Die Neuerfindung des Raumes: Grenzüberschreitungen und Neuordnungen 9783412216283, 9783412207410

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Die Neuerfindung des Raumes: Grenzüberschreitungen und Neuordnungen
 9783412216283, 9783412207410

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Alexander Drost / Michael North (Hg.)

Die Neuerfindung des Raumes Grenzüberschreitungen und Neuordnungen

2013 BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN

Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus Mitteln des Internationalen Graduiertenkollegs 1540 „Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region“

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://portal.dnb.de abrufbar.

Umschlagabbildung: Sail boat under the bridge. Foto: © Pierre Mens / Øresundsbron; Image ID 2002112109; Date: N/A

© 2013 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Korrektorat: Patricia Simon Gesamtherstellung: WBD Wissenschaftlicher Bücherdienst GmbH, Köln Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier ISBN 978-3-412-20741-0

Inhalt Vorwort

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Alexander Drost und Michael North Die Neuerfindung des Raumes. Eine Einleitung

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Ingo Take Regieren in grenzüberschreitenden Räumen. Die Hanse als eine frühe Form legitimen globalen Regierens

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Michael North Raumkonstruktion durch künstlerische Kommunikation. Die Ostsee in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

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Mathias Niendorf Das Großfürstentum Litauen als Grenzregion

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Stephan Kessler Linguistischer Grenzbegriff und sprachliche Grenzen im Raum

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Alexander Drost Historische Grenzräume im Ostseeraum: Livland. Borderland-Theorien und kulturelle Schichten

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Anti Selart Gehören die Esten zum Westen oder Osten? Oskar Loorits zwischen friedvollen Finnen und aggressiven Germanen

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Jens E. Olesen Geschichtspolitik und Streit um Erinnerungsorte und Denkmäler im deutsch-dänischen Grenzland

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Heinrich Assel Lutherische ‚Konfessionskultur’. Methodische Aspekte eines komparativen Konzepts am Beispiel: lutherische politische Theologie

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Alexander Wöll Literarische Räume. Von der physischen Grenze bis zur romantischen Ironie

203

Manfred Bornewasser Begegnung, Ausbreitung und Etablierung. Wie das Neue in einen Raum kommt

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Ortsregister

249

Personenregister

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Vorwort Seit 15 Jahren untersuchen Professoren und Doktoranden in interdisziplinären und internationalen Forschungsverbünden an der Universität Greifswald den Ostseeraum, der als universitärer Forschungsschwerpunkt fest verankert ist. Zunächst durch das DFG-Graduiertenkolleg 619 „Kontaktzone Mare Balticum: Fremdheit und Integration im Ostseeraum“ getragen, haben Forschung und Doktorandenausbildung mit der Etablierung des Internationalen DFGGraduiertenkollegs 1540 „Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region“ seit Januar 2010 eine innovative Weiterentwicklung erfahren. Der vorliegende Band bietet erste Ergebnisse eines intensiven und über disziplinäre Grenzen hinweg nicht immer einfachen Diskurses. Für die Förderung des wissenschaftlichen Austauschs zwischen den einzelnen Partnern des internationalen Graduiertenkollegs danken wir der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie den Universitäten in Lund (Schweden), Tartu (Estland) und Greifswald (Deutschland). Gleicher Dank gilt allen beteiligten Wissenschaftlern, die diese Möglichkeit nutzten, um gemeinsam das Konzept „Baltic Borderlands“ zu entwickeln. Auf diese Weise werden wir auch weiterhin Erkenntnisse zur Konstitution einer europäischen Zukunftsregion gewinnen. Dank gebührt darüber hinaus Doreen Wollbrecht und Dr. Robert Riemer für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Redaktion des Bandes sowie Maik Fiedler, Ines Glaubitz, Richard Höter, Silke Kropf, Eric Ladenthin, Sebastian Nickel, Sven Ristau, Jörn Sander, Friederike Schmidt und Lasse Seebeck für Recherchen, Korrekturen und die Erstellung des Registers. Greifswald, im April 2013

Alexander Drost Michael North

DIE NEUERFINDUNG DES RAUMES. Eine Einleitung Alexander Drost und Michael North Karl Schlögel, der wohl wirkmächtigste „Wiederentdecker des Raumes“ im deutschen Sprachraum,1 stellt fest, dass „unter unseren Augen ein neuer Raum entsteht“.2 Er verweist damit auf einen Prozess der räumlichen Entwicklung, die am Ende des 20. Jahrhunderts das dominierende Raummodell des Kalten Krieges ablöste. Der genannte Prozess findet noch immer statt. Alte Grenzen verschwinden; neue Grenzen entstehen. Die Veränderung ist nicht abgeschlossen. Noch sind nicht alle Grenzen wieder gezogen worden. Vielmehr spült dieser Prozess eine Vielzahl von vergessenen und neuen Grenzen ans Tageslicht, die der Simplizität der Teilung zwischen Ost und West widersprechen. Diese Grenzen konstituieren vielfältige Räume, die nicht mehr in kultureller, sozialer, politischer und ökonomischer Hinsicht kongruent sind. Hieraus entstehen Grenzräume, in denen die Grenzen je nach Standpunkt des Einzelnen und der Gruppe unterschiedlich wirken und wahrgenommen werden. Nicht allein die Auflösung statischer Grenzregimes im Herzen Europas führte zur Wiederentdeckung des nächsten Nachbarn und seiner kulturellen Nähe. Gleichzeitig rückte die ferne Abstraktion globaler Waren-, Ideen- und Menschenströme die Region als vorstellbaren Raum in den Fokus der Wissenschaft. Die Region und ihre interne Kohärenz eröffnen jetzt neue Muster grenzüberschreitenden Handelns, durch den Räume wiederentdeckt bzw. erst geschaffen werden.3 Die „Wiederkehr des Raumes“4 hat in den vergangenen Jahren nicht nur zu einer sukzessiven Wiederannäherung von Geografie und Geschichte geführt, sondern auch zu einer „Verräumlichung“ der historischen Narration und zu ersten Auflösungserscheinungen eines „aggressiven Territorialbewusstseins“, das im Zuge der Entstehung moderner Grenzen und des Nationalstaates die Deutungshoheit in der Analyse sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Räume übernommen hatte.5 Darüber hinaus stimulierte das gesteigerte Interesse an der Genese und Wahrnehmung von Räumen eine Aufmerksamkeit gegenüber den theoretischen und methodologischen Unwägbarkeiten historischer und politikwissenschaftlicher Untersuchungen, wenn diese Räume eben nicht mehr in die klassischen Kategorien einzuordnen sind. Grenzüberschreitende Mobilität stellt nicht nur den Charakter einer Grenze infrage, sondern initiiert im Zuge von Identitätsbildungs- und Raumordnungsprozessen die Genese neuer Grenzen. In der Analyse dieser Phänomene verfallen viele Studien einem methodologischen Nationalismus, dem nur durch eine veränderte Betrach-

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Alexander Drost und Michael North

tungsweise von grenzüberschreitenden sozialen Verbindungen und Beziehungen abseits nationalstaatlicher Rahmen zu entkommen ist.6 Gegenwärtig werden verschiedene Raumkonzepte wie „Borderland“7, „Governance“8 oder „Semiotische Räume“9 und deren Deutungsgehalt für postmoderne gesellschaftliche Entwicklungen in veränderten Rahmenbedingungen getestet. Außerdem regen Sozialgeografen und andere Sozialwissenschaftler an, den Raum einerseits als gesellschaftliches Konstrukt anzusehen,10 andererseits ihn in seiner kanalisierenden Wirkung auf gesellschaftliches Verhalten zu betrachten.11 Die Komplexität raumwirksamen menschlichen Handelns wird in der Mannigfaltigkeit der Abgrenzungserscheinungen im Zuge von Identitätsbildungsprozessen deutlich. Bei aller Einigungsrhetorik, sei es z. B. im Rahmen der EU, führte die Verräumlichung der Perspektiven gleichermaßen zur Betonung der Unterschiede diesseits und jenseits der Grenzen wie zur Wiederentdeckung von Gemeinsamkeiten an Grenzen, deren Bedeutung im Zuge dieses Wandlungsprozesses nachgelassen hatte. Kleinräumige Regionen werden als EU-Regionen neu erfunden. Gerade im Ostseeraum führte die grenz- und meerüberschreitende Kooperation zu einem regelrechten Gründungsboom von Euroregionen. So arbeitet man nicht nur in der Öresundregion in der westlichen Ostsee zusammen, sondern auch die Bewohner des schwedischen Västerbotten pflegen einen intensiven Austausch mit den finnischen Nachbarn in Ostbottnien (Kvarken Council) an der engsten Stelle des Bottnischen Meerbusens. Weitere interessante Kooperationen ergeben sich zwischen Finnland und Russland in der Euroregion Karelien oder in der Euroregion Baltic, in der das südöstliche Ostseeufer (Polen, Litauen, Kaliningrad) mit der dänischen Insel Bornholm und dem gegenüberliegenden schwedischen Festland und Öland unabhängig von der EU-Mitgliedschaft zusammenarbeiten.12 Entsprechend ist ein Bewusstsein für grenzüberschreitende Probleme sozioökonomischer und umweltrelevanter Art entstanden, das neue Makroregionen bzw. -regionalpolitik schafft. So konstituiert sich Raum kontinuierlich neu, nicht nur aus aktuellem Anlass während politischer Entscheidungsprozesse zur Lösung gegenwärtiger Probleme, sondern auch durch aktuellen Bezug auf die Vergangenheit zur Konstruktion kollektiver Identitäten.13 So vielfältig die Grenzziehungsprozesse, die Räume schaffen, sein können, so vielfältig sind die Raumbegriffe, die diese beschreiben: Der „Raum als Verteilung von Orten“ auf einer Landkarte; der „Raum als Umwelt“, in dem die natürlichen Bedingungen allen gesellschaftlichen Lebens ebenso dargestellt werden wie die Wirkung der Gesellschaft auf den Raum; der „Raum als Landschaft“, wodurch auf die besondere kulturbedingte Betrachtungsweise des Raumes verwiesen wird; der Raum als Region, dem eine spezifische „Einheit“ und ein „integrierter Raumzusammenhang“ zugrunde liegen; der „Raum als Kon-

Die Neuerfindung des Raumes. Einleitung

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taktarena“, in dem die intensivierte Interaktion zu hybriden Erscheinungsformen menschlichen Handelns führt.14 Die Komplexität des Raumes bzw. die permanente Neuerfindung eines Raumes ist selten deutlicher wahrzunehmen als in der Ostseeregion, die auch im Mittelpunkt unseres Bandes steht. So wurde die Region als Raum seit Adam von Bremen im 11. Jahrhundert bis zur EU-Ostsee-Strategie des Jahres 2009 immer wieder neu erfunden.15 Während Adam von Bremen das „Mare balticum“ als Missionsregion konzipierte, konstitutierte die Hanse die Ostsee als Handelsraum – ein Bild, das auch niederländische Politiker und Kaufleute bestätigen. Obwohl die Ostsee bis heute eine wichtige Handelsregion ist, wurde sie seit dem 16. Jahrhundert in den Augen der Fürsten und Politiker zu einer Region des Kampfes um das „Dominium maris baltici“. Im Zuge der russischen Expansion im 18. und 19. Jahrhundert verengte sich „baltisch“ auf die östliche Ostseeküste und sollte den neuen baltischen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg ihren Namen geben. Bemühungen zu einem baltischen Bund mit gemeinsamer Außenpolitik (der Ostseeanrainer) waren weniger erfolgreich als die vielfältigen Initiativen zur Erforschung einer gemeinsamen Ostseevergangenheit.16 Die sowjetische Besetzung der baltischen Staaten und deren Einverleibung in ihr Territorium ebenso wie der Verlust der meisten deutschen Gebiete an der Ostseeküste ließen diese aus dem Bewusstsein der Wahrnehmung verschwinden. Erst im Zuge des Entspannungsprozesses wurden in den 1980er-Jahren neue Brücken gebaut. So nahmen sich Finnen und Esten verstärkt wahr und auch der wissenschaftliche Austausch kam wieder in Gang. In diesem Kontext eröffnete das Bundesland Schleswig-Holsteinunter seinem Ministerpräsidenten Björn Engholm im Jahre 1988 die Debatte um die sog. Neue Hanse, die in Anlehnung an die Städtehanse des Mittelalters die Kooperation der Ostseeländer auf eine neue Basis stellen sollte. Engholms Programm, das kulturelle Initiativen wie die Kunstausstellung Ars Baltica oder das Jazzfestival Jazz Baltica begleiteten, wurde aber von den politischen Ereignissen 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion überholt. Damit veränderte sich die Wahrnehmung des Raumes ein weiteres Mal. Städte und Länder, die als weit entfernt, fremd, unbekannt gegolten haben, wurden plötzlich in der Nachbarschaft entdeckt und trotz des Verfalls der Gebäude und Städte als kulturell ähnlich wahrgenommen. Gleichzeitig entwarfen Politiker den Ostseeraum als Zukunftsregion, weil man vor allem in Skandinavien – hier gehörte allein Dänemark der EU an – fürchtete, von der Dynamik des europäischen Einigungsprozesses überholt und marginalisiert zu werden. Daher gründeten die Ostseeanrainer auf Initiative der dänischen und deutschen Außenminister Ellemann-Jensen und Genscher 1992 den Ostseerat (Council of the Baltic Sea States), der letztes Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feierte. Durch die Mitgliedschaft aller Ostseeanrainer sowie Islands im Westen und natürlich auch Norwegens wurde die Ostsee einmal mehr – diesmal politisch – neu definiert. Die Erweiterung der EU seit 2004, der jetzt alle Ostsee-

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anrainer mit Ausnahme Russlands angehören, und die Verkündung der EUOstseestrategie 2009 veränderten das Bild des Raumes erneut. Durch die Ostseestrategie mit den Schwerpunkten Umwelt, Wirtschaft, Sicherheit und Erreichbarkeit soll die Ostseeregion zu einer Modellregion für regionale Kooperation in der EU werden. Die genannten Konstruktionen der Ostsee als Missions-, Handels-, Herrschafts- und Kooperations- bzw. Zukunftsregion zeigen die produktive Erfindung bzw. Neuerfindung von Räumen über die Jahrhunderte hinweg. Sichtbarer Ausdruck ist die auf dem Buchumschlag abgebildete Öresundbrücke, die nicht nur ein neues Regionalbewusstsein, sondern auch Regionauten entstehen ließ, Menschen, die sich innerhalb der Region bewegen und die Region „machen“.17 Der vorliegende Band versucht erstmals, Raumkonstruktionen und Grenzüberschreitungen aus regionaler, aber gleichzeitig multidisziplinärer Perspektive zu untersuchen. Die Mitglieder des Internationalen Graduiertenkollegs „Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region“ (Grenzräume in der Ostseeregion: Der Wandel kultureller und mentaler Grenzen im Ostseeraum) setzen so ihren produktiven interdisziplinären Dialog fort und hoffen, dass auch Außenstehende hiervon profitieren werden.18 Die ersten beiden Beiträge sind dem Hanse- bzw. Ostseeraum im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit gewidmet, behandeln aber in höchst unterschiedlicher Weise die Konstruktion des Raumes. Vor dem Hintergrund grenzüberschreitenden gemeinsamen Handelns jenseits nationalstaatlicher Strukturen überprüft INGO TAKE in seinem Beitrag die grenzüberschreitenden Ordnungsleistungen der Hanse im Ostseeraum.19 Hierbei interessiert die Frage nach der Bindekraft und der legitimatorischen Qualität der Hanse im Raum. Take arbeitet dabei ein grenzüberschreitendes Regelungsarrangement heraus, das sich zunächst durch große Offenheit gegenüber Kaufleuten und Städten auszeichnete, mit der Zeit aber die Rechte der ausländischen Konkurrenz zunehmend einschränkte. Die Konsensorientierung und Transparenz der Hanse (Offenheit der Hansetage) wurde von informellen Netzwerken der Akteure getragen, die ähnliche ökonomische Interessen, eine vergleichbare soziale Herkunft und einen gemeinsamen Lebensstil besaßen.20 Diese verbindenden Elemente erklären die Langlebigkeit der Institution Hanse. Insbesondere die flachen Hierarchien und die horizontalen Strukturen der Hanse könnten auch in der Gegenwart Vorbild für grenzüberschreitende Regelungsarrangements sein. Während Take sich dem Organisationsmodell Hanse widmet, das den Ostseeraum ökonomisch, politisch und administrativ struktuierte, untersucht MICHAEL NORTH Raumkonstruktionen durch künstlerische Kommunikation und Produktion in Spätmittelalter und Früher Neuzeit.21 Er zeigt, dass Bildschnitzer und Maler aus den Hansestädten im 15. und 16. Jahrhundert die Region ebenso prägten wie niederländische Bildhauer und Architekten im 16. und

Die Neuerfindung des Raumes. Einleitung

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17. Jahrhundert. Grundlage hierfür war die Kommunikation unter den Kunstproduzenten, zwischen diesen und den Auftraggebern sowie zwischen Auftraggebern, Kunstproduzenten und Vermittlern (Kaufleuten), zu der im 16. Jahrhundert die gedruckten Medien wie Architekturtraktate, Vorlagen- und Ornamentbücher traten. Niederländische Künstler in den Residenzen, Metropolen und Adelsgütern des Ostseeraumes sowie einheimische Rezipienten erfanden den Ostseeraum gleichsam neu als niederländische Kunstregion. Vielfältige Grenzüberschreitungen werden auch in den Beiträgen zum östlichen Ostseeraum deutlich. So zeichnete sich das von MATHIAS NIENDORF vorgestellte Großfürstentum Litauen als Grenzregion hoher horizontaler Mobilität aus, sowohl in Richtung Westen als auch nach Osten.22 Während Protestanten, Katholiken und Juden das Großfürstentum eher in Richtung Westen verließen und unter anderem auf Adelstouren europaweite kulturelle Netzwerke knüpften, rekrutierten die litauischen Magnaten Künstler aus dem Westen und vor allem aus Italien. Auch traditionelle Vorstellungen von Europäisierung und Polonisierung bzw. einer Dichotomie zwischen Ost- und Westkirche greifen bei einer Grenzregion wie Litauen zu kurz. Viel besser repräsentiert die unierte Kirche, die den Primat Roms akzeptiert, aber am griechischen Ritus festhält, die Situation der Grenzregion Litauen. STEPHAN KESSLERs Bemerkungen zu linguistischem Grenzbegriff und sprachlichen Grenzen im Raum am Beispiel des Ober- und Niederlitauischen bestätigen dieses Bild.23 Linguistische Grenzräume entstehen entweder durch Überschneidungen von sprachlichen Regeln und materiell verortbaren Erscheinungen oder in Grenzsituationen, in denen soziale Grenzen semantisch aufgeladen werden. Grenzüberschreitungen kann man aber auch im Bereich literarischer Gattungen feststellen, wenn einzelne, wie z. B. die Idyllen, vom polnischsprachigen Gattungssystem in das Litauischsprachige wandern und dort eigene litauische Formen annehmen. Der für Litauen beschriebene Grenzraumcharakter ist natürlich auch für das frühneuzeitliche Livland zu konstatieren. Hier legten sich nach ALEXANDER DROST über die Jahrhunderte politische, kulturelle und soziale Ordnungsmuster in Schichten auf eine ethnisch gemischte Region.24 Im Grenzraum interagierte eine deutsch-baltische Oberschicht mit den estnischen und lettischen Bauern. Dabei zeigten Bauern wie Adel eine große Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Herrschaften und Herrschaftsträger. Grenzüberschreitungen und Abgrenzungen waren an der Tagesordnung. Insbesondere nach der Unabhängigkeit Estlands fanden in allen kulturellen Bereichen starke Abgrenzungen von den Deutschen und der Jahrhunderte währenden „Knechtschaft“ statt. Dies prägte auch die Ausrichtung der Wissenschaft, wie ANTI SELART am Beispiel des estnischen Volkskundlers Oskar Loorits beweist.25 Loorits plädierte für eine von christlich-deutschen Einflüssen „gereinigte“ estnische folkloristische Tradition, die er als „gute Urwelt“ dem estnischen Staat zur Behauptung

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seiner kulturellen Eigenständigkeit empfahl. Entgegen der verbreiteten Meinung, die Estland immer im Westen verortete, sollte das Land nach Loorits seinen Platz im friedlichen finnischen Osten annehmen. Abgrenzung und Erinnerungspolitik bestimmten natürlich auch die westliche Ostsee. So zeigt JENS E. OLESEN, dass insbesondere das deutsch-dänische Grenzland erinnerungspolitisch lange nicht zur Ruhe gekommen ist.26 Je nach Ausgang der Konflikte wurden alte Denkmäler zerstört und neue errichtet. Ein gutes Beispiel für derartige Denkmalstürze ist der sog. Idstedt-Löwe, der 1862 in Flensburg auf dem Alten Friedhof aufgestellt wurde und an den Sieg Dänemarks über die schleswig-holsteinische Armee 1850 bei Idstedt erinnern sollte. Nachdem der Versuch einiger Flensburger 1864 gescheitert war, das Denkmal zu stürzen, wurde es nach dem Sieg Preußens und Österreichs im DeutschDänischen Krieg 1864 nach Berlin transportiert, wo es bis 1945 blieb, bis Dänemark um die Aufstellung in Kopenhagen bat. Versuche, den Löwen nach Flensburg zurückzuholen, scheiterten bis in die 1990er-Jahre an unterschiedlichen Auffassungen von Dänen und Deutschen, ob der Löwe dem Frieden im Grenzland diene. Erst im Jahre 2009 waren die Flensburger Politiker soweit, die Rückkehr des Löwen zu überlegen und diesen 2011 auf dem Alten Friedhof in Flensburg aufzustellen. Abgrenzungen und Grenzüberschreitungen sind nicht nur historische oder linguistische Phänomene, sondern auch Gegenstand der theologischen Diskussion. Hierbei plädiert die britische Religionssoziologin Grace Davie für eine „euroreligiöse“ Konstruktion nordischer, deutscher und baltischer Religionsräume, die den Ostseeraum religionssoziologisch neu erfindet und neu strukturiert.27 Davie definiert „Nordisch“ neu als skandinavisch-britisch anstelle eines alten Konzeptes von „Nordisch“ gleich deutsch-lutherisch. Aus der Frage, wo sich die baltischen Kirchen nach 1989 verorten, resultiert eine weitere Frage, wie sich Religionsräume konzeptualisieren lassen. Laut HEINRICH ASSEL trägt Davies Ansatz für den Ostseeraum der historischen Genese der konfessionellen und ökumenischen Religionsräume im Ostseeraum des 20. Jahrhunderts zu wenig Rechnung und scheitert darum, wenn deutsche, dänische und schwedische Religionsräume komparativ untersucht werden. Daher schlägt Assel vor, mit dem Konzept der lutherischen Konfessionskultur zu arbeiten und dieses auf seine Wirkung in Auseinandersetzung mit Politik, Gesellschaft etc. zu überprüfen.28 Die Zugänge der Literaturwissenschaften zum Raum sind vielfältig, wie Barbara Piatti vor nicht allzu langer Zeit dargestellt hat.29 Hierbei untersucht die Literaturwissenschaftlerin gleichermaßen reale wie fiktive Räume und Orte, wobei die Schauplätze literarischer Handlung im Zentrum stehen. Einen Schritt weiter geht die Geopoetik,30 die die Wahrnehmung und Konstruktion geografischer Räume durch die Literatur analysiert. Für Letztere sind Ostmitteleuropa und Osteuropa ein reiches Betätigungsfeld, zumal sie nach Larry Wolff

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seit Voltaire von vielen Schriftstellern immer wieder neu erfunden wurden.31 In diesen Kontext ordnet sich auch ALEXANDER WÖLL ein, der am Beispiel von Karel Máchas romantischem Verspoem „Máj“ die romantische Ironie als Gattung der Grenzüberschreitung vorstellt.32 Die Grenzen zwischen Ernst und Komik, zwischen Verehrung und Karikatur werden verwischt (blurred). Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive fragt abschließend MANFRED BORNEWASSER, wie sich Innovationen im Raum verbreiten und damit raumwirksam werden.33 Die Diffusion von Innovationen erfolgt durch Kommunikationskanäle über Mitglieder eines sozialen Systems. Die Mitglieder des sozialen Systems müssen in der Face-to-Face-Kommunikation oder über Medien von einer Idee, einem Objekt oder einer Praxis überzeugt werden. In diesem Fall findet eine Verbreitung zunächst im System und dann in anderen sozialen Systemen statt. Dieses Konzept ist im Raum vielfältig anzuwenden, wenn es z. B. um ökonomische oder kulturelle Erneuerungen geht, die über Kaufmanns- oder Kunsthandwerker-Netzwerke, z. B. im Ostseeraum, verbreitet wurden. Insbesondere in Borderland-Situationen, in denen verschiedene soziale Systeme überlappen, können Innovationsprozesse beschleunigt werden. Die disziplinäre Trennung der Betrachtung von „Raum“ wird, wie die vielfältigen Ansätze dieses Bandes zeigen, insbesondere an den Rändern der institutionalisierten Diskurse überwunden. Hierfür sind einerseits komplementäre Betrachtungsweisen vom „Raum“ und seinen „Grenzen“ verantwortlich und andererseits ein spezifischer Fokus auf eine Region wie den Ostseeraum, in dem sich verschiedene Gesellschaften ordnen und vielfältige Austauschbeziehungen pflegen. Interaktion und Austauschbeziehungen schaffen Knotenpunkte, die zusammen einen konkreten Raum entstehen lassen, der abhängig von der Forschungsperspektive als Handelsraum, Kontaktzone, Kunstraum, Erinnerungsraum etc. beschrieben werden kann. Diese scheinbar unterschiedlichen konstruierten Räume greifen jedoch ineinander und überlagern sich in dem Maße, in dem die Gesellschaften interagieren.34 Ein Großteil der Knotenpunkte und konkreten Räume hat historische Substanz, wird aber in der Gegenwart häufig durch Repräsentationen und Symbole wie z. B. Monumente, Architektur und Kunstwerke wahrgenommen, erlebt und mittlerweile auch interdisziplinär untersucht.35 Vor diesem Hintergrund können insbesondere komplementäre Zugänge und interdisziplinäres Denken einen wesentlichen Beitrag zur Analyse miteinander verflochtener bzw. sich überlappender Raumkonstruktionen leisten.36 Anmerkungen 1

International hat Edward W. Soja den größten Einfluss auf die Wiederentdeckung der räumlichen Perspektive in der Geschichtswissenschaft sowie in den Kulturwissenschaften. Er kann auch als Erfinder des sog. spatial turn gelten. E. W. SOJA, Postmodern Geographies, London-New York 1989, S. 39, Überschrift „Uncovering Western Marxism’s spatial turn“. Vgl. auch J. DÖRING und T. THIELMANN, Einleitung: Was

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lesen wir im Raume? Der Spatial Turn und das geheime Wissen der Geographen, in: Dies. (Hg.), Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, S. 7–45. K. SCHLÖGEL, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München-Wien 2003, S. 12. H. KILPER, Governance und die soziale Konstruktion von Räumen. Eine Einführung, in: Dies. (Hg.), Governance und Raum, Baden-Baden 2010, S. 9–24, hier S. 15. J. OSTERHAMMEL, Die Wiederkehr des Raumes: Geopolitik, Geohistorie und historische Geographie, in: Neue Politische Literatur 43 (1998) 3, S. 374–397. SCHLÖGEL, Im Raume, S. 44, 47. A. AMELINA, u. a., Methodological Predicaments of Cross-Border Studies, in: Dies. (Hg.), Beyond Methodological Nationalism: Research Methodologies for Cross-border Studies, New York 2012, S. 3–8. Im selben Band: N. GLICK SCHILLER, Transnationality, Migrants and Cities. A Comparative Approach, S. 23–40, hier S. 25. P. HÄMÄLÄINEN und S. TRUETT, On Borderlands, in: The Journal of American History, 98 (2011) 2, S. 338–361. H. KILPER (Hg.), Governance und Raum, Baden-Baden 2010. J. M. LOTMAN, Die Innenwelt des Denkens, Berlin 2010, S. 163–173. H. KLÜTER, Raum als Element sozialer Kommunikation, Gießen 1986. M. SCHROER, „Bringing space back in“ – Zur Relevanz des Raums als soziologischer Kategorie, in: J. Döring und T. Thielmann (Hg.), Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, S. 125–148. M. NORTH, Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen, München 2011, S. 349 f. A. ERLL, Regional Integration and (Trans)Cultural Memory, in: Asia Europe Journal, Vol. 8, Number 3 (2010), S. 305–315. J. OSTERHAMMEL, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 22009, S. 154–157. M. NORTH, Reinventing the Baltic Sea Region: From the Hansa to the EU-Strategy of 2009, in: The Romanian Journal for Baltic and Nordic Studies, Vol. 4, Issue 2 (2012), S. 5–17. M. GRZECHNIK, Regional Histories and Historical Regions. The Concept of the Baltic Sea Region in Polish and Swedish Historiographies, Frankfurt/Main 2012, S. 37–43, 59–68, 89–103. O. LÖFGREN, Crossing borders. The Nationalization of Anxiety, in: Ethnologia Scandinavica, Vol. 29 (1999), S. 1–27; DERS., Regionauts: The Transformation of Cross-Border Regions in Scandinavia, in: European Urban and Regional Studies, Vol. 15:3 (Juli 2008), S. 194–209. Zu einem vergleichbaren, aber disziplinär verorteten Vorgehen siehe: I. BAUMGÄRTNER, P. G. KLUMBIES und F. SICK (Hg.), Raumkonzepte. Disziplinäre Zugänge, Göttingen 2009. I. TAKE, Regieren in grenzüberschreitenden Räumen. Die Hanse als eine frühe Form legitimen globalen Regierens [in diesem Band]. S. SELZER, Menschen mobil, Menschen im Gespräch. Neue Facetten einer Geschichte des Hanseraums, in: Ders. und J. Mähnert (Hg.), Vertraute Ferne. Kommunikation und Mobilität im Hanseraum, Husum 2012, S. 9–30, hier S. 13–15. M. NORTH, Raumkonstruktion durch künstlerische Kommunikation. Die Ostsee in Spätmittelalter und Früher Neuzeit [in diesem Band]. M. NIENDORF, Das Großfürstentum Litauen als Grenzregion [in diesem Band].

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S. KESSLER, Linguistischer Grenzbegriff und sprachliche Grenzen im Raum [in diesem Band]. A. DROST, Historische Grenzräume im Ostseeraum: Livland. Borderland-Theorien und kulturelle Schichten [in diesem Band]. A. SELART, Gehören die Esten zum Westen oder Osten? Oskar Loorits zwischen friedvollen Finnen und aggressiven Germanen [in diesem Band]. J. E. OLESEN, Geschichtspolitik und Streit um Erinnerungsorte und Denkmäler im deutsch-dänischen Grenzland [in diesem Band]. Vgl. G. DAVIE, Europe. The Exceptional Case. Parameters of Faith in the Modern World, London 2002. Rezipiert in: A. BÄCKSTRÖM, N. E. BECKMAN und P. PETTERSSON, Religious Change in Northern Europe. The Case of Sweden. From State Church to Free Folk Church. Final report, Stockholm 2004. H. ASSEL, Lutherische ‚Konfessionskultur‘. Methodische Aspekte eines komparativen Konzepts am Beispiel: lutherische politische Theologie [in diesem Band]. B. PIATTI, Die Geographie der Literatur: Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien, Göttingen 2008. M. MARZAŁEK und S. SASSE (Hg.), Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen, Berlin 2010. L. WOLFF, Die Erfindung Osteuropas: Von Voltaire zu Voldemort, in: Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens, Bd. 11, Klagenfurt 2003, S. 21–34. A. WÖLL, Literarische Räume. Von der physischen Grenze bis zur romantischen Ironie [in diesem Band]. M. BORNEWASSER, Begegnung, Ausbreitung und Etablierung. Wie das Neue in einen Raum kommt [in diesem Band]. S. RAU, Räume. Konzepte, Wahrnehmungen, Nutzungen, Frankfurt-New York 2013, S. 14 f., 144. Zu FRÉMONT, La région, espace vécu, 2. Aufl. Paris 1999, S. 58, siehe in RAU, Räume, S. 51. Der vorliegende Band nimmt damit bereits die jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung der außeruniversitären historischen Forschung zum östlichen Europa auf, die eine Öffnung der geschichtswissenschaftlichen Forschung in dieser Region gegenüber anderen Fächern und einer interdisziplinären Zusammenarbeit anregt. Siehe: WISSENSCHAFTSRAT, Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung der außeruniversitären historischen Forschung zum östlichen Europa, Berlin, 25.01.2013, S. 88.

REGIEREN IN GRENZÜBERSCHREITENDEN RÄUMEN. Die Hanse als eine frühe Form legitimen globalen Regierens Ingo Take 1.

Einleitung

Die Konzeption legitimen und effektiven Regierens jenseits des Nationalstaates ist das zentrale Anliegen des Governance-Ansatzes, der in der politikwissenschaftlichen Disziplin der Internationalen Beziehungen seit Mitte der 1990erJahre große Aufmerksamkeit erfährt. Um die Theoriebildung in diesem Bereich weiter voranzutreiben, bedarf es einer Verknüpfung der theoriegeleiteten Annahmen über legitime Formen des Regierens jenseits des Nationalstaates mit den bereits zu beobachtenden unterschiedlichen Formen globalen Regierens. Neben vielfach analysierten Organisationen wie der Weltstaudammkommission oder dem Waldzertifizierungsrat (Forest Stewardship Council) bietet auch die Hanse als ein historisches Beispiel grenzüberschreitenden Regierens einen fruchtbaren Untersuchungsgegenstand.1 Wie aktuelle Formen grenzüberschreitenden Regierens zielte auch sie auf die Schaffung problembezogener Regeln, welchen weder formale Autorität noch zentrale Durchsetzungsmacht zukam, und wie diese lässt sie sich von territorial organisierten Formen der politischen Steuerung durch ihre Akteurszusammensetzung, ihre Organisationsform und ihre Steuerungsmuster unterscheiden. Grenzüberschreitenden Regelungsarrangements dieser Art ist gemein, dass sie auf die freiwillige Mitwirkung der Regelungsadressaten angewiesen sind und deshalb aus sich heraus Legitimität generieren müssen, um ihren Regelungen Geltung zu verschaffen. Einsichten darüber, wie der Hanse dies über 500 Jahre hinweg gelang, könnten Hinweise darauf liefern, wie Formen und Mechanismen legitimen grenzüberschreitenden Regierens zu gestalten sind, um auf Dauer Akzeptanz zu erzeugen. Im Rahmen dieses Aufsatzes wird der Frage nachgegangen, wie es der Hanse, als früher Form grenzüberschreitenden Regierens, gelang, über mehrere Jahrhunderte hinweg Bindekraft auf ihre Mitglieder zu entfalten und Ordnungsleistungen zu erbringen, ohne die entsprechende formale Autorität zu besitzen. Nach einleitenden Bemerkungen zur Problematik des grenzüberschreitenden Regierens wird kurz die Hanse als grenzüberschreitendes Regelungsarrangement vorgestellt. Im Anschluss wird anhand eines kohärenten, konzeptionellen Rahmens eine angemessene Bewertung der normativen Legitimität (Anerkennungswürdigkeit) der Hanse vorgenommen. Das innovative Potenzial des vorliegenden Aufsatzes liegt dabei in der Anwendung einer demokratietheoretisch inspirierten Konzeption legitimen globalen Regierens auf eine historische Insti-

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tution, die den oben genannten Merkmalen grenzüberschreitender Regelungsarrangements durchaus ähnelt. Um eine entsprechende Analyse der Hanse vornehmen zu können, müssen geeignete Messindikatoren zur Bewertung der normativen Legitimität grenzüberschreitender Formen des Regierens identifiziert werden. Dabei hängt die Art der Operationalisierung von dem die Untersuchung anleitenden Verständnis von Legitimität sowie von der Art und Weise ab, wie das internationale Umfeld, in dem agiert wird, konzeptualisiert wird und für wie aufnahmefähig es für bestimmte Legitimitätsstandards gehalten wird.2 Grenzüberschreitendes Regieren kann aufgrund des unterschiedlichen Kontextes nicht auf im Rahmen des Nationalstaates etablierte Formen der Entscheidungsfindung und der Durchsetzung von Entscheidungen zurückgreifen.3 Deshalb sind die Maßstäbe für legitimes globales Regieren mit Hinblick auf die strukturellen Merkmale grenzüberschreitender Politik auszuwählen und nicht aus dem Ideal der repräsentativen Demokratie abzuleiten.4 Da Regieren jenseits des Staates mit dem demokratischen Prinzip der Volkssouveränität unvereinbar ist, kann hier lediglich auf die funktionale bzw. sektorale Repräsentation der von den Entscheidungen Betroffenen durch die organisierte Partizipation von Interessengruppen zurückgegriffen werden (im Fall der Hanse sind dies die Kaufmannschaften bzw. die Städte). Auch ist zu berücksichtigen, dass grenzüberschreitendes Regieren weitgehend auf horizontale Steuerungsformen angewiesen ist. Damit kommen vor allem konsensorientierte Verhandlungsprozesse statt hierarchische Subordination als Mechanismen zur Erzeugung von Folgebereitschaft infrage (ein Beispiel sind die Hansetage). Um die Rechenschaftspflicht der Entscheidungsträger zu gewährleisten, bedarf es der Transparenz, der Etablierung unabhängiger Überwachungsverfahren sowie wirksamer Sanktionsmechanismen (z. B. der Ausschluss einzelner Kaufleute oder Städte von Privilegien der Hanse). Da grenzüberschreitendes Regieren nicht in Form von demokratisch organisierten Institutionen realisiert werden kann, werden im Folgenden einzelne Indikatoren legitimen Regierens identifiziert und danach befragt, inwieweit sie auf die Strukturmerkmale des internationalen Systems zu beziehen sind.5 Da demokratische Prinzipien inzwischen weltweit als Messlatte verwendet werden, wo immer ein Anspruch auf Herrschaft formuliert wird, ist es schlüssig, auf Konzeptionen demokratischen Regierens und die damit verbundene demokratietheoretische Diskussion zu rekurrieren, jedoch allein in der Absicht, (demokratie)theoretisch begründbare, operational nutzbare und unmittelbar plausible Indikatoren ausfindig zu machen, mit deren Hilfe sich nachvollziehbare Aussagen über den Grad der Legitimität unterschiedlicher Formen grenzüberschreitenden Regierens treffen lassen. Der hier zur Anwendung kommende Indikatorenkatalog fasst einige der in der aktuellen Debatte kursierenden kontextadäquaten Prüfsteine legitimen Regierens jenseits des Nationalstaates systematisch zusammen, ohne dass damit ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.6

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Die Auswahl orientiert sich an der Literatur zu normativen Fragen legitimen Regierens jenseits des Staates7 und greift auf die Unterscheidung zwischen Input und Throughput zurück.8 Die Input-Dimension umfasst die Frage nach den Entscheidungsbefugten und den zu repräsentierenden Interessen. Hier geht es um die gleichberechtigte und aktive Teilnahme aller Stakeholder an Entscheidungsfindungsprozessen, um Steuerungsanforderungen möglichst unverfälscht aus den Präferenzen der Regelungsadressaten herzuleiten. In der Throughput-Dimension steht die Frage im Mittelpunkt, wie transparent Entscheidungsprozesse sind und inwiefern die Entscheidungsträger für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden können.9 Der aus der Literatur gewonnene Katalog normativer Indikatoren zur Messung der Anerkennungswürdigkeit von Regelungsarrangements wird durch die Dimension der Output-Legitimität (empirische Legitimität) ergänzt. Hier geht es um die von einem grenzüberschreitenden Regelungsarrangement erzeugte Akzeptanz seiner Regelungen durch die Regelungsadressaten.10 Der Grundgedanke ist hierbei, dass Akteure Normen und Regeln umso eher freiwillig einhalten, je stärker sie von deren Legitimität überzeugt sind. Auch andere Autoren bezeichnen die soziale Akzeptanz von Entscheidungen und Regeln als empirisch begründete Legitimität, die sie von normativ begründeter Legitimität (Anerkennungswürdigkeit von politischen Entscheidungen und Regeln) abheben.11 Im Rahmen der Untersuchung der empirischen Legitimität von Regelungsarrangements wird unter anderem auf Dokumente zurückgegriffen, die Stellungnahmen von Mitgliedern der Hanse zu deren Legitimität enthalten (Hansische Studien, Hansische Geschichtsblätter, Hansische Geschichtsquellen, Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte etc.). Außerdem wird die Entwicklung der Mitgliederzahlen betrachtet. Im Folgenden werden die auf die drei Dimensionen verteilten kontextadäquaten Indikatoren zur Messung legitimen grenzüberschreitenden Regierens aufgeführt. Tabelle 1: Die drei Dimensionen des Regierens jenseits des Nationalstaates Normative Legitimität Input-Dimension Throughput-Dimension - Repräsentativität der - Transparenz Regelungsarrangements - Überwachungsverfahren (Kongruenzprinzip) - Sanktionsmechanismen - Grad der politischen Gleichheit - Konsensorientierung der Verhandlungen

Empirische Legitimität Output-Dimension - Realisierung gesetzter Ziele - Akzeptanz

Anhand dieses Katalogs soll zunächst gezeigt werden, inwieweit die Organisationsformen und Verfahren der Hanse den normativen Maßstäben der Input-

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und Throughput-Legitimität gerecht werden. Die dadurch gewonnenen Hinweise auf die Anerkennungswürdigkeit der Hanse werden dann mit den Erhebungen zur faktischen Akzeptanz der Organisation seitens der Regelungsadressaten konfrontiert. Insofern sich für die ausgewählten normativen Indikatoren eine Akzeptanz generierende Wirkung belegen lässt, sollen sie zukünftigen Fallstudien als Folie dienen und damit einen weiterführenden Beitrag zur Systematisierung der Governance-Forschung leisten. Darüber hinaus soll die Analyse der konstitutiven Merkmale der Hanse als einem grenzüberschreitenden Regelungsarrangement in legitimationstheoretischer Perspektive helfen, deren eigenständige Legitimationspotenziale zu identifizieren und Wege zu deren Übertragung auf andere Arrangements aufzuzeigen.

2.

Die Hanse

Die Bedeutung der Hanse im Mittelalter ergibt sich zum einen aus ihrem Umfang; sie umfasste in ihrer Blütezeit fast 200 Städte in einem Gebiet, das von der Zuidersee in den heutigen Niederlanden bis zum Finnischen Meerbusen und Dorpat im Nordosten sowie Krakau im Südosten reichte.12 Zum anderen ist die Hanse bemerkenswert, weil sie auf eine sehr lange Lebensdauer verweisen kann; von der Mitte des 12. Jahrhunderts (Gründung Lübecks im Jahre 1159) bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts (letzter Hansetag im Jahre 1669). Eine Institution, die über 500 Jahre Bestand hatte und dies über zahlreiche Grenzen und Kulturen hinweg, kann zumindest potenziell ein Vorbild für grenzüberschreitende Regelungsarrangements darstellen, wie sie heute vermehrt auftreten und unter dem Stichwort Global Governance in der Wissenschaft diskutiert werden.13 Ihre lange Bestandsdauer deutet nicht allein auf eine gewisse Effektivität hin, sondern auch auf eine beachtliche Legitimität, die sich nicht zuletzt auch daran erweist, dass die Hanse bis heute fast ausschließlich positiv konnotiert wird.14 Dies zeigt sich unter anderem in dem Bemühen zahlreicher ehemaliger Hansestädte um die Rückgewinnung dieser Bezeichnung (z. B. Greifswald, Rostock, Stralsund) sowie in der 1980 erfolgten Gründung des „Städtebund Die Hanse“, der inzwischen auf über 160 Mitgliedsstädte aus 15 Ländern verweisen kann.15 Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, wie es diesem eher losen Verbund quasistaatlicher, städtischer und privater Akteure gelungen ist, über einen so langen Zeitraum zu existieren und Ordnungsleistungen zu erbringen, und zwar nicht allein durch ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern auch durch die Ausübung von Macht, die bis zur Führung erfolgreicher Kriege gegen benachbarte Staaten reichte.16 Die Stellung der Hanse ist umso erstaunlicher, weil sie als Mitglied im Verband des Reichs über keine eigene Rechtspersönlichkeit verfügte und ihre Mitglieder (die Hansestädte) mehr oder weniger direkt unter der Gewalt ver-

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schiedenartiger kirchlicher oder weltlicher Herrschaften standen. Zudem fehlte es ihr an eigenen finanziellen Mitteln, einem eigenen Heer bzw. einer eigenen Kriegsflotte und einer eigenen Administration. Vom eher seltenen und zudem unregelmäßig und nie vollzählig abgehaltenen Hansetag einmal abgesehen, konnte die Hanse nicht einmal auf Institutionen aufbauen, um ihr gemeinsames Wirken zu koordinieren. Angesichts dieser strukturellen Defizite und der bestehenden Interessengegensätze unter den weit verstreuten Mitgliedern ist es umso bemerkenswerter, dass die Hanse über 500 Jahre fortbestand. Verantwortlich dafür waren unter anderem die parallel existierenden regionalen Städtebündnisse, fürstliche Privilegien wie Geleitfreiheit und der Anspruch auf Schutz, Versicherung und gegebenenfalls Schadenersatz als notwendige Voraussetzung externer Handelsbeziehungen sowie der ebenfalls durch die Fürsten garantierte Landfriede für bestimmte Orte (z. B. Märkte), Personen (z. B. Kaufleute) und Handlungen (z. B. Handel). Dollinger sieht die Hauptursache für diese einzigartig ausdauernde Form der Kooperation in dem „starken Solidaritätsgefühl, das die Mitglieder der Gemeinschaft Jahrhunderte lang einte, ohne dass dabei der Zwang eine nennenswerte Rolle spielte“.17 Diese Solidarität war in dem gemeinsamen Willen begründet, den hansischen Kaufleuten Schutz zu bieten, ihnen Privilegien im Ausland zu verschaffen und deren Beachtung durch ausländische Städte und Herrscher zu sichern.18 Insofern handelt es sich bei der Hanse wohl doch in erster Linie um einen interessenbasierten Zusammenschluss von rationalen Akteuren vor dem Hintergrund gemeinsamer Herausforderungen mit dem Ziel, eine möglichst vorteilhafte Position im grenzüberschreitenden Handel zu erlangen. In dieser Hinsicht ähnelt die Hanse den heutigen Regelungsarrangements auf internationaler, transnationaler und privater Ebene. Auf der Grundlage kollektiver Interessen gelang es der Hanse, den Handel zwischen West und Ost in Nordeuropa zu dominieren. Erst als dieses gemeinsame Interesse erlosch, verschwand auch die Hanse. Ursächlich dafür war zum einen, dass das Wirtschaftssystem der Hanse nicht mehr mit den sich wandelnden Bedingungen mithalten konnte (vor allem die Zersplitterung des Handels auf viele Märkte und das damit verbundene Aufkommen zusätzlicher Konkurrenz aus anderen Regionen Europas wirkte sich hier aus) und zum anderen, dass ihre politische Macht sich nicht mehr mit derjenigen der Monarchien und Fürsten messen konnte.

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2.1 Die Entwicklung der Hanse Die erste institutionelle Ausformung der Hanse war die Gründung der Genossenschaft der Gotland besuchenden Deutschen. Zu dieser Genossenschaft zählten neben lübischen Kaufleuten auch solche aus westfälischen und sächsischen Städten. Aus der Mitte der Genossenschaft wurde ein Ältester (Oldermann) gewählt, in dessen Hände die Kaufleute einen gemeinsamen Gehorsams- und Beistandseid leisteten.19 Der Genossenschaft standen im 13. Jahrhundert vier Oldermänner vor, gewählt durch die Kaufleute von Lübeck, Visby, Soest und Dortmund. Diese hatten die gleichen Vollmachten inne wie später die Leiter der Hansekontore, d. h., sie übten die Gerichtsbarkeit über ihre Mitglieder aus und repräsentierten sie nach außen. Die Mitglieder der Genossenschaften weiteten ihren Tätigkeitsbereich rasch auf die Küstenländer der Nord- und Ostsee aus, „wo sie Handel trieben, Niederlassungen gründeten, von den Fürsten Privilegien erlangten und mit ihnen Handelsverträge schlossen“.20 Der Niedergang der Genossenschaft der Gotland besuchenden Deutschen verlief parallel zur Entwicklung der Städte, deren Vernetzung untereinander und ihrem politischen Bedeutungsgewinn. Diese Verschiebung der Machtbalance senkte die Bereitschaft der Städte, sich der Autorität der Genossenschaft zu unterwerfen und die damit verbundenen Kosten (z. B. für Seeblockaden) zu tragen. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts übernahmen zunehmend die Städte die Verantwortung für den Schutz ihrer Kaufleute und machten damit die Genossenschaft überflüssig. Dennoch dauerte es bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, bevor diese Frühform hansischer Organisation von der hense van den dudeschen steden ersetzt wurde bzw. die Kontore der Kaufleute dem Hansetag unterstellt wurden.21 Die Ohnmacht der kaiserlichen Gewalt und die herrschenden anarchischen Zustände führten bereits ab Mitte des 13. Jahrhunderts zu regionalen Zusammenschlüssen der Städte zur Sicherung des Friedens und zum Schutz von Privilegien.22 Neben dem westfälischen und dem sächsischen Städtebund ist vor allem das Bündnis der „Wendischen Städte“ (1358/60)23 für die Entstehung der Hanse bedeutsam. Grundlage für dieses und andere Bündnisse waren die gemeinsamen Interessen an Schutz, gegenseitigem Beistand und Bestimmungen des Privatrechts, welche zusammengenommen einen unbeschränkten Handel gewährleisten und damit die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Städte fördern sollten.24 Zwischen den verschiedenen Städtebündnissen kam es, wenn es die Situation erforderlich machte, zum Abschluss von Vereinbarungen über den wechselseitigen Schutz der Interessen ihrer Kaufleute.25 In diesem Sinne begann die Hanse im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts aktiv im Ausland zu intervenieren. Dies geschah in Form von Blockaden zur Unterbrechung des Handels sowie durch die Verlegung von Handelskontoren bei unzureichend kooperationswilligen Städten. Diese Instrumente wurden bald nicht mehr allein als Reaktion auf Angriffe und Behinderungen der eigenen Kaufleute, sondern

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zunehmend als Mittel eingesetzt, um von einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Land Vorteile zu erpressen. Erste „Opfer“ dieser Politik waren Brügge und Norwegen. Dabei gelang es nicht nur, die alten Privilegien zurückzugewinnen, sondern auch neue zu erwerben, Schadenersatz zu erhalten und bisherige Handelshemmnisse zu beseitigen. Die auf diese Weise gewonnenen Privilegien nutzte die Hanse zum Ausbau ihrer Vormachtstellung in Nordeuropa. Die weitere Festigung der Hanse verzögerte sich allerdings durch die Bemühungen der norddeutschen Fürsten, ihre Autorität über die unabhängig gewordenen Städte zurückzugewinnen. Ergebnis der Auseinandersetzungen waren ein erhöhtes Misstrauen gegenüber den Fürsten und eine erhöhte Solidarität der Städte untereinander. Gleichzeitig nahm der wirtschaftliche Aufschwung der Hanse trotz dieser politischen Querelen an Fahrt auf. Es waren insbesondere die eigenständigen Aktivitäten des Kontors in Brügge bei den Verhandlungen mit Flandern, welche das Misstrauen der Städte gegen eine selbstständige Stellung der Kaufleute erneut entfachte. Als Reaktion rief Lübeck die Vertreter der Städte zusammen, um die Angelegenheiten in Flandern selbst zu regeln. Dollinger bezeichnet diese 1356 zusammengetretene Versammlung (deren Zusammensetzung nicht bekannt, aber vermutlich recht umfassend war) als den ersten allgemeinen Hansetag.26 Im Ergebnis wurde die Unterordnung des bis dahin unabhängigen Kontors unter die Autorität der Städte besiegelt. Alle Entscheidungen des Kontors (und in der Folge auch der anderen drei Kontore) bedurften fortan der Zustimmung der Städte, um Gültigkeit zu erlangen. Damit hatten die Städte durch ihr Organ, den Hansetag, nicht nur de facto, sondern auch de jure die Autorität über ihre Kaufleute im Ausland manifestiert. „Im Ganzen gesehen vollzog sich die Unterordnung der vier Kontore, die für die endgültige Organisation der Hanse so wichtig war, ohne ernsthafte Schwierigkeiten, und man erlebte es später kaum, dass eines von ihnen die Bevormundung abzuschütteln versuchte.“27 Der Grund war, dass die Hanse den Kaufleuten mehr Schutz gegen die ausländischen Staaten bieten konnte, als diese selbst zu gewährleisten imstande waren. Darüber hinaus hatte der letztlich erfolgreiche Wirtschaftskrieg der Hanse gegen Flandern allen gezeigt, dass ein engerer Zusammenschluss der Städte und der Verzicht auf Sonderinteressen den Wohlstand jedes Einzelnen gewährleisten konnten.28 Dies galt umso mehr, als dass die Hanse fortwährend gezwungen war, Auseinandersetzungen um die Aufrechterhaltung ihres privilegierten Status gegenüber ausländischen Regierungen zu führen, so z. B. gegen Dänemark, das unter Waldemar IV. eine Hegemonialpolitik in den nordeuropäischen Gewässern betrieb. Zur Bekämpfung Dänemarks bildete die Hanse auf dem Hansetag in Köln im Jahre 1367 sogar eine Konföderation mit drei nichthansischen Städtegruppen. Darüber hinaus wurden dort die als notwendig erachteten finanziellen und militärischen Maßnahmen detailliert ausgearbeitet. So wurde zur Finanzierung des Krieges eine Abgabe, das sogenannte Pfundgeld, auf jede Ware und jedes Schiff erhoben und

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es wurde die Anzahl von Schiffen und Bewaffneten festgelegt, mit denen sich die einzelnen Städte zu beteiligen hatten. Die Bereitschaft, diesen Beitrag auch zu leisten, variierte allerdings von Stadt zu Stadt. Einige beschränkten sich auf eine finanzielle Unterstützung, andere wollten nicht einmal diese leisten.29 Mit Unterstützung von Schweden, Mecklenburg, Holstein und gegen Waldemar aufständischer dänischer Adeliger konnte dennoch ein militärischer Sieg errungen und ein Frieden mit Dänemark erzwungen werden (24. Mai 1370). Dadurch sicherte sich die Hanse für etliche Jahre die Herrschaft über den Sund. Für Dollinger kennzeichnet dieser Friede von Stralsund „das Aufkommen einer neuen Macht in Nordeuropa“.30 Sie konnte dabei die Schwäche der kaiserlichen Gewalt nutzen, ohne selbst über Souveränität zu verfügen, da die einzelnen Mitgliedsstädte jeweils verschiedenen Herrschern untergeordnet waren. Sie konnte sich lediglich auf den gemeinsamen Willen der Städte stützen, Handelsinteressen notfalls mit Waffengewalt durchzusetzen. Dies führte auf Dauer allerdings sowohl zu Spannungen innerhalb der Hanse (weil die Bereitschaft, sich an wirtschaftlichen oder militärischen Maßnahmen zu beteiligen, recht unterschiedlich ausgeprägt war) als auch zu Konflikten mit den Ländern und Fürstentümern der Region. Während sich die hansischen Kaufleute durch ihren Erfolg in ausländischen Städten berechtigt sahen, dort immer mehr Privilegien einzufordern, gerieten diese zunehmend unter Druck durch ihre eigenen Kaufleute, die diese Privilegien als zu umfassend betrachteten. Die ausländischen Fürsten wiederum sahen die zahlreichen gerichtlichen und steuerlichen Ausnahmeregelungen für die hansischen Kaufleute als Verletzung ihrer Souveränität an. Die daraus resultierenden Konflikte eskalierten von Zeit zu Zeit und waren nur schwer wieder zu befrieden. Diese Entwicklung gipfelte 1388 in der gleichzeitigen Handelsblockade gegenüber England, Flandern und Russland. Der Hanse gelang es nur durch „Klugheit“, „Festigkeit“ und einen „tiefen Friedenswillen“31 einen Krieg zu vermeiden. Insgesamt war es der Hanse gelungen, durch gemeinsame wirtschaftliche und militärische Maßnahmen für ihre Mitglieder in allen Anrainerstaaten der Nordund Ostsee umfangreiche Privilegien und beinahe ein Fernhandelsmonopol in zwei Meeren zu erringen. Diese vor allem wirtschaftliche Vorherrschaft blieb allerdings auch nach den diversen Friedensschlüssen (u. a. Frieden von Kopenhagen von 1441, Frieden von Utrecht von 1474, Ewiger Friede zwischen der Hanse und Frankreich von 1483) umstritten. Im Ausland wuchs der Widerstand gegen die Handelsprivilegien für hansische Kaufleute und es traten vermehrt Handelsrivalen auf, die der Hanse durch technische Überlegenheit und handelspolitischen Ehrgeiz ihre Vormachtstellung streitig machten. Damit geriet die Hanse seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts in die Defensive und fokussierte ihre Aktivitäten auf den Erhalt der erworbenen Errungenschaften und weniger auf deren Ausbau.

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„Ihr großer Trumpf blieb die Vermittlerrolle zwischen Ost- und Westeuropa (…). Ihre Schwäche (…) war die immer größer werdende Divergenz der Interessen ihrer Mitglieder, vor allem zwischen See- und Binnenstädten, zwischen wendischen und preußischen Städten.“32

Zusätzlich verschärfte die Ausbreitung der Reformation in Norddeutschland (ab ca. 1522) die Uneinigkeit zwischen und innerhalb der hansischen Städte.33 In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zwar zu einem erneuten Aufblühen der Hanse. Erfolgreich gelang es noch einmal, den Gemeinschaftssinn ihrer Mitglieder zu stärken, indem man 1557 einen Konföderationsvertrag schloss, der ein Statut mit zehn Artikeln umfasste34 und einen hansischen Beamten (Syndicus) ernannte, der juristische und diplomatische sowie organisatorische Aufgaben hatte.35 Es wurden zudem wieder mehr Hansetage abgehalten und es gab auch neue Aufnahmeanträge. Doch bald ließ die Bindewirkung des Konföderationsvertrags nach und der Zusammenhalt der Hansestädte lockerte sich wieder. Spätestens der Dreißigjährige Krieg bedeutete das Ende der hansischen Gemeinschaft.36 Der letzte Hansetag fand 1669 unter der Beteiligung von lediglich neun Städten statt.

2.2 Die Hanse als grenzüberschreitendes Regelungsarrangement Es ist nicht unproblematisch, die Hanse als Akteur im modernen Sinne zu beschreiben. Weder gibt es genaue Angaben, wann die Hanse entstand, noch, wann sie sich auflöste.37 Darüber hinaus bestand sie einerseits aus Vereinigungen von Kaufleuten und andererseits einem losen Zusammenschluss aus zahlreichen Städten, die jeweils unterschiedlichen Herrschern unterstanden, wie dem Deutschen Orden, Fürsten oder dem Bischof von Riga. Hinzu kamen die bedeutsamen Handelskontore in Bergen, Brügge, London und Novgorod mit je eigener Akteursqualität und Organisationsstruktur (Statuten, Oberhaupt, Gericht, Kasse, Siegel) und dem Status einer juristischen Person. Bemerkenswert ist zudem, dass nie ganz klar war, wer zu einem bestimmten Zeitpunkt eigentlich der Hanse angehörte. Noch nicht einmal für so prominente Mitglieder wie die Stadt Köln lässt sich ein entsprechendes Dokument finden, welches deren Mitgliedschaft in der Hanse belegt.38 Die Kooperation dieser sehr unterschiedlichen Akteure konnte zudem lediglich auf ein sehr schwaches institutionelles Fundament bauen. Am bedeutsamsten war sicherlich der Hansetag, in den die Städte ihre Ratsendeboten schickten.39 Er fungierte als oberste Instanz der Gemeinschaft und entschied „über die Ratifizierung von Verträgen oder über Handelsprivilegien, über Verhandlungen mit ausländischen Städten oder Herrschern, über die Absendung von Gesandten,

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Ingo Take über Frieden, Krieg und Blockade, über finanzielle und militärische Maßnahmen, über wirtschaftliche Vorschriften aller Art, über den Ausschluss oder die Zulassung von Mitgliedern, die Schlichtung von Konflikten zwischen den Hansestädten usw.“40

Der Hansetag trat allerdings nur unregelmäßig zusammen, im Durchschnitt alle ein bis drei Jahre.41 Einen eigenen Mitarbeiterstab unterhielt die Hanse erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts, auf ein eigenes Siegel, einen eigenen Haushalt oder gar eigene Streitkräfte konnte die Hanse zu keiner Zeit zurückgreifen. Insofern besaß die Hanse keinen Rechtscharakter.42 Seit ihrem Entstehen war sie Teil der sich im Reich ausbreitenden Regionalisierung der politischen Gewalten und bemüht, ihre Organisationsstruktur diesen Rahmenbedingungen anzupassen.43 Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass es ihr gelang, gemeinsame Handelsblockaden zu realisieren, Kriege erfolgreich auszufechten und der Piraterie (zumindest vorübergehend) Einhalt zu gebieten. Andererseits war allen Versuchen zur Bildung fester Bündnisse mit Verpflichtungscharakter nur mäßiger Erfolg beschieden, weil die Städte Misstrauen gegen politische oder militärische Verpflichtungen hegten.44

3.

Die Legitimität der Regelungsarrangements

Im Folgenden werden die einzelnen Indikatoren vorgestellt, die Auskunft über die Anerkennungswürdigkeit der Hanse geben sollen und durch entsprechende Informationen über ihre Ausgestaltung ergänzt. Dabei wird auf die Rezesse der Organisation sowie auf Sekundärliteratur zurückgegriffen.

3.1 Repräsentativität von Regelungsarrangements Grenzüberschreitende Formen des Regierens müssen in der Input-Dimension primär danach bemessen werden, inwieweit sie alle relevanten Stakeholder in den Prozess der Regelsetzung miteinbeziehen (Kongruenzprinzip). Dieses Prinzip rechtfertigt sich aus dem Verständnis von Menschen als selbst bestimmte, autonome Akteure, die Mitsprache bei den Angelegenheiten haben sollten, die sie betreffen, und deshalb gleichberechtigt am Zustandekommen kollektiver Entscheidungen mitwirken sollten bzw. deren Interessen bei der Entscheidungsfindung gleichgewichtig berücksichtigt sein sollten.45 Die partizipatorische Demokratietheorie begründet dies mit der These, dass die Präferenzen der Stakeholder nicht vorab vollständig festgelegt und unveränderlich seien, sondern sich im Prozess der Erarbeitung von Standards, Regelungen oder Entscheidungen erst bilden bzw. einen Wandel erfahren. Aus diesem Grund seien diese Prozesse so zu gestalten, „dass ein Maximum an authentischer Beteiligung

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erzielt wird“.46 Die Erfüllung des Kongruenzprinzips kann sich auf grenzüberschreitender Ebene natürlich nicht an einer territorial definierten Grundgesamtheit orientieren, sondern muss sich stattdessen um die möglichst vollständige Partizipation der sektoral organisierten Referenzgruppen bemühen.47 Um zu messen, inwiefern die Hanse diese Kongruenzbedingung erfüllt, muss gezeigt werden, wie offen ihre Entscheidungs(findungs)prozesse für die Teilnahme der interessierten Städte als direkten Regelungsadressaten sowie der Kaufmannschaften als indirekt Betroffenen ist. Die bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts existierende Hanse der Kaufleute kann insofern als intern repräsentativ bewertet werden, als dass sie alle deutschen Kaufleute als zugehörig betrachtete, „die im Ausland in den Genuss von Hanseprivilegien gelangten“.48 Die potenziellen Mitglieder mussten lediglich aus Norddeutschland oder einer Stadt an der Ostseeküste stammen, in der es eine Gruppe hansischer Kaufleute gab. Alle anderen von diesen privilegierten Handelsbeziehungen betroffenen Akteure (externe Stakeholder) hatten dagegen keinen Einfluss auf die inneren Angelegenheiten der Hanse. Als dann die Hanse entstand, gelangten Kaufleute nur dann in den Genuss von Hanseprivilegien, wenn sie sich im Besitz des Bürgerrechts einer der Mitgliedsstädte befanden bzw. dort geboren worden waren.49 Was die Mitgliedschaft der Städte in der Hanse anbelangt, so gab es darüber keine umfassenden offiziellen Aufstellungen.50 Zu Beginn schien das gemeinsame Interesse am Schutz der Kaufleute im Ausland ausreichend für eine Mitgliedschaft zu sein. Später mussten Städte, deren Mitgliedschaft in der Hanse nicht eindeutig geklärt war, ein Aufnahmegesuch stellen, über das dann der Hansetag entschied;51 kleinere Städte konnten sich ihr ohne offizielle Zulassung angliedern. Ab 1494 lag die Entscheidung zur Bestätigung der hansischen Zugehörigkeit von Kaufleuten allein bei den leitenden Städten, die damit auch darüber entschieden, welche Städte zur Hanse gehören durften. Neben den Hansetagen wurden zumindest für das Brüsseler Kontor auch „Drittelstage“ abgehalten (erstmals 1347 in dessen Statuten urkundlich erwähnt, allerdings nicht unter diesem Namen), die den führenden Städten in den jeweiligen Dritteln eine Mittlerstellung und so vermehrten Einfluss innerhalb der Hanse verschafften und sich fast ausschließlich um regionale Angelegenheiten kümmerten und damit die schwach besuchten Hansetage ergänzten.52 Des Weiteren gab es Regionaltage, die für das Funktionieren der hansischen Organisation wichtiger als die Dritteltage waren. Sie wurden von benachbarten Städten mit ähnlich gelagerten Interessen genutzt, um Kosten zu sparen, sich zu beraten und die Hansetage vorzubereiten.53 Sie dienten nicht nur der Beratung hansischer Angelegenheiten, sondern beauftragten nicht selten den Rat eines Mitglieds mit der Vertretung aller Städte der Region auf den Hansetagen.54 Auch bei der Durchführung der dort gefassten Beschlüsse, der Schlichtung von Streitigkeiten benachbarter Städte sowie der Bildung spezieller Bündnisse

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(„Tohopesaten“) im Rahmen der militärischen Beistandspflicht spielten die Regionaltage eine bedeutsame Rolle.55 Sie umfassten auch nicht-hansische Städte und beschäftigten sich folglich auch mit politischen Belangen, die nicht die Hanse betrafen. Die administrativen und politischen Funktionen der Hanse wurden also durch drei hierarchisch angeordnete Körperschaften ausgeübt: „an unterster Stelle die Räte der Städte, eine Stufe darüber die Regionaltage, (…) schließlich an der Spitze der Hansetag, die einzige spezifisch hansische Institution, deren Dauervertretung beim Rat von Lübeck lag“.56 Auf den Hansetagen waren zwar nur die Gesandten der Städte zugegen, die sich von den dort behandelten Angelegenheiten betroffen fühlten,57 wollte diese Gruppe von Städten jedoch als Hanse tätig werden, hatte sie die Zustimmung der von dieser Regelung betroffenen Städte einzuholen.58 Besonders bei politischen Fragen, die Bündnisse oder militärische Engagements betrafen, und solchen, die hohe Ausgaben nach sich zogen, war eine Beschlussfassung unter diesen Umständen nur sehr schwierig herbeizuführen. Darüber hinaus waren die Ratssendeboten auf den Hansetagen an die Vorgaben der Ratsherren gebunden, die sie entsandt hatten.59 Sie konnten zwar eigenständig entscheiden, inwieweit „der einzelstädtische Gemeinwille mit der gemeinstädtischen Willensbildung noch zu vereinbaren war und wann der Punkt erreicht war, an dem die Vollmacht erlosch und die Angelegenheit zu neuerlicher Beratung wieder in die Heimatstadt zurückgebracht werden musste“.60 Aber die Städte waren nur so lange an ihr Wort gebunden, wie der Wille der Ratssendeboten mit dem der Gemeinde übereinstimmte.61 Beschlüsse, die auf den Hansetagen gefällt wurden, erlangten zudem erst dann Gültigkeit, wenn sie in das Stadtrecht der einzelnen Hansestädte inkorporiert worden waren, da nur die Städte die Souveränität besaßen, die Kaufleute zur Befolgung der Beschlüsse zu zwingen. Demgegenüber besaß die Hanse keine hoheitliche Gewalt, mit der sie ihre Beschlüsse gegenüber den Städten hätte durchsetzen können, weil die Städte aufgrund ihrer verbrieften Selbstständigkeit nicht befugt waren, ihre Souveränität an eine andere Instanz zu delegieren. Da jede Stadt die Beschlüsse der Hansetage auf ihre individuelle Nützlichkeit hin prüfen musste und mit der Übernahme schädlicher Beschlüsse ihre Bürger- und Ratseide verletzt hätte, erhielten die Beschlüsse praktisch nie in allen Hansestädten Rechtskraft. Die Chancen waren dann höher, wenn es um Beschlüsse zum „Handels- und Gewerberecht, zum Schiffsund See-, Gesellschafts- und ehelichen Güterrecht“ ging, d. h., wenn die Beschlüsse der Weiterentwicklung des alten Markt- und Verkehrsrechts der Kaufleute dienten. Betrafen die Beschlüsse hingegen „Fragen des politischen Lebens und seiner Gestaltung“, verringerte sich die Zahl der Städte, in denen sie Rechtskraft erlangten.62

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3.2 Grad der politischen Gleichheit Einen weiteren Indikator der Input-Dimension legitimen Regierens bildet die gleichberechtigte Beteiligung von Stakeholdern an Prozessen der Entscheidungsfindung. Grenzüberschreitende institutionelle Arrangements sind oft durch asymmetrisch verteilte Machtpotenziale, Ressourcen und kommunikative Fähigkeiten der unterschiedlichen Stakeholder gekennzeichnet, die eine effektive Inanspruchnahme formal gleicher Beteiligungsrechte unterlaufen können und die Gefahr einer systematischen Unterrepräsentation einzelner Gruppierungen bergen. Dieser Gefahr ist durch institutionelle Vorkehrungen zu begegnen, die diese Ungleichgewichte auszubalancieren helfen. Grenzüberschreitende Regelungsarrangements müssen so ausgestaltet werden, dass sie allen Mitgliedern die gleichen Rechte gewähren, unabhängig von ihrer Größe, ihrem öffentlichen Status, ihren Ressourcen und ihrem Zugang zum politischen Prozess.63 Dazu gehört auch, dass allen Mitgliedern die Exit-Option gewährt werden muss, ohne dabei durch ihren Austritt Nachteile in anderen Beziehungen befürchten zu müssen, keinem Mitglied im Zuge der Konsensbildung mehr abverlangt wird als anderen und nur Entscheidungen getroffen werden, die auch wieder rückgängig gemacht werden können.64 Dabei ist zu berücksichtigen, inwieweit die Regelungssysteme diese Freiheiten und Rechte in der Praxis auch gewährleisten. Ein grundlegendes Prinzip der Hanse war, dass alle ihre Kaufleute eine Gemeinschaft von Menschen gleichen Rechts bildeten und deshalb im Ausland die gleichen Privilegien besaßen. Für Dollinger liegt es dementsprechend nahe, dass „in Deutschland jede Stadt den anderen Hansen, wenn nicht die vollständige Gleichheit mit ihren Bürgern, so doch wenigstens gegenüber Fremden eine Vorzugsstellung einräumte“.65 Demgegenüber wurden die Rechte der ausländischen Konkurrenten immer stärker eingeschränkt. So wurden sie vom Genuss der hansischen Privilegien weitgehend ausgeschlossen; ihre Aktivitäten in Deutschland wurden durch verschiedene Maßnahmen beschränkt (zusammengefasst unter dem Begriff Gästerecht), und die Hanse stärkte ihren Hansestapel in Brügge, um mehr Einfluss in der Region zu gewinnen. Aber auch innerhalb der Hanse bestand lediglich formell politische Gleichheit zwischen den Kaufleuten. Dominiert wurde der Verbund von einer „informellen, interurban durch weit gespannte, über regionale Heirats- und Informationskreise miteinander verbundene Führungsgruppe (…), die es verfassungsrechtlich eigentlich nicht gab und deren Mitglieder in ihren Heimatstädten zur politischen Elite gehörten“.66 Insbesondere die Ratssendeboten konnten sich durch ihre meist langfristige Tätigkeit einen erheblichen Einfluss auf die Politik der Hanse sichern.67 Hammel-Kiesow macht dafür vor allem strukturelle Gründe verantwortlich: „Der weite Raum, den der hansische Handel und die hansische Politik umfassten, konnte im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit nur über Rechts- und Personenbeziehungen, nicht aber mit Institutionen über-

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brückt werden“.68 „So erweist sich der gemeinsame Wille eben doch oft als Herrschaftswille der oligarchischen Führungsgruppe“, so Hammel-Kiesow resümierend.69 Zwischen den Städten herrschte zwar eine formale Rechtsgleichheit, die aber durch eine informelle Hierarchie unterlaufen wurde.70 Dies belegen Akten aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in denen erstmals Verzeichnisse von Hansestädten auftauchen, anhand derer militärische und finanzielle Beiträge erhoben oder die Teilnahme an Hansetagen dokumentiert wurden. Nach diesen Listen hätte es bis zu 80 Hansestädte gegeben; neuere Forschungen gehen jedoch von einer Zahl von fast 200 aus.71 Die Diskrepanz ergibt sich aus dem unterschiedlichen Status der Städte. Etwa 70 Städte lassen sich als Vollmitglieder bezeichnen, die zu den Hansetagen eingeladen wurden, dort direkt oder durch einen Vertreter einer anderen Stadt vertreten waren sowie finanzielle und militärische Beiträge leisteten. Über 100 weitere Städte waren eher passive Mitglieder bzw. „der Hanse zugewandte Städte“, die vor allem an den Privilegien für ihre Kaufleute interessiert waren und ansonsten kaum Interesse an den hansischen Angelegenheiten erkennen ließen. Etliche Städte erklärten ihren Austritt aus der Hanse, um sich gemeinsamen Lasten zu entziehen oder ließen ihre Mitgliedschaft ruhen, weil sie die damit verbundenen Kosten (z. B. zur Entsendung von Abordnungen) nicht mehr aufbringen konnten. Letztere wurden dann nach einer gewissen Zeit als aus der Gemeinschaft ausgeschlossen bezeichnet. Da die Durchführung von Hansetagen für alle Mitgliedsstädte aufwendig war (meist waren dort nur zehn bis zwanzig Städte vertreten), übertrug man die Entscheidungsgewalt für die Zeit zwischen den Hansetagen auf die Stadt Lübeck, und zwar auch in wichtigen Angelegenheiten.72 1418 wurde die Stadt sogar offiziell gebeten, zusammen mit den wendischen Städten die Interessen des Hanseverbunds wahrzunehmen. Lübeck war zudem nicht nur in der Regel der Versammlungsort der Hansetage, sondern ergriff zumeist auch die Initiative zu deren Einberufung. Lübeck gab in diesen Fällen das Datum der Hansetage vor und verschickte die Einladungen an die Städte. Nur deren Ratsendeboten waren stimmberechtigt; Gesandte des Kaisers, des Erzbischofs von Bremen und der Fürsten sowie Abgesandte von Niederlassungen nahmen lediglich als Gäste teil. Immerhin konnten Entscheidungen nur ab einer als ausreichend empfundenen Teilnehmerzahl gefällt werden, was einem informellen Vetorecht für die Städte gleichkam. Der unterschiedliche Status der Hansestädte manifestierte sich zudem in einer – allerdings umstrittenen – Rangordnung, die sich in der Anordnung der Plätze im Sitzungssaal manifestierte. Demnach kam Lübeck der zentrale Platz zu,73 des Öfteren von der Stadt Köln streitig gemacht, die sich aber mit dem zweiten Platz rechts des lübischen Vertreters begnügen musste, während den dritten Platz links von diesem der Abgesandte von Bremen74 einnahm. Dieser Platz wurde aber auch von Hamburg beansprucht.75 Demgegenüber halten

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Pitz76 und Hammel-Kiesow77 eine Beschreibung der hansischen Organisationsstruktur als bestehend aus Häuptern, aber keinen untergeordneten Gliedern für angemessen. Diesem Strukturprinzip „lag ein tragendes Element des Einungsgedankens zugrunde, nämlich die Absicht, über alle Unterschiede des Reichtums und der Macht hinweg die rechtliche Gleichheit der Genossen und Teilverbände zu sichern“.78 Diese Rechtsgleichheit der Städte kam unter anderem darin zum Ausdruck, dass alle Teilnehmer des Hansetages auf gleicher Höhe saßen. Allerdings bestimmte die Sitzfolge die Abgabe der Voten. „Da nicht abgestimmt und statt Mehrheiten vielmehr eine Kompromissformel gesucht wurde, kam den ersten Städten, die ihre Meinung äußerten, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu“,79 sodass allenfalls formal von politischer Gleichberechtigung gesprochen werden kann.

3.3 Konsensorientierung der Verhandlungen Auch die Ausrichtung der Entscheidungsprozesse am Konsensprinzip kann als Indikator für die Input-Legitimität eines Regelungsarrangements dienen.80 Konsens im hier verstandenen Sinne ist nicht durch Verhandlungsprozesse, sondern nur durch Überzeugungsprozesse herzustellen, das heißt, es bedarf des Austauschs von Wissen und Argumenten. Dadurch erfahren Akteure, die in traditionellen Verhandlungsprozessen aufgrund ihrer Ressourcenschwäche strukturell benachteiligt sind, eine Aufwertung, was wiederum die Fairness dieser Prozesse steigert.81 Je mehr Stakeholder einer bestimmten Politik in einem solchen konsensorientierten Prozess zugestimmt haben, desto stärker wird sie von außen als legitim wahrgenommen, so die Hypothese. Gleichzeitig steigt der Grad der Selbstverpflichtung bei den an der Entscheidungsfindung beteiligten Akteuren, die Vereinbarungen auch zu respektieren.82 Dabei sind jedoch unter anderem die Probleme der Vielfalt von Problemwahrnehmungen, der Umstand einer generell geringeren Informationssicherheit sowie der möglichen Inkompatibilität der Präferenzen von Akteuren zu berücksichtigen.83 Konsensorientierung entfaltet demnach nur unter bestimmten Bedingungen eine legitimierende Wirkung. Um den legitimierenden Indikator der Konsensorientierung zu operationalisieren, ist zu untersuchen, inwieweit Entscheidungen der Hansetage der einstimmigen Zustimmung bedürfen, um Gültigkeit zu erlangen bzw. ob und unter welchen Bedingungen Entscheidungen auch ohne Einstimmigkeit getroffen werden können. Es war den sogenannten Hansetagen vorbehalten, Beschlüsse zu fassen, die eine städteübergreifende Bindewirkung beanspruchten. Zu den Hansetagen entsandten vor allem diejenigen Städte ihre Ratssendeboten, die sich von einer der dort zu beratenden Fragen betroffen fühlten. Das heißt, die Städte mussten zuvor über die anliegenden Tagesordnungspunkte in Kenntnis gesetzt werden,

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damit sie sich darüber beraten und gegebenenfalls einen gemäß ihrer Beschlussfassung bevollmächtigten Ratssendeboten zum Hansetag schicken konnten. Ziel der meist kontroversen und langwierigen Beratungen war, aus den Eigeninteressen der teilnehmenden Städte einen gemeinsamen Willen zu formen, d. h., zu spezifischen Problemen gemeinsame Beschlüsse herbeizuführen. Wichtig an diesem Vorgang der Vergleichung ist, dass er von Beginn an „auf die Angleichung der Voten ausgerichtet war, auch dann, wenn die Meinungen sich konträr gegenüberstanden“.84 Für einen Beschluss des Hansetages bedurfte es einer Stimmenmehrheit, wobei die Stimme Lübecks gewöhnlich die anderen nach sich zog.85 Folgt man Pitz,86 so war eine Auszählung von Stimmen aber weder üblich noch erforderlich. Stattdessen gaben die Ratssendeboten ihre Stellungnahmen in den Beratungsrunden und bei der sogenannten Vergleichung, in der die Beschlüsse gefasst wurden, reihum ab, und zwar so lange, bis ein Konsens87 erzielt und vom vorsitzenden Bürgermeister als Beschluss ins Protokoll (Rezess) aufgenommen wurde.88 Konsens bedeutete in diesem Fall nicht Einstimmigkeit. Es reichte, wenn sich gegen die Formulierung, mit der der Vorsitzende das Ergebnis der Diskussion zusammenfasste, kein Widerspruch erhob.89 Statt Einstimmigkeit bedurfte es demnach lediglich des unwidersprochenen Einvernehmens der Ratssendeboten, um einem Beschluss gemäß der hansischen Verfassung Geltung zu verschaffen. Diese sogenannten Rezesse bilden die Gesamtheit der Normvorgaben und diplomatischen Akte der Hanse und „sollten grundsätzlich von allen angenommen und durchgeführt werden“.90 Die Städte vertrauten bei der Willensbildung auf den Sachverstand und das diplomatische Geschick der versammelten Ratssendeboten, eine für alle akzeptable und nutzbringende Entscheidung herbeizuführen.91 In den Fällen, in denen dies nicht gelang, „wurden die einzelnen Meinungstrends mit den Namen der wichtigsten Städte, die diese konkrete Meinung vertreten hatten, genannt“.92

3.4 Transparenz der Entscheidungsprozesse Zu den zentralen prozeduralen Erfordernissen aufseiten der ThroughputDimension legitimen Regierens zählt die Transparenz der Strukturen und Verfahren eines Regelungsarrangements.93 Transparenz beinhaltet den uneingeschränkten und rechtzeitigen Zugang der Stakeholder zu allen Informationen und die Öffnung der Strukturen und Entscheidungsprozesse für eine beobachtende Teilnahme und Bewertung seitens der Stakeholder. Nur ein über alle Stufen des Entscheidungsprozesses informierter Akteur ist in der Lage, seine Anliegen einzubringen, deren Einbindung in den Entscheidungsprozess nachzuvollziehen und seine Kontrollfunktion sowie gegebenenfalls seine (Veto-)Rechte wahrzunehmen. Darüber hinaus sollte auch das Ausmaß der Regelbefolgung seitens der Regelungsadressaten transparent sein, da nur so abschreckend auf

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Akteure eingewirkt werden kann, die Regelverletzungen erwägen. Transparenz zwingt die Akteure zudem zur Begründung ihrer Positionen in Entscheidungsprozessen unter Rückgriff auf die die Allgemeinheit der Stakeholder überzeugenden Argumenten und zur Auseinandersetzung mit gegenteiligen Positionen. Zur Messung von Transparenz ist danach zu fragen, wie transparent die Entscheidungsverfahren auf den Hansetagen waren, ob die Beschlüsse allen Mitgliedern bekannt gegeben wurden, ob die Beschlüsse den einzelnen Delegationen zurechenbar waren und in welchem Maße auch nicht-hansische Akteure über die Entscheidungen und Aktivitäten der Hanse informiert wurden, wenn sie davon betroffen waren. Die Hansetage waren insofern transparent, als alle Hansestädte befugt waren, daran teilzunehmen. Termine für Hansetage wurden rechtzeitig bekannt gegeben, gemeinsam mit einer Auflistung der wichtigsten Beratungsgegenstände. Auch Delegationen ausländischer Mächte, des Deutschen Ordens und der Kontore durften an den Hansetagen ihre Anliegen vortragen, wenn die einladende Stadt dies für angebracht hielt. Die Beschlüsse der Hansetage wurden allerdings nur den Hansestädten schriftlich zur Kenntnis gebracht. Dabei wurde aber nicht dokumentiert, wie die Beschlüsse zustande gekommen waren und welche Delegation wie abgestimmt bzw. sich in den Prozess der Beschlussfassung eingebracht hatte. Darüber hinaus galt diese Transparenz nur für den inneren Zirkel der Hansestädte. Mit der auf dem Hansetag 1518 festgeschriebenen Zweiteilung der Hansestädte wurden die Städte der zweiten Kategorie vom Besuch der Hansetage ausgeschlossen, weil sie als ihren Stadtherren gegenüber nicht mehr selbstständig genug betrachtet wurden, um die Geheimhaltung der Beratungspunkte und Beschlüsse der Hansetage gewährleisten zu können“.94 Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass das enge personale Netzwerk innerhalb der Hanse zumindest in einem gewissen Maße für eine Diffusion der Informationen über den Verhandlungsverlauf sorgte.

3.5 Überwachungsverfahren Ein weiteres Kriterium der Throughput-Dimension legitimen Regierens bildet die Möglichkeit der Kontrolle der Entscheidungsfindung durch die Regelungsadressaten (Städte bzw. Kaufmannschaften) und externen Stakeholder (Deutscher Orden, weltliche und geistliche Herrscher etc.), die auf der Rechenschaftspflicht der Entscheidungsträger beruht.95 Rechenschaftspflicht (Accountability) beinhaltet, dass ein Individuum oder eine Gruppe einen Akteur dazu auffordern kann, über seine Aktivitäten und Entscheidungen zu berichten und sich dafür gegebenenfalls zu rechtfertigen, und falls dies nicht geschieht, das Verhalten des Akteurs entsprechend zu bewerten.96 Dabei geht es darum sicherzustellen, dass ein rechenschaftspflichtiger Akteur die ihm übertragenen Funktionen im Ein-

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klang mit kodifizierten Regeln erfüllt.97 Indem die Rechenschaftspflicht die Entscheidungsträger zwingt, die Reaktionen der Regelungsadressaten zu antizipieren, sorgt sie für eine Verbindung zwischen den Regelsetzern und ihren Adressaten und wird so zu einem zentralen normativen Kriterium für Legitimität.98 Um die Kontrolle grenzüberschreitender Regelungsarrangements zu sichern, bedarf es entsprechender Berichtspflichten.99 Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Regeleinhaltung von unabhängigen Instanzen geprüft wird (Überwachungsverfahren), ohne dass dieser Prozess von den betroffenen Akteuren beeinflusst werden kann.100 Mechanismen zur Kontrolle der Implementation und praktischen Umsetzung von Regelungen müssen zudem mit den notwendigen Ressourcen versehen sein, um ihrer Funktion in angemessenem Maße gerecht werden zu können. Rechenschaftspflicht bestand weniger für die Hansetage selbst als vielmehr für die dort an der Beschlussfassung beteiligten städtischen Ratsdelegationen. Diese waren an die Vorgaben ihrer Stadträte gebunden und mussten sich für die Zustimmung zu Beschlüssen der Hansetage rechtfertigen, wenn diese von den Vorgaben abwichen (gegebenenfalls konnten die Städte die Übernahme der Beschlüsse verweigern). Ebenfalls rechenschaftspflichtig waren die Kontore, deren Altermänner vor die Hansetage geladen wurden, um über ihre Aktivitäten zu berichten. Unzulässige Kompetenzanmaßungen oder Regelverletzungen seitens der Kontore und den in ihnen organisierten Kaufleuten blieben den Hansetagen nicht lange verborgen. Dafür sorgten zum einen die wechselseitige informelle Kontrolle der meist nur wenige hundert Personen umfassenden Kontore sowie die misstrauische Kontrolle der ausländischen Kaufleute in den Ländern, in denen die Hanse Privilegien genoss. Hinzu kommt, dass beabsichtigte Regelverstöße nicht allzu oft vorkamen, weil diese die Privilegien der Hanse gefährdeten und sich so zum Schaden aller auswirken konnten.101 Aus den Schilderungen der Bemühungen zur Durchsetzung der hansischen Beschlüsse lässt sich folgern, dass sowohl die Städte als auch die Kontore sowie die Kaufleute an der Überwachung der Inhaber hansischer Privilegien beteiligt waren.102 Angesichts der Überschaubarkeit der Städte und Kontore sowie der Handelsbeziehungen der Kaufleute bedurfte es zudem keiner umfassenden Ressourcen, um die Kontrollfunktion auszuüben.

