschung vielfach ebenfalls einen die Kaiserzeit prägenden Wandel an, der in erster Linie mit der besonderen Position des princeps, darüber hinaus aber auch mit den veränderten Formen aristokratischer Kommunikation und Handlungsfähigkeit begründet wird.803 Auch hier bieten die valerischen Konstruktionen vielfältige Ansatzpunkte. Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang auf den im valerischen Werk nachdrücklich hervorgehobenen Stellenwert gegenseitiger Erbeinsetzung als einem traditionellen aristokratischen Interaktionsmuster verwiesen: Diese Inszenierung gewinnt vor dem Hintergrund der durch die augusteische Ehegesetzgebung verursachten Einschränkungen der Erbfähigkeit eine besondere Brisanz. Bezeichnend ist vor dem Hintergrund der römischen Kaiserzeit auch die Bedeutung, die im valerischen Werk der Vorstellung eines ›natürlichen‹ Rechts bzw. einer ›natürlichen‹ Ordnung zugesprochen wird. Zwar sind diese Konzepte, ebenso wie die damit einhergehende Stärkung der Stellung leiblicher Verwandtschaft, in wichtigen Teilen bereits seit der späten Republik nachweisbar. Dennoch sind sowohl die vielfältige Bezogenheit der Naturrechtsargumentation auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern (besonders im Bereich von Erbschaftsfragen) wie auch ihre argumentative Verwendung im Rahmen von exempla als wichtige Veränderungen zu begreifen. Nimmt man hinzu, dass der Verweis auf das ius naturae für kaiserzeitliche Juristen ein wichtiges Argument in der Begründung von – gerade das Eltern-Kind-Verhältnis betreffenden – Rechtsentscheidungen bildete, stellt sich auch hier die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen beiden Phänomenen, der in einer weiterführenden Untersuchung nachzugehen wäre. In diesem Zusammenhang wäre auch nach Funktion und Bedeutung der im valerischen Werk wie in den kaiserzeitlichen controversiae sehr präsenten Erbschafts- und Adoptionsthemen zu fragen, deren Brisanz und Komplexität mit der wachsenden Bedeutung leiblicher (›natür-

803 Vgl. hierzu etwa Kierdorf sowie Barghop und Griffin, De beneficiis;vgl. darüber hinaus Mette-Dittmann, S. 171 (zu den Folgen der augusteischen Ehegesetze für das testamentarische Erbschaftsrecht). Dass in der Kaiserzeit selbst ein Bewusstsein für den Wandel vorhanden war, zeigt sich nicht zuletzt in den unterschiedlichen Formen intellektueller Auseinandersetzung mit dieser Thematik, etwa in den De beneficiis des Seneca oder im Rahmen der in den Rhetorikschulen geübten controversiae. (s. oben Anm. 14).

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licher‹) Verwandtschaft gegenüber rechtlich definierten Bindungen zunehmen mussten.804 Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass Struktur und Inhalt der Facta et dicta memorabilia der beginnenden Integration der Provinzen in das Römische Reich bereits in mehrfacher Hinsicht Rechnung trugen. Zum einen machte die systematische Einbeziehung externer exempla implizit deutlich, dass das römische Imperium nicht mehr auf Rom und Italien begrenzt war. Zum anderen eröffneten der Rekurs auf das ius naturae wie auch die beschriebene Stärkung der inhaltlichen Ebene exemplarischer Darstellung den provinzialen Eliten zusätzliche Möglichkeiten, sich in die aristokratischen Normen- und Vergangenheitsdiskurse einzuschalten. Im normativen ›Gesamtentwurf‹ der Facta et dicta memorabilia wird das Römische Reich bereits sehr viel nachdrücklicher als Einheit betrachtet, als dies etwa bei Livius der Fall war – eine Perspektive, die Valerius mit seinem Zeitgenossen Velleius Paterculus teilt.805 Durch die konsequente Einbeziehung externer Beispiele, die vielfältigen Verweise auf das ius naturae und die Offenheit für anonyme exempla gewinnt in der valerischen Darstellung zugleich eine gleichsam anthropologische Perspektive an Bedeutung, die neben traditionellen römischen Wertvorstellungen ›allgemein menschliche‹ bzw. ›naturgegebene‹ Verhaltensweisen zum Gegenstand hat. Auch dies bildete letztlich eine wichtige Voraussetzung für die in den folgenden Jahrhunderten vielfach auch auf einer normativen Ebene vollzogene Integration des Römischen Reiches, die zur Zeit der Entstehung des valerischen Werkes indes noch am Anfang stand.

