Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels „Wissenschaft der Logik“ 9783787339020, 9783787339013

Das Problem, das in dieser Arbeit behandelt wird, ist kein geringeres als die Frage nach dem spekulativen Übergang der (

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Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels „Wissenschaft der Logik“
 9783787339020, 9783787339013

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HEGEL-STUDIEN BEIHEFT 70

Georg Oswald

Das freie Sich-Entlassen der ­logischen Idee in die Natur in Hegels Wissenschaft der Logik

HEGEL-STUDIEN



Beiheft 70

In Verbindung mit Walter Jaeschke und Ludwig Siep herausgegeben von Michael Quante und Birgit Sandkaulen

FELIX MEINER VERL AG HAMBURG

Georg Oswald

Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels Wissenschaft der Logik

FELIX MEINER VERL AG HAMBURG

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar. ISBN 978-3-7873-3901-3 ISBN eBook 978-3-7873-3902-0

Umschlagabbildung: © Ruth Tesmar / VG Bild-Kunst 2020 © Felix Meiner Verlag Hamburg 2020. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspei­cherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, ­soweit es nicht §§  53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Satz: Jens-Sören Mann. Druck: Beltz, Bad Langensalza. Werk­ druck­­papier: alterungsbeständig nach ANSI-Norm resp. DIN-ISO 9706, hergestellt aus 100% chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Printed in Germany.

Inhalt Zur Zitierweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee . . . . . . . . . . . . 25 1.1 Das Leben in der endlichen Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 1.2 Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . 35 1.2.1 Das theoretische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 1.2.2 Das praktische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2. Der Inhalt der absoluten Idee vor dem ­Hintergrund der Entwicklung der praktischen Idee zur absoluten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3. Die spekulative Methode im argumentativen und systematischen Kontext der Logik und der philosophischen Wissenschaften . . . . . . . . . . . . 67 3.1 Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik . . . 71 3.2 Die Prinzipien des spekulativen Begreifens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 3.3 Drei Lesarten des logischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 4. Vorbereitung auf den Übergang: Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 4.1 Die Geschlossenheit des logischen Systems: Begriff und Subjektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 4.2 Die Offenheit des logischen Systems: Subjektivität und Objektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 5. Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . 133 5.1 Probleme der inner- und außerlogischen Interpretation des Übergangs der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 5.2 Der innerlogische Übergang der logischen Idee in die Natur . . . . . . 145

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Inhalt

5.2.1 Die logische Idee im Spannungsfeld von subjektiver und objektiver Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 5.2.2 Hegels Kritik an alternativen Deutungen des innerlogischen Übergangs der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 5.2.3 Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur . . . . 174 6. Die zweite Bekanntschaft mit der logischen Idee in der Realisierung der absoluten Idee in der Natur und im Geist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205

Zur Zitierweise Hegels Werke werden, soweit möglich, nach der Ausgabe der Gesammelten Werke der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften mit GW |  Leerzeichen  | Band | Doppelpunkt | Leerzeichen | Seite(n)  zitiert. Nach diesem Schema steht »GW 12: 399« für: »Hegel, G. W. F.: Wissenschaft der Logik. Bd. 2: Die subjektive Logik, in: Gesammelte Werke, Bd. 12, hrsg. v. Friedrich Hoge­mann und Walter Jaeschke, Hamburg 1981, S. 399«. Parallelstellen aus der Theorie-Werkausgabe folgen dem Zitationsschema TW | Leerzeichen | Band | Doppelpunkt | Leerzeichen | Seite(n). Nach diesem Schema steht »TW 6: 572« für »Hegel, G. W. F.: Wissenschaft der Logik II. Erster Teil. Die objektive Logik. Zweites Buch. Zweiter Teil. Die subjektive Logik, in: Werke in 20 Bänden mit Registerband, Bd. 6, hrsg. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt a. M. 1986, S. 572« und ist die Parallelstelle zu »GW 12: 399«. Ausführlichere Hinweise zu Siglen und Zitierweise finden sich im Literaturverzeichnis.

Einleitung

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ie vorliegende Untersuchung verweist bereits mit ihrem Titel Das freie SichEntlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels »Wissenschaft der Logik« auf das zentrale Problem und den Diskussionsrahmen der Untersuchung. Dieses Problem ist kein geringeres als die Frage nach dem spekulativen Übergang1 der (spekulativ gedachten) Logik 2 in die Natur, wie sie von Hegel in den letzten beiden Absätzen seiner Wissenschaft der Logik (WdL; Große Logik) bekanntermaßen aufgeworfen wird.3 Die Tatsache, dass Hegel diesen Übergang dabei nur andeutet, wirft interpretatorische Fragen auf, die auf ein generelles Interpretationsproblem der hegelschen Philosophie hinweisen und denen im Verlauf der Untersuchung sukzessive nachgegangen werden soll. Dazu gehören beispielsweise die Frage nach der inner- oder außerlogischen Beschaffenheit des Übergangs und die Frage, warum Hegel zunächst explizit von »Übergang« spricht, diesen Ausdruck aber kurz darauf wegen seiner seinslogischen Bedeutung wieder relativiert und umdeutet. Auf entsprechende Fragen den Fokus zu richten und ein Problembewusstsein für das ihnen zugrundeliegende Sachproblem zu entwickeln, ist nicht nur für die Beantwortung der Frage nach dem Übergang von zentraler Bedeutung. Vielmehr kann der Übergang selbst als Begründung für die Programmatik der Realphilosophie gelesen werden, da die Entwicklung der Logik in die Natur im Rahmen der WdL zugleich Auskunft darüber gibt, wie eine Natur- und Geistphilosophie hegelscher Provenienz zu denken ist. Wenn in dieser Untersuchung von »Übergang« gesprochen wird, ist damit immer der spekulative Übergang gemeint, wie er am Ende der Wissenschaft der Logik vollzogen wird. Um ihn vom Übergang in der strengen, nämlich seinslogischen Bedeutung zu unterscheiden, wird dieser Übergang »seinslogischer Übergang«, jener einfach nur »Übergang«, gelegentlich auch »spekulativer Übergang« oder »spekulativ-logischer Übergang« genannt werden. 2 Wenn von »Logik« die Rede ist, dann ist immer die spekulative Logik gemeint, wie sie von Hegel u. a. in der Großen Logik – Wissenschaft der Logik (WdL) – und Kleinen Logik – im ersten Teil der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (Enzyklopädie) – gedacht und niedergeschrieben wurde, aber auch (z. T. mit größeren Modifikationen) aktualisiert oder neu ausgearbeitet werden kann. Was für diese Logik als Wissenschaft gilt, gilt auch für ihre Sätze. So verstehe ich im Folgenden unter einem »logischen Satz« einen Satz, wie er in einer Logik spekulativer Prägung formuliert werden kann und auch von Hegel in seiner WdL formuliert dasteht. Die Frage, wie sich (spekulativ-)logische Sätze von formal-logischen oder gewöhnlichen Sätzen unterscheiden, wird in der vorliegenden Untersuchung zu diskutieren sein. Vgl. hierzu insb. Kapitel 3.1. 3 Vgl. GW 12: 399 = TWA 6: 572 f. 1

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Einleitung

Dass für die vorliegende Untersuchung der Titel Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels »Wissenschaft der Logik« und kein anderer gewählt wurde, 4 lässt vermuten, dass der Titel eine Interpretation und These der allgemeinen Problematik hinsichtlich des Übergangs der logischen ›Sphäre‹5 in eine nicht-rein-logische transportiert. Der Titel nimmt im Hinblick auf die Übergangsproblematik nämlich mehrere wichtige Einschränkungen vor, die teils inhaltlich, teils pragmatisch begründet sind: 1) Zu behaupten, dass die (spekulative) Logik in die Natur übergeht oder sich frei entlässt, ist zwar nicht ›falsch‹, aber durchaus undifferenziert, weil die Bedeutung des Ausdrucks »Logik« ohne nähere Angaben und vor dem Wortfeld von »Natur« und »frei« zu abstrakt und unspezifisch ist. 2) Zu behaupten, dass die absolute Idee in die Natur übergeht oder sich frei entlässt, ist mithin heikel, weil die Extension des Begriffs der absoluten Idee weiter gefasst ist als der Begriff der Logik und der Begriff der logischen bzw. reinen Idee, mit ihnen also nicht dieselbe Semantik teilt. 3) Von einem Übergang der logischen Idee in die Natur zu sprechen, ist ebenfalls problematisch, weil Hegel zwar im letzten Satz des vorletzten Absatzes der WdL von einem »Übergang« spricht, der nur noch angedeutet zu werden braucht, aber im zweiten sich daran anschließenden Satz sogleich bemerkt, dass dieser Übergang nicht seinslogisch zu interpretieren ist und somit keinen Übergang im strengen Sinn darstellt.6 Der Übergang ist vielmehr ein freier und notwendiger. 4) Von einem (freien) Entschluss der logischen Idee zur Natur zu sprechen, ist unproblematisch, setzt aber den Akzent auf den methodischen Fortgang in der Realphilosophie, nicht aber auf ihren in der logischen und reinen Idee grundgelegten Anfang. 5) Um den Notwendigkeitscharakter des Übergangs und sein Vermittlungsproblem mit der Freiheit zu betonen, wurde der Begriff »Natur« im Titel stehen gelassen. Interpretatorisch spezifischer als der Begriff »Natur« sind die Begriffe »Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit« und »äusserliche Idee«.7 Aber eine allzu spezifische Eingrenzung der Natur auf ihre ersten beiden Begriffe – »Raum« und »Zeit« – könnte den für die hier zu verteidigenden Thesen nach Etwa: Der Übergang der logischen Idee in die Äußerlichkeit des Raumes und der Zeit in Hegels »Wissenschaft der Logik«; Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die äußerliche Idee in Hegels »Wissenschaft der Logik«; Der freie Entschluss der Logik zur Natur usw. 5 Hier folge ich Hegels Sprachgebrauch in den letzten beiden Absätzen der WdL und verstehe unter »Sphäre« einen Teil des (spekulativ-)philosophischen Systems. Zum Begriff der Sphäre bei Hegel vgl. auch Nuzzo, Angelica: »Die Differenz zwischen dialektischer Logik und realphilosophischer Dialektik«. In: Probleme der Dialektik, hrsg. v. Dieter Wandschneider. Bonn 1997, 52 – 77, insb. 62. 6 Vgl. GW 12: 400 = TWA 6: 573. 7 GW 12: 400 = TWA 6: 573. 4

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teiligen Anschein erwecken, als ob es in der vorliegenden Untersuchung um eine konzentrierte Interpretation dieser Begriffe mit Rekus auf die logische Idee ginge oder (schlimmer) als ob sich die logische Idee nur auf diese ersten beiden naturphilosophischen Begriffe bezöge. Zwar wird erklärt und vor dem Hintergrund der eigenen Interpretation in Ansätzen begründet, wie Raum und Zeit als Begriffe auf Grundlage der logischen Idee gedacht werden müssen und wie sie im Hinblick auf reine und endliche Subjektivität zu deuten sind.8 Der Fokus der Untersuchung bleibt allerdings beim allgemeinen Verhältnis der logischen Idee und dem, was ihr folgt: die Natur- und Geistphilosophie. Den Begriff »Natur« schlicht durch »äußerliche Idee« zu substituieren, könnte zwar den für die in dieser Untersuchung aufgestellten Thesen vorteilhaften Effekt nach sich ziehen, dass einerseits das absolute Urteil der absoluten Idee auf diese Weise adäquat wiedergegeben worden wäre und dass andererseits die Natur und der Geist unter dem Begriff »äußerliche Idee« subsumiert werden könnten. Der Nachteil einer solchen Substitution bestünde aber darin, dass neben der reduzierten Akzentuierung des Notwendigkeitsaspekts zugleich der Eindruck entstehen könnte, als ob alle Äußerlichkeit Idee und alles Begreifen spekulativ wäre und als ob es in der Realphilosophie keinen Platz für endliche Erkenntnis gäbe.9 6) Zuletzt ist mit Blick auf die im Titel erwähnte Einschränkung auf Hegels WdL zu erwähnen, dass für die Diskussion des Übergangs, wie er von Hegel im ersten Teil der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (Enzyklopädie) mit ihren drei Auflagen (1817/1827/1830) gedacht wird, kein Platz bleibt. Für diese Einschränkung sprechen mindestens drei Gründe: Erstens arbeitet die vorliegende Interpretation des Übergangs äußerst textnah und nimmt an einigen Stellen die Form eines philologisch-philosophischen Kommentars an, der sprachliche Nuancierungen dezidiert in den Blick nimmt, um die subtile und komplexe Argumentationsstruktur, in die die Übergangspro­ blematik eingebettet ist, freizulegen und differenziert zu erörtern. Zweitens verweist der Text der detailliert ausgearbeiteten Großen Logik auf eine dem Inhalt und der Form nach in sich geschlossene und eigenständige Schrift hin, der es bei der Interpretation Rechnung zu tragen gilt. Drittens läuft eine vorschnelle Gleichsetzung der Großen Logik mit der Kleinen Logik Gefahr, Entdifferenzierungen vorzunehmen und so den Blick für ihre Unterschiede zu verlieren. Umgekehrt gilt also, dass die Korrelation beider Schriften – sei es zum Zweck der Ergänzung und Bestätigung einer bestehenden Argumentation oder zum Zweck der Schließung von Argumentationslücken – eine eigenständige Interpretation Diese Frage stellt sich u. a. Anton Friedrich Koch in: Koch, Anton Friedrich: Die Evolution des logischen Raums. Aufsätze zu Hegels Nichtstandard-Metaphysik. Tübingen 2014, 187 – 217. 9 Für die These, dass aus dem hegelschen System nichts dergleichen folgt, wird am Ende dieser Untersuchung –Kapitel 6. – argumentiert werden. 8

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beider Schriften und Systemteile voraussetzt. Zusammengefasst geht also die vorliegende Untersuchung von der Hypothese aus, dass alles, was Hegel an ›Ressourcen‹ für ein hinreichendes Verständnis des Übergangs bereitgestellt und für wichtig erachtet hat, sich in der Großen Logik finden lässt. In diesem Sinne lässt sich die Konzentration der Untersuchung auf die Große Logik durchaus als Stärke ansehen, wenn es ihr zu zeigen gelingt, dass die Übergangsproblematik auf Basis eben dieses Textes zufriedenstellend rekonstruiert und aufgelöst werden kann. In einem solchen Fall können ihre Resultate ferner und zugleich zum Ausgangspunkt für einen interpretatorischen Vergleich des Übergangsproblem in der Großen Logik und in der Kleinen Logik genommen werden. Bis hierhin ist festzuhalten, dass der Titel der vorliegenden Untersuchung nicht nur ein generelles Interpretationsproblem der hegelschen Philosophie benennt, sondern zugleich eine Antwort impliziert und es textuell einschränkt. Um die ganze Bedeutung dieses Titels zu ermessen, reicht es jedoch nicht aus, lediglich die darin enthaltenen Begriffe semantisch zu bestimmen. Sie lässt sich auch nicht ausschließlich philosophiehistorisch oder gar durch fachkulturelle ›Trends‹ erschließen, sondern fußt auf einem Sachproblem, das der Interpretation der hegelschen Philosophie fest eingeschrieben ist. Dieses Sachproblem zu begreifen, um die Bedeutung des Übergangs (und mithin des Untersuchungstitels) zu verstehen, ist für die spekulative Philosophie hegelscher Prägung wie auch für die eigene Untersuchung von größter Relevanz. Es lässt sich auf die Frage zuspitzen, wie sich genuin reine und logische Begriffe zu solchen verhalten, die es nicht sind, und in welcher Beziehung beide Begriffsklassen zueinander sowie zum weltlichen Sein stehen. Ein solches Problem ist zunächst einmal ein von Hegel unabhängiges Problem, zu dem sich Hegel auf seine eigene Art und Weise positioniert.10 10

Ausgehend von diesem Sachproblem können Forschungsrichtungen unterschieden werden. Durch Arbeiten u. a. von Pippin, Brandom, Stekeler-Weithofer, Grau, Berto u. v. m. sind in den letzten Jahrzehnten erkenntnistheoretische und semantische Fragen die Logik betreffend in den Vordergrund gerückt. (Vgl. Pippin, Robert: Hegel’s Idealism. The satisfaction of Self-Consciousness. Cambridge 1989; Brandom, Robert: »Sketch of a Program for a Critical Reading of Hegel. Comparing Empirical and Logical Concepts«. In: Internationales Jahrbuch des deutschen Idealismus, 3 (2005), 131 – 161; Stekeler-Weithofer, Pirmin: Hegels Analytische Philosophie. Die Wissenschaft der Logik als kritische Theorie der Bedeutung. Paderborn 1992; Grau, Alexander: Ein Kreis von Kreisen. Hegels postanalytische Erkenntnistheorie. Paderborn 2001; Berto, Francesco: »Hegel’s Dialectics as a Semantic Theory: An Analytic Reading«. In: European Journal of philosophy, 15 (2007), 19 – 39.) Prominent vertreten wird auch die ontologische Lesart der Logik, die nicht zuletzt von der These der Theorie der Voraussetzungslosigkeit des Denkens Gebrauch macht. Hierzu zählen Interpretationen von Horstmann, Maker, Hösle, Martin, Winfield, Houlgate u. v. m. (Vgl. Maker, William: Philosophy without Foundations: Rethinking Hegel. Albany 1994; Hösle, Vittorio: Hegels Sys­tem. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität. Hamburg 1988; Martin, Christian Georg: Ontologie der Selbstbestimmung: eine

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Anders als z. B. bei der Frage nach dem logischen Anfang hat es sich die Hegel-Forschung in der Vergangenheit schwergetan, Beiträge in Form von Monografien, Kommentaren und Aufsätzen zu liefern, die komplexe und zugleich konsensfähige Interpretationsvorschläge mit Blick auf das Übergangsproblem präsentieren können. Zu heuristischen Zwecken lässt sich die in Monographien, Kommentaren und Aufsätzen ausgearbeitete Forschungsliteratur zum Thema grob in drei Klassen von Interpretationsansätzen einteilen: Der historisch-rekon­ struierende Interpretationsansatz hat zum Ziel, eine philosophische Theorie oder einzelne ihrer Theoreme ausgehend von Verweisen, die der Text der Leserschaft entweder expressis verbis gibt oder ihr zumindest nahelegt, mittels einer quellen-kritischen Untersuchung inhaltlich zu rekonstruieren.11 Der werk- bzw. system-rekonstruierende oder auch »immanent-rekonstruierend«12 zu nennende Interpretationsansatz wiederum formuliert allgemeine Sachprobleme, auf die die Textinterpretation (teils in minutiöser Genauigkeit) hin befragt und geprüft werden kann. Ein solcher Ansatz argumentiert vorrangig auf Grundlage von Prämissen, die der werk- oder systemspezifischen Programmatik entnommen werden können.13 Der frei-rekonstruierende Interpretationsansatz schließlich unterscheidet sich von den vorhergehenden Ansätzen durch seine textuelle Distanz und seine theoretische Flexibilität. Im Vordergrund dieses Ansatzes steht ein philosophisches Sachproblem, das mittels anderer philosophischer oder nicht-philosophischer Theorien erläutert werden kann.14

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operationale Rekonstruktion von Hegels »Wissenschaft der Logik«. Tübingen 2012; Winfield, Richard Dien: »Conceiving Reality Without Foundations: Hegel’s Neglected Strategy For Realphilosophie«. In: The Owl of Minerva, 15/2 (1984), 183 – 198; Winfield, Richard Dean: Overcoming Foundations. Studies in Systematic Philosophy. New York 1989; Houlgate, Stephen: The Opening of Hegel’s Logic. From Being to Infinity. West Lafayette 2006.) Vgl. z. B. Düsing, Klaus: Das Problem der Subjektivität in Hegels Logik: systematische und entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen zum Prinzip des Idealismus und zur Dialektik. Bonn 1976; Kimmerle, Heinz: Das Problem der Abgeschlossenheit des Denkens: Hegels »System der Philosophie« in den Jahren 1800 – 1804. Bonn 1970. Vgl. Martin:2012, 19 – 21. Vgl. z. B. Wandschneider, Dieter: Grundzüge einer Theorie der Dialektik. Rekonstruktion und Revision dialektischer Kategorienentwicklung in Hegels »Wissenschaft der Logik«. Stuttgart 1995; Schick, Friedrike: Hegels Wissenschaft der Logik – metaphysische Letztbegründung oder Theorie logischer Formen. Freiburg/München 1994; Horstmann:1990; Pippin:1989; Falkenburg, Brigitte: Die Form der Materie: zur Metaphysik der Natur bei Kant und Hegel. Frankfurt a. M. 1987; Reisinger, Peter: »Modelle des Absoluten«. In: Oikeiosis. Festschrift für Robert Spaemann, hrsg. v. Reinhard Löw. Weinheim 1987, 225 – 249; Henrich, Dieter: »Formen der Negation in Hegels Logik«. In: R.-P. Horstmann (Hrsg.): Seminar: Dialektik in der Philosophie Hegels. Frankfurt 1978, 213 – 229; Fulda, Hans-Friedrich: Das Problem einer Einleitung in Hegels Wissenschaft der Logik. Frankfurt a. M. 1975. Vgl. bspw.: Koch:2014; Martin:2012; McDowell, John Henry: Having the World in View: Essays on Kant, Hegel, and Sellars. Cambridge (MA) 2009; Brandom:2005; Brandom, Robert:

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Diese Einteilung der Interpretationsansätze soll keinesfalls suggerieren, dass sich die Forschung de facto stets nur für einen Zugang entscheidet. Vielmehr erfolgt die Interpretation in den meisten Fällen grenzübergreifend, lässt dabei aber häufig genug eine Favorisierung einer der drei Ansätze erkennen. Für die vorliegende Untersuchung ist die vorangestellte Einteilung deshalb wichtig, weil der hier verfolgte Interpretationsansatz den Schwerpunkt auf eine immanente Rekonstruktion der Theorie legt, von der immer dann zur historischen oder freien Rekonstruktion abgewichen wird, sobald Desiderate entstehen, die ausgehend von einer immanenten Rekonstruktion nur schwer geschlossen werden können. Generell gesprochen hat der hier favorisierte methodische Zugriff auf den Text die unbedingte Pflicht, die zu diskutierenden und erläuternden Probleme im enggesteckten Rahmen der programmatischen Teile der zu rekonstruierenden Theorie zu interpretieren, an denen sich nicht zuletzt ihr Anspruch und ihre Ausführung bewerten lassen müssen. Mit Blick auf die Übergangsproblematik bedeutet dies, dass diese nur dann sinnvoll erklärt werden kann, nachdem klar geworden ist, in welchem Problemkreis sie sich bewegt und vor welche Herausforderungen Hegel sie stellt.15 Ein solches Problembewusstsein am Text zu entTales of the Mighty Dead: Historical Essays in the Metaphysics of Intentionality. Cambridge (MA) 2002; Stekeler-Weithofer:1992a. 15 In eben diesem Punkt erweisen sich viele Lösungsvorschläge als unbefriedigend, wenn sie in Form von Aufsätzen präsentiert werden. So könnten bspw. die Ansätze von Wolfgang Neuser und Dieter Wandschneider unterschiedlicher kaum sein: Während Neuser den Übergang und seine Entwicklung bewusstseinstheoretisch deutet und sie sogar in Analogie zur Phänomenologie des Geistes setzt, stellt Wandschneider den methodischen Aspekt in den Vordergrund, ohne dem von Hegel prominent hervorgehobenen Begriff der (reinen und übergreifenden) Subjektivität eine allzu große Bedeutung beizumessen. (Vgl. Neuser, Wolfgang: »Das Anderssein der Idee, das Außereinandersein der Natur und der Begriff der Natur«. In: Logik, Mathematik und Naturphilosophie im objektiven Idealismus. Festschrift für Dieter Wandschneider zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Vittorio Hösle und Wolfgang Neuser, Würzburg 2004, 39 – 49, insb. 40 und 42 f.; Wandschneider, Dieter und Hösle, Vittorio: »Die Entäußerung der Idee zur Natur und ihre zeitliche Entfaltung als Geist bei Hegel«. In: Hegel-Studien 18 (1983), 173 – 199.) Ein ähnliches Problem, die Übergangsproblematik in ihrer Komplexität zufriedenstellend in Form eines Aufsatzes zu rekonstruieren, zeigt sich auch dann, wenn die Rekonstruktion der Übergangsproblematik vor dem Hintergrund ihrer Kritik geführt wird. Wie bspw. der vielzitierte Aufsatz von Stephen Houlgate und der jüngst erschienene Beitrag von Ermylos Plevrakis deutlich vor Augen führen, ist die Last, eine werkimmanente und exegetisch abgesicherte Rekonstruktion des Übergangproblems auf Basis einer Schellingkritik zu leisten, sehr groß. Das Problem liegt schon im Ansatz: Ein Vergleich zwischen Schelling und Hegel setzt zunächst einmal eine differenzierte Darstellung der jeweiligen Positionen voraus. Nicht nur wird aber Schellings ohne Berücksichtigung seiner eigenen Programmatik verkürzt (und z. T. trivialisierend) dargestellt, sondern es werden auch Positionen in Bezug auf Hegel und die Übergangsfrage diskutiert und verteidigt, die nicht hinreichend genug problematisiert werden. Als Beispiel sei Plevrakis These – u. a. gegen Martin – erwähnt, dass die Naturphilosophie als Idee des Lebens zu lesen sei. Begründet wird diese These durch den Monismus der Idee, den Plevrakis offen-

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wickeln, setzt eine Interpretation der gesamten WdL nicht zwingend voraus, weil eine solche Interpretation allzu schnell Gefahr liefe, den Schwerpunkt dieser Untersuchung zu unterlaufen und ihre Zielsetzung zu verändern. So bliebe zwar die Option übrig, die Übergangsproblematik vor dem Hintergrund der gesamten Begriffslogik zu rekonstruieren und dabei einzelne Entwicklungsschritte – v. a. innerhalb des Subjektivitäts- und Objektivitätsabschnitts – summarischen wiederzugeben. Aber hier würde sich sogleich die Frage anschließen, ob eine solche kurze und sich auf das Nötigste beschränkende Zusammenfassung für sich genommen und im Hinblick auf die Übergangsproblematik nicht vielmehr schaden als helfen würde. Für sich genommen würde sie dem von der Begriffslogik eigens gesetzten Desiderat, den Begriff in seiner Komplexität zu begreifen, nicht ansatzweise gerecht werden können. Im Hinblick auf die Fortbestimmung der Idee in die Natur würde sie nicht viel nützen, weil Hegel im Kapitel über die absolute Idee von dem ›Erfolg‹ der Begriffslogik bereits überzeugt ist und ihre Resultate auch voraussetzt. In Anbetracht der eigenen Zielsetzung scheint daher ein anderer Umgang mit der WdL vorteilhafter zu sein: Für eine angemessene Interpretation des Fortkundig vertritt und der behauptet, dass die hegelsche Philosophie eine Philosophie der Idee sei, und zwar insb. der Idee des Lebens, der Idee des Erkennens und der absoluten Idee. Die Übergangsproblematik wird dann so aufgelöst, dass alle drei Ideen eine (totale) Idee ausmachen, dass die Freiheit dieser Idee aber darin bestehe, ein einzelnes Moment unmittelbar aus sich zu entlassen, nämlich die Idee des Lebens. (Vgl. Plevrakis, Ermylos: »Eine argumentanalytische Rekonstruktion des letzten Satzes der enzyklopädischen Logik Hegels«. In: Hegel-Studien, 52 (2018), 103 – 139, insb. 121.) Unabhängig von exegetischen Fragen, die sich bei dieser Interpretation stellen, gibt es keinen erkennbaren Grund anzunehmen, warum oder wie ein solches Argument Schelling hätte überzeugen sollen, besteht das Grunddilemma des Übergangs der Logik in die Natur für ihn gerade in dem engen Verhältnis vom Begriff als Methode, seiner Vollendung in der absoluten Idee und der Frage, was neben der absoluten Idee noch existieren kann, ohne dass der absoluten Idee ihr Anspruch, das Absolute zu sein, abgesprochen werden muss. Eben hieraus ergibt sich das von Schelling formulierte Grundproblem, dass die Logik als absolute Idee mit dem Übergang nicht das einhält, was von ihr versprochen wird, nämlich das Absolute zu sein, weil in diesem Fall ein Denken des Übergangs in jedem Fall unmöglich oder redundant ist. Zu behaupten, dass die eine ganze (absolute) Idee am Ende nur ein Moment entlässt, löst das Grunddilemma des Übergangs nicht, sondern verschärft es sogar. Die Hauptfrage, die es mit Schelling zu beantworten gilt, lautet vielmehr: Wie kann sich die Logik (v. a. in ihrer Voraussetzungslosigkeit und Immanenz) aus sich selbst (und aus ihrer Methode) heraus beschränken und Platz für eine andere Sphäre lassen, ohne ihren Anspruch auf Absolutheit und Vollendung preisgeben zu müssen? (Vgl. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Sämmtliche Werke. Abt. 1, Bd. 10. Stuttgart/Augsburg 1861, 139 f. Zur Auseinandersetzung mit Schelling vgl. auch Houlgate, Stephen: »Schelling’s Critique of the Science of Logic«. In: The Review of Metaphysics, 53/1 (1999); ein gutes Beispiel für eine sehr verkürzte und trivialisierende Darstellung Schellings Kritik gegenüber Hegel findet sich auch in: Wandschneider, Dieter: »Die Absolutheit des Logischen und das Sein der Natur«. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 39 (1985), 331 – 353, insb. 339 – 343.)

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gangs der Idee in die Natur muss in erster Instanz ein Verständnis davon gewonnen werden, was Hegel unter dem Begriff »Idee« versteht. Dies markiert eine Einschränkung, die deswegen wichtig ist, weil das letzte Kapitel der WdL – Die absolute Idee – und (mit ihm) der Gedanke der logischen und absoluten Idee kompositorisch in einem eng gesteckten Rahmen eingebettet sind. Um nämlich zu verstehen, was an der absoluten Idee absolut ist und wie Hegel dieses Absolute denkt, muss der Begriff der Idee erklärt werden, eben weil die absolute Idee Idee ist. Der Fokus der Rekonstruktion der Übergangsproblematik auf diesen Begriff und den letzten Abschnitt der WdL – Die Idee – hat den positiven Effekt, dass mit ihr Fragen beantwortet werden können, aber auch werden müssen, die sich im Hinblick auf die Interpretation der absoluten Idee stellen und die nicht nur für die Interpretation der Begriffslogik, sondern auch für die gesamte Logik von zentraler Bedeutung sind. Solche Fragen umfassen mindestens die folgenden drei konstitutiven Punkte, zu denen sich eine gelungene Interpretation der Übergangsproblematik positionieren muss: 1. Der Begriff, der das Kennzeichen nicht nur der Begriffslogik, sondern auch der Idee ist, insofern sie der »adäquate Begriff, das objective Wahre, oder das Wahre als solches [ist; G. O.]«16, muss in seiner begriffslogischen Entwicklung nicht nur den in der objektiven Logik elaborierten Gedanken einen begriff­ lichen Status zuweisen können, indem er sie aus sich selbst heraus zu rekonstruieren erlaubt. Er muss vor allem – und das ist für die eigene Untersuchung wichtig – am Ende (in der Idee) auch wieder zu sich zurückkehren und Gegenstand der Theorie werden. Denn nur so kann der adäquate Begriff gedacht werden, wenn er nicht nur adäquat und objektiv in Rücksicht auf die objektive Logik, sondern auch adäquat und objektiv in Rücksicht auf sich selbst, also nicht nur ein objektiver, sondern auch ein subjektiver Begriff ist. 2. Soll mit dem Kapitel Die absolute Idee die logische Entwicklung tatsächlich an ein Ende gelangt sein, über das – zumindest rein begrifflich – nicht mehr hinausgedacht werden kann und das eo ipso Vollendung und bis zu einem gewissen Grad sogar Vollständigkeit für sich beanspruchen darf, dann kann ein solches Ende nur dann erreicht werden, wenn die gesamte spekulative Logik Gegenstand und Thema der Theorie wird und einen Kreis beschließt, indem das Ende in seinen Anfang zurückkehrt. Der Zusammenschluss von Anfang und Ende muss durch einen Begriff gedacht werden, der die Forderung der Logik erfüllen kann, eine von anderen Theorien unterschiedene, für sich abgeschlossene und eigenständige Theorie des reinen Denkens zu sein, die rein genau dann ist, wenn sie den Begriff (und nur ihn) zum Gegenstand und Inhalt ihres Denkens macht. Ein auf diese Weise ›ausgezeichneter‹ Begriff muss in der Lage sein, der Theorie ein methodisches Verfahren an die Hand zu geben, das a) die bisher zu16

GW 12: 267 = TWA 6: 462.

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stande gebrachte Theorie rückblickend beschreiben und erklären kann, b) den reinen Begriff (bzw. die reine Idee) im Spannungsfeld von subjektivem und objektivem Begriff (bzw. von subjektiver und objektiver Idee) verortet und c) die Abgeschlossenheit der Theorie zu einem seiner Prinzipien hat. 3. Mit der Vollendung der Logik und (damit gleichbedeutend) mit der Setzung der Methode und ihren Prinzipien stellen sich Fragen nach Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems. Je nachdem, wie stark die Logik interpretiert wird, kann ihre Interpretation den Eindruck erwecken, als ob neben ihr keine anderen Wissenschaften mehr existieren könnten und als ob alle Erkenntnis schlussendlich logisch wäre. Nicht nur widerspricht eine solche Annahme unserer gewöhnlichen Vorstellung und unserer geläufigen Urteilspraxis, die zwischen Begriff und Anschauung klar unterscheidet und die von einer Reihe von nicht-reinen Begriffen permanent Gebrauch macht. In der WdL ist das Problem der Geschlossenheit und Offenheit der Logik allen voran ein programmatisches. Es hängt mit der Frage zusammen, was die intrinsische und nicht bloß pragmatische Motivation des reinen Denkens ist, nicht-reine – z. B. realphilosophische – Sachverhalte begreifen zu wollen und diese unter die eigenen Prämissen zu stellen. Die Beantwortung dieser Frage ist deshalb kein leichtes Unterfangen, weil mit der Vollendung und Selbstbegründung der Logik das Beweisziel – das Denken zu denken bzw. den Begriff zu begreifen – erreicht ist. Extrinsisch darf der Übergang der Logik in die Natur nicht motiviert sein, weil auf diese Weise gegen die Voraussetzungen und ›Spielregeln‹ der Logik, immanent fortzuschreiten und rein zu denken, verstoßen wird. Das logische und das philosophische System stehen mithin in einem Spannungsverhältnis, dessen Auflösung nicht-trivial und für das Verständnis der Realphilosophie von immenser Bedeutung ist. Die in den drei Punkten zusammengetragenen Aspekte enthalten mindestens fünf wichtige Fragen, die eine gelungene Interpretation des Übergangs der Logik in die Natur beantworten muss und die die nächstfolgenden sechs Kapitel (1.-6.) leiten: 1. Was ist der Inhalt der absoluten Idee und was ist er nicht? (1.-2.) 2. Wie hängen Begriff, Methode und logisches System zusammen? (3.) 3. Wie geschlossen oder offen ist das logische System? (4.) 4. Wie lässt sich der Übergang der Logik in die Natur innerlogisch begründen? (5.) 5. Wie verhält sich das logische System zum realphilosophischen System? (6.) Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung und ihren Fragen steht der für die Auflösung der Übergangsproblematik virulente Gedanke der Idee im weiten Sinn und der Gedanke der endlichen, logischen und absoluten Idee im engen

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Sinn. Ihren perspektiven Fluchtpunkt hat die der Untersuchung zugrundeliegende Argumentation in der vierten Frage (5.). Sie zu beantworten, bedeutet zu verstehen, was die absolute Idee vorrangig nicht ist, nämlich endliche Idee (1.), und was sie auch ist (2.). Letzteres zu verstehen, bedeutet, das Verhältnis von logischer (bzw. reiner) und absoluter Idee differenziert in den Blick zu nehmen, indem die logische (bzw. reine) Idee in ihrer abgeschlossenen Form einmal für sich (3.), einmal gegen die absolute Idee (4.) und einmal mit der absoluten Idee als Form ihrer Realisierung in der Realphilosophie (6.) betrachtet wird. Die Hauptthese, für die es in mehreren Schritten zu argumentieren gilt und die zugunsten der Übersicht vorweggenommen wird, lautet: Die Logik ist die logische Idee, die weder die endliche noch die absolute Idee ist. Als logische Idee ist sie vielmehr ein Extrem der absoluten Idee. Der logischen Idee steht aber noch ein anderes Extrem gegenüber, das ebenfalls zur Bestimmung der absoluten Idee gehört und das den Namen »äußerliche Idee« trägt. Die Notwendigkeit und das Desiderat, beide Extreme zu vermitteln, motiviert den Übergang der logischen Idee in die Natur qua äußerliche Idee. Für die Hauptthese wird in sechs Kapiteln argumentiert. Kapitel 1. skizziert die allgemeine Form, unter der jede Idee – egal ob endliche, logische oder absolute Idee – steht, und gibt einen konzentrierten Überblick über die wesentlichen Gedankenschritte der endlichen Idee bis hin zur logischen und absoluten Idee. Die These des Kapitels lautet, dass für die Idee als »adäquaten Begriff« das »absolute Urteil« und der Schluss wesentlich sind,17 weil der Begriff es ist, der noch nicht mit sich selbst zur Einheit gekommen ist, und weil der Begriff immer Urteil und Schluss ist. Im absoluten Urteil stehen sich subjektive und objektive Idee einander gegenüber und sollen im Prozess, dem Schluss, eine absolute Einheit bilden. Vor diesem Hintergrund müssen auch die Idee des Lebens (1.1) und die Idee des Erkennens (1.2) interpretiert werden. Sie gehören zur endlichen Idee, weil sich die (absolute) Begriffseinheit in ihnen nur einseitig und unvollständig realisiert. Kapitel 2. präsentiert – nicht zuletzt unter Zuhilfenahme der zuvor in der Idee des Guten herausgearbeiteten Resultate (vgl. 1.2.2) – den Inhalt der logischen und absoluten Idee. Im Zentrum der Interpretation steht Hegels Eingangsbehauptung, dass die absolute Idee die Identität der theoretischen und praktischen Idee sei. Die These des Kapitels lautet, dass die Idee nur dann als absolut gedacht werden kann, wenn sie den Begriff zu ihrem Gegenstand und Inhalt macht. Im Kern besteht die Interpretation im Nachweis, dass der subjektive Begriff sich selbst zum Gegenstand und Inhalt seines Begreifens geworden ist und auf diese Weise nicht nur ein objektiver Begriff, sondern auch ein reiner Begriff ist. Was ein solcher Begriff dem Inhalt nach ist, braucht nicht eigens ermittelt werden, 17

Den ganzen Schluss skizziert Hegel in: GW 12: 273 = TWA 6: 467.

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weil er der spekulativen Theorie in Form der ausgearbeiteten Logik bereits vorliegt. Textuell und programmatisch lässt sich diese Interpretation durch einen Querverweis auf die einleitenden Passagen der WdL und Hegels Äußerungen zum philosophischen System in den ersten beiden Absätzen des letzten Kapitels der WdL rechtfertigen. Kapitel 3. nimmt die Abgeschlossenheit der Logik in den Blick, die genau dann erreicht ist, sobald es einen einzelnen logischen Begriff gibt, dessen Allgemeinheit so gedacht wird, dass sie alle in der Logik bereits entwickelten besonderen Begriffe in sich enthält und dass über sie hinaus keine ›höhere‹ Allgemeinheit gedacht werden kann. Die These des Kapitels lautet, dass die Methode mit der finalen Selbstbestimmung des Begriffs (inkl. seiner drei Momente) in eins fällt und dass die im logischen System enthaltenen Begriffe vor dem Hintergrund der Methode und ipso facto der Selbstbestimmung des reinen Begriffs eruiert werden können. Diese These wird durch zahlreiche Argumente gestützt, die teils auf exegetischen, teils auf werk- und systemimmanenten (programmatischen) und teils auf freieren Interpretationsansätzen beruhen. Systematisch und den argumentativen Fortgang der spekulativen Theorie motivierend lässt sich an der Methode ablesen, was es für den Begriff heißt, sich selbst zu begreifen und somit ein reiner Begriff zu sein. Zu diesem Zweck wird ein Beziehungszusammenhang zwischen der Vermittlung der drei Momente der Methode – Anfang, Fortgang, Resultat  – und der urteils- und schlussförmigen Vermittlung der drei Begriffsmomente  – Allgemeines, Besonderes, Einzelnes  – hergestellt (3.1). Dieser Beziehungszusammenhang von Methode und Begreifen (des Begriffs) macht ferner deutlich, dass sich die Methode und (mit ihr) der Begriff zu einem System (von Begriffen) erweitern, das Prinzipien unterstellt ist, die sich in Form von prinzipiellen Aussagen über das System aus der Methode ableiten lassen. Hierzu gehören mindestens18 sieben solcher Prinzipien, die es im logischen Begreifen stets zu berücksichtigen gilt: das Immanenz-, Linearitäts-, Aufhebungs-, Erweiterungs-, Totalitäts-, Vollendungsprinzip und das Prinzip der Voraussetzungs­losigkeit (3.2). Sie zum Gegenstand der Theorie zu machen, bedeutet, das logische System auf seine abgeschlossene und offene Form hin befragen zu können (3.3). Kapitel 4. trifft wichtige Vorkehrungen für die Interpretation des Übergangs. Es konkretisiert die Auslegung der Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems unter Berücksichtigung der Frage nach der Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems für andere, dezidiert nicht logische Systeme. Dis18

Wandschneider spricht z. B. von einem Komplementaritätsprinzip, das im Kontext der vorliegenden Untersuchung als ein dem Erweiterungsprinzip untergeordnetes Prinzip interpretiert werden kann. Zum Komplementaritätsprinzip vgl. Wandschneider, Dieter: »Zur Struktur dialektischer Begriffsentwicklung«. In: Probleme der Dialektik, hrsg. v. Dieter Wand­schneider. Bonn 1997, 114 – 169, insb. 121.

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kutiert wird diese Frage am Paradigma des objektiven Begriffs, zu dem sich der reine Begriff entwickelt hat, insofern er sich (in Form der Methode und des logischen Systems) selbst Gegenstand und ›Objekt‹ geworden ist. Die These dieses Kapitels lautet, dass der in der logischen Idee kulminierende reine Begriff am Ende der WdL nicht der objektive Begriff per se ist, sondern lediglich Auskunft über die begriffliche Leistungsfähigkeit des subjektiven Begriffs gibt. Im Zentrum der Argumentation steht die den objektiven Begriff definierende ambige Phrase, dass der Begriff objektiv genau dann ist, wenn er »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat.«19 Ambig ist diese Phrase, weil sie zwei Lesarten zulässt, die zusammengenommen Auskunft über Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems für andere Systeme erteilen und so den Weg für die Auflösung der Übergangsproblematik frei machen. Die erste Lesart knüpft an die in Kapitel 3. detailliert ausgearbeitete Interpretation des reinen Begreifens in Form der Methode an und erweitert sie um den entscheidenden Zusatz, dass das Ende der Logik mit dem Begriff der Subjektivität koinzidiert, die derjenige ›gesuchte‹ irreduzible und abschließende Begriff der Logik ist, der als Begriffsoperator alle anderen Begriffe begleitet (4.1). Die zweite Lesart folgt der ersten Lesart, schränkt sie aber auch ein. Sie folgt ihr, insofern sie die der Methode und dem logischen System intrinsisch angelegte Anbindung des objektiven Begriffs an den Subjektivitätsbegriff nicht in Frage stellt. Sie schränkt sie ein, insofern sie die Phrase, dass der Begriff objektiv genau dann ist, wenn er »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«20, in den interpretatorischen Kontext der absoluten Idee stellt. Die Kontextualisierung des objektiven Begriffs durch den Gedanken der absoluten Idee gewährt eine wichtige Einsicht in das Verhältnis von logischer und absoluter Idee (bzw. von logischem und philosophischem System): Denn im absoluten Urteil der absoluten Idee – der Differenz von subjektiver und objektiver Idee – erweist sich der zum objektiven Begriff gewordene reine Begriff – exemplifiziert durch die logische Idee qua logisches System – lediglich als das eine Extrem, das eine Moment, das eine Element und die eine Bestimmung der absoluten Idee, nämlich die subjektive Idee. Ihm steht ipso facto ein anderes Extrem, ein anderes Moment, ein anderes Element und eine andere Bestimmung der absoluten Idee gegenüber, die als objektive Idee ebenfalls zur Definition der absoluten Idee qua philosophisches System gehören (4.2). Kapitel 5. geht der Frage nach, wie sich die in der Subjektivität eingeschlossene logische Idee nach außen öffnen kann, ohne dabei ihren Status auf Voll­ endung und Absolutheit preisgeben zu müssen. Mit ihr ist das Problem des Übergangs der Logik in die Natur gesetzt und perspektiviert. Die These des Ka19

GW 12: 371 = TWA 6: 549. GW 12: 371 = TWA 6: 549.

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pitels lautet, dass der Übergang innerlogisch begründet und motiviert ist, die philosophische Theorie in ihrem weiteren Vollzug aber eines außerlogischen Moments bedarf. Jenes macht die theoretische, dieses die praktische Seite des absoluten Erkennens aus. Für diese These wird in mehreren Schritten argumentiert. Die Argumentation setzt bei rechnerisch vier möglichen Interpretationsalternativen der Auflösung des Übergangsproblems an. Nach Ausschluss von zwei Interpretationsalternativen bleiben zwei mögliche zurück: Der Übergang ist entweder inner- oder außerlogisch zu denken. Beide Alternativen führen in ihrer Einseitigkeit zu einem unauflösbaren Dilemma, das nicht zuletzt dadurch zustande kommt, dass die innerlogische Interpretation des Übergangs ihre Auflösung in der außerlogischen sucht und umgekehrt (5.1). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Problem des Übergangs nicht durch eine sie vermittelnde Einheit aufgelöst werden kann. Für diese soll gelten, dass der Übergang innerlogisch begründet und motiviert ist, dass er den weiteren Fortgang im spekulativen Begreifen aber von der Vermittlung der logischen Idee mit einer Äußerlichkeit abhängig macht (5.2). Es wird argumentiert, dass die absolute Idee eine Weiterbestimmung der Idee überhaupt ist und (wie diese) zwei Extreme hat: ein subjektives Extrem (subjektive Idee) und ein objektives Extrem (objektive Idee). Die subjektive Idee hat sich im Verlauf des Ideenabschnitts zur logischen Idee (Logik) entwickelt und sich als reine Subjektivität begriffen, die alle reinen Begriffe (als ihre objektiven Begriffe) enthält. Weil die Subjektivität im Hinblick auf das Erkennen der absoluten Idee selbst ein absoluter und unhintergehbarer Standpunkt ist, auf den alles bezogen ist und bleibt, und weil die absolute Idee immer ein Urteil ist und ipso facto ein zweites Extrem hat, müssen sich die absolute Idee und die in ihr mitgedachte Subjektivität mittels dieses zweiten Ex­ trems weiter bestimmen. Das Desiderat, beide Extreme zu einer (absoluten) Einheit zusammenzuschließen, motiviert den Übergang der Logik in eine andere Sphäre (5.2.1). Der Einwand, dass ein solches Desiderat während des Verlaufs der spekulativen Theoriebildung innerlogisch bereits aufgetreten ist oder gar geschlossen wurde, wird diskutiert und zurückgewiesen (5.2.2). Was so zurückbleibt, ist eine positive Antwort auf das Übergangsproblem. Sie lautet, dass alle Objektivität qua Äußerlichkeit unter den Prämissen der in der Logik evozierten Begriffe gedacht werden muss und auf diese Weise den Status erteilt bekommt, eine äußerliche Idee zu sein. Ein auf diese Weise gedachter Übergang ist frei, insofern alles Erkennen auf Subjektivität und ihre reine Form bezogen bleibt. Er ist notwendig, insofern sich die absolute Idee und (mit ihr) der adäquate Begriff inhaltlich noch nicht hinreichend bestimmt haben, aber bestimmen müssen. Er ist ein Sich-Entlassen, insofern sich die in der Subjektivität eingeschlossene logische und reine Idee beim Übergang in die Natur ›öffnet‹, ohne dabei von ihrer geschlossenen Form und ihrer Bestimmtheit etwas einbüßen zu müssen. Er ist ein Sich-Entschließen, insofern die unter die logische Idee zu subsumierenden

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reinen Begriffe diejenigen Oberbegriffe im absoluten Erkennen bilden, mit denen die Äußerlichkeit zu begreifen ist. Kapitel 6. bekräftigt die These, dass die absolute Idee sich genau dann realisiert, wenn die Objektivität zu den Konditionen reiner Subjektivität (und ihren reinen Begriffen) gedacht wird. Wenn die Objektivität zu diesen Konditionen gedacht wird, dann realisiert sich nicht nur die reine Subjektivität (als logische Idee), sondern mit ihr auch die absolute Subjektivität (als absolute Idee). Die Objektivität qua Äußerlichkeit erhält auf diese Weise den Status einer äußerlichen Idee, die in der Natur- und Geistphilosophie gedacht wird. Die Bestimmung der äußerlichen Idee unter Voraussetzung reiner Subjektivität und ihrer Begriffe ist zugleich die Garantin für die Rückkehr der logischen Idee zu sich, die die zweite – in den einleitenden Passagen der WdL bereits antizipierte – Bekanntschaft der Leserschaft mit der Logik begründet und der spekulativen Philosophie ihre einheitsstiftende Form gibt. Die Realisierung der absoluten Idee bleibt somit nicht zuletzt der Natur- und Geistphilosophie als den besonderen philosophischen Wissenschaften vorbehalten. Im Umkehrschluss heißt dies aber auch, dass jedes Mal, wenn die Objektivität nicht unter den Bedingungen der reinen Subjektivität und ihren Begriffen erkannt wird, das Erkennen nicht mehr absolut, sondern endlich ist. Als Fazit kann im Hinblick auf diese Einleitung, aber auch im Hinblick auf die gesamte hier vorgelegte Untersuchung konstatiert werden, dass die absolute Idee sich nur dann realisiert, wenn die logische Idee sich mit der stets präsent bleibenden Äußerlichkeit vermittelt, indem sie dieser ihre logische Form gibt und sie auf diese Weise zu einer äußerlichen Idee macht. Die Resultate dieser Vermittlung, mithin des eigenen Interpretationsvorschlags des Übergangs der Logik in die Natur, sind vor dem Hintergrund der hegelschen Philosophie und ihrer Programmatik in mindestens neun Punkten positiv zu bewerten:21 Erstens wird Hegels These, die besagt, dass die Subjektivität den Schlussstein der logischen (und philosophischen) Entwicklung bildet, und der ein Großteil der Hegel-Forschung folgt, bestätigt, wenngleich ihr eine ›neue‹ Bedeutung zugeschrieben wird.22 Zweitens wird das Übergangsproblem als ein unmittelbares und pri Horstmann listet drei Punkte auf: »These few remarks will have to suffice to point out what I take to be, in Hegel’s eyes, some of the most essential elements of his philosophical legacy. He intends to endow us with a spiritual monism in metaphysics which goes together with a new conception of rationality and a rather uncommon theory of knowledge.« (Horstmann, Rolf-Peter: »What is Hegel’s legacy and what should we do with it?« In: European Journal of Philosophy 7 (1999), 275 – 287, 281) 22 Vgl. z. B. Quantes Aussage, dass Hegels Systemgedanke in Übereinstimmung mit den »übrigen Deutschen Idealisten« auf der Auffassung beruhe, dass die Subjektivität das Prinzip des auf Vollständigkeit und Alternativlosigkeit ausgerichteten Systems sei. (Quante, Michael: Die Wirklichkeit des Geistes. Studien zu Hegel. Frankfurt a. M. 2011, 62.) Vgl. auch Horstmann:1990, 59 – 81. Wetzel, Manfred: Prinzip Subjektivität. Allgemeine Theorie. Erster 21

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märes Problem der logischen, nicht aber der absoluten Idee ausgewiesen. Das schließt ein, dass das Übergangsproblem nicht durch äußerliche Reflexionen aufgelöst werden kann, die ex post an die Logik herangetragen werden. Drittens behält die Logik ihre eigene, für Hegel wichtige systemische Geschlossenheit bei. Viertens schafft sie den Raum für Kontingenz und äußerliche Setzungen nicht ab, sondern weist ihnen einen systemisch und systematisch relevanten Stellenwert zu. Fünftens wird die absolute Idee in ihrem absoluten Urteil vollständig bestimmt. Sechstens zeigt die Interpretation der absoluten Idee ganz genau, in welchem prinzipiellen Prioritätsverhältnis die logische Idee und die äußerliche Idee zueinander stehen und wie die Realphilosophie spekulativer Prägung grosso modo gedacht werden muss – und das ganz unabhängig davon, ob Hegel eine solche Ausarbeitung gelungen ist.23 Siebtens kann der logischen Idee garantiert werden, dass sie in der äußerlichen Idee wieder zu sich und zu ihrer reinen logischen Form zurückkehrt, wodurch der unendliche Progress vermieden wird und die philosophieinterne Diskussion der absoluten Idee im absoluten Geist (und nicht in der logischen Idee) gesichert ist. Das schließt ein, dass die logische Wissenschaft die erste und letzte Wissenschaft ist und dass die von Hegel anvisierte geschlossene Form des Systems der philosophischen Wissenschaften bewahrt bleibt, ohne dass damit ausgesagt werden kann, dass alles nur Logik sei. Achtens kann die spekulative Philosophie hegelscher Prägung als eine von mehreren ausgezeichneten Erkenntnisweisen definiert werden, die sich von anderen philosophischen und nicht-philosophischen wohl unterscheidet, zumal sie die einzige Wissenschaft ist (oder zu sein vorgibt), die andere Wissenschaften nach einem einheitlichen Prinzip – der Methode – systematisch ordnen kann, ohne sich mit ihnen identifizieren zu können.24 Schließlich muss Hegel vom Vorwurf Halbband: Ding und Person, Dingbezugnahme und Kommunikation, Dialektik, Würzburg 2001, insb. Ziff. A-1.3, A-2.3, A-3.1/2. Düsing:1976, 335 f. Fulda, Hans-Friedrich: »Das endliche Subjekt der eigentlichen Metaphysik. Zur Rolle des ›Ich denke‹ in Hegels Wissenschaft der Logik«. In: Subjekt und Metaphysik. Konrad Cramer zu Ehren, hrsg. v. J. Stolzenberg. Göttingen 2001, 71 – 84; Pippin, Robert: »Hegels Begriffslogik als Logik der Freiheit«. In: Hegel-Studien, 36 (2001), 97 – 115; Reisinger:1987, 225 – 249; Hösle:1988, 23 und 290. 23 In diesem Sinne weist Hegels Naturphilosophie eine erhebliche und oft übersehene Nähe zu Kants theoretischer Naturphilosophie auf, wie sie in den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft ausformuliert steht. (Vgl. AA IV, 465 – 565.) Die ältere Monografie von Falkenburg geht diesem Ansatz systematisch nach. Vgl. Falkenburg:1987. 24 Vertiefend zu diesem Punkt siehe Kapitel 6. und z. B.: Wandschneider, Dieter: »Naturbegriff und elementare Naturbestimmungen in Hegels Naturphilosophie«. In: Idealismus heute. Aktuelle Perspektiven und neue Impulse, hrsg. v. Vittorio Hösle und Fernando Suarez Müller, 2015, 156 – 175, insb. 156 und 163. Problematisch an Wandschneiders Interpretation bleibt allenfalls die Rolle der be- und übergreifenden Subjektivität, die in der Naturphilosophie auszufallen droht bzw. keine signifikante Rolle spielt. Zum Dissens in diesem Punkt vgl. ebenfalls Kapitel 6. und z. B. Wetzel, Manfred: »Objektiver Idealismus und Prinzip der Subjektivität in der Natur«. In: Logik, Mathematik und Naturphilosophie im objektiven

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des Transparentismus und des Verdachts, eine Universalwissenschaft begründen zu wollen, freigesprochen werden, weil sein auf der Methode aufbauendes und durch sie begründetes System »die wahrhafte Methode der philosophischen Wissenschaft«25 ist, nicht aber der Wissenschaft und Erfahrung überhaupt.

Idealismus. Festschrift für Dieter Wandschneider zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Vittorio Hösle und Wolfgang Neuser, Würzburg 2004, 9 – 23. 25 GW 21: 17 = TWA 5: 49; Herv. G. O. In keinem Fall kann davon ausgegangen werden, dass das spekulative Denken ein standpunktloses Denken ist, wie Bruno Haas behauptet. (Vgl. Haas, Bruno: Die freie Kunst. Beiträge zu Hegels Wissenschaft der Logik, der Kunst und Religion, Berlin 2003, 111 f.) Einer solchen These ist bereits jetzt entgegenzuhalten – und wird in der vorliegenden Untersuchung entgegengehalten werden –, dass Hegels Philosophie weder vorgibt, die einzige Weise des Denkens zu sein, noch für sich beansprucht, jedes philosophische und nicht-philosophische Denken über Existenz in spekulatives Gedankengut auflösen und mit ihm identifizieren zu können. Kurzum: Jedes spekulative Denken ist ein Denken, aber nicht jedes Denken ist spekulativ und kann auch nicht durch die spekulative Methode eins zu eins übersetzt werden. Folglich wird sich im Verlauf dieser Untersuchung erweisen, dass die spekulative Methode kein Allheilmittel und kein Ersatz für weiteres philosophisches und nicht-philosophisches Denken und Sprechen ist. Viel sinnvoller ist es, mit Fulda und mit Plevrakis, wenngleich nicht in derselben Strenge wie Letzterer, Hegels Philosophie als einen »Monismus der Idee« zu bezeichnen, der eine pluralistisch (nicht monoperspektivistisch) gedachte Epistemologie einschließt. Vgl. Fulda, Hans Friedrich: »Methode und System bei Hegel. Das Logische, die Natur, der Geist als universale Bestimmungen einer monistischen Philosophie«. In: System als Selbsterkenntnis, hrsg. v. Hans Friedrich Fulda, Würzburg 2006, 25 – 50, insb. 26. Zur pluralistisch gedachten Epistemologie vgl. auch Fuldas Auseinandersetzung mit Halbigs Thesen in: Fulda, Hans Friedrich: »Hegels Logik der Idee und ihre epistemische Bedeutung«. In: Hegels Erbe, hrsg. v. Ludwig Siep, Christoph Halbig und Michael Quante, Frankfurt a. M. 2004, 78 – 134; Halbig, Christoph: »Das ›Erkennen als solches‹«. In: ebd., 138 – 63.

1. Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

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as Resultat des zweiten Abschnitts der Begriffslogik  – Die Objektivität  – ist der Gedanke, dass Objekte nicht unmittelbar gegeben sind, sondern in einem zweckmäßigen Verhältnis stehen. Auf diese Weise entsprechen sie der Form des Begriffes, weil jedes einzelne Objekt nicht als singulare tantum existiert, sondern in Beziehung zu anderen Objekten steht, die einander als besondere und allgemeine gegenüberstehen. Hegel unterscheidet im Abschnitt zur Objektivität zwischen einer äußeren und inneren Zweckmäßigkeit. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass die Verknüpfung der Objekte untereinander bei der äußeren Zweckmäßigkeit so gedacht wird, dass die Selbständigkeit und Konkretion jedes Objekts (oder einer bestimmten Klasse von Objekten) nicht am Objekt selbst (oder seiner Klasse) gedacht werden. Vielmehr hat jedes Objekt (oder jede Klasse von Objekten) seine Bestimmung an anderen Objekten (oder anderen Klassen von Objekten). Der Gedanke der inneren Zweckmäßigkeit ist demgegenüber komplexer, weil er den Gedanken der äußeren Zweckmäßigkeit aufgreift, ihn aber auch erweitert. Hier wird das Verhältnis der Objekte untereinander so gedacht, dass sie in einem einzelnen Objekt betrachtet werden können. Während also die Totalität des Objekts in der äußeren Zweckmäßigkeit so gedacht wird, dass solche Objekte die für sie typischen Bestimmungen nur in Abhängigkeit von anderen Objekten erteilt bekommen, haben Objekte, deren Erklärungsgrund die innere Zweckmäßigkeit ist, ihre Selbständigkeit und Konkretion an ihnen selbst. Ein solches veränderte Objektivitätsverständnis besagt ferner, dass das objektive Einzelne erst zu dem wird, was es ist – nämlich eine Totalität –, wenn es den Unterschied zu anderen Objekten in sich schließt und ihn perpetuiert, ohne sich dabei aufzulösen oder zu zerteilen. Ein solches objektives Einzelnes ist dann nicht mehr ein ›bloßes‹ Objekt, insofern darunter ein äußerliches Bestimmtsein und -werden verstanden wird; vielmehr zeigt der Prozess von der äußeren zur inneren Zweckmäßigkeit und zur Idee, dass das Objektive in der Idee zu einem Subjekt geworden ist, das sich selbst den Status, das Objektive und Selbständige zu sein, zuweisen kann. Das Subjekt erhält auf diese Weise eine doppelte Bedeutung: Es ist einerseits selbst etwas Objektives, insofern es immer schon in der Sphäre der Objektivität eingeschlossen ist, wozu bei Hegel v. a. der Mechanismus und Chemismus gehören. Es ist aber andererseits kein ›bloßes‹ Objekt, weil es zu seinem Wesen gehört, nicht gesetzt zu sein,

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sondern seine Totalität – und damit verbunden seine Selbständigkeit und Konkretion – selbst zu setzen und zu erhalten. Beide Bedeutungsebenen stehen aber nicht symmetrisch nebeneinander. In allen Kapiteln des letzten Abschnitts – Die Idee – wird der Unterschied der Objektivität und Subjektivität mit Blick auf die Realisierung des Subjekts und dessen Begriff thematisiert. Die Objektivität ist für das Subjekt (bzw. für die subjektive Idee) »schlechthin einfach und immateriell, denn die Äußerlichkeit ist nur als durch den Begriff bestimmt und in seine negative Einheit aufgenommen«.26 Sie erscheint ihm nur als Mittel, durch das hindurch es sich realisieren kann. Entscheidend für den Gedanken der Idee ist also ihr prozessualer Charakter, der alle Kapitel des Abschnittes Die Idee durchzieht. Der auf die Verwirklichung von Subjektivität gerichtete Prozessgedanke lässt sich den einleitenden Passagen des letzten Abschnitts der WdL entnehmen: [OS] »- Sie [Idee; G. O.] ist erstlich die einfache Wahrheit, die Identität des Begriffes und der Objectivität als Allgemeines«.27 [US] »Zweitens ist sie [Idee; G. O.] die Beziehung der für sich seyenden Subjectivität des einfachen Begriffs und seiner davon unterschiedenen Objectivität; jene ist wesentlich der Trieb, diese Trennung aufzuheben, und diese das gleichgültige Gesetztseyn, das an und für sich nichtige Bestehen.«28 [S] »Sie [Idee; G. O.] ist als diese Beziehung der Proceß, sich in die Individualität und in deren unorganische Natur zu dirimieren und wieder diese unter die Gewalt des Subjekts zurückzubringen und zu der ersten einfachen Allgemeinheit zurückzukehren. Die Identität der Idee mit sich selbst ist eins mit dem Processe«.29

Der Obersatz drückt die allgemeine Bedingung der Idee aus: Es gibt eine in sich differenzierte Identität, die zwei Momente enthält: den »Begriff[]« und die »Objectivität«. Der Untersatz spezifiziert diese Identitätsbeziehung, indem die in der Identität mitgedachten Momente in ein besonderes Verhältnis gesetzt werden. Ihm zufolge ist die Idee »die Beziehung der für sich seyenden Subjectivität […] und seiner davon unterschiedenen Objectivität«. Diese Beziehung initiiert einen Prozess, in dem die Trennung von Subjektivität und der von ihr unterschiedenen Objektivität aufgehoben werden soll. Der Schlusssatz verrät uns, den Theoretikerinnen und Theoretikern, formal und in äußerlicher Reflexion, wie diese Aufhebung zu begreifen ist, indem er in concreto das ausdrückt, was im Ober 28 29 26

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GW 12: 273 = TWA 6: 467. GW 12: 273 = TWA 6: 467. GW 12: 273 f. = TWA 6: 467 GW 12: 273 = TWA 6: 467.

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satz in abstracto und per possibile mitgedacht wird: dass Hegel die Beziehung von Subjektivität und Objektivität (und ihre Auflösung) asymmetrisch zugunsten des subjektiven Extrems wertet. Folglich wird die unorganische Natur unter die »Gewalt des Subjects« gebracht. Worin genau die »Identität der Idee mit sich selbst« besteht, wird in den einleitenden Passagen des Ideenabschnitts nicht ausgesprochen. Alles, was Hegel hierüber sagt, ist, dass sie »eins [ist; G. O.] mit dem Processe«. Hegels Wegweisung besteht also darin, sich auf den Prozess der Idee zu besinnen und zuzusehen, welche Begriffe sich dabei eruieren lassen. Denn der obige Schluss repräsentiert schon den ganzen Begriff der Idee: Im Obersatz wird der allgemeine Begriff gedacht, der sich im Untersatz in seine besonderen Momente dirimiert und sie im Schlusssatz in die Einzelheit zusammenschließt. Konkret ist diese Einzelheit, weil sie das Resultat der Besonderheit und Allgemeinheit ist und diese in ihrer Einheit eingeschlossen enthält. Wie der Unter- und Schlusssatz bereits explizit zum Ausdruck bringen, steht die Realisierung des Subjekts, die zugleich die Realisierung des Begriffs ist, im Zentrum des Prozessgedankens. Das Subjekt hat einerseits den Begriff – das Allgemeine, Besondere und Einzelne – bereits in seinem Fürsichsein eingeschlossen. Aber der Begriff existiert am Anfang des Prozesses andererseits »nicht für sich als der Begriff.«30 In eben diesem Spannungsverhältnis stehen sich Anfang und Resultat der Idee einander gegenüber: Der anfänglich nur unthematisch gedachte objektive Begriff wird dem Subjekt erst am Ende Thema. Denn wie die Entwicklung des Gedankens der Objektivität im Objektivitätskapitel ergeben hat, ist »die objective Realität […] dem Begriffe zwar angemessen, aber noch nicht zum Begriffe befreyt«: »[D]er Begriff ist als eine Seele, die noch nicht seelenvoll ist.«31 Die Konkretion und Realisierung des Begriffs, die das ganze Verhältnis der Idee widerspiegelt und am Anfang nur einseitig und unthematisch im subjektiven Begriff liegt, muss folglich darin bestehen, den subjektiven Begriff auch als objektiven zu setzen, wodurch die Objektivität ihre Grenze gegen das begreifende Subjekt verliert. Inhaltlich konstituiert sich die Idee in drei Stufen, wobei Hegel den Akzent in den einleitenden Passagen der Idee auf die ersten beiden Stufen legt: die Idee des Lebens und die Idee des Erkennens. Ausgangspunkt für die Idee des Lebens ist »der Begriff, der unterschieden von seiner Objektivität«32 existiert. Da die Zweckmäßigkeit der Objektivität ihm entspricht und er ein Teil dieser Zweckmäßigkeit ist, also als konkretes und ›leibliches‹ Subjekt über einen eigenen objektiven Status verfügt, kann er die Objektivität als ein Mittel gebrauchen, um sich selbst – seinen eigenen Begriff – zu realisieren. Das Resultat des Lebens GW 12: 274 = TWA 6: 468. GW 12: 274 = TWA 6: 468. 32 GW 12: 274 = TWA 6: 468. 30 31

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prozesses ist die Gleichheit des subjektiven Begriffs mit der Objektivität, die dadurch konstituiert wird, dass seine Allgemeinheit in Form des Selbstzwecks nicht mehr nur rein innerlich und auf den subjektiven Begriff allein begrenzt ist und nur für ihn als Einzelheit gilt. Vielmehr muss auch die Objektivität selbst in Rücksicht auf die Realisierung des subjektiven Begriffs bzw. der Subjektivität überhaupt gedacht und verstanden werden. Sobald sich der subjektive Begriff mit der Objektivität im Lebensprozess so weit gleichgesetzt hat, dass er diese nicht mehr als bloßes Außersichsein anerkennt, sondern weiß, dass die Bestimmungen der Objektivität begrifflich sind, entwickelt sich die Idee des Lebens zur Idee des Erkennens. Kennzeichen dieser Idee ist, dass sich der subjektive Begriff im Verlauf der Idee des Erkennens objektiv wird, indem er die Objektivität auf Grundlage seines eigenen Begriffs begreift und sie so zu dem macht, was er sein will. Denn alles, was der subjektive Begriff schlussendlich will, ist, sich selbst zu realisieren, wobei ihm die Objektivität dabei nur als Mittel dient: »[S]eine Thätigkeit ist, diese Voraussetzung [einer objektiven Welt; G. O.] aufzuheben und sie zu einem Gesetzten zu machen. So ist seine Realität für ihn die objective Welt, oder umgekehrt, die objective Welt ist die Idealität, in der er sich selbst erkennt.«33 Was den letzten Entwicklungsschritt betrifft, so gibt Hegel in den einleitenden Passagen zum letzten Abschnitt der WdL kaum Informationen preis. Das Resultat der Idee (und damit auch der Logik) ist »die unendliche Idee, in welcher Erkennen und Tun sich ausgeglichen hat, und die das absolute Wissen ihrer selbst ist«.34 Wie dieses absolute Wissen in der Idee genau zu interpretieren ist, wird im späteren Verlauf der vorliegenden Untersuchung und am Text selbst herausgearbeitet werden müssen. Wie aber die Phrase »absolute[s] Wissen ihrer selbst« bereits deutlich macht, ist das Verständnis der absoluten Idee mit einer Interpretation der ganzen Idee aufs Engste verknüpft. Deswegen sollen im Folgenden die einzelnen Kapitel der Idee kurz vorgestellt werden, um auf diese Weise die Interpretation des letzten Kapitels der Logik vorzubereiten. 1.1 Das Leben in der endlichen Idee Wie jede Idee, so steht auch die Idee des Lebens unter dem oben beschriebenen Syllogismus, der in Kurzform besagt, dass es eine Übereinstimmung zwischen zwei Extremen – einem subjektiven und einem objektiven Extrem – gibt. Die entscheidende Frage lautet nun, wie sich diese Übereinstimmung im Kapitel über die Idee des Lebens bemerkbar macht. Ausgehend von dem Übergang der 33

GW 12: 275 = TWA 6: 469. GW 12: 275 = TWA 6: 469.

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Das Leben in der endlichen Idee



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äußeren Zweckmäßigkeit in die innere erscheint das Subjektive in der Domäne der Objektivität in einer doppelten Form: Einerseits ist es ein Teil der Objek­ tivität und ipso facto in seine Prozesse eingeschlossen und damit selbst immer schon unmittelbar objektiv. Als besonderes Objekt ist es andererseits von einer noch nicht zum Subjekt gewordenen und ihm noch entgegengesetzten Objektivität unterschieden. Dass die Objektivität sich dieser sich anbahnenden Entwicklung der Subjektivität, die sich die Objektivität ›einverleibt‹, nicht verschließen kann, geht aus der Exposition des Objektivitätsabschnitts der WdL hervor: Denn diese hat gezeigt, dass der Gedanke einer Selbständigkeit von Objekten durch die Setzung einer Subjektivität aufrecht erhalten werden kann, in der sogar zum Teil miteinander konkurrierende mechanische und chemische Prozesse ungehindert ablaufen können. Während sich also in der Objektivität mechanische und chemische Prozesse mit der Auflösung ihrer Elemente selbst aufzulösen drohen, garantiert die Form der Subjektivität in Gestalt eines als Objekt gedachten Subjekts, dass diese Prozesse sich beständig neu setzen können, solange sie innerhalb eines einzelnen Objekts (und nur in ihm) ablaufen. Dies ist quasi der ›Startschuss‹ für den prozessual gedachten Gedanken des Lebens, der als Einzelheit unter zwei Bedingungen steht: einer allgemeinen und einer besonderen. Die allgemeine Bedingung besagt, dass »die Objectivität, welche es [das Leben; G. O.] an ihm hat, […] vom Begriffe schlechthin durchdrungen [ist; G. O.]« und »nur ihn zur Substanz« hat.35 Damit ist gemeint, dass das Leben in der Sphäre der Objektivität und ipso facto in den mechanischen, chemischen und objektiv-zweckmäßigen Prozessen eingeschlossen ist. Von diesen Prozessen unterscheidet sich das Leben, insofern es besondere Objekte gibt, in denen diese allgemeinen Prozesse ungehindert ablaufen können, ohne dass sie zu existieren aufhört. Das ursprüngliche Urteil des Lebens konstruiert Hegel so, dass auf der einen Seite ein Objekt steht, das nunmehr eine »subjective Substanz«36 ist, an der andere Objekte ihr Bestehen (oder Nicht-Bestehen) haben. Gesetzt ist also ein asymmetrisches Verhältnis zwischen einem subjektiven Objekt – der subjektiven Substanz – und einer teils in ihr eingeschlossenen, teils sich außer ihr befindenden Objektivität. Die Realisierung dieser subjektiven Substanz erfolgt durch einen Schluss, den Hegel als »Trieb« kennzeichnet. Dieser Trieb ist »der specifische Trieb des besondern Unterschiedes, und eben so wesentlich der eine und allgemeine Trieb des Specifischen, der diese seine Besonderung in die Einheit zurückführt und darin erhält«.37 Die subjektive Substanz bzw. das subjektive Objekt ist »wesentlich Einzelnes, welches auf die Objectivität sich als auf ein Anderes, eine unlebendige Natur bezieht«38. 37 38 35 36

GW 12: 279 = TWA 6: 472. GW 12: 280 = TWA 6: 473. GW 12: 280 = TWA 6: 473. GW 12: 280 = TWA 6: 473.

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Die Aufhebung dieser äußeren Objektivität, die dem einzelnen Subjekt unmittelbar vorausgesetzt ist, erfolgt in der Idee des Lebens in drei Schritten: (1) im »lebendige[n] Individuum«, (2) im »Lebensproceß« und (3) im »Proceß der Gattung«. Für jede Stufe dieses Prozesses – wie auch für den Prozess der Idee überhaupt – ist charakteristisch, dass die gleichgültige Allgemeinheit in Form einer dem einzelnen Lebendigen gegenübergestellten Objektivität sukzessive aufgehoben wird und dass das Lebendige seine Form der unmittelbaren Einzelheit verliert und im Gattungsprozess zu etwas konkret Allgemeinem wird. Die Entwicklung innerhalb der Sphäre des Lebens soll im Folgenden skizziert werden. (1) Dem individuellen Prozess, den Hegel in A. Das lebendige Individuum skizziert, liegt eine ursprüngliche Diremtion zugrunde: die Diremtion des Begriffes »als subjective Einzelnheit und […] als gleichgültige Allgemeinheit«.39 Die ›Erfüllung‹ oder Einheit dieser begrifflichen Entzweiung nennt Hegel ganz allgemein »die Idee«. Anders als im Objektivitätskapitel hat die Objektivität im Lebensprozess keine Selbständigkeit, sondern gilt nur »als Negatives«, weil es – wie oben bereits erwähnt – sein Bestehen an der Immanenz der subjektiven Sub­ stanz, d. h. des Lebendigen, hat. Hegel spricht in diesem Kontext von einer »geliehene[n]«40 Objektivität, die anders als das einzelne Lebendige den Zweck nicht in sich hat. Dieses ist nämlich ein Organismus, in dem einerseits äußere Prozesse intern ablaufen und dem andererseits die äußere Objektivität als Mittel und ›Werkzeug‹ für die eigene Realisierung dient. Dieser Erläuterung folgend unterscheidet Hegel zwei Formen von Objektivität, die er die »lebendige Objectivität«41 und die »vorausgesetzte Objectivität«42 nennt und die entsprechend der logischen Entwicklung im Ideenkapitel und analog zum Begriff der inneren und äußeren Zweckmäßigkeit so gelesen werden können, dass das Bestehen der inneren von der äußeren abhängt. Dieses Bestehen charakterisiert Hegel mittels dreier Momente – Sensibilität, Irritabilität und Reproduktion –, denen er die Begriffsmomente »Allgemeinheit«, »Besonderheit« und »Einzelheit« zuordnet. Alle drei Momente sind Momente des lebendigen Individuums, das sich über sein Verhältnis zur vorausgesetzten Objektivität konstituiert. Die Sensibilität definiert Hegel »als das Dasein der in sich seyenden Seele«, insofern diese in der Lage ist, »alle Aeusserlichkeit in sich« aufzunehmen und auf sich zurückzuführen.43 Die Irritabilität ist die »zweyte Bestimmung des Begriffs«: »die Besonderheit, das Moment des gesetzten Unterschiedes«.44 In ihr hat das lebendige Individuum nur eine unmittelbare oder ide 41 42 43 44 39

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GW 12: 282 = TWA 6: 474. Vgl. GW 12: 283 = TWA 6: 475. GW 12: 286 = TWA 6: 478. GW 12: 286 f. = TWA 6: 477 ff. GW 12: 287 = TWA 6: 478. GW 12: 287 = TWA 6: 478.