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3.6 Sanktionsmechanismen Schließlich muss es zur Sicherstellung der Rechenschaftspflichtigkeit auch Möglichkeiten geben, die Verantwortlichen gegebenenfalls zu sanktionieren, z. B. durch Reputationsverluste, Regulierung oder den Ausschluss aus dem Regelungsverbund.103 Grenzüberschreitende Regelungsarrangements müssen deshalb daraufhin untersucht werden, ob eine unabhängige Schiedsgerichtsbarkeit installiert wurde, ob sich die Einhaltung von Regeln einklagen lässt, ob Sanktionsverfahren gegen Regelbrüche auch von Nicht-Vertragsparteien ausgelöst werden können und ob Regelverstöße nur angeprangert werden oder substanzielle Strafen verhängt werden können. In diesem Zusammenhang dürften die Anzahl der in Gang gesetzten Verfahren sowie deren Ausgang und die darauf zurückzuführenden Verhaltensänderungen bzw. Strafzahlungen aufschlussreich sein. Die Hanse verfügte trotz ihrer strukturellen Schwächen104 durchaus über Mechanismen und Mittel, „ihre Entscheidungen sowohl gegenüber ihren Mitgliedern als auch gegenüber ausländischen Staaten durchzusetzen“.105 So sahen sich hansische Kaufleute und Städte „seit dem Ende des 13. Jahrhunderts starken Repressionen sowohl der Hanse und ihrer Gliederungen als auch der städtischen Gewalten in den Gastländern und Heimatterritorien ausgesetzt“.106 So wurden im Falle von Verstößen gegen Boykottbestimmungen jede der Hansestädte und die Kontore zur Aktivität gegenüber Bürgern und Kaufleuten der eigenen oder anderer Hansestädte verpflichtet. Auch „[a]n der Durchsetzung von Verhansung, Verfestung und anderen Beschlüssen beteiligten sich die Städte ebenso wie die Kontorgemeinschaften und die einzelnen Kaufleute“.107 Gegenüber den Mitgliedsstädten gab es „keine Umsetzungsinstanzen, die Abweichungen und Verstöße [gegen die Beschlüsse der Hanse, Anm. I. T.] sofort sanktioniert hätten“.108 Hier vertraute die Hanse auf Überredung, Schlichtung, aber auch Sanktionen. Meist reichten allerdings Schlichtungsbemühungen durch Briefe, Boten, Ermahnungen und Drohungen aus, um die Städte zum Einlenken zu bewegen.109 Für die Bearbeitung von Konflikten zwischen den Hansestädten setzte die Hanse auf die vermittelnden Aktivitäten der Nachbarstädte, erst wenn diese Bemühungen scheiterten, wurde der Streitfall dem Hansetag als der obersten Instanz zur Entscheidung vorgelegt.110 „Im Allgemeinen wurde der Streit nach mühsamen Verhandlungen und einem schwierigen Kompromiss beigelegt.“111 Es kam aber auch vor, dass der Hansetag zu Sanktionen greifen musste, weil sich Städte weigerten, sich seinen Entscheidungen zu unterwerfen. Diese Sanktionen reichten von Geldstrafen für die unzureichende Erfüllung hansischer Pflichten bis hin zum Ausschluss einer Stadt aus dem Verbund der Hanse. Ausschlüsse wurden im Falle eines gewaltsamen Sturzes amtierender Stadträte (z. B. Braunschweig 1375, Bremen 1427, Münster 1454) oder der Verletzung grundlegender Prinzipien der Gemeinschaft (z. B. Köln 1471) beschlossen.112 Sie bedeuteten für die Kaufleute dieser Städte den Entzug ihrer

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Privilegien im Ausland und den Verlust der Handelsbeziehungen mit den anderen Hansestädten. Ausschlüsse aus der Hanse kamen bis kurz vor ihrem Ende eher selten vor und waren meist lediglich vorübergehender Natur. Sanktionen wurden auch gegen Städte verhängt, die ohne Angabe guter Gründe oder Entschuldigung die Teilnahme an den Hansetagen versäumten und so Entscheidungen verhinderten. Für diese Städte waren Geldstrafen, die Beschlagnahme von Gütern oder gar der Ausschluss aus der Hanse vorgesehen.113 Entsprechende Verurteilungen wurden aber nur zögerlich ausgesprochen und blieben meist ohne Wirkung.114 Ähnlich ging man auch gegen solche Städte vor, deren Abgesandte zu spät kamen oder den Hansetag vor dessen Abschluss verließen, etwa wenn Beratungen den Interessen einzelner Städte zuwiderliefen. Auch Einzelpersonen konnten aus allen Hansestädten ausgeschlossen werden, wenn sie gegen „das Recht des gemeinen Kaufmanns“ verstießen, Handelsblockaden missachteten oder sich der Schmuggelei schuldig machten. Der Ausschluss wurde von der Stadt oder dem entsprechenden Kontor ausgesprochen und beinhaltete auch die Beschlagnahmung aller Güter. Um ihre Ansprüche gegenüber ausländischen Mächten zur Geltung zu bringen, konnte die Hanse im Wesentlichen auf drei Sanktionsmechanismen zurückgreifen: Verhandlungen, Handelsblockaden oder Krieg. Zunächst wurde eine gütliche Einigung durch Verhandlungen angestrebt. Damit wurden zunächst die Oberhäupter der Kontore beauftragt. Wenn diese nicht erfolgreich waren, entsandte der Hansetag eine Gesandtschaft, die aus Ratsmitgliedern und Kaufleuten mehrerer Städte bestand. Erst wenn auch diese Vermittlungsbemühungen scheiterten und die Kosten-Nutzen-Relation es zuließ, beschloss der Hansetag Handelsblockaden gegen ausländische Städte oder Fürsten, so etwa gegen England, Flandern, Frankreich, Kastilien, Norwegen, Polen, Schottland, Novgorod und Venedig. Zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert griff die Hanse mehrfach auf dieses Sanktionsmittel zurück, und zwar meist mit dem Erfolg, dass der Frieden wiederhergestellt wurde und die Hanse ihre Privilegien zurückerhielt oder gar ausweiten konnte. Später verlor dieses Sanktionsmittel aufgrund der bröckelnden Solidarität unter den Hansestädten und dem Aufkommen von Rivalen an Bedeutung. Zum Krieg entschloss sich die Hanse nur in solchen Fällen, in denen ihre Unabhängigkeit oder der Schutz ihrer Kaufleute bedroht war. Die finanziellen Mittel zur Kriegsführung erwarb die Hanse durch die Erhebung von Warenabgaben (Pfundzölle), die militärischen Mittel durch die Bildung von Bündnissen mit deutschen Fürsten oder auch ausländischen Staaten. Die Kriege nahmen hauptsächlich die Form von Kaperkriegen zur See an, nur in Einzelfällen kam es zur Intervention in feindliches Gebiet (Dänemark, Norwegen). Hauptgegner war immer wieder Dänemark, aber auch England, Holland, Frankreich und Kastilien sowie Seeräuber. Aufgrund der hohen Kosten von Kriegen (Verluste an Schiffen und Waren, Zugeständnisse gegen-

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über Bündnispartnern, Aufleben der Seeräuberei, Uneinigkeit innerhalb der Hanse) griff die Hanse nur im Notfall auf dieses Sanktionsmittel zurück.

3.7 Akzeptanz der Regelungen Die empirische Legitimität eines Regelungsarrangements kann einerseits als die materielle Erfüllung gesetzter Ziele bzw. die faktisch zu beobachtende Lösung konstatierter Probleme konzeptualisiert werden115 und andererseits daran bemessen werden, inwieweit es einem Regelungsarrangement gelingt, Akzeptanz für seine Regeln und Entscheidungen bei den Regelungsadressaten – und idealerweise auch den Regelungsbetroffenen – zu erzeugen.116 Der Völkerrechtler Thomas Franck sieht in der Anerkennung einer Regel als rechtens gar den grundlegendsten Indikator für deren Legitimität.117 Bezüglich dieser zweiten Konzeption von empirischer Legitimität ist zwischen der in ihren Statements und Stellungnahmen sich manifestierenden Akzeptanz der Standards und Regeln einerseits (Befürwortung, konstruktive Kritik, negative Bewertung, Ablehnung) und der freiwilligen Unterwerfung der Regelungsadressaten unter ein Regelungsarrangement andererseits zu unterscheiden. Demnach ist die freiwillige Unterwerfung unter ein Regelungsarrangement bei freier Wahlmöglichkeit bereits für sich genommen ein Legitimitätsbeweis im Sinne der aktiven Zustimmung, die sich an der Zahl der Mitglieder eines Regelungsarrangements messen lässt.118 Die Output-Legitimität der Hanse ist zunächst daran zu bemessen, inwiefern es ihr gelang, ihren vornehmlichen Zweck zu erfüllen, nämlich den hansischen Kaufleuten bzw. den Hansestädten Schutz zu bieten, ihnen Privilegien im Ausland zu verschaffen und deren Beachtung durch ausländische Städte und Herrscher zu sichern, um ihnen eine möglichst vorteilhafte Position im grenzüberschreitenden Handel zu verschaffen. Grundlage für die Realisierung dieser Zielsetzung war ihr Wettbewerbsvorteil, der daraus resultierte, dass sie eine Brückenfunktion zwischen den Warenangeboten Nord- und Osteuropas und der großen Nachfrage in den mittel- und westeuropäischen Absatzgebieten erfüllten und sich so den jeweiligen Machthabern unentbehrlich machten. Der hansische Handel beschränkte sich dabei nicht nur auf Konsumgüter, sondern beinhaltete „in noch größerem Maße Rohstoffe, veredelte Waren und Halbfertigprodukte für die unterschiedlichen Gewerbe“.119 Mit ihrem diversifizierten Verteilungssystem gelang es ihnen, in dem von ihnen versorgten Raum sämtliche damals relevanten Handelsgüter auf den Märkten selbst der kleinsten Städte verfügbar zu machen.120 Auf dieser Grundlage konnte die Hanse ihren Einfluss immer weiter ausbauen. Mithilfe ihrer Privilegienpolitik gelang es der Hanse zudem, „die Kosten des hansischen Handels radikal und nachhaltig zu senken, wobei die diploma-

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tischen Gesandtschaften der Hansetage vor allem die Reduzierung der Sachund Messkosten, Vereinbarungskosten und Durchsetzungskosten, etwa die Verbriefung eigener Gerichtsbarkeit, erreichten“.121 In der früheren Phase der Hanse (12. und 13. Jahrhundert) waren durch die Vereinbarung entsprechender Privilegien bereits die Zollgebühren, die Lagerungskosten, Ent- und Beladegebühren sowie Frachtkosten reduziert worden.122 Die Netzwerkstruktur des hansischen Handels, die sich in den Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen der Kaufleute sowie dem wechselseitigen Einsetzen als Handelsbevollmächtigte manifestierte, trug darüber hinaus zur Verminderung der Such- und Informationskosten bei.123 Neben dieser Senkung der Transaktionskosten gelang es der Hanse außerdem, durch die Beschlüsse der Hansetage „stabile Rahmenbedingungen (einschließlich effektiver Rechtsverfolgung und -vollstreckung) besonders ausgeprägt in den Ansätzen einer überterritorialen Standardisierung des Seerechts“124 zu schaffen.125 Zur Durchsetzung ihrer Beschlüsse konnte die Hanse auf das jeweils kodifizierte Stadtrecht ihrer Mitglieder sowie deren Ressourcen zurückgreifen. „Dieses System war im europäischen Spätmittelalter eine erfolgreiche Alternative zu den hierarchisch aufgebauten großen Handelshäusern“.126 „Um diese weit gespannten Handelsbeziehungen aufzubauen, zu sichern und aufrechtzuerhalten, entwickelten die Fernkaufleute und die Räte der Hansestädte eine Diplomatie, die bereits im 13. Jahrhundert internationalen europäischen Zuschnitt hatte und im Jahr 1648 bei dem Westfälischen Friedenswerk ihren verfassungsrechtlichen Höhepunkt erreichte.“127 So äußerte der englische Gesandte Dr. Russel anlässlich der Friedensverhandlungen in Utrecht 1474, „dass er lieber mit allen Fürsten der Welt als mit (hansischen) Ratssendeboten verhandeln wolle“.128 Die Effektivität der Seekriegsführung führen Graichen und Hammel-Kiesow auf deren innovativen Charakter zurück: „Das Spektrum reichte von der Einführung der Seeblockade 1284 gegen Norwegen über Seelandungen als amphibische Operationen in den beiden Kriegen gegen König Waldemar IV. von Dänemark bis hin zum ersten größeren Seegefecht, das vor Kopenhagen 1428 mit Schiffsartillerie aus der Distanz geführt wurde“.129 Auf diese Weise gelang es der Hanse, ihr Kernhandelsgebiet gegen Konkurrenten abzuschotten. Dennoch zeigten sich die Hansestädte militärischen Unternehmungen und Bündnissen (Tohopesaten) gegenüber eher zurückhaltend, was in der oft dürftigen oder ganz unterlassenen Abgabe entsprechender finanzieller Mittel (Pfundgeld) oder der Verweigerung der Ratifizierung von Bündnisbeschlüssen seinen Ausdruck fand. „Ihr großer Vorzug im Spätmittelalter war ihre Flexibilität (…). Sie war eine lose Verbindung, ein Handelszweckverband, sie hatte kein Korsett aus Statuten, das die Bewegungsfreiheit eingeengt hätte. So wurden innerhalb dieses Rahmens nur die Räte

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und Kaufmannschaften der Städte aktiv, die direkt von einem Problem betroffen waren, und es zahlten diejenigen, denen eine Aktion nützte.“130

Darüber hinaus gab es z. B. bei Handelsblockaden Ausnahmegenehmigungen. „Beschränkte oder nicht vorhandene Vollmachten der städtischen Vertreter auf den Zusammenkünften, die Bedingung, Beschlüsse nur ad referendum zu nehmen und sie dann auf einem zukünftigen Treffen erneut zu beraten, die schlechte Zahlungsmoral bei von den Hansetagen erhobenen Abgaben oder die Erklärung, man dürfe sich nicht gegen seinen Territorialherren stellen, bestimmen wesentlich das Bild von den Hansetagen der Spätzeit. Damit soll nicht gesagt werden, dass die Hanse bedeutungslos oder handlungsunfähig geworden sei. Sie erwies sich jedoch nicht mehr in der Lage, innerhalb angemessener Zeit die Mittel, über die sie verfügte, einzusetzen und wurde damit gegenüber den aufstrebenden Staatsgebilden der Frühen Neuzeit angreifbar.“131

In dem Maße, in dem die durch die hansischen Privilegien gewonnenen Vorteile schwinden, häuft sich auch die Zahl der freiwilligen Austritte aus der Hanse.132 Die Akzeptanz der Hanse lässt sich an der hohen Anzahl ihrer Mitglieder (etwa 200 Städte) sowie ihrem Verbreitungsgrad (von der Zuidersee in den heutigen Niederlanden bis zum Finnischen Meerbusen und Dorpat im Nordosten sowie Krakau im Südosten) ablesen, des Weiteren daran, dass die Städte immer wieder eine Annäherung an die Hanse suchten, entweder über den Hansetag oder die Regionaltage.133 Die erstmals 1417 formulierten Statuten der Hanse erfuhren in den folgenden Jahren einige Änderungen und Ergänzungen, die nicht immer auf die Akzeptanz der Bevölkerung trafen. So riefen beispielsweise die Bestimmungen gegen innerstädtische Oppositionsbewegungen zum Teil erhebliche Proteste bei den Bürgern der Hansestädte hervor (so 1418 vor allem in Bremen und Stettin) und veranlassten die jeweiligen Stadträte, deren Veröffentlichung zurückzunehmen.134 Dies belegt, dass die Politik der Hanse außerhalb des Kreises der Fernhändler durchaus umstritten war. Den „nicht direkt am Fernhandel beteiligten städtischen Bevölkerungsgruppen [war] die Verzahnung der individuellen Freihandelsinteressen vieler Ratsherren mit dem gesamtstädtischen Wohl besonders in Krisenzeiten suspekt“.135 Hammel-Kiesow geht allerdings davon aus, dass die Masse der Bürger und Einwohner der Hansestädte der Hanse weitgehend indifferent gegenüberstand.136 Bei externen Stakeholdern, zu denen die nicht-hansischen Kaufleute oder auch Fürsten und Könige gehörten, wurden die Privilegien der Hanse oft als Benachteiligung empfunden, und zwar umso stärker, je länger diese Privilegien aufrechterhalten und je umfassender sie ausgestaltet wurden. So lehnte König Jakob I. von England im September 1604 die Vorschläge zur Wiederherstellung

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der Privilegien der Hanse mit folgender Begründung endgültig ab: „Gerne würden wir uns euren Wünschen gegenüber offen zeigen, wenn nicht Privilegien dieser Art für das Königreich England sehr nachteilig wären […]“.137

4.

Fazit

Die Frage, wie es der Hanse über Jahrhunderte gelang, den Zusammenhalt der Mitglieder sowie ihre Folgebereitschaft zu sichern und grenzüberschreitend Ordnungsleistungen zu erbringen, kann der vorliegende Aufsatz sicherlich nicht vollständig beantworten. Es erscheint aber vor dem Hintergrund der vorangegangenen Ausführungen plausibel anzunehmen, dass die normative Anerkennungswürdigkeit der hansischen Strukturen und Verfahren zu ihrer Akzeptanz beigetragen und damit ihr erfolgreiches Wirken über fünf Jahrhunderte zumindest unterstützt hat. So ist die Hanse durch eine große Offenheit zunächst gegenüber den Kaufleuten bzw. Kaufmannschaften und später gegenüber den Städten gekennzeichnet. Formale Aufnahmeverfahren werden erst spät eingeführt, die hierfür in Anschlag gebrachten Kriterien sind großzügig gefasst. Weltliche und geistliche Herrscher sowie ausländische Akteure konnten dagegen nur auf Einladung der ausrichtenden Stadt an den Hansetagen teilnehmen und ihre Anliegen einbringen und diese Teilnahme war außerdem oft auf die Behandlung der für sie relevanten Tagungsordnungspunkte beschränkt. Was die gleichberechtigte Beteiligung betrifft, so wurde innerhalb der Hanse zwischen Vollmitgliedern und passiven Mitgliedern unterschieden; zudem gab es eine Rangordnung innerhalb der Hansestädte, die von Lübeck angeführt wurde, gefolgt von Köln, Bremen und Hamburg. Erwähnenswert ist auch der herausgehobene Einfluss der Ratssendeboten (und ihrer Familien) auf die Aktivitäten der Hanse. Gegenüber ausländischen Konkurrenten hat die Hanse die ihnen gewährten Rechte immer weiter eingeschränkt. Bezüglich der Entscheidungsverfahren der Hanse lässt sich konstatieren, dass eine hohe Konsensorientierung vorherrschte. Um Beschlüsse herbeizuführen, genügte es, wenn die auf den Hansetagen erzielten Verhandlungsergebnisse, so wie sie der jeweilige Vorsitzende am Ende zusammenfasste, auf keinen substanziellen Widerspruch trafen. Oft wurden die Beschlussvorlagen Lübecks einfach übernommen. Der Stärkung des Zusammenhalts und der Handlungsfähigkeit und der Herstellung einer „besseren Eintracht“ sollten Versuche dienen, bei Entscheidungen der Tagfahrten das Mehrheitsprinzip (in Abkehr vom Prinzip der formalen, unwidersprochenen Einstimmigkeit) bzw. die Folgepflicht der nicht anwesenden Städte durchzusetzen oder den Gehorsam gegenüber den Beschlüssen dadurch zu erzwingen, dass Kaufleute (und Städte), die sich widersetzten oder die Beschlüsse missachteten, mit dem Ausschluss vom Mitgenuss der Privilegien resp. der Nichtaufnahme in das Bürgerrecht einer Hansestadt bestraft werden sollten. „In dieselbe Richtung

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zielten Beschlüsse, Kaufleute, die sich bestimmten Entscheidungen der Hanse durch die Aufgabe ihres Bürgerrechts zu entziehen suchten, in keiner Hansestadt mehr als Bürger aufzunehmen“.138 Hierin deutet sich an, dass weniger die Beschlussfassungen selbst als vielmehr die Umsetzung der Beschlüsse auf Widerstand stießen. Die Transparenz der Hanse ist aufgrund der Offenheit der Hansetage sogar für ausländische Delegationen und der schriftlichen Verkündung ihrer Beschlüsse als recht hoch zu bewerten, wird allerdings dadurch eingeschränkt, dass nicht darüber informiert wurde, wie die Beschlüsse zustande kamen und welches Abstimmungsverhalten die Delegierten zeigten. Allerdings dürften die Überschaubarkeit der Beziehungen zwischen den Hansemitgliedern und deren enge Vernetzung auch in dieser Hinsicht für einen gewissen Informationsfluss gesorgt haben. Dies macht auch die Kontrolle bzw. Überwachung der hansischen Akteure zu einem Unternehmen, das nur wenige Ressourcen voraussetzt. Allerdings fehlte es zum Teil an entsprechenden Verfahren zur Einforderung der Rechenschaftspflicht. So unterstand der Hansetag selbst keiner übergeordneten Kontrollinstanz, war niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig und auch keiner unabhängigen Gerichtsbarkeit unterworfen. Dagegen waren die Kontore den Hansetagen gegenüber rechenschaftspflichtig und die Ratssendeboten ihren Stadträten. Die Überwachung der Regelungsadressaten erfolgte durch die wechselseitige informelle Kontrolle der hansischen Kaufleute und Städte sowie durch die misstrauischen ausländischen Kaufleute und Städte, in denen die Hanse Privilegien genoss. Es lässt sich also festhalten, dass die Hanse durch ihre lose organisatorische Ausgestaltung einerseits (Input-Dimension von Legitimität) und ihre im Vergleich dazu recht substanziellen Verfahren (Throughput-Dimension von Legitimität) eine im Vergleich zu heutigen grenzüberschreitenden Regelungsarrangements durchaus hohe Anerkennungswürdigkeit für sich beanspruchen konnte, die zumindest als mitverantwortlich für die lange Bestandsdauer der Hanse zu betrachten ist. Insofern können die neuen grenzüberschreitenden Regelungsarrangements durchaus von der alten Hanse lernen. Anmerkungen 1

„Die Hanse, die aus dem Wunsch der Kaufleute der norddeutschen Städte nach gegenseitiger Unterstützung bei der Verteidigung und Erweiterung ihrer Interessen im Ausland entstanden war, bewahrte zwar vom 12. bis zum 17. Jahrhundert eine gewisse Einheit, machte aber erhebliche Strukturwandlungen durch und blieb dabei ein sehr locker zusammenhängender Organismus.“ (Ph. DOLLINGER, Die Hanse, 5., erw. Aufl., Stuttgart 1998, S. 479 sowie das Dokument zum rechtlichen Status der Hanse im Anhang auf S. 548 f.).

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K. D. WOLF, Contextualizing Normative Standards for Legitimate Governance beyond the State, in: B. Gbikpi und J. R. Grote (Hg.), Participatory Governance. Political and Social Implications, Opladen 2002, S. 35–50. T. RISSE, Transnational Governance and Legitimacy, unv. Ms., Berlin 2004; F. SCHARPF und W. FRITZ, Demokratie in der transnationalen Politik, in: W. Streeck (Hg.), Internationale Wirtschaft, nationale Demokratie. Herausforderungen für die Demokratietheorie, Frankfurt/Main 1998, S. 151–174, hier S. 159. WOLF, Contextualizing Normative Standards, S. 49; M. ZÜRN, Democratic Governance beyond the Nation-State, in: M. T. Greven und L. Q. Pauly (Hg.), Democracy Beyond the State? The European Dilemma and the Emerging Global Order, Lanham 2000, S. 91–114, hier S. 94. WOLF, Contextualizing Normative Standards, S. 49. Die im Folgenden begründete Auswahl der Indikatoren hätte demnach auch anders ausfallen können, was bei der Bewertung der Ergebnisse zu berücksichtigen ist. Zur Bedeutung von Legitimität in der internationalen Politik siehe unter anderem: I. CLARK, International Legitimacy and World Society, Oxford 2007; I. CLARK und C. REUS-SMIT (Hg.), Resolving International Crises of Legitimacy, in: Special Issue of International Politics, 44: 1 (2007); A. HURRELMANN, S. SCHNEIDER und J. STEFFEK, Introduction: Legitimacy in an Age of Global Politics, in: Dies. (Hg.), Legitimacy in an Age of Global Politics, Houndmills 2007, S. 1–16; K. D. WOLF, Private Actors and the Legitimacy of Governance Beyond the State. Conceptional Outlines and Empirical Explorations, in: A. Benz und I. Papadopoulos (Hg.), Governance and Democracy, London 2006, S. 200–227; S. P. MULLIGAN, The Uses of Legitimacy in International Relations, in: Millennium Journal of International Studies, 34:2 (2005), S. 349–375; S. BERNSTEIN, The Elusive Basis of Legitimacy in Global Governance: Three Conceptions, Institute on Globalization and the Human Condition, Working Paper Series GHC 04/2, Toronto 2004; J.-M. COICAUD, Legitimacy and Politics: A Contribution to the Study of Political Right and Political Responsibility, Cambridge 2002; I. HURD, Legitimacy and Authority in International Politics, in: International Organization, 53:2 (1999), S. 379–408; M. C. SUCHMAN, Managing Legitimacy: Strategic and Institutional Approaches, in: Academy of Management Review, 20:3 (1995), S. 571–610; D. BEETHAM, The Legitimation of Power, Houndmills 1991. M. ZÜRN, Regieren jenseits des Nationalstaates, Frankfurt/Main 1998, S. 236. ZÜRN, Regieren jenseits des Nationalstaates, S. 236. Vgl. J. NEYER, Postnationale politische Herrschaft. Vergesellschaftung und Verrechtlichung jenseits des Staates, Baden-Baden 2004, S. 101. M. ZÜRN, Global Governance and Legitimacy Problems, in: Government and Opposition, 39:2 (2004), S. 260–287, hier S. 260; P. SCHLYTER, I. STJERNQUIS und K. BÄCKSTRAND, Legitimacy and Effectiveness of Non-state Market Driven Forest Governance: The Politics of Forest Certification in Sweden, Stockholm and Lund 2007, S. 7; HURRELMANN/SCHNEIDER/STEFFEK, Legitimacy in an Age of Global Politics, S. 3. „Seit Mitte des 13. Jahrhunderts hatten die Hansen nahezu das Handelsmonopol in beiden Meeren in den Händen, und ihr Handel entfaltete sich entlang der großen Achse Novgorod-Reval-Lübeck-Hamburg-Brügge-London. Im 14. Jahrhundert erweiterten oder intensivierten sie ihre Landverbindungen nach Süddeutschland und Italien und ihre Seeverbindungen entlang den Atlantikküsten Frankreichs, Spaniens und Portugals.“ (DOLLINGER, Die Hanse, S. 11). Eine Liste von 200 Hansestädten findet sich bei DOLLINGER, Die Hanse, S. 586 f. sowie G. GRAICHEN und R. HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse. Eine heimliche Supermacht, Reinbek 2011, S. 258 f.

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Graichen und Hammel-Kiesow beschreiben die Hanse als „international operierendes Netzwerk (…), das aus einem Zentrum, dem Hansetag und vielen großen und kleinen Stützpunkten – Kaufmannsfirmen, Hansestädten und Niederlassungen im Ausland – bestand“ und „durch innovative Kommunikationsstrukturen miteinander vernetzt“ war (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 309). Diese positive Konnotation der Hanse stützt sich laut Hammel-Kiesow auf ihr zugeschriebene Eigenschaften wie „Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und kaufmännische Ehrlichkeit, heutzutage aber ergänzt durch Innovationsgeist und Weltoffenheit“. (R. HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, Globalisierung und Hanse. Überlegungen zur aktuellen Vereinnahmung eines historischen Phänomens, in: Hansische Geschichtsblätter, 125 (2007), S. 1–44, hier S. 4). HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, Globalisierung und Hanse, S. 2. Die Macht der Hanse stützt sich im Wesentlichen auf vier Elemente: „die Netzwerke der Kaufleute, die Kontore mit den Privilegien, die Städte und, als Kopf des Ganzen, die Versammlung der Ratssendeboten, der Hansetag“. (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 247). DOLLINGER, Die Hanse, S. 10. Die Privilegien bestanden im Wesentlichen aus rechtlichen und politischen Garantien für die Sicherheit von Personen und Gütern (einschließlich der Aufhebung des Strandrechts auf Flüssen und auf der See) sowie aus Abgabenermäßigungen und gegebenenfalls Entschädigungsansprüchen. (DOLLINGER, Die Hanse, S. 245). Diese Privilegien stießen aber nicht nur bei den nicht-hansischen Kaufleuten, sondern auch bei etlichen Herrschern, die darin eine Einschränkung ihrer Finanzhoheit sahen, auf zunehmenden Widerstand. DOLLINGER, Die Hanse, S. 42. Ebd., S. 42. Bis dies geschah, galten die Kontore – im Gegensatz zur Gesamthanse – als juristische Personen, mit je eigenen Ordnungen, Gerichten, Etats und Siegeln. Die Kontore dienten den Fahrtgemeinschaften der Kaufleute dazu, Privilegien in Form von Handelsverträgen auszuhandeln, aber auch den individuellen Handel der Kaufleute zu kontrollieren und Verstöße gegen diese Verträge gegebenenfalls zu sanktionieren. (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 264). „Privilegien betrafen naturgemäß eine Sonderstellung des Urkundenempfängers gegenüber anderen und hier insbesondere auch gegenüber den Einheimischen. Solche Privilegien waren Zollermäßigung oder -erlass, Meistbegünstigung im Handel, direkter Zugang zum herrschaftlichen Gericht, Errichtung oder Befreiung vom Stapel, Recht auf Anwendung eigenen Rechts im Streit untereinander und gar auch mit Einheimischen sowie auslaufender Rechtsschutz nach Kündigung der Privilegien.“ (H. WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien – Zum Wesen und zur Dynamik in der Hanse, in: H. Wernicke und N. Jörn (Hg.), Beiträge zur hansischen Kultur-, Verfassungs- und Schifffahrtsgeschichte (Hansische Studien X), Weimar 1998, S. 283–297, hier S. 286). Hierzu zählten Lübeck, Kiel, Wismar, Rostock und Stralsund sowie Hamburg und Lüneburg. Später kamen noch weitere pommersche Städte wie Greifswald, Stettin und Anklam hinzu. Dollinger macht darauf aufmerksam, „dass alle Entscheidungen des Bundes auch auf die Städte lübischen Rechts anwendbar waren, deren es an der Ostsee so viele gab“ (DOLLINGER, Die Hanse, S. 69), darunter auch viele, die nicht Mitglieder der Hanse waren, z. B. Narva, Memel und viele Kleinstädte in Holstein, Dänemark (Tondern) und im pommerschen Küstengebiet (für diesen Hinweis danke ich Rolf Hammel-Kiesow).

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Insofern sieht Wernicke die Städte „als integrativen, tragenden Bestandteil der Hanse, der von sich aus das Maß seiner hansischen und anderen Beteiligungen, Aktionen und Verbindlichkeiten bestimmte.“ (WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien, S. 290). Behrmann sieht hier den Zeitpunkt, an dem der Hansebegriff etabliert wurde: „Er wurde im Zuge des Flandernembargos von Lübeck aus zu einem Zeichen für die nach innen benötigte und nach außen demonstrierte Solidarität unter norddeutschen Kaufleuten und Städten umfunktioniert.“ (BEHRMANN, Über Zeichen, Zeremoniell und Hansebegriff, S. 123). DOLLINGER, Die Hanse, S. 92; vgl. auch GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 266 f. DOLLINGER, Die Hanse, S. 95. „Später wurde auch die städtische Bevölkerung mit direkten und indirekten Steuern in die Pflicht genommen.“ (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 261). DOLLINGER, Die Hanse, S. 100. DOLLINGER, Die Hanse, S. 101. Ebd., S. 103. „Es gab immer zahlreiche Konfliktgründe, selbst in der Glanzzeit; man braucht nur an das Verbot für die Bremer Kaufleute zum Handel mit den Seestädten (1285) zu erinnern, an das Einverständnis Wismars und Rostocks mit den Vitalienbrüdern, an die häufige Feindseligkeit des Deutschen Ordens gegenüber der lübischen Politik, und man sollte nicht vergessen, dass auch Lübeck der Ausschluss aus der Gemeinschaft drohte (1412). Während aber anfangs diese Konflikte schließlich immer angesichts der Notwendigkeit der Einigung, die von allen anerkannt wurde, beizulegen waren, erwiesen sich zum Schluss die Zwistigkeiten als stärker als das hansische Gemeinschaftsbewusstsein.“ (DOLLINGER, Die Hanse, S. 482, S. 115). „Neben der inneren Uneinigkeit war einer der Hauptgründe für die Schwäche der Hanse, wie oft betont worden ist, dass ihr die Unterstützung eines starken Staates fehlte.“ (DOLLINGER, Die Hanse, S. 482). Graichen und Hammel-Kiesow sprechen in diesem Zusammenhang von der durch „Territorialisierung und Verrechtlichung“ gekennzeichneten politischen Entwicklung, welche die „relative Autonomie der Hansestädte“ untergrub. (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 343). Als Folge der Reformation erhielten die Fürsten im Reich und die nordischen Könige zudem erhebliche finanzielle Mittel, indem sie Kirchengüter einzogen und so ihre Position gegenüber den Hansestädten verbesserten. Zum Niedergang trugen ebenfalls der stetig aufflammende Konflikt mit Dänemark und die Konkurrenz mit den Holländern und Engländern, später auch den Süddeutschen und anderen Handelsnationen bei. Hinzu kamen „die Verlagerung der europäischen Wirtschaftsräume und Handelswege“ und „die Kapitalschwäche der vielen, relativ kleinen hansischen Kaufmannsfirmen“. (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, 346). Der Vertrag wurde von Lübeck, Köln, Danzig und Braunschweig besiegelt und von den 63 auf dem Hansetag vertretenen Städten angenommen. Er enthielt Verpflichtungen, wie die regelmäßige Teilnahme an den Hansetagen, die Befolgung seiner Beschlüsse, die jährliche Leistung eines finanziellen Beitrags, die Unterwerfung unter hansische Schiedsgerichte, die gemeinsame Übernahme von Kosten für den Schutz der Handelswege, für die Gesandtschaften und für die Entschädigung von Opfern von Angriffen sowie die Kontrolle von Fremden und Handwerkern. (DOLLINGER, Die Hanse, S. 429). DOLLINGER, Die Hanse, S. 426 f., 552 f.

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Im Jahre 1630 bildeten Bremen, Hamburg und Lübeck ein Bündnis mit anerkanntem Alleinvertretungsanspruch für die gesamte Hanse, das zwar nicht sehr wirksam war, aber bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig verlängert wurde und so „der Hanse einen scheinbaren Fortbestand bis ins 20. Jahrhundert“ sicherte. (DOLLINGER, Die Hanse, S. 428). Erst 1920 schließen die drei Städte ihre gemeinsame Vertretung in Berlin. DOLLINGER, Die Hanse; A. PICHIERRI, Die Hanse – Staat der Städte: ein ökonomisches und politisches Modell der Städtevernetzung, Opladen 2000. E. DAENELL, Die Blütezeit der deutschen Hanse: hansische Geschichte von der zweiten Hälfte des XIV. bis zum letzten Viertel des XV. Jahrhunderts, Berlin 2001. H. SCHWERDTFEGER, Die Hanse und ihre Städte, Delmenhorst 2004. DOLLINGER, Die Hanse, S. 125; V. HENN, Hansische Tagfahrten in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: Ders. (Hg.), Die hansischen Tagfahrten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Trier 2001, S. 1–21, hier S. 1, 7. DOLLINGER, Die Hanse, S. 125. Vgl. E. PITZ, Die Verfassung des hansischen Bundes in den Rezessen der Jahre 1435 bis 1460, in: V. Henn (Hg.), Die hansischen Tagfahrten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Trier 2001, S. 23–41. „Die zunehmende Territorialisierung im Reich bewirkte dann im 15. Jahrhundert, besonders seit dem vierten Jahrzehnt, hansische Aktivitäten, um die einzelstädtische Autonomie sichern zu helfen und als Gegengewicht zum werdenden Territorialstaat Profil zu gewinnen.“ (WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien, S. 296). DOLLINGER, Die Hanse, S. 144. R. DAHL, Democracy and its critics, New Haven-London 1989; O. R. YOUNG, The Global Context: Privatization in a Globalizing World, in: E. U. von Weizsäcker, O. R. Young und M. Finger (Hg.), Limits to Privatization. How to Avoid too Much of a Good Thing, London 2005, S. 190–200, hier S. 198; A. NIEDERBERGER, Wie „demokratisch“ ist die transnationale Demokratie? Paradigmatische Überlegungen zur Form der Demokratie in der Weltgesellschaft, in: M. Albert und R. Stichweh (Hg.), Weltstaat und Weltstaatlichkeit, Wiesbaden 2007, S. 109–131, hier S. 116 f.; N. FRASER, Die Transnationalisierung der Öffentlichkeit. Legitimität und Effektivität der öffentlichen Meinung in einer postwestfälischen Welt, in: P. Niesen und B. Herborth (Hg.), Anarchie der kommunikativen Freiheit, Frankfurt/Main 2007, S. 224–253, hier S. 248 f. M. G. SCHMIDT, Demokratietheorien, Opladen 1995, S. 169 f. ZÜRN, Regieren jenseits des Nationalstaates, S. 349; K. D. WOLF, Normsetzung in internationalen Institutionen unter Mitwirkung privater Akteure? „International Environmental Governance“ zwischen ILO, öffentlich-privaten Netzwerken und Global Compact, in: S. von Schorlemmer (Hg.), Praxishandbuch UNO. Die Vereinten Nationen im Lichte globaler Herausforderungen, Berlin 2003, S. 225–240, hier S. 234 f. DOLLINGER, Die Hanse, S. 116. Das Ziel der auf den Tagfahrten versammelten Ratssendeboten, dass nur Bürger von Hansestädten als Hansemitglieder gelten durften, ist allerdings nie verwirklicht worden. Die Kontore ließen sich das Recht nicht nehmen, selbst zu bestimmen, wer zum Kreis der niederdeutschen Kaufleute gehörte und damit berechtigt war, die Hanseprivilegien zu nutzen. (Ich danke Rolf Hammel-Kiesow für diesen Hinweis). Dollinger nennt als Grund dafür, dass sich die Hansestädte so vor Regress- und Schadenersatzforderungen schützen wollten, wenn eines ihrer Mitglieder im Ausland straffällig geworden war. (DOLLINGER, Die Hanse, S. 118).

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Abgelehnt wurden Städte vor allem aufgrund ihrer abgelegenen Lage (z. B. Konstanz) oder weil man sie als illoyale Konkurrenz fürchtete, die den Zugang zu Privilegien auf Fremde übertrug (z. B. Utrecht oder Narvas). (Vgl. DOLLINGER, Die Hanse, S. 121). Es gab ein lübisch-sächsisches Drittel mit Lübeck als Hauptort. Offensichtlich als Gegengewicht wurde ein westfälisch-preußisches Drittel gebildet, das zunächst von Dortmund, später von Köln angeführt wurde. Das wohl schwächste Drittel, das gotländischlivländische, wurde abwechselnd von Visby und Riga angeführt. (DOLLINGER, Die Hanse, S. 129). Vgl. auch: WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien, S. 291. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 260. Ebd., S. 261. Von Bedeutung waren auch die Räte der Mitgliedsstädte, die die Zusammenkunft von Regionaltagen veranlassten, Anliegen formulierten, die vor den Hansetag gebracht werden sollten, Vertreter zu den Hansetagen entsandten, mit Nachbarstädten und Lübeck korrespondierten und denen die Ausführung der Entscheidungen der Hanse oblag. DOLLINGER, Die Hanse, S. 131. Auf die Frage, ab wann ein Hansetag als gesamthansische Tagfahrt zu betrachten sei, antwortet Henn wie folgt: „Als das maßgebliche Kriterium gilt die ausreichende Repräsentanz aller Mitglieder; sie war die Voraussetzung dafür, dass die verschiedenen Interessen der Kaufleute und Städte bei den Beratungen und bei der Willensbildung angemessen berücksichtigt werden konnten und die Beschlüsse anschließend akzeptiert und umgesetzt wurden. (…) In der Praxis dürften all diejenigen Versammlungen als gemein- oder gesamthansische Tagfahrten angesehen worden sein, auf denen wenigstens zwei Städtegruppen durch bevollmächtigte Ratssendeboten vertreten waren, sofern auch Lübeck (…), oder eine andere, dazu ausdrücklich bestimmte wendische Stadt beteiligt war.“ (HENN, Hansische Tagfahrten, S. 3). R. HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, München ³2004, S. 69. Vgl. PITZ, Die Verfassung des hansischen Bundes, S. 35 f. Wenn die Angelegenheit nicht allein den Rat betraf, waren auch die anderen städtischen Amtsträger an den Beratungen über die Vorgaben zu beteiligen. Dies galt für all jene Fälle, in denen die Gemeinde in ihren Rechten beschränkt oder die Bürger in ihrem Vermögen geschädigt werden konnten, sowie bei Entscheidungen über Bündnisse, Krieg, Münz- und Geldangelegenheiten. (HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 71). HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 72. „Dieses Ad-referendum-Nehmen, das ja in jedem einzelnen Fall eine gemeinsame Willensbildung vereitelte, ist bei allen Versuchen, die Hanse schlagkräftiger zu machen, nie unter Strafe gestellt worden. (…) Man wusste genau, dass dies ein elementarer Teil des niederdeutschen Stadtrechts war, den keine Stadtgemeinde aus der Hand geben konnte.“ (HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 72). HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 75. M. SAWARD, Democratic Theory and Indices of Democratization, in: D. Beetham (Hg.), Defining and measuring democracy, London 1994, S. 6–24. P. C. SCHMITTER, Participation in Governance Arrangements: Is there any Reason to Expect it will Achieve “Sustainable and Innovative Policies in a Multilevel Context”?, in: J. R. Grote und B. Gbikpi (Hg.), Participatory Governance. Political and Societal Implications, Opladen 2002, S. 51–69, hier S. 65 f. DOLLINGER, Die Hanse, S. 250. HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 86.

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Vgl. HENN, Hansische Tagfahrten, S. 8; GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 288 f. HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 87. Ebd., S. 89. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 263. DOLLINGER, Die Hanse, S. 119. Die Entwicklung Lübecks ist im Wesentlichen auf zahlreiche Privilegien zurückzuführen, die der Stadt durch Heinrich dem Löwen verliehen wurden. Er ergriff auch zahlreiche Maßnahmen zum Schutz ausländischer und heimischer Kaufleute (unter anderem mit Friedensschlüssen mit den Gotländern und Eroberungen im Osten) und förderte damit den Aufstieg Lübecks zu einem Fernhandelszentrum. Die „hervorragenden Privilegien“ der Stadt wurden 1188 von Friedrich Barbarossa bestätigt. (Vgl. DOLLINGER, Die Hanse, S. 39). Im Jahre 1226 erhielt Lübeck die Rechte einer freien Reichsstadt (civitas imperii) von Friedrich II. verliehen. Zwar war Lübeck Ende des 12. Jahrhunderts unter dänische Vorherrschaft geraten, diese währte jedoch lediglich bis zum Jahre 1227. Die Rolle, die Lübeck bei der Befreiung von der dänischen Herrschaft gespielt hatte, verschaffte der Stadt noch mehr Ansehen bei den übrigen Ostseeanrainern. In Verbindung mit ihrer materiellen Stärke erlangte Lübeck so eine Vormachtstellung in der Region. Die einzige konkrete Befugnis des Hauptes der Hanse war die Führung des Vorsitzes auf den Hansetagen. Deren Einberufung und Ausführung sowie die Auslegung der Beschlüsse konnte Lübeck nur gemeinsam mit dem Beirat der wendischen Städte und unter deren Kontrolle realisieren. „Für alles, was darüber hinaus ging, benötigte es jeweils eine besondere, sachlich wie zeitlich auf die Ausführung eines bestimmten, genau bezeichneten Geschäfts beschränkte Vollmacht von Seiten der Ratssendeboten oder der (…) gemeinen Städte.“ (HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 82). HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 78. “Das Grundmuster der Rangordnung der Hansestädte blieb zwischen 1418 (…) und 1619 unverändert.” (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 296). Die Rangfolge war allerdings eine Statusfrage, keine rechtliche oder politische Kategorie. (Vgl. T. HILL, „Worden de van Bremen alles bovene geset“. Bremen auf Hansetagen im 14. und frühen 15. Jahrhundert, in: V. Henn (Hg.), Die hansischen Tagfahrten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Trier 2001, S. 43–63; T. BEHRMANN, Über Zeichen, Zeremoniell und Hansebegriff auf hansischen Tagfahrten, in: V. Henn (Hg.), Die hansischen Tagfahrten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Trier 2001, S. 109– 124, hier S. 114 f.). E. PITZ, Bürgereinung und Städteeinung: Studien zur Verfassungsgeschichte der Hansestädte und der deutschen Hanse, Köln 2001. HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 78. Ebd., S. 79. J. L. SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse (1550–1621). Hansetage und westfälische Städte (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte, Neue Folge Band 55), Köln-Weimar 2004, S. 49. “Input-oriented arguments often rely simultaneously on the rhetoric of “participation” and of “consensus”. (F. W. SCHARPF, Regieren in Europa, Frankfurt/Main-New York 1999, S. 7). N. DEITELHOFF, Was vom Tage übrig blieb. Inseln der Überzeugung im vermachteten Alltagsgeschäft des Regierens, in: P. Niesen und B. Herborth (Hg.), Anarchie der kommunikativen Freiheit, Frankfurt/Main 2007, S. 26–56. RISSE, Transnational Governance and Legitimacy, S. 16.

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J. NEYER, Politische Herrschaft in nicht-hierarchischen Mehrebenensystemen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 9: 1 (2002), S. 9–38, hier S. 18. SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse, S. 74. Vgl. BEHRMANN Über Zeichen, Zeremoniell und Hansebegriff, S. 116. PITZ, Bürgereinung und Städteeinung, S. 398 f. „Man kann für das Mittelalter sagen, dass der Konsens das Instrument des mittelalterlichen Rechts – ja des ganzen politischen Beziehungsgeflechtes überhaupt – war, mit dem die Herrschaft sowohl rechtlich als auch politisch kontrolliert und gebunden wurde.“ (SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse, S. 19). Um die nicht selten weit auseinanderliegenden Interessen der Städte(-gruppen) zu vereinen, wurden das Abweichen zugelassen, Tagesordnungspunkte vorübergehend ausgesetzt, um Beratungen zuzulassen, oder ganz verschoben (etwa auf den nächsten Hansetag). Komplexere Probleme wurden zudem in Ausschüsse verwiesen, denen die Funktion eines Mediators zukam. (SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse, S. 75 f.; GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 300 f.). Um die Beschlusskraft zu erhöhen, verpflichtete das Einungsrecht die Minderheiten, der Mehrheit zu folgen (HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 74). Schipmann erwähnt in diesem Zusammenhang die in Instruktionen der Hansetage und Vollmachten für die Gesandten häufig vorzufindende (Selbst-)Verpflichtung auf das gemeine Beste. (HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, S. 64). „Das gemeine Beste ist von den Hansestädten sehr wohl erkannt und anerkannt und nicht zugunsten eines bonum commune aufgegeben worden. Vielmehr zeichnen sich die Bemühungen der Entscheidungsträger auf Hansetagen dadurch aus, einen Ausgleich zwischen beiden Interessenlagen anzustreben.“ (Ebd., S. 67). Dabei kam dem Versammlungsleiter die Aufgabe zu, in seiner abschließenden Bewertung des vorangegangenen Meinungsaustauschs eine Kompromisslinie aufzuzeigen, der schließlich alle Anwesenden zustimmen konnten. (SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse, S. 75). Der Rat der Stadt Lübeck, der die Hansetage in den meisten Fällen leitete, nahm über Jahrhunderte hinweg erfolgreich diese Rolle des Konsensfinders ein. (GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 300; HAMMELKIESOW, Europäische Union, S. 34 f.). PITZ, Bürgereinung und Städteeinung, S. 418 f. „Die Verlaufsprotokolle geben die Umfragen inhaltlich genau wieder, im Idealfall wurden die Voten jeder teilnehmenden Stadt in der Reihenfolge der Session getrennt aufgezeichnet.“ (SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse, S. 34 f.). Allerdings wurden etwa die Hälfte der Rezesse als reine Ergebnisprotokolle verfasst, die – wenn sie überhaupt Umfragen erwähnen – deren Ergebnisse unerwähnt lassen (ebd.). V. HAUFLER, The Transparency Principle and the Regulation of Corporations, in: G. F. Schuppert (Hg.), Global Governance and the Role of Non-State Actors, BadenBaden 2006, S. 48–53. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 263. M. R. MASON, The New Accountability: Environmental Responsibility Across Borders, London 2005. M. BOVENS, Analysing and Assessing Public Accountability. A Conceptual Framework, European Governance Papers (EUROGOV), No. C-06-01, www.connexnetwork.org/eurogov/pdf/egp-connex-C-06-01.pdf (2006, S. 9 f.); R. O. KEOHANE, Global Governance and Democratic Accountability, in: D. Held und M. KoenigArchibugi (Hg.), Taming Globalization, Oxford 2003, S. 130–159, hier S. 139. NEYER, Postnationale politische Herrschaft, S. 119; D. GALLIGAN, Principal Institutions and Mechanisms of Accountability, in: R. Van Puymbroeck (Hg.), Comprehensive

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Legal and Judicial Development. Toward an Agenda for a Just and Equitable Society in the 21st Century, Washington 2001, S. 31–42, hier S. 31. A. BENZ und Y. PAPADOPOULOS, Governance and Democracy. Comparing national, European and international experiences, London-New York 2006, S. 275; R. SCHMALZBRUNS, Deliberativer Supranationalismus. Demokratisches Regieren jenseits des Nationalstaats, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 6: 2 (1999), S. 185–244, hier S. 200. G. MAJONE, Europe’s ‘Democratic Deficit’: The Question of Standards, in: European Law Journal, 4: 1 (1998), S. 5–28, hier S. 21. K. W. ABBOTT u. a., The Concept of Legalization, in: International Organization, 54: 3 (2000), S. 401–419, hier S. 415. Siehe aber N. JÖRN, The Crocodile Creature Merchant: the Dutch Hansa, in: A. Grassmann (Hg.), Niedergang oder Übergang? Zur Spätzeit der Hanse im 16. und 17. Jahrhundert, Köln-Weimar 1998, S. 63–91. Vgl. WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien, S. 292. Sanktionsinstrumente sowie Widerspruchsrechte gelten Vertretern der ökonomischen Theorie der Demokratie, wie Schumpeter oder Downs, als wesentliche Elemente zur Sicherung von Accountability. „Dass mühsam gefundene Beschlüsse von den Städten nicht oder nur bedingt eingehalten wurden, weil eigene Interessen dagegen standen, ist hansegeschichtlicher Alltag.“ (HENN, Hansische Tagfahrten, S. 9). DOLLINGER, Die Hanse, S. 145; WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien, S. 291. WERNICKE, Von Rechten, Freiheiten und Privilegien, S. 291. Ebd., S. 292. SCHIPMANN, Politische Kommunikation in der Hanse, S. 102. Vgl. Dollinger, Die Hanse, S. 145. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 257. DOLLINGER, Die Hanse, S. 145. Ebd., S. 121 f. Im Jahre 1518 sah sich der Hansetag gezwungen, 31 Städte aus der Gemeinschaft auszuschließen, weil sie ihre Privilegien nicht mehr in Anspruch nahmen und nicht mehr zu den Hansetagen erschienen. Zu diesen Städten zählten unter anderem Stettin, Frankfurt/Oder, Berlin, Breslau, Krakau, Halberstadt und Groningen. DOLLINGER, Die Hanse, S. 127. Vgl. SCHARPF, Regieren in Europa, S. 6. Vgl. ZÜRN, Democratic Governance, S. 499; NEYER, Postnationale politische Herrschaft, S. 101; S. BERNSTEIN und B. CASHORE, Non-State Global Governance: Is Forest Certification a Legitimate Alternative to a Global Forest Convention?, in: J. Kirton und M. Trevilcock (Hg.), Hard Choices, Soft Law: Combining Trade, Environment, and Social Cohesion in Global Governance, London 2004, S. 33–63. T. FRANCK, The Power of Legitimacy among Nations, Oxford-New York 1990, S. 198; vgl. auch F. KRATOCHWIL, On Legitimacy, in: International Relations, 20:3 (2006), S. 302–308, hier S. 302; SUCHMAN, Managing Legitimacy, S. 574. Vgl. BEETHAM, The Legitimation of Power, S. 92. HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, S. 14 f. Ebd., S. 21. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 290. Ebd., S. 319.

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Ingo Take

Ebd. HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, S. 30. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 320. Ebd., S. 320. HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, S. 26, 28. Zitiert aus: HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, S. 27. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 261 Ebd., S. 342. JÖRN, The Crocodile Creature Merchant: the Dutch Hansa, S. 67. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 355. R. HAMMEL-KIESOW, Die Hanse, 4. Aufl., München 2008. GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 304. HAMMEL-KIESOW, Europäische Union, S. 39. Ebd. Zitiert aus: GRAICHEN/HAMMEL-KIESOW, Die deutsche Hanse, S. 341; siehe auch JÖRN, The Crocodile Creature Merchant: the Dutch Hansa, S. 63-91. 138 HENN, Hansische Tagfahrten, S. 17.

RAUMKONSTRUKTION DURCH KÜNSTLERISCHE KOMMUNIKATION. Die Ostsee in Spätmittelalter und Früher Neuzeit Michael North 1.

Einleitung: Raumabstraktionen in der Geografie

In den letzten Jahrzehnten sind nicht nur Raum und Raumbildung neu wahrgenommen worden, sondern haben auch begrifflich eine Evolution erfahren. Indem sich die Geografie von ihrer Fixierung auf physische Erscheinungen löste, wurde auch die alte Auffassung von Raum als etwas Umfassendem, in dem Berge, Flüsse, Siedlungen, politische Grenzen und Bevölkerung verortet sind, durch zahlreiche neue Raumbegriffe ersetzt. Raum ist danach nicht mehr nur ein neutraler Erdoberflächenausschnitt, sondern der Raum wird gebildet.1 Mit dem Wandel der Raumkonzeption veränderte sich auch die Perspektive Mensch – Raum. Determinierte nach der älteren Sichtweise der natürlich vorgegebene Raum das Leben der Raumbewohner, so konstituierte sich nach der neueren Auffassung der Raum erst durch den Menschen, seine Tätigkeit und seine Wahrnehmung.2 Von der Geografie wurde diesen konzeptionellen Entwicklungen in unterschiedlichem Maße Rechnung getragen. Gegenstand der Geografie, insbesondere der Wirtschafts- und Sozialgeografie, war und ist die Beschäftigung mit raumwirksamen Faktoren und Prozessen. Als Ausgangspunkt diente das alte Christallersche Zentrale-Orte-Konzept, ein Modell, das auch bei den Historikern auf Gegenliebe stieß. Walter Christaller hatte sein Modell der zentralen Orte aus der Reichweite der zentralen Güter entwickelt. Danach werden „alle Teile eines Landes mit allen denkbaren zentralen Gütern [...] versorgt und zwar von einer möglichst geringen Anzahl hierbei fungierender zentraler Orte aus“.3 Das Versorgungs- oder Marktprinzip entschied entsprechend über die Zentralität bzw. die Hierarchie der zentralen Orte. Jeder dieser zentralen Orte verfügte über ein Ergänzungs- bzw. Marktgebiet, das über die Reichweite des Güterabsatzes bestimmt wurde.4 Das Ergänzungsgebiet konnte aber auch Migrationsraum sein. Insbesondere die deutsche stadthistorische Forschung hat auf der Christallerschen Basis argumentiert und arbeitete noch lange mit dem Konzept der Zentralität.5 Dagegen wurde das Konzept der zentralen Orte sowohl von der Wirtschafts- als auch von der Sozialgeografie modifiziert. So entwirft die Wirtschaftsgeografie ökonomische Raumsysteme, die nicht mehr durch Hierarchien (der Zentralität), sondern durch die Verflechtungsbeziehungen von Wirtschaftsstandorten konstituiert werden: Der Raum ist ungeordnet, die Wirtschaft, d. h.

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die Verteilung ökonomischer Aktivitäten, ordnet ihn. Außer der Wirtschaft können natürlich auch Politik, Gesellschaft oder Kultur als raumordnende Faktoren in Betracht gezogen werden.6 Die Sozialgeografie wiederum fragt nach der Raumwirksamkeit menschlicher Gruppen und reduziert dazu die Menschen eines Landes oder einer Region auf einen abstrakten Typus mit individuellen oder kollektiven charakteristischen Nutzungstechniken und damit raumwirksamen Verhaltensweisen. Als Antwort auf eine solche anthropologische Abstraktion wurde in den letzten Jahren die Einbeziehung neuer – organisatorischer und gesellschaftlicher – raumwirksamer Mechanismen postuliert und vor allem von dem Geografen Helmut Klüter auch eingelöst.7 Klüter geht in seiner Arbeit „Raum als Element sozialer Kommunikation“ von der Systemtheorie Niklas Luhmanns aus. Soziale Systeme kommen demnach zustande, indem sich Anwesende wechselseitig wahrnehmen, d. h. interagieren.8 Die Entstehung, die Existenz und das Bestehen sozialer Systeme sind damit direkt von Kommunikationsprozessen abhängig, und diese Kommunikationsprozesse sind raumwirksam.9 Raum ist folglich ein Bestandteil von Kommunikation, da diese die Selektionskriterien für Inhalt und Struktur des Raumes bietet. Klüter entwickelt dabei entsprechend den Medien Luhmanns (Macht, Recht, Geld, Eigentum etc.) verschiedene Raumabstraktionen, die konstitutiv für die Funktion eines sozialen Systems sind: z. B. „Administrativraum“, „Ergänzungsraum“, „Adressenraum“, aber auch „Landschaft“, „Heimat“, „Vaterland“. Der „Administrativraum“ bildet als Programmraum der Gebietskörperschaften (Gemeinde, Kreis) gleichsam eine flächendeckende Raumabstraktion, die juristisch definierte Verfügungsgrenzen (Gemeindegrenze, Kreisgrenze) auf der Erdoberfläche abbildet. Diese relativ starren Administrativräume müssen andere Raumabstraktionen in Betracht ziehen. Dazu zählen der anonyme „Adressenraum“, ein (potenzieller) überterritorialer oder überstaatlicher Absatzraum für Waren und Dienstleistungen ebenso wie der „Ergänzungsraum“. Hierunter kann man das marktwirtschaftliche Netz verstehen, in dem Waren, Dienstleistungen oder Kapital ausgetauscht werden. Die genannten Raumabstraktionen können partiell überlappen, fallen aber je nach Unternehmen oder Branche in der Regel verschieden aus und zerstören damit die lange gehegte Illusion der Geografen wie der Politiker von einem universalen Wirtschaftsraum.10 Gegenüber den genannten Raumabstraktionen von Politik und Wirtschaft fallen die subjektiven Raumabstraktionen „Landschaft“, „Heimat“ und „Vaterland“ oftmals zwar sehr individuell, aber wenig differenziert aus. Sie sind daher anders als Administrativ-, Adressen- und Ergänzungsraum für historische Fragen von Kommunikation und Raumbildung nur bedingt anwendbar. Um zu überprüfen, ob und in welchem Maße die genannten Raumabstraktionen für historische Fragestellungen operationabel sind, soll im Folgenden ge-

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fragt werden, wie weit künstlerische Kommunikation raumbildend ist und somit eine Region wie den Ostseeraum konstituiert. Während sich Ingo Take im Sinne von Luhmann mit dem Administrativraum der Hanse beschäftigt, die den Ostseeraum im Spätmittelalter politisch und ökonomisch strukturierte, untersucht der vorliegende Beitrag die Raumwirksamkeit von Künstlern bzw. künstlerischer Produktion und Kommunikation.

2.

Kunstproduktion im Ostseeraum des Spätmittelalters

Sichtbarer Ausdruck der künstlerischen Kommunikation innerhalb des Ostseeraumes ist die Backsteingotik, die in den sand- und kalksteinarmen Gebieten an der Nord- und Ostseeküste entstand und mit dem gebrannten Ziegel eine eigenständige Formensprache entfaltete. Die Backsteintechnik, die erstmals beim Bau dänischer Klöster im 12. Jahrhundert Verwendung fand, hebt das Flächenhafte der Architektur hervor und kontrastiert zu den luftigen, aufgelockerten und verspielten Formen der französischen oder englischen Gotik. Anstelle bzw. in Umgestaltung der Basilika bildete sich mit der Hallenkirche ein eigenständiger Bautyp heraus, der von manchen Kunsthistorikern als stadtbürgerlicher Gegenentwurf zur Kathedral- oder Bischofskirche interpretiert wird. Prototyp dieser Entwicklung und damit stilgebend im Ostseeraum war die Lübecker Pfarrkirche St. Marien, die im ausgehenden 13. Jahrhundert zur Hallenkirche umgebaut wurde.11 Die Gewölbe der Seitenschiffe glich man dem des Hauptschiffes an, sodass ein einheitlicher Raumeindruck entstand. Statt eines abgetrennten Chores für eine herausgehobene Priesterschaft wurde ein Kapellenumgangschor errichtet, um sowohl Raum für die wachsende Pfarrgemeinde als auch für die Altäre der Zünfte und Kaufmannsgilden zu schaffen. Die Stralsunder Nikolaikirche war dann ein direkter Nachfolger der Lübecker Marienkirche und erhielt fünf flache Umgangskapellenräume. Dabei gab es durchaus Variationen, wobei die Klosterkirchen in Bad Doberan und Dargun ebenso wie der Dom zu Schwerin und die Nikolaikirche zu Wismar noch mehr basilikale Elemente aufweisen. Ein Bau beeinflusste den nächsten; entsprechend orientierten sich die Peterskirche in Malmö und die alte Frauenkirche in Kopenhagen am Stralsunder Nikolaichor. Die Greifswalder Marienkirche schließlich hat als hohe und breite Hallenkirche weitere Bauten in Pommern als Vorbild beeinflusst, zu denen die Bartholomäuskirche in Demmin, die Jakobikirche und die Heiliggeistkirche in Stralsund sowie die Kirchen in Kolberg, Grimmen und Wollin zählen. Ihren Höhepunkt erreicht diese Entwicklung mit der Marienkirche in Danzig, die in einem sich über das gesamte 15. Jahrhundert hinziehenden Bauprozess von einer Basilika zu einer monumentalen Hallenkirche umgebaut wurde.12

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Der Backsteinbau blieb jedoch nicht auf den Kirchenbau beschränkt, was die spätgotischen Rathausbauten in Lübeck, Stralsund und Stargard ebenso wie die Staffelgiebel an den Bürgerhäusern im gesamten Ostseeraum bezeugen. Repräsentativen Charakter besaßen natürlich die Häuser der Kaufleutegenossenschaften und der vornehmen Kaufleutebruderschaften, wie der Schwarzenhäupter in Riga und Reval oder der Artushof in Danzig, der die Idee eines Remters der Ordensburgen für ein bürgerliches Festgebäude übernahm. Die Innenausstattung der Kirchen spiegelt vielfältige Einflüsse wider. Grabplatten und -steine aus den Werkstätten einheimischer Steinmetze wechseln sich mit Messinggrabplatten flämischer Provenienz ab. Malerei und Plastik sind im gesamten Ostseeraum von der Lübecker Bildschnitzertradition und den Hamburger Malerwerkstätten geprägt. So versorgten Lübecker Bildschnitzer im 14. und 15. Jahrhundert nicht nur viele Klöster und Dome Skandinaviens mit Altären, sondern auch die Hansestädte an der südlichen Ostseeküste.13 Man hat errechnet, dass im Spätmittelalter ca. 1.000 Werke, darunter ca. 200 Altäre und Heiligenschreine, nach Finnland exportiert wurden und mindestens 600 Werke im 15. Jahrhundert nach Reval gelangten, die vorwiegend aus Lübeck stammten.14 Die Stiftung eines Altares durch die Lübecker Bergenfahrer in Trondenes in Norwegen ist hier ebenso zu nennen wie der Altar aus der Werkstatt Meister Frankes in Hamburg in der Kalanti-Kirche bei Åbo. Künstler, wie der aus Lassan an der Peene stammende Lübecker Meister Bernt Notke, arbeiteten für verschiedene hochrangige Auftraggeber im Ostseeraum. In Lübeck erinnert an sein Wirken das Triumphkreuz im Dom, während die Kolossalgemälde des Totentanzfrieses und der Gregormesse 1942 in der Marienkirche verbrannten. Erhalten sind dagegen das Revaler Totentanzfragment sowie der monumentale St. Georg in der Stockholmer Storkyrkan.15 Mit dieser Skulpturengruppe wollte sich der schwedische Regent Sten Sture nach seinem Sieg über das dänische Heer bei Brunkeberg zum Retter Schwedens stilisieren lassen. Dies würde für eine zentrale Versorgung des Ostseeraumes mit Kunstwerken von Lübeck aus sprechen und daher die Nutzung des Christallerschen Zentralitätsmodells nahelegen. In jüngster Zeit wurde jedoch der Primat Lübecks sowohl von Anna Elisabeth Albrecht als auch Peter Tångeberg infrage gestellt. So wäre zu untersuchen, ob die bisher als „Lübecker“ gedeuteten Werke wirklich aus Lübeck stammten. So deutet der Werkstoff Nussbaumholz eher auf das Gebiet des Deutschen Ordens bzw. Danzigs als Ursprung hin. Beispielsweise ist die Exportproduktion Danzigs, das künstlerische Ideen sowohl aus dem Westen als auch aus Schlesien aufnahm und weitervermittelte, bisher noch unzureichend erforscht.16 Ebenso hat man den Aufstieg von Stockholm und Reval als künstlerische Zentren in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der sich in einem explosionsartigen Anstieg der Zahl der künstlerischen Spezialhandwerker niederschlägt, bisher nur ausnahmsweise zur Kenntnis genommen. So können

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wir Jan von Bonsdorff zustimmen, dass „Stockholm für Schweden und Reval für Nord-Livland in der Zeit um 1490 weitgehend selbstversorgend waren“.17 Dies würde den Rückgang der Lübecker Kunstexporte erklären. Ein weiterer Faktor war die wachsende Konkurrenz der Antwerpener Altarproduktion im Ostseeraum.18 Während aus Skandinavien vor allem Domkapitel und Äbte Kontakt mit den Lübecker Werkstätten aufnahmen, fungierten in den Städten an der südlichen Ostseeküste besonders die Korporationen, wie die Zünfte (Ämter) der Handwerker und auch die Gemeinschaften (Gilden) der Kaufleute, als Auftraggeber geistlicher Kunst.19 Hinzu kamen einzelne Kaufmannsfamilien, die Kapellen mit Altären ausstatteten. So ist beispielsweise der Stralsunder Altar der Kaufmannsfamilie Junge im Umkreis einer gleichnamigen Bildhauerwerkstatt entstanden, ohne dass diese Familien miteinander verwandt gewesen wären. Dagegen bezogen die Wismarer Krämer, die Stralsunder Riemer und Beutler ihre Altäre in St. Marien bzw. St. Nikolai aus Rostock. Der Hochaltar von St. Nikolai in Stralsund stammt dann aber ebenso wie der Bergenfahrer-Altar und der sog. Bürgermeister-Altar aus Stralsunder Werkstätten, die im 15. Jahrhundert auch die Kirchen der Umgebung belieferten.20 Auch das berühmte Gestühl der Novgorodfahrer mit Bildern vom Zobelfang und Russlandhandel, das inzwischen als Auftrag der Rigafahrer gedeutet wird, war natürlich in Stralsund selbst geschnitzt worden.21 Im beginnenden 16. Jahrhundert tauchten die in den Antwerpener Exportwerkstätten gefertigten Schnitzaltäre in der Region auf und wurden hier, wie das Beispiel in der Horster Kirche bei Greifswald zeigt, imitiert. Obwohl die Altarmalereien oftmals noch den Einfluss der berühmten Hamburger Malerwerkstätten Meister Bertrams oder Meister Frankes atmeten, waren in den Hansestädten des Ostseeraumes auch einheimische Maler tätig. Das belegt beispielsweise ein Vertrag aus dem Jahre 1421, in dem der Wismarer Maler Henning Leptzow mit der Lieferung des Hauptaltars für die Parchimer Georgenkirche beauftragt wurde. Dies ist nur eines von zahlreichen überlieferten Beispielen. Einmalig erscheint jedoch das berühmte Gruppenporträt (Freundschaftsbild), das der erste Greifswalder Universitätsrektor Heinrich Rubenow (1400–1462) zur Erinnerung an die mit ihm befreundeten, zum Zeitpunkt des Entstehens teilweise bereits verstorbenen Rostocker und Greifswalder Professorenkollegen stiftete.

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3.

Renaissance im Ostseeraum

In der künstlerischen Repräsentation rivalisierten Fürsten und Stände miteinander, was bis heute in den zahlreichen Schlössern und Herrenhäusern sichtbar ist. Dabei überragte die Kultur der Fürstenhöfe die des Adels. Hierbei waren niederländische Einflüsse wirkmächtig und spiegeln sich in Architektur, Skulptur und Malerei wider. Niederländische Architekten und Künstler wie Anthoni van Obberghen (aus Mechelen), Willem und Abraham van den Blocke (aus Mechelen), die Maler Hans Vredeman de Vries (aus LeeuwardenFehler! Textmarke nicht definiert.), Isaak van den Blocke, die Kupferstecher Clas Jansz. Visscher (genannt Piscator) und Willem Hondius (aus Den Haag) etc. arbeiteten für verschiedene Auftraggeber sowohl in Kopenhagen als auch in Danzig. In Dänemark zeigte sich zunächst im 16. Jahrhundert eine Vorliebe für „italienische“ Architektur, die sowohl über die Niederlande als auch direkt vermittelt wurde. So wirkte Jan Jorisz. van der Schardt aus Nimwegen, der seine Ausbildung in Italien erhalten hatte, wahrscheinlich als Architekt der Gebäude, die der Astronom Tycho Brahe auf der Insel Ven (dänisch Hven) im Sund errichtete. Für Tycho Brahe arbeitete auch Hans van Steenwinckel der Ältere (ca. 1545–1601), der in Antwerpen geboren war. Im Zuge des niederländischen Aufstandes floh die Familie nach Emden, wo sein Vater das Rathaus baute. 1578 rekrutierte Anthoni van Obberghen Hans van Steenwinckel als Assistenten für den Bau von Schloss Kronborg. Danach erhielt Letzterer bei Tycho Brahe eine Ausbildung in Geometrie und Astronomie, sodass hier verschiedene stilistische Traditionen und Kenntnisse zusammenkamen. Diese nutzte van Steenwinckel bei seiner weiteren Tätigkeit als königlicher Architekt Christians IV., für den er die existierenden Festungen an der schwedischen und norwegischen Küste erneuerte und außerdem die Festungsstadt Christianopel (1599) errichtete. Er selbst war besonders stolz auf seine Arbeiten in Halmstad, wo in der Nikolaikirche sein Grabstein an ihn erinnert.22 Ihm folgten seine Söhne Laurens (ca. 1585–1619) und Hans der Jüngere (1587–1639), die an nahezu allen Bauaktivitäten Christians IV. während des beginnenden 17. Jahrhunderts beteiligt waren. Ihr Anteil ist aber in den seltensten Fällen genau ersichtlich, denn der König wollte, wie z. B. bei Schloss Frederiksborg, gerne selbst als Architekt erscheinen. Zweifellos arbeitete Hans van Steenwinckel der Jüngere aber an der königlichen Kapelle in Roskilde und zusammen mit seinem Bruder an der Börse von Kopenhagen. Auch am Rundturm der Universitätskirche war er beteiligt. Fortgesetzt wurde seine Arbeit von dem Architekten Leonard Blasius, der den Erweiterungsbau der Holmenskirche gestaltete. Die Ansicht Kopenhagens von Jan Dircksen (1611) zeigt viele neue Giebelhäuser im niederländischen Stil, von denen nur noch wenige erhalten sind. Auch öffentliche Bauten – wie das Waisenhaus, die Börse und Wohnhäuser für Seeleute und Tuchhandwerker – folgten dem „fortschrittlichen“ niederländischen

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Stil. Auch der Prestigebau Christians IV., Frederiksborg, der die Ambitionen des Königs dokumentieren sollte, versuchte dänische Traditionen mit Elementen der europäischen Renaissance zu verbinden. Hierbei spielte niederländische Kunst eine zentrale Rolle: drei große Aufträge – der Neptunbrunnen von Adriaen de Vries, Hendrik de Keysers Skulpturengalerie sowie die Tapisserien Karel van Manders – spiegelten die beste niederländische Kunst ihrer Zeit wider. Hinzu kamen rund 60 weitere Tapisserien und rund 500 Gemälde, deren Sujets bekannt sind.23 Ein Teil dürfte von den Ankäufen des frühen 17. Jahrhunderts stammen, als Christian IV. seinen Agenten Jonas Charisius zum Einkauf von Gemälden und Musikinstrumenten 1607/08 in die Niederlande schickte.24 Niederländische Architekten arbeiteten auch in Schweden, wo sie an der Befestigung Göteborgs (1603/07) und Kalmars (1613) mitwirkten. Auch Mitglieder der Familie de Besche waren zunächst als Architekten tätig, bevor sie in die Metallurgie investierten.25 Die Übergänge von Architektur zur Bildhauerkunst waren ebenfalls fließend. Die von Hans Vredeman de Vries und Cornelis Floris propagierte Ornamentik prägte die Kunst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der Florisstil sollte stilbildend im ganzen Ostseeraum werden. Hierbei gingen die Impulse einerseits direkt von Floris und seiner Werkstatt, anderseits von seinen in der Region wirkenden Schülern aus. Insbesondere die gedruckten Vorlagenwerke boten einen vielfältigen Vorrat dekorativer architektonischer und skulpturaler Modelle, die vom Bildhauer oder Architekten nach dem Geschmack der Auftraggeber kompiliert wurden. Aus diesem Repertoire entstand über kulturelle Kommunikation und durch künstlerische Produktion ein überregionaler manieristischer Standard im Ostseeraum. Einen der frühesten Aufträge für die Floriswerkstatt stellt das Grabdenkmal für König Friedrich I. von Dänemark und Norwegen dar, das sein Sohn König Christian III. über 20 Jahre nach dem Tod seines Vaters errichten und 1555 aufstellen ließ. Sein Sohn Friedrich II. bestellte dann ein Mausoleumdenkmal für Christian III. für den Dom in Roskilde, das den Beginn der dynastischen Grablege markiert. Das Grabdenkmal, von dem eine Entwurfsskizze von Floris selbst oder seiner Werkstatt aus dem Jahre 1573 vorliegt, wurde in Antwerpen hergestellt und – nach Beschlagnahmung durch die Spanier 1575 – erst 1578 an Dänemark ausgeliefert. Das Beispiel machte unter dem Adel Schule, wenn etwa die Ehefrau Birgitte Gøje für Herluf Trolle ebenfalls in Antwerpen ein Monument bestellte. Der König versuchte daher im selben Jahr (1576), die Bestellung und Aufstellung von Freigrabmälern durch den Adel zu beschränken, um die Repräsentativität der königlichen Gräber nicht zu beeinträchtigen.26 An der südlichen Ostseeküste, insbesondere in Danzig, war der Einfluss niederländischer Renaissancearchitektur im 16. Jahrhundert ähnlich groß wie in Dänemark.27 Hier verbreiteten etwa 20 aus den Niederlanden stammende Künstler die Architekturformen des niederländischen Manierismus an der Weichselmündung.

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In Danzig stellt der zwischen 1592 und 1596 erschaffene rote Saal im Rathaus ein Beispiel für die Rezeption des niederländischen Manierismus dar. Er war von Vredeman de Vries selbst geplant und wurde später mit plastischen Dekorationen des Kamins von Willem van der Meer – bekannt unter dem Namen Barth von Gent – ergänzt. Auch weitere repräsentative Bauwerke wie das Grüne Tor (möglicherweise errichtet von Hans Kramer, 1564–1568), das Hohe Tor mit den plastischen Dekorationen von Willem van den Blocke von 1588, das Goldene Tor von Abraham van den Blocke von 1612–1614 sowie das von Anthoni van Obberghen in der Zeit von 1600–1605 errichtete Große Arsenal verkörperten den neuen Stil in Danzig.28 Die Stadt bildete oftmals nur eine Zwischenstation auf dem Weg der Künstler in das Hinterland nach Krakau, Lublin oder Breslau. Das nähere Einzugsgebiet für die künstlerische Ausstrahlung Danzigs bildeten die benachbarten Städte des Königlichen Preußens und des Ermlandes, aber auch Wilna und Königsberg standen im engen künstlerischen Kontakt. So wirkte Willem van den Blocke, der die Dekorationsvorlagen von Cornelis Floris architektonisch und bildhauerisch umsetzte, an den Grabdenkmälern für Herzog Albrecht von Hohenzollern und dessen Gemahlin in Königsberg ebenso mit wie an dem vergleichbaren Grabdenkmal in Alba Iulia in Siebenbürgen, das in seiner Danziger Werkstatt entstand.29 Neben den Grabmalen des schwedischen Königs Johanns III. Vasa im Dom zu Uppsala, dem Grabmal des Reichsrates Ture Nilsson Bielke und seiner Gemahlin Margaret Svantesdotter Sture im Dom zu Linköping und dem Grabmal für die Neffen des polnischen Königs (Stephan Báthory) Andreas und Balthasar Báthory in der St.-Andreas-Kirche in Wartenburg (Barczewo schuf van den Blocke ebenfalls Epitaphe für bürgerliche Auftraggeber wie Eduard Blemke in der Danziger Marienkirche und den Elbinger Bürgermeister Valentin Bodecker in der Kirche St. Nikolai zu Elbing. Außerdem wäre Anthoni van Obberghen zu nennen, der 1586 von Dänemark nach Polen kam. Van Obberghen leitete die Umbauten des Rechtstädtischen Rathauses und baute das Zeughaus sowie das Altstädtische Rathaus, an deren Dekoration sich Künstler wie Vredeman de Vries beteiligten.30 Danziger Künstler, z. B. die Kupferstecher Ägidius Dickmann und Jeremias Falck, lernten in den Niederlanden oder arbeiteten zumindest einige Jahre dort. Auch der Posten des Stadtbaumeisters wurde zwischen 1563 und 1666 ausschließlich an niederländische Architekten vergeben. Der Erste, Reinier van Amsterdam, baute 1568 das vom Antwerpener Rathaus inspirierte Grüne Tor; der Letzte, Peter Willer, war ein Schüler Jacob van Campens, des Erbauers des berühmten Amsterdamer Rathauses. Außerhalb Danzigs können wir die Tätigkeit niederländischer Architekten in Elbing, Thorn, Neidenburg, Braunsberg, Pillau, Königsberg, Memel und Riga nachweisen.31 Hierbei wirkte Danzig nicht nur als Vermittlungszentrum niederländischer und norddeutscher Architekturbücher in die polnische Adelsrepublik, sondern auch Skulpturen und Epitaphe wurden von Danzig aus

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bis weit in den Südosten der Adelsrepublik verbreitet oder dort für Auftraggeber geschaffen.32 Dabei liefen auch die Bestellungen flämischer Tapisserien durch polnische Magnaten über Danzig, wobei Danziger Bürger den König oder den Hochadel berieten und die Aufträge veranlassten.33 Auch in Mecklenburg und Pommern waren niederländische Künstler neben den Vertretern einer italienisch-schlesischen bzw. protestantisch-sächsischen Architekturtradition tätig. Insbesondere unter den Mecklenburger Herzögen Johann Albrecht I. und Ulrich III. wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Renaissancekunst in Mecklenburg vielerorts rezipiert. Zum Zwecke der Repräsentation bauten sie die Burgen ihrer Vorfahren in Schlösser um und beschäftigten in- und ausländische Künstler an ihren Höfen. Ein frühes Beispiel ist der im Stil der italienischen Renaissance um 1553/54 entstandene Wismarer Fürstenhof, der – ähnlich wie das später erbaute Schloss Gadebusch – durch die reiche Verzierung mit Terrakotten aus der Werkstatt des in Lübeck wirkenden Niederländers Statius von Düren besticht. Als bedeutendster Schlossbau kann die seit 1568 entstandene Güstrower Anlage gelten. Hier errichtete der italienisch-schlesische Baumeister Franz Parr, der den italienischen Stil an der Schlossfassade in Brieg verwirklicht hatte und später von König Johann III. nach Schweden berufen wurde, im Auftrag Herzog Ulrichs ein Gebäude mit renaissancezeitlich-manieristisch dekorierten Außenund Hoffassaden. Diese sollten dem Publikum den Eindruck einer über Jahrhunderte gewachsenen Schlossanlage vermitteln, wozu er italienische wie französische Stilelemente imitierte. Am Ende des Jahrhunderts erweiterte der Niederländer Philipp Brandin, der zuvor im Auftrag Johann Albrechts das Schloss in Schwerin umgebaut hatte, das Güstrower Schloss zur Vierflügelanlage. Ulrich, der sich aufgrund dynastischer Beziehungen vom Renaissancehof König Friedrichs II. von Dänemark (Kronborg) inspirieren ließ, beauftragte wiederum Brandin mit der Schaffung eines Epitaphs für das Stifterehepaar des Güstrower Doms (Heinrich Borwin II. und Dorothea) sowie eines Grabmonumentes für sich und seine beiden Ehefrauen Elisabeth von Dänemark (gest. 1586) und Anna von Pommern (gest. 1626).34 An der Ausgestaltung dieses Fürstengrabes waren darüber hinaus niederländische Maler wie Peter Boeckel und Cornelius Krommeny beteiligt. Letzterer sollte später ebenfalls den großen Stammbaum der pommerschen Herzöge malen. Der Antwerpener Boeckel hatte bereits 1561 in der Schweriner Schlosskapelle gearbeitet und auch verschiedene Bildnisse, darunter ein halbfiguriges Doppelbildnis des Herzogpaares, angefertigt. Ebenfalls in Schwerin wirkte Robert Coppens, der für Herzog Christoph von Mecklenburg und seine zweite Ehefrau Elisabeth Wasa 1595 ein Freigrabmal im Schweriner Dom errichtete. Coppens, der aus Antwerpen oder Mechelen stammte, besaß ein eigenes Atelier in Lübeck, von dem aus er Aufträge unter anderem für Adelsfamilien in Holstein und Lauenburg sowie für Lübecker Bürger und Ämter ausführte.35

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Neben Epitaphien und Altaraufsätzen entstanden mit den Kanzeln infolge der Refomation neue Dekorationsobjekte. So taten sich 1587 drei Greifswalder Ratsfamilien zusammen und stifteten eine Kanzel für St. Marien, die in Rostock gefertigt wurde. Hier hatte sich die Werkstatt des Antwerpener Meisters Rudolf Stockmann auf die Herstellung von Epitaphien sowie von Kanzeln aus Holz und Stein spezialisiert, wie sie noch heute in den Pfarrkirchen St. Marien zu Rostock und Güstrow zu bewundern sind.

4.

Künstlerische Kommunikation und Raumbildung

In den bisherigen Kapiteln wurde ein impressionistischer Blick auf die künstlerische Produktion im Ostseeraum des Spätmittelalters und der Renaissance gezeichnet. Hierbei stellt sich die Region im Spätmittelalter als Raum intensiver künstlerischer Produktion von Schnitz- und Bildaltären dar, die in Werkstätten überall im Ostseeraum stattfand. Neben Exportzentren wie Hamburg, Lübeck oder Danzig versorgten auch Stockholm und Reval große Teile Schwedens oder Livlands. Daneben befriedigten die (zünftigen) Bildschnitzer Rostocks, Stralsunds oder Kiels nicht nur die Nachfrage in den Hansestädten und deren Hinterland, sondern rivalisierten mit den Zentren um größere Aufträge. Wir haben es hier also mit überlappenden Absatz- bzw. Adressenräumen im Sinne der Klüterschen Terminologie zu tun, die durch kommunikative Netze verbunden waren. Der Ergänzungsraum der Handwerkerrekrutierung, die noch nicht systematisch untersucht wurde, scheint dem Absatz-/Adressenraum entsprochen zu haben, wenn wir die bekannten Beispiele der Maler- und Bildschnitzerwanderungen zugrunde legen. Jedoch scheint die Mobilität von Objekten größer als die ihrer Produzenten gewesen zu sein, was auf die vielfältige – über die menschliche Begegnung hinausgehende – Kommunikation hinweist. Welche Kommunikationsstrukturen gab es überhaupt bzw. wie sah die Kommunikation, d. h. soziale Interaktion zwischen Produzenten und Konsumenten bzw. innerhalb der „kreativen Elite“36 aus? Kommunikation fand auf verschiedenen Ebenen und zwischen verschiedenen Personenkreisen statt: 1. In einer Stadt selbst zwischen dem öffentlichen Auftraggeber Rat und Malern bzw. Bildschnitzern. 2. In einer Stadt selbst zwischen den Kunstproduzenten und ihren einheimischen Auftraggebern, wie Gilden, Bruderschaften oder Ämtern. 3. Zwischen den Kunstproduzenten und auswärtigen Auftraggebern, wie geistlischen Würdenträgern, Adel, Klöstern und Stadtbürgern.

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4. Zwischen auswärtigen Auftraggebern und Kaufleuten sowie Kunstproduzenten, da Kaufleute oftmals fremde Aufträge an einheimische oder auswärtige Künstler vermittelten. 5. Zwischen Malern und Bildschnitzern, die bei der Ausführung eines Auftrages in der Stadt oder außerhalb kooperierten. 6. Innerhalb der Familie, zu der auch die Kommunikation zwischen Meistern, Gesellen und Lehrjungen gehörte. 7. Zwischen Kunstproduzenten, Auftraggebern, Kaufleuten und Stadträten durch den vielfältigen Austausch von Objekten. Insgesamt kommunizierten also verschiedene Kommunitäten oder Personenkreise miteinander. Sie interagierten dabei sozial auf gleicher wie auf unterschiedlicher Ebene und mithilfe verschiedener Medien. Das Spektrum reichte von der Face-to-Face-Kommunikation über schriftliche Korrespondenz bis zum Austausch von Objekten. Kommunikation bestimmte (auch stilistisch) die künstlerische Produktion von Holzskulpturen, Schnitzaltären und Tafelmalereien und konstituierte den Ostseeraum als kulturellen Produktionsraum. Obwohl die Region schon immer westeuropäische Einflüsse rezipiert, interpretiert und transformiert hatte, veränderte sich die künstlerische Produktion im 16. Jahrhundert durch den Zuzug niederländischer Architekten und Bildhauer einmal mehr. Die Kommunikation wurde vielfältiger, da die Bildhauer mit den heimischen Werkstätten in Kontakt blieben und gedruckte Medien, wie Architekturtraktate, Vorlagen- und Ornamentbücher, sowie vermehrte Reisen nach Westeuropa kontinuierlich die neuen Ideen verbreiteten. Mit der Tätigkeit der Niederländer in den Residenzen, Metropolen und Adelsgütern des Ostseeraumes bzw. der Rezeption niederländischer Modelle durch einheimische Baumeister wurde der Antwerpener Florisstil zum prägenden Ausdruck des niederländischen Manierismus in der Region. Die Künstler trugen zur Niederlandisierung des Ostseeraumes bei und erfanden diesen gleichsam neu als niederländische Kunstregion.

5.

Schlussbetrachtung

Insgesamt zeigen die obigen Fallstudien, dass sich die kommunikativ konstituierten Raumabstraktionen „Ergänzungsraum“ und „Adressenraum“ mit Erfolg für die Fragen von künstlerischer Kommunikation verwenden lassen. Es bleibt dennoch zu erörtern, wie sich der dadurch erreichte (methodische) Erkenntnisgewinn zu rivalisierenden Raumabstraktionen wie dem Zentralitätsmodell verhält. So hat man in der spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte in den letzten Jahren erfolgreich mit dem Konzept der Zentralität gearbeitet, wenn es um

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„marktverteilte Güter“ des Fernhandels oder die Stadt-Umland-Beziehungen ging.37 Für Fragen der künstlerischen Kommunikation bestehen jedoch durchaus Zweifel an der Verwendung des Zentralitätskonzeptes. Zwar waren „Kleinkunst“ (Bildteppiche, Druckgraphik, Rosenkränze) und später auch arbeitsteilig gefertigte Altäre zentral herstellbar und über den Fernhandel weiträumig verteilbar, und auch die oberitalienischen und die flämischen Städte beeinflussten als „Zentren“ in vielfältiger Weise die künstlerische Entwicklung in Europa.38 Dennoch entzogen sich die fast ausschließlich für individuelle Auftraggeber gefertigten spätgotischen Schnitzereien und Tafelmalereien weitgehend der zentralen Herstellung, und die künstlerische Umsetzung vor Ort sollte seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts immer wichtiger werden. Wesentlich war die Kommunikation zwischen Auftraggebern, Produzenten und Vermittlern. Ergänzt wurde diese durch die Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern, Handwerkermigration sowie die gedruckten Medien. Anstelle einer Hierarchisierung der künstlerischen Kommunikation über Ober-, Mittelund Unterzentren, wie das Zentralitätskonzept suggeriert,39 entwickelte sich diese polyzentrisch zwischen geografisch und gesellschaftlich unterschiedenen Personen und Personenkreisen, die in eigenen sozialen Netzwerken (Adel, Kleriker, Kaufleute, Künstler) interagierten. Dabei entstanden von Kunstgattung zu Kunstgattung (Schnitzaltäre, Altartafeln, Grabdenkmale) und von Stadt zu Stadt verschiedenartige Adressenräume, die allein durch das Abgehen vom Zentralitätskonzept adäquat erklärt werden können. Auch in späteren Epochen der Kunstgeschichte, wie im Goldenen Zeitalter der Niederlande, war die künstlerische Produktion, obwohl sie größtenteils der Marktnachfrage folgte, nicht zentralisiert. Charakteristisch war vielmehr die Produktivität vieler Städte, die von der Mobilität von Künstlern, Ideen und Innovationen gespeist wurde.40 Für den Ostseeraum bedeutet das, ihn als vielfältigen kulturellen Produktions- und Kommunikationsraum aufzufassen. Dies ist ein Beleg für die Pluralität des Raumes bzw. der (Ostsee-)Räume, die von vielen Akteuren immer wieder neu konstruiert bzw. erfunden wurden und werden. In Zukunft wie auch in unserem Sammelband, der die Vielfalt der Räume in der Ostseeregion aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen vor Augen führt, werden Fragen von Abgrenzung und Überlappung bzw. Pluralität von Räumen im Mittelpunkt des Interesses stehen.41 Anmerkungen 1 2

H. KLÜTER, Raum als Element sozialer Kommunikation, Gießen 1986, S. 1–10. J. GLÜCKLER, Neue Wege geographischen Denkens? Eine Kritik gegenwärtiger Raumkonzeptionen und ihrer Forschungsprogramme in der Geographie, Frankfurt/Main 1999; W. WEBER, Die Bildung von Regionen durch Kommunikation. Aspekte einer neuen historischen Perspektive, in: C. A. Hoffmann und R. Kießling (Hg.), Kommunikation und Region, Konstanz, 2001, S. 43–67.