804 Zur Argumentation mit dem Naturbegriff s. oben Kapitel 2.3.4.2, bes. Anm. 291. 805 Zu Velleius Paterculus s. Schmitzer und Jacquemin, Velleius Paterculus, die sich dem Umgang mit der Geschichte im Werk des Velleius bzw. in der Tiberianischen Zeit insgesamt widmen. Jacquemin macht dabei den Vergleich mit der valerischen Exemplasammlung explizit zum Thema. Vgl. auch die kurzen Ausführungen von Gowing, S. 48 und S. 61-62.

Anhang: Die Einteilung der exempla Anhang: Die Einteilung der exempla Hinweis: Exempla können auch im Rahmen einer Beziehung mehrfach – aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Inszenierungsgraden – aufgenommen werden.

Väter und Söhne Väter und Söhne A. Inszenierte Beziehungen A.1 Unmittelbar inszenierte Beziehungen a) Konflikte 5,8,1-5 3,5,1 3,5,2

De severitate patrum in liberos Qui a parentibus claris degeneraverunt Qui a parentibus claris degeneraverunt

b) positive Beziehungen 5,4,2-5 De pietate erga parentes 5,7,1-3 De parentum amore et indulgentia in liberos 5,9,1-4 De parentum adversus suspectos liberos moderatione davon aufgelöste und ausgeblendete Konflikte 5,4,3+5 De pietate erga parentes 5,7,1 De parentum amore et indulgentia in liberos 5,9,1-4 De parentum adversus suspectos liberos moderatione A.2 Mittelbar inszenierte Beziehungen a) Konflikte 2,7,6 6,1,5 6,9,1 7,7,1-3 7,7,5 8,6,1

De disciplina militari De pudicitia De mutatione morum aut fortuna De testamentis quae rescissa sunt De testamentis quae rescissa sunt Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt

Väter und Söhne

9,1,2 9,1,5-6 9,1,9 9,3,4 9,11,5-6

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De luxuria et libidine De luxuria et libidine De luxuria et libidine De ira aut odio Dicta improba aut facta scelerata

b) positive Beziehungen 1,7,2 De somniis 2,1,7 De institutis antiquis 2,4,5 De institutis antiquis 2,4,7 De institutis antiquis 5,2,4 De gratis 5,2,7 De gratis 5,6,6 De pietate erga patriam 6,9,1 De mutatione morum aut fortuna 7,1,1 De felicitate 7,3,10 Vafre dicta aut facta 7,4,2 Strategemata 7,8,5 Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent 8,1, absol.3 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 8,1, absol.13 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 8,1, damn.8 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 9,12,7 De mortibus non vulgaribus davon aufgelöste und ausgeblendete Konflikte 6,9,1 De mutatione morum aut fortuna c) positive Konzeption der Vater-Sohn-Beziehung ohne direkte Beziehung 1,6,11 De prodigiis 1,7,4 De somniis 2,1,9 De institutis antiquis 2,10,2 De maiestate 5,1,1d De humanitate et clementia 5,1,5 De humanitate et clementia 5,1,10 De humanitate et clementia 5,3,5 De ingratis 6,6,1 De fide publica 8,1, absol.2-3 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 9,2,4 De crudelitate

302

Anhang: Die Einteilung der exempla

A.3 Die Vater-Sohn-Beziehung im Verhältnis zur res publica a) mittelbare Inszenierung von moderatio 2,2,4 De institutis antiquis 4,1,5 De moderatione 4,3,10 De abstinentia et continentia davon aufgelöste und ausgeblendete Konflikte 2,2,4 De institutis antiquis 4,1,5 De moderatione 4,3,10 De abstinentia et continentia b) Inszenierung von Trauer um den Sohn unmittelbar 5,10,1-3 De parentibus qui obitum liberorum forti animo tulerunt mittelbar 4,1,15 De moderatione A.4 Abstammungsverhältnis (als Verpflichtung / Unterstützung / Problem) 2,9,1 De censoria nota 2,10,4 De maiestate 3,1,3 De indole 3,4,2 De humili loco natis qui clari evaserunt 3,4,4-5 De humili loco natis qui clari evaserunt 3,5,3 Qui a parentibus claris degeneraverunt 3,8,6 De constantia 4,5,3 De verecundia 5,6,1 De pietate erga patriam 6,2,8 Libere dicta aut facta 6,4,1 Graviter dicta aut facta 7,8,5 Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent 8,1, absol.10 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 9,3,2 De ira aut odio 9,3,5 De ira aut odio 9,7,1-2 De vi et seditione 9,14, ext.3 De similitudine formae 9,15,1 De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt 9,15,3-5 De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt