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elle Selbstbeziehung, der eine reelle Bestimmtheit in Form einer vorausgesetzten und äußerlichen Objektivität gegenübersteht. In dieser Besonderheit erscheint das einzelne Lebewesen als »Art neben anderen Arten von Lebendigkeiten«45. In der Reproduktion setzt sich das Lebendige als »wirkliche Individualität«, indem es die reelle Bestimmtheit, d. h. seine Beziehung nach außen, nicht mehr abstrakt, sondern als »Moment seiner Bestimmtheit als Beziehung auf die Aeusserlichkeit« setzt.46 Was mit dem Moment der Reproduktion entsteht, ist mithin der Trieb der Totalität der anfänglich nur gefühlten Selbstbeziehung der einzelnen Lebendigkeit mit seiner reellen und ihm vorausgesetzten Bestimmtheit. Er wird nicht bloß unmittelbar und auf einen Schlag befriedigt, sondern auf (Um-) Wegen der Vermittlung, wobei die nähere Form der Vermittlung dem Kapitel B. Der Lebensprozess vorbehalten bleibt. (2) Das Telos des Lebensprozesses ist die Reproduktion des Individuums, das sich aktiv an der vorausgesetzten Objektivität betätigt und sie zum Mittel degradiert, um auf diese Weise seinen in sich eingeschlossenen Begriff in Form des Selbstzwecks zur Realität zu ›erheben‹. Dem Lebensprozess liegt ursprünglich ein Reflexionsurteil zugrunde: Das eine Extrem ist das lebendige Subjekt, das nicht bloß als ein unmittelbares Abstraktes gegenüber der objektiven Natur existiert, sondern eine »Gewißheit von der an sich seyenden Nichtigkeit des ihm gegenüberstehenden Andersseyns [hat; G. O.].«47 Die Objektivität ist in diesem Sinne nicht mehr als abstrakte Allgemeinheit zu interpretieren, sondern als Besonderheit. Als solche drückt sie sich einerseits so aus, dass sie eine Form der Selbständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber dem Lebendigen beibehält, insofern sie mechanischen und chemischen Prozessen unterworfen bleibt, welche vom Subjekt nicht gesetzt sind, sondern ihm vorgegeben werden. Andererseits dient diese Form der äußeren Zweckmäßigkeit dem lebendigen Subjekt als Mittel, um seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Ziel des Lebensprozesses besteht nun darin, dass das Lebendige sich als den Endzweck der Natur setzt und dass die äußere Zweckmäßigkeit der inneren unterstellt wird. Die unmittelbare Gestaltung des Lebendigen ist »gut von Natur«48, wenn die Objektivität dem subjektiven Begriff entspricht. Insofern aber die Objektivität ihm nicht entspricht und »der Begriff in die absolute Ungleichheit seiner mit sich entzweyt [ist; G. O.]«49, fühlt das lebendige Individuum diesen Widerspruch als Schmerz.50 47 48 49 50 45 46

GW 12: 287 = TWA 6: 479. GW 12: 289 = TWA 6: 480. GW 12: 289 = TWA 6: 480. GW 12: 290 = TWA 6: 481. GW 12: 290 = TWA 6: 481. Hegels metaphysische Rechtfertigung des Schmerzes ist, dass der Widerspruch im Schmerzempfinden »eine wirkliche Existenz« (GW 12: 291 = TWA 6: 481) habe und dass eben diese Empfindung des Widerspruchs »das Vorrecht lebendiger Naturen« (ebd.) sei.

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Die Überwindung zwischen der äußeren und inneren Zweckmäßigkeit diskutiert Hegel an zwei Begriffen: Gewalt und Macht. Ihnen liegt folgendes Reflexionsverhältnis zugrunde: Damit der Trieb des Lebendigen überhaupt realisiert werden kann, muss die Äußerlichkeit »an und für sich in ihm [dem Lebendigen; G. O.]«51 sein. Dies ist allein schon deswegen der Fall, weil das lebendige Subjekt für sich Teil der Objektivität ist und sich auch äußerlich gegen sie verhalten muss. Kurzum: Als in die objektiven Prozesse, den Mechanismus und Chemismus, eingeschlossen, ist es selbst ein mechanisches und chemisches Objekt. Die Bemächtigung des Objekts ist eine Aneignung und Assimilation der Objektivität durch und an den subjektiven Begriff, der in der Idee des Lebens in Gestalt des Lebendigen erscheint. Der Schluss, den Hegel im Lebensprozess vor Augen hat, ist ein Schluss, der von einer äußeren Zweckmäßigkeit auf einen inneren Zweck schließt, indem Erstere als Mittel für die Realisierung des Letzteren dient. Ausgehend von der Eigenständigkeit der Objektivität erscheint dieser ›Eingriff‹ der Lebendigkeit in die objektive Sphäre als Gewalt, insofern der Objektivität ihre Endlichkeit und »eigenthümliche Beschaffenheit«52 genommen wird. Indem aber das lebendige Einzelne »seine eigene Objectivität sich zum Objecte macht«, d. h. sich selbst in ein objektives – mechanisches und chemisches – Verhältnis setzt, assimiliert es sich mit der Natur als seinem Anderssein. Dieses Objektivsetzen der eigenen Individualität ist kein Verlust des Lebendigen, sondern zuallererst das punktuelle Verschwinden der Differenz, die es gegen die ihm entgegengesetzte Natur zu Beginn (scheinbar) noch hatte. Die Nivellierung der Äußerlichkeit, die dem einzelnen Lebendigen anfänglich im Lebensprozesses als allgemeine Sphäre noch gegenüberstand, führt einerseits dazu, dass das Lebendige selbst zur Allgemeinheit wird. (Mit anderen Worten: Im Lebensprozess erweitert sich der Begriff des Lebendigen zur Gattung, indem es seinen eigenen Organismus als ein Moment einer allgemeinen Objektivität begreift.) Der Ausgleich und die Integration der (äußerlich-)mechanischen und (innerlich-)organischen Naturprozesse führt andererseits dazu, dass sich das Lebendige von seiner anfänglichen Irritabilität gegenüber der Objektivität ›lösen‹ kann, indem es sich dieser bemächtigt und es als Mittel für seine Selbsterhaltung gebraucht. So betrachtet drücken die Reproduktion des einzelnen Lebendigen, die Entwicklung des Individuums zur Gattung und der logische Prozess der Einzelheit zur Allgemeinheit ein und denselben Gedanken aus, weil das (einzelne) Lebendige, das Individuum, nur dann existieren kann, wenn ihm die allgemeine und besondere Objektivität, in der es existiert und von der es mitkonstituiert wird, sui generis nicht abträglich ist. Dies ist die Grundlage, die es ihm ermöglicht, die Objektivität sich zu eigen zu machen und auf diese Weise sich beständig neu zu 51

GW 12: 291 = TWA 6: 482. GW 12: 292 = TWA 6: 483.

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setzen, sich mit den objektiven Prozessen zu assimilieren und ein konkretes Allgemeines, d. h. eine Gattung, zu sein. (3) Wie der Übergang zum dritten und letzten Kapitel der Idee des Lebens und sein Titel – C. Die Gattung – bereits andeuten, handelt dieser Teil der WdL von dem Begriff der Gattung. Unter »Gattung« versteht Hegel nicht etwas, das von der Natur bloß faktisch vorgegeben wird. Vielmehr hängt die Konstitution der Gattung wesentlich von ihrer Genese durch ihre Momente ab, die als Glieder nicht unabhängig von ihrer Gattung existieren, sondern diese allererst setzen. Im Übergang des Lebensprozesses zur Gattung macht Hegel den Entwicklungszusammenhang der Gattung ausgehend vom Einzelnen explizit, wenn er schreibt, dass das Individuum sich durch den äußeren Lebensprozess »als reelles, allgemeines Leben, als Gattung gesetzt«53 hat. Folgende zwei Analysekriterien können dabei helfen, um Hegels Gedankengang im dritten und letzten Kapitel über die Idee des Lebens besser zu verstehen: der Fokus auf die Produktion der Totalität und die semantische Neubesetzung des Begriffs der Objektivität. Im Hinblick auf den Totalitätsgedanken ist wichtig zu erwähnen, dass durch diesen das Einzelne an das Allgemeine gebunden bleibt und vice versa. Das wird unter anderem dadurch deutlich, dass das Individuum nicht nur von der Wirklichkeit hervorgebracht wird, sondern auch »daß seine Entstehung […] nun seine Production wird«.54 Paraphrasiert besagt dieser letzte Gedanke, dass das einzelne Lebewesen seine eigene Wirklichkeit setzt und nicht mehr nur als Resultat eines objektiven Prozesses gesetzt wird, wie dies vor allem bei Objekten im mechanischen und chemischen Prozess der Fall ist. Im Hinblick auf Hegels semantische Neubesetzung des Terminus »Objectivität« ist anzumerken, dass diese – spätestens mit dem Eintritt in das Kapitel C. Die Gattung – nicht mehr nur anorganische, sondern auch lebendige Prozesse einschließt. Wichtig ist diese Anmerkung deshalb, weil Hegel ab dem zweiten Absatz dazu übergeht, nicht bloß das Verhältnis zwischen einem einzelnen Lebendigen und einer anorganischen Objektivität zu erläutern, sondern nunmehr die Beziehung der Lebendigen untereinander in den Fokus nimmt. Das Urteil der Gattung besteht und erweitert sich folglich in ein Urteil, in dem sich mindestens zwei Lebendige gegenüberstehen. Weil beide nur eine Gattung ausmachen, besteht der Trieb des einen Lebendigen darin, den anderen aufzuheben. Hegel beschreibt diesen für den Gattungsprozess konstituierenden Anfang wie folgt: »Das Individuum ist daher an sich zwar Gattung, aber es ist die Gattung nicht für sich; was für es ist, ist nur erst ein anderes lebendiges Individuum«55. Das Individuum ist also nicht nur mit unorganischen Prozessen, denen es aus GW 12: 293 = TWA 6: 484. GW 12: 294 = TWA 6: 484. 55 GW 12: 295 = TWA 6: 485. 53

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gesetzt ist, konfrontiert, sondern auch mit organischen, zu denen andere Lebendige seiner Art und Gattung gehören. Das »ganze Lebendige«, das Hegel vor Augen schwebt, ist eben diese Verbindung zwischen den Lebendigen einer Gattung. Die erste Stufe dieser Vereinigung ist »die Fortpflanzung der lebenden Geschlechter«, die für Hegel »ein unendlicher Progreß [ist; G. O.], in welchem die einzelnen Individuen ihre gleichgültige, unmittelbare Existenz ineinander aufheben« und auf diese Weise ihre Gattung realisieren.56 Endlich ist diese Realisierung, insofern das erzeugte Dritte – ein anderes Lebendiges derselben Gattung – als eigenständiges Moment in den Gattungsprozess eintritt, womit dieser ›von Neuem‹ beginnt. Die wahre Aufhebung und logische Weiterentwicklung dieses Prozesses ergibt sich, sobald das Lebendige begreift, dass die von ihm produzierte und nicht einfach nur vorausgesetzte Gattung wesentlich von seiner Tätigkeit abhängt und sein eigenes Produkt ist. Für das lebendige Individuum bedeutet das, dass in der Begattung – der Reproduktion respektive der Zeugung der Individualität und (folglich auch) der Gattung – das Einzelne sich als Allgemeines begreift, weil es das Setzen dieser Allgemeinheit qua Gattung ist. Hegel schreibt hierzu: »Die Idee, die als Gattung an sich ist, ist für sich, indem sie ihre Besonderheit, welche die lebendigen Geschlechter ausmachte, aufgehoben und damit sich eine Realität gegeben hat, welche selbst einfache Allgemeinheit ist«57. Diese Form oder Stufe der logischen Selbstbeziehung ist von derjenigen, die noch zu Beginn der Idee des Lebens vorherrschte, signifikant unterschieden. Ihre Entwicklung lässt sich analog zu den drei Momenten der Methode – die später detailliert erläutert, hier aber zum Zweck der Einteilung vorausgesetzt werden – wie folgt beschreiben. Am Anfang ist das einzelne Lebendige von seiner Gattung, die es nur an sich hat, verschieden: Die »Idee hat um ihrer Unmittelbarkeit willen die Einzelnheit zur Form ihrer Existenz.«58 Im Fortgang durch den Lebens- und Gattungsprozess wird der Einzelheit ihre Abstraktion genommen, indem das einzelne lebendige Subjekt sich mit der ihm vorausgesetzten Objektivität einerseits äußerlich gleichsetzt und sie andererseits zum Mittel degradiert, das ihm dazu dient, seine eigenen natürlichen Zwecke zu realisieren. Zu diesen Zwecken gehört allen voran der Trieb der Selbsterhaltung durch Reproduktion, die – wie sich gezeigt hat – nicht nur eine Produktion des einzelnen Lebendigen ist, sondern auch das Setzen der allgemeinen Gattung. Auf diese Weise kann das einzelne Lebendige seine unmittelbare Selbstbeziehung auf komplexere Formen ausweiten und zu einer konkreten Einzelheit werden, die das Allgemeine (Gattung) nicht mehr außer sich in der objektiven Äußerlichkeit hat, sondern als integraler Teil derselben sie durch eigene Setzungen – nicht GW 12: 296 = TWA 6: 486. GW 12: 297 = TWA 6: 486. 58 GW 12: 274 = TWA 6: 468. 56 57

Hegel-Studien



Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff

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zuletzt in Gestalt der eigenen Reproduktion – mitkonstituiert. Das Resultat, das gleichsam den Anfang des nächsten logischen Gedankens initiiert, besteht also in der erweiterten Form der Setzung der konkreten Einzelheit – »als allgemein und frey für sich existirenden Begriffes« – zu einer entwickelten Form der Idee, die den »Übergang in das Erkennen«59 schafft, die auch eine Lebensform ist und deren Ziel es ist, eine dem Begriff adäquate Objektivität – also auch eine ihm entsprechende Lebens- und Existenzform – aufzuzeigen und zu benennen. 1.2 Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff Das Erkennen wird von Hegel im vorletzten Kapitel der WdL abgehandelt, nachdem er im Kapitel Das Leben gezeigt hat, dass die einzelne Lebendigkeit ihren unmittelbaren Selbstbezug abgelegt und sich als Allgemeines (Gattung) begriffen hat. Mit Blick auf die Realisierung der Subjektivität, die Hegel im letzten Abschnitt der WdL als »subjektive Idee« bezeichnet und die in der Idee des Lebens als Lebendiges thematisch in Erscheinung tritt, führt diese erweiterte Form des (subjektiven) Selbstverhältnisses einen radikalen Wandel herbei, weil mit der Selbstbeziehung auch die Fremdbeziehung verändert wird. Die Realität des Begriffs, die im Urteil ausgesprochen wird und die Hegel in der Idee des Lebens durch die anfängliche Abstraktion des Einzelnen (Lebendigen) und Allgemeinen (Objektivität) beschreibt, ist in der Idee des Erkennens auch im konkreten Einzelnen präsent, wie das Kapitel C. Die Gattung gezeigt hat. Konkret ist das Einzelne nicht nur, weil es Teil der in der objektiven Sphäre ablaufenden mechanischen und chemischen Prozesse ist,60 sondern allem voran, weil es diese Prozesse ausgehend von der Begriffsform beschreiben kann. Denn zu verstehen, was der Satz »Ich bin ein (einzelnes) Exemplar einer (besonderen) Art der (allgemeinen) Gattung ›Lebewesen‹« bedeutet, heißt das Vermögen zu besitzen, Objekte unter eine Begriffsform zu bringen, also die basale Form »E – A«, »B – A« oder »E – B« zu gebrauchen.61 GW 12: 281 = TWA 6: 473. Vgl. den Übergang der äußeren Teleologie zur inneren und damit zur Idee: GW 12: 266 = TWA 6: 461. Vgl. auch: Fulda, Hans-Friedrich: »Von der äußeren Teleologie zur inneren«. In: Der Begriff als die Wahrheit, hrsg. v. Anton Friedrich Koch, Alexander Oberauer und Konrad Utz. Paderborn 2003, 146: »Die Teleologie muß innere Zweckmäßigkeit für einen objektiven Zweck sein, was diejenige von Artefakten sein soll, aber nicht wirklich sein kann. Die innere Teleologie, die es zu denken gilt, muß sich ferner dadurch auszeichnen, daß in der Objektivität die Vermittlung, die für alle äußere Zweckmäßigkeit konstitutiv ist, zwar enthalten ist, aber als eine sich in der Objektivität selbst aufhebende; und mit dieser Selbstaufhebung der Vermittlung muß das Objekt durch sich selbst (in mechanischen und chemischen Prozessen) zur Einheit des Begriffs zusammengehen.« 61 Dies sind die einzelnen Formen, in denen sich Urteile von endlich denkender Subjektivität 59

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Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

Sobald sich also das einzelne Subjekt seiner doppelten Stellung gegenüber der Objektivität bewusst ist, nachdem es erkannt hat, dass die sich im Individuum abspielenden objektiven Prozesse von den objektiven Prozessen der äußeren Welt nur dadurch unterscheiden, dass sie in einem Subjekt ablaufen und dass diese Identität (der Differenz) eine begriffliche ist, weil die objektiven Prozesse die Form des Begriffs – des Urteilens und Schließens – an sich haben, hat es seinen unmittelbaren Charakter abgelegt und ist zur begrifflichen Vermittlung übergegangen.62 Für die Objektivität bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie prinzipiell dem propositionalen Denken nicht entgegensteht, sondern ihm gegenüber geöffnet und ›wie für es gemacht‹ ist. Mit Rückgriff auf Hegels Fachsprache bedeutet das, dass alle Erscheinungen gemäß dem Begriff und seinen drei Momenten – Allgemeinheit, Besonderheit, Einzelheit –, von denen wir in allen unseren Urteilen und Schlüssen Gebrauch machen, sinnvoll definiert und eingeteilt werden können. Ein auf diese Weise in Begriffen denkendes und erkennendes Lebewesen nennt Hegel z. B.: »subjectiver Begriff«, »subjective Idee«, »Subject«, oft genug aber nur »Begriff«.63 Ihr steht eine gegebene Objektivität gegenüber, die Hegel z. B. »objective Welt« oder einfach nur »Object« nennt.64 Die Frage, welche Form des Begriffs der Objektivität adäquat ist und wie diese Übereinstimmung im Detail zu denken ist, setzt einen Prozess in Gang, der das Thema des vorletzten Kapitels der WdL – Die Idee des Erkennens – ist und der sich in zwei Prozesse aufteilt (1.2.1 – 2): in das theoretische und das praktische Erkennen. 1.2.1 Das theoretische Erkennen Für das theoretische Erkennen respektive die theoretische Idee gibt es von Hegels Seite aus zwei Vorgaben, die es zu beachten gilt: Einerseits ist die Rückführung der objektiven Mannigfaltigkeit auf den Begriff und seine Bestimmungen eine subjektive Tätigkeit. Anderseits ist sie auch objektiv, insofern das gegebene artikulieren. Vgl. Hierzu Hegels Äußerung am Anfang der Urteilslehre, dass »das Urtheil den bestimmten Begriff gegen den noch unbestimmten enthält. Das Subject kann also zunächst gegen das Prädicat als das Einzelne gegen das Allgemeine, oder auch als das Besondere gegen das Allgemeine, oder als das Einzelne gegen das Besondere genommen werden; insofern sie nur überhaupt als das Bestimmtere und das Allgemeinere einander gegenüberstehen.« (GW 12: 72 = TWA 6: 302) 62 Vgl. in diesem Kontext auch Hegels markanten Satz aus der Enzyklopädie: »Der Tod der nur unmittelbaren einzelnen Lebendigkeit ist das Hervorgehen des Geistes.« (GW 20: § 222 = TWA 8: § 222) 63 Vgl. z. B. GW 12: 298, 315 und 371 = TWA 6: 487, 501 und 542. 64 Ebd.

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Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff

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Objektive stets das Korrektiv des theoretischen Erkennens bleibt.65 Die Objektivität der subjektiven Idee bzw. des subjektiven Begriffs ist also zunächst einmal eine äußerliche, weil der Begriff sich nicht selbst bestimmt, sondern seine Bestimmungen durch vorgefundene Objekte, die er repräsentieren soll, erhält. Die Tätigkeit des endlichen Erkennens besteht zunächst einmal darin, das am Gegenstand komplex-verbunden vorgestellte Material auf seine abstrakten Bestandteile und deren Verhältnisse zu reduzieren. Durch diese Tätigkeit lässt sich einsehen, wie laut Hegel ein erkennendes Subjekt gemäß seiner allgemeinen Form erkennt: In der ersten Prämisse, dem Obersatz, verhält sich das erkennende Subjekt weitestgehend passiv, indem es sich gegen »das Vorhandene« zurückhält, dieses nicht bestimmt, sondern es sich ›zeigen‹ lässt.66 Hegel nennt diese Form des Erkennens »analytisches Erkennen«, das er wie folgt spezifiziert: Das analytische Erkennen nun näher betrachtet, so wird von einem vorausgesetzten, somit einzelnen, concreten Gegenstande angefangen, er sey nun ein für die Vorstellung schon fertiger oder er sey eine Aufgabe, nemlich nur in seinen Umständen und Bedingungen gegeben, aber aus ihnen noch nicht für sich herausgehoben und in einfacher Selbstständigkeit dargestellt.67

Im analytischen Erkennen sieht sich das denkende Subjekt mit einem konkreten Gegenstand konfrontiert. Die Komplexität des Gegenstandes spielt dabei keine primäre Rolle. Entscheidend ist nur der Umgang mit ihm: Nicht das erkennende Subjekt setzt den (wie komplex auch immer gearteten) Gegenstand, sondern dieser ist ihm vorausgesetzt. So betrachtet muss »die Thätigkeit des subjectiven Begriffs von der einen Seite nur als Entwicklung dessen, was im Objecte schon ist, angesehen werden […], weil das Object selbst nichts als die Totalität des Begriffs ist.«68 Dies ist aber nur die eine Seite des Erkennens. Die andere Seite liegt in der transformatorischen Leistung des Erkennens begründet: Indem das erkennende Subjekt das ihm objektiv Vorausgesetzte in seinen (subjektiven) Begriff überführt, gibt es ihm eine abstrakte logische Begriffsform. Denn weder ist das Erkennen eine bloße Empfindung, in der die Komplexität und Vielfältigkeit des zu erkennenden Gegenstandes unmittelbar zugänglich ist. Noch kann das Denken darin bestehen, sich ausgehend von Eigenschaften identifizierend auf Gegenstände zu beziehen und sie z. B. beim Namen zu nennen (oder ihnen einen neuen zu geben). Vielmehr artikuliert sich der Erkenntnisakt in der »Verwandlung des Vgl. auch Schäfer, Rainer: »Hegels Ideenlehre und die dialektische Methode«. In: G. W. F. Hegel. Wissenschaft der Logik, hrsg. v. Anton Friedrich Koch und Friedrike Schick. Berlin 2002, 250 f. 66 Vgl. ganzen Absatz in: GW 12: 315 = TWA 5: 501. 67 GW 12: 317 = TWA 6: 503; vgl. auch GW 12: 315 = TWA 6: 502. 68 GW 12: 317 = TWA 6: 503. 65

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gegebenen Stoffes in logische Bestimmungen«69, zu denen der Begriff als solcher – das Allgemeine, das Besondere, das Einzelne – gehört. Denken bzw. Erkennen in diesem eminenten Sinn bedeutet demnach nichts anderes als Urteilen: die Subsumption der vorausgesetzten Einzelnen unter allgemeine(re) Begriffe. Eben hierin artikuliert sich die zweite Prämisse des Erkennens, die Hegel mit dem synthetischen Erkennen gleichsetzt. Anders als das analytischen Erkennen, das »nur das Auffassen dessen, was ist«, ist, konzentriert sich das synthetische Erkennen »auf das Begreifen dessen, was ist«.70 Beide Momente können äußerlich zwar so weit unterschieden werden, dass gesagt werden kann, dass die besonderen Bestimmungen des konkreten Gegenstandes durch das analytische Erkennen gesetzt und von dem synthetischen in ihren allgemein(er)en Verhältnissen gedacht werden. Weil aber der Begriff für Hegel – insbesondere in der Idee – immer als Totalität, in der jedes Moment in einer notwendigen Beziehung zum Ganzen steht, verstanden werden muss, sind das Analytische und das Synthetische zwei Seiten, die im spekulativen Erkennen zusammenfallen. Dieses Zusammenfallen ist der Schluss als solcher oder, bestimmter, der Schlusssatz. Während also das analytische Erkennen aus dem Gegenstand besondere Eigenschaften ›extrahiert‹ und das synthetische Erkennen diese auf einen allgemeineren Begriff bezieht, so gilt für das Erkennen überhaupt – das sich erst im Schluss(satz) konstituiert –, dass den vormals vorausgesetzten Einzelnen ihre Abstraktion genommen wird, indem sie als vermittelte Einzelheiten gesetzt werden. Zusammengefasst hat das Erkennen folgende spekulativ-syllogistische Struktur: Erste Prämisse [analytisch]: E/Ounmittelbar – B Zweite Prämisse [synthetisch]: B – A Schlusssatz: E/Overmittelt – A Die Unterscheidung zwischen dem unmittelbaren Anfang bei einem vorausgesetzten und konkreten Einzelnen und Objektiven (vgl. erste Prämisse) und die Ausdifferenzierung bzw. der Fortgang des Begriffs (vgl. zweite Prämisse und Schluss) sind von eminenter Bedeutung für den Unterschied von endlichem und unendlichem Erkennen. Grundlage für das theoretische Erkennen, auf das sich diese Anmerkung beschränken soll, ist das propositionale Verhältnis zwischen den Einzeldingen – E/Ounmittelbar – und dem Begriff, der v. a. in der zweiten Prämisse gedacht wird. Die Einzeldinge markieren den Bereich der Objektivität, während der Begriff im endlichen Erkennen cum grano salis subjektive Gültigkeit suggeriert. Vor dem Hintergrund dieser erweiterten Interpretation kann das theoretische Erkennen optisch wie folgt präzisiert werden: GW 12: 318 = TWA 6: 503. GW 12: 326 = TWA 6: 511.

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Erste Prämisse [analytisch]: E/Ounmittelbar – B Zweite Prämisse [synthetisch]: B – A Schlusssatz: E/Overmittelt – A Zur weiteren Erläuterung sei Folgendes bemerkt: Im theoretischen Erkennen ist die Zweiwertigkeit des Urteils aufgrund der Trennung von Gegenstand (E/Ounmittelbar) und Begriff (B, A) von Anfang an gesetzt. Das Ziel des (subjektiven) Begreifens besteht nun darin, die in dem anfänglichen Urteil geforderte Identität zwischen Objektivität und subjektivem Begriff zu setzen. Mit anderen Worten: Der Schluss soll das setzen, was am Anfang gefordert wird, aber nicht gesetzt ist. Dieses Desiderat erfüllt der Schlusssatz (E/Overmittelt  – A) auf unzureichende Weise, weil zum einen die Begriffsbestimmung noch nicht abgeschlossen ist und weil zum anderen ein Vermittlungsproblem zwischen einem begrifflich artikulierten Einzelding (E/Overmittelt) und seinem nicht-begrifflichen Korrelat (E/Ounmittelbar) entsteht. Für jedes Erkennen gilt allgemein, dass der Begriff seinem Gegenstand und der Gegenstand seinem Begriff entsprechen soll. Dies besagt auch Hegels anfängliches Diktum in den einleitenden Passagen des letzten Abschnitts der WdL: »Die Idee ist der adäquate Begriff, das objective Wahre, oder das Wahre als solches.«71 Das Zitat macht deutlich, dass in den Kapiteln zur Idee sowie im dritten Buch der WdL (Begriffslogik) der Begriff das Hauptthema der Auseinandersetzung markiert. Im endlichen Erkennen ist der Begriff inadäquat, weil er ein subjektiver ist. Subjektiv ist er nicht nur deswegen, weil er im erkennenden Subjekt selbst lokalisiert ist, sondern auch, weil auf den Begriff selbst nicht eigens reflektiert, dieser also keinen Erkenntnisgegenstand des theoretischen Erkennens bildet, aber für dieses als Bedingung dennoch in Anschlag genommen wird. Denn der Ausgangspunkt für das endliche Erkennen ist, wie mehrfach erwähnt, ein vorausgesetztes Objektives, an dem der Begriff und seine Begriffsform zwar vorhanden, aber noch nicht gesetzt sind. Wirklich und objektiv wird der subjektive Begriff (in einem ersten Schritt) also dann (und nur dann), wenn das denkende und erkennen wollende Subjekt urteilt und schließt und durch Urteile und Schlussfolgerungen eine Übereinstimmung zwischen seiner Form und der Realität schafft. Im theoretischen Erkennen unterscheidet Hegel drei Weisen, dem Begriff eine Realität zu geben: Definition, Einteilung, Lehrsatz. Die Definition: Eine Definition entsteht für Hegel, nachdem das Einzelne und seine allgemeinen Bestimmungen in ihrer Besonderheit erkannt und benannt worden sind: Das Einzelne ist ein Allgemeines, das zugleich ein Besonderes, also ein bestimmtes Allgemeines ist.72 Die Definition folgt in diesem Sinn der Tei71

GW 12: 267 = TWA 6: 462. »Der Gegenstand wird […] als Allgemeines gefaßt, welches zugleich wesentlich Bestimmtes

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lung des Begriffs, wobei Hegel zwischen einer ersten und einer zweiten Definition unterscheidet. Die erste Definition, die Hegel in dem Kapitel Die Definition vor Augen hat, beruht auf Beobachtungssätzen.73 Weil sie der Unmittelbarkeit entnommen sind und ihre Prädikate so aufgenommen werden, wie sie sich dem erkennenden Subjekt unmittelbar präsentieren, sind sie problematisch. Vor diesem Hintergrund gilt eine prädikative Bestimmung so viel wie eine andere. Hegels Quintessenz in diesem Kapitel ist, dass Definitionen, die auf deskriptiven Aussagen beruhen, nur eine formelle Übereinstimmung mit dem Begriff haben, weil ihre Aussageform zwar begrifflich ist, der Begriff aber schlussendlich subjektiv bleibt, da er seine Objektivität nicht an sich – an seiner Aussageform – hat. Vor dem Hintergrund des ›adäquaten Begriffs‹ zeichnet sich für die Definition ein konstitutiver Mangel ab: Die Form der Definition fordert die Übereinstimmung des konkreten Einzelnen mit einer bestimmten Allgemeinheit. Diese strenge Übereinstimmung ist aber von Anfang an ausgeschlossen, weil das Einzelne der Gegenstand ist, der einseitig und getrennt von seiner Begriffsform, der Allgemeinheit und Besonderheit, existiert.74 Die Endlichkeit dieses Erkennens hängt aber nicht nur damit zusammen, dass auf den Begriff selbst nicht reflektiert wird, sondern auch damit, dass der Begriff seinen Inhalt einem ihm korrespondierenden Dasein entnimmt. Für die Vorstellung ist ein solches Dasein ein konkretes Einzelding (bzw. ein Ding von vielen Eigenschaften)75. Das erkennende Subjekt geht dabei so vor, dass es ein Ding identifiziert, indem es gleichsam seine Eigenschaften benennt und dabei zu erkennen versucht, »in welchem Zusammenhange sie miteinander stehen, ob die eine schon mit der anderen gesetzt sey«.76 Weil für die Definition »kein anderes Kriterium noch vorhanden als das Daseyn selbst«77 ist, ist die Frage, welche der vielen Eigenschaften oder Qualitäten für das Dasein wesentlich sind, nicht nur problematisch, sondern geradezu unlösbar. So können Eigenschaften der Einzeldinge, die das erkennende Subjekt für wesentlich erachtet, beim Einzelding selbst ausbleiben, ohne dass darum die Definition falsch ist. Exemplarisch hierfür schreibt Hegel in der WdL, dass Missgeburten der Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, bei denen definitorische Eigenschaften eingeschränkt sein oder sogar faktisch ausbleiben kön-

75 76 77 73 74

ist.« (GW 12: 329 = TWA 6: 513) In der Enzyklopädie heißt es: »aa) Der Gegenstand, von dem Erkennen zunächst in die Form des bestimmten Begriffes überhaupt gebracht, so daß hiermit dessen Gattung und dessen allgemeine Bestimmtheit gesetzt wird, ist die Definition.« (GW 20: § 229 = TWA 8: § 229) Damit entspricht die Grundform des theoretischen Erkennens zugleich der Form der Definition. Weil es sich hier um einen unmittelbaren Schluss handelt, bildet das Besondere den Mittelbergriff. GW 12: 329 = TWA 6: 513. GW 12: 329 = TWA 6: 513. Vgl. GW 12: 331 = TWA 6: 515. GW 12: 331 = TWA 6: 515. GW 12: 331 = TWA 6: 515.

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nen, dennoch in die Definition derselben aufgenommen werden müssen. Ein Mensch, der in keinem oder einem schlechten Staat lebt, dessen Gehirn nicht ordnungsgemäß funktioniert usw., bleibt dennoch ein Mensch.78 Ebenso bleiben eine kranke Pflanze oder ein krankes Tier immer noch eine Pflanze oder ein Tier. Negativ bleibt also festzuhalten, dass Definitionen, denen das Ding von vielen Eigenschaften zugrunde liegt, unter Berücksichtigung der Begriffs­ momente – Allgemeinheit, Besonderheit, Einzelheit – aufgestellt werden können, ohne dass dabei auf die Übereinstimmung des Begriffsinhalts mit seiner Form reflektiert wird.79 Das führt aber zu einem performativen Mangel; denn im Urteilen und Schließen fordern wir die Bestimmtheit des Einzelnen, die mit Blick auf Definitionen des Daseins inhaltlich stets defizitär bleibt. Die Unmöglichkeit, eine exakte Definition am konkreten Objekt selbst aufzustellen, lenkt den Fokus nolens volens auf das erkennende Subjekt selbst. Dieses »tut daher auch auf eigentliche Begriffsbestimmungen, die wesentlich die Prinzipien der Gegenstände wären, von selbst Verzicht, und begnügt sich mit Merkmalen«80. Diese sind für Hegel »Bestimmungen, bey denen die Wesentlichkeit für den Gegenstand selbst gleichgültig ist und die vielmehr nur den Zweck haben, daß sie für eine äussere Reflexion Merkzeichen sind.«81 Die logische Weiterentwicklung, auf die Hegel im Kapitel über die Definition aufmerksam machen möchte, geht demgemäß mit der Selbstreflektion und Korrektur des erkennenden Subjekts (und seiner Tätigkeit) einher. Sobald dieses nämlich erkennt, dass die Definition von konkreten Objekten nicht nur von ihnen selbst abhängt, sondern das Definieren auch für es, das erkennende Subjekt selbst, ist, vollzieht sich ein Übergang, der nicht nur negativ, sondern auch positiv ist. Im Hinblick auf seinen eigenen Begriff leistet die erste Definition für das erkennende Subjekt zweierlei: Zwar werden, erstens, alle Bestimmungen unmittelbar aufgenommen und sind in diesem Sinne ganz unbestimmt; da aber ihre Setzung synthetisch ist, weil sie formell den Begriffsmomenten entspricht, sind mit ihr, zweitens, der Begriff und seine Momente gesetzt. Die Einteilung: Die definitorische Artikulation des Daseins als bestimmtes Allgemeines macht jede Definition zu einer Einteilung. Wenn der Mensch bspw. als ein Lebewesen mit Gehirn – oder mit Staat – definiert wird, so heißt das GW 12: 334 f. = TWA 6: 518 »Der Inhalt der Definition ist überhaupt aus dem unmittelbaren Daseyn genommen, und weil er unmittelbar ist, hat er keine Rechtfertigung; die Frage nach dessen Notwendigkeit ist durch den Ursprung beseitigt; darin, daß sie den Begriff als ein bloß Unmittelbares ausspricht, ist darauf Verzicht getan, ihn selbst zu begreifen. Sie stellt daher nichts dar als die Formbestimmung des Begriffs an einem gegebenen Inhalt, ohne die Reflexion des Begriffes in sich selbst, d. h. ohne sein Fürsichseyn.« (GW 12: 335 f. = TWA 6: 519) 80 GW 12: 333 = TWA 6: 516. 81 GW 12: 333 = TWA 6: 516. 78

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automatisch, dass der Mensch zu derjenigen Klasse aller Lebewesen gehört, die mindestens ein Gehirn besitzen – oder in einem Staat leben –, und dass es andere Lebewesen gibt, die nicht unter diese Klasse subsumiert werden können, weil sie die Anforderungen des Daseins nicht erfüllen. Diese bestimmte Allgemeinheit (Besonderheit) erlaubt es, einerseits das Einzelne gegen andere Einzelne abzugrenzen und andererseits das Einzelne für sich zu bestimmen. Dieser sogenannte »Doppelschein«82 – der Schein nach innen und außen – ist charakteristisch für jede bestimmte Allgemeinheit. In dem Urteil »Gold ist Metall«83 wird mittels eines Allgemeinbegriffs etwas über einen Gegenstand ausgesagt. Der Allgemeinbegriff »Metall« muss so weit und so eng gedacht werden, dass er einerseits alle nicht-metallischen Stoffe – wie Erde, Wasser u. v. m. – ausschließt und andererseits alle Goldstücke – egal welcher Größe und welchen Aggregationszustandes – einschließt. Analog zur Definition werden alle spezifischen Kriterien der Beobachtung entnommen. So kann festgestellt werden, dass es eine Vielzahl von Stoffen gibt, die in einem hohen Maß elektrisch leitfähig und oxidationsfreudig sind, eine ähnliche Dichte, einen ähnlichen Siedepunkt u. v. m. besitzen. Diese qualitative Abgrenzung gegen andere Stoffe, der Schein nach außen, erfolgt zwar rein äußerlich; es ist aber das Prinzip der Einteilung schlechthin, weil die Einteilungsgründe ihren Ursprung in den in die erste Definition aufgenommenen Bestimmungen haben. Was eine Sache jeweils für sich als Einzelheit, der Schein nach innen, ist, kann in diesem Fall nur in äußerlicher Abgrenzung bestimmt werden. Auf diese Weise entsprechen die inneren Einteilungsgründe den äußeren: Das, was das Einzelne für sich ist, sein Wesen, ist nur das, wie es nach außen hin erscheint.84 Dieses von Hegel inspirierte Beispiel macht dreierlei deutlich: Soll der in der Definition enthaltenen begrifflichen Forderung nach einer Übereinstimmung »- Diese Bestimmtheit ist nemlich als im Begriffe die totale Reflexion, der Doppelschein, einmal der Schein nach aussen, die Reflexion in anderes, das andere Mal der Schein nach innen, die Reflexion in sich. Jenes äusserliche Scheinen macht einen Unterschied gegen anderes; das Allgemeine, hat hiernach eine Besonderheit, welche ihre Auflösung in einem höhern Allgemeinen hat. Insofern es nun auch nur ein relativ-allgemeines ist, verliert es seinen Charakter des Allgemeinen nicht; es erhält sich in seiner Bestimmtheit, nicht nur so, daß es in der Verbindung mit ihr nur gleichgültig gegen sie bliebe, – so wäre es nur mit ihr zusammengesetzt, – sondern daß es das ist, was soeben das Scheinen nach innen genannt wurde. Die Bestimmtheit ist als bestimmter Begriff aus der Aeusserlichkeit in sich zurückgebogen« (GW 12: 42 f. = TWA 6: 278.). Vgl. auch: Koch:2014, 157 f. 83 In der Philosophie wird gewöhnlich die Definition des Menschen als Beispiel herangezogen. Zur Abwechslung und weil Hegel ein solches Beispiel im Urteilskapitel, § 167 Anm., gibt, bediene ich mich dieses Beispiels, wenngleich ich es vertiefe (vgl. GW 20, § 167 = TWA 8, § 167). Hegels Beispiel aus der WdL lautet: »[E]r [Ring; G. O.] ist Gold« (TWA 6: 336 = GW 12: 112). 84 Der Schluss der Einteilung lautet: »A – E – B«. Das Einzelne bildet den Mittelbegriff und das Allgemeine wird als Besonderes gefasst. 82

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des Allgemeinen mit dem Einzelnen Rechnung getragen werden, muss das Allgemeine erstens spezifiziert werden. Denn nicht jedes Allgemeine, sondern nur ein bestimmtes Allgemeines ist ein Allgemeines des Einzelnen. In diesem Sinne ist das Allgemeine nichts anderes als das Besondere. Zweitens gehen mit der Besonderheit automatisch Einschränkungen einher. Wenn nämlich einzelne Eigenschaften so gesetzt werden, dass sie Teil der Definition sind, wird simultan von anderen Eigenschaften abstrahiert. Drittens hat die Entscheidung, nach welchen Kriterien das Einzelding eingeteilt werden soll, d. h. welche der vielen Eigenschaften in die Definition aufgenommen werden dürfen, ihren Ausgangspunkt im Dasein. Weil jedes Dasein für Hegel wesentlich unmittelbar und unbestimmt ist und weil jede Einteilung ihren Einteilungsgrund im Dasein hat, ist keine Einteilung aus bloßen Begriffen möglich; und ausgehend vom (empirischen) Dasein kann begrifflich nicht entschieden werden, welche besonderen Eigenschaften anderen Eigenschaften vorzuziehen sind.85 Wie bei der Definition, so bilden also auch bei der Einteilung deskriptive Aussagen den Ausgangspunkt. Aus der Liste aller möglichen Prädikate werden nur diejenigen genommen, die jedem Einzelnen einer bestimmten Art zukommen. Auf diese Weise findet eine Abstraktion statt, indem von manchen Prädikaten (und Eigenschaften) abgesehen wird. Manche der in die Einteilung (qua Definition) aufgenommenen Prädikate werden für wesentlich erachtet, alle anderen auf den Gegenstand zutreffenden oder unzutreffenden Prädikate sind hingegen unwesentlich. Ihren Rechtfertigungsgrund hat die Einteilung einerseits in dem vorgefundenen Gegenstand, weil er das Korrektiv der Einteilung bildet und nur durch ihn die Frage beantwortet werden kann, warum ihm gerade diese und keine anderen Prädikate zugesprochen werden müssen. Andererseits spielt mit Blick auf die Begründung der Einteilung auch die äußerliche Reflexion des erkennenden Subjekts eine elementare Rolle. Denn sobald dieses einen Gegenstand nach bestimmten Eigenschaften einteilt, legt es selbst Prioritäten fest, indem es einige Eigenschaften für wesentlich, andere für unwesentlich erachtet. Dass die einzelnen Erscheinungen dieser begrifflichen Einteilung faktisch zu entsprechen scheinen, kann laut Hegel einem »Instincte der Vernunft«86 zuge85 86

Vgl. GW 12: 342 = TWA 6: 524 f. »[…] so kann es einem Instincte der Vernunft zugeschrieben werden, wenn man Eintheilungsgründe und Eintheilungen in diesem Erkennen findet, welche, soweit sinnliche Eigenschaften es zulassen, sich dem Begriffe gemäßer zeigen. Z. B. bei den Thieren werden die Freßwerkzeuge, Zähne und Klauen, als ein weit durchgreifender Einteilungsgrund in den Systemen gebraucht; sie werden zunächst nur als Seiten genommen, an denen sich die Merkmahle für den subjektiven Behuf des Erkennens leichter auszeichnen lassen. In der That liegt aber in jenen Organen nicht nur ein Unterscheiden, das einer äussern Reflexion zukommt, sondern sie sind der Lebenspunkt der animalischen Individualität, wo sie sich selbst von dem Anderen der ihr äusserlichen Natur als sich auf sich beziehende und von der Continuität mit Anderem ausscheidende Einzelnheit setzt. – Bey der Pflanze machen die

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schrieben werden. Die faktische Übereinstimmung ist aber nur ein Indiz für die objektive Gültigkeit des Begriffs. Durch sie wird lediglich deutlich, dass in der Natur nicht alle Eigenschaften gleichrangig zu sein scheinen, sondern in einem Prioritätsverhältnis stehen, das im Einzelfall nachzuweisen ist. Wenn Hegel also in der WdL schreibt, dass bei einer Pflanze die Befruchtungsteile oder bei Tieren die Fresswerkzeuge, Zähne und Klauen den höchsten Punkt ihres Lebens ausmachen, dann meint er nicht, dass es für eben diese Eigenschaften eine begriffliche Notwendigkeit gibt. Das Kriterium, an dem sich eine gute Einteilung – und (mit ihr) eine gute Definition – von einer schlechten unterscheiden lässt, liegt in der Begriffsallgemeinheit und seiner Besonderung; und das konkrete Einzelding kann ihm entsprechen, ohne dass etwas über die Notwendigkeit seines empirischen Gehalts ausgesagt werden kann. Wenn z. B. behauptet wird, das Pferd ist ein Tier mit Unpaarhufen, so ist diese Einteilung gut, weil es erstens in der Natur Hufentiere mit Paar- und Unpaarhufen gibt und weil zweitens eine solche Einteilung der Disjunktion des Begriffs, B und non-B, entspricht, die Disjunktion also vollständig ist. Dass Pferde tatsächlich existieren, ist zufällig. Wenn sie aber existieren, dann existieren sie nicht losgelöst von bestimmten Eigenschaften, die sie zu dem machen, was sie sind, z. B. zu Tieren mit Paar- oder Unpaarhufen. Die Einteilung greift nur solche der vielen Eigenschaften heraus, die der Form des Begriffs zu entsprechen scheinen, ohne dabei eine Notwendigkeitsbeziehung zwischen beiden herstellen zu wollen. Entscheidend für den begrifflichen Fortschritt der Einteilung zum Lehrsatz ist der zunehmende Fokus auf den (subjektiven) Begriff und seine Konstruktion, der sich im Kapitel Die Definition bereits angedeutet und im Kapitel Die Einteilung intensiviert hat. Der Lehrsatz: Der Lehrsatz ist laut Hegel die »zweyte[] oder reelle[] Definition«87, in welcher der Gegenstand in den Bedingungen seines Daseins vollständig erkannt ist. Um einen Lehrsatz aufstellen zu können, müssen zahlreiche Bedingungen erfüllt sein: Zuerst muss das Material auf ein Minimum reduziert worden sein. Der Beweis kann nur das leisten, was die Konstruktion des Materials im Lehrsatz als Aufgabe bereits enthält. Er ist in dieser Hinsicht nur die Ausführung dessen, was der Lehrsatz der Konstruktion vorschreibt.88 Hegels Beispiel ist die Addition: Wenn 5 und 7 addiert 12 ergeben sollen, dann besteht der Beweis darin, dass zur Zahl 5 (5 Einheiten) die Zahl 7 (7 Einheiten) addiert wird.89 In Befruchtungstheile denjenigen höchsten Punkt des vegetabilischen Lebens aus, wodurch sie auf den Uebergang in die Geschlechtsdifferenz und damit in die individuelle Einzelnheit hindeutet.« (GW 12: 343 f. = TWA 6: 526) 87 GW 12: 352 = TWA 6: 533 88 Für den Zusammenhang zwischen Material, Konstruktion und Beweis vgl. GW 12: 352 ff. = TWA 6: 533 f. 89 Verkürzt gesprochen lautet die Formel: Wenn addiert werden soll, dann wird addiert. Hegel diskutiert das Beispiel in: GW 12: 321 ff. = TWA 12, 506 f. Vordergründig geht es ihm

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diesem Sinne ist das Ergebnis – die Zahl 12 (rechte Seite der Gleichung) – in der Aufgabe – der Addition (linke Seite der Gleichung) – bereits vollständig enthalten und wird durch die Tätigkeit, das Abzählen, lediglich ausgesprochen oder gesetzt. Analoges gilt z. B. für die Konstruktion eines jeden Dreiecks, für die gilt: Gegeben sind z. B. zwei Geraden, die sich in einem Winkel schneiden. Solche Geraden sind schon das ganze Dreieck.90 Entscheidend für einen Lehrsatz ist ferner, dass er als ein allgemeiner Satz alle anderen Sätze (seiner Art) einschließt. Hegels Beispiel im Lehrsatzkapitel ist der Satz des Pythagoras: »a 2 + b2 = c2«, der auf zahlreiche Art und Weisen bewiesen werden kann.91 Für ihn gilt einerseits, dass er selbst das Resultat einer Konstruktion ist, die in ihm als Aufgabe ausgesprochen dasteht und wozu er selbst das notwendige und auf ein Minimum reduzierte Material bereitstellt. Andererseits ist er trotz seiner Einzelheit (als Satz) universell und allgemein gültig, insofern jeder andere Satz seiner Art – bspw. unter Verwendung von konkreten Zahlenwerten oder Längenangaben  – über ihn definiert werden kann. Eben hierin liegt die konkrete Allgemeinheit seiner Einzelheit: In der Konstruktion am Einzelfall, die als Einzelfall zugleich die allgemeine (Konstruktions-)Regel bestätigt, die im (Lehr-)Satz ausgesprochen dasteht. Zusammengefasst kann also behauptet werden, dass Lehrsätze einzelne Sätze sind, die einen so hohen Allgemeinheitsgrad besitzen, dass sie andere Sätze unter sich vereinigen und auf diese Weise das Besondere einschließen, also eine bestimmte Allgemeinheit ausdrücken. Ihre privilegierte erkenntnistheoretische Rolle besteht demnach darin, dass sie die Konstruktionsbedingungen für andere Sätze angeben. Die Anwendung dieser Bedingungen, also die Konstruktion des Materials unten den im Satz ausgedrückten Kriterien, und das Gelindarum, gegen Kant zu argumentieren, dass der mathematische Satz »5 + 7 = 12« nicht nur ein synthetischer Satz ist, sondern auch ein analytischer. In diesem Zusammenhang greift Hegel aber einen Gedanken auf, der seinen systematischen Ort im Lehrsatzkapitel hat: »Der Beweis eines solchen Lehrsatzes [5 + 7 = 12; G. O.] […] würde nur in der Operation des durch 7 bestimmten Fortzählens von 5 an, und in dem Erkennen der Uebereinstimmung dieses Fortgezählten mit dem bestehen, was man sonst 12 nennt, und was wieder weiter nichts, als eben jenes bestimmte Fortzählen selbst ist. Statt der Form der Lehrsätze wählt man daher sogleich die Form der Aufgabe, der Forderung der Operation, nemlich das Aussprechen nur der einen Seite von der Gleichung, die den Lehrsatz ausmachen würde und deren andere Seite nun gefunden werden soll. […] Der ganze Unterschied der in der Aufgabe gemachten Bedingungen und des Resultates in der Auflösung ist nur der, daß in diesem wirklich auf die bestimmte Weise vereinigt oder getrennt ist, wie in jener angegeben war.« (GW 12: 321 f. = TWA 5: 506 f.) 90 Hegels Beispiele aus der Geometrie stehen in: GW 12: 348 f. = TWA 5: 531 f. Das hier gewählte Beispiel ist – vor dem Hintergrund des einfacheren Verständnisses – frei gewählt, folgt aber Hegels Gedanken. 91 Hegel selbst bringt keinen einzigen Beweis, aber diese lassen sich durch geometrische Konstruktionen – u. a. durch Verschiebungen, Spiegelungen usw. – leicht führen.

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gen dieser Anwendung im Einzelfall ist schon der ganze Beweis, sodass jede einzelne Konstruktion als Bekräftigung der allgemeinen Regel, die der Lehrsatz ausspricht, angesehen werden kann. Im Hinblick auf die Notwendigkeit solcher Lehrsätze heißt das, dass diese nicht am Anfang, sondern erst im Fortgang einsehbar wird. Am Anfang scheint potenziell jeder Satz ein Lehrsatz sein zu können. Im Konstruieren und Beweisen zeigt sich aber, dass nicht jeder Satz, sondern nur besondere Sätze Anspruch erheben dürfen, obere Erkenntnissätze zu sein. Am Satz selbst lässt sich seine Allgemeinheit also nicht ablesen, sondern sie entsteht erst mit der Konstruktion, die in letzter Instanz die Tätigkeit und Leistung eines erkennenden Subjekts ist. In diesem Sinne ist das Aufstellen von Lehrsätzen nichts, das dem unmittelbar vorgefundenen Objektiven abgelesen werden kann. Vielmehr ist das Korrektiv des Lehrsatzes der Allgemeinbegriff, der dem Aufstellen von Lehrsätzen – der Konstruktion – als Kriterium dient: Das in dem Lehrsatz enthaltene Material ist die abstrakte Allgemeinheit, seine Konstruktion die bestimmte Allgemeinheit (Besonderheit) und der Beweis, aus dem der Lehrsatz hervorgeht, die konkrete Allgemeinheit (Einzelheit).92 Obwohl der Begriff in seiner Ganzheit gedacht wird, bleibt er im Lehrsatzkapitel noch subjektiv, weil das im Lehrsatz enthaltene und für die Konstruktion und den Beweis notwendige Material noch äußerlich ›herbeigeschafft‹ werden muss. Was sich im Lehrsatz realisiert, ist also nicht der objektive, sondern der subjektive Begriff in seiner Notwendigkeit, womit der Anspruch des Begriffs, der adäquate Begriff zu sein, noch nicht erfüllt ist. Hegel schreibt hierzu: »Die Idee erreicht deßwegen in diesem Erkennen [dem Aufstellen von Lehrsätzen; G. O.] die Wahrheit noch nicht, wegen der Unangemessenheit des Gegenstandes zu dem subjectiven Begriffe.«93 Trotz der Inadäquatheit des Begriffs mit dem objektiven Gegenstand respektive der fehlenden »Einheit seiner [vgl. Begriff; G. O.] mit sich selbst in seinem Gegenstande oder seiner Realität«94 ist dem Kapitel über den Lehrsatz auch ein positives Resultat abzuringen: Der Begriff ist für das theoretisch- und endlicherkennende Subjekt notwendig und objektiv gesetzt, insofern nicht nur das Dasein, sondern auch der (subjektive) Begriff das Erkennen konstituieren. Für die weitere logische Entwicklung hat dieses Resultat mindestens drei wichtige Konsequenzen, die zugleich den Übergang zur praktischen Idee motivieren: Auch wenn der Begriff seine vollständige Objektivität noch nicht erreicht hat und somit noch kein »adäquate[r] Begriff«95 geworden ist, so ist er erstens für jedes ein Die Schlussform, die dem Lehrsatz zugrunde liegt, lautet »B – A – E«. Ihre Pointe besteht darin, dass das Allgemeine sich in seinen Extremen (B, E) konkretisiert, dass also diese nichts anderes aussprechen als das, was das Allgemeine ist. 93 GW 12: 362 = TWA 6: 541. 94 GW 12: 361 = TWA 6: 541. 95 GW 12: 267 = TWA 6: 462. 92

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zelne Subjekt doch ›objektiv‹ gültig, insofern das (subjektive) Begreifen von seiner Form – den Begriffsmomenten – nicht abstrahieren kann. Mit anderen Worten: Sobald die subjektiv-gültige Objektivität des Begriffs (inkl. seiner Momente) von dem Erkennenden einmal erkannt worden ist, kann von ihr nicht mehr abstrahiert werden, weil ihre Negation zugleich die Negation des Erkennens selbst wäre. Da Lehrsätze nicht unmittelbar gegeben sind, setzen sie, zweitens, die Tätigkeit des Subjekts, durch die sie konstruiert werden und immer wieder rekonstruiert werden können, unmittelbar voraus. Ergo schließt ein jeder durch die Konstruktion und im Beweis zustande gebrachte Lehrsatz das praktische Tun des Subjekts ein, weil jeder bewiesene (Lehr-)Satz nur dann das sein kann, was er sein soll, nämlich ein erster und ober(st)er Satz, nachdem er nach Maßgabe des Begriffs dazu gemacht worden ist. Dies alles führt, drittens, zu einem für die Exposition des Begriffs im nächsten Kapitel – Die Idee des Guten – entscheidenden Punkt: Auf dem gegenwärtigen Stand der logischen Entwicklung der Idee weiß das erkennende Subjekt (bzw. der subjektive Begriff), dass die Objektivität seines eigenen (subjektiven) Begriffs – anders als noch bei der ersten Definition – nicht unmittelbar und äußerlich gegeben ist. Vielmehr muss sie zu einer solchen gemacht werden. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf das Verhalten des erkenntnisfähigen Subjekts und seinen Umgang mit der ihm noch vorausgesetzten objektiven Äußerlichkeit. 1.2.2 Das praktische Erkennen In der praktischen Idee – dem praktischen Erkennen – stehen sich zwei, wie Hegel es nennt, »Wirkliche« gegenüber: Das eine Wirkliche ist der subjektive Begriff, das andere eine »objective Welt«.96 Die Entwicklung der theoretischen Idee zur praktischen leitet einen Korrektivwechsel ein: Ist in der theoretischen Idee das dem erkennenden Subjekt objektiv Vorausgesetzte das Korrektiv, an dem der Begriff auf seine Adäquatheit geprüft wird, so wird in der praktischen Idee umgekehrt das Objektive am subjektiven Begriff geprüft. Die allgemeine ›Formel‹ für die praktische Idee lautet dementsprechend wie folgt: Die subjektive Idee wird sich objektiv, wenn sie die Objektivität ihrem eigenen Begriff entsprechend setzt. Im Kontext der praktischen Idee bedeutet das, dass das handelnde Subjekt97 einen Zweck setzt und die vorgefundene und sie umgebende objektive ›Welt‹ so umformt, dass sie seiner Zwecksetzung entspricht. Denn wie im Ausgang der einleitenden Passage zur Idee und des Lehrsatzkapitels deutlich ge96 97

Vgl. GW 12: 363 = TWA 6: 542 Hegel spricht häufig von »Handeln«, das er mit dem »Erkennen« kontrastiert, aber auch von dem »tätigen Subjekt«. Vgl. z. B. GW 12: 362, 367 und 369 f. = TWA 6: 541, 545 f. und 548.

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macht wurde, ist die Übereinstimmung des Begriffs mit sich selbst eine conditio sine qua non für jede Form von Wahrheit, insbesondere aber für den adäquaten Begriff. Wenn der Begriff also für sich in Anspruch nimmt, objektiv gültig zu sein, dann darf er objektiv nicht nur mit Blick auf die Objektivität sein. Er muss ebenso sehr objektiv mit Blick auf sich selbst und seinen eigenen (subjektiven) Begriff sein. So betrachtet büßt die in der theoretischen Idee separat vorgestellte Objektivität im Übergang zur praktischen Idee an Eigenständigkeit ein. Hegel beschreibt die Ausgangsbedingungen im Hinblick auf diesen spekulativen Übergang wie folgt: In der praktischen Idee aber steht er [der subjektive Begriff; G. O.] als Wirkliches dem Wirklichen gegenüber; die Gewißheit seiner selbst, die das Subject in seinem An- und-für-sich-Bestimmtseyn hat, ist aber eine Gewißheit seiner Wirklichkeit, und der Unwirklichkeit der Welt […]. Die Objectivität hat das Subject hier sich selbst vindiziert; seine Bestimmtheit in sich ist das Objective, denn es ist die Allgemeinheit, welche ebensowohl schlechthin bestimmt ist; die vorhin [in der theoretischen Idee vorgestellte; G. O.] objective Welt ist dagegen nur noch ein gesetztes, ein unmittelbar auf mancherley Weise Bestimmtes, aber das, weil es nur unmittelbar bestimmt ist, der Einheit des Begriffes in sich entbehrt, und für sich nichtig ist.98

Wenn Hegel in der soeben zitierten Textpassage von der »Unwirklichkeit der Welt« spricht, so meint er nicht, dass die Welt nicht mehr existiert. Die »Unwirklichkeit« bedeutet in diesem Kontext, dass die Objektivität mit dem ›Eintritt‹ in die praktische Idee ihren Status auf Eigenständigkeit gegenüber dem erkennenden Subjekt so weit eingebüßt hat, dass jene lediglich mit Perspektive auf dieses betrachtet werden kann. Denn das erkennende Subjekt erkennt nur eine solche Objektivität als die eigene an, insofern es sie zu einer solchen gemacht hat. Ist der subjektive Begriff in der theoretischen Idee primär noch gegen sich selbst gerichtet, so beschränkt sich seine Zwecksetzung in der praktischen Idee darauf, »die eigene Bestimmung zu setzen und sich vermittels des Aufhebens der Bestimmungen der äusserlichen Welt die Realität in Form äusserlicher Wirklichkeit zu geben«.99 Aus der soeben zitierten Infinitiv-Phrase lässt sich, wie bereits im theoretischen Erkennen geschehen, eine spekulativ-syllogistische Struktur herauslesen. Die erste Prämisse ist der Anfang oder das Erste des praktischen Schlusses: In ihm ist der subjektive Begriff, wie er das Resultat der theoretischen Idee ist, als Wirkliches gesetzt. Er ist nicht ein subjektiver Begriff, wie er bspw. in der Definition erscheint, sondern nimmt für sich – nicht zuletzt durch geeignete Kons98

GW 12: 367 = TWA 6: 542. GW 12: 364 = TWA 6: 542 f.

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truktionen und Beweise  – objektive Gültigkeit in Anspruch. Kurz: Er ist ein »Wirkliches«, dem ein anderes objektives Wirkliches gegenübersteht, das das andere Extrem seiner Beziehung ausmacht und das es im Schluss zu vermitteln gilt. Vermittelt werden beide Extreme, indem das handelnde Subjekt die es umgebenden Objekte zu einem Mittel macht, um seinen Begriff (als Zweck) zu realisieren. Die zweite Prämisse des praktischen Schlusses, die den Fortgang oder das Zweite ausspricht, gibt die Tätigkeit des subjektiven Begriffs auf bestimmte Weise wieder: Der Begriff hat eine »eigene Bestimmung« (vgl. erste Prämisse), die für das theoretische Subjekt gesetzt ist und für das praktische Subjekt »vermittels des Aufhebens der Bestimmungen der äusserlichen Welt« gesetzt werden soll. Der Schlusssatz spricht das Resultat dieser Tätigkeit aus: »die Realität [des Begriffs; G. O.] in Form äusserlicher Wirklichkeit«. Die abstrakte spekulative Grundform des praktischen Schlusses lautet: Erste Prämisse [Zweck]: E/Sunmittelbar – B Zweite Prämisse [Ausführung]: B – A Schlusssatz [ausgeführter Zweck/das Gute]: E/Svermittelt – A Der praktische Schluss unterscheidet sich inhaltlich vom theoretischen v. a. durch seinen Anfangs- und Endpunkt: Anders als im theoretischen Erkennen ist im praktischen Erkennen das Subjekt, der subjektive Begriff, das Korrektiv und der Ausgangspunkt, an dem sich die »äusserliche[] Welt« zu orientieren hat. Das Ziel ist die Realisierung des subjektiven Begriffs in einer von ihm unterschiedenen Wirklichkeit. Das Gelingen einer solchen Realisierung nennt Hegel »das Gute«, denn das Gute ist »[d]iese in dem Begriff enthaltene, ihm gleiche Forderung der einzelnen äusserlichen Wirklichkeit in sich schließende Bestimmtheit«.100 Der Begriff tritt so aus seiner in der theoretischen Idee bloß subjektiv gültigen Objektivität heraus und gibt sich ein Dasein, indem er der Objektivität seine Form gibt und sie zu dem macht, was er ist. Die Realisierung der subjektiven Idee durch die praktische Idee ist das Hauptthema des Kapitels Die Idee des Guten. Weil sie noch zum endlichen Erkennen gehört, ist sie mit einem Mangel behaftet, den es im Folgenden zu explizieren gilt. Beschränkt und somit endlich ist die praktische Idee, insofern die Objektivität zu einem Mittel degradiert und die Ausführung des Zwecks von diesem Mittel abhängig gemacht wird.101 Der auf diese Weise zweckmäßig realisierte Inhalt GW 12: 363 = TWA 6: 542. »Der endliche Zweck kommt in seiner Realisierung ebensosehr nur bis zum Mittel; da er nicht in seinem Anfange schon an und für sich bestimmter Zweck ist, bleibt er auch als ausgeführt ein solches, das nicht an und für sich ist.« (GW 12: 365 = TWA 6: 543 f.) Für eine konzentrierte Zusammenfassung vgl. auch: Hogemann, Friedrich: Die »Idee des Guten« in Hegels Logik. In: Hegel-Studien 29 (1994), 79 – 102, insb. 94 f.

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des Subjekts, das »ausgeführte Gute«102, ist positiv und steht der negativen Sichtweise der praktischen Idee, die in ihrem Handeln die vorgefundene Wirklichkeit als unwesentliche setzt, entgegen. Der Widerspruch der praktischen Idee besteht darin, »daß in den selbst widersprechenden Bestimmungen der objectiven Welt der Zweck des Guten eben so ausgeführt wird als auch nicht, daß er als ein unwesentlicher so sehr als ein wesentlicher, als ein wirklicher und zugleich als nur möglicher gesetzt ist«.103 Dem Zitat folgend lässt sich der Widerspruch der praktischen Idee wie folgt in eigenen Worten (re-)formulieren: Erstens scheint die »objective Welt« in sich widersprüchlich zu sein, weil sie einerseits dem subjektiven Begriff formell entspricht, andererseits aber einen Eigenstatus besitzt, über den das handelnde Subjekt nicht verfügen kann. Diese Diskrepanz spiegelt sich, zweitens, unmittelbar im Subjekt wider, weil es sein Ziel, das Gute durch Aufhebung der objektiven und als unwesentlich vorgestellten Welt zu setzen, nicht vollständig, sondern nur teilweise und approximativ erreichen kann. Für die Unmöglichkeit, das Gute in der Domäne der Endlichkeit realisieren zu können, können mindestens zwei Argumente dem Kapitel über die Idee des Guten entnommen werden, die es im Folgenden zu skizzieren gilt. Beide Argumente gehen von einer ursprünglichen Trennung, einer Ur-Teilung, von subjektivem Begriff und Objektivität aus, wobei ersteres Argument den Widerspruch im subjektiven Wollen und Handeln verankert, letzteres hingegen den Widerspruch am Produkt der Handlung, dem ausgeführten Zweck, festmacht. Der Widerspruch überhaupt kann nur aufgelöst werden, indem das handelnde Subjekt seine eigenen theoretischen und praktischen Bedingungen grundsätzlich überdenkt und auf diese Weise den spekulativen Übergang in den absoluten und adäquaten Begriff schafft. Das erste Argument für die These, dass der Widerspruch in der zur Sphäre der Endlichkeit gehörenden praktischen Idee nicht aufgelöst werden kann, hängt mit der Endlichkeit des Subjekts selbst zusammen. Dieses versucht seine Endlichkeit ›abzustreifen‹, indem es in der sie einschließenden objektiven Sphäre tätig wird und diese gemäß seinen Zwecken und mit dem Ziel transformiert, dass sie seinem Begriff entspricht. Den im Anfang begriffenen Widerspruch intendiert das handelnde Subjekt dadurch zu lösen, dass es ihn so lange vor sich herschiebt und dabei hofft, dass seine Auflösung zu einem späteren Moment Mn eintreten wird, nachdem die objektive Welt so weit umgeformt worden ist, dass nichts mehr übriggeblieben ist als die Selbstidentifikation des Subjekts mit sich und mit der Außenwelt. Unabhängig davon, dass ein solches Bestreben eine ungeheure Geduld voraussetzt, ist das Erreichen dieses Endzwecks im Endlichen alles andere als wünschenswert. Denn gesetzt den kontrafaktischen Fall, dass zu 102

GW 12: 365 = TWA 6: 544. GW 20: § 234 = TWA 8: § 234.

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einem bestimmten Moment Mn keine von dem Subjekt selbständig existierende und zu begreifende Objektivität mehr übrigbliebe, insofern diese für den Begriff gänzlich transparent geworden ist, so gäbe es nichts mehr zu erkennen. Gälte ferner, dass ein solches Resultat für das Wahre ausgegeben werden würde, so wäre die Zwecksetzung des Subjekts von Anfang an mit einer Widersinnigkeit behaftet: Die eigene Objektivierung des Selbst wäre zugleich die De-Objektivierung aller von ihm unterschiedenen Objektivität. Vom Standpunkt der Endlichkeit betrachtet wäre eine solche Wahrheit ein ›Jenseits‹. Was dieses ›Jenseits‹ für sich und schlussendlich wäre, könnte von einem weltlichen und ›diesseitigen‹ Standpunkt aus, der immer endlich ist, gar nicht mehr erklärt, geschweige denn erkannt werden, sondern müsste allenfalls dem Glauben – einem subjektiven Fürwahrhalten – überlassen werden. Mit dieser Vorstellung einer ›Zwei-WeltenLehre‹ – nämlich einem (endlichen) Diesseits, das ist, aber nicht sein soll, und einem (unendlichen) Jenseits, das nicht ist, aber sein soll – ist der Selbstwiderspruch der subjektiven Idee in der praktischen Idee vollends gesetzt: Im Diesseits wird sich die subjektive Idee nicht realisieren, weil ihr eine Objektivität entgegensteht; im Jenseits ist sie nicht, weil sie ohne Objektivität gar nicht existieren kann. Diese Form der Objektivwerdung des Subjekts im Sollen und in der Objektivität muss sich vor dem gerade skizzierten Hintergrund als unzureichend erweisen: »Die Idee des vollendeten Guten ist zwar ein absolutes Postulat, aber mehr nicht als ein Postulat«104. Das zweite Argument für die These, dass der Widerspruch in der zur Sphäre der Endlichkeit gehörenden praktischen Idee nicht aufgelöst werden kann, liegt im Begriff des ausgeführten Guten begründet: Soll das Gute nicht nur ein rein Subjektives sein, sondern ein »äusserliches Daseyn«105 haben, so wird das Gute wieder zu einer objektiven Äußerlichkeit, die es in einem weiteren Akt aufzu­ heben gilt. Dies führt zu einem unendlichen Progress der Realisierung des Guten, der mit einem Widerspruch behaftet bleibt, weil das gesetzte Gute sich unmittelbar aufhebt und aufs Neue gesetzt werden muss. Anders formuliert: Sobald das Gute äußerlich vorgestellt wird, ist das Moment seiner Realisierung zugleich sein Verlust. Denn der ausgeführte Zweck, das Gute, bleibt in der Sphäre der Äußerlichkeit wieder nur ein Mittel für andere Zwecke. Einen solchen Schluss identifiziert Hegel mit dem »Schluß der äußerlichen Zweckmäßigkeit«, dessen Pointe gerade darin besteht, dass der »endliche Zweck […] in seiner Realisirung […] nur bis zum Mittel [kommt; G. O.]«.106 GW 12: 366 = TWA 6: 544. Zum Widerspruch im Sollen vgl. auch: »Das Gute bleibt so ein Sollen; es ist an und für sich, aber das Seyn als die letzte, abstracte Unmittelbarkeit, bleibt gegen dasselbe auch als ein Nichtseyn bestimmt.« (ebd.) 105 GW 12: 365 = TWA 6: 544. 106 GW 12: 364 = TWA 6: 543 f. 104

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Summa summarum kann demnach festgehalten werden, dass der Widerspruch der praktischen Idee in der performativen Dissonanz zwischen der Zweckvorstellung des handelnden Subjekts und ihrer Ausführung in der Domäne der Objektivität begründet liegt: Was das Subjekt will, ist sich selbst und d. h. – aus logischer Perspektive – seinen Begriff objektiv zu setzen. Wird der objektive Begriff nun so verstanden, dass er sich an den Objekten selbst setzen und zeigen muss, tritt das entgegengesetzte Resultat dessen ein, was das Subjekt ursprünglich will. Denn es will ursprünglich sich selbst setzen, verändert aber in der Tat nur die Äußerlichkeit und macht sie zu einem Mittel, über das es nicht mehr hinausgehen kann, weil die Objektivität nur bis zum Mittel, nicht aber bis zum Begriff reicht. Aus diesem Widerspruch kommt das handelnde Subjekt ohne geeignete Korrekturen, die zugleich den Fortgang zum Kapitel Die absolute Idee motivieren, nicht heraus. Die erste Bedingung für die Korrektur und Überwindung des Widerspruchs besteht in der Einsicht des Widerspruchs, die zweite in der Bereitschaft des Subjekts, seine Vorstellung von der Objektivität des Begriffs grundsätzlich und prinzipiell zu überdenken. Die wahre Überwindung der beschränkten Sichtweise des endlichen Subjekts leitet Hegel in der WdL wie folgt ein: Was aber der praktischen Idee noch mangelt, ist das Moment des eigentlichen Bewußtseyns selbst, daß nemlich das Moment der Wirklichkeit im Begriffe für sich die Bestimmung des äusserlichen Seyns erreicht hätte. - Dieser Mangel kann auch so betrachtet werden, daß der praktischen Idee noch das Moment der theoretischen fehlt. […] Der Wille steht daher der Erreichung seines Ziels nur selbst im Wege dadurch, daß er sich von dem Erkennen trennt und die äusserliche Wirklichkeit für ihn nicht die Form des Wahrhaft-Seyenden erhält; die Idee des Guten kann daher ihre Ergänzung allein in der Idee des Wahren finden.107

Dieses Zitat ist dem drittletzten Absatz der Die Idee des Guten entnommen. Mit ihm macht Hegel einerseits auf den Mangel der praktischen Idee aufmerksam, andererseits gibt er einen konkreten Hinweis, wie dieser Mangel behoben werden kann. Der Mangel des Willens besteht grosso modo darin, dass das Subjekt etwas sein will, das es weder erreichen noch sein kann. Das Subjekt will ein umfassendes oder »eigentliche[s] Bewußtseyn[]« sein, das nicht nur theoretisch, also »das Moment der Wirklichkeit im Begriffe für sich«, sondern ebenso sehr praktisch ist, indem der für sich seiende Begriff »die Bestimmung des äusserlichen Seyns erreicht«. Wie aber erreicht das praktische Subjekt sein Ziel? Offensichtlich nicht dadurch, dass es sich an endlichen Inhalten so weit abarbeitet, bis kein weiterer Inhalt als der Begriff in seiner Selbsttransparenz übriggeblieben 107

GW 12: 367 = TWA 6: 545.