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W. CHRISTALLER, Die zentralen Orte in Süddeutschland, Jena 1933, Repr. Darmstadt 1968; Teilabdruck in P. SCHÖTTLER (Hg.), Zentralitätsforschung, Darmstadt 1972, S. 3–22, hier S. 21 f. Ebd., S. 13 f. H. AMMAN, Vom Lebensraum der mittelalterlichen Stadt. Eine Studie an schwäbischen Beispielen, in: Studien zur südostdeutschen Landeskunde, Festschrift für Friedrich Huttenlocher, Bad Godesberg 1963, S. 284–316. Eine kritische Würdigung des Ansatzes bietet M. MITTERAUER, Das Problem der zentralen Orte als sozial- und wirtschaftshistorische Forschungsaufgabe, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 58 (1971), S. 433–467. Weniger kritisch, aber dennoch nützlich ist E. MEYNEN (Hg.), Zentralität als Problem der mittelalterlichen Stadtgeschichtsforschung, Köln-Wien 1979. KLÜTER, Raum als Element sozialer Kommunikation, S. 15. Ebd., S. 23. Hierzu jetzt grundlegend R. SCHLÖGL, Kommunikation und Vergesellschaftung unter Anwesenden. Formen des Sozialen und ihre Transformation in der Frühen Neuzeit, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft 2 (2008), S. 155–224. Ebd., S. 52–59. KLÜTER, Raum als Element sozialer Kommunikation, S. 109–135; DERS., Raum als Objekt menschlicher Wahrnehmung und Raum als Element sozialer Kommunikation, in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 136 (1994), S. 143– 178, hier S. 161–165. Neuerdings sehen manche Architekturhistoriker den Lübecker Dom als Stil gebend an, E. BADSTÜBNER, Licht und Farbe in der mittelalterlichen Backsteinarchitektur des südlichen Ostseeraums, Berlin 2005. N. ZASKE und R. ZASKE, Kunst in Hansestädten, Leipzig 1985, S. 45–80. Als Überblick siehe M. NORTH, Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen. München 2011, S. 91–94. J. VON BONSDORFF, Kunstproduktion und Kunstverbreitung im Ostseeraum des Spätmittelalters, Helsinki 1993, S. 83. P. TÅNGEBERG, Wahrheit und Mythos – Bernt Notke und die Stockholmer St.-GeorgsGruppe: Studien zu einem Hauptwerk niederländischer Bildschnitzerei, Ostfildern 2009. Siehe hierzu G. WEILANDT, Transferkultur – Danzig im Spätmittelalter, in: W. Augustyn und U. Söding (Hg.), Original – Kopie – Zitat. Kunstwerke des Mittelalters und der Frühen Neuzeit: Wege der Aneignung – Formen der Überlieferung, Passau 2010, S. 73–100, hier besonders S. 88–90. Weilandt weist insbesondere auf die Arbeiten von A. E. ALBRECHT, Steinskulptur in Lübeck um 1400. Stiftung und Herkunft, Berlin 1997, S. 150–154 und P. TÅNGEBERG, Norddeutscher Export von Holzskulpturen und Altarschreinen nach Schweden im Mittelalter, hin. Bestimmung von Herkunftsort und Entstehungsdatum anhand technologischer Untersuchungen, in: S. Guillot de Suduiraut (Hg.), Sculptures médiévales allemandes, conservation et restauration. Actes du colloque organisé au musée du Louvre les 6 et 7 décembre 1991, Paris 1993, S. 233–254; DERS., Ordensländischer Kunstexport nach Schweden um 1400–1430, in: H. Krohm, U. Albrecht und M. Weniger (Hg.), Malerei und Skulptur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit in Norddeutschland. Künstlerischer Austausch im Kulturraum zwischen Nordsee und Baltikum, Berlin 2004, S. 55–68. Siehe ebenfalls A. Wozinski, Late-Gothic Sculptured Retables in the Area between Danzig (Gdańsk), Elbing (Elbląg), Königsberg, and Thorn

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(Toruń) (1450–1530,) in: Krohm/Albrecht/Weniger (Hg.), Malerei und Skulptur, S. 199– 213. VON BONSDORFF, Kunstproduktion und Kunstverbreitung im Ostseeraum, S. 45. L. F. JACOBS, Early Netherlandish Carved Altarpieces, 1380–1550. Medieval Tastes and Mass Marketing, Cambridge 1998. Vgl. auch U. ALBRECHT und U. NÜRNBERGER, Kriegsverluste mittelalterlicher Kirchenausstattung in Lübeck – eine kunsthistorische Schadensbilanz, in: U. Albrecht (Hg.), Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein, Bd. 2: Hansestadt Lübeck. Die Werke im Stadtgebiet, Kiel 2012, S. 13–44, hier S. 36 f. VON BONSDORFF, Kunstproduktion und Kunstverbreitung im Ostseeraum, S. 98–126. Siehe hierzu allgemein S.-M. WEITZEL, Die Ausstattung von St. Nikolai in Stralsund. Funktion, Bedeutung und Nutzung einer hansestädtischen Pfarrkirche, Kiel 2011. Siehe T. BRÜCK, Zur Geschichte der Stralsunder Rigafahrer von der Mitte des 14. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts, in: N. Angermann und P. Kaegbein (Hg.), Fernhandel und Handelspolitik der baltischen Städte in der Hansezeit, Lüneburg 2001, S. 97–136. J. RODING, The Myth of the Dutch Renaissance in Denmark: Dutch Influence on Danish Architecture in the 17th Century, in: J. Ph. S. Lemmink und J. S. A. M. van Koningsbrugge (Hg.), Baltic Affairs. Relations between the Netherlands and NorthEastern Europe 1500–1800 (Baltic Studies I), Nijmegen 1990, S. 343–353; DIES., The North Sea coasts, an architectural unity?, in: Dies. und L. Heerma van Voss (Hg.), The North Sea and Culture (1550–1800): Proceedings of the International Conference held at Leiden, 21.–22. April 1995, Hilversum 1996, S. 95–106. Hier und zum Folgenden S. HEIBERG, Art and the Staging of Images of Power – Christian IV. and Pictorial Art, in: B. Noldus und J. Roding (Hg.), Pieter Isaacz (1568– 1625), Court Painter, Art Dealer and Spy, Turnhout 2001, S. 231–244. O. KOESTER, Flemish Paintings, 1600–1800, København 2000, S. 8 ff.; DERS., Art Centers and Artists in Northern Europe 1588–1648, in: S. Heiberg (Hg.), Christian IV. and Europe, Kopenhagen 1988, S. 301 f. L. MÜLLER, The Merchant Houses of Stockholm, c. 1640–1800: a Comparative Study of Early-Modern Entrepreneurial Behaviour, Uppsala 1988. A. BARESEL-BRAND, Grabdenkmäler nordeuropäischer Fürstenhäuser im Zeitalter der Renaissance 1550–1650, Kiel 2007, S. 98–117, hier S. 95. M. BOGUCKA, Les relations entre la Pologne et les Pays-Bas (XVIe siècle, première moitié du XVIIe siècle), in: Cahiers de Clio (1984), Nr. 78–79, S. 14 ff.; DIES., Kultura Pomorza wschodniego w dobie renansu i baroku, in: Historia Pomorza, Bd. 2,1: 1464/66–1648/57, hrsg. von G. Labuda, Poznań 1976, S. 526–650, hier S. 545–553, 561– 571; Z. NOWAK, Lata rozkwitu kultury, nauki i sztuki, in: Historia Gdańska, Bd. 2: 1454– 1655, hrsg. v. E. Cieślak, Gdańsk 1982, S. 686–753, hier S. 740–747, 750–753; M. WARDZYŃSKI, Zwischen den Niederlanden und Polen-Litauen: Danzig als Mittler niederländischer Kunst und Musterbücher, in: M. Krieger und M. North (Hg.), Land und Meer. Kultureller Austausch zwischen Westeuropa und dem Ostseeraum in der Frühen Neuzeit, Köln-Weimar-Wien 2004, S. 23–50. Zum Arsenal siehe A. BARTETZKY, Das Große Zeughaus in Danzig: Baugeschichte, architekturgeschichtliche Stellung, repräsentative Funktion, Stuttgart 2000. WARDZYŃSKI, Zwischen den Niederlanden und Polen-Litauen, S. 23–50. BARTETZKY, Das Große Zeughaus in Danzig; H. BORGGREFE, V. LÜPKES und P. HUVENNE (Hg.), H. Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden. Ausstellung im Weserrenaissance-Museum Schloss Brake (26. Mai–25. August 2002),

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Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen (15. September–8. Dezember 2002), München 2002. Als Überblick siehe: T. HRANKOWSKA (Hg.), Niderlandyzm w sztuce polskiej, Warszawa 1995. WARDZYŃSKI, Zwischen den Niederlanden und Polen-Litauen, S. 23–50. E. KIZIK, Niederländische Einflüsse in Danzig, Polen und Litauen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: M. Krieger und M. North (Hg.), Land und Meer. Kultureller Austausch zwischen Westeuropa und dem Ostseeraum in der Frühen Neuzeit, KölnWeimar-Wien 2004, S. 51–76, hier S. 65–70. A. JOLLY, Philip Brandin, ein niederländischer Bildhauer des 16. Jahrhunderts im Dienst der Herzöge von Mecklenburg, in: Oud Holland 113, Nr. 1/2 (1999), S. 13–34. Das Wirken Philipp Brandins erstreckte sich bis nach Pommern, wo in Anklam der 1582 verstorbene (Jo)Achim von Rieben 1585 ein Epitaph von dem berühmten Bildhauer Philipp Brandin erhielt: M. WISŁOCKI, Sztuka protestancka na Pomorzu 1535– 1684, Szczecin 2005, S. 199. BARESEL-BRAND, Grabdenkmäler nordeuropäischer Fürstenhäuser, S. 174–180. Der Begriff wurde von Peter Burke geprägt; P. BURKE, Die Renaissance in Italien. Sozialgeschichte einer Kultur zwischen Tradition und Erfindung, Berlin 1984, Kap. 3. Vgl. F. IRSIGLER, Stadt und Umland im Spätmittelalter: Zur zentralitätsfördernden Kraft von Fernhandel und Exportgewerbe, in: E. Meynen (Hg.), Zentralität als Problem der mittelalterlichen Stadtgeschichtsforschung, Köln-Wien 1979, S. 1–14; R. KIEßLING, Herrschaft, Markt, Landbesitz. Aspekte der Zentralität und der Stadt-Land-Beziehungen spätmittelalterlicher Städte an ostschwäbischen Beispielen, ebenda, S. 180–218. W. SCHMID, Kunst und Migration. Wanderungen Kölner Maler im 15. und 16. Jahrhundert, in: G. Jaritz und A. Müller (Hg.), Migration in der Feudalgesellschaft, Frankfurt-New York 1988, S. 315–350. So W. SCHMID, Kunstlandschaft – Absatzgebiet – Zentralraum. Zur Brauchbarkeit unterschiedlicher Raumkonzepte in der kunstgeographischen Forschung vornehmlich an rheinischen Beispielen, in: U. Albrecht und J. von Bonsdorff (Hg.), Figur und Raum. Mittelalterliche Holzbildwerke im historischen und kunstgeographischen Kontext, Berlin 1994, S. 21–34. M. NORTH, Kunst und Kommerz im Goldenen Zeitalter. Zur Sozialgeschichte der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Köln-Weimar-Wien 1992, S. 157–163; DERS., Das Goldene Zeitalter. Kunst und Kommerz in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Köln-Weimar-Wien 2001. Grundlegend zu dieser Forschungsperspektive ist: T. DACOSTA KAUFMANN, Der Ostseeraum als Kunstregion: Historiographie, Stand der Forschung und Perspektiven künftiger Untersuchungen, in: M. Krieger und M. North (Hg.), Land und Meer. Kultureller Austausch zwischen Westeuropa und dem Ostseeraum in der Frühen Neuzeit, KölnWeimar-Wien 2004, S. 9–21; DERS., Toward a Geography of Art, Chicago-London 2004, Chapter 4 und 5.

DAS GROßFÜRSTENTUM LITAUEN ALS GRENZREGION Mathias Niendorf „Grenzraum des Abendlandes“ lautet die autorisierte deutsche Übersetzung (Salzburg 1956) des einflussreichen, zuerst 1952 in New York als „Borderlands of Western Civilization“ erschienenen Werkes von Oskar Halecki (1891–1973). Der Untertitel „Eine Geschichte Ostmitteleuropas/A history of East Central Europe“ verdeutlicht, wo der polnische Exilhistoriker jene Grenzen verortete. Vor dem Zweiten Weltkrieg war er selbst durch Arbeiten über die polnisch-litauische Union und das Großfürstentum Litauen hervorgetreten.1 Entsprechend nimmt jene Region auch einen prominenten Platz in der zitierten Gesamtdarstellung ein. Geprägt ist sie für Halecki nicht zuletzt durch den Gegensatz zu ihrem östlichen Nachbarn und dessen byzantinisch-moskowitisch-ostkirchlichen Traditionen. Dabei legt gerade das Großfürstentum Litauen eine differenziertere Betrachtung nahe, was ein Historiker vom Range Haleckis im Detail auch immer wieder leistet. Um Annäherungen an eine komplizierte Gemengelage soll es im Folgenden gehen.

1.

Rahmenbedingungen einer Region

Dabei sind zunächst einige Eckdaten festzuhalten. Das Großfürstentum Litauen war ein eher locker gefügtes, flächenmäßig aber großes Land, welches auf dem Höhepunkt seiner Macht um 1430 fast eine Million Quadratkilometer umfasste, das vor die Tore Moskaus bis an die Grenze Ostpreußens reichte und sich „von Meer zu Meer“, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, erstreckte. Sein Gebiet umfasste damit nicht nur in etwa das heutige Litauen und Weißrussland, sondern darüber hinaus auch Teile Polens und der Ukraine, der Republik Moldau und Randgebiete Russlands. Zeitgenossen freilich orientierten sich an einer anderen, virtuellen Grenze. Im Sprachgebrauch konsequent unterschieden wurde zwischen einem ‚Litauen’ im engeren Sinne (Litwa, Litva u. Ä.) und einer ‚Rus’. Der zuletzt genannte Name stand ursprünglich für Gebiete der ehemaligen Kiever Rus’, die mit dem Mongolensturm Mitte des 13. Jahrhunderts untergegangen war, während ‚Litauen’ die Kernlande bezeichnete, von denen die Eroberungszüge ausgingen. Nur in grober Annäherung war dies zugleich eine Trennlinie zwischen slavisch und baltisch, von orthodox und katholisch bzw. vorchristlich. Als Litauens Großfürsten im 13. und 14. Jahrhundert die Grenzen immer weiter nach Osten und

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Süden verschoben, hielten sie selbst an ihrer vorchristlichen Religion fest, ohne diese jedoch ihren neuen Untertanen aufzuzwingen. Die Vorfahren der heutigen Ukrainer, Weißrussen und Russen behielten ihre Umgangssprache, ihren orthodoxen Glauben sowie ihre Schriftsprache bei. Dieses in kyrillischen Lettern geschriebene Kirchenslavisch weißrussischer Redaktion, auch als Altweißrussisch oder Westrussisch bezeichnet, wurde sogar die Kanzleisprache des Großfürstentums. Selbst im äußersten Westen des litauischen Herrschaftsgebietes, in Žemaiten (poln. Żmudź) war sie in Gebrauch. Obschon auch Moskau sich des gleichen Alphabetes bediente, sprach man dort von der ‚litauischen’ Sprache. Den Rang einer Kanzleisprache behielt das Altweißrussisch bis Ende des 17. Jahrhunderts, als es auch offiziell durch das Polnische ersetzt wurde, das bis dahin stetig an Boden gewonnen hatte. Vorausgegangen waren immer engere Bindungen politischer, gesellschaftlicher und kultureller Natur an Polen. Einen Wendepunkt bedeutete der Vertrag von Krewo 1385. Litauen, das letzte heidnische Land Europas, verpflichtete sich dort zur Annahme des Christentums nach römisch-katholischem Ritus. Faktisch wurde damit zugleich eine Personalunion mit Polen begründet, die 1569 zu einer Realunion ausgebaut wurde. Auf sich allein gestellt, schien das Großfürstentum Litauen dem aufstrebenden Moskauer Reich nicht mehr gewachsen zu sein. Im Umfeld jener sogenannten Lubliner Union mussten die heute ukrainischen Gebiete im Süden des Großfürstentums an die Krone Polen abgetreten werden. In einer Hinsicht allerdings änderte sich für das historische Litauen nur wenig: Im Osten gerieten größere Territorien immer wieder unter Moskauer Hoheit, die gelegentlich zurückgewonnen werden, dann aber auch erneut verloren gehen konnten. Wie bereits die Herrschertitulaturen verdeutlichen, galt für die strittigen Gebiete auf beiden Seiten der Grenze der Name Rus’. Was im Einzelnen unter diesem Namen verstanden wurde, lässt sich allerdings nur aus dem jeweiligen Kontext erschließen.2 Auf jeden Fall unterstrichen Wilna wie Moskau damit ihren Anspruch auf das Erbe Kievs.3 Solange Litauens Großfürsten einer wenig profilierten Naturreligion anhingen und die Orthodoxie in ihrem Herrschaftsgebiet duldeten, verliefen die Auseinandersetzungen nach außen wenig spektakulär. Erst durch Annahme des Katholizismus gewannen sie an ideologischer Schärfe. Moskau konnte seine Expansionspolitik nun als die Erlösung unterdrückter Glaubensgenossen propagieren. Umgekehrt sahen sich die katholischen Eliten Polen-Litauens vor die Herausforderung gestellt, der orthodoxen Bevölkerung ihres Landes Integrationsangebote zu unterbreiten. Für den Adel bedeutete dies den Zugang zu öffentlichen Ämtern, der von Mitte des 16. bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts tatsächlich gewährleistet war.

Das Großfürstentum Litauen als Grenzregion

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In jenem Kontext ist auch die Gründung einer unierten Kirche 1596 in Brest-Litovsk zu sehen. Diese auch als griechisch-katholische Kirche bezeichnete Institution behielt den byzantinischen Ritus bei, erkannte jedoch das Primat des Papstes an. Mit dem letztlich vergeblichen Versuch, die Orthodoxie aus PolenLitauen zu verbannen, wurde eine Grenze nach außen wie nach innen gezogen. Stärker noch als römisch-katholische Einrichtungen zogen unierte Gotteshäuser Aggressionen moskowitischer Truppen auf sich. Aber auch im Innern des Großfürstentums stieß die Durchsetzung der Brester Union auf Widerstand. Dieser war nicht allein dogmatisch oder kulturell begründet, sondern ebenso auch sozial fundiert. Der teils gewaltsame Protest stützte sich in erster Linie auf das wohlhabende Bürgertum. In den größeren Städten im Osten wollten selbstbewusste Laien keinesfalls auf ihre Mitspracherechte zugunsten des Klerus verzichten. Als Organisationsform gewann eine Institution an Bedeutung, die keine byzantinische Tradition aufwies, sondern von der Westkirche übernommen wurde: die Bruderschaften.4 Erst nach den verheerenden Kriegen Mitte des 17. Jahrhunderts, nach dem sozio-ökonomischen Niedergang des Bürgertums, vermochte die unierte Kirche ihre Position zu festigen. Was sie mit ihrer Konkurrentin, der auf ein einziges Bistum beschränkten Orthodoxie verband, war der Charakter einer ausgesprochenen Unterschichtenkirche. Daran sollte sich zunächst auch nichts ändern, als nach der dritten Teilung Polen-Litauens 1795 das Großfürstentum von der Landkarte Europas verschwunden war. Die Auflösung der griechisch-katholischen Kirche und ihre Überführung – bzw. nach zaristischer Lesart: Rückführung – in die Orthodoxie zog dann allerdings Proteste von Laien nach sich.5 Mentale Grenzen orientierten sich also weiter an religiösen Kategorien, nur hatten sich nach über zwei Jahrhunderten die Inhalte verschoben: Was einst als fremde Neuerung von außen abgelehnt wurde, galt nun, unter umgekehrten Vorzeichen, als das althergebrachte Eigene. Allerdings ist auch eine soziale Komponente nicht zu übersehen: Leibeigene Bauern, die den Übertritt zur Staatskirche bewusst vollzogen, glaubten sich fortan frei und aller Pflichten ledig. Dabei spielte das Argument, die genuin orthodox-ostslavische Bevölkerung sei unter polnisch-katholischer Herrschaft unterdrückt und erst von Katharina II. erlöst worden, eine wichtige Rolle für die nachträgliche Rechtfertigung der Teilungen. Das Großfürstentum Litauen als solches fand dagegen wenig Beachtung. Das Interesse der sich neu etablierenden Nationalgeschichtsschreibungen reichte meist nur soweit, wie es zur Legitimierung der jeweiligen Gebietsansprüche nützlich erschien.6 Auch die Sowjetzeit begünstigte nicht die wissenschaftliche Beschäftigung mit einer historischen Region, die nicht nur verschiedene Sowjetrepubliken, sondern auch die Volksrepublik Polen einschloss. Dafür erlebte die Geschichte des Großfürstentums Litauen nach 1989 eine neue Konjunktur. Auch eine Konkurrenz rivalisierender Nationalhistoriografien trat

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wieder in Erscheinung, wenngleich aus politisch motivierten Polemiken von einst nun eher symbolische Auseinandersetzungen um das Erbe des Großreiches geworden sind.7

2.

Elemente einer Kulturlandschaft

Auch wenn einzelne Traditionslinien nach wie vor unterschiedlich bewertet werden, findet übergreifend in neueren Darstellungen ein Aspekt besonderes Interesse: der multikulturelle Charakter des Großfürstentums. Allerdings wird dieser bis heute mehr behauptet als beschrieben oder gar analysiert. Ein solcher Befund mag auf den ersten Blick überraschen, erklärt sich aber durch eine Reihe von Faktoren. Um das Phänomen des Multikulturellen erfassen zu können, bedarf es sowohl eines Überblicks über die konkreten „Ausgangs“-Kulturen als auch eines theoretischen Ansatzes, der es ermöglicht, diese miteinander in Beziehung zu setzen. Die historische Kompetenz für das Großfürstentum konzentriert sich nun eindeutig in dessen Nachfolgestaaten. Dort allerdings erscheint das theoretische Interesse nach dem Fortfall des Marxismus-Leninismus nicht besonders ausgeprägt. Die internationale, westlich geprägte Diskussion um Kulturbegriffe wiederum wird weniger von Historikern als von gegenwartsbezogenen Sozialwissenschaftlern geprägt, die sich mit der Sprachenvielfalt im östlichen Europa meist schwertun. Tatsächlich bietet das Großfürstentum allein schon durch seine Vielzahl von Sprachen und Konfessionen eine Fülle von Anschauungsmaterial für die Probleme von Kulturkontakt und kulturellem Wandel. Es bietet sich damit als Testfall zur Überprüfung und gegebenenfalls zur Weiterentwicklung von Kulturtheorien an. Als für die Praxis des Historikers operationalisierbar hat sich die sogenannte Kulturstandardtheorie bewährt.8 Kultur wäre demzufolge nach Klaus P. Hansen definiert als „Standardisierungen, die in Kollektiven gelten“.9 Zu den Standardisierungen zählt der Autor solche der Kommunikation, darunter insbesondere der Sprache, dann auch „des Denkens“, „des Empfindens“, „des Verhaltens und Handelns“, sowie schließlich die „materielle Kultur“ im herkömmlichen Sinne. In dieses abstrakte Konzept lassen sich Begriffe und Methoden der Nachbarwissenschaften ohne Weiteres integrieren, wobei hinsichtlich der Bestimmung von „Kollektiven“ naturgemäß besonders die Soziologie gefragt erscheint. Aber auch Ansätze der modernen Ethnologie sind hiermit ohne Weiteres kompatibel. Ein gravierendes Defizit hat Hansen noch im Vorwort der dritten Auflage seines einflussreichen Werkes selbst benannt: Probleme des Kulturwandels und des Kulturkontakts bleiben unberücksichtigt.10 Dies kann auch hier im Einzelnen nicht nachgeholt werden. Angedeutet sei nur ein erkenntnistheoretisches Problem: Gerade wenn man von einem dyna-

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mischen, nicht essenzialistischen Kulturverständnis ausgeht, erscheint es unerlässlich, hilfsweise zu statischen Momentaufnahmen zu greifen, um Grenzen einzelner Standardisierungen in einem spezifischen Kontext bestimmen zu können. Einen ersten Eindruck von der Komplexität des historischen Litauens vermittelt bereits ein Rundgang durch Wilna.11 Beherrscht wird die Altstadt durch den Burgberg und seine Turmruine, die offiziell nach dem Großfürsten Gediminas benannt werden. Diese Zuschreibung ist historisch nicht ganz korrekt, doch symbolisiert die Obere Burg auf dem „Gediminas-Hügel“ damit die Anfänge litauischer Herrschaftsbildung in vorchristlicher Zeit. Unterhalb ist in den letzten Jahren mit großem Aufwand das Großfürstenschloss (Untere Burg) wieder errichtet worden. Der von den russischen Behörden im 19. Jahrhundert abgetragene Renaissancebau stand allerdings schon in der Frühen Neuzeit häufig leer und verwaist, da es die Großfürsten meist vorzogen, ihren Regierungsgeschäften in der polnischen Reichshälfte nachzugehen. Über eine solche Vernachlässigung Litauens führten diejenigen beredt Klage, die politisch am meisten von der Abwesenheit des Herrschers profitierten: die führenden Familien des Hochadels, meist als Magnaten bezeichnet. Von ihrer führenden Stellung vermitteln die Wilnaer Stadtpaläste nur einen unzureichenden Eindruck. Die Machtzentren der Pac, Sapieha oder Radziwiłł befanden sich auf dem Land, wo sie in ihren Residenzen eine deutschen Reichsfürsten nicht unähnliche Pracht entfalteten. Als ein Beispiel sei nur das im heutigen Weißrussland gelegene Njasviž (poln. Nieśwież) genannt, das, von italienischen Architekten umgebaut, eines der frühesten Barockdenkmäler nördlich der Alpen darstellt. 1562 nahm dort eine der ersten Druckereien des Großfürstentums ihre Produktion auf; auch als erste Theatermäzene Litauens traten die dortigen Radziwiłł hervor.12 In religiöser Hinsicht konnte Wilna seine Funktion als Zentralort besser behaupten. Baulich unmittelbar an das Renaissanceschloss anschließend präsentiert sich die Kathedrale der römisch-katholischen Bischöfe heute überwiegend im klassizistischen Stil. Ihren wichtigsten Teil bildet die barocke Kapelle des litauischen Nationalheiligen Kasimir; das Grabmal des Großfürsten Vytautas fiel moskowitischen Plünderungen Mitte des 17. Jahrhunderts zum Opfer. In einiger Entfernung zu jenem politisch-religiösen Machtzentrum, aber noch in Sichtweite, wird die Erinnerung an das frühe, nicht katholische Christentum Litauens wach gehalten: Auf einem benachbarten Hügel erinnern traditionsgemäß drei Kreuze an orthodoxe Heilige, die den Märtyrertod unter dem heidnischen Großfürsten Algirdas (um 1300–1377) erlitten haben sollen.13 Überraschend einheitlich präsentieren sich weitere Gotteshäuser in der Altstadt, sodass gelegentlich von einem überkonfessionellen „Wilnaer Barock“ die Rede ist.14 Prägenden Einfluss gewann der aus dem schlesischen Schweidnitz stammende Baumeister Johann Christoph Glaubitz (1700–1761).15 Er errichtete

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nicht nur seinen protestantischen Glaubensgenossen Kirchen, sondern auch römischen und griechischen Katholiken; selbst Aufträge von Orthodoxen und Juden (Große Synagoge) führte er aus. Fällt daher schon rein äußerlich die Zuordnung eines Gotteshauses auf den ersten Blick nicht immer leicht, gilt Ähnliches für die Inneneinrichtung. So finden sich katholische Heiligenbilder mit Silbereinfassungen, die von dem Gemälde nur Gesicht und Hände freilassen, wie sie für die Orthodoxie typisch sind. Während der Gegenreformation wurden von Vertretern der Papstkirche Mariendarstellungen in Auftrag gegeben, die ausdrücklich an byzantinische Ikonen erinnern sollten (wie im Falle des Gemäldes am Wilnaer Stadttor Aušros vartai/Ostra Brama), oder aber ältere Bilder wurden in eben jenen „östlichen“ Stil umgearbeitet (wie im benachbarten Traken/Trakai/Troki).16 Auch wenn hier möglicherweise Vorgaben des Tridentinums zum Tragen kamen, erscheint doch die problemlose Umsetzung vor Ort bemerkenswert. Das ganze 17. Jahrhundert war schließlich geprägt von militärischen Auseinandersetzungen Litauens mit seinem östlichen Nachbarn, in deren Verlauf territoriale und politische Konflikte zunehmend religiös überformt wurden. Kirchen der jeweiligen Gegenseite gerieten zu einem Kriegsziel. Sie wurden (wie die Wilnaer Kathedrale) nicht einfach nur geplündert, sondern gezielt zerstört. Gleichzeitig bedeutete die Neuausrichtung an byzantinischen Vorbildern in Litauen eine gewisse Annäherung von katholischen und orthodoxen Kirchenausstattungen. Jene (Wieder-)Angleichung der religiösen Ikonografie ging indes nicht einher mit entsprechenden Standardisierungen mentaler Natur. Was wiederum die materielle Kultur anbelangt, so sei daran erinnert, dass sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Bereich der Ostkirche, bei Unierten wie Orthodoxen, eine zunehmende Öffnung der Ikonenmalerei für westliche Einflüsse beobachten lässt (Plastizität, Lichtführung usw.).17 Dies sind äußere Merkmale von Angleichungsprozessen, welche sich auch im Alltagsleben der städtischen Bevölkerung widerspiegelten, wie es die minutiösen, auf neu erschlossenen Quellen basierenden Untersuchungen David Fricks zum Wilna des 17. Jahrhunderts herausstellen.18 Die Kollektive der Gläubigen mögen die Grenzen zwischen den Konfessionen wahrgenommen haben; „Standardisierungen des Handelns“ lassen sich daraus nicht zwangsläufig ableiten. Fricks Nachweis von Patenschaften, Stiftungen und sogar Eheschließungen über religiöse Grenzen hinweg legt Vorsicht nahe. In dieser Pluralität von Glaubensformen hob sich Polen-Litauen zweifelsohne von Russland ab. Vor dem Toleranz-Diskurs der Aufklärung ist dies aber, soweit der Forschungsstand ein Urteil zulässt, von den Eliten nicht weiter thematisiert und schon gar nicht ideologisiert worden. Anderes gilt für die Instrumentalisierung von Katholizismus und Orthodoxie im Rahmen der Auseinandersetzungen Wilnas und Krakaus bzw. Warschaus mit Moskau. So wies der katholische Kasimirkult antimoskowitische Akzente auf. Die Rjurikiden

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wiederum versuchten, ihre territorialen Ansprüche auch mit Hinweis auf das religiöse Erbe der Kiever Rus’ zu legitimieren. Diese Propaganda verfing aber nicht ohne Weiteres bei ihren Adressaten, den orthodoxen litauischen Untertanen. Dabei gilt es zeitlich und sozial zu differenzieren, wie die bahnbrechenden Untersuchungen Michail M. Kroms herausarbeiten. Bis etwa 1500 konnten Moskaus Großfürsten mit gewisser Sympathie der Teilfürsten im östlichen Litauen rechnen; als diese an Einfluss verloren und der einfache Adel und die Städter an Bedeutung gewannen, versteifte sich der Widerstand. „Starina“, die gute alte Ordnung, ein Schlüsselbegriff moskowitischer Propaganda, wurde im umkämpften Smolensk nun mit dem Großfürstentum Litauen, nicht mehr mit der Kiever Rus’ assoziiert. Vorausgegangen waren gesellschaftliche Integrationsprozesse. Der mentale Wandel vollzog sich innerhalb von zwei bis drei Generationen.19 Die Bindekraft einer gemeinsamen Konfession allein wäre somit nicht überzubewerten. Ähnliches gilt für die Sprache. Im Osten Polen-Litauens wurden ebenso wie im Moskauer Reich Vorstufen der heutigen ostslavischen Standardsprachen gesprochen, deren Ausdifferenzierung bis heute Gegenstand linguistischer Kontroversen ist. Als Schriftsprache übernahm das Großfürstentum Litauen, wie eingangs erwähnt, die in den Territorien der Kiever Rus’ gebräuchliche Kanzleisprache, die sich von ihrem Moskauer Pendant allerdings zu entfernen begann. Gemeinsam blieb das kyrillische Alphabet. Ebenso wenig wie die Orthodoxie als solche wurde jene Schrift aber litauischerseits mit einem Erzfeind in Verbindung gebracht. Plädoyers einiger weniger Humanisten gegen jene „moskowitische(n) Lettern“ oder gar „barbarische Sprache“ verhallten ungehört.20 In eben jener Sprache wurde schließlich auch das Dritte Litauische Statut von 1588 publiziert, das teilweise bis ins 19. Jahrhundert in Kraft blieb. Diese Rechtskodifikation hat – ebenso wie seine ungedruckt gebliebenen Vorgänger von 1529 und 1566 – seit Langem das Interesse der Forschung gefunden. Es konzentriert sich im Wesentlichen auf juristische Aspekte und eine traditionelle Geistesgeschichte. Gefragt wird in erster Linie immer noch nach möglichen Vorbildern und deren Gewichtung. Die von der russischen Forschung betonten Anleihen bei der „Russkaja Pravda“ sind unverkennbar, aber auch Spuren sächsisch-magdeburgischen Rechts haben sich nachweisen lassen.21 Beides spiegelt sich in der Städtelandschaft des Großfürstentums wider als Überlagerung zweier Traditionen: einer älteren ostslavischen, aus Zeiten der Kiever Rus’ stammenden, die weder eine rechtliche Unterscheidung zwischen Stadt und Umland noch verbriefte Mitspracherechte von Bürgern kannte, und einer neueren deutsch-rechtlichen. In der Praxis kam es nicht selten zu Mischformen, vor allem im Osten des Großfürstentums, wo einzelne Städte zwar

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gewisse Privilegien, insbesondere steuerlicher Natur, besaßen, nicht aber von der Bürgerschaft getragene Selbstverwaltungsorgane.22 Mit jenen Vorbildern aus Kiev und Magdeburg sind die litauischen Rechtsquellen noch nicht erschöpft. Insbesondere das Dritte Statut, das von namentlich bekannten, an führenden westlichen Universitäten ausgebildeten Juristen verfasst wurde, lässt zudem eine direkte Rezeption Römischen Rechts erkennen.23 In der Krone Polens war man sich der Überlegenheit des Dritten Litauischen Statuts bewusst und zog es – in polnischer Übersetzung – verschiedentlich als Hilfsrecht heran. Auch in Russland fand es Interesse, wie handschriftliche Übersetzungen dokumentieren. Offensichtlich war die gelegentlich als „altweißrussisch“ bezeichnete Kanzleisprache Litauens in seinem Nachbarland zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr ohne Weiteres verständlich. Sehr wohl wussten die Zaren aber um die politische Bedeutung jenes Rechts. Als Mitte des 17. Jahrhunderts große Teile Litauens von seinen Truppen besetzt waren, versuchte Aleksej Michajlovič – wie es scheint, nicht ohne Erfolg – sich der Loyalität des litauischen Adels durch ausdrückliche Bestätigung von dessen Privilegien zu sichern. Selbst zu dieser Zeit stellte also ein Hoheitswechsel zwischen Wilna und Moskau kein unüberwindbares Hindernis dar.24 Kunst- und Sprachgeschichte, Theologie und Rechtsgeschichte gehören somit zu den Disziplinen, die wesentliche Beiträge zur Erfassung und Analyse kultureller Phänomene in einem Raum leisten können, der quer zu nationalstaatlichen Grenzen liegt. Ob ihnen eine gemeinsame Kategorisierung gelingen wird, bleibt abzuwarten. Historische Kompetenz scheint in jedem Fall gefordert, wenn es um die Austauschprozesse als solche und deren Vermittler geht.25

3.

Perspektiven der Forschung

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige künftige Forschungsfelder skizziert. Manche von ihnen sind bereits wiederholt bearbeitet worden, doch eröffnen sich nun neue Möglichkeiten, sowohl was die internationale Kooperation als auch Quellenzugänge und Arbeitsmethoden anbelangt. Dies gilt nicht zuletzt für die Schlüsselfrage nach dem Gebrauch des Namens ‚Rus’ und dessen Ableitungen in den verschiedenen Sprachen der Region einschließlich des Hebräischen. Noch kaum untersucht wurde die Bedeutung der polnisch-litauischen Grenze von 1569: Inwieweit gab es auch nach der Lubliner Union ein – sprachlich untermauertes – Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den ostslavischen Gebieten des heutigen Weißrusslands und der Ukraine? Solche Beziehungen von Nord und Süd stehen in der Literatur bis heute im Schatten des Verhältnisses zwischen Ost und West, zwischen Polen-Litauen und Moskau.26

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Erste, nicht systematisch dokumentierte Auswertungen serieller Quellen legen nahe, dass sich im Großfürstentum Litauen die Grenze zwischen ‚Rus’ und ‚Litva’ zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit Richtung Osten verschob, also immer größere Gebietsteile als ‚litauisch’ galten.27 Dabei haben linguistische Untersuchungen ergeben, dass im gleichen Zeitraum die weißrussische Varietät des Ostslavischen zulasten des Litauischen nach Westen vordrang. Standardisierungen „des Denkens“ verliefen somit offenbar gegenläufig zu denen des sprachlichen „Handelns“. Die zunehmende digitale Erfassung von Quellen wie Fortschritte in der Datenverarbeitung („big data“) erleichtern quantifizierende Methoden. Aber nicht nur Sprachen, auch Menschen waren in Bewegung. Gefragt ist zunächst die historische Demografie auf Makro- und Mikroebene. In ihren Kompetenzbereich fallen schließlich auch Phänomene von Mobilität und Migration. Vertikale Mobilität als sozialer Auf- und Abstieg gehörte, soweit der Forschungsstand Aussagen zulässt, offensichtlich nicht zu den Wesensmerkmalen des Großfürstentums. Die Grenzen der Ständegesellschaft – wie sie die Litauischen Statute festschrieben – als solche blieben weitgehend stabil. Es bedeutet keine Ausnahme von dieser Regel, wenn sich innerhalb des Hochadels einzelne Familien in den führenden Ämtern ablösten oder Teile des niederen Adels in immer größere Armut gerieten. Das Ständesystem als solches blieb hiervon unberührt. Wesentlich stärker als die vertikale war die horizontale Mobilität der Bevölkerung des Großfürstentums ausgeprägt, und dies nicht immer aus freien Stücken. Auch wenn Schätzungen schwierig sind, handelt es sich bei den Verschleppungen in Gefolge der Kriege mit dem Moskauer Nachbarn doch um Massenphänomene. Die Rolle jener polnischen und litauischen Handwerker in Moskau verdient noch weitere Untersuchungen.28 Ähnliches gilt für Menschen, die jene Grenzen in beiden Richtungen freiwillig passierten. Hierfür konnten in jüngster Zeit Quellen neu erschlossen werden. Bevor Moskau im 18. Jahrhundert reguläre Residenten nach Warschau entsandte und so unmittelbar Einblicke in das Nachbarland erhielt, waren die zivilen Amtsträger in den westlichen Grenzregionen für die Nah- und Fernaufklärung zuständig. Ihre Berichte fanden Eingang nicht nur in das Außenamt (Posol’skij prikaz), sondern auch in das Dienstlistenamt (Razrjadnyj prikaz). Sie dokumentieren systematische Befragungen von Flüchtlingen, Reisenden, Grenzgängern und Grenzbewohnern über das gesamte 17. Jahrhundert. Diese Bestände sind noch keineswegs erschöpfend ausgewertet worden.29 Nur wenig ist in der Literatur bisher über Kaufleute bekannt, während das Leben einer kleinen Zahl von Spezialisten meist bürgerlicher Herkunft vergleichsweise gut erforscht ist: Buchdrucker, die nicht nur zwischen Litauen und Russland wanderten, sondern auch im übrigen Europa Kenntnisse und Fähig-

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keiten erwarben und umsetzten, wie etwa der Polacker Bürgersohn Francysk Skaryna (um 1490–1551).30 Zu den Grenzgängern gehörten sodann orthodoxe Geistliche, meist Mönche, die wie Atanazy von Brest-Litovsk (1597–1648) oder Dmitrij von Rostov (1651– 1709) zwischen Polen-Litauen und dem Zarenreich wechselten und dabei jeweils Erfahrungen aus dem Nachbarland einbringen konnten.31 Person und Werk stehen hier nicht nur für die grenzüberschreitende Gemeinschaft der Slavia orthodoxa, sondern auch für eine Synthese unterschiedlicher kultureller Traditionen. Für ihre Analyse erscheint eine enge Zusammenarbeit von Theologie und (slavischer) Philologie unerlässlich.32 Aus Sicht des Historikers ist allerdings anzumerken, dass jene Grenzgänger stets auf Misstrauen und Zweifel an ihrer Loyalität gefasst sein mussten. Der Verdacht, mit den rebellierenden Kosaken unter Bohdan Chmel’nyc’kyj gemeinsame Sache zu machen, kostete Atanazy schließlich das Leben. Protestanten, Katholiken und Juden verließen das Großfürstentum eher in Richtung Westen und trugen nach ihrer Rückkehr zu einer weiteren Bereicherung bei. Im Bereich der Elitenkultur haben die Adelstouren immer schon das Interesse der Forschung gefunden. Inwieweit hier langfristig europaweit Netzwerke geknüpft und später womöglich ausgebaut wurden, verdient aber durchaus noch eine nähere Betrachtung. Hierzu gehören auch Fragen nach der Rekrutierung von Künstlern und anderen Spezialisten. Elitenkultur war seit dem späten Mittelalter in Litauen weniger vom Hof des Herrschers als von den Residenzen der Magnaten bestimmt. Diese bedurften offenbar keiner polnischen Vermittlung, wenn sie sich direkt um führende Künstler aus Italien bemühten. Ein dichotomes West- versus Ost-Modell (mit einer Traditionslinie von Byzanz über das Moskauer Reich) greift also offensichtlich zu kurz, um europäische Geschichte sinnvoll strukturieren zu können. Nicht zuletzt dem Einfluss Haleckis war es wohl geschuldet, wenn Manfred Hellmann im Geist der 1950er-Jahre dem Großfürstentum Litauen eine eigene historische Aufgabe zuschrieb, die eines Mittlers zwischen Ost und West.33 Eher spielerisch hat dieses Problem vor einiger Zeit der Brite Norman Davies aufgegriffen und verschiedene Gliederungsmöglichkeiten des Kontinents in einer Karte zusammengestellt. Darin trennt eine Linie Nummer 3 Ost- und Westkirche, was jedoch dem Autor selbst offenbar als zu kurz gegriffen erschien, da eine weitere, „3a“ bezeichnete Linie zusätzlich den Einflussbereich der unierten Kirche markiert.34 Jene Institution, die den Primat des Papstes anerkennt, aber am griechischen Ritus festhält, spiegelt sicherlich einige Wesensmerkmale des Großfürstentums wider. Nicht von ungefähr, wenngleich insgesamt fragwürdig, ist daher für den „Wilnaer“ Barock alternativ die Bezeichnung „unierter“ Barock vorgeschlagen worden. Als überholt dürften dafür nationale Zuschreibungen wie ‚weißrussischer’ oder ‚polnischer’ Barock gelten.35

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Allgemein ließe sich im Hinblick auf die Zusammenführung und Verflechtung unterschiedlicher Traditionslinien von Hybridbildungen, im Einzelfall auch von Synkretismus sprechen.36 Hierfür liefert das Großfürstentum Litauen im Kontext seiner Nachbarn eine Fülle von Anschauungsmaterial. Anders als es traditionelle Vorstellungen von „Europäisierung“, „Okzidentalisierung“ oder konkreter: „Polonisierung“ postulierten, verlief der Wandel innerhalb der (im traditionellen Sinne) geistigen oder materiellen Kultur keineswegs nur in einer einzigen Richtung, derjenigen von West nach Ost. Gegenläufige Trends bezeugen die Rezeption des litauischen Rechts in Polen oder die Neuausrichtung katholischer Tafelbilder an byzantinischen Vorbildern im Zeitalter der Gegenreformation. Diese beiden Beispiele genügen, um zu zeigen, dass sich wandelnde Standardisierungen innerhalb der materiellen Kultur keineswegs immer mit solchen „des Denkens“, „des Empfindens“ oder „des Verhaltens und Handelns“ einhergehen mussten. So bleibt als Aufgabe interdisziplinärer, internationaler Forschung, der räumlichen, zeitlichen und sozialen Verortung kultureller Grenzen innerhalb des Großfürstentums Litauen nachzugehen. Damit, so steht zu hoffen, ließen sich zugleich empirische Grundlagen einer Theorie von Kulturkontakt und kulturellem Wandel legen, die auch noch für quellenarme Zeiten und Epochen nutzbar zu machen ist.37 Anmerkungen 1 2

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Vgl. aus national-apologetischer Sicht: J. CISEK, Oskar Halecki. Historyk – Szermierz Wolności [Oskar Halecki – Historiker, Vorkämpfer der Freiheit], Warszawa 2009. K. ERUSALIMSKIJ, Rodoslovnoe drevo ili Pal’ma tiranii: pereocenki prošlogo Russkoj zemli v Rossii i Reči Pospolitoj XVI veka [Stammbaum oder Palme der Tyrannei? Neubewertungen der Vergangenheit des ruthenischen Territoriums in Russland und der Rzeczpospolita im 16. Jahrhundert], in: A. GIL (Hg.), Rzeczpospolita vs Carstwo – spór cywilizacyjny czy walka imperíów? (= Rocznik Instytutu Europy ŚrodkowoWschodniej 9 [2011], Nr. 3), Lublin 2011, S. 41–97, hier S. 78 f. Mit Schwerpunkt auf die Ukraine J. PELENSKI, The contest for the legacy of Kievan Rus‘, Boulder 1998. J. Ė. ŠUSTOVA, Dokumenty L’vovskogo Uspenskogo Stavropigijskogo bratstva (1586– 1788). Istočnikovedčeskoe issledovanie [Dokumente der Lemberger Stauropegialbruderschaft zu Mariä Himmelfahrt (1586–1788). Quellenkundliche Untersuchung], Moskva 2009; CHR. VON WERDT, Orthodoxe Bruderschaften in Polen-Litauen (bis zur Mitte des 17. Jahrhundert). Gesellschaftlicher Aufbruch und kirchliche Emanzipation des ruthenischen Stadtbürgertums der frühen Neuzeit, Lizentiatsarbeit Zürich 1994 (MSchr., Volltext unter www.stub.unibe.ch/download/oewiss/Werdt_1994.pdf, Stand vom 15.4.2013). P. V. ŠEVKUN, Ukreplenie pravoslavija v Zapadnych guberniach Rossijskoj imperii. Prisoedinenie uniatov v 1830-ch gg. [Die Festigung der Orthodoxie in den westlichen Gouvernements des russländischen Imperiums. Der Anschluss der Unierten in den 1830er-Jahren], in: Voprosy istorii 2012, Nr. 9, S. 3–14; B. SKINNER, The Western Front

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of the Eastern Church: Uniate and Orthodox Conflict in 18th-Century Poland, Ukraine, Belarus, and Russia, DeKalb 2009. K. BŁACHOWSKA, Wiele historii jednego państwa. Obraz dziejów Wielkiego Księstwa Litewskiego do 1569 roku w ujęciu historyków polskich, rosyjskich, ukraińskich, litewskich i białoruskich w XIX wieku [Viele Geschichten eines einzigen Staates. Das Bild der Geschichte des Großfürstentums Litauen bis 1569 in den Auffassungen polnischer, russischer, ukrainischer, litauischer und weißrussischer Historiker des 19. Jahrhunderts], Warszawa 2009. Vgl. A. FILJUŠKIN, „Odna zemlja, raznaja pamjat’“: Velikoe knjažestvo Litovskoe v istoričeskoj pamjati Pol’ši, Litvy, Ukrainy, Belorussii i Rossii [„Ein Territorium, unterschiedliche Erinnerung“. Das Großfürstentum Litauen im historischen Gedächtnis Polens, Litauens, der Ukraine, Weißrusslands und Russlands], in: Ab imperio 2004, Nr. 4, S. 485–490, sowie die weiteren Beiträge im selben Themenheft. H.-J. LÜSEBRINK, Kulturraumstudien und Interkulturelle Kommunikation, in: A. Nünning und V. Nünning (Hg.), Konzepte der Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart-Weimar 2003, S. 307–328, hier S. 312 ff. K. P. HANSEN, Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Tübingen-Basel ³2003, S. 39. Die wesentlich umgearbeitete 4. Auflage von 2011 übernimmt die Überlegungen zu Standardisierungen weitgehend unverändert; die knappen Ausführungen zum Kulturwandel (S. 192–199) sind für den Historiker nicht unbedingt weiterführend. Kulturgeschichtliche Einblicke vermittelt die Essaysammlung C. MIŁOSZ, Die Straßen von Wilna, München-Wien 1997, die auch einen Brief des eine Generation jüngeren Exillitauers Tomas Venclova (*1937) an den Autor enthält (S. 124–161). Von Letzterem auch ein kenntnisreicher Stadtführer: Vilnius. Stadtführer, Vilnius 2006, sowie ein zuerst auf Deutsch veröffentlichter Essayband: T. VENCLOVA, Vilnius. Eine Stadt in Europa, Frankfurt/Main 2006; DERS., Vilnius. Asmeninė istorija [Vilnius. Eine persönliche Geschichte], Vilnius 2011. A. S. CIECHANOWIECKI, Nieśwież. Międzynarodowy ośrodek kultury na Białorusi (od XVI do XX w.) [Njasviž. Ein internationales Kulturzentrum in Weißrussland (16.– 20. Jahrhundert)], Warszawa 1994. D. BARONAS, Trys Vilniaus kankiniai. Gyvenimas ir istorija [Die drei Wilnaer Märtyrer. Leben und Geschichte], Vilnius 2000. A. LANGER und D. POPP (Hg.), Barocke Sakralarchitektur in Wilna. Verfall und Erneuerung. Fotografien von Kęstutis Stoškus, Marburg 2002. S. LORENTZ, Jan Krzysztof Glaubitz. Architekt wileński XVIII w. Materiały do biografii i twórczości [Johann Christoph Glaubitz. Ein Wilnaer Architekt des 18. Jahrhunderts. Materialien zu Leben und Werk], Warszawa 1937. A. ŠIRMULIS (Hg.), Aušros Vartų Švč. Marijos Gailestingumo Motinos paveikslas [Das Ostra-Brama-Marienbild der Gottesmutter des Erbarmens], Vilnius 1997; R. VITKAUSKIENĖ, Trakų Marijos paveikslo aptaisai [Die Nachahmungen des Trakener Marienbildes], in: R. Butvilaitė (Hg.), Lietuvos Didžiosios Kunigaikštystės barokas: formos, įtakos, kryptys, Vilnius 2001, S. 153–166. Forschungsüberblick bei M. JANOCHA, Ukraińskie i białoruskie ikony świąteczne w dawnej Rzeczypospolitej. Problem kanonu [Ukrainische und weißrussische Festtagsikonen in der Adelsrepublik. Das Problem des Kanons], Warszawa 2001, S. 9–17; A. ALEKSANDRAVIČIŪTĖ (Hg.), Tridento visuotinio bažnyčios susirinkimo (1545–1563)

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įtaka Lietuvos kultūrai. Susirinkimo idėjų suvokimas ir sklaida Vidurio Europos rytuose [Der Einfluss des Konzils von Trient (1545–1563) auf die Kultur Litauens. Rezeption und Verbreitung der Konzilsideen in Ostmitteleuropa], Vilnius 2009. D. FRICK, Wilnianie. Żywoty siedemnastowieczne [Wilnaer. Lebensbilder des 17. Jahrhunderts], Warszawa 2008. M. M. KROM, Mež Rus’ju i Litvoj. Pograničnye zemli v sisteme russko-litovskich otnošenij konca XV – pervoj treti XVI v. [Zwischen der Rus’ und Litauen. Die Grenzgebiete im System russisch-litauischer Beziehungen Ende 15.–1. Drittel 16. Jahrhundert], Moskva ²2010; DERS. ‚Starina‘ kak kategorija srednevekovogo mentaliteta (po materialam Velikogo knjažestva Litovskogo XIV – načala XVII vv.) [‚Starina‘ als Kategorie mittelalterlicher Mentalität (nach Quellen des Großfürstentums Litauen vom 14. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts)], in: Mediaevalia Ucrainica. Mental’nist‘ ta istorija idej, 3 (1994), S. 68–85. M. NIENDORF, Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationsbildung in der Frühen Neuzeit (1569–1795), Wiesbaden ²2010, S. 111. D. WILLOWEIT, Das Litauische Statut von 1529 vor dem Hintergrund der Gesetzgebung und Jurisprudenz seiner Epoche, in: I. Valikonytė und L. Steponavičienė (Hg.), Pirmasis Lietuvos Statutas ir epocha [Das Erste Litauische Statut und seine Zeit], Vilnius 2005, S. 63–83; S. V.VASIL’EV, Pskovskaja Sudnaja gramota i I Litovskij Statut. Opyt sravnitel’nogo issledovanija terminologii zakonodatel’nych pamjatnikov [Der Pskover Gesetzestext und das Erste Litauische Statut. Versuch einer vergleichenden Untersuchung historischer Rechtstermini], Moskva 2011. Wichtige Überlegungen zum Verhältnis von einheimischem Recht und demjenigen der Kiever Rus’ siehe: D. ANTANAVIČIUS und E. SAVIŠČEVAS (Hg.), Žemaitijos žemės privilegijos XV–XVII a. Privilegia terrestria Samogitiensia saec. XV–XVII, Vilnius 2010, Einleitung von E. Saviščevas, S. 7–23, hier S. 20–22. G. BŁASZCZYK, Litwa na przełomie średniowiecza i nowożytności 1492–1569 [Litauen an der Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit 1492–1569], Poznań 2002, S. 171–184; CHR. VON WERDT, Stadt und Gemeindebildung in Ruthenien. Okzidentalisierung der Ukraine und Weißrusslands im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, Wiesbaden 2006. J. BARDACH, Statuty litewskie a prawo rzymskie [Die Litauischen Statute und das römische Recht], Warszawa 1999. NIENDORF, Großfürstentum Litauen, S. 8 f. M. NORTH (Hg.), Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung, Köln-Weimar-Wien 2009. Zu der alten Frage einer eigenständigen, von Polen wie Moskau distinkten „ruthenischen“ Identität und ihrer konfessionellen Grundlage vgl. die Einwände von M. V. DMITRIEV (Hg.), Religioznye i ėtničeskie tradicii v formirovanii nacional’nych identičnostej v Evrope [Religiöse und ethnische Traditionen bei der Formierung nationaler Identitäten in Europa], Moskva 2008, in der Diskussion gegen O. B. Nemeckij (S. 202–204), dessen Begriff ‚mešanina‘ für die komplexe Gemengelage als polnischer Quellenausdruck der Zeit (mieszanina – wörtl. ‚Mischmasch’, Verwirrung’) jedoch seinen ausdrücklichen Beifall fand (S. 203). V. NASEVIČ und M. SPIRIDONAŬ, „Rus’“ u skladze Vjalikaha Knjastva Litoŭskaha ŭ XVI st. [Die ‚Rus’ im System des Großfürstentums Litauen im 16. Jahrhundert], in: Z hlyby vjakoŭ 1 (1996), S. 4–27; [M.] F. SPIRIDONOV, “Litva” i “Rus’” v Belarusi v 16 v.

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[‚Litauen’ und ‚Rus’’ in Weißrussland im 16. Jahrhundert], in: Naš radavod 7 (1996), S. 206–211. H. SAHANOVIČ, Nevjadomaja vajna 1654–1667 [Der unbekannte Krieg 1654–1667], Minsk 1995. B. N. FLORJA, Otraženie religioznych konfliktov meždu protivnikami i priveržencami unii v «massovom soznanii» prostogo naselenija Ukrainy i Belorussii v pervoj polovine XVII v. [Die Widerspiegelung religiöser Konflikte zwischen Gegnern und Anhängern der Union im „Massenbewusstsein“ der einfachen Bevölkerung Weißrusslands und der Ukraine in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts], in: Ders. (Hg.) Brestskaja unija 1596 g. i obščestvenno-političeskaja bor’ba na Ukraine i v Belorussii v konce XVI – načale XVII v., Bd. 2: Brestskaja unija 1596 g. Istoričeskie posledstvija sobytija, Moskva 1996 [1999], S. 59–86; DERS., Les conflits religieux entre adversaires et partisans de l’Union dans la «conscience de masse» du peuple en Ukraine et en Biélorussie (première moitié du XVIIe siècle), in: Dix-septième siècle 55 (2003), S. 431–448; G. SLIESORIŪNAS, Wywiad moskiewski o wydarzeniach w Wielkim Księstwie Litewskim na przełomie wieku XVII i XVIII, in: K. Mikulcki und A. Zielińska-Nowicka (Hg.), Między Zachodem a Wschodem. Etniczne, kulturowe i religijne pogranicza Rzeczypospolitej w XVI–XVIII wiekach, Toruń 2005, S. 106–120. A. MAL’DZIS (Hg.), 480 hod belaruskaha knihadrukavannja [480 Jahre weißrussischer Buchdruck], Minsk 1998. M. NIENDORF, Dmitrij Rostovietis (im Druck). Innovativ weniger durch theoretische Ansätze als durch quellennahe Forschung und interdisziplinäre, bilaterale Kooperation die Buchreihe Krakowsko-Wileńskie Studia Slawistyczne [Krakau-Wilnaer Slavistische Studien], Kraków 1 (1996) ff. M. HELLMANN, Die geschichtliche Bedeutung des Großfürstentums Litauen, in: Saeculum 9 (1958), S. 87–112. N. DAVIES, Europe. A history, Oxford-New York 1996, S. 18; ähnlich auch schon A. M. AMMANN, Abriss der ostslawischen Kirchengeschichte, Wien 1950, S. 214 f.: „ein Gebiet, von dem manche meinen, daß es nicht mehr recht zur klassischen Ostkirche und doch auch wieder nicht zur Westkirche gehöre“. Vgl. T. MAŃKOWSKI. Z refleksji o Wilnie i o baroku polskim [Aus Überlegungen zu Wilna und dem polnischen Barock], Wilno 1914 [Aus: Rocznik Towarzystwa Przyjaciół Nauk w Wilnie 5 (1911/14)], S. 2; T. GARBUS’, Izučenie architektury barokko Belarusi [Die Erforschung der Barockarchitektur Weißrusslands], in: Meno istorija ir kritika 7 (2011), S. 144–153, hier S. 147 f., 150; vorsichtige Bilanz auf Grundlage sowohl der internationalen Theoriedebatte wie der regionalen Forschung auf dem polnischen Kunsthistorikertag 1997 von J. St. KĘBŁOWSKI, Kilka uwag na temat badań tzw. geografii sztuki [Einige Anmerkungen zum Stand der Forschung über eine sogenannte Geographie der Kunst], in: A. J. BARANOWSKI (Hg.), Sztuka pograniczy Rzeczypospolitej w okresie nowożytnym od XVI do XVIII wieku, Warszawa 1996, S. 25–44; allgemein C. WEISSERT (Hg.), Stil in der Kunstgeschichte. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2009. M. NIENDORF, Koexistenz, Konfrontation, Synkretismus: Aspekte des Kulturkontaktes in Heiligenkulten des Großfürstentums Litauen, in: S. Rohdewald, D. Frick und S. Wiederkehr (Hg.), Litauen und Ruthenien. Studien zu einer transkulturellen Kommunikationsregion (15.–18. Jahrhundert)/Lithuania and Ruthenia. Studies of a transcultural communication zone/15th–18th centuries), Wiesbaden 2007, S. 303–330.

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Neben neueren Werken wie von J. Baberowski, H. Kaelble und J. Schriewer (Hg.), Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentation sozialer Ordnung im Wandel, FrankfurtNew York 2008, und H. MÜNKLER, Die Herausforderung durch das Fremde, Berlin 1998, verdient immer noch Beachtung der Versuch einer systemtheoretisch geprägten Modellbildung in der Habilitationsschrift des Religionswissenschaftlers U. BERNER, Untersuchungen zur Verwendung des Synkretismus-Begriffes, Wiesbaden 1982.

LINGUISTISCHER GRENZBEGRIFF UND SPRACHLICHE GRENZEN IM RAUM Stephan Kessler

Es gibt eigentlich keinen speziell linguistischen Grenzbegriff. Wenn in der Linguistik von „Sprachgrenzen“ oder von „Sprachbarrieren“ die Rede ist, so ist evident, dass es sich bei den Begriffen „Grenze“ und „Barriere“ um Abstraktionen handelt. Realiter lassen sich „echte“ sprachliche Grenzen bestenfalls auf Sprachenkarten finden, aber auf diesen sind die eingetragenen Grenzziehungen und -räume ohne Zweifel Darstellungen intellektueller Prozesse. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Dimension des Raumes, zu welcher die gemeinten intellektuellen Prozesse ins Verhältnis gesetzt werden, keine Rolle in der Linguistik spielen würde. Im Gegenteil. Allgemein (d. h. semiotisch) gesehen ist die Dimension des Raumes auf dreierlei Weise in der Sprache und ihrer Wissenschaft relevant:  Räume können Zeichen für etwas sein,  Zeichen selbst sind räumlich und  Zeichensysteme sind geografisch lokalisierbar. Die Linguistik untersucht vor allem letzteren Aspekt. Bei ihm spricht man seit Flydal1 auch von der „Diatopie“ der Sprache: „Dans la perspective diatopique les faits linguistiques se presentment comme des successivités spatiales, dans celle syntopique comme des coexistence spatiales constituent les entiers systématiques que nous avons dénommés structures de langue.“2 Der diatopisch relevante Raum ist dabei ein emischer Raum, dem als etische Größe der geografische Raum gegenübersteht. Es geht der diatopischen Linguistik also um sprachliche Veränderungen im Raum, d. h. um die Variation der Codes im Hinblick auf einen geografischen Raum3; Dialektologie und Sprachgeografie sind die klassischen Zweige diatoper Sprachwissenschaft. Im Kontext der Theoriebildung für das Graduiertenkolleg „Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region“ stellt sich die Frage nach dem Wirklichkeitswert der linguistischen Grenzen und Grenzräume. Je nach disziplinärer Tradition kann man statt vom „Wirklichkeitswert“ auch von der Objektivität der linguistischen Grenzen und Grenzräume bzw. von der Referenz, der Validität oder der sigmatischen Dimension des Begriffs der linguistischen Grenze und des Grenzraumes sprechen. Da es jedoch keinen speziell linguistischen Grenzbegriff gibt, wäre es nicht richtig,

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unberücksichtigt zu lassen, wie die Geisteswissenschaften generell Grenzen und Grenzräume denken und was sie im Gegensatz zu den Natur- und Sozialwissenschaften als Grenzen bezeichnen. Umgekehrt bedeutet, in einem solchen Zusammenhang von den linguistischen Grenzen im Besonderen zu sprechen, nichts anderes, als zugleich einen allgemeinen Beitrag zur Epistemologie der Wissenschaften zu liefern. Dementsprechend möchte ich zuerst allgemeine Überlegungen zum Grenzbegriff anstellen, die sich aus Karl Poppers Wissenschaftsphilosophie ergeben, und dann diese allgemeinen Überlegungen durch Beispiele aus dem Gebiet der Linguistik konkreter ausführen.

1.

Die Grundlagen: Poppers Position

Ein Ausgangspunkt zur Unterscheidung der geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Grundlagen kann Karl Poppers Idee von den drei Welten sein. Sie geht auf Vorträge Poppers zurück, die er z. T. bereits Anfang der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts gehalten hat. Popper behauptet, dass wir in drei Welten leben würden, und charakterisiert diese 1968 wie folgt: „Die Welt 1 ist die physikalische Welt oder die Welt der physikalischen Zustände; die Welt 2 ist die geistige Welt, die Welt unserer psychischen Erlebnisse (Wünsche, Hoffnungen, Gedanken …), die Welt 3 ist die Welt der intelligibilia oder der Ideen im objektiven Sinne; es ist die Welt der möglichen Gegenstände des Denkens: die Welt der Theorien an sich und ihrer logischen Beziehungen; die Welt der gültigen Argumente an sich und der ungültigen Argumente an sich; die Welt der Problemsituationen an sich.“4

Ein Jahr zuvor hatte er geschrieben, dass die Welt 1 „die Welt der physikalischen Gegenstände oder physikalischen Zustände“, die Welt 2 „die Welt der Bewußtseinszustände oder geistigen Zustände oder vielleicht der Verhaltensdispositionen zum Handeln“ und die Welt 3 „die Welt der objektiven Gedankeninhalte, insbesondere der wissenschaftlichen und dichterischen Gedanken und der Kunstwerke“ sei.5 Und zur Welt 3 führte er aus: „Zu den Bewohnern meiner ‚Welt 3‘ gehören (…) theoretische Systeme; aber ebenso wichtig sind Probleme und Problemsituationen. Und ich werde behaupten, daß die wichtigsten Bewohner dieser Welt kritische Argumente sind und das, was man (…) den Stand einer Diskussion oder den Stand einer kritischen Auseinandersetzung nennen kann; und natürlich gehört auch der Inhalt von Zeitschriften, Büchern und Bibliotheken dazu.“6

Linguistischer Grenzbegriff und sprachliche Grenzen im Raum

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Die drei Welten stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Es sei nicht einfach nur so, dass die Inhalte der Welt 3 sprachliche Mittel seien, um in anderen Menschen Zustände hervorzurufen, die denen der eigenen Welt 2 ähnlich sind; es sei nicht einfach nur so, dass „alle diese Dinge“ der Welt 3 „im wesentlichen Symbole für sprachliche Ausdrucksformen von subjektiven psychischen Zuständen oder vielleicht von Verhaltensdispositionen seien“.7 Vielmehr verhalte es sich, erklärt Popper, so: „Die drei Welten hängen so miteinander zusammen, daß die ersten beiden und die letzten beiden miteinander in Wechselwirkung treten können (…) Die Welt 2, die Welt der subjektiven oder persönlichen Erfahrungen, steht (…) mit jeder der beiden anderen in Wechselwirkung. Welt 1 und Welt 3 können nicht aufeinander wirken außer durch das Dazwischentreten der Welt 2, der Welt der subjektiven oder persönlichen Erlebnisse.“8

Aus diesem Ansatz entwickelt Popper verschiedene erkenntnistheoretische Konsequenzen, die an dieser Stelle nur insoweit interessant sind, wie sie Wege eines Zusammengreifens von hochspezialisierten und methodisch diversifizierten Einzeldisziplinen aufzeigen. Diese erkenntnistheoretischen Wege, die die Welten verbinden können, sind für die genauere Entwicklung der Begriffe „Grenze“ und „Grenzraum“ wichtig, weil sich jeder einzelwissenschaftliche Grenzbegriff (und so auch der linguistische) auf einem der Verbindungswege lokalisieren lassen sollte, wenn er mehr als nur eine disziplinäre Ideosynkrasie sein und interdisziplinäre Anerkennung finden möchte. Man kann in den gemeinten Verbindungswegen vier besondere Erkenntnischancen sehen und auf diese Weise vier Momente entdecken, durch die die einzelwissenschaftlichen Grenz- und Grenzraumbegriffe zusammenkommen: 1. Zuordnung und Metasprachlichkeit. Die Einzelwissenschaften suchen sich ihre spezifischen Probleme, Gegenstände und Sachverhalte und bilden zu ihnen Hypothesen (Theorien), die sie dann durch ihre jeweiligen Methoden in erhärtete Modelle und ggf. neue Theorien überführen können. Im Sinne Poppers „bauen“ dadurch alle Wissenschaften an der Welt 3 wie eine Spinne an ihrem Netz;9 diese Welt 3 sei deshalb zwar ein Erzeugnis des Menschen, aber gehe doch über ihn hinaus.10 Wenn auch alle drei Welten miteinander verflochten seien, so doch Welt 2 und 3 besonders eng, denn es sei immer dieselbe Sprache, die in beiden Welten gesprochen werde, und sie muss dazu herhalten, sowohl die jeweilige Welt erlebend zum Ausdruck zu bringen als auch reflektierend über die Sachverhalte dieser Welt zu sprechen. Deshalb ist es ein erster interdisziplinärer Weg, Klarheit darüber zu erlangen, welche Äußerungen, Probleme, Gegenstände und Sachverhalte welche der drei Welten in welchem Maße betreffen und ob es sich um ein erlebendes Ausdrücken oder eine Reflexion handelt. In vielen Fällen kann die Zuordnung evident sein, aber Popper selbst zeigt auf, wie

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polysem Begriffe wie „Denken“, „Wissen“ oder „Verstehen“ sein können, die eine genaue Zuordnung des Gemeinten im Diffusen lassen und deshalb eingehender Analysen bedürfen.11 Kernpunkt der Analyse ist eben auch die Sprache (Begrifflichkeit) der Wissenschaften und ihre Rolle als erlebender Ausdruck oder als Reflexion. Wir haben auf diesem Weg bereits erste Schritte unternommen, indem wir in diesem Beitrag, aber auch in den anderen Beiträgen des vorliegenden Sammelbandes über die Grenzen und Grenzräume, die unsere Einzeldisziplinen behandeln, und über die dazugehörigen Grenzbegriffe in ihrem Bezug zu den drei Welten reflektieren werden. Damit befinden wir uns auf dem Weg, für jede Einzelwissenschaft eine objektive Problemsituation für die Grenzen und die dazugehörigen Grenzbegriffe zu beschreiben. Unter der „objektiven Problemsituation“ versteht Popper einen Gegenstand der Welt 3, der das behandelte Problem, die dazugehörige Theorie (als Lösungsvorschlag des Problems), den spezifisch(er)en theoretischen Rahmen, innerhalb dessen die Theorie verständlich wird bzw. funktionieren kann, und den (weiteren) Hintergrund (Axiome, Theoreme, allgemeine Annahmen, Kontroversen, Richtungen) umfasst.12 2. Erkenntniszuwachs. Popper geht davon aus, dass alle Wissenschaften im Wesentlichen mit Gegenständen der Welt 3 umgehen, sobald sie etwas Vernünftiges über die Welt sagen und etwas von der Welt verstehen wollen.13 Der Erkenntniszuwachs sei nicht dann gegeben, wenn das forschende Subjekt eine zusätzliche Einsicht bekommen hat, sondern dann, wenn die forschende Tätigkeit die Welt 3 bereichere.14 Hier agierten alle Wissenschaften in gleicher Weise, nämlich nach dem Schema: P1 → VT → FE → P2. Und Popper erklärt das Schema wie folgt: „P1 ist hier das Problem, von dem wir ausgehen, VT (die „vorläufige Theorie“) ist die phantasiereiche, vermutete Lösung, auf die wir als erste kommen, z. B. unsere erste vorläufige Interpretation. FE (die „Fehlerelemination“) besteht in einer strengen kritischen Prüfung unserer Vermutung, unserer vorläufigen Deutung: Sie besteht beispielsweise in der kritischen Verwendung von Dokumenten als Beweismaterial; haben wir in diesem frühen Stadium mehrere Vermutungen zur Verfügung, dann besteht die kritische Prüfung auch in einer kritischen Diskussion und vergleichenden Beurteilung der konkurrierenden Vermutungen. P2 ist die Problemsituation, die sich aus unserem ersten kritischen Versuch zur Lösung des Problems ergibt. Sie führt zu einem zweiten Versuch, und so fort. Ein befriedigendes Verstehen ist erreicht, wenn die Interpretation, die vorläufige Theorie, dadurch gestützt wird, daß sie neues Licht auf neue Probleme wirft – auf mehr Probleme, als wir erwartet haben; oder dadurch, daß sie Teilprobleme löst, von denen wir manche zunächst noch gar nicht gesehen hatten.“15

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So einsichtig dieses Erkenntnismodell ist, so schwierig kann es in konkreten Fällen sein, zu bestimmen, was die anfängliche objektive Problemsituation (P1) ist und worin die weiteren Schritte eines wissenschaftlichen Beitrags (VT → FE → P2) bestehen. Von der objektiven Situation P1 „Grenze“ bzw. „Grenzraum“ handelte Punkt 1 dieser Aufzählung: Die Problemsituation jedes einzelwissenschaftlichen Grenzbegriffs ist entsprechend dem Forschungsstand und allen weiteren infrage kommenden Aspekten zu skizzieren und in den drei Welten bzw. auf deren Verbindungswegen zu verorten. Bei Punkt 2 geht es nun darum, in einem ersten Anlauf (Poppers „VT“) zu bestimmen, was genau Grenzen und Grenzräume in der betreffenden Einzelwissenschaft (z. B. in der Linguistik) ausmachen. Die weiteren Schritte (VT → FE → P2) interessieren in einem interdisziplinären Rahmen nicht im Hinblick auf die (wie auch immer kritisierbare) Richtigkeit der einzelwissenschaftlichen Methode, sondern nur im Hinblick auf den erreichbaren Erkenntniszuwachs. Denn die passende Methode wird von den Erfordernissen der Einzelwissenschaften bestimmt (wobei deren korrekte Anwendung natürlich vorausgesetzt wird). Der erreichbare Erkenntniszuwachs sollte jedoch überdisziplinärer Art sein: So hat sich jeder Grenzbegriff die Frage zu stellen, inwieweit er das Spektrum der Wissenschaften durch bestimmte Erkenntnismöglichkeiten bereichert. Im vorliegenden Artikel werden wir also zum Grenzbegriff der Linguistik eine VT vorlegen und die spezifischen Erkenntnismöglichkeiten dieses linguistischen Grenzbegriffs aufzeigen, indem wir ihn im Kreis der Episteme der anderen Wissenschaften verorten. 3. Erkenntnistheorie. Das gern verwendete Bild, interdisziplinäre Zusammenarbeit sei wie die Facetten eines Mosaiks zu legen, suggeriert, dass irgendwann das Bild komplettiert sein wird; dass also der Forschungsgegenstand erforscht sein wird. Ob ein vollkommenes Ergebnis erreicht werden kann, steht allerdings zu bezweifeln, wobei die Ursache der Unvollkommenheit teils der Wissenschaftsbetrieb selbst, teils der Gegenstand der Betrachtung sein kann. In einem interdisziplinären Rahmen sollte man deshalb abschätzen, wo die Grenzen der Erkenntnis für das angegangene Themengebiet liegen und welche Art von Erkenntnissen die Einzeldisziplinen dazu beitragen werden. Popper führt zum Begriff einer solchen Erkenntnistheorie aus: „Die herkömmliche Erkenntnistheorie mit ihrem Schwergewicht auf der Welt 2 oder dem Wissen im subjektiven Sinne ist für die Untersuchung der wissenschaftlichen Erkenntnis irrelevant.“16 Und: „Relevant für die Erkenntnistheorie ist die Untersuchung wissenschaftlicher Probleme und Problemsituationen, wissenschaftlicher Vermutungen ([…] Hypothesen oder Theorien […]), wissenschaftlicher Diskussionen, kritischer Argumente und der Rolle von empirischen Befunden in Argumenten; daher die Untersuchung wissenschaftlicher Zeitschriften und Bücher, von Experimenten und ihrer Beurteilung in wissen-

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Stephan Kessler schaftlichen Diskussionen; kurz, die Untersuchung einer weitgehend autonomen Welt 3 objektiven Wissens ist für die Erkenntnistheorie von entscheidender Bedeutung.“17

Das Untersuchungsziel, das die Einzelwissenschaften transzendiert, wäre also eine themenbezogene Wissenschaftsgeschichte, deren Fokus weniger auf dem Fortschritt der Ereignisse beruht als auf den Leistungen der Denker, um aus diesem Blickwinkel unser Ignoramus et ignorabimus aufzudecken. Auch diesem Aspekt muss sich jeder einzelwissenschaftliche Grenzbegriff stellen. 4. Einflussnahmen. Popper stellt folgende These auf: „Eine objektivistische Erkenntnistheorie, die die Welt 3 untersucht, kann auch ungeheuer viel Licht auf die Welt 2 des subjektiven Bewusstseins werfen helfen, insbesondere auf die subjektiven Denkprozesse von Wissenschaftlern; doch das Umgekehrte gilt nicht.“18 Und: Wir könnten „mehr über das Herstellverhalten lernen, wenn wir die Erzeugnisse selbst untersuchen, als wir über die Erzeugnisse lernen, indem wir das Herstellverhalten untersuchen“.19 Poppers Idee ist es dabei, dass es eine spezifische Erkenntnis gibt, deren Quelle die Welt 3 ist und die für unsere Erkenntnisse von den anderen Welten relevant ist. Popper meint z. B., „daß die Welt 3 weitgehend autonom ist, obwohl wir ständig auf sie einwirken und sie auf uns einwirkt: Sie ist autonom, obwohl sie unser Erzeugnis ist und eine starke Rückwirkung auf uns hat, das heißt, auf uns als Bewohner der Welt 2 und sogar der Welt 1.“20

Chesterman spricht in Übereinstimmung mit Popper von einer „non-deterministic“ oder „plastic control“, die die Welt 3 über die Welt 2 ausübe.21 Die einseitige Richtung der Einflussnahme von Welt 3 auf die anderen beiden hat Popper allerdings später etwas moderater gefasst und wie folgt dargestellt: „Was man die Welt 2 nennen könnte – die Welt des Bewußtseins –, wird auf der Ebene des Menschen mehr und mehr zum Bindeglied zwischen Welt 1 und Welt 3: Alle unsere Handlungen in der Welt 1 werden von unserer Welt-2-Erfassung der Welt 3 beeinflusst.“22

Die spezifischen Einflussnahmen der drei Welten aufeinander sind nur in einem interdisziplinären Rahmen beschreibbar – insbesondere die Beschreibung der Wirkungen, die entstanden sind, weil die Welt 3 in einer spezifischen Weise erfasst wurde. Für die Erforschung von „Borderlands“ und „Shifting Boundaries of Mind and Culture“ wären also gerade Fallbeispiele interessant, die hinsichtlich Grenzen und Grenzräumen die typischen Beziehungen der drei Welten und ihre Wechselwirkungen aufzeigen könnten.

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2.

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Verortung des linguistischen Grenzbegriffs

Um den linguistischen Grenzbegriff in Poppers drei Welten zu verorten, unterscheiden wir zwei Kategorien von Grenzbegriffen (siehe auch grafische Übersicht im Anhang). Ihnen entsprechen zwei Typen von Grenzen. Kategorie A. Physische Grenzbegriffe. Bei dieser Kategorie beziehen sich die Einzelwissenschaften auf dieselbe geografisch-physisch lokalisierbare Grenze oder denselben geografisch-physisch lokalisierbaren Grenzraum.23 Solche Grenzen und Grenzräume haben in der Forschung drei Dimensionen, die recht genau mit den drei Popperschen Welten übereingehen. Nehmen wir z. B. eine Hecke an, die zwei Grundstücke trennt. Für die Welt 1 wäre diese Grenzhecke ein Objekt mit Ausdehnung und biologischen Eigenschaften; es schafft ein Mikroklima und ist Wohnraum für verschiedene Tierarten. Für die Welt 2 rückte z. B. der Befindlichkeitsaspekt der Grundstücksbesitzer in den Vordergrund. Sie könnten mit der Form der Hecke nicht zufrieden sein oder sich lieber einen Zaun wünschen. Ihnen scheint die Hecke außerdem höher zu sein, wenn sie freisteht, als sie ihnen zu sein scheint, wenn sie sich in einem breiteren Grenzsaum befindet, der mit Bäumen und Büschen bepflanzt ist. Man könnte auch fragen, ob die Hecke dazu führt, dass die Grundstücksbesitzer ihre Nachbarn eher auf eine persönliche Abgrenzung hin („Mein Haus ist schöner“) oder eher auf Gemeinsamkeiten hin („Wir sind alle Eigentümer von Häusern“) wahrnehmen. Für die Welt 3 stellten sich etwa die Fragen, ob die Hecke die Grenze gemäß des Katasters richtig bezeichnet; ob es eine regionale Tradition gibt, Grenzen durch Hecken zu markieren; ob es eine Gesetzeslage zu Grenzbepflanzungen gibt; wie die Grundstücksbesitzer an der oder über die Hecke hinweg kommunizieren; welche Grundstücks- und Grenzgeschichte für die Region besteht. Bei einem derartigen Fall, wie ihn das Beispiel der Hecke verkörpert, wären die Einflussnahmen der drei Popperschen Welten aufeinander leicht zu bemerken: Wenn etwa ein Grenzstreit vorliegt – also in der Welt 3 verschiedene Theorien davon, wo die Grenze verlaufen sollte –, dann könnte z. B. gerichtlich festgestellt werden, dass die Hecke nicht korrekt auf der Grenze stehe. Dies hätte in der Welt 1 zur Folge, dass die Grundstücke neu vermessen würden und die Hecke umgesetzt oder entfernt werden müsste. Und in ihrer Welt 2 müssen sich die Grundstücksbesitzer neu arrangieren (schon der Grenzstreit selbst beinhaltete den Aspekt der wechselseitigen Wahrnehmung und Bewertung ihres Verhaltens). Kategorie B. Metaphysische Grenzbegriffe. Bei dieser Kategorie beziehen sich die Wissenschaften nicht auf eine geografisch-physisch lokalisierbare Grenze oder auf einen solchen Grenzraum. Damit ist aber nicht gemeint, dass einfach verschiedenartige Grenzen oder Grenzräume betrachtet würden, aber im Grunde immer Grenzen der Kategorie A – dass also die einen Forscher z. B. Grund-

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stücksgrenzen, andere Forscher nationale Grenzsysteme und wieder andere vielleicht Wasser-Land-Übergänge untersuchten und dass sie hierbei die drei Popperschen Dimensionen in dem oben aufgezeigten Sinne berücksichtigten. Sondern unter Kategorie B wird eine ganz andere Art von Grenze oder Grenzraum verstanden, nämlich soziale, sprachliche, kulturelle, wirtschaftliche oder juristische Grenzen, die nicht notwendigerweise einen „geschlossenen“ geografischen Verlauf nehmen oder ein offensichtliches „physisches“ Erkennungszeichen in der Welt 1 haben. Die sozialen und sprachlichen Grenzen z. B. nimmt man überall hin mit – jedenfalls verlieren sie nach einem Ortswechsel nicht einfach ihre Bedeutung: Ein Hausbesitzer bleibt ein Hausbesitzer, auch wenn er seinen Lebensabend in einer Wohnung auf Mallorca verbringt; ein süddeutscher Dialekt zeichnet einen Menschen auch nach dessen Emigration nach Amerika noch aus. Grenzen, die der Kategorie A entsprechen, sind semiotisch gesehen indexikalische Zeichen: Ihre Zeichen gehören der Welt 1 an (die Heckenpflanzen), aber sie repräsentieren etwas in der Welt 2 und 3 (die Besitzstände bzw. die Trennung derselben). Die Indexikalität der Kategorie-A-Grenzen kann man erweisen: Setzt man eine Grenzhecke an eine andere Stelle der Welt 1, ändert das sofort den Grenzverlauf bzw. die Besitzstände (Welt 2 und 3). Bei den sozialen, sprachlichen, politischen oder kulturellen Grenzen (Kategorie B) ist es anders: Sie sind semiotisch gesehen ikonische Zeichen, sobald sie auf dem Papier zur Darstellung kommen (etwa, wenn sie durch wissenschaftliche Modelle sichtbar gemacht werden). Doch allein von der Darstellung der Kategorie-BGrenzen zu sprechen, griffe zu kurz; im Sinne Poppers wäre sie ein Metaproblem,24 von dem wir als von der Beschreibungsebene im Gegensatz zur Objektebene sprechen wollen. Grenzen, die der Kategorie B entsprechen, können auf der Objektebene genauso gut indexikalische Zeichen sein wie ihre Kategorie-A-Pendants. Anders als Letztere treten die metaphysischen Grenzen nicht in einer räumlich-geografischen Fläche auf: Sie kommen nur in der Welt 2 als Zeichen vor (d. h., sie werden mithilfe eines „Vehikels“ in die Welt 1 gebracht – eben „ausgedrückt“) und sie repräsentieren etwas Objektives in der Welt 3. Zum Beispiel sind sie ein Verhaltenskodex, der von den beteiligten Personen wahrgenommen, gewusst und angewandt wird; „anwenden“ meint hierbei, die entsprechenden Zeichenvehikel zu setzen bzw. zu äußern. Diese Bestimmung der metaphysischen Grenzen hat den Haken, dass zwar individuelles Verhalten (Welt 2) beobachtbar ist oder dass zwar Emanationen der metaphysischen Grenzen (Welt 3, Beschreibungsebene) vorliegen (z. B. durch Benimmbücher, wissenschaftliche Modelle, ethnografische Dokumentationen oder Gesetzeswerke), dass die metaphysischen Grenzen selbst (Welt 3, Objektebene) aber unsichtbar und numinos bleiben. Niemand kann einen Strich zwischen sozialen Gruppen ziehen – und wenn er es könnte (unter bestimmten

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Voraussetzungen wäre eine solche Segregation vorstellbar), dann wäre dieser Strich eine Grenze der Kategorie A. Es war gesagt worden, dass die betroffenen Individuen Grenzen der Kategorie B mithilfe von „Vehikeln“ ausdrücken: Sie markieren ihre sozialen Zugehörigkeitsansprüche durch Statussymbole und Statusverhalten. Zum Beispiel grenzen sie sich25 „inhaltlich“ (etwa über einen bestimmten Musikgeschmack) oder „äußerlich“ durch Verwendung einer bestimmten sprachlichen Varietät von anderen Gruppen ab. So zielen sie eben nicht „direkt“ auf ein Welt-3Objekt „Kategorie-B-Grenze“, sondern die verwendeten Marker zeigen die Existenz bestimmter metaphysischer Grenzen nur „indirekt“ an; sie haben in etwa den Status, den Symptome in Bezug auf eine Krankheit haben. In „direkter“ Weise äußern die gemeinten Marker nur gewisse individuelle Ansprüche26 (Welt 2), die vor dem Hintergrund einer bestehenden sozialen, kulturellen, sprachlichen usw. Gliederung oder Ordnung produziert werden. Die Marker können eben – wie alle Zeichen – in der Welt 1 manifest sein. Wenn man sich z. B. einen Platz in einem Auditorium sichern will, dann kann man auf einem freien Stuhl etwas Persönliches hinterlassen (seinen Mantel oder eine Tasche). Der persönliche Gegenstand verweist auf uns, aber er ist im situativen Kontext des sich füllenden Auditoriums zugleich ein Marker für unseren räumlichen Besitzanspruch, der allerdings nur dann verstanden und beachtet werden wird, wenn die entsprechende metaphysische Grenze in den Köpfen aller Beteiligten existiert und akzeptiert wird. Diese Generalisierungsbedingung zeigt die Objektivität der Grenzen der Kategorie B und ihre Zugehörigkeit zur Popperschen Welt 3; eine Kategorie-B-Grenze ist mehr oder weniger eine gültige Regel. Mit dieser Definition stoßen wir auf eine Schwierigkeit, die bereits Wittgenstein gesehen hatte: Eine Regel wird immer nur an endlich vielen Beispielen gelernt oder explizierbar, soll aber letztlich auf unendlich viele Fälle anwendbar sein; die Regel legt das durch sie bestimmte Muster nicht wirklich fest, sondern lässt andere Möglichkeiten offen, die die Regel nicht fortsetzen.27 Wittgenstein löst das Problem so, dass er meint, die Möglichkeit, von der Regel abzuweichen, bedeute nicht, dass diese Möglichkeit ausgeschöpft oder wir uns gar zwischen Optionen entscheiden würden.28 „Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel blind.“29 Ein möglicher Zweifel des Regelbefolgenden bleibt eine hypothetische Situation: „Es war unter Umständen ein Zweifel möglich. Aber das sagt nicht, dass ich gezweifelt habe oder auch nur zweifeln konnte.“30 Man kann es auch so sagen, dass man nicht erwarten darf, dass die Regel und das aus ihr abzuleitende Verhalten zu 100 Prozent immer und überall erfüllt werden; aber man darf erwarten, dass alle Abweichungen zu einer signifikanten Wahrnehmung führen – dass sie eine Diskussion begründen, dass sie eine Rechtfertigung beigestellt bekommen oder dass sie wenigstens zu Bemerkungen und Kommentaren führen.

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Die folgende Tabelle 1 soll zur zusammenfassenden Orientierung dienen. Metaphysische Grenzen können von der Welt 3 und von der Welt 2 aus betrachtet werden. Aus der Sicht der Welt 3 bestehen sie aus einer Reihe objektiver Merkmale. Diese Betrachtungsweise ermöglicht die Formulierung von Regeln, Gesetzen, Systemen und Kompetenzen. Aus der Sicht der Welt 2 bestehen metaphysische Grenzen in der subjektiven Wahrnehmung und Wertung der objektiven Merkmale. Diese Betrachtungsweise ist immer dann besonders relevant, wenn konkrete Problemlösungen (etwa bei Vorliegen von sozialen Konflikten) entwickelt werden sollen. Tabelle 1: Übersicht über die Begriffe Grenzbegriffe Grenztyp

Grenzen, die der Kategorie A entsprechen

Grenzen, die der Kategorie B entsprechen  Objektebene

Marker für 

 Beschreibungsebene

Poppers Welten

Welt 1: dieselbe physische Grenze, derselbe geografische Grenzraum

Welt 3

Welt 1 und 2 (physisch bzw. sensuell, aber nicht geografisch)

Welt 1

Zeichen ist …

Gegenstand am Ort der Grenze, auf der Grenze

Zeichentyp indexikalisch (Zeichen repräsentiert Welt 2 oder 3) Bezeichnetes

Lage, Zugehörigkeit, Rechte u. Ä. m.



Gegenstand oder Modell von  Sachverhalt als (z. B. Kartierung) Symptom von 



indexikalisch (Marker repräsentiert )

ikonisch (isomorph zur Verbreitung des Markers)

Verhalten

Marker (kommt zur Darstellung)

Regel

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3.