Väter und Söhne

B. Kontingente Erwähnungen B.1 Konflikte keine B.2 Positive Beziehungen 1,1,9 De religione 2,5,1 De institutis antiquis 2,7,8 De disciplina militari 3,7,6 De fiducia sui 4,1,12 De moderatione 4,3,12 De abstinentia et continentia 4,4,7 De paupertate 4,4,11 De paupertate 4,8,1 De liberalitate 5,2,9 De gratis 6,1,7 De pudicitia 6,3,6 De severitate 8,6,3 Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt 9,11,5-6 Dicta improba aut facta scelerata 9,11, ext.1 Dicta improba aut facta scelerata B.3 Trauer um den Sohn 1,1,20 De neglecta religione 5,3,2a De ingratis B.4 Abstammungsverhältnis 1,8,7 De miraculis 2,5,2 De institutis antiquis 4,7 pr. De amicitia 4,7,2 De amicitia 6,1,1 De pudicitia 6,1,9 De amicitia 6,2,3 Libere dicta aut facta 6,3,1d De severitate 6,4,1 Graviter dicta aut facta 8,2,1 De privatis iudiciis insignibus 8,5,1 De testibus 9,14,2 De similitudine formae

303

304

Anhang: Die Einteilung der exempla

Die Rolle der Mutter Die Rolle der Mutter A. Mütter und Söhne 1,8,4 3,5,3 4,2,7 5,2,1a 5,4,1 7,7,3-4 8,1, ambust.2 9,12,2 9,14, ext.3 9,15,2-3

De miraculis Qui a parentibus claris degeneraverunt Qui ex inimicitiis iuncti sunt aut amicitia aut necessitudine De gratis De pietate erga parentes De testamentis quae rescissa sunt Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint De mortibus non vulgaribus De similitudine formae De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt

B. Mütter und Töchter 4,4,10 5,4,7 6,7,1 6,7,3 7,8,2 8,1, ambust.1

De paupertate De pietate erga parentes De fide uxorum erga viros De fide uxorum erga viros Quae rata manserunt, cum causas haberent cur rescindi possent Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint

Die Rolle der Tochter Die Rolle der Tochter A. Mütter und Töchter 4,4,10 5,4,7 6,7,1 6,7,3 7,8,2 8,1, ambust.1

De paupertate De pietate erga parentes De fide uxorum erga viros De fide uxorum erga viros Quae rata manserunt, cum causas haberent cur rescindi possent Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint

Die römische Ehe

305

B. Väter und Töchter 1,5,3 2,4,5 3,2,15 4,2,3 4,2,6 4,4,9-10 4,6,5 5,1,10 5,4,6 6,1,2-4 6,1,6 6,3,6 7,1,1 7,8,1 8,3,3 9,1,8 9,6,1 9,11,1

De ominibus De institutis antiquis De fortitudine Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine De paupertate De amore coniugali De humanitate et clementia De pietate erga parentes De pudicitia De pudicitia De severitate De felicitate Quae rata manserunt, cum causas haberent cur rescindi possent Quae mulieres apud magistratus pro se aut pro aliis causas egerunt De luxuria et libidine De perfidia Dicta improba aut facta scelerata

Die römische Ehe Die römische Ehe A. Konflikte und problematische Ehekonzeptionen A.1 Bis 146 v. Chr. datierte exempla 2,1,4 De institutis antiquis 2,5,3 De institutis antiquis 2,9,1-2 De censoria nota 6,3,8-10 De severitate 6,3,12 De severitate A.2 Nach 146 v. Chr. datierte exempla 3,5,3 Qui a parentibus claris degeneraverunt 8,1, ambust.2 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 8,2,3 De privatis iudiciis insignibus 9,1,9 De luxuria et libidine 9,5,3 De superbia et impotentia

306 9,11,7 5,9,1

Anhang: Die Einteilung der exempla

Dicta improba aut facta scelerata De parentum adversus suspectos liberos moderatione