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ist. Denn dies wäre entweder ein erneuter Rückfall in die schlechte Unendlichkeit oder das Ende allen Erkennens – beides Scheinalternativen, die oben erläutert wurden. Hegels Lösung lautet vielmehr so: Der Wille des Subjekts realisiert sich, wenn die praktische Idee »ihre Ergänzung« in der theoretischen findet. Was aber heißt in diesem Kontext »Ergänzung«? Die Auflösung dieser Frage lässt sich den zwei letzten Absätzen des Kapitels Die Idee des Guten entnehmen. In ihnen reflektiert Hegel ausführlich auf die syllogistische Struktur der praktischen Idee, die er wie folgt zusammenfasst: »In dem Schlusse des Handelns ist die eine [sc. erste; G. O.] Prämisse die unmittelbare Beziehung des guten Zweckes auf die Wirklichkeit, deren er sich bemächtigt und in der zweiten Prämisse als äußerliches Mittel gegen die äußerliche Wirklichkeit richtet. Das Gute ist für den subjectiven Begriff das Objective«108. Die Realisierung des subjektiven Begriffs, die in der praktischen Idee den Schlusssatz bildet, ist das Gute, das der ausgeführte Zweck ist. Als ein »unmittelbare[s] Daseyn[]« ist das Gute zwar ein Objektives, aber nicht ein solches »nach dem Sinne des An und für sich-seyns«.109 Denn als Anundfürsichsein müsste das Gute ein Selbstzweck sein, das seine Bestimmung nicht erst durch ein anderes Dasein bekommt. Kurz: Das Gute im Sinne eines unmittelbaren Daseins ist nicht selbstbestimmt, sondern kann »vielmehr das Böse oder Gleichgültige, nur Bestimmbare [sein; G. O.], welches seinen Werth nicht in sich selbst hat«.110 Zwar kann das handelnde Subjekt versuchen, das widersprüchliche Gute in einen neuen praktischen Schluss zu integrieren, um ein neues objektives Gutes hervorzubringen. Weil aber das handelnde Subjekt durch das beständige Setzen und Aufheben des Guten das Grunddilemma eines so vorgestellten (potenziell bösen) Guten nicht zu beheben vermag und weil die Iteration des praktischen Schlusses und die Reproduktion des Guten in mehreren Akten keine Lösung bieten kann, muss das handelnde Subjekt seinen ganzen praktischen Schluss neu überdenken, weil nur auf diese Weise ein Ausweg aus diesem Dilemma möglich ist. Die Korrektur des subjektiven Begriffs, die seinen objektiven und somit adäquaten Begriff ermöglicht, kann wie folgt skizziert werden: Indem das handelnde Subjekt – der subjektive Wille –, zu dem sich die subjektive Idee entwickelt hat, an einer Objektivität tätig wird, sie zu einem Mittel degradiert, um seine Zwecke auszuführen, macht es sich nicht nur die objektive Welt zu seinem Gegenstand, sondern allen voran sich selbst. In diesem Sinne will jedes Subjekt, also auch das endliche, sich selbst und damit frei, vernünftig, unbedingt und unendlich sein. Ob der Wille des endlichen Subjekts schlussendlich frei oder GW 12: 367 = TWA 6: 545 f. GW 12: 367 = TWA 6: 545. 110 GW 12: 367 = TWA 6: 546. 108 109

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begrenzt ist, hängt wesentlich von seinem Selbstverständnis bzw. -verhältnis, also seinem subjektiven Begriff ab. Kurz: »Der Wille steht […] der Erreichung seines Ziels nur selbst im Wege«111. Dabei scheinen mindestens drei Alternativen des Selbstverständnisses naheliegend zu sein: eine unmittelbare oder natürliche, deren Grundlage die Idee des Lebens ist, eine endlich-theoretische, deren Grundlage das theoretische Erkennen ist, und eine begrifflich-spekulative, deren Grundlage die ganze Logik inklusive aller ihrer reinen Begriffe ist. Die erste Alternative muss sich als ein Schein erweisen. Denn sieht sich der Wille als ein natürlicher Wille an, weil er durch die Natur bestimmt ist, so ist er endlich, triebhaft, geht seinen Neigungen und Begierden nach, handelt willkürlich usw. Kurz: Ein solcher Wille ist unfrei und steht seiner freien Realisierung selbst im Weg, weil sein Zweck nicht rein in ihm liegt, sondern von der objektiven und sui generis unverfügbaren Natur vorgegeben wird. Die Überwindung der eigenen Beschränkung der subjektiven Idee kann demnach nicht durch seine eigene naturhafte Unmittelbarkeit und deren Vermittlung erfolgen. Die zweite Alternative, die sich für die subjektive Idee eröffnet, besteht darin, seine theoretischen Voraussetzungen noch einmal zu überdenken. Hierbei sind zwei Alternativen möglich: eine Scheinalternative und eine echte. Die Scheinalternative geht von einem Rückfall der praktischen Idee in die theoretische Idee aus. Sie setzt wieder bei der Definition, der Einteilung und dem Lehrsatz an. Es lassen sich jedoch mindestens zwei gewichtige Gründe vorbringen, warum ein solcher Rückfall das Desiderat der Idee, den subjektiven Begriff objektiv zu setzen, nicht zu erfüllen vermag: Erstens bliebe der subjektive Begriff bei einem Rückfall in die theoretische Idee immer noch ein endlicher, der seine Voraussetzungen nicht in sich selbst, sondern an einem objektiven Korrektiv hätte. (Eben dies war die Voraussetzung des theoretischen Erkennens, dass es von einem objektiv Gegebenen ausging, es definierte, einteilte und Lehrsätze aufstellte, die eine Konstruktion voraussetzten und des Beweises bedurften.) Wenn das handelnde Subjekt nun, zweitens, anfinge, die Objektivität gemäß dem theoretischen Erkennen zu konstruieren, so stellte sich unmittelbar die Frage, ob eine solche Konstruktion ab ovo nicht zum Scheitern verdammt sei. Denn im Kapitel über den Lehrsatz hat Hegel unmissverständlich deutlich gemacht, dass das Herbeischaffen des Materials, dessen Konstruktion und deren Beweis nur eine subjektive Notwendigkeit besitzen. Davon auszugehen, dass Hegel diese Ansicht durch die Exposition der praktischen Idee nachträglich korrigieren wollte, scheint aus systematischer Perspektive, die von einer logischen Entwicklung der Begriffe ausgeht, wenig plausibel zu sein. Denn unabhängig davon, dass es einer solchen Interpretation an textuellen Belegen fehlt, bliebe zum einen fraglich, ob die Übereinstimmung des Begriffs dadurch erreicht wer111

GW 12: 367 = TWA 6: 545.

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den könnte, wenn das handelnde Subjekt seinen Fokus auf das Definieren, Einteilen und Beweisen legte. Zum anderen müsste gezeigt werden, dass Hegel den adäquaten Begriff bereits von Anfang an im theoretischen Erkennen verortet hat und dass wir – als Theoretikerinnen und Theoretiker, die diesen Prozess begleiten – dies nur rückwirkend erkennen können. Aber welche andere Interpretationsmöglichkeit bietet sich an, um Hegels Rede von einer »Ergänzung« der praktischen Idee durch die theoretische besser verstehen zu können? Dass die »Ergänzung«  – man kann an dieser Stelle auch von »Korrektur« sprechen  – der praktischen Idee durch die theoretische nicht im Sinne eines Rückfalls zum theoretischen und endlichen Erkennen zu interpretieren ist, setzt einen Einstellungs- bzw. Perspektivenwechsel mit Blick auf den theoretischen und praktischen Umgang des erkennenden und handelnden Subjekts bzw. der subjektiven Idee mit der Objektivität zwingend voraus. Um eine wahre und echte Alternative anbieten zu können, durch die das oben skizzierte Dilemma der praktischen Idee – das Setzen des Guten durch Veränderung der Objektivität – gelöst werden kann, muss der subjektive Begriff, den das handelnde Subjekt von sich hat, erweitert und die theoretischen Voraussetzungen des praktischen Umgangs mit der Objektivität ihm angepasst werden. Ich werde diesen neugearteten Umgang mit der Objektivität »den spekulativ-begrifflichen Umgang« oder »das spekulative Begreifen« nennen. Er setzt nicht nur ein neues Selbstverständnis und -verhältnis des erkennenden und handelnden Subjekts voraus, sondern schließt auch eine Neubetrachtung der Objektivität ein. Dies soll im nächsten Kapitel, dessen Hauptthema der Inhalt der absoluten Idee ist, näher erläutert werden. So viel sei aber bereits an dieser Stelle antizipiert: Wenn die praktische Idee durch Operationen, mittels deren die gegebene objektive Welt verändert bzw. adäquat gemacht werden soll, gekennzeichnet ist und wenn diese Operationen ihren Ausgangspunkt von Begriffen nehmen, die auch dem end­ lichen Erkennen inhärent sind, sich aber nicht auf sie allein beschränken lassen, so müssen solche Begriffe zum einen rein sein und zum anderen einer anderen Erkenntnisart und -weise angehören. Wird ferner von der These ausgegangen – die erst später substanziiert werden kann –, dass die (spekulative) Logik Prinzipien folgt, denen zufolge jede (spekulativ-)logische Begriffsbestimmung einen unmittelbar und wohl-bestimmten Vorgänger und Nachfolger hat, kann die Erweiterung des Repertoires reiner Begriffe nur immanent, also mit den ›Ressourcen‹ der spekulativen Logik, gelingen. Für die von Hegel erwähnte »Ergänzung« der praktischen Idee durch die theoretische und den damit verbundenen logischen Fortschritt bedeutet dies, dass der modifizierte praktische Umgang der Subjektivität mit der Objektivität von eben diesem Rückgriff auf die in der (spekulative) Logik bereits entwickelten Begriffe abhängig gemacht werden muss. Ein solcher Perspektivenwechsel unterscheidet sich nicht nur grundsätzlich von einem endlichen Erkennen, indem er neue Kriterien anlegt, sondern wirft zu-

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gleich Fragen auf, die nicht zuletzt Desiderate freilegen, die durch die Logik allein nicht beantwortet und erfüllt werden können und die den Übergang in eine andere Sphäre, die Natur- und Geistphilosophie, motivieren. Dieser Rück- und Ausblick der Logik (auf die Logik und auf die Realphilosophie) soll im Verlauf der vorliegenden Untersuchung (vgl. Kapitel 2.-6.) substanziiert werden.

2. Der Inhalt der absoluten Idee vor dem ­Hintergrund der Entwicklung der praktischen Idee zur absoluten

H  

egels Kapitel Die absolute Idee umfasst insgesamt 27 unterschiedlich lange Absätze und kann thematisch in vier Themenblöcke unterteilt werden. Der erste Themenblock112, dem die ersten beiden Absätze zugerechnet werden können, fasst die Kernaussage der absoluten Idee zusammen und stellt zugleich die Weichen für den zweiten Themenblock113, der den thematischen Schwerpunkt des letzten Kapitels der WdL bildet und unter den sechzehn Absätze – die Absätze 3 bis 18 – subsumiert werden können. In ihnen erläutert Hegel die spekulative Methode unter Berücksichtigung ihrer drei Momente. Im Anschluss an diese Erläuterung versucht Hegel in den nachfolgenden acht Absätzen – den Absätzen 19 bis 26 bzw. dem dritten Themenblock114 – darzulegen, dass und inwiefern sich die Methode zum System erweitert. Der verbleibende letzte Absatz, der den vierten Themenblock115 ausmacht, steht folglich unter dem Systemgedanken. In ihm vollzieht Hegel den spekulativen Übergang der Logik in die Natur, stellt die Realphilosophie auf einen methodisch gesicherten Boden und antizipiert mithin die gesamten philosophischen Wissenschaften.116 Das letzte Kapitel der WdL weist hinsichtlich ihrer Konzeption somit eine klare Linearität auf: Der Hauptgedanke ist die Methode, aus der der Systemgedanke mit Notwendigkeit folgt, der wiederum eines der zentralen Argumente für die Entwicklung der Logik in die Natur liefert, die der Realphilosophie ihr methodisches Fortschreiten vorgibt und die geschlossene Form des philosophischen Systems garantiert. Das Kapitel Die absolute Idee beginnt Hegel mit einer Definition der absoluten Idee: »Die absolute Idee, wie sich ergeben hat, ist die Identität der theoretischen und der praktischen [Idee; G. O.]«117. Dass mit dieser Identität kein Rückfall der praktischen Idee in die theoretische gemeint sein kann, wurde im vorhergehenden Kapitel ausführlich diskutiert. Denn ein solcher Rückfall würde 114 115 116

Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des vorliegenden Kapitels. Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des Kapitels 3.1. Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des Kapitels 3.2. Dieser Themenblock ist Schwerpunkt der Kapitel 5.-6. Theorieimmanent und thematisch wird die gesamte philosophische Wissenschaft in den drei Schlüssen am Ende der Geistphilosophie aufgegriffen. 117 GW 12: 371 = TWA 6: 548. 112

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nicht nur Interpretationsprobleme in puncto theoretisches Erkennen nach sich ziehen, sondern auch das Gelingen der Übereinstimmung des Begriffs mit der Objektivität im Keime ersticken lassen, gehört es doch auf basale Weise zum Grundcharakter des endlichen Erkennens, dass der Begriff seine Objektivität noch nicht erreicht hat. Auf diesen Umstand macht Hegel gleich im ersten Absatz des letzten Kapitels der WdL noch einmal aufmerksam, wenn er die Leserschaft darauf hinweist, dass sowohl die theoretische als auch die praktische Idee »jede für sich noch einseitig [ist; G.O], die Idee selbst nur ein gesuchtes Jenseits und unerreichtes Ziel in sich hat«118. Somit gilt: Soll der Begriff seine Objektivität im Fortgang tatsächlich auch erreichen, darf die Entwicklung der Idee des Guten zur absoluten Idee nicht als Rückfall in das endliche Erkennen gedeutet werden. Hegels Argumentation im Kapitel Die Idee des Guten läuft in nuce darauf hinaus, dass das handelnde Subjekt erkennt, dass das, was realisiert werden soll, der eigene Begriff ist, der in der WdL als »subjektive Idee« respektive »subjektiver Begriff« bezeichnet wird. Dieser kann weder dadurch objektiv gesetzt werden, dass die objektive Welt in mehreren Handlungsakten so oft und so lange verändert wird, bis sie ihm entspricht. Noch darf der subjektive Begriff auf eine einzelne Subjektivität beschränkt sein, sondern er muss allgemein und notwendig für jede Subjektivität gelten. All das zwingt das handelnde Subjekt dazu, seinen Zweck und damit verbunden seinen eigenen subjektiven Begriff zu überdenken. Von dieser Neubesetzung des Begriffs des (subjektiven) Begriffs ist die logische Entwicklung zur absoluten Idee abhängig. Die »Ergänzung«119 der praktischen Idee durch die theoretische Idee, von der Hegel im Kapitel über die Idee des Guten spricht, hängt also mit der Einstellung und dem Verhalten des erkennenden Subjekts gegenüber der Objektivität zusammen. Das bedeutet zum einen, dass  – anders als in der praktischen Idee  – das Objektive wieder verstärkt in den Blick genommen wird. Zum anderen besagt der Einstellungs- und Perspektivenwechsel, dass das Objektive unter veränderten Kriterien betrachtet wird. In eben diesem Sinne muss die ›Ergänzung‹ der praktischen Idee durch die theoretische Idee interpretiert werden.120 GW 12: 371 = TWA 6: 548 f. GW 12: 367 = TWA 6: 545. 120 Die veränderte Erkenntniseinstellung gegenüber der Objektivität wird beim Fortschritt der spekulativen Theorieentwicklung von der Hegel-Forschung zu selten hervorgehoben oder gar unterschlagen. Oft genug stehen auch Sätze da, die mindestens genauso viele Interpretationsfragen aufwerfen wie der zu interpretierende Text selbst. Als Beispiel sei hier Michael Spiekers wenig erhellende und interpretatorisch problematische Erklärung der Entwicklung des praktischen zum reinen und absoluten Erkennen genannt: »Indem das Wahre das Gute und dieses wiederum Wahres ist, sind Wahres und Gutes vereint. Die beiden Bedeutungen der Mitte des Lebens sind nicht voneinander verschieden. Die Differenz von theoretischer und praktischer Idee ist aufgehoben, und das Erkennen ist zu jener Unmittelbarkeit geworden, die die Idee als Leben war: Die Wahrheit des Guten ist das Leben.« 118 119

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Noch deutlicher zeigt sich das Desiderat einer erkenntnistheoretischen Veränderung des Begreifens der Objektivität in der Enzyklopädie. So schreibt Hegel in § 234: Diese Rückkehr [der Subjektivität; G. O.] in sich ist zugleich die Erinnerung des Inhalts in sich, welcher das Gute und die an sich seyende Identität beider Seiten ist, – die Erinnerung an die Voraussetzungen des theoretischen Verhaltens (§ . 224.), daß das Object das an ihm Substantielle und Wahre sey.121

Was Hegel in der Großen Logik noch als »Ergänzung« bezeichnet hat, heißt in der Kleinen Logik Jahre später »Erinnerung«. In beiden Fällen ist aber keine Rückkehr zur theoretischen Idee simpliciter gemeint, sondern die Erinnerung betrifft lediglich die »Voraussetzungen des theoretischen Verhaltens (§ 224), daß das Objekt das an ihm Substantielle und Wahre sei«. Im Kontext der logischen Entwicklung gelesen, sagt die Erinnerung, die in jedem Fall auch als eine Ergänzung der praktischen Idee durch die theoretische zu lesen ist, dreierlei aus: Erstens ist jede objektive Erkenntnis den spezifischen Bedingungen des Begriffs unterstellt, und es ist dieser, der sich in ihr artikuliert. Die wahre Objektivität und mit ihr das wahre Gute sind so betrachtet nichts anderes als der Begriff selbst und seine Realisierung. Mit anderen Worten: Der Begriff erreicht seine Objektivität genau dann, wenn er sich selbst zum Gegenstand macht. Zweitens deutet die Erinnerung, von der Hegel in der Kleinen Logik spricht, bereits an, dass die neu ins Spiel kommenden Kriterien des Begriffs als (Subsumtions-)Regeln für die Betrachtung der Objektivität bereits vorliegen, dass es also nichts als der Erinnerung an die eigenen begrifflichen Voraussetzungen bedarf, um diesen Einstellungs- und Perspektivenwechsel – und eo ipso den letzten Schritt zur absoluten Idee – zu vollziehen. Drittens legt die Erinnerung an den Begriff ein systematisches Desiderat frei, das anzeigt, dass trotz des Abschlusses der Logik das philosophische System keineswegs für abgeschlossen erklärt werden darf. Grund dafür ist, dass mit der Entwicklung der Idee des Guten zur absoluten Idee ein Einstellungs- und Perspektivenwechsel des subjektiven Begriffs einhergeht, der diesem ein methodisches Verfahren zum objektiven Begreifen an die Hand gibt, das der bisherigen logischen Entwicklung an keiner Stelle122 entnommen wer(Spieker, Michael: Wahres Leben denken. Leben und Wahrheit in Hegels Wissenschaft der Logik. Hamburg 2009 (= Hegel-Studien-Beiheft 51), 383) 121 GW 20: § 234 = TWA 8: § 234. 122 Das schließt nicht aus, dass es in der WdL Sätze gibt, die diesem neuen Desiderat bereits Rechnung tragen. Zu solchen Sätzen gehören alle realphilosophischen Sätze in der WdL. Sie setzen aber das philosophische System bereits voraus und verweisen somit auf die zweite Bekanntschaft der Leserschaft mit der WdL (bzw. mit der Logik). Das hier indizierte Desiderat, das zugleich den Grundstein für den Übergang der Logik in die Natur legt, ergibt

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den konnte und dessen Ausführung im spekulativen System folgerichtig noch aussteht. Es sprechen insgesamt drei Argumente für die These, dass die Reflexion des Begriffs auf die eigenen begrifflichen Voraussetzungen gleichzusetzen ist mit der Reflexion eines (letzten) logischen Begriffs auf alle in der Logik bereits entwickelten Begriffe und dass diese begriffliche Neucodierung den systematischen Fortschritt motiviert und dem philosophischen System hegelscher Provenienz seine Bedeutung gibt. In Hegels metaphorischer Sprache ausgedrückt gleicht der Abschluss der Logik einer Kreisschließung, bei der das Ende in den Anfang zurückkehrt, an den sich aber weitere – und prima vista potenziell unendlich viele – Kreise anschließen lassen, die aber alle denselben Radius haben wie der erste Kreis. Das erste und werkimmanente Argument geht von der von Hegel in den einleiten Passagen der WdL skizzierten Programmatik der Logik aus. Nach einer für das Verständnis der Logik wichtigen Textpassage aus der zweiten Vorrede »sind es nicht die Dinge, sondern die Sache, der Begriff der Dinge, welcher Gegenstand [der logischen Betrachtung; G. O.] wird«.123 Dass Hegel hier noch von »Dingen« spricht, darf nicht so interpretiert werden, als gäbe es neben den Begriffen der Dinge noch Dinge, auf die diese Begriffe angewendet werden müssten. Vielmehr ist der Begriff selbst das ›Ding‹ oder der Gegenstand der logischen Betrachtung: »Dieser [der Begriff; G. O.] wird nicht sinnlich angeschaut oder vorgestellt; er ist nur Gegenstand, Product und Inhalt des Denkens, und die an und für sich seyende Sache, der Logos, die Vernunft dessen, was ist, die Wahrheit dessen, was den Namen der Dinge führt«124. Für die Logik bedeutet dies: Wenn sie die Wissenschaft des Denkens ist und wenn nur der Begriff »Gegenstand, Product und Inhalt des Denkens« ist, dann ist die Logik allen voran eine Untersuchung des (allgemeinen) Begriffs, wie er sich in Form von bestimmten (bzw. besonderen) Begriffen denken lässt. Wenn also der Begriff am Ende der Logik sich selbst zum Gegenstand hat, dann spricht er nur das aus, was die Logik als ganze Wissenschaft ist, nämlich eine systematische Darstellung von denjenigen Begriffen, die das Prädikat tragen, logisch zu sein. Vor dem Hintergrund der von Hegel selbst vorgetragenen Programmatik, der sich die Ausarbeitung der spekulativen Logik verpflichtet sieht, ist es widersinnig zu behaupten, dass die Auskunft über den Begriff, insofern er als Begriff und rein gedacht wird, etwas anderes sein soll als das, was sich die Logik von Anfang an als Ziel gesetzt hat.125 sich aus der ersten Lesart der WdL und der spekulativen Methode mitsamt ihren Prin­ zipien. Zur Bekräftigung dieser These vgl. auch Kapitel 5.2.2. 123 GW 21: XXIX = TWA 5: 29. 124 GW 21: XXX = TWA 5: 30. 125 Diese Behauptung gilt zunächst einmal unabhängig davon, ob Hegel sein Ziel auch wirklich erreicht hat und ob seine Logik einer kritischen und skeptischen Überprüfung standhält.

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Dieses werkimmanente Argument wird um ein zweites und exegetisches Argument ergänzt, das Hegels sprachliche Formulierungen der einleitenden Passagen und des letzten Kapitels der WdL vergleicht und zugleich die These stützt, dass die Reflexion des Begriffs auf die eigenen begrifflichen Voraussetzungen mit der Reflexion eines (letzten) logischen Begriffs auf alle in der Logik bereits entwickelten Begriffe gleichzusetzen ist. Auch wenn hier nicht zwingend von einem Sachargument ausgegangen werden muss, so ist ein solcher Vergleich aus mindestens einem einfachen Grund interessant und erwähnenswert: Gesetzt die Thesen aus den einleitenden Passagen, a) dass die Logik den reinen Begriff zu ihrem Gegenstand und Inhalt hat und b) dass es zur Definition der Logik als Theorie des reinen Denkens gehört, ihren eigenen Begriff zu thematisieren, und gesetzt den Fall, dass c) Hegel in der Ausarbeitung der WdL sein Wort gehalten hat (vgl. werkimmanentes Argument oben), dann ist zu erwarten, dass sich nicht nur sachliche, sondern auch sprachliche Übereinstimmungen in den Formulierungen und im Vokabular zwischen den einleitenden und abschließenden Passagen finden lassen. So schreibt Hegel im zweiten Absatz des Kapitels über die absolute Idee, dass sie auch das »Logische« der philosophischen Wissenschaften oder die »logische Idee« genannt werden könne. 126 »[D]as Logische«, hält Hegel fest, ist »die allgemeine Weise, in der alle besondern [Weisen; G. O.] aufgehoben und eingehüllt sind.«127 Die logische Idee beschreibt Hegel im zweiten Absatz wie folgt: Die logische Idee ist sie selbst in ihrem reinen Wesen, wie sie in einfacher Identität in ihren Begriff eingeschlossen, und in das Scheinen in einer Formbestimmtheit, noch nicht eingetreten ist. Die Logik stellt daher die Selbstbewegung der absoluten Idee nur als das ursprüngliche Wort dar, das eine Aeusserung ist, aber eine solche, die als Aeusseres unmittelbar wieder verschwunden ist, indem sie ist; die Idee ist also nur in dieser Selbstbestimmung, sich zu vernehmen, sie ist in dem reinen Gedanken, worin der Unterschied noch kein Andersseyn, sondern sich vollkommen durchsichtig ist und bleibt. – Die logische Idee hat somit sich als die unendliche Form zu ihrem Inhalte;  – die Form, welche insofern den Gegensatz zum Inhalt ausmacht, als dieser die in sich gegangene und in der Identität aufgehobene Form126

GW 12: 372 = TWA 6: 550. GW 12: 372 = TWA 6: 550. Auf den Umstand, dass die absolute Idee umfassender zu denken ist als das rein Logische, wird später – bei der System- und Übergangsfrage in den Kapiteln 4.-5. – noch näher einzugehen sein. So viel kann aber bereits jetzt schon gesagt werden. Die absolute Idee ist auch das Logische oder kurz: Die absolute Idee ist in diesem Stadium der logischen Entwicklung die logische Idee.

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bestimmung so ist, daß diese concrete Identität gegenüber der als Form entwickelten steht; er hat die Gestalt eines Anderen und Gegebenen gegen die Form, die als solche schlechthin in Beziehung steht, und deren Bestimmtheit zugleich als Schein gesetzt ist.128

Die primäre Bedeutung der absoluten Idee ist in diesem Kontext gleichzusetzen mit der Bedeutung der logischen Idee. Dass Hegel mit der logischen Idee auf einen Rückverweis der bisherigen Entwicklung abzielt und nicht zuletzt die gesamte spekulative Logik im Blick hat, legen der Text und das darin enthaltene – v. a. wesenslogische – Vokabular nah: Die logische Idee ist nicht nur das »reine[] Wesen«, sondern hat es auch mit der Form des reinen Wesens zu tun. In diesem Sinne ist sie auch »die unendliche Form«, die deswegen unendlich ist, weil sie keinen endlichen Inhalt hat, der ihr von außen gegeben wird, sondern der Inhalt schlicht die Form der logischen Idee ist (und umgekehrt). Zwar scheint es so, als ob der Inhalt »die Gestalt eines Anderen und Gegebenen gegen die Form« haben könnte. Weil aber dieses Andere »schlechthin in Beziehung« zur Form steht, muss es »zugleich als Schein gesetzt« werden. Kurz: In der unendlichen Form wird zwar ein Inhalt in Gestalt eines Anderen gesetzt. Weil aber der Inhalt nur durch die Form gesetzt wird, verliert er so seine Selbständigkeit und Gleichgültigkeit gegen sie und wird schließlich wieder Form. Diese Selbstbewegung der logischen Idee ist zugleich das Hauptcharakteristikum der Logik: Schließlich ist die Logik eine Wissenschaft, in der die Selbstbewegung der absoluten Idee als logische Idee dargestellt wird. Diese Selbstbewegung ist ebenso eine Selbstbestimmung der Idee, weil die »Aeusserung« der logischen Idee »als Aeusseres unmittelbar wieder« verschwindet. Was auf diese Weise zurückbleibt, ist der »reine[] Gedanke[], worin der Unterschied noch in keinem Andersseyn besteht, sondern sich vollkommen durchsichtig ist und bleibt«. Die Engführung der absoluten Idee qua logische Idee mit der ganzen Logik tritt deutlich zum Vorschein,129 sobald die gerade wiedergegebenen Aussagen Hegels am Anfang des letzten Kapitels der WdL mit den Aussagen aus der Vor128

GW 12: 373 = TWA 6: 550. Die Tatsache, dass der für die Theorie primäre Inhalt des Kapitels über die absolute Idee die logische Idee oder das Logische ist, nicht aber die ganze Wissenschaft, und dass ihr Zusammenhang frühstens mit dem Übergang der reinen und logischen Idee in die Natur bekannt ist, übersieht Bruno Haas offenkundig, wenn er von vornherein den Inhalt des Kapitels Die absolute Idee mit der absoluten Idee und diese mit der Methode und der ganzen Wissenschaft identifiziert. Kurzum: Haas vindiziert der Logik ihre zweite Bekanntschaft und Lesart, bevor überhaupt er- oder geklärt worden ist, wie sich das eine Element der absoluten Idee, die logische Idee, von ihrem anderen Element, der äußerlichen Idee, unterscheidet. Es gilt also nicht: »Anstatt daß also unter dem Titel der absoluten Idee die Methode der Wissenschaft der Logik abgehandelt werden sollte, ist vielmehr diese ganze Wissenschaft die Darstellung der Methode.« (Haas:2003, 29)

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rede und Einleitung verglichen werden. So schreibt Hegel in der Vorrede zur ersten Auflage der WdL, dass die »reinen Wesenheiten […] den Inhalt der Logik ausmachen«.130 Sie setzen einerseits die Befreiung des Bewusstseins »von seiner Unmittelbarkeit und äußerlichen Konkretion« voraus. Was so zurückbleibt, ist andererseits das »reine[] Wissen« und »reine[] Gedanken«, die Hegel mit den »reinen Wesenheiten« identifiziert und durch die »sich die Wissenschaft kon­ stituiert und dessen Darstellung sie ist«.131 Parallel zur oben ausführlich zitierten Passage, in der Hegel seinen Begriff der Logik anhand der Selbstbewegung der Idee und der Selbstbestimmung der reinen Gedanken beschreibt, liest sich auch eine zentrale Textpassage aus der Einleitung zur zweiten Auflage der Seinslogik, in der Hegel die Logik qua reine Wissenschaft wie folgt definiert: Sie [reine Wissenschaft; G. O.] enthält den Gedanken, insofern er eben so sehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie eben so sehr der reine Gedanke ist. […] Sie ist daher so wenig formell, sie entbehrt so wenig der Materie zu einer wirklichen und wahren Erkenntniß, daß ihr Inhalt vielmehr allein das absolute Wahre, oder wenn man sich noch des Worts Materie bedienen wollte, die wahrhafte Materie ist, – eine Materie aber, der die Form nicht ein äusserliches ist, da diese Materie vielmehr der reine Gedanke, somit die absolute Form selbst ist. Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist.132

Von einzelnen Nuancen einmal abgesehen, lässt der Vergleich der Textpassage aus dem zweiten Absatz des Kapitels Die absolute Idee mit der gerade zitierten Äußerung Hegels aus der Einleitung eine deutliche Parallelität zwischen dem Ende der Logik und dem allgemeinen Begriff der Logik erkennen: Erstens schreibt Hegel der Logik an beiden Stellen den Status einer Wissenschaft zu, deren Inhalt reine Gedanken seien. Diese zeichnen sich, zweitens, von anderen Formen des Denkens dadurch aus, dass ihre »Materie« oder ihr »[Ä]usserliches« keine Selbständigkeit gegen die »absolute« bzw. »unendliche Form« besitze. Hinzu kommt schließlich, drittens, dass Hegel an beiden Stellen von einer christlich-theologischen Ausdrucksweise Gebrauch macht. So spricht Hegel in den letzten drei Sätzen der zuletzt zitierten Textpassage von dem »Reich der reinen Gedanken« und der »Darstellung Gottes […], wie er in seinem ewigen Wesen GW 21: XII = TWA 5: 17. GW 21: XII = TWA 5: 17. 132 GW 12: 11 f. = TWA 5: 43 f. 130 131

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vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist«. Analog dazu identifiziert er in dem Kapitel über die absolute Idee »die Selbstbewegung der absoluten Idee« mit dem »ursprüngliche[n] Wort […], das eine Aeusserung ist, aber eine solche, die als Aeusseres unmittelbar wieder verschwunden ist, indem sie ist«.133 Das dritte und systemimmanente Argument für die These, dass die Reflexion des Begriffs auf die eigenen begrifflichen Voraussetzungen mit der Reflexion eines (letzten) logischen Begriffs auf alle in der Logik bereits entwickelten Begriffe gleichzusetzen ist, stützt sich auf Hegels Behauptung, dass die absolute Idee (und nicht etwa die logische) der »einzige Gegenstand und Inhalt der Philosophie«134 sei. Nicht nur zieht Hegel mit seinen Bemerkungen im zweiten Absatz eine klare Grenze zwischen der logischen und der absoluten Idee, indem er erstere als eine Daseinsform der letzteren bestimmt und sie auf diese Weise von anderen Daseinsformen wie der Natur und dem Geist unterscheidet. Bei näherem Hinsehen liefert gerade diese Grenzziehung der Logik ein systemimmanentes Argument für die These, dass mit der gesetzten Selbstbeziehung des Begriffs auf sich am Ende der Logik alle reinen Begriffe – so weit wie möglich – hergeleitet worden sind und dass die logische Entwicklung eben dies gezeigt hat. Mit der Entwicklung der praktischen Idee zur logischen und absoluten Idee geht Hegel nicht nur offenkundig davon aus, dass er seine ›Versprechungen‹ aus den einleitenden Passagen zur Logik im Allgemeinen und zur Begriffslogik im Speziellen gehalten hat, insofern der reine Begriff bzw. das Denken thematisch und theorieintern als ein Inhalt und ein Gegenstand der Philosophie gesetzt worden ist. Er geht zugleich davon aus, dass dieser Gegenstand durch die Selbstbeziehung des reinen Begriffs auf sich umfassend expliziert worden ist und dass die Logik eben diese Explikation gewesen ist.135 Summa summarum dienen alle drei Argumente – das werkimmanente Argument, das sich auf die Programmatik stützt, das exegetische Argument, das den Sprachgebrauch von Anfang und Ende der WdL in den Blick nimmt, und das systemimmanente Argument, das die Logik ausgehend vom Systemganzen charakterisiert – dem Nachweis, a) dass mit dem Ende der Logik der Begriff seine GW 12: 372 = TWA 6: 550. Es ist beiläufig zu bemerken, dass die Verwendung eines christlich-theologischen Vokabulars noch nichts darüber aussagt, welche christlich-theologischen Positionen schlussendlich für Hegel rational gerechtfertigt werden können. Auch gilt nicht uneingeschränkt der Schluss von der Tatsache, dass Hegel von einem Vokabular aus einer bestimmten Wissenschaft Gebrauch macht, auf die (andere) Tatsache, dass Hegel über eben diese Wissenschaft spricht. 134 GW 12: 372 = TWA 6: 549 135 Im gegenteiligen Fall folgt nämlich eine absurde WdL-Interpretation, weil davon ausgegangen werden muss, dass die Sätze der WdL in die (spekulative) Logik einleiten, anstatt Beispiele derselben zu sein. Die spekulative Logik müsste gemäß dieser kontrafaktischen These erst noch geschrieben werden – eine These, die keine Interpretation mehr ist, sondern eine Hegelkritik. 133

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eigene Objektivität erreicht hat, insofern er sich selbst Gegenstand und Inhalt der (spekulativ-)philosophischen Betrachtung geworden ist, und b) dass er seine Objektivität nicht allererst ›suchen‹ muss, weil diese in Form der ganzen Logik ausgebreitet vor ihm liegt. Wenn Hegel also bspw. die absolute Idee als »sich wissende Wahrheit« und »alle Wahrheit« definiert, so schließt diese Wahrheit mit Blick auf die Erstlektüre der WdL zunächst einmal alle in ihr evozierten reinen Begriffe ein und ist auf sie allein beschränkt, wenngleich Hegel (in äußerlicher Reflexion und kommentierend) sogleich anmerkt, dass es bei dieser ersten Bekanntschaft nicht bleibt.

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3. Die spekulative Methode im argumentativen und systematischen Kontext der Logik und der philosophischen Wissenschaften Für die Behauptung, dass Hegels Überlegungen zur Methode zum wohl bedeutendsten Teil des Kapitels Die absolute Idee gezählt werden müssen, sprechen nicht nur Hegels detaillierte Erläuterungen, die nicht zuletzt in Ansehung des quantitativen Umfangs des Kapitels den größten Platz einnehmen, sondern auch das Verhältnis der Methode zum Begriff der logischen und absoluten Idee, mit dem die Übergangsproblematik der Logik in die Natur in greifbare Nähe rückt. Kompositorisch nimmt Hegels Diskussion um die Methode also eine eminente und vermittelnde Stellung zwischen den einzelnen Gedankengängen innerhalb des Kapitels über die absolute Idee ein. Ergo darf sie mit Fug und Recht als das Herzstück des gesamten philosophischen Systems bezeichnet werden, weil ohne sie die philosophischen Wissenschaften, wozu auch die Natur- und Geistphilosophie als besondere philosophische Wissenschaften gehören, nicht interpretiert werden können, ohne das Prädikat, eine spekulative Philosophie hegelscher Prägung zu sein, zu verlieren. Diese Akzentuierung der Methode ist freilich nicht neu und für Hegel eine Selbstverständlichkeit, die er nicht nur in der WdL gebetsmühlenartig wiederholt und auf systemischer Ebene in dem Kapitel Die absolute Idee begründet, sondern auch in anderen Schriften unmissverständlich zum Ausdruck bringt.136 So schreibt Hegel bereits 1807 in der Vorrede der Phänomenologie des Geistes (PhG) über den Zusammenhang von Methode und der auf ihr fußenden philosophischen Wissenschaft: Von der Methode dieser Bewegung oder der Wissenschaft könnte es nötig scheinen, voraus das Mehrere anzugeben. Ihr Begriff liegt aber schon in dem Gesagten, und ihre eigentliche Darstellung gehört der Logik an oder ist vielmehr diese selbst. Denn die Methode ist nichts anderes als der Bau des Ganzen, in seiner rei136

Für eine detaillierte Übersicht über die Bedeutung der spekulativen Methode für die hegelsche Philosophie vgl. den einleitenden Aufsatz von R.-P. Horstmann in: ders.: »Schwierigkeiten und Voraussetzungen der dialektischen Philosophie Hegels«. In: Seminar: Dialektik in der Philosophie Hegels, hrsg. und eingeleitet von Rolf-Peter Horstmann. Frankfurt a. M. 1978, 9 – 30. Vgl. auch die einleitenden Bemerkungen von Hans-Friedrich Fulda in: ders.: »Hegels Dialektik als Begriffsbewegung und Darstellungsweise«. In: ebd., 124 – 174, insb. 124 – 128.

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nen Wesenheit aufgestellt. Von dem hierüber bisher Gangbaren aber müssen wir das Bewußtseyn haben, daß auch das System der sich auf das, was philosophische Methode ist, beziehenden Vorstellungen, einer verschollenen Bildung angehört.137

Im Kontext der Forschungsfrage nach dem Übergang der Logik in die Natur sind diesem Zitat mindestens drei wichtige Thesen zu entnehmen, von denen (ganz unabhängig von der PhG) die erste in diesem Kapitel und ausgehend von der Großen Logik erläutert wird und von denen die zwei anderen in späteren Kapiteln diskutiert werden.138 Die erste These lautet, dass die Methode »ihre eigentliche Darstellung« in der Logik erfährt und dass eben diese Darstellung zugleich die Darstellung dieser (logischen) Wissenschaft ist. Kurzum: Der Begriff der Logik ist die Methode, aus der sich alle logischen Begriffe ableiten lassen. Die zweite und dritte These lassen sich in Abgrenzung an die erste These aufstellen: Wenn die Logik die »eigentliche Darstellung« der Methode ist, dann gibt es auch eine uneigentliche Darstellung der Methode in mindestens zwei relevanten Formen: eine Darstellung, die nicht der spekulativen, sondern irgendeiner (z. B. empirischen) Methode folgt, und eine andere Darstellung, die der spekulativen Methode folgt und auf ihr aufbaut, sie aber nicht explizit zum Gegenstand und Inhalt hat, sondern sie implizit immer schon voraussetzt. Die Methode jener uneigentlichen Wissenschaft ist das Signum des endlichen Erkennens, die Methode dieser Wissenschaft ist das Signum der sogenannten »Realphilosophie« und (mit ihr) des absoluten Erkennens, das die absolute Idee systematisch abschließend bestimmt und wozu auch die Natur- und Geistphilosophie gehören. Summa summarum spricht nicht nur die prominente Stellung der Methode am Ende der WdL ihre hohe Relevanz und Signifikanz aus, sondern es lassen sich auch unabhängig von Hegels Ausarbeitung der (spekulativen) Logik Aus­ sagen finden, die das Kriterium einer spekulativen Philosophie benennen, das in der Logik begründet wird und auf deren Basis alle weiteren Betrachtungen, die das Prädikat »spekulativ« oder »absolut« tragen, stehen. Sobald also die Methode zum Gegenstand und Inhalt der Philosophie wird, wird nicht nur auf die ganze Logik reflektiert, sondern auch die Notwendigkeit der Einteilung der philosophischen Wissenschaften erklärbar. In welchem dynamischen Verhältnis die besonderen philosophischen Wissenschaften zueinander stehen, muss sich folgerichtig aus der Methode – dem Herzstück der spekulativen Philosophie – erklären lassen. Dies ist aber nur die Konsequenz des Methodengedankens, der von Hegel in den Absätzen 3 bis 18 artikuliert wird. Primär geht es ihm darum, der Logik als logischem System unter Einbeziehung der Methode eine abgeschlos137

GW 9: LVI = TWA 3: 47. Hierzu gehört v. a. das Kapitel 6.

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sene Form zu vindizieren, die den Weg zur Natur- und Geistphilosophie freimacht (und nicht umgekehrt) und die ich »Vollendungsthese« nennen möchte. Eingeleitet wird die Methode und mit ihr die Vollendungsthese in der Großen Logik bereits sehr früh, nämlich mit dem letzten Gedankenstrich des zweiten Absatzes. Dort heißt es: – Die absolute Idee selbst hat näher nur dieß zu ihrem Inhalt, daß die Form­ bestimmung ihre eigene vollendete Totalität, der reine Begriff ist. Die Bestimmtheit der Idee und der ganze Verlauf dieser Bestimmtheit nun, hat den Gegenstand der logischen Wissenschaft ausgemacht, aus welchem Verlauf die absolute Idee selbst für sich hervorgegangen ist; für sich aber hat sie sich als diß gezeigt, daß die Bestimmtheit nicht die Gestalt eines Inhalts hat, sondern schlechthin als Form, daß die Idee hiernach als die schlechthin allgemeine Idee ist. Was also hier noch zu betrachten kommt, ist somit nicht ein Inhalt als solcher, sondern das Allgemeine seiner Form, – das ist, die Methode.139

Dass Hegel für seine Logik eine Vollendung reiner Begriffe proklamieren darf, muss sich einerseits durch den Gang der Logik selbst rechtfertigen lassen und andererseits durch ein bestimmtes Resultat, das nicht beliebig sein darf. Die Vollendung reiner Begriffe, mit der die Logik zu einem Abschluss kommt, ist mit der Reflexion auf die ganze Logik aufs Engste verknüpft: Nur wenn das Ende wieder auf den Anfang verweist, zieht sich die vermeintlich ins progressiv-unendlich laufende Linearität der logischen Entwicklung zu einem Kreis zusammen, bei dem jeder Abschnitt – respektive jeder Begriff – für die Exposition des Ganzen konstitutiv wird. Dies ist dann auch das werkimmanente Argument für die These, dass der logische Fortschritt von der praktischen Idee zur absoluten eine Ergänzung und Erinnerung des (subjektiven) Begriffs an die eigenen Voraussetzungen ist, die in nichts Geringerem als in dem Wissen bestehen, dass die gesamte Logik diese Voraussetzungen bildet. Betrachtet man das obige Zitat etwas genauer, lassen sich drei ineinandergreifende und wechselseitig stützende Argumente herauslesen, die Hegel als Rechtfertigungsgrund für seine Voll­endungsthese – dass die »absolute Idee selbst […] näher nur dies zu ihrem Inhalt [hat; G. O.], daß die Formbestimmung ihre eigene vollendete Totalität, der reine Begriff ist« – vorbringen kann: Das erste Argument besteht in dem Nachweis, dass der Begriff sich in dem Fortgang der praktischen Idee in die absolute Idee Gegenstand geworden ist, dass also sein Gehalt darin besteht, sich nicht auf etwas anderes, sondern nur auf sich selbst zu beziehen. Ausgehend von diesem inhaltlichen Resultat der Logik ergibt sich die Ergänzung und Erinnerung, dass ein solcher Inhalt bereits 139

GW 12: 373 = TWA 6: 550.

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gedacht worden ist, und zwar in der ganzen Logik. Dieses Argument deckt aber nicht die an das Resultat anschließende Forderung ab, dass Ende und Anfang ineinander fallen, dass also die seins- und wesenslogischen Begriffe durch den Begriff unter Zuhilfenahme seiner drei Momente konstruiert werden können. Kurzum: Wenn Hegels Vollendungsthese wahr sein soll, dann muss nicht nur das Ende ein notwendiges Resultat der logischen Entwicklung sein, sondern es muss gleichsam für den Umkehrschluss argumentiert werden, dass der Anfang vom Ende her ›gelesen‹ (bzw. begriffen) werden kann. So betrachtet, muss für eine hinreichend ausgearbeitet spekulative Logik eine Relektüre angesetzt werden, die denselben Inhalt der Logik, aber unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet, nämlich als reinen Begriff. Die Logik vor dem Hintergrund dieser erweiterten Perspektive in den Blick zu nehmen, um ihre konstruktive Leistungsfähigkeit zu demonstrieren und um nicht zuletzt für die operative Geschlossenheit der Logik zu argumentieren, bildet den mit Abstand umfangreichsten Teil des gesamten letzten Kapitels der WdL und stellt das zweite Argument für die Vollendungsthese bereit. Das Kriterium für die Vollendungsthese ist dann erfüllt, wenn es Hegel zu zeigen gelingt, dass die am Ende der Logik erreichte Selbstbestimmung des Begriffs, also des Begriffs, der sich in Form seiner drei Begriffsmomente – Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit – selbst zum Gegenstand und Inhalt hat, auch in der objektiven Logik – der Seins- und Wesenslogik – en detail am Werk gewesen ist und die logische Entwicklung nicht bloß kommentierend und unthematisch, sondern auch theorieintern und thematisch geleitet hat und dass wir – die Theo­ retikerinnen und Theoretiker – dies erst am Ende der logischen Entwicklung und im Ausgang einer Relektüre begreifen können. Ganz unabhängig davon, dass eine solche Rekonstruktion der gesamten Logik vor der Folie des reinen Begriffs und seiner drei Momente die ohnehin schon umfangreiche WdL um textuelles Material immens belastet und das Leseverstehen bei der Erstlektüre vor noch größere Herausforderungen gestellt hätte, mag wohl niemand ernsthaft behaupten wollen, dass Hegel die Absicht, geschweige denn die Muße gehabt hat, die Logik vollständig, d. h. auf allen Stufen (inkl. ihrer Relektüre durch den Begriff), auszuarbeiten, um auf diese Weise dem hinreichenden Kriterium Rechnung zu tragen. Es darf vielmehr davon ausgegangen werden (und lässt sich textuell belegen), dass in Anbetracht der Sach- und Problemlage, vor dem das Kapitel Die absolute Idee steht, die Ausarbeitung einer möglichen nWdL dem Leseverständnis der ohnehin schon schwer verständlichen WdL (in ihren nicht vollständig ausgearbeiteten zwei Auflagen) wenig geholfen hätte, sondern den Komplexitätsgrad sogar noch erhöht hätte. Ungeachtet solcher Überlegungen gilt außerdem, dass eine solche intensive, auf Vollständigkeit zielende und damit über das Beweisziel hinausschießende Ausarbeitung der Logik nicht zwingend erforderlich ist.

Hegel-Studien



Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik

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Für die Bekräftigung der Vollendungsthese bietet sich vielmehr ein anderes, drittes Argument an, das ökonomisch geführt werden kann, ohne dabei den Hauptpunkt, um den es im Kapitel über die absolute Idee geht, aus den Augen zu verlieren: die Möglichkeit einer Rekonstruktion der Logik und ihrer Methode vor der Folie des Begriffs und seiner drei Momente (Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit). In eben diese Kerbe schlägt das von Hegel favorisierte Argument: Um für die Abgeschlossenheit der Logik (Vollendungsthese) zu argumentieren, genügt es für Hegel in Anbetracht der Problemlage, in nuce zu demonstrieren, dass a) die Methode, unter deren Bedingung die gesamte (spekulative) Logik steht, mit der finalen Selbstbestimmung des Begriffs (inkl. seiner drei Momente) in eins fällt, dass b) die im logischen System enthaltenen Begriffe vor dem Hintergrund der Methode und ipso facto der Selbstbestimmung des reinen Begriffs eruiert werden können und dass c) der Vollendungsgedanke selbst definitorisches Merkmal dieser Methode ist. Der für die Auflösung der Übergangsproblematik der Logik in die Natur essenzielle Gedanke lautet, dass von einer Erweiterung der philosophischen Wissenschaft auf andere Bereiche oder Sphären überhaupt gar keine Rede sein kann, wenn es der Logik ad intram nicht gelingt, ihren Begriff und ihre Methode in eigener Sache zu rechtfertigen. 3.1 Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik Die zentrale These, die das gegenwärtige Kapitel leitet, besagt, dass der Methodenteil des letzten Kapitels der WdL Hegel als Argument für die Vollendungsthese dient, mit der die Logik einerseits zu einem Ende gelangt, andererseits aber ihrer programmatischen Zielsetzung gerecht wird: reine Begriffe zu eruieren, die nichts anderes als sich selbst zum Inhalt und Gegenstand haben und so das reine Denken und (mit ihm) die Logik definieren. Vor dem Hintergrund dieser These lassen sich die Absätze 3 bis 18 erschließen, die den Weg für die Interpretation der Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems frei machen (vgl. Kapitel 4.), an die sich Fragen nach möglichen Interpretationen des Übergangs der Logik in eine andere Sphäre (oder mehrere Sphären) anschließen (vgl. Kapitel 5.). So eindeutig Hegels argumentative Zielsetzung, die Methode und ihre drei Momente mit dem Denken des reinen Begriffs und seinen drei Momenten zu identifizieren und die spekulative Logik an ein Ende zu führen, der Sache nach

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auch sein mag, so intrikat ist die Argumentation mit Blick auf ihre Präsentation für die Leserschaft. Die teilweise nur schwer zu durchschauenden Argumenta­ tionsschritte haben mit mindestens zwei Faktoren direkt zu tun: dem Aufbau der Argumentation in 16 Absätzen und den zahlreichen Zwischenreflektionen, die allesamt erläuternde und kommentierende Funktion haben und die Hegel fast ausschließlich in Form von mit Gedankenstrichen eingeleiteten Einschüben parallel zum Haupttext mitdiskutiert (vgl. Absätze 4 – 6, 8, 14 – 16). Hierzu gehören vor allem Querverweise innerhalb der WdL, philosophiegeschichtliche Anmerkungen und Aussagen, die das spekulative Erkennen vom endlichen Erkennen differenzieren. Zu ihnen gehören aber auch Aussagen, die mit Rücksicht auf den der Diskussion um die Methode nachgeschalteten Systemteil – die Absätze 19 bis 26 – getroffen werden. Letzteres ergibt sich auf der theoriebildenden Ebene allein deshalb, weil für die Diskussion der Methode ganz allgemein gilt, dass mit dieser das logische System an ein Ende kommen soll und dass eben darum die Bedingungen, denen die Methode unterstellt ist, auch diejenigen des Systems selbst sein müssen. Angesichts der allgemeinen Aufgabe, einen Lösungsvorschlag für die Übergangsproblematik der Logik in die Natur zu präsentieren, ist es müßig und wenig gewinnbringend, detailliert über Hegels vertrackte Darstellung seiner Theorie in Gestalt der ausgearbeiteten WdL zu sprechen und dabei bessere Alternativen, die es zweifelsohne gibt, vorzuschlagen. Das eigene exegetische Verfahren besteht vielmehr darin, den Text auf den argumentativen Fortgang im letzten Kapitel der WdL zu ›bereinigen‹ und von allen die Argumentation mittelbar betreffenden Äußerungen, den äußerlichen Reflexionen, weitestgehend zu abstrahieren. Was so zurückbleibt, sind die kompletten Absätze 3, 12, 17 und einige durch Gedankenstriche gekennzeichneten Teile der Absätze 4 – 6, 8, 14 – 16. In ihnen wird der argumentative Fortschritt erzielt, der in der Zuordnung des reinen Begriffs und seinen Momenten zu der Methode und ihren Momenten besteht. Das Desiderat einer solchen Zuordnung wird von Hegel unmissverständlich zu Beginn des Methodenteils an drei zentralen Stellen und ausgehend von drei unterschiedlichen Perspektiven erwähnt: Absatz 3 hält das Desiderat als Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklung fest, Absatz 4 pointiert dieses Ergebnis für sich noch einmal und in Absatz 5 werden die Weichen für die noch zu erbringende Argumentation gestellt.140 Hegels Hauptthese im Methodenteil lautet in nuce, dass die Methode eine bestimmte Form des Begreifens ist, die sich 140

Exemplarisch hierfür sind Hegels Aussagen zu Beginn des 4. und 5. Absatzes: »Was hiermit als Methode hier zu betrachten ist, ist nur die Bewegung des Begriffs selbst, deren Natur schon erkannt worden, aber erstlich nunmehr mit der Bedeutung, daß der Begriff alles und seine Bewegung die allgemeine absolute Tätigkeit, die sich selbst bestimmende und selbst realisierende Bewegung ist.« (GW 12: 374 = TWA 6: 551) »1. Das, was die Methode hiermit ausmacht, sind die Bestimmungen des Begriffes selbst und deren Beziehungen, die in

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über den reinen Begriff und seine Momente definieren lässt und sich eben darum von anderen Formen des Begreifens, allen voran dem endlichen Begreifen, kategorisch unterscheidet. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Hegel sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen dem endlichen und absoluten Erkennen konstatiert: Gemeinsam ist beiden Erkenntnisformen die Tatsache, dass ihr Begreifen ein Begreifen ist, das sich in Urteilen und Schlüssen artikuliert. Während aber das endliche Erkennen ein – wie Hegel es nennt – »suchende[s] Erkennen«141 ist, das eben darum ›suchend‹ ist, weil es seinen Gegenstand nicht an ihm hat, unterscheidet sich das absolute und reine Erkennen in eben diesem Punkt: Die Realität seines Begriffs liegt nicht in einer von ihm unterschiedenen Wirklichkeit, der er sich anpassen oder die er zu seinen Konditionen erst passend machen muss. Die begrifflichen Bedingungen für das absolute Erkennen, das Hegel an anderen Stellen auch das »wahrhafte« oder »vernünftige Erkennen« nennt,142 liegen im Begriff selbst, weil nur so das Erkennen das sein kann, was es sein soll: ein absolutes und reines Begreifen, das gerade deswegen absolut und rein ist, weil es seine Realität nicht außer sich hat. Dem bisherigen Zusammenhang ist zu entnehmen, dass sich die semantische Struktur des reinen Begriffs von der endlicher und ›gewöhnlicher‹ Begriffe kategorisch unterscheidet. Das Urteil »Der Schnee ist weiß« enthält zwei Komponenten: links einen Designator in Form eines singulären Terminus und rechts eine Prädikation in Form eines allgemeinen Terminus.143 Seine Wahrheitsbedingungen hat das Urteil nicht nur an und durch sich selbst, sondern an einer unabhängig von ihm vorgestellten Wirklichkeit: Der Schnee ist genau dann weiß, wenn er (wirklich) weiß ist. Mit anderen Worten: Mit dem Urteil »Der Schnee ist weiß« wird ein Sachverhalt gedacht, der bestehen oder nicht bestehen kann. Er wird also nicht nur gedacht, sondern auch wirklich vorgestellt, nämlich als mögliche Tatsache. Genau das soll aber beim Denken reiner Begriffe, wie Hegel es vor Augen hat, nicht der Fall sein.144 Im Methodenteil lassen sich mindestens vier Kriterien identifizieren, anhand derer a) das spekulative Begreifen für sich und gegen anderes – nämlich endliches Begreifen – profiliert werden kann und

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der Bedeutung als Bestimmungen der Methode nun zu betrachten sind.« (GW 12: 376 = TWA 6: 553) Vgl. GW 12: 369, 375, 392 = TWA 6: 548, 552, 566. Vgl. GW 12: 376, 386 = TWA 6: 553, 561. Vgl. auch: Koch, Anton Friedrich: Wahrheit, Zeit und Freiheit: Einführung in eine philosophische Theorie. Münster 2013, 26 – 42. Zum hegelschen Wahrheitsbegriff im Unterschied zum propositionalen und mathematischen Wahrheitsbegriff vgl. Robert Stern, der hier eine klare Differenz zieht: Stern, Robert: »Did Hegel Hold an Identity Theory of Truth. In: Mind 102 (1993), 645 – 47. Anders hingegen Halbig. Halbig, Christoph: »Ist Hegels Wahrheitsbegriff geschichtlich?«. In: Subjektivität und Anerkennung, hrsg. v. Barbara Merker. Paderborn 2003, 32 – 46, insb. 40.)

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b) sich die den Methodenteil definierenden Absätze 3 bis 18 differenziert einteilen lassen. (1) Das erste Kriterium wurde oben bereits genannt: Der Gegenstand der Methode ist ausschließlich der Begriff, der die »Modalität des Erkennens« und »die Seele aller Objektivität ist«.145 Diesem Kriterium lassen sich die Absätze 3, die erste Hälfte des 4. Absatzes und das erste Drittel des 5. Absatzes zuordnen. In ihnen macht Hegel deutlich, dass das absolute und reine Erkennen einer Methode folgen, die gänzlich durch den Begriff und seine Form bestimmt sind, deren ganze Komplexität sich in der Vermittlung der drei Begriffsmomente – Allgemeines, Besonderes, Einzelnes – artikuliert. Eben dies ist das Markenzeichen des absoluten Erkennens, das in Gestalt des reinen Erkennens erscheint: dass der Begriff seine Wahrheitsbedingungen nicht an einem außer ihm befindlichen Gegenstand hat, zu dem er allererst in Beziehung gebracht werden muss. Die Stellung der einzelnen Begriffsmomente im Funktionszusammenhang des gesamten Erkennens ist Thema der folgenden Absätze, in denen die anderen drei Kriterien des spekulativen Begreifens offen zutage treten: der Anfang beim Allgemeinen, der Fortgang beim Besonderen und das Resultat beim Einzelnen. (2) Dem zweiten Kriterium entspricht das erste Moment der Methode, der Anfang, der zugleich das erste Moment des Begriffs ist: das Moment der Allgemeinheit. Ihm lassen sich das zweite Drittel von Absatz 5 und die erste Hälfte von Absatz 6 zuordnen.146 In ihnen beschreibt Hegel den Anfang beim Allgemeinen. Thematisch und argumentativ schließt sich Hegel hier seinen Positionen an, die er im Kapitel Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden? bereits in extenso vorgetragen hat: Wenn die Logik ein Erkennen im Sinne eines begreifenden Denkens ist, dann darf sein erster und unmittelbarer Anfang nicht der sinnlichen Anschauung oder Vorstellung entnommen werden, weil sein Unmittelbares dann nicht dem Denken allein entspränge, also kein reiner Begriff wäre, sondern »ein [A]ufgenommenes, [V]orgefundenes, [A]ssertorisches«147. Nicht nur wäre das Unmittelbare eines solchen und für die Logik ungeeigneten Anfangs dann ein »Mannichfaltiges und Einzelnes«, sondern es wäre zudem nicht einmal ein reiner Begriff, weil dem Begriff in diesem Fall ein nicht-begrifflicher Inhalt gegenüberstünde. Für den ersten unmittelbaren Anfang stellt Hegel mindestens vier notwendige Bedingungen auf: Erstens muss die Unmittelbarkeit des Anfangs die »Form abstracter Allgemeinheit«148 haben. Zweitens GW 12: 373 = TWA 6: 551. Hegel selbst ordnet dem ersten Moment der Methode die arabische Ziffer »1« zu, die drei Absätze enthält: die Absätze 5 – 7. Der 7. Absatz hat lediglich erläuternde und kommentierende Funktion mit Blick auf die Darstellung der Methode und ist demzufolge – und nicht zuletzt wegen des eigenen Fokus auf die Übergangsproblematik – zweitrangig. 147 GW 12: 376 = TWA 6: 553. 148 GW 12: 376 = TWA 6: 553. 145 146

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darf der Anfang des begreifenden Denkens »nur im Elemente des Denkens« sein und muss ein »Einfaches und Allgemeines« sein.149 Drittens kann der erste Anfang nur dann ein erster sein, wenn er nichts als sich selbst bzw. seine Unmittelbarkeit voraussetzt, sich also nur auf sich selbst bezieht. Dies führt, viertens, dazu, dass der erste Anfang kein abgeleiteter sein darf, weil er dann nicht mehr der erste Anfang wäre. Diesen Kriterien des ersten Anfangs entspricht der Anfang der Logik beim reinen Sein: »In der Tat ist diese erste Allgemeinheit eine unmittelbare und hat darum ebensosehr die Bedeutung des Seins; denn das Sein ist eben diese abstrakte Beziehung auf sich selbst. Das Sein bedarf keiner anderen Ableitung«150. (3) Dem dritten Kriterium entspricht das zweite Moment der Methode, der Fortgang, der zugleich das zweite Moment des Begriffs charakterisiert: das Moment der Besonderheit. Hegels Erläuterungen hierzu nehmen mit Abstand den meisten Platz ein. Sie finden sich im ersten und dritten Drittel des 8. Absatzes, im 12. Absatz, im ersten und zweiten Drittel des 14. Absatzes und im ersten 149

GW 12: 377 = TWA 6: 533. GW 12: 377 = TWA 6: 553 f. Für die semantische Lesart der Logik ist charakteristisch, dass sie ihren Ausgangspunkt in der natürlichen Sprache sucht. Die Leistung der spekulativen Philosophie besteht dann darin, die im Hintergrund operierenden theoretischen Implikationen der natürlichen Sprache freizulegen und auf diese Weise unseren eigenen Begriffsgebrauch zu schärfen. Exemplarisch hierzu vgl. Bretos Aussagen: »Ordinary language is theory-laden, and dialectics explicates […] the presuppositions and theoretical correlations that underlie the semantic settlement of conceptual terms and govern their actual use. […] Philosophy, thus, has to begin with natural language. […] But Hegel is obviously not a descriptive philosopher or ordinary language. For ordinary expressions can be vague, their meanings can be only partially determined and, most interesting for the dialectical procedure, the class of their synonyms can be incoherent, giving rise to inconsistencies. Therefore, philosophy also has to reshape meanings and intensional contents: it can criticize, control, and improve our linguistic business in order to introduce distinctions and rectifications where there was only confused, unconscious practice.« (Berto, Francesco: »Hegel’s Dialectics as a Semantic Theory: An Analytic Reading«. In: European Journal of Philosophy 15 (2007), 19 – 39, 20) Auf den Zusammenhang von natürlichem und spekulativem Begreifen kann hier detailliert nicht eingegangen werden, weil hierfür die einleitenden Passagen der WdL, auf die sich auch Breto bezieht, in den Blick genommen werden müssten. (Vgl. in diesem Kontext auch das Kapitel Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?, das m.E. deutlich genug zeigt, wie Breto die von ihm benutzten textuellen Belege überinterpretiert.) In jedem Fall zeigt der Methodenteil des letzten Kapitels der WdL, dass Hegels primäres Anliegen nicht im Begreifen der natürlichen Sprache besteht – sei es affirmativ oder negativ. Unabhängig von der fehlenden textuellen (und nicht zuletzt philosophiehistorischen) Evidenz einer solchen Hegel-Interpretation ist der Gegenstand des Denkens (bzw. des Begriffs) das Denken (bzw. der Begriff), dessen Entfaltung die Entfaltung der Logik ist. Dass ein solches Denken (bzw. Begreifen) sich auch in unserem natürlichen Sprachverhalten bemerkbar macht, ist a) nicht verwunderlich, aber darum b) noch nicht das eigentliche und primäre Anliegen dieser Philosophie und schon gar nicht c) der Rechtfertigungsgrund für ihren Anfang und Fortgang.

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Viertel des 15. Absatzes. In ihnen beschreibt Hegel den Fortgang beim Besonderen. Für den Fortgang ist erstens charakteristisch, dass er sich dem Anfang beim Allgemeinen anschließt, also ein Besonderes des Allgemeinen ist. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass beim spekulativen Begreifen die Vermittlung des Besonderen mit dem Allgemeinen nicht extern begründet sein darf, sondern der Fortgang beim Besonderen dem Anfang beim Allgemeinen inhärieren muss. Mit Blick auf den Fortgang ist aber für das Besondere auch zweitens charakteristisch, dass jede weitere unmittelbare Bestimmung des Besonderen zugleich eine mittelbare Bestimmung des Allgemeinen ist. Dies ergibt sich erneut aus der Charakteristik des spekulativen Begreifens: Wenn nämlich der Begriff nur sich selbst in Form seiner einzelnen Momente – der Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit – zum Gegenstand hat, dann ist jedes Sprechen über das Besondere ein direktes oder indirektes Sprechen über das Allgemeine. Direkt ist dieses Sprechen, wenn das Besondere ein direktes Prädikat des Allgemeinen ist. Indirekt ist dieses Sprechen, wenn das Besondere als eigenständiges Subjekt genommen wird, dessen unmittelbare Prädikate mittelbare Prädikate des Allgemeinen sind. Das Allgemeine hat insofern eine doppelte Bestimmung: das Besondere als seine unmittelbare Bestimmung und die Bestimmung des Besonderen als seine mittelbare Bestimmung. In Anbetracht der logischen Entwicklung ergibt sich ein Vermittlungspro­ blem im Begreifen des Anfangs beim Allgemeinen durch den Fortgang beim Besonderen, das Hegel im Hinblick auf das absolute Erkennen »das Dialektische«151 nennt. Das Dialektische adressiert ein doppeltes Vermittlungsproblem. Das erste Vermittlungsproblem ergibt sich aus der Forderung des Begriffs, den Begriff in seiner Unmittelbarkeit in Form eines Urteils vermittelt auszudrücken. Selbst wenn das Urteil nur das ausspricht, was der Begriff ist, scheint der Begriff seine Bedeutung zu verändern und Gefahr zu laufen, widersprüchlich zu sein. Wird bspw. der Anfang als ein Erstes und Unmittelbares definiert, so scheint das Urteil prima facie das Gegenteil dessen auszusprechen, was der Anfang sein soll. Denn als etwas Unmittelbares und Erstes darf der Anfang kein Vermitteltes, kein Zweites und mithin Fortgang sein. Sobald also über den Anfang geurteilt wird und ihm Prädikate wie »Allgemeinheit«, »Unbestimmtheit«, »Beziehung auf sich selbst« usw. zugesprochen werden, wird in ihm eine Widersinnigkeit deutlich: Seine Allgemeinheit ist nicht abstrakt, sondern enthält eine Bestimmtheit in sich; seine Unbestimmtheit ist nicht Unbestimmtheit per se, sondern enthält Bestimmtheit; seine Beziehung auf sich enthält auch eine Beziehung auf Anderes usw. Kurzum: Der Anfang als Gegenstand des reinen Denkens bzw. 151

»Dieses so sehr synthetische als analytische Moment des Urtheils, wodurch das anfängliche Allgemeine aus ihm selbst, als das Andere seiner sich bestimmt, ist das Dialektische zu nennen.« (GW 12: 381 = TWA 6: 557)

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Erkennens erscheint »in seiner Unmittelbarkeit und Allgemeinheit […] als ein Anderes«152. Das zweite Vermittlungsproblem folgt dem ersten. Es ergibt sich, sobald über das Allgemeine geurteilt wird und sobald sich mindestens zwei Urteile gegenüberstehen, die jedes für sich und zusammengenommen scheinbar etwas anderes behaupten als das, was der Anfang sein soll. Dies lässt sich wie folgt erklären: Wie alle Urteile, so stehen auch Urteile, in und mit denen reine Begriffe gedacht werden und die die Methode und (mit ihr) die Logik exemplifizieren, nicht isoliert da. In diesem Sinne können Urteile – egal welcher Art – als ›Bausteine‹ für weitere und sich daran anschließende Urteile gebraucht werden und die Rolle als Prämisse oder Konklusion in einem Schluss respektive einer Argumentation einnehmen. Anders aber als bei endlichen Urteilen liegt die Wahrheit nicht in einer dem Urteil als extern vorgestellten Sache, an der das Urteil seine Wahrheitsbedingungen hat. Der Unterschied im Urteil des endlichen und absoluten Erkennens liegt vielmehr in der Verknüpfung der im Urteil enthaltenen Momente: Im Urteil des reinen Begriffs bildet nämlich das Prädikat das verbindende (Binde-)Glied (medius terminus) zwischen dem ersten, anfänglichen Urteil und dem zweiten, sich dem ersten Urteil anschließenden Urteil. Kurzum: Wer ein Subjekt S denken will, muss auf seinen im Prädikat P ausgedrückten Inhalt den ganzen Blick richten. Diese Inhaltsbestimmung, die den Fokus weg vom Subjekt und hin auf das Prädikat lenkt, initiiert ein zweites Urteil und (mit ihm) ein zweites Prädikat, das auf das anfängliche Subjekt S des ersten Satzes nicht unmittelbar und direkt, sondern vermittelt und indirekt bezogen ist. Den Startpunkt des zweiten Urteils bildet das Prädikat des ersten Urteils, denn es gilt: Soll das Subjekt inhaltlich bestimmt sein, so muss das Prädikat gedacht werden. Das Denken des Prädikats P und seine Inhaltsbestimmung in Form eines zweiten Urteils ist demzufolge auch die Inhaltsbestimmung des anfänglichen Subjekts S. Wer also ein anfängliches Urteil »S – P« denken möchte, der wird dem spekulativen Denken zufolge genötigt, ein zweites Urteil »P – P« zu denken. Dieses zweite Urteil ist aber keine Iteration von P, sondern erweitert seinen Inhalt. Denn im Satz »P  – P« unterscheiden sich beide Termini durch ihren Funktionszusammenhang respektive ihre Rollen im Gesamtkontext. Das linksstehende P ist das Prädikat des ersten Urteils und das Subjekt des zweiten Urteils, während das rechtsstehende P das Prädikat des zweiten Urteils ist. So kann das Urteil »P – P« auch als »P(S) – P(P)« gelesen werden. Das Prädikat des zweiten Urteils P(P) ist also unmittelbar das Prädikat von P(S) und nur mittelbar das Prädikat des Subjekts des ersten Urteils S. Formal betrachtet mag die Aussage, dass das Prädikat des Prädikats von S – vgl. P(P) – auch das Prädikat von S ist, nach einer trivialen Schlussfolgerungsregel klingen. Die Trivialität verklingt 152

GW 12: 381 = TWA 6: 557.

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aber, sobald man sich aber vor Augen führt, dass mit dieser Schlussfolgerungsregel auch eine Bedeutungsverschiebung der einzelnen Termini einhergeht, weil sich der Inhalt des anfänglichen Satzsubjekts durch das zweite Urteil erweitert. Der gesamte Zusammenhang liest sich wie folgt: Erstes Urteil: S – P(S) Zweites Urteil: P(S) – P(P) Wie an der Hervorhebung zu erkennen ist, werden S und P(P) über P(S) als ihren Mittelbegriff gedacht. P(P) ist auf diese Weise kein unmittelbares Prädikat von S, sondern ein mittelbares, weil es über P(S) vermittelt auf S bezogen ist. Dies gilt auch für den umgekehrten Fall: S hat nicht nur ein unmittelbares Prädikat P(S), sondern auch ein mittelbares Prädikat P(P), das über P(S) vermittelt und auf S bezogen ist.153 Das zweite Vermittlungsproblem der Dialektik ist also auf ein Vermittlungsproblem zwischen (mindestens) zwei Bestimmungen zurückzuführen. Es ergibt sich auf Grundlage der immanenten Begriffsentfaltung in Form eines Schlusses, denn es gilt: Wenn das Subjekt ins Prädikat übergeht und wenn das Prädikat durch weitere Prädikate bestimmt wird, dann geht das Subjekt auch in diejenigen Prädikate über, die Prädikate des Prädikats des Subjekts sind. Mit anderen Worten: Wenn »S – P(S)« und »P(S) – P(P)« gilt, dann gilt auch »S – P(P)«. Der Gesamtzusammenhang liest sich also wie folgt: Erstes Urteil: S – P(S) Zweites Urteil: P(S) – P(P) Schluss: S – P(P) Die Übereinstimmung der Methode mit dem absoluten Erkennen im weiten Sinn und mit dem reinen Erkennen im engen Sinn und ihre Zuordnung zum reinen Begriff lassen sich am Text an mehreren Stellen beobachten. Hegel skizziert sie wie folgt: Sowohl das absolute als auch das reine Erkennen folgen einem Syllogismus bestimmten Typs. In der ersten Prämisse ist das Erkennen ›analytisch‹, indem nur diejenigen Bestimmungen einer Sache – hier des Anfangs beim Allgemeinen – explizit gemacht werden, die der Sache als solcher von sich aus zukommen. So gesprochen spricht das analytische Urteil nur das aus, was die Sache an sich ist: nämlich ein Allgemeines A, das nur dann das ist, was es ist, nämlich ein Allgemeines A, wenn es ein Allgemeines von etwas ist, das ihm als Besonderes B gilt. Im Urteil »A – B« ist B aber nicht nur Prädikat von A, mithin B(A), sondern kann selbst als Grundlage weiterer Prädikation genommen wer153

Diese doppelte Rolle, die P(S) als verbindendes Glied zweier Urteile einnimmt, bezeichnet Hegel in der PhG als »Gegenstoß«. Vgl. hierzu: GW 9: LXXVf. = TWA 3: 58.

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den. Das auf diese Weise zustande gebrachte zweite, ›synthetische‹ Urteil, dessen erstes Extrem B(A) (Subjekt) und dessen zweites Extrem B(B) (Prädikat) ist, steht nicht isoliert und für sich da, sondern schließt sich als zweites Urteil dem ersten Urteil an. Was so entsteht, ist das dialektische Moment im Begreifen, das ein Vermittlungsproblem zwischen dem Subjekt des ersten Urteils und seiner unmittelbaren und mittelbaren Prädikation im ersten und zweiten Urteil – B(A) und B(B) – beschreibt, das im Schlusssatz »A – B(B)« offen zutage tritt. Summa summarum kommt der Fortgang im spekulativen Begreifen dadurch zustande, dass die anfängliche Unmittelbarkeit, der reine Begriff, das Allgemeine A, das Erste, das reine Sein usw. zur Vermittlung, zum Urteil, zum Besonderen des Allgemeinen B(A), zum Zweiten, zum Nichts usw. fortschreitet. Die Bestimmung dieser Vermittlung, dieses Urteils, dieses Besonderen des Allgemeinen B(A), dieses Zweiten, dieses Nichts usw. ist als Bestimmung zugleich eine Konkretion der anfänglichen Unmittelbarkeit, des reinen Begriffs, des Allgemeinen A, des Ersten, des reinen Seins usw. Um aber die Bedeutung dieser Konkretion zu verstehen, muss im Denken fortgeschritten werden. Was auf diese Weise zustande kommt, ist eine weitere Vermittlung, die bei der in Frage stehenden Bestimmung, dem Prädikat, ansetzt. Was auf diese Weise zustande kommt, ist ein zweites Urteil (und mit ihm ein Schluss), ein Besonderes des Besonderen B(B) – das unterschieden von dem Besonderen des Allgemeinen B(A) auch als Einzelnes E gelesen werden kann –, ein Drittes, ein Nichts, das nicht Nichts, sondern ein Nichts des Seins und somit selbst ein Sein, aber kein reines und unmittelbares, sondern ein gewordenes und vermitteltes Sein ist. Die abstrakte Form des absoluten und reinen Erkennens mittels der Methode, deren Momente sich am Begriff und seinen Bestimmungen orientieren, kann analog zum oben skizzierten Schema »S – P(S) – P(P)« wie folgt illustriert werden: Erstes Urteil: A – B(A) Zweites Urteil: B(A) – B(B)/E Drittes Urteil (Schluss): A – B(B)/E154 154

Was den Unterschied zwischen dem analytischen und synthetischen Moment des Erkennens betrifft, so macht Hegel im 8. Absatz des letzten Kapitels der WdL erneut auf die Differenz zwischen dem endlichen und absoluten Erkennen aufmerksam. Wie dem Kapitel über die Idee des Erkennens zu entnehmen ist, spalten sich der Begriff und seine Begriffsmomente im endlichen Erkennen wie folgt auf: Das Allgemeine ist das Prädikat, das a) das eine Extrem des Erkenntnisurteils ausmacht, das mit dem erkennenden Subjekt zusammenfällt, b) sich von dem als Gegenstand vorgestellten Einzelnen – dem anderen Extrem des Erkenntnisurteils – unterscheidet und c) diesem Einzelnen durch Auflistung geeigneter und als Besonderes geltender Merkmale zu entsprechen versucht. (Vgl. hierzu auch das Kapitel 1.2 und Hegels Ausführungen zur Definition: GW 12: 333 – 336 = TWA 6: 517 – 519.)