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Grenzen als Regeln und Isoglossen

Weil die Kategorie-B-Grenzen zur Popperschen Welt 3 gehören und weil das, was auf der Beschreibungsebene zu diesen Grenzen dargestellt wird, ein Pendant auf der Objektebene haben muss (denn sonst wären die Beschreibungen eine Fiktion), ist eine nähere erkenntnistheoretische Klärung der metaphysischen Objekte, die wir als Kategorie-B-Grenzen und -Grenzräume begreifen bzw. beschreiben, notwendig. Wir halten dafür, dass diese Grenzen und Grenzräume den Status von Regeländerungen haben bzw. die Topografie dieser Regeländerungen bedeuten. Anders ausgedrückt: Es trennen metaphysische Grenzen zwei Räume, in denen verschiedene Regeln gelten, die man aufgrund ihrer gemeinsamen Gestalt, ihrer gemeinsamen Gesetzmäßigkeit oder ihres gemeinsamen Prozesses dennoch in Zusammenhang bringen würde. Der Regelcharakter der Kategorie-B-Grenzen ist auf der Beschreibungsebene offensichtlich, insofern es die Linguistik betrifft. Isoglossen z. B. sind sichtbar gemachte Verläufe einer unterschiedlichen Behandlung sich entsprechender sprachlicher Merkmale. Isoglossen werden auf dem Papier derart durch einen geografischen Raum gezogen, dass sie den Raum in zwei Gebiete trennen, in denen realiter unterschiedliche sprachliche Regeln gelten, denen die Mehrheit der individuellen Sprecher folgt.31 Es sind zwar Individuen, die den Regeln folgen, aber sie folgen ihnen nicht individuell; es geht um die Existenz von objektiven sprachlichen Varietäten (Generalisierungsaspekt). Abbildung 1 auf der nächsten Seite zeigt eine solche Beschreibung für eine kleine Region in Litauen, und zwar für die kaunasser Mundarten des westlichen Oberlitauischen (Vakarų aukštaičiai kauniškiai). In der Abbildung ist der betreffende geografische Raum grau unterlegt. Des einfacheren Verständnisses wegen werden bei einer solchen Arbeit nur bestimmte sprachliche Merkmale berücksichtigt, nämlich die charakteristischen, wesentlichen; deshalb sind in der Karte nur bestimmte Isoglossen eingetragen. Die verschiedenen Strichelungen der Karte beschreiben auf diese Weise die objektiven Kategorie-B-Grenzen, wie sie zu einer real erlebbaren Binnengliederung des oberlitauischen Dialektgebiets führen.

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Abbildung 1: Binnengliederung des oberlitauischen Dialektgebiets32

Links und rechts der in Abbildung 1 dargestellten sprachlichen Binnengrenzen (Isoglossen) gelten unterschiedliche Regeln im Gebrauch eines bestimmten sprachlichen Merkmals (jede Isoglosse betrifft genau eines). Im vorliegenden Fall sind diese Regeln mithilfe von Feldforschungen und experimenteller Phonetik erhoben worden, indem vor Ort übliche Sprechweisen aufgezeichnet und analysiert wurden. Auf diese Weise zeichnet sich ein Mehrheitsbild bezüglich einer typischen Verwendungsweise des Litauischen für ein bestimmtes geografisches Gebiet ab. Es ist klar, dass man nicht ausschließlich die bezeichneten Regeln bzw. sprachlichen Merkmale finden würde, wenn man sich realiter in das ausgewählte Areal begäbe. Vielmehr würde man dort auch auf Sprecher treffen, deren Litauisch durch sprachliche Individualität, Migration oder andere Faktoren anderen Regeln bzw. Merkmalen folgte. Nicht zuletzt wäre es möglich, dass man auch auf eine nicht Litauisch sprechende Bevölkerungsgruppe träfe, denn auch zu deren Vorkommen macht die Karte keine Aussage.33 Mögliche, akzidentielle Abweichungen von der Regel sollten nicht von den sprachlichen Übereinstimmungen ablenken, die durch die Beschreibung, die die Karte von den sprachlichen Grenzen in jenem Landstrich Litauens gibt, sichtbar werden. Diese Übereinstimmungen sind Objekte in der Welt 3, denn sie sind objektiv vorhanden. Zugleich erkennen sich die Menschen an ihnen bzw. erkennen ihre Herkunft an ihnen, aber nicht als ein bestimmtes Subjekt, son-

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dern in ihrem Anspruch (Welt 2) auf Zugehörigkeit zu einer bestimmten Region bzw. sozialen Gruppe. Dieser setzt erkenntnistheoretisch den objektiven Geltungsanspruch (Welt 3) der jeweiligen sprachlichen Regeln voraus. Damit ist noch nichts über die unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmungen der objektiven Grenzen und ihrer Merkmale gesagt. Wie aus den Sozialwissenschaften bekannt, muss man die vermeintlichen von den tatsächlichen Unterschieden trennen, d. h. es geht einerseits um die in Gruppen objektiv geltenden Regeln (Welt 3) und andererseits um die allseitige bzw. gegenseitige Wahrnehmung dieser Regeln (Welt 2), die „verzerrt“ ausfallen kann. So hat man z. B. in bestimmten lettischen Kreisen diskutiert, ob man nicht wieder einen speziellen R-Laut einführen könnte, der durch die Sprachgeschichte verloren gegangen ist, nämlich das palatalisierte R (in der Schrift bezeichnet durch „ŗ“).34 Die Durchsetzung dieser Idee hätte, wenn sie geschehen wäre, die lettische Sprachgemeinschaft in eine „akademische“ (die die neue Regel leicht erlernt hätte) und eine „alltägliche“ (die an einer gewissen Inkonsequenz im Gebrauch aufgefallen wäre) geteilt. Dadurch hätte die Einführung zwei Aspekte gehabt, die uns hier näher interessieren. Wenn etwa akademische lettische Sprecher den ŗ-Laut übereinstimmend artikulieren würden, dann wäre das der Beweis der Geltung einer entsprechenden sprachlichen Regel für diese „akademische Gruppe“ und ein objektives Welt-3-Merkmal der sozialen (Selbst-)Zuordnung der Sprecher. In unserem Sinne wäre eine sprachliche Grenze zwischen verschiedenen Sprechergruppen gezogen worden, die im Sinne einer sozialen Barriere fungieren könnte. Der andere Aspekt – und er gehört zur Welt 2 – beträfe das sprachreflexive Bewusstsein und somit die Frage, wie die Sprecher den gruppentypischen, aber grenzensetzenden Gebrauch des „neuen“ ŗ-Lautes interpretieren bzw. legitimieren würden. Die tatsächliche Diskussion um die Einführung des Lautes zeigt, dass es ein Verlustszenario ist, mit dem man das Gegenwartslettische unterlegt, um dessen lautliche Vervollkommnung zu rechtfertigen, und dass die Restitution des Lautes auch im Bewusstsein eines Ausgleiches für erlittenes historisches Unrecht vorgenommen würde, insofern das „ŗ“ mit den (vermeintlich) guten alten Zeiten der ersten lettischen Republik assoziiert wird.35

4.

Topikale und atopikale metaphysische Grenzen

Eine Schwierigkeit der metaphysischen Grenzen stellen die Möglichkeiten (oder Unmöglichkeiten) ihrer geografischen Fixierung dar.36 Mundartengrenzen, d. h. durch Isoglossen auf Landkarten beschreibbare Geltungsbereiche sprachlicher Regeln, auf die sich die Sprecher zum Ausdruck ihrer sozialen Zugehörigkeit beziehen können, bilden nur einen Fall geografischer Fixierung metaphysischer Grenzen. Wir nennen ihn topikal. Denn die Kategorie-B-Grenze (Objektebene)

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bedingt hier eine Verteilung im geografischen Raum bzw. definiert einen Raum als einen, in dem bestimmte Regeln gelten. In diesem Raum ist, wie oben erläutert, die Geltung der jeweiligen Regeln aus entsprechenden Markern zu folgern, die im definierten Raum in hinreichender Weise auftreten. Die Marker topikaler metaphysischer Grenzen nenne ich Grenzerscheinungen. „Erscheinungen“, weil sie Ausdruck (Realisation, Existenzform) der Regel und ihrer Geltung selbst sind, mithin Folge der Anwendung der Regel; durch sie kommt die Regel zur Erscheinung wie Symptome eine Krankheit zur Erscheinung bringen. Außer in sprachlicher Varianz können Grenzerscheinungen auch in Gebräuchen, Sitten, Meinungen oder in der Verschiedenheit der religiösen Glaubenspraxis auftreten (um nur einige Alternativen zu nennen). Eine diatope Dimension besitzen somit auch alle Forschungen zu Übersetzungen, zur interkulturellen Kommunikation, zu kulturellen Spezifika und Differenzen, zur literarischen Motivforschung und zur literaturwissenschaftlichen Komparatistik. Ist der Geltungsbereich der Regel nicht mehr geografisch abbildbar, wollen wir von atopikalen metaphysischen Grenzen sprechen und die Marker dieser Art Grenzen sollen Grenzziehungen heißen. Bei ihnen geht es um eine rein kategoriale Zuordnung und um die Akzeptanz entsprechender Kategorien, und zwar in der Hauptsache bei Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Gruppen, Kulten oder politischen Lagern. Deshalb verlangen Grenzziehungen keine Ausbreitung im physischen oder geografischen Raum bzw. sie ermöglichen keine derartige Darstellung. Was sie definiert, ist eine soziale Hierarchie, ein „innerer“ Zusammenhalt, eine gemeinsame grundlegende Bedeutung oder Sinnstiftung, aber genauso gut eine Ausdifferenzierung oder Binnengliederung, die vor einem Hintergrund eines unhinterfragbaren Horizonts des Verstehens oder Erkennens vorgenommen wird.37 Grenzziehungen bewirken, dass das, was „außerhalb“ der Grenze liegt, als irrelevant, unverständlich oder fremd wahrgenommen wird. Hierzu ein Beispiel aus der litauischen Mediengeschichte.38 Es geht um die Zeitschrift Auszra, die von 1883 bis 1886 erschien. Für die Litauer in Ostpreußen gab es zum Zeitpunkt des erstmaligen Erscheinens der Auszra bereits litauische Zeitschriften, so z. B. den Keleiwis iß Karalaučiaus (Königsberg 1849– 1880) oder die Lietuwißka Ceitunga (Memel 1878–1939). Was fehlte, war eine Zeitschrift für die Litauer in den drei litauischen Gouvernements Russlands. Denn aufgrund von Zensur und des Verbots, in lateinischen Lettern zu drucken, war dort eine derartige „Presse“ noch nicht entstanden. Die Zeitschrift Auszra bediente diese Zielgruppe. An dieser Stelle geht es mir um eine Entwicklung, die in den 1880ern sichtbar wird: um die Genese des Nationalen als Kategorie des Denkens und der Gruppenzugehörigkeit. Hier ist die Auszra nur ein Exponent in einer Entwicklung, die in verschiedenen Territorien bzw. Gruppen Europas parallel lief. Die Tatsache des Erscheinens der Auszra war für eine nationalpatriotische litauische Gruppe, die wir in ihrer Gesamtheit allerdings nicht genau kennen, ein symbolischer Akt. Die Zeitschrift fügte diese

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Gruppe stärker zusammen; die, die es betraf, konnten sich durch sie als Gleichgesinnte entdecken. Die Auszra eröffnete auch eine Möglichkeit, die politischen Ansichten der Gruppe zu verbreiten. Das bedeutete vor allem, einen Platz in einem politischen Spektrum einzunehmen. Aber der symbolische Akt bestand nicht nur in der Tatsache des Erscheinens der Zeitschrift. Ihn bestimmten zwei weitere Aspekte, die öffentlich Grenzen setzten, wo vorher noch keine gesetzt worden waren, und zwar dadurch, dass man eine zweifach wirkende Sprachbarriere nutzte: (1.) Die Verwendung von Litauisch generaliter und (2.) die Verwendung eines bestimmten Litauisch. Die Verwendung von Litauisch in einer Zeitschrift und im Kontrast zu anderen Sprachen, die in Russland bzw. Polen gesprochen wurden, bedeutete, eine eigene Öffentlichkeit zu schaffen, die keine russische, jüdische, deutsche, polnische etc. war. Das ist ohne Zweifel als „weiches“ Moment zu verstehen, insofern viele Menschen bi- oder trilingual gewesen sein dürften. Es ist aber ebenso ein „hartes“ Moment, als eine solche Öffentlichkeit blind machte für das, was außerhalb ihrer lag; die Rezeption dessen, was außerhalb lag, war in die Hände der Redakteure gelegt, und damit in seinen Geltungsansprüchen nicht mehr objektivierbar und diskutierbar. Wer keine sprachlichen Möglichkeiten hatte, die Meinungen „der anderen Seite“ kennenzulernen, rezipierte sie zwangsläufig nur einseitig durch den kommentierenden Mund der Auszra. Die Verwendung eines bestimmten Litauischen im Kontrast zu anderen diastratischen Varietäten des Litauischen war eine weitere Grenzziehung der Auszra: Auch andere Bevölkerungsteile, nicht nur die nationalpatriotische Zielgruppe der Zeitschrift, gebrauchten Litauisch. Aber man erachtete dieses Litauisch der High Society aus Administration, Adel, Kirche und anderen gelehrten Gruppen als durch fremde, entlehnte Worte, Formen und Strukturen beschädigt. Die Oberschichtvarietäten waren auch funktional eine Besonderheit, sodass ihre Ausdrücke und Ausdrucksweisen religiös, adelig oder akademisch konnotiert waren. Die Auszra wollte hingegen ein „unbeeinflusstes“ und „authentisches“ Litauisch durchsetzen, das einen holistisch funktionalen Spielraum haben und durch die soziale Implikation ‚Unterschicht‘ markiert sein sollte. Wenn die topikalen metaphysischen Grenzen bzw. der Raum, den die betreffenden Regeln einnehmen, durch die Verbreitung der zu ihnen gehörenden Grenzerscheinungen bezeichnet ist und somit ihre weitere Ausbreitung mit einer Expansion der Grenzerscheinungen im Raum gleichgesetzt werden kann, dann ist die Ver- oder Ausbreitung der atopikalen metaphysischen Grenzen bzw. des intellektuellen Geltungsbereichs, in dem die betreffenden Regeln angewandt werden, nicht auf demselben Wege feststellbar. Die atopikalen Grenzen äußern sich nur insofern im Verhalten der Menschen, wie in diesem von einem Beobachter überindividuelle soziale, kulturelle, sprachliche usw. Regeln (Generalisierungsaspekt) aufgespürt werden können. Dies kann durch Beobachtung

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eruiert werden, aber, wie Popper bereits bemerkte,39 ebenso an den Ergebnissen oder Produkten des Handelns abgelesen werden. Was die beobachtbaren oder bereits beobachteten Zeiten betrifft, gibt es zum Bereich der Grenzziehungen eine weitgefächerte sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung, die an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden braucht. Für die historischen Verhältnisse können Grenzziehungen nicht mehr durch Beobachtung festgestellt werden, sondern müssen aus verschiedenen Quellen anhand der auf uns gekommenen „Ergebnisse oder Produkte des Handelns“ rekonstruiert werden: Beschreibungen von sprachlichem und anderem Verhalten (z. B. in Grammatiken), Berichte von ungeschriebenen Gesetzen und anderen gruppenbezogenen Normen (z. B. in Chroniken oder Poetiken), Geschichtsschreibungen (z. B. in Viten) oder Aufzeichnungen zu Traditionen (z. B. in Krönungs- oder Reiseberichten), um nur einige, sprachwissenschaftlich gehaltene Möglichkeiten zu nennen. Der Natur der Überlieferungsgeschichte solcher Quellen nach müssen die rekonstruierten Beschreibungen von Grenzziehungen oft Annäherungen bleiben. Denn die Relation zwischen der individuellen Leistung, die überliefert ist, und dem Regelrahmen, innerhalb dessen die Leistung entstand und der nicht als solcher überliefert wird, ist in vielen Fällen unscharf. Außerdem können Rekonstruktionen maximaliter nur soweit gehen, dass sie alle bekannten historischen Fälle der Leistung, die im Zentrum der Rekonstruktion steht, berücksichtigen. Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass historische Zeugnisse nicht notwendig Denotationen des Faktischen (also Beschreibungen objektiver Verhältnisse, Welt 3) sind, sondern dass sie die subjektive Wahrnehmung und Handhabung der Regeln ihrer Zeit durch die Autoren (Welt 2) beinhalten. Alte Grammatiken und Poetiken z. B. sind keine Aufzeichnungen von bestehenden gesellschaftlichen Normen im modernen Sinne, sondern wollten selbst Normen setzen. So sind u. U. einzelne Aussagen in ihnen, die etwa die Kasus oder bestimmte Gattungen betreffen, nicht zu einer Rekonstruktion von historischen Grenzziehungen geeignet. Die Behandlung und Nicht-Behandlung bestimmter Themen oder Aspekte sowie die Rechtfertigung des Ersteren oder Letzteren können aber wiederum für eine Beschreibung historischer Zustände bedeutsam werden.

5.

Die Entwicklung der Grenzräume

An die Frage, was Grenzräume seien, ist unterschiedlich heranzugehen, und zwar in Abhängigkeit davon, ob man von den topikalen oder den atopikalen metaphysischen Grenzen spricht (siehe auch grafische Übersicht im Anhang). Bezüglich der topikalen Grenzen ist ein Grenzraum genau dann die Überschneidungssituation (overlap) zweier Regeln, wenn auch zwei Räume existieren, in denen jede Regel ohne die jeweils andere auftritt. Eine solche Überschnei-

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dungssituation ist erkennbar an dem gleichzeitigen Auftreten von Grenzerscheinungen, die der einen wie der anderen Regel zugehören, wobei diese Erscheinungen in dieselbe Kategorie fallen müssen. Wenn sich zum Beispiel zwei litauische Dialektgebiete dadurch unterscheiden, dass die Nominativ-PluralEndung -ai entweder eine Veränderung des vorausgehenden Konsonanten erfordert oder keine Veränderung erfordert (Oberlitauisch mit Veränderung: žodžiai; Niederlitauisch ohne: žodai), dann wäre ein Grenzraum dort, wo ein Gebiet existierte, in dem die Sprecher beide Regeln (beide Formen des Nom. Pl.) nebeneinander und ad libitum gebrauchten. Das Entstehen eines topikalen Grenzraumes kann abgebildet werden, indem die direktionale Ausbreitung einer der beiden Grenzerscheinungen im Raum nachgezeichnet wird. Zum Beispiel wurde die räumliche „Wanderung“ von lautlichen Merkmalen, wie sie heute durch Isoglossenkarten in einer Art Momentaufnahme dargestellt werden, schon 1872 von Schmidt durch die sogenannte Wellentheorie modelliert (erneuert 1908 durch Meillet).40 Schmidt fand heraus, dass sich Lautveränderungen von einem zentralen Punkt aus wellenförmig über einen geografischen Raum hin verbreiten; ebenso wie bei den Wellen, deren Amplitude um so geringer wird, je weiter sie sich von ihrem Ausgangspunkt entfernen, schwächen sich auch die Lautveränderungen bei ihrer Wanderung durch den Raum ab. Dieses „Abschwächen“ bedeutet nichts anderes, als dass die betreffenden Grenzerscheinungen gegenüber den „Urformen“, die sie in ihren Ausgangsgebieten gehabt haben, eine graduelle Verwandlung erfahren;41 Koch schlug hierzu vor, das Element oder die Einheit, das bzw. die weitergegeben wird (und dabei einer Variation unterliegen kann), Diataxum zu nennen.42 Die Schwierigkeit liegt auf der Beschreibungsebene ohne Zweifel darin, eine adäquate Beweis- oder Nachweisführung des Zusammenhangs der Diataxa (also von Urund Grenzraumformen) zu liefern. Die räumlich bedingte Differenz der Codes muss dabei in Bezug auf das strukturell Gleiche betrachtet werden: Optimalerweise sollten sich die „wandernden“ Grenzerscheinungen in jeweils nur einem distinktiven Merkmal von ihren direkten Vorformen unterscheiden. Diese logische Bedingung hat aber zur Folge, dass entweder ein „gestaffelter“ Grenzraum darzustellen ist oder wenigstens mehrere Grenzräume hintereinander modelliert werden müssen. Dazu gebe ich ein schematisiertes Beispiel in Tabelle 2. Vom Ursprungsgebiet der Veränderung aus gesehen, als das hier die Region mit dem „extremsten“ und „ubiquitärsten“ Lautwechsel angesetzt wurde (Spalte 0), finden sich sechs weitere Sprachgebiete (Spalten 1–6), in denen in derselben Lautumgebung (/t/ + vorderer Vokal – d. i. also die Regel der Veränderung) vergleichbare Konsequenzen (d. s. also die Grenzerscheinungen) beobachtet werden können; vergleichbar, weil jede Grenzerscheinung sich in nur einem Merkmal (in Tabelle 2 jeweils fett ausgezeichnet) von ihrem vorausgehenden Pendant unterscheidet. Linguistisch gesehen wird somit jedes Sprachgebiet durch eine entsprechende

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Isoglosse begrenzt (z. B. Gebiet 2 durch die Reichweite derjenigen Isoglosse im Raum, die durch die Regel der Veränderung angegeben wird). Realiter unterscheiden sich verschiedene Sprachgebiete natürlich meistens durch mehr als eine Isoglosse. Zum Beispiel kann der Unterschied zwischen Ober- und Niederdeutsch im Sinne des schematisierten Beispiels dadurch beschrieben werden, dass man sagt, dass von Süddeutschland her bestimmte Isoglossen (die sog. Zweite Germanische Lautverschiebung) durch den damaligen Sprachraum gen Norden gezogen sind, dass aber diese Veränderungsbewegung an einer bestimmten Stelle im Land „verebbte“ (nämlich dort, wo dann die Grenze zwischen Ober- und Niederdeutsch entstand). Tabelle 2: Die Herausbildung topikaler Grenzräume am Beispiel von Lautveränderungen Distanz Diataxum: /t/ + vorderer Vokal Merkmale des Diataxum, bezogen auf die Grenzerscheinung

0 1 2 3 Grenzerscheinung: Grenzerscheinung: Grenzerscheinung: Grenzerscheinung: /č j/ /č/ /š / /šč j/

Distanz Diataxum: /t/ + vorderer Vokal Merkmale des Diataxum, bezogen auf die Grenzerscheinung

4 5 6 7 Grenzerscheinung: Grenzerscheinung: Grenzerscheinung: keine Verände/s/ /s/ /s/ rung

1. Geminatio 2. /t/ erhalten 3. alveolar 4. palatalisiert 5. vor /i, e/ 6. alle Positionen

1. ― 2. ― 3. ― 4. ― 5. vor /i, e/ 6. alle Positionen

1. ― 2. /t/ erhalten 3. alveolar 4. palatalisiert 5. vor /i, e/ 6. alle Positionen

1. ― 2. ― 3. ― 4. ― 5. nur vor /i/ 6. alle Positionen

1. ― 2. /t/ erhalten 3. alveolar 4. ― 5. vor /i, e/ 6. alle Positionen

1. ― 2. ― 3. ― 4. ― 5. nur vor /i/ 6. nur i. d. Endung

1. ― 2. ― 3. alveolar 4. ― 5. vor /i, e/ 6. alle Positionen

1. ― 2. ― 3. ― 4. ― 5. ― 6. ―

Die Regeln und Marker, die zu bestehenden Verhältnissen hinzutreten oder an ihnen verloren gehen und die auf diese Weise bestimmte Räume zu Grenzräumen werden lassen, führen in den Individuen eine Art Eigenleben in dem Sinne, dass etwa Sprecher, die z. B. einer Regel, wie sie in der Spalte „Distanz 2“ von

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Tabelle 2 beschrieben ist, sich nicht unbedingt als zu einem Grenzraum zugehörig sehen würden, dessen Bezugspunkt die in der Spalte „Distanz 0“ charakterisierte Quelle wäre.43 Oder anders gesagt: Jedes der acht Sprachgebiete (als welche die Distanzen 0–7 gelten müssen) würde sich gerne als eigenständige, zentrale Einheit begreifen; Grenzerscheinungen und Grenzziehungen gingen schnell Hand in Hand. Für topikale Grenzräume ist ohne Zweifel ein bestimmtes Peripherie-Zentrum-Verhältnis charakteristisch, aber Wissenschaftler und Betroffene haben u. U. eine ganz eigene Auffassung von dem, wo das Zentrum der Veränderungen liegt oder wer zur Peripherie gehört. Die Sprecher einer Sprache erachten eher sich selbst als das Zentrum – selbst dann, wenn man sie wissenschaftlich überzeugend zu Dialekten degradiert hat: Dann wird eben politisch oder sozial aufbegehrt, die Standardsprache als „fremd“ oder „kalt“ diffamiert und dem eigenen Dialekt breitere Beachtung geschenkt. Da die Isoglossen auf einer synchronen Beschreibungsweise beruhen, spiegeln sie die diachron entstandenen Grenzräume – sprich Sprachgebiete – auf eine „zeitlose“ räumliche Ebene. Diachron gesehen mag man es so beschreiben, dass bestimmte Sprachen (z. B. Polnisch, Tschechisch und Russisch) genetisch verwandt sind und dass die Unterschiede zwischen ihnen aus ihrer unterschiedlichen Sprachgeschichte resultieren; im synchronen Blick sind sie durch bestimmte Isoglossen geschieden und befinden sich „nur“ auf einer graduellen Position zwischen einem Gebiet maximaler Veränderung und einem Gebiet ohne Veränderung (wie es Tabelle 2 idealisiert veranschaulicht). Doch keine selbstbewusste Sprache würde das so sehen; niemand würde gerne das „Opfer“ einer sprachlichen Welle sein wollen, die von irgendwoher durch das Land zog wie ein unaufhaltsamer Tsunami. Und das vielleicht nicht ganz zu Unrecht, wie gleich noch zu erläutern ist. In der Wissenschaft kann ein sprachlicher Gesamtraum in Betracht gezogen werden. Von ihm aus gesehen werden die Grenzräume (in Tabelle 2 die Spalten 1–6) typischerweise als Peripherie gedacht und die „maximale“ Variante (in Spalte 0) als Zentrum bzw. Ausgangspunkt der Veränderung. Der Raum ohne Veränderung (Spalte 7) ist dann „das Andere“. Doch oft ist auch in der Wissenschaft eine derart umfassende Untersuchung praktischerseits nicht möglich oder theoretischerseits nicht bedacht, und die Forscher beschäftigen sich nur mit einer kleineren Region (was in Tabelle 2 der ausschließlichen Beachtung von z. B. Spalten 3–5 entspräche). Oder die ins Auge gefasste Untersuchung ist sinnvollerweise eine kontrastive, vergleichende Arbeit zu zwei aneinandergrenzenden Nationen oder Kulturen (dieser Sicht entspräche in Tabelle 2 die Beachtung von gerade nur zwei aufeinanderfolgenden Spalten). Dann stellt sich auch in der Wissenschaft das Peripherie-Zentrum-Verhältnis anders dar: Jede Distanz plus eins oder minus eins (gemessen an den Spalten von Tabelle 2) erscheint „automatisch“ als Peripherie eines bestimmten anderen Gebietes (einer bestimmten Tabellenspalte), wenn dieses zum Zentrum der Betrachtung

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erhoben wurde. Es ist anzunehmen, dass in solchen Fällen die Bestimmung dessen, was das Zentrum ist, aus grenzerscheinungsexternen, also z. B. atopikalen oder sozialgeografischen Gründen erfolgt ist. Die Peripherie-ZentrumProblematik wird je nach Wissenschaftstradition oder behandeltem Problem oft auch durch die Begriffe „Hybride“ oder „hybride Kultur(form)en“ beschrieben. Im Begriff der Hybridizität steckt jedoch die eben erläuterte Relation: Die hybride (Kultur)form ist immer genau einen Schritt von dem entfernt, was als Zentrum bzw. Normalform angesetzt wurde. Mit der Wanderung der Diataxa (der Geltungsbereiche von Regeln) wandern auch die Räume, in denen neuaufgekommene und alte, bestehende Regeln für eine Zeit nebeneinandergelten, bis sich die Neuerung durchsetzt (ggf. bis auf signifikante Ausnahmen). Dieses vorübergehende Nebeneinander ist ein wichtiger Moment, denn wir sehen in ihm den Grund, warum eine einmal entstandene, novatorische Regel ihre Wanderung von ihrem Ursprungszentrum fort nicht ohne graduelle Mutation, ohne qualitative Veränderung vollzieht. Isoglossen, die sich über einen Raum ausbreiten, schieben sich nicht etwa durch die bestehenden sprachlichen Verhältnisse wie ein Schnitt (auch wenn grafische Darstellungen das suggerieren), sondern ihre Wanderung vollzieht sich als Graubereich (z. B. als Allomorphie oder komplementäre Distribution). Und erst die wissenschaftliche Momentaufnahme (wie sie z. B. eine Dialektkarte bringt) zeigt in Schwarz-Weiß, wo eine sprachliche Grenze anzusetzen ist. Irgendwann erlahmt die Wanderung der Regel durch den Raum in ihren jeweiligen spezifischen, abgestuften Qualitäten; die Meter für Meter erreichten Veränderungen manifestieren sich als stabile Verhältnisse. Ja, oft ist es gerade der Mensch, der die gemeinte Stabilität erzeugt: Er erhebt bislang unbedeutende Sprachen oder Dialekte in den Rang von Nationalsprachen, deren Territorien und Domänen dann ebenso eisern verteidigt werden wie die betreffenden Nationen selbst. Ein geringfügiges Weiterwandern der Regel durch den Raum und ihr leichtes Sichverändern sind damit nicht ausgeschlossen, aber der menschlichen Wahrnehmung oder Erinnerung entzogen. Diese Fossilisation erst lässt aus Grenzräumen (aus topikalen Grenzen und ihren Grenzerscheinungen) eigene, ggf. „neu“ zu nennende Systeme, Formen, Sprachen und Kulturen entstehen. Die einfachste Weise, die neu entstandene Kultur zu charakterisieren, wäre, von Kreolisierung zu sprechen. Im Lichte der beschriebenen linguistischen Grenzbegriffe wäre das allerdings seltsam: Erstens und ähnlich zur Peripherie-Zentrum-Relation kommt es bei „Kreolisierung“ nur darauf an, welche Sprache (Kultur) man als ursprünglich ansetzt, von der sich die kreolisierte Sprache (Kultur) nur einen Schritt entfernt zeigt; und zweitens sind letztendlich alle modernen Sprachgebiete irgendwo aus fossilisierten Isoglossen (aus den beendeten Wanderungen topikaler Grenzen) entstanden, also kreolisch, sodass die Bezeichnung ihren Sinn verliert.44

Linguistischer Grenzbegriff und sprachliche Grenzen im Raum

6.

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Grenzziehungen und der geografische Raum

Bezüglich der atopikalen metaphysischen Grenzen stellt sich die Frage nach dem Wesen des Grenzraumes und den damit verbundenen erkenntnistheoretisch-methodischen Problemen nicht anders, als es sich bei den topikalen Grenzen dieses Typs verhält. Der Übergang von einer topikalen zu einer atopikalen Grenze besteht in der Verwandlung von Grenzerscheinungen zu Grenzziehungen; es ist, linguistisch gesehen, der Schritt von allen (wissenschaftlich erhebbaren) Markern/Merkmalen einer Varietät oder eines Grenzraumes zu den Markern, die die Sprecher für ihre sozialen, politischen usw. Zwecke verwenden. Bei den atopikalen metaphysischen Grenzen und ihren Grenzräumen geht es somit um sprachreflexives Wissen, um die wertende Wahrnehmung sprachlicher Unterschiede und um das, was möglicherweise in bestimmten Gruppen diskutiert wird. Ob eine Grenzerscheinung oder eine Grenzziehung vorliegt, ist u. U. nicht so einfach zu bestimmen, da es immer um dieselben Marker geht. Auch ist es oft nicht einfach zu bestimmen, für was eine Grenzziehung steht (gegen was man sich mit ihr abgrenzen will) und, in historischer Perspektive, ob die überlieferten Quellen eine allgemein akzeptierte Denkweise reflektieren oder ob sie nur die Idee eines singulären Autors darstellen, der realiter niemand gefolgt ist. Andererseits ist nicht unmöglich, eindeutige Grenzziehungen in Kulturgütern und Sprachdenkmälern zu entdecken. Zum Beispiel ist die erste Übersetzung der Bibel ins Litauische eindeutig mit der Reformation verknüpft. Das kann man an dem Übersetzungstext selbst erkennen, weil er Wort für Wort der Lutherbibel folgt und von einem lutherischen Pfarrer im gerade reformierten Preußen des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde. (Wie zu bemerken ist, ist die „Entdeckung“ dieser Grenzziehung banal.) Das eingangs bereits angeführte Beispiel des süddeutschen Dialektes, der einen auch nach einer Emigration nach Amerika noch auszeichnet, zeigt ebenfalls sehr deutlich eine Grenzziehung. Sie besteht in der sozialen Verortung der Dialekte; jemanden an seinem Dialekt zu erkennen, bedeutet zumeist nicht einfach nur, ihn einer bestimmten Heimatregion zuzuordnen, sondern, weil geografische Räume immer auch eine soziale Bedeutung und eine Stellung in einer gesellschaftlichen Hierarchie haben, ihn in dieser sozialen Gliederung zu verorten. Diese Grenzziehungen nimmt man auch mit, wenn man auswandert. Trifft man dann womöglich in der neuen Heimat auf eine German Community, in der ein zur Heimat entsprechendes regelhaftes soziolinguistisches Verhalten konserviert wurde, bestimmen die mitgebrachten Grenzziehungen auch weiterhin das Leben des Emigranten. Im anderen Fall ist die Bedeutung des süddeutschen Dialektes als Grenzziehung hinfällig; die Gesellschaft, in die man auswandert, hält eigene sozialgeografische und varietätenlinguistische Grenzziehungen parat, mit denen man sich dann arrangieren muss.

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Der atopikale metaphysische Grenzraum ist ein amorphes Gebilde, nämlich ein Teil unserer Vorstellungswelt (Poppers Welt 3). Seine topografische Verteilung zu beschreiben, ist unsinnig und damit eine geografische Kartierung wie beim Beispiel der Isoglossen ausgeschlossen. Von „Grenzraum“ zu sprechen, meint hier überhaupt keinen konkreten Raum, kein konkretes Gebiet, sondern es ist ein heuristisches Bild. Weil der Bezug zum geografischen Raum fehlt, können Grenzräume von atopikalen metaphysischen Grenzen nur als die von null aus ansteigende Markiertheit bzw. Merkmalshaftigkeit einer Grenzerscheinung beschrieben werden, die systemrelevant wird. „Systemrelevant“ heißt hier aber nichts anderes als: relevant für eine bestimmte soziale Gruppe, für einen bestimmten politischen Zweck usw. Es geht also bei den Grenzräumen von atopikalen metaphysischen Grenzen nicht so sehr um einen quantitativen Aspekt (um die ansteigende Gebrauchsfrequenz einer Grenzerscheinung – obwohl eine solche eine Rolle spielen kann), sondern vor allem um einen qualitativen: um eine Neuerung oder einen Wandel, die bzw. der in der abgrenzenden Bedeutsamkeit besteht, welche einer Grenzerscheinung eingeräumt wird. (In manchen wissenschaftlichen Kontexten ist es vielleicht günstiger, statt von „Neuerung“ von „Bereicherung“ und statt von „atopikalem Grenzraum“ von „Grenzsituation“ zu sprechen.) Zum Beispiel gibt es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der litauischen Kulturgeschichte eine interessante Erscheinung, die Subačius erforscht hat.45 Niederlitauer (lit. žemaičiai) verfassten oder überarbeiteten eine Reihe von religiösliturgischen Texten, die für alle Litauer, also auch für die Oberlitauer (lit. aukštaičiai), bestimmt waren. In der damaligen Zeit gab es noch keine Standardsprache im modernen Sinne, sondern es war üblich, eine gewisse „gehörte Orthografie“ zu produzieren, d. h. die Texte sprachlich nach den Verhältnissen des eigenen Dialektes zu gestalten. Doch dabei bestand eine orthografische Tradition, die daraus resultierte, dass die Autoren früherer religiöser Literatur aus Oberlitauen stammten, deren geistiges Zentrum Vilnius mit seiner Jesuitenakademie bzw. Universität war, und dass den Texten dieser früheren Autoren eine sehr ähnliche „gehörte Orthografie“ zugrunde lag. Für die niederlitauischen Autoren vom Beginn des 19. Jahrhunderts stellte sich somit ein Problem, weil es wegen der bestehenden, zu bewahrenden Tradition und wegen der Zentrumsposition von Vilnius nicht nur eine Sprachgrenze, sondern offensichtlich auch eine Sprachbarriere zwischen dem Ober- und dem Niederlitauischen gab. Die Autoren lösen dieses Problem, indem sie ihr Niederlitauisch beim Schreiben dem Oberlitauischen anpassen. Doch dieser Anpassungsprozess, der nun in den überlieferten Texten dokumentiert ist, bleibt im Hinblick auf die unterschiedlichen sprachlichen Merkmale des Ober- und Niederlitauischen unvollständig. Die niederlitauischen Autoren schreiben sozusagen kein komplett richtiges Oberlitauisch, sondern eines, das nur in bestimmten Merkmalen dem Oberlitauischen folgt, in anderen Merkmalen aber nicht. Tabelle 3 zeigt anhand der

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Analyse zweier Sprachdenkmäler aus den Jahren 1805 und 1806 (abgekürzt durch IAMS und LE), die Teil eines größeren Untersuchungskorpus waren, welche sprachlichen Merkmale, an denen man das Ober- und Niederlitauische unterscheiden kann (Spalte ), in beiden Texten oberlitauisch (Spalte „Aukšt.“) ausgeführt wurden und welche niederlitauisch (Spalte „Žem.“). Die jeweilige Zuordnung eines Merkmals erfolgt in der Tabelle durch „+“. Die Merkmale in Spalte  sind bereits nach Wertigkeiten gegliedert, weil der Tabelle die Analyse des gesamten Korpus zugrunde liegt. Die in den Zeilen unter  genannten Charakteristika werden so gut wie nie nach dem Oberlitauischen gebildet; die in den Zeilen unter  genannten Charakteristika durchschnittlich häufig; und die in den Zeilen unter  genannten Charakteristika fast immer. Somit kann man folgern, dass die atopikale metaphysische Grenze, die es erlaubte, einen Text (und ggf. einen Autor) dem „Ober-“ oder dem „Niederlitauischen“ zuzuordnen, vor allem durch die in den Zeilen unter  genannten Charakteristika gezogen wurde, ergänzt durch einige Charakteristika von denen, die in den Zeilen unter  genannt werden. Tabelle 3: Differenzierung zwischen Ober- und Niederlitauisch in der Wahrnehmung durch niederlitauische Autoren vom Beginn des 19. Jahrhunderts46

  



Wo ist in dem gegebenen Beispiel aus der litauischen Kulturgeschichte nun ein atopikaler Grenzraum? Diesen könnte man aufzeigen, wenn zu erweisen wäre, dass niederlitauische Autoren eines früheren Zeitraums (z. B. des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts) sehr viel seltener den Unterschied zum Oberlitauischen beachtet hätten und ihre Texte also sehr viel seltener in Richtung des Oberlitauischen überformt hätten. Dann könnte man sagen, dass sich niederlitauische

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Autoren für einen Zeitkorridor von vielleicht 50 Jahren in einem atopikalen Grenzraum (oder besser vielleicht: in einer Grenzsituation) befunden hätten, was die dialektale Zuordnung ihrer Texte anging. Die Notwendigkeit, eine Veränderung in ein bereits vorhandenes System einzugliedern, war in Kapitel 5 als Motivation zur graduellen Anpassung der „wandernden“ Grenzerscheinung an das Zielsystem herausgestellt worden. Über einen weiten Raum gesehen bewirkte der Anpassungsdruck, dass es zu unterschiedlichen Reflexen auf dasselbe Diataxum kam. Derartige Reflexe sind auch in atopikalen Grenzräumen vorhanden oder in Bezug auf entsprechende Grenzziehungen nachweisbar. Da der Schritt von den Grenzerscheinungen zu den Grenzziehungen ein bewusst-politischer Akt ist, gibt es immer Formen der „Gegnerschaft“ gegen die Neuerungen. In deren Folge bestehen alte und neue Formen (alte und neue Grenzziehungen) nebeneinander. Setzt sich die neue Grenzziehung nicht durch, kommt es zur Fossilisation des ambiguenten Zustandes; die Neuerung geht dann aber nicht verloren, sondern erhält einen eigenen Wert. Damit verändert sich das ganze bestehende System der Grenzziehungen, da die Neuerungen einen systemischen Platz beanspruchen; die bestehenden Formen bzw. Grenzziehungen werden, um das zu erreichen, umbewertet. Heuristisch gesehen reicht es deshalb nicht, nur die Neuerungen zu betrachten, sondern man muss auch die Umwertungen bestehender Grenzziehungen erweisen. Der Verfasser hat eine literaturwissenschaftliche Arbeit zu einem Ausschnitt des Gattungssystems in Polen und Litauen um 1800 verfasst, die von der beschriebenen Überlegung geleitet wurde47. An den bearbeiteten Texten, den Idyllen,48 kann gezeigt werden, dass die Gattung der Idylle nach 1795 vom polnischsprachigen Gattungssystem in das litauischsprachige gewandert ist, wo sie eine eigene, „litauische“, weniger „merkmalsstrenge“ Form angenommen hat. Zugleich erhebt sich literarischer Einspruch gegen die „polnische“ Handhabung der Gattung: Obwohl der bilinguale Antanas Klementas (1756–1823) sie selbst bedient, zeigen seine litauischsprachigen Texte49 eine kritische Distanz zum polnischen Gattungssystem.50 Auf die gesamte damals in Litauisch produzierte Dichtung gesehen erreicht die Idylle nicht den quantitativen Anteil, den sie in der polnischsprachigen Lyrik jener Zeit erreicht hat. Die Neuerung wird also in der litauischsprachigen Literatur nicht im selben Maße angenommen wie im polnischsprachigen „Zentrum“ der Gattung. Stattdessen ist das Diataxum bei den litauischsprachig Dichtenden der Anlass, dass alte Formen, die bisher nicht Teil des litauischen Gattungssystems waren, umbewertet wurden und (in diesem speziellen Fall) Aufnahme in das System fanden: In der litauischsprachigen Literatur, die damals in Ostpreußen entstanden ist, bedienten auch kleine Sammlungen von litauischen Volksliedern die Gattung der Idylle; folkloristische Liederkorpora, die man herausgab, wurden vornehmlich mit Texten bestückt, die der Gattung am ähnlichsten waren.51 Dieser restituierende Sam-

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melvorgang muss ebenfalls als ein Aspekt der „litauischen“ Variante der Idylle gelten. So ist dann die Idylle in der litauischsprachigen Literatur ein Ergebnis zweier Grenzziehungen (einer früheren, die die Idee in die Literatur einbrachte, und einer späteren, die die Volkslieder mit der Idee verband). Die literatursoziologische Frage nach dem Cui bono dieser beiden Grenzziehungen wäre eine eigene Untersuchung wert und kann hier nur angedeutet werden: Es geht um das Adelsethos und den Stellenwert, den einzelne Adelige durch ihr Dichten in ihrer Gruppe zu erreichen suchten.

7. Resümee Poppers Charakterisierung der drei Welten ist zwar eine Distinktion, die die Erkenntnisbereiche der verschiedenen Wissenschaften anschaulich präsentiert, aber sie ist auch nur sehr allgemeiner Natur. Liegt eine spezifische Problemstellung vor (z. B. der linguistische Grenz- und Grenzraumbegriff), so lassen sich bei der allgemeinen Begriffsbestimmung nur die Grenzen und Grenzräume der „physischen“ Welt 1 a priori ausgliedern; die „metaphysischen“ Welten 2 und 3 sind von Anfang an ineinander verwoben. In der Welt 3 wird der Grenzbegriff zu einer heuristischen Metapher, und je weniger „stofflich“ die Grenze, um die es der Forschung geht, ist, desto mehr wird menschliches Verhalten (der Handlungsaspekt) das Kriterium der Begriffsbildung. Linguistische Grenzräume können entweder durch eine Überschneidung von sprachlichen Regeln und ihren materiell auftretenden, geografisch verortbaren Grenzerscheinungen entstehen (dann sind diese Grenzräume diatopisch und entsprechend darstellbar), oder sie bestehen in einer atopikalen Grenzsituation, die ein verändertes soziales Verhalten bedeutet und in der durch die semantische „Aufladung“ von Grenzerscheinungen mit „sozialpolitischer“ Relevanz soziale Grenzen gezogen werden (die ggf. diastratisch darstellbar sind). Eine diastratische und diatopische Verortung von Grenzerscheinungen sollte deshalb Hand in Hand gehen; topikale und atopikale Grenzräume sind keine wirklich getrennten Welten, sondern diatope und atope Aspekte sind nur zwei Seiten desselben metaphysischen Raumes, für den die Metapher der Grenze die adäquateste Darstellung liefert.

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Anhang

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Anmerkungen 1 2 3

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L. FLYDAL, Remarques sur certains rapports entre le style et l’état de langue, in: Norsk Tidsskrift for Sprogvidenskap, 16 (1952), S. 240–258. FLYDAL, Remarques sur certains rapports, S. 248. Vgl. das einleitende Kapitel „Linguistic approaches to space“, in: Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft = Handbooks of linguistics and communication science [HSK], Bd. 30: Language and Space: An International Handbook of Linguistic Variation, 2 Bde. in 3 Teilen, hg. von P. Auer und J. E. Schmidt, Berlin et al. 2010, hier: I, S. 70–225. K. R. POPPER, Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Übers. v. Hermann Vetter, Hamburg 1973, 1984, 41993, S. 160 (Orig.: Objective knowledge, Oxford 1972. Die deutsche Fassung folgt der 4., verb. und erg. Aufl., ihre Übersetzung wurde in Abstimmung mit Popper überarbeitet). POPPER, Objektive Erkenntnis, S. 109. Ebd., S. 110. Ebd., S. 110. Ebd., S. 160. Ebd., S. 115, 165. Ebd., S. 165. Ebd., S. 112 ff., 167–173. Ebd., S. 112 f., 178. Ebd., S. 169. Ebd., S. 114 f. Ebd., S. 170. Ebd., S. 114. Ebd., S. 114. Ebd., S. 115. Ebd., S. 117. Ebd., S. 115. A. CHESTERMAN, Memes of Translation. The Spread of Ideas in Translation Theory, Amsterdam-Philadelphia 1997, S. 15. POPPER, Objektive Erkenntnis, S. 153. Das soll nicht bedeuten, dass die Kriterien, die einer solchen Grenze bzw. einem solchen Grenzraum zugrunde liegen, ausschließlich geografischer oder physikalischer Natur seien, sondern nur, dass sie notwendig zu einer eindeutigen geografischen Lokalisierung führen. POPPER, Objektive Erkenntnis, S. 175 f., 182 f. Sie grenzen sich ab: Gemeint ist: verbaliter – also bitte nicht mit „sich abschotten“ verwechseln! Wir sagen „gewisse Ansprüche“, weil das Kopieren von Merkmalen bzw. der kopierende Gebrauch von Markern nicht automatisch zu einer entsprechenden sozialen Teilhabe führt. L. WITTGENSTEIN, Schriften: Tractatus logico-philosophicus; Tagebücher 1914–1916; Philosophische Untersuchungen, Frankfurt/Main 1960, S. 382, Nr. 201. WITTGENSTEIN, Schriften, S. 386 f., Nr. 219 und 213. Ebd., S. 386, Nr. 219. Ebd., S. 385, Nr. 213.

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44 45 46 47 48 49 50 51

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Vgl. z. B. J. E. SCHMIDT, Language and Space: The Linguistic Dynamics approach, in: HSK (2010), I, S. 201–225. LIETUVIŲ KALBOS INSTITUTAS, Vakarų aukštaičiai kauniškiai ir Klaipėdos krašto aukštaičiai. Mokomoji knyga, bearb. von R. BACEVIČIŪTĖ et al., Vilnius 2005, S. 35. Die mit Abbildung 1 vorgelegte Darstellungsweise ist eher eine traditionelle. Es wurden auch verschiedene andere Kartentypen entwickelt; vgl. hierzu D. R. PRESTONS, Language, Space and Folk, in: HSK (2010), I, S. 179–201. S. KESSLER, Eine Variante des R-Lautes als Symbol der ersten Republik Lettlands, in: W. Rothholz und S. Berglund (Hg.), Vom Symbol zur Realität. Studien zur politischen Kultur des Ostseeraums und des östlichen Europas, Berlin 2008, S. 95–110. S. KESSLER, Eine Variante des R-Lautes. Vgl. das Kapitel „Maps and the Conceptualization of Space“, in: HSK (2010), II, S. 1– 157. Vgl. S. KESSLER, Die Zeitschrift „Auszra“ – ein echter Grenzfall, in: R. Hartmann (Hg.), Grenzen auf der Landkarte – Grenzen im Kopf? Kulturräume der östlichen Ostsee in der Literatur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bielefeld 2010, S. 241– 263, hier S. 254–263. Zusammengefasst aus KESSLER, Die Zeitschrift „Auszra“ – ein echter Grenzfall. POPPER, Objektive Erkenntnis, S. 6, Pkt. 4. J. SCHMIDT, Die Verwantschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen, Weimar 1872; A. MEILLET, Les dialectes indo-européens (Collection linguistique publiée par la Société de Linguistique de Paris, 1), Paris 1908. Vgl. B. SIEBENHAARS, Horizontal convergence of linguistic varieties, in: HSK (2010), I, S. 241–258. W. A. KOCH, Varia semiotica (Studia semiotica; Series practica, 3), Hildesheim-New York 1971, S. 194. Und schon gar nicht, wenn es nur um so wenige sprachliche Merkmale ginge wie in Tabelle 2. Aber Tabelle 2 zeigt nur ein vereinfachtes Schema – realiter würden immer mehrere sprachliche Grenzerscheinungen gleichzeitig auftreten und so für ein Bewusstsein der „Eigenständigkeit“ des Sprachraums sorgen. Vgl. hierzu u. a. C. MAIERS, The consequences of migration and colonialism I: Pidgins and creoles, in: HSK (2010), I, S. 440–451, und insbes. sein Abschnitt zur „Deterritorialization“, S. 447 f. Nach G. SUBAČIUS, Žemaičių bendrinės kalbos idėjos; XIX amiaus pradžia, Vilnius 1998. SUBAČIUS, Žemaičių bendrinės kalbos idėjos, S. 141. S. KESSLER, Die litauischen Idyllen. Vergleichende gattungstheoretische Untersuchung zu Texten aus Polen und Litauen, 1747–1825, Wiesbaden 2005. S. KESSLER (Hg.), Polnische und litauische Idyllen aus der Zeit von 1747 bis 1825. Polnisch-Deutsch, Litauisch-Deutsch. Texte und Übersetzungen. Übers. von J. Clotz und F. Flade; hg. unter Mitarb. von A. Kostiučenko, Wiesbaden 2011. KESSLER, Polnische und litauische Idyllen, S. 530 ff. KESSLER, Die litauischen Idyllen, S. 152 ff. Ebd., S. 189 ff.

HISTORISCHE GRENZRÄUME IM OSTSEERAUM: LIVLAND. Borderland-Theorien und kulturelle Schichten Alexander Drost 1.

Einleitung

Dieser Beitrag widmet sich beispielhaft der Region Livland, die hier als Grenzraum zwischen Ost und West im nordöstlichen Europa betrachtet wird. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage nach dem Charakter und der Konstitution des Grenzraumes und dem daraus ableitbaren Borderland-Konzept. Dabei wird insbesondere auf die kulturellen Einflüsse verschiedener (Fremd-)Herrschaften über dieses Gebiet seit dem Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert hinein eingegangen und somit mehr als nur die territoriale Dimension von Grenzen und Grenzräumen betrachtet. Livlands kulturelles Erbe wirkt bis heute in den Staaten Estland, Lettland und zum Teil auch Litauen nach, ist aber nicht in diesen nationalstaatlichen Grenzen wirklich zu fassen. Die jüngsten Gesamtdarstellungen zur Geschichte der baltischen Staaten versuchen eine vergleichende Darstellung der Gesamtregion, doch schon in den Vorworten machen die Autoren deutlich, dass sie in ihren Geschichten einer nationalstaatlichen Perspektive kaum entkommen.1 Diese bietet, wie Plakans richtig anmerkt, dem gegenwärtigen Leser einen verständlichen Zugang zur Region, übersieht dabei aber oftmals die Vielschichtigkeit der Kulturen und Ereignisse. Die Unsichtbarkeit von Esten, Letten und Litauern unter den Fremdherrschaften vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert wird in den Darstellungen zeitweise überbetont. Dieses hat unter anderem zur Folge, dass die historische Darstellung der Volksgruppen und ihrer nationalstaatlichen Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert auf die Geschichte zurückschaut und sie als Defizitgeschichte schreibt, wodurch zahlreiche kulturelle Wurzeln überdeckt werden. Zusätzlich ist die Geschichtsschreibung der Region durch eine starke deutsche Perspektive geprägt, die ihr Hauptaugenmerk auf die deutsch-baltische Oberschicht und ihre Herrschaft im „Baltikum“ legt, wodurch die oben genannte Unsichtbarkeit lokaler indigener Kulturen ebenso bewirkt wurde.2 Zwischen diesen beiden Extremen der baltischen Geschichtsschreibung soll im vorliegenden Beitrag eine andere Perspektive gewählt werden, in der Livland ein Borderland als Konfliktraum zwischen deutscher Mission, hansischem Handel, dänischer und schwedischer Vorherrschaft sowie russischer Expansion im Ostseeraum bildet. Vor diesem Hintergrund wird das Borderland als physischer und mentaler Raum verstanden, in dem Kulturen aufeinandertreffen und

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Alexander Drost

über Jahrhunderte hinweg Spuren hinterlassen, die, miteinander vermischt, auch Teil der gegenwärtigen Nationalkulturen Estlands und Lettlands sind. Dieser Raum wird durch eine Vielzahl von Grenzen bestimmt, die einander überlagern und erst mit der nationalstaatlichen Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert eine scheinbare Kongruenz bilden, welche drei einheitliche wirtschaftliche, politische und sozio-kulturelle Räume zu imaginieren helfen.3 Diese Einheitlichkeit ist ein Konstrukt des 20. Jahrhunderts. Ihm ging ein mehrschichtiger Raum voraus, in dem politische, kulturelle, soziale, wirtschaftliche und religiöse Grenzen unterschiedlich stark ausgeprägt waren und wirkten, da sie jeweils vom Wechsel politischer und religiöser Loyalitäten, wirtschaftlicher Prosperitäts- und Depressionsphasen sowie einfacher menschlicher Not abhingen. Auch diese Vielzahl von Grenzen macht das Borderland insbesondere in vornationaler Zeit aus. Beeinflusst von gegenwärtigen Tendenzen der Geschichtsschreibung sich vom verändernden Referenzrahmen „Nationalstaat“ zu lösen, rücken neue Erklärungsmodelle für die räumliche Ordnung Europas in den Mittelpunkt.4 Durch die Überwindung ideologisch geprägter Konflikte und durch transnationale Integrationsprozesse fanden Mobilität und sich verändernde rechtliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen seit den 1990er-Jahren in der europäischen Wissenschaft eine größere Beachtung.5 Hierdurch wurde die Wahrnehmung von Grenzen und Räumen in der Geografie, der Politikwissenschaft, aber auch in den Kultur- und Geschichtswissenschaften geprägt. Grenzen wurden unter anderem im Kontext ihrer Auflösung diskutiert,6 was in der Geschichtsschreibung einerseits zu einer Rückbesinnung auf andere Phasen des gesellschaftlichen Übergangs in der Frühen Neuzeit, insbesondere der Aufklärung, führte,7 und andererseits zu Versuchen, unter anderem auch die Geschichte der Baltischen Staaten in transnationalen Erzählmustern zu begreifen.8 Viele scheiterten an der Wirkmächtigkeit des nationalstaatlichen Erzählrahmens, der vor allem in der Geschichtsschreibung für das 19. und 20. Jahrhundert kaum zu überwinden ist. Gleichzeitig entstanden aber auch neue Erzählmodelle, die weniger den gesamten Referenzrahmen „Nationalstaat“ infrage stellten, als einzelne Teile seiner räumlichen Konstruktion, indem Phänomene der Grenzüberschreitung und des Kontakts in den Mittelpunkt gerückt wurden.9 Auf diese Weise wird mehr und mehr Aufmerksamkeit der Konstruktion von Grenzen, ihrer Beweglichkeit und Unbeständigkeit geschenkt.10 Gleichzeitig rücken die kontinuierliche Veränderbarkeit von Räumen und damit auch das Borderland an ihren Rändern in den Mittelpunkt der Betrachtung. Auch der vorliegende Beitrag wird diese Veränderbarkeit von Räumen und räumlicher Wahrnehmung durch Kontakt, Kulturtransfer und Erinnerung in den Blick nehmen. Mittels eines Schichtenmodells, das der archäologischen Forschung entstammt, werden der rein lineare Erzählrahmen der bloßen Aufeinanderfolge von Ereignissen und der nationalstaatliche Referenzrahmen der gegenwärtigen Historiografie verlassen. Auf diese Weise können kulturelle

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Elemente aus den verschiedenen Transfers während unterschiedlicher Oberherrschaften untersucht sowie die Tradierung von Inhalten bis in die Gegenwart nachvollzogen werden. In der (nationalen) Historiografie verdichten sich viele Ereignisse zu einem Ganzen, das im Kontext der nationalen Mythen und Geschichten Estlands oder Lettlands oftmals eine kulturelle Homogenität entwickelt, die der Vielstimmigkeit der Einflüsse in der historischen Region Livland nicht gerecht wird.11 Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die folgende Darstellung auf den historischen Raum Livlands als einer Grenzregion jenseits nationalstaatlicher Erzählmuster und in dem Bewusstsein, dass die wechselnden Einflüsse auf diese Region seit dem Mittelalter auch ihre räumliche Konstruktion, die seiner Grenzen und auch deren Wahrnehmung beeinflusste. Hierdurch werden nicht nur konkret abgegrenzte Räume nachgezeichnet, sondern es wird insbesondere die Veränderbarkeit räumlicher und die Vielstimmigkeit sozio-kultureller Ordnungen einer jahrhundertelangen Geschichte des Kontakts in einer Phase des Übergangs nachvollzogen, um so einen Grenzraum zu beschreiben, der nicht nur durch eine Grenze gekennzeichnet wird, sondern durch konstante Grenzziehungsprozesse sowohl auf der symbolisch-funktionalen als auch der territorialen Ebene. Es wird angenommen, dass hieraus etwas der Region und diesem Grenzraum sehr Eigenes entstanden ist, das wie in einer Sedimentschicht natürliche und künstliche Einflüsse verschiedener Zeiten und Akteure versammelt. Gleichzeitig bilden diese verschiedenen Schichten eine Einheit, die mit ihren unterschiedlichen und aufeinandergeschichteten Farben wie ein Fingerabdruck nur dieser einen Region wirkt.

2.

Borderlandkonzepte/-theorien

Die Zahl der Borderlandkonzepte hat in den letzten Jahren auch in den Geisteswissenschaften mehr und mehr zugenommen. Dabei ist nur wenigen gelungen, sich vom Modell eines Grenzraumes zu lösen, das vorzugsweise durch eine nationalstaatliche Grenze bestimmt wird. Dieser Grenzraum am Rande eines Nationalstaates kann auf vielfältige Weise konstituiert sein, meist in Abhängigkeit vom Demarkationscharakter der ihn definierenden Grenze. Oscar J. Martínez hat insgesamt vier Kategorien solcher Grenzräume vorgestellt. Die erste Variante (alienated borderland) bezieht sich auf einen Grenzraum, der durch eine undurchdringliche Grenze gekennzeichnet ist und in dem grenzüberschreitende Kontakte unmöglich sind. Graduell entwickeln sich die drei anderen Varianten in Abhängigkeit von der Öffnung der Grenze und dem Kontakt der auf beiden Seiten lebenden Menschen miteinander. Die Intensität dieser Kontakte nimmt mit politischer Stabilität, größerer Mobilität und abnehmenden sozio-ökonomischen Unterschieden zu. Weniger Austausch dieser Art besteht

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in den „co-existent borderlands“. Die „interdependent borderlands“ zeichnen sich bereits durch eine sozio-ökonomische Komplementarität auf beiden Seiten der Grenze aus, während diese in „integrated borderlands“ kaum noch existiert.12 Diese an ein nationalstaatliches Territorium gebundenen Grenzraummodelle bestimmen weithin die gegenwärtigen historiografischen Erzählmuster und verdecken vor allem in den Jahrhunderten Interaktionsmuster in Abhängigkeit von einer Vielzahl von Grenzen, in denen Ethnien, Gesellschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft noch nicht in einem homogenen Territorium organisiert waren und einheitliche Grenzen aufwiesen. Wo der Gutshof das bäuerliche Leben begrenzte, Wegezölle und Allmendebegrenzungen das Leben am Ort ordneten und Reisen zu Land erschwerten,13 wo Städte- und Handelsnetzwerke Städte und Händler transregional verbanden, wirkten kaum bis gar keine im Raum gezeichneten statischen Grenzen. Vielmehr zeichnen sich vornationale Ordnungen durch nachhaltigere soziale und religiöse Grenzen aus, die unmittelbarer und stärker wirkten als politische, wirtschaftliche und militärische, die sich kontinuierlich änderten, wenn Monarchien in Sukzessionskonflikte gerieten oder ihren Einflussbereich erweitern wollten. Im Falle der Expansion von Imperien oder Zivilisationen hat das Konzept der Frontier nach Frederick Jackson Turner zumindest in Nordamerika wichtige Impulse für die Betrachtung von Grenzen in vornationalen Gesellschaften gegeben.14 Für Europa haben Robert Bartlett und daran anschließend und das Konzept erweiternd auch Nora Berend und David Abulafia die Idee der Frontier für die Erklärung und Interpretation von religiösen Konflikten zwischen Christentum und Islam sowie der Expansion des Christentums in den „barbarischen“ Osten Europas nutzbar gemacht.15 Neben der Beweglichkeit ist es vor allem der Konfliktcharakter, der auch die Gebiete um Livland seit dem Mittelalter zu einem charakteristischen Grenzraum macht, der durch eine Frontier geprägt worden ist. Die funktional-symbolischen Ordnungen, die sich im Zuge der Ausbreitung römisch-katholischen Glaubens und imperialen (deutsch-dänischen) Herrschaftsverständnisses in einem ethnisch gemischten Gebiet herausbildeten, sind aber mit der Frontier nicht mehr vollständig erklärbar. Modelle, die auf die Erklärung des Kontakts zwischen Fremden entlang dieser Frontier abzielen und den Grenzraum auf eine eher abstrakte, kognitive Ebene hoben, schienen hierfür besser geeignet. Diese Grenzraumkonzepte, die nach Richard White oder Andrew Causey einen „middleground“ beschreiben, in dem Fremde gemeinsam Mechanismen für den Umgang miteinander und das Verständnis füreinander entwickeln, gewannen aber erst mit der Wahrnehmung sich vermeintlich auflösender nationalstaatlicher Grenzen in der Forschung an Bedeutung.16 Grenzüberschreitender Kontakt jenseits der Nationalstaatsgrenze konnte in den Geisteswissenschaften der Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts erst gedacht werden, als postkoloniale und subalterne Studien in den 1980er-Jahren die westlich geprägten

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Denkmuster, denen auch der Nationalstaat und seine Grenze entstammten, aufweichten und Raum für die Wahrnehmung von grenzüberschreitenden Interaktionsmustern zuließen.17 Stärker als zuvor wurde Geografen, Philosophen und Historikern bewusst, dass die Grenze eine Konstruktion des Geistes war und die als teilweise natürlich wahrgenommenen Grenzen nur der jeweiligen Interpretation eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen unterlagen. Die Öffnung der Nationalstaatsgrenze eröffnete somit auch die Wahrnehmung einer Vielzahl von Grenzen, die nun viel deutlicher zutage traten. Religiöse, kulturelle, den Wohlstand betreffende und politische Abgrenzungen prägten das alltägliche Leben von Menschen und vor allem ihre Identität mehr als eine meist ferne bzw. aus der Ferne bestimmte staatliche Grenze. Das ist in besonderer Weise auch ein Phänomen der vornationalstaatlichen Zeit. Vor diesem Hintergrund entstanden in der jüngsten europäischen Forschung Grenzraumtheorien, die kleinräumigere, regionale und lokale Phänomene der Interaktion zwischen fremden Religionen, Kulturen und Ethnien in den Blick nahmen und so Modelle entwarfen, mit denen die sozialen und kulturellen Praktiken der Grenzkonstitution zu fassen sind.18 Auch in der Geografie hat man sich von der „territorial trap“19 befreit und beschäftigt sich mit den Prozessen, die Grenzen durch soziale Handlungen entstehen lassen und die das Leben ordnen.20 Dieses findet immer in einem Interaktionsraum, dem Borderland, statt, das in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Wahrnehmung mehr durch die Prozesse der Grenzziehung als durch die Grenze selbst bestimmt wird. Ein besonderes Beispiel dieser Borderland-Wahrnehmung bietet die Theorie von Gloria Anzaldua, die zwischen Chicana-Identität und weißer US-amerikanischer Deutungshoheit im US-Mexiko-Grenzgebiet beschreibt, wie schwer die Konstruktion einer stabilen Identität fällt und für das Borderland annimmt: „In fact, the borderlands are physically present wherever two or more cultures edge each other, where people of different races occupy the same territory, where the lower, middle and upper classes touch.”21

3.

Kulturelle Schichten Livlands und der baltischen Provinzen

Das Modell kultureller Schichten entstammt dem geologischen Modell von Sedimentschichten, die sogenannte Ablagerungen von Gesteinen, organischen und anorganischen Substanzen sowie anderen Rückständen darstellen. Sie sind einer spezifischen Periode, in der die Ablagerungen stattgefunden haben, zuzuordnen und weisen innerhalb einer jeden Schicht charakteristische Inhalte und Merkmale dieser Periode auf. Das Ende einer Schicht bedeutet zugleich den Anfang einer neuen und repräsentiert damit auch das Ende und den Anfang einer neuen Zeitperiode. Gemeinsam bilden sie aber eine Einheit und repräsen-

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tieren Abläufe und Einflüsse in einem bestimmten Raum bzw. an einem bestimmten Ort. Ausgehend von diesen Sedimentschichten werden die kulturellen Schichten analog als Perioden angesehen, die sich durch spezifische kulturelle Inhalte, die durch menschliches Handeln geschaffen und abgelegt wurden, auszeichnen und zu einem Komplex aus Handlungsweisen, Ideen und materieller Kultur verdichten. Für die vorliegende Studie zu Livland nehmen wir eine basale ethnisch und kulturell diversifizierte Schicht an, auf die eine deutsche, polnische, schwedische etc. Schicht folgen. Keine dieser Schichten kann aber autonom betrachtet werden. Es bestehen immer wieder Verbindungen zu vorherigen oder nachfolgenden Schichten. Außerdem gibt es Ereignisse und Charakteristika einer Periode, die größere Wirkmächtigkeit auch in anderen Perioden und bis heute besitzen. Daher muss das Modell der kulturellen Schichtenbildung gegenüber dem archäologischen Modell erweitert werden, damit es den Ansprüchen historischer Forschung genügt. Zwischen den Schichten bestehen sozusagen Austausch- und Tradierungsbeziehungen, und auch eine konkret zeitliche Abgrenzung schlägt häufig fehl, da Konflikte, Umwälzungen und Überlieferungen ausschließlich prozessual verlaufen. Vor diesem Hintergrund können die Schichten nicht durch eine feste Grenze voneinander getrennt werden, sondern nur durch einen Grenzraum, in dem die einzelnen Schichten überlappen. Für das Untersuchungsgebiet bilden die Schichten insgesamt eine Einheit, den historischen Fingerabdruck dieser Region. Die Geschichte der Baltischen Staaten ist weniger durch die Entwicklung einer homogenen nationalen Kultur geprägt als durch hohe Anpassungsfähigkeit und teilweise starken, oft aber vergeblichen Widerstand gegen politische, kulturelle und insbesondere wirtschaftliche Invasoren. Dabei ist die Geschichte Lettlands und Estlands in besonderer Weise durch Gemeinsamkeiten und kulturelle Überlappungen in einem geografisch-kulturellen Raum22 von Kontakten mit Kulturen der heutigen Staaten Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland, Polen, Russland und der Ukraine beeinflusst, während Litauen religiös und politisch vor allem mit der Geschichte der heutigen Staaten Polen, Weißrussland und der Ukraine verbunden ist. Livland als historische Region umfasste im Kern die Siedlungsgebiete der Liven um den Golf von Riga, der Esten im Norden sowie Kurland, Semgallen und Lettgallen. Weder nach innen noch nach außen ist ein homogener Raum erkennbar. Neben den konfliktreichen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Stämmen vor der Christianisierung, die für eine innere Zersplitterung in der Region „Livland“ stehen,23 sind es vor allem die in den folgenden Jahrhunderten wechselnden Herrschaften über das Gebiet, die „Livlands“ oder auch „Lieflands“ Grenzen einer permanenten Veränderung unterziehen. Obwohl Livland vom 14. bis 16. Jahrhundert das Gebiet des Deutschen Ordens nördlich von Litauen und vier Bistümer umfasste bzw. vom 17. bis 20. Jahrhundert die

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Grenzen des Gouvernements eindeutig feststellbar waren, lassen sich je nach Zeitraum und administrativer Zuordnung unterschiedliche Ausdehnungen der Region „Livland“ bei verschiedenen Autoren finden.24 Zudem stimmten administrative und ethnische Grenzen nicht miteinander überein und durchkreuzten je nach kulturellem und imperialem Einfluss einander.25 Politisch-administrative, kulturelle – insbesondere religiöse – und sozio-ökonomische Grenzen wirkten zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark. Dieses war vor allem auch von Art und Umfang der Konflikte sowie der zeitgleichen bzw. nachfolgenden ReInterpretation der Grenzen abhängig.

3.1 Niederdeutsche Schicht Mit den Missionsversuchen des Augustinermönchs Meinhard, der mit norddeutschen Kaufleuten aus Holstein kam und mit seinem Nachfolger, dem Zisterziensermönch Berthold, intensivierte sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Einflussnahme Westeuropas auf das Siedlungsgebiet der Liven entlang der Düna. Zuvor hatten wahrscheinlich schon dänische Interessen an Handel und Mission die Skandinavier in die südöstliche Ostsee, insbesondere nach Estland geführt.26 Mit Albert von Buxhoeveden als Bischof von Livland und seinen Gefolgsleuten setzte dann um 1199 eine von Papst Innozenz III. gebilligte militärische Mission und Eroberung der paganen Siedlungsgebiete der Liven, Selonen, Lettgallen und Esten ein. Unter der Führung Alberts und des Ordens der Schwertbrüder, in dem sich die Kreuzfahrer unter Theoderich, einem Missionar, der schon mit Meinhard ins Land kam, organisierten, brachte man die einzelnen Stämme und Gebiete erfolgreich unter Kontrolle. Dabei ist die Kurie in Rom nicht immer die treibende Kraft gewesen. Insbesondere regionale Machtzentren in Norddeutschland (Bremen) und Skandinavien (Lund), die sich mithilfe päpstlicher Privilegien eine größere Legitimationsbasis für ihre Kreuzzüge beschafften, haben unter mehr oder weniger starkem Einfluss des Papstes die Kreuzzüge durchgeführt.27 Auch Kurland und Semgallen konnten im Verlauf des 13. Jahrhunderts eingenommen werden, allerdings um einen wesentlich höheren Preis für den Schwertbrüderorden. Nach einer Niederlage gegen die Litauer in Schaulen 1236 wurde der Schwertbrüderorden Teil des Deutschen Ordens und erhielt so die Ausstattung und Ressourcen für die Eroberungskämpfe in Kurland und Semgallen.28 Gleichzeitig muss hervorgehoben werden, dass an diesen Eroberungskämpfen nicht nur deutsche, meist adelige, insbesondere aus dem Ministerialenstand Sachsens, Holsteins und Westfalens stammende Kreuzfahrer teilnahmen, sondern auch zahlreiche lokale Soldaten. So wurden für die Eroberung estnischer Siedlungsgebiete auch Liven und Lettgallen verpflichtet, deren traditionelle Rivalität mit den Esten man sich zunutze machte.29 Darüber hinaus hatte Albert auch mit wechselnder Unterstützung und Sukzessionskonflikten im

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Bistum Bremen zu kämpfen, weshalb er sich unter anderem zeitweise dänischer Unterstützung bei seinen Missionsfeldzügen versicherte.30 Litauen konnte nicht in das als Livland bezeichnete und vom livländischen Zweig des Deutschen Ordens, der Stadt und späterem Erzbistum Riga sowie den Bistümern Dorpat, Ösel-Wiek und Kurland beherrschte Gebiet einbezogen werden. Der Deutsche Orden bemühte sich auch unter Mithilfe des livländischen Zweigs um die Mission, konnte aber keine nennenswerten andauernden Erfolge in der Eroberung Litauens vorweisen. Im päpstlichen Spruch zu Viterbo 1236 und im Vertrag von Stensby aus dem Jahre 1238 erlangte Dänemark seine Gebiete in Nordestland zurück, die es in den 1220ern während eines Aufstandes der Esten und gegen den Expansionsdrang des Schwertbrüderordens zunächst nicht verteidigen konnte.31 Livland war aufgrund der zahlreichen Akteure kein einheitliches staatliches Gebilde und auch die Feldzüge und Handelsniederlassungen deutscher Provenienz dienten weniger der Vereinheitlichung des Gebietes,32 wie vor allem der mangelnde gemeinsame Widerstand der einzelnen Stämme im Unterschied zu den Litauern unter Mindaugas zeigte. Vielmehr glich Livland im 13. Jahrhundert einem Konfliktfeld zwischen verschiedenen sich engagierenden Parteien, nämlich dem Bischof von Riga und damit auch der Kurie sowie dem Deutschen Orden in Form seines livländischen Zweigs. Daneben führten die Ansprüche der Dänen, der Widerstand der lokalen Stämme und das Engagement der angrenzenden Fürsten von Novgorod und Pleskau, die ihre Tributäransprüche in Estland zu verteidigen suchten, zu andauernden, teils militärischen Gebietsund Kompetenzstreitigkeiten.33 „Livland“, verstanden als Einheit, spiegelt diese weder ethnisch noch sozial, politisch oder territorial wider. Es bestand weiterhin aus den separaten Stämmen der Esten, Liven, Selonen, Semgallen, Lettgallen und Kuren, die in ihren jeweiligen Siedlungsgebieten lebten und über die dann eine herrschaftliche Schicht vornehmlich deutscher und teilweise dänischer Lehnshoheiten gelegt wurde. Die rechtliche Konstitution dieser herrschaftlichen Schicht wurde aber nicht einheitlich, sondern hinsichtlich der verschiedenen Ansprüche auf Herrschaft in diesem Gebiet folgendermaßen organisiert: Zunächst strebte Albert an, die ihm folgenden Kreuzfahrer mit Ländereien als Entschädigung für ihren Einsatz zu belehnen. Eine zeitgemäße Möglichkeit, das eroberte Land auch strukturell mit einer neuen Herrschaftsschicht, die dem Bischof gewogen war, zu versehen. Doch der Schwertbrüderorden, in dem sich die Kreuzfahrer zusammenfanden, forderte eine Beteiligung an der weltlichen Macht in Livland in Form eines Drittels der eroberten Gebiete. 1210 wurde die Aufteilung der bereits eroberten Gebiete von Papst Innozenz III. bestätigt. Nun erhielt der Orden ein Drittel des Landes mit allen Rechten der weltlichen Herrschaft. 1226 konnten die Schwertbrüder eine Bestätigung ihrer Rechte und Ländereien von Kaiser Friedrich II. erlangen.34

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In der Aufteilung von 1210 wurden die rechtlichen Beziehungen zwischen Orden und Bischof von Riga genau festgelegt. Der Ordensmeister sollte dem Bischof „Gehorsam versprechen“, war aber ansonsten zu keinem weltlichen Dienst verpflichtet. Vom Zehnten stand dem Bischof im Ordensgebiet nur ein Viertel zu. Der Bischof besetzte die Pfarrstellen im Ordensgebiet mit Kandidaten, die der Orden vorschlug. Der Bischof konnte so nur in geistlichen Angelegenheiten im Ordensgebiet eingreifen. Somit hatten sich mit Bischof Albert und dem Schwertbrüderorden zwei Landesherrschaften in Livland seit 1210 etabliert.35 Sukzessive wurden auch die Gebiete Kurlands, Semgallens und Estlands zwischen dem Orden und der Rigischen Kirche mit dem Voranschreiten der Eroberungen im 13. Jahrhundert aufgeteilt. Dabei schloss Albert die einzelnen Gebietserweiterungen mit Bistumsgründungen ab, indem er z. B. eigene Verwandte wie Hermann von Buxhoeveden als Bischof von Leal (Dorpat) nach der Eroberung Estlands einsetzte. Dieser teilte seine Diözese mit dem Schwertbrüderorden, der das Land dafür verteidigen sollte. Der Versuch des Ordens, bei der Kurie selbst einen Bischofssitz für die südestnischen Gebiete Sackala und Ugaunien bewilligt zu bekommen, scheiterte zuvor. Die kirchliche Ordnungsstruktur wurde durch den Bischof von Riga bestimmt, wie 1215 auf einem Laterankonzil beschlossen wurde. Den Bestimmungen nach wurde das Bistum Riga dem Erzbistum Bremen-Hamburg entzogen und direkt der Kurie unterstellt, und Albert sollte, wo es im Zuge der weiteren Missionierung notwendig erschien, neue Bistümer gründen können. Erst 1245/46 wurde ein Erzbistum für Preußen und Livland auf dem Konzil von Lyon eingerichtet, das in Riga seinen Sitz nehmen musste.36 Die weltliche Landesherrschaft des Ordens wurde aber nicht eingeschränkt. Somit waren die Landesherrschaften des Ordens und der jeweiligen Bischöfe räumlich nicht deckungsgleich mit der räumlichen Ausdehnung der Diözesen. Nachdem Hermann und Albert 1225 die Belehnung ihrer Diözesen durch Heinrich, den Sohn Kaiser Friedrichs II., sowie die Inkorporierung als Marken des Reiches erreicht hatten, konnten auch die Schwertbrüder 1226 durch Kaiser Friedrich II. eine Bestätigung ihrer landesherrlichen Rechte erreichen.37 Die geteilte Landesherrschaft wurde somit verfestigt. Neben der Diözese Leal (später Diözese Dorpat) gründete Albert auch die Diözese Ösel-Wiek (1227). Nach seinem Tod wurde im Zuge der fortschreitenden Missionierung noch die Diözese Kurland (1234) eingerichtet. Harrien und Wierland gehörten ab 1238 zu Dänemark und schränkten somit die Herrschaft des Ordens in Nordestland ein.38 Kirchlich unterstand das Gebiet dem Erzbischof von Lund. Dieser Umstand blieb auch erhalten, als der Orden 1346 dieses Gebiet dem dänischen König abkaufte.39 Mit der Aufteilung der livländischen Regionen zu je einem Drittel zwischen dem Orden, dem Bischof von Riga und, nach einem Spruch des päpstlichen Legaten, Bischof Wilhelm von Modena, aus dem Jahre 1226, auch der Stadt Riga sowie der Errichtung der genannten Bistümer wurde ein

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Flickenteppich verschiedener Oberherrschaften vornehmlich deutscher Adeliger und Kaufmannschaften über Livland ausgebreitet, der wider jede territoriale und insbesondere politische Einheit Livlands spricht. Lediglich der religiöse Führungsanspruch der Kurie, dem sich auch der Orden in Form des Bischofs von Riga in Livland zu unterwerfen hatte, beschreibt symbolisch eine räumliche Einheit des Gebietes, wenngleich diese wiederum durch Ansprüche der Metropolitane in Lund und Bremen-Hamburg sowie durch die Interventionen der Kurie nach innen nur schwach ausgeprägt war.40 Gleichzeitig galt die Region aus der Perspektive des Reiches und der Kurie als Marginalie.41 So überlagern sich in Livland landesherrliche und kirchliche Herrschaftsansprüche, die nicht nur wiederholt im Konkurrenzkampf miteinander standen, wie z. B. an der Wahl des Erzbischofssitzes deutlich wird. Aufgrund des Willens des Ordensmeisters wird der Sitz 1251/53/55 nach Riga verlegt, damit die Herrschaft des Ordens in Preußen nicht unter die kirchliche Kontrolle gerät. Die dargestellten konkurrierenden Herrschaftsansprüche führen zu dauerhaften Grenzziehungsprozessen, in deren Verlauf die vorchristlichen Raumordnungen, die hauptsächlich durch Grenzräume bzw. „Zonen“ gekennzeichnet waren, durch lineare Grenzziehungen mehr und mehr den fortschreitenden Besiedlungen und Bewirtschaftungen gerecht wurden.42 Gemeinsame Landtage und die rechtliche Aushandlung bestimmter Dienst- und Obödienzeide sollten die gemeinsame Regierung Livlands ermöglichen, festigten aber nicht die vielbeschworene Konföderation.43 Diese wurde auch durch die Städte und die in ihnen politisch und sozial wirkenden Kaufleute unterlaufen. Sie bildeten ebenso eine bedeutende weitere Gruppe im sozio-kulturellen Gefüge Livlands, das neben einer deutschen Adelsschicht auch von überregionalen Fernhändlern niederländischer, norddeutscher und skandinavischer Händlergemeinschaften auf der einen und den russischen Händlern der Fürstentümer Novgorod und Pleskau auf der anderen Seite beeinflusst wurde. Insbesondere im Verbund der Hanse, die sich im 13. Jahrhundert neben einem Verbund von Händlern einzelner Städte zu einem ostseeweiten Städtebund entwickelte, konnten die Kaufleute wichtige Ratspositionen in den zur Hanse gehörenden Handelsstädten einnehmen. Hierdurch bestimmten die Kaufleute nicht nur die städtischen Strukturen, sondern als Gemeinschaft auch die externen Beziehungen zu Handelspartnern in der Rus’, Schweden oder PolenLitauen. Insofern beschreibt der Aktionsradius der Hansekaufleute Livlands und ihr Einfluss auf insbesondere „außenpolitische“ Fragen des Gebiets eine neue, andere räumliche Ausdehnung, zumal auch die territoriale Ausdehnung der wichtigen Handelskontakte für die Händler eine andere war als die der Brüder des Ordens oder die der Bischöfe, die sich an Rom, Lund und Riga orientierten. Auch der Verlust des Schutzes durch Waldemar I. von Dänemark und die Ferne des deutschen Kaisers zu den Küstengebieten der südlichen Ostsee bedingten eine Institutionalisierung der Hanse als Städtebund und Schutzbündnis der

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norddeutschen Kaufleute im Ostseeraum, wodurch weniger eine von den Imperien beeinflusste räumliche Perspektive der Hansekaufleute in Livland gezeigt wird. Viel wichtiger waren die Handelsbeziehungen zwischen den niederländischen Handelsstädten, London, Skandinavien, Livland und der Rus’ bis nach Smolensk, die in Handelsnetzwerken zwischen verschiedenen Kaufleuten aller Regionen lang anhaltend und nicht nur zum Zwecke des Waren-, sondern auch Informationsaustauschs sowie der Flexibilität und Rentabilität gepflegt wurden.44 Das Netzwerk von Handelsstädten, das von Flandern, im Westen bis nach Novgorod, im Osten reichte, hatte seine Ursprünge in einer Händlergemeinschaft aus Köln mit ihrer Niederlassung in London. Doch erst die Gründung Lübecks 1143/59 verhalf dem Verbund zu Aufschwung und Blüte im Ostseeraum. In Livland waren es Riga und Reval, die das ökonomische Interesse weckten. Riga bot mit dem schiffbaren Fluss Düna eine ausgezeichnete Plattform für den Handel zwischen Westeuropa und der Rus’. Schon früh hatten sich Lübecker Gotlandfahrer von Visby aus auf den Handel mit Novgorod konzentriert, der bis dahin vor allem von schwedischen Kaufleuten dominiert wurde. In den Lübecker Gotlandfahrern sind auch Ursprünge des Hansenetzwerkes entlang der Ostseeküste zu suchen. Dieses Netzwerk in Zusammenwirkung mit der Mission bedingte ebenso die urbane Entwicklung Livlands. Viele Siedlungen wuchsen zu urbanen Handelszentren unter deutschem, meist hansischem Patriziat heran. Allen voran wurden die Städte Riga, Wenden (Cēsis), Wolmar (Valmiera), Windau (Ventspils), Goldingen (Kuldīga), Walk (Valga/Valka), Lemsal (Limbaži), Kokenhusen (Koknese), Roop (Straupe), Dorpat (Tartu) und Reval (Tallinn) im 14. Jahrhundert Teil der Hanse,45 was sich sowohl rechtlich als auch organisatorisch in den Städte- und Obrigkeitsstrukturen niederschlug. Die gesamte Stadtkultur in Livland ist durch den Einfluss der norddeutschen Händlernetzwerke geprägt worden. Mit der Übertragung des lübischen Rechts bei der Aufnahme in den hansischen Städtebund erlangten die Kaufleute in den livländischen Städten die gleichen Privilegien und den gleichen Schutz ihrer Handelstätigkeit wie die norddeutschen Kaufleute, denen diese Privilegien und Rechte erstmals von Heinrich dem Löwen verliehen wurden. Er beförderte den Aufstieg Lübecks durch einen 1161 verlesenen Friedensvertrag zwischen gotländischen und sächsischen Kaufleuten, der beiden Seiten den Schutz ihres Handels in Lübeck und auf Gotland garantieren sollte und in dieser Form auch funktionierte. Die erfolgreiche Durchsetzung des lübischen Rechts z. B. in Reval, Wesenberg und Narva oder auch des hamburgisch-rigischen Rechts in den livländischen Städten verhalf diesen zu einem wirtschaftlichen Aufstieg,46 von dem insbesondere die alten Handelszentren Reval, Riga und Dorpat profitierten. Darüber hinaus spiegelten diese Städte nicht nur in rechtlicher und ökonomischer Hinsicht die Verbindung zur deutschen Kultur wider, sondern insbesondere auch in der Gestaltung

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der Städte und trugen so zu einer Vereinheitlichung bei, die die räumliche Ausdehnung der genossenschaftlich organisierten Handelsunternehmungen bis heute in Form von Architektur und Kunst erfahrbar macht. Hausgiebel, Spitzbogenportale und Backstein prägten nicht nur Lübeck, Wismar oder Greifswald, sondern auch die livländischen Städte, in denen sich ein norddeutscher Kaufmann im 16. Jahrhundert kurz nach der Ankunft heimisch fühlen konnte, weil man seine Mundart sprach und rein rechtlich ebenso gut gestellt und abgesichert war wie in Lübeck oder Hamburg.47 Neben den Landtagen, auf denen sich die meist deutsch geprägten Stände Livlands zur Beratung gemeinsamer Probleme trafen, etablierten auch die Städte erst spät eine eigene Versammlung, den Städtetag (1351), der im 14. und 15. Jahrhundert fast ausschließlich hansische Themen verhandelte, dabei aber die Gemeinschaft der livländischen Städte sukzessive stärkte.48 Hier nahmen wiederum die drei großen Städte Riga, Reval und Dorpat eine führende Rolle ein. Sie trafen sich einerseits in gemeinsamen Sitzungen ohne die kleineren Städte und sprachen andererseits für die kleineren Städte auf dem Hansetag. Ihre Interaktion mit Handelszentren in und außerhalb Livlands durchkreuzte vielfach die politisch-administrativen Grenzen, die zwischen den Bistümern und dem Orden gezogen worden waren.49 Im Vordergrund der Versammlungen stand immer eine Politik zum Schutze des Handels. Die hansische Handelsgeschichte ist immer wieder als konfliktreiche Geschichte zwischen Nationen geschrieben worden. Dabei muss man aber beachten, dass Handel immer klare und insbesondere friedfertige Strukturen benötigt, um zu funktionieren und Gewinn abzuwerfen. Hierfür haben die Hansekaufleute, die die Stadträte in den livländischen Hansestädten dominierten, sowohl intern als auch extern gesorgt. Sie verhandelten Verträge mit Novgorod und Pleskau, die den Hansehandel mit der Rus’ rechtlich schützen sollten. Störungen des Handels durch Konflikte wollte man immer vermeiden.50 Darüber hinaus pflegten die livländischen Kaufleute auch die Handelskontakte in ihre Heimathandelsorte in Norddeutschland und den Niederlanden, wie die Eintragungen Wolmarer Händler in die Schuldbücher von Lübeck oder die in Tallinn aufbewahrten Handelsbücher eines Hildebrand Veckinchusen bezeugen.51 So überlagerten unterschiedliche Raumvorstellungen die deutsche Schicht kulturellen Einflusses vom 12. bis zum 16. Jahrhundert in Livland, die insbesondere durch die Unterordnung verschiedener sozio-ethnischer Gruppen unter verschiedene Landes- und Oberherrschaften sowie ökonomische Interessen geprägt wurden. Die vielfältigen Interessengruppen, die jeweils für die vorteilhafteste Ausdehnung ihres Einflussbereiches über Territorien, Untertanen und Handelsrouten kämpften, bestimmten auch die Grenzziehungsprozesse, die sowohl expansiven als auch kontrahierenden Charakter hatten. Abgesehen von einigen Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn blieben die Außengrenzen zu

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Russland und Litauen seit dem 13. Jahrhundert stabil. Ihre Bedeutung im Kontext von Identitätsbildung und räumlicher Zugehörigkeit wird allerdings durch eine viel stärkere Wirksamkeit sozio-kultureller und insbesondere religiöser Abgrenzungen geschmälert. Eine Analyse der in spätmittelalterlichen Quellen verwendeten Ethnonyme zeigt, dass Esten, Liven, Lettgaller, Kuren, Russen, Litauer, Deutsche, Schweden, Finnen oder Dänen in den livländischen Städten lebten, ihre Bezeichnung aber nicht dem heutigen Verständnis nationaler Zugehörigkeiten entsprach. Vielmehr sind es Herkunfts- oder Regionsbezeichnungen Stadtfremder. Mit diesen Bezeichnungen auch estnischer und anderer lokaler Bevölkerungsgruppen werden ebenso soziale, statusbedingte Unterschiede dieser Stadtfremden benannt, wenn z. B. mit „Este“ und „Undeutscher“ die Bauern außerhalb der Stadt gemeint waren.52 Religiös bildete sich nur schwer eine räumliche Einheit heraus, die vor allem in den Anstrengungen der Bekehrung der lokalen Bevölkerungen zum christlich-römischen Glauben und anschließend auch der Beibehaltung dieses Glaubens in Livland zu suchen ist. Gleichzeitig ist die Mission auch ein Instrument zur Durchsetzung von Machtinteressen. Von dänischen Geistlichen getaufte Heiden wurden nicht in jedem Fall auch von norddeutschen Geistlichen anerkannt. Daneben hatten alle Geistlichen mit dem Phänomen der Rückkehr zu vorchristlichen Traditionen und der Beibehaltung von paganen Riten unter der lokalen Bevölkerung in Livland zu kämpfen. Dass dieses aber ein allgemeines Phänomen war, das im 15. Jahrhundert alle Diözesen und die Städte vereinte, wird in den Synodalprotokollen z. B. von 1428 in Riga deutlich.53 Diese Einheit der Bemühungen um den römisch-katholischen Glauben, auch im Gegensatz zur orthodoxen Kirche des Ostens, wird erst mit der Reformation Livlands infrage gestellt. Eine Einheit Livlands bildete sich vom 12. bis zum 16. Jahrhundert daher nicht heraus. Vielmehr waren die oftmals als integrative Kräfte beschriebenen Stände und Städte sowie die verschiedenen politischen Akteure inner- und außerhalb Livlands für eine fortschreitende Desintegration der einzelnen Teile verantwortlich. Livland war vielmehr ein durch Grenzen geprägter Raum, dessen Vielzahl von Grenzen nach Missionierung und hansischer Expansion noch zugenommen hat. Dieser Grenzraumcharakter tritt durch die Schwächung des Deutschen Ordens, der einst bestimmenden Macht im Herrschaftsgefüge Livlands, durch polnisch-litauische Truppen in der Schlacht von Tannenberg 1410 und die in diesem Zeitraum verstärkten Bemühungen um eine Rückgewinnung Nordestlands durch Dänemark noch deutlicher hervor.54 Ebenso desintegrativ wirkte die Reformation, die seit dem Sommer 1521 durch die evangelischen Predigten Andreas Knopkens in Riga ihren Anfang in Livland nahm. Die Städte nahmen eine zentrale Stellung in der Verbreitung des reformatorischen Gedankens ein, der in diesem Gebiet vor allem durch Johannes Bugenhagen bestimmt worden ist.55 Räumlich waren die norddeutschen Reformatoren

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zunächst also näher als der sächsische Vordenker, auf den sich erst nachfolgende Prediger bezogen. Bereits 1523 kam es zu ersten Ausschreitungen gegen Klöster und Geistliche z. B. in Riga und Hasenpoth, dem kurländischen Bischofssitz. Wenig später waren auch Reval und besonders gewaltsam Dorpat betroffen. Die Reformation hätte auch die herrschaftlichen Strukturen Livlands ins Wanken bringen können. Der Orden, die Bistümer und der Erzbischof waren katholische Institutionen, deren herrschaftliche Legitimation mit der Hinwendung zum Protestantismus von Predigern, Ordensgeistlichen und der Bevölkerung infrage gestellt wurde. Interessanterweise zeigen die Quellen eine gewisse Flexibilität insbesondere innerhalb des livländischen Ordens in den Anfangsjahren der Reformation, die, im Unterschied zu Preußen, einen Grenzraum zwischen altem und neuem Glauben zu eröffnen schien. Hieran scheint auch eine strukturell bedingte „Verweltlichung des geistlichen Standes“ nicht ganz unschuldig gewesen zu sein.56 Die Korporation des Ordens wurde durch die neuen Glaubensinhalte nicht infrage gestellt und einige Meister, wie Hermann von Brüggenei (1535– 1549) und Heinrich von Galen (1551–1557), förderten aktiv die Verbreitung lutherischer Glaubensinhalte, ohne die Legitimation des Ordens und seinen Herrschaftsanspruch zu schwächen.57 Der Fortbestand des Ordens in Livland bedeutete aber weiterhin, dass er nur eine landesherrliche Macht neben den Bistümern und dem Erzbistum in Livland darstellte. Im nahenden Konflikt der Ostseeraummächte sollten sich noch weitere politische und militärische Schwächen zeigen. Der Durchbruch der Reformation auf allen Ebenen wurde erst unter der schwedischen Herrschaft erreicht. Diesem ging aber der Livländische Krieg von 1558–1582 voraus. Zunächst ging die größte Gefahr von Moskau aus und dem Angriff von Zar Ivan IV. auf Narva und Dorpat 1558 hatten die Livländer nichts entgegenzusetzen. Man rief daher andere Mächte wie Dänemark, später auch Schweden und Polen-Litauen zu Hilfe.58 Es folgte eine Aufteilung Livlands unter den Mächten des Ostseeraumes und damit eine neuerliche kulturelle Schicht, die auf die livländische Gesellschaft wirkte.