A.3 Zwischen 200 und 146 v. Chr. datierte exempla 6,3,8 De severitate 6,3,10 De severitate A.4 Unklare Datierung 6,3,11 De severitate 5,9,4 De parentum adversus suspectos liberos moderatione

B. Positive Beziehungen und positive Konzeptionen der Ehe B.1 Bis 146 v. Chr. datierte exempla 2,1,1 De institutis antiquis 2,1,3-4 De institutis antiquis 2,1,5b De institutis antiquis 2,1,6 De institutis antiquis 2,9,1-2 De censoria nota 4,2,3 Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine 4,4,6 De paupertate 4,4,9-10 De paupertate 4,6,1 De amore coniugali 5,2,1a De gratis 5,4,1 De pietate erga parentes 6,7,1 De fide uxorum erga viros 9,10,1 De ultione B.2 Nach 146 v. Chr. datierte exempla 1,7,2 De somniis 3,2,15 De fortitudine 4,2,6 Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine 4,3,3 De abstinentia et continentia 4,6,2-5 De amore coniugali 6,7,2-3 De fide uxorum erga viros 7,1,1 De felicitate 7,7,3-4 De testamentis quae rescissa sunt 8,1, absol.12 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 9,2,4 De crudelitate

Geschwisterbeziehungen

307

B.3 Zwischen 200 und 146 v. Chr. datierte exempla 4,2,3 Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine 4,4,9 De paupertate 4,6,1 De amore coniugali 6,7,1 De fide uxorum erga viros B.4 Unklare Datierung 1,5,4 De ominibus 5,9,4 De parentum adversus suspectos liberos moderatione C. Einfache Erwähnungen 1,6,1 8,2,2 8,3,2 8,13,6 9,1,8

De prodigiis De privatis iudiciis insignibus Quae mulieres apud magistratus pro se aut pro aliis causas egerunt De senectute De luxuria et libidine

Geschwisterbeziehungen Geschwisterbeziehungen A. Brüder untereinander 1,7,6 2,7,5 2,7,7 3,7,1e 4,3,3 4,5,1 5,3,2c 5,5 pr. 5,5,1-4 7,3,2 7,7,5 7,8,4 8,1, absol.13 8,1, damn.1 8,5,1 9,7, mil. Rom.3

De somniis De disciplina militari De disciplina militari De fiducia sui De abstinentia et continentia De verecundia De ingratis De pietate erga fratres De pietate erga fratres Vafre dicta aut facta De testamentis quae rescissa sunt Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint De testibus De vi et seditione

308

Anhang: Die Einteilung der exempla

B. Brüder und Schwestern 3,8,6 5,9,2 6,1,12 6,2,3 6,3,6 8,1, absol.1 8,1, damn.4 9,15,2

De constantia De parentum adversus suspectos liberos moderatione De pudicitia Libere dicta aut facta De severitate Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt

C. Schwestern untereinander 7,8,2

Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent

Die Rollen von Onkel und Tante Die Rollen von Onkel und Tante A. Patruus und avunculus 3,1,2a 3,5,1a 5,1,7 5,9,2 6,1,12 7,3,2 7,5,1 7,7,2 8,15,4 9,11, ext.1 9,15,2

De indole Qui a parentibus claris degeneraverunt De humanitate et clementia De parentum adversus suspectos liberos moderatione De pudicitia Vafre dicta aut facta De repulsis De testamentis quae rescissae sunt Quae cuique magnifica contigerunt Dicta improba aut facta scelerata De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt

avunculus patruus avunculus avunculus avunculus avunculus patruus/ avunculus avunculus patruus patruus avunculus

309

Die Stellung der Großeltern

B. Amita und matertera 1,5,4 3,8,6

De ominibus De constantia

matertera amita

Die Stellung der Großeltern Die Stellung der Großeltern A. Großvater 2,2,9a 2,7,1 3,5,4 4,1,5 4,7,2 5,2, ext.4 5,3,2d 6,2,3 6,3,1d 7,1,1 7,5,1 9,15,1

De institutis antiquis De disciplina militari Qui a parentibus claris degeneraverunt De moderatione De amicitia De gratis De ingratis Libere dicta aut facta De severitate De felicitate De repulsis De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt

cognatisch agnatisch agnatisch agnatisch cognatisch agnatisch agnatisch agnatisch cognatisch cognatisch cognatisch unklar