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(4) Wie bereits erwähnt, markiert das dialektische Moment der spekulativen Methode ein Vermittlungsproblem zwischen einem anfänglichen Subjekt und seinen unmittelbaren und mittelbaren Prädikaten. Die Auflösung dieses Vermittlungsproblems erfolgt im dritten Moment der Methode, dem Resultat, dem das vierte Kriterium des spekulativen Begreifens entspricht und das zugleich das dritte Moment des Begriffs kennzeichnet: das Moment der Einzelheit. Aussagen hierzu finden sich vornehmlich im letzten Viertel des 15. Absatzes, im ersten Viertel des 16. Absatzes und in Absatz 17. In ihnen beschreibt Hegel das Resultat beim Einzelnen. Die Tatsache, dass sich das dritte Moment der Methode begrifflich von den anderen beiden unterscheidet, ergibt sich aus der spekulativ gedachten Form des Urteils. Verglichen mit den ersten beiden Prämissen, dem analytischen und synthetischen Urteil des absoluten und reinen Erkennens, ist das Resultat qua Drittes ebenfalls urteilsförmig. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass das Resultat die vermittelte Bestimmung in Form eines Schlusssatzes ausspricht, der aus den ersten beiden Prämissen sukzessive folgt. Wenn bspw. die Bestimmung des Anfangs beim reinen Sein seine Bestimmungslosigkeit ist und wenn mit der Bestimmungslosigkeit weiter nichts gemeint sein soll als das Nichts, so ist das reine Sein prima facie nichts anderes als das Nichts. Die weitere Bestimmung dieses Nichts ist dann nicht einfach nur ein Rückfall in den Anfang. Vielmehr Im absoluten Erkennen hingegen sind die Begriffsbestimmungen der Sache selbst entnommen. Sie sind keine äußerlichen Merkmale für ein außenstehendes Erkenntnissubjekt, sondern gehören der Sache selbst an. So liegt es bspw. im Begriff des ersten Anfangs des reinen Denkens, unmittelbar, unvermittelt, auf sich selbst bezogen usw. zu sein. Das analytische Urteil spricht (im spekulativen Urteil) nur das aus, was dieser Anfang ist. Seine Prädikate sind in diesem Sinne allgemein, dass der Anfang (als vorgestellter singulärer Terminus) unter sie subsumiert werden kann. Auch wenn es viele mögliche Prädikate geben mag, die wir Theoretikerinnen und Theoretiker dem zu denkenden Anfang beilegen können, so drücken sie alle denselben (allgemeinen) Gedanken als besonderen aus. Der weitere Fortgang im absoluten Erkennen besteht aus diesem Grund darin, den besonderen Begriff zu bestimmen. Aus diesem Grund ist die analytische Bestimmung des absoluten Erkennens zugleich eine synthetische, weil das Analytische nur das enthält, was der Sache allgemein zukommt, und weil das Synthetische nur das aufnimmt, was ihr durch die Analyse als Besonderes dargeboten wird. Kurzum: Das Allgemeine wird zum Besonderen und Einzelnen, das Analytische wird zum Synthetischen und der Begriff (des Anfangs) wird zum Urteil (Fortgang) und Schluss (Resultat). Jede Seite ist im Hinblick auf das absolute Erkennen nur als Moment unterschieden. Sie alle gehören aber gleichermaßen derselben Sache an und machen sie aus, indem jedes Moment für sich Bedingung und Bedingtes, mithin Totalität ist. Wie der Fortgang dem Anfang nicht entgegenstehen darf, darf das Denken des Besonderen nicht gegen das Denken des Allgemeinen gerichtet sein, sondern der Fortgang und das Besondere müssen mit Rücksicht auf das spekulative Denken als eine Weiterbestimmung – Involution – des Anfangs und des Allgemeinen genommen werden. Das Resultat, das aus der Vermittlung der Allgemeinheit und Besonderheit entsteht, ist die Einzelheit, die nicht nur das Besondere, sondern auch das Allgemeine konkret ausdrückt.

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wird mit ihm seine Bedeutung erweitert: So ist das Nichts nicht Nichts , sondern das Nichts des reinen Seins und hat damit selbst ein Sein, das aber nicht das Sein des reinen Seins per se ist. Als Nichts des Seins hat das Nichts eine das reine Sein erweiternde Bedeutung, weil das Sein des Nichts kein unmittelbares und reines Sein ist, sondern ein über das Nichts vermitteltes, entstandenes, gewordenes Sein. Zusammengefasst reformuliert das Resultat in Form eines Schlusssatzes nur die Konsequenz dessen, was die Unmittelbarkeit des Anfangs und seine Vermittlung im Sinne des Fortgangs bereits entwickelt haben. Wie der Anfang, so ist auch das Resultat eine Unmittelbarkeit und »einfache Beziehung auf sich«155, also ein Allgemeines A. Weil das Resultat im spekulativen Urteil (als drittes Begriffsmoment) ferner so gedacht wird, dass es die Negativität bzw. Vermittlung in sich enthält, ist es zugleich ein bestimmtes Allgemeines, also ein Besonderes B. Als etwas Allgemeines, das dem Besonderen nicht bloß äußerlich gegenübersteht, sondern in ihm gesetzt ist und sich so von einem anfänglichen und abstrakten Allgemeinen – einer unbestimmten Unmittelbarkeit – unterscheidet, ist das Resultat folglich ein vermitteltes (bzw. abgeleitetes) Unmittelbares, das als Konkretes und Einzelnes E bezeichnet werden kann. Mit ihm kehrt das Resultat nicht nur in den Anfang zurück, insofern es implizit und explizit auf ihn verweist. Vielmehr und orientierend am Begriff und seinen Momenten erweitert und entwickelt es den Anfang. Der Widerspruch, der auf das Vermittlungsproblem bei der Ausdifferenzierung des Begriffs mittels seiner Begriffsmomente hinweist, kommt nur dann zustande, wenn das Urteil und die in ihm und mit ihm gedachten Begriffsmomente nicht spekulativ (in der oben skizzierten Bedeutung), sondern endlich interpretiert werden.156 Für ein nicht-spekulatives Begreifen scheint die Fortentwicklung des Begriffs am Satz »A – B – E« immer dann widersprüchlich zu sein, wenn B und E die Negation von A ausdrücken, ihm aber nicht (wie im Standardfall) ab-, sondern (wie im Fall des spekulativen Denkens) zugesprochen werden. Am Fallbeispiel des Anfangs erklärt bedeutet dies, dass der Anfang als abstrakte Allgemeinheit deshalb das ist, was er ist, nämlich Anfang und abstrakte Allgemeinheit, weil er ein Erstes und bloß auf sich Beziehendes ist, also kein Zweites, keine Beziehung auf Anderes, kein Fortgang und kein Besonderes. Weil das spekulative Begreifen sich von anderen Formen des Begreifens aber dadurch auszeichnet, dass es bei dieser einfachen Negation nicht stehenbleibt, sondern die Negation als ›transitorisches‹ Mittel der begrifflichen Ausdifferenzierung interpretiert und ihr mithin einen positiven Gehalt zuspricht, führt die Affirmation des Negativen zu keinem Widerspruch. Die Widersinnigkeit und Widersprüch155 156

GW 12: 391 = TWA 6: 565. Anders sieht das Hösle, der den Widerspruch als integralen und thematischen Teil der Methode selbst interpretiert. Vgl. Hösles Zusammenfassung in Hösle:1988, 196.

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lichkeit des Anfangs ergibt sich also nur dann, wenn der Anfang gegen den Fortgang (und das Resultat), die Allgemeinheit gegen die Besonderheit (und Einzelheit), die Unmittelbarkeit gegen die Vermittlung (und die vermittelte Unmittelbarkeit), der Begriff gegen das Urteil (und den Schluss) und das Urteilssubjekt gegen seine Prädikation fixiert werden. Die Auflösung des Vermittlungsproblems des reinen Begriffs für das endliche Begreifen besteht demgemäß in der Rückbesinnung auf ein Grundprinzip des spekulativen Begreifens: dass das Prädikat unmittelbar das ausspricht, was das Subjekt ist, und dass die Bestimmung des Prädikats eine (weitere) Bestimmung des Subjekts ist. Wenn also die Vermittlung, der Fortgang, das Urteil, das Besondere, das Nichts usw. nicht das aussprechen, was die Unmittelbarkeit, der Anfang, das Urteil, das Allgemeine, das reine Sein usw. sind, dann besteht ihre Wahrheit in exakt dieser Negation. Sie zu bestimmen, heißt im spekulativen Begreifen fortzuschreiten, und zwar so: dass das Negative selbst die Rolle eines Subjekts in einem neuen Urteil einnimmt. Eben diesen Aspekt im spekulativen Begreifen konnotiert das Resultat beim Einzelnen. Es entwickelt die spekulative Theorie weiter und löst das Vermittlungsproblem – die Dialektik – auf, weil es die Entwicklung der Theorie und ihrer Begriffe an der Prädikation festmacht, dabei aber nicht zwischen einzelnen Prädikaten notgedrungen und voreilig entscheiden muss. Vielmehr gilt mit Blick auf das spekulative Begreifen: Wenn a) ein unmittelbares Prädikat P(S) (bzw. B(A)) und ein mittelbares Prädikat P(P) (bzw. B(B)/E) ein und demselben Subjekt S (bzw. A) zugesprochen werden und wenn b) verlangt wird, dass ein bestimmtes Prädikat das Subjekt adäquat ausspricht, dann sind c) P(S) (bzw. B(A)) und P(P) (bzw. B(B)/E) nicht die einzigen zur Verfügung stehenden Alternativen. Dies ist allein deswegen der Fall, da die Bedeutung des mittelbaren Prädikats P(P) (bzw. B(B)/E) in Frage steht. Denn zu behaupten, dass bspw. P(S) (bzw. B(A)), aber nicht P(P) (bzw. B(B)/E) dem anfänglichen Subjekt S (bzw. A) zugesprochen werden muss, bedeutet zu wissen, was P(P) (bzw. B(B)/E) ist. Auf dem momentanen Standpunkt der spekulativen Theorie ist aber genau dies nicht der Fall. In diesem Sinne hält das Resultat beim Einzelnen lediglich das vorläufige positive Ergebnis der spekulativen Theoriebildung fest: dass B(B)/E (bzw. »A – B(B)/E«) derjenige Begriff (bzw. dasjenige Urteil) ist, der (bzw. das) A adäquat ausspricht.157 Die Wahrheit dieser Aussage einsehen zu können, be157

Klaus Düsing liest den Schlusssatz direkt als Bestimmung des Einzelnen E, nämlich als »E  – A«. Ein sachlicher Widerspruch zur eigenen Darstellung liegt hier m.E. nicht vor, und zwar aus dem einfachen Grund, weil der nächste Schluss, der das Einzelne E zu seinem Mittelbegriff hat, gleichermaßen als »A – E – B« oder als »B – E – A« gelesen werden kann. Es stellt sich dennoch die Frage, warum Düsing nicht den naheliegenderen Schluss qua drittes Urteil »A – E« zieht, mit dem das dialektische Moment gesetzt ist; denn E und

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deutet, B(B)/E als Ausgangspunkt für ein weiterführendes und mögliches Urteil »B(B)/E  – …« zu nehmen. (Im Verlauf der spekulativen Theoriebildung wird sich zeigen, dass es einen ausgezeichneten reinen Begriff gibt, der als Begriffsoperator alle anderen Begriffe umgreift – diese und sich aber gleichwohl einschränkt – und der die im Urteil enthaltene Forderung, der wahre Begriff zu sein, auf bestimmte Weise ausspricht. Welcher Begriff das sein wird, wird in Kapitel 4. diskutiert werden. Auf dem gegenwärtigen Standpunkt der Theorieentwicklung ist ein solcher Begriff freilich noch nicht absehbar. Absehbar ist nur die Sukzession des Begriffs und seine spekulative Realisierungsform, die als begriffliche Inklusion und Erweiterung zu interpretieren ist.) Der die Methode, ihre Momente und Kriterien in nuce repräsentierende Gesamtzusammenhang liest sich wie folgt: Erstes Urteil (Anfang): Zweites Urteil (Fortgang): Drittes Urteil (Resultat): Viertes Urteil (Anfang'): …158

A – B(A) B(A) – B(B)/E A – B(B)/E B(B)/E – …

3.2 Die Prinzipien des spekulativen Begreifens Als Quintessenz der obigen Argumentation lässt sich festhalten, dass das Resultat beim Einzelnen nicht nur die Konsequenz des Fortgangs beim Besonderen ausspricht. Als Resultat ist das Einzelne ein Fortschritt im eminenten Sinn: Auf der syntagmatischen Ebene erweitert und differenziert es den reinen Begriff (in seinem Begriffsumfang) positiv und auf der paradigmatischen Ebene schärft es nicht A ist das vermittelte Prädikat von A. (Vgl. Düsing, Klaus: »Syllogistik und Dialektik in Hegels spekulativer Logik«. In: Hegels Wissenschaft der Logik. Formation und Rekonstruktion, hrsg. v. Dieter Henrich. Stuttgart 1986, 15 – 38, insb. 36.) Düsing scheint sich bei der Anordnung der Begriffsmomente am Begriff des endlichen Urteils zu orientieren, bei dem A der allgemeine Terminus ist, der die Rolle des Prädikats einnimmt und daher rechts von E steht. Auf das spekulative Urteil kann diese Zuordnung aber nicht direkt übertragen werden, und zwar aus dem einfachen Grund, weil E im spekulativen Urteil ebenso die Rolle eines allgemeinen Terminus einnehmen kann. 158 Rainer Schäfer drückt dies wie folgt aus: »Die dialektische Methode ist in diesem Sinne das eigentliche Ziel und Telos der gesamten Logik. […] Die dialektische Begriffsbewegung besteht – verkürzt gesagt – darin, daß eine anfängliche, allgemeinere begriffliche Bedeutungseinheit zunächst gesetzt wird, diese sich dann selbst in zwei einander entgegengesetzte besondere Bedeutungskomponenten aufspaltet und sich in einem dritten Schritt auf höherer Ebene die entgegengesetzten begrifflichen Bedeutungsmomente wieder in einer einzelnen Bestimmung vereinen. Eine solche begriffliche Bestimmungsbewegung vollziehen alle Kategorien und Denkbestimmungen in der Logik.« (Schäfer:2002, 256)

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unseren Blick für die methodischen Voraussetzungen der spekulativen Theorie und verweist auf die Diversität ihrer Ausgestaltung. Wie alle anderen Momente, so ist auch das Resultat Bestandteil des Urteils (eingebettet in einem inferenziellen Rahmen), in dem es einerseits die Rolle des Prädikats, andererseits die Rolle des Subjekts einnehmen kann. Als Prädikat spricht das Resultat beim Einzelnen den logischen Anfang – und mit ihm den reinen Begriff – bestimmt aus. Wer nun aber wissen möchte, was diese Bestimmung ist, muss diese Bestimmung als Ausgangspunkt und zur Grundlage einer weiteren Bestimmung respektive Prädikation nehmen. Was sich mit dem Resultat auf diese Weise einstellt, ist nicht nur die Zuordnung der Methode mit ihren drei Momenten (Anfang, Fortgang, Resultat) zum Begriff mit seinen drei Momenten (Allgemeines, Besonderes, Einzelnes) und zum begreifenden Erkennen (Begriff, Urteil, Schluss). Mit dem absoluten und reinen Erkennen, das deswegen absolut und rein ist, weil es sich in seinen methodischen Voraussetzungen lediglich am Begriff und seinen Momenten orientiert, ist gleichsam ein notwendiger Beziehungszusammenhang zwischen Methode und dem an sie anschließenden System hergestellt, den es im Folgenden zu erläutern und präzisieren gilt. Den Gedanken, dass sich die Methode zu einem System von Begriffen erweitert, leitet Hegel gegen Ende des 18. Absatzes ein und diskutiert ihn ausführlich(er) in den Absätzen 19 bis 26. Die dort zu entnehmende Hauptthese lautet, dass die Genese des Systems eins ist mit der spekulativen Begriffsentfaltung, der Methode, bzw. dass jenes aus dieser entspringt. Wie vorhin gezeigt wurde, lassen sich folgende Merkmale der spekulativen Methode identifizieren: Sie hat es mit einem Begreifen zu tun, das immer dann ein reines Begreifen ist, wenn a) der Begriff seine Realisierung nicht an einem ihm fremden Gegenstand hat, den er – wie das endlich-begreifende Erkennen – allererst ›suchen‹ muss, sondern b) in eins fällt mit seiner Explikation in Form von Urteilen und Schlüssen, die so aufgebaut sind, dass c) es ein anfängliches, erstes Subjekt gibt, das d) über seine Prädikation gedacht wird, und zwar so, dass e) das im ersten Urteil enthaltene unmittelbare und erste Prädikat des anfänglichen Subjekts zum Subjekt eines neuen, zweiten Urteils wird, f) dessen Prädikat das ursprüngliche Subjekt wiederum bestimmt ausspricht und es mittelbar erweitert. Eben dieser Erweiterungsgedanke schafft den Umstand, dass die Begriffsbestimmung zu keiner Tautologie wird, weil der nachfolgende Begriff als das Resultat eines durch die Methode geleiteten Gedankens um den Unterschied erweitert wird und diesen expressis verbis ausdrückt. Das Einzelne E ist nämlich nicht nur eine Bestimmung von B, sondern ebenso sehr eine Bestimmung von A. Eben diese Erweiterung des Begriffs im Resultat, die zugleich dessen Entwicklung ausmacht, charakterisiert den Begriff in toto: Zum

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einen wird ein ›höherer‹ oder ›reicherer‹ Begriff gedacht, der darum ›höher‹ und ›reicher‹ ist, weil er andere Begriffe in sich enthält und somit etwas von seiner anfänglichen Abstraktion einbüßt, dafür aber an Konkretion gewinnt. Zum anderen ermöglicht die Erweiterung dem Begriff eine Differenzierung von anderen (abstrakteren) Begriffen, sodass der Fortgang der logischen Entwicklung nicht gleichgesetzt werden kann mit der Wiederholung ein und desselben Begriffs, sondern mit seiner (nicht zuletzt semantischen) Differenzierung. Der Hauptunterschied zwischen der von Hegel in den Absätzen 3 bis 18 dargelegten Methode und dem in den Absätzen 19 bis 26 exemplifizierten Systemgedanken kann werkimmanent so beschrieben werden, dass Hegel mit dem Systemgedanken eine begriffliche Weiterbestimmung des Methodenbegriffs vornimmt. Identisch sind Methode und System darin, dass beide einen Anfang, einen Fortgang und ein Resultat haben. Wenn ein Unterschied zwischen ihnen gemacht werden soll, dann betrifft er die Frage, ob das Resultat der Methode relativ oder absolut zu setzen sei. Vor dem Hintergrund der obigen Erläuterungen zur Methode und ihrer Stellung im logischen System mag diese Frage prima facie gekünstelt klingen, ist doch der Abschluss der Logik qua logisches System und qua logische Idee gerade durch die systemische Einsicht in das Verfahren einer solchen Wissenschaft gekennzeichnet. Wenn also jeder reine Begriff durch die Methode (re-)konstruiert werden kann, warum sollten wir uns noch mit Fragen nach Offenheit und Geschlossenheit des logischen Systems beschäftigen, die mit der Exposition der Methode als beantwortet gelten können? Eine erste und zunächst einmal ganz oberflächlich klingende Antwort auf diese Frage beruft sich auf den Text der WdL und lautet, dass Hegel im Kapitel Die absolute Idee nicht nur im 2., sondern auch im letzten Absatz expressis verbis davon spricht, dass die absolute Idee nicht mit der logischen Idee gleichzusetzen sei.159 Daraus folgt ipso facto, dass für die Exposition der absoluten Idee eine systemische Erweiterung der logischen Idee erforderlich ist, wenn sich jene ebenfalls realisieren soll. In Anbetracht der sachlichen Verflechtung von Methode und System in der Logik kann die textuelle Rahmung dieses Gedankens nur bedeuten, dass es im Begriff der Methode liegen muss, sich zu einem solchen System zu erweitern, das sich als System von anderen Systemen unterscheidet.160 In der Literatur findet sich diese Gleichsetzung leider allzu oft und hat ihre Wurzel wohl schon bei Schelling selbst. Vgl. z. B. Onnasch, Ernst-Otto: »System und Methode in der Philosophie Hegels«. In: Logik, Mathematik und Naturphilosophie im objektiven Idealismus. Festschrift für Dieter Wandschneider zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Vittorio Hösle und Wolfgang Neuser. Würzburg 2004, 79 – 89, insb. 87. 160 Für eine erfolgreiche Hegelinterpretation ist die so enge Verflechtung von Methode und System ein nicht wegzudenkendes Kriterium. Vgl. auch Horstmanns im Ton zurückhaltende, aber in der Sache treffende Aussage, dass es »schwer von der Hand zu weisen [ist; G. O.], daß von der Bestimmung des Programms und der Methode die Einschätzung von 159

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Für das logische System führt diese Einschränkung zu einer Paradoxie, die im Gedanken der Vollendung ihr Präjudiz hat: Abgeschlossen und vollendet ist das logische System (Logik) genau dann, wenn es für andere Systeme (strukturell und prinzipiell) offen ist. Die Auflösung dieser Paradoxie ist gleichzusetzen mit der Klärung der Übergangsfrage der Logik in die Natur und den programmatischen Folgen für die Realphilosophie. Sie muss sich aus dem sachlichen Zusammenhang von Methode und logischem System rekonstruieren lassen, den Hegel im Kapitel über die absolute Idee entwickelt. Der sachliche Zusammenhang von Methode und logischem System, vor dessen Hintergrund die Vollendungsthese und (mit ihr) Fragen nach Offenheit und Geschlossenheit des logischen Systems allererst adressiert werden können, hat zwei Seiten: eine inhaltliche und eine formale. Die inhaltliche Seite betrifft den Gang der (spekulativen) Logik und ihre exemplarische Ausarbeitung in Gestalt der WdL einschließlich ihres letzten Kapitels. Den sachlichen Beziehungszusammenhang zwischen Methode und System auf dieser Grundlage zu beurteilen, setzt eine weitreichende Auseinandersetzung mit den einzelnen Gedankenschritten voraus, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann, die aber für das Verständnis der formalen Interdependenz von Methode und System und die Anschlussfrage nach der systemischen Offenheit und Geschlossenheit des logischen Systems ohnehin nicht zwingend geführt werden muss. Denn für die Methode gilt ganz allgemein, dass sie die Form zum Inhalt hat, sodass die Einsicht in die Formentfaltung gleichgesetzt werden kann mit der Einsicht in die inhaltliche Ausdifferenzierung der Logik. (Kurzum: In der Logik verhält sich die Form zum Inhalt wie das reine Begreifen des Begriffs zu seinen einzelnen Begriffsbeispielen wie reines Sein, Nichts, Werden, Dasein usw.) Was die Form betrifft, so kann generell festgehalten werden, dass das Resultat qua drittes Moment der Methode ein Prädikat ist, das zwar das anfängliche Subjekt konkret und vermittelt über andere Prädikate ausspricht. Wie aber jedes Prädikat im spekulativen Begreifen, so kann auch das als Resultat gedachte Prädikat einer Denkbewegung zur Grundlage und zum Subjekt einer neuen und weiteren Denkbewegung genommen werden. So betrachtet kann das Resultat der Anfang eines neuen spekulativen Begreifens sein, das deswegen rein und selbstbestimmt bleibt, weil der Begriff und seine Momente als Grundlage und Orientierung weiterhin bestehen bleiben.161 Art und Leistungsfähigkeit dieser Philosophie [hegelscher Prägung; G. O.] weitgehend abhängt«. (Horstmann:1990, 11) 161 Zur Wiederholung: Das Resultat ist (zumindest vorläufig) die Auflösung des dialektischen Vermittlungsproblems, insofern es ein weiteres Prädikat des Anfangs ist, das wiederum erklärungsbedürftig ist. Die Auflösung des Vermittlungsproblems zwischen dem anfänglichen Urteil »S – P(S)« bzw. »A – B« und dem im Schluss fixierten Urteil »S – P(P)« bzw. »A – E« ist also identisch mit der Klärung der Frage, was P(P) bzw. E ist. Eben hierin besteht

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Halten wir als Zwischenschritt Folgendes fest: Es gibt einen sachlichen Beziehungszusammenhang von Methode und System, der sich auf der Formebene fixieren lässt und der sich anhand der konsequenten Umsetzung der durch die Methode selbst aufgetragenen Kriterien rekonstruieren lassen muss, deren universale Form darin besteht, dass der reine Begriff sich in Urteilen und Schlüssen artikuliert, die die Prädikation zur Basis haben. Was hieraus entsteht, ist ein Beziehungszusammenhang von Begriffen (als möglichen Prädikaten), die ein System konfigurieren, das rein (und logisch) genau dann ist, wenn das System es mit dem Begriff und seiner Form zu tun hat. Welche Begriffe, Urteile und Schlüsse einem solchen System in concreto zugesprochen werden dürfen, braucht die an der spekulativen Philosophie interessierte Person nicht eigens erst zu ermitteln, weil die WdL als logisches System ein Beispiel dieser Methode und Wissenschaft ist und am Ende inhaltlich und in Gestalt des letzten Kapitels ausgebreitet vorliegt.162 In den Absätzen 19 bis 26 greift Hegel retrospektiv zahlreiche solcher Begriffe auf, die im Verlaufe der Theoriebildung in Erscheinung getreten sind. Die Anfänge beim Sein, Wesen und Allgemeinen, die jeder der für sich zugleich die drei Bücher der WdL – Die Lehre vom Sein; Die Lehre vom Wesen; Die Lehre vom Begriff – grundlegen, können an dieser Stelle prominent hervorgehoben werden. Sie alle haben nicht nur die Funktion der Erinnerung und des Rückverweises. Vor dem Hintergrund der engen Verflechtung von Methode und System, das den thematischen Schwerpunkt des letzten Kapitels der das Spezifikum des spekulativen Begreifens, das sich von dem endlichen Begreifen unterscheidet: Im spekulativen Begreifen ist das Prädikat die Substanz, in dem sich das Subjekt ›verliert‹ und über das hinaus nicht weitergedacht werden kann. Vor diesem Hintergrund darf auch behauptet werden, dass alle Fragen rund um das Resultat beim Einzelnen gleichbedeutend mit der Frage sind, was das Einzelne E in einem möglichen Urteil »E  – …« sei. Mit diesem Urteil sind nämlich nicht nur (indirekt) das anfängliche und (direkt) das abschließende Urteil (vgl. »A – B« und »A – E«) adressiert, sondern auch (direkt) das sie vermittelnde Urteil (»B – E«), das im begreifenden Erkennen als zweite Prämisse fungiert. Letzteres ist deswegen der Fall, weil das Denken von E in »E – …« mit dem Denken von B in »B – E« gleichzusetzen ist, an das es sich (ebenso wie an »A – E«) anschließt. 162 Vgl. hierzu einschlägig Hegels Aussage in der Einleitung und am Ende der WdL: »Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen, und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist, – ist die Erkenntniß des logischen Satzes, daß das Negative eben so sehr positiv ist […] Wie würde ich meynen können, daß nicht die Methode, die ich in diesem Systeme der Logik befolgt, – oder vielmehr die diß System an ihm selbst befolgt, – noch vieler Vervollkommnung, vieler Durchbildung im Einzelnen fähig sey, aber ich weiß zugleich, daß sie die einzige wahrhafte ist.« (GW 21: 18 = TWA 5: 49 f.) Vgl. ferner: »Das Positive in seinem Negativen, den Inhalt der Voraussetzung im Resultate festzuhalten, diß ist das Wichtigste im vernünftigen Erkennen; es gehört zugleich nur die einfachste Reflexion dazu, um sich von der absoluten Wahrheit und Nothwendigkeit dieses Erfordernisses zu überzeugen, und was die Beyspiele von Beweisen hiezu betrifft, so besteht die ganze Logik darin.« (GW 12: 386 = TWA 6: 561)

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WdL bildet, haben solche Rückverweise argumentativen Gehalt, insofern sie die These bekräftigen, dass die im letzten Kapitel der WdL beschriebene Methode (mit ihren Momenten) der Selbstbestimmung des reinen Begriffs (mit seinen Momenten) folgt und dass mit ihr das logische System definiert werden kann.163 Für die Vollendungsthese bedeutet dies alles, dass sie (als Aussage) lediglich mit Blick auf das Systemganze Gültigkeit besitzt und dass sich ihre Beglaubigung und Bekräftigung aus der Form der Methode herauslesen lassen muss. Eine solche Aussage, die die Form der Methode grundlegend und in allen einzelnen Schritten der Entwicklung des logischen Systems begleitet, ist ein prinzipieller Satz der Methode (und mit ihr der spekulativen Philosophie im Allgemeinen). Für sie erfolgreich zu argumentieren bedeutet nicht zuletzt, der Logik eine systemische Geschlossenheit zuweisen zu können und den Übergang der Logik in die Natur (als einer anderen Sphäre) auf eine konkrete Sachfrage zu präzisieren.164 Ganz allgemein gesprochen gilt also, dass alle die spekulative Logik konstituierenden Prinzipien – darunter auch das Vollendungsprinzip – von eminenter Bedeutung sind, wenn es darum geht, diese Wissenschaft durchzuführen. Sie können und müssen sich aus der Methode selbst erschließen lassen und in Formulierungen der WdL textuell nachgewiesen werden. Insgesamt gibt es mindestens sieben dieser Prinzipien: das Immanenz-, Linearitäts-, Aufhebungs-, Erweiterungs-, Totalitäts- und Vollendungsprinzip und das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit. Bis auf das Linearitätsprinzip orientiert sich die Namensgebung am letzten Kapitel der WdL.165 Das Immanenzprinzip: Das erste Prinzip, das direkt aus der Methode abgeleitet werden kann, ist das sogenannte »Immanenzprinzip«. Den dem Imma Vgl. hierzu die eigenen Ausführungen in Kapitel 2. und Hegels Aussage am Ende des 2. Absatzes, mit dem er den Methodenteil einleitet: »– Die logische Idee hat somit sich als die unendliche Form zu ihrem Inhalte […] – Die absolute Idee selbst hat näher nur dieß zu ihrem Inhalt, daß die Formbestimmung ihre eigene vollendete Totalität, der reine Begriff, ist. Die Bestimmtheit der Idee und der ganze Verlauf dieser Bestimmtheit nun, hat den Gegenstand der logischen Wissenschaft ausgemacht, aus welchem Verlauf die absolute Idee selbst für sich hervorgegangen ist; für sich aber hat sie sich als dies gezeigt, daß die Bestimmtheit nicht die Gestalt eines Inhalts hat, sondern schlechthin als Form, daß die Idee hiernach als die schlechthin allgemeine Idee ist. Was also hier noch zu betrachten kommt, ist somit nicht ein Inhalt als solcher, sondern das Allgemeine seiner Form, – das ist, die Methode.« (GW 12: 373 = TWA 6: 550) 164 Von eben diesem Standpunkt des Absoluten als des Vollendeten geht Schelling in seiner prinzipiellen Kritik an der Logik hegelscher Prägung aus. Sie macht allerdings nur einen Teil der möglichen Kritik aus. Der andere Teil ergibt sich aus dem Zugeständnis der Vollendungsthese und ihren Folgen, also aus der Frage, was für Probleme der Rechtfertigung des Übergangs der Logik in die Natur sich ergeben, wenn die Vollendungsthese akzeptiert wird. Zu Schellings Interpretation der Vollendung der logischen Idee vgl. v. a. SW I, 10, 146 f. und 153 f. 165 Zum Linearitätsprinzip vgl. z. B. GW 21: 44 = TWA 5: 71. 163

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nenzprinzip zugrundeliegenden Gedanken formuliert Hegel gleich zu Beginn des Methodenteils, und zwar in der ersten Hälfte des 4. Absatzes. Dort heißt es: Sie [Methode; G. O.] ist darum die höchste Kraft vielmehr die einzige und absolute Kraft der Vernunft nicht nur, sondern auch ihr höchster und einziger Trieb, durch sich selbst in allem sich selbst zu finden und zu erkennen.166

Im 6. und 8. Absatz heißt es dann expressis verbis: Da sie [Methode; G. O.] aber die objective, immanente Form ist, so muß das Unmittelbare des Anfangs an ihm selbst das Mangelhafte, und mit dem Triebe begabt seyn, sich weiter zu führen.167 Die absolute Methode dagegen [anders als das verständige und endliche Erkennen; G. O.] verhält sich nicht als äußerliche Reflexion, sondern nimmt das Bestimmte aus ihrem Gegenstande selbst, da sie selbst dessen immanentes Prinzip und Seele ist.168

In Kurzform besagt das Immanenzprinzip, dass jeder nachfolgende Begriff B2 sich aus dem unmittelbar vorhergegangen Begriff B1 ergibt. Es gilt also die Form: Wenn B1, dann B2 . Wie auf den Begriff B2 zu schließen ist, muss der Kontext erkennbar machen. In keinem Fall darf ein Begriff Bn aus irgendeinem beliebigen Begriff Bm abgeleitet werden. Vielmehr gilt, dass nur aus einem direkten Antezedens geurteilt werden darf. Begriffe und Sätze dürfen dem Immanenzprinzip zufolge also nur unmittelbar und sukzessive durch die ihnen direkt vorhergehenden Begriffe oder Sätze erschlossen werden. Nie darf aber von außen, z. B. durch eine äußerliche Einteilung, die eine Verfasserin oder ein Verfasser, z. B. Hegel, der Leserschaft der Übersicht wegen macht, in die Entwicklung eingegriffen werden. In Anlehnung an die Methode lässt sich dieses Prinzip leicht erklären: Das Prädikat P darf nicht irgendein Prädikat P sein, sondern ein P des S, also P(S) und nicht P(X). Selbiges gilt für den Anfang beim Allgemeinen und den Fortschritt beim Besonderen: Das Besondere B ist parasitär an das Allgemeine A gebunden, mithin ein Besonderes genau dann, wenn es ein Besonderes des Allgemeinen ist (vgl. »A – B«). Das Linearitätsprinzip: Das zweite Prinzip der Logik ist das, was hier und in der Folge als »Linearitätsprinzip« bezeichnet wird. Wie das Immanenzprinzip, so garantiert auch das Linearitätsprinzip den Fortgang im spekulativ-begrei GW 12: 375 = TWA 6: 552. GW 12: 378 = TWA 6: 555. 168 GW 12: 380 = TWA 6: 556 f. 166 167

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fenden Erkennen. Nur seinetwegen gilt: Wenn B1 gesetzt, aber B2 nicht gesetzt ist, darf nicht direkt auf B3 geschlossen werden. Der Schluss von B1 auf B3 ist nur über einen sie vermittelnden Begriff B2 möglich. Nur wenn B1 und B2 gesetzt sind, kann auf B3 geschlossen werden, und alle drei Begriffe, B1 – 3, sind so miteinander verknüpft, als ob sie wie durch eine Linie miteinander verbunden wären. Zusammengefasst und im Unterschied zum Immanenzprinzip besagt das Linearitätsprinzip, dass auch mittelbar (über geeignete Mittelglieder) geschlossen und im reinen Denken fortgeschritten werden darf. So betrachtet kann das Linearitätsprinzip als eine quantitative Ausdehnung und Erweiterung des Immanenzprinzips interpretiert werden.169 Aus der spekulativen Methode lässt sich dieses Prinzip ebenfalls direkt ableiten: Wenn »S – P(S)« bzw. »A – B« gilt, dann gilt nicht unmittelbar »S – P(P)« bzw. »A – E«. Diese Schlussregel im spekulativen Denken teilt das Linearitätsprinzip mit dem Immanenzprinzip. Der Schluss von »S – P(S)« auf »S – P(P)« bzw. von »A – B« auf »A – E« ist nur dann möglich, wenn ein adäquater Mittelbegriff P(S) bzw. B vorliegt, über den geschlossen werden darf. Zusammengefasst vervollständigt das Linearitätsprinzip das Immanenzprinzip, indem es das Immanenzprinzip um eine mittelbare Folgerungsbeziehung erweitert, sodass bspw. aus zwei Sätzen (Prämissen) auf einen dritten Satz (Schlusssatz) gefolgert werden kann. Laut dem Linearitätsprinzip gilt also: B1 – B2 B2 – B3 B1 – B3 Das Aufhebungsprinzip: Das dritte Prinzip soll »Aufhebungsprinzip« heißen. Es enthält drei Bedeutungen, die sich aus den beiden zuvor genannten Prinzipien und nicht zuletzt aus der Methode ableiten lassen. Laut dem Immanenzprinzip 169

Der Gedanke des Linearitätsprinzips repräsentiert das sukzessive und widerstandslose methodische Fortschreiten des Begriffs in allen seinen Momenten und findet sich unter anderem im folgenden Satz ausgedrückt: »Die Methode ist deswegen als die ohne Einschränkung allgemeine, innerliche und äußerliche Weise und als die schlechthin unendliche Kraft anzuerkennen, welcher kein Objekt, insofern es sich als ein äußerliches, der Vernunft fernes und von ihr unabhängiges präsentiert, Widerstand leisten, gegen sie von einer besonderen Natur sein und von ihr nicht durchdrungen werden könnte. […] sie ist die eigene Methode jeder Sache selbst, weil ihre Tätigkeit der Begriff ist.« (GW 12: 374 f. = TWA 6: 551 f.) Nicht selten wird der Gedanke der Linearität des Denkens im Kontext des Gedankens der Vollendung erwähnt, in den er mündet und den Hegel oft über die Kreismetapher adressiert. Ein Beispiel hierfür findet sich in dem Kapitel Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?: »Durch diesen Fortgang denn verliert der Anfang das, was er in dieser Bestimmtheit, ein Unmittelbares und Abstraktes überhaupt zu sein, Einseitiges hat; er wird ein Vermitteltes, und die Linie der wissenschaftlichen Fortbewegung macht sich damit zu einem Kreise.« (GW 21: 44 = TWA 5, 71)

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darf die Logik nur sukzessive und unmittelbar fortschreiten, also nicht von einem gesetzten Begriff B1 auf einen noch nicht entwickelten Begriff B3 schließen. Das Linearitätsprinzip erweitert die inferenziellen Möglichkeiten des spekulativen Denkens, indem es die mithilfe des Immanenzprinzips entwickelten Begriffe miteinander vermittelt und B1 über B2 auf B3 mittelbar bezieht. Aber das Linearitätsprinzip muss qualitativ eingeschränkt werden, weil die Bedeutung jedes mit der Methode verbundenen Terms nicht gleich ist und auch nicht gleich sein kann. Sie kann allein schon deshalb nicht gleich sein, weil z. B. das unmittelbare Subjekt S und das durch sein Prädikat P(S) und das Prädikat des Prädikats P(P) vermittelte Subjekt nicht denselben begrifflichen Umfang teilen. Im ersten Fall ist S das Unmittelbare, im letzten Fall ist es das vermittelte Unmittelbare, also ein S, dem P(S) und P(P) gleichermaßen zugesprochen werden müssen. Analog gilt dies auch für den Begriff und seine Bestimmungen: Das Resultat beim Einzelnen ist nicht einfach nur identisch mit dem Anfang beim Allgemeinen, da es das Besondere qua Negatives in sich eingeschlossen enthält. Das Einzelne E ist somit eine bestimmte Bestimmtheit (des Allgemeinen).170 Um also zu verstehen, was das Einzelne ist, müssen das Allgemeine und das Besondere gedacht werden. Jede Bestimmung und jeder nachfolgende Begriff oder Satz ist laut dem Aufhebungsprinzip nicht nur eine Negation des vorhergehenden Begriffs oder Satzes, insofern er sich von ihnen unterscheidet. Vielmehr ›konserviert‹ er den Unterschied in einer Bestimmung oder einem Begriff, nämlich in dem Resultat einer Gedankenbewegung. Diese Form der Konservierung rührt daher, dass im Verlauf der Methode ein Begriff entsteht, der als Resultat eine Vermittlung und mithin Bestimmungen enthält, die ihn ›reicher‹, ›höher‹ und konkreter machen als jenen ersten Anfang. Zusammengefasst kann mit Blick auf das Aufhebungsprinzip also behauptet werden, dass mit ihm das Resultat die Vermittlung nicht außerhalb von sich enthält, sondern in sich. So ist im Resultat beim Einzelnen der ursprüngliche Anfang beim Allgemeinen wegen des Fortgangs beim Besonderen um eine neue Bedeutung angereichert worden. Seine Bedeutungsanreicherung bringt es mit sich, dass das nunmehr aus der Vermittlung gesetzte Positive des Anfangs konkreter und komplexer geworden ist, dabei aber von der Bedeutung des Vorhergehenden nichts eingebüßt hat, sondern diese bestimmt ausspricht. Kurzum: Den Anfang beim Unmittelbaren und abstrakten Allgemeinen aufzuheben, bedeutet bei Hegel, es zu ›verneinen‹ (negare), es in seiner Verneinung zu behalten (conservare) und auf eine neue (begriffliche) Ebene oder ›Stufe‹ zu heben (elevare). Der Gedanke der Aufhebung wird von Hegel oft nicht so artikuliert, dass er alle drei Bedeutungen umfasst. Oft wird »aufheben« mit »verneinen« gleichge170

Hegel nennt eine solche Bestimmtheit in Adaption wesenslogischer Terminologie auch den »Schein nach innen« (GW 12: 42 f. = TWA 6: 278 f.).

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setzt, gelegentlich auch mit »aufbewahren«. Im 12. Absatz, in dem Hegel die spekulative Methode in nuce skizziert,171 kommt der Aufhebungsgedanke in diesen beiden Bedeutungen zum Vorschein: Diß ist nun selbst der vorhin bezeichnete Standpunkt, nach welchem ein allgemeines Erstes an und für sich betrachtet, sich als das Andre seiner selbst zeigt. Ganz allgemein aufgefaßt, kann diese Bestimmung so genommen werden, daß hierin das zuerst Unmittelbare hiemit als Vermitteltes, bezogen auf ein andres, oder daß das Allgemeine als ein Besonderes gesetzt ist. Das zweyte, das hierdurch entstanden, ist somit das Negative des Ersten; und indem wir auf den weitern Verlauf zum Voraus Bedacht nehmen, das erste Negative. Das Unmittelbare ist nach dieser negativen Seite in dem Anderen untergegangen, aber das Andere ist wesentlich nicht das leere Negative, das Nichts, das als das gewöhnliche Resultat der Dialektik genommen wird, sondern es ist das Andere des Ersten, das Negative des Unmittelbaren; also ist es bestimmt als das Vermittelte, – enthält überhaupt die Bestimmung des Ersten in sich. Das Erste ist somit wesentlich auch im Andern aufbewahrt und erhalten.172

Der Anfang beim »allgemeine[n] Erste[n]«, »Unmittelbare[n]«, »Allgemeine[n]« tritt im Fortgang in Vermittlung und wird so zum »zweyte[n]«, »Vermittelte[n]«, »Besondere[n]«. Ausgehend von diesem anfänglichen Ersten und Unmittelbaren erscheint der Fortgang als Negation: »Das zweyte […] ist somit das Negative des Ersten und […] das erste Negative.« Von der Perspektive eines endlichen Be Der 12. Absatz ist in Anbetracht der Interpretation der Methode auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil Hegel in ihm seine Methode unter Zuhilfenahme einer Grundoperation, der Negation, ausdrückt. Henrich und Koch greifen in ihren Interpretationen der hegelschen Philosophie diesen Grundgedanken auf. Henrich definiert Hegels philosophischen Umgang mit der Negation in Anlehnung an die drei Momente der Methode wie folgt: »Für Hegels ›Negation‹ gilt ebenso wie für die klassische Negation der Aussagen­logik: (1) Die Negation negiert etwas. (2) Die Negation kann auf sich selber angewendet werden. (3) Der selbstreferentielle Gebrauch der Negation hat ein Resultat.« (Henrich, Dieter: »Hegels Grundoperation«. In: Der Idealismus und seine Gegenwart, hrsg. v. Ute Guzzoni. Hamburg 1976, 208 – 30.) Vgl. auch folgende Aussage von Henrich: »In turn, Hegel’s ›term‹ would have to fulfill three conditions: (1) it would have to be acceptable as a basic term of rational discourse; (2) it would have to be the sole basis for building comprehensive logical structure; and (3) its issue in a logical structure would have to incorporate (a) complete self-reference, and (b) the relationship between opposites so that they might, in some theoretical sense, amalgamate. […] Hegel believes that the term that can fulfill these conditions is ›negation‹.« (Henrich, Dieter: Between Kant and Hegel. Cambridge (MA) 2003, 317) Zur weiteren Übersicht vgl. auch Henrich:1978, 224 – 227. Für Koch vgl. Koch, Anton Friedrich: »Die Selbstbeziehung der Negation in Hegels Logik«. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 53 (1999), 1 – 29. 172 GW 12: 385 f. = TWA 6: 561. 171

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greifens – bei Hegel: der Verstandesperspektive – scheint das »Unmittelbare […] nach dieser negativen Seite in dem Anderen untergegangen«, d. h. verneint worden zu sein. Aber anders als beim endlichen Begreifen zieht das spekulative Begreifen aus der Negation einen positiven Inhalt, denn »das Andere ist wesentlich nicht das leere Negative, das Nichts, […] sondern es ist das Andere des Ersten, das Negative des Unmittelbaren«. Als parasitäre Operation ist die Negation an etwas Affirmatives gebunden und kann demzufolge auch von dieser Seite betrachtet werden. Das spekulative Begreifen, das sich für eben diesen Aspekt im Begreifen interessiert, interpretiert demzufolge die Negation als eine weitere, affirmative Bestimmung des Ersten und Unmittelbaren. Mit Hegel: Das Zweite als »das Andere des Ersten, das Negative des Unmittelbaren; […] als das Vermittelte […] enthält überhaupt die Bestimmung des Ersten in sich. Das Erste ist somit wesentlich auch im Anderen [dem Zweiten; G. O.] aufbewahrt und erhalten.« Das Aufheben in der eminenten Bedeutung von »elevare«, mit der die anderen zwei Bedeutungen immer mitgedacht werden, kommt namentlich erwähnt nicht oft vor. Im letzten Kapitel finden sich allerdings mehrere Passagen, aus denen sich die dreifache Bedeutung des Aufhebungsgedankens herauslesen lässt. Prominent hervorgehoben werden kann hier der Anfang des 17. Absatzes. Dort schreibt Hegel: Näher ist nun das Dritte das Unmittelbare, aber durch Aufhebung der Vermittlung, das Einfache durch Aufheben des Unterschiedes, das Positive durch Aufheben des Negativen, der Begriff, der sich durch das Andersseyn realisiert, und durch Aufheben dieser Realität mit sich zusammengegangen [ist; G. O.], und seine absolute Realität, seine einfache Beziehung auf sich hergestellt hat. Diß Resultat ist daher die Wahrheit. Es ist ebensosehr Unmittelbarkeit als Vermittlung […].173

Der im Zitat artikulierte Aufhebungsgedanke orientiert sich an der dritten Bedeutung des Begriffs »aufheben«: Das »Dritte« ist ein Begriff (z. B. B3), der den Unterschied zu anderen Begriffen (z. B. B1 – 2) weder negiert noch nivelliert, sondern in seinem eigenen Begriff mitrepräsentiert. Denn als abgeleiteter Begriff ist er ein Resultat eines ihm vorangegangenen Prozesses, von dem er nicht abstrahieren kann, ohne sich selbst zu verneinen. Seine Bedeutung (z. B. als B3) hängt also wesentlich von der Bedeutung der ihm vorausgegangenen Begriffe (z. B. B1 – 2) ab. In diesem Sinne ist der Begriff nicht nur ein Anfang und ein Unmittelbares. Er ist auch nicht nur ein Fortgang und eine Vermittlung. Als Resultat ist er »ebensosehr Unmittelbarkeit als Vermittlung«, also ein vermitteltes Unmittelbares.

173

GW 12: 390 f. = TWA 6: 565.

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Erweiterungsprinzip: Das vierte Prinzip ist das »Erweiterungsprinzip«. Es gleicht dem Aufhebungsprinzip, insofern beide Prinzipien den qualitativen Unterschied der einzelnen Begriffe, Urteile und Schlüsse garantieren, sodass jedes Moment im Fortgang nicht gleichwertig zu betrachten ist. Jedoch läuft der Expansion des logischen Prozesses eine permanente Konkretisierung und Ausdifferenzierung der in ihm enthaltenen einzelnen Momente parallel. So enthält der Begriff B3 einerseits seine Vermittlung von B1 und B2 eingeschlossen in sich, d. h. B1 und B2 gelten in ihm als aufgehoben im eminenten Sinn. Aber als eine vermittelte Unmittelbarkeit gibt er zugleich den ›Auftrag‹ und das Bedürfnis, im spekulativen Erkennen fortzuschreiten und neue Begriffe (B4, B5, B6 usw.) zu eruieren. Eben dieser Erkenntnisdrang kennzeichnet das Erweiterungsprinzip: Mit ihm und analog zum Aufhebungsprinzip wird das Resultat der spekulativen Methode in den Blick genommen. Der Unterschied zum Aufhebungsprinzip besteht nun darin, dass das Resultat einer Gedankenbewegung, das Dritte, im Sinne eines Anfangs, eines neuen Ersten, uminterpretiert wird. Ein solcher Anfang (bzw. ein solches Erstes) ist dann selbstredend nicht schlichtweg gleichzusetzen mit dem abstrakten Anfang (z. B. bei B1, beim reinen Sein, beim unbestimmten Unmittelbaren usw.). Als Einheit des vorhergehenden Prozesses ist dieser neue Anfang ein vermittelter und mithin konkreter Anfang, der weiterführende Vermittlungsdesiderate freilegt, die es in einer nächsten Gedankenbewegung zu begreifen und zu schließen gilt, ohne dass sich an der Methode und ihren Prinzipien etwas ändert. In diesem Sinne darf das Erweiterungsprinzip als dasjenige Prinzip bezeichnet werden, mit dem sich die Methode zum System erweitert. Paradigmatisch wird das Erweiterungsprinzip im 19. eingeführt und im 23. Absatz erneut erwähnt.174 Im Vordergrund dieser Absätze steht der Gedanke, dass sich jeder Begriff im Fortgang erweitert. So erweitern sich die anfänglichen Begriffe B1, B2 (bzw. A, B) und gelten im Resultat, dem Begriff B3 (bzw. E), als aufgehoben und mitrepräsentiert. Umgekehrt gilt aber auch per definitionem, dass jeder resultierende Begriff, z. B. B3 (bzw. E), ein durch andere Begriffe, z. B. B1, B2 (bzw. A, B), vermittelter Begriff ist. Zu verstehen, was der resultierende Begriff bedeutet, heißt im spekulativen Denken fortzuschreiten und diesen Begriff als Ausgangspunkt weiterer Urteile und Schlüsse zu nehmen. Das Totalitätsprinzip: Das fünfte Prinzip der spekulativen Methode kann als »Totalitätsprinzip« bezeichnet werden. Der Totalitätsgedanke ist in der hegelschen Philosophie ein wichtiger und häufig vorkommender Gedanke, der am Ende der Wesenslogik seinen systematischen Ort hat und die Entwicklung zum Begriff, der die wahre Totalität ist, motiviert. Aber auch die Objektivität kann nicht nur als eine Entwicklung oder Erweiterung des Begriffs, sondern auch als 174

Vgl. GW 12: 392 und 395 = TWA 6: 567 und 569.

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eine besondere Form der Totalität interpretiert werden. So definiert Hegel den Mechanismus als die Objectivität in ihrer Unmittelbarkeit, deren Momente um der Totalität aller Momente willen [Herv. G. O.], in selbständiger Gleichgültigkeit als Objecte aussereinander bestehen, und in ihrem Verhältnisse die subjective Einheit des Begriffs nur als innere oder als äussere haben […]175

Die Totalität wird im Mechanismus äußerlich gedacht, insofern jedes Objekt für sich genommen eine Totalität ist, weil es den Unterschied an sich hat, aber auch auf andere Objekte, die selbst wiederum Totalitäten sind, bezogen ist. Der Mangel der Objektivität besteht darin, dass das Ganze nicht von den einzelnen Objekten gesetzt wird, sondern ihnen immer schon vorausgesetzt wird. Der Begriff, der diesen Mangel korrigieren soll, ist als formales Prinzip wirksam, insofern die einzelnen Objekte nur äußerlich auf das Ganze bezogen sind, keines von ihnen aber in der Lage ist, dieses Ganze aus sich heraus zu setzen. Vielmehr konkurrieren die Objekte untereinander um diesen Status, ohne dass eines von ihnen diesen Status, das eine Allgemeine zu sein, für sich beanspruchen kann. In diesem Sinne kann ebenso gut behauptet werden, dass der Begriff und seine Form der Sphäre der Objektivität äußerlich sind, weil der Begriff, der als Einzelnes zugleich ein Allgemeines setzendes Einzelnes ist, unter den Voraussetzungen der schieren Objektivität nicht adäquat gedacht werden kann. Charakteristisch für das Totalitätsprinzip ist, dass mit ihm auf alle Setzungen oder Instanzen des momentanen Standes des spekulativen Prozesses reflektiert wird, insbesondere aber auf solche, die das Prädikat »das Unmittelbare« tragen. Auf diese Weise wird ein Unterschied zwischen einem Begriff Bn und seinen Nachfolgern Bn+m, zwischen einem unmittelbaren und einem vermittelten Subjekt, zwischen einem Positiven und seinen Negationen, zwischen dem Allgemeinen, Besonderen und v. a. Einzelnen, zwischen dem Sein, Dasein, Wesen usw. erkennbar. Weil das Totalitätsprinzip alle anderen Prinzipien umgreift und die durch sie und die Methode hervorgebrachten Begriffe aufeinander bezogen und abhängig weiß, wird jeder einzelne Begriff ausschließlich vor dem Hintergrund aller anderen Begriffe gedacht. Kurzum: Das Totalitätsprinzip besagt, dass jeder Begriff schon der ganze Begriff ist, insofern jeder einzelne Begriff nur in Anbetracht aller anderen Begriffe gedacht werden kann, auf die er mittelbar und unmittelbar bezogen ist. Eingeführt wird dieses Prinzip im letzten Kapitel der WdL spätestens mit dem 22. Absatz. So heißt es am Ende des 21. Absatzes, dass die Methode – nicht zuletzt aufgrund der in ihr als Resultat und Neuanfang gedachten »Wiederherstellung der ersten Unbestimmtheit, in welcher sie angefan175

GW 12: 200 = TWA 6: 408 f.

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gen [hat; G. O.]« – zu einem »System der Totalität« führt und dass sie »[i]n dieser Bestimmung […] noch zu betrachten [ist; G.O]«.176 Für das Totalitätsprinzip gilt auch die zum Slogan der hegelschen Philosophie gewordene Phrase, dass das Wahre das Ganze sei,177 aber nur in einem abstrakten und formalen Sinn, insofern ein Wahres nicht unmittelbar ausgesprochen werden kann, ohne als Aussage immer schon in einem inferenziellen Zusammenhang zu alternativen Aussagen zu stehen. Diese sind vor dem Hintergrund der spekulativen Methode freilich nicht so zu verstehen, als ob es irgendwelche Alternativen wären, die wir uns – als an der spekulativen Philosophie interessierte Theoretikerinnen und Theoretiker – möglicherweise auszudenken im Stande sind. Allein das Immanenzprinzip schränkt die spekulative Methode und ihre Folgerungsbeziehung ein, sodass wir ihr folgend nur langsam und sukzessive fortschreiten dürfen.178 Sind diese Beziehungen aber einmal gesetzt und die Begriffe gebildet und der Theorie eingeschrieben, gelten sie nach allen Seiten – ganz gleich, ob es sich um ein Denken des Seins, um ein Denken des Wesens, um ein Denken des Allgemeinen oder um ein Denken des Denkens selbst handelt. Wenn also laut dem Immanenz- und Linearitätsprinzip gilt: B1 → B2 → B3 → … S → P(S) → P(P) → … A→B→E→… dann gilt laut dem Aufhebungs-, Erweiterungs-, v. a. aber dem Totalitätsprinzip, dass diese Folgerungsbeziehung ebenso rückwärts gelesen werden darf, insofern es zur Intension des nachfolgenden Begriffs gehört, die Extension der vorhergehenden Begriffe einzuschließen, sodass gilt: … → B3 → B2 → B1 … → P(P) → P(S) → S …→E→B→A In nuce spricht das Totalitätsprinzip den Grundgedanken des Holismus in seiner abstrakten Form aus: dass kein Begriff für sich und isoliert steht, sondern in einem inferenziellen Zusammenhang steht, der sich in alle Richtungen erstreckt. Ihm zufolge gilt:

GW 12: 395 = TWA 6: 569. GW 9: XXIII = TWA 3: 24. 178 Vgl. hierzu auch den ersten Satz des 22. Absatzes: »Die Bestimmtheit, welche Resultat war, ist, wie gezeigt worden, um der Form der Einfachheit willen, in welche sie zusammengegangen, selbst ein neuer Anfang; indem er von seinem vorhergehenden, durch eben diese Bestimmtheit unterschieden ist, so wälzt sich das Erkennen von Inhalt zu Inhalt fort.« (GW 12: 395 = TWA 6: 569) 176

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B1 ↔ B2 ↔ B3 ↔ … S ↔ P(S) ↔ P(P) ↔ … A↔B↔E↔… Weil aber das Totalitätsprinzip nicht losgelöst von den anderen Prinzipien gedacht werden kann, ist es durch eben diese Prinzipien qualitativ eingeschränkt.179 Eine qualitativ beschränkte Totalität, die ihre konkrete und reale Seite ausmacht, kann als »Vollendungsprinzip« bezeichnet werden. Das Vollendungsprinzip: Das Vollendungsprinzip ist das sechste Prinzip der Logik, das sich von dem Totalitätsprinzip dadurch unterscheidet, dass dieses in seiner qualitativen Beschränkung gesetzt ist. Den Gedanken, dass das Totalitätsprinzip aufgrund seiner Form sich zu vollenden hat, um so eine »vollendete Totalität«180 zu sein, adressiert Hegel über seine berühmt gewordene Kreismetaphorik, wie sie sich in zahlreichen Passagen – darunter auch im letzten Kapitel der WdL – finden lässt. Im 25. Absatz schreibt er: Vermöge der aufgezeigten Natur der Methode stellt sich die Wissenschaft als ein in sich geschlungener Kreis dar, in dessen Anfang, den einfachen Grund, die Vermittlung das Ende zurückschlingt; dabey ist dieser Kreis ein Kreis von Kreisen; denn jedes einzelne Glied, als Beseeltes der Methode, ist die Reflexion-in-sich, die, indem sie in den Anfang zurückkehrt, zugleich der Anfang eines neuen Gliedes ist. Bruchstücke dieser Kette sind die einzelnen Wissenschaften, deren jede ein Vor und ein Nach hat, – oder genauer gesprochen, nur das Vor hat und in ihrem Schlusse selbst ihr Nach zeigt.181

Was Hegel in diesem Absatz beschreibt, ist die geschlossene Systemform, die sich aus der Methode ergeben soll und die im Zusammenschluss von Anfang, Fortgang und einem bestimmten Resultat besteht. Formal drückt das Resultat den Gedanken des Totalitätsprinzips aus, insofern jedes Unmittelbare ein Mit dem Aufhebungsprinzip, spätestens aber mit dem Totalitätsprinzip lässt sich folgendes Argument konstruieren, das Horstmanns These zurückweist, dass »die objektive Logik, nicht in der Lage ist, die Bestimmungen dessen, was ›in Wahrheit‹ ist, zu leisten« (Horstmann:1990, 20): (P1) Wenn das logische Begreifen qua Begreifen des Begriffs die Basis und Regel für alle Sätze der Logik ist und (P2) wenn die objektive Logik Teil der Logik ist, (S) dann sind Sätze der objektiven Logik Ausdruck des logischen Satzes und entsprechen somit der Logik. Der ›Witz‹ der Logik besteht dann nicht darin, ob es Sätze gibt, die ihr nicht entsprechen oder sie nicht adäquat ausdrücken. (Eine solche Frage ist irreführend.) Er besteht vielmehr in der Behauptung, dass wir den Satz der Logik bereits kennen, ihn aber erst am Ende erkennen und Bekanntschaft mit seiner allgemeinen Form haben, zu der auch jeder besondere Satz der objektiven Logik gehört. 180 GW 12: 373 = TWA 6: 550. 181 GW 12: 389 = TWA 6: 571. 179

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Moment eines komplexen Ganzen ist, das es (als Moment) zugleich zu begreifen versucht. Jedes Moment ist auf diese Weise eins und alles. Folgt man dieser abstrakten Skizze des Totalitätsgedankens, scheint es der Fall zu sein, als ob es potenziell unendlich viele Unmittelbare geben könnte. Das Vollendungsprinzip grenzt diese Potenzialität radikal ein. Diese Ein- und Begrenzung ist deshalb wünschenswert, weil mit dem Vollendungsprinzip der Schluss ad infinitum vermieden werden kann. Vor allem infolge des Erweiterungsprinzips beschreibt jedes resultative Moment bzw. jeder resultierende Begriff ein Unmittelbares (in Form der Einheit), das die Vermittlung (in Form der Differenz) eingeschlossen in sich enthält. Der Komplexitätsgrad der jeweiligen Unmittelbarkeit hängt also von der in ihr enthaltenen Vermittlung ab und kann durch neue Vermittlungsleistungen peu à peu erweitert werden. Diese Erweiterung wird dann so gedacht, dass jede vermittelte Unmittelbarkeit eine Totalität bildet, die zugleich die Totalität aller Totalitäten abzubilden versucht. So stellt sich die Frage, welche dieser vielen Totalitäten dem Desiderat, die Totalität zu sein, Rechnung tragen kann. Folgt man dieser Argumentation, ist die Begrenzung der Sphäre des spekulativen Denkens und mit ihm des Totalitätsprinzips auch deswegen wünschenswert, weil mit ihr das Totalitätsprinzip in seiner Notwendigkeit für das spekulative Begreifen realisiert werden kann. Wenn es nämlich einen Begriff gibt, der mit seiner Bestimmtheit zugleich alle anderen Begriffe und ihre Bestimmungen unter sich subsumieren kann, dann spricht dieser Begriff expressis verbis das aus, was die Totalität sein will: eine übergreifende Einheit. Das heißt dann nicht, dass eine solche Totalität alle Begriffe abzubilden vermag und dass neben ihr keine andere Totalität gedacht werden kann. Es heißt nur, dass mittels dieser Totalität eine begriffliche Sphäre, z. B. eine reine Sphäre, definiert werden kann, die sich von anderen begrifflichen Sphären, z. B. nicht-reinen und end­lichen Sphären, prinzipiell unterscheidet. Die Beschränkung des reinen Begriffs – geometrisch vorgestellt als Kreissphäre – auf einen einzelnen Begriff, der als besonderer Begriff alle anderen Begriffe (seiner Klasse) zu eruieren erlaubt, ist also nicht als Verneinung jeder anderen Totalität zu interpretieren, sondern in allererster Linie als seine Realisierung, d. h. als Realisierung einer bestimmten Totalität, z. B. der Totalität des reinen Denkens. Für die ›Linearität‹ des Gedankens – den gedanklichen Vollzug qua Denkbewegung – und mit Blick auf das Vollendungsprinzip qua Konstitution des Totalitätsprinzips sagt die Beschränkung der Allgemeinheit des Begriffs auf einen ausgezeichneten Begriff aus, dass ein Resultat erreicht werden muss, über das nicht mehr hinausgegangen werden kann. Dieses Resultat ist dann das Ende. Resultat und Ende unterscheiden sich also so voneinander, dass das Resultat wieder ein Anfang für eine neue Gedankenbewegung und Begriffsbestimmung sein kann. Ein Ende ist genau dann erreicht, wenn das Resultat kein Anfang für eine neue Gedankenentwicklung mehr sein kann – zumindest in ein und derselben

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Sphäre. Um das Totalitätsprinzip in seiner Bestimmtheit zu Ende zu denken, muss es also einen bestimmten Begriff (bzw. ein vermitteltes Unmittelbares) geben, der (bzw. das) seine Besonderheit mit alternativen Begriffen (bzw. vermittelten Unmittelbaren) teilt, die allesamt mit ihm denselben Anspruch erheben, die eine übergreifende Einheit zu sein. Aber sie unterscheiden sich voneinander dergestalt, dass nur ein einzelner besonderer Begriff diesem Anspruch genügen kann. Ein solcher vor allen anderen Begriffen ausgezeichneter Begriff ist dann gedacht, wenn über ihn nicht mehr hinausgegangen werden kann, er selbst also kein Anfang mehr ist, sondern als Resultat der spekulativen Entwicklung dem in der Sukzession begriffenen Denkprozess ein Ende setzt. Dieses Ende kann nur dann erreicht werden, wenn die gesuchte und noch zu setzende einzelne (und ausgezeichnete) Begriffsbestimmung die gesamten hinter ihm liegenden Begriffe nicht nur eingeschlossen in sich enthält, sondern auch ein Verfahren an die Hand gibt, mittels dessen alle bisherigen Begriffe eruiert wurden und alle zukünftigen Begriffe eruiert werden können. Ein solcher ausgezeichneter Begriff ist ohne jeden Zweifel »absolut« und »vollendet« zu nennen, weil über ihn hinaus nicht mehr gedacht werden kann – zumindest in ein und derselben Sphäre.182 Wird das Totalitätsprinzip von dieser Seite reflektiert, dann kann es nur eine mögliche Begriffskandidatin geben, die dieses Desiderat, alles zu sein, erfüllen kann: die Methode und (mit ihr) das reine Begreifen (des Begriffs), das am Ende der Logik in Form der reinen Subjektivität erscheint, wie später noch zu sehen sein wird.183 Denn der Gedankenprozess kann nur dann zu einem Ende kommen, wenn die Methode, nach welcher alle reinen Begriffe – auch der Begriff – eruiert worden sind, selbst zum Gegenstand der begrifflichen Entwicklung geworden ist. Das Totalitätsprinzip realisiert sich also nur dann, wenn alle Totalität in einer Totalität so gesetzt wird, dass jede weitere Totalität nur mit und in ihr gedacht werden kann. Der Inhalt der Methode ist in diesem Fall die Form des Dieter Henrich beschreibt das so: Es wird »begreifbar und zu einer nicht mehr abzuweisenden Folgerung, daß sich das Absolute selbst samt dem Prozeß, in dem es sich entfaltet. [sic!] in eine adäquate Erkenntnis einbringen läßt. Geht man also von der einmal konstituierten spekulativen Begriffsform aus und versteht man sie als einen letzten und suisuffizienten ›logischen‹ Gehalt, dann lassen sich die Schritte ohne Mühe nachvollziehen, die zu Hegels Systemform führen – aus einem Zugzwang heraus, der bereits von seinem Programm eines spekulativen Denkens, das konkret werden kann, bewirkt worden ist.« (Henrich, Dieter: »Erkundung im Zugzwang: Ursprung, Leistung und Grenzen von Hegels Denken des Absoluten. In: Das Interesse des Denkens: Hegel aus heutiger Sicht, hrsg. v. Wolfgang Welsch und Klaus Vieweg, 9 – 33, insb. 23.) 183 Die These, dass die Logik qua logische Idee in der Sphäre der Subjektivität qua subjektive Idee gehalten wird und dass sich der reine Begriff auf eben diese Sphäre beschränkt, wird in Kapitel 4.1 und 5.2.1 gezeigt und bestätigt. Für den gegenwärtigen Argumentationsgang ist lediglich festzuhalten, dass die Methode nicht ad infinitum läuft, sondern es ebenso sehr zu ihrem Begriff gehört, ein Ende zu markieren, das eine Sphäre definiert. 182

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reinen Begreifens und die ihr zu entnehmenden Prinzipien, allen voran das Immanenz-, Linearitäts-, Aufhebungs-, Erweiterungs-, Totalitätsprinzip. Zusammengefasst lautet das Argument für das Vollendungsprinzip  – das auch als »Kreisprinzip«184 bezeichnet werden kann, insofern die ›Linearität‹ im begrifflichen Fortgang als Kreis reinterpretiert wird – so: Weil es eine Totalität gibt, an der alle einzelnen Totalitäten qua vermittelte Unmittelbare partizipieren, muss diese in einem konkreten Begriff auch gedacht werden können. Sie kann nur dann gedacht werden, wenn die Prinzipien, unter denen alle Begriffe (und mit ihnen alle Urteile und Schlüsse) stehen, zum expliziten Gegenstand und Inhalt des Denkens werden. Die Methode ist die Form aller Prinzipien, aus denen alle Begriffe entwickelt werden. Also muss die Methode als Form zu einem bestimmten Moment Mn im logischen Prozess gedacht werden, wenn ihre Prinzipien und mit ihnen alles aus ihnen Abgeleitete objektive Gültigkeit besitzen sollen.185 Entwickelt sich der von der spekulativen Methode geleitete Fortgang so, dass die Methode zu dem notwendigen Moment, der notwendigen Negation, dem notwendigen Begriff usw. wird, dann kann im Hinblick darauf ein siebtes und letztes Prinzip namhaft gemacht werden: das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit. Das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit: Dieses Prinzip ist das letzte und zugleich erste Prinzip der Logik. Das letzte Prinzip ist es, insofern es aus dem Vollendungsprinzip konsequent hervorgeht, das besagt, dass es in dem spekulativen Fortgang einen ausgezeichneten Begriff geben muss, in dem die Methode als Form selbst zum Gegenstand und Inhalt des Denkens wird. Das erste Prinzip ist es, weil es im Anfang selbst bereits enthalten ist. In nuce besagt das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit, dass die Methode in Form des reinen Begreifens (des Begriffs) die gesamte Wissenschaft der Logik definiert, dass es also neben dieser Methode keine andere – zumindest spekulative – Methode gibt und dass es für das Verstehen dieser Methode keiner weiteren (und externen) Voraussetzung als der Methode selbst bedarf. Hegel macht dies an mehreren Stellen im letzten Kapitel der WdL deutlich, insbesondere im zweiten Drittel des 26. Absatzes, nachdem er kurz zuvor das Vollendungs- bzw. Kreisprinzip teils explizit, teils paraphrasierend vorgestellt hat. Dort heißt: Vgl. GW 12: 398 = TWA 6. 570 f. Vgl. auch Fulda, Hans Friedrich: »Spekulatives Denken dialektischer Bewegung von Gedankenbestimmungen«. In: Das Problem der Dialektik, hrsg. v. Dieter Wandschneider, Bonn 1997, 19 – 32, insb. 20: »Es ist daher nicht zu verwundern, sondern entspricht dieser Sache, wenn am Ende der Disziplin, in der die Gedanken als objektive untersucht werden, wenn also am Ende der ›Logik‹ auch diejenige Bestimmtheit, die nicht mehr ein Inhalt als solcher, sondern ›das Allgemeine seiner Form‹ (L II 485, 1) ist, vor allem nach seiner objektiven Seite hin beschrieben wird (besonders rigoros geschieht dies in Paragraph 238 bis 243 der ›Encyclopädie‹).«

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Sie [die logische Wissenschaft; G. O.] ist selbst der reine Begriff, der sich zum Gegenstande hat, und der, indem er sich als Gegenstand die Totalität seiner Bestimmungen durchläuft, sich zum Ganzen seiner Realität, zum Systeme der Wissenschaft ausbildet, und damit schließt, diß Begreifen seiner selbst zu erfassen, somit seine Stellung als Inhalt und Gegenstand aufzuheben, und den Begriff der Wissenschaft zu erkennen.186

Wie anhand des Methodenteils des letzten Kapitels der WdL, den Absätzen 3 bis 18, bereits erläutert wurde, ist die Methode eins mit der Bewegung und Entfaltung der reinen Begriffe, für die Sein, Nichts, Werden, Dasein, Wesen, Allgemeines usw. Namen sind. Von ihnen zu abstrahieren, würde im Rahmen der spekulativen Philosophie bedeuten, die Methode und das aus ihr folgende wissenschaftliche System zu verneinen. Wenn Hegel also einen Unterschied zwischen dem Sein, wie es am Anfang als »einfache Beziehung auf sich« erschien, und dem »erfüllte[n] Sein«, wie es am Ende der Logik zum Vorschein gekommen ist, macht,187 dann besteht der Unterschied in eben dieser erweiterten Einsicht, dass sich am Ende das bewahrheitet, was am Anfang der spekulativen Theorie als scheinbare Voraussetzung galt: dass die Methode und (mit ihr) der reine Begriff für das logische System und seine Ausdifferenzierung alles sind. Das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit enthält also eine Paradoxie, die nur die logische Wissenschaft selbst auflösen kann und die sich konstruieren lässt, wenn die These, dass ein voraussetzungsloses Denken möglich ist, selbst als Voraussetzung gedacht wird. Es gibt zwei Argumente, die zeigen können, dass diese Paradoxie unproblematisch und auflösbar, also eine scheinbare Paradoxie ist.188 Das erste Argument lässt sich mit Blick auf das Programm der Wissenschaft der Logik formulieren: Eine Person, die sich auf das Programm der logischen Wissenschaft, rein denken zu wollen, eingelassen hat, hat es mit einer Methode zu tun, die sich über drei Momente und ihren Vermittlungszusammenhang definieren lässt. Wird das mit dieser Methode entwickelte System so gedacht, dass es in nichts anderem als der Darstellung dieses Vermittlungszusammenhang bzw. der Ausdifferenzierung der Methode besteht, dann hat sich die Methode in einem solchen System mittelbar zum Gegenstand. Etwas, das seine Wahrheitsbedingungen nur an und in sich selbst hat, diese mithin nicht allererst ­›suchen‹ muss, hat keine Voraussetzung im strengen Sinn und kann mithin als voraussetzungslos bezeichnet werden. Das heißt selbstverständlich und im Umkehr GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 398 = TWA 6: 572. 188 Zur Unterscheidung von lösbaren und unlösbaren Paradoxien siehe Skrodzki, Martin: »Von Paradoxien, Unvollständigkeiten und Computerbeweisen. Staunen in der Mathematik«. In: Staunen. Perspektiven eines Phänomens zwischen Natur und Kultur, hrsg. v. T. Kehren, C. Krahn, G. Oswald und Ch. Poetsch. Paderborn 2019, 155 – 173, insb. 158 – 160. 186 187

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schluss nicht, dass die Logik immer schon von allen anderen Wissenschaften hermetisch abgeschlossen ist. (Wie im nächsten Kapitel angedeutet und im Übergang der Logik in die Natur eigens dafür argumentiert werden wird, ist die Logik von Anfang an strukturell nach außen hin geöffnet und greift auf andere, auch nicht-philosophische Wissenschaften über, insofern diese den Anspruch haben, etwas zu denken und zu begreifen.) Es heißt nur, dass die Logik für ihren Fortgang keine externen Begründungen gelten lassen darf und dass sie in ihrem theoriebildenden Argumentationsgang auf sich selbst angewiesen ist – insbesondere dann, wenn sie ihren Anspruch, voraussetzungslos zu denken, geltend machen will. Kurzum: Wenn ein voraussetzungsloses Denken möglich ist, dann hat die Logik die Wirklichkeit und Notwendigkeit dieser Möglichkeit in eigener Sache zu begreifen. In Anlehnung an das erste Argument für die Voraussetzungslosigkeit des reinen Denkens in Gestalt der Methode kann ein zweites Argument für die Auflösung der Paradoxie, dass die Voraussetzungslosigkeit der Logik wiederum eine Voraussetzung ist, formuliert werden. Dieses Argument setzt bei der Realisierung dieser Wissenschaft in Form einzelner Begriffe an. Die Realität dieser Wissenschaft ist dann gesetzt und der Anspruch dieser Wissenschaft dann erfüllt, wenn die ursprüngliche Setzung, dass die Methode alles für diese Wissenschaft ist, in einem abschließenden Moment ihrer Ausdifferenzierung explizites Thema wird. Der im letzten Kapitel der WdL enthaltene Methodenteil, der die Absätze 3 bis 18 umfasst und dessen Funktion Hegel am Ende des 2. Absatzes vorausblickend und am Anfang des 26. Absatzes rückblickend erläutert, widmet sich eben diesem Thema: dem Nachweis, dass die logische Exposition in eins fällt mit der Exposition der Methode und des reinen Begriffs, der eben deshalb rein und voraussetzungslos ist, weil er nur sich selbst zum Gegenstand und Inhalt hat und weil seine Form (in Gestalt des spekulativ-begreifenden Erkennens) eben diesen Sachverhalt widerspiegelt.189 Summa summarum können ausgehend von der Methode mindestens sieben Prinzipien der (spekulativen) Logik herausgearbeitet werden, die sich verteilt über den Methoden- und Systemteil des letzten Kapitels der WdL – die Absätze 3 bis 26 – textuell nachverfolgen lassen. Den Anfang macht das Immanenzprin189

In diesem Sinne ist die spekulative Methode kein ausschließliches Kriterium der Logik, obgleich sie in ihr explizit zum Thema der Theorie gemacht wird. Im Gegensatz zur PhG, die ebenfalls der spekulativen Methode in Form eines spekulativ gedachten Satzes folgt (vgl. GW 9: LXXVII f. = TWA 3: 59.), in der aber das Denken D (als bewusstes Denken) seinen Inhalt nicht an sich selbst, sondern an einem ihm extern vorgestellten Gegenstand G hat, ist die unterscheidende Beziehung des reinen Denkens nicht in der Form »D – G«, sondern in der allgemeinen Form »D – D«, der reinen Selbstbeziehung, repräsentiert. Das Denken hat nur sich selbst zu seinem Gegenstand und Inhalt, und mit der Entwicklung der Form seines Denkens »D – D(D) – D(…)« geht simultan die Entwicklung seines Inhalts einher (und vice versa).