3.2 Polnische Schicht Nach dem Livländischen Krieg konnte Polen-Litauen den südlichen Teil Livlands mit Riga einnehmen, während die nördlichen Teile Ösel und Pilten den Dänen zugeschlagen wurden. Harrien und Wierland mit Reval fielen an die Schweden. Moskau behielt zunächst nur die Kontrolle über Dorpat und Narva, obwohl die ersten wirkungsvollen Angriffe auf Livland 1558 von hier ausgingen und teilweise auch große Teile Livlands erobert werden konnten. Der polnische König und litauische Großfürst Sigismund II. versuchte, die südlichen livländischen Gebiete zu inkorporieren, was ihm aber nur teilweise

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und mittels großzügiger Konzessionen gegenüber der meist deutschstämmigen livländischen Adelsschicht gelang. So blieb z. B. Kurland ein eher unabhängiges Territorium unter der polnisch-litauischen Krone und auch Riga wehrte sich gegen die Eidesleistung gegenüber dem König. In den Pacta Subiectionis regelte Sigismund als Lehnsherr Kurlands und Semgallens das Verhältnis zwischen Adel und Landesherrn, wobei er den Ständen ihre Privilegien bestätigte, Kurland säkularisierte und Gotthard Kettler, den letzten Ordensmeister des livländischen Teils des Deutschen Ordens, als Herzog von Kurland und Vasallen des polnischen Königs einsetzte.59 Die räumliche Perspektive Kurlands änderte sich kaum. Kurland gehörte wie ganz Livland besonders von der deutschen Adelselite gefühlt zur Peripherie des Heiligen Römischen Reiches und bildete nun die Peripherie Polen-Litauens, das sich allerdings im Osten und Südosten Europas verortete. Eine Beziehung zur Ostsee hatte Polen-Litauen daher eher nicht. Diese Beziehung war aber für Kurland umso bedeutender. Somit wirkte sich die Herauslösung aus der Deutschen Nation60 nicht weiter aus und die Vormachtstellung der deutschen Elite blieb durch die Bestätigung ihrer Privilegien bestehen. Hierin liegt auch der Grund für die geringe kulturelle Wirkung der polnisch-litauischen Oberherrschaft auf den kurländischen Teil Livlands. Diese drückt sich insbesondere durch die Bestätigung des protestantischen Glaubens in Kurland aus, dem der katholische König Sigismund auf Druck polnischer und litauischer Protestanten zustimmen musste.61 Bei späteren Sukzessionsverhandlungen konnten die zukünftigen kurländischen Herzöge mit Zugeständnissen an den katholischen Glauben in ihrem Territorium den polnischen König für ihre jeweiligen Anliegen gewinnen.62 Insgesamt zeigt sich neben der Kongruenz von Territorium und protestantischem Glauben in Kurland im Verlauf des 17. Jahrhunderts eine Diversifizierung der religiösen Gruppen und Grenzen im Land. Diese Grenzen traten immer dann deutlicher hervor, wenn die protestantische Oberschicht im Falle von Konflikten oder nach Migrationsbewegungen zu einer Reaktion und Entscheidung gezwungen war.63 Während Kurland im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts seinen semiautonomen Status unter der polnisch-litauischen Krone bis 1795 wahren konnte und von kulturellen Einflüssen weitestgehend verschont blieb, erging es dem Gebiet der Woiwodschaft Livland mit dem Regierungssitz in Dünaburg (Daugavpils) anders. Es handelte sich staatsrechtlich um ein Kondominium, das gemeinschaftlich von der polnischen Krone und dem Großfürstentum Litauen verwaltet wurde. Unter dieser Verwaltung kam es zu einer stärkeren kulturellen Transformation des Landes, da die deutschsprachige Elite sich sukzessive mit polnischen Adeligen vermischte. Dabei verstärkte nicht nur die Migration litauischer und polnischer Adelsfamilien die konfessionelle und kulturelle Anbindung an die polnisch-litauische Adelsrepublik, sondern in bedeutender Weise auch die Einführung der adeligen Strukturen mit Ehrenämtern und Amtsträ-

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gern.64 Für die livländischen adeligen Familien deutscher Herkunft war es vor diesem Hintergrund durchaus attraktiv, sich sowohl konfessionell als auch politisch stärker in die Republik zu integrieren, um so Zugang zu den zentralen Entscheidungsinstanzen zu bekommen.65 Vor diesem Hintergrund veränderte sich auch die mentale Landkarte, wenn man bedenkt, dass einige der livländischen Familien im 18. Jahrhundert bedeutende Kanzler oder Senatoren stellten. Nichtsdestotrotz blieb auch Polnisch-Livland von der Randlage geprägt und die Adeligen konnten nie in der Weise in die Republik integriert werden, wie es angestammte adelige Familien in anderen Teilen waren. Mit dem Wandel zu einer russischen Provinz veränderte sich abermals der zentrale Bezugspunkt der Region, deren Grenzraumcharakter insbesondere durch die häufigen Wechsel von staatlichen, funktionalen und kulturellen Grenzen geprägt wurde.

3.3 Schwedische Schicht Einen neuerlichen Wechsel dieser Grenzen bedeutete auch die Expansion Schwedens in die livländischen Gebiete nördlich der Düna. Nach den Eroberungszügen von Ivan IV. und der Übernahme Ösels durch den schwedischen Kontrahenten Dänemark konnte Estland bereits 1561 unter schwedische Kontrolle gebracht werden,66 indem Reval 1560 sowie die Städte und Ritterschaften von Harrien und Wierland 1561 sich unter schwedische Obhut begaben, um sich den Kriegswirren und der russischen Gefahr zu entziehen.67 Mit dem Süden Livlands unter polnisch-litauischer Kontrolle blieb Russland aber zunächst ein wichtiger Gegenspieler der Schweden in Livland, dessen Grenzen von nun an weniger in seinem Territorium selbst verhandelt wurden. Vielmehr waren die Gesellschaft Livlands, der Handel der Städte und die Loyalität der adeligen Gutsbesitzer in einen Strudel von Machtkämpfen geraten, die die Schweden zunächst mit Russland, Polen-Litauen und auch Dänemark um das Dominium Maris Baltici ausfochten. Da Zar Iwan IV mit seinen Truppen weder Pernau (1575), Reval (1577), Wenden (1577) noch Wesenberg (1580/81) gegen die Macht der Schweden und Polen-Litauer dauerhaft halten konnte, drangen die Truppen der Republik weit in das russische Territorium nach Pleskau vor, während die Schweden in Karelien die Burg Kexholm (Käkisalmi/Priosersk) von den Russen eroberten. 1581 nahmen die Schweden das von den Truppen des Zaren besetzte Narva in Estland ein. Obwohl 1582 und 1583 die Konflikte zwischen Moskau und Polen-Litauen sowie Schweden ein vertragliches Ende fanden, flammten diese Konflikte in den 1590ern nach der Sukzession von Karl IX. von Schweden wieder auf, da Moskau versuchte, seine Gebiete in Karelien wiederzugewinnen, und erfolgreich eine Eroberung Novgorods durch die Schweden verhindern konnte. Im Vertrag von Teusina im Jahr 1595 fand man dann eine Einigung zwischen beiden Kontrahenten, die nicht nur eine

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Grenze zwischen Finnland und Karelien entlang des Systerbäck bis zum Golf von Finnland etablierte, sondern Schweden auch den Besitz Estlands inklusive Narvas bestätigte. Schweden war einer Dominanz im Ostseeraum nähergekommen und Russland hatte weitgehend seinen Zugang zur Ostsee verloren. Im Frieden von Stolbovo fielen auch die besetzten Teile Kareliens und Ingermanlands an Schweden.68 Mit der Desintegration Moskaus nach dem Tod des Zaren 1598 intensivierten Schweden und Polen-Litauen ihre Invasion in Russland, die erst mit der Wahl des ersten Romanovs 1613 deutlichen Widerstand erfuhr. In der Zwischenzeit nutzte Gustav II. Adolf die polnische Abwesenheit vom livländischen Schauplatz und zog mit seinem Heer gegen Polen zur Düna, um nach anfänglichen Niederlagen 1621 Riga einzunehmen und nach Kurland vorzudringen. Erst mit dem Waffenstillstandsvertrag von Altmark 1629 konnten sich die Schweden – mittlerweile auf preußischem Boden gegen Polen-Litauen kämpfend – durchsetzen und Schwedisch-Livland mit Riga dauerhaft sichern. Während Schweden Moskau im Frieden von Stolbovo den Zugang zur Ostsee abgenommen hatte und mit zahlreichen Hafenstädten entlang der südlichen Ostsee und mit der Erhebung von Zollgebühren in Danzig seine Vormachtstellung im Ostseeraum ausbauen konnte, beruhigte sich die Situation in Livland zusehends. Inwieweit sich die Gesellschaft in Estland und Schwedisch-Livland mit dem neuen politischen Zentrum auf der anderen Seite der Ostsee, und damit auch mit den Grenzen des schwedischen Reiches identifizierte, bleibt fraglich, zumal alte und nachbarliche Loyalitäten sowohl emotional als auch räumlich näherlagen.69 Wiederum wird Livland von einem ambivalenten Verhältnis, bestehend aus politischer und teilweise auch sozialer Ferne sowie kultureller Nähe, geprägt. Der Anspruch Schwedens an seine Herrschaft in Livland und auch die heutige Erinnerung an die guten schwedischen Jahre lassen das Bild Schwedisch-Livlands und seine räumliche Integration in das schwedische Reich weiterhin vielschichtig erscheinen.70 Insbesondere in der Administration Est- und Livlands lässt sich zunächst eine Stärkung der lokalen Adelsherrschaft feststellen, indem Schweden in Estland (1584) die Ritterschaft als einzige Herrschaftsschicht anerkannte und ihr das alleinige Recht zur Teilnahme am Landtag zusprach. In den eroberten Teilen Livlands wollten Karl IX. und Gustav II. Adolf diese Bestätigung der Privilegien nicht uneingeschränkt vornehmen. Gustav II. Adolf lenkte aber 1634 nach dem Widerstand der Esten und dann auch der Livländer gegen die Übertragung schwedischen Rechts auf die Provinzen ein.71 Die Verwaltung der Provinzen war insbesondere durch die Selbstverwaltung des Adels geprägt, dessen Landtag zwölf Mitglieder für die Landratskollegien jeweils in Est- und Livland bestimmte. Dieser höchsten Entscheidungsinstanz im Lande stand zwar ein schwedischer Gouverneur vor. Seine Mitglieder rekrutierte das Kollegium aber fast ausschließlich aus den deutschen Adelsgeschlechtern. Vor dem Livlän-

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dischen Krieg teilte der Adel seine Macht mit den Bischöfen der geistlichen Territorien und dem Orden, dessen Besitzungen nun Königsgut waren. Wirksamere Einflüsse auf die soziale und kulturelle Entwicklung Livlands unter schwedischer Herrschaft gingen aus Initiativen der schwedischen Regierung hervor, die auf eine Reform der kirchlichen Strukturen sowie der Stellung der Bauern abzielte. Mit dem Anspruch der Verbreitung des Wort Gottes gründete man Schulen für die Lehrerausbildung, um so eine Grundschulbildung in den lokalen Sprachen – Estnisch und Lettisch – zu gewährleisten. 1686 wurde ein Kirchengesetz erlassen, das die Einrichtung von Schulen in den Gemeinden vorschrieb. Zudem hatte Gustav II. Adolf bereits 1632 in Dorpat eine Akademie nach dem Vorbild der schwedischen Universität in Uppsala gegründet und so die Bildungsstrukturen Estlands nachhaltig beeinflusst.72 Die Lebenssituation der Bauern war von diesen Veränderungen aber nicht unmittelbar betroffen, da ihre abhängige Position von den adeligen Gutsbesitzern mit Unterstützung der schwedischen Reichsregierung noch verstärkt wurde. Obwohl 1630 eine Gerichtsreform den Bauern in Livland eine von den Gutsherren unabhängige Instanz zur Appellation einräumte, hatte Gustav II. Adolf hauptsächlich seine hohen Militärausgaben im Blick, weshalb er der Mehreinkünfte bedurfte, die unter anderem aus der Abhängigkeit der livländischen Bauern entstanden. Nach seinem Tod hatten sich dann die adeligen Familien im Reichsrat durchgesetzt, die sich schon an die vorteilhaften Bedingungen mit leibeigenen Bauern, die ihre Güter in Livland bewirtschafteten, gewöhnt hatten.73 Mit dem livländischen Landrecht von Engelbrecht von Mengden aus dem Jahre 1643, in dem die Leibeigenschaft der Bauern bestätigt wurde, stärkten die livländischen Adeligen nicht nur ihre Position, sondern förderten auch die Entfernung der Ostseeprovinzen Schwedens vom Reich, in dem unterschiedliche Rechtsnormen und damit soziale Unterschiede galten. Auch im Zuge der Güterreduktion, die immerhin fünf Sechstel der Güter betraf und den Einfluss der schwedischen Krone erhöhte, konnte keine Statusverbesserung der Bauern erreicht werden, da die Güter nach Einziehung wieder an die deutsch-baltischen Adeligen verpachtet wurden. An der Lebenssituation der Bauern änderte das kaum etwas, wohl aber an der Stellung der Adeligen, die unter Karl XI. nicht nur ihre Selbstverwaltung einbüßten, sondern durch den Pächterstatus auch eine Beeinträchtigung ihrer ökonomischen Situation hinnehmen mussten.74 Karl XI. vertrat eine andere Politik gegenüber den Provinzen als seine Vorgänger. Unter dem Einfluss absolutistischer Herrschaftsideen verfolgte Karl eine stärkere Integration der Staatsstrukturen und damit aller Teile des schwedischen Reiches. Doch gerade in den baltischen Provinzen und in Pommern konnten z. B. die Abschaffung der Leibeigenschaft oder die Durchsetzung der Militärreform (indelningsverket) nicht erreicht werden. Dagegen waren Versuche der Sozialdisziplinierung mittels der Kirche, die in Schweden Reichskirche und damit maßgeblich an der Verbreitung königlicher Erlasse und Vorstellungen beteiligt

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war, sehr erfolgreich. Durch die Güterreduktion wurde die Geistlichkeit in Estund Livland der Krone unterstellt (Reichsgeistlichkeit). Auch nach der Verpachtung der Güter blieb die Kontrolle über die Kirchengemeinden bei der Krone, sodass sich die Kirchenstrukturen in den Ostseeprovinzen an die in Schweden anglichen.75 Ohne Stimme im schwedischen Reichstag, den Verordnungen des schwedischen Königs ohne eigene ständische Vertretung direkt ausgeliefert und mit Appellationsrechten gegen die Übergriffe von Gutspächtern ausgestattet sowie von einer Reichsgeistlichkeit auf Estnisch bzw. Lettisch über das Reich und sein Königtum unterrichtet, bleibt die Verortung Est- und Livlands im schwedischen Reich ambivalent und auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich. Insgesamt blieben die Provinzen marginalisiert, weil untergeordnet. Die Durchsetzung der Reformen Karls XI., die das Potenzial zu einer stärkeren Integration gehabt hätten, scheiterte nicht zuletzt auch an dem kurzen Zeitraum, in dem eine Umsetzung erfolgen konnte. Schwedens Vormachtstellung im Ostseeraum wurde bereits 1700 infrage gestellt und am Ende des Großen Nordischen Krieges fielen die schwedischen Ostseeprovinzen an Russland.

3.4 Russische Schicht Die Außengrenzen, innerhalb derer sich Livland nach dem Großen Nordischen Krieg zu verorten hatte, waren wiederum andere als im schwedischen Reich. Bereits an ein politisches Zentrum in Stockholm gewöhnt, verlagerte sich dieses aber, vom Westen und durch ein Meer getrennt, nach Osten. Die deutschbaltische Oberschicht und auch die estnischen und lettischen Bauern hatten in den letzten beiden Jahrzehnten vor dem Krieg einschneidende Veränderungen hinnehmen müssen, die Est- und Livland kulturell tendenziell stärker an Schweden binden sollten. Nichtsdestotrotz blieben die Abhängigkeitsbeziehungen der Bauern gegenüber der deutsch-baltischen Oberschicht bestehen und somit ein Grundmuster der sozio-kulturellen Organisation der Provinzen. 1710, nach der Schlacht von Poltava, konnte Russland Estland und Livland erobern und übernahm damit, später im Frieden von Nystad vom 30. August 1721 festgeschrieben, die Kontrolle in Estland und Livland.76 Obwohl das Leben nach dem Krieg sowohl für die deutsch-baltische Oberschicht als auch die estnischen und lettischen Bauern zunächst nicht komfortabel war, bedeutete der Wechsel unter die Obhut der russischen Krone zunächst einen Vorteil für die deutsch-baltische Oberschicht, die ihre Privilegien wiederherstellen konnte. Innerhalb des russischen Reiches nahmen die Ritterschaften eine Sonderstellung im Adel ein, indem man ihnen die Selbstverwaltung der Territorien wie vor den schwedischen Reformen wieder zusicherte. Die Amtssprache in den Provinzen sollte deutsch sein und mit der Rücknahme der Güterreduktion erreichten die Ritterschaften wieder ein größtmögliches Maß an Autonomie, die sie unter

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anderem durch reiche Adelige aus ihren Reihen, die sich in St. Petersburg niederließen, auch zu kontrollieren versuchten. Die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts hindurch blieb die eigenständige Position der baltischen Provinzen durch die tolerante Politik Peters I. geprägt.77 In den Landtagsmatrikeln von 1743 bzw. 1747 wurde genau festgelegt, welche adeligen Familien Sitz und Stimme hatten. Der Landtag hatte gesetzgebende und steuerrechtliche Gewalt in den Provinzen und verhandelte direkt mit den von St. Petersburg eingesetzten Gouverneuren oder der Krone selbst. Zwölf Landräte waren für die lokale Verwaltung in den Provinzen zuständig. Darüber hinaus übte der Landtag großen Einfluss auf die Schul- und Kirchenordnungen aus. Die Gutsbesitzer bestimmten zudem auch wieder die Besetzung der Pfarreien. Vor diesem Hintergrund waren die Rechte des baltisch-deutschen Adels im Vergleich zu den russischen Vertretern ihres Standes konkreter formuliert und distanzierten sie damit vom russischen Adel.78 Räumlich gesehen behielten die Provinzen ihre periphere Stellung bei, indem sie auf die andere Seite einer von Imperien bestimmten Grenze – von der Ostgrenze des schwedischen Königreiches zur Westgrenze des russischen Kaiserreiches – wechselten. Die stärkere Autonomie innerhalb des russischen Reiches bewirkte aber, dass die Provinzen noch weniger mit dem russischen Reich verbunden und somit räumlich isolierter waren als innerhalb der schwedischen Reichsgrenzen. Dieses lässt sich insbesondere auch an der Beibehaltung der kirchlichen Strukturen ablesen, die noch unter schwedischer Herrschaft eingeführt wurden. Zudem wurde die Praktizierung des lutherischen Glaubens bestätigt, während die orthodoxe Kirche im restlichen Russland eine religiöse Führungsrolle beanspruchte.79 So führten die sprachlichen, religiösen und politischen Unterschiede zwischen Provinz und imperialem Zentrum nur zu einer indirekten Eingliederung Est- und Livlands. Mit der Reformpolitik Katharinas der Großen nuancierte sich dieses räumliche Verhältnis, da einerseits der Einfluss der von Katharina verpflichteten deutsch-baltischen Adeligen und andererseits auch der Widerstand anderer strukturelle Anpassungen bewirkte, die Provinzen und Reich einander annäherten. Insbesondere die autonome Stellung des Adels in den baltischen Provinzen schien russischen Adeligen erstrebenswert. Gleichzeitig war Katharina an einer gesamtrussischen Verwaltungsorganisation interessiert, die unter diesem Vorzeichen auch die deutsch-baltische Sonderstellung schwächen sollte. Bereits Peter I. war daran interessiert, strukturelle Defizite insbesondere auf den Ebenen regionaler und lokaler Verwaltung auszugleichen, als er 1721 nach Vorbild der deutsch-baltischen Stadtorganisation Magistrate einrichtete oder schon 1713 den Landrat auch in russischen Provinzen als lokalen Vertreter der staatlichen Autorität einsetzte.80 Allerdings hatte er Elemente der autonomen Verwaltung der Ritterschaften in den Provinzen kopiert. Erst mit Katharina II. kam ein Reformprozess in Gang, der strukturelle Reformen im gesamten Reich in

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den Blick nahm, bei denen deutsch-baltische Beamte zwar mitentschieden – wie z. B. der Landrat von Ulrich –, aber nicht mehr nur Interessenpolitik im Sinne des Schutzes der Privilegien der baltischen Ritterschaften betreiben konnten.81 In einer Kommission zur Reform der Gesetzgebung von 1767 versammelte Katharina Gesandte aus dem gesamten Reich, um dringende Fragen unter anderem zum Umgang mit den Bauern und zur Bildung im russischen Kaiserreich sowie zur Beratung von grundlegenden Gesetzen zu klären. Die Rolle der Bauern vor dem Hintergrund aufklärerischer Ideen – auch in Hinblick auf die Schriften von Karl Friedrich Schoultz und Johann Georg Eisen bezüglich eines humanitären Bauerngesetzes – fand bei der Zarin einige Beachtung, konnte aber nicht gelöst werden.82 Auch die Ergebnisse hinsichtlich einer Bildungsreform fielen mager aus. In Dorpat durfte die Universität erst unter ihrem Nachfolger im Jahr 1802 ihren Betrieb aufnehmen.83 Nichtsdestotrotz konnte die Kommission Reformen bewegen, die zumindest die lokale Administration in den Provinzen sowie den Status des Adels genauer bestimmten. 1785 erhielten russische Adelige vergleichbar nachvollziehbare Besitzrechte und eine Matrikel. Diese Neuordnungen der Verwaltung, die nicht alle Elemente der deutsch-baltischen Privilegien aufnahmen, sondern sich auch an den Gegebenheiten in den anderen russischen Provinzen orientieren mussten, traten 1783 mit der Statthalterschaft in Kraft.84 Sie unterliefen teilweise die den Ritterschaften gewährten Rechte durch Katharina im Jahr 1762. Die Rechte des Landtags und damit auch die autonome Stellung der Ritterschaften in den Provinzen wurden beschränkt. Die Bauern mussten eine Kopfsteuer entrichten. Durch zusätzliche Administratoren konnte die kaiserliche Macht bis in die kleinsten Orte im gesamten Reich getragen werden. Auf diese Weise band man die baltischen Provinzen, zu denen im Verlaufe der Herrschaft Katharinas auch die Teilungsgebiete Polen-Litauens und Kurlands kamen, stärker an das Reich, ohne die Charakteristiken der Eigenständigkeit vollständig zu eliminieren. Immerhin bedeutete der Tod der Zarin 1796 ein Ende der Reformen und eine Rückkehr zu mehr Autonomie in Est-, Liv- und Kurland.85 Trotzdem blieb diese Zeit nicht ohne Russifizierungsversuche, die strategisch mit der Verwaltungsreform einhergehen sollten. So wirkten sich die Reformen in der Administration auch auf die Städte aus, in denen sich nun auch russische Händler niederlassen konnten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dieser Prozess noch durch die industrielle Entwicklung verstärkt. Die Auflösung der Stadtmagistrate und die Reduzierung der Macht der Zünfte bzw. Gilden bewirkten eine soziale und ethnische Diversifizierung, die die deutsch-hanseatische Kultur unterlief.86 Ähnlich weitreichend war der soziale Wandel auf dem Land, den insbesondere Reformen unter Alexander I. beflügelten, als dieser mit dem Bauerngesetz von 1819 mittels wirtschaftsliberaler Ideen die Beziehung zwischen dem Bauern

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als Fronpächter und dem Gutsbesitzer auf eine neue Grundlage stellte. Mit einer Revision des Gesetzes 1849 erhielten die Bauern noch viel größere Möglichkeiten, Land auch zu erwerben.87 Hierdurch wurde es erstmalig möglich, dass sich eine bäuerliche Mittelschicht von Esten und Letten herausbildete, die dank ihrer guten schulischen Ausbildung in den unter schwedischer Herrschaft bereits eingeführten Regionalschulen nun eine Basis für die nationale Bewegung in den russischen Ostseeprovinzen bilden konnten.88 Diese Bewegung wurde zunächst aus dem Interesse von Pastoren und Gelehrten für die lokale Kultur und Sprache der lettischen und estnischen Bauern gespeist, legte damit aber den Grundstein für ein nationales Bewusstsein, das im 20. Jahrhundert der Eigenständigkeit der Esten und Letten in eigenen Staatsgründungen Ausdruck verlieh. Die durch die Mithilfe von deutsch-baltischen Adeligen reformierten russischen Strukturen zum Aufbau einer stärkeren Zentralgewalt, die ihre Provinzen integrieren sollten, wirkten auch auf die russischen Ostseeprovinzen und deren Beziehung zum russischen Reich. Soziale, ethnische, kulturelle und politisch-administrative Reformen banden die Provinzen stärker ein und bescherten der gesamten Region vor allem eine lange Friedenszeit, in der unter der traditionellen Herrschaft deutsch-baltischer Adeliger und einer ebensolchen Bildungselite trotz aller Integrationsbestrebungen ein Raum für die eigenständige Entwicklung nationaler Kulturen entstehen konnte. Die Komplexität des Grenzraumes wurde durch die stärkere Herausbildung ethnisch-kultureller und sozialer Grenzen nach innen bestimmt. Die althergebrachte kulturelle Orientierung nach Westen blieb den Provinzen eigen, was wiederum die imperiale Außengrenze Russlands permeabel gestaltete. Die Kaufleute in den weiterhin wichtigen Handelsstädten in Reval und Riga waren seither und blieben wichtige Mittler im Handel zwischen westlichen und östlichen Waren.89

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Livland als Grenzraum oder kulturelle Schichten und der Fingerabdruck einer Region

Schicht für Schicht legen sich politische, kulturelle und soziale Ordnungsmuster auf eine ethnisch gemischte Region, die als Grenzraum bzw. Borderland verstanden werden muss, weil jeder dieser Ordnungsprozesse und die diversen damit verbundenen Umdeutungen einerseits kontinuierliche Grenzziehungen verursachten und andererseits die Integration in die Grenzen und Strukturen der „nachbarlichen“ Reiche nicht gelang. Eine politische Eigenständigkeit konnte daraus nicht abgeleitet werden, wohl aber eine charakteristische hybride Kultur, die durch die Wechsel der Oberherrschaften einerseits und die Kontinuität der lokalen Herrschaft andererseits eine eigene Tradition entwickelte.

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Die Einzigartigkeit des livländischen Grenzraumes liegt vor diesem Hintergrund in der Verbindung von wechselnden Machtkonstellationen und räumlichen (Neu-)Verortungen. Diese nahm die deutsch-baltische Oberschicht regelmäßig vor, um sich an die wechselnden Machtzentren anzupassen. Das war möglich, weil die meisten Konflikte, die in diesem Grenzraum zwischen Dänemark, Schweden, Polen-Litauen, Russland, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und nicht zuletzt der Kurie ausgefochten wurden, kaum die soziokulturelle Ordnung der Region selbst betrafen bzw. diese Ordnung eine Beharrlichkeit entwickelte, die nur langsam Veränderungen zuließ. Vielmehr wurden hier auch Machtkämpfe ausgetragen, die eine großräumigere, teilweise europäische Dimension hatten. Die Marginalisierung am Rande der miteinander kämpfenden Reiche trug daher zum besonderen Borderland-Charakter Livlands und seiner Regionen bei, da die Strukturen langfristig erhalten blieben und diese aus der Sicht Russlands sogar fortschrittlich waren. Die in der Historiografie verwendeten Bezeichnungen „Schwedische Baltische Provinzen“, „Russische Provinzen“ etc. sind hilfreiche Begriffe, wenn man die kurzeitige Verortung im politisch-geografischen Raum einer bestimmten Epoche beschreiben möchte. Doch werden sie der grenzräumlichen „Mittelstellung“ (in between) und der Geschichte Livlands nicht gerecht. Denn eine solche Stückelung, die durchaus auch in den Wissenschaftstraditionen begründet ist, verschleiert eine Einheit, die aus mehreren Schichten besteht. Anmerkungen 1 2

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A. PLAKANS, A Concise History of the Baltic States, Cambridge 2011, S. xiv; A. KASEKAMP, A History of the Baltic States, London-New York 2010, S. ix f. Zur Diskussion siehe auch: K. BRÜGGEMANN (Hg.), Narva und die Ostseeregion, Narva 2004; K. BRÜGGEMANN und B. WOODWORTH, Entangled Pasts – Russia and the Baltic Region, in: Dies. (Hg.), Russland an der Ostsee: Imperiale Strategien der Macht und kulturelle Wahrnehmungsmuster (16. bis 20. Jahrhundert), Wien u. a. 2012, S. 4. Zur These der imaginierten nationalstaatlichen Einheit und Gemeinschaft: B. Anderson, Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London u. a. 1996. C. JÖNSSON, S. TÄGIL und G. TÖRNQVIST, Organizing European Space, London [u. a.] 2000; J. ANDERSON, L. O’DOWD und T. WILSON (Hg.), New Borders for a Changing Europe. Cross-border Cooperation and Governance, London 2003. A. PAASI, The Changing Discourses on Political Boundaries: Mapping the Backgrounds, Contexts and Contents, in: H. v. Houtum, O. Kramsch und W. Zierhofer (Hg.), B/ordering Space. Aldershot 2005, S. 17–31. J. BLATTER, Debordering the World of States: Towards a Multi-Level System in Europe and a Multi-Polity System in North-America? Insights from Border Regions, in: European Journal of International Relations, 7 (2001), S. 175–209. G. SCHMIDT, Wandel durch Vernunft: Deutschland 1715–1806, München 2009.

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JÄHNIG, Verfassung und Verwaltung des Deutschen Ordens, S. 22–25, 35 ff. Ebd., S. 26. TUCHTENHAGEN, Geschichte der baltischen Länder, S. 18; SELART, Livland und die Rus’, S. 53. R. SIMIŃSKI, Die lokalen Grenzen in Livland im 13. und 14. Jahrhundert. Entstehung und Funktion, in: U. Knefelkamp und K. Bosselmann-Cyran (Hg.), Grenze und Grenzüberschreitung im Mittelalter, Berlin 2007, S. 93–106, hier S. 95–100. „Insbesondere im 16. Jahrhundert ergab sich aus den widerstreitenden Interessen des livländischen Zweiges des Deutschen Ordens, der Domkapitel und der Hansestädte eine spezifische politisch-religiöse Gemengelage.“ M. North, Die Geschichte der Ostsee, München 2001, S. 110 f. C. JAHNKE, Handelsnetze im Ostseeraum, in: G. Fouquet und H.-J. Gilomen (Hg.), Netzwerke im Europäischen Handel des Mittelalters, Ostfildern 2010, S. 189–212. I. MISĀNS, Alt-Livland und die Hanse, in: C. Goehrke und P. Bernholz (Hg.), Die baltischen Staaten im Schnittpunkt der Entwicklungen, Basel 2002, S. 35–45; DERS., Integration durch den Handel: Die Einheit des Ostseeraumes zur Hansezeit (12.–13.–15. Jahrhundert), in: Saeculum, 56 (2005), S. 227–240; N. ANGERMANN, Die Stellung der livländischen Städte in der hansischen Gemeinschaft, in: Hansische Geschichtsblätter, 113 (1995) S. 111–125, hier S. 111 f.; DERS., Die Bedeutung Livlands für die Hanse, in: Idem (Hg.), Die Hanse und der deutsche Osten, Lüneburg 1990, S. 97–115. I. MISĀNS, Die späten Anfänge städtischer Zusammenarbeit in Alt-Livland, in: O. Pelc und G. Pickhan (Hg.), Zwischen Lübeck und Novgorod. Wirtschaft, Politik, Kultur im Ostseeraum vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Norbert Angermann zum 60. Geburtstag, Lüneburg 1996, S. 89–98, hier S. 89; siehe auch: A. ERLER, E. KAUFMANN und W. F. STAMMLER, Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Band 4, Rigisches Recht, Berlin 1990, Sp. 1067, 1068. H. V. ZUR MÜHLEN, Reval vom 16. bis zum 18. Jahrhundert: Gestalten und Generationen eines Ratsgeschlechts, Köln [u. a.] 1985, S. 1. MISĀNS, Anfänge städtischer Zusammenarbeit in Alt-Livland, S. 97 f. I. MISĀNS, Die Städte als zentrale Orte im mittelalterlichen Livland und die Anfänge ihrer Vernetzung bis zur Mittel des 14. Jahrhunderts, in: R. Czaja und C. Jahnke (Hg.), Städtelandschaften im Ostseeraum im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Toruń 2009, S. 87–102, hier S. 97. E. TIBERG, Moscow, Livonia and the Hanseatic League: 1487–1550, Stockholm 1995, S. 27. I. MISĀNS, Wolmar. Eine hansische Kleinstadt im mittelalterlichen Livland, in: B. Jähnig und K. Militzer (Hg.), Aus der Geschichte Alt-Livlands. Festschrift für Heinz von zur Mühlen zum 90. Geburtstag, Münster 2004, S. 39–54, hier S. 44; K. MILITZER, Der Handel der livländischen Kaufleute mit Brügge und London, in: N. Angermann (Hg.), Städtisches Leben im Baltikum zur Zeit der Hanse: zwölf Beiträge zum 12. Baltischen Seminar, Lüneburg 2003, S. 237–240. T. KALA, Gab es eine „nationale Frage“ im mittelalterlichen Reval?, in: Forschungen zur baltischen Geschichte, 7 (2012), S. 11–34, hier S. 18 ff., 27, 31 f. T. KALA, Rural Society and Religious Innovation: Acceptance and Rejection of Cathilicism among the Native Inhabitants of Medieval Livonia, in: A. V. Murray (Hg.), The Clash of Cultures on the Medieval Frontier, Farnham 2009, S. 169–190, hier S. 177 f., 181, 184 f. H. REBAS, The Post-Scriptum of Danish Estonia. The End of Danish Aspirations in Estonia/Livonia in the 15th century, in: G. Fouquet u. a. (Hg.), Von Menschen,

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GEHÖREN DIE ESTEN ZUM WESTEN ODER OSTEN? Oskar Loorits zwischen friedvollen Finnen und aggressiven Germanen1 Anti Selart Die Grenzlandlage Estlands ist ein gründlich ausgebeutetes Thema – von der mittelalterlichen polemischen Selbstdarstellung als antemurale christianitatis bis zur Zivilisationengrenze Samuel P. Huntingtons. Politisch oder kulturell, ethnisch oder konfessionell – an der Ostküste der Ostsee hat es historisch wohl wirklich mehr Vielfalt und Abwechslung gegeben, als in den Gebieten weiter westlich oder östlich. Ob das Land und sein Volk selbst dabei „natürlich“ zum Westen oder Osten – was man auch immer darunter verstanden hat – gehören sollen, bleibt offen. Die veränderten politischen Grenzen und die Suche nach nationaler Selbstbehauptung und „Eigenkultur“ belastet die Debatte zusätzlich politisch. Ein eigenartiger Protagonist der „östlichen“ Lösung im 20. Jahrhundert war der Volkskundler Oskar Loorits. Oskar Loorits wurde 1900 in Kõpu im Westen des estnischen Landkreises Viljandi in der Familie eines Gemeindesekretärs geboren. Er besuchte das Gymnasium in Tartu und in Viljandi, studierte ab 1919 an der Universität Tartu, wo er sich 1926 als Folklorist promovierte. Oskar Loorits gründete 1927 das Estnische Volkskundliche Archiv (Eesti Rahvaluule Arhiiv) in Tartu und leitete dieses bis 1942. Bei der Gründung der Estnischen Akademie der Wissenschaften 1938 ernannte ihn der Staatsverweser Konstantin Päts (1874–1956) zu einem der zwölf Gründungsmitglieder. Loorits lehrte gleichzeitig Folkloristik an der Universität Tartu und wurde hier 1939 – nachdem der bisherige Lehrstuhlinhaber Walter Anderson (1885–1962) im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten das Land verlassen hatte – Vertretungsprofessor für estnische und vergleichende Folkloristik. Loorits überlebte das erste sowjetische Okkupationsjahr 1940–1941, wurde dann aber 1941 von den deutschen Besatzungsmächten aus dem Universitätsdienst entlassen und durfte seit 1942 nicht mehr in Tartu leben. 1944, vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Estland, flüchtete Oskar Loorits mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Schweden, wo er später im Volkskundlichen Archiv (Landsmåls- och folkminnesarkivet) in Uppsala arbeitete. Oskar Loorits starb 1961 in Uppsala. Ungefähr vierzig Jahre später bestattete man im Jahr 2000 seine Asche in Tartu.2 Oskar Loorits’ wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit ist umfangreich. Eine im Jahr 2000 zusammengestellte Bibliografie3 zählt 721 Veröffentlichungen, allerdings inklusive der Neudrucke. Trotz eingeschränkter Sehfähigkeit und eines epileptischen Leidens widmete Oskar Loorits sein Leben einer

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umfangreichen Sammlung von Volksüberlieferungen; er untersuchte Sprache, Folklore und Volkskunde der Liven sowie die vorchristliche finno-ugrische Urreligion. Daneben unterstützte und organsierte er die Pflege der Sprache, Bildung und Volkskultur der Liven, weshalb Loorits 1935 in Lettland auch zur persona non grata erklärt und zwei Jahre später sogar einmal ausgewiesen wurde.4 Die zeitgenössischen Verfasser der Memoiren über die Intellektuellen Estlands in der Zwischenkriegszeit erinnern sich an Oskar Loorits als einen leistungsfähigen und arbeitsamen Wissenschaftler, aber auch als einen leicht reizbaren Polemiker, der keine Kritik duldete, persönliche Streitigkeiten in seinen Schriften etwa zu „Grundfehlern des estnischen Volksgeistes“ stilisierte und Denunziationen von Kollegen nicht ausließ. Er war unbeständig in seiner Meinung und kaum fähig, tiefer gehende wissenschaftliche Kooperationen einzugehen.5 Der Karikaturist und Humoreskenautor Romulus Tiitus (1906–1982) schrieb 1935: „Wo ein anderer Mensch narrenhaft höfisch ist und seine Gedanken so zu gestalten versucht, dass das Zanken kein Schimpfen würde, da haut Loorits mit einem Knüppel gerade auf die Nase […]. Auch von Stipendien und Geld gibt es zweierlei. Welche, die die Anderen bekommen, und solche, die Loorits bekommt. Die ersteren entstammen unendlicher Korruption und sind eine nationale Sünde; sie sind zu niedriger Habsucht zu zählen und ein böses Geschwür am estnischen Lebensgeist. Die Stipendien und Gelder für Loorits sind aber wie Zweige des Rosenstockes, die nur angenehm duften. Auch von der wissenschaftlichen Arbeit gibt es in Estland zweierlei […]. Ebenso zwiegespalten ist die Politik […]. Überhaupt hat die Welt zwei Seiten: eine, wo die anderen stehen, und andere, wo Loorits steht.“6

Er war 1920 mit anderen jungen Geisteswissenschaftlern Gründungsmitglied der Studentenverbindung „Veljesto“, die er jedoch schon 1921 wieder verließ. Unter einem Pseudonym warf er 1932 in einer Zeitung unbegründet der Estnischen Literaturgesellschaft (Eesti Kirjanduse Selts) finanzielle Unregelmäßigkeiten vor. In dieser war er selbst gleichzeitig Vertreterversammlungs- und Ausschussmitglied. In den 1950er-Jahren griff Loorits öffentlich den (ost-)deutschen Volkskundler Wolfgang Steinitz als sowjetischen Spion an, der in den 1930erJahren in der Tat als Mitglied des illegalen kommunistischen Netzwerks in Estland tätig gewesen war; jedoch entbehrten die Einzelheiten der Anschuldigungen einer wahrheitsgemäßen Grundlage.7 Gleichzeitig war Oskar Loorits kontaktfreudig gegenüber Leuten aus verschiedensten sozialen Schichten, war gesellig, humorvoll und freigiebig, „glühender estnischer Patriot, radikaler Nationalist, überzeugter Sozialdemokrat“.8 Politisch war der junge Oskar Loorits 1917–1919 Mitglied der Partei der Estnischen Sozialrevolutionäre. Später unterstützte er politische Richtungen, die er als Garanten einer „richtigen“, sozial gerechten Demokratie und der Einheit

Gehören die Esten zum Westen oder Osten?

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des Volkes sah, womit er in den 1930er-Jahren faktisch dem autokratischen Regime Konstantin Päts’ nahe stand. Des Weiteren vertrat er eine persönliche Opposition gegenüber dem sogenannten „Tartuer Geist“ (Tartu vaim). Dieser „politische[n] Pseudoelite“9 gehörten Tartuer Akademiker und Politiker verschiedener politischer Richtungen an, die eine Gegenpartei der Autokratie bildeten, wozu oft die persönlichen Widersacher Loorits gehörten. In seinen Erinnerungen und Briefwechseln hat er sich darüber hinaus als engen Vertrauensmann des Staatsverwesers und späteren Präsidenten Päts dargestellt.10 1931 wurde in Tartu der „Club der estnischen Nationalisten“ (Eesti Rahvuslaste Klubi) gegründet, der 1933–1940 mit Schwesterklubs die Zeitschrift „ERK“ verlegte. Die Zeitschrift verband stark ausgeprägten kulturellen und wirtschaftlichen Nationalismus mit einer demokratischen, antikommunistischen und antifaschistischen Grundhaltung, unterstützte zeitgleich dennoch die autokratische Regierung von Päts. Oskar Loorits, der im starken Nationalstaat die Gewähr der nationalen Solidarität und Sozialität sah, gehörte neben vielen anderen führenden estnischen Intellektuellen seiner Zeit zu den Autoren der „ERK“.11 Loorits widerstand sowohl dem Kommunismus als auch dem Nationalsozialismus und – zumindest in seinen späteren Äußerungen – lehnte jede Zusammenarbeit mit totalitaristischen Regimen ab. Ziel seiner Kritik waren aber in erster Linie die tatsächlichen oder vermeintlichen estnischen Kollaborateure der Kommunisten und Nazis – also faktisch wieder mal die persönlichen Opponenten von Loorits.12

1.

Oskar Loorits und sein estnischer Volksgeist

Seine Sicht auf Geschichte und Geistesleben des estnischen Volkes propagierte Loorits in zahlreichen wissenschaftlichen und populären Aufsätzen und Broschüren sowohl vor dem Zweiten Weltkrieg in Estland als auch später im schwedischen Exil. Sein dreibändiges Hauptwerk „Grundzüge des estnischen Volksglaubens“13 gilt heute zwar als methodisch veraltet und sehr subjektiv,14 enthält aber systematisiertes folkloristisches und linguistisches Material von enormem Umfang. Das von ihm gezeichnete Bild der estnischen Geschichte war eindeutig germanophob, besonders in der Darstellung einer seiner Grundthesen: Die Esten haben mental eher zum Osten als zum Westen gehört. Mit „Westen“ meint Loorits den von Indoeuropäern geprägten Kulturkreis, der „Osten“ steht dagegen nicht nur für die Naturvölker der Arktis und Sibiriens, sondern auch für die alten Hochkulturen Ostasiens. Die ursprünglichen Wesenszüge der estnischen bzw. finnougrischen Weltanschauung sollen durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl von Verwandten und Vorfahren sowie zwischen Mensch und Natur geprägt gewesen sein. „Die in Estland dominierende Ethik basiert weder auf Gut noch Böse, sondern eher auf dem Prinzip der sanften Verträglichkeit, Nachgiebigkeit und züchtiger Rein-

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heit.“ Dieser monistische, harmonische Zustand ist dann aber durch fremde Beeinflussungen degeneriert worden, die vor allem germanische und mittelalterliche deutsche Einflüsse gewesen sein sollen: „Alles verändert sich, immer unreiner, übler, böswilliger; das Interesse neigt geradezu kränklich zu allerlei Bösem und Ärgerlichem.“15 „Auf moderne Terminologie übertragen, heißen diese [finnougrischen A. S.] Lebensideale Parität und Demokratie, Toleranz und Humanität […] Die dualistische Weltanschauung, das egozentrische und exploitierende Verhalten zur Natur und zu anderen Menschen, […] die Idee der Herrscher und Auserwählten in dieser und jener Welt, die ethische Lehre von der Sünde und der soziale Klassenhass, die ungezügelte Expansionslust und das Eroberungsrecht […] – alle diese Grundelemente der westlichen Geisteshaltung sind der estnischen Volksseele ursprünglich fremd gewesen. Nicht die okzidentale Dynamik, sondern vielmehr die orientalische Statik kennzeichnet das innere Wesen der Esten.“16 „So hat sich während der Jahrtausende kein Geburtsadel, keine berufliche Machtoligarchie und auch keine wirtschaftlich einflussreiche Oberschicht als Obrigkeit der finnischstämmigen Völker etabliert. Die geistige Elite bildete vielmehr die wahre Obrigkeit der Finnougrier.“17

Einst existierte neben dem arischen, semitischen und altaischen das uralische (finnougrische) Kulturareal als vierter Kulturkreis, der aber wegen seines friedlich-passiven Wesens von gewaltsamen Nachbarn – auch im Krieg sah Loorits bei Finnougriern eine arische Entlehnung – zurückgedrängt worden sei.18 „Ost“ und „West“ definierte Loorits nicht geografisch, sondern im Sinne von Kulturkreisen. Dementsprechend galten die Russen als „gar kein Osten, sondern durch und durch Kinder der westlichen Welt, die erst in neuerer Zeit Kontakt mit dem Osten aufgenommen haben. Die Berührungen der Finnougrier mit dem Osten gehen dagegen schon in die dunkle Urzeit ihrer Geburt zurück.“19 Die Russen seien amorphe Massenmenschen, die sich durch Propaganda und Suggestion sehr leicht aufhetzen lassen, die Finnougrier dagegen sind viel selbstständiger, intellektueller und personalistischer.20 Eine endgültige Umorientierung der Ostseefinnen und ihre Anpassung an die westliche Kulturwelt sollen im Zusammenhang mit ihrer Besiedlung des ostbaltischen Raumes und mit der Fühlungnahme mit den baltischen und germanischen Stämmen in der Bronze- (1800 v. Chr.–500 v. Chr.) und älteren Eisenzeit (500 v. Chr.–50 n. Chr.) erfolgt sein.21 Loorits sah besonders die von Esten versklavten germanischen Frauen in der Rolle der Kulturvermittler.22 Die Blutmischung mit den Germanen hat das Wesen der Esten durch Aktivität und Tateneifer ergänzt, weswegen Esten und Finnen als selbstständige Völker hervorgegangen sind. Dass die Liven als Nation im Aussterben begriffen waren, erklärte sich Loorits mit ihrem geringeren germanischen Blutanteil.23 Esten

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wurden somit schon in der Vorzeit an die westliche Kulturwelt angegliedert, wodurch aber keine kulturelle Gleichschaltung stattfand, sondern die ursprünglichen finnougrischen geistigen Grundlagen ihre Schaffenskraft bewahrten. Also ist mittels der Esten eine Verknüpfung zwischen Ost und West zustande gekommen, die gewissermaßen günstige Voraussetzungen für eine positive Synthese zwischen den Extremen des gesellschaftlichen Lebens des Ostens und des Westens boten. Die finnougrische Harmonie und der Familienzentrismus seien aber immer zu bevorzugen.24 So sollen auch die Heldenfiguren der estnischen Volksüberlieferung bloß eine germanische Entlehnung darstellen. Die wirklich heldhafte Tat des estnischen Volkes in der Geschichte bestehe im passiven Widerstand gegenüber den germanischen Unterjochern.25 Die Esten sind über Jahrtausende „Grenzwächter des Ostens und des Westens“ gewesen, haben dank gegenseitiger Gleichgewichtung der Eroberer die Geschichte überstanden und können sich auch in der Zukunft behaupten, falls sie den einseitigen Einfluss von „Kommunismus, Faschismus oder egal welchem -ismus“ vermeiden.26 Die historische Mission der Esten und teils auch der Finnen ist die Vermittlerrolle zwischen Ost und West. „Unser kulturhistorisches Glück“ bestehe darin, dass die Esten eines dieser wenigen Völker seien, die fähig sind, die beiden antagonistischen Welten zu verstehen und hoffentlich auch zur gegenseitigen Verständigung beitragen, egal ob dies von „Politikern oder Professoren, Propheten oder Poeten“ geschafft wird.27 Während der Kontakt mit den Germanen in der Vorzeit einiges Positives mit sich brachte, wurde der deutsche Einfluss aus der Nachkreuzzugszeit, vom 13. bis zum 19. Jahrhundert, von Loorits als eindeutig negativ empfunden.28 „Der erstickende Tiefdruck des Mittelalters“ brachte gewisse Merkmale einer geistigen Degeneration der Esten mit sich, wie Umschwung im Naturgefühl und im Verhalten zum Mitmenschen: Misstrauen, Neid und Eigensinn, Untergang der Volksethik.29 „Das katholische Christentum des Mittelalters war ebenso gefüllt mit dem Heidnischen und eine recht niedrig degenerierte Dämonologie […] Neben der Schicht der Vögte, Komturen, Vasallen und allen anderen sozialen Versklavern wollte man auch den Geist unseres Volkes durch die Oberschicht der Teufelchen und allerlei Dämonen versklaven. […] Die soziale und religiöse Opposition über die Jahrhunderte – mitsamt der bewahrenden Vitalität der heidnischen Weltanschauung – bedeutet keineswegs die Fesselung unseres Volkes in Dummheit und Aberglaube […], sondern beweist den passiven Widerstand eines Volkes mit hoher Eigenkultur gegen die Entkräftung des Leibes und des Geistes.“30 „Charakteristisch genug ist doch, dass terminologisch Wörter wie Dieb, Dirne, Hure und neidisch (varas, port, hoor, kade) aus der germanischen Welt entlehnt worden sind […]. – Eine Stabilisierung der Bedeutungen dieser Erscheinungen hat in unserer

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Anti Selart Gesellschaft wohl auch erst durch die kulturelle Dominanz des germanischen Einflusses stattgefunden.“31 „Das durch die deutsche Okkupation ins Feudalsystem einverleibte Baltikum machte die [mittelalterlichen A. S.] Neuerungen und ideendynamischen Gärungen nicht mehr mit, sondern erkrankte geistig am unversöhnlichen Hass zwischen den Ureinwohnern des Landes und den Okkupanten.“32

Nach Loorits erklärt die kontrastreiche Blut- und Geistesmischung auch die angebliche sonderbare Spaltung im estnischen Seelenleben, die eine innere Disharmonie, wiederholten Separatismus und einen trotzköpfigen Partikularismus zur Folge gehabt haben soll.33 Dabei war Oskar Loorits kein Purist. Er erkannte die kulturellen Entlehnungen als unvermeidlich und anreichernd an. Er war für eine gegenseitige fruchtbare Zusammenarbeit mit ehemaligen Gegnern und Feinden wie den Reichsdeutschen und den Russen bereit. Nur zwei Ausnahmen machte er: mit den Deutschbalten und Letten sei keine Kooperation denkbar.34 Loorits idealisierte zwar das finnougrische Altertum, verlachte aber gleichzeitig die Versuche, jenes „wiederzubeleben“, wie die estnische neoheidnische Bewegung der Zwischenkriegszeit oder den Turanismus.35 Entsprechend seiner Vorstellungen über die „alt- und echtfinnougrische“ Gesellschaft monierte Oskar Loorits auch die maßgebende Darstellung der estnischen Geschichte des 13. Jahrhunderts, wonach die Esten am Vorabend der „deutschen“ Kreuzzüge an der Schwelle der entstehenden Eigenstaatlichkeit standen, dann aber die Entwicklung von den Eroberern durchschnitten wurde. Ein Sinn für Politik sei aber nach Loorits bei den Finnougriern nur wenig entwickelt gewesen und die determinierte Entwicklung zur Staatlichkeit dadurch ausgeschlossen. Die Autoren der Standardgeschichtsdarstellungen wie beispielsweise der Archäologe Harri Moora (1900–1968) und der Historiker Hans Kruus (1891–1976)36 – die Loorits zu seinen persönlichen Opponenten zählte – haben die estnische Geschichte wie die Geschichte „etwa eines arischen Volkes“ gedeutet. „Aber die erste Versicherung der estnischen Lebenskraft besteht ja darin, dass wir zum Glück geistig keine egozentrischen und aggressiven Arier sind. […] Man sollte in unserer Geschichte nicht die Dynamik der Geschehnisse idealisieren, sondern die Statik der Existenz bewundern.“37

Die seit den 1920er-Jahren zunehmende Heroisierung der auswärtigen militärischen Aktivitäten der alten Esten, die dadurch nicht nur als heldenhafte Verteidiger der Heimat, sondern auch als „Herren der Ostsee“ stilisiert wurden,38 war für Loorits nicht akzeptabel. Obwohl selbst ziemlich militant, galten ihm Kriege als „indogermanisch“, also abwegig.

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Der deutschbaltische Historiker Arved von Taube (1905–1978) kritisierte 1938 Loorits: Er habe eine „betont antideutsche und antichristliche Tendenz“.39 Während Taube hinsichtlich des Deutschenhasses sicherlich recht hatte, war sein zweiter Vorwurf inadäquat. Loorits nahm zwar die Christianisierung der Esten durch die „Deutschen“ nicht hin. Dies bedeutete aber keineswegs, dass er gegen das Christentum argumentiert hätte. Umgekehrt, als Gegengewicht gegenüber den „Deutschen“ betonte Loorits die von ihm im positiven Licht gesehenen byzantinisch-orthodoxen, „vordeutschen“ christlichen Einflüsse im Baltikum,40 ging aber auch hier über die Grenzen des wissenschaftlich Korrekten weit hinaus.41 Oskar Loorits war jedoch ausgeprägt antiklerikal und sympathisierte nicht mit dem steifen, deutschgeprägten Luthertum, sondern mit den freikirchlichen Bewegungen.42 Seinen deutschen Kritikern warf Loorits eine nazistisch geprägte Denkrichtung vor,43 was im Kontext der 1930er-Jahre wohl nicht grundsätzlich falsch war. Die vom deutschbaltischen Lager hervorgehobene deutsche Rolle als Vermittler des europäischen Kulturguts gegenüber den Esten sei nach Loorits „leider teilweise richtig“, aber unwesentlich. Die Deutschbalten haben selbst nie etwas kulturell Wertvolles geschaffen, für die estnische Kulturentwicklung seien sie immer nur das Hindernis gewesen.44

2.

Sind die Esten eine östliche Rasse?

Die Grenzlage des Baltikums ist ein Axiom der historischen Darstellungen. Schon seit dem Mittelalter galt das Land als an der Grenze der Welten liegend;45 Christen und Heiden, Deutsche und Slaven, Europäer und Russen, Demokraten und Kommunisten, West und Ost. Dieser Dualismus impliziert ebenso eine politische Polarisierung, wobei die andere Seite als bedrohlich46 bzw. zivilisatorisch minderwertig betrachtet wird. Meistens ist die westliche Richtung diejenige des Guten und des Entwickelten gewesen.47 Loorits drehte das Bild jedoch radikal um. Seine Bewertung der mittelalterlichen katholischen Mission stand dennoch ganz im protestantischen Verständnis der „papistischen“, minderwertigen „Scheintaufe“. Die Neigung zu Phlegmatismus und Melancholie sowie Langsamkeit und Trotz galten schon im 18. Jahrhundert in der Literatur als abwegige Eigenschaften des estnischen Volkscharakters.48 Loorits pries diese Züge aber als besondere Werte bzw. Ausdruck des passiven Widerstands gegen die Unterjochung. Ebenso notierten die estophilen und estnischen Autoren auch schon im 18. und 19. Jahrhundert, dass die angeblich unangenehmen Seiten der estnischen Volkspsyche während der „sechs-“ bzw. „siebenhundertjährigen Sklaverei“ entstanden seien.49 Die radikale Germanophobie prägte das Weltbild der estnischen Intellektuellen wenigstens bis zum Zweiten Weltkrieg50 und hatte spezifische historisch-soziale Gründe. In Estland und Lettland entsprachen noch im 19. Jahr-

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hundert die ethnischen den sozialen Grenzen: Esten und Letten waren das Bauernvolk und die städtischen Unterschichten, soziale Karriere und höhere Bildung brachten unumgänglich die Eindeutschung mit sich. Die nationale Emanzipation der Esten und Letten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand darin, dass gebildete Aufsteiger und wirtschaftlich Erfolgreiche nicht mehr „automatisch“ deutsch wurden. Diese Entwicklung wurde von der deutschbaltischen Oberschicht zuerst als ein Verstoß gegen die altbewährte ständische Ordnung der deutschen Ostseeprovinzen Russlands betrachtet.51 Das moderne estnische Nationalbewusstsein konstituierte sich aus dem Gegensatz der (baltischen) Deutschen zu den Esten, und dieser Gegensatz wurde auch historisch begründet.52 Die entstehende nationale Geschichtsschreibung, die ihre Inhalte aus der Zeit vor den Kreuzzügen des 13. Jahrhunderts zu rekonstruieren versuchte, hatte zum Ziel, eine ehrwürdige Vergangenheit zu schaffen, die die „estnische“ mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts als eine „geschichtslose“ Zeit des Bauerndaseins und der Unterjochung beschreibt. Die Idealisierung der baltischen Urzeit ging eigentlich auf die deutschbaltische Aufklärung zurück, deren bedeutendster Vertreter der Journalist und Literat Garlieb Merkel (1769–1850) war.53 Auch das Idealbild der alten Finnougrier bei Loorits entspricht dieser aufklärerischen Vorstellung der „Edlen Wilden“.54 Das Minderwertigkeitsgefühl wegen der fehlenden eigenen mittelalterlichen Schriftkultur wurde von estnischen Intellektuellen durch eine überhöhte Bewertung der mündlichen Überlieferung kompensiert, welche die „echten“, „vordeutschen“ Altertümer widerspiegeln sollte.55 Sie sollte die wahre und wertvolle Vergangenheit der Esten offenbaren, die also nicht – wie meistens bei den europäischen Völkern – im Mittelalter,56 sondern in der Ur- und Vorzeit zu finden war. Die estnische Reihe „Monumenta Estoniae Antiquae“ (erstes Heft 1875) enthält entsprechend weder alte Chroniken noch Urkunden, sondern Volkslieder, Märchen, Sagen, Sprichwörter und Scherzfragen. Das maßgebende kulturelle Programm der estnischen Intellektuellen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts enthielt die Reinigung der „echten“ estnischen Kultur von fremden, vor allem deutschen Einflüssen57 bis hin zur Erneuerung der estnischen Sprache durch Vermeidung der deutschen Lehnwörter und germanisch anmutenden grammatischen Konstruktionen58 sowie dem Ersetzen des deutschen ‚ü‘ durch das finnische ‚y‘.59 Damit fügte Oskar Loorits sich und seine Arbeit in den Rahmen der traditionellen Wahrnehmung der estnischen Geschichte ein, welche als „Großer Freiheitskampf“ betrachtet wurde.60 Die Hauptlinie dieser nationalen Vergangenheit bestand in der Abwehr gegen Unterjocher und Eroberer aller Art. Die gelehrte Gesellschaft Europas sah im 19. Jahrhundert Finnen, Esten und überhaupt Finnougrier als „Mongolen“, das heißt als Vertreter einer östlichen und gleichzeitig niedrigeren Rasse.61 Sie galten als exotisch und fremd

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und wurden, falls überhaupt, dann oft im Rahmen einer „deutschen“ Kolonialund Weltentdeckungsgeschichte wahrgenommen.62 Darüber hinaus verfestigte die Entdeckung der sprachlichen Verwandtschaft der Esten mit weniger bekannten Ethnien in Russland und Sibirien dieses Bild. Erst im 20. Jahrhundert gelangte die Forschung zu der Überzeugung, dass die finnischen Ethnien doch zu den „Europäern“ zu zählen seien.63 Während aus westlichem Blickwinkel die „mongoloiden“ Elemente der Ostseefinnen als abwertend wahrgenommen wurden, bedeutete die einst beachtliche historische Rolle der finnougrischen Völker für Finnen und Esten eine Möglichkeit der historischen Selbstbehauptung. In Finnland wurde die „historische Größe“ der alten finnougrischen Welt und Geschichte um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt64 und dann besonders seit Anfang des 20. Jahrhunderts von Finnland ausgehend nach Estland vermittelt.65 Die staatlich unterstützte ‚Stammverwandtschaftsbewegung‘ (hõimuliikumine)66 – die organisierte kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Kooperation zwischen den finnougrischen Völkern – verankerte in den 1920er- und 1930er-Jahren das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur weiten Gemeinschaft der finnougrischen Völker im Gedankengut der Esten. Die positive Anerkennung der finnougrischen Wurzeln verhinderte aber keineswegs, dass die Ideale der estnischen kulturellen und politischen Denker im Regelfall in „(West-)Europa“ lagen. Der Zeitungsredakteur Carl Robert Jakobson (1841–1882), der 1868 in seiner „Ersten Vaterlandsrede“ die Einteilung der estnischen Geschichte in die Zeitalter Licht, Dunkel und Aufstieg entwarf, verglich die alten Esten mit westeuropäischen Völkern: „Hätten die Schwärme von Ungeziefer nicht das Licht wie mit dichten Wolken zugedeckt […] würde die Welt das estnische Volk jetzt mit gleicher Achtung bezeichnen wie sie derzeit die ehrwürdigsten Völker Europas bezeichnet!“67 Der Dichter Villem Grünthal-Ridala (1885–1942) schrieb am Vorabend des Ersten Weltkrieges, dass die finnougrische Rasse eine „nordische Waldrasse“ sei, die der nordischen Rasse nahe stehe und zu den wertvollsten Rassen der Welt gehöre; kulturell waren seiner Meinung nach die Esten eindeutig ein Teil des Westens, keineswegs des Ostens.68 Der Dichter Gustav Suits (1883–1956) formulierte 1905, man soll „Este[n] sein, aber lasst uns auch Europäer [hier: „zivilisiert“ A. S.] werden“.69 Der Mainstream des estnischen Denkens betonte also die uralte und essenzielle Zugehörigkeit Estlands zu Westeuropa bzw. eine Grenzwächterrolle der Esten, die nach 1918 auch die Distanzierung vom russischen Imperium begründete.70 Oskar Loorits hat diese Konzeption in ihren historischen Aspekten umgedeutet. Statt der Minderwertigkeit des Ostens verkündigte er eine Minderwertigkeit des Westens, der Indoeuropäer und insbesondere der Germanen. Loorits betonte die Rolle des erblichen Blutes für den Volkscharakter. Die kulturelle Entwicklung des Menschen war aber nach ihm doch nicht eine Sache der Rasse; er hob dagegen besonders die Mütter und die häusliche

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Erziehung als Vermittler der geistigen Kultur hervor. Die traditionell betonte Dichotomie der Zeit vor und nach der „deutschen“ Eroberung71 erfasste er nicht nur als Schicksalsfrage der Politik- und Sozialgeschichte Estlands, sondern auch als Hauptursache der (von Loorits) mit Scham wahrgenommenen Züge des estnischen „Volksgeistes“. Die vor allem mit der finnischen folkloristischen Schule verbundene Forschung Loorits’ beinhaltete eine Verknüpfung mit den deutschen „völkischen“ Wissenschaften der Zwischenkriegszeit wie auch der Völkerpsychologie.72 Diese Art der Forschung galt in den 1930er-Jahren und auch noch in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg international als salonfähig und wurde nicht politisch stigmatisiert. Gegenüber dem Rassentheoretiker Ludwig Ferdinand Clauß (1892–1974) machte Loorits Ende der 1950er-Jahre die trockene Anmerkung, dieser sei „während der Nazizeit in Deutschland sehr viel gelesen“ geworden.73 Insgesamt akzeptierte Loorits74 die in der deutschen Wissenschaft der Vorkriegszeit verbreitete Teilung der Völker zu kulturell aktiven (Indo-)Germanen und passiven Naturvölkern.75 Er sah jedoch in dieser konnotierten „Passivität“ einen besonderen positiven Wert. Im deutschen Lager wurde die Bewertung offensichtlich anders vorgenommen. Zum Beispiel fragte der bekannte deutsche Osteuropahistoriker Günther Stökl (1916–1998) noch 1951: „Welche geschichtlichen Ereignisse haben nun dazu geführt, daß man dem Nachfolger und Erben des Kiever Staates, dem Moskauer Großfürstentum, keine europäische Qualität mehr zuerkennen will?“ Und antwortete: „Wenn man von billigen Verallgemeinerungen absieht, die das Slaventum überhaupt mit asiatischer Statik identifizieren, so sind es drei Tatsachen, die ins Treffen geführt werden: 1) Die weitgehende blutsmäßige Vermischung von Ostslaventum und Finnentum […]. Die Großrussen sind trotz der Blutmischung kein finnougrisches, also asiatisches Volk geworden, mögen ihnen auch ukrainische Nationalisten gelegentlich das Slaventum abgesprochen haben.“76

Der estnische Autor Villem Grünthal-Ridala hatte 1914 selbstverständlich anderweitig argumentiert. Dank der Blutmischung mit Finnen wurden insbesondere die Großrussen – und nicht die Ukrainer oder die Weißrussen – fähig, einen Großstaat zu gründen.77

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3.

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Die estnische Rezeption der Gedanken von Oskar Loorits

Die estnische Rezeption der Nationalideologie von Loorits ist ambivalent gewesen. Daher warfen ihm der Archäologe Harri Moora und der Folklorist August Annist (1899–1972) eine „rassistische Blutmystik“ vor.78 Der junge Historiker Aleksander Loit ironisierte 1952, „Loorits hat dem estnischen Volk Jacke und Hosen ausgezogen und zeigt es mit unschönen Unterhosen, die sein wahres Wesen ja immer noch bedecken“.79 Die relativierende und politisch korrekte Wissenschaft kann den „essenzialistischen“ Wortschatz von Oskar Loorits heute jedoch nicht mehr akzeptieren.80 Einem kritischen Leser wird sofort klar, dass seine Bewertungen der Menschenrassen, kulturellen und historischen Erscheinungen und Kollegen sowie aller Mitmenschen sehr subjektiv geprägt waren.81 Der estnische Archäologe Priit Ligi (1958–1994) verstand die These der Passivität und staatlichen Unterentwicklung der vorzeitlichen finnischen Völker als einen historischen „Masochismus“,82 welcher gleichzeitig die großrussische Konzeption der zivilisatorischen slavischen Kolonisation in der nördlichen Rus’ im Mittelalter untermauert.83 Loorits ‘ Überlegungen entbehrten allerdings nicht des Aspekts der einstigen „Großen Zeit“ der Finnougrier.84 In der estnischen volkskundlichen Forschung bewahrt Oskar Loorits auch heute die Rolle des Standardautors, vor allem dank seiner sehr umfangreichen Materialsammlungen. Der Folklorist Madis Arukask zum Beispiel aber akzeptierte erst kürzlich die von Loorits deklarierte Eigenart der „feminin“ anmutenden Linie der Kulturentwicklung der Finnougrier, meinte aber dagegen, dass die „maskuline“, „aktive“ Seite der Heldentaten in der Volksüberlieferung der alten Esten nicht gefehlt hat, sondern – und wieder ganz im Sinne von Loorits – durch die mittelalterliche „Versklavung“ verlorengegangen sei.85 Der wichtigste Nachfolger der (indo-)germanophoben Forschungstradition von Loorits war der Theologe, Folklorist, Philologe und Schriftsteller Uku Masing (1909–1985). Masing, der das estnische Wort indogermaanid zu igermaanid kürzte – es klingt auf Estnisch etwa „Flau-Manische“ – ging noch weiter als Loorits. Masing konstatiert bei Loorits einen zu indogermanisch geprägten Standpunkt für die Bewertung der alturalischen Welt und Denkart.86 Aufgrund der Konzeption der sprachlichen Relativität des Denkens wollte Masing als Gegengewicht für „SAE“ (‚Standard Average European‘) einen finnougrischen Sonderweg der Weltwahrnehmung schaffen. Als Nachfolger von Loorits und vor allem Masing gilt heute in dieser Hinsicht wohl zuerst der estnische Schriftsteller Jaan Kaplinski.87 Die estnische neoheidnische Bewegung (maausk), die für ein harmonischnaturnahes und ökologisches, teils auch animistisches Weltbild plädiert, das sie von der von christlich-deutschen Einflüssen „gereinigten“ folkloristischen Tradition ableitet, ist sicherlich sehr stark von Oskar Loorits beeinflusst worden. Die Bewegung entstand in den letzten Jahrzehnten der sowjetischen Besetzung und

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gibt vor, die uralten vorchristlichen Naturkulte rekonstruieren zu können, wobei die „deutschen Eroberer“ und das Christentum in diesem Narrativ eine eindeutig negativ behaftete Rolle spielen.88 Die Existenz von möglicherweise antagonistischen, „westlichen“ und „östlichen“ Welten galt in der Zeit von Loorits als objektive Realität. Unumgänglich gehörte auch die folgende Bewertung dazu. Der Westen wird mit höherer Zivilisation sowie mit technischem und kulturellem Progress assoziiert; der Osten wird als Platz einer niedrigeren Entwicklungsstufe wahrgenommen. Das Land der Esten liegt an der Linie, die öfter als die Grenze der Zivilisationen gezeichnet worden ist. Statt mit der Hauptströmung zu schwimmen und zu behaupten, Estland sei immer im Westen verortet gewesen, definierte Oskar Loorits also den Westen und den Osten um. Gerade der Osten wurde nunmehr positiv angesehen. Die Position des Oskar Loorits’ stellte eine mögliche Lösung in der Suche nach der nationalen Selbstbehauptung und kulturellen Eigenständigkeit der Esten dar, welche das intellektuelle Leben der Zwischenkriegszeit in Estland maßgeblich geprägt hat. Er erfüllte die Aufgabe aber bedeutend radikaler als seine Zeitgenossen und verband die wissenschaftliche Leidenschaft mit seinen persönlichen Gegensätzen. Oskar Loorits war hoffnungslos gefangen in the postcolonial trap, was von Cornelius Hasselblatt in etwas anderem Zusammenhang so bezeichnet wurde.89 Er rekonstruierte seine alte gute Urwelt zum Gegensatz der damaligen deutschen Vergangenheitsimagination, oftmals entgegen der Quellenlage. Seine vielmehr visionäre als wissenschaftliche Methodik und sein dadurch geschaffenes imaginäres Geschichtsbild erwiesen sich allerdings als durchaus erfolgreich. Heute wird sich der begeisterte Leser jedoch bei der Lektüre der Schriften von Oskar Loorits eher von den ökologischen und demokratischen Werten anstatt vom antik erscheinenden antideutschen Grundton beeinflussen lassen. Anmerkungen 1 2

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Der Aufsatz wurde von der Stiftung Eesti Teadusfond (Grant Nr. 7744) unterstützt. I. PAULSON, Oskar Looritsa teaduslik panus. Oskar Loorits’ Forschungstätigkeit, Stockholm 1960; DERS., Oskar Loorits 1900–1961. In memoriam, in: ARV. Tidskrift för Nordisk Folkminnesforskning, 18/19 (1962/1963), S. 376–381; S. HALTSONEN, Oskar Loorits 9.11.1900–12.12.1961, in: Kalevalaseuran vuosikirja, 42 (1962), S. 347–351; Ü. TEDRE, About the life and work of an eccentric, in: M. Kõiva und K. Vassiljeva (Hg.), Folk belief today, Tartu 1995, S. 457–468; F. J. OINAS, Oskar Loorits, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 8, Berlin, New York 1996, S. 1193–1195; E. PATJAS, Oskar Loorits – eestluse südametunnistus, in: Keel ja Kirjandus, 43 (2000), S. 804–813; M. TASA, Elulähedane akadeemik Oskar Loorits, in: Tartu Ülikooli ajaloo küsimusi, 39 (2009), S. 84–107. K. RIBENIS (Hg.), Oskar Loorits 1900–1961. Bibliograafia. Bibliographie, Tartu 2000. R. BLUMBERGA, Oskar Loorits ja liivlased, in: Mäetagused, 24 (2004), S. 9–17.

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Zum Beispiel P. ARISTE, Mälestusi, Tartu 2008, S. 160 f.; D. PALGI, Murduvas maailmas. Mälestusi I–III, Tallinn 2010, S. 186 f. R. TIITUS, Portreid sõnas ja pildis, Bd. 1, Tartu 1935, S. 65 ff. A. LEO, Leben als Balance-Akt. Wolfgang Steinitz: Kommunist, Jude, Wissenschaftler, Berlin 2005, S. 318–322. W. ANDERSON, Oskar Loorits (1900–1961), in: Fabula 5 (1962), S. 156–161, hier S. 159. So O. LOORITS, Eesti kultuuri struktuurist, orientatsioonist ja ideoloogiast (1938), in: DERS., Meie, eestlased (Eesti mõttelugu, 35), hrsg. von H. Runnel, Tartu 2000, S. 208– 259, hier S. 239 f. O. LOORITS, Eesti ajaloo põhiprobleemid (Iseseisvuslaste kirjavara, 11), [Stockholm] 1955, S. 158–175; R. HINRIKUS, Oskar Looritsa kirjad Hugo Salasoole, in: Tuna. Ajalookultuuri ajakiri 2003, Nr. 1, S. 104–110; S. OLESK, Üks isikupärane vaade Eesti sisepoliitikale 1930. aastatel. Oskar Looritsa kirjad Martti Haaviole, in: Tuna. Ajalookultuuri ajakiri 2004, Nr. 1, S. 96–108; Nr. 2, S. 92–105. T. KARJAHÄRM und V. SIRK, Vaim ja võim. Eesti haritlaskond 1917–1940, Tallinn 2001, S. 274–280. Siehe auch O. LOORITS, Tartu vaimu nutulaul [ca. 1941/1942] (Manuskript im Estnischen Literaturmuseum, Estnisches Kulturhistorisches Archiv in Tartu, KM EKLA f. 175 M. 50:10), wo Loorits die Mitglieder der Verbindungen Eesti Üliõpilaste Selts und Veljesto wegen ihrer angeblichen Kollaboration mit den sowjetischen Besatzungsmächten sehr bissig als „verfaulte Rotradieschen“ (Bl. 4) nennt. O. LOORITS, Grundzüge des estnischen Volksglaubens, Bd. 1–3 (Skrifter utgivna av Kungl. Gustav Adolfs Akademien för Folklivsforskning, 18/1–3), Lund 1949–1960. ANDERSON, Oskar Loorits, S. 158 f.; T. JONUKS, Eesti muinasusund (Dissertationes archaeologiae Universitatis Tartuensis, 2), Tartu 2009, S. 33–35; vgl. M. ARUKASK, The Narratives of Oskar Loorits and Paul Ariste and their problematic dialogue with the ‘popular‘, in: Folklore 43 (2009), S. 123–142, hier S. 129. O. LOORITS, Eesti rahvausundi maailmavaade, 2. Ausgabe, Stockholm 1948, S. 115– 117. O. LOORITS, Kas oleme ida või lääne päritolu? (1936), in: DERS., Meie, eestlased, S. 157–163; DERS., Grundzüge, Bd. 3, S. 212 f. O. LOORITS, Eestluse elujõud, [Stockholm] 1951 (Iseseisvuslaste kirjavara 5), S. 62. O. LOORITS, Eesti esiajaloo keerdküsimusi (1946), in: DERS., Meie, eestlased, S. 309– 335, hier S. 317 ff. LOORITS, Eestluse elujõud, S. 35 f. Vgl. DERS., Grundzüge, Bd. 3, S. 230–238. LOORITS, Eesti kultuuri struktuurist, S. 220 ff.; DERS., Grundzüge, Bd. 3, S. 379. LOORITS, Grundzüge, Bd. 3, S. 262 f. Das Bild der Migrationen und die Datierungen entsprechen nicht dem Stand der heutigen Forschung. Ebd., S. 310. Ebd., S. 300 f. Ebd., S. 498. LOORITS, Eesti kultuuri struktuurist, S. 221 f. Ebd., S. 223 f. Ebd., S. 227. LOORITS, Grundzüge, Bd. 3, S. 333–367. Ebd., S. 213, 354, 360. O. LOORITS, Meie usund ja ühiskond, kristlus ja baltlus, juhid ja mass (1933), in: DERS., Meie, eestlased, S. 103–107, hier S. 105; vgl. DERS., Balti-saksluse lahkumine (1939), in:

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GESCHICHTSPOLITIK UND STREIT UM ERINNERUNGSORTE UND DENKMÄLER IM DEUTSCH-DÄNISCHEN GRENZLAND Jens E. Olesen In den letzten beiden Jahrzehnten widmeten Öffentlichkeit und Wissenschaft nationalen, regionalen und lokalen Erinnerungsorten große Aufmerksamkeit. Museen, Gebäude und Orte mit Denkmälern wurden als kulturelles Erbe errichtet oder neu konzipiert. Viele Bücher und Veröffentlichungen beschäftigen sich mit Erinnerungsorten und Denkmälern und ein Ende des momentan großen Interesses für geschichtsträchtige nationale und transnationale Orte ist nicht in Sicht.1 Lange Zeit vermittelten die Geschichtsmuseen und Gedenkorte vor allem nationale Geschichtsbilder. Im vereinten Europa hingegen wächst die Idee eines entnationalisierten kollektiven transnationalen Gedenkens. Die alte, vor allem von nationalen Gesichtspunkten geprägte Perspektive auf Erinnerungsorte und Denkmäler wird langsam von transnationalen und grenzüberschreitenden Auffassungen und einer neuen demokratischen Erinnerungskultur ersetzt. Dieses entnationalisierte Gedenken als Diskrepanz zu früheren nationalen Auffassungen wird besonders in Grenzräumen ersichtlich, in denen ehemals Staaten mit ihren konträren Deutungen der Vergangenheit konkurrierten.2 Besonders der deutsch-dänische Grenzraum mit seiner mehr als tausend Jahre alten Geschichte bietet eine gute Möglichkeit, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten verändernden Sichtweisen und Geschichtspolitik zu untersuchen. Der vorliegende Beitrag fragt vor allem nach Veränderbarkeit und Bedeutungsverschiebungen in Raum und Zeit und analysiert Erinnerungspolitik und Ideologie zwischen „Deutsch“ und „Dänisch“ seit dem 19. Jahrhundert. Die Errichtung von Denkmälern und Erinnerungsorten stellt mit ihren verschiedenen Verwendungsformen in Form von Ritualen, Gedenkveranstaltungen und Jubiläen zentrale materielle und identitätsstiftende Ausdrücke für die von beiden Seiten gewollte Geschichtspolitik in den Grenzräumen dar. Denn zwischen 1848 und 1945 wurden vier Kriege geführt, und die Grenze zweimal verlegt. Beide Seiten debattierten heftig darüber, wie und in welchem Umfang das historische Kulturerbe zu erhalten sei und wie man am besten die Denkmäler präsentieren könnte.3 Unter dem Begriff „Erinnerungsort“ versteht man einen bildhaften Ausdruck für Erinnerungsgesellschaften, die nationaler, regionaler und lokaler Art sein können.4 Die Erinnerungsorte mit ihren Denkmälern sind die konkreten Formen und der Inhalt der vorgestellten Erinnerungsgemeinschaft, da sie so-

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wohl Inhalte stützen als auch Vorstellungen beeinflussen, also einen Teil der soziokulturellen Reproduktion darstellen. Die Erinnerungsorte und die Denkmäler spiegeln damit die kulturellen Prozesse, die in den verschiedenen historischen Epochen stattgefunden haben.5 Im Folgenden soll auf einige zentrale Erinnerungsorte und Denkmäler im deutsch-dänischen Grenzland eingegangen werden.