B. Großmutter 7,8,2 8,1, ambust.1

Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint

cognatisch cognatisch

Propinquitas, adfinitas und cognatio Propinquitas, adfinitas und cognatio 2,1,7-9 De institutis antiquis 2,7,5 De disciplina militari 2,7,7 De disciplina militari 3,5,1b Qui a parentibus claris degeneraverunt 3,8,6 De constantia 4,2,3 Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine

310 4,4,9-10 4,6,4 5,5 pr. 5,8,2-3 6,1,1 6,2,3 6,3,7-8 6,5,3 6,6,5 7,8,1 7,8,3 8,1, absol.9 9,9,1

Anhang: Die Einteilung der exempla

De paupertate De amore coniugali De pietate erga fratres De severitate patrum in liberos De pudicitia Libere dicta aut facta De severitate De iustitia De fide publica Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint De errore

Schwiegerväter und Schwiegermütter Schwiegerväter und Schwiegermütter 2,1,7 De institutis antiquis 2,7,3 De disciplina militari 3,2,13 De fortitudine 3,8,7 De constantia 4,2,3 Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine 4,2,6 Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine 4,3,3 De abstinentia et continentia 4,4,9 De paupertate 4,5,4 De verecundia 4,6,4 De amore coniugali 5,1,10 De humanitate et clementia 6,2,11 Libere dicta aut facta 7,1,1 De felicitate 8,1, absol.9 Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint 9,5,3 De superbia et impotentia

Sklaven Sklaven 1,6,1 1,7,4 2,5,3

De prodigiis De somniis De institutis antiquis

Liberti

2,10,6 4,3,6 4,3,11-13 4,4,11 5,6,8 6,1,6 6,1,9 6,5,5-7 6,7,1 6,8,pr. 6,8,1-3 6,8,5-7 8,1, absol.12 8,1, absol.13 8,4,1-3 8,6,2 9,8,2 9,13,1

De maiestate De abstinentia et continentia De abstinentia et continentia De paupertate De pietate erga patriam De pudicitia De pudicitia De iustitia De fide uxorum erga viros De fide servorum De fide servorum De fide servorum Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint Infames rei quibus de causis absoluti aut damnati sint De quaestionibus Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt De temeritate De cupiditate vitae

Liberti Liberti 2,5,2 5,1,11 6,1,4 6,2,8 6,3,11 6,7,1 6,8,4 7,7,6 9,14,1

311

De institutis antiquis De humanitate et clementia De pudicitia Libere dicta aut facta De severitate De fide uxorum erga viros De fide servorum De testamentis quae rescissa sunt De similitudine formae

Das commercium beneficii dandi et accipiendi Das commercium beneficii dandi et accipiendi 3,5,1b Qui a parentibus claris degeneraverunt 4,5,3 De verecundia 4,7,5 De amicitia 5,2 pr. De gratis 5,2,1-5 De gratis 5,2,7 De gratis

312 5,2,9 5,2, ext.4 6,8,6 8,2,3 8,5,6 8,14,3 9,5,2 9,11,6

Anhang: Die Einteilung der exempla

De gratis De gratis De fide servorum De privatis iudiciis insignibus De testibus De cupiditate gloriae De superbia et impotentia Dicta improba aut facta scelerata

Ingratia (zugleich Teil der Konflikte) Ingratia 5,1,3 5,3,3-5 5,3, ext.3 7,8,5-9 9,3,2 9,4,3 9,5,3 9,11, ext.4

De humanitate et clementia De ingratis De ingratis Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent De ira aut odio De avaritia De superbia et impotentia Dicta improba aut facta scelerata

Verabsolutierte amicitia Verabsolutierte amicitia 4,7, pr De amicitia 4,7,1-7 De amicitia 5,8,5 De severitate patrum in liberos 6,3,1d De severitate 8,8,1 De otio 9,12,6 De mortibus non vulgaribus 6,4,4 Graviter dicta aut facta

Kollektive Klientel Kollektive Klientel 2,3,1 De institutis antiquis 4,1,7 De moderatione 4,8,5 De liberalitate 5,1,6 De humanitate et clementia 5,2,4 De gratis

Umgang mit Konflikten

5,2,6 5,2,8 8,6,2 9,15,1

De gratis De gratis Qui quae in aliis vindicarant ipsi commiserunt De iis qui infimo loco nati mendacio se clarissimis familiis inserere conati sunt