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zip, das besagt, dass im reinen Denken nur sukzessive und peu à peu fortgeschritten werden darf. Das Linearitätsprinzip weitet dieses Prinzip quantitativ aus und ›verlängert‹ das begriffliche Fortschreiten potenziell ad infinitum. Weil aber nicht jeder Begriff seinem begrifflichen Nachfolger gleicht, muss ein qualitativer Unterschied im Denken fixiert werden. Diesen qualitativen Unterschied zwischen den zahlreichen Begriffen denkt das Aufhebungs- und Erweiterungsprinzip. Jenes besagt, dass das durch das spekulative Denken erzeugte Resultat das, woraus es resultiert, in sich schließt und auf diese Weise nicht nur konkreter und spezifischer wird, sondern zugleich weitere Desiderate freilegt, die es in einem neuen spekulativen Denkakt (und der Methode folgend) zu begreifen gilt. Aufhebung und Erweiterung unterscheiden sich also so voneinander, dass jene das Resultat einer sich an der Methode orientierenden Gedankenepisode markiert, diese das Resultat aufgreift und an den Anfang einer neuen Gedankenentwicklung setzt. Die so zustande gekommene Unterscheidbarkeit der einzelnen Begriffe und Urteile legt den Grundstein für das Totalitätsprinzip. Dieses stellt alle besonderen Begriffe in Relation und prüft sie auf die ihnen implizite Forderung, derjenige geeignete Begriff des reinen Denkens zu sein, unter den alle anderen Begriffe zu subsumieren sind. Denn jeder Begriff ist ein einzelner und besonderer, der allein aufgrund seines Fortgangs und der anderen Prinzipien alle anderen Begriffe in sich gesetzt enthält. In Relation mit allen anderen Begriffen ist er somit nicht nur ein einzelner und besonderer, sondern auch ein allgemeiner Begriff. Das Vollendungsprinzip denkt das Totalitätsprinzip konsequent zu Ende und vermeidet auf diese Weise einen infiniten Progress.190 Es wird aber nicht äußerlich eingeführt, sondern ergibt sich ebenfalls aus der Methode. Denn diese ist kreisförmig angelegt, insofern jedes Resultat auf den Anfang verweist. Soll sich dieses Prinzip (und mit ihm die Methode selbst) realisieren, bedarf es eines Begriffs, der alle anderen besonderen Begriffe in seiner Einzelheit beschließt und über dessen Allgemeinheit nicht mehr hinausgedacht werden kann. Dieser Begriff ist dann nicht nur ein Resultat, sondern ein Ende, das dadurch definiert ist, dass sein Anfang kein neuer Anfang mehr ist und dass jeder echte neue Anfang der Anfang einer anderen (begrifflichen) Sphäre ist. Ein solcher Begriff kann keinen anderen Inhalt als sich selbst und mithin die Methode haben, durch die alle bisherigen und zukünftigen logischen Begriffe eruiert werden können und vor deren Hintergrund natur- und geistphilosophische Begriffe allererst gedacht werden können. Ferner macht das Vollendungsprinzip den Weg 190

Der infinite Progress, der den Theoriefortschritt konnotiert, kann selbstredend auch als infiniter Regress interpretiert werden, insofern die theoretische Entwicklung vor dem Hintergrund der Beweis- und Ableitungsforderung interpretiert wird. Hegel hebt diese doppelte Lesart der spekulativen Methode und ihrer (spekulativen) Sätze an zahlreichen Stellen, insbesondere im letzten Kapitel der WdL, häufig hervor. Vgl. z. B. GW 12: 393 = TWA 6: 567.

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frei für das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit des reinen Denkens, das die Logik als Wissenschaft des reinen Denkens gegen andere Weisen, das Denken zu untersuchen, absichert und so einen Unterschied zwischen den Wissenschaften – ob endlichen (bzw. empirischen) oder natur- oder geistphilosophischen – markiert. Das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit ist also nicht das Prinzip irgendeines Begreifens, sondern ein exklusives Prinzip des logischen Begreifens. 3.3 Drei Lesarten des logischen Systems Ausgehend von der Methode sind mindestens drei Lesarten möglich, die sich im Hinblick auf die Interpretation des gesamten logischen Systems prima vista anbieten: (1) eine schwache, (2) eine starke und (3) eine moderate. (1) Die schwache Lesart geht von einer völligen Offenheit des logischen Systems nach außen aus. Der Grund für diese Lesart ist der Gedanke, dass der Anfang zu einem Resultat wird, das wiederum ein Anfang sein kann; und die »Methode bleibt an der neuen Grundlage, die das Resultat als der nunmehrige Gegenstand ausmacht, dieselbe, als bey dem vorhergehenden«.191 Vor dem Hintergrund dieser Skizzierung der Methode scheint nicht absehbar zu sein, ob das durch die Methode generierte System jemals als abgeschlossen gelten darf, ob also die Methode ein definitives Resultat, ein Ende, erreicht oder ob nicht vielmehr jeder Anfang und jedes Resultat trotz der Notwendigkeit im Fortschreiten relativ in dem Sinne sind, dass ihnen neue Anfänge und Resultate folgen. Gegen eine solche mögliche Lesart, die von einem unendlichen Progress der Logik ausgeht, sprechen werkimmanente und sachliche Überlegungen, die sich nicht zuletzt am Text selbst validieren lassen. Die Überlegungen konzentrieren sich dabei vornehmlich auf die Absätze 20 bis 23. Hegel konzediert im 20. Absatz, dass es so aussehen kann, als ob die Geschlossenheit des Systems nicht erreicht werden könnte. Laut Hegel fußt die Begründung gegen eine Geschlossenheit des Systems und für seine strikte Offenheit auf der Annahme, dass die Bestimmung des Anfangs durch das Ende als ein endlich-progressiv Unendliches vorgestellt werden kann. Dass eine solche Interpretation des Systems keine reelle Möglichkeit für Hegel darstellt, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass Hegel sie nicht ausgiebig diskutiert, sondern thetisch zurückweist: Es ist schon oft gezeigt worden, daß der unendliche Progreß überhaupt der begrifflosen Reflexion angehört; die absolute Methode, die den Begriff zu ihrer Seele und Inhalt hat, kann nicht in denselben führen.192 191

GW 12: 392 = TWA 6: 566. GW 12: 393 = TWA 6: 567 f.

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Die einleitende Phrase »Es ist schon oft gezeigt worden« spricht unzweideutig aus, dass der Gedanke des unendlichen Progresses in anderen Abschnitten der WdL bereits von Hegel ausgiebig diskutiert und zurückgewiesen worden ist. Dies darf dann auch als eine plausible Begründung angesehen werden, warum Hegel sich wenig Mühe gegeben hat, den Systemgedanken vor dem Hintergrund einer als unendlichen Progress verstandenen Fortbestimmung der Methode zu diskutieren. Für solche an der spekulativen Philosophie interessierten Personen, die die WdL bereits bis zum letzten Kapitel durchgearbeitet haben, wird sich ein solches Problem ohnehin nicht stellen, sobald sie sich bspw. an das zweite Kapitel des ersten Abschnitts der Seinslogik – b. Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen – erinnern, in dem der unendliche Progress Gegenstand der Theorie war und als adäquater Begriff der Wissenschaft und der Methode zurückgewiesen wurde. Ergänzend zu diesem werkimmanenten und die WdL betreffenden Verweis lässt sich ein weiterer und sachlich näherliegender Einwand formulieren, warum die absolute Methode in keinen unendlichen Progress mündet: Zwar orientiert sich die schwache Lesart am Immanenz-, Linearitäts-, Aufhebungs-, Erweiterungs- und Totalitätsprinzip, leugnet aber das Vollendungsprinzip. Hegel erwähnt – teils wiederholend – diese für das System konstitutiven Prinzipien in den Absätzen 21 bis 24. Sie besagen, dass die Bestimmtheit »durch einen Inhalt als durch ein scheinbares Anderes ihrer selbst zu ihrem Anfange so zurück[geht], daß sie nicht bloß denselben, aber als einen bestimmten wiederherstellt, sondern das Resultat ist ebensosehr die aufgehobene Bestimmtheit, somit auch die Wiederherstellung der ersten Unbestimmtheit, in welcher sie angefangen«.193 Sie besagen ferner, dass der Begriff sich »in der absoluten Methode erhält«, und zwar so, dass das Allgemeine, das seine Grundlage ausmacht, »jede Stuffe weiterer Bestimmung die ganze Masse seines vorhergehenden Inhalts [erhebt; G. O.], und […] durch sein dialektisches Fortgehen nicht nur nichts [verliert; G. O.], noch […] es etwas dahinten [läßt; G. O.], sondern […] alles Erworbene mit sich [trägt; G. O.] und […] sich in sich [bereichert und verdichtet; G. O.]«.194 Entscheidend für die schwache Lesart ist jedoch, dass sie das Totalitätsprinzip in seiner konsequent zu Ende gedachten Lesart als Vollendungsprinzip nicht anerkennt. Dieses besagt, dass »die Wahrheit selbst aber nur im ausgebreiteten Verlauf und im Ende liegt«.195 Mit der Verneinung der Vollendung erweist sich die schwache Lesart also nicht nur als inkonsistent mit dem Text der WdL – von anderen Texten ganz zu schweigen. Vielmehr stellt sie beim näheren Hinsehen sogar die Methode selbst infrage, gehört es doch zur Methode der spekulativen Phi GW 12: 394 = TWA 6: 569. GW 12: 395 = TWA 6: 569. 195 GW 12: 397 = TWA 6: 571. 193 194

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losophie, dass sie und ihre Prinzipien – darunter das Vollendungs- bzw. Kreisprinzip – in der logischen Entwicklung begründet und Gegenstand der Theorie werden. Summa summarum stehen diejenigen Interpretationen, die für die Offenheit und Unabschließbarkeit der logischen Wissenschaft nach allen Seiten votieren, vor einem textuellen und werkimmanenten Interpretationsproblem, weil Hegels Behauptung, dass das Ende – die »höchste, zugeschärfteste Spitze«, »die reine Persönlichkeit«, »das Subjectivste«, das »Freiste« – »zur Einfachheit, welche die erste Unmittelbarkeit und Allgemeinheit ist, [zurückkehrt; G. O.]«, nicht nur für die Begriffsentwicklung im Lokalen qua logischer Entwicklungsschritt gilt, sondern ebenso sehr für das Globale qua System. Die schwache Lesart kommt demgemäß nicht umhin, sich in letzter Instanz gegen Hegel wenden zu müssen. Denn der sukzessiven Lockerung des Totalitätsprinzips läuft die Aberkennung des Vollendungsprinzips, der Methode und des logischen Systems parallel. (2) Die starke Lesart wird von dem Gedanken geleitet, die Logik in genau der Form, in der sie Hegel in der WdL entwickelt und niedergeschrieben hat, absolut zu setzen. Eine solche Lesart wird dann nicht nur alle Prinzipien uneingeschränkt akzeptieren müssen, sondern auch alle reinen Begriffe mit den in der WdL entwickelten Begriffen derart gleichsetzen, dass die Logik mutatis mutandis in einer endlichen Form vollständig dargestellt werden kann. Sie wird folglich für die These plädieren, dass das logische System ein Stadium erreicht, in dem es nur diese reinen Begriffe und keine weiteren mehr geben kann.196 Der Satz, dass die »absolute Dialektik« und mit ihr die Methode »alles in sich befaßt und hält«,197 wird mit Blick auf das Totalitätsprinzip im strengst möglichen Sinn interpretiert: dass Hegel mit seiner WdL eine quantitative Vollständigkeit aller reinen Begriffe angestrebt hat oder sie gar schon erreicht hat. Kurzum: Die starke Lesart interpretiert die Vollendung als Vollständigkeit. Auch wenn einige Formulierungen den Eindruck erwecken können, dass Hegel eine solche starke Lesart im Sinn gehabt hat, steht diese Lesart textuell betrachtet auf wackeligen Füßen und ist zudem systemisch betrachtet keineswegs zwingend und auch nicht plausibel. Hierfür lassen sich mindestens zwei Gründe anführen: Fürs Erste schließt die Behauptung, dass das Ende in den Anfang zu Eine solche starke Lesart scheint Angelica Nuzzo vor Augen zu schweben, wenn sie schreibt: »Aufgrund ihrer Systemform erhebt die Philosophie den Anspruch auf Absolutheit – sie stellt sich sowohl als die unhintergehbare Totalität des Seienden als auch als die einzig wahre Erkenntnis desselben vor. Um diesem Anspruch zu entsprechen, muß das philosophische System die Formen des Widerspruchs, des Andersseins, des Unterschieds sowie alle möglichen Wissensformen und skeptischen Einwände in sich als begründete enthalten. Erst dadurch wird die Totalität in ihrer Absolutheit vollendet und der Standpunkt einer absoluten Erkenntnis erreicht.« (Nuzzo:1997, 53) 197 GW 12: 396 = TWA 6: 570. 196

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Drei Lesarten des logischen Systems

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rückkehrt, womit Hegels spekulative Logik selbst zu einem Abschluss kommt, die Behauptung nicht aus, dass innerhalb der Logik noch weitere reine Begriffe gedacht werden können. Denn es ist durchaus vorstellbar, dass im Laufe der Zeit und mit Verlauf der Philosophiegeschichte noch andere Begriffe gedacht werden, die in der von Hegel verfassten WdL entweder überhaupt nicht oder in einem unzureichenden Maß bedacht und eingearbeitet worden sind. Wenn Hegel also schreibt, dass er – anders als Platon seine Bücher über den Staat – seine WdL nicht »siebenmal«, sondern am liebsten »sieben und siebzigmal« hätte durcharbeiten wollen,198 so bezieht er sich keineswegs nur auf die äußere Darstellung der WdL im Sinne einer Leserinnen- und Leserfreundlichkeit. Dies wird ausgehend von Hegels eigener Begründung aus der zweiten Vorrede deutlich: Die WdL gehört »der modernen Welt« an, hat »ein tieferes Prinzip, einen schwereren Gegenstand und ein Material von reicherem Umfang«199. Eben deswegen bedarf es der »freye[n] Muße«200, das Prinzip ordnungsgemäß auszuarbeiten und das historische Material akkurat einzuarbeiten. Dieser materiellen Seite korrespondiert auch eine persönliche: Denn die »Muße« ist nicht ausschließlich an das Prinzip und das Material geknüpft, sondern hängt auch von Hegel selbst, einem endlichen Subjekt, ab. Dass Hegel es geschafft haben soll, das gesamte Material eingearbeitet und das Prinzip im Detail (bis hin zur Lückenlosigkeit) auszuarbeiten, ist weder wahrscheinlich noch lässt sich ein solcher Anspruch dem Text selbst zweifelsfrei entnehmen. Vielmehr darf davon ausgegangen werden, dass Hegel sich seiner Rolle als endliches Subjekt sehr wohl bewusst gewesen ist. Zu diesem Bewusstsein gehört auch das Wissen, dass das Totalitäts- und Vollendungsprinzip und (mit ihnen) das Ende der WdL in keinem Fall im Sinne einer quantitativen Vollständigkeit verstanden werden kann. Den Gedanken der Endlichkeit des Materials und Hegels eigener Person außen vorgelassen, kann, fürs Zweite, ex Hegel argumentieren werden, dass der Gedanken der Quantität, auf den die starke Lesart setzt, bereits die These einer Unvollständigkeit impliziert. Der Grundgedanke der Quantität, wie er im zweiten Abschnitt der Seinslogik formuliert wird, ist nämlich das Eins, das sich zu vielen Einsen repelliert und in der Kontinuität mit ihnen zu einer Einheit attrahiert, die wiederum das Eins der Vielheit ist.201 Von einer quantitativen Vollständigkeit zu sprechen, ist vor diesem Hintergrund eine contradictio in adiecto, weil mit jedem Eins – im weiten Sinn gedacht als Quantum – viele Einsen unmittelbar gesetzt werden. Kurzum: Das Eins kann sich nur durch die Setzung vieler Einsen als das erweisen, was es ist, nämlich Eins zu sein. Der Zusammenfall 200 201 198

199

GW 21: XXXIV = TWA 5: 33. GW 21: XXXIV = TWA 5: 33. GW 21: XXXIV = TWA 5: 33. Vgl. GW 21, 215 = TWA 5: 211 f.

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Die spekulative Methode im Kontext der Logik

vieler Einsen (Quanta) zu einer komplexeren Einheit ergibt zwar den Begriff der Größe und letztendlich den Begriff der Potenz, die den Maßstab für die Größe definiert. Aber die Logik auf Grundlage solcher Begriffe zu lesen, ist ungemein fragwürdig und wurde, soweit bekannt, in keiner erwähnenswerten Interpretation als These ernsthaft in Erwägung gezogen, geschweige denn vertreten. (3) Die beiden zuvor diskutierten Lesarten des Systemgedankens gewichten das Totalitätsprinzip jeweils unterschiedlich stark, was unmittelbare Auswirkungen auf das Vollendungsprinzip hatte. Während die schwache Lesart auf die Lockerung der Vollständigkeit setzt und dabei in Kauf nimmt, den kreisförmigen Zusammenschluss des Anfangs mit dem Ende in Frage zu stellen, geht die starke Lesart von einer prinzipiellen und bis zur Vollzähligkeit reichenden Vollständigkeit der abgeleiteten reinen Begriffe aus. Weil beide Lesarten zu Inkonsistenzen sowohl mit Rücksicht auf den Text als auch mit Rücksicht auf die Konzeption der WdL und einiger ihrer Grundgedanken führen, stellt sich für den gegenwärtigen Standpunkt die Frage, welche Lesart sich im Hinblick auf Hegels eigene Systemdeutung anbietet. Um die Einseitigkeit beider Deutungsmöglichkeiten des hegelschen Systemgedankens zu vermeiden, muss ein Mittelweg eruiert werden, der eine moderate Lesart der Vollendung und Vollständigkeit der Logik (und mithin der WdL) ermöglicht. Sie kann sich weder einseitig für eine der beiden vorigen Lesarten entscheiden, noch kann sie beide völlig ausschließen. Mit anderen Worten: Für die moderate Lesart soll gelten, dass mit ihr Hegels Systemgedanke weder in einem hermetisch nach außen abgeriegelten und nach innen lückenlos ausgearbeiteten Sinn gelesen werden darf (vgl. starke These). Noch darf für die moderate Lesart gelten, dass alle Begriffe in der Logik ihren Platz finden bzw. auf sie zurückgeführt werden können (vgl. schwache These). Die moderate Lesart schlägt vielmehr vor, eine scharfe Grenze für die Logik zu ziehen, die nach innen Platz für geringfügige Modifikationen oder Erweiterungen zulässt, die sich aber gleichsam nach außen als eine eigenständige und operativ geschlossene Einheit oder Sphäre präsentieren kann.202 Wird die Logik als System von reinen Begriffen im Sinne einer Grenze interpretiert, so müssen mindestens zwei Zusammenhänge bedacht werden: Wenn die Logik ad intram, also für sich genommen, eine in sich geschlossene Einheit bilden soll, die dennoch Platz für weitere Begriffe und feinere Unterscheidungen lässt, so stellt sich erstens die Frage, welche anderen Systeme ihr ad extram gegenübergestellt werden können und in welchem Beziehungszusammenhang die Logik zu eben diesen Systemen steht. Zweitens darf der Gedanke der Grenze im Hinblick auf die Systematik der Logik nicht im Sinne der Seinslogik interpretiert 202

Eine ähnlich moderate Lesart scheint auch Brandom vorzuschweben, dessen Unterfangen u. a. darin besteht, die logischen Begriffe (in ihrer distinkten Form) von empirischen abzugrenzen. Vgl. hierzu Brandom:2005, 155 – 160.

Hegel-Studien



Drei Lesarten des logischen Systems

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werden. Für Hegel ist die Grenze ein Begriff der Qualität bzw. des Daseins und dient der Unterscheidung der Bestimmung des Etwas von seiner Beschaffenheit. Die Bestimmung des Etwas ist laut dem Kapitel Bestimmung, Beschaffenheit und Grenze ein »sich auf sich beziehendes Daseyn, so Ansichseyn mit einer Bestimmtheit«203. Dieses Etwas hat jedoch ein anderes Etwas außer sich, das für es als ein Anderes gesetzt ist, auf das es sich aber negativ und ausschließend bezieht. Mit dieser Beziehung des Etwas auf etwas Anderes – dem dialektischen Moment der Methode – erweitert das Etwas seine Bedeutung: Es ist nicht nur Ansichsein, sondern teilt sich dem anderen Etwas mit und ist somit auch ein »Bestimmtwerden durch ein Anderes«204 und ein »Sein-für-Anderes«205 und hat so eine Beschaffenheit. An der Bestimmung und der Beschaffenheit hat das daseiende Etwas seine Grenze gegen das daseiende Andere, wodurch sich beide qualitativ voneinander unterscheiden. Hegels weitere Ausführungen zur Grenze führen zum Ergebnis, dass die Grenze die Mitte ist, in der Etwas und Anderes zusammenfallen, weil in der Grenze jedes Daseiende für sich und in Beziehung aufeinander jeweils ein Etwas und Anderes ist, was dazu führt, dass jedes Etwas zu einem Anderen wird. Das Setzen des Etwas als Anderes – die Auflösung des Widerspruchs – ist laut Hegels eigenen Angaben das Charakteristikum für »das Endliche«206. Wenn also vorhin bemerkt wurde, dass die ganze Logik eine »scharfe Grenze« haben solle, dann war damit nicht gemeint, dass das Ende der Logik seinslogisch zu deuten sei, weil sich die spekulative Logik im Übergang in die Realphilosophie selbst negieren würde und die Realphilosophie das Andere wäre. Dennoch muss die Logik sowohl nach innen als auch nach außen begrenzt werden, womit ihr der Charakter der Endlichkeit durchaus zugesprochen werden kann. Nach innen ist die Logik allein schon deswegen endlich, weil ihr auch der Gedanke der Endlichkeit zukommt, was aber weder so interpretiert werden darf, dass nun plötzlich alles Endliche in ihr Platz finden kann, also auch kontingente Vorstellungen, Räsonnements usw. Noch impliziert die Endlichkeit der Logik, dass sich alle Begriffsbestimmungen grundlegend verändern können. Vielmehr muss die Endlichkeit in der Logik so gedeutet werden, dass sie sich auf reine Begriffe beschränkt, deren weitere (unter Berücksichtigung ihrer Prinzipien) noch gedacht werden können. Weil die Logik auch Endliches umfasst, ohne sich mit ihm notgedrungen identifizieren zu müssen, kann nämlich der Fall eintreten, dass bedingt durch einen besonderen philosophischen Diskurs bestimmte Begriffe gedacht werden, die so allgemein sind, dass sie es verdienen, in die Logik 205 206 203

204

GW 21: 121 = TWA 5: 134. GW 21: 120 = TWA 5: 133. GW 21: 120 = TWA 5: 134. Vgl. GW 21: 127 = TWA 5: 138 und Hegels Ausführungen unter »α)« (GW 21: 123 = TWA 5: 135), »β)« (GW 21: 124 = TWA 5: 136) und »γ)« (GW 21: 125 ff. = TWA 5: 136 f.).

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Die spekulative Methode im Kontext der Logik

aufgenommen zu werden. Tritt ein solcher Fall ein, müssen die Theoretikerinnen und Theoretiker, die ein neues Buch über die Wissenschaft der Logik zu schreiben gedenken (bzw. die WdL überarbeiten wollen), ihre neue (oder überarbeitete) Version um eben dieses Material erweitern und dabei zusehen, an welchen geeigneten Stellen es sich einarbeiten lässt.207 Beide Arten der endlich verstandenen Offenheit des logischen Systems ändern nichts an der Tatsache, dass das Ende der Logik ein bestimmtes sein muss, nämlich das Ende, das zugleich in den logischen Anfang zurückkehrt, womit sich die ganze Logik zu einem Kreis (von Kreisen) zusammenschließt. Wie die Logik sich letztendlich zu anderen, nicht ausschließlich logischen Begriffen verhält, ist eine Frage, die es in den kommenden Kapiteln kontinuierlich zu diskutieren gilt. Im Hinblick auf die drei diskutierten Lesarten ist für die moderate Lesart entscheidend festzuhalten, dass die Logik trotz ihrer Geschlossenheit Spielräume für moderate Modifikationen, Ergänzungen und Erweiterungen zulässt, insofern sie reine Begriffe sind und mittels der Prinzipien der Logik eruiert werden können.

207

Im Umkehrschluss kann sich selbstverständlich auch erweisen, dass Hegel Begriffe in die Logik aufgenommen hat, die aufgrund ihres Status die Anforderungsbedingungen der Logik bei kritischer Überprüfung nicht erfüllen. In jedem Fall ist – um es mit Wandschneider zu formulieren – »das Hegelsche Programm von seiner faktischen Durchführung« zu unterscheiden. Vgl. Wandschneider:1997, 114 – 169, insb. 117.

4. Vorbereitung auf den Übergang: Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems

L 

iest man Hegels Erläuterungen zur Systemfrage funktional im Hinblick auf ihre vermittelnde Stellung zwischen der Methode einerseits und dem spekulativen Übergang der Logik in die Naturphilosophie andererseits, so ist auffällig, dass Hegels Erläuterungen auf eine Definition der Logik als System abzielen, die mit dem Totalitätsprinzip und dem Gedanken der Vollendung aufs engste verknüpft ist. Die Logik präsentiert sich in zwei Gestalten: in Gestalt der Geschlossenheit und in Gestalt der Offenheit. Die Geschlossenheit der Logik kommt dadurch zustande, dass diese sich auf einen bestimmten Begriff und Gedanken begrenzt, der zugleich die Frage nach ihrer Offenheit und der Erweiterung der philosophischen Wissenschaft aufwirft. Während der letzte Absatz der WdL die Frage nach der Offenheit des logischen Systems für andere – hier: realphilosophische – Systeme adressiert, nehmen die Absätze 19 bis 26 vor allem die Geschlossenheit der Logik in den Blick, die sich insbesondere im Totalitäts- und Vollendungsprinzip und dem Prinzip der Voraussetzungslosigkeit des reinen Denkens niederschlägt. Diese schließen nämlich erstens alle anderen, für die spekulative Wissenschaft konstitutiven Prinzipien in sich. Wie alle anderen Prinzipien sind diese Prinzipien, zweitens, der Logik nicht extern zuzuschreiben, sondern sind vielmehr der Methode zu entnehmen. Für sie ist, drittens, entscheidend, dass sie nicht nur auf lokaler Ebene Gültigkeit besitzen, sondern zugleich auf globaler, weil sie Prinzipien der Methode und des ihr entspringenden Systems sind. Denn die Methode macht die ›Substanz‹ der philosophischen Wissenschaften aus, insofern deren Inhalte nicht durch äußere Reflexionen eingeführt werden, sondern sich genuin voneinander ableiten lassen. Soll ferner die Methode selbst der Wissenschaft nicht äußerlich sein, also nicht nur einem endlichen Erkennen angehören, so muss sie an irgendeiner Stelle der gedanklichen Entwicklung selbst thematisch werden. Der Begriff der Wissenschaft und die Reflexion der Methode auf sich selbst sind für Hegel ein und dasselbe. Die Wissenschaft kommt also nur dann zu einem Abschluss und zum Begriff ihrer selbst, wenn auf ihre Methode reflektiert wird. Das Totalitätsprinzip hat also nur im Vollendungsprinzip seine Realität. Für die logische Wissenschaft ist es »der reine Begriff, der sich nur zu sich selbst ver-

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Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems

hält«208 und der ihre Substanz und Form ausmacht, unten der alle Inhalte subsumiert und zu einer Einheit gebracht werden können. Der Begriff der logischen Wissenschaft ist damit der Begriff des reinen Begriffs. Diesbezüglich ist eine Bemerkung zu machen: Die Reflexion auf den Begriff des reinen Begriffs und damit auf die gesamte Logik führt zu einer Begrenzung dieser Wissenschaft. Die Begrenzung kommt allein dadurch zustande, dass »die Logik in der absoluten Idee zu dieser ein­ fachen Einheit zurückgegangen [ist; G. O.], welche ihr Anfang ist; die reine Unmittelbarkeit des Seyns […] ist die durch die Vermittlung, nämlich die Auf­ hebung der Vermittlung zu ihrer entsprechenden Gleichheit mit sich gekommene Idee«.209 Weil sich das Ende der Logik mit seinem Anfang wieder zusammenschließt und eben dies den Begriff der Methode ausmacht, in der sich die Einheit des Begriffs nicht  – wie im Urteil und Schluss des ersten Abschnitts der Begriffslogik – verliert, sondern bewahrt bleibt, bleibt die logische Wissenschaft auf den reinen Begriff beschränkt. Diese abschließende Definition der logischen Wissenschaft qua Exposition des reinen Begriffs, der deswegen rein ist, weil er keinen anderen Inhalt als sich selbst hat, markiert nicht nur das Ende dieser Wissenschaft, sobald der Begriff sich selbst zum Gegenstand hat. Mit ihr ist auch ein weiteres und letztes Prinzip der Logik gesetzt: das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit, das genau dies besagt, dass die Logik nichts anderes als die Darstellung des reinen Begriffs ist, der nur sich selbst zum Gegenstand und Inhalt hat (und sonst nichts). Diese Perspektivierung und Präzisierung der Logik, durch die sie gleichermaßen nach innen und außen beschränkt wird, gilt es im Folgenden zu erläutern. Die Beschränkung der Logik hat zwei Seiten, auf die Hegel ab der Mitte des 26. Absatzes und eingeleitet durch den 25. Absatz zu sprechen kommt. Die erste Seite des Begriffs der Logik ist ihre Beschränkung und Geschlossenheit ad intram. Dass diese Geschlossenheit der Logik keine Anstalten auf quantitative Vollständigkeit machen muss, sondern Platz für neue Bestimmungen lässt, die sich durch subtilere Analysen ergeben und die Logik auf diese Weise um weitere reine Begriffe bereichern können, hat Hegels metaphorischer Gebrauch der Methode und des Systems als Kreis von Kreisen sowie die oben diskutierte moderate Lesart deutlich gezeigt. So gibt es, metaphorisch gesprochen, zwar eine unbestimmte Anzahl von ,kleinen‹ Kreisen. Aber sie alle müssen sich im Endeffekt zu einem ,großen‹ Kreis zusammenfinden, wenn der Begriff der Wissenschaft zur Wissenschaft selbst gehören soll. Zum Begriff der Wissenschaft gehören demnach nicht nur einzelne Begriffe derselben, sondern auch die Reflexion auf die Wissenschaft selbst. Die Methode umfasst beide. 208 209

GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 398 = TWA 6: 572.

Hegel-Studien

Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems



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Die zweite Seite des Begriffs der Logik ist ihre Beschränkung und Geschlossenheit ad extram. Nach außen unterscheidet sich die Logik von anderen Wissenschaften nämlich dadurch, dass sie den reinen Begriff zum Gegenstand hat. Damit geht simultan eine perspektivische Verengung einher, die Hegel wie folgt formuliert: »– Zweytens ist diese Idee noch logisch, sie ist in den reinen Gedanken eingeschlossen, die Wissenschaft nur des göttlichen Begriffs.«210 Der »göttliche Begriff« ist nur ein anderer Ausdruck für den reinen Begriff. Was der reine Begriff ist, wurde bereits mehrfach erwähnt: Es ist der Begriff, der sich durch seine drei Begriffsmomente so bestimmt, dass er sich im Urteil und Schluss, durch die das Allgemeine als Besonderes, das Besondere als Einzelnes, das Allgemeine als Einzelnes usw. gesetzt werden, nicht verliert, sondern weiterbestimmt. Das Ende dieser Fortbestimmung des reinen Begriffs ist der Begriff der Wissenschaft und damit die logische Wissenschaft selbst. (Reines Sein, Nichts, Werden, Dasein usw. sind in diesem Sinn lediglich Namen, die im theoretischen Vollzug die Rolle rigider Designatoren spielen, mit denen die Begriffstermini – dem momentanen Standpunkt der Theorie entsprechend – fixiert und benannt werden können.) Diese doppelte Akzentuierung des logischen Systems dient im Kontext des ›Systemteils‹ des Kapitels Die absolute Idee – vgl. die Absätze 19 bis 26 – dem Zweck, der Logik ein eindeutiges Profil zu verschaffen: einmal für sich und einmal gegen andere mögliche Systeme, die nicht den reinen Begriff zum Inhalt und Gegenstand ihrer Wissenschaft haben. Diese beiden Charakteristika machen ferner auf einen zentralen Begriff aufmerksam, der im Verlauf der Darstellung der logischen und absoluten Idee nur in Ansätzen zur Sprache gekommen ist, jetzt aber für die Exposition der Methode als System konstitutiv wird: Das Ende der Logik setzt nämlich nicht nur den reinen Begriff als den Gegenstand der gesamten logischen Wissenschaft, sondern auch die Subjektivität als den Begriff, auf den alle Begriffe hinauslaufen und der als einzelner alle anderen Begriffe eingeschlossen in sich enthält. Dass die Form des Begriffs und seine Artikulation in Urteilen und Schlüssen gleichbedeutend mit dem Begriff der Subjektivität ist, macht Hegel an mehreren Stellen im Kapitel Die absolute Idee deutlich. Zuerst wird dieser Gedanke im ersten Absatz schriftlich formuliert: Der Begriff ist nicht nur Seele, sondern freyer subjectiver Begriff, der für sich ist und daher die Persönlichkeit hat, – der praktische, an und für sich bestimmte, objective Begriff, der als Person undurchdringliche, atome Subjektivität ist,  – der aber ebensosehr nicht ausschliessende Einzelnheit, sondern für sich Allgemeinheit und Erkennen ist, und in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat.211 GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 372 = TWA 6: 549.

210 211

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Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems

Der hier exponierte Gedanke folgt dem Duktus des ersten Absatzes insgesamt, nämlich der Definition der absoluten Idee als Identität der theoretischen und praktischen Idee. Der Begriff – und damit meint Hegel den »vernünftige[n] Begriff«212 –, ist objektiv dadurch, dass der subjektive Begriff sein objektives Korrelat nicht außerhalb von sich suchen muss, sondern durch seine Tätigkeit permanent auf sich selbst (als Selbstzweck) rückbezogen bleibt und auf diese Weise sich selbst, d. h. seinen eigenen Begriff, zum ›Objekt‹ macht. Eben dadurch kommt nicht nur das Erkennen wieder ins Spiel, sondern mit ihm ebenso das erkennende Subjekt, das sich in der absoluten Idee vom endlichen und ›suchenden‹ Erkennen wohl unterscheidet. Das vernünftige oder absolute Erkennen ist kein Erkennen, das ausschließlich für ein einzelnes Subjekt gültig ist, mithin keine »ausschliessende Einzelnheit«. Insofern das Gute und seine Realisierung in der Handlung nicht nur ein bloß Subjektives und Einzelnes sein sollen, sondern objektiv und allgemeingültig, und insofern das Gute an den Begriff des Subjekts geknüpft ist, muss das Erkennen dieses Begriffs zwar auch das einzelne Subjekt umfassen, aber nur so, dass es als Einzelnes immer das Allgemeine denkt. Das Allgemeine ist in diesem Fall nichts anderes als der reine Begriff des Subjekts in seiner objektiven Allgemeinheit, d. h. seiner Allgemeingültigkeit für alle erkenntnis- und denkfähigen Subjekte. Ein so verstandenes Allgemeines ist das Prinzip von erkennender und denkender Subjektivität überhaupt. Seine Begriffe sind es, die in der Logik bereits entwickelt wurden und nun im subjektiven Begriff der absoluten Idee als aufgehoben gelten und dem erkennenden Subjekt expli­ziter Inhalt werden. Aber der Gedanke, dass der objektive Begriff erst dann erreicht ist, sobald der subjektive Begriff sich rein auf sich bezieht und dabei erkennt, dass die Form seiner reinen Selbstbeziehung durch die reinen und logischen Begriffe inhaltlich definiert ist, ist unvollständig und betrifft nur die eine Seite der Objektivität des Begriffs. Hegels Gedanke, dass das Erkennen allgemein und objektiv ist, wenn es »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«, ist ambig und kann vor dem Hintergrund der absoluten Idee auf zweierlei Weisen gelesen werden. Beide Lesarten schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich wechselseitig, weil die erste Lesart ohne die zweite nicht vollständig im Hinblick auf die Gesamtinterpretation der absoluten Idee wäre und weil letztere ohne den Hintergrund der ersteren in ihrer Notwendigkeit nicht erkannt werden könnte und somit eine bloße Behauptung wäre. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Lesarten herauszuarbeiten, ist das Ziel der nächsten beiden Kapitel (3.1 – 2). Ihre Interpretation legt die Basis für die Erklärung des spekulativen Übergangs der Logik in die Natur.

212

GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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Begriff und Subjektivität

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4.1 Die Geschlossenheit des logischen Systems: Begriff und Subjektivität Die erste Lesart interpretiert den Satz, dass der subjektive Begriff »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«213, im bisher empfohlenen Sinn, dass das Andere kein dem erkennenden Subjekt gegenüberstehendes Objektives ist, sondern das Andere ist die Subjektivität in ihrer begrifflichen Allgemeinheit, also die reinen Begriffe selbst. Deswegen hebt Hegel auch den Eigenheitscharakter des Anderen im Sinne der begrifflichen Objektivität hervor. Dergestalt umfasst der »objective Begriff«214 alle diejenigen Begriffe, die jeder Subjektivität zukommen und die das Denken jeder Subjektivität – ihre Sub­ stanz – konstituieren. Diese Lesart wird durch mehrere Textstellen gestützt, die in keinem direkten Zusammenhang zur gerade besprochenen und dem 1. Absatz des letzten Kapitels der WdL entnommenen Textstelle stehen, die nichtsdestoweniger aber dem Gedanken der ersten Lesart folgen und die belegen können, dass dieser im Kapitel über die absolute Idee nicht isoliert dasteht. Die wichtigsten Referenzpunkte für die erste Lesart, dass das ›Andere‹ des Begriffs nichts anderes als die Allgemeingültigkeit der reinen Begriffe für Subjektivität überhaupt ist, sind Passagen, in denen Hegel das erkennende Subjekt im Rahmen der Methode und des Systems exponiert.215 Hierbei können vier Textstellen besonders hervorgehoben werden. (1) Die erste Textstelle befindet sich im 3. Absatz des Kapitels über die absolute Idee. Hegel merkt dort an, dass die absolute Idee eine spezifische Erkenntnisweise ist, die den Begriff zur »absoluten Form« hat, die sich »als die absolute Grundlage und letzte Wahrheit erwiesen [hat; G. O.]«.216 Weil die Methode ebenfalls den Begriff zu ihrer Form hat, ist die Methode zugleich die absolute Form selbst. Sie ist aber noch mehr: Sie ist »der sich selbst wissende, sich als das Absolute, sowohl Subjective als Objective, zum Gegenstande habende Begriff, somit als das reine Entsprechen des Begriffs und seiner Realität, als eine Existenz, die er selbst ist«.217 Diese Definition der Methode birgt eine ähnliche interpretatorische Ambiguität wie die zuvor genannte Textstelle aus dem 1. Absatz, in der Hegel das absolute Erkennen als den vernünftigen Begriff definiert, der »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«.218 Worauf es in

GW 12: 372 = TWA 6: 549. GW 12: 372 = TWA 6: 549. 215 Den engen Zusammenhang von Methode und Subjektivität macht Klaus Düsing prominent stark. Vgl. Düsing:1976, 313 – 327. 216 GW 12: 374 = TWA 6: 551. 217 GW 12: 374 = TWA 6: 551. 218 GW 12: 372 = TWA 6: 549. 213 214

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Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems

diesem Kontext jedoch ankommt, ist das Faktum, dass die Methode und (mit ihr) die absolute Form einerseits das Absolute, andererseits den Begriff selbst zum Gegenstand haben. Dieses Faktum unterscheidet den Begriff, wie er von Hegel in dem Kapitel über die absolute Idee präsentiert wird, von allen übrigen logischen Begriffsbestimmungen nach mindestens drei Seiten: Wenn das Absolute über die Identität des Subjektiven und Objektiven (oder des Begriffs und seiner Realität) definiert wird und wenn diese Entsprechung beider Seiten nur am Ende erreicht wird, dann muss für alle anderen Bestimmungen erstens gelten, dass sie dieser Identität oder Entsprechung nicht in hinreichendem Maße genügt haben. Nimmt man Hegels Behauptung hinzu, dass das Absolute und mithin die Identität des Subjektiven und Objektiven erst dann erreicht ist, wenn der Begriff sich selbst zum Gegenstand hat, dann muss für alle anderen logischen Bestimmungen zweitens gelten, dass sie den Begriff nicht oder nur auf eine äußerst mangelhafte Weise zum Gegenstand gehabt haben. Dies alles führt, drittens, dazu, dass es eine bestimmte Begriffskandidatin oder einen bestimmten Begriffskandidaten geben muss, die oder der den Begriff selbst (und nicht irgendeine eine andere Begriffsbestimmung) zum ›Objekt‹ des Denkens hat. Die reine Subjektivität scheint diesem Kriterium allein deswegen zu genügen, weil sie in ihrer unendlichen Selbstbezüglichkeit eine Objektivität denken kann, die von ihr nicht unterschieden ist. Zwar ist der Unterschied auch vorhanden. Aber insofern er nur ein von der reinen Subjektivität gesetzter und stets nur auf sie selbst bezogener ist und alles Bezogene ihre eigene Bestimmung ausmacht, hebt sich der Unterschied in einem nächsten Akt wieder auf. Paradox formuliert: Der Unterschied existiert genau dann, wenn er in eine Einheit aufgehoben werden kann. Die reine Subjektivität scheint in ihrer reinen Selbstbestimmung genau diese Einheit garantieren zu können. (2) Für die These, dass eine bestimmte Form der Subjektivität den Abschluss der Logik als Wissenschaft des reinen Denkens bildet, spricht auch eine zweite Textstelle, die sich dem 6. Absatz entnehmen lässt. Dort schreibt Hegel über den Fortgang der Methode, d. h. der Begriffsbestimmung, dass er darin besteht, »daß das Allgemeine sich selbst bestimmt, und für sich das Allgemeine, d. i. ebensosehr Einzelnes und Subject ist.«219 Obwohl diese Formulierung in Hegels Überlegungen über den Anfang der Methode fällt, zeigt der engere kontextuelle Rahmen, dass hier an ein bestimmtes Ende gedacht wird, nämlich das Ende der Logik beim Subjekt. Zwei Argumente lassen sich hierfür anführen: Das erste Argument für die These, dass nicht alle Episoden der Logik expliziten Anspruch auf den Status von Subjektivität erheben können, erschließt sich erneut aus dem Begriff des Absoluten bzw. einer als absolut verstandenen Totalität. Dies belegt der nachfolgende Satz des obigen Zitats: »Nur in seiner Vollendung ist es [das Allge219

GW 12: 379 = TWA 6: 555.

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Begriff und Subjektivität

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meine als das Anfangende; G. O.] das Absolute.«220 So betrachtet ist das Subjekt auch hier nicht in jedem Stadium gesetzt, sondern als das Einzelne, das ebenso sehr Allgemeines ist, ist es das Resultat und das Ende des gesamten – hier: des logischen – Prozesses. Wenn Hegel also den Gedanken, »daß das Allgemeine sich selbst bestimmt, und für sich das Allgemeine, d. i. ebensosehr Einzelnes und Subject ist«221, als Kreisbewegung denkt und sie im nachfolgenden Satz mit dem Absoluten und dieses mit der Vollendung identifiziert, gehört das Subjekt als Einzelnes und als für sich seiendes Allgemeines komplementär zur Definition des Absoluten und hat seinen systemisch privilegierten Ort am Ende der Logik. Das zweite Argument für die These, dass Hegel das Subjekt ans Ende der Logik stellt, geht vom 7. Absatz aus: Zunächst scheint es so, als ob jede Etappe der Logik ein Subjekt als Resultat setzen würde. Dies kann von der Vorstellung herrühren, dass – wie oben bereits erwähnt wurde – die Methode eine Totalität beschließt und einen Kreis bildet, der sich konzentrisch zum System erweitert. Da Hegel mit dem Gedanken der Fortbestimmung der Allgemeinheit zur Einzelheit operiert, die das Allgemeine in ihrem ›Fürsichsein‹ aufhebt, legt das obige Zitat ggf. nah, dass jeder ›kleine‹ Kreis, der einen Anfang hat, sich zu einem Subjekt zusammenschließt. Dieser Interpretation folgend müssten z. B. das Dasein, das Fürsichsein, das Eine usw., insofern sie als das Resultat einer methodisch geleiteten Denkbewegung und als der Anfang einer neuen Begriffsbestimmung betrachtet werden, als unterschiedliche Subjekte angesehen werden. Eine solche Interpretation setzt aber zwingend die zweite und retrospektive Lesart der Logik voraus, bei der bereits erwiesen ist, dass das Ende der Logik den Status von Subjektivität erteilt bekommen hat, die andere Begriffe als ihre objektiven Begriffe enthält und ihnen ipso facto den Status vindiziert, Subjekt zu sein, mithin zur Definition der reinen Subjektivität im engen und zur Definition der absoluten Subjektivität im weiten Sinn zu gehören. Angesichts der ersten und ambitionierten Lesart der Logik erweist sich, dass der Subjektbegriff in einer ganz bestimmten Bedeutung gebraucht wird, insofern er für die Begriffslogik, insbesondere aber deren Ende reserviert wird. So schreibt Hegel über die Seins-, Wesens- und Begriffslogik, dass das Dasein, die Ursache oder der subjektive Zweck Anfänge sind, die als Anfänge auch eine konkrete Totalität sind.222 Aber ihr Dasein, insbesondere das der Ursache als »die höchste Stuffe […] in der Sphäre der Notwendigkeit«223, ist »noch kein Subject, das als solches sich auch in seiner wirklichen

222 223 220 221

GW 12: 380 = TWA 6: 556. GW 12: 378 = TWA 6: 555 f. Vgl. GW 12: 380 = TWA 6: 556. GW 12: 380 = TWA 6: 556.

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Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems

Realisierung erhält.«224 (Als Beispiel führt Hegel die »Sonne« und »alles Nichtlebendige« an.225) Zusammengefasst haben zwar alle logischen Entwicklungsstufen die Form der Subjektivität an sich, aber nicht alle haben die Subjektivität selbst zu ihrem Inhalt. Selbst vom Anfang der Begriffslogik – dem ersten Abschnitt Die Subjektivität – kann nicht behauptet werden, dass er die Subjektivität zu seinem Inhalt hat. Zum einen gehört der Titel Die Subjektivität als Paratext nicht der Sache selbst an, sondern entspringt unserer (bzw. Hegels) äußerlichen Reflexion. Zum anderen ist der Begriff nur seiner Form nach Begriff und Subjektivität. Seinem Inhalt nach verliert er sich in seinen Momenten bereits im (endlichen) Urteil. Die Wiederherstellung der Einheit des Begriffs im Schluss ist nicht der Begriff selbst, der sich zum Gegenstand hat, und schon gar nicht eine (reine) Subjektivität. Gesetzt wird durch den (disjunktiven) Schluss lediglich die Totalität als ein Moment, das andere Momente, die selbst wiederum Totalitäten sind, außer sich hat. Die Entwicklung der mannigfaltigen Totalitäten ist der Entwicklung des Objektivitäts- und Ideenabschnitts vorbehalten. Zusammengefasst kann ausgehend von dem 6. und 7. Absatz resümiert werden, dass die Subjektivität, insofern sie nicht nur als Form, sondern auch zufolge einem ihr adäquaten Inhalt existiert, erst mit dem Ende der Logik gesetzt ist. (3) Die dritte Textstelle, die als Beleg für die These dienen kann, dass der Gedanke der Subjektivität, der die Objektivität und die Methode in sich eingeschlossen enthält, den Abschluss der Logik bildet, befindet sich im 17. Absatz des Kapitels über die absolute Idee, in dem Hegel das dritte Moment der Methode, das Ende, erläutert. Wie oben bereits expliziert wurde, ist das Dritte »der Schlußsatz, in welchem er [Begriff; G. O.] durch seine Negativität mit sich selbst vermittelt, hiermit für sich als das Allgemeine und Identische seiner Momente gesetzt ist«.226 Die Negativität des Begriffs besteht darin, dass sich das Allgemeine, das den Anfang oder die erste Prämisse des absoluten Erkennens bildet, als das Besondere, das den Fortgang oder die zweite Prämisse setzt, sich zum »Einzelne[n], Conkrete[n], Subject«227, dem Resultat oder Schlusssatz, zusammenenschließt. Im Schlusssatz wird also das Allgemeine als Einzelnes oder die »Unmittelbarkeit als Vermittlung«228 gesetzt. Was Hegel im 17. Absatz beschreibt, ist die Form der Methode, die nichts anderes als die Bestimmung des Begriffs im Fortgang der Logik ist, an dessen Ende der Begriff selbst als Einzelnes und als Subjekt steht. Diese Engführung von Methode, Begriff und Subjektivität lässt sich wie folgt präzisieren: Das Subjekt ist als Subjekt nicht bereits von 226 227 228 224

225

GW 12: 380 = TWA 6: 556. GW 12: 380 = TWA 6: 556. GW 12: 392 = TWA 6: 566. GW 12: 392 = TWA 6: 566. GW 12: 391 = TWA 6: 565.

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Anfang an gesetzt. Gesetzt ist nur ein Unmittelbares, das die Vermittlung nur an sich, nicht aber für sich hat. Dass die Methode in der Fortbestimmung des Begriffs einen (kleinen) Kreis beschließt, in dem das Resultat die Bestimmungen oder Momente des Anfangs enthält und zu einem neuen Anfang wird, bedeutet keineswegs, dass das Resultat als vermittelte Unmittelbarkeit in einem nächsten Schritt als Subjekt gesetzt ist. Wie der Fortgang der Logik selbst beweist, ist die Logik mit dem zweiten Akt der operativen ›Anwendung‹ der Methode nicht abgeschlossen. Gesetzt ist nur die Vermittlung, und zwar in einem Moment, das als Moment noch nicht das Absolute, sondern allenfalls eine Kandidatin oder ein Kandidat für die Definition des Absoluten ist.229 Die neue Grundlage des sich an der Methode orientierenden Fortgangs schließt folglich nicht zwangsweise aus, dass ein weiterer Akt der Vermittlung noch folgen muss, um die Identität der Allgemeinheit mit der Einzelheit bzw. die Identität der Form mit ihrem Inhalt zu setzen. Hegel erwähnt dies im 18. und 19. Absatz deutlich: Die Methode bleibt an der neuen Grundlage, die das Resultat als der nunmehrige Gegenstand ausmacht, dieselbe, als bey der vorhergehenden. Der Unterschied betrifft allein das Verhältniß der Grundlage als solcher; sie ist diß zwar itzt gleichfalls, aber ihre Unmittelbarkeit ist nur Form, weil sie zugleich Resultat war; ihre Bestimmtheit als Inhalt ist daher nicht mehr ein bloß aufgenommenes, sondern abgeleitetes und erwiesenes.   Hier ist es erst, wo der Inhalt des Erkennens als solcher in den Kreis der Betrachtung eintritt, weil er nun als abgeleiteter der Methode angehört. Die Methode selbst erweitert sich durch diß Moment zu einem Systeme.230

Die Identität der Form der Methode mit dem Inhalt besteht Hegels eigenen Ausführungen zufolge darin, dass die Form sich selbst bestimmt und sich so einen Inhalt gibt, den sie nicht außerhalb findet, sondern sich selbst entnimmt. Die Entwicklung der Form, durch die der Form gleichsam ein Inhalt gegeben wird, setzt so zugleich einen Unterschied, der sich in der Grundlage oder dem Anfang bemerkbar macht. So hat z. B. die Bewegung vom Sein zum Nichts, vom Nichts zum Sein, vom Sein zum Nichts zum Sein (Werden, vermitteltes Sein) und von diesen zum Dasein eine formale Entsprechung in der Methode. Diese Entsprechung kommt dem Dasein zu, weil es ein bestimmtes Sein, also ein mit Nichts angereichertes Sein ist, das wiederum eine Realität ist, die zugleich negiert wird und in der Negation nicht Nichts, sondern zu einem Etwas wird. Ob Der Frage, inwiefern die WdL als ein Versuch gelesen werden kann, das Absolute zu definieren, ist Schwerpunkt der Monografie von E. Plevrakis; vgl. Plevrakis, Ermylos: Das Absolute und der Begriff. Zur Frage philosophischer Theologie in Hegels Wissenschaft der Logik. Tübingen 2017. 230 GW 12: 393 = TWA 6: 566. 229

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Hegel es letztlich geschafft hat, alle logischen Begriffe gemäß der Form der Methode abzuleiten, ist den drei Lesarten aus Kapitel 3.3 zufolge eine unpassend gestellte Frage. Entscheidend ist einerseits lediglich Hegels Behauptung, die WdL vor dem Hintergrund eben dieser Methode geschrieben und entwickelt zu haben, und andererseits seine Bemerkung, dass zwar jeder Inhalt angesichts seines formalen Status ein Subjekt ist, nicht aber seiner Realität oder seiner »bestimmte[n] Existenz«231 nach. Erst wenn die Entsprechung der Form mit sich selbst auch auf inhaltlicher Ebene ›eingeholt‹ und thematisch wird, sich also in einem ganz bestimmten Inhalt ›instanziiert‹, der alle anderen Inhalte in sich vereinigt, sodass jede weitere Bestimmung des Inhalts als bereits abgeleitet angesehen werden kann und keine weiteren neuen Bestimmungen, die den logischen Fortgang operativ verändern können, möglich sind, erst dann darf der Form auch auf inhaltlicher Ebene der Subjektstatus explizit zugesprochen werden. In diesem Fall braucht die Form nicht mehr über sich selbst hinauszugehen und einen neuen Inhalt zu setzen, sondern hat in einem bestimmten Inhalt ihre Entsprechung mit sich selbst. Dieser Inhalt ist dann durch und durch selbstbestimmt und macht nicht nur die Grundlage der Logik und ihrer Entwicklung aus, sondern bildet zugleich das Endresultat. Dieses Desiderat der Abgeschlossenheit und Vollendung der Logik erfüllt der Begriff der Subjektivität auf ausgezeichnete Weise und (nicht zuletzt auf textueller Ebene nachweisbar) in aller Deutlichkeit. (4) Die These, dass die reinen Begriffsbestimmungen in dem Begriff der reinen Subjektivität eingeschlossen sind und ihre Objektivität ausmachen, belegt nicht zuletzt eine vierte Textstelle, die dem 23. Absatz des Kapitels Die absolute Idee entnommen ist. Dieser Absatz wurde oben bereits in Auszügen zitiert. In extenso lautet er wie folgt: Jede neue Stuffe des Aussersichgehens, d. h. der weitern Bestimmung, ist auch ein In-sich-gehen, und die grössere Ausdehnung, ebensosehr höhere Intensität. Das Reichste ist daher das Concreteste und Subjectivste, und das sich in die einfachste Tiefe zurücknehmende, das Mächtigste und Uebergreiffendste. Die höchste, zugeschärfteste Spitze ist die reine Persönlichkeit, die allein durch die absolute Dialektik, die ihre Natur ist, ebensosehr Alles in sich befaßt und hält, weil sie sich zum Freisten macht, – zur Einfachheit, welche die erste Unmittelbarkeit und Allgemeinheit ist.232

Der kontextuelle Rahmen dieser Passage ist der Totalitäts- und Vollendungsgedanke, der in diesem Kontext vor dem Hintergrund des Aufhebungs- und GW 12: 380 = TWA 6: 556. Vgl. auch das zweite Argument bei der »zweiten Textstelle« oben. 232 GW 12: 396 = TWA 6: 570. 231

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Erweiterungsprinzips gedacht wird. Der im Zitat formulierte Gedanke drückt konzedierend das aus, worauf die bisherige Argumentation abzielte: den Einschluss aller logischen Begriffe in den Gedanken der Subjektivität und die Bestätigung der Lesart, dass das ›Andere‹ des Begriffs nichts anderes als der Begriff selbst ist. Auffällig an dem Zitat ist Hegels Verwendung des Komparativs und Superlativs: Der Fortgang geht nicht ins Unendliche, sondern zieht sich intrinsisch – und fast schon involutiv – zu einem bestimmten Begriff zusammen. Dieser Begriff hat im Sinne des Aufhebungs- und Erweiterungsprinzips eine »grössere Ausdehnung« und eine »höhere Intensität«. Was dem Komparativ folgt ist der Superlativ, der den Totalitätsgedanken zu Ende denkt, nämlich als Vollendung. Hier sticht insbesondere der Ausdruck »reine Persönlichkeit« hervor, auf den sich die (überwiegend nominalisierten) Superlative »Reichste«, »Concreteste«, »Subjectivste«, »Mächtigste«, »Uebergreiffendste«, »höchste, zugeschärfteste Spitze« und »Freiste« indirekt oder direkt beziehen. Die »Natur« der reinen Personalität ist die »absolute Dialektik«. Dass Hegel hier die Dialektik um das Adjektiv »absolut« erweitert, hat mit dem Totalitätscharakter der zitierten Textpassage zu tun. Als Moment und Movens der Methode kommt die Dialektik nicht nur einzelnen, sondern allen Entwicklungsschritten der Logik zu. Eben deswegen ist sie auch die ›Natur‹ bzw. das Grundcharakteristikum der reinen Persönlichkeit, die von Hegel so definiert wird, dass sie »Alles in sich befaßt und hält«. Wenn Hegel hier von »Alles« spricht, so ist das im engeren Sinne so zu verstehen, dass die reine Persönlichkeit, alles bisher Entwickelte, also alle reinen Begriffe enthält. Für diese Interpretation spricht nicht zuletzt wieder der Verweis auf die »Einfachheit, welche die erste Unmittelbarkeit und Allgemeinheit ist«. Die reine Persönlichkeit scheint für Hegel nur eine andere Bezeichnung für das zu sein, was auch als »reine« oder »logische Subjektivität« bezeichnet werden kann. Sie ist nicht nur Form, sondern auch ein bestimmter Inhalt, der als das »Subjectivste« alle anderen Begriffe als mögliche Subjekte in sich »befaßt«. Summa summarum sollen alle vier Textstellen eine Interpretationslinie starkmachen, die für das Leseverständnis des Kapitels über die absolute Idee von eminenter Bedeutung ist. Im Zentrum der Interpretation steht die Frage, was unter der logischen Idee im engen Sinn und unter der absoluten Idee im weiten Sinn zu verstehen ist, insofern beiden zugesprochen werden muss, der »vernünftige[] Begriff«233 zu sein. In Rückgriff auf Hegels Eingangsdefinition, in der die absolute Idee mit der Identität der theoretischen und praktischen Idee gleichgesetzt wird, darf nun davon ausgegangen werden, dass der vernünftige Begriff einem Subjekt mit besonderem Erkenntnisstatus und -anspruch zugesprochen werden muss. Dieses Subjekt nennt Hegel »Person«, die sich dadurch auszeichnet, dass

233

GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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ihr Begriff erstens ein »freyer subjectiver« und zweitens ein »objectiver« ist.234 Die Interpretation mehrerer Textpassagen des ganzen Kapitels über die absolute Idee sollte folglich deutlich gemacht haben, dass die Objektivität des Begriffs einerseits nichts anderes ist als die Entfaltung der Logik selbst und dass sie andererseits der Selbstbestimmung der Subjektivität ihrer Form und ihrem Inhalt nach entspricht. Für das absolute Erkennen bedeutet dies, dass es in seinem Erkennen auf eben diese in der Logik bereits entwickelten und ›hinter‹ ihm liegenden reinen Begriffe zurückgreifen muss, wenn es das sein will, was es ist, nämlich absolutes und wahrhaftes Erkennen. (So schreibt Hegel, dass der Begriff keine »ausschliessende Einzelnheit«, also keine »atome Subjectivität« ist, sondern »für sich Allgemeinheit und Erkennen ist und in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«.235) Die hier verfolgte Interpretation macht mithin die These stark, dass es für das Logische der Logik kein Anderes gibt, das nicht zu »seine[r] eigene[n] Objectivität« gehört, und dass dieses Logische ein anderer Ausdruck für Subjektivität ist, weil alles in der Logik Ent­ wickelte – ihren Prinzipien folgend – nur vor dem Hintergrund und Gedanken einer reinen und absoluten Subjektivität gedacht werden kann, die sich mittels des Begriffs beständig neu setzt und artikuliert und so die Grundlage aller in der Logik evozierten Begriffe bildet. Bei näherem Hinsehen erweist sich diese Interpretation jedoch nur als eine von zwei möglichen Interpretationsalternativen. Denn Hegels Bemerkung, dass der vernünftige Begriff »für sich Allgemeinheit und Erkennen ist und in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«236, ist ambig und kann folglich vor dem Hintergrund des Übergangs der Idee des Guten zur absoluten Idee, aber auch vor dem Hintergrund einiger Textstellen des letzten Kapitels der WdL anders gelesen werden. Die zweite Lesart, auf die im nächstfolgenden Kapitel näher eingegangen werden soll, schließt die erste Lesart, die den objektiven Begriff im Sinne des Einschlusses in der Subjektivität interpretiert, nicht aus, sondern erweitert sie. Die Interpretation der Logik mündet auf diese Weise in eine Paradoxie: Trotz ihrer Geschlossenheit schafft es die Logik, sich nach außen strukturell zu öffnen, ohne dadurch ihre operativ geschlossene Form aufbrechen zu müssen. Das logische System hegelscher Provenienz ist folglich genau dann offen, wenn es geschlossen ist. Die Auflösung dieser Paradoxie ist für das Verständnis der gesamten spekulativen Wissenschaft, die über die Logik bzw. die logische Idee hinausreicht und die sogenannte »Realphilosophie« einschließt, von großer Bedeutung. Doch bevor dazu übergegangen wird, diese Para­doxie zu problematisieren und aufzulösen, muss erläutert werden, wie ge GW 12: 372 = TWA 6: 549. GW 12: 372 = TWA 6: 549. 236 GW 12: 372 = TWA 6: 549. 234 235

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nau die zweite Lesart der Phrase »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande« zu verstehen ist. 4.2 Die Offenheit des logischen Systems: Subjektivität und Objektivität Verglichen mit der ersten Lesart akzentuiert die zweite Lesart die Phrase »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande« anders. Der Gedanke, dass der subjektive Begriff in der Entwicklung der Idee des Guten zur absoluten Idee nun objektiv geworden ist, nachdem das handelnde Subjekt in der Realisierung des Guten erkannt hat, dass das Gute über nichts anderes definiert werden kann als über das, was der Begriff selbst ist, lenkt den Blick einerseits auf den subjektiven Begriff (bzw. die subjektive Idee) und macht ihn (bzw. sie) zum Gegenstand und ›Objekt‹ (vgl. erste Lesart). Andererseits muss dieser Perspektivenwechsel keinesfalls alle Objektivität im Sinne einer Andersheit per se ausschließen. Setzt man nämlich bei einer werkimmanenten Interpretation an, und zwar bei Hegels Definition der Idee überhaupt und der logischen und absoluten Idee insbesondere, lässt sich folgendes Argument für diese These anführen: Was der Idee als ganzer zukommt, das kommt auch ihren einzelnen Instanzen zu. Auf das Verhältnis von Idee und absoluter Idee übertragen, bedeutet das, dass die spezifische Interpretation der absoluten Idee unter den allgemeinen Interpretationsbedingungen der Idee steht, die sich an der Form des spekulativen Begreifens orientieren und die Hegel gegen Ende der Einleitung des dritten Abschnitts der Begriffslogik – Die Idee – folgendermaßen beschreibt:237 Die Allgemeinheit der Idee besteht in der »Identität des Begriffs und der Objectivität«238, die allerdings noch nicht gesetzt ist, sondern durch den Prozess erst gesetzt werden muss. Eben hierin kommt das zweite Moment des Begriffs ins Spiel, mit dem das Allgemeine als Besonderes gedacht wird. Die Besonderheit ist die »Beziehung der für sich seyenden Subjektivität des einfachen Begriffs, und seiner davon unterschiedenen Objectivität«239. Diese Beziehung wird von Hegel aber von vornhe­ rein asymmetrisch konstruiert, da die Idee auf die subjektive Idee (bzw. den subjektiven Begriff) ausgerichtet ist. Denn diese (bzw. dieser) ist es, die (bzw. der) am Anfang nur »einfach«240, sich selbst noch nicht objektiv geworden ist, sich also noch nicht als objektive Idee (bzw. als objektiven Begriff) gesetzt hat. Die »für sich seyende Subjektivität des einfachen Begriffs« ist daher wesentlich der Trieb, diese Trennung zwischen ihm und der Objektivität aufzuheben, die im Prozess »das gleichgültige Gesetztseyn, das an und für sich nichtige Bestehen 239 240 237

238

Für weitere Details vgl. auch den Anfang des Kapitels 1. GW 12: 273 = TWA 6: 467. GW 12: 273 = TWA 6: 467. Vgl. GW 12: 273 und 378 = TWA 6: 467 und 555.

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[ist; G. O.]«241. Dieser Prozess durchläuft mehrere Entwicklungsstufen, die in den drei Kapiteln des letzten Abschnitts der WdL – Die Idee des Lebens, Die Idee des Erkennens und Die absolute Idee – ausgearbeitet vorliegen und in denen sich der subjektive Begriff eine ihm entsprechende »objective Realität«242 gibt und das Allgemeine sich zu einem Einzelnen zusammenschließt, das in der Lage ist, aus sich heraus das Allgemeine darzustellen. Folgt man diesem Prozessgedanken, in dem der Begriff sich selbst objektiv wird, liegt der Schluss nah, dass mit dem Kapitel Die absolute Idee ein finales Ende erreicht ist, über das nicht mehr hinausgegangen zu werden braucht. Personen, die diese Interpretation vertreten, können mindestens zwei Gründe vorbringen: Der erste Grund versucht, die These stark zu machen, dass es in der absoluten Idee überhaupt keine der fürsichseienden Subjektivität gegenüberstehende Objektivität mehr gibt, weil alle Äußerlichkeit sich in der Subjektivität aufgehoben hat und am Ende nichts als der reine Begriff übriggeblieben ist, wie er in der Logik entfaltet wurde. Personen, die diese These vertreten, werden die Einzelheit, in die das Allgemeine eingeschlossen ist, in der stärksten Bedeutung interpretieren: Alles – auch die Objektivität – ist in der Sphäre der Subjektivität eingeschlossen enthalten. Der zweite Grund geht von der Annahme aus, dass es zwar irgendeine Objektivität jenseits der sich selbst als absolut begreifenden Subjektivität geben kann, dass diese Objektivität aber zur Konstitution des reinen Begriffs und somit der Logik nichts beiträgt. Mit dieser Interpretation wird der objektive Begriff, den sich der subjektive Begriff in der Logik gibt, allein auf die Sphäre der Subjektivität als ausschließende Einzelheit beschränkt. Sobald diese Sphäre verlassen wird, wird das Erkennen nicht mehr absolut, sondern endlich, wodurch die absolute Idee ihren Status als Identität der Subjektivität und Objektivität wieder verliert. (Vor diesem Hintergrund müsste der Übergang der Logik in die Natur als Übergang des Absoluten in eine nicht-absolute Sphäre interpretiert werden.) Die hier verfolgte Interpretation geht einen Weg und richtet sich gegen die soeben skizzierten Interpretationsalternativen der Objektivität des subjektiven Begriffs und ihre möglichen Begründungen. Gegen die These, dass in der absoluten Idee Objektivität und Subjektivität so zusammen fallen, dass im Endeffekt entweder keine Objektivität mehr übrig bleibt oder dass nur eine einzige bestimmte Form von Objektivität dem Subjekt vindiziert werden kann, und für die Interpretation, die davon ausgeht, dass es selbst noch in der absoluten Idee eine Objektivität gibt, die es auf eine bestimmte Art und Weise – nämlich durch den Einsatz der in der Logik bereits herausgearbeiteten reinen Begriffe – zu ­begreifen gilt, sprechen folgende zwei Argumente, die den Grundstock für 241

GW 12: 273 = TWA 6: 467. GW 12: 372 = TWA 6: 550.

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die Beantwortung der Frage nach dem spekulativen Übergang der Logik in die Natur legen. Das erste Argument lässt sich in zwei aufeinanderfolgenden Schritten konstru­ ieren und folgt dem in der Einleitung artikulierten Prozessgedanken der Idee. Dieser steht unter der Prämisse des »absolute[n] Urteil[s]«243, das, wie jedes Urteil, die Beziehung von zwei Extremen ist. In der Idee sind die Extreme das »Subjekt als die sich auf sich beziehende negative Einheit« und die von ihm unmittelbar unterschiedene Objektivität. Die Beziehung dieser beiden Extreme ist die Realisierung des Begriffs in der Sphäre der Objektivität, indem die Objektivität »durch die Tätigkeit des [subjektiven; G. O.] Zwecks gesetzte Objectivität [wird; G. O.], welche als Gesetztseyn ihr Bestehen und ihre Form nur als durchdrungen von ihrem Subject hat«.244 Kurz: Die Idee verwirklicht ihre Allgemeinheit, die in der Identität der Subjektivität und Objektivität besteht, wenn die Objektivität ihren Eigenstatus bzw. ihr Anundfürsichsein gegen die Subjektivität verliert und zu einem »Gesetztseyn« wird. Für die Behauptung, dass dieser Prozess in der absoluten Idee nicht abgeschlossen ist, sprechen mindestens zwei werkimmanente Gründe: Der erste Grund beruft sich auf den Identitäts- und Differenzgedanken selbst, der für die Idee überhaupt, also für den gesamten Abschnitt über die Idee gleichermaßen von zentraler Bedeutung ist. Wenn nämlich die Differenz der Subjektivität und Objektivität dem Gedanken der Idee überhaupt wesentlich ist und ihn mitbegründet und wenn die absolute Idee die Differenz zu einer Identität im Sinne einer Einerleiheit koinzidieren lässt und sie somit gänzlich tilgt, so stellt sich unweigerlich die Frage, was an der absoluten Idee noch Idee sein soll, nachdem die Differenz als Bedingung der Idee weggefallen ist. Dafür, dass die Differenz in der absoluten Idee noch gewahrt bleibt, spricht zudem ein zweiter Grund: die Entwicklung der praktischen Idee zur absoluten Idee. Wie die Kapitel 1.2.2 und 2. der vorliegenden Untersuchung, in denen diese Entwicklung ausführlich erläutert wurde, gezeigt haben, lässt sich der logische Fortgang zur logischen und absoluten Idee nicht dadurch konstruieren, dass die Objektivität durch zweckmäßige Handlungen so weit umgeformt wird, bis am Ende die reine Selbstidentifikation des Subjekts mit sich selbst übrig geblieben ist. Die Wahrheit der Idee des Guten hat ihr Bestehen oder Nicht-Bestehen nicht auf der Tatsachenebene, weil auf der Tatsachenebene das Gute weder realisiert werden kann, noch es wünschenswert ist, dass es jemals realisiert wird. Im letzteren Fall brauchen wir Menschen nämlich gar nicht mehr zu denken, geschweige denn uns über unser Handeln Gedanken zu machen, da ein jenseitiger Zustand erreicht ist, in dem Gutes und Schlechtes ununterscheidbar geworden sind. Hegels Pointe im spekulativen Übergang der praktischen Idee zur absolu243

GW 12: 272 = TWA 6: 466. GW 12: 272 f. = TWA 6: 466 f.