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Errichtung und Zerstörung schleswig-holsteinischer und dänischer Denkmäler 1851–1914

Die deutsch-dänische Beziehungsgeschichte gehört zu einem der kompliziertesten historischen Kapitel der Welt. Es ist hier nicht möglich, darauf näher einzugehen, nur soll erwähnt werden, dass Schleswig und Holstein als Herzogtümer seit dem Vertrag von Ripen 1460 für mehr als 400 Jahre staatsrechtlich an das dänische Königreich gebunden waren. Schleswig war ein altes dänisches Lehen, Holstein ein Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Der dänische Gesamtstaat funktionierte bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts weitgehend ohne große Probleme. Erst nach den Napoleonischen Kriegen und der Revolution von 1830 eskalierte die nationale Frage. Das Herzogtum Schleswig kam ins Zentrum der emotionalen Debatte, denn die Dänen wollten nicht auf Schleswig verzichten, und dies stellte auch für die schleswig-holsteinische Bewegung einen Kernpunkt dar. Die Auseinandersetzungen mündeten in die zwei Schleswigschen Kriege 1848–1851 und 1864, von denen der Letzte den Untergang des dänischen Gesamtstaates markierte.6 Nach dem Dreijährigen Krieg 1848–1851 wurde der dänische Gesamtstaat wiederbelebt und der in Kiel 1848 ausgerufene neue Staat Schleswig-Holstein hörte damit auf zu existieren. Die grundlegenden Probleme im dänischen Gesamtstaat blieben aber weiterhin ungelöst. Durch die Einführung des Dänischen als Kirchensprache in Tondern und in Mittelschleswig wurde eine starke dänische Kulturpolitik betrieben, die auf sichtbaren Widerstand stieß. Gleichzeitig wurden von den Behörden alle Symbole, die auf den aufgelösten Staat Schleswig-Holstein Bezug nahmen, untersagt, so u. a. das Hissen der blau-weiß-roten Trikolore oder die Verwendung eines gemeinsamen Wappens. Diese Verbote konnten scheinbar ohne größeren Widerstand durchgesetzt werden. Das Singen der Landeshymne „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ bereitete aber erhebliche Probleme für die dänischen Behörden, und dies war auch der Fall mit den in zahlreichen Ortschaften gepflanzten Doppeleichen, zwei im unteren Teil zusammengewachsenen Eichenbäumen mit gemeinsamer Krone als Symbol für die naturgegebene Zusammengehörigkeit der zwei Herzogtümer. Doppeleichen waren in den Jahren 1848–1850 an vielen Orten in Schleswig und Holstein gepflanzt worden. Die jungen Bäume wurden jetzt gefällt, um die in der Kultur-

Erinnerungsorte und Denkmäler im deutsch-dänischen Grenzland

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landschaft letzten sichtbaren Spuren des „Schleswig-Holsteinismus“ zu entfernen.7 Der Bürgerkrieg im dänischen Gesamtstaat hatte viele Soldaten auf beiden Seiten das Leben gekostet. Besonders für gefallene dänische Soldaten wurden viele Grabdenkmäler angelegt. Es scheint, als bemühten sich die dänischen Behörden besonders aktiv, Denkmäler für die Gewinnerseite zu errichten. Dies ist nicht allgemein bekannt, aber wie von Inge Adriansen gezeigt, wurden mehr als 60 Denkmäler von verschiedener Größe, vorwiegend für Offiziere, geschaffen. Die Einweihung wurde oft feierlich gestaltet, nicht zuletzt in den Distrikten und Regionen, deren Bewohner die Schleswig-Holsteiner unterstützt hatten.8 Weiter kam es zur Errichtung eines Denkmals auf dem Alten Friedhof in Flensburg 1851 für die dänischen Gefallenen in der Schlacht bei Bau (Bov) am 9. April 1848. Auf demselben Friedhof befand sich unweit davon ein weiteres Denkmal mit einer Inschrift von Theodor Körner für die Soldaten, die auf schleswig-holsteinischer Seite gefallen waren. Das dänische Denkmal untermauerte den Kampf für König und Vaterland, die Gegenseite stellte den geführten Streit als Freiheitskampf dar. Die schleswig-holsteinische Schrifttafel wurde aber spätestens 1854 entfernt. Der Granitsockel wurde 1864 unter dem Fundament des bekannten Idstedt-Löwen gefunden, als deutsch gesinnte Bürger das Denkmal zu beseitigen versuchten. Die deutschen Flensburger sahen sich mit dem Auffinden des Sockels in der Auffassung bestätigt, dass Bissens Löwe ein Siegesmonument und kein Grabdenkmal war. Das spätestens 1854 entfernte schleswig-holsteinische Denkmal wurde 1882 übrigens mit einer neuen Schrifttafel auf dem Alten Friedhof wieder aufgestellt. Es können weitere Beispiele für die gegenseitige Zerstörung von Grabdenkmälern angeführt werden. So waren südlich von Eckernförde 20 deutsche Soldaten nach einer Schlacht 1848 beigesetzt worden. Ein Jahr später errichteten die Kameraden der Gefallenen einen Gedenkstein. Das Denkmal wurde aber im Sommer 1850 nach dem dänischen Sieg bei Idstedt am 25. Juli von dänischen Truppen entfernt. Nach der dänischen Niederlage im Krieg 1864 stellten 1871 die Deutschen einen neuen Gedenkstein auf, diesmal mit einer für die Zeit charakteristischen gesamtdeutschen Inschrift. Auf dem St.-MichaelisFriedhof in Schleswig hatte das dänische Militär ein 1848 für sowohl dänische als auch schleswig-holsteinische Soldaten errichtetes Grabmal im Jahre 1850 entfernt. Etwa 1864 wurde ein neuer Gedenkstein aufgestellt. Aber auch Denkmäler für den Ripener Vertrag von 1460, der die Zusammenhörigkeit der zwei Herzogtümer („Up ewig ungedeelt …“) regelten, avancierten zum Streitobjekt zwischen Deutschen und Dänen, da sie im 19. Jahrhundert als Symbol für die schleswig-holsteinische Bewegung galten. Apenrade stellte auf dem Südermarkt eine Statue von Christian I. von Oldenburg (1448– 1481) mit Herzogkrone und der Schriftrolle des Vertrages in der Hand auf. Nach dem Dreijährigen Krieg wurde die Statue aber entfernt und später nach Flens-

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burg gebracht. Die sichtbaren Spuren des kurzlebigen neuen Staates SchleswigHolstein wurden beseitigt.9 Im Anschluss an den dänisch-preußisch-österreichischen Krieg 1864 blieben die meisten dänischen Denkmäler im Herzogtum Schleswig erhalten. Man respektierte die Kriegsgräber und errichtete sogar deutsche Gedenksteine, die die Gefallenen auf dänischer Seite ehrten. So versah man die vier Massengräber auf den Düppeler Schanzen mit ein und derselben Inschrift. Dänische Denkmäler mit deutlich nationalem Charakter gab es nur wenige.10 Das berühmteste und umstrittenste dänische Denkmal aus dem Dreijährigen Krieg war der Idstedt-Löwe. Als Denkmal wurde es pompös eingeweiht, um nur anderthalb Jahre später vom Sockel entfernt zu werden. Der Löwe wurde eingelagert und schließlich nach dem Krieg 1864 als Kriegstrophäe nach Berlin gebracht. Hier diente der Idstedt-Löwe der ideologischen Schulung von jungen Offizieren, bis er im Oktober 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg auf Initiative des dänischen Journalisten Henrik Ringsted nach Kopenhagen kam und im Hinterhof des Tøjhusmuseums einen neuen Platz fand. In den letzten Jahren bis 2011 war der Löwe von der Hafenfront aus zu sehen. Seit September 2011 ist der Idstedt-Löwe wieder an seinem alten Platz auf dem Alten Friedhof in Flensburg zurück.11 Der Idstedt-Löwe wurde in den Jahren 1858–1862 u. a. auf Initiative des nationalliberalen Politikers Orla Lehmann durch den Bildhauer Hans Wilhelm Bissen angefertigt. Im Jahre 1860 konnte Bissen sein erstes Modell in Gips fertigstellen, und im Juni 1862 war der Bronzeguss vollendet. Der Löwe als kulturelles Symbol spiegelt die Auffassung von Nation, Volk und Identität. Es steht außer Frage, dass es sich um eine nationalpolitische Manifestation handelt. Schon vor seiner Entstehung gab der Löwe Anlass zu Diskussionen, nicht nur zwischen Dänen und Deutschen, sondern auch in Dänemark selbst. Führende deutsch gesinnte Nordschleswiger nahmen nicht an der landesweiten Spendensammlung teil, und obwohl auch andere führende dänisch gesinnte Persönlichkeiten sich weigerten, einen Beitrag zu leisten, wurde ausreichend Geld gesammelt. Trotz der Bedenken des dänisch gesinnten Bürgermeisters von Flensburg konnte das Denkmal errichtet werden.12 Auf dem Flensburger Friedhof wurde ein dänisches Nationalmonument in Form eines vorgeschichtlichen Hügelgrabes geplant. Beide, Hügelgrab und Löwe, sollten nationalpolitische Aufgaben wahrnehmen. Bei der Einrichtung der Anlage wurden schleswig-holsteinische Kriegergräber und der Gedenkstein für die 1848–1851 gefallenen Schleswig-Holsteiner beseitigt. Das Hügelgrab hatte eine Länge von 20 Metern und war drei Meter hoch. Marmorplatten mit Namen von Offizieren aus den Gemeinschaftsgräbern wurden mit Granitsteinen eingefasst. Einige neue Gedenktafeln kamen dazu und man pflanzte Blumen und Efeu an. Damit aber nicht genug: an der Nordseite des Grabhügels und dem IdstedtLöwen zugewandt wurden Gedenksteine für die Generäle Krogh und Schleppe-

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grell und die Obersten Læssøe und Helgesen, die berühmtesten dänischen Offiziere der Schlacht bei Idstedt, aufgestellt. An die vier hochrangigen Militärs, von denen zwei in der Schlacht starben, erinnerten zudem Porträtplaketten, die am Sockel des Löwen befestigt waren. Hierdurch verknüpfte man das Löwendenkmal und die Grabmäler. Ein hoher Flaggenmast vollendete das neue dänische Nationalmonument. Die Kosten für die Pflege der Anlage übernahm das dänische Kriegsministerium.13 Die feierliche Einweihung des Erinnerungsortes mit dem Idstedt-Löwen fand am 25. Juli 1862, zwölf Jahre nach der siegreichen Schlacht, statt. Die Reden und Zeremonien waren wie von der Forschung gezeigt von dänisch-nationalen Gesichtspunkten stark geprägt. Der Charakter einer dänischen Gedenkstätte auf der einen und eines dänischen Kriegermonumentes auf der anderen Seite kam außerdem in den Gesängen und den Reden klar zum Ausdruck.14 Es herrscht kein Zweifel, dass der Idstedt-Löwe in der dänischen Bevölkerung allgemein Begeisterung hervorrief. Nicht nur in der Tagespresse berichtete man über die feierliche Einweihung, auch in privaten dänischen Briefen und Korrespondenzen spielte sie eine große Rolle. Die Enthüllung des Löwendenkmals beförderte aber kein friedliches Miteinander zwischen Dänen und Deutschen. Die deutsch Gesinnten in den beiden Herzogtümern empfanden den Löwen als Provokation. Die früheren Gegner verstanden den Idstedt-Löwen als ein Siegeszeichen der Dänen und als ein markantes Symbol für die dänische Oberherrschaft.15 So wurde schon wenige Wochen nach dem Ausbruch des Krieges 1864 mit der Zerstörung des imposanten Löwendenkmals begonnen. Eine Volksmenge versammelte sich am Abend des 22. Februar 1864 auf dem Friedhof und hob den Löwen vom Sockel. Man zerlegte das Denkmal in Einzelteile, verpackte es in Kisten und bewahrte es wahrscheinlich in einem Lagerhaus auf. An den folgenden Tagen wurden der hohe Sockel entfernt und die Fundamentsteine gesprengt. Dabei entdeckte man überraschend den Sockel eines anderen Denkmals. Es waren die Reste jenes Grabmals, das einige Jahre zuvor zum Gedenken an die schleswig-holsteinischen „Opfer des Freiheitskampfes“ errichtet worden war. Die weitere Geschichte des Löwendenkmals ist nicht im Detail bekannt. Seine Einzelteile wurden aber später in Kisten hinter dem Haus der Schleswigschen Ständeversammlung in Flensburg aufbewahrt. Hier befanden sich auch die beiden Inschriftentafeln und die vier ehemals am Sockel befestigten Porträtreliefs. Die übrigen Teile des Monumentes waren aber alle zerstört und verlorengegangen. Der preußische König Wilhelm IV. hatte sich ursprünglich den Plänen widersetzt, den Löwen ohne Zustimmung und Akzeptanz der Österreicher nach Berlin zu bringen. Nach dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 lag aber eine neue Situation vor. Auf Initiative von General von Wrangel beschloss König Wilhelm im folgenden Jahr, den Löwen nach Berlin zu trans-

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portieren und im Hof des Zeughausmuseums „Unter den Linden“ als Trophäe aufzustellen. Der Löwe hatte mittlerweile nicht nur den Schwanz, sondern auch seine Hinterpartie eingebüßt. Erst nach einer umfassenden Restaurierung konnte der Idstedt-Löwe 1868 seinen neuen Platz in Berlin einnehmen. Der Museumshof in Berlin erwies sich aber als viel zu klein, und das Denkmal wurde 1878 in der neuen Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde untergebracht. Da der neue Sockel aber zu niedrig war, mussten die Inschriftentafeln u. a. gekürzt werden. Und für die Porträtmedaillons gab es keinen Platz.16 Aus dänischer Sicht verlieh die Zerstörung und Entfernung des IdstedtLöwen sowie dessen Überführung nach Berlin dem Denkmal eine Märtyrerrolle. Der Löwe symbolisierte für viele Dänen wie kein anderes Denkmal oder Monument den Verlust der südlichen Landesteile, die bis 1864 zwei Fünftel der Fläche des Gesamtstaates ausgemacht hatten. Die Sieger des Krieges von 1864 galten als ehr- und pietätlos, und in dänisch-nationalen Kreisen kursierten Kopien des Idstedt-Löwen im Maßstab 1:16. In Nordschleswig, aber auch an vielen anderen Orten konnte man übrigens kleine Kopien und gerahmte Bilder des Denkmals kaufen.17 Nach der Volksabstimmung um die neue deutsch-dänische Grenze 1920 gab es mehrere erfolglose Versuche, den Idstedt-Löwen von Berlin nach Flensburg zu bringen. Auch Bemühungen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg schlugen fehl. Der Löwe war im Gedächtnis der dänischen Minderheit südlich der dänischen Grenze ein Sinnbild für die angestrebte Zurückgewinnung von Südschleswig, das durch die Volksabstimmung von 1920 ihrer Meinung nach abgetrennt worden war.18 Die Beschädigung und Entfernung des Idstedt-Löwen stellt ein prominentes, aber nicht das einzige Beispiel eines Anschlags bzw. Übergriffes auf dänische Denkmäler dar. Ende März 1864 zerstörten preußische Truppen durch Sprengung die Gedenksäule auf dem Skamlingsbanken in Nordschleswig. Das Denkmal war kurz vor Ende des Jahres 1863 fertiggestellt worden und sollte den dänischen Schleswigern als Mahnmal für den Sieg im Dreijährigen Krieg und der Festigung des Dänentums dienen. Die Einweihung musste bis Frühling 1864 verschoben werden und konnte wegen des aufkommenden Krieges nicht mehr stattfinden. Sofort nach der Sprengung des Monumentes wurden die 25 Granitblöcke beschlagnahmt und Einzelteile auf einer öffentlichen Auktion verkauft. Das Denkmal sollte aufhören zu existieren, überlebte aber, denn die Skamlingsbanken-Gesellschaft hatte dafür gesorgt, dass die Granitblöcke von zwei dänisch Gesinnten heimlich erworben wurden. Als Skamlingsbanken bei der Festlegung der Grenze 1864 bei Dänemark blieb, errichtete man den gesprengten Obelisken erneut. Im Mai 1866 stand die Säule wieder auf dem alten Fundament, sichtbar aber von der Zerstörung geprägt. Ihre grenznahe Platzierung machte sie für alle

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dänisch gesinnten Nordschleswiger zu einem Symbol, in dem sich die Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung Schleswigs konzentrierte.19 Nicht nur neue Denkmäler wurden im Krieg 1864 entfernt, sondern auch ein Runenstein, der sog. Hærulfsstein. Der Stein war 1854 vom dänischen König Friedrich VII. erworben und am alten Ochsenweg aufgestellt worden. Die kurz gehaltene Inschrift in Form eines Männernamens ließ sich dahingehend deuten, dass sich dänisch sprechende Völkerstämme seit frühester Zeit in Schleswig angesiedelt hatten. Prinz Friedrich Karl von Preußen ließ aber den Runenstein entfernen und zu seinem Jagdschloss „Dreilinden“ zwischen Berlin und Potsdam bringen. Mit der Aufstellung vor dem Schloss (jetzt mit dem Namen „DüppelDreilinden“) verwandelte sich der Runenstein in ein deutsches Siegesdenkmal. Sowohl in Dänemark als auch in Nordschleswig wurde der Runenstein aber nicht vergessen. Aber erst im Jahre 1951 konnte der Stein dank der Zustimmung des Berliner Senates zurück auf seinen alten Platz als ein bekanntes Stück dänischen Kulturerbes.20 Der Krieg 1864 hatte übrigens ebenfalls zur Folge, dass ein dänisches Grabmal auf dem Herrnhuter-Friedhof in Christiansfeld entfernt und auf dem Dachboden des Hauses der Brüdergemeinde aufbewahrt wurde. Dänisch Gesinnte bemühten sich mehrmals um eine Wiederherstellung und erhielten schließlich 1909 dafür eine Genehmigung. Während des Ersten Weltkrieges versteckten dänisch Gesinnte das Grabmal. Nach der Volksabstimmung 1920 über die neue deutsch-dänische Grenze wurde das Denkmal an seinem alten Platz wieder aufgestellt. Im Zweiten Weltkrieg geriet das Grabmal erneut ins Blickfeld und sollte entfernt werden. Es gelang aber dem dänischen Bürgermeister von Hadersleben, das Monument zu retten; nur die Inschriftentafel von 1909 musste entfernt werden. Erst 1998 entdeckte man die Tafel wieder und brachte sie feierlich an ihrem alten Platz an. Ein letztes Beispiel aus der preußischen Herrschaft in Schleswig stellt die Entfernung einer Marmorplatte auf der Düppeler Mühle bei Sonderburg dar. Die Marmortafel mit einem von einem isländischen Pfarrer verfassten Gedicht wurde heimlich am Morgen des 18. April 1914 zum 50-jährigen Andenken an die verlorene Schlacht bei Düppel enthüllt. Am selben Tag sollte eine groß geplante deutsche Siegesfeier auf den Düppeler Höhen stattfinden. Aus diesem Grund entfernte man schnell die Marmortafel und trug dazu bei, den hohen Symbolund Stellenwert der Düppeler Mühle für alle dänisch Gesinnten weiter zu vertiefen. Die Gedenktafel wurde sorgfältig von der Müller-Familie aufbewahrt und fünf Jahre später wieder angebracht als eine Art Vorbote für die durch die Volksabstimmung angestrebte Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark. Die Tafel wurde bei einem Brand der Mühle 1935 fast zerstört, konnte aber wieder mühevoll zusammengefügt werden. Eine neue Granittafel wurde angefertigt und an der wieder völlig aufgebauten traditionsträchtigen Mühle platziert.21

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Das Schicksal deutscher Denkmäler in Nordschleswig 1920–1945

Als Folge der Volksabstimmung 1920 in zwei Zonen kehrte Nordschleswig nach Dänemark zurück (Südschleswig blieb bei Deutschland) und die neue Grenze wurde bei Krusau nördlich von Flensburg und in einer Linie südlich von Tondern festgelegt.22 Die dänischen Behörden übernahmen die Verwaltung des Landesteiles und praktizierten dieselbe Denkmalpolitik wie die preußischen Behörden nach 1864. Grabdenkmälern und Gräbern der Gegner schenkten sie keine Aufmerksamkeit. Betont nationalistische Monumente wurden möglichst entfernt. Die deutsch Gesinnten mussten sich Gedanken machen, wie sie ihre Monumente am besten gegen Anschläge und Übergriffe schützen konnten. Besonders fürchtete man Anschläge auf die Bronzestatue Otto von Bismarcks (eingeweiht 1901) zusammen mit dem 46 Meter hohen Granitturm auf dem Knivsberg. Die Statue war das größte Bismarckdenkmal im Kaiserreich; vor diesem Hintergrund herrschten starke Ressentiments unter den dänisch gesinnten Nordschleswigern gegen das Monument. Schon im Sommer 1919 wurde von der Knivsberg-Gesellschaft die Entscheidung getroffen, die Statue zu entfernen und an einem anderen Ort aufzustellen. Man wollte Übergriffen in Verbindung mit der Volksabstimmung und der Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark zuvorkommen. Die große Bismarckstatue auf dem Knivsberg wurde mit großem Aufwand abmontiert und in einem Lagerhaus in Apenrade untergebracht, bevor man das Denkmal nach Rendsburg brachte. In Rendsburg wurde die Statue in einer Viehhalle für die nächsten Jahre eingelagert. Die Halle brannte vor Weihnachten 1919 nieder, aber es gelang, den kupfernen Kopf des Reichskanzlers in der letzten Sekunde zu retten. Nach vielen Diskussionen wurde der Kopf in Kiel und anschließend auf dem Scheersberg aufbewahrt. Erst 1929 fand man eine endgültige Lösung. Auf dem Aschberg wurden Kopf und Statue zusammengefügt und im September 1930 eingeweiht. Auch hier sollte das Denkmal aber Anschläge erleben. In den Nachkriegsjahren nach 1945 entwendete man das Reichsschwert, welches zwar wieder aufgefunden wurde, aber man hatte dafür 1967 während eines Sturmes den angeschweißten Kopf heruntergerissen. Das Monument wurde sofort repariert. Auf dem Knivsberg stand weiterhin der große Granitturm, jetzt aber ohne Statue und Inschriften.23 Die deutsch gesinnten Nordschleswiger hatten im Jahre 1919 befürchtet, dass die Sieges- und Eroberungsdenkmäler auf den Düppeler Schanzen und in Arnkil auf der Insel Alsen entfernt würden. Die Siegesdenkmäler wollte man an ihren Standorten erhalten. Dies gelang aber nicht. Nach 1920 war die dänische Regierung daran interessiert, die zwei Monumente loszuwerden. Man strebte aber keine einseitige Lösung an und wollte die Denkmäler als Erinnerung an die Epoche der deutschen Herrschaft erhalten. Unter der Bevölkerung stieß dies

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allerdings auf Ablehnung. Die dänische Regierung bemühte sich aber, Probleme mit der deutschen Minderheit im Grenzland zu vermeiden. Ab Mitte der 1920erJahre nahmen die beiden deutschen Siegesmonumente nach und nach den Charakter von historischen Denkmälern an. Beide wurden in den Jahren 1925 und 1927 sowie in den Jahren 1938 und 1939 restauriert.24 Auf dem Schlachtfeld von Düppel wurde in diesen Jahren ein regelrechter Denkmalstreit ausgefochten. Nachdem es dem deutschen Verein „DüppelArnkiel“ gelungen war, die ehemalige Schanze 10 zu erwerben, wurden über Jahre als eine Gegenreaktion die restlichen Schanzen von einem Komitee aufgekauft und zur Pflege und Erhaltung des Andenkens an den dänisch-preußischösterreichischen Krieg 1864 dem dänischen Staat überlassen. Ein anderes Komitee errichtete Gedenksteine für gefallene dänische Offiziere. Bis 1940 entstanden im gesamten Schanzengebiet 110 neue Gedenksteine, davon 86 auf dem ehemaligen zentralen Schlachtfeld.25 In Hadersleben war 1890 eine Bronzestatue von Kaiser Wilhelm I. enthüllt worden. Die Statue verblieb in den nächsten Jahren auf ihrem Sockel auf dem Markplatz. Vor dem Einmarsch der französischen Truppen als Vorbereitung der Volksabstimmung 1920 wurde die Statue eingepackt und eine Woche später vom Sockel gehoben und im Garten des Bürgervereins versteckt. Ein weniger augenfälliges Kaiser-Wilhelm-Denkmal, errichtet 1897 in Tondern, blieb im Stadtzentrum erhalten. Andere Denkmäler für die kaiserliche Familie gingen aber in Nordschleswig verloren. Noch ein weiteres Monument aus der preußischen Zeit wurde in Hadersleben entfernt. Im Jahre 1921 schlug die dänische Fraktion im Stadtrat vor, das im Jahre 1886 errichtete Monument für die im Dreijährigen Krieg gefallenen Schleswig-Holsteiner zu entfernen. Das Denkmal wurde rasch abgebaut und in einem Hafenschuppen untergebracht. Dänische Kreise zerstörten aber das zwei Tonnen schwere Denkmal und versenkten die Reste im Meer. Die Zerstörung des schleswig-holsteinischen Denkmals 1848–1851 hatte aber letztendlich zur Folge, dass Hadersleben als einzige Stadt Nordschleswigs zwei an den Ersten Weltkrieg erinnernde Monumente erhielt, eins für die deutsch gesinnten und ein zweites für die dänisch gesinnten Gefallenen.26 Nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) pflanzte man an vielerlei Orten Friedenseichen. Dies geschah auch in einigen Städten Nordschleswigs. In der Regel wurde gleichzeitig ein Stein mit der Jahreszahl 1870/71 aufgestellt. Nach 1920 wurden diese Steine entfernt; die Landschaft erfuhr eine voranschreitende Dänisierung. Mit den 1898 gepflanzten Doppeleichen zur Erinnerung an die schleswig-holsteinische Erhebung verhielten sich die dänischen Behörden anders. Die meisten wurden nach der Volksabstimmung 1920 auf private Initiative gefällt. Mitunter waren diese Aktionen mit der Errichtung von neuen Denkmälern zur Erinnerung an die Wiedervereinigung verbunden.27

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Der Umgang mit deutschen Denkmälern 1945

Während der deutschen Besatzungszeit in Dänemark 1940–1945 stand besonders das Düppeler-Denkmal im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit der Wiederbelebung dieses Denkmals versuchte die Besatzungsmacht mit Zustimmung der deutschen Minderheit eine Verbindung zwischen dem Kaiserreich und dem Dritten Reich zu konstruieren. Diese Bemühungen stießen in der dänischen Mehrheitsbevölkerung auf Kritik. Nicht lange nach dem Kriegsende am 5. Mai 1945 fielen die Denkmäler der Zerstörung zum Opfer. So wurde ein deutsches Kriegergrab bei Rinkenis fast vollständig beseitigt. Das dänische Kriegsministerium veranlasste aber 1949 notwendige Reparaturarbeiten. Das Düppeler-Denkmal wurde am 13. Mai 1945 allem Anschein nach von dänischen Widerstandskämpfern gesprengt und dabei völlig zerstört. Etwa einen Monat später sprengte man das Arnkiel-Denkmal. Auch diesmal blieben die „Attentäter“ unauffindbar. Es scheint, dass für diese Aktionen ein kleinerer verschwiegener Personenkreis verantwortlich war. Ob diese Gruppe Unterstützung aus der Bevölkerung erfuhr, ist fraglich. Die Zeitungen waren zurückhaltend und distanzierten sich von solchen Aktivitäten. Die beiden zerstörten Denkmäler wurden im Sommer und Herbst 1945 allerdings von vielen Dänen besucht. Die Regierung versuchte, im Grenzland Unruhe zu vermeiden. Ein Vorschlag, einen Gedenkstein für die auf beiden Seiten Gefallenen des 1864er-Krieges zu errichten, wurde nicht angenommen. Zwischen 1947 und 1948 entfernte man die letzten Spuren der Monumente und legte Grasflächen an. Die Beseitigung der zwei Denkmäler war so gründlich, dass auch die Erinnerung an ihre Existenz nach und nach in großen Teilen der Bevölkerung verblasste. Eine Hinweistafel für das auf den Düppeler Schanzen einst vorhandene deutsche Denkmal ließ bis zum Spätsommer 2006 auf sich warten.28 Die Sprengungen der zwei prominenten Denkmäler in Düppel und Arnkiel blieben nicht die Einzigen. Zahlreiche in der Landschaft verstreute Denkmäler und Gedenksteine für gefallene preußische Soldaten wurden geschändet. Die Zerstörung von Denkmälern griff im Laufe des Sommers 1945 um sich. Auf dem Friedhof von Broager wurde ein deutscher Gedenkstein von 1864 auf Initiative des Gemeinderates im Sommer abgerissen und das Fundament entfernt, ohne dass dieser Vorfall in der Bevölkerung bekannt wurde. In Tondern wurden deutsche Straßenschilder entfernt. Im Juni 1945 verschwand als Nächstes das Doppeldenkmal für die Gefallenen des Krieges 1870–1871 und für Kaiser Wilhelm I. Das bekannteste deutsche Denkmal, der Knivsberg-Turm, wurde im August 1945 gesprengt. Die „Akteure“ blieben unbekannt, bis 1987 Zeugen ausführlich über die Zerstörung berichteten. Heute befindet sich an der Stelle des Turmes eine an die Zerstörung erinnernde Mauer. Diese wurde 1961 nach Plänen von Arndt Georg Nissen, der Verbindungen zur deutschen Minderheit

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hatte, ausgeführt. Für den Bau konnten noch einige erhaltene Granitsteine aus dem Turm verwendet werden.29 Nach Kriegsende wurde auf Initiative des Journalisten Henrik Ringsted und mit Zustimmung des dänischen Ministers Christmas Møller der Idstedt-Löwe von Berlin nach Kopenhagen gebracht. Am 5. Oktober 1945 kam der Löwe an und wurde direkt am Tøjhusmuseum (Zeughausmuseum) abgeladen. Die Reliefs der Offiziere der Schlacht bei Idstedt fehlten, kamen aber aus Kiel und wurden wenig später am Sockel angebracht. Die Behörden befürchteten Anschläge auf den dänischen Löwen als Siegesdenkmal, denn ein großes Denkmal für die dänischen Ostfront-Freiwilligen war bereits komplett zerstört worden, und die Gefahr von Vergeltungsaktionen bestand. Daher ließ man den Idstedt-Löwen bis Ende 1947 bewachen! Im Laufe der Jahre wurde viel über die Platzierung des Löwen an verschiedenen Lokalitäten in Kopenhagen diskutiert. Aber auch Fredericia, Skamlingsbanken, Düppel oder vor dem Schloss Sonderburg kamen als Standorte für den Löwen ins Gespräch. Die offizielle dänische Haltung war jedoch die, dass eine Rückkehr des Idstedt-Löwen nur zum alten Standort auf dem Flensburger Friedhof erfolgen könne. Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 beendeten weitgehend die alten nationalen Probleme im deutsch-dänischen Grenzland. Vorschläge und Sondierungen um eine Rückführung des Löwen blieben aber erfolglos und erst in den Jahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 vollzog sich ein Wandel. Eine größere Kontroverse entwickelte sich 1992, als sich mehrere deutsche Politiker im Grenzland für die Überführung des IdstedtLöwen einsetzten. Der Vorstoß scheiterte nicht zuletzt am Protest von Flensburger Bürgern. Im Jahr 2009 wurde mit Mehrheit in der Flensburger Ratsversammlung ein Vorschlag angenommen, an die dänische Regierung die Bitte zu richten, den Idstedt-Löwen an seinen angestammten Platz zurückzubringen. Diesen Vorschlag hatte man vorher mit der dänischen Regierung abgestimmt. Die Flensburger Ratsversammlung fasste im März 2010 einen entsprechenden Beschluss mit großer Mehrheit. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass am Monument eine zweisprachige Inschrift mit den Daten des Idstedt-Löwen und dem Satz „als Zeichen von Freundschaft und Vertrauen zwischen Dänen und Deutschen“ anzubringen sei. Das jetzt auf den alten Friedhof in Flensburg zurückgekehrte symbolträchtige Denkmal hat dadurch seinen Charakter verändert. Der neugestaltete Text bringt den von deutscher Seite immer wieder betonten Willen zur Versöhnung mit dem dänischen Nachbarn zum Ausdruck. Die Rückkehr des seit Generationen umstrittenen Monuments stellt ein wichtiges Signal dar und berichtet vom Gegeneinander zum Miteinander in der deutsch-dänischen Grenzregion.30 Durch die Erweiterung des Museums „Historiecenter Dybbøl Banke“ (1989 als Stiftung gegründet) in den Jahren 2001–2007 wurden übrigens gute Rahmenbedingungen für die Vermittlung des Krieges 1864 und die Aufarbeitung der gemeinsamen dänisch-deutschen Geschichte geschaffen.

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Schlussbetrachtung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Denkmäler und Erinnerungsorte im deutsch-dänischen Grenzland die kulturellen und identitätsstiftenden Prozesse widerspiegeln, die in den letzten zwei Jahrhunderten stattgefunden haben. Die Dänen verübten nach dem Dreijährigen Krieg Zerstörungen an schleswig-holsteinischen und deutschen Symbolen, und in der preußischen Epoche nach der dänischen Niederlage im Krieg von 1864 kam es zu Gegenreaktionen in Schleswig. Beide Gegner versuchten, ihre Geschichtspolitik durchzusetzen. Der Istedt-Löwe wurde als markante Siegestrophäe nach Berlin gebracht. Die nationalen Auseinandersetzungen über die Zerstörungen und die Wiedererrichtung von Monumenten und Denkmälern zeigen, wer bei der Darstellung der historischen Erinnerung das Recht des Stärksten für sich in Anspruch nahm, und dass dieser Streit zwischen Deutsch und Dänisch nie völlig aufhörte. Nach der Rückkehr Nordschleswigs zu Dänemark durch die Volksabstimmung 1920 kam es zur Dänisierung der Kulturlandschaft von Dybbøl Banke. Die Sprengung von Monumenten nach Kriegsende 1945 untermauert, dass es lange Zeit unmöglich war, zwei kulturelle und nationale Interpretationen über eine gemeinsame Vergangenheit Seite an Seite existieren zu lassen. Die dänische Öffentlichkeit zeigte kein Interesse, die für die Sprengungen Verantwortlichen zu finden. Die Rückkehr des Idstedt-Löwen nach Flensburg im Jahre 2011 stellt eine markante neue Situation dar. Denn dadurch wurden eine Entnationalisierung früherer Konfrontationen im deutsch-dänischen Grenzland eingeleitet und eine neue demokratische Erinnerungskultur mit transnationalen Auffassungen geschaffen. Anmerkungen 1

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Siehe u. a. P. OSTERMANN, C. MÜLLER und K.-S. REHBERG (Hg.), Der Grenzraum als Erinnerungsort. Über den Wandel zu einer postnationalen Erinnerungskultur in Europa, Bielefeld 2012. F. GRESSHAKE, Deutschland als Problem Dänemarks. Das materielle Kulturerbe der Grenzregion Sönderjylland – Schleswig seit 1864, Göttingen 2013. I. ADRIANSEN, Erindringssteder i Danmark. Monumenter, Mindesmærker og Mødesteder, Kopenhagen 2010, S. 337 ff. Die Literatur ist kaum mehr überschaubar, da den Pionierarbeiten von Pierre Nora in den meisten europäischen Ländern entsprechende Erinnerungsprojekte folgten: P. NORA (Hg.), Les lieux de mémoire, 7 vol., Paris 1983–1992; DERS., From lieux de mémoire to realms of memory, in: Ders. und L. D. Kritzman (Hg.), Realms of Memory: Rethinking the French Past, vol. 1: Conflicts and Divisions, New York-Chichester 1996, S. XV– XXIV; E. FRANÇOIS und H. SCHULZE (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl.

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3 Bde., München 2005; O. FELDBÆK (Red.), Dansk identitetshistorie, København 1991– 1992; M. ISNENGHI (Hg.), I luoghi della memoria, 3 vols., Roma-Bari 1997–1998; W. BLOCKMANS und H. PLEIJ (Red.), Plaatsen van herinnering. Deel I: Nederland van prehistorie tot Beeldenstorm, Amsterdam 2007; H. H. Hahn und R. Traba (Hg.), Deutsch-polnische Erinnerungsorte, Paderborn 2012. ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 29–31. Siehe u. a. A. SCHARFF, Geschichte Schleswig-Holsteins. Ein Überblick, Neuausgabe von M. JESSEN-KLINGENBERG, 5. Aufl., Würzburg 1991; H. V. GREGERSEN, Slesvig og Holsten indtil 1830, Kopenhagen 1981; L. RERUP, Slesvig og Holstein efter 1830, Kopenhagen 1982; T. FINK, Rids af Sønderjyllands Historie (Vi og vor fortid, Nr. 11), Kopenhagen 1946. I. ADRIANSEN, Denkmal und Dynamit. Denkmälerstreit im deutsch-dänischen Grenzland, Neumünster 2011, S. 13–16. Ebd., S. 17. ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 342–346. Ebd. B. POULSEN und U. SCHULTE-WÜLWER (Red.), Istedløven. Et nationalt monument og dets skæbne, Herning 1993. N. DAMSGAARD, Den nationalliberale kunstpolitik, in: B. POULSEN und U. SCHULTEWÜLWER (Red.), Istedløven. Et nationalt monument og dets skæbne, Herning 1993, S. 19–31; U. SCHULTE-WÜLWER, H. W. Bissen og hans slesvig-holstenske kunstnervenner. Kunstnerkarrierer i skyggen afde nationale bevægelser, in: Poulsen/SchulteWülwer, Istedløven, S. 32–47. J. OSTWALD, Isted og mindesmærkerne på den gamle kirkegård i Flensborg, in: Poulsen/Schulte-Wülwer, Istedløven, S. 48–80. I. ADRIANSEN, Istedløven – et nationalt monument med vekslende symbolværdi, in: Poulsen/Schulte-Wülwer, Istedløven, S. 81–116. ADRIANSEN, Denkmal und Dynamit, S. 36–39. ADRIANSEN, Istedløven. S. WEILL, Løven, stenen og båden. Kulturminder i nationalpolitisk spil, in: Poulsen/Schulte-Wülwer, Istedløven, S. 117–138 sowie Foto auf S. 156; ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 354. Ebd. ADRIANSEN, Denkmal und Dynamit, S. 47–52. ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 356 f. Ebd., S. 357–359. Siehe u. a. B. SCHWENSEN, Die plebiszitäre Teilung der Provinz Schleswig 1918–1920, in: Geschichte Schleswigs vom frühen Mittelalter bis 1920. Dänisch-deutsche Historikerkonferenz des Instituts für Grenzregionsforschung in Zusammenarbeit mit der Akademie Sankelmark vom 28. bis 30. September 1997 in Sankelmark, Apenrade 1998, S. 205–224. ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 361–363. Ebd., S. 364 f. ADRIANSEN, Denkmal und Dynamit, S. 76 f. ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 365–369; DERS., Denkmal und Dynamit, S. 78–85. ADRIANSEN, Erindringssteder, S. 369 f. Ebd., S. 371–375. ADRIANSEN, Denkmal und Dynamit, S. 96–111. Ebd., S. 112–115, 119–127; WEILL, Löven, stenen og båden, S. 132 f.; J.-P. LEPPIEN, „Operation Lion“. Henrik V. Ringsted und der Idstedt-Löwe, Flensburg 1995. Eine ein-

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gehende Analyse und Darstellung der finanziellen, technischen und politischen Hintergründe für die Rückführung des Löwen 2011 in L. HENNINGSEN und B. SCHWENSEN (Hg.), In Freundschaft und Vertrauen – Die Rückkehr des Idstedt-Löwen nach Flensburg, Flensburg 2012. Betreffend die Bonn-Kopenhagener Erklärungen siehe J. KÜHL (Red.), En europæisk model? Nationale mindretal i det dansk-tyske grænseland 1945– 2000, Apenrade 2002.

LUTHERISCHE ‚KONFESSIONSKULTUR’. Methodische Aspekte eines komparativen Konzepts am Beispiel: lutherische politische Theologie Heinrich Assel Ich skizziere zunächst ein Forschungsprogramm, das im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs „Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region” der Universitäten Greifswald, Lund und Tartu in Einzelstudien bearbeitet wird. Der Hauptteil meiner Ausführungen konzentriert sich auf das für dieses Forschungsprogramm zentrale Konzept „Lutherische Konfessionskultur“. Da es in verschiedenen nordeuropäischen Kontexten – wofür hier exemplarisch der deutschsprachige und der dänische theologische Kontext stehen – unterschiedlich methodisch bestimmt wird, bedarf seine Verwendung in komparativer Absicht selbst der weiteren methodischen Klärung. Dazu soll hier ein Vorschlag unternommen werden.

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‚Lutherische Konfessionskulturen’ im Rahmen von ‚Baltic Borderlands’: Arbeitsfelder und Themen

Eine Typisierung lutherischer Konfessionskulturen, in der komparativ norddeutsche, dänische, schwedische und estnische Fallstudien aufeinander beziehbar werden, ist bisher nicht unternommen worden. Eine solche Typisierung steht z. B. vor folgenden Fragen: (a) Welche konfessionell-theologischen, kirchentheoretischen und religionspolitischen Faktoren sind prägend für das Selbstverständnis der  lutherischen Post-Staatskirche Schwedens  lutherischen Volks- und Staatskirche Dänemarks  lutherischen Diasporakirche Estlands  und der lutherischen Volkskirche in Norddeutschland, die sich im Jahr 2012 aus einer großen ehemals westdeutschen Kirche (Nordelbische Kirche) und zwei ehemals ostdeutschen Diasporakirchen (Mecklenburgische und Pommersche Kirche) durch Fusion neu bildete? (b) Inwieweit prägen doktrinale Kirchenkonzepte diese Konfessionskulturen? (c) Inwieweit reflektieren sie Elemente der politischen Theologie Luthers? Welchen Transformationen sind die Kirchentheorie und politische Theologie in diesen Luthertümern unterworfen?

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(d) Worauf zielt eine konfessionskulturelle Typisierung theologisch? Worin unterscheidet sie sich von religionssoziologischen Typisierungsvorschlägen? Diese Fragen sind durch folgende Beobachtungen angestoßen, die drei Arbeitsfelder betreffen: (1) Die Religionssoziologin Grace Davie schlägt eine ‚euroreligiöse’ Konstruktion nordischer, deutscher und baltischer Religionsräume vor, die gleichsam eine religionssoziologische Refigurierung des Ostseeraumes darstellt.1 Das wirft mancherlei Fragen auf, die im Rahmen eines zweitägigen Workshops mit Grace Davie im Juni 2012 in Greifswald Gegenstand intensiver Diskussionen waren:2 Wie lassen sich Religionsräume soziologisch konzeptualisieren?3 Wie beschreibungskräftig ist Davies Definition des ‚Nordischen’ als skandinavisch-britisch gegenüber einem vormals ‚Nordischen’ als deutsch-lutherisch (paradigmatisch in der Epoche von 1920 bis 1940) – eine Sichtweise, welche für die Studiengruppe ‚Religious Change in Northern Europe’ in Uppsala charakteristisch ist? Wie lässt sich die Neuorientierung der ‚baltischen’ lutherischen Kirchen gegenüber ihrer Situation vor 1989 beschreiben, die sich z. B. darin niederschlägt, dass diese Kirchen seither am anglikanisch-schwedischen Ökumenekonzept der sog. PorvooÖkumene (s. u.) partizipieren? Wie sind diese Neuorientierungen im historischen Längsschnitt von 1990 bis 2010 je für die estnischen, lettischen und litauischen lutherischen Konfessionskulturen zu beschreiben und zu differenzieren, die (wie im Fall Lettlands) teilweise einen außergewöhnlich restaurativen lutherischen Konfessionalismus entwickelten?4 Warum ist Davies Konzept euroreligiöser Religionsräume für den deutschen oder auch nur norddeutschen Religionsraum religionssoziologisch nur bedingt beschreibungskräftig, weil die historisch bedingte Mehrkonfessionalität und das Nebeneinander von (vermeintlich?) ‚fortgeschritten säkularisierten’ ostdeutschen Milieus5 und volkskirchlich-lutherischen, westdeutschen Milieus im Raum der neuen evangelischlutherischen Kirche in Norddeutschland soziologisch unübersichtlich ist? (Die sich entwickelnde Multireligiosität in den Metropolen ist als weiterer Faktor zu nennen.) Die religionssoziologischen Typisierungen euroreligiöser Religionsräume und die Diskurse um die Triftigkeit von ‚Säkularisierung’ und/oder ‚Euro-Religion’ bilden (2) einen Entdeckungszusammenhang, keinen Begründungszusammenhang meiner Fragestellung. Sie lassen fragen, ob es politisch-theologische und kirchentheoretische Konzepte der nordischen, deutschen und estnischen Theologien und Kirchen gibt, welche die in den religionssoziologischen Diskursen und Typen reflektierten Forschungsprobleme eigenständig konzeptualisieren und um systematisch-theologische Kategorien und konfessionskulturell-historische Dimensionen erweitern. Welche Faktoren bestimmen die Konzepte von Staatskirche, Volkskirche, Diasporakirche, Bekenntniskirche mit? Inwiefern reflektieren

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konfessionskulturelle Konzepte eines Nordisch-Lutherischen, Deutsch-Lutherischen, EstnischLutherischen die jeweilige kirchliche Situation in den jeweiligen Gesellschaften und die Verfassungsform der Kirchen? Inwiefern verstärken Kirchenkonzepte konfessionskulturelle Grenzbildungen? Schließlich sollen (3) Konzepte einer grenzübergreifenden Ökumene untersucht werden, also einer Kirchengemeinschaft in den rituellen, doktrinalen und kirchlichen Kernformen. Im Mittelpunkt stehen (3.1) die sog. Porvoo-Ökumene, d. h. die Kirchengemeinschaft zwischen lutherisch-skandinavischen, lutherisch-baltischen und anglikanisch-britischen Kirchen, die nicht mehr nur am lutherisch-reformatorischen Erbe orientiert sind,6 und (3.2) Konzepte lutherischer Ökumene im Ostseeraum zwischen norddeutschen, dänischen und baltischen Kirchen, die vorrangig doktrinal an der gemeinsamen lutherischen und reformatorischen Tradition orientiert sind und in der ‚Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa’ (GEKE) ihre ökumenische Verfassungsform finden.7 „Lutherische Konfessionskultur“ fungiert als heuristisches Konzept, z. B. um das Zugleich von religiöskonfessioneller Grenzbildung und grenzübergreifender Ökumene zu beschreiben.

2.

Konfessionskultur – kontextuelle Konzepte und ihre methodischen Vorentscheidungen

Ich will das Konzept der ‚Konfessionskultur’ nicht vorab definitorisch bestimmen, sondern heuristisch explizieren; die aktuelle Diskussion des Konzepts in den verschiedenen theologischen Disziplinen hat m. E. noch nicht das Stadium definitorischer Klarheit (im anspruchsvollen Sinn einer abschließenden vollständigen Bestimmung) erreicht. Unter ‚Konfessionskultur’ sei vorläufig heuristisch verstanden: konfessionelle Religion als langzeitiges, individuelles, soziales, kulturelles und transnationales Zeichensystem mit z. B. rituellen, kanonischen und architektonischen, literaturund musikhistorischen, wohlfahrtsgesellschaftlichen, rechtshistorischen und politisch-ethischen sowie frömmigkeitsgeschichtlichen Dimensionen und Institutionalisierungen, die im Konkurrenzfeld gesellschaftlicher Sinnressourcen und individueller Gewohnheitscodierung einen konfessionell-theologisch bestimmbaren Charakter hat.8 Kirchenhistorisch wird dieses Konzept gegenwärtig z. B. von dem Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann in die Theorie des frühmodernen Konfessionalismus eingeführt.9 Eine umfassende kritische Analyse älterer Modelle, etwa Werner Elerts Konfessionsmorphologie und ihrer politisch-theologischen Implikationen, bietet die Greifswalder Dissertation von Christian Neddens.10

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Eine künftige definitorische Bestimmung muss Differenzen in der methodischen Ausgestaltung des Konzepts im dänischen, schwedischen oder deutschen Kontext Rechnung tragen. So gewichtet – um ein Beispiel zu nennen – die religionssoziologische Arbeitsgruppe um Anders Bäckström in Uppsala wohlfahrtsstaatliche Funktionen der schwedischen Konfessionskultur hoch, während im sogleich näher vorzustellenden politisch-theologischen Konzept von dänischer Konfessionskultur von Svend Andersen rechts- und politiktheoretische und historische Dimensionen im Vordergrund stehen. Im deutschen Kontext haben institutionell-kirchliche Verfassungsformen und doktrinal ausformulierte lutherische Konfessionalität ein hohes heuristisches Gewicht. An diesen Gewichtungen werden methodische Vorentscheidungen greifbar, die noch wenig diskutiert sind. (a) Dies will ich zunächst an zwei Beispielen aus Dänemark weiter exemplifizieren: Beispiel 1: Konfessionstheorie als konstruktive, sozialphilosophische Reinterpretation zentraler doktrinaler Figuren der Theologie Luthers. Die Arbeitsgruppe ‚Reformation Theology – Reception and Transformation’ der Universität Århus konzentriert sich auf zentrale doktrinale Figuren Luthers im gegenwärtigen Horizont, z. B. das Thema: „Gabe, Passivität und Reziprozität“ – ihre Interpretation in Texten Luthers, ihre ideengeschichtliche Rezeption im Reformationszeitalter und in der zeitgenössischen Diskussion sowie ihre Transformation in dänischen, deutschen und finnischen Interpretationstraditionen. Der Band „Word – Gift – Being“11 diskutiert kulturanthropologische, religionskritische und soziologische Meister des Verdachts gegen die christliche und zumal reformatorische Rede von Gnade als göttliche Selbst-Gabe angesichts ihrer institutionellen und tauschökonomischen Situiertheit, ihrer rituellen Verwaltung und ihrer Zirkulation im ‚agapistischen’ Ethos. Er bietet prononciert lutherische Beiträge zum religionsphänomenologischen Diskurs über Gabe und Gabentausch, und zwar von dänischer, finnischer und deutscher Warte aus. Durchgängig fragen die Beiträge über die hermeneutische Lutherinterpretation hinaus, für die in Deutschland exemplarisch Gerhard Ebeling und seine Schule stehen.12 Beispiel 2: Konfessionskultur als politisch-ethisches Konzept. Das fulminante Buch des Århuser Theologen Svend Andersen „Macht aus Liebe. Zur Rekonstruktion einer lutherischen politischen Ethik“, das im Kontext der erwähnten Arbeitsgruppe situiert ist, rekonstruiert nicht eine bestimmte zentrale Lehrfigur, sondern lutherische politische Theologie und politische Ethik konfessionskulturell. Es geht hier in systematischen Interpretationen klassischer Texte Luthers um die politisch-ethische und die konfessionskulturelle Normativität der politischen Theologie Luthers, um historische Transformationen christlicher Freiheit in der Unterscheidung von weltlichem und geistlichem Regiment Gottes und um eine lutherische politische Ethik in Auseinandersetzung mit John Rawls und Jürgen Habermas. Dabei bezieht Andersen durchweg eine komparative,

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deutsch-dänische Perspektive mit ein. Was in Andersens Buch aber auffälligerweise fehlt, sind kirchentheoretische Überlegungen zur Funktion und Rolle der dänischen Staatskirche als zivilgesellschaftlicher Akteur. Ich werde Andersens Buch im Folgenden (Abschnitt 3) als politisch-ethische Analyse dänisch-lutherischer Konfessionskultur unter Ausblendung einer Kirchentheorie genauer untersuchen. (b) Es ist signifikant für den (nord)deutschen Kontext, dass vergleichbare Themen unter einer völlig anderen Überschrift verhandelt werden als im dänischen Kontext. Hier wird pointiert nach einer Kirchentheorie gefragt, die für die norddeutsche lutherische Konfessionskultur charakteristisch sein soll. Beispiel 3: Konfessionskultur im Rahmen einer Kirchentheorie. Das Unternehmen einer theologischen ‚Kirchentheorie’ ist durch die spezifisch deutsche Situation der Volkskirche, ihre staatskirchenrechtliche und kirchenrechtliche Verfassung und nur insofern durch die Frage nach einer spezifischen Konfessionskultur bestimmt. Darin zeigt sich eine Fernwirkung der sog. Lutherrenaissance,13 die stets kulturtheoretische mit kirchentheoretischen Fragen verband. Die Forschungsgeschichte des (als Begriff erst 1997 durch Reiner Preul geprägten) Konzepts ‚Kirchentheorie’ im 19. und 20. Jahrhundert hat erstmals die Greifswalder Habilitation von Henning Theißen aufgearbeitet.14 Für die norddeutsche Kirche und Konfessionskultur ist das Buch des Kieler praktischen Theologen Reiner Preul mit dem Titel „Kirchentheorie“ über „Wesen, Gestalt und Funktion der Evangelischen Kirche“ einschlägig.15 Erforderlich sei es – so Preul –, die theologisch-reformatorischen Grundlagen des Kirchenverständnisses zu umreißen, vor allem durch Rückgriff auf den jungen Luther – ein Programm, das in der Fernwirkung Karl Holls und der Lutherrenaissance steht. Es folgen Ausführungen zur institutionellen und organisatorischen Gestalt der Kirche als Bildungsinstitution, als Volkskirche und als eigensinnig demokratische Organisation. Schließlich geht es um spezifische Leistungen dieses Sozialsystems in der modernen Welt – und eben hier stehen dann konfessionskulturelle und politisch-ethische Leistungen im Fokus. Es wäre reizvoll, Reiner Preuls Buch als Beitrag zur Analyse lutherischer Konfessionskultur in Norddeutschland zu lesen: Die konfessionskulturelle Selbstreflexion von Kirche erfolgt hier in explizit doktrinaler Weise, wobei die Lehre von der Kirche sofort kybernetisch bestimmt ist (‚Kybernetik’ ist hier die praktisch-theologische Theorie der Leitung und Steuerung von Kirche als religiöse Institution und Organisation). Die zugrunde liegende Leitthese ist: „Die Evangelische Kirche wird durch die Auslegung ihrer eigenen Lehre geleitet.“16 Auslegung der eigenen Lehre macht Kirche zur Bildungsinstitution, wobei Bildung verstanden wird als Reflexionskompetenz angesichts der gesellschaftlichen Praxissituationen endlicher, ‚geschöpflicher’ Freiheit, eingebettet in eine differenzierte Entscheidungstheorie. Die institutions- und organisationssoziologische Selbstbeschreibung dieser protestantischen Praxis transformiert Luthers Kirchenbe-

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griff und politische Ethik in eine synodale und presbyteriale Verfassungsform, die demokratietheoretisch interpretiert wird. Darin ist Preuls kybernetischer Entwurf paradigmatisch für eine kirchentheoretische Entwicklung, die sich im norddeutschen Sprachraum mehr oder weniger ausdrücklich vollzieht. Die beabsichtigte Scharnierstellung der Kirchentheorie zwischen systematischer und praktischer Theologie realisiert bei Preul den Vorschlag seines Lehrers Wolfgang Trillhaas, die Lehre von der Kirche (‚Ekklesiologie’) aus der Dogmatik im engeren Sinne des Begriffs auszugliedern.17 Preuls Buch zeigt also, wie die dogmatisch-normative Reflexion über ‚lutherische Kirche’ sichtlich ins praxistheoretische, komparative Paradigma ‚lutherischer Konfessionskultur’ wechselt. Ich möchte allerdings auf eine Lücke in Preuls konfessionskultureller Kirchentheorie aufmerksam machen: Die eigene Konfessionskultur, das norddeutsche Luthertum, wird von Preul selbst kaum als komparativer Typus beschrieben. Die komparative Perspektive bleibt bestenfalls oft implizit. Reflexionen über die ökumenische Situation fehlen weithin, sei es bezogen auf die katholische Ökumene, sei es bezogen auf die lutherische Ökumene des Nordens. Offen bleibt auch die Frage, wie die nordostdeutschen Kirchenmilieus mit ihrem forcierten Säkularismus zu dieser scheinbar so selbstverständlichen nordwestdeutschen Konfessionskultur in Beziehung zu setzen wären. Preuls Buch ist also meines Erachtens eine hervorragende Explikation der nordelbischen Kirchlichkeit und kann deshalb in den organisationssoziologischen Teilen fast ganz zu einer Interpretation der ehemaligen nordelbischen Kirchenverfassung werden, die von 1976 bis 2012 in Geltung stand. Gerade darin liegt aber auch eine eigentümliche Provinzialität dieser Kirchentheorie, um es zugespitzt zu formulieren.18 (c) Im schwedischen Kontext wird die Frage nach Konfessionskulturen noch einmal anders konzeptualisiert: Beispiel 4: Konfessionskultur als religionssoziologische Erweiterung der Kirchentheorie. Im Rahmen einer Analyse der staatskirchenrechtlichen Zäsur des Jahres 200019 entwickelte eine religionssoziologischkirchentheoretische Forschergruppe um den Uppsalaer Religionssoziologen Anders Bäckström20 Leitmodelle der Beschreibung der lutherischen Konfessionskultur Schwedens. Die Leitworte sind hier: Euroreligion statt Säkularisierung; funktionale, wohlfahrtsstaatliche Kirchentheorie statt theologische Volkskirchenlehre. Anders Bäckström beschreibt diesen Ansatz wie folgt: „The defining characteristic of the Nordic religious model is that a majority of the people enjoy strong personal choice in the domain of spiritual belief and at the same time strong links with the religious institution (sc. of the Lutheran Church of Sweden). The possibility of a personal, needs-related and personally expressed view of life is legitimised by libertarian values. The relationship to the religious institution is expressed in an endorsement of the values of collective security; the attachment of a

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high value to church buildings, which physically incorporate cultural memory; a high use of rites which show that one belongs to a collective community; and a high membership percentage together with a feeling of belonging and identification. The relationship is manifested in the fact that the majority of Swedes are prepared to pay a yearly charge to the church. This gives the church functions which are akin to those of American civil religion.“21

Die Funktion der Kirche von Schweden sei religionssoziologisch im Rahmen einer Euroreligion am ehesten der anglikanischen vergleichbar.22 Es sei notwendig, die vorliegenden kirchentheoretischen Modelle von Volkskirche funktionsgerecht zu revidieren: „A relevant Folk Church theology must be capable of making use of the fundamental interest which the (Church-of-Sweden-)Act expresses in the Folk Church being preserved as an evangelical Lutheran church which is open to all, which is democratic governed and which serves the country as a whole. The church thereby becomes a part of Swedish welfare thinking.“23

Charakteristisch an dieser Selbstbeschreibung der schwedischen Lage scheint mir viererlei: (1) die relativ unbefangene Konstruktion eines ‚nordischen Raums’ des Lutherischen, (2) die These vom Vorrang religionssoziologischer Faktoren gegenüber doktrinalen Konzepten der Volkskirche in der lutherischen Kirchentheorie, (3) die These vom Vorrang zivilreligiöser, wohlfahrtsstaatlicher und kulturgeschichtlicher Funktionen von ‚Volkskirche’, (4) die demokratische Verfassung von Kirche. Mit einem ‚deutschen’/‚mitteleuropäischen’ Typus wird bei Bäckström et. al. unterschwellig kontrastiv argumentiert. Dies geschieht z. B. im Blick auf das deutsche Volkskirchenmodell ‚hinkender Trennung’ von Staat und Kirche. Auch die doktrinale Funktion von Theologie für die deutschen evangelischen Kirchen markiert eine Differenz. Diese Kontrastierung wirkt aber vor allem selbstreflexiv. Sie dient der Konstruktion eines nordisch-schwedischen Religionsraumes. Im Blick auf die deutschen Kirchen ist diese Konstruktion aber weder zeithistorisch noch theologisch überzeugend, etwa gemessen an einer Kirchentheorie auf dem skizzierten Niveau Preuls.

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2.1 Auswertung der vier Beispiele Die dargestellten dänischen, deutschen und schwedischen Beispiele lassen also kontextuelle Gebrauchsweisen des Konzepts „Konfessionskultur“ erkennen, in die meines Erachtens noch nicht ausreichend und komparativ diskutierte methodische Vorentscheidungen eingeflossen sind. Eine komparativ erweiterte Analyse schwedischer, dänischer sowie norddeutscher Arbeiten über lutherische Konfessionskulturen im Ostseeraum kann dies bearbeiten und zu einem methodisch reflektierteren Gebrauch des Konzepts führen, sei es bezogen auf die deskriptiven Merkmale des Konfessionskulturellen, sei es bezogen auf die normativ-doktrinalen oder kybernetischen Ansprüche, die sich mit ihm verbinden. Sie wird keine umfassende Theorie euroreligiöser religionsräumlicher Typen anstreben (dies bleibt die Aufgabe komparativer Religionssoziologie, wie an Grace Davie exemplifiziert). Sie wird aber den kirchentheoretischen Blick auf die religionsräumliche Bedingtheit des je eigenen konfessionskulturellen Selbstverständnisses kritisch schärfen. Im Folgenden wird – in einer exemplarisch vertiefenden Fallstudie – das dänische Modell am Beispiel des Buches von Svend Andersen genauer untersucht, weil es politisch-theologische Aspekte dänischer Konfessionskultur im historischen Längsschnitt von Luther über den frühabsolutistischen Konfessionalismus der Staatskirche Dänemarks bis zu seinen Transformationen im 19. Jahrhundert analysiert. Andersen überführt dies in eine politische Ethik und Theologie des heutigen dänischen Luthertums (Abschnitt 3). Darauf aufbauend skizziere ich Aspekte politischer Ethik als Implikat lutherischer Kirchentheorie und Konfessionskultur aus deutscher Warte. Ich konzentriere mich also auf jenes Segment lutherischer Konfessionskultur, das auch bei Andersen im Zentrum steht. Dadurch sollen die dem je eigenen Kontext geschuldeten methodischen Vorannahmen am Fallbeispiel selbstreflexiv thematisiert werden. Ich wähle schließlich die politische Theologie und Ethik des Luthertums als materiales Fallbeispiel, weil sie im 20. Jahrhundert für das internationale deutsche und nordeuropäische Luthertum von herausragender Bedeutung waren. Die Genese der deutsch-skandinavischen Lutherrenaissance zwischen 1910 und 1935 wie auch ihr Zerfall zwischen 1935 und 1960 erfolgte wesentlich über Fragen konfessionskultureller politischer Theologie und Ethik.24 Im Folgenden wird sich zeigen, dass dies auch unter den seither und insbesondere seit 1990 weitgehend veränderten politischen Rahmenbedingungen ein fruchtbares Feld komparativer Analyse ist (Abschnitt 4).

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3.

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Lutherische politische Ethik und Konfessionskultur – eine dänische Perspektive

Svend Andersens Buch Macht aus Liebe. Zur Rekonstruktion einer lutherischen politischen Ethik25 interveniert in die virulente Diskussion um die Liberalismusfähigkeit der politischen Theologien monotheistischer Religionen und um die Religionspolitik europäischer Demokratien. Es bietet eine höchst substanzielle und erfrischend streitbare Rekonstruktion der politischen Ethik Luthers sowie des dänisch-bürgerlichen und deutsch-preußischen Luthertums aus dem Geist des politischen Liberalismus.26 Andersens enzyklopädischer Durchgang durch die politische Ethik des dänischen Luthertums im 19. und 20. Jahrhundert mündet in eine rekonstruierte lutherische politische Ethik für den Beginn des 21. Jahrhunderts (298–314). Sie umreißt in einer konzisen Auseinandersetzung mit Rawls und Habermas den eigenen Standpunkt des Autors (245–298). Im Zentrum stehen hier die heutige politisch-ethische Rekonstruktion der Reiche-und-Regimenten-Lehre Luthers und ein Konzept natürlich-politischer Vernunft anhand der Goldenen Regel. Die Goldene Regel wird – über Luthers zeitbedingte Semantik hinaus, aber mit dem Anspruch, seine argumentative Intention zeitgemäß zur Geltung zu bringen – verstanden als transzendentalpragmatische und interpersonale Reziprozitätsregel des „sich in die Rolle des Anderen Versetzens” (303, vgl. zur Vorbereitung dieser Figur beim jungen Luther 36–39). Wünschenswert klar benennt der Verfasser drei methodische Vorentscheidungen (4–9): (1) Er erhebt den Anspruch einer normativen Rekonstruktion der politischen Ethik Luthers: Sie zielt auf politisch-ethische Argumentationskerne, die für die heutige Urteilsbildung, z. B. zur Menschenrechtspolitik, zu Kriegseinsätzen, sinnhaltig und gerechtfertigt reformuliert und rekontextualisiert werden können (8). An den Schaltstellen der Untersuchung sind sechs Argumente gelistet (82 f., 298 f.). Drei seien exemplarisch genannt: „c. Der christliche Glaube ist durch ein Handeln konstituiert, das nicht den Charakter menschlichen Machtausübens hat und das deshalb nicht auf den politischen Bereich übertragbar ist. d. Christliche Nächstenliebe ist eine komplexe Größe, die als Wohltun die Gestalt politischen Handelns haben kann […]. f. Es gibt eine universale Normativität in der Gestalt des natürlichen Gesetzes, das, zusammengefasst in der Goldenen Regel, als gemeinsame normative Grundlage für Christen und Nichtchristen dienen kann.“ (ebd.)

Hier ist zu fragen: Wenn Satz c. von einem glaubenskonstituierenden Handeln (Gottes) spricht, wenn also die genannten Basissätze eine Typik göttlichen Macht-

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handelns und Worthandelns implizieren, dann vermisst man in Andersens Liste auch methodisch eine argumentative Rekonstruktion der Stände- und Hierarchienlehre Luthers. Er interpretiert sie offenbar als frühmodern-feudale Gesellschaftstheorie, die von der Geschichte falsifiziert wurde (z. B. 81), und sieht in ihr (anders als O. Bayer, Hans G. Ulrich u. a.) keinen rekonstruierbaren politisch-theologischen Kern institutionenvermittelter Gerechtigkeit und Souveränität Gottes. Ist also diese Theorie kritisch-politischen Schöpferhandelns Gottes in Geboten, Ständen und Hierarchien auch gegen die eigenen Systemzwänge und -konflikte von Institutionen nicht mehr reformulierbar? (2) Andersen gibt sich über die begriffsgeschichtlichen und gesellschaftsgeschichtlichen Brüche und semantischen Verwerfungen zwischen den Argumenten Luthers und Kants – erst recht zwischen den Argumenten Luthers und Rawls! – Rechenschaft. Diese interpretative Behutsamkeit zeigt sich besonders schön in Analysen zum Dickicht der Disjunktionen von „öffentlich” und „privat”. Beispielhaft klar zeigt der Autor die politisch-historischen Brüche in der Bedeutung dieser Unterscheidung auf. Sie ist bei Luther (a) bezogen auf die ‚Herrschafts- und Amts-Person’ als öffentliche Person.27 Sie ist in der Aufklärung (b) bezogen auf ‚mediale Foren der Meinungsbildung’ (Publikum, Leseöffentlichkeit, Presse, public political forum/non public political culture). Sie ist schließlich heute bezogen auf ‚Typen politischer Rechtfertigung und Gründe’ (public reason, spezifisch verstanden als politische Urteilskraft, die legislative, judikale oder exekutive Herrschaftsformen als je unterschiedliche Begründungsweisen bestimmt; public political forum).28 Man kann Andersens Buch durchaus als manual zur Geschichte zentraler Grundbegriffe lutherischer Politiktheorie benutzen mit dem großen Gewinn einer argumentativen Einbettung der Begriffsanalyse in die Texte. Freilich würde man dann bemerken, dass wichtige Grundbegriffe fehlen! Es fehlt z. B. der Grundbegriff ‚Eigentum’ als Bestandteil der Trias: Freiheit, Gleichheit, Eigentum! (Bei Andersen nur als Trias: Freiheit, Gleichheit, Öffentlichkeit, z. B. 77– 81).29 Was bedeutet es, wenn einerseits die für Andersens Modernitätskonzept so paradigmatische Rechtslehre Kants im Kern privatrechtliche Eigentums- und Vertragstheorie ist (106–108), während wir bei Luther hier explizit Fehlanzeige erstatten müssen: libertas christiana dient gewiss nicht zur Ableitung privatrechtlicher Vertrags-Eigentumsrechte als Kehrseite negativer politischer Freiheitsrechte.30 An dieser Bruchstelle der Grundbegriffe greift Andersen zu Konjekturen: Eine ausgearbeitete Rechtslehre Luthers fehle (55), wäre aber, wenn wir sie hätten, ‚kongenialer Teil seiner politischen Theologie’ (59). Was wir haben, seien dialektische Unterscheidungen im Gebrauch vorhandenen Rechts (duplex, triplex iustitia), Tugendregeln des klugen Fürsten (aequitas) und im Kern die Goldene Regel als universal-normative Regel der Reziprozität. So sehr es einzusehen ist, dass die Rechtstheorie Luthers von seiner politischen Ethik zu unterscheiden ist, so einseitig konzentriert sich Andersen auf

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das Paradigma von Menschenwürde und Menschenrechten.31 Dadurch geraten andere, womöglich modernitätsrelevantere Aspekte von Luthers politischer Ethik und Rechtslehre aus dem Blick (Staatsrecht, Strafrecht, s. u. 6.). Zugleich reißen signifikante Lücken der Rekonstruktion auf, wenn wir die liberale Modernitätstheorie als Maßstab wählen (Privatrecht und Besitzindividualismus)! (3) Andersen wählt von vornherein die Max-Weber-Perspektive der Herrschafts- und Legitimitätstheorie auf das Politische: Es ist das Phänomen der Herrschaft, ihre Typik als patriarchale, bürokratische und vor allem als charismatische Liebe sowie die Frage ihrer Ausübung in formell-legitimen liberalen Herrschafts- und Machtformen, die das Paradigma politischer Ethik bilden. Alternative Paradigmen, z. B. das politische Urteilen, Entscheiden und Verurteilen, wie in der politischen Theologie Oliver O’Donovans (s. u.) werden nicht diskutiert. Im Zentrum dieser lutherischen Rezeption des politischen Liberalismus Rawls steht die Rekonstruktion der Goldenen Regel als Inbegriff natürlichgesetzesförmiger Vernunft und ihrer Reziprozität. Sie zielt (a) auf ein institutionell vermitteltes und insofern interpersonales Wohltun aus Nächstenschaft, und zwar in einer an Rawls geschulten, pluralismussensiblen Weise: auf eine öffentlich artikulationsfähige Teilnahme lutherischer Bürgerinnen und Bürger an der politischen Öffentlichkeit, dem Raum der Entscheidungen der Gewaltausübung. Lutherische Bürger handeln hier als ‚Amtspersonen’, die sich auf die spezifischen Gründe dieser Gewaltausübung einlassen. Die Rezeption des Liberalismus zielt weiter (b) auf eine öffentlich artikulationsfähige Teilnahme der lutherischen Bürgerinnen und Bürger am öffentlichen Forum, also auf die zivilgesellschaftlich-mediale Meinungsbildung. Der lutherische Liberalismus zielt schließlich (c) auf diese Teilnahmeformen öffentlicher politischer Vernunft, wohl wissend, dass in der innerkirchlichen Öffentlichkeit (oder sollte man sagen: in der Öffentlichkeit der politia Christi?) eine Christenbürgerschaft gelebt wird, die unvertretbar individuell und ‚innerlich’ ist. Die Nächstenliebe der Christenbürger kann ethisch ‚supererogatorisch’ und im Recht, selbst in den Menschenrechten undarstellbar bleiben. „Lutherisch verstanden ist die Ethik der Nächstenliebe nicht ganz und gar mit einer universalen Ethik identisch [...]. Das Eigenartige am diesbezüglichen Gedankengang Luthers besteht eben in der Annahme einer partialen Übereinstimmung zwischen der Nächstenliebe und einem Handeln nach der Goldenen Regel.“ (302 f.) Doch was heißt partiale Übereinstimmung zwischen der Nächstenliebe und einem Handeln nach der Goldenen Regel? Was heißt partiale Nicht-Übereinstimmung zwischen der exzessiven Nächstenliebe der Christpersonen und der praktisch-vernünftigen, politischen Form der Nächstenliebe als Wohltun im Sinne liberaler Gerechtigkeit?

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In Andersens (transzendentalpragmatischer und interpersonaler) Rekonstruktion der Goldenen Regel, die das „sich in die Rolle des Anderen Versetzens ‚reguliert’“ (303) und anleitet, zeigt sich das Überschießende der Nächstenliebe nicht primär in ‚außerordentlichen’ Taten. Es zeigt sich in einer bestimmten politischen Imagination, in einer genuinen politischen Einbildungskraft des Glaubens. Wie anders kann man sonst die folgende Passage verstehen? Die Goldene Regel sei „eine Aufforderung an unsere Phantasie. Die Goldene Regel verlangt von uns, dass wir unser Vorstellungsvermögen mobilisieren und uns überlegen sollen, wie wir behandelt werden wollen, wenn wir in der Situation des anderen wären – um daraufhin so an dem anderen zu handeln.“ (304)

Diese Fantasie oder Imagination speist sich allerdings aus der beständigen und genuinen ‚Kommunikation’ und Tradition der eschatologischen Symbolik des Reiches Gottes, der Nächstenschaft und der Nachfolge. Es braucht diese genuine Kommunikation der politia Christi (s. u. 4.4). Es braucht die Kirche als Sozialgestalt oder ‚Konfessionskultur’ des geistlichen Regiments Christi (s. u. 4.5). Hier werden – um Beispiele zu nennen – Stellvertretung und Fürbitte tradiert. Hier wird Vergebung von Sünde als Erneuerung von Freiheit jenseits der strafrechtlichen Optionen tradiert. Hier könnte heute eine kulturelle Gastlichkeit der christlichen Gemeinden und Kirchen tradiert werden, die menschenrechtlich, hospitalitäts- und asylrechtlich nicht eingeholt werden kann (s. u. 4.6). Im Zentrum der lutherischen Rezeption des politischen Liberalismus durch Andersen steht die Rekonstruktion der Goldenen Regel als Inbegriff natürlichgesetzesförmiger Vernunft und ihrer Reziprozität. Zusammenfassend „ergibt sich das Bild eines lutherischen Christen, der sich als Bürger einem überlappenden Konsens über die beiden Prinzipien der Gerechtigkeit anschließen kann, und zwar ‚aus den rechten Gründen’. Ein lutherischer Christ kann zum einen die Gerechtigkeitsprinzipien (sc. im Sinn der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls) als gegenwärtigen Ausdruck der Nächstenliebe als Wohltun verstehen, und zum anderen die Konsensfähigkeit des Kerngedankens der Reziprozität in der Allgemeinheit der Goldenen Regel begründet sehen. Die entscheidende Voraussetzung dafür [...] ist seine Fähigkeit, das Politische als selbständigen Bereich von dem eigentlichen religiösen Inhalt seiner Überzeugung zu trennen. Genau diese Trennlinie ist aber in der lutherischen Unterscheidung zwischen Geistlichem und Weltlichem impliziert […].” (305)

Das politische Subjekt in Andersens politischer Ethik sind lutherische Christen als Bürgerinnen und Bürger, freilich nicht die Kirche. Aus deutscher Perspektive mag man zusammenfassend fragen: Ist der Bereich des Politischen nur ein Bereich der religiösen ‚Hintergrund-Überzeugungen’ von lutherischen Bürge-

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rinnen und Bürgern? Ist nicht vielmehr ‚Kirche’ eine spezifisch öffentliche Realität einer ‚post-politischen Kommunikation’?32 Wäre die ‚Lutherische Kirche’ dazu womöglich nicht primär organisationssoziologisch bzw. staatskirchenrechtlich zu interpretieren, sondern im Sinne einer öffentlichen Konfessionskultur in der Zivilgesellschaft? Sind die politische Vernunft und die Sprache der Nächstenschaft nicht selbst als ‚imaginäre politische Institution’33 rekonstruierbar? Solche Rückfragen an den dänischen Autor und seinen staatskirchlichen Kontext entspringen allerdings der genuin deutschen Problemgeschichte lutherischer politischer Ethik, in der seit der Transformation der Staatskirche zur ‚Volkskirche’ in der Weimarer Reichsverfassung 1919 die kirchentheoretische Konzeptualisierung der konfessionskulturellen politischen Ethik vorrangig ist. Dies sei im folgenden Abschnitt erläutert.

4.

Lutherische politische Ethik – kirchentheoretische Aspekte lutherischer Konfessionskultur aus deutscher Perspektive

Die folgenden Überlegungen entfalten paradigmatische Positionen (Abschn. 4.1 bis 4.3), die in der deutschen Debatte um politische Ethik seit der Lutherrenaissance wirksam geworden sind. Die gemeinsame Leitfrage lautet, wie die theologische Anschauung vom ‚weltlichen Regiment Gottes‘ auf den liberalen und republikanischen Diskurs über die Ordnung des Politischen durch das Recht zu beziehen ist, und zwar kritischer, als dies bei Andersen geschieht. Die deutsche Perspektive bietet damit eine charakteristische Variante gegenüber dem dänischen Modell, nach welchem Reformation und Aufklärung von vornherein eine engere Verbindung im konfessionskulturellen Rahmen der dänischen Nation eingehen. Ebenfalls im Unterschied zum dänischen Modell wird dabei über die genannte Leitfrage hinaus zu ermitteln sein, welche konfessionskulturellen Faktoren die hier vorzuschlagende Perspektive über das liberale rechtstheoretische Paradigma hinaus machen kann und muss (Abschn. 4.4 bis 4.6), da sie in diesem allein nicht darstellbar sind.

4.1 Freiheit Gottes und Freiheit der Christenmenschen „‚Freiheit ist allein ein göttlicher Name’ – an diesem Satz aus De Servo abitrio scheitert die Geschichtsphilosophie des Deutschen Idealismus“, so Emanuel Hirsch 1925 im Vorwort zu seinem Aufsatzband: „Idealismus und Christentum“.34 Der Satz ist so etwas wie ein Fanal einer lutherischen politischen Theologie aus dem Geiste der Lutherrenaissance, die sich als Erbin der abgewiesenen Geschichtsphilosophie versteht.

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So problematisch diese politische Theologie bei Hirsch wird, so richtig ist die These: Die evangelische Rede von der Freiheit Gottes entlässt aus sich eine eigensinnige politische Existenz. Wir setzen bei dieser Freiheit der Christenmenschen und Christenbürger an. Nahe liegend ist dies, weil nun einmal lutherische politische Theologien hier ansetzen; diese Theorietradition ist nicht einfach abzuschütteln. Göttliche Freiheit begegnet als göttliche Gerechtigkeit in bestimmten Medien und performativen Realitäten des göttlichen Wortes. In ihnen wird eine ‚innere’ Freiheit des Glaubens freigesetzt. Gerade indem diese geistliche Freiheit unveräußerlich ist und bleibt, Glaubensfreiheit des inneren, geistlichen Menschen vor Gott bleibt, paart sie sich mit einer äußeren Freiheit des äußeren, politischen Menschen. Es genügt hier die einfache Erinnerung an die paradoxe Doppelthese der Freiheitsschrift Luthers. Diese evangelische Rede von der äußeren Freiheit schließt einen rechtlichen Naturzustand, einen rechtlichen Kriegszustand aller mit allen sowie die daran anschließenden Konzepte politischer Souveränität definitiv aus.35 Der äußere Mensch befindet sich immer schon im Rechtsstatus und eben darin in einem politischen Status. Nur im Rechtsstatus, nur in diesem eigensinnig politischen Status „ist der Christenmensch ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Politische Herrschaft hat demnach ihre legitime Macht im Schutz vor einer Gewalt, die sich jenseits des Politischen etabliert und eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Menschliche Gewalt kann nur ausführende, selbst dem Recht folgende sein, nicht Recht setzende. Sie muss sich in der Rechtssetzung immer schon auf Recht beziehen können. Dies ist der Sinn der Rede von Gottes weltlichem Regiment. Es soll keine Rechtssetzung geben, die aus einem rechtlosen Ausnahmezustand folgt, in dem nicht Recht, wie anfänglich auch immer, existiert. Die Rede von Gottes weltlichem Regiment „heißt für die Rechtssetzung, dass dieser menschliche Gesetzgeber [...] darauf zu achten hat, dass er selbst niemandem Recht setzt, ohne der Gerechtigkeit zu folgen, die seiner Rechtssetzung vorausliegt [...]. Dieser Gerechtigkeit kann er nur Raum lassen, sofern er Widerspruch gegenüber seiner eigenen Rechtsordnung sucht. In diesem Widerspruch wird Rechtsfindung ausgeübt. In diesem Sinne ist er nicht der Souverän, sondern bereits der Regierte, [...] der Recht empfangen hat.“

Die Figur vom weltlichen Regiment Gottes behauptet, dass Menschen in ihrer Rechtssetzung „immer schon auf ein Wort verwiesen sind, das sie nicht gesetzt haben, sondern das sie auffinden und das dem Recht so widerspricht, dass dieses nicht anonymes Gesetz bleibt“.36

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4.2 Luther und Habermas? An diesem Punkt trifft sich die lutherische politische Ethik z. B. mit Jürgen Habermas’ Theorie der Rechtsfindung. In der Begründung verfährt sie sehr anders. Jürgen Habermas vermittelt in seinen „Beiträgen zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats“ (1992) die Duplizität rechtlicher und moralischer Freiheit durch ein übergreifendes Diskursprinzip als Demokratieprinzip. Eine prozessual verstandene Volkssouveränität und eine Verfassung größtmöglicher gleicher subjektiver Handlungsfreiheiten, von Mitgliedschaftsrechten und Grundrechten soll institutionalisierte Meinungs- und Willensbildung, zivilgesellschaftliche Öffentlichkeiten und Lebenswelten substanzieller Freiheiten vermitteln. Die politische Öffentlichkeit christlicher Religion wird hier noch auf eine zivilgesellschaftliche Lebenswelt reduziert.37 Dies ändert sich bei Habermas mit seiner Friedenspreisrede von 2001. Die diskursive Aushandlung der Rechtsfindung durch freie Menschen setzt voraus, dass sie freie Bürger sind, also Freiheitsrechte haben und sich bereits im status politicus befinden. Das Apriori des Rechtsmediums ist mit den Freiheitsrechten gegeben, die der politischen Existenzform zugehören. „Die Gleichursprünglichkeit von privater und öffentlicher Autonomie zeigt sich erst, wenn wir die Denkfigur der Selbstgesetzgebung, wonach die Adressaten zugleich die Urheber ihrer Rechte sind, diskurstheoretisch entschlüsseln. Die Substanz der Menschenrechte steckt dann in den formalen Bedingungen für die rechtliche Institutionalisierung jener Art diskursiver Meinungs- und Willensbildung, in der die Souveränität des Volkes rechtliche Gestalt annimmt.“

Die Menschenrechte werden nicht nur als moralische vorrechtliche Regeln, sondern als juridische Regeln, als Teile des Rechtssystems interpretiert. Moral ist also nicht einfach die Voraussetzung des Rechts, vielmehr verzweigen sich „allgemeine Handlungsnormen in moralische und juridische Regeln und ihre wechselseitige Voraussetzung wird erklärt mit Hilfe eines sparsamen Diskursprinzips, das lediglich den Sinn postkonventioneller Begründungsforderungen zum Ausdruck bringt“.38

Die politische Ethik Luthers und ihre deutsche Rezeption zwischen 1920 und 1945, ja wohl bis in die 1960er-Jahre kennt weder die Figur prozessualer Volkssouveränität, noch ist sie eine Verfassungstheorie größtmöglicher gleicher subjektiver Handlungsfreiheiten, geschweige denn eine Demokratietheorie. Nun, nachdem wir diese Lektion lernten, sehen wir vielleicht neu die particula veri darin:

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„Das Apriori des Status politicus betrifft [...] den äußeren Menschen. Er ist in diesen Status versetzt. Sonst würde ja auf den inneren Menschen (sc. begründend) zurückgegriffen werden können.“ Der innere Mensch „bleibt unveräußerlich“ (Hans G. Ulrich).39 Der innere Mensch der libertas christiana ist eine moralkritische Figur. Die königliche Freiheit des Christenmenschen über Gut und Böse sowie die priesterliche Freiheit zur intercessio wurden von Karl Holl über Emanuel Hirsch bis Dietrich Bonhoeffer moralkritisch interpretiert – wie problematisch auch immer. Sie ist nicht (einfach) auf Habermas’ janusköpfige Figur politischer Freiheitsrechte moralischen Inhalts und rechtlicher Form abbildbar. Trotzdem und gerade deshalb ist zu fragen: Trägt die charakteristische Dialektik von innerer Glaubensfreiheit des geistlichen Menschen und äußerer politisch-rechtlicher Freiheit des leiblichen Menschen, von Rechtfertigung und Menschen-Recht, aktuell zur kritischen Exposition politischer Autonomie bei? Kann der lutherische Bürger im überlappenden Konsens leben? Wie wird politische Freiheit des Christenmenschen real?

4.3 Eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen? Immanuel Kant gibt den Zweckzusammenhang vor, in dem wir scheinbar überhaupt nur eine Antwort suchen können: es ist die permanente Aufgabe einer „Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann“.40 Die permanente Aufgabe dieser Verfassung größter menschlicher Freiheit nach Gesetzen ist der Ausgangskonsens zwischen so unterschiedlichen Theorien der Gerechtigkeit, des Rechts und des Politischen wie diejenigen John Rawls’, Jürgen Habermas’ und Walter Schweidlers. Die Verfassung ist die Rechtsform größtmöglicher Freiheit. Das scheint der Umstellung von Theonomie auf nachmetaphysische Begründungen Rechnung zu tragen. Tatsächlich aber gibt es Brücken zu den reformatorischen Freiheitstraditionen, die nicht einfach in dieser Alternative aufgehen. Ein Beispiel liefert Walter Schweidlers Beitrag „Die göttliche Freiheit. Zu einem Grundmotiv der politischen Metaphysik“. Ich zitiere hier nur die sehr dichte Schlussthese. Schweidler beschreibt Gottes Souveränität, durch die Menschen sich als politische Geschöpfe im Rechtsverhältnis vorfinden. Dies ist ein genuin lutherisches Thema. Er beschreibt sie nicht als begründende oder letztbegründende Figur. Die reformatorische These, dass wir uns im weltlichen Regiment ins Rechtsverhältnis äußerer Freiheit und in den politischen Status versetzt finden, dass also der geistlichen, inneren Freiheit eine weltliche, geschöpflich-rechtsförmige Freiheit entspricht, lautet jetzt bei ihm folgendermaßen:

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„[1] Im Rechtsverhältnis nehme ich [...] nicht eine uns allen von außen übertragene, sondern [2] eine durch Selbstbegrenzung ihres [göttlichen] Grundes in jedem von uns [3] originär als seine eigene freigesetzte geistige Macht wahr, die es [4] den anderen Mitbürgern erlaubt, auf die Bestimmung meines Lebensweges dergestalt Einfluß zu nehmen, daß mir dadurch [5] Einsicht und Irrtum hinsichtlich [6] des Inbegriffs des mir Erlaubten möglich wird.“41

Die reformatorische Freiheitstradition ist hier umgeformt. Pate steht ein Lutheraner: Gottfried Leibniz. Es entsteht der Begriff universalistischer Freiheit, ein Rechtsverhältnis von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen. Schweidler gibt dieser universalistischen Idee größtmöglicher Freiheit eine originäre, schöpfungstheologische Fassung, sozusagen eine Umformung der Rede vom weltlichen Regiment Gottes. Nicht nur das größtmögliche Maß zwangsfreier Wahl- und Handlungsoptionen ist im Rechtsverhältnis zu gewährleisten. Im Rechtsverhältnis vorauszusetzen ist das größtmögliche Maß individueller, durch das Hinstreben zur je eigenen relativen Vollkommenheit bestimmter Freiheiten. Diese politische Selbstbestimmung ist in allen Lebensbeziehungen zu realisieren. Sie ist in reziproker Förderung anderer Mitbürger zu verantworten. Die riskante und fallible Freiheitsperfektibilität in einer politischen Verfassung selbstbestimmter Bürger repräsentiert indirekt Gottes Freiheit. Sie ist durch die schöpferische Selbstbegrenzung ihres Grundes freigesetzt, also durch die ihre Vollkommenheit wählende göttliche Freiheit. Die Rede von göttlicher Freiheit wird bei Schweidler umgeformt in eine kritische ‚politische Metaphysik’ der Menschenrechte, die festhalten soll, „dass der Staat die Differenz zwischen bloßer Option und personaler Selbstrealisierung als eine Aufgabe bewahrt, deren Bewältigung vollständig seinen Bürgern überlassen bleibt“.42 Der eine mag seine Freiheit in Wahloptionen leben, als Konsumfreiheit: „I’m shopping, therefore I am.“ Der andere mag sich für eine emphatischere Version des guten Lebens entscheiden. Die Bürger finden sich versetzt in die politische Sphäre der beständigen Auseinandersetzung um das je individuelle, gute Leben.43

4.4 Kirche als Kultur – politisch-theologisch beschrieben Oliver O’Donovan, gegenwärtig einer der interessantesten Theoretiker politischer Theologie der verschiedenen Konfessionen, warnt zu Recht: „The more dominant the constitutional question, the more abstract the political discussion, and the further removed from reality.“44

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Er bietet Argumente, eine politische Theologie nicht primär von Verfassungstheorien, den Fragen demokratischer Legitimation und Gewaltenteilung sowie den Menschenrechtsfragen aus zu konzipieren. Vielmehr sei von einem eigensinnig theologischen und modernen kritischen Begriff politischer Autorität, politischer Gerechtigkeit und imaginativer Repräsentation auszugehen. In der Tat muss man auch fragen, ob z. B. die politische Institution ‚Kirche’ als Rechtsform der politia Christi aus der Freiheitsschrift Luthers wirklich verfassungstheoretisch bestimmt ist: Ist das allgemeine Priestertum wirklich ein Verfassungsprinzip der Kirche von der Gemeinde bis zur Synode, Grundlage aller Rechte und Pflichten der Mitglieder? Das Beispiel der römischen oder anglikanischen Kirche jedenfalls sperrt sich dagegen. Wir müssen demgegenüber nur zur Kenntnis nehmen, dass gerade dieses verfassungstheoretische Interesse für die deutschsprachige Frage nach Konfessionskulturen charakteristisch ist. Eine Kirchentheorie wie diejenige von Reiner Preul, die für den deutschsprachigen Kontext so exemplarisch ist, rekonstruiert die zentralen hermeneutischen und rituell-symbolischen Praktiken, in deren Vollzug sich Kirche als politische Institution und Organisation aufbaut und erhält, z. B. ihren Gottesdienst oder ihre Lehre, im Rahmen einer demokratischen Verfassungstheorie. Lutherische Kirche bestimmt sich als zivilgesellschaftliche Bildungsinstitution und verfasst sich demokratisch. Das allgemeine Priestertum aller Getauften gilt als Prinzip der Gemeindeverfassung.45 Karl Holls Theorie der Gemeinde als innere, rechtlich undarstellbare Gewissensgemeinschaft – sie war für die Volkskirchenkonzepte der Weimarer Republik um 1920 bahnbrechend und bestimmt seither das norddeutsche lutherische Selbstverständnis als Volkskirche46 – wird zum Anlass, die rechtlich verfasste Kirche als prinzipiell plurale Volkskirche zu konzipieren.47 Die Leitungsorgane der Kirche werden nach Prinzipien der Gewaltenteilung interpretiert, sodass ein eigensinniger Begriff politischer Autorität, wie er etwa der Öffentlichkeit der gottesdienstlichen Gemeinde zukommt,48 zu wenig im Blick ist. Es dürfte gegenüber Preuls Konzeptualisierung norddeutscher Konfessionskultur eine Aufgabe sein, die Verfassung größtmöglicher Freiheit im Rechtsverhältnis und die eigensinnige politische Repräsentation christlicher Freiheit im Kultverhältnis des christlichen Gottesdienstes kritischer aufeinander zu beziehen, ohne eines auf Kosten der anderen zu reduzieren. In diesem Sinn würde ich zwischen ‚Kirche’ als verfasster Institution und als Konfessionskultur in imaginären Repräsentationsformen kategorial schärfer unterscheiden. Politische Freiheiten im Rechtsverhältnis und politische Freiheit in kultischer Symbolisation sind nicht einfach aufeinander abbildbar.

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4.5 Rechenschaft von christlicher Freiheit in einer öffentlichen politischen Sprache? Gerade in einer politisch liberalen Gesellschaft müssen manche Konflikte politisch-ethisch und nicht rechtlich ausgetragen werden. Darauf bezieht sich Habermas’ bekannte These, mit der die religionspolitische Debatte hierzulande neu entfacht wurde und mit der er auch über seine frühere Position hinausgeht: „Im Gegensatz zur ethischen Enthaltsamkeit eines nachmetaphysischen Denkens, dem sich jeder generell verbindliche Begriff vom guten und exemplarischen Leben entzieht, sind in heiligen Schriften und religiösen Überlieferungen Intuitionen von Verfehlung und Erlösung [...] artikuliert.“

Sie geben „hinreichend differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien [...] und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“.49 Immer wieder bleiben öffentliche Debatten hinter Habermas zurück, weil sie sich nicht auf der Ebene des Diskurses über ethische Grundlagen des politischen Zusammenlebens bewegen wollen. Sie behaupten, es gehe um legislativ aufzulösende Kompromisse in verhandelbaren Konfliktfragen. So wird implizit ein Liberalismus behauptet, der nicht durch ethische und religiöse Konflikte gestört werden soll. Konflikte sollen nicht stehen bleiben können. Es gibt für diesen Liberalismus keinen – womöglich bleibenden – Widerspruch. Tatsächlich wird so eine Grundlage des politischen Liberalismus aufgelöst. Argumentativer Dissens erlaubt ja erst von der fremden Vernunft der anderen Personen zu sprechen, deren Lebensorientierungen im eigenen Denken nicht vorwegzunehmen sind. Eine öffentliche politische Sprache ist keine Gegebenheit. Die Metapher vom Übersetzen der Glaubensfreiheit in diese öffentliche Sprache formuliert vielmehr eine Aporie und Aufgabe politischer Ethik gerade lutherischer Provenienz. Diese zeichnet sich durch geschärfte Unterscheidungen aus.