Der Umgang mit Konflikten Umgang mit Konflikten A. Ingratia 5,1,3 5,3,3-5 5,3, ext.3 7,8,5-9 9,3,2 9,4,3 9,5,3 9,11, ext.4

De humanitate et clementia De ingratis De ingratis Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent De ira aut odio De avaritia De superbia et impotentia Dicta improba aut facta scelerata

B. Affektbegründete Konflikte 9,2,1-2 9,3,3-8 9,5,4 9,11,2 9,11,4

De crudelitate De ira aut odio De superbia et impotentia Dicta improba aut facta scelerata Dicta improba aut facta scelerata

C. Gezähmte inimicitiae 3,7,1e 3,7,5-7 4,1,8 4,1,12 5,1,10 5,1,11 5,4,6 6,5,3

De fiducia sui De fiducia sui De moderatione De moderatione De humanitate et clementia De humanitate et clementia De pietate erga parentes De iustitia

313

314 6,5,5-6 8,5,1-6

Anhang: Die Einteilung der exempla

De iustitia De testibus

D. Die Aufhebung von inimicitiae 2,9,6a 4,2 pr. 4,2,1-7 7,2,6a

De censoria nota Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine Qui ex inimicitiis iuncti sunt amicitia aut necessitudine Sapienter dicta aut facta

E. Weitere Erwähnungen von inimicitiae 1,7,5 3,8,5 6,8,3 8,7,1

De somniis De constantia De fide servorum De studio et industria

Amicitia im Alltag? Trost und Unterstützung Amicitia im Alltag? 1,7,4 De somniis 2,1,9 De institutis antiquis 2,9,2 De censoria nota 2,10,8 De maiestate 4,4,7 De paupertate 4,6,3 De amore coniugali 5,3,4 De ingratis 5,8,2 De severitate patrum in liberos 7,4,2 De Strategemata 7,4,5 De Strategemata 7,5,4 De repulsis 7,8,4 Quae rata manserunt cum causas haberent cur rescindi possent

Literatur- und Quellenverzeichnis Literatur und Quellen Antike Quellen werden nach »Der Neue Pauly« zitiert. Die dort nicht aufgeführten Periochae des Livius werden mit der üblichen Abkürzung »Liv. Per.« angeführt. Zeitschriften und Standardwerke werden nach den in der »Année Philologique« angegebenen Abkürzungen zitiert. Die dort nicht enthaltenen Werke (CAH, Georges, Lewis / Short) werden nach »Der Neue Pauly« abgekürzt, ebenso das Reallexikon für Antike und Christentum (RAC).

Textausgaben und Übersetzungen Textausgaben und Übersetzungen Valerius Maximus: Memorable Doings and Sayings. Edited and translated by D. R. Shackleton Bailey. Cambrigde, Mass. / London 2000. Valeri Maximi facta et dicta memorabilia. Vol. I (libri I-VI). Vol. II (libri VII-IX – Iuli Paridis Epitoma – Fragmentum de praenomibus – Ianuari Nepotiani Epitoma). Edidit John Briscoe. (Bibliotheca Scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana). Stuttgart / Leipzig 1998. Valère Maxime: Faits et dits mémorables. Texte établi et traduit par R. Combés. Paris 1995 (vol. 1, livres 1-3) und 1997 (vol. 2, livres 4-6). Valerio Massimo: Detti e fatti memorabili. A cura di R. Faranda. Turin 1997 (1971). Valerius Maximus: Facta et dicta memorabilia. Denkwürde Taten und Worte (Auswahl). Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von U. Blank-Sangmeister. Stuttgart 1991. Valerius Maximus: Sammlung merkwürdiger Reden und Taten. Übersetzt von F. Hoffmann. Stuttgart 1928 / 1929. Valerius Maximus: Factorum et dictorum memorabilium libri novem. Herausgegeben von K. Kempf. Hildesheim / New York 1976 (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1854). Valerius Maximus: Memorable deeds and sayings. Book 1. Translated with introduction and Commentary by D. Wardle. Oxford 1998.