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ten Idee besteht vielmehr darin, dass wir das Gute nicht in einem ›Jenseits‹ zu suchen brauchen, weil das Gute schon immer schon da, also ›diesseitig‹ ist. Dieses Gute ist jedoch nicht ein Ding, das neben anderen Dingen in der Welt unmittelbar existiert und auf das wir zeigen können. Das Gute erschließt sich nur durch unser Denken und Handeln und durch unseren Begriff. Und genau hier kommt erneut das theoretische Erkennen ins Spiel: »Was aber der praktischen Idee noch mangelt […] kann auch so betrachtet werden, daß der praktischen Idee noch das Moment der theoretischen fehlt.«245 Dass Hegel an dieser Stelle keinen Rückfall der praktischen Idee in die theoretische (und damit in das endliche Erkennen) im Sinn hat, dafür spricht zum einen der Fortgang der logischen Entwicklung, in der das absolute Erkennen vom endlichen Erkennen dezidiert unterschieden wird, und zum anderen die subtil gewählte Formulierung, dass es nur ein »Moment« ist, das der praktischen Idee fehlt, nicht aber die theoretische Idee als solche. Dieses Moment ist offenkundig der reine Begriff, auf den die Theorieentwicklung uns – die Theoretikerinnen und Theoretiker – aufmerksam gemacht hat und den wir in rückblickender Schau auf die gesamte Logik ausgebreitet bereits vor uns haben. Die Veränderung der Idee in ihrer Entwicklung zur absoluten Idee hat also nicht den Wegfall der ursprünglichen Differenz zur Folge, sondern zieht eine (uns gleichermaßen einschließende) Veränderung der Einstellung bzw. des Verhältnisses des erkennenden Subjekts zur Objektivität nach sich. Analog zu Hegels Beschreibung der Idee überhaupt bleibt die Objektivität auf die subjektive Idee bezogen und als Gesetztsein weiterhin durch sie bestimmt. Die Bestimmung erfolgt allerdings nicht mehr durch ein endliches Erkennen, das sein ›Material‹ der Objektivität entnimmt. Die Grundlage des absoluten Erkennens ist vielmehr der reine Begriff, den das erkennende Subjekt in der absoluten Idee nunmehr als seine Bestimmungsgrundlage erkannt hat. Aus diesem Per­spektivenwechsel ergibt sich ein doppeltes Desiderat, dem Hegel im Kapitel über die absolute Idee Rechnung trägt: Zum einen muss das erkennende Subjekt sich seiner neuen Grundlage ›bewusst‹ werden und seine vormalige Einstellung zur Objektivität korrigieren. Zum anderen muss es die Objektivität gemäß dieser neuen Grundlage begreifen. In jedem Fall aber ist die Objektivität – wenngleich in modifizierter Form – als Moment der Idee überhaupt immer noch vorhanden. Das zweite Argument für die These, dass mit dem Erreichen der absoluten Idee eine Form der Andersheit nicht einfach verschwindet, sondern gewahrt bleibt, lässt sich ausgehend von zwei Textstellen und einigen äußerlichen Über­ legungen formulieren. Im zweiten Absatz des Kapitels Die absolute Idee beschreibt Hegel das »Geschäft der Philosophie«, das drei »Gestaltungen« hat.246 Für jede Gestaltung gilt, dass sie einerseits die absolute Idee zu ihrer Grundlage 245 246

GW 12: 366 = TWA 6: 545. GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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hat und dass sie eben deshalb andererseits »Gegenstand und Inhalt der Philosophie«247 ist. Die drei Gestaltungen der Philosophie lauten: Natur, Geist und Logik. Sie alle sind unterschiedliche Weisen, die absolute Idee darzustellen und zu erfassen. Während die Philosophie der Natur und des Geistes die Weise ist, »ihr Daseyn«  – das Dasein der absoluten Idee  – »darzustellen«, ist die Philosophie in der eigentlichen Bedeutung »die höchste Weise, die absolute Idee zu erfassen, weil ihre Weise, die höchste, der Begriff ist«.248 Diese Einteilung der Philosophie in drei Gestaltungen (bzw. Sphären) ist fürs Erste deswegen so interessant, weil durch sie deutlich wird, dass der Inhalt und Gegenstand der Philosophie nicht nur den Begriff des Begriffs, also nicht nur reine Begriffe, umfasst, sondern auch andere (nicht-reine) Begriffe einschließt. Fürs Zweite ist sie aber auch deshalb interessant, weil der Grund der Einteilung die absolute Idee selbst ist. Dies bedeutet mithin, dass die verschiedenen Disziplinen der Philosophie ihren Ursprung im Begriff der Idee und der absoluten Idee insbesondere haben müssen, wenn die Einteilung nicht äußerlich erfolgen soll, sondern stattdessen immanent, also aus einem allgemeinen Prinzip hervorgehen muss. Folglich muss die Voraussetzung der Andersheit, dass es für die Philosophie ›mehr‹ als nur die Logik qua Exposition des reinen Begriffs gibt, in ihrem eigenen Begriff bereits enthalten sein. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die sogenannte »Realphilosophie« nicht einfach nur eine Wiederholung dessen sein soll, was wir durch den Gang der Logik ohnehin bereits wissen.249 Prominent ausgesprochen wird der Gedanke der Andersheit, der nicht nur dem Gedanken der Idee überhaupt, sondern auch speziell dem Gedanken der absoluten Idee inhäriert, im 26. Absatz des Kapitels über die absolute Idee. Dieser für das Verständnis der Entwicklung der Logik in die Natur wichtige Absatz ist so konzipiert, dass im ersten Schritt noch einmal der Totalitäts- und Vollendungsgedanke der Logik akzentuiert wird: Die Logik ist zu dieser einfachen Einheit zurückgegangen, welche ihr Anfang ist; die reine Unmittelbarkeit des Seyns […] Aber es ist nun [in der absoluten Idee; G. O.] auch erfülltes Seyn, der sich begreiffende Begriff, das Seyn als die concrete, eben so schlechthin intensive Totalität.250 GW 12: 372 = TWA 6: 549. GW 12: 372 = TWA 6: 549. 249 Eine solcher Vorwurf findet sich immer wieder in der Literatur, z. B. beim Begriff des Lebens in: Di Giovanni, George: »More Comments on the Place of the Organic in Hegel’s Philosophy«. In: Hegel and the Sciences, hrsg. v. R. S. Cohen und M. W. Wartofsky, Dordrecht/ Boston/Lancaster 1984, 101 – 107. Auch scheint Bruno Haas eine Identifikationsstruktur zwischen der Logik und der Naturphilosophie anzunehmen, wenn er im Anschluss an seine Zitation der Anmerkung von § 276 der Enzyklopädie in der Fußnote resümiert: »D. h. die Begriffsbestimmung ist mit einer natürlichen Existenz zu identifizieren« (Haas:2003, 124). 250 GW 12: 399 = TWA 6: 572. 247

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Im zweiten Schritt, der mit dem ersten Gedankenstrich des 26. bzw. vorletzten Absatzes des letzten Kapitels der WdL einsetzt, beschreibt Hegel, wie sich die für die Systemgeschlossenheit stehende »intensive Totalität« nach außen hin öffnet, und nennt sogleich den Grund für diese Öffnung. Dieser besteht in dem Resultat, das die Logik aus sich selbst heraus hervorgebracht hat und dem Hegel eine Doppeldeutigkeit konzediert, deren zwei Momente formal im Text durch zwei Gedankenstriche kenntlich gemacht sind: Erstens ist mit dem Gedanken der absoluten Idee nicht nur irgendein Resultat der logischen Entwicklung erreicht, sondern das Resultat schlechthin, d. h. ein Ende, das ein definitives Resultat ist und mit dem die logische Wissenschaft als abgeschlossen gelten darf, weil sie nur noch auf sich als Totalität und – damit gleichbedeutend – auf die sie kon­ stituierende Methode reflektiert, die der reine Begriff ist, der sich wiederum im Gedanken der reinen Subjektivität niederschlägt. Zweitens offeriert diese operative Selbstanwendung der Logik einen bestimmten Begriff der logischen Wissenschaft, wie der viert- und drittletzte Satz des 26. Absatzes zu erkennen geben: Die absolute Idee ist demnach noch logisch, sie ist in den reinen Gedanken eingeschlossen, die Wissenschaft nur des göttlichen Begriffs. Die systematische Ausführung ist zwar selbst eine Realisation, aber innerhalb derselben Sphäre gehalten.251

Um zu verstehen, was Hegel mit dem Adjektiv »göttlich« in diesem Kontext meint, bedarf es nicht notwendigerweise einer ›theologisierenden‹ Interpretation, weil das Göttliche im Rahmen der absoluten Idee eindeutig genug vor dem Hintergrund des Wortfeldes »logisch« und »rein« definiert werden kann. Wie der reine Begriff, dessen systematische Exposition die Logik ist, ist der göttliche Begriff durch die Form der Selbstbestimmung gekennzeichnet, bei der das Anderssein nur als ein Gesetztsein eines Ersten und Ursprünglichen gilt, das eben deshalb wieder aufgehoben werden muss.252 Entscheidend für das Verständnis des letzten Gedankenschritts des 26. Absatzes ist weniger der Absolutheitssta251

GW 12: 399 = TWA 6: 572. Als Beleg für die These, dass das Göttliche im Kontext der absoluten Idee nur ein anderer Name für die Selbstentfaltung des Begriffs in der Logik ist und dass der »göttliche Begriff« synonym für den »reinen Begriff« steht, kann auch eine weitere, prominente(re) Textstelle herangezogen werden: »Die logische Idee ist sie selbst in ihrem reinen Wesen, wie sie in einfacher Identität in ihren Begriff eingeschlossen, und in das Scheinen in einer Formbestimmtheit noch nicht eingetreten ist. Die Logik stellt daher die Selbstbewegung der absoluten Idee nur als das ursprüngliche Wort dar, das eine Aeusserung ist, aber eine solche, die als Aeusseres unmittelbar wieder verschwunden ist, indem sie ist; die Idee ist also nur in dieser Selbstbestimmung, sich zu vernehmen, sie ist in dem reinen Gedanken, worin der Unterschied noch kein Andersseyn, sondern sich vollkommen durchsichtig ist und bleibt.« (GW 12: 372 f. = TWA 6: 467)

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tus des göttlichen respektive reinen Begriffs, sondern seine Einschränkung auf einen bestimmten Begriff innerhalb der Idee überhaupt. Hegels Rede von einer »intensive[n] Totalität« und seine Erläuterung, dass diese Totalität eine systematische Ausführung ist, bei der der reine Begriff »innerhalb derselben Sphäre gehalten [ist; G. O.]« – nämlich innerhalb der Sphäre des reinen Begriffs –, deuten bereits an, dass das definitive Resultat (Ende) der Logik einer Einschränkung unterliegt.253 Ausgehend von dem oben skizzierten ersten Argument kann antizipiert werden, worin diese Einschränkung bestehen muss: Sie besteht in der reinen Subjektivität, die eine notwendige Bedingung für das absolute Erkennen ist, das nur deshalb absolut sein kann, weil es die Methode, den reinen Begriff und seine Bestimmungen, zu seiner Form hat. Weil die absolute Idee immer noch Idee ist und weil der Idee die Differenz zwischen Subjektivität und Objektivität konstitutiv ist, bleibt auch hier noch eine Sphäre übrig, die die Form des absoluten Erkennens nur an sich hat. Auf diese Sphäre verweist der vorletzte Satz des 26. Absatzes expressis verbis. Hegel schreibt: Weil die reine Idee des Erkennens insofern in die Subjectivität eingeschlossen ist, ist sie Trieb, diese aufzuheben, und die reine Wahrheit wird als letztes Resultat auch der Anfang einer andern Sphäre und Wissenschaft

und fügt sogleich in einem letzten Satz hinzu: Dieser Uebergang bedarf hier nur noch angedeutet zu werden.254

Wie der Übergang im Detail zu denken ist, ist für den gegenwärtigen Kontext zweitrangig und wird erst im nächsten Kapitel diskutiert (vgl. Kapitel 5.). Entscheidend für das hier im Fokus stehende zweite Argument ist allein die Bekräftigung der Behauptung, dass im Kapitel über die absolute Idee die Objektivität erstens präsent bleibt und dass ihr zweitens eine Form der Andersheit noch zugesprochen werden muss. Liest man den vorletzten Satz des 26. Absatzes als Konditionalaussage, dann fungiert der Kausalsatz als Antezedenz, der Hauptsatz als Konsequenz. Hegels Aussage, dass die reine Idee des Erkennens in die Subjektivität eingeschlossen sei, ist nicht hypothetisch im Sinne einer bloßen Möglichkeit zu lesen, sondern ist auf dem Standpunkt der theoretischen Entwicklung der spekulativen Philosophie gesetzt. Vor diesem Hintergrund kann der oben zitierte vorletzte Satz des vorletzten Absatzes der WdL mithin wie folgt (in Re-Lektüre) gelesen werden: Die reine Idee des Erkennens ist in der Subjektivität eingeschlossen und eben deswegen der Trieb, diese Subjektivität aufzu253

GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 399 f. = TWA 6: 572

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heben. Dass die Aufhebung der reinen Idee zu einer »andern Sphäre und Wissenschaft« führt, ist ein klares Indiz dafür, dass die absolute Idee, wie sie von Hegel in der WdL präsentiert wird, ungeachtet ihrer Totalität eine intern gelagerte Spannung birgt, mithin eine Beschränkung aufweist, die aufgehoben werden muss. Diese Aufhebung ist aber nicht das Programm der Logik, sondern einer anderen philosophischen Wissenschaft vorbehalten, nämlich: der Wissenschaft der Natur und des Geistes. Im interpretatorischen Kontext der allgemeinen Definition der Idee, dass sie als absolutes Urteil zwei aufeinander bezogene Extreme – Subjektivität und Objektivität – hat, besagt diese erkenntnistheoretische Erweiterung, dass die reine und in der Subjektivität eingeschlossene Idee auf eine objektive Sphäre bezogen ist, in die sie selbst eingebettet ist und die es mit ihren eigenen Mitteln auf eine ganz spezifische, nicht mehr endliche Weise zu begreifen und zu erkennen gilt. Summa summarum sollten das erste und zweite Argument zum einen deutlich gemacht haben, dass der Gedanke der Aufhebung der Objektivität durch die Subjektivität in der absoluten Idee eine Differenz – und d. h. eine Andersheit – per se nicht ausschließt. Zum anderen sollte deutlich geworden sein, dass die Valenz der Subjektivität und Objektivität in der absoluten Idee eine andere geworden ist: Die Subjektivität erkennt absolut, indem sie die ihr noch gegenüberstehende Objektivität gemäß einer bestimmten Form und Methode denkt, nämlich gemäß den in der gesamten Logik entwickelten reinen Begriffen. Beide Argumente hatten zum Ziel, die zweite Lesart der Behauptung Hegels, dass der vernünftige Begriff »für sich Allgemeinheit und Erkennen ist und in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«255, zu stützen. Die erste Lesart interpretiert die Phrase »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande« im naheliegenden Sinn, dass das »Ander[e]« kein dem Subjekt gegenüberstehendes Objektives ist, sondern die Subjektivität in ihrer begrifflichen Allgemeinheit, die der reine Begriff und seine Exposition innerhalb der Logik selbst ist. Ausgehend von vier ausgewählten, für das Verständnis der absoluten Idee nicht unwesentlichen Textstellen wurde versucht nachzuweisen, dass diese Interpretation naheliegt (vgl. Kapitel 3.1). Aber die Phrase »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande« ist ambig und kann auch auf eine andere Weise interpretiert werden, die sich ebenso sehr auf textuelle Evidenz und werkimmanente Argumente stützen kann. Für die zweite Lesart gilt, dass das »Ander[e]« eine Objektivität ist, die dem absoluten Erkennen des Subjekts noch gegenübersteht. Vor diesem Hintergrund muss die Phrase »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande« wie folgt gelesen werden: Für das subjektive Erkennen gibt es ein Anderes, das vernünftig genau dann erkannt werden kann, wenn das erkennende Subjekt dieses Andere gemäß »sei255

GW 12: 372 = TWA 6: 549.

Hegel-Studien



Subjektivität und Objektivität

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ne[r] eigene[n] Objectivität« denkt, d. h.: gemäß den reinen, in der logischen Exposition entwickelten Begriffen. Mit anderen Worten: Im absoluten Erkennen hat das Subjekt ein Anderes, auf das es sich begrifflich bezieht. In diesem Anderen ›sieht‹ das absolut erkennende Subjekt aber keine Objektivität, die von ihm nicht erkannt werden könnte, weil jede Objektivität, insofern sie erkannt werden kann, unter den Bedingungen der Subjektivität stehen muss. Die objektiven und notwendigen Bedingungen für das Erkennen weiß das erkennende Subjekt in der absoluten Idee, sobald es sich an seinen eigenen Begriff ›erinnert‹ hat bzw. sich über ihn ›bewusst‹ geworden ist. Dieser Begriff ist aber nichts anderes als die Logik bzw. die gesamte logische Wissenschaft, die alle reinen Begriffe, unter denen das Erkennen überhaupt steht, enthält. So betrachtet ergibt sich für den weiteren Verlauf des Denkens ein neues Desiderat, das durch die Logik vorbereitet wird, das aber das Erkennen bzw. Begreifen zugleich über seine reine Begrifflichkeit hinausweist.256 Das Desiderat besteht in der Forderung, die Objektivität auf eine bestimmte Weise zu begreifen, die sich von dem endlichen Erkennen bzw. Begreifen abhebt. In dem theoretischen Erkennen257 wird die Objektivität nämlich nicht gemäß den in der Logik entwickelten reinen Begriffen gedacht, sondern sie wird nur anhand einzelner Merkmale definiert und gemäß einem Dasein und seinen äußerlichen Eigenschaften eingeteilt. Das Ziel eines solchen Erkennens ist es, Lehrsätze aufzustellen, die als zweite oder reelle Definitionen dem Gegenstand aufs Bestimmteste entsprechen sollen und die dem Erkennen als Obersätze dienen können. Der Lehrsatz hat aber – wie Hegel im Kapitel über die Idee des (endlichen) Erkennens immer wieder betont hat – nur subjektive Gültigkeit, weil erstens das Material äußerlich herbeigeschafft werden muss und weil zweitens die Konstruktion und der Beweis nicht im Material selbst enthalten sind bzw. dem Material nicht unmittelbar entnommen werden können. Wird das endliche Erkennen dem absoluten Erkennen gegenübergestellt, zeigt sich, dass die erkenntnistheoretische Einstellung des absoluten Subjekts sich gegenüber dem zu begreifenden Objektiven kategorisch vom endlichen Subjekt unterscheidet: Einerseits sind die Begriffe, die dem Erkennen zugrunde liegen, durch die Entwicklung der gesamten Logik bereits gegeben. Andererseits ist Nuzzo drückt das so aus: »Daß der Anfang der in einer bestimmten systematischen Sphäre stattfindenden realphilosophischen Dialektik bemerkt werden, daß der zu realisierende Begriff hier immer ein ›Begriff von etwas‹ – nämlich von einem bestimmten Gegenstande oder vielmehr von einem bestimmten Gegenstandsbereich ist. Indem dieses ›Etwas‹ als am Anfang gegeben gilt, besteht nun das methodische Fortschreiten darin, daß das gegebene Objekt vom Denken gemacht wird. […] Die Realisierung oder Entwicklung des Begriffs in einer bestimmten realen Sphäre schließt also zwei verschiedene ›Reihen‹ von Bestimmungen in sich zusammen. Die dem Gegenstande entsprechende Idee wird erst dann erreicht, wenn diese beiden Reihen in der vollständigen, zirkulären Form der Sphäre zusammengeschlossen werden.« (Nuzzo:1997, 68) 257 Vgl. Kapitel 1.2.1. 256

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Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems

die ›Konstruktion‹ der Objektivität gemäß diesen reinen Begriffen dem subjektiven Erkennen keine äußerliche ›Zutat‹ mehr, weil zum einen der Begriff durch den logischen Verlauf selbst schon vorhanden und seine Objektivität bereits erwiesen worden ist und weil zum anderen – anders als beim endlichen Erkennen – nicht mehr die Objektivität das Korrektiv des Erkennens ist, sondern der Begriff selbst. Beide Lesarten der absoluten Idee sollten deutlich gemacht haben, dass der Text eine Ambiguität birgt, die zu verstehen eine conditio sine qua non nicht nur für die Logik, sondern insbesondere für ihren Fortgang in die Natur ist. Die zwei Lesarten schließen sich wechselseitig nicht aus, sondern beide spielen für alle philosophischen Wissenschaften, wozu die Logik, die Natur und der Geist gehören, eine herausragende Rolle. Insbesondere die zweite Lesart zeigt an, wie die Logik trotz ihres Totalitätsgedankens und ihres Anspruchs auf Vollendung und Abgeschlossenheit als ein Anfang für andere philosophische Wissenschaften, nämlich die Natur- und Geistphilosophie, fungieren kann.258

258

Es ist bezeichnend für Vertreterinnen und Vertreter der sogenannten »ontologischen« oder »objektiv-idealistischen Lesart« der Logik, dass sie das Verhältnis der begreifenden Subjektivität und Objektivität bereits am Anfang für ausgemacht erachten. Wie aber das Verhältnis von Begriff und Sein zu verstehen ist, kann zufolge der eigenen Untersuchung – und nicht zufolge der Logik qua Theorie der Voraussetzungslosigkeit – nicht schon am Anfang – z. B. durch Rekurs auf die einleitenden Passagen oder Hegels äußerliche Reflexionen – entschieden werden, sondern muss sich allem voran in der Darstellung dieser Wissenschaft selbst zeigen. In welchem Sinn Hegels Philosophie als eine Ontologie interpretiert werden kann, zeigt sich also nicht zuletzt in der Beantwortung der Frage des Übergangsproblems und dem Verhältnis von Offenheit und Geschlossenheit des logischen Systems. Zu Vertreterinnen und Vertretern der ontologischen Lesart der Logik, die darüber hinaus die Logik als eine Theorie der Voraussetzungslosigkeit lesen, gehören v. a. Houlgate, Horstmann und in jüngster Zeit Martin. (Vgl. Houlgate:2006; Horstmann:1990; Martin:2012.) Wandschneider und Hösle vertreten bekanntermaßen einen objektiven Idealismus, der ganz entschieden ontologische Verpflichtungen eingeht. Vgl. in diesem Kontext Wandschneiders Aussage: »Wesentlich für Hegels Position ist, mit anderen Worten, daß sie das Logische als ontologisch fundamental betrachtet, d. h. als Grundprinzip allen Seins. Das Logische liegt danach nicht nur dem Denken, sondern auch der Natur zugrunde.« (Wandschneider, Dieter: Wandschneider:1995, 14). Zur generellen Kritik an der ontologischen Lesart vgl. einschlägig Fuldas Monismus der Idee in: Fulda, Hans Friedrich: »Ontologie nach Kant und Hegel«. In: Revue Internationale de Philosophie 53 (1999), 465 – 483.

5. Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur

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ber den spekulativen Übergang der in der Subjektivität eingeschlossenen reinen Idee des Erkennens in eine andere Sphäre schreibt Hegel im letzten Satz des vorletzten, 26. Absatzes des Kapitels Die absolute Idee, dass dieser »hier nur noch angedeutet zu werden [bedarf; G. O. ]«.259 Dementsprechend kurz sind seine Anmerkungen diesen Übergang betreffend. Der letzte, 27. Absatz des Kapitels über die absolute Idee kann in zwei Teile eingeteilt werden, die Hegel im Text durch einen Gedankenstrich kenntlich macht: In der ersten Hälfte erläutert Hegel in wenigen Sätzen, wie die weitere Entwicklung der Idee grosso modo zu denken ist, und nimmt dabei Abgrenzungen zu anderen Begriffen vor, wie sie in den vorhergehenden Kapiteln gedacht wurden, um auf diese Weise das Fortschreiten der Logik in die Natur von anderen Formen des Fortschreitens innerhalb der Logik zu unterscheiden. In dem Kapitel über die absolute Idee kehrt das Ende der Logik wieder an den Anfang, die »Unmittelbarkeit des Seyns«, zurück, setzt sich »als die absolute Einheit des reinen Begriffs und seiner Realität« und ist »als die Totalität in dieser Form, – Natur«.260 Diesen Fortgang, in dem sich die philosophische Wissenschaft um den Begriff der Natur erweitert, unterscheidet Hegel vom »Gewordenseyn und Uebergang, wie […] der subjective Begriff in seiner Totalität zur Objectivität, auch der subjective Zweck zum Leben wird«.261 Wenn Hegel den Fortgang der reinen und logischen Idee zur Natur erläutert, so spricht er zwar auch vom »Übergang«, wie der letzte Satz des vorletzten Absatzes expressis verbis ausdrückt. Aber dieser Übergang ist kein Übergang im engen Sinn, wie er bspw. im Kontext der Seinslogik als terminus technicus verwendet wird, sondern hat nunmehr eine weitere Bedeutung: »Das Uebergehen ist also hier [im Kontext der Idee; G. O.] vielmehr so zu fassen, daß die Idee sich selbst frey entläßt, ihrer absolut sicher und in sich ruhend.«262 Diesen Unterschied zu bedenken, wird für die eigenen Analysen und Erläuterungen dieses Kapitels äußerst wichtig sein, weil sich mit dieser Form des spekulativen Übergangs die Frage stellt, ob die Fortbestimmung der absoluten Idee aus ihrem Begriff folgt, also immanent ist, oder ob es für sie einer extrinsischen Motivation bedarf. 261 262 259

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GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573.

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In der zweiten Hälfte des letzten Absatzes des WdL, der mit dem Gedankenstrich eingeleitet wird, antizipiert Hegel die Weiterentwicklung der absoluten Idee in der Natur und im Geist in extrem komprimierter Form. Ihr Ausgangspunkt ist das »Verhältnis des göttlichen Erkennens zur Natur«.263 Die reine Idee wird sich in der Natur objektiv und entschließt sich, »sich als äusserliche Idee zu bestimmen«264, wodurch die reine Idee in einen Prozess der Vermittlung eintritt. Das ›Werden‹ der reinen Idee besteht darin, dass der Begriff, welcher ihr Wesen und ihre Substanz ausmacht, »als freye aus der Aeusserlichkeit in sich gegangene Existenz emporhebt«265. Kurz: Der Begriff der reinen Idee ist in der Natur nur an sich vorhanden, soll aber in der Fortbestimmung der äußerlichen Natur eine eigene Existenz bzw. ein Fürsichsein gewinnen. Wenn die grund­legende Eigenschaft der reinen Idee die Freiheit ist und wenn die äußerliche Idee deswegen äußerlich ist, weil die reine Idee in ihr präsent, aber nicht frei ist, so besteht ihr Fortgang in ihrer »Befreyung«266 von eben dieser Äußerlichkeit und die Hervorhebung des Ideellen. Die Befreiung der reinen Idee von der Äußerlichkeit der äußerlichen Idee ist das Setzen oder ›Wiederfinden‹ von jener in dieser. Diese Transformation der äußerlichen Idee durchläuft mehrere Stufen, die Hegel im letzten Satz der WdL in äußerst gedrängter Form zusammenfasst: Die Stufen der Befreiung sind einerseits Hegels Gedanke zur Natur, den Hegel in der ersten Hälfte des letzten Absatzes der WdL (vor dem Gedankenstrich) bereits erwähnt, und andererseits sein Gedanke zum Geist, mit dem die WdL endet. Im Geist, und zwar an seinem Ende, vollendet sich die absolute Idee und findet »den höchsten Begriff«, nämlich den »sich begreiffenden reinen Begriff[]«.267 Weil der reine Begriff Inhalt und Gegenstand der Logik ist, schließt sich die Logik auch im realphilosophischen Fortgang zu einem Kreis zusammen, bei dem sie nicht nur den Anfang der philosophischen Wissenschaften bildet, sondern auch deren Ende, das den Fortgang durch andere philosophische Wissenschaften – die Wissenschaft der Natur und des Geistes – zu seiner notwendigen Bedingung hat. Der Gedankengang, wie er im letzten Absatz der WdL von Hegel geschildert wird, scheint prima facie intrikat und in mehreren Hinsichten problematisch zu sein, zumal er für die allermeisten Lesenden mehr Fragen aufwirft als beantwortet und zur Erhellung der ohnehin schon schwer verständlichen Logik wenig beizutragen scheint. Äußerlich betrachtet mag dies in dem Umstand begründet liegen, dass Hegel den Übergang der reinen Idee des Erkennens in »eine[] ander[e] Sphäre und Wissenschaft«268 nur andeutet, sodass mit Blick auf 265 266 267 268 263

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GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573.

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die Interpretation die Vermutung naheliegt, dass eine ausführliche(re) Erläuterung oder Erklärung des Übergangs noch aussteht und an geeigneter Stelle von Hegel selbst nachgereicht wird. Unabhängig von methodischen Problemen, die eine solche Vermutung nach sich zieht, gibt es de facto keine nennenswerte Textevidenz, die unmissverständlich einsichtig machen kann, wie dass Übergangsproblem zu interpretieren und aufzulösen ist. So betrachtet ist und bleibt das Übergangsproblem eine interpretatorische Herausforderung, die um eine systematische Antwort nicht umhinkommt.269 Die erste und wohl einfachste Möglichkeit, Probleme und Fragen, die den Übergang betreffen, zu klären, ist den empfundenen Mangel an Erläuterungen und Begründungen entweder als Indiz für das Scheitern und die Unmöglichkeit des spekulativen Übergangs der Logik in die Natur anzusehen oder als Beleg für die These, dass der Übergang immer schon vollzogen worden ist. In beiden Fällen wird von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Übergangsproblem (bis zur Verneinung) Abstand genommen.270 Eine Rekonstruktion des Übergangs ausgehend von Kritikern zu Hegels Lebzeiten hat Bernd Burkhardt in seiner Monografie Hegels »Wissenschaft der Logik« im Spannungsfeld der Kritik vorgelegt. Dazu gehören z. B. die Kritik von Schelling, Weiße, (Immanuel Hermann) Fichte, Herbart, Fries, Schubarths Carganicos u. v. m. (Vgl. Burkhardt, Bernd: Hegels »Wissenschaft der Logik« im Spannungsfeld der Kritik. Zürich/New York 1993.) Die Systematik dieser Rekonstruktion orientiert sich allerdings sehr stark am historischen Kontext und den dort vorgebrachten Argumenten, die positiv aufgelistet werden und so über ein Dutzend reichen. Für eine strengere systematische Rekonstruktion und Kritik des Übergangs der Logik in die Natur, wie sie hier vorgelegt wird, bedarf es keiner detaillierten historischen Aufarbeitung, sondern lediglich Hegels eigener philosophischer Position, die schlussendlich im Urteil von logischer und äußerlicher Idee begründet liegt und der eine geeignete Fragestellung entnommen werden kann. Die Grundfrage lautet: Wie kann der Übergang der Logik in die Natur immanent begründet werden? Vor dem Hintergrund dieser Frage ergeben sich mathematisch vier Möglichkeiten: 1) Es gibt dieses Urteil nicht. 2) Das Urteil ist vollständig und der Übergang ist logisch motiviert. 3) Das Urteil ist vollständig und der Übergang ist von der Natur bzw. der Realphilosophie motiviert. 4) Das Urteil ist unvollständig und es gibt noch ein Drittes, das den Übergang motiviert. Die erste Möglichkeit schließt den Übergang von vornherein aus, ohne ihn zu diskutieren. Die dritte und vierte Möglichkeit begründen den Übergang außerlogisch, die zweite innerlogisch. Die erste Möglichkeit ist philosophisch, philosophiehistorisch und nicht zuletzt exegetisch uninteressant. Die letzte Möglichkeit ist eine Erweiterung der dritten Möglichkeit, die letztlich für das Scheitern einer immanenten Begründung des Übergangs plädiert und die auf eine Verlegenheitslösung hinausläuft, die aus dem Scheitern der zweiten und dritten Möglichkeit resultiert. Systematisch, philosophisch, philosophiehistorisch und exegetisch am interessantesten sind die Möglichkeiten zwei und drei. Wenn die Auflösung der Übergangsproblematik sich für die hegelsche Philosophie immanent aus einer der beiden Alternativen ergeben kann, dann ist für die Streitfrage, wie die Logik in die Natur übergeht und welche systematischen Auswirkungen dieser Übergang für Hegels Realphilosophie hat, viel gewonnen. 270 Mit Blick auf Wandschneiders Interpretation bleibt oft unklar, wie dieser sich zu der Über269

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Wird nun die werk- und systemimmanente Interpretation des Übergangs der reinen Idee in die Natur zur conditio sine qua non eines misslingenden oder gelingenden Rekonstruktionsversuchs der Logik oder gar der gesamten hegelschen Philosophie erklärt,271 ergibt sich eine zweite Möglichkeit der Interpretation des spekulativen Übergangs der Logik in die Natur. Anders als die erste Interpreta­ tionsmöglichkeit anerkennt die zweite das Übergangsproblem als Problem an und argumentiert hauptsächlich auf Basis solcher Argumente, die der WdL selbst – nicht zuletzt im Sinn eines close readings – entnommen werden können. In jedem Fall hat sie es aber mit der Frage zu tun, ob der Fortgang der Logik (logische Idee) in die Natur (äußerliche Idee), wie er in den letzten beiden Absätzen der WdL gedacht wird, logisch begründet ist oder ob er einen nicht- bzw. außerlogischen Grund hat. Die erste Alternative denkt den (spekulativen) Übergang als innerlogisch und akzentuiert dabei das immanente Fortschreiten innerhalb der WdL. Die zweite Alternative, die als dritte Möglichkeit der Interpretation des Übergangs der Logik in die Natur gezählt werden kann, setzt auf eine systemorientierte Interpretation und betont dabei den nicht- bzw. außerlogischen Aspekt des Übergangs in Form der Natur- und Geistphilosophie. Beide Interpretationsmöglichkeiten können ein positives und negatives Resultat haben. Positiv fällt die auf die innerlogische Begründung setzende zweite Interpretationsmöglichkeit aus, wenn der Übergang der Logik in die Natur zufriedenstellend aus den in der Logik gesetzten Prämissen geschlussfolgert werden kann. Negativ fällt sie aus, wenn dies nicht gelingt.272 Eben hier knüpft die auf die nicht- bzw. außerlogische Begründung setzende dritte Interpretationsmöglichkeit an: Lässt sich der Übergang lediglich auf Basis des Fortgangs der Philosophie durch ihre »verschiedenen Gestaltungen«273, zu denen die Philosophie der Natur und des Geistes gehören, erweisen, fällt diese (dritte) Interpretationsmöglichkeit positiv aus. Negativ fällt sie aus, wenn diese Begründung für die Auflösung der Übergangsfrage verhält. Klarerweise konzediert er die Tatsache, dass Hegel sich diese Frage stellt. Aber das Problem verschwindet unmittelbar, wenn er ad hoc behauptet, dass es »nichts geben [kann; G. O.], das der Logik nicht untersteht, das sich logischer Faßbarkeit also prinzipiell entzieht. In diesem Sinne, das ist die unausweichliche Konsequenz, ist die Logik universal« (Wandschneider:1985, 335). Wandschneiders Verdienst liegt weniger in der Rekonstruktion des Übergangsproblems auf textuell abgesicherter Basis als vielmehr darin, externe Argumente für den Erfolg des Übergangs vorzubringen. Textuell nicht nachzuvollziehen ist seine Interpretation allein schon deshalb, weil er bspw. zwischen der logischen und absoluten Idee nicht hinreichend genug unterscheidet und weil der Begriff der Subjektivität (bzw. der subjektiven Idee) bei ihm oft genug keine entscheidende Rolle spielt. 271 Dies ist einer der drei Hauptangriffspunkte von Schelling gegen die hegelsche Philosophie. Vgl. hierzu Schellings Zusammenfassung des Grunddilemmas des Übergangsproblems in: SW I, 10: 146 f. 272 Vgl. z. B. Schicks Kritik in: Schick:1994, 267 ff. 273 Vgl. 2. Absatz des Kapitels Die absolute Idee, GW 12: 372 = TWA 6: 548 f.

Hegel-Studien



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gangsproblematik und den mit ihr korrelierenden Systemgedanken nicht ausreicht. Zu guter Letzt gibt es noch eine letzte und vierte Möglichkeit der Interpretation des Übergangs der Logik in die Natur, die die Übergangsproblematik zwar anerkennt, die aber der Auflösung dieser Problematik und ihren Interpreta­ tionsdesidaraten so begegnet, dass sie diese durch andere – z. T. dezidiert nichtspekulative Theorien  – zu schließen versucht und dabei oft genug auf philosophiegeschichtliche oder »rational-theologische«274 Positionen zurückgreift. So kann der spekulative Übergang seinen Erklärungs- und Begründungsversuch im Verweis auf die (von Hegel selbst z. T. oft vorgetragene) vorkritische, empi­ rische, kritische und transzendental-idealistische Philosophie oder im Hinweis auf das natürliche Bewusstsein gesucht werden, dass es faktisch auch andere Phänomene und Wissensformen und -inhalte gibt, die entweder Gegenstand anderer Wissenschaften sind oder sein können und zu denen sich die logische Wissenschaft spekulativer Prägung immer dann ins Verhältnis setzen lassen muss, wenn sie einen Absolutheitsanspruch für sich reklamiert.275 Für den eignen Interpretationsansatz sind die erste und vierte Möglichkeit wenig attraktiv. Erstens sehen sich solche Interpretationsansätze der offenkundigen Schwierigkeit ausgesetzt, dass sie textuell auf wackeligen Füßen stehen und auf Quellen oder Theorien zurückgreifen, die ihre Rechtfertigung nicht in der WdL allein haben (oder sie zumindest durch teilweise arbiträre Konstruktionen umständlich suchen müssen) und die deshalb ebenso sehr interpretationsbedürftig sind. Zweitens stellen die aus den vorhergehenden Kapiteln herausgearbeiteten Resultate genug Ressourcen für einen inner- oder außerlogischen und Eine solche Position wird von Ludwig Siep erwähnt: »Die ›rational-theologisierende‹ [Deutung; G. O.] betrachtet die Rede vom Entschluss und vom Sich-Entlassen als Entmythologisierung von Schöpfungsvorstellungen bzw. ihre Aufhebung in den Begriff.« (Siep, Ludwig: »Die Lehre vom Begriff: Dritter Abschnitt. Die Idee«. In: Kommentar zu Hegels Wissenschaft der Logik, hrsg. v. M. Quante und N. Mooren unter Mitarbeit von Thomas Meyer und Tanja Uekötter. Hamburg 2018 (= Hegel-Studien-Beiheft 67), 651 – 797, 766.) Die Interpretation baut selbstredend auf Schelling auf. Vgl. hierzu: SW I,10: 159 f. 275 Prominent ist hier die Interpretation von Hösle: Hösle sieht den Übergang dadurch motiviert, dass der Gedanke der Intersubjektivität von Hegel im Rahmen der Logik nicht eigens diskutiert wurde und so zumindest einen Mangel der Logik ausspricht, den es im weiteren Verlauf und mit dem Übergang in die Realphilosophie zu korrigieren gilt, wenn die spekulative Philosophie ihren Anspruch, das Absolute zu begreifen, einlösen will. Vgl. Hösle:1988, 263 – 277. Auch denkt Braßel den Übergang im Sinne der vierten Möglichkeit, die Resultat des Scheiterns des inner- und außerlogischen Rekonstruktionsversuchs ist, die aber die Übergangsproblematik anerkennt und die das Vermittlungsproblem von Logik und Realphilosophie anders als Hegel begreift und aufzulösen unternimmt. Vgl. Braßel, Bernd: »Das Verhältnis von Logik und Natur bei Hegel«. In: Sich in Freiheit entlassen. Natur und Idee bei Hegel, hrsg. v. Helmut Schneider. Frankfurt a. M 2004 (= Hegeliana 17), 87 – 107. 274

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werk- oder systemimmanent begründbaren Rekonstruktionsversuch des spekulativen Übergangs in eine andere Sphäre bereit. Drittens müssen die in dieser Untersuchung nicht-favorisierten Möglichkeiten mit einem werk- und systemimmanenten und sich der Methode und dem System anschließenden Rekon­ struktionsversuch des Übergangs in jedem Fall kompatibel sein und ihn zum Korrektiv haben. Die in diesem Kapitel zu bekräftigende These orientiert sich an der oben vorgestellten zweiten Möglichkeit in ihrer positiven Wendung. In diesem Sinne ist der dem Rekonstruktionsversuch des Übergangs zugrunde gelegte interpretatorische Maßstab nicht nur konservativ, sparsam und unprätentiös gewählt, sondern erweist sich gegenüber Hegels eigener Forderungen an die Ausarbeitung einer spekulativen Theorie methodisch und systematisch kompatibel. Im Hinblick auf die hier favorisierte Interpretationsalternative soll argumentiert werden, dass der spekulative Übergang der Logik in die Natur 1. keiner außerlogischen Rechtfertigung bedarf, 2. in der Exposition der absoluten Idee bereits von Anfang an mitgedacht wird und folglich 3. innerlogisch motiviert und begründet ist. 5.1 Probleme der inner- und außerlogischen Interpretation des Übergangs der logischen Idee in die Natur Die hier zu erweisende und paradox erscheinende These, dass der spekulative Übergang der logischen Idee in eine andere und ipso facto nicht- bzw. außer­ logische Sphäre (Natur als äußerliche Idee) innerlogisch motiviert und begründet ist, muss sich vor dem Hintergrund mindestens zweier sachlich naheliegender Probleme rechtfertigen lassen: Sie muss erstens die Frage beantworten können, wie es überhaupt der Fall sein kann, dass sich die logische Idee (Logik) frei entlässt, wenn diese doch laut Hegels eigenen Angaben dadurch definiert ist, dass »sie alle Bestimmtheit in sich enthält«276. Zweitens muss sie Rechenschaft darüber ablegen, warum der spekulative Übergang innerhalb der Logik vollzogen wird und keiner extrinsischen Motivation als Begründung bedarf. Beide Probleme, die sich bei der Erklärung und Begründung des spekulativen Übergangs nicht nur im Hinblick auf die der Übersicht wegen vorweggenommene These, sondern auch im Hinblick auf das Verständnis der Logik insgesamt ergeben, sind sachlich begründet, nicht trivial und bedürfen einer ausführlichen Diskussion. Sie lassen sich auf ein allgemeines Problem der Interpretation des Übergangs zurückführen: die Frage nach der Vollendungsthese und mit ihr der 276

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Hegel-Studien



Probleme der Interpretation des Übergangs der logischen Idee in die Natur

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Frage nach Offenheit und Geschlossenheit der logischen Wissenschaft als einem System von reinen Begriffen oder Gedankenbestimmungen. In Kapitel 3.3 wurde für die moderate Lesart argumentiert, die besagt, dass die Logik qua logisches System trotz ihrer geschlossenen Form offen für moderate Veränderungen nach innen ist und sich einer strukturellen Koppelung nach außen per se nicht verschließen muss. Geschlossen ist die Logik, weil der logische Fortgang mit dem Erreichen der logischen Idee zu einem Ende gekommen ist, das deswegen ein Ende ist, weil der subjektive Begriff, der in der Idee das eine Extrem der Idee ausmacht, sich selbst objektiv, also ein reiner Begriff geworden ist, der seine Realität nicht mehr in einer vorgefundenen Äußerlichkeit zu suchen braucht, sondern sie als reine Selbstbeziehung immer schon an sich hat. Kurzum: Im Gedanken der logischen Idee wird sich die ganze Logik objektiv, womit das Ende der Logik in ihren Anfang zurückkehrt und einen Kreis beschließt. Dass die Logik dabei immer noch Platz für Offenheit lässt, hat einerseits mit ihrer Form, nämlich der Methode, andererseits mit der Art und Weise ihrer Darstellung zu tun. Zum Letzteren gehört erstens die Art und Weise, wie der Inhalt der WdL der Leserschaft äußerlich präsentiert wird, und zweitens die Möglichkeit, im Rückgriff auf die Methode feinere und subtilere Begriffsunterscheidungen vorzunehmen und neue reine Begriffe zu entdecken, die als solche der WdL immer noch inkorporiert werden können, weil sie zur spekulativ-logischen Wissenschaft gehören. Der Totalitäts- und Vollendungsgedanke der Logik schließt folgerichtig den Gedanken aus, dass es sich bei den in der WdL von Hegel herausgearbeiteten reinen Begriffen um eine quantitative Vollständigkeit handelt. Drittens weist der Bedeutungsunterschied zwischen der absoluten und logischen Idee darauf hin, dass die Logik im systematischen Aufbau der spekulativen Philosophie sich zunächst einmal auf ein Extrem beschränkt. Dies hat für sie notgedrungen die Konsequenz, dass ihr ein anderes Extrem gegenübersteht, dessen Vermittlung aussteht. Folgt man der moderaten Lesart der WdL, für die oben bereits argumentiert wurde und für die weiterhin plädiert wird, so scheint sie aufgrund ihrer geschlossenen Form zunächst gegen die These eines innerlogischen und für die These eines nicht- bzw. außerlogischen Übergangs der Logik in die Natur zu sprechen. Denn die innerlogische Interpretation des Übergangs scheint die Logik nach allen Seiten zu öffnen. Damit drohte sie aber Gefahr zu laufen, der Logik ihr Grundcharakteristikum der Vollendung aberkennen zu müssen und sich in ein interpretatorisches Dilemma zu manövrieren. Behielte sie nämlich ihren Status auf Vollendung bei, schiene der Übergang in eine andere Sphäre nicht mehr innerlogisch begründet werden zu können. Gäbe sie hingegen ihren Vollendungsanspruch Preis, könnte der Übergang zwar als innerlogisch bezeichnet werden. Auf ihn folgte aber die unangenehme Konsequenz, dass die systematisch sich ihr anschließende Philosophie der Natur und des Geistes als Wie-

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derholung oder Erweiterung der Logik angesehen werden müsste. Selbst unter Vorbehalt der Preisgabe des Vollendungsanspruchs der Logik hieße das, dass es bei Hegel keinen echten Übergang gäbe, dass alle Philosophie Logik wäre und dass es im Endeffekt keine nicht-reinen Begriffe sui generis geben könnte, weil alle Begriffe durch Rückführung auf reine Begriffe zu erklären wären. Weil keine dieser Interpretationsmöglichkeiten textuell und philosophisch tragbar ist, scheint sich die entgegensetzte und oben als dritte gezählte Interpretationsmöglichkeit anzubieten: den Fortgang der logischen Idee in der Natur als außerlogisch zu interpretieren. Die den spekulativen Über- und Fortgang als außerlogisch deutende Interpretation erscheint prima vista eine aussichtsreiche Kandidatin für die Beantwortung der Frage des Übergangs zu sein, weil sie den Fallstrick der inner­logischen Interpretation zu vermeiden scheint. Dieser besteht beim innerlogischen Lösungsvorschlag der Übergangsproblematik im soeben skizzierten Dilemma, dass jeder Fortgang der logischen Idee in der Natur entweder ihren Voll­endungsanspruch aufhebt oder redundant ist. Der Vollendungsanspruch scheint also genau dann aufrecht erhalten werden zu können, wenn die Logik in ihrer Operativität von Anfang an beschränkt wird und eine von anderen Sphären wohl unterschiedene eigene Sphäre markiert, deren Überschreitung nicht zur Verneinung ihres Vollendungsanspruchs oder zur Redundanz führt. In diesem Sinne erwächst die außerlogische Interpretation des Übergangs aus der Problemanalyse des innerlogischen Interpretationsversuchs: Die Überschreitung der logischen Sphäre in eine nicht-rein-logische Sphäre sichert jener Sphäre ihren Vollendungsstatus und grenzt das logische Begreifen von anderen Formen des Begreifens ab. Eine so konzipierte Form der Beschränkung der logischen Idee ist erstens kompatibel mit der moderaten Lesart und führt zweitens nicht zwangsweise zu einem Selbstwiderspruch ihres Vollendungsgedankens. Im Hinblick auf die moderate Lesart gilt nämlich, dass die Logik nach außen hin als geschlossen und nach innen als offen zu interpretieren ist. Was den Vollendungsanspruch der Logik betrifft, so löst erst ihre abgeschlossene Form ihn ein, sobald es innerhalb der logischen Entwicklung einen bestimmten Begriff gibt, der trotz seiner Begrenztheit dem Anspruch auf Vollendung Rechnung tragen kann. Die Methode in Form eines subjektiven Begreifens spekulativen Typs scheint deswegen die geeignete Begriffskandidatin zu sein, um die Problematik zwischen Begrenzung und Vollendung der Logik aufzulösen, weil mit ihr als einem einzelnen Moment der logischen Entwicklung auf die gesamte Logik ›reflektiert‹ wird, wodurch das Ende der Logik mit dem Anfang derselben zusammenfällt. So betrachtet ist die Beschränkung der Logik selbstmotiviert und ihr intrinsisch, beschränkt sich die Logik doch von sich selbst her und entspricht damit ihren eigenen Prinzipien, zu denen das mehrfach erwähnte Immanenz-, Linearitäts-, Aufhebungs-, Erweiterungs-, Totali-

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täts- und Vollendungsprinzip und das Prinzip der Voraussetzungslosigkeit gehören. Vor dem Hintergrund des Vollendungsgedankens, den Hegel im Hinblick auf die Logik als »intensive Totalität«277 umschreibt, muss Hegels Aussage, dass die absolute Idee »alle Wahrheit« ist und »alle Bestimmtheit in sich enthält«278, mit Blick auf die Logik eingeschränkt werden: Wenn Hegel von »alle Wahrheit« und »alle Bestimmtheit« spricht, so muss das keineswegs bedeuten, dass es nichts als logische Wahrheiten geben kann. Im Hinblick auf die ›intensive‹ Totalität lässt sich der Allquantor auch so interpretieren, dass er lediglich alle in der Logik (bisher) entwickelten Begriffe und eo ipso die Logik selbst einschließt. Dass diese Deutung plausibel ist, wurde oben bereits besprochen. Ferner schreibt Hegel dezidiert, dass zum ›Geschäft‹ der Philosophie auch die Philosophie der Natur und des Geistes zu zählen sind, die als besondere philosophische Wissenschaften das »Daseyn« der absoluten Idee, nicht aber diese selbst in Reinform zum Inhalt und Gegenstand ihres Denkens und Begreifens haben.279 Es ist also zu erwarten, dass es andere Begriffe als nur logische geben wird. Zum anderen erlaubt die Einschränkung des Allquantors auf die reinen Begriffsbestimmungen, den Übergang in »eine[] ander[e] Sphäre und Wissenschaft«280 zu erklären, ohne dabei Gefahr zu laufen, den anderen philosophischen Wissenschaften ihr Eigenständigkeitsrecht abzusprechen und sie der Logik zu vindizieren. So betrachtet scheint die logische Geschlossenheit die außerlogische Interpretation des Übergangs der Logik in die Natur zu favorisieren. Die Vorteile des außerlogischen Interpretationsversuchs des Übergangs, die mithin die äußere Geschlossenheit der Logik stark machen, liegen auf der Hand: Trotz oder gerade wegen ihrer Begrenzung garantiert diese Deutung erstens den Vollendungsanspruch der Logik und kann zweitens die hinter dem Übergang der logischen Idee in die Natur steckende Motivation immanent erklären, weil sich die Logik aus sich selbst heraus zu begrenzen vermag und dabei Platz für andere Wissenschaften schafft. Drittens bietet diese Interpretation zugleich eine Möglichkeit, den Fortgang der philosophischen Wissenschaft, deren zweite Gestaltung die Naturphilosophie ist, zu explizieren. Sobald nämlich der spekulative Übergang der Logik in die Natur vollzogen ist, behält die Logik weiterhin GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 372 = TWA 6: 549. 279 Es ist diese charakteristische Grundüberzeugung der hegelschen Philosophie, dass die Idee den Inhalt und den Gegenstand der spekulativen Philosophie bildet, die Fulda dazu motiviert, die hegelsche Philosophie als »Monismus der Idee« zu bezeichnet und ihn gegen die Ontologie – in welcher Interpretation auch immer – abzugrenzen. Vgl. Fulda, HansFriedrich: »Dialektik in Konfrontation mit Hegel«. In: Perspektiven auf Hegel, hrsg. v. Hans Friedrich Fulda, Hans Heinz Holz und Detlev Pätzold. Köln 1991, 9 und 11. 280 GW 12: 400 = TWA 6: 573. 277 278

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ihr eingeschränktes Recht auf Vollendung bei. Zusammengefasst ist der außerlogische Deutungsversuch deswegen attraktiv, weil er erstens die Logik qua logisches System immanent begründet, weil er zweitens aufgrund ihrer Geschlossenheit Platz für nicht-rein-logische Begriffe schafft und weil er drittens den Fortgang der philosophischen Weiterentwicklung im Denken an die Bedingungen der Logik knüpft. So attraktiv die nicht- bzw. außerlogische Interpretation des Übergangs prima vista zu sein scheint, so schwierig erweist sie sich im Hinblick auf das gesamte philosophische System, wozu die Philosophie der Natur, aber auch des Geistes zu zählen sind. Schwierig und problembehaftet wird sie genau dann, wenn der Logik im Übergang eine andere Sphäre und Wissenschaft gegenüberstellt wird, die innerhalb der Exposition der Logik selbst nicht mitgedacht werden kann. Denn für die außerlogische Interpretation des Übergangs der logischen Idee in die Natur soll ganz allgemein gelten, dass die äußerliche Idee, zu der sich die reine Idee frei entlässt und entschließt,281 nicht innerhalb der Logik gesetzt ist, sondern erst im Anschluss an sie gesetzt wird. Nur so scheint sie dem Dilemma entgehen zu können, vor dem die innerlogische Interpretation des Übergangs steht: dem Verlust des Vollendungsstatus der logischen Idee oder die Reduktion der philosophischen Wissenschaften auf die Logik. Was der außerlogischen Interpretation des Übergangs am Anfang recht ist, muss ihr am Ende ein Übel sein. Ihr interpretatorisches Problem entsteht, sobald die gesamte philosophische Wissenschaft zum Prüfstein der Interpretation genommen wird. So muss die außerlogische Interpretation erstens davon ausgehen, dass die philosophischen Wissenschaften und ihre Einteilung in »verschiedene Gestaltungen«282, wozu auch die logische Idee gehört, entweder gar keinem Verhältnis oder einem Applikationsverhältnis unterliegen. Denn sobald die Einteilung der philosophischen Wissenschaften im Gedanken der logischen Idee präsent ist und die noch zu begreifende Äußerlichkeit von Anfang an durch sie strukturiert ist, dann darf auch berechtigterweise behauptet werden, dass der Übergang qua Fortgang vielmehr innerlogisch begründet ist und dass der realphilosophische Fortgang ebenso als eine Konkretion der Logik zu betrachten ist. Zweitens steht die außerlogische Interpretation des Übergangs bei der Frage der realphilosophischen Vermittlung der absoluten Idee, worin die logische und die äußerliche Idee die beiden Extreme bilden, vor einem doppelten Dilemma. Denn der außerlogische Übergang wird entweder die Einheit des gesamten philosophischen Systems infrage stellen oder zur innerlogischen Interpretation und ihrem Dilemma zurückkehren müssen. Im Detail lässt sich das Dilemma wie folgt konstruieren: 281

Vgl. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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Vor dem Hintergrund der außerlogischen Interpretation des Übergangs scheint es zunächst einmal so zu sein, als ob die realphilosophische Entwicklung dergestalt gelesen werden könnte, dass die äußerliche Idee  – analog zur logischen Idee – die absolute Idee nur an sich hat, sich diese aber im Fortgang zu eigen macht, indem sie sich immer weiter von der logischen Idee bestimmen lässt und diese in ihrem Fürsichsein eingeschlossen enthält. So betrachtet gilt für den Verlauf der Realphilosophie und (mit ihr) der äußerlichen Idee, dass jeder ihrer nicht-reinen Begriffe nur im Rückgriff auf die logische Idee und ihre reinen Begriffe erklärt werden kann. Ausgehend von einer systemimmanenten Lesart, die die ganze spekulative Philosophie mit allen ihren Gestaltungen im Blick hat, führt diese Interpretation aber spätestens mit dem Ende der philosophischen Wissenschaften, wo das philosophische System seinen eigenen Begriff erfasst und zum reinen Denken zurückkehrt, zu interpretatorischen Fragen die Logik betreffend. Denn angenommen, die äußerliche Idee entwickelt sich am Ende des Ganges innerhalb der Realphilosophie zur logischen Idee, wodurch die ganze philosophische Wissenschaft einen Kreis beschließt, so stellte sich zum einen die Frage, ob a) nicht die gesamte Realphilosophie als Teil der absoluten Idee (retrospektiv und entgegen der ursprünglichen Annahme) nicht doch als in den Gedanken der logischen Idee eingeschlossen interpretiert werden muss oder ob umgekehrt b) die neu entstandene, realphilosophisch konnotierte absolute Idee (des absoluten Geistes) noch mit derjenigen absoluten Idee der Logik identisch sein kann oder nicht vielmehr von ihr zu unterscheiden ist. Die Bejahung einer der beiden Fragen scheint für die außerlogische Interpretation des Übergangs allein deswegen unattraktiv zu sein, weil sie auf das Problem des innerlogischen Übergangs, das sie vermeiden will, zurückgeworfen wird. Wenn nämlich die absolute Idee nicht im Rahmen der Logik diskutiert und begründet wird, die drei Schlüsse der Philosophie aber die entwickelte Fassung der absoluten Idee (inkl. ihrer philosophischen Disziplinen) geben, dann hebt die Interpretation des absoluten Geistes, der das philosophische System denkt, die außerlogische Interpretation des Übergangs grundsätzlich auf, weil diese ihm und dem philosophischen System selbst widerspricht. Denn zu behaupten, dass erst im Nachhinein erkannt werden kann, dass die äußerliche Idee immer schon Moment der durch die logische Idee begründeten absoluten Idee gewesen ist, bedeutet zu behaupten, dass der Übergang nur prima facie oder für uns in Erstlektüre der WdL ein außerlogischer zu sein schien, aber retrospektiv und ausgehend von einer durch die Realphilosophie vermittelten Zweitlektüre der WdL – dem Standpunkt des absoluten Geistes (Systemende) – seine Begründung innerlogisch, nämlich durch die in der Logik grundgelegten Kriterien gehabt hat. Wenn aber umgekehrt behauptet wird, dass die im absoluten Geist gedachte absolute Idee der in der Logik gedachten absoluten Idee nicht entspricht,

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dass also der absolute Geist ausschließlich oder ebenso sehr eine andere absolute Idee als diejenige, von der im Kapitel Die absolute Idee die Rede ist, denkt, dann stellen sich unweigerlich Konsistenzfragen in Bezug auf das System der spekulativen Philosophie. Denn zu behaupten, dass es zwei absolute Ideen gibt – eine absolute Idee des absoluten Geistes und eine absolute Idee im Kontext des Übergangs –, heißt zu behaupten, dass entweder keine der beiden, sondern eine andere (dritte) die absolute Idee ist oder dass eine der beiden die absolute Idee ist oder dass es gar keine absolute Idee gibt. Weil keine der Alternativen interpretatorisch tragbar ist, stellt sich auch hier die Frage nach der Möglichkeit der innerlogischen Lösung des Übergangsproblems. Zusammengefasst stellt die Beantwortung beider Fragen die Interpretation der absoluten Idee massiv auf den Prüfstand. Kehrt das Ende der philosophischen Wissenschaft nämlich nicht in den Anfang zurück, so gilt nicht nur das Vollendungsprinzip nicht uneingeschränkt, sondern auch – und das ist weitaus schlimmer – die Methode. Sollen aber beide uneingeschränkt gelten, dann muss das Ende mit dem Anfang auch im philosophischen System in eins fallen. Wer behaupten möchte, dass die absolute Idee, wie sie in der Logik gedacht wird, nur ein Moment einer anderen und noch zu denkenden (absoluten) Idee ist, nicht aber die ganze Idee noch das ganze philosophische System selbst umfasst, steht nicht nur vor exegetischen Herausforderungen, sondern es stellt sich auch unweigerlich die Frage, warum ein erweiterter Begriff dieser (neuen) Idee nicht rein für sich gedacht werden kann und welche Gründe dagegen sprechen sollen. Hegels Aussagen aus dem § 575 der Enzyklopädie, dass der erste Schluss »der Schluß […] in der Idee [ist; G. O.]« und dass »die Natur wesentlich nur als Durchgangspunkt und negatives Moment bestimmt und an sich die Idee [ist; G. O.]«, so zu interpretieren, als sei hier von einer anderen Idee die Rede als derjenigen, die in der Logik bereits gedacht wurde, erscheint aus mindestens zwei Gründen als Interpretation unangemessen: Erstens schreibt Hegel im zweiten Absatz des Kapitels über die absolute Idee, dass diese »der einzige Gegenstand und Inhalt der Philosophie«283 ist, und verweist dabei nicht nur auf die Natur und den endlichen Geist, sondern auch auf den absoluten. So betrachtet haben alle Inhalte der Philosophie einen mehr oder wenig direkten Bezug auf die logische Idee im engen Sinn und die absolute Idee im weiten Sinn. Zweitens ist – der Methode folgend – davon auszugehen, dass die in der Logik fundierte Entwicklung der absoluten Idee noch aussteht und dass auch dieser Gedanke in irgendeiner abschließenden realphilosophischen Gestalt expressis verbis vor das realphilosophisch und spekulativ-begreifende Erkennen tritt. Kurzum: Wer davon ausgeht, dass die im absoluten Geist gedachte absolute Idee eine andere ist als diejenige, von der Hegel in der WdL spricht, oder dass es jenseits der absoluten Idee eine 283

GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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andere absolute Idee geben kann, die Hegel zu begreifen gedachte oder den Weg zu ihrem Begriff freizumachen versuchte, verspielt (in Eigenverantwortung und zum eigenen Nachteil) jeglichen Kredit interpretatorischer Benevolenz. 5.2 Der innerlogische Übergang der logischen Idee in die Natur Halten wir die Dilemmata und Probleme der inner- und außerlogischen Interpretation des Übergangs überblicksartig noch einmal fest: Der innerlogische Übergang sieht sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass der immanente und methodische Fortgang der logischen Idee in eine andere und nicht bloß logische Sphäre selbstwidersprüchlich ist. Denn der immanente und innerlogisch motivierte Übergang scheint eine andere, außerlogische Sphäre geradezu zu verneinen. So droht die selbstwidersprüchliche und unangenehme Konsequenz, dass der Übergang kein Übergang ist, dass die Realphilosophie eine Erweiterung der Logik ist, dass alles nur logisch ist und dass die Logik mit der Darstellung der Methode – der Form des Begreifens – nicht zu einem Abschluss gekommen ist. Der außerlogische Übergang wirkt dieser Interpretation der logischen Idee entgegen, indem er den Vollendungsstatus der Logik auf die logische Entwicklung selbst beschränkt und ihr gegenüber Platz und Raum für nicht-rein-logische Begriffe lässt. In der Konsequenz sieht er sich aber dem Problem ausgesetzt, dass die Frage nach der Vermittlung der logischen Idee mit der ihr gegenüberstehenden äußerlichen Idee nicht ex Hegel beantwortet werden kann. Denn die Vermittlung der logischen Begriffe mit realphilosophischen Begriffen muss in diesem Fall – entgegen Hegels eigenen Behauptungen – so gelesen werden, dass jene keine allgemeinen und elementaren Begriffe sind, die alles Besondere in sich schließen, und dass die logische Idee nicht die den Geist und die Natur übergreifende allgemeine Idee ist, sondern auf diese äußerlich angewandt wird.284 Methodisch und systematisch ergibt sich ferner die virulente Schwierigkeit, den Vollendungsgedanken des philosophischen Systems sichtbar zu machen, weil beim extrinsisch motivierten Übergang in eine logikfreie Sphäre die in der Logik begründete absolute Idee, in der die Prämissen für die philosophischen Wissenschaften und deren Einheit gelegt werden, von der (absoluten) Idee am Ende des philosophischen Systems (im absoluten Geist) unterschieden werden muss. Beide Interpretationen des Übergangs machen deutlich, dass jede von ihnen auf ganz eigene Probleme und Dilemmata stößt und dass beide Interpretationsmöglichkeiten ihre Korrektur im jeweils anderen Extrem suchen. Dies zeigt an, dass die Lösung der Probleme und Dilemmata zumindest provisorisch darin be284

Zur weiteren Erläuterung vgl. den dritten Schluss der Philosophie und GW 12: § 577 = TWA 10: § 577.

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stehen kann, den Übergang so zu rekonstruieren, dass er einerseits innerlogisch und andererseits außerlogisch gedacht werden kann. Dass er innerlogisch gedacht wird, darf dann nicht mehr heißen, dass er der Logik nur insoweit immanent auszulegen ist, dass er aus ihr folgt, die Folge aber mit dem Grund identifiziert wird. Vielmehr muss er bereits innerhalb der Logik immer schon vollzogen worden sein, ohne den Platz für äußerliche Setzungen und die ihnen zugrundeliegenden Begriffe abzuschaffen (bzw. abgeschafft zu haben). Für die Logik bedeutet das, dass sie erstens von Anfang an keine hermetisch (ab)geschlossene Wissenschaft ist, sondern sich ›nach außen‹ und für anderes als strukturell offen erweist. Zweitens darf der Gedanke der logischen Idee, trotz dieser Offenheit, nichts an ihrer operativ geschlossenen Form einbüßen. So betrachtet muss die logische Idee mehr sein als ein Gedanke, der lediglich auf die Logik allein begrenzt ist. Er muss vielmehr ein Gedanke sein, der ein notwendiges Resultat der logischen Entwicklung ist und der ebenso zeigen kann, dass die Logik einerseits in sich geschlossen und andererseits in der Lage ist, einen Bereich zu markieren, der durch logische Termini allein inhaltlich nicht besetzt werden kann. Dass der unter diesen Kriterien zu rekonstruierende Übergang einen außerlogischen Aspekt einschließt, muss mithin bedeuten, dass nicht die gesamte philosophische Wissenschaft nur aus reinen Begriffen und Gedankenbestimmungen jenseits von Raum und Zeit bestehen darf, sondern auch Natur und Geist umfassen muss. Das Verhältnis der rein-logischen Grundbegriffe zu den nicht-reinlogischen Grundbegriffen kann dann so gedeutet werden, dass die Logik mit ihren Grundbegriffen eine in sich geschlossene Wissenschaft bildet, von denen in den anderen Wissenschaften und ihren Disziplinen Gebrauch gemacht wird, insofern die Grundbegriffe dieser Wissenschaften durch die Grund- bzw. Elementarbegriffe jener Wissenschaft erklärt oder erläutert werden können. Denn als reine Begriffe haben die Begriffe der Logik einen allgemeinen Status, der nicht auf die Logik allein begrenzt ist, sondern auch von anderen Wissenschaften in Anschlag gebracht wird. So betrachtet kann der Totalitätsanspruch der Logik selbst dann aufrechterhalten werden, wenn andere Begriffe ins Spiel kommen, die einem reinen Denken allein nicht entspringen können. Dass die Entwicklung eines nicht bloß logischen Begreifens auf die Denkbestimmungen der Logik dennoch zurückgreifen muss, muss sich einerseits aus der Tatsache ergeben, dass für die Entwicklung der philosophischen Wissenschaft der Natur keine andere Grundlage als die der reinen, logischen Begriffe existiert, und andererseits aus der Tatsache, dass die reinen, logischen Begriffe eine Allgemeingültigkeit für jedes Begreifen einfordern, von der eo ipso nicht abstrahiert werden kann, ohne das Begreifen selbst außer Kraft zu setzen. Dies hat dann zur unmittelbaren Folge, dass der Übergang der Logik in die Natur kein Übergang in eine logikfreie Sphäre sein kann. Zwar hat die philosophische Wissenschaft von Anfang an eine Sphäre, die für kontingente und auf logische Begriffe nicht

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zu reduzierende Sachverhalte Platz lässt; da diese Sphäre mittels der logischen Grundbegriffe der Form nach präkonfiguriert ist, folgt daraus, dass die Exposition dieser Sphäre sich auch an den logischen Begriffen orientieren muss. Für das nach diesem Prinzip zu konstruierende System bedeutet dies, dass davon ausgegangen werden kann, dass innerhalb seiner Ausdifferenzierung ein ausgewählter realphilosophischer Begriff auftreten wird, der den Anspruch der absoluten Idee, ein übergreifendes Ganzes zu sein, erfüllen kann und diese allererst vollendet. Fassen wir also die Kriterien für den gegenwärtigen Interpretationsansatz, den Übergang der Logik in die Natur zu rekonstruieren, in nuce zusammen: Erstens muss für den Übergang gelten, dass er immanent, also aus den im logischen Verlauf entwickelten Prämissen und Konklusionen und aus dem Gedanken der logischen Idee im engen und der absoluten Idee im weiten Sinn geschlussfolgert werden kann. Zweitens muss für ihn gelten, dass er bereits innerhalb der Logik begründet wird und nicht erst im Anschluss an sie, sodass alles, was auf die Logik folgt, die Logik nicht zu einem äußeren, sondern zu einem inneren und ersten Prinzip hat. Drittens muss der Fortgang innerhalb der Realphilosophie als ein erweitertes Verständnis auch des logischen Begreifens angesehen werden können, ohne zugleich der Logik alle Begriffe zu vindizieren. Dies soll, viertens, dadurch geschehen, dass alle neuen und nicht ausschließlich reinen bzw. logischen Begriffe durch die reinen bzw. logischen Begriffe als vermittelt gedacht werden. Auf diese Weise ist, fünftens, zu erwarten, dass die Entwicklung der Realphilosophie eine Totalität und Vollendung beschließt, bei der das Ende prinzipiell wieder in einen Anfang zurückkehren kann und die Logik in diesem Fall nicht nur als eine abstrakte Form existiert, also nur formellen Status besitzt, sondern ihre Konkretion auch und zumal im Denken nicht-reiner Inhalte erfährt und sich in einem konkreten realphilosophischen Begriff bemerkbar macht. Alle diese fünf Kriterien orientieren sich an den Prinzipien der Logik, die für die Logik und Realphilosophie insgesamt gelten, allen voran: das Immanenz-, Linearitäts-, Erweiterungs-, Aufhebungs-, Totalitäts- und Vollendungsprinzip. Damit der Übergang ein innerlogischer sein kann, darf er diesen Prinzipien nicht zuwider sein. Die Krux beim Übergang liegt nicht zuletzt im Erweiterungs-, Totalitäts- und Vollendungsprinzip; denn es gilt nachzuweisen, dass die Logik den Übergang in eine andere Sphäre bzw. ihre Vermittlung immer schon voraussetzt und nie für sich allein stehen kann, obwohl sie in ihrer reinen Form gedacht werden kann. Mit anderen Worten: Wenn für die These argumentiert werden kann, dass für den Totalitäts- und Vollendungsgedanken der Logik das Übergreifen reiner Begriffe auf andere Begriffe wesentlich ist, dass dieser ›Übergriff‹ innerhalb der Logik begründet wird und dass die Äußerlichkeit dieser Grundlage prinzipiell entspricht, dann kann auch der spekulative Übergang in die Natur innerlogisch interpretiert werden, ohne dass der Allgemeinheitsgrad

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der Logik infrage gestellt und ohne dass eben darum eine äußerliche Sphäre verneint werden muss. Der Nachweis dieser These erfolgt in drei Schritten: Im ersten Schritt wird gezeigt, dass die absolute Idee ›mehr‹ enthält als die logische Idee, dass beide mithin nicht dieselbe Semantik teilen und dass die logische Idee sich genau dann realisiert, wenn die Objektivität unter den Bedingungen der in der logischen Idee und reinen Subjektivität eingeschlossenen reinen Begriffe gedacht wird (vgl. Kapitel 5.2.1). Durch Ausschluss von zwei möglichen Alternativen wird im zweiten Schritt der Nachweis erbracht, dass ein solches Begreifen in der logischen Entwicklung an keiner Stelle gedacht wurde und als Desiderat für das philosophische Begreifen bestehen bleibt (vgl. Kapitel 5.2.2). Auf diese Weise kann für die Notwendigkeit des Übergangs im Sinne eines freien SichEntlassens der logischen Idee in die Natur, den modus operandi des realphilosophischen Begreifens und das System der philosophischen Wissenschaften argumentiert werden (vgl. Kapitel 5.2.3). 5.2.1 Die logische Idee im Spannungsfeld von subjektiver und objektiver Idee Bis hierhin wurde versucht festzuhalten, dass die Frage nach dem innerlogischen Übergang mit der These koinzidiert, dass die absolute Idee zwar eine logische Gedankenbestimmung ist, insofern sie im Rahmen der logischen Exposition begründet wird, dass sie aber nicht auf die Logik allein begrenzt bleibt. Eben hieraus ergeben sich Probleme den Übergang betreffend. Wenn nun gezeigt werden kann, dass sich die Logik in der absoluten Idee auf ein bestimmtes Moment der ganzen Idee begrenzt, dass dieses Moment aber aufgrund seines Allgemeinheitsgrads der Totalität und Vollendung der gesamten Idee wesentlich ist, dann kann der Übergang innerlogisch begründet werden, aber dennoch Platz für Begriffe schaffen, die der Logik allein (als eine von mehreren Operationsweisen sui generis) nicht entspringen können. Die Beschränkung der Logik auf ein bestimmtes Moment der Idee und eine bestimmte Operationsweise bedeutet mithin nicht, dass die Logik prinzipiell alles andere ausschließen muss. Die These, dass sich mit dem Ende und Abschluss der Logik als logischer Idee für uns Theoretikerinnen und Theoretiker herausstellt, dass die Logik auch nach außen hin geöffnet ist, schränkt mithin den Allgemeinheitsanspruch der Logik keinesfalls ein, sondern bekräftigt ihn geradezu, weil der Wirkungsgrad der logischen Grundbegriffe erweitert wird. Zusammengefasst gilt es für die innerlogische Begründung des Übergangs also zu zeigen, dass die Logik einerseits auf ein Moment der Idee beschränkt ist, dass dieses Moment aber andererseits von sich heraus den Anspruch erhebt, die ganze Idee zu umgreifen und nur auf diese Weise wahrhaft allgemeingültig ist. Für beide Seiten dieses Gedankens soll nun im Folgenden argumentiert werden.

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Als Argumente für die Behauptung, dass die logische Idee und die absolute Idee simpliciter nicht gleichgesetzt werden dürfen, können sowohl Belege im Text als auch werkimmanente und sich an der Programmatik der Logik orientierende Interpretationsansätze herangezogen werden. Der entscheidende Beleg, der nachweislich bekundet, dass die absolute Idee nicht nur auf die Logik beschränkt ist, sondern auf die ganze Philosophie übergreift, findet sich im bereits erwähnten 2. Absatz des Kapitels über die absolute Idee. Dort heißt es ausdrücklich, dass die absolute Idee der einzige Gegenstand und Inhalt der Philosophie ist und dass sie »alle Bestimmtheit in sich enthält.«285 Wenn Hegel hier von »alle Bestimmtheit« spricht, so meint er – textuell unmissverständlich – im engen Sinn die logischen Bestimmungen, aber im weiten Sinn auch die Bestimmungen, die in der Natur- und Geistphilosophie noch zu entwickeln sind, weil die Natur und der Geist jeweils Weisen sind, »ihr Daseyn«, d. h. das Dasein der absoluten Idee, darzustellen, wobei Kunst, Religion und Philosophie Weisen sind, die absolute Idee zu erfassen. Hegels Äußerungen deuten in vorausschauender Manier bereits an, dass der Gedanke der absoluten Idee nicht allein der Logik vorbehalten bleibt, sondern Gegenstand und Inhalt der philosophischen Wissenschaften ist, wozu auch die Natur- und Geistphilosophie als besondere »Gestaltungen«286 zu rechnen sind. Dass die Philosophie »die höchste Weise [ist; G. O.], die absolute Idee zu erfassen, weil ihre Weise, die höchste, der Begriff ist«287, deutet zum einen darauf hin, dass die Logik trotz ihrer Besonderheit neben den anderen philosophischen Wissenschaften eine ausgezeichnete Wissenschaft ist, weil sie den Begriff (und nichts anderes als den Begriff) zum Gegenstand hat. Zum anderen zeigt diese Formulierung entgegen der oben vieldiskutierten außerlogischen Lesart des Übergangs, dass Hegel nur einen Ideenbegriff gedacht hat und dass der absolute Geist explizit nur das ausspricht, was dem allgemeinen Begriff der absoluten Idee (im Rahmen der WdL) implizit ist. Dies bedeutet dann auch, dass die äußerliche Idee, die im letzten Absatz des Kapitels Die absolute Idee erwähnt wird, der absoluten Idee nicht gegenübersteht, sondern als Moment vielmehr in ihr eingebettet ist. Es gibt aber noch eine weitere Aussage, die ebenfalls dem 2. Absatz zu entnehmen ist und textuell überprüfbar bekundet, dass die absolute Idee per se nicht mit der Logik gleichzusetzen ist. So heißt es im zweiten Absatz: »Das Logische der absoluten Idee kann auch eine Weise derselben [der philosophischen Wissenschaften; G. O.] genannt werden«288. Diese Formulierung spricht expressis verbis aus, dass die Logik eine besondere Idee der absoluten Idee ist, die 287 288 285 286

GW 12: 372 = TWA 6: 549. GW 12: 372 = TWA 6: 549. GW 12: 372 = TWA 6: 549. GW 12: 372 = TWA 6: 550.

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Hegel »logische Idee«289 nennt. Letztere ist nicht die absolute Idee, sondern die Idee selbst in ihrem reinen Wesen, wie sie in einfacher Identität in ihren Begriff eingeschlossen, und in das Scheinen in einer Formbestimmtheit, noch nicht eingetreten ist. […] – Die logische Idee hat somit sich als die unendliche Form zu ihrem Inhalte; – die Form, welche insofern den Gegensatz zum Inhalt ausmacht, als dieser die in sich gegangene und in der Identität aufgehobene Formbestimmung so ist, daß diese concrete Identität gegenüber der als Form entwickelten steht290.