4.6 Die Unterscheidung „geistlich/weltlich“: Gastlichkeit und Hospitalitätsrecht Im Jahr 2010 wurde posthum John Rawls’ autobiografischer Bericht „On My Religion“ publiziert. Dort findet sich folgende Notiz: „Of the many texts I have read on religion, few have struck me as much as Bodin’s views as expressed in his Colloquium of the Seven [...]. Although he recognized the political importance of toleration, and held that the state should always uphold it, his belief in toleration was religious and not only political.“50

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Toleranz aus den Quellen genuin katholisch-theistischer Religion, nicht als Verfassungsprinzip eines politischen Liberalismus, doch mit eigenem politischem Gewicht, stellt für Rawls eine fremde Toleranz dar, die ‚innerhalb der Grenzen der bloßen politischen Vernunft’ nicht völlig rekonstruierbar ist. Ich würde, gefragt danach, was ein eigensinniges politisches Gut lutherischer Konfessionskultur sein kann, auch von ‚Gastlichkeit’ reden: Eine Kultur der Gastlichkeit ist der politischen christlichen Freiheit immanent – ohne in die öffentliche Sprache der Verfassungssouveränität und Menschenrechte einfach übersetzbar zu sein. Sie löst nicht, aber sie antwortet auf ein Dilemma der Verfassungswirklichkeit, das durch eine moralische Überbegründung der Menschenrechte eher verdeckt wird. Zugehörigkeit, ja selbst Gastrechte, werden durch Exklusion definiert. Auch wenn dieses Dilemma in den Zivilisationsbrüchen des 20. Jahrhunderts ‚entdeckt’ wurde, so beschränkt es sich nicht auf sie. Die Probleme des Diaspora-Islamismus gehören hierher. Dieses Dilemma betrifft auch den Rechtsstatus eigener Zugehörigkeits-, Bleibe- und Heimatrechte und damit das Recht, überhaupt Rechte zu haben. An die Grundlosigkeit dieses Rechts erinnern gerade religiöse Traditionen von Gastlichkeit. Dies formuliert Burkhard Liebsch: „So stehen wir vor dem zwiespältigen Befund, dass die verschiedenen religiösen Traditionen an eine ursprünglich übermäßige und nicht von vornherein limitierte Gastlichkeit erinnern, wohingegen die in rechtliche Ansprüche transformierte Gastlichkeit jede Überforderung durch eine unbegrenzte Gastlichkeit auszuschließen sucht.“51

Es ist das Dilemma der verrechtlichten Hospitalität, dass z. B. das musterhafte Asylrecht des deutschen Grundgesetzes durch eine restriktive Rechtspraxis konterkariert wird. Dies hält die Frage nach gastlichen kulturellen Lebensformen wach. An der Zeit sei eine „Repolitisierung der Idee der Gastlichkeit“. Dem klassischen Ansatz eines völker- und hospitalitätsrechtlich zu gewinnenden Friedenszustands steht eine radikale Gastlichkeit gegenüber, die den Frieden „jedem Anderen, selbst dem radikalen Feind im Gedächtnis und für die Zukunft anbietet (was gerade nicht bedeutet, die Radikalität der Feindschaft zu leugnen oder zu beschönigen). Dabei wird der Friede im gegenwärtig vorherrschenden [...] Status eines nicht-kriegerischen Un-Friedens [...] einem stabilen Widerstreit zwischen Gastlichkeit und Recht ausgeliefert, den allein die praktischen Lebensformen austragen können, in und zwischen denen sich die Zukunft der Feindschaft entscheidet [...].“52

Christliche Freiheit ist als politische in ein eigentümliches Rechtsverhältnis versetzt, insofern in das weltliche Regiment Gottes. Sie ist zugleich versetzt in das

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geistliche Regiment Christi. Doch was meint hier Rechtsverzicht um der Liebe willen? Zum Beispiel dies: Nicht nur das Hospitalitätsrecht, sondern eine nichtlimitierte Gastlichkeit ist eine ihrer politischen Möglichkeiten, wo Verfassung und Menschenrechte an eine Grenze kommen. Um nun den Bogen zum Schluss des Abschnitts 3 und zur Kritik an Andersens politischer Ethik zurückzuschlagen: Mit der Ausübung dieser Hospitalität kommen nicht nur einzelne (lutherische) Christinnen und Christen in den Blick, deren Nächstenschaft die naturrechtliche Reziprozität der Goldenen Regeln überschreitet. Es waren und sind vor allem Kirchengemeinden als selbstständig politisch handelnde Subjekte, die Hospitalität ausüben, etwa wenn sie von Abschiebung bedrohte, weil im Asylverfahren nicht anerkannte Asylbewerber vor dem Zugriff schützen (‚Kirchenasyl’53). Dass ihr ziviler Ungehorsam eingeräumte Spielräume des Kirchenverfassungsrechts überschreitet, verdeutlicht nur, dass sich hier politisches Handeln aus eigenen Quellen speist.

5.

Zusammenfassung: methodische Aspekte und Familienähnlichkeit

Das jüngst in der Kirchen- und Christentumsgeschichte der Frühen Neuzeit eingeführte Konzept der ‚Konfessionskultur’ (Th. Kaufmann) strebt die Integration frömmigkeitsgeschichtlicher sowie kultur-, rechtshistorischer und analoger Arbeitsweisen in die Konfessionstheorie an. Es nimmt dazu ältere konfessionsmorphologische oder -soziologische Modelle auf, die sich mit den Namen Ernst Troeltsch, Werner Elert oder Karl Holl verbinden. Die modernitätstheoretischen und politisch-theologischen Implikationen der älteren Modelle sind zwar mittlerweile obsolet geworden. Doch sind ihre modernitätstheoretischen Fragen als solche keineswegs durch das konfessionalismustheoretische Paradigma multipler konfessioneller Modernen abschließend beantwortet. Der Heidelberger Reformations- und Rechtshistoriker Christoph Strohm weist auf diese offene Frage der Konfessionalisierungs-Forschung hin: Die Konfessionen werden unter dem Leitbegriff der Konfessionalisierung „in ihrer funktionalen, weitgehend übereinstimmenden Bedeutung für die Uniformierungsprozesse, die mit der frühneuzeitlichen Territorialstaatsbildung verbunden sind, betrachtet. Mögliche Unterschiede in den Wirkungen der Konfessionen auf alle möglichen Kulturfelder, wie sie Troeltsch [...] zu skizzieren versucht hat, müssen [...] ebenfalls ausreichend in den Blick genommen werden. Dies ist [...] gegenwärtig die wichtigste historiographische Herausforderung im Blick auf die Deutung der Reformationszeit bzw. der Frühen Neuzeit.“54

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Spezifische Modernisierungsvorsprünge zeige etwa der lutherische wie der reformierte Konfessionalismus in rechtsgeschichtlicher Hinsicht. Dies sei eine signifikante Nachwirkung der konstitutiven Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Regimente und Reiche in den Frühschriften Luthers, denen Strohm eine gemeinreformatorische Wirkung zuschreibt. Strohm plausibilisiert dies durch minutiöse Analysen zur Rechtsgeschichte des Öffentlichen Rechts, der Politiktheorie sowie des Zivilrechts in reformierten, lutherischen und katholischen Territorien und Universitäten. Sein methodisches Fazit lautet: „Weltanschaulich-konfessionelle Orientierungen wirken sich in der Geschichte nur indirekt, vielfach nichtintentional, gebrochen oder vermischt mit anderen Faktoren aus.“55 Dies macht jede monokausale Ableitung unmöglich. Die Auswirkungen solcher Orientierungen sind methodisch schwer nachzuweisen. „Das ändert aber nichts an der gerade angesichts der gegenwärtigen Debatte in der Frühneuzeitforschung besonderen Aktualität der Fragen [...] Troeltschs“56 und Holls. Meine Konzentration auf Luthers Freiheits- und Obrigkeitsschrift und damit auf Fragen der politischen Theologie und Ethik im deutschen und dänischen Luthertum steht zweifellos in der Perspektive Troeltschs und Holls: Sie fragt nach rechtshistorisch differenzierbaren, oft gebrochenen Wirkungen einer christlichen Freiheit des inneren Menschen, die in keiner kanonisch-hierarchischen Rechtsform darzustellen ist, gerade deshalb aber – unter dem Titel der äußeren, weltlichen Freiheit des Christenmenschen – rechtshistorisch die Ausbildung spezifisch säkularer, frühneuzeitlicher Rechtsformen des öffentlichen und zivilen Rechts mit vorantrieb. Die komparative historische Analyse dieser spezifischen Modernitäten konfessioneller Kulturen im Ostseeraum hat – z. B. auf dem Feld der Rechts- und Politikgeschichte der Frühen Neuzeit – noch viele weiße Felder zu erkunden und zu vermessen.57 Die Situation wird dadurch methodisch verkompliziert, dass sich im systematisch-theologischen, kirchentheoretischen sowie kirchen- und religionssoziologischen Diskurs der letzten zehn Jahre ebenfalls die Frage nach der ‚Konfessionskultur’ herauszubilden scheint, auch wenn diese Frage terminologisch bisweilen anders etikettiert ist. Dies wurde im vorliegenden Beitrag am Beispiel einschlägiger Forschungsprojekte und Arbeitsgruppen in Uppsala, Århus und Greifswald gezeigt. Dabei versuchte ich einen Überblick über einige methodische Gewichtungen zu geben, die sich m. E. jeweils am schwedischen, dänischen und norddeutschen Beispiel zeigen und die kontextbedingte Forschungsstrategien erkennen lassen, aber auch forschungsgeschichtlich bedingte Vorentscheidungen, die sich in grundbegrifflichen Kategorien und heuristischen Leitunterscheidungen des LutherischKonfessionellen abbilden. Diese komparative Beobachtung suchte ich am Fallbeispiel der lutherischen politischen Theologie und Ethik im dänisch-deutschen Vergleich zu vertiefen. Der gemeinsame Ausgangspunkt, der Vergleichbarkeit begründet, sind klassische

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Texte Luthers und verbindende Theorieformen lutherischer Theologie und Ethik, z. B. Zwei-Reiche-und-Regimenten-Lehre, Öffentlichkeit, Freiheitsverständnis, Goldene Regel als natürliches Gesetz und Nächstenschaft und das ethische Supererogatorische. In der Durchführung z. B. hinsichtlich des Rangs von ‚Kirche’ als politisch-theologisches Subjekt zeigten sich kontextvariant typische, für das dänische und deutsche Konzept von Konfessionskultur unterscheidende Merkmale. Die Thematisierung dieses Problems in einer Kirchentheorie, wie am Beispiel von Reiner Preul vorgeführt, zeigt Engführungen auf die spezifisch deutsche Verfassungsform der Volkskirche mit ihrer hoch entwickelten staatskirchlichen Verfasstheit der Institution Kirche, die so weder für Dänemark noch für Schweden vorausgesetzt werden können. An diese Diagnose knüpfte ich meine eigene Anamnese zur politischen Ethik und Theologie im Luthertum an. Sie war unvermeidlich von der spezifisch deutschen Problemgeschichte im 20. Jahrhundert geprägt (‚Lutherrenaissance’), versuchte aber unter dem Titel einer konfessionskulturellen Explikation von Kirche und Gemeinde als politische Subjekte genuiner politischer Autorität und Öffentlichkeit, greifbar in kultisch-gottesdienstlichen Repräsentationsformen, eine kirchentheoretische Beschreibung des Ortes lutherisch-politischer Konfessionskultur in der liberalen und republikanischen Gesellschaft, die sich nicht nur auf Kirchen-Verfassungsfragen konzentriert. Die angeführten gemeinsamen Theoriefiguren lutherischer Provenienz erhielten so eine Zuspitzung, die sich von derjenigen Svend Andersens charakteristisch unterschied. Trotzdem werden Andersens wie meine eigene Position darin übereinkommen, dass sie sich jeweils als lutherische Beiträge zur Frage verstehen, welchen Ort und welche Funktion die dänische und norddeutsche Konfessionskultur in der Auseinandersetzung um politischen Liberalismus je in ihrer Gesellschaft, aber auch in der Euroregion Ostseeraum haben können.58 Das frühneuzeithistorische, systematisch-theologische sowie kirchentheoretische Konzept ‚Lutherische Konfessionskultur’ wird aufgrund seiner recht heterogenen Verwendungsweisen in den verschiedenen Disziplinen und länderspezifischen Kontexten weiterhin mit mehr oder minder expliziten, unterschiedlichen methodischen Vorentscheidungen und heuristischen Leitbegriffen verbunden sein. Gleichwohl gibt es zwischen den skizzierten Forschungsprojekten, zumal im Ostseeraum, die dieses Konzept nutzen, zumindest Familienähnlichkeiten. Solche Familienähnlichkeiten zeigen sich z. B. im Bezug auf lutherische Theoriefiguren, auf das Ensemble heuristischer Faktoren lutherischer Konfessionskulturen oder auf modernitätstheoretische, liberalismustheoretische oder rechts- bzw. wohlfahrtsstaatliche Forschungsinteressen. Als forschungsheuristisches Konzept für eine Region, die Nathan Söderblom noch 1922 mare lutheranum nennen konnte,59 und als Münze komparativer Verständigung über die Wurzeln ihrer heutigen religionsräumlichen Situation ist das Konzept ‚Lutherische Konfessionskultur’ bis auf Weiteres nicht zu ersetzen.

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‚Euroreligiösität’ bezeichnet eine an P. L. Berger anschließende Typenbildung. Sie transformiert das komparativ fragwürdig gewordene religionssoziologische Paradigma ‚Säkularisierung’: Vgl. G. DAVIE, Europe. The Exceptional Case. Parameters of Faith in the Modern World, London 2002. Rezipiert in: A. BÄCKSTRÖM, N. E. BECKMAN und P. Pettersson, Religious Change in Northern Europe. The Case of Sweden. From State Church to Free Folk Church. Final report, Stockholm 2004. Im Juni 2012 diskutierte Grace Davie im Rahmen eines Workshops in Greifswald ihre Konzepte mit der Arbeitsgruppe ‚Konfessionskulturen’ v. a. anhand von: G. DAVIE, Religion in Europe in the 21st century: The factors to take into account, in: European Journal of Sociology, 47/2 (2006), S. 271–296; DIES., The Sociology of Religion, London u. a. 2007; DIES., Thinking sociologically about religion: A step change in debate? (ARDA Guiding Paper Series), State College, Penn. 2011. Grace Davie ist für ihre Bereitschaft zum Diskurs an dieser Stelle zu danken! Vgl. das Themenheft von Social Compass 53/2 (2006). Hier wird religionssoziologisch die religiöse Konstruktion von ‚Frontlinien’ und ‚kulturellen Grenzen’ thematisiert und an regionalen, europäischen Fall-Studien durchgeführt (Jugoslawien; orthodoxe Autokephalie u. a.): S. VRCAN, A Preliminary Challenge: Borders or Frontiers?, S. 215– 226; G. DAVIE, Borders, Boundaries and Frontiers in the Study of Religion: A Sociological Response, S. 243–249. Im Rahmen einer internationalen Tagung im Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg im Februar 2010 wurde diese Entwicklung der baltischen, lutherischen Kirchentümer und Konfessionskulturen exemplarisch aufgearbeitet und im Rahmen der Entwicklungen mittelosteuropäischer lutherischer Konfessionskulturen kontextualisiert. Die Tagung ist dokumentiert in: H. ASSEL (Hg.), Religion im „neuen Europa“. Theologien in Mittelosteuropa 1990–2010, VF 56/1 (2011), darin: R. ALTNURME, Estnische Kultur im ‚neuen Europa’. Tendenzen der Theologie in Estland, S. 48–55; D. BALODE, Zwischen Neuaufbau und Restauration. Kirche und Theologie in Lettland seit 1991, S. 56–63; A. BAUBLYS, Auf der Suche nach Orientierung. Litauische evangelische Theologie, S. 63–79. Vgl. zur Verteidigung des Paradigmas der Säkularisierung für den ostdeutschen Religionsraum: D. POLLACK, Säkularisierung – ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland, Tübingen 2003, sowie zum weiteren Kontext: G. PICKEL, Secularization as an European Fate?, in: G. Pickel und O. Müller (Hg.), Church and Religion in Contemporary Europe. Results from Empirical and Comparative Research, Wiesbaden 2009. So folgert z. B. T. Pädam: „The aim of this agreement was to create a deeper regional communion, on the basis of a shared faith and ministry (grounded in the historic episcopate), with interchangeable members and ministers, and so to bring the participating churches closer in sharing a common mission and service in Northern Europe.” T. PÄDAM, Towards a Common Understanding of Diaconal Ministry? Recent Developments in the Diaconate among the Porvoo Churches, in: Ecclesiology, 8 (2012), S. 326– 349, hier S. 327. Vgl. DERS., Chapter 4, The Porvoo Common Statement in: Ordination of Deacons in the Churches of the Porvoo Communion. A Comparativ Investigation in Ecclesiology, Uppsala-Tallinn 2011, S. 80–100. Ähnlich schreibt R. Saarinen: „This agreement, the Porvoo Common Statement (Porvoo), was adopted by most of the participating churches between 1993 and 1995. For the Church of England the basic ecu-

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menical and ecclesiological problem in negotiations with Nordic Lutherans was always the matter of the historical succession of bishops. Doctrinal orthodoxy in other matters was taken for granted. For this reason Porvoo deals extensively with the issue of episcopacy. Porvoo does not, however, focus on bishops as such, but on the ministry of oversight, episkope. Whereas episkope is necessary for the church, historical episcopal succession is not an absolute necessity but a ‘sign’ which should be used in order to make the apostolic life of the church visible, although the sign alone does not guarantee the fidelity of the church to every aspect of apostolic faith.” DERS., Lutheran Ecclesiology, in: G. MANNION und L. S. MUDGE (Hg.), The Routledge Companion to the Christian Church, New York-London 2008, S. 170–186, hier S. 178. Kriterien bildend für die Durchführung des doktrinalen Anspruchs wirkt im Bereich der aus den Unterzeichnerkirchen der Leuenberger Konkordie (1973) hervorgegangenen Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) die Unterscheidung von Grund, Gestalt und Bestimmung der Kirche, vgl. Die Kirche Jesu Christi. Der reformatorische Beitrag zum ökumenischen Dialog über die kirchliche Einheit, hg. von W. HÜFFMEIER, Frankfurt/Main 1995 (Leuenberger Texte, 1), v. a. 19 (online: www.leuenberg.net/sites/default/files/doc-190-1.pdf [22.11.2012]). Die Faktoren, die einen Einfluss auf die Konfessionskultur ausüben, können in groben Zügen viergeteilt werden: es sind politische, sozial-wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Faktoren. Sie alle sind miteinander verbunden bzw. verwoben. Wenn die Wirkung eines Faktors zunimmt, modifiziert sich das Verhältnis unter den anderen. Im Spannungsfeld ihres Zusammenwirkens gestaltet sich eine heuristisch verstandene Konfessionskultur. Vgl. R. VIEHOFF und R. T. SEGERS (Hg.), Kultur Identität Europa. Über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion, Frankfurt/Main 1999. T. KAUFMANN, Konfession und Kultur. Lutherischer Protestantismus in der zweiten Hälfte des Reformationsjahrhunderts (SuR N.R., 29), Tübingen 2006. C. NEDDEN, Politische Theologie und Theologie des Kreuzes. Werner Elert und Hans Joachim Iwand (FSÖTh, 128), Göttingen 2010. B. K. HOLM und P. WIDMANN (Hg.), Word – Gift – Being. Justification – Economy – Ontology (RPT, 37), Tübingen 2009. Vgl. meine Rezension in: Theologische Literaturzeitung (ThLZ), 136 (2011), Sp. 686 f. H. ASSEL, Der andere Aufbruch. Die Lutherrenaissance, Ursprünge, Aporien und Wege: Karl Holl, Emanuel Hirsch, Rudolf Hermann (FSÖTh 72), Göttingen 1994. H. THEISSEN, Die berufene Zeugin des Kreuzes Christi. Studien zur Grundlegung der evangelischen Theorie der Kirche, erscheint: Leipzig 2013. Für die Analyse der Vorgeschichte protestantischer Kirchentheorie bei F. Schleiermacher und A. Ritschl (Teil 1 und Teil 2 der Habilitationsschrift) erhielt diese Arbeit den Hanns-Lilje-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 2012. R. PREUL, Kirchentheorie. Wesen, Gestalt und Funktionen der evangelischen Kirche (GSB), Berlin 1997. PREUL, Kirchentheorie, S. 43 (mit E. Herms). Vgl. W. TRILLHAAS, Dogmatik (ST I/3), Berlin 21967, S. 502–504. Vgl. PREUL, Kirchentheorie, S. VIII zum Bezug auf Trillhaas. Ich formuliere dieses Urteil vor dem Hintergrund einer vierzehnmonatigen Mitgliedschaft im ‚Theologischen Ausschuss der Gemeinsamen Kirchenleitung der Nordkirche’, die von Juli 2009 bis September 2010 den Entwurf der neuen Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland in seinen theologischen Aspekten mit erarbeitete. Die kontextuellen Spezifika der ehemaligen nordelbischen Ver-

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fassung, die teilweise Revisionen in der neuen Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Norddeutschland veranlassten, wurden hier intensiv diskutiert. Vgl. dazu die Beiträge des Themenhefts der Zeitschrift Studia Theologica. Scandinavian Journal of Theology, 54/1 (2000), insbes.: G. EDQUIST, Freedom of Religion and New Relations between Church and State in Sweden, S. 35–42. Vgl. Anm. 1. Die vom Swedish Research Council beauftragte Gesamtstudie (Laufzeit 1996–2003) umfasst neben der zusammenfassenden Studie, aus welcher hier zitiert wird, insgesamt 13 Teilstudien u. a. zur Theologie und Soziologie der Volkskirchenkonzepte von 1951–2000, zur Feminisierung von Liturgie, zum Umbau der schwedischen Kirche zum religiösen Dienstleistungsbetrieb, zur Kirchensoziologie im Rahmen des Nordic Religious Model, zur ekklesialen Organisations- und Pastoraltheorie. BÄCKSTRÖM et. al., Religious Change, S. 251. Die Autoren subsumieren unter Euroreligion: den nordisch-protestantischen Typ, eng verwandt mit dem anglikanischen, den südlich-katholischen, den streng-katholischen (Polen/Irland), den säkularen (Frankreich), den religiös-komplexen Typen Mitteleuropas. Es ist signifikant, dass sich weder die deutsche noch die estnisch-baltische Situation wegen ihrer historischen und aktuellen Komplexität dieser Typik ohne Weiteres einfügen. BÄCKSTRÖM et. al., Religious Change, S. 263; vgl. A. a. O., S. 215–242. Zur Aufarbeitung: ASSEL, Der andere Aufbruch, S. 112–164, 247–263; DERS., Politische Theologie im Protestantismus 1914–1945, in: J. FOHRMANN und J. BROKOFF (Hg.), Politische Theologie. Formen und Funktionen im 20. Jahrhundert, Paderborn 2003, S. 67–79; DERS., Pikk tee Läände. Poliitiline teoloogia saksa luterluses aastatel 1945–1968 (Der lange Weg nach Westen. Politische Theologien im deutschen Luthertum 1945–1968), in: Usuteaduslik Ajakiri [Theological Journal], 63/1 (2012), S. 128– 150. Die weitere Aufarbeitung der Epoche der deutsch-skandinavischen Lutherrenaissance von 1910 bis 1960 und ihrer politisch-theologischen Implikationen durch eine Monografie über Carl Stange und seine weitreichenden internationalen Beziehungen zum skandinavischen Luthertum zwischen 1910 und 1960 ist eines der Promotionsprojekte im Rahmen der IRTG „Baltic Borderlands“. Die Erschließung der mehrere tausend Briefe umfassenden Korrespondenz von Carl Stange ist als entscheidende Vorarbeit dazu abgeschlossen. S. ANDERSEN, Macht aus Liebe. Zur Rekonstruktion einer lutherischen politischen Ethik (TBT 143), Berlin 2010. Folgende Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch. In drei Großkapiteln rekonstruiert Andersen die politische Theologie Luthers in einer Gesamtsicht der einschlägigen Schriften Luthers, freilich am Leitfaden der sog. Obrigkeitsschrift Luthers von 1523: von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (11–84). Er verbindet dies mit einem Ausblick auf das 250-jährige Paradox des ‚frühmodernen Luthertums’ am Beispiel Dänemarks, die Überführung des frühreformatorischen Konzepts der Zwei-Reiche-und-Regimenten-Lehre in ein absolutistisches Staatskirchentum (84–89). Das Verhältnis der lutherischen Ethik zur politischen Moderne wird dargestellt an Kants Rechts- und Politik-Theorie (92–126). Die Wirkung Kants im bürgerlichen Luthertum wird reflektiert durch die Darstellung der politischen Ethiken der drei großen Dänen Martensen (127–162), dem der größte Raum und die größte Sympathie gilt, Grundtvig (163–180) und Kierkegaard (180–209). Sie gelten als Denker dänischer Demokratisierung, doch auch als Antipoden. Diese Kapitel sind eine Musteranalyse politischer Konfessionskultur im ‚goldenen Zeitalter’ Dänemarks. Die Fragen nach liberalen Spuren im deutsch-preußischen Luthertum, im Kaiserreich und der Weimarer Republik konzentrieren sich auf den seinerzeit ebenso einsamen wie ent-

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schiedenen Demokraten E. Troeltsch (212–244), eher ein Antipode denn ein Repräsentant der zeitgenössischen Lutherrenaissance. Einen Hinweis auf E. KANTOROWICZ, Die zwei Körper des Königs (= The King’s Two Bodies, Princeton 1957), vermisst man. Man lese zu (a) die Interpretationen zu Luther (40–43, 79 f.), zu (b) Kant (118 f.), Martensen (157 f.) und Rawls (257–259) sowie zu (c) die Ausführungen über Rawls (258, 264 f. u. ö.) und seine Kontroverse mit Habermas. Wir wissen, dass die Transformation der Trias Freiheit, Gleichheit, Eigentum (so die eigentlich wirksame Formel in der Französischen Revolution, H. W. TÖDT und W. HUBER, Menschenrechte. Perspektiven einer menschlichen Welt, Stuttgart-Berlin 1977) seit längerer Zeit in der evangelischen Ethik zur Trias Freiheit, Gleichheit, Partizipation verschoben wird (ebd.). Aber diese Verschiebung bleibt als rechtshistorische Heuristik fragwürdig. Trotz des marginalen Hinweises ANDERSEN, Macht aus Liebe, S. 56, Anm. 23; eher Indiz der Lücke als Gegenbeleg! Dass die ‚Janusköpfigkeit’ der Menschenrechte (J. Habermas), die teils politisch-ethischen, teils rechtstheoretischen Charakter haben, für diese Wahl spricht, ist eine diskursethische oder liberale Voraussetzung, die plausibel ist; trotzdem bleibt die formulierte Anfrage bestehen. O. O’DONOVAN, The Ways of Judgment. The Bampton Lectures 2003, Grand Rapids, Mich. 2005, S. 231–259. C. CASTORIADES, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie (stw 867), Frankfurt/Main 1990. E. HIRSCH, Die idealistische Philosophie und das Christentum (GAufs.), Gütersloh 1926. Die Politische Theologie Emanuel Hirschs hat gerade darin ihre desaströse Pointe. Zitate: H. G. ULRICH, Wie Geschöpfe leben. Konturen evangelischer Ethik (EThD, 2), Münster 22007, S. 432. Bereits für die Rechtssetzung müssen Regeln, Rechte und Prozeduren gelten, die nicht schon mit Gewalt aufgestellt worden sind. Es wird kein ursprünglicher Souverän gedacht, sondern Menschen, die sich bereits in einem solchen Rechtsmedium aufhalten, das Gewalt ausschließt. Innerhalb dieses Mediums ist dann diskursive Rechtsfindung möglich (z. B. in der aktuell wieder strittigen sog. Gewaltenteilung zwischen exekutiver Gewalt, legislativer Gewalt und dem Obersten Gericht, die nicht ‚konkretistisch’ zu verstehen sei). J. HABERMAS, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main 21992, S. 138. ULRICH, Wie Geschöpfe leben, S. 433. I. KANT, Kritik der reinen Vernunft, B 373 (I. Kant, Werke in zehn Bänden. Kritik der reinen Vernunft, 2. Teil, Bd. 4, hg. von W. WEISCHEDEL, Darmstadt 1981, S. 323 f.). W. SCHWEIDLER, Die göttliche Freiheit. Zu einem Grundmotiv der politischen Metaphysik, in: Ders., Das Unantastbare. Beiträge zur Philosophie der Menschenrechte, Münster 2001, S. 23–72, hier S. 72 (Ziffern sind vom Vf. eingefügt). SCHWEIDLER, Die göttliche Freiheit, S. 28. Vgl. zum Gesamtzusammenhang: H. ASSEL, Art. Freiheit (Th), in: Evangelisches Staatslexikon, Neuausgabe, Stuttgart u. a. 2006, S. 642–648. O’DONOVAN, Ways of Judgment, S. 164 f. PREUL, Kirchentheorie, S. 103–107. Vgl. ASSEL, Der andere Aufbruch, S. 101–112, 118–140.

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PREUL, Kirchentheorie, S. 102 f. Als Beispiel sei die genuine politische Öffentlichkeit gottesdienstlicher Gemeinden in Ostdeutschland während des Zusammenbruchs der DDR 1989/1990 erwähnt. Vgl. P. CORNEHL, Öffentlicher Gottesdienst? Zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution, in: PTh, 99 (2010), S. 136–155. J. HABERMAS, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/Main 2005, S. 115. Zitat: J. RAWLS, A Brief Inquiry Into the Meaning of Sin and Faith. With „On My Religion“. Mit Kommentaren von J. Cohen, Th. Nagel, R. M. Adams, hg. von Th. Nagel, Cambridge, Mass. 2010, S. 259–269, hier S. 266. B. LIEBSCH, Für eine Kultur der Gastlichkeit, Freiburg 2008, S. 68. LIEBSCH, Kultur der Gastlichkeit, S. 234 f. Vgl. M. MORGENSTERN, Kirchenasyl in der Bundesrepublik Deutschland. Historische Entwicklung. Aktuelle Situation. Internationaler Vergleich, Wiesbaden 2003. Chr. STROHM, Nach hundert Jahren. Ernst Troeltsch, der Protestantismus und die Entstehung der modernen Welt, in: Archiv für Reformationsgeschichte, 99 (2008), S. 6–35, hier S. 16. STROHM, Protestantismus und die Entstehung der modernen Welt, S. 34. Ebd. Der repräsentative Band: L. CHRISTOFFERSEN, K. Å. MODÉER und S. ANDERSEN (Hg.), Law & Religion in the 21st Century – Nordic Perspectives, Kopenhagen 2010, konzentriert sich ebenfalls auf zeitgenössische Fragen. Die Diskussion mit S. Andersen um diese methodischen und materialen Fragen fand mittlerweile Eingang in die fachtheologische Diskussion. Die „Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie“ wird dazu im Frühjahr 2013 einen Doppelartikel von S. Andersen und dem Verfasser publizieren. „Der lutherische Ring um die Ostsee ist geschlossen: mare lutheranum“ – so schreibt Nathan Söderblom an seinen Freund Friedrich Heiler nach seinen baltischen Bischofsordinationen 1921 und 1922; zitiert nach L. THUNBERG, Nathan Söderblom, in: M. GRESCHAT (Hg.), Gestalten der Kirchengeschichte, X/1, Stuttgart u. a. 21994, S. 214–234, hier S. 230.

LITERARISCHE RÄUME. Von der physischen Grenze bis zur romantischen Ironie Alexander Wöll 1.

Osteuropa und der Osten als Raumkonstruktion

Die Verortung des Ostens als physischer Raum erscheint vor der historischen Perspektive ebenso diffus wie die vielen Konnotationen, die die semantische Ebene mit dem Begriff verbindet. Die Assoziationen reichen hierbei von Errettung bis hin zur Bedrohung durch das Barbarische, er ist gleichzeitig Gefahr wie auch Verheißung und evoziert allem voran die Symbolhaftigkeit kollektiv geordneter menschlicher Gemeinschaften, die alle Elemente des Individualismus unterdrücken.1 Als Sinnbild für das Barbarische und Unzivilisierte steht der Osten in einer sehr langen Tradition, die schon in der antiken Polarität von Achäern und Troern, Griechen und Persern, Rom und Byzanz, Occidens und Oriens zu finden ist. Aus der Sicht Alexanders des Großen war der Osten das heutige Indien, aus Perspektive des römischen Imperiums hingegen die griechische, später hellenistische Welt. Im Mittelalter war der Osten stattdessen in erster Linie das Osmanische Reich mit seinen Expansionsbestrebungen. Die ältere Vorstellung von einer Nord-Süd-Teilung Europas wurde im Mittelalter durch eine andere, unserem heutigen Begriff von Osten entsprechende ersetzt, jedoch schnell wieder durch die im Humanismus aufkommende und an die antike Vorstellung geknüpfte Einteilung der Himmelsrichtungen für weitere drei Jahrhunderte verdrängt. Sowohl die Julirevolution in Frankreich als auch der Novemberaufstand in Polen gaben schließlich den Anlass für eine Neuorientierung der Zivilisationsachse weg von einer Nord-Süd-Einteilung hin zu einer Ost-West-Dichotomie.2 Durch die Beanspruchung vormals polnischer Gebiete durch den Zaren wurden diese „zum Osten Europas erklärt und so mit der bekannten Chiffre für Rückständigkeit, Barbarei und Peripherie verknüpft.“3 Die Julimonarchie Frankreichs orientiert sich hingegen an der englischen und somit liberaleren Auffassung von Rechtsstaatlichkeit und Zivilisation. Deutschland, das sich in seinem Selbstverständnis nun auf der Schnittstelle dieser Pole befand, entschied sich für das westliche Vorbild und sprach sich somit gegen die autokratisch-absolutistische Politik des Zarenreiches aus. 1837 setzte sich in Prag eine Zeitschrift mit dem Titel „Ost und West“ die „literarische Vermittlung zwischen dem slawischen Osten und Deutschland“ zur Aufgabe, wobei der Osten im antiken Sinne als „barbarisch“ konnotiert ist4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel benutzte 1840 den Begriff „nordöstliches Europa“, sodass sich nun mentalitätsgeschicht-

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lich betrachtet der Osten zusehends vom Norden trennt, was im Begriff des „Nordischen“ in der Rassenlehre des Dritten Reiches kulminiert. Dass der Tscheche Karel Sladkovský die russische Flotte noch 1867 als „nordslawische Flotte“ bezeichnet, war ein Anachronismus, denn inzwischen hatte sich nicht nur in der Politik das neue Ost-West-Denken durchgesetzt, sondern auch seine Entsprechung in einem Dualismus von Ost- und Westslawen gefunden. Der Begriff „Mitteleuropa“, den polnische, tschechische, ungarische und slowakische Schriftsteller heute gern verwenden, verschiebt die Grenzen der zivilisierten Welt hin zu den Ostslawen.5 Dies hat ebenfalls Tradition, denn wenn im 19. Jahrhundert der „Orient“, der traditionelle Osten, bisher mit Asien identifiziert worden war, dann lag es nahe, Russland, da es nun ebenfalls – zumindest in den Augen der West- und Mitteleuropäer – östlich geworden war, Asien und nicht Europa zuzuschreiben. Karl Marx spricht bereits 1853 von „halborientalischen Wirren“6 in Russland, bei Karl Emil Franzos bezieht sich das sarkastische Wort „Halb-Asien“ auf die ostjüdische Welt zwischen Don und Donau. Selbst „Thomas Mann hat 1928 über Tolstojs ‚Asiatismus‘ geschrieben, der ‚antipetrinisch, unrussisch-zivilisationsfeindlich, kurz bärenmäßig‘ gewesen sei“. 7 Russische Schriftsteller haben ihr Land kaum je als ,östlich‘ gesehen, im Russischen war und ist „vostok“ stets nur der Orient. In seinem Buch erläutert Walter Schubart, dass sich im Deutschen der Begriff des „Ostens“ verselbstständigte und in Bezug auf Russland, auf Osteuropa, auf die Slawen und das Halbasiatische eine Dominanz erlangte, die bis zum politischen Mythos reichte.8

2.

Raumdarstellung in der Literatur

Realer Raum kann über Nennung (der Name eines Ortes), aufzählende Kombination (Aneinanderreihung von Daten, die ohne vereinheitlichte Ordnung einen ganzen Raum konstituieren), Nachbildung (mimetische Behandlung z. B. der Station einer Reise, wobei einzelne Raumwahrnehmungen zu einem Gesamtkonzept vereinheitlicht werden), Umdeutung (Metaphorisierung des Raumes durch Symbol und Allegorie als offene und geschlossene Sinnbilder) wie auch Erörterung (reflektorische Thematisierung der Raumkonstruktion auf einer Metaebene) textuell wiedergegeben werden.9 Für Michail Bachtin gewinnt der Raum – im Anklang an Albert Einsteins „Raumzeit“ als „Chronotopos“ bezeichnet – im Kunstwerk gegenüber der außertextuellen Wirklichkeit an Intensität und wird in die Bewegung der Zeit, des Sujets und der Geschichte hineingezogen.10 Die aus einer Entwicklungstradition hervorgegangenen verschiedenen Chronotopoi determinieren jeweils spezifische Textgattungen und so erschafft der Akzent auf Jahreszeiten und Generationenfolge im Stadt-Land-Dualismus beispielsweise die Textgattung der Idylle, deren Chronotopos der Folklorezeit sich durch die Abwesenheit historischer Zeit auszeichnet. Für die Gegenwartslitera-

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tur muss dieses Konzept dynamisiert werden, weil die Chronotopoi und die Aussagen der Aktoren verschiedenen Gattungen und Diskursen gleichzeitig angehören. Es koexistieren Phänomene und Formen aus unterschiedlichsten Zeiten und Bereichen, sodass der Raum, in dem sich die Figuren bewegen, chronotopisch nicht mehr einheitlich (z. B. nach einem bestimmten Genre) zu gestalten ist.11 Im Gegensatz zur transzendentalen und apriorischen Betrachtungsweise Kants ist insgesamt für Bachtin der literarische Raum immer eine „soziale Erscheinung“, die auf Ideologien, Gattungen oder Redeweisen Bezug nimmt.12

3.

Máchas romantisches Verspoem „Máj“

Will man das eben beschriebene Konzept nun auf einen konkreten Text übertragen, so sollte man die Ausführungen John Neubauers berücksichtigen, der in seinem Artikel „What’s in a name?“13 die gesonderte Stellung einer Sprache für die Bildung einer Nation und Kultur unterstreicht. In vielen der sogenannten „kleinen Kulturen“14 Osteuropas ist sie sogar Basis für die Formierung eines Staates gewesen. Neubauer fokussiert in seinen Darlegungen insbesondere die Rolle der deutschen Sprache innerhalb der Polens, Tschechiens und der anderer Staaten Ost- und Mitteleuropas. Die eigenen Identitätsschwierigkeiten werden demnach noch verschärft, indem sie ostwärts verlagert wurden. Entscheidend konnte dabei nicht allein die geografische Grenze sein, liegt doch Prag, wie Larry Wolff feststellt, schon immer westlich von Wien und wurde dennoch zu dem Symbol einer osteuropäischen Hauptstadt.15 Vielmehr war es, wie schon weiter oben beschrieben, die Abgrenzung zwischen westlicher und östlicher Welt, zwischen „Halb-Asien“ und der Zivilisation. Die Rolle der Sprache ist in diesem Zusammenhang wohl kaum zu überschätzen, wie das folgende Zitat zeigt, welches von den Eindrücken Wolfgang Amadeus Mozarts auf seiner Reise von Wien nach Prag berichtet. „Nun leben sie wohl liebster freund, liebster Hikkiti Horky! – das ist ihr Name, daß Sie es wissen, wir haben uns allen auf unserer Reise Namen erfunden, hier folgen sie. Ich Punkitititi. – Meine Frau Schabla Pumfa. Hofer Rozka Pumpa. Stadler Notschibikitschibi. Joseph mein Bedienter Sagadarata. Der Goukerl mein hund Schomanntzky – die Madame Quallenberg Runzifunzi. – Mademoiselle Crux Ps: der Ramlo Schurimuri.“16

Die hier dargestellte Unverständlichkeit der slawischen Sprachen, das Spiel aus pseudoslawisch und pseudoorientalischen Lauten17 zeugt in letzter Konsequenz auch von der Ignoranz westeuropäischer Reisender gegenüber den Sprachen und somit den Bewohnern Osteuropas. Die Abenteuerlust deutscher, französischer oder italienischer Reisender und die so im 18. und 19. Jahrhundert entstandenen Reiseberichte charakterisieren, wenn auch nicht immer so parodis-

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tisch wie im Falle Mozarts, die im Bewusstsein aller Europäer vorhandene Spaltung des Kontinents sowie die daraus resultierende und durchaus bewusste Abgrenzung voneinander. Ferner führt die komplizierte Sprach- und Identitätssituation innerhalb der slawischen Völker selbst spätestens seit der Romantik und darüber hinaus zur Versinnbildlichung einzelner Autoren als identitätsstiftendes Moment. Wie alle großen Nationaldichter im Stile von Alexandr Puškin, Adam Mickiewicz oder Taras Ševčenko wurde auch der romantische Autor Karel Hynek Mácha (1810–1836) nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches 1918 immer mehr zu einem Monument nationaler Identität stilisiert. Dennoch ist er nicht allzu oft wirklich seriös interpretiert worden, weil die böhmische Literatur seit dem 12. Jahrhundert immer „literature éngagée“ gewesen ist. Als Ergebnis dessen wurde kaum auf die rhetorische sowie klangliche Struktur der Texte geachtet, sondern ihr Inhalt absolut gesetzt. Mácha hat sich dabei aber besonders der Rolle des didaktischen Autors verweigert und so mit der nationalen Wiedergeburt (národnío brození) gebrochen. Ungeachtet dessen wurde er von den tschechischsprachigen Intellektuellen nur kurz nach seinem Tod im Jahre 1838 zum Nationalklassiker erhoben. Zum zwanzigsten Todestag wurde 1858 der Almanach „Máj“ zu seinem Andenken gegründet, deren Herausgeber Vítězslav Hálek und Jan Neruda später selbst weltberühmt werden sollten. Die erste ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Text entstand aber erst 1886 aus der Feder Jakub Arbes’ – zuvor wurden lediglich Biografien und Erinnerungen veröffentlicht. In den 1920er-Jahren publiziert schließlich Jan Mukařovský eine brillante Analyse des Verspoems, die bis heute zu den Glanzstücken des Prager Strukturalismus gezählt wird. Viele Jahrzehnte später, nach der sog. „Samtenen Revolution“ von 1989, entstanden auch literaturpsychologische Untersuchungen im Anklang an Sigmund Freud und Jacques Lacan, da das zentrale Thema des Textes ein ödipaler Vatermord ist. Das Poem selbst besteht aus vier Gesängen (Cantos) und einem Intermezzo zwischen dem zweiten und dritten Gesang. Der Text ist durchgängig in Jamben verfasst, was in Hinblick auf die tschechische Sprache beinahe unmöglich zu sein scheint, weil stets die erste und niemals die zweite Silbe eines Wortes betont wird. Der Text weist wenige statische Motive auf, lediglich einen Turm, in dem der gefasste Vatermörder auf seine Hinrichtung wartet, einen See, an dem seine Geliebte Jarmila Selbstmord begeht, sowie ein Streckfolterrad mit dem Totenschädel Viléms. Die Dominanten des Textes sind allerdings die Instabilität und der Fluss. Er lebt von einzigartigen sprachlichen Klangkadenzen und internen Assonanzen, wodurch ein Klangerlebnis konstruiert wird, welches in der Übersetzung nicht wiederzugeben ist. Ganz im Einklang mit der Romantik geht es also nicht um das Augenscheinliche, sondern um das hinter dem Zeichen Versteckte und Geheime. Die klangliche Euphonie soll eine Einheitserfahrung allen Seins bewirken. In seiner berühmten Studie „Významová stránka Máje“ [Der semantische Aspekt von Máchas „Máj“] analysiert Mukařovský den

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ungewöhnlichen Gebrauch des Autors beim Einsatz von Epitheta. Es gibt generell eine semantische Unsicherheit durch den Sinn des Substantivs und des Adjektivs oder Verbs, welches in klarem Kontrast dazu steht. So beginnt der Text bereits: „Byl pozdní večer – první máj,/večerní máj – byl lásky čas.“ „Ein Abend spät – der erste Mai –/ ein Abendmai – der Liebe Zeit.“

Die oxymorale Verknüpfung zwischen dem Beginn (der Frühling im Mai) und dem Ende (der Abend und das Ende des Mais) ist offensichtlich. Bereits am Anfang wird die Schönheit mit der Leere der Natur in Verbindung gebracht und bewusst das eigentliche Wort „květen“ durch das Wort „máj“ ersetzt, das wesentlich erotischere und karnevaleskere Assoziationen hervorruft. Der ganze Satzbau ist als durch und durch untschechisch zu bewerten, weil das Verb an den Anfang vorangestellt ist. „Später Abend“ würde „pozdě večer“ heißen – „pozdní večer“ bedeutet hingegen ein „zu langer Abend“. Der erste Mai wird mit der Zeit der ersten Liebe in Verbindung gebracht. Die bewusste Überlagerung von Worten und Bedeutungen zieht sich konsequent durch den Text. Die Geliebte heißt Jarmila18, was das tschechische Wort für Frühling „jaro“ beinhaltet. An vielen Textstellen wird der Mond „lůna“ mit dem weiblichen Schoß „lůno“ verknüpft. Was auch immer passiert – alles geht in den großen Schoß der Mutter Natur zurück, aus dem es geboren worden ist. Liebe wendet sich stets an narzisstische Selbstliebe, wofür der Mond zum Symbol wird. Die ganze Landschaft wird sexualisiert, wobei Jarmila mit dem See und den Sternen in Verbindung steht. Sie als eine Art Lorelei steht im Kontrast zu Vílem in dem Turm. Jarmila ist eine erotische und mütterliche Figur, sodass durch sie der gesamte Kosmos des Ödipusmythos eröffnet wird. Wenn sie in dem am Fuße des Turmes gelegenen See Selbstmord begeht, dann werden Sexualakt und Tod symbolisch auf geradezu klassische romantische Art miteinander in Beziehung gesetzt. Daneben durchzieht den ganzen Text eine metonymische Kette von „stín“ (Schatten), „klín“ und „lůno“ (beides Schoß). Die ganze Szenerie an dem Turm klingt wie eine Inversion des Märchens von Rapunzel: „Viz,“ plavec k ní tichými slovy šepce praví, „tam při jezeru vížka ční nad stromů noc; její bílý stín hlubokot’ stopen v jezera klín; však hlouběji ještě u vodu vryt je z mala okénka lampy svit; tamVilém myšlenkou se baví,

„Siehe,“ sagt zu ihr der gute Schiffer leise, „am See der Turm dort überragt den Wald; sein weißes Abbild groß ist tief versenkt im Wasserschoß; doch tiefer noch im See sinkt ein des Kerkerfensters Lampenschein; dort sinnt dein Wilhelm wohl, hienieden

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Alexander Wöll Že příští den jej žití zbaví. On hanu svou, on tvoji vinu se dozvěděl; on svůdce tvého vraždě zavraždil otce svého. Msta v patách kráčí jeho činu. Hanebně zemře. –

ist ihm ein Tag nur noch beschieden. Dein war die Schuld und sein die Schmach; und als er wollt den Frevler strafen, die Schläge seinen Vater trafen. Der Tat folgt schnell die Strafe nach; nun stirbt er schändlich.

Warum stirbt der Held schändlich? Es kann die Scham des Aristokraten vor solch einer Form der Exekution sein, es kann aber auch die Scham des Räubers sein, nicht standesgemäß im Kampfe zu fallen. Jedoch ist Vílem ganz und gar nicht die typische Räuberfigur. Sein Gesicht ist bleich (366), er hat rosa Wangen und zärtliche Lippen (123, 125), eine weiße Brust (631) – alles deutet also weniger auf einen grausamen Herrscher der Wälder denn vielmehr auf einen Aristokraten und Dandy im Stile Lord Byrons hin. Der Text lebt gerade von den beiden kryptischen Motiven des Inzest und der Homosexualität. Vílem ist verweiblicht und wird als schwach, weinend, emotional und passiv vorgeführt. Die fehlende Maskulinität korrespondiert mit dem Fehlen von jedem Patriotismus in dem Verspoem. Der spätromantische Held ist zu desillusioniert, um an die Nation als Quelle seines persönlichen und politischen Heils noch ansatzweise glauben zu können. Vílems metaphysische Vertreibung aus dem Paradies ist untrennbar mit dem Verlust der sexuellen Unschuld seiner Freundin Jarmila verknüpft. Von Vílems eigenem Vater vergewaltigt, entsteht der Zorn des Sohnes auf den unwiederbringlichen Verlust. Der Konflikt findet hier bei Mácha nicht mehr zwischen der Nation und dem Ausländer statt, sondern zwischen Angehörigen der gleichen Familie. „Máj“ ist aber eine familiäre wie auch nationale Tragödie, weil der Protagonist nicht nur seine politische Loyalität widerrufen und Räuber werden muss, sondern weil er auch seine persönliche Loyalität an den Vater überwinden muss. Ein Vergleich mit Friedrich Schillers „Räubern“ liegt auf der Hand, die ebenso eher studentischen Outcasts oder intellektuellen Räubern gleichen. Die einzige Heimat, die am Ende bei all dem überhaupt noch bleibt, ist der Tod: Za strážným opět temný stín zahalil dlouhé síně klín; hlubokou noci kapky hlas svým pádem opět měřil čas.

Dann hinter ihm das Dunkel groß Hüllte der langen Halle Schoß; In tiefer Nacht der Tropfen Fall Bemaß die Zeit mit deinem Schall.

Die Natur wird vom Zeichensystem der Sprache überlagert, in dem es keine Unschuld und keine Geburt mehr geben kann. In diesem ewigen Kreislauf der Bedeutungsgenerierung verliert sich der Sinn in romantischer Unendlichkeit:

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  Ach v zemi kránou, zemi milovnou, v kolébku svou i hrob svůj, matku svou, v vlast’ jedinou i v dědictví mu danou, v šírou tu zemi, zemi jedinou, v matku svou, v matku svou, krev synateče po ní.

Zur schönen, zur geliebten Erde, zur Wiege und zum Grab, zur Mutter sein, zum weiten Land, verliehn, dass es sein Erbe werde, zum weiten Land, alleinig und allein, zur Mutter sein, Mutter des Sohnes Blut jetzt rinnt.

Bereits in Vers 290 f. wird das Thema des romantischen Traums angeschnitten: „či spaní je bez snění?/ Snad spaní je i život ten“, „Gibt’s Schlummer ohne Träume?/ Dies Leben auch nur ein Traum sein mag“. Die geradezu surrealistische Allegorisierung des Textes wird vor allem durch Oxymora bewirkt, beispielsweise „geborstener Harfen Ton“ oder „zerrissener Saiten Klang“ wie auch „geschmolzener Glocke Laut“. Gerade der Laut lässt semantisch eine aktive Klangperformance im Präsens erwarten, das Adjektiv „geschmolzen“ suggeriert hingegen etwas Passives, Unvollendetes, das in der Vergangenheit liegt. Letztlich wird Wahrheit durch diese Oxymora als ein Effekt von Sprache inszeniert, womit das Thema der romantisch-ironischen Melancholie angesprochen ist: I v smutném zraku mém dvě vřelé slzy stály, co jiskry v jezeru, po mé si tváři hrály; neb můj též krásný věk, dětinství mého věk daleko odnesl divoký času vztek. Dalekot’ jeho sen, umrlý jako stín, obraz co bílých měst u vody stopen klín, takt’ jako zemřelých myšlenka poslední, tak jako jméno jich, pradávných bojů hluk, dávná severní zář, vyhaslé světlo s ní, zbortěné harfy tón, ztrhané strůny zvuk, zašlého věku děj, umřelé hvězdy svit,

Aus meinen Augen auch zwei heiße Tränen drangen, wie funken auf dem See, und netzen meine Wangen, denn auch mein schönstes Glück, der Kindheit schöne Zeit, weit hat sie fortgezerrt der Jahre Grausamkeit, wie fern ist doch ihr Traum, tot, wie ein Schatten bloß, wie weißer Städte Bild, versenkt im Wasserschoß, wie der Verstorbenen letzter Gedankenhauch, wie ihrer Namen Laut, einstiger Schlachten Drang, Polarlichtschein, der fort, mit ihm die Helle auch, geborstner Harfe Ton, zerrissner Saite Klang, vergangner Zeiten Mär, verstorbnen

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zašlé bludice pout’, mrtvé milenky cit, zapomenutý hrob, věčnosti skleslý byt, vyhasla ohně kouř, slitého zvonu hlas, mrtvé labutě zpěv, ztracený lidstva ráj, to dětinský můj věk. Nynější ale čas jinošství mého – je, co tato báseň, máj. Večerní jako máj velůně pustých skal; Na tváři lehký smích, hluboký v srdci žal.

Sternes Schein, Kometenbahn von einst, des toten Liebchens Sein, versunkne Ewigkeit, vergessner Leichenstein, geschmolzner Glocke Laut, erloschnen Feuers Rauch, des toten Schwans Gesang, verlornes Paradies, Das war die Kindheit mir. Doch meine jetzge Zeit, Die Jünglingszeit, der Mai, wie mein Gedicht ich hieß, ist wie ein Abendmai in wüster Felsigkeit, Ein Lächeln im Gesicht, im Herzen tiefes Leid.

Beachtet man Dmitrij Čiževskijs Definition der romantischen Ironie, so ist Máchas Text für eben diese ein eklatantes Beispiel. Er schreibt: „[...] the tendency to ironize oneself and one’s literary work, so that the boundary between the serious and the comic, between the ‚sacred‘ and the ‚caricature‘ becomes as blurred as possible“. 19 In eben dieser Ambivalenz zwischen Ernst und Spiel bewegt sich das Verspoem. Auch Friedrich Schlegel umreißt das Phänomen der romantischen Ironie als „steten Wechsel aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung.“ 20 Die Selbstbeschränkung ist dabei die erste von drei Grundauffassungen von Ironie in Schlegels Athenäum, die jedoch alle aufeinander aufbauen. Sie beschreibt das Verhältnis von Autor und Kunstwerk. Daran schließt sein Verständnis von Ironie als poetische Reflexion an, wonach moderne Poesie nicht nur ihren Stoff in künstlerischer Reflexion und Selbstspiegelung vereinen muss, sondern in jeder Darstellung auch sich selbst mit darzustellen hat. Sie muss also das Produzierende mit dem Produzierten darstellen, Poesie der Poesie sein, muss das Verhältnis des Kunstwerkes zu seinem Gegenstand und zu sich selbst reflektieren. Als formale Möglichkeit dessen nennt Schlegel den Buffo und die Parekbase, d. h. eine eigens in ein Werk betont einzufügende Ebene der Reflexion, die den Künstler, die Bedingungen und Prinzipien seiner Entstehung und Darstellung nennt. Die dritte Auffassung ist bei Schlegel eine mehr symbolhaft-philosophische. In der Ironie ist demnach alles nur ein Zeichen, Mittel zur Anschauung des Ganzen. Ironie ist ein symbolisches Verständnis alles einzelnen und notwendig begrenzten Seins als Teil der unendlichen Lebensfülle, das Bewusstsein um die ewige Agilität, um das unendlich volle Chaos. Philosophie ist für Schlegel folgerichtig auch die „Heimat der Ironie“.21 Ironie ist ein philosophisches, kein poe-

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tisches Vermögen und somit auch nicht die gewöhnliche rhetorische, sondern sokratische Ironie, die kein feststehendes Wissen vermitteln, sondern die eigene Reflexion im wechselnden Strom von Frage und Antwort erreichen will. „Die vollendete absolute Ironie hört auf Ironie zu seyn und wird ernsthaft“,22 sagt Schlegel und verweist damit auf den Charakter der Ironie, sich selbst infrage zu stellen und komisch zu sein, in ihrem beständigen Willen zu Selbstkritik aber auf einer höheren Ebene zur Ernsthaftigkeit zu gelangen. „In jenem ursprünglichen Sokratischen Sinne [...] bedeutet die Ironie eben nichts andres, als dieses Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst, was sich oft in ein leises Lächeln auflöst.“23 Das gesamte Poem Máchas scheint mir von genauso einem solchen Lächeln geprägt zu sein, wenn wir den Text auf der Grundlage der poststrukturalistischen und literaturpsychologischen Interpretationen der letzten zwanzig Jahre deuten. Die“ Heimat der Ironie“ freilich ist in real-geografischen romantischen Räumen nirgends mehr zu finden. Anmerkungen 1

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Vgl. A. WÖLL, Osten, in: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hg. von G. Butzer und J. Jacob, Stuttgart-Weimar 2008, S. 263 f. Vgl. dazu B. STRUCK, Nicht West nicht Ost, Göttingen 2006, S. 171 ff. B. STRUCK, Vom historisch-klimatischen Raum zum politischen Raum. Europas mentale Geografien um 1800. Online unter: www.europa.clio-online.de/site/lang__deDE/ItemID__186/mid__12191/40208767/Default.aspx [geprüft am 15.01.2013]. A. HOFMAN, Die Prager Zeitschrift „Ost und West“, Berlin 1957, S. 28. Zu erwähnen sei in diesem Zusammenhang insbesondere der polnische Autor A. Stasiuk, der das Reich des Unzivilisierten konkret hinter dem Dorf seiner Großeltern nahe der russischen Grenze verortet. A. STASIUK, Der Traum von der Weite, in: Kulturaustausch, II (2012), S. 18–21. K. MARX und F. ENGELS, Werke. Bd. 9, Berlin 1960, S. 216. H. LEMBERG, Zur Entstehung des Osteuropabegriffs im 19. Jahrhundert. Vom Norden zum Osten Europas, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas Bd. 33 (= 51), Stuttgart 1985, S. 48–91. W. SCHUBART, Europa und die Seele des Ostens, Luzern 1938, S. 279 ff.; DERS., Religion und Eros, München 1941. D. JÄGER, Erzählte Räume: Studien zur Phänomenologie der epischen Geschehensumwelt, Würzburg 1998, S. 23. M. BACHTIN, Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik, Frankfurt am Main 1989, S. 8. U. BETZ, Polyphone Räume und karnevalisiertes Erbe: Analysen des Werks Thomas Bernhards auf der Basis Bachtinscher Theoreme, Würzburg 1997, S. 19 ff. A. WÖLL, Auf ungeraden Wegen in osteuropäische Literaturen, in: S. Feiner, K. G. Kick und S. Krauß (Hg.), Raumdeutungen. Ein interdisziplinärer Blick auf das Phänomen Raum, Hamburg 2001, S. 63–80, hier S. 64. J. NEUBAUER, What’s in a name?, in: Kakanien Revisited, 07/50/2003. Verfügbar unter: www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/JNeubauer1.pdf [30.01.2013].

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Alexander Wöll

Vgl dazu C. PRUNITSCH, Konzeptualisierung und Status kleiner Kulturen, München 2009. Vgl. L. WOLFF, Inventing Eastern Europe, Stanford 1996, S. 106; DERS., Venice and the Slavs: The Discovery of Dalmatia in the Age of Enlightment, Stanford 2001. Zit. nach A. EINSTEIN, Mozart. Sein Charakter. Sein Werk, Zürich-Stuttgart 1953, S. 106. Vgl. WOLFF, Inventing Eastern Europe, S. 107; DERS., Venice and the Slavs. Alle Zitate wurden folgendem Werk entnommen: H. ROTHE (Hg.), Karel Hynek Mácha. Máj, Köln-Wien 1983. Zitiert nach M. GRYGAR (Hg.), Czech Studies: Literature Language Culture, Amsterdam 1990, S. 234. F. SCHLEGEL, Kritische und theoretische Schriften, Stuttgart 2002, S. 82. Zitiert nach H.-J. SCHMITT (Hg.), Romantik I., Stuttgart 1986, S. 102. F. SCHLEGEL, Literarische Notizen 1787–1801, Frankfurt/Main 1980, S. 86. F. SCHLEGEL, Philosophische Vorlesungen, insbesondere über Philosophie der Sprache und des Wortes, Wien 1830, S. 61.

BEGEGNUNG, AUSBREITUNG UND ETABLIERUNG. Wie das Neue in einen Raum kommt Manfred Bornewasser Auf den Spuren der Hanse oder der Barocksteingotik wandern. So oder ähnlich lauten viele Werbeangebote, mit denen Menschen in den Ostseeraum gelockt werden, um dort einen Bildungsurlaub zu machen. Das Programm führt den Urlauber dann z. B. von Lübeck über Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald bis nach Cammin im heutigen Polen. Dabei wird unterstellt, dass sich der gotische Baustil sowie die Verwendung von gebrannten Ziegeln im 14. Jahrhundert von Ort zu Ort hin weiterentwickelt und seine Spuren in den noch heute sichtbaren Artefakten (z. B. Kirchenfassaden) hinterlassen hat. Diese Unterstellung impliziert nicht nur eine kognitive Zusammenfassung von ganz verschiedenen Regionen zu einem Raum, sondern auch eine Art Wanderung eines Baustils oder einer Technologie hier von West nach Ost. Dabei bleibt unklar, wie sich diese Wanderung vollzogen hat, wie es zu Begegnung und Austausch, zu Weitergabe und Umsetzung, aber auch zu Imitation und Weiterentwicklung gekommen ist. Wir orientieren uns an den Artefakten und konstruieren unsere Geschichte der Verbreitung im Ostseeraum. Interessant ist aber nicht nur die West-Ost-Wanderung, sondern auch die lokale Ausbreitung z. B. einer Technologie in den aufgesuchten Orten. Um etwa in Stralsund die Hauptkirchen aus Ziegeln zu errichten, mussten viele andere Gewerke entstehen, die für den jahrelangen Bau und seine noch viel längere Aufrechterhaltung unerlässlich waren. Mit der West-Ost-Wanderung der Backsteintechnologie war also auch eine gewisse Übernahme verschiedenster handwerklicher und kultureller Schemata erforderlich, die zur Ausbildung einer ganz ähnlichen Infrastruktur in den Städten führte. Auffällig ist dabei ja nicht nur, dass alle genannten Städte über die Ostsee zu erreichen sind, dass sie Hafenanlagen besitzen und die Kirchen gleiche Namenspatronate aufweisen. Bemerkenswert sind auch damit verbundene Prinzipien der Anlage der Stadt, der Stadtentwicklung und der Entwicklung von Berufsbildern, Zünften und Gilden.1 Begegnung, Verbreitung und Etablierung stehen im Zentrum der vorliegenden Arbeit. Allerdings wird hier nicht auf Vorgänge im Ostseeraum rekurriert, sondern auf die Ausbreitung des Konzepts „Pizza“ von Italien aus nach Deutschland. Als Konzept wird hierbei nicht in erster Linie ein Begriff verstanden, sondern vornehmlich jegliches Handeln, welches mit diesem Wort in Verbindung steht. Man denke an den Entwurf eines Konzepts. Dieser Entwurf beschreibt ein Vorgehen, eine Abfolge von Schritten, mit denen ein Ziel erreicht werden soll. Zwar steht hinter z. B. der Ausbreitung einer innovativen Technologie meist kein ausgeklügelter Plan, aber die Ausbreitung ist an ein prozessuales Geschehen

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gebunden, das sich letztlich in Artefakten niederschlägt. Dabei stehen hier weniger die Fakten zur Ausbreitung der Pizza im Vordergrund als vielmehr sozialwissenschaftliche Modelle zur Ausbreitung und Etablierung der Pizza. Daraus ergibt sich der hier gewählte Aufbau. Im ersten Teil wird auf die faktische Ausbreitung eingegangen, in einem zweiten Teil werden Modelle der Ausbreitung vorgestellt und erörtert und in einem dritten Teil schließlich Überlegungen zur Etablierung der Pizza in einem sog. institutionalisierten Feld dargestellt.

1.

Ausbreitung eines Konzepts am Beispiel der Pizza

Sozialgeografische Räume bilden Kommunikationsnetzwerke, in denen sich kulturelle Güter ausbreiten. Dieser zentralen Idee folgt auch der sog. MemetikAnsatz (Zusammenziehung von Memory und Genetik) von Dawkins,2 wonach sich kulturell geprägte Informationseinheiten, sog. Meme, in dezentralen, hochgradig vernetzten Kommunikationssystemen verbreiten. Menschen als Hosts oder Träger dieser Einheiten von Wissen richten sich selbst an diesen Memen aus und geben erfolgreich getestete Meme auch an ihre Netzwerkpartner weiter. Dabei geht Dawkins davon aus, dass sich Meme ähnlich wie Gene in einem Selektionsprozess durchsetzen, sich auf viele Träger verbreiten und sich damit auch in kulturellen Netzwerken etablieren. Den zentralen Mechanismus der Verbreitung bilden Medien jeglicher Art. Folgt man dieser Grundidee, so ist anzunehmen, dass sich kulturelles Wissen permanent in Kommunikationssystemen oder -netzwerken ausbreitet. Menschen „infizieren“ über Kommunikationskanäle andere Menschen, die dann ihrerseits wiederum als Träger und Verbreiter des Wissens fungieren. Wo heute ein Mensch Träger eines Memes ist, war er es gestern noch nicht, und wer heute noch nicht über Meme verfügt, wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit morgen ein Träger sein. D. h., was heute irgendwo ist, war nicht immer dort, sondern es ist dorthin gekommen. Es ist dort hingekommen, weil es durch andere Personen über Verbindungskanäle hingebracht wurde, z. B. durch Reisende, die von außen in ein bestehendes System gekommen sind, durch Reisende, die aus der eigenen Region fortgingen und bei der Heimkehr aus fremden Systemen etwas mitbrachten, oder neuerdings auch durch moderne Medien, die über die Verbreitung von Information (broadcasting) dazu beitrugen, dass sich Meme z. B. in Form von Ideen, Moden, Stilen, Gewohnheiten oder Produkten verbreiteten. Auf diese Weise entstehen spezifische kulturelle Zustände, die durch die Verteilung von Memen über Menschen in sozialen Systemen beschrieben werden können. Ein sehr anschauliches Beispiel liefert die Verbreitung der Keramik aus dem Vorderen Orient über den Mittelmeerraum nach Nordeuropa hin, ein anderes gut beforschtes Beispiel liefert die Ausbreitung der Backsteingotik im Ostseeraum.

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Für Historiker stellt sich zumeist die Frage, in welchen Zuständen sich Systeme zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden. Seltener ist die Frage von Bedeutung, welche Prozesse zu diesen Zuständen geführt haben. Das hat vermutlich seinen Grund darin, dass Prozesse eine longitudinale, dynamische Erstreckung haben, von vielen Zufällen geprägt und schwer über den Zeitverlauf zu erfassen sind, während Zustände quasi stabile Größen in einem Fluss darstellen, die querschnittlich erfasst werden können. Von daher bleiben die Prozesse einer Verbreitung zumeist verborgen. Nur die Resultate, wonach plötzlich etwas da und dort ist, sich Vorkommnisse in Artefakten niedergeschlagen haben und nun bestehen oder weiter etabliert werden, bleiben erkennbar. Aus der Beschreibung von manifesten Zuständen wird dann auf latente Prozesse der Verbreitung geschlossen. So kann man empirisch etwa feststellen, dass ein bestimmter Möbelstil, der in einer Periode tn-1 in Kopenhagen feststellbar ist, zum Zeitpunkt tn auch in der Region Stralsund und schließlich zum Zeitpunkt tn+1 im Raum Riga auffindbar ist.3 Daraus wird eine spezifische Verbreitung als Prozess und Zustand abgeleitet. Vergleichbar lässt sich feststellen, dass die Anwendung agrarischer und hydrologischer Technologien durch den Zisterzienserorden im 15. Jahrhundert sich nachweisbar auf der Filiationslinie von Logumkloster in Dänemark über Doberan nach Pelplin in Pommerellen ausbreitete.4 Aus auffindbaren Dokumenten – hier einmal zentral Nachlassinventare und dann Generalkapitelbeschlüsse – geht die Existenz einzelner materieller Kulturgüter (z. B. Möbelausstattung und Geschirr, aber auch Technologien wie die Backsteintechnologie) in bestimmten Jahren in den ausgewiesenen Regionen und Klöstern hervor; allerdings bleibt meist völlig unklar, über welche Prozesse und unter welchen Bedingungen die Verbreitung erfolgte. So wie sich Vorreiter und Nachfolger bestimmen lassen, können auch Verbreitungen etwa vom Kloster und den gepachteten Höfen in die landesherrlichen Territorien oder die umliegenden Städte aufgezeigt werden. Aus mehr sozialwissenschaftlicher Perspektive betrachtet ein laufendes Dissertationsprojekt an der Universität Greifswald die Verbreitung von medizinischen Behandlungsstandards in polnischen Rehabilitationszentren entlang der Ostseeküste bis hinein ins Baltikum.5 Dabei wird eine Ausbreitung von der deutsch-polnischen Grenze bis zum Baltikum angenommen, die sich in einer abnehmenden Nutzung sowie in zeitlichen Verzögerungen der Übernahme von verschiedenen qualitativen Standards zeigt. Vergleichbar wird in einem alternativen Dissertationsprojekt die Bereitschaft von deutschen Kassenpatienten untersucht, sich in Abhängigkeit von der Distanz des Wohnorts zur deutschpolnischen Grenze zu geplanten Behandlungen nach Polen zu begeben.6 Zentrale Größen sind in beiden Untersuchungen die Ausbreitung von Behandlungsstandards und die emotionalen Reaktionen auf Ist-Soll-Diskrepanzen hinsichtlich der Qualität der Behandlung in den polnischen Rehazentren oder in Zahnarztpraxen.

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Alle diese Beispiele verdeutlichen, dass die Verbreitung nicht nur innerhalb eines Kulturraumes erfolgt, sondern auch über Kulturgrenzen hinausgeht. Grenzen bilden vielleicht Barrieren, die es zu überwinden gilt, sie waren und sind jedoch keine unüberwindbaren Hindernisse oder undurchdringlichen Mauern. In diesem Sinne bedeutet dann Verbreitung einer Idee, eines Möbelstils oder einer wasserbaulichen Technik, dass es zu grenzüberschreitenden Berührungen und Kontakten zwischen Kulturen oder Angehörigen einzelner Kulturen gekommen ist, die sich letztlich in der Übernahme des kulturellen Verhaltensmusters niederschlagen. Die Geschichtswissenschaft hält zahlreiche Beispiele für die Überlieferung vor. Eine für unsere Zwecke anschauliche Darstellung zur Herkunft und Verbreitung der Pizza findet sich im Internet unter www.pizzastein-shop.de/de/pg_26.html (Eisele), wobei es hier weniger um exakte historische Fakten als vielmehr den anschaulich beschriebenen Verbreitungsprozess geht, der anschließend aus sozialwissenschaftlicher Perspektive etwas genauer analysiert wird.7 Die „Geschichte der Pizza“ weist dieses kulturelle Produkt als ein sehr altes Nahrungsmittel insbesondere im Mittelmeerraum aus, das sich dann unter griechischem Einfluss im heutigen Italien stark verbreitete, sich in unterschiedlichen Regionen ausdifferenzierte und schließlich in der Region Neapel auch in Restaurants angeboten und verzehrt wurde. Von Italien aus erfuhr die Pizza Verbreitung in die Vereinigten Staaten und nach Nordeuropa, wobei diese Verbreitung anfänglich eng an diverse Migrationsbewegungen gebunden war und später z. B. in Deutschland eine höchst dynamische Entwicklung nahm. Im Einzelnen nimmt die Beschreibung auf folgende Aspekte Bezug und unterlegt sie mit teilweise vagen zeitlichen Markierungen:  Mahlsteine ebenso wie „heiße Steine“, die in einer Grube untergebracht wurden und als Vorläufer von Backöfen anzusehen sind, seit dem Jungpaläolithikum;  Hefezusätze, die die Gärung des Teiges beförderten, wurden erstmals in Ägypten nachgewiesen und später dann auch in Griechenland gefunden;  Belegung der Fladenbrote mit Früchten und Käse nach dem Backen des Fladenbrots bei den Etruskern seit dem 5. Jahrhundert;  Belegung des Fladenbrots bereits vor dem Backen auf Sizilien seit dem 8. Jahrhundert;  Picea in der Region Kampanien (heutiges Süditalien) als einfache Speise der Bauern und Tagelöhner (Zwiebeln, Oliven, Öl, Kräuter) seit etwa 1000 n. Chr.;  Pizza mit Tomatenbelag im Gebiet von Neapel seit dem 16. Jahrhundert;  Pizza wird zentral in speziellen Bäckereien gebacken, in Imbissen angeboten und auf der Straße verzehrt seit dem 17. Jahrhundert;

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Eröffnung des ersten Pizzeriarestaurants 1830 in Neapel; erste Auslieferung einer Pizza im Jahr 1889; Ausbreitung der Pizza in den Vereinigten Staaten seit 1900; erste gefrorene Pizza in den USA im Jahr 1957; Bildung von Fast-Food-Ketten wie Pizza-Hut seit 1960; erste Pizzeria auf deutschem Boden 1952 in Würzburg; erste Pizzeria in Stockholm 1958; Angebot von Pizzasteinen für Backöfen durch Hausgerätehersteller 1990;  Einführung der Pizzaschere auf dem Markt 2004. Diese äußerst knappe Darstellung verdeutlicht verschiedene Punkte, die für jede Verbreitung eines kulturellen Gutes wichtig sind: 1. Es gibt keinen ausgewiesenen Anfang oder Indexfall, von dem aus die Verbreitung gestartet wurde. Festzustellen ist vielmehr, dass in spezifischen Zeitaltern und begrenzten Regionen, in denen sich Menschen bewegten und mobil waren, die Voraussetzungen für die Erstellung von z. B. Fladenbroten (Grundstoffe, Mahlsteine, offenes Feuer mit hoher Temperatur) gegeben waren. 2. Durch Reisen, Handel und militärische Kontakte sowie dokumentierte Aufzeichnungen wurden diese Kulturgüter in langsamen Prozessen verbreitet und weitergetragen, etwa von Ägypten nach Griechenland und von dort nach Etrurien und Sizilien. 3. Innerhalb kulturell ähnlicher Regionen etwa um das Mittelmeer herum bilden sich ähnliche Speisepräferenzen, aber auch lokale Besonderheiten aus (z. B. werden alternative Formen der Pizza auch in Südfrankreich oder in Nordspanien angeboten). 4. Ein Kulturgut wie die Pizza prägt nicht nur das individuelle Ernährungsverhalten, sondern es bildet sich um dieses kollektive Verhalten herum eine Vielzahl von organisierten Aktivitäten aus, die das Konsumieren von Pizzen zu einer selbstverständlichen Gewohnheit für viele Menschen innerhalb einer Kultur machen (zentrale Bäckereien, Imbisse, Osterien, Restaurants, Transportgefäße, Warmhaltegeräte, industrielle Fertigungen, Tiefkühlung etc. schaffen ein Feld im Sinne eines institutionalisierten Lebensstils) und die Pizza dynamisch immer weiter verfeinert (von den sog. anerkannten Klassikern wie der Pizza Margherita bis hin zu immer mehr und neuen Varianten z. B. mit Meeres- oder exotischen Früchten). 5. Die Verbreitung über die Kulturgrenzen hinaus ist unterschiedlich motiviert. Individuelles Reisen ist ein Aspekt, der aber nur zu wenigen Kontakten und damit auch zu wenig Verbreitung führt; wichtiger sind kultu-

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rell und sozial bedingte Arbeitsmigrationen von ärmeren Italienern, die ihren Kulturraum in größeren Quantitäten verlassen und eine Tendenz zeigen, sich auf Dauer in anderen Kulturen niederzulassen und dort versuchen, den ihnen vertrauten Lebensstil in ihren Communities weiter zu pflegen. 6. In den Migrantenzirkeln werden Speisegewohnheiten gegen die alternativen Speisen aufrechterhalten, es kommt aber auch zu Kontakten mit Einheimischen, die dann über Weiterempfehlung zu einer Verbreitung in ihren Regionen und im ganzen Kulturbereich beitragen. Die innovative Einführung der Pizza wird gegen die bestehenden Barrieren durchgesetzt, ehe sie Teil des institutionalisierten Lebensstils in den Verbreitungsregionen wird. Dazu tragen bis in die Gegenwart hinein immer viele begünstigende Bedingungen bei, z. B. kollektives Reisen, Urlaube, Filme, Kochbücher, pittoreskes Dekor in Gasträumen, Kochsendungen oder sogar Schlager und Romane, die den Konsum der Pizza attraktiv erscheinen lassen. 7. Es gibt kein Ende, sondern einen dauerhaften Fluss der Verbreitung, in dem aktuell die Pizza auch in den osteuropäischen Ländern wie Polen und den baltischen Staaten auf breite Rezeption stößt und auch in diesen Regionen einen neuen, hybriden Lebensstil mitprägt. 8. Aus dem konkreten Fall könnte die Hypothese abgeleitet werden, dass sich in kommunikativen Netzwerken ein spezifischer Verbreitungsmechanismus ausprägt, der sich über sechs Stufen abbilden lässt: Etablierung eines positiv besetzten Produkts – kulturelle Ausbreitung des Produkts in einem System – Kontakte über Systemgrenzen hinaus – Übernahme in eine fremde Kultur – Ausbreitung in der fremden Kultur – das Produkt wird in der fremden Kultur Teil eines institutionalisierten Lebensstils. Die hinter einer solchen induktiv gewonnenen Hypothese über die Ausbreitung von Produkten stehenden Überlegungen sollen theoretisch etwas näher analysiert werden. Es wird davon ausgegangen, dass diese Ausbreitung, die für das zunächst abgegrenzte, pizzafreie System eine Innovation mit sich bringt, von spezifischen Grenzräumen ausgeht und über angrenzende Räume weitergeht, also im Grunde eine Aneinanderreihung von Kontakten stattfindet, und dass diese dann über Ansteckung auf verschiedensten Wegen zu einer breiten Adoption führt. Heute hat sich das Produkt in ganz Europa durchgesetzt. Aber nicht nur Idee und Bezeichnung haben sich verbreitet – es hat sich auch all das durchgesetzt, was zur Pizza als modernem Nahrungsmittel gehört: der Pizzateig, die Zutaten, die Technik des Zubereitens, die Maschine zum Ausrollen des Teigs, die Pizzaschere, der Holzkohleofen, das Bild des Pizzabäckers, der Rotwein zur Pizza, das Pizzalokal als Gastraum mit mediterranem Dekor, die Pizzeria, das

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Pizzageschirr, die Pizza im Sinne von Fingerfood und schließlich die administrative Anerkennung der Pizza als Nahrungsmittel mit allen Konsequenzen für die Hygiene, die industrielle Produktion, die Höhe der Mehrwertsteuer, die Anerkennung der Tiefkühlpizza und der Pizza als Fast Food. Pizza ist damit nicht nur eine einfache Bezeichnung, sondern mit dem Begriff verbinden sich viele Handlungsweisen in einem spezifischen Umfeld von Gastronomie und Nahrungsmittelindustrie. Mit der Pizza sind zudem vielfältige Regelungen verknüpft, die sich auch in Verordnungen und bis hinein in die Rechtsprechung durchgesetzt haben und den Umgang mit der Pizza prägen. Die Pizza setzt sich also sowohl auf der individuellen als auch auf der organisationalen Ebene durch. Aus sozialwissenschaftlicher, speziell neoinstitutionalistischer Perspektive stehen somit drei Aspekte im Zentrum der Betrachtung: 1. Begegnung oder Kontakt mit dem neuen Nahrungsmittel, 2. die Verbreitung dieses Nahrungsmittels, 3. die Etablierung im Sinne der Ausbildung eines organisationalen Feldes um dieses Nahrungsmittel. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass es zunächst individuelle Kontakte zwischen Vertretern verschiedener Kulturen gibt, dass diese Kontakte einen Überlappungsraum (borderland) zwischen den Kulturen ausbilden, dass somit eine Verbreitung über Grenzen hinweg erfolgt, die sich dann immer weiter ausdehnt und im gesamten neuen Kulturbereich Beachtung findet. Kontakt, Grenzüberschreitung, Verbreitung und Ausdehnung von z. B. Bräuchen, Kleidungsstilen oder Nahrungsmitteln stellen die zentralen Konzepte dar. Wie bei allen Innovationen bilden Grenzen und auch die lokalen Gegebenheiten Barrieren, die zu überwinden sind, damit es zur Verbreitung des neuen Produkts, hier der Pizza, in benachbarten Regionen kommt. Diese Barrieren sind noch viel höher, wenn eine Verbreitung über weite Räume hinweg erfolgen muss (z. B. von Portugal nach Dänemark). Wenn solche Hindernisse aber einmal überwunden sind, dann erfolgt oftmals eine rasche Ausbreitung. Auf den ersten Punkt, der Kontakt und Begegnung im „borderland“ betrifft, wird hier nicht weiter eingegangen, es erfolgt eine Konzentration auf die Verbreitung und die Ausbildung eines institutionalisierten Feldes.

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2.

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Wie verbreitet sich aus sozialwissenschaftlicher Sicht ein Konzept in einem sozialen System?

Für den Sozialwissenschaftler lässt sich der Prozess des Verbreitens oder Durchsetzens eines Konzepts dahin gehend begreifen, dass ein neuartiges Produkt wie die Pizza über eine Vielzahl von Kanälen und Hindernissen Eingang in das normale Verhaltensrepertoire von Personen findet. Konkret bedeutet dies, dass über vielfältige Kommunikationsprozesse die Pizza von Italien aus ihren Weg nach Deutschland findet und schließlich immer mehr Menschen bereit sind, eine Pizza etwa in einer Pizzeria essen zu gehen. Dieser Prozess der Verbreitung eines Produkts kann auf sehr unterschiedliche Weise beschrieben werden. In den Sozialwissenschaften kursieren zumindest drei bedeutsame Modelle, die hinsichtlich ihrer Herkunft der Sozialpsychologie, der Epidemiologie und dem Marketing zuzuordnen sind. Verbreitungsprozesse werden dabei einmal als eine Diffusion eines Produkts in einem Netzwerk (Innovation) verstanden,8 sodann als eine Ansteckung im Sinne der Ausbreitung einer Krankheit (Infektion)9 und schließlich als eine Weiterempfehlung eines Produkts im Sinne einer dialogischen Marketingstrategie (virales Marketing).10 Diffusion, Ansteckung und Weiterempfehlung bilden Modelle, wie man sich den Verbreitungs- und Ausdehnungsvorgang vorstellt. Im Zentrum aller dieser Modelle stehen Personen in einem verknüpften Netzwerk, die über eine oder mehrere Eigenschaften (die o. g. Meme) verfügen, die sie an andere Personen weitergeben wollen. Diese Weitergabe kann erfolgreich sein oder scheitern. Im ersten Fall übernimmt ein Rezipient die Eigenschaft, er wird infiziert oder überzeugt, im zweiten Fall lehnt er die Übernahme ab bzw. kommt es nicht zur Erkrankung, weil der Rezipient immun oder resistent ist. Die Weitergabe selbst erfolgt über Kontakte, in denen die Eigenschaft über prozessuale Mechanismen abgegeben, transportiert und aufgenommen wird. Wird dieser Prozess fortlaufend von jedem Überzeugten oder Infizierten wiederholt, so kommt es zu einer Verbreitung der Eigenschaft, des Produkts oder der Krankheit. Als zugrunde liegende Prozessoren, über die der Mechanismus getragen wird, können also Informationen oder Viren fungieren. Verbreitung finden dann z. B. innovative, beworbene oder weiterempfohlene Produkte oder aber im Falle der Epidemiologie Krankheiten (ohne Bedeutung ist in diesen Modellen die Ausbildung eines institutionalisierten Feldes, wenn erst einmal viele Personen das neuartige Merkmal übernommen haben; hierauf wird später eingegangen). Zwar wird hier von drei verschiedenen Modellen der Verbreitung ausgegangen, jedoch haben alle ihren Ursprung im epidemiologischen Modell.11 Es geht davon aus, dass Menschen in Netzwerken für eine Krankheit empfänglich, bereits infiziert oder aber für einen Keim immun und resistent sind. Die Gesamtpopulation in einem Netzwerk umfasst damit die Empfänglichen (susceptible),

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die Infizierten und die Resistenten (das Modell wird in der Literatur folglich als SIR-Modell beschrieben). Dabei wird angenommen, dass einige wenige Krankheitsträger bessere Chancen haben, durch Ansteckung zu einer Verbreitung einer Infektion beizutragen, wenn sie etwa Kontakt zu vielen Empfänglichen haben. Wenn sie nur auf bereits Infizierte treffen oder nur mit Resistenten zu tun haben, kommt es zu keiner weiteren Verbreitung. Das epidemiologische Modell beschreibt damit die zentralen Prozesse der Krankheitsübertragung, der Genesung von Infizierten und des Immunitätserwerbs und damit den typischen Verlauf einer viralen Infektion über die Zeit und über einen lokalisierten Raum hinweg. Das virale Marketing und die Diffusion von Innovationen in einem Netzwerk folgen diesem Modell, allerdings geht es hier in erster Linie um Informationsübertragungen, positive Kauf- oder Nutzungsentscheidungen oder Maßnahmen der Informationsabwehr und der Verweigerung. Das Modell bleibt also gleich, allein die Inhalte sind verschieden. Drei Gleichungen bilden den Kern des epidemiologischen Modells: beschreibt die Anzahl der noch nicht infizierten empfänglichen Personen über die Zeit, die Anzahl der infizierten Personen über die Zeit und die Anzahl der Genesenen oder Immunen über die Zeit, die nicht mehr angesteckt werden können (bzw. die bereits ein Produkt erworben oder eine Innovation übernommen haben). Der Gewichtungsfaktor beta (β) beschreibt die Infektionsrate und gamma (γ) die Rate der Gesundeten. Gibt es mehr gesundete und immune als infizierte Personen in einer Population, dann bleibt die Krankheit endemisch, ist hingegen die Infektionsrate sehr hoch (z. B. in einer Schule oder in einer dörflichen Gemeinschaft im Mittelalter, als die Pest grassierte), dann kommt es zu einer Epidemie. Zentral ist bei all diesen Überlegungen die Basisreproduktionszahl R0 ), die angibt, wie viele Infektionen ein Indexfall oder Auslöser in einer (R0 vollständig empfänglichen Population während der gesamten Dauer der infektiösen Phase verursachen kann (die Zahl ist gering, wenn der Infizierte sofort im Krankenhaus isoliert wird, sie ist hoch, wenn er ohne Wissen um die Infektion weiterhin z. B. zur Arbeit geht). Eine Ausbreitung erfolgt immer dann, wenn R größer als 1 ausfällt, eine epidemische Ausbreitung lässt sich kaum verhindern, wenn R größer als 5 ist. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Festlegung einer „epidemic threshold“ oder eines „trigger points“.12

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Grundannahmen eines solchen deterministischen Modells sind ferner, dass die Populationsgröße konstant ist (also keine Rücksicht auf Migrationen oder höhere Geburtenraten genommen wird), es keine Inkubationszeit gibt (die Infektion also sofort und ohne Verzögerung auftritt) und die Dauer der Ansteckungsfähigkeit gleich der Dauer der Krankheit ist (und nicht etwa beim Abklingen bereits reduziert ist). Ein solches deterministisches SIR-Modell lässt sich in ein stochastisches Modell umwandeln, wenn ganz verschiedene Wege der Verbreitung (nicht in der Schule, sondern z. B. über den Vater eines Mitschülers im Sportverein, über einen Besucher aus dem Ausland oder einen Infizierten in einer Arztpraxis) und der Herausbildung einer Epidemie möglich sind. Dieses aufgezeigte Modell zielt auf die Erklärung einer Epidemie in einer relativ kleinen Population von eng vernetzten Personen in einem lokalisierten Raum ab. Komplizierter wird ein solches Modell dann, wenn es auf überlokale, nicht beschränkte Gebiete angewendet wird und eine globale Verbreitung berücksichtigt wird (wie das seinerzeit etwa im Fall der SARS- oder der EHECEpidemie der Fall war). Ein solches Modell haben Hufnagel, Brockmann und Geisel (2004) entwickelt. In diesem Modell sind zwei grundlegende Formeln zu beachten.

Die erste Formel beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass eine infizierte Person eine empfängliche (und nicht geimpfte) Person infiziert, und die zweite Formel beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass eine infizierte Person wieder gesundet und dann zumindest kurzzeitig immun und resistent bleibt. Hauptkennzahl ist die Wahrscheinlichkeit p(S,I;t), eine bestimmte Anzahl von Empfänglichen und Infizierten einer Population N zum Zeitpunkt t zu finden. Unter der Annahme eines Markov-Prozesses wird die Dynamik einer epidemischen Verbreitung durch die folgende Gleichung beschrieben:

  Von entscheidender Bedeutung für die Verbreitung sind die Größe des Netzwerks (Distanzen zwischen den Knoten) und die Zahl der Mitglieder (Knoten). Beide Parameter wurden von Hufnagel, Brockmann und Geisel13 in einem abgewandelten Modell benutzt, das die Verbreitung auf der Basis des weltweiten Flugverkehrs simuliert. Da es aber schwierig ist, einen Datensatz über menschliche Mobilität über alle denkbaren Distanzen hinweg zu generieren, orientierten

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sie sich an einem amerikanischen Projekt, welches die individuelle Mobilität indirekt erfasst.14 In diesem amerikanischen Projekt wurden Daten über die Verbreitung von Geldscheinen (sog. Träger, die hier die Funktion der Viren übernehmen) in den USA gesammelt. Dabei wurde mittels eines „Online-Arrangements“ (www.wheresgeorge.com) festgestellt,15 wo markierte Geldnoten in eine Zirkulation eingespeist wurden (initial entry location) und wo sie innerhalb einer bestimmten Zeit wieder auftauchten (hit location). Auf diese Weise konnten 14 Millionen Bewegungen von Geldscheinen in und zwischen regionalen Clustern registriert werden. Dieses Projekt konnte aufzeigen, dass Geldscheine überwiegend im engeren regionalen Umfeld den Besitzer wechseln und dass nur relativ wenige Geldscheine größere Distanzen überbrücken (das entspricht der Annahme, dass Kurzstreckenmobilität eine höhere Wahrscheinlichkeit hat als Langstreckenmobilität). Eine erste quantitative Schätzung der Wahrscheinlichkeit p(r), wonach eine Geldnote in begrenzter Zeit eine Distanz r (zwischen 10 und 3.500 km) zurücklegt, folgt einem überraschend einfachen inversen Potenzge, mit einem Exponenten µ = 0,6. Dieser Befund deutet an, dass setz: auch die menschliche Mobilität einfachen Gesetzmäßigkeiten folgt. Aus der Formel folgt auch die Möglichkeit, die Verbreitung oder Diffusion von jedem initialen Ort aus über die Zeit hinweg zu bestimmen.16 Geldnoten zirkulieren also vornehmlich im lokalen Umfeld. Eine die regionalen Grenzen überschreitende Verbreitung finden sie nur, wenn Geldnoten etwa während einer Geschäfts- oder Urlaubsreise mitgenommen und vor Ort verausgabt werden. Dieses Beispiel möge verdeutlichen, dass Inhalte und Randbedingungen der Verbreitungsmodelle die Art der Verbreitung erheblich beeinflussen können. Die Pizza mit ihrem stark individualisierten, konsumatorischen Bezug verbreitet sich natürlich ganz anders als etwa ein Baustil oder eine Maltechnik. Letztere sind an erhebliche Voraussetzungen wie Investitionen, Qualifikationen und Unterstützungen durch reiche Geldgeber gebunden. Für räumliche Modelle unter Einbeziehung einer Metapopulation (die sich aus einer Menge m = 1,…, M von Populationen mit dem Umfang Nn zusammensetzt) haben Brockmann, David und Gallardo17 die Verbreitung unter der Annahme simuliert, dass sich die empfänglichen und infizierten Träger zwischen den Populationen austauschen und hin und her bewegen, wobei dies wiederum von der grundlegenden Austauschwahrscheinlichkeit abhängt, die heute angesichts offener Grenzen viel größer ist als vor 200 Jahren. In der Simulation zeigen sich immer wieder vergleichbare Bilder. Mit zunehmender Heterogenität der Populationen und zunehmender Entfernung nimmt die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung zwar ab, aber die Ausbreitung lässt sich auch für große Entfernungen vorhersagen. Diese grundlegenden Überlegungen lassen sich auch auf das virale Marketing und die Diffusion von Innovationen übertragen. „Virales Marketing beschreibt die schnelle, epidemisch wirkungsvolle und flächendeckende Verbreitung einer Werbebotschaft innerhalb eines Netzwerkes ähnlich einem biolo-

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gischen Virus.“ Es basiert auf der Simulation einer Mund-zu-Mund-PropagandaMaßnahme (Word-of-Mouth), ist dabei aber nicht mehr an reale Kommunikation, sondern an Online-Kommunikation gebunden. Rosen beschreibt das Phänomen der Online-Mund-zu-Mund-Propaganda,18 die zentral als eine Kommunikation zwischen Bekannten und Freunden und als Empfehlung eines Produkts, z. B. eines Buches oder einer CD, aber auch eines Arztes oder eines Restaurants begriffen wird. Diese kommunikative Empfehlung wird als Buzz bezeichnet und beschreibt die Summe aller Kommentare über ein bestimmtes Produkt, die in einer bestimmten Zeit unter Kommunikationspartnern ausgetauscht werden. Als solche Kommentare gelten alle evaluativen Äußerungen der Entzückung, der Gleichgültigkeit, der Überraschung oder auch der Ablehnung. Durch diese Kommentare entsteht ein Netzwerk der Verbreitung, in dem Sender gleichzeitig auch Empfänger sind und in dem von einem Sender auch gleichzeitig mehrere Empfänger in ganz unterschiedlicher räumlicher Verteilung angesprochen werden. Je nach Zahl der Empfänger, die in einem solchen sozialen Netzwerk gleichzeitig angeschrieben werden (in den Social Media spricht man heute von Freunden), finden die Kommentare unterschiedlich rasche und weite Verbreitung und lösen daran gekoppelte Annäherungs- oder Vermeidungsstrategien (Kaufen vs. Nicht-Kaufen; Aufsuchen vs. Nicht-Aufsuchen) aus. In ihrer sowohl theoretisch als auch empirisch bedeutsamen Abhandlung untersuchen Leskovec, Adamic und Huberman19 die Effekte des viralen Marketings in bestimmten Gruppen oder Netzwerken, die auf spezifische Produkte wie Bücher, CDs, DVDs oder Videos ausgerichtet sind. Ausgangspunkt ihrer Analyse ist das bereits vorgestellte SIR-Modell (wobei angenommen wird, dass z. B. ein empfohlenes Buch nur einmal gekauft wird und nicht etwa weitere drei Freunde mit diesem Buch beschenkt werden; eine solche Annahme würde das SIR- in ein SIS-Modell abwandeln). Der Verbreitungsprozess wird dann in einem vorwärts gerichteten Graphen abgebildet, in dem die Knoten die Personen und die Kanten die Empfehlung von Person A (die ein Produkt erworben hat) an Person B bezüglich des Produkts X zum Zeitpunkt Y wiedergeben. Es zeigt sich in den Untersuchungen, dass die Weiterempfehlungen von Person zu Person stark variieren, dass sie stärker in regionalen Netzwerken erfolgen (das belegt das sog. Small world phenomenon20) und dass sie z. B. DVDs stärker betreffen als etwa Bücher oder Videos (was damit zusammenhängen könnte, dass Bücher einen längeren Bearbeitungszeitraum erforderlich machen, bevor sie gekauft werden, dass man sich aber vielleicht auch hinsichtlich der Vorlieben für Bücher weniger sicher ist als für DVDs). Der Nachteil eines solchen Modells liegt darin, dass das Netzwerk als bekannt vorausgesetzt werden muss und dass alle Netzwerkpartner als empfänglich für die Botschaft anzusehen sind. In einem ökonomischen Modell von Bass21 wird die Anzahl von Personen vorhergesagt, die ein für sie neuartiges Produkt (man könnte auch von einer Innovation sprechen) kaufen oder adoptieren. Dabei

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setzt es nicht die Struktur eines Netzwerkes mit festen und losen Bindungen voraus, sondern nimmt lediglich an, dass die Adoptionsrate sich als eine Funktion der Anteile an der Bevölkerung darstellen lässt, die ein spezifisches Produkt bereits übernommen haben. Das Diffusionsmodell von Bass22 modelliert den kumulativen Anteil von Adoptoren als Funktion der im System gegebenen Adoptionsrate sowie einem Maß für die Ansteckung. Es resultiert ein s-förmiger Verlauf, d. h. bis zu einer Schwelle hin vollzieht sich der Adoptionsprozess langsam, dann nimmt er an Fahrt auf und flacht dann zum Ende hin wieder ab. Dieses kaskadenartige Modell kann somit die Verbreitung auf der Systemebene, nicht aber auf der Individualebene erklären. Nur hierauf kommt es auch im vorliegenden Fall der Verbreitung der Pizza an. Es wird keine Aussage darüber gemacht, welche konkreten Personen die Pizza verbreiten, sondern es wird die Verbreitung der Pizza in einer Kultur, also auf Aggregatniveau, aufgezeigt. Dieses Diffusionsmodell wurde von Rogers23 ausgiebig hinsichtlich der psychologischen Fakten beschrieben. „Diffusion is the process in which an innovation is communicated through certain channels over time among the members of a social system.“24 Am Ende dieses Kommunikationsprozesses, in dem die Partner wechselseitig Informationen bereitstellen und teilen, stehen ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Praxis. Dabei kann dieser Prozess der Diffusion als ein Vorgang der Innovation (in Bezug auf einen Begriff, eine Idee, ein Objekt oder eine Praxis) und der Unsicherheitsbeseitigung begriffen werden. Mit der Pizza wird eine neue Form von Nahrungsmitteln in das soziale System eingeführt, in dem bereits alternative Nahrungsmittel zur Verfügung stehen (z. B. Kartoffeln oder Blini). Hinsichtlich der neuen Alternative „Pizza“ besteht anfänglich seitens der Individuen Unsicherheit, ob sie geeignet ist, die gleichen Funktionen zu erfüllen wie die vertrauten Alternativen. Die übermittelten Informationen und Werbung zerstreuen diese Unsicherheiten mehr und mehr und führen zur früheren oder späteren Übernahme (im Marketing ist die Rede von frühen und späten Adoptoren) der neuen Alternative in das bestehende Verhaltensrepertoire bezüglich Speisegewohnheiten. Diese kurze Beschreibung kennzeichnet den Diffusionsprozess mittels vier zentraler Konzepte: Innovation, Kommunikationskanäle, Zeit und Mitglieder eines Sozialsystems. In diesem Sinne werden Innovationen über Kommunikationskanäle im Verlauf von Zeit in einem System von vielen vernetzten Mitgliedern verbreitet und gegen einen gewissen Widerstand übernommen. Damit ein solcher Prozess zustande kommt, müssen verschiedene Merkmale erfüllt sein: Innovation: Damit die Pizza im Sinne einer Innovation Verbreitung finden kann, muss sie verschiedene Merkmale erfüllen. Sie muss gegenüber den bestehenden Alternativen einen Vorteil bieten (z. B. ein neues Lebensgefühl vermitteln), sie muss vergleichbar sein (z. B. mit einem Pfannkuchen), sie muss einfach zu verstehen und zu bewältigen sein, sie muss ausprobierbar sein (ohne

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dass man vorab zu viel Investitionen tätigen muss) und ihr Gebrauch muss objektiv beobachtbar sein (der Vorteil ist direkt für den Probanden erkennbar, er kann den Vorteil gegenüber anderen Partnern aufzeigen). Wenn eine Innovation wie die Pizza einzelne dieser Merkmale aufweist, kann es gelingen, die anfängliche Unsicherheit gegenüber diesem neuartigen Nahrungsmittel zu überwinden und zu einem Konsumenten der Pizza zu werden. Kommunikationskanäle: Kommunikation wird als ein zumindest zweistelliger, zwei Kommunikatoren verknüpfender Austauschprozess verstanden, in dem der Sender Wissen um die Innovation besitzt, der Empfänger jedoch noch kein oder nur weniger Wissen besitzt. Es besteht also eine sog. kommunikative Differenz. Dieser Austauschprozess erfolgt über einen spezifischen Kanal, der beide Partner verbindet. Interpersonelle Kommunikation erfolgt „face to face“, mediale Kommunikation über Massenmedien oder Internet. Zeit: Diffusionsprozesse benötigen Zeit. Informationen müssen aufbereitet werden, die Übertragung braucht Zeit und vor allem der Überzeugungsprozess, an dessen Ende sich der Kommunikationspartner zur probeweisen Adoption und schließlich zur überzeugten Übernahme entscheidet, kann unterschiedlich lange dauern. Je nach Dauer der Innovations-Überzeugungs-Phase werden Innovatoren, frühe Adoptoren und späte Adoptoren unterschieden. Mitglieder in einem sozialen System: Diffusionsprozesse erfolgen in Netzwerken. Von daher beschreibt die Diffusion eine Art Ausdehnungsprozess, in dem jeder Kommunikator die Innovation in ein begrenztes Netz von befreundeten Partnern, von Arbeitskollegen oder Nachbarn (seine Referenzgruppe) verbreitet. Auf diese Weise erfolgt jeder einzelne Innovations-Überzeugungsvorgang nicht separat in einem linearen Prozess, der wie eine Wanderung von einer Person zu einer anderen verläuft (z. B. stille Post), sondern immer in einem Austauschprozess, der sich über viele Kanäle gleichzeitig vollzieht, der auch scheitern kann, der zum Stillstand kommt, und immer eingebettet ist in ein Umfeld von bereits bestehenden Überzeugten, die dann simultan Einfluss nehmen. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass Überzeugungsprozesse durch solche systemischen Effekte beschleunigt werden.25 Wichtige Instanzen in diesem Verbreitungsprozess sind auch sog. Meinungsführer, die als Autoritäten (z. B. bedeutende Sportler) zur imitativen Übernahme anregen sowie implizite und explizite Normen, die die Übernahme zu einer Art Pflicht machen bzw. in einer Gruppe sogar vorschreiben.26 Diese theoretische Perspektive auf Diffusionsprozesse konzentriert sich vornehmlich auf interpersonelle bzw. massenmediale Kommunikationsvorgänge innerhalb eines sozialen Systems. Diese gewinnen dann eine stärker normative Ausrichtung, wenn Meinungsführer (opinion leader) oder soziale Normen ins Spiel kommen. In diesen Fällen entsteht eine Drucksituation für den Rezipienten der Innovationsbotschaft, die entweder zur Imitation anregt oder gar ein Gefühl des Zwangs zur Übernahme entstehen lässt (man kann sich nicht mehr

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wehren, ohne an Prestige zu verlieren oder vielleicht sogar einen Ausschluss aus einer Gruppe zu riskieren). Was sind nun typische empirische Fragestellungen, die man näher untersuchen könnte? Vor dem Hintergrund der zentralen Theorie und des zentralen Modells von Rogers (vgl. Abb. 1) geht es nunmehr darum, die zentralen Begriffe zu operationalisieren und als zu kontrollierende unabhängige Variablen herzustellen und als zu messende abhängige Variablen zu erheben. Dabei können sich die Fragestellungen einerseits auf alle vier zentralen Konzepte beziehen, andererseits bleibt die grundlegende Idee, das basale Modell des Diffusionsprozesses sowie seiner Verbreitung, immer erhalten. Fragestellungen werden im Lichte dieser Theorie sodann als Hypothesen formuliert: 1. Welche Arten von Innovationen (operationalisiert über die o. g. Merkmale) lassen sich schneller durchsetzen? Wenn eine Innovation die Merkmale X1 bis X5 aufweist, dann erreicht die kommunikativ gestützte Verbreitung in einem sozialen System in kürzerer Zeit (gemessen in Tagen) einen Wert von 30 %, als wenn nur zwei Merkmale erfüllt sind. Als UV gilt hier die vollständige oder teilweise Attributausstattung, ohne dass hier allerdings metrische Annahmen über die Intensität der Ausprägung gemacht würden. Als AV gilt die verstrichene Zeit in Stunden zwischen dem Beginn der Werbemaßnahme und dem Erreichen des 30-%-Kriteriums, was voraussetzt, dass zumindest die Zahl der Mitglieder in einem sozialen System bekannt und konstant ist (hierbei wird deutlich, dass die Kommunikationsprozesse nicht gezielt auf einzelne, sondern grundsätzlich auf alle Personen des sozialen Systems gerichtet sind, ohne dass die Vernetzung, der Weg der Diffusion oder gescheiterte Versuche beschrieben worden wären). 2. Welche Merkmale von Kommunikationskanälen oder von Kommunikatoren tragen dazu bei, dass eine Innovation in kürzerer Zeit von einem Rezipienten übernommen wird? Wenn Kommunikatoren glaubwürdig und vertrauenswürdig sind und als Experten gelten, dann geht die Innovations-Überzeugungs-Dauer auf einem Kontinuum von 1 bis 100 Stunden auf einen mittleren Wert von z. B. X < 30 Stunden zurück.27 Wenn gleichzeitig die Kommunikationskanäle nur mit erheblichem Aufwand nutzbar sind (z. B. lange Anfahrten bestritten werden müssen, viel Papier gelesen werden muss), dann steigert sich die durchschnittliche Dauer auf z. B. X > 50 Stunden. Wenn die Innovation bereits in einer Gruppe, der der Rezipient angehörig ist, verbreitet ist, dann reduziert sich die Dauer auch bei nur aufwendig nutzbaren Kommunikationskanälen wieder auf z. B. einen Durchschnittswert von X < 30 Stunden. Aus solchen Überlegungen könnten auch Maßnahmen zum personellen oder finanziellen Aufwand einer Überzeugungskampagne abgeleitet werden.

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3. Welche Rolle spielt die Zeit bei diesen Diffusionsvorgängen? Diffusionsprozesse brauchen Zeit. Wenn wenig Zeit zur Überzeugung gegeben ist, dann muss mit glaubwürdigen Meinungsführern gearbeitet werden, um eine rasche Persuasion herbeizuführen und ein hohes Maß an Übernahmen zu erzielen.28 Wenn schon viele Adoptoren vorhanden sind, dann nimmt ab einem bestimmten kritischen Punkt die Zeit zur Überzeugung der restlichen Rezipienten wieder erheblich zu (in Abb. X der Punkt, in dem die Kurve abzuflachen beginnt). Wenn die Rezipienten nicht willig sind oder die vorgetragenen Argumente nicht verstehen, dann nimmt die Zeitdauer der Überzeugung zu. Gerade in solchen Fällen lässt sich die Überzeugungsdauer z. B. durch eine Beachtung der Abfolge der Argumente oder durch ablenkende Faktoren (Überzeugung über den sog. peripheren Weg) reduzieren. Abbildung 1: Diffusionsmodell nach Rogers (2003)29

4. Welche Merkmale des sozialen Systems sind für die Diffusionsprozesse relevant? Wenn Menschen weit voneinander getrennt leben und die Übernahme einer Innovation kaum wechselseitig beobachten können, dann nimmt der Druck zur Konformität ab und es kommt zu weniger Übernahmen. Wenn die Einstellungen zu einheimischen Nahrungsmitteln stark verankert sind und der Verzehr dieser Nahrungsmittel steuerlich zudem begünstigt wird, dann müssen längere oder ausdauernde Anstrengungen unternommen werden, um die Mitglieder eines sozialen Systems von der

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Innovation zu überzeugen. Hier kommt es also darauf an, wie die sozialen Bedingungen innerhalb eines sozialen Systems beschaffen sind, die etwa die direkte Face-to-Face-Kommunikation begünstigen (etwa wenn jeder mit jedem kommunizieren darf) oder aber behindern (wenn immer nur über dominante Positionen im Sinne von Autoritäten kommuniziert werden darf30). Entscheidend sind zudem Faktoren wie die Offenheit für Innovationen oder die Stärke des sozialen Zwangs, die allesamt etwa hinsichtlich von Zeit- oder Verbreitungsparametern wirksam werden. Diffusionsprozesse wurden bislang nur innersystemisch betrachtet. Dabei bleibt unbestimmt, wo der Diffusionsprozess seinen Ausgang nimmt. Eine grobe Unterteilung könnte dazu führen, dass Innovationen innerhalb des eigenen sozialen Systems entstehen und diffundieren (z. B. der Brühwürfel setzt sich in allen deutschen Haushalten als Nahrungsmittel durch) oder aber jenseits der Systemgrenzen entstehen und dann über die Grenze hinweg Eingang in das eigene System finden (z. B. der Kaugummi, der sich im Zweiten Weltkrieg von den USA her in Deutschland verbreitete). Weiterhin wäre zu unterscheiden, ob ein Fremder das Konzept ins eigene System hineinträgt (z. B. der Gastarbeiter) oder aber ein Mitglied des eigenen Sozialsystems das Konzept aus dem fremden System ins eigene System hineinbringt (z. B. der Urlauber). Dadurch lassen sich zwei grenzüberschreitende Entstehungsbedingungen der Diffusion im Sinne eines Mitbringsels oder eines Geschenks unterscheiden: 1. Mitbringsel: Ein Einheimischer begibt sich auf Urlaub nach Italien und bringt den Lambruscowein mit und löst eine Rotweinpräferenz in seiner deutschen Referenzgruppe aus. 2. Geschenk: Ein Fremder kommt nach Deutschland (z. B. ein marokkanischer Gastarbeiter) und löst eine Präferenz für Couscous in seiner Umgebung in Deutschland aus. Entscheidend ist hierbei zum einen, dass es zunächst bei der interindividuellen kommunikativen Perspektive bleibt. Einzelne Personen treten in Interaktion und leiten einen Diffusionsprozess ein (so wie etwa zu seiner Zeit Goethe durch seine Darstellungen ein spezifisches Italienbild vermittelte, das sich über Medien getragen dann rasch in Deutschland verbreitete und Italien mit einer spezifischen Aura der Leichtigkeit verband, die heute noch bei der Auswahl des Urlaubsortes wirkt). Dieser Prozess wird verstärkt, wenn z. B. Migrantengruppen ins Nachbarland gehen und sich dort in Gemeinschaften niederlassen, die ihren Lebensstil und ihre Essgewohnheiten fortführen. Er kann zusätzlich dynamisiert oder beschleunigt werden, wenn es bereits eine kritische Masse an Überzeugten gibt (ich entscheide mich eher für die Pizza, wenn dies bereits 40 % aller Mitglieder meiner Referenzgruppe tun; hier entsteht ein systemischer Effekt aufgrund von

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Aggregation). Zum Zweiten wird deutlich, dass es in den beiden Fällen zwingend zu Überlappungen zwischen den Systemen kommt, aus denen die kommunizierenden Personen stammen. In Mitgliedern beider Systeme entstehen über die Pizza eine gastronomische Gemeinsamkeit, eine Vorliebe für einen bestimmten Restauranttyp mit italienischem Flair oder spezifische Formen der Bedienung. Dadurch werden in diesem Bereich zwischen den Systemen spezifische „borderlands“ geschaffen, die nicht unbedingt mit den geografischen oder politischen, wohl aber mit kognitiven oder kulturellen Überlappungslandschaften übereinstimmen. Ein Teil des kulturellen Systems von Italien hat über Mitglieder Eingang in das kulturelle System von Deutschland gefunden und schlägt sich fortan in spezifischen italienischen Speisegewohnheiten in Deutschland nieder (erkennbar z. B. über die Einrichtung von Pizzerien, über das vermehrte Angebot italienischer Weine und Spirituosen, über neuartige Gemüsesorten wie Radicchio oder Zucchini sowie den Espresso oder Cappuccino zum Abschluss des Essens). Die sog. „mental map“, das kognitive System der Begriffe, Bilder und Vorstellungen zum Speisen in Restaurants, umfasst nunmehr in beiden Ländern die Konzepte und Schemata der Pizza sowie die Skripte von geregelten Handlungsabläufen in der Pizzeria. Der Diffusionsprozess wird damit zu einem Prozess, in dem innovative Elemente eines fremden kulturellen Systems kommunikativ in das eigene kognitive System übernommen werden, zu Überzeugungen vom Vorteil dieser Alternative ausgearbeitet werden und schließlich das eigene Handeln prägen. Dabei verliert das Moment des Fremden mit zunehmender Dauer an Gewicht und erscheint als das selbstverständlich Eigene (heute wissen wir noch, dass die Pizza aus Italien kommt, die Kartoffel begreifen wir als ein Produkt unserer eigenen Region, gleichwohl auch sie aus Übersee hier eingeführt wurde). In diesem Verbreitungsprozess ist nicht auszuschließen, dass das innovative Produkt auch erhebliche Abwandlungen erfährt (man denke etwa an die Minipizzen) oder mit Elementen des eigenen kulturellen Systems verknüpft wird (man denke etwa an die Pizza, die mit bayerischen Würstchen und Sauerkraut belegt ist). Die Pizza begann ihren Siegeszug nicht an der deutsch-österreichischen Grenze und setzte sich dann auch nicht linear nach Norddeutschland fort. Das Konzept Pizza bewegte sich also nicht wie ein Wanderer vom südlichen Rand in die Mitte oder in den Norden des Systems, sondern die Überlappung erfolgte ganz punktuell verteilt über das gesamte System und gewann sodann wie beim Verteilen von Blumensamen durch den Wind in einem dezentralen Diffusionsprozess an Verbreitung. Ein Dortmunder oder Hamburger fährt als Urlauber nach Italien und bringt von dort seine Pizzaerfahrungen mit und gibt sie an seinen Freundeskreis in Dortmund oder Hamburg weiter (was empirisch genauer etwa über die lokale Verbreitung von Pizzerien oder über den Umfang von Pizzaprodukten im Sortiment von Supermärkten zu untersuchen wäre). Parallel bringt der Gastarbeiter aus Italien, der in Würzburg oder Heidelberg eine

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Arbeitsstelle findet, das Konzept der Pizza mit. Mit zunehmender Verbreitung von italienischen Gemeinden (mit vielen Mitgliedern, sodass sich auch ein Geschäft machen lässt) kommen dann italienische Pizzabäcker nach und forcieren den Konsum von Pizzen nicht nur in Würzburg und Heidelberg, sondern auch in Nürnberg oder in Frankfurt. Wie sich Pizzerien in der Region Berlin und München seit Beginn der 60er-Jahre verbreitet haben, zeigt die folgende Abbildung 2, die auf einer Analyse von Stadtadressbüchern basiert.31 Abbildung 2: Entwicklung der Anzahl von Pizzerien in München und Berlin seit Beginn der 60er-Jahre

Die Abbildung zeigt einen empirisch abgesicherten Anstieg bis 1990 an. Danach wird über eine gestrichelte Linie der anzunehmende ideale Verlauf im Sinne des Modells aufgezeigt. Dieser Kurvenverlauf weicht deutlich von der Idealkurve für die Übernahme von Innovationen ab. Dies hat seinen zentralen Grund darin, dass die Pizzeria als komplexe Innovation ganz anderen Beschränkungen unterworfen ist als etwa der individuelle Konsum von Pizzen (der z. B. über den Pizzaumsatz in Pizzerien zu erfassen wäre). Das aufgezeigte theoretische Diffusionsmodell trifft von daher auf den Gegenstandsbereich „Pizzeria“ nicht exakt zu, da anders als bei der Pizza nicht jedermann die freie Wahl hat, ein solches Unternehmen zu gründen. Diese Abbildung zeigt, dass bis 1990 eine enorme Verbreitung der Pizzerien stattgefunden hat und dass diese Verbreitung danach – so die Annahme, die

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empirisch nicht geprüft wurde – langsam zurückging, sodass sich die Kurven für beide Städte vermutlich zum Jahr 2010 wieder langsam abflachten. Anzunehmen ist, dass in beiden Städten letztlich eine Sättigung eintritt, die eine weitere Verbreitung von Pizzerien als unökonomisch erscheinen lässt, zumal sich parallel auch die Anzahl anderer ethnischer Restaurants (z. B. chinesische und griechische Lokale) positiv entwickelt hat. Dass Diffusionsprozesse im Sinne der Nutzung innovativer Produkte oder Angebote auch in ganz anderen Bereichen im Sinne dieser Theorie zu rekonstruieren sind, verdeutlicht die folgende Abbildung 3, die zeigt, wie sich über die Jahre 1785 bis 1800 die Schifffahrtspassagen auf dem neu geschaffenen Schleswig-Holstein-Kanal entwickelt haben. Abbildung 3: Die Entwicklung der Kanalschifffahrt auf dem Schleswig-Holstein-Kanal, 1785–180032

1800 1600 1400

er Durchfahrten

1200 1000 800 600 400 200

Die dunklen Balken geben die Entwicklung der Nutzung durch einheimische Schiffe, die hellen Balken die Nutzung durch fremde Schiffe wieder. Besonders die Entwicklung der Nutzung durch Einheimische folgt erkennbar der vorhergesagten s-förmigen Kurve, die Gesamtnutzung lässt insbesondere die dynamische Komponente nicht eindeutig erkennen, wobei dies teilweise auch daran liegen kann, dass die Schleusenkapazitäten keine wesentlich höhere Auslastung ermöglichten.33 Bevor im nächsten Abschnitt näher auf Diffusionsprozesse in institutionalisierten Zusammenhängen eingegangen wird, sei noch einmal darauf hingewie-

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sen, dass das Konzept „borderland“ als eine Überlappung von Kulturräumen hier aufgrund der besonderen Mobilitäts- und Kommunikationsbedingungen der Mitglieder der beiden nationalen Systeme eine besondere Bedeutung besitzt. Zwar sind die beiden Regionen Italien und Deutschland über den Austausch von Gastarbeitern und Urlaubern eng miteinander verknüpft, jedoch existiert keine regionale Überlappung im Sinne einer gemeinsam geteilten Region (wie sie z. B. ansatzweise in Südtirol vorliegt). Vielmehr liegt im mathematischen Sinn ein Fall der externen Verknüpfung von tangentialen Teilregionen (Enklaven, Exklaven je nach Standort) vor, wo einzelne Teilregionen in Deutschland (z. B. eine italienische Gemeinde, eine Pizzeriakette) externen Kontakt zu italienischen Regionen haben, die die umfassenden deutschen Regionen aber nicht überlappen.34 Es wurde bereits aufgezeigt, dass auch aus einem solchen „borderland“ als einer Region der Begegnung Neuerungen hervorgehen können.

3.

Die Etablierung und Absicherung von Innovationen in einem abgegrenzten Feld

Bereits am Beispiel der Pizzeria wurde deutlich, dass eine völlig freie Ausdehnung von Pizzerien in einer Region oder Stadt nicht möglich ist, sondern die Konkurrenz am Markt und institutionelle Regelungen die Verbreitung von Pizzabäckereien in einer Region beschränken. Allerdings geht es im folgenden Abschnitt weniger um gesetzliche Regelungen, die die Gründung von Pizzerien betreffen (hier ist in erster Linie die Gewerbeordnung in Verbindung mit dem Gaststättengesetz zu nennen, das zudem für deutsche Gemüseläden ebenso Geltung hat wie für die italienische Pizzeria oder den spanischen Weinladen). Vielmehr kommt es darauf an zu zeigen, dass der zunehmende Verzehr von Pizza und die Verbreitung von Pizzerien zur Notwendigkeit führen, diese Innovationen auch in institutionalistischer Sicht abzusichern, d. h. etwa die Pizzeria im Sinne allgemeiner kultureller und ordnungspolitischer Vorgaben zu etablieren und sie dadurch auch normativ zu legitimieren. Im Zentrum steht nun nicht mehr der individuell motivierte Akt des Kaufs einer Pizza oder des Besuchs einer Pizzeria, sondern der sozial geprägte Vorgang der Etablierung einer kulturellen Praxis, die in eine bereits bestehende Praxis integriert werden muss (z. B. ein neues ITVerfahren bei der Aufnahme in Krankenhäuser wird vom Kunden angenommen oder nicht angenommen). Im Resultat kann es zu einer Verdrängung einer solchen bestehenden Praxis kommen (so wurden etwa die klassischen Einzelhandels- oder Tante-Emma-Läden durch Supermärkte verdrängt), oder aber es kommt zu einer Wettbewerbssituation, in der neue ethnische mit klassischen deutschen Restaurants in Konkurrenz und Wettbewerb miteinander betrieben werden (wobei die Wettbewerbsbedingungen oftmals die einheimischen Interessenten begünstigen und die fremden behindern). Kulturelle, ökonomische und

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juristische Kräfte prägen diesen Prozess, in dem sich ein spezifisches soziales Handlungsfeld mehr oder weniger fortlaufend ausgestaltet. In diesem Sinne geben die neu eingeführte Pizza und die Pizzeria z. B. dem Gesetzgeber oder untergeordneten kommunalen Ämtern vielfältigen Anlass zu prüfen, ob die einschlägigen bestehenden Verordnungen, Umsetzungsrichtlinien (die ja nicht jeden einzelnen Schritt exakt regeln), Zuständigkeiten und Prüfprozeduren ausreichen, um auch den Betrieb von Pizzerien zu regulieren, oder ob es zu einer erweiternden Anpassung bestehender Regelungen kommen muss (weil z. B. der heiße Pizzaofen mitten im Restaurant betrieben wird). Vergleichbar stellt sich die Frage, ob das Abbacken und Konsumieren in einem Raum spezielle Erfordernisse an die Herstellung, den Verkauf innerhalb und außerhalb des Restaurants, die Gestaltung der Verkaufszone oder an die Kompetenz des Servicepersonals stellt. Gleichzeitig wird der Pizzabäcker als Unternehmer sich fragen, ob er mit den von ihm geschaffenen Strukturen und Abläufen die relevanten Vorgaben seiner Lieferanten erfüllt und wie er seinen geschäftlichen Abläufen eine seitens der Finanzverwaltung überprüfbar stabile Struktur geben kann. Wichtig hierbei ist, dass der Unternehmer dabei nicht nur den formellen und informellen Vorgaben externer Organisationen, sondern auch den Erwartungen seiner eigenen Mitarbeiter nach einer arbeitsökonomischen Gestaltung der Küche oder der Koordination von Back-, Service- und Verkaufsaktivitäten ebenso genügen muss wie seinen Lieferanten und den potenziellen Kunden. Es herrscht ein diffuser sozialer Anpassungsdruck, der aus vielen Richtungen kommt. Der der Soziologie zurechenbare neoinstitutionalistische Ansatz versucht, für die Beschreibung und Erklärung dieser Anpassungsprozesse ein adäquates Begriffssystem bereitzustellen. Im Zentrum steht das Konzept der Institution. Als Institutionen gelten alle geregelten, habitualisierten und allgemein als sinnvoll praktizierten Verfahrensweisen, die Organisationen und ihre Mitglieder bei der Gestaltung ihrer strategischen Prozesse im Markt prägen. Sie beschreiben legitimierte Verhaltensformen (wie man eine Pizzeria eröffnet, wie man Produkte frisch hält, wie man die Küche vom Gastraum trennt, wie man Auslagen vor Kontamination schützt, wie man die Preise ausweist, wie man offene Weinflaschen vor unbefugtem Zugriff sichert), die alltäglich von Menschen in bestimmten Positionen, z. B. als Betreiber einer Pizzeria oder als Lieferant von Getränken, ausgeübt werden, um legitime Ziele zu erreichen, ohne dass sie auf Naserümpfen, Widerstand und Ablehnung stoßen. Institutionen dürfen also weder mit Organisationen noch mit Regeln oder gar Gesetzen gleichgesetzt werden. Institutionen sind im weitesten Sinne in einer sozialen Einheit durchgesetzte, bewährte und dadurch auch normativ geprägte Gestaltungsmuster von Abläufen, um Ziele möglichst effektiv und effizient erreichen zu können. Spielregeln, praktizierte Ablaufmuster sowie soziale und marktliche Gegebenheiten treffen sich im Konzept der Institution.

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Gesellschaftliche Bereiche basieren auf solchen in sozialen Systemen geteilten Gestaltungsmustern, die kulturell, konventionell oder gesetzlich geregelt sind und als Maßstab dienen, individuelle Gestaltungen als legitim oder illegitim erscheinen zu lassen. Institutionen gelten als komplexe „sanktionierbare Erwartungen“ an bestimmte Arten und Weisen der Abwicklung von Prozessen, der Gestaltung von Strukturen, des Einsatzes von Technik oder des Managements von Humanressourcen, die letztlich alle auf ein spezifisches Organisationsziel hin einsetzbar, auswählbar und austauschbar sind und einen Rahmen abstecken, innerhalb dessen sich Personen und Organisationen bewegen können.35 Institutionen lassen sich folglich als mehr oder weniger rationale Schemata oder Skripte beschreiben, die durch konkrete Gestaltungen ausgefüllt werden müssen.36 So wie eine Norm nicht die konkrete Ausgestaltung einer Handlung beschreibt, so lässt auch jede Institution hinreichend Spielraum zur konkreten Gestaltung etwa eines Pizzaofens oder der Belegung einer Pizza. Sie bilden einen zu verinnerlichenden Bemessungsmaßstab, von dem angenommen wird, dass er stabil und allen in einem spezifischen Bereich sich bewegenden Personen bekannt ist, dass er als Selbstverständlichkeit in einem bestimmten Bereich geteilt wird (taken for granted), dass er an konkreten Sachverhalten überprüfbar ist, dass er hinreichend Handlungsspielraum lässt (der von einer vollkommenen Übereinstimmung bis hin zur eklatanten Abweichung reicht), dass er vorhersehbar zur Bewertung der gewählten Alternative herangezogen werden kann und dass man sich selbst bei externen Beanstandungen auf ihn berufen kann. Kommunizierte allgemeine Institutionen geben damit den gewählten spezifischen Gestaltungen von organisierten Abläufen in einer Pizzeria Legitimität, lassen den Betrieb der Pizzeria als ordnungsgemäß erscheinen und dienen als Rechtfertigung im Falle von formellen Beanstandungen (was nicht ausschließt, dass eine Pizzeria von den Kunden trotzdem angenommen wird). Solange keine Beanstandung erfolgt, gilt das gewählte Vorgehen als legitim. Scott37 unterscheidet zwischen normativen, regulativen und kulturell-kognitiven Institutionen, die zu Anpassungen über Mechanismen des externen Zwangs, der verpflichtenden Moral und der bewussten Imitation führen. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die verschiedenen Institutionen und die ihnen zugeschriebenen Merkmale. Sie verdeutlicht noch einmal, dass Institutionen mehr sind als Normen und Gesetze. Sie umfassen vielmehr sämtliche handlungsleitenden, sozial geteilten Vorgaben, wann und wie etwa Vertragsverhältnisse einzugehen sind (man kann keinen Mitarbeiter anstellen, ohne mit ihm einen Arbeitsvertrag abzuschließen) oder wie mit Patienten im Krankenhaus umgegangen werden kann (man darf keine Operation durchführen, ohne vorab in einem dokumentierten Gespräch formell auf Risiken hingewiesen zu haben; wie dies praktisch umgesetzt wird, kann von Krankenhaus zu Krankenhaus erheblich variieren). Selbst Begriffe wie „Aufnahme“ oder Abkürzungen wie „OP“ können als Institutionen begriffen werden, die in einer spezifischen Weise zu gebrauchen sind. So

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wird eine Operation im Krankenhaus in der Regel nicht im Bett eines Patienten auf der Pflegestation vorgenommen. Alles, was hier als Eingriff getätigt wird (z. B. Verband wechseln), kann umgekehrt nicht als OP begriffen oder gar als OP abgerechnet werden. Tabelle 1: Das Säulenmodell der Institutionen nach Scott (2008)38 in eigener Übersetzung Regulativ: Herrschaft Grundlage für die Einhaltung

Anerkennung, Berechnung, Vorteilhaftigkeit

Normativ: Leistung, Geld, Vertrag Soziale Verpflichtung wie im Commitmentbegriff

Grundlage für die Ordnung

Regulierende Vorgaben

Gemeinsame Erwartungen

Mechanismen Logik/  Durchsetzung

Äußerer Zwang

Verpflichtungsgefühle Moralisches Abwägen

Indikatoren

Regeln, Gesetze, Sanktionen

Commitment, Engagement, Bindung, Abwägen,

Gefühl Grundlage für die Legitimität

Angst, Schuld Gesetzlich sanktioniert

Ehre, Scham Moralisch gesteuert

Instrumentarien der Justiz, Passung oder Abweichung

Kulturell-kognitiv: Affiliation Als gegeben hingenommen, gemeinsames Verständnis, Zugehörigkeit Konstituierende Schemata, eine erfolgreiche Lebenspraxis Imitation, Mimese Orthodoxie, Erfahrung, Tradition, routinisiertes Handeln Vertrauen auf gemeinsame Glaubensvorstellungen, Handlungserwartungen Sicherheit, Irritation Kulturell geprägt

Ein zweites zentrales Konzept betrifft die Einbettung. Keine Pizzeria besteht für sich allein, sondern ist immer schon eingebettet in ein umfassenderes soziales System oder Umfeld von z. B. konkurrierenden Restaurants, Zulieferern oder Ordnungsbehörden. Diese verschiedenen einbettenden Systeme, die untereinander anschlussfähig sein müssen, geben jeweils die regulativen, normativen und kognitiv-kulturellen Institutionen vor, die die Organisation von Aufbau und Ablauf in einer Pizzeria oder in einer Tankstelle prägen. So kann z. B. ein Tankwart

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nicht einen Wagen betanken und anschließend eine Pizza verkaufen, ohne zuvor vorgeschriebene Handschuhe abgelegt oder die Hände vorschriftsmäßig gewaschen zu haben; von daher müssen in der Tankstelle spezifische Hygienevorrichtungen geschaffen und Hygienevorschriften formuliert und ausgehängt sein, deren Einhaltung durch Ämter, aber auch durch Kunden überwacht wird. Dabei darf die Umsetzung von solchen Vorgaben aber nicht als ein starrer Mechanismus begriffen werden. Vielmehr stellt sich dieser Vorgang als ein wechselseitiger Anpassungsprozess mit „Top-down-“ und „Bottom-up-Elementen“ dar, um die legitimen Arten und Weisen der produktiven und effizienten Zielerreichung von Organisationen unter Beachtung von Flexibilitätserfordernissen allseitig zu fixieren. Genau solche Anpassungsprozesse beschreibt das Konzept der Institutionalisierung. Hierbei handelt es sich um „processes by which social processes, obligations, or actualities come to take on a rulelike status in social thought and action“.39 Institutionen sind also mental präsent, man weiß um die unterschiedlichen Erwartungen und sie prägen das individuelle Verhalten (z. B. im Sinne eines Befolgens, was dann in einer Pizzeria auch mit Investitionen verbunden sein kann, oder aber auch eines Vortäuschens, mit dem lediglich der Schein nach außen hin gewahrt wird). Das Konzept der Einbettung verknüpft damit Systeme in einem hierarchisch aufgebauten Zusammenhang. Je nach Referenzpunkt scheint das System unter- oder übergeordnet, in ein weiteres Umfeld eingebettet zu sein oder selbst als Bett für kleinere, wiederum eingelagerte Systeme zu fungieren. Zwischen diesen Systemen herrscht Austausch, Interdependenz oder Interpenetration im Sinne der „top-down-gerichteten“ Übernahme von Institutionen bzw. der „bottom-up-gerichteten“ Modifikation von Vorgaben, nachdem sie sich z. B. nicht bewährt haben oder eine zu starke Einengung bedeuten. Innerhalb eines spezifischen Umfeldes entsteht auf diese Weise sukzessive Isomorphie im Sinne einer Strukturähnlichkeit zwischen allen Elementen des begrenzten Systems. Strang und Meyer kennzeichnen Isomorphie als „[…] a constraining process that forces one unit in a population to resemble other units that face the same set of environmental conditions“.40 Alle diese strukturähnlichen, miteinander verknüpften Elemente bilden in der Folge ein begrenztes sog. organisationales Feld. Der Feldbegriff stellt ein weiteres relevantes Konzept des Neoinstitutionalismus dar.41 Im Gegensatz zum unspezifischeren Umweltbegriff von Meyer und Rowan wird hier auf eine begrenzte,42 durch besondere Institutionen geprägte Umgebung Bezug genommen, in der auf der Grundlage spezifischer Kräfte eine spezifische Konstellation von institutionellen Vorgaben herrscht, in der Interaktion und Austausch stattfinden und die gegen andere Felder abgegrenzt ist (z. B. ist das Feld „Gastronomie“ gegen das Feld „Tourismus“ abgegrenzt). Das organisationale Feld beschreibt alle relevanten Akteure, die in strukturellen Beziehungen zueinander stehen und unter Beachtung von vorgegebenen Institutionen

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einen gemeinsamen, übergeordneten Austausch organisieren (wobei die Menge der zugehörigen Akteure tendenziell offen ist und einzelne Akteure nicht nur einem Feld zuzuordnen sind). Der Pizzabäcker will Pizza und eine besondere Atmosphäre, der Zulieferer die passenden Getränke zur Pizza und der Restaurantausstatter das typische Mobiliar und Dekor verkaufen, der Gastronomieverband Entscheidungshilfe anbieten und Handlungssicherheit für seine Mitglieder schaffen, das Gesundheitsamt die Verträglichkeit der Produkte kontrollieren, der Traditionsverein für das Überleben der klassischen Pizza werben und der Kunde ein spezifisches Lebensgefühl einkaufen. Das organisationale Feld bestimmt damit die koordinierten Lebensvollzüge bis hin zum habituellen Auftreten der Akteure. Diese Vorstellung bringen auch DiMaggio und Powell zum Ausdruck: „By organizational field, we mean those organizations that, in the aggregate, constitute a recognized area of institutional life: key suppliers, resource and product consumers, regulatory agencies, and other organizations that produce similar services or products.“43

In einem literarischen Feld wird das institutionelle Leben anders aussehen als in einem religiösen Feld, werden andere Autoritäten mit gänzlich unterschiedlichen Mitteln Dominanz ausüben und werden schließlich gänzlich unterschiedliche Ziele verfolgt. Jedes organisationale Feld könnte damit auch als ein soziales Subsystem begriffen werden, das es vom Forscher jeweils neu zu rekonstruieren gilt. Es ist nicht möglich, hier den Feldbegriff in seiner ganzen Komplexität darzustellen. Entscheidend ist, dass organisationale Felder als ausgewiesene, begrenzte und autonome Lebensbereiche aufzeigbar sind, in denen verschiedene Kräfte zusammenwirken, ein Netzwerk von strukturierten Beziehungen bilden und durch die alltäglichen dynamischen Vollzüge die Aufrechterhaltung dieses Feldes sichern. Dabei lassen sich mit Bourdieu44 in dieser „Struktur objektiver Beziehungen“ diese Kräfte auch als Autoritäten, Mächte oder Kapitalien darstellen, die im Netzwerk Einfluss auf die Gestaltung nehmen und eine herausgehobene Position z. B. in der Finanzwelt begründen. Bourdieu unterscheidet in diesem Sinne etwa das kulturelle Kapital (d. i. die Macht eines organisationalen Feldes, also etwa des Finanzmarktes), ein symbolisches (durch Leitfiguren und Auftritte im TV geprägt), ein objektiviertes (geprägt durch die Architektur der Banken) und ein inkorporiertes Kapital (bestimmt durch Professionalisierung, Expertenwissen, Bankenkontakte). In Bezug auf die Pizzeria liegt das symbolische Kapital etwa in den transportierten Leitbildern eines italienischen Lebensstils, das objektivierte Kapital in der mediterranen Ausstattung und das inkorporierte Kapital in der Professionalität der Herstellung und des Verkaufs von typisch italienischen Speisen sowie des dazugehörigen Lebensgefühls. Je stärker diese Kapitalien durchgesetzt werden können und je stärker die Akzeptanz auf der Kundenseite

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ausfällt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Pizzerien in großer Breite aufrechtzuerhalten und sie z. B. vor der Verdrängung durch US-amerikanische Coffeeshops oder Fast-Food-Ketten zu bewahren. Jedes Feld strebt als System auf ein Gleichgewicht, auf einen Ausgleich der Kräfte hin. Jede Innovation stellt dieses Gleichgewicht infrage und löst Bourdieu45 zufolge einen Kampf aus, in dem entschieden wird, ob das Feld in seiner bisherigen Form bestehen bleibt (Erhaltungsstrategie) oder aber die Innovation in sich aufnimmt und verarbeitet (Integrations- oder Veränderungsstrategie). Deutlich wird, dass Innovationen im abstrakten Sinne auch als externe oder interne Angriffe auf eine bestehende Ordnung des Feldes begriffen werden können und dass die bestehende Ordnung auch verteidigt (Widerstand) oder bereitwillig aufgegeben werden kann.46 Organisationale Felder fußen auf Austausch und haben keinen dauerhaften Bestand. Ihre reklamierte Ausgliederung und Autonomie sind permanent gefährdet. Von daher muss jedes Feld Energien darauf verwenden, die bestehenden Abgrenzungen nach außen hin aufrechtzuerhalten (Gegner könnten hier z. B. alternative ethnische Restaurants sein) und die das Feld prägenden Institutionen gleichzeitig nach innen hin durchzusetzen (Gegner könnten hier z. B. Pizzeriaketten sein, die die Pizza als Fast Food ohne kulturellen Überbau propagieren oder im Kontext einer All-you-can-eat-Strategie vertreiben). Ohne diese Anstrengungen geht das für die Pizza wichtige Alleinstellungsmerkmal (italienischer Lebensstil, geprägt durch romantische Muße) verloren. Diesen Prozess der internen Übernahme von Institutionen durch die das organisationale Feld konstituierenden Einrichtungen und die Durchsetzung der Institution bis auf die Ebene der Pizzeria und deren Mitarbeiter beschreibt wiederum das Konzept der Diffusion. Im Gegensatz aber zum Diffusionsmodell von Rogers47 handelt es sich hierbei jedoch weniger um einen interpersonellen Verbreitungsprozess in einem sozialen Netzwerk, sondern um einen strukturierten Prozess der Durchsetzung von normativen Handlungsmustern durch regulative Behörden oder Wirtschaftspartner (z. B. kann ein starker Partner Abnahmemengen diktieren oder Zahlungslinien festlegen). Ideales Ziel der Institutionalisierung ist die Übernahme und damit die Schaffung von Ähnlichkeit und Anschlussfähigkeit gegenüber Mitgliedern des eigenen Feldes, sodass die strukturelle Interaktion ohne Reibungsverluste erfolgen kann. Auf diese Weise entsteht Isomorphie im Sinne von Strukturgleichheit oder Homologie. Die einzelne Pizzeria ist nach vergleichbaren Strukturmerkmalen gestaltet und entwickelt ähnliche Muster im Aufbau und im Ablauf der Prozesse. Dadurch erscheint das Feld als ein einheitlich geprägtes Areal, in dem sich alle Teilnehmer an identischen Institutionen ausrichten und darüber auch in Beziehung stehen. Die hier skizzierte Diffusion betrifft einmal vor allem die Verbreitung von Institutionen in sozialen Systemen wie Pizzerien oder auch Ämtern (z. B. die Organisation des Außerhaus-Verkaufs oder die Anlage von elektronischen Datenbanken in Ordnungsämtern), innerhalb der Einzelsysteme geht es sodann darum,

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einzelne Institutionen über vielfältige Anpassungsprozesse in die Tiefen des operativen Geschäfts hinein durchzusetzen und deren Beachtung zu überwachen. Auf der Makroebene vollzieht sich ein Diffusionsprozess erneut als ein Prozess der Kommunikation von Innovationen, z. B. derart, dass über Kommunen, Kreise, Regierungsbezirke und evtl. auch Länder hinweg weitgehend einheitliche Regelungen für den Betrieb von Pizzerien etabliert werden, die dann in relevanten Ausschnitten wiederum zu einer mehr oder weniger einheitlichen Gestaltung von Dienstleistungsprozessen in Pizzerien führen. In diesem Sinne waren z. B. die Ordnungsämter auf der Mesoebene herausgefordert, die in den 60er-Jahren aufkommende Welle von Pizzabäckereien im Sinne der bestehenden Institutionen bzw. unter Abwandlung der bestehenden Vorgaben zu kanalisieren und damit die Voraussetzungen für eine weitgehende Verbreitung von Regelungen, Standards und Mustern bezüglich Pizzerien zu sorgen (die dann von Eigentümern auf der Mikroebene umzusetzen waren). Diesen Anpassungsmechanismus bezeichnen DiMaggio und Powell48 als Zwang, daneben kann Strukturgleichheit oder Isomorphie auch über normativen Druck (z. B. durch gleiche Ausbildung in den gastronomischen Berufen) und Mimesis (Imitation bewährter Strategien und Strukturen anderer Pizzerien, um selbst keine folgenschweren Fehler zu begehen) hergestellt werden. In diesem Sinne bliebe empirisch zu prüfen, wie sich diese Prozesse in einem kommunikativen Vorgehen über die verschiedenen Hierarchieebenen hinweg vollzogen haben und welche Faktoren die Verbreitung gefördert oder auch vorübergehend behindert haben. Was heute Bestand hat, ist das Ergebnis eines langen Auswahl- und Erprobungsprozesses. Die Institutionalisierung lässt sich somit als eine dreistellige Relation darstellen. Eine Organisation wie ein Ordnungsamt sieht sich mehr oder weniger durch andere Organisationen wie einen Landesgesetzgeber gedrängt, aktiv zu werden und z. B. die zu beobachtende Zunahme von Pizzerien zu regulieren. Diese Regulierungen werden dann von den Mitarbeitern der Ordnungsämter gegenüber den Besitzern von Pizzerien – auch unter Einfluss von Konkurrenten am Markt, die keine Benachteiligung erfahren möchten – durchzusetzen versucht. Aus diesem Druck heraus entsteht innerhalb eines Ordnungsamtes ein Prozess, der einmal die zunehmenden Gründungen von Pizzerien zur Kenntnis nimmt und sodann nach angemessenen Formen der Regulierung der neu aufkommenden Pizzabäckereien sucht. Dieser Prozess wird unter Einbeziehung auch der bereits etablierten Pizzabäckereien so lange fortgesetzt, bis eine praktikable und legitime Lösung gefunden ist, die dann auch schriftlich fixiert wird. Dieses fixierte Dokument stellt in der Folge die Referenzgröße für die Bewertung aller Vorgänge um den Betrieb einer Pizzeria als legitime oder illegitime Vorgehensweise dar (z. B. könnte geregelt werden, wie groß eine Pizza mindestens sein muss, aus welchen Grundstoffen der Pizzaboden beschaffen sein muss, welche Zusatzstoffe ausgewiesen werden müssen, unter welchen Bedingungen die Pizza

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per Hand geformt werden darf, welche Temperatur im offenen Ofen maximal herrschen darf, wo Feuerlöschgeräte aufzustellen sind, wie weit Toiletten entfernt sein müssen etc.). Dieser Prozess der Institutionalisierung spielt sich vornehmlich innerhalb einer Organisation ab und wird von Tolbert und Zucker in einem diachronischen Ablaufmodell beschrieben.49 Dieses Modell geht von einem spezifischen Innovationsdruck aus, der sich z. B. dadurch ergibt, dass in mehreren Städten Pizzerien gegründet werden, die es bislang nicht gab. Es stellt sich damit z. B. für das Ordnungsamt einer Kommune die Frage, ob für diese Pizzerien alte, bislang bewährte Institutionen (die z. B. für deutsche Gaststätten mit in der Küche auf einem Ofen hergestellte traditionelle Kartoffel- und Fleischgerichte galten) auch weiterhin gelten oder ob neue Regelungen geschaffen werden müssen. Es entsteht also eine Phase der Ungewissheit, die z. B. für Pizzabäcker mit erheblichen Risiken verknüpft sein kann. Diese Ungewissheit wird durch den Prozess der Institutionalisierung im Ordnungsamt weitgehend, aber niemals endgültig ausgeräumt (da z. B. nach einer Explosion eines Pizzaofens inmitten eines Lokals beschlossen werden kann, solche offenen Feuerstellen in Restaurants zu verbieten). Prozesse der Institutionalisierung weisen drei zentrale Phasen auf (vgl. Abb. 4). 1. In einer ersten sog. Habitualisierungsphase wird zunächst einmal das neuartige Problem auch gegen potenzielle Widerstände erörtert bzw. theoretisiert. Was ist das Besondere an der Pizza und der Pizzeria? Welche Konsequenzen für den Betrieb einer Pizzeria ergeben sich daraus? Wo ergibt sich neuer Regelungsbedarf (wenn z. B. der Pizzaofen mitten im Restaurant steht oder die Pizzen von ungelernten Verwandten des Besitzers gebacken werden)? In dieser Phase erfolgt eine breite Thematisierung aller relevanten institutionellen Aspekte. Sie geht damit zu Ende, dass vorläufige Lösungsversuche angeboten werden, nachdem über Benchmarks und andere Monitoringverfahren intensiv nach möglichen Regelungen gesucht wurde. 2. In einer zweiten Objektivierungsphase erfährt die vorläufige Regelung eine gewisse Verfestigung in Richtung „to a more permanent and widespread status“.50 Hier orientiert sich das Unternehmen bzw. das Amt einerseits an den normativen Erfordernissen, andererseits aber auch an den Kosten. Dabei ist ein „Trade off“ von Legitimität und Effizienz zu beachten. So wäre es an der Tankstelle vermutlich unzureichend, die Reinigung der Hände nach der Betankung und vor der Ausgabe von Lebensmitteln lediglich durch kaltes Wasser zu ermöglichen; andererseits könnte die Umsetzung von Hygienestandards, wie sie für Zahnärzte definiert sind, in einer Tankstelle als unnötig weitreichend erscheinen. Unter Einfluss etwa von Evaluationsbefunden, von positiven Zwischenergebnissen oder Unters-

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tützungen durch Interessenverbände der Pizzabäcker wird in dieser Phase auf eine finale Fixierung hingearbeitet. 3. In einer letzten Phase der Sedimentierung wird die gewählte, erprobte und als legitim und kostengünstig erachtete Realisierungsalternative fixiert, quasi in Stein gehauen und durch verschiedenste kommunikative Maßnahmen räumlich und zeitlich verbreitet. Dies stellt dann wiederum die Voraussetzung dafür dar, dass Pizzerien sich mehr oder weniger an diesen Regulierungen orientieren. Abbildung 4: Der Prozess der Institutionalisierung nach Tolbert und Zucker51 Markteinwirkungen

Gesetzgebung

Technologischer Wandel

Gesellschaftliche Umwelt

Innovationsdruck

Inertia

Positive Zwischenergebnisse

Habitualisierung

Monitoring ähnlicher Organisationen

Unterstützung seitens des Managements

Objektivierung

Thematisierung (theorizing)

Widerstand vonseiten der Interessengruppen

Sedimentierung

Organisation

Dieses Schema bezieht sich auf die Institutionalisierung einer bestimmten Vorgehensweise (die z. B. auf einer Regel oder einem Gesetz beruht) innerhalb der Organisation, z. B. des Ordnungsamtes. In der ersten Phase wird die neue Handlungsweise immer öfter als potenzielle Lösungsalternative zu den bestehenden Möglichkeiten herangezogen und in einzelnen Pizzerien erprobt. In der zweiten wird sie mit einem Vorbehalt auch auf weitere Organisationen übertragen und in der dritten Phase sodann über Raum und Zeit verbreitet und gefestigt, sie wird zur Selbstverständlichkeit für die Mitarbeiter des Ordnungsamtes ebenso wie für die Kunden.

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Aus der Theorie und dem Modell lässt sich eine Vielzahl von empirischen Fragestellungen ableiten. Bezogen auf die einzelnen Phasen etwa könnten folgende kommunikativen Vorgänge innerhalb einer Organisation analysiert werden: 1. Zu welchem Zeitpunkt setzen bei solchen Innovationen wie der Gründung von Pizzerien, die es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht in der Region gab, innerhalb der Ordnungsämter die geschilderten Institutionalisierungsprozesse ein? Hier wäre es erforderlich, mehrere solcher Institutionalisierungen zu untersuchen und den jeweils herrschenden Innovationsdruck zu bestimmen. Dabei könnte der Druck über Indikatoren wie die Anzahl von bereits etablierten Pizzerien, über die Anzahl von Beschwerden bei Ordnungsämtern oder die Anzahl unerledigter Beantragungen operationalisiert werden. 2. Wie hängt die Geschwindigkeit des Institutionalisierungsprozesses von der Thematisierung des kritischen Objektbereichs oder vom Umfang der Berichterstattung in Medien ab? Anzunehmen ist, dass bei umfänglicher medialer Berichterstattung zu einem Thema die getroffenen Regelungen rascher erfolgen. Bei einer solchen Fragestellung wäre es erforderlich, das Konzept „Umfang der medialen Berichterstattung“ weiter zu analysieren und z. B. den Einfluss einzelner Medien, die Inhalte der Botschaften und die Häufigkeit einzelner Argumente genauer festzustellen. 3. Welche Auswirkungen haben partizipative Strategien in den relevanten Ämtern (operationalisiert etwa über die Mitsprache von Dezernatsleitung, von Personalrat, von Qualitätszirkeln, von Projektmanagern) auf die Dauer des Prozesses? Die Konzepte der Einbettung, des Feldes und der Diffusion verdeutlichen, dass diese kommunikativen Prozesse der Institutionalisierung, also der Ausrichtung an und der Schaffung von Institutionen, sich auf verschiedenen Ebenen abspielen können und ein unterschiedliches Maß an Zeit beanspruchen. Auch der Betreiber der Pizzeria selbst steht vor dem Druck, sich an bestehenden Institutionen auszurichten, ihnen bedingungslos zu folgen, sie in Teilen zu beachten, ihre Beachtung vorzutäuschen oder sie auch gänzlich zurückzuweisen.52 Ein ähnlicher Prozess könnte sich auch in der Küche einer Pizzeria als nächstem Untersystem abspielen, wo etwa bestimmte Arbeitsschutzvorkehrungen wie das Anziehen feuerfester Handschuhe zwar bejaht, aber letztlich doch nicht zur Anwendung gebracht werden.

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4.

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Begegnung, Invention, Verbreitung und Absicherung im organisationalen Feld. Zentrale Konzepte einer raumbezogenen Sozialwissenschaft

Soziales Verhalten wird in der Regel ohne expliziten Raumbezug beschrieben und erörtert. Raum und Zeit werden als gegebene Randbedingungen etwa von politischen Territorien oder sozialen Netzwerken vorausgesetzt, ohne dass jedoch zeitlichen Vollzügen oder räumlichen Verteilungen eine eigenständige Bedeutung zugemessen würde. Dadurch reduziert sich die Betrachtung von Ereignissen meist auf die Fixierung an ein Datum oder einen Ort, ohne dass die zugrunde liegenden Geschehnisse in der Zeit oder über den Raum verteilt zum Gegenstand von Analysen gemacht würden. Im Greifswalder Internationalen Graduiertenkolleg wird der Ansatz verfolgt, Begegnungen und Kontakte in voneinander abgegrenzten Räumen als Ausgangspunkt für neuartige Problemlösungen, Produkte oder Prozesse zu begreifen, die sich sodann zeitlich und räumlich verbreiten, um abschließend in artifiziellen Strukturen abgesichert zu werden und den alltäglichen Lebensstil von Menschen in einer bestimmten Region zu prägen. Geschichte lässt sich damit als eine Abfolge von Begegnung, Invention, Verbreitung und Absicherung begreifen. Wo Begegnung nicht möglich ist, wird sie gesucht und hergestellt. Distanzen und Hindernisse werden überwunden, trennende Abgründe überbrückt, künstliche Grenzen eingerissen und Begegnungsverbote umgangen. All dieser Aufwand wird betrieben, weil Begegnung bereichert und kreativ macht. In der Begegnung von Menschen und Kulturen liegt der Keim der Innovation und des Fortschritts. Wo Begegnung erfolgt und Invention und Innovation entstehen, dort wird auch Verbreitung betrieben. In sozialen Netzwerken wird die Innovation transportiert und verbreitet, wobei dieser Prozess nicht im Sinne einer Welle zu verstehen ist, die sich von einem Epizentrum aus radial verbreitet und mit zunehmender Distanz verebbt. Verbreitung verläuft über Menschen, die sich im Raum bewegen, die Kontakte knüpfen, die die Innovation mitbringen, die sie über Kommunikationskanäle weithin bekannt machen, die andere in direkte Berührung mit der Innovation bringen oder sie darüber informieren. Dieser Verbreitungsprozess stellt ein enorm dynamisches Geschehen im Raum dar und hinterlässt Spuren in Form von Artefakten. Wer von einer neuen Backtechnik erfährt, behält dieses Wissen nicht für sich, sondern gibt es mehr oder weniger gewollt und mit mehr oder weniger zeitlichem Verzug weiter. Dadurch entsteht neuer Bedarf nach Innovation. Die neue Technik erfordert neue Materialien, Werkzeuge und Rohstoffe, erfordert neue Produktionsstätten, erfordert neue Mühlen und Lagerungsmöglichkeiten, erfordert neue Vertriebswege und neue Ausbildungsvorschriften. Die neuartige Backtechnik verlangt nach einer Vielzahl

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von sich ergänzenden Maßnahmen, um den Gewinn aus der Innovation dauerhaft sicherstellen zu können. In der Folge werden Ressourcen und Verfügungsrechte neu verteilt, ordnet sich das Feld der Nutznießer und werden interaktive Strukturen geschaffen, die eine optimale Nutzung der Innovation und ihrer Nachfolgeinventionen ermöglichen. Alle erforderlichen Kontributionen wie Material, Werkzeuge und Wissen werden auf Dauer über normative Regelungen sicher bereitgestellt. Erfolgreiche Innovationen werden auf diese Weise in die bestehenden Lebensformen nachhaltig integriert und verdrängen weniger erfolgreiche Verhaltens- und Organisationsmuster. Wo Verbreitung der Innovation nicht zur nachhaltigen Übernahme führt, kommt es zu keiner neuen Lebensform, bleiben die alten Strukturen erhalten. Diese knappe Beschreibung lässt noch einmal den oben skizzierten Verbreitungsprozess erkennen, der sich über mehrere Stufen abbilden lässt: Etablierung eines positiv besetzten Produkts – kulturelle Ausbreitung des Produkts in einem System – Kontakte über Systemgrenzen hinaus – Übernahme in fremde Kultur – Ausbreitung in der fremden Kultur – Produkt wird in der fremden Kultur Teil eines institutionalisierten Lebensstils. Diese Abfolge der Phasen und der sie tragenden Prozesse kann unterschiedlich in Zeit und Raum erfolgen. Dynamisierende Momente liegen in der Verbreitungsgeschwindigkeit (die z. B. von der Dichte des Netzwerks und den Distanzen im Raum abhängt), aber auch in der Autorität der Sender begründet, die die Neuigkeit verbreiten. Bremsende Momente betreffen z. B. die zu tätigenden Investitionen, Widerstände und damit die mangelnde Sicherheit, dass sich die Neuheit im lokalen Umfeld durchsetzen und absichern lässt. Wo keine Chancen der Rekapitalisierung gesehen werden, kommt die Verbreitung zum Stillstand. Daraus leitet sich auch ab, dass nicht jede Begegnung, nicht jede Überlappung in einem „borderland“ auch zur erfolgreichen Verbreitung von Innovationen beiträgt. Hier ergibt sich weiterer Forschungsbedarf nach differenzierenden Moderatoren oder bahnenden und hemmenden Bedingungen. Anmerkungen 1 2 3

4 5 6

Vgl. M. NORTH, Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen, München 2011. R. DAWKINS, The Selfish Gene, Oxford 1976. J. DRIESNER, Bürgerliche Wohnkultur im Ostseeraum. Stralsund, Kopenhagen und Riga in der Frühen Neuzeit (Wirtschafts- und Sozialhistorische Studien, 18), München 2012. M. OLSCHOWSKI, The Trans-Border Economy of Medieval Cistercian Monasteries in the Southern Baltic Sea Region, in: J. W. I. Lee und M. North (Hg.), Borderlands Studies in Europe and North America (im Druck). S. OTTE, Institutional Adaptation to Cross-Border Health Care in the German-Polish Borderland, in: Studia Maritima, Vol. XXV (2012), S. 269–280. A. HOHN, Austausch, Wandel und Anpassung des deutschen und des polnischen Gesundheitssystems im Deutsch-Polnischen Grenzraum – Themenschwerpunkt: GKV und Zahnersatz, in: Studia Maritima, Vol. XXV (2012), S. 281–291.

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Siehe www.pizzastein-shop.de, Zugriff vom 15.1.2012. Vgl. E. ROGERS, Diffusion of Innovations, 5. Aufl., New York 2003. Vgl. W. O. KERMACK und A. G. MCKENDRICK, A Contribution to the Mathematical Theory of Epidemics, Proc. Roy. Soc. London 1927, A 115, S. 700–721. J. LESKOVEC, L. A. ADAMIC und B. A. HUBERMAN, The Dynamics of Viral Marketing, in: ACM Transactions on the web, 1 (2007), S. 1–16. N. T. J. BAILEY, The Mathematical Theory of Infectious Diseases and its Applications. London 1975. LESKOVEC/ADAMIC/HUBERMAN, The Dynamics of Viral Marketing. L. HUFNAGEL, D. BROCKMANN und T. GEISEL, Forecast and Control of Epidemics in a Globalized World, in: PNAS, 101 (2004), S. 15124–15129. D. BROCKMANN, V. DAVID und A. M. GALLARDO, Human Mobility and Spatial Disease Dynamics, in: C. Chmelik, N. Kanellopoulos, J. Kärger und D. Theodorou (Hg.), Diffusion Fundamentals III, Leipzig 2009, S. 1–27; D. BROCKMANN, V. DAVID und A.M. GALLARDO, Natural Human Mobility Patterns and Spatial Spread of Infectious Diseases, in: Physical Review, X (2011), S. 1–5. Siehe www.wheresgeorge.com, Zugriff vom 10.3.2012. Unter Bezug auf sog. Random Walks für größere Cluster mit kürzeren Distanzen und Levy Flights für kleinere Cluster, aber mit langen Distanzen vgl. R. METZLER und J. KLAFTER, The Random Walk´s Guide to Anomalous Diffusion: A Fraction Dynamics Approach, in: Physics Reports, 339 (2000), S. 1–77; T. GEISEL, Dem Geld auf der Spur: Lévy Walks, Lévy Flights und ihre Verwendung in neuen epidemiologischen Modellen, in: Physik Journal, 8 (2009), S. 51. BROCKMANN/DAVID/GALLARDO, Human Mobility. E. ROSEN, The Anatomy of Buzz: How to Create Word-of-Mouth Marketing, New York 2002. LESKOVEC/ADAMIC/HUBERMAN, The Dynamics of Viral Marketing. Vgl. J. TRAVERS und S. MILGRAM, An Experimental Study of the Small World Problem, in: Sociometry, 32 (1969), S. 425–443. F. M. BASS, A New Product Growth Model for Consumer Durables, in: Management Science, 13 (5) (1969), S. 215–227. BASS, A New Product Growth Model. ROGERS, Diffusion of Innovations. Ebd., S. 5. Vgl. E. ROGERS, M. KINCAID und D. LAWRENCE, Communication Networks: Toward to a New Paradigm for Research, New York 1981. Vgl. E. ARONSON, T. D. WILSON und R. M. AKERT, Social Psychology: The Heart and The Mind, New York 1994; A. FAHR und H.-B. BROSIUS, Meinungsführer und der Zwei-Stufen-Fluss der Kommunikation, in: L. von Rosenstil und P. Frey (Hg.), Psychologie des Marktes, Göttingen 2007, S. 509–531. Vgl. zu Merkmalen erfolgreicher Kommunikatoren W. J. MCGUIRE, Some Internal Psychological Factors Influencing Consumer Choice, in: Journal of Consumer Research, 2 (4) (1976), S. 302–319. Vgl. zur Persuasion R. E. PETTY und J. T. CACIOPPO, The Elaboration Likelihood Model Of Persuasion, in: L. Berkowitz (Hg.), Advances in Experimental Social Psychology, Vol. 19 (1986), S. 123–205. ROGERS, Diffusion of Innovations. Vgl. A. BAVELAS, A Mathematical Model for Small Group Structures, in: Human Organization, 7 (1948), S. 16–30.

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U. THOMS, Von der Migranten- zur Lifestyleküche. Die Karriere der italienischen Küche in Europa, in: European History Online (EGO), hrsg. von Institute for European History (IEG) (2010), online unter: www.ieg-ego.eu/thomsu-2010-de (Zugriff vom 15.3.2012). 32 Vgl. J. SCHLÜRMANN, Kanalschifffahrt auf dem Schleswig-Holstein-Kanal (im Druck). Angaben nach BllPuK 1801, Bd. 1, S. 20. 33 J. SCHLÜRMANN, Die Entwicklung der Kanalschifffahrt auf dem Schleswig-HolsteinKanal, 1785–1800, in: M. Krieger, F. Lubowitz und S. B. Frandsen (Hg.), 1200 Jahre deutsch-dänische Grenze. Aspekte einer Nachbarschaft, Neumünster 2013 (im Druck). 34 Vgl. ausführlich zu solchen Überlappungen D. A. RANDELL, Z. CUI und A. G. COHN, A Spatial Logic Based on Regions and Connection, in: B. Nebel, W. Swartout und C. Rich (Hg.), Principles of Knowledge Representation and Reasoning: Proceedings of the 3rd International Conference, San Mateo, CA 1992, S. 165–176. 35 Vgl. A. PICOT, H. DIETL und E. FRANCK, Organisation: Eine ökonomische Perspektive, 5. Aufl., Stuttgart 2008. 36 R. SCHANK und R. P. ABELSON, Scripts, Plans, Goals and Understanding: An Inquiry into Human Knowledge Structures, New Jersey 1977. 37 W. R. SCOTT, Institutions and Organizations, Thousand Oaks, California 1995, 2008. 38 Ebd. 39 J. W. MEYER und B. ROWAN, Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony, in: The American Journal of Sociology, 83(2) (1977), S. 340–363, hier S. 341. 40 D. STRANG und J. W. MEYER, Institutional Conditions for Diffusion, in: Theory and Society, 22 (4) (1993), S. 487–511. 41 P. J. DIMAGGIO and W. W. POWELL, The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, in: American Sociological Review, 48 (2) (1983), S. 147–160. 42 MEYER/ROWAN, Institutionalized Organizations. 43 DIMAGGIO/POWELL, The Iron Cage Revisited. 44 P. BOURDIEU, Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur 1, Hamburg 1992. 45   Ebd.  46 M. T. HANNAN und J. FREEMAN, Structural Inertia and Organizational Change, in: American Sociological Review, 49 (2) (1984), S. 149–164. 47 ROGERS, Diffusion of Innovations.  48 DIMAGGIO/POWELL, The Iron Cage Revisited. 49 P. S. TOLBERT und L. G. ZUCKER, The Institutionalization of Institutional Theory, in: S. R. Clegg, C. Hardy und Walter R. Nord (Hg.), Handbook of Organization Studies, London 1996, S. 175–190. 50 TOLBERT/ZUCKER, The Institutionalization of Institutional Theory, S. 182.  51 TOLBERT/ZUCKER, The Institutionalization of Institutional Theory. 52 C. OLIVER, Strategic Response to Institutional Processes, in: Academy of Management Review, 16(1) (1991), S. 145–179.

Ortsregister

 

Åbo 56 Ägypten 216f. Alba Iulia (Karlsburg) 60 Alsen 168 Altmark 129 Amsterdam 60 Antwerpen 57–61, 63 Apenrade (Åbenrå) 163, 168 Århus 178, 196 Arktis 145 Arnkiel 168, 170 Aschberg 168 Asien 204 Bad Doberan 55, 215 Baltikum 11, 113f., 117f. 130, 133, 149, 215, 218 Bau (Bov) 163 Bergen 27 Berlin 14, 165ff., 171f., 231 Bornholm 10 Braunsberg 60 Braunschweig 37 Bremen 32, 37, 41f., 119f. Bremen-Hamburg, Erzbistum 120f. Breslau 60 Brest-Litovsk 71 Brieg 61 Broager 170 Brügge 25, 27, 31 Brüssel 29 Brunkeberg 56 Byzanz 78, 203 Cammin (Kamień Pomorski) 213 Cēsis 123 Christianopel 58 Christiansfeld 167 Dänemark 11, 14, 25f., 38, 40, 56, 58ff., 118, 120f., 125f., 128, 135, 164, 166ff., 170, 172, 175, 178, 215, 219 Danzig 55f., 58–62, 129

Dargun 55 Demmin 55 Den Haag 58 Deutsch-dänisches Grenzland 14, 161f., 171 Deutschland 31, 61, 118, 152, 168, 175, 178, 203, 213, 216, 220, 229f., 233, 246 Dorpat (siehe auch Tartu) 22, 41, 120f., 123f., 126, 130, 133 Dortmund 24, 230 Düna 119, 123, 128f. Dünaburg (Daugavpils) 127 Düppel 164, 167f., 170f. Eckernförde 163 Elbing (Elbląg) 60 Emden 58 England 26, 38, 42 Ermland 60 Estland 11, 13f., 113ff., 118–121, 125, 128–133, 143–145, 149, 151f., 154, 175 Etrurien 217 Europa 9, 23, 64, 151, 161, 203f., 218 Finnischer Meerbusen 22, 41 Finnland 10f., 14, 56, 118, 129, 151 Flandern 25f., 38, 123 Flensburg 14, 163–166, 168, 172 Frankfurt 231 Frankreich 26, 38, 203, 217 Fredericia 171 Frederiksborg 58f. Gadebusch 61 Goldingen (Kuldīga) 123 Göteborg 59 Gotland 24, 123 Göttingen 177 Greifswald 22, 55, 57, 62, 124, 175ff., 179, 196, 213, 215, 244 Griechenland 216f. Grimmen 55 Großbritannien 14

250 Güstrow 61f. Hadersleben (Haderslev) 169 Halmstad 58 Hamburg 32, 42, 56f., 62, 124, 230 Harrien (Harju ) 121, 126, 128 Hasenpoth (Aizpute) 126 Heidelberg 230f. Heiliges Römisches Reich 127, 130, 135 Holland 38 Holstein 26, 62, 119, 162 Hven (Ven) 58 Idstedt 14, 163, 165, 171 Indien 203 Ingermanland 129 Island 11 Italien 13, 58, 61, 78, 213, 216, 220, 229f., 233 Kaliningrad 10 Kalmar 59 Kampanien 216 Karelien 128f. Kastilien 38 Kexholm (Käkisalmi, Priosersk) 128 Kiel 62, 162, 168, 171, 179 Kiev 70, 76 Kiever Rus 69f., 75ff., 122ff. Knivsberg 168 Kokenhusen (Koknese) 123 Kolberg (Kołobrzeg) 55 Köln 25, 27, 32, 37, 42, 123 Königsberg (siehe auch Kalingrad) 60, 98 Kopenhagen 14, 26, 40, 55, 58, 164, 171, 215 Kõpu (Köppo) 143 Krakau 22, 41, 60, 74 Krewo 70 Kronborg 58, 61 Krusau (Kruså) 168 Kurland 118–121, 126f., 129, 133 Lassan 56 Lauenburg 61 Leal (Lihula) 121

Ortsregister Leeuwarden 58 Lemsal (Limbaži) 123 Lettgallen 118 Lettland 13, 113ff., 118, 121, 144, 149, 176 Linköping 60 Litauen 10, 13, 69f., 78, 95f., 108, 113, 118ff., 125, 127 Livland 13, 57, 62, 113, 115–135 London 27, 123 Lublin 60, 70, 76 Lübeck 22, 24f., 30, 32, 34, 42, 55ff., 61f., 123f., 213 Lund 119, 121ff., 175 Lyon 121 Magdeburg 76 Mallorca 92 Malmö 55 Mechelen 58, 61 Mecklenburg 26, 61, 175 Memel (Klaipėda) 60, 98 Mitteleuropa 39, 204f. Mittelmeer 214, 216 Moskau 69f., 74–78, 126, 128f. München 231 Münster 37 Narva 123, 126, 128f. Neapel 216f. Neidenburg (Nidzica) 60 New York 69 Niederlande 11, 22, 41, 58ff., 63f., 124 Nimwegen 58 Njasviž 73 Nordamerika 116 Norddeutschland 27, 29, 119, 124, 175f., 179, 230 Nordeuropa 23, 25f., 39, 214, 216 Nordosteuropa 113, 203 Nordschleswig 166–169, 172 Nordsee 24, 26, 55 Norwegen 11, 25, 38, 40, 56, 58f. Novgorod 27, 38, 57, 120, 122ff., 128 Nürnberg 231

Ortsregister Nystad 131 Öland 10 Orient 204, 214 Ösel (Saaremaa) 126, 128 Ösel-Wiek 120f. Osmanisches Reich 203 Ostasien 145 Ostbottnien 10 Ostdeutschland 175 Österreich 14 Osteuropa 14, 27, 39, 72, 116, 203ff., 218 Ostmitteleuropa 14 Ostpreußen 69, 98, 108 Ostsee 10–15, 24, 26, 29, 53, 55–59, 62ff., 69, 113, 119, 123, 129ff., 150, 176f., 182, 196f., 213, 215 Parchim 57 Pelplin 215 Pernau (Pärnu) 128 Pillau (Baltijsk) 60 Pilten (Piltene) 126 Pleskau (Pskov) 120, 122, 124, 128 Polen 10, 38, 60f., 69ff., 76, 79, 99, 108, 118, 129, 203, 205, 213, 215, 218 Polen-Litauen 70f., 74ff., 78, 122, 126–129, 133, 135 Poltava 131 Pommerellen 215 Pommern 55, 61, 130, 175 Portugal 219 Potsdam 167 Prag 203, 205 Preußen 14, 60, 121f., 126 Rendsburg 168 Reval (siehe auch Tallinn) 56f., 62, 123f., 126, 128, 134 Riga 56f., 60, 118, 120–126, 129, 134, 215 Rinkenis (Rinkenæs Sogn) 170 Rom 119, 122, 203 Roskilde 58f. Rostock 22, 57, 62, 213

251 Russland 10, 12, 26, 57, 69, 74, 76ff., 98f., 118, 125, 128f., 131–135, 150f., 203f. Sachsen 24, 119 Sackala 121 Schaulen (Šiauliai) 119 Scheersberg 168 Schlesien 56 Schleswig 162ff., 166ff., 172 Schleswig-Holstein 11, 162, 164, 234 Schottland 38 Schwarzes Meer 69 Schweden 10, 26, 56–59, 61f., 118, 122, 126, 128–132, 135, 143, 145, 175, 180f. Schwedisch-Livland 129 Schwerin 55, 61 Semgallen 118f., 121, 127 Sibirien 145, 151 Siebenbürgen 60 Sizilien 216f. Skamlingsbanken 171 Skandinavien 11, 14, 56f., 119, 123 Smolensk 75, 123 Soest 24 Sonderburg (Sønderborg ) 167, 171 Sowjetunion 11 Spanien 59, 217 St. Petersburg 132 Stargard 56 Stensby 120 Stettin 41 Stockholm 56f., 62, 131, 217 Stolbovo 129 Stralsund 22, 26, 55ff., 62, 213, 215 Straupe (Roop) 123 Süddeutschland 102 Südschleswig 166, 168 Südtirol 233 Sund 26 Systerbäck (Sestra) 129 Tallinn (siehe auch Reval) 124 Tannenberg (Grunwald) 125 Tartu (siehe auch Dorpat) 143, 145, 175

252 Teusina 129 Thorn (Toruń) 60 Tondern (Tønder) 162, 168ff. Traken (Trakai/Troki) 74 Trondenes 56 Tschechische Republik 205 Ugaunien (Ugandi) 121 Ukraine 69f., 76, 118 Uppsala 60, 130, 143, 176, 178, 180, 196 Utrecht 26, 40 Västerbotten 10 Venedig 38 Vereinigte Staaten von Amerika 92, 117, 216f., 223, 229, 239 Viljandi (Fellin) 143 Vilnius (siehe auch Wilna) 106 Visby 24, 123 Viterbo 120 Walk (Valga) 123 Warschau (Warszawa) 74, 77 Wartenburg (Barczewo) 60 Weißrussland 69, 73, 76, 118 Wenden (Cēsis) 123, 128 Wesenberg (Rakvere) 123, 128 Westdeutschland 175 Westeuropa 27, 39, 63, 119, 123, 151 Westfalen 24, 119 Wien 205 Wierland (Virumaa) 121, 126, 128 Wilna (siehe auch Vilnius) 60, 70, 73f., 76 Windau (Ventspils) 123 Wismar 55, 57, 61, 124, 213 Wollin (Wolin) 55 Wolmar (Valmiera) 123f. Würzburg 217, 230f. Žemaiten 70 Zuidersee 22, 41

Ortsregister

Personregister Abulafia, David 116 Adam von Bremen 11 Adamic, Lada A. 224 Adriansen, Inge 163 Albrecht von Hohenzollern, Herzog von Preußen 60 Albrecht, Anna Elisabeth 56 Aleksej Michajlovič, Zar von Russland 76 Alexander der Große 203 Alexander I., Zar von Russland 133 Algirdas, Großfürst von Litauen 73 Andersen, Svend 178f., 182–187, 195, 197 Anderson, Walter 143 Anna von Pommern 61 Annist, August 153 Arbes, Feder Jakub 206 Arukask, Madis 153 Atanazy von Brest-Litovsk 78 Bachtin, Michail 204f. Bäckström, Anders 178, 180f. Barth von Gent 60 Bartlett, Robert 116 Bass, Frank M. 224f. Báthory, Andreas 60 Báthory, Balthasar 60 Báthory, Stephan, König von Polen 60 Bayer, Oswald 184 Berend, Nora 116 Bielke, Ture Nilsson 60 Bismarck, Otto von 168 Bissen, Hans Willhelm 164 Blasius, Leonard 58 Blemke, Eduard 60 Blocke, Abraham van den 58, 60 Blocke, Isaak van den 58 Blocke, Willem van den 58, 60 Bodecker, Valentin 60 Bodin, Jean 193 Boeckel, Peter 61 Bonhoeffer, Dietrich 190

Bonsdorff, Jan von 57 Bourdieu, Pierre 238f. Brahe, Tycho 58 Brandin, Philipp 61 Brockmann, Dirk 222f. Brüggenei, Hermann von 126 Bugenhagen, Johannes 125 Buxhoeveden, Albert von 119ff. Buxhoeveden, Hermann von 121 Campen, Jacob van 60 Causey, Andrew 116 Charisius, Jonas 59 Chesterman, Andrew 90 Chmel’nyc’ky, Bohdan 78 Christaller, Walter 53 Christian I., König von Dänemark 163 Christian III., König von Dänemark 59 Christian IV., König von Dänemark 58f. Christoph, Herzog von Mecklenburg 61 Čiževskij, Dmitrij 210 Clauß, Ludwig Ferdinand 152 Coppens, Robert 61 David, Vincent 223 Davie, Grace 14, 176, 182 Davies, Norman 78 Dawkins, Richard 214 De Besche, Familie 59 Dickmann, Ägidius 60 DiMaggio, Paul J. 238, 240 Dircksen, Jan 58 Dmitrij von Rostov 78 Dollinger, Philippe 23, 25f., 31 Düren, Statius von 61 Ebeling, Gerhard 178 Einstein, Albert 204 Eisen, Johann Georg 133 Elert, Werner 177, 195 Elisabeth von Dänemark 61 Elisabeth Wasa 61 Ellemann-Jensen, Uffe 11

254 Engholm, Björn 11 Falck, Jeremias 60 Floris, Cornelis 59f. Franck, Thomas 39 Franzos, Karl Emil 204 Freud, Sigmund 206 Frick, David 74 Friedrich I., König von Dänemark 59 Friedrich II., König von Dänemark 59, 61 Friedrich II., Römisch-Deutscher Kaiser 120f. Friedrich Karl, Prinz von Preußen 167 Friedrich VII., König von Dänemark 167 Galen, Heinrich von 126 Gallardo, Alejandro Morales 223 Gedeminas, Großfürst von Litauen 73 Genscher, Hans-Dietrich 11 Glaubitz, Johann Christoph 73 Gøje, Birgitte 59 Gotthard Kettler, Herzog von Kurland 127 Graichen, Gisela 40 Grünthal-Ridala, Villem 151f. Gustav II. Adolf, König von Schweden 129f. Habermas, Jürgen 178, 183, 189f., 193 Halecki, Oskar 69, 78 Hálek, Vítězslav 206 Hammel-Kiesow, Rolf 31ff., 40f. Hansen, Klaus P. 72 Hasselblatt, Cornelius 154 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 203 Heinrich Borwin II., Fürst zu Mecklenburg 61 Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen 123 Heinrich VII., Römisch-Deutscher Kaiser 121 Helgesen, Hans 165 Hellmann, Manfred 78 Hirsch, Emanuel 187f., 190 Holl, Karl 179, 190, 192, 195f.

Personenregister Hondius, Willem 58 Huberman, Bernardo A. 224 Hufnagel, Lars 222 Huntington, Samuel Phillips 143 Innozenz III., Papst 119f. Ivan IV., Zar von Russland 126, 128 Jakob I., König von England 41 Jakobson, Carl Robert 151 Johann Albrecht I., Herzog von Mecklenburg 61 Johann III., König von Schweden 60f. Junge, Familie 57 Kant, Immanuel 184, 190, 205 Kaplinski, Jaan 153 Karl IX., König von Schweden 128f. Karl XI., König von Schweden 130f. Kasimir von Litauen 73f. Katharina II., Zarin von Russland 71, 132f. Kaufmann, Thomas 177, 195 Keyser, Hendrik de 59 Klementas, Antanas 108 Klüter, Helmut 54, 62 Knopken, Andreas 125 Koch, Walter A. 101 Körner, Theodor 163 Kramer, Hans 60 Krogh, Gerhard Christoph von 164 Krom, Michail M. 75 Krommeny, Cornelius 61 Kruus, Hans 148 Lacan, Jacques 206 Læssøe, Frederik 165 Lehmann, Orla 164 Leibniz, Gottfried 191 Leptzow, Henning 57 Leskovec, Jure 224 Liebsch, Burkhard 194 Ligi, Priit 153 Loit, Aleksander 153 Loorits, Oskar 13f., 143–154 Luhmann, Niklas 54f.

Personenregister Luther, Martin 126, 175, 178f., 182ff., 188f., 192, 196f. Mácha, Karel Hynek 15, 206, 208, 210f. Mander, Karel van 59 Mann, Thomas 204 Martínez, Oscar J. 115 Marx, Karl 204 Masing, Uku 153 Meer, Willem van der 60 Meillet, Antoine 101 Meinhard 119 Meister Bertram 57 Meister Franke 56f. Mengden, Engelbrecht von 130 Merkel, Garlieb 150 Meyer, John W. 237 Mickiewicz, Adam 206 Mindaugas I., Großfürst von Litauen 120 Møller, Christmas 171 Moora, Harri 148, 153 Mozart, Wolfgang Amadeus 205f. Mukařovský, Jan 206f. Neddens, Christian 177 Neruda, Jan 206 Nissen, Arndt Georg 170 Notke, Bernt 56 O’Donovan, Oliver 185, 191 Obberghen, Anthoni van 58, 60 Pac, Familie 73 Parr, Franz 61 Päts, Konstantin 143, 145 Peter I., Zar von Russland 132 Piatti, Barbara 14 Pitz, Ernst 33f. Popper, Karl 86–95, 100, 106, 109 Powell, Walter W. 238, 240 Preul, Reiner 179ff., 192, 197 Puškin, Alexandr 206 Radziwiłł, Familie 73 Rawls, John 178, 183–186, 190, 193f. Reinier van Amsterdam 60 Ringsted, Henrik 164, 171

255 Rjurikiden, Dynastie 74 Rogers, Everett 225, 227f., 239 Rosen, Emanuel 224 Rowan, Brian 237 Rubenow, Heinrich 57 Russell, John 40 Sapieha, Familie 73 Schardt, Jan Jorisz van der 58 Schiller, Friedrich 208 Schlegel, Friedrich 210f. Schleppegrell, Friderich Adolph von 165 Schlögel, Karl 9 Schmidt, Johannes 101 Schoultz, Karl Friedrich 133 Schubart, Walter 204 Schweidler, Walter 190f. Scott, W. Richard 235f. Ševčenko, Taras 206 Sigismund II., König von Polen 126f. Skaryna, Francysk 78 Sladkovský, Karel 204 Söderblom, Nathan 197 Sokrates 211 Steenwinckel, Hans van (der Ältere) 58 Steenwinckel, Hans van (der Jüngere) 58 Steenwinckel, Laurens van 58 Steinitz, Wolfgang 144 Stockmann, Rudolf 62 Stökl, Günther 152 Strang, David 237 Strohm, Christoph 195f. Sture, Margaret Svantesdotter 60 Sture, Sten 56 Suits, Gustav 151 Tångeberg, Peter 56 Taube von, Arved 149 Theißen, Henning 179 Theoderich 119 Tiitus, Romulus 144 Tolbert, Pamela S. 241f. Tolstoj, Lev 204 Trillhaas, Wolfgang 180

256 Troeltsch, Ernst 195f. Trolle, Herluf 59 Turner, Frederick Jackson 116 Ulrich III., Herzog von Mecklenburg 61 Ulrich, Hans G. 184, 190 Veckinchusen, Hildebrand 124 Visscher, Clas Jansz 58 Voltaire (François-Marie Arouet) 15 Vries, Adriaen de 59 Vries, Hans Vredeman de 58ff. Vytautas, Großfürst von Litauen 73 Waldemar I., König von Dänemark 122 Waldemar IV., König von Dänemark 25f., 40 Weber, Max 185 White, Richard 116 Wilhelm I., Deutscher Kaiser 169f. Wilhelm IV., König von Preußen 165 Wilhelm von Modena 121 Willer, Peter 60 Wittgenstein, Ludwig 93 Wolff, Larry 14, 205 Wrangel, Friedrich Heinrich Ernst Graf von 165 Zucker, Lynn G. 241f.

Personenregister