Quellen Quellen Augustus: Res gestae divi Augusti. Ex monumentis ancyrano, antiochenuo, apolloniensi. Latine et graece. In: Acta divi Augusti. Pars prior edidit S. Riccobono. Rom 1945. M. Tullius Cicero: Cato der Ältere. Über das Alter – Laelius. Über die Freundschaft. Lateinisch / deutsch. Herausgegeben von Max Faltner. Mit einer Einführung und einem Register von Gerhard Fink. München / Zürich 1988. M. Tullius Cicero: De inventione – Über die Auffindung des Stoffes. De optimo genere oratorum – Über die beste Gattung von Rednern. Lateinisch / deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Theodor Nüßlein. Düsseldorf / Zürich 1998.

316

Literatur und Quellen

M. Tullius Cicero: De officiis – Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch / deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann. Stuttgart M. Tullius Cicero: De re publica – Vom Gemeinwesen. Lateinisch / deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Karl Büchner. Stuttgart 1979. Gaius Sallustius Crispus: Werke. Lateinisch und deutsch. Von Werner Eisenhut und Josef Lindauer. München / Zürich 21994. L. Annaeus Seneca: De providentia / De constantia sapientis / De ira / Ad Marciam consolatione. Philosophische Schriften I, Dialoge I-VI. Lateinischer Text von A. Bourgery und R. Waltz. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Manfred Rosenbach. Fünfte, um neue Vorbemerkungen erweiterte Auflage, Darmstadt 1995 (1961). L. Annaeus Seneca: De clementia / De beneficiis. Über die Milde / Über die Wohltaten. Philosophische Schriften V. Lateinischer Text von François Préchac. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Martin Rosenbach. L. Annaeus Seneca: Declamationes in two volumes. Translated by M. Winterbottom. Vol. 1: Controversiae 1-6. Vol. 2: Controversiae 7-10. Suasoriae. Cambridge, Mass. 1974. C. Suetonius Tranquillus: De vita Caesarum / De viris illustribus – Die Kaiserviten / Berühmte Männer. Lateinisch / deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Hans Martinet. 2., verbesserte Auflage, Düsseldorf / Zürich 2000.

Forschungsliteratur Forschungsliteratur Aalders, G. J. D.: Political Thought in Hellenistic Times. Amsterdam 1975. von Albrecht, M.: Valerius Maximus. In: Ders.: Geschichte der römischen Literatur II. Von Andronicus bis Boethius. Mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit. Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage, Darmstadt 1994 (1992). Alewell, K.: Über das rhetorische PARADEIGMA. Theorie, Beispielsammlungen, Verwendung in der römischen Literatur der Kaiserzeit. Diss. Kiel 1913. Andreau, J. / Bruhns, H. (Hgg.): Parenté et stratégies familiales dans l’antiquité romaine. (Actes de la table ronde des 2-4 octobre 1986.) Rom 1990. Baltrusch, E.: Regimen morum. Die Reglementierung des Privatlebens der Senatoren und Ritter in der römischen Republik und frühen Kaiserzeit (Vestigia 41). München 1988. Barghop, D.: Schwierige Kommunikation: Gabentausch im frühen Prinzipat. In: Chvojka, E. / van Dülmen, R. / Jung, V.: Neue Blicke. Historische Anthropologie in der Praxis. Wien / Köln / Weimar 1997, S. 51-70. Barnes, J. / Griffin, M. (Hgg.): Philosophia togata I: Essays on Philosophy and Roman Society. Oxford 1989. Beard, M: Looking (harder) for Roman myth: Dumézil, declamation and the problems of definition. In: Graf, F. (Hg.): Mythos in mythenloser Gesellschaft. Das Paradigma Roms. Stuttgart / Leipzig 1993, S. 44-64. Beck, H. 2003: Den Ruhm nicht teilen wollen. In: Eigler, U. u.a. (Hgg.): Formen römischer Geschichtsschreibung von den Anfängen bis Livius. Gattungen – Autoren – Kontexte. Darmstadt 2003, S. 73-92. —: Karriere und Hierarchie. Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik (Klio Beihefte N. F. 10). Berlin 2005 Bellemore, J.: When did Valerius Maximus write the Dicta et facta memorabilia? Antichthon 23 (1989), S. 67-80. Bellen, H.: Novus status – novae leges. Kaiser Augustus als Gesetzgeber. In: Binder, G. (Hg.): Saeculum Augustum I. Herrschaft und Gesellschaft. Darmstadt 1987, S. 308-348. Benabou, M.: Pratique matrimoniale et représentation philosophique: le crépuscule des stratégies. Annales E. S. C. 41 (1987), S. 1255-1266.

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