Wie bspw. im Kapitel 2. mehrfach erwähnt wurde, markiert der zweite Absatz die Überleitung der logischen Idee zur Methode, die eine bestimmte Art und Weise des Erkennens ist, das den reinen Begriff zu seiner Form hat und auf den Prinzipien der Logik aufbaut. Wenn Hegel also davon spricht, dass die logische Idee »in das Scheinen in einer Formbestimmtheit[] noch nicht eingetreten ist«, dann verweist er lediglich auf den Anfang der Methode, der (Hegels Aufbau des letzten Kapitels der WdL folgend) nicht direkt die logische Idee in ihrer ausgebreiteten Form als logisches System betrifft. Interessant und von Bedeutung für die Semantik des Ausdrucks »logische Idee« ist in diesem Kontext, dass die Logik im 2. Absatz des letzten Kapitels der WdL eine Neuinterpretation erfährt. Am Anfang der Logik kann nämlich noch nicht von einer »Idee« gesprochen werden, sondern nur von einer unbestimmten Unmittelbarkeit, dem reinen Sein. Spätestens aber mit der Einführung des Gedankens der Idee im Allgemeinen (vgl. letzter Abschnitt der Begriffslogik) und der absoluten Idee im Besonderen (vgl. letztes Kapitel der Begriffslogik) erweist sich dieses reine Sein als Idee, in der es eingebettet ist (und nicht umgekehrt).291 GW 12: 372 = TWA 6: 550. GW 12: 372 = TWA 6: 550. 291 In eben diesem Punkt führt m.E. die ontologische Lesart der hegelschen Philosophie zu einer Konfusion, sobald dem Sein und dem Anfang – wie bspw. bei Stephen Houlgate – eine übermäßig hohe Priorität eingeräumt wird, nicht aber dem Resultat und dem Ende, die die Wahrheit des Anfangs aussprechen und nicht mit einem Sein per se identifiziert werden können. Denn die Wahrheit ist die Idee, die den Begriff zu ihrer Form hat, nicht aber das Sein als solches, das nur das ist, was es ist, weil es Begriff ist (und nicht umgekehrt). Für die ontologische Lesart bei Houlgate, der die Beziehung von Sein und Denken von vornherein für ausgemacht hält, vgl. Houlgate, Stephen: The Opening of Hegel’s Logic. From Being to Infinity. West Lafayette 2006, 116: »It is from beginning to end an ontological logic that renders explicit what is implicit in the indeterminate thought of being and in being itself. Indeed, the Logic presupposes from the start that the structure of thought […] is identical with the structure of being itself.« Im Sinne eines objektiven Charakters des Denkens charakterisiert auch Henrich Hegels Philosophie als eine bestimmte Form der Ontologie, nämlich als »konstruktive Theorie«, wenn er schreibt: »So stelle ich also die These auf, daß Hegels Ontologie eine konstruktive Theorie ist – aber nicht irgendeine oder eine solche, die 289

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Wie das letzte Zitat bereits anklingen lässt, hat die logische Idee »die unendliche Form zu ihrem Inhalt«. Diese Aussage kann auf zweierlei Weisen interpretiert werden: Unendlich ist die Form genau dann, wenn ihr Inhalt nichts anderes als sie selbst ist und wenn er in dem Fürsichsein der Form eingeschlossen ist. Als unendlich kann die Form aber auch im weiten Sinn so interpretiert werden, dass nämlich ihre Bestimmung, die ihr im Verlauf der logischen Entwicklung zuteilwird, allgemeingültig ist und jede endliche Form mitbestimmt. Nicht umsonst nennt Hegel die logische Idee auch »die schlechthin allgemeine Idee«292. Weil die allgemeine Idee nicht abstrakt, sondern konkret ist, stellt sich die Frage, worin ihre Konkretheit oder, in hegelscher Terminologie, ihre Besonderheit und Einzelheit bestehen. Die Antwort scheint prima facie einfach zu sein: Das besondere und einzelne Moment der allgemeinen und logischen Idee besteht in den verschiedenen logischen Begriffen, die im Verlauf der Logik entwickelt worden sind. Die absolute Idee ist damit lediglich die Rückschau und der Überblick über die ganze Logik und damit eins mit der logischen Idee. Auch wenn diese Interpretation textuell fundiert ist, so macht sie nur die eine Seite der Gesamtinterpretation der absoluten Idee aus.293 Die im Hintergrund dieser Aussage stehende These lautet, dass die absolute Idee mit der logischen Idee nicht einfach identifiziert werden darf. Textuell wurde das bereits anhand von Hegels summarischen Erläuterungen zur philosophischen Wissenschaft belegt, durch die klar geworden sein dürfte, dass die absolute Idee auch die Natur und den Geist umfasst. Davon auszugehen, dass die Natur und der Geist in der Logik, und zwar mit der ersten Bekanntschaft derselben, bereits mitgedacht worden sind, führt zu absurden Schlussfolgerungen und Interpretationsansätzen im Hinblick auf die Logik und Realphilosophie. So müsste bspw. behauptet werden, dass der Ausgestaltung logischer Begriffe die Ausgestaltung realphilosophischer Begriffe parallel läuft. Sollen solche und ähnliche Interpretationen vermieden werden, bleibt die Konsequenz, dass die absolute Idee – obwohl sie in der Logik begründet wird – ihre begriffliche Extension erst mit der Realphilosophie gewinnt. Die These, dass das System der logischen Idee und das System der absoluten Idee nicht dasselbe bezeichnen, aber so in Beziehung zueinander stehen, dass ein in einer Absicht zustandekommt, die nur zufällig besteht. Die Konstruktion der neuen ontologischen Begriffsform erfolgt mit Notwendigkeit. Ihr Resultat ist uns bekannt; es ist Hegels ›Dialektik‹.« (Henrich, Dieter: Selbstverhältnisse. Stuttgart 2001, 199.) Ganz allgemein gilt für die vorliegende Untersuchung, dass die Frage, ob – und wenn ja, inwiefern – Hegels logische Wissenschaft Ontologie sei, ohne ihr Ende und ohne die Klärung der Übergangsproblematik pauschal nicht beantwortet werden kann. 292 GW 12: 372 = TWA 6: 550. 293 Vgl. hierzu auch die Ausführungen zur Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems in Kapitel 4.

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einzelnes Moment über sich hinaus auf andere Momente übergreift, ohne aber in der Lage zu sein, den Eigenheitscharakter der anderen Momente zu nivel­ lieren oder das Große und Ganze für sich zu okkupieren, lässt sich mithin auch ganz unabhängig von Hegel plausibilisieren. In Anlehnung an die Systemtheorie scheint die Behauptung, dass es ein in sich geschlossenes System von allgemeingültigen Begriffen gibt, die aufgrund eben dieses ausgezeichneten Status mit anderen Begriffen interferieren, ohne diese aber gänzlich für sich und als die eigenen zu beschlagnahmen, nicht abwegig zu sein.294 So kann bspw. das System der Wissenschaft mit seinen Aussagen – etwa aus der Physik – als Subsystem im System gesellschaftlicher Praktiken so betrachtet werden, dass ihre Operationsweise qua Aussagen des Subsystems auf andere Subsysteme  – wie etwa das System des Rechts oder der Politik – übergreift, ohne aber diese als redundant erscheinen zu lassen oder ihre operationale Eigenleistung zu konterkarieren. Wird der radikale Naturalismus außen vor gelassen und die operationale Eigenleistung der Systeme akzentuiert, die besagt, dass jedes System durch seinen eigenen methodischen Zugriff auf die Umwelt definiert ist, können Systeme im Kontext von Analysen bestimmter Phänomene ineinandergreifen und einen Perspektivenpluralismus ermöglichen. So können bspw. Phänomene psychischer Systeme, z. B. des Menschen, durch allgemeine Aussagen aus anderen Wissenschaftsbereichen wie bspw. der Physik erklärt und beschrieben werden, ohne dass damit die These verbunden werden muss, psychische Systeme seien mit physischen Systemen identisch bzw. auf sie reduzierbar. Analoges gilt auch für die Interpretation der logischen Idee und ihres Verhältnisses zur absoluten Idee: Dass jene als Einzelnes allgemein ist, muss nicht bedeuten, dass es nur diese eine Idee gibt und dass alle anderen Ideen auf sie zurückgeführt werden können. Ihren Anspruch auf Allgemeinheit kann die logische Idee mithin auch dadurch bekräftigen, dass sie als ein einzelnes Moment der absoluten Idee stets präsent bleibt und auf diese Weise die absolute Idee mitkonstituiert. In diesem Sinne ist es kein Widerspruch zu behaupten, dass die logische Idee als einzelnes Moment der absoluten Idee zugleich die absolute Idee selbst ist, sobald das logische Moment konstitutiv für das Begreifen und Denken der Idee überhaupt ist. In diesem Sinn ist der immanente Verweis der Logik auf eine ihr übergeordnete 294

In der Systemtheorie wäre an dieser Stelle weniger von Begriff als vielmehr von Kommunikation und struktureller Koppelung die Rede, die ihrerseits auf der Autopoiesis eines (Kommunikations-)Systems fußen, die ohne Fremdreferenz auf eine Umwelt zum Erliegen käme. Die strukturelle Koppelung bezeichnet einen Umformungsprozess der Umwelt zu Konditionen der systemischen Operationsweise. Luhmann bringt zahlreiche Beispiele, u. a. das Beispiel von digitalen Systemen (in der Computerbranche) und der analogen Umwelt. Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1998, Kap. 1, VI., insb. 101 und 779 – 88; Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1992, 276, 281 f. und 288.

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Idee, als deren allgemeines Konstituens sie sich begreift und die Platz für andere Begriffe schafft, kein Widerspruch zum Totalitäts- und Vollendungsgedanken. Im Gegenteil: Der Vollendungsgedanke schließt ein, dass die Logik sich zu einem Moment depotenziert, dabei aber ihren Allgemeinheitsanspruch nicht einbüßt, sondern im Übergreifen auf andere Sphären geradezu bekräftigt. Für die These, dass die absolute Idee nicht gleichzusetzen ist mit der logischen Idee und somit mehr umfasst als rein logische Begriffe, lässt sich nicht nur mithilfe von alternativen Theorieangeboten argumentieren, sondern sie lässt sich auch werkimmanent begründen. Ausgangspunkt ist dabei wiederum die Behauptung, dass die logische Idee ein Moment der absoluten Idee ausmacht, nämlich das allgemeine, dass aber als allgemeine Idee nicht einfach mit der absoluten Idee identifiziert werden kann. Wird nämlich der Allgemeinheitsgrad der logischen Idee kontrafaktisch so gedeutet, dass kein Platz für eine von ihr unterschiedene Besonderheit bleibt, sodass die logische mit der absoluten Idee identifiziert wird, entstehen erneut Probleme und Dilemmata der jeweils einseitig für sich gedeuteten inner- oder außerlogischen Interpretationsansätze, die es gerade zu vermeiden gilt. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, die es erlaubt, die logische Idee einerseits auf ein bestimmtes Moment der Idee zu beschränken und ihr zugleich den Status der Allgemeinheit zu lassen. Folgender Ansatz scheint für die Vermittlung beider Interpretationsalternativen vielversprechend zu sein: Wenn die logische Idee nun die allgemeine Idee ausmacht und diese im Spannungsfeld der subjektiven und objektiven Idee steht, dann stellt sich für die logische Idee die Frage, welcher Seite sie zugeordnet werden darf. Die Beantwortung dieser Frage ist interpretatorisch alles andere als trivial. Mathematisch betrachtet können vier Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, die logische Idee im systematischen Beziehungsgeflecht von subjektiver und objektiver Idee zu verorten: Die logische Idee umfasst entweder keine, die subjektive, die objektive oder beide Seiten der Idee. Die erste Möglichkeit kann ohne lange Argumentation direkt ausgeschlossen werden. Für die Interpretation der WdL (und mit ihr der Logik) ist sie allein schon deshalb keine gute Wahl, weil die subjektive und objektive Idee Begriffe sind, die in der WdL – z. B. im Erkenntniskapitel – immer wieder erwähnt und gedacht werden und deren Interpretation für das Gesamtverständnis der absoluten Idee zentral ist. Kurzum: Die erste Möglichkeit kann durch das faktische Bestehen der subjektiven und objektiven Idee (auf textueller sowie systemischer Ebene) ohne Umschweife verneint werden. Die vierte Möglichkeit scheint auf den ersten Blick eine geeignete Kandidatin für die Beantwortung der oben gestellten Frage nach dem systematischen Ort der logischen Idee zu sein. Die Zuordnung der logischen Idee zu beiden Seiten der Idee – sowohl der subjektiven als auch der objektiven – erscheint v. a. dann als naheliegend, wenn an Hegels Aussage erinnert wird, dass die logische Idee die allgemeine Idee ist. Wie aber bereits anhand der Diskussion

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der logischen und absoluten Idee und dem Übergangsproblem deutlich gezeigt wurde, führt eine voreilige Zuordnung der logischen Idee auf alle Momente der Idee zu unlösbaren Problemen, wenn es zur Entwicklung der philosophischen Wissenschaften und des spekulativen Systems kommt. Denn die Identifizierung der logischen Idee mit der subjektiven und objektiven Seite der Idee ist nur eine Paraphrase für die Identifizierung der logischen Idee mit der absoluten, die es gerade zu vermeiden gilt. Die dritte rechnerisch in Frage kommende Möglichkeit, die logische Idee der objektiven Idee zuzuordnen, ist in Anbetracht der Tatsache, dass die Logik ihre Konkretion und Vollendung im »Subjectivste[n]«295 hat, bis auf Weiteres ebenfalls zu verneinen. Der hier verfolgte Interpretationsansatz orientiert sich also an der zweiten Möglichkeit, verneint dabei aber nicht die objektive Idee und läuft auf diese Weise nicht Gefahr, einseitig zu argumentieren. Er geht von einem asymmetrischen, den Fortgang der logischen Idee in die Natur begünstigenden Verhältnis der subjektiven und objektiven Idee aus und präferiert dabei die subjektive Idee.296 Begründet ist diese Priorisierung der subjektiven Idee in Anbetracht der Tatsache, dass die Logik ihre Konkretion und Vollendung in dem »Subjectivste[n]«297 hat. Aber hier kommt es auf die Nuancierung an: Die logische Idee ist nicht eine einzelne Idee, die alles andere in sich schließt und auf die alles andere reduziert werden kann. Sie ist vielmehr die Idee, auf die hin die objektive Idee qua äußerliche Idee – und alles mit ihr Zusammenhängende – in ihrer begrifflichen Entfaltung und Artikulation bezogen bleibt, ohne aber mit ihr gleichgesetzt werden zu können. Die hier zu begründende These lautet, dass die logische Idee auf ein Extrem der Einheit der subjektiven und objektiven Idee beschränkt ist, und zwar auf die subjektive Idee, dabei aber objektiv und allgemeingültig in einem doppelten Sinn bleibt: Objektiv und allgemeingültig ist die subjektive Idee, insofern sie die logische Idee ist, d. h. ein aus reinen und logischen Begriffen bestehendes System. Aber sie ist ebenso objektiv und allgemeingültig, insofern dieses System das Kriterium von gegenständlicher und objektiver Erkenntnis überhaupt ist und insofern sie ab ovo in einer objektiven Sphäre298 eingebettet ist, dieser also nicht extern gegenübersteht. GW 12: 396 = TWA 6: 570. Die These, dass die Subjektivität das Prinzip der Logik ist, macht Klaus Düsing immer wieder stark, wenngleich er dieses Prinzip ontologisch ›auflädt‹. So auch in Düsing, Klaus: »Ontologie und Theorie der Subjektivität. Untersuchungen zum Begründungsproblem in Hegels ›Wissenschaft der Logik‹. In: Die Begründung der Philosophie im Deutschen Idealismus, hrsg. v. Elena Ficara. Würzburg 2011, 233 – 244, insb. 240. 297 GW 12: 396 = TWA 6: 570. 298 Hegel spricht häufig ganz allgemein von »objektiver Welt«, vgl. paradigmatisch die eigenen Ausführungen in Kapitel 1.2.1 – 2 und den ersten und letzten Absatz des Kapitels Die Idee des Guten, GW 12: 362 = TWA 6: 540 und GW 12: 370 = TWA 6: 548, insb. die beiden letzten Sätze: »In diesem Resultate [der Objektivität der subjektiven Idee bzw. des subjektiven 295 296

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Das Resultat der Logik ist folglich ein doppeltes: Erstens wird sich der subjektive Begriff – die subjektive Idee – objektiv, d. h. ein objektiver Begriff, indem der Begriff als reiner Begriff auf sich selbst und ipso facto auf alle in der Logik evozierten Begriffe bezogen bleibt. Dies ist die theoretische Seite des absoluten Erkennens. Seine praktische Seite liegt, zweitens, darin begründet, dass der subjektive Begriff die ihn umgebende äußerliche Objektivität – die objektive Idee – gemäß seiner eigenen logischen Objektivität erkennen will, indem er ihr seine eigene Form gibt. Der spekulative Übergang der Logik in die Natur ist folglich so zu interpretieren, dass die Logik qua logische Idee zunächst einmal in dem erkennenden Subjekt eingeschlossen bleibt, dass beide sich aber zugleich objektive Realität geben wollen, indem sie die Objektivität unter die eigenen Prämissen – die für jede Subjektivität allgemeingültigen Begriffe  – stellen. Die äußerliche Idee, zu der sich die logische Idee durch ihren selbstbegründeten Anspruch in ein freies und ungezwungenes Verhältnis setzt, ist dergestalt keine genuine Entwicklung der bloß logischen Idee mehr, sondern vielmehr eine Interpretation der objektiven Idee unter veränderten Bedingungen. Die Subjektivität begreift sich nämlich selbst als etwas Äußerliches, weil es einerseits Teil der äußerlichen Objektivität ist und weil es sich andererseits als eben diesem Teil zugehörig erkennen will, aber nicht unter den Kriterien der äußerlichen Objektivität (vgl. endliches Erkennen), sondern unter den eigenen und in der Logik selbst entworfenen Kriterien (vgl. absolute Idee). In diesem Sinne unterscheidet sich die absolute Idee im Ansatz von anderen, und zwar endlichen Formen der Idee, insofern eine Neuakzentuierung der Idee auf Basis eines reichhaltigen logischen Begriffsrepertoires vorgenommen wird. Eine auf diese Basis gestellte Interpretation des Übergangs hat zwei entscheidende Vorteile gegenüber alternativen Deutungen, von denen weitere im nachfolgenden Kapitel 5.2.2 zurückgewiesen werden: Zum einen kann der Übergang immanent und innerlogisch aus dem Gedanken der logischen und absoluten Idee begründet und v. a. auf ein textuell gesichertes Fundament gestellt werden. Zum anderen lässt er Platz für nicht- oder außerlogische Sachverhalte, zumal die Äußerlichkeit weder in der logischen noch in der absoluten Idee nivelliert wird, sondern als konstitutives Moment der Idee prinzipiell weiterhin bestehen bleibt.299 Die These, dass die Differenz in der absoluten Idee keineswegs wegBegriffs; G. O.] ist hiermit das Erkennen hergestellt und mit der praktischen Idee vereinigt; die vorgefundene Wirklichkeit ist zugleich als der ausgeführte absolute Zweck bestimmt, aber nicht wie im suchenden Erkennen bloß als objektive Welt ohne die Subjektivität des Begriffes, sondern als objektive Welt, deren innerer Grund und wirkliches Bestehen der Begriff ist. Dies ist die absolute Idee.« 299 In seinem Aufsatz Eliminating Externality scheint Sebastian Rödl davon auszugehen, dass a) dem Entschluss des freien Denkens, sich zu denken, die Elimination der Äußerlichkeit parallel läuft und dass b) die absolute Idee diesen Gedanken in seiner Vollendung in der

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rationalisiert und Kontingenz getilgt wird, 300 sondern die Äußerlichkeit in allen ihren Facetten für die absolute Idee und ihre Entwicklung in der Realphilosophie wesentlich erhalten bleibt, und die These, dass die logische Idee als ein Moment der absoluten Idee auf die subjektive Idee beschränkt wird und so eine neue Erkenntnisperspektive erreicht wird, sollen im Folgenden anhand von vier werkimmanenten Argumenten bekräftigt werden. 1. Argument: Das erste Argument rekurriert textuell auf Hegels Gedanken der Identität der theoretischen und praktischen Idee und lässt sich aus den bisher bereits herausgearbeiteten Interpretationen des Kapitels Die absolute Idee nahezu unmittelbar erschließen. Während die theoretische und praktische Idee »jede für sich noch einseitig, die Idee selbst [die Einheit; G. O.] nur als ein gesuchtes Jenseits und unerreichtes Ziel in sich hat«, ist die absolute Idee »der vernünftige Begriff, der in seiner Realität nur mit sich selbst zusammengeht«. 301 Der Unterschied zwischen dem endlichen und absoluten Erkennen liegt in nuce darin, dass die Methode des absoluten Erkennens theoretisch und praktisch zugleich ist, und zwar auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Die ›Modalität‹ des absoluten Erkennens ist »gesetzt als durch den Begriff bestimmt und als die Form, insofern sie die Seele aller Objectivität ist und aller sonst bestimmte Inhalt seine Wahrheit allein in der Form hat«.302 Zusammengefasst unterscheiden sich endliches und absolutes Erkennen dadurch, dass beim letzteren das erkennende Subjekt – die subjektive Idee oder der subjektive Begriff – die Objektivität auf Basis der reinen und logischen Begriffe begreifen will. Dieses Wollen, die Objektivität gemäß dieser neuen Basis zu denken, ist ausgehend von der Endlichkeit der theoretischen und praktischen Idee wohlbegründet: Zum einen hat das theoretische Erkennen im Resultat gezeigt, dass die Realisierung der subjektiven Idee darin besteht, die Objektivität gemäß ihrem eigenen Begriff zu forLogik ausspricht. (Vgl. exemplarisch folgende Aussagen am Ende des Aufsatzes: »Only in pure knowledge of pure knowledge does knowledge come to rest. So the endpoint of the progression is the Absolute Idea. […] Hegel says the Science of Logic begins with the decision to think purely. As we eliminate externality, we recognize that this is not a decision to do nothing.« (Rödl, Sebastian: »Eliminating Externality«. In: International Yearbook of German Idealism 5 (2007), 188) In Folge der eigenen bisherigen Argumentation kann mit Blick auf den Gedanken der absoluten Idee davon ausgegangen werden, dass die absolute Idee sich nicht in der Logik realisiert, sondern – wie soll es auch anders sein – im philosophischen System, das nicht mit dem logischen System respektive der logischen Idee gleichzusetzen ist. Die Systematik der absoluten Idee wird nämlich im letzten Satz der WdL antizipiert und setzt eine passende Interpretation des Übergangs der logischen Idee in die Natur voraus, der nicht darin besteht, Äußerlichkeit – weder in der Folge noch ab ovo – zu verneinen. 300 Vgl. hierzu auch: Utz, Konrad: Die Notwendigkeit des Zufalls. Hegels spekulative Dialektik in der »Wissenschaft der Logik«. Paderborn/München 2001, insb. 297 – 319. 301 GW 12: 371 = TWA 6: 548. 302 GW 12: 374 = TWA 6: 551.

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men und sich auf diese Weise in der Objektivität ›anzuschauen‹. Das aus dieser Priorisierung der subjektiven Idee entstandene Problem der praktischen Idee lag jedoch darin, dass der objektive Begriff der subjektiven Idee noch als ein ›Jenseits‹ gedacht wurde, weil er ein von ihr unterschiedener und damit endlicher und vergänglicher war. Aus diesem Mangel entspringt für die subjektive Idee ein positives Resultat: In dem Prozess der eigenen Selbstsetzung erkennt das handelnde und tätige Subjekt, dass sein eigener Begriff das Problem der Realisierung ist. Diese Einsicht in die eigene subjektive Endlichkeit und die Frage nach dem eigenen Selbst und seinem Begriff schafft die Basis für die Überwindung der eigenen, subjektiven Beschränkung gegenüber der objektiven Welt. Kurzum: Die Aufhebung des Widerspruchs der praktischen Idee liegt darin begründet, dass das erkennende und handelnde Subjekt auf seine eigenen Bedingungen reflektiert. Vor der Schablone der Realisierung des Begriffs gelesen, um die es in der Begriffslogik – nomen est omen – geht, bedeutet diese Selbstvergewisserung der Bedingungen des erkennenden und handelnden Subjekts, dass der subjektive Begriff auf sich als Begriff ›reflektieren‹ muss. Diese Reflexion oder Rückkehr in sich führt nun zu zwei Ergebnissen: Erstens ›erinnert‹ sich der subjektive Begriff (bzw. die subjektive Idee) an das, was er (bzw. sie) ist, und anerkennt das aus dieser Reflexion in sich entspringende Resultat – nämlich die begreifende Subjektivität – als allgemeines und notwendiges Kriterium jeder seiner (bzw. ihrer) Äußerungen. Eine solche sich selbst objektiv gewordene Subjektivität nennt Hegel im Kapitel über die absolute Idee Persönlichkeit […] – der praktische, an und für sich bestimmte, objective Begriff, der als Person undurchdringliche, atome Subjectivität ist, – der aber ebensosehr nicht ausschliessende Einzelnheit, sondern für sich Allgemeinheit und Erkennen ist und in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat.303

Die These, dass der »objective Begriff«, von dem hier die Rede ist, die Reflexion des subjektiven Begriffs auf seine eigenen, ›hinter‹ ihm in der Logik liegenden Voraussetzungen einschließt, belegen einerseits viele Rückverweise, die auf den Anfang oder auf andere Systemteile der Logik Bezug nehmen, und andererseits die Methode selbst, die zugleich die Methode des logischen bzw. reinen Erkennens ist und bei der Hegel nicht müde wird, auf den Anfang, den Fortgang und das Ende der Logik zu verweisen. Auf den Sachverhalt, dass die Reflexion der subjektiven Idee auf ihren eigenen Begriff nicht einfach nur ein Rückfall auf eine der vielen hinter sich gelassenen logischen Stufen ist, sondern vielmehr eine Fortentwicklung im vernünftig begreifenden Erkennen darstellt, exemplifiziert die gerade zitierte Passage zur »Persönlichkeit« und zur »Person«: Die Person ist 303

GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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eine einzelne Subjektivität, die im Erkenntnisvollzug eine Allgemeinheit hat, die nicht nur für sie selbst gilt, sondern gemäß welcher die Objektivität ganz allgemein auf einen Begriff gebracht werden kann. Hegels Fortschrittsgedanke im absoluten Erkennen kann auch am Begriff des Lebens, der dem Satz über die Identität der theoretischen und praktischen Idee unmittelbar folgt, festgemacht werden. Das Leben in der endlichen Idee ist dadurch geprägt, dass das Einzelne nur dann als objektiv gedeutet werden kann, wenn die mechanischen und chemischen Prozesse der objektiven Sphäre sich in einem einzelnen Organismus abspielen, sich ihn ihm perpetuieren und ihn auf diese Weise am Leben erhalten. In diesem Sinne ist die Idee des Lebens in die Objektivität eingebunden und von dieser durch und durch bestimmt. Um ferner am Leben bleiben zu können, muss sich das einzelne Lebendige den äußeren Bedingungen anpassen und diese für seine eigenen Bedürfnisse zunutze machen. Im Leben der ›Person‹, das ein Leben des absoluten Erkennens ist, hat sich die Form des Lebens gewandelt, womit ein Fortgang in der logischen Entwicklung erzeugt wird: Das Leben in der absoluten Idee hat die »Unmittelbarkeit ebensosehr aufgehoben, und den höchsten Gegensatz in sich«.304 Für das einzelne lebendige Subjekt bedeutet ein solches Leben in der absoluten Idee, dass es die Allgemeinheit als Objektivität in sich hat. Aber diese Objektivität ist nicht bloß mechanisch oder chemisch, sondern ist der reine Begriff selbst; und das Leben gemäß dem reinen Begriff bedeutet, alle andere Objektivität unter eben dieser Prämisse subjektiv zu machen, d. h. ihr die Form des reinen und logischen Begriffs zu geben und so »in seinem Andern seine eigene Objektivität zum Gegenstande« zu haben. 2. Argument: Das zweite Argument, das dafür spricht, dass die logische Idee in der Sphäre der Subjektivität eingeschlossen ist, aber auch auf die Sphäre der Objektivität als äußerliche Idee übergreift, weil das Erkennen ein absolutes Kriterium gefunden hat, mit dem es objektive Gesetze und Begriffe erkennen kann, geht von der Methode selbst aus. Die Methode ist nicht einfach nur ein obskurer ›Über-weg‹ oder ›Nach-gang‹ der gesamten Logik, sondern ist ein konkreter und wohldefinierter Erkenntnismodus, der der Form des reinen Begriffs und seinen Momenten folgt und mit dem das erkennende Subjekt konkrete reine Begriffe – z. B. aus der Seins- und Wesenslogik – begreifen kann. So betrachtet fallen die Methode und die sich ihr anschließenden reinen Begriffe in das erkennende Subjekt. Auch hier ist es wichtig, anzumerken, dass die Methode eine doppelte Seite der Objektivität hat: Zunächst einmal ist der reine Begriff sich selbst objektiv geworden, hat sich selbst zum Gegenstand und ist in dieser Hinsicht in einer Sphäre eingeschlossen. Zum anderen weist aber die Logik als Wissenschaft des Denkens über sich hinaus; denn das erkennende Subjekt muss 304

GW 12: 372 = TWA 6: 549.

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zum einen denken, wenn es erkennen will, und zum anderen muss die Objektivität seinem Begriff entsprechen können, wenn von einer Erkenntnis überhaupt die Rede sein soll. In dieser Hinsicht muss die Objektivität gemäß den reinen Begriffen gedacht werden können, wenn es gerade diejenigen Begriffe sind, die der subjektive Begriff (bzw. die subjektive Idee) für sich als notwendige und allgemeine Kriterien erkannt hat. Welche weiteren Begriffe einer solchen methodischen Neuorientierung im Erkenntnisvollzug entspringen können, ist vorerst nicht abzusehen, sondern muss sich durch den Fortgang der philosophischen Wissenschaften – der Natur- und Geistphilosophie – erst zeigen. In jedem Fall darf aber behauptet werden, dass die Methode dieses Erkennens wohl-begründet ist, weil sie »die Art und Weise des Erkennens, des subjectiv sich wissenden Begriffs, als die objective Art und Weise oder vielmehr die Substantialität der Dinge«305 ist. Sie ist die wahrhafte Mitte zwischen dem Erkennenden und dem zu erkennenden Objektiven, weil der reine Begriff, der die Form der Methode ist, »ebensosehr die Bedeutung des Objectiven hat, das im Schlußsatze daher nicht nur eine äussere Bestimmtheit durch die Methode erlangt, sondern in seiner Identität mit dem subjectiven Begriff gesetzt ist«.306 Wie der spekulative Schluss im Detail zu verstehen ist, wurde in den Kapiteln 1. und 3.1 erläutert. Entscheidend ist im Kontext der absoluten Idee, dass der Schlusssatz der Zusammenschluss des subjektiven Begriffs und des Objektiven ist, dabei aber nicht dem endlichen Erkennen, das ebenfalls ein Zusammenschluss zweier Extreme ist, entspricht, sondern dem absoluten, dessen Basis die Begriffsbestimmungen des reinen Denkens bilden, mit denen die Objektivität – im Sinne des objektiven Begriffs – erkannt werden kann. Also gilt auch für das zweite Argument, dass die Objektivität, die Teil der gesamten Idee und damit auch der absoluten Idee ist, nicht einfach verschwindet, sondern von einer anderen Warte aus gedacht wird. So wie die absolute Subjektivität von Hegel mit dem Ausdruck »Person« versehen wurde und unter einem ganz bestimmten Erkenntnismodus operiert, so darf es nicht verwundern, wenn die objektive Idee, die objektive Welt, das Objektive usw. nun ebenfalls einen neuen Namen bekommen, der gleichsam eine Neucodierung dieses Erkenntnisextrems erwarten lässt, der »äusserliche Idee«307 lautet und dessen Bedeutung sich ohne die reine Idee, die wiederum die logische Idee oder das Erkennen mittels reiner Begriffe ist, nicht erschließen lässt. 3. Argument: Das dritte Argument für die These, dass die logische Idee das subjektive Moment der absoluten Idee ist, das zugleich über sich hinausgreift und auf diese Weise zugleich den Anspruch erhebt, das Ganze zu sein, setzt beim System- und Totalitätsgedanken an. Nachdem Hegel v. a. in den Absätzen 5 GW 12: 375 = TWA 6: 552. GW 12: 376 = TWA 6: 552. 307 GW 12: 400 = TWA 6: 573. Dieser Ausdruck taucht nur einmal im Kapitel Die absolute Idee auf, nämlich im letzten Satz. 305 306

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bis 18 die drei Momente der Methode – Anfang, Fortgang, Resultat – präsentiert hat, spricht er ab dem 19. Absatz über das System der reinen Begriffe und erklärt im 21. Absatz, dass die Methode »ein System der Totalität«308 generiert. Dies hat wiederum zwei Konsequenzen: (1) Weil der »Begriff in der absoluten Methode […] sich in seinem Andersseyn [erhält; G. O.], das Allgemeine in seiner Besonderung, in dem Urteile und der Realität«, ist der Fortgang des Allgemeinen in der Methode zugleich die Bestimmung des Begriffs, die in einer Verschränkung von »grössere[r] Ausdehnung« und »höhere[r] Intensität« liegt.309 Ein spekulativer Gedanke ist dann bestimmt, wenn er zu einem Ergebnis führt und wenn das Allgemeine, seine Basis, wieder in sich zurückkehrt und so eine Komplexität sichtbar macht, die seine konkrete Bedeutung ausmacht. Als Beispiel kann wieder das reine Sein dienen, das mit seiner Bestimmtheit, dem Nichts, gesetzt, das bestimmte Sein, also das Sein mit einem Nichtsein ist, das Hegel das »Dasein« nennt. Das Dasein ist in diesem Sinn eine »neue Stufe des Aussersichgehens«310 des Allgemeinen. Weil es das Sein als auch das Nichts an sich hat, ist die Extension des Begriffs des Daseins weitergefasst als die des reinen Seins. Als ein bestimmter Begriff ist das Dasein aber auch ein konkreterer Begriff als das reine Sein, Nichts oder Werden, weil es diese Bestimmungen in sich enthält: Das Reichste ist daher das Concreteste und Subjectivste, und das sich in die einfachste Tiefe Zurücknehmende das Mächtigste und Uebergreiffendste. Die höchste, zugeschärfteste Spitze ist die reine Persönlichkeit, die […] Alles in sich befaßt und hält, weil sie sich zum Freisten macht, – zur Einfachheit, welche die erste Unmittelbarkeit und Allgemeinheit ist.311

Entgegen allem Anschein führt die absolute Methode also nicht in einen unendlichen Progress von reinen Begriffen, sondern endet dort, wo der Begriff sich selbst zum Gegenstand hat und wo der reine Begriff nicht mehr über sich selbst hinaus zu einem anderen reinen Begriff fortschreiten muss. Hegels Kandidatin für einen solchen Begriff ist auch hier, wie bereits im ersten Absatz, die »reine Persönlichkeit«, die eine bestimmte Form der Subjektivität bildet, nämlich eine, die alle Denkbestimmungen in einer vermittelten Unmittelbarkeit vereinigt und so wahre Totalität, Vollendung, ist. (2) Nun kann es so scheinen, als ob am Ende der Logik nichts mehr übrig geblieben wäre als die reine Persönlichkeit, also eine einzelne Subjektivität, die sich nur auf sich selbst bezieht und dabei erkennt, was sie in Wahrheit ist, nämlich 310 311 308 309

GW 12: 395 = TWA 6: 569. GW 12: 395 = TWA 6: 569 f. GW 12: 396 = TWA 6: 570. GW 12: 398 = TWA 6: 571.

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»einfache Beziehung auf sich, welche Seyn ist«, allerdings mit dem Unterschied, dass es nun auch »erfülltes Seyn, der sich selbst begreiffende Begriff ist, das Sein als die concrete, ebenso schlechthin intensive Totalität«.312 Als Totalität und als Methode hat die Subjektivität eine doppelte Seite, die Hegel im 26. Absatz – dem vorletzten Absatz der WdL – expressis verbis benennt: Zum einen bildet sie die eine Sphäre oder Instanz, in der alle reinen Begriffe eingeschlossen sind; zum anderen greift sie über sich selbst hinaus, insofern alles, was zu erkennen möglich ist, nur auf Basis des Denkens überhaupt erkannt werden kann. Diese letzte Anmerkung ist für das Verständnis der Notwendigkeit des Übergangs, der zugleich frei sein soll, essenziell. Das Resultat der Logik ist nämlich die absolute Idee im weiten und die reine oder logische Idee im engen Sinn. Nur mit dieser ist auch jene gesetzt und nicht umgekehrt. Wie mehrfach betont, dürfen beide auch nicht miteinander identifiziert werden. Denn die reine Idee ist die eine Idee des Erkennens, die als Erkennen auf einen Gegenstand verweist, auf den sie sich begrifflich bezieht. Die in der absoluten Idee sichtbar übriggebliebene und weiterbestehende Differenz zwischen dem spekulativ begreifenden Subjekt und dem zu begreifenden Objekt motiviert und begründet den (spekulativen) Übergang der Logik in die Natur, den Hegel in einem ersten Schritt wie folgt andeutet: Weil die reine Idee des Erkennens insofern in die Subjectivität eingeschlossen ist, ist sie Trieb, diese aufzuheben, und die reine Wahrheit wird als letztes Resultat auch der Anfang einer andern Sphäre und Wissenschaft.313

Die absolute Idee ist demnach eine bestimmte Erkenntnisart und -weise, die in der Logik noch in der Sphäre der Subjektivität eingeschlossen ist. Ihr Trieb, diese Sphäre aufzuheben, liegt in der Idee des Erkennens selbst begründet. Das Erkennen ist immer ein Erkennen von etwas. Die Fortentwicklung der praktischen Idee in die absolute hat gezeigt, dass das, was die subjektive Idee in der praktischen Idee will, sie selbst ist. Mit anderen Worten: Die Objektivität, die der subjektiven Idee noch als eigenständige ›Welt‹ gegenüberzustehen scheint, wird gemäß subjektiven Zwecken so weit umgeformt, bis das Gute erreicht ist, d. h. die Ausführung dem auszuführenden Zweck entspricht. Der Mangel der praktischen Idee, der zugleich die logische Fortentwicklung motiviert, liegt darin begründet, dass die Realisierung des Zwecks endlich gedacht wird und somit nicht erreicht wird, weil es zum Gedanken der Endlichkeit wesentlich dazugehört, sich beständig zu verändern und ein Unfixierbares zu bleiben. Den Mangel an Bestimmtheit kann die subjektive Idee dadurch überwinden, dass sie nicht die Bedingungen der Objektivität verändert, sondern die eigenen theoretischen Vo312

GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 399 f. = TWA 6: 572.

313

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raussetzungen ihres Handelns korrigiert. In der praktischen Idee ist der Zweck immer ein endlicher, weil er an die Voraussetzungen des Objekts als eines Mittels zur Realisierung des Zwecks gebunden ist. Mit dem ›Eintritt‹ in die absolute Idee verändert sich diese Grundlage aber: Die subjektive Idee begreift, dass das, was sie will, schlicht sie selbst ist – und das Gute besteht eben darin, das zu realisieren, was die nunmehr neucodierte Form der subjektiven Idee als logische Idee ist. Was der eigene Begriff ist, muss die subjektive Idee mithin nicht mehr erkennen, da sie diese Erkenntnis bereits geleistet hat, ihr Weg also ›hinter‹ ihr liegt: Es sind die reinen logischen Begriffe. Auf diese Weise entsteht ein Desiderat im spekulativen Denken, nicht bei der logischen Idee halt zu machen, sondern die Objektivität qua Äußerlichkeit unter einer veränderten Perspektive begrifflich ›anzuschauen‹, nämlich als Natur und konkreter: als Raum und Zeit. Folgt man dieser Interpretation, so hat nur die logische Idee in Gestalt des Erkennens des reinen Begriffs einen Abschluss gefunden. In keinem Fall kann aber behauptet werden, dass alles Erkennen zu einem Ende gekommen ist. Im Gegenteil: Das wahrhafte Erkennen geht in eine ›neue Runde‹ und gewinnt mithin an Komplexität. Der Unterschied zwischen dem endlichen und absoluten Erkennen besteht folglich nicht darin, dass bei dem absoluten Erkennen jegliche Objektivität und Äußerlichkeit (allmählich oder mit einem Schlag) verneint wird. Wenn vom ›Aufgehobensein‹ der Äußerlichkeit und der Selbsttransparenz des Begriffs gesprochen wird, dann hat dies einen ganz spezifischen Sinn: Die Behauptung, dass die Objektivität für die Subjektivität im Sinne der Äußerlichkeit aufgehoben ist, muss nämlich bedeuten, dass die Subjektivität nur auf sich selbst und ihren eigenen Begriff rekurriert, welcher identisch mit den reinen, in der Logik entwickelten Begriffen ist. Eben dies ist die neue theoretische Grundlage, die mit dem Übergang der praktischen Idee in die absolute Idee erreicht ist. Die für das Erkennen und die Idee überhaupt geltende Bedingung einer Differenz zwischen der subjektiven und objektiven Idee gilt immer noch – nun allerdings mit dem Unterschied, dass mit dem spekulativen Übergang der praktischen Idee in die absolute das handelnde Subjekt erkannt hat, dass sein eigener reiner Begriff der Maßstab des Guten ist und dass alles wahre Erkennen, insofern es überhaupt möglich sein soll, unter genau dieser Bedingung des reinen Begriffs stehen muss. Der Einsicht der subjektiven Idee in die eigenen Erkenntnisbedingungen, die die theoretische Grundlage des absoluten Erkennens ausmachen, folgt also unmittelbar die praktische Konsequenz, die ihr noch gegenüberstehende Objektivität gemäß dieser neuen theoretischen Grundlage zu denken. Die praktische Seite des absoluten Erkennens ist dann freilich kein Handeln im herkömmlichen Sinn mehr. Es geht nicht mehr darum, ›Hand‹ an die Dinge zu legen und sie ›künstlich‹ – in der pejorativen Bedeutung – zu verändern. Die praktische Seite des absoluten Erkennens ist vielmehr zugleich eine theoretische, insofern das handelnde und tätige Subjekt der Objektivität eine ganz bestimmte begriffliche

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Form gibt, nämlich die in der Logik eruierten reinen Begriffe, die der Objektivität (Äußerlichkeit) als Konstruktionsregeln zugrunde gelegt werden. Eben das meint Hegel, wenn er von »Trieb, diese [Subjektivität; G. O.] aufzuheben« und in eine neue Sphäre zu überführen, spricht: Die reine, in der Subjektivität eingeschlossene Idee erkennt die Objektivität nach Maßgabe ihres eigenen Begriffs. 4. Argument: Das vierte werkimmanente Argument für die These, dass die logische Idee sich zunächst einmal auf eine – die subjektive – Sphäre beschränkt, sich aber genötigt sieht, auf eine andere – die objektive – Sphäre überzugreifen, geht von einem Deduktionsschluss aus, der die folgende Form hat: Was der ganzen Idee entspricht, muss auch ihrer besonderen Form entsprechen. Die Ausgangsbedingungen lassen sich der einleitenden Passage des letzten Abschnitts der WdL – Die Idee – entnehmen: Der Begriff, indem er wahrhaft seine Realität erreicht hat, ist dies absolute Urtheil, dessen Subject als die sich auf sich beziehende negative Einheit sich von seiner Objectivität unterscheidet und das An- und- Fürsichseyn derselben ist, aber wesentlich sich durch sich selbst auf sie bezieht, – daher Selbstzweck und Trieb ist; – die Objectivität aber hat das Subject eben darum nicht unmittelbar an ihm, es wäre so nur die in sie verlorne Totalität des Objects als solchen; sondern sie ist die Realisation des Zwecks, eine durch die Tätigkeit des Zwecks gesetzte Objektivität, welche als Gesetztseyn ihr Bestehen und ihre Form nur als durchdrungen von ihrem Subject hat.314

Mit Blick auf das bessere Verstehen dieser Textpassage sind mindestens drei Bemerkungen zu machen:315 Erstens hat der Begriff, wie er am Anfang der Begriffslogik eingeführt wurde, in der Idee »wahrhaft seine Realität« erreicht. Zweitens stehen sich in ihr zwei Momente als Extreme gegenüber – eine Subjektivität und eine von ihr unterschiedene Objektivität –, die beide voneinander unterschieden, aber auch aufeinander bezogen sind. Dieses Begriffsverhältnis, zu dem sich die spekulative Theorie entwickelt hat, nennt Hegel das »absolute Urteil«. In ihm stehen sich ein Subjekt und eine es umgebende und aus mehreren Objekten bestehende Objektivität einander gegenüber. Ersteres Extrem unterscheidet sich vom letzteren durch seine »sich auf sich beziehende Einheit«, auf die die Objektivität als das andere Extrem bezogen bleibt. In diesem Sinne ist die Objektivität zwar selbständig in dem Sinn, dass sie von der Subjektivität unterschieden ist und das Objekt kein Subjekt ist. Andererseits ist die Objektivität aber auch unselbständig, insofern das Subjekt in seiner Selbstbeziehung auf die Objektivität ›übergreift‹ und diese nicht so gewähren lässt, wie sie an sich ist, sondern sie 314 315

GW 12: 272 f. = TWA 6: 466 f. Ergänzend dazu vgl. den einleitenden Teil des Kapitels 1.

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zu einem Gesetztsein macht. Der subjektive Begriff ist »Selbstzweck und Trieb«, schreibt Hegel. Selbstzweck ist der subjektive Begriff, insofern er selbst es ist, der realisiert werden soll. Trieb ist er, insofern er für seine Realisierung über sich hinausgreifen muss und insofern dieser Drang und diese Motivation ihm intrinsisch eingeschrieben sind. Für die Objektivität gilt daher im umgekehrten Sinn, dass sie »eine durch die Tätigkeit des Zwecks gesetzte Objectivität, welche als Gesetztseyn ihr Bestehen und ihre Form nur als durchdrungen von ihrem Subject hat«.316 Diese allgemeine Form der Idee, die asymmetrisch in Richtung der Realisierung der Subjektivität weist, ist nicht nur ein Charakteristikum der einleitenden Passagen des Ideenabschnitts, sondern der Idee überhaupt, also aller ihrer Instanzen. Wenn die absolute Idee noch Idee ist – und das ist sie –, dann muss für sie dieses absolute Urteil der Idee, in dem Subjektivität und Objektivität die beiden Extreme bilden, und seine ›Auflösung‹ im Schluss zugunsten der Realisierung von Subjektivität konstitutiv sein. Drittens führt die in dem absoluten Urteil ausgesprochene Vermittlung in der absoluten Idee zu einer neuen Form der Realisierung der Idee und des Begriffs: Die Objektivität ist nicht nur ein Anundfürsichsein und Selbständiges, sondern auch ein Gesetztsein. Gesetzt ist sie, weil sie begrifflich vermittelt ist, also im Begriff ihre Grundlage hat. Dass es sich hierbei nur um eine bestimmte Klasse von Begriffen, nämlich die reinen und logischen Begriffe, handeln kann, geht aus den obigen Erläuterungen hervor. Ebenso geht aus der bisherigen Argumentation hervor, dass in der absoluten Idee nur in einem begrenzten Sinn von »Aufhebung der Objectivität« gesprochen werden kann, weil die absolute Idee immer noch Idee ist. Dies bedeutet einerseits, dass die absolute Idee – wie jede andere Idee auch – nolens volens auf einem absoluten Urteil basiert, und andererseits, dass sie ein Prozess im Sinn eines Schlusses bildet, in dem zwei Extreme miteinander verbunden werden. Dieser Vermittlungscharakter kommt in allen Passagen der Idee zum Tragen. Es ist also keineswegs der Fall, dass in der absoluten Idee die Vermittlungsleistung zwischen diesen zwei Extremen für beendet erklärt werden kann. Vielmehr besteht der Fortgang der spekulativen Wissenschaft darin, dass die Idee eine erweiterte und für die an der spekulativen Theorie interessierte Leserschaft bis dahin noch nicht bekannte Form erhält, die den Übergang in eine »ander[e] Sphäre und Wissenschaft«317 markiert und die allem weiteren Verlauf ihr Programm vorschreibt.

316 317

GW 12: 272 f. = TWA 6: 466 f. GW 12: 400 = TWA 6: 573.

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5.2.2 Hegels Kritik an alternativen Deutungen des innerlogischen Übergangs der logischen Idee in die Natur Für die These, dass mit der absoluten Idee die spekulative Wissenschaft nicht zu einem Ende gekommen ist, sondern an Fahrt gewinnt, weil mit ihr ein Fundament geschaffen ist, die Objektivität auf Basis der reinen und logischen Begriffe zu begreifen, sprechen nicht nur die oben genannten vier Argumente, sondern auch mehrere textuelle Belege, die dem 27. und letzten Absatz des letzten Kapitels der WdL zu entnehmen sind. Ausgangspunkt ist hierbei der einleitende Satz, in dem Hegel die Entwicklung der (logischen) Idee in die Natur andeutet: Indem die Idee sich nemlich als absolute Einheit des reinen Begriffs und seiner Realität setzt, somit in die Unmittelbarkeit des Seyns zusammennimmt, so ist sie als die Totalität in dieser Form, – Natur318.

Im Zentrum dieses Gedankens steht die »absolute Einheit des reinen Begriffs und seiner Realität«, aus der Hegel zwei Schlussfolgerungen zieht: Nachdem der reine Begriff seine Realität erreicht hat, kehrt er einerseits zur »Unmittelbarkeit des Seyns« zurück und schreitet andererseits zur »Natur« fort. Die Paradoxie, dass der Rückgang auch ein Fortgang ist, ist mit den in dieser Untersuchung herauspräparierten Thesen und Argumenten zufriedenstellend aufzulösen, weil einerseits319 das Ende im spekulativen Begreifen den Anfang immer miteinschließt und weil andererseits320 die Realität des reinen Begriffs mit der in dem subjektiven Begriff (bzw. in der subjektiven Idee) eingeschlossenen logischen Idee identisch ist, der eine noch zu begreifende Äußerlichkeit gegenübersteht. Die logische Idee hat also ihre primäre Bedeutung in der Objektivwerdung des subjektiven Begriffs (bzw. der subjektiven Idee), die keinesfalls als abgeschlossen gelten darf. Nun kann aber genau dies behauptet werden: dass der subjektive Begriff sich mit Blick auf sich selbst und mit Blick auf die Objektivität objektiv geworden ist, dass der objektive Begriff mithin bereits gedacht worden ist. Zwei Textpartien können für eine solche Behauptung als Argumentationsgrundlage herangezogen werden: die Entwicklung der Subjektivität in die Objektivität im ersten Abschnitt der Begriffslogik und die Entwicklung des subjektiven Zwecks zum Leben im Teleologiekapitel am Ende des zweiten Abschnitts der Begriffs­ logik. Einen solchen prima facie gerechtfertigten Einwand weist Hegel aber im sich direkt an das obige Zitat anschließenden nächsten Satz thetisch zurück:

GW 12: 399 = TWA 6: 573. Für Details vgl. Kapitel 3.1 – 2. 320 Für Details vgl. Kapitel 4.1 – 2. 318 319

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Diese Bestimmung [der absoluten Einheit des reinen Begriffs und seiner Realität; G. O.] ist aber nicht ein Gewordenseyn und Uebergang, wie, nach oben, der subjective Begriff in seiner Totalität zur Objectivität, auch der subjective Zweck zum Leben wird.321

Ohne ein Argument zu nennen, fährt Hegel vielmehr mit seiner eigenen Position fort: Die reine Idee, in welcher die Bestimmtheit oder Realität des Begriffes selbst zum Begriffe erhoben ist, ist vielmehr absolute Befreyung, für welche keine unmittelbare Bestimmung mehr ist, die nicht ebensosehr gesetzt und der Begriff ist; in dieser Freyheit findet daher kein Übergang statt, das einfache Sein, zu dem sich die Idee bestimmt, bleibt ihr vollkommen durchsichtig und ist der in seiner Bestimmung bey sich selbst bleibende Begriff. Das Uebergehen ist also hier vielmehr so zu fassen, daß die Idee sich selbst frey entläßt, ihrer absolut sicher und in sich ruhend. Um dieser Freyheit willen ist die Form ihrer Bestimmtheit ebenso schlechthin frey, – die absolut für sich selbst ohne Subjectivität seyende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit.322

Diese Abgrenzung und Näherbestimmung des Übergangs der logischen Idee in die Natur bedarf einer ausführlicheren Erläuterung, weil auch sie die hier vorgelegte These einer Neubesetzung der subjektiven Idee als logische Idee und die so begründete Neubesetzung eines spekulativen Erkennens, das in keinem Fall als endliches, sondern vielmehr als absolutes bezeichnet werden muss, stützen. Für die Interpretation der in diesem Kapitel zitierten ersten Hälfte des letzten Absatzes der WdL, die aus fünf Sätzen besteht und in denen Hegel seine Antwort auf die Übergangsproblematik der logischen Idee in die Natur gibt, sind mindestens drei Fragen in den Mittelpunkt zu rücken, die den Übergang negativ und positiv beleuchten: 1. Was unterscheidet den Übergang der reinen (bzw. logischen) Idee in die Natur von den von Hegel erwähnten Übergängen des subjektiven Begriffs in die Objektivität und des subjektiven Zwecks ins Leben? 2. Was versteht Hegel unter dem freien Sich-Entlassen der reinen (bzw. logischen) Idee in die Natur?323 3. Wie lässt sich Hegels Aussage, dass die nächste Entwicklungsstufe der absoluten Idee »die absolut für sich selbst ohne Subjectivität seyende Aeus GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 399 = TWA 6: 572. 323 Diese Frage wird im nächsten Kapitel – Kapitel 5.2.3 – beantwortet. 321

322

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serlichkeit des Raums und der Zeit« ist, mit der in dieser Untersuchung forcierten Interpretation, die reine und logische Idee an den Begriff der reinen Subjektivität zu binden, vereinbaren?324 Die Antwort auf die erste Frage durch Zurückweisung anderer innerlogischer Übergänge respektive Entwicklungsschritte hat im Rahmen der hier vorgelegten Untersuchung (und für Hegel) die Funktion, die Entwicklung der logischen Idee in die Natur zu profilieren und ihre Besonderheit eigens hervorzuheben. Zwar spiegelt jeder dieser Übergänge für sich genommen ein Objektivwerden des subjektiven Begriffs wider, allerdings unter je eigenen Voraussetzungen. Der Hauptunterschied zwischen der Entwicklung des subjektiven Begriffs zur Objektivität, des subjektiven Zwecks zum Leben und der logischen Idee zur Natur besteht darin, dass in den ersten beiden Entwicklungsstufen der subjektive Begriff seine Objektivität nur unzureichend erreicht. Dies hat mehrere Gründe. Wird der Entwicklungsverlauf des subjektiven Begriffs (bzw. der Subjektivität) in die Objektivität, wie er von Hegel im disjunktiven Schluss diskutiert wird, betrachtet, so wird zum einen deutlich, dass der Begriff sich fürs Erste ›verliert‹. Zwar wird im disjunktiven Schluss der Begriff so weit realisiert, dass jedes Moment des Begriffs – Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit – die anderen Momente in sich enthält. (Das bedeutet, dass die Allgemeinheit die Besonderheit und Einzelheit, die Besonderheit die Allgemeinheit und Einzelheit und die Einzelheit die Besonderheit und Allgemeinheit in sich schließt.) Was aber auf diese Weise zustande kommt, ist die (erneute) Teilung des Begriffs, da nun jedes Moment eine eigene Totalität in sich begreift und jedes dieser Momente jeweils einen Anspruch erhebt, das Ganze zu sein. So betrachtet stehen sich mehrere Einzelne gegenüber, die jedes für sich das Allgemeine und Konkrete sind, aber sich als solche ebenso sehr wieder ausschließen – der »absolute Widerspruch«325, wie Hegel in der Enzyklopädie bemerkt. Ein solches Einzelnes, das in sich Allgemeines ist und den ganzen Begriff an sich hat, nennt Hegel »Objekt« 326. In der Einleitung des Objektivitätskapitels spricht Hegel von der »gedoppelte[n] Bedeutung« der Objektivität: Die Objektivität kann »dem selbständigen Begriffe gegenüber […] stehen, aber auch das an und für sich seyende […] seyn«.327 In der ersten Bedeutung bedeutet die Objektivität, »einen Gegenstand überhaupt für irgendein Interesse und Thätigkeit des Subjects«328 zu haben. Diese Bedeutung erkennt Hegel vor allem beim »subjektiven Idealismus« wieder, bei dem das Objekt dem »als das absolute Wahre ausgesprochenen Ich = Ich gegenüber 326 327 328 324

325

Diese Frage wird im übernächsten und letzten Kapitel – Kapitel 6. – beantwortet. GW 20: § 194 = TWA 8: § 194. GW 20: § 194 = TWA 8: § 194. GW 12: 198 = TWA 6: 407. GW 12: 199 = TWA 6: 408.

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steht« und im »unendlichen Kampf« gegen das Ich oder den Begriff seine an sich seiende Nichtigkeit erfährt.329 In der zweiten Bedeutung, mit der der Abschnitt Die Objektivität beginnt und aus dem sich alle weiteren für den Objektivitätsabschnitt relevanten Bedeutungen erschließen lassen, ist das »Objective, das an und für sich seyende, das ohne Beschränkung und Gegensatz ist«.330 Philosophiegeschichtlich vergleicht Hegel ein solches konkretes Objekt, das als Einzelnes das Allgemeine ist, mit der »Leibnitzische[n] Monade«: Sie ist eine Totalität der Weltvorstellung

und theils insofern Object als der Grund ihrer mannichfaltigen Vorstellungen, der entwickelten d. h. der gesetzten Bestimmungen ihrer bloß an sich seienden Totalität, ausser ihr liegt, theils insofern es der Monade ebenso gleichgültig ist, mit andern zusammen ein Object auszumachen.331

Diese Entwicklung der Subjektivität zur Objektivität und der Anfang und Fortschritt der Objektivität machen den Unterschied zur Idee deutlich. Erstens fehlt der Objektivität das eigenständige Moment der Subjektivität, das sich in und aus der Sphäre der Objektivität noch setzen muss. Zwar scheint es, als ob das Objekt ein Anundfürsichsein und Selbständiges sein könnte. Weil aber die allgemeine Sphäre der Objektivität aus lauter einzelnen Objekten besteht, die – jedes für sich – den Anspruch auf Selbstbestimmtheit haben, treten sie in Konkurrenz zueinander und ihre Gleichgültigkeit und Gegensatzlosigkeit löst sich im mechanischen, chemischen und teleologischen Prozess sukzessive auf. Zweitens kann bei der Entwicklung der Subjektivität zur Objektivität und innerhalb der Objektivität keine Rede davon sein, dass der reine Begriff sich selbst Gegenstand geworden ist. Zwar hat sich der Begriff in seiner Totalität im Schluss hergestellt, aber diese Totalität ist wiederum in einzelne Totalitäten qua Objekte disjungiert. Was weder die Entwicklung der Subjektivität in die Objektivität noch die Objektivität selbst leistet, ist die Reflexion des reinen Begriffs auf sich selbst und (damit verbunden) auf die gesamte Wissenschaft der Logik. Damit hängt, drittens, ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen der Entwicklung der Subjektivität in die Objektivität und der logischen Idee in die Natur zusammen: das Moment des Erkennens. Die Idee ist wesentlich ein Erkennen, dessen erstes Extrem der subjektive Begriff und dessen zweites die Objektivität ist. Diese Extreme sind weder im Abschnitt über die Subjektivität noch im Abschnitt über die Objekti GW 12: 199 = TWA 6: 407. GW 12: 200 = TWA 6: 408. 331 GW 12: 204 = TWA 6: 411. 329

330

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vität vorhanden. Denn im ersten Fall besteht das Urteil des Begriffs im Verhältnis des Subjekts und des Prädikats (oder allenfalls des Begriffs im Verhältnis zum Wirklichen), im letzteren sind es Objekte, die sich gegenüberstehen und noch vermittelt werden müssen. In keinem der Fälle kann von einem absoluten Urteil, bei dem der ganze subjektive Begriff auf der einen und die Objektivität auf der anderen Seite steht, gesprochen werden. Dies wird insbesondere dadurch deutlich, dass der subjektive Begriff, wie er im ersten Abschnitt der Begriffslogik thematisiert wird, mit dem subjektiven Begriff der absoluten Idee (im dritten Abschnitt der Begriffslogik) nicht identisch ist.332 Hegel markiert diesen Unterschied in einer Nebenbemerkung im vierten Absatz des letzten Kapitels der WdL klar und deutlich: – Hiermit ist zweytens auch der Unterschied der Methode von dem Begriffe als solchem, das Besondere derselben, angegeben. Wie der Begriff für sich betrachtet wurde, erschien er in seiner Unmittelbarkeit; die Reflexion oder der ihn betrachtende Begriff fiel in unser Wissen. Die Methode ist diß Wissen selbst, für das er nicht nur als Gegenstand, sondern als dessen eigenes, subjectives Thun ist, als das Instrument und Mittel der erkennenden Thätigkeit, von ihr unterschieden, aber als deren eigene Wesenheit.333

Das Erkennen des reinen Begriffs ist im ersten Abschnitt der Begriffslogik noch eine äußerliche Reflexion und das Wissen von ihm fällt »in unser Wissen«334, d. h. in das Wissen von uns, der an der spekulativen Theorie interessierten Leserschaft, die gegenüber der sich an der spekulativen Methode orientierenden logischen Entwicklung über ein umfangreiches Begriffsarsenal und Vokabular verfügt, von dem aber nur dem Stand der logischen Entwicklung entsprechend und konservativ Gebrauch gemacht werden darf, um die spekulative Logik von ihrem ehrgeizigen Ziel, ihre methodischen Verpflichtungen einzuhalten und voraussetzungslos zu denken, nicht abzubringen. Mit anderen Worten formuliert, besteht Hegel zufolge der Hauptunterschied zwischen dem »Begriffe als solchem« und der »Methode« – dem Zitat und Gedankengang der Begriffslogik folgend – darin, dass am Anfang der Begriffslogik der Begriff und seine drei Deswegen kann auch nicht mit Theunissen behauptet werden, dass sich der Schein der Wahrheit mit dem ›Eintritt‹ in die Begriffslogik aufgelöst hat und dass Hegel in der Begriffslogik – und zwar von Anfang an – nunmehr seine eigene Philosophie positiv vorträgt, sodass ganz generell gilt: »die Logik des Begriffs sei ›der Begriff der Logik‹« (Theunissen, Michael/Horstmann, Rolf-Peter/Fulda, Hans-Friedrich: Kritische Darstellung der Metaphysik. Eine Diskussion über Hegels »Logik«. Frankfurt a. M. 1980, 71). Zur Kritik an dieser Deutung vgl. auch die Auseinandersetzung mit Fulda in: Theunissen/Horstmann/ Fulda:1980, 16, 70 – 80 und 126 – 129. 333 GW 12: 375 = TWA 6: 552. 334 GW 12: 374 = TWA 6: 551. 332

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Momente  – das Allgemeine, Besondere und Einzelne  – auf der Theorieebene zwar eingeführt wurden, aber der Begriff sich selbst noch nicht objektiv geworden ist. Objektiv ist er nur an sich, nicht aber für sich und auch nicht für uns. Für sich ist er deshalb nicht objektiv, weil der Begriff seine Einheit im Urteil und im (disjunktiven) Schluss verliert und sich letztlich in eine äußerliche Totalität dirimiert, die Hegel »Objektivität« nennt, in der jedes Moment für sich und gegen Anderes genommen das Ganze ist. Für uns kann der reine Begriff allein schon deswegen nicht objektiv sein, weil wir als erkennende Subjekte im Verlauf der Wissenschaft im Abschnitt über die Subjektivität noch nicht zur Sprache gekommen bzw. Thema geworden sind. Der reine Begriff der absoluten Methode ist demnach weiterentwickelter als der Begriff des Abschnitts Die Subjektivität, weil er sich in der Methode und im absoluten Erkennen nicht verliert. Analog zum Fortgang der Subjektivität in die Objektivität gilt auch für die Entwicklung des subjektiven Zwecks zum Leben, dass weder von einem Erkennen noch von einer thematischen335 Beziehung des reinen Begriffs auf sich selbst gesprochen werden kann. Zunächst einmal gehört die Entwicklung des subjektiven Zwecks zum Leben der Sphäre der Objektivität an, mit der Hegel sich am Ende des Teleologiekapitels auseinandersetzt. Der Prozesses, den die Objektivität durchläuft, resultiert in einer Asymmetrie: Es gibt einzelne Objekte, denen ein privilegierter Anspruch auf Selbständigkeit zugesprochen werden kann, weil sie trotz der zahlreichen mechanischen und chemischen Prozesse in der Lage sind, sich selbst zu erhalten. Der Übergang der Teleologie in die Idee verhält sich analog zum Übergang der äußeren Zweckmäßigkeit in die innere: Um den Anspruch auf Selbständigkeit aufrechtzuhalten, setzt das eine Objekt sich selbst als wesentlich und die anderen Objekte als unwesentlich oder als Schein. Die Unwesentlichkeit oder der Schein der anderen Objekte besteht darin, dass diese als Mittel gebraucht werden, um den Zweck des einen, privilegierten Objekts zu realisieren. Die Realisierung des Zwecks ist in der Sphäre der Objektivität noch ein äußerlicher, weil er nur der Selbsterhaltung der eigenen Objektivität dient. So betrachtet folgt die Teleologie, die eine äußere Zweckbeziehung ist, einem Syllogismus, den Hegel am Ende des Teleologiekapitels skizziert und der den Übergang in die innere Zweckmäßigkeit und damit verbunden in die Idee des Lebens markiert. In diesem Syllogismus bildet der subjektive Zweck die erste Prämisse. Dieser ist anfänglich nur äußerlich, und zwar auf zweifache Art. Sein primäres Ziel besteht darin, seinen objektiven Status gegen andere Objekte zu bewahren. Dieses Ziel erreicht er, indem die objektive Welt seinem Zweck gemäß verändert wird. Dies macht die zweite Prämisse des Schlusses der Teleologie aus: die 335

Unthematisch läuft der reine Begriff permanent mit. Dasselbe gilt nolens volens für die Methode, da sie nichts anderes als der reine Begriff und seine Entfaltung ist.

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»Bestimmung des Objekts als Mittel«336. Aber der subjektive Zweck ist noch auf eine andere Art äußerlich. Weil er selbst etwas Objektives ist, ist er ein Moment innerhalb der Sphäre der Objektivität und ipso facto ihren (mechanischen und chemischen) Prozessen unterworfen. Er ist äußerlich in dem einen Sinn, dass er im Hinblick auf seine eigene Realisierung auf andere Objekte angewiesen ist, und in dem anderen Sinn, dass er als etwas Objektives und in die äußere Zweckmäßigkeit Eingebundenes über den Status des Mittels nicht hinauskommt. Nicht nur sind ihm andere Objekte ein Mittel für die eigene Realisierung des Zwecks, sondern er selbst bleibt im Resultat, dem ausgeführten Zweck, immer nur ein Mittel. Dies macht den Schlusssatz aus, der eine negative und positive Seite hat: Die negative Seite besteht darin, dass das Mittel  – die zweite Prämisse  – der Ausführung des Zwecks – dem Schlusssatz – wesentlich ist und dass der Zweck, weil er an das Mittel geknüpft ist, über den Status, Mittel zu sein, nicht hinauskommt. Die positive Seite des Schlusses der Teleologie, die zugleich die Entwicklung der Teleologie in die Idee des Lebens motiviert, besteht in der »Aufhebung der äusserlichen Objectivität und damit der Aeusserlichkeit überhaupt, durch sich selbst, [die; G. O.] hiemit die Totalität in ihrem Gesetztseyn ist«.337 Indem also die Objektivität sich selbst Mittel und Zweck zugleich ist, hat sie ihre rein äußerliche Zweckbeziehung aufgehoben und ist innerlich geworden. Das Innere der Objektivität ist der Begriff und seine Momente: Allgemeines, Besonderes und Einzelnes. Vor dem Hintergrund der gesamten Entwicklung der Begriffslogik beschreibt Hegel dies im letzten Absatz des Teleologiekapitels wie folgt: Nachdem wir nun die Subjectivität, das Fürsichseyn des Begriffes, in das Ansichseyn desselben, die Objectivität übergehen gesehen, so hat sich ferner in der letzteren die Negativität seines Fürsichseyns wieder hervorgetan; der Begriff hat sich in ihr so bestimmt, daß seine Besonderheit äusserliche Objektivität ist, oder als die einfache konkrete Einheit, deren Aeusserlichkeit ihre Selbstbestimmung ist. Die Bewegung des Zweckes hat nun dies erreicht, daß das Moment der Aeusserlichkeit nicht nur im Begriff gesetzt, er nicht nur ein Sollen und Streben, sondern als konkrete Totalität identisch mit der unmittelbaren Objectivität ist.338

Für die Entwicklung der Objektivität gilt also, dass sich der Begriff mit dem Eintritt in die Objektivität in einzelne Totalitäten dirimiert, deren jede für sich das Wahre und Ganze zu sein beansprucht. Die Vermittlung innerhalb dieser Sphäre zeigt im Ergebnis, dass ihre äußerliche Zweckbeziehung begrifflich ver GW 12: 264 = TWA 6: 460. GW 12: 265 = TWA 6: 461. 338 GW 12: 265 = TWA 6: 461. 336 337

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mittelt ist. Dies bedeutet, dass kein Teil der Beziehung für sich allein gedacht werden kann, sondern seinen Grund im Allgemeinen hat, also der Vermittlung mit anderen seiner Art und Gattung. Was sich im Gang des Objektivitätskapitels so herausstellt, ist ein begriffslogisches Verhältnis, bei dem das Einzelne ein Subjektives ist, das ein Allgemeines ist. Weil aber dieses Allgemeine des Einzelnen noch vor dem Hintergrund objektiver Prozesse gedacht wird, besteht der Fortgang (in der Idee des Lebens) darin, das Subjektiv-Einzelne (Lebendige) im Rahmen dieser Objektivität (der anorganischen und organischen Prozesse) zu denken. Der Unterschied zwischen der Idee des Lebens, in der dieses Verhältnis konkretisiert wird, und dem Gedanken der Objektivität besteht nun darin, dass die mechanischen und chemischen Prozesse in der Idee des Lebens in einem Einzelnen ablaufen, das Hegel »das Lebendige«339 nennt. Die Entwicklung der äußeren Zweckbeziehung zur inneren besteht also zum einen in der Vermitteltheit jeder Momente untereinander und zum anderen in der Etablierung einer urteilsförmigen (asymmetrischen) Struktur, bei der das Einzelne ein Konkretes ist, in dem das Allgemeine – hier: die objektiven Prozesse – eingeschlossen ist. Eben hierin besteht das Charakteristikum der Idee und des »absoluten Urteils«, das es im Fortgang der Idee (neu) zu denken gilt: Das Subjektiv-Einzelne, das der subjektive Begriff ist, weil es als Totalität alle anderen Momente in sich schließt, ist zugleich ein Objektiv-Allgemeines, also auch der objektive Begriff, aber nur an sich, nicht für sich. (Für sich ist der subjektive Begriff objektiv erst in der logischen Idee.) Dass diese Form der logischen Entwicklung sich grundsätzlich von der Entwicklung der logischen Idee in die Natur unterscheidet, ergibt sich fast von selbst, sobald an die Besonderheit der absoluten Idee erinnert wird. Während in der Idee des Lebens von einem Erkennen und einem Handeln gemäß einer Erkenntnis nicht oder nur in einem sehr eingeschränkten Sinn die Rede sein kann, ist beides für die absolute Idee wesentlich und macht ihr ganzes Sein aus. Dies schließt ein, dass die absolute Idee eine erweiterte logische Entwicklungsstufe bildet, der eine Vermittlung substanziell ist, die der Idee des Lebens fehlt. Der Unterschied in der Vermittlung hat zum einen mit den Prämissen zu tun, unter denen die Idee des Lebens und die absolute Idee gedacht werden, zum anderen aber auch mit dem Schlusssatz (Resultat), dass der subjektive Begriff der Idee des Lebens sich nicht rein auf sich selbst zurückbezieht. Daraus lassen sich wiederum zwei Konsequenzen ziehen: Erstens kann sich der subjektive Begriff ohne diese reine Reflexion in sich nicht objektiv werden. Zweitens und daran anknüpfend kommt die Logik nicht zu einem Abschluss. Wenn Hegel also im ersten Absatz des Kapitels Die absolute Idee die absolute Idee als den »vernünftige[n] Begriff, der in seiner Realität nur mit sich selbst zusammengeht«, be339

GW 12: 283 f. = TWA 6: 475 f.

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zeichnet und die absolute Idee vor diesem Hintergrund als eine Unmittelbarkeit definiert, die »um dieser Unmittelbarkeit seiner objektiven Identität willen […] die Rückkehr zum Leben [ist; G. O.]«, dann ist damit weder gemeint, dass die absolute Idee in ihrem Übergang von der praktischen Idee zur Idee des Lebens unvermittelt zurückfällt und die Idee des Lebens so zur absoluten Idee wird. Noch ist damit gemeint, dass die Entwicklung der Logik in die Natur einen solchen unvermittelten Rückfall bedeuten kann. Im ersten Fall bedeutet die Rückkehr zum Leben lediglich, dass der Begriff sich objektiv, also ein objektiver Begriff, geworden ist, weil er sich rein auf sich bezieht und sich so zum Gegenstand hat. Im zweiten Fall bedeutet sie, dass der Begriff die Objektivität nur unter dem Gesichtspunkt seiner reinen Form begrifflich erkennen kann und sie nur so an und für sich hat.340 Diese Form des Erkennens schließt aber einen praktischen Aspekt ein, der weder bei der Entwicklung der Subjektivität zur Objektivität noch bei der Entwicklung des subjektiven Zwecks zur Idee des Lebens zu finden ist. Denn einerseits fällt das begriffliche Erkennen in beiden Fällen in unser Wissen, d. h. in das Wissen der Theoretikerinnen und Theoretiker, die den logischen Prozess methodisch nachvollziehen. Der Übergang der Logik (bzw. der reinen und logischen Idee) in die Natur (bzw. in die äußerliche Idee) kann also schon allein aus diesem Grund weder der Übergang des subjektiven Begriffs zur Objektivität noch des subjektiven Zwecks zum Leben sein, weil auf der theoriebildenden Ebene gar kein Erkennen gesetzt ist, die absolute Idee aber ein Erkennen ist, und zwar ein ganz spezifisches Erkennen, das der Objektivität die Form des reinen Begriffs gibt. Andererseits – und dies sei der Wichtigkeit halber noch einmal betont – wird der Begriff weder bei der Entwicklung in die Objektivität noch bei der Entwicklung in die Idee des Lebens sich selbst Gegenstand. Eben hierin besteht auch das Spezifikum, das die praktische Idee als Moment des endlichen Erkennens und als Moment des absoluten Erkennens unterscheidet: Im absoluten Erkennen wird die Objektivität unter der reinen Form des Begriffs betrachtet. Diesen praktischen Aspekt der absoluten Idee näher zu erläutern, wird nun in der Folge wichtig sein, um den Übergang der logischen Idee in die Natur, der für Hegel ein, aber kein gewöhnlicher Übergang ist, besser zu verstehen und zugleich zu begreifen, was es mit seiner Notwendigkeit, die zugleich ein Akt der Freiheit ist, auf sich hat.

340

Eine solches Leben bezeichnet Hegel als »unvergängliches Leben«, das ein Leben in der absoluten Idee ist, wie sie in der vorliegenden Untersuchung skizziert wurde. Vgl. auch Düsings Ausführungen zum ›logischen Leben‹ in: Düsing, Klaus: »Die Idee des Lebens in Hegels Logik«. In: Hegels Philosophie der Natur, hrsg. Rolf-Peter Horstmann und Michael John Petry. Stuttgart 1986, 276 – 290, insb. 279.

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5.2.3 Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur Zu Beginn des letzten Kapitels (5.2.2) wurden drei Fragen gestellt, die der aus fünf Sätzen bestehenden ersten Hälfte des letzten Absatzes der WdL entnommen wurden und die das allgemeine Ziel verfolgten, den Übergang für sich und gegen andere Übergänge zu profilieren. Für die These, warum die Übergangsproblematik nicht früher bereits Thema der (inner-)logischen Entwicklung sein konnte, wurde oben ausführlich argumentiert.341 Unbeantwortet bleibt die Frage, wie der innerlogische Übergang in die Natur für sich und positiv gedacht werden kann, nachdem Hegel im zweiten Satz des letzten Absatzes der WdL die Entwicklung der Logik in die Natur negativ gegen andere mögliche innerlogische Übergänge abgegrenzt hat. Der Übersicht wegen zitiere ich Hegels positive Antwort auf die Übergangsproblematik – die Sätze drei bis fünf des letzten Absatzes der WdL – noch einmal in extenso: Die reine Idee, in welcher die Bestimmtheit oder Realität des Begriffes selbst zum Begriffe erhoben ist, ist vielmehr absolute Befreyung, für welche keine unmittelbare Bestimmung mehr ist, die nicht ebensosehr gesetzt und der Begriff ist; in dieser Freyheit findet daher kein Uebergang Statt, das einfache Seyn, zu dem sich die Idee bestimmt, bleibt ihr vollkommen durchsichtig und ist der in seiner Bestimmung bey sich selbst bleibende Begriff. Das Uebergehen ist also hier vielmehr so zu fassen, daß die Idee sich selbst frey entläßt, ihrer absolut sicher und in sich ruhend. Um dieser Freyheit willen ist die Form ihrer Bestimmtheit ebenso schlechthin frei, – die absolut für sich selbst ohne Subjektivität seyende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit.342

Im Vordergrund des spekulativen Übergangs der Logik in die Natur steht der Gedanke der Freiheit, der von Hegel sowohl in seiner negativen als auch positiven Dimension beschrieben wird. Charakteristisch für die negative Dimension der Freiheit ist der Gedanke des objektiven Begriffs, der dadurch zustande Auch kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Übergang der Logik in die Natur in oder mit der Seinslogik gedacht wird, wie Manfred Wetzel das durch eine strukturelle Analogie plausibilisieren möchte, indem er lapidar behauptet, dass das »›freie Sich-entlassen‹ in Raum und Zeit mit einer Grenze, die ebensosehr keine ist«, und den Übergang als ein »Zerfallen in sich« und als eine »die Konstellation des Seins, ›das nicht zu sein, was es ist, und das zu sein, was es nicht ist‹«, beschreibt. (Vgl. Wetzel:2004, 10.) Die Behauptung, dass die »strukturelle[n] Analoga« (ebd.), die Wetzel präsentiert, für die Erklärung des Übergangsproblematik nicht in Frage kommen, ergibt sich a) daraus, dass Hegel nicht sie, sondern andere für ihn scheinbar innerlogisch naheliegendere Einwände erwähnt, und b) daraus, dass Hegel am Ende der WdL expressis verbis von der seinslogischen Deutung des Übergangs Abstand nimmt und diese vielmehr umcodiert. 342 GW 12: 399 = TWA 6: 572. 341

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kommt, dass »die Bestimmtheit oder Realität des Begriffs selbst zum Begriff erhoben ist«343. Wenn also gefragt wird, was die negative Dimension der Freiheit für den Begriff ist, so lautet die Antwort kurz: der ganze Verlauf der Idee, in dem sich der subjektive Begriff von der Objektivität bis zur Setzung seiner eigenen Bestimmtheit befreit hat, die nichts anderes als der reine Begriff und seine Begriffsmomente qua Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit ist. Wie im Verlauf der vorliegenden Untersuchung immer wieder betont wurde, darf diese Form der Befreiung nicht einseitig interpretiert werden. Im Klartext heißt das, dass Hegel nicht behauptet, dass in der absoluten Idee keine dem Begriff gegenüberstehende Objektivität oder Unmittelbarkeit existiert. Die primäre und eigentliche Bedeutung des Begriffs besteht vielmehr darin, dass der subjektive Begriff als die eine Seite der absoluten Idee seine eigenen objektiven Bedingungen erkannt hat. Weil diese selbst der Begriff sind, sind sie für den Begriff nichts Unmittelbares mehr, sondern durch ihn selbst gesetzt. Eben diese eigene Gesetzgebung des Begriffs durch sich selbst berechtigt Hegel dazu, zu schreiben, dass keine logische respektive rein begriffliche Entwicklung und schon gar kein Übergang mehr stattfindet, weil der Begriff sich selbst absolut geworden ist: »[D]as einfache Seyn, zu dem sich die Idee bestimmt, bleibt ihr vollkommen durchsichtig und ist der in seiner Bestimmung bei sich bleibende Begriff.«344 Diese Selbstbeschränkung der logischen bzw. reinen Idee auf den subjektiven Begriff, ihr ›Werden‹ innerhalb der Logik und ihre Einordnung in die Subjektivität machen ihr negatives Moment aus. Ihr positives Moment, das zugleich die positive Dimension der Freiheit markiert, besteht darin, dass der in dem subjektiven Begriff eingeschlossene reine Begriff sich selbst zum ›Objekt‹ macht und somit ein objektiver Begriff wird. Diese ›Objektwerdung‹ des zum reinen Begriff gewordenen subjektiven Begriffs hat zwei positive Seiten. Die erste positive Seite wurde mehrfach erwähnt: Der subjektive Begriff wird objektiv, indem er sich auf sich selbst und damit verbunden auf die Logik als solche bezieht. Weil aber die reine Idee immer noch Idee und Erkennen ist und weil für die Idee und das Erkennen ganz allgemein die Objektivität als das andere Moment und Extrem der Einheit konstitutiv ist, hat sich der nun in seiner Reinheit objektiv gewordene subjektive Begriff immer noch ein Äußerliches gegenüberstehen. Eben dieses Vorhandensein der Äußerlichkeit motiviert den Übergang in »eine[] ander[e] Sphäre und Wissenschaft«.345 Die Notwendigkeit eines solchen Übergangs drückt der erste Teilsatz des vorletzten Satzes des vorletzten Absatzes der WdL aus: »Weil die reine Idee des Erkennens insofern in die Subjectivität eingeschlos GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. 345 GW 12: 400 = TWA 6: 573. 343

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sen ist, ist sie Trieb, diese aufzuheben«346. Wie in der vorliegenden Untersuchung bereits ausführlich argumentiert wurde, ist das Aufheben der Subjektivität weder so zu deuten, dass die Subjektivität (als subjektiver Begriff) plötzlich verschwindet. Noch ist die Aufhebung der Subjektivität einseitig so zu interpretieren, dass die reine Idee bei sich selbst bleibt, sich für sich selbst reflektiert und sich auf diese Weise objektiv wird. Dies wäre aus hegelscher Sicht allenfalls der Standpunkt eines als subjektiv verstandenen Idealismus, der nur die schiere Identität des Ichs denkt. Die Forderung der reinen und logischen Idee, sich nach außen hin strukturell zu öffnen und so den Übergang zu schaffen, kann am Begriff »Trieb« exemplifiziert werden. Dieser kommt bei Hegel im Abschnitt Die Idee immer im Kontext eines Urteils vor und verweist auf einen asymmetrisch konnotierten Prozess, der die zwei im Urteil enthaltenen Extreme vereinigt. So heißt es in der Einleitung zur Idee: Es ergeben sich hieraus folgende nähere Bestimmungen der Idee. - Sie ist erstlich die einfache Wahrheit, die Identität des Begriffes und der Objectivität als Allgemeines, in welchem der Gegensatz und das Bestehen des Besondern in seine mit sich identische Negativität aufgelößt und als Gleichheit mit sich selbst ist. Zweytens ist sie die Beziehung der fürsichseyenden Subjektivität des einfachen Begriffs und seiner davon unterschiedenen Objectivität; jene ist wesentlich der Trieb, diese Trennung aufzuheben, und diese das gleichgültige Gesetztseyn, das an und für sich nichtige Bestehen.347

In der praktischen Idee heißt es gleich zu Beginn des ersten Absatzes: Indem der Begriff, welcher Gegenstand seiner selbst ist, an und für sich bestimmt ist, ist das Subjekt sich als Einzelnes bestimmt. Er hat als subjektives wieder die Voraussetzung eines an sich-seyenden Andersseyns; er ist der Trieb, sich zu realisieren, der Zweck, der sich durch sich selbst in der objectiven Welt Objektivität geben und sich ausführen will.348

Was für die Idee im Allgemeinen gilt, gilt für sie auch im Besonderen. Appliziert auf den Gedanken des Fortgangs der Logik in die Natur bedeutet dies für den Gedanken des Triebs, dass dieser im Kapitel über die absolute Idee auf eine ganz bestimmte Weise konnotiert ist. Hegel fasst den Gedanken des spekulativen Übergangs der logischen Idee in die Natur im fünften Satz des letzten Abschnitts der WdL wie folgt zusammen: GW 12: 399 = TWA 6: 572. GW 12: 273 = TWA 6: 467. 348 GW 12: 362 = TWA 6: 541 f. 346 347

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Das Übergehen ist also hier vielmehr so zu fassen, daß die Idee sich selbst frey entläßt, ihrer absolut sicher und in sich ruhend. Um dieser Freiheit willen ist die Form ihrer Bestimmtheit ebenso schlechthin frey, – die absolut für sich selbst ohne Subjectivität seyende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit.349

Die erste positive Seite der reinen bzw. logischen Idee wurde oben als diejenige gedeutet, in der der subjektive Begriff sich auf sich selbst bezieht und sich so objektiv wird. Ihm entspricht aber auch eine zweite positive Seite, die ihre Positivität im ›Übergriff‹ der in der Subjektivität integrierten reinen Idee des Erkennens auf eine dem reinen Erkennen gegenüberstehende Äußerlichkeit hat.350 Der Übergang der logischen Idee in die Natur muss also allein schon deswegen vollzogen werden und den Charakter der Notwendigkeit haben, weil am anderen Extrem der Einheit der Idee die Bestimmung des Begriffs noch nicht gesetzt ist. Denn wie die logische Entwicklung der praktischen Idee in die absolute und der Verlauf der absoluten Idee selbst ergeben haben, ist nur der subjektive Begriff sich objektiv geworden, weil er sich selbst zum Gegenstand gemacht hat und so die Logik zu einem Ende kommen konnte. Das Ende der Logik besagt demnach, dass die Logik auf ein Moment der Einheit der Idee beschränkt werden muss, ohne aber notgedrungen Gefahr laufen zu müssen, den Vollendungsgedanken der Logik durch den Fortgang der logischen Idee in die Natur aufgeben zu müssen. In jedem Fall aber weist die Beschränkung der Logik auf ein Moment (oder Extrem) der Idee die Logik über sich hinaus, und zwar auf das andere Moment (oder Extrem) der Idee. Wie erwähnt, muss mit diesem Übergreifen der reinen, logischen und in der Subjektivität eingeschlossenen Idee der Vollendungs- und Absolutheitsanspruch der Logik keinesfalls revidiert werden. Im Gegenteil: Mit dem Gedanken, dass der subjektive Begriff sich objektiv wird, sobald er als Begriff auf den Begriff der Logik als ein System reiner Begriffe und damit ipso facto auf sich selbst rekurriert, macht sich der subjektive Begriff zu etwas Freiem und Selbstbestimmtem, weil alles, was er sich selbst gibt, sein eigener Begriff ist und die Logik eben dies gezeigt hat (bzw. laut Hegels eigenen Voraussetzungen gezeigt haben soll). Wenn also im spekulativen Begreifen fortgeschritten werden muss – und es muss fortgeschritten werden, weil der objektiv gewordene subjektive Begriff nur das eine Moment (oder Extrem) der Einheit der Idee ausmacht –, dann verliert die reine Subjektivität ungeachtet dieses Fortgangs nichts von ihrer Eigenständigkeit und Freiheit. Denn der Übergang in eine andere Sphäre ändert nichts an der Selbstgewissheit der reinen bzw. logischen Idee: Diese ruht 349

GW 12: 400 = TWA 6: 573. Beide Seiten wurden in den Kapiteln 4.1 – 2 anhand der zwei Lesarten der Aussage Hegels, dass der Begriff »in seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande« hat, bereits herausgearbeitet. Offengelassen wurde dabei die Frage, wie beide Lesarten zusammenzubringen sind. Diese Frage beantwortet der Übergang.

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ewig und immerwährend in sich. Sie kann zwar der moderaten Lesart351 entsprechend nach innen, also in ihrem ›Fürsichsein‹, die eine oder andere Modifikation erfahren, indem andere reine Begriffe durch subtilere Differenzierungen auf Basis der Methode eruiert werden. Als Totalität aber bleibt sie »ihrer absolut sicher und in sich ruhend«.352 Die Entwicklung der reinen Idee in die Natur macht im Rahmen der vorliegenden Interpretation folglich von der Freiheit grundsätzlich in zweifacher Hinsicht Gebrauch. Fürs Erste ist es die Subjektivität, die frei ist, weil sie einerseits nicht mehr durch eine unmittelbare Äußerlichkeit bestimmt ist, sondern sich andererseits selbst bestimmt und sich auf diese Weise eine Objektivität gibt (bzw. immer schon gegeben hat), die keine geringere als das gesamte System reiner und logischer Begriffe ist, die für sie notwendig gelten und von denen sie nicht abstrahieren kann, ohne sich selbst zu widersprechen. Wie aber bereits erwähnt wurde, birgt diese sich objektiv gewordene reine Subjektivität, die Hegel auch »reine Persönlichkeit«353 nennt, fürs Zweite einen Trieb in sich, der sie über sie hinaustreibt. Dieses Hinaustreiben hat seinen Grund in der Einheit der Idee selbst: Als in die Idee eingebunden hat der objektiv gewordene subjektive Begriff noch eine Äußerlichkeit außer sich.354 Nun ist zwar denkbar, dass der in der Subjektivität eingeschlossene objektive Begriff keinen Übergang mehr vollziehen muss, da er ewig in sich ruht. Im Gegensatz zur hier favorisierten Interpretation kann sogar davon ausgegangen werden, dass die dem Begriff objektiv und transparent gewordene Selbstbezüglichkeit die logische Idee von einem Übergang – egal welcher Art – sogar abhält, weil der subjektive Begriff seine Objektivität bereits erreicht hat und weil die logische Idee mit diesem Stadium der logischen Entwicklung an ein definitives Resultat (Ende) gekommen ist. Doch dieser Schein trügt. Denn die reine Idee des Erkennens verspürt, weil sie Idee und weil sie Erkennen ist, den Zwang über sich hinauszugehen und sich weiter zu bestimmen. Dieser Zwang ist extrinsisch dadurch motiviert, dass die reine Idee des Erkennens noch ein Äußerliches außer sich hat, auf das sie als Idee und Erkennen bezogen ist. Intrinsisch ist die Entwicklung der reinen Idee in die Natur dadurch motiviert, dass das reine Erkennen sich seiner Absolutheit und der prinzipiellen Vollendung seiner Denkbestimmungen bewusst geworden ist und weiß, dass alles, was von ihm begriffen werden kann, nur unter den eigenen Voraussetzungen, d. h. den Voraussetzungen der reinen Begriffe, erkannt werden 353 354 351

352

Vgl. Kapitel 3.3. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 396 = TWA 6: 570. Die Rede von einem »Trieb«, sich weiterzuführen, ist dabei keine bedeutungslose Metapher, wie Wandschneider behauptet (vgl. Wandschneider:1995, 178), sondern Ausdruck der Natur qua selbstbezüglich gedachter (logischer) Idee.

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kann, dass es aber noch Weiteres gibt, das noch nicht erkannt worden ist, das aber unter seinen Bedingungen prinzipiell erkannt werden kann. Im Hinblick auf diese extrinsische und intrinsische Motivation der reinen und logischen Idee sich weiter zu bestimmen, sind mindestens vier Bemerkungen angebracht, die für das Verständnis des Übergangs der logischen Idee in die Natur wesentlich sind: Erstens bleibt jedes weitere Erkennen jeder möglichen Äußerlichkeit auf den objektiv gewordenen subjektiven Begriff bezogen; und außerhalb dieser Beziehung auf den reinen Begriff bleibt für das das Absolute erkennen wollende Erkennen kein Platz. Der Grund für diese operative Geschlossenheit des Denkens ist der in der absoluten Idee elaborierte Gedanke der vollendeten Totalität, die sich durch die Beziehung des reinen Begriffs auf sich (und damit verbunden auf die gesamte Logik) eingestellt hat. Dies wiederum bedeutet, zweitens, dass die reine und logische Idee auf alle möglichen Inhalte übergreifen und trotz eines möglichen ›Übergriffs‹ auf eine andere Sphäre beständig in sich ruhen kann. Der Gedanke, dass das subjektiv-begreifende Erkennen um seine begriffliche Grundlage weiß und nun einen objektiven Begriff von sich hat, macht das Erkennen nicht nur frei im negativen Sinn, dass es – anders als beim endlichen (und empirischen) Erkennen  – sein Korrektiv nicht mehr in einer ihm prinzipiell verschlossenen Objektivität hat, sondern frei im ersten positiven Sinn, dass der subjektive Begriff des Erkennens sich selbst seinen Begriff gibt, sowie frei im zweiten positiven Sinn, dass alles für ihn begrifflich Erkennbare im Rahmen und im Kontext seiner begrifflichen Möglichkeiten, für die die Logik die Basis geschaffen hat, erkannt werden kann.355 Hierzu gehört eben auch die dem das Absolute erkennen wollenden Subjekt gegenüberstehende Äußerlichkeit, die der Entwicklung der philosophischen Wissenschaft ihre Notwendigkeit gibt. Aber dieser Zwang, der sich in der reinen und logischen Idee als Trieb artikuliert, koinzidiert immer dann mit dem Begriff der Freiheit und wird ein freier Akt, wenn die reine und logische Idee die Äußerlichkeit unter den eigenen Voraussetzungen – den in der Logik bereits entwickelten und in die logische Idee eingeschlossenen Begriffen – begreift. Nur so kann sie ihren Trieb wahrhaft realisieren und in ihrem Anderssein bei sich selbst sein. Für die Objektivität bedeutet dies, drittens, dass sie der für das absolute Erkennen konstitutiven Grundlage entsprechen muss, um ein objektiver Begriff sein zu können. Dies ist allein deshalb der Fall, weil der Begriff sowie die Äußerlichkeit zur Idee und zum Erkennen gehören. Ferner wissen das logische und absolute Erkennen, indem sie sich auf den Gedanken der Objektivität und den des 355

Zur konstitutiven Funktion der Objektivität für die übergreifende Subjektivität vgl. auch Horstmann:1990, 78: »Er [Hegel; G. O.] macht Objektivität oder den Existenzaspekt des Objektiven zu einem konstitutiven Element des Begriffs, indem er dessen sog. Subjektivität so konzipiert, daß sie ohne das Komplement der Objektivität unvollständig, einseitig, nicht übergreifend bleibt.«

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Lebens zurückbesinnen, dass die Objektivität eine Wirklichkeit für das Erkennen ist, die die Form des Begriffs an sich hat. Das subjektive Erkennen weiß in der logischen und absoluten Idee nicht nur sich selbst als objektiv und damit als Konstituens des Absoluten. Es hat auch die Gewissheit und Selbstsicherheit, dass die äußerliche Objektivität gemäß diesem in der Logik entwickelten Resultat begriffen werden kann. Wenn Hegel also in dem für den spekulativen Übergang zentralen Satz schreibt, »daß die Idee sich selbst frey entläßt«, so drückt dieses freie Sich-Entlassen der (logischen) Idee in die Natur einen Schluss zweier Extreme aus, dessen erstes Extrem der objektiv gewordene subjektive Begriff und dessen anderes Extrem ein seiner Form adäquates Äußerliches ist. »Frei« und »ihrer absolut sicher und in sich ruhend« ist die (reine und logische) Idee, weil das den reinen Begriff habende Subjekt, das auf der einen Seite der Beziehung innerhalb der Idee steht, einen objektiven Begriff von sich hat und seiner selbst sicher ist. Dass sie in eine objektive Sphäre immer noch eingebunden bleibt, die ihr als Äußerlichkeit erscheint, braucht sie einerseits nicht zu irritieren, weil der reine Begriff seine Bestimmtheit und sein Korrektiv an ihm selbst hat. Andererseits braucht die (reine und logische) Idee von dem anderen Extrem der absoluten Idee nicht irritiert zu sein, weil ihr Begriff für ein Erkennen, das einen Absolutheitsanspruch erhebt, unhintergehbar ist. Mit anderen Worten formuliert: Trotz ihrer operativen Geschlossenheit nach innen ist die logische Idee strukturell nach außen geöffnet, insofern sie sich notgedrungen auf eine Äußerlichkeit (als ein Extrem) bezieht, in die sie (als das andere Extrem der absoluten Idee) eingebunden ist und die Hegel »äusserliche Idee«356 nennt. Aber diese Beziehung ist weder ein Verlust an logischer Bestimmtheit noch ein Übergang im seinslogischen Sinn, sondern ein Wissen darüber, dass jede begriffliche Beziehung auf Äußerlichkeit ihr Fundament und ihre Strukturen im Begriff hat, der für sich gedacht Gegenstand der logischen Wissenschaft ist. Eben diese begriffliche Beziehung auf Äußerlichkeit, die in der Idee immer mitgedacht wird und in der absoluten Idee auf eine bestimmte Basis – die Basis des reinen Begriffs – gestellt wird, ist das Setzen des objektiven Begriffs in seiner zweiten Bedeutung, dessen Korrektiv nicht mehr die Äußerlichkeit, sondern der reine Begriff selbst ist. In eben diesem Sinne ist das Übergreifen des reinen Begriffs auf die Äußerlichkeit zu interpretieren: nämlich als seine Entlassung, bei der nichts verloren geht.357 GW 12: 400 = TWA 6: 573. Houlgate interpretiert das freie Sich-Entlassen als Metapher. »Hegel’s talk of free ›resolve‹ in this context should be regarded as metaphorical. The move to nature is in fact the impersonal, logical process, whereby the Idea determines itself to be nature«. »What makes nature necessary is precisely the logical process whereby the Idea autonomously determines itself to nature. The Idea cannot but so determine itself - in this sense nature is necessary - and yet the Idea determines itself to be nature through its own, autonomous, immanent logic.« (Houlgate, Stephen: Freedom, Truth and History. An Introduction to Hegel’s Philos-

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Das Entlassen initiiert, viertens, einen Fortgang der logischen Idee in die Natur, der eine ganz bestimmte Art und Weise des Erkennens definiert, die als »spekulativ-begreifend« bezeichnet werden kann und die für sich reklamieren kann, die Äußerlichkeit so zu begreifen, dass nicht diese den Begriff, sondern der Begriff sie bestimmt und dass der Begriff dieser Äußerlichkeit auch entspricht. Dies ist nicht nur eine Reformulierung der These, dass der Übergang nicht ›hart‹ als ›Sprung‹, sondern ›weich‹ im Sinn einer erkenntnisorientierten Perspektivenerweiterung und Neucodierung zu deuten ist, sondern auch der Hinweis auf die These, dass die logische Idee nicht mit der absoluten Idee gleichzusetzen ist, weil diese ihre Vollendung erst mit der Realphilosophie hat. Vor dem Hintergrund dieser asymmetrisch konnotierten Beziehung der logischen und absoluten Idee kann auch von einem ›Sich-Entschließen‹ der logischen Idee gesprochen werden, die Äußerlichkeit zu ihren Bedingungen  – den Bedingungen des reinen Begriffs – zu begreifen, um auf diese Weise die absolute Idee zu realisieren. Eine solche Öffnung nach außen bzw. ein solcher (Ent-)Schluss spricht die zweite Bekanntschaft der Leserschaft mit der Logik aus, die Hegel in der zweiten Vorrede der WdL erwähnt.358 Spätestens jetzt – mit dem Übergang der logischen Idee in die Natur – sollten wir, die Theoretikerinnen und Theoretiker, die die logische Entwicklung (selbst-)kritisch und programmatisch begleitet haben, begriffen haben, dass das reine Sein des Anfangs, aber auch die Entwicklung dieses reinen Seins ins Nichts, Werden, Dasein, Wesen, Begriff usw. keine abstrakten und auf das erkennende Subjekt allein beschränkten Begriffe sind, sondern dass mittels ihrer auch eine Äußerlichkeit gedacht werden kann, die keine Äußerlichkeit im uneingeschränkten Sinn ist, sondern im kontextuellen Rahmen der Idee gedacht werden muss und daher eine »äusserliche Idee«359 ist. Welche Begriffe aus einer solchen Vermittlung der Äußerlichkeit auf Basis logischer Begriffe entspringen und welche logischen Begriffe für eine erfolgreiche und adäquate Subsumtion infrage kommen, muss sich in der realphilosophischen Entwicklung zeigen lassen, allen voran in der Naturphilosophie.

ophy. London 22005, 110) Die eigenen Ausführungen zeigen aber, dass das freie Sich-Entlassen mehr ist als eine Metapher und dass man insbesondere das Adverb »frei« durchaus in einer fachsprachlichen Bedeutung verstehen kann. 358 Die erste Bekanntschaft der Leserschaft mit der Logik ist der interpretatorisch ambitionierte Zugriff auf die Logik in Form einer Erstlektüre der WdL. Die theoretischen Verpflichtungen werden hierbei auf ein Minimum reduziert und der Zusammenhang von logischer und realphilosophischer Wissenschaft bleibt weitestgehend ungeklärt. 359 GW 12: 400 = TWA 6: 573; Herv. G. O.

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6. Die zweite Bekanntschaft mit der logischen Idee in der Realisierung der absoluten Idee in der Natur und im Geist

F 

ür den realphilosophischen Fortgang ist die Differenz zwischen der logischen und absoluten Idee von zentraler Bedeutung, weil sich in der Realphilosophie nicht die logische Idee thematisch weiterentwickelt, sondern die äußerliche und absolute. Die logische Idee ist nämlich mit der thematischen Selbstbeziehung des Begriffs, die sich im reinen Begriff und der reinen Subjektivität manifestiert hat, zu einem Ende gekommen, nicht aber die noch präsente Äußerlichkeit und ihre Einheit in Form der absoluten Idee, deren Grundlage im letzten Kapitel der WdL allererst geschaffen wurde. Wie gezeigt wurde, bedeutet das nicht, dass die logische Idee nun ausgeklammert werden kann. Im Gegenteil: Sie behält ihre eigene und sie definierende Operativität (qua Methode, qua reines Begreifen) bei, läuft auf jeder realphilosophischen Entwicklungsstufe mit, tritt aber thematisch in den Hintergrund. Thema der Realphilosophie ist mithin die äußerliche Idee und die absolute Idee, die unter den Bedingungen der logischen Idee und ihren Begriffen gedacht werden und die die zweite Bekanntschaft der Leserschaft mit der Logik begründen.360 Beispiele für sie gibt es in der WdL in äußerlicher und die immanente Theorieentwicklung zu vernachlässigender Reflexion reichlich, insofern Hegel realphilosophische Sachverhalte in die Diskussion reiner Begriffe miteinbezieht, die in der Erstlektüre der WdL nicht als Argumente gelesen werden dürfen, wohl aber als Beispiele und Antizipationen der absoluten Idee. Umgekehrt gilt aber auch, dass Hegel in der Realphilosophie von logischem Vokabular Gebrauch macht und das Begreifen und die Fortentwicklung der äußerlichen Idee – und mittelbar der absoluten Idee – auf festen Boden stellt. Der Unterschied zur Logik mit Blick auf die Erstlektüre des spekulativ-philosophischen Systems und ihr ehrgeiziges Programm, dieses System von der Pike auf zu entwickeln, besteht darin, dass die von Hegel in der WdL noch unthematisch formulierten Äußerungen mit dem Übergang der logischen Idee in die Natur thematisch werden. Mithin entwickelt sich in der Realphilosophie nicht die logische Idee, sondern die absolute Idee, die nunmehr in Gestalt einer durch die logische Idee vermittelten Äußerlichkeit erscheint. 360

Zu den zwei Bekanntschaften mit der Logik vgl. auch Nuzzo:1997, 58.

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Die Entwicklung der reinen (respektive logischen) Idee in »einer andern Sphäre und Wissenschaft«361 antizipiert Hegel im letzten Satz WdL wie folgt: Dieser nächste Entschluß der reinen Idee, sich als äusserliche Idee zu bestimmen, setzt sich aber damit nur die Vermittlung, aus welcher sich der Begriff als freye, aus der Aeusserlichkeit in sich gegangene Existenz emporhebt, in der Wissenschaft des Geistes seine Befreyung durch sich vollendet und den höchsten Begriff seiner selbst in der logischen Wissenschaft, als dem sich begreifenden reinen Begriffe, findet.362

Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten lässt sich der Gedankengang, den Hegel in diesem letzten Satz der WdL äußert, wie folgt beschreiben: Die reine Idee entschließt sich, »sich als äusserliche Idee zu bestimmen«. Dieser »Entschluß der reinen Idee« deutet dreierlei an: Erstens schließt sich die reine Idee ›auf‹, indem sie aus ihrer absolut sicheren und in sich ruhenden Totalität heraustritt und sich mit einer Äußerlichkeit vermittelt. Da diese Äußerlichkeit im spekulativen Begreifen keine andere Erkenntnisgrundlage hat als die in der logischen Idee entwickelten reinen Begriffe, ist sie Idee, nämlich »äusserliche Idee«. Im Äußerlichen bleibt der reine Begriff also immer noch die theoretische Grundlage, mittels derer die Äußerlichkeit gedacht wird. Aber der »Entschluß« hat für das Begreifen der Äußerlichkeit, zweitens, auch eine praktische Seite, insofern die Äußerlichkeit gemäß dem reinen Begriff gedacht wird. Für das spekulative und absolute Erkennen ist dieses Denken jedoch keine äußerliche Applikation reiner Begriffe auf die äußere Wirklichkeit. Wenn nämlich erkannt werden soll, dann muss begrifflich erkannt werden, und wenn die Logik die Wissenschaft des Denkens ist und wenn Denken immer begriffliches und sich in Urteilen und Schlüssen vollziehendes Denken bedeutet, dann muss auch das begreifende Erkennen, wenn Erkennen überhaupt möglich sein soll, das Äußerliche gemäß diesen Begriffen erkennen können. Das Äußerliche, insofern es seine Grundlage nicht im bloßen Empfinden oder im Gefühl, sondern im begreifenden Erkennen hat, ist dann keine Äußerlichkeit per se, sondern eine begrifflich vermittelte Äußerlichkeit – eine äußerliche Idee. Drittens bedeutet das für die Entwicklung der Wissenschaft in dieser ›äußerlichen‹ Sphäre, dass der Begriff sich in ihr setzt und sie gemäß seiner Form bestimmt. Das bedeutet zum einen, dass wir als Theoretikerinnen und Theoretiker, die den weiteren Fortgang der philosophischen und spekulativ-begreifenden Wissenschaft begleiten, davon ausgehen können, dass neue Begriffe eruiert werden können, die keine reinen Begriffe mehr sind, aber für unser Begreifen dennoch einen notwendigen und allgemeingültigen Status besitzen, insofern sie 361

GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573.

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mithilfe der reinen Begriffe begründet werden können. Rein können die in dem Fortgang der philosophischen Wissenschaft zu eruierenden Begriffe deswegen nicht sein, weil die Logik qua Wissenschaft des Denkens und des Begriffs ihr Ende bereits gefunden hat. Notwendig und allgemeingültig für unser Denken müssen die neuen Begriffe aber deswegen sein, weil sie durch die Logik vermittelt sind und in ihr ihren Ausgangspunkt und ihre Basis haben. Von ihr zu ab­ strahieren, würde bedeuten, vom Begriff zu abstrahieren, ergo nicht zu begreifen und zu denken. Zum anderen bedeutet die Entwicklung, die sich in der Äußerlichkeit auf Grundlage der Logik vollzieht, für die weiterführende philosophische Wissenschaft, dass sich »der Begriff als freye, aus der Aeusserlichkeit in sich gegangene Existenz emporhebt«. Der Grund für diese Form der Herausbildung des reinen Begriffs liegt im Prinzip, mittels dessen die Äußerlichkeit als äußerliche Idee gedacht wird: Nicht sie, sondern der Begriff macht ihre Grundlage aus. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass der Begriff, der als logische Idee in der Äußerlichkeit als äußerlicher Idee unthematisch mitgedacht wird, auf irgendeiner Stufe in der äußerlichen Idee zum Thema gemacht wird. Die Bestimmung der Äußerlichkeit gemäß der Form des Begriffs bringt es also quasi von sich aus mit sich, dass der Begriff sich – analog zur Logik – auch in der Äußerlichkeit bemerkbar und geltend macht, indem er Thema dieser (erweiterten) Theorie wird und auf diese Weise das spekulativ-philosophische System zu Ende bringt. Parallel zur Logik ist also auch für die Entwicklung der realphilosophischen Wissenschaften zu erwarten, dass der Begriff nicht nur der Anfang ist, sondern auch das Ende der philosophischen Entwicklung sein wird. So gefasst ist der »Entschluß der reinen Idee« ein theoretischer und praktischer Vollzug des Begriffs in einer ihm vorgesetzten Äußerlichkeit, die während der gesamten realphilosophischen Entwicklung als Grundlage der absoluten Idee und ihrer Realisierung erhalten bleibt.363 Anders als das freie Sich-Entlassen legt er seinen Akzent auf den realphilosophischen Fortgang, der das freie Sich-Entlassen zu seiner conditio sine qua non hat. Das im letzten Satz der WdL formulierte Ziel des realphilosophischen Prozesses ist die »Befreiung« des Begriffs »aus der Äußerlichkeit«, die in keinem Fall eine Tilgung von Kontingenz und Alterität bedeuten kann, sondern im Sinn des oben beschriebenen Entschlusses des reinen Begriffs zu verstehen ist, der jede Menge Platz für Äußerliches lässt, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Der von Hegel antizipierte realphilosophische Prozess lässt sich grob in drei Phasen einteilen: (1) Die erste Phase bildet das Versenktsein der reinen Idee in der äußerlichen Idee oder (konkreter) in der »Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit«; 363

Vgl. Für Dieter Wandschneider ist dieser Entschluss etwas Rätselhaftes. Rätselhaft ist er dann, wenn die absolute Idee mit der logischen gleichsetzt wird. (Vgl. Wandschneider/ Hösle:1983, 173 – 199.)

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(2) die zweite Phase antizipiert den Fortgang der Realphilosophie »in der Wissenschaft des Geistes«, in der der Begriff in seiner freien Existenz nun auch in der Sphäre der Äußerlichkeit erscheint, aber noch nicht vollendet und gesetzt ist; (3) die dritte Phase vollendet die realphilosophische Entwicklung (und ipso facto die absolute Idee), sobald der Begriff »den höchsten Begriff seiner selbst in der logischen Wissenschaft als dem sich begreifenden Begriff findet«364 und die Logik sich auf diese Weise mit sich selbst (auch im Äußerlichen) zusammenschließt und so nicht nur den Anfang der philosophischen Wissenschaften, sondern auch deren Ende bildet. Diese drei Phasen orientieren sich an der Methode und ihren Momenten – Anfang, Fortgang, Ende – und sollen abschließend kurz vorgestellt und, soweit es geht, problematisiert werden. (1) Der Anfang der Realphilosophie, der mit der Naturphilosophie beginnt und den Hegel am Ende der WdL erwähnt, ist »die absolut für sich selbst ohne Subjectivität seyende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit«365. Dass Hegel den Anfang der Real- respektive Naturphilosophie als einen Anfang »ohne Subjectivität« beschreibt, ist – trotz allem Anschein – mit den hier vertretenen Thesen und Interpretationsvorschlägen völlig kompatibel. Was Hegel nämlich unter einer »ohne Subjectivität seyende[n] Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit«366 versteht, verrät der Folgesatz, der als erster Satz die aus zwei Sätzen bestehende zweite Hälfte des letzten Absatzes der WdL einleitet. Dort heißt es: – Insofern diese [ohne Subjectivität seyende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit; G. O.] nur nach der abstrakten Unmittelbarkeit des Seyns ist und vom Bewußtseyn gefaßt wird, ist sie als blosse Objectivität und äusserliches Leben; aber in der Idee bleibt sie an und für sich die Totalität des Begriffs und die Wissenschaft im Verhältnisse des göttlichen Erkennens zur Natur.367

Zwei Gedanken stehen bei dieser Textpassage im Vordergrund, die durch ein Semikolon voneinander abgetrennt werden und die den realphilosophischen Anfang profilieren: Im ersten Teilsatz interpretiert Hegel den Anfang der Naturphilosophie, um schließlich im nächsten Teilsatz einer Fehlinterpretation vorzubeugen und seine eigene Position zu markieren. Beide Teilsätze zusammengenommen stützen die in der vorliegenden Untersuchung en detail herausgearbeitete These, dass die logische Idee in der absoluten Idee nicht verschwindet oder gar verloren geht, sondern in der äußerlichen Idee (operativ) mitläuft und auf diese Weise die geschlossene Form des philosophischen Systems garantiert. 366 367 364 365

GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 400 = TWA 6: 573.

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Wie der erste Teilsatz deutlich macht, ist weder der spekulative Übergang der logischen Idee (Logik) in die äußerliche Idee (Natur) noch die Weiterentwicklung der philosophischen und spekulativ-begreifenden Wissenschaft vor dem Hintergrund einer Bewusstseinstheorie zu interpretieren, bei der das (wie auch immer geartete) erkennende Subjekt auf der einen Seite und die objektive Welt, deren Teil es ist, auf der anderen Seite steht. Eine solche Zurückweisung mag insofern irritierend sein, als Hegel in der absoluten Idee von der reinen Idee des Erkennens spricht und zum Erkennen immer ein erkennendes Subjekt und eine von ihm zu erkennende Objektivität gehören. Da die Pointe der absoluten Idee darin besteht, dass auf eine ganz bestimmte Weise gedacht werden soll, nämlich gemäß den in der Logik entwickelten reinen Begriffen, scheint es (analog zum endlichen Erkennen) der Fall zu sein, als ob davon ausgegangen werden könnte, dass das für das endliche Erkennen konstitutive Verhältnis auch in der Folge erhalten bleibt. Für den Fortgang zieht eine solche Interpretation die gegen den Text sprechende Konsequenz nach sich, dass in der Realphilosophie zum einen auf das erkennende Subjekt und zum anderen auf sein Verhältnis zur Äußerlichkeit reflektiert werden muss, um einen Fortgang zu erzeugen.368 Diese ›bewusstseins-theoretische‹ und am endlichen Erkennen orientierte Deutung weist Hegel mit der den zweiten Teilsatz – den Adversativsatz – einleitenden Phrase »aber in der Idee bleibt sie [die ohne Subjectivität seyende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit; G. O.]« subtil, aber dezidiert zurück. Mehrere Argumente können für die These, dass die »Totalität des Begriffs und die Wissenschaft im Verhältnisse des göttlichen Erkennens zur Natur« ihre Basis nicht in einer Bewusstseinsdifferenz haben, diese aber auch analytisch und im weiteren Verlauf nicht ausschließen müssen, in Stellung gebracht werden. Ausgangspunkt ist der dem oben zitierten Passus vorhergehende Satz, mit dem Hegel die »Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit« beschreibt, nämlich mit dem Satz: »Um dieser Freiheit willen ist die Form ihrer Bestimmtheit ebenso schlechthin frei, - die absolut für sich selbst ohne Subjectivität seiende Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit.«369 Fasst man Hegels gesamte Ausführungen über Raum und Zeit im letzten Absatz der WdL zusammen, muss mindestens zweierlei angemerkt werden: Erstens ist mit dem Gedanken der absoluten Idee der qualitative Gegensatz zwischen einem erkennenden Subjekt und einem von ihm erkannten Objektiven weggefallen, sobald erkannt worden ist, dass jedes Äußerliche eine äußerliche Idee ist und als solche unter den Bedingungen des »göttlichen Erkennens« – der Logik als dem »ursprüngliche[n] Wort«370 – steht.371 370 371 368 369

Diese Interpretationsrichtung verfolgt Wolfgang Neuser in: Neuser:2004, 40 und 42 f. GW 12: 400 = TWA 6: 573. GW 12: 372 = TWA 6: 550. Der qualitative Wegfall wird auch durch die Enzyklopädie ›bestätigt‹, und zwar in: GW 20: § 254 A = TWA 9: § 254 A.

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Denn in diesem Fall muss auch die Objektivität oder das Äußerliche selbst unter diesen Bedingungen des Erkennens stehen. Für ein solches spekulatives Begreifen bedarf es dann keiner zusätzlichen Reflexion auf ein dieser Äußerlichkeit gegenüberstehendes und qualitativ von ihr unterschiedenes Erkenntnissubjekt mehr. Die äußerliche Objektivität wird in dieser Hinsicht rein für sich gedacht – allerdings unter den Bedingungen der in der Logik entwickelten reinen Begriffe, allen voran der »Unmittelbarkeit des Seyns« – und unterscheidet sich auf diese Weise sui generis von dem im zweiten Abschnitt der Begriffslogik enthaltenen Gedanken der Objektivität, aber auch vom Gedanken des Lebens und des end­ lichen Erkennens, wie er im ersten und zweiten Kapitel des letzten Abschnitts der WdL präsentiert wird. Zweitens markiert die zitierte Textpassage zwar, dass die Äußerlichkeit des Raums und der Zeit ohne Subjektivität ist, aber nicht, dass Raum und Zeit per se nicht an die Formen von Subjektivität gebunden sind oder gar gebunden sein können.372 In diesem Sinne drückt Hegels Zusatz »ohne Subjectivität« keine defi­nitive Verneinung aus und ist in diesem Sinn nicht streng zu lesen. Dies ist allein schon deshalb der Fall, weil Raum und Zeit die ersten naturphilosophischen Begriffe sind und als Begriffe eben darum die Form der Freiheit und der reinen Subjektivität an sich haben. Anders formuliert: Hegel möchte mit der Zurückweisung der Subjektivität nicht Subjektivität überhaupt ausschließen. Vielmehr möchte er – wie das obige, mit einem Gedankenstrich eingeleitete Zitat deutlich macht – auf den vordergründigen Sachverhalt hinweisen, dass Raum und Zeit in der spekulativen Wissenschaft einerseits von einem das Absolute erkennen wollenden Subjekt qualitativ nicht unterschieden sind, weil der entgegengesetzte Fall einen Rückfall in das endliche Erkennen und Leben bedeuten würde, den es gerade zu vermeiden gilt. Andererseits möchte Hegel mit dem Zusatz »ohne Subjectivität« auf den weiteren, vordergründigen und thematisch wichtigen Sachverhalt aufmerksam machen, dass am Anfang der äußerlichen Idee von einer in ihr gesetzten Subjektivität, die es erst zu entwickeln gilt und die der Realphilosophie ihr Programm vorschreibt, keine Rede sein kann. Wie nämlich ein spekulativ-begründetes endliches Subjekt sich in dieser äußerlichen Idee zu sich und zur Natur verhält, muss der realphilosophische Verlauf allererst erweisen.373 Koch stellt sich die Frage, inwiefern Hegels Raum-Zeit-Konzeption an endliche Subjektivität gebunden ist. Der Schluss, dass sich bei Hegel Raum, Zeit und absolute Subjektivität, die immer auch als endliche auftritt, nicht ausschließen, ist aus dem bereits Gesagten leicht zu ziehen und wird in der Folge konkretisiert. Zur Übersicht der Anbindung von Raum und Zeit an endliche Subjekte bei Koch vgl.: Koch, Anton Friedrich: Subjektivität in Raum und Zeit, Frankfurt a. M. 1990, 29; Koch, Anton Friedrich: Versuch über Wahrheit und Zeit. Paderborn 2006, 116 – 133; Koch:2013, 42 – 56. 373 In keinem Fall kann also dem Anfang der Naturphilosophie »eine bewußtseinsphäno372

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Im Hinblick auf die Begriffe des Raums und der Zeit ziehen beide Anmerkungen mindestens zwei weitere Konsequenzen nach sich: Fürs Erste muss die spekulativ-begründete endliche Subjektivität die Formen des Raumes und der Zeit in jeder ihrer Entwicklungsstufen an sich haben, weil sie auch ein Naturwesen ist und weil die Natur nur unter raumzeitlichen Bedingungen gedacht werden kann. Kurzum: Als Naturwesen kann ein erkenntnisfähiges Subjekt nicht von den Erkenntnis- und Seinsbedingungen der Natur, zu denen Raum und Zeit gehören, abstrahieren. Dies hat fürs Zweite die Konsequenz, dass prinzipiell nicht ausgeschlossen werden kann, dass Raum und Zeit im Hinblick auf die Frage spezifiziert werden können, ob die naturphilosophischen Grundbegriffe schlussendlich ihre volle und adäquate Bedeutung über ihre Anbindung an den Geist und mithin verkörperte und endliche Subjektivität bekommen – und dies ganz unabhängig von der Tatsache, ob Hegel selbst eine solche Spezifikation vorgenommen hat. Denn wie Hegel im letzten Satz der WdL schreibt, hebt sich der »Begriff als freye […] Existenz«374 aus der Äußerlichkeit empor. Diese Hervorbringung des Begriffs aus der Äußerlichkeit geschieht nicht zufällig, sondern notwendig. Denn der logische Begriff ist – wegen des freien Sich-Entlassens der logischen Idee – von Anfang an das leitende Prinzip, das der Äußerlichkeit ihre Form gibt, sie zu einer äußerlichen Idee macht und so Teil der Begründung realphilosophischer Begriffe wird. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass der zu Beginn in der äußerlichen Idee nur an sich seiende und zu seinem Fürsichsein noch nicht gekommene Begriff sich in der Theorieentwicklung in einer äußerlichen Gestalt als solcher zu erkennen gibt. Für die Begriffe von Raum und Zeit bedeutet dies, dass sie als Bedingungen und Formen der Naturerkenntnis immer schon indirekt auf ein bestimmtes äußerliches Dasein, das den Begriff zu seiner Substanz hat, bezogen sind. Dieses Dasein ist aber nichts anderes als vergeistigte Subjektivität.375 Als vorläufiges Endergebnis der Diskussion um den Status von Subjektivität am Anfang der Naturphilosophie kann konstatiert werden, dass das Denken der Äußerlichkeit ohne Subjektivität nicht bedeutet, dass Raum und Zeit als die ersten beiden Bestimmungen der Natur prinzipiell nicht auf den Geist und damit menologische Struktur« abgelesen werden, wie Wolfgang Neuser behauptet. (Vgl. Neuser:2004, 40.) Hierfür würde es einer qualitativen Differenz eines von den Prämissen der Logik ausgehenden Erkenntnissubjekts und einer ihm gegenüberstehenden Äußerlichkeit bedürfen. Aber beim Übergang in die Naturphilosophie ist der qualitative Gegensatz weggefallen und muss sich allenfalls im Fortgang der Realphilosophie – z. B. im subjektiven Geist – seinen rechten Platz verschaffen. 374 GW 12: 400 = TWA 6: 573. 375 In diesem Sinne stimmt die vorliegende Interpretation mit der Aussage von Ludwig Siep überein, dass die Natur eine »Manifestation der Idee« ist und als solche »nur unter der Perspektive der ›Bestimmung‹ zur Ermöglichung der Freiheit des erkennenden und handelnden Geistes verständlich [ist; G. O.]« (Siep:2018, 788).

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verbunden auf endliche Subjektivität bezogen werden können. Mit der Formulierung »ohne Subjectivität« betont Hegel lediglich den Umstand, dass die Natur in ihrer unmittelbaren Form mittels der Begriffe von Raum und Zeit gedacht wird und dass dabei ein qualitativer und bewusstseinstheoretischer Rückgriff auf eine konkrete Gestalt von Subjektivität nicht erforderlich ist, sondern beide Begriffe aus dem Gedanken der Äußerlichkeit und ihre Anbindung an den reinen Begriff abgeleitet werden können.376 Dass die Begriffe des Raums und der Zeit im Hinblick auf ihre Anbindungen an Subjektivität noch präzisiert werden können, ist für den weiteren Verlauf nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr zu erwarten, auch wenn an dieser Stelle offen gelassen werden kann, ob eine solche Bedeutungserweiterung in Hegels philosophischem System – z. B. im subjektiven Geist – vorgenommen wird.377 (2) Die zweite Phase, mit der Hegel den realphilosophischen Fortgang antizipiert, kulminiert in der »Wissenschaft des Geistes«378. Sowohl in der Naturals auch Geistphilosophie bildet der Begriff die Grundlage. Beide Phasen unterscheiden sich aber dadurch voneinander, dass in der naturphilosophischen Phase der Begriff sich als Existenz in dieser Äußerlichkeit noch nicht gesetzt hat. Die Äußerlichkeit wird zwar gemäß dem reinen Begriff gedacht, hat ihn aber noch nicht in ihrer Sphäre als eine konkrete Gestalt gesetzt. So bleibt der reine Begriff auch im Geist formbildend und Ordnungsprinzip. Weil sich aber das Denken der Äußerlichkeit am reinen Begriff und seinen Bestimmungen orientiert und weil der reine Begriff dadurch definiert ist, dass er sich selbst begreift und sich selbst (thematisch oder unthematisch) zum Inhalt und Gegenstand hat, Dass diese Anbindung in dieser Form existiert, beschreiben bspw. die Paragrafen § § 245 f. in: GW 20: § § 245 f = TWA 9: § § 245 f. Wie und unter welchen reinen Begriffen die Objektivität in concreto gedacht wird, beschreibt Hegel u. a. in GW 20: § 254 A = TWA 9: § 254 A und in den darauffolgenden Paragrafen zum Raum und zur Zeit (vgl. GW 20: § § 255 – 259 = TWA 9: § § 255 – 259). Beim Anfang der Naturphilosophie brauchen wir nicht – wie Stekeler-Weithofer vorschlägt – nach dem freien Sich-Entlassen der Idee so zu tun, als ob wir nun eine Natur vor uns hätten, die wir »›unmittelbar unserem Wissen gegenüber stellen, also so tun, als ließe sich ohne Vermittlung über unsere Wahrnehmungen, Erfahrungen, Handlungen, Zwecke usf. über die Natur unmittelbar reden« (Stekeler-Weithofer:1992a, 415). Unser Wissen über die Natur ist im Fortgang der Idee zur Natur nicht ausgeklammert, sodass es einer Rede im Modus des Irrealis nicht bedarf. Kurzum: Das Wissen über Raum und Zeit als den ersten naturphilosophischen Begriffen ist in der absoluten Idee und im absoluten Erkennen von Anfang an eingeschlossen und ist nichts, das uns de facto oder nur scheinbar gegenübersteht. 377 Die Quellenlage lässt vermuten, dass Hegel Raum und Zeit im subjektiven Geist thematisch und theorieintern nicht noch einmal aufgegriffen hat. Wichtig ist an dieser Stelle lediglich zu bemerken, dass das Ausbleiben der Bindung von Raum und Zeit an endliche Subjektivität nicht zwangsweise zu einem systematischen Problem bzgl. der spekulativen Philosophie führen muss. 378 GW 12: 400 = TWA 6: 573. 376

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ist die Bestimmung und der Fortgang der Naturphilosophie zugleich seine Konkretion. Die Konkretion des Begriffs ist aber ungeachtet der Tatsache, dass seine Form rein ist, selbst nicht rein. Zwar bleibt der reine Begriff die Grundlage; was jedoch thematisch gedacht und bestimmt wird, ist nicht er selbst, sondern eine Äußerlichkeit, die als durchdrungen von ihm »äußerliche Idee« und keine Äußerlichkeit per se ist. Auf diese Weise begreift sich der Begriff gewissermaßen zweimal: einmal als rein für sich; ein anderes Mal vermittels einer Äußerlichkeit, in der er operativ mitläuft. Dies führt zum einen dazu, dass der Begriff sich strukturell erweitert, ohne die spekulative Methode (seinen modus operandi) zu verändern. Was so zustande kommt, sind zwar neue Begriffe. Da aber diese Begriffe einen außerlogischen Inhalt haben, der mittels der reinen und logischen Begriffe formiert ist, wird durch sie die Logik weder erweitert noch infrage gestellt. Kurzum: Im spekulativen Übergang bzw. dem Übergegangensein der logischen Idee (Logik) in die äußerliche Idee (Natur) bleibt die logische Idee operativ geschlossen, strukturell aber nach außen hin geöffnet. Auf diese Weise muss auch ihr Status auf Absolutheit und Vollendung nicht revidiert werden. Ebenso lässt eine solche operative Geschlossenheit bei gleichzeitiger struktureller Offenheit dem philosophischen System Platz für genuin realphilosophische Begriffe, ohne Gefahr zu laufen, diese auf logische Begriffe zu reduzieren oder sie prinzipiell infrage zu stellen. So betrachtet, stellt die Logik uns, den Theoretikerinnen und Theoretikern, die nunmehr den Versuch wagen, die Natur denkend zu begreifen, eine Begrifflichkeit bereit, mit der die Äußerlichkeit ›kategorial lesbar‹ wird.379 Wie die logische Entwicklung expressis verbis deutlich macht, ist dieses Vokabular in der Subjektivität eingeschlossen, weist aber auch über sie hinaus. Für die Entwicklung der Realphilosophie bedeutet dies, dass zu erwarten ist, dass die Subjektivität auch innerhalb der äußerlichen Idee in Existenz und Erscheinung tritt, wenn es sich in der Sphäre der Äußerlichkeit darzustellen versucht. Anders formuliert: Die Bestimmung und Formierung der äußerlichen Idee mittels der reinen Idee wird einen Inhalt und Gegenstand setzen, in dem die Form des Begriffs nicht nur an sich und unthematisch, sondern auch für sich selbst und thematisch gesetzt ist. Unter diesem Prozessgedanken steht auch die »Wissenschaft des Geistes«, für die charakteristisch ist, dass der Begriff einmal als Form der Äußerlichkeit bestehen bleibt, zugleich aber sich »als freye, aus der Aeusserlichkeit in sich gegangene Existenz« emporhebt. 379

Mit Blick auf die Naturphilosophie drückt Wandschneider das wie folgt aus: »Indem die ›Naturphilosophie‹ der Selbstbestimmung des logischen Begriffs folgt, gibt sie gewissermaßen eine ›apriorische‹[…] Rekonstruktion naturhaften Seins, die als solche das je empirisch Gesicherte ›überfliegen‹ und ihm dadurch eine Deutung verschafft, die von ihm selbst her nicht entfernt möglich wäre.« (Wandschneider, Dieter: Raum, Zeit, Relativität. Grundbestimmungen der Physik in der Perspektive der Hegelschen Naturphilosophie. Frankfurt a. M. 1982, 38.)

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(3) Das Ende der Realphilosophie und mit ihr des spekulativen Systems ist laut Hegel diejenige geistige Gestalt, die ihren Begriff im »höchsten Begriff seiner selbst in der logischen Wissenschaft als dem sich begreifenden reinen Begriffe findet«.380 So betrachtet ist die Logik nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende des philosophischen Systems und der philosophischen Wissenschaften, indem sie als die allgemeine Idee die Natur und den Geist als ihre besonderen Momente in ein konkretes System zusammenfasst, das den Namen »spekulative Philosophie« trägt, die einer wohl-definierten und in der Logik begründeten Methode, dem Begriff und seinen Momenten – Allgemeines, Besonderes, Einzelnes –, folgt und einen Anfang, einen Fortgang und ein Ende hat. Zu dieser Wissenschaft muss sich die äußerliche Idee ›befreien‹. Wie diese »Befreyung«, von der Hegel im letzten Satz der WdL spricht und die die zweite Bekanntschaft der Leserschaft mit der Logik kennzeichnet, en detail aussieht, verrät er nicht, sondern deutet sie nur an. Der Grund der Andeutung ist, dass die Befreiung als das Movens des erweiterten philosophischen Systems und als Fortgang der Natur- und Geistphilosophie vorbehalten bleibt. Cum grano salis kann die philosophische Weiterentwicklung ausgehend vom letzten Satz der WdL wie folgt antizipiert werden: Um in dieser Sphäre der äußerlichen Idee frei und selbstbestimmt existieren zu können, muss der Begriff diese äußerliche Unmittelbarkeit so strukturieren, dass sie ihm adäquat ist. Die Natur und der endliche – subjektive und objektive – Geist entsprechen der Form des Begriffs, insofern sie nach den Momenten des Begriffs bestimmt werden können. Die Ordnung der Natur und des endlichen Geistes gemäß dem Begriff und der Totalität seiner Momente bedeutet also nicht, dass die Natur oder der endliche Geist nun allmählich aufhören zu existieren. Als äußerliche Idee bleiben sie der Formbestimmung des Begriffs und der absoluten Idee konstitutiv und präsent. Ihr Mangel besteht lediglich darin, dass in ihnen die absolute Idee sich nur mittelbar als Ordnungsprinzip zu erkennen gibt. Eben hierin besteht das Ende des spekulativ-begreifenden bzw. philosophischen Systems in Gestalt des absoluten Geistes: dass die in der Entwicklung der durch die logische Idee begründete und in der Realphilosophie weitergedachte absolute Idee als Thema der spekulativen Theorie gesetzt ist. Die differenzierte Einheit der absoluten Idee, in der zwischen den Begriffen der Natur, des (endlichen) Geistes und der Logik unterschieden werden kann, spiegelt sich nicht zuletzt im Verhältnis der einzelnen Systemteile zueinander wider. Ihre Bestimmung ist zugleich die Bestimmung der absoluten Idee, deren Anfang in der Logik – und mit ihr der Methode – bereits begründet ist, deren Fortgang in der Realphilosophie dargestellt wird und deren Ende der absolute Geist mit seinen drei Schlüssen ist,

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in denen jeder Systemteil für sich die Rolle eines der drei Begriffsmomente einnimmt.381 Das Ende des spekulativen Systems und damit der philosophischen Wissenschaften ist laut ihren eigenen methodischen Verpflichtungen unvermeidlich. Ein erstes mögliches Argument für diese These lautet, dass mit dem Ende des spekulativen Systems die absolute Idee erkannt worden ist und dass ein Übergang in eine andere Sphäre zu einem begrifflichen Widerspruch führt, weil die absolute Idee dann nicht mehr absolut gedacht wird, was laut eigenem Anspruch der Fall sein soll. Per definitionem ist also wahr, dass mit dem absoluten Geist, der die absolute Idee thematisch denkt, das spekulative System abgeschlossen ist. Ein anderes und dem hegelschen System naheliegenderes Argument ist aber das Folgende: Das Ende des spekulativen Systems ist dann erreicht, wenn die absolute Idee a) sich selbst Gegenstand geworden ist und b) der Einteilung des Begriffs und mit ihm der Methode entspricht. Ein begriffliches Überschreiten der absoluten Idee ist dann nicht mehr möglich, weil ein solches Überschreiten entweder gar kein Begreifen, sondern nur Anschauen wäre, oder ein Begreifen wäre, das die für die spekulative Philosophie notwendigen methodischen Bedingung nicht akzeptieren würde, wie dies z. B. beim empirischen Erkennen der Fall ist. In jedem Fall aber hat das von Hegel anvisierte absolute Erkennen seine Grundlage in der Logik, die als Allgemeinheit die Natur und den endlichen Geist als ihre besonderen Momente umgreift und sich in einem Besonderen – dem absoluten Geist – als Einzelheit setzt. Auch vor diesem Hintergrund muss die Begründung der Methode der spekulativen Philosophie und (mit ihr) der für das absolute Erkennen konstitutiven Methode in der und durch die Logik geleistet werden. Für den Übergang der logischen Idee in die Natur bedeutet dies einerseits, dass er innerlogisch begründet ist. Andererseits folgt aus ihm, dass alle auf ihn folgenden Konsequenzen rein-logisch nicht mehr antizipiert werden können, sondern (der Methode und ihren Prinzipien weiterhin folgend) evoziert werden müssen. Auf diese Weise schafft es Hegel, dem gesamten philosophischen System eine geschlossene Form zu geben, die – analog zur Logik – offen für moderate Veränderungen ist. Hegels extrem konzentrierte Skizze des philosophischen Systems im letzten Satz der WdL zeigt uns, der Leserschaft, offenkundig, dass Hegel es mit seiner Metapher, dass die Wissenschaft ein »Kreis von Kreisen«382 ist, ernst gemeint hat und sie nicht nur auf die Logik, sondern ebenso auf das gesamte System übertragen hat. So betrachtet ist auch die Logik als Wissenschaft ein ›kleiner‹ Kreis, der in einem ›großen‹ Kreis eine bestimmte Funktion ausübt. Diese Funktion ist für die gesamte Philosophie hegelscher Prägung von tragen381

Vgl. die drei Schlüsse der Philosophie in GW 20: § § 575 – 777 = TWA 10: § § 575 – 577. GW 12: 398 = TWA 6: 571.

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der Bedeutung: Indem nämlich die Logik den Anfang der philosophischen Wissenschaften bildet und als Anfang auch in den anderen besonderen philosophischen Wissenschaften – der Natur- und Geistphilosophie – formgebend bleibt, kann die Geschlossenheit der gesamten philosophischen Wissenschaft garantiert werden.383 Denn angenommen das Denken und Erkennen der Natur hätte seine Denk- und Erkenntnisgrundlage nicht in der logischen Idee, dann könnte einerseits nicht von einem absoluten Erkennen gesprochen werden. Andererseits bliebe in einem solchen (und für die eigene Interpretation problematischen) Fall fraglich, warum das Resultat der realphilosophischen Entwicklung auch und zumal die logische Wissenschaft sein muss. Wird im Gegenzug aber das Substantiv »Idee« in dem Ausdruck »äußerliche Idee« in Hegels fachsprachlicher Bedeutung und vor dem Hintergrund der absoluten Idee im weiten Sinn und der reinen bzw. logischen Idee im engen Sinn interpretiert, dann kann die Entwicklung der äußerlichen Idee als eine Erweiterung des spekulativ-begreifenden Erkennens verstanden werden, das aufgrund der Methode der Logik nicht ins Unendliche laufen kann und das zugleich Platz für andere Gedanken lässt, die nicht genuin der Logik zuzuschreiben sind, aber doch im Hinblick auf die Logik systematisierbar sind und strukturell erklärt werden können. Für den Begriff der Philosophie, wie Hegel ihn vor dem Hintergrund des absoluten Erkennens definiert, bedeutet all dies zum einen, dass es ein besonderer Philosophiebegriff ist, der sich von anderen philosophischen oder nicht-philosophischen Erkenntnisweisen sui generis unterscheiden lässt. Zum anderen impliziert Hegels Philosophiebegriff, dass nicht jedes Denken ipso facto Philosophie sein muss. Vielmehr gibt die Verengung und Zuspitzung seiner Philosophie auf eine ausgezeichnete Erkenntnisart und -weise der Philosophie dieser Philosophie ihr volles Recht und grenzt sie zugleich von anderen Erkenntnisarten und -weisen ab. Denn als Besonderes steht Hegels eigene Philosophie einerseits anderem philosophischen oder nicht-philosophischen Erkennen gegenüber, insofern diese für sich beanspruchen, etwas zu begreifen. Andererseits hat die spekulative Philosophie eine eigene, d. h. für sie charakteristische Methode, mittels derer sie ihre Erkenntnisse generiert und mittels derer sie sich prinzipiell von anderen Erkenntnisarten und -weisen unterscheidet. In welchem Verhältnis das philosophische und nicht-philosophische (bzw. das spekulativ-begreifende und das nicht-spekulativ-begreifende) Erkennen zueinanderstehen, bleibt Aufgabe einer ausführliche(re)n Untersuchung. Nur so viel sei an dieser Stelle in Form von einigen abschließenden Bemerkungen erwähnt: 383

Zu diesem allgemeinen Punkt und der These, dass eine »zyklisch, in sich geschlossene Struktur […] ohne weiteres kompatibel mit einer parallelen Entwicklung von Logik und Realphilosophie [ist; G. O.]« (Hösle:1988, 127), vgl. Hösles Argumentation in: Hösle:1988, 101 – 127.

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Nicht das endliche, sondern nur das absolute Erkennen kann mit Hegel als genuin frei und damit als der absoluten Idee adäquat bezeichnet werden. Frei ist das absolute Erkennen in einem zweifachen positiven Sinn: Positiv frei ist das absolute Erkennen, insofern sie die logische Idee zu ihrer Erkenntnisgrundlage macht. Weil die logische Idee als abgeschlossen gelten darf, sobald das reine Denken seinen eigenen Begriff in Form der Methode zum Inhalt des Denkens gemacht hat, ist für das erkennende Subjekt, das als das eine Extrem der absoluten Idee fungiert, ein Standpunkt erreicht, über den rein begrifflich nicht mehr hinaus gedacht werden kann. Weil aber der absoluten Idee noch ein anderes Extrem integral ist, weist das rein erkennende Subjekt über sich hinaus, ist auf es bezogen und hat das Bestreben, die ihr gegenüberstehende Äußerlichkeit – in der hegelschen Bedeutung – ›aufzuheben‹. Dies ist die zweite positive Bedeutung der Freiheit des die absolute Einheit erkennen wollenden Subjekts, die sich dadurch realisiert, dass die ihm gegenüberstehende Äußerlichkeit vor dem Hintergrund der Form des reinen Begriffs bestimmt wird. Im absoluten Erkennen führt diese Bezugnahme der reinen Subjektivität auf etwas von ihr Unterschiedenes weder zu einer Ausklammerung noch zu einem Wegfall der in der Logik entwickelten Begriffe, weil alles, was in der Realphilosophie gedacht wird, unter den Prämissen dieser Begriffe und (nicht zuletzt) der reinen und logischen Subjektivität gedacht wird. Die auf sie so bezogene Äußerlichkeit ist dann keine Äußerlichkeit per se, sondern das ›andere‹ Moment der absoluten Idee, nämlich die äußerliche Idee. Im Hinblick auf das spekulativ-begreifende Erkennen führt diese Weiter­ bestimmung der logischen Idee zu drei Konsequenzen: Erstens setzt sich die auf der Subjektseite der absoluten Idee befindende logische Idee in der äußerlichen Idee – als äußerlicher Sphäre – und befreit sich auf diese Weise von ihr, indem es in ihr zu einer äußerlichen Existenz kommt. Zweitens werden bei diesem Prozess neue Begriffe eruiert, die der Vermittlung der logischen und äußerlichen Idee entspringen. Diese neuen Begriffe sind zum einen für die spekulative Philosophie interessant, weil sie sich methodisch bewährt haben. Zum anderen können solche Begriffe auch für die empirischen Wissenschaften interessant sein, insofern sie von solchen Begriffen Gebrauch machen, diese aber in ihrer wissenschaftlichen Praxis empirisch nicht ableiten können, theorieintern aber vielmehr voraussetzen müssen. Aus diesen beiden Konsequenzen folgt, drittens, dass das absolute Erkennen immer dann unfrei und endlich wird, sobald es seinen ›Weg‹ verlässt, also von seiner Methode abweicht, indem es sich auf empirische Erkenntnisse in der Weise einlässt, dass es sie (im schlimmsten Fall) abzuleiten, zu korrigieren oder die eigenen Erkenntnisse an ihnen zu falsifizieren versucht. Gefahren, von der spekulativen Methode abzuweichen, lauern selbstredend auf allen Entwicklungsstufen der philosophischen Wissenschaften und nicht nur in der Logik. Denn die Logik hat in keiner Weise zeigen können

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oder zu zeigen beabsichtigt, dass es kein endliches Erkennen gibt. Im Gegenteil: Auch das endliche Erkennen ist eine Möglichkeit, das Äußerliche zu begreifen, aber mit dem Unterschied, dass es von eben diesem Äußerlichen seinen Inhalt vorgesetzt bekommt, woraus die Konsequenz zu ziehen ist, dass weder das Erkennen frei noch der Begriff sich selbst, seiner Form, adäquat ist. Wenn wir – als Theoretikerinnen und Theoretiker – die Natur und den Geist spekulativ-vernünftig begreifen wollen, müssen wir von solchen äußerlichen Reflexionen von­ seiten der empirischen Wissenschaften zwar nicht gänzlich, aber doch in Teilen abstrahieren. Gänzlich von der äußeren Reflexion vonseiten der empirischen Wissenschaften (ebenso wie der natürlichen Sprache) zu abstrahieren, dürfen (und können) wir nicht wollen, weil wir mit ihnen sprachlich in Kontakt stehen, ihr Vokabular übernehmen können und zu keiner eigenen künstlichen Sprache greifen müssen. In Teilen dürfen wir von ihnen abstrahieren, weil nicht alle empirischen Begriffe als Grundbegriffe fungieren können, die allein für das spekulative System von Interesse sind. Ergo wollen und können wir gar nicht von den empirischen Wissenschaften abstrahieren, weil sowohl das absolute als auch das endliche Erkennen unterschiedliche Erkenntnisweisen sind, die Schnittmengen bilden und die für sich begründet werden können, ohne dass es zu einem Ausschluss oder einem definitiven Votum für eine der beiden Erkenntnisweisen kommen muss. Niemand sollte Hegel unterstellen, dass laut seiner Theorie jedes endliche Erkennen nolens volens in rein logische Begriffe (starke Lesart) oder in realphilosophische Begriffe (schwache Lesart) überführt werden kann, besteht doch gerade die Pointe des endlichen und unendlichen (bzw. absoluten) Erkennens darin, dass beide sich methodisch voneinander unterscheiden und nur in der Diskussion um Grundbegriffe aufeinandertreffen. Zu solchen für das endliche Erkennen relevanten Grundbegriffen können bei Hegel – eine gründliche Untersuchung vorbehalten – der Raum, die Zeit, der Ort, die Bewegung, die Materie, aber auch die Trägheit, der Stoß, der Fall u. v. m. gezählt werden. Solche Begriffe mit der spekulativen Methode und ihren Prinzipien und Begriffen zu erklären und ihnen den Status von möglichen Grundbegriffen und ersten Naturprinzipien zu geben, ist das Programm einer spekulativ verstandenen Naturphilosophie, die mit den Naturwissenschaften immer dann in Berührung kommt, wenn diese in ihrem praktischen Umgang mit der Natur von Theorien Gebrauch machen, die auf Basis solcher Grundbegriffe und Prinzipien gebildet werden und in denen diese sich so rein wie möglich zu erkennen geben.384 Hegels Durchführung dieses Programms vor dem Hintergrund der Vermittlung 384

Wandscheider drückt das so aus: »Aber gerade in wissenschaftstheoretischer Perspektive wird deutlich, dass die Naturwissenschaften fundamentale Voraussetzungen enthält, über die sie sich keineswegs immer im Klaren ist, geschweige denn Rechenschaft gibt […]. Wer aber das, was von der Naturwissenschaft nur vorausgesetzt wird, begreifen möchte, sieht sich an philosophische Überlegungen verwiesen.« (Wandschneider:2015, 156.)

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Der innerlogische Übergang der logischen Idee in die Natur

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der logi­schen Idee mit der äußerlichen näher in den Blick zu nehmen und unter diesen Prämissen detailliert zu rekonstruieren, ist in Rücksicht auf die weitere Realisierung der absoluten Idee in jedem Fall wünschenswert und wäre ein Gewinn für die Hegel-Forschung, muss aber einer anderen Untersuchung – mit einer anders gelagerten Fragestellung – überlassen werden.

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Danksagung

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ie vorliegende Arbeit wurde als Dissertation an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angenommen. Sie ist kein Verdienst einer einzelnen Person. Daher gilt an erster Stelle mein Dank der Unterstützung durch meinen Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Anton Friedrich Koch, der meinen akademischen Werdegang über ein Jahrzehnt begleitet hat und dem ich den Großteil meiner fach­ lichen Bildung zu verdanken habe. Außerdem gilt mein Dank Herrn JProf. Dr. Philipp Schwab, der mich in Freiburg herzlich aufgenommen und die Rolle des Zweitgutachters übernommen hat. Der Studienstiftung des deutschen Volkes möchte ich für die materielle und ideelle Förderung während der Promotionszeit danken. Ebenso möchte ich Frau Prof. Dr. Birgit Sandkaulen und Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Quante für die Aufnahme dieser Arbeit in die Hegel-Studien danken. Mein abschließender Dank gilt der Unterstützung durch meine Familie, insbesondere durch meinen Vater, Alfred Oswald, sowie den zahlreichen philosophischen und in Freundschaft verbundenen Gesprächen mit Dr. David Carus und Julia Soytek, die mich während der letzten Wochen vor der Abgabe unterstützt und die Arbeit Korrektur gelesen hat.

Literaturverzeichnis Werke Hegels Hegel, G. W. F.: Gesammelte Werke. Hamburg 1968 ff. GW 9  Phänomenologie des Geistes. Hrsg. von Wolfgang Bonsiepen und Reinhard Heede. Hamburg 1980. GW 11  Wissenschaft der Logik. Bd. 1: Die objektive Logik. Hrsg. von Friedrich Hoge­mann und Walter Jaeschke. Hamburg 1978. GW 12  Wissenschaft der Logik. Bd. 2: Die subjektive Logik. Hrsg. von Friedrich Hoge­mann und Walter Jaeschke. Hamburg 1981. GW 20  Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830). Unter Mitarbeit von Udo Rameil hg. von Wolfgang Bonsiepen und HansChristian Lucas. Hrsg. 1992. GW 21 Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein (1832). Hrsg. von Friedrich Hoge­mann und Walter Jaeschke. Hamburg 1984. Hegel, G. W. F.: Werke in 20 Bänden. Hrsg. von Eva Moldenhauer und Markus Michel. Frankfurt 1970 ff. TWA 3 TWA 5  TWA 6  TWA 8  TWA 9  TWA 10

Phänomenologie des Geistes Wissenschaft der Logik I Wissenschaft der Logik II Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften II Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III

Kants Werke werden nach der Ausgabe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit AA | Band | Komma | Seite  zitiert: Kant, Immanuel: Gesammelte Schriften, hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 1900 ff. AA IV Kritik der reinen Vernunft (1. Aufl. 1781), Prolegomena, Grundlegung zur Meta­physik der Sitten, Metaphysische Anfangsgründer der Naturwissenschaft.

200

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Personenregister Brandom, Robert Boyce  12, 108

Neuser, Wolfgang  14, 187 f.

Braßel, Bernd  137

Nuzzo, Angelica  10, 106, 131

Breto, Francesco  75

Onnasch, Ernst-Otto  85

Burkhardt, Bernd  135

Pippin, Robert B. 12, 23

Di Giovanni, George  127

Plevrakis, Ermylos  14, 24, 119

Düsing, Klaus  13, 23, 82, 115

Quante, Michael  22

Falkenburg, Brigitte  13, 23

Reisinger, Peter  13

Fulda, Hans-Friedrich  13, 23 f., 132, 141

Rödl, Sebastian  155 f.

Grau, Alexander  12

Schäfer, Rainer  83

Haas, Bruno  24, 62, 127

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph

Halbig, Christoph  73

14 f., 88, 136

Henrich, Dieter  13, 92, 99, 150

Schick, Friedrike  136

Houlgate, Stephen  12, 14, 132, 150, 180

Siep, Ludwig  137, 189

Horstmann, Rolf-Peter  12, 22, 67, 85, 97,

Skrodzki, Martin  101

132, 179

Spieker, Michael  58

Hösle, Vittorio  12, 81, 132, 137, 194

Stern, Robert  73

Kant, Immanuel  45

Theunissen, Michael  169

Kimmerle, Heinz  13

Utz, Konrad  156

Koch, Anton Friedrich  11, 13, 73, 92, 188

Wandschneider, Dieter  14, 19, 23, 110,

Luhmann, Niklas  152

132, 135 f., 178, 185, 191, 196

Maker, William  12

Wetzel, Manfred  22 f., 174

Martin, Christian Georg  12, 132

Winfield, Richard Dien 12

McDowell, John Henry